Jean Paul
Titan
Erster Band
Den vier schonen und edeln
SCHWESTERN auf dem Thron
Der Traum der Wahrheit
"Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Thalia sahen einst in das irdische Helldunkel hernieder und, mude des ewig heitern, aber kalten Olympos, sehnten sie sich herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr leidet, und wo sie truber, aber warmer ist. Sie horten die heiligen Tone heraufsteigen, mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tiefe bange Erde durchwandelt, um uns zu erquicken und zu erheben; und sie trauerten, dass ihr Thron so weit abstehe von den Seufzern der Hulflosen.
Da beschlossen sie, den Erdenschleier zu nehmen und sich einzukleiden in unsere Gestalt. Sie gingen von dem Olympos herab; Amor und Amorinen und kleine Genien flogen ihnen spielend nach, und unsere Nachtigallen flatterten ihnen aus dem Mai entgegen.
Aber als sie die ersten Blumen der Erde beruhrten und nur Strahlen und keine Schatten warfen: so hob die ernste Konigin der Gotter und Menschen, das Schicksal, den ewigen Zepter auf und sagte: der Unsterbliche wird sterblich auf der Erde, und jeder Geist wird ein Mensch !
Da wurden sie Menschen und Schwestern und nannten sich Luise, Charlotte, Therese, Friederike; die Genien und Amorinen verwandelten sich in ihre Kinder und flogen ihnen in die Mutterarme, und die mutterlichen und schwesterlichen Herzen schlugen voll neuer Liebe in einer grossen Umarmung. Und als die weisse Fahne des bluhenden Fruhlings flatterte und menschlichere Thronen vor ihnen standen und als sie, von der Liebe, der Harmonika des Lebens, selig-erweicht, sich und die glucklichen Kinder anblickten und verstummten vor Lieb' und Seligkeit: so schwebte unsichtbar Polyhymnia voruber und erkannte sie und gab ihnen Tone, womit das Herz Lieb' und Freude sagt und gibt...."
Und der Traum war geendigt und erfullt; er hatte, wie immer, nach der Wirklichkeit und dem Wachen sich gebildet. Darum sei er den vier schonen und edlen Schwestern geweiht, und alles, was ihm im Titan ahnlich ist, sei es auch!
Jean Paul Fr. Richter.
Erste Jobelperiode
Fahrt nach Isola bella der erste Freudentag im Titan der Pasquinos- Gotzendiener Lob der Reichsintegritat das Moussieren der Jugend susses
Blutvergiessen die Erkennung eines Vaters groteskes Testament deutsche Vorliebe fur Gedichte und Kunste der Vater des Todes Geister-Akt der
blutige Traum die Schaukel der Phantasie
1. Zykel
An einem schonen Fruhlingsabend kam der junge spanische Graf von Casara mit seinen Begleitern Schoppe und Dian nach Sesto, um den andern Morgen nach der borromaischen Insel Isola bella im Lago maggiore uberzufahren. Der stolz-aufbluhende Jungling gluhte von der Reise und von dem Gedanken an den kunftigen Morgen, wo er die Insel, diesen geschmuckten Thron des Fruhlings, und auf ihr einen Menschen sehen sollte, der ihm zwanzig Jahre lang versprochen worden. Diese zweifache Glut hob den malerischen Heros zur Gestalt eines zurnenden Musengottes empor. In die welschen Augen zog seine Schonheit mit einem grossern Triumphe ein als in die engen nordlichen, wovon er herkam; in Mailand hatten viele gewunscht, er ware von Marmor und stande mit altern versteinerten Gottern entweder im farnesischen Palast oder im klementinischen Museum oder in der Villa Albani; ja hatte nicht der Bischof von Novara mit seinem Degen an der Seite vor wenigen Stunden bei Schoppen, der zuletzt ritt, nachgefragt, wer es sei? Und hatte nicht dieser mit einer narrischen Quadratur seines Runzeln-Zirkels um die Lippen weitlaufig versetzt (um dem geistlichen Herrn Licht zu geben): "Mein Telemach ists, und ich mache den Mentor dabei ich bin die Randelmaschine und der Pragstock, der ihn munzt der Glattzahn und die Plattmuhle, die ihn bohnt der Mann, der ihn regelt"?
Die jugendlich warme Gestalt Cesaras wurde durch den Ernst eines nur in die Zukunft vertieften Auges und eines mannlichfestgeschlossenen Mundes und durch die trotzige Entschlossenheit junger frischer Krafte noch mehr veredelt; er schien noch ein Brennspiegel im Mondlicht, oder ein dunkler Edelstein von zu vieler Farbe zu sein, den die Welt, wie andere Juwelen, erst durch Hohlschleifen lichtet und bessert.
In dieser Nahe zog ihn die Insel, wie eine Welt die andere, immer heftiger an. Seine innere Unruhe stieg durch die aussere Ruhe. Noch dazu stellte Dian, ein Grieche von Geburt und ein Kunstler, welcher Isola bella und Isola madre ofters umschifft und nachgezeichnet hatte, ihm diese Prachtkegel der Natur in feurigen Gemalden naher vor die Seele; und Schoppe gedachte des wichtigen Menschen ofters, den der Jungling morgen zum ersten Male sehen sollte. Als man unten auf der Gasse einen festschlafenden Greis vorubertrug, dem die untergehende Sonne Feuer und Leben in das markige starkgegliederte Angesicht warf und der eine nach italienischer Sitte aufgedeckt getragne Leiche war: so fragt' er erschrocken und schnell die Freunde: "Sieht mein Vater so aus?"
Was ihn namlich mit so heftigen Bewegungen der Insel zutreibt, ist folgendes: Auf Isola bella hatt' er die drei ersten irdischen Jahre mit seiner Schwester, die nach Spanien, und neben seiner Mutter, die unter die Erde ging, mitten in den hohen Blumen der Natur liegend suss vertandelt und vertraumt die Insel war fur den Morgenschlummer des Lebens, fur seine Kindheit, Raffaels ubermaltes Schlafgemach gewesen. Aber er hatte nichts davon im Kopfe und Herzen behalten als in diesem ein schmerzlich susses tiefes Aufwallen bei dem Namen, und in jenem das Einhorn, das als Familienwappen der Borromaer auf der obersten Terrasse der Insel steht.
Nach dem Tode der Mutter versetzte ihn sein Vater aus der welschen Blumenerde einige blieb an den Pfahlwurzeln hangen in den deutschen Reichsforst, namlich nach Blumenbuhl im Furstentum Hohenfliess, das den Deutschen so gut wie unbekannt ist ; hier liess er ihn im Hause eines biedern Edelmannes so lange erziehen, oder deutlicher und allegorischer, er liess hier die padagogischen Kunstgartner so lange mit Giesskannen, Inokuliermessern und Gartenscheren um ihn laufen, bis sie an den hohen schlanken Palmbaum voll Sagomark und Schirmstacheln mit ihren Kannen und Scheren nicht mehr langen konnten.
Jetzt soll er nach der Ruckreise von der Insel aus dem Feldbeete des Landes in den Loh- und Treibkubel der Stadt und auf das Gestelle des Hofgartens kommen, mit einem Worte nach Pestitz, der Universitat und Residenzstadt von Hohenfliess, deren Anblick sogar bisher sein Vater ihm hart verboten hatte.
Und morgen sieht er diesen Vater zum erstenmal! Er musste brennen vor Verlangen, da sein ganzes Leben eine Anstalt zu dieser gemeinschaftlichen Landung war, und seine Pflegeeltern und Lehrer eine chalkographische Gesellschaft waren, die den Autor seines Lebensbuches so herrlich vor das Titelblatt in Kupfer stach. Sein Vater, Gaspard de Cesara, Ritter des goldnen Vlieses (ob spanischer oder osterreichischer, wunscht' ich selber genauer zu wissen), ein vom Schicksal dreischneidig und glanzend geschliffner Geist, hatte in der Jugend wilde Krafte, zu deren Spiel nur ein Schlachtfeld oder Konigreich geraumig gewesen ware und die sich im vornehmen Leben so wenig bewegen konnten als ein Seekraken im Hafen er stillte sie durch Gastrollen in allen Standen und Lust- und Trauerspielen, durch das Treiben aller Wissenschaften und durch eine ewige Reise er wurde mit grossen und kleinen Menschen und Hofen vertraut und oft verflochten, zog aber immer als ein Strom mit eignen Wellen durchs Weltmeer. Und jetzt, nachdem er die Land- und Seereise um das Leben, um dessen Freuden und Krafte und Systeme gemacht, fahrt er (besonders da ihm der Affe der Vergangenheit, die Gegenwart, immer nachlauft) in seinem Studieren und im geographischen Reisen fort, aber stets fur wissenschaftliche Zwecke, wie er denn eben die europaischen Schlachtfelder bereiset. Ubrigens ist er gar nicht betrubt, noch weniger froh, sondern gesetzt; auch hasset und liebt, oder tadelt und lobt er die Menschen so wenig wie sich, sondern schatzet jeden in seiner Art, die Taube in ihrer und den Tiger in seiner. Was oft Rache scheint, ist bloss das harte kriegerische Durchschreiten, womit ein Mann Lercheneier und Ahren ertritt, der nie fliehen und furchten kann, sondern nur anrucken und stehen.
Ich denke, die Ecke ist breit genug, die ich hier aus der Whistonschen Kometenkarte von diesem Schwanzsterne fur die Menschen abgeschnitten. Ausbedingen will ich, eh' ich weiterrede, mir dieses, dass ich Don Gaspard auch zuweilen den Ritter heissen durfe, ohne das goldne Vlies anzuhangen; und dass ich, zweitens, nicht von meiner Hoflichkeit gegen die kurze Leser-Memorie genotigt werde, seinem Sohne Cesara (unter diesem Namen soll der Alte nie auftreten) den Taufnamen abzuzwicken, der doch Albano heisset.
Da jetzt Don Gaspard aus Italien nach Spanien ging: so hatt' er durch Schoppe unsern Albano oder Cesara aus Blumenbuhl hierher fuhren lassen; ohne dass man weiss, warum so spat. Wollt' er in den vollen Fruhling der jungen Zweige schauen? Wollt' er dem Jungling einige Bauernregel im hundertjahrigen Kalender des Hoflebens aufschlagen? Wollt' ers den alten Galliern oder den jetzigen Kapbewohnern nachmachen, die ihre Sohne nur waffenfahig und erwachsen vor sich liessen? Wollt' er nichts weniger als das? Nur so viel begreif' ich, dass ich ein gut williger Narr ware, wenn ich mir im Vorhofe des Werks die Last aufburden liesse, von einem so sonderbaren Manne mit einer um so viele Grade deklinierenden Magnetnadel schon aus so wenigen Datis eine Wilkesche magnetische Neigungskarte zu zeichnen und zu stechen; er, aber nicht ich bin ja der Vater seines Sohns, und er soll wissen, warum er ihn erst bartig vorbeschieden.
Als es 23 Uhr (die Stunde vor Sonnenuntergang) schlug und Albano die langweiligen Schlage addieren wollte: war er so aufgeregt, dass er nicht imstande war, die lange Tonleiter zu ersteigen; er musste hinaus ans Ufer des Lago, in welchem die aufgeturmten Inseln wie Meergotter aufstehen und herrschen. Hier stand der edle Jungling, das beseelte Angesicht voll Abendrot, mit edeln Bewegungen des Herzens und seufzte nach dem verhullten Vater, der ihm bisher mit Sonnenkraft, wie hinter einer Nebelbank, den Tag des Lebens warm und licht gemacht. Dieses Sehnen war nicht kindliche Liebe diese gehorte seinen Pflegeeltern an, weil kindliche nur gegen ein Herz entsteht, woran wir lange lagen, und das uns gleichsam mit den ersten Herzblattern gegen kalte Nachte und heisse Tage beschirmte ; seine Liebe war hoher oder seltener. Uber seine Seele war der Riesenschatten des vaterlichen Bildes geworfen, der durch Gaspards Kalte nichts verlor; Dian verglich sie mit der Ruhe auf dem erhabenen Angesichte der Juno Ludovici; und der warme Sohn verglich sie mit einer andern schnellen Kalte, die im Herzen oft neben zu grosser fremder Warme einfallt, wie Brennspiegel gerade in den heissern Tagen matter brennen. Ja er hoffte sogar, er vermoge vielleicht dieses so qualend ans Eisfeld des Lebens angefrorne Vaterherz durch seine Liebe abzulosen; der Jungling begriff nicht, wie einem treuen warmen Herzen zu widerstehen sei, wenigstens seinem.
Dieser Heros, in der landlichen Kartause und mehr unter der Vorwelt als Mitwelt aufgewachsen, legte an alles antediluvianische Riesenellen; die Unsichtbarkeit des Ritters machte einen Teil von dessen Grosse aus, und die Mosisdecke verdoppelte den Glanz, indem sie ihn verhing. Uberhaupt zog unsern Jungling ein sonderbarer Hang zu ubermassigen Menschen hin, wovor sich andere entsetzen. Er las die Lobreden auf jeden grossen Menschen mit Wollust, als waren sie auf ihn; und wenn das Volk ungewohnliche Geister eben darum fur schlimme halt wie es alle seltene Petrefakta fur Teufelsglieder nimmt , so wohnte umgekehrt in ihm immer neben der Bewunderung die Liebe an, und seine Brust wurde immer zugleich weit und warm. Freilich halt jeder Jungling und jeder grosse Mensch, der einen andern fur gross ansieht, ihn eben darum fur zu gross. Aber in jedem edeln so Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edlern, im schonen nach einem schonern; es will sein Ideal ausser sich in korperlicher Gegenwart, mit verklartem oder angenommenem Leibe erblicken, um es leichter zu erstreben, weil der hohe Mensch nur an einem hohen reift, wie man Diamanten nur an Diamanten glanzend macht. Will hingegen ein Literator, ein Kleinstadter, ein Zeitungstrager oder Zeitungsschreiber einen grossen Kopf zu Gesicht bekommen und ist er auf einen grossen Kopf ebenso ersessen wie auf eine Missgeburt mit drei Kopfen oder auf einen Papst mit ebensoviel Mutzen oder auf einen ausgestopften Haifisch oder auf eine Sprach- und Buttermaschine: so tut ers nicht, weil ein warmes, seinen innern Menschen beseelendes Ideal von einem grossen Manne, Papste, Haifische, Dreikopfe und Buttermodelle ihn drangt und treibt, sondern weil er fruhmorgens denkt: "Es soll mich doch wundern, wie der Kauz aussieht", und weil ers abends bei einem Glase Bier berichten will.
Albano blickte am Ufer mit steigender Unruhe uber das glanzende Wasser nach dem heiligen Wohnplatze der vergangnen Kindheit, der vergangnen Mutter, der weggezognen Schwester hin die Freudenlieder schwammen auf den fernen Barken her und berauschten ihn jede laufende Welle, die schaumende Brandung trieb eine hohere in seinem Busen auf die Riesenstatue des heiligen Borromaus1, die uber die Stadte wegsah, verkorperte den Erhabnen (seinen Vater), der sich in seinem Herzen aufrichtete, und die bluhende Pyramide, die Insel, wurde der vaterliche Thron die funkelnde Berg- und Gletscherkette wand sich fest um seinen Geist und zog ihn empor zu hohen Wesen und hohen Gedanken.
Die erste Reise, zumal wenn die Natur nichts als weissen Glanz und Orangebluten und Kastanienschatten auf die lange Strasse wirft, beschert dem Jungling das, was oft die letzte dem Mann entfuhrt ein traumendes Herz, Flugel uber die Eisspalten des Lebens und weit offne Arme fur jede Menschenbrust.
Er ging zuruck und bat seine Freunde mit seinem siegenden Auge, noch diesen Abend abzuschiffen, wiewohl Don Gaspard erst morgen auf die Insel kam. Was er oft nach einer Woche tun wollte, nahm er sich auf den nachsten Tag vor, und endlich tat ers sogleich. Dian klopfte dem eiligen Boreas voll Liebe auf den Kopf und sagte: "Ungeduldiges Wesen! Du hast hier die Flugel vom Gotterboten, und da unten auch!" (auf die Fusse zeigend) "Aber gluhe dich nur ab! In der schonen Nachmitternacht steigen wir ein, und wenn die Morgenrote am Himmel leuchtet, landen wir an." Dian hatte nicht bloss eine artistische Aufmerksamkeit fur den wohlgestalteten Liebling, sondern auch eine zartliche, weil er in Blumenbuhl, wo er als Landbaumeister zu tun hatte, oft sein bildender Kinder- und Jugendfreund gewesen war, und weil er jetzt auf der Insel fur einige Zeit aus seinen Armen nach Rom entwich. Da der Landbaumeister dasselbe Uberstromen im Jungling fur keines hielt, das er im Greise schalt, eine Uberschwemmung fur keine in Agypten, obwohl fur eine in Holland; und da er fur jedes Individuum, Alter und Volk eine andere gleichschwebende Temperatur annahm und in der heiligen Menschennatur keine Saite zu zerschneiden, sondern nur zu stimmen fand: so musste wohl Cesara am heitern duldenden Lehrer, auf dessen beiden Gesetztafeln nur stand: Freude und Mass!, recht innig hangen, noch inniger als an den Tafeln selber.
Die Bilder der Gegenwart und der nahen Zukunft und des Vaters hatten die Brust des Grafen so sehr mit Grosse und Unsterblichkeit gefullt, dass er gar nicht begriff, wie jemand sich konne begraben lassen, ohne beide errungen zu haben, und dass er den Wirt, sooft er etwas brachte, zumal da er immer sang und wie Neapolitaner und Russen in Molltonen bedauerte, weil der Mann nie etwas wurde, geschweige unsterblich. Das letztere ist Irrtum; denn hier bekommt er seine Fortdauer, und ich nenne und belebe gern seinen Namen Pippo (der abbrevierte Filippo). Als sie endlich gingen und bezahlten, und Pippo einen Kremnitzer Dukaten kusste mit den Worten: "Gelobt sei die heilige Jungfrau mit dem Kinde auf dem rechten Arm": so erfreuete sich Albano, dass der Vater dem frommen Tochterlein nachschlage, das den ganzen Abend ein Jesuskind wiegte und futterte. Freilich merkte Schoppe an: auf dem linken Arme trage sie das Kindlein leichter2; aber der Irrtum des guten Junglings ist ein Verdienst wie die Wahrheit.
Unter dem Glanze des Vollmondes bestiegen sie die Barke und glitten uber die leuchtenden Wellen dahin. Schoppe schiffte einige Weine mit ein, "weniger", sagt' er, "weil auf der Insel nichts zu haben sei, als weil er, wenn das Fahrzeug leck wurde, dann nichts auszupumpen brauchte als die Flaschen3; dann hob' es sich wieder".
Cesara sank schweigend immer tiefer in die dammernden Schonheiten des Ufers und der Nacht. Die Nachtigallen schlugen begeistert auf dem Triumphtore des Fruhlings. Sein Herz wuchs in der Brust wie eine Melone unter der Glocke, und er hob sie immer hoher uber der schwellenden Frucht. Auf einmal bedacht' er, dass er so den Tulpenbaum des prangenden Morgens und die Kranze der Insel nur wie eine italienische Seidenblume Staubfaden fur Staubfaden, Blatt fur Blatt zusammenlegen sehe; da befiel ihn sein alter Durst nach einem einzigen erschutternden Guss aus dem Fullhorn der Natur; er verschloss die Augen, um sie nicht eher zu offnen als oben auf der hochsten Terrasse der Insel vor der Morgensonne. Schoppe dachte, er schlafe; aber der Grieche erriet lachelnd die Schwelgerei dieser kunstlichen Blindheit und band selber vor die grossen unersattlichen Augen das breite schwarze Taftband, das als eine weibliche Binde und Spitzenmaske sonderbar und lieblich gegen das bluhende, aber mannliche Gesicht abstach.
Nun neckten ihn beide freundlich mit mundlichen Nachtstucken von den herrlichen Ufer-Ornamenten, zwischen denen sie zogen. "Wie stolz" (sagte Dian zu Schoppen) "richtet sich dort das Schloss Lizanza und sein Berg, gleich einem Herkules, mit zwolffachen Gurteln aus Weinlaub in die Hohe!" "Den Grafen" (sagte Schoppe leiser zu Dian) "bringt der AugenSchmachtriemen um viel. Seht Ihr nicht, Baumeister, poetisch zu reden, den Glimmer von Aronens Stadt? Wie schon legt sie Lunens blanc d'Espagne auf und scheint sich im umgeworfnen Pudermantel des Mondscheins fur morgen aufzusetzen und zu putzen! Doch ist das wenig, sieht man dort den heiligen Borromaus, der den Mond als eine frischgewaschene Nachtmutze aufhat, besser an: steht der Gigant nicht wie der Mikromegas des deutschen Staatskorpers dort, ebenso hoch, ebenso starr und so steif?"
Der Gluckliche schwieg und gab statt der Antwort einen Handdruck der Liebe er traumte nur die Gegenwart und zeigte, er konne warten und entbehren. Wie ein Kinderherz, dem die Vorhange und die Nachmitternacht das nahe Weihnachtsgeschenk verdecken, zog er auf dem Lustschiffe mit fester Binde dem nahen Himmelreiche entgegen. Dian trug, soweit es das Doppellicht des Mondscheins und der nachhelfenden Aurora zuliess, eine Zeichnung von dem verhullten Traumer in sein Studienbuch. Ich wollt', ich hatte sie da und sah' es, wie mein Liebling mit dem unterbundenen Sehnerven auf ihr zugleich das gegen die innere Welt gerichtete Auge des Traumes und das gegen die aussere Welt gespitzte Ohr der Aufmerksamkeit anstrengt. Wie schon ist so etwas, gemalt wieviel schoner, erlebt!
Der Mantel der Nacht wurde dunner und kuhler die Morgenluft wehte lebendig an die Brust die Lerchen mengten sich unter die Nachtigallen und unter die singenden Ruderleute und er horte hinter seiner lichtern Binde die fruhen Entdeckungen der Freunde, die in den offnen Stadten der Ufer das Menschengewuhl aufleben und an den Wasserfallen der Berge bald Himmelsrot, bald Nebel wechseln sahen. Endlich hing die zerlegte Morgenrote als eine Fruchtschnur von Hesperidenapfeln um die fernen Kastaniengipfel; und jetzt stiegen sie auf Isola bella aus.
Der verhangne Traumer horte, als sie mit ihm die zehen Terrassen des Gartens hinaufgingen, neben sich den einatmenden Seufzer des Freudenschauders und alle schnelle Gebete des Staunens; aber er behielt standhaft die Binde und stieg blind von Terrasse zu Terrasse, von Orangenduften durchzogen, von hohern freiern Winden erfrischt, von Lorbeerzweigen umflattert und als sie endlich die hochste Terrasse erstiegen hatten, unter der der See 60 Ellen tief seine grunen Wellen schlagt, so sagte Schoppe: "Jetzt! jetzt!" Aber Cesara sagte: "Nein! Erst die Sonne!" Und der Morgenwind warf die Sonne leuchtend durchs dunkle Gezweig empor, und sie flammte frei auf den Gipfeln und Dian zerriss kraftig die Binde und sagte: "Schau umher!" "O Gott!" rief er selig erschrocken, als alle Turen des neuen Himmels aufsprangen und der Olymp der Natur mit seinen tausend ruhenden Gottern um ihn stand. Welch eine Welt! Die Alpen standen wie verbruderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und hielten hoch der Sonne die glanzenden Schilde der Eisberge entgegen die Riesen trugen blaue Gurtel aus Waldern und zu ihren Fussen lagen Hugel und Weinberge und zwischen den Gewolben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie mit wassertaftnen Bandern und an den Bandern hing der uberfullte Wasserspiegel des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel, und ein Laubwerk aus Kastanienwaldern fasste ihn ein Albano drehte sich langsam im Kreise um und blickte in die Hohe, in die Tiefe, in die Sonne, in die Bluten; und auf allen Hohen brannten Larmfeuer der gewaltigen Natur und in allen Tiefen ihr Widerschein ein schopferisches Erdbeben schlug wie ein Herz unter der Erde und trieb Gebirge und Meere hervor. O als er dann neben der unendlichen Mutter die kleinen wimmelnden Kinder sah, die unter der Welle und unter der Wolke flogen und als der Morgenwind ferne Schiffe zwischen die Alpen hineinjagte und als Isola madre gegenuber sieben Garten aufturmte und ihn von seinem Gipfel zu ihrem im waagrechten wiegenden Fluge hinuberlockte und als sich Fasanen von der Madre-Insel in die Wellen warfen: so stand er wie ein Sturmvogel mit aufgeblattertem Gefieder auf dem bluhenden Horst, seine Arme hob der Morgenwind wie Flugel auf, und er sehnte sich, uber die Terrasse sich den Fasanen nachzusturzen und im Strome der Natur das Herz zu kuhlen.
Er nahm, ohne sich umzusehen, verschamt die Hande der Freunde und druckte sie ihnen, damit er nicht sprechen musse. Das stolze Weltall hatte seine grosse Brust schmerzlich ausgedehnt und dann selig uberfullt; und da er jetzt die Augen wie ein Adler weit und fest in die Sonne offnete; und da die Erblindung und der Glanz die Erde verdeckte und er einsam wurde; und die Erde zum Rauch und die Sonne zu einer weissen sanften Welt, die nur am Rande blitzte: so tat sich sein ganzer voller Geist wie eine Gewitterwolke auseinander und brannte und weinte, und aus der reinen blassen Sonne sah ihn seine Mutter an, und im Feuer und Rauch der Erde stand sein Vater und sein Leben eingehullt.
Still ging er die Terrassen herunter und fuhr oft uber die nassen Augen, um den feurigen Schatten wegzuwischen, der auf alle Gipfel und alle Stufen hupfte.
Hohe Natur! wenn wir dich sehen und lieben, so lieben wir unsere Menschen warmer, und wenn wir sie betrauern oder vergessen mussen, so bleibst du bei uns und ruhest vor dem nassen Auge wie ein grunendes abendrotes Gebirge. Ach vor der Seele, vor welcher der Morgentau der Ideale sich zum grauen kalten Landregen entfarbet hat und vor dem Herzen, dem auf den unterirdischen Gangen dieses Lebens die Menschen nur noch wie durre gekrummte Mumien auf Staben in Katakomben begegnen und vor dem Auge, das verarmt und verlassen ist und das kein Mensch mehr erfreuen will und vor dem stolzen Gottersohne, den sein Unglaube und seine einsame, menschenleere Brust an einen ewigen unverruckten Schmerz anschmieden vor allen diesen bleibst du, erquickende Natur, mit deinen Blumen und Gebirgen und Katarakten treu und trostend stehen, und der blutende Gottersohn wirft stumm und kalt den Tropfen der Pein aus den Augen, damit sie hell und weit auf deinen Vulkanen und auf deinen Fruhlingen und auf deinen Sonnen liegen!
2. Zykel
Ich wusste einem Menschen, den ich lieb habe, nichts Schoneres zu wunschen als eine Mutter eine Schwester drei Jahre Beisammenleben auf Isola bella und dann im zwanzigsten eine Morgenstunde, wo er auf dem Eden-Eiland aussteigt und alles dieses mit dem Auge und der Erinnerung auf einmal geniessend umfangt und in die offne Seele druckt O du allzuglucklicher Albano auf dem Rosenparterre der Kindheit unter Italiens tiefblauem Himmel in den schwelgerischen Zitronenlauben voll Bluten auf dem Schosse der schonen Natur, die dich wie eine Mutter liebkoset und halt, und vor dem Angesichte der erhabnen, die wie ein Vater in der Ferne steht und mit einem Herzen, das heute den seinigen erwartet!
Die drei Menschen durchirrten jetzt langsam und wankend das schwimmende Paradies. Obgleich die beiden andern es ofters betreten hatten: so wurde doch aus ihrem silbernen Zeitalter durch die Sympathie mit Albanos Taumel wieder ein goldenes; der Anblick einer fremden Entzuckung weckt den alten Eindruck der unsrigen auf Wie Leute, die an Brandungen und Wasserfallen wohnen, lauter sprechen: so gab das herrliche Brausen des aufgeregten Lebens-Meeres ihnen allen, sogar Schoppen, eine starkere Sprache; nur konnte dieser nie so feierliche Worte, wenigstens Gebarden treffen wie ein anderer Mensch.
Schoppe, der dem guten Italien den Abschiedskuss zuwerfen musste, wollte gern noch die letzten nur zerstreuet um den Freudenbecher hangenden Tropfen konservieren, die so suss wie italienische Weine waren, voll deutschem Feuerstoff ohne deutschen Sauerstoff. Unter Sauerstoff meint' er Abschiednehmen und Ruhrung: "Tut das Schicksal", sagt' er, "irgendeinen Retraiteschuss, beim Himmel! so wend' ich gelassen den Gaul um und reite pfeifend zuruck. Der Henker musste darin (oder darauf) sitzen, wenn ein geschickter Bereiter nicht sein Trauerross so zureiten wollte, dass es sich recht gut zu einem Handgaul des Freudenpferdes anstellte; ich schule sowohl mein Sonnenross als mein Bagageross viel anders."
Vor allen Dingen nahmen sie jetzt die OtaheitiInsel durch Marsche ein, und jede Provinz derselben musste ihnen, wie eine persische dem Kaiser, ein anderes Vergnugen entrichten. "Die untern Terrassen" (sagte Schoppe)"mussen uns Majoratsherren den Obst- und Sackzehent in Zitronen- und Orangenduften abliefern die oberste tragt die Reichssteuer in Aussichten ab die Grotte drunten zahlet, hoff' ich, Judenschutz in Wellen-Gemurmel und der Zypressenwald druben seine Prinzessinsteuer in Kuhle die Schiffe werden ihren Rhein- und Neckarzoll nicht defraudieren, sondern ihn dadurch erlegen, dass sie sich von weitem zeigen."-
Es wird mir nicht schwer, zu merken, dass Schoppe durch diese scherzhaften Vexierzuge die heftigen Bewegungen in Cesarens Kopf und Herzen brechen wollte; denn noch immer ging der Glanz der Morgenentzuckung, wiewohl der Jungling uber kleinere Dinge unbefangen sprach, nicht von dessen Gesicht. In ihm zitterte jede Erschutterung lange und eine am Morgen den ganzen Tag und zwar darum nach, weswegen eine Sturmglocke langer nachsummt als eine Schafglocke; gleichwohl konnte ein solcher Nachklang weder seine Aufmerksamkeit noch seine Werke und Gesprache storen. Mittags wollte der Ritter kommen. Bis dahin schwarmten und sumseten sie stiller-geniessend mit Bienenflugeln und Bienenrusseln durch die honigreiche Flora der Insel; und sie hatten jene heitere Unbefangenheit der Kinder, der Kunstler und der sudlichen Volker, die nur den Honigbehalter der Minute ausnascht; und daher fanden sie an jeder anfallenden Welle, an jedem Zitronenspalier, an jeder Statue unter Bluten, an jedem ruckenden Widerschein, an jedem fliehenden Schilfe mehr als eine Blume, die den gefullten Kelch weiter unter dem warmen Himmel aufmachte, anstatt dass es uns unter unserm kalten wie den Bienen geht, vor denen Maifroste die Blumen verschliessen. O die Insulaner tun recht. Unser grosster und langster Irrtum ist, dass wir das Leben, d.h. seinen Genuss, wie die Materialisten das Ich, in seiner Zusammensetzung suchen, als konnte das Ganze oder das Verhaltnis der Bestandteile uns etwas geben, das nicht jeder einzelne Teil schon hatte. Besteht denn der Himmel unsers Daseins, wie der blaue uber uns, aus oder matter Luft, die in der Nahe und im Kleinen nur ein durchsichtiges Nichts ist und die erst in der Ferne und im Grossen blauer Ather wird? Das Jahrhundert wirft den Blumensamen deiner Freude nur aus der porosen Saemaschine von Minuten; oder vielmehr an der seligen Ewigkeit selber ist keine andere Handhabe als der Augenblick. Das Leben besteht nicht aus 70 Jahren, sondern die 70 Jahre bestehen aus einem fortwehenden Leben, und man hat allemal gelebt und genug gelebt, man sterbe, wenn man will.
3. Zykel
Endlich als die drei Frohen sich in die Tafelstube eines Lorbeerwaldes vor ihre Speis- und Trankopfer, die Schoppe zu Sesto ins Proviantschiff eingepackt hatte, niedersetzen wollten: ging durch die Zweige ein feiner, elegant und einfarbig gekleideter Fremder mit langsamen festen Schritten auf die liegende Tischgesellschaft zu und wandte sich, ohne zu fragen, sofort an Cesara mit der deutschen, langsam, leise und bestimmt prononcierten Anrede: "Ich habe dem Herrn Grafen Cesara eine Entschuldigung zu bringen." "Von meinem Vater?" fragt' er schnell. "Um Verzeihung, von meinem Prinzen;" (versetzte der Fremde) "er verhinderte Ihren Herrn Vater, der kranklich aufstand, in der Morgenkuhle zu reisen, aber gegen Abend wird er eintreffen. Indes bring' ich" (setzte er mit einem wohlwollenden Lacheln und mit einer leichten Verbeugung hinzu) "dem Herrn Ritter ein Opfer, dass ich den Anfang des Glucks, kunftig langer bei Ihnen zu sein, Herr Graf, mit einer Nachricht Ihres Verlustes mache." Schoppe, der fein erriet, ohne fein zu sprechen, fuhr sofort heraus weil er sich von keinem Menschen imponieren liess : "Sonach sind wir padagogische Maskopisten und Unioten. Willkommen, lieber Grau-Bundner!" "Es freuet mich", sagte kalt der Fremde, der grau angezogen war.
Aber erraten hatt' es Schoppe; der Fremde sollte kunftig das Oberhofmeistertum bei Cesara bekleiden, und Schoppe war Kollaborator. Mir kommt es vernunftig vor; der elektrische funkelnde Schoppe konnte das Katzenfell, der Fuchsschwanz, die Glasscheibe sein, die unsern aus Leiter und Nichtleiter gebaueten Jungling vollud, der Oberhofmeister konnte als Leiter der Funkenzieher sein, der ihn mit feinen Franklinschen Spitzen auslud.
Der Mann hiess von Augusti, war Lektor bei dem Prinzen und hatte viel in der grossen Welt gelebt; er schien, wie dieser ganze Hof-Schlag, zehen Jahre alter zu sein, denn er war wirklich erst 37 Jahre.
Man hatt' es auszubaden unter dem umgekehrten Dintentopf rezensierender Xanthippen, wenn man die Rezensenten oder Xanthippen in der Unwissenheit liesse, wer der Prinz eigentlich war, dessen wir alle oben erwahnten. Es war der Erbprinz von Hohenfliess, in dessen Dorfe Blumenbuhl der Graf erzogen war und in dessen Hauptstadt er nun ziehen sollte. Der hohenfliessische Infant jagte aus Italien, worin er viele Notmunzen und Territorialmandate nachgelassen hatte, staubend und keuchend nach Deutschland zuruck, um da auf sich Huldigungsmunzen auszupragen, weil sein regierender Vater die Treppe in das Erbbegrabnis hinabging und nur noch einige Stufen zum Sarge hatte.
Unter dem Essen sprach der Lektor Augusti mit wahrem Geschmack uber die liebliche Gegend, aber mit wenig Sturm und Drang, und zog sie einigen Tempestas4 im borromaischen Palaste bei weitem vor. Dann ging er um des Ritters ofter zu gedenken zu den Personalien des Hofes uber und gestand, dass der deutsche Herr, Mr. de Bouverot, in besonderer Gnade stehe denn bei Hofleuten und Heiligen tut die Gnade alles und dass der Prinz ungemein an Nerven leide u.s.w. Die Hofleute, die sonst ihr Ich nach dem fremden zuschneiden, fassen doch fur einen, der nicht am Hofe lebt, ihre ministeriellen Blatter daruber so ausfuhrlich und ernsthaft ab, dass ihr Zeitungsleser dabei entweder lacht oder einschlaft; ein Hofmann und das Buch "des erreurs et de la verite" nennen den Jesuitergeneral Gott die Jesuiten Menschen und die Nichtjesuiten Tiere. Schoppe horchte mit einem fatalen Krausel- und Schnorkelwerke auf dem Gesichte zu; er hassete Hofe bitter. Der Jungling Albano dachte nicht viel besser; ja da er gern wagte, lieber mit dem Arm des innern Menschen als mit den Fingern desselben arbeitete und anpackte und vor den Schneepflug und die Egge- und Saemaschine des Lebens gern Streit- und Donnerrosse vorspannte, anstatt eines Zugs tuchtiger Filial- und Ackerpferde: so konnt' er Leute, die vorsichtig und bedachtig zu Werke gingen und die lieber lackierte Arbeit und leichte Frauenzimmerarbeit machten als Herkulesarbeiten, nicht sonderlich leiden. Gleichwohl musst' er fur die auf einer schonen Selbststandigkeit ruhende Bescheidenheit Augustis, der kein Wort von sich selber sprach, so wie fur seine Reisekenntnisse, Achtung tragen.
Cesara beilaufig, in diesem Zykel will ich ihn noch mit C, der spanischen Orthographie zu Gefallen, schreiben; aber vom vierten an wird er, weil ich in meiner keines gewohnt bin und mich im langen Buche nicht ewig verschreiben kann, mit einem Z geschrieben Cesara konnte den Lektor nicht genug uber seinen Vater abhoren. Er erzahlte ihm die letzte Handlung des Ritters in Rom, aber mit einer irreligiosen Kalte, die im Jungling eine andere wurde. Don Gaspard wettete namlich mit einem deutschen Nuntius Gemalde gegen Gemalde, dass er einen gewissen Deutschen (Augusti wollt' ihn nicht nennen), dessen Leben nur ein langerer moralischer Kotmonat in Epikurs Marstalle war, in zwei Tagen, ohne ihn zu sehen, auf so lange bekehren wollte, als der Nuntius verlangen wurde. Dieser wettete, liess aber den Deutschen heimlich umstellen. Nach zwei Tagen sperrte sich der Deutsche ein, wurde andachtig, bleich, still, bettlagerig und kam im Handeln einem wahren Christen nahe. Der Nuntius sah dem Ubel eine Woche lang zu, dann verlangt' er schleunige Verwandlung oder den CircesStab, der die tierische Gestalt wieder herstellte. Der Ritter beruhrte den Deutschen mit dem Stabe, und das epikureische Schwein stand genesen da. Ich weiss nicht, was unerklarlicher ist, das Wunderwerk oder die Harte. Aber der Lektor konnte nicht sagen, mit welchen Menstruis Gaspard diese schnellen Auflosungen und Wolken und Prazipitationen erzwang.
Nun kam der Lektor, den schon lange die Vokation und das Kollaborat des sonderbaren Schoppe frappiert hatte, auf verbindlichen Umwegen endlich auf die Frage, wie ihn der Ritter kennen lernen. "Durch den Pasquino!" (versetzt' er) "Er trat eben um die Ecke des Palazzo degli Ursini, als er einige Romer und unsern Erbprinzen um einen Menschen stehen sah, der zu den Statuen des Pasquino und Marforio folgendes Gebet auf den Knien es waren meine tat: 'Lieber Kastor und Pollux, warum sakularisieret ihr euch nicht aus dem Kirchenstaat und bereiset mein Deutschland als Bischofe in partibus infidelium, oder als zwei arbeitsame Vikarien? Konntet ihr denn nicht als Gesandtschaftsprediger und Referendarien in den Reichsstadten herumgehen, oder euch als Chevaliers d'honneur und Wappenhalter auf beide Seiten eines Throns postieren? Wollte Gott, man konnte wenigstens dich, Pasquino, als Oberhofprediger und Konduitenmeister in Hofkapellen vozieren oder doch darein als Taufengel zum Namengeben an einem Strick herunterlassen! Sprecht, konnt ihr Zwillinge denn nicht einmal als Landrequetenmeister in Landtagssalen auftreten und sprechen, oder als magistri sententiarum in Universitatsgebauden einander unter dem Promovieren opponieren? Pasquino, bist du durch keinen Della Porta5 nur so weit herzustellen, dass du bei Kongressen und Vertragen des diplomatischen corps wenigstens als Ofenaufsatz den Silhouetteur machen konntest, sondern taugt ihr hochstens nur in Universitatsbibliotheken zu Brustbildern kritischer Redakteurs? Ach, munteres Paar, mochte nur Chigi, der da neben mir steht, dich modellieren zu einer tragbaren Taschenausgabe fur Damen: ich steckte dich bei und zoge dich erst in Deutschland aus der Tasche.' Ich kanns aber auch hier auf der Insel tun!" Und hier bracht' er das spottische Kunstwerk heraus; denn der beruhmte Architekt und Modellierer Chigi, der ihm zuhorte, hatt' es wirklich nachgebakken.- Schoppe erzahlte weiter, dass Don Gaspard alsdann ernsthaft an ihn trat und ihn spanisch fragte, wer er sei. "Ich bin", versetzt' er, auch spanisch, "wirklicher Titularbibliothekar des Grossmeisters zu Malta und ein Abkommling des sogenannten grammatikalischen Hundes, des gezahnten Humanisten Scioppius (deutsch Schoppe) mein Taufname ist Pero, Piero, Pietro (Peter). Aber hier nennen mich viele aus Versehen Sciupio oder Sciopio (Vergeudung)."
Gaspard hatte ein parteiloses tiefreichendes Auge fur jede, sogar die fremdeste Brust und suchte am wenigsten sein Ebenbild. Er zog daher den Bibliothekar in sein Haus. Da nun dieser nur vom Portratmalen zu leben schien und jetzt ohnehin nach Deutschland zuruckwollte: so trug er, hoffend, diesem reichen, vielaugigen, strengen Geiste Albanos Gesellschaft an, die bloss der gegenwartige Mitarbeiter Augusti mit ihm teilen sollte. Aber der Bibliothekar verlangte vorher vier Dinge voraus, die Schilderung des Grafen, die Silhouette desselben und als beides gegeben war noch das dritte und vierte so: "Soll ich von den drei Standen kalandert6 werden und mich glatt und poliert drucken lassen von Glanzpressen? Ich will nicht; uberallhin, in den Himmel und in die Holle will ich Ihren Sohn begleiten, aber nicht in die Poch-, Wasch-, Rost-, Schmelz- und Treibwerke vornehmer Hauser." Das wurd' am leichtesten zugestanden; dazu war ohnehin der zweite Reichsvikarius des vaterlichen Oberhaupts, Augusti, bestimmt. Aber uber den vierten Punkt zerfielen sie fast. Schoppe, der lieber vogelfrei als nicht-frei oder freigelassen sein wollte, und dessen ebenso reichsunmittelbarer als fruchtbarer Boden keine Zaune litt, konnte sich nur zu zufalligen unbestimmten Diensten bequemen und musste das Fixum eines Lohns ablehnen: "Ich will ihm", sagt' er, "Kasualpredigten halten, aber keine Wochenpredigten; ja es kann sein, dass ich oft ein halbes Jahr gar nicht auf die Kanzel steige." Der Ritter fand es unter sich, Verbindlichkeiten schuldig zu sein, und zog zuruck; bis Schoppe den Diagonalweg ausmittelte, er gebe seine Gesellschaft als don gratuit und erwarte daher, auch vom Ritter von Zeit zu Zeit ein don gratuit von Belang. Ubrigens war dem Ritter jetzt Schoppe gerade so lieb wie der erste beste Hofturke, der ihm auf den Wagenfusstritt geholfen; seine Prufung eines Menschen war eine kalte Totenbeschau, und nach dem Prufen liebt' er nicht starker und hasst' er nicht starker; fur ihn waren im Spektakelstuck des polternden Lebens der Regisseur und die ersten und zweiten Liebhaberinnen und die Lears und Iphigenien und Helden weder Freunde, noch die Kasperls und die Tyrannen und Figuranten Feinde, sondern es waren verschiedene Akteurs in verschiedenen Rollen. O Gaspard, stehest denn du in der Frontloge und nicht auch auf dem Theater? Und siehest du nicht, wie Hamlet, im grossen Schauspiele einem kleinern zu? Ja setzet nicht jede Buhne am Ende ein doppeltes Leben voraus, ein kopierendes und ein kopiertes?
Entweder die wenigen paar Glaser Wein oder auch sein verdrusslicher Abstand vom zierlichen gehaltenen Lektor setzten Schoppes Fegemuhle mit allen Radern in Gang so wenig dieser Humor auf der glanzenden Insel eine vorteilhafte Stelle fand ; und als Augusti wunschte, Schoppe mochte froher als andere Maler nach Deutschland gehen: so zog dieser ein Packchen vergoldeter Heiligenbilder deutscher Schutzpatrone heraus und sagte Karten-mischend: "Mancher wurde hier ein papstliches Miserere aufs Pult legen und absingen, zumal wenn er mitten im Fruhling das Winterquartier, die deutsche Eis- und Nebelbank, beziehen muss wie ich; und ungern, das sag' ich frei, lass' ich den Arlechino und den Pulcinella und den Scapin und die ganze Comedia dell' Arte dahinten. Aber die heiligen Herren, die ich hier tailliere, haben ihre Patronatslander aufs Trockne gebracht; und man passiert sie gern. Baumeister, Ihr lacht, aber Ihr wisset im ganzen zu wenig von dem, was diese gemalten himmlischen Schirmvogte fur deutsche Kreise stundlich unternehmen. Baumeister, sucht mir uberhaupt ein Land, worin so viele Prugel, Programmen, Professoren, Allongeperucken, gelehrte Anzeigen, Reichsanzeigen, Klein- und Vorstadter, Zeremonien, Kronungen und Heidelberger Fasser, aber ohne innewohnende Diogenesse, aufzutreiben sind als im gedachten! Oder suchen Sie es, mein Herr v. Augusti! Weiset mir doch nur uberhaupt ein Territorium auf, dem ein ebenso langes Parlament, namlich ein langster Reichstag bescheret ist, gleichsam eine ausserordentlich heilsame pillula perpetua7, die der Patient unaufhorlich einnimmt und die ihn unaufhorlich ausreinigt; und wem fallt dabei nicht ebensogut wie mir die capitulatio perpetua und uberhaupt das Reichs-corpus als perpetuum immobile aus Grunden ein?" (Hier trank Schoppe.) "Dabei ist der Reichskorper wie das erste Prinzip der Moral oder wie Jungfernerde sehr unaufloslich; ja gesetzt, einer von uns nahme ein Kurschwert und schnitte ihn damit wie einen Ohrwurm entzwei, so wurde sich die gezahnte Halfte eben wie der gespaltene Ohrwurm umkehren und den Hinterrest rein aufspeisen und dann ware ja der gesamte verknupfte Ohrwurm wieder da und satt dazu. Es ist keine schadliche Folge dieses festen Reichsnexus, dass das corpus seine eignen Glieder wie der Bachkrebs seinen Magen verzehren und verdauen ohne wahren Schaden, so dass einer das corpus wie einen homerischen Gott nur verwunden, aber nicht ertoten kann: reibe, sag' ich oft, diesen Federbuschpolypenstamm mit Rosel zu Brei stulp ihn um wie einen Handschuh schneide den Polypen wie Lichtenberg geschickt mit einem Haare entzwei stecke wie Trembley mehrere abgeschnittene Glieder ineinander und verleibe, wie andere Naturforscher, Reichsstadte, Abteien, kleine Lander grossern ein oder umgekehrt- und schaue nach einigen Tagen darnach: wahrhaftig herrlich und ganz und genesen sitzt dein Polype wieder dort, oder ich will nicht Schoppe heissen."
Der Graf horte ihn schon langer und konnte also leichter und besser lacheln; der Lektor musst' es erst lernen, da sogar der komische Akteur fur seinen neuen Zuhorer noch keiner ist. Aber unter allen diesen Zerstreuungen dauerte in Albanos Seele ein verwirrter Tumult, gleichsam das Rauschen vom Wasserfalle der kommenden Zeiten fort. Er blickte sehnend durch die wankenden Fugen der Lorbeerzweige nach den glanzenden Hugeln draussen, da Dian in seiner Malersprache sagte: "Ist es nicht, als wenn alle Gotter mit tausend Fruchthornern auf den Bergen um den Lago maggiore standen und Wein und Kaskaden niedergossen, damit nur der See wie ein Freudenpokal uppig uberlaufe und herunterschaume?" Schoppe versetzte: "Freuden von ausnehmendem Geschmack wie Ananas haben das Schlimme, dass sie wie Ananas das Zahnfleisch bluten machen." "Ich glaube," sagte Augusti, "man muss uber die Freuden des Lebens nicht viel reflektieren, so wie uber die Schonheiten eines guten Gedichts, man geniesset beide besser, ohne sie zu zahlen oder zu zergliedern." "Und ich", sagte Cesara, "wurde zahlen und zergliedern schon aus Stolz; was herauskame, ertrug' ich, und ich wurde mich schamen, unglucklich zu sein. Ist das Leben wie eine Olive eine bittere Frucht, so greife nur beide scharf mit der Presse an, sie liefern das susseste Ol." Hier stand er auf, um bis abends in der Insel allein zu bleiben; er bat um Nachsicht, machte aber keinen Vorwand. Seine hohe ehrgeizige Seele war unfahig, sich zur kleinsten Luge niederzubucken; nicht einmal gegen Vieh. Er lockte in Blumenbuhl Flugtauben taglich durch Futter naher, und seine Pflegeschwester bat ihn oft, eine zu ergreifen; aber er sagte immer Nein, weil er sogar ein tierisches Vertrauen nicht belugen wollte.
Als sie ihm nachsahen, da er langsam mit nachspringenden Schatten und mit den an ihm herabschlupfenden Sonnenblitzen durch die Lorbeerbaume ging und wie in einem Traume die Zweige mit vorausgehaltenen Handen sanft auseinanderbog: so brach Dian aus: "Welche Jupiters-Statue!" "Und die Alten", fiel Schoppe ein, "glaubten noch dazu, dass jeder Gott in seiner Statue hause." "Eine herrliche dreifache Breite der Stirn, der Nasenwurzel und der Brust!" (fuhr Dian fort) "Ein Herkules, der auf dem Olympus Olbaume pflanzt!" "Es frappierte mich sehr," (sagte der Lektor) "dass ich durch langes Anschauen auf seinem Gesichte lesen konnte, was ich wollte und was sich widersprach, Kalte Warme Unschuld und Sanftmut am leichtesten Trotz und Kraft." Schoppe setzte dazu: "Ihm selber mag es noch schwerer werden, einen solchen Kongress kriegfuhrender Machte in sich zu einem Friedenskongress zusammenzuzwingen." "Wie schon" (sagte der menschlich-fuhlende Dian) "muss einer so kraftigen Gestalt die Liebe anstehen und wie erhaben der Zorn!" "Das sind zwei malerische Schonheiten," (versetzte Schoppe) "woraus sich zwei Padagogiarchen und Xenophone wie wir wenig bei ihrem Cyrus machen in ihrer Cyropadie."
4. Zykel
Zesara hatte bloss drei Glaser Wein gekostet; aber der Most seines heissen dichten Blutes gor davon starker. Der Tag erwuchs immer mehr zu einem daphnischen und delphischen Hain, in dessen flusterndes und dampfendes Dickicht er sich tiefer verlor die Sonne hing wie eine weisse blitzende Schneekugel im Blau die Eisberge warfen ihren Silberblick in das Grun herein aus fernen Wolken donnerte es zuweilen8, als rolle der Fruhling in seinem Triumphwagen daher und weiter zu uns die Lebenswarme des Klimas und der Tagszeit, das heilige Feuer zweier Entzuckungen (der erinnerten und der gehofften) bruteten alle seine Krafte an. Jetzt ergriff ihn jenes Fieber der jungen Gesundheit, worin ihm allemal war, als schlage in jedem Gliede ein besonderes Herz die Lunge und das Herz von Blute schwer und voll der Atem ist heiss wie ein Harmattanwind und das Auge trube in seiner eignen Lohe und die Glieder sind mude vor Kraft. In dieser Uberfullung der elektrischen Wolke hatt' er einen besonderen Trieb nach Zertrummern. Er half sich junger oft, dass er Felsenstucke an den Gipfel walzte und niederrollen liess; oder dass er im Galopp so lange lief, bis der Atem langer wurde, oder am gewissesten dadurch, dass er sich (wie er von Kardan gehort hatte) mit einem Federmesser Schmerzen und sogar kleine Verblutungen erregte. Selten gewinnen gewohnliche, und noch seltener ungewohnliche Menschen die volle, mit allen Zweigen bluhende Jugend des Leibes und Geistes; aber desto prangender tragt dann eine Wurzel einen ganzen Blumengarten.
Mit diesen Wallungen stand Albano jetzt hinter dem Palast einsam gegen Suden, als ihm ein Spiel seiner Knabenjahre einfiel.
Er war namlich oft im Mai auf einen saulendicken Apfelbaum, der ein ganzes hangendes grunes Kabinett erhob, bei heftigem Wind gestiegen und hatte sich in die Arme seines Gezweigs gelegt. Wenn ihn nun so die schwankende Lusthecke zwischen dem Gaukeln der Lilienschmetterlinge und dem Summen der Bienen und Mucken und dem Nebeln der Bluten schaukelte und wenn ihn der aufgeblahte Wipfel bald unter fettes Grun versenkte, bald vor tiefes Blau und bald vor Sonnenblitze drehte: dann zog seine Phantasie den Baum riesenhaft empor, er wuchs allein im Universum, gleichsam als sei er der Baum des unendlichen Lebens, seine Wurzeln stiegen in den Abgrund, die weissen und roten Wolken hingen als Bluten in ihm, der Mond als eine Frucht, die kleinen Sterne blitzten wie Tau, und Albano ruhte in seinem unendlichen Gipfel, und ein Sturm bog den Gipfel aus dem Tag in die Nacht, und aus der Nacht in den Tag.
Er sah jetzt zu einer hohen Zypresse empor. In Rom war aus dem Mittags-Schlaf ein Sudostwehen aufgestanden und hatte sich unterwegs fliegend in Limoniengipfeln und in tausend Bachen und Schatten gekuhlt und lag nun gewiegt auf Zypressenarmen. Da erkletterte er den Baum, um sich wenigstens zu ermuden. Aber wie dehnte sich die Welt vor ihm aus mit Bergen, mit Inseln und Waldern, da er das donnernde Gewolke uber Roms sieben Hugeln liegen sah, gleichsam als rede aus dem Dunkel noch der alte Geist, der in den Hugeln wie in sieben Vesuven gearbeitet hatte, welche vor der Erde so viele Jahrhunderte lang mit feurigen Saulen, mit aufgerichteten Gewittern standen und sie mit gluhenden Stromen, mit Aschenwolken und mit Fruchtbarkeit ubergossen, bis sie sich selber zersprengten! Die Spiegelwand der Gletscher stand wie sein Vater unzerruttet vor der Warme des Himmels und wurde nur glanzend und nicht warm und nicht weich aus dem weiten See schienen uberall die warmen Hugel wie aus ihrem Bade auszusteigen, und die kleinen Schiffe der Menschen schienen in der Ferne strandend zu stocken und im weiten Wehen um ihn gingen die grossen Geister der Vergangenheit voruber, und unter ihren unsichtbaren Tritten bogen sich nur die Walder nieder, aber die Blumenbeete wenig. Da wurde in Albano die fremde Vergangenheit zur eignen Zukunft keine Wehmut, sondern ein Durst nach allem Grossen, was den Geist bewohnt und hebt, und ein Schauder vor den schmutzigen Kodern der Zukunft zogen sein Auge recht schmerzlich zusammen, und schwere Tropfen fielen daraus. Er stieg herab, weil das innere Schwindeln zuletzt ausseres wurde. Die landliche Erziehung und Dian, welcher den gehaltenen Gang der Natur verehrte, hatte den Knospengarten seiner Krafte vor fruhzeitiger Morgensonne und schnellem Aufspringen bewahret; aber durch die Erwartung des Abends und durch die Reise wurde der Tag seines Lebens jetzt zu warm und zu treibend.
Zufallig und traumend verlor er sich unter Orangebluten; plotzlich war ihm, als mache ein susses Wuhlen im innersten Herzen dieses beklemmend weit und leer und wieder voll. Ach er wusste nicht, dass es die Dufte waren, die er hier in seiner Kindheit so oft in die Brust gesogen, und welche nun jede Phantasie und Erinnerung der Vergangenheit dunkel, aber gewaltsam zuruckriefen, eben weil Dufte, ungleich den abgenutzten Merkmalen des Auges und des Ohres, seltener kommen und also leichter und heftiger die verblichene Empfindung erneuern. Aber als er in eine Arkade des Palastes, welche bunte Steine und Muscheln stickend farbten, geriet, und als er die Wogen spielend auf die Schwelle der Grotte hupfen sah: so deckte sich ihm auf einmal eine bemoosete Vergangenheit auf er durchsuchte seine Erinnerungen die Farbensteine der Grotte lagen gleichsam voll Inschriften der vorigen Zeit vor seinem Gedachtnis. Ach hier war er ja tausendmal mit seiner Mutter gewesen, sie hatte ihm die Muscheln gezeigt und die Nahe der Wellen verboten, und einmal, da die Sonne aufging und da der durchwehte See und alle Steinchen glanzten, war er auf ihrem Schosse mitten unter den Lichtern aufgewacht.
O war denn nun die Stelle nicht geheiligt und auf ihr seine uberwaltigende Sehnsucht nicht entschuldigt, die er heute so lange gehabt, die schone Armwunde dem tobenden und qualenden Blute aufzumachen?
Er ritzte sich, aber zufallig zu tief; und mit einem schonen kuhlen Heben seines leichter atmenden Wesens sah er der roten Quelle seines Armes in der Abendsonne zu und wurde wie nach abgefallnen Burden leichter nuchtern still und weich. Er dachte an die verschwundne Mutter, deren Liebe nun ewig unvergolten blieb ach er hatte dieses Blut gern fur sie vergossen ; und nun quoll heisser als je in seiner Brust die Liebe fur den kranklichen Vater auf: o komme bald, sagte sein Herz, ich will dich so unaussprechlich lieben, du lieber Vater!
Die Sonne erkaltete an der feuchten Erde nur noch die zackige Mauerkrone aus den Goldstufen der Gletscherspitzen gluhte uber ausgeloschten Wolken und die Zauberlaterne der Natur warf ihre Bilder nur noch gezogner und matter: da ging eine lange Gestalt in einem offnen roten Mantel langsam um die Zedratobaume auf ihn zu, rieb mit der Rechten an der Stelle des Herzens, woran kleine Funken verglommen, und zerdruckte mit der halb erhobnen Linken eine Wachslarve zum Klumpen und blickte in die eigne Brust. Plotzlich erstarrete sie an der Wand des Palastes in versteinerter Stellung. Albano druckte die Hand auf die kleine Wunde und ging nahe zu dem Versteinerten Welche Gestalt! Aus einem vertrockneten hagern Angesicht erhob sich zwischen Augen, die halb unter den Augenknochen fortbrannten, eine verachtende Nase mit stolzem Wurf- ein Cherub mit dem Keime des Abfalls, ein verschmahender gebietender Geist stand da, der nichts lieben konnte, nicht sein eignes Herz, kaum ein hoheres, einer von jenen Furchterlichen, die sich uber die Menschen, uber das Ungluck, uber die Erde und uber das Gewissen erheben, und denen es gleich gilt, welches Menschenblut sie hingiessen, ob fremdes oder ihres.
Es war Don Gaspard.
Die Funken-werfende Ordenskette aus Stahl und Edelsteinen verriet ihn. Die Starrsucht, seine alte Krankheit, hatt' ihn ergriffen. "O Vater!" sagte Albano erschrocken und umfasste die unbewegliche Gestalt, aber er druckte gleichsam den kalten Tod ans Herz. Er schmeckte die Bitterkeit einer Holle er kusste die starre Lippe und rief lauter endlich trat er vor ihm mit fallenden Armen zuruck, und die aufgedeckte Wunde blutete ungefuhlt nieder und er blickte, zahneknirschend vor wilder junger Liebe und vor Schmerz, und mit grossen Eistropfen in den Augen, den Stummen an und riss ihm die Hand vom Herzen. Hier schlug erwachend Gaspard die Augen auf und sagte: "Willkommen, mein lieber Sohn!" Da sank ihm mit unuberschwenglicher Seligkeit und Liebe das Kind ans Vaterherz und weinte und schwieg. "Du blutest, Albano," sagte Gaspard, ihn sanft zuruckstemmend, "verbinde dich!"- "Lass mich bluten, ich will mit dir sterben, wenn du stirbst o wie hab' ich so lange nach dir geschmachtet, mein guter Vater!" sagte Albano, noch tiefer erschuttert von dem kranken vaterlichen Herzen, das er jetzt an seinem heftiger schlagen fuhlte.
"Recht gut, verbinde dich aber!" sagt' er; und als der Sohn es tat und wahrend des schnellsten Umwikkelns mit unersattlicher Liebe in das vaterliche Auge schauete, und als das Auge nur kalte Blitze warf wie sein Ring-Juwel so schlug auf den Kastaniengipfeln, dem heutigen Throne der Morgensonne, der leise Mond sein frommes Auge stillend auf, und dem entflammten Albano war es an diesem kindlichen und mutterlichen Wohnplatze, als schaue der Geist seiner Mutter vom Himmel und rufe: "Ich werde weinen, wenn ihr euch nicht liebt." Sein wallendes Herz zerfloss, und er sagte sanft zu dem im Mondlicht bleichern Vater: "Liebst du mich denn nicht?" "Lieber Alban," versetzte der Vater, "man kann dir nicht genug antworten du bist recht gut es ist recht gut." Aber mit dem Stolze der Liebe, die sich kuhn mit der vaterlichen mass, ergriff er fest die Hand mit der Larve und sah den Ritter mit feurigen Tranen an. "Mein Sohn," versetzte der Mude, "ich habe dir heute noch viel zu sagen und wenig Zeit, weil ich morgen reise und ich weiss nicht, wie lange mein Herzklopfen mich sprechen lasset." Ach also war das vorige Zeichen einer geruhrten Seele nur ein Zeichen eines nervenkranken Pulses gewesen.... Du armer Sohn, wie musste vor dieser scharfen Luft dein bewegtes Meer erstarren ach wie an einem eiskalten Metall musste deine warme Hand ankleben und davon sich wundgeschalt abziehen!
Aber guter Jungling! Wer von uns konnte dich tadeln, dass Wunden dich gleichsam mit Blut an deinen wahren oder falschen Halbgott binden wiewohl ein Halbgott sich ofter mit einem Halbtier als mit einem Halbmenschen schliesset und dass du so schmerzlich liebst? Ach welche warme Seele sprach nicht einmal die Bitte der Liebe vergeblich aus und konnte dann, gelahmt vom erkaltenden Gifte, gleich andern Vergifteten, die schwere Zunge und das schwere Herz nicht mehr bewegen? Aber liebe fort, du warme Seele; gleich Fruhlingsblumen, gleich Nachtschmetterlingen durchbricht die zarte Liebe zuletzt doch den hartgefrornen Boden, und jedes Herz, das nichts anderes verlangt als ein Herz, findet endlich seine Brust!
5. Zykel
Der Ritter nahm ihn auf eine uber steinerne Saulen gefuhrte Galerie hinauf, die uberall Limonienbaume mit Duften und kleinen, regen, vom Monde silbern geranderten Schatten vollstreueten. Er zog zwei Medaillons aus seiner Brieftasche; das eine bildete ein sonderbar-jugendlich aussehendes weibliches Gesichtchen vor, mit der Umschrift: "Nous ne nous verrons jamais, mon fils."9 "Hier ist deine Mutter" (sagte Gaspard und gab es ihm) -"und hier deine Schwester", und reichte ihm das zweite, dessen Zuge zu einer unkenntlichen veralteten Gestalt einliefen, mit der Umschrift: "Nous nous verrons un jour, mon frere."10 Er fing nun seine Rede an, die er in so vielen zwanglosen Heften (das eine Komma oft am einen Ende der Galerie, das andere am andern) und so leise und in einem solchen Wechsel von schnellem und tragem Gehen lieferte, dass in das Ohr eines unter der Galerie mitlaufenden Visitators fremder Gesprache, wenn einer drunten stand, nicht drei zusammengehorende Laute tropfen konnten. "Deine Aufmerksamkeit, lieber Alban," fuhr er fort, "nicht deine Phantasie sollte jetzt gespannt sein; du bist leider heute zu romantisch bei dem Romantischen, was du horen sollst. Die Grafin von Zesara liebte das Feierliche von jeher; du wirst es aus dem Auftrage sehen, den sie mir wenige Tage vor ihrem Tode gab, und den ich gerade an diesem Karfreitage auszurichten versprechen musste."
Er sagte noch, bevor er anfing, dass er, da seine Katalepsie und sein Herzklopfen bedenklich stiegen, nach Spanien eilen musse, seine Sachen und noch mehr die seiner Mundel der Grafin von Romeiro zu ordnen. Alban tat noch eine Bruderfrage uber seine liebe, so lang' entruckte Schwester; der Vater liess ihn hoffen, dass er sie bald sehen werde, da sie mit der Grafin die Schweiz besuchen wolle.
Da ich nicht absehe, was die Menschen davon haben, wenn ich die mir beschwerlichen Gansefusse samt dem ewigen "er sagte" hersetze: so will ich den Auftrag in Person erzahlen. Es werden einmal (sagte der Ritter) drei Unbekannte, einer am Morgen, einer mittags und einer abends, zu ihm kommen, und jeder wird ihm ein eingesiegeltes Kartenblatt zustellen, worauf bloss der Name der Stadt und des Hauses steht, worin das Bilderkabinett, das Albano noch dieselbe Nacht besuchen muss, zu finden ist. Im Kabinett soll er alle Nagel der Bilder durchtasten und drucken, bis er auf einen kommt, hinter welchem der Druck eine in die Wand eingebaute Repetieruhr zwolf zu schlagen notigt. Hier findet er unter dem Bilde eine geheime Tapetentur, hinter welcher eine weibliche Gestalt mit einem offnen Souvenir und mit drei Ringen an der Linken und mit einem Crayon in der Rechten sitzt. Druckt er den Ring des Mittelfingers, so richtet sich die Gestalt unter dem Rollen des innern Getriebes auf, tritt in das Zimmer, und das auslaufende Gehwerk stockt mit ihr an einer Wand, woran sie mit dem Crayon ein verstecktes Fach bezeichnet, in welchem ein Taschenperspektiv und der wachserne Abdruck eines Sargschlussels liegen. Das Okularglas des Perspektivs ordnet durch einoptische Anamorphose den Wirrwarr alternder Linien auf dem heute empfangenen Medallion der Schwester zu einer holden jungen Gestalt, und das Objektivglas gibt dem unreifen Bilde der Mutter die Merkmale des langern reifern Lebens zuruck. Dann drucket er den Ringfinger, und sogleich fangt die stumme kalte Figur mit dem Crayon in das Souvenir zu schreiben an und bezeichnet ihm mit einigen Worten den Ort des Sarges, von dessen Schlussel er den wachsernen Abdruck hat. Im Sarge liegt eine schwarze Marmorstufe, in Gestalt einer schwarzen Bibel; und wenn er sie zerschlagen hat, trifft er einen Kern darin, aus dem der Christbaum seines ganzen Lebens wachsen soll. Ist die Stufe nicht im Sarge, so gibt er dem letzten Ringe des Ohrfingers einen Druck was aber dann dieses holzerne Guerikes-Wettermannchen seines Schicksals beginne, wusste der Ritter selber nicht vorauszusagen.
Ich bin vollig der Meinung, dass man dem bizarren Testamente leicht das Repetier- und das halbe Raderwerk- so wie man jetzt in London Uhren bloss aus zwei Radern bauet ausbrechen konnte, ohne das Vorlege- oder Zeigerwerk zu beschadigen.
Auf Alban wirkte das testamentarische Getriebe und Geblase wider meine Erwartung fast nichts; ausgenommen eine weichere Liebe gegen die gute Mutter, welche so sorgend, da sie unten im Strome des Lebens das fliegende Bild vom niederfallenden Habicht des Todes erblickte, nur den Sohn bedachte. Seinem Vater schauete er unter dem Berichte, mit zartlichem Danke fur diese Muhe des Gedachtnisses und der Erzahlung, fast auf Kosten seiner Aufmerksamkeit, in das befestigte eiserne Angesicht; und im Mondschein und vor seiner Phantasie wuchs der Ritter zu einem rhodischen, die halbe Gegenwart verdekkenden Kolossus auf, fur welchen ihm dieses testamentarische Memorienwerk fast zu kleinlich schien.
Bisher hatte Don Gaspard bloss als echter Weltmann gesprochen, der von seinem Gesprache (ohne besondere nahere Verhaltnisse) stets jede Erwahnung oder Schmeichelei eines Ichs, des fremden so gut wie des eignen, ausschliesset und sogar historischer Personen nur als Bedingungen von Sachen gedenkt so dass zwei solche Nicht-Ichs mit ihrer grimmigen Kalte nur zwei sprechende Logiken oder Wissenschaften zu sein scheinen, aber keine Wesen mit schlagenden Herzen: o! wie sanft floss es, wie eine weiche Tonart, in Albanos liebewundes Herz das der hellere und lauere Mond und der insularische dammernde Kindergarten seiner ersten Vorzeit und die in seiner Seele laut fort- und nachklingende Stimme seiner Mutter gewaltsam aufloseten , als nun der Vater sagte: "Das hab' ich von der Grafin zu sagen. Von mir hab' ich dir nichts zu sagen als meine bisherige Zufriedenheit mit deinem bisherigen Leben." "O geben Sie, teuerster Vater, meinem kunftigen Gebote, Lehre und Rat", sagte der begeisterte Mensch, und Gaspards rechter Hand, die nach dem schnellern Herzen zuckte, folgt' er mit seiner Linken an die sieche Stelle und druckte heftig das hysterische Herz, als konn' er diesem bergab umkreisenden Lebensrade in die Speiche greifen. Der Ritter versetzte: "Ich habe dir weiter nichts zu sagen. Die Lindenstadt (Pestitz) ist dir nun geoffnet; deine Mutter hatte sie dir verschlossen. Der Erbprinz, der bald Furst sein wird, und der Minister von Froulay, der mein Freund ist, werden die deinigen sein; ich glaub' es wird dir nutzen, ihre Bekanntschaft zu kultivieren."
Der scharfblickende Gaspard sah hier plotzlich uber des Junglings reine offne Gestalt wunderbare Bewegungen und heisse Rosen fliegen, die aus der Gegenwart mit nichts zu erklaren waren und die sogleich wie getotet vergingen, als er so fortfuhr: "Fur einen Mann von Stande sind gelehrte und schone Wissenschaften, die fur andre Endzweck sind, nur Mittel und Erholung; und so gross deine Neigung dafur sein mag: so wirst du doch am Ende Handlungen den Vorzug vor Genussen geben; du wirst dich nicht geboren fuhlen, die Menschen bloss zu belehren oder zu belustigen, sondern zu behandeln und zu beherrschen.
Es ware gut, wenn du den Minister gewannest und dadurch die Kenntnisse des Regierungs- und Kammerwesens, die er dir geben kann; denn in dem Abrisse eines Landes, so wie eines Hofes, besitzest du die Grundzuge eines jeden grossern, wozu du auch gelangen und dich bilden sollst. Es ist mein Wunsch, dass du sogar dem Fursten und dem Hofe lieb wirst, weniger weil du Konnexionen als weil du Erfahrungen brauchst. Nur durch Menschen besiegt und ubersteigt man Menschen, nicht durch Bucher und Vorzuge. Man muss nicht seinen Wert auslegen, um die Menschen zu gewinnen, sondern man muss sie gewinnen, und dann erst jenen zeigen. Ungluck ist nichts wie Unverstand, und nicht sowohl durch Tugend als durch Verstand wird man furchtbar und glucklich. Du hast hochstens die Menschen zu fliehen, die dir zu ahnlich sind, besonders die adeln." Das atzende Sublimat seines Spottes bestand hier nicht darin, dass er "adel" mit einem akzentuierten ironischen Tone sagte, sondern dass ers wider Erwarten kalt ohne einen sagte. Albanos Hand war in seiner schon langst vom Herzen an der stahlernen eckigen Ordenskette herabgeglitten auf das goldene metallisch-kalte Lamm daran. Der Jungling hatte, wie alle Junglinge und Einsiedler, zu harte Begriffe von Hof- und Weltleuten, er hielt sie fur ausgemachte Basilisken und Drachen wiewohl ich das noch entschuldigen will, wenn er nur mit den Naturforschern unter den Basilisken nichts versteht als ungeflugelte Eidechsen, und unter den Drachen nichts als geflugelte, so dass er sie fur nichts als fur kalte, fast so fatale Amphibien, wie Linne solche definiert, ansieht ; ferner hegt' er (so leicht wird Plutarch der Verfuhrer von Junglingen, deren Biograph er hatte sein konnen wie ich) mehr Grimm als Achtung gegen die Artolatrie (den Brotdienst) unsers Zeitalters, das aber umgekehrt immer den Gott ins Brot verwandeln will, gegen die besten Brotstudien oder Brotwagen, gegen das Machen einer Carriere, gegen jeden, der kein Waghals war und der statt der Sturmbalken und Kriegsmaschinen etwa unsichtbare Magnetstabe, Saugwerke und Schropfkopfe ansetzte und damit etwas zog. Jeder Jungling hat ein schones Zeitalter, wo er kein Amt, und jede Jungfrau eines, wo sie keinen Mann annehmen will; dann andern sich beide und nehmen oft sich einander noch dazu.
Als der Ritter die obigen, gewiss keinem Weltmanne anstossigen Satze vorbrachte: so stieg in seinem Sohne ein heiliger menschenfreundlicher Stolz empor es war diesem, als werde von einem steigenden Genius sein Herz und sogar sein Korper, wie der eines betenden Heiligen, gehoben uber die Laufbahnen einer gierigen kriechenden Zeit die grossen Menschen einer grossern traten unter ihre Triumphbogen und winkten ihm, naher zu ihnen zu kommen in Osten lag Rom und der Mond und vor ihm der AlpenZirkus, eine grosse Vergangenheit neben einer grossen Gegenwart er ergriff mit dem liebend-stolzen Gefuhl, dass es noch etwas Gottlicheres in uns gebe als Klugheit und Verstand, den Vater und sagte: "Der ganze heutige Tag, lieber Vater, war eine zunehmende Erschutterung meines Herzens kann vor Bewegung nicht sprechen und nichts recht bedenken Vater, ich besuche alle ich werde mich uber die Menschen hinausreissen aber ich verschmahe den schmutzigen Weg des Ziels ich will im Weltmeer wie ein Lebendiger durch Schwimmen aufsteigen, aber nicht wie ein Ertrunkner durch Verwesen Ja, Vater, das Schicksal werfe einen Grabstein auf diese Brust und zermalme sie, wenn sie die Tugend und die Gottheit und ihr Herz verloren hat."
Albano sprach darum so warm, weil er einer unaussprechlichen Verehrung fur die kraftvolle Seele des Ritters nicht entsagen konnte; er stellte sich immer die Qualen und das lange Sterben eines so starken Lebens, den scharfen Rauch eines so grossen, kalt ausgegossenen Feuers vor und schloss aus den Regungen seiner eignen lebendigen Seele auf die der vaterlichen, die nach seiner Meinung nur langsam auf einer breiten Unterlage schwarzer kalter Menschen so zerfallen war, wie man Diamanten nicht anders verfluchtigt als auf einer Unterlage von ausgebrannten toten Schmiedekohlen.
Don Gaspard, der die Menschen selten und nur gelinde tadelte nicht aus Liebe, sondern aus Gleichgultigkeit , antwortete dem Jungling geduldig: "Deine Warme ist zu loben. Mit der Zeit wird sich alles geben. Jetzt lass uns essen."
6. Zykel
Der Speisesaal unserer Eilander war im reichen Palaste der abwesenden borromaischen Familie. Man gab der schonen Insel den Parisapfel und Lorbeerkranz. Augusti und Gaspard schrieben ihr das Belobungsschreiben in einem leichten klaren Stil, nur Gaspard mit mehr Antithesen. Albanos Brust war mit einer neuen Welt gefullt, sein Auge mit einem Schimmer, seine Wangen mit freudigem Blut. Der Baumeister erhob sowohl den Geschmack als den Kammerbeutel des Erbprinzen, der durch beide zwar nicht artistische Meister, aber doch Meisterstucke in sein Land mitbrachte und auf dessen Veranlassung eben dieser Dian nach Italien ging, um fur ihn Abgusse von den Antiken da zu nehmen. Schoppe versetzte: "Ich hoffe, der Deutsche ist so gut mit Malerakademien und mit Malerkoliken versehen als irgendein Volk; unsere Ballenbilder unsere Thesesbilder in Augsburg unsere Leisten uber Zeitungsblattern und unsere Buchdruckerstocke in jedem dramatischen Werke, durch die wir eine fruhere Shakespeare-Gallery besassen als London unsere Effigie-Gehangnen am Galgen sind jedem bekannt und zeigen am ersten, wie weit wirs treiben. Aber ich will auch zulassen, dass Griechen und Welsche so malen wie wir: so ragen wir doch dadurch uber sie hinweg, dass wir, gleich der Natur und den adeligen Sponsierern, nie die Schonheit isoliert ohne angebognen Vorteil suchen. Eine Schonheit, die wir nicht nebenher braten, verauktionieren, anziehen oder heiraten konnen, gilt bei uns nur das, was sie wert ist; Schonheit ist bei uns (hoff' ich) nie etwas anders als Anschrot und Beiwerk des Vorteils, so wie auch auf dem Reichstage nicht die angestossenen Konfekttischchen, sondern die Sessionstafeln die eigentlichen Arbeitstische des Reichs-corpus sind. Echte Schonheit und Kunst wird daher bei uns nur auf Sachen gesetzt, gemalt, gepragt, welche dabei nutzen und abwerfen: z.B. gute Madonnen nur ins Modejournal radierte Blatter nur auf Briefe voll Tabaksblatter Kameen auf Tabakskopfe Gemmen auf Petschafte und Holzschnitte auf Kerbholzer Blumenstucke werden gesucht, aber auf Schachteln treue Wouwermanne, aber zwischen Pferdestanden neben Beschalern11 erhobenes Bildwerk von Prinzenkopfen, entweder auf Talern oder auf baierschen Bierkrug-Deckeln, beide nicht ohne reines Zinn Rosenund Lilienstucke, aber an tatowierten Weibern. Auf ahnliche Weise war in Basedows Erziehungsanstalt stets das schone Gemalde und das lateinische Vokabulum verknupft, weil das Philanthropin dieses leichter unter jenem behielt. So malte Van der Kabel nie einen Hasen auf Bestellung, ohne ein frisch geschossenes Modell nach dem andern sich zum Essen und Kopieren auszubitten. So malte der Maler Calkar schone Strumpfe, aber unmittelbar an seine eignen Beine."
Der Ritter horte so etwas mit Vergnugen an, ob ers gleich weder belachelte noch nachahmte; ihm waren alle Farben im genialischen Prisma erfreulich. Nur fur den Baumeister wars nicht genug im griechischen Geschmack, und fur den Lektor nicht genug im hoflichen. Letzterer kehrte sich, wahrend Schoppe neuen Atem zu unserer Verkleinerung holte, wie schmeichelnd zum abreisenden Dian und sagte: "Fruher nahm Rom andern Landern nur die Kunstwerke hinweg, aber jetzt die Kunstler." Schoppe verfolgte: "Ebenso sind unsere Statuen keine mussigen Staatsburger auf der Barenhaut, sondern sie treiben alle ein Handwerk; was Karyatiden sind, tragen Hauser, was Engel sind, halten Taufschusseln, und heidnische Wassergotter arbeiten in Springbrunnen und giessen den Magden das Wasser in die Scheffel zu."
Der Graf sprach warm fur uns, der Lektor hell; der Ritter bemerkte, dass der deutsche Geschmack und das deutsche Talent fur dichterische Schonheiten den Mangel an beiden fur andere Schonheiten vergute und erklare (aus Klima, Regierungsform, Armut etc.). Der Ritter glich den Himmelssehrohren, hinter denen die Erden grosser erscheinen und die Sonnen kleiner, er nahm wie jene den Sonnen den geborgten Schimmer ab, ohne ihnen den wahren grossern zuruckzugeben; er schnitt zwar einem Judas den Strick entzwei, aber einem Christuskopfe goss er den Heiligenschein aus und suchte uberhaupt eine Paritat und Gleichheit der Schwarze und des Lichts zu erkunsteln.
Schoppe verstummte nie; ich sorge, in seinem Toleranzmandat fur Europa waren die deutschen Kreise ausgelassen; er hob wieder an: "Das wenige, was ich eben zum Lobe der nutzenden Deutschen vorbrachte, hat mir, wie es scheint, Widerspruch zugezogen. Aber die kleine Lorbeerkrone, die ich dem heiligen Reichskorper aufsetze, soll mich nie abhalten, die Stellen gewahr zu werden, wo er kahl ist. Ich lobt' es oft an Sokrates und Christus, dass sie nicht in Hamburg, in Wien, oder gar in einer brandenburgischen Stadt dozierten und mit ihren Philanthropisten gassatim gingen; von Magistrats wegen wurde man sie haben befragen lassen, ob sie nicht arbeiten konnten; und waren beide mit Familie in Wetzlar gewesen, so hatte man dieser die Neglektengelder12 abgezogen. Anlangend die Dichtkunst, Herr Ritter, so kannt' ich manchen Reichsburger, der aus einem Karmen wenn es nicht auf ihn selber war wenig machte; er glaubte die Eingriffe der poetischen Freiheit in die Reichsfreiheit zu kennen; ihn, der gewiss uberall ordentlich, gesetzt, bedachtig, in sachsischen Fristen zu Werke schritt, qualten und storten poetische Schwingen sehr. Und ists denn so unerklarlich und so schlimm? der gute Reichsstadter bindet eine Serviette vor, wenn er weinen will, damit er die Atlasweste nicht betropft, und die Tranen, die ihm aufs Kondolenzschreiben entfallen, stippte er wie jede dunklere Interpunktion: was Wunder, wenn er gleich dem Wildmeister keine schonere Blume kennt als die hinten am Hirsche, und wenn ihn die poetischen Veilchen gleich den botanischen13 mit gelinden Brechkraften angreifen.... Das ware meines Bedunkens wenigstens eine Art, den Tadel abzulehnen, womit man uns Deutsche anschmitzt."
7. Zykel
Welche sonderbare Nacht folgte auf diesen sonderbaren Tag! Alle gingen, vom Reisen schlafrig, der Ruhe zu; bloss Albano, in welchem der heisse volle Tag nachbrannte, sagte dem Ritter, dass er heute mit seiner Brust voll Feuer nirgends Kuhlung und Ruhe finde als unter den kalten Sternen und unter den Bluten des welschen Fruhlings. Er lehnte sich auf der obersten Terrasse an eine Statue neben einem bluhenden Dockengelander aus Zitronen an, um die Augen unter dem Sternenhimmel schon zu schliessen, und noch schoner zu offnen. Schon in seiner fruhern Jugend hatt' er sich, so gut wie ich, auf die welschen Dacher warmer Lander gewunscht, nicht um als Nachtwandler, sondern um als ein Schlafer darauf zu erwachen.
Wie herrlich fallt das aufgehende Auge in den erleuchteten hangenden Garten voll ewiger Bluten uber dir, anstatt dass du in deinem deutschen schwulen Federpfuhl nichts vor dir hast, wenn du aufblickst, als den Bettzopf!
Als Zesara so Wellen und Berge und Sterne mit stillerer Seele durchkreuzte und als Garten und Himmel und See endlich zu einem dunkeln Kolosse zusammenschwammen, und er wehmutig an seine bleiche Mutter und an seine Schwester und an die verkundigten Wunder seiner Zukunft dachte: so stieg hinter ihm eine ganz schwarz gekleidete Gestalt mit abgebildetem Totenkopfe auf der Brust muhsam und mit zitterndem Atem die Terrassen hinauf. "Gedenke des Todes!" (sagte sie) "Du bist Albano de Zesara?" "Ja!" (sagte Zesara) "wer bist du?" "Ich bin" (sagte sie) "ein Vater des Todes14. Ich zittere nicht aus Furcht, sondern aus Gewohnheit so."
Die Glieder des Mannes blieben auf eine grausende Art in einem allgemeinen Erbeben, das man zu horen glaubte. Zesara hatte oft seiner mussigen Kuhnheit ein Abenteuer gewunscht; jetzt hatt' ers vor sich; indes wachte er doch behutsam mit dem Auge, und da der Monch sagte: "Schaue zum Abendstern hinauf und sage mir, wenn er untergeht, denn mein Gesicht ist schwach", so warf er nur einen eilenden Blick dahin: "Noch drei Sterne" (sagt' er) "sind zwischen ihm und der Alpe." "Wenn er untergeht," (fuhr der Vater fort) "so gibt deine Schwester in Spanien den Geist auf, und darauf redet sie dich hier aus dem Himmel an." Zesara wurde kaum von einem Finger der kalten Hand des Schauders beruhrt, bloss weil er in keinem Zimmer war, sondern in der jungen Natur, die um den zagenden Geist ihre Berge und Sterne als Huter stellt, oder auch, weil die weite dichte Korperwelt so nahe vor uns die Geisterwelt verdrangt und verbauet; er fragte mit Entrustung: "Wer bist du? was weisst du? was willst du?" und griff nach den zusammengefalteten Handen des Monchs und hielt beide mit einer gefangen. "Du kennst mich nicht, mein Sohn!" (sagte ruhig der Vater des Todes) "Ich bin ein Zahuri15 und komme aus Spanien von deiner Schwester; ich sehe die Toten unten in der Erde und weiss es voraus, wenn sie erscheinen und reden. Ich aber sehe ihr Erscheinen uber der Erde nicht und hor' ihr Reden nicht."
Hier blickte er den Jungling scharf an, dessen Zuge plotzlich so starrer und langer wurden; denn eine Stimme, wie eine weibliche bekannte, fing uber seinem Haupte langsam an: "Nimm die Krone, nimm die Krone ich helfe dir." Der Monch fragte: "Ist der Abendstern schon hinunter? Spricht es mit dir?" Zesara blickte in die Hohe und konnte nicht antworten; die Stimme aus dem Himmel sprach wieder und dasselbe. Der Monch erriet es und sagte: "So hat dein Vater deine Mutter aus der Hohe gehoret, als er in Deutschland war; aber er liess mich lange in Fesseln legen, weil er dachte, ich tausche ihn." Beim Worte "Vater", dessen Geisterunglauben Zesara kannte, riss er den Monch an den beiden Handen mit der festhaltenden starken die Terrassen hinunter, um zu horen, wo jetzt die Stimme stehe. Der Alte lachelte sanft, die Stimme sprach wieder uber ihm, aber so: "Liebe die Schone, liebe die Schone ich helfe dir." Am Ufer hing ein Fahrzeug, das er am Tage schon gesehen. Der Monch, der ihm vermutlich den Argwohn einer irgendwo verborgenen Stimme nehmen wollte, stieg in die Gondel und winkte ihm nachzufolgen. Der Jungling, im Vertrauen auf seine korperliche und geistige Macht und auf seine Schwimmkunst, entfernte sich mit dem Monche kuhn von der Insel; aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern, da nicht nur die Stimme uber ihm wieder rief:
"Liebe die Schone, die ich dir zeige, ich helfe dir", sondern da er auch gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit einem glanzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas, wie eine hohere Aphrodite, heben sah. Aber in wenig Sekunden sank die Gottin wieder in die Wogen zuruck, und die Geisterstimme lispelte oben fort: "Liebe die Schone, die ich dir zeigte." Der Monch betete kalt und schweigend unter der Szene und sah und horte nichts; endlich sagte er: "Am kunftigen Himmelfahrtstage in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut verkundigen."
Wenn vor uns flussigen schwachen Gestalten, die gleich Polypen und Blumen das Licht eines hohern Elementes nur fuhlen und suchen, aber nicht sehen, in der Totalfinsternis unsers Lebens ein Blitz durch den erdichten Klumpen schlagt, der vor unsere hohere Sonne gehangen ist16: so zerschneidet der Strahl den Sehnerven, der nur Gestatten, nicht Licht vertragt; kein heisses Erschrecken beflugelt das Herz und das Blut, sondern ein kaltes Erstarren vor unsern Gedanken und vor einer neuen unfasslichen Welt sperrt den warmen Strom, und das Leben wird Eis.
Albano, aus dessen voller Phantasie ebenso leicht ein Chaos als ein Universum sprang, wurde bleich, aber ihm war, als verlier' er nicht sowohl den Mut als den Verstand; er ruderte ungestum, beinahe bewusstlos ans Ufer er konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht schauen, weil seine unbandige, alles auseinanderreissende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu grasslichen umwalzte und ausdehnte er hort' es kaum, als der Monch zum Abschiede sagte: "Vielleicht komm' ich am nachsten Karfreitage wieder." Der Monch bestieg einen Kahn, der von selber dahinfuhr (wahrscheinlich durch ein unter dem Wasser umtreibendes Rad), und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischerinsel (Isola peschiere).
Eine Minute lang taumelte Alban, und ihm kam es vor, als sei der Garten und der Himmel und alles eine weichende aufgelosete Nebelbank, als geb' es nichts, als hab' er nicht gelebt. Diesen arsenikalischen Qualm blies auf einmal von der erstickenden Brust der Atem des Bibliothekar Schoppe, der lustig zum Schlaffenster herauspfiff; jetzt wurde sein Leben wieder warm, die Erde kam zuruck, und das Dasein war. Schoppe, der vor Warme nicht schlafen konnte, stieg herunter, um sich auch auf die zehnte Terrasse zu betten. Er sah an Zesara ein heftiges inneres Wogen, aber er war schon daran gewohnt und forschte nicht.
8. Zykel
Nicht von Vernunfteleien, sondern von Scherzen schmilzt leicht das Eis in unserem stockenden Raderwerke. Nach einer gesprachigen Stunde war dem Junglinge nicht viel mehr davon ubrig als eine argerliche Empfindung und eine frohe; jene daruber, dass er den Monch nicht bei der Kutte genommen und dem Ritter vorgefuhrt; und die frohe uber die hohe weibliche Gestalt und selber uber die Aussicht in ein Leben voll Abenteuer. Gleichwohl fuhren, wenn er die Augen schloss, Ungeheuer voll Flugel, Welten voll Flammen und ein tiefes wogendes Chaos um seine Seele.
Endlich gingen in der Kuhle der Nachmitternacht seine muden Sinnen naher fortgezogen und auseinanderfallend dem Magnetberg des Schlummers zu; aber welcher Traum kam ihm auf diesem stillen Berge nach! "Er lag" (so traumte ihm) "auf dem Krater des Hekla. Eine aufdringende Wassersaule hob ihn mit sich empor und hielt ihn auf heissen Wellen mitten im Himmel fest. Hoch in der Athernacht uber ihm streckte sich ein finsteres Gewitter, wie ein langer Drache, von verschlungnen Sternbildern aufgeschwollen, aus; nahe darunter hing ein helles Wolkchen, vom Gewitter gezogen durch den lichten Nebel des Wolkchens quoll ein dunkles Rot entweder von zwei Rosenknospen oder von zwei Lippen und ein gruner Streif von einem Schleier oder von einem Olzweige und ein Ring von milchblauen Perlen oder von Vergissmeinnicht endlich zerfloss ein wenig Duft uber dem Rot, und bloss ein offnes blaues Auge blickte unendlich mild und flehend auf Albano nieder; und er streckte die Hande aus nach der umwolkten Gestalt, aber die Wassersaule war zu niedrig. Da warf das schwarze Gewitter Hagelkorner, aber sie wurden im Fallen Schnee und dann Tautropfen und endlich im Wolkchen silbernes Licht, und der grune Schleier wallte erleuchtet im Dunst. Da rief Albano: Ich will alle meine Tranen vergiessen und die Saule aufschwellen, damit ich dich erreiche, schones Auge! Und das blaue Auge wurde feucht von Sehnen und sank vors Liebe zu. Die Saule wuchs brausend, das Gewitter senkte sich und druckte das Wolkchen voraus, aber er konnt' es nicht beruhren. Da riss er seine Adern auf und rief: Ich habe keine Tranen mehr, Geliebte, aber all' mein Blut will ich fur dich vergiessen, damit ich dein Herz erreiche. Unter dem Bluten drang die Saule hoher und schneller auf der weite blaue Ather wehte und das Gewitter verstaubte und alle verschlungnen Sterne traten mit lebendigen Blicken heraus das flatternde freie Wolkchen schwebte blitzend zur Saule nieder das blaue Auge tat sich in der Nahe langsam auf und schneller zu und hullte sich tiefer in sein Licht; aber ein leiser Seufzer sagte in der Wolke: Zieh mich in dein Herz! O da schlang er die Arme durch die Blitze und schlug den Nebel weg und riss eine weisse Gestalt, wie aus Mondlicht gebildet, an die Brust voll Glut Aber ach der zerrinnende Lichtschnee entwich den heissen Armen die Geliebte verging und wurde eine Trane und die warme Trane drang durch seine Brust und sank in sein Herz und brannte darin und es rann auseinander und wollte vergehen".... Da schlug er die Augen auf.
Aber welches uberirdische Erwachen! Das weisse ausgeleerte Wolkchen, mit Gewittertropfen befleckt, hing, auf ihn hereingebuckt, noch am Himmel es war der helle, liebendnahe uber ihn hereingesunkne Mond. Er hatte sich im Schlafe verblutet, weil sich darin die Binde von der Wunde des Armes durch das heftige Bewegen desselben verschoben hatte. Die Entzuckungen hatten den Nachtfrost des Geisterschreckens zerschmolzen. In einem verklarenden Ersterben flatterte aufgebunden sein so festes Dasein umher wie ein beweglicher Traum in den gestirnten Himmel war er wiegend aufgeschwemmt wie an eine Mutterbrust, und alle Sterne waren in den Mond geflossen und dehnten seinen Schimmer aus sein Herz, in eine warme Trane geworfen, ging sanft darin auseinander ausser ihm schattete es nur, in ihm strahlte es blendend der Flug der Erde wehte vor der aufgerichteten Flamme seines Ichs vorbei und bog sie nicht um. Ach seine Psyche glitt mit scharfen ungeregten ungehorten Falkenschwingen entzuckt und still durch das dunne Leben....
Ihm kam es vor, als sterbe er, denn spat war er die steigende Erwarmung des linken verblutenden Armes innen geworden, der ihn ins lange Elysium, das aus dem Traume ins Wachen reichte, gehoben hatte. Er legte ihm die Binde fester um.
Auf einmal hort' er unter dem Verbinden ein lauteres Platschern unter sich, als blosse Wellen machen konnten. Er schauete uber das Gelander und sah seinen Vater mit Dian ohne Abschied der fur Gaspard nur die giftige Herbstblume in der Herbstminute einer Abreise war wie ausgefallne Blutenblatter aus der Blumenkrone seines Lebens uber die Wellen fliehen unter dem Schwanenliede der Nachtigallen! ... Guter Mensch, wie oft hat dich diese Nacht betoret und beraubt! Er breitete die Arme ihnen nach der Schmerz des Traums fuhr fort und begeisterte ihn der fliehende Vater schien ihm wieder liebender schmerzlich rief er hinab: "Vater, sieh dich um nach mir! Ach wie kannst du mich so stumm verlassen? Und du auch, Dian! O trostet mich, wenn ihr mich hort!" Dian warf ihm Kusse zu, und Gaspard legte die Hand auf das sieche Herz. Albano dachte an die Kopistin des Todes, an die Starrsucht, und hatte gern den verletzten Arm uber die Wellen gehalten und das warme Leben als eine Libation fur den Vater vergossen; und rief nach: "Lebt wohl, lebt wohl!" Schmachtend druckt' er die kalten steinernen Glieder einer kolossalischen Statue an seine brennenden Adern an, und Tranen der vergeblichen Sehnsucht uberquollen sein schones Angesicht, wahrend die warmen Tone der welschen Nachtigallen, die von dem Ufer und der Insel gegeneinanderschlugen, mit linden Vampyrenzungen das Herz wundsogen.
Ach wenn du einmal geliebt wirst, gluhender Jungling, wie wirst du lieben! Er weckte, im Durste nach einer warmen sprechenden Seele, seinen Schoppe auf und zeigte ihm die Flucht. Aber indem dieser irgend etwas Trostendes sagte, schauete Albano unverwandt dem grauen Punkte des Fahrzeugs nach und horte nichts.
9. Zykel
Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der betaueten Insel; und sie wurden durch den Anblick, wie das erhobene Bildwerk des Tages farbig-gleissend aus den erloschen den Kreidenzeichnungen des Mondlichts heraustrat, lebendig und wach. Augusti kam auch und schlug ihnen die halbstundige Fahrt nach Isola madre vor. Albano flehte beide herzlich an, allein hinzufahren, ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergangen zu lassen. Der Lektor fasste jetzt die Spuren der nachtlichen Angriffe scharfer ins Auge wie schon hatte der Traum, der Monch, die Schlaflosigkeit, die Verblutung die tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht, und die Kraft war jetzt nur ein zauberischer Wasserfall im Mondenlicht. Augusti nahm es fur Eigensinn und fuhr allein mit Schoppe; aber die wenigsten Menschen begreifen, dass man nur mit den wenigsten Menschen (mit keiner Visiten-Armee), eigentlich nur mit zweien, mit dem innigsten und ahnlichsten Freunde und mit der Geliebten, spazieren gehen konne. Wahrlich ich will ebenso gern im Angesichte des Hofes am Geburtstage der Furstin zu einer Liebeserklarung offentlich niederknien als denn man zeige mir doch den Unterschied zwischen einem langen Vor- und Nachtrabe das trunkne Auge auf dich, Natur, meine Geliebte, heften.
Wie glucklich wurde durch die Einsamkeit Albano, dessen Herz und Augen voll Tranen standen, die er schamhaft verbarg und die ihn doch vor seinem eignen Urteile so rechtfertigten und erhoben! Er trug sich namlich mit dem sonderbaren Irrtume feuriger und starker Junglinge, er habe kein weiches Herz, zu wenig Gefuhl und sei schwer zu ruhren. Aber jetzt gab ihm die Entkraftung einen dichterischen weichen Vormittag, wie er noch keinen gehabt, wo er alles weinend umarmen wollte, was er je geliebt seine guten fernen Pflegeeltern in Blumenbuhl seinen kranken Vater, ders gerade im Fruhling war, wo immer der Tod sein blumiggeschmucktes Opfertor aufbauet und seine in die Vergangenheit gehullte Schwester, deren Bild er bekommen, deren AfterStimme er diese Nacht gehort und deren letzte Stunde ihm der nachtliche Lugner naher gemalt. Sogar das nachtliche, noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn durch die Unerklarlichkeit da ers keinem bekannten Menschen zuzuschreiben wusste und durch die Weissagung beklommen, dass er an seiner Geburtsstunde und diese stand so nahe, am Himmelfahrtstage den Namen seiner Braut vernehmen wurde. Der lachende Tag nahm zwar den Geisterszenen die Totenfarbe, gab aber der Krone und der Wassergottin frischen Glanz.
Er durchschwankte alle heilige Statten in diesem gelobten Lande Er ging in die dunkle Arkade, wo er die Reliquien seiner Kindheit und seinen Vater gefunden hatte, und nahm mit einem bangen Gefuhle die auf den Boden entfallne zerquetschte Larve zu sich. Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein besprengte Galerie und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im weiten Blau, wo ihm der Mond wie das aufgegangne Mutter-Auge erschienen war. Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbeerwalde, die sich in 20 Absatze wie er in 20 Jahre zerteilte, und er fuhlte auf den heissen Wangen ihren dunnen Regen nicht.
Er stieg nun auf die hohe Terrasse zuruck, um seinen Freunden entgegenzusehen. Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der aussern Welt in den heiligen dunkeln Irrhain der innern! Die Natur, die gestern ein flammender Sonnenball gewesen, war heute ein Abendstern voll Dammerlicht die Welt und die Zukunft lagen so gross um ihn und doch so nahe und beruhrend, wie vor dem Regen Eisberge naher scheinen im tiefern Blau er stellte sich auf das Gelander und hielt sich an die kolossalische Statue, und sein Auge schweifte hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab, und unter der freundlichen Luft Hesperiens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und alle Blatter auf weisse Turme blinkten aus dem Ufer-Grun, und Glocken und Vogel klangen im Winde durcheinander. Ein schmerzliches Sehnen fasste ihn, da er nach der Bahn seines Vaters sah; ach nach dem warmern Spanien voll schwelgerischer Fruhlinge, voll lauer OrangeNachte, voll umhergeworfener Glieder zerstuckter Riesengeburge, da ware er gern durch den schonen Himmel hingeflogen! Endlich loste sich das Freuen und das Traumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmut auf, worein das Ubermass der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet, weil ja unsere Brust leichter zu uberfullen als zu fullen ist.
Auf einmal wurde Albano geruhrt und ergriffen, als wenn die Gottheit der Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte, um ihn fur ihre kunftige Erscheinung einzuweihen, da er an einem indischen Baumchen neben sich den Zettel mit dessen Namen Liane las. Er sah es zartlich an und sagte immer: "Liebe Liane!" Er wollte sich einen Zweig abbrechen; da er aber daran dachte, dass dann Wasser aus ihm rinne, so sagte er: "Nein, Liane, durch mich sollst du nicht weinen" und unterliess es, weil in seiner Erinnerung das Gewachs auf irgendeine Art mit einem unbekannten teuern Wesen in Verwandtschaft stand. Sich unaussprechlich-hinubersehnend blickte er jetzt nach den Tempeltoren Deutschlands, nach den Alpen in einem Fruhlingswolkchen schien sich der schneeweisse Engel seines Traums tief einzuhullen und nur stumm darin dahinzuschweben und es war ihm, als hor' er von fernen Harmonikatone. Er zog, um nur etwas Deutsches zu haben, eine Brieftasche heraus, worauf seine Pflegeschwester Rabette die Worte gestickt: Gedenke unserer; er fuhlte sich allein und war nun erfreuet uber die Freunde, welche heiter von Isola madre zuruckruderten.
Ach Albano, welch ein Morgen ware dieser fur einen Geist wie deinen zehn Jahre spater gewesen, wo sich die feste Knospe der jungen Pracht schon weiter und weicher und loser auseinander geblattert hatte! Vor einer Seele wie deiner waren dann, da die Gegenwart in ihr blass wurde, zwei Welten zugleich die zwei Ringe um den Saturn der Zeit die der Vergangenheit und die der Zukunft miteinander aufgegangen; du hattest nicht bloss uber die kurze ruckstandige Laufbahn an das helle weisse Ziel geblickt, sondern dich umgewandt und die krumme lange durchlaufene uberschauet. Du hattest die tausend Fehlgriffe des Willens, die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung des Herzens und des Gehirns. Wurdest du auf den Boden haben sehen konnen, ohne dich zu fragen: Ach haben die 1004 Erschutterungen17, die durch mich wie durch das Land hinter mir gegangen sind, mich ebenso befruchtet wie dieses? O da alle Erfahrungen so teuer sind, da sie uns entweder unsere Tage kosten oder unsere Krafte oder unsere Irrtumer: o warum muss der Mensch an jedem Morgen vor der Natur, die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert, so verarmet uber die tausend vergeblich vertrockneten Tranen erroten, die er schon vergossen und gekostet hat? Aus Fruhlingen zieht diese Allmachtige Sommer auf, aus Wintern Fruhlinge, aus Vulkanen Walder und Berge, aus der Holle einen Himmel, aus diesem einen grossern und wir torichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Zukunft zu bereiten, die uns stillt wir hacken wie die Steindohle nach jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstuck beiseite und zunden damit Hauser an ach mehr als eine grosse schone Welt geht unter in der Brust und lasst nichts zuruck, und gerade der Strom der hohern Menschen verspringt, und befruchtet nichts, wie sich hohe Wasserfalle zersplittern und schon weit uber der Erde verflattern.
Albano empfing die Freunde mit vergutender Zartlichkeit; aber dem Junglinge wurde mit der Zunahme des Tages so ode und bange wie einem, der seine Stube im Gasthofe ausgeleeret, der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfelde auf- und abzugehen hat, bis die Pferde kommen. Wie fallende Korper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlusse in jeder neuen Sekunde schneller und starker; er bat mit ausserer Milde, aber innerer Heftigkeit seine Freunde, noch heute mit ihm abzureisen. Und so ging er nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab, um durch die Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Buhne seines Lebens und an die Fallture zu kommen, die sich in den unterirdischen Gang so vieler Ratsel offnet.
Antrittsprogramm des Titans
Eh' ich den Titan dem flachsenfingischen geheimen Legationsrat und Lehnpropst, Herrn von Hafenreffer, dedizierte: so fragt' ich bei ihm erst so um die Erlaubnis an: "Da Sie weit mehr an dieser Geschichte mitarbeiteten als der russische Hof an Voltairens Schopfungsgeschichte des grossen Peters: so konnen Sie meinem dankbegierigen Herzen nichts Schoneres geben als die Erlaubnis, Ihnen wie einem Judengotte das zu opfern und zu dedizieren, was Sie geschaffen haben."
Aber er schrieb mir auf der Stelle zuruck:
"Aus derselben Raison konnten Sie, wie es Sonnenfels getan, das Werk noch besser sich selber dedizieren und, in einem richtigern Sinne als andere, den Verfasser und Gonner desselben zugleich vereinen. Lassen Sie mich (auch schon des Herrn von ** und der Frau von ** wegen) aus dem Spiele; und schranken Sie sich bloss auf die notwendigsten Notizen ein, die Sie dem Publikum von dem sehr maschinenmassigen Anteil, den ich an Ihrem schonen Werke habe, etwa gonnen wollen, aber um der Gotter willen hic haec hoc hujus huic hunc hanc hoc hoc hac hoc."
v. Hafenreffer.
Die romische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben.
Was dasselbe vom Antrittsprogramme zu fordern hat, sind vier Namenerklarungen und eine Sacherklarung.
Die erste Namenerklarung, welche die Jobelperiode angeht, treff' ich schon bei dem Stifter der Periode, dem Superintendent Franke, an, der sie fur eine von ihm erfundne Ara oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklart, deren jeder seine guten 49 tropischen Mondsonnenjahre in sich halt. Das Wort Jobel setzt der Superintendent voran, weil in jedem siebenten Jahre ein kleines, und in jedem siebenmal 7ten oder 49sten ein grosses Jobel-, Schalt-, Erlass-, Sabbatsoder Hall-Jahr anbrach, wo man ohne Schulden, ohne Saen und Arbeiten und ohne Knechtschaft lebte. Glucklich genug wend' ich, wie es scheint, diesen Jobelnamen auf meine historischen Kapitel an, welche den Geschaftsmann und die Geschaftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei-, Sabbats-, Erlass-, Hall- und Jobelstunden herumfuhren, worin beide nicht zu saen und zu bezahlen, sondern nur zu ernten und zu ruhen brauchen; denn ich bin der einzige, der als krummgeschlossener pflugender Froner an dem Schreibtische steht und welcher Saemaschinen und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht. Die siebentausendvierhundertundachtundvierzig tropischen Mondsonnenjahre, die eine Frankesche Jobelperiode enthalt, sind auch in meiner vorhanden, aber nur dramatisch, weil ich dem Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideen und diese sind ja das Langen- und Kubikmass der Zeit vortreiben werde, bis ihm die kurze Zeit so lang geworden, als das Kapitel verlangte.
Ein Zykel welches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklarung ist braucht nun gar keine.
Die dritte Nominaldefinition hat die obligaten Blatter zu beschreiben, die ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebe. Die obligaten Blatter nehmen durchaus nur reine gleichzeitige, mit meinem Helden weniger zusammenhangende Fakta von solchen Leuten auf, die mit ihm desto mehr zusammenhangen; auch in den obligaten Blattern ist nicht das kleinste, nur einer Brandblase grosse satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich, sondern der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen langen Bandes zwischen lauter historischen Figuren auf allen Seiten von fliegenden Corps, von tatigen Knapp- und Judenschaften, anruckenden Marschsaulen, reitenden Horden und spielenden Theatertruppen umzingelt und er kann sich gar nicht satt sehen.
Ist aber der Tomus aus: so fangt das ist die letzte Nominaldefinition sich ein kleiner an, worin ich mache, was ich will (nur keine Erzahlung), und worin ich mit solcher Seligkeit mit meinem langen Bienenstachel auf- und abfliege von einer Bluten-Nektarie und Honigzelle zur andern, dass ich das bloss zum Privatvorteile meines Ausschweifens gebauete Filialbandchen recht schicklich meine Honigmonate benenne, weil ich darin Honig weniger mache als esse, geschaftig nicht als eintragende Arbeitsbiene, sondern als zeidelnder Bienenvater. Bisher hatt' ich freilich geglaubt, das Durchfahren meiner satirischen Schwanzkometen wurde jeder Leser von dem ungestorten Gange meines historischen Planetensystems auf der Stelle absondern, und ich hatte mich gefragt: "Wird denn in einer Monatsschrift die Einheit einer Geschichte durch das Abbrechen der letztern und durch die Erbfolge eines andern Aufsatzes beschadigt; und haben sich denn die Leser daruber beschweret, wenn z.B. in den Horen-Jahrgangen zuweilen Cellinis Geschichte abgebrochen und ein ganz anderer Aufsatz eingehoben wurde?" Aber was geschah?
Wie im Jahre 1795 eine medizinische Gesellschaft in Brussel den contract social unter sich machte, dass jeder eine Krone Strafgeld erlegen sollte, der in der Session einen andern Laut von sich gabe als einen medizinischen: so ist bekanntlich ein ahnliches Edikt vom 9ten Juli an alle Biographen erlassen, dass wir stets bei der Sache welches die Historie ist bleiben sollten, weil man sonst mit uns reden wurde. Der Sinn des Mandats ist der, dass, wenn ein Biograph in allgemeinen Welthistorien von 20 Banden, ja in noch langern wie z.B. in dieser ein- oder zweimal denkt oder lacht, d.h. abschweift, Inkulpat auf der kritischen Pillory als sein eigner Pasquino und Marforio ausstehen soll welches man an mir schon mehr als einmal vollstreckte.
Jetzt aber geb' ich den Sachen eine andere Gestalt, indem ich erstlich Geschichte und Digression in diesem Werke strenge auseinanderhalte wenig Dispensationsfalle ausgenommen , zweitens indem ich die Freiheiten, die ich mir in meinen vorigen Werken nahm, im jetzigen zu einem Rechte, zu einer Servitut verjahre und verstarke; der Leser ergibt sich, wenn er weiss, nach einem Bande voll Jobelperioden erscheinet durchaus nie etwas anders als einer voll Honigmonate. Ich schame mich, wenn ich mich erinnere, wie ich sonst in fruhern Werken mit dem Bettelstabe vor dem Leser stand und um Ausschweifungen bat, indes ich doch wie ich hier tue mir das Anleihen hatte erzwingen konnen, wie man von Weibern mit Erfolg nicht nur Tribut als Almosen, sondern auch das don gratuit als Quatembersteuer zu begehren hat. So macht es nicht bloss der kultivierte Regent auf dem Landtage, sondern schon der rohe Araber, der dem Passagier ausser der Barschaft noch einen Schenkungsbrief derselben abnotigt.
Ich komme nun auf den geheimen Legationsrat von Hafenreffer, welcher der Gegenstand meiner versprochnen Sacherklarung ist.
Aus dem 45sten Hundsposttage sollt' es einmal bekannt sein, wer Flachsenfingen beherrscht namlich mein Herr Vater. Im Grunde war meine so frappante Standeserhohung mehr ein Schritt als ein Sprung; denn ich war vorher schon Jurist, mithin schon die Knospe oder das Blutenkatzchen eines noch eingewickelten Doktors utriusque, und folglich ein Edelmann, da im Doktor der ganze Rogen und Dotter zum Ritter steckt; daher er auch so gut wie dieser, wenn gerade etwas vorbeigeht, vom Sattel oder Stegreif lebt, wiewohl weniger in einem Raubschlosse als Raubzimmer. Ich habe also seit dem Avancement weniger mich geandert als mein Residenzschloss das vaterliche in Flachsenfingen ist gegenwartig mein eignes.
Ich mag nun nicht gern am Hofe mein Zuckerbrot mit Sunden essen wiewohl man gemachlicher Zukker- und Himmelsbrot erwirbt als Schiffsbrot , sondern ich stelle, um zu wuchern mit meinem Schiffspfunde, das ganze flachsenfingische Departement der auswartigen Angelegenheiten zu Hause im Schlosse vor samt der erforderlichen Entzifferungskanzlei. Das will aber getan sein: wir haben einen Prokurator in Wien zwei Residenten in funf Reichsstadten einen Komitialsekretarius in Regensburg unter der Querbank drei Kreis-Kanzlisten und einen bevollmachtigten Envoye an einem bekannten ansehnlichen Hofe unweit Hohenfliess, welches eben der obgedachte Herr Lehnpropst von Hafenreffer ist. Letzterem hat sogar mein Herr Vater ein vollstandiges Silberservice vorgestreckt, das wir ihm lassen, bis er den Rappell erhalt, weil es unser eigner Vorteil ist, wenn ein flachsenfingischen Botschafter dem flachsenfingischen Furstenhute oder Kronlein auswarts durch Aufwand mehr Ehre macht als gewohnliche.
Auf einem solchen Posten wie meinem steht man nun nicht zum Spasse da; die ganze Legations-Schreibe- und Lesegesellschaft kouvertiert und schreibt an mich, die chiffre banal und die chiffre dechiffrant ist in meinen Handen, und wie es scheint, versteh' ich den Rummel. Unsaglich ists, was ich erfahre es ware nicht zu lesen von Menschen, noch zu ziehen von Pferden, wollt' ich allen den Seidenwurmsamen von Nouvellen biographisch ausbruten, grossfuttern und abhaspeln, den mir das Gesandten-Corpo posttaglich in festen Duten schickt. Ja (in einer andern Metapher) das biographische Bauholz, das meine Flossinspektion fur mich bald in die Elbe, bald in die Saale, bald in die Donau oben herabwirft, steht schon so hoch vor mir auf dem Zimmerplatze, dass ichs nicht verbauen konnte, gesetzt dass ich die asthetischen Bauten meiner biographischen Narrenschiffe, Redoutensale und Zauberschlosser forttriebe Tag und Nacht, jahraus, jahrein und weder mehr tanzte noch ritte noch sprache noch niesete....
Wahrlich wenn ich oft so meinen schriftstellerischen Eierstock gegen manchen fremden Rogen abwage: so frag' ich ordentlich mit einem gewissen Unmut, warum ein Mann einen so grossen zu tragen bekommen, der ihn aus Mangel an Zeit und Platz nicht von sich geben kann, indes ein andrer kaum ein Windei legt und herausbringt. Wenn ich ein Pikett aus meiner Legations-Division den Ritterbuchermachern mit dessen offiziellen Berichten zuschicken konnte: wurden sie nicht gern Ruinen gegen Schlosser und unterirdische Klostergange gegen Korridore und Geister gegen Korper vertauschen, anstatt dass ihnen jetzt aus Mangel an offiziellen Berichten des Piketts die Dirnen die Weltdamen, die Feimer die Justizminister vertreten mussen, so wie die Schalken die Pagen, die Burgpfaffen die Hofprediger und der Raubadel die Pointeurs?
Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenreffer zuruck. Am obgedachten ansehnlichen Hofe sitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir seiner Nebenarbeiten unbeschadet von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem hohenfliessischen Helden zu, als er durch sieben Legations-Zeichendeuter oder Clairvoyants erwischen kann die kleinsten Lappalien sind ihm erheblich genug fur eine Depesche. Wahrhaftig eine ganz andre Denkweise als die andrer Gesandten, die nur fur Ereignisse, die nachher in die Universalhistorie einrucken, Platz in ihren Berichten machen! Hafenreffer hat in jeder Sackgasse, Bedientenstube und Mansarde, in jedem Schornstein und Wirtschaftsgebaude seinen Operngucker von Spion, der oft, um eine Tugend meines Helden auszumitteln, sich zehn Sunden unterziehet. Freilich bei solchen Hand- und Spanndiensten des Glucks muss es keinen von uns wundernehmen, ich meine namlich bei einem solchen Schopfrade, das mir Fortuna selber umdreht bei solchen Diebsdaumen, die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet bei solchen Silhouetteurs eines Helden, die alles machen ausser der Farbe kurz bei einer so ausserordentlichen Vereinigung von Umstanden oder Montgolfieren kann es freilich nichts, als was man erwartet, sein, wenn der Mann, den sie heben, droben auf seiner Berghohe ein Werk zusammenbringt und nachher herunterschickt, das man (denn es verdients) nach dem Jungsten Tage auf der Sonne, auf dem Uranus und Sirius frei ubersetzt, und auf welches sogar der gluckliche Posenschraper, der die Kiele dazu abzog, und der Setzer, der die Errata druckt, sich mehr einbilden wollen als der Autor selber, und in welches weder die schnelle Sense noch der trage Zehn der Zeit besonders da man dieses Gebiss nach Erfordern mit der Zahnsage der kritischen Feile entzweibringen kann einzuschneiden vermogend sind. Fugt der Verfasser solchen Vorzugen noch gar den der Demut bei: so ist ihm niemand weiter zu vergleichen; aber leider halt jede Natur sich, wie Doktor Crusius die Welt, zwar nicht fur die beste, aber doch fur sehr gut.
Der gegenwartige Titan benutzt noch den andern Vorteil, dass ich gerade den vaterlichen Hof bewohne und schmucke und mithin als Zeichner gewisse Sunden recht glucklicherweise naher und heller vor dem Auge zum Beschauen habe, wovon mir wenigstens der Egoismus, die Libertinage und das Mussiggehen gewiss bleiben und sitzen; denn diese Schwamme und Moose saete das Schicksal so weit, als es konnte, in die hohern Stande hinauf, weil sie in den niedern und breitern zu sehr ausgegriffen und sie ausgesogen hatten welches das Muster derselben Vorsicht gewesen Zu sein scheint, aus der die Schiffe den Teufelsdreck, den sie aus Persien holen, stets oben an den Mastbaum hangen, damit sein Gestank nicht die Fracht des Schiffraums besudle. Ferner hab' ich hier oben am Hofe jede neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich, eh' sie drunten nur gelastert, geschweige gepriesen worden. Z.B. die schone Pariser Mode, dass die Weiber durch einen kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen welches sie in Paris tun, um sehen zu lassen, dass sie nicht unter die Herren gehoren, die bekanntlich auf Steckenbeinen gehen , diese wird (denn auf eine einzige Dame kommt es an) morgen oder ubermorgen gewisslich eingefuhrt. Doch ahmen die Flachsenfingerinnen diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach denn uns Herren fehlet nichts , weil sie zu beweisen wunschen, dass sie Menschen und keine Affen (geschweige weniger) sind, da nach Camper und andern nur der Mensch allein Waden anhat. Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzehend, nur mit hohern Grunden gefuhrt. Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt als durch den Besitz eines Steisses: so suchten damals die weiblichen Kronbeamten, die Putzjungfern, an ihren Gebieterinnen diesen Geschlechtscharakter, der sie unterscheidet, durch Kunst durch den sogenannten cul de Paris so sehr als moglich zu vergrossern, und bei einer solchen Penultima der Ultima war es damals schon auf 200 Schritte weit ein Spass und ein Spiel, eine Weltdame von ihrer Affin abzutrennen, welches jetzt viele, die ihren Buffon auswendig konnen, in keiner grossern Nahe sich getrauen wollen als in einer zu grossen.
Ahnliche biographische Denunzianten und Familiaren unterhalt' ich in mehrern deutschen Stadten mein Herr Vater bezahlts , in den meisten einen, aber in Leipzig zwei, in Dresden drei, in Berlin sechse, in Wien ebensoviel in jedem Stadtviertel. Maschinen solcher Art, die den Perspektiven so sehr gleichen, womit man aus seinem Bette alles beschauen kann, was unten auf der Gasse vorfallt, machen es freilich einem Autor leicht, hinter seinem Dintenfasse in dunkle verbauete Haushaltungen in einer 20 Meilen entfernten Winkelgasse gefuhrt hell hinunterzusehen. Daher kann mir jede Woche der narrische Fall begegnen, dass ein gesetzter stiller Mann, den niemand kennt als sein Barbier und dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist dem aber heimlich einer meiner Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht, welcher des Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreissig Meilen abliegende Studierstube hineinspiegelt , es kann mir der Fall aufstossen, sag' ich, dass ein solcher entlegner Mann zufallig vor den Ladentisch des Buchhandlers tritt und in meinem Werke, das rauchend aus dem Backofen dort liegt, sich mit seinen Haaren, Knopfen, Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371. Seite abgebildet findet, als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrucke indischer Pflanzen antrifft. Es tut aber nichts.
Leute hingegen, die mit mir an einem Orte wohnen, welches sonst die Hofer taten, kommen gut davon; denn neben mir halt' ich keine Gesandten.
Aber eben dieser Vorzug, dass ich meine Geschichten nicht aus der Luft greife, sondern aus Depeschen, notigt mich, mehr Muhe anzuwenden, sie zu verziffern, als andere hatten, sie aufzuschmucken oder auszusinnen. Kein kleineres Wunder als das, welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt, schien bisher die Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden, und zwar mit einem solchen Glucke, dass von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten, mit Mutmassungen gefullten Brieffelleisen keines Mause merkte. (Und recht zum Vorteil der Welt; denn sobald z.B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei verzognen Namen der ersten Bande des Titans auseinanderringelt, so stoss' ich das Dintenfass um und gebe nichts mehr heraus.)
Aus den Namen ist bei mir nichts zu schliessen, weil ich die Paten zu meinen Helden auf den sonderbarsten Wegen presse. Bin ich z.B. nicht oft abends? wahrend dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere, die ihre Kreuzzuge nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten, in den Zeltgassen mit der Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen, die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden, so wie sie fielen, aufgefangen und eingetragen, um sie wieder unter meine biographischen Leute auszuteilen? Und avancierte dabei nicht das Verdienst, und mancher Gemeine stieg zum tafel- und turnierfahigen Edelmann auf, Profosse zu Justizministern, und Rotmantel zu patribus purpuratis? Und krahte je ein Hahn im ganzen Heere nach diesem herumschleichenden, auf zwei Fussen mobil gemachten Observationskorps?
Fur Autoren, die wahre Geschichten zugleich erzahlen und vermummen wollen, bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flugelmann. Ich habe langer als andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen, die eine Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen konnen, studiert und imitiert und glaube zu wissen, wie man gute Regentengeschichten, Protokolle von Majestatsverbrechern, Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen musse; keine starkere Zuge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Cortona (oder Beretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein lachendes umzeichnete, und dieses in jenes zuruck.
Voltaire verlangte mehr als einmal wie bei allen Sachen; denn er gab der Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte sich und alles unverdrossen , dass der Historiker seine Geschichte nach den Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt. Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles und griechische Muster geben, dass der Schauspieldichter jeder historischen Begebenheit, die er behandelt, alles leihen musse, was der poetischen Tauschung zuschlagt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und dass er Schonheit nie der Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser grosse Theaterdichter des Welttheaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewiss sein konnte, er gelange eher zur Tauschung. Und das ist eigentlich die echte, dem historischen Romane entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern andere namlich der Lehnpropst und die Legationssekretare konnen entscheiden, inwiefern ich eine wahre Geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Ungluck ists, dass schwerlich je die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst durfte mir vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, dass Kenner meine dichterischen Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach leichter jedem von uns das Seinige geben, sowohl der Wahrheit als mir. Allein auf diesen Lohn tun alle konigliche Historiographen, skandalose Chroniker nolens volens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint.
Aber unter dem Komponieren der Geschichte muss ein Autor auch darauf auslaufen, dass sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate, sondern auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z.B. fur einen schlimmen Fursten einen Namen wahle, seh' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und regierten Haupter durch, um keinen Namen zu brauchen, den schon einer fuhrt; so werden in Otaheiti sogar die Worter, die dem Namen des Konigs ahnlich klingen, nach seiner Kronung ausgerottet und durch andere vergutet. Da ich sonst gar keine jetzt lebende Hofe kannte: so war ich nicht imstande, in den Schlacht- und Nachtstucken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage biographischer Hofe malte, es so zu treffen, dass Ahnlichkeiten mit wirklichen geschickt vermieden wurden; ja fur einen solchen Idioten wie mich war es sogar ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinzulegen, um mit Zuziehung der franzosischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen wenigstens auf Lander zu wehren, in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den Einfluss gehabt, den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset; so wie Herder gegen die Naturforscher, welche gewisse missgestaltete Volker aus Paarungen mit Affen ableiten, die sehr gute Bemerkung macht, dass die meisten Ahnlichkeiten mit Affen, der zuruckgehende Schadel der Kalmucken, die abstehenden Ohren der Pevas, die schmalen Hande in Karolina, gerade in Landern erscheinen, wo es gar keine Affen gibt. Wie gesagt, auffallende Unahnlichkeiten wollten mir nicht gelingen; jetzt hingegen ist jeder Hof, um welchen meine LegationsFlottille schifft, mir bekannt und also vor Ahnlichkeiten gedeckt, besonders jeder, den ich schildere, der flachsenfingische, der hohenfliessische etc. Die Theatermaske, die ich in meinen Werken vorhabe, ist nicht die Maske des griechischen Komodianten, die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums gebosselt war18, sondern die Maske des Nero, die, wenn er eine Gottin auf dem Theater machte, seiner Geliebten ahnlich sah19, oder wenn er einen Gott spielte, ihm selber.
Genug! Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang, aber die Jobelperiode wars auch; je langer der Johannistag eines Landes, desto langer seine Thomasnacht. Und nun lasset uns samtlich ins Buch hineintanzen, in diesen Freiball der Welt ich als Vortanzer voraus und dann die Leser als Nachhopstanzer , so dass wir unter den lautenden Taufund Totenglockchen am sinesischen Hause des Weltgebaudes angesungen von der Singschule der Musen angespielt von der Gitarre des Phobus oben munter tanzen von Tomus zu Tomus von Zykel zu Zykel von einer Digression zur andern von einem Gedankenstrich zum andern bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder!
Zweite Jobelperiode
Die beiden biographischen Hofe die Sennenhutte das Fliegen der Haar-Verschleiss die gefahrliche
Vogelstange das in eine Kutsche gesperrte
Gewitter leise Bergmusik das Kind voll Liebe
Herr von Falterle aus Wien Tortursouper das
zersplitterte Herz Werther ohne Bart mit einem
Schusse die Versohnung
10. Zykel
Mit jugendlichen Kraften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern durch das helle volle Mailand zuruck, wo die Ahre und die Traube und die Olive oft auf einer Erdscholle zusammen grunen. Schon der Name Mailand schloss ihm einen Fruhling auf, weil er, wie ich, an allen Mai-Wesen, an Maiblumen, Maikafern, sogar an der Maibutter in der Kindheit so vielen Zauber fand wie an der Kindheit selber. Dazu kam, dass er ritt; der Sattel war fur ihn ein Rittersitz der Seligen, wie eine Sattelkammer eine Regensburger Grafenbank, und jeder Gaul sein Pegasus. Auf der Insel war ihm in jener geistigen und korperlichen Ermattung, worin die Seele sich lieber in helldunkle Schaferwelten als in heisse staubige Kriegsund Fechtschulen begeben will, die Aussicht in die nahen Ratsel und Kampfe seines Lebens zuwider gewesen; aber jetzt mit dem Herzen voll Reise- und Fruhlingsblut streckte er die jungen Arme ebensosehr nach einem Gegner als nach einer Freundin aus, gleichsam nach einem Doppelsiege.
Je weiter die Insel zurucktrat, desto mehr fiel der Zauberrauch um die nachtliche Erscheinung zu Boden und hinterliess ihm bloss einen unerklarlichen Gaukler aufgedeckt. Jetzt erst vertrauete er die Spukgeschichte seinen Gefahrten. Schoppe und Augusti schuttelten Kopfe voll Gedanken, aber jeder uber etwas anders; der Bibliothekar suchte eine physikalische Auflosung des akustischen und optischen Betrugs; der Lektor suchte eine politische, er konnte gar nicht fassen, was der Schauspieldirektor dieser Totengraberszene eigentlich mit allem haben wollen.
Den einzigen Trost behielt der Bibliothekar, dass Alban an seinem Geburtstage dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustatten habe, die er nur bleiben lassen durfe, um aus dem Seher einen Myopen und Lugner zu fertigen: "Wollte Gott," (sagt' er) "mir verkundigte einmal ein Ezechiel, dass ich ihn an den Galgen bringen wurde ich tat' es um keinen Preis, sondern brachte ihn ohne Gnade statt um den Hals um Kredit und Kopf." Auch seinem unglaubigen Vater schrieb Albano noch unterwegs mit einigem Erroten die unglaubliche Historie; denn er hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz, um Zuruckhaltung an sich oder andern zu lieben. Nur weiche Blattwickler- und Igel-Seelen ringeln und krempen sich vor jedem Finger in sich zusammen; unter dem offnen Kopfe hangt gern ein offnes Herz.
Endlich kamen sie, da helle Berge und schattige Walder genug, wie durchlebte Tage und Nachte, hinter sie zuruckgegangen waren, nahe vor das Ziel ihrer mit Landern gefullten Reitbahn, und das Furstentum Hohenfliess lag nur noch ein Furstentum weit von ihnen. Dieses zweite, das ein Tur- und Wandnachbar des erstern war und mit diesem leicht zu einem Staatsgebaude ausgebrochen werden konnte, hiess, wie geographische Leser wissen, Haarhaar. Der Lektor erzahlte dem Bibliothekar neben den Grenzwappen und Grenzsteinen, dass beide Hofe sich fast als Blutfeinde ansahen, nicht sowohl weil sie diplomatische Verwandte waren da unter Fursten Vetter, Oheim, Bruder nicht mehr bedeuten wie bei Postillonen Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutter als weil sie wirkliche waren und einander beerbten. Es wurde mir zu viel Platz wegnehmen, wenn ich die Sippschaftsbaume beider Hofe die ihre Gift- und Drachenbaume wurden mit allen ihren heraldischen Blattern, Wasserschosslingen und Flechtmoosen fur den Leser hereinsetzen wollte; das Resultat kann ihn beruhigen, dass dem haarhaarschen Furstentume hohenfliessische Land und Leute zusturben, falls der Erbprinz Luigi, der letzte hohlrohrige Schuss und Fechser des Hohenfliesser Mannsstammes, verdorrte. Welche Herden von venezianischen Lowenkopfen Haarhaar ins kunftige Erbland treibt, die da nichts verschlingen sollen als gelehrte Anzeigen und Wundzettel und welche Spitzbubenbande von politischen Mechanikern es da wie in eine Botany-Bay aussetzt, ist gar nicht zu sagen aus Mangel an Zeit. Doch ist Haarhaar auf der andern Seite wieder so brav, dass es nichts so herzlich wunscht als den hochsten Flor des Hohenfliesser Finanz-Etats, Handels, Acker- und Seidenbaues und Gestutes und dass es im hochsten Grade jede offentliche Verschwendung diese Entnervung des grossen Interkostal-Nervens (des Geldes) als das starkste kanonische Impediment aller Bevolkerung hasset und verflucht: "Der Regent" (sagt der echt menschenfreundliche Furst von Haarhaar) "ist der Ober-Hirt, nicht der Schachter des Staats, sogar die Wollenschere nehm' er nicht so oft als die Hirtenflote in die Hand; nicht uber fremde Krafte und Ehen ist unser Vetter (Luigi) Herr, sondern uber seine, diese soll er ruinieren!"
Als sie ins Hohenfliessische einritten, hatten sie einen Abstecher nach Blumenbuhl20, das seitwarts von Pestitz liegt, gleichsam in die Kinderstube Albanos (Isola bella ist die Wiege) machen konnen, wenn dieser nicht fortgeritten ware aus Heisshunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem zweiten Abschiede, der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt. Die Reise, die Reden des Vaters, die Bilder des Gauklers, die Nahe der Akademie hatten an unserm Vogel Rok die Flugelfedern die in seinem Alter zu lang sind, wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz so aufgespreizet, dass sie im enggehausigen Blumenbuhl sich nur verstauchen konnten; beim Himmel, er wollte ja etwas werden im Staate oder auf der Erde, weil ihn so todlich jene narkotische Wuste des vornehmen Lebens anekelte, durch dessen Lilienopium der Lust man schlafrig und betrunken wankt, bis man an doppelseitigen Lahmungen umfallt.
Man wird es aus der ersten Jobelperiode nicht behalten haben weils in einer Note stand , dass Alban niemals nach Pestitz durfte, und zwar aus sehr guten Grunden, die dem Ritter allein bekannt sind, aber nicht mir. Dieser lange Torschluss der Stadt scharfte nur seine Sehnsucht darnach noch mehr. Sie standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhohe, wo sie die Pestitzer Kirchturme in Westen vor sich sahen und wenn sie sich umkehrten unten den Blumenbuhler Turm in Morgen; aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes Mittagsgelaute her; Albano horte seine Zukunft und seine Vergangenheit zusammentonen. Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rotes Hauschen auf einem nahen Berge, das ihm wie eine hell bemalte Urne langst ausgewischter Tage nachglanzte; er seufzete; er blickte uber die weite Baustelle seines kunftigen Lebens und sprengte nun mit verhangtem Zugel nach den Lindenstadter Turmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu.
Aber das nette Hauschen gaukelte ihm wie ein roter Schatten voraus. Ach hatt' er denn nicht in dieser Sennenhutte einmal einen traumenden Tag voll Zufalle verlebt, und noch dazu in jener kindlichen Zeit, wo die Seele auf der Regenbogenbrucke der Phantasie trocknes Fusses uber die Lachen und Mauern der untern Erde wegschreitet? Wir wollen in diesen lieben Tag, in dieses kindliche Vorfest des Lebens, jetzt mit ihm zuruckgehen und die fruhern Stunden kennen lernen, die ihm so schon mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Sennenhutte nachklingen.
11. Zykel
Es war namlich an einem herrlichen Jakobustage und zugleich am Geburtstage des Landschaftsdirektors Wehrfritz, der aber damals noch keiner war , als dieser am Morgen den Wagen herausschieben liess, um darin nach Pestitz zum Minister zu fahren und die Dreschmaschine des Staates als Unterhandler der Landschaft versuchsweise in eine Saemaschine umzustellen. Er war ein rustiger Mann, dem ein Ferientag langer wurde als andern ein Exerzitientag und dem nichts Langweile machte als Kurzweile: "Aber abends" (dacht' er) "mach' ich mir einen guten Tag, denn es ist einmal mein Geburtstag." Sein Angebinde sollte darin bestehen, dass er eines machte; er wollte namlich aus Pestitz dem kleinen Albano einen Osterleinschen Flugel aus seinem eignen Beutel so wenig darin war und obendrein einen Musikmeister auf Don Gaspards Verlangen mitbringen.
Aber warum will man das dem Leser nicht vorher auf das deutlichste auseinandersetzen?
Don Gaspard hatte namlich in der Revision des Erziehungswesens fur Albano gewollt, dass auf dessen korperliche Gesundheit mehr als auf die geistige Superfotation gesehen wurde; der Erkenntnisbaum sollte mit dem Lebensbaume ablaktieret werden. Ach wer der Weisheit die Gesundheit opfert, hat meistens die Weisheit auch mitgeopfert; und nur angeborne, nicht erworbne Kranklichkeit ist Kopf und Herzen dienlich. Daher hatte Albano in seinem Bucherriemen nicht die vielbandige Enzyklopadie aller Wissenschaften gebuckt zu schleppen, sondern bloss Sprachlehren. Nach den Schulstunden der Dorfjugend suchte namlich der Rektor des Orts namens Wehmeier, bekannter unter dem Titel: Schachtelmagister seine schonsten Struveschen Nebenstunden, seine Otia und Noctes hagianae darin, dass er ihn unterwies und in die von innern Stromen angefasste Muhlwelle des ewig regen Knaben alphabetische Stifte zu einer Sprachwalze einschlug. Freilich aber wollte Zesara bald etwas Schwerers bewegen als die Sprach-Tastatur; so wurde z.B. die Sprachwalze im eigentlichen Sinne zur Spielwalze; denn stundenlang versucht' er auf der Orgel des Orts ohne sonderliche Kenntnis des Kontrapunkts (er kannte keine Note und Taste und stand unter dem Orgelstucke auf dem fortbrausenden Pedale fest) sich in den entsetzlichsten Misstonen, wogegen die Enharmonika aller Piccinisten verstummen muss, senkte sich aber desto langer und tiefer in den zufalligen Treffer eines Wohllauts ein. Ebenso arbeitete sich die saftvolle Seele gleichsam in Laubknopfen, Holztrieben und Ranken aus und machte Gemalde, Tongebilde, Sonnenuhren und Plane aller Art, und sogar in den juristischen Felsen des Pflegevaters, z.B. in Fabris Staatskanzlei, trieb sie, wie oft Krauter in Herbarien, ihre durstigen Wurzeln herum und uber die durren Blatter hinaus. O wie schmachtete er (so wie in der Kindheit von Oktav- zu Quart-Buchern, von Quart zu Folio, von Folio bis zu einem Buche so gross wie die Welt welches eben die Welt ist) jetzt nach geahneten Lehren und Lehrern! Aber desto bessert Nur der Hunger verdauet, nur die Liebe befruchtet, nur der Seufzer der Sehnsucht ist die belebende aura seminalis fur das Orpheus-Ei der Wissenschaften. Das bedenket ihr nicht, ihr Fluglehrer, die ihr Kindern den Trank fruher gebt als den Durst, die ihr wie einige Blumisten in den gespaltenen Stengel der Blumen fertige Lackfarben, und in ihren Kelchfremden Bisam legt, anstatt ihnen bloss Morgensonne und Blumenerde zu geben und die ihr jungen Seelen keine stille Stunden gonnt, sondern um sie unter dem Stauben ihres bluhenden Weins gegen alle WinzerRegeln mit Behacken, Bedungen, Beschneiden hantiert. O konnt ihr ihnen jemals, wenn ihr sie vorzeitig und mit unreifen Organen in das grosse Reich der Wahrheiten und Schonheiten hineintreibt, gerade so wie wir alle leider mit dunkeln Sinnen in die schone Natur einkriechen und uns gegen sie abstumpfen, konnt ihr ihnen mit irgend etwas das grosse Jahr verguten, das sie erlebet hatten, wenn sie ausgewachsen, wie der erschaffne Adam, mit durstigen offnen Sinnen in dem herrlichen geistigen Universum sich hatten umherdrehen konnen? Daher gleichen auch euere Eleven den Fusspfaden so sehr, die im Fruhling vor allem grunen, spater aber sich gelb und eingetreten durch die bluhenden Wiesen ziehen.
Wehrfritz erneuerte, da er schon auf der Wagentreppe das Gesicht in diesen kehrte, wieder den Befehl der Aufsicht uber den jungen Grafen und machte die Signatur, womit Kaufleute kostbare Warenkisten der Post empfehlen, recht dick auf diesem: er liebte das feurige Kind wie seines (er hatte nur eins, aber keinen Sohn); der Ritter hatte Vertrauen auf ihn, und um dieses zu rechtfertigen, wurd' er, da der Ehrenpunkt der Schwerpunkt und die Himmelsachse aller seiner Bewegungen war, sich ohne Bedenken, wenn der Knabe z.B. den Hals gebrochen hatte, seinen abgeschnitten haben; auch sollte Albano abends vor dem neuen Lehrer aus der Stadt auffallend gut bestehen.
Albine von Wehrfritz, die Gemahlin, versprach alles hoch und teuer; sie konnte sich den Evangelisten Markus und Johannes gleichsetzen, weil ihr heftiger Mann die Gesellschafts-Tiere beider, die Tierkonige Lowe und Adler, ofters reprasentierte, so wie sich manche andere Gattin in Hinsicht ihrer Begleitung mit dem Lukas vergleichen mag und meine mit dem Matthaus21. Sie hatte ohnehin auf abends ein kleines Familienfest voll spielender buntgefarbter Ephemeren der Freude ausgeschrieben; und zum grossten Gluck war schon vor einigen Tagen das Diplom eingelaufen, das unsern Wehrfritz zum Landschaftsdirektor installierte, und das man als ein Patengeschenk des Geburtstages auf heute aufhob.
Aber kaum fuhr Wehrfritz hinter dem Schlossgarten, so trat Alban mit seinem Projekte hervor und berichtete, er wolle den ganzen Feiertag droben im einsamen Schiesshauslein versitzen; denn er spielte gern allein, und ein elterlicher Gast war ihm lieber als ein Spielknabe. Die Weiber gleichen dem Pater Lodoli, der (nach Lambergs Tagebuche) nichts so mied als das Wortchen Ja; wenigstens sagen sie es erst nach dem Nein. Die Pflegemutter (ich will aber kunftig bei ihr und der Pflegeschwester Rabette das verdriessliche Pflege wegstreichen) sagte ohne Bedenken Nein, ob sie gleich wusste, dass sie noch keines gegen den Trotzkopf durchgesetzt. Dann entlehnte sie sehr gute Dehortatorien vom Willen des Landschaftsdirektors und hiess ihn bedenken dann schlug sich die rotbackige gutmeinende Rabette zum Bruder und bat mit, ohne zu wissen warum dann beteuerte Albine, wenigstens das Essen soll' er nur nicht auf den Berg nachgeliefert erwarten dann marschierte er zum Hofe hinaus So stand ich schon ofters dabei und sah zu, wie die weiblichen Ellenbogen und Knochen unter dem Wegstemmen allmahlich vor meinen Augen Knorpel wurden und sich umbogen. Nur in Wehrfritzens Beisein hatte Albine Kraft zum langen Nein.
12. Zykel
Unser Held war aus den kindischen Jahren, wo Herkules die Schlangen erdruckte, in die gottestischfahigen getreten, wo er sie erwarmte unter der Weste, um sie in spatern wieder zu kopfen. Jubelnd schlugen draussen sie flogen nebeneinander sein neuer und sein alter Adam die Flugel auf unter einem blauen Himmel, der gar keinen Ankergrund hatte. Was kummerte ihn die Mahlzeit? Alle Kinder tragen vor und unter einer Abreise keinen Magen unter ihren Flugeln, wie auch den Schmetterlingen jener einschrumpft, wenn ihnen diese aufgehen. Die oftgedachte Sennenhutte oder das Schiesshauslein war nichts Geringers als ein Schiesshaus mit einer Wachtstube fur eine abgedankte Soldatenfrau, mit einem Schiessstand im untern Stock und mit einem Sommerstubchen im obern, worin der alte Wehrfritz in jedem Sommer eine Landpartie und ein Vogelschiessen haben wollte, es aber nie hatte, weil der arme Mann sich in der Arbeitsstube, wie andere im Tafelzimmer, entmastete und abtakelte. Denn obgleich der Staat seine Diener wie Hunde zum zehntenmal wieder herlockt, um sie bloss zum eilften wieder abzuprugeln; und ob Wehrfritz gleich an jedem Landtage alle Staatsgeschafte und Verdienste verschwur weil ein redlicher Mann wie er am Staatskorper uberall so viel wie an denen antiken Statuen zu erganzen findet, wovon nur noch die steinerne Draperie geblieben : so kannt' er doch kein weicheres Faul- und Lotterbette zum Ausruhen als eine noch hohere Ruderbank, und er strebte jetzt vor allen Dingen, Landschaftsdirektor zu werden.
Die deutschen Hofe werden das Ihrige dabei denken, dass ich ihnen die folgende Knaben-Idylle anbiete. Mein schwarzaugiger Schafer lief gegen die Bergfestung der Senne Sturm und erhielt von der Soldatenfrau die Torschlussel zum weissgrunen Sommerkabinett. Beim Himmel! als alle ostliche und westliche Fensterladen und Fenster aufgestossen waren und der Wind von Osten blatternd durch die Akten und kuhlend durch den Stuben- Schwaden strich und als aussen Himmel und Erde um die Fenster herumstanden und nickend hereinsahen als Albano unter dem Fenster nach Osten das tiefe breite Tal mit dem steinigen springenden Bache beschauete, auf welchem alle Glimmerscheiben, die die Sonne wie Steinchen schief anwarf, auf der Bergseite hinausfuhren als er vor dem westlichen Fenster hinter Hugeln und Waldchen den Schwibbogen des Himmels, den Berg vor der Lindenstadt sah, der wie ein krummgeworfner Riese auf der Erde schlief als er sich von einem Fenster zum andern setzte und sagte: "Das ist sehr prachtig!": so wurden seine Lustbarkeiten im Stubchen am Ende so glanzend, dass er hinausging, um sie draussen noch hoher zu treiben.
Die Gottin des Friedens schien hier ihre Kirche und ihre Kirchstuhle zu haben. Die rustige Soldatenfrau legte in einem hochstaudigen Gartlein Fruherbsen und warf zuweilen einen Erdenkloss in den Kirschbaum unter die geflugelten Obstdiebe, und begoss wieder unverdrossen die neue Leinwand und den verpflanzten Salat, und lief doch willig zum kleinen zehnjahrigen Madchen, das, von Blattern erblindet, auf der Turschwelle strickte und nur bei gefallnen Maschen sie als Maschinengottin berief. Albano stellte sich an den aussersten Balkon des sich lieblich-aufschliessenden Tals, und jeder Windstoss blies in seinem Herzen die alte kindische Sehnsucht an, dass er mochte fliegen konnen. Ach, welche Wonne, so sich aufzureissen von dem zuruckziehenden Erdenfussblock und sich frei und getragen in den weiten Ather zu werfen und so im kuhlen durchwehenden Luftbade auf- und niederplatschernd, mitten am Tage in die dammernde Wolke zu fliegen und ungesehen neben der Lerche, die unter ihr schmettert, zu schweben oder dem Adler nachzurauschen und im Fliegen Stadte nur wie figurierte Stufensammlungen, und lange Strome nur wie graue, zwischen ein Paar Lander gezogne schlaffe Seile, und Wiesen und Hugel nur in kleine Farbenkorner und gefarbte Schatten eingekrochen zu sehen und endlich auf eine Turmspitze herabzufallen und sich der brennenden Abendsonne gegenuberzustellen und dann aufzufliegen, wenn sie versunken ist, und noch einmal zu ihrem in der Gruft der Nacht hell und offen fortblickenden Auge niederzuschauen und endlich, wenn sich der Erdball daruberwirft, trunken in den Waldbrand aller roten Wolken hineinzuflattern! ...
Woher kommt es, dass diese korperlichen Flugel uns wie geistige heben? Woher hatte unser Albano diese unbezwingliche Sehnsucht nach Hohen, nach dem Weberschiffe des Schieferdeckers, nach Bergspitzen, nach dem Luftschiffe, gleichsam als waren diese die Bettaufhelfer vom tiefen Erdenlager? Ach du lieber Betrogener! Deine noch von der Puppenhaut bedeckte Seele vermengt noch den Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die aussere Erhebung mit der innern und steigt im physischen Himmel dem idealistischen nach! Denn dieselbe Kraft, die vor grossen Gedanken unser Haupt und unsern Korper erhebt und die Brusthohle erweitert, richtet auch schon mit der dunkeln Sehnsucht nach Grosse den Korper auf, und die Puppe schwillt von den Schwingen der Psyche, ja an demselben Bande, woran die Seele den Leib aufzieht, muss ja auch dieser jene heben konnen.
Wenigstens flog Albano zu Fuss den Berg hinab, um mit dem Bache fortzuwaten, der in die weissgrune Birken-Holzung, sich abzukuhlen, floss. Schon ofters hatt' ihn seine Robinsonaden-Sucht nach allen Strichen und Blattern der Windrose fortgeweht; und er ging gern mit einer unbekannten Strasse ein hubsches Stuck Weg, um zu sehen, welchen sie selber einschlage. Er lief am silbernen Ariadnens-Faden des Baches tief ins grune Labyrinth und wollte durchaus unter die Hinterture des langen Dickichts vor eine weite Perspektive gelangen er gelangte nicht darunter die Birken wurden bald lichter, bald dusterer, der Bach breiter die Lerchen schienen draussen in hoher Ferne uber ihm zu singen aber er bestand auf seinem Kopf. Die Extreme hatten fur ihn von jeher magnetische Polaritat wie die Mitte nur Indifferenzpunkte ; so war ihm z.B. ausser dem hochsten Stande des Barometers keiner so lieb als der tiefste, und der kurzeste Tag so willkommen als der langste, aber die Tage nach beiden fatal.
Endlich nach dem Fortschritte einiger Stunden in Zeit und Raum hort' er hinter den lichtern Birken und hinter einem starkern Rauschen als des Baches seinen Namen von zwei weiblichen Stimmen ofters leise und lobend nennen. Jetzt galoppierte er, gleichgultig gegen das Wagen der Lunge und des Lebens, keuchend wieder zuruck sein Name wurde lange darnach wieder um ihn genannt, aber schreiend seine heimliche Schutzheilige, die Kastellanin der Senne, tat seinetwegen diese Notschusse unten am Berge.
Er kam hinauf, und die runde Tafel der Erde lag hell und sonderbar-erweichend um sein durstiges Auge. Wahrhaftig die weite Ferne samt der Mudigkeit musste den Zugvogel hinter dem Sanggitter der Brust an seine fernen Lander und Zeiten erinnern und ihn damit wehmutig machen, als so die mit roten Dachern buntgefleckte Landschaft vor ihm ihre weissen leuchtenden Steine und Teiche wie Licht-Magnete und Sonnensplitter auslegte als der lange graue Strassendamm nach Lindenstadt, deren Prospekte im Sommerstubchen hingen und wovon zwei Turmspitzen oben aus dem Gebirge keimten, vor ihm die fernen Wanderer hinauftrug in die fur ihn geschlossene Stadt und als ja alles nach Westen flog, die vorbeizischenden Tauben, die uber die Saaten wogten, und die Wolkenschatten, die leicht uber hohe Garten wegliefen Ach das jungste Herz hat die Wogen des altesten, nur ohne das Senkblei, das ihre Tiefe misset! Das gelehrte Deutschland macht sich, merk' ich, seit mehrern Zykeln auf grosse Fata und Fatalitaten gefasst, die diesem Sennentage meines Helden die notige Wurde geben; ich, der sie am ersten wissen musste, weiss gegenwartig noch von keinen. Aus der Kindheit ach aus jedem Alter bleiben unserm Herzen oft Tage unverganglich, die jedes andere vergessen hatte; so ging dieser nie aus Albanos seinem. Zuweilen wird ein kindlicher Tag auf einmal durch ein helleres Aufblikken des Bewusstseins verewigt; in Kindern, zumal solchen, wie Zesara ist, dreht sich das geistige Auge weit fruher und scharfer nach der Welt innerhalb der Brust, als sie zeigen und wir denken.
Jetzt schlugs ein Uhr im Schlossturme. Der geliebte nahe Ton, der ihn an seine nahe Pflegemutter und an das versagte Essen erinnerte und der Anblick der kleinen Blinden, die schon ihren Holzzweig vom Brotbaum oder ihr durres Renntiermoos in Handen hatte und der Gedanke, dass doch heute der Geburtstag des Pflegevaters sei und die unsagliche Liebe fur seine gekrankte Mutter, der er oft plotzlich einsam an den Hals fiel und sein von der Natur betauetes Herz machten, dass er zu weinen anfing. Aber der Trotzkopf ging darum nicht nach Hause; nur die Alplerin war ungeheissen fortgelaufen, um der suchenden Mutter den Fluchtling zu verraten.
Er wollte in dieser Mittagsstille der kleinen blinden Lea, auf deren Gesicht ein sanftes weiches Zugwerk durch die Punktation der Blattern leserlich durchlief, einige Worte oder doch den langen Stecken, womit sie die Tauben von den Erbsen und die Spatzen von den Kirschen treiben musste, mitarbeitend abgewinnen; aber sie druckte schweigend den Arm fest auf die Augen, blode vor dem vornehmen jungen Herrn. Endlich brachte die Frau das Gericht fur den verlornen Sohn und von Rabetten noch dazu ein Riechflaschchen voll Dessert-Wein.
Albine von Wehrfritz gehorte unter die Weiber, die, ungleich den Staaten, nur ihr Versprechen halten, aber keine Drohung die den nurnbergischen Forstamtern gleichen, welche auf den kleinsten Waldfrevel eine Strafe von 100 Fl. setzen und in derselben Stunde sie auf 100 Kreuzer moderieren22 die aber ihre Gesetze, wie Solon seine auf 100 Jahre, nach Verhaltnis ihres kleinern Staats doch auf 100 Sekunden hinaus geben.
13. Zykel
Ich wurde mehr aus Albanos Gedachtnismahl machen, das er wie ein Erwachsener im Stubchen tranchieren und mit seiner Hausgenossenschaft teilen und wozu er sich selber einschenken konnte, ging' ich nicht wichtigern Begebnissen entgegen, die wahrend dem Zurucktragen des Tafelgeschirres vorfielen. Albano ging hinaus, indem das ganze Meer seines Innern vom Wein und vom Vormittage phosphoreszierend leuchtete, und der blaue Himmel flatterte heftiger wehend um ihn er hatte das Gefuhl, als sei der Morgen schon seit langem voruber, und er erinnerte sich desselben mit weicher Regung, wie wir uns alle in der Jugend der Kindheit, im Alter der Jugend, sogar abends des Morgens , und die Bilder der Natur ruckten naher heran und bewegten ihre Augen wie katholische. So bringt uns die Gegenwart nur Bilder zu optischen Anamorphosen, und erst unser Geist ist der erhabne Spiegel, der sie in schone Menschen-Formen umstellet. Mit welchem sussen Untertauchen in Traume tat er, wenn er dem ostlichen Wehen entgegenging, die Augen zu und zog das Getose der Landschaft, das Schreien der Hahne und Vogel und eine Hirtenflote gleichsam tiefer in die verschattete Seele hinein! Und wenn er dann am Gestade des Berges die Augen wieder offnete, so lagen friedlich drunten im Tale die geweideten weissen Lammer neben dem Flotenisten, und oben am Himmel lagerten sich die glanzenden Lammerwolken uber sie hin!
Inzwischen mocht' ers einmal versehen und blind zu weit in das Gartchen die Blinde sah ohnehin nicht tappen, die Arme offen voraushaltend, um sich nichts auszustossen; als an seiner Brust eine zweite anlag, und er aufsehend das bebende Madchen so nahe an sich fand, das seitwarts abgebogen stammelte: "Ach nein, ach nein!" "Ich bins nur," (sagte der Unschuldige, sie fassend) "ich tue dir ja nichts" Und er hielt sie, als sie demutigfurchtsam vertrauete, noch ein wenig fest und schauete auf den gebuckten Kopf mit susser Regung nieder.
Herzlich gern hatt' er der Erschreckten Schmerzengelder und Benefiziate in dieser Komodie fur die Armen gegeben; er hatt' aber nichts bei sich, bis ihm zum Gluck seine Schwester Rabette von welcher Bandagistin er irrig schloss, dass mehrere Madchen des Teufels auf Bander sind und sie wie Taschenspieler verschlingen, aber nicht wiedergeben und sein neues Zopfband einfiel. Er spulte freudig das lange seidne Wickelband von seinem Kopf an ihren. Aber die liebliche Nachbarschaft, das Flechtwerk eines feinern innern Bandes, und die Sussigkeit zu geben und das Vivace seines angebornen Ubermasses machten, dass er ihr gern das Dresdner grune Gewolbe in die Schurze gegossen hatte; als ein Schnurrjude mit seinem kleinern seidnen auf dem Magen und mit einem Sack voll eingekaufter Haare auf dem Rucken die Pestitzer Strasse hinzog. Der Jude liess sich wohl herrufen, aber nichts ableihen, trotz allen ausgestellten Wechseln auf Eltern und Taschengelder. Ach ein herrliches rotes Haubenband hatte Leas blinden Augen so gut wie eine rote Aderlassbinde der Wunde getan! Denn eine blinde Frau putzet sich so gern als eine sehende, sie musste denn eitel sein und mehr sich im Spiegel gefallen wollen als andern ausser demselben. Der Handelsmann liess gern das Band von ihr befuhlen und sagte, er handle auf den Dorfern Haare ein, und gestern hatten ihm die Wirtskinder durch einen brennenden Schwamm seinen ganzen Sack voll Chignons in kurze Wolle verkrumelt, und wenn ihm die junge Herrschaft ihr braunes Haar bis an das Genicke ablassen wolle, so solle sie das Band und einen noch sehr brauchbaren ledernen Zopf aus der wurzburgischen Fabrik auf der Stelle dazu haben. Was war zu tun? Das Band war sehr rot Lea wars vor Hoffnungen der Jude sagte, er packe ein der Haarzopf lief ohnehin bisher wie ein zweites Ruckgrat uber das ganze erste hinab und wurde fur Alban durch das langweilige Einwindeln an jedem Morgen ein Sperrstrick und eine Trense seines Feuers Kurz der arme Rupfhase trat dem Juden die koniglich-frankische Insignie ab und schnallte die wurzburgische Scheide an.
Und nun schuttelte er ihre Hand recht derb auf und ab und sagte mit einem ganzen Paradies voll liebender Freudigkeit auf dem Gesicht: "Das Band ist dir wohl recht lieb, du armes blindes Ding!" Jetzt bestieg der unaufhorliche Mazen gar den Kirschbaum, um droben fur Lea als ein lebendiger Popanz den Spatzen die Kirschen zu verleiden und ihr als ein Fruchtgott mehrere Paternoster- und Fruchtschnure von letztern herunterzuwerfen.
Beim Himmel! droben unter den Herzkirschen schienen ordentliche Wolfskirschen auf den Kopf des Knaben zu wirken; wie die Erde ihre finstern Mittelalter hatte, so haben oft Kinder finstere Mitteltage voll lauter Kapuzinaden und Gickse. Auf den hohen Asten schimmerten ihn die wachsende Landschaft und die auf die Berge niederfallende Sonne und besonders die Pestitzer Turmspitzen so himmlisch an, dass er sich jetzt nicht Hoheres denken konnte als die Vogelstange neben ihm und keinen glucklicher-thronenden Kron-Adler als einen auf der Stange....
Aber nun bitt' ich samtliche Leserinnen, entweder in das Schiesshaus einzutreten oder sich mit der Soldatenfrau daraus die fortlauft und den Frevel der gnadigen Frau anzeigt mit wegzumachen, weil wenige von ihnen es neben mir aushalten, dass unser Held, der Stammhalter des Titans, von einigen Pachters-Knechten denen noch dazu Albine das Remarsch-Reglement seines eiligern Kommens mitgegeben auf ein Querholz, das unterhalb des Hakens der Vogelstange eingefuget ist, festgesetzet und, mit dem Unterleibe an diese angebunden und so in der Luft waagrecht liegend, allmahlich durch den weiten Bogen aufgehoben und mitten im luftigen Himmel aufgestellet wird. Es ist arg; aber die Knechte konnten den Bitten seiner machtigen Augen, seinem malerischen Willen und Mute und den angebotnen Rekompensen und Kronungsmunzen unmoglich widerstehen, und dabei wog er ja nur halb so viel wie der letzte Vogel.
Ich bin dir doch gut, Kleiner, trotz deinem starren, zwischen Kopf und Herz gebauten Wagehals! Deine monstrosen Barock-Perlen von Kraften wird die Zeit, wie im grunen Gewolbe Kunstler physische Perlen, schon noch zum Bau einer schonen Figur verbrauchen!
Die Reichsgeschichte unsers Reichsadlers auf seinem Stativ, die sich zugleich uber die Ereignisse ausbreitet, welche auf dem Berge vorfielen, als der Schachtelmagister und der Landschaftsdirektor zufallig zur besetzten Vogelstange kamen, soll ungesaumt gegeben werden, wenn wir den 14ten Zykel haben.
14. Zykel
Der Magister Wehmeier, der sich von weitem die Gestalt und das Bewegen des Vogels nicht erklaren konnte, hatte sich heraufgemacht und sah nun zur Kreuzeserhohung des Zoglings hinauf. Er sturzte anfangs ins Plongierbad des Eis-Schauders uber die Kuhnheit, aber er stieg bald aus ihm heraus unter das Tropfbad des Angstschweisses, den an ihm der Gedanke ansetzte, in jeder Minute falle der Eleve herab und zerschelle in 26 Trummer, wie Osiris, oder in 30, wie die mediceische Venus: "Und das jetzt," (dacht' er hinzu) "da ich den jungen Satan in Sprachen soweit gebracht und einige Ehre an ihm erlebte." Daher filzte er nur die Hebemaschinisten, aber nicht den Hochwachter aus, weil zu besorgen war, unter dem Verantworten rutsch' er droben aus. Den optischen Wagen, mit welchen der Teufel den im Angstkreise befestigten Magister zu uberrennen drohte, kam endlich ein wahrer nachgefahren, worin der kunftige Landschaftsdirektor sass. Ach lieber Gott! Der Direktor schopfte ohnehin allezeit beim Minister die ganze Gallenblase voll bitterer Extrakte ein, bloss weil er dort artigere und stillere Kinder vorfand, ohne doch zu bedenken wie hundert Vater, die hier mit angefahren werden mussen , dass Kinder wie ihre Eltern sich Fremden besser prasentieren, als sie sind, und dass ihnen uberhaupt das Stadtleben statt der hockerigen dicken Borke des Dorflebens die glatte weisse Birken-Folie uberlege, indes sie am Ende, wie ihre Eltern und Hofleute, nur gleich Kastanien an der Aussenschale abgeschliffen, innen aber verdammt borstig anzufuhlen sind. So gewiss werden den feinsten Mann vom Lande immer wenigstens Prinzen und Minister uberlisten, die zehn Jahr alt sind, gesetzt auch, er nehm' es leichter mit ihren Vatern auf.
Als Wehrfritz seinen Pflegesohn auf dem Schreckhorne horsten sah und den Schachtelmagister unten, der hinaufschauete: so bildete er sich ein, der Instruktor hab' es veranstaltet, und fing laut an, ihm aus dem zugesperrten Wagen einen kleinen Himmel voll Donnerwetter und Donnerschlage auf den Hals zu fluchen. Der verfolgte Wehmeier fing auf dem Berge auch an, laut zum Schreckhorne hinaufzuzanken, um dem Direktor darzutun, dass er seines Amtes warte und mit dem Hammer des Gesetzes als mit einem bildenden Tiefhammer so gut wie einer am Zogling schmiede. Die Soldatenfrau rang die Hande die Knechte stellten sich zur Kreuzesabnehmung an der arme gluhende Kleine zog sein Messer und rief herab: "er schneide sich gleich los und werfe sich hinab, sobald einer jetzt die Stange niederlasse." Er hatt' es auch getan und sein Leben und meinen Titan fruhzeitig ausgemacht , bloss weil er die Schande der vaterlichen Real- und Verbal-Injurien vor so vielen Leuten ja im Wagen sass gar ein fremder Herr arger noch als Selbstmord und Holle floh. Allein der Direktor, selber voll Tollkuhnheit und doch voll Hass derselben am Kinde, liess es darauf ankommen und rief entsetzlich nach dem Bedienten, der den Schlussel zur Wagenture hatte; er wollte heraus und hinauf. Er war unbeschreiblich erboset, erstlich, weil er hinten dem Wagen einen Osterleinschen Flugel als Angebinde des heutigen Freudentages aufgebunden ach Albano, warum horen deine Freuden wie die Schleifer eines Bierfiedlers mit einem Misstone auf? , und zweitens, weil er drinnen einen Sing-, Tanz-, Musikund Fecht-Meister aus dem polierten glanzenden Ministers-Hause fur Albano neben sich auf dem Polster als Zuschauer der Debutrolle sitzen hatte. Gottlieb sprang vom Bocke vor die Wagenture, fuhr fluchend durch alle Taschen, der Wagenschlussel war in keiner. Der inkarzerierte Direktor arbeitete im Tierkasten wie ein wedelnder Leopard, und sein Grimm sprang, wie ein Lowe, den ein Jager nach dem andern anschiesset, gegen den dritten an. Alban sagte auf allen Fall im Stricke hin und her. Der Schachtelmagister war am besten dran; denn er war halbtot und vernahm hinter seinem in saurem Angstschweisse geronnenen kalten Korper wenig mehr von der Aussenwelt, sein Ich war fest und gut wie Schnupftabak in kuhles Blei verpackt.
Ach mit dem geangstigten Knaben leid' ich starker, als sass' ich mit auf der Stange; seinem ruhrend-edlen Angesichte mit der feingebogenen Nase wirft die westliche Aurora und die Scham den Purpur uber, und die tiefe Sonne hangt sich kussend an seine Wangen, gleichsam an die letzten und hochsten Rosen der dunkeln Erde; und er muss die trotzig-blickenden Augen von der geliebten Sonne und von dem Tage, der noch auf ihr wohnt, und von den beiden Lindenstadter Turmknopfen, die zu ihren Seiten glimmen, wegziehen und die kraftig-gezeichneten und scharfwinklichten Augenlider, welche Dian mit den zu heroischen und durchgreifenden am Christus-Kinde der aufsteigenden Madonna von Raffael verglich, bange auf den schwulen Zank des tiefen Bodens niederschlagen.
Gottlieb trieb mit aller Muhe den Wagenschlussel nicht auf, denn er hatt' ihn in der Tasche und in der Hand und wollt' ihn aus Schonung fur den jungen Herrn, den die ganze Dienerschaft so "fresslieb" hatte wie den Kegelplatz, nicht gern herausgeben. Er votierte auf das Herholen des Schlossers, aber der Kutscher uberstimmte ihn mit dem Rate, lieber gleich vor die Werkstatt hinzufahren und schnauzte die Pferde an- und fuhr den inhaftierten Kontroversprediger in seiner Kanzel mit dem aufgepackten Osterleinschen Flugel im Trabe davon. Das wenige, was der Bombardeur unter Gottliebs Aufsitzen noch aus dem Wagen werfen konnte, bestand darin, dass er ein Fenster einstiess und aus der Schiess-Scharte noch einige der notigsten nachbrennenden Schusse zum Unglukks-Vogel auf der Stange hinauftat.
Jetzt bekam der Magister seinen Mut und Arger wieder, und er gebot kuhn das Herunternehmen des Absaloms. Indem das Kind mit der Sitzstange vor ihm vorubersank, legte er die funf Schneidezahne der Finger wie ein Rostral in die Kopfhaut und rastrierte damit am Hinterkopfe herab, in der Absicht, die krumme Linie des Haars spielend dadurch zu rektifizieren, dass ers mit seiner Hand wie mit dem Frosch eines Fiedelbogens massig anzog, als er zu seinem Erstarren meinem Helden den wurzburgischen Zopf wie eine Schwanzfeder ausriss.
Wehmeier besah staunend die cauda prendensilis (den Wickelschwanz), und durch seine auf den kleinern Fehler gelenkte Aufmerksamkeit gewann Albano dabei soviel wie Alcibiades bei dem abgehackten Schweife seines Robespierre. Der Magister dankte Gott, dass er heute nicht mit dem alten Wehrfritz soupieren durfte, und schickte verblufft ihn mit dem Vexierzopfe nach Haus.
15. Zykel
Die gutherzige Albine hatte den ganzen Tag vor dem Ehegemahl allen brennenden Stoff (da die Vitriolnaphtha seines Nervengeistes schon von weitem Zornfeuer fing) weggeraumt, damit nichts ihre Lustschlosser in Brandstatten der Freude umkehrte ja als Vorstadt des abendlichen himmlischen Jerusalems hatte Rabette ein vorbeiziehendes Orchester aus Bergknappen ins Kabinett der Tafelstube versteckt und fur Albano hatte Albine schon eine heraldische Tracht ausgesonnen, worin er ihm die Vokation der Landschaft uberreichen sollte ach was hatte aber die Frau davon als Flammen, die der eintretende Wehrfritz auswarf, indes er wie ein Kamel in seinem Magen noch einen kalten langen Wasserstrahl fur das Anspritzen des Magisters aufhob!
Albine, die, wie die meisten Weiber, das mannliche Steinigen mit Gallensteinen fur die 50 Pfd. Passiersteine nahm, die einem Passagier auf der Ehepost frei passieren, gab ihm anfangs, wie immer, heiter recht und verbarg jede Zahre des Unmuts, weil kaltes Besprengen Manner und Salat verhartet dann nahm sie das Recht stufenweise zuruck macht' aber den Tadel erst auf ihrer Zunge mild, wie die Warterinnen das Waschwasser der Kinder im Munde lau machen und sagte zuletzt, er solle das Kind nur ihr uberlassen.
Aber so schwillet uns unter der Hand der alte Wehrfritz zu einem apokalyptischen Drachen, zu einem Tiere von Gevaudan und Wutriche auf; und er ist doch nur ein Lamm mit zwei Hornchen. Hatt' er nicht an seinem Geburtsfeste im Karrenjahre seines fronenden Lebens einen Anspruch auf einen erleichterten Abend, wenigstens bei einem Kinde, das er starker liebt als seines und fur das er einen Flugel und Lehrer aufgeladen? Und hatt' er ihm ob er gleich selber zuviel wagte und ausdauerte es nicht hundertmal verboten, ihm nachzuahmen und sich auf Pferde oder in Sturmwinde, in Platzregen und Schneegestober zu setzen? Und kam er nicht vom padagogischen Knutenmeister, dem Minister, her, dessen Erziehungsanstalt nur eine langere Realterrition und kurzere Verdammnis war? Und macht nicht der Anblick strenger Eltern strenger, der Anblick milder hingegen nicht milder?
Albano begegnete zuerst Rabetten, mit seiner ledernen Hinterachse in der Hand, auf seinem trotzigen Wege zum Studierzimmer des Vaters und also zur Regimentsstrafe vom rechten Revolutionstribunale. Aber sie fing ihn von hinten mit dem englischen Grusse: "Bist du da, Absalom?" und setzte ihn gewaltsam nieder und band ihm, nach dem notigen Erstaunen und Erfragen, die Hohl-Ader der Haare knapp und unsanft an und zeigte ihm den Stosswind des vaterlichen Zorns im furchtbaren Lichte und die Windstille des musikalischen Bergdepartements wieder im lacherlichen, das neben der Tafelstube, dieser Renn- und Wildbahn des hin- und herlaufenden Direktors, pausierend Friedenszeiten abwarte und entliess ihn mit einem Kusse, sagend: "Du dauerst mich, Schelm!"
Er marschierte mit einem Trotze, den das spannende Haar verstarkte, ins Tafelzimmer. "Aus den Augen!" sagte der funkelnde Sturmlaufer. Alban trat sofort aus der Ture zuruck, zornig uber den ungerechten Zorn und eben darum weniger betrubt uber den ungesunden, da sein Wohltater heftig an dem fur den Geburtstag gedeckten Tische auf- und ablief und nach der alten Unart die fertig gebrannte Kalkgrube seines Zorns mit Wein abloschte.
Wenige Minuten nach ihm kam auch die musikalische Akademie und Knappschaft missmutig und in brummende Kontrabassisten verwandelt, gegangen. Es war ihnen im trocknen Kabinett die Zeit lang geworden, daher hatten der Bassonist und der Violinist sich durch ein leises Stimmen unterhalten wollen. Der Direktor, der nicht begreifen konnte, was ihn immer fur ein verlornes Getone umfliege, nahms lange fur melodisches Ohrenbrausen, als plotzlich der Hammermeister des Hackbretts seinen musikalischen Faustel auf die besaitete Tenne fallen liess. Wehrfritz riss den Augenblick die Ture auf und sah das ganze musikalische Nest und Komplott bewaffnet vor sich im Zirkel sitzen und aufpassen; er fragte sie hastig: "was sie im Kabinett zu suchen hatten" und befahl sogleich nach einer fluchtigen Gabe der ganzen Besatzung, ohne klingendes Spiel mit ihren ledernen Tandelschurzen und culs de Paris abzuziehen.
Albine winkte mit einem sanften Gesicht den geachteten Liebling ins Nahzimmer, wo sie ihn recht gelassen um die Wahrheit befragte, weil sie wusste, er luge nie. Nach der Berichtserstattung stellte sie ihm wenig seinen Fehler (wiewohl sie dem gegenwartigen Kinde ebenso gegen den abwesenden Mann unrecht gab, wie vorhin dem gegenwartigen Manne gegen das abwesende Kind) und mehr die Folgen vor sie zeigte (dabei machte sie ihm das Halstuch auf und um und einige Westenknopfe zu), wie sich ihr Mann vor dem mitgebrachten zweiten Schulkonsul mit 24 Faszibus, dem Musik- und Tanz-Meister Herrn v. Falterle, der sich droben umkleide, in Albanos Seele schame wie der Tanzmeister es wohl gar an Don Gaspard schreiben werde und wie ihrem guten Manne der ganze susse bemalte Gelee-Apfel der heutigen Freude zu Wasser gemacht worden, und er sich gerade an einem solchen feierlichen Tage einsam harme und vielleicht den Tod hole vom Trunke auf den Zorn. Die Weiber stimmen gewohnlich, wie Harfenisten, mit geringen Fusstritten die ganzen Tone der Wahrheit unter dem Spielen zu halben um. Nachdem sie ihm noch die vaterlichen Abendgewitter vorgerechnet, die er immer durch sein Reiten und durch seine Robinsonschen Entdeckungsreisen uber sich hergezogen und deren Schlage nur immer den Wetterableiter (sie selber) zerschmolzen hatten: so setzte sie mit jener ruhrenden, nicht aus der knochernen Kehle, sondern aus dem wallenden Herzen fliessenden Stimme dazu: "Ach Alban, du wirst einst an deine Pflegemutter denken, aber zu spat" und weinte recht sanft.
Bisher waren in ihm die strengflussigen Schlacken und der geschmolzene Teil seines Herzens nebeneinander aufgewallet, und der warme Guss war hoher und heisser im Busen emporgedrungen, nur das Gesicht war kalt und hart geblieben denn gewisse Menschen haben gerade im Punkte der Zerfliessung den Anschein und die Anlage der Verhartung am meisten, wie der Schnee kurz vor dem Zerschmelzen gefriert ; aber jetzt riss er sich durch das Ziehen am zu dicht angegurteten Zopfe, welches das verlegne Zeichen des nahen Durchbruchs war, das wurzburgische Anhangsel im Krampfe der Ergrimmung uber sich heraus. Eh' Albine es sah, hatte sie ihm die Direktorats-Bestallung mit den Worten gereicht: "Kaum sollt' ich; aber brings ihm nur und sage, es ware mein Angebinde, und du wolltest kunftig ganz anders sein." Allein da sie seine Hand bewaffnet sah, fragte sie erschrocken mit dem tiefen Nachklange einer verschmerzten Vergangenheit: "Alban?" und kehrte sich sofort vom armen Kinde, dessen Schmerz sie missverstand, mit zu bittern Tranen weg und sagte: "Was ist denn das wieder? O wie qualt ihr heute alle mein Herz! Geh fort!" "O komm her" (rief sie ihm nach) "und erzahl die Umstande!" Und als ers unschuldig und wahr getan hatte, so konnte ihre von Tranen uberwaltigte Stimme nicht mehr tadeln, sondern nur milde sagen: "Trage denn das Angebinde hin!" Dennoch hatte sie vor, beim Manne die Abbreviatur des Haars fur einen Gehorsam gegen ihren Willen und gegen die Mode der vornehmen Stadtkinder auszugeben.
Alban ging, aber auf dem harten Wege zersprangen die gefullten Tranendrusen und das angehaltene Herz, und er trat mit fortweinenden Augen vor den einsamen Pflegevater, der den muden und sinnenden Kopf aufstutzte, und reichte ihm weit voraus das grossgesiegelte Schreiben hin und konnte nur sagen: "Das Angebinde" und weiter nichts und Funken sprangen mit den Gewittertropfen aus den heissen Augen. Lege dich, Unschuldiger, leise an des Vaters aufgeknopfte Brust und lasse dich von seiner Linken, indem er den Zauberkelch der Ehre mit der Rechten halt und sich aus ihm betrinkt, durchaus nicht wegstemmen! Die abtreibende Hand wird endlich nur schlaff und ohne Schwere auf deinen nassen Feuerwangen und warmen Augen voll Busse zu pulsieren kommen dann wird der Alte das Dekret noch langsamer wieder uberlesen, fast um den ersten Laut zu verschieben dann wird er, wenn du unbeschreiblich-ungestum seine Hand in dein kussendes Angesicht eindruckest, sich stellen, als wach' er eben auf, und wird salpeter-kalt sagen mit Schimmern der Augen: "Rufe die Mutter!" und dann wird er, wenn du dein gluhendes, von Liebe zukkendes Gesicht unter den herubergefallnen Haaren gegen ihn aufhebst und wenn diese sanft von deinen Kirschenwangen zuruckschlagen, seinem weglaufenden Lieblinge ziemlich lange nachschauen und aus seinen Augen etwas wegstreifen, damit er die Adresse des Diploms so uberlaufen konne, wie er will.....
Sag, Albano, hab' ich recht geraten?
16. Zykel
Jede Ehrensaule erhebt das Herz eines Mannes, den man daraufstellt, uber den Brodem des Lebens, uber die Hagelwolken der Drangsale, uber den Frostnebel der Verdriesslichkeit und uber die brennbare Luft des Zorns. Ich will das Zauberblatt einer gunstigen Rezension einem knirschenden Werwolfe vorhalten; sofort steht er als ein leckendes Lamm mit quirlendem Schwanzchen vor mir; und konnte eine Frau ihrem hitzigen Schriftsteller jedesmal ein kritisches Trompeterstuckchen auf Famas Trompete vorblasen, er wurde einem Engel und sie jenem Bierfiedler gleich, der im Barenfange den Saul von Petz durch Tanzstucke besanftigte.
Wehrfritz kam als ein neugeborner Seraph Albinen entgegen und erzahlte die Ehre. Ja um die Explosionen seines Atna ihr abzubitten, sagte er nicht, wie sonst: nolo episcopari, er sagte nicht, eine unersteigliche Bergkette von Arbeiten setze sich jetzt um ihn fest sondern statt dieses verlegnen Zuruckziehens der Hand vor dem ausschuttenden Fruchthorne des Glucks, statt dieser jungfraulichen Blodigkeit des Entzuckens, die Gattinnen gemeiner ist, legt' er die Herzhaftigkeit einer Witwe an den Tag und sagte Albinen, ihre Wunsche des heutigen Morgens waren schon zu Gaben geworden und fragte, wo denn der versprochene Abendschmaus und die Leute und der Magister und der Tanzmeister, den jener gar noch nicht gesehen hatte, und Rabette und alles steckte.
Aber Albine hatte dem Magister schon langst durch Albano die Einladung und das Verziehen aller Gewitter und des neuen Kommis Ankunft sagen lassen. Wehmeier ass eigentlich mit dem grossten Widerwillen bei einem Edelmanne, bloss weil er wie ein speisender Akteur des Tisches mit Reden, savoir vivre, Aufpassen, Halten aller Gliedmassen und Spedieren aller Esswaren so viel zu tun hatte, dass er aus Mangel an Musse kleine Dinge z.B. Essiggurken, Kastanien, Krebsschwanze bloss im ganzen und ohne Geschmack verschluckte, so dass er nachher das Hartfutter wie einen verschlungnen Jonas oft drei Tage in der Weidtasche seines Magens herumtragen musste. Allein diesesmal zog er sich gern zum Essen an, weil er auf seinen padagogischen Nebenmann neugierig und ungehalten war, und das aus Angst, der neue Mitpachter gebe vielleicht die herrliche Wintersaat in Albans besaetem Lande fur seine eigne Sommersaat aus. Er schrieb seiner abbrevierten Lehrmethode alle Wunderkrafte seines Lehrlings, d.h. dem Boden aus Wasser den aromatischen Geist der Pflanze zu, die darin wuchs.23
Mit grosserer nachsichtiger Liebe kam er, den halbierten Liebling eigenhandig fuhrend, vor Rabettens Kabinett in einem saftgrunen Flaus mit dreiblattrigem Kragen an. "Herr von Falterle hier" (sagte bei seinem Eintritt Rabette, nicht aus Neckerei, sondern aus Unbesonnenheit) "meinten vorhin, Sie warens, als der Hund hereinwollte." "Mein Herr," (versetzte kalt und ernst der Paradeur von Falterle neben unserm Akkergaule)"der Hund kratzte an der Ture aber sowohl bei dem Minister als in allen grossen Hausern in Paris kratzet jedermann mit dem Fingernagel, wenn er bloss in ein Kabinett und in kein grosses Zimmer will."
Welcher herrliche malerische Abstand beider Amtsbruder! Der Exerzitienmeister mit der bunten Flughaut oder Ruckenschurze eines gelben Sommerkleidchens, gleichsam mit den gelben Oberflugeln eines Buttervogels, dessen dunkle Unterflugel das Gilet (wenn ers aufknopft) vorstellen; Wehmeier aber im geraumigen saftgrunen Flause hangend, den ein Zeltschneider um ihn gespannt zu haben scheint, und mit Unterleib und Schenkeln in der schwarzsamtnen Halbtrauer der Kandidaten pulsierend, die sie anlegen, ehe sie sich zur ganzen verkohlen Falterle hat sein Glatteis von Beinkleidern plattiert um die Beine gegossen, und jede Falte in diesen bricht sich in seinem Gesichte zu einer, als ware dieses das Unterfutter von jenen; indes an den Schenkeln des Schachtelmagisters die Wendeltreppe seiner WickelModesten24 auflauft jener in Brautschuhen, dieser in Pumpenstiefeln jener schnalzt als eine weiche schleimige Goldschleie empor mit den Bauchflossfedern des Jabots, mit den Seitenflossfedern der Manschetten und mit den Schwanzflossfedern des an drei Hermelin-Schwanzchen hangenden trinomischen Wurzelchens oder Zopfleins; der Magister sieht in seinem grunen Flause bloss wie der grune Schnapel (Weissfisch) oder die Kalquappe aus herrlicher Abstich, wiederhol' ich!
Der Schnapel hatte die Schleie gern gefressen, als der Goldfisch mit dem rechten Arme Rabetten und mit dem linken Albano zum Essen vorausfuhrte. Aber jetzt wurd' es viel arger. Alban hatte mit seiner gewohnlichen Heftigkeit die Serviette zuerst offen, die nun gleichsam das Antrittsprogramm und Dokimastikum von Falterles Lehrart wurde; "posement, Monsieur," (sagt' er zum Novizen) "il est messeant de deplier la serviette avant que les autres ayent deplie les leurs."25 Nach einigen Minuten gedachte Alban seine Suppe es war eine a la Britanniere mit Locken kalt zu blasen: "Il est messeant, Monsieur," (sagte der Exerzitienmeister) "de souffler sa soupe."26. Der Schachtelmagister, der schon mit dem Geblase seiner Brust zu einem Zugwinde fur einen Loffel voll Lokken angesetzt hatte, schnappte erschrocken mit einer Windstille ab. Als nachher eine farschierte Weisskohlbombe wie eine Zentralsonne auf das Tischtuch niederfiel: schlang der Magister den brennenden Kalbfleisch-Farsch kuhn hinein, wie ein Taschenspieler oder Vogel Strauss glimmende Kohlen, und atmete mehr ein- als auswarts.
Nach der Bombe kam ein Hecht au four herein, dem bekanntlich der Wegschnitt des Kopfes und Schwanzes und die Verschlossenheit des Bauchs die Gestalt eines Rehziemers schenken. Als Alban seinen alten Lehrer fragte, was es ware, versetzte solcher: "Ein delikater Rehziemer." "Pardonnez, Monsieur" (sagte der Gegenzungler) "c'est du brochet au four, mon cher comte mais il est messeant de demander le nom de quelque mets qu'il soit on feint de le savoir."27
Es ist leicht zu zeigen, dass dieser Kernschuss aus einer Doppelbuchse dem Magister durch Mark und Bein durchfuhr; die Passions-Instrumente, die im weggeschnittenen Kopfe des Hechts au four wie in einer Gewehrkammer lagen, arbeiteten in seinem weiter. Wie die meisten Schullehrer glaubt' er so lange die feinste Lebensart zu haben, als er sie dozierte und die grobste bekriegte ebensolange schatzt' er sie ungemein, so wie den Putz ; wurd' er aber in beiden besiegt, so musst' er sie von Herzen verachten. Es bracht' ihn wieder auf die Beine, dass er den Exerzitienmeister im stillen bei sich gegen beide Katos und die homerischen Heroen hielt, die nicht viel besser assen wie Schweine, und dass er so den Wiener an einen Schandpfahl anband und ihn daran mit der einen Hand wakker drasch, indes er mit der andern uber ihm die Schandglocke lautete. Ja er stellte sich, um den Amtsbruder klein zu machen, auf einen fernen Irrstern und sah herunter auf die Bombe und auf den Hecht au four und musste droben auf seinem Planeten sehr herablachen, als er den gelbseidnen Ladenhuter der Natur mit dem Wrack von Gehirn nicht grosser befand als einen Kleisteraal. Dann dauerte ihn der verlassne Zogling, und er fiel wieder herunter und schwur unterweges, aus ihm jeden Tag so viel auszujaten, als jener einharke. Wir werden es noch bald genug erfahren, wie Albans Nerven auf dieser Drechselbank unter den Schlichthobeln zuckten. Den Direktor labte dieses padagogische Schneiden und Brillantieren eines so grossen Demants unbeschreiblich, wiewohl der Schnitt (nach Jefferies) allen Demanten die halbe Schwere nimmt, und wiewohl er selber noch die ganze hatte und mehrere Karats als Facetten. Wehrfritz konnte nie eher rein vergeben worauf er jetzt hinarbeitete, weil er dem Kleinen den Osterleinschen Flugel mitgebracht , als bis er wenigstens mit einem Worte eine kurze Marter angetan; er teilte also blind gegen Albanos verhulltes blutiges Bussen den Gasten mit, wie strenge der Minister seine Kinder erziehe, wie sie z.B. fur unwillkurliches Husten und Lachen an der Tafel, gleich preussischen Kavalleristen, welche sturzen oder im Winde den Hut verlieren, Strafen bekommen und wie sie freilich so alt waren wie Albano, aber vollig so gesittet wie Erwachsene. Beim Minister hatt' er heute umgekehrt mit den Kenntnissen des Pflegesohns geprunkt; aber manche Eltern erbauen in jedem fremden Zimmer Rauchopferaltare fur dasselbe Kind, das sie im eignen wie Wein und Bienen schwefeln.
Der Henker hol' es uberhaupt, dass sie, wie Landesvater, gerade dann verdoppelte Forderungen machen, wenn die Kinder unmassige befriedigt haben, so dass diese durch opera supererogationis von majorennen Lernstunden die Spielstunden mehrverwirken als erringen. Halt man es nicht grossen Philosophen, z.B. Malebranche, und grossen Feldherren, z.B. Scipio, zugute, dass sie nach den grossten Eroberungen, die sie im Reiche der Wahrheiten oder in einem geographischen gemacht, sich in die Kinderstube setzten und da wahre Kindereien trieben, um den Bogen, womit sie so viele Lugen und Menschen zu Boden gelegt, sanft zuruckzuspannen? Und warum soll dieses Gleichnis, womit der heilige Johannes sich verteidigte, wenn er sich eine Spielstunde mit seinem zahmen Rebhuhne erlaubte, nicht Kinder entschuldigen, dass sie auch Kinder werden, wenn sie vorher den noch dunnen Bogen zu krumm angezogen haben?
Aber nun weiter! Der alte Wehrfritz referierte Rabetten ganz freundlich, "wie er heute die Pupille des Don Zesara, die herrliche Grafin de Romeiro, gesehen, wahrhaftig 12 Jahre alt, aber von einer Conduite, wie nur eine Hofdame habe; und der Herr Ritter erlebe an seiner Mundel mehr Freude als sonst." Diese harten klirrenden Worte ritzten, wie an einem Wasserscheuen, die offnen Nerven des ehrgeizigen Knaben, da fur ihn der Ritter bisher das Lebensziel, der ewige Wunsch und der frere terrible war, womit man ihn bezwang; aber er sass still ohne Zeichen da und erstickte das schreiende Herz. Wehrfritz kannte dieses stumme Verbeissen; gleichwohl handelte er so, als hab' ihn Albano nicht verstanden.
Nun fing auch der Wiener an, in alle Ecken und Nischen des ministerialischen Vatikans Leuchtkugeln zu werfen, bloss um seine Tanz- und Musikschuler darin und sich selber gunstig zu beleuchten. Kann nicht die Tochter des Ministers, kaum zehn Jahre alt, alle neue Sprachen und die Harmonika, die Albano noch nicht einmal gehoret, und schon vierhandige Sonaten von Kotzeluch und singt wie die Nachtigall schon in unbelaubten Asten, und zwar Opernauszuge, die ihre zarte Nachtigallenbrust aushohlen, daher er fortgemusst? Ja kann der Bruder nicht noch weit mehr und hat alle Lesebibliotheken ausgelesen, besonders die Theaterstucke, die er noch dazu auf Liebhaberbuhnen auch spielt? Und wird er nicht gerade in dieser Stunde im heutigen bal masque seine Sache recht gut machen, wenn er anders da den Gegenstand antrifft, der ihn begeistert? Wehmeier tat unrecht, dass er unserm Juwelenkolibri Falterle gegenubersass als eine Ohreule oder Vogelspinne, die bereit ist, den Kolibri jede Minute zu rupfen und zu fressen. Wahrlich Falterle sagte nichts aus Bosheit, er konnte niemand verachten und hassen, weil seine geistigen Augen in seinem aufgeschwollenen Ich so tief sassen, dass er damit gar nicht uber das geschwollene Ich herausschauen konnte; er verletzte keine Seele und umflog die Leute nur wie ein stiller Schmetterling, nicht wie eine stechende sumsende Bremse, und sog kein Blut, sondern Honig (d.h. ein kleines Lob).
"Sollte sich wohl, Herr v. Falterle," (sagte Wehrfritz, der alsdann, sobald er nur diesen kalten Wetterstrahl auf Albano heruntergetan hatte, diesen nicht mehr fliehend und kalt anschielen wollte) "der junge Minister zuweilen auf eine Vogelstange setzen wie unser Albano da?" Das war zu viel fur dich gequaltes Kind! "Nein!" sagte Albano ehern und mit der Freundlichkeit eines Leichnams, welche Nachsterben bedeutet, und verliess mit einer optischen Wolke schweifender Farben den unter seinen stummen Zukkungen knackenden Sessel und ging langsam mit eingeklemmten Fingern hinaus.
Der arme junge Mensch hatte heute nach der anscheinenden Vergebung seines adamitischen Falles und nach dem Anblicke des geschmuckten neuen Lehrers, auf den er sich schon so lange gefreuet und dessen graviertes glanzendes Gehause gerade auf ein Kind imponierend wirkte, die letzte Puppenhaut seines Innern abgeworfen und sich viel vorgesetzt. Irgendeine Hand riss vor einer Stunde seinen innern Menschen aus der engen schlafrigen Wiege der Kindheit auf er sprang auf einmal aus dem Warmkorbe er warf Fallhut und Flugelkleid weit weg er sah die weite toga virilis dort hangen und fuhr in sie hinein und sagte: kann ich denn nicht auch ein Jungling sein?
Ach du Lieber, der Mensch, besonders der rosenwangige, halt betrogen so leicht Bereuen fur Bessern, Entschlusse fur Taten, Bluten fur Fruchte, wie am nackten Zweige des Feigenbaums scheinbare Fruchte spriessen, die nur die fleischigen Hullen der Bluten sind!
Und nun, indes alle Nerven und Wurzeln seiner Seele nackt an der harten Luft blosslagen und bei so schonen frischen Trieben, wurd' er jetzt so oft beschamend zertreten. In seiner Seele gluhte die Ehre durch die kunftigen Jahre wollte sie wie durch eine weisse Kolonnade von Ehrensaulen gehen schon ein blosser Alumnus aus der Stadt war seiner ruhm- und wissens-durstigen Seele ein klassischer Autor und sollt' ers erdulden, dass ihn bei dem Ritter der Direktor verklagte und der Wiener verzeichnete? Harte Tranen wurden wie Funken aus der stolzen verletzten Seele geschlagen, und den Kometenkern seiner innern Welt zertrieb die Glut in einen schwulen Nebel. Kurz er beschloss, in der Nacht nach Pestitz zu rennen vor seinen Vater zu sturzen, ihm alles zu melden und dann wieder nach Hause zu gehen, ohne ein Wort davon zu sagen. Am Ende des Dorfs fand er einen eiligen Nachtboten, den er nach dem Pestitzer Wege befragte und der sich wunderte uber den kleinen Pilger ohne Hut.
Man sehe mit mir vorher nach dem Reste der Tischgenossenschaft. Eben dieser Bote uberbrachte dem Wiener eine bose Neuigkeit, die den so lange gelobten Ministers-Sohn betraf, der Roquairol hiess.
Die obengedachte Pupille des Ritters, die kleine Grafin von Romeiro, war sehr schon; Kalte hiessen sie einen Engel und Warme eine Gottin. Roquairol hatte keine belgische Venen, worin wie im Saturn alle Feuchtigkeiten als feste gefrorne Korper liegen, sondern afrikanische Arterien, worin wie im Merkur geschmolzene Metalle umlaufen. Als die Grafin bei seiner Schwester war, versucht' er, mit der Keckheit vornehmer Knaben, sein mit einem Geader von Zundstricken gefulltes Herz als einen guten Brander auf ihres zuzutreiben; aber sie stellte die Schwester als Feuermauer vor sich. Zum Ungluck ging sie zufallig als Werthers Lotte gekleidet in die heutige Redoute, und die Pracht ihrer despotischen Reize wurde von lauter dunkel-gluhenden Augen hinter Larven verschlungen und umblitzt; er nahm seine innere und aussere ab, drang an sie und forderte mit einiger Eile weil sie abzureisen drohte und mit einiger Zuversicht auf dem Liebhabertheater errungen und mit pantomimischer Heftigkeit womit er auf diesem immer die schonsten Nachtmusiken der klatschenden Hande gewonnen nichts vor der Hand als Gegenliebe. Werthers Lotte kehrte ihm stolz den prangenden Rucken voll Locken, er lief ausser sich nach Hause, nahm Werthers Anzug und Pistole und kam wieder. Dann trat er mit einem physiognomischen Orkan des Gesichts vor sie hin und sagte das Gewehr vorzeigend , er mache sich hier auf dem Saale tot, falls sie ihn verstosse. Sie sah ihn ein wenig zu vornehm an und fragte, was er wolle. Aber Werther halb trunken von Lottens Reizen, von Werthers Leiden und von Punsch druckte nach dem funften oder sechsten Nein (an offentliches Agieren schon gewohnt) vor der ganzen Maskerade das Schiessgewehr auf sich ab, ladierte aber glucklicherweise nur das linke Ohrlappchen so dass nichts mehr hineinzuhangen ist und streifte den Seitenkopf. Sie entfloh plotzlich und reisete sogleich ab, und er fiel blutend darnieder und wurde heimgetragen.
Diese Geschichte blies viele Lampen an Falterles Ehrenpforte aus und an Wehmeiers seiner an ; aber sie setzte auf einmal Albinen in Angst uber den ebenso wilden Tollkopf Albano. Sie fragte nach ihm in der Domestikenstube; und der Bote half ihr auf die Spur durch den Knaben ohne Hut. Sie eilte selber in ihrem gewohnlichen Ubermasse der Angst durch das Dorf hinaus. Ein guter Genius der Hofhund Melak war da der Musculus Antagonista und Schlagbaum des Fluchtlings geworden. Melak wollte namlich mit; und Alban wollte einen dem Schlosshofe so bedienten und ofter als der Nachtwachter darin abrufenden Schirmvogt und Kustenbewahrer wieder heim haben. Melak war in seinen Sachen fest; er verlangte Grunde, namlich nachgeworfene Prugel und Steine allein der weinende Knabe, dessen gluhende Hande die kalte Schnauze des gutwilligen Viehes erfrischte, konnte ihm kein boses Wort geben, sondern er drehte bloss den wedelnden Hund um und sagte leise: "Fort!" Aber Melaken waren bloss laute Dekrete etwas; er kehrte immer wieder um; und in diesen Inversionen wahrend welchen in Albanos ohnehin immer auf dem Brockengebirge stehenden Geist, der im Nebel Riesenformen ziehend wachsen sah, seine Tranen und jedes unverdiente Wort tiefer einbrannten fand ihn die unschuldige Mutter.
"Albano," sagte sie freundlich-verstellt, "in der kalten Nachtluft bist du?" Von diesem Nachgehen und Anreden der allein beleidigten Seele wurde seine volle, der eine Ergiessung, es sei durch Tranen oder Galle, notig war, so sehr ergriffen, dass er mit einem gichterischen Reissen des uberspannten Herzens an ihren Hals aufsprang und sich daran aufgelost und weinend hing. Er konnte ihren Fragen seinen harten Entschluss nicht gestehen, sondern druckte sich bloss starker an ihr Herz. Jetzt kam besorgt auch der bereuende Direktor nach, den die kindliche Stellung umschmolz, und sagte: "Narrischer Teufel, hab' ich es denn so bose gemeint?" und nahm zuruckfuhrend die kleine Hand. Wahrscheinlich war Albanos Zurnen durch die ergossne Liebe erschopft und durch den versohnten Ehrgeiz befriedigt; folgsam und sogar was sonderbar scheint mit grosserer Liebe gegen Wehrfritz als gegen Albine ging er mit ihnen zuruck und weinte unterwegs bloss aus zarter Bewegung.
Als er ins Zimmer trat, war sein Angesicht wie verklart, obwohl ein wenig geschwollen, die Tranen hatten den Trotz verschwemmt und alle sanfte Schonheitslinien seines Herzens auf sein Gesicht gezogen, wie etwa der Regen die Himmelsblume, die in der Sonne nicht erscheint, in durchsichtigen zitternden Faden zeigt. Er stellte sich aufmerkend an den Vater und behielt den ganzen Abend dessen Hand; und Albine genoss in der doppelten Liebe ein doppeltes Gluck; und sogar auf den Gesichtern der Bedienten lagen zerstreute Stucke von dem dritten Nebenregenbogen des hauslichen Friedens, dem Bundeszeichen der verlaufenen Wassersnot.
Wahrlich, ich hab' oft den Wunsch getan und nachher ein Gemalde daraus gemacht , ich mochte dabeistehen konnen bei allen Aussohnungen in der Welt, weil uns keine Liebe so tief bewegt als die wiederkehrende. Es musste Unsterbliche ruhren, wenn sie die beladnen, vom Schicksal und von der Schuld oft so weit auseinandergehaltnen Menschen sahen, wie sie, gleich der Valisnerie28, sich vom sumpfigen Boden abreissen und aufsteigen in ein schoneres Element und wie sie nun in der freiern Hohe den Zwischenraum ihrer Herzen uberwinden und zusammenkommen. Aber es muss auch Unsterbliche schmerzen, wenn sie uns unter dem schweren Gewitter des Lebens gegeneinander auf dem Schlachtfelde der Feindschaft ausgeruckt erblicken, unter doppelten Schlagen und so todlich getroffen vom fernen Schicksal und von der nahen Hand, die uns verbinden sollte!
Dritte Jobelperiode
Methoden der beiden Kunstgartner in ihrer
padagogischen Pelzschule Schutzschrift fur die Eitelkeit Morgenrot der Freundschaft Morgenstern
der Liebe
17. Zykel
Wenn wir beide Schulstuben aufmachen, so sehen wir den Schachtelmagister vormittags uber den zweidottrigen Eiern des Eleven sitzen und bruten, und den Exerzitienmeister nachmittags, so wie der Tauber das Nest in jener Tagszeit, die Taube in dieser hutet.
Wehmeier wollte nun so gut wie sein Nebenrenner sich mit ganz neuen Lehren des Zoglings bemeistern; aber neue fur diesen waren neue fur ihn selber. Wie die meisten altern Schullehrer wusst' er von der Sternkunde ausser dem wenigen, was im Buch Josua stand, und von der Naturkunde ausser den wenigen Irrtumern, die in seinen eher vergessenen als zerrissenen Heften standen, und von der Weltweisheit ausser der Gottschedianischen, fur die aber ein reiferer Eleve gehorte, und von andern Realien genau gesprochen nichts, ausgenommen etwas Historie. Kamen ihm zuweilen in seiner literarischen Sarawuste, in welche ihn die qualende Schulstunden-Schraube ohne Ende und die Bettel- oder Kropelfuhre eines mehr verschlackten als vererzten Lebens ohne Geld verwiesen hatten, neue Lehrmethoden oder neue Entdeckungen zu Ohren (zu Augen nie): so merkt' er den Augenblick, dass es seine eignen waren, nur schwach abgeandert; und er verhielt niemand das Plagium. Ich bitte aber alle seidene und gepuderte und lockige Prinzen-Instruktoren von Herzen: verdenket meinem armen, von den schweren dicken Erdlagen des Schicksals tief uberbaueten Wehmeier seine unterirdische Optik und sein Krummstehen nicht zu sehr, sondern zahlt seine acht Kinder und seine acht Schulstunden und seine nahen Funfziger in seiner Lebens-Hohle von Antiparos und entscheidet dann, ob der Mann damit wieder herauskann ans Licht! Aber von der Historie wusst' er, wie gesagt, doch etwas; und diese ergriff er als padagogischen Diebsdaumen und Fortunatus-Wunschhut. Hatt' er nicht schon mit jener epischen ausmalenden Paraphrase, womit er die kleinste Marktflecken-Historie so interessant und lugenhaft erzahlte (denn woher will ein guter Erzahler die 1000 kleinern, aber notigen Zuge nehmen als aus der Luft?), seinem Albano Hubners biblische ausserst ruhrend vorgetragen? Und wer weinte dabei mehr, der Lehrer oder der Schuler?
Nun hatt' er drei historische Wege vor sich offen. Er konnte den geographischen einschlagen, der mit der elendesten Geschichte von der Welt anfangt, mit der Landesgeschichte. Aber bloss hochstens Briten und Gallier konnen die Geschichte wie eine epische und eine Erdbeschreibung von hinten anfangen; hingegen eine haarhaarsche, eine baireuthische, eine Mecklenburger Landesvater-Patristik gibt hohlen Zahnen hohle Nusse aufzubeissen, ohne Kern fur Kopf und Herz. Und schwellet man nicht dadurch einen Holzzweig der Historie, auf welchen der Zufall der Geburt den jungen Borkenkafer abgesetzt, unverhaltnismassig zu einem Stammbaume derselben an? Und was fragt man z.B. in Berlin nach einer Markgrafen-, oder in Hof nach der hohenzollerischen Regentenlinie?
Die zweite Methode ist die chronologische oder die vornen anspannende; diese hebt vom Geburtstage der Welt an, die nach Petav und den Rabbinen den 22sten Oktober29 vormittags auf die Welt kam, schreitet zum 28sten Oktober, dem ersten Flegel- und Tolpeltage des jungen Adams, dann uber den 29sten, den ersten Sonn-, Buss- und Karenztag, hinweg und so fort bis zum Karenz- und Busstage des neuesten Adamssohnchens, das eben der Sache zuhorchen muss.
Diese Milchstrasse war unserm Magister zu lang, zu ode, zu fremd. Er schiffte die mittlere Strasse zwischen den vorigen, die nach den reichen beiden Indien der Geschichte fuhrt, nach Griechenland und Rom. Die Alten wirken mehr durch ihre Taten als durch ihre Schriften auf uns, mehr auf das Herz wie auf den Geschmack; ein gefallenes Jahrhundert um das andere empfangt von ihnen die doppelte Geschichte als die zwei Sakramente und Gnadenmittel der moralischen Starkung; und ihre Schriften, an welche ihre steinernen Kunstwerke jede Nachwelt heften, sind die ewige Bibelanstalt gegen jeden Verfall der Cansteinischen Aber nun lasset uns an einem schonen Sommermorgen etliche Male vor der Rektoratswohnung vorbeigehen und es aussen mit anhoren, mit welcher Stimme der Magister drinnen, obwohl in altvaterischen Wendungen aus dem Plutarch dem biographischen Shakespeare der Weltgeschichte , nicht die Schattenwelt von Staaten, sondern die darin glanzenden Engel der Gemeine zitiert, die heilige Familie grosser Menschen, und werfet im Vorbeigehen einen Blick auf das funkelnde Auge, womit der begeisterte Knabe an den moralischen Antiken hangt, die der Lehrer wie in einem Abgusssaale um ihn versammlet. O wenn so die grossen Wetterwolken der heroischen Vergangenheit sich an Zesarens Seele wie an ein Gebirge hingen und daran mit stillem Blitzen und Tropfen niedergingen: wurde da nicht das ganze Gebirge mit himmlischem Feuer geladen und alles, was darauf grunte und keimte, befruchtet, erquickt und herausgetrieben? Und konnt' er dann, so schon bewolkt, wohl in die tiefe Wirklichkeit schauen? Ja blieb es nicht dem Lehrer wie dem Schuler unter dem Marktgetose des romischen und des athenischen Forums, wo sie im Gefolge Katos und Sokrates' mit herumgingen, vollig unbekannt, dass die rustige Magisterin neben ihnen koche, bette, keife und scheuere? Von den acht larmenden Kindern vernahmen sie schon der Menge wegen nichts; denn nur eine sausende Mucke halt man nicht ohne entsetzliche Anstrengung im Zimmer aus, leicht aber einen ganzen Schwarm. Ebenso wurde die Schulstube, auf deren Boden nichts fehlte, was man in Kanarien-Heckkasten zum Nestmachen wirft, Heu, Moos, Rehhaar, ausgezauseter Flanell und fingerlanges Garn, beiden durch den Fussboden der alten (geographischen und historischen) Welt zugedeckt, welcher, der romischen Paulskirche ihrem gleich, aus Marmortrummern voll abgebrochener Inschriften besteht.
18. Zykel
Der Leser ist nun auf den Nachmittag, wo man den Eleven in die Poliermuhle des Wieners schickt, begierig, wie er sich da schleifen lasse. Es muss ihn noch begieriger machen, wenn ich nachhole, dass Wehmeier, der wie andere Gelehrte dem Elefanten an Verstand und Plumpheit glich, nichts in der alten Geschichte lieber fand und also abmalte als einen grossen Mann, der wenig anhatte, wie z.B. Diogenes, oder der barfuss ging, wie Kato, oder unbalbiert, wie die Philosophen; ja er fiel in die Mittelmark ein und holte sich Friedrichs II. Kleider heraus, womit er soviel gewann als Mr. Pages in Paris, und trug dessen Hemden wie des edlen Saladins seines und unter einerlei Ausrufungen auf Stangen zur Schau und entwarf als ein zweiter Scheiner die beste Karte, die wir von den Sonnenflecken des Tabaks auf Friedrich haben. Dann nahm er diese nackten rauhen Kolossen und schlichtete sie samtlich in die eine Waagschale auf, und in die andere warf er getafelte leichte Figuren wie Falterle und die Nurnberger geleckten Kindergartchen von neuern Hofen und ersuchte den Scholaren, achtzugeben, wohin das wagende Zunglein schlage.
Ich bin hier nicht ganz auf deiner Seite, Magister, da kraftvolle Junglinge ohnehin die Folie des Zeremonialgesetzes zu leicht zerreissen und oft die Folienschlager, die Oberzeremonienmeister, dazu; fur Schwache ist die Methode gut.
Kam nun Albano zum Exerzitienmeister: so konnt' er vor dem lauten Nachklange der vorigen Stunde weil Kinder von einer gewissen Tiefe, wie Gebaude von einiger Grosse, ein Echo geben das nur schwach vernehmen, was Falterle befahl; und nur wenn er einige Tage ohne die historische Ruhrung blieb, wurd' er fur die kleinern Lehrstunden weiter offen, wie vergoldete Sachen erst, wenn das Gold herunter ist, sich versilbern lassen. Das Ungluck war noch, dass er seine Frontanze gerade neben der Schreibstube des Direktors, der da in eignen begriffen war, zu machen hatte. Es traf sich oft, dass Wehrfritz, wenn Alban so zerstreuet wie eine verliebte Moitistin in der Anglaise aufmerkte, drinnen unter dem Diktieren schrie: "Ins drei Teufels Namen, chassier!" Ebenso viele Falle wurde man aufzahlen konnen, wo der Mann, wenn der Musikmeister wie ein Trommelbass mit ewigem Ermahnen zum Piano unter dem Adagio weglief, drinnen mit dem erdenklichsten Fortissimo rufen musste: "Pianissimo, Satan, Pianissimo!" Einige Male musst' er von seinen Arbeiten aufstehen, wenn in der Fechtstunde alles Zureden zur Quarte nichts half, und die Tur aufmachen und ergrimmt zum Wiener sagen: "Um Gottes Willen, Herr, sein Sie doch kein Hase und stossen Sie ihm derb aufs Leder, wenn er nicht aufpasst!" worauf der hofliche Fechtmeister nur leise zu Quartstossen anfrischte.
Gleichwohl lernt' er viel; in so fruhen Jahren setzet man sich weder uber den Putz noch uber die schonen Kunste eines Falterle hinweg, der noch dazu mit dem zauberischen Vorzuge machtig war, in der verbotnen Hauptstadt geglanzt und gelehrt zu haben. Bloss der laute Aufschritt und die Stiefel waren dem Zoglinge nicht zu nehmen; aber die Achseln waren in kurzem waagrecht und der Kopf steilrecht gedruckt und die oszillierenden Finger samt dem regen Korper mit einem Stahlschen Augenhalter festgemacht. Uberhaupt haben Menschen mit einer liberalen Seele in einem schongebauten Korper schon ohne Falterles Spalierwand und Schere einen gefalligen Stand und Wuchs. Dabei hatte er den niedlichen freundlichen Falterle mit jener heiligen ersten Menschenliebe, womit ein Kinderherz sich an alle Leute des Hauses und des Dorfes anklammert, schon darum lieb, weil den Wiener eine Dame um den Goldfinger, ja innen um den Goldring selber aufwickeln konnte, und weil er vom Ritter des goldnen Vlieses wie von einem Konige sprach und log, und weil er die gefalligste Haut war, die je uber die Erde lief.
Da ich in meinen Biographien Duldung und eine vielseitige Gerechtigkeit gegen alle Charaktere lehren will: so muss ich hier mit meinem Muster der Toleranz vorangehen, indem ich von Falterle bemerke, dass seine arme dunne Seele sich selber nicht unter den steinernen Gesetztafeln der Etikette und unter dem holzernen Joche eines imponierenden Standes aufzubringen vermochte. Wem tat der arme Teufel etwas an? Nicht einmal Damen, fur welche er zwar, gleich einem Kupferstecher, immer vor dem Spiegel arbeitete an seinem Ich, allein nur um mit diesem Kunstwerke, gleich andern Figuristen, reine Schonheiten darzustellen, nicht aber solche zu verfuhren. Das Seewasser seines Lebens denn er ist weder ein Millionar noch eben der grosste Gelehrte des Sakuls, ob er wohl bei vielen Bucherverleihern herumgelesen susset er sich durch das Schonheitswasser ab, worin er sich stundlich badet. Er sauft und frisset fast nichts; flucht und schwort er, so tut ers in fremden Sprachen, wie der Papstler darin betet, und schmeichelt wenigen ausser sich.
Der Eitle und noch mehr die Eitle hassen Eitle viel zu stark, die doch mehr am Kopfe als am Willen siechen. Ich kann mich hier freudig auf jeden denkenden Leser berufen, ob er sich je, wenn er eben ungewohnlich eitel einhertrat, tiefe Gewissensbisse oder Misstone im Ich verspurt zu haben entsinnt, welche doch niemals fehlten, wenn er sehr log oder zu hart war; er nahm vielmehr ein ungemein liebliches Schaukeln seines innern Menschen in der Paradewiege wahr. Daher wird ein Eitler so schwer wie ein Spieler kuriert. Aber auch noch darum: die meisten Sunden sind Kasualpredigten und Gelegenheitsgedichte und mussen haufig ausgesetzet werden, vom 3ten bis loten Gebot inclus. Die Ehe, den Sabbat, das Wort kann man nicht zu jeder gegebenen Stunde brechen Verleumden kann einer so wenig als kegeln oder duellieren mit sich selber viele betrachtliche Laster sind nur an der Ostermesse oder am Neujahrstage oder im Palais royal oder im Vatikan zu veruben manche konigliche, markgrafliche, furstliche im ganzen Leben nur einmal manche gar nicht, z.B. die Sunde gegen den heiligen Geist. Hingegen sich innerlich preisen und bekranzen kann einer Tag und Nacht, Sommer und Winter, an jedem Orte, auf dem Katheder, im Prater, im Generalszelte, hinten auf der Schlittenpritsche, auf dem Furstenstuhle, in ganz Deutschland, z.B. in Weimar. Wie? und diese perennierende Balsamstaude, die den innern Menschen immerwahrend anrauchert, sollte man sich ausziehen oder beschneiden lassen?
19. Zykel
Alle diese Geschafte und Dornen waren fur Albano recht gute spitze Erdbeben-Ableiter, da in seiner Brust schon mehr unterirdische Gewittermaterie umherzog, als zum Zersprengen der dunnen Brusthohle eines Menschen notig ist. Nun kam er immer tiefer in die wilden Donnermonate des Lebens. Die Sehnsucht, Don Zesara zu sehen, entflammte sich an der romischen Geschichte mehr, welche Casars kolossalisches Bild vor ihm in die Hohe stellte und darunterschrieb: Zesara. Die verhullte Lindenstadt wurde von seiner Phantasie auf sieben Hugeln getragen und zum Rom erhoben. Ein Posthorn schallte in sein Innerstes wie ein Schweizer Kuhreigen, der alle Hohen unserer Wunsche in langen Bergketten glanzend in den Ather hinausbauet; und es blies ihm das Zeichen zum Aufbruch, und alle Stadte der Erde lagen mit offnen Toren und mit breiten Fuhrstrassen um ihn herum. Und wenn er in jener Zeit an einem kalten hellen Sommermorgen neben einem nach Pestitz gehenden Regimente so lange metrisch mitzog, als die Trommeln und die Pfeifen larmten: so feierte seine Seele ein Handelsches Alexanderfest sie horte die Vergangenheit das Fahren der Triumphwagen das Gehen der spartischen Heere und ihre Floten und die helle Trompete der Fama und wie unter den letzten Posaunen erstand seine Seele unter lauter glanzenden Toten aus der aufgeriegelten Erde und zog mit ihnen weiter.
Wenn die Geschichte einen edlen Jungling in die Ebene von Marathon und auf das Kapitolium fuhrt: so will er an seiner Seite einen Freund, einen Waffenbruder haben aber auch weiter nichts, keine Waffenschwester; denn einem Heros schadet eine Heroine sehr. In den starken Jungling zieht die Freundschaft eher als die Liebe ein; jene erscheint wie die Lerche im Vorfruhlinge des Lebens und geht erst im spaten Herbste fort; diese kommt und fliehet wie die Wachtel mit der warmen Zeit. Albano horte schon diese Lerche unsichtbar in den Luften uber ihm schmettern; er fand einen Freund, nicht in Blumenbuhl, nicht in der Lindenstadt, an keinem Orte, sondern in seiner Brust; aber diesen hiess er Roquairol.
Die Sache war diese: fur Leute wie ich ist das Landleben der Honig, worin sie die Pille des Stadtlebens einnehmen; Falterle hingegen brachte das bittre Landleben nicht ohne die Versilberung des Stadtlebens hinunter; wochentlich lief er dreimal nach Pestitz, entweder in die Logen der Liebhabertheater als Dramaturg oder auf diese selber als Akteur. Nun nahm er jedesmal sein Rollenbuchlein aufs Dorf hinaus und studierte da im Vertrauen auf die Komodienprobe seine Rolle insularisch ohne die kollegialischen ein; so wie noch jeder Staatsdiener seine ohne einen Blick in die mitspielenden memoriert; daher jeder von uns nur aus einer Seelenkraft besteht und, wie in der russischen Jagdmusik, nur einen Ton zu pfeifen weiss und seine Starke ins Pausieren setzen muss. In diesen von Falterle geliehenen Bruchstukken der Buhne ging nun Albano mit einem Entzucken herum, das jener bald hoher zu treiben suchte durch den Tausch der ganzen dramatischen Weltgloben gegen diese Kugelsektoren.
Der Wiener hatt' ihm langst den selbstmorderischen Wildfang Roquairol als ein Genie im Lernen besonders sich als eines im Lehren vorgelobt; jetzt fuhrt' er den Beweis aus den grossen Rollen, die der Wildfang immer gut spiele. Ubrigens war es nicht seine Schuld, dass er den Ministers-Sohn nicht ungemein heruntersetzte, dem er nicht nur die theatralischen Siege beneidete, sondern auch die erotischen. Denn der phantasiereiche Roquairol hatte mit dem Selbstschusse des 13ten Jahres das ganze weibliche Geschlecht salutiert und gewonnen und sich zum Opferpriester aus einem Opfertiere gemacht und zum Regisseur des ans Liebhabertheater gestossenen Liebhaberinnentheater, indes der scheue blode Falterle mit seiner totgebornen Phantasie keine Schone zu einem andern Schritte brachte als zum Ruckpas im Menuett und statt der Setzung seines Ichs zu nichts als zur Fingersetzung. Aber der Eitle kann andern kein Lob versagen, das sein eignes wird.
Wie musste das alles unsern Freund fur einen Jungling gewinnen, den er bald als Karl Moor bald als Hamlet als Clavigo als Egmont durch seine Seele gehen sah! Was den bekannten Redoutenschuss in fruhern Jobelperioden anlangt, so musste unser so unerfahrner Herkules, den der blanke Dolch des Kato blendete, einem so verwandten Herakliden den Schuss als eine seiner tragischen 12 Arbeiten anrechnen. Der Lehnpropst Hafenreffer erzahlt sogar, Albano habe einmal mit dem Wiener, der langst aus einem Schullehrer zu einem Schulkameraden herunter war, uber die schonsten Todesarten gestritten und sei gegen den sanften Falterle, der sich fur den Schlaftrunk erklarte, auf Roquairols Seite getreten, sogar mit dem starkern Zusatze: "am liebsten stieg' er auf einen Turm und zoge den Wetterstrahl auf seinen Kopf!" Im letztern zeigt er das hohe Gefuhl der Alten, die den Donnertod fur keine Verdammnis, sondern fur eine Vergotterung hielten; sollt' aber nicht der Korper etwas dabei tun, da seine Ellenbogen und seine Haare oft im Finstern elektrisches Feuer ausspruhen und sein Kopf in der Wiege mehrmals einen heiligen Zirkel ausstrahlt? Der Lehnpropst ist sehr dafur.
Albano konnte sein feuriges Herz am Ende nicht anders kuhlen, als dass er Papier nahm und an den Unsichtbaren schrieb und es dem Wiener zu bestellen gab. Falterle, der die Gefalligkeit selber war und dabei auch die Unwahrheit selber , nahm trotz seiner Abneigung gegen Roquairol die Briefe herzlich gern mit "ich bin beim Minister ja wie zu Hause", sagt' er , bestellte aber, da er sowohl im stolzen Froulayschen Palaste als bei dem Sohne wenig galt, keinen einzigen und brachte bloss jedesmal eine neue gultige Ursache mit, warum Roquairol nicht darauf antworten konnen; er war entweder zu sehr in der Arbeit oder auf dem Krankenstuhle oder in Gesellschaft jedesmal aber entzuckt daruber gewesen; und unser argloser Jungling glaubte alles fest und schrieb und hoffte fort. Vom Legationsrate war' es brav gewesen, wenn er mich, falls er anders konnte, sich verbindlich gemacht und mir Albanos Palm-Blatter eines liebenden Herzens eingeliefert hatte; nicht fur das Archiv dieses Buchs, sondern bloss fur meine Manualakten, fur den Blumenblatterkatalog, den ich mir zu eignem Gebrauche von Albanos Nelkenflor hefte und leime.
20. Zykel
Plotzlich wurde unser Zesara, der in die Jahre trat, wo der Gesang der Dichter und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt, ein anderer Mensch. Er wurde stiller und wilder zugleich, sanfter und aufbrausender, wie er denn einmal einem unter Prugeln schreienden Hunde im wildesten Harnische zu Hulfe lief Himmel und Erde, die bisher in ihm, wie nach dem agyptischen Systeme, ineinander gelegen, namlich das Ideal und die Wirklichkeit, arbeiteten sich voneinander los, und der Himmel stieg rein und hoch und glanzend zuruck uber die innere Welt ging eine Sonne auf und uber die aussere ein Mond, aber beide Welten und Halbkugeln zogen sich zu einer ganzen an sein Aufschritt wurde langsamer, sein helles Auge traumerisch, seine Athleten-Gymnastik seltener er musste jetzt alle Menschen warmer lieben und sie naher fuhlen, und er fiel oft seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder nahm draussen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamern und heissern Abschied.
Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der Isis-Schleier der Natur durchsichtig, und eine lebendige Gottin blickte mit seelenvollen Zugen darunter in sein Herz. Ach als wenn er seine Mutter fande, so fand er jetzt die Natur jetzt erst wusst' er, was der Fruhling sei und der Mond und das Morgenrot und die Sternennacht Ach wir haben es alle einmal gewusst, wir wurden alle einmal von der Morgenrote des Lebens gefarbt!
.... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur fur heilig, als Erstlinge fur den gottlichen Altar?
Es gibt ja nichts Reineres und Warmeres als unsere erste Freundschaft, unsere erste Liebe, unser erstes Streben nach Wahrheiten, unser erstes Gefuhl fur die Natur; wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche; wie Agypter werden wir fruher von Gottern als Menschen regiert; und das Ideal eilet der Wirklichkeit, wie bei einigen Baumen die weichen Bluten den breiten rohen Blattern, vor, damit nicht diese sich vor das Stauben und Befruchten jener stellen.
Wenn oft Albano von seinen innern und aussern Irrgangen nach Hause kam, zugleich trunken und durstig zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit gescharften, traumend, aber wie Schlafer, die das Ausloschen des Lichts herber empfinden : so braucht' es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten, damit die heisse, in Fluss gebrachte Seele von den fremden kalten Korpern in Zickzack und Klumpen zerschoss, indes eine warme Form den Guss zur lieblichsten Gestalt gerundet hatte.
Bei so bewandten Umstanden wird sich freilich keiner wundern uber das, was ich bald berichten werde. Der Tanz-, Musik- und Fecht-Meister, der wenig auf seine Pas, Griffe und Stosse grosstat, aber desto mehr auf seine (Reichstags-) Literatur denn die neuen Monatsnamen, die Klopstocksche Rechtschreibung und die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt' er fruher in seinen als einer von uns , wollte dem Wehrfritzischen Hause gern zeigen, dass er ein wenig mehr von Literatur verstehe und da wisse, wo der Hase liegt, als andere Wiener (um so mehr, da er gar nichts las, nicht einmal politische Zeitungen und Romane, weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren); er trat daher nie ins Haus, ohne zwei Taschen voll Romane und Verse fur Rabette und Albano. Dazu half seine unendliche Dienstbeflissenheit und sein kollegialisches Wettrennen mit Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Junglinge, dem er aus den sussen Traumen, die der Rubin30 des glanzenden jugendlichen Lebens schenkt, mit den exegetischen Traumbuchern, den Dichterwerken, helfen wollte. Die Umwalzung des Junglings, der nun ganze romantische EverdingensWiesen abmahete und ganze poetische Huysums-Blumenrabatten abpfluckte, auch nur leidlich zu schildern, hab' ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit noch Lust; genug, dass Albano, so dasitzend der Himmel der Dichtkunst vor ihm aufgetan, das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet , einem Erdballe glich, an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen gemeinschaftlich aufbrennt.
Allein wie weiter? Der Wiener, das muss ich noch vorher sagen, war ein eitler Narr (wenigstens in Punkten der Demut, z.B. seiner Zwergfusse, seiner Literatur, seines Glucks bei Weibern) und liess besonders durch vertraute Gemalde von Grossen und Damen gern auf sein Foderativsystem mit den Originalen schliessen. Der arme Teufel war freilich arm und glaubte mit mehrern Autoren, er und diese hatten ungleich dem Salomo, der Weisheit erbat und Gold erhielt umgekehrt das Ungluck gehabt, nur erstere zu empfangen, indes sie um letzteres geworben. Kurz aus solchen Grunden wollt' er im Vorbeigehen gesagt gern den Glauben im Wehrfritzischen Hause ausgebreitet wissen, dass er sehr gut stehe bei seiner vorigen Schulerin, der Ministers-Tochter- Liane, glaub' ich, wenn ich anders Hafenreffer Hand richtig lese , und dass er sie oft genug sehe und spreche bei ihrer Mutter. Dazu kam noch, dass kein wahres Wort daran war; durch den Tempel, worin Liane war, ging kein Durchgang fur ihn. Allein um so weniger konnt' er den Direktor vorauslassen, der sie ofters sah und zu Hause immer eifriger lobte, bloss um die roh unschuldige, von niemand je erzogne Rabette auszuschelten. Der Wiener wollte freilich auch noch den Grafen dem er nur die Kuste der Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte, aber keine Anfurt zur Landung durch die Schwester listig von dem Bruder ablenken (er war unvermogend, ihn langer zu belugen und hinzuhalten): denn warum malt' ers ihm so lange aus, wie giftig vor einigen Jahren der Nacht- und Todesfrost uber den Retraiteschuss des Bruders, den sie zu innig liebe, auf diese so zarten weissen Herzblatter gefallen sei?
Ofters hing er unter dem Essen breite, von Wehrfritz kontrasignierte Meritentafeln von Lianens musikalischen und malerischen Fortschritten auf, um scheinbar seinen Klavier- und Zeichenschuler zu grossern anzutreiben. Denn war' es nicht scheinbar: warum klebt' er ebenso lange Altarsblatter von Lianens Reizen bei Rabetten auf, bei dieser Unparteiischen, die, nur mit Pfarrers-, nicht mit MinistersTochtern wettrennend, fast so freudig stadtische Schonheiten wie wir Homerische preisen horte und vor der nur ein windiger Tropf, der sich vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesange auf fremde erhalten will, seine auf Lianen anstimmen konnte? Wahrlich, vor einer so resignierten und neidlosen Seele, als Rabette war zumal da ihre Gesichtshaut und Hande und Haare nicht am weichsten waren, wenigstens harter als die Falterleschen , war' ich um keine Medaille in der Welt imstande gewesen wie ers doch war , den glucklichen Erfolg naher zu kolorieren, womit der Minister, um Lianens ungewohnliche Schonheit der jungern Jahre durch Erziehung in die jetzigen heruberzubringen, das Seinige getan durch zarte und fast magere Kost durch Einschnuren durch Zusperren seines Orangeriehauses, dessen Fenster er selten von dieser Blume eines mildern Klimas abhob noch weniger hatt' ich wie er malen konnen, dass sie dadurch ein zartes, nur aus Pastellstaub zusammengelegtes Gebilde geworden, das die Windstosse des Schicksals und die Passatwinde des Klimas fast zerblasen konnen und dass sie sich wirklich nur mit Seifenspiritus waschen konne und nur mit den weichsten Linnen ohne Schmerzen trocknen und nicht drei Stachelbeeren ohne blutende Finger ab nehmen.
Der flache Wiener, der vor keinem auf einer Bergkuppe stehenden Manne von Stande unten im Sumpfe den Hut abziehen konnte, ohne leise dabei zu sagen: "Ihr ganz Untertanigster!" und der von vornehmen Leuten hochstens nur im vertrauten oder satirischen Tone (seine Konnexion zu zeigen), aber nie im ernsthaft-kritischen sprach, war freilich was doch seine Pflicht war nicht imstande, den alten Froulay einen festen scharfen Leichenstein zu heissen, unter welchem zwei so weiche Blumen wie seine Frau mit dem ihr angeschlungenen Efeu, mit Lianen, sich gebogen und gedruckt ans Licht aufwinden. Herr v. Hafenreffer macht hier zu seiner Ehre in Betracht, dass er ein Legationsrat und Lehnpropst ist die ganz andere, gefuhlvollere Bemerkung, dass die harten Erdschichten solcher Verhaltnisse, wodurch Lianens Lebensquelle dringen und sickern musse, diese reiner und heller machen, so wie alle harte Schichten Filtriersteine des Wassers sind und alle ihre Reize werden zwar durch ihren Vater Qualen, aber auch alle ihre Qualen durch ihr Dulden Reize. Aber, guter Zesara! wenn du nun das alles taglich horen musst und wenn der Exerzitienmeister ohnehin nicht zu schildern vergisset, wie sie ihn nie mit einer ungehorsamen Miene oder einer Zogerung gekrankt, wie froh sie ihm die papiernen Stundenmarken und am Ende das Schulgeld oder eine Einladung gebracht und wie besorgt und mild und hoflich sie gegen ihre Dienerschaft gewesen und wie man hatte denken sollen, ihr Herz, konne nicht warmer werden, als schon die Menschenliebe es mache, hatte man nicht ihre noch heissere Tochterliebe gegen die Mutter gesehn guter Zesara, sag' ich, wenn du das alles neben deinen Romanen vernimmst und noch dazu von der Schwester deines Roquairols weil jeder, wenn es nur halb praktikabel ist, sich gern mit der Schwester seines Freundes einspinnt in eine Chrysalide und noch uberdies von einem Madchen in der geheiligten Lindenstadt, um welche Don Gaspard, wie die alten Preussen31 um ihre Gotter-Haine, noch mystische Vorhange herumzieht und was arger als alles ist, gerade nach deinem 16 1/2 Jahre, Zesara, wo schon die Moussons und Fruhlingswinde der Leidenschaften uber die Blutwellen fahren! Denn fruher freilich wars allerdings von dir mitten im gelehrten Kranzchen von so vielen Linguisten d.h. von Buchern der Linguisten von Eklektikern Ober-Rabbinern von 10 Weisen aus Morgen- und aus Griechenland und wegen der ungemein blendenden Epiktetslampen, die das gedachte Weisen-Dezemvirat am Tags-Sterne der Weisen angezundet hatte, da wars wenig zu vermuten, dass dir Amors Turiner Lichtchen, das er noch unaufgebrochen in der Tasche hatte, sehr ins Auge fallen mochte! Aber jetzt, mein Lieber, jetzt, sag' ich! Wahrlich nirgends war es uns allen weniger ubelzunehmen, wenn wir ungemein attent darauf sind, was er im 21sten Zykel macht, als im zwanzigsten.
Vierte Jobelperiode
Hoher Stil der Liebe der gothaische
Taschenkalender Traume auf dem Turme das
Abendmahl und das Donnerwetter die Nachtreise
ins Elysium neue Akteurs und Buhnen und das
Ultimatum der Schuljahre
21. Zykel
Wie viele selige Adams von 16 1/2 Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sieste im Grase des Paradieses liegen und aus Teilen ihres eignen Herzens dessen kunftige Schossjungerin erschaffen sehen! Aber sie suchen sie nicht, wie der erste Adam, neben sich auf der Baustelle, sondern recht weit vom eignen Lager, weil die Ferne des Raums so glanzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit. Daher setzet sich jeder Jungling mit dem Glauben auf die Post, dass in den Stadten, wohin er eingeschrieben ist, ganz andere und gottlichere Madonnen unter der Hausture stehen als in seiner verdammten; und die Junglinge jener Stadte sitzen wieder ihrerseits auf dem ankommenden Postwagen und fahren hoffend in seine hinein.
Ach das klingt fur alles, was ich vorhabe, viel zu rauh und roh, und mir ist, als bring' ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendufts nur die starre schwere dicke Porzellanrose! Albano, ich will dein stilles, dicht verhangenes Herz aufdecken und aufschliessen, damit wir alle darin Lianens Heiligenbild, die aufschwebende Raffaels-Marie, aber, wie Heiligengestalten in der Leidenswoche, hinter dem Schleier hangen sehen, den du bebend wegziehest, um es anzubeten, wenn du die Andachtsbucher die Romane aufschlagst und wenn du darin die Gebete antriffst, die deiner Heiligen gehoren. Sogar mir wird es schwer, nicht, wie du und die Alten, den Namen deiner Schutzgottin zu verheimlichen uber innere Geistererscheinungen (denn aussere sind Korpererscheinungen) schweiget der Seher gern neun Tage lang und bei deinem bloden Glauben an einen tausendmal hohern Tugendgehalt Lianens, als deiner ist, und bei deiner heiligen Ehrliebe, die uber die fremde wacht, ist dirs freilich ein Ratsel, wie andere, z.B. der Wiener oder Wehrfritz, ohne das geringste Erroten so laut und lieb von ihr sprechen konnten, da du selber kaum wagst, vor andern viel von ihr zu traumen. Wahrlich, Albano ist ein guter Mensch! Ferner, wie vollends eine solche in gediegnen Ather vererzte lichte Psyche wie Liane, etwa gleich dem auferstandnen Christus, Karpfen essen und ausgraten konne oder mit den langen holzernen Heugabeln im kleinen den Salatschober im blauen Napfe umstechen oder in der Sanfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer Schmetterling oder wie sie laut lachen konne (das tat sie aber auch nie, mein Freund!): alles das und uberhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten Erdenlebens war dem geflugelten Junglinge ein Ratsel und eine wahre Unmoglichkeit oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbedeckung; was soll ichs verhalten, dass er uber ein Paar in welsche Felsen eingestampfte Fusstritte von Engeln schwacher erstaunet ware als uber ein Paar von Lianen in der Erde, und dass er fur irgendeine irdische Spur und Reliquie von ihr ich nenne nur einen Zwirnwickler oder eine Tambourblume nichts Geringeres hingegeben hatte als ganze Klaftern vom heiligen Kreuze samt den Fassern der heiligen Nagel und mehrere apostolische Kleiderschranke samt den heiligen Doubletten-Leibern dazu.
So hab' ich oft sehnlich gewunscht, nur ein Pfund Erde vom Monde oder nur eine Dute voll Sonnenstaubchen aus der Sonne vor mir auf dem Tische zu haben und anzugreifen. So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser ausser Landes als ahnliche feine atherische Gebilde vor, von denen schwer zu fassen ist, wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Marzbier oder ein Paar Stiefel gebrauchen konnen; es ist, als wenn die Leute zusammenfuhren, wenn sie etwas lesen oder sehen mussen von Lessings Rasiermesser Shakespeares englischem Sattel Rousseaus Barenmutze des Psalmodisten Davids Nabel Homers Armel Gellerts Zopfband Ramlers Schlafmutze und der Glatze unter der meinigen, wiewohl sie wenig mehr bedeutet.
Der alte Landesdirektor tat zur Heiligsprechung Lianens da eine Jungfrau durch nichts so viel bei einem Junglinge gewinnt als durch Lobreden, die ihr seine Eltern geben dadurch ansehnliche Zuschusse, dass er die landlich- und wie er selber lachende Rabette haufig mit jener wog, und seine nachgiebige Frau heimlich mit der strengen Ministerin; er nahm dann Gelegenheit, auseinanderzusetzen, nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese Kontrapunktistin die melodischen Tone Lianens harmonisch ordne und wie sie besonders Roheit und Gelachter ausmerze. Die weiblichen Seelen sind Pfauen, deren Juwelen-Gefieder man in reinen und geweissten Wohnungen unterbringen muss, indes unsere in Entenstallen sauber bleiben. Albano zeichnete sich Mutter und Tochter bloss in den doppelten Gestalten vor, worin uns Maler die Engel geben, namlich die verstandige strenge Mutter als einen, der in einer langen Wolke steckt, nur mit dem Kopfe sichtbar, und Liane als ein verklartes Kind, das mit den zarten Flugeln eine weisse Wolke umflattert.
Nur etwas, und war's eine verblichene zerfallne Rose aus Seide, wunscht' er sich herzlich aus Pestitz und konnte doch verschamt den Wiener um nichts ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen, obwohl verraterisch-ergluhend, um eine StundenMarke; "denn er habe noch keine gesehen", sagt' er. Falterle hatte noch eine in der Tasche die Zahl 15, Lianens voriges Alter, stand darauf sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben etwas wars immer. Ach konnt' er denn den Direktor nicht lieber um Romane aus der Handbibliothek der Ministerin angehen, in welchen die Tochter gewiss gelesen, ja sogar einige Lesezeichen vergessen haben wird? Er tats auch; aber Wehrfritz verwunschte und verurteilte zuerst alle Romane als vergiftete Briefe; auch vergass ers uber funfmal, einige zu fordern; und endlich bracht' er ihm einen von Madame Genlis mit, samt einem gothaischen Taschenkalender. Diese Bucher der Seligen wogegen meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliothek und die blaue nur elende remittenda sind hatten alle Stempel weiblicher Bucher; denn sie trugen alle Zieraten weiblicher Kopfe, namlich einen Fingerhut voll Puder wie diese seidne Band-Endchen wie diese, als Demarkationslinien und Gedenkzettel der Lekture und einen Wohlgeruch wie diese (den Semler auch an alchymischen ruhmt), welchen sie aus den Bluten des Paradieses angezogen zu haben schienen. Ach seliger Leser des schonsten Buchs (ich meine den Grafen), willst du mehr?
Allerdings; und er fand auch mehr, namlich hinten im gothaischen Taschenkalender auf den beiden Final-Pergamentblattern die Worte: "Armenkonzert d. 21. Februar" und "Schauspiel fur die Armen d. 1. Nov." Ich habe auf meiner Jagd nach Mysterien oft auf diesen Blattern die wichtigsten aus dem Busche geklopft. "Das ist ja meiner Schulerin Hand" (sagte Falterle) "sie versaumt mit ihrer Mutter so was selten, weils der Minister nicht leidet, dass sie sonst den Armen viel geben." Haltet mich hier nicht mit der Schonheit ihrer Handschrift auf da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schoner schreibt als auf Papier und da gerade eine Gelehrte, ungleich den Gelehrten, mehr Kalligraphie hat als Ungelehrte , sondern lasset mich zur Wirkung dieser Inkunabeln Lianens eilen, deren Sonntags-Buchstaben einen liebenden Menschen mit lauter innern hellen Sonntagen bedecken und deren Blatter an Heiligkeit den Briefen gleichen, die im Mittelalter vom Himmel auf die Erde fielen. Erst jetzt war ihm, als wenn der fliegende Engel, dessen Schatten nur vorher uber die Erde weglief, die Schwingen falte und auf der Laufbahn des Schattens nicht weit vom Stande Albanos die Niederfahrt halte. Er lernte den gothaischen Taschenkalender auswendig.
Da er glaubte, Liane sei viel sanfter und besser als er, und da sie ihm wie der Hesperus vorkam, der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizitat um die Sonne geht, und er sich als der ferne Uranus, ders mit der grossten tut; und da er nicht ohne schamhafte Wangen-Lohe daran denken konnte, einmal vor der moralischen Politur der Tochter und Mutter mit einer kleinern zuruckzustehen: so wurd' er auf einmal (kein Mensch wusste warum) leiser, milder, williger, uber seine Aussenseite wachsamer, dem Wiener folgsamer denn Liane wars ja auch gewesen , und sein ganzer Vesuv32 wurde vom Schleier einer Heiligen gebandigt.
Der Nordamerikaner betet die Gestalt, die ihm in dem Traume erscheint, als seinen Schutzgeist an: o wird nicht oft ebenso fur den Jungling ein schoner Traum sein Genius?
22. Zykel
Ein Pfingsten, wie ichs jetzt beschreiben will, Albano, trifft man ausser in der Apostelgeschichte wohl in keiner an als in deiner!
Er hatte bisher oft Lianens Krankengeschichte mit der Taubheit eines markigen feuerfesten Junglings angehort, als einmal der Direktor es nach Hause brachte, dass die fromme Ministerin die Tochter am ersten Pfingsttage das Abendmahl empfangen lasse, weil sie besorge, der Tod halte solche fur eine Erdbeere, die man pflucken musse, ehe sie die Sonne beschienen. Ach Albano sah nun schon den Tod unter dem Suchen mit der steinernen Ferse auf die bleichrote Beere tappen und sie ertreten. Und dann hatte diese Philomele ohne Zunge, weil sie bisher verstummen musste, ihm wie einer Progne nur die gemalte Geschichte ihres schweren Daseins gesandt und nur die Pergamentblatter! Alle liebenden Empfindungen gehen, wie Gewachse, bei gewitterhafter Luft des Lebens schneller in die Hohe; Albano fuhlte zugleich ein weites tiefes Weh und eine qualende Fieber-Warme in seinem vom Tode ausgehohlten Herzen. Auf eine sonderbare Art mengten sich bei seinem musikalischen und poetischen Phantasieren auf dem Osterleinschen Flugel die getraumten Tone von Lianens Stimme und das tonende Weinen, die Harmonika, die sie spielen konnte und die er nie gehort, gleichsam als ihr Schwanengesang mit seinen Harmonien zusammen. Aber nicht genug: er schrieb sogar heimlich ein Trauerspiel (du gute Seele!), worin er alle seine zartesten und bittersten Gefuhle mit nassen Augen auf fremde Lippen legte aber sie furchterlich anfachte, indem er sie ausdruckte. Jeder kann merken, dass er damit dem Schwatzer und Spione, dem Zufalle, entgehen wollte; aber nicht jeder merkt etwas ganz Eigenes: in fremdem Namen durf' er, glaubt' er, dem tiefen Schmerze eine heftigere Sprache geben, zu welcher er in seinem vor so vielen stoischen klassischen Helden verschamt den Mut nicht hatte. So aber konnten die Klassiker nichts anfangen.
Das stille warme Schwarmen wuchs unter dieser bedeckenden heissen Glasglocke noch viel grosser; namlich dergestalt, dass er die Pflegeeltern ruhrend bat, ihn am ersten Pfingsttage zum heiligen Abendmahle zu lassen. Die Baufalligkeit der Dorfkirche, worin man es schwerlich ein Jahr spater nehmen konnte, musste fur ihn so gut wie die korperliche fur Liane sprechen. Ewig wird den armen, durch Leiber und Wusten zerteilten Menschenseelen die Sehnsucht bleiben, miteinander wenigstens zu gleicher Zeit dasselbe zu tun, zu einer Stunde Blicke an den Mond, oder Gebete uber ihn hinauf (wie Addison erzahlt); und so ist dein Wunsch, Albano, ein menschlicher, zarter, mit deiner unsichtbaren Liane zu einer Stunde an der Altarstufe zu knien und dann feurig und regierend aufzustehen nach der Kronung des innern Menschen! Er hatte auf dem stillen Lande den Altar der Religion in seiner Seele hoch und fest gebauet, wie alle Menschen von hoher Phantasie; auf Bergen stehen immer Tempel und Kapellen.
Aber ich werde ihn nie fruher in die Pfingstkirche begleiten als auf den Kirchturm. Gibt es etwas Trunkneres, als wenn er damals an schonen Sonntagen, sobald durch den weiten Himmel nichts als die schwere Sonne schwamm, zum Glockenstuhle des Turms aufstieg und, uberdeckt von den brausenden Wellen des Gelautes, einsam uber die tiefe Erde blickte und an die westlichen Grenzhugel der geliebten Stadt? Wenn alsdann der Sturm des Klanges alles ineinander- und zusammenwehte; und wenn die Juwelenblitze der Teiche und das blumige Lustlager des hupfenden Fruhlings und die roten Schlosser an den weissen Strassen und die langsamen verstreueten Kirchleute zwischen dunkelgrunen Saaten und der um reiche Auen gegurtete Strom und die blauen Berge, diese rauchenden Altare der Morgenopfer, und der ganze ausgedehnte Glanz der Sichtbarkeit ihn dammernd uberfullte und ihm alles wie eine dunkle Traum-Landschaft erschien: o dann ging sein inneres Kolosseum voll stiller Gotterformen der geistigen Antike auf, und der Fackelschein der Phantasie33 glitt auf ihnen als ein spielendes wandelndes magisches Leben umher und da sah' er unter den Gottern einen Freund und eine Geliebte ruhen, und er gluhte und zitterte.... Dann schwankten die Glocken bang-verstummend aus er trat vom hellen Fruhlinge in den dunkeln Turm zuruck er heftete das Auge nur an die leere blaue Nacht vor ihm, in welche die ferne Erde nichts heraufwarf als zuweilen einen verwehten Schmetterling, eine vorbeikreuzende Schwalbe und eine voruberwogende Taube der blaue Schleier des Athers34. flatterte tausendfach gefaltet uber verhullten Gottern in der Weite o dann, dann musste das beruckte Herz verlassen ausrufen: ach wo find' ich in den weiten Raumen, in dem kurzen Leben die Seelen, die ich ewig liebe und so innig? Ach du Lieber, was wird denn schmerzlicher und langer gesucht als ein Herz? Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und vor dem Unglucke steht und sich erhebt, so strecket er die Arme nach der grossen Freundschaft aus. Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Fruhling und die Freudentranen sanft bewegen, so zergeht sein Herz, und er will die Liebe. Und wer beide nie suchte, ist tausendmal armer, als wer beide verlor.
Lasset uns jetzt in die Pfingstkirche treten, wo der tiefe Strom seiner Phantasie zum ersten Male in seinem Leben ubertrat und sein Herz weit fortriss und damit in einem neuen Bette brausete; ein physisches Gewitter hatte sich in diesen Strom ergossen. Schon am Morgen stand der schwarze Pulverturm einer Gewitterwolke stumm neben der heissen Sonne und wurde an ihr gluhend, und nur zuweilen entfiel einer fernen fremden Wolke unter dem Gottesdienste ein Schlag auf die Feuertrommel; aber als Albano vor den Altar mit erhobnen verklarten Gefuhlen trat und als er seine Liebe fur Liane nur in ein inniges Beten fur sie verkleidete und in ein Gemalde ihrer heutigen Andacht und ihrer blassen Gestalt im frommen dunkeln Braut-Putze und als er sanft fuhlte, jetzt sei seine gereinigte geheiligte Seele dieser schonen werter: so ruckte das Gewitter mit allen seinen spielenden Kriegsmaschinen und Totenorgeln35 von der Lindenstadt heruber und trat bewaffnet und heiss uber die Kirche. Aber Albano, im Bewusstsein einer heiligen Begeisterung, erschrak nicht, sondern er dachte, schon als er das ferne Rollen der fallenden Lauwine horte, bloss an Lianen und an das Einschlagen in die Kirche zu Lindenstadt und nun als die Sonne den Pulverturm der Wetterwolke uber ihm mit ihren heissen Blikken entzundete und in tausend Blitze und Schlage zersprengte: dann jagte ihm seine von den Alten genahrte Achtung fur den Donnertod die schreckliche Vermutung ins Herz, Liane sei ihm nun gestorben in der Glorie der verklarten Frommigkeit. O dann musst' er ja auch glauben, dass ihn jetzt die Schwinge des Blitzes uber die Wolken schlage. Und als lange Blitze um die Heiligen und die Engel des Altars loderten und als das zitternde starkere Singen und das Wetterlauten der vertrauten Glocken und die vollstromende Orgel sich mit dem zusammenbrechenden Donner vermischte und er im betaubenden Getose einen hohen feinen Orgelton vernahm, den er fur den ungehorten der Harmonika hielt: da stieg er vergottert auf dem Triumphund Donnerwagen neben seiner Liane ein der Theatervorhang des Lebens und die Buhne brannten unter ihnen ab und sie flogen verbunden und leuchtend in den kuhlen reinen Ather weiter hinauf....
Aber die zwolfte Stunde vertrieb diese Geistererscheinungen und das Gewitter Albano trat heraus in einen blauern kuhlern luftigen Himmel und die glanzende Sonne lachte freundlich die erschrockene Erde an, der noch die hellen Tranen in allen ihren Blumenaugen zitterten. Da nun Albano nachmittags noch den friedlichen Durchzug des Donners durch Lianens Stadt vernahm: so wurde durch den Glauben an ihr neuversichertes Leben und durch das sanfte Mattgold der ausruhenden Phantasie und durch die heilige Stille der bekehrten Brust und durch die innigere Liebe aus allen Gegenden seiner Seele ein abendrotes magisches Arkadien und nie betrat ein Mensch ein holderes.-
23. Zykel
Es kommt nicht bloss aus meiner Gefalligkeit gegen die Lese-Nachwelt her, mein lieber Zesara, sondern auch aus einer wirklichen gegen dich, dass ich alle Akte in diesem Schaferspiele deines Lebens so treu nachschreibe in deinen alten Tagen sollen dir diese melodischen labend aus meinem Buche nachklingen, und du sollst abends nach deinen Arbeiten nichts lieber lesen als meine hier.
Die folgende Nacht verdient ihren Zykel. Bald nach Pfingsten wurd' er mit wochentlichen medizinischen Bedenken uber ein neues Kranksein der armen Liane gequalt, das am Abendmahlstage, gleich als hatt' er recht geahnet, begonnen hatte. Er horte, dass sie in Lilar, dem Lust- und Wohngarten des alten Fursten, nebst ihrem Bruder lebe oder leide, von dessen Schweigen jetzt der Wiener an 1001 Ursachen aufgebracht hatte. Um Lilar, obwohl nahe an Pestitz, hatte sein Vater keine Sperrketten gezogen Lianens Nachtlicht konnt' ihm vielleicht entgegenschimmern, oder gar ihre Harmonika entgegentonen ja ihr Bruder konnte wohl noch im Garten herumgehen die Junius-Nacht war ohnehin hell und herrlich ach kurz er ging.
Es war spat und still, weit ausser dem schlafenden Dorfe ohne Lichter konnt' er die Flotenstucke der Stubenuhr im Schlosse noch auf dem Pestitzer Berge vernehmen. Es erquickte ihn, dass sein Weg eine Strecke lang auf der Lindenstadter Chaussee fortlief. Er druckte das Auge an die westlichen Berge fest, wo die Sterne Ihr wie weisse Bluten zuzufallen schienen. Oben auf der weiten Hohe, dem Herkules-Scheidewege, lief der rechte Arm hinunter und wand sich dem bluhenden Lilar durch Haine und Auen zu.
Schreite nur freudentrunken voll junger lichter Bilder durch die italienische Nacht, die um dich schimmert und duftet und die wie uber Hesperien nicht weit vom warmen Monde einen vergoldeten Abendstern36 im blauen Westen aufhangt, gleichsam uber der Wohnung der geliebten Seele. Dir und deinen jungen Augen werfen die Sterne nur Hoffnungen, noch keine Erinnerungen herunter, du hast einen abgebrochenen starren Apfelzweig voll roter Blutenknospen in der Hand, die wie Ungluckliche zu blassen werden, wenn sie aufbluhen, aber du machst noch nicht solche Anwendungen davon wie wir.
Jetzt stand er in einer Talrinne vor Lilar gluhend und bange, das aber ein sonderbarer runder Wald aus Laubengangen noch versteckte. Der Wald wuchs in der Mitte zu einem bluhenden Berge auf, den breite Sonnenblumen, Fruchtschnure von Kirschen und blinkende Silberpappeln und Rosenbaume in so kunstlicher Verschrankung einhullten und umliefen, dass er vor den malerischen Irrlichtern des Mondes ein einziger ungeheurer Kesselbaum voll Fruchte und Bluten zu sein schien. Albano wollte seinen Wipfel besteigen, gleichsam die Sternwarte des unten ausgebreiteten Himmels oder Lilars; er fand endlich am Walde einen offnen Laubengang.
Die Lauben drehten ihn in Schraubengangen in eine immer tiefere Nacht hinein, durch welche nicht der Mond, sondern nur die stummen Blitze brechen konnten, von denen der warme Himmel ohne Wolken uberschwoll. Der Berg hob die Zauberkreise immer kleiner aus den Blattern in die Bluten hinauf zwei nackte Kinder hatten unter Myrten die Arme liebkosend einander um die zugeneigten Kopfe gelegt, es waren die Statuen von Amor und Psyche Rosennachtfalter leckten mit kurzen Zungen den Honigtau von den Blattern ab, und die Johanniswurmchen, gleichsam abgesprungene Funken der Abendglut, wehten wie Goldfaden um die Rosenbusche er stieg zwischen Gipfeln und Wurzeln hinter dem aromatischen Treppengelander gen Himmel, aber die kleine, mit ihm herumlaufende Spiralallee verhing die Sterne mit purpurnen Nachtviolen und die tiefen Garten mit Orangegipfeln endlich sprang er von der obersten Sprosse seiner Jakobsleiter mit allen Sinnen in einen unbedeckten lebendigen Himmel hinaus; ein lichter Berggipfel, nur von Blumenkelchen bunt-gesaumt, empfing ihn und wiegte ihn unter den Sternen, und ein weisser Altar leuchtete hell neben ihm im Mondenlichte.
Aber schaue hinunter, feuriger Mensch mit deinem frischen Herzen voll Jugend, auf das herrliche unermessliche Zauber-Lilar! Eine dammernde zweite Welt, wie leise Tone sie uns malen, ein offner Morgentraum dehnt sich vor dir mit hohen Triumphtoren, mit lispelnden Irrgangen, mit gluckseligen Inseln aus der helle Schnee des gesunknen Mondes liegt nur noch auf den Hainen und Triumphbogen und auf dem Silberstaube der Springwasser, und die aus allen Wassern und Talern quellende Nacht schwimmt uber die elysischen Felder des himmlischen Schattenreichs, in welchem dem irdischen Gedachtnisse die unbekannten Gestalten wie hiesige Otaheiti-Ufer, Hirtenlander, daphnische Haine und Pappelinseln erscheinen seltsame Lichter schweifen durch das dunkle Laub, und alles ist zauberisch-verworren was bedeuten jene hohen offnen Tore oder Bogen und die durchbrochnen Haine und der rotliche Glanz hinter ihnen und ein weisses Kind, unter Orangelilien und Goldblumen schlafend, aus deren Kelchen weiche Flammen perlen37, gleichsam als waren Engel zu nahe uber sie hingeflogen die Blitze erleuchten Schwanen, die unter lichttrunkenen Nebeln auf den Wellen schlafen, und ihre Flammen lodern golden nach in den tiefen Baumen38, wie Goldfische den brennenden Rucken aus dem Wasser drehen und selber um deine Bergspitze, Albano, schauen dich die grossen Augen der Sonnenblumen feurig an, gleichsam von den Funken der Johanniswurmchen entzundet.
"Und in diesem Reiche des Lichts" (dachte zitternd Albano) "verbirgt sich der stille Engel meiner Zukunft und verklart es, wenn er erscheint. O wo wohnest du, gute Liane? In jenem weissen Tempel? Oder in der Laube zwischen den Rosenfeldern? Oder druben im grunen arkadischen Hauschen?" Wenn die Liebe schon Schmerzen zu Freuden macht und den Schattenkegel der Erde zum Sternenkegel aufrichtet, o wie wird sie erst die Entzuckung bezaubern! Albano war in diesem aussern und innern Glanze unvermogend, sich Lianen krank zu denken; er dachte sich jetzt bloss die selige Zukunft und kniete sehnsuchtig und umfassend an dem Altare nieder er blickte nach dem glanzenden Garten und malte es sich, wie es ware, wenn er einmal mit Ihr jede Insel dieses Edens betrate wenn die heilige Natur seine und Ihre Hande auf diesen Altarstufen ineinanderlegte wenn er Ihr unterwegs das Hesperien des Lebens, das Hirtenland der ersten Liebe zeichnete und ihr frommes Jauchzen und ihr susses Weinen und wenn er sich dann nicht umsehen konnte nach den Augen des weichsten Herzens, weil er schon wusste, dass sie uberfliessen vor Seligkeit. Jetzt sah er im Mondscheine uber die Triumphbogen zwei beleuchtete Gestalten wie Geister gehen; aber seine brennende Seele fuhr im Malen fort, und er dachte es sich, wie er vor ihr, wenn die Nachtigallen in diesem Eden schlagen, wahnsinnig-liebend sagen wurde: "O Liane, ich trug dich fruh in meinem Herzen einstmals droben auf jenem Berge, als du krank warst."
Hier kam er erschrocken zu sich er war ja auf dem Berge aber er hatte die Krankheit vergessen. Nun legt' er kniend die Arme um den kalten Stein und betete fur die, die er so liebte, und die gewiss auch hier gebetet; und ihm sank weinend und verdunkelt das Haupt auf den Altar. Er horte nahere Menschenschritte unten am Schneckenberge, und furchtsam-freudig dachte er daran, es konne sein Vater sein; aber er blieb kuhn auf den Knien. Endlich trat uber den Blumenrand ein grosser gebuckter Greis herein, ahnlich dem edlen Bischofe von Spangenberg, das ruhige Angesicht lachelte voll ewiger Liebe, und keine Schmerzen standen darauf, und keine schien es zu furchten. Der Alte druckte dem Junglinge stumm und erfreut die Hande zum Fortbeten zusammen, kniete neben ihn hin, und jene Entzuckung, zu welcher ofteres Beten verklart, breitete den Heiligenschein uber die Gestalt voll Jahre. Sonderbar war diese Vereinigung und dieses Schweigen. Die nur noch aus der Erde ragende Trummer des Mondes brannte dusterer; endlich sank sie ein; da stand der Alte auf und tat mit der aus Gewohnheit der Andacht kommenden Leichtigkeit des Ubergangs Fragen uber Albanos Namen und Ort; nach der Antwort sagt' er bloss: "Bete unterwegs zu Gott dem Allgutigen, lieber Sohn, und gehe schlafen, eh' das Gewitter kommt."
Nie kann diese Stimme und Gestalt aus Albanos Herzen weggehen; die Seele des alten Mannes ragte, wie die Sonne bei der ringformigen Finsternis, uber den dunkeln Korper, der sie mit seiner Moder-Erde uberdecken wollte, mit dem ganzen Rande leuchtend hinaus. Tief bis an die Nervenanfange getroffen, stand Albano auf, und die breitern Blitze zeigten ihm jetzt drunten neben dem Zaubergarten einen zweiten, dustern, verwickelten, schrecklichen, gleichsam den Tartarus des Elysiums. Er schied mit seltsamen gegeneinandergehenden Gefuhlen die Zukunft und die Menschen darin schienen ihm unterwegs ganz nahe zu stehen und hinter dem durchsichtigen Vorhange schon als Theaterlichter hin- und herzulaufen und er sehnte sich nach einer schwerern Tat, als nach der Erquikkung dieses entzundeten Herzens; aber er musste das innere Steppenfeuer auf das Kopfkussen betten; und in sein Eintraumen mischte sich der hohe Donner wie ein Gott der Nacht mit den ersten Schlagen.
24. Zykel
Der alte unbekannte Mann blieb viele Tage lang in Albanos Seele o stehen und wollte nicht weichen. Uberhaupt war jetzt dem Bette seines Lebens eine Krummung notig, die den Zug des Stromes brach. Menschen wie ihn kann das Schicksal nur durch den Wechsel der Lagen bilden, so wie Schwache nur durch den Bestand derselben. Denn ging es langer so fort und kam der Kronleuchter in seinem Tempel durch innere Erdstosse in immer grossere Schwankungen: so konnt' am Ende keine Kerze mehr darauf fortbrennen. Welche Reichstags-Beschwerden fuhren nicht schon Wehrfritz und Hafenreffer verbunden daruber, dass der Schiffspatron Blanchard in Blumenbuhl mit seinen arostatischen Seifenblasen aufstieg und dass Zesara beinahe durch den ganzen Despotismus des Direktors kaum von dem Einschiffen abzuhalten war! Und wie gottlich stellt' er sich es nicht vor, nicht nur der Erde ihre Eisenringe und Haftbefehle herunterzuwerfen und uber alle ihre Markthaufen und Grenzbaume und Herkulessaulen steilrecht wegzufliegen und als ein Sternbild um sie zu ziehen, sondern auch uber dem magischen Lilar und der plombierten Lindenstadt mit verschlingenden Augen zu schweben und eine ganze schwere volle Welt an der Handhabe eines Blicks zum durstigen Herzen zu heben!
Aber das Schicksal brach den Fall dieses schnellen Stroms. Es wollte namlich zum Gluck schon lange die Blumenbuhler Kirche taglich einfallen und ich wollte, der Pfingstdonner ware darein gefahren und hatte der Baudirektion Ohren und Beine gemacht-, als zu noch grosserem Gluck der alte Furst unpass wurde. In der Kirche war nun das Erbbegrabnis des Fursten, das nicht schicklich wieder das Erbbegrabnis der Kirche werden konnte.
Es musste sich treffen, dass die alte Furstin mit dem Minister Froulay durch das Dorf passierte. Beide hatten sich langst zu Reichsvikarien und Geschafts- und Zeptertragern des Staates bevogtet, weil der alte matte Herr gern die Spiele und die Burden, den Glimmer und das Gewicht der Krone weggegeben und jene beiden Lehnsvormunder ins Erbamt des Zepters eingelassen hatte.
Kurz das Alter der Kirche entschied neben dem Alter des Furstenpaars die Baute einer neuen Dachung und Kapsel fur die Gruft.
Der Landschaftsdirektor besichtigte mit; und invitierte die vornehme Gesellschaft in sein Haus, in welcher aus dem Gefolge besonders der Landbaumeister Dian und der Kunstrat Fraischdorfer als Kunstverstandige, und die kleine Prinzessin als Naturverstandige auszuheben sind.
Der arme Tanzmeister bekam durch ein Sehrohr Wind von dem Zuge, als er die Fusse voll Pas eben in ein warmes Fussbad streckte. Es wird niemand vergnugen, dass der Wiener das einzige mit dem Magister gemein hatte, was der Teufel mit dem Pferde, namlich den Fuss, der seine guten anderthalb Pariser Fuss mass; und dass daher sein doppelter Wurzelast in den engen Treibscherben von Schuhen zu einem fruchttragenden Knotenstock voll Okulier , d.h. Huhneraugen ausschlug. Heute hatt' er diese gordischen Knoten im Fussbade zerschnitten; aber so musst' er bei einer solchen Visite wie wohl er sie nie ausgezogen- seine engsten Kinderschuhe anlegen, um Effekt zu tun. So fangen sich die Menschen oft mit zu leichten, wie die Affen mit zu schweren Schuhen.
Albano hingegen stand auf Kothurnen. Jeder uberhaupt, der nur aus Pestitz kam, hatte fur ihn geweihte heilige Erde an den Sohlen; und hier sah' er mit der liebenden Achtung eines Dorfjunglings der bejahrten, aber rotwangigen und hochstammigen Furstin auf das von der Zeit aufgebogene Kinn und ins freundliche Gesicht, das sich in ein ganzes tiefes Haubengebusch vielleicht zur Decke der vielen Lebenslinien vergrub. Sie wiegte diesen Kopf lachelnd-vergleichend, im Wahne der Verschwisterung, zwischen ihm und Rabetten hin und her, weil Mutter immer an Muttern zuerst nach den Kindern sehen. Er hatt' es noch wissen sollen, dass er eine Freundin Lianens an der kleinen krauskopfigen Prinzessin vor sich hatte, die, wiewohl schon in seinem Alter, noch mit einer freundlichen Lebhaftigkeit, die nie vom Hofmarschallamte unterschrieben werden kann, an alle hinansah und sogar Rabetten bei der Hand nahm und ihr ein unbeschreiblich-gutmutiges und steifes Anlachen abzwang. Furchtbar kam ihm der Minister vor, ein Mann voll starker Partien an Leib und Seele, voll reissender, wurgender, nur an Blumenketten liegender Leidenschaften, und von welchem, obwohl sein hartes Gesicht erst hoflich mit freundlichen 12 himmlischen Zeichen von Liebe uberschrieben war, doch nicht sonderlich einleuchten wollte, wie von der nerven-weichen Liane ein Mann der Vater und Fuhrer sein konne, bei welchem die Eisenteile, deren der Mensch mehrere im Blute tragt als irgendein Tier, sich nicht, wie bei Gotze, auf die Hand geworfen hatten, sondern auf die Stirn und das Herz.
Ich gehe uber das einzige Glied in der Gesellschaft, das Albanen unausstehlich war, nur fluchtig weg, uber den Kunstrat Fraischdorfer, der sein Gesicht, wie die Draperie der Alten, in einfache edle grosse Falten geworfen hatte. Vor vielen Jahren wollt' er namlich unsern verschamten kleinen Helden bis auf die Herzgrube zum Sitzen haben, um dessen Gesicht und breite, hohe, aus der Hemdkrause glanzende Platosbrust, ich weiss nicht, ob nachzupinseln oder nachzubossieren. Allein das verschamte Kind schlug mit Handen und Fussen um sich, und es war ihm nichts nachzumunzen als das nackte Gesicht ohne das Postement, den Thorax. Hingegen vor mir, liebe Akademie, musst du nun jahrelang wie ein Stylit auf dem ModellStative aushalten und meiner Reissfeder deinen Kopf und deine Brust samt ihrem Kubikinhalt blossstellen, der Gruppierungen gar nicht zu gedenken!
Seiner edlen Gestalt hatt' er es vielleicht zu danken, dass der schongebildete geradnasige und herrlichschlanke Grieche Dian mit seinem Rabenhaare und schwarzen Adlerauge, der in jeder gelenken Bewegung eine hohere Freiheit des Anstandes zeigte, als in Tanz- und Cour-Zimmern gewonnen wird, feurig zu ihm trat und mit wenigen Blicken dem tiefen, aber reinen Meere des Junglings auf den grunenden Boden und auf die Perlenbanke sah. Albano stellte mit seiner zu lauten heftigen Stimme, mit seinen ehrerbietigen, aber scharf aufschlagenden Blicken, mit seiner eingewurzelten Stellung eine holde Mischung von innerer Kultur und Ubermacht mit ausserer landlicher Errotung und Milde dar, gleichsam einen noch zu keinem Tulpenbeete verschnittenen Tulpenbaum, eine landliche Eremitage und Waldklafter mit goldner Ausmoblierung. Er hatte die Fehler der einsiedlerischen Jugend; aber Menschen und Winterrettiche muss man weit saen, damit sie gross werden; engstehende Menschen und Baume haben zwar einen schlankern Stangenschuss, aber keine Wetterfestigkeit, keine so reiche Krone und Astung wie freistehende. Mit der unbefangensten Herzlichkeit entdeckte der Baumeister dem gluhenden Junglinge: "sie wurden sich von nun an jede Woche sehen, da er taglich, um den Bau der Kirche zu besorgen, komme."
Das ganze Wehrfritzische Haus guckt jetzt dem hohen Zuge, bis auf das letzte verschwindende Wagenrad hinterdrein und ist doch begierig, uber das nachduftende Lavendelwasser der Freude drei Worte zu sagen, das der Zug in alle Winkel und auf alle Mobeln verspritzet hatte. Vom Exerzitienmeister an, der mit den Kompressionsmaschinen an den Fussen bloss bis an die Knorren im Fegefeuer stand und dann bis an den Wirbel im Himmel, weil die gesprachige Prinzessin sich seiner funf Positionen sehr gut entsonnen hatte bis zur bescheidnen Rabette, der Lobrednerin ihrer Siegerin und bis zu Albinen, der an einer Furstin die warme Mutterliebe gegen die Prinzessin wohltat und bis zum Direktor, den die schonbestandne Klingen- und Ankerprobe des Pflegesohns und die allgemeine Redlichkeit dieses bekehrten Weltteils der grossen Welt nachfreuete, weil der Mann es nie behielt, dass Fursten und Minister, so wie sie in ihrer Garderobe Berghabite zum Einfahren haben, auch Direktoratsanzuge, Justiz-Wildschure, Konsistorial-Schafspelze und Weiber-Opern-Kleider in der Anziehstube fuhren von allen diesen Menschen bis zum Direktor wuchs der frohe Nachklang, um in Zesara mit einer Larmkanone aufzuhoren: sein Ehrgeiz trat unter Waffen sein Freiheitsbaum fuhr in Bluten aus die Standarten seiner Jugend-Wunsche wurden eingeweihet und flatterten aufgewickelt im Himmel und auf den Myrtenkranz deckt' er einen schweren Helm mit einem glanzenden hoch-aufwallenden Federbusche.....
Der folgende Zykel ist bloss dazu gemacht, um anzugeben, wie man das zu nehmen habe.
25. Zykel
Auch meine Meinung ists, dass das antiphonierende Doppelchor der beiden Erziehungs-Kollegien, Wehmeier und Falterle, unsern Normann bisher so gut erzog, als zwei ahnliche Gymnasiarchen, die Gouvernante England und die Hausfranzosin Frankreich, die Kurrentschulerin Deutschland nach den besten Schulbuchern wirklich erzogen haben, so dass wir nun wieder unsers Orts imstande sind, Polacken zu schulen und solche mit dem Schulbakel aus dem Katheder unserer Furstenschule herab so viel als notig zu kantschuen.
Aber jetzt war zu viel in Albano aufgewacht. Er fuhlte uberschwellende Krafte, die keinen Lehrer fanden sein in Italien herumstreifender Vater schien ihn zu versaumen- den Musensitz Pestitz (der noch dazu eine Muse mehr hatte) schien er ihm ungerecht zu versperren er wusste oft nicht zu bleiben Phantasie, Herz, Blut und Ehrliebe goren. In solchem Falle ist wie in jedem garenden Fasse nichts gefahrlicher als ein leerer Raum (es sei an Kenntnis oder Arbeit).
Dian fullte das Fass auf
Er kam in jeder Woche aus der Stadt, als hatt' er das Einhammern der Kirche so gut nach Rissen zu ordnen als ihr Aufmauern. Ein Jungling, der den ersten Griechen sieht, kanns anfangs gar nicht recht glauben, er halt ihn fur klassisch-verklart und fur einen gedruckten Bogen aus dem Plutarch. Wenn ihm nun gar das Herz so brennt wie meinem, und wenn sein Grieche noch dazu ein spartischer Nachkommling ist wie Dian, namlich ein unbesiegter Mainotte, der im klassischen Doppelchore der asthetischen Singschule, in Atiniah (Athen) und Roma erzogen worden: so ist es naturlich, dass der begeisterte Jungling jeden Tag in den Staub- und Moder-Wolken des fallenden Kirchengemauers steht und darauf wartet, ob sein Heerfuhrer hinter der Wolkensaule vortrete.
Dian begleitete den Geliebten auf seine Spaziergange las oft halbe Nachte mit ihm und nahm ihn auf die architektonischen Landreisen mit, die er immer zu machen hatte. Er fuhrte ihn mit begeisterter Ehrfurcht in die heilige Welt des Homers und des Sophokles ein; und ging mit ihm unter die hohern, ganz entwickelten, von einseitiger standischer Kultur noch unverrenkten, schongegliederten Menschen dieses Zwillings-Prometheus, die wie Salomo fur alles Menschliche, fur Lachen, Weinen, Essen, Furchten und Hoffen eine Zeit hatten und die bloss die rohe Grenzenlosigkeit flohen; die auf den Altaren aller Gotter opferten, aber auf dem der Nemesis zuerst. Und Dian dessen innerer Mensch ein ganzer war, dem kein Glied ausgerissen ist, keines aufgeblasen und alle grossgewachsen ging selber als ein solcher Sophokles-Homerischer Grieche mit dem Lieblinge um. Er machte ihm indes Wehmeier und die Pflegeeltern ihm uberall mit einer Kanzel und einem Kirchenstuhle nachliefen, bei jedem heftigen Unwillen oder Wunsche oder Jubel, den er zeigte mit schoner liberaler Freiheit Raum, sich breit und hoch zu entwickeln. Er ehrte am Junglinge das St. Elms oder Helenen-Feuer, wie am Greise das Eis; das Herz kraftiger Menschen, glaubt' er, musse wie ein Porzellangefass anfangs zu gross und zu weit gedrehet sein, im Brennofen der Welt laufen beide schon gehorig ein. Ebenso fordr' ich von einem Junglinge erst Intoleranz, dann nach einigen Jahren Toleranz, jene als die steinige saure harte Frucht eines kraftigen jungen Herzens, diese als das weiche Lager-Obst eines altern Kopfes.
Aber indem der Baumeister mit ihm zeichnete, mit ihm Abgusse der Antiken und Kunstwerke anschauete: so machte er am schonsten vor diesen seine Liebe fur das artistische Zeichen der Waage am Menschen, der sein eignes Kunstwerk sein soll, und seine Abneigung vor jedem Paroxysmus offenbar, der die aussere Schonheit in Falten bricht wie die innere, und seinen Wunsch, seine Gestalt und sein Herz nach der hohen Stille auf den Antiken zu ordnen.
Der Baumeister bewahrte, wie oft der Kunstler und ofter der Schweizer, europaische Kultur und landliche Naivetat und Einfachheit nebeneinander, seiner geliebten Baukunst gleich, worin mehr als in den andern Kunsten Schonheit und messende Vernunft zusammengrenzen; er liess daher zuerst Albano in den Horsaal der Philosophie, aber im Freien aussen am Fenster stehend, hineinsehen und hineinhoren. Er fuhrte ihn nicht in den Steinbruch, vor die Kalkgrube und auf den Zimmerplatz der Metaphysik, sondern sogleich in das damit fertig gemachte schone Bethaus, sonst die naturliche Theologie genannt. Er liess ihn keine eiserne Schlusskette Ring nach Ring schmieden und loten, sondern er zeigte sie ihm als hinunterreichende Brunnenkette, woran die auf dem Boden sitzende Wahrheit herauf, oder als eine vom Himmel hangende Kette, woran von den Untergottern (den Philosophen) Jupiter heruntergezogen werden soll. Kurz das Skelett und Muskeln-Praparat der Metaphysik versteckt' er in den Gottmensch der Religion. Und so soll es (anfangs) sein; aus der Sprache lernt man die Grammatik leichter als jene aus dieser, aus den Kunstwerken leichter die Kritik, aus dem Leibe das Gerippe, als umgekehrt, wiewohl man es immer umkehrt. Unglucklich sind unsere jetzigen Junglinge, die vom Baume des Erkenntnisses fruher die Tropfen und die Kafer schutteln mussen als die Fruchte.
Und nun macht' er ihm kuhn alle Stubenturen der philosophischen Schulen auf, d.h. alle drei Himmel; denn in dieser Jugendzeit halt man noch den Docht jedes gelehrten Lichtes der Welt fur Asbest, wie Brahminen sich in Asbest kleiden und die Eisstucke an den Polen unserer geistigen Welt stellen noch, wie die der hiesigen, Stadte und Tempel auf himmelblauen Saulen vor.
Wenn nun Albano uber irgendeine grosse Idee, uber die Unsterblichkeit, uber die Gottheit, sich in Flammen gelesen: so musst' er daruber schreiben, weil der Baumeister glaubte und ich auch , dass in der erziehenden Welt nichts uber das Schreiben gehe, nicht einmal Lesen und Sprechen, und dass ein Mensch 30 Jahre mit weniger Ertrag seiner Bildung lese, als ein halbes schreibe. Dadurch schwingen eben wir Autoren uns zu solchen Hohen; daher werden sogar schlechte, wenn sie aushalten, am Ende etwas und schreiben sich von Schilda nach Abdera und von da nach Grubstreet hinauf.
Allein welche gluhende Stunde ging dann fur unsern Liebling an! Was sind alle sinesische Laternenfeste gegen das hohe Fest, wo ein entflammter Jungling alle Gehirnkammern erleuchtet und in diesem Glanze seine ersten Aufsatze hinwirft!
Vorn auf der Schwelle des Aufsatzes ging Albano vielleicht noch Schritt fur Schritt und bediente sich bloss des Kopfes; aber wenn es weiterkam und das Herz mit den Flugeln zuckte und er wie ein Komet vor lauter schimmernden Sternbildern grosser Wahrheiten voruberfahren musste konnt' er sich da enthalten, dem rosenroten Flammantvogel nachzuahmen, der im Zuge gegen die Sonne sich zu einem fliegenden Brande anzufarben und sich mit Doppelflammen zu beschwingen scheint? Kam er vollends auf die Nutzanwendung: wahrhaftig! so war jede wie die andere in jeder formte und besaete er ein Arkadien voll menschlicher Engel, die in drei Minuten in das so nahe schwimmende Elysium aussteigen konnten auf einem dazu hineingeworfenen Charons-Ponton in jeder Nutzanwendung waren alle Menschen Heilige, alle Heilige Selige, alle Morgen Bluten und alle Abende Fruchte, Liane gesund und er nicht weit davon ihr Liebhaber alle Volker stiegen die Mittagshohe lichter hinan, und er auf seiner eignen erblickte, wie Menschen auf Bergen, alles Gute naher ach die ganze sumpfige Gegenwart voll Sturzeln und Egeln hatt' er mit einem Fusse seitwarts weggestossen und war nur von den grunenden Welten voll Auen umflogen, die die Sonnenkugel seines Kopfes in den Ather geworfen hatte.
Selige, selige Zeit! du bist schon lange vorbei! O die Jahre, worin der Mensch seine ersten Gedichte und Systeme lieset und macht, wo der Geist seine ersten Welten schafft und segnet, und wo er voll frischer Morgengedanken die ersten Gestirne der Wahrheit kommen sieht, tragen einen ewigen Glanz und stehen ewig vor dem sehnenden Herzen, das sie genossen hat und dem die Zeit nachher nur astronomische Ephemeriden und Refraktionstabellen uber die Morgengestirne reicht, nur veraltete Wahrheiten und verjungte Lugen! O damals wurd' er von der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getrankt und grossgezogen, spater wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kuriert! Aber du kannst freilich nicht wiederkommen, herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die Wahrheit, und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung warmer geben; und kehrst du wieder, so geschieht es gewiss nicht hier im tiefen niedrigen Grubenbaue des Lebens, wo unsere Morgenrote in den Goldflammlein auf dem Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlicht nein, sondern dann kann es geschehen, wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den tiefen blassgelben Arbeitern wegreisset, und wir nun wieder, wie erste Menschen, in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermesslichen Himmel!
In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit Rousseau und Shakespeare; wovon ihn jener uber das Jahrhundert erhob und dieser uber das Leben. Ich will es hier nicht sagen, wie Shakespeare in seinem Herzen gebietend regierte nicht durch das Atmen der lebendigen Charaktere, sondern durch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche. Wenn man nachts den Kopf unter das Wasser taucht: so ist eine furchterliche Stille um uns her; in eine ahnliche uberirdische der Unterwelt bringt uns Shakespeare.
Was viele Schullehrer an Dian tadeln konnen, ist, dass er dem Junglinge alle Bucher untereinander gab, ohne genaue Ordnung der Lekture. Aber Alban fragte in spatern Jahren: "Ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit? Ist sie moglich? Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der neuen Bucher oder Systeme oder Lehrer oder die aussern Begebenheiten oder die Gesprache je so paragraphenmassig, dass man weiter nichts brauchte, als die Gegenwart abzuschreiben ins Gedachtnis, um die Ordnung obendrein zu haben? Braucht und macht nicht jeder Kopf seine eigne? Und kommt es mehr auf die Rangfolge der Speisen oder auf ihre Verdauung an?"
26. Zykel
Wahrend Dian einen schonern Tempel in die Hohe steigen liess als den steinichten im Dorfe: verstarb die Furstin, deren castrum doloris dieser werden sollte; sie musste man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer Kirche beisetzen. Das anderte ein paar tausend Sachen. Der Hohenfliesser Kronprinz Luigi sollte und musste nun aus Welschland zum Furstenstuhle zuruck, worauf der alte, von den Jahren zusammengewickelte Furst winzig und sprachlos mehr lag als sass wiewohl der hinter der FurstenstuhlLehne stehende Minister dessen Figur und Stimme munter genug nachspielte ; Don Gaspard, der alle bisherige Briefe Albanos nicht erhoret hatte, fertigte nun diesem die gleich feurigem Weine die Adern durchbrausende Ordre zu: "Auf meinem Ruckwege aus Italien sehen wir uns in deinem Geburtsorte Isola bella. Man wird dich abholen." Auch Leser, die noch keine Woche lang Briefe eines Gesandten-Personale zugeschnitten und zugesiegelt haben, merken leicht, dass der Vlies-Ritter gedenkt, seinen Sohn mit dem jungen Fursten und ihre ersten Pestitzer Verhaltnisse zu verknupfen und zu mischen.
Ich bitte aber die Welt, nun das Paradies eines Menschen auszumessen, der nach so langer Seefahrt endlich die langen Ufer der neuen Welt im Meere hinliegen sieht. War ihm jetzt nicht das Leben an hundert Ecken aufgetan? Lorbeerkranze Efeukranze Blumenkranze Myrtenkranze Ahrenkranze alle diese Girlanden uberhingen das Pestitzer Haupttor und seine Hausture. Du Bruder, du Schwester (ich meine Roquairol und Liane), welcher volle schmachtende Mensch zog euch entgegen! Und welcher traumende und unschuldige! Homer und Sophokles und die alte Geschichte und Dian und Rousseau dieser Magus der Junglinge und Shakespeare und die britischen Wochenschriften (worin eine hohere humanere Poesie spricht als in ihren abstrakten Gedichten), alle diese hatten im glucklichen Junglinge ein ewiges Licht, eine Reinheit ohnegleichen, Flugel fur jeden Tabors-Berg und die schonsten, aber schwierigsten Wunsche zuruckgelassen. Er glich nicht den burgerlichen Franzosen, die wie Teiche die Farbe des nachsten Ufers, sondern den hohern Menschen, die wie Meere die Farbe des unendlichen Himmels tragen.
Uberhaupt war jetzt der reifste beste Zeitpunkt fur seine Veranderung. Durch Dian und durch dessen Reisen war sogar sein ausserer Mensch schoner entwickelt in Gastzimmern. Die Menschen gehen wie Schiesskugeln weiter, wenn sie abgeglattet sind; bei Zesara blieben ohnehin genug Demant-Spitzen stehen, woran sich das Mittelgut stosset und sticht; und selber ungewohnlicher Wert ist ungewohnlicher Fehler wie hohe Turme eben darum ubergebogen scheinen. Zesara lernte eben ausserhalb des landlichen Junkerzirkels eine Behendigkeit der Ideen und Worte ein, die ihm sonst nur im Enthusiasmus zu Gebote stand; denn der Witz, sonst ein Feind des letztern, war bei ihm bloss ein Diener und Kind davon. Er kokettierte nicht, wie witzige Sauglinge, mit allen Ideen, sondern er wurde von ihnen entweder angepackt oder gar nicht angestreift; daher kam jenes stumme, langsame, unscheinbare Reifen seiner Kraft, er glich langsam-aufsteigenden Gebirgen, die stets mehr Ausbeute abwerfen als schnell-aufstehende. Bei grossen Baumen ist der Same kleiner und im Fruhlinge die Blute spater als bei dem kleinen Gestrauche.
Die Zeit, eh' Gaspards abholender Bote kam, wurde dem aufgehaltenen Junglinge eine Ewigkeit und das Dorf ein Kerker, es schrumpfte zu den Wirtschaftsgebauden eines Klosters ein. Der bedeckte, aber mit Enkaustik in sein Gehirn geschriebene Plan des Lebens war (wie bei allen solchen Junglingen) der, nichts Grosseres zu werden und zu tun als alles, namlich zugleich sich und ein Land zu beglucken, zu verherrlichen, zu erleuchten ein Friedrich II. auf dem Throne, namlich eine Gewitterwolke zu sein, welche Bannstrahlen fur den Sunder, elektrisches Licht fur Taube und Blinde und Lahme, Gusse fur die Insekten und warme Tropfen fur durstige Blumen, Hagel fur Feinde, eine Anziehung fur alles, fur Blatter und Staub, und einen Regenbogen fur das Ende hat. Da er nun Friedrich II. nicht sukzedieren durfte, so wollt' er kunftig wenigstens Minister werden zumal da Wehrfritz soviel aus der Lange dieses Nebenzepters, des Ablegers und Schnittlings vom Mutterzepter, machte ; und in den Freistunden nebenbei ein grosser Dichter und Weltweiser.
Es soll mir lieb sein, Graf, wenn du der zweite Friedrich der zweite und einzige wirst; mein Buch hier wird davon profitieren, und ich selber poussiere dadurch mein Gluck als ein seltener, aus Xenophon, Curtius und Voltaire zusammengewachsener Historiograph!
27. Zykel
Zesara wird nie den Fruhlingsabend vergessen, woran er einen Passagier im Uberrocke ein wenig hinkend und mit brauner Reise-Schminke, wogegen die weissen Augapfel glanzend abstachen den seichten Bach neben dem hohen Stege durchwaten sah, und wie ferner der Passagier einen Wachterspiess, den der zeitige Bettler-Polizei-Leutnant als seinen vikarierenden Mitarbeiter an seine Hausture angelehnt, mitnahm und solchen unterwegs einem Kruppel mit den Worten reichte: "Alter, ich habe nichts Kleineres bei mir als den Spiess. Wenn Ihn jemand fragt, so sag' Er nur, Er wach' im Dorfe gegen das verhenkerte Bettelvolk, aber Er habe nicht Augen genug." Dabei streckte der Pilger noch sein Schnupftuch einem RektorsSohnchen, dems notig war, auf drei Minuten vor.
Naturlich war es unser alter Titularbibliothekar Schoppe, den Don Gaspard mit der Einladungskarte fur Isola bella abgesandt. Albanos Entzuckung war so gross, dass er erst einige Tage spater sich im humoristischen Sonderlinge jugendlich irrte, indes dieser sehr bald den leichten, heissen, stillen Wildling richtig auswog. Ging es nicht dem alten Landschaftsdirektor noch schlimmer, welcher, bloss weil er den deutschen Reichskorper so hoch anschlug, als war' er die darin eingepfarrte Reichsseele, uber Schoppes Ausfalle gegen die Konstitution in einen patriotischen Harnisch kam? "Herr," (sagt' er aufgebracht) "wenns auch wo haperte: so muss ein redlicher Deutscher still dazu schweigen, wenn er nicht helfen kann, zumal in so verfluchten Zeiten."
Das Schonste war, dass auf Luigis Begehr zugleich der Baumeister abzureisen hatte, um aus Rom Abgusse der Antiken zu holen.
Und nun zieht fort, damit ihr wiederkommt und wir endlich einmal einlaufen in Pestitz! Freilich wirst du, gutes Kind (Waldbiene sollt' ich sagen), deinen Abflug aus dem landlichen Honigbaume in den stadtischen glasernen Bienenstand mit tiefern Schmerzen halten, als du vorausgesetzt reiset nicht sogar der alte Pflegevater ohne Abschied fort, um nur dem deinigen zu entfliehen und deiner guten Mutter ist, als reisse eine zornige Parze ihr einen Sohn von der Brust, als lange sein zartes, nur aus der kindlichen Gewohnheit gesponnenes Liebes-Band nicht hinein in die weite Zukunft und deine Schwester sperret sich in die Mansardenstube ein mit ihrem landlichen, von Feuerfoltern tobenden Herzen und kann dir nichts sagen und nichts geben als eine von ihr bisher heimlich gestickte Brieftasche mit der seidnen Umschrift: Gedenke unserer! und selber auf deinen lorbeersuchtigen Kopf wird der Triumph- oder Regenbogen des Abschiedes, wenn du unter ihm durchschreitest, schwere, schwere Tropfen werfen (ach an den nachblickenden Augen werden sie langer hangen bleiben) dein alter redlicher Lehrer Wehmeier wird an dir den letzten Strom seiner Worte und Tranen vergiessen und sagen (und dein weiches Herz wird nicht lacheln): "er sei ein alter abgeschabter Kerl und habe nun nichts vor sich als das Loch (das Grab) du hingegen seiest ein frischer blutjunger Mann, voll Sprachen und Altertumer und herrlicher Talente von Gott freilich werd' ers nicht erbeben, dass aus dir ein beruhmter Mann werde, aber seine Kinder wohl; und dieser Wurmer sollest du dich einmal annehmen, junger Herr!"
Du reine Seele, an jedem bekannten Hause, an jedem teuren Garten und Tale wird ja der Schmerz sein Einlegemesser schleifen und damit in dein gluhendes zartes Herz leise-quellende Wunden ritzen wie? sogar von deinen befreundeten Abend- und Morgen-Hohen (den Sprachgittern deiner heiligsten Hoffnungen) und von Lianen selber wirst du zu entweichen glauben.
Aber wirf deine weinenden Augen in das offne blaue Italien und trockne sie an Fruhlingsluften das Leben hebt an die Signale zu den Waffenubungen und Lusttreffen der rustigen Jugend werden gegeben und mitten in den olympischen Kampfspielen wirst du herrlich von nahen Konzert- und Tanzsalen umschmettert.
Was phantasier' ich da her? Wie, ists nicht uns allen mehr als zu wohl bekannt, dass er langst fort ist schon seit der ersten Jobelperiode, ja sogar wieder retour, und er halt schon seit der zweiten jetzt zahlen wir die vierte mit dem Bibliothekar und dem Lektor zu Pferde vor Pestitz und kann nicht hinein wegen der Torsperre der
Funften Jobelperiode
Prunkeinzug Doktor Sphex der trommelnde
Kadaver Retrogradation des Sterbetags der Brief
des Ritters Julienne der stille Karfreitag des
Alters der gesunde und verschamte Erbprinz
Roquairol das Erblinden Sphexens Liebhaberei
fur Tranen das fatale Gastgebot das doloroso der
Liebe
28. Zykel
Uber den Gabelweg, dessen rechte Zinke nach Lilar geht, spornte Albano sein Pferd bange hinuber und flog den Berg hinauf, bis die helle Stadt wie eine erleuchtete Peterskuppel lang und breit in der Fruhlingsnacht seiner Phantasien brannte. Sie legte wie ein Riese den Oberleib (die Bergstadt genannt) auf die Anhohe und streckte die andre Halfte (die Talstadt) in das Tal. Es war Mittag und keine Wolke am Himmel; in der Mittagszeit steht eine Stadt mit voller blanker Scheibe da, indes ein Dorfchen erst abends aus dem ersten Viertel ins Vollicht tritt. Sie war gut fortifiziert, nicht von Rimpler oder Vauban, sondern von einem wachsenden Pfahlwerke aus Linden. Oben leuchtete unserm Alban die lange Wand der Palaste der Bergstadt entgegen, und die Statuen auf ihren welschen Dachern richteten sich wie Wegweiser und Ausrufer der Freude gegen ihn uber alle Palaste zog sich das eiserne Gebalke der Ableiter als ein Throngerust des Donners mit goldenen Zepterspitzen seitwarts hinab lagerte sich die Talstadt neben den Fluss zwischen Alleenschatten, mit den bunten Fassaden gegen die Gassen und mit dem weissen Rucken gegen die Natur gewandt die Zimmerleute klopften wie Hammerwerke auf dem Anger unter abgeschalten Stammen, und die Kinder klatschten mit den Rinden die Tuchmacher spannten grune Tucher wie Vogelwande gegen die Sonne aus aus der Ferne zogen weissbedeckte Fuhrmannswagen die Landstrasse daher, und an den Seiten des Weges graseten geschorne Schafe unter dem warmen Schatten der fetten hellen Lindenknospen und uber alle diese Massen schwebte das Mittagsgelaute aus den lieben vertrauten Turmen (diesen Resten und Leuchtturmen aus seiner dunklern Zeit) gleichsam verknupfend und beseelend und rief die Menschen freundlich zusammen.-
Betrachtet das erhitzte Gesicht meines Helden, der endlich in die offnen, aus Sonnentempeln gebaueten Gassen einreitet, wo ja vor jedem langen Fenster, auf jedem Balkon Liane stehen kann wo sich die lugnerischen oder prophetischen Ratsel von Isola bella entwickeln mussen wo sich alle Hausgotter und Hausparzen seiner nachsten Zukunft verstecken wo nun der Montblanc des Hofes und die Alpen des Parnasses, die er beide zu besteigen hat, dicht mit ihrem Fusse an ihm liegen. Mich hatt' es in etwas beklommen; aber im Junglinge, zumal vor dem Kronleuchter der Sonne, loderte ein Leuchtregen nieder. O wenn der Morgenwind der Jugend weht: so steht die innere Merkuriussaule hoch, gesetzt auch, das aussere Wetter ware nicht das beste.
Wenige von uns werden, da sie die Akademie bezogen, mit ihren Pferden in ein so labendes Getummel geraten sein wie mein Held; Schlotfeger sangen oben aus ihren Kanzeln und schwarzen Hohlen herunter, und ein Bauredner auf dem Satteldache eines neuen Hauses besprach droben sehr die kunftige Feuersbrunst und dampfte eine eigne und schleuderte den glasernen Feuereimer weit uber das Geruste; ja sind wir mit ihm auch durch die lachende Kirchengemeinde des Dach-Sprechers geritten und durch die Armreihen bluhender Musensohne, worunter Alban das feurige Auge nach seinem Roguairol herumdreht: so stossen wir doch vor seiner kunftigen Wohnung auf ein neues Geschrei.
Es machts der Landphysikus Sphex, sein Mietsherr, der ihm den halben Palast (denn der Doktor ist begutert durch Kuren) absteht, weil das Haus gerade auf der Bergstadt oder dem Westmunster des Hofes liegt; denn in der Talstadt hausen die Studenten und die city. Der kurze untersetzte Doktor Sphex stand, als das Kleeblatt anritt, neben einem langen Menschen, der auf einer Steinbank sass und zwei Kloppel uber eine Kindertrommel in Bereitschaft hielt. Auf ein Zeichen von Sphex schlug der Lange auf seiner Trommel einen schwachen Wirbel, und der Doktor sagte gelassen zu ihm: "Strauchdieb!" Ob sich gleich Sphex ein wenig gegen die lauten Reiter umdrehte, so liess er doch bald im Wirbeln fortfahren und sagte: "Range!" musst' aber unter dem letzten Schlage nur eilig einschalten: "Racker!"
Die Reiter sassen ab, der Doktor fuhrte sie ohne Zeremonie ins Haus, nachdem er dem Trommler einen Wink mit der Hand gegeben, sich nicht zu regen. Er machte ihnen ihre vier oder zwolf Pfahle auf und sagte kalt: "Treten Sie in Ihre drei Kavitaten." Albano zog aus dem warmen Glanze des Tages in den kuhlen purpurnen Erebus seines rotverhangnen Zimmers wie in einen Bildersaal malender Traume ein, gleichsam in die Silberhutte fur das dunkle Bergwerk des Lebens. Er fand darin die geoffnete Hand seines reichen Vaters von den Bildern des Fussteppichs an bis zu den Alabasterstatuen der Wand; und im Kabinett traf er unter den Gaben seiner Pflegeeltern alle seine nachgeschickten dichterischen und philosophischen Studienbucher, holde Reflexe aus der stillen, ihm durch die Reise weit entruckten Jugend, an, in deren Nelkenscherben nur Konkordien floriert hatten, indes jetzt Feuerfaxe gesaet werden. Da warf, nicht die Gottin der Nacht den Mantel, sondern die Gottin der Dammerung den Schleier uber sein Auge und liess im Helldunkel die Gestalten der Zukunft, manche bewaffnet, manche bekranzt, einen Trupp aus Parzen und Grazien, an seinem Herzen, das bisher so ruhig war, Hande und Hebel ansetzen, und sein Herz wurde weich und locker auf drei Minuten: wahrhaftig ein Jungling, zumal dieser, hat die Seesturme, die den Maler, die arbeitenden Vulkane, die den Physiker, die Kometen, die den Astronomen erfreuen in der physischen Welt, ebenso lieb in der moralischen.
Albano, jetzt von Lianen nur durch Gassen und Tage getrennt, furchtete sich fast, dass seine traumerischen Entzuckungen ihr Ziel verrieten. "Sind Briefe da?" fragte der Lektor nach seiner fur Burgerliche abbrevierten kecken Manier. "Hol ihn herauf, van Swieten!" sagte Sphex zu einem Sohnchen, das mit zwei andern, Boerhaave und Galenus genannt, bisher eine korrespondierende Entzifferungskanzlei der neuen Mietsleute hinter einem Vorhange gemacht hatte. "Unser alter Herr" (setzte Sphex auf einmal dazu, als hang' es mit dem Briefe zusammen) "hat auch ausgeherret; seit funf Tagen ist er maustot, wie ich langst vorausgesagt." "Der alte Furst?" fragte erstaunt Augusti. "Aber warum werd' ich noch nichts von Trauergelaute, schwarz-angelaufnen Schnallen, Tranentopfen und Jammer in der Stadt gewahr?" fragte Schoppe.
Das erklarte der Physikus. Er hatte namlich als Leibarzt die Sterbensterzie des alten Fursten kuhn genug geweissagt und glucklich getroffen. Allein da gerade einen Tag nach dem Trauerfalle der Erbfolger Luigi in Pestitz einziehen wollte und da die Publikation des hohen Todes die ganze fur den Sohn eingeolte Illumination ausgegossen hatte mit Tranentopfen und die geblumten Ehrenpforten verhangen mit Trauerflor: so hatte man, bevor der Nachfahrer empfangen war, obwohl zum grossten Schaden des prophetischen Sphex, die Sache nicht wollen laut werden lassen, so wie jener Grieche bei der Todespost seines Sohnes die Trauer erst auf die Vollendung seines frohen Opferns verschob. Sphex beteuerte, schon vor vielen Jahren hab' er dem Hochstseligen aus den weissen Zahnen39 die Nativitat der Schwindsucht gestellt und nie die Todesstunde besser getroffen als dasmal; er lasse aber jeden selber beurteilen, ob ein Arzt, der seine Prophezeiung uberall kundgegeben, viel Seide spinne bei einer solchen politischen Unterschlagung. "Aber" (versetzte Schoppe) "wenn man verstorbene Herren, gleich ihren toten Soldaten, noch als lebendige in der Liste fortfuhrt: so kann man fast nicht anders; denn da es bei Grossen uberhaupt so verdammt schwer zu erweisen ist, dass sie leben, so ists auch nicht leicht auszumitteln, wenn sie tot sind; Kalte und Unbeweglichkeit und Faulnis beweisen zu wenig. Doch mag man vielleicht konigliche Sterbebetten, wie die Perser konigliche Graber, auch darum verstecken, um den armen Landeskindern den herben Zwischenraum zwischen dem Tode und der neuen Huldigung moglichst abzukurzen. Ja da nach der Fiktion ein Konig gar nicht stirbt, so haben wir Gott zu danken, dass wirs uberhaupt erfahren und dass es nicht mit dem Tode desselben wie mit dem Tode des ebenso unsterblichen Voltaire geht, den die Pariser Journalisten gar nicht melden durften."
Van Swieten und Boerhaave und Galenus brachten nach langem Ausbleiben einen Brief an Albano mit Gaspards Siegel; er riss ihn jugendlich-arglos auf ohne einen Blick auf den Umschlag; aber der Lektor nahm diesen in die Hand und drehte ihn wie ein Postsekretar, Heraldiker und Siegelbewahrer nach seiner Gewohnheit zur Visitation sphragistischer Wunden herum und schuttelte uber die schlechte Erneuerung des Briefadels, d.h. des Wappens, leise den Kopf. "Haben die Jungen etwas am Siegel verletzt?" sagte Sphex. "Mein Vater" (sagte lesend Albano, um eine bis nach aussen reichende Erschutterung zu uberdekken, worein ein Flug schwerer Gedanken plotzlich alle seine innern Zweige setzte) "weiss den Tod des Fursten auch schon." Da schuttelte Augusti noch mehr den Kopf; denn da sich vorhin Sphex vom Briefe auf einmal auf das furstliche Sterben versprang, so setzte dieser Sprung fast die Lesung des erstern voraus. Der Leser ziehe sich hiervon die Regel ab, dass er uber die Entfernung zweier Tone, zwischen welchen die Leute vor ihm hupfen, stutzen und daraus auf den Leitton zwischen beiden raten musse, den sie verstekken wollen.
Fur den Grafen war es jetzt recht gut, dass der Doktor den Hofmeistern ihre Zimmer anwies; ach seine vom heutigen Tage schon schwankende Seele wurde jetzt so heftig vom Inhalte des Briefes erschuttert!
29. Zykel
Als Sphex dem Bibliothekar die Stube auftat, war solche schon besetzt von einer Kiste (auch aus Italien angelangter) Vipern, von 3/4 Zentner Flachs, einem bleichen Reifrocke und von drei durchbohrten Seidenschuhen der Doktorin samt einer Weife und einem Vorrate von Kamillenkraut; das medizinische eheliche Paar hatte gedacht, das padagogische niste beisammen. Aber Schoppe versetzte recht gut und fast mit einiger Ironie gegen den vornehmer traktierten Augusti: "Je kraftiger und geistreicher und grosser zwei Menschen sind, desto weniger vertragen sie sich unter einem Deckenstuck, wie grosse Insekten, die von Fruchten leben, ungesellig sind (z.B. in jeder Haselnuss sitzt nur ein Kafer), indes die kleinen, die nur von Blattern zehren, z.B. die Blattlause, nesterweise beisammenkleben." Zesara hatte allerdings an seinem unersattlichen Herzen den Geliebten, den ihm das Geschick darangelegt hatte, unaufhorlich in jeder Lage und Stunde wie einen Waffenbruder behalten wollen; aber Schoppe hat recht. Freunde, Liebende und Eheleute sollen alles gemein haben, nur nicht die Stube; die groben Forderungen und die kleinlichen Zufalle der korperlichen Gegenwart sammlen sich als Lampenrauch um die reine weisse Flamme der Liebe. Wie das Echo immer vielsilbiger wird, je weiter unser Ruf absteht, so muss die Seele, aus der wir ein schoneres begehren, nicht zu nahe an unsrer sein; und daher nimmt mit der Ferne der Leiber die Nahe der Seelen zu.
Der Doktor liess seine lauten Kinder als einen ausraumenden Strom in die Augiasstube laufen; er aber ging wieder zum Trommler hinunter, mit dem es nach seiner Erzahlung diese Bewandtnis hatte: Sphex hatte schon vor mehrern Jahren besondere Vermutungen uber die Fett-Absonderung und den Durchmesser der Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er nicht eher herausgeben wollte, bis er die anatomischen Zeichnungen dazu konnte stechen lassen, mit denen er auf die Sektion und Ausspritzung des dasitzenden Trommlers wartete. Diesen kranken, einfaltigen, schlaffen Menschen, Ma: mit Namen, hatt' er vor einem Jahre, als sich einige Fett-Augen auf ihm ansetzten, unter der Bedingung in die Kost genommen, dass er sich zerlegen liesse, wenn er verstorben ware. Zum Ungluck findet Sphex seit geraumer Zeit, dass der Kadaver taglich abfallet und eindorret aus einem Aale zu einer Hornschlange; und es ist ihm unmoglich, herauszubringen, was es macht, da er ihm nichts Aussaugendes zulasset, weder Denken noch Motion noch Passionen, Empfindsamkeit, Essig noch sonst etwas.
Die Trommel muss der Kadaver da er ebenso harthorig als hartsinnig ist und schon darum keine Vernunft annimmt, weil er keine hort immer umgehangen tragen, weil er unter ihrem Ruhren besser vernimmt, was sein Brotherr und Prosektor an ihm aussetzt40. Der Doktor filzte ihn nun drunten Schoppe horte zum Fenster hinab so aus: "Ich wollte, der Teufel hatte lieber Seinen verdammten seligen Vater geholet, als dass er gestorben ware. Er schiesset ja uber Sein Lamentieren ein wie Soldatentuch und weckt ihn doch nicht auf, und wenn Er sich die Nase wegweinte. Besser getrommelt, Kahlmauser! Weiss Er denn nicht, Schuft, dass Er mit einem andern einen Kontrakt gemacht, ins Fett zu wachsen, so gut Er kann, und dass man den Brotdieb kostbar ernahrt, bis er brauchbar wird? Andere wurden gern fett, wenn sie's hatten. Und Ihr! Redet, Strick!" Malz liess die Trommelstocke unter die Schenkel niederklappen und sagte: "Sie haben recht Seine Not mit mir es ist kein rechter Segen bei unserm Schmalz und daruber mergelt sich unsereiner im stillen ab. Meinen Vater sel. schlag' ich mir wahrhaftig aus dem Kopfe, er mag mir einfallen, wenn er will."
30. Zykel
Der vaterliche Brief, der Albanos Seele in allen ihren Fugen erschutterte, lautet ubersetzt so: "Lieber Albano, im Kampanertal erhielt ich leider einen Brief uber die immer heftiger wiederkommenden Asphyxien deiner Schwester, er war am Karfreitage geschrieben und setzte ihren Tod schon als ausgemacht voraus. Auch bin ich darauf gefasset. Desto mehr frappierte mich deine Nachricht vom Gaukler der Insel, der den Propheten spielen wollen. Eine solche Weissagung setzt irgendeinen Anteil voraus, dem ich in Spanien naher nachspuren muss. Ich glaube den Betruger schon zu kennen. Sei an deinem Geburtstage vorsichtig, bewaffnet, kalt und kuhn und halte womoglich den Jongleur fest; gib dir aber kein ridicule durch Sprechen daruber. Dian ist in Rom und arbeitet recht brav. Lege Hoftrauer fur den lieben alten Fursten an aus Gefalligkeit. Addio!
G. de C."
"Ach teuere Schwester!" seufzte er innig und zog ihr Medaillon heraus und sah weinend die Zuge eines ihr versagten Alters an und las weinend die widerlegte Unterschrift: Wir sehen uns wieder. Jetzt da sich ihm das Leben lachend und weit aufschliesset, ging es ihm viel naher, dass das Schicksal die Schwester so eng bedeckt; ja der harte Gedanke kam dazu, ob er nicht Schuld an ihrem Verschwinden habe, da seinetwegen der furchterliche Zahuri der Insel vielleicht eine opfernde Gaukelei getrieben; sogar der Umstand, dass sie seine schwachliche Zwillingsschwester war, wurde ein Schmerz. Allein kampfend standen jetzt die Gefuhle in seinem Geiste wie auf einem Schlachtfelde gegeneinander. Welches Schicksal zieht mir entgegen! dacht' er. "Nimm die Krone!" hatte jene Stimme gesagt; "welche?" fragte aufstehend sein ruhmdurstiger Geist und untersuchte kuhn, ob sie aus Lorbeeren oder Dornen oder Metallen bestehe. "Liebe die Schone!" hatte sie gesagt; aber er fragte nicht: "welche?" nur hatt' er, seitdem der Vater des Todes seinen Namen und seine Glaubwurdigkeit furchterlich zu bewahren schien, die Furcht, dass die angekundigte Stimme in der Himmelfahrts- und Geburtsnacht einen andern Namen nenne als den geliebtesten.
Abends, nachdem die drei Ankommlinge ihre hauslichen Einrichtungen, die aus dem wellenschlagenden Albano noch immer nicht den vervielfaltigten Zauberglanz der Lindenstadt wegbrachten, hinter sich hatten, fuhrte der Lektor den Grafen zum Erbprinzen Luigi. Dieser kopierte taglich eine halbe Stunde lang im Bilderkabinett; und beschied beide dahin zum Warten auf ihn. Sie gingen hinein. Ein andrer als ich wurde hier der Welt einen rasonnierenden Kuchenzettel aller Schaugerichte des Kabinetts zustellen; aber ich mag sie nicht einmal mit den 17 Gemalden beschenken, uber deren Reizen jene seidnen Tandelschurzen oder Schleier hingen, die in Paris eine Dame gern von ihren eignen abheben wurde, um nur damit verschamt das Kunstwerk zu bedecken. Man kann leicht denken, dass unserm Alban im Bilderkabinett das mutterliche41 einfiel und dass er gern an jedem Nagel gerukket hatte, ware niemand dagewesen.
Aber die Prinzessin Julienne war da, die er (und wir alle) noch recht gut von Blumenbuhl her kannte, wie sie ihn. Sie war zwar voll junger Reize, aber man fand diese doch nicht eher, als bis man ein paar Tage vorher sehr in sie verliebt gewesen war das machte sie darauf jede Minute hubscher, wie denn uberhaupt Amor mehr der Vater als der Sohn der Huldgottin ist, und sein Kocher das beste Schmuckkastchen und die reichste Toilettenschachtel, und seine Binde das beste mouchoir de Venus und Schminklappchen, das ich kenne.
Sie zeichnete gerade den Gipsabguss eines schonen alten Kopfs, der dem Grafen gleichsam aus dem Antikenkabinett seiner Erinnerung geholt zu sein schien und dem sein wallendes Herz recht liebend entgegenfloss; aber er entsann sich des Urbilds nicht. Endlich sagte Julienne, die Etikette verschmahend, recht gutmutig und aufblickend: "Ach lieber Augusti, mein Vater ist verschieden in Lilar." Das Wort Lilar kolorierte plotzlich in Albano das bleiche Gedachtnisbild vollig wie diese blasse Buste sah im Mondscheine der alte Mann aus, der in jener dichterischen Sommernacht Zesarens Hande auf dem Berge zum Gebet zusammenlegte und sagte: "Gehe schlafen, lieber Sohn, eh' das Gewitter kommt." Ein andrer hatte sich nun nach dem Namen der Buste erkundigt und erst dann die nachtliche Historie entdeckt; aber der Graf tat im Feuer bloss das letztere, nach einem kurzen Warten auf das Auslaufen des Gesprachs. Augusti wollte ihn, als er die ihm fremde Geschichte der Bekanntschaft mit dem Urbilde anhob, sorgend unterbrechen; aber Julienne gab ihm einen Wink, ihn zu lassen; und der Jungling teilte treuherzig der teilnehmenden Seele das schone Zusammenkommen geruhrt und brennend mit und wurde beides noch mehr, als ihre Augen uberflossen in ihr Lacheln. "Es war mein Vater, das ist sein Abguss!" sagte Julienne weinend und freudig; Albano schlug nach seiner Art mit seufzender Brust die Hande vor der Buste zusammen und sagte: "Du edle, herzlich geliebte Gestalt!" und sein grosses Auge schimmerte von Liebe und Trauer.
Die gute weibliche Seele wurde von einer so unhofischen Teilnahme fortgerissen, und sie uberliess sich ganz ihrem angebornen Feuer. Das weibliche und das hofische Leben ist zwar nur die langere Strafe des Gewehrtragens Oberhofmeisterinnen sind, wie es nach dem Modelle der Jaherren Neinherren gibt, wahre Neinfrauen die siebenfarbige Kokarde der heitern tanzenden Freiheit wird da abgerissen oder lauft schwarz an von der Hoftrauer jeder weibliche Lusthain ist ein unheiliger Fataleres kenn' ich nichts aber die kraushaarige Julienne brach, mir nichts dir nichts, durch das ewige Gefangnis bei sussem Brote und gebranntem Wasser des Tages wohl zwolfmal hinaus und lachte den freien Himmel an und beleidigte ( sich und andre nie ) die Oberhofmeisterin stets. Sie erzahlte nun dem Grafen (indem sie aus Nervenschwache und Lebhaftigkeit immer starker lachelte und schneller sprach), wie ihr lieber schwacher, mehr kindlicher als kindischer Vater, dessen alten Lippen und entkrafteten Gedanken nur noch nachgelallte Gebete moglich waren, sich mit einem eisgrauen mystischen Hofprediger in Lilar ins Betzimmer eingeschlossen (ein graues Haupt verbirgt sich gern, eh' es verschwindet, und sucht wie Vogel einen dunkeln Ort zum Entschlafen) und wie sie und das Fraulein von Froulay (Liane) dem halbblinden Manne abwechselnd Gebete vorgelesen und gleichsam die Abendglocke der Andacht vor dem muden schlaftrunknen Leben angezogen. Sie malte, wie er in diesem Vorhofe der Gruft alles Geliebte uberlebt oder vergessen habe, wie er immer nach ihrer Mutter gefragt, deren Sterben ihm stets von neuem entfallen, und wie das verdunkelte Auge jede Tageszeit fur einen Abend und daher jeden Fortgehenden fur einen, der schlafen gehen wolle, genommen habe.
Wir wollen nicht zu lange auf diese spate Zeit des Lebens blicken, wo sich die Menschen wieder als Kinder fur die langere Wiege des Grabes verkurzen; und wo sie gleich den abends schlafenden Blumen unkenntlich sind und einander fruher als im Tode gleich werden.
Besonders dem Lektor war wie allen Hofleuten schlecht mit diesen Funeralien gedient; auch wollt' er gern die Hiobskrankheit ihres Klagens durch Versetzung heilen und fuhrte sie naher zu Lianen. Aber eben, indem sie den Anteil und die Opfer dieser Freundin beschrieb und indem ihr wieder die lange weinende Umarmung erschien, worin Liane sie und den Schmerz gleichsam fest an sich geschlossen hatte, so kehrte jeder dunkle schwere Blutstropfe, den die kraftigen Pulsadern fortgetrieben hatten, wieder in das Herz zuruck, und sie horte auf, zu malen, sowohl diese Geschichte als den Kopf.
Die beiden Freundinnen waren keine solche, die sich den Kuss durch zwei Flore hinauslangen, oder die einander abzuherzen wissen ohne die kleinste Quetschwunde der Frisur, oder deren Liebesmahl sich jedes Jahr, wie das Abendmahlbrot jedes Jahrhundert, leichter und dunner bricht: sondern sie liebten sich innig mit den Augen, mit den Lippen, mit dem Herzen, wie zwei gute Engel. Und wenn vorher die Freude ihren Erntekranz nahm und ihn fur sie zum Trauring der Freundschaft machte: so versuchte jetzt der Gram mit seinem Stachelgurtel dasselbe. Ihr guten Seelen! mir ist es ganz leicht denklich, wie ein so reiner glanzender Seelenbund das Herz eures Freundes Albano zugleich peinlich ausdehnt und selig erhebt, wie die arostatische Kugel zugleich zerstorend schwillt und steigt. Fur Lianens Einzug standen ohnehin schon geschmuckte Ehrenpforten in seinem Innern in die Hohe!
Inzwischen hatte ein Fremder ohne diese meine Feder, oder auch ich ohne den Lehnpropst Hafenreffer, nichts am sprechenden Grafen merken konnen als ein irres Gluhen im Gesicht und schnelle Worte.
31. Zykel
Auf einmal tritt in diese Schilderungen und Genusse der Thronfolger, oder vielmehr der Nachwinter des kalten Greises ein, Luigi. Mit einem flachen Schnitzwerke des schwammigen Gesichts, auf dem sich nichts ausdruckte als der ewige Missmut der LebensVerschwender, und mit einigem reifen Grauwerke auf dem Kopfe (als Vorlaufer der Weisheitszahne) und mit der unfruchtbaren Superfotation eines voluminosen Unterleibes ging er mit der grossten Hoflichkeit auf Albano zu, in der ein flacher Frost gegen alle Menschen vorstand. Er staubte sogleich mit der Kleie von leeren schnellen unahnlichen Fragen um sich und eilte stets; denn er hatte fast noch mehrere Langweile, als er machte, wie sich uberhaupt fur keinen das Leben so widrig verlangert als fur den, der es verkurzet. Luigi war durch die Erde so schnell wie durch ein Puderstubchen gelaufen und war wie in diesem gehorig grau geworden; die Milchgefasse seines aussern und innern Menschen hatten sich, weil sie Sahneoder Rahmgefasse sein sollten, eben deswegen in Giftgefasse und Leidensbecher verkehrt. Sooft ich vor einer gemalten Fursten-Suite in einem Korridor vorbeigehe, so verfall' ich stets auf mein altes Projekt und sage ganz uberzeugt: "Vermochten wir nur wie die Sparter und alle altere Volker es durchzusetzen, dass wir einmal einen Regenten gesund auf den Thron hinaufbrachten: so hatten wir einen guten obendrein, und alles ginge. Aber ich weiss, es sind die Zeiten nicht dazu. Sundlicherweise assistieren nur bei der Tortur, nicht bei der Freude Chirurgen und Arzte, die auf den Grad der Freude wie der Folter und auf die unschadlichen Stellen genau hinweisen."
Albano, fremd vor und in dieser Menschenklasse, sah anfanglich die Kluft zwischen sich und Luigi flacher gegraben, als sie war; bloss unbehaglich und druckend wurd' es ihm, wie gewissen Leuten, wenn ohne ihr Wissen eine Katze im Zimmer ist. Die fortgehende moralische Entkraftung und Verfeinerung wird alle unsere Aussenseiten noch so absaubern und ausgleichen und zwar nach demselben Gesetze, wornach physische Schwachung die Hautausschlage zuruckjagt und in die edlern Teile verweiset , dass wahrhaftig ein Engel und ein Satan zuletzt in nichts zu unterscheiden sind als im Herzen. Alban brachte schon von Wehrfritz, den er immer die Rechte der Landschaft gegen den Fursten verfechten horte, Abneigung gegen den Nachfolger mit; desto leichter entbrannte in ihm ein moralischer Grimm, da Luigi sich gegen die Bilder kehrte und die Vorhange oder Bergleder von einigen der indezentesten wegzog, um ihren artistischen Gehalt nicht ohne Geschmack und Kenntnis auszuwagen. Eine kopierte Venus von Tizian, auf einem weissen Tuche liegend, war nur die Vorlauferin. Obgleich der unschuldige Erbprinz die voyage pittoresque durch diese Galerie mit der artistischen Kalte des Galerieinspektors und Anatomikers machte und mehr seine Kenntnisse zu zeigen als zu bereichern suchte: so nahm doch der unerfahrene Jungling alles mit einer tauben und blinden Entrustung auf, die ich mit nichts, nicht einmal mit der Gegenwart der Prinzessin zu verteidigen weiss, um so mehr, da erstlich diese ihre Seele nur zwischen der Gipsbuste und deren Kopie arbeitend teilte und da zweitens in unsern Tagen Damenuhren und Facher (wenn sie geschmackvoll sind) Gemalde tragen, gegen die Albano wieder Facher nehmen wurde. Die zwei Flammen des Zorns und der Scham uberdeckten sein Angesicht mit einem gluhenden Widerscheine; aber sein unbehulflicher Trotz kontrastierte gegen die Gewandtheit des Lektors, der mit seinem kalten, ebenso bestimmten als leichten Tone Selbststandigkeit bewahrte und Reinheit schutzte. "Sie gefallen mir alle nicht," (sagt' er barsch) "ich gabe sie fur ein einziges Gewitter von Tempesta weg." Luigi lachelte uber sein schulerhaftes Auge und Gefuhl. Als sie in das zweite Bilder-Zimmer traten, horte Albano die Prinzessin fortgehen. Da ihm dieses Gemach mit noch mehrern zerrissenen Vorhangen des Allerunheiligsten drohte: so nahm er seinen Abschied ohne sonderliche Zeremonie und ging ohne den Lektor zuruck, der heute vorzulesen hatte.
Nie fasste Schoppe seine pulsierende Hand herzlicher an als diesesmal; der Anblick eines verschamten Junglings ist fast holder (seltener zumal) als der einer verschamten Jungfrau: jener erscheint weiblich-sanfter, wie diese mannlich-starker durch das zugemischte Zurnen der Tugend. Schoppe, der wie Pope, Swift, Boileau Heiligkeit des Geschlechts mit Zynismus der Kleidung und Sprache zusammenzwang, leerte die grossten Zornschalen uber jede Libertinage aus und fiel als eine satirische Bellona die besten freien Leute an; dasmal aber nahm er sie mehr in Schutz und sagte: "Die ganze Gattung liebt fremde Schamrote entschieden und bekampfet sie lieber als Schamlosigkeit, so wie (und aus einerlei Grunden) Blinde die Scharlachfarbe vorziehen. Man kann sie den Kroten vergleichen' die den kostbaren Krotenstein (ihr Herz) auf kein anderes Tuch wie auf ein rotes setzen."
Der Lektor, der bei aller Reinheit und Zucht doch dem Scarron ohne Bedenken an der Ode auf das Gesass einer Herzogin hatte schreiben helfen, wusste als er die Flucht des Grafen behandeln wollte gar nicht, wie ihm geschah, als ihn dieser mit einigem Rosenessig ansprengte und sagte: "Der Vater liegt dem schlechten Menschen auf dem Brette, und ihm liegt eines vor der eisernen Stirn: o der Schlechte!" Allerdings hatte die physische und moralische Nahe der zwei schonen weiblichen Herzen und die Liebe dafur den Grafen am meisten gegen Luigis artistischen Zynismus emport. Der Lektor versetzte bloss: "er werde bei dem Minister und uberall dasselbe horen; und seine falsche Delikatesse werde sich schon noch geben." "Die Heiligen" (fragte Schoppe) "wohnen nur auf, nicht in den Palasten?" Froulays seiner trug namlich auf seiner Platteforme einen ganzen Kordon von steinernen Aposteln; und auf einer Ecke stand eine Marienstatue, die zwischen lauter Dachern aus Sphexens Hause zu sehen war.
Junger Zesara! wie jagt dir diese marmorne Madonna Blutwellen durchs Gesicht, gleichsam die Schwester deiner schonern, oder die Schutz- und Hausgottin derselben! Aber er beschleunigte den Eintritt in dieses Lararium seiner Seele, die Abgabe des vaterlichen Empfehlungsschreibens, mit keinem Laute aus Scheu des Argwohns: so viele Fehltritte tut der Gute schon im Heidenvorhofe der Liebe; wie soll er im Weibervorhofe bestehen, oder im finstern Allerheiligsten fussen?
32. Zykel
Der Hof liess jetzt (er konnte vor Schmerz nicht sprechen) ausschreiben, dass der tote Nestor mit Tode abgegangen. Ich setze hier den Jammer der Stadt samt der Freude derselben uber die neue Perspektive beiseite. Der Landphysikus Sphex musste den Regenten anstatt dass man uns Untertanen gleich Schnepfen und Grundeln mit dem ganzen Eingeweide und Gescheide auf die Tafel des Gewurms serviert wie ein grosses Tier ausweiden. Abends ruhte der Erblasste auf seinem Paradebette aus der Furstenhut und der ganze elektrische Apparat des Throndonners lag ebenso ruhig und kalt neben ihm auf einem Taburett ; er hatte die gehorigen Kerzen und Leichenwachter um sich. Diese Toten-Schweizer der Klang frappiert mich, und ich sehe jetzt die Freiheit auf dem Paradebette der Alpen liegen und die Schweizer wachen bestehen bekanntlich aus zwei Regierungsraten, zwei Kammerraten und so fort. Der eine Kammerrat war der Hauptmann Roquairol. Es kann hier nur einschaltungsweise beruhrt werden, wie dieser Jungling, der vom Kamerale fast nicht mehr verstand als ein Kammerrat im **hischen, doch zu einem Rate in Kriegssachen darin aufstieg namlich wider seinen Willen durch den alten Froulay, der (an sich eben kein sentimentalischer Herr) dem alten Fursten immer die Jugenderinnerungen auffrischte und auffarbte, weil man in dieser weichen Laune von ihm erbetteln konnte, was man wollte. Wie hasslich und niedrig! So kann ein armer Furst kein Lacheln, keine Trane, kein freudiges Bild haben, woraus nicht irgendein Hofprezist, ders sieht, einen Turgriff arbeitet, sich etwas zu offnen, oder einen Degengriff zum Verwunden; keinen Laut kann er von sich geben, den nicht ein Weidmann und Wildrufdreher zum Mundstuck und Wildruf verbrauche.
Julienne besuchte abends um 9 Uhr das einzige Herz, das am Hofe wie ihres und fur ihres schlug, ihre gute Liane. Diese bot gern ihrer anfangenden Migrane die Stirn und suchte nur fremde Schmerzen zu fuhlen und zu stillen. Die Freundinnen, die vor fremden Augen nur Scherze und voreinander nur einen weichen schwarmerischen Ernst entfalteten, versanken immer tiefer in diesen vor der religiosen strengen Ministerin, die nie an Juliennen so viel Seele fand als in dieser sanft nachweinenden Stunde, wie Levkojen zu duften anfangen, wenn sie begossen werden. Nicht der kampfende Schmerz, sondern der fliehende verschonert die Gestalt; daher verklart der Tote seine, weil die Qualen erkaltet sind. Die Madchen standen schwarmerisch miteinander am Fenster, das zunehmende Mondenlicht ihrer Phantasie wurde durch das aussere voll; sie machten den Nonnen-Plan, auf lebenslang beisammen zu leben und zusammenzuziehen. Es kam ihnen in dieser stillen Ruhrung oft mit Erschrecken vor, als wehe der klingende Flug abgeschiedener Seelen voruber (bloss ein paar Fliegen hatten auf der Harfe der Ministerin mit Fussen und Flugeln die Tone gegriffen) ; und Julienne dachte recht schmerzlich an ihren toten Vater in Lilar.
Endlich bat sie die Seelenschwester, mit ihr heute nach Lilar zu fahren und das letzte und tiefste Weh einer Waise zu teilen und zu mildern. Sie tat es willig; aber der Ministerin war das Ja muhsam abzuringen. Ich sehe die sanften Gestalten aus der langen Umarmung im Wagen in das Trauerzimmer in Lilar treten, die kleinere Julienne mit zuckenden Augen und wechselnder Farbe, Liane von Migrane und Trauer blasser und milder und uber jene durch ihre schon vom zwolften Jahre geschenkte Lange42 erhoben.
Wie uberirdische Wesen strahlten beide die an allen Ecken brennende Seele Roquairols an. Ein einziger Tranentropfe konnte in diesen Kalzinierofen Sieden und Verwustung bringen. Schon diesen ganzen Abend blickte er den Greis mit furchtsamen Schaudern uber das kindische Ende dieses gewichnen Geistes an, der sonst so feurig gewesen als seiner jetzt; und je langer er hinsah, desto dickere Rauchwolken schwammen vom offnen Krater des Grabes in das grunende Leben herein, und er horte darin donnern, und er sah darin eine Eisenfaust dunkel gluhen, die nach unserm Herzen greift.
Unter diesen grimmigen Traumen, die jeden innern Schmutzflecken beleuchteten und die hart ihm droheten, auch an seinem Vulkane werde nichts fruchtbar sein als einst die Asche, traten die traurigen Madchen herein, die unterwegs nur uber die erkaltete Gestalt, und jetzt noch heftiger uber die verschonerte weinten; denn die Hand des Todes hatt' aus ihr das Linienblatt der letzten Jahre, das vortretende Kinn, die Feuermaler der Leidenschaften und so viele mit Runzeln unterstrichene Qualen weggeloscht und gleichsam auf die Hulle den Widerschein des frischen stillen Morgenlichts gemalt, das jetzt den entkleideten Geist umgab. Aber auf Julienne machte ein schwarzes Taftpflaster auf dem Augenknochen, das noch von einem Stosse daraufgeblieben war, dieses Zeichen der Wunden, einen heftigern Eindruck als alle Zeichen der Heilung; sie bemerkte nur die Tranen, aber nicht die Worte Lianens: "O wie ruht er so schon!" "Aber warum ruht er?" (sagte ihr Bruder mit jener aus dem Innersten murmelnden Stimme, die sie von seiner Liebhaber-Buhne her kannte; und fasste ihre Hand erschuttert, weil er und sie einander innig liebten, und seine Lava brach nun durch die dunne Rinde) "darum, weil das Herz aus seiner Brust geschnitten ist, weil darin das Feuerrad der Entzuckung, das Schopfrad der Tranen nicht mehr geht."
Diese tyrannische Erinnerung an die Leichenoffnung wirkte furchterlich auf die kranke Liane, und sie musste die Augen von der zugedeckten Brust abwenden, weil der Schmerz mit einem Lungenkrampfe den Atem sperrte; und doch fuhr der wilde, andere wie sich verheerende Mensch, der vorher neben der steifen Leichengarde geschwiegen hatte, im doppelten Zertrummern fort: "Fuhlst du, wie sich dieser Fangeball des Schicksals, dieses Ixionsrad der Wunsche so schmerzlich in uns bewegt? nur die Brust ohne Herz wird ruhig."
Auf einmal schauete Liane langer und starrer auf die Leiche eine eiskalte Schneide, wie von der Todessichel, druckte sich durch das warme Gehirn die Trauerkerzen brannten (schien es ihr) truber und truber dann sah sie im Winkel des Zimmers eine schwarze Wolke spielen und aufwachsen dann fing die Wolke zu fliegen an und sturzte voll herausquellender Nacht uber ihre Augen dann schlug die dicke Nacht tiefe Wurzeln in den wunden Augen, und die erschrockne Seele konnte nur sagen: "Ach Bruder, ich bin blind."
Nur der harte Mann, aber kein Weib wird es fassen, dass in Roguairols entsetzlichen Schmerz einige asthetische Freude uber das morderische Trauerspiel eindrang. Julienne schied vom Toten und von dem alten Schmerze und warf sich mit dem neuen an ihren Hals und klagte: "O meine Liane, meine Liane! siehst du noch nicht? Sieh mich doch an!" Der zerrissene und zerreissende Bruder fuhrte die Schwester, der nur einzelne Tropfen als kaltes hartes Wasser auf die blassen Wangen schlugen, mit der scharfen Frage fort: "Schwirret kein Wurgengel mit roten Fittichen durch deine Nacht, wirft er keine gelbe Nattern auf dein Herz und keine Schwertfische in deine Nervengewebe, damit sie sich darin verstricken und an den Wunden die Sagezahne wetzen? Mir ist wohl in meiner Pein, solche Disteln kratzen uns, nach guten Moralisten, auf43 und bereiten uns zu. Du jammervolle Blinde, was sagst du, hab' ich dich wieder recht elend gemacht?" "Wahnsinniger," sagte Julienne, "lassen Sie nach, Sie bringen sie um." "O was kann er dafur;" (sagte Liane) "die Migrane machte mir es schon vorhin neblicht."
Der Abschied der Freundinnen wurde in mehr als einer Finsternis genommen, und darin will ich ihn mit allen seinen Qualen lassen. Dann bat Liane ihr Madchen, es der Mutter so kurz vor dem Schlafe zu verschweigen, da es sich vielleicht in der Nacht noch gebe. Aber umsonst; die Ministerin war es gewohnt, ihren Tag an der Brust und der Lippe ihrer Tochter zu schliessen. Nun trat diese geleitet herein und suchte das Mutterherz irrig seitwarts, und dem sanftern Weinen konnte sie in dieser geliebten Nahe nicht mehr wehren: da wurde ja alles verraten und alles gestanden. Die Mutter liess erst den Doktor rufen, eh' sie mit feuchten Augen und mit leisen Armen an der angedruckten Tochter den Bericht anhorte. Sphex kam, prufte die Augen und den Puls und machte nichts daraus als ein Nerven-Falliment.
Der Minister, der uberall im Hause Leithunde mit feinen Ohren hatte, kam, unterrichtet, herein und machte in Sphexens Beisein ausser weiten Schritten nichts als die kleine Note: "Voyez Madame, comme votre le Cain joue son role a merveille44."
Sobald Sphex hinaus war, liess Froulay einige Billionenpfunder und Wachteln (dreipfundige Handgranaten) auf die Gattin los. "Das sind", notierte er, "die Folgen Ihrer visionaren Erziehung" (freilich schlug seine eigne am Sohne auch nicht sonderlich an) "Warum liessen Sie die kranke Narrin gehen?" (Er hatt' es selber aus hofischen Rucksichten noch lieber erlaubt; aber Manner tadeln gern die Fehltritte, die man ihnen ersparte; uberhaupt setzen sie wie Kochinnen das Messer lieber an Huhner mit weissem Gefieder als an die mit dunkelm.) "Vous aimez, ce me semble, a anticiper le sort de cette Reveuse un peu avant qu'il soit decide du notre"45 (Ihr Schweigen machte ihn immer bitterer) "Oh! ce sied si bien a votre art cosmetique que de rendre aveugle et de l'etre, le dieu de l'amour s'y prete de modele46." Von dieser schreienden Harte ergriffen besonders da bloss der Minister wider die mutterlichen Wunsche eben diese kosmetische Erziehung Lianens fur seine politischen gewahlt und befohlen hatte musste die Mutter das nasse Auge an der Tochter verbergen und trocknen. Die Ehemanner und die neuesten Literatoren halten sich fur Feuersteine, deren Lichtgeben man nach ihren scharfen Ecken berechnet. Unsere Voreltern schrieben einem Diamant-Gehenke das Vermogen, Liebe unter Ehegatten anzufachen, zu auch find' ich in der Tat noch an Juwelen diese Kraft ; nur lasset dieser zum Kiesel gehorige Stein nach den Ehepakten so kalt und hart, als er selber ist. Wahrscheinlich war Froulays Eheband ein solches edelsteinernes.
Allein die Frau sagte nur: "Lieber Minister, lassen wir das; aber schonen Sie die Kranke!" "Voila precisement ce qui fut votre afaire47", sagt' er hohnlachend. Vergeblich redete Liane ihn ruhrend-irrig von der falschen Weltgegend an und sprach fur ihren Bruder welches ewige, zu viel beweisende Defensorat aller Leute ihr einziger Fehler war ; vergeblich, denn sein Mitleiden mit einer Gepeinigten bestand in nichts als im Grimme gegen die Peiniger, und seine Liebe gegen Liane zeigte sich nur im Hassen derselben: "Schweig, Narrin! Aber Monsieur le Cain soll mir nicht ins Haus, Madame, bis auf weitre Ordre!" Ich sage zum alten Ehe-Bramarbas aus Schonung weiter nichts als: Geh zum Teufel, wenigstens zu Bett!
33. Zykel
Das deutsche Publikum wird sich noch der vom Antrittsprogramm versprochenen obligaten Blatter erinnern und mich fragen, wo sie bleiben. Der vorige Zykel war das erste, bestes Publikum; aber sieh daraus, wie obligate Blatter sind und dass vielleicht so viel Geschichte darin stecke als in irgendeinem Zykel, wie er auch heisse.
Der Graf hatte noch nichts von Lianens Ungluck erfahren, als er mit den andern hinunter zum Diner des Doktors ging, der heute sehr gastfrei war. Sie fanden ihn im heftigsten Lachen begriffen, die Hande in die Seiten gestutzt und die Augen uber zwei Salbennapfchen auf dem Tische gebuckt. Er stand auf und war ganz ernsthaft. In Reils Archiv fur die Physiologie hatt' er namlich gefunden, dass nach Fourcroy und Vauquelin die Tranen den Veilsaft grun farben und also Laugensalz enthalten. Um nun den Satz und die Tranen zu prufen, hatt' er sich hingesetzt und ernsthaft stark gelacht, um zu weinen und einige Tropfen fur die Solwaage des Satzes zu gewinnen; er hatte sich gern anders erschuttert, durch Ruhrung, aber er kannte seine Natur und wusste, dass nichts dabei herauskame, nicht ein Tropfe.
Er liess die Gaste ein wenig allein die Frau war auch noch nicht zu sehen Malz sass in einer Ottomane die Kinder hatten satirische Mienen kurz die Unverschamtheit wohnte in diesem Hause wie in ihrem Tempel. Auf den Alten wirkte kein Spott, und er ordnete nur ab, was ihm, nicht was andern missfiel.
Endlich schwenkte sich als Voressen oder Vorbericht der Suppe die rosabackige Physikussin in die Stube herein mit 3 oder 4 Esprits oder Federstutzen mit einer scheckigen Hals-Schurze in einem roten Ballkleide, dem die Walzer die Farbe ausgezogen, die sie ihr aufgelegt und mit einem durchbrochnen Putzfacher. Wenn ich wollte, konnt' ich mich ihrer annehmen; denn anlangend die Esprits (da oft der Esprit, wie bei den Embryonen das Gehirn, sich auf die Gehirnschale heraussetzt und da sonnet), so dachte sie, Weiber und Rebhuhner wurden am besten mit Federn auf dem Kopfe an der Tafel serviert anlangend den Facher, so gab sie vor, sie komme von einem Morgenbesuche (wobei sie recht deutlich voraussetzte, dass Damen so wenig ohne Facherstabe als Tischler ohne Massstab durch die Gasse durfen) anlangend den Rest, so wusste sie, der Gast sei ein Graf. Sonach scheint es, dass sie unter die Honoratiorinnen gehore, die (der grossern Anzahl nach) gleich den Klapperschlangen nie besser zu geniessen sind, als wenn man vorher ihren Kopf beseitigt; aber das haben wir noch immer Zeit zu glauben, wenn wir besser hinter sie kommen.
Der schone Zesara war fur sie blind, taub, stumm, geruch-, geschmack-, gefuhllos; aber manchen Weibern kann man mit der grossten Muhe und Langweile kaum missfallen; Schoppe vermocht' es leichter. Sphex machte sich fur seine Person aus einer FettZelle Malzens mehr als aus dem ganzen Zell- und Florgewebe einer oder seiner Frau; gleich allen Geschaftsleuten hielt er die Weiber fur wahre Engel, die Gott zum Dienste der Frommen (der Geschaftsmanner) ausgesandt.
Der Zug des Essens hob an Augusti, ein feiner Esser, freuete sich auf viel und hielt sich nicht nur ans feine Service, sondern auch an die zerrissenen Servietten, dergleichen er oft an Hofen auf dem Magen gehabt, weil man da in der Moral und im Weisszeuge Wunden lieber hat als Pflaster. Es traten sogar schon wie gewohnlich Vorposten und erste Treffen von elenden Speisen auf, die gewohnlichen Propheten und Vorlaufer des besten Kerns, wiewohl ich an hundert Tafeln es verwunschte, dass sie nicht wie gute Monatsschriften die besten Stucke zuerst und die magersten zuletzt geben. Der Physikus hatte schon zu den drei Knaben gesagt: "Galenus! Boerhaave! Van Swieten! wie sitzet man artig?" und die drei Arzte hatten schon drei rechte Hande zwischen die Westenknopfe und drei linke in die Westentaschen geschoben und passeten steilrecht als guter Schabzieger anlangte zum Nachtisch. Sphex gab teils Lust zum Kase, teils Abscheu davor, wie ers gerade offizinell fand. Er merkte auf der einen Seite an, wie die Tischler in ihrem Leimtopfe keinen bessern Leim hatten, als was da vor ihnen stehe er binde ebenso im Menschen doch wurd' er fur seine Person ihn lieber mit Doktor Junker wie Arsenik ausserlich uberschlagen; aber er gestand auch auf der andern Seite, dass der Schabzieger fur den Lektor Gift sei. "Ich wollte mich dafur verpfanden," (sagt' er) "dass Sie, wenn man Sie untersuchen konnte, hektisch waren; die langen Finger und der lange Hals sprechen fur mich, und besonders sind die weissen schonen Zahne nach Camper ein boses Zeichen. Personen hingegen, die ein Gebiss haben wie meine Frau da, durfen sicher sein."
Augusti lachelte und fragte bloss die Doktorin, zu welcher Zeit man am besten zum Minister komme.
Solche vergiftende Reflexionen so wie den MittagsKatzentisch gab er nicht aus satirischer Bosheit, sondern aus blosser Gleichgultigkeit gegen andre, auf die er, gleich einem Rechtschaffnen, nie unter seinem Handeln Rucksicht nahm. Mit der Freiheitsmutze des Doktorhuts auf dem Kopfe erhielt er von seiner medizinischen Unentbehrlichkeit so viele akademische Freiheiten, dass er zwischen seinen vier Pfahlen nicht freier ass und agierte als zwischen dem bunten spitzen Pfahlwerke des Hofes. Bracht' er da jemals das frag' ich einen Tropfen sussen Wein uber die Lippen, ohne vorher einen Ephraimiten, der selber die Probationstage nicht uberlebte, herauszuziehen und ins Glas zu hangen, bloss um vor dem Hofe zu untersuchen, ob der Ephraimit darin nicht schwarz werde? Und wenns das Silber tat, war da nicht das Uberschwefeln des Weins so gut als demonstriert, und hatte der Physikus nicht den Hof, die Sussigkeit, das Schwarzen, Vergiften und Uberschwefeln recht artig applizieren konnen, wenn er der Mann dazu gewesen ware?
Dem Zufalle, dass der Lektor uber die Einlasszeit bei dem Minister fur heute nachforschte, hatt' es Albano zu danken, dass er den schmerzlichen Unfall nicht im Hause des Ministers oder neben der Blinden selber erfuhr. "Sie konnen" (antwortete Sara, die Doktorin) "auch den Bedienten hinschicken; der unterschreibt sich fur Sie alle; mich aber dauert niemand wie die Tochter." Nun brach ein Sturm von Fragen nach dem unbekannten Vorfalle los. "Es ist so", fing der Physikus murrisch an, legte sich aber bald, weil er in einigen Augen Wasser fur seine Muhle sah und weil er alle medizinische Schuld von sich auf den Hauptmann Roquairol zu walzen suchte , so gut er konnte, auf pathetisches Detail und log fast sentimental. Er schob mit einem unbemerkten Winke der geruhrten Frau einen leeren Teller zu als Lakrymatorium, damit nichts umkame. Aus den verfinsterten Augen des vergeblich-kampfenden Junglings riss der erste Lebensschmerz einige grosse Tropfen. "Ist wohl eine Herstellung moglich?" fragte Augusti sehr bekummert, wegen seiner Verbindungen mit der Familie.
"Wahrlich ein blosser Nervenzufall ists" (versetzte Schoppe keck) "und weiter nichts; Whytt erzahlt, dass eine Frau, die zu viel Sauere im Magen hatte (im Herzen war's noch arger), alles umnebelt erblickte, wie Madchen vor naher Migrane." Sphex, der nur des Pathos und Laugensalzes wegen gelogen hatte und den es argerte, dass der Bibliothekar seiner heimlichen Meinung gewesen, antwortete so, als hatte dieser gar nicht geredet: "Der hochste Grad der Schwindsucht, Herr Lektor, schliesset sich oft mit Erblinden; und zu beiden ware hier wohl Rat. Inzwischen kenn' ich eine gewisse nervose periodische Blindheit ich hatte den Fall an einer Frau48, die ich bloss durch Aderlassen, Dampf von gebrannten Kaffeebohnen und die Abenddunste des Wassers aufbrachte das wird nun an der Nervenpatientin wieder versucht. Ein pflichtmassiger Arzt wird aber immer wunschen, dass der Teufel Mutter und Bruder hole."
Namlich der Wiederstrich von Lianens Zugkrankheit setzte ihn ausser sich. Beleidigungen der Ehre, der Liebe, des Mitleidens machten den Physikus nie warm, und er behielt seinen Uberzug aus Glatteis an; aber Storungen seiner Kuren erhitzten ihn bis zum Zerspringen; und so sind wir alle Springglaser, die den Hammer vertragen und nicht eher in tausend Splitter zerfahren, als bis man die kleine Spitze abbricht; bei Achilles wars die Ferse, bei Sphexen der Arznei-Doktor-Ringfinger, bei mir der Schreibfinger. Der Doktor schuttete nun sein Herz aus, wie einige ihre Gallenblase nennen; er schwur bei allen Teufeln, er habe mehr fur sie getan als jeder Arzt er hab' es aber schon vorausgewusst, dass eine so dumme Erziehung bloss fur das Schonaussehen und Beten und Lesen und Singen eine verdammte Wirtschaft ware er hatte gern oft die Harmonikaglocken und Tambournadel49 zerbrochen er habe oft die Mutter ohne Schonen auf Lianens sogenannte Reize und auf die Empfindsamkeit, helle Wangenrote und sammet-weiche Haut aufmerksam genug gemacht, hab' aber damit fast mehr zu erfreuen als zu betruben geschienen was ihn allein belustige, sei, dass das Madchen vor einigen Jahren todkrank geworden vom ersten heiligen Abendmahle, wovon er sie abzuhalten versucht, weil er schon an der vierten Patientin die betrubtesten Folgen dieses heiligen Aktus kennen lernen.
Zum allgemeinen Erstaunen schlug sich mein Graf gegen alle auf Roquairols Partei. Ach deine ersten Fruhlingssturme zogen jetzt gefangen in deiner Brust umher ohne eine freundschaftliche Hand, die ihnen einen Ausweg gab, und du wolltest deinen blutigen Gram bedecken! Und suchtest du nicht einen Geist voll Flammen, ein Auge voll Flammen fur deine, und hattest du dich nicht lieber mit einem donnernden Hollengotte verbrudert als mit einem pietistischen matten, gleich einer Schabe unterhohlenden Himmelsburger? Barsch fragt' er den Doktor: "Wo haben Sie das Herz des Fursten?" "Ich hab' es nicht," sagte Sphex betroffen, "im Tartarus50 liegts wiewohls der Wissenschaft profitabler gewesen ware, hatte man es unter seine Praparate stellen durfen; gross wars und sehr singular." Er dachte daran, dass er oft wo er konnte wie ein Augur unter dem Sezieren ein oder das andre bedeutende Glied als ein Prinzen- und Junkern-Rauber a la minuta heimlich beiseite geschafft fur sein Studium, ein Honig, den er sich gern mit seinem Anatomier- und Zeidelmesser ausschnitt.
"Hat sonach das Fraulein eine ungluckliche Liebschaft oder dergleichen?" fragte Schoppe. "Mehr als eine!" (sagte Sphex) "Kruppel Presshafte Waisenjungen blinde Methusalems; alle diese Liebschaften hat sie. Spasse und junge Herren, sag' ich oft zur Alten, bekamen ihr gesunder."
Aber darin, in der Forderung der Heiterkeit, geb' ich ihm nach Freude ist die einzige Universaltinktur, die ich praparieren wurde sie wirkt (und stets) als antispasmoticum, als glutinans und adstringens das Freudenol dient zur Brand und Frost-Salbe zugleich. Der Fruhling z.B. ist eine Fruhlingskur, eine Landpartie eine Austernkur, eine Brunnenbelustigung eine Mass Bitterwasser, ein Ball eine Motion, ein Fasching ein medizinischer Kursus und daher ist der Sitz der Seligen zugleich der Sitz der Unsterblichen.
"Ja er habe," beschloss der Doktor, "weils Leute von Stande waren, zuletzt zum Hochmut geraten, der alle offizinellen Heilkrafte der Freude zeige; sehr starker wirke vollig wie diese, belebe den Puls, stahle die Fibern, sperre die Poren auf und jage das Blut durchs lange Aderngewinde51. Seiner schwachlichen Frau, wie man sie da sehe, hab' er fruher durch Kleider und Doktors-Rang dieses Medikament beigebracht und ihr damit auf die Beine geholfen. Aber er wolle lieber 60 gemeine Weiber als eine vornehme kurieren und er bedauere als Hausarzt bloss seine Rezepte und medizinischen Bedenken, falls einmal, wie er gewiss glaube, die schone Liane von hinnen fahre."
Die erste Frage, die der nie etwas uberhorende Albano auf dem Ruckwege vom Doktor an Augusti tat, war, was die Doktorin mit dem unterschreibenden Bedienten haben wollen. Er erklarte es. Es ist namlich in Pestitz wie in Leipzig die Observanz, dass, wenn ein Mensch verstirbt oder sonst verungluckt, dessen Familie einen leeren Bogen Papier samt Dinte und Feder in den Vorsaal legt, damit Personen, die nahern Anteil nehmen und zeigen, einen Lakaien dahin schicken konnen, der ihren Namen auf den Bogen setzt, so gut er weiss; dieses kaufmannische Indossement des nahern Anteils, dieses niedersteigende reprasentative System durch Bediente, die uberhaupt jetzt die Telegraphen unsers Herzens sind, macht beiden Stadten grossen Schmerz und Anteil suss und leicht durch Dinte und Feder.
"Ach das, Gott?" (sagte Alban und erzurnte sich ungewohnlich, als dringe man ihm Bedienten zu Chrysographen und Geschaftstragern seiner Gefuhle auf) "o ihr egoistischen Gaukler! durch die Feder schreibender Lakaien giesset ihr euch aus? Lektor, dem Satan selber wurd' ich warmer kondolieren als so!"
Warum ist dieser verhullte Geist so rege und laut? Ach alles hat ihn bewegt. Nicht bloss der Jammer uber die von allen nachtlichen Pfeilen des Verhangnisses verfolgte Liane trat eisern in sein offnes Herz, sondern auch das Erstaunen uber das dunkle Einmischen des Schicksals in sein junges Leben; Roquairols wiederkommender Ausdruck "Brust ohne Herz" klang ihm, als wenn er ihm bekannt sein sollte; endlich fiel ihm die Umkehrung ein, das Wort der insularischen Sphinx: Herz ohne Brust Also sogar dieses Ratsel war geloset und der Ort bestimmt, wo er wider jede Erwartung die Weissagung der Geliebten horen sollte aber wie unbegreiflich, unbegreiflich!
"O Liane heisset sie, und kein Gott soll den Namen andern", sagte seine innerste Seele. Denn in fruhern Jahren hat eben der kraftigste Jungling an Madchen reizende Kranklichkeit und weiche Vollgefuhle und nasse Augen lieber so wie man uberhaupt in Albanos Jahren die Flut (spater die Ebbe) der Augen zu hoch anschlagt, ob sie gleich oft wie zu reiches Begiessen die Samenkorner der besten Entschlusse wegschwemmen ; indes er spater (weil er den Ehestand und die Wirtschaft antreten will) sich mehr nach hellen und scharfen Augen als nach feuchten, und mehr nach kaltem und gesundem Blute erkundigt.
Da Alban das Feuer seiner innern Wolken meistens an den Ausladeketten der Klaviersaiten niedergehen liess seltener in die Hippokrene der Poesie : so macht' er aus seinem innern Charivari unbewusst einen Klavierauszug. Ich transponiere seine Fantaisie folgendermassen in meine Phantasie. Auf den weichsten Molltonen ging die Erblindung mit ihren langen Schmerzen voruber, und im Sprachgewolbe der Tonkunst hort' er alle leisen Seufzer Lianens laut. Dann fuhrten ihn hartere Molltone in den Tartarus an das Grab und Herz des alten freundlichen Mannes, der mit ihm einmal gebetet hatte, und da sank in der Geisterstunde leise wie ein Tau der Laut vom Himmel: Liane! Mit einem Donnerschlage des Entzuckens fiel er in den Majore-Ton, und er fragte sich: "Diese fromme lichte Seele konnte das Schicksal deinem unvollkommnen Herzen versprechen?" Und da er sich antwortete, dass sie ihn vielleicht lieben werde, weil sie ihn nicht sehen konne denn die erste Liebe ist nicht eitel , und da er sie von ihrem gigantischen Bruder fuhren sah und da er an die hohe Freundschaft dachte, die er ihm geben und abverlangen wollte: so gingen seine Finger in einer erhebenden Kriegsmusik uber die Tasten, und es klangen die himmlischen Stunden vor ihm, die er geniessen werde, wenn seine zwei ewigen Traume lebendig aus der Nacht in den Tag herubergingen und wenn ein verschwistertes Paar seinem so jungen Herzen zugleich den Freund und die Freundin gabe. Hier verklang leise sein inneres und sein ausseres Sturmen und die gleichschwebende Temperatur des Instruments wurde die des Spielers....
Aber eine Seele wie seine wird leichter vom Schmerze befriedigt als vom Glucke. Als ware die Wirklichkeit da, so drang er weiter: unbeschreiblichhold und uberirdisch sah er Lianens Bild in ihrem Leidenskelche zittern; denn die Dornenkrone veredelt leicht zum Christuskopfe, und das Blut der unverdienten Wunde ist Wangenrot am innern Menschen, und die Seele, die zu viel gelitten, wird leicht zu viel geliebt. Die zarte Liane schien ihm schon fur die Flora der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponnen, wie die weichen Glieder der Bienennymphe durchsichtig uber der kleinen Brust gefaltet liegen die weisse Gestalt aus Schnee, die einmal in seinem Traume auf seinem Herzen zerronnen war, offnete das helle Wolkchen wieder und sah blind und weinend auf die Erde und sagte: "Albano, ich werde sterben, eh' ich dich gesehen habe." "Und wenn du mich auch", sagte das sterbende Herz in seiner Brust, "niemals siehst: so will ich dich doch lieben. Und wenn du auch bald vergehst, Liane, so erwahl' ich gern den Schmerz und gehe treu mit dir, bis du im Himmel bist.".... Der Himmel und die Holle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhange aufgezogen nur wenige und dieselben Tone und hochste und unterbrochene konnt' er noch leise bestreifen und endlich sanken die Hande unter- und er fing zu weinen an, aber ohne zu harte Schmerzen, wie das Gewitter, das seine Blitze und Donner aufgeloset hat, nur noch mit einem leisen weiten Regen uber der Erde steht.
Sechste Jobelperiode
Die zehn Verfolgungen des Lesers Lianens
Morgenzimmer Disputation uber die Geduld die
malerische Kur
34. Zykel
Heischesatze Apophthegmen Philosopheme Erasmische Adagia Bemerkungen von Rochefoucauld, von La Bruyere, von Lavater ersinn' ich in einer Woche unzahlige und mehrere, als ich in sechs Monaten loszuwerden und als Einschiebeessen in meinen biographischen petits soupers wegzubringen imstande bin. So lauft der Lotto-Schlagschatz meiner ungedruckten Manuskripte taglich hoher auf, je mehr ich dem Leser Auszuge und Gewinste gedruckter daraus gonne. Auf diese Weise schleich' ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt. Lavater nimmt sich hierin vernunftiger, er lasset das ganze mit Schatzen gefullte Lottorad unter dem Titel: Manuskripte (so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der Post unter dem Titel gedruckter Sachen zufertigen) selber unter die Gelehrten laufen.
Aber warum tu' ichs nicht und lasse wenigstens eine oder ein paar Wasseradern meines Wasserschatzes springen und auslaufen? Auf zehn Verfolgungen des Lesers bloss so nenn' ich meine zehn Aphorismen, weil ich mir die Leser als Martyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke, der sie mit Gewalt bekehrt schrank' ich mich ein. Der folgende Aphorismus ist wenn man den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlagt , hoff' ich,
die zweite.
Nichts fegt und siebt unsere Vorzuge und Liebhabereien besser durch als eine fremde Nachahmung derselben. Fur ein Genie sind keine scharfere Poliermaschinen und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen. Wenn ferner jeder von uns neben sich noch ein Doppel-Ich, einen vollstandigen Archimimus52 und Repetenten im Komplimentieren, Hutabnehmen, Tanzen, Sprechen, Zanken, Prahlen etc. herlaufen sahe: beim Himmel! ein solches genaues Repetierwerk; unsrer Misstone wurde ganz andre Leute aus mir und andern Leuten machen, als wir gegenwartig sind. Der erste und kleinste Schritt, den wir zur Besonnenheit und Tugend taten, ware schon der, dass wir unsre korperliche Methodologie, z.B. unsern Gang, Anzug, Dialekt, unsre Schwure, Mienen, Leibgerichte etc., nicht besser, sondern gerade so befanden als alle fremde. Fursten haben das Gluck, dass sich alle Hofleute um sie zu treuen Supranumerarkopisten und Pfeilerspiegeln ihres Ichs zusammenstellen und sie durch diese Heloten-Mimik bessern wollen. Aber sie erreichen selten die gute Absicht, weil der Furst und das ware von mir und dem Leser auch zu befurchten wie der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden an keine wahre Menachmen glaubt, sondern sich einbildet, in der Moral wie in der Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebenregenbogen alles verkehrt.
Dritte
Es ist dem Menschen leichter und gelaufiger, zu schmeicheln als zu loben.
Vierte
In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heran zuwachsen, in denen nach uns abzuwelken, in unserm herrlich bluhend aufzuplatzen: so scheinen uns nur die Wolken unsers Scheitelpunktes gerade zu gehen, die einen vor uns steigen vom Horizonte herauf, die andern hinter uns ziehen gekrummt hinab.
Funfte
Das Alter ist nicht trube, weil darin unsre Freuden, sondern weil unsre Hoffnungen aufhoren.
Sechste
Das Alter der Weiber ist truber und einsamer als das der Manner: darum schont in jenen die Jahre, die Schmerzen und das Geschlecht! Uberhaupt gleicht das Leben oft dem Fang-Baume mit aufwartsgerichteten Stacheln, an welchem der Bar leicht hinauf zum Honig-Koder klettert, wovon er aber unter lauter Stichen wieder zuruckrutschet.
Siebente
Habt Mitleiden mit der Armut, aber noch hundertmal mehr mit der Verarmung! Nur jene, nicht diese macht Volker und Individuen besser.
Achte
Die Liebe vermindert die weibliche Feinheit und verstarkt die mannliche.
Neunte
Wenn zwei Menschen im schnellen Umwenden mit den Kopfen zusammenstossen: so entschuldigt sich jeder voll Angst und denkt, nur der andre habe den Schmerz und nur er selber die Schuld. (Nur ich exkusiere mich ganz unbefangen, eben weil ich aus meinen Verfolgungen weiss, wie der andre denkt.) Wollte Gott, wir kehrtens bei moralischen Stossen nicht um!
Letzte Verfolgung des Lesers
Der hintergangene bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschleier lebende Mensch glaubt, es gebe kein Ubel weiter als das, was er zu besiegen hat; und vergisset, dass nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe. Daher geht wie vor schnellen Schiffen ein Hugel aus Wasser vorschwimmt und eine nachgleitende Wellengrube hinter ihm zuschlagt immer vor uns her ein Berg, den wir zu ubersteigen hoffen, und hinter uns nach eine Tiefe, aus der wir zu kommen glauben.
So verhofft der Leser jetzt nach uberstandnen zehn Verfolgungen in den historischen Hafen einzufahren und da ein ruhiges Leben zu fuhren vom unruhigen meines Personale; aber kann ihn der geist- und weltliche Arm denn decken gegen einzelne Gleichnisse gegen halbseitige Kopfschmerzen Waldraupen Rezensionen Gardinenpredigten Regenmonate oder gar Honigmonate, die nach dem Ende jedes Bandes einfallen?
Nun zur Historie! Abends fuhren Albano und Augusti mit dem vaterlichen Kreditbriefe zum Minister. Den Frost und Stolz desselben suchte der Lektor unterwegs durch das Lob seiner Arbeitsamkeit und Einsicht zu uberfirnissen. Mit Herzklopfen fasste der Graf den Turklopfer am Himmels- oder Hollentore seiner Zukunft an. In der Antichambre diesem hohern Bedientenzimmer und Limbus infantum et patrum standen noch Leute genug, weil Froulay ein Vorzimmer fur eine Buhne hielt, die nie leer sein darf und auf der es, wie im judischen Tempel nach den Rabbinen, denen, die knien und beten, nie zu enge wird. Die Ministerin war als eine Patientin abwesend, bloss weil sie eine huten wollte. Der Minister war auch nicht da weil er wenig Zeremonien machte und nur ungemein viel forderte , sondern in seinem Arbeitskabinett; er hatte bisher den Kopf unter dem warmen Thronhimmel gehabt und tief in den verbotnen Reichsapfel gebissen, daher opferte er willig auf (nicht andern, sondern andre) und liess sich als eine Heiligenstatue mit Votivgliedern behangen, ohne seine zu regen, und wie der heilige Franziskus zu Oporto mit Dank- und Bittschriften, die er niemals erbricht.
Froulay kam und war wie immer ausser den Geschaften so hoflich wie ein Perser. Denn Augusti war sein Hausfreund d.h. die Ministerin war dessen Hausfreundin , und Albano war nicht gut vor den Kopf zu stossen, weil man dessen Pflegevater in LandschaftsVotis brauchte und weil Don Gaspard viel bei dem Fursten galt und weil der Jungling durch einen ihm eignen anstandigen Stolz gebot. Es gibt einen gewissen edlen, durch welchen mehr als durch Bescheidenheit Verdienste heller glanzen. Froulay hatte fur die Zukunft nicht die bequemste Rolle; denn der haarhaarsche Hof war dem Vlies-Ritter so ungewogen wie dieser jenem53; Haarhaar wurd' aber ohne Zweifel (allen welschen chirurgischen Berichten zufolge) und in wenig Jahren (allen nosologischen gemass) der Erbe von dessen Erbschaft oder Throne. Nun war das Schlimme dabei, dass der Minister, der wie ein Christ mehr auf die Zukunft sah, sich zwischen dem deutschen Herrn von Bouverot, der eine haarhaarsche Kreatur heimlich war, und zwischen der kurzen Gegenwart zugleich durchzuschleichen hatte.
Er nahm, sagt' ich, den Grafen ungemein verbindlich auf, so wie den Lektor; und entdeckte beiden, er musse ihnen seine Frau vorstellen, die ihre Bekanntschaft wunsche. Er liess es ihr sagen; fuhrte beide aber, ohne Erwarten der Antwort, in ihr Zimmer. Dem Junglinge war nun, als drehe sich die schwere Tur eines heiligen stillen Tempels auf. Sogar ich bin jetzt, wahrend ihres Ziehens durch die Zimmer, mit so narrisch, dass ich in eine ebenso grosse Angst gerate, als ging' ich mit hintennach. Als wir ins Morgenzimmer, welches Papiertapeten zu einer gegitterten Jelangerjelieber-Laube ausfarbten, eintraten: sass bloss die Ministerin da, die uns gefallig aufnahm, mit fester und kalter Haltung in Miene und Ton. Ihre streng-geschlossenen und wenig bezeichneten Lippen taten stumm einen Ernst, der die Gabe des frommen Herzens, und eine Stille kund, die der Schmuck der Schonheit ist wie manche Flugel nur, wenn sie zugefaltet sind, Pfauenspiegel giessen , und das Auge glanzte im Wohlwollen der Vernunft; aber die Augenlider waren von harten Jahren tief und kranklich uber die milden Blicke hereingezogen. Ach wie zwischen Neuvermahlten oft ein Schwert trennend lag, so schliff Froulay taglich am dreischneidigen, das ihn und sie absonderte. Sonderbar stach mit dem hellen Nachsommertage auf ihrem Angesichte das unreine Gewuhl auf seinem ab, wiewohl er vor Zeugen, wie es schien, seiner Hoflichkeit gegen sie die Ironie benahm und den Hass, wie andre die Liebe, nur fur die Einsamkeit aufhob.
Zum Gluck verpflanzte sich dieser Nussbaum, der einen ungesunden frostigen Nussbaumschatten auf den ganzen Nelkenflor der Liebe und der Dichtkunst warf, bald unter ahnlichere Gaste zuruck. Die Ministerin richtete sich nach den ersten Gaben der Gefalligkeit mehr an den Lektor, dessen korrekte burgerliche Mensur zu ihrer religiosen ganz stimmte; besonders da nur er uber Liane fragen und kondolieren konnte. Sie versetzte, dieses Zimmer Lianens sei gerade so gelassen, wie es am Abend der Erblindung gewesen, damit es, wenn sie heile, eine schone Erinnerung fur sie bleibe, oder eine traurige fur andre, wenn sie nicht genese. O bewegter Albano, wenn jede Abwesenheit verklart, wie muss es erst eine mit so vielen Spuren der Gegenwart tun! Ich bekenne, ausser einer Geliebten kenn' ich nichts Schoneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit.
Auf Lianens Arbeitstische lag ein umrissener Christuskopf neben der aufgeschlagenen Messiade ein zusammengelegter Spazierflor nebst dem grunen Spazierfacher mit eingeschriebenen Wunschen von Freundinnen einige aufgeschnittene Couverts der Gevatterbrief eines Froulayschen Pachters eine ganze lackierte Schaferei mit Wagen, Stallung und Haus, mit deren lilliputischen Arkadien sie Dians Kinder54 erfreuen wollen ein aus dem verfliegenden Stammbuchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt, das sie mit einer getuschten Blumenrabatte gerandert und dann mit holden Wunschen vollgepflanzet hatte, die das Schicksal aus ihrem eignen Leben weggenommen. Ach schones Herz, wie gern wollt' ich uber alle kleine Rudera deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches entwerfen und verteilen, hatte sich der Lehnpropst naher darauf eingelassen! Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt, ist eine aufgespannte Stickerei, auf welche ihre Nadel wie ein Inokuliermesser an jenem dustern Tage eine Rose mit zwei Knospen geimpfet hatte und woran nichts mehr fehlte als die Dornen o diese zog an deinen Freudenrosen das Verhangnis nur zu weit hervor und presste sie dann so tief durch deine Brust bis ans Herz!
In keiner Stunde seines Lebens war Albanos Liebe so heiligzart als in dieser, oder sein Mitleiden so innig. Zum Gluck blickte die Ministerin immer durch das Fenster in den Garten und nahm seine Ruhrung nicht wahr. Zuletzt zeigte sie noch auf Lianens dastehende Harmonika; nun ward ihm das Herz zu voll und zu sichtbar, er sprang auf mit den hastigen Worten, er habe noch keine gehort, und trat davor. Ach er wollte etwas beruhren, worauf so oft ihre Finger gewesen. Er legte die Hand wie an ein Heiligtum an diese Betglokken, die so oft unter der ihrigen fur fromme Gedanken gezittert hatten; aber sie gaben ihm keine Antwort, bis ihm der Lektor, ein Kenner des Abcs wie der Technologie aller Kunste, das Notigste in drei Worten gewiesen. Jetzt sog er in die Seele voll Seufzer und Kriege den ersten Dreiklang ein, die ersten Klagesilben dieser Muttersprache der lechzenden Brust ach dieser Stummenglocken, die der innere Mensch in der Hand schuttelt, weil er keine Zunge hat ; und seine Adern schlugen wild als Flugel, die ihn vom Boden aufwehten und ihn vor eine hohere Aussicht trugen, als die in die letzte Freude oder Marter ist. Denn in starken Menschen werden grosse Schmerzen und Freuden zu uberschauenden Anhohen des ganzen Lebensweges.
Ich weiss nicht, ob viele Leser den Fehler moglich finden werden, den er jetzt wirklich beging. Die Ministerin war im Gesprache sehr naturlich durch Liane und Roquairol auf den Satz geraten, dass Kindern keine Schule notiger sei als die der Geduld, weil entweder der Wille in der Kindheit gebrochen werde oder im Alter das Herz. Ach sie und ihre Tochter knieten ja selber voll Geduld vor dem beladenden Schicksale oder auch vor dem bewaffneten; wiewohl die Mutter mit einer frommen, die mehr an den Himmel als auf die Wunde sah, Liane mit einer liebenden, die sich in neue Leiden wie in alte Krankheiten ergibt, wie eine Konigin am Kronungstage in die Schmerzen und Friktionen des schweren Juwelenputzes und wie ein Kind, das die Wundenmale suss verschlaft und susser vertraumt. Aber Zesara, der gleich dem Wolfe schon den Klang einer Kette floh und gegen jede, von den leichten Panster- und Ritterketten an bis zu den schweren Hafenketten, die den Junglingen die Fahrt ins arbeitende Meer verhangen, erbittert ansprengte, konnte sich nicht halten, zumal mit diesem Herzen voll Bewegungen, in zu grosser zu sagen: "Der Mensch soll sich wehren lieber will ich auf dem regen Schlachtfelde freiarbeitend alle Adern ausgiessen als einen Tropfen daraus uber die Folterleiter angebunden." "Die Geduld" (sagte die Ministerin voll davon) "streitet und siegt auch, aber im Herzen." "Lieber Graf," (sagte Augusti, nicht bloss auf die Arria anspielend) "die Weiber mussen noch immer zu den Mannern sagen: es schmerzet nicht!"
Ich hatte nicht eher als jetzt Gelegenheit, den Fehler Albans bekannt zu machen, dass er seine Meinung niemals freier und starker sagte als da, wo er mit ihr gerade einen oder ein paar Himmel seines Lebens zu verspielen furchten konnte: bei geringerer Gefahr konnt' er nachgiebiger sein. Ob er also gleich merkte, dass die Ministerin dabei an die muskulose, aber auch hartgreifende Hand ihres wilden Sohnes mit schmerzlichen Erfahrungen denke oder vielmehr, eben weil ers merkte und weil er fur diesen kunftigen Freund gern der Waffenschmied und Waffentrager werden wollte : so blieb er dabei, warf alles Brechzeug des jungen mannlichen Willens aus den Schulstuben auf die Gasse und sagte in seiner abstechenden Sprache: "Die Goten schickten ihre Knaben lieber in keine Schule, damit sie Lowen blieben. Wenn man auch Madchen einen Tag vor dem Pflanzen in die burgerliche Welt in Milch einweichen muss: so soll man doch Knaben wie Aprikosen mit der steinernen Schale in die Erde stecken, weil sie den Stein durch ihr Wurzeln und Wachsen schon abwerfen und verlassen." Der Lektor mit seiner feinen Offenheit ein kristallenes Gefass mit goldnem Schnitt bemerkte mit leiser Ruge von Albans Heftigkeit: wenigstens habe selber die Art, womit beide ihre Beweise gefuhrt, zu den Beweisen gehort; und die Weiber bedurften und bewiesen mehr Geduld bei Personen, und wir mehr bei Sachen.
Die Ministerin, die mehr ihren Sohn als seinen Freund zu horen glaubte, schwieg und trat naher ans Fenster. Unter den Kriegstroublen hatte der Abend seinen licht-vollen Mond auf die Morgenberge gewalzt, und die Gusse seines Lichts flossen jetzt von allen Seiten herein durch den ganzen vor dem Morgenzimmer ausgespannten Garten und blieben in seinen breiten Alleen und in seinen Blumenzirkeln stehen: als auf einmal ein rundes Hauschen durch aufschiessende, vom Mondlicht zu Ehrenbogen entzundete Wasserstrahlen bis an sein welsches umgittertes Dach umlodert wurde. Stillgeruhrt sagte die Ministerin: "Auf jenem Wasserhauschen steht meine Liane; sie gebraucht die Ausdunstung der Fontanen; der Arzt verspricht sich viel davon. Und die Vorsicht geb' es!"
Allein der erschutterte Zesara konnte mit seinen so scharfen Augen doch mitten im Blendwerke des waagrechten Mondenscheins und hinter dem zitternden Nonnengitter aus verschrankten Silber- oder Wasseradern jetzt nichts aus dem dammernden Eden absondern als eine unkenntliche stille weisse Gestalt. Aber es war genug fur ein Herz, das weint und gluht. "Du Engel meiner Jugendtraume," dacht' er, "wirst du es sein? Sei du mir gegrusset mit tausend Schmerzen und Freuden. Ach konnen denn Leiden in dir sein, du Himmelsseele?" Und es ergriff ihn, dass sie mit ihrer gequalten und entzuckenden Gestalt, wenn sie hier im Zimmer ware, sein ganzes Wesen zerknirschen wurde durch Mitleid, und er hatte jetzt die Umarmung des Bruders verworfen, mit dessen Hand das Verhangnis die sanften Augen zum langen Traume zugedruckt.
Die Stickluft des bangsten Mitleids zwang ihn, wegzusehen und sich umzuwenden und in den aufgeschlagenen Messias die Augen zu heften, deren Tropfen er nicht zeigen wollte; aber sie wurden durch die Erinnerung, dass er ihre letzte Lese-Freude wiederhole, nur heisser und dichter. Plotzlich richtete etwas Verfinsterndes, das vor dem Fenster wie ein fallender Rabe niederflatterte, seinen Blick wieder auf Lianen, uber welcher ein vollgestrahltes Wolkchen stand, gleichsam ein aufgezogener oder niederkommender Heiligenschein Unsterbliche schienen darauf wie auf Ossians Wolken zu wohnen und die Schwester zu erwarten und da sie endlich sich bewegte und langsam in das Wasserhauschen untersank, schien es da nicht, als gehe ihre Hulle in die Erde und ihr stiller Geist in die Wolke?
Hier gab ihm Augusti, da die Mutter der zuruckkommenden Kranken ins Krankenzimmer folgen musste, den Wink zum Abschiede, den er willig nahm; seine Liebe befriedigte sich jetzt mit Einsamkeit und mit der Hoffnung des Wiedersehens: Junge Liebe und junge Vogel haben anfangs nur Warme durch Bedekken notig, erst spater Nahrung.
Aber ein Paraklet oder Troster sagte unter dem Weggehen dem Junglinge leis' ins Herzohr: morgen siehst du sie wenige Schritte von dir im Garten! Und das ist recht leicht zu machen; er darf nur morgen in der Abenddammerung, wenn die Abendwandlerin die Augenkur gebraucht, sich in die Allee begeben und aus den Blattern frei hinauf in das zauberische Antlitz schauen und dann die ganze Gluckseligkeitslehre in einem Paragraphen, in einem Zuge, Atem, Momente verschlingen aber welche Aussicht!
Der Graf bat den Lektor, nicht lange bei dem beschaftigten Minister zu sitzen. Als sie ihn wiederfanden, wusst' er hinter einem Aktenstocke kaum nach einigem (vielleicht maskierten) Besinnen, dass sie dagewesen, und bedauert' es innig, dass sie fortgingen. Ach der Troster lispelt den ganzen Abend und die ganze Nacht: Morgen, Albano!
35. Zykel
Da unsern Albano die gaukelnde Nacht von einer Seite und Traumerei auf die andre warf- denn nicht die nahe Vergangenheit' sondern die nahe Zukunft mattet uns mit Probekomodien unsrer wachen Akte, mit Traumen, ab , wie war er am Morgen so froh, dass die schonste Zukunft noch nicht voruber war. Im Menschen hausen oft zwei sehr eulenspiegelsche Wunsche: ich tue oft den von ganzem Herzen, dass eine wahre Freude fur mich, z.B. ein Meisterwerk, eine Lustfahrt etc., doch mog' endlich ein Ende nehmen, und zweitens den obigen, dass eine und die andre Lust noch ein wenig aussenbleibe.
Der Abend kam mit der grossten, wo Zesara wie Le Gentil nach Ostindien nach dem ostlichen Park des Ministers abreisete, um den Durchgang des Hesperus und Venussternes, aber nur durch den Mond, zu observieren. Vor den erleuchteten Palastfenstern hielt er mitten unter den Leuten und sann nach, ob es sehr lasse, so in den Garten zu laufen; aber wahrhaftig, war' er umgekehrt, das durstende Herz hatte ihn zuruck durch einen ganzen davor postierten Klerus und diplomatischen Kongress hindurch getrieben. Kuhn schritt er durch den lauten Palast vor einer angespannten Wagenburg vorbei, drehte das eiserne Gattertor auf und trat hastig in den nachsten Laubengang. Hier ging er, von einem Fackeltanze leuchtender Hoffnungen begleitet, hin und her, aber sein Auge war ein Seh- und sein Ohr ein Hor-Rohr. Die Lauben-Allee wuchs oben quer uber den Garten in eine andre, dem Wasserhauschen nahe hinein; in diese trat er, um der Blinden oder vielmehr ihrer Leiterin nicht zu begegnen.
Es kam aber nichts. Freilich war er nicht wie der Mond wie doch zu fordern war um eine halbe Stunde spater gekommen, sondern gar um eine fruher. Der Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, liess endlich breite lange Silberblatter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer niederfallen die Madonna auf dem Palaste war in den Heiligenschein und Nonnenschleier seiner Strahlen eingekleidet die Ministerin stand schon am Fenster die Natur spielte das Larghetto eines magischen Abends in immer tiefern Tonen als Albano weiter nichts vernahm als ein kleineres, bloss aus Klangen gemachtes, das aus dem Wasserhauschen, dem Lustsitze aller seiner Wunsche, kam, und das sterbend mit dem Fruhlingstage vertonen wollte. Aber er konnte nicht erraten, wer es spiele; man hatt' es herausbringen konnen, dass es Roquairol war, bloss weil er nachher, wie ich erzahlen werde, nach der April-Sitte seines musikalischen Gelichters, aus dem Pianissimo in ein zu wildes Fortissimo hinaufsprang. Der vom Vater relegierte Bruder konnte wenigstens im Wasserhauschen die teuere Schwester sehen und trosten und ihr seine Liebe und seine Reue zeigen; wiewohl seine sturmische Reue eine zweite notig macht und am Ende nur eine frommere Wiederholung seines Fehlers war.
Obgleich die Phantasie Albanos eine Retina des Universums war, worauf jede Welt sich scharf abmalte, und sein Herz der Sangboden jeder Spharenmusik, worin eine umlief: so konnten doch weder der Abend noch das Larghetto mit ihren Strahlen und Klangen durch die hohen Wellen hindurch, die in ihm sowohl die Erwartung als die Sorge (beide verdunkeln die Natur und die Kunst) aufwarf. Das Ufer der Fontanen umflocht ein gruner Ring von Orangen, deren Blute im Morgenlande nach der Selam-Chiffre Hoffnungen ansagt; aber wahrhaftig eine nach der andern wurde fluchtig, wenn er an die kalte helle Mutter dachte oder an sein vielleicht leeres Warten. Die Fontanen sprangen noch nicht er rupfte wie ein Vorherbst immer mehr breite Facherblatter aus seiner grunenden spanischen Wand und sah doch durch alle weitere Fenster Lianen nicht uber den Kiesweg herkommen (welches schon darum unmoglich war, weil sie langst im Wasserhauschen bei ihrem Bruder stand) und er verzagte an ihrer Erscheinung: als dieser plotzlich ins gedachte Fortissimo sturmte und als alle Fontanen vor dem Monde rauschende Kranze aus Flittersilber aufwarfen. Albano blickte hinaus....
Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden Wasser. Welche Erscheinung! Er riss die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und schauete unbedeckt und atemlos an die heiligschone Gestalt! Wie griechische Gotter uberirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glanzte Liane vor dem Monde, von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet, und der selige Jungling sah die junge offne stille Marienstirn bestrahlt, auf der noch kein Unmut und keine Spannung eine Welle geworfen und die dunne, zarte, kaum gebogene Augenbraunen-Linie und das Angesicht, gleich einer vollendeten Perle oval und weiss und die losgeringelte Locke, auf den Maienblumchen an ihrem Herzen liegend und den feinen Grazienwuchs, der wie die weisse Bekleidung die Gestalt zu erhohen schien und die idealische Stille ihres Wesens, mit der sie statt des Arms nur die Finger auf das Gelander legte, gleichsam als schwebe die Psyche nur uber der Lilienglocke des Korpers und erschuttere und beuge sie nie und die grossen blauen Augen, die sich, indes das Haupt ein wenig sank, unaussprechlich-schon aufschlugen und sich in Traume und in ferne, unter Abendroten widerglanzende Ebenen zu verlieren schienen.
Du uberglucklicher Mensch! Dir erscheint die einzige sichtbare Gottin, die Schonheit, so plotzlich mit ihrer Allmacht und von allen ihren Himmeln begleitet, und die Gottin gibt dir den Wahnsinn die Gegenwart mit ihren Gestalten wird dir unbekannt die Vergangenheit vergeht die nahen Tone ziehen aus tiefer Ferne her die uberirdische Erscheinung uberfullt und uberwaltigt mit Glanz die sterbliche Brust!
Ach warum durfte durch diesen hohen reinen Himmel eine tiefe kalte Wolke ziehen? Ach warum fandest du die Himmlische nicht fruher oder spater? Und warum musste sie selber dich an ihren Schmerz erinnern?
Denn Liane in deren uberflortes Auge nur ein starkes Licht durchsickern konnte suchte den Mond, den seine eigne Aurora ein wenig verhing, mit dem wiegenden Kopfe irrend auf, weil sie dachte, ein Lindengipfel verdecke ihn; und dieses Wanken malte ihm ihr Ungluck so plotzlich mit tausend Farben! Ein schneller Schmerz zertrat seine Augen, dass Tranen daraus sprutzten und Funken, und das Mitleiden schrie in ihm: "O du unschuldiges Auge, warum wirst du verhullt? Warum wird dieser dankbaren frommen Seele der Mai genommen und die ganze Schopfung? Und sie wirft vergeblich den Blick der Liebe auf die Mutter und auf die Freundin und o Gott! sie weiss nicht, wo sie stehen."
Aber der Vorhang des Mondes flatterte bald seitwarts, und sie lachelte den Schimmer heiter an, wie der blinde Milton in seinem ewigen Gesange die Sonne oder wie ein Irdischer den ersten Glanz nach dem Leben.
Eine Nachtigall, die bisher, zwischen weiten Blumen einem leuchtenden Wurmchen nachhupfend, den Tonen im Zimmer nur mit einzelnen Wildrufen und Nachschlagen der Freude geantwortet hatte, flog Lianen naher, und die geflugelte Zwergorgel riss auf einmal alle Flotenregister heraus, dass Liane im Vergessen ihrer Blindheit niederblickte und Albano erschrocken zurucktrat, als sehe sie auf ihn. Da wurde unter den Tonen des Bruders und der Nachtigall ihr blasses, gleich der weissen Federnelke auf den Wangen leicht gerotetes Angesicht zart vom matten Blutenrot der Ruhrung uberdeckt die Augenlider zuckten ofter uber die glanzenden Augen hin und endlich wurde der Glanz eine ruhige Trane es war keine des Schmerzes noch der Freude, sondern jene sanfte, worein die Sehnsucht des Herzens uberquillt, wie im Fruhling uberfullte Zweige unverwundet weinen.
Im Menschen wohnt ein rauher blinder Zyklope, der allemal in unsern Sturmen zu reden anfangt und uns Zertrummerung anrat; furchtbar regte sich jetzt in Zesara die ganze aufgewachte Kraft der Brust, der wilde Geist, der uns auf Kuntursfittichen vor Abgrunde schleppt, und der Zyklope rief laut in ihm: "Sturze hinaus knie vor sie sag ihr dein ganzes Herz was ists, wenn du dann auf ewig verloren bist, hast du nur einen Laut dieser Seele vernommen und dann kuhle und opfere dich in den kalten Quellen zu ihren Fussen." Wahrlich er durstete nach dem frischen Bassin, worein die Fontanen zurucksprangen Aber ach vor dieser Sanften, vor dieser Gequalten und Frommen! "Nein," sagte der gute Geist in ihm, "verwunde sie nicht wieder wie ihr Bruder o schone, schweige, ehre; dann liebst du sie."
Hier trat er heraus in die erleuchtete Erde wie in
einen Himmelssaal und nahm den offnen Sonnenweg, aber leise, vor den Fontanen voruber. Als er vor ihr vorbeiging, brach auf einmal die Arkade aus Tropfen, die sie halb vergittert hatte, zusammen, und Liane stand wolkenlos wie eine reine Luna ohne Nebel-Hof im tiefen Himmelsblau; eine glanzende Lilie55 aus der zweiten Welt, die sich selber das Zeichen ist, dass sie bald in diese fliehe. O sein Herz voll Tugend empfand erschuttert die Nahe der fremden; und mit allen Zeichen der tiefsten Verehrung ging er vor dem ruhigen Wesen voruber, das sie nicht bemerken konnte. Erst als ihm mit jedem Schritte ein Himmel entfallen war und er endlich keinen mehr hatte als den uber sich: wurd' er ganz sanft und freuete sich, dass er nicht kuhner gewesen. Wie glanzt ihm jetzt die Erde, wie nahert sich ihm der Sonnenhimmel, wie liebt sein Herz! O noch nach vielen Jahren einst, wenn dieser gluhende Rosengarten der Entzuckung schon weit hinter deinem Rucken liegt, wie wird er dir, wenn du dich umwendest und darnach blickst, so sanft und magisch als ein weisses Rosenparterre der Erinnerung nachschimmern!
Siebente Jobelperiode
Albanos Eigenheit das Nestelknupfen der Politik der Herostrat der Spieltische vaterliches mandatum
sine clausula gute Gesellschaft Herr von
Bouverot Lianens Gegenwart des Geistes und
Korpers
36. Zykel
Ware der Lehnpropst von Hafenreffer nicht, sondern nur meine Phantasie: so wurd' ich gewiss in meiner Historie fort fahren und der Welt als wahr berichten (und das ganze romantische Schreibgelag liesse sich darauf totschlagen), Albano sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vorgebundenen Binde des Bandagisten Amor dortgesessen er habe nicht mehr uber funf zahlen konnen, ausser abends an der Glocke, um nachher das Froulaysche Wasserhauschen magisch zu umkreisen wie einer, der das Feuer besprechen will, das sich ihm nach schlangelt aus den beiden Blaselochern, womit sentimentale Walfische sich offentlich ausweinen in Buchladen, hab' er betrachtliche Strome aufgespritzt ubrigens hab' er kein Buch mehr angesehen (ausgenommen einige Bogen im Buche der Natur) und keinen Menschen mehr (einen blinden ausgenommen) "und unter diesen meinen Wundzettel erotischer Wundfieber" (wurd' ich am Schlusse meiner Luge sagen) "setzt wohl offenbar die Natur ihr Sekrets-Insiegel."
Das tut sie nicht, sagt Hafenreffer; nichts wie verdammte Lugen sinds; die Sache ist vielmehr so:
Zesara schlich kein zweitesmal mehr in Froulays Garten; eine stolze Schamrote uberflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche, mit der er das erstemal einem misstrauischen oder fragenden Auge aufgestossen ware.
Aber auf diese Weise blieb ihm vor der Heilung die liebe Seele verhullt wie ihr der Mai; und er qualte sich still mit Berechnungen ihrer Leiden und mit Zweifeln an ihrer Kur. Er schamte sich der Freude wahrend ihrer Trauerzeit und verbot sich den Genuss des Fruhlings und den Besuch von Lilar; ach er wusste ja auch, es wurde durch den liebenden Fruhling und durch das Lilar, wo sie so viele Freuden und die letzte Wunde empfangen, sein Herz zu unbandig werden und zu voll.
Sein Durst nach Wissen und Wert, sein Stolz, der ihm bei dem Vater und seinen beiden Freunden in einem ruhmlichen Lichte zu stehen gebot, trieben ihn in seine Laufbahn hinein. Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich uber die Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Horsaale und dem Studierzimmer. Zu diesem Eifer zwang ihn ein eigentumlicher Trieb nach Komplettierung; alles Unvollendete war ihm beinahe ein physischer Greuel; ihn schmerzten defekte Sammlungen abgebrochene Monatsschriften eingeschlafne Prozesse Bibliotheken, weil er sie nie auslesen konnte Leute, die als Akzessisten starben, oder in Bau-Planen, oder ohne ein abgerundetes Denksystem, oder als Gesellen, Tuchknappen und Schuhknechte und sogar Augustis Flotenblasen, ders nur so beiher mittrieb. Es war dieselbe Starke, womit er Psyches Flugelpferde den Zugel straff hielt und womit er ihm das Spornrad einstiess; schon als Kind hatte er diese Starke an der Zuruckhaltung des Atems, oder am peinlichen Pressen einer wunden Stelle versucht und beim Himmel! figurlich tat er ja nun beides wieder. In ihm wohnte ein machtiger Wille, der bloss zur Dienerschaft der Triebe sagte: es werde! Ein solcher ist nicht der Stoizismus, welcher bloss uber innere Missetater oder Hamlinge oder Kriegsgefangene oder Kinder gebeut, sondern es ist jener genialisch-energische Geist, der die gesunden Wilden unsers Busens dingt und bandigt, und der koniglicher zu sich, als der spanische Regent zu andern, sagt: Ich, der Konig!
Ach freilich wie konnte seine warme Seele anders? stand er oft in der Nachmitternacht am luftigen Fenster und schauete voll Tranen auf die weisse Madonna des ministerialischen Palastes, die der reine Mond versilberte. Ja am Tage zeichnete er oft in sein Souvenir (zufallig wars ein Springbrunnen und eine Gestalt dahinter, weiter nichts) oder er las im Messias (naturlich fuhr er in dem Gesange fort, den er schon bei der Ministerin angefangen) oder er belehrte sich uber Nervenkrankheiten (war er bei seinem Studieren dagegen gedeckt?) oder er liess das Feuer seiner Finger uber die Saiten laufen ja er hatte nichts als Rosen gepfluckt, obwohl mit Dornen, ware ihre Blutezeit gewesen.
Und diese seufzende schwule Seele musste sich verschliessen! O er war schon in Sorge, jede Taste werde eine Schriftpunze, das Klavier ein Letternkasten und alle Handlungen verraterisch-leserliche Worte. Denn er musste schweigen. Die erste junge Liebe hat wie die der Geschaftsleute (die kursachsischen ausgenommen) keine Sprachwerkzeuge, hochstens eine tragbare Schreibfeder mit Dinte. Nur die Weltleute, die ihre Liebeserklarungen ebenso wiederholen wie Schauspieler, sind imstande und aus gleichen Grunden , sie ebenso zu publizieren wie diese. Aber in der heiligern Zeit des Lebens wird das Bild der geliebtesten Seele nicht im Sprach- und Vorzimmer, sondern im dunkeln stillen Oratorium aufgehangen; nur mit Geliebten spricht man von Geliebten. Ach er horte uber seine Himmelsburgerin ungern sogar andre reden; und er entwich oft (mit dem innern Rauchopferaltar in sich) aus dem Zimmer, worin man fur sie eine Rauchpfanne mehr voll Kohlendampf als Wohlgeruch herumtrug.
37. Zykel
Man erwartete in Pestitz jeden Tag die Zuruckkunft des deutschen Herrn, Mr. de Bouverot, der in Haarhaar an die fest skizzierte Vermahlung zwischen Luigi und einer haarhaarschen Prinzessin, Isabella, die letzte retuschierende Hand gelegt. Augusti war ihm nicht gut und sagte sogar, Bouverot habe keine honnetete56; und erzahlte folgendes, aber mit der weichen Ironie eines Weltmannes.
Vor einigen Jahren wurde Bouverot in KapitelStreitigkeiten vom haarhaarschen Hofe57 nach Rom an den Papst versandt; gerade zur Zeit, wo auch Luigi den gewohnlichen Romerzug der Fursten tat mit seinen Romer-Zinszahlen. Nun wollte Haarhaar das eigentlich schon chapeaubas geht mit dem Hohenfliesser Furstenhute und das alle mogliche offizinelle Aussicht hat, ihn aufzusetzen eben darum nicht gern den Anschein geben, als seh' es das Erloschen des Hohenfliesser Stammes mit kalten Augen an, um so mehr, da eben der Stammhalter Luigi gleich in den ersten Jahren kein Held von nervoser Bedeutung war. Ja dem Haarhaarer Hofe musste daran liegen, dass der gute dunne Stamm-Herbstflor womoglich anders wiederkame, als er ausgezogen war; und eben aus solchen Grunden war von jenem dem Deutsch-Herrn heimlich aufgetragen, dergestalt uber alle seine Freuden und Leiden als maitre de plaisirs-zumal bei maitresses des plaisirs zu walten und zu wachen, dass man damit zufrieden ware. War inzwischen Abiturient schon als Fotus eingesessen, so wurd' er leider gar zum punctum saliens ausgeschliffen zuruckgefahren, besonders da er durch mehrere Bocksund andre Sprunge durch den Reif der Lust verdorben war zu einem Rittersprunge. Es kann moglich sein, dass der Deutsch-Herr der Verjungung des Fursten zu sehr entgegenging; ja er kanns der jungmachenden Wunderessenz des Marquis d'Aymar58 nachgetan haben, welche eine alte unschuldige Dame, die vom Elixier mehr versalbte, als gegen ihre Jahre notig war, durch das ubermassige Verjungen zum kleinen Kinde einzog. Kurz durch diesen Kreuzzug hinter dem Kreuzherrn Bouverot wird einmal wie ofters durch Kreuzzuge der Hohenfliesser Furstensessel offen zu rechter Zeit, und Haarhaar setzt sich darauf
Ich gestehe ungern, dass Albano anfangs weil bei aller seiner Scharfsicht seine Reinheit ebenso gross war das Faktum nur verworren fasste; als ers aber begriff, wars fur ihn pharmazeutisches Manna, wie fur Schoppe israelitisches. "Der Kreuzherr" (sagte dieser)"tragt sein Kreuz nicht umsonst es tut ihm ebensoviel Dienst wie den Hausern in Italien ein darangeschmiertes, es darf beide keine Seele anpissen, ob mans gleich in Rom vor jedem Vorzimmer mag."
Nicht lange darnach gingen unsre drei Freunde in der Stunde, wo die Wagen larmend zum Tee und Spiele rollen, auf der Gasse, als man vor ihnen eine Sanfte mit dem Sitze ruckwarts, worin gleichwohl jemand sass, vorubertrug. "Du heiliger Vater!" (rief Schoppe) "da drinnen sitzt der leibhafte Zefisio aus Rom, der mich irgendeinmal durchprugeln muss." "Leise, leise!" (sagte Augusti) "das ist der deutsche Herr; Zefisio ist sein arkadischer Name59." "Nun, so freu' ich mich desto mehr, dass ich mit der Rotnase einmal herzlich schlecht umsprang", sagt' er und kehrte um und begleitete mit untergesteckten Armen die Sanfte fast zehn Schritte weit, um den Vogel des Bauers besser zu beschauen, bis dieser die Vorhange vorriss. Albano ertappte darin im Vorubereilen nur einen scharfen, gleich einem Dolche gezognen Blick und einen rotglimmenden Nasenknopf.
Schoppe kam wieder und erzahlte die Handel in Rom. Namlich gegen alle Todsunder, Blutschuldner und Sundenbalge trug er keinen so bittern Ingrimm als gegen Professions-Bankhalter, Croupiers und Grecs; er sagte, hatt' er ein Raupeneisen, womit er dieses Gewurm von der Erde wegschaben, oder eine Kochenille-Muhle, worin er es zerknicken konnte, er tat' es ganz lustig; "O Himmel," (rief er dann aus) "hielt' ich vollends uber den ringelnden verwickelten Wurmstock gerade meinen ausgestreckten Fuss (und ware auch das Podagra daran), freudig stiess' ich ihn darein und trate den Bettel aus." Was er aber konnte, tat er. Da er sein eigner Reisediener und eine in ganz Europa hin- und herfahrende Lauferspinne war: so hatt' er recht oft die Freude, diese Pharao-Blattwickler und Blattminierer unter die Finger zu bekommen ihr Schein-Genosse zu werden ihre Kriegslisten einzulernen und dann irgendein Feuerrad in ihre zischende Schlangenhohle zu rollen. Ich bin nicht naher unterrichtet, ob man es in Leipzig weiss, wer der Radelsfuhrer war, der vor kurzem in der Messe eine Vexier-Polizei mit Schein-Stadtknechten spielte und eine Bank aufhob; wenigstens waren die Bankiers daruber irrig, weil sie den andern Tag der wahren Polizei aufwarteten und um einige Indulgenzen und UnRechtswohltaten anbettelten; aber ich bin hier imstande, den Diebsfanger zu nennen: Schoppe wars gewesen. Die Beute legt' er meistens zu neuen Fladderminen unter Pharao-Tischen an.
Mit Zefisio hatt' ers anders gekartet. Er trat vor dessen Bank und sah einige Minuten zu und belegte endlich ein Blatt mit einem Schildlouisd'or. Es gewann, und er zeigte hinter der Karte eine lange Rolle von Louis. Bouverot wollte diese Rolle nicht bezahlen; "er habe" (sagt' er) "nichts gesehen." "Wozu sitzt Ihr Croupier denn dort?" sagte Schoppe und erklarte sie fur Betruger, wenn sie nicht zahlten. Man zahlte ihm, um grossern Schaden zu vermeiden, den Gewinst. Er nahm ihn kalt und schied mit den Worten an die Pointeurs: "Meine Herren, Sie spielen hier doch mit ausgemachten Betrugern; aber bloss weil ich sie kenne, haben sie mich bezahlt." Unter dem Steifund Blasswerden der Interessenten ging er langsam mit seiner breitschultrigen gedrungnen Figur und mit seinem Knotenprugel unversehrt davon.
Augusti wunschte von Herzen der Verfolgung wegen , dass Bouverot den Bibliothekar nicht mehr kenne. Zu Hause fanden sie eine Einladung vom Minister auf Tee und Souper; "die arme Tochter!" (sagte Augusti) "Dieses Bouverot wegen muss die Halbblinde morgen an die Tafel." Indes sieht sie doch unser Jungling endlich wieder, und nur ein Fruhlingstag sondert ihn vom teuersten Wesen ab! Hat Augusti recht: so trifft meine Bemerkung hier ein, dass ein guter Filou immer der motivierende Hecht wird, der den frommen Karpfensatz der Stillen im Teiche zum Schwimmen bringt; die versteckte Blattermaterie, die kalte Kinder auf einmal lebendig macht.
38. Zykel
Lianens Augen heilten, aber nur langsam; die Natur wollte sie nicht auf einmal aus ihrem dustern Kerker in die Sonne fuhren; jetzt konnte sie erst, wie die Philosophen, mehr Licht als Gestalten erkennen. Gleichwohl gab der Minister den Kabinettsbefehl, sie musse ubermorgen die Harmonika spielen, bei dem Souper erscheinen und sogar den Salat machen und dabei ihre Blindheit maskieren. Er befahl zuweilen unmogliche Dinge, um so viel Ungehorsam zu finden, als sein Zorn zum Bestrafen brauchte; gewisse Leute sind den ganzen Tag schon im voraus voll Arger fur irgendeine Zukunft, gleich dem Urinphosphor, der immer unter dem Mikroskope kocht, oder den Eisenhutten, worin jeden Tag Feuer auskommt.
Die Ministerin sagte dazu ein sanftes festes Nein. Uber die Harmonika, sagte sie, habe sie in seinem Namen den Doktor gefragt, der es streng' verboten, und das ubrige sei eine Unmoglichkeit. Hier konnt' er schon, so gut wurd' es ihm, uber mehrere Dinge ungehalten werden, besonders uber das Fragen des Doktors, das aber gar noch nicht geschehen war; er wurde toll genug und schwur, er handle nach seinen Prinzipien und frage den Teufel nach fremden.
Dieses Prinzip war dasmal der deutsche Herr. Die obige Anekdote namlich Bouverots Fursorge fur den reisenden Erbprinzen oder die Absicht dabei war an beiden Hofen assemblee- und tafelfahig, und nur dem Fursten Luigi verdeckt; denn an Thronen gibt es fast fur niemand Geheimnisse (kaum fur seine Frau) als fur den, der darauf sitzt, wie in Schallgewolben die Leute in fernen Winkeln alles laut vernehmen, nur der nicht, der in der Mitte steht. Der deutsche Herr war also im Hohenfliesser Systeme die wichtige Pfortader und Lungenpulsader, womit auch Froulay sich wassern wollte. Dieser musste durchaus der Gegenwart und der Zukunft oder zweien Herren dienen, von denen der Haarhaarer sehr bald seiner werden konnte.
Bouverot war nicht bloss an Froulay den Minister, sondern auch den Vater geknupft; ein Mann wie er, der sich aus Italien ein ganzes Kunstkabinett nachfahren lasset und dessen Kunst-Kenntnisse eben ihn und den Fursten so lange verknupfen, musste eine Madonna von solcher Karnation wie Liane und aus der romischen Schule und die noch dazu, von der Leinwand abgeloset, sich als eine volle atmende Rose bewegte, ein solcher musste dergleichen zu schatzen wissen. Heiraten konnt' er die Rose nicht wollen, da er deutscher Herr war.
Er hatte sie seit seiner welschen Reise nicht gesehen der Graf auch nicht beiden wollte sie der Minister zeigen als eine Zahlperle von besonderer Weisse und Figur. Froulay hatte was uberhaupt ofter ist, als man denkt gleich viel Eitelkeit und Stolz; diesen gegen den Tadel, jene fur das Lob. Aber ich musste nun ein Turnierbuch schreiben, um sein Toben, Rennen, Lanzenstossen in einem Gefechte, wo er unter den Fahnen der Feindschaft, der Eitelkeit und Habsucht diente, nur zum Teil auf die Nachwelt zu bringen. Er war so wenig totzujagen als ein Wolf. Alle Waffen waren ihm gleich, und er nahm immer scharfere und giftigere. In den alten gerichtlichen Zweikampfen zwischen Mann und Frau stand gewohnlich der Mann bis an den Magen in einem Loche, um seine Starke zur weiblichen herabzubringen, und sie schlug gegen ihn mit einem in einen Schleier gewickelten Stein; in den ehelichen aber scheint der Mann im Freien zu stehen und die Frau in der Erde und hat oft nur den Schleier ohne den Stein.
In diesem Gefechte stellte sich ein glanzender Friedensengel zwischen beide und fing die Wunden auf, namlich Liane. Die Tochter, die eine schwarmerische Liebe fur die Mutter und die weibliche Achtung des starkern Geschlechts fur den Vater hatte, und die so unendlich unter dem Zwiespalte litt, fiel der Mutter um den Hals und bat sie, ihr das zu erlauben, was der Vater fordere sie wolle alles gewiss so machen, dass man nichts merke, sie wolle sich recht anstrengen und vorher besonders uben ach er werde sonst ihrem armen Bruder nur noch ungewogner diese Uneinigkeit bloss ihrentwegen sei ihr so schmerzlich und vielleicht schadlicher als das Harmonika-Spiel.
"Mein Kind, du weisst," (sagte die Mutter, denn jetzt hatte sie gefragt) "was gestern der Arzt gegen die Harmonika gesagt hat; das andre kannst du wagen!" Liane kusste sie freudig. Man musste sie zum Vater fuhren, damit sie vor ihm die Freude ihres Gehorsams lautmachte. "Ich dank' euchs mit dem Henker," (sagt' er sanft) "es ist eure verfluchte Schuldigkeit." Sie ging mit zerstobener Freude, aber ohne grosse Schmerzen; sie war es schon gewohnt.
39. Zykel
Der Lektor bat Albano noch auf dem Wege zum Minister, das Feuer seiner Behauptungen und seiner Pantomime zu massigen. Er machte ihm vom Hauskriege nur so viel bekannt, als notig war, damit er nicht Lianen durch den Wahn der Heilung in Verlegenheit setze. Als sie ins Spielzimmer traten, war schon alles im Feuer.
Da ihm jetzt niemand prasentiert wird: so muss ich es tun; es sind Junger (wenigsten zwolfte) des Ministers.
Zuerst stelle ich dir den Herrn Justizprasidenten von Landrock vor, eine gute Apothekerwaage der Themis, die Skrupel auswagt und worin keine falsche Gewichte liegen, aber, was ebensoschlimm ist, viel Schmutz, Reste und Rost. Die am L'hombretisch daneben sind die Herren und Frauen von Vey, Flol und Kob, glatte feine Seelen, die wie Mineralien in Kabinetten auf der Schauseite abpoliert sind, nur aber auf der verborgnen Basis noch eckig und kratzend.
Geh mit mir an den Eingang des andern Zimmers; hier hab' ich dir zu prasentieren den jungen, aber fetten Domherrn von Meiler, der, um seinen innern Menschen mit einem dicken warmen aussern zu bekleiden und auszuschlagen, jahrlich nicht mehr Bauern abzurinden braucht, als der Russe Lindenstamme fur seine Bastschuhe abschindet, namlich 150.
Das Zimmer, worein du siehst, prasentier' ich dir als ein Fliegenglas voll Hofbediente, die, um ins Himmelreich zu kommen, nicht bloss Kinder, sondern gar Embryonen von vier Wochen wurden, die bekanntlich aussehen wie Fliegen; sie wollen, wenn Swift von seinen Bedienten nichts begehrt als das Zumachen der Turen, nichts von ihrem Brotherrn als das Offenlassen derselben.
Ich habe die Ehre, dir dort es ist der, der nicht spielt den Herrn Kirchenrat Schape, der Oberhofprediger werden will, vorzustellen, einen weichen Halunken, der die Samenkorner des gottlichen und menschlichen Worts wie Melonenkerne (sie sollen dadurch fruher in den Herzen aufgehen) so lange in gezuckertem Weine einweicht, bis sie in jenen verfaulen; ein geistlicher Herr, der in seinem Leben nie andre Bitten tat als die beiden, die er stets abschlagt, die vierte und die funfte.
Aber der Lektor wird dir im Fenster ja alle Herren und Damen kalt, leise und ohne Pantomime nennen. Jetzt fuhrt dich der Minister selber einem spielenden Herrn mit einem Kreuze zu, der Wasser mit Salpeter trinkt und immer den durren Mund beleckt; es ist Bouverot- jetzt steht er vor dir auf, betrachte das kalte, aber kecke und schneidend-geschliffne Auge, dessen Winkel eine offne Blechschere oder aufgestellte Falle scheinen die rote Nase und den harten lippenlosen Mund, dessen rotliche Krebsschere sich abgewetzt zusammenzwickt das aufgestulpte Kinn und die ganze stammige feste Figur. Albano uberraschet ihn nicht, er hat alle Menschen schon gesehen, und er fragt nach keinem.
Der Minister erquickte den in sich verworrenen Jungling mit der Verheissung, bei dem Souper werd' er ihm seine Tochter vorstellen. Er bot ihm ein Spiel an; aber Alban versetzte mit einem zu jugendlichen Akzent: er spiele nie.
Er konnte nun die Spieltischgassen durchstreichen und alles besehen, was er wollte. In einem solchen Falle postiert man sich, wenn man niemand in der Gesellschaft ausstehen kann, gerade vor oder neben das Gesicht, das man am meisten anfeindet, um sich uber jedes Wort und jeden Zug des Gesichts heimlich zu erargern. Albano hatte viele Gesichter gehabt, die wenigstens in einem kleinen Grade nicht zu leiden waren und zu denen er sich hatte stellen konnen; ja es waren keine hinlangliche Grunde anzugeben, warum er nicht einen gewissen ausgespelzten eingetrockneten Kleisteraal, einen Schwachling voll Impertinenz in einem fort angesehen hatte, da dieser mit einer Flugelbrille die aufgehenden Kartengestirne observierte, indes Albano die Fuhlhorner seiner Sehnerven bis zu den Kartenfarben des zweiten Zimmers ausstrecken konnte es waren keine Grunde dagewesen, ware nicht der deutsche Herr dagewesen; vor diesen musst' er sich stellen; von diesem wusst' er das Meiste und Schlimmste; dieser stand ja mit Schoppe in weiter Verbindung, sogar mit Lianen Verdammt! neben gewissen Gesichtern krummen und mausern sich die Seelenschwingen, wie neben Adlerkielen Schwanenund Taubenfedern zerfallen; allen schuldlosen Gefuhlen in der so geraumigen Brust Albanos wurd' es so unruhig und eng wie einem Taubenfluge, in dessen Schlag man einen Iltisschwanz geworfen.
Ich darf es nicht verhehlen, er murrte und grollte innerlich uber alles, was der Mann tat und hatte dieser mochte nun Finger tragen, deren Spitzen feingeschabet waren fur das Pharaospiel und deren Nagel von einem ganz noch schlimmern Hasardspiele sich etwas abgeblattert hatten oder er mochte zuweilen durch die Haare der Augenbraunen blicken oder (nur einmal) eine Mucke durch ein schnelles Schnappen der Lippen erquetschen wie die Fliegenfalle oder bald eine deutsche, bald eine gallische Zeile sagen, was ich doch von guten Zirkeln erwarte, indes nur schlechte kein deutsches Wort vorbringen, wenige solche wie Lansquenet, canif (Kneif), birambrot (Bier am Brot) ausgenommen genug er dachte immer an Schoppes schonen Ausspruch: "Es gibt Menschen und Zeiten, wo einen rechtschaffenen Mann nichts mehr erquicken konnte als Prugel, die er gabe." Duellieren ist ebensogut, meinte der Graf.
Indes muss er hier entschuldigt werden durch eine Autoritat. Namlich selber Schreiber dieses sonst ein so weiches warmes Schwanenfell wurde immer zu einem volligen Kampfhahne hinter Spiel-Sesseln und spreizte den kratzenden struppigen Flugel weiter auf, je langer er mussig zusah; der Grund ist der, weil man uberhaupt nur die Menschen immer leidlicher und besser findet, mit denen man einerlei treibt und will.
Albano wunschte sich herzlich seinen Waffenbruder Schoppe her; er ging zwar oft zu Augusti, sich auszuschutten; aber dieser linderte stets; ja er schnitt ihm durch die Verflechtung mit dem Kirchenrate die Gelegenheit ab, seine jugendliche unerfahrne Seele Horchern zu verraten. Auch wahlte der Lektor nachher auf eine halbe Stunde was Hausfreunde oft tun in Abwesenheit der Hausfreundinnen letztere (die Abwesenheit).
Der Graf stand einige Zeit hinter Bouverots Sessel und sah in einen innen mit grotesken Bildern lackierten sinesischen Spiegel und veranderte seine Stellung so lange, bis er darin Zefisios Gesicht hart neben einem gemalten Drachen stehen hatte zur blossen Vergleichung; das alles fiel vor, aber mit immer starkern Herzschlagen fur Lianen unterbrochen; als die Bedienten die Turen offneten zu dem Speisesaale; und ihm nun das Herz bis zum Schmerzen pochte und seine ohnehin so jugendlich-bluhende Gestalt ganz voll Rosen der frohen und verschamten Rote hing.
40. Zykel
Schnellatmend und gluhend machte er sich in die bunte Wandel-Reihe mit irgendeiner alten Dame hinein, die ihn eitel missverstand und auf einmal als eine Armschnalle mit Ressort an seinem Arme hing und die nichts von ihm erhielt als Antworten. Mit durchfliegenden Blicken trat er in den hellen, wie aus Licht kristallisierten Saal voll Kopfe. Er antwortete eben, als er im Tumulte hinter sich das leise Wort vernahm: "Ich hore ja den Bruder" und sogleich die leisere Widerlegung: "Es ist mein Graf." Er drehte sich um zwischen dem Lektor und der Mutter stand die liebe Liane, der verschamte, erschrockne, blassrote Engel, im schwarzen Seidenkleide, das nur der blinkende Fruhlingsreif einer silbernen Kette uberlief, und mit einem leichten Band im blonden Haar. Die Mutter stellte sie ihm vor, und die zarte Wange bluhte roter auf- denn sie hatte ja die gleichen Stimmen des Gastes und des Bruders vermengt-, und sie schlug die schonen Augen nieder, die nichts sehen konnten. Ach Albano, wie zittert dein Herz so sehr, da die Vergangenheit zur Gegenwart, die Mondnacht zum Fruhlingsmorgen wird und da diese stille Gestalt in der Nahe noch allmachtiger wirkt als in jedem Traum! Sie war ihm zu heilig, als dass er vor ihr uber die scheinbare Heilung hatte lugen konnen; er schwieg lieber; und so kam der warmste Freund ihres Lebens zum ersten Male nur verhullt und stumm zu ihr.
Der Lektor fuhrte sie bald weg an ihren Sitz unter dem zweiten Luster ihr gegenuber sass die Mutter (wahrscheinlich darum, damit die gute unwissende Tochter, die doch nicht immer die Augenlider senken konnte, diese freundlich und mit Anstand gegen ein geliebtes Wesen heben durfte) der deutsche Herr, als Bekannter, setzte sich ohne weiteres zu ihrer Rechten, Augusti, zur Linken Zesara als Graf kam oben weit hinauf neben die hochste Dame.
Der Henker hol's! das ist leider so oft mein eigner Fall! Ich behaupte oben den Ehrenplatz und bemerke unten eine Meile von mir die Tochter, aber als Myop nur halb und kann den ganzen Abend nichts machen. Rangiert mich doch ungescheuet hinunter zu ihr ihr habt mit nichts weniger als einem aufgeblasenen Manne zu tun warum sollen denn auf der Erde, wie im Himmel, gerade die grossten Wandelsterne am weitesten von ihrer Sonne absitzen?
Ich ziehe jetzt die Leser an des Ministers Tafel, nicht um ihnen die ministerialische, auf Habsucht eingeimpfte Pracht oder seinen zwischen das Parallellineal der Etikette eingesperrten Ehrentanz oder auch dessen Familienwappen zu zeigen, das auf jedem Warmteller und Salzfass und mit dem Eise und Senfe herumgegeben wurde uns sei die Allgegenwart des Wappenwerks auf seinen Blumentopfen, Hemden, Bettschirmen, Hunds-Krawatten und Gedanken genug , sondern der Leser soll jetzt nur auf meinen Helden sehn.
Sehr sticht er hervor. Uber einen solchen Ankommling hat man in einer Residenzstadt noch fruher, als er dem Schwager das Trinkgeld gegeben, schon alles mogliche Licht der Natur und der Offenbarung; 19 Anwesende waren als seine moralischen Schrittzahler an ihm festgemacht. Die Kuhnheit seines Wesens und sein Rang ersetzten bei ihm die Welt; und diese vermisste man nirgends als darin, dass er keinen andern Anteil nahm als den starksten und dass er sich immer in allgemeine und weltburgerliche Betrachtungen verlief. Aber seht doch o ich wollte, Liane konnt' es sehen , wie die Rosenglut und das frische Grun seiner Gesundheit unter den gelben Maroden des Jahrhunderts glanzt denen wie Schiffen an der afrikanischen Kuste der Jugend alles zusammenhaltende Pech abgeflossen war und wie ihn das Wangenrot der geistigen Gesundheit, ein zartes, immer wiederkommendes Erroten (aus Sorge um Lianen), schmuckt, indes mehrere Weltleute am Tische gleich der Baumwolle alle Farben leichter anzunehmen scheinen als die rote!
Er schauete und horchte, wider die Ordnung des Visiten-Heils, zu sehr Lianen zu. Sie ass, unter dem hohern Rote der Furcht, fehlzugreifen, nur wenig, aber unbefangen; der Lektor sperrte ihr mit leichter Hand den kleinsten Irrweg zu. Was ihn wunderte, war, dass sie ein so empfindliches und so leicht weinendes Herz mit einer so unbefangnen Heiterkeit des Angesichts und des Gesprachs bedeckte junger Mann, das ist bei den weichsten Madchen ohne Schmerzen der Liebe kein Bedecken und Verstellen, sondern Genuss des Augenblicks und gewohnte Gefalligkeit! Sie behielt so besonnen die (wahrscheinlich vorher gelernte) Rangordnung der bekannten Stimmen, dass sie ihre Antwort nie gegen eine falsche Stelle richtete. Sie blickte aber oft zu ihrer Mutter mit vollen Augen auf und lachelte dann noch heiterer, aber nicht um zu tauschen, sondern aus rechter herzlicher Liebe. Anlangend ihren Salat, so wurde die beste und tafelfahigste Leserin, die ihn mischen sehen, mehrere Gabeln davon nehmen. Ungemein gut liess es, da sie ernster und roter vor der blauen Himmels-Halbkugel aus Glas die Handschuhe abzog mit weissen Handen und mit geschmeidigen Armen ohne eine seidne Falte zwischen dem glasernen Blau und seidenem Schwarz im Grunen arbeitete bedachtlich nach dem Essig- und Olgestelle fassete und so viel zugoss, als ihre Ubung (und der verzifferte Rat des Lektors; wenigstens scheint mirs so) gebot. Beim Himmel! das Machen ist hier der Salat; und der eitle Minister, der sich nicht auf Gemalde verstand, hatte viel Einsichten in Dingen, die zu Gemalden taugten.
Die Mutter schien kaum auf die Blatter-Mengerei hinzusehen.
Dem Grafen schien heute die Ministerin nur Welt und keine fromme Strenge zu haben; aber er kannte noch nicht genug jene hellen Weiber, die Feinheit ohne Witz, Empfindung ohne Feuer, Klarheit ohne Kalte haben; die von den Schnecken die Fuhlhorner, die Weichheit, die Kalte und den stummen Gang entlehnen und die mehr Vertrauen verdienen und fordern als erhalten.
Nun trat Zefisio als ein Engel unter drei Menschen im feurigen Ofen ein, aber als ein schwarzer. Dem Grafen war dessen Nahesitzen und jedes Wort zu ihr ohnehin eine Kreuzigung nur von ihr zu ihm mit dem Blicke zu gehen war schon ein Jammer, wenig verschieden von dem, den ich haben wurde, wenn ich in Dresden einen Tag im Antiken-Olymp der alten Gotter zubrachte und dann bei dem Herausgehen in ein Refektorium voll geschwollner Monche oder in ein Naturalienkabinett voll ausgestopfter Malefikanten-Balge und einmarinierter Fotus-Kanker geriete. Indes wurde er doch dadurch beruhigt nach meiner Meinung nur getauscht , dass der deutsche Herr nicht neben ihr lyrisch loderte, noch im Himmel oder ausser sich war, sondern bei sich und ganz gesetzt und sehr artig. Auf keine Tauben, Graf, frage die Landwirte schiessen die Habichte ofter nieder als auf glanzend-weisse!
Der deutsche Herr brachte jetzt eine Tabatiere hervor mit einem niedlichen Gemalde von Lilar und fragte Lianen, wie es ihr gefalle; ihm gefalle daran das Sentimentalische vorzuglich.
Der Lektor erschrak, bog sich dem Dosenstucke entgegen und jagte einige Urteile voraus, die die Halbblinde in den ihrigen fuhren sollten; aber nachdem sie damit ein paarmal schief gegen die Lichter und nahe vor ihren Augen vorbeigefahren war, konnte sie selber das eigne fallen, dass das von der halbuntergesunkenen Sonne angestrahlte Kind, das unter dem Triumphbogen eine Blumenkette in die Hohe zieht, nach ihrem Gefuhle "so gar lieblich" sei. Hier kam und ich habe denselben Fall an einer halbblinden Frau von machtiger Phantasie und offnem Kunstsinne bemerkt die Anstrengung und der Kunstsinn oder das geistige Auge dem leiblichen auf halbem Wege entgegen. Die Dose wurde wie ihr Tabak weiterprasentiert und stieg hinab zum Kunstrat Fraischdorfer dem jetzt die Kunstliebe des neuen Fursten und die Kunstgelehrsamkeit des Gunstlings neue Kronen aufsetzten ; er rugte nichts als das Blutenweiss: "Der Fruhling" (sagt' er) "ist wegen seines verdrusslichen Weisses ein leeres Monochroma; ich habe Lilar nur im Herbste besucht." "Wir konnen ja den Nachtigallengesang auch nicht malen, und horen ihn doch", sagte Liane heiter; er war ihr Lehrer und jetzt in der malerischen Technologie sogar ihres Vaters seiner. Uber allen ihren Kenntnissen und innern Fruchten und Bluten war die Rose des Schweigens gemalt; daran hatte sie der gebieterische Vater uberhaupt gewohnt, und vor Mannern besonders; in welchen sie immer kopierte Vater furchtsam ehrte.
Als die Landschaft zu Albano kam und er jene Fruhlingsnacht verkleinert vor sich hielt, wo ihm Lilar und der edle Greis so zaubernd erschienen und da er beruhrte, was die liebe Seele angeruhrt und da in der seinigen alle Wohllaute zitterten: so griff wieder der Teufel einen dissonierenden Septimenakkord:
"Der Furst, gnadiger Herr," (sagte der Minister zum deutschen Herrn) "wurde gestern heimlich beigesetzt; schon in acht Tagen haben wir das offentliche Begrabnis. Wir mussen eilen, weil die Suspension der Hoftrauer so lange dauert, bis die Huldigung am Himmelfahrtstage voruber ist." Ich bin zu feurig, mich uber den ewigen Zeremonienmeister Froulay auszulassen, der auf der Sonne Laternensteuer eingetrieben hatte und Bruckenzoll vor Parks- und Eselsbrucken; aber Albano, von so vielen innern Seiten- und Streiflichtern geblendet erinnert an Lianens Trauer uber den alten Mann, an seinen Geburtstag, an das Herz ohne Brust und an den Wahnsinn der Welt , war nicht imstande, so sehr er sich vorgesetzt, in Sanftmut und Lammskleidern vor Froulay zu erscheinen, letztere anzubehalten: sondern er musste (und lauter, als er meinte) gegen seinen Gegennachbar, den Kirchenrat Schape, mit zu grosser Jugend-Ergrimmung (die durch das nach der Bruderstimme sehnsuchtige Zuhoren Lianens nicht kleiner wurde) sich erklaren gegen viel gegen das ewige tote Vexierleben der Menschen gegen den zeremoniellen Hohn einer entseelten Gestalt gegen dieses Darben an Liebe bloss aus Vorspiegeln derselben ach sein ganzes Herz brannt' auf seiner Lippe....
Der redliche Schape, den ich oben einen Halunken genannt, trat ihm mit mehreren Mienen bei. Aber ich gar nicht; Freund Albano! du musst erst noch lernen, dass die Menschen in Rucksicht der Zeremonien, Moden und Gesetze, gleich einem Zug Schafe, insgesamt, wofern man nur den Leithammel uber einen Stecken setzen lassen, an der Stelle des Stabes, den man nicht mehr hinhalt, noch aus Vorsicht aufspringen; und die meisten und hochsten Sprunge im Staate tun wir ohne den Stecken. Aber ein Jungling ware mittelmassig, der das burgerliche Leben sehr zeitig lieb hatte; so gewiss auch er und wir alle uber die Fehler eines jeden Amtes zu bitter richten, das wir nicht selber bekleiden.
Die Gesellschaft horte schweigend zu und wunderte sich aus Artigkeit nur innerlich; auf Lianens Gestalt trat weicher Ernst.
Man stand auf- die Enge verschwand sein Eifer auch; aber ich weiss nicht, kam es von der Trunkenheit des Sprechens oder des liebenden Anschauens, oder von einem jugendlichen Uberspringen der VisitenZaune (von Mangel an Lebensart kams aber nicht her), genug das Faktum ist nicht zu leugnen (und ich tu' auch am besten, es geradezu zu geben), dass der Graf die arme alte, von ihm hergefuhrte Dame Hafenreffer weiss selber nicht, wie sie heisset stehen liess und, ich glaube unbewusst, zum Fuhren Lianen nahm. Ach diese! Was soll ich sagen von der magischen Nahe der getraumten Seele vom leichten Aufliegen ihrer Hand, das nur der Arm des innern Menschen, nicht des aussern spurte von der Kurze des Himmelsweges, der wenigstens so lang hatte sein sollen als die Friedrichs-Strasse? Wahrhaftig er selber sagte nichts er dachte bloss ans abscheuliche Inhibitorial-Zimmer, wo ihre Scheidung vorfallen musste er zitterte unter dem Suchen eines Lauts. "Sie haben wohl" (sagte Liane leicht und offen, die gern die befreundete Stimme, zumal nach der warmen Rede horte) "unser Lilar schon besucht?" "Wahrhaftig nicht, aber Sie?" sagt' er zu verwirrt. "Ich und meine Mutter wohnten gern in jedem Fruhlinge da."
Nun waren sie im Scheide-Zimmer. Leider stand er so mit ihr, die nichts sah, einige Sekunden fest und sah geradeaus, willens, etwas zu sagen, bis die Mutter ihn aufweckte, die fur ihre von dem ganzen Abend so genahrte Liebe eifrig eine abgetrennte Stunde am Tochterherzen suchte. Und so war alles vorbei; denn beide schwanden wie Erscheinungen weg.
Aber Alban war wie ein Mensch, den ein herrlicher Traum verlasset und der den ganzen Morgen so innigselig ist, aber ihn nicht mehr weiss. Und wie, steht ihm nicht Lilar offen, und sieht ers nicht gewiss, sobald nur Liane es auch sehen kann?
Nie war er sanfter. Der aufmerksame Lektor legte in dieser warmen fruchtbaren Saezeit einigen guten Samen ein. Er sagte, als sie miteinander noch in die Mondnacht heraussahen, Albano habe heute fast bloss stachlichte und sperrige Wahrheiten vorgebracht; die nur erbittern, nicht erleuchten. Zu einer andern Zeit hatt' ihn der Graf befragt, ob ers wie Froulay und Bouverot hatte machen sollen, die einander ganz tolerant Theses und Antitheses vortrugen wie ein akademischer Respondent und Opponent, die vorher bei einander logische Wunden und Pflaster von gleicher Lange bestellen; aber heute war er ihm sehr gut. Augusti hatte so delikat und liebreich fur Mutter und Tochter gesorgt er hatte ohne Schwarzen und Schminken viel Gutes, aber nicht hastig gesagt, und man hatte seinem Auseinandersetzen ruhig zugehort er hatte weder geschmeichelt noch beleidigt. Albano versetzte also sanft: "Aber erbittern ist doch besser, lieber Augusti, als einwiegen. Und wem soll ich denn die Wahrheit sagen als denen, die sie nicht haben und nicht glauben? Doch nicht den andern?" "Man kann jede sagen," sagt' er, "aber man kann nicht jede Art und Stimmung, womit man sie sagt, zur Wahrheit rechnen."
"Ach!" sagte Albano und blickte hinauf; unter dem Sternenhimmel stand wie eine Schutzheilige die Marmor-Madonna des Palastes sanft beglanzt und er dachte an ihre Schwester und an Lilar und an den Fruhling und an viele Traume und dass sein Herz so voll ewiger Liebe sei und dass er doch noch keinen Freund und keine Freundin habe.
Achte Jobelperiode
Le petit lever des Doktor Sphex Steig nach Lilar Waldbrucke der Morgen in Arkadien Chariton Lianens Brief und Dankpsalm empfindsame Reisen durch einen Garten das Flotental uber die Realitat
des Ideals
41. Zykel
Ich bin in voriger Nacht bis gegen Morgen aufgesessen denn ich kann keinen fremden Dechiffreur daruberlassen , um die Jobelperiode bis zum letzten Worte zu entziffern, so fest hielt mich ihr Reiz; ich hoffe aber, da schon das dunne Blatterskelett aus Hafenreffers Hand so viel tat, so soll jetzt das Blatt, wenn ich seine Adern mit Saftfarben und gleissendem Grune durchziehe, vollends Wunder tun.
Mit dem Grafen stand es seit dem letzten Abend betrubt. Denn die duldende bescheidne Gestalt, die er gesehen, glanzte, wie der Vorsatz einer grossen Tat, allen Bildern seiner Seele vor, und in seinen Traumen und vor dem Einschlafen ward ihre holde Stimme die Philomele einer Fruhlingsnacht. Dabei hort' er noch immer von ihr sprechen, besonders den Physikus, der jeden Tag weitere Fortschritte der Augenkur verkundigte und zuletzt Lianens Abreise nach Lilar immer naher stellte (Von einer Geliebten aber horen ist, sei es immer etwas Gleichgultiges, weit machtiger als an sie denken) Er horte ferner, dass ihr Bruder sich seit der Ermordung ihrer Augen der ganzen Stadt entzogen, in welcher er nicht wieder erscheinen will als auf einem sogenannten Freudenpferde bei der Furstenleiche Und um dieses Eden, oder vielmehr um die Schopferin desselben, war eine so hohe Gartenmauer gezogen, und er ging um die Mauer und fand kein Tor.
Verhassteres kenn' ich nichts als das; aber in welcher Residenzstadt ists anders? Schrieb' ich jemals einen Roman (wozu es keinen Anschein hat), das beteur' ich offentlich, vor nichts wurd' ich mich so huten als vor einer Residenzstadt und vor einer stiftsfahigen Heldin darin. Denn die Konjunktion der obern Planeten tragt sich leichter zu als die hoher Amanten. Will Er ein Wort mit Ihr allein reden am Hofe oder beim Tee oder bei ihrer Familie, so steht der Hof, die Teegesellschaft, die Familie dabei; will Er Ihr im Park aufstossen, so reiset Sie, wie die sinesischen Kuriere, doppelt, weil man den Madchen gern das Gewissen, wie die Natur alle wichtige Glieder, doppelt gibt, wie gutem Weine doppelten Boden; will Er Ihr zufallig wenigstens auf der Gasse begegnen, so schreitet (wenn diese in Dresden liegt) ein saurer Bedienter hinterdrein als ihr Pestessig, Seelensorger, curator sexus, chevalier d'honneur, Sokrates-Genius, Kontradiktor und Pestilenziarius Hingegen auf dem Lande lauft (das ist alles) die Pfarrtochter, weil der Abend so himmlisch ist, um die Pfarrfelder spazieren, und der Kandidat braucht nun weiter nichts zu tun als Stiefel anzuziehen. Wahrlich unter Leuten von Stande scheint der Mantel der (erotischen) Liebe anfangs ein Doktor Fausts-Mantel zu sein, der alles zu uberfliegen schwort, indes er bloss alles uberdeckt; allein am Ende steht einem das Schreckhorn, der Pilatusberg und die Jungfrau vor der Nase.
Seliger Held! Am Freitage kam der Lektor und referierte, am Montage werde der Hochstselige namlich dessen leere Sarge beigesetzt, und Roquairol reite das Freudenpferd und Liane sei fast genesen, denn sie gehe mit der Ministerin morgen nach Lilar, hochstvermutlich um einigen truben, mit einem Trauerrande umfassten Gedenkzetteln und Leichen-Erinnerungen zu entrinnen- und am Himmelfahrtstage darauf sei Huldigung und Redoute....
Seliger Held! wiederhol' ich. Denn bisher, was besassest du vom bluhenden Tempe-Tal als die durre Anhohe, worauf du standest und in den Zauber hinuntersahest?
42. Zykel
Am Mai-Sonnabend schwand um 7 Uhr jeder Dunst aus dem Himmel, und die hell-entweichende Sonne zog einem herrlichen Sonntage entgegen. Albano, der dann endlich das ungesehene Lilar besuchen wollte, war abends vorher so heilig-froh, als feiere er den Beichtabend vor dem ersten Abendmahle; sein Schlaf war ein stetes Entzucken und Erwachen, und in jedem Traume ging ein betorender Sonntagsmorgen auf, und die Zukunft wurde das dunkle Vorspiel der Gegenwart.
Sonntags fruh wollt' er fort, als er vor der halben Glasture des Physikus vorubermusste: "Herr Graf, auf einen Augenblick!" rief dieser. Da er eintrat, sagte der Doktor: "Gleich, lieber Herr Graf!" und fuhr fort. Den Zeichnern, die in kunftigen Jahrhunderten so aus mir schopfen wollen wie bisher aus dem Homer, geb' ich folgende Gruppe des Doktors als einen Schatz: er lag auf der linken Seite; Galenus bugelte mit einer kleinen Kratzburste den Rucken des Vaters, indes neben ihm Boerhaave mit einem weiten Kamme stand und solchen unaufhorlich steilrecht (nicht schief) durch die Haare fuhrte. Er sagte stets, er wusste nichts, was ihn so aufheiterte und offnete als Burste und Kamm. Vor dem Bette stand van Swieten in einem dicken Pelze, den der Zuchtling bei warmem Wetter und schlimmer Auffuhrung tragen musste, um darin sowohl ausgelacht als halb gekocht zu werden.
Zwei Madchen warteten in voller Sonntagsgala da und gedachten aufs Land zu einer Pfarrtochter und in die Dorfkirche; diese klopfte er erst von Glied zu Glied mit dem Hammer des Gesetzes ab. Er stellte seine Kinder, als Gegenfussler romischer Beklagter in Lumpen, gern in Manschetten und Quasten und galoniert auf die Pillory, besonders vor Fremden. Der Graf hatte sich schon langst der roten Kinder wegen gegen das offne Fenster gekehrt; konnte sich aber doch nicht enthalten, lateinisch zu sagen: "war' er sein Kind, er hatte sich langst umgebracht; er kenne nichts mehr Beschamendes, als im Putze gescholten zu werden." "Desto tiefer" (sagte Sphex deutsch) "greift es eben ein" und holte bei den Madchen nur noch dieses nach: "Ihr seid ein Paar Ganse und werdet in der Kirche nur von eurem Lumpenkrame schnattern warum gebt ihr nicht auf den Pfarrer acht? Er ist ein Esel, aber fur euch Eselinnen predigt er gut genug; abends sagt ihr mir die Predigt ganz her."
"Hier ist ein Laxiertrank, Herr Graf, den ich Sie, da Sie nach Lilar gehen, der Landbaumeisterin zu geben bitte fur ihre kleinen Kroten; aber nehmen Sie es nicht ubel!" Beim Henker! das sagen gerade die Leute am haufigsten, die sich nichts ubelnehmen. Der Graf- der ihm zu andrer Zeit verachtend den Rucken zugekehrt hatte steckt' es errotend und schweigend vor dem Retter seiner Liane zu sich, auch weil es fur die Kinder seines geliebten Dians war, an dessen Gattin er Grusse und Nachrichten bringen wollte.
43. Zykel
Lilar ist nicht, wie so viele Furstengarten, ein herausgerissenes Blatt aus Hirschfeld ein toter Landschafts-Figurant und Vexier- und Miniaturpark ein schon an jedem Hofe aufgesetztes und abgegriffenes Schaugericht von Ruinen, Wildnissen und Waldhausern: sondern Lilar ist das Naturspiel und bukolische Gedicht der romantischen und zuweilen gaukelhaften Phantasie des alten Fursten. Wir kommen bald insgesamt hinter dem Helden hinein, aber nur ins Elysium; der Tartarus ist ganz etwas anders und Lilars zweiter Teil. Die Absonderung der Kontraste lob' ich noch mehr wie alles; ich wollte schon langst in einen bessern Garten gehen, als die gewohnlichen chamaleontischen sind, wo man Sina und Italien, Lust- und Gebeinhaus, Einsiedelei und Palast, Armut und Reichtum (wie in den Stadten und Herzen der Inhaber) auf einem Teller reicht und wo man den Tag und die Nacht ohne Aurora, ohne Mitteltinte nebeneinander aufstellt. Lilar hingegen, wo das Elysium seinen frohen Namen durch verknupfte Lustlager und Lusthaine rechtfertigt, wie der Tartarus seinen dustern durch einsame uberhullte Schrecken, das ist mir recht aus der Brust gehoben.
Aber wo geht jetzt unser Jungling mit seinen Traumen? Noch auf der romantischen einleitenden Strasse nach Lilar, eigentlich dem ersten Gartenwege desselben. Er wanderte auf einer belaubten Strasse, die sanft auf Hugel mit offnen Baumgarten und in gelbbluhende Grunde stieg und die wie der Rhein sich bald durch grunende Felsen voll Efeu drangte, bald fliehende lachende Ufer hinter den Zweigen auftat. Jetzt wurden die weissen Banke unter Jesminstauden und die weissen Landhauser vielfaltiger, er kam naher, und die Nachtigallen und Kanarienvogel60 Lilars streiften schon hieher, wie Land ansagende Vogel. Der Morgen wehte frisch durch den Fruhling, und das zackige Laub hielt noch seine leichten atherischen Tropfen fest. Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem Leiterwagen, den die rechts und links abrupfenden Tiere sicher auf dem glatten Wege zogen. Albano horte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der drangenden Arbeit, sondern die Ruhe-Glocken der Turme; im Morgengelaute spricht die zukunftige, wie im Abendgelaute die vergangene Zeit; und an diesem goldnen Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust.
Jetzt zuckten gabelschwanzige Rauchschwalben mit der Purpurbrust uber das Himmelblau des wilden Gamanders und kundigten mit ihren Wohnungen unsre an: als seine Strasse durch ein zerstortes altes offnes, von fetten dicken Blattern wie Schuppen behangnes Schloss durchwollte, an dessen Ein- oder Ausgange ein wegweisender roter Arm sich mit der weissen Aufschrift: "Weg aus dem Tartarus ins Elysium" gegen eine nahe Waldung ausstreckte.
Sein Herz fuhr auf bei dieser doppelten Nahe so verschiedener Tage. Mit weiten Schritten drang er gegen den Elysiums-Wald, den ein breiter Graben abzuschneiden schien. Aber er kam bald aus dem Buschwerke vor eine grune Brucke, die sich in den Bogen der Riesenschlange uber den Graben, aber nicht auf die Erde, sondern in die Gipfel schwang. Sie trug ihn durch die hereinbluhende Wildnis von Eichen-, Tannen-, Silberpappeln-, Frucht- und LindenWipfeln. Dann hob sie ihn hinaus in die freie Gegend, und Lilar warf ihm schon von Osten uber die weite spitzige Gipfel-Saat den Glanz einer hohen Goldkugel entgegen. Die Brucke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dammernde Geniste, und unter und neben ihm riefen und flatterten die Kanarienvogel, Singdrosseln, Finken und Nachtigallen, und die geatzte Brut schlief gedeckt unter der Brucke. Endlich stieg diese nach einem Bogengange wieder ans Licht er sah schon die grunende Bergkuppe mit dem weissen Altar, woran er in einer jugendlichen Nacht gekniet hatte; und mehr sudlich hinter sich die Decke und Scheidewand des Tartarus, einen hochaufgebaumten Wald und wie er weitertrat, deckte sich ihm das Elysium weiter auf eine Gasse kleiner Hauser mit welschen Dachern voll Baumchen lachte den Blick freudig und einheimisch aus der grunen Weltkarte von Tiefen, Hainen, Bahnen, Seen an und in Morgen schlossen funf Triumphtore dem Auge die Wege in eine weitausgespannte, wie ein grunendes Meer fortwogende Ebene auf, und in Abend standen ihnen funf andre mit geoffneten Landern und Bergen entgegen.
So wie Albano die langsam-niederschwebende Brucke herabging, so kamen bald brennende Springbrunnen, bald rote Beete, bald neue Garten im grossen entwickelt hervor, und jeder Tritt schuf das Eden um. Voll Ehrfurcht trat er wie auf einen geheiligten Boden heraus, auf die geweihte Erde des alten Fursten und des frommen Vaters61 und Dians und Lianens; sein wilder Gang wurde wie von einem Erdbeben umwikkelnd gehalten; das reine Paradies schien bloss fur Lianens reine Seele gemacht; und jetzt erst machte ihm die scheue Frage uber die Schicklichkeit seiner hastigen Nachreise und die liebende Furcht, zum ersten Male ihrem genesenen Auge zu begegnen, den frohen Busen enge.
Aber wie festlich, wie lebendig ist alles um ihn her! Auf den Wassern, die durch die Haine glanzen, ziehen Schwanen, in die Busche schreitet der Fasan, Rehe blicken hinter ihm neugierig aus dem Walde, uber den er gegangen war, und weisse und schwarze Tauben laufen emsig unter den Toren, und an den Abendhugeln hangen rufende Schafe neben liegenden Lammern; sogar der Turteltaube zittert in irgendeinem verhullten Tale die Brust vom Languido der Liebe. Er schritt durch ein langes hochstaudiges Rosenfeld, das die Niederlassung und Pflanzstadt von Grasmucken und Nachtigallen schien, die aus den Buschen auf die wachsenden Grasbanke hupften und vergeblich ausliefen nach Wurmchen; und die Lerche zog oben uber diese zweite Welt fur die frommern Tiere und fiel hinter den Toren in die Saaten nieder.
Berausche dich immer, guter Jungling, und kette deine Blumen so ineinander wie der Knabe, dem du zueilst! Namlich oben auf dem welschen Dache, vor dessen Brustgelander Silberpappeln von breiten Rebenblattern umgurtet spielen, und das er in der Fruhlingsnacht fur eine Laube in Rosen angesehen, stand einkerniger herubergebuckter Knabe, der eine Dotterblumenkette niederliess und dem zu kurzen grunen Ankerseile immer neue Ringe einsteckte. "Pollux heiss' ich," (versetzt' er frisch auf Albans sanfte Frage) "aber meine Schwester heisset Helena62, aber das Bruderchen heisst Echion." "Und dein Vater?" "Er ist gar nicht da, er ist weit draussen in Rom; gehe nur hinein zur Mutter Chariton, ich komme gleich." An welchem schonern Tage und Orte, mit welchem schonern Herzen konnt' er in des geliebten Dians heilige Familie kommen als an diesem Morgen und mit dieser Brust?
Er ging ins helle lachende Haus, das voll Fenster und gruner Jalousieladen war. Als er in die Fruhlingsstube eintrat: so fand er Chariton, ein junges, schmachtiges, fast noch jungfraulichaussehendes Weib von 17 Jahren, mit dem kleinen Echion an der saugenden Brust, sich wehrend gegen die kranklichlebhafte Helena, die, auf einem Stuhle stehend, immer aus dem Fenster eine vielblattrige Rebenschlinge hereinzog und die Hulle um die Augen der Mutter gurten wollte. Mit zauberischer Verwirrung, da sie zugleich aufstehen, mit der Linken die belaubten Fessel ohne Zerreissen abnehmen und den Saugling tiefer verhullen wollte, trat sie dem schonen Junglinge gebuckt entgegen, kindlichfreundlich und feurig, aber unendlich schuchtern, nicht seiner standesmassigen Kleidung wegen, sondern weil er ein Mann war und so edel aussah, sogar ihrem Griechen ahnlich. Er sagte ihr! mit einer zauberischen Liebe auf dem kraftigen Angesichte, die sie vielleicht nie so herrlich gesehen, seinen Namen und den! Dank, den sein Herz ihrem Gatten aufbewahre, und Nachrichten und Grusse von diesem. Wie loderte an der furchtsamen Gestalt das unschuldige Feuer aus den schwarzen Augen! "War denn mein Herr" (so nannte sie ihren Mann) "sehr gesund und froh?" Und so fing sie jetzt, unbefangen wie ein Kind, ein langes Verhor bloss uber ihren Gatten an.
Pollux sprang mit seiner langen Kette herein Alban nahm den Trank vom Doktor scherzend aus der Tasche und sagte: "Das sollst du einnehmen." "Soll ichs gleich aussaufen, Mutter?" sagte der Heros. Hier erkundigte sie sich ebenso unbefangen nach dem ausfuhrlichen Rezepte des Doktors und so lange, bis der kleine Saugling am Busen rebellierte und sie in ein Nebenzimmer uber die Wiege trieb. Sie entschuldigte sich und sagte, der Kleine musse schlafen, weil sie mit Lianen spazieren gehe, auf die sie jede Minute aufsehe.
Kinder lieben kraftige Gesichter; Alban wurde zugleich von Kindern und von Hunden geschatzt; nur konnte er auf dem kindlichen Spielplatze nie mit der kleinen springenden Truppe agieren, wenn erwachsene Logen dabei waren.
"Ich kann sehr viel", sagte Pollux; "ich kann auch lesen, Herr!" versetzte dem Bruder Helena. "Aber doch nur deutsch; ich aber kann lateinische Briefe prachtig herlesen, du!" erwiderte ihr das junge Mannlein und lief in der Stube nach Lekture und Leseproben umher, aber umsonst. "Mann! warte ein wenig!" sagte er und lief die Treppe hinauf in Lianens Zimmer und holte einen Brief von Lianen.
43. Zykel
Albano wusste nicht, dass Liane ordentlich das obere, so bluhend beschattete Zimmer fur sich innenhabe, worin sie haufig zumal wenn die Mutter in der Stadt zuruckblieb zeichnete, schrieb und las. Die kindliche Chariton, vom Liebestranke der Freundschaft begeistert, wusste gar nicht, wie sie nur der schonen liebreichen Freundin ihr Feuer so recht zeigen konnte; ach was war ein Zimmer! In dieses immer offne kamen nun die Kinder, die Liane zuweilen lesen liess; und so konnte jetzt Pollux aus dem einsamen den Bogen holen, den sie an diesem Morgen geschrieben.
Als Albano wahrend des Holens so allein im Wohnzimmer des fernen Jugendfreundes neben dessen stiller, blasser Tochter sass, die bald auf ihn, bald auf eine ihm noch aus Lianens Morgenzimmer bekannte Spiel-Schaferei hinsah als das Morgenwehen durchs kuhle Fenster das herrliche Getummel hereintrieb besonders als im lichten Ausschnitte des Fussbodens die sinesischen Schatten des Wein- und Pappellaubes sich ineinander krauselten und als endlich Chariton den Saugling mit einem eiligern lautern Wiegenliede einsang, das ihm tonte wie ihr nachhallender Seufzer nach dem schonen Jugendlande: so wurd' ihm das volle, vom ganzen Morgen angeregte Herz so wunderbar und besonders durch das wankende Schattengefecht fast bis zum Weinen bewegt; und das Kind blickt' ihm immer bedeutender ins Gesicht.
Da kam Pollux mit seinen beiden Quartblattern zuruck und setzte sich nun selber auf seine Leseprobe. Schon die erste Seite komponierte zu Albans innern Liedern die Melodie; aber er erriet weder die Verfasserin noch das Datum des Briefes, ausser spater durch ein hin- und herspringendes Lesen. Die Blatter gehorten zu vorigen nicht einmal Streusand bezeugte ihre junge Geburt (denn Liane war zu hoflich, einen zu brauchen) ferner waren alle Namen anders; namlich Julienne, an die sie gerichtet waren, hatte leider, in d'Argensons bureau decachetage, d.h. am Hofe wohnhaft, verzifferte verlangt, und sie hiess mithin Elisa, Roquairol Karl und Liane ihre kleine Linda. Linda ist bekanntlich der Taufname der jungen Grafin von Romeiro, mit welcher die Prinzessin am Tage jener fur Roquairol so blutigen Redoute ein ewiges Herzensund Korrespondenz-Bundnis aufgerichtet hatte; Liane, vor deren reinen dichterischen Augen sich jedes edle weibliche Wesen zur Gebenedeieten und Heroine, der undurchsichtige Edelstein zum durchsichtigen aufhellte und reinigte, liebte die hohe Grafin gleichsam mit dem Herzen ihres Bruders und ihrer Freundin zugleich, und die sanfte Seele nannte sich, ihres Wertes unbewusst, nur die kleine Linda ihrer Elisa.
Auch die zarte ausgezogene Handschrift kannte Albano nicht; Julienne liebte die gallische Sprache bis zu den Lettern, aber Lianens ihre glichen nicht den gallischen Sudel-Protokollen, sondern der reinlichen gerundeten Handschrift der Briten.
Hier ist endlich ihr Blatt O du holdes Wesen! wie lange hab' ich nach den ersten Lauten deiner erquickenden Seele gedurstet!
Sonntags-Morgen
"Aber heute, Elisa, bin ich so innig-froh, und der Abendnebel liegt als eine Aurora am Himmel. Ich sollte dir wohl das Gestrige gar nicht geben. Ich war zu bekummert. Konnt' aber nicht meine liebe Mutter, die doch bloss meinetwegen hierher gegangen war, dadurch noch kranker werden, so leidlich sie auch eben deswegen sich gegen mich anstellte? Und dann kam ja deine Gestalt, Geliebte, und all dein Schmerz und die harte Nachbarschaft63 und unser letzter Abend hier, o alles das zog ja so klagend vor mein banges Herz! Sieh, als wir vor dem Hause der lieben Chariton hielten und sie meiner Mutter die Hand mit freudigen Tranen kusste: so war ich so schwach, dass ich auch abgewandte vergoss, aber andre und uber die Frohlockende selber, die ja nicht wissen konnte, ob nicht in dieser Stunde ihr teurer Freund in Rom erkranke oder untergehe.
Nun aber ist der dunkelgraue Nebel auf dem Blumengarten deiner kleinen Linda ganz verweht, und alle Bluten des Lebens glanzen in ihren reinen hohen Farben vor ihr. Nach Mitternacht wich die Migrane meiner Mutter fast ganz, und sie schlummerte so suss noch an diesem Morgen. O wie war mir da! Nach 5 Uhr schon ging ich in den Garten hinunter und fuhr uber den Glanz zusammen, der im Taue und zwischen den Blattern brannte die Sonne sah erst unter den Triumphtoren herein alle Seen spruhten in einem breiten Feuer ein glanzender Dampf umfloss wie ein Heiligenschein den Erdenrand, den der Himmel beruhrte und ein hohes Wehen und Singen stromte durch die Morgenpracht
Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zuruck und so froh; ich wollte immer rufen: ich habe dich wieder, du helle Sonne, und euch, ihr lieblichen Blumen, und ihr stolzen Berge, ihr habt euch nicht verandert, und ihr grunet wieder wie ich, ihr duftenden Baume! In einer unendlichen Seligkeit schwebt' ich wie verklart, Elisa, schwach, aber leicht und frei, ich hatte die druckende Hulle so war es mir unter die Erde gelegt und nur das pochende Herz behalten, und im entzuckten Busen flossen warme Tranenquellen gleichsam uber Blumen uber und bedeckten sie hell.
'Ach Gott,' sagt' ich in der grossen Freude schreckhaft, 'war es denn ein blosser Schlaf, das unbewegliche Ruhen der Mutter?' und ich musste lachle immer , eh' ich weiterging, wieder zu ihr hinauf. Ich schlich atemlos vor das Bette, bog mich horchend uber sie, und die gute Mutter schloss die immer leise schlummernden Augen langsam auf, sah mich mude, aber liebreich an und tat sie, ohne sich zu regen, wieder zu und gab mir nur die liebe Hand.
Nun durft' ich recht selig wieder in meinen Garten gehen; ich brachte aber der immer heitern Chariton den Morgengruss und sagt' ihr, dass ich auf dem breiten Wege zum Altare64 bliebe, sollt' ich etwan gesucht werden. Ach Elisa, wie war mir dann! Und warum hatt' ich dich nicht an meiner Hand, und warum sah mein bekummerter Karl nicht, dass seine Schwester so glucklich war! Wie nach einem warmen Regen das Abendrot und das flussige Sonnenlicht von allen goldgrunen Hugeln rinnt: so stand ein zitternder Glanz uber meinem ganzen Innern und uber meiner Vergangenheit, und uberall lagen helle Freudenzahren. Ein susses Nagen nahm mein Herz auseinander wie zum Sterben, und alles war mir so nahe und so lieb! Ich hatte der lispelnden Zitterpappel antworten und den Fruhlingsluften danken mogen, die so kuhlend das heisse Auge umwehten! Die Sonne hatte sich mutterlichwarm auf mein Herz gelegt und pflegte uns alle, die kalte Blume, den jungen nackten Vogel, den starren Schmetterling und jedes Wesen; ach so soll der Mensch auch sein, dacht' ich. Und ich ging den Sandweg und schonte das Leben des armen Graschens und der liebaugelnden Blume, die ja hauchen und erwachen wie wir ich vertrieb die weissen durstigen Schmetterlinge und Tauben nicht, die sich nebeneinander von der nassen Erdscholle zum Tranke buckten o ich hatte die Wellen streicheln mogen- diese Schopfung ist ja so kostbar und aus Gottes Hand, und das noch so klein gestaltete Herz hat ja doch sein Blut und eine Sehnsucht, und in das AugenPunktchen unter dem Blatte kehrt ja doch die ganze Sonne und ein kleiner Fruhling ein.
Ich lehnte mich, ein wenig ermattet, unter den ersten Triumphbogen, eh' ich zum Altare aufstieg; und sah hinaus in die glimmende Landschaft voll Dorfer und Baumgarten und Hugel; und der flimmernde Tau und das Lauten der Dorfer und das Glockenspiel der Herden und das Schweben der Vogel uber allem fullte mich mit Ruh' und Licht. Ja, so ruhig und unbekannt und heiter will ich mein eilendes Leben fuhren, dacht' ich: redet mir nicht der Trauermantel zu, der vor mir mit seinen vom Herbste zerrissenen Schwingen doch wieder um seine Blumen flattert; und mahnet mich nicht der Nachtschmetterling ab, der erkaltet an der harten Statue klebt und sich nicht zu den Bluten des Tages aufschwingen kann? Darum will ich nie von meiner Mutter weichen bleibe nur die teure Elisa auch so lange bei uns, als ihre kleine Linda lebt, und rufe sie ihre hohe Freundin bald65, damit ich sie sehe und herzlich liebe!
Ich stieg den grun-schattigen Berg hinan, aber mit Muhe; die Freude entkraftet mich so sehr; denk an mich, Elisa, ich werde einmal an einer grossen sterben, oder an einem grossen, allzugrossen Weh. Der Schnekkenweg zum Altare war von den Farben des Blutenstaubes gemalt, und droben wanden sich nicht gefarbte feste, sondern rege brennende Regenbogen durch die Zweige des Berges. Warum stand ich heute in einem Glanze wie niemals sonst?66 Und als die Morgenluft mich wie ein Flugel anflatterte und hob und als ich mich tiefer in den blauen Himmel tauchte, so sagt' ich: nun bist du in Elysium. Da war mir, als sage eine Stimme: das ist das irdische, und du bist noch nicht geheiligt fur das andre. O feurig fasst' ich wieder den Entschluss, mich von so manchen Mangeln loszuwickeln und besonders dem zu schnellen Wahne der Krankung abzusagen, den ich andern zwar verhehle, womit ich sie aber doch verletze. Und da betete ich am Altare und sagte der ewigen Gute Dank und weinte unbewusst vielleicht zu sehr, aber doch ohne Augenschmerzen.
Zuletzt schrieb ich das hier beigelegte Dankgedicht, das ich in Verse bringe, wenn es der fromme Vater gutheisset.
Dankgedicht
So schau' ich wieder mit seligen Augen in deine bluhende Welt, du Alliebender, und weine wieder, weil ich glucklich bin? Warum hab' ich denn gezagt? Da ich unter der Erde ging in der Finsternis wie eine Tote und nur von fern die Geliebten und den Fruhling uber mir vernahm: warum war das schwache Herz in Furcht, es gebe keine Offnung mehr zum Leben und zum Lichte? Denn du warst in der Finsternis bei mir und fuhrtest mich aus der Gruft in deinen Fruhling herauf; und um mich standen deine frohen Kinder und der helle Himmel und alle meine lachelnden Geliebten! O ich will nun fester hoffen; brich immer der siechen Pflanze uppige Blumen ab, damit die andern voller reifen! Du fuhrest ja deine Menschen auf einem langen Berge in deinen Himmel und zu dir, und sie gehen durch die Gewitter des Lebens am Berge nur verschattet, nicht getroffen hindurch, und nur unser Auge wird nass. Aber, wenn ich zu dir komme, wenn der Tod wieder seine dunkle Wolke auf mich wirft und mich weg von allen Geliebten in die tiefere Hohle zieht und du mich, Allgutiger, noch einmal freimachst und in deinen Fruhling tragst, in den noch schonern als diesen herrlichen: wird dann mein schwaches Herz neben deinem Richterstuhle so freudig schlagen wie heute, und wird die Menschenbrust in deinem atherischen Fruhlinge atmen durfen? O mache mich rein in diesem irdischen und lasse mich hier leben, als wenn ich schon in deinem Himmel ginge! "
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Wenn schon euch, ihr Freunde, die duldende reine Gestalt ungesehen lieb und ruhrend wird, die sich ergeben freuen kann, dass doch die Wetterwolke nur Platz-Tropfen und keine Schlossen auf sie warf: wie musste sie erst das bewegte Herz ihres Freundes erschuttern! Er fuhlte eine Heiligung seines ganzen Wesens; gleichsam als komme die Tugend, in diese Gestalt verkorpert, vom Himmel nieder, um ihn heiligend anzulacheln, und fliege dann leuchtend zuruck und er folg' ihr begeistert und gehoben nach.
Er drang eifrig dem Knaben das Zurucktragen der Blatter ab, um ihr und sich, da sie jede Minute erscheinen konnte, die peinlichste Uberraschung zu ersparen; doch beschloss er fest was es auch koste , wahr zu sein und ihr noch heute sein Lesen zu beichten.
Der Kleine lief die Treppe hinauf, wieder herab, blieb lange vor der Ture und kam herein mit Lianen an der Hand, die weiss gekleidet und schwarz verschleiert war. Sie sah ein wenig betroffen umher, als sie mit beiden Handen den Schleier von ihrem freundlichen Gesichte zuruckhob, horte aber Charitons Wiegenlied. Sie kannt' ihn nicht, bis er sprach; und hier errotete ihr ganzes schones Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen; sie habe die Freude, sagte sie, seinen Vater zu kennen. Wahrscheinlich kannte sie den Sohn durch Juliennens und Augustis Malereien noch besser und von verwandtern Seiten; auch bewegte sich gewiss ihr schwesterliches Herz von seiner Bruderstimme; denn der Reiz und sogar Vorzug der Ahnlichkeit und Kopie ist so gross, dass sogar einer, der einem gleichgultigen Wesen ahnlich sieht, uns lieber wird, wie das Echo eines leeren Rufs, bloss weil hier wie in der nachahmenden Kunst die Vergangenheit und Abwesenheit eine durch die Phantasie durchscheinende Gegenwart wird.
Das immer leisere Einsingen der Mutter sagte das tiefere Einschlummern des Sauglings an, und endlich verstummte das Diminuendo, und Chariton lief mit blitzenden Augen der Hand Lianens zu. Eine heitere offne Freundschaft bluhte zwischen den unschuldigen Herzen und verstrickte sie wie der Wein die nahen Pappeln. Chariton erzahlte ihr Albanos Erzahlung mit der Voraussetzung der innigsten Teilnahme; Liane horte gespannt-aufmerkend der Freundin zu; aber das war ja so viel, als blicke sie die nahe historische Quelle selber an.
44. Zykel
Endlich reisete man in den Garten aus; Pollux blieb ungern und nur auf Lianens Verheissung, ihm heute wieder ein Pferdstuck zu zeichnen, als Schutzheiliger der Wiege zuruck. Alban sagte zur hochsten Freude der Baumeisterin, die nun alles dem schonen Manne zeigen konnte, er habe noch wenig von Lilar gesehen. Wie reizend gingen vor ihm die befreundeten Gestalten nebeneinander! Chariton, wiewohl eine Frau, doch griechisch-schlank, flatterte als die kleinere Schwester neben der Lilientaille seiner ein wenig langern Liane fort; jene schien, nach der Einteilung der Landschaftsmaler, die Natur in Bewegung zu sein, Liane die Natur in Ruhe. Als er wieder neben Liane trat, an deren linken Hand Helena lief zur rechten die Mutter , so fand er ihr weich-niedergehendes Profil unbeschreiblich-ruhrend und um den Mund Zuge, die der Schmerz zeichnet, die Narben wiederkehrender Tage; indes das schone Madchen in der Sonnenseite des Vollgesichts wie in ihrem leichten Gesprache eine unbefangene begluckende Heiterkeit entfaltete, die Albano, der noch an keiner Schulture eines weiblichen Philanthropins angeklopft, muhsam mit ihrer weinenden Dichtkunst ausglich. O wenn die weibliche Trane leicht flieht, so entflattert ja noch leichter das weibliche Lacheln, und dieses ist ja noch ofter als jene nur Schein!
Er suchte aus Sehnsucht des durstigen Herzens das Handchen der Kleinen zu fassen, allein sie hing sich mit beiden auf Lianens Linke; entlief aber gleich und holte drei Irisblumen wie sie, den Schmetterlingen ahnlich und teilte der Mutter eine zu und Lianen mit den Worten zwei: "Gib dem auch eine!" Und Liane reichte sie ihm freundlich-anschauend mit jenem heiligen Madchenblicke, der hell und aufmerksam, aber nicht forschend, kindlich-teilnehmend ohne Geben und Fordern ist. Gleichwohl senkte sie diese heiligen Augen heute mehrmals nieder; aber das zwang sie dazu auf Zesaras felsigem, obwohl von der Liebe erweichtem Gesichte ruhte ein physiognomisches Recht des Starkern, er schien eine scheue Seele mit hundert Augen anzusehen, und seine beiden wahren loderten so warm, obwohl ebenso rein, wie das Sonnenauge im Ather.
Die Irisblumen haben das Sonderbare, dass der eine sie riecht, der andre aber nicht; nur diesen dreieinigen Menschen taten sich die Kelche gleich weit auf, und sie erfreueten sich lange uber die Gemeinschaft desselben Genusses. Helena lief voraus und verschwand hinter einem niedrigen Gebusche; sie erwartete auf einer Kinderbank neben einem Kindertische lachelnd die Erwachsenen. Der gute alte Furst hatte uberall fur Kinder niedrige Moosbanke, kleine Gartenstuhle, Tischchen und Scherben-Orangerien und dergleichen um die Ruheplatze ihrer Eltern gestellt; denn er trug diese erquickenden offnen Blumen der Menschheit so nah' an seinem Herzen! "Man wunscht so oft," (sagte Liane) "in der patriarchalischen Zeit, oder in Arkadien und auf Otaheiti zu leben; die Kinder sind ja glauben Sie es nicht? uberall dieselben, und man hat eben an ihnen das, was die fernste Zeit und die fernste Gegend nur gewahren mag." Er glaubt' es wohl und gern; aber er fragte sich immer: wie wird aus dem toten Meere des Hofes eine so unbefleckte Aphrodite geboren, wie aus dem salzigen Seewasser reiner Tau und Regen steigt? Unter dem Sprechen zog sie zuweilen ein ungemein holdes wie soll ichs beziffern "Hm" nach, das, wiewohl ein Cour-Donatschnitzer, eine unsagliche Gutmutigkeit verriet; ich schreibe es aber nicht dazu her, damit den nachsten Sonntag alle Leserinnen diesen Interpunktionsreiz horen lassen.
"Das namliche" (versetzte Albano, aber gutmeinend) "gilt von den Tieren; der Schwan dort ist wie der im Paradiese." Sie nahm es ebenso auf, wie ers meinte; aber die Ursache war der fromme Vater, Spener, ihr Lehrer; denn auf Albans Frage uber Lilars Fulle an schonen sanften Tieren antwortete sie: "Der alte Herr liebte diese Wesen ordentlich zartlich, und sie konnten ihn oft bis zu Tranen bringen. Der fromme Vater denkt auch so; er sagt, da sie alles auf Gottes Geheiss tun durch den Instinkt, so sei ihm, wenn er die elterliche Sorge fur ihre Jungen sehe, so, als tue der Allgutige alles selber." Sie stiegen jetzt eine halbbelaubte Brucke uber einen langen, von Pappeln umflatterten Wasserspiegel hinauf, worin Lianens Ebenbild, namlich ein Schwan, auf den Wasserringen schlief, den gebognen Hals schon auf den Rucken geschlungen, den Kopf auf dem Flugel, und leise mehr von den Luften gedreht als von den Wellen. "So ruht die unschuldige Seele!" sagte Albano und dachte wohl an Liane, aber ohne Mut zum Bekenntnis. "Und so erwacht sie!" setzte bewegt Liane dazu, als diese weisse vergrosserte Taube den Kopf langsam von dem Flugel aufhob; denn sie dachte an das heutige Erwachen ihrer Mutter.
Chariton wandte sich, wie ganz aus hupfenden Punkten zusammengesetzt, immer fragend an Liane: "Wollen wir dahin? Oder dorthinein? oder hier hinaus? Ware nur mein Herr da! der kennt alles!" Sie hatte ihn gern um jede Quelle und Blume herumgefuhrt; und blickte dem Junglinge so liebend wie der Freundin ins Gesicht. Liane sagte ihr auf dem Kreuzwege an der Brucke: "sie glaube, das Flotental dort mit der leuchtenden Goldkugel sei vielleicht am schonsten, besonders fur einen Freund der Musik; auch werde man sie da suchen, wenn man ihrer Mutter die Harfe bringe." Sie hatte ihr mit dieser zuruckzukommen versprochen. Sie mied alle Steige nach Suden, wo der Tartarus hinter seinem hohen Vorhange drohte.
Liane sprach jetzt uber den Wettstreit der Malerei und Musik und uber Herders reizenden offiziellen Bericht von diesem Streite; sie, wiewohl eine Zeichnerin, ergab sich, dem weiblichen und lyrischen Herzen gemass, ganz den Tonen, und Albano, obwohl ein guter Klavierist, mehr den Farben. "Diese herrliche Landschaft" (sagte Albano) "ist ja ein Gemalde und jede menschliche schone Gestalt." "War' ich blind," (sagte Chariton naiv) "so sah' ich ja meine schone Liane nicht." Sie versetzte: "Mein Lehrer, der Kunstrat Fraischdorfer, setzte auch die Malerei uber die Musik hinauf. Mir ist aber bei ihr, als hort' ich eine laute Vergangenheit oder eine laute Zukunft. Die Musik hat etwas Heiliges, sie kann nichts als das Gute67 malen, verschieden von andern Kunsten." Wahrlich sie war selber eine moralische Kirchenmusik, die Engelstimme in der Orgel; der reine Albano fuhlte neben ihr die Notwendigkeit und das Dasein einer noch zartern Reinheit; und ihm schien, als konne ein Mann diese Seele, deren Verstand fast nur ein feineres Fuhlen war, verletzen, ohne es selber zu wissen, wie Fensterglaser von reiner Durchsichtigkeit oft zerstossen werden, weil sie unsichtbar erscheinen. Er drehte sich, weil er immer um einen Schritt voraus war, mechanisch um, und nicht nur das bluhende Lilar, sondern auch Lianens volle Gestalt leuchtete ihm auf einmal und neugestaltet in die Seele. Nicht sie an sein Herz zu drucken, war jetzt sein Sehnen, sondern dieses Wesen, das so oft gelitten, aus jeder Flamme zu reissen, fur sie mit dem Schwerte auf ihren Feind zu sturzen, sie durch die tiefen kalten Hollenflusse des Lebens machtig zu tragen das hatte sein Leben erleuchtet.
45. Zykel
Sie sahen schon einige nasse Lichter der hohen, oben hereinspringenden Fontanen des Flotentals hochschweben: als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen unwegsamen Eichenhain mitzugehen bat sie sah ihn so vergnugt und offenherzig dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn, missverstanden zu werden! Im dustern Haine stand ein wilder Fels auf, mit den Worten: "Dem Freunde Zesara". Die vorige Furstin hatte diese erinnernde Alpe Albanos Vater setzen lassen. Ergriffen, erschuttert, mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und druckte den Arm an den scharfen Stein hinauf und rief innigst bewegt: "O du guter Vater!" Seine ganze Jugend und Isola bella und die Zukunft uberfielen auf einmal das vom ganzen Morgen besturmte Herz, und es konnte sich der zudringenden Tranen nicht langer erwehren. Chariton wurde ernsthaft, Liane lachelte weich fort, aber wie ein Engel im Gebet. Wie oft, ihr schonen Seelen, hab' ich in diesem Kapitel mein ergriffenes Herz bezwingen mussen, das euch anreden und storen wollte! aber ich will es wieder bezwingen.
Sie traten schweigend in den Tag zuruck. Aber Albanos Wogen fielen nie schnell, sie dehnten sich in weite Ringe aus. Sein Auge war noch nicht trocken, als er in das himmlische Tal kam, in diesen Ruheplatz der Wunsche, wo Traume frei, ohne Schlaf, herumgehen konnten. Chariton durch den Ernst viel geschaftiger war nach einer Augenfrage an Liane, ob sie es solle namlich das Spielenlassen gewisser Maschinen , voraus hineingeeilt. Sie gingen durch den weichenden bluhenden Schleier; und Albano erblickte nun vor sich den jugendlichen Traum von einem bezauberten, mit Duften und Schatten umstrickenden Zaubertale in Spanien lebendig auf die Erde herausgestellt. An den Bergen bluhten Orangengange, den Untersatz in die hohere Terrasse versteckt alles, was grosse Bluten auf seinen Zweigen tragt, von der Linde bis zur Rebe und zum Apfelbaume, sog unten am Bache oder bestieg oder bekranzte die zwei langen Berge, die sich mit ihren Bluten um die Blumen der Tiefe wanden und sich miteinander bogen, um ein unendliches Tal zu versprechen schiefgestellte Fontanen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen uber die Baume in den Bach in Osten brannte der Goldglobus neben der Sonne, der letzte Spiegel ihres sterbenden Abendblicks. "Habe Dank, du edler Greis!" wiederholte Albano immer.
Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer uberbluhten Bank unter dem heruberflatternden Bogen, wo man die erste und zweite Krummung des Tals und oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchturmspitze und unten eine AurikelnWiese uberschauen kann, indes Chariton auf dem ostlichen gegenuber hinter einer Musen-Statue denn die neun Musen glanzten aus dem grunen Tempe an Gewichten zu winden und auf Springfedern zu drukken schien. "Mein Bruder" (brach Liane leise das Schweigen und strickte die Arbeit fort, die sie der Freundin abgenommen) "wunscht recht sehr, Sie zu sehen." Die nun mit allen heiligen Kraften aufgewachte Seele Albanos fuhlte sich ihr ganz gleich und ohne Verlegenheit, und er sagte: "Schon in meiner Kindheit hab' ich Ihren Karl wie einen Bruder geliebt; ich habe noch keinen Freund." Die bewegten Seelen merkten nicht, dass der Name Karl aus dem Briefe sei.
Auf einmal flogen einzelne Flotentone oben auf den Bergen und aus den Lauben auf- immer mehrere flogen dazu sie flatterten schon-verworren durcheinander endlich stiegen machtig auf allen Seiten Flotenchore wie Engel auf und zogen gen Himmel sie riefen es aus, wie suss der Fruhling ist und wie die Freude weint und wie unser Herz sich sehnt, und schwanden oben im blauen Fruhlinge und die Nachtigallen flogen aus den kuhlen Blumen auf die hellen Gipfel und schrien freudig in die Triumphlieder des Maies und das Morgenwehen wiegte die hohen schimmernden Regenbogen hin und her und warf sie weit in die Blumen hinein.
Lianen entsank die Arbeit in den Schoss, und sie schlug nach einer ihr eignen Weise, indes sie den Kopf wie eine Muse vorsenkte, den Blick empor, ihn in eine traumerische Weite heftend; ihr blaues Auge schimmerte, wie der blaue wolkenlose Ather in der lauen Sommernacht blitzend uberquillt; aber des Junglings Geist brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme. Sie zog den schwarzen Schleier gewiss nicht allein gegen Sonne und Luft herab; und Albano, mit einer innern Welt auf seiner bewegten Gestalt, spielte erhaben mit sich selber kontrastierend an den Lockchen der hergezogenen Helena und sah ihr mit grossen Tranen in das blode kleine Gesicht, das ihn nicht verstand.
Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen heruber und fragte recht freundlich, wie es ihm gefiele. Seine andern Entzuckungen loseten sich in ein Lob der Tone auf; und die liebe Griechin erhob das, was sie so oft gehort, selber immer starker, als war' es ihr neu, und horchte sehr mit zu.
Ein Madchen mit der Harfe blickte durch das Eingangsgestrauch des Tales herein, und Liane sah den Wink und stand auf. Indem sie den Schleier heben und scheiden wollte: so fiel dem grossherzigen Junglinge sein Bekenntnis ein: "Ich habe Ihren heutigen Brief gelesen, bei Gott, das muss ich jetzo sagen", sagt' er. Sie ruckte den Schleier nicht hoher und sagte mit zitternder Stimme: "Sie haben ihn gewiss nicht gelesen, Sie waren wohl nicht in meinem Zimmer" und sah Chariton an. Er versetzte, ganz hab' er ihn auch nicht, aber doch viel; und erzahlte mit drei Worten eine mildere Geschichte, als Liane ahnen konnte. "Der bose Pollux!" sagte immer Chariton. "O Gott, vergeben Sie mir diese Sunde der Unwissenheit!" sagte Albano; sie hob den dunkeln Schleier auf eine Terzie lang zuruck und sagte hochrot, mit niedergesenktem Blicke vielleicht durch die Freude uber die Widerlegung der schlimmern Erwartung versohnt : "Er gehorte bloss an eine Freundin und Sie werden wohl, wenn ich Sie bitte, nichts wieder lesen" und unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf, und sie schied langsam mit ihren Geliebten von ihm.
O du heilige Seele, liebe meinen Jungling! Bist du nicht die erste Liebe dieses Feuerherzens, der Morgenstern in der dammernden Fruhe seines Lebens, du, diese Gute, Reine und Zarte! O die erste Liebe des Menschen, die Philomele unter den Fruhlingslauten des Lebens, wird ohnehin immer, weil wir so irren, so hart vom Schicksale behandelt und immer getotet und begraben; aber wenn nun einmal zwei gute Seelen im blutenweissen Lebens-Mai die sussen Fruhlingstranen im Busen tragend mit den glanzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit der ersten unentweihten Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des Jahres, mit dem Vergissmeinnicht der Liebe im Herzen wenn solche verwandte Wesen sich begegnen durften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf alle Wintermonate der Erdenzeit beschworen und wenn jedes Herz zum andern sagen konnte: Heil mir, dass ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit, eh' ich geirret hatte; und dass ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich! O Liane, o Zesara, so glucklich mussen euere schonen Seelen werden!
Der Jungling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden Zauberwelt, deren Tone und Fontanen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen Bergwerke rauschten; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttonen und Schimmern des Tals, worin er so allein zuruckgelassen war. Hastig schritt er auf dem nahern Wege, und mit Wasseradern beworfen, durch den Lauben-Vorhang und trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus. Wie sonderbar! wie fern! wie verandert war alles! In seine weit offne innere Welt drang die aussere mit vollen Stromen ein. Er selber war verandert; er konnte nicht in die Eichennacht an das felsichte Ebenbild des Vaters treten. Als er uber die in Zweigen stehende Brukke war, sah er auf dem breiten silberweissen Gartenwege die sanfte Gesellschaft langsam gehen, und er pries Lianen selig, die nun an ihr bewegtes Herz das mutterliche drucken konnte. Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn vielleicht, aber niemand wandte sich zuruck. Durch die nachgetragne Harfe riss sich der Morgenwind und fuhrte von den erregten Saiten Tone wie von Aolsharfen mit sich weiter; und der Jungling horte wehmutig dem zuruckklingenden Fliehen wie von Schwanen zu, die uber die Lander eilen, indes hinter ihm das leere Tal einsam in den flotenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende nachziehende Laute matt und dunkel erreichten. Aber er ging auf den Berg des Altars zuruck; und da er uber die helle Gegend schauete und noch die fernen weissen Gestalten gehen sah, liess er seine ganze schone Seele weinen Und hier schliesse sich der reichste Tag seines jungen Lebens!
Aber, ihr guten Menschen, die ihr ein Herz tragt und keines findet, oder die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt, bild' ich nicht alle diese Gemalde der Wonne, wie die Griechen, gleichsam an den Marmorsargen euerer umgelegten schlafenden Vorzeit ab? Bin ich nicht der Archimimus, der vor euch die zerfallnen Gestalten nachspielt, die euere Seele begrub? Und du, jungerer oder armerer Mensch, dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine Zukunft gab, wirst du mir nicht einmal sagen, ich hatte dir manche selige Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht, du wurdest sie anbeten, und wirst du nicht dazusetzen, du hattest ohne diese Phonix-Bildnisse leichtere Wunsche genahrt und manche erreicht? Und wie wehe hab' ich dann euch allen getan! Aber mir auch; denn wie konnt' es mir besser ergehen als euch allen?
Euer Schluss ware demnach dieser: Da ihr schone Tage nie so schon erleben konnt, als sie nachher in der Erinnerung glanzen oder vorher in der Hoffnung: so verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide; und da man nur an den beiden Polen des elliptischen Gewolbes der Zeit die leisen Spharenlaute der Musik vernimmt, und in der Mitte der Gegenwart nichts: so wollt ihr lieber in der Mitte verharren und aufhorchen, Vergangenheit und Zukunft aber die beide kein Mensch erleben kann, weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten unsers Herzens sind, eine Ilias und Odyssee, ein verlornes und wiedergefundnes MiltonsParadies wollt ihr gar nicht anhoren und heranlassen, um nur taubblind in einer tierischen Gegenwart zu nisten.
Bei Gott! Lieber gebt mir das feinste starkste Gift der Ideale ein, damit ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche, sondern vertraume und dann daran versterbe! Aber eben das Versterben ware mein Fehler; denn wer die poetischen Traume ins Wachen68 tragen will, ist toller als der Nordamerikaner, der die nachtlichen realisiert; er will wie eine Kleopatra den Glanz der Tauperlen zum Labetrunk, den Regenbogen der Phantasie zum haltbaren, uber Regenwasser gefuhrten Schwibbogen verbrauchen. Ja, o Gott, du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben, die unsre hiesigen Ideale verkorpert und verdoppelt und befriedigt wie du es uns ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast, die uns mit Minuten berauscht, wo das Innere das Aussere wird und das Ideal die Wirklichkeit aber dann nein, uber das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme; aber wenn hienieden, sag' ich, das Dichten Leben wurde und unsre Schaferwelt eine Schaferei und jeder Traum ein Tag: o so wurde das unsere Wunsche nur erhohen, nicht erfullen, die hohere Wirklichkeit wurde nur eine hohere Dichtkunst gebaren und hohere Erinnerungen und Hoffnungen in Arkadien wurden wir nach Utopien schmachten, und auf jeder Sonne wurden wir einen tiefen Sternenhimmel sich entfernen sehen, und wir wurden seufzen wie hier!
Neunte Jobelperiode
Lust der Hoftrauer das Begrabnis Roquairol Brief an ihn die sieben letzten Worte im Wasser die Huldigung Redoute Puppenredoute der Kopf in der Luft, der Tartarus, die Geisterstimme, der Freund, die Katakombe und die vereinigten Menschen
46. Zykel
Die werdende Liebe ist die stillste; die schattigen Blumen in diesem Fruhlinge meiden, wie die im andern, das Sonnenlicht. Albano spann sich tief in seine Sonntagstraume ein und zog, so gut er konnte, das grune Wohn-Blatt der Wirklichkeit in sein Gespinste; namlich den Montag, der ihm bei dem Paradebegrabnisse des Fursten den Bruder seiner Freundin zeigen sollte.
Dieses Trauerfest, wo der dritte, aber grosste furstliche Sarg sollte zur Ruhe bestattet werden, brach endlich an und war schon durch das Vorfest wichtig gemacht, wo man die zwei ersten Sarge samt dem Greise beigesetzt, wie man etwa Tugenden schon im Anfange eines Jahrhunderts beerdigt und erst am Ende desselben ihre leeren Namen, Gehause und Franzbande. Am Probe- und Vorbildsbegrabnisse des Hochstseligen war noch dazu der alte fromme Vater, Spener, sein letzter Freund, mit in die Gruft hinabgegangen, um sich das holzerne und zinnerne Gehause des ausgelaufenen Gehwerks offnen zu lassen und auf die stille Brust des lieben Schlafers noch dessen JugendPortrat und sein eignes mit der umgesturzten Farbenseite zu decken, ohne zu reden und zu weinen; und der Hof machte viel aus dieser Morgen- und Abendgabe der Freundschaft.
Alles schwillt fur die Menschen ungeheuer an, wovon sie lange reden mussen alle Pestitzer Gesellschaften waren Sterbebeitragsgesellschaften und voll Leichenmarschalle jedes Geruste der benachbarten Zukunft war ein Trauergeruste und jedes Wort ein Leichensermon oder eine Grabschrift auf den blassen Mann Sphex als Leibmedikus freuete sich auf seinen Anteil am Leidtragen und Mitziehen der Lektor hatte statt der versetzten Winterkleider die Hoftrauer schon an- und approbiert der Hofmarschall hatte keine Minute Rast, und der Jungste Tag, der die Graber auf-, aber nicht zumacht, war' ihm heute schief gekommen der Minister von Froulay, den der kalte Luigi willig alles machen liess, war als Liebhaber alles altfurstlichen Pompes und als Kreisausschreibender Direktor des gegenwartigen so gut im Himmel als der Hochstselige die Weiber waren als Hochselige aus den Betten gestiegen, weil fur diese fleissigen Gewandermalerinnen eine lange Wesenkette von Rocken und von deren Tragern wohl so schwer wiegt als fur ihre Manner eine gekuppelte Sippschaft von Pferden.
Albano harrte ungeduldig am Fenster auf Lianens Bruder und liebte den Unsichtbaren immer heisser; wie zwei Flugel hoben und regten Freundschaft und Liebe in ihm einander verbunden auf. Die Trauerspule namlich der leere Sarg war im Tartarus angelegt und wurde allmahlich abgespulet, und man konnte das dunkle Trauerband nun bald bis in die Bergstadt spannen. Schon anderthalb Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den Mauern und Fenstern angeschossen. Sara, die Frau des Doktors, kam mit den Kindern und dem tauben Kadaver in Schoppes Zimmer herauf, dessen zweite Ture in Albanos seines offen stand, und sagte liebaugelnd zum Grafen hinein: "hier oben ware alles besser zu ubersehen, und Seine Gnaden wurden verzeihen." "Bleibt nur zusammen da und molestiert mir den Herrn Grafen nicht", sagte sie zuruckgewandt zu den Kindern und wollte ins grafliche Zimmer, auf dessen Schwelle sie der von Albano kommende Schoppe auffing und anhielt.
Sara war namlich eine jener gemeinen Frauen, die von ihren Reizen mehr selber hingerissen werden als damit andre hinreissen sie setzte bloss ihr Gesicht auf den Sessel und liess es zunden und sengen und brennen, indes sie ihres Orts (im Vertrauen auf ihren faulen Heinz69 des Gesichts) ruhig und kalt andre Dinge machte, entweder einfaltiges Zeug oder bosen Leumund; und dann, wenn sie eine Kleidergeissel der Weiber gewesen war, wie Attila eine Gottergeissel der Volker, so schauete sie auf und besah den Feuerschaden ihres Gesichts in den mannlichen Tabaksschwammen umher. Besonders auf den reichen schonen Grafen hatte sie ein Auge unter der Amors-Binde. Ihr Kopf lag voll guter physiognomischer Fragmente; und Lavaters Vorwurf, dass die meisten Physiognomisten leider am ganzen Menschen nichts studierten als das Gesicht, konnte ihren reinen physiognomischen Sinn niemals treffen.
Schoppe, leicht erratend, dass bei der Seelen-kauferin der Gang ein Pressgang, das Weisszeug Jagdzeug, der Shawl eine Schlagwand sei und der Hals ein Schwanenhals fur einen nahen Fuchs, fasste sie auf der Schwelle beider Stuben an der Hand und fragte sie: "Nehmen Sie auch so viel Anteil an der allgemeinen Landesfreude und erwunschten Hoftrauer wie ich? Ihre Augen lassen dergleichen lesen, Frau Landphysikussin." "Was fur einen Anteil?" sagte die Physika, ganz dumm gemacht. "An der Lust der Hofleute, die sich ohnehin wie die Urangutangs dadurch von den Affen unterscheiden, dass sie selten Freudensprunge tun; wenigstens trommeln sie wie junge Klavieristen ihre traurigsten und ihre lustigsten Stuckchen ungeruhrt hintereinander weg. Wenn nur dem Hofstaate nichts Herbes die Trauer versalzt!
Wunschen Sie, dass die Lieben die schwarzen Freudenkleider, worin sie, wie die Nepoten der in der leuktrischen Schlacht Gebliebnen, dem Jubel eines neuen Fursten entgegengehen' umsonst angezogen haben? Wie?" Unglucklicherweise versetzte sie spottisch: "Schwarz ist hierzulande Trauerfarbe, Herr Schoppe." "Schwarz, Frau Doktorin?" (prallt' er staunend zuruck) "Schwarz? Schwarz ist Reisefarbe und Brautfarbe und Galafarbe und in Rom Furstenkinderfarbe, und in Spanien ists ein Reichsgesetz, dass die Hofleute wie in Marokko die Juden70 schwarz erscheinen.
Pestalozzi, Madame aber Malz, versteht Er mich denn?" fuhr Schoppe herum und munterte den Menschen, der seine Trommel anhatte und sie heimlich unter dem Zuge ruhren wollte, um etwas vom gedampften Leichentrommeln zu vernehmen, zum Schlegel auf, damit er vom Diskurse profitierte. "Malz," sagt' er lauter, "Pestalozzi bemerkt ganz gut, dass die Grossen unsrer Zeit sich in Gesicht, Kleidung, Stellung, Bilderdienst, Aberglauben und Liebe zu Scharlatanen den Asiaten taglich nahern; es spricht fur Pestalozzi, dass sie den Sinesern, die sich fur die Freude schwarz und fur die Trauer weiss anziehen, nicht bloss Tempel und Garten und Fratzenbilder, sondern auch eben dieses Freudenschwarz abborgen."
Unter den Kindern wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren hoben sich Boerhaave, Galenus und van Swieten am meisten durch eingelegte Arbeit und Handzeichnungen, die sie von den Anwesenden mit den Fingern auf ihr Butterbrot gravierten, und Galenus wies seine satirische Projektion von der Mama, sagend: "Schau't, was Mama'n fur 'ne lange Nas' an'setzt hab'."
Der Bibliothekar, der etwas Ahnliches drehte, hielt sie, als sie hineinwollte, indem er versicherte, er lasse sie nicht, bis sie sich ergebe; die Trauermarschsaule konne kaum einen Acker lang aus dem Tartarus heraus sein und geb' ihm Zeit genug. Er fuhr fort:
"Echte Trauer hingegen, Liebe, macht immer wie der Zorn bunt oder wie der Schrecken weiss; z.B. die Kreaturen eines toten Papstes trauern violett, der franzosische Konig auch, seine Frau kastanienbraun, der venezianische Senat um den Doge rot. Allein Trauer konnen Sie so gut wie ich keinem Regenten verstatten; dem Hohenpriester und einem Judenkonige71 war sie ganz verboten; warum wollen wir der Dienerschaft mehr verstatten als dem Herrn? Und musste ein Landesherr, Beste, der die kostbare Landtrauer zuliesse, nicht offenbar die abgestellte Privattrauer aufwecken? Und konnt' er, indem er durch sein Exilium, wie Cicero durch seines72, 20 000 Leute in Trauerhabit steckte, es verantworten, dass sein letzter Akt ein droit d'Aubaine, eine Beraubung ware und dass das Sterbebette, worauf man sonst Bedienten und Armen Kleider vermacht, ihnen welche auszoge? Nein, Madame, das sieht wenigstens Regenten nicht ahnlich, die sogar durch ihr Sterben oft, wie Marcion73 von Christi Hollenfahrt behauptete, einen Kain, Absalon und mehrere alttestamentliche Verdammte aus der Holle bringen in den Himmel der neuen Regierung.
Sie ergeben sich noch nicht, und der Kadaver sieht mich an wie ein Vieh; aber bedenken Sie das: Perukken- und Zeugmacher haben haufig gekronte Haupter angefleht, ihre Produkte zu tragen, damit sie abgingen; ein Erb- und Kronprinz zieht sich gleich am ersten frohen Huldigungs- und Regierungstage, wo er den Vorfahrer absetzt, d.h. begrabt, kohlenschwarz an, weil die schwarze Wolle wenig taugt und wenig abgeht, und ein solches Exempel beschlagt auf einmal den ganzen Hofstaat, sogar Vieh, Pauken, Kanzeln schwarz. Nur noch ein Wort, Liebe; wahrlich es kommt noch nichts als die Chorschulerschaft. Eben deswegen wird der furstliche Leichnam, der leicht die ganze Freude des Leichenbegangnisses storen konnte, vorher beseitigt und nur ein vakanter Kasten mitgefuhrt, damit der Zug keine andere pensees habe als anglaises74 ... O Traute, das letzte Wort; was sehen Sie denn am Stall- und Pagenkorps? Meinetwegen! auch ich freue mich, auf einmal so viele Menschen und Fursten mitten unter seinen Kindern so froh zu sehen."
Aber je langer er die Prozession, dieses schlaffe Gauklerseil, woran man den leeren, aber figurierten Cypselus-Kasten in die Familiengruft einliess, werden sah, desto zorniger wurde sein Spott. Er passete die Hypothese jedem beflorten Gliede der schwarzen Kette an. Er lobte es, dass man den Bal masque der neuen Regierung mit diesen langsamen Menuettpas eroffne und sich auf den Walzer der Vermahlung und den Grossvatertanz der Huldigung anschicke. Er sagte, da man sich und Tieren an Freudentagen gern alles leicht mache, wie daher die Juden am Schabbes sich und ihr Vieh nichts, nicht einmal die Huhner die angehangnen Lappchen tragen lassen, so seh' ers gern, dass in den Zeremonienwagen und im Paradekasten und auf den Klagepferden nichts sasse, ja dass sogar die Schleppen der Trauermantel von Pagen und die vier Leichentuchzipfel von vier handfesten Herren fortgebracht wurden. Nur tadelte er es, dass die Soldateska in der Lust das Gewehr verkehrt ergriffen und dass gerade die Personen vom hochsten Range, Luigi, Froulay, Bouverot, da sie vom schnellen Leichentrunke auf einmal ins Freie kamen, sich wankend mussten auf beiden Seiten fuhren lassen.
47. Zykel
In Albano sprach ein andrer Geist als in Schoppe, aber beide begegneten sich bald. Dem Grafen machten die Nachtgestalten aus Flor, die stillen Trauerfahnen, der Totenmarsch, der schleichende Krankengang, das Glockengetose die Totenhauser der Erde weit auf, zumal da vor seine bluhenden Augen zum ersten Male diese Totenspiele kamen; aber lauter als alles rief vor ihm etwas das man kaum erraten wird die Scheidungen des Lebens aus, der vom Leichentuche erstickte Trommelschlag; eine gedampfte Trommel war ihm ein von allen irdischen Katakomben gebrochener Widerhall. Er horte die stummen erwurgten Klagen unsrer Herzen; er sah hohere Wesen oben herunterschauen auf das dreistundige weinerliche Lustspiel unsers Lebens, worin das rote Kind des ersten Akts im funften zum Jubelgreis ermattet und dann erwachsen und gebuckt vor dem herablaufenden Vorhange verschwindet.
Wie wir im Fruhlinge mehr an Tod, Herbst und Winter denken als im Sommer, so malet sich auch der feurigste kraftigste Jungling ofter und heller in seiner Jahreszeit die dunkle entblatterte vor als der Mann in seiner nahern; denn in beiden Fruhlingen schlagen sich die Flugel des Ideals weit auf und haben nur in einer Zukunft Raum. Aber vor den Jungling tritt der Tod in bluhender griechischer Gestalt, vor den muden altern Menschen in gotischer.
Mit komischem Humor fing Schoppe gewohnlich an und endigte mit tragischem; so fuhrte auch jetzt der leere Trauerkasten, die Flore der Pferde, die Wappen-Schabaracken derselben, des Fursten Verachtung des schwerfalligen deutschen Zeremoniells und die ganze herzlose Mummerei, alles das fuhrte ihn auf eine Anhohe, wohin ihn immer das Anschauen vieler Menschen auf einmal trieb und wo er mit einer schwer zu malenden Erhebung, Ergrimmung und lachenden Kummernis ansah den ewigen, zwingenden, kleinlichen, von Zwecken und Freuden verirrten, betaubten schweren Wahnsinn des Menschengeschlechts; und seinen dazu.
Plotzlich durchbrach die schwarze Kette ein bunter glanzender Ritter, Roquairol auf dem paradierenden Freudenpferde, und erschutterte unsre zwei Menschen, und keinen weiter. Ein blasses eingesturztes Angesicht, vom langen innern Feuer verglaset, von allen Jugendrosen entblosset, aus den Demantgruben der Augen unter dem schwarzen Augenbraunen-Uberhange blitzend, ritt in einer tragischen Lustigkeit daher, deren Linien-Geader sich unter den fruhen Runzeln der Leidenschaft verdoppelte. Welch ein Mensch voll verlebten Lebens! Nur Hofleute oder sein Vater konnten dieses tragische Frohlocken zu einer schmeichlerischen Freude uber die neue Regierung herabsetzen; aber Albano nahm ihn ganz in sein Herz hinein und wurde bleich vor inniger Bewegung und sagte: "Ja, er ists! O guter Schoppe, er wird gewiss unser Freund, dieser zerrissene Jungling. Wie schmerzlich lacht der Edle uber diesen Ernst und uber Kronen und Graber und alles! Ach er starb ja auch einmal." "Daran tut der Reiter recht," (sagte Schoppe mit zuckenden Augen und tippte schnell an Albanos Hand und dann an seinen eignen Kopf) "mir kommt schon der Schadel da als ein enger bonsoir, als ein Lichttoter vor, den mir der Tod aufgesetzt wir sind artige, mit Silber uberzogne Figuren, in einem elektrischen Tanze begriffen, und vom Funken springen wir auf, ich bewege mich zum Glucke doch noch.... und dort schleicht unser guter Lektor auch daher und zieht seinen langen Flor" wobei freilich Augustis burgerlich-ernste Stimmung sehr gegen die menschlich-ernste des Bibliothekars abstach.
Auf einmal sagte Schoppe verdrusslich uber die Ruhrung: "Welche Maskerade wegen einer Maske! Lumperei wegen Lumpenpapier! Werft einen Menschen still in sein Loch und rufet niemand dazu. Ich lobe mir London und Paris, wo man keine Sturmglokken lautet und die Nachbarschaft rege macht, wenn der Undertaker einen Eingeschlafnen zu Bette bringt." "Nein, nein," (sagte Zesara, voll Kraft zum Schmerz) "ich lob' es nicht wem die heiligen Toten gleichgultig sind, dem werden es die Lebendigen auch nein, ich lasse gern mein Herz in eine Trane nach der andern zerreissen, kann ich nur des lieben Wesens noch gedenken."
O wie traf die Nachbarschaft mit seinem Herzen zusammen! In einer Zisterne, wovor der Sarg des Sarges voruberging, stand der abgebildete Greis auf einem Pferde in Bronze und sah unter sich vorubergehen die abgesattelten Trauerpferde und das berittne Freuden-Ross ein Taubstummer machte mit seiner Glocke an den Turen ein bettelndes Gelaute, das er wie der Begrabne nicht vernahm und war nicht der vergessene Furst ungesehen und einsamer unter die Erde gelegt als irgendeiner seiner Untertanen? O Zesara, dir fiel es aufs Herz, wie leicht der Mensch vergessen wird, er liege in der Urne oder in der Pyramide und wie man unser unsterbliches Ich wie einen Schauspieler fur abwesend ansieht, sobald es nur in der Kulisse steht und nicht auf der Buhne unter den Spielern poltert.
Aber legte nicht der graue Einsiedler Spener dem tiefern Einsiedler eine doppelte Jugend auf die gesunkne Brust? O zahlet nicht in dieser frostigen Stunde des Gepranges die treue Julienne alle Tone des Leichengelautes an ihren Tranen ab, diese arme, durch Krankheit nur vom Zeremoniell, nicht vom Schmerze befreiete Tochter, die nun den vorletzten, vielleicht den letzten Verwandten verloren, da ihr Bruder kaum einer ist? Und wird Liane in ihrem Elysium nicht das Nachspiel des Schmerzes erraten, das so nahe vor ihr hinter den hohen Baumen im Tartarus gegeben wird? Und wenn sie etwas vermutet, o wie wird sie nicht so innig trauern!
Dieses alles horte der edle Jungling in seiner Seele an, und er durstete heiss nach der Freundschaft des Herzens; ihm war, als wehe ihre Berg- und Lebensluft aus der Ewigkeit herab und treibe den Totenstaub weg vom Lebenssteige und er sehe droben den Genius die umgesturzte Fackel auf den kalten Busen stellen, nicht um das unsterbliche Leben auszuloschen, sondern um die unsterbliche Liebe anzuzunden.
Er konnte nun nicht anders, sondern musste ins Freie gehen und unter dem fliegenden Getone des Fruhlings und unter dem dumpf-zuruckmurmelnden Totenmarsche die folgenden Worte an Lianens Bruder schreiben, womit er ihm jugendlich sagte: sei mein Freund!
An Karl
"Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns im Totenmeere und in den Tranen die Siegessaulen und Thronen der Menschen und ihre Bruckenpfeiler gebrochen erscheinen, fragt dich frei ein wahres Herz und deines antwort' ihm treu und gern!
Wurde dir das langste Gebet des Menschen erhort, Fremder, und hast du deinen Freund? Wachsen deine Wunsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die vier Zedern auf Libanon, die nichts um sich dulden als Adler? Hast du zwei Herzen und vier Arme, und lebst du zweimal wie unsterblich in der kampfenden Welt? Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen Gletscherspitze und hast keinen Menschen, dem du die Alpen der Schopfung zeigen konntest, und der Himmel wolbt sich weit von dir und Klufte unter dir? Wenn dein Geburtstag kommt, hast du kein Wesen, das deine Hand schuttelt und dir ins Auge sieht und sagt: wir bleiben noch fester beisammen?
Fremder, wenn du keinen Freund hattest, hast du einen verdient? Wenn der Fruhling gluhte und alle seine Honigkelche offnete und seinen reinen Himmel und alle hundert Tore an seinem Paradiese: hast du da schmerzlich aufgeblickt wie ich und Gott um ein Herz gebeten fur deines? O wenn abends die Sonne einsank wie ein Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur noch ihr roter Rauch hinanzog an den silbernen Sternen: sahest du aus der Vorwelt die verbruderten Schatten der Freundschaft, die auf Schlachtfeldern wie Gestirne eines Sternbildes miteinander untergingen, durch die blutigen Wolken als Riesen ziehen, und dachtest du daran, wie sie sich unverganglich liebten, und du warst allein wie ich? Und, Einsamer, wenn die Nacht, wo der Geist des Menschen, wie in heissen Landern, arbeitet und reiset, ihre kalten Sonnen verkettet und aufdeckt und wenn doch unter allen weiten Bildern des Athers kein geliebtes teures ist und die Unermesslichkeit dich schmerzlich aufzieht und du auf dem kalten Erdboden fuhlest, dass dein Herz an keine Brust anschlagt als nur an deine: o Geliebter, weinest du dann und recht innig?
Karl, oft zahlt' ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab, die Federn im breiten Flugel der Zeit; und bedachte das Verrauschen der Jugend; da streckt' ich weit die Hand nach einem Freunde aus, der bei mir im Charons-Nachen, worin wir geboren werden, stehen bliebe' wenn vor mir die Jahreszeiten des Lebens am Ufer voruberlaufen mit Blumen und Blattern und Fruchten und wenn auf dem langen Strome das Menschengeschlecht in tausend Wiegen und Sargen hinunterschiesset.
Ach nicht das bunte Ufer fliehet voruber, sondern der Mensch und sein Strom; ewig bluhen die Jahreszeiten in den Garten des Gestades hinauf und hinab, aber nur wir rauschen einmal vor den Garten vorbei und kehren nicht um.
Aber der Freund geht mit. O wenn du in dieser Stunde der Gaukeleien des Todes den bleichen Fursten mit den Jugend-Bildern auf der Brust ansiehst und an den grauen Freund denkst, der ihn verborgen im Tartarus betrauert: so wird dein Herz zerfliessen und in sanften warmen Flammen in der Brust umherrinnen und leise sagen: ich will lieben und dann sterben und dann lieben; o Allmachtiger, zeige mir die Seele, die sich sehnet wie ich!
Wenn du das sagst, wenn du so bist, so komm an mein Herz, Fasse meine Hand und behalte sie, bis sie welkt Ich habe heute deine Gestalt gesehen und auf ihr die Wunden des Lebens; tritt an mich, ich will neben dir bluten und streiten. Ich habe dich schon fruh gesucht und geliebt. Wie zwei Strome wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und eintrocknen. Wie Silber im Schmelzofen rinnen wir mit gluhendem Lichte zusammen, und alle Schlacken liegen ausgestossen um den reinen Schimmer her. Lache dann nicht mehr so grimmig, dass die Menschen Irrlichter sind; gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im regnenden Sturme der Zeit. Und dann, wenn die Zeit vorbei ist, finden wir uns wie heute, und es ist wieder im Fruhlinge.
Albano de Cesara."
48. Zykel
Wie herrlich eh' dem innern Menschen, wie dem aussern im Alter, alle Pulsadern zu Knorpeln erstarren und alle Gefasse unbiegsam und erdig werden und das moralische Herz wie das andre kaum sechzig Schlage in der Minute tut und eh' der alte scheue Narr sich bei jeder Ruhrung ein Stuck seines Wesens aufhebt, das er kalt und trocken erhalt und das aufpassen soll, wie benetzte Himbeerblatter stets auf der rauhen Seite trocken bleiben wie herrlich, sag' ich, tritt dagegen vor dieser Spionen-Periode ein Jungling, zumal ein Albano, seine Bahn daher, wie frei, keck und froh! Und sucht gleich dreist den Freund wie den Feind und tritt dicht an ihn, um zu kampfen entweder fur ihn oder wider ihn!
Damit entschuldige man Albanos feurigen Brief! Den andern Tag erhielt er von Roquairol diese Antwort: "Ich bin wie du. Am Himmelfahrtsabende will ich dich suchen unter den Larven.
Karl."
Dem Grafen stieg die Rote der Krankung uber dieses gesuchte Verschieben der Bekanntschaft ins Gesicht; er ware fuhlt' er nach einem solchen Laute des Herzens, ohne ein totes Interim von funf Tagen und ohne eine Huldigungsredoute im doppelten Sinne, sofort zum Freunde gegangen und seiner geworden. Jetzt aber schwor er, ihm nicht weiter entgegenzulaufen, sondern ihn nur zu erwarten. Gleichwohl verflatterte bald das geruhrte Zurnen, und er bewilligte dem ersten Blattchen des so lange gesuchten Lieblings immer schonere Milderungen; Karl konnte ja z.B. in dieses huldigende Getose nicht gern die heilige Zeit des ersten Erkennens mengen wollen oder die erste selbst-morderische Redoute machte ihm jede zur begeisternden Ara eines neuen zweiten Lebens oder er wusste wohl gar um Albanos Geburtstag oder endlich dieser gluhende Mensch ging oder flog seinen eignen Pfad.
Indes machte dessen Blatt, dass sich der Graf sein eignes vorruckte als eine Sunde gegen seinen Schoppe; er hielt das Sehnen in der Freundschaft nach der Freundschaft fur Sunde; aber du irrest, schone Seele! Die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen bis zum unendlichen; nur die Liebe ist ersattlich und immer dieselbe und wie die Wahrheit ohne drei Vergleichungsgrade, und ein einziges Wesen fullet ihr Herz. Auch hatten sich Albano und Schoppe bei einer so gegenseitigen Seelenwanderung ihrer Ideen und einer so nahen Verwandtschaft ihres Trotzes und Adels weit lieber, als sie sich zeigten. Denn da Schoppe uberhaupt nichts zeigte, so konnte man ihn wieder nur mit dem Finger auf der Lippe, aber vielleicht desto starker lieben. Albano war ein heissbrennender Hohlspiegel, der seinen Gegenstand nahe hat und ihn aufgerichtet hinter sich darstellt, Schoppe einer, der ihn ferne hat und ihn verkehrt in die Luft wirft.
Abends vor seinem Geburts- und dem Huldigungstage stand Albano einsam am Fenster und wog seine Vergangenheit denn ein letzter Tag ist feierlicher als ein erster; am 31sten Dezember uberrechn' ich 365, Tage und deren Fata, am 1sten Jenner denk' ich an nichts, weil ja die ganze Zukunft durchsichtig ist oder in funf Minuten aus sein kann ; er mass, wahrend uber sein zu Ende gehendes zwanzigstes Jahr die Vesperglocke lautete und die Vesperhora in ihm anging, die Apsidenlinie75 seines moralischen Wesens und sah an den aufgeturmten morgenden Tag hinauf, der vollhing entweder von Fruhlingsregen oder von Hagelkornern. Noch nie hatt' er so weich den Kreis geliebter Menschen uberschauet oder durch die offnen Tore der Zukunft geblickt als dasmal.
Aber die schone Stunde storte Malz, der mit der Nachricht hereinbrach, der hinkende Herr sei ins Wasser gesprungen. Aus dem Dachfenster sah man einen zuruckkehrenden Dorf-Leichenzug um die UferStelle gehauft, wo sich Schoppe hineingesturzt. Mit furchterlicher Wildheit denn Zorn war in Albano der Nachbar des Schreckens und Schmerzes riss er den tragen Landphysikus zur Hulfe mit fort und sogar durch harte drohende Worte; denn Sphex wollte auf einen Wagen passen, auch mogliche Falle von zu spaten Rettungsanstalten auseinandersetzen und hatte uberhaupt vielleicht die Hoffnung gern, den Bibliothekar auf den Anatomiertisch als Doktorschmaus der Wissenschaft aufzutragen.
Der Jungling rannte mit ihm hinaus durch Kornfelder unter Tranen unter Fluchen mit geballter, mit ausgespreizter Faust, und immer mehr schwindelte sein Auge und brannte sein Herz, je naher sie dem dunkeln Zirkel zuliefen. Endlich konnten sie den Bibliothekar nicht nur sehen, sondern auch horen; wohlbehalten drehte er ihnen den kraushaarigen Kopf aus dem Schilfrohre entgegen und hob zuweilen, weil er das Trauerkondukt haranguierte, feurig den behaarten Arm uber die Wasserpflanzen.
Freilich wars so:
Sein Sorites war, solang' er lebte, dieser: "er sei keine Steiss-, sondern eine Gesichtsgeburt und trage mithin Kopf und Nase hoch und empor76, weil er musse nun kenn' er keine echtere Freiheit als Gesundheit jede Krankheit schliesse die Seele krumm, und die Erde sei bloss darum ein allgemeines Stockhaus und eine la Salpetriere, weil sie ein Quetschhaus77 sei wer eine Austern-, Schnecken-, VipernKur gebrauche, sei selber eine schleimige geschlangelte klebende Viper, Auster, Schnecke, und daher toteten die semperfreien Wilden die Siechlinge, und die kraftigen Sparter gaben keinem Patienten ein Amt, geschweige die Krone besonders sei Starke vonnoten, um in unsern niedrigen Zeiten qualifizierte Subjekte auszuprugeln, weil seines Wissens die Faust mit einigem Inhalte die beste Injurienklage und actio ex lege diffamari sei, die ein Burger anstellen konne."
Darum badete er Sommer und Winter eiskalt, so wie er eben darum in allem enthaltsam blieb.
Nun war er bei dem hasslichen Wonnemonatswetter bloss in seinem grauen Husarenmantel daheim sein Schlafrock und mit niedergetretenen Schuhen ans Wasser gegangen; zu Hause hatt' er sich vorher ordentlich ausgezogen, um am Gestade sogleich fertig zu sein. Die Trauerkompagnie, die ihn mit seinem schnellen Schritte am Wasser gehen und endlich alles zuruckwerfen und hineinspringen sah, musste glauben, der Mensch wolle sich ertranken, und rannte vereinigt seinem Badeorte zu, um ihn nicht zu lassen. "Ersauf' Er sich nicht!" schrie die Trauer-Negerei von weitem. Er liess sie erst heran, um mit ihr naher aus der Sache zu reden: "Ich nehme noch Vernunft an, ob ich gleich schon im Wasser stehe; aber lasset euch auch bedeuten, lieben Kerstene insgemein, denn so hiess man zu Karls Zeiten die Christen! Ich bin ein armer Sakramenter und erinnere mich kaum, wovon ich bisher lebte, so blutwenig wars. Was ich in der Welt nur anfing, dabei war kein Segen, sondern Krebsgang hinten und vorn. Ich legte in Wien ein hubsches Magazin von Schnepfendreck an, aber ich setzte nichts ab, aus Mangel an Schnepfen. Ich griffs am andern Ende an und hausierte in Karlsbad fur grosse Herren, die sonst auf jeden Bettel und Sessel ein Gemalde setzen, mit hubschen Kupferstichen fur den Abtritt, damit sie da statt des blossen gedruckten Papiers etwas Geschmackvolles hatten zum Verbrauche; behielt aber die ganze Suite auf dem Halse, weil die Manier zu hart war und nicht idealisch genug. In London macht' ich Reden voraus (denn ich bin ein Gelehrter) fur Menschen, die gehangen werden und doch noch etwas sagen wollen; ich trug sie den reichsten Parlamentsrednern und selber Spitzbuben von Buchhandlern an, hatte aber die Reden beinah selber gebraucht. Ich hatte mich gern vom Vomieren genahrt78, aber dazu gehort Fond. Ich suchte einmal bei einem graflichen Regimente als Notenpult unterzukommen, weils bei der Wachtparade dumm aussieht, dass jeder einen musikalischen Lappen auf der Schulter hangen hat, den der andre vom Blatte spielt; ich wollte fur ein weniges alle Musikalien an mir tragen und mit den Noten vor ihnen stehen, aber der Premier-Leutnant (er sitzt zugleich in der Regierung und Kammer) glaubte, die Pfeifer wurden lachen, wenn sie bliesen. So ging mirs von jeher, teuere Kerstene; aber trabt nicht auf meinem teuern Mantel herum! Zum Ungluck schritt ich gar in die Ehe mit einer mit eingeschmolzenen Siegeln79 ausgestatteten Wienerin, namens Praenumerantia Elementaria Philanthropia80 ihr wisset nicht, was es zu deutsch heisst , einem wahren Hollenbesen, der mich wie einen Parforcehirschen hier ins Schilfrohr hereingehetzt. Kerstene, ich blamiere mich im Wasser, wenn ich mit unserm Wehestande ganz herausgehe; kurz meine Philanthropia war vor der Ehe wie die Stacheln eines neugebornen Igels weich, aber in der Ehe, als das Laub herunter war, sah ich wie auf Baumen im Winter ein Rabenund Teufels-Nest nach dem andern. Sie zog sich stets so lange an, bis sie sich wieder ausziehen musste wenn ein Fehler an mir oder den Kindern gehoben war, zankte sie noch ein wenig fort, wie man sich noch fort erbricht, wenn das emeticum und alles schon heraus ist- sie gonnte mir wenig, und hatt' ich ein Fontanell gehabt, sie hatte mir die frische Erbse vorgeruckt, die ich jeden Tag hatte hineinlegen mussen kurz wir wollten beide verschieden hinaus, der Rungnagel der Liebe war ausgezogen, und ich fuhr mit den Vorderradern ins Wasser herein, und meine Praenumerantia halt mit den Hinterradern zu Hause. Seht, meine Weiber, darum tu' ich mir mein Leid an der Atzmann81 hatte mich ohnehin bei der Kehle gegriffen ; spiegelt euch aber! Denn wenn ein Mann, der ein Gelehrter ist und darum, wie ihr von Fichten noch wisset, als angestellter Aufseher, Lehrherr und Mentor des Menschengeschlechts herumgeht, vor seiner Frau ins Wasser springt und seine Ephorie und Hofmeisterstelle fahren lasset: so konnt ihr schliessen, wozu eure Manner, die sich mit mir gar nicht messen durfen in der Gelehrsamkeit, kapabel sind, falls ihr solche Pranumerantien, Elementarien und Philanthropien seid, wie ihr leider das Ansehen habt. Aber" (beschloss er plotzlich, da er Albano und den Doktor sah) "schert euch fort, ich will ersaufen!"
"Ach lieber Schoppe!" sagte Albano Schoppe errotete uber die Lage "Es will ein Hanswurst sein", sagte das weichende Leichen-Kondukt "Was ist denn das fur eine Kinderei?" fragte Sphex, nachzurnend uber Albanos vorige Heftigkeit und uber den anatomischen Fehlschuss, und nahm sich Genugtuung durch die Erzahlung von dessen Toben. Schoppe erkannte, wie herzlich ihn der edle Jungling liebe, und er wollte nichts sagen, weil er sich schamte, aber er schwur sich, ihn nachstens (nach seinem auch im stummen Denken bizarren Ausdrucke) in seine Brusthohle einzulassen und ihm darin ein ganzes wildes Herz voll Liebe hangend zu weisen.
49. Zykel
Der blaue Tag, wo eine Himmelfahrt, eine Huldigung und ein Geburtstag gefeiert wurde, stand schon uber Pestitz nach abgelegter Morgenrote zwei Pferde waren schon die Vorlaufer von vieren, der niedrige Kutschbock vom hochsten der Landadel ging schon unbequem-frisiert in die Wirtsstuben herab und krankte sich uber das gestohlne schonste Wetter zur Birkhahn-Falz, und der Stadtadel sprach noch ungepudert uber den Tag, aber ohne wahren Ernst der Hof-Mikrometer82, der Hofmarschall, war von allen seinen Furiers umgeben die Hof-Passage-instrumente83, die Hofleute, hatten statt ihres halben Feiertages, wo sie nur nachmittags fronen, einen ganzen Werkeltag und standen schon am Waschtische der Huldigungsprediger Schape glaubte fast alles von seiner Rede, weil er sie zu oft gelesen, und die Nahe der Publikation flosste ihm Ruhrung ein kein Domino fur den Abend war mehr zu haben, ausser bei den Juden als ein Mann vor der Hausture des Doktors abstieg, ders unter allen mit der Huldigung am redlichsten und warmsten meinte, der Direktor Wehrfritz. Es war ein Sohn und ein Vater einander in den Armen, ein feuriger Jungling und ein feuriger Mann. Albano schien ihm nicht mehr der Alte zu sein, sondern noch warmer als sonst. Er brachte von "seinen Weibern", wie er sie nannte, gluckwunschende Briefe und Angebinde fur den Geburtstag mit; er selber machte nicht viel aus dem Tage oder vergass ihn, und Albano hatt' ihn nur nach dem Erwachen ein wenig gefeiert. Diese Feste gehoren mehr weiblichen Wesen an, die gern mit Zeiten liebend und gebend tandeln.
Der Titularbibliothekar marschierte auf ein Dorf, namens Klosterdorf, hinaus, wo der Schulz mit seiner Familie nach einer alten Sitte den Fursten mit der seinigen nachmachen und so als Kommissionar die Huldigung des benachbarten Umkreises eintreiben musste; diese, sagte Schoppe, lass' er sich noch gefallen, aber die andre wirke zu fatal auf seine Eingeweide. Der vom heutigen Tage geblendete und mit einer Amtsrede vorn an die Ritterschaft postierte Direktor biss sich mit Schoppe herum: "Die Kammer und der Hof", sagt' er, "sind freilich von jeher, wie sie sind; aber die Fursten, lieber Herr, sind gut, sie werden selber ausgesogen, und dann scheinen sie auszusaugen." "Wie etwan", versetzte Schoppe, "die Leichen-Vampyren nur Blut von sich geben, indes sie es zu nehmen scheinen; aber das bring' ich dadurch wieder ein, dass ich den Regenten ausser den fremden Sunden auch fremde Verdienste, Siege und Opfer ganz beimesse; hier sind sie die Pelikane, die ein Blut fur ihre Kinder vergiessen, das wirklich ihr eignes zu sein scheint von weitem."
Alle gingen; Schoppe aufs Land; Wehrfritz in die Kirche mit der Prozession; Albano in eine ZuschauerLoge am Huldigungssaale; denn er wollte auf keine Weise in die Schleppe des Fursten eingestickt sein, nicht einmal als Besatz. Das Prunk-Getummel rauschte bald in den Saal zuruck. Die Ritterschaft, die Geistlichkeit und die Stadte bestiegen die Schwurbuhne. Im Schlosshofe stand ein Fuss auf dem andern, und eine Nadel konnte zwar zur Erde kommen, aber kein Mensch, um sie aufzuheben; jeder sah auf den Balkon herauf und fluchte fruher, als er schwur. Der Furst blieb auch nicht weg der Thron, dieser graduierte und paraphrasierte Furstenstuhl, stand offen, und Fraischdorfer hatt' ihn mit schonen mythologischen und heraldischen Verkropfungen und Aussenwerken dekoriert.
Dem Grafen gegenuber bluhten die Hofdamen und darunter eine Rose und eine Lilie, Julienne und Liane. Wie man das Auge von der frostigen starren Wintergegend zum blauen wehenden Himmel aufhebt, der unsre Fruhlingsabende ansah und worin die leichten Sommerwolken gingen und der Regenbogen stand: so blickte er uber das glanzende Schneelicht des Hofes zur lieblichen Grazie des Lenzes hin, um welche Erinnerungen wie Blumen hingen, und die nun so fern stand, so abgetrennt, so eingekerkert in den schweren Putz des Hofes! Nur durch die nahe Freundin wurde sie leise mit der grellen Gegenwart verschmolzen und versohnt.
Nun fingen schone Amtsreden an, die langste hielt der alte Minister, die kurzeste Wehrfritz; der Furst liess an seinem Dezember-Gesicht, ohne aufzutauen, die warmen Lobreden voruberstreichen; eine fehlerhafte Gleichgultigkeit! Denn das Lob vom Minister wie von andern Hof-Bedienten kann ihm noch bei der Nachwelt helfen, da nach Bako keines gultiger ist als das, so Bediente geben, weil sie ja den Herrn am besten kennen.
Dann las der Obersekretar Heiderscheid Luigis Stammtafel ab und beleuchtete den hohlen Stammbaum samt seiner Baumtrocknis und dem letzten blassgrunen Astchen; mit gesunknen Augen horte Julienne dieses unter dem Vivat des Volks an, und Albano, nie von einem Gedanken allein bezwungen, sah ihre Augen und konnte, so hart auch der Regent zuhorte, sich des Leichengemaldes nicht erwehren, wie einmal, d.h. sehr bald, dieser erloschne Mensch den Namen seines ganzen Stammes in die Gruft nachziehen werde; er sah das Wappen verkehrt einhauen und den Schild verkehrt aufhangen und horte die Schaufeln, die den Helm zerstiessen und dem Sarge nachwarfen. Dustre Idee! die weiche Schwester hatte gewiss geweint, ware sie nur allein gewesen!
Zuletzt kam die Reihe auch an die, an welche sie nie zuerst kommt, ob sie gleich die einzigen sind, die es mit solchen Zeremonien herzlich meinen; Heiderscheid trat auf den Balkon und liess die wimmelnde laute Menge die Vorderfinger und den Daum ausstrekken und den Eid nachsagen. Diese immer bezauberte jauchzete Vivat in den geblendeten Augen funkelte die Zuversicht einer bessern Regierung und die Liebe fur einen Ungekannten. Der Graf, den ohnehin eine Menge feurig, so wie Schoppen trube machte, gluhte begeistert von Bruderliebe und Tatendurst; er sah die Fursten wie Allmachtige auf ihren Hohen walten und sah die bluhenden Landschaften und die heitern Stadte eines weise regierten Landes aufgedeckt er stellte es sich vor, wie er, war' er ein Furst, mit dem schlagenden Funken aus der Zepterspitze in Millionen verknupfter Herzen auf einmal belebend und erschutternd strahlen konnte, indes er jetzt so muhsam einige nachste entzunde er sah seinen Thron als einen Berg in Morgenlicht, der schiffbare Strome statt der Lava in die Lander herabgiesset und die Sturme bricht und um dessen Fuss Ernten und Feste rauschen er dachte sichs, wie weit er von einer so hohen Stelle das Licht umherstreuen konnte, gleichsam ein Mond, der nicht die Sonne am Tage verbauet, sondern ihr fernes Licht aus seiner Hohe der Nacht zuwirft und wie er die Freiheit, statt sie nur zu verteidigen, erschaffen und erziehen und ein Regent sein wollte, um Selbstregenten84 zu bilden; "aber warum bin ich keiner?" sagt' er traurig.
Edler Jungling! geben denn dir deine Ritterguter keine Untertanen? Aber ebenso glaubt der kleinere Furst, ein Herzogtum wollt' er ganz anders regieren, und der hohere glaubt es von einem Konigreiche und der hochste von der Universalmonarchie.
Indes zogen sich den ganzen sonderbaren unruhigen Tag wilde Junglings-Perspektiven vor ihm hin und her, und die alte Geisterstimme, der er heute entgegenging, wiederholte in ihm den dunkeln Zuruf: Nimm die Krone! Wehrfritz kam abends mit rotem Gesichte vom feurigen Huldigungsmahle zuruck, und Albano nahm von ihm einen bewegten Abschied, gleichsam von der Ebbe und Windstille des Lebens, von der kindlichen Jugend; denn heute tritt er tiefer in die Wellen desselben. Schoppe kam zuruck und wollte ihn vor das Loch seines Guckkastens haben, worin er die Vikariats-Huldigung in Klosterdorf in komischen Bildern vorbeischob; aber diese stachen zu hart mit hohern ab und machten wenig Gluck.
Nachts legte Albano seine schone ernste Charaktermaske an, die eines Tempelherrn zu einer komischen war seine Gestalt und fast seine Gesinnung zu gross ; die letztere wurde noch feierlicher durch dieses Totenkleid eines ganzen ermordeten Ritterordens. Nachdem er sich noch einmal die schauerlichen Gange des Tartarus und die Begrabnisstatte des Furstenherzens wegen des nachtlichen Verirrens beschreiben lassen: so ging er um 10 Uhr fort mit einer hochschlagenden Brust, welche die Nachtlarven der Phantasie und die Freundschaft und die Liebe und die ganze Zukunft vereinigt aufregten.
50. Zykel
Albano trat zum ersten Male in die verkehrte Marionettenwelt einer Redoute wie in ein tanzendes Totenreich. Die schwarzen Gestalten die aufgeschlitzten Larven die darhinter wie aus der Nacht blickenden fremden Augen, die wie an jenem zerstaubten Sultan im Sarge allein lebendig blieben die Vermischung und Nachaffung aller Stande das Fliehen und Ringrennen des klingenden Tanzes und seine eigne Einsiedelei unter der Larve, das versetzte ihn mit seiner shakespeareschen Stimmung in eine Zauber- und Geister-Insel voll Gaukeleien, Schattenbilder und Verwandlung. Ach das ist das Blutgeruste, dacht' er zuerst, wo der Bruder deiner Liane sein junges Leben wie ein Trauergewand zerriss; und er sah bange umher, als furcht' er, Roquairol versuche wieder den Tod.
Unter den Masken fand er keine, worunter er ihn vermuten konnte; diese geistlose Vetterschaft von stehenden Rollen, die Laufer, die Fleischer, die Mohren, die Altvordern etc., diese konnten keinen Geliebten Albanos verbergen. Einsam und umherblickend schritt er hinter den Reihen der Anglaise auf und ab; und mehr als zehn Augen, die gegenuber in der ringformigen Finsternis der Spitzenmaske blitzten denn die Weiber lieben aus Offenherzigkeit die Masken nicht, sondern zeigen sich gern , folgten der kraftig und geschmeidig gebaueten Gestalt, die mit dem kuhnen Helme und Federbusche, mit dem bekreuzten weissen Mantel und dem Panzerglanze auf der Brust einen Ritter aus der heroischen Zeit zu bringen schien.
Endlich ging eine verlarvte Dame, die zwischen unverlarvten plauderte, mit grossen Schritten und Fussen auf ihn zu und fasste keck wie zum Tanze seine Hand. Er war ausserst verlegen uber die Kuhnheit der Aufforderung und uber die Wahl der Antwort; gerade die Tapferkeit ist gern mit Galanterie vermahlt, wie die Damaszener Waffe ausser der Harte noch einen ewigen parfumierten Geruch besitzt; aber die Dame schrieb nur die Frage nach seinem Namen v. C.? in die Hand; und nach dem Ja sagte die reizende leise: "Kennen Sie mich nicht mehr? den Exerzitienmeister von Falterle?" Albano bezeugte, ungeachtet seines Widerwillens gegen die Rolle, eine wahre Freude uber den Fund eines Jugend-Genossen. Er fragte, welche Maske der Oberst Roquairol sei; Falterle versicherte, er sei noch nicht da.
Nun gingen da die Laufer, die Fleischer, Falterle u.s.w. nur die Schneeglockchen dieses Redoutenfruhlings waren schon bessere Blumen, Veilchen, Vergissmeinnicht und Primeln, auf oder herein. Fur ein solches Vergissmeinnicht seh' ich einen hereinkommenden, hinten und vornen ausgewachsenen und wie ein Brennglas konvexen Kerl an, der bald das Hintergebaude offnete und Konfekt aus dem Buckel ausschuttete, und dann das Vordergebaude und Bratwurste gebar. Hafenreffer aber schreibt, die Invention sei schon einmal auf einer Wiener Redoute gewesen. Dann kam eine Gesellschaft deutscher Spielkarten, die sich selber mischten und ausspielten und stachen; ein schones Sinnbild des Atheismus, das ihn ganz ohne das Ungereimte darstellt, womit man ihn so gern beschmitzte! Herr von Augusti erschien auch, aber im einfachen Kleide und Domino; er wurde (dem Grafen unbegreiflich) sehr bald der Polarstern der Tanzer und der regierende kartesianische Wirbel der Tanzschule.
Mit welchem elenden schwarzen Kommiss- und Bettelbrote von Freude dachte Albano, dem den ganzen Tag seine Traume, diese Tauben Jupiters, Gotterbrot zutrugen kommen diese Menschen aus Und wie kahl und fahl ist ihr Feuer, ihre Phantasie und Sprache (dacht' er dazu), ein wahres Leben unten in einer finstern Gletscherspalte! Denn er glaubte, jeder musse so angespannt und gluhend sprechen und fuhlen wie er.
Jetzt kam ein hinkender Mann mit einem grossen Glaskasten auf dem Bauche; freilich war der Bibliothekar leicht zu kennen; er hatte entweder weil er zu spat nach einem Domino schickte oder keinen bezahlen wollte vom Leichenmantel-Verleiher etwas Schwarzes an und war von der Achsel bis auf das Schienbein mit greulichen Masken besetzt, die er mit vielen Fingerzeigen meistens den Leuten antrug, die hinter entgegengesetzten agierten, z.B. langnasigen kurznasige. Er wartete auf den Anfang einer Hopsanglaise, deren Noten gerade auf der Spielwalze seines Kastens standen; dann fing er auch an; er hatte darin eine treffliche, von Bestelmaier gehobelte Puppen-Redoute und liess nun die kleinen Larven hopsen parallel mit den grossen. Es war ihm um vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu tun, und der Parallelismus war betrubt. Dabei hatt' ers noch mit Beiwerken aufgeputzt kleine Stummen schwenkten im Kasten ihr Glocklein ein ziemlich erwachsenes Kind schuttelte die Wiege eines unbelebten Puppchens, womit das Narrchen noch spielte ein Mechanikus arbeitete an seiner Sprachmaschine, durch welche er der Welt zeigen wollte, wie weit blosser Mechanismus dem Leben der Puppen nachkommen konne eine lebendige weisse Maus85 sprang an einem Kettchen und hatte viele vom Klub umgeworfen, falls sie es zerrissen hatte ein lebendiger eingesargter Star, eine wahre erste griechische Komodie und Lasterschule im kleinen, verubte an der Tanzgesellschaft den Zungentotschlag ganz frei und distinguierte nicht eine Spiegelwand ahmte die lebendigen Szenen des Kastens tauschend nach, so dass jeder die Bilder fur wahre Puppen nahm.
Auf Albano traf die Schneide dieses kosmisch-tragischen Dolches senkrecht genug, da ihm ohnehin das hupfende Wachs- figurenkabinett der grossen Redoute die Einsamkeit des Menschen zu verdoppeln und zwei Ichs durch vier Gesichter zu trennen schien; aber Schoppe ging weiter.
In seinem Glasschranke stand eine Pharaobank und daneben ein Mannchen, das den verlarvten Bankier in schwarzes Papier ausschnitt, aber dem deutschen Herrn ahnlich; diese Schilderei trug er ins Spielzimmer, wo eine bankhaltende Maske ganz gewiss Zefisio ihn horen und sehen musste. Der Bankier sah ihn einigemal fragend an. Dasselbe tat eine ganz schwarz gekleidete Maske mit einer sterbenden Larve, die das hippokratische Gesicht vorstellte86. Albano sah feurig nach ihr, weil ihm vorkam, es konne Roquairol sein, denn sie hatte dessen Wuchs und Fackelauge. Die bleiche Larve verlor viel und verdoppelte immer den Verlust; dabei trank sie aus einem Federkiele unmassig Champagner-Wein. Der Lektor kam dazu; Schoppe spielte vor den zulaufenden Augen weiter; die bleiche Larve sah unverruckt und strenge den Grafen an. Schoppe nahm vor Bouverot seine eigne herab aber eine Unterzieh-Maske sass darunter er zog diese aus eine Unterzieh-Maske der UnterziehMaske erschien er triebs fort bis zur funften Potenz endlich fuhr sein eignes hockeriges Gesicht hervor, aber mit Goldschlagergold bronziert und sich gegen Bouverot fast furchterlich-gleissend und lachelnd verziehend.
Die bleiche Larve selber schien zu stutzen und eilte mit weiten Schritten weg in den Tanzsaal; sie warf sich wild in den wildesten Tanz. Auch das bewahrte Albanos Vermutung, so wie ihr grosser trotzender Hut, der ihm eine Krone schien, weil er an dem mannlichen Anzuge nichts hoher schatzte als Pelz, Mantel und Hut.
Immer mehrere Finger zogen die Lettern v. C. in seine Hand, und er nickte unbekummert. Die Zeit umgab ihn mit vielfachen Dramas, und uberall stand er zwischen Theater-Vorhangen. Als er mit dem unruhigen Kopfe und Herzen ins Bogenfenster trat, um zu sehen, ob er bald Mondschein fur seinen Nachtgang habe: so sah er uber den Markt einen schweren Leichenwagen zwischen Fackeln ziehen, der einen Rittergutsbesitzer seiner Familiengruft zufuhr; und der ungestorte Nachtwachter rief dem schleichenden Toten den Anfang der Geister- und einer uns teuren Geburtsstunde nach. Musste nicht sein getroffnes Herz es ihm sagen, wie der harte, feste, unauflosbare Tod mit seiner Gletscherluft so scharf durch die warmen Szenen des Lebens ruckt und alles, woruber er wegweht, hinter sich starr lasset und schneeweiss? Musst' er nicht an die erkaltete junge Schwester denken, deren Stimme jetzt seiner im Tartarus wartete? Und als Schoppe mit seiner Puppen-Travestierung zu ihm kam und er ihm die Gasse zeigte und dieser sagte: "Bon! der Freund Hein sitzt auf seinem Purschwagen und guckt ruhig herauf, als wolle der Freund sagen: bon! tanzt nur zu, ich fahre retour und bring' euch auch an Ort und Stelle" wie musst' es ihm so enge werden unter dem schwulen Visier! In dieser Sekunde kam die bleiche Larve mit andern ins Fenster er offnete das gluhende Gesicht der Kuhlung ein schneller Weintrunk und noch mehr seine Phantasie zeigte ihm die Welt in brennenden Oberflachen die Larve beschauete ihn nahe mit einer ungewissen dunkeln Augen-Glut, die er am Ende nicht langer vertrug, weil sie ebensogut vom Hasse als von der Liebe angezundet sein konnte, so wie Sonnenflecken bald Gruben, bald Geburgen ahnlich schienen.
Eilf Uhr war vorbei, er entwich plotzlich den heissen Blicken und dem kreischenden Gedrange und begab sich auf den Weg zum Herzen ohne Brust.
51. Zykel
Indes er am Tore auf seinen Degen wartete: lief eine Gruppe neuer Masken (meistens Reprasentanten der Leblosigkeit, z.B. ein Stiefel, ein Peruckenstock u.s.w.) in die Stadt, und sie guckten verwundert den fremden weissen langen Ritter an. Er nahm den Degen mit, aber nicht den Bedienten. Ubrigens liess ihm sein Charakter bei aller Gefahr, worein der Besuch eines abgelegnen dustern Katakombenganges und das fremde Vorauswissen dieses Besuches ihn sturzen konnte, doch keine andre Wahl als die getroffne; nein, er hatte sich lieber morden lassen als vor seinem Vater geschamt.
Wie stieg dein Geist empor, gleich einem Blitze, der aufwarts gegen den Himmel hineinschlagt, als die grosse Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen aufgerichtet vor dir war! Unter dem Himmel gibt es keine Angst, nur unter der Erde! Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach Elysium, den am Sonntage Tautropfen und Schmetterlinge farbten. In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus der Erde und gingen; es war der Leichenwagen mit den Fackeln in der tiefen Strasse. Als er an den Scheideweg kam, der durch die Schlossruinen in den Tartarus fuhrt: sah er sich nach dem Zauberhaine um, auf dessen gewundner Brucke ihm Leben und Freudenlieder begegnet waren; alles war stumm darin, und nur ein langer grauer Raubvogel (wahrscheinlich ein papierner Drache) drehte sich daruber hin und her.
Er kam durch das alte Schloss in einen abgesagten Baumgarten, gleichsam ein Baumkirchhof; dann in einen bleichen Wald voll abgeschalter Maienbaume, die alle mit verbluhten Bandern und erblassten Fahnen gegen das Elysium sahen; ein verdorrter Lusthain so vieler Freudentage. Einige Windmuhlen griffen mit langen Schattenarmen dazwischen, um immer zu fassen und zu schwinden.
Ungestum lief Albano eine von Uberhangen verfinsterte Treppe hinab und kam auf ein altes Schlachtfeld eine dunkle Wuste mit einer schwarzen Mauer, nur von weissen Gipskopfen durchbrochen, die in der Erde standen, als wollten sie versinken oder auferstehen ein Turm voll blinder Tore und blinder Fenster stand in der Mitte, und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte mit der hin- und hergefuhrten eisernen Rute die immer wieder zusammenrinnende Welle der Zeit auseinanderteilen sie schlug drei Viertel auf 12 Uhr, und tief im Walde murmelte der Widerhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den entfliegenden Menschen die fliegende Zeit. Der Weg umlief im ewigen Kreise ohne Pforte die Gottesackermauer; Alban musste, nach der Nachricht, eine Stelle an ihr suchen, wo es unter ihm brausete und schwankte.
Endlich trat er auf einen mit ihm sinkenden Stein, da fiel ein Ausschnitt der Mauer um, und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen, deren Stamme sich in Buschwerk einwickelten, war vor jeden Strahl des Mondes gewalzt. Als er unter der Pforte sich umsah, hing uber der schattigen Treppe ein bleicher Kopf gleich einer Buste des Mordfeldes und ging ohne Korper herab, und die verbluteten Toten schienen aufzuwachen und ihm nachzulaufen der kalte Hollenstein des Schauders zog sein Herz zusammen; er stand; der Leichenkopf schwebte unbeweglich uber der letzten Staffel.
Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut, er wandte sich gegen den unformlichen Wald mit gezogenem Degen, weil er sein Leben neben dem bewaffneten Tode vorbeitrug. Er folgte in der Finsternis der grunenden Turme dem Getose des unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens. Zum Ungluck sah er sich wieder um, und der Leichenkopf stand noch hinter ihm, aber hoch in den Luften auf dem Rumpfe eines Riesen. Der hochste Schauer trieb ihn allzeit mit zugedruckten Augen auf ein Schreckbild los; er rief zweimal durch den hallenden Wald: "Wer ist da?" Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kopf neben dem ersten zu stehen schien; so klebte seine Hand an dem eiskalten Schlosse der Pforte der Totenwelt gefroren an, und er riss sie blutig ab.
Er floh und sturzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen freien Garten und in den Glanz des Mondes; hier, ach hier als er den heiligen unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah, die nie auf- und untergehen, den Pol-Stern und Friedrichs Ehre, die Baren und den Drachen und den Wagen und Kassiopeja, die ihn mild wie mit den hellen winkenden Augen ewiger Geister anblickten; da fragte der Geist sich selber: "Wer kann mich ergreifen, ich bin ein Geist unter Geistern"; und der Mut der Unsterblichkeit schlug wieder in der warmen Brust.
Aber welcher sonderbare Garten! Grosse und kleine blumenlose Beete voll Rosmarin, Raute und Taxus zerstuckten ihn ein Kreis von Trauerbirken umgab wie ein Leichengefolge gesenkt den stummen Platz unter dem Garten murmelte der begrabne Bach und in der Mitte stand ein weisser Altar, neben welchem ein Mensch lag.
Albano wurde gestarkt durch die gemeine Kleidung und durch den Handwerksbundel, worauf der Schlafer ausruhte; er trat ganz dicht an ihn und las die goldne Inschrift des Altars: "Nimm mein letztes Opfer, Allgutiger!" Das Herz des Fursten sollte hier zur Asche werden im Altare.
Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Tranen, hier Menschenworte zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott; aber als er geruhrt dem Schlafer zusah, sagte ihm plotzlich die Schwesterstimme, die er auf Isola bella gehort, leise ins Ohr: "Linda de Romeiro geb' ich dir." "Ach guter Gott!" rief er und fuhr herum und nichts war um ihn und er hielt sich an die Altarecke "Linda de Romeiro geb' ich dir", sagte es wieder furchterlich packte ihn der Gedanke, der schwebende Leichenkopf rede neben ihm und er riss am festen Schlafer, der nicht erwachte und riss und rief noch gewaltsamer, als die Stimme zum dritten Male sprach.
"Wie?" (sagte der Schlaftrunkene) "Gleich! Was will Er? Sie?" und richtete sich unwillig und gahnend auf, aber er fiel bei dem Anblicke des nackten Degens wieder auf die Knie und sagte: "Barmherzigkeit! ich will ja alles hergeben!"
"Zesara!" rief es im Walde, "Zesara, wo bist du?" und er horte seine eigne Stimme; aber kuhn rief er nun zuruck: "Am Altare!" Eine schwarze Gestalt drang heraus mit einer weissen Maske in der Hand und stockte im Mondlichte vor der bewaffneten; da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens, nach dem er so lange gelechzet er schleuderte den Degen zuruck und lief ihm entgegen Roquairol stand stumm, bleich und mit einer erhabnen Ruhe auf dem Gesichte vor ihm Albano blieb nahe stehen und sagte geruhrt: "Hast du mich gesucht, Karl?" Roquairol nickte stumm und hatte Tranen in den Augen und offnete die Arme. Ach da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Tranen der Liebe an die langgeliebte Seele sturzen, und er sagte unaufhorlich: "Nun haben wir uns, nun haben wir uns!" Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner Zukunft und stromte in Tranen hin, weil ja nun die verschlossene Liebe so langer Jahre und so viele zugedruckte Quellen des armen Herzens auf einmal fliessen durften. Roquairol druckte ihn nur zitternd an sich und leise mit einem Arme; und sagte, aber ohne Heftigkeit: "Ich bin ein Sterbender, und das ist mein Gesicht," (indem er die gelbe Totenmaske emporhielt) "aber ich habe meinen Albano, und ich sterbe an ihm."
Sie verstrickten sich wild das Mark des Lebens, die Liebe, durchdrang sie schopferisch der Boden uber dem rollenden Erdenflusse wankte heftiger und der Sternenhimmel zog mit dem weissen Zauberrauche seiner zitternden Sterne um die magische Glut
Ach ihr Glucklichen!
52. Zykel
Einige Menschen werden verbunden geboren, ihr erstes Finden ist nur ein zweites, und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu, sondern auch eine Vergangenheit; die letztere forderten einander die Glucklichen ungeduldig ab. Roquairol antwortete auf Albans Frage, wie er hieher komme, mit Feuer: "er sei ihm diesen ganzen Abend gefolgt er habe ihn am Fenster unter dem Leichengeprange so peinlichschmachtend angeschauet und beinahe umarmen mussen er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden und habe auf seine Frage: 'wer da?' sogleich die Maske abgetan." Jetzt griff wieder Albanos gefallner Arm straff durch das dunne Schattenspiel der Geisterfurcht, da er nun erfuhr, der zweikopfige Riese sei bloss vom optisch-vergrossernden Wahne der Ferne einer so nahen Gestalt erwachsen, und der Leichenkopf habe auf der Treppe seinen Rumpf nur eingebusst durch die finstern Uberhange und durch die schwarze Bekleidung; sogar die harte Geisterszene am Altare schien ihm jetzt bezwinglicher durch den reichen Gewinst der lebendigen Liebe.
Roquairol fragte ihn, welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher auf einen herrnhutischen Gottesacker getrieben und wohin er den Menschen mit dem Degen abgeschickt. Albano wars unbekannt, dass hier Herrnhuter ruhen; und ebenso hatt' er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verubten Diebstahl des Degens nicht bemerkt. Er antwortete: "Meine tote Schwester wollte am Altare mit mir reden; und sie hat geredet"; aber er furchtete sich, mehr davon zu sprechen. Da anderte sich plotzlich Roquairols Gesicht er starrte ihn an und forderte Beteuerung und Erklarung unter dieser schauete er in die Luft, als wollt' er aus ihr durch Blicke Gesichter ziehen, und sagte, indem er doch Albano ansah, eintonig: "Tote, Tote, rede wieder!" Aber nur der Totenfluss redete unter ihnen fort und nichts weiter. Aber er warf sich vor dem Altare auf die Knie und sagte vermessen und doch mit bebenden Lippen: "Spring auf, Geisterpforte, und zeige deine durchsichtige Welt ich furcht' euch Durchsichtige nicht, ich werde einer von euch, wenn ihr erscheint, und gehe mit und erscheine auch." "O mein Guter, lasse nach", bat Albano, nicht nur aus Gottesfurcht, auch aus Liebe; denn ein Zufall, ein voruberschiessender Nachtvogel konnte sie ja durch ein Entsetzen toten; auch stand dieses Entsetzen nicht weit von ihnen; denn auf der erleuchteten Seite der Trauerbirken trat eine majestatische weisse alte Gestalt heraus. Aber da Roquairol, durch Wein und Phantasie wahnsinnig, die sterbende Larve in die Lufte reichte und gegen das Grab des Herzens sagte: "Nimm dieses Gesicht, wenn du keines hast, alter Mann, und blicke mich an hinter ihr!" so riss ihn Albano auf die weisse Gestalt trat mit gebucktem Kopfe und gefalteten Handen in die Zweige zuruck der runde Turm auf dem Schlachtfelde schlug die Stunde aus, und die traumende Gegend schlug sie murmelnd nach.
"Komm an mein warmes Herz, du heftige Seele o dass ich dich gerade an meinem Geburtstage in meiner Geburtsstunde erhalten durfte!" Dieser Laut schmolz auf einmal den immer wechselnden Menschen, und er hing sich mit nassen Freudenaugen an ihn und sagte: " und bis in unsre Sterbestunden hinein! O sieh mich nicht an, du Unveranderlicher, weil ich so schwankend und gebrochen erscheine in den Wogen des Lebens bricht sich und ringelt sich der Mensch, wie der Stab im Wasser flattert, aber das Ich steht doch fest wie der Stab. Ich will dir folgen in andre Orte des Tartarus; aber erzahle auch die Geschichte."
Diese Geschichte geben, hiess ein Allerheiligstes des Innern oder auch einen Sarg dem Tageslichte offnen; aber glaubt ihr, dass Albano sich eine Minute bedachte? Oder ihr selber? Wir sind alle bessere, offnere, warmere Freunde, als wir wissen und zeigen; es begegne euch nur der rechte Geist, wie ihn die durstende Liebe ewig fordert, rein, gross, hell und zart und warm, dann gebt ihr ihm alles und liebt ihn ohne Mass, weil er ohne Fehler ist. Albano fand in diesem Fremdlinge den ersten Menschen, der sein ganzes Herz mit gleichen Tonen erwiderte, das erste Auge, das seine schuchternen Gefuhle nicht flohen, eine Seele, vor deren erster Trane aus seinem ganzen kunftigen Leben Blumen auffuhren wie aus den trocknen Wusten heisser Lander unter der Regenzeit; daher gab die Liebe seinem starken Geiste nur die gleiche weite Bewegung eines Meeres, indes der obwohl Altere und langer gebildete Freund ein Strom mit Wasserfallen war.
Karl fuhrte ihn in die sogenannte Katakombe, indes er der Geistergeschichte von Isola bella zuhorte, aber, von der vorigen erschopft, mit fallender Furcht. Ein odes verkohltes Tal voll offner verfallner Schachte sonnte sich grau im Mondscheine; aus dem Walde kroch unter ihren Fussen der Totenfluss hervor und sprang auf eine steinerne Treppe in die Katakomben hinein; beide folgten ihm auf einer darneben. Der Eingang trug als Stirnblatt ein altes Zifferblatt, wovon einmal der Donner gerade die Stunde Eins weggeschlagen: "Eins?" (sagte Alban) "Sonderbar! Gerade unsre kunftige Stunde?"
Wie abenteuerlich zieht sich die Katakombe fort! Der lange Totenfluss murmelt verfinstert tief hinein und blitzt zuweilen unter dem silbernen Dampfe, den das Mondlicht durch die Schachtlocher hereintreibt feste Tiere, Pferde, Hunde, Vogel, stehen saufend am finstern Ufer, namlich ihre ausgepolsterten Haute schmale, von der Zeit geschleifte Leichensteine mit wenigen Namen und Gliedern sind das Pflaster an einer hellern Nische lieset man, dass hier eine Nonne eingemauert gewesen in einer andern steht das vererzte Skelett eines verschutteten Bergmanns mit vergoldeten Rippen und Schenkeln an zerstreueten Orten waren schwarze Papierherzen arkebusierter Menschen und Blumenstrausser armer Sunder gesammlet, die Rute, die einen Begnadigten durch Bestreifen getotet, eine glaserne Buste mit einem Phosphorpunkte im Wasser, Westerhemdchen und andre Kinder-Kleider und Spielwaren und ein Zwergskelett
Als ihm Roquairols erklarende Worte, dessen Lebensweg immer in Grufte hinab- und auf Graber hinauflief, das Leben immer durchsichtiger und flitterhafter schlugen; so fuhr Zesara nach seiner Art auf einmal kopfschuttelnd, die Brust vorhebend, in den Sand einstampfend und fluchend (was er leicht im Erschrekken und in grosser Ruhrung tat) mit den Worten auf: "Beim Teufel! Du zerdruckst mir und dir die Brust. Es ist ja nicht so! Sind wir nicht beisammen? Hab' ich nicht deine warme lebendige Hand? Brennt in uns nicht das Feuer der Unsterblichkeit? Ausgebrannte Kohlen sind diese Gebeine und weiter nichts; und das himmlische Feuer, das sie zerlegte, hat wieder andres Brennholz ergriffen und lodert fort. O," (setzt' er wie getrostet dazu und trat in den Bach und blickte durch die Schacht-Offnung zum reichen Monde empor, der vom Himmel herunterstromte, und seine grossen Augen standen voll Glanz) "o, es ist ein Himmel und eine Unsterblichkeit wir bleiben nicht in der dunkeln Hohle des Lebens wir ziehen auch durch den Ather wie du, du glanzende Welt!"
"Ach du Herrlicher!" (sagte Karl, dessen Seele aus Seelen bestand) "ich will dich nun auch zu einer frohern Stelle bringen." Sie waren kaum acht Schritte weg, als es sich hinter ihnen verdunkelte und ein oben hereingeworfener Degen aufrecht mit der Spitze in den Sand der Wellen fuhr. "O du hollischer Teufel droben!" rief der ergrimmte Roquairol; aber Alban wurde weich uber die eiserne Jungfrau der Sterbensstunde, die so nahe an ihm die scharfen Arme zusammengeschlagen hatte. Sie fassten sich warmer und gingen still und bange einem leisen Getone und einem Grabhugel entgegen. Sie setzten sich auf ihn, gegenuber einem mit der qualenden Katakombe einen rechten Winkel bildenden Gang, den grunes Moos auslaubte und dessen Lange die zerbrockelten Funken von faulem Holze bezeichneten. Er verlor sich in eine offne Pforte und Aussicht ins Elysium, von welchem nur die weissen Gipfel einiger Silberpappeln zu erkennen waren, und in der Ferne sah man das Fruhlingsrot der Mitternacht am Himmel bluhen, und zwei Sterne blitzten daruber. Doch wurde die Pforte vergittert und bewacht durch ein Skelett mit einer Aolsharfe in der Hand, das auf ihr die dunnen Molltone zu greifen schien, mit denen jetzt der Zugwind in die Hohle floss.
"Erzahle hier" (sagte Karl an der schonen Stelle und neugieriger durch den Morderwurf von Albans Degen) "das Heutige aus!" Albano berichtete ihm redlich das Wort der Schwesterstimme: "Linda de Romeiro geb' ich dir." Er dachte im Gerausche seines Innern nicht an die Anekdote, dass ja Karl fur eben diese als Knabe sterben wollen. "Die Romeiro?" (fuhr dieser auf) "Sei still! O diese? Spielender Scharfrichter, du Schicksal! Warum sie und heute? Ach Albano, fur diese ging ich fruh dem Tode entgegen," (fuhr er weinend fort und sank ihm an die Brust) "und darauf ist mein Herz so schlecht geworden, weil ich sie verloren habe Nimm sie nur hin, denn du bist ein reiner Geist die herrliche Gestalt, die dir auf dem Meere erschien, so sieht sie aus, oder jetzt noch schoner. Ach Albano!" Dieser edle Mensch erschrak uber die Verwickelung und uber das Schicksal und sagte: "Nein, nein, du lieber Karl, du denkst uber alles ganz falsch."
Plotzlich war es, als tonten alle Gestirne und ein melodisches Geisterchor drange unsichtbar durch die Pforte herein; Albano war betroffen. "Nichts, lass es!" (sagte Karl) "Es ist das Skelett nicht; der fromme Vater geht im Flotentale und zieht jetzt seine Floten, weil er betet Aber wie sagst du, ich dachte uber alles falsch?" "Wie?" wiederholte Albano und konnte im zauberischen Kreise dieser Nachklange, die den Sonntagsmorgen allmachtig wiederbrachten, nicht denken und reden. Wehten denn nicht die Silberpappeln an den Sternen hin und her, und Rosenwolken lagerten sich um den Himmel, und das ganze Elysium zog offen voruber mit den Lauten, die es durchschwebet, mit den Tranen, die es benetzet hatten, und mit den Traumen, die kein Herz vergisset, und mit der heiligen Gestalt, die ewig in seinem bleibt? Die Hand ihres Bruders hielt er jetzt so fest; der Liebe und der Freundschaft, diesen zwei Brennpunkten in der Ellipse der Lebensbahn, war er so nahe; ungestum umfassete er den Bruder mit den Worten: "Bei Gott, sag' ich dir, die, so du genannt, geht mich nichts an und sie wird es nie."
"Aber, Albano, du kennst sie ja nicht?" sagte Karl, viel zu hart fortfragend; denn der edle Jungling neben ihm war zu blode und zu fest' dem Verwandten der Geliebten einem Fremden viel leichter das Heiligtum seiner Wunsche aufzuschliessen. "O martere du mich nicht!" (antwortete er empfindlich; aber er setzte sanfter hinzu) "glaube mir doch das erstemal, mein guter Bruder!"- Karl gab ebenso selten nach wie er und sagte, obwohl den Fragton verschluckend und recht liebend, doch dieses: "Bei meiner Seligkeit, ich tu' es; und mit Freude ein Herz muss herrlichgeliebt und gottlich-glucklich sein, das ein solches entbehren kann." Ach weiss denn das Albano? Nur schweigend lehnt' er sich mit der Feuerwange voll Rosen an Lianens Bruder, verschamt das Erforschen scheuend; bloss als die schwindenden Rufe des Flotentals sich wie Seufzer in seiner Brust versammelten und ihn zu oft erinnerten, wie der Sonntagsmorgen schloss, wie Liane wich und wie er ihr mit nassen dunkeln Blicken vom Altare nachsah: so brach sein Auge, obwohl nicht sein Herz, und er weinte heftig, aber schweigend an seinem ersten Freunde.
Dann kehrten sie mit stummen Seelen nach Hause und schaueten sinnend den langen schwindenden Wegen der Zukunft nach; und als sie schieden, fuhlten sie wohl, dass sie sich recht von Herzen liebten, namlich recht schmerzlich.
Am Morgen darauf lag der fromme Vater an einer Erschutterung darnieder, die mehr selig als traurig war; denn er sagte, er habe in der Nacht seinen Freund, den verstorbenen Fursten, weissgekleidet im Tartarus gehen sehen.
Ende des ersten Bandes
Zweiter Band
Zehnte Jobelperiode
Roquairols advocatus diaboli der Feiertag der
Freundschaft
53. Zykel
Nicht nach den Kinderjahren, sondern nach der Junglingszeit wurden wir uns am sehnsuchtigsten umkehren, wenn wir aus dieser so unschuldig wie aus jenen herkamen. Sie ist unser Lebensfesttag, wo alle Gassen voll Klang und Putz sind und um alle Hauser goldne Tapeten hangen, und wo Dasein, Kunst und Tugend uns noch als sanfte Gottinnen mit Liebkosungen lokken, die uns im Alter als strenge Gotter mit Geboten rufen! Und in dieser Zeit wohnt die Freundschaft noch im heiter offnen griechischen Tempel, nicht wie spater in einer engen gotischen Kapelle.
Herrlich und reich schimmerte jetzt um Albano das Leben, mit Inseln und Schiffen bedeckt; er hatte die ganze Brust voll Freundschaft und Jugend und durfte die drangende Kraft der Liebe, die auf Isola bella an einer Statue, am Vater, zuruckprallte, nun ungebandigt und frohlich auf einen Menschen sturmen lassen, der ihm vollig so erschien, wie ihn der Junglingstraum entwirft. Er konnte keinen Tag von Karl lassen er deckte ihm seine Seele auf und sein ganzes Leben (nur Lianens Name stieg tiefer in sein Herz zuruck) alle Vorbilder der Freundschaft unter den Alten wollt' er nachbilden und erneuern und alles tun und leiden fur seinen Geliebten sein Dasein war jetzt ein Doppelchor, er trank jedes Gluck mit zwei Herzen, sein Leben schloss ein doppelter Himmel in lauter Ather ein.
Als er am andern Tage die befreundete feste Gestalt antraf, die ihm aus dem nachtlichen Spektakelstuck der Geisterwelt ubrig geblieben war, wie ein blasser Mond aus den weggeloschten Sternen der Nacht; und als er sie so kahlkopfig und bleich fand wie die feurige Atnas-Rauchsaule am Tage grau aufsteigt : so sah er gleichsam den vorigen Selbstmorder vor sich stehen; freier, aber desto warmer reicht' er dem einsamen Wesen, das nach dem Sprunge uber das Leben nur noch auf seinem Grabe wie auf einem fernen Eiland wohnte, die Hand hinuber. Andere ziehen sie eben darum weg; der gestorte Selbstmorder, der das schone feste Leben durchrissen, kehrt aus seiner Todesstunde als ein fremder unheimlicher Geist zuruck, dem wir nicht mehr trauen konnen, weil er in seiner Ungebundenheit jede Minute das wegwerfende Spiel mit der Menschengestalt wieder treiben kann.
Daher sah Albano im chaotischen Leben des Hauptmanns nur die Unordnung eines Wesens, das einpackt und auszieht. Als er das erstemal in dessen Sommerstube trat, so hatt' er freilich darin eine Bedienten-, eine theatralische Anziehstube und ein Offizierszelt auf einmal vor sich. Auf der Tafel lagen verworrene Volkerschaften von Buchern, wie auf einem Schlachtfeld, und auf Schillers Tragodien das hippokratische Gesicht von der Redoute, und auf dem Hofkalender eine Pistole das Bucherbrett bewohnte die Degenkuppel neben ihrer Seifenkugel aus Kreide, ein Schokoladequerl, ein leerer Leuchter, eine Pomadebuchse, Fidibus, das nasse Handtuch und die eingetrocknete Mundtasse das Glashaus der ausgelaufenen Standuhr und der Wasch- und der Schreibtisch standen offen, auf welchem letztern ich mit Erstaunen umsonst nach Unterlage und Streusand suche der Pudermantel lehnte sich in der Ottomane zuruck, und ein langes Halstuch ritt auf dem Ofenschirm, und das Hirschgeweihe an der Wand hatte zwei Federhute aufs rechte und linke Ohr geschoben Briefe und Visitenkarten waren wie Schmetterlinge an die Fenstervorhange gespiesset. Ich ware nicht fahig, darin ein Billet zu schreiben, geschweige einen Zykel.
Gibt es aber nicht ein sonnenhelles freiflatterndes Alter, wo man alles gerne sieht, was reisefertige Unruhe, Abbrechen der Zelte und Nomadenfreiheit verkundigt, und wo man mit Dank in einem Reisewagen haushielte und darin schriebe und schliefe? Und halt man nicht in diesen Jahren gerade eine solche Studentenstube fur geistiges Studentengut des Genies und jedes Chaos fur ein infusorisches voll Leben? Man gonne meinem Helden diese irrende Zeit; es hielt ihn doch etwas Edles in seiner Natur zuruck, aus einem Lobredner ein Nachahmer zu werden.
Wie nach einem weggeschmolznen Nachwinter auf einmal die grune Erdendecke in Blumen und Bluten hoch aufflattert, so fuhr in der warmen Luft der Freundschaft und Phantasie auf einmal Albanos Wesen uppig bluhend und grunend aus. Karl hatte und kannte alle Zustande des Herzens, er erschuf sie spielend in sich und andern, er war ein zweites Sanenland, das alle Klimate von Frankreich bis Nova Sembla beherbergt, und worin eben darum jeder seines findet; er war fur andere alles, wiewohl fur sich nichts. Er konnte sich in jeden Charakter werfen, wiewohl ihm eben darum zuweilen einkam, bloss den bequemsten durchzusetzen. Die Gurt-, Brust-, Schwanzund Sattelriemen des hofischen, kleinstadtischen und burgerlichen Lebens hatte sein Buzephalus langst abgesprengt; und wenn sich der Graf jeden Tag uber den Sprach-Laufzaum des Lektors argerte, der alles richtig sagte, Kanaster statt Knaster, Juften statt Juchten, funfzig statt fufzig, und barbieren (welches R ich selber fur eine dumme Harte halte): so war Roquairol ein Freidenker bis zum renommistischen Freiredner und sprach nach seinem eignen Ausdruck, der zugleich das Beispiel war, "von der Leber und vom Maule weg". Dem Grafen klebte zu seinem Verdruss eine gewisse epische, von Buchern anerzogene SprachWurde an. Sie uberdachten und verwunschten oft miteinander das erbarmliche Glatzen-Leben, das man hatte, wenn man, wie der Lektor, als ein wohlgewachsener Staatsburger von Extraktion dahinlebte, Konduite und einen saubern Anzug hatte und hubsche, nicht unebene Kenntnisse von mehreren Fachern und zur Erholung seinen Tischwein und Geschmack an trefflichen Maler- und andern Meistern, und wenn man zu hohern Posten avancierte, bloss um von da aus zu noch hohern aufzusteigen, und man so nach allem diesen sich frisiert und gewaschen in den Sarg streckte, damit doch die gigantische Korperwelt ihren Pestitzer auch der erhabenen Geisterwelt einhandige. Nein, sagte Albano, lieber wirf eine schwarze Bergkette von Schmerzen ins platte Leben, damit nur eine Aussicht dasteht und etwas Grosses.
Aber Roquairol war nicht der, der er ihm schien; die Freundschaft hat ihre Tauschungen wie die Liebe und oft wenn er diesen liebestrunknen hochherzigen Jungling mit keuschen Madchenwangen und stolzer Mannerstirn, der ein solches Vertrauen auf seine wankende Seele setzte, und dessen Herz so weit offen stand, und an dessen Phantasie sogar er die Heiligkeit beneidete, lang anblickte: so ruhrte ihn die Tauschung des Edeln bis zum Schmerz, und sein Herz drangte sich vor und wollte ihm mit Tranen sagen: Albano, ich bin deiner nicht wert. Aber dann verlier' ich ihn, setzt' er allemal hinzu; denn er scheuete die moralische Orthodoxie und die Entschiedenheit eines Mannes, der nicht wie ein Madchen spielend zu erzurnen und wieder zu gewinnen war.
Und doch kam der wichtige Tag fur beide, wo ers tat. Wie hatt' er je der Phantasie widerstanden, da er nur durch Phantasie widerstand! Ich tu' ihm halb unrecht; horet den bessern Engel, der seinen Mund aufschloss.
Roquairol ist ein Kind und Opfer des Jahrhunderts. Wie die vornehmen Junglinge unserer Zeit so fruh und so reich mit den Rosen der Freude uberlaubt werden, dass sie wie die Gewurzinsulaner den Geruch verlieren und nun die Rosen zum Sybariten-Polster unterbetten, Rosensirup trinken und in Rosenol sich baden, bis ihnen davon nichts zum Reiz mehr dasteht als die Dornen: so werden die meisten und oft dieselben von ihren philanthropischen Lehrern anfangs mit den Fruchten der Erkenntnis vollgefuttert, dass sie bald nur die honigdicken Extrakte begehren, dann den Apfel-Wein und Birnmost davon, bis sie sich endlich mit den gebrannten Wassern daraus zersetzen. Haben sie noch dazu wie Roquairol eine Phantasie, die ihr Leben zu einem Naphthaboden macht, aus welchem jeder Fusstritt Feuer zieht: so wird die Flamme, worein die Wissenschaften geworfen werden, und die Verzehrung noch grosser. Fur diese Abgebrannten des Lebens gibt es dann keine neue Freude und keine neue Wahrheit mehr, und sie haben keine alte ganz und frisch; eine vertrocknete Zukunft voll Hochmut, Lebensekel, Unglauben und Widerspruch liegt um sie her. Nur noch der Flugel der Phantasie zuckt an ihrer Leiche.
Armer Karl! Du tatest noch mehr! Nicht bloss die Wahrheiten, auch die Empfindungen antizipierte er. Alle herrliche Zustande der Menschheit, alle Bewegungen, in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz erheben, alle diese durchging er fruher in Gedichten als im Leben, fruher als Schauspieler und Theaterdichter denn als Mensch, fruher in der Sonnenseite der Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit; daher als sie endlich lebendig in seiner Brust erschienen, konnt' er besonnen sie ergreifen, regieren, ertoten und gut ausstopfen fur die Eisgrube der kunftigen Erinnerung. Die ungluckliche Liebe fur Linda de Romeiro, die ihn spater vielleicht gestahlet hatte, offnete so fruh alle Adern seines Herzens und badete es warm im eignen Blute; er sturzte sich in gute und bose Zerstreuungen und Liebeshandel und stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar, was er bereuete oder segnete; und jede Darstellung hohlte ihn tiefer aus, wie der Sonne von ausgeworfenen Welten die Gruben blieben. Sein Herz konnte die heiligen Empfindungen nicht lassen, aber sie waren eine neue Schwelgerei, hochstens ein Starkungsmittel (ein tonicum); und gerade von ihrer Hohe lief der Weg zu den Sumpfen der unheiligsten abschussiger. Wie im dramatischen Dichter engelreine und schmutzige Zustande nebeneinander stehen und folgen, so in seinem Leben; er futterte wie in Surinam die Schweine mit Ananas; gleich den altern Giganten hatt'er hebende Flugel und kriechende Schlangenfusse.
Unglucklich ist die weibliche Seele, die sich in ein so grosses, mitten im Himmel aufgespanntes Gewebe verfliegt; und glucklich ist sie, wenn sie sich unvergiftet durchreisset und bloss die Bienenflugel beschmutzt. Aber diese allmachtige Phantasie, diese stromende Liebe, diese Weichheit und Starke, diese erobernde Besonnenheit wird jede weibliche Psyche mit Gespinsten uberziehen, sobald sie nicht die ersten Faden wegschlagt. Konnt' ich euch warnen, arme Madchen, vor solchen Kunturs, die mit euch in ihren Krallen auffliegen! Der Himmel unserer Tage hangt voll dieser Adler. Sie lieben euch nicht, aber sie glauben es; weil sie wie die Seligen in Muhammeds Paradies statt der verlornen Liebes-Arme nur Fittiche der Phantasie haben. Sie sind gleich grossen Stromen nur am Ufer warm und in der Mitte kalt.
Bald Schwarmer, bald Libertin in der Liebe, durchlief er den Wechsel zwischen Ather und Schlamm immer schneller, bis er beide vermischte. Seine Bluten stiegen am lackierten Blumenstabe des Ideals hinauf, der aber farbenlos im Boden verfaulte. Erschreckt, aber glaubt es: er sturzte sich zuweilen absichtlich in die Sunde und Marter hinab, um sich drunten durch die Wunden der Reue und Demut den Schwur der Ruckkehr tiefer einzuschneiden; wie etwan die Arzte (Darwin und Sydenham) behaupten, dass starkende Mittel (China, Stahl, Opium) kraftiger wirken, wenn vorher schwachende (Aderlass, Brechmittel etc. ) verschrieben worden.
Aussere Verhaltnisse hatten ihm vielleicht etwas helfen konnen, und das Gelubde der Armut hatt' ihm die beiden andern erleichtert; hatte man ihn als Neger verkauft, sein Geist ware ein freier Weisser und ein Arbeitshaus ihm ein Purgatorium geworden. Daher gaben die ersten Christen den Besessenen immer Geschafte, z.B. Kirchenausfegen87 u.s.w. Aber das mussige Offiziersleben arbeitete ihn bloss noch eitler und kecker aus.
So stand es in seiner Brust, als er an Albanos seine kam Liebe schwelgerisch aufjagend, aber bloss um mit ihr zu spielen mit einem unwahren Herzen, dessen Gefuhl mehr lyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist unfahig, wahr, ja kaum falsch zu sein, weil jede Wahrheit zur poetischen Darstellung artete und diese wieder zu jener leichter vermogend, auf der Buhne und auf dem tragischen Schreibpult die wahre Sprache der Empfindung zu treffen als im Leben, wie Boileau nur Tanzer nachmachen konnte, aber keinen Tanz gleichgultig, verschmahend und keck gegen das ausgeschopfte stofflose Leben, worin alles Feste und Unentbehrliche, Herzen und Freuden und Wahrheiten, zerschmolzen herumschwammen mit ruchloser Kraft vermogend, alles zu wagen und zu opfern, was ein Mensch achtet, weil er nichts achtete, und immer nach seinem eisernen Schutzheiligen umblickend, nach dem Tode an seinen Entschlussen verzagend und sogar in seinen Irrtumern schwankend aber doch nur des Stimmhammers, und nicht der Stimmgabel der feinsten Moralitat beraubt und mitten im Brausen der Leidenschaft stehend im hellen Lichte der Besonnenheit, wie der Wasserscheue seinen Wahnsinn kennt und davor warnt.
Nur ein guter Engel war nicht mit den andern entflohen, die Freundschaft. Zur Liebe konnte sich sein so oft aufgeblahtes und zusammengefallenes Herz schwer aufheben; aber die Freundschaft hatt' er noch nicht verschwendet. Seine Schwester hatt' er bisher befreundet geliebt, so bruderlich, so ungehemmt, so wachsend! Und jetzt tritt ihm Albano glanzend-gewaffnet entgegen!
Anfangs spielt' er auch mit ihm lugend wie mit sich, in der Redoute und im Tartarus. Er merkte bald, dass ihn der landliche Jungling vor eignen Strahlen falsch und geblendet sehe; aber er wollte lieber den Irrtum wahrmachen als benehmen. Die Menschen und er gleichen der Quelle der Sonne neben dem Tempel des Jupiter Ammon, die am Morgen nur kalt war, mittags lau, abends warm, mitternachts heiss; von den Tageszeiten hing er nun so sehr ab wie der rustige gesunde Albano so wenig, der sich daher vorstellte, ein grosser Mann sei den ganzen Tag vom Aufstehen bis zum Niederlegen gross, wie die Heraldiker dem Adler immer die Schwingen ausspreizen , dass er selten am Morgen und meistens abends zu Albano ging, wenn die ganze Girandole seiner Krafte und Gefuhle brannte in dem Weingeist, den er vorher aus Flaschen zugegossen.
Aber kennt ihr die Arzenei des Beispiels, die Heilkraft der Bewunderung und der seelenstarkenden Achtung? "Es ist schandlich von mir;" (sagte Roquairol) "ist er nicht so glaubig und offen und bieder? Nein, die ganze Welt will ich belugen, nur seine Seele nicht! " Solche Naturen wollen die Verheerung der Menschheit durch Treue gegen einen verguten. Die Menschheit ist ein Sternbild, in welchem ein Stern oft die Halfte des Bildes malet.
Von dieser Stunde an stand sein Entschluss der herzlichsten Beichte und Busse fest; und Alban, vor welchem das Leben noch nicht in einen Brei der Verwesung zerlief, sondern sich fest und scharf und organisch zergliederte und der nicht wie Karl klagte, dass ihn nichts recht erpacke und alles nur luftig umspule, dieser sollte dessen kranken Wunschen Jugend wiederbringen, und mit dem unwandelbaren Sinn des reinen Junglings und mit der Gefahr der Freundschaft wollte Roquairol sich zwingen, diesem das Wort der fruchttragenden Bereuung zu halten, das er sich selber zu oft gebrochen.
Lasset uns ihm folgen in den Tag, wo er alles sagt.
54. Zykel
Einst kam Albano schon vormittags zum Hauptmann, wo dieser sonst nach seiner Sprache noch "ein von gestern herabgebranntes Lichtstumpfchen auf Stacheln" war; aber heute stand er brausend-arbeitend wechselnd am Pianoforte und am Schreibepult und war wie ein verdorrtes Infusionstierchen schon so fruh der Rege und Alte, weil Wein genug aufgegossen war, namlich viel. Voll Entzuckung lief er dem willkommnen Freunde zu. Albano bracht' ihm von Falterle die kindischen Blatter der Liebe (- denn der Exerzitienmeister hatte nicht den Mut gehabt, sie ins Feuer zu werfen), die er aus Blumenbuhl an das unbekannte Herz geschrieben. Karl ware daruber bis zu Tranen geruhrt geworden, war' ers nicht schon vor der Ankunft gewesen. Der Graf musste dableiben den ganzen Tag und alles versaumen es war sein erster unordentlicher Tag komisch wars, wie sich der sonst so unbandige, aber einer langen Gewohnheit taglicher Anstrengungen dienstbare Jungling gegen die kurze Meerstille, worin er keine Schiffe trieb, wie gegen eine Sunde straubte.
Indessen wars himmlisch; der tiefliegende Kindertag, der ihn sonst beflugelte, wenn das Haus voll Gaste war und er wo er nur wollte, kam wieder herauf; die Gesprache spielten und beschenkten mit allem, was uns hebt und bereichert; alle Krafte waren ohne Ketten und im trunknen Tanz. Genialische Menschen haben so viele Festtage als andere Werkeltage, und daher ertragen jene so schwer einen Trivial- und Schlendrians-Schalttag und vollends an solchen Junglingstagen! Wenn ihm Karl tragische Gewitterwolken aus Shakespeare, Goethe, Klinger, Schiller vorfuhrte und sich das Leben kolossalisch im dichterischen Vergrosserungsspiegel beschauete: so standen alle schlafenden Riesen seines Innern auf, sein Vater kam und seine Zukunft, selber sein Freund stand neu wie aus jener glanzenden phantastischen Kinderzeit herausgehoben da, wo er sich ihn in diesen Rollen vorgetraumt, und in den innern Heldenzug wurde sogar die Wolke, die durch den Himmel schwamm, und die uber den Markt wegmarschierende WachTruppe eingeschichtet. Zu gross erschien ihm der Freund, weil er wie alle Junglinge noch von Schauspielern und Dichtern glaubte, dass sie wie die Bergleute immer die Metalle in den Leib bekommen, in denen sie arbeiten. Wie oft sagten beide in der Junglings-Metapher: "Das Leben ist ein Traum" und wurden bloss froher und wacher dadurch! Der Greis sagt es anders. Und die schwarze Todespforte, an welche Karl so gern hinfuhrte, wurde vor dem Junglingsauge eine Glastur, hinter welcher das helle goldne Zeitalter des verspateten Herzens in unermesslichen Auen lag.
Madchen, bekenn' ich, da ihre Gesprache zerstuckter, faktischer und weniger berauschend sind erstehen statt eines solchen Eden-Parks einen hubschen hollandischen Garten, gut zugeschnitten von Krebs- und Damesscheren und (nachmit-)taglich dargereicht von der schwarzen Stunde, die ihnen auf dem Kaffee- oder Teebrette das schmale schwarze Brett einiger ubeln Nachreden, ein paar neue dasitzende Shawls, einen wohlgewachsenen Menschen, der mit einem Testamente oder Trauschein vorbeigeht, und letztlich die Hoffnung des hauslichen Referats serviert. Kommt zu den Junglingen zuruck!
Gegen Abend bekam der Hauptmann ein rotes Billet. "Es ist ganz gut!" sagt' er zur Uberbringerin und nickte. "Wird nichts daraus, Madame!" (sagt' er, sich gegen Albano kehrend) "Bruder, wahre dich nur gegen Eheweiber! Schnappe einmal zum Spasse nach einem roten Schminklappchen von ihnen: flugs schieben sie dir die Angelhaken in die Ruckenhaut88. Der Haken sieben sind in meiner allein, wie du sie da siehst, sesshaft." Das unschuldige Kind Albano! Es nahm es fur etwas moralisch-Grosses, die Freundschaft von sieben Eheweibern auf einmal zu behaupten, und ware froh in Karls Fall gewesen; er konnte das Schlimme nicht finden, dass die Freundinnen, wie die Romer, der Viktoria (namlich uns) gern die Flugel abschneiden, damit die Gottheit nicht weiterfliege.
An einem schonen Tag ist nichts so schon als sein Sonnenuntergang; der Graf schlug vor, ins Abendrot hinauszureiten und auf der Hohe nach der Sonne zu schauen. Sie trabten durch die Strassen; Karl zog bald vor einer schonen Nase, bald vor einem grossen Augenpaar, bald vor durchsichtigen Stirnlocken den grossen schiefsitzenden Hut ab. Sie flogen in die Lindenallee, die sich mit einer bunten Lambris von Spaziersitzerinnen festlich putzte. Ein grosses, feurig durchblickendes Weib schritt im roten Shawl und gelben Kleide durch das weibliche Blumenbeet, hoch wie die Blumengottin; es war die Konzipientin des roten Blattes; sie war aber aufmerksamer auf den schonen Grafen als auf ihren Freund. An allen Wanden und Baumen bluhte das Rosenspalier des Abendrots. Sie brauseten die weisse Strasse nach Blumenbuhl hinauf an beiden Seiten schlug das goldgrune Meer des Fruhlings die lebendigen Wellen eine geflugelte Welt ruderte darin, und die Vogel tauchten sich tief in die Blumen unter hinter den Freunden brannte die Sonne, und vor ihnen lag die Blumenbuhler Hohe ganz rosenrot. Oben wandten sie die Pferde gegen die Sonne, die hinter den Kuppeln und Rauchsaulen der stolz-brennenden Stadt in fernen hellen Garten ruhte. Nahegeruckt lag die erleuchtete Erde um sie her, und Albano konnte die weissen Statuen auf Lianens Dach lebendig unter dem bluhenden Gewolk erroten sehen. Er drangte sein Pferd an das fremde, um die Hand auf Karls Achsel zu drucken; und so sahen sie schweigend zu, wie die liebevolle Sonne die goldne Wolkenkrone ablegte und mit dem flatternden Laubgewinde um die heisse Stirn ins Meer hinunterzog. Und als es dammerte auf der Erde und gluhte am Himmel und Albano sich hinuberneigte und seinen Freund ans brennende Herz heruberzog: so stieg das Abendgelaute in Blumenbuhl herauf "Und dort drunten", sagte Karl mit sanfter Stimme und kehrte sich hin, "liegt dein friedlich Blumenbuhl wie ein stiller Kirchhof deiner Kindertage. Wie sind die Kinder glucklich, Albano, ach, wie sind die Kinder glucklich!" "Sind wirs nicht?" (antwortete er mit freudigen Tranen) "Karl, wie oft stand ich auf den Hohen an Abenden wie dieser und streckte inbrunstig meine kindischen Hande aus nach dir und nach der Welt. Nun hab' ichs ja alles. Wahrlich du hast nicht recht." Aber er, am brausenden Ohrenklingen vergangner weiter Zeiten krank, blieb taub gegen das Wort und sagte:,"Nur die Wiegenlieder, nur die zurucktonenden Wiegenlieder schlafern die Seele ein, wenn sie heiss geweinet hat."
Stiller und langsamer ritten sie zuruck. Albano trug eine neue Welt der Liebe und der Wonne in der Brust; und der Jungling noch nicht ein Schuldner der Vergangenheit, sondern ein Gast der Gegenwart sank, vom langen Jubel des Tags suss abgespannt, in helldunkle Traume unter, gleichsam ein hoher Raubvogel, still auf entzuckt-offnen Schwingen hangend.
"Wir wollen die ganze Nacht bei Ratto bleiben", sagte Karl in der Stadt.
55. Zykel
Sie stiegen in Rattos italienischen Keller hinunter. Das Haus kam anfangs nach dem Anblicke der weiten Natur dem Grafen wie ein Felsenstuck darubergewalzt vor wiewohl ja jedes Stockwerk unter architektonischen Lasten liegt ; aber das schwere Gefuhl des unterirdischen Zwingers vergass sich bald, und sonderbar klang in die welsche Grube das hohe Rasseln der Wagen herein. Der Hauptmann bestellte einen Punch royal Wenn er so fortfahrt in seiner guten Feuerordnung und immer ein volles Gefass im Hause hat als Loschanstalt und die Schlangenspritzen probiert: so kann mein Buch nie der Vorwurf treffen, dass man darin wie im Grandison zuviel Tee konsumiere; eher zuviel starkes Getrank geht auf.
Schoppe sass im welschen Souterrain. Er liebte den Hauptmann nicht, weil sein unversohnliches Auge an ihm zwei ihm herzlich unleidliche Fehler auswitterte, "das chronische Geschwur der Eitelkeit und ein unheiliges Schlemmen und Prassen in Gefuhlen". Karl gab die Abneigung zuruck; die heissesten Wellen seines Enthusiasmus setzten sogleich vor des Titularbibliothekars Gesichte Eisspiesse an. Nur heute nicht! Er trank so hinlanglich vom Konigspunsch wovon ein paar Glaser durch alle Kopfe des Briareus oder der lernaischen Schlange durchbrennen konnten , dass er dann alles sagte, sogar das Fromme. "Bei Gott!" (sagt' er, sich im Bethesda-Teich durch -Herausschopfen heilend) "da es doch Lumperei mit dem Besserwerden ist, so sollte man sich etwas vor die Stirn drucken, damit der gehetzte Geist nur einmal loskame von seinen Wunden und Sunden." "Von Sunden?" (sagte Schoppe) "Lause und Bandwurmer der bessern Art werden allerdings aus meinem Gebiet auswandern, wenn ich mich kalt mache; aber die schlimmen tragt mein innerer Mensch gewiss mit hinauf. Beim Henker! wer sagt Euch denn, dass dort der ganze hiesige Armesunders-Kirchhof auf einmal als eine unsichtbare Kirche voll Martyrer und Sokratesse einziehen werde und jedes Bedlam als eine Loge zum hohen Licht? Ich dachte heute ans andere Leben, als ich eine Frau auf dem Markte mit funf Schweinchen sah, die sie, jedes mit einem Strick am Bein, vor sich hertreiben wollte, die ihr aber wie elektrische Strahlenbuschel auseinanderfuhren; jetzt schon, sagt' ich, mit unsern wenigen Kraften und Wunschen, die das kultivierende Sakulum im quintuplo stellte, geht es uns schon so erbarmlich wie der Frau mit ihrer Kuppel; wenn wir nun vollends zehn und mehr neue Ferkel (da die zweite Welt wie ein Amerika doch neue Objekte und Wunsche bringen muss) an den Strick bekommen, wie will da der Ephorus amtieren? Auf grossere unbeschreibliche Noten, Lehnsfrevel und Oppositionen mach' ich mich da gefasst." Aber Roquairol war in seiner roten Lohe; er setzte sich uber Schoppe und sich hinweg und leugnete die Unsterblichkeit geradezu, um Schoppen zu parodieren: "Ein einziger Mensch" (sagt' er) "glaubte seinetwegen allein schwerlich die Unsterblichkeit; aber da er mehrere sieht, hat er Mitleiden und halt es der Muhe wert und glaubt, die zweite Welt ist ein Monte testaccio aus Menschen-Scherben. Der Mensch kann Gott und dem Teufel kunftig nicht naher kommen, als ers hier schon tat; wie ein Wirtshausschild ist sein Revers so bemalt wie sein Avers Aber wir brauchen die kunstliche Zukunft zur Gegenwart; wenn wir noch so still schweben uber unserem Schlamm, so zappeln wir noch immer wie stilliegende Karpfen mit den poetischen Flossen und Flugeln. Daher mussen wir den kunftigen Paradiesesgarten so herrlich anlegen, dass nur Gotter hineinpassen, aber, so wie in Furstengarten, keine Hunde. Lumperei ists! Wir schneiden uns verklarte Leiber zu, die den Soldatenrocken gleichen: Taschen und Knopflocher fehlen; welche Freuden konnen sie denn fassen? " Alban sah ihn staunend an. "Weisst du, Albano, was ich meine? Just das Gegenteil." So leicht wird der Phantasie alles, auch Laune.
Jetzt wurd' er hinausgerufen. Er kam zuruck mit einem roten Billet. Er warf die Halsbinde um a la Hamlet war er dagesessen und sagte zu Albano, in einer Stunde flieg' er zuruck. Unter der Schwelle stockt' er noch sinnend, ob er weg solle; dann lief er rasch die Treppe hinan.
In Albano floss der Freudenbecher, worein der ganze Tag zugeschuttet hatte, mit dem glanzenden Schaume einer schalkhaften Laune uber. Beim Himmel! Die Scherzhaftigkeit stand ihm so lieblich wie eine Ruhrung, und er ging oft lange, ohne Sprechen, schalkhaft-lachelnd umher, wie schlummernde Kinder lacheln, wenn, wie man sagt, mit ihnen Engel spielen.
Roquairol kam wieder mit sonderbar emporten Augen; er hatte wild in sein Herz hineingesturmt; er war schlecht gewesen, um zu verzweifeln und unten auf dem Abgrund kniend dem Freunde sein Leben zu bekennen. Dieser so willkurliche Mensch lag unwillkurlich auf den Windmuhlen-Flugel seiner Phantasie geflochten und wurde bald von der Windstille gefesselt, bald vom Sturme umgeschleudert, den er zu durchschneiden glaubte. Er wurde, nach dem Beispiele der Feuerfresser, jetzt ein Feuersaufer, in der unruhigen Erwartung, dass Schoppe weiche. Dieser wich endlich trotz Albanos Bitte mit der Antwort: "Kaufet die Zeit, sagte der Apostel, das heisset aber: fristet euer Leben langer; das ist die Zeit. Dazu fodern nun die besten Kaufbuden der Zeit, die Apotheken, dass der Mensch nach dem Punch royal zu Bette gehe und unmassig schwitze."
Wie wurd' es jetzt anders! Da ihm Zesara freudig um den Hals fiel da der Jugend-Rausch zu Liebesmelodien wurde, wie der Regen in der Hohle zu Derbyshire von ferne zu Harmonien da dem Grafen suss, wie man sich schlummernd verblutet, das ganze Innere, sein ganzes voriges Leben von der Lippe floss und alle Plane des kunftigen, sogar die stolzesten (nur der zarteste nicht) und da er sich, wie (nach der Bourignon) Adam im Unschulds-Stand, so kristallendurchsichtig vor das befreundete Auge stellte, nicht aus Schwache, sondern aus altem Drang und im Glauben, so musse der Freund sein: so traten dem unglucklichen Roquairol helle Tranen der liebevollsten Bewunderung uber die ungeschminkte Reinheit und uber die energische, glaubige, noch in nichts schwankende Natur und uber den fast zum Lacheln reizenden naiven hohen Ernst des rotwangigen Junglings in die Augen. Er schluchzete an dieser freudetrunknen Brust, und Albano wurde weich, weil er dachte, er sei es zu wenig und sein Freund so sehr.
"Hinaus, hinaus!" sagte Karl; und das war lange Albanos Wunsch. Es schlug ein Uhr, als sie auf der engen Kellertreppe die Sterne des Fruhlingshimmels oben an der Einfahrt des Schachtes blitzen sahen. Wie frisch quoll die eingeatmete Nacht uber die heissen Lippen! Wie fest bauete sich uber die fluchtigen Zeltgassen der Stadt die Welt-Rotunda mit ihren festen Sternenreihen dahin! Wie erquickte und erweiterte sich das feurige Auge Albanos an den Riesenmassen des dammernden Fruhlings, an dem unter dem durchsichtigen Mantel der Nacht schlummernden Tag! Zephyre, die Schmetterlinge des Tags, flatterten schon um ihre lieben Blumen und sogen aus den Bluten und trugen Weihrauch fur den Morgen ein, eine schlaftrunkne Lerche fuhr zuweilen in den stillen Himmel hinauf mit dem lauten Tage in der Kehle, uber die dunkeln Auen und Stauden war schon der Tau gegossen, dessen Juwelenmeer vor der Sonne entbrennen sollte, und in Norden wehten die PurpurWimpel der Aurora, die gen Morgen schiffte. Erhebend fasste der Gedanke den Jungling an, dass nun dieselbe Minute Millionen kleine und lange Leben messe und den Gang der Minierraupe und den Flug der Sonne und dass jetzt dieselbe Zeit durchlebet werde vom Wurm und von Gott, von Welten zu Welten uberall. "O Gott," rief er,"wie herrlich ists, dass man ist!"
Karl klebte bloss mit dem hangenden schweren Gefieder des Nachtvogels an den heitern Gestirnen um ihn: "Wohl dir," sagt' er, "dass du so sein kannst und dass die Sphinx in deiner Brust noch schlaft. Du weisst nicht, was ich will. Ich kannte einen Elenden, der sie recht gut schildern konnte. In der Brusthohle des Menschen, sagt' er, liegt das Ungeheuer mit aufgehobenem Madonnengesicht auf seinen vier Tatzen und lachelt eine Zeitlang umher und der Mensch mit. Plotzlich springt es auf, grabt die Krallen in die Brust, zerschlagt sie mit dem Lowenschweif und den harten Flugeln und wuhlt, drangt und tobt, und uberall rinnt Blut an der zerritzten Brusthohle. Auf einmal legt es sich blutig wieder hin und lachelt wieder fort mit dem schonen Madonnenangesicht. O er sah ganz blutlos aus, der Elende, weil das Tier so von ihm zehrte und durstig an seinem Herzen leckte."
"Greulich!" (sagte Albano) "und doch versteh' ich dich nicht ganz." Der Mond hob jetzt sich und eine finster an seinen Seiten gelagerte Wolken-Herde empor und zog einen Sturmwind nach, der sie unter die Sterne jagte. Karl fuhr wilder fort: "Anfangs hatt' es der Elende noch gut, er hatte noch derbe Schmerzen und Freuden, rechte Sunden und Tugenden; aber als das Untier immer schneller lachelte und zerriss und er immer schneller Lust und Pein, Gutes und Boses wechselte; und als Gotteslasterungen und Kotbilder in seine Gebete krochen und er sich weder bekehren noch verstocken konnte: da lag er in oder Verblutung in der lauen, grauen, trocknen Nebel-Masse des Lebens da und starb so durch das Leben fort.
Warum weinest du? Kennst du den Elenden?" "Nein", sagte Albano mild. ,"Ich bins!" "Du? schrecklicher Gott, du nicht!" "O, ich bins; und wenn du mich auch verachtest, du wirst, was ich Nein, mein Unschuldiger, ich sag' es nicht. Sieh, jetzt steht die Sphinx wieder auf. O bete mit mir, hilf mir, dass ich nicht sundigen muss, nur nicht muss. Ich muss saufen, ich muss verfuhren, ich muss heucheln ich heuchle jetzt " Zesara sah das starre Auge, das bleiche zerrissene Gesicht und schuttelte liebend-entrustet ihn mit beiden Armen und stammelte geruhrt: "Das ist beim Allmachtigen nicht wahr; du bist ja so sanft und blass und unglucklich und unschuldig."
"Rosenangesicht," (sagte Karl)"ich scheine dir rein und hell wie der dort droben89, aber er wirft wie ich den langen Schatten gegen den Himmel hinauf" Zesara liess ihn los, sah lange nach dem erhabnen dunklen, wie ein Leichenzug um das Elysium haltenden Tartarus und druckte bittere Tranen weg, die uber die Erinnerung flossen, dass er darin seinen ersten Freund gefunden, der sich jetzt neben ihm auflose. Da brach der Nachtwind eine von der Waldraupe getotete Tanne daraus ab, und Albano zeigte stumm auf die Niederbrechende; Karl rief erschrocken:"Ja, das bin ich!" -"Ach Karl, hab' ich dich denn heute verloren?" sagte der schuldlose Freund mit unendlichem Schmerz, und die schonen Sterne des Fruhlings fielen wie zischende Funken in seine Wunde.
Vor diesem Worte losete sich Karls gespanntes Herz in treue gute Tranen, ein heiliger Geist kam uber ihn und gebot ihm, die reine Seele nicht zu qualen mit seiner, ihr nicht den Glauben zu nehmen, ihr das wilde Ich und jede Eigensucht stumm zu opfern. Sanft legt' er sich an des Freundes Herz, und mit zauberischleisen Worten und voll Demut und ohne Feuerbilder sagt' er ihm sein ganzes Herz und dass es nicht bose sei, sondern nur unglucklich und schwach und dass er nur so herzlich-aufrichtig gegen ihn, der zu gut von ihm denke, habe sein mussen wie gegen Gott und dass er schwore bei der Stunde des Todes, zu werden wie er, ihm ewig alles zu bekennen, sich zu heiligen an ihm ,"Ach ich wurde nur noch so wenig geliebt!" beschloss er. Und Albano, der liebestrunkne, gluhende Mensch, der gute Mensch, der an sich die heiligen Ubertreibungen der Reue kannte und der diese Bekenntnisse fur jene hielt, kehrte begeistert in den alten Bund zuruck mit Liebe ohne Mass. "Du bist ein warmer Mensch!" (sagte Karl) "Warum liegen denn die Menschen immer wie die Toten auf dem Bernhardus-Berg90 einander erfroren an der Brust, mit steifem Aug', mit starren Armen? O warum kamest du so spat zu mir? Ich ware anders geworden. Warum kam jene91 so fruh? Dort im Dorfe drunten an der engen niedrigen Kirchture, da sah ich sie zuerst, durch die mein Leben zur Mumie ward. Wahrlich ich spreche jetzt gefasset. Man trug vor mir her, als ich heraus spazieren ging, einen leichen-weissen Jungling auf einer Bahre in den Tartarus; es war nur eine Statue, aber sie war das Ebenbild meiner Zukunft. Ein boser Genius sagte zu mir: liebe die Schone, die ich dir zeige. Sie stand an der Kirchture, von Kirchleuten umzingelt, die sich uber die Kuhnheit wunderten, womit sie mit beiden Handen eine silbergraue zungelnde Schlange annahm und wog. Wie eine kuhne Gottin senkte sie die feste ebene Stirn, das schwarze Auge, die Rosenbluten ihres Angesichts auf den von der Natur platt getretnen Otterkopf und spielte damit dicht an ihrem Herzen. 'Kleopatra!' sagt' ich, obwohl ein Knabe. Auch sie verstand es schon, blickte ruhig und kalt von der Schlange auf und gab sie zuruck und wandte sich um, an meine junge Brust warf sie die erkaltende Leben-fressende Viper. Aber wahrlich jetzt ists vorbei, und ich spreche ruhig. Nur in den Stunden, Albano, wo mir aus jener Nacht meine blutigen Kleider, die meine gute Schwester aufgehoben, zu Gesichte kommen, da leid' ich mehr und frage: armer gutmeinender Knabe, warum wurdest du denn alter? Aber wie gesagt, es ist ganz vorbei. Zu dir, nur zu dir spreche ein besserer Genius: liebe die Schone, die ich dir zeige!"
Aber welche Welt von Gedanken flog jetzt auf einmal Albano zu! "Er martert sich" (dacht' er) "mit dem alten Argwohne uber Romeiro fort ich will Herz gegen Herz offnen und es dem guten Bruder sagen, dass ich ja seine Schwester ewig liebe." Seine Wangen gluhten, sein Herz flammte, er stand priesterlich vor dem Altare der Freundschaft mit der schonsten Gabe, mit der Aufrichtigkeit.
"O jetzt, Karl," sagt' er, "ware sie wohl anders gegen dich mein Vater reiset mit ihr, und du wirst sie sehen." Er ging Hand in Hand schneller mit ihm einer dunklen Baumgruppe zu, um im Schatten die zart-errotende Seele zu offnen. "Nimm mein teuerstes Geheimnis hin" (fing er an) "aber sprich nicht davon und nicht mit mir erratst du es nicht, mein erster Bruder? die Seele nicht, die ich so lange liebte wie dich?" Leise, leise setzte er dazu: "Deine Schwester?" und sank ihm auf den Mund, um die ersten Laute wegzukussen.
Aber Karl, im Aufruhr des Entzuckens und der Liebe wie eine Erde bei dem Aufgange des Fruhlings, bandigte sich nicht; er presste ihn an sich; er liess ihn los; er umfasste ihn wieder, er weinte selig, er druckte Albanos Augen zu und sagte neu-verschwistert: "Bruder!" Vergeblich wollte Albano mit der Hand jede andere Silbe auf seinen Lippen erdrucken. Er fing vor dem betroffenen Jungling der unter der einsamen und poetischen Bucherwelt eine hohere Zartheit gewonnen, als die Wirklichkeit des Umgangs lehrt Lianen abzumalen an, wie sie dulde und handle, wie sie fur ihn sorge und rede und sogar verarme, um seine Schulden zu tilgen; wie sie ihn nie hart tadle, sondern nur mild bitte, und alles das nicht aus kunstlicher Duldung, sondern aus heisser echter Liebe, und wie doch das noch kaum das Beiwerk ihres Bildes sei. Er war in seiner reinern Begeisterung, als ihm dieser Abend zugelassen, darum so selig, weil er seine Schwester unter allen Menschen am meisten und uneigennutzigsten und am freiesten von poetischer Schwelgerei und Willkur lieben konnte ordentlich dadurch gestarkt, dass er einmal aus reiner heiliger Liebe jauchzen durfe, zog er die Hande wieder frei gemacht heraus, die bisher wie Milos seine im Baum des Glucks und Lebens, den er zerreissen wollte, eingeklemmt gefangen waren; er atmete frische Lebensluft und Mut, und der Plan seiner innern Vollendung war jetzt durch neues Gluck und schones Bewusstsein hold gerundet.
Der Mond stand hoch, die Wolken waren vertrieben, und nie ging der Morgenstern zwei Menschen heller auf.
Elfte Jobelperiode
Stickrahmen Anglaise cereus serpens
musikalische Phantasien.
56. Zykel
Freudig trug Roquairol am ersten Abende, da er seinen Vater verreiset wusste, zum Freunde die Bitte, zur Mutter mitzugehen. Albano errotete zauberisch uber jene feurige Nacht zum ersten Male, die ihm das alteste Geheimnis abgedrungen; denn bisher hatten beide in den gemeinen Stunden des Lebens das Heiligtum nicht wieder beruhrt. Nur der Hauptmann konnte leicht und gern von Linda so wie von jedem Verluste sprechen.
Liane erblickte ihren Bruder den regierenden Schopfer ihrer weichsten Stunden allezeit mit herzlichster Freude, ob er gleich meistens etwas haben wollte, wenn er kam; vor Freude trug sie ihm das Buch, woraus sie der stickenden Mutter vorgelesen, in der Hand entgegen. Sie und die Mutter hatten den ganzen Tag heiter und einsam mit gegenseitigem Ablosen in Sticken und Lesen verlebt; sooft der Minister verreiste, waren sie zugleich von Unfriede und Visiten-Charivari frei. Wie geruhrt erkannte Albano das Morgenzimmer wieder, aus dem er das erstemal das teuere Madchen nur als Blinde in der Ferne zwischen Wasserbogen stehen sehen! Die gute Liane nahm ihn unbefangener auf, als er es durch Karls Einweihung in seine Wunsche bleiben konnte. Welche paradiesische Mischung von unberechneter Scheu und uberfliessender Freundlichkeit, Stille und Feuer, von Blodigkeit und Anmut der Bewegung, von scherzender Gute, von schweigendem Wissen! Dafur gebuhrt ihr der herrliche Beiname Virgils: die Jungfrauliche. In unsern Tagen der weiblichen Krachmandeln, der akademischen Kraftfrauen, der Hopstanze und Doubliermarschschritte im platten Schuh kommt der virgilianische Titel nicht oft vor. Nur zehn Jahre lang (vom 14ten an gezahlt) kann ich ihn einem Madchen geben; spater wird es manirierter. Dreizehn und siebzehn Jahre zugleich ist gewohnlich ein solches holdes Wesen alt.
Warum warest du so reizend-unbefangen, zarte Liane, als weil du wie die Bourignon nicht einmal wusstest, was zu fliehen war, und weil deine heilige Schuldlosigkeit noch das verdachtige Ausspahen der entlegensten Absichten, das an die Erde gebuckte Behorchen des kommenden Feindes und alle kokette Manifeste und Ausrustungen ausschloss? Die Manner waren dir noch gebietende Vater und Bruder; und darum erhobest du zu ihnen noch nicht stolz sondern so freundlich das treue Augenpaar!
Und mit diesem gutigen Blick und mit ihrem Lacheln dessen Fortdauer oft auf mannlichen Gesichtern, aber nicht auf jungfraulichen die Titelvignette der Falschheit ist nahm sie unsern edeln Jungling an, aber ihn nicht allein.
Sie setzte sich an den Stickrahmen; und die Mutter schiffte den Grafen bald in das kuhle Weltmeer allgemeiner Gesprache ein, in das nur zuweilen der Sohn eine grune warme Insel herauftrieb. Alban sah zu, wie Liane ihre musivischen Blumenstucke wachsen liess; wie die kleine weisse Hand auf dem schwarzen Atlasgrunde (Froulays Thorax soll an seinem Geburtstage die Blumen anziehen) lag, und wie ihre reine Stirn, von gekrauselten Haaren durchsichtig uberwebt, sich vorbuckte, und wie sich ihr Angesicht, wenn sie sprach oder wenn sie neue seidene Farben suchte, mit dem hohern Feuer der Arbeit im Auge und auf der Wange beseelet aufrichtete. Karl streckte ihr zuweilen hastig die Hand entgegen. Sie reichte ihre willig hinuber, er legte sie zwischen seine beiden und wandte sie um, sah in die inwendige, druckte sie mit beiden, und die Geschwister lachelten einander liebreich an. Und da lachelte Albano allemal treuherzig aus den Gesprachen mit der Mutter mit herein. Aber armer Held! Schon an sich ists herkulische Arbeit, neben einer feinen mussig zu sitzen, neben Sticken, Miniaturmalen u.s.w. ; aber vollends mit deinem Geiste, der so viele Segel nebst einem Paar Sturmen hinterdrein hat, untatig neben dem Stickrahmen zu ankern und nicht etwan ein Herkules zu sein (das ware leicht), welcher spinnt, sondern einer, der nur spinnen sieht und das vor dem grossen Fruhling und Sonnenuntergange draussen und noch dazu neben der wortkargen Mutter (uberhaupt ists schon neben jeder eine Unmoglichkeit, ein erhebliches Gesprach mit der Tochter einzuleiten) das sind schwere Sachen.
Er sah scharf gegen die gestickte Flora nieder: "Mich schmerzt nichts so sehr," sagte er, weil er uberall philosophierte und weil ihn alles Vergebliche auf der Erde peinlich beklemmte "als dass so viele tausend kunstliche Zieraten auf der Welt umsonst geschaffen werden, ohne dass sie je ein Auge trifft und geniesset. Mir kann es ordentlich nahe gehen, wenn das grune Blattchen hier nicht besonders angesehen wird." Mit derselben Trauer uber fruchtlose ungenossene Pflanzungen der Muhe hielt er oft sein Auge nahe an den Tapeten-Baumschlag, an geblumte Zeuge, an architektonische Verzierungen.
Liane konnt' es fur einen malerischen Tadel des uberladenen Nah-Gartens nehmen, den sie bloss ihrem Vater zu Liebe so voll saete denn Froulay, aus den Zeiten geburtig, wo man noch mit dem Kleide die Tressen besetzte, knopfte gern ein kleines Seidenherbarium an den Leib ; aber sie sagte nichts als lachelnd das: "Nun das Blattchen ist dem bosen Schicksal ja entgangen, es ist angeschaut."
"Was tut Vergehen und Vergeblichkeit?" (nahm Roquairol voll Gleichgultigkeit gegen den Lektor, der eben hereintrat, das Wort und voll Gleichgultigkeit gegen die Meinung der Mutter, der wie dem Vater ihn nur die Bitten der Schwester zuweilen unterwarfen) "Genug, wenn etwas ist. Uber der Wuste singen die Vogel und ziehen die Sterne, und kein Mensch sieht die Pracht. Wahrlich uberall geht in und ausser dem Menschen mehr ungesehen voruber als gesehen. Die Natur schopft aus ewigen Meeren und erschopft sich nicht; wir sind auch eine Natur und sollen schopfen und ausgiessen und nicht immer bekummert dem wassernden Nutzen jedes Strichregens und Regenbogens nachrechnen. Sticke nur fort, Schwester!" beschloss er ironisch.
"Die Prinzessin kommt heute!" sagte der Lektor, und entzuckt uber die Hoffnung, kusste Liane der Mutter die Hand. Sie sah oft und vertraulich von der Stickerei zu dem Hofmann auf, der sehr einheimisch zu sein schien, aber, als ein feiner Mann, ebenso geehrt und ehrend war, als steh' er zum ersten Male da.
Die Anmeldung der Prinzessin setzte den Hauptmann in eine reizende gelenke Freude; eine weibliche Rolle war ihm zur Gesellschaft so notig wie den Franzosen zur Oper, und eine Frau, die da war, unterstutzte ihn so sehr im Dozieren, wie Kant ein Knopf, der fehlte92. Er nahm, um seine Schwester von den Blumen abzufuhren, einer Statue auf dem Spiegeltische den roten Flor ab und warf ihn, wie ein kleines Morgenrot, den Lilien auf dem Gesicht der Stickerin uber; da gingen die Turen auf und Julienne herein Liane verwickelte sich in die kleine Morgenrote unter dem Abheben derselben im Entgegeneilen. Albano reichte ihr mechanisch die Hand zum Empfange des Schleiers und sie gab ihm diesen und einen weiten lieben Blick dazu o wie glanzte seiner trunken!
Julienne brachte ein Gefolge von Scherzen mit. Der Hauptmann, der wie ein Feuerwerker seinem Feuer alle Formen und Farben geben konnte, verstarkte sie mit seinen; und seine Schwester saete gleichsam die Blumen, mit welchen die Zephyretten der Scherze spielen konnten. Julienne sagte fast zum Ja Nein und zum Nein Ja. Nur gegen die Ministerin war sie ernst und nachgiebig, ein Zeichen, dass auf ihrer DisputierArena unter den Sandkornern noch die Goldkorner lagen, indes fur Philosophen die Arena der Preis und der Boden ist, zugleich das Schlacht-, Marz- und elysische Feld. Den Grafen fixierte sie leidenschaftlich so kuhn, als nur Furstinnen durfen und pflegen; und als er ihr wieder ins braune Auge blitzte, schlug sie es nicht nieder, sondern sie erinnerte ihn an ihren alten Besuch in Blumenbuhl und fragte nach den Seinigen. Er machte jetzt gern etwas, das so feurig war wie sein Inneres Lobeserhebungen. Es ist gegen den feinsten Ton, Personen Sachen darf man mit Heftigkeit zu loben oder zu tadeln. Indem er mit dankbarer Erinnerung seine Schwester Rabette malte: versank Julienne so ernst und tief in sein Auge, dass sie auffuhr und den Lektor nach den Touren der Anglaise fragte, die er in der Redoute vorgetanzt. Als er sein Bestes getan im Nachschildern: sagte sie, sie habe kein Wort verstanden, man muss' es lieber exekutieren.
Und hiemit werden plotzlich samtliche Leserinnen von mir auf einen Hausball von zwei Paaren gefuhrt. Sehet die Seelenschwestern nebeneinander wie zwei Flugel an einer Taube harmonisch auf- und niederfliegen! Albano hatte erwartet, Julienne werde sich durch feuriges vielgelenkes Geflatter von dem stillen Schweben ihrer Freundin unterscheiden; aber beide walleten gleich Wellen leicht neben- und ineinander, und keine Regung war zu viel und keine zu schnell.
Daher wunscht' ich so oft, die Madchen tanzten vollig und immer wie die Grazien und die Horen namlich bloss miteinander, nicht mit uns Herren. Der jetzige Bund der weiblichen Wellenlinie mit dem mannlichen Schwalbenzickzack sowohl in der Bekleidung als in der Bewegung verschonert den Tanz nicht betrachtlich.
Liane nahm eine neue atherische Gestalt an, wie etwan ein Engel unter dem Zuruckfliegen in den Himmel seine holde irdische weglegt. Fur die weibliche Schonheit ist der Tanzboden,was fur unsere das Pferd ist, auf beiden entfaltet sich der gegenseitige Zauber, und nur ein Reiter holet eine Tanzerin ein. Glucklicher Albano! der du kaum von der dargebotenen Hand Lianens die Fingerspitzen anzufassen wagst mit deinen! du bekommst genug. Und siehe nur dieses freundliche Madchen an, dessen Augen und Lippen die Charis so lachend fur den Tanz erheitert, und das doch wieder so ruhrend erscheinet, weil es ein wenig erblasset! Wie verschieden von jenen launischen oder ungelenken Stiefschwestern, die, mit dem halben Kato von Utika auf dem faltigen oder gespannten Gesichte, hopsen, abfallen und schleifen. Julienne flieht freudig hin und her, und es ist schwer zu sagen, vor wessen Augen sie am liebsten flattere, vor Lianens oder Albanos.
Als es vorbei war: wollt' es Julienne wieder von vornen anfangen Liane sah ihre Mutter an und bat sogleich ihre Freundin lieber um Abkuhlung. Es ist Vorwand! Eine Freundin ist gern einsam mit der Freundin; beide hatten sich vor andern nur mit Herzen unter dem Schleier lieb und trachteten nach der dunklen Laube, wo er fallen durfte. Liane hatte ordentlich eine liebende Ungeduld, bis sie mit ihrer Nebenseele, ihrem Zwillingsherzen zeugenfreie Minuten im Maiund Abendgarten hatte pflucken konnen. Sie kamen verandert zuruck, voll weichen Ernstes. Die schonen Wesen waren sich vielleicht im Innersten und im stillen so ahnlich wie im Tanze und mehr, als es schien.
Und so ging vor dem Jungling ein schon-gestirnter Abend vorbei! Haltet ihm aber zugute, dass er diesen Blutenstrauss so fest druckte und fassete, bis er einige Stacheln darin herausfuhlte Sein Herz, dessen Liebe neben dem fremden schmerzlich wuchs, musste dieses, ohne ein Zeichen der Antwort, zugleich hoher und ferner finden. Ihre Liebe war Menschenliebe ihr Lacheln galt jedem guten Auge sie war so heiter in Lilar kam sie leicht in Ruhrung und in allgemeine Betrachtungen; hier aber nicht freilich sah sie recht teilnehmend auf den wild-liebenden Bruder hin, der seit jener Beicht-Nacht gleichsam mit Eichenwurzeln sich um den Liebling strickte; aber ihre halbblinde Liebe fur den Bruder konnte ja im Trug des Widerscheins auf dessen Freund nachglanzen Das alles sagte sich der Bescheidne. Aber was er im vollen Masse der Entzuckung genossen hatte, war die so steigende, helle, zarte, stete Liebe seines Seelenbruders.
57. Zykel
Uber Lianens stille Gesinnung und Zesarens Zukunft werd' ich nie Mutmassungen anstellen, ob ich sie gleich vor ihrem Abdruck wieder wegstreichen konnte. Ich erinnere mich, was wir herausbrachten, wenn ich und andere auf Hafenreffers offizielle Berichte uber Sachen von Belang vorher die Hande deckten und nun mit blosser Phantasie entwickeln wollten, wie es mochte gegangen sein es war nicht brauchbar. Und naturlich! Schon an und fur sich haben die Weiber und spanischen Hauser viele Turen und wenige Fenster, und es ist in ihr Herz leichter zu kommen als zu schauen. Vollends Madchen! Ich meine, da die Frauen sowohl physiognomisch als moralisch bestimmter, kecker entwickelt und gezeichnet sind: so will ich lieber zehn Mutter als zwei Tochter erraten und mithin abkopieren. Die korperlichen Portratmaler klagen ebenso.
Wer die Nacht beobachtet, findet, dass sie die Zweifel und Sorgen, die er den Abend vorher uber die Heldin seines Lebens aufgefangen, meistens bis gegen den Morgen hin totgemacht. Albano schlug am Fruhlingsmorgen die Augen im Leben wie in einem Siegeswagen auf, und die frischen Rosse stampften davor, und er durfte ihnen nur den Zugel lassen.
Er stieg mit seinem Freund bei Lianen aus nach wenigen Jahren, d.h. Tagen; der Minister war noch nicht zuruck. Himmel! wie neu und bluten-jung war ihre Gestalt und doch wechsellos ihr Betragen! Warum kann ich, dacht' er, nur ihre Bewegungen, nicht alle ihre Zuge auswendig, warum kann ich dieses Antlitz nicht bis auf das kleinste Lacheln wie eine heilige Antike rein und tief in mein Gehirn abdrucken, damit sie in ewiger Gegenwart vor mir schwebe? Darum, Lieber: schone und junge Gestalten sind eben dem Gedachtnis wie dem Pinsel schwer und alte, schroffe, mannliche beiden leichter. Wieder mit Freuden und Seufzern fullete er sich durch ihr Schauen und sie wurden grosser durch den nahen Garten, worein sich der Junius mit seiner Abendpracht lagerte o wenn ihm nur eine Minute kame, wo seine ganze Seele begeistert reden durfte! Draussen lag der junge feurige Fruhling wie ein Antinous im Garten und sonnete sich, und der Mond stand, ungeduldig auf die schone Juniusnacht, schon unter dem Morgentor und traf noch den lebendigen Tag und die zogernde Sonne an. Aber die Mutter schlug dem fragenden Blicke Lianens den Sonnenuntergang ab "des ungesunden Serein wegen"93. Albano mit dem Herzen voll Mannerblut fand diesen mutterlichen Verhack um die kindliche Gesundheit sehr klein.
Der Torschluss seines heutigen Edens hatte sich nun in der nachsten Minute eingelautet, ware der Hauptmann und der cereus serpens nicht gewesen.
Jener kam vom welschen Dache herabgelaufen und verkundigte, der cereus bluhe diesen Abend um zehn Uhr auf, sage der Gartner, und er bleibe da, "und du mit", sagt' er zu Albano. Alles, was nur die doppelten Grenzen der schonenden Zartheit gegen Schwester und Freund zufliessen, setzt' er liebend ins Spiel, um diesen zu erfreuen. Liane bat ihn selber, das Bluhen abzuwarten; sie war so entzuckt uber das nahe! Ihre Seele hing, wie Bienen und Tau, an Blumen. Schon ihr Freund, der fromme Spener, der ein trunknes Auge auf diese lebendigen Arabesken an Gottes Throne heftete, hatte sie mit diesen stummen, immer schlafenden Kindern des Unendlichen befreundet; aber noch mehr ihr jungfrauliches Herz und ihr leidendes. Sind euch nie zarte weibliche Seelen begegnet, in deren Blutezeit das Schicksal kalte Wolken geworfen und die nun gleich Rousseau andere Blumen als die der Freude suchten, und die in Talern und auf Felsen sich ermudeten und buckten, um zu sammeln und zu vergessen und von der gestorbnen Pomona zu fluchten zur jungen Flora? Der Generalbass und das Latein, womit Hermes Madchen zerstreuen will, weichen hier der weiten bunten Bilderschrift der Natur, der reichen Botanik.
Eine namenlose Zartlichkeit fur Liane kam in Albanos Seele am kleinen viersitzigen Esstisch ihm war, als sei er ihr jetzt naher und ihr Verwandter und doch fasste er die Verwandte nicht, wenn sie die Mutter aus jedem Ernst, worein diese versank, mit Scherzen zurucklockte. Draussen riefen die Nachtigallen die Menschen in die schone Nacht; und keiner schmachtete mehr als er hinaus.
Fur Seelenaugen ist das Himmelblau, was fur korperliche das Erdengrun, namlich eine innige Starkung. Als Zesara endlich aus den Ketten des Zimmers, aus diesem geistigen Hausarrest, los und ledig hinaustrat unter das freie Reich des Himmels und aller Sterne und auf den magischen Statuen-Olymp, nach welchem er so oft sehnsuchtig aufgeblickt: so schlug die gewaltsam zusammengezogne Brust elastisch auseinander; wie ruckten die Sternbilder des Lebens in hellere Formen zusammen, wie waltete der Fruhling und die Nacht!
Der alte Gartner, der bloss aus dankbarer Anhanglichkeit ans "seelengute leutselige Fraulein" mit seltener Muhe dem cereus serpens solche Fruh-Bluten abgenotigt hatte, stand schon als scheinbarer Beobachter der Blumen, in der Tat aber aufs grosste Lob aufsehend, mit einem braunen, gezackten, punktierten und ernsten Gesichte droben, das mit keinem Lacheln zum Lobe ausfoderte.
Liane dankte dem Gartner, ehe sie an den Bluten war; dann lobte sie diese und seine Muhe. Der alte Mann wartete bloss, bis jeder andere von der Gesellschaft auch erstaunet war, darauf ging er schlafrig mit dem festen Glauben fort zu Bette, Liane werd' ihn morgen schon so bedenken, dass er zufrieden sein musse.
Der auslandische Nektarduft, der in funf weissen, gleichsam mit braunem Blatterwerk bekranzten Kelchen perlte, ergriff die Phantasie. Die Wohlgeruche aus dem Fruhling eines heissern Weltteils zogen sie in entlegne Traume hin. Liane strich mit leisem Finger, wie man uber Augenlider gleitet, nur uber die kleinen Duft-Vasen, ohne das volle Gartchen von zarten Staubfaden, das sich im Kelche drangte, raubend anzustreifen: "Wie lieblich, wie so gar zart!" (sagte sie kindlich-froh) "Wie funf kleine Abendsterne! Warum kommen sie nur nachts, die lieben scheuen Blumen?" Karl schien eine brechen zu wollen. "O lass sie leben" (bat sie) "morgen sind sie ohnehin tot. Karl! so welkt so viel", setzte sie leiser dazu. "Alles!" sagt' er barsch. -Aber die Mutter hatt' es wider Lianens Willen gehort: "Solche Sterbe-Gedanken" (sagte sie) "lieb' ich an der Jugend nicht, sie lahmen ihr die Flugel." "Und dann" (versetzte Liane, es madchenhaft-umkehrend) "bleibt sie eben; wie der Kranich in Kleists Fabel, dem man die Flugel brach, damit er nicht fortzog mit den ubrigen ins warme Land."
Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war unserem Freunde nicht durchsichtig genug. Aber spater hatte das gute Madchen Muhe, so auszusehen, wie die sorgsame Mutter es wollte. Die betaubende Vorstecklilie der Erde, der Mond und das ganze blendende Pantheon des Sternenhimmels und die mit Nacht-Lichtern durchbrochne Stadt und die majestatischen hohen schwarzen Alleen und auf Fluren und Bachen das milchblasse Lunens-Silber, womit sich die Erde in einen Abendstern einspann und die Nachtigallen aus fernen Garten ruhrte denn das nicht jedes Herz allmachtig an, dass es weinend seine Sehnsucht bekennen wollte? Und das weichste, das jetzt unter den Sternen schlug, hatte vermocht, den Schleier ganz uber sich zu ziehen? Beinahe! Sie hatt' es vor der Mutter gewohnt, die Trane, eh' sie wuchs, sozusagen mit dem Auge abzutrocknen.
Sonderbar erschien sie in der nachsten Minute dem Grafen. Die Mutter sprach mit dem Sohn. Liane stand, fern von jenem, mit halbverwandtem, vom Monde ein wenig entfarbtem Gesicht neben einer weissen Statue der heiligen Jungfrau und blickte in die Nacht. Auf einmal schauete und lachelte sie an, gleichsam als erschien' ihr ein lebendiges Wesen im Ather-Abgrund, und die Lippe wollte reden. Erhabner und ruhrender war ihm noch keine Erdengestalt begegnet; das Gelander, in das er griff, ging hin und her (aber er selber regte es), und seine ganze Seele rief: heute, jetzt lieb' ich die Himmlische am hochsten, am innigsten. So sagt' er neulich auch, und so wird er ofter sagen; kann der Mensch mit den unzahligen Wogen der Liebe Hohenmessungen anstellen und auf diejenige zeigen, die am meisten stieg? So glaubt der Mensch stets, wo er auch stehe, in der Mitte des Himmels zu stehen.
Ach in dieser Minute wurd' er wieder uberrascht, aber eben mit einem Ach. Liane ging zur Mutter, und als sie an der Hand der Gefalligen ein kleines Schaudern fuhlte, drang sie in sie, aus der Nachtluft zu gehen, und gab nicht eher nach, als bis sie mit ihr die Zauberstatte verliess.
Die Freunde blieben zuruck. Nach Albanos Rechnung war' es freilich nicht zu viel gewesen, hatte man sich in dieser offenherzigen Zeit, worin unsere heiligern, vom gemeinen Tage bedeckten Gedanken sich wie Sterne offenbaren, bis gegen Morgen auf dem Dache aufgehalten. Beide gingen eine Zeitlang schweigend auf und ab. Endlich hielt sie der Rauchaltar der funf Blumen fest. Albano fasste zufallig die nahe Statue mit beiden Handen und sagte: "An hohen Orten will man gern etwas hinabsturzen sogar sich oft. Und hinein in die Welt, in weite ferne Lander mocht' ich mich auch sturzen, sooft ich in das Nachtrot dort schaue und sooft ich unter Orangerie-Bluten komme, wie unter diese. Bruder, wie ist dir? Der Himmel und die Erde breiten sich so aus: warum soll denn der Geist so zusammenkriechen. ?" "Mir ist ebenso," (sagt' er) "und im Kopf hat der Geist uberhaupt mehr Gelass als im Herzen." Aber hier ging er zart-erratend auf schonen Umwegen zur zufalligen Eroffnung uber, warum seine Schwester so bald hinuntergeeilet.
"Bis zum Eigensinn" (sagt' er) "treibe sie die Aufmerksamkeit fur die Mutter das letztemal merkte sie, dass die Mutter das Erblassen unter dem Tanze sehe, sofort horte sie auf nur ihm zeige sie das ganze Herz und jeden Blutstropfen und alle unschuldigen Tranen darin besonders glaube sie etwas von der Zukunft, was sie der Mutter sorgsam verdekke." "Sie lachelte vorhin fur sich," (sagte Albano und legte auf seine Augen Karls Hand) "als sahe sie ein Wesen aus der Schleier-Welt droben." "Hast du das" (versetzte Karl) "auch gesehen? Und dann regte sie die Lippe? O Freund, Gott weiss, was sie betort; aber das ist gewiss, sie glaubt fest, sie sterbe kunftiges Jahr." Albano liess ihn nicht weitersprechen, zu heftig aufgeregt druckte er sich an des Freundes Brust, sein Herz schlug wild, und er sagte: "O Bruder, bleibe stets mein Freund!"
Sie gingen hinab. Im Zimmer, das an Lianens ihres stiess, fanden sie ihr Pianoforte offen. Wahrlich das wars, was dem Grafen fehlte. In der Leidenschaft (sogar im blossen Feuer des Kopfes) greift man weniger nach der Feder als nach der Saite; und nur in ihr gelingt das musikalische Phantasieren besser als das poetische. Albano setzte sich indem er der Tonmuse dankte, dass es vierundvierzig Ausweichungen gebe mit dem Vorhaben an die Tasten, nun eine musikalische Feuertrommel zu ruhren und wie ein Sturm in die stille Asche zu brausen und ein helles Funkenheer von Tonen aufzujagen. Er tats auch, und gut genug und immer besser; aber das Instrument straubte sich. Es war fur eine weibliche Hand gebauet und wollte nur in weiblichen Tonen, mit Lauten-Klagen reden, als eine Freundin mit einer Freundin.
Karl hatt' ihn nie so spielen gehort und erstaunte uber die Fulle. Aber die Ursache war, der Lektor war nicht da; vor gewissen Menschen und darunter gehorte dieser gefriert die spielende Hand, so dass man nur in einem Paar Blechhandschuhen hin- und herarbeitet; und zweitens, vor einer Menge spielt sichs leichter als vor einem, weil dieser bestimmt vor der Seele haftet, jene aber zerflossen. Und noch dazu, begluckter Albano! du weisst, wer dich hort. Die Morgenluft der Hoffnung umflattert dich in Tonen das wilde Jugendleben schreitet mit rustigen Gliedern und lauten Schritten vor dir auf und ab das Mondlicht, von keinem irdischen groben Lichte verunreinigt, heiligt das tonende Zimmer. Lianens letzte Gesange liegen vor dir aufgeschlagen, und der anruckende Mondschein kann dich sie bald lesen lassen und die Nachtigall in der Mutter nahem Zimmer kampfet, wie von der Tuba ins Feld gerufen, mit deinen Tonen.
Liane trat mit ihrer Mutter erst spat herein, weil das heftige Ton-Getummel fur beide etwas Hartes und Peinigendes hatte.
Er konnte beide seitwarts am untern Fenster sitzen sehen, und wie Liane die Hand der Mutter hielt. Karl ging in weiten Schritten nach seiner Sitte auf und ab und stand zuweilen an ihm still. Albano trat in dieser Nahe der stillen Seele bald aus der harmonischen Wildnis in mondhelle einfache Stellen heraus, wo nur wenige Tone sich wie Grazien und ebenso leicht verbunden hold bewegen. Der kunstliche Wirrwarr enharmonischer Irrlichter ist nur der Vorlaufer der melodischen Charitinnen; und nur diese allein schmiegen sich an die weicheren Seelen an. Ihm war bis zur Tauschung, als sprech' er laut mit Lianen; und wenn die Tone immer wie Liebende dasselbe wiederholten vor Innigkeit und Lust: meinte er nicht Lianen und sagte ihr: wie lieb' ich dich, o wie lieb' ich dich? Fragt' er sie nicht: was klagest du, was weinest du? Und sagt' er nicht zu ihr: blick in dies stumme Herz und flieh es nicht, o Reine, Fromme, Meine?
Wie errotet der Gute, als plotzlich der liebkosende Freund ihm die Hande um die Augen legte, die bisher ungesehen im Dunkel vor Liebe ubergeflossen waren! Karl trat heftig zur Schwester, und sie nahm selber seine Hand und sagte Worte der Liebe. Dann fluchtete sich Albano in die brausende Wildnis so lange, bis die Augen getrocknet waren fur den beleuchteten Abschied langsam liess er die Wiege unsers Herzens ausschwanken und schloss so mild' und leise und verstummte ein wenig und stand langsam auf. O in dieser jungen stummen Brust lebte alles, womit die herrlichste Liebe segnen kann!
Sie schieden ernst. Niemand sprach uber die Tone Liane schien verklart Albano wagt' es in dieser Geisterstunde des Herzens nicht, mit einem Auge, das sich so kurz vorher gestillet hatte, lang' auf ihren milden blauen zu ruhen. Ihre geruhrte Seele druckte sie, wie Madchen pflegen, bloss am Bruder durch eine heissere Umarmung aus. Und dem heiligen Jungling konnte sie scheidend den Ton und den Blick nicht verhehlen, den er nie vergisset.
Er erwachte oft in dieser Nacht und wusste nicht, was sein Wesen so selig wiege ach der Ton war es, der durch den Schlummer nachklang, und das liebe Auge, das ihn noch in Traumen anblickte.
Zwolfte Jobelperiode
Froulays Geburtstag und Projekte Extrablatt
Rabette die Harmonika die Nacht der fromme
Vater die Wundertreppe die Erscheinung
58. Zykel
Glucklicher Albano! du warest es nicht geblieben, hattest du am Geburtstage des Ministers das gehoret, was er da vorbrachte!
Schon seit geraumer Zeit war Froulay voll bedenklicher gewitterhafter Zeichen, und jede Minute konnte musste man furchten der Donnerschlag aus ihm fahren; er war namlich munter und mild. So drohet auch bei phlegmatischen Kindern grosse Munterkeit Ausbruch der Pocken. Da er Hausvater war und Despot die Griechen hatten fur beides nur das Wort Despot-: so erwartete man von ihm als ehelichem Wettermacher94, er werde die gewohnlichen Sturme und Ungewitter fur die Familie besorgen. Eheliche Gewittermaterie zum blossen Truben der Ehe kann nie fehlen, wenn man bedenkt, wie wenig sogar zum Scheiden derselben gehoret, z.B. bei den Juden bloss, dass die Frau zu laut schreie, das Essen anbrenne, ihre Schuhe am Platze der mannlichen lasse u.s.w. Noch dazu war manches da, woruber gut zu donnern war; z.B. Liane, an welcher man die Missetat des Bruders heimsuchen konnte, weil dieser hartnackig wegblieb und um keine Gnade bat. Man ist immer gern auf Frau, Tochter und Sohn zugleich ungehalten und lieber ein Land- als Strichregen; ein Kind kann leichter eine ganze Familie versalzen als versussen.
Aber Froulay verblieb der lachelnde Johannes. Ja trieb ers nicht die Beweise hab' ich so weit damit, dass er, da die Tochter der Prinzessin einmal beim Abschiede um den Hals fiel, anstatt ihr mit blitzenden Augen vorzuhalten, wie man Vertraulichkeiten bei Hohern nur annehmen, nicht erwidern und sich eben da nicht vergessen musse, wo sie sich vergessen und anstatt ernst zu fragen, ob sie ihn je in seiner warmsten Liebe gegen den Fursten wider die dehors habe verstossen sehen dass er, sag' ich, anstatt dieses hagelnd und sturmend zu tun, diesesmal bloss in die schonen Worte ausbrach: "Kind, du meinst es zu gut mit deiner vornehmen Freundin; frage deine Mutter, sie weiss auch, was freundschaftliche liaisons sind."
Bloss Liane obwohl so oft von dieser Meerstille hintergangen war voll unsaglicher Hoffnung und Freude uber den hauslichen Frieden und glaubte Bestand, zumal in der Nahe des vaterlichen Geburtstages, dieser Olympiade und Normalzeit, wornach das Haus vieles rechnete. Das ganze Jahr lauerte der Minister auf diesen Tag, um am Morgen, wenn die Wunsche kamen, das sichtbare Vergessen desselben nicht zu vergessen, sondern daruber zu erstaunen die Geschafte machens, sagt' er und um abends, wenn die Gaste kamen der Geschafte wegen dinier' er nie, sagt' er , erstaunen zu lassen. Er war wechselnd der Anbeter und der Bildersturmer der Etikette, ihre Ministerial- und Oppositionspartei, wie es gerade sein Schimmer gebot.
Liane drang so lange in den Bruder, bis er den Vater mit etwas zu erfreuen versprach: er machte dazu ein Familienstuckchen, worein er die ganze BeichtNacht zwischen sich und Albano einschob, nur dass er Albano in eine Schwester verkehrte. Gern lernte Liane noch diese Rolle fur den Geburtstag ein, ob sie gleich die bluhende Weste lieferte.
Der Minister nahm die Weste, den Hauptmann und dessen Komodienzettel des abendlichen Spiels wider Vermuten gutig auf; da er sonst wie einige Vater desto lauter knurrte, je ofter ihn die Kinder streichelten. Er tanzte wie ein Polacke95 ganz aufgeraumt mit seiner Familie dahin und versteckte die Peitsche fest unter den Pelz. Es ging ihm jetzt nichts Schlimmers im Kopfe herum als bloss die Frage, wo das Liebhabertheater am besten, ob im Salon de lecture oder ob im Salon der bains domestiques aufzuschlagen; denn beide Sale waren ganz von einander und von andern Zimmern durch die Namen unterschieden.
Der Tag kam. Albano, dessen Einladung Karl ertrotzen mussen, weil der Minister seinen Stolz hassete aus Stolz, brachte leider den Ton in seiner Seele mit, den ihm das letztemal Liane nach Hause gegeben. Seine Hoffnung hatte bisher von diesem Tone gelebt. O verdenkts ihm nicht! Das luftige Nichts eines Seufzers tragt oft eine Schaferwelt oder einen Orkus auf dem Ephemeren-Flugel. Alles Wichtige ist wie ein Fels auf einen Punkt zu stellen, wo es ein Kinderfinger drehen kann.
Aber der Ton war verklungen. Liane wusst' es gar nicht anders, als dass man unter der Visitengemeinde deren moralische Pneumatophobie96 sie nicht einmal ganz kannte vor jede betende Empfindung den Kirchenfacher halten musse.
Logen, Parterre und Groschengalerie wurden fast um die gewohnliche Schauspielszeit mit stiftsfahigen Gratulanten verziert und ausgefullt. Der deutsche Herr ragte sehr hervor durch den reichen Trotz seiner Verhaltnisse. Von der Visitenkompagniegasse kann im Durchgehen nur angemerkt werden, dass in ihr und im antiphlogistischen System der Sauerstoff die Hauptrolle spielte, welchen aber weniger die Lunge abschied als das Herz.
Als der Vorhang auseinanderging und Roquairol jene Nacht der Vergebung und Entzuckung noch feuriger wieder vorbeifuhrte, als sie gewesen war; als diese traumerische Nachaffung erst die rechte Wirklichkeit schien: wie gluhend und tief brannt' er sich dadurch in seines Freundes Seele ein! (Guter Albano! Diese Kunst, sein eigner revenant, sein Vexier- und After-Ich zu werden und die Prachtausgabe des eignen Lebens nachzudrucken, hatte dir kleinere Hoffnungen verstatten sollen!) Der Graf musste in der ernsthaftesten Sozietat, die je um ihn sass, ausbrechen in ein unschickliches Weinen. Und warum legte Karl Albanos Worte in jener Nacht der zauberisch-geruhrten Liane in den Mund und machte die Liebe durch so viele Reize gross bis zum Schmerz?
Selber der deutsche Herr gab Lianen, diesem weissen Schwan, der errotend durch das Abendrot des Phobus schwamm, mehrere laute und dem Grafen verdrussliche Zeichen des Beifalls. Der Minister war hauptsachlich froh, dass das alles zu seiner Ehre vor falle und dass die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz besondern epigrammatischen Lorbeerkranz auf den Scheitel werfen musse.
Er uberkam den Kranz. Das Kinderpaar wurde von der anwesenden Erlanger Literaturzeitung und von der Belletrischen sehr gunstig rezensiert und mit Kronen uberdeckt, mit edlen Martyrerkronen. Der deutsche Herr hatte und brauchte das laute Recht, die Kronung und den Kronwagen anzufuhren. Niedriger Mensch! warum durfen deine Kafer-Augen uber die heiligen Rosen, welche die Ruhrung und die Geschwister-Liebe auf Lianens Wangen pflanzt, nagend kriechen? Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herr so dass er mit den altesten Damen badinierte , als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht phantastisch oder sentimentalisch, sondern durch stilles stetes Nahern und verstandige Aufmerksamkeit, durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und endlich durch etwas Entscheidendes herrlich an den Tag geben sah! Der deutsche Herr zog namlich den alten in ein Kabinett hinein und beide kehrten heftigbelebt daraus zuruck.
Die einsame, ins eigne Herz versenkte Liane fluchtete vom Giftbaum des Lorbeers weg zur erquickenden Mutter. Liane hatte mitten in den sturmischen Muhlengangen taglicher Assembleen eine leise Stimme und ein zartes Ohr behalten, und der Tumult hatte sie eingezogen und fast scheu gelassen.
Die schone Seele erriet selten etwas eine schone Seele ausgenommen ; so leicht ihr Ebenbild, so schwer ihr Gegenbild. Bouverots Annaherungen schienen ihr die gewohnlichen Vorund Seitenpas der mannlichen Hoflichkeit; und sein Ritter-Zolibat erlaubte ihr nicht, ihn ganz zu verstehen; prangen nicht die Lilien der Unschuld fruher als die Rosen der Scham, wie die Purpurfarbe anfangs nur bleich farbt und erst spater rot angluht, wenn sie vor der Sonne liegt? Sie hielt sich diesen Abend der Mutter nahe, weil sie an ihr einen ungewohnlichen Ernst wahrnahm.
Als Froulay das Geburtstags-Kranzchen, worin mehr Stacheln und Stiele als Blumen steckten, oder das Dornenkronchen von seinem Kopfe heruntergetan hatte und in der Nachtmutze unter seiner Familie stand: macht' er sich an das Geschaft, worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte. "Taubchen" (sagt' er zur Tochter und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastille97) "Taubchen, lasse mich und Guillemette allein." Er entblosste jetzt das Ober-Gebiss durch ein eignes Grinsen und sagte, er hab' ihr, wie er hoffe, etwas Angenehmes zu hinterbringen. "Sie wissen," (fuhr er fort) "was ich dem deutschen Herrn schuldig bin" Er meinte nicht Dank, sondern Geld und Rucksicht.
Man will es sehr preisen an der Familie der Quintier98, dass sie nie Gold besessen; ich fuhre ohne tausend andere Familien aufzustellen, von denen dasselbe zu beschworen ist nur die Froulaysche an. Gewisse Familien haben wie Spiessglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall, wenn sie auch wollten; wahrlich Froulay wollte; er sah sehr auf seinen Vorteil (auf etwas anderes nicht), er setzte (obwohl nur in Kollisionsfallen) gern Gewissen und Ehre beiseite; aber er brachte es zu nichts als zu grossen Ausgaben und grossen Projekten, bloss weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes, sondern nur als Mittel des Ehrgeizes und der Tatigkeit sucht. Sogar fur einige Gemalde, die Bouverot fur den Fursten in Italien gekauft, war er jenem noch den Kaufschilling schuldig, den er von der Kammer erhoben. Durch seine Schuldbriefe stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen. Er hatte gern seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin wenigstens die innigste Gemeinschaft der Guter gehabt denn unter den jetzigen Umstanden grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander ; aber wie gesagt, manche Menschen haben bei den besten Krallen wie der Adler des romischen Konigs99 nichts darin.
Er fuhr fort: "Jetzt horet diese Gene vielleicht auf. Haben Sie bisher Beobachtungen uber ihn gemacht?" Sie schuttelte. "Ich" (versetzt' er) "schon lange und solche, die mich wahrhaft soulagierten; j'avois le nez bon quant a cela er hat reelle Neigung fur meine Liane."
Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem Erstaunen, zur angenehmen Sache zu kommen. Komisch rang auf seinem Gesicht der freundliche Schein mit der Erwartung, er werde sich sogleich erbosen mussen; er versetzte: "Ist Ihnen das keine? Der Ritter meint es ernsthaft. Er will sich jetzt mit ihr heimlich verloben; nach drei Jahren tritt er aus dem Orden, und ihr Gluck ist gemacht. Vous etes je l'espere pour cette fois un peu sur mes interets, ils sont les votres."
Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum verhullet werden. "Herr von Froulay!" (sagte sie nach einiger Fassung) "ich verberge mein Erstaunen nicht. Eine solche Ungleichheit in den Jahren in den Neigungen in der Religion"100
"Das ist des Ritters Sache, nicht unsere", versetzt' er, erquickt von ihrer entrusteten Verwirrung, und warf wie das Wetter in seiner Kalte nur feinen spitzen Schnee, keinen Hagel. "Was Lianens Herz anlangt, dieses bitt' ich Sie eben zu sondieren." -"O dieses fromme Herz? Sie persiflieren!" "Posito! desto lieber wird das fromme Herz sich fugen, um das Gluck des Vaters zu machen, wenn sie nicht die grosste Egoistin ist. Ich mochte die gehorsame Tochter nicht gern zwingen." "N'epuisez pas ce chapitre; mon coeur est en presse. Es wird ihr das Leben kosten, das ohnehin an so schwachen Faden hangt." Diese Erwahnung schlug allezeit Zornfeuer aus seinem Kiesel: "Tant mieux," (sagt' er) "so bleibt es bei der Verlobung! hatt' ich bald gesagt sacre ! Und wer ist daran schuld? So gehts mir mit dem Hauptmann auch; anfangs versprechen meine Kinder alles, dann werden sie nichts. Aber, Madame," (indem er sich schnell und giftig zusammenfasste und statt seiner Lippen und Zahne bloss die Gehorwerkzeuge eines schlafenden Schosshundes massig druckte) "Sie allein wissen ja alles durch Ihren Einfluss auf Liane zu dressieren und zu redressieren. Sie gehorcht Ihnen vielleicht noch eher als mir. Ich werde dann nicht bei dem Ritter kompromittiert. Die Vorteile detaillier' ich nicht weiter." Seine Brust wurde hier schon erwarmt unter dem Geierfell der Entrustung.
Aber die edle Frau stand jetzt unwillig auf und sagte: "Herr von Froulay! Bis jetzt sprach ich nicht von mir Nie werd' ich es raten, oder billigen, oder zulassen; ich werde das Gegenteil tun. Herr von Bouverot ist meiner Liane nicht wurdig."
Der Minister hatte wahrend der Rede mehrmals mit der Lichtschere ohne Not uber den Wachslichtern zugeschnappt und nur die Flammenspitze gekopft; die fixe Luft des Zorns strich jetzt die Rosen seiner Lippen (wie die chemische die botanischen) blau an. "Bon!" (versetzt' er) "Ich verreise; Sie konnen daruber reflechieren aber ich gebe mein Ehrenwort, dass ich nie in irgendeine andere Partie konsentiere, und ware sie" (wobei er die Frau ironisch ansah) "noch ansehnlicher101 als die eben projektierte entweder das Madchen gehorcht, oder sie leidet decidez! Mais je me fie a l'amour que vous portez au pere, et a la fille; vous nous rendrez tous assez contents." Und dann zog er fort, nicht als Gewitter, sondern als Regenbogen, den er aus der achten Farbe allein verfertigte, aus der schwarzen, und zwar mit den Augenbraunen.
Nach einigen mit der Mutter und Tochter zurnenden Tagen reiste er als Luigis Geschaftstrager nach Haarhaar zur furstlichen Braut. Die bedrangte Mutter vertrauete ihrem altesten und einzigen Freunde, dem Lektor, das trube Geheimnis. Beide hatten jetzt ein reines Verhaltnis der Freundschaft gegeneinander, das in Frankreich durch die hohere Achtung fur die Weiber haufiger ist. In den ersten Jahren der ministerialischen Zwangsehe, die nicht mit Morgentau, sondern mit Morgenreif anbrach, flatterte vielleicht der Dammerungsvogel, Amor, ihnen nach; aber spater vertrieben die Kinder diese Sphinx. Uber die Mutter wird oft die Gattin verschmerzt. Sie nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Starke alles Schwankende in ihrem Verhaltnis gegen Augusti auf immer weg; und er machte ihr die Festigkeit durch die seinige leichter, weil er bei mehr Ehr- als Weiber-Liebe uber kein Flechtwerk roter wurde als uber das eines Korbes und irrig glaubte, ein Empfanger habe sich so zu schamen wie eine Empfangerin.
Der Lektor konnte voraussehen, dass sie auch nach ihrer Ehescheidung die sie nur Lianens wegen verschob schon darum unverbunden bleiben werde, um ihrer Tochter ein Allodialgut, Klosterdorf, fur dessen Vorbehaltung sie nun 21 Jahre lang den Sturmbalken und Sichelwagen und Doppelhaken des alten Ministers blossgestanden, nicht zu entziehen. Ob sie einem so festen und zarten Manne, der in nichts von ihr abwich als in der Weltkalte gegen positive Religion, nicht ihre teuere Liane selber schweigend zudenke, ist eine andere und schonere Frage. Eine solche Wechselgabe ware einer solchen Mutter und Freundin wurdig, die aus ihrem Herzen wusste, dass Zart- und Ehrgefuhl zusammen einer geliebten Seele ein festeres Gluck bereiten als die Genieliebe, dieser Wechsel von fliegender Hitze und fliegender Kalte, dieses Feuer, das wie das elektrische stets zweimal zertrummert, bei dem Anfliegen und bei dem Abspringen. Der Lektor selber warf jene Frage nicht auf; denn er machte nie unsichere, kecke Plane; und welcher war' es mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armut oder bei einem solchen Schwiegervater in einem Lande, wo, wie in Kursachsen, ein so wohltatiges Gesetz (fur die Eltern) sogar eine vieljahrige Ehe, die kein elterlicher Konsens geschlossen, wieder abbestellen kann!
Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Sturmwolken, die wieder uber sie und ihre Liane heraufstiegen. Sie konnte auf sein feines Auge fur die Welt, auf seine stumme Lippe und auf seine gewandte Hand fur Geschafte bauen. Er sagte wie immer , das hab' er alles vorausgesehen; bewies ihr aber, dass Bouverot sein Ritterkreuz schon aus Habsucht nie gegen den Ehering vertauschen werde, welche Absichten er auch auf Lianen nahre. Er liess sie, soweit es die Schonung fur ihre wunden Verhaltnisse vertrug, es erraten, bis zu welchem Grade von Bereitwilligkeit fur Bouverots Wunsche gerade Lianens zerbrechliches Leben den Minister locken konne, um es abzuernten, bevor es abbluhe. Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab als Verletzungen seiner Eitelkeit, wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken als Flussiges. Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart, als Leser aus den mittlern Standen denken mochten; ich berufe mich auf die vernunftigern aus den hohern.
Augusti und die Ministerin sahen, man musste in der Abwesenheit des Ministers doch etwas fur Liane tun; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen. Liane muss aufs Land in dieser schonen Zeit sie muss ihre Gesundheit rusten fur die Kriege der Zukunft sie muss den Besuchen des Ritters entzogen sein, die nun der Geburtstag vervielfaltigen wird der Minister muss sogar gegen den Ort nichts einzuwenden haben. Und wo kann dieser liegen? Bloss unter dem Dache des Direktors Wehrfritz, der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann, weil er sein vergiftendes Verhaltnis zum Fursten weiss. Aber freilich sind vorher noch andere Berge zu ubersteigen als der nach Blumenbuhl.
Selber der Leser muss jetzt uber einen niedrigen hinuber; und der ist ein kurzes komi-tragisches Extrablatt
uber den grunen Markt mit Tochtern
Folgendes ist gewiss: jeder Inhaber einer sehr schonen oder sehr reichen Tochter verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach, der ihm selber unbrauchbar ist und den er erst nach langem Ruhen einem Regenten102 verkaufen muss. Genau und merkantilisch gesprochen sind Tochter eigentlich kein Handelsartikel denn die elterlichen Grossavanturhandler kann niemand mit jenen Trodlerinnen und Standel- oder Fratschlerweibern vermengen, deren Transitohandel man nicht gern nennt , sondern eine Aktie, mit der man in einer Sudsee gewinnt, oder eine Scholle, womit man das Grundstuck symbolisch (scotatione) ubergibt. "Je ne vends que mes paysages et donne les figures par dessus le marche"103, sagte Claude Lorraine, wie ein Vater und konnt' es leicht, weil er durch andere die Figuren in seine Landschaften malen liess ; ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf- oder Ehekontrakt gesetzt und die Braut, die auf jenen sitzt, dareingegeben. Ebenso hoher hinauf ist eine Prinzessin bloss ein bluhender Zweig, den ein furstlicher Sponsus nicht der Fruchte wegen, sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land und Leuten daran angelegt, abnimmt und nach Hause tragt.
Hat ein Vater wie unser Minister nicht viel, so kann er die Kinder, wie die Agypter die Eltern (namlich die Mumien davon), als Schuld- und Faustpfander oder Reichspfandschaften, die man nicht einloset, einsetzen.
Jetzt hat sich der Kaufmannsstand, der sonst nur fremde Produkte vertrieb, auch dieses Handelszweigs bemachtigt; mich dunkt aber, er hatte in seinem untern Kaufgewolbe Spielraum genug, eigennutzig und verdammt zu werden, ohne die Treppe hinaufzusteigen zur Tochter. In Guinea darf nur der Adel handeln; bei uns ist ihm fast aller Handel, ausser dem kleinen mit den Tochtern und den ubrigen wenigen Dingen, die auf den eignen Gutern wachsen, abgeschnitten und verwehrt; daher halt er so fest auf diese Handelsfreiheit, und die Noblesse scheint hier eine fur diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein; so dass man gewissermassen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn vergleichen mag, den in Rom verkaufliche Leute besteigen mussten104, um besehen zu werden.
Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefuhlvoller junger Herzen, dass dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen; indes ihr wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies. Denn ist nur der Handel geschlossen und vom Buchhalter (dem Pfarrer) ins Hauptbuch eingetragen: so tritt ja die Zeit ein, wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf, namlich die schone Zeit nach der Heirat, die allgemein in Frankreich und Italien und allmahlich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird, wo ein weibliches Herz frei unter der Manner-Schar erwahlen kann; ihr Staat wird dann, wie der venezianische, aus einem merkantilischen ein erobernder. Auch den Gemahl selber unterbricht das kurze Handlungsgeschaft so wenig nachals vorher in seiner Liebe; nur tritt jetzt wie in Nurnberg dem Juden eine alte Frau unserem immer eine junge nach. Ja oft fasset der eheliche HandelsMann selber Neigung fur das heimgefuhrte Subjekt welches ein ungemeines Gluck-, und wie Moses Mendelssohn mit dem seidnen Waren-Bundel unter dem Arm seine Briefe uber die Empfindungen aussann, so meditieren bessere Manner unter dem Handel Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau wie Kaufleute in Messina105 mit der heiligen in Compagnie; aber freilich solche profitable Verbindungen der Liebe mit Geschaften bleiben seltene Vogel und sind wenig zu pratendieren.
Das Vorige schrieb ich fur Eltern, die gern scherzen mit kindlichem Gluck; ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz Ernst machen. Ich frage euch erstlich uber euer Recht, moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machthandlung den giftigen Bleizepter uber ein ganzes freies Leben auszustrekken. Eure zehn Lehrjahre des Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als Talent oder sein Mangel. Warum befehlt ihr denn Tochtern nicht ebensogut Freundschaft auf Lebenslang? Warum ubt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu wahlen. Oder fodert ihr fur die Erziehung zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? Ihr tut, als hattet ihr erzogen, ohne selber erzogen zu sein, indes ihr bloss eine schwere geerbte Schuld, die ihr an eure Eltern nie bezahlen konnt, an eure Kinder abtragt; und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Glaubiger, den ersten Menschen, und nur einen insolventen Schuldner, den letzten. Oder schutzet ihr euch noch mit dem barbarischen unmoralischen romischen Vorurteil, das Kinder als weisse Neger der Eltern feilbietet, weil die fruhere erlaubte Gewalt uber das nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmahlichkeit seiner Entwicklung unbemerkt als eine uber das moralische heruberschleicht?
Durft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Gluck, so durfen sie spater ebensogut aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen. Aber was ist denn das Gluck, wofur sie ihr ganzes Herz mit allen seinen Traumen wegwerfen sollen? Meistens eures; eure Beleuchtung und Bereicherung, eure Feind- und Freundschaften sollen sie mit dem Opfer des Innersten bussen und kaufen. Durft ihr eure stillen Voraussetzungen zum Gluck einer Zwangsehe laut bekennen, z.B. die Entbehrlichkeit der Liebe in der Ehe, die Hoffnung eines Todesfalles, die vielleicht doppelte Untreue sowohl gegen den ehelichen Kaufer als gegen den ausser-ehelichen Geliebten? Ihr musset Sunderinnen106 voraussetzen, um nicht Rauber zu sein.
Tut mir nicht dar, dass Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen oft gut genug ausgefallen, wie an Herrnhutern, Germanen und Orientalern zu ersehen. Nennt mir sonst lieber alle barbarische Volker und Zeiten her, worin, weil beide ja nur den Mann, nie die Frau berechnen, eine gluckliche Ehe nichts bedeutet als einen glucklichen Mann. Niemand steht nahe genug dabei, die weiblichen Seufzer zu horen und zu zahlen; der ungehorte Schmerz wird endlich sprachlos; neue Wunden schwachen das Bluten der altesten. Ferner: am Missgeschick der Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten schuld. Ferner: jede Zwangs-Ehe ist ja meistens zur Halfte eine Neigungs-Ehe. Endlich: die besten Ehen sind im mittlern Stand, wo mehr die Liebe, und die schlechtesten in den hohern, wo die Rucksicht bindet; und sooft in diesen ein Furst bloss mit seinem Herzen wahlte, so erhielt er eines, und er verlor und betrog es nie.
Welches ist denn nun die Hand, in welche ihr so oft die schonste, feinste, reichste, aber widerstraubende presset? Gewohnlich eine schwarze, alte, welke, gierige. Denn veraltete, reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis, Sattigung und Freiheit, um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten; die minder vollkommnen fallen bloss Liebhabern anheim. Aber wie niedrig ist ein Mann, der, verlassen vom eignen Wert, bloss vom fremden Machtgebot beschutzt, sein Gluck bezahlend mit einem gestohlnen, nun die unbeschirmte Seele von einer geliebten nachweinenden in ein langes kaltes Leben wegschleppen und sie in seine Arme wie in frostige Schwerter drukken und sie darin so nahe an seinem Auge blutend erbleichen und zucken sehen kann! Der Mann von Ehre gibt schon errotend, aber er nimmt nicht errotend; und der bessere Lowe, der tierische, schonet das Weib107; aber diese Seeleneinkaufer erpressen vom bezwungnen Wesen noch zuletzt das Zeugnis der Freiwilligkeit.
Mutter des armen Herzens, das du durch Ungluck beglucken willst, hore du mich! Gesetzt, deine Tochter harte sich ab gegen das aufgedrungene Elend: hast du ihr nicht den reichen Traum des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr daraus die gluckseligen Inseln der Liebe genommen und alles, was auf ihnen bluht, die schonen Tage, wo man sie betritt, und das ewige frohe Umsehen nach ihnen, wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren bluhenden Gipfeln liegen? Mutter, war diese frohe Zeit in deiner Brust, so nimm sie der Tochter nicht; und war sie dir grausam entzogen, so denk an deinen bittersten Schmerz und erb' ihn nicht fort.
Gesetzt ferner, sie macht den Entfuhrer ihrer Seele glucklich, rechne nun, was sie fur den Liebling derselben gewesen ware und ob sie dann nichts verdiene, als den zu ihr von einer Gefangnisture auf immer eingeschlossenen Kerkermeister zu ergotzen! Aber so gut ists selten; du wirst ein doppeltes Missgeschick auf deine Seele haufen, den langen Schmerz der Tochter, das Erkalten des Gatten, der spater die Weigerungen fuhlt und rugt. Du hast die Zeit verschattet, wo der Mensch am ersten Morgensonne braucht, die Jugend. O macht lieber alle andere Tageszeiten des Lebens trube sie sind sich alle ahnlich, das dritte und das vierte und funfte Jahrzehend , nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben regnen; nur diese einzige, nie umkehrende, unersetzliche Zeit verfinstert nicht.
Aber wie, wenn du nicht bloss Freuden, Verhaltnisse, eine gluckliche Ehe, Hoffnungen, eine ganze Nachkommenschaft fur deine Plane und Befehle opfertest, sondern das Wesen selber108, das du zwingst? Wer kann dich rechtfertigen oder deine Tranen trocknen, wenn die beste Tochter denn gerade diese wird gehorchen, schweigen und sterben, wie den Monchen von La Trappe ihr Kloster niederbrennt, ohne dass einer das Gelubde des Schweigens bricht109 wenn sie, sag' ich, wie eine Frucht halb vor der Sonne, halb im Schatten, nach aussen hin bluht und nach innen kalt erbleicht, wenn sie, ihrem entseelten Herzen nachsterbend, dir endlich nichts mehr verhehlen kann, sondern jahrelang die Blasse und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens herumtragt und wenn du sie nicht trosten darfst, weil du sie zerstoret hast und dein Gewissen den Namen Kindermorderin nicht verschweigt und wenn nun endlich das ermudete Opfer vor deinen Tranen daliegt und das ringende Wesen so bang und fruh, so matt und doch lebensdurstig, vergebend und klagend, mit brechenden und sehnsuchtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den bodenlosen Todesfluss mit den bluhenden Gliedern untersinkt: o schuldige Mutter am Ufer, die du sie hineingestossen, wer will dich trosten? Aber eine schuldlose wurde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen: soll dein Kind auch so untergehen?
59. Zykel
Es war ein romantischer Tag fur Zesara, sogar von aussen; Sonnenfunken und Regentropfen spielten blendend durch den Himmel. Er hatte einen Brief von seinem Vater aus Madrid bekommen, der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich das schwarze Siegel der Gewissheit druckte und worin nichts Angenehmes war als die Nachricht, dass Don Gaspard mit der Grafin de Romeiro, deren Vormundschaft er nun schliesse, in dem Herbste (dem italienischen Fruhling) nach Italien gehe. Zwei Tone waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen: er erfuhr nie, wie man einen Bruder liebe und eine Schwester. Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit der Tartarus-Nacht, dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wunsche seines Herzens emporte seinen Geist, und er fuhlte zornig, wie ohnmachtig eine ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurucken suche; und fuhlte wieder schmerzlich, dass eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube.
So fand ihn eine unerwartete Einladung von der Ministerin selber Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel. Er flog; im Vorzimmer stand der Engel, der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach Rabette. Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt' ihn fruher umarmt als er sie. Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht! Mit Tranen hort' er den Namen Bruder, da er heute eine Schwester verloren!
Die Ursache ihrer Erscheinung war diese: als der Direktor das letztemal bei der Ministerin war, hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter "zur Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Veranderung" ihr Haus geoffnet, um kunftig an seines fur ihre klopfen zu durfen. Er sagte, "er spedier' ihr den weiblichen Wildfang mit Freuden". Und da ihm in Blumenbuhl Rabette Nein, dann Ja, dann Nein, dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht eine Reichskammergerichts-Revision, einen Munzprobations-Tag uber alles gehalten hatte, was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt: so packte sie dort auf und hier ab.
"Ach ich furchte mich drinnen," (sagte sie zu Albano) "sie sind alle zu gescheut, und ich bin nun so dumm!" Er fand ausser dem Familienkleeblatt noch die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar, dieses schone Medaillon eines schonen Tages fur sein geruhrtes Herz. Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens weibliche Annaherung an Rabette, gleichsam als teil' er sie mit ihr. Mit Leutseligkeit und Zartheit kam die Milde, die ohne Falsch und Stolz war, der verlegnen Gespielin zu Hulfe, auf deren Gesicht die angeborne lachende und beredte Natur jetzt sonderbar gegen den kunstlichen Stummen-Ernst abstach. Karl war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstand, sie zu umstricken als loszuwickeln; bloss Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen freies Feld; Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier- und Anfangsbuchstaben, aber doch eine gute Kurrenthand.
Sie gab das Gesicht gegen das bruderliche gewandt, um Mut davon zu holen von dem gefahrlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte dabei, nach der Sitte des Volks, wenn es sein Ungluck erzahlt. Der Bruder war ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt; nach ihm allein stromte ihre Warme und Rede hin. Sie sagte: sie konn' ihn aus ihrer Stube "klavieren" sehen. Liane fuhrte beide sofort darein. Wie reich und erhaben uber Rabettens Anspruche ans Stadtleben war das jungfrauliche Hospitium ausgestattet, von der Tulpe an keiner bluhenden, sondern einem Arbeitskorbchen von Liane, wiewohl jede Tulpe eines fur den Fruhling ist bis zum Klavier, von dem sie gegenwartig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten fur einen halben Walzer! Funf massige Kleiderkasten denn damit glaubte sie auszukommen und der Stadt zu zeigen, dass auch das Land sich kleiden konne stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstucken und Blechbandern gleichsam die alten Drucke (Inkunabeln) der ersten Lebenstage vor; und heute erquickte ihn jede Spur der alten Liebes-Zeit. Sie liess ihn seine Fenster suchen, aus deren einem der Bibliothekar einen soliden Blick auf einen Gassenstein heftete, um ihn immer zu treffen mit Anspucken.
Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der Freundschaft lauter und versicherte, wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und wahr sie es mit ihr meine. O sehet in die Flamme der reinen religiosen schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns! Fasset ihr nicht, dass diese schone Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile fur alle Schwesterherzen, bis die Liebe sie zusammendrangt in eine Sonne, wie nach den Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne sammlen? Sie war uberall Auge fur jedes Herz; wie eine Mutter vergass sie nicht einmal die Kleine uber Grosse; und sie goss keiner streiche mir dieses kleine Beispiel weg der kleinen Helena die Tasse Kaffee, die der Doktor verbot, halb voll Sahne, damit er ohne Kraft und Nachteil sei.
Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet, durch welchen bald Lichtstrahlen, bald Regensaulen flogen bis endlich aus dem verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die erfreueten jungen Leute in den Garten zum Anstoss der Ministerin entfuhren konnte, die ungern Lianen dem Serein, funf oder sechs Abendwind-Stossen und dem Waten durch das 1/19 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte. Sie selber blieb zuruck. Wie war alles drunten so neu geboren, widerscheinend und liebkosend! Die Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Tone auf und schmetterten nahe uber dem Garten in allen Blattern hingen Sterne, und die Abendluft warf das nasse Geschmeide, die zitternden Ohrrosen aus den Bluten in die Blumen herab und trieb susse Dufte den Bienen entgegen. Die Idylle des Jahrs, der Fruhling, teilte sein holdes Schaferland unter die jungen Seelen aus. Albano nahm die Hand seiner Schwester, aber er horte muhsam auf ihre Berichte vom Hause. Liane ging mit der Prinzessin weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit.
Plotzlich stand Julienne mit ihr scherzend still, um den Grafen heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten von der Grafin Romeiro. Er teilte mit ergluhendem Gesicht den Inhalt des heutigen mit. In Juliennens Physiognomie lachelte fast Neckerei. Auf die Nachricht von Lindas Reise versetzte sie: "Daran erkenn' ich sie; alles will sie lernen alles bereisen. Ich pariere, sie steigt auf den Montblanc und in den Vesuv. Liane und ich nennen sie darum die Titanide." Wie freundlich horte diese zu, mit den Augen ganz auf der Freundin! "Sie kennen sie nicht?" fragte sie den Gepeinigten. Er verneinte heftig. Roquairol kam nach; "Passez, Monsieur" sagte sie, Platz machend und ihn fortwinkend. Liane blickte sehr ernst nach. "La voici!" sagte Julienne, indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen liess. Guter Jungling! es war ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg, dir von den Geistern zugeschickt! "Sie ist getroffen", sagte sie zu dem erschutterten Menschen. "Sehr!" sagt' er verwirrt. Sie untersuchte dieses widersprechende "Sehr" nicht; aber Liane sah ihn an; "Sehr schon und kuhn!" (fuhr er fort) "aber ich liebe Kuhnheit an Weibern nicht." "O, das glaubt man den Mannern gern", versetzte Julienne; "keine feindliche Macht liebt sie an der andern."
Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Statte vorbei, wo Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen hatte glanzen und leiden sehen. O er hatte hier mit dieser vom Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhaltnisse bang-erhitzten Seele gern vor dem nahen stillen Engel niederknien mogen! Die zarte Julienne merkte, sie habe ein bewegtes Herz zu schonen; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in ernstem Ton: "Ein holder Abend! Wir wollen aufs Wasserhauschen. Liane wurde da geheilt, Graf! Die Fontanen mussen auch springen." " die Fontanen!" sagte Albano und sah unbeschreiblich-geruhrt Lianen an. Sie dachte aber, er meine die im Flotental. Helena gebot hinter ihnen, zu warten, und kam mit zwei Handchen voll gepfluckter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen, von ihr als der Kollatorin der Benefizien die Blumen-Spende erwartend; "auch die Kleine denkt noch an den schonen Sonntag in Lilar", sagte Liane. Sie gab der Prinzessin ein paar, und Helena nickte; und als Liane sie ansah, nickte sie wieder zum Zeichen, der Graf soll' auch etwas haben; "noch mehr!" rief sie, als er bekommen; und je mehr jene gab, desto mehr rief sie "mehr!" wie Kinder in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen.
Man ging uber eine grune Brucke und kam in ein niedliches Zimmer. Statt des vorigen Pianofortes stand ein glasernes Heiligenhaus der Tonmuse da, eine Harmonika. Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetenturchen, und sogleich fuhren draussen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flugeln gen Himmel. O wie brannte die beregnete Welt, als sie hinaus auf die Hohe traten!
Warum warst du, mein Albano, gerade in dieser Stunde nicht ganz glucklich? Warum stechen denn durch alle unsre Bundnisse Schmerzen, und warum blutet das Herz wie seine Adern am reichsten, wenn es erwarmt wird? Uber ihnen lag der stille verwundete Himmel im Verband eines langen weissen Gewolkes die Abendsonne stand noch hinter dem Palast, aber auf beiden Seiten desselben wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten uber den Himmel hin und wenn man sich umkehrte nach Osten, zu den Bergen von Blumenbuhl, so liefen grune LebensFlammen hinauf, und wie goldne Vogel hupften die Irrlichter durch die feuchten Zweige und an die Morgenfenster, aber die Fontanen warfen noch ihr weisses Silber in das Gold.
Da schwamm die Sonne mit roter heisser Brust, goldne Kreise in den Wolken ziehend, hervor, und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell.... Julienne sah Albano, neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben, herzlich an, als ob es ihr Bruder ware, und Karl sagte zu Liane: "Schwester, dein Abendlied!" "Von Herzen gern", sagte sie; denn sie war recht froh uber die Gelegenheit, sich mit dem wehmutigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen, was die Entzuckung und die Augen verschweigen.
Sie ging hinab, das melodische Requiem des Tages stieg herauf der Zephyr des Klanges, die Harmonika, flog wehend uber die Garten-Bluten und die Tone wiegten sich auf den dunnen Lilien des aufwachsenden Wassers, und die Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Bluten und druben ruhte die Mutter Sonne lachelnd in einer Aue und sah gross und zartlich ihre Menschen an. Haltst du denn dein Herz, Albano, dass es mit seinen Freuden und Leiden verborgen bleibt, wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Tone wandeln horst? O wenn der Ton, der im Ather vertropft, ihr das fruhe Verrinnen ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenol vieler zerdruckter Tage entfliessen: denkst du daran nicht, Albano? Wie der Mensch spielet! Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden Wasseradern, damit sie eine mit aufschleudern; und der Jungling Zesara buckt sich weit uber das Gelander und lasset an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf ein heisses Gesicht und Auge abspringen, um sich damit zu kuhlen und zu verhullen. Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt; Rabette gehorte unter die Menschen, welche dieses tonende Beben sogar physisch zernagt so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff, der immer am wenigsten geruhrt war, wenn es andere am meisten waren ; die Unschuldige war mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit sussen; die bittersusse Wehmut, worein sie in der mussigen Einsamkeit der Sonntage versank, hatten sie und andere bloss fur Verdriesslichkeit gescholten. Jetzt fuhlte sie auf einmal mit Erroten ihr rustiges Herz wie von heissen Strudeln gefasset, umgedreht und durchgebrannt. Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders, durch das Verlassen der Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten Blumenbuhler Berg hin und her bewegt. Umsonst kampften die frischen braunen Augen und die uberreife volle Lippe gegen den aufwuhlenden Schmerz, die heissen Quellen rissen sich durch, und das bluhende Angesicht mit dem kraftigen Kinn stand errotend voll Tranen. Schmerzlichverschamt und bange, fur ein Kind gehalten zu werden, zumal da alle Ruhrungen der andern unsichtbar geblieben waren, druckte sie das Schnupftuch uber das brennende Gesicht und sagte zum Bruder: "Ich muss fort, mir ist nicht wohl, es will mich ersticken" und lief hinab zur sanften Liane.
Dahin trage nur die scheuen Schmerzen! Liane wandte sich und sah sie schnell und heftig die Augen trocknen. Ach ihre waren ja auch voll. Da Rabette es sah, sagte sie mutig: "Ich kanns ja nicht horen ich muss heulen ich schame mich wohl recht." "O du liebes Herz," (rief Liane, freudig ihr um den Hals fallend) "schame dich nicht und blick in mein Auge Schwester, komme zu mir, sooft du bekummert bist, ich will gern mit deiner Seele weinen und will dein Auge noch eher abtrocknen als meines." Ein uberwaltigender Zauber war in diesen Liebestonen, in diesen Liebesblicken, weil Liane wahnte, sie trauere uber irgendeinen verfinsterten Stern des Lebens. Und nie hat die furchtsame Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabette Lianen.
Da kam Albano. Vom Austonen des Wiegenliedes erwachend, war er ihr nachgeeilt, ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu wischen; "wie ist dir, Schwester?" fragt' er eilig. Liane, noch in der Umarmung und Begeisterung schwebend, antwortete schnell: "Sie haben eine gute Schwester, ich will sie lieben wie ihr Bruder." Die sussen Worte, die so innig geruhrten Seelen, der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin, und er umschloss die Umarmenden und druckte die verschwisterten Herzen aneinander und kusste die Schwester; als er uber Lianens besturztes Wegbeugen des Kopfes erschrak und blutrot aufflammte.
Er musste entfliehen. Mit diesen wilden Erschutterungen konnt' er nicht vor Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben. Aber die Nacht sollte so wunderbar werden wie der Tag; er eilte mit Lebens-Blicken, die wie zornige aussahen, aus der Stadt zur Titanide, zur Natur, die uns zugleich stillet und erhebet. Er ging vor aufgedeckten Muhlenradern vorbei, um welche sich der Strom schaumend wand. Die Abendwolken streckten sich wie ausruhende Riesen aus und sonnten sich im Morgenrot Amerikas und der Sturm fuhr unter sie, und die feurigen Zentimanen standen auf die Nacht bauete den Triumphbogen der Milchstrasse, und die Riesen zogen finster hindurch. Und in jedem Elemente schlug die Natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flugel.
Albano lag, ohne es kaum zu wissen, auf der WaldBrucke Lilars, worunter die Windstrome durchrauschten. Er gluhte, gleich den Wolken, von seiner Sonne nach seine innern Flugel waren, wie die des Strausses, voll Stacheln und verwundeten ihn im Erheben der romantische Geistertag, der Brief des Vaters, Lianens Auge voll Tranen, seine Kuhnheit und seine Wonne und Reue daruber und jetzt die erhabne Nacht-Welt auf allen Seiten um ihn her zogen erschutternd im jungen Herzen hin und her er beruhrte mit der Feuer-Wange die beregneten Gipfel und kuhlte sich nicht und war dem tonenden fliegenden Herzen, der Nachtigall, nahe und horte sie kaum. Wie eine Sonne geht das Herz durch die blassen Gedanken und loschet auf der Bahn ein Sternbild nach dem andern aus. Auf der Erde und an dem Himmel, in der Vergangenheit und in der Zukunft stand vor Alban nur eine Gestalt;"Liane" sagte sein Herz, "Liane" sagte die ganze Natur.
Er ging die Brucke hinab und stieg die westlichen Triumphbogen hinauf, das dammernde Lilar ruhte vor ihm. Siehe da sah er den alten "frommen Vater" auf dem Gelander des Bogens eingeschlummert. Aber wie anders war die verehrte Gestalt, als er sie sich nach der des verstorbnen Fursten vorgemalt! Die unter dem Quakerhute reichvorwallenden weissen Locken, die weiblich und poetisch runde Stirn, die gebogne Nase und die jugendliche Lippe, die noch nicht im spaten Leben einwelkte, und das Kindliche des sanften Gesichts verkundigten ein Herz, das in der Dammerung des Alters ausruht und nach Sternen blickt. Wie einsam ist der heilige Schlaf! Der Todesengel hat den Menschen aus der lichten Welt in die finster uberbauete Einsiedelei gefuhrt, seine Freunde stehen draussen neben der Klause; drinnen redet der Einsiedler mit sich, und sein Dunkel wird immer heller, und Edelsteine und Auen und ganze Fruhlingstage entglimmen endlich und alles ist hell und weit! Albano stand vor dem Schlaf mit einer ernsten Seele, die das Leben und seine Ratsel anschauet nicht nur der Ein- und Ausgang des Lebens ist vielfach uberschleiert, auch die kurze Bahn selber; wie um agyptische Tempel, so liegen Sphinxe um den grossten Tempel, und anders als bei der Sphinx loset das Ratsel nur der, welcher stirbt.
Der alte Mann sprach hinter dem Sprachgitter des Schlafs mit Toten, die mit ihm uber die Morgen-Auen der Jugend gezogen waren, und redete mit schwerer Lippe den toten Fursten und seine Gattin an. Wie erhaben hing der mit einem langen Leben ubermalte Vorhang des veralteten Angesichts vor der hinter ihm tanzenden Schaferwelt der Jugend nieder, und wie ruhrend wandelte die graue Gestalt mit dem jugendlichen Kranz im kalten Abendtau des Lebens umher und hielt ihn fur Morgentau und sah nach Morgen und der Sonne! Nur die Locke des Greises ruhrte der Jungling liebend-schonend an; er wollte ihn um ihn nicht mit einer fremden Gestalt zu erschrecken verlassen, ehe der aufgehende Mond seine Augenlider weckend beruhrte. Nur wollt' er vorher den Lehrer seiner Geliebten mit den Zweigen eines nahen Lorbeerbaumchens bekranzen. Als er davon zuruckkam: drang schon der Mond mit seinem Glanze durch die grossen Augenlider; und der Greis schlug sie auf vor dem erhabnen Jungling, der mit dem gluhenden Rosenmond seines Angesichts, vom Monde verklaret, vor ihm wie ein Genius mit dem Kranze stand. "Justus!" (rief der Alte)"bist du es?" Er hielt ihn fur den alten Fursten, der eben mit bluhenden Wangen und offnen Augen in der Unterwelt des Traums mit ihm gegangen war.
Aber er kam bald aus dem traumerischen Elysium ins botanische zuruck und wusste sogar Albanos Namen. Der Graf fasste mit offner Miene seine Hande und sagte ihm, wie lange und innig er ihn achte. Spener erwiderte wenig und ruhig, wie Greise tun, die alles auf der Erde so oft gesehen. Der Glanz des Mondlichts floss jetzt an der langen Gestalt herab, und das ruhig-offne Auge wurde erleuchtet, das nicht sowohl eindringt als alles eindringen lasset. Die fast kalte Stille der Zuge, der junge Gang der langen Gestalt, die ihre Jahre aufrecht trug als einen Kranz auf dem Haupte, nicht als Burde auf dem Rucken, mehr als Blumen denn als Fruchte, die sonderbare Mischung von vorigem mannlichen Feuereifer und weiblicher Zartheit, alles dieses weckte vor Albano gleichsam einen Propheten des Morgenlandes auf. Dieser breite Strom, der durch die Alpen der Jugend niederbrausete, zieht jetzt still und eben durch seine Auen; aber werft ihm Felsen vor, so steht er wieder brausend auf.
Der Greis sah den jugendlichen Jungling je ofter je warmer an; in unsern Tagen ist Jugend an Junglingen eine korperliche und geistige Schonheit zugleich. Er lud ihn ein, ihn in dieser schonen Nacht in sein stilles Hauschen zu begleiten, welches droben neben der Turmspitze steht, die oben ins Flotental hereinschauet. Auf den sonderbaren Irrsteigen, die sie jetzt wandelten, verwirrte sich Lilar vor Albano zu einer neuen Welt, wie nachtliche fliegende Silber-Wolken baueten sich die dammernden Schonheiten in immer andere Reihen durcheinander, und zuweilen drangen beide durch auslandische Gewachse mit grellfarbigen Bluten und wunderlichen Duften. Der fromme Vater fragt' ihm teilnehmend sein voriges und jetziges Leben ab.
Sie kamen vor einen dunkeln Gang in der Erde. Spener fasste freundlich Albanos rechte Hand und sagte, dieser fuhre zu seiner Bergwohnung hinauf. Aber bald schien es hinabzugehen. Der Strom des Tales, die Rosana, klang noch herein, aber nur einzelne Tropfen des Mondlichts sickerten durch zerstreuete, mit Zweigen ubersponnene Bergoffnungen durch. Die Hohlung sank weiter nieder noch ferner rauschte das Wasser im Tale. Und doch sang eine Nachtigall immer nahere Lieder Albano schwieg gefasset. Uberall gingen sie vor engen Pforten des Glanzes vorbei, den bloss ein Stern des Himmels hereinzuwerfen schien. Sie stiegen jetzt zu einer fernen erleuchteten Zauberlaube hinab, aus hellroten und giftigen dunkeln Blumen, aus kleinen Zackenblattern und grossem breiten Laube zugleich gewolbt, und ein verwirrendes weisses Licht, halb von hereinschaumenden Strahlen lebendig verspritzt und halb aus Lilien nur als weisser Staub angeflogen, zog das Auge in einen trunknen Schwindel Zesara trat geblendet hinein, und indem er rechts nach dem einregnenden Feuer sah, fand er Speners Auge scharf links geheftet er blickte hin und sah im Vorubereilen einen alten Mann, ganz dem verstorbnen Fursten ahnlich, in eine Nebenhohle schreiten seine Hand zuckte erschrokken, Speners seine auch dieser drang eilig weiter hinab und endlich glanzte eine blaue gestirnte Offnung sie traten hinaus.....
Himmel! ein neues Sternengewolbe eine blasse Sonne zieht durch die Sterne, und sie schwimmen ihr spielend nach unten ruht eine entzuckte Erde voll Schimmer und Blumen, ihre Berge laufen leuchtend am Himmelsbogen hinauf und beugen sich heruber nach dem Sirius und durch das unbekannte Land wandeln Entzuckungen wie Traume, woruber der Mensch vor Freude weint.
"Was ist das? Bin ich in oder uber der Erde?" (sagte Albano erstaunt und fluchtete das irrende Auge auf das Angesicht eines lebendigen Menschen) "ich sah einen Toten." Viel liebreicher als vorher antwortete der Greis: "Das ist Lilar, hinter uns ist mein Hauschen." Er erklarte den mechanischen Schein110 des Hinabsteigens. "Hier stand ich nun schon so viel tausendmal und ergotzte mich herzinniglich an den Werken Gottes. Wie sah die Gestalt aus, mein Sohn?" "Wie der tote Furst", sagte Alban. Betroffen, aber fast gebietend sagte Spener leise: "Schweig wie ich bis zu seiner Zeit er wars nicht dein Heil und vieler Heil hangen daran gehe heute nicht mehr durch den Gang."
Albano, durch den ganzen sonderbaren Tag halb entrustet, sagte: "Gut, so geh' ich durch den Tartarus zuruck. Aber was bedeutet das Geister-Wesen, was mich uberall verfolgt?" "Du hast" (sagte der Alte, ihm liebend und erquickend auf die Stirn die Finger legend)" lauter unsichtbare Freunde um dich und verlasse dich uberall auf Gott. Es sagen so viele Christen, Gott sei nahe oder ferne, seine Weisheit und seine Gute erscheine ganz absonderlich in einem Saeculo oder in einem andern das ist ja eitel Trug ist er nicht die unveranderliche ewige Liebe, und er liebt und segnet uns in der einen Stunde nicht anders als in der andern?" Wie wir die Sonnenfinsternis eigentlich eine Erdfinsternis nennen sollten, so wird nur der Mensch verfinstert, nie der Unendliche; aber wir gleichen dem Volke, das der Verfinsterung der Sonne im Wasser zusieht und dann, wenn dieses zittert, ausruft: seht, wie die liebe Sonne kampft!
Albano trat in die Einsamkeit der reinlichen geordneten Wohnung des alten Mannes nur beklommen, weil in der heissen Asche seines Vulkans alles uppiger trieb und grunte. Spener zeigte von seinem Bergrukken hinuber auf das sogenannte "Donnerhauschen"111 und riet ihm, es diesen Sommer zu bewohnen. Albano schied endlich, aber sein bewegtes Herz war ein Meer, in welchem die Morgensonne gluhend noch halb steht und in welches sich in Abend ein bleifarbiges Gewitter taucht und das glanzend schwillt unter dem Sturm. Er sah aus der Tiefe nach dem nachblickenden Greise hinauf; aber er hatte sich heut kaum gewundert, wenn dieser versunken oder aufgestiegen ware. In zornig-mutigen Entschlussen, fur seine Liebe, wornach kalte Hande griffen, mit seinem Leben zu burgen und zu opfern, schritt er durch den vom Vergrosserungsspiegel der Nacht zum schwarzen Riesen-Tross aufgezognen Tartarus ohne alle Furcht; so ist die Geisterwelt nur ein Weltteil unserer innern, und das Ich furchtet nur das Ich. Da er vor dem Altare des Herzens in der stummen Nacht, wo nichts laut war als der Gedanke, stand, so riet ihm der kuhne Geist einige Male, den alten Toten zu rufen und laut zu schworen bei seinem Herzen voll Staub; aber als er zum schonen Himmel aufsah, wurde sein. Herz geheiligt, und es betete nur: "O guter Gott, gib mir Liane!"
Es wurde finster, die Wolken, die er fur glanzende, in den Himmel herubergebogne Gebirge einer neuen Erde genommen, hatten den Mond erreicht und duster uberzogen.
Dreizehnte Jobelperiode
Roquairols Liebe Philippica gegen die Liebhaber
die Gemalde Albano Albani das harmonische
tete-a-tete die Blumenbuhler Reise
60. Zykel
Aus den Tropfen, welche die Harmonika aus Rabettens Herzen gezogen hatte, bereitet der alte Zauberer, das Schicksal, wie andere Zauberer aus Blut, vielleicht finstere Gestalten; denn Roquairol hatte es gesehen und sich uber das Gefuhl eines Herzens verwundert, das bisher mehr Arbeiten als Romane in Bewegung gesetzt hatten. Nun trat er ihr mit Anteil naher. Er hatte seit der Nacht des Schwurs sein Herz aus allen unwurdigen Ketten gezogen. In dieser Freiheit des Sieges ging er stolzer einher und streckte die Arme leichter und sehnsuchtiger nach edler Liebe aus. Er besuchte jetzt seine Schwester unaufhorlich; aber er hielt noch an sich. Rabette war ihm nicht schon genug neben der zarten Schwester, eine Bandrose neben einer von van der Ruysch; sie sagte selber naiv, sie sehe mit ihrer Dorf-Farbe im weissen Linon wie brauner Tee in weissen Tassen aus. Aber in ihren gesunden, noch nicht von tragischen Tropfen mattgebeizten Augen und auf den frischen Lippen gluhte Leben, ihr kraftiges Kinn und ihre gebogne Nase drohten und versprachen Mut und Kraft, und ihr aufrichtiges Herz ergriff und verstiess entschieden und heftig. Er beschloss, sie zu prufen. Der Talmud112 verbietet, nach dem Preis einer Sache zu fragen, wenn man sie nicht kaufen will; aber die Roquairols feilschen immer und gehen weiter. Sie reissen eine Seele wie Kinder eine Biene entzwei, um aus ihr den Honig zu essen, den sie sammlen will. Sie haben vom Aale nicht nur die Leichtigkeit, zu entschlupfen, sondern auch die Kraft, den Arm zu umschlingen und zu zerbrechen.
Er liess nun vor ihr alle blendenden Krafte seines vielgestaltigen Wesens spielen das Gefuhl seiner Uberlegenheit liess ihn sich frei und schon bewegen, und das sorglose Herz schien nach allen Seiten offen er kettete den Ernst an den Scherz, die Glut an den Glanz, das Grosste ans Kleinste so frei und die Kraft an die Milde. Ungluckliche! nun bist du sein; und er tragt dich von deinem festen Boden mit Raubschwingen in die Lufte, und dann wirft er dich herab. Wie ein Gewachs am Gewitterableiter wirst du deine Krafte reich an ihm entfalten und hinaufgrunen; aber er wird den Blitz auf sich und deine Bluten ziehen und dich entblattern und zerschlagen.
Rabette hatte einen solchen Menschen nie gedacht, geschweige gesehen; er drang gewaltsam in ihr gesundes Herz, und eine neue Welt folgte ihm nach. Durch Lianens Liebe gegen den Hauptmann ging ihre noch hoher auf; und beide konnten von ihren Brudern in freundlichem Wechsel sprechen. Die gute Liane suchte der Freundin mancherlei beizubringen, was sich schwer festsetzen wollte, besonders die Mythologie, welche ihr durch die franzosische Aussprache der Gotter noch unbrauchbarer wurde. Sogar mit Buchern suchte Liane sie zusammenzubringen, so dass Lekture ihr eine Art von Wochen-Gottesdienst wurde, dem sie mit wahrer Andacht beiwohnte und dessen Ende sie stets ergotzte. Durch alle diese Schopfrader der Erkenntnis stromte Roquairols Liebe hindurch und half treiben und schopfen. Wie viele Errotungen flogen jetzt ohne allen Anlass uber ihr ganzes Gesicht! Das Lachen, womit sie sonst heiter war, kam jetzt zu oft und bedeutete nur ein unbeholfnes Herz, das seufzen will.
So stand ihr Verhaltnis, als Karl einst scherzend hinter sie schlich und ihr die Augen mit einer Hand verdeckte, um ihr unter der Maske der bruderlichen Stimme sanfte schwesterliche Namen zu geben. Sie verwechselte die ahnliche Stimme, sie druckte inbrunstig die Hand, aber ihr Auge war heiss und nass. Da fand sie den Irrtum und floh mit der bedeckten Abend- und Morgenrote ihres Angesichts aus dem Zimmer. Jetzt schaute er Lianen, die ihn daruber tadelte, naher ins Auge, und auch ihres hatte geweint. Sie wollte ihm anfangs den Gegenstand der verschwisterten Ruhrung verhehlen; aber das fremde Nein war fur ihn von jeher ein Hulfswort, ein Ruckenwind, der ihn in den Hafen brachte. Liane wurde immer bewegter, endlich erzahlte sie, dass Rabettens Berichte von Albanos Jugendgeschichte ihr die von der seinigen abgefodert und dass sie ihr die Sterbe-Nacht auf der Redoute gemalt und sogar sein blutiges Kleid gewiesen habe. "Und da weinte sie" (sagte Liane) "mit mir so herzlich, als wenn sie deine Schwester ware. O es ist ein liebes Herz!" Karl sah beide wie zwei Auen miteinander verbunden, namlich durch den Regenbogen, der auf beiden mit Tropfen aufsteht; er zog sie mit dankender Liebe an die Brust. "Bist du denn glucklich?" fragte Liane mit einem Ton, der etwas Trubes weissagt.
Sie musste ihr volles Herz aufschliessen und ihm alles sagen staunend horet er, dass ihr die ganze Tartarus-Nacht, worin die unbekannte Stimme Linda de Romeiro seinem Freunde zugesprochen, bekannt geworden. Durch wen? Sie schwieg unerbittlich; er beruhigte sich, weil es doch nur Augusti sein konnte, der allein es wusste. "Und nun glaubst du, du Herz vom Himmel," (sagt' er) "ich und mein Seelenbruder konnten uns je raubend entzweien? O, es ist all' anders, all' anders! Er verflucht die Aftergeister und den Zweck der Afferei o er liebt mich; und mein Herz wird am Tage glucklich sein, wo es seines wird." Der vielfache ruhrende Sinn dieser letzten Worte loste ihn in eine heilige Wehmut auf.
Aber sie nahm sich mitten in der herzlichsten Ergiessung wie aus Frommigkeit der Geister an und sagte: "Sprich nicht so von Geister-Erscheinungen! Sie sind, das weiss ich. Nur nicht zu furchten braucht man sie. " Sie hielt aber hier mit fester Hand den Schleier uber ihren Erfahrungen fest; auch wusst' er langst, dass sie, ungeachtet ihres fast zuckend-weichen Gefuhls, das sogar den Anblick der blauen Adern auf der Lilien-Hand wie eine Wunde scheuete, doch vor Toten und in den Geisterstunden der Phantasie unerwartet beherzt erschien.
Hinter den Wellen so verschiedener Art, die jetzt sein Herz aufund abtrieben, war Rabette verdunkelt. Er brannte nun bloss nach der Stunde, wo er seinem Albano die sonderbare Verraterei des Lektors sagen konnte.
61. Zykel
Noch ehe der Hauptmann seinem Freunde Augustis wahrscheinliche Verraterei entdeckte: war Albano fast ganz mit dem Lehrerpaar in Zwist. In einem Kreise voll Junglingsherzen, die fur einander schlagen und noch lieber fechten, fassen immer zwei unzerreisslich ineinander und werden eins auf fremde Kosten.
Albano schied sich keck von jedem, dem Karl missfiel. Schoppe wurde ohnehin von wenigen lange geliebt, weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden; die Blumenketten halten besser, denken sie, wenn Galeerenketten durch sie laufen. Er litt es daher nicht, wenn einer "mit zu enger Liebe sich so fest um ihn klammerte, dass er die Arme so wenig freibehielte, als trag' er sie in Bandagen von 80 Kopfen". Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkaltete durch den Schein einer strengern Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene Gesicht des Lektors, der eben darum alles scharfer ins stille Auge fasste.
Der gute Schoppe hatte einen Fehler, den kein Albano vergibt; namlich seine Intoleranz gegen die "weiblichen Heiligenbilder von Hausenblase", wie er sagte, gegen die sanften Irrungen des Herzens, gegen die heiligen Ubertreibungen, durch welche der Mensch ins kurze Leben eine noch kurzere Freude einwebt. Einst ging Karl wie auf einer Buhne mit untergesteckten Armen und niedergesenktem Kopfe auf und ab und sagte zufallig, dass es der Titular-Bibliothekar vernahm: "ich wurde noch wenig von den Menschen verstanden in meiner Jugend." Weiter sagt' er nichts; aber man schutte aus Scherz ein Mandel Hornisse, ein Schock Krebse, eine Kanne voll Waldameisen auf einmal uber die bibliothekarische Haut und beobachte fluchtig die Wirkungen des Stechens, Kneipens, Beissens: so kann man sich doch einigermassen vorstellen, was in ihm zuckte, schwoll und auffuhr, sobald er die obige Phrasis vernahm. "Herr Hauptmann," (fing er tief-einatmend an) "ich halte viel auf dieser rostigen Tolpel-Erde aus, Hungersnot Pestilenz Hofe den Stein und die Narren von Pol zu Pol aber Ihre Phrasis ubersteigt meine Schultern.
O Herr Hauptmann, Sie durfen ganz gewiss die Redensart mit Fug gebrauchen, weil Sie, wie Sie sagen, nicht verstanden werden. Aber o Himmel, o Teufel! ich hore ja 30 000 Junglinge und Madchen von Leihbibliothek zu Leihbibliothek alle mit aufgeblahter Brust rings umher sagen und klagen, es fasse sie niemand, weder der Grossvater noch die Paten noch der Konrektor, da doch das packpapierne Alltags-Pack selber nicht fasset. Aber der Junge meint damit bloss ein Madchen und das Madchen einen Jungen; diese konnen einander fassen. Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte zubereiten; man scher' ihr, wie dem Baren in Gottingen, das tierische Haar ab, kein Blumenbach kennt sie mehr.
Herr v. Froulay, ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen bloss aus Niedrigkeit wohl ofters mit den englischen Pferdeschwanzen verglichen, die auch immer gen Himmel stehen, bloss weil man ihre Sehnen durchschnitten. Soll man nicht toll werden, wenn man alle Tage horet und alle Tage lieset, wie die gemeinsten Seelen, die Leberreime und Trompeterstuckchen der Natur, sich durch die Liebe uber alle Leute erhoben denken wie Katzen, die mit angeschnallten Schweinsblasen fliegen; wie sie sich ins Hasenlager und in die Stapelstadt der Liebe, in die andere Welt bestellen wie auf einen Blocksberg, und wie sie auf diesem Finkenherd in dieser theatralischen Anziehstube die dann das Gegenteil wird ihr Wesen treiben, bis sie kopuliert sind? Dann ists vorbei, Phantasien und Poesien, die ihnen jetzt erst recht dienlich waren, sind geholt! Sie laufen von ihnen weg wie Lause von Toten, ob diesen gleich die Haare dazu fortspriessen. Vor der zweiten Welt grauset ihnen; und werden sie Witwer und Witwen, so machen sie ihre Liebschaft recht gut ab ohne Schweinsblasen und ohne das Federspiel und die spanische Wand der zweiten Welt. So etwas, Herr Hauptmann, bringt nun auf, und dann muss in der Hitze der Gerechte mit dem Ungerechten leiden, wie Sie leider horen."
Alban, der nie leichtsinnig vergab, sonderte sich schweigend von einem Herzen ab, das, wie er unrecht sagte, die Flammen der Liebe mit satirischer Galle ausloschte.
In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem andern entzwei. Der Graf fand im Lektor den Kleinigkeitsgeist, der ihm widriger war als jeder bose; die Eleganz des guten Hofmanus sein Anstand, selber in der Einsamkeit seine Neigung, die kleinsten Mysterien so gut zu verwahren als die grossen seine Sucht, hinter jeder Handlung einen langen Plan aufzutreiben sein Wahrheitsdurst nach echten historischen Quellen am Hofe und in der Stadt und seine Kalte gegen die Philosophie trocknete das Bild, das sich Albano von ihm aufgespannt, so aus, dass es einrunzelte und rissig wurde. Solche Unahnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offnen Fehden aus; aber sie legen heimlich dem innern Menschen ein Waffenstuck nach dem andern an, bis er hartgepanzert dasteht und losschlagt.
Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram, weil dieser der Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete und weil er ihm den Jungling zu verdrehen schien. Die sonst gerade aufsteigende Flamme Albanos wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten gebogen und gluhte wie Lotfeuer scharfer; aber diese Scharfe schrieb Augusti dem Freunde zu. Albano erschien, denen, die er liebte, warmer, denen, die er ertrug, kalter, als er war, und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt; aber der Lektor glaubte, ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl.
Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Freimutigkeit, dem Grafen eine gute Karte von den Flecken zuzuspielen, die im Himmelskorper dieses Jupiter ausgesaet waren. Aber er zerriss jede Karte Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener Nacht loschten alle fremde Nachtrage aus und Albanos herrlicher Glaube, man musse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen, wehrte jeden Einfluss ab. O es ist eine heilige Zeit, worin der Mensch fur den Altar der Freundschaft und Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und erblickt; und es ist eine zu harte, worin die so oft belogne Brust sich an der fremden mitten im Liebestrunk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt!
Da der Lektor uberall sah, dass Alban uber manche seiner Rugen an Karl, z.B. dessen Wildheit und Unordnung, darum kalt bleibe, weil er selber unter fremdem Tadel gemeinet zu sein glauben konnte, wie die Franzosen (nach Thickness) das Lob eines Fremden an Einheimische richten: so griff er statt der Ahnlichkeit eine vollendete Unahnlichkeit des Hauptmanns an, seinen Leichtsinn gegen das Geschlecht. Aber damit verdarb er noch mehr. Denn in der Liebe war ihm Karl der hohere Feueranbeter und der Lektor nur der, den die Kohle dieses Feuers schwarzt. Augusti nahrte uber die Liebe ziemlich die Grundsatze der grossen Welt, die er bloss aus Ehre nie in Taten auspragte, und gab nur den Erde-nahen Wolkenhimmel der Liebe zu; der Hauptmann aber sprach von einem dritten oder Freudenhimmel derselben, worin nur Heilige die Seligen sind. Augusti sprach nach der Sitte der grossen Welt viel freier, als er handelte, und zuweilen so offen, als speis' er in einem Brunnensaal; Karl sprach madchenhaft. Das jungfrauliche Ohr Albanos das leicht in guten Visitenzimmern abfallt, und das in Studierstuben festsitzt vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung, dass sich eine zynische Zunge oft bei den enthaltsamsten Menschen, z.B. bei unsern possenreissenden Vorfahren, und eine aszetische in bescheidnen Libertins aufhalte beides musste den reinen Menschen in einen doppelten Irrtum verwickeln.
So jagte in ihm Augusti immer mehr Sturmvogel auf. Beide standen oft nahe an volliger Trennung und Ausforderung; denn der Lektor hatte zu viel Ehre, um sich vor irgend etwas zu furchten, und wagte mit kaltem Blut so viel als andere mit heissem.
Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde, obwohl mit aller Zartheit der Freundschaft, Lianens Bekanntschaft mit jener Tartarus-Nacht. Der sonst verschwiegene Lektor muss nahere Vorteile durch sein Plaudern suchen, schloss Albano, und nun sog sich die Krote der Eifersucht, die im lebendigen Baume lebt und wachst ohne sichtbaren Eingang und Ausgang, in seinem warmen Herzen fest. Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eifersuchtigste. Gott weiss, ob er nicht der Maschinendirektor der mit so vielen Radern ineinander gehenden Geisterszenen ist. Alles das sind Albanos verhullte Schlusse; offne Anklagen waren seinem Ehrgefuhl versagt. Aber sein warmes, sich immer aussprechendes Herz forderte eine warmere Nachbarschaft; und diese fand er, wenn er dem frommen Vater folgte und nach Lilar ins Donnerhauschen zog mitten unter die Blumen und Gipfel, um, naher am Herzen der Natur gelagert, schoner zu traumen und zu genesen.
Nur eine warme sonnen-helle Stelle war fur ihn in Karls historischem Gemalde: es war die Hoffnung namlich, dass vielleicht bloss die Irrtumer uber sein Verhaltnis zur Grafin, aus denen der Bruder Lianen geholfen, ihr das bisherige immer gleich-kalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnet haben. Auf diese sonnige Stelle warf Rabette ein Billet, worin sie ihm schrieb, sie reise Sonnabends zu ihren Eltern zuruck, weil der Minister komme. Jene Hoffnung diese Nachricht die kunftig ungunstigern Umgebungen sein Ziehen nach Lilar, das alles entschied in ihm den Vorsatz, eine einsame Minute an sich zu reissen und darin vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer.
62. Zykel
Sonderbar durchschnitten sich die Zufalle an dem Tage, wo Albano ins ministerialische Haus zum Abschiednehmen von Rabetten und von Lianen, sagte in ihm eine zitternde Stimme kam. Rabette winkt' ihn aus dem Fenster in ihr Zimmer. Sie hatte die Ikarusflugel ihres Anzugs in die Kasten zusammengelegt. Uber ihr Inneres fuhr ein beugender Sturm hin und her; Karl hatte das Gleichgewicht ihres Herzens durch seine Warme aufgehoben und es durch kein Wort der Belohnung wieder hergestellt. Gleich den Tauben flattert sie um das hohe Schadenfeuer; o moge sie nicht wie jene mit verzehrtem Gefieder entweichen und wiederkommen und endlich darin zerfallen! Sie sagte, sie sehne sich zu den Ihrigen, seit sie gestern eine Herde Schafe durch die Stadt treiben sehen. Sie begleiten am Sonnabend Liane und die Mutter, um der Einweihung der Kirche und der Beisetzung des Furstenpaares beizuwohnen. Er bat sie so schnell und hastig, ihm heute im Garten eine einsame Minute mit der Freundin zuzubereiten, dass er ihre schone Nachricht von Lianens Zuruckbleiben und Aufenthalt bei ihr gar nicht horte.
Leider fand er bei der Ministerin den Vorzeiger herrlicher Gemalde, der wie die Natur nicht nur den Anfang seines Lenzes, sondern auch das Ende seines Herbstes mit Giftblumen113 machte, Herrn v. Bouverot. Dian hatt' ihm vier himmlische Kopien aus Rom gesandt; diese schlug er mit trocknem Kunstgaumen auf. Liane empfing den Grafen wieder wie immer. War etwan Raffaels Madonna della Sedia, in deren vom Himmel gesunknes Palladium sich ihre zarte Seele eingesenkt, die Siegelbewahrerin ihres heiligsten Geheimnisses? Der alles vergessende Kunstlereifer liess ihr so hold! Ihre Sehnerven waren durch ihr langes Malen gleichsam weiche Fuhlfaden geworden, die sich eng um schone Formen schlossen. Gewisse weibliche Bilder wie dieses regten ihre ganze Seele auf. Sie hatte namlich in der Kindheit sich von den Heldinnen der Romane und uberall von ungesehenen Weibern glanzende Sternbilder in ihren innern Himmel hingezeichnet, grosse Ideen von ihrem Mute, ihrem himmlischen Wandel, ihrer Erhabenheit uber alles, was sie je gesehen, und sie hatte gleichviel Scheu und Sehnsucht empfunden, einer zu begegnen. Daher ging sie aus diesem kolossalischen Nymphaum ihrer Phantasie so leicht geblendet und mit solcher feurigen Herzens-Achtung reinen Freundinnen und der Grafin Romeiro entgegen. Gewisse Gemalde fuhrten nun diese Altarblatter wie Kopien zuruck. Die Gute dachte nicht daran, aber wohl ihr Freund, dass man dieser liebend niedersehenden Marie die Augen bloss lebendig zu regen und diese Lippen bloss mit Lauten zu erwarmen brauche dann hatte man Liane.
Der deutsche Herr fuhr fort und legte nun Raffaels Joseph, der den Brudern einen Traum erzahlt, und den altern Joseph, der dem Konig einen erklart, nebeneinander und fing an, die drei Raffaele in Worte zu ubersetzen, und das mit so vielem Gluck und nicht nur mit so vieler Einsicht ins Mechanische und Genialische, sondern auch mit einer so bestimmten Hervorhebung jedes menschlichen und moralischen Zugs, dass Alban ihn fur einen Heuchler hielt und Liane fur einen sehr guten Menschen. Sie ergriff jedes Wort mit einem weit offnen Herzen. Als Bouverot den weissagenden Joseph malte, zugleich als kindlich, unbefangen, still und felsenfest und gluhend und drohend: so stand das Urbild an ihrer Seite.
Dem deutschen Herrn entfuhr weiter viel Gedachtes uber da Vincis Christus-Knaben im Tempel, uber die herrlich vollfuhrte Verbruderung und Einkindschaft des Knaben und Junglings in einem Gesicht. Liane hatte die Kopie auch kopiert, allein sie und die Mutter verschwiegen es bescheiden.
Aber endlich storte Franziskus Albani mit seiner "Ruhe auf der Flucht" die bisherige Ruhe. Indem er den Traumdeuter dieser malerischen Traume machte und Rabette scharf auf dem mit dem offnen Buche neben Marie sitzenden heiligen Joseph dieses Bildes haftete, sagte Liane unglucklicherweise: "Ein schoner Albani!" ,"Ich dachte nicht," (sagte Rabette leise) "der Bruder ist viel schoner als dieser betende Joseph!" Sie hatte Albani mit Albano vermengt, ihre ganze Bildergalerie steckte in dem Gesangbuch, dessen Lieder sie mit goldnen roten Heiligen auseinandersperrte. Die andern verstanden nichts sie kannten ihn nur als Grafen von Zesara , aber Liane warf auf Rabette susserrotend einen zartlich strafenden Blick und sah mit stummem Erdulden ein anderes Gemalde naher an. Nie hatte in Albano in welchem sich die starksten und die zartesten Gefuhle paarten, wie das Echo der Donner lauter und die Musik leiser machtdie bittersusse Mischung von Liebe und Mitleiden und Schamrote warmer gearbeitet, und er hatte vor dem Madchen zugleich knien und doch schweigen mogen.
Der deutsche Herr war fertig und sagte zu den Mannern mit einer Miene voll Sieg,"er habe doch noch etwas in der Tasche, was es mit den Raffaels aufnehme; und er bitte sie, ins Nebenzimmer zu folgen". Unterwegs merkt' er an, wenige Werke seien mit so herrlicher Freiheit und keckem Mutwillen ausgefuhrt. Im Zimmer packt' er einen erzenen kleinen Satyr aus, gegen den sich eine eingeholte Nymphe wehrt. "Gottlich," (sagte Bouverot und hielt die Gruppe an einem Faden, um den Rost nicht abzugreifen) "gottlich! Ich setze den Satyr an den Christus!" Wenige haben vom Erstaunen meines Helden nur einen massigen Begriff, als dieser auf einmal den Kritikus Tugend und Laster an einen runden Tisch ohne Rangstreitigkeiten setzen sah.
Mit einem Feuerblick der Verachtung wandt' er sich ab und wunderte sich, dass der Lektor blieb. Ihm scheint unbekannt zu sein, dass die Malerei wie die Dichtkunst sich nur in ihrer Kindheit auf Gotter und Gottesdienst bezogen, dass sie aber spater, als sie hoher heranwuchsen, aus diesem engen Kirchhof herausschreiten mussten, wie eine Kapelle ursprunglich eine Kirche mit Kirchenmusik war, bis man beides weg liess und die reine Musik behielt. Bouverot hatte die Achtung fur reine Form in so hohem Grade, dass ihm nicht nur der schmutzigste, unsittlichste Stoff, sondern sogar auch der frommste, andachtigste nicht den Genuss verunreinigte; gleich dem Schiefer bestand er die beiden Proben, zu gluhen und zu gefrieren, ohne sich zu andern.
Albano hatte die Madchen durch das Fenster in der Allee gesehen und eilte zum Abschiede von der Schwester hinunter und etwas Wichtigerem. Er kam mit vollern Rosen auf den Wangen, als um ihn gluhten, zu einer Grasbank, wo Liane neben der Schwester hinter dem roten Sonnenschirm mit halbgesenkten Augenlidern und seitwarts geneigtem Haupte ruhte sanft in die Ernte des Abends versunken sonnenrot ubergossen vom Schirme im weissen Kleide mit einem dunnen schwarzen Kreuzchen auf der zarten Brust und mit einer vollen Rose; sie blickte unsern Geliebten so unbefangen an, ihre Stimme war so schwesterlich und alles so reine sorglose Liebe! Sie sagte ihm, wie sie sich freue auf seinen Jugend-Ort und auf das Landleben und wie Rabette sie uberall hinfuhren werde und besonders auf die Einweihungsrede, die am Sonntage ihr Beicht-Vater Spener halte. Sie sprach sich ins Feuer durch das Gemalde, wie die grosse Brust des Greises der Klage- und der Siegsgesang uber dem Aschengehause des furstlichen Freundes gross bewegen werde.
Rabette hatte nichts im Sinne als die einsame Minute, die sie dem Bruder mit ihr geben wollte. Sie bat sie aufgeweckt, ihr noch einmal auf der Harmonika vorzuspielen. Albano pfluckte sich bei diesem Antrage einen massigen Strauss von Baumlaub. Liane sah sie warnend an, gleichsam als wolle sie sagen: ich verderbe dir wieder deine Munterkeit. Aber sie blieb dabei. Albano uberflog bei dem Eintritte ins Wasserhauschen ein leichtes Erroten uber die letzte Vergangenheit und nachste Zukunft.
Liane machte eilig die Harmonika auf, aber das Wasser, das Kolophonium der Glocken, fehlte. Rabette wollte unten ein Glas am Springbrunnen fullen, um beide allein zu lassen; aber der Graf kam ihr aus mannlicher Unbehulflichkeit, in eine List schnell einzugreifen, hoflich zuvor und holte es selber. Kaum hatte endlich das liebliche gefallige Wesen seufzend die zarten Hande auf die braunen Glocken gelegt: als Rabette ihr sagte, sie wolle in die Allee hinunter, um zu horen, wie es sich von weitem anhore. Gleichsam zum schmerzlichen Sonnenstich einer zu schnellen und grossen Lust fuhr sein Herz auf, er horte den Siegeswagen der Liebe von ferne rollen, und er wollte in ihn springen und dahinrauschen ins Leben. Die glaubige Liane hielt das Entfernen fur einen Schleier, den Rabette uber das in den Tonen suss brechende Auge werfen wolle, und zog sogleich die Hande von den Glocken; aber Rabette kusste sie bittend, druckte ihr die Hande selber darauf und lief hinab. "Das treue Herz!" sagte Liane, aber das arglose helle Vertrauen auf die Freundin ruhrte ihn, und er konnte nicht Ja sagen.
Wenn in den Fluren Persiens ein Glucklicher, der auf der uppigen Aue tief unter Nelken und Lilien und Tulpen schlief, vor dem ersten Abendrufe der Nachtigall selig die Augen aufschlagt in die laue stille Welt und in die bunte Dammerung, durch welche einige Goldfaden der Abendsonne gluhend fliessen: so gleicht der Selige dem Jungling Albano im magischen Zimmer die Jalousiefenster streueten gebrochne Lichter, grune zitternde Schatten aus, und es dammerte heilig wie in Hainen um Tempel nur tonende Bienchen flogen aus der lauten fernen Welt durch die schweigende Klause wieder ins Getose einige scharfe Sonnenstreife, gleichsam Blitze vor Schlafenden, wurden romantisch neben der Rose hin- und hergeweht und in dieser traumerischen Grotte mitten im rauschenden Walde der Welt wurde die Einsamkeit nicht einmal durch das Schattenwesen eines Spiegels gestort.
In diesen Zauber liess sie die Tone wie Nachtigallen aus ihren Handen fliegen die Tone wurden Albano wie von einem Sturme bald heller, bald matter zugetrieben er stand vor ihr mit gefalteten Handen wie betend und ruhte mit tausend Blicken der Liebe auf der niederschauenden Gestalt. Einmal hob sie das heilige Auge von Anteil langsam zu ihm auf, aber sie schlug es schnell vor dem Sonnenblick des seinigen nieder.
Nun deckten die grossen Augenlider unbeweglich die sussen Blicke zu und gaben ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit sie schien eine weisse Maiblume auf winterlichem Boden, die das Blutenglockchen senkt sie war eine sterbende Heilige in der Andacht der Harmonie, die sie mehr horte als machte nur die rote Lippe nahm sie als einen feurigen Widerschein des Lebens, als eine letzte Rose mit, die den eilenden Engel schmuckt o konnt'er dieses Beten der Tonkunst storen mit seinem Wort?
Mit immer engern Kreisen fassten ihn die magnetischen Wirbel der Tone und der Liebe an. Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasserziehen der stechenden Sonne sein Herz aufleckte und da die Blitze der Leidenschaft uber sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und die Hohlen der Vergangenheit beleuchteten und da er sein ganzes Dasein in einen Augenblick zusammenfasste: so sah er einige Tropfen aus Lianens gesenkten Augen quellen, und sie blickte heiter auf, um sie fallen zu lassen da riss Albano die Hand aus den Tonen und rief mit dem herzzerschneidenden Ton seiner Sehnsucht: " Gott, Liane!"
Sie zitterte, sie errotete, sie sah ihn an und wusste nicht, dass sie fortweinte und ansah und nicht mehr fortspielte. "Nein, Albano, nein!" sagte sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhullte sich erschrak uber den Stillstand der Tone und ermannte sich und liess sie wieder langsam stromen und sagte mit zitternder Stimme:,"Sie sind ein edler Mensch Sie sind wie mein Karl, aber ebenso heftig. Nur eine Bitte! Ich verlasse die Stadt eine Zeitlang".....
Sein Erschrecken daruber wurde Entzuckung, als sie den Ort bestimmte, sein Blumenbuhl. Sie fuhr muhsam fort vor dem Erfreueten ihre Hand lag oft lange auf der Dissonanz im Vergessen der Auflosung ihre Augen schimmerten feuchter, ob sie gleich nichts weiter sagte als das folgende: "Sein Sie meinem Bruder, der Sie unaussprechlich liebt wie noch keinen, o sein Sie ihm alles! Meine Mutter erkennt Ihren Einfluss Ziehen Sie ihn ich sag' es heraus besonders vom hohen Spiele ab!"
Er konnte kaum das Ja verwirrt beteuern, als Rabette mit der fast unschicklich akzentuierten Botschaft hereilte, dass die Mutter komme. Wahrscheinlich hatte diese Rabettens Alleinsein gesehen. Albano trennte sich mit abgebrochnen Reise-Wunschen von dem Paare und vergass im Sturm, Rabettens Bitte um Besuche zu bejahen. Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem bruderlichen Scheiden zu.
Indem er durch die Fulle der Jahrs-Zeit eilte, dacht' er an die reiche Zukunft, an Lianens Stammeln und Verhullen: brauchen nicht schone weibliche Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flugel zum Erheben, aber vier zum Verhullen? Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen, aber uberall leuchtete es auf seiner weiten Flache, und Funken tropften vom Ruder.
63. Zykel
Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen Himmels ein trubes Gewolke. Denn Liane ging dem Jungling in so langen dichten Schleiern dahin. Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen Herzen auf- das ist offenbar. Bis hieher bogen mancherlei Zufalle einige Blumen, die Liane verhullend uber das Herz gezogen, wie die Erdstockwerke in Stadten durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren, von der dunkelsten Ecke des Hintergrundes weg, in der etwan die Ruckseite eines Brustbildes hing, das umgedreht vielleicht dem Grafen glich. Aber noch hangt das Bild mit dem Gesichte gegen die Wand. Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor: der geschickte Steinmetz tut tausend Schlage, ohne dass der parische Block nur in die Linie eines Sprunges reisse; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die Form, die der geschickte Steinmetz so lange hammernd verfolgte.
Am Sonnabend, wo die Ministerin und das Freundinnen-Paar nach Blumenbuhl abreisen wollten, um das Begraben und Einweihen anzusehen, kam der Hauptmann nicht nur voll Freude denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten fur Lianen zwar nicht die Flugel, aber doch die Flugeldecken machen und aus dreifachem Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen-, sondern auch voll Angst zum Grafen.... Aber ihr Musen! warum sind in der poetischen Welt alle die Begebnisse selten so vielfach motiviert als haufig in der wirklichen? ...
Seine Angst war bloss die, dass sein Vater fruher anfahre als seine Mutter ab denn er kannte den Minister. Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags, Dienstags (spatestens am Sonnabend) anlangen; allein dies konnte da Froulay gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen liess noch gewisser drohen, dass er weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu fruh bloss in der Hoffnung ausschlug und kam, seine Leute uber irgend etwas recht Hasslichem zu ertappen in jeder Minute zum Hoftore hereinjage. Kam er angejagt, an diesem Vormittage oder in der Minute, wo der Bediente die Tochter in den Wagen hob und die Mutter schon darin sass: so war so viel durch tausend Schlusse aus der Observanz gewiss, dass beide wieder hinauf mussten in die Zimmer dass er alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hiess und dass er die Landschafts-Direktors-Tochter nach ihren l0000 Bitten wiewohl ihr schon die zweite auf der Lippe erfrore freundlich mit ganz spasshafter Gleichmut als einsame Konklavistin im zugemachten Wagen nach Hause wurde ziehen lassen. Gewisse Menschen und er ist ihr Generalissimus wissen sich kein susseres Labsal, als den Ihrigen die Gartenture irgendeines Arkadiens, wozu sie ihnen nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt, vor der Nase ins Schloss zu werfen und solche gerichtlich zu versiegeln. Kurz vor einer Lustfahrt setzen ohnehin die meisten Eltern Galle ab; konnte Froulay vollends eine verriegeln, so war ihm das so viel, als komm' er von einer rot und munter nach Hause.
Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schonsten Himmel spazieren alles war schon geordnet, Karl wollte morgen nachgehen, Albano erst nach der allgemeinen Ruckreise, am Montag (seine zarten Rucksichten und fremde harte entschieden) und es zog durch das ganze gewolbte Blau kein Nebel als Karls Besorgnis, die zweite Lokation der Furstenleichen ziehe seinen Vater noch heute her als er plotzlich herausfluchte: dort fahr' er. Er kannt' ihn an dem Tiger-Postzug und noch mehr an den lang vorgespannten Vorderpferden. Eine Fegfeuer-Lebens-Minute! Der Wagen fuhr rasch die Strasse herab die Vorderpferde zogen noch langer ganz unformlich voraus man wunderte sich endlich wurde die Ziehweite einen Acker lang das schien ganz unmoglich als Albanos Adlerauge keine lederne Verbindung zwischen dem Postzug und zuletzt gar entdeckte, dass bloss ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufallig vor dem Wagen herreite. Und in dieser Minute sahen sie den offnen Triumphwagen mit der weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blumenbuhler Hohe hinaufziehen, und das vermengte Tulpenbeet der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zuruck.
Vierzehnte Jobelperiode
Albano und Liane
64. Zykel
In unserer innern Welt fliegen so viele zarte und heilige Empfindungen herum, die wie Engel nie den Leib einer aussern Tat annehmen konnen; so viele reiche gefullte Blumen stehen darin, die keinen Samen tragen, dass es ein Gluck ist, dass man die Dichtkunst erfunden, die alle jene ungebornen Geister und den Blumenduft leicht in ihrem limbus aufbewahret. Mit dieser fass' ich, lieber Albano, deinen herrlich verduftenden Sonntag auf und halte den unsichtbaren Weihrauch fest fur die Schneidersche Haut der Welt!
Am Sonntage bezog er das Donnerhauschen in Lilar. Der Lektor hielt sich mit der Hoffnung aufrecht, der Graf werde das Blumenparterre des neuen Genusses schon bald so platt und welk zusammentreten wie einen Kreuzweg. Es war ein schoner Morgen vom Tau ganz beregnet ein frischer Wind wehte von Lilar uber das bluhende Korn und die Sonne brannte allein in einem kuhlen Himmel. Auf der Blumenbuhler Strasse zog ein Menschengewimmel hinan, und niemand ging lange allein; auf der Morgenhohe sah' er seinen Freund Karl mit dem gebognen Federbusch der Sonne entgegensprengen.
Lilars Lufte flogen Orangenduft-ausatmend entgegen und wehten die Asche weg, die auf den gluhenden Altarkohlen jenes ersten herrlichen Sonntags stand. Er ging die Brucke hinab, und der fruh geputzte Pollux trieb ihm einen aufgeblatterten Truthahn entgegen. Eine Soeur servante des alten Speners kochte schon eine Stunde lang bei der Chariton, bloss um ihn vorbeigehen zu sehen. Diese lief festlich-geschmuckt aus dem Hauschen, das sich heiter mit allen Fenstern dem ganzen Himmel offnete, ihm entgegen und brach in der Verlegenheit der Freude mit der Hauptsache zuerst heraus, es sei namlich droben im Hauschen alles schon parat, und ob er das Essen hinaufhaben wollte. Sie wollte mitten im Gesprach Polluxen aus des Grafen Fingern ziehen, aber er liess ihn zum Kusse aufschweben und erntete damit jedes Herz, auch das alte hinter der Kuchenflamme.
Indem er nach seinem Hauschen durch den westlichen Triumphbogen hinausging, fuhlt' er unbeschreiblich stark und suss, dass die holde Jugendzeit unser Welsch- und Griechenland ist voll Gotter, Tempel und Lust ach und welches so oft Goten mit Tatzen durchstreifen und ausleeren.
Seine bluhende Bahn lief endlich in die Tiefen- und Hohentreppe, die er mit Spener bestiegen einzelne Tages-Streifen brannten sich dem nassen Boden ein und farbten zerstreuete Zweige feurig und golden. An der mystischen Laube, wo vor ihm der tote Furst in der Seitenhohle geschritten war, fand er diese nicht, sondern nur eine leere Nische. Er trat oben heraus wie aus der Hufte der Erde. Sein Hauschen lag auf dem herumgebognen Bergrucken. Drunten ruhten um ihn die Elefanten der Erde, die Hugel, und das sich in Bluten herrlich blahende Lilar, und er schauete aus seinen Fenstern in das Lager der Riesen der Natur.
Inzwischen konnt' er jetzt nicht auf dem Fensterstocke bleiben, oder neben der begeisternden Aolsharfe, oder im Augenkerker, den Buchern; durch Strome und Walder und uber Berge zu schweifen verlangte die frische Natur. Das tat er.
Es gibt zwischen den Alltags-Tagen des Lebens wo der Regenbogen der Natur uns nur zerbrochen und als ein unformlicher bunter Klumpe am Horizont erscheint zuweilen einige Schopfungstage, wo sie sich in eine schone Gestalt rundet und zusammenzieht, ja wo sie lebendig wird und wie eine Seele uns anspricht. Heute hatte Albano diesen Tag zum erstenmal. Ach es gehen Jahre dahin, und sie bringen keinen. Indem er so auf dem Bergrucken auf beiden Seiten dahinwandelte, flutete der Nordost ihm immer voller entgegen ohne Wind war ihm eine Landschaft eine steife festgenagelte Wandtapete und wuhlte das feste Land zum flussigen um. Die nahen Baume schuttelten sich wie Tauben suss-schauernd in seinem Bade, aber in der Ferne standen die Walder wie gerustete Heere fest und ihre Gipfel wie Lanzen. Majestatisch schwammen durch das Blau die silbernen Inseln, die Wolken, und auf der Erde schritten Schatten riesenhaft uber Strome und uber Berge im Tale blitzte die Rosana und rollte in den Eichenhain. Er trat ins warme Tal hinab, die Weiden schaumten, und ihr Same spielte in seiner Wolken-Flocke, eh' ihn die Erde befestigte der Schwan dehnte wollustig den langen Flugel, gepaarte Tauben atzten sich vor Liebe, und uberall lagen die Beete und Zweige voll heisser Mutterbruste und Eier. Wie ein herrlicher blauer Blumenstrauss schillerte in hohen Grasern der Hals des ruhenden Pfaues. Er trat unter die Eichen, die mit knotigen Armen den Himmel anfassten und mit knotigen Wurzeln die Erde. Die Rosana sprach allein mit dem brausenden Wald und frass schaumend an Felsenstucken und am morschen Ufer Nacht und Abend und Tag verfolgten einander im mystischen Hain. Er trat in den Fluss und ging mit ihm hinaus vor eine rege warme Ebene voll Dorfer und aus ihnen klang der Sonntag und aus den Ahrenfeldern fuhren Lerchen und an den Bergen krochen Menschen-Steige hinauf, die Baume regten sich als Lebendige und die fernen Menschen schienen festzuwurzeln und wurden nur Schosslinge an der tiefen Rinde des ungeheuern Lebensbaumes.
Die Seele des Junglings wurde in das heilige Feuer geworfen, wie Asbestpapier zog er sie ausgeloscht und unbeschrieben heraus, ihm war, als wiss' er nichts, als sei er ein Gedanke, und hier trat ihn auf eine wunderbar neue Weise das Gefuhl an: das ist die Welt, du bist auf der Welt er war ein Wesen mit ihr alles war ein Leben, Wolken und Menschen und Baume. Er fuhlte sich von unzahligen Polypenarmen ergriffen und zugleich mit ihnen verschlungen und doch fortrinnend im unendlichen Herz.
Trunken kam er vor seine Wohnung, von welcher sich ihm der kleine Pollux den Berg herab entgegenrollte, um ihn zum Essen zu rufen. Im Hauschen wurde das, was er meinte, ausgesprochen von der Aolsharfe am offnen Fenster. Indes das Kind mit den Faustchen auf dem Klaviere nachdonnerte und die Vogel aus den Baumen freudig dareinschrien: so fuhr der Weltgeist durch die Aols-Saiten jauchzend und seufzend, regellos und regelmassig, spielend mit den Sturmen und sie mit ihm; und Albano horte, wie die Strome des Lebens rauschten zwischen den Ufern der Lander und durch die Blumen- und Eichenadern und durch die Herzen um die Erde, Wolken tragend und den Strom, der durch die Ewigkeit donnert, goss ein Gott aus unter dem Schleier
Albano kam mit dem unschuldigen vortanzenden Knaben zur fortlachelnden Mutter. Sogar hier zwischen den vier Wanden zogen ihn noch die Segel fort, die der grosse Morgen aufgeblaht. Nichts fiel ihm auf, nichts schien ihm gemein, nichts fern, die Woge und der Tropfe im unendlichen Meere des Lebens verflossen unteilbar mit den Stromen und Strudeln, welche darin gingen. Vor Chariton stand er wie ein glanzender Gott, und sie hatte gern entweder ihn verschleiert oder sich. Nie war die Menschheit in reinere Formen, die kein Wulst irgendeines Geburtslandes verkruppelte, gesondert als in diesem Freudenkreise, worin die Kindheit, die Weiblichkeit und die Mannlichkeit, von Blumen durchwunden, sich begegneten und sanft anfassten.
Chariton sprach immer von Liane, nicht bloss aus Liebe zur Fernen, sondern auch zum Nahen; denn ob sie gleich mit jenen offnen Augen schaute, die mehr still abzuspiegeln als anzublicken, mehr einzulassen als einzuziehen scheinen, so war sie doch wie Kinder, Jungfrauen, Landleute und Wilde zugleich offenherzigwahr und schlau. Sie hatte Albanos Liebe leicht erlauscht, weil uberall den Weibern alles leichter zu verdecken ist, sogar der Hass, als sein Gegenteil. Sie lobte Lianen unendlich, besonders die unvergleichliche Gute, und "ihr Herr habe gesagt, wenige Manner hatten so viel Herz als sie, denn sie sei oft ohne alle Furcht nachts mit ihr im Tartarus gewesen". Allerdings war das auch dem Grafen nicht erklarlich. Das Wunderbare ist der Heiligenschein eines geliebten Hauptes; eine Sonne, zum Menschenantlitz besanftigt ergreift weniger als ein geliebtes, zum Sonnenbild verklart.
Sie, immer heisser erfreuet durch seine Freude, bot ihm an, ihn in Lianens Zimmer zu fuhren. Ein einfaches Zimmerchen vom Weinlaube grundammernd einige Bucher von Fenelon und Herder-alte Blumen noch in ihren Wasserglasern kleine sinesische Tassen Juliennens Portrat und ein anderes von einer verstorbenen Jugendfreundin, welche Karoline hiess ein unbeflecktes Schreibzeug mit englischem gepressten Papier das fand er. Die heiligen Fruhlingsstunden der Jungfrau zogen vor ihm wie sonniges Gewolke tauend voruber.
Zufallig beruhrte er ein Federmesser, als ihm Chariton Kiele zum Schneiden brachte, "weil man" (sagte sie) "so viel Not damit hatte, seit ihr Herr weg sei". Denn eine Frau kann leichter jede Feder fuhren sogar die epische und kantische als eine schneiden; und hier muss wie in mehr Fallen das starkere Geschlecht dem schwachen unter die Arme greifen.
Albano wunschte noch das Arbeits-Zimmer seines Lehrers zu sehen; aber dieses schlug sie ob sie gleich durch ein stundenlanges Zusammenessen nicht mutiger geworden doch entschieden ab, weil es ihr Herr verboten habe. Er bat noch einmal; aber sie lachelte immer schmerzlicher und blieb bei dem freundlichen Nein.
Er vertraumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten, auf dessen Wasser und Steige der Mond- und Widerschein der Erinnerung spielte. Wie treten aus den 9 Millionen Quadratmeilen der gemeinen Erde doch einige poetische Lander heraus durch ein poetisches Herz! Auf dem Berg mit dem Altare, wo er sie unten einmal verschwinden sehen, wehte ihn, umflattert vom freiern Ather, das Nachmittagsgelaute von Blumenbuhl an; und sein Kindheitsleben und die jetzigen Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz, und er uberschauete mit dunklern Augen das verklarte Land.
Abends kamen frohe Kirchganger aus Blumenbuhl und priesen das Einweihen und Beisetzen gewaltig. Er sah noch den frommen Vater druben auf dem Bergrucken stehen. Der Morgen, wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles sagen konnte, uberzog sein Leben mit einem ihn in prachtigen Regenbogenkreisen umschimmernden Morgentau. Noch im Bette sang er vor Lust das Morgenlied der Ruderleute auf dem Lago maggiore die Sternbilder uber Blumenbuhl glanzten in das offne Fenster seines Alpenhauschens heruber an das zusinkende Auge. Als ihn der helle Mond und Flotentone aus dem Tal wieder weckten: gluhte das stille Entzucken unter der Asche des Schlafes noch fort, und das grossere druckte die Augen wieder zu.
65. Zykel
Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen, heute sein immer in weisse Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen, jenen alten Weg, den er einmal (im 23sten Zykel) nachts herwarts gemacht, um auf dem Berge Elysium und Liane zu sehen. Der ganze bluhende Steig war ihm eine romische Erde, woraus er schonbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub; und je naher dem Dorfe, desto breiter wurden die geheiligten Platze. Er wunderte sich, dass die Lammer und Hirtenknaben nicht, wie das Gras, langer aufgeschossen wahrend seiner Entfernung, die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel seiner Erfahrungen selber verlangert vorkam. Wie ein Morgentrunk von hellem Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust; aber die enge Erlenbahn, worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt, und selber der Schlosshof, sogar die vier Wande und das Deckengemalde des hauslichen Glucks krempten seiner treibenden Seele, die in die Erde und in den Himmel hineinwachsen wollte, Wurzel und Gipfel ein; er war noch in den Jahren, wo man vom Klavichord des Lebens mit einem Fusstritt den Deckel hochluftet, damit das harmonische Brausen uberall vorwalle.
Wie verschwenderisch wurde im Schlosse sein Herz mit Herzen bedeckt und die jungste Liebe durch alte ubertaubt, von der leichtweinenden Mutter Albine an bis zu den handegebenden alten Bedienten, die seinetwegen die versteinerten Glieder behender bewegten! Er fand alle seine Lieben Liane ausgenommen in Wehrfritzens Museum, weil dieser "junges Volk" und Diskurse lieb hatte und allzeit darauf bestand, dass man das Fruhstuck auf seinem Aktentisch aufsetzte, der, wie er sagte, so gut sei als ein Fruhstuck-Tisch mit lackierten Fratzen, die niemand ansehe. Albano plagte sich mit der Furcht, die Ministerin sei die Kirchenrauberin einer Gottin selber geworden und habe gestern Liane zuruckgefuhrt bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklarte. Die gute Seele hatte gestern die Bewegungen ihres teilnehmenden Herzens mit Migrane bussen mussen. Ihr geliebter Lehrer Spener mit seiner erhabenen Seelen-Stille die Augen, die nicht mehr uber die Erde weinten, auf das befreundete Furstenpaar gesenkt mit dem Haupte unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend, das wie der Pol keine Sterne mehr auf- und untergehen sah ruhig und mit apostolisch ineinander gelegten Handen allmachtig redend uber den Schmerz und das Ziel des bleichen Lebens, begeistert die Herzen nahe an die weinende Ruhrung drangend, und doch sie mit erhabener Besanftigung zuruckziehend vom hochsten Schmerz, damit nur das Herz weine ohne das Auge und nun die Einsegnung der gepaarten Sarge und der Kirche o in der weichen Liane mussten diese Ruhrungen ja zu Leiden arten, und alles, was ihr Lehrer verschwieg, wurde in ihr ausgesprochen. Noch dazu hatte sie nicht die gewohnliche Kur, sich still zu halten, gebraucht, sondern alle Stiche hinter tatige Freude versteckt, um der fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben, obwohl sich viel zu grosse.
In diese Erzahlung trat sie selber freundlich herein im weissen Morgenkleid mit einem Strauss von sinesischen Roschen ein wenig blass und mude traumerisch-weich aufblickend die Stimme leiser die Wangenrosen zu Knospen geschlossen und wie ein Kind jedes Herz anlachelnd du Engel des Himmels, wer darf dich lieben und belohnen? Sie erblickte den hohen Jungling alle Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches Morgenrot der Freude getaucht, und ein zarter Purpur blieb an ihnen.
Sie fragte ihn offen, warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen, und entdeckte angelegentlich, dass sie alle heute den frommen Vater, fur welchen ihre Zwerg-Rosen gebunden waren, besuchen wurden. Er nahm gern die vierte Stimme im Konzert der Lustfahrt. Welcher herrliche hangende Garten mit seinen liebsten Blumen und Aussichten ist in die Abendstunden hineingebauet! Wie viel Gluckliche bedeckt ein einziges Dach!
Die redliche Rabette, vor stillem Freuen flinker und geschaftiger, war unverdrossen Lianens Kranken- und Roquairols Lowen-Warterin und die maitresse de plaisirs, welche jeden mutterlichen Grundriss einer Lust noch um die Halfte breiter machte, und das ganze Wesen war so glucklich! Ach ihr armes reines Herz wurde ja noch von keinem geliebt, und darum gluht es mit den frischen Kraften der ersten Liebe so hell und treu vor einem machtigen, das zu ihm segnend wie ein liebender Gott niederzukommen scheint und einen ganzen Himmel nachzieht! Roquairol sah, wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres Eigentums und ihrer Geschafte das schwer niederhangende Laub verschiebe, das im Visitenzimmer sich finster uber ihren Wert herzog; sie wurde sogar schoner durch das dunklere nette Hauskleid, nachdem er durch Predigten jede weisse Draperie ihrer brunetten Gestalt in den Kleiderschrank zuruckgeschickt. Sie gehorchte der Mutter hierin nicht eher, als bis er es verlangt hatte. Ja er hatte sie gestern dahingebracht, die Uhr, womit die stolze Ministerin sie beschenkt, wirklich an sich herumzutragen mit heissem Erroten uber den ungewohnten Schmuck. Indes wollt'er mit ihr gleichsam einen recht geschlangelten Blumenweg zum Altare seines lauten Ja's der Liebe nehmen das stumme sagt' er hinlanglich ; er wusste, sie sitze sogleich ein, sobald er mit dem Muschelwagen der Venus vorfahre, wovor er eine Taube und einen Habicht vorgehangt.
Wie herrlich flog der Vormittag dahin auf goldnen Flugeldecken und auf durchsichtigen Flugeln! Der geliebte Albano wurde in alle Veranderungen des Hauses eingefuhrt; die schonste war in seiner Studierstube, welche Rabette in ihre Putz-, Nah und Studierstube umgekleidet hatte, die seit gestern wieder zum Gast- und Lesestubchen Lianens geworden. Wie gern trat er ans Fenster nach Abend, wo er so oft im Kristallspiegel seiner Phantasie seinen unsichtbaren Vater und die Geliebte uberirdisch erscheinen lassen! In die Scheiben waren von seiner Knabenhand viele L und R gezogen. Liane fragte, was die R bedeuteten; "Roquairol", sagte er, denn sie fragte nicht nach dem L. Unendlich suss floss die Betrachtung um sein Herz, dass doch seine Geliebte in der traumerischen Klause seines ersten grunen Lebens einige bluhende Tage verlebe. Liane zeigte ihm mit kindlicher Freude, wie sie alles, namlich das Zimmer, redlich mit Rabetten teile in ihrer Doppelwirtschaft und Stuben-Kameradschaft, und wie sie ihre Wirtin selber zu ihrem Gaste gemacht.
Ich habe oft das schone leichte Nomaden-Leben der Madchen in ihren arkadischen Lebens-Abschnitten bewundert mit Neid; leicht flattern diese Flugtauben in eine fremde Familie und nahen und lachen und besuchen da mit der Tochter des Hauses ein oder zwei Monate lang, und man halt das Kopulierreis fur einen Familienzweig; hingegen wir Stubentauben werden schwer versetzt und einheimisch und reiten meistens nach einigen Tagen wieder zuruck. Da wir als sprodere Materie schwerer mit dem Familien-Guss verschmelzen; da wir unsere Arbeiten nicht so leicht weil uns Wagen voll Arbeitsgerate nachfahren mussen wie Madchen ihre einweben in fremde und da wir viel brauchen und anstiften: so ist daraus unser Laufzettel sehr gut abgeleitet ohne unsern geringsten Nachteil.
Nach einer halben Ewigkeit der Ankleidung da in der Nahe der Geliebten eine Stunde der Abwesenheit langer dauert als ein Monat in ihrer Ferne traten die reisefertigen Madchen im schwarzen Schmucke der Braute herein. Wie reizend stehen Rabetten die Rosen im dunkeln Haar und der dunkle Spitzen-Saum auf dem weissen Hals und die furchtsamen Flammen ihres reinen Auges und die anfliegenden Errotungen! Und Liane ich rede nicht von dieser Heiligen. Sogar der gute alte Direktor musste, als ihn das fromme Angesicht unter dem bloss einfach und nonnenhaft herubergelegten weissen Kopfschleier von indischer, mit Goldlahn besprengter Mousseline kindlich anblickte, seinem Wohlgefallen die Worte geben: "Wie eine Nonne, wie ein Engel!" Sie antwortete: "Ich wollte auch einmal eine werden mit einer Freundin; aber nun nehm' ich den Schleier spater als sie", setzte sie mit wunderbarem Ton dazu.
Sie hing heute mit zartlicher Schwarmerei an Rabette, vielleicht aus siecher Weichheit, vielleicht aus Liebe zu Albano und zu den Eltern und vielleicht, weil Rabette durch die Liebe so gut und schon war und weil sie selber nichts war als Herz. Sie hatte den heiligen Fehler zu schwarmerischer Vorstellungen von ihren Freundinnen in welchen die edlern Madchen leicht fallen und womit bloss Ehefrauen wenig behaftet sind sonst noch hoher getrieben: so konnte sie z.B. ihre Freundin Karoline, die ihr wie eine Romanheldin nur im romantischen Spielraum der Freundschaft und der schonen Natur begegnet war, sich anfangs gar nicht ohne Abbruch des poetischen Heiligenscheins mit Handen denken, welche die Nahnadel und Platte und anderes Gerate des weiblichen Ackers fuhrten.
Wer die zarteste Mitfreude fuhlen will, der sehe nicht frohe Kinder an, sondern die Eltern, die sich uber frohe erfreuen. Niemals blickte die blau- und rundaugige Albine in deren Gesicht die Zeit manche Lebenstone dreimal gestrichen hatte, worunter aber kein stief und schwiegermutterlicher Misston vorkam ofter hin und her und segnender als unter diesen Paaren; denn das wurden sie nach der mutterlichen Sterndeuterei der Aberrationen und Pertubationen dieser Doppelsterne. Der Vater, der die "Kopfund Ohrenhangerei des jetzigen jungen Volks" gegen die Ehrensprunge seiner Kameraden hielt, wurde an den Hauptmann gekettet, der sich als Regisseur seines innern Theaters heute die Rolle eines frohen Junglings zugeteilt hatte. Er gefiel ihm sogar durch die derben Redeblumen, die das verborgne Wehen von ihm losblatterte; denn da jedes Genie sein Grobians-Idiotikon, seine Knittelverse haben muss: so hatt' er andere haben den Teufel, den Henker den genialischen Handwerksgruss "Lump" samt den Derivativis "Lumperei" u.s.w. Aber wie noch hinreissender nahm Albano alle weibliche Herzen durch die Stille weg, womit er wie ein ruhiger Nachsommer seine Fruchte fallen liess. Die Eltern schrieben diese weiche Haltung dem Stadtleben zu, als ware nicht Karl langer in diese Malerschule gegangen. Nein, die Liebe ist die italienische Schule des Mannes; und der kraftigere und hohere ist eben der hohern Zartheit fahig, wie auf hohen Baumen sich das Obst milder und susser rundet als auf niedrigen. Nicht an unmannlichen Charaktern entzuckt die Milde, sondern an mannlichen; wie nicht an unweiblichen die Kraft, sondern an weiblichen.
Der gute Jungling! So unschuldig lodert dir indes Karl es allzeit leider deutlich wusste, wenn sein Blick brannte und blitzte aus den Augen ein gluhendes Herz, das es nicht weiss! Moge dein Abend das Samenkorn einer blutenvollen Jugend werden! Der Wagen rollet vor, dir ungewiss, ob er ein Elias- oder Phaetons-Wagen wird, ob du durch ihn den Himmel erfliegst oder aus ihm fallst!
66. Zykel
Der Wagen flog durchs Dorf mit den vier jungen Menschen wie tut unserm Jungling die Weite des Himmels und der Erde wohl! Das Portal des Lebens, die Jugend, war mit Blumen und Lichtern behangen. Sie rollten unten am Berge vor der Vogelstange vorbei, der Zeigerstange eines Knaben-Arkadiens, vor der Wiege, wo er kindlich-schlaftrunken nach dem hohen Himmel langte mit dem Knaben-Arm und durch das ihm jetzt nur zu Gebusch gesunkne Birkenwaldchen, das er an jenem goldnen Morgen so breit und lang gefunden und vorbei vor den ostlichen offnen Triumphbogen, hinter denen das Meer des vielgestaltigen Lilars seine Reize wogen liess und hinter der Bergmauer des Flotentals schickten sie den Wagen zuruck.
Sie gingen auf einer herrlichen Erde unter einem herrlichen Himmel. Rein und weiss schwamm die Sonne wie ein Schwan durch die blaue Flut Fluren und Dorfer drangten sich dichter an die fernen niedrigen Geburge ein sanfter Wind trieb die grunen Ahren-Wogen auf der Ebene umher an den Hugeln ruhten Schatten unter den Schwingen weisser Wolkchen fest und hinter den Gipfeln der Anhohe zogen die Mastbaume der Rheinschiffe majestatisch weg.
Wie Albano so nahe neben der Geliebten ging, fiel das unter seinem Eden brennende Fegfeuer immer tiefer in den Erdkern zuruck; voll Unruhe und Hoffnung warf er das feurige Auge bald auf den Sommer, bald auf den milden Hesperus-Stern, der so nahe an ihm aus dem Fruhlingsather schimmerte. Die Gute schien heute stiller, ernster und unruhiger als sonst. Als sie durch ein uberall offnes Laubwaldchen am Hugelrukken, der das Flotental umzog, hingingen: sagte Liane plotzlich zum Grafen, sie hore Floten. Kaum konnt' er sagen, er hore nur ferne Turteltauben: als sie auf einmal sich wie zu etwas Wunderbarem sammlete ihr Auge in den Himmel heftete lachelte und plotzlich sich nach Albano umsah und rot wurde. Sie redete ihn an: "Ich will aufrichtig sein, ich hore jetzt in mir Musik114 sehen Sie mir heute meine Schwache und Weichheit nach; es kommt von gestern." "Ich Ihnen?" sagt' er heftig; denn er, um welchen in Krankheiten nur brennende Bilder sturmten, wurde zur Verehrung eines Wesens begeistert, zu welchem gleichsam aus einer hohern Welt in seinen Schmerzen wie goldne Sonnenstrahlen leise Tone reichen, die verhullt durch die rauhe Tiefe gehen.
Aber Liane, wie um sein Feuer abzuwenden, kam auf ihre Freundin Karoline und sagte: wie sie ihr an solchen Tagen und zumal auf diesem Spaziergange immer vorschwebe. "Anfangs sucht' ich sie auf," (sagte Liane) "weil sie meiner Linda glich. Sie war meine Lehrerin, ob sie gleich nur einige Wochen alter war als ich. Ihr frommer, strenger, unerschrockner Charakter und ihre Willigkeit, sich freudig und stumm aufzuopfern, machte sie sogar, wenn ich es so sagen darf, in den Augen ihrer Mutter verehrungswurdig. Man sah sie niemals weinen, so weich sie auch war, bloss um ihre Mutter immer heiter zu machen. Wir wollten miteinander den Schleier nehmen, um beisammen zu bleiben; ich wurde nicht alt werden, sagte sie, und ich musste mein kurzes Leben froh und ohne Sorgen, aber auch in Zubereitung auf das andere verbringen. Ach sie ging selber voran! Die Nachtwachen am Krankenbette ihrer Mutter und der Schmerz uber den Tod nahmen sie dahin. Sie empfing das heilige Nachtmahl, auf das wir uns miteinander zubereiteten, im Sterben allein. Da gab mir der Engel diesen Schleier, worin ich ihr einst folgen soll. O, gute, gute Karoline!" Sie weinte unverhohlen und druckte bewegt Albanos Hand. "O ich hatte nicht davon anfangen sollen!
Dort kommt schon unser Freund; wir wollen recht heiter sein."
Sie waren jetzt durch ein hohes Gebusche, das nekkend die umherschweifenden Landschaften auf- und zudeckte, nahe an die uber das Flotental hereinschauende Turmspitze gelangt, neben welcher eine einsame Kirche und Speners Wohnung lag und unten in der Ebene das offne Dorf. Spener ging seiner Schulerin nach Greisen-Sitte um andere unbekummert entgegen, und ein junges Reh lief ihm nach. Eine schone Stelle! Kleine weisse Pfauen freie Turteltauben eine Bienenstadt mitten in ihrer Bienenflora alles sagte den ruhigen Alten an, dem nun die ehrende Erde dient und der, gleichgultig gegen sie, nur in Gott lebt. Er kam gegen die Erwartung eines kirchlichen Ernstes mit einem leichten Scherz uber die bunte Reihe an und legte die segnenden Finger auf Lianens Stirn, die seine Enkelin zu sein schien, gleichsam eine zweite Baum-Blute im Spatherbst des Lebens. Sie steckte ihm tochterlich den Strauss der Zwerg-Roschen an die Brust und gab sehr acht, ob es ihn besonders freue. Sie lachelte ganz heiter, und alle ihre Tranen schienen verweht; aber sie glich dem beregneten Baum unter der wiederlachenden Sonne: die kleinste Erschutterung wirft den alten Regen vom stillen Laub.
Der alte Mann erfreuete sich uber die Teilnahme der jungen Leute und blieb mit ihnen auf der bluhenden und larmenden Anhohe, welche zwischen einer weiten Landschaft und zwischen den reichbeladen ins Elysium hineinlaufenden Bergrucken thronte. Sie liessen ihn, da zu ihm wie zu einem, der im Luftschiff aufsteigt, die Tone der Erde nicht so weit nachreichten als die Gestalten, mehr reden als horen, wie man Alte schonet.
Er sprach bald von dem, worin sein Herz atmete und lebte; aber in einer sonderbaren, halb theologischen, halb franzosischen, Wolffianischen und poetischen Sprache. Man sollte von manches Schwarmers Poesie und Philosophie statt der VerbalRealubersetzungen geben, damit man sahe, wie die gold-reine Wahrheit unter allen Hullen gluhe. Spener sagt in meiner Ubersetzung: "er habe sich sonst, eh' er das Rechte gefunden, in jeder menschlichen Freundschaft und Liebe gemartert. Er habe, wenn er inbrunstig geliebt wurde, zu sich gesagt, dass er sich selber ja nie so ansehen oder lieben konne; und ebenso konne ja das geliebte Wesen nicht so von sich denken wie das liebende, und war' es noch so vollkommen oder so eigenliebig. Sahe jeder den andern an wie er sich: so gab' es keine feurige Liebe. Aber jede fordere einen unendlichen Wert und sterbe an jedem unaufloslichen, deutlich erkannten Fehl; sie hebe ihren Gegenstand aus allen heraus und uber alle und verlange eine Gegenliebe ohne Grenze, ohne allen Eigennutz, ohne Teilung, ohne Stillstand, ohn' Ende. Das sei ja das gottliche Wesen, aber nicht der fluchtige, sundige, wechselnde Mensch. Daher musse sich das liebekranke Herz in den Geber dieser und jeder Liebe selber, in die Fulle alles Guten und Schonen, in die uneigennutzige, unbegrenzte All-Liebe senken und darin zergehen und aufleben, selig im Wechsel des Zusammenziehens und Ausdehnens. Dann sieht es zuruck auf die Welt und findet uberall Gott und seinen Widerschein die Welten sind seine Taten jeder fromme Mensch ist ein Wort, ein Blick des All-Liebenden; denn die Liebe zu Gott ist das Gottliche, und ihn meint das Herz in jedem Herz."
"Aber" (sagte Albano, dessen frisches energisches Leben aller mystischen Vernichtung widerstraubte) "wie liebt uns denn Gott?" "Wie ein Vater sein Kind, nicht weil es das beste ist, sondern weil es ihn braucht. 115" "Und woher" (fragt' er weiter) "kommt denn das Bose im Menschen und der Schmerz?" "Vom Teufel", sagte der Greis und malte ununterbrochen mit verklarter Freude den Himmel seines Herzens aus, wie es immer umgeben sei vom all-geliebten All-Liebenden, wie es gar kein Gluck und keine Gaben von ihm begehre (die man nicht einmal in der irdischen Liebe wunsche), sondern nur immer hohere Liebe gegen ihn selber, und wie es, indem der Abendnebel des Alters immer dichter um seine Sinne ziehe, sich im Lebens-Dunkel immer fester von den unsichtbaren Armen umschlungen fuhle. "Ich bin bald bei Gott!" sagt' er mit einem Glanze der Liebe auf dem vom Leben erkalteten und unter den Jahren einbrechenden Gesicht. Man hatt' es ausgehalten, ihn sterben zu sehen. So steht der Montblanc vor dem aufgehenden Mond; die Nacht verhullt seinen Fuss und seine Brust, aber der lichte Gipfel hangt hoch im dunkeln Himmel, als ein Stern unter den Sternen.
Liane hatte wie eine Tochter das Auge und die Hand nicht von ihm gelassen und jeden Laut schmachtend eingesogen; ihr Bruder hatt' ihn mit mehr Freude als Alban gehort, aber bloss um den mystischen Heros ganz in den mimischen Berg Athos seiner Nachbildung reiner abzuformen; und Rabette hatt' ihn wie in einer Kirche unter glaubigen Nebengedanken angeschauet.
Er entfernte sich jetzt ohne Umstande, um fur seine Tiere zu sorgen, die er wie alles Unwillkurliche, z.B. die Kinder, wie aus der ersten Hand Gottes kommend liebte; alles sei gottlich, sagt' er, und nichts irdisch als das Unmoralische. Er konnte keine Bienen schwefeln, keine Blumen im Scherben-Kafig verdursten lassen, kein abgetriebnes, wundes Pferd ertragen und ging vor einer Fleischbank nur mit schaudernden Gliedern voruber.
"Wollen wir" (sagte der Freund Karl) "den herrlichen Abend auf der prachtigen Bergstrasse einnehmen und dein Donnerhauschen besehen und jeden LeidensKelch herunterwerfen in die Taler hinein?" Welche magische Nachbarschaft durchzogen sie nun auf dem gebognen Gebirge zum Donnerhauschen! Zur Rechten gleichsam den Okzident der Natur, zur Linken ihren Orient vor ihnen das prangende Lilar in der Abendfeerei der glanzenden Rosana in den Armen liegend Ahrengold hinter Pappelsilber und daruber den Himmel, gefullt mit lebenstrunknen larmenden Wesen und der Sonnengott schreitet uber seinen Abend weg und buckt sich ein wenig unter der Mitternacht, um in Osten das goldne Haupt zu erheben. Albano ging an Lianens heiliger Hand voraus. "O wie ist alles so schon!" (sagt' er) "Wie rauschet die aufgeblatterte Weltkarte mit langen Flussen und Waldern wie sonnen sich die Morgenberge in fester Ruhe wie steigen die Haine mit gluhenden Stammen die Hugel hinauf man mochte sich in die rauchenden Taler sturzen und in die kalten glanzenden Wellen ach Liane, wie ist alles so schon!" "Und Gott ist auf der Welt", sagte sie "und in dir!" sagte er und dachte an das Wort des Greisen, dass die Liebe Gott meine und er im Herzen wohne, das wir ehren.
Jetzt rollten ihm schon die grossen Wogen entgegen, welche die Aolsharfe im Donnerhauschen schlug; und sein Genius flog vor ihm vorbei mit den Worten: sag ihr darin dein ganzes Herz.
Vor der kleinen Hutte der gestrigen Traume ging sein sturmendes Herz auseinander; und die Sonne und die Erde schwankten vor den wilden Tranen. Da er hineintrat mit ihr in den fullenden Rosenglanz der Abendsonne und in das Geistergetummel der einsam miteinander redenden Tone: so fasste er Lianens Hande und druckte sie wild an seine Brust und sank vor ihr ohne Laut und geblendet nieder Flammen und Tranen flogen uber Augen und Wangen der Wirbelwind der Tone wehte in seine lodernde Seele der milde Engel der Unschuld buckte sich weinend und bebend gegen den brennenden Sonnengott und es schlangelte sich ein Schmerz wie eine bleiche Schlange durch die Rosen des milden Angesichts und Albano stammelte: "Liane, ich liebe dich "....
Da kehrte die Schlange um und fasste und bedeckte die susse Rosen-Gestalt. "O guter Mensch, du bist unglucklich, aber ich bin unschuldig." Sie trat erhaben zuruck und zog schnell den weissen Schleier uber ihr Gesicht herab und sagte ausser sich: "Liebst du die Toten? Das ist mein Leichenschleier; im kunftigen Jahre liegt er auf diesem Gesicht." "Das ist nicht wahr", sagte Albano. "Karoline, antworte ihm!" sagte sie und sah starr in die brennende Sonne wie nach einer hohern Erscheinung. Furchterliche Minute! wie bei dem Erdbeben das Meer wogt und die Luft furchterlich still ruht- so war seine Lippe neben der Verschleierten stumm und das ganze Herz ein Sturm auf den Saiten wandelte eine seufzende Geisterwelt voruber, und der letzte endigte mit einem scharfen Schrei die Schonheit der Erde verzerrte sich vor ihm, und in das Abendgewolk waren breite Feuerfahnen gepflanzt, und das Sonnenauge schloss sich blutend zu.
Auf einmal faltete Liane wie betend die Hande und lachelte und errotete; da hob sie den Schleier von den gottlichen Augen, und die Verklarte, vom Rosen-Widerschein angestrahlt, sah ihn zartlich an und schlug das Auge nieder und hob es wieder auf und senkt' es nieder und der Schleier fiel wieder vor, und sie sagte leise: "Ich will dich lieben, guter Albano, wenn ich dich nicht elend mache." "Ich sterbe mit dir," sagt' er, "was ists?" Und nun verhulle die heilige Wolke den Sonnengott, der flammend durch seine Sterne zieht!
Seine Einsamkeit und Lianens Auflosung so vieler Wunder wurden durch den Eintritt Rabettens und Karls verschoben, welche beide mehr geruhrt als begluckt schienen, sie durch die trostende Nahe des Geliebten, er durch die sonderbare Lage und durch den zwingenden Abend; denn gewissen Menschen geht ein Sturm nach, und sie mussen die Schritte, die sie tun, wider Willen schneller machen.
Als Albano wieder mit dem Friedensengel seines Lebens, mit der Geliebten, die mitten im Rauschen der Gefuhle doch die Stimme ihrer Freundin horte, allein vorausging auf den Felsendamm zwischen duftenden Tempetalern in der dammernden Welt: so war ihm, als habe sich sein Leben wie ein Adler durch eine Sturmwolke durchgearbeitet und der schwarze Sturm laufe unter seinen Flugeln weiter und der ganze Sternenhimmel brenne hell uber seinem Haupt. Liane, jungfraulich-edel und fest, gab ihm, eh' er eine Frage getan, die Antwort: "Ihnen muss ich nun ein Geheimnis sagen, was ich jedem und sogar meiner Mutter verbarg, weil es sie beunruhigt hatte. Ich erzahlte vorhin von meiner unvergesslichen Karoline. Am Tage meines Abendmahls, das ich mit ihr empfangen wollen, ging ich nachts von meinem Lehrer zur Mutter zuruck, und zwar durch die sonderbare lange Hohle, worin man niederzusteigen glaubt, wenn man aufwarts steigt. Mein Madchen ging mit der Laterne voraus. In der romantischen Laube, wo ein Hohlspiegel steht, kehr' ich mich gegen den hereinstromenden Vollmond, aus Furcht vor dem wilden Spiegel, der den Menschen zu grausam verzieht. Plotzlich hor' ich ein himmlisches Konzert, wie nachher ofters wieder in Krankheiten ich denke an meine selige Freundin und schaue voll Sehnsucht in den Mond. Da sah' ich sie mir gegenuber, mit unzahligen Strahlen in ihren schonen Augen war ein zartlicher Blick, aber doch etwas Auflosendes; der zarte, fast allein lebendige Mund glich einer roten, aber durchsichtigen Frucht, und alle ihre Farben schienen nur Licht zu sein. Doch nur im blauen Auge und roten Munde schien der Engel Karolinen ahnlich. Ich konnt' ihn zeichnen, wenn man mit Licht malen konnte. Ich wurde gefahrlich krank; da erschien sie mir ofter und erquickte mich mit unsaglich-sussen Lauten es waren keine rechte Worte , worauf ich immer in einen sanften Schlaf wie in einen sussen Tod versank. Einmal fragt' ich sie mehr mit innern Worten , ob ich denn bald zu ihr ziehe ins Reich des Lichts. Sie antwortete, ich sturbe jetzt nicht, sondern etwas spater, und sie nannte recht deutlich das kunftige Jahr und sogar den Tag, den ich aber vergessen.... O lieber Albano! vergeben Sie mir nur einige Worte! Ich genas bald und trauerte uber die lange schleppende Zeit"
"Nein" (unterbrach Albano sie, dessen Gefuhle wie Schwerter gegeneinanderschlugen) "ich ehre, aber hasse Ihr gefahrliches Schreckbild. Phantasie und Krankheit sind die Eltern des luftigen Wurgengels, der wie ein taubes Wetterleuchten sengend uber alle Bluten der Jugend fliegt."
Sie antwortete geruhrt: "O du guter, frommer Geist! du hast mich nie betrubt, du hast mich stets getrostet, geleitet, froh und fromm gemacht. Ein Schreckbild ist er, Albano? Eben gegen alle Schreckbilder, gegen alle Geisterfurcht bewahrt er mich, weil er immer um mich ist. Warum, wenn er nur ein Traumbild ist, erscheint er mir nie in meinen Traumen?116 Warum kommt er nicht, wenn ich will? Sondern bloss in wichtigen Fallen; dann frag' ich ihn und gehorche sehr gern. Er ist mir heute, Albano," (setzte sie leiser und bloder hinzu) "schon zweimal erschienen, unterwegs, als ich die innere Musik horte, und vorhin im Donnerhauschen, als die Sonne unterging, und hat mir liebreich geantwortet."
"Und was sagt' er, Himmlische?" fragte Albano unschuldig. "Ich sah ihn unterwegs nur an und fragte nichts", versetzte die Kindliche errotend; und hier stand auf einmal ihre heilige Seele unwissend ohne Flor vor ihm; denn sie hatte im Donnerhauschen von der unsichtbaren Karoline das Ja zu ihrer Liebe empfangen, weil jene ihr Geschopf war und dieses ihre Eingebung. Jawohl, Himmlische! du stehst vor dem Spiegel mit dem jungfraulichen Schleier uber deiner Gestalt, und wenn dein Bild seinen leise hebt, glaubst du dich noch verhullt!
Kein Wort spricht Albanos Verehrung eines so geheiligten Herzens aus, das verklarte Wesen so helle traumte dessen goldne Blumen auf dem Gedanken des Todes, wie irdische auf Gottesackern, nur hoher wuchsen das zugleich mit ihm unsichtbare Hande in zwei ahnliche Traume117 gezogen dem man sich schamte, gemeine Wahrheiten zu geben fur seine heiligen Irrtumer. "Du bist vom Himmel" (sagt' er begeistert, und seine Freude wurde die im Auge zerschmolzene Perle, die den Durst des Menschenherzens loscht) "darum willst du wieder dahin!" "O ich weihe dir, mein Freund," (sagte sie lachelnd-weinend und druckte seine Hand an ihr frommes Herz) "das ganze kleine Leben, das ich habe, jede Stunde bis zur letzten, und vorher will ich dich auf alles zubereiten, was Gott schickt."
Eh sie in des frommen Vaters Hutte traten, griff Albano nach des Freundes Hand, und die Schwestern vereinigten sich. Die Freunde gingen eine Zeitlang stumm voraus; Karl blickte Albano an und fand den Frieden der Seligkeit auf seinem Angesicht. Als dieser sah, wie Liane das uberfullte Herz an das schwesterliche druckte: so wurde die Aufrichtigkeit und Freude in ihm zu stark, und er fiel ohn' ein Wort dem lieben Bruder der ewigen Braut ans Herz und liess ihn stumm alles erraten aus den Tranen der Seligkeit. O er hatt' es doch erraten aus dem brautlichen Blick der Liebe, den seine Schwester von seinem Freunde seltener wegzog, und aus der Innigkeit, womit sie Rabetten gleichsam als wurden beide bald einander verwandt, als wurde selber der Bruder bald schoner sprechen, da er sie lange nicht mehr die kleine Linda hiess an ihrem Herzen einweihte fur das bruderliche. Bei dem frommen Vater versteckte sich der entzuckte Blick wenig, den Albano, gleichsam unter dem Tore der Ewigkeit stehend, in die Himmel warf, die wie Welten hintereinander schimmerten; er war still, sanft, und in seinem Herzen wohnten alle Herzen. O liebe eines rein und warm, so liebst du alle nach, und das Herz in seinem Himmel sieht wie die wandelnde Sonne vom Tau bis zum Meere nichts als Spiegel, die es warmt und fullt.
Aber in Roquairol fuhr sogleich, als er das himmlische Gluck so nahe sah, der aufruhrerische Geist seiner Vergangenheit und schlug epileptisch die Glieder des innern Menschen blutig die unsterblichen Seufzer nach dem ewig fliehenden Frieden qualten ihn wieder, seine Fehltritte und Irrtumer und sogar die Stunden, wo er unschuldig litt, wurden ihm schmerzlich vorgerechnet und da sprach er (und ruhrte jedes Herz, am meisten aber das der armen Rabette, das er, sich zu erwarmen, an sich presste, wie nach der Sage der Adler die Taube, der dann sie nicht zerreisset) da sprach er edel von der Wustenei des Lebens und vom Schicksal, das den Menschen wie den Vesuv zum Krater ausbrenne und dann wieder kuhle Auen darein sae und ihn wieder mit Feuer fulle und vom einzigen Gluck des hohlen Lebens, von der Liebe, und von der Verletzung, wenn das Geschick mit seinen Winden eine Blume118 reibend hin- und herbewege und dadurch die grune Rinde an der Erde durchschneide.
Aber indem er so sprach, sah er die gluhende Rabette an und wollte durch diese Erwarmungen gleichsam die feste Blumenknospe seiner Liebe gewaltsam sprengen und die Blatter unter die Sonne breiten o ganz glucklich war doch der Verworrene und Sehnsuchtige auch heute nicht, und er wollte weniger andere ruhren als sich.
Wie selig-ahnend traten sie wieder heraus vor die Sphinx der Nacht, welche lachelnd mit sanften Sternenblicken vor ihnen lag. Gingen sie nicht durch eine stille, dammernde Unterwelt, leicht und frei ohne die schwere, klebende Erde an den Fussen, und im weiten Elysium flattert nur der warme Ather, weil ihn unsichtbare Psychen mit ihren Flugeln schlagen? Und aus dem Flotentale sendet ihnen der Greis seine Tone als susse Liebespfeile nach, damit das schwellende Herz an ihren Wunden selig blute. Albano und Liane kamen vor eine Aussicht, wo die weite Morgenlandschaft mit den Lichtstreifen von bluhenden Mohnfeldern und mit dunkeln Dorfern an die sanften Gebirge hinanstieg, wo der Mond aufwachte und der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte hier blieben sie, auf die Luna wartend, stehen. Albano hielt ihre Hand. Alle Gebirge seines Lebens standen im gluhenden Morgenrot. "Liane," (sagt' er) "so unzahlige Fruhlinge sind jetzt droben auf den Welten, die herunterhangen; aber dieser ist der schonste." "Ach das Leben ist lieblich, und heute wird es mir zu lieb. Albano," (setzte sie leise dazu, und ihr ganzes Angesicht wurde eine erhabne tranenlose Liebe, und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid) "wenn mich Gott fodert, so lass' er mich dir immer erscheinen wie mir Karoline; o wenn ich dich nur so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trosten und warnen konnte, ich wunschte gern keinen andern Himmel."
Aber als er die Fulle seiner Liebe und den zurnenden Schmerz uber den Todeswahn aussprechen wollte, so kam sein wilder Freund, der, wie ein Vesuv Lava- und Regenstrome zugleich uber die glaubige Rabette ausgiessend, ihr und sich das Herz nur voller, nicht leichter gemacht; da sah Karl die verherrlichten Menschen an und den blauen Horizont, wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen den festen Mastspitzen und Gipfeln vorauswarf, und blickte wieder in den Glanz der heiligen Liebe. Da konnt'er sich nicht langer halten, sein qualvolles Herz stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschluss, und er umfasste Albano und Rabette und sagte: "Geliebter! Geliebte! behaltet mein ungluckliches Herz!"
Rabette umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm heiss-weinend ihre ganze Seele hin. Albano umschloss staunend den Liebesbund. Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen. Ungehort riefen die Floten fort, ungesehen wehten die weissen Fahnen der Sterne daruber. Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wunsche des Freuden-Todes. Albano beruhrte bebend Lianens Blumenlippe, wie Johannes Christum kusste, und die schwere Milchstrasse bog sich wie eine Wunschelrute hernieder zu seinem goldnen Gluck. Liane seufzete: "O Mutter, wie sind deine Kinder glucklich." Der Mond war schon wie ein weisser Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklarte die grosse Umarmung; aber die Seligen merkten es nicht. Wie ein Wasserfall uberdeckte sie brausend das reiche Leben, und sie wussten es nicht, dass die Floten schwiegen und alle Hugel glanzten.
Ende des zweiten Bandes
Dritter Band
Funfzehnte Jobelperiode
Der Mann und das Weib
67. Zykel
Vor der Buhne hab' ich die frohe Erfahrung gemacht, dass ich an den Schmerzen, die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges erschienen, nur geringen Anteil, hingegen an Freuden, die sogleich hinter der Musik auftraten mit ihrer eignen, den grossten nahm; der Mensch will mehr, dass die Klage, als dass die Entzuckung sich motiviere und entschuldige. Ohne Bedenken fang' ich daher einen dritten Band mit Seligkeiten an, die ohnehin das vorhergehende Paar uberflussig vorbereitete.
Jetzt in dieser Minute muss unter allen Adamsenkeln, welche ein freudiges Gesicht zum Himmel aufhoben und ihm einen noch schonern darauf nachspiegelten, irgendeiner gewesen sein, der den grossten hatte, ein Allerseligster. Ach freilich muss auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel, die unser kurzer Lauf zur Ebene macht, eines das unglucklichste gewesen sein, und moge der Arme schon im Schlafe liegen unter, nicht auf seinem steinigen Wege! Ob ichs gleich wunschte, dass Albano nicht jener Allerglucklichste gewesen ware damit es noch einen hoheren Himmel uber seinem gabe , so ist doch wahrscheinlich, dass er am Morgen nach der heiligsten Nacht, im jetzigen Traume vom reichsten Traume, tief in den dreifachen Bluten der Jugend, der Natur und der Zukunft stehend, den weitesten Himmel in sich trug, den die enge Menschenbrust umspannen kann.
Er sah aus seinem Donnerhauschen, diesem kleinen Tempel, an dessen Wanden noch der Schimmer der Gottin stand, die ihm darin sichtbar geworden, auf die neugestalteten Berge und Garten Lilars hinaus, und es war ihm, als sah' er hinein in seine weiss und rot bluhende, mit Berg- und Fruchtgipfeln aufgeschmuckte Zukunft, ein volles Paradies, in die nackte Erde gebauet. Er sah sich in seiner Zukunft nach FreudenRaubern um, die seinen Triumphwagen anfallen konnten; er fand sie alle sichtbar zu schwach gegen seine Arme und Waffen. Er stellte Lianens Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft arbeitende Geister-Heer mitten auf seinen Weg zur Geliebten hin; in seinen Muskeln gluhte uberflussige Kraft, sich leicht zu ihr durchzuschlagen und sie in sein Leben mitzunehmen durch Arbeit und Gewalt. "Ja," (sagt' er) "ich bin ganz glucklich und brauche nichts mehr, kein Schicksal, nur mein und ihr Herz!" Albano, moge dein boser Genius diesen gefahrlichen Gedanken nicht gehoret haben, damit er ihn nicht zur Nemesis trage! O in diesem wildverwachsenen Leben ist kein Schritt, sogar in den bluhenden Lustgangen, ganz sicher, und mitten in der Fulle dieses Kunstgartens erwartet dich ein fremder finsterer Giftbaum und hauchet kalte Gifte in das Leben! Daher war es sonst besser, da die Menschen noch demutig waren und zu Gott beteten in der grossen Entzuckung; denn neben dem Unendlichen senkt sich das feurige Auge und weinet, aber nur aus Dankbarkeit.
Kein kleinliches Kalendermass werde an die schone Ewigkeit gelegt, die er nun lebte, da er die Geliebte jeden Abend, jeden Morgen in ihrem Dorfchen sah. Als Abendstern ging sie vor seinen Traumen, als Morgenstern vor seinem Tage her. Den Zwischenraum fullten beide mit Briefen aus, die sie einander selber brachten. Wenn sie abends schieden, nicht weit vom Wiedersehen, und dann in Norden unten am Himmel schon die Rosenknospen-Zweige hinliefen, die unter dem Menschenschlafe schnell nach Osten hinwuchsen, um mit tausend aufgebluhten Rosen vom Himmel herabzuhangen, eh' die Sonne wiederkam und die Liebe und wenn sein Freund Karl nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte, woher das Licht komme, ob vom Morgen oder vom Mond und wenn er aufbrach, da noch Mond und Morgen in den tauenden Lustwaldern zusammenschienen, und wenn ihm der Weg, vor einigen Stunden zuruckgelegt, ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange (weil Amors Pfeil halb ein Sekundenzeiger ist, der den Monatstag, und halb ein Monatszeiger, der die Sekunde weiset, und weil in der Nahe der Geliebten die kleinste Abwesenheit langer dauert als in ihrer Ferne die grosse) und wenn er sie wiederfand: so war die Erde ein Sonnenkorper, aus welchem Strahlen fuhren, sein Herz stand in lauter Licht, und wie ein Mensch, der an einem Fruhlingsmorgen von dem Fruhlingsmorgen traumt, ihn noch heller um sich findet, wenn er erwacht, so schlug er nach dem seligen Jugendtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr und verlangte den schonsten Traum nicht mehr.
Zuweilen sahen sie sich, wenn der lange Sommertag zu lang wurde, auf entfernten Bergen, wo sie der Abrede gemass der Ernte zusahen; zuweilen kam Rabette allein nach Lilar zum Bruder, damit er einiges von Lianen horte. Wenn Liane ein Buch gelesen: las ers nach; oft las ers zuerst und sie zuletzt. Was die schonsten, unschuldigsten Seelen einander Gottliches zeigen konnen, wenn sie sich auftun, ein heiliges Herz, das noch heiliger, ein gluhendes, das noch gluhender macht: das zeigten sie sich. Albano wurde gegen alle Wesen mild, und der Glanz einer hohern Schonheit und Jugend fullte sein Angesicht. Die schonen Gebiete der Natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmuckt, nicht diese durch jene; er war von dem blassen, leisen Mondwagen der Hoffnung auf den rauschenden, glanzenden Sonnenwagen der lebendigen Entzuckung gestiegen. Sogar auf den Ruderschiffen holzerner Wissenschaften schlugen jetzt, wie von Bacchus' Wunderhand belebt, Maste und Taue zu Weinstocken und Trauben aus. Ging er ins Froulaysche Haus: so kam er, weil er voll Toleranz hineinging, ohne Kosten derselben daraus zuruck; der Minister, der mit einem Flore von heitern, bluhenden Ideen auf dem Gesichte von Haarhaar zuruckgekehrt, gab ihm reizende Aussichten auf den Jubel mit, womit Stadt und Land das nahe Vermahlungsfest des Fursten und den Gewinn der schonsten Braut begehen werde.
Und hatt' er nicht zu allem noch seinen Freund dazu? Wenn man so nahe vor der Flamme der Freude steht, so flieht man zwar Menschen weil sie leicht zwischen uns und die schone Warme treten , aber man sucht sie auch; ein herzlicher Freund ist unser Wunsch und Gluck, welcher den frohen Traum, worin wir schlafen und sprechen, leise weiterleitet, ohne ihn fortzujagen. Karl spielte sanft in des Freundes Traum; er hatt' es aber auch schon aus inniger Liebe gegen die Schwester getan.
In der Tat mit so viel Jugend Sommerwetter Unschuld Freiheit schoner Gegend und hoher Liebe und Freundschaft lasset sich wohl schon unten auf der Erde etwas dem Ahnliches zusammensetzen, was man oben im Himmel einen Himmel nennt; und eine Himmelskarte, ein Elysiums-Atlas, den man davon mappierte, wurde wohl nicht anders aussehen als so: vorne ein langes Hirtenland mit zerstreueten Lustschlossern und Sommerhausern ein Philanthropistenwaldchen in der Mitte die Taborsberge oben mit Sennen lange Kampanertaler darauf der weite Archipelagus mit Peters-Inseln druben die Ufer eines neuen festen Hirtenlandes, ganz bedeckt mit Daphnischen Hainen und Alkinous-Garten dahinter wieder das weit hineinlaufende Arkadien u.s.w.
Alles, was nun Albano von Philosophie und Stoizismus in sich hatte denn er hielt das, was ihm der Arm aus den Wolken gab, fur Ausbeute des eignen , wandte er an, um durch sie seiner Entzuckung das Mass, das sie geben, zu nehmen. Massigen, sagt' er, sei nur fur Patienten und Zwerge; und alle jene bekummerten, gleichschwebenden Temperaturisten und Taktmesser hatten, es sei in der Ausbildung einer Freude oder eines Talents, mehr sich als der Welt genutzt, hingegen ihre Antipoden mehr der Welt als sich.119
Er brachte sich sehr gute Grundsatze vor das Auge: der Mensch, sagt' er, ist frei und ohne Grenze nicht in dem, was er machen oder geniessen, sondern in dem, was er entbehren will; alles kann er, wenn er will, entbehren wollen. Uberhaupt, fuhr er fort, hat man bloss die Wahl, entweder immer oder nie zu furchten; denn dein Lebenszelt steht auf einer geladenen Mine, und rings umher halten die Stunden offne Geschosse auf dich. Nur das tausendste120 trifft; und in jedem Fall fall' ich doch lieber stehend als feig gebuckt. Allein beschloss er, um sogar sich daruber zu entschuldigen ist denn die Standhaftigkeit zu nichts Besserm gemacht als zu einer Wundarztin und Magd, und nicht vielmehr zu unserer Muse und Gottin? denn sie ist ja nicht ein Gut, weil sie ein verlornes entbehren hilft, sondern sie ist selber eines, und ein grosseres als das ersetzte; auch der Seligste muss sie erwerben, sogar ohne Gelegenheit und Gabe von aussen; ja es ist desto besser, wenn sie fruher besessen wird als angewandt.
Zum Teil waren diese Tauschungen oder Rechtfertigungen Not und Schutzwehr gegen den tragischen Roquairol, der jede Freude und auch die seines Freundes mit dustern Kontrasten heben wollte; zum Teil muss auf jene ein edler Mann, der bisher sich in den Schmerz warf, ohne dessen Tiefe zu messen, und der immer seine Kraft, durch das Leben zu schwimmen, fuhlen wollte, notwendig geraten, wenn er innen wird, dass sich der Schwerpunkt seiner Seligkeit und seiner Holle verruckt und aus seinem Ich in ein fremdes begeben habe. "O wenn sie sturbe?" fragt' er sich. Er hatt' es nicht gewohnt, vor irgendeinem Tode so zu erschrecken wie vor diesem. Daher fasste er diese Disteln der Phantasie recht scharf in die Hand, um sie zu zerdrucken. Am Ende, da die reine Landluft der Liebe und der Schafertanz in diesem Arkadien immer mehr Rosen auf Lianens Wangen brachten, so horten seine Disteln zu wachsen auf.
Allen ubrigen Ottern des Lebens sobald sie nur keinen Durchgang durch Lianens Herz sich machen konnten war er unzuganglich. Um jeden Preis und sollte er alles verlassen, entbehren, erzurnen, unternehmen wollt' er Lianen erkaufen Die Schreckgespenster, die ihm aus zwei Hausern, Froulays und Gaspards, drohend entgegenliefen, liess er heran und losete sie auf: steht der Feind einmal da, dacht' er, so bin ich seiner auch.
Oft stand er im Tartarus und fand in diesem Stilleben des Todes von erhobner Arbeit Seelenstille. Die Gegenwart nimmt schneller unsern Widerschein als wir ihren an; auch hier gewann er sanfte, weite, das Leben lichtende Hoffnungen und susse Tranen, die ihm uber Lianens Sterbe-Glauben entflossen, nicht weil er die Wahrscheinlichkeit, sondern weil er die Unwahrscheinlichkeit desselben sich dachte, die durch Liebe und Freude und Genesung taglich grosser wurde.
Nur ein Ungluck gabs fur ihn, woran jede Waffe zersprang, dessen Moglichkeit er aber fur einen sundigen Gedanken hielt, dass namlich er und Liane durch Schuld, Zeit oder Menschen aufhoren konnten, einander zu lieben; hier, auf zwei Herzen vertrauend, trotzt' er kuhn der Zukunft; O, wer sagte nicht, wenn er im Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Entzuckung ausdruckte: die Parze kann unser Leben zerschneiden, aber sie komme und offne die Schere gegen das Band unserer Liebe! Den Tag darauf stand die Parze vor ihm und druckte die Schere zu.
68. Zykel
Einst kam Roquairol ganz spat, um Albano mitzunehmen zur "Abendstern-Partie" auf der Sennenhutte, die jener mit Rabetten verabredet hatte. Der Hauptmann fuhrte um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz auserlesener Tage und Umstande; konnt' ers machen, so erklarte er z.B. seine Liebe etwan an einem Geburtstage unter einer totalen Sonnenfinsternis an einem Schalttag in einem bluhenden Treibhaus im Winter hinter dem Stuhlschlitten auf dem Eise oder in einem Gebeinhaus; ebenso zerfiel er mit andern gern an bedeutenden Orten und Tagen, in dem Kirchstuhle in Fruhlings- oder Wintersanfang in der Kulisse des Liebhabertheaters auf einer Brandstatte unweit des Tartarus oder im Flotental.
Albano aber war zu jung wie andere zu alt , um seine frischen Gefuhle erst mit kunstlichen Stunden und Stellen zu wurzen; er machte lieber durch jene diese schoner.
Mit ungestumer Freude flog Albano auf den ungehofften Weg der Freude. Der gestrige Abend war so reich gewesen die vier Paradiesesflusse waren in einer Katarakte vom Himmel in sein Herz gesturzt am heutigen wollt' er in die staubenden Wirbel desselben springen. Schon der Abendhimmel war so schon und rein, und der Hesperus ging mit wachsendem Glanz seine helldammernde Bahn hinab.
Rabette wartete unten am Berge der Sennenhutte (des Schiesshauschens), um ihn unbemerkt an die unvorbereitete Freundin zu fuhren, die im Fenster mit dem glanzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen gluhenden Herbstblumen dachte, welche nun in ihrem Leben so spat und so nahe neben der langsten Nacht aufgingen. Sie war heute uber manches trube. Sie hatte uberhaupt bisher ihre Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu geniessen und zu vergrossern, und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglucken gesucht. Wie sehnte sie sich unbeschreiblich nach Taten fur Ihn nur Opfer waren ihr Taten und beneidete ordentlich ihre Freundin, die fur Karl jedesmal doch ein Getrank zu bereiten hatte! Da sie nichts weiter wusste, so druckte sie ihren Diensteifer durch grossere tochterliche Liebe und Annaherung gegen Albanos Eltern und Schwester aus; und lernte sogar ein wenig kochen, welches ihr andere Ministers-Tochter, die nichts machen als Salat und Tee, mit Nachsicht und mit dem Gedanken verzeihen mussen, dass sie in Lianens Falle auch nichts anders machen wurden, sondern eher ein Gericht mehr. Ja, sie hielt Rabette fur tugendhafter, weil diese mehr in die Breite und Lange tatiger sein konnte; Rabette hielt wieder Lianen fur besser, weil sie lieber betete; den ahnlichen Irrtum verdoppelten sie uber die Bruder: Rabetten kam Karl sanfter vor und Lianen Albano, beiden nach Schlussen aus ihren gegenseitigen Berichten.
Solang' ein Weib liebt, liebt es in einem fort ein Mann hat dazwischen zu tun ; Liane verwandelte alles in sein Bild und seinen Rahmen; dieser Berg, dieses Stubchen, diese fur ihn einmal gefahrliche Vogelstange wurden die Pastellstifte zu seinem festen Bilde. Sie kam immer darauf zuruck, dass er etwas Besseres verdiene als sie; denn die Liebe ist Demut; der Trauring prangt mit keinem Juwel. Es ruhrte sie, dass ihn ihr fruher Tod betrube. Da sah sie noch das von Blattern erblindete Madchen, das er einmal unwissend sich ans Herz gedruckt121; und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden ahnlich, nicht bloss in der gleichen, obwohl kurzern Nacht, die einmal der Schmerz uber ihre Augen geworfen.
So sanft wie ihr Ebenbild, der Hesperus, sich in den Abendhorizont des Lebens eintauchend, fand sie ihr Geliebter. Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die uberraschende Gegenwart; ihre Wendungen waren immer wie der Sonnenblume ihre nur langsam, und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen Brust. Selten findet uberhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem letzten Bilde ahnlich, das ihm der Abschied mitgegeben; eine weibliche Seele soll das begehrt der Mann vollig mit den Flugeln, Sturmen, Himmeln der letzten Minute wieder in die nachste brausen. Aber von jeher empfing Liane ihren Freund scheu und sanft und anders, als sie geschieden war; und zuweilen kam dem Feuergeiste dieses zarte Warten, dieses langsame Heben des Augenlids fast wie ein Umkehren in die alte Kalte vor.
Heute ergriff es den warmern Grafen starker als sonst. Wie ein Paar fremde Kinder, die miteinander bekannt werden sollen und sich anlacheln und anruhren, standen beide freundlich und verlegen nebeneinander. Sie erzahlte, dass sie von seiner Schwester sich sein Kindeswagstuck auf diesem Berge erzahlen lassen. Eine Geliebte kennt keine schonere, reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes. "O da schon" (sagt' er bewegt) "blickt' ich nach deinen Bergen! Dein Name ist wie eine goldne Inschrift an meine ganze Jugend geschrieben. Ach Liane, hast du mich wohl geliebt wie ich dich, als du mich noch nicht gesehen?"
"Gewiss nicht, Albano," (antwortete sie) "viel spater!" Sie meinte aber ihre Blindheit und sagte, er sei ihr in dieser Augendammerung an jenem Abend, wo er bei ihrem Vater ass, wie ein alter nordischer Konigssohn, etwan wie Olo122 vorgekommen, und sie habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefurchtet. Ihre hohe Achtung fur die Manner waren die wenigsten kaum zu erraten wert, geschweige zu veranlassen. "Und als du sehen konntest?" sagte Albano. "Das sagt' ich eben", versetzte sie naiv. "Aber da du meinen Bruder so liebtest" (fuhr sie fort) "und so gut warst gegen deine Schwester: so wurd' ich freilich ganz beherzt und bin und bleibe nun deine zweite Schwester du hast ohnehin eine verloren Albano, glaube mir, ich weiss es, ich bin gewiss zu wenig, zumal fur dich, aber ich habe einen Trost."
Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Kalte, konnte er sie nur heftig kussen und musste, ohne sie zu widerlegen, sogleich fragen: "Welchen Trost?" "Dass du einmal ganz glucklich wirst", sagte sie leise. "Liane, deutlicher!" sagt' er. Denn er verstand nicht, dass sie ihren Tod und Lindas Verkundigung durch Geister meinte. "Ich meine, nach einem Jahre," (versetzte sie) "nach den Prophezeiungen." Er sah sie stumm, wild, ratend und banglich an. Sie fiel ihm weinend ans Herz und losete plotzlich das Gedrange innerer Seufzer: "Bin ich denn dann nicht" (sagte sie heftig) "gestorben und seh' aus der Seligkeit zu, dass du belohnet wirst fur deine Liebe gegen Liane? Und das gewiss recht sehr!"
Weine, zurne, leide, frohlocke und bewundere immerhin, heftiger Jungling! Aber du fassest diese demutige Seele doch nicht! Heilige Demut! einzige Tugend, die nicht vom Menschen, sondern von Gott geschaffen wird! Du bist hoher als alles, was du verbirgst oder nicht kennst! Du himmlischer Lichtstrahl, wie das irdische Licht123 zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne eine im Himmel! Niemand entheilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung! Sind deine kleinen weissen Bluten gefallen: so kommen sie nicht wieder, und um deine Fruchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub.
Schmerzhaft zerteilte sich in Albano das Herz in Widerspruche, gleichsam in seines und in Lianens Herz. Sie war nichts als die lautere Liebe und Demut, und ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz, wie Gotterbilder von weissem Marmor den bunten nur als Zierat haben; man konnte nichts tun als sie anbeten, sogar auf ihren Irrwegen. Auf der andern Seite hatte sie neben weichen, beweglichen Gefuhlen so feste Meinungen und Irrtumer, seine Bescheidenheit bekriegte so vergeblich ihre Demut, und sein Ansehn ihren Geisterwahn. Das feindselige Gefolge, das dieser nachschleppte, sah er so deutlich uber alle Freuden ihres Lebens herziehen. Sein ihm ewig nachstellender Argwohn, dass sie ihn liebe, bloss weil sie nichts hasse, und dass sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin sei, drang wieder gewaffnet auf ihn ein. So stritt hier alles gegeneinander, Wunsch, Pflicht, Gluck und Ort. Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe; aber Liane erriet so wenig als er. O wie zwei Menschen, ahnliche Wesen, einander fremd und ungleich werden, bloss weil eine Gottheit zwischen beiden schwebt und beide anglanzt!
Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgeloset; er fuhlt' es so sehr, da die Sommernacht fur hohere Entzuckungen schimmerte, als er hatte da der tief im Ather zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang, worunter sie begraben war da die Ahrenfluren dufteten und nicht rauschten, und die zugeschlossenen Auen grunten und nicht gluhten und da die Welt und jede Nachtigall schlief, und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war, und nur oben die Sternbilder als silberne Atherharfen vor Fruhlingswinden ferner Erden zu zittern und zu tonen schienen.
Er musste Liane morgen wiedersehen, um sein Herz auszustimmen. Rabette kam unendlich erheitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf, beide schienen von Scherzen und Lachen fast ermattet; denn Roquairol trieb alles, sogar den Scherz, bis zur Pein hinauf. Er hatte den Abendstern, auf den er heute eingeladen, in ein Treib- und Stammhaus lustiger Einfalle und Anspielungen umgebauet. Anfangs wollt' er nicht schon morgen mitkommen; aber endlich sagt' ers zu, da Rabette versicherte, "sie errate den feinen Herrn recht gut, aber er solle doch sie nur sorgen lassen".
Als die Morgenrote aufging, kam Albano mit ihm wieder, aber die Gartenture am "Herrschaftsgarten" war schon offen und Liane schon in der Laube. Ein Akten-Heft (so schien es) lag auf ihrem Schoss und ihre gefalteten Hande daneben, sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor; doch empfing sie ihren Albano so mild- und fremdlachelnd, wie ein Mensch einen ins Gebet hereintretenden Gast grussend anlachelt und dann weiterbetet. Der Graf hatte sich bisher immer auf eine Zuruckgezogenheit des Empfangs rusten mussen. Ein Missverstand, der schnell wiederkommt, wirkt, sooft er auch gehoben sei, immer wieder so irrend und neu wie zum ersten Male. Er fuhlte recht stark, dass ihn etwas Festeres als die erste jungfrauliche Blodigkeit, womit ein Madchen fur die blendende Sonne der Liebe immer ausser der Morgenrote noch eine Dammerung und fur diese wieder eine erfinden will, im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen store.
Er fragte, was sie lese; sie stockte bedenkend; ein schnell heranfliegender Gedanke schien ihr Herz zu offnen; sie gab ihm das Buch und sagte, es sei ein franzosisches Manuskript, namlich geschriebene Gebete von ihrer Mutter vor mehreren Jahren aufgesetzt , welche sie mehr ruhrten als eigne Gedanken; aber noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klostergedanke, der ihr Herz zu verlassen suchte. Was konnte Albano dieser Herzens-Psalmistin vorwerfen, wer kann einer Sangerin Antwort geben? Eine Betende steht wie eine Ungluckliche auf einer hohen, heiligen Statte, die unsere Arme nicht erreichen. Aber wie schlecht mussen die meisten Gebete sein, da sie obwohl fruher als Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz, der aus wohlriechenden Holzern gemacht wird spater, im Alter, nur als Flecken und der Reliquie oder dem Totenkopf ahnlich wirken, womit eben der Rosenkranz aufhort!
Ohne auf seine Frage zu warten, sagte sie ihm auf einmal, was sie unter ihrem Gebete gestoret habe; namlich die Stelle in diesem: "O mon dieu, fais que je sois toujours vraie et sincere etc.", da sie doch ihrer lieben Mutter bisher ihre Liebe verschwiegen habe. Sie setzte dazu, sie komme nun bald, und dann werde ihr das verschlossene Herz aufgetan. "Nein," (sagt' er fast zornig) "du darfst nicht, dein Geheimnis ist auch meines." Manner verhartet oft das in der Prosa, was sie in der Poesie erweicht, z.B. weibliche Frommigkeit und Offenherzigkeit.
Nun hasste niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen Schreib- und Zeige- und Ohrfinger in ein Paar verknupfte Hande; nicht dass er etwan vom Minister Kriege oder Nebenwerber befurchtete er setzte eher offne Arme und Freudenfeste voraus , sondern weil seinem befreieten und befreienden, grossmutigen Geiste nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwagung, was nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern fur schmutzigen Torf zur Feuerung nachlegen oder fur Topfe zum Kochen ansetzen konnten wie leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in prosaische oder juristische, der Vater sich ins Regierungs-, die Mutter ins Kammerkollegium wie wenigstens dann die Hofluft leibeigen mache, so wie nur der poetische Himmels-Ather frei und welche Perturbationen seinem Hesperus von dem anziehenden Weltkorper, vom alten Minister bevorstanden, der bei der Liebe nichts unnutzer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen fur Standesehen so brauchbar schienen wie fur Predigtamter das Hebraische, namlich mehr im Examen als im Dienste. So schlimm dacht' er von seinem Schwiegervater, denn er kannte das Schlimmere nicht.
Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel hoher als ein Fremder, und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen. Sie berief sich auf ihren hereintretenden Bruder. Aber dieser war ganz Albanos Meinung: "Die Weiber" (setzte er, nicht in der besten Laune, hinzu) "mogen lieber von als in der Liebe sprechen, die Manner umgekehrt. " "Nein," (sagte Liane entschieden) "wenn mich meine Mutter fragt, so kann ich nicht unwahr sein." "Gott!" (rief Albano erschrocken aus), "wer konnte auch das wunschen?" Denn auch ihm war freie Wahrheit der offne Helm des Seelenadels; nur sagte er sie bloss aus Selbstachtung, und Liane sie aus Menschenliebe.
Rabette kam mit dem Tee-Zeug und einer Flasche, worin fur den Hauptmann Tee-Mark und Elementarfeuer oder Nervenather war, Arrak. Er ging ungern am Morgen zu Leuten, bei denen er ihn erst am Abend trinken konnte; Rabette hatte gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt. "Wie kann das freie Ich" (sagte der gesunde Albano oft zu ihm) "sich zum Knechte der Sinnen und Eingeweide machen? Sind wir ohnehin nicht enggebunden genug durch die Korper-Bande, und du willst noch Ketten durch die Ketten ziehen?" Roquairol hatte darauf immer dieselbe Antwort: "Umgekehrt! Durch Korper befreie ich mich eben von Korpern, z.B. durch Wein von Blut. Sobald du aus der Leibeigenschaft der leiblichen Sinne nie herauskannst und all dein Bewusstsein und dein Denken nur durch korperliche Dienstbarkeit, die auf dem Grundstuck der Erde haftet, bei ihrem Adel bleiben: so seh' ich nicht ab, warum du nicht diese Rebellen und Despoten recht zu deinen Dienern brauchst. Warum soll ich den Korper nur schlimm auf mich wirken lassen und nicht ebensowohl vorteilhaft?" Albano blieb dabei, das stille Licht der Gesundheit sei wurdiger als die Mohnol-Flamme eines OpiumsSklaven; und die korperliche Kriegsgefangenschaft, die unser Geist mit der ganzen menschlichen Mannschaft leide, sei ehrenvoller als der personlichkrummschliessende Arrest.
Indes heute konnte nicht einmal das spirituose geschwefelte Teewasser eine gewisse Unbehaglichkeit aus Roquairol verwaschen, den das Nachtwachen bleicher, wie den Grafen feuriger gefarbt hatte. Es wollt' ihm nicht recht gefallen, dass der Herrschaftsgarten ganz in den Rahmen eines mannshohen Bretterverschlags eingezogen war, der weniger wie eine Billardsbande den Augapfel nicht hinaus-, als wie eine Marktschreierbude nichts hereinlassen sollte und der freilich keine andere Aussicht gewahrte als die eigne Ansicht; ebensowenig erhielt der Lustgarten dadurch seinen Beifall, dass die Rasenbanke in der Laube, wo sie sassen, noch nicht gemaht waren dass auf allen Beeten nur Einfassungsgewachse des Kochfleisches wehten dass noch nichts Reifes dahing als ein paar Maulwurfe in ihren Hangsterbebetten dass an einer Kugelbahn, worauf man in ein klingelndes Mittelloch kegelt, die schrage Retour-Rinne die Kugeln leichter wieder einwandern liess, als sie uber das Ackerland der Bahn (wenn man sie nicht warf) wegzubringen waren, und dass nirgends Orangerie zu sehen war, ausgenommen einmal, da zum Glucke die Gartenture offen stand, als eben auf einem Schiebekarren ein bluhender Orangeriekasten nach Lilar voruberfuhr.
Der Hauptmann brauchte diese Zuge bloss satirisch vorzutragen und damit die ausserlich lachende Rabette innerlich zu verwunden weil keine den Tadel ihrer korperlichen Absenker vertragt, es seien nun Kinder, Kleider, Kuchen oder Mobeln124 : so konnten sich seine Berghohen allmahlich wieder entwolken, und Rabette konnte noch ungemeiner frohlich sein.
Albano war in dieser Tags-, gleichsam KindheitsFruhe und in diesem Paradiesgartlein seiner Kinderjahre heimlich-froh denn in der ersten Liebe kommt, wie in Shakespeares Stucken, nichts auf die bretterne Buhne ihres Spieles an ; aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkaltung wollte doch nicht schmelzen. Die Morgenblaue wurde mit immer hellern GoldFlocken gefullt er machte, da der Garten wie kleine Stadte nur zwei Tore hatte, das obere und untere, wie eine Aurora dieses der Morgensonne auf der Glanz quoll uber das dampfende Grun herein die unten ziehende Rosana fasste Blitze auf und warf sie heruber Albano schied endlich voll Liebe und Seligkeit.
Aber die Liebe war grosser als die Seligkeit.
69. Zykel
Fliegender Fruhling! (ich meine die Liebe, so wie man den Nachsommer einen fliegenden Sommer nennt) du eilest selber uber uns pfeilschnell dahin, warum eilen Autoren wieder uber dich? Du gleichst der deutschen Blutenzeit die nie einen Blutenmond lang ist ; wir lesen den ganzen Winter in Almanachen und Gleichnissen viel von ihrer Herrlichkeit und schmachten; endlich hangt sie dick an den schwarzen Asten sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigussen, reissenden Wonnemondssturmen und unter dem Stummsitzen aller halb-erfrornen Nachtigallen und dann, wenn man endlich in den Garten hinauskommt, ist schon der Fusssteig blutenweiss und der Baum hochstens voll Grun; dann ists vorbei, bis wir wieder im Winter den Anfang eines Marchens herzerhoben horen: "Es war eben in der schonen Blutezeit." Ebenso seh' ich wenig Autoren am langen romantischen Sessions und Schreibetisch rechts und links fur das Lesepult arbeiten, welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese, sobald sie wie ein Krieg erklaret ist, sofort schlossen; und wirklich gibts zur Liebe mehr Stufen als in ihr; alles Werden, z.B. der Fruhling, die Jugend, der Morgen, das Lernen, geht vielfarbiger und geraumiger auseinander als das feste Sein; aber ist dieses nicht wieder ein Werden, nur ein hoheres, und jenes ein Sein, nur ein schnelleres?
Albano wollte die fliegende, gottliche Zeit, wo das Herz unser Gott ist, schoner lenken, sie sollte mehr empor- als hinwegfliegen. Er zurnte den andern Tag mit niemand als mit sich. Er riss sich durch solche kleine und doch eng-umschnurende Schmerzen durch, durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben, wo ein unsichtbarer Dunst den verstrickten, schweren Fuss halt; ich will mich lieber auf Bergen beregnen lassen, sagt' er, als in Talern. Menschen von Phantasie sohnen sich leichter mit der ab- als anwesenden Geliebten aus.
Nach einigen Tagen ging er wieder nach Blumenbuhl, kurz vor Sonnenuntergang. Ein brennendes Rot schnitt durch die Laubnacht. Sein finsterer Holzweg wurd' ihm von den dareinhupfenden Flammen zu einem verzauberten gemacht. Er setzte seine beleuchtete Gegenwart tief in eine kunftige, schattige Vergangenheit hinein. O, nach Jahren, dacht' er, wenn du wiederkommst, wenn alles vergangen ist und verandert die Baume gewachsen die Menschen entwichen und nur die Berge und der Bach geblieben da wirst du dich selig preisen, dass du einmal in diesen Gangen so oft zum schonsten Herzen reisen durftest und dass auf beiden Seiten die klingende und glanzende Natur mit deiner freudigen Seele mitging, wie dem Kinde der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint. Eine ungewohnliche Entzuckung warf durch sein ganzes Wesen den langen, breiten Sonnenstreif, die fernsten Blumen seiner Phantasie taten sich auf, alle Tone gingen durch einen hellern Ather und naher heran. Auch die Blumen ausser ihm dufteten starker, und der Glockenschlag tonte naher; und beides sagt Ungewitter an.
So innigfroh erschien er und zwar ohne Roquairol, der uberhaupt immer seltner kam vor der Geliebten oben in seinem Kindheitsmuseum, ihrem Gastzimmer, das jetzt der gewohnliche Spielplatz seiner Besuche war. In einem weissen Kleide mit schwarzem Besatz, wie in schoner Halbtrauer, sass sie am Zeichentisch, mit scharfern Augen in ein Bild vertieft. Sie flog ihm ans Herz, aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu fuhren, an welcher ihres wie in Mutterarmen hing. Sie erzahlte, heute sei mit der Prinzessin ihre Mutter dagewesen, und diese habe so viele Freude uber ihre genesende Farbe gehabt, so unendliche Gute gegen die gluckliche Tochter. "Sie musste sich" (fuhr sie fort) "von mir ein wenig zeichnen lassen, damit ich sie nur langer ansehen und etwas von ihr dabehalten konnte. Jetzt zeichn' ich das Gesicht weiter aus, es ist aber gar zu schlecht geraten." Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde, noch weniger vom Urbilde loswickeln. Freilich kann auf einem tochterlichen Herzen oder gar in ihm kein schoneres Medaillon hangen als das mutterliche; aber Albano glaubte doch heute, das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein.
Sie sprach bloss von ihrer Mutter: "Ich sundige gewiss" (sagte sie) "sie fragte mich so freundlich, ob du oft kamst, aber ich sagte nur Ja und weiter nichts. O, guter Albano, wie gern hatt' ich ihr die ganze Seele offen hingegeben!"
Er antwortete, die Mutter schiene nicht so offen zu sein, sie wusste vielleicht schon alles durch den Lektor, und den reinen Trank der Liebe wurden nun lauter fremde Korper truben. Gegen Augusti erklart' er sich sehr stark, aber Liane beschutzte ihn ebenso stark. Durch beides gewann der Falschmunzer der Wahrheit, namlich der Argwohn der, dass sie ihn wohl liebe, wie sie alles liebe, da sie an alles Gute gleichsam lebendig anwachse unter Albanos Empfindungen, die noch dazu heute so warm und froh gewesen waren, immer mehr Pragstempel und Umlauf.
Sie ahnete nichts, sondern sie kam wieder auf ihr Schweigen: "Warum tut mirs aber weh," (sagte sie) "wenn es recht ist? Meine Karoline, Geliebter, erscheint mir auch nicht mehr, und das ist wahrhaftig nicht gut." Dieses Geisterwesen zog immer fur ihn so schwul und grau herauf wie eben draussen das Gewittergewolke. Seine alte Erbitterung gegen die eignen Neckereien durch Luftaffen, die er nicht packen konnte, ging in eine gegen Lianens optischen Selbstbetrug uber. Jener von Karolinen geschenkte Schleier, womit sie sich anfangs so erhaben eingekleidet fur das Kloster der Gruft, dieser Reiseflor fur die zweite Welt, war diesem Herkules langst ein brennendes, mit Nessus' Giftblute getranktes Gewand geworden, daher sie ihn nicht mehr vor ihm tragen durfen. Der Schluss, dass der Wahn des Todes die Wahrheit desselben sae, und dass in der herubergeruckten tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes leicht locke, fiel wie eine Trauer in seine Liebesfeste ein. So sind alle fremde Meerwunder der Phantasie (wie dieser Sterbens-Wahn) nur in der Phantasie (im Roman), aber nicht im Leben erwunscht, ausser einmal auf phantastischen Hohen; aber dann mussen solche Schwanzsterne sich wie andere bald wieder aus unserem Himmel zuruckziehen.
Er sprach jetzt sehr ernst von selbstmorderischen Phantasien von Lebenspflichten von eigensinniger Verblendung gegen die schonsten Zeichen ihrer Genesung, zu denen er das Verschwinden der optischen Karoline so gut rechnete wie das Bluhen ihrer Farbe. Sie horte ihn geduldig an; aber durch die Prinzessin, die, ihrer Liebe ungeachtet, ihm selten erfreuliche Spuren nachgelassen, hatte heute ihre Phantasie einen ganz andern Weg genommen, weit vor ihrem Ich und ihrem Grabe vorbei. Sie stand bloss vor Lindas Bild, von der ihr Julienne diesen Nachmittag scharfere Umrisse, als sonst Madchen von Madchen geben "es ist ein sehr gutes Madchen", sagt jedes von jedem , anvertrauet hatte; Lindas mannlicher Mut, ihre warme Anhanglichkeit an Gaspard bei ihrer Verachtung des Mannerhaufens, ihre Unveranderlichkeit, ihr kuhnes Fortschreiten in mannlichem Wissen, ihre herrlichen, oft harten, mehr kornigen als blumigen Briefe und am meisten ihr vielleicht nahes Hieherkommen nahmen ihr zartes Herz gewaltig ein. "Mein Albano muss sie haben", dachte immer dieses uneigennutzige Gemut und merkte, wenn die Prinzessin die Absicht demutigender Vergleichungen gehabt, sie nicht, sondern erfullte sie. Dabei fand die Gute so viel hohere Schickung, dass z.B. ihr Bruder nun nicht mehr der Nebenbuhler ihres Geliebten und seines Freundes sein dass sie selber ihren kraftigen Albano vormalen konne der stolzen Romeiro, und dass ja, trotz alles Widerstandes, doch alle Geister-Weissagungen einander eingreifend fassten und hielten. Das alles sagte sie nun, weil sie nur ihre Schmerzen, nicht ihre Hoffnungen verbarg, dem Grafen gar ins Gesicht.
Welchen knirschenden Biss in sein weichstes Leben tat jetzt ein boser Genius! Diese gluhende, ungeteilte, nicht teilende Liebe hatt' er, nicht sie, glaubt' er. Er war recht nahe daran, sein wie von einem Gewitterschlag auf einmal in die Hohe brennendes Wesen auch so zu zeigen; nur die schuldlose, weisse Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken, der kindlichhelle Aufblick des reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht, das schon bei einem musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftigkeit im fremden Bewegen oder Lachen kranklich durch das klopfende Herz errotet, und sein verschamter Hass der Leichtigkeit, mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum Erschrecken des zarteren missbrauchen kann, hielten ihn wie Schutzgeister ein, und er sagte bloss in jenem edeln Zorne, der wie eine Ruhrung klang: "O Liane, du bist heute hart!"
"Und ich bin ja so weich!" sagte die Unschuldige. Beide waren bisher am Fenster vor dem aus Lilar herschwellenden finstern Gewitter gestanden. Sie kehrte sich schnell um denn sie konnte seit ihrer Erblindung, wo eine dunkle Wolke gegen sie zu fliegen geschienen, keine mehr lange ansehen , und Albanos hohe Gestalt mit dem ganzen gluhend-lebendigen Gesicht und mit den Seelen-Augen stand vom Abendlicht erhellet vor ihr. Sie legte mit der spielenden Hand, die er frei liess, sein dunkles Haar aus der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten, strich die gedrangte Augenbrahme glatter und sagte, als sein Blick wie eine Sonne stach und sein Mund sich ernst schloss: "O freudig, freudig soll kunftig einmal dies schone Angesicht lacheln!" Er lachelte, aber schmerzlich. "Und dann will ich noch seliger sein als heute!" sagte sie und erschrak, denn ein Blitz fuhr uber sein ernstes Gesicht wie uber ein zackiges Geburge und zeigte es wie das des Kriegsgottes von Kriegsflammen erleuchtet.
Er schied schnell; liess sich nicht halten; sprach von Wetterkuhlen, ging ins Wetter hinaus und liess Lianen in der Freude zuruck, dass sie doch heute recht aus blosser reiner Liebe gesprochen habe. Aus dem letzten Hause des Dorfs sprang ihm Rabette entgegen; uber sein Gesicht fielen die Wetterbache der verhaltnen Tranen herab; "was fehlt dir, was weinst du?" rief sie. "Du traumest", rief er und eilte vor allen Dingen ins Ungewitter hinaus, das sich plotzlich wie ein Mantelfisch erstickend uber den ganzen Himmel hergeworfen hatte. Er suchte sich unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen, dass Liane heilige Reize, gottlichen Sinn, alle Tugenden habe, besonders allgemeine Menschenliebe, Mutterliebe, Bruderliebe, Freundesliebe nur aber nicht die gluhende EinzigenLiebe, wenigstens nicht gegen ihn. Sie wird nur er schliesset immer fort von der Gegenwart so ganzlich gefasset und gefullt, von meiner so gut als von der eines Armbruchs des kleinen Pollux, welche ihr Himmel und Erde verdeckt. Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht wie der eines Sternchens und alle Scheidungen dabei. Darum stand ich so lange mit einer leidenden Brust voll Liebe neben ihr, und sie sah nicht in meine, weil sie keine in der ihrigen fand. Und so ists so bitter, wenn der Mensch, unter den gemeinen Herzen der Erde verarmend, durch das edelste doch nichts wird als zum letztenmal unglucklich.
Der Regen zischte durch die Blatter, das Feuer schlug durch den Wald, und der wilde Jager des Sturms trieb seine unsinnige Jagd. Das erfreuete ihn als eine kuhlende Hand, woran ein Freund ihn fuhrte. Da er nicht durch die Hohle, sondern aussen am Bergrucken zu seinem hohen Donnerhauschen hinaufstieg: so sah er eine dicke, graue Regennacht das grune Lilar belasten, und auf dem gebognen Tartarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm. Er fuhr zusammen bei dem Eintritt in sein Hauschen vor einem Schrei, den seine Aolsharfe unter den Griffen des Windes tat; denn sie hatte einst, von der Abendsonne beglanzt, seine junge Liebe atherisch wie Sterne eingekleidet und war ihr mit allen Tonen nachgefolgt, da sie hinausging uber das leidende Leben.
70. Zykel
Am Morgen darauf waren beide Gewitter aufgeloset in ein stilles Gewolke. Und aus den grosseren Schmerzen wurden nur Irrtumer. Wir Schwache! wenn das Schicksal uns bei unserer Scheinhinrichtung mit der Rute beruhrt, nicht mit dem Schwerte: so sinken wie ohnmachtig vom Stuhle und fuhlen das Sterben noch weit ins Leben hinein! Alle Fieber, so auch die geistigen, kuhlt der neue, frische Morgen, so wie sie alle der bange Abend gluhend schurt. Welcher von uns wickelte sich nicht an Abenden dieser eigentlichen Geisterstunde der Plage-, Haus- und Poltergeister in den Faden, den er selber spann, den er aber fur fremdes Fanggewebe hielt, immer enger durch Entfliehen und Wenden ein, bis er am Morgen seinen Schliesser vor sich sah, namlich sich!
Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als eine blasse, gute Gestalt in Halbtrauer, welche nach ihm mit unschuldigen Madchenaugen umherblickte, und wornach er doch ewig hinubersah, wenn sie auch mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb. Er fuhlte jetzt freilich mehr, wie hoch seine Foderungen an wirkliche Freunde stiegen, als sonst, wo er die hochsten an getraumte Wesen, die er immer gerade in die jedesmalige Form seines Herzens goss, nach Gefallen steigern konnte; und wie in ihm ein niemand schonender Geist regiere, der jedem fremden die Flugel nach seinen eignen ausdehnen wolle, weil er keine Eigenheit dulde ausser der kopierten.
Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren, wie Liane zu viel; beides schadet dem Menschen. Der geistige wie der physische wird ohne Widerstand der aussern Luft von der innern aufgeblasen und zersprengt, und ohne Widerstand der innern von der aussern zusammengequetscht; nur das Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und ausserem Druck halt einen schonen Spielraum fur das Leben und sein Bilden frei. Manner dulden ohnehin da nur die besten an den besten Mannern feste, starke Uberzeugung achten diese an Weibern schwer und wollen letztere nicht bloss zu ihrem Widerschein, sondern auch zu ihrem Nachhall haben. Sie wollen, mein' ich, nicht bloss die Miene, auch das Wort bejahend.
Albano bestrafte sich mit einigen Tagen freiwilliger Entfernung, bis die unreinen Wolken aus ihm weggezogen waren, die den Sonnenzeiger seines Innern verschattet hatten. Bin ich ganz heiter und gut, sagt' er, so geh' ich wieder zu ihr und irre nie mehr. Er irret jetzt; ist ein fremder, unheimlicher Halbton einmal zwischen alle Harmonien zweier Wesen wiederkehrend durchgedrungen, so schwillt er immer feindlicher an und ubertaubt den Grundton und endigt alles. Der Scheideton war hier die Starke der mannlichen Tonart neben der Starke der weiblichen. Aber die hochste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten Unterschied. O, dann hilft es wenig, wenn der Mensch zu sich sagt: ich will mich andern. Nur im schonsten, unverletzten Enthusiasmus setzt er sich es vor; aber eben im verletzten, wo er kaum des Vorsatzes fahig ware, soll er sich zur Erfullung desselben heben und kann es schwer.
Der Graf ging am Morgen wie gewohnlich in seine Horsale und Sprachzimmer der Stadt. In den erstern war es ihm schwer, nach den Sternen der Wissenschaften seine Instrumente und Augen festzurichten und zu visieren, da er auf einem solchen Meere voll Bewegung ging. In den letztern fand er den Lektor kalter als sonst, den Bibliothekar warmer, die Hauswirtsleute aufgeblasener. Er ging zu Roquairol, den er heute noch inniger liebte und behandelte, um gleichsam der beleidigten Schwester genugzutun. Karl sagte sogleich mit seinem tragischen schnellen Aufreissen des Vorhangs der Zukunft: "es sei alles entdeckt hochst wahrscheinlich!" Sooft Liebende sehen, dass die seefahrende Welt ihre Kalypsos-Insel die doch frei auf der offnen See daliegt endlich in die Augen bekommt und die Segel darauf richtet: so verwundern sie sich zum Verwundern. Hat denn irgendein Paradies so weite und niedrige Staketen so dass jeder Vorbeigehende hineinsehen kann als ihres?
Schon langst hatten, erzahlt' er, die Doktors-Kinder immer etwas bei der Baumeisterin in Lilar zu holen, Blumen, Arzneiglaser u.s.w.; gewiss als Seh- und Horrohre Augustis dieser sei wieder der Operngukker seiner Mutter kurz sein Vater sei wenigstens bei der Griechin gestern gewesen, hab' aber zum Gluck nur ein leeres Paket125 von Rabette an ihn (Karln) gefunden, das er nach den Freiheiten der ministerialischen Kirche auf- und zugemacht. "Warum zum Gluck?" (sagte Albano) "Ich werde meine Liebe vor der Welt rechtfertigen und ehren." "Ich bezog es auf mich," (versetzt' er) "denn nie war mein Vater freundlicher gegen mich, als seitdem er meine letzten Briefe erbrochen. Er ist diesen Nachmittag in Blumenbuhl, und wohl mehr meinet- als der Schwester wegen."
Albano furchtete nicht, dass die Stadt Minengange unter sein Kindheitsland hintreiben konne, um etwa durch eine Flamme die gluckselige Insel zu zersprengen durft' er nicht seinem Wert und Mut und Lianens ihrem trauen? aber es schmerzte ihn jetzt, dass er so unnutz der kindlichen Liane die Freude und das Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen. Wie sehnt' er sich nun nach dem abbussenden und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns, nach dem nachsten Morgen! Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Troste und ging erst zuruck, als die Abendrote in den Regenwolken umherfloss. Als er kam, fand er von Lianen schon einen Brief von heute:
"O, guter Albano! warum kamst du nicht? Wie viel hatt' ich dir zu sagen! Wie hab' ich Freitags deinetwegen gezittert, als die wutende Wolke dich mit ihrem Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwohnt, so fremd und schwer wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untrostlich, endlich fiel mir nachts noch dazu ein, dass du wie von Ahnungen beklommen gewesen und dass es gern ins Donnerhauschen schlage. Warum bist du doch da? Ich sturzte heraus und kniete neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter langst verzogen war, dass er dich moge erhalten haben. Lachle uber mein spates Gebet; aber ich sagte zu ihm: du wusstest es ja, Allgutiger, dass ich beten wurde. Ich wurde auch getrostet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte in mir.
Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig. Sie hat dich auf dem Wege weinen sehen. Tausendmal hab' ich untersucht, ob ich daran schuld habe. Sollt' es daher kommen denn sie sagts , dass ich dich mit meinen Sterbegedanken zu sehr betrube? Nie mehr sollst du sie horen, auch der Schleier ist eingeschlossen; aber ich berechnete dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber sagt, das Todes-Dunkel eine Abenddammerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher werden. Wahrlich, ich bin ganz selig denn du sogar bist es, und hast doch so wenig an mir, nur eine kleine Blume fur dein Herz, aber ich habe dich. Lasse mir mein Grab; wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Tal. O wie liebt man, Albano, wenn alles neben uns bricht und fallt und verraucht und wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem wegfliessenden Leben steht, wie ich oft bei Wasserfallen mit Ruhrung auf den zerspringenden, reissenden Fluten einen Regenbogen unverruckt und unverandert schweben sah! O, ich wollte, die Nachtigallen sangen noch, jetzt konnt' ich mit ihnen singen; deine Aolsharfe, meine Harmonika wunscht' ich in meiner Hand. Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen alle als je. Sieh! sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewiss kein Gewitter in unser Rosenfest. Ich tat ihm daher leicht den Gefallen vergib es , ihm zu versprechen, dass ich keine fremde Besuche in einem fremden Hause weil es unschicklich sei, sagt' er annehmen wurde Ich muss auf einige Tage nach Hause wegen der furstlichen Vermahlung; aber ich sehe dich bald. O vergib! Wenn mein Vater sanft spricht, so kann meine Seele unmoglich Nein sagen. Lebe wohl, mein Herrlicher!
L.
N. S. Bald fliegt wieder ein Blattchen auf deinen Berg. Sei nur in ewiger Freude! O Gott! warum bin ich nicht machtiger? Welche Menschen solltest du dann an deinem Herzen haben! Du Lieber!"
*
Wie beschamt' ihn diese vollbluhende Liebe, die es gar nie recht weiss, wenn sie verkannt wird, und die keine andere Schuld voraussetzt als eigne! Wie tat ihm die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh! Er konnte sie nun lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese, wie viel mehr als einen gebenden in ihm! Aber schwer ists einem Manne, fuhlte der Jungling, im weiblichen Herzen, zumal in diesem, Absicht von Instinkt, Ideen von Gefuhlen rein zu sondern und an diesem dunkeln, vollen Himmel alle Sterne zu zahlen und zu reihen. Jede Harte, jede unscheinbare Knospe ging zuletzt als Blume auf; und ihr Wert breitete sich wie der Fruhling stuckweise aus; indes gewohnlich von andern Madchen ein Reisender, der sie besucht, sogleich beim ersten Abschiede abends eine kleine vollstandige Blumenlese aller ihrer Reize und Kunste fortnimmt, wie ein BrockenPassagier im Wirtshause einen niedlichen Strauss uberkommt, aus den Moosarten gebunden, welche der Berg tragt.
Er glaubte, sie sei nun bei den Eltern, und folgte nicht als zerrender Knabe, sondern als einstimmiger Mann dem Riesen des Schicksals nach. Im Garten herrschte Regenwetter, die Aussaat jedes starken Gewitters, das immer wie ein Krieg den Kriegsschauplatz verdirb.
Das verheissene Blattchen erschien: "Sei nur froh. Wir sehen uns sehr, sehr bald, und dann recht selig. Vergib mir! ach, ich sehne mich am meisten.
L."
Jetzt empfand ers, welche Tage es waren, die sonst d.h. bloss vor einigen Tagen vor ihm wie gottliche Erscheinungen vorubergezogen waren und die nun wieder heraufsteigen sollten in Osten als wiederkehrende Sterne! Warum schneidet sich erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz? Warum mussen wir erst etwas beweinet haben, eh' wir es heiss bis zum Schmerze lieben?
Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg, um nur ganz rein in der Gegenwart zu wohnen, die ihm von Lianen versprochen worden.
71. Zykel
Am Sonntags-Morgen, als der ganze blaue Himmel offen stand und die Erde festlich geschmuckt mit Perlen und Zweigen, klopfte an Albanos Ture ein leiser Finger, der einer weiblichen Hand gehoren musste. Liane trat so fruh schon herein; Rabette und Karl riefen draussen einen lauten Gruss. An seiner jauchzenden Brust lag das schone, vom Gehen bluhende Madchen mit seligen, hellen Augen, eine frisch-betauete Rosenknospe. Es war sein schonster Morgen, er fuhlte rein, dass Liane liebe. Als die Aolsharfe einklang, sah sie hin, erinnerte sich errotend an den schonsten BundesAbend und horte still zu und trocknete das Auge, da sie es wieder auf Albano wandte. Aber er konnte in diesen Tempel der Freude nicht eintreten, ohne sich gereinigt und geheiligt zu haben durch Offenheit uber seine neulichen Irrtumer. Welcher susse Wettstreit um Bekennen und Vergeben, da Liane liebend erschrak und bekannte, dass sie ihn neulich nicht erraten dass nur sie die Schuldige sei und dass sie jetzt schon besser sprechen wolle. Sie konnte sich uber die verdeckten Schmerzen, die sie ihrem Freund gemacht, gar nicht zufrieden geben. Wie Mahagoni-Gerate in keiner Temperatur bricht und keine Flecken annimmt und kein Polieren bedarf: so ist dieses Herz, fuhlte Albano; der sich nun schwur, uberall, auch wo er sie nicht errate, zu sich zu sagen: sie hat recht.
Sie losete ihm das Ratsel ihrer heutigen Erscheinung mit jenen freundlichen Mienen, welche ein guter Mensch verdoppelt, wenn er etwas zu versussen hat: "sie gehe namlich heute nach Pestitz zuruck aber spat, erst abends, erst um die Teezeit komme der Wagen, und ihnen bleibe ein ganzer Tag; und sie hoffe nicht, dass ihr Vater diesen Umweg uber Lilar fur einen Bruch ihres Versprechens nehmen werde." Ein liebendes Madchen wird unbewusst kuhner. Darauf suchte sie ihn uber die friedlichen Absichten ihres Vaters recht ruhig zu machen und stellte ihm seine Strenge, womit er sich und andere der Konvenienz unterwarf, als die Ursache seiner Verbote, so wie ihrer Zuruckberufung zum Vermahlungsfeste vor. Albano, so nahe am letzten Schwure, hielt ihn und sagte: sie hat recht.
Der Hauptmann trat mit der rotwangigen Rabette herein, in deren Augen die Freude blitzte. Das kleine Zimmer machte durch Enge und Verwirrung die Lust nicht kleiner. Karl, sonst so sehr dem Vesuve ahnlich, der in den ersten Morgenstunden noch beschneiet ist, stand schon mit einem warmen Gipfel da; er setzte sich ans Instrument und donnerte mit einem aufgeschlagnen Prestissimo von Haydn diesem rechten Stundenrufer jauchzender Stunden in die laute Gegenwart und spielte zur Verwunderung der Weiber das Schwerste so leicht vom Blatte, dass er mehr hinein- als herausspielte und vieles (z.B. den Bass) immer selber setzte, indes Albano mit fast komischer Treue in der Musik ebensosehr die Wahrheit wiedergab als in jeder Geschichte, die immer in Karls Munde wieder eine erlebte. Der Morgen legte allen Seelen die Flugel an, die der Mittag den Menschen immer bindet daher die Aurora mit geflugelten Rossen fahrt und der Tagsgott mit flugellosen. "Aber wie sind nun unsere sieben Freudenstationen zu machen?" (fragte Karl) "denn der Tag liegt wie ein Gartensaal mit lauter Lustgangen nach allen Seiten vor uns offen." "Karl, ist es denn nicht einerlei, wo ein Mensch liebt?" sagte Albano. Seliger, dessen Herz nichts braucht als noch eines, aber keinen Park dazu, keine opera seria, keinen Mozart, keinen Raffael, keine Mondsfinsternis, nicht einmal einen Mondschein und keinen vorgelesenen oder nachgespielten Roman!
"Zuerst muss ich meine Chariton sehen", sagte Liane. "Die kann uns ja" (nahm ihr Bruder sogleich auf) "unser Essen in den gotischen Tempel nachtragen." Er wollte an diesem holden Tage im 12ten Jahrhundert essen und bei einem banglichen, bunten Scheibenlicht und auf eckigem, schwerem, dickem Gerat und gleichsam dunkel unter der Erde der oben grunenden Gegenwart mit bluhenden Gesichtern sitzen; denn so uberlud er die vollsten Genusse noch mit aussern Kontrasten und genoss jede frohe Gegenwart am meisten in der nahen Beleuchtung und Abspieglung der geschliffnen Sichel, die sie abmahte126. "Gott bewahre und behute, Freund!" sagte Rabette. Auch Albano fand die freundliche Griechin, ihre lachenden Kinder und die nahen Rosenfelder besser dazu; und siegte mit Lianen. Vor dem belaubten Hauschen liefen ihnen die Kinder entgegen, Helene mit dem Schurzchen voll aufgelesener Orangenbluten, weil ihr das Brechen verboten war, und Pollux im letzten, leichten Verbande des gebrochnen Arms, dessen Hand jetzt mit der Rechten am hohlen Zusammenfalten und Platzen der Rosenblatter hatte arbeiten mussen. Beide berichteten ein: "die Mutter sei noch nicht fertig und habe sie zuerst angezogen." Aber schon nett und einfach wie zum Priesterin-Tanze um den Altar froher Gotter sprang Chariton ihrer Liane entgegen und passete die schnell angelegten Kleider nur noch durch ein leichtes Rucken und Zucken gar an. "Das ist" (sagte Roquairol, nachdem er von Rabetten das nickende Ja sehr leicht dazu erhalten, weil sie seine franzosische Bitte um dasselbe nicht verstanden) "meine Gemahlin seit gestern ", und er genoss ohne Umstande das Du-Recht, das sie seit dem freundlichen Zuspruche des Ministers mit jungfraulichen Ahnungen lieber annahm.
Da Liane freundlich vier Gaste des Mittags bei Chariton anmeldete: so standen in den schwarzen Augen der Griechin Freudenblitze, und das kleine Gesicht mit italienischen grossen Augenbraunenbogen wurde ein feststehendes Lacheln, das nicht Kuchenverlegenheit, sondern nur zungenlose Freudigkeit war, welche ihren weissen Zahnhalbzirkel noch weiter glanzen liess, da Karl vollends sagte: "Du kannst ihr ja helfen, Frau!" "Das versteht sich!" sagte Rabette ganz entzuckt, weil ihr Herz weiter keine andere Lippen hatte als ihre beiden Hande, fur welche es so viel war, als wenn sie von der geliebten gedruckt wurden, wenn sie fur sie harte Arbeit angreifen durften. Verwunschte sie nicht so oft ihre unberedte, stockende Kehle, wenn Roquairol vor ihr seine feurigen Strome brausen liess? Jetzt, da er wieder die Nahe mit kunstlichen, schattierenden Scheidungen ausgeschmuckt hatte, drang er freilich darauf, dass Chariton die expedierende Sekretarin bliebe und Rabette nur unterzeichnete. Auch Liane wollte aus gleicher Weiblichkeit etwas fur ihren Liebling schaffen; aber da sie als ein Madchen von Stande nichts kochen konnte, sondern nur etwas backen, so wurd' ihr aber ungern von ihrem Freunde, der die susse Gestalt nirgendswo gern sah als, wie andere Schmetterlinge, nur unter Blumen bei ihm zugestanden, ganz spat und zehn Minuten lang mit den Augen und in seltenen Fallen mit den drei Schreibfingern an den Schneeballen mitzuarbeiten, welche das Dessert beschliessen sollten.
Einen breitern Baldachin oder einen schoner geschnitzten Zepter und Apfel hatte noch keine KuchenBallkonigin, oder gar schonere dames d'atour, als Chariton; und Geschirr und Feuer wurden ganz dadurch verdunkelt.
Nun gingen die glucklichen Paare und die Kinder mit hinaus in den freudigen Tag, in den jugendlichen Garten, um wie Wandelsterne mit ihren Monden einander bald nahe, bald ferne, bald im Gegenschein, bald in der Zusammenkunft zu stehen auf der himmlischen Kreisbahn um dieselbe Sonne. "Wir wollen auf geratewohl" (sagte Karl im Hafen) "ausschiffen und zusehen, ob wir uns nicht treffen." Albano ging mit Lianen den Kindern nach, die schon an den kleinen Hausern durch die Rosengange hupften, auf die Brukke uber den singenden Wald. Wem das Herz so ruhigselig schlagt, der sucht in der unsichtbaren Kirche keine sichtbare der ganze Tempel der Natur ist der Tempel der Liebe, und uberall stehen Altare und Kanzeln. Auf dem glattniedergehenden Lebensstrome steht der Mensch ohne Ruderselig in seinem Kahn und regiert ihn nicht.
Dann lenkten die Kinder, eingedenk der mutterlichen Auswanderungsverbote, auf der Bruckenhohe rechts hinuber zu den westlichen Triumphbogen, und Helene lief bloss als ziehende Fuhrerin des Rekonvaleszenten mit seiner Hand recht unerwartet wild voraus. Albano folgte den kleinen Lotsmannchen und Leithundchen so gern. Himmel! wenn sie sich so auf der herrlichen Hohe umsahen und in den reich ausgebreiteten Tag und in ihre Augen darauf: wie wolbten sich die Bogen der Lebensbrucke so frei und weit, und die Schiffe flogen mit aufgeblasenen Segeln und stolzen Masten hindurch! Rosenbaume kletterten an den Triumphbogen herauf, die Kinder langten hinaus, knickten Rosen von ihrem Gipfel und trabten, den fremden Gehorsam verarbeitend und erprobend, uber vier Tore hinweg, um von dem funften in den glatten, blanken See darunter zu schauen und in den "Zauberwald" hinabzusteigen, wo die Kunst wie die Kinder spielte.
Aus dem Eingange des Waldes traten Karl und Rabette heraus, um zu Chariton uber die Bogen zuruckzugehen, jener zum Flaschenkeller er hatte etwas Leeres daraus in der Hand , diese ein wenig in die Kuche. Er ging selig wie auf Flugeln und sagte: "Das Leben fahrt heute auf dem Wagengestirn im Blauen dahin." Er kehrte aber um, um vor ihnen die Plejaden aufgehen zu lassen, namlich den sogenannten "verkehrten Regen", der bloss funf Minuten lang und eigentlich nur bei Illumination steigt. Er fuhrte alle in den Wunderwald durch ein im Mittagsschlummer liegendes Licht, das unter freien Baumen gluhte, deren weit-auseinanderstehende Stamme sich nur die langen Zweige boten. Auf dem Brennpunkt der malerischen Bahnen liess er sie das Spiel des Regens erwarten. Die Kinder sprangen mit ihren Hoffnungen nach und setzten sich, vom Mute der Erwachsenen gedeckt, mit diesen auf bezeichnete Gotter- oder Kindersitze, zwischen zwei kleinen runden Seen.
Wahrend Karl schnell im Zickzack, der hydraulischen und mechanischen Maschinerie wegen, hin- und herlief ohngefahr nach den Punkten des Irrgartens in Versailles : so konnten sie den uberall aufgehenden Zauberwald durchfliegen ein allmachtiger Arm der aussen vorbeigehenden Rosana griff unter die Blumen herein und trug eine schwere, reiche Welt bald war das Wasser ein fester Spiegel, bald eine gewundne, wellenschlagende Ader, bald eine Quelle, bald ein Blitz hinter Blumen, oder ein schwarzes Auge hinter Blatter-Schleiern schmale Ufer, kurze Beete, Kindergarten, runde Inseln, kleine Hugel und Landzunglein wohnten dazwischen, sie hielten ihre bunten, bluhenden Kinder auf dem Arm und Schoss, und die blauen Augen der Vergissmeinnicht und die vollen Tulpenwangen und die blasswangigen Lilien spielten wie Geschwister, von Fremden geschieden, beisammen, aber Rosen liefen durch alle. Jetzt horten die Menschen murmeln und rauschen, die Seen neben ihnen walleten; an einem abgerindeten, auf eine Insel eingepfahlten Maienbaum fingen oben die gelben Tannennadeln zu tropfen an von den Hangebirken auf der Landzunge glitt ein innerer Regen nieder aus den beiden Seen neben ihnen flogen Wasserstrahlen wie fliegende Fische gen Himmel Jetzt quoll es uberall, und Reihen von Quellen, diesen Wasser-Kindern, spielten mit den Blumenkindern Wie Vogel flatterten Strahlen mit breiten Flugeln aus den Lorbeerhecken und fielen in die Rosengruppen nieder an einem Hugel voll Eichen kroch eine Wasserschlange hinauf kriegend schossen aus allen Ufer-Mundungen belagernde Bogen an die Gipfel Plotzlich fanden sich die uberlisteten Zuschauer mit Regenbogen uberwolbt, denn die Seen warfen ihre Wasser hoch uber sie hinuber, dass durch das Tropfengegitter die wankende Sonne brannte wie durch eine zersplitterte Juwelenwelt. Die Kinder schrien erschrocken. Die aufgejagten Vogel kreuzten durch den Regen Nachtschmetterlinge wurden niedergeworfen die Turteltauben schuttelten sich, an die Erde gedruckt, in den Gussen die Ufer und die Beete hielten ihre bluhenden Kleinen dem Himmel unter.
Nach funf Minuten war alles vorbei, und nur in allen Blumen und Augen zitterte der nasse Glanz und auf den Wellen die Sterne fort. Die Kinder liefen dem Wundertater Karl nach. "Vorbei draussen," (sagte Albano) "aber nicht in uns. Ich bin heute recht still-froh, denn du liebst mich, und auch die ganze Welt ist freundlich. Bist du auch glucklich, Liane?" Sie antwortete: "Noch froher, und ich musste vor Freude weinen, wenn ich es sagte." Aber sie weinte schon. "Sieh! die Tropfen!" sagte sie naiv, als er sie anblickte, und nahm seine vom Regenbogen angesprutzte sanft von seinen Wangen weg. Sein Mund beruhrte ihr heiliges, zartliches Auge, aber das andere stand offen, und ihr Herz und ihre Liebe blickten ihn daraus an, und nie schwebte ihre heilige Seele ihm naher.
Nach wenigen Minuten war auch dieser nach dem Himmel gekehrte Regen voruber. Sie gingen mitten uber den freien Garten den Morgen-Partien und Toren zu. Wie lagen in der offnen Welt die Kusten der Zukunft so hell vor ihnen mit dickem, hohem Grun, und Nachtigallen flogen um die Ufer! Die Entzuckung macht das mannliche Herz weiblicher; die Stimme seiner vollen Brust redete nur leise zu Lianen, auf deren seitwarts und gen Himmel geneigten Angesicht ein stilles, frommes Danken lag, sein feuriger Blick regte sich nur langsam und ruhte an der schonen Welt, und er ging ohne hastiges Uberschreiten um die kleinste Landspitze. Die junge Nachtigall wetzte den abgefutterten Schnabel am Zweige und schuttelte sich lustig, die alte sang ein kurzes Wiegenlied und hupfte mit Tonen nach neuer Kost und uberall flogen und schrien die Kinder des Fruhlings und ihre Eltern durcheinander Kleine, weisse Pfauen liefen ungeputzt wie kleine Kinder im Grase Selig floss der Schwan zwischen seinen Wellen mit dem weissen Bogen uber den untergetauchten Augen, und selig schwebte die glanzende Tonmucke wie ein fester Stern unverruckt in den Luften uber einer fernen, blumigen Glocke. Die Schmetterlinge, fliegende Blumen, und die Blumen, angekettete Schmetterlinge, suchten und uberdeckten einander und legten ihre bunten Flugel an Flugel Und die Bienen tauschten Blumen nur gegen Bluten, und die Rose, die keine Dornen fur sie hat, nur gegen die Linde. "Liane," (sagte Alban) "wie lieb' ich heute durch dich die ganze Welt, ich mochte den Blumen einen Kuss geben und in die vollen Baume mich drucken; ich konnte nicht dem langen Kafer da unten in den Weg treten." "Sollte man" (versetzte sie) "je anders fuhlen? Wie kann ein Mensch, dacht' ich oft, der eine Mutter hat und ihre Liebe kennt, das Herz einer Tiermutter so kranken und zerreissen? Aber wir vergeben den Tieren, sagt Spener, auch nicht einmal ihre Tugenden." "Lass uns zu ihm," sagt' er.
Sie kamen ausserhalb der Morgentore an dem Bergweg hinter dem Flotental oben an dem mittagshellen Hauschen des alten Speners an; aber da sie ihn laut lesen und beten horten, gingen sie lieber in grosser Ferne voruber, um in seinen heiligen Himmel nicht einmal ihren Schatten zu werfen.
Sie schaueten ins schone, stille Flotental und wollten eben hinein; endlich sprach es zu ihnen mit einer Flote hinauf. Ihre Freunde schienen drunten zu sein. Die Flote klagte lange einsam und verlassen fort, keine Schwestern und keine Fontanen rauschten darein. Endlich keuchte neben der Flote eine scheue, zitternde Singstimme angestrengt daher. Es war hinter den langen Gestrauchen Rabette. Sie ruhrte beide in die tiefste Seele, weil die Arme mit dem Arbeiten ihrer unbehulflichen Stimme dem Geliebten das demutige Opfer des Gehorsams brachte. "O, mein Albano," (sagte Liane, sich entzuckt an ihn schlingend) "welche Sussigkeit, dass mein Bruder glucklich ist und Seelenfrieden hat und durch deine Schwester!" "Er verdient meinen," (sagt' er bewegt) "aber wir wollen sie beide nicht storen, sondern den alten Weg zuruckgehen." Denn Rabettens Tone wurden oft zerschnitten, aber es war ungewiss, ob von Furcht oder von Kussen oder von Ruhrung.
Als sie wieder durchs Morgentor hereintraten: kam die Sangerin und Karl ihnen aus der grunenden Pforte entgegen, beide verweint. Karl, gewaltsam uber lebendige Beete tretend und mit irrenden Augen, griff nach beider Hand mit seinen und sagte: "Das ist doch einmal ein Tag auf der Regenwelt, der nicht wie eine Nacht aussieht Bruder, aber wenn man so innig selig ist und Spharen vernimmt, so sinds solche Tone, wie man einmal zum Zeichen horte, dass vom Markus Antonius sein Schutzgott Herkules weiche." So werden die Freuden, wie andere Edelsteine, mechanische Gifte, welche bloss in der Ferne glanzen, aber beruhrt und verschlungen uns zerschneiden. Aber Albano versetzte lachelnd: "Da du dich jetzt furchtest, Lieber, so hast du nichts zu furchten; denn du bist nicht rein glucklich. Ich aber furchte leider nichts." "Bravo!" (sagte Karl) "Nun geht in eure Kuche, Madchen!" Er ging in den sogenannten "Tempel des Traums", drang aber bald in die verbotene Kuche nach.
Albano besuchte Lianens Fruhlingsstubchen. Hier malt' er sich jenen Glanz-Sonntag zuruck, wo ihn Liane durch Lilar gefuhret, und er liess die Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern; aber diese uberstrahlte sie. Draussen im Garten standen und glanzten, so schien es ihm, die reinen Saulen seines Himmels, die Trager seines Tempels, die Baume; und alles, was er hier neben sich sah, gehorte wieder zu seinem Gluck, Lianens Bucher und Bilder und Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand.
Endlich trat die Heilige der Rotunda selber jungfraulich errotend uber diese Nahe und uber sein Erroten herein, um ihn ins kuhle Esszimmer hinabzuholen. Es war klein und dammernd, aber das Herz bedarf zu seinem Himmel nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran, wenn nur der der Liebe aufgegangen. Zu den Tischreden wodurch erst ein Essen ein menschliches wird und zu den Scherzen den feinsten Zwischengerichten, dem Streuzucker des Gesprachs lieferten die Kinder das Ihrige, zumal da sie, unfahig, vom verbotnen Du zum Sie zu steigen, immer Du-Sie zugleich gebrauchten. Die hochrote Chariton machte Auszuge aus Dians Briefen und aus ihrer Lebensgeschichte und aus den Wundzetteln von Pollux' Armbruch; sie suchte die Schneeballen zu schatzen, horte schalkhaft-glaubig auf den Hauptmann hin, der das scherzhafte Ehe-Du gegen Rabette zu funf Akten verspann, und lachelte gern da, wo es verlangt wurde. Am meisten lief die Spielwelle aller Seelen, Karl, frohlich um; dieser Jupiter, den immer die Finsternisse so vieler Trabanten umflogen, konnte einen grossen, heitern Glanz zeigen, wenn er und man wollte. Sooft Albano wie vorhin nicht in sein Trauerspiel ging, zog er den Vorhang eines Lustspiels auf. Der guten Rabette war sein Anreden so viel wie sein Anschauen, obwohl sie nur das letztere erwiderte, um weder ins Du noch Sie zu fallen. Albano, mit Ohren und Augen an eine Seele geknupft, konnte mit den Lippen nicht viel mehr hervorbringen als ein seliges Lacheln; einen Hymnus hatte er leichter gemacht als ein Bonmot, ein Tischgebet leichter als eine Tischrede.
Denn seine Liane war heute zu liebreich! So vergnugt und ermunternd schauete das susse Madchen umher, mit so herzlichem Spiel die gesprachige, nekkende Wirtin machend, dass ein Mann, der es sah und an ihren festen Sterbeglauben dachte, von diesem Tanz um das Grab mit Blumen auf dem Haupt nur desto inniger geruhret wurde, wenn er auch merkte oder vielmehr eben darum , dass sie hier mit dem Scherze selber Scherz treibe, bloss um nach ihrer neuen moralischen Trauerordnung ihrem Geliebten jede Scheide-Stunde zu versussen, sowohl die nachste als die letzte. Aber das war schwer zu merken, weil in weiblichen Seelen jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trube, auch das frohe.
Wie wurde ihr Freund und jeder gute Mensch so froh, weil die Heilige sich selber selig sprach! Und dann wurde wieder sie es mehr. So schlagt, wie zwischen zwei Spiegeln, der Glanz der Wonne zwischen teilnehmenden Herzen in wachsender Vervielfaltigung hin und her und wird unabsehlich.
72. Zykel
Die Stunde der Abfahrt rollte auf schnellern Radern heran, mehrere Sternbilder der Freude gingen unter, als heraufkamen. So grunen die bluhenden Weingarten des Lebens immer an einem bergigen Hinauf und Hinab, nie in einer ruhigen Ebene. Die zwei Liebenden brauchten jetzt Stille, keine Gange. Sie machten den nachsten, den ins Donnerhauschen. Sie traten in die wehende Vesper-Erde wie in ein neues Land; mitten im Tage wird der Mensch aus einem Traum nach dem andern wach und hat immer vergessen und sieht immer verneuet. In Albano stand der goldne Saitenglanz der Freude noch unter der wegruckenden Sonne; er sagte ihr froh, wie oft er sie besuchen wurde bei ihren Eltern und wie er diese gewiss befreundet zu finden hoffte. Liane malte alle seine Hoffnungen noch als Tochter und Liebende mit ihren aus. Aber jetzt liess sie ihr vorhin leichtes Herz, das auf den Blumen des Scherzes sich wiegte, auf dem festern Ernst ausruhen.
Wenn im Menschen Friede und Fulle ist, so will er nichts mehr geniessen als sich, jede Bewegung, sogar die korperliche, verschuttet den vollen Nektarkelch. Sie eilten aus dem lauten, regen Garten ins stille, dunkle Donnerhauschen. Aber da sie, wie geschieden von der Welt, die um die Fenster hellglanzend und sich entfernend hinauslag, in der kleinen Dammerung einsam nebeneinander standen und sich ansahen und da Albanos Seele war wie ein sonnentrunkenes Gebirge am Abend, licht, warm, fest und schon, und Lianens Seele wie die aufdringende Quelle am Gebirge, die hellrein und kuhl und verborgen dahinrinnt, und nur vom Abendstrahl beruhrt, rosenrot gluht und da diese einzigen Seelen gerade sich fanden in der weiten uneinigen Erde: so durchschauerte sie eine gewaltsame Freude wie ein Gebet, und sie sturzten sich ans Herz und gluhten weinend und schaueten sich gross an in der Umarmung; und an der Aolsharfe taten sich schnell die Flugelturen eines begeisterten Konzertsaales auf, und herausschlagende Harmonien wehten vorbei, und schnell gingen die Pforten wieder zu.
Sie setzten sich ans luftige Morgenfenster, vor welchem die Blumenbuhler Berge und Lilars Hugel und Pfade im Sonnenglanze lagen. Um sie war der Abendschatten und alles still, und die Atherharfe atmete leise. Sie sahen sich nur an und freueten sich ins Innerste hinein, dass sie einander liebten und bewahrten. Wie entronnen blickten sie, von dieser Burg beschirmt, hinab in die rauschende, bewegliche Welt; unten blies der Wind die Mohn und Tulpen-Lohe breiter und in die schwere, gelbe Ernte die Silberpappeln, ewigen Mai-Schnee tragend, flatterten mit aufgewuhltem Glanz ein Taubenflug rauschte eintauchend ins Blau hinein und druben standen unter fliegenden Wolken die runden Tempel Gottes, die Berge, nebeneinander in Reihen und trugen bald Nachte, bald Tage und der fromme Vater stand allein auf seiner Hohe und reichte seinem Rehe weiche Aste.
"So bleiben wir!" sagte Albano und druckte ihre liebe Hand mit seinen beiden an sein Herz. "Hier und dort!" (sagte sie) "Albano, wie oft hab' ich gewunscht, du warest zugleich meine Freundin, damit ich mit dir von dir reden konnte. Wer weiss es auf der Erde, wie ich dich achte, als ich allein!" "Hier und dort? Liane, ich bin glucklicher als du, denn ich allein glaube an unser langes Leben hier", sagte er auf einmal verandert.
Welche Ursache es nun sei entweder die, dass der Mensch gar nicht gewohnt ist, in einer von aller Zukunft und Vergangenheit abgeloseten reinen Gegenwart glucklich zu sein, weil sein innerer Himmel wie der physische immer gerade und nahe uber ihm finsterblau aussieht, und erst um den fernen Horizont herum glanzend oder dass es ein so zartes uberirdisches Gluck gibt, was wie der Mondschein von jeder Wolke zu dunkel wird, indes rohes wie das Tageslicht die breiteste vertragt oder dass Albano zu sehr den Mannern glich, die immer in der Freude ihre Krafte so stark fuhlen, dass sie lieber den Gottertisch umstossen als ein Gericht und Himmelsbrot weniger darauf sehen wollen, lieber ganz unglucklich sein als nicht ganz glucklich : genug er konnte und wollte der Furcht und dem Verhullen nichts mehr schuldig sein.
Daher als Liane ihn statt zu beantworten nur umarmte und schwieg, weil sie den ganzen Tag ihrem Versprechen treu bleiben wollte, die Festtapeten schoner Tage mit keinem Trauertuche auszuschlagen: so sagte er, wie von einem fremden Geiste fortgestossen, geradezu: "Du beantwortest nichts? Nur Freuden, nicht Leiden soll ich teilen? Du hast deinen Schleier nicht? Mich willst du schonen wie einen Schwachen? Und dich allein druckt dein Todes-Glaube fort? Liane, ich will auch Schmerzen haben und alle deine, sag alles!"
"Wahrlich, nur mein Versprechen wollt' ich halten" (sagte sie) "und mehr nicht. Aber was soll ich denn zu dir sagen, Lieber?" "Du stirbst also gewiss nach einem Jahre, glaubst du, Aberglaubige? Himmlische!" sagte er.
"Wofern es Gottes Wille so ist, gewiss!" (sagte sie) "O mein guter Albano, was kann ich denn fur meinen Glauben, der dich auch so schmerzt?" Und hier konnte sie ihre Tranen nicht mehr hindern, und alle Kruzifixe der Erinnerung regten sich in der schonen Seele lebendig und bluteten heftig.
"Gottes Wille?" (fragt' er) "Ebensogut konnt' er jetzt einen Winter wie einen Eisberg in diesen frohen Sommer sturzen Gott?" wiederholt' er, sah auf, kniete hin und betete: "O, du alliebender Gott..."
"Und du stirbst mir nicht!" kehrt' er sich wie zornig gegen sie, zum Weiterbeten unfahig vor dem Geschrei seines Herzens und mit beiden Handen hastig uber sein nasses Gesicht wegstreifend Nun betete er sanfter-zitternd fort: "Nein, du Alliebender! tote nicht dieses schone, junge Leben! Lass uns beisammen, lang und fromm!"
Sie kniete unwillkurlich neben ihn heute matter von Freuden und unbekannten innern Siegen, sogar vom langen Gehen desto heftiger angefallen von einer ruhrenden Wirklichkeit, da sie von ruhrenden Phantasien verwohnt und erweicht war und unsaglich leidend bei Albanos Schmerz sie konnte nicht reden wie unter einer schnell aufgeworfnen Last buckte sich ihr Haupt und Hals und so blickte sie, wie vom ganzen Leben schwer umwolkt, auf den Boden hin der umfangende Todesfluss rauschte mit einem Arm um sie da sah sie, ohne aufzublicken, irgendwo ihre Karoline im Brautkleide und mit dem weissen, gold-punktierten Schleier ziehen, der sich lang uber das Leben wegschleppte, und sie sah es deutlich, wie die Gestalt, da Albano um ihr Leben bat, langsam hin- und herschuttelte.
"Hor auf zu betenl" (rief sie trostlos) "Du harte Erscheinung, erhore aber mich und mache nur Ihn glucklich!" betete sie, aber sie sah nichts mehr; und sie verbarg das von Qualen durchzogne Gesicht mit unaussprechlicher Liebe an seiner Brust.
Hier rief ihr Bruder herauf, der Wagen sei da. Sie warf ein schnelles, dunnes Ja hinab. "Trennen wir uns?" fragte Albano; der Feuerregen der Entzuckung war nun als ein finsterer Aschenregen in seine offne Seele zuruckgefallen und darum fuhr er ohne alle Schranken seines Schmerzes fort: "So haben wir uns zum letztenmal gesehen?" und unter dem geschlossenen Augenlide weinte sein gutes Auge.
"Nein, bei dem Allgutigen, nein!" sagte sie und stand auf, um zu gehen. "Bleibe!" sagt' er, und sie blieb und umarmte ihn wieder. "Aber begleite mich nicht!" bat sie. "Nicht!" sagt' er und hielt die Wegziehende lang' an den Fingerspitzen; es schmerzte ihn so sehr, da er die auf diese stille Gestalt getriebnen Leiden ansah, dass diese weissen Schwingen der Unschuld sich an seinen Klippen und Berghornern voll Blut geschlagen. Er zog sie wieder an sich, eh' er sie und sein Heil entliess. Er sah ihr nach, wie sie langsam an dem sonnigen Berg, unter den Zweigen sich trocknend, hinunterschlich und gesenkt lauter heitere, bluhende Wege des Vormittags ging. Er schauete aber nicht nach, da ihr Wagen uber den frohlichen Wald wegrollte; er stand am Morgenfenster und sah seine Kindheits-Berge zittern, weil er seine Augen zu trocknen vergass.
Sechzehnte Jobelperiode
Die Leiden einer Tochter
73. Zykel
Wolken wie die letzten bestanden fur Albano weniger aus niederfallenden Tropfen als aus niedersinkendem Staub. Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher nach der Sonnenseite. Jeder Tag brachte eine neue Schutzschrift fur die ferne schone Seele, bis sie am Ende gar keine mehr brauchte. Aber jedem Tage gab er auch einen Ablassbrief ihres Schweigens mit; spater wurden Anstandsbriefe (Moratorien) daraus; endlich als sie immer gar nichts von sich horen und lesen liess: so fing er an, in den obigen Schutzschriften wieder nachzusehen und manches darin auszustreichen.
Ebensowenig fand er fur sich oder fur ein Blatt eine Treppe zu ihr. Sogar der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset. Mit muden Handen hielt er den schweren, ausgetrunknen Freudenbecher, der leer am schwersten wiegt. Die wilden Hypothesen, welche der Mensch in einem solchen Falle durch sich traben lasset wie in diesem z.B. die von Lianens Krankheit, Erkaltung Gefangnis, Abreise , sind in ihrem Wechsel und Werte mit nichts zu vergleichen als mit der ebenso grossen Wildheit und Zahl der Plane, die er anwirbt und abdankt, z.B. den der Entfuhrung, des Hasses, der Duelle, der Verzweiflung.
Die harte, feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte. Er stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Traumen; ohne dass er beider Gestalt erkennen oder vorbereiten kann. Er ging oft in die Stadt, deren samtliche Gassen durchritten, durchlaufen und durchfahren wurden, weil man die Balken zum herrlichsten Throngeruste zusammentragen und nageln wollte, auf welchen sich die furstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimente im Lande am weitesten umsehen konnte; aber er horte nichts darin von der seinigen, als dass sie ofters mit dem Minister die Bildergalerie besuche.
Dadurch schienen zwei angstlichen Hypothesen, die ihrer Krankheit und ihres Hauskriegs, die Stacheln auszufallen. Das Beste, obwohl Schwerste war, geradezu den Minister wie den Vesuv zu besuchen, um da die schonste Aussicht zu haben. Er besuchte den Vesuvius. In der Tat war dieser Vulkan nie stiller und gruner; er fragte nach allem und liess sich uber vieles heraus, was das Vermahlungsfest unmittelbar anging; auch sucht' er seine Hoffnungen und Wunsche nicht zu verbergen, dass der Graf die bewundernswurdige Braut bewillkommen helfen werde.
Am Ende musste dieser auch die seinigen uber die Weiber zu eroffnen wagen. Der Minister versetzte ungemein heiter, dass beide das "brave Fraulein von Wehrfritz" eben nach Blumenbuhl zuruckbrachten; und liess sich sofort aufs Lob dieser "unverdorbnen Natur" ein. Albano ging bald, aber viel froher. Auf seinem Wege brannten doch einige Gassenlaternen.
Aber am Morgen geriet er in ein Winkelgasschen, wo keine einzige war; namlich Rabette, das Renntierchen, kam nach Lilar gelaufen, wie gestern nach Pestitz denn was ist fur ein Landfraulein ein Meilenlauf anders als eine gerade Allemande? und schuttete und schuttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Herzohren aus, woraus nichts herausfiel als frohe Bilder, einige Himmel, ein vollstandiger Hochzeittag, ein Paar Schwiegereltern und eine Hauptmannin. "Die Ministers waren gegen mich so hoflich gewesen, aber nachher noch mehr gegen meine Eltern die Mutter und sie haben den Hauptmann so sehr genannt und gelobt kurz, sie wissen freilich alles, mein herrlicher, herzlieber Bruder!" sagte sie, aber von Lianen wusste sie dem herrlichen Bruder nichts zu bringen, ausser ihren Gesundheitspass; ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend gewandt. "Wir waren keine Minute allein, das machts", setzte sie dazu und kam wieder auf ihren Huptmann, den der Minister als Marschkommissarius der einruckenden Furstin auf die Haarhaarer Strasse versendet habe; doch verwies sie ihn auf die Illuminations-Nacht in Lilar, wo sie und Liane und beiderseitige Eltern dabei zu sein ausgemacht hatten. Du gutes Geschopf! wer gonnt dir nicht den blitzenden Ring der Freude, den du an deiner braun und hart gesottenen Hand ansiehst, und wer wunschet nicht gern, dass seine Steine nie ausfallen!
Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangnen Feste an das Herz, Karl. Er wiederholte beinahe Rabettens Aussagen, obwohl nicht ihre Entzuckung; er sagte aber ohne sonderliche Ruhrung , dass der Vater wirklich ihm den Bruderkuss mit einer Kusshand durch mehrere Zimmer zuwerfe, ihn ganz besonders aus- und anzeichne und zu Geschaften freundlich verbrauche und das alles bloss, seitdem er hinter die Liebe gegen Rabette und das stille Zunikken der Eltern gekommen sei; denn vom Herzen zwar sei bei dem Vater die Rede nicht, aber doch von Rabettens Weiberlehn, zumal da man ihm bei der romantischen Wechselreiterei seines Herzens nicht trauen konne, ob er nicht sonst einmal die Armste bringe.
Mit einer seufzenden Brust, die gern mehr einer erwartenden mitgebracht hatte, erzahlte Karl bloss, dass er Lianen gesund und still, aber keine Minute allein gefunden. Die Zusammenhaltung der fremden Durftigkeit mit dem eignen offnen, reichen Gluck war so glaubte Albano die schone, zarte Ursache, warum Karl mit so fluchtiger, kuhler Freude uber die elterliche Einsegnung seines Seelenbundes weglief. O, wie liebt' er ihn jetzt! Konnt' er ihn je mehr lieben, so tat' ers, wenn Liane gar seinem Gluck verloren ware, bloss um sich und ihm zu zeigen, dass die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre, um ein zweites zu lieben.
Dieses Gewolke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer um seine schonsten Hohen fest, und der Schuldlose ging unter dem Dunkel im Kreise von Widerspruchen umher. Wie musste dieser Jungling sich abarbeiten, wenn er bald dachte, dass die Eltern wohl gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagen, da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu mussen glaubte, und dass sie zwei Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern konnten oder wenn er auf die fromme Liane den Verdacht des Weichens vor elterlichen Angriffen fallen liess, der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vermutung erhielt, dass sie ihn wohl mehr poetisch und fromm und mehr mit Flugeln umhalset als mit Armen und dass sie uberhaupt, an so lange Ergebungen gewohnt, Opfer und Neigungen kaum absondern und jene fur diese halten konne oder wenn er bald und am oftersten alle diese Waffenspitzen gegen seine eigne Brust kehrte und sich fragte, warum er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so wankendes: Dann fuhrte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten uber jeden vorigen, den er der guten Seele gemacht, bloss um sie nach der Proselytenmacherei und Reformiersucht, welche die Manner mehr an ihren Weibern als Freunden uben, fur seine eigne Gussform einzuschmelzen Letzteres konnt' er rugen, wie Holberg127 bemerkt, dass die Manner Landguter nicht so gut erhalten als die Weiber, weil jene mehr als diese sie reformieren wollen: aus demselben Grunde verderben die Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene.
Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Bluturteil zu holen oder ein schoneres Blatt, ging er wieder ins ministerielle Haus. Er wurde vom Minister wieder lachelnd und von der Mutter ernst empfangen, und auf seine Frage war Liane nicht wohl auf. Er legte dem alten, sich jetzt warmer andrangenden Schoppe, der seit einiger Zeit neben dem Skalpell des Doktors weiter kein Herz studierte, als was auszuspritzen und zu praparieren war, eine kurze Frage uber des Doktors Besuche beim Minister vor; wie erstaunt' er, da er vernahm, dass niemand weiter aus dem Hause welche in jenem mache, da Liane ganz bluhend in alle Zirkel fahre, als bloss der Lektor haufigere!
Er begriff wohl, dass nur die Medusenkopfe der Eltern das weichste Herz gegen ihn versteinern konnten; aber eben das fand er nicht recht, er foderte keck, dass er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde; "nicht aus Egoismus," (sagt' er zu sich) "nicht meinet-, sondern ihrentwegen." Der Liebende will eine grosse, unbeschreibliche Liebe von der er sich immer nur als den zufalligen und unwerten Gegenstand glaubt , bloss um selber die hochste zu geben.
Sogar der schweigende Lektor, der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter Licht- und Ofenschirme stellte, teilte ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu, Liane werde bei der kommenden Furstin etwas, Gesellschaftsdame. Sein alter eifersuchtiger Argwohn uber Augustis Wunsche oder Verhaltnisse erlaubte ihm keine Antwort darauf.
Jetzt ermannte sich sein Geist, und er schrieb geradezu an die Seele, die ihm gehorte; und schickte dem Bruder das Blatt zur Ubergabe. Dieser kam den Tag darauf; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben, weil er sie sonst mit dem ersten Gruss gegeben hatte. Karl fuhrte ihn an den Haarhaarer Hof, wo er neulich gewesen sagte, jeder Nerve da hatte Steifstiefeln an und jedes Herz einen Reifrock kam weiter preisend auf die jungste, aber angefeindetste Prinzessin, Idoine erklarte, sie besitze nach allen Vorzugen, z.B. der Heiligkeit, der Gute, des entschiednen Charakters, der sich sogar auf dem Throne sein eignes Los und Leben aussucht, ferner der Liebenswurdigkeit, da sogar die niemand liebende Furstin-Braut an ihrem Herzen hange, noch den Vorzug der tauschenden Ahnlichkeit mit Lianen.
"Hat diese nun mein Blatt?" fragte Albano. Karl handigt' es ihm wieder ein: "Bei Gott!" (sagt' er feurig und doch doppelsinnig) "ich konnt' es ihr jetzt nicht beibringen Aber Bruder, kannst du nur eine Minute lang glauben, sie bleibe nicht ewig die Deinigste?" "Ich glaube gar nichts" (sagte Albano beleidigt und zerriss sein Blatt in Blattchen von der Grosse der Buchstaben darauf) "Wollen nur wir" (fuhr er mit geruhrter Stimme fort) "bleiben, wir wie sind, fest wie Eisen und biegsam wie Eisen aus Glut!" Der geruhrte Freund suchte folgenden Trost hervor: "Erwarte doch nur den IlluminationsAbend128 da spricht sie mit dir sie muss durchaus erscheinen, und du sollst dich wundern, in welcher Rolle und fur wen." Er nickte stumm; er setzte sich ihre Rolle leicht aus ihrer Ahnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen; aber was half es seinem Gluck?
Mit der Umkehr seines Blattchens, das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt, kam dieser verstarkt zuruck. Nun war auf Albanos blutende Lippe ein heisses Siegel gedruckt; er hatte nun nichts fur und vor sich als die Zeit, die jetzt sein Gift wurde, und erst spater, wie er hoffte, seine Arzenei. Uber sein aufgerufenes Ehrgefuhl wurde uberhaupt nichts Herr; er konnte hinaufsehen zu einer Richtstatte, auf der Blut aufsprang, aber er konnte nicht an einen Pranger schauen, wo unter gift-schwerer, totender Pein eigner und fremder Verachtung ein niederblickendes, verworrenes Gesicht auf die sundige Brust hing.
Karl naherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen, nachtlichen Ratsel; aber Albano, so sehr er sie wunschte, machte ihn irre durch Entgegentreten und suchte ihn nicht einmal auszuhoren, geschweige auszufragen. So lag er auf harten, jugendlichen, stachlichten Rosen-knospen, die eine einzige Stunde zu weichen Rosen aufschliessen kann. Siege geben Siege wie Niederlagen Niederlagen; er fand jetzt gegen die Empfindungen, die ihn belagerten, wenn nicht einen Entsatz, doch eine auf die Ewigkeit verproviantierte Bergfestung in einer Sternwarte. Mit ganzer, festzusammengefasster Seele warf er sich auf die theoretische Sternkunde, um nicht den Tag, und auf die tatige, um nicht die Nacht zu sehen. Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenberge zwischen der Stadt und Blumenbuhl und deckte beide auf; aber er schickte seine Augen nur auf Sternbilder, nicht auf jene rosenroten Stellen der Erde aus, wo sie jetzt aus den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig hatten saugen konnen. So ging er unter den Fest-Zurustungen in Lilar dem langsamen Abend, wo ihn die Gegenwart der schonsten Seele entweder segnen oder zerstoren sollte, bewahrt entgegen, vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals aufblickend, der sich immer bewegte, ungewiss, ob friedlich oder kriegerisch.
74. Zykel
Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht abnehmen oder die blinden Fenster derselben ab und die wahren aufreissen oder so viele bedeckte Wege und Wagen aufdecken oder endlich die ganze Sache das sind lauter Metaphern und die unahnlichsten dazu , welche zu nichts dienen konnen, als die lang' erwartete Auflosung, welche sie beschreiben wollen, nur noch langer und verdrusslicher aufzuhalten; vielmehr, glaub' ich, wird besser der ganze Kriegs- und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei entblosset wie folgt:
Herr von Froulay war, wie schon gedacht, mit einem belle-vue im Gesicht und mit einem mon-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach Hause gekommen. Er sagte seiner Frau offen, was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert, die kunftige Furstin, die fur ihn mehr als gewohnliche Neigung gefasset habe. Er warf ein volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand weiter lobt' er an Frauen nichts129 , so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen ihren; und schatzte sich glucklich mit der Eroberung einer Person, deren feine, fortgesetzte Koketterie (sagt' er) er seines Orts als Muster empfehlen konne, und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg erwidere, aber nur auf halbem, da der Herzog von Lauzun130 so wahr behaupte: um die Liebe von Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten Manne schiesset sonach, wie wir sehen, ganz spat nicht ungleich den frischen Zahnen, die oft Greise erst als Neunziger trieben ein Liebhaberherz unter dem Stern an; allein es ist mehr zu wunschen als zu hoffen, er werde dabei sonderlich den Lacherlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder des Staats entweder auf der Ruderbank, um es zu bewegen, oder auf der Schnitzbank halt, um es fur den Fursten fein und leicht zuzuschnitzen: so ist er Sonnabends so mude, dass ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden konnte und hatt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Fusse oder Moses Gebote , eine Dido aus dem Sturm in die nachste Hohle zu begleiten. Er tuts nicht. Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und weinerlicher, zumal da er besorgt, dass diese ihn am Ende in jene verflechte, weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat ruckwarts- als hinaufwartssteigend. Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern Weltleuten jede Vermahlung auch die der Seelen am Ende so sauer als den Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft fur die Furstin nur eine kalte, politische, kokette, hofliche Liebe auf, wie sie wohl selber hat und wie er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen Fursten. Ich verspreche mir Welt-Leser, die hoffentlich keine Beleidigung fur diesen in Froulays Neigung fur jene finden; denn sobald nur einmal der Hofprediger die kopulierende Hand auf die Furstin gelegt, so hat dieser Haushofmeister gleichsam den Schnitt131 in die Pfauhenne getan, und sie kann dann unangeruhrt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden.
Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt, dass der Minister, wenn er (in diesem) wiederkame und Liane nicht zu Hause fande, keifen wurde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Gebrauch des Dorfluft-Bads schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er sagte der Mutter, es sei ihm nicht missfallig, dass sie sich jetzt gar ausheile, da die neue Furstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort. Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen sehen, ohne dessen Polaritat fur sich zu probieren und damit etwas entweder zu ziehen oder zu stossen. Wie der beruhmte Gottesgelehrte Spener ein Vorfahr des unsrigen so schon taglich zu Gott dreimal fur seine Freunde bat: so findet man mit ahnlicher Freude, dass der Hofmann bei seinem Gotte, dem Fursten, taglich ein wenig fur seine Freunde bittet und etwas haben will.
Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen, sondern erst im Ausfuhren kriegend, vertrug sich mit seinem neuesten leicht, weil er wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden Gemeinschaft zu stehen schien.
Eines Abends landete leider der fatale, angstliche Lektor der das kleinste Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebte vor ihr mit seinem Postschiff an und stieg mit den Staats- und Reichsanzeigen von ihren beiden Kindern unter beiden Armen unter jedem hatt' er eines ans Land; und doch warum fahr' ich uber den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien gespielt, verborgner bleiben als sonst ein einfacher?
Ihr Erstaunen kann nur mit dem grosseren ihres Gemahls verglichen werden, der zufallig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr von Schropp aus Magdeburg , um auf die Bedienten zu horchen, eingeschraubt hatte, und der jetzt manches vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne, lange, eigne Namen, wie Roquairol und Zesara, mit den weiten Maschen seines Nachtgarns aufgefischt. Kaum war der leise Lektor hinaus, so trat er mit dem Ohr in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den Berichten ab. Er hielt es unter seiner Wurde, je seinen Argwohn der sich auch in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argusohren und Augen nicht zumachen liess oder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamrote zu verkleistern oder zu decken; die schonen Lilien der ungefarbtesten Unverschamtheit waren ihm nicht aufgemalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin ergriff sogleich die weibliche Partei, die Wahrheit zu sagen zur Halfte; namlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annaherungen zum Wehrfritzischen Hause, dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend dem Schwiegervater angegossen waren. Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit gesehen, um sich nicht nach dem vortonenden Wort Zesara, das sein zarthoriger BlechSucher auch mit aufgefasset, obwohl vergeblich zu erkundigen; denn die Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb, um ihr diesen Wolf in ihr Eden nachzuhetzen; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und Engel zu bringen; und umging seine Frage.
Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fahrte weiter; er bekam Darmgicht so wurde dem Doktor Sphex gesagt , foderte von diesem schnelle Hulfe und auch einige Nachrichten von seinem Mietsmann, dem Grafen. Herr und Madame Sphex waren ohnedies dem aufgeblasenen Jungling so gram durch ihre ausgeschickten vier Kinder, als enfants perdus in jedem Sinn, als vier Gehorknochen jeder Stadt-Sage, war viel von Blumenbuhl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen. Kurz die Gehorknochen griffen in fremde so gut ein, dass Froulay in einigen Tagen imstande war, mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an seinen Sohn zu fragen, den er mitnehmen wolle.
Er fand einen, den er recht freudig erbrach, ohne doch etwas von Albanos oder Lianens Hand darin zu finden, ausgenommen einige dumme Anspielungen Rabettens auf jenes Paar, welche fur den Minister so viel waren, als hatt' er mit seinen scharfen MautnersSuchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf das konterbande getroffen. Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon.
Wir konnen ihm alle nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem
Schutz- und Stichblatt fur das zweite Briefsiegel in
Staatssachen.
Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als Vater zustehe wiewohl dieser jenen, der Landesvater jeden andern Vater und seinen eignen dazu voraussetzt , das will ich nicht entscheiden, ausser durch die eben hergesetzte Parenthese. Der Staat, der die Postpferde vor die Briefe spannt, hat, scheint es, das Recht, diesen nicht sowohl blinden als blind machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen, um zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht uber alles Licht uberhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert; alles, was durch seine Tore reitet und fahrt, soll nur, sei es auch in ein Couvert gekleidet, den roten Mund aufmachen und sagen, was fur Name und fur Geschafte.
Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muss der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur der Monch seine dem Prior der amerikanische Kolonist seine dem Hollander132 (damit er sie verbrenne, wenn sie uber ihn klagen) : so kann wohl kein Staatsmann, er mag nun den Staat fur eine Kaserne oder fur eine Engelsburg oder fur ein monasterium duplex oder fur eine europaische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht absprechen, sich alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht, Adelskauf- und Apostelbriefe es sind. Der einzige Fehler ist bloss, dass er die Briefe nicht eher vorbekommt als zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es notigt die Regierung, auf- und zuzumachen den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken, wie der Koch muhsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann, sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zuruckgeschoben aufsetzt.
Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiterzufuhren hat. Denn so allgemein es auch anerkannt, so wie Observanz sei, dass die Regierung aus demselben Grunde, woraus sie den letzten Willen offnet, auch jeden vorvorletzten und endlich den ersten musse fruher entsiegeln konnen als der Erbe desselben und dass ein Furst noch viel leichter DienerBriefe in dieselbe Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) musse ziehen konnen, worin Fursten- und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel : so ist doch das Korkziehen der Briefe das Koppelsiegel das Vikariatsiegel das muhsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrussliches und beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muss daher ein Recht gemacht werden durch gesetzliche Wiederholung.
Etwas davon wurde, hoff' ich, sein, wenn befohlen wurde, die Briefe nur auf Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelamtchen lase dann vorher alles durch.
Oder man konnte die Pitschafte, als Munzstempel fur Privatmunzen, nicht mehr zulassen. Es schluge sich dann eine Siegel-Kammer mit grossen Rechten ins Mittel und verpetschierte, wie jetzt den Nachlass der Verstorbnen, alsdann der Lebendigen ihren.
Oder was vielleicht vorzuziehen eine BriefZensur musste anfangen. Ungedruckte Zeitungen, nouvelles a la main, namlich Briefe, konnen, weil sie noch grossere Geheimnisse austragen, nie eine grossere Zensurfreiheit fodern, als gedruckte Zeitungen geniessen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennender Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe (index expurgandarum) ware dann fur den Korrespondenten immer ein Wort.
Oder man vereide die Postmeister, dass sie treue Referendarien alles dessen werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder zugemacht, sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden Siegels weiterzuschicken.
Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schliessen, neu und hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen.
*
Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte, ihre Falschheit gegen ihn sei ihm gar nichts Neues ihren gegenwartigen Plan, bloss um dem Herrnv. Bouverot und ihm entgegenzuarbeiten, versteh' er ganz wohl daherhabe Rabetteherein-, die Tochter hinausgemusst inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester, und wer es sei, zeigen, dass sie nicht bloss eine Mutter habe, sondern auch einen Vater. "Sie muss sogleich herein; je la ferai damer133, mais sans vous et sans Mr. le Comte", beschloss er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle.
Aber die Ministerin fing gemass ihrer harten Verachtung gegen seine Projekte und Krafte mit jener Kalte, die jeden Warmen mehr erbittert hatte als diesen Kalten, an, ihm zu sagen, dass sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr missbilligen und bekriegen musse als er dass sie bloss im zu weit getriebenen und sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbuhl gelassen dass sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und dass sie, so wie sie Lianen kenne, des schonsten leichten Erfolges fast versichert sei.
Allerdings war ihm das unerwartet und unglaublich, zumal nach dem vorigen Verschweigen; nur die feinste Mannerseele sondert in der weiblichen die zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttauschung und der willkurlichen Tauschung ab, der Schwache und des Trugs, des Zufalls und des Entschlusses; die Ministerin ohnehin gehorte unter die Weiber, die man erst lieben muss, um sie zu kennen, was sich sonst umkehret. Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der Beistimmung und Mitwirkung bloss um es kunftig als Waffe gegen sie zu wenden ; konnt' aber auf der andern ihr nicht verbergen, dass sie also wieder (so sprach er stets) nach eignem Gestandnis uber ihre Kinder aus Mangel an Argwohn fehlgesehen habe. Er behielt die Gewohnheit bei, auf eine offenherzige Seele, die ihm ihre Lucken zeigte, durch diese Lucken, als hab' er sie selber gebrochen, gewaffnet einzudringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung kniete, druckt' er tiefer nieder und zog statt des Loseschlussels den Hammer des Gesetzes hervor.
Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten Ubersetzungen kennen lernen, und der osterreichischen goldnen Vliesritterschaft, die vielleicht das Original im Nachdruck lieset, es schuldig, die Ursachen anzugeben, warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste statt Hoftrauer ansagen liess bei dieser Annaherung ihres Ordenssohnes, eines spanischen Grossen, der oft einen deutschen Furstenzepter als Elle an sich legt. Denn jeder Spanier muss sich bisher daruber gewundert haben.
Ich antworte jeder Nation. Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich nichts als die Gewissheit der Trennung; da aus demselben Grunde, den mir die Vliesritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Cesara auf keine Weise eine Brucke zwischen seinem Gotthard und der Jungfrau kann schlagen lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine viel altere, weisere, die er fur den deutschen Herrn und dessen Gelder und Liaisons trug, entgegenstellen, so wie des Vliesritters alten Groll. Drittens hatte die Ministerin ausser denselben Grunden und ausser einigen fur den Lektor vielleicht noch einen ganz entscheidenden, und der war: sie konnte den Grafen nicht ausstehen; nicht bloss allein darum, weil sie eine harte Ahnlichkeit zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze, im Aufbrausen, in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber, im Mangel an religioser Demut und Glaubigkeit, sondern sie konnte ihn vorzuglich deshalb nicht gut ausstehen, weil sie ihn nicht leiden konnte. Wie das System der Pradestination einige Menschen zur Holle verurteilt, sie mogen nachher den Himmel verdienen oder nicht: so nimmt eine Frau den Hass, zu welchem sie jemand einmal verdammte, nicht wieder zuruck, es mogen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der Person Tugenden dagegen sagen, was sie wollen.
Im Friedensschlusse des gewohnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Graf muss des Vaters und des Direktors wegen mit hoflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgeloset die ganze Scheidung des Verlobnisses muss ohne elterliche Einmischung bloss durch die abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen und alles ein Geheimnis bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens fruherem Verlobten, dem deutschen Herrn, den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten, da er zumal jetzt im August mehr an den Spieltischen der Bader als zu Hause war.
So blieb es; und in dieses kalte, schauerliche Gekluft zog die freundliche Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige, offne Lilar verliess. Gelautert und geheiligt von der Freude denn jeder Himmel wurde ihr ein reinigendes Fegefeuer , kam sie edel an die Mutterbrust, ohne den fremden Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Gestandnis der Gartengesellschaft offnete die harte Szene fast in der Kulisse. Wenn die Mutter, die anders anfangen wollte, musste sogleich auf den Donnerwagen steigen, um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen und zu donnern; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne, um Lianen sogleich, da der Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der heutigen Gartengesellschaft aufzulegen. Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die Sae und Blutezeit dieser Liebe eigenmachtig schon in die Tage vor der Reise aufs Land. Wie erschrak die warme Seele uber die Moglichkeit einer solchen Lieblosigkeit! Sie fuhrte, so weit sie nur konnte, die Mutter den reinen, lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte alles, was wir wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Hauptsache ausliess; denn aus Schonung gegen die Mutter musste sie die erscheinende Karoline, die anfangs die Bildersturmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und Brautfuhrerin derselben gewesen, mit dem Totenschein der Zukunft in der Erzahlung unsichtbar bleiben lassen.
Sie hielt mit inbrunstigem Druck die mutterliche Hand unter immer frohern Versicherungen, wie sie ihr hab' immer alles sagen wollen; sie dachte hoffend, sie brauche nichts zu retten als ihr offnes Herz. O, du hast mehr zu retten, dein warmes, dein ganzes und lebendiges! Die Mutter tadelte nun, ihr aus alter Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre Unschicklichkeit, Unmoglichkeit, Tollheit. "O, gute Mutter," (sagte Liane bloss immer sanft unter dem harten Abmalen des kunftigen Albano) "o, so ist er nicht, gewiss nicht!" Ebenso sanft sah sie uber das mit schwarzen Strichen vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg, weil fur ihren Glauben die Erde nur ein im Ather hangender, bluhender Grabeshugel war: "Ach," (sagte sie, ihre Erden-Eile meinend) "unsere Liebe ist so wichtig nicht." Die Mutter nahm dieses Wort und den ganzen sanften Widerstand fur Vorspiele des leichten Siegs.
Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein, mit einer Heerpauke Sturmglocke, Feuertrommel und Klapperschlange im Gurtel, um sich damit vernehmlich zu machen. Zuerst fragt' er er hatte vergeblich gehorcht ganz erboset die Ministerin, wohin sie sein Ohr versteckt habe (es war das blecherne Koppelohr, worin sich, wie in einem venezianischen Lowenkopfe, alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen Dienerschaft und Familie sammleten) jetzt brauch' ers ein wenig, zumal seit den neuesten "Avanturen der frommen Tochter da!" Die Siamer Arzte fangen die Heilung eines Patienten damit an, dass sie ihn mit Fussen treten, welches sie Erweichen nennen. Auf ahnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen VorKur; und begann daher sich, mit den gedachten Sprachmaschinen im Gurtel, deutlich zu erklaren uber umschlagende Kinder uber deren Ranke und Schliche und uber Liebschaften hinter Vaterrucken (so dass kein Vater einen Band Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) versah vieles mit den starksten politischen Grunden, die sich alle auf ihn selber und seinen Nutzen bezogen und schloss mit einigen Verfluchen.
Liane horte ihn ruhig, und an solche wie am Gleicher taglich wiederkehrende Gewittergusse schon gewohnt, ohne andere Bewegung an, ausser dass sie oft das niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zartlichem Mitleiden mit dem vaterlichen Missvergnugen. In der Stille wurd' er am lautesten: "Sie sorgen dafur, Madame," (sagt' er) "dass sie morgen vormittags dem Grafen, was sie von ihm hat, samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte Entschuldigung notifiziert du wirst Hofdame bei der regierenden Furstin ob du gleich es nicht wert warest, dass ich fur dich arbeitete."
"Das ist hart", rief Liane, mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend. Er glaubte, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und fragte zornig: warum? "Vater, ich will so gern" (sagte sie und wandte nur ihr Angesicht aus der Umarmung) "bei meiner Mutter sterben!" Er lachte, aber die Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte herausschlagen lassen, die Hollenpforte zu und versicherte ihn, es sei genug, Liane werde gewiss ihren Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafur Burge sein. Der Gesetzprediger stieg seine Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stossgebet um eine bessere Burgschaft und unter dem Zuruckrufen herab, sein Ohr musse morgen her, und soll' ers in allen Schranken selber suchen.
Die Mutter schwieg nun und liess die Tochter sanft an ihrem Halse weinen; beiden war nach dieser Seelen-Durre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei. Sie liessen einander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden Hoffnungen.
75. Zykel
Ein harter, schwarzer Morgen! Nur der atmospharische draussen war dunkelblau, nichts war sturmisch und laut als etwan die Bienenfluge im Lindendickicht, der Himmelsather schien uber die steinernen Gassen hoch wegzuflattern, um im hellen, offnen Lilar sich tief in alle Gipfel und Spitzen einzusenken und blau wie Pfauengefieder aus den Zweigen zu schillern.
Liane fand auf ihrem Schreibtisch ein Billet, in Grossquart gebrochen, worin der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am fruhen Morgen, eh' er fur die einzelnen Regierungs- und Kammerrate die zur Fruchtbarkeit notigen Strichgewitter aus den Akten aufgezogen, auf die schauernde Tochter mit einem kalten Morgenwolkenbruche niederzugehen suchte. Im gedachten Dekretalbriefchen setzt' ers auf anderthalb Bogen mehr auseinander, was er gestern gemeint Scheidung auf der Stelle , und bog sechs Scheidungsgrunde an, erstlich sein verstimmtes Verhaltnis mit dem Vliesritter zweitens ihre und des Grafen Jugend drittens die nahe Hofdamenstelle viertens sei sie seine Tochter und dieses das erste Opfer, auf welches ihr Vater fur alle seine bisherigen Anspruch mache funftens sehe sie an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders, dessen anscheinende Besserung er ihr zum Vorbilde vorhalte, dass er nur fur das Gluck seiner Kinder lebe und sorge sechstens send' er sie in die Festung *** zu seinem Bruder, dem Kommendanten, falls sie widerspenstig sei, um sie zu entfernen, zu bestrafen und zurechte zu bringen, und weder Weinen noch Fussfallen, noch Mutter noch Holle sollen ihn beugen; und er schenk' ihr drei Tage Zeit zur Vernunft.
Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trosterin das schwere Blatt. Aber aus dieser wurde eine Richterin: "Was willst du tun?" sagte die Ministerin. "Ich will leiden," (sagte Liane) "damit Er nicht leide; wie konnt' ich so sehr gegen Ihn sundigen?" Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer leichten Bekehrung oder aus Verstellung jenen Er fur den Vater und fragte: "Mich nennst du nicht?" Liane errotete uber die Vertauschung und sagte: "Ach, ich Arme, ich will ja nicht glucklich sein, nur treu." Wie hatte sie nicht in dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer innern Engel betend gelebt und geweint! Eine so schuldlose, von der heiligen Freundin im Himmel eingesegnete Liebe eine vom fruhen Tode so sehr abgekurzte Treue ein so fester, mit hohem, fruchttragendem Gipfel gen Himmel wachsender Jungling, den nicht einmal Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeutende schrecken oder locken konnten der ewige Unwille und Gram, den er uber die erste, grosste Luge gegen sein Herz empfinden wurde ihre kurze Durchgangsgerechtigkeit durchs Leben und die nahe Wegscheide, an der sie nicht Steine, sondern Blumen auf die andern Pilger zuruckwerfen wollte alle diese Gestalten nahmen sie an der einen Hand, um sie von der Mutter wegzuziehen, die ihr mit den Worten nachrief: sieh, wie du undankbar von mir gehst, und ich habe so lange fur dich ertragen und getan. Da zog Liane wieder aus dem warmdunkeln Rosental der Liebe in die trockne, platte Erdflache eines Lebens zuruck, worin sich nichts hebt als ihr letzter Hugel. O, wie blickte sie bittend zu den Sternen auf, ob sie sich nicht als Augen ihrer Karoline regten und ihr es sagten, wie sie sich opfern sollte, ob fur den Geliebten oder fur die Eltern; allein die Sterne standen freundlich, kalt und still am festen Himmel.
Aber als die Morgensonne wieder ihr Herz anstrahlte, schlug es hoffend und von neuem gestarkt vom Entschluss, fur Albano heute recht viele Leiden zu erdulden, ach, ja erst die ersten; konnte Karoline, dachte sie, eine Liebe bejahen, der ich untreu sein musste?
Kaum war sie mit dem Morgengruss von den Lippen der Mutter weg, so suchte diese, aber ernster als gestern, die Wurzeln dieses festen Herzens aus seinem fremden Boden zu rucken durch den langern Gebrauch der gestrigen Blumenheber. Sie wurde in der vergleichenden Anatomie zwischen Albano und Roquairol von der gleichen Stimme an bis zur ahnlichen Taille immer schneidender, bis Liane mit dem Madchenwitz auf einmal fragte: "Aber warum darf denn mein Bruder Rabetten lieben?" "Quelle comparaison!" (sagte die Mutter) "Bist du nichts Bessers als sie?" "Sie tut eigentlich viel mehr als ich", sagte sie ganz aufrichtig. "Strittest du nie mit dem wilden Zesara?" fragte die Mutter. "Nie, ausser wenn ich unrecht hatte", sagte sie unschuldig.
Erschrocken nahm die Mutter immer heller wahr, dass sie tiefere und starkere Wurzeln, als leichte Blumen schlagen, auszuziehen habe; sie sammlete alle ihre mutterlichen Anziehungskrafte und Hebemaschinen auf einen Punkt zum Sturze der stillen, grunen Myrte; sie entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan mit dem deutschen Herrn, ihre bisherigen verschwiegenen Kriege und Seufzer daruber, ihren bisher zuruckdrangenden Widerstand und die neueste vaterliche Kriegslist, sie zur Festungsgefangnen bei seinem Bruder zu machen und dadurch wahrscheinlich den Herrn von Bouverot zum Festungsbelagerer.
Fur einige Leser und Relikten aus dem schwerfalligen goldnen Zeitalter der Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt: dass eine besondere kalte, nichts schonende, oft grausame und emporende Offenherzigkeit uber die nachsten Verwandten und uber die zartesten Verhaltnisse in den hohern Standen so sehr zu Hause ist, dass auch die schonern Seelen worunter doch diese Mutter gehort es gar nicht anders wissen und machen.
"O, du beste Mutter!" rief Liane erschuttert, aber nicht vom Gedanken an die Klapper und den Schlangenatem Bouverots oder an dessen Mordsprung nach ihrem Herzen sie dachte so kaltblutig an sein Verloben wie jeder Unschuldige an sein Sterben auf einem Blutgeruste , sondern vom Gedanken an das lange Uberbauen der mutterlichen Tranen, der mutterlichen Liebesquellen, welche bisher nahrend tief unter ihren Blumen geflossen waren; sie warf sich dankend zwischen diese helfenden Arme. Sie schlossen sich nicht um sie, weil die Ministerin durch keine Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszuspulen war.
In diese Umfassung griff oder trat der Minister ein. "So!" sagt' er schnell. "Mein Ohr, Madame," (fuhr er fort) "findet sich unter den Domestiken durchaus nicht wieder vor; das hab' ich Ihnen zu sagen." Denn er hatte sich heute auf einen Gesetz-Sinai gestellt und der an dessen Fuss versammelten Dienerschaft in die Ohren gedonnert, um seines zu erfragen, "weil ich glauben muss," (hatt' er ihr gesagt) "dass ihr mirs aus sehr guten Grunden gestohlen habt". Dann war er als Hagelschauer, wie ein Kuchendampf bei windigem Wetter, durch die einzelnen Dienerzimmer und Winkel nach dem Ohr gezogen. "Und du?" sagt' er halbfreundlich zu Liane. Sie kusste seine Faust, die er, wie der Papst den Fuss, allezeit als den Lehn- und Lippentrager, Agenten und de latere-Nuntius des Mundes den Kussen schickte.
"Sie bleibt ungehorsam", sagte die strenge Frau. "So gleicht sie Ihnen ein wenig", sagt' er, weil der Misstrauische die Umarmung fur eine Verschworung gegen ihn und seinen Bouverot ansah. Nun barst sein Eis-Hekla und flammte und floss bald auf Tochter, bald auf Frau erstere sei gar erbarmlich, sagt' er, und nur der Hauptmann etwas wert, den er glucklicherweise allein gebildet er errat' alles, hor' alles, wenn man auch sein Ohrblech verborgen es werde demnach, wie er sehe (er zeigte auf seinen entsiegelten Morgenpsalm), zwischen beiden Kollegien kommuniziert aber Gott soll' ihn strafen, wenn er nicht "Tochterchen, antwort doch endlich!" bat er.
"Mein Vater" (sagte Liane, seit der Bouverotischen Verbruderung und der Misshandlung der Mutter ihr Herz mehr fuhlend, das aber nur verachten und nie hassen konnte) "meine Mutter hat mir heute und gestern alles gesagt; aber ich habe doch Pflichten gegen den Grafen!" Eine kuhnere Lebhaftigkeit, als die Eltern sonst an ihr vermisset und gefunden hatten, strahlte unter dem aufgehobenen Auge. "Ach, ich will ihm ja nur so lange treu verbleiben, als ich lebe", sagte sie. "C'est bien peu", versetzte der Minister, uber die Keckheit erstaunend.
Liane horte jetzt erst ihr entflognes Wort nach; da ergriff sie, um die Vergangenheit und ihre Mutter zu rechtfertigen, den schonen und lacherlichen Entschluss, den alten Herrn zu ruhren und zu bekehren durch ihre Geister- oder Traumseherei. Sie bat ihn um eine einsame Unterredung und nachher als sie schwer vergonnet war darin um sein heiliges Versprechen, gegen die Mutter zu schweigen, weil sie furchtete, dieser Liebenden die dem Ausschlagen nahe rasselnden Uhrrader ihrer Sterbeglocke zu zeigen. Der alte Herr konnte nur mit einer komischen Miene wobei er aussah wie einer, der in grimmiger Kalte lachen will hinlangliches Worthalten geloben, weil nie, so viel er sich entsinnen konnte, das Wort von ihm, sondern bloss oft er vom Wort gehalten wurde. In solchen Menschen sind Wort und Tat dem theatralischen Donner und Blitze ahnlich, welche beide, sonst im Himmel gleichzeitig verbunden, auf der Buhne aus getrennten Ecken und durch verschiedne Arbeiter hervorbrechen. Aber Liane ruhte nicht eher, als bis er ein wortfestes, offnes Gesicht ein gemaltes Fenster aufgetragen. Darauf fing sie nach einem Faustkuss ihre Geistergeschichte an.
Mit fortgesetztem Ernst, fest zusammengehaltenen Muskeln horte er dem Unerhorten zu; dann nahm er sie, ohne ein Wort zu sagen, an der Hand und fuhrte sie vor die Mutter zuruck, der er sie mit einem langen Lob- und Dankpsalm auf ihre gluckliche Tochterschule uberreichte; "seine Knabenschule mit Karl sei ihm wenigstens nicht in diesem Grade gegluckt", setzt' er hinzu. Zum Beweise teilt' er ihr offenherzig und alle Schmerzen Lianens kaltblutig verarbeitend, wie der Fassbinder Zypressenzweige zu Tonnenreifen das wenige mit, was er zu verschweigen verheissen, weil er immer entweder sich wegwarf oder den andern, meistens beide. Liane sass hochrot, heisswerdend, mit gesenkten Augen da und bat Gott um Erhaltung ihrer Kindesliebe gegen den Vater.
Kein teilnehmendes Auge werde ferner mit dem Eroffnen einer neuen Zeit gequalt, wo das Eis seiner Ironie brach und ein wutender Strom wurde, in welchen noch dazu mutterliche Tranen des Zorns flossen uber ein teueres Wesen und dessen verderbliches, fieberhaftes Hineintraumen in den letzten Schlaf. Das Ziel und die Gefahr kopulierte fast die Eheleute zum zweitenmal; wenn es glatteiset, gehen die Menschen sehr Arm in Arm. "Du hast nichts nach Lilar geschickt?" fragte der Vater. "Ohne Ihre Erlaubnis wurd' ichs gewiss nicht tun", sagte sie, meinte aber ihre Briefe, nicht Albanos seine. Er benutzte den Missverstand und sagte: "Du hast sie ja aber." "Ich will alles gern tun und lassen," (sagte sie) "aber nur wenn der Graf einwilligt, damit ich ihm nicht unredlich erscheine; er hat mein heiliges Wort auf meine Treue." An diese milde Festigkeit, an diesen mit weichen Blumen uberzognen Petri-Fels stiess sich der Vater am hartesten. Dazu war der Ubertritt eines stolzen Liebhabers von eignen Wunschen zu den feindlichen, gesetzt man hatte Lianen die Frage an den Grafen erlaubt, so unmoglich auf der einen Seite, und das Gesuch um diese Veranderlichkeit, es mochte bewilligt oder abgeschlagen werden, uberhaupt so heruntersetzend auf der andern, dass die betroffne Ministerin stolz aufstand, wieder fragte: "Ist das dein letztes Wort an uns, Liane?" und als Liane weinend antwortete: "Ich kann nicht anders, Gott sei mir gnadig!", sich zornig wegwandte an den Minister und sagte: "Tun Sie nun, was Sie fur convenable halten, ich bin unschuldig." "Nicht so ganz, ma chere; aber gut!" (sagt' er:) "Du bleibst von morgen an in deinem Zimmer, bis du dich korrigierst und unsers Anblicks wurdiger bist", kundigte er hinausgehend Lianen mit zwei auf sie geworfenen Augen-Salven an, worin meines Ermessens weit mehr Reverberierfeuer-Plagegeister atzende, fressende Medikamente Gehirn- und Herzensbohrer versprochen wurden, als sonst ein Mensch gebend halten oder empfangend tragen kann.
Armes Madchen! dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag! Du siehst in die Zeit hinaus, wo dein kleiner Sarg steht, an welchem ein grausamer Engel die schonen, um ihn herumlaufenden, noch frischen Blumenstucke der Liebe wegwischt, damit er ganz weiss, so rosenweiss wie deine Seele oder deine letzte Gestalt, herubergetragen werde!
Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einode ihres Klosterzimmers war ihr ebenso furchterlich, nur nicht furchterlicher als das Zurnen derselben, das sie heute erst zum drittenmal erlebte, obwohl nicht verdiente. Es war ihr, als wenn nun nach der warmen Sonne auch noch gar das helle Abendrot unter den Horizont gesunken ware, und es wurde dunkel und kalt in der Welt. Sie blieb diesen ganzen noch eingeraumten Tag bei der Mutter; gab aber nur Antworten, blickte freundlich an, tat alles gern und behend und hatte da sie jeden zusammenrinnenden Tautropfen schnell mit dem Zwergfinger aus den Augenwinkeln schlug, als sei es Staub, weil sie dachte: nachts kann ich weinen genug sehr trockne Augen; und das alles, um der belasteten Mutter nicht zu neuer Last zu sein. Aber diese, wie Mutter so leicht, verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Anbruche der Verstokkung; und als Liane in unschuldiger Absicht des Trostes sich Karolinens Bild aus Lilar wollte bringen lassen, galt auch diese Unschuld fur Verhartung und wurde mit einer elterlichen gestraft und erwidert; namlich mit der Erlaubnis, zu schicken. Nur forderte die Ministerin die franzosischen Gebete von ihr zuruck, als sei sie nicht wert, diese ihrem jetzigen Herzen unterzulegen. Nie ist der Mensch kleiner, als wenn er strafen und plagen will, ohne zu wissen wie.
Da jeder, der regiert, er sitze auf einem Lehr- oder Furstenstuhl, oder wie Eltern auf beiden, dem Fussbewohner desselben den vorigen Gehorsam, sobald er ihn einmal aussetzt, nicht als Milderung seiner Schuld anschreibt, sondern als Vergrosserung: so tat es die Ministerin auch gegen ihr von jeher so folgsames Kind. Sie hasste ihre reine Liebe, die wie Ather ohne Asche, Rauch und Kohle brannte, um desto mehr und hielt sie fur Schadenfeuer oder Feuerschaden, besonders da ihre eigne bisher fast nie mehr als ein vornehmes Kaminstuck gewesen.
Liane stieg zuletzt, zu schwer zusammengepresset, da jenseits der Wandtapete der heitere Tag, der schonste Himmel bluhte, aufs welsche Dach hinauf. Sie sah, wie die Menschen vergnugt von kleinen Lustortern, weil die Erde ein grosser war, zuruckfuhren und ritten; auf Lilars Stauden-Pfad wandelten die Spazierganger selig-langsam heim auf den Gassen wurde laut an den Fest-Gerusten und Himmelswagen fur die Furstenbraut gezimmert, und die fertigen Rader wurden prufend gerollt und uberall horte man die Ubungen der jungen Musik, die erwachsen vor sie treten sollte. Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr Leben allein im dunkeln Gewande stehen sah druben das leere Haus des Geliebten hier das ihrige, das auch leer fur sie geworden diese Stelle, die noch an eine schonere, seltnere Abblute als des cereus serpens erinnerte und o! diese kalte Einsamkeit, da ihr Herz heute zum ersten Male ohne ein Herz lebte; denn ihr Bruder, der Chorist ihres kurzen Freudengesanges, war verschickt und Julienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsichtbar nein, sie konnte die schone Sonne, die so hell und weiss mit ihrem hohen Abendsterne sich tiefer wiegte, nicht niedergehen sehen oder das frohe Abendchor des langen Tages anhoren, sondern verliess die glanzende Hohe. O, die fremde Freude stirbt im unbewohnten dunkeln Busen, wo sie keine Schwester antrifft, und wird zum Gespenst darin! So deutet das schone Grun, diese Fruhlingsfarbe, sobald es eine Wolke malt, nichts als an lange Nasse.
Da sie bald in die Freistatt des Tags, das Schlafzimmer, trat, wetterleuchtete draussen der Himmel; o, warum jetzt, hartes Geschick? Aber hier, vor dem Stilleben der Nacht, wenn das Leben, von ihrem Flor bezogen, leiser tont hier durfen alle ihre Tranen fliessen, die ein schwerer Tag gekeltert hat. Auf dem Kopfkissen, als trug' es den langsten Schlaf, ruhet dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust, die ihm seine Tranen zankend nachzahlt; und es weinet sanft nicht uber, nur um Geliebte.
Wie gewohnlich wollte sie ihre mutterlichen Gebete aufschlagen; als sie erschrocken daran dachte, dass man sie ihr genommen. Da blickte sie heissweinend auf zu Gott und bereitete allein aus dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet, und nur Engel haben die Worte und die Tranen gezahlt.
76. Zykel
Der Vater hatte die Zimmer-Gefangenschaft zum strafenden Merkmal ihres Neins gemacht. Mit hohen Schmerzen sprach sie dieses stumme Nein, indem sie freiwillig im Zimmer blieb und dem Morgenkuss der Mutter entsagte. Sie hatte in der Nacht oft das tote Bild ihrer ratgebenden Karoline flammend angeblickt, aber kein Urbild, kein Fieberbild war ihr erschienen: kann ich langer zweifeln, schloss sie daraus, dass die gottliche Erscheinung, die das Ja zu meiner Liebe gesprochen, etwas Hoheres als mein Geschopf gewesen, da ich sie sonst ihrem Bilde gegenuber musste wieder bilden konnen?
Sie hatte Albanos bluhende Briefe in ihrem Pulte und schloss es auf, um hinuberzusehen aus ihrer Insel in das entruckte Morgenland der warmern Zeit; aber sie schloss es wieder zu; sie schamte sich, heimlich froh zu sein, da ihre Mutter traurig war, die in die truben Tage nicht einmal wie sie aus schonen kam.
Froulay liess sie nicht lange allein, sondern bald rufen; aber nicht um sie zu verhoren oder loszusprechen, sondern um sie wozu freilich eine ungeschminkte Stirne und Backe gehorten, deren Fibern-Garn so schwer wie seine mit dem turkischen Rot der Scham zu farben war zu seiner Malersprachmeisterin zu vozieren und sie in die furstliche Galerie mitzunehmen, um von ihr die Erklarung dieser Titelkupfer (fur ihn) in diesem Privatstummeninstitut so gut nachzulernen, dass er imstande ware sobald die Furstin sie besieht etwas Bessers als einen Stummen bei den Schonheiten der Bilder und der bilderdienerischen Regentin vorzustellen. Liane musste ihm jedes gemalte Glied mit dem dazu gehorigen Lobe oder Tadel in sein ernstes Gehirn nachpragen, samt dem Namen des Meisters. Wie erfreuet und vollstandig gab sie diese Kallipadie ihrem brummenden Malerkornuten, der nicht eine einzige dankbare Miene als Schulgeld entrichtete!
Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speisebedienten sehr ernst und traurig; sie wagte ihr nicht den Mund, nur die Hand zu kussen und schlug das liebestromende Auge nur scheu und wenig zu ihr auf. Das Diner schien eine Leichenessen. Nur der alte Herr, der auf einem Schlachtfeld seine Hochzeitmenuett getanzt und seinen Geburtstag gefeiert hatte, war wohlgemut und bei Appetit und voll Salz. War Hauskampf, so speist' er gewohnlich en famille und holte sich unter beissenden Tischreden, wie gemeine Leute im Winter und in der Teuerung, scharfere Esslust. Zanken starkt und befeuert schon an sich, wie Physiker sich bloss dadurch elektrisieren konnen, dass sie etwas peitschen134.
Lacherlich und doch schmerzlich war es, dass die arme Liane, die den ganzen Tag einen Kerker huten sollte, gerade heute immer daraus gerufen wurde; das mal wieder in den Wagen, der das traurige Herz und das lachelnde Gesicht vor lauter hellen Palasten absetzen sollte. Sie musste mit den Eltern zur Prinzessin gehen und so glucklich aussehen, wie die waren, die sie auf dem truben Wege zu beneiden fanden. So blutet das Herz, das nicht weit vom Thron geboren worden, immer nur hinter dem Vorhang und lacht bloss, wenn er aufgeht; so wie eben diese Vornehmen sonst nur ingeheim hingerichtet wurden. Der uber seine Vermahlung lacherlich-laute Furst der von den Spieltischen oder Kaperbrettern zuruckgekehrte Bouverot, den jetzt Liane seit den neuesten Nachrichten nur schaudernd litt und die Prinzessin selber, die ihre bisherige Entfernung von ihr mit den zerstreuenden Zurustungen zum Feste entschuldigte, und die ganz fremd auf einmal uber Liebe und Manner spottete alle diese Menschen und Zufalle konnten nur einer Liane, die so wenig erriet, so viel litt und so gern ertrug, nicht die unertraglichsten scheinen.
Ach, was war unertraglich als die eiserne Unveranderlichkeit dieser Verhaltnisse, die Festigkeit eines solchen ewigen Bergschnees? Nicht die Grosse, sondern die Unbestimmtheit des Schmerzes, nicht der Minotaurus des Labyrinths, der Kellerfrost, die Eckfelsen und Gruben desselben ziehen uns darin die Brust zusammen, sondern die lange Nacht und Windung seines Ausgangs. Sogar unter den KorperKrankheiten kommen uns daher ungewohnte neue, deren letzter Augenblick uber unsere Weissagung hinausliegt, drohender und schwerer vor als wiederkehrende, die als nachbarliche Grenzfeinde uns immer anfallen und in der Rustung finden.
So stand die stumme Liane im Gewolk, als die frohlockende Rabette mit der Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief, diese Schwester des heiligen, weggerissenen Menschen, die Bundesgenossin so glanzender Tage. Sie wurde ehrend aufgenommen und immer von einer Ehrenwache, der Ministerin, begleitet, weil sie ja eine Gesandtin des Grafen ebensogut sein konnte als eine Wahlherrin ihres Sohnes. Die Listige suchte einige einsame Augenblicke mit Lianen durch das kuhne Betteln um deren Begleitung nach Blumenbuhl zu erhaschen; die Begleitung wurde auch zugestanden und sogar der Mutter ihre dazugetan. Liane fuhr den Weg nach Blumenbuhl, uber den noch bluhenden Gottesacker eingesenkter Tage. Welcher Tranenstrom arbeitete in ihrer Brust herauf, da sie von der noch glucklichen Rabette schied!
Diese hatte unschuldigerweise dem Hause einen der grossten Zankapfel fur das Abendessen dagelassen, den je der Minister fur die Fruchtschale mit seinem Apfelpflucker sich geholet hatte; daher soupiert' er wieder en famille. Rabetten war namlich ein dummes Wort uber das sonntagige Beisammensein in Lilar entfahren; "davon" (sagte Froulay ganz freundlich) "hast du uns ja kein Wort merken lassen, Tochter." "Der Mutter sogleich!" versetzte sie zu schnell. "Ich nahme auch gern Anteil an deinen Lustbarkeiten", sagt' er, Grimm versparend. Ganz aufgeraumt setzte sich dieser Flossknecht so vieler Tranen und abgehauener Blutenzweige, die er darauf hinabschwimmen liess, an die Abendtafel. Nach seinem Verstarkungsohr fragt' er zuerst Bediente und Familie. Darauf ging er ins Franzosische uber wiewohl die Tellerwechsler eine grobe Ubersetzung davon fur sich, eine versio interlinearis, auf seinem Gesichte fanden , um zu berichten, der vornehme Graf sei dagewesen und habe nach Mutter und Tochter gefragt. "Mit Recht verlangt' er euch beide" (fuhr der moralische Glacier fort, der gern das warme Essen kuhlte) "ihr verschweigt immer, wie ich heute wieder horte, gemeinschaftlich gegen mich; aber warum soll ich euch denn noch trauen?" Er hasste jede Luge von Herzen, die er nicht sagte; so hielt er sich ernstlich fur moralisch, uneigennutzig und sanft bloss darum, weil er auf das alles bei dem andern unerbittlich drang. Mit den reichlichen Brennesseln der Persiflage auch botanische kommen in kaltem und steinigem Boden am besten fort uberdeckte er alle seine auf- und zugehenden Hummerscheren, wie wir Bachkrebse in Nesseln fassen, und nahm zuerst sein weiches Kind zwischen die Scheren. Das sanfte, ergebene Lacheln desselben nahm er fur Verachtug und Bosheit Wie kommt diese Sanfte erklarlicherweise zu seinem Vaternamen, wenn man nicht die alte Hypothese annimmt, dass Kinder gewohnlich dem am ahnlichsten werden, wornach sich die schwangere Mutter vergeblich sehnte, welches hier ein sanfter Gatte war? Dann griff er, aber heftiger, die Mutter an, um bei seinem Misstrauen sie mit der Tochter zu entzweien, ja um vielleicht diese durch die mutterlichen Leiden zu kindlichen Opfern und Entschlussen zu peinigen. Ganz frei erklart' er sich denn der Egoist trifft die meisten Egoisten an, wie die Liebe und Liane nur Liebe und keine Selbstliebe gegen den Egoismus um und neben sich und verbarg es nicht, wie sehr er beide immer Egoistinnen (wie die alten Heiden die Christen Atheisten) innerlich schelte.
Die Ministerin, gewohnt, mit dem Minister in keiner Ehe weniger zu leben als in der der Seelen wie Voltaire die Freundschaft definiert , sagte bloss zu Lianen: "Fur wen leid' ich so?" "Ach ich weiss es", antwortete sie demutig. Und so entliess er beide voll tiefster Leiden und dachte nachher an seine Geschafte.
Dieser allseitige Jammer wurde durch etwas grosser, was ihn hatte kleiner machen sollen. Der Minister argerte sich, dass er taglich den Geschmack der Weiber mitten im Zorne zu Rate ziehen musste uber sein Ausseres. Er wollte am Vermahlungsfeste seiner Geliebten wegen ein wahrer Paradiesvogel, ein Paradeur, eine Venus a belles Fesses sein. Von jeher macht' er gern die Doppelrolle des Staats und Hofmanns und wollte, um Stolz und Eitelkeit zusammen zu kaufen, zu einem Diogenes-Aristipp verwachsen. Aber etwas davon war nicht Eitelkeit, sondern der mannliche Plagegeist der Ordnungs- und Rechtshaberei wollte nicht aus ihm fahren. Er war imstande, die Kleidergeissel, womit der Bediente wenige Staubchen im Staatsrocke sitzen lassen, gegen die Livree selber in Schwung zu setzen; noch gefahrlicher wars weil er zwischen zwei Spiegeln sass, dem Friseur- und dem grossen Spiegel im Ofenschirm , auf seine eigne Wolle den Staub recht aufzutragen; und am schwersten wurd' er vom Putze seiner Kinder befriedigt. Liane als Zeichnerin musste ihm nun jetzt die rechte Farbe eines neuen Uberbalgs vorschlagen Sachets oder Riechsacke liess er fullen und mit diesen die Schubsacke und einen Moschuspflanzen-Topf in sein Fenster stellen, nicht weil er die Blatter zum Riechen (das erwartete er von seinen Fingern), sondern weil er sie zum Einolen fur diese durch Reiben brauchen wollte Patentpomade fur Fauste und englisches gepresstes Zierpapier auch fur diese (wenn sie eine Billetdoux-Feder ansetzen wollten) und andere Nippes erregten weniger Aufmerksamkeit als der Schnupftabak, den er sich anschaffte, aber nicht fur die Nase, sondern fur die Lippen, um solche rot zu reiben. In der Tat, vor mancher lustigen Haut hatt' er sich ganz lacherlich gemacht, wenn sie ingeheim ihn aus seinem Souvenir die Haarzange und mit dieser aus seinen Augenbraunen da, wo der Sattel des Lebens wie auf einem Pferde das Haar weiss gedruckt hatte, letzteres hatte ausziehen sehen; und nur der Minister selber konnte ernsthaft dabei aussehen, wenn er vor dem Spiegel die feinern Weisen zu lacheln durchlachelte die beste hielt er fest oder wenn er die leichtern Wurfe anprobierte, womit man sich aufs Kanapee bringt wie oft musst' er sich werfen! und wenn er uberhaupt an sich arbeitete.
Zum Gluck fur die Mutter kam der gute Lektor; aus der Hand dieses alten Freundes hatte sie so oft, wenn nicht eine Himmelsleiter, doch eine Grubenleiter, um darauf aus dem Abgrund zu steigen, genommen; hoffend brachte sie jetzt alle ihre Not vor ihn. Er versprach einige Hulfe unter der Bedingung, mit Lianen allein auf ihrem Zimmer zu sprechen. Er ging zu ihr und erklarte zart seine Wissenschaft um ihre Lage.
Wie errotete das kindliche Madchen uber die scharfen Tagsstrahlen, welche die duftende Nachtviole ihrer Liebe trafen! Aber ihr Kindheitsfreund sprach sanft an dieses geschlagne Herz und von seiner gleichen Liebe gegen sie und ihren Freund von dem Temperamente des Vaters und von der Notwendigkeit bedachtsamer Massregeln und sagte, die beste sei es, wenn sie ihm heilig gelobe, dem elterlichen Wunsche, den Grafen strenge zu meiden, nur so lange nachzugeben, bis er von dessen Vater, den er als Begleiter des Sohnes langst uber das neue Verhaltnis benachrichtigen und fragen mussen, das Ja oder Nein dazu erhalten; sei es ein Nein was er aber nicht verburge , so musse Albano das Ratsel losen; sei es ein Ja, so steh' er selber fur das zweite ihrer Eltern; zugleich muss' er aber auf ihr festestes Schweigen gegen diese uber sein Anfragen, wodurch sie sich vielleicht kompromittiert finden konnten, Anspruch machen. Damit wurzelte er nur noch tiefer in ihr Vertrauen ein.
Sie fragte zitternd, wie lange die Antwort verziehe. "Sechs, acht, eilf Tage nach der Vermahlung hochstens!" sagt' er rechnend. "Ja, guter Augusti! Ach, wir leiden ja alle", sagte sie und setzte vertraulich und aus weinender Brust hinzu: "es geht Ihm aber wohl?" "Er ist fleissig", versetzt' er.
So brachte er sie, mit zwei Geheimnissen beladen und fur jetzt eine Interims-Absonderung bejahend, zur Mutter zuruck; aber diese zahlte nur dem Lektor den Lohn eines freundlichen Blickes aus. Er verlangte indes nach seiner Kartauser-Manier keinen andern als das gutigste Schweigen gegen den Minister uber seine Einmischung, da dieser sein Verdienst dabei etwan fur grosser halten konnte, als es ware.
Dem Minister wurde die achttagige Besserung und Enthaltung angesagt. Er glaubte sich Misstrauen in die Frau vorbehaltend doch weiter in Feindes Land einzudringen mit seinen Waffen; auch liess er sich die neue Frist und Lianens Entkerkerung mit darum gefallen, um seine Tochter bei dem Vermahlungsfest bluhend und gesund als eine glanzende Pfauhenne an seine Geliebte und vor sich her zu treiben.
Roquairol kam jetzt von dieser zuruck; und strahlte ein paar Wolken im Hause mit schonem, hellem Morgenrote voll. Er uberbrachte dem Vater Nachrichten und Grusse von der Furstin. Lianen brachte er das Echo jener geliebten Stimme mit, die einmal zu ihrem Himmel gesagt hatte: er werde! ach die letzte Melodie unter den Misstonen der uneinigen Zeit. Er erriet leicht denn er erfuhr wenig von der ihn vernachlassigenden Mutter und nichts von der Tochter , wie alles stehe. Als er vollends Albanos Blatt an diese ihr am dammernden Abend in den Arbeitsbeutel schieben wollte und sie mit einem Ach der Liebe sagte:
"Nein, es ist wider mein Wort aber kunftig etwan, Karl!" : so sah er "mit brausendem Ingrimm seine Schwester im offnen Charons-Kahn zum Tartarus aller Leiden schiffen", wie er sagte. An den Freund dacht' er weniger als an die Schwester. Der freundliche, schmeichelnde Minister er schenkte zum Beweis dem Hauptmann einen Sattel von Wert berichtete ihm den Besuch Rabettens und gab Winke uber Verlobung und dergleichen; Karl sagte keck: er schiebe all sein Gluck hinaus, solange seine liebe Schwester keines voraussehe. Um den alten Herrn wieder mehr fur Lianen einzunehmen, fuhrt' er ihn fur das Vermahlungsfest auf eine romantische Invention, die Froulay nicht ahnete, als er schon ganz dicht an ihr stand: namlich Idoine (die Schwester der Braut) war Lianen auffallend ahnlich. Die Furstin liebte sie unaussprechlich, sahe sie aber nur selten, weil sie ihres starken, einmal zu einer Thron-Ehe neinsagenden Charakters wegen auf einem von ihr selber gebaueten und regierten Dorfe wohnte, hoflich vom Hofe verbannt. Er legte nun dem Vater die poetische Frage vor, ob Liane nicht in der Illuminationsnacht einige Minuten lang im Traum-Tempel, der ganz zu diesem schonen Truge passe, die Furstin mit dem Widerschein ihrer geliebten Schwester erfreuen konne.
Entweder machte den Minister die Liebe gegen die Furstin kuhner, oder der Wunsch trunkner, Liane als Hofdame glanzend einzufuhren: genug er fand in der Idee Verstand. Wenn etwas fur den Separatfrieden, den er mit dem Sohne gemacht, den Tabak in die Friedenspfeife hergab: so war es dieses Rollenblatt. Er eilte sogleich zum Fursten und zur Prinzessin mit der Bitte um seine Erlaubnis und um ihre Teilnahme; darauf, als er beides hatte, zu seinem Orest Bouverot und sagte: "Il m'est venu une idee tres singuliere qui peut-etre l'est trop; cependant le prince l'a approuvee etc." und endlich zu Lianen, um doch auch diese nicht zu vergessen.
Der Hauptmann hatte schon fruher sie zu bereden gesucht. Die Mutter war gegen diese Nachspielerei aus Selbstbewusstsein und Liane aus Demut; eine solche Reprasentation kam dieser als eine zu grosse Anmassung vor. Aber zuletzt gab sie nach, bloss weil die schwesterliche Liebe der Furstin ihr so gross und unerreichbar geschienen, gleich als pflegte sie nicht eine ahnliche in ihrem Herzen; so fand sie immer nur das Spiegelbild, nie sich schon, wie der Astronom denselben Abend mit seinem roten Glanze und Nachtschatten zauberischer und erhabener findet, wenn er ihn im Monde antrifft, als wenn er auf der Erde mitten darin steht. Vielleicht lag noch eine ganz dunkle Sussigkeit, namlich eine schwiegertochterliche, in Lianens Liebe fur die Furstenbraut; weil diese einmal des Ritter Gaspards seine hatte werden sollen. Die Weiber achten Verwandtschaft mehr als wir, daher auch ihr Ahnenstolz immer einige Ahnen alter wird als unserer.
So bereitete sie denn das gepresste Herz zu den leichten Spielen des glanzenden Festes vor, das die kunftigen Zykel gleichsam am Neujahrsfest einer neuen Jobelperiode geben.
Siebzehnte Jobelperiode
Furstliche Vermahlungs-Territion
Lilars Illumination
77. Zykel
Welche allgemeine Landfreude konnte jetzt von einem Grenzwappen zum andern acht Tage lang jauchzen! Denn so lange war die Landtrauer suspendiert die Glocken lauteten zu etwas Besserem als zum Grabe es war wieder Musik erlaubt allen Spieluhren und Spielleuten alle Theater waren geoffnet worden, ware eines dagewesen, oder der Hof verschlossen, der bestandig spielte und man konnte hohern Orts acht Tage ohne schwarzen Rand gehen und dekretieren Nachher nach dem erfrischenden Zwischenakt, wo man das Orchester, Punsch und Kuchen genoss, sollte wieder aufgeraumter ans Weinen und Trauerspielen gegangen werden. Der Furst ritt am Morgen der langweiligen Einholungs-Wagenfahrt uber die Grenze voraus mit Bouverot und Albano; alle drei als die einzigen im Lande unabhangigen, bei dem Feste nicht interessierten Leute. Der arme Luigi! Ich hab' es schon im ersten Band des Titans sehr deutlich gesagt, dass der furstliche Brautigam, der heute die Decke beschlagt, bloss ein Landes-Vater sein kann, keiner fur das Haus; unter seinem Fursten-Himmel ist wie auf der ersten Schachfelder-Gasse alles zu machen und zu regenerieren, Offiziere, selber die Schachkonigin, aber der Schach nicht. Es ware zu wunschen da der Umstand das Fest ins Lacherliche schattiert , der Brautigam konnte manchen ihn auslachenden alten Familien die es so oft selber im heraldischen und medizinischen Sinne zugleich sind zur Beschamung nur einige Dutzend von den Prinzen um den Traualtar gestellet zeigen, die er in Kalabrien, Wallis, Asturien, in der Dauphine ganz Europa war ihm eine sitzen lassen, kurz in so vielen aktiven Erblandern, d.h. in den Erbinnen, nicht Erbschaften fremder Prinzen; konnt' er das, so wurd' er vergnugter in die heutigen Gluckwunsche dreinschauen, weil schon einige Dutzende Erfullungen darneben standen und zuhorchten. Aber wie das Bette des Marquis von Exeter in London, das 3000 Pfund kostet, die Marquisin in einen Thron verwandeln kann: so muss das die Furstin auch tun, ohne es wie diese ruckwarts verwandeln zu konnen.
Ich will ihn daher auf dem heutigen Tanzplatz der Freude gar nicht als Brautigam, sondern immer so wie man Krone sagt ohne gekrontes Haupt bloss als Brautigamsrock aufstellen und vorfuhren, um ihn nicht lacherlich zu machen. Albano ritt mit einer Brust voll Zorn, Verachtung und Bedauern neben diesem Opfertiere der schwarzen Staatskunst her und begriff bloss nicht, wie Luigi nicht den deutschen Herrn, diese gemietete Axt und diesen Wurzelheber seines Stammbaumleins, mit einem Fersenstosse weit von sich wegschlage. Guter Jungling! ein Furst macht sich leichter von Menschen los, die er liebt, als von solchen, die er recht lange hasset; denn seine Furcht ist starker als seine Liebe.
Der grossherzige, nie eng-, immer weitbrustige Jungling fand heute in seiner feierlichen, schmerzlichen Stimmung alles Tragische, Edle und Unendle grosser, als es war. Er zeigte zwar nur ein feuriges Auge und heiteres Angesicht, weil er zu jung und schamhaft war, personlichen Schmerz prunkend auszulegen; aber unter dem Auge, das sich nach der hohen Wetterscheide richtete, an der heute sein dunkles Gewolke auseinandergehen oder zu ihm herunterkommen sollte, brannte der Tropfe. Der heutige Abend, in den er so oft hineingesehen als in eine Holle, und ebensooft als in einen Himmel, stand jetzt als ein verworrenes Mittelding von beiden so nahe, und doch hart an ihm! Ein Gewimmel verwandter Gefuhle begleitete ihn zu der (nach seiner Meinung unglucklichen) Braut seines Vaters und dieses Fursten.
Eine Viertels-Meile jenseits Hohenfliess fuhr schon ihr Gibbon voraus, bekannt bei allen Naturforschern nicht bei den Politikern durch die langen Arme, welche bekanntlich dieser Molucken-Besitzer und Affe tragt. "Wo ist mein Gibbon?" fragte die Furstin gewohnlich (gesetzt, dass sie auch den englischen Namensvetter, den Geschichtsschreiber mit langen Nageln und kurzen Satzen gegen die Christen, in der Hand hatte), denn sie verlangte ihren Langarm.
Endlich kam sie dahergesprengt im Federbusch im Reitrock auf dem schonsten Englander eine grosse majestatische Gestalt, die, unbekummert um ihr, obwohl mit Verwandten befrachtetes Cour-Gefolge, lieber der blauen Morgensonne hinter einem aufsteigenden Pferd- und Schwanenhals hatte entgegenschauen wollen. Sie gab dem Brautigamsrock anstandig Gruss und Kuss, aber weder geruhrt noch verstellt noch verlegen, sondern recht frei und frank und froh, zu weit uber die Lacherlichkeit ihres genealogischen Missverhaltnisses erhaben, ja sogar uber jedes notdurftige oder gebotene. In ihrem sonst schon gebauten mehr als schon gezeichneten Gesichte war bloss ihre Nase es nicht, sondern eckig geschnitten und der regierenden Wochentaglichkeit mehr Knochen als Knorpel entgegensetzend. Bei den Weibern bedeuten ausgezeichnete, regellose Nasen, z.B. mit tiefem Wurzel-Einschnitt oder mit konkaven oder konvexen Biegungen oder mit Facetten am Knopfe u.s.w., weit mehr fur das Talent als bei den Mannern; und wenige ausgenommen, die ich selber gesehen musste immer die Schonheit etwas dem Genie aufopfern, obwohl nicht so viel als nachher das fremde ihrer, wie wir Manner samtlich wohl leider getan.
Der Graf wurd' ihr vom Fursten vorgestellt; aber sie hatt' ihn ob sie gleich von ihm gehoret und seinen Vater so lange gesehen hatte nicht gekannt, sondern eher dem Brautigamsrock ahnlich gefunden. Dem Rocke konnte oder sollte diese bluhende Ahnlichkeit nicht anders als schmeicheln. Die Ahnlichkeit erklart den schonen Anteil ganz, den sie jetzt an beiden nehmen musste, weil zu einer Ahnlichkeit immer ein Paar Menschen gehoren.
Sie sprach mit dem Sohne ohne alle Verlegenheit uber den von ihr und ihrem Hofe mit einem (Blumen-) Korbe beschenkten Vlies-Ritter und ruhmte dessen Kenntnisse der Kunst. "Die Kunst" (sagte sie) "macht am Ende alle Lander gleich und angenehm. Sobald sie nur da ist, denkt man an weiter nichts. In Dresden in der innern Galerie glaubt' ich recht eigentlich, ich ware im frohlichen Italien. Ja, wenn man dahin kame, wurde man sogar Italien vergessen uber alles, was man da hat." Albano antwortete: "Ich weiss, ich werde mich auch einmal im Most der Kunst berauschen und durch sie gluhen, aber fur jetzt ist sie bloss ein schoner, bluhender Weinberg fur mich, dessen Krafte ich gewiss voraus weiss, ohne sie noch zu fuhlen." Die Furstin gewann so sehr seine Achtung, dass er ihr, als der Furst einige Schritte ferner am Fenster die heranschwellende Flut des Pestitzer Gefolges besah, die Frage tat, wie ihrem Kunstsinn bei den deutschen Zeremonien ihres Standes zumute werde; "sagen Sie mir," (sagte sie leicht) "welcher Stand unter uns nicht ebenso viele hat, und wo nicht uberall Priester und Advokaten mitspielen! Sehen Sie einmal die Hochzeiten der Reichsstadter an. Die Deutschen sind hier nicht besser und schlimmer als jede Nation, alte und neue, wilde und polierte. Denken Sie an Ludwig XIV. Der Mensch ist einmal so; aber ich acht' ihn freilich nicht darum."
Der Furst erinnerte nun an die Stunde des Einzugs; und die Furstin rief zu ihrem Anzuge fur den Einzug mehr Putzjungfern und Putzkastchen zusammen, als Albano nach ihren Worten oder wir nach ihren Nasenknorpeln die geistige Flugelknochen schienen hatten erwarten sollen. Ihre eiligen Leute folgten ihr mit mehr Furchtsamkeit als Verehrung des Standes oder Wertes; und einige, die zuweilen aus dem Putzzimmer vorbeiliefen, hatten niedergeschlagene Gesichter.
Endlich erschien sie wieder, aber viel schoner. Es muss doch dem mannlichsten Weib mehr reizende Weiblichkeit, als wir denken, zugehoren, da dieses durch den weiblichen Putz gewinnet, wodurch der weiblichste Mann nur verlore. "Der Stand" (sagte sie zu Albano, eine grosse Offenherzigkeit in Meinungen zeigend, die leicht mit einer ebenso grossen Verschwiegenheit in Empfindungen besteht) "druckt und beschrankt eine grosse Seele oft weniger als das Geschlecht." Dass sie sich eine grosse Seele nannte, musste den Grafen frappieren, weil er jetzt das erste Beispiel ein anderer Mann kennt unzahlige Beispiele vor sich sah, dass ausgezeichnete Weiber sich geradezu und weit mehr selber loben als ausgezeichnete Manner.
Man brach auf; an einer Grenz-Brucke, zugleich wie der Buchdrucker-Hyphen das Trennungs- und Verbindungszeichen beider Furstentumer, hielt schon das halbe Hohenfliess zu Wagen und Pferd, weil es nicht weiter herankonnte, bevor eine umgelehnte Kropel-Fuhre mit Dorf-Komodianten wieder aufs vierte Rad gehoben war und der mythologische Hausrat, den sie in Handen hatten, aufgepackt. Als aber die Furstin mit Gewalt auf die Brucke fuhr, verkehrten sich plotzlich die Passagiere und Auflader in Musen, Musengotter, Liebesgotter und einen hubschen Hymen und setzten, im theatralischen Ornat und Apparat, die umrungene Braut unter poetisches Wasser, den Krieg der andern Gotter gegen den Jungfernrauber Hymen vortragend. Der Musensohn, der die Sache versifiziert hatte, agierte selber mit als Musenvater. Ich darf sagen, dass diese eigne Erfindung des Ministers recht gut aufgenommen wurde sowohl von Haarhaar als Hohenfliess.
Froulay trat geschmuckt und gepudert, als streckte er sich auf dem Paradebette zwischen Trauergueridons aus, vor sie als Sprecher des Landes hin, das seinen frohen Teil an ihrer Vermahlung mit dem Brautigamsrocke zu bezeugen wunschte. Die Furstin kurzte und schnitt alles Festlugen mit einer feinen DamensSchere ab.
Froulay hatt' unter andern Wagen auch einen mit mehrern uberallher verschriebnen Trompetern und Paukern mitgebracht, auf welchem scherzeshalber Schoppe mit stand, der darum nicht oft aus grossen Aufzugen der Menschen wegblieb, wie er sagte, weil die Menschen nie lacherlicher aussahen, als wenn sie etwas in Massa und Menge taten. Um Salz in die Feier zu bringen, stellt' er auf seinem Wagen die Hypothese auf, das alles tue man bloss, um die Braut aus der besten Meinung wieder dahin zu treiben, wo sie hergekommen, teils um ihr die Vexier- und Buhnenehe zu ersparen, teils um dem Lande den neuen Hofstaat. Ihr Ohr soll nur nahm er an, als die auf die umstehenden Hugel aufgefahrnen Kanonen sich mit seinem trompetenden Donnerwagen vereinigten und drei Postmeister mit funfzehn Postillonen dazu und dareinstiessen, welche nicht umsonst mit ihren besten Hornern und Lungenflugeln aufgesessen waren ihr Ohr soll sehr gehanselt und sie daran durch einen solchen Willkomm etwan zuruckgezogen werden, daher man sogar leere Staatswagen mitschickt zum Rasseln, so wie im Ansbachischen der Landmann die Hirsche bloss durch furchterliches Schreien, ohne Gewehr und Hund, von seiner Saat vertrieb.135 Wie Schiffe in Nebeln durch Laternen und Trommeln, so wollen Staaten sich durch Erleuchtung und Schiessen auseinanderhalten.
"Sie fahrt doch, wie ich sehe, weiter" sagt' er unterwegs, wo er zuweilen selber den Doppellauter der Pauke in die Hande nahm mit Nutzen "und wir mussen alle sonach nach; aber vielleicht ist das Ohr schon tot, und ihr ist nur noch am Auge beizukommen." Sehr erfreueten ihn in dieser Hoffnung die scheckigen Uniformen samtlicher Beamten und die Federlappen der Hoflivreen "jetzt kommt noch", weissagt' er freudig, "gar der goldflitterne Ehrenbogen mit Vasen und Pfeifern, durch den sie gerade durch muss, und scheucht man denn nicht Spatzen mit Goldblechen und Selzerkrugen aus Kirschenbaumen?"
"O," (dacht' er, als sie durch war), "wenn jener gotische Wuterich sich durch den entgegenkommenden Bittzug des Papstes von dem plundernden Einmarsch ins heilige Rom ruckwarts lenken lassen: so schlagts gewiss durch, dass ihr in der Vorstadt die Waisenkinder mit ihrem Waisenvater bittend entgegentreten dann die Schulmeister mit ihren Pagerien dann Gymnasium und Universitat was doch nur erst Gefechte mit Vorposten sind denn das Tor ist mit Infanterie besetzt, der ganze Markt mit der wehrhaften Burgerschaft die Hauptkirche wird von der Geistlichkeit, das Rathaus vom Magistrat bewacht alle bereit, wenn sie nicht umkehrt, ihr in gewisser Entfernung als Scharwachen und Observationschore nachzuziehen und halten sich nicht am Schlosstore 7 Brautpaare als 7 Bitten und Busspsalme auf und tragen ihr auf einem Lasterstein von Atlas ein fatales Pereat-Karmen136 von mir selber verfasset, ein Dekret vom 19. Juni entgegen, des Effekts ganz ungewiss?"
"Recht!" sagt' er, als der ganze Zug zu einer leichtern Ubersicht fur die in den Schlossfenstern liegende Herrschaft zum zweiten Male den Schlosshof durchreisete, "die verdoppelte Dosis soll durchgreifen." Schoppens Hoffnungen nahmen am wenigsten ab, als gar oben weil Gala war man sich lange verborgen und verschwiegen hielt und endlich der Furst als Sieger, aber mude von Hofkavaliers herabgebracht wurde in die Kapelle, um offentlich fur den Zuruckzug der feindlichen Macht zu danken; ja als bald darauf auch die Braut nachdrang, aber von Kammerherren an den Armen zuruckgehalten, sogar an der Schleppe von ihren Hofdamen zuruckgezogen: so konnte der Bibliothekar leicht ohne Sorgen bleiben.
Albanos bewegte, wallende Seele spiegelte die verworrene Hof-Welt noch wilder und unformlicher zuruck, als sie war. Er horte es, wie die furstlichen Vettern, sogar der kunftige Thron- und Stuhlfolger, dem Vetter Luigi Gluck zur Gesundheit, Vermahlung und nachsten Zukunft wunschten, ob sie gleich durch ihren Freund Bouverot ein lebendiges Sukzessionspulver ihm von diesen drei Dingen hatten so viel nehmen lassen, dass sie ihm eben ihre kaltblutige Verwandtin als die Kronwache ihrer nahen Thronfolge zugeben konnten. Er horte dieselben Hochzeitgesange von allen Hof-Pestitzern, die, wie ein Muskel, ein besonderes Bestreben ausserten, sich kurz zu machen. Er sah, wie der Furst obwohl mit dem Gefuhle, bald in seiner Fett- oder Wassersucht zu ersaufen alle Lugen leicht und kalt und schadenfroh dahinnahm O, mussen nicht die Fursten, dacht' er, selber lugen, weil sie ewig belogen, selber schmeicheln lernen, weil sie immer geschmeichelt werden? Er selber konnte sichs nicht abgewinnen, nur den kleinsten Scherf eines lugenden Gluckwunsches in den allgemeinen Lugen-Fiskus zu werfen.
Die Furstin warf dem Grafen sooft es ging und fast ofter zwei Blicke oder Worte zu; denn dieser Bluhende erinnerte unter den Thron-Kustenbewohnern, von denen man leichter ein Echo als eine Antwort hort, allein an seinen kraftigen Vater. Der Hauptmann brachte einigemal weil er gleich allen Schwarmern wie die Schaben und Grillen die Warme liebte und das Licht floh und weil ihn alle Menschen von blossem Verstande druckten den Tadel zu Albano, dass die Furstin ihm mit ihrem kalten witzigen Verstande missfalle; aber der Graf konnte aus Achtung fur die vaterliche Geliebte und aus Hass gegen ihre Opferpriester und Schachter ein Wesen nur bedauern, das vielleicht jetzt hassen muss, weil seine grosste Liebe unterging. Wie viele edle Weiber, die es sonst fur hoher hielten zu bewundern als bewundert zu werden, wurden kraftig, kenntnisreich, beinahe gross, aber unglucklich und kokett und kalt, weil sie nur ein Paar Arme fanden, aber kein Herz dazu, und weil ihre heisse hingegebne Seele kein Ebenbild antraf, womit eine Frau gerade ein unahnliches meint, namlich ein hoheres Bild! Der Baum mit den erfrornen Bluten steht dann im Herbste hoch, breit, grun und frisch und dunkel vom Laube da, aber mit leeren Zweigen ohne Fruchte.
Endlich kam man aus den schwulen Speisesalen in den frischen Lilars-Abend ins Freie und zur Freiheit. Halb zurnend, halb liebestrunken ging Albano einer verhangnen Stunde entgegen, in welcher so manches Ratsel und sein teuerstes sich losen sollte. Was sieht der Mensch vor sich, wenn er endlich mit dem Faden in der Hand aus der Irrhohle heraustritt? Nichts als die offnen Eingange in andere Labyrinthe, und bloss die Wahl darunter ist sein Wunsch.
78. Zykel
Am schonsten Abende, als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig war, liess der Furst die mude Versammlung nach Lilar fahren, um besser mit seinen beiden Unsichtbarkeiten, mit der Illumination und mit Lianens Rolle, zu trugen. Wie schlug dem redlichen Albano das weiche Herz banger und sanfter, als er unter dem Herabrollen von der Waldbrucke ins wartende Volksgetummel sich dachte: Sie ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen, das ihr sonst so lieb gewesen. Sein ganzes Ideenreich wurde ein Abendregen dessen eine Halfte vor der Sonn glanzend zittert und dessen andere grau verschwindet. Ach, vor Lianen hatt' es ohne Sonnenschein geregnet, als sie heute verborgen bloss in den Tempel des Treums heruberfuhr, um nur ein geliebtes Wesen zu spielen, aber keines zu sein.
Noch brannte keine Lampe. Albano blickte in jede grune Vertiefung nach seinem Engel des Lichts. Sogar der Furst selber, der die plotzliche Peterskuppel-Entzundung noch mit seinen Winken zuruckhielt, sah dem an Hofen so seltenen Vergnugen entgegen, zweifach zu uberraschen. Die Furstin hatte dem Minister die Verlegenheit der Luge oder Antwort erspart, denn sie hatte gar nicht nach der kunftigen Hofdame Liane gefragt, gleich dieser ganzen starken Weiberklasse gegen ihr Geschlecht gleichgultig, aber desto fester an einer Auserwahlten hangend. Albano erblickte im treibenden, verdunkelten Getummel seine Pflegeeltern und Rabette, aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele konnt' er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten, hinter dem er mehr als alle andere zu finden und zu verlieren hatte. Doch in Jugendjahren hangt kein schwarzer, nur ein bunter herab, und an allen ihren Schmerzen sind noch Hoffnungen!
Das Volk wartete auf den Glanz und auf die Musik. Der Furst fuhrte endlich seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen; Karl, heute blind gegen, nicht fur seine Rabette, nahm den brennenden Grafen mit. Am aussern Tempel liess sich nichts erraten, was seinem magischen Namen entsprach; bloss die Fenster gingen vom Dache dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren, statt von Rahmen und Fenstersteinen, in Zweige und Blatter gefasset. Aber als die Furstin durch eine Glas-Ture eingetreten war, schien ihr der Pavillon verschwunden; man stand, schien es, auf einem einsamen, von einigen Baumstammen bewachten freien Platz, welchen alle Perspektiven des Gartens durchkreuzten. Wunderbar, wie von spielenden Traumen, waren Lilars Gegenden untereinandergeworfen und die entgegengesetzten zusammengeruckt neben dem Berg mit dem Donnerhauschen stand der mit dem Altare, und hart neben dem Zauberwald baumte sich der hohe, schwarze Tartarus auf Ferne und Nahe verschlangen sich ineinander ein frischer Regenbogen von Gartenfarben und ein entfarbter Nebenregenbogen liefen nebeneinander fort, wie im Erwachen der Schatten des Traumbilds noch sichtbar vor der blitzenden Gegenwart entlauft. Indes die Furstin noch in das traumerische Blendwerk versank137: so trat wie aus der Luft Liane durch eine glaserne Seiten-Ture in Idoinens Lieblingsanzug, im weissen Kleide mit Silberblumen und in ungeschmucktem Haar mit einem Schleier, der nur angesteckt an der linken Seite lang niederfloss, wankend hervor und lispelte, als die Furstin getauscht "Idoine!" ausrief, zitternd und kaum horbar: "Je ne suis qu'un songe."138 Sie sollte mehr sagen und eine Blume reichen; aber als die bewegte Furstin fortrief: "Soeur cherie!" und sie heftig in die Arme schloss, so vergass sie alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus, weil ihr das fremde, vergebliche Schmachten nach einer Schwester so ruhrend war. Albano stand nahe an der erhebenden Szene; der Verband von allen Wunden wurd' ihm abgerissen, und ihr Blut floss warm aus allen nieder. O, nie war sie oder irgendeine Gestalt so atherisch-schon, so himmlisch-bluhend und so demutig gewesen!
Als sie die Augen aus der Umarmung aufhob, fielen sie auf Albanos bleiches Gesicht. Es war bleich nicht vor Krankheit, sondern vor Bewegung. Sie fuhr zuckend zuruck, umarmte die Furstin wieder; der bleiche Mensch hatte ihr bewegtes Herz in eine Trane nach der andern zerrissen; aber beide grussten sich nicht und so fing ihr Abend an.
Wahrend der Tauschung und Umarmung waren auf einen Wink des Fursten alle Zweige und Tore des Gartens in einen glanzenden Brand gesteckt alle Wasserwerke des Zauberwaldes flatterten mit goldnen Flugeln aufgeschreckt hoch empor im umgekehrten Regen spielte eine weisse, grune, goldne und finstere Welt, und die Wasser und die Flammenstrahlen flogen wie Silber- und Goldfasanen mutwillig gegeneinander an. Und der Glanz des brennenden Edens umfing den Tempel des Traums, und der Widerschein legte sich in sein inneres grunes Laubwerk vergoldend.
Liane trat an der Hand der ehrenden Furstin mit niedergeschlagnen, verschamten Augen in die helle, rege Sonnenstadt heraus, ins Getummel der Musik und der frohen Zuschauer. Auf Albano schoss die sturmische Gegenwart wie ein Strom; die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen der Freudenglanz des Abends und die nachtliche Verwirrung in seiner Brust machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer.
Die Furstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter; Lianen liess sie nicht von sich. Der Minister farbte und steifte mit alten Galanterien den erotischen Sklaven auf; aber jedem schien er, da die Furstin den Kredit nach dem Tode des Fursten bestimmt, nur die Sitte der Minister nachzumachen, deren Geist gern vom Vater und Dauphin filioque zugleich ausgeht, um sich nicht zwischen, sondern auf zwei Fursten-Stuhle zu setzen. Sie schien indes seit seiner Maschinerie mit Lianen ihn stolzer aufzunehmen. Hinlanglich begluckte ihn das Gluck der Tochter, wie seinen Schwiegersohn Bouverot die Nahe derselben genug, und das Schelmen-Paar lag tief und ganz in Blumen weidend. Albano erriet weiter nichts, als dass sogar ein kalter Drache, ein Seelenurangutang die Reize dieses Engels dunkel spure.
Die Ministerin und der Lektor teilten sich leicht wechselnd in die Bewachung Lianens vor jedem Worte Albanos. Die Furstin liess sich durch die funkelnden Lustgange, durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zuletzt an das Donnerhauschen fuhren, um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr malerisches Auge zu nehmen; Liane und Albano begleiteten sie durch alle Gange ihres welken, kahlen Arkadiens und hielten ihre zertrummerten Herzen stumm und fest zusammen. Sie gab, treu ihrem Wort gegen die Eltern, ihm keinen warmern Blick und Anklang wie jedem, aber auch keinen kaltern; denn ihre Seele wollte ja nicht qualen, sondern nur leiden und gehorchen. Er machte glaubt' er alle Blicke und Laute sanft; auch rachte sich der edle Mensch durch keinen Schein der Kalte oder gar einer untreuen Befreundung mit der furstlichen Kron- und Herzenswerberin.
Die Furstin fing an, ihm unverstandlich zu werden. Man kam vom Romantischen auf Roman, dann auf die Frage, warum er die Ehe nicht male; "weil er" (versetzte sie) "ohne den Amor nicht sein kann." "Und die Ehe?" fragte unhoflich Albano. "Nicht ohne einen Freund;" (sagte sie) "aber Amor ist ein Gott, nec deus intersit nisi dignus vindice nodus inciderit139 - ", setzte sie dazu, weil sie Latein der Dichter wegen gelernt hatte.
Bouverot sagte den Vers gar aus, um den Sinn doppelsinnig zu machen:
" nec quarta loqui persona laboret."140
Niemand verstand das letztere als der Lektor und die Furstin. "Warum sind an jenem Hause" (fragte sie) "keine Lampen, wer wohnt da?" Sie meinte Speners Haus. Liane beantwortete nur das letztere und schloss das warme Bild mit den Worten: "Er lebt fur die Unsterblichkeit." "Was schreibt er?" fragte die missverstehende Furstin; und Liane musste eine christliche Erklarung geben, woruber die Unglaubige lachelte. Es erhob sich sogar fur und gegen den ewigen Schlaf ein Streit, der nicht viel weniger Zeit wegnahm, als sie brauchten, um das Donnerhauschen zu umkreisen. Die Furstin fing an: "Wir wurden gegen unsern taglichen Schlaf ebensoviel, wenn er nicht da ware, einzuwenden wissen wie gegen den ewigen." "Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus", griff Albano ein und kurzte die Religionsunruhen ab.
Die Furstin kam auf den ihr durch die lange Trauer uber ihren verstorbnen Schwiegervater auffallenden Spener wieder nachfragend zuruck; und Liane, des mutterlichen Beifalls gewiss, ergoss sich in einen Strom der Rede und Ruhrung ihren Augen war einer verboten , der ein erhabenes Bild ihres Lehrers vorubertrug. Wie erschutterte die Erhabenheit dieser so weichen, zarten Seele ihren Freund! So richten sich im blassen, kleinen Mond und Abendsterne hohere Geburge als auf der grossern Erde auf! "Sie war auch einmal fur dich begeistert, aber nun nicht mehr", sagte Albano zu sich und blieb hinter allen zuruck, weil seine Seele schon langst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die Furstin zu missfallen anfing.
Er stellte sich allein und sah dem rauschenden, leuchtenden Waffentanze der Freude zu. Die Kinder liefen beglanzt durch den Larm und im hellgrunen Laub. Die Tone schwebten, zu einem Kranze ineinandergeschlungen, hoch in ihrem Ather uber den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab. Nur in mir, sagt' er sich, walzen die Tone und die Lichter den Schmerz hin und her, in niemand weiter, in Ihr gar nicht; sie hat fur alle das alte erfreuende Liebesherz mitgebracht, fur mich nicht; sie hat bisher nicht gelitten, sie bluht genesen. Er bedachte aber nicht, dass ja auch seine Kampfe keinen Tropfen Wasser in das dunkle Rot seiner Jugend gegossen; in Lianen konnten Wunden aus solchen Kampfen nur wie jene der geritzten Aphrodite die weissen Rosen zu roten farben.
Aber er nahm sich vor, ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten. Er wechselte daher mit seinen Pflege-Verwandten aus Blumenbuhl mehrere verstandige Worte; er sagte zu Rabetten: "Nicht wahr, es gefallt dir?" er schreckte ohne Willen den um einige neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage auf: "Warum lassest du meine Schwester so allein?"
Aber sooft er hinubersah zu Lianen, die heute in ihrem langen Schleier als die einzige ohne schwere dicke Gala-Hulse, gleichsam als eine junge, atmende, weiche Gestalt unter steinernen angestrichnen Statuen ging, so verschamt-beschamend, wie eine Zitternadel glanzend und bebend, so oft walzten sich Flammenklumpen in ihm los. Die Leidenschaft wirft uns, wie die Epilepsie oft ihre Elenden, gerade an gefahrliche Stellen des Lebens, an Ufer und Klufte hin. Er lehnte den Kopf an einen Baum, ein wenig gebuckt; da kam Karl aus seinen Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken, was ihn so erzurne; denn das Niederbucken hatte auf sein straffes, markiges Gesicht dustere, wilde Schatten geworfen; "nichts", sagt' er, und das Gesicht leuchtete mild, da ers emporhob. Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die Freude ziehen und sagte: "Dir fehlt was!" "Du", versetzt' er und sah sie sehr zornig an.
"Geh in den finstern Eichenhain an Gaspards Felsen!" (rief sein Herz) "dein Vater beugte sich nie; sei sein Sohn!" Er schritt durch die Glanz-Welt darauf hin; aber als er innen in der Finsternis mit dem Kopfe am Felsen lehnte und die Tone neckend hereinspielten und er sich dachte, wie er eine so edle Seele geliebet hatte, o wie sehr: so war es, als sag' etwas in ihm: "Jetzt hast du deinen ersten Schmerz: auf der Welt!"
Wie bei dem Erdbeben Turen springen und Glokken schlagen: so riss bei dem Gedanken "erster Schmerz" seine Seele auseinander, und harte Tranen schlugen nieder. Aber er wunderte sich, dass er sich weinen horte, und trocknete erzurnt das Gesicht am kalten Moose ab.
Schwacher, nicht harter trat er in das zauberische, mit glimmenden Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhupfenden Tone, die die Seele wegreissen und aufheben und auf Hohen stellen wollten, damit sie in weite Fruhlinge des Lebens hinunterschauete! Hier auf diesem sonst seligen Boden sah er die zerrissene, zertretene Perlenschnur seiner kunftigen Tage liegen. "O, wie wir an diesem Abende hatten selig sein konnen!" dacht' er und sah ins helle Laubhuttenfest, in das vergoldete, aber lebendige Laubwerk in den grunen umherirrenden Widerschein, vom Nachtwinde gewiegt und in das Lauffeuer brennender Gebusche in den fliessenden Wassern auf den bogigen Triumphtoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen und hinter ihm die schwarze Klostermauer des Tartarus, der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne Lichtchen zeigte und druben die stillen, schlafenden Berge in der Nacht und hier das laute Leben der Menschen, mit den Nachtschmetterlingen um die Lampen spielend!
So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind, der es noch hoher jagt. Neben ihm liefen die Tone und sagten ihm jeden Gedanken, den er toten wollte. Wie der Mensch sich selber sieht, so hort er sich selber oft vor dem Tone.
Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti "Ich will mit ihr reden, so ists aus", sagt' er zu sich. Als er neben ihr kampfend und ringend ging: merkt' er wohl, dass sie wieder unter fremde Zuhorer zuruckwollte. "Liane, was hab' ich dir denn getan?" sagte er mit dem Seelentone eines zartlichen Herzens, bitter des Lektors Gegenwart und Krafte verachtend. "Verlangen Sie nur heute keine Antwort, lieber Graf", sagte sie zuruckkehrend und nahm eilig Augustis Arm; aber er merkte nicht, dass sie es tat, um nicht zu sinken. Hier warf er auf diesen einen Flammenblick, hoffend, beleidigt und dann geracht zu werden verliess sie hastig und stumm den sussesten Liebes-Wein hatte ein heisser Strahl zu Essig gescharft und er verlief sich, ohn' es zu wissen, in den TraumTempel.
Er ging darin auf und ab, murmelte: "Je ne suis qu'un songe"; wurde aber bald vom Hasse der mitlaufenden Spiegel-Ichs hinausgetrieben in den Tartarus und von dem nachfliegenden ewigen Fruhling der Tone, der ihm jetzt neben dem umgeackerten Blumenbeete des Lebens so unertraglich war.
Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und lacherlich. Da kamen ihm unweit des Katakombenganges Roquairol und Rabette entgegen. Roquairols flammendes Gesicht erlosch, und Rabetten ihres kehrte sich ruckwarts, da Albano heftig gegen sie hinschritt und, durch die Erinnerung gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehen in seine gluhenden Ruinen aufflammend, den Hauptmann anpackte: "Bist du ein Freund? Bist du kein Teufel? Du hast mich auf diesen Abend verwiesen; nie, nie red ein Wort mehr von ihm!" Beide zitterten besturzt und entfarbt; Albano schrieb das Erbleichen und Abwenden, ohne weiter nachzudenken, ihrem Anteile an seiner Marter zu. Welche verwirrende, feindselige Nacht!
Er schweifte immer weiter, ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der Tone unsaglich lugende entgegenflatternde Tropikvogel der schonern warmern Zone waren sie ihm "Ich will ja bloss in mein Bette, sobald es nur still wird drinnen!" Er war eine halbe Meile weit, als das Lilarsche Tonen ihm noch immer nachzog; er druckte grimmig die Ohren zu, aber Lilar spielte darin noch fort da merkte er, dass er nur sich hore. Aber immer war ihm, als musste sich das lustige Geklingle wie im Don Juan auflosen in das Zetergetone von Geistern.
Furchterlich spitz lief ihm die Allee der kunftigen Tage zu, da er nun aus ihnen den Mond seines Himmels, der schon uber sein kindisches Herz und uber die Blumenbuhler Pfade geleuchtet, herausriss. Der bluhende, hupfende Genius seiner Vergangenheit schlich ungesehen, den Freudenkranz bloss in der Hand, hinter ihm weg, indes er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kampfte, der ihn nachschleppte durch brausende Waldungen durch schlafrige Dorfer durch nasse, triefende Taler. Endlich sah Albano gen Himmel unter die ewigen, unzahligen Sterne, zu dem hangenden Bluten-Garten Gottes: "Ich schame mich vor euch nicht," sagt' er, "weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor eurer Unermesslichkeit droben steht ihr alle weit auseinander und auf allen grossen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen Fussen, wo er glucklich oder elend wird. Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins Bette: morgen bin ich gewiss ein Mann und fest!"
Plotzlich hort' er mehrmals einen fast erbitterten Klageschrei. Endlich erblickt' er neben einem Flusse ausgestreckte weisse Armel oder Arme; er ging an die weibliche Gestalt. "Ich bin leider Gottes blind", sagte sie; "ich war auch mit bei der Illumination und bin irre gelaufen ich kenne sonst Weg und Steg, druben liegt unser Dorf, ich hore den Hirtenhund aber ich kann den Steg ubers Wasser nicht finden." Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhutte. "Gehts noch lustig da zu?" fragt' er unter dem Fuhren. "Alles aus", sagte sie. Am Rosanastege liess sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweisen.
Er kehrte durch die schonen, schon vom Morgen tauenden Gebusche auf eine Hohe vor Lilar alles war still drunten wenige zerstreuete Lampen flakkerten im Flotental, und noch am Tartarus das Paar wie Todes-Tigeraugen er ging in das leere Land hinunter uber das stumme, platte Grab hinweg seinen finstern, sinkend-steigenden Hohlengang hinauf und in sein Bette hinein. "Morgen!" sagt' er kraftig und meinte seine Standhaftigkeit.
Achtzehnte Jobelperiode
Gaspards Brief die Blumenbuhler Kirche
die Sonnen- und Seelenfinsternis
79. Zykel
Wenn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte: so wird er am Morgen darauf, wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen uberblickte, fast gelachelt haben uber alle die Freuden und Ernten, die rings um ihn darniederliegen.
In Blumenbuhl druckt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre Hande mit zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an, um die Tranen-Rote wegzuwaschen Aus Lilar kommt duster Albano, blickt die Erde statt der Menschen an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich ausser Lands einen lustigen, trunknen Abend Augusti schuttelt den Kopf uber Briefe aus Spanien und sinnt verdrusslich, aber tief nach Liane lehnt in einem Schlafsessel, zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht, worauf nichts mehrbluht als die Unschuld der Vater schreitet rotbraun auf und ab, sie antwortet nur schwach, indem sie die gefalteten Hande von Zeit zu Zeit ein wenig hebt Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die Menschen-Zeit schnell als ein dahinfliegendes Flugelpaar ohne Schnabel und Schweif; der Geist hat die ferne Woche neben sich, wo Albano nachts auf der Sternwarte sieht, dass in der Blumenbuhler Kirche ein Altarlicht brennt, dass Liane darin mit aufgehobnen Handen kniet und dass ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere, glanzende Stirn auflegt, die sich mit tranenlosen Augen gen Himmel richtet.
Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab, vor Lust kreiset er sich um sich und grinset uber alle umliegenden Wohn- und Lustorter der Menschen; oft lacht er um alle seine offnen Hollenzahne herum, nur zuweilen knirscht er sie bedeckt unter dem Lippenfleisch...
Seht weg denn auch das sieht und will es und tretet herab von dem winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit, wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint.
Albanos Wunde, die seinen ganzen innern Menschen durchschnitt, konnt ihr am besten am Verbande messen, den er um sie zu bringen suchte. Aus dem Troste und Selbst-Truge wird unser Schmerz erraten. Am Morgen liess er die Schmerzen durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche; dann stand er auf und sagte so zu sich: "Nur eines von beiden ist moglich: entweder sie ist mir noch getreu, und nur die Eltern zwingen sie jetzt dann muss man diese wieder bezwingen, und da ist gar nichts zu jammern ; oder sie ist mir aus irgendeiner Schwache etwan gegen die wutigen und geliebten Eltern nicht mehr treu, oder aus Kalte gegen mich, oder aus Religiositat, Irrtum und so weiter dann seh' ich" (fuhr er fort und suchte die beiden Fusse tiefer und fester in den Boden einzutreten, ohne doch einen Widerhalt zu haben) "weiter nichts zu tun als nichts, nicht ein plarrender Saugling, ein achzender Siechling, sondern ein eiserner Mann zu sein nicht blutig zu weinen uber ein vergangnes Herz, uber die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und uber meinen ungeheuern Schmerz." So betort' er sich und hielt das Bedurfnis des Trostes fur die Gegenwart desselben.
Jeden Abend besuchte er die Sternwarte ausser der Stadt auf der Blumenbuhler Hohe. Er fand den alten, einsamen, magern, ewig rechnenden, weib- und kinderlosen Sternwartel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind, nichts fragend nach Kriegszeitungen, Modejournalen und Poesien; und nirgends fur sein Vergnugen Geld ausgebend ausser auf der Post an Bode und Zach. Aber funkelnd blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel, und poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge, wenn er von der hochsten irdischen Stelle, dem lichten Himmel uber der schwarzen, tiefen Erde, sprach von dem unubersehlichen Welt-Meer ohne Ufer, worein der Geist, der vergeblich uberfliegen will, ermudet sinke und dessen Ebbe und Flut nur der Unendliche sehe unten an seinem Throne und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem Tode, den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide, sondern der sich um sich selber ohne Anfang und Ende wolbe.
Wenn Sokrates den stolzen Alcibiades durch die Erdkarte verkleinerte: so muss, wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet, unser Stolz und Schmerz auf ihr noch mehr erroten. Albano schamte sich, an sich zu denken, wenn er aufsah in die ungeheuere aufsteigende Nacht uber ihm, worin Tage und Morgenroten stehen und ziehen. Er erhob sich und seinen Lehrer, wenn er davon sprach, wie jetzt droben in der Unermesslichkeit Fruhlinge und Paradiese junger Welten und donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderfliegen, und wir stehen hier unten als Taube unter dem erhabnen Orkan, und der brausende Gewitterguss zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller, stehender weisser Regenbogen auf der Nacht.
Sooft Albanos grosses Auge vom Himmel kam, fand es die Erde heller und leichter. Endlich aber kam die Nacht, die der feindselige Geist schon so lange erlebt. Es war schon sehr spat und der Himmel ganz heiter, die Nebelflecken drangen sich als hohere Marktflecken naher heran, der Himmel schien mehr weiss als blau, Albano dachte an die verborgne Geliebte, die neben ihm den Himmel und ihn noch mehr heiligen wurde durch ihr Herz voll unaufhorlicher Gebete: als er plotzlich durch das niedersinkende Sternrohr in der Blumenbuhler Kirche Licht erblickte die Furstengruft offen Lianen am Altare kniend mit aufgehobnen Handen und einen alten Mann neben ihr, sie gleichsam einsegnend Furchterlich standen die Kerzenflammen und Lianens Gesicht und Arme nach der Tiefe umgesturzt, weil das Sternrohr alles umgekehrt erscheinen liess.
Albano bat schaudernd den Astronomen, dahin zu schauen. Auch dieser sah die Erscheinungen, ihm aber namenlose. "Es sind wohl Leute in der Kirche", sagt' er gleichgultig. Aber Albano sturzte hinab kaum konnt' ihm der verwunderte Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsternis nachrufen und rannte auf Blumenbuhl zu. Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten in Vertiefungen, worin er die erleuchtete Kirche verlor, abarbeitete, das bleibt verhullt, weil es sich ihm selber verhullte unter seinem Sturm. Endlich sah er die weisse Kirche vor sich, aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht. Er klopfte hart an die eiserne Kirch-Ture und rief: "Aufgemacht!" Er horte nur den Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter.
So ging er mit der sturmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die schlafende Nacht zuruck die Erde war ihm eine Geisterinsel, die Geisterinseln waren ihm Erden sein Wesen, seine Stadt Gottes brannte ab, fuhlt' er.
Sie lag am Morgen noch in volliger Glut, als der Lektor zu ihm kam und ihm die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte, dass sie ihn gegen die Mittagszeit allein in Lilar zu sprechen wunsche. Er wurde diesesmal nicht gegen den verdachtigen Boten erzurnt und sagte voll Verwunderung Ja. Mit welchen kuhnen, abenteuerlichen Formen steigt unser Lebens-Gewolke den Himmel hinan, eh' es verschwindet!
80. Zykel
Lasset uns zu Lianen gehen, wo die Ratsel wohnen! Am Morgen nach der erleuchteten Nacht fuhlte sie erst die grausame Anspannung nach, womit sie ihren Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten; mit aufgeloseten Kraften sank sie darnieder, aber auch mit feuriger erneueter Treue. "Womit" (sagte sie sich immerfort) "hatt' es denn dieser edle Mensch verdient, dass ich ihm seinen ganzen Abend voll Schmerzen machte? Wie oft sah er mich bittend und richtend an! O, hatt' ich dein schones Haupt halten durfen, da du es schwer an die rauhe Fichten-Rinde lehntest!" Was sie in der schweren Mitternacht am wehmutigsten gemacht, war sein stummes Verschwinden gewesen; wie oft hatte sie nach seinem aussen mit Lampen erleuchteten Donnerhauschen hinaufgesehen, wo innen nur Finsternis am Fenster lag! Jetzt fuhlte sie, wie nah' er ihrer Seele wohne; und sie weinte den ganzen Morgen uber die Nacht, und der Strahl der Liebe stach sie immer heisser, so wie Brennspiegel die Sonne starker vor uns legen, wenn sie gerade nach Regen niederblickt. Die Mutter wurd' ihr heute fur das opfernde worthaltende Gestern durch zuruckkommende, vertrauende Liebe dankbar obwohl der Vater mit nichts, da man bei ihm so wenig wie bei den altern Lutheranern durch gute Werke selig wurde, sondern nur durch den Mangel derselben verdammt ; aber eben jetzt, wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der Entsagung geschopfet hatten, konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln.
Wie oft dachte sie an Gaspards Brief! Ist er ein abgedruckter Pfeil, der mit der Wunde an der GiftSpitze auf dem langsamen Weg von Spanien nach Deutschland ist, oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes, das erst auf der weiten Bahn zu uns heruntergeht?
Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminationsnacht erhalten, allein nur Ursachen gefunden, ihn nicht zu ubergeben. Hier ist er:
"Ich muss Ihre Angstlichkeit sehr schatzen, ohne sie anzunehmen. Albanos Liebe fur das F. v. Fr., an dem ich schon sonst sozusagen eine gewisse Virtuositat in der Tugend recht gern bemerkte, stellet uns und ihn gegen den Einfluss der Geister-Maschinerie und gegen anderweitige Verbindungen sicher, die fur seine Studien und sein warmes Blut wohl bedenklicher waren. Nur muss man dergleichen Jugend-Spiele ihrem eignen Gange uberlassen. Halt er an ihr zu fest: so mag er zusehen, wie sich die Sache entwickelt. Warum sollen wir ihm diese Freude noch verkurzen, da Sie mir ohnehin leider die Kranklichkeit des schonen Wesens klagen? Im Spatherbste seh' ich ihn. Seine kraftige, brave Natur wird wohl zu entraten wissen. Versichern Sie das Froulaysche Haus meiner besten Gesinnungen.
G. d. C."
Der Lektor hatte gern dieses Papier in die Papiermuhle geworfen, da so wenig daran "ostensible" war. Zwar Gaspards morderisch geschliffne Ironie uber Lianens Kranklichkeit blieb, wenn er ihr das Schreiben zeigte, fur diese arglose Friedensfurstin in der Scheide; auch der Nordwind des Egoismus, der das Blatt durchstrich, wurde von der Liebenden, da er doch fur Albanos frohe Lebensfahrt ein gunstiger Seitenwind war, nicht gefuhlt oder geachtet; aber eben darum; denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein fur ein Ja ansehen und sich gerade in das Seil todlich verwirren, woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund ziehen wollen.
Indes der Brief musste ubergeben werden aber er tats mit langen, scheuen Weigerungen, die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen sollten. Sie las ihn furchtsam, lachelte weinend bei der morderischen Ironie und sagte sanft: ja wohl! Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge. "Wenn der Ritter" (sagte sie) "so denkt, darf ichs denn weniger? Nein, guter Albano, nun bleib' ich dir treu! Mein Leben ist so kurz, darum sei es ihm so lange erfreulich und gewidmet, als ich vermag."
Sie dankte dem Lektor so warm und froh fur den Pfeil aus Spanien, dass dieser unfahig war, hart genug zu sein, um dessen schwarz vergiftetes Ende in das schone Herz zu stossen. Sie bat ihn, zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen Erklarung gegen ihren Vater zu sein, lieber hochstens zu ihrer und der mutterlichen die ihrige gegen die Mutter zu ubernehmen. Er willigte bloss in beides, statt in eines.
Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Vater hin und brachte, vor keinem Blitz und Donner zusammenfahrend, ihre Erklarung zu Ende, dass sie ihre gemissbilligte Liebe hart bereue, dass sie alle Strafen tragen und alles opfern, alles hier und bei der Furstin tun und lassen wolle, wie "cher pere" fodern wurde, dass sie aber langer nicht den schuldlosen Grafen v. Zesara beleidigen durfe durch den Schein des pflichtwidrigsten Abfalls. Auf diese Anrede konnte der Minister der sich durch das bisherige folgsame Enthalten sehr von labenden Erwartungen hatte heben lassen , unten auf dem Boden ausgestreckt, von seinem tarpejischen Felsen dahin geworfen, keinen weitern Laut von sich geben als diesen; "Imbecile! du heiratest den Herrn v. Bouverot er malt dich morgen du sitzest ihm." Er zog sie mit harter Hand und drei entsetzlich langen Schritten zur Ministerin: "Sie bleibt" (sagt' er) "in ihrem Zimmer bewacht, niemand darf zu ihr ausser mein Schwiegersohn er will die Imbecile malen en miniature. Geh, Imbecile!" sagte er ausser sich. Ihr ganzlicher Mangel an weiblicher Verschlagenheit hatte wirklich fur den Staatsmann eine Decke uber ihr tiefes, scharfes Auge gezogen; ein gerader Mensch und Verstand gleicht einer geraden Allee, die nur halb so gross erscheint als eine auf krummen Wegen laufende.
Der Lektor, der nie fur einen besondern Liebhaber ehelicher Lusttreffen wollte angesehen sein, hatte sich schon fortgemacht. Der dreissigjahrige Krieg der Gatten nur wenige Jahre fehlten daran gewann Leben und Zufuhr. Der alte Ehemann verbreitete uber sein Gesicht jenes zuckende Lacheln, das bei einigen Menschen der Zuckung des Korkholzes ahnlicht, welche das Anbeissen des Fisches ansagt. Er fragte, ob er nun wohl unrecht gehabt, weder der Tochter noch der Mutter die er beide eines parteigangerischen Einverstandnisses gegen ihn beschuldigte zu trauen; und versicherte nun, nach solchen Proben waren ihm weder strengere Massregeln zu verargen noch ein gerades Losgehen auf sein Ziel, und mit dem Sitzen, um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten, hob' er an. Die Ministerin schwieg zu Lianens Strafe uber ein so ubergrosses Geschenk an Bouverot, wie ein Miniaturbild ist.
Die zarte Tochter, gedrangt und zerquetscht zwischen steinernen, zuschreitenden Statuen, stellte der Mutter vor, sie sei unmoglich imstande, ein so langes mannliches Anblicken auszuhalten, und am wenigsten von Herrn v. Bouverot, dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele fuhren. Hierauf antwortete und retorquierte in der Mutter Namen der Vater dadurch, dass er einen Sessel an den Sekretar hinzog und auf der Stelle den deutschen Herrn auf morgen einlud zum Malen. Dann wurde Liane mit einem Worte fortgeschickt, das sogar aus dieser weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog.
Das Reichsfriedensprotokoll lag jetzt vor beiden Gatten aufgeschlagen; und es fehlte bloss an jemand, der diktierte, als die Ministerin aufstand und sagte: "Sie sollen mich mehr achten lernen."
Sie liess anspannen und fuhr zum Hofprediger Spener. Sie kannte Lianens Achtung fur ihn und seine Allmacht uber ihr frommes Gemut. Sogar ihr selber imponiert' er noch. Aus jener fruhern theologischen Zeit, wo noch der lutherische Beichtvater naher an dem katholischen regierte, hatt' er durch die Kraft und Grossmut seines Charakters einen Hirtenstab, der vom Bischofsstabe sich bloss im bessern Holze unterschied, herubergebracht. Sie musst' ihm Lianens Verhaltnisse zweimal erzahlen; der feurige, erzurnte Greis konnte eine Liebe gar nicht fassen und glauben, die sich sogar vor seinen alten Augen sollte fortgesponnen haben ohne sein Wissen. "Ihro Exzellenz" (antwortete er endlich) "haben freilich gefehlet, dass Sie mir diese importante Begebenheit erst heute mitteilen. Wie leicht wurd' ich alles durch Gottes Hulfe zu einem gesegneten Ausgang geleitet haben! Es ist aber nichts verloren. Senden Ihro Exzellenz das Fraulein noch diese Nacht zu mir, aber allein, ohne Sie; das muss geschehen; dann steh' ich fur das ubrige!"
Einwendungen und Bedenklichkeiten wurden bloss den Ehrgeiz und Zorn des Greises welche beide unter dem Eis seiner Haare fortarbeiteten entzundet haben; sie sagte ihm also vertrauend alles zu mit jenem Gehorsam, den sie auch auf Lianen vererbet hatte.
Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten frommen Vater auf. Sie fuhr bloss mit ihrem ergebenen Madchen ab. Mit tiefbewegter Seele erschien sie vor ihrem Beichtvater. Sie eroffnete sich ihm wie einem Gott; er entschied ebenso. Welch ein Anblick fur ein anderes, weniger stolzes Auge als das Spenersche ware diese demutige, aber gefasste Heilige gewesen, deren Herz immer wie der Sonnenstrahl am schonsten in der Zerspaltung erschien!
Aber hier geht die Geschichte in Schleiern! Der Greis befahl ihrem Madchen zuruckzubleiben und nahm sie allein in das stumme Blumenbuhl hinuber. Er schloss ihr die Kirche auf, zundete noch eine Kerze auf dem Altare an, damit das wuste Dunkel ihrem scheuen Auge nichts vorspiele, und vollendete, was die Eltern nicht konnten.
Wie er es erzwang, dass sie auf ewig ihrem Albano entsagte, wird von der grossen Sphinx des Eides, den sie ihm schwur, bewacht und bedeckt. Nur der ferne Mensch, der die schone Seele verlor, hatte auf der Sternwarte von den Sonnen auf die hellen Kirchenfenster geblickt und hinter ihnen zerruttende Erscheinungen gefunden, ohne zu wissen, dass sie wahr waren und sein Leben entschieden.
Sie ging kalt uber die Auen und Berge der alten Tage, die geleuchtet hatten, wieder in die Wohnung des Greises zuruck, der sie mit grosserer Ehrerbietung entliess, als er sie aufgenommen. Auf dem Nachtweg war sie stumm und in sich gesenkt gegen ihr Madchen. Die Eltern erwarteten sie noch, die Mutter blickte bang' in die Nacht und in die Zukunft. Endlich rollte der lebendige Wagen in den Hof. Gross und machtig, wie eine unschuldig Hingerichtete wieder vor dem Zergliederer auflebt und, ihn fur den hohern Richter achtend, entfesselt und freudig spricht, so trat sie vor die Eltern; wie der kalte Marmor einer Gottergestalt stand sie bleich, tranenlos, kalt und ruhig da. Sie wusste und wollt' es nicht, aber sie ging hoch uber das Leben, sogar uber die kindliche Liebe sie konnte die Mutter nicht so inbrunstig kussen wie sonst sie stellte sich unerschrocken vor den polternden Vater und sagte dann ohne Trane, ohne Bewegung, ohne Rote und mit sanfter Stimme: "Ich habe heute vor Gott meiner Liebe entsagt. Der fromme Vater hat mich uberzeugt." "Und hatte der Mann bessere Grunde dazu in petto als ich?" sagte Froulay. "Ja," (sagte sie) "aber ich habe im Tempel geschworen, zu schweigen, bis alles die Zeit entdeckt. Nun bitt' ich Sie nur bei dem Allgerechten, mir es zu erlauben, dass ich Ihm seine Briefe personlich wiedergebe und ihm es sage, dass ich aufhore, die Seinige zu sein, aber nicht aus Wankelmut, sondern aus Pflicht; das bitt' ich, liebe Eltern. Dann walte Gott weiter, und ich werde Ihnen in nichts mehr ungehorsam sein."
Der elende Vater, durch diesen Sieg aufgeblahter, wollte ihr noch die letzte Bitte des sterbenden Herzens sauer machen und liess sogar Argwohn uber die Absicht der Zusammenkunft blicken; aber die Mutter, in ihrer schonen Seele von der schonsten ergriffen, trat eitrig und verachtend dazwischen und bejahte es eigenmachtig. Auch schien Liane das Vater-Nein wenig zu bemerken. Als er fort war, riss die Mutter die stille Gestalt seligweinend an sich; aber Liane weinte doch nicht so leicht an ihr wie sonst aus Liebe, es sei, dass ihr Herz zu erhaben stand, oder dass es ebenso langsam in die alte Lage wiederkam, als es aus ihr wich. "Habe Dank, Tochter," (sagte die Mutter) "ich werde dir nun das Leben froher machen." "Es war froh genug. Ich sollte sterben; darum musst' ich lieben", sagte sie. So ging sie lachelnd in die Arme des Schlafes mit hartklopfendem Herzen. Aber im Traume kam es ihr vor, sie sinke ohnmachtig dahin, verliere die Mutter und ringe sich aus dem fliegenden Tode bange wieder auf und weine dann froh, dass sie wieder lebe. Daruber erwachte sie, und die frohen, durch den Traum sanft abgeloseten Tropfen flossen aus den offnen Augen fort und erweichten wie Tauwind das starre Leben.
Ihr grossen oder seligen Geister uber uns! Wenn der Mensch hier unter den armen Wolken des Lebens sein Gluck wegwirft, weil er es kleiner achtet als sein Herz: dann ist er so selig und so gross wie ihr. Und wir sind alle einer heiligern Erde wert, weil uns der Anblick des Opfers erhebt und nicht niederdruckt und weil wir gluhende Tranen vergiessen, nicht aus Mitleiden, sondern aus der innersten, heiligsten Liebe und Freude.
81. Zykel
Warm und glanzend trat die Sonne, die heute wie die Ungluckliche verfinstert werden sollte, ihren Morgen an. Liane erwachte zum Begrabnis-Tage ihrer Liebe nicht mit der gestrigen Starke, sondern weich und matt, aber heiterer durch die Aussicht in die Wiederkehr der friedlichen Zeit. Die Mutter, obwohl selber kranklich, druckte sie schon fruhe an ihr Herz, um den Puls des teuersten zu prufen. Liane blickt' ihr liebreich und sehnsuchtig recht lange mit nassem Auge ins nasse und schwieg. "Was willst du?" fragte die Mutter. "Mutter, liebe mich jetzt mehr, da ich allein bin", sagte sie. Dann band sie vor der Mutter alle Briefe Albanos zusammen, ohne sie zu lesen, den ausgenommen, worin er ihren Bruder um seine Liebe bittet. Sie scherzte gegen die Mutter, wie das Schicksal es mit uns wie arme Eltern mit ihren Kindern machte, die ihnen anfangs helle, bunte Gewander angaben, weil diese leichter in dunkle umzufarben waren.
Die Mutter suchte allmahlich ihre Geisterphantasien, gleichsam das Todes-Moos, das an ihrem jungen, grunen Leben sauge, von ihr abzunehmen: "Du siehst," (sagte sie) "wie dein Engel irren kann, da er deine Liebe billigte, die du nun missbilligst." Aber sie hatte eine Antwort: "Nein, der fromme Vater sagte, sie sei recht gewesen, bis da er mir das Geheimnis sagte, und die Bibel sage, man musse alles verlassen der Liebe wegen." So steigt denn dieses arme Geschopf, wie man vom Paradiesvogel sagt, so lange im Himmel gerade empor, bis es tot herunterfallt.
Sie zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit, einen Sonnenschein am letzten Tage des Jahres. Sie sagte, wie es sie erquicke, dass sie nun mit ihrer lieben Mutter von ihren vorigen schonen Tagen frei reden durfe sie malte ihr Albanos gluhendes, grosses Herz, und wie er die Opfer verdiene und die "Perlenstunden", die sie zusammen gelebt. "Im Grunde ist" (sagte sie heiter, aber so, dass dem Zuhorer Tranen ankamen) "ja nichts davon vorbei, Erinnerungen dauern langer als Gegenwart, wie ich Bluten viele Jahre konservieret habe, aber keine Fruchte." Ja, es gibt zarte weibliche Seelen, die sich nur in den Bluten des Weingartens der Freude berauschen, wie andere erst in den Beeren des Weinbergs. Des Lektors Billet kam an mit der Nachricht, dass Albano sie in Lilar erwarte.
Jetzt, da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anruckte, wurd' ihr immer banger. "Wenn ich ihn nur uberreden kann," (sagte sie) "dass ich als ein rechtschaffenes Madchen gehandelt habe." Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den Trauerwagen vertauschte, legte sie darin alles zum Zeichnen zurecht, wenn sie wiederkame; sie habe, sagte sie, einen sehr bosen Traum gehabt, aber sie hoffe, er treffe nicht ein.
Sie stieg mit ihrem Arbeitskorbchen, worin die Briefe lagen, am Arme in den Wagen, den man aufmachen musste, weil seine schwule Luft sie druckte. Aber die Schwule atmete ihr Geist, und alles Schone, was ihr begegnete, wurd' ihr heute zur betaubenden Giftblume. Sie fasste und druckte furchtsam immer die Hand der Mutter, weil sie jeder Schrei, jede schnell voruberlaufende Gestalt wie ein Sturmvogel rauschend uberflatterte; ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in ihre Nerven; sie bebten nur erst sanfter wieder, da ein Geistlicher und sein Diener mit dem Krankenkelch fur den Abendtrank der muden Menschen vorubergingen. O, der schone Weg wurd' ihr lang! Sie musste das zerfallende Herz, das recht fest und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte, so lange mit ermattenden Kraften zusammenhalten.
Der Himmel war blau, und doch merkten beide es nicht, dass es ohne Wolken anfange dunkel zu werden, da der Mond schon mit seiner Nacht an der Sonne stand. Als sie uber die Waldbrucke in das lebendige Lilar fuhren, wo an allen Zweigen die alten Brautkleider einer geschmuckten Vergangenheit hingen, sagte Liane mit Heftigkeit zur Mutter: "Um Gottes Willen nicht ins alte Toten-Schloss!"141 "Wohin denn aber? Er ist dahin bestellt" sagte die Mutter. "Uberall hin in den Traumtempel Er sieht uns schon, dort geht er auf den Toren", sagte sie. "Gott der Allmachtige sei mit dir, und sprich nicht lange", sagte die weinende Mutter, als sie von ihr in den Tempel ging, in dessen Spiegeln sie der Trennung der unschuldigen Menschen zuschauen konnte.
Albano kam langsam oben in den Gangen daher, er hatte sein Auge von Tranen rein gemacht und sein Herz von Sturmen. O, wie hatt' er bisher wie ein lang umhergetriebner Seefahrer in seine dunklen Wolken hineingesehen, um zwischen ihren Nebelspitzen die Bergspitze eines festen grunen Landes auszufinden! dass er heute so viel, namlich alles verlieren sollte, so weit waren seine traurigsten Schlusse nicht gegangen; ja er bewahrte so viel Ruhe, dass er oben den kleinen nachtanzenden Pollux nicht bedrohend, sondern beschenkend zuruckschaffte.
Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schonen Gestalt, die kindlich, bleich, zitternd und das Arbeitskorbchen bewachend, ihn ein wenig anblickte und dann mit ihren niederfallenden Augen kampfte. Da schmolz sein Herz; die Flut der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zuruck. "Liane," (sagt' er im sanftesten Ton, und seine Augen tropften) "bist du noch meine Liane? Ich bin noch wie sonst; und du hast dich auch nicht verandert?" Aber sie konnte nicht Nein sagen. In die Pulsader ihres Lebens wurde geschnitten, und Tranen sprangen auf statt Blut. Seine gute Gestalt, seine bekannte Bruder-Stimme standen wieder so nahe an ihr, und seine Hand hielt ihre wieder, und doch war alles vorbei, ein heisser Sonnenblick streifte uber ihr voriges, blumiges Gartenleben und zeigt' es wehmutig erleuchtet, aber es lag fern von ihr. "Lass uns" (fuhr er fort) "jetzt stark sein in diesem sonderbaren Wiedersehen sage mir recht kurz alles, warum du bisher so schwiegest und so tatest ich habe nichts zu sagen dann sei alles vergessen." Er hatte unbewusst ihre Hand erhoben, aber die Hand druckte sich nieder und zitterte dabei. "Zitterst du oder ich?" sagt' er. "Ich, Albano," (sagte sie) "aber nicht aus Schuld; ich bin treu, o Gott, ich bin treu bis in den Tod." Er sah sie irrend an. "Ihnen, Ihnen bin ichs, aber alles ist vorbei", rief sie verwirrt und verwirrend. "Nein"- (setzte sie gebietend dazu, als er zufallig mit ihr aus der Perspektive des Traum-Tempels gehen wollte) "nein, meine Mutter will uns sehen, dort aus dem Traumtempel."
Er wurde rot uber die mutterliche Wache, sein Auge blitzte in ihres wider das "Ihnen", und die heissen Blicke wollten aus ihrem bewegten Gesicht das aufhaltende Ratsel ziehen. Die Not gebot Kraft; sie fing an.
"Hier" (stammelte sie und konnte zitternd das Korbchen kaum aufbringen) "Ihre Briefe an mich!" Er nahm sie sanft. "Ich hab' Ihnen entsagt," (fuhr sie fort) "meine Eltern sind nicht schuld, wenn sie gleich unsere Liebe nicht wollten ein Geheimnis betrifft bloss Sie und Ihr Gluck das hat mich bezwungen, dass ich von Ihnen schied und von jeder Freude." "Ihre Briefe wollen Sie auch" sagt' er. "Meine Eltern - " sagte sie. "Das Geheimnis uber mich" sagt' er. "Ein Schwur bindet mich" sagte sie. "Heute nachts in der Kirche zu Blumenbuhl vor dem Priester" fragt' er. Sie deckte ihre Hand auf die Augen und nickte langsam.
"O Gott!" (rief er laut weinend) "Das ists mit dem Leben und der Freude und aller Treue? so? Wie habt ihr gelogen" (er sah seine Briefe an) "von ewiger Treue und Liebe. Wen habt ihr denn gemeint, ihr hollischen Lugner?" Er warf sie weg. Liane wollte sie aufheben, er trat stark darauf und sah die Erschrockene bitter an; nun geriet er in Sturm und goss, wie ein Schopfrad unter dem Giessen schopfend, seine brausende, leidende Brust aus und horte grausam gar nicht auf mit den Gemalden seiner Liebe, ihrer Schwache, ihrer Kalte, seines Schmerzes, ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen uber sein geheimnisvolles Gluck, das er ja nicht wolle. Ihr Schweigen trieb ihn wilder um. Ihr schnelles heftiges Atmen hort' er nicht.
"Quale dich nicht. Es ist nun alles unmoglich", antwortete sie bittend. "O," (sagt' er zornig) "die Anderung will ich nicht wieder andern; denn der Lektor und der Pfaffe wurden wieder das andern!" Er geriet nun in die mannliche Verstockung und Herzensstarrsucht; der Strom der Liebe hing als ein gefrorner zakkiger Wasserfall uber den Felsen.
"Ich dachte nicht, dass du so hart warest", sagte sie und lachelte fremd. "Noch harter bin ich" (sagt' er) "ich rede, wie du handelst." "Hor auf, hor auf, Albano es wird mir so finster o, zu meiner Mutter will ich gleich", rief sie plotzlich; die zwei alten, schwarzen Spinnen, vom Schicksal herabgelassen, standen wieder uber ihren schonen Augen und uberzogen sie, emsig-spinnend, immer dichter; und Uber die goldnen Streifen des Lebens wuchs schon grauer Schimmel her.
"Es ist die Sonnenfinsternis", sagt' er, das Erblinden der matt glanzenden Sichel des Sonnenviertels zuschreibend. Er sah oben im blauen Himmel den Mond-Klumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen nicht einmal recht schattige, sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen, grauen Lichte die Vogel flatterten scheu umher kalte Schauder spielten wie Geister der Mittagsstunde im kleinen, matten Scheine, der weder Sonnen- noch Mondlicht war. Dunkel, dunkel lag dem Jungling das Leben vor, im langen schwarzmarmornen Saulengang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantertiere heran und wurden hell gefleckt unter den weglaufenden Sonnenblicken der Vergangenheit.
"Das passet ja recht fur heute," (fuhr er fort) "eine solche schnelle Nacht ohne Abendrote Lilar muss heute zugedeckt werden blick hinauf zum Mond, wie er sich schwarz uber die Sonne gewalzt hat, sonst war er auch unser Freund O, mach es noch finsterer, ganz Nacht!"
"Albano, schone, ich bin unschuldig, und ich bin blind wo ist der Tempel und die Mutter?" rief sie jammernd: die Spinnen hatten die nassen Augen voll Tranen zugewebt.
"Bei dem Teufel; es ist die Sonnenfinsternis", sagt' er und schauete in das blind herumirrende bange Gesicht und erriet alles; aber er konnte nicht weinen, er konnte nicht trosten. Der schwarze Tiger des grausamsten Schmerzes hing an seine Brust geklammert, und er trug ihn fort. "Nein, nein," (sagte Liane) "ich bin blind und bin auch unschuldig."
Der frohe, beschenkte Pollux hatte einen bettelnden Stummen nachgefuhrt, der mit der lautenden Stummenglocke folgte: "Der stumme Mann kann nur nichts sagen", sagte Pollux. Liane rief: "Mutter, Mutter! Mein Traum kommt, das Totenglocklein lautet."
Die Ministerin sturzte heraus. "Ihre Tochter" (sagte Albano) "ist wieder blind, und Gott strafe den Vater und die Mutter und wer daran schuld ist am Elend." "Was gibt es?" rief der schnell heraustretende Spener, der vorhin das Zusammenwandeln gesehen und zur Mutter gekommen war. "Eine Ungluckliche, Euer Werk auch!" versetzte Albano.
"Lebe wohl, ungluckliche Liane!" sagt' er und wollte scheiden; stand aber, und nachdem er das gefolterte schone Gesicht, das mit den blinden Augen weinte, starr angeblickt, rief er: "Entsetzlich!" und ging. Lange lag er oben im Donnerhauschen auf den Armen mit den Augen, und als er sich endlich spat, ohne zu wissen, wo er sei, wie aus einem Traume aufrichtete: sah er die ganze Landschaft von einem heitern Tage beleuchtet, die Sonne glanzte unverhullt und warm im reinen Blau, und der verschlossene Wagen mit der Blinden rollte schnell uber die Brucke des Waldes. Da sank Albano wieder auf die Arme darnieder.
Neunzehnte Jobelperiode
Schoppes Trostamt Arkadien Bouverots
Portratmalerei
82. Zykel
Da Albano nun ohne Liebe und Hoffnung lebte da er den Angelstern seines Lebens als eine Sternschnuppe in seine totenstille Wuste hatte fallen sehen da jede seiner Handlungen jetzt einen Skorpionenstachel ausstreckte und jede Erinnerung, und er Lianens Briefe zurucksandte, Lilar verliess, das Haus des Doktors, den Lektor, Lianens Verwandte und den frommen Vater da er sein allmahlich bleich werdendes Gesicht nur auf Bucher und nach Sternen richtete: so mussten Menschen, die keinen hohern Schmerz kennen als den eigennutzigen, glauben, seine Brust werde von nichts gedruckt als vom Schutte der zertrummerten Luftschlosser seiner Hoffnung und Jugendliebe. Aber er war edler unglucklich und trostlos, er wars, weil er zum erstenmal einen Menschen und den besten elend gemacht seine Geliebte blind; in diese Vertiefung seines Herzens flossen alle benachbarten Quellen des Leidens zusammen. Die kleinsten bunten Scherben seines Gluckstopfes wurden gleichsam von neuem zerschlagen, wenn er von Tag zu Tag vernahm, dass die Arme, obwohl taglich auf das Wasserhauschen vor die heilenden Fontanen gestellt, doch immer ohne Lichtschein zuruckgebracht werde und dass sie jetzt auf dieser Raub-Erde nichts weiter furchte und bejammere, als dass der Tod vielleicht die Augen schliesse, ehe sie noch einmal die Mutter angesehen.
O die Wunde des Gewissens wird keine Narbe, und die Zeit kuhlt sie nicht mit ihrem Flugel, sondern halt sie bloss offen mit ihrer Sense. Albano rief sich Lianens bitteres Flehen um Schonung zuruck, und da trostete es ihn nicht, dass er unter jener Sonnenfinsternis nicht ihre Augen aufopfern wollen, sondern nur ihr Herz. Im Brenn- und Vergrosserungsspiegel des Erfolges zeigt uns das Schicksal das leichte, spielende Gewurme unseres Innern als erwachsene und bewaffnete Erinnyen und Schlangen. Wie viele Sunden gehen wie nachtliche Rauber ungesehen und mit sanften Mienen durch uns, weil sie, wie ihre Schwestern in Traumen, sich nicht aus dem Kreise der Brust verlaufen und nichts Fremdes anzufallen und zu wurgen bekommen! Die schone Seele entdeckt leicht im Zufall eine Schuld; nur jene harten Himmels- und Erd-Sturmer, vor deren Siegeswagen vorher eine Wagenburg voll Wunden und Leichen auffahrt, namlich die Vater des Krieges welches in der ganzen Geschichte ofter die Minister waren als die Fursten , nur diese konnen ruhig alle Vulkane der Erde anzunden und alle ihre Lavastrome kommen lassen, bloss um Aussichten zu haben. Sie dungen elysische Felder zum Schlachtfeld, um darin einen Rosenstock fur eine Geliebte roter zu ziehen.
Das erste, was Albano tat, als er in des Doktors Hause ankam, war, dass er darauszog in die ferne Talstadt hinab, um weder den verdachtigen Lektor zu sehen, noch weniger den boshaften Doktor Sphex uber das Rezidiv der Blindheit taglich zu horen. Nur der treue Schoppe zog mit, zumal da er durch ein zweckmassiges Betragen sich unter der Sphexischen Familie selber hatte eine Oppositionspartei zu bilden gewusst, die ihn nicht mehr im Hause litt. Die bibliothekarische Warme hatte mit des Lektors Kalte sehr gegen den Grafen zugenommen und aus gleichen Grunden; das kecke Ausziehen nach Lilar und die leidenschaftliche Wildheit hatten ihn naher an Albanos Seite geschlossen: "Ich dachte anfangs," (sagte Schoppe) "der junge Mann lasse sich zu nichts an als zu einem altlichen, als ich ihn so in die Schule schreiten sah. Ich hielt oft den Mann im Mond, wo es bekanntlich aus Mangel an Durst und Dunstkreis nichts einzuschenken gibt, fur einen grossern Trinker als ihn. Aber endlich greift er aus. Ein Jungling muss nicht, wie der alte Spener, alles in der Vogelperspektive, von oben herab darstellen. Er muss anfangs wie Inzipienten in Schreib- und Malerstuben alle Zuge ein wenig zu gross machen, weil sich die kleinen geben. Es gibt Donnerpferde, aber keine Donneresel und Donnerschafe, wie doch die Hofmeister und Lektores gern hatten und gern vor sich hertrieben, die wie die Billard-Markors kein offnes Feuer in der Pfeife leiden, sondern nur eines unter dem Deckel."
Jetzt lebte Albano einsam unter den Buchern. Der Bruder Lianens kam selten und eiskalt zu ihm; und schwieg uber die Leidende, ob er gleich immer um diese blieb. Da er selber das erste Gewebe zu dieser Blindheit einmal gesponnen: so musst' er, zumal bei seiner ungeschminkten Feuerliebe fur seine Schwester, den ordentlich hassen, der es wieder uber sie hereingezogen glaubte Albano und ertrug es gern zur Strafe. Desto ofter liess sich der Hauptmann zum deutschen Herrn hinziehen, bei dem er jetzt wider Erwarten gewann. Es ist die Frage namlich keine , ob nicht seine Fahigkeit und Neigung, sich mit den unahnlichsten Menschen zu verflechten, blosse Kalte gegen alle Herzen ist, die er alle nur bereiset, weil er keines bewohnt.
Auch Rabette schrieb dem Grafen mehrere KlageZettel uber den weichenden Hauptmann; in einem sagt sie sogar: "Konnt' ich dich nur sehen, um einmal jemand zu haben, der mich weinen liesse, denn das Lachen kenn' ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr." Der gute Albano zeichnete auch dieses Entweichen in sein Sundenregister ein, gleichsam als Enkel seiner Teufelskinder.
Die Furstin vermocht' ihn zuweilen aus der Einsamkeit zu locken, wenn sie ihre leise Lockpfeife an die schonen Lippen legte. Sie schien des Vaters wegen wahren Anteil am truben Sohn zu nehmen, der zwar keine Schmerzen, aber auch keine Freuden zeigte. Auch das Mann-Weib, das mehr gehelmte als gehaubte, ruckt gern unter das kranke Haupt das Ruhekissen und unter das ohnmachtige als Lehne den Arm; und trostet gern und zart, oft zarter als das zu weibliche. Fast taglich besuchte sie ihre kunftige Hofdame und Gesichts-Schwester bei dem Minister und konnte daher dem Geliebten alles sagen. Indem sie tat, als wisse sie nichts von Albanos Verhaltnissen zur Blinden schon das Verstellen verrat zarte Schonung gegen zwei Menschen auf einmal, sagte Albano : so konnte sie ihm frei alle Krankenzettel der schonen Dulderin geben, so wie die Gutachten uber sie uberhaupt. Nach der Sitte der Kraftweiber liess sie ihr alle lobende Gerechtigkeit ohne weibisch-kleinlichen Abzug angedeihen und wunschte nichts so sehr als ihre Herstellung und kunftige Gegenwart.
"Ich bin fahig, fur ein ungemeines Weib alles zu tun, so wie alles gegen ein gemeines", sagte sie und fragte ihn, ob ihm schon sein Vater uber ihren Plan mit Lianen geschrieben. Er verneint' es; und bat sie darum; aber sie verwies ihn auf den vaterlichen Brief, der bald kommen musse. Sie tadelte bloss Lianens Neigung, immer Fantaisie-Blumen in ihr Leben zu sticken, und nannte sie eine reine Barockperle.
Aber aus allen diesen Unterhaltungen kehrte Albano nur betaubter zu Schoppe zuruck; er horte nur Wort-Trost und das Todes-Urteil, dass die geduldige Seele, der er die Schopfung gestohlen, noch immer eingemauert sei in die tiefste Hohle des Lebens, neben welcher bloss die tiefere des Grabes hell und offen liegt. Jedes sanfte, lindernde, ihm von den Wissenschaften oder Menschen geschenkte warme Luftchen ging uber jene kalte Hohle und wurde fur ihn ein scharfer Nord. O, hatt' er sie aus seinen sinkenden Armen entlassen mussen unter schone Tage, in ein langes, ewiges Paradies, und sie hatte ihn trunken vergessen: das hatt' er auch vergessen konnen; aber dass er sie hineingestossen in ein kaltes Schattenreich und dass sie sich seiner erinnern muss aus Schmerz nur das musst' er sich immer erinnern.
Schoppe wusste gegen alle diese Not kein "Pflaster als" (nach seinem schonen Wortspiel) "das Steinpflaster", namlich eine Flugreise. Wenigstens, schloss er, horen ausser Landes die Fragen uber das Befinden und die giftigen Sorgen uber das Antworten auf; und bei der Retour finde man viel Schmerz erspart oder gar allen gehoben.
Albano gehorchte seinem letzten Freund; und sie reiseten ins Furstentum Haarhaar ab.
83. Zykel
Wer denkt, dass Schoppe unterwegs fur Albano ein fliegendes Feldlazarett des Trostes ein antispasmoticum eine Struvische Not- und Hulfstafel eine gepulverte Fuchslunge gegen die Hektik des Herzens u.s.w. gewesen und dass er auf jedem Meilenstein eine Trostpredigt gehalten, wer das denkt, den lacht er aus.
"Was tut es denn," (sagt' er) "wenn das Ungluck den jungen Menschen derb durchknetet? Das nachste mal wird er den Schmerz, der ihn jetzt in der Gewalt hat, in der seinigen haben. Wer nichts getragen, lernt nichts ertragen." Was das Weinen anlangt, so war er als ein Stoiker wohl am wenigsten davon ein Feind; Epiktet, Antonin, Kato und mehr solche weniger aus Eis als Eisen gebildete Manner, sagt' er so oft, hatten sehr gern dem Leibe dergleichen letzte Olungen des Schmerzes eingeraumt, falls nur der Geist darhinter sich trocken erhalten hatte. Es ist echte Trostlosigkeit, sagt' er, Trost zu wunschen und anzunehmen; warum will man denn nicht einmal den Schmerz rein durchdauern ohne alle Arzenei?
Allein seine Ansicht und sein Leben wurde ohne sein Zielen uber den Grafen machtig, den alles Grosse nur vergrosserte, wie es andere verkleinert. Schoppe sass als ein Kato auf Ruinen, aber freilich auf den grossten; wenn der Weise die Barometerrohre am Aquator sein muss, in der selber der Tornado wenig verschiebt, so war er dergleichen. Zufallig riss er in einem Wirtshause dem Grafen durch den Hamburgischen unparteiischen Korrespondenten, den er da vorfand, die verklebten Flugel auf. Schoppe las zwei weite Schlachten daraus vor, worin wie durch einen Erdfall Lander statt der Hauser versanken und deren Wunden und Tranen nur der bose Genius der Erde konnte wissen wollen; darauf verlas er nach den Totenmarschen ganzer Generationen und nach den aufgerissenen Kratern der Menschheit mit fortgesetztem Ernste die Intelligenz-Anzeigen, wo einer allein auf ein unbekanntes Grablein steigt und der Welt, die ihm sonst kondoliert, ansagt und beteuert: "Furchterlich war der Schlag, der unser Kind von 5 Wochen" oder: "Im bittersten Schmerz, den je" oder: "Besturzt uber den Verlust unsers einundachtzigjahrigen Vaters etc."
Schoppe sagte, das sprech' er fur recht, denn jede Not, selber die allgemeine, hause doch nur in einer Brust; und lag' er selber auf einem roten Schlachtfelde voll gefallter Garben, so wurd' er sich darunter aufsetzen, falls er konnte, und an die Umliegenden eine kurze Trauerrede uber seine Schusswunde halten; so habe Galvani bemerkt, dass ein Frosch, der in elektrischen Verbindungen stehe, so oft zucke, als der Donner uber der Erde nachrolle.
Bei diesem Satze blieb er auch im Freien. Er fuhrt' es tadelnd an, dass Matthison es als eine reisebeschreibende Notiz annotiere, wie man im jetzigen Avenches in der Schweiz an den Stellen der von den Romern zermalmten helvetischen Hauptstadt Aventicum in den dunnern Streifen des Grases den Abriss der Strassen und Mauern finden konne; indes ja offenbar dieselben stereographischen Projektionen der Vergangenheit uberall lagen auf jeder Wiese jeder Berg sei das Ufer einer verschwemmten Vorzeit jede Stelle hienieden sei ja 6000 Jahre alt und Reliquie alles sei Gottesacker und Ruine auf der Erde besonders die Erde selber; "Himmel," (fuhr er fort) "was ist uberhaupt nicht schon vergangen, Volker Fixsterne weibliche Tugend die besten Paradiese viele Gerechtsame alle Rezensionen die Ewigkeit a parte ante und jetzt eben meine schwache Beschreibung davon! Wenn nun das Leben ein solches Nichtigkeitsspiel ist, so muss man lieber der Kartenmaler als der Kartenkonig sein wollen."
Ein kraftiger, stolzer Mensch wie Albano wird dann schwerlich mitten unter dreissigjahrigen Kriegen Jungsten Tagen wandernden Volkern verstaubenden Sonnen sein Kleid ausziehen und sich oder dem Universum die zerrissene Ader vorzeigen, die auf seiner Brust ausblutet.
So stand es, als beide abends eine halboffne Waldhohe erstiegen, von der sie ein wunderbares GlorienLand unter sich sahen, so freundlich und auslandisch, als sei es ubrig geblieben aus einer Zeit, da noch die ganze Erde warm war und ein immer grunes Morgenland es schien, so weit sie vor den Baumen und vor der Abendsonne sehen konnten, ein aus der zusammentretenden Berg-Ecke unabsehlich nach Westen auseinanderlaufendes Tal zu sein eine vor der Sonne mit den breiten Flugeln umschlagende buntgemalte Windmuhle verwirrte das Auge, das das Gedrange von Abend-Lichtern, Garten, Schafen und Kindern sondern wollte an beiden Abhangen huteten weissgekleidete Kinder mit lang nachflatternden grunen Hutbandern eine gefleckte Schweizerei ging im Wiesengrun am dunkeln Bach auf einem hochgewolbten Heuwagen fuhr eine wie zum Hochzeitmahle gekleidete Bauerin, und nebenher gingen Landleute im Sonntagsputz die Sonne trat hinter eine SaulenReihe von runden Laubeichen, diesen deutschen Freiheits-Baumen und Tempelpfeilern und sie schwebten verklart und vergrossert hoch im goldnen Blaue aufgezogen. Jetzt sahen die betroffnen Wanderer das nahe beschattete hollandische Dorf unten wie aus zierlichen, bemalten Gartenhausern zusammengeruckt, mit einem Lindenzirkel in der Mitte und einem jungen, bluhenden Jager nicht weit davon, oder eine Amazone, die mit der einen Hand ihren Hut voll Zweige abnahm und mit der andern den Balken-Arm mit dem Eimer uber den Born hoch aufsteigen liess.
"Mein Freund," (fragte Schoppe einen ihnen mit Botenblech und Ranzen nachkommenden Amtsboten) "wie nennt Er das Dorf?" "Arkadien", versetzt' er. "Aber ohne alles dichterische Weissgluhen und Kulminieren gesprochen, mein poetischer Freund, wie schreibt sich eigentlich die Ortschaft unten?" fragte Schoppe wieder. Verdrusslich antwortete der Amtsbote: "Arkadien, sag' ich, wenn Ers nicht behalten kann es ist ein altes Kammergut, unsere Prinzessin Idone (Idoine) halt sich da auf, jahraus, jahrein, fur bestandig und macht da alles nach eignem Plasier, was will man mehr?" "Ist Er auch in Arkadien?" "Nein, in Saubugel", antwortete der Bote sehr laut, schon funf Schritte weiter vorn, zuruck.
Der Bibliothekar, der seinen Freund bei der Botenrede in grosser Bewegung sah, tat ihm freudig die Frage, ob sie ein besseres Nachtquartier hatten treffen konnen als dieses, ausgenommen dieses selber im Maimond. Aber wie erstaunt' er vor Albanos Zurucksturz in die Vorholle, die das Gewissen und seine Liebe anzundeten! Idoinens tauschende Ahnlichkeit mit Lianen war plotzlich vor ihn gezogen: "Weisst du," (sagt' er, in der Erschutterung durch den Abendzauber heftiger fortbebend) "worin Idoine Ihr unahnlich ist? Sie kann sehen," setzt' er selber dazu, "denn sie hat mich noch nicht gesehen. O vergib, vergib, fester Mann, ich bin wahrlich nicht immer so Sie stirbt jetzt, oder irgendein Ungluck zieht ihr nahe; wie ein Dampf vor der Feuersbrunst steigts duster und in langen Wolken in meiner Seele auf ich muss durchaus zuruck."
"Glauben Sie mir," (sagte Schoppe) "ich werde Ihnen einmal alles sagen, was ich jetzt denke gegenwartig aber will ich Sie schonen." Auch das verfing nichts, er kehrte um; aber am ganzen andern Reisetag blieb sein Leidenskelch, den Schoppe so glanzend gescheuert hatte, nass und schwarz angelaufen. Sie konnten erst abends ankommen, da ein Zauberrauch von Zwielicht, Mondlicht, Dampf, Dunst und Wolkenrot die Stadt fremder machte. Albanos Adlerauge teilte den Rauch entzwei, und er entlief. Die blinde Liane allein sah er auf dem hohen welschen Dache gegen die Statuen laufen oder zum Abgrund hin. Wild ohn' einen Laut rannt' er durch die tiefern Gassen verlor den verbaueten Palast und lief grimmiger er glaubte, er finde sie auf dem Steinpflaster zertrummert er sieht die weissen Statuen wieder, sie halt eine umschlungen, und der alte Gartner des cereus serpens steht mit dem Hute auf dem Kopfe vor ihr. Als er endlich ganz unten am Palaste ankam, stand oben ein fremdes Madchen bei ihr, und unten sahen zusammengelaufne Weiber hinauf, einander fragend: "Gott, was gibt es denn?" Liane blickte (wie es schien) an den Himmel, worin nur einige Sterne brannten, und dann lange in den Mond, und darauf herunter auf die Menschen; aber sogleich trat sie von den Statuen zuruck. Der Gartner kam aus dem Hofe und sagte vorubergehend seiner fragenden Frau: "Sie sieht." "O, guter Mann," (sagte Albano) "was sagt Er?" "Gehen Sie nur hinauf!" versetzt' er und schritt emsig weiter. Jetzt kam Bouverot zu Fusse Albano trat ihm mit einem kurzen Verbeugen und Grusse in den Weg Bouverot sah ihn ein wenig an: "Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen", sagt' er wild und eilte davon.
84. Zykel
Schauet nun die blinde Liane naher an!
Von dem Tage an, wo sie zerstoret heimgefuhret wurde von der Mutter, fing sich unter ihrer Sonnenfinsternis mit Verweilen ein kuhleres, ruhendes Leben fur sie an. Die Erde hatte sich verandert, ihre Pflichten gegen diese schienen ihr abgetan der Silberblick der Jugend wie ein Menschenblick nun erblindet, ihre kurzen Freuden, diese kleinen Maienblumchen, schon unter dem Morgenstern abgepfluckt ihr erster Geliebter leider, wie die Mutter es weissagte, nicht so fromm und zart, als sie gedacht, sondern sehr mannlich, rauh und wild wie ihr Vater die Zeit und Zukunft vertilgt und die kunftigen Tage daraus fur sie nur eine blind gemalte Jubelpforte, die Menschenhande nicht offnen, und durch welche sie nicht mehr dringen kann, ausser mit der entbundnen Seele, wenn diese den tragen Schlepp-Mantel des Korpers auf die Erde zuruckgeworfen.
Ihr Herz klammerte sich jetzt wie Albano dem mannlichen noch mehr dem weiblichen an, das zarter und ohne die Fieber der Leidenschaften schlug; so wie die Kompassnadel sich als eine gewundne Lilie zeigt, so die Tugend sich ihr als weibliche Schonheit.
Ihre Mutter wich nicht von ihrem Blinden-Stuhl, sie las ihr vor, sogar die franzosischen Gebete, und hielt sie trostend aufrecht; und sie wurde leicht getrostet, denn sie sah nicht das bekummerte Gesicht der Mutter und horte nur die ruhige Stimme. Julienne warf seit dem Begrabnis der ersten Liebe eine alte Kruste ab, und ein frisches Feuer fur die Freundin ging aus dem Herzen auf: "Ich habe nicht redlich an dir gehandelt", sagte sie einmal; da erklarten sie sich verborgen einander, und dann reiheten sich ihre Seelen wie Blumen-Blatter zu einem sussen Kelche zusammen. Die Furstin sprach ernst uber Wissenschaften und gewann sogar die Mutter, der sie in mannlicher Gesellschaft weniger gefallen. Abends vor dem Einschlafen flog noch wie aus dem Freudenhimmel Karoline in ihr Schattenreich herab und wuchs taglich an Glanz und Farbe, sprach aber nicht mehr; und Liane entschlummerte sanft, indem sie einander anblickten.
Zuweilen fuhr der Schmerz an sie heruber, dass sie vielleicht ihre teuern Gestalten, zumal ihre Mutter, nie mehr sehe; dann war ihr, als sei sie selber unsichtbar und wandle schon allein im dunkeln, tiefen Gange zur zweiten Welt und hore die Freundinnen an der Pforte weit hinter sich ihr nachrufen Da liebte sie zartlich wie aus dem Tode heruber und freuete sich auf das grosse Wiedersehen. Spener besuchte seine Schulerin taglich; seine mannliche Stimme voll Starkung und Trost war in ihrem Dunkel die Abendgebetglocke, die den Wanderer aus der dustern Waldung wieder zu froheren Lichtern fuhrt. So wurde ihr heiliges Herz noch heiliger emporgezogen, und die dunkeln Passionsblumen der Schmerzen schlossen sich in der lauen Augen-Nacht schlafend zu. Wie anders sind die Leiden des Sunders als die des Frommen! Jene sind eine Mondsfinsternis, durch welche die schwarze Nacht noch wilder und schwarzer wird; diese sind eine Sonnenfinsternis, die den heissen Tag abkuhlt und romantisch beschattet und worin die Nachtigallen zu schlagen anfangen.
Auf diesem Wege bewahrte Liane mitten unter fremden Seufzern um sie und im Gewitter um sie her eine ruhige, genesende Brust; so zieht oft das zarte, weisse Gewolke anfangs zerrissen und gejagt, aber zuletzt gerundet und langsam durch den Himmel, wenn unten der Sturm noch uber die Erde schweift und alles bewegt und zerreisset. Aber, gute Liane, alle 32 Winde, sie mogen schone Tage zu- oder wegwehen, halten langer an als die Windstille der Ruhe!
85. Zykel
Der Minister hatte, als sie aus Lilar mit getoteten Augen heimgekommen, in sein rechtes eine Holle, ins linke ein Fegefeuer gelegt; denn so sehr belogen hatt' ihn noch kein Geschick; namlich so sehr gebracht um alle seine Projekte und Prospekte, um das Hofdamenamt der Tochter, diesen Vorsteckring am Finger der Furstin, und endlich um jeden Fang seines doppelt gewebten Gespinstes.
Unsaglich wehrte sich der Mann vor dem Loffel, worin ihm das Schicksal das Pulver vorhielt, auf welches er die verschluckten Demante seiner Plane sollte fahren lassen; er hielt die starksten Sermone so hiess er, wie Horaz, seine Satiren gegen "seine Weiber"; er war ein Kriegsgott, ein Hollengott, ein Tier, ein Untier, ein Satan, alles er war imstande, jetzt alles zu unternehmen aber was halfs?
Viel, als gerade der deutsche Herr ihn in dieser moralischen Stimmung betraf. Solcher trug kein Bedenken, das vaterliche Versprechen der Tochter fur die Miniatur-Malerei wieder aufzufrischen und in Anspruch zu nehmen; er war ubrigens allwissend und schien unwissend. Fur die Sitz-Szene einer Blinden hatt' er eigne romantische Verwicklungen nach den Notizen zugeschnitten, die er aus dem Hauptmann gelockt. Seine Kunst-Liebe gegen Lianens Gestalt hatte bisher wenig gelitten, und sein langsames An- und Umschleichen war seiner Vipern-Kalte und seiner weltmannischen Kraft gemass. Der alte Vater der im Leben wie in einem Reichsanzeiger immer einen Kompagnon mit 60, Tausend Taler zu seiner Handlung suchte bezeugte sich nichts weniger als abgeneigt. Diese zwei Falken auf einer Stange, von einem Falkenmeister, dem Teufel, abgerichtet, verstanden und vertrugen sich gut. Der deutsche Herr gab zu erkennen, ihr Miniaturbild sei bei ihrer frappanten Ahnlichkeit mit Idoine, die wie sie niemals sitzen wollen, zu manchem Scherze bei der Furstin behulflich, aber noch mehr seiner "Flamme" fur Liane unentbehrlich, und jetzt in ihrer Blindheit konne man sie ja zeichnen ohne ihr Wissen und er werde unter das Bild schreiben: la belle aveugle oder so etwas. Der alte Minister goutierte, wie gesagt den Gedanken ganz. Wie die welschen Sangerinnen eine sogenannte Mutter statt eines Passes auf ihren Reisen fuhren, so hielt er sich fur einen solchen sogenannten Vater; er dachte: mit dem Madchen wirds ohnehin wenig mehr, es liegt als totes Kapital da und verzinset sich schlecht; ich kann den angeohrten Patenpfennig, den der deutsche Herr bei seinem Gevatterstand mir als dem Vater anbietet wie dem Kinde den Namen, in die Tasche stecken.
Das Schelmen-Duplikat wurde in seinem Schusse und Flusse bloss durch einen Flossrechen aufgehalten, der ihnen den Raub aus den Hechtzahnen zu ziehen drohte: eine alte, keifende, aber seelentreue Kammerjungfer aus Nurnberg war der Rechen; diese ware nicht von Lianen und nicht zum Schweigen zu bringen gewesen. Bouverot freilich, ein Robespierre und Wurgengel seiner Dienerschaft, hatte an Froulays Stelle die Nurnbergerin ein paar Tage vorher von einem Diener mit einigen komplizierten Frakturen versehen und dann auf die Gasse werfen lassen; aber der Minister sein Herz war weich konnte das nicht; alles, was ihm moglich war, das war: er berief sie auf sein Zimmer hielt ihr es vor, dass sie ihm sein Ohr aus Magdeburg gestohlen blieb mit dem anwesenden Gehor taub gegen jede Einwendung, aber nicht gegen jede Unhoflichkeit und fand sich endlich gar genotigt, die diebische Grobianin Knall und Fall aus dem Dienst zu jagen. Bei jeder Nachfolgerin hatte, als einer neuen, Geld Gewicht, wusst' er.
Er wollte darauf die Furstin um eine Einladung fur sich und die Ministerin zu Tee und Souper bitten den Miniaturmaler bestellen das neue Kammermadchen belehren und alles recht anlegen.
Zwei Tiger hohlten, nach der Legende, dem Apostel Paulus das Grab; so scharret hier unser Paar an einem fur eine Heilige, um so mehr, da ich sonst nicht absehe, wozu wenn nichts gemacht werden soll als ein Bild so viele Umstande. Aber den Vater konnt' ich fast entschuldigen; erstlich sagte er ausdrucklich zum deutschen Herrn, die Zofe konne seiner Meinung nach im Zimmer oder im anstossenden passen, falls etwan die Patientin etwas haben wolle zweitens hatte der sonst weiche Mann von seinem ministerialischen Verkehr mit der Justiz einen gewissen Kies angesetzt, eine gewisse Grausamkeit angenommen, welche der hinter der Binde und als Areopag ohne den Anblick der Schmerzen urteilnden Themis um so naturlicher ist, da schon Diderot142 behauptet, dass Blinde grausamer waren und drittens war wohl niemand mehr bereit, sein Kind, das er, wie sonst angeblich Juden und Hexen Christenkinder, kreuzigte, um wie jene mit dem Blute etwas zu tun, tiefer zu betrauern, falls es sturbe, als er, da ohnehin die Eltern und uberhaupt die Menschen zwar leicht das Ungluck derer, die ihnen nahe liegen, aber schwer deren Verlust verschmerzen, so wie wir bei dem noch naher liegenden Haar nicht das Brennen und Schneiden, aber schmerzlich das Ausreissen desselben verspuren und viertens hatte Froulay immer das Ungluck' dass Gedanken, die in seinem Kopfe eine leidliche, unschuldige Farbe hatten, gleich dem Hornsilber oder der guten Dinte auf der Stelle schwarz wurden, wenn sie ans Licht traten.
Sonst und von diesen Milderungen abgesehen steckt wohl manches in seiner Handlung, was ich nicht verteidige.
Der Abend erschien. Die Ministerin ging am ehelichen Arme an den Hof. Die neue Kammerjungfer hatte als Brautfuhrerin Bouverots schon vor drei Tagen die notigsten Anstalten gemacht, oder Spitzbubereien sie hatte ihm Lianens Briefe an Albano sehr leicht, da die Mutter aus Gewohnheit ein gegenwartiges Auge fur ein sehendes hielt, vorleihen und er sich daraus die historischen Zuge oder Farben-Tusche abholen konnen, womit er sich bei einer Erkennung auf dem Theater vor der Blinden den Anstrich ihres Helden, namlich Albanos, geben konnte mit Roquairol hatt' er oft genug gespielt, um dessen Stimme, mithin Albanos seine, in der Gewalt zu haben.
Mich dunkt, seine Rusttage vor dem Festabend waren zweckmassig hingebracht.
Er konnte, da kleine Residenzen fruher Tee trinken, schon so fruh erscheinen, als ein Miniaturmaler im September durchaus muss. Als er die stille Gestalt im Sorgenstuhl erblickte, mit den entfarbten Blumenkelchen der Wangen, aber fester gewurzelt in jedem Entschluss, eine kalter gebietende Heilige: so stieg in ihm die aus ihren Briefen zugleich gesogne Erbitterung und Entzundung miteinander hoher nur in solchen Brusthohlen, zugleich mit Metall- und mit Darmsaiten, mit Harte und Wollust, bespannt, ist ein solcher Bund von Lust und Galle denklich. Bouverots ganze Vergangenheit und Lebens-Geschichtbucher mussten wie die von Herodot den neun Musen so den drei Parzen, jeder eines, zugeeignet werden.
Er schlich ins Fenster, setzte sich und sein FarbenKastchen hin und fing hastig zu punktieren an. Unterdessen liess sich Liane von ihrem sehr gebildeten, belesenen Kammermadchen aus dem zweiten Bande der Oeuvres spirituelles von Fenelon vorlesen. Zefision ruhrte der Erzbischof gar nicht was er etwa von reiner Liebe (sur le pur amour de Dieu) vernahm, setzt' er zu unreiner durch Anwendungen um und liess sich teuflisch entzunden durch das Gottliche was ubrigens ruhrend war in Lianens Bezug, liess er an seinen Ort gestellt, da er jetzt zu malen hatte. Hasslich leckten seine vielfarbigen Panther-Augen gleich roten, scharfen Tigerzungen uber das susse, weiche Antlitz! "Liebe Justa, hor auf, das Lesen wird dir sauer, du atmest so kurz!" sagte sie endlich, weil sie den Portratmaler atmen horte. Es war fur ihn kein Opfer, sondern ein Vor-Genuss, ein susser Imbiss, den Kuss dieser zarten, kleinen Hand und Lippe und die ganze Schaustellung seines brennenden Herzens hinauszusetzen, bis er ihren Abriss mit den Gift-Tinten auf das weisse Elfenbein durch die schnelle Dupfmaschine seiner Hand abpunktieret sah.
Endlich hatt' er sie Bunt auf Weiss. "Gut, liebe Justa," (sagte sie) "die Gebetglocke lautet, du kannst nichts mehr sehen. Fuhre mich lieber zum Instrument" namlich zur Harmonika. Sie tats. Bouverot gab Justen einen Scheide-Wink sie tats wieder. Der gelbe Gartenkanker lief nun auf die zarte, weisse Blume zu. Der Kanker horte ihren Abend-Choral nicht ohne Vergnugen, und das betende Aufschlagen ihrer zerstorten Augen schien ihm eine recht malerische Idee, die der true Painter143 dem ElfenbeinStuck einzuverleiben beschloss, wenns gehen wurde.
"Schone Gottin!" rief er plotzlich mit Albanos gestohlner Stimme unter jene heiligen Tone, die einmal Albano in einer frohern Stunde, aber edler unterbrochen hatte. Sie horchte erschrocken auf, aber unglaubig an ihr Ohr in dieser Nacht. Das Staunen missfiel dem Prospektmaler denn ihr Gesicht war sein Prospekt ganz und gar nicht; "erinnere dich an diese Harmonika im Donnerhauschen." Er verwechselte es mit dem Wasserhauschen. "Sie hier, Graf? Justa! wo bist du?" rief sie angstlich. "Justa, kommen Sie her!" rief er dazu nach. Das Madchen folgte seiner Stimme und seinem Auge. "Gnadiges Fraulein?" fragte sie. Aber jetzt hatte Liane nicht den Mut, sie um die Pforte und das Einlassbillet des Grafen zu fragen. Mit dem Liebhaber franzosisch zu sprechen, ging nicht, da es die Jungfer verstand; daher verbot man auch in Wien in den Revolutionsjahren einsichtig diese Sprache, weil sie so zuverlassig eine gewisse Gleichheit die Freiheit folgt zwischen dem Adel und der Dienerschaft pestartig ausbreitet.
Boshaft und freudig erinnerte Bouverot, dem sie
jetzt uber den Grafen ein brauchbares Misstrauen zu verraten schien, das seiner Charaktermaske einen freiern Spielraum anwies, die Sinnende an ihre Befehle fur Justa; sie musste sie nun Licht holen lassen.
"Infidele," (fing er darauf an) "ich habe alle Hin
dernisse uberwunden, um mich Ihnen zu Fussen zu werfen und Ihre Vergebung zu erflehen. Je m'en flatte a tort peut-etre, mais je l'ose" (fuhr er fort, heftiger durch sie gemacht) "O cruelle! de grace, pourquoi ces regards, ces mouvements? Je suis ton Alban, et il t'aime encore Pense a Blumenbuhl, ce sejour charmant Ingrate, j'esperois de te trouver um peu plus reconnaissante. Souviens-toi de ce que tu m'a promis" (sagt' er, um sie auszufragen) "quand tu me pressas contre ton sein divin....."
Eine reine Seele spiegelt, ohne sich zu beflecken,
die unreine ab und fuhlt unwissend die qualende Nahe, so wie Tauben, sagt man, sich in reinem Gewasser baden, um darin die Bilder der schwebenden Raubvogel zu sehen. Der kurze Atem, der wankende Sprachton, jedes Wort und ein unerklarliches Etwas trieben das schreckliche Gespenst nahe vor ihre Seele, den Argwohn, es sei Albano nicht. Sie fuhr auf "Wer sind Sie? Gott, Sie sind der Graf nicht. Justa, Justa!" "Wer war' es sonst," (versetzt' er kalt) "der sich meinen Namen geben durfte? Oh, je voudrais que je ne le fusse pas. Vous m'avez ecrit que l'esperance est la lune de la vie Ah, ma lune s'est couchee; mais j'adore encore le soleil qui l'eclaire."
Hier fasste er die Hand dieser verfinsterten, mit einem Drachen kampfenden Sonne. Da entdeckten ihr seine weggenagten Fingernagel und die durren Finger und ein vorbeistreifendes Beruhren seines Ordenskreuzes den wahren Namen. Sie riss sich schreiend los und lief weg, ohne zu sehen wohin, und geriet wieder an seine Hand. Er riss ihre heftig an die magern heissen Lefzen hinauf: "Ja, ich bin es" (sagt' er) "und liebe Sie mehr als Ihr Graf mit seiner etourderie."
"Sie sind schlecht und gottlos gegen ein blindes Madchen was wollen Sie? Justa! hilft mir denn niemand? Ach, du guter Gott, gib mir meine Augen!" (rief sie fliehend, unwissend wohin und eingeholt) "Bouverot! du boser Geist!" rief sie, abwehrend an Orten, wo er nicht war. Er, wie das Schiesspulver, kuhlend auf der Zunge und sengend und zerschmetternd, wenn ihn die Gier zundete, stellte sich in einiger Schlag-Weite von ihr, warf ein Maler-Auge auf das reizende Wallen und Beugen ihres aufgesturmten Blumenflors und sagte ruhig mit jener Milde, die der atzenden und fressenden Milch der Schwamme ahnlich ist: "Nur ruhig, Schonste! Ich bin es noch; und was half' Ihnen alles, Kind?"
Taumelnd vom Schlangenhauch der Angst, fing die irre Natur zu singen an, aber lauter Anfange. "Freude, schoner Gotterfunken" "Ich bin ein deutsches Madchen" sie lief herum und sang wieder: "Kennst du das Land" "Du boser Geist!"
Jetzt baumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten Ringen mit zuckender Zunge in die Hohe, um hinzuschiessen und zu umflechten: "Mon coeur" (sagte die Schlange, die immer in der Leidenschaft franzosisch sprach) "vole sur cette bouche qui enchante tous les sens." "Mutter!" (rief sie) "Karoline! O Gott, lasse mich sehen! O Gott, meine Augen!" Da gab der Alliebende sie ihr wieder; die Qual der Natur, die lauten Anstalten des Begrabnisses offneten der Scheinleiche wieder las Auge.
Wie behend entflog sie aus der Marterkammer! Das getauschte Raubtier rechnete auf Blindheit und Verirrung fort. Aber da Bouverot sah, dass sie leicht die Treppe zum welschen Dache hinaufsturze: so schickte er bloss das herbeilaufende Madchen ihr nach, damit sie keinen Schaden nehme; und hielt jetzt wieder die bisherige Blindheit fur Verstellung. Er selber holte aus dem Zimmer den Miniatur-Riss ab und schleppte sich wie ein hungriges, verwundetes Ungeheuer verdrusslich und langsam aus dem Hause hinaus.
Zwanzigste Jobelperiode
Gaspards Brief-Trennungen
86. Zykel
"Sie sieht wieder", rief Karl im Freudenrausche am Morgen darauf dem Grafen zu, ohne sich um alle kalte Verhaltnisse der letzten Zeit zu bekummern; und war ganz der Alte. Seine Feindschaft war hinfalliger als seine Liebe, denn jene wohnte bei ihm auf dem Eise, das bald zerfloss, diese auf dem Flussigen, worauf er immer schiffte. Errotend fragte Albano, wer der Augenarzt gewesen. "Gutgemeinter Schreck" (sagt' er) "der deutsche Herr tat, als wollt' er sie malen, als meine Eltern auf Verabredung nicht da waren oder malt' er sie wirklich ich weiss jetzt alles nur verwirrt auf einmal horte sie eine fremde Mannsstimme, und Schreck und Furcht wirkten naturlich wie elektrische Schlage." Obgleich der Hauptmann alle Stimmen nur verworren unten auf dem Meersboden in sein flutendes Meer hinunterhorte: so hatt' er doch diesmal richtig gehort; denn Liane hatte von ihrer Mutter das Zuhullen der Martergeschichte errungen, um ihrem Bruder den Anlass zu entziehen, ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Widersacher zu beweisen.
Albano behielt viele Fragen uber die dunkle Geschichte in seiner Brust; und brach das Gesprach durch seine Reisebeschreibung ab.
Nach einigen Tagen hort' er, dass Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse und ein uber Blumenbuhl liegendes Bergschloss einer alten einsamen Edelwitwe beziehe. Auf dem reinen Lande sollte wieder Licht in ihr Leben einfallen, und die mutterliche Hand sollte dessen nachdunkelnde Farben neu ubermalen. Der Minister, der sonst wie alte Menschen und alte Haare schwer zu krauseln und zu formen war, wurde in der letztern tiefen Fallgrube des Schicksals ganz mutlos angetroffen, so dass er Lianen, die auch darin gefangen war, nicht auffrass, sondern sie ziehen liess. Die ganze Geschichte wurde vor dem Publikum wie die Mauer eines Parks sehr verdeckt und umblumt. Nur der Lektor wusste sie ganz, aber er konnte schweigen. Er foderte im Namen der Mutter vom deutschen Herrn das Miniaturbild zuruck; dieser gab an dessen Statt kalte, leere Lugen; doch konnte Augusti, von Mutter und Tochter gebeten, sich beherrschen und die Ausfoderung, womit er fur alles Rache nehmen wollte, ihnen opfern.
Unsern Freund traf jetzt, seitdem sein Gewissen uber den Zufall des Erfolgs besanftigt war, der Schmerz uber seine leere Gegenwart neu und unvermischt; die teuerste Seele ging ihn nichts mehr an; seine Stunden wurden nicht mehr harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgeschlagen, sondern einformig von der Turmuhr der Alltaglichkeit. Daher fluchtete er sich zu Mannern und zur Freundschaft, gleichsam unter die neben dem Schutthaufen des Brandes noch grunenden Baume; Weiber floh er, weil sie ihn, wie fremde Kinder eine Mutter, die ihres verloren, zu schmerzlich erinnerten. Wie heiter geht dagegen ein Simultanliebhaber, der nur Allerseelen- und Allerheiligenfeste feiert, ordentlich neugeboren umher, wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen glucklich ausgehenkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der Ansicht eingeloster Guter uberzahlen kann! Schon das Gefuhl dieser Freiheit kann ihn ermuntern, sich ofter, um es wieder zu schmecken, einem weiblichen Herzen als Gefangnen zu uberliefern.
Albano verlief sich an Roquairols und Schoppens Handen in wilde Mannerfeste die das Spharen-Echo der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen ; es waren nach den Rosenfesten nur die Dornenfeste. So gibt es ein Verzweifeln, das sich mit Schwelgen hilft; wie z.B. in der Pest zu Athen oder in der Erwartung des Jungsten Tages oder in der Erwartung des Robespierrischen Schlacht-Messers. Der Hauptmann ging tiefer in seine alte Verworrenheit und Wildnis zuruck und zog, so weit er konnte, den unschuldigen Jungling in seine Volksfeste mit sogenannten Musensohnen, in seine immerwahrende Weinlese und auf seine Freuden-Werbplatze nach, gleichsam als hab' er seinetwegen notig, den Freund ein wenig zu sich herabzubringen.
Albano bildete sich ein, mit diesen Dithyramben sei seine weinende Seele ganz eingesungen, und er wiegte sie nur noch ein wenig fort. Indes wurden, wiewohl ers nicht eingestehen wollte, seine jungen Rosenwangen so bleich wie eine Stirn, und das Gesicht fiel wie eine Taste unter der zersprungnen Saite ein. Es war ruhrend und hart zugleich, wenn er lachend unter seinen Freunden und deren Freunden sass mit einem entfarbten Gesicht mit hohern, scharfern Knochen der Augen und der Nase mit einem wildern Auge, das aus einer dunklern Knochentiefe loderte. Vor Musik, zumal Roquairols seiner, worin das leidenschaftliche Wogen und Werfen unsers Schiffs mit dem tonkunstlerischen abgenutzten Wechsel des Dampfers und Donners zu lebendig arbeitete, entfloh sein Ohr und Herz wie vor einer aufreibenden Sirene. Der abgebrochne Lanzensplitter der Wunde zog in seinem ganzen Wesen nagend herum. O, wie in den Kinderjahren, wenn ihm die Rosen-Wolke am Himmel gerade auf dem Berge aufzuliegen und so leicht zu ergreifen schien, das herrliche Gewolk weit in den Himmel zuruckfuhr, sobald er den Berg erstiegen hatte: so stand jetzt die Aurora des Lebens und Geistes, die er nahe fassen wollen, so hoch und ferne droben uber seiner Hand im Blau. Muhsam erreicht der Mensch die Alpe der idealischen Liebe, noch muhsamer und gefahrlicher ist wie von andern Alpen das Herabsteigen von ihr.
Eines Tages kam Chariton in die Stadt, bloss um ihm endlich einen Brief ihres Mannes denn Dian machte wie alle Kunstler leichter und lieber ein Kunstwerk als einen Brief zu uberbringen, worin er sich freuete, dass er Albano so bald sehen wurde. "Er kommt also wieder?" fragte der Graf. Sie rief betrubt aus: "Bei Leibe! Ja das! Nach seinem vorigen Schreiben bleibt er noch sein Jahr." "So versteh' ich ihn nicht", sagte Albano.
Er wurde an demselben Abend auf herkulanische Bilderbucher die mit Charitons Brief eine Post genommen hatten von der Furstin eingeladen. Sie trat ihm mit jener erheiterten Liebesmiene entgegen, welche man vor einem aufspannt, der vor uns sogleich, wie wir hoffen, seinen grenzenlosen Dank aus dem Herzen ziehen wird. Aber er hatte nichts daraus zu ziehen. Sie fragte endlich betroffen, ob er heute keine Briefe aus Spanien erhalten. Sie vergass, dass die Post gegen kein Haus hoflich und eilig ist als gegen das Furstenhaus. Da aber sein Brief schon gewiss in seinem Zimmer lag: so erlaubte sie sich, die Rolle der Zeit zu nehmen, welche alles an den Tag bringt, und sagte, was im Briefe stehe, "dass sie namlich im Herbste eine kleine Kunstreise nach Rom unternehme, auf der sie sein Vater begleiten werde und er diesen, wenn er wolle; das sei das ganze Geheimnis". Es war das halbe; denn sie setzte bald darauf hinzu, dass sie der besten Zeichnerin in der Stadt am liebsten die Freude dieser Reise zuwende, sobald diese nur genese Lianen.
Wie plotzlich das ganze Herz freudig erleuchtet wird, wenn nach einem langen finstern Regentage endlich abends die Sonne sich unter dem schweren Wasser ein goldnes, offnes Abendtor wolbt, darin rein-glanzend wie in einer Rosenlaube vor der widerscheinenden Erde steht, ihr einen schonern Tag ansagt und dann mit warmen Blicken verschwindet aus der offnen Rosenlaube: so war es unserem Albano.
Der schone Tag war noch nicht da, aber der schone Abend. Er liess die herkulanischen Bilder unter ihrem Schutt und eilte, so schnell als es die Dankbarkeit vergonnte, zum Blatte des Vaters zuruck, der so selten eines gab.
Es war dieses da:
"Liebster Albano! Meine Geschafte und meine Gesundheit sind endlich in solcher Ordnung, dass ich meinen Plan bequem ausfuhren kann, den ich mit der Furstin vorhabe, eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen, zu der ich dich einlade und im Oktober selber abhole. Die ubrige Reisegesellschaft wird dir nicht missfallen, da sie aus lauter tuchtigen Kunstkennern besteht, Herrn v. Bouverot, Herrn Kunstrat Fraischdorfer, Herrn Bibliothekar Schoppe (wenn er will). Leider muss Herr v. Augusti als Lektor zuruckbleiben. Dein Lehrer in Rom (Dian) erwartet dich mit vieler Sehnsucht. Man hat mir geschrieben, dass du die neue Hofdame der guten Furstin, Fraulein v. Fr., deren ich mich als einer sehr braven Zeichnerin entsinne, besonders begunstigest. Es wird dich daher interessieren, dass die Furstin sie auch mitnimmt, zumal da ihr, wie ich hore, eine Gesundheitsreise so notig ist wie mir. Im Fruhling, der ohnehin nicht die schonste Jahreszeit in Italien ist, kehrest du wieder zu deinen Studien nach Deutschland zuruck. Noch etwas im Vertrauen, mein Bester! Man hat meiner Mundel, der Grafin von Romeiro, deine Geister-Visionen aus Pestitz unverhohlen mitgeteilt. Da sie nun den Herbst und den Winter wahrend meiner Abwesenheit bei ihrer Freundin, der Prinzessin Julienne, zubringt und noch dazu eher ankommt als ich: so lasse dich es nicht frappieren, dass sie deiner Bekanntschaft ausweicht, weil sich ihr weiblicher und ihr personlicher Stolz durch den gauklerischen Gebrauch ihres Namens gekrankt und geraFurstin vorhabe, eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen, zu der ich dich einlade und im Oktober selber abhole. Die ubrige Reisegesellschaft wird dir nicht missfallen, da sie aus lauter tuchtigen Kunstkennern besteht, Herrn v. Bouverot, Herrn Kunstrat Fraischdorfer, Herrn Bibliothekar Schoppe (wenn er will). Leider muss Herr v. Augusti als Lektor zuruckbleiben. Dein Lehrer in Rom (Dian) erwartet dich mit vieler Sehnsucht. Man hat mir geschrieben, dass du die neue Hofdame der guten Furstin, Fraulein v. Fr., deren ich mich als einer sehr braven Zeichnerin entsinne, besonders begunstigest. Es wird dich daher interessieren, dass die Furstin sie auch mitnimmt, zumal da ihr, wie ich hore, eine Gesundheitsreise so notig ist wie mir. Im Fruhling, der ohnehin nicht die schonste Jahreszeit in Italien ist, kehrest du wieder zu deinen Studien nach Deutschland zuruck. Noch etwas im Vertrauen, mein Bester! Man hat meiner Mundel, der Grafin von Romeiro, deine Geister-Visionen aus Pestitz unverhohlen mitgeteilt. Da sie nun den Herbst und den Winter wahrend meiner Abwesenheit bei ihrer Freundin, der Prinzessin Julienne, zubringt und noch dazu eher ankommt als ich: so lasse dich es nicht frappieren, dass sie deiner Bekanntschaft ausweicht, weil sich ihr weiblicher und ihr personlicher Stolz durch den gauklerischen Gebrauch ihres Namens gekrankt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht aufgefodert findet. In der Tat konnte man wenn die Spielerei anders einen ernsthaftern Zweck hat wohl kein schlechteres Mittel dazu erwahlen. Du wirst tun, was die Ehre gebietet, und ob sie gleich meine Mundel ist, sie nicht zudringlich aufsuchen. Alles bleibt unter uns. Addio!
G. v. C."
Diese Aussichten die erhebende, neben dem Vater so lange zu sein die heilende, aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres, leichteres Land die schmeichelnde, dass das kranke, geplagte Herz im Bergschlosse vielleicht in Zitronen- und Lorbeerwaldern Freude und Genesung wieder finde, auch wohl wieder gebe diese Aussichten waren, was die Freuden der Menschen sind, sehr schone Spaziergange im Hofe des Gefangnisses.
Auf diesem frohen Spaziergange storte ihn bald das Bild der kommenden Linda aber nicht seinet-, sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen. Wie feindselig muss dieses fremde Irrlicht, dacht' er, in den nachtlichen Kampf aller gegeneinander rennenden Verhaltnisse hupfen! Roquairol schien ohnehin die zu heftig liebende Rabette mit ihren einsamen Wunschen allein zu lassen; sie schickte wochentlich ihre durch einen Einschluss an Albano sonst wars umgekehrt , briefliche Seufzer und Tranen, die er alle kalt einsteckte, ohne von ihnen oder der Verlassenen zu sprechen.
Albano im stillen Lianen und Rabetten abwagend beklagte selber das ungleiche Los seines ubereilten Freundes, uber dessen Sonnenpferde nur eine Amazone und Titanide, aber nicht ein gutes Landmadchen den Zugel werfen konnte und dessen Psyches- und Donnerwagen ihm zu gut schien zu einem blossen ehelichen Post- oder Kinderwagen. Erwurgend wird sich alles durcheinanderschlingen, dacht' er, wenn er, am Traualtar mit Rabetten kniend, zufallig aufsieht und unter den Zuschauerinnen die unvergessliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut das entsagende Ja ausstammeln muss!
Er war daher zweifelhaft, ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken durfe, aber doch nicht lange; "soll ich dem Freund" (sagt' er) "verhehlen und vorgaukeln? Darf ich ihn als schwach voraussetzen und die Beschleunigung der Verhaltnisse scheuen, die doch mit Ihr kommen?"
Sobald Karl zu ihm kam, sagt' er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte um dessen Mitreise; bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes. Der Hauptmann dessen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte war auf der Stelle nicht vermogend, betrachtliche Empfindungen uber den Abschied zu haben und zu malen. Da gab ihm Albano uber die Lippe konnt' ers nicht bringen den ganzen Brief.
Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht hasslich, sogar in des Freundes Auge. Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano, dass dieser es erwiderte unwillkurlich und unwissend. "O, wahrlich, ich versteh' alles" (sagte Karl) "So musst' es sich losen. Warte nur bis morgen!" Alle Muskeln an ihm waren rege, alle Zuge irre, alles bewegt, so wie im heftigen Gewitter kleine Wolkchen umeinander wirbeln. Albano wollte ihn fragen und halten. "Morgen, morgen!" rief er und sturmte davon.
87. Zykel
Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol, zu dessen Verstandnis einige Nachrichten von seinem Verhaltnis mit Rabetten vorausstehen mussen.
Nichts ist schwerer, wenn man seinen Freund recht liebt, als dessen Schwester kaum anzusehen. Nichts ist leichter nur das Umgekehrte ausgenommen als nach der Entzauberung durch, Stadtherzen die Bezauberung durch Landherzen. Nichts ist einem Simultanliebhaber, der alle liebt, naturlicher als die Liebe gegen eine darunter. Es braucht nicht erwiesen zu werden, dass der Hauptmann in allen drei Fallen auf einmal gewesen, da er zum ersten Male zu Rabetten sagte, sie habe sein sogenanntes Herz. Sie hatte freilich die Hamadryade in einem solchen Giftbaum, durch dessen Saft so viele Amors-Pfeile vergiftet wurden, nicht so nahe anbeten sollen; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von den mannlichen Vorzugen gegen den mannlichen Missbrauch davon verblendet.
Anfangs ging manches gut; die reine Unschuld seiner Schwester und seines Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widernaturlichen Bund. Das Vorzuglichste war, dass er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von Rabetten bedurfte als die Ohren; Lieben war bei ihm Sprechen, und Handlungen sah er bloss fur die Zeichnung unserer Seele, Worte aber fur die Farben an. Es gibt eine doppelte Liebe, die der Empfindung und die des Gegenstandes. Jene ist mehr die mannliche, sie will den Genuss ihres eignen Daseins, der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Trager, worauf sie ihr Ich vergrossert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstande wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sie als Brennstoff geworfen werden, hoch fortlodert; und durch Taten, die immer lang, langweilig und beschwerlich sind, geniesset sie sich weniger als durch Worte, die sie zugleich malen und mehren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes geniesset und begehret nichts als das Gluck desselben (so ist meistens die weibliche und elterliche), und nur Handlungen und Opfer tun ihr Genuge und wohl; sie liebt, um zu beglucken, wenn jene nur begluckt, um zu lieben.
Roquairol hatte sich langst der Liebe der Empfindung gewidmet. Daher musst' er so viel Worte machen. Uberhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport uber die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar; am Rheinfall war' er nicht von der besten, namlich geruhrtesten Laune gewesen, bloss weil er zum Lobe desselben da der Fluss alles uberdonnert nichts hatte vorbringen konnen vor erhabenem Larm.
Sein Roman mit Rabetten nach der Liebes-Erklarung war in verschiedene Kapitel abgeteilt.
Das erste Kapitel bei ihr versusste er sich dadurch, dass sie ihm neu war und zuhorte und bewundernd gehorchte. Er schilderte ihr darin grosse Stucke von der schonen Natur ab, mischte einige nahere Ruhrungen dazu und kusste sie darauf; so dass sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoss, in der redenden und in der handelnden; von ihr wollt' er, wie gesagt, nur ein Paar offne Ohren. In diesem Kapitel nahm er noch einige Moglichkeit ihrer Heirat an; die Manner vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Wert und der Dauer derselben.
Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den Tranen, aus denen er es zu schreiben suchte. In der Tat gewahrte ihm diese Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel. Wenn er so neben ihr sass und trank denn wie ein totes Fursten-Herz begrub er gern sein lebendes in Kelche und nun anfing zu malen sein Leben, besonders seinen Tod, und seine Leiden und Irrtumer vorher und seinen Selbst- und Knabenmord auf der Redoute und seine weggestossene Liebe fur Linda: wer war da mehr zu Tranen bewegt als er selber? Niemand als Rabette, deren Augen durch ihren Vater und Bruder so wenig mit Mannertranen bekannt geworden als mit Elefanten-, Hirsch- und Krokodilstranen desto reicher in seine Trauer und Liebe, aber nicht so suss als bitter uberstromten. Das goss wieder neues in seine Flamme und Lampe, bis er am Ende wie jener Schuler des Hexenmeisters von Goethe die Besen, welche Wasser zutrugen, nicht mehr regieren konnte. Poetische Naturen haben eine mitleidige; gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt, der die gebrochnen Glieder sogleich wieder ordnet, ja sogar vorher die Stellen der Quetschungen reguliert.
Der Mann sollte nie seinetwegen, ausgenommen vor Entzuckung, weinen. Aber Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer, welche gerade als Widerspiele der verbrannten Zauberinnen leichter weinen, obwohl mehr vor Bildern als vor dem rohen, wunden Ungluck selber, um die armen Zauberinnen auf die schlimmste Wasserprobe zu setzen. Trauet nicht! Auf dem Machinellen-Giftbaum werden die Regentropfen giftig, die von seinen Blattern rollen.
Indes muss es nie verschwiegen werden, dass der Hauptmann in diesem zweiten Kapitel seinen Entschluss bestarkte, die gute und so weiche Rabette wirklich zu ehelichen; "du weisst," (sagt' er zu sich) "was im ganzen an den Weibern ist, ein paar Mangel auf oder ab tun wenig; deine mannliche Narrheit, sie wie die Zins- und Deputattiere ohne Fehl zu fodern, ist doch wohl voruber, Freund."
Jetzt setzt' er sich hin, um zu seinem dritten Kapitel einzutunken, worin er spasste. Seine Lippen-Allmacht uber das zuhorchende Herz erquickt' ihn dermassen, dass er haufige Versuche machte, ob sie sich nicht halb tot lachen konnte. Weiber nehmen in der Liebe aus Schwache und Feuer das Lachkraut am leichtesten; sie halten den komischen Heldendichter noch mehr fur ihren Helden und beweisen damit die Unschuld ihres Auslachens. Aber Roquairol liebte die Lachende weniger.
In seinem vierten Kapitel oder Sektor, oder Hundsposttag, oder Zettelkasten, oder wie ich sonst (lacherlich genug) statt der Zykel abteile in seiner vierten Jobelperiode, sag' ich, hielt es sozusagen harter mit ihm. Rabette wurd' es endlich gewohnt und satt, dass er immer abstieg und den zwischen den Radern hangenden Teertopf der Tranendruse aufmachte, um den Trauerwagen zu teeren. Tiefes Ruhren und Bewegen wurd' ihm taglich sauerer gemacht und vergallet, er musste immer langere und grellere Trauerspiele geben. Da fing er an zu merken, dass die Zunge des Landmadchens nicht eben die grosste Landschaftsmalerin, Seelenmalerin und Silhouettrice sei und dass sie zu ihm wenig mehr zu sagen wisse als: du mein Herz! Er machte deshalb im vierten Kapitel seltnere Besuche; das half wieder viel, aber kurz. Glucklicherweise gehorte die halbe Meile von Pestitz nach Blumenbuhl zu Rabettens Schonheitslinien und Strahlen; in der Stadt, in einer Strasse oder gar unter einem Dache war' er zu kalt geblieben vor Nahe.
Die naturlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das funfte oder das Wechselkapitel, das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von Vorwurfen und Versohnungen aufblaset, so dass beide sich, wie elektrische Korper kleine, wechselnd anziehen und abstossen. Zuweilen trank er nichts und fuhr sie bloss an, zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr: "Ich bin der Teufel, du der Engel." Den grossten Stoss gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall, den er ihr wider Verhoffen schenkte. Dem Hauptmann war ganzlich so, als begeh' er die Silberhochzeit, wenn er einmal die goldne feiere. Im Dienste der Liebesgottin wird man leichter kahl als grau; er war schon gegen die Silberbraut moralisch-kahl. Zum Glucke trieb er kurz vor dem Flammensonntag in Lilar144 alle Vernachlassigungen und Sunden so weit, dass er am Sonntag imstande war, sie zu verfluchen; nur nach Zurnen und Sundigen konnt' er leichter lieben und beten, wie der kriechende Springkafer sich nur aufschnellt, auf den Rucken gekehrt. Es ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen, wenigstens entgangen, dass Roquairol morgens mit Rabetten im Flotentale gesessen dass Rabette da beklommen und einsam gesungen und dass er aufgeloset seinem von der Liebe verherrlichten Freunde aufgestossen. Die Tal-Sache ist naturlich: nach so langem Kuhl(nicht Kalt-) Sinn an diesem luftigen, freien Otaheiti-Tage bei so vielem, was er in den Handen hatte (eine fremde und eine Flasche) neben ihrem Herzen, so warm und doch so ruhig wie die Sonne droben neben der einsamen Waisen-Flote, die er rufen liess und bei seinem herzlichsten Wunsche, von einem solchen Tage und Himmel etwas zu profitieren da sah er sich ordentlich genotigt, wahre Ruhrung vorzuholen, uber seine Vergangenheit sich auszulassen (er glich den alten Sprachen, die nach Herder viele Praterita und kein Prasens haben) ja uber seinen Tod (auch ein Bruchstuck der Vergangenheit) und dann wie auf einem Himmelswege weiterzugehen. Freilich ging er nicht weit; er liess wieder sein heil. Januars-Blut flussig werden, namlich seine Augen, und also vorher sein eignes und foderte dann der entzuckten, im schonsten Himmel umhergeschleuderten Seele nichts Geringeres ab als da sie vor dem zugeworfnen Schnupftuch verstummte wie der Kanarienvogel unter dem ubergeworfnen ein schwaches Singen. Rabette konnte nicht singen, sie sagte es, sie weigerte sich, sie sang endlich; aber sie dachte unter dem leeren Singen an nichts weiter als an ihn und sein wildes, nasses Gesicht.
Das schlimmste Kapitel unter allen, die er in seinen Roman brachte, ist wohl das sechste, das er in der Illuminationsnacht in Lilar niederschrieb. Anfangs hatt' er die stumme, glanzlose Zuschauerin einsam stehen lassen, indem er hinter dem Venuswagen voll fremder Gottinnen nachlief und aufsprang. Allmahlich kroch eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantelbiss, dem ein krankes Toben folgte. Da Massigkeit eine wahre starkende Arzenei des Lebens ist: so nahm er zu dieser kraftigen Arzenei, um sie nicht in immer starkern Dosen brauchen zu mussen, ungemein selten die Zuflucht und gewohnte sich durchaus nicht an sie. Endlich erschienen an ihm wie am sinesischen Porzellan145 die Gestalten durch Fullen; er trat mitleidend und liebend zu Rabetten und glaubte mit ihr, gegen sie weich oder gut zu sein, da ers bloss gegen alle war.
Er wollte sie aus dem feindlichen Augen-Heer entfuhren, um bei ihr den Kuss zu suchen, dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab; aber sie weigerte sich, weil da, wo das Auge aufhort, der Verdacht anfangt, als er zum Ungluck die Blinde aus Blumenbuhl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wache Rabettens rufen konnte, um diese aus der Versuchung unter Menschen in die Versuchung in die Wuste zu fuhren. Sie ungestum-liebend an sich drukkend wie nie dass die arme, diesen Abend so verlassene Seele uber die Wiederkehr aller ihrer Freuden weinte und zu ihr redend wie ein Engel, der wie keiner handelt, gelangt' er mit ihr im stillen Tartarus, wo alles blind und stumm war, unwillkurlich an.
Rabette hatte die Blinde nicht entlassen; aber als sie in den Katakombengang eingingen, der nur zwei Personen fasset, wenn nicht die dritte im Wasser schleichen will, wurde die augenlose Magd an die Pforte gestellt, um so mehr da er sich nicht gern von einer uberflussigen Zuhorerin wollte hemmen lassen. Und was war denn mitten im Guckkasten des Grabes auch zu scheuen?
Drinnen sprach er uber die uberall ausgestreckten Zeigefinger des Todes, "und dass sie hinwiesen, das Leben, so dumm es auch sei, nicht noch dummer zu machen, sondern lustig". Er setzte sich mit ihr liebkosend wie der Wurgengel unsichtbar neben dem bluhenden Kinde sitzt, das im alten Gemauer spielt und dem er den schwarzen Skorpion in die zarten Handchen druckt ; es war die Stelle, wo er mit Albano, gegenuber dem Gerippe mit der Aolsharfe, in der ersten Bundesnacht gesessen, als ihm der Freund die Entsagung Lindas beschwor. Seine Zunge stromte wie sein Auge Er war weich, wie nach dem Volksglauben Leichen weich sind, denen Traurende nachsterben Er warf Feuer-Kranze in Rabettens Herz, aber sie hatte nicht wie er Wortstrome zum Loschen sie konnte nur seufzen, nur umarmen; und die Manner versundigen sich am leichtesten aus Langerweile an guten, aber langweiligen Herzen Schneller sprangen Lachen und Weinen, Tod und Scherz, Liebe und Frechheit ineinander uber; das moralische Gift macht die Zunge so leicht als physisches sie schwer Die Arme! die jungfrauliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald ein Blatt gezogen ist, leicht alle gepaarte nachfallen; seine wilden Kusse brachen die ersten Blatter aus Dann sanken andere Umsonst wehet der gute Genius fromme Tone aus der Harfe des Todes und rauschet zurnend im Orkus-Flusse der Katakombe herauf Umsonst! Der schwarzeste Engel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen, um ihn als Mordbrand in die Hohle zu tragen. Der Wehrlosen enges, armes Lebens-Gartchen, worin nur wenig wachst, steht auf dem langen Minengang, der unter Roquairols ausgedehnten Lustlagern weglauft; und der schwarzeste Engel hat die Minen-Lunte schon angesteckt Feurig frisset der gierige Punkt sich weiter. Noch steht ihr Gartchen voll Sonnenschein, und seine Blumen wiegen sich der Funke nagt ein wenig am schwarzen Pulver, plotzlich reisset er einen ungeheuern Flammen-Rachen auf und das grune Gartchen taumelt, zersprengt, zerstaubt, in schwarzen Schollen aus der Luft herab an ganz fernen Stellen Und das Leben der Armen ist Dampf und Gruft.
Aber Roquairols ausgebreiteten, weiten und zusammengewurzelten Lust-Parks widerstanden dem Erdstosse viel kraftiger. Beide traten dann betrubt denn dem Hauptmann war eine kleine Laube aufgeschleudert aus dem Miniergange heraus, trafen aber die Blinde nicht mehr an, die suchend sich verlaufen hatte, sondern stiessen nur dem umherirrenden Albano auf, der sehr trauerte und tobte, ob er gleich diesen Abend nichts verloren hatte als Freuden.
Lasset uns die Betrogne und ihre Mit-Millionen mit einigen Worten vor einen milden Richter fuhren! Nicht das allein wird dieser Richter wiegen, dass sie, vom Blutenstaube eines rauchenden FreudenFruhlings betaubt, stumm-erstickt mit dem jungfraulichen Schleier, erlegen dem Sturm der Phantasie da Weiber um so leichter vor der fremden und poetischen fallen, je seltner ihre eigne weht und ihnen das Feststehen angewohnt , den Lohn eines ganzen jungfraulichen Lebens sterben liess: sondern das mildert am starksten das Urteil, dass sie Liebe im Herzen trug. Warum erkennt es denn das Manner-Geschlecht nicht, dass die Liebende in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles fur den Geliebten, dass die Frau fur die Liebe alle Krafte, gegen sie so kleine hat und dass sie mit derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingabe als ihre Tugend? und dass nur der fodernde und nehmende Teil schlecht sei, besonnen und selbstsuchtig?
Das letzte oder siebente Kapitel seines Rauberromans ist sehr kurz und widersprechend. Den dritten Tag besucht' er sie in ihrem Garten, war zartlich, vernunftig, nuchtern, zuruckhaltend, als war' er ein Ehemann. Da er sie voll Kummer fand, den sie doch nur halb aussprach: so kam er aus Angst fur ihre Gesundheit mehrmals wieder; und als diese nicht im geringsten gelitten, blieb er weg. Gegen Albano war er wahrend besagter Angst demutig; und nach derselben wie sonst, aber nicht lange. Denn als seine Schwester, die er vielleicht unter allen Menschen am reinsten liebte, durch Albanos Wildheit erblindete: warf er, eben wegen der Ahnlichkeit der Schuld, auf diesen einen wahren Hass und etwas Ahnliches auf alle dessen Verwandte. Rabette bekam jetzt nichts weiter von ihm als Briefe und Entschuldigungen, kurze Gemalde seiner wilden Natur, die freien Spiel-Raum haben musse und die, einer fremden angeheftet, diese bloss ebensosehr mit der Kette zerschlagen und drucken musse als sich selber. Alle Einwurfe Rabettens wusst' er so gut zu heben, da sie nur in Worten, und nicht in Mienen und Tranen bestanden, dass er am Ende selber einsah, er habe recht; und der von diesem sturzenden, glatten Maienbaum erschlagnen Maiblume blieb fast nichts ubrig als das rechte letzte Wort, namlich die stumme Lippe, die es dem Morder nicht erst meldet, dass er das Herz getroffen und zerstoret habe.
88. Zykel
Hier ist Roquairols Brief an Albano:
"Einmal muss es geschehen, wir mussen uns sehen, wie wir sind, und dann hassen, wenn es sein muss. Ich mache deine Schwester unglucklich, du meine und mich dazu; das hebt sich auf gegenseitig. Du verzerrest dich aus meinem Engel immer heftiger zu meinem Wurgengel. Wurge mich denn, aber ich packe dich auch.
Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift uberstanden! Ich habe mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel, verschluckt. Frei heraus! Ich jauchze nicht mehr, ich glaube nichts mehr, ich jammere nicht einmal recht tapfer. Ausgehohlt, verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum. Wenn so zuweilen die Eingeweidewurmer des Ichs, Erbosung, Entzuckung, Liebe und dergleichen, wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset: so seh' ich vom Ich herunter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich sie, stecke sie ineinander. Dann seh' ich wieder dem Zusehen zu, und da das ins Unendliche geht, was hat man denn von allem? Wenn andere einen Glaubens-Idealismus haben, so hab' ich einen Herzens-Idealismus, und jeder, der alle Empfindungen oft auf dem Theater, dem Papier und dem Erdboden durchgemacht, ist so. Wozu dients? Wenn du jetzt sturbest, sag' ich mir oft, so ware ja alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks zusammenlaufen, weggewischt, unsichtbar; mir ist dann, als war' ich nichts gewesen. Oft seh' ich die Berge und Flusse und den Boden um mich an, und mir ist, als konnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich mit. Das kunftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und alles, was daranhangt, gehort unter die Entzuckungen, denen man zusieht; zumal unter einer, in der Liebe.
Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir fur Entkraftung haltst: so sag' ich dir gerade heraus: steige nur weiter, knete dich nur mehr durch, hebe nur den Kopf aus den heissen Wogen der Gefuhle hoher, dann wirst du dich nicht mehr in sie zerlaufen, sondern sie allein verwallen lassen. Es gibt einen kalten, kecken Geist im Menschen, den nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn er wahlt sie erst, und er ist ihr Schopfer, nicht ihr Geschopf. Ich erlebte einmal auf dem Meer einen Sturm, wo das ganze Wasser sich wutend und zackig und schaumend aufriss und durcheinanderwarf, indes oben die stille Sonne zusah;- so werde! Das Herz ist der Sturm, der Himmel das Ich.
Glaubst du, dass die Romanen- und Tragodienschreiber, namlich die Genies darunter, die alles, Gottheit und Menschheit, tausendmal durch- und nachgeafft haben, anders sind als ich? Was sie und die Weltleute noch reell erhalt, ist der Hunger nach Geld und nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der tierische Leim, der hupfende Punkt in der weichen Fluss-Welt und Fliess-Welt. Die Affen sind Genies unter dem Vieh; und die Genies sind nicht bloss vor hohern Wesen, wie Pope von Newton sagt sondern auch hier unten Affen, im asthetischen Nachmachen, in der Herzlosigkeit, Bosheit, Schadenfreude, Wollust und Lustigkeit.
Letztere und vorletztere beding' ich mir aus. Gegen die Longueurs im Lebens-Buche, das kein Mensch versteht, gibts nichts als einige lustige Stellen, an die ich nicht mehr denke, sobald ich sie gelesen. Um nur wegzukommen uber das hockerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser unterstreuen. Die Freude ist schon etwas wert, weil sie etwas verdrangt, eh' man sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts.
So bin ich; so war ich; da sah ich dich und wollte dein Du werden aber es geht nicht, denn ich kann nicht zuruck, aber du vorwarts, du wirst mein Ich einmal und da wollt' ich deine Schwester lieben! Sie verzeihe es mir! Hier trinke reinen Wein! Ich weiss am besten, wie weit es mit den Weibern geht wie ihre Liebe begluckt und beraubt wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an viel besserem Holze entzundet als ernahrt und wie uberall der Teufel alles holt, was er bringt.
O, warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben, als man haben will? Gar keine? Meinetwegen; uberall wollen schlaffe Prediger uns von jeder verganglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust. Ist denn die Unlust nicht auch verganglich? Rabette meint' es gut mit mir, aus demselben Grunde des Wunsches, warum ichs mit ihr und mir so meinte. Aber weiss es denn jemand, welche Fegefeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das voll ist, ohne zu fullen, und dessen Liebe man am Ende hasset vor welchem, aber nicht mit welchem man weint und nie uber Gleiches und dem man sich jede Ruhrung zu enthullen scheuet, aus Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu sehen aus dessen Zorn man den grossern Zorn und aus dessen Liebe man den kleinern saugt? Und nun vollends auf immer in diese Peinlichkeit die heitern Verhaltnisse eingeschraubt, die uns sonst uber die peinlichen emporhalten sollen auf immer das lang gewunschte Gotter-Gluck des Lebens in einen platten Schein und Kupferstich verkehrt das Herz in eine Brust und Larve das Mark des Daseins in spitze Knochen Und doch bei allen Vorwurfen der Kalte nur ans Schweigen gekettet, unschuldig und stumm auf die Folter gebunden und das eben ohne Ende!
Nein, lieber den Wahnsinn her, den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie der Eumeniden holt! Lieber recht unglucklich entbrannt, ohne Hoffnung, ohne Laut, bis zur Bleichheit und Wut, als so geliebt nicht liebend! Wer einmal in dieser Holle brannte, Albano, der fahrt immerfort in sie; das ist das neue Ungluck. Verschmerz' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln vorher und bin gewiss nicht schwach? Doch bin ich nicht imstande, einer empfindsamen Rede oder Klavierphantasie oder Vorlesung oder Vorsingung Einhalt zu tun, und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen Gottern unterschriebne Drohung vorhielte, dass eine Zuhorerin, die ich nicht leiden kann, sogleich darauf meine Liebhaberin wurde und daraus meine Geliebte und Holle.
Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt, Schonheit und Fackel; fur mich ists eine Mordfackel, aber ich liebe den Tod und darum den Amor. Langst war mir mein Leben eine tragische Muse; gern geb' ich dem Dolche einer Muse die Brust; eine Wunde ist fast ein halbes Herz.
Hore weiter! Rabette hat eine schone Natur und folgt ihr, aber meine ist fur sie eine Wolke mit leerer, verganglicher Bildung und Gestalt; sie versteht mich nicht. Konnte sie es, so vergabe sie mir am ersten. O, ich habe sie wohl misshandelt, als ware ich ein Schicksal und sie ich. Zurne, aber hore. In der Illuminationsnacht fuhrte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der Freude uns warmer aneinander unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen Hofgesichtern bluhte ihr aufrichtiges so schon und so lebendig wie ein frisches Kind auf der Buhne und am Hofe Wir gerieten in den Tartarus Wir sassen an der Stelle, wo du mir deinen Verzicht auf Linda geschworen In meinen Sinnen gluhte der Wein, in ihren das Herz O, warum hat sie, wenn man spricht und stromt, keine andere Worte als Kusse und macht einen sinnlich aus Langeweile und zwingt zum Sprechen ihrer Sprache? Meine wahnsinnige Kuhnheit, die mir die Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte, ergriff mich und trieb mich wie einen Nachtwandler. Aber immer ist etwas in mir Hellblickendes, das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt, uber mich wirft und mich verhullt darin fuhrt. So sieh mich in jener Nacht mit dem brennenden Netz um das Haupt, der Totenbach murmelt zu mir, das Skelett greift durch die Harfe Aber umschlungen, vergittert, verdunkelt, geblendet vom Feuer-Geflechte der Lust, acht' ich weder Vernichtung noch Himmel noch dich und jenen Abend, sondern ich schlinge alles durcheinander und ins Geflechte Und so sank die Unschuld deiner Schwester ins Grab, und ich stand aufrecht auf dem Konigssarg und ging mit hinunter.
Ich verlor nichts in mir ist keine Unschuld , ich gewann nichts ich hasse die Sinnenlust ; der schwarze Schatte, den einige Reue nennen, fuhr breit hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das Schwarze weniger optisch als das Bunte?
Verdamme deine arme Schwester nicht; sie ist jetzt unglucklicher als ich, denn sie war glucklicher; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben. Bewahrt lag ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschale; der Kern selber zersprengte in der nahrenden, warmen Erde seinen Panzer und drangte sich grunend ans Licht.
Ich besuchte sie nachher. Alle ihre Seelenschmerzen gingen in mich uber; zu allen Taten und Opfern fur sie fuhlt' ich mich leicht; aber zu keinen Empfindungen. Macht, was ihr wollt, du und mein Vater, ich werde mich in diesem dummen Stoppelleben, wo man in der Freiheit so wenig erntet, nicht vollends in das enge dreissigjahrige Gehege der Ehe bannen. Bei Gott! fur den erbarmlichen erpressten Sinnen-Rausch hab' ich schon bisher und unter ihm mehr ausgestanden, als er wert ist.
Nicht das, was ich gestern bei dir gelesen, gibt mir diesen Entschluss das frage Rabetten uber ihn , und meine Freimutigkeit gegen dich ist ein willkurliches Opfer, da die Mysterie unter zweien hatte ohne mich eine bleiben konnen: sondern ich will nicht von dir verkannt sein, gerade von dir, der du, bei so wenigen Reflexen deines Innern, so leicht nachteilig vergleichst und nicht merkst, dass du meine Schwester in Lilar gerade so, nur mit geistigern Armen, opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst. Ich tadle dich nicht; das Schicksal macht den Mann zum Unter-Schicksal des Weibes. Die Leidenschaften sind poetische Freiheiten, die sich die moralische nimmt. Du hieltest mich doch nicht fur zu gut, ich bin alles, wofur du mich nahmest, nur aber noch mehr dazu; und das Mehr-Dazu fehlt dir noch selber.
O, wie fliegt mein Leben schneller, seit ich weiss, dass Sie146 kommt! Das Schicksal, das so oft Gewicht und Rader spielt und den Perpendikel des Lebens mit eigner Hand auswirft, hebt den meinigen aus, und alle Rader rollen der seligen Stunde unbandig entgegen. Sie ist meine erste, meine reinste Liebe; vor ihr riss ich alle meine bluhenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg als Blumen; fur Sie opfer' ich, wag' ich, tu' ich alles, wenn Sie kommt. O, wer in der leeren Schaum- und Gaukel-Liebe nichts furchtet, was sollte der in der rechten, lebendigen Sonnen-Liebe scheuen oder weigern? Du Engel, du Wurgengel, du flogst herein in mein kahles, ebenes Leben, du fliehst und erscheinst, bald hier, bald da, auf allen meinen Steigen und Auen, o verweile nur so lange, bis ich vor deinen Fussen mir mein Grab aufgewuhlet habe, wahrend du zu mir heruntersahest!
Albano, ich schaue die Zukunft und greif' ihr vor; ich sehe recht deutlich das lange, uber den ganzen Strom gespannte Netz, das dich fassen, schnuren und wurgen soll; dein Vater und noch andere ziehen darin euch beide einander zu, Gott weiss warum.
Darum kommt Sie jetzt, und dein Reisen ist nur Schein. Meine arme Schwester ist bald besiegt, namlich ermordet; besonders da man dazu bei ihrem Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene korperlose, die uber dem alten Furstenherzen dem deinigen die Grenze anwies!
Welche Lichter in der Zukunft, die zwischen finstern Verhaltnissen und Gebuschen, in Mord-Winkeln brennen! Wie es sei, ich trete in die Hohlen hinein; ich danke Gott, dass das ohnmachtige, kaltschwitzende Leben wieder einen Herzschlag, eine Leidenschaft gewinnt; und dann oder jetzt tue gegen mich, der ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte, was du magst. Schlage dich heut oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn du mich in den langsten Schlaf auf den Rucken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur anfangs lebhaft, dann schlafrig, o so schlafrig! Gern will ich nicht mehr lieben, wenn ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich, leb aber wohl!
Dein Freund
oder dein Feind."
89. Zykel
"Mein Feind!" rief Albano. Der zweite heisse Schmerz schlug vom Himmel in sein Leben ein, und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Fusse geworfen; und er fuhlte den ersten Hass. Diese Giftmischung von sinnlicher und geistiger Schwelgerei, dieser Garbottich von SinnenHefe und Herzens-Schaum dieser Vertrag von Liebes- und Mordlust und gegen dasselbe schuldlose Herz dieser geistige Selbstmord des Gemuts, der nur ein lustiges, umherschweifendes, sich wechselnd verkorperndes Gespenst ubrig liess, auf das kein Verlass mehr bleibt und das ein tapferer Mann schon zu hassen anfangt, weil er diesen weichen Gift-Nebel nicht packen und bekampfen kann das alles erschien dem Grafen, der ohne die Ubergange und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie aus dem vorigen Lichte der Freundschaft in diese Abenddammerung gefuhre wurde, noch schwarzer, als es war. Neben die flache Wunde, die sein Familienstolz in der gemisshandelten Schwester empfing, kam die tiefe giftige, dass Roquairol ihn mit sich und Lianens Zerstorung mit Rabettens ihrer verglich. "Bosewicht!" knirschte er; auch die kleinste Ahnlichkeit schien ihm eine Verleumdung.
Allerdings hatte Roquairol an ihm sich verrechnet und seine poetische Selbst-Verdammnis zu sehr auf Rechnung eines poetischen Richterspruchs aufgesetzt. Wie man im Gerausche unwissend lauter spricht, so wusste er, wenn die Phantasie mit ihren Katarakten um ihn brauste, nicht recht, was er rief und wie stark. Da er oft doch weniger Schwarze an sich fand, als er schilderte: so setzt' er voraus, der andere finde dann sogar noch weniger als er selber. Auch hatt' er im poetischen und sundigen Taumel sich am Ende das moralische Zifferblatt selber beweglich gemacht, dass es mit dem Zeiger ging; in dieser Verwirrung wurd' ihm nicht gezeigt, wo Unschuld war.
Hatt' er vorausgesehen, dass seine brieflichen Beichten in feindlichern Winkeln an- und abprallen wurden als einstmals seine mundlichen: er hatte sie anders gerichtet.
Vor Erschutterung konnte Albano nicht sogleich den kurzen Scheidebrief keinen Fehdebrief an den Verlornen schreiben, sondern zogerte in der Gewissheit, dass der Hauptmann nicht selber komme als er kam. Denn Zogern vertrug er nicht; korperliche und geistige Wunden nahm er als theatralische auf; zu sehr gewohnt, Menschen zu gewinnen, verwand ers zu leicht, Menschen zu verlieren. Eine schreckliche Erscheinung fur Albano; nur der aufgestellte lange Sarg des getoteten Lieblings! Dass nun uber dieses kraftigknochige Gesicht, sonst die Feste ihrer Seelen, die Furchen des Unkrauts sich krummten, dass dieser Mund, den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt, ein Pestkrebs, eine deckende Rose des Zungenskorpions fur die trauendannahende gute Rabette gewesen, das zu sehen und zu denken war reiner Schmerz.
Kaum horbar war Gruss und Dank; stumm gingen sie auf und ab, nicht neben-, sondern widereinander. Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen, um nichts als die Worte zu sagen: gehe von mir und lasse mich deiner vergessen. Er wollte Lianen im Bruder schonen, der ihn das Opfermesser derselben gescholten; ungerechte Vorwurfe erhalten uns in der nachsten Zukunft besser, weil wir sie zu keinen gerechten wollen werden lassen. "Offen bin ich, siehst du" (fing Roquairol gemassigt an, weil seine Wallungen halb vertropft und verschrieben waren) "sei es auch und antworte dem Brief." "Ich war dein Freund nun nicht mehr", sagte Albano erstickt. " Dir hab' ich doch nichts getan", versetzte jener.
"Himmel! Lass mich nicht viel reden" (sagte Albano) "Meine elende Schwester Meine Unschuld an der Grafin Kommen Meine elende, verworfne Schwester O Gott! empor mich nicht Ich achte dich nicht mehr, und da geh!"
"So schlage dich!" sagte der Hauptmann, halb seelen-, halb wein-trunken. "Nein!" (sagte Albano, lauteinatmend wie zum Seufzer des Zorns) "dir ist nichts heilig, nicht einmal ein Leben!" Dieser Zogling des Todes warf den eignen Lebenstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft; das meinte Albano und dachte nur an die kranke, so leicht an fremden Wunden sterbende Liane, die Liebe war (statt der Freundschaft) wie ein milderndes Weib vor seine aufgebrachte Seele gegangen; aber der Feind verstand ihn falsch.
"Du musst," (spottete wild der Hauptmann) "deines soll mir teuer sein!"
"Himmel und Holle! ich meinte ein besseres" (sagt' er) "Verleumder, gegen deine Schwester hab' ich nicht so gehandelt wie du gegen meine ich habe sie nicht elend machen wollen, ich bin nicht wie du! Und ich schlage mich nicht; ich schone sie, nicht dich." Aber der Hollenfluss des Zorns, den er durch Liane in flaches Land hatte leiten und seichter machen wollen, schwoll davon wie unter Zauberhand auf, weil Roquairols Luge ihres Hinopferns dabei so nahe lag.
"Du furchtest dich", sagte der erbitterte Roquairol und nahm doch zwei Degen von der Wand. "Ich achte dich nicht und schlage mich nicht", sagte Albano, ihn und sich mehr reizend, da er doch sich bezwingen wollte.
Da trat Schoppe herein; "er furchtet sich", wiederholte jener gewaffnet. Albano gab errotend mit drei brennenden Worten die Geschichte. "Ein wenig musset ihr euch vor mir schlagen!" rief der Bibliothekar voll alten Hass gegen Roquairols poetisches Blendund Gaukel-Herz. Albano, lechzend nach kaltem Stahl, griff unwillkurlich darnach. Der Kampf begann. Albano fiel nicht an, aber immer wutender wehrt' er sich; und wie er so den zornigen Affen des vorigen Freundes mit dem Dolch in der Hand sah, der aus den bluhenden Beeten der schonsten Tage ausgeackert war und in welchen er mit seinen Wunden getreten; und wie der Hauptmann mit wachsendem Sturme auf ihn fruchtlos einblitzte: so sah er auf dem grimmigen Gesicht den dunkeln Hollenschatten wieder stehen, der darauf gestanden und gespielet, als er unter sich die straubende Rabette erwurgte; die Aufziehbrucke der Gesichter, worauf sonst beide Seelen zusammenkamen, stand hoch, auseinandergerissen in die Luft. Gluhender blickte Albano, zorntrunkner griff er den Werwolf der verschlungnen Freundschaft an plotzlich hieb er ihm wie eine Tatze das Gewehr ab: als Schoppe, vom ungleichen Schonen und Fechten entflammt, mit Rabettens Namen die Rache rufen wollte und schrie: "Die Schwester, Albano!"
Aber Albano verstand darunter Karls Schwester und schleuderte das eine Schwert dem andern nach, und Feuertropfen standen in seinem Auge und verzogen unformlich das feindliche Gesicht vor ihm. "Albano!" sagte zorn-erschopft Roquairol, auf den weinenden Regenbogen des Friedens bauend; "Albano?" fragt' er und gab ihm die Hand. "Lebe froh, aber geh, noch bin ich unschuldig, geh!" versetzte Albano, der hart das Gewitter des ersten Zorns uber sich fuhlte, das, zwischen seine Geburge eingesenkt, fortschlug. "Ins Teufels Namen geht! Am Ende werd' ich auch angesteckt", fuhr Schoppe dazwischen. "In solchem Namen geht man gern!" sagte der Hauptmann, dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungenmuskeln erfroren, und ging schweigend; aber Albano sah ihn langst nicht mehr an, weil er keine fremde Erniedrigung vertrug, sondern, wie jede starke Seele, mit der gebuckten Menschheit zugleich sich selber niedergebogen empfand, so wie grosse Thronen keine KnechtsAbzeichen in ihrer Nahe dulden.147
Schoppe fing nun an, ihn an seine fruhesten Weissagungen uber Roquairol zu erinnern und sich das grosse Propheten-Quartett zu nennen dessen unheilbare Mund- und Herzensfaule zu rugen dessen theatralische Festigkeit mit dem romischen Marmor und Porphyr zu vergleichen, der aussen eine Stein-Rinde habe, innen aber nur Holz148 anzumerken, dessen innere Besitzung heisse, wie die des deutschen Ordens, nur eine Zunge und uberhaupt so heftig gegen alle Selbst-Zersetzung durch Phantasie, gegen alle poetische Weltverachtung sich zu erklaren, dass ein anderer als Albano wohl eben den Eifer fur einen Schutz gegen das leise Gefuhl einer Ahnlichkeit nehmen konnte.
Schoppe hoffte sehr, Albano hor' ihm glaubend zu und werde zurnen, lachen und antworten; aber er wurde ernster und stiller; er sah den rechtschaffenen Bibliothekar an und fiel ihm heftig und stumm an den Hals und trocknete schnell das schwere Auge. O, es ist ein finsterer Trauertag, der Begrabnistag der Freundschaft, wo das ausgesetzte, verwaisete Herz allein heimgeht, und es sieht die Todeseule vom Totenbette derselben schreiend uber die ganze Schopfung fliegen.
Albano hatte anfangs noch heute nach Blumenbuhl gehen und seine verlassene Schwester auf das TrauerGeruste der Wahrheit fuhren wollen; aber jetzt war sein Herz nicht stark genug dazu, seine eignen Worte an die Schwester zu ertragen oder ihre Tranen ohne Mass und ohne Troster.
Einundzwanzigste Jobelperiode
Die Leseprobe der Liebe Froulays Furcht vor
Gluck der betrogne Betruger Ehre der Sternwarte
90. Zykel
Seit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albanos Auge nach der schonsten Ruine der Zeitwenn man die Erde selber ausnimmt , nach Italien gerichtet, und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens fest, das ihn vor das Schonste und Grosste, was Natur und Menschen schaffen konnen, fuhren sollte. Wie taten ihm die Feuer-Berge und Romas-Ruinen und ihr warmer, blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf, wenn er die leidende Liane vor sie fuhrte und die frommen Augen erquickt die Hohen massen! Ein Mensch, der mit der Geliebten nach Italien reiset, hat dadurch, eben weil er eines von beiden entbehren konnte, beide verdoppelt. Und Albano hoffte diese Seligkeit, da alle Zeugnisse, die ihm uber Lianens Genesung begegneten, diese versprachen. Den Doktor Sphex der einzige, der fur sie eine Grube offnete und darin die Totenglocke goss und jedem schwur, mit den Blattern falle sie sah er nicht mehr. Er wollte indes sagt' er sich bei der ganzen Mitreise nur ihr Gluck, gar nicht ihre Liebe. So sah er sich immer in seinem Selbst-Spiegel, namlich nur verschleiert; so hielt er sich oft fur zu hart, wiewohl er es so wenig war; so hielt er sich fur den Sieger uber sein Herz, als sein schones Angesicht schon kranke, blasse Farben trug.
Die Gegenwart stand noch dunkel uber ihm, aber ihre benachbarten Zeiten, die Zukunft und Vergangenheit, lagen voll Licht. Welche Reise, worauf eine Geliebte, ein Vater, ein Freund, eine Freundin schon unterwegs die Merkwurdigkeiten sind, zu welchen andere erst ziehen!
Die Furstin war die Freundin. Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn, seit der Hoffnung einer langern und nahern Gegenwart uberwaltigte sie alles Gewolke um sich her immer glucklicher, um den Freund nur aus einem blauen Himmel anzulachen und anzuleuchten. Sie allein am Hofe schien den barschen Jungling, dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hofstolz und besonders gegen den offnen des Fursten anrennte, mild und recht zu nehmen; sie allein schien da nichts seltener in und von Zirkeln erraten wird als schone Empfindsamkeit, zumal von hofischen, zumal die mannliche sanft die seinige auszuspahen und teilend fortzuwarmen. Sie allein ehrte ihn mit jener strengen, bedeutenden Achtung, die so selten die Menschen geben so wie fassen konnen, weil sie immer nur Liebe und Leidenschaft notig haben, um recht zu geben, unfahig, anders als bei Kometenlicht, bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu lesen. Alles, was er war, setzte sie bei ihm bloss voraus; seine Vorzuge waren nur ihre Foderungen und seine Schutzbriefe; sie machte seine Individualitat weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Widerschein, beide waren Maler, keine Gemalde. Er horte zwar oft, dass sie mannlich-strenge sei, zumal als Befehlshaberin, aber doch nicht, dass sie weiblichgrausam werde. Fur das gewohnliche Hoflings-Gewurme, das sich auf seinen Wurm-Ringen nur durch Kriechen Hohen gibt, war sie abstossend und marternd; ob sie gleich als Neu-Gekommene hatte ein neugebornes Kind sein sollen, das den altern Kindern Rosinen mitbringt. Am Sonntage, wo an Hofen, wie in Berlin auf der Buhne, immer geistige Volksstucke aufgefuhrt werden, war sie unter den Sonntagskindern, die mehr Geister sehen als haben, ein Montagskind, das sich einen zu finden wunscht, der sei er immer nicht geadelt doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden weiss sowohl am eigenen Ich als im Bilderkabinett. Deswegen dankten viele Herren und noch mehr Damen Gott, wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als: Gott befohlen!
Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters taglich werter. Wie in einen warmen Sonnenschein des Fruhlings trat er zum erstenmal in den schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft, die auch hier der Liebe zwei Schwingen goss und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs; es war aber bei ihm die Liebe gegen Liane, der die Freundin am leichtesten Flugel nach Italien geben konnte. Er fuhlte, dass bald eine Stunde der uberfliessenden Achtung schlagen werde, wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe vertrauend offnen konnte. Denn sie machte ihm so oft Raum, ihr nahe zu sein, als es nur der enge Bezirk eines Thrones und die alles verratende hohe Lage desselben vergonnen wollten. Aber etwas storte, bewachte, bekriegte beide, eine, wie es schien, nebenbuhlerische Nachbarin. Es war die sonderbare Julienne, die immer, wenn es anging, aus ihrer Loge auf die Buhne der Furstin trat und das Spiel verwirrte. Haufig kam sie ihm nach; einige Male hatt' er von ihr Einladungen bekommen, wenn gerade die der Furstin nachfolgten, denen also jene, wie es schien, hatten zuvorkommen sollen. Was wollte sie? Wollte sie von einem Jungling, den sie so oft durch ihre Manner-Verachtung und durch ihr zorniges, blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht, etwan Liebe, vielleicht bloss weil er ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teure Freundin seiner Geliebten? Oder wollte sie von ihm nur Hass gegen die geehrte Furstin, und zwar aus Neid und gewohnlicher Weiberahnlichkeit mit dem Elfenbein, dessen weisse Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwarmen wieder die schone bekommt?
Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende, wo er und Julienne bei der Furstin waren. Eine gute Vorlesung sollte von Goethes Tasso die Gemalde-Ausstellung geben. Schone Kunst und nichts als Kunst war fur die Furstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden; und uberhaupt war ihr das Weltgebaude nur ein vollstandiges Bilder und Pembrokisches Kabinett und Antikenkabinett. Die Leserollen wurden von der Direktrice, der Furstin, so verteilt, dass sie selber die Furstin bekam Julienne die vertraute Leonore Albano den Dichter Tasso ein jungwangiger Kammerherr den Herzog und Froulay Antonio. Dieser letztere der Kunststucke Kunstwerken vorzuziehen wusste und die furstliche Kammer jeder Kunstkammer stand wider sein Herz zum Einfahren in den Musenberg fertig da, von der Furstin mit dem Berghabit dazu angetan. So taglich mehr in die poetische Mode eingezwangt sah er freilich aus wie sonst eine Missgeburt, die absichtlich mit angebornen Pluderhosen, Kopfputzen und dergleichen auf die Welt trat, um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein kasselscher Gassenkehrer.
Albano las mit ausserer und innerer Glut nicht gegen die lesende, sondern gegen die vorgelesene Furstin, aus Angewohnheit seines unter dem Leben fortgluhenden Herzens , und die Furstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr gut. Ihr artistisches Gefuhl sagte ihr es auch ohne Einblasen des zartlichen , dass in Goethes Tasso der sich meistens zum italienischen Tasso verhalt wie das himmlische Jerusalem zum befreiten die Furstin fast die der Furstinnen ist; nie ging der Musen- und Sonnengott schoner durch das Sternbild der Jungfrau als hier. Nie wurde die verschleierte Liebe glanzender entschleiert.
Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden Kraft-Prosaiker Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem Armel; in der Tat, er fand den Mann ganz verstandig.
Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefahr einige Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben, als sie plotzlich den schonen Band von Goethes Werken, der dreimal da war, lebhaft hinwarf und mit ihrem Ungestum sagte: "Eine dumme Rolle. Ich mag sie nicht!" Alle Welt schwieg; die Furstin sah sie bedeutend an; die Prinzessin diese noch bedeutender und ging hinaus, ohne wiederzukommen. Eine Hofdame las gelassen fort.
Fur die meisten Anwesenden war dieses ZwischenSchauspiel eigentlich das interessanteste; und sie dachten ihm unter dem Lesen des letztern gern weiter nach. Die Furstin, welche langst geglaubt, jene liebe den Grafen, freuete sich uber die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin. Albano, ob ihm gleich ihr warmes Auge von jeher aufgefallen war, erklarte sich das Entweichen aus dem Unmut uber die Subordination ihrer Lese-Rolle und uberhaupt aus der Unvertraglichkeit beider Frauen. Denn da Julienne auf eigne Kosten die Furstin vernachlassigte und ihre Meinung wenig zudeckte: so erschien auch die der Furstin unwillkurlich; sobald eine Person ihren Hass entblosset, so kann die zweite schwer den ihren verstecken vor der dritten.
Als Albano nach Hause kam, fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch:
"Die F- lockt dich. Sie liebt dich. Mit eclat sendet sie nachstens den M- zuruck, um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren. Fliehe sie! Ich liebe dich, aber anders und ewig.
Nous nous verrons
un jour, mon frere."
*
Wer schriebs? Nicht einmal uber das Entree-Billet dieses Fehde-Billets konnte der Bediente Rechnung ablegen. Wer schriebs? Julienne; dahin liefen wenigstens alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen; nur lagen dann rund um ihn Wunder. Bedeutend war die franzosische Unterschrift, die gerade unter dem Bilde seiner Schwester, das ihm der Vater auf Isola bella149 gegeben, ebenfalls stand; aber Zufall war moglich. Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen- und Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen Geschichte. Seine Mutter und Juliennens ihre waren mit seinem Vater in einem Jahre nach Italien gegangen; beide waren ungewohnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein Vater der Freund. Die Moglichkeit eines verhullten Fehltritts seines Vaters war da. Ebenso leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sein. Dann wurde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen Wendelgang fallen: ihr liebender Anteil an Albano, ihr warmer Blick, ihr Liebes-Wettrennen mit der Furstin ihr Briefwechsel mit seinem Vater ihr Anwerben des Grafen fur die Romeiro, das sie ebenso, wie es schien, erhitzte gegen die Furstin als erkaltete gegen Lianen am meisten die Sonderbarkeit ihrer Liebe gegen ihn, die sich nie weiter und offner entwickelte, alles dieses gab Anschein, dass es nur ein verwandtes Schwesterblut sei, was so oft auf ihren runden Wangen loderte, wenn sie ihn zu lange unbewusst angeschauet. Er machte nach diesem Schritt sogleich den Sprung: er vermutete nun auch, dass sie allein ihrer Linda zuliebe ihn mit dem Zauberspiegel des Geister-Wesens zu blenden gesucht.
Was das Verhaltnis der Furstin gegen den Minister anlangt, so war ihm jedes Wort daruber eine Luge. Er liess sich ebenso schwer eine gute Meinung von andern nehmen als eine schlimme. Gewohnliche Menschen geben leicht die gute dahin und halten die schlimme fest; weichere werden leicht versohnt und schwer entzweiet. Er war beiden ungleich. Bisher hatt' er sich der Furstin Freundschaft mit dem Minister, ihre Landes-Visitationsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus ihrer mannlichen Klugheit und Vorsicht abgeleitet, welche uber das kunftige Erbland ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschluss haben wollte; und bei dieser Wahrscheinlichkeit, da der Minister sich in die verwandten Rollen eines Cicerone und Aufsehers gleich sehr schickte, beharrte er noch.
Die Woche darauf fuhrte eine Begebenheit herbei, welche ein grosseres Licht in das dunkle Billet zu werfen schien.
91. Zykel
Die versprochene Begebenheit hat wieder in altern Begebenheiten ihre Wurzel, die sich zwischen der Furstin und dem Minister zugetragen; diese schick' ich hier voraus.
Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot, der mit seiner klebrigen Spechts-Zunge das Gewurm aller Geheimnisse ungesehen aus allen murben Thron-Ritzen leckte, mit einem Verzeichnis alles dessen, was die Furstin von Phonixasche und Schutt in sich verbarg, versehen worden; er hatte ihn belehrt, dass sie kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstuck nie selber, sondern nur andere schmelzen wolle; dass sie zu den seltnern Koketten gehore, welche wie die sussen Weine durch Warme sauer werden, und nur durch Kalte susser; und dass sie daher eine der schlimmsten Angewohnheiten die jedem die argsten Handel mache an sich habe. Es war namlich folgende: sie hatte ein Herz und wollte es nie wie ein totes Kapital in der Brust leiden, sondern es sollte sich verzinsen und umlaufen Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und heitrer, dann von Stund zu Stund Er wusste alle Holzwege, Hohlwege, Diebsgange und kurzere Fusssteige in diesem Liebesgarten ordentlich auswendig und wollte die Schafer-Viertelstunde auf seiner Repetieruhr voraussagen, wo er anlangen wurde in der Laube Es war ihm gar nicht unbekannt (sondern komisch), was es bedeute, dass er bei ihr von Sentenzen zu Blicken, von diesen zum Handekuss, dann zum Mundkuss gelangte, worauf er sich im Whistonschen Kometenschweif ihres Ellen- und Meilenlangen Haars wie in einer Vogel-Schneuss, wo aber die Schlinge auch die Beere war, dermassen verstrickte, verhaftete und krummschloss, dass er wusste, wieviel Uhr es geschlagen hatte auf seiner Repetieruhr Aber dann gerade, wenn alle Wolken vom Himmel gefallen schienen, fiel er selber wie aus beiden in einen Korb von ihr Das war der schlimme Punkt. In der Tat, deutsche Prinzen aus den altesten Hausern, die sonst alles versucht hatten, sahen sich unmoralisch, ja lacherlich gemacht und wussten gar nicht, was sie dabei denken sollten Denn die Furstin wunderte sich offentlich uber solche Scheusale, gab aller Welt eine Kopie von ihrem Fehdebrief, zeigte aller Welt die Rote und Hohe ihres Truthennen-Halses und liess einen solchen altfurstlichen Versucher, oder wers war, nie mehr vor ihr stolzes Angesicht.
Da Prinzen (in solchen Fallen) wissen, was sie wollen: so breiteten sie freilich aus, sie wisse nicht, was sie wolle; und oft erst lange nach einem ErbPrinz kam der apanagierte Bruder desselben Hofes, und spater der legitimierte. Gleichwohl blieb dasselbe; namlich sie blieb dem spharischen Hohlspiegel gleich, der zwar das, was nahe an ihm steht, gross und aufgerichtet hinter sich malt, es aber, sobald es gar in seinen Brennpunkt tritt, unsichtbar macht und dann daruber hinaus ganz verkleinert und umgesturzt in die Lufte hangt. Ihre Liebe war ein Fieber der Schwache, bei welchem Darwin, Weikard und andere Brownianer durch Reizmittel, z.B. Wein, einen langsamern Puls erschaffen und eben daraus die Kur verheissen. Soweit Bouverot an den Minister!
Aber dem Minister geschah dadurch ein unsaglicher Gefallen. Denn Prinzen-Sunden schlugen gar nicht in sein Brotstudium ein. Als sie sich daher fur die Nahe seines Verstandes und seiner kraftigen Physiognomie entschieden und ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte: so wars in ihm feierlich niedergelegt und beschworen, niemals, sie mochte immer die Gute selber sein, ihr Ehrenrauber zu werden aus ihrem Strohwitwer. Anfangs kam er wie alle Vorganger leicht mit blossen, reinen Gefuhlen und Diskursen davon; es wurde noch nichts von ihm begehrt, als dass er zuweilen unversehends einen geheimen Blick voll liebender Zartheit auf sie hinschiesse; auch musst' er sich sehnen. Jenen schoss er hin; Sehnen trieb er auch auf; und so stand er sich fur ein solches Liebes-Gluck noch glucklich genug.
Aber dabei blieb es nicht. Kaum war ihr Albano erschienen: so wurde der Stachelgurtel und das Harenhemd des reinen Ministers unverhaltnismassig rauher und stechender gemacht und die starksten Foderungen, namlich Gaben verdoppelt, damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen Untergang rennte, der des Grafen Koder werden sollte. Jetzt war er schon so weit herabgebracht, dass er in ihrem Flughaar (fur ihn giftiges Raupenhaar) webte und knoppelte er musste Seufzerseifenblasen aus seiner Pfeife auftreiben er musste ofter ausser sich sein, ja sogar (wollt' er sich nicht als einen heuchlerischen Schuft fortgejagt sehen) halb-sinnlich werden, obwohl noch dezent genug. Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen. Wenn er nur daran dachte, grausend, dass der kleinste Fehltritt ihn von seinem Ministers-Posten werfen konne: so liess er sich ebensogut pfahlen und vierteilen als bezaubern. Fur einen Dritten, nicht fur beide diese litten war's vielleicht ein Fest gewesen, wahrzunehmen, wie sie (wenn ich ein zu niedriges Gleichnis brauchen darf) einem Paar ubereinandergezogner seidner Strumpfe glichen, welche fur- und durcheinander, wenn man sie ausgezogen150 in gewisser Ferne halt, sich atherisch aufblasen und fullen, sogleich aber platt und matt zusammenfallen, wenn sie einander beruhren.
In die Lange fiels freilich dem alten Staatsmann lastig, der tanzenden Pagerie der Liebesgotter als ihr Oberaltester vorzuspringen, in Cypripors Triumphwagen eingespannt einen Blumenkranz auf der Staatsperucke in den Augen zwei Vauklusens-Quellen die Brusthohle eine verschuttete Didos-Hohle im Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend und auf das Kapitol fahrend, um da nach romischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert zu werden. Es fachelte nichts als die BlechKasten, die ihm zu Hause die Regierungs- und Kammerboten hinsetzten, den schachpatten Mann wieder frisch und kuhl, der ein schachmatter werden wollte.
Er las mit ihr den Katull, sie mit ihm die bessern Gemalde aus des Fursten Kabinett; es wurde ihm erlaubt, sie durch seine Latinitat fur ihre artistischen Gaben zu belohnen aber er blieb doch, wie er war.
Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen, so werden sie, sobald die Hindernisse immer wiederkehren, am Ende blind und wild und wagen alles. Die Reise nach Italien ruckte so nahe; noch immer wollte der Minister seine Hochachtung fur die Geliebte nicht fahren lassen wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise, mit deren Nahe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte ; ihre Heftigkeit fur den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu, weil Kalte starke Liebe starkt, so wie physische Kalte Starke kraftiger, und Schwache kranker macht; Froulay, als ein alter Mann, war, wie es schien, fahig, ein ganzes Sakulum lang so auf das Ziel loszuschleichen, ohne einen einzigen unentbehrlichen Sprung zu tun, da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen, je langer sie gingen, und aus einerlei Grund, weil beide durch den Ansatz von Unrat, Muscheln und dergleichen schwerfalliger geworden Kurz die Furstin fragte am Ende nach nichts, sondern es ging so:
Der Furst war verreiset, die Furstin zu Gevatter gebeten aufs Land. Der Schlossvogt auf einem ihrer Landschlosser, der schon im Jahre vorher den Minister gebeten, hatte sich nicht entblodet, sich an diesem Treppen-Strick mit seinem Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben auf dem Throne ihr, der Furstin selber, sein Landeskindlein in die Arme zu legen. Gern lassen sich Fursten herunter an dunnen Raupenfaden wie (hinauf); sie schatzen das gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwergbohnen denn sie wissen wohl, wie wenig daran ist dadurch etwas heben und sozusagen stangeln und stiefeln durch das FurstenstuhlBein. Der Minister war als sogenannter "Altgevatter" ohnedies invitiert. Der Herbsttag war heller, lauterer Fruhling, und die Herbstnacht stand unter einem glanzenden Vollmond. Hofe wunschen sich so sehr auf das Land, in die Idyllen murmelnder Quellen, rauschender Gipfel und blokender Schweizereien und Pachter hinein; Hofe d.h. Hofleute, Hofdamen und dienende Kammerherrnstabe und andere sehnen sich so sehr unter Menschen; wie Tiere der DezemberHunger, so treibt sie ein edler vom Throngebirge in die platten Ebenen herab; nicht dass sie die Langweile flohen, sondern sie begehren nur eine andere, da ihre Kurzweile eben in der Abkurzung und Abwechslung ihrer Langweile besteht.
Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke, mit welchem er eine halbe Viertelstunde auf vertraulichem, dialogischem Fuss lebte, gestillt: so kam er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den furstlichen Garten, um die Sehnsucht nach der Natur in nicht kurzerer Zeit zu befriedigen. Eine Zeugin der Taufzeugin versprach an der Furstin und des Kindes Statt Christentum. Diese selber knupfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich. Der Altgevatter sah in einen verdammt langen Abend hinaus, worin er ihre Prozessionsfahne wurde herumtragen mussen. Zum Genuss des Abends war Konzert, und zum Genusse des Konzerts Spiel arrangiert; und zum Genusse des letztern hatte sich die Furstin mit Froulay allein gesetzt, um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und Karten ungehort mit ihm zu reden. Plotzlich wurden die zwei Pfunde, die in seiner Brust aufgehangen waren denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz , um zwei Zentner schwerer, als sie ihn fragte, ob er standhaft sei, vertrauen und fur sie wagen konne. Er schwur, schon als Furstin durfe sie jede Aufopferung und Verehrung von seinem Doppeltpfunder erwarten. Sie fuhr fort: sie hab' ihm heute wichtige Dinge uber sich und den Fursten anzuvertrauen; sie wolle, wenn die Foule fort ware, mit ihm allein sprechen; er brauche bloss von der Gartenseite die kleine Treppe herauf an die Tur des Bibliothekzimmers zu gehen; diese sei aufgeschlossen; am poetischen Bucherschrank sei links in der Wand eine Springfeder, deren Druck ihm die Tapetenture des Zimmers offne, wo er sie erwarten sollte.
Sogleich stand sie auf, das Ja voraussetzend. Wie es jetzt in den beiden Pfunden seines 64lotigen Herzens herging, kann bloss seinen Todfeinden ein Vergnugen, es zu erfahren, sein. So viel lag mit langen, dicken, steinernen Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor, dass nach wenig Stunden, wenn die andern Herren, sonst noch grossere Sunder als er, ruhig in den schonen, den Schlosshof formierenden Dienerhausern schnarchen durften, dass dann fur ihn schuldlosen Schelm bald die Wolfs-, namlich die Schaferstunde schlagen werde, wo er auf der blumigsten Aue unter das Schachter-Messer knien musse. Aber er tat sich zornig, dass sein Glaube an weibliche und furstliche Frechheit wahr rede stille Schwure aller Art, dass er, setze man ihm auch zu wie den grossten Heiligen und Weltweisen, doch wirtschaften wolle wie beide, z.B. wie der alte Zeno und Franz.
Die Furstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst. Endlich empfahl er sich mit dem ganzen Hof, aber mit der Aussicht, nicht wie dieser unter Seiden-Matratzen, sondern unter kalte Lauben zu schleichen. Er ruckte auch, seiner gewiss, auf der Treppe an machte das Bibliothekzimmer auf fand die Springfeder liess sie springen und trat durch die Tapetenture in das furstliche Schlafgemach. "Es ist also gewiss" sagt' er und fluchte in seinem Innern herum, wie er wollte, unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdruckt hinliegend. Im Seitenzimmer linker Hand hort' er sie schon und eine Kammerfrau, die auskleidete. Rechts klaffte die Ture eines zweiten, aber erleuchteten Zimmers. Er stand lang' im Zweifel, sollt' er in dasselbe treten, oder unter dem Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben. Endlich griff er zum Schirm der Nacht.
Wahrend seines Passens und ihres Hautens hielt er Leseprobe oder Probekomodie seiner Rolle; jetzt kam er mit sich uberein, im Notfalle und falls man ihn zu sehr poussierte um so mehr, da der Ort mehr gegen sie sprache als gegen ihn selber, indem jeder fragen musste, ob er wohl sonst wurde hergekommen sein in einem solchen Notfalle, wo nur die Wahl zwischen Satire und Satyr bliebe, sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigen Faun.
Schnell schritt die Furstin herein, aber gegen das helle Zimmer hin: "Ich brauche dich nicht mehr", rief sie der Kammerfrau zuruck. "Diable!" (schrie sie im Schlafzimmer, den langen Minister ersehend) "wer steht da? Hanne, Licht!" "Ciel!" (fuhr sie, ihn erkennend, fort, aber franzosisch, weil Hanne keines verstand) "Mais Monsieur! Me voila donc compromise! Quelle meprise! Vous vous etes trompe de chambres! Pardonnez, Monsieur, que je sauve les dehors de mon sexe et de mon rang. Comment avezvous pu - " Sie sagte alles, vielleicht um die deutsche Zeugin zu blenden, mit zornigem Akzente. Der Altgevatter der sich nach allen bisherigen Genussen so fuhlte wie ein Hahn, der viele lebendige Kafer verschluckte und dem sie nun im geangstigten Kropfe Lebensgefahr drohen schwieg nicht, sondern versetzte deutsch, indem er die Tapetenture aufmachte, er habe eben, wie sie befohlen, die Bucher aus der Bibliothek in das helle Zimmer gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen. Er ging sogleich durch die Tapete hindurch, sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten, liess am Morgen den Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zuruck. Froulay so sehr er ihre Romane den spanischen ahnlich fand, worunter nach Fischers Behauptung die besten die Gauner-Romane sind wusste zuletzt selber nicht, woran er war.
Die Kammerfrau musste mit dem Gelubde des Schweigens Profess tun, das sie hielt, so streng sie konnte, aber nicht strenger. Am Morgen stiegen wenige vor ihren eignen Hausturen ab, die meisten vor fremden, um die Neuigkeit auszuschiffen samt dem Verbote der Furstin, die Sache eclatant zu machen, weils sonst der Furst erfuhre.
War je das vornehme Pestitz in Massa glucklich: so wars an diesem Morgen. Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau, die nur so viel Franzosisch verstanden hatte wie ein Jagdhund.
92. Zykel
Albano vernahm das Gerucht, der Minister war ihm langst als eine kalte Seelen-Leiche verunreinigend erschienen; jetzt hasst' er ihn noch mehr als qualenden, blutsaugenden Toten. Fur die Furstin stand ihm bisher sein Herz. Sie war ihm ein blauer Taghimmel, worin andern nur eine heisse Sonne blitzt, woran er aber aus dem Geheimnis der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder gefunden. Allein jetzt seit dem Geruchte, das, wie die Zauberer neben Moses, Russ in ihren Himmel warf, stand sie fur ihn unter neuen Lichtern glanzend. Der Hass, den er schon von Natur, d.h. aus Stolz, gegen jedes Gerucht hatte, weil es beherrscht und nicht zu beherrschen ist, wirkte mit frischem Feuer in ihm; er entschloss sich, eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres Liebhabers und weil die Furstin deren Nebenbuhlerin sein soll, auf sein Herz und das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Furstin seine Bitte um Vermittelung fur Lianens Mitreise, d.h. fur seinen Himmel, offen zu vertrauen.
Am Morgen darauf kam der Furst zuruck die Prinzessin liess sogleich anspannen gegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt. Das Gerucht durchlief alle Spieltische, die spanische Grafin Romeiro sei im Schlosse angelangt. Geruchte sind wie Polypen: das Verwunden und Zerstoren vervielfacht sie; nur das Ineinanderstecken macht einen aus zweien; das Gerucht von Lindas Ankunft schlang das Gerucht von Froulays Ehrenraub in sich.
Aber Albano! Wie die Entdeckung einer neuen Welt kehrte diese seine alte um. Linda, dieser auslandische Tropikvogel, flog seinem nahen Vater voraus, der wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstieg Der Boden, wo er so viel Dornen und Blumen gefunden, sank bald hinter seinem Rucken mit allen Schatzen und Tagen ein. Nur Liane darf nicht mit verschwinden; diese Muse seiner Jugend muss er mit ins Land der Jugend ziehen. Durch diese gewohnlichen Zauberkunste des Herzens war von Lindas Nahe eine unuberwindliche Sehnsucht nach Lianen in ihm wach geworden.
Er war nun entschieden, die Furstin an ihr fruheres Versprechen, den Lebensbalsam einer sudlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu giessen, zu mahnen und durch sie noch fruh genug, eh' die Verwirrung des drangenden Augenblickes etwas vereitele, die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen, welche wie alle Hofmenschen gewiss schwer einem furstlichen Wunsche und einer Glucks-Perspektive widerstehen werde.
Blieb aber Liane zuruck aus eigner oder fremder Schuld: so war es sein Vorsatz und Schwur, vor keiner Gewalt, selber der vaterlichen nicht, aus dem Vaterland der ewigen Braut zu weichen, sondern einzuwurzeln vor ihrem Kranken-Kloster, bis sie daraus entweder frei und heiter wieder in das offne Leben geht oder dunkel-eingeschleiert sich ins finstere Nonnen-Chor der Toten verbirgt. O, wiederzukommen, sie im romantischen Boden der alten Zeit zu suchen, und sie nirgends zu finden als hinter dem Sprach-Gitter der Erbgruft diesen Gedanken hielt sein Herz nicht aus.
Die Furstin fuhrte ihm selber die Gelegenheit seiner Bitte zu: sie schickte ihm zu einer astronomischen Partie auf der Sternwarte eine Einladung durch ihre treue Hofdame Haltermann. "Ich soll Ihnen bloss folgendes wortlich schreiben" (schreibt diese:) "Kommen Sie heute auch aufs Observatorium, ich und meine gute Haltermann gehen dahin." Diese Haltermann, ein Fraulein von wenigen Reizen und Geistesschwungfedern, aber vielen Glaubenslehren und fruhzeitigen Runzeln, hing der Furstin schon seit Jahren unaufloslich an, alles verschweigend und alle ihre "Stelldicheine" (Rendez-vous) begunstigend, bloss weil sie sagte: meine Furstin ist rein wie Gold, und nur wenige kennen sie wie ich.
Gunstiger konnte Albanos Wunsche kein Zufall kommen. Er stand am fruhesten auf der schonen Sternwarte mitten in der lieblichen Nacht. Es war einige Tage nach dem Vollmond; seine glanzende Welt verschloss sich noch hinter die Erde, aber das angelassene Springwasser seiner Strahlen hob sich in Ansatzen herauf. Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht, als falle der ferne Morgen uberirdischer Welten auf sie. Durch die Taler streckte sich noch das lichtscheue schwarze Erdentier der Nacht aus und baumte sich auf gegen die Berge. Das Bergschloss Lianens war unsichtbar und zeigte wie ein Welt-Stern nur ein Licht. Plotzlich war der Herbstpurpur auf allen Gipfeln um das Schloss vom Monde silbern betauet, und es regnete leuchtend an den weissen Wanden und in die weissen Gange des Gartens nieder endlich lag ein fremder blasser Morgen, durch alle Lauben dammernd, im Garten, gleichsam das zarte Leuchten eines hohen, ganz reinen Geistes, der nur in der heiligen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und da nichts sucht als die reine, stille Liane.
Als Albano blickte und traumte und sich sehnte, kam die Furstin mit ihrer Haltermann herauf.
Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sie fast entzwei und liess den Fix-Sonnen keinen astrologischen Einfluss auf sein gerades Stehen zu. Albano und die Furstin fanden sich mit einem Gewinst gegenseitiger Warme wieder. Aber die erste Frage der Furstin war: ob er die spanische Grafin gesehen. Gleichgultig sagt' er, von der Prinzessin sei er seit ihrer Ankunft eingeladen worden, sei aber nicht gekommen. "Ma belle-soeur bewundert sie am meisten," (fuhr die Furstin fort) "aber sie ists ein wenig wert. Sie ist majestatisch gebauet, langer als ich, und schon, zumal ihr Kopf, ihr Auge und Haar. Doch ist sie mehr plastisch als malerisch schon, eher einer Juno oder Minerva ahnlich als einer Madonna. Aber sie hat Eigenheiten. Sie vertragt sich mit keinen Frauen, ausser den schlichten und blindguten; daher ihre Kammerfrauen fur sie leben und sterben. Die Manner halt sie fur schlecht und sagt, sie wurde sich verachten, wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes wurde; aber sie sucht sie der Kenntnisse wegen. Dem Fursten hat sie ohne Not, wenn sie auch recht hatte, Bitterkeiten gesagt. Er lacht daruber und sagt, sie liebe ohnehin nichts, nicht einmal Kinder und Schosshunde. Sie mussen sie sehen. Sie lieset viel, sie lebt bloss mit der Prinzessin und scheint es, nach ihrem Putze zu schliessen, wenigstens an unserem Hofe auf keine Eroberungen anzulegen."
Albano sagte, manche dieser Zuge waren ja herrlich, und brach kurz ab. Wahrend des Gesprachs hatte der Professor fleissig alles recht gestellt und festgeschraubt und war jetzt des Anfangs gewartig. Er bemerkte die helle sommerlaue Nacht ging mit einigen Einleitungen in den Mond voraus, um die sechs Augen auf die betrachtlichsten Mondsflecken zu lenken schattete vorlaufig einige Schatten droben ab fuhrte an den Krater Bernoulli ("ich bediene mich Schroterscher Namen", sagt' er) das hochste Gebirge Dorfel ("es besteht freilich aus drei Hohen", sagt' er) den Landgrafen von Hessen-Kassel ("den Berg Horeb aber nennt ihn Hevel", sagt' er) den Montblanc die Ringgeburge uberhaupt und schloss mit der listigen Versicherung, es gebreche freilich der Warte noch sehr an Instrumenten.
Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von Hessen-Kassel im Mond und trachtete nach dem Sehrohr. "Es ist nur ein Flecken im Planeten, mein Kind!" sagte die Furstin. "Und so ists wohl mit dem Montblanc droben auch nichts?" fragte sie getauscht. Die Furstin nickte und schauete ins Sternrohr; der magische Mond hing als ein Stuck Tag-Welt dicht am Glase: "Wie vergeht sein schones blasses Licht und seine ganze Magie in der Nahe! Als wenn Zukunft Gegenwart wird!" sagte sie zum Erstaunen des Professors, der aus dem Weltkorper gerade erst in der Nahe etwas machte. Sie ersucht' ihn um den Ring des Saturns. "Es sind eigentlich zwei, Ihro Durchlaucht; aber der Sternwarte fehlet zur Zeit noch ein Instrument, es zu sehen", sagt' er und zielte wieder nach Vorschuss.
Albano sah rund umher seine Lebensgarten glanzen vom warmen Schimmer eines Nachfruhlings; und sein Inneres erbebte suss und schmerzlich. Er nahm einen Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher, nach Blumenbuhl, in die Stadt, auf die Berge, nur nicht auf das weisse Schloss mit dem erleuchteten Eckzimmer und dem kleinen Garten; das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Tur des Paradieses.
Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher voraus hinab, um der Furstin einen zeugenlosen, freien Augenblick zuzuwenden. Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr, sein Auge war glanzend, seine Zuge geruhrt; sie fasste seine Hand und sagte: "Wir missverstehen einander gewiss nicht, Graf!" Er druckte die ihrige, und seine Augen quollen voll. "Nein, Furstin!" (sagt' er sanft) "Sie geben mir Ihre Freundschaft. Ich verdiene sie nicht, wenn ich ihr nicht ganz vertraue. Ich geb' Ihnen jetzt die Probe meines offnen Vertrauens. Sie kennen vielleicht die Geschichte meines Glucks und meines Verlusts; Sie kennen den Minister." "Leider, leider!" (sagte sie) "auch Ihre harte Geschichte, edler Mann, wurde mir bekannt."
"Nein," (versetzt' er heftig) "ich war harter als mein Schicksal, ich qualte ein unschuldiges Herz, ich machte eine gehorsame Tochter elend, krank und blind. Aber ich habe sie verloren" (fuhr er mit steigender Ruhrung fort und kehrte sich seitwarts, um Lianens schimmernde Wohn-Hohe nicht zu sehen) "und ertrag' es, wie ich kann, aber ohne heimliche Wege zum Wiederbesitz Nur das Opfer darf dort druben nicht gar verbluten bei der harten, engherzigen Mutter. O, die Honigtropfen der Freuden, Sie und Italiens Himmel konnten sie wohl heilen Sie stirbt, wenn sie bleibt, und ich bleibe, um zuzusehen Freundin! o, wie gross ist meine Bitte!"
"Sie sei Ihnen gern gewahrt! Ubermorgen fahr' ich zur Mutter und Tochter und bestimme diese gewiss fur die Reise, insofern es von mir abhangt. Aber ich tu' es um auch offen zu sein bloss aus echter Freundschaft fur Sie; denn das Fraulein gefallt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiss nicht wie Sie; sie tut alles fur die Menschen bloss aus Liebe zu Gott; und das lieb' ich nicht."
"Ach, so dacht' ich sonst auch; aber wen soll die Gottliche sonst lieben als Gott?" sagt' er, in sich und die Nacht versunken und fur die Furstin zu hyperbolisch sein schimmerndes Auge hing fest am weissen Bergschloss, und Fruhlinge wehten vom Monde herab auf dem beglanzten Wege seiner Augen hin und her; und der schone Jungling weinte und druckte heftig der Furstin Hand, aber er wusste beides nicht. Sie ehrte sein Herz und stort' es nicht.
Endlich kamen beide die hohe Treppe herunter, wo sie der Astronom freudig erwartete und beiden gestand, wie sehr ihn, frei zu reden, ihre Anhanglichkeit und Achtung fur die Sternkunde nicht nur erfreue, sondern auch ermuntere.
"Ubermorgen gewiss!" mit diesen Worten schied die Furstin, um dem sinnenden, vollen Jungling Trost und Traume mitzugeben.
Zweiundzwanzigste Jobelperiode
Schoppes Herz gefahrliche Geister-Bekanntschaften
93. Zykel
Jetzt war Albano wieder auf die Ixions-Rader der Uhr geflochten. Die Fahrt und Antwort der Furstin sollte plotzlich Lichter in der dunkeln weiten Hohle aufstekken, in der er so lange gegangen war, ohne zu wissen, ob sie furchterliche Bildungen und giftige Tiere verschliesse oder ob sie mit glanzenden Bogen und unterirdischen Saulenhallen sich wolbe und fulle. Uber Lianens Zustand hatten bisher zwei Hande, Augustis und der Ministerin, den Schleier festgehalten; beides waren Menschen, die ungern auf die Frage antworteten: wie befinden Sie sich? Aber auf der Furstin liess er nun seine ganze Seele ruhen, seit dem astronomischen Abende; von welchem er jetzt kaum begriff, wie er da gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen konnen als je gegen einen Freund. Allein ungern spricht der Mann vor einem Manne seine Empfindung aus und gern vor einem Weibe, ein Weib aber am liebsten vor einem Weibe. Indes hielt ihn die Furstin durch die feinste Schmeichelei, die es gibt, durch entschiednes stilles Achten, in Banden; dem wortlichen Lobe war er ebenso gram und gewachsen, als dem tatigen gewogen und zinsbar.
Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit; wie ein Mensch, der in der Nacht reiset, hort' er Stimmen und sah Lichter, und ihrer feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen. Rabette lag krank und verblutet am matten Herzen; denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden Dolch, namlich Karls Liebe, herausgezogen, sondern dieser selber war ihm zuvorgekommen mit bittersussen Tranen uber die bittersten.
Letzterer war ihm einmal begegnet, mit hereingedrucktem Hut und grimmig-stechendem Blick ohne Gruss. Uberall hort' er, dass jener umsonst Lindas und Juliennens Doppeltor belagere und berenne; dieses und Lianens Kranksein machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachsenen Knaben aus einem Wald. Auch in der jetzigen Absonderung auf der Walstatt des Freundes hielt es Albano fur eine Wunde des Menschen, dass Karl nicht von ihm voraussetzte denn diesem Mangel schrieb er den Gassen-Grimm zu , er werde die Grafin nicht zu sehen suchen.
Sogar im Bibliothekar schien seit einigen Tagen ein Geheimnis zu lauern; dieser aber ging, seit es ihm in dessen Tiefen immer lichter geworden und er hinter dessen komische Larve hineingesehen bis zum redlichen Auge und liebevollen Mund, sein Herz so nahe an, zumal nach so vielen Trennungen. Denn auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit, um keines Menschen oder gar abtrunnigen Freundes Liebe zu werben, von ihm geschieden; was denselben Jungling krankte, der es innerlich billigte.
Seit einigen Tagen war namlich Schoppe in eine andre Tonart umgesetzt und sein eigner Restant und Nachsommer geworden. Es fing damit an, dass er an einem elenden Heulied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn verblies; den ubrigen halben versang er daran mundlich. Statt zu lesen und zu schreiben, ging er in der Stadt und Stube auf und ab. Alles, was er sonst schnell abmachte, Laufen, Verschlingen des Essens, Sprechen, Rauchen, Befehlen, Auffahren, das ging jetzt mit Kloppeln zwischen den Fussen und stand fast. Sein langsames Auffahren und sein zarter, leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lacherlich vorkommen. Seinen grossen, herrlichen WolfHund, von dem er sich taglich zehnmal mit den Vorder-Pfoten umhalsen liess und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf seine druckte, wenn er mit ihm ein Langisches und Konsistorial-Kolloquium hielt, vernachlassigte er in dem Grade, dass der Hund attent wurde und nicht wusste, was er denken sollte. Wie wenig konnt' er sonst das Geschrei eines geprugelten Hundes ertragen, ohne zur Hausture als Schutzherr hinauszufahren, weil er glaubte, man konne wohl Menschen wie Hunde traktieren, aber Hunde nicht! Jetzt konnt' er das Schreien horen, bloss weil er es, wie es schien, nicht horte.
Wie er sonst oft zu Albano ging, um bloss auf- und ab- und fortzugehen ohne ein lautes Wort weil er sagte: "Daran erkenn' ich eben den Freund, dass er mich oder sich nicht unterhalten, sondern bloss dasitzen will" , so kam er jetzt noch stummer, beruhrte oft wie ein spielendes Kind zartlich des lesenden Albanos Achsel und sagte, wenn dieser sich umsah: "Nichts!" Albano fragte indes der Veranderung nicht nach; denn er wusste, er entschleiere sie ihm doch zur rechten Zeit. Ihre Herzen standen wie offne Spiegel gegeneinander.
So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander- und tief ins Dickicht hineinlaufenden Steigen vor Albano, als er auf dem Kreuzwege seiner Zukunft stand und auf den Genius wartete, der entweder als ein feindseliger oder als ein guter ihm Lianens Entscheidung bringen sollte. Endlich kam aus dem finstern Wald ein Genius, aber der dunkle, und gab ihm dieses Blatt von der Furstin: "Lieber Graf! Wahr bin ich immer und schone lieber nicht. Das kranke Fraulein v. F. ist nicht mehr imstande, eine Reise zu machen oder davon zu profitieren. Ich nehme innigen Anteil daran. Sogern ich Ihnen heute selber Trost zuzusprechen wunschte: so hoff' ich doch nicht, nach dieser Nachricht die Gelegenheit dazu zu haben.
Ihre Freundin."
Welcher finstere Wolkenbruch aus dem jugendlichen Morgenrot! So war also die geheime Freude, die er bisher nahrte, der Vorbote des entsetzlichen Schlags gewesen, das sanfte Tonen vor dem Wasserfall.151 Dass gerade seine Liebe das gluhende Schwert werden musste, das durch Ihr Leben drang, o das betrachtete er immer so, das schmerzt' ihn so! Aber kein Auge wurde nass; der Wermut des Gewissens verbittert sogar den Schmerz.
Wenn der Mensch sein eigner Freund nicht mehr ist, so geht er zu seinem Bruder, der es noch ist, damit ihn dieser sanft anrede und wieder beseele; Albano ging zu seinem Schoppe.
Er fand ihn nicht, aber etwas anderes. Schoppe fuhrte namlich ein Tagebuch uber "sich und die Welt", worin sein Freund lesen durfte, was und wenn er wollte; nur musst' ers vergeben, wenn er darin da es durchaus so geschrieben wurde, als sah' es niemand weiter zornige Facherschlage und noch dazu mit dem harten Ende wegtrug. "Warum soll ich dich mehr schonen als mich?" sagte Schoppe. Zu diesem Du waren sie gekommen, ohne sagen zu konnen wann, so sehr sie sonst mit dieser Herzens-Kurialie, mit diesem heiligsten Seelen-Dualis gegen andere geizten; "denn ich danke Gott," (sagte Schoppe) "dass ich in einer Sprache lebe, wo ich zuweilen Sie sagen kann, ja sogar, wenn die Menschen und Schelme darnach sind, zwischen jedem Komma Euer sowohl Wohl- als Hoch- und Sonst-Geboren."
Albano fand das Tagebuch aufgeschlagen und las mit Erstaunen dieses:
"Amanlus-Tag. Ein dummer und ausserst merkwurdiger Tag fur den bekannten Hesus oder Hanus152! Ich kann mich schwer bereden, dass es der arme Donnergott verdiente, hinter der langen Proserpina153 nachzugehen und ihr endlich ins Gesicht zu gucken, auf die Stirn, auf den Mund, auf den Hals! O Gott! Wenn ein solcher Gott nun auf dem Platze geblieben ware! Als Pastor fido stand er zum Gluck wieder auf und ging davon. O Hollengottin, Hesi Himmelssturmerin, du hast dich zu seinem Himmel gemacht, kann er dich je lassen?
Nachmittags. Der Pastor wird sein eignes Hatzhaus, er weiss nicht zu bleiben; er wohnt nun in allen Gassen, um seine Jeanne d'Arc-en-Ciel154 zu erblikken, und leidet genug. Aber Hesus, sind nicht Leiden die Dornen, womit die Schnalle der Liebe verknupft? Heute ging Freitag155 mit der Furstin auf die Sternwarte. Der Wind ist Sudostost 13 Monatsschriften in 1 Stunde gelesen Spener sieht das Leben im glanzenden Vergrosserungsspiegel Gott verklart und poetisch so gut als einer.
Sabinenstag. Mit dem Pastor wirds arger, wenn ich recht sehe. Er ist auf dem Wege, sich einen Billetdoux-Beschwerer anzuschaffen, sich nachts im Bette zu pudern, und der Schelm wirft in der Hitze, wie Milch, die warm steht, schon poetische Sahne auf.
Lasse nur der Himmel niemals zu, dass er mit seiner Hollengottin je in einen vernunftigen Diskurs gerate, Gesicht vor Gesicht, Atem gegen Atem, und die zwei Seelen untereinander gemengt! Wahrlich, der Flins156 raffte ihn weg, Hesus verschlange ein tausendjahriges Reich auf einmal; ich sorge, er wurde vom Gottertrank zu wild und ware zu schwer zu bandigen von mir.
Abends. Ists nicht schon so weit mit dem Pastor, dass er sich einen Autor aus dem Wimmer-Jahrzehnt des Sakuls (er schamt sich, ihn zu nennen) geborgt hat und sich vom dummen Zeuge ruhren lassen will, indem er uber den Effekt nachsinnt, den der Autor im 14ten Jahre auf ihn gemacht? Freilich stosset er ihm im jetzigen wie ein Nachtwachter am Tage auf; aber er ruft sich doch das Rufen zuruck und hat neue Ruhrung uber die alte. So lachelt mich die Deklination cornu in der Grammatik noch bis auf diese Stunde an, weil ich mich entsinne, wie leicht und behend ich in den goldnen Kindheitsmonden den ganzen Singularis behielt.
Simon Jud. Verdammt! Ein schones Gesicht und ein falscher Maxd'or machen im Kurs von einem Jahre ein paar hundert Schelme, die sich bloss im Wunsche zu behalten und wegzuschaffen unterscheiden. Hesus feindet und ficht schon Millionen Nebenbuhler an; wie Knopfmacher und Posamentierer, oder wie Gelb- und Rotgiesser, so lassen so nahe Handwerker einander nicht aufkommen. Recht, Hollengottin! dass du alle Manner hassest; das ist doch etwas fur den Pastor, eine Wundsalbe. Scioppius, die beiden Scaliger und die kraftigen Schlegel u.s.w."
Hier kommt das Tagebuch auf andere Dinge. Ein altes Portrat, zu welchem Schoppe sich selber gesessen, hatt' er retouchieret; eine Beilage als Inserat fur das Pestitzer Wochenblatt kundigte dessen Bestimmung an:
"Endes Unterschriebner, ein Portratmaler aus der niederlandischen Schule, macht bekannt, wie er sich in Pestitz gesetzt, und dass er bereit ist, alles von jedem Stand und Geschlecht zu malen, was ihm sitzt. Als Probe, was er leiste, kann man bei ihm ein Selbstportrat besehen, das ihn vorstellt, wie er nieset, und es zugleich mit ihm daneben zusammenhalten. Ich schneide auch aus.
Peter Schoppe.
No. 1778."
Vermutlich sollte das die Hollengottin bewegen, einmal dem niesenden Maler zu sitzen. Albano musste mitten im tiefen Schmerze erstaunen. Anfangs hatt' er nach seiner einfachen Natur geglaubt, er selber sei unter dem Hanus verstanden.
Jetzt kam Schoppe. Sanft sagte Albano zuerst: "Ich habe auch dein Tagebuch gelesen." Der Bibliothekar fuhr mit einem Exklamations-Fluche zuruck und sah gluhend zum Fenster hinaus. "Was ist, Schoppe?" fragte sein Freund. Er drehte sich um, sah ihn starr an und sagte, die Gesichtshaut auseinander ringelnd, wie einer, der sich die Zahne putzt, und die Oberlippe aufziehend, wie ein Knabe, der in ein Butterbrot beisset: "Ich liebe" und lief im Feuer die Stube auf und ab, klagend dabei, dass er noch so etwas an sich erleben musse in seinen altesten Tagen. "Lies mein Tagebuch nicht mehr"- (fuhr er fort) "Frage nach keinem Namen, Bruder; kein Teufel, kein Engel, nicht die Hollengottin darf ihn wissen Einst vielleicht, wenn ich und Sie in Abrahams Schoss sitzen und ich auf ihrem Du bist so betrubt, Bruder!"
"Fliege froh in der Sonnenatmosphare der Liebe!" (sagte sein Freund in der Gewissenstrauer, die den Menschen einfach, still und demutig macht)"Ich werde dich nie fragen oder storen! Lies das!" Er gab ihm das Blatt der Furstin und sagte noch, wahrend jener las, zu ihm:"Verflucht sei jede Freude, wo Sie keine hat. Ich bleibe hier, bis sie lebt oder nicht!" "Auch ich bleibe hier", versetzte Schoppe unwillkurlich-komisch. "Sei ernsthaft!" sagte Albano. "Sonst konnt' ichs," (sagte er weinerlich) "seit ehegestern nicht mehr!"
Albano hiess indes Schoppens Absonderung von der Reisegesellschaft gut; beide erhielten einander auch in der Freundschaft die kostlichste Freiheit. Von Hofmeister-Begleitung war bei beiden nicht die Rede. Schoppe lachte oft Hofmeister von vielen Kenntnissen und Lebensarten aus, wenn sie annahmen, er erziehe aus oder an Albano etwas. "Das Sakulum erzoge," (sagt' er) "nicht ein Tropf Millionen Menschen, nicht einer eigentlich hochstens ein padagogisches Siebengestirn leuchte nach, namlich die sieben Alter des Menschen, jedes Alter ins nachste hinein das Individuum gleiche sehr der ganzen Menschheit, deren Revolutionen und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitungen einer Schikanedrischen Zauberflote durch einen Vulpius waren; indes schwebe doch um das tolle, dissonierende Stuck ein Mozartischer Wohllaut, woruber man den Vater und den Sprachmeister verwinde."
"Wozu schleichen und brummen wir Sunder hier herum? Lass uns zu Ratto!" sagte Schoppe. Ausserst ungern bequemte sich Albano dazu; er sagte, der Keller habe etwas Unheimliches fur ihn, und eine schwule Ahnung drucke seine Brust. Schoppe erklarte die Ahnung aus dem Druck der Balken seines eingesturzten Lustschlosses, die auf seiner Brust noch lagen, und aus der Erinnerung an den jetzt im Abgrund fliegenden Roquairol, der einmal ihm im Keller zugetrunken und nachher ihm in Lilar gebeichtet habe. Albano folgte endlich, erinnerte ihn aber an das Eintreffen einer andern Ahnung, die er auf der Hohe vor Arkadien gehabt.
"Wir spielen beide nicht die besten verliebten Figuren, indes ziehen wir in den Keller", sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Liebling ganz ungewohnlich-hart auf die Folterleiter seines Spasses; sonst, als er nicht selber liebte, war er eines zarten, schonenden, ernsten Schweigens daruber so fahig, jetzt aber nicht mehr.
94. Zykel
Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Gesichter. Albano und Schoppe stiegen miteinander auf jene reinen Hohen der Musenberge, wo wie auf physischen der Dunstkreis des Lebens leichter aufliegt und der Ather naher an die kurzere Luftsaule reicht. Auf ihrem Ararat trosten sich die Manner leichter als die Weiber in ihren Tempetalern. Nachdem Schoppe, durch die gewitterhafte Luft von Punsch und Liebe feuriger, ziemlich lange den BlitzFunken seines Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Weltgebaude schiessen lassen: so trat plotzlich ein Unbekannter, wie ein Totenkopf ganzlich kahl und sogar ohne Augenbraunen, aber welkund rosenwangig, an ihren Tisch und sagte mit eiserner Miene zu Schoppe: "Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig geworden, Spassvogel!"
"Oho!" fuhr Schoppe ausserlich auf, aber innerlich zusammen. Albano wurde blass. Jener fasste sich wieder, starrete die widerwartige Gestalt, die die welke, aber rosenrote Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin- und herrollte, scharf und mutig an und sagte: "Wenn Ihr mich versteht, prophetischer Galgen- und Spassvogel, und nicht selber wahnsinnig seid: so bin ich imstande, darzutun, dass man sich sehr wenig daraus zu machen habe aus der Tollheit." Hierauf bewies er aber doch abgekuhlt, abgebrannt und verlassen von seinem Bilder-Heer : Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen denn er sei nur ein fruherer Tod, ein langerer Traum, eine Tag- statt Nachtwandelung meistens geb' er, was das ganze Leben, Tugend und Weisheit nicht konne, eine fortdauernde angenehme Idee157 auch wenn er, was selten sei, in eine peinliche schmiede, so werde diese doch ein Panzer gegen alle korperlichen Leiden des Menschen er habe daher nie fur sich den Wahnsinn gefurchtet, so wenig als den Traum, konn' aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon ertragen. "Uns schaudert" (sagte Albano) "ein Mensch, der schlafend zu uns spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet; und hor' ich mich selber allein, so ist es dasselbe."
"Ich bin kein Philosoph", sagte gleichgultig der Kahlkopf, dessen vollendete glanzende Kahlheit mehr furchterlich als hasslich war. Schoppe fragte erbittert, "wer er denn sei, quis und quid und ubi und quibus auxiliis und cur und quomodo und quando158" "Quando? Nach 15 Monaten komm' ich wieder Quis? Nichts; Gott braucht mich bloss, wenn er jemand unglucklich machen muss", sagte der Kahle und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mitzutrinken aus. Albano sagte, es gern erlaubend, im Frageton: er sei wohl erst angekommen? "Eben vom grossen Bernhard", sagte der Kahle, aber widriger mit jedem Wort, weil sein altes Rosen-Gesicht ein Zickzack konvulsivischer Verziehungen war, so dass immer ein Mensch nach dem andern dazustehen schien. Er ging ein wenig hinaus. Schoppe sagte ganz ausser sich: "Ich ergrimme immer mehr gegen ihn wie gegen ein greuliches, hupfendes Fieberbild. Um Gottes Willen lass uns fort. Es ist mir immer hinter mir, als stosse mich eine bose Faust auf ihn zu, damit ich ihn abwurge. Auch wird er mir immer bekannter, wie ein vermooseter Todfeind."
Albano versetzte sanft: "Sieh, meine Ahnung! Aber nun ich ihr nicht gehorcht, muss ich auch sehen, wo hinaus es geht." Seine mutige Natur, seine romantische Geschichte und Lage liessen ihn nicht wegrukken von einer so abenteuerlichen Perspektive.
"Aber warum" (fragte Schoppe den Kahlen, da er wiederkam) "schneidet Ihr so viele Gesichter, die eben nicht zu Eurem Besten ausfallen?" "Sie kommen" (sagt' er) "von Gift her, das man mir vor zehn Jahren gegeben Habt Ihr gesehen, wie aqua toffana, in Menge genommen, verzieht? In Neapel zwang ichs einem sechzehnjahrigen schonen Madchen hinein, das schon einige Jahre damit gehandelt hatte, und liess es vor mir sterben. Es gibt wohl nichts Gottloseres als Giftmischerei." "Abscheulich!" rief Albano, ergriffen von einem innersten Widerwillen gegen den Mann; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt.
Jetzt trat eine arme, magere Tischlersfrau, Likor zu holen, herein, welche die Augen vor Scham und Schwache nieder- und halb zugezogen trug; sie getrauete sich nicht aufzusehen, weil die ganze Stadt wusste, dass sie nachts gewaltsam aus dem Bette in die Gasse getrieben werde, um einem Leichenzuge, der dann durch dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe, in seinem Vorspiele und Vorbilde vor ihr zuzuschauen. Kaum hatte sie der Kahle erblickt, als er sich das Gesicht bedeckte: "Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns" (sagt' er, ganz bleich und unruhig) "der Jungling hier", indem er auf Albano zeigte. Eben donnerte oben ein Wagen mit sechs Pferden voruber. Schoppe sprang auf, fragte zweimal schnell den sinnenden Albano: "Gehst du mit?", kehrte sich zornig von dessen Nein weg, trat dicht vor den Kahlen und sagte wutend: "Hund!" und kehrte sich um und ging fort. Am Kahlen regte sich keine Miene auf der bleichgebliebnen Haut, sondern nur die Hand ein wenig, als sei in ihrer Nahe ein Stilett zum Griff; aber er sah ihm mit jenem Blicke nach, vor welchem das Madchen in Neapel starb.
Albano ergrimmte uber den Blick und sagte: "Mein Herr, dieser Mann ist ein durchaus redlicher, treuer, kraftiger Mensch; aber Sie haben ihn selber gegen sich erbittert und mussen ihn freisprechen." Mit sanfter, schmeichelnder Stimme versetzte er: "Ich kenn' ihn nicht erst seit heute, und er kennt mich auch." Albano fragte, ob er vorhin mit dem grossen Bernhard den Schweizerberg gemeint. "Wohl!" (versetzt, er) "Ich reise jahrlich hin, um eine Nacht mit meiner Schwester zuzubringen."
"Meines Wissens sind nur Monche da", sagte Albano. "Sie steht unter den Erfrornen in der Klosterkapelle159," (versetzt' er) "ich bleibe die ganze Nacht vor ihr und sehe sie an und singe Horen."
Sonderbar fuhlte sich Albano wahrend des Zuhorens verandert was er nur dem Punsch zuschreiben konnte es war weniger Rausch als Glut, eine fliegende Lohe brausete uber seine innere Welt, und der rote Schein irrte an ihren fernsten Grenzen umher; nun war ihm, als steh' er ganz mit dem Kahlkopf auf einem Boden und konne mit diesem bosen Genius ringen. "Ich hatt' auch eine" (sagte Albano) "kann man Tote zitieren?" "Nein, aber Sterbende", sagte der Kahle. "Huh!" sagte Albano bebend. "Wen wollt Ihr sehen?" fragte der Kahle. "Eine lebende Schwester, die ich noch nicht gesehen", sagte gluhend Albano. "Es kommt" (sagte der Kahle) "auf ein wenig Schlaf an, und dass Ihr noch wisset, wo die Schwester an ihrem letzten Geburtstag war." Zum Gluck war Julienne, die er fur seine Schwester nahm, an dem ihrigen im Schlosse zu Lilar gewesen. Er sagt' es ihm. "So kommt mit mir!" sagte der Kahle.
In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und folgendes Blatt: "Bruder, Bruder, trau ihm nicht Hier hast du eine Waffe, denn du bist gar zu tollkuhn Stich ihn gleich durch, macht er nur Miene Allerlei unbekannte Leute haben diesen Abend nach dir und deinem Orte gefragt Mir ist, als sei mir vor der Bestie gar kein Leben gesichert, deines, Ihres Hute dich und komme!
Schoppe.
Erstich ihn aber, ich bitte dich."
*
"Furchtet Ihr Euch etwa?" fragte der Kahle. "Das wird sich zeigen", sagte Albano zornig und nahm den Stockdegen und ging mit ihm. Als beide durch das kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen, sah Albano in einem Spiegel seinen eignen Kopf in einen Flammen-Ring gefasset. Sie kamen aus der Stadt ins Freie. Der Kahle ging voraus. Der Himmel war sternenhell. Dem Grafen war, als hor' er die unterirdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schopfung brausen. Kaum erkannt' er draussen den Weg nach Blumenbuhl. Plotzlich lief der Kahle links feldein; die magere Tischlerin stand auf der Blumenbuhler Strasse ganz starr und sah vertieft eine Leiche ziehen, die unsichtbar voruberging, und horte die ferne Glocke, die der Stumme tragt, der Tod. So schien es.
Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach, die Geisterfurcht totet die Menschenfurcht. Beide gingen stumm nebeneinander. In der fernen Tiefe schien es, als schwebe ein Mensch, ohne zu schreiten und rege zu sein, fest und langsam in den Luften weiter. Am Kahlen zuckte unaufhorlich die weisse Haut, und eine unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Ton seines Gesichts und zeigte den Griff; einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des Todes160 voruber.
Plotzlich horte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandersprechen eines Gewimmels; nichts war um ihn. "Hort Ihr nichts?" fragte er. "Es ist alles still", sagte der Kahle. Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und heiss fort, als konne es nicht fertig und einig werden; der kuhne Jungling schauderte, die Tore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde, Traume und Schatten schwarmten aus und ein und flogen nahe ans helle Leben.
Beide traten ans Laubgeholze vor Lilar; da half sich ein Knabe mit einem unformlich-grossen Kopfe auf zwei Krucken heraus und hatte eine Rose, die er dem Jungling nickend anbot. Albano nahm sie, aber der Kleine nickte unaufhorlich, als woll' er sagen, er moge doch daran riechen. Albano tats und plotzlich zog ihn die Theaterversenkung des Lebens, ein bodenloser Schlummer, in die dunkle Tiefe.
Als er belastet erwachte, war er allein und ohne seine Waffe in einem alten bestaubten gotischen Zimmer ein mattes Lichtlein streuete nur Schatten umher er sah durch das Fenster Lilar schien es zu sein, aber auf die ganze Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiss bewolkt, und doch stachen sonderbar die Sterne durch. Was ist das, steh' ich im Larventanz der Traume? fragt' er sich.
Da ging eine Tapete auf eine verhangne weibliche Gestalt mit unzahligen Schleiern auf dem Angesicht trat herein stand ein wenig und flog ihm an sein Herz. "Wer ists?" fragte er. Sie druckte ihn heftiger an sich und weinte durch die Schleier hindurch. "Kennst du mich?" fragt' er. Sie nickte. "Bist du meine unbekannte Schwester?" fragt' er. Sie nickte und hielt ihn mit festen Schwesterarmen, mit heissen Liebestranen, mit ungestumen Kussen an sich fest. "Rede, wo lebst du?" Sie schuttelte. "Bist du gestorben oder ein Traum?" Sie schuttelte. "Heissest du Julienne?" Sie schuttelte. "Gib mir ein Zeichen deiner Wahrhaftigkeit!" Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem nahen Tisch. "Zeige dein Gesicht, damit ich dir glaube!" Sie zog ihn vom Fenster weg. "Schwester, bei Gott, wenn du nicht lugst, so hebe die Schleier!" Sie wies mit dem ausgestreckten langen umwickelten Arme nach etwas hinter ihm. Er bat immer fort, sie deutete heftig nach einem Orte hin und druckte ihn von sich; endlich folgte er und kehrte sich seitwarts Da sah er in einem Spiegel, wie sie schnell die Schleier aufriss und wie darunter die veraltete Gestalt erschien, deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift gegeben. Aber als er sich umkehrte, fuhlt' er auf seinem Gesicht eine warme Hand und eine kalte Blume; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter.
Als er erwachte, war er allein, aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle, wo er zum ersten Male eingeschlafen war. Der Himmel war blau, und die lichten Bilder schimmerten die Erde war grun und der Schnee verwischt den halben Ring hatt' er nicht mehr in der Hand um ihn war kein Laut und kein Mensch. War alles der verwehte Wolkenzug der Traume gewesen, das kurze Wirbeln und Bilden in ihrem Zauberrauch?
Aber das Leben, die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt; und die Schwestertranen lagen noch auf seinem Auge. "Oder waren es nur meine Brudertranen?" sagte sein verwirrter Geist, als er aufstand und in der hellen Nacht nach Hause ging. Alles war so still, als schlafe das Leben noch fort er horte sich und furchtete, es zu wecken er schauete seinen gehenden Korper an: ja, dacht' er, dieses dichte, um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen und Freuden des Lebens zu. So wie wir schlafend unter heruberfallenden Bergen zu ersticken glauben, wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen uberschlagt, oder uber klebendes Glut-Blech zu schreiten, wenn es mit zu dicken Federn die Fusse druckt, oder als nackte Bettler zu frieren, wenn es sich kuhlend verschiebt: so wirft diese Erde, dieser Leib in den siebzigjahrigen Schlaf des Unsterblichen Lichter und Klange und Kalte, und er bildet sich daraus die vergrosserte Geschichte seiner Leiden und Freuden; und wenn er einmal erwacht, ist nur wenig wahr gewesen!
"Gott, warum kommst du so spat und so blass?" fragte Schoppe, der in Albanos Zimmer lang' auf ihn gewartet hatte. "O, frag mich heute nicht!" sagte Albano.
Dreiundzwanzigste Jobelperiode
Liane
95. Zykel
Nie fuhr sich Schoppe mit mehr Fluchen an als am Morgen unter Albanos Erzahlung, und zwar daruber, dass er nicht geblieben war, um dem Kahlen, dem Schwungrad so vieler Geister-Bewegungen, mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren. Er flehte instandig den Grafen an, doch bei der nachsten Erscheinung zumal in Italien dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureissen, und bliebe das Leben darin hangen. Den Jungling hatte die Nacht zu stark bewegt; daher sprach er ungern und fluchtig davon. Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und ubermachtiger regten als in Roquairol: so hatt' er nicht wie dieser Freude an ihrem Malen, sondern Scheu davor. Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf, das ihm sein Vater auf der Insel gegeben; welcher treffende Widerschein des nachtlichen Spiegelbildes! Dieses Alter-Moos an einer Schwester musste, bloss um damit ihre Ahnlichkeit zu uberdecken, durch Kunst gesaet sein. Die Vermutung auf Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die Hohen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die Hulfe seines so nahen Vaters hinaus.
Ach uber allen seinen Gedanken zog in Geier-Kreisen unaufhorlich eine ferne dunkle Gestalt, der Wurgengel, der auf die hulflose Liane hungrig niederfliegen wollte! Das Starren der Leichen-Seherin auf dem Blumenbuhler Weg zumal nach dem truben Blatte der Furstin gaukelte jetzt in den dunkeln, durcheinanderkreuzenden Laubgangen, worein sein Lebensweg getrieben war, als ein flatterndes Schreckbild fort.
Ein neuer, einziger Entschluss stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer Arm am Wege fest, der immer nach einer Richtung zeigte, auf die Blumenbuhler Strasse: "Du musst zu ihr" sagte der Entschluss "sie darf nicht in dem Wahne deines Zurnens und deiner alten Harte sterben du musst sie wiedersehen, um ihr abzubitten, und dann weinest du, bis ihr Grab aufgeht und sie wegnimmt." O, wie werd' ich dann, sagt' er zu sich, vor dem Sterbethrone dieses Engels mein hartes, stolzes, wildes Herz zerknirschen und alles, alles, womit ich die sanfte Seele in Lilar blind und wund gemacht, zurucknehmen, damit sie nicht zu sehr verachte die kurzen Tage ihrer Liebe und damit doch ihr Herz verscheide mit einer kleinen letzten Freude von mir! Und das, o Gott, bescheide uns!
Vergeblich trug Schoppe darauf an, dass er mit ihm die Expeditionsstube der Nacht-Wunder, die so wahrscheinlich im gotischen Tempel anzutreffen sein musste, suchen sollte; noch an diesem Tage wollte er vor die bleiche Geliebte dringen. Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar fort und verlangte diesen zuletzt, voreilig befehlend; aber jetzt war es verdorben und Albanos Nein verpanzert. "Verflucht! wozu lass' ich mich denn in diesen Tranentopfen kochen", sagte Schoppe und fuhr hinaus.
Aber nach kurzer Zeit kam er wieder, mit einem Blatte von Gaspard, worin dieser auf heute RelaisPferde von der Post verlangte, und mit einem Vorschlag von sich selber, dem Vater entgegenzugehen. Wie erfrischend wehte die vaterliche Nahe uber Albanos schwule Wuste! Gleichwohl sagte er das zweite Nein: das lange Wollen und Streiten und jede Stunde hullte ihm Lianen immer finsterer in ihre Wolke, und er dachte bange an seinen Traum uber sie auf Isola bella161; und am Ende stutzte er argwohnisch uber das bedenkliche Zuruckzerren.
Und darin irrt' er nicht; Schoppe handelte nach ganz andern Begebenheiten, als er noch erfahren hatte. Der Lektor namlich, der mit alter kluger Redlichkeit uber den abtrunnigen, aber von ihm uberall gelobten Jungling von fernen Wache hielt durch den stellvertretenden Schoppe, hatte diesem den aufgeturmten bleischweren Wolkenbruch gezeigt, der sich nun gesenkt gegen das Haupt des edlen Junglings herbewegte; namlich Lianens ganz nahen Tod.
Fruher war der Streit mit den Eltern, gleichsam diese poetische Harte fur Lianens Nerven, noch Eisenwein gewesen, die nachher im weichen Wasser der Entsagung, Herbstruhe und Andacht schmolzen. Es gibt eine warme Windstille, welche Menschen wie Schiffe zerlasset; eine Warme, worin das Wachsbild des Geistes zerrinnt. Taglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre Schwingen aus, losete sie ab von den Erden-Hoffnungen und Erden-Bangigkeiten und fuhrte sie in den Glanz des gottlichen Thrones. Die schonen Fruhlingslufte ihrer geendigten Liebe liess sie wieder wehen, aber in hoherer Stelle, es waren dunne, milde Ather-Zephyre, Blumen-Hauche. Sie wusste jetzt zugleich, sie sterbe und liebe Gott. Sie stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem Himmel, aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter zu gehen und warmte sie sanft. Ihre Tranen entflossen so suss wie Seufzer, wie Abendtau aus Abendrot Wie man selig-wogend sinkt in heitern Traumen, so floss sie mit schwimmendem Korper-Gewand auf dem Todesflusse, lange getragen, langsam angezogen.
Nur ein einziger irdischer Widerstand hatte bisher den sussen Fall gebrochen die heisse Erwartung der kommenden Romeiro, dieser ihr so innig befreundeten Freundin ihrer Freundin Julienne. Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre Phantasie zu sehr; denn gerade die Flugel der Phantasie waren an diesem sanften, steten Schwane162 zu stark. Wie stellte sich die Kranke unter diese glanzende Gottin herunter! Wie fand sie sich unwurdig der vorigen Liebe fur Albano! So wenig hatte Spener, der nur vor Gott demutig war, sie hindern konnen, zwei Kleinode aus ihrem vorigen Leben in ihr jetziges verklartes heraufzunehmen, die alte Demut vor Menschen und das alte bekummerte Sorgen fur Geliebte.
Julienne mocht' ihr noch so oft abgeraten haben, sie schlang sich doch an einem Abende wo sie Albanos Wegziehen nach Italien vernommen um Lindas Herz und sagte ihr mit gewohnlicher Uberwallung, nur Albano verdiene sie. Linda antwortete bewundernd: sie fasse eine Liebe nicht, die sich selber vernichte; in Ihrem Falle wurde sie sterben. "Und tu' ichs denn nicht?" sagte Liane.
Julienne bat gleich darauf Lianen, die verlegne edle Grafin daruber zu schonen. Liane schwieg unbeleidigt; aber der neue Wunsch ergriff sie nun, ihren verlornen Albano noch einmal wiederzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen Irrtum zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues grosses zu vermachen. Sie war sehr offenherzig mit allen letzten Wunschen ihrer heiligen Seele. Solange die Mutter und Augusti konnten, hielten sie ihr die Hand, damit sie sich eine so giftige schwarze Blume, als die Freude eines solchen Wiedersehens sein musste, nicht ans kranke Herz steckte. Aber sie versicherte ihre Mutter, was konn' es ihr in diesem Jahre schaden, da sie ja erst im kunftigen nach Karolinens Weissagung von hinnen gehe. Indes suchte man ihr das letzte Ziel immer hinauszurucken, in der Hoffnung, dass Gaspard den Grafen wegfuhre, und mit dem Vorsatz, nur im Notfalle aller verlornen Hoffnungen ihr diese todliche zu stillen.
Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder; aber dieser, halb aus erbitterter Eitelkeit, halb aus Liebe gegen die Schwester, schilderte Albano von der kaltern Seite, sagte, er ziehe in ein frohes Land, verschmerze sie leicht u.s.w. Wie entrustete sich beinahe die sanfte Seele, weil sie daraus mit weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und eine Wiederkehr der Neigung fur die dableibende Linda entdeckte! Sie hatte schon langst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht. Denn diese arme Seele war seit ihrem Falle, seit dem Begrabnis ihrer Unschuld, durch keine Bitten und Befehle zu zwingen gewesen, vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem niedergeworfnen Sunder-Auge zu treten; und jetzt war es ihr vollends unmoglich, seit ihr durch Lindas Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am hereingezognen Leichenschleier erstickte. "Bruder, Bruder," (sagte Liane begeistert) "bedenke, was unsere armen Eltern von uns Kindern haben! Ich erfulle ihnen keine Hoffnung; auf dir ruht jede; ach wie wird unser Vater zurnen!" setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu. Der Bruder hielt es fur recht, die Wahrheit (uber Rabettens Hinab- und Wegstossen), welche diesesmal die Gestalt einer bewaffneten Parze haben wurde, von ihr zu entfernen, und setzte an die Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe. Daher hatt' er bisher die einzige Gelegenheit, mit der Grafin zu sprechen, entbehrt Lianens Krankenstuhl. "Du musst sterben," (sagte er einmal im Enthusiasmus zu ihr) "es ist gut, dass dein Gewebe so zart ist, damit es das Durcheinandergreifen so vieler Tatzen entzweireisset Was hattest du bis in dein 70. Jahr nicht leiden konnen unter Menschen und Mannern!" Auch er glaubte aus eigner Erfahrung , dass es mehr Weiber- als Mannerschmerzen gebe, so wie es am Himmel mehr Mond- als Sonnenfinsternisse gibt.
So stand es bis in die Nacht, wo Albano den Kahlkopf, die Spiele der Finsternisse und die verschleierte Schwester sah; in dieser sprang eine Saite nach der andern in Lianens Leben, sie wurde schnell verandert, und am fruhen Morgen empfing sie schon das Abendmahl aus ihres Speners Hand. Der Lektor bekam diese trube Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr morgens. Darum sucht' er mit solchem Eifer durch Schoppe den Jungling vom Anblick einer verscheidenden Braut zu verdrangen.
Spater kam Gaspards Billett, welches beide auf den Gedanken brachte, ihn zum Entgegenfahren zu locken und durch eine Nachricht an den Vater diesen zu bereden, wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehren, damit dieser sinke, ehe ihn der Sohn betreten.
Aber auch das, wie schon erzahlt worden, schlug fehl; Albano bekannte Schoppen geradezu seinen Argwohn irgendeiner unheimlichen Begebenheit. Dieser wollte eben eine Antwort geben, als sie ihm ersparet wurde durch einen keuchenden Boten aus Blumenbuhl, der an Albano folgendes Blatt von Spener uberbrachte:
"P.P.
Ew. Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden, dass das todkranke Fraulein von Froulay noch heute mit Denenselben zu sprechen sehnlichst verlangt, daher Sie um so mehr zu eilen haben, da selbige nach eigner Aussage hochst wahrscheinlich (und um so mehr, als Patienten dieses genre immer ihren Tod richtig vorauszusagen wissen) den heutigen Abend schwerlich uberleben, sondern aus dieser Leiblichkeit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit. Ich fur meine Person brauche Ew. Gnaden als einen Christen wohl nicht erst zu vermahnen, dass wohl ein sanftes, stilles, frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser herrlichen Braut Christi, von deren Tod jeder wunschen wird: Herr, mein Tod sei wie dieser Gerechten!, nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebuhre und gezieme, der ich mit sonderbarem Respekte verharre
Ew. Hochgeboren Gnaden
Untertaniger
Joachim Spener
Hofprediger
P.S. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen: so bitte sehr um einige Zeilen Antwort."
*
Albano sagte kein Wort gab das Blatt seinem Freunde druckte leise dessen Hand nahm den Hut und ging langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus, auf den Weg nach dem Bergschloss.
96. Zykel
Schaudernd lief er draussen um die Stelle vorbei, wo in der vorigen Nacht die Leichen-Seherin gestanden hatte, um ihre in schwarze Menschen verwandelten Traume langsam von der Bergstrasse herunterziehen zu sehen. Es war ein stiller, warmer, blauer Nachsommer-Nachmittag das Abendrot des Jahres, das rotgluhende Laub, zog von Berg zu Berg auf toten Auen standen die giftigen Zeitlosen unverletzt beisammen auf den ubersponnenen Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am fliegenden Sommer und richteten einige Faden als die Taue und Segel auf, womit er entfloh der weite Luft- und Erdkreis war still, der ganze Himmel wolkenlos und die Seele des Menschen schwer bewolkt.
Albanos Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Enthauptungsblock Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane, nichts, nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hulle.
Er zuckte, da ihm plotzlich auf der Blumenbuhler Hohe das weisse Bergschloss entgegenglanzte. Er rannte hinab wild vor dem verhassten entstellten Blumenbuhl vorbei und draussen in den tiefen Hohlweg hinauf, der zum Bergschloss fuhret. Da aber dieser sich in zwei aufsteigende Taler spaltet: so verirrte sich der vom Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wanden immer heftiger, bis er nach langem Treiben auf die Hohe heraustrat und das schimmernde Trauerschloss hinter sich erblickte. Da war ihm, als ruhre sich die weite hinabliegende Landschaft wie ein sturmendes Meer durcheinander mit wogenden Feldern und schwimmenden Bergen; und der Himmel schauete still und hell auf das Bewegen nieder. Nur unten am westlichen Horizonte schlief eine lange dunkle Wolke.
Er sturmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten des Trauerhauses an. Als er heftig durch ihn schritt, sah er oben an den Schlossfenstern mehrere Menschenrucken; wenn sie sich umkehren (sagt' er), so wird sogleich die Sage umlaufen: der Morder kommt. Jetzt trat die Ministerin an ein Fenster, wandte sich aber schnell um, da sie ihn erblickte. Er stieg schwer die Treppe hinauf, der Lektor kam ihm geruhrt entgegen, sagte zu ihm: "Fassung fur Sie und Schonung fur andere! Sie haben keinen Zeugen Ihrer Unterredung als Ihr Gewissen" und machte dem stummen Jungling das stille Krankenzimmer auf.
Vom Schmerz belastet und gebuckt, trat er leise hinein. In einem Krankenstuhl ruhte eine weissgekleidete Gestalt mit weissen, tiefen Wangen und ineinandergelegten Handen und lehnte den Kopf, den ein bunter Grasblumenkranz umzog, an die Seitenlehne. Es war seine vorige Liane. "Sei mir willkommen, Albano!" sagte sie mit schwacher Stimme, aber mit dem alten, aufgehenden Sonnen-Lacheln und reicht' ihm die muhsam gehobne Hand entgegen; das schwere Haupt konnte sie nicht erheben. Er trat hin, sank auf die Knie und hielt die teuere Hand, und die Lippe zitterte stumm. "Sei mir recht willkommen, mein guter Albano!" wiederholte sie noch zartlicher in der Meinung, er hab' es das erstemal wohl nicht gehort; und alle Tranen seines Herzens riss die bekannte wiederkommende Stimme in einem Regen nieder. "Auch du, Liane!" stammelte er noch leiser. Muhsam liess sie ihr Haupt auf die andere, ihm nahere Lehne heruberfallen; da schaueten ihre lebensmuden blauen Augen recht nahe seine feurigen nassen an; wie fanden beide ihr Angesicht von einem langen Schmerz entfarbt und veredelt! Rotwangig und vollbluhend und Schmerzen tragend war Liane in das kalte fremde Totenreich der schweren Prufung fur die hohere Welt gegangen, und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sie wiedergekommen und mit himmlischer Schonheit auf dem irdisch-verbluhten Gesicht Albano stand vor ihr, auch bleich und edel, aber er brachte auf dem jungen kranken, eingefallnen Angesicht die Kampfe und die Schmerzen zuruck und im Auge die Lebens-Glut.
"Gott, du hast dich verandert, Albano" fing sie nach einem langen Blicke an "Du siehst ganz eingefallen aus Bist du so krank, Lieber?" fragte sie mit der alten Liebes-Bekummernis, die ihr weder der fromme Vater noch der letzte Genius, der den Menschen erkaltet gegen das Leben und Lieben, eh' er es entruckt, aus dem Herzen nehmen konnten. "O, wollte Gott! Nein, ich bins nicht", sagte er und erstickte aus Schonung den innern Sturm; denn er hatte so gern seinen Jammer, seine Liebe, seinen TodesWunsch ausgerufen vor ihr mit einem todlichen Schrei, wie eine Nachtigall sich zu Tode schmettert und vom Zweige sturzt.
Ihr erkaltetes Auge ruhte, sich erwarmend, lange auf seinem Angesicht voll unaussprechlicher Liebe, und sie sagte endlich mit schwerem Lacheln: "So liebst du mich also wieder, Albano! Du hattest dich auch in Lilar ganz geirrt. Erst nach langer Zeit wird mein Albano es erfahren, warum ich von ihm gewichen bin, nur zu seinem Wohl. Heute, heute an meinem Sterbetage sag' ich dir, dass mein Herz dir treu geblieben. Glaub es mir! Mein Herz ist bei Gott, meine Worte sind wahr Sieh! darum bat ich dich heute zu mir denn du sollst sanft, ohne Reue, ohne Vorwurf auf deine erste Jugendliebe herubersehen in deinem kunftigen langen Leben. Heute wirst du nicht bose uber die kleine Linda, dass sie vom Sterben spricht Siehst du wohl, dass ich damals recht hatte? Hole mir das Blatt dort!"
Er gehorchte; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriss von ihr, der Lindas edeln Kopf vorstellte. Albano sah das Blatt nicht an. "Nimm es zu dir", sagte sie; er tat es. "Wie bist du so willig und gut!" (sagte sie) "Du verdienst Sie ich nenne sie dir nicht als den Lohn deiner Treue gegen mich. Sie ist deiner wurdiger als ich, sie bluht wie du, siecht nicht wie ich; aber tu ihr nie unrecht Deine Liebe zu ihr ist mein letzter Wunsch Wirst du mich betruben, festes Gemut, durch ein heftiges Nein?"
"Himmels-Seele!" (rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das Totenopfer des erstickten Neins) "ich antworte dir nicht Ach vergib, vergib der fruhern Zeit!" Denn nun sah er erst, wie demutig, leise und doch innig die zarte, stille Seele ihn geliebt, die noch jetzt im zerfallenden Korper ganz wie an Lilars schonen Tagen sprach und liebte, so wie die schmelzende Glocke im brennenden Turm noch aus den Flammen die Stunden tont.
"So lebe nun wohl, Geliebter!" (sagte sie ruhig und ohne Trane, und ihre matte Hand wollte seine drukken) "Reise glucklich in das schone Land! Habe ewigen Dank fur deine Lieb' und Treue, fur die tausend frohen Stunden, die ich dort erst verdienen will163, fur Lilars schone Blumen ... Die Kinder meiner Chariton haben sie mir aufgesetzt164 ... Je ne suis qu'un songe Was wollt' ich dir sagen, Albano? Mein Lebewohl! Verlasse meinen Bruder nicht! O, wie du weinst! Ich will noch fur dich beten!"
Die Sterbenden haben trockne Augen. Das Gewitter des Lebens endigt mit kalter Luft. Sie wissen es nicht, wie ihre lallende Zunge einschneide in die weit aufgerissenen Herzen. Die sanfteste Seele wusst' es nicht, wie sie ein Schwert nach dem andern durch ihren Albano stiess, der es nun fuhlte, dass er der Heiligen, der schon die Fruhlingswinde, die Fruhlingsdufte des ewigen Ufers entgegenzogen, nichts mehr sein, nichts mehr geben konnte, nicht einmal die Demut nehmen.
Als sie es gesagt, richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert auf, sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst: "Erhore mein Gebet, o Gott! und lasse Ihn glucklich sein, bis er eingeht in deine Herrlichkeit. Und wenn er irret und wankt, so schon ihn, o Gott! und lasse mich ihm erscheinen und ihm zureden. Dir aber allein, du Allgutiger, sei Preis und Dank gesagt fur mein frohes, stilles Leben auf der Erde, du wirst mir nach der Ruhe droben schenken den schonen Morgen, wo ich arbeiten kann.... Wecke mich fruh aus dem Todesschlafe.... Wecket mich, wecket! ... Mutter, das Morgenrot165 liegt schon auf den Baumen."
Da sturzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen. Der todesschlaftrunkne Blick und das Irrereden sagten an, dass nun der kalte Schlaf mit offnen Augen komme. "Erscheine mir, du bist ja bei Gott!" rief Albano sinnlos. Umsonst wollt' ihn Augusti wegfuhren; ohne Antwort, ohne Regung stand er eingewurzelt fest. Liane wurde immer blasser, der Tod schmuckte sie mit dem weissen Brautkleid des Himmels an; da horte sein weinendes Auge auf, die Qual gefror, und das weite, schwere Eis der Pein fullte die Brust.
Unverruckt hing Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen Abendhimmels, wie forschend und erwartend, dass der Himmel aufgehe und die Sonne gebe. Gleichgultig gegen alle sturmte ihr Bruder jammernd herein: "Geh nicht zu Gott, ich seh' dich sonst nie mehr sieh mich an, segne, heilige mich, gib mir deinen Frieden, Schwester!" Sie war still in die lichter aufbrechende Sonnenwolke vertieft. "Sie halt dich fur mich" (sagte Albano zu Karl wegen ihrer ahnlichen Stimmen) "und gibt dir keinen Frieden!" "Stiehl meine Stimme nicht", sagte Karl zornig. "O, lasset Sie in Ruhe", sagte die Mutter, aus deren gebuckten Augen nur kleine, sparsame Tranen auf den Kranz der Tochter zitterten, deren mattes, nach dem Himmel aufblickendes Haupt sie an sich angelehnt mit beiden Handen hielt.
Auf einmal, als die Sonne die Wolken wie Augenlider aufschlug und hell herunterblickte, erschutterte sich die stille Gestalt; Sterbende sehen doppelt, sie sah zwei Sonnenkugeln und rief, an die Mutter geschmiegt: "Ach Mutter, wie gross und feurig sind seine Augen!" Sie sah den Tod am Himmel stehen. "Bedecket mich mit dem Leichenschleier" (flehte sie angstlich) "meinen Schleier!" Ihr Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken zu; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewolke uber sich.
"Denk an den allmachtigen Gott!" rief ihr der fromme Vater zu. "Ich denke an ihn", antwortete leise die Verhullte. Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz vor den Menschen, sie bebten alle. Albano und Roquairol ergriffen und druckten einander die Hand, dieser aus Hass, Albano aus Qual, wie man in Metall knirscht. Das Zimmer war voll unahnlicher, befeindeter Menschen, die der Tod gleich machte. Seitwarts sah Albano eine fremde hereingeschlichene, ihm widrige Gestalt; es war sein unkenntlicher Vater, dessen grosse, dustere Augen scharf und hart auf dem Sohne hafteten. Aus dem zweiten Zimmer blickten zwei lange verschleierte weibliche Gestalten auf die dritte und sahen kein Gesicht und niemand ihres.
Liane spielte mit den Fingern am Schleier. Der Abend stand im Zimmer und die Stille zwischen dem Blitze und dem Donnerschlag. "Denke an den allmachtigen Gott!" rief Spener. Sie antwortete nicht er sprach weiter: "An unsere Quelle und an unser Meer, er allein steht dir jetzt im Dunkeln bei, wo dir die Erde und die Menschen aus der Hand entsinken und alle Lichter des Lebens." Plotzlich fing sie an und sagte ganz freudig-leise und schnell hintereinander, wie wenn der Mensch im Schlafe spricht, und immer entzuckter und schneller: "Karoline hier, hier, Karoline das ist meine Hand wie bist du so schon!" Der unsichtbare Engel, der ihre erste Liebe geheiligt, der ihr Leben begleitet hatte, schimmerte wieder wie ein aufgegangener Mond uber das ganze dunkle Sterben, und der Glanz verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem grossen Fruhlingsmorgen der andern Welt.
Nun lehnte die verschleierte Nonne des Himmels ganz still an der Mutter- Der Todesengel stand unsichtbar und zornig unter seinen Opfern Mit grossen Flugeln hing die Todes-Eule der Angst sich uber die Menschen-Augen und hackte mit schwarzem Schnabel in die Brust herab, und man horte nichts in der Stille als die Eule Duster walzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen Hohlen zwischen der stillen Braut und dem stillen Sohne hin und her; und Gaspard und der Wurgengel schaueten einander finster an.
Da klang aus Lianans Harfe ein heller, hoher Ton lang in die Stille; die Parze, die an ihrem Leben spann, kannte das Zeichen, hielt innen und stand auf, und die Schwester mit der Schere kam. Lianens Finger horten auf zu spielen, und unter dem Schleier wurd' es still und unbeweglich.
"Dein Kopf ist schwer und kalt, meine Tochter", sagte die trostlose Mutter. "Reisst den Schleier weg", rief der Bruder; und als er ihn herunterzog, ruhte Liane zufrieden und lachelnd darunter, aber gestorben die blauen Augen offen nach dem Himmel der verklarte Mund noch Liebe atmend die jungfrauliche Lilien-Stirn von der tiefer herabgesunknen Blumenkrone umwunden und bleich und verklart vom Mondschein der hohern Welt die fremde Gestalt, die gross aus den kleinen Lebendigen unter ihre hohen Toten trat.
Da quoll die goldne Sonne durch die Wolken und durch die Tranen hindurch und ubergoss mit dem bluhenden Abendlicht, mit dem jugendlichen Rosen-Ol ihrer Abendwolken die entfarbte Himmelsschwester, und das verklarte Antlitz bluhte wieder jung. Am Himmel schlugen alle Wolken, beruhrt von ihren Flugeln, als sie durch sie zog, in lange rote Bluten aus und durch den hohen, uber die Erde geblahten Nebelflor gluhten die tausend Rosen hindurch, die gestreuet und gewachsen waren auf der Wolken-Bahn, worauf die Jungfrau uber die Erde zu dem Ewigen ging.
Aber Albano, der verlassene Albano stand ohne Tranen und Augen und Worte unter den gemeinen Klagestimmen des Schmerzes im rosenroten Abendiener des heiligen Verklarungszimmers, unter dem irdischen Getummel neben der stillen Gestalt; in tiefer Vergangenheit zeigte ihm der Schmerz ein Medusenhaupt, und er sah es noch an, als sein Herz schon davon versteinert war, und er horte immer das finstere Haupt die Worte murmeln: "Wie bitter hatte die Tote in Lilar uber den harten Albano geweint!" Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame Worte zu ihm; er vernahm sie nicht, weil er dem grausamern Gorgonenhaupt zuhorte.
"Sohn!" (rief Gaspard Cesara ernst) "Sohn, kennst du mich nicht?" Durch das schwere Leichen-Herz blitzt ihm eine Lebensstimme; er blickt umher, und auf den Vater, ordnet sich erschreckend die Gestalt und sturzt auf seine Brust und ruft nur "Vater!" und immer wieder "Vater!" Er rief fort, ihn heftig wie ein Feind umflechtend, und sagte: "Vater, das ist Liane!" Noch heftiger wurde die Umarmung, nicht aus Liebe, nur aus Qual. "Komme zu dir, und zu mir, lieber Albano!" sagte der Ritter. "O ich will es tun, Sie ist nun gestorben, Vater!" sagt' er erstickt, und nun zerriss sein Schmerz am Vater, wie ein Gewolke am Geburge, in eine unaufhorliche Trane sie stromte fort, als wollte sich die innerste Seele verbluten aus allen offnen Adern aber das Weinen wuhlte nur die Qualen auf wie ein Wolkenbruch ein Schlachtfeld, er wurde trostloser und ungestumer und wiederholte dumpf das alte Wort.
"Albano!" (sagte Gaspard nach einiger Zeit mit starkerer Stimme) "willst du mich begleiten?" "Gern, mein Vater!" sagte er und folgte ihm, wie der Mutter ein blutendes Kind mit seiner Wunde. "Morgen will ich schon sprechen", sagte Albano im Wagen und nahm die vaterliche Hand. Die weit offnen Augen hingen geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest, die schon auf dem Geburge ruhte er blieb lachelnd und bleich und in seinem leisen sanften Weinen und er merkt' es nicht, dass die Sonne unterging und er in der Stadt ankam.
"Morgen, mein Vater!" sagt' er kraftlos und bittend zum Ritter; und schloss sich ein. Man horte nichts mehr von ihm.
Vierundzwanzigste Jobelperiode
Das Fieber die Kur
97. Zykel
Lange blieb Albano im Nebenzimmer stumm. Der Vater uberliess ihn der heilenden Stille. Schoppe wartete auf ihn geduldig, um ihn trostend anzusehen und anzuhoren. Endlich horten sie ihn darin heftig beten: "Liane, erscheine mir und gib mir den Frieden!" Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter Riese heraus, mit allen Blut-Rosen auf seinem Gesicht mit Blitzen in den Augen mit hastigem Schritt. "Schoppe," (sagt' er) "komm mit auf die Sternwarte, es hangt am Himmel ein heller, hoher Stern, auf dem wird Sie begraben; ich muss das wissen, Schoppe!"
Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers. Er wollte mit ihm hinaus, als er den Ritter erblickte, der ihn starr anschaute. "Erstarre nur nicht wieder, mein Vater!" sagt' er, umarmte ihn nur leise und vergass, was er gewollt.
Schoppe holte den Doktor Sphex. Albano ging wieder in sein Zimmer und langsam darin mit gesenktem Haupt, mit gefalteten Handen auf und ab und redete sich trostend zu: "Warte doch nur, bis es wieder ausschlagt." Sphex kam und sah und sagte, "es sei ein einfaches entzundliches Fieber". Aber keine Gewalt brachte ihn dahin, sich fur das Bette oder nur fur eine Ader-Wunde zu entkleiden. "Wie?" (sagt' er schamhaft) "Sie kann mir ja zu jeder Stunde erscheinen und den Frieden geben nein, nein!" Der Arzt verschrieb einen ganzen kuhlenden Schneehimmel, um damit diesen Krater vollzuschneien. Auch diesen Kuhlungen und Frost-Zuleitern weigerte der Wilde sich. Aber da fuhr ihn der Ritter mit der ihm eignen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an, der das immerwahrende, aber bedeckte Zornfeuer der stolzen Brust verriet: "Albano, nimm!" Da besann und fugte sich der Kranke und sagte: "O, mein Vater, ich liebe dich ja!"
Durch die ganze Nacht, deren Wachter und Arzt der treue Schoppe blieb, spielte der wahnsinnige Korper seine gluhende Rolle fort, indem er den Jungling auf- und abtrieb und bei jedem Ausschlagen der Glokken betend niederzuknien zwang: "Liane, erscheine doch und gib mir den Frieden!" Wie oft hielt ihn der sonst Zeichen-arme Schoppe mit einer langen Umarmung fest, um nur dem Umhergetriebnen eine kurze Ruhe zuzuspielen. Unbegreiflich waren am Morgen dem Arzte die Krafte dieser eisernen und weissgluhenden Natur, die Fieber, Pein und Gehen noch nicht gebogen hatten, und auf welcher alle verordnete Eisfelder trocken verzischten; und furchterlich erschienen ihm die Folgen, da Albano noch immer sein SelbstMordbrenner blieb und bei jedem Stunden-Schlage auf den Knien nach der himmlischen Erscheinung lechzete und blickte.
Aber sein Vater uberliess ihn wie eine Menschheit den eignen Kraften; er sagte, er sehe mit Vergnugen eine solche seltne ungeschwachte Jugendkraft und sei gar nicht in Furcht; auch liess er ungestort alles fur die Reise nach Italien packen. Er besuchte den Hof, d.h. alles. Wer es wusste, was er den Menschen abzufodern und abzuleugnen pflegte, dem gab diese allgemeine Gefalligkeit gegen alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrgefuhls, wenn ihn Gaspard auch anredete. Er besuchte zuerst den Fursten, welcher an ihm, ob ihn gleich der Ritter in Italien ruhig die vergiftete Hostie der Liebe samt ihrem Giftkelch hatte empfangen lassen, immer mit Angewohnung hing. Der Ritter besichtigte mit ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke; beide glichen scharf und frei ihre Urteile daruber gegeneinander aus und gaben einander Auftrage fur die Abwesenheit.
Darauf ging er zur Reisegefahrtin, zur Furstin, gegen welche zwar sein aufreibender Stolz nicht ein Blutenstaubchen der vorigen Liebe ubrig gelassen, die aber im glatten, kalten Spiegel seiner epischen Seele, in welchem alle Figuren sich rein-aufgefasset und frei bewegten, vermoge ihrer kraftigen Individualitat als eine Hauptfigur den Vordergrund bewohnte. Da er Freiheit, Einheit, sogar Frechheit des Geistes weit uber sieches Frommeln, Nachheucheln fremder Krafte und bussfertigen Zwiespalt mit sich selber setzte: so war die Furstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm "in ihrer Art lieb und wert". Sie erkundigte sich mit vielem Feuer nach seines Sohnes Zustand und Mitreise; er gab ihr mit seiner alten Ruhe die besten Hoffnungen.
Die Prinzessin Julienne war unzuganglich. Dass sie es hatte sehen mussen, wie die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher, rauher Arm vom blumigen Ufer in den Todesfluss hineingezogen und wie die Arme ermattet hinuntergeschwommen, das warf sie hart darnieder, und sie ware gern dem Opfer nachgesturzt. Sie war gestern nicht imstande, mit den zwei Verschleierten hinzugehen.
Jetzt eilte Gaspard zur einen davon, zur Grafin Romeiro, wo er auch die andere fand die Prinzessin Idoine. Diese hatte unmoglich so viel von ihrer Gesichts- und Seelen-Schwester in allen Briefen lesen konnen, ohne selber aus ihrem Arkadien zu ihr herzureisen und die schone Verwandtschaft zu prufen; aber als sie im Schleier ankam im Schmerzenhause, hatte schon ihre Verwandte den ihrigen uber das brechende Auge gezogen; und als er aufging, sah sie sich selber verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild. Sie schwieg in sich selber gleichsam wie vor Gott, aber ihr Herz, ihr ganzes Leben war bewegt.
Die Ahnlichkeit war so auffallend, dass Julienne sie bat, nie der gebeugten Mutter zu erscheinen. Idoine war zwar langer, scharfer gezeichnet und weniger rosenfarb als Liane in ihrer Blutenzeit; aber die letzte blasse Stunde, worin diese neben ihr erschien, machte die bleiche Gestalt langer und das Angesicht edler und zog die blumige jungfrauliche Verhullung vom scharfen Umriss weg.
Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu, wie ihre Freundin Linda ordentlich in kindlicher Liebe uberfloss gegen seine fast vaterliche. Beide Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden, warmen und zarten Moralitat, welche einem Auge (z.B. dem des Fursten) wunderbar erscheinen musste, das oft Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen, womit er wurmstichige, anbruchige Herzen halb eingepfarret in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle , scheue, weiche, empfindsame Sunder, innerlich-bodenlose Phantasten, z.B. Roquairols, gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte. Der Furst dachte dann: "Er denkt gerade wie ich"; aber Gaspard macht' es mit ihm ebenso.
Auch die wankende, blasse Julienne schlich endlich herein, um ihn zu sehen. Man umging, so weit man konnte, ihrentwegen das offne Grab der Freundin; aber sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich. Der Ritter welcher fur die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrasesbuch des Nichts, besondere Rede-Eisblumen angeschafft hatte, dergleichen waren: "es geht, so gut es kann" oder "man muss es erwarten" oder "es wird sich wohl geben" bediente sich der letzten Redeblume und versetzte: "Es wird sich wohl geben."
Als er nach Hause kam, hatte sich nichts gegeben, sondern hoch war die Flut des Ubels gestiegen. Der Jungling lag nieder angekleidet auf dem Bette unvermogend mehr zu gehen brennend irre redend und doch bei jedem Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend. Bis hieher hatte sein kraftiges, festes Gehirn die Vernunft wenigstens fur alles, was Lianen nicht betraf, fest zu behalten gewusst; aber allmahlich ging die ganze Masse in die Garung des Fiebers uber. Vergeblich waffnete sich sein Vater einmal, da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat, mit dem ganzen Sturm und Donner seiner Personlichkeit; "gib mir den Frieden", betete Albano sanft weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht.
Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater allein und sagte, er wisse ein unfehlbares Mittel. Gaspard bezeugte seine Neugierde. "Die Prinzessin Idoine" (sagt' er) "muss nach erbarmlichen Kindereien gar nichts fragen, sondern keck, wenn es eben schlagt und er kniet, ihm als der selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schliessen." Wider alles Vermuten sagte der Ritter unmutig: "Es ist unschicklich." Umsonst sucht' ihn der predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rucken bloss in der Winterseite zog er weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht; in eine sanfte Warme konnt' ihn niemand bringen als nur er sich selber. Zuletzt liess Gaspard nach seiner Sitte uber dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter Phrasen schwimmen, dass Schoppe stolz und zornig schwieg. Noch dazu gingen die Anstalten zur Abreise fort, als sei der Vater willens, den Sohn brennend aus dem Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten Liebes-Zirkeln zu reissen. Schoppe machte ihm seinen Vorsatz, daheim zu bleiben, bekannt; er sagte, er habe nichts dagegen.
Nun fuhlte Schoppe an seinem eignen zerritzten Gesicht den schneidenden Nord dieses von ihm sonst beschutzten Charakters; "traue keinem langen, schlanken Spanier, sagte Kardanus mit Recht"166, sagte er.
Albano war krank und daher nicht trostlos. Er schopfte aus der Lethe des Wahnsinns die dunkle Betaubung gegen die Gegenwart; nur wenn er kniete, spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel. Er horte nichts davon, wie die Durftigen ihren Namen nannten, um dankend um die ruhende Wohltaterin zu weinen, vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel ihrer Mienen taub und stumm lag Er horte nichts von dem Toben ihres Bruders, noch vom lauten (akustisch-gebaueten) Schmerze ihres Vaters, oder von der starren, in dumpfe Qual gewickelten Mutter Er wusst' es nicht voraus, dass die bleiche Charis in ihrem Kronungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum letztenmal der Erde erscheinen werde, bekranzt, geschmuckt und schlummernd Ihm starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung, aber jede gebar ihm auch eine neue.
"Armer Bruder," (sagte Schoppe am andern Tag im edeln Zorn) "ich schwore dirs, du bekommst heute deinen Frieden." Der blasse Kranke sah ihn bittend an. "Bei Gott!" schwur Schoppe und weinte beinahe.
98. Zykel
Schoppe hatte sich vorgesetzt, um den Ritter der den Abend halb an den Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbuhl verteilte sich gar nicht zu bekummern, sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der grossen Bitte zu treten. Vorher wollt' er sich den Lektor dazu holen als Turhuter oder Billeteur der versperrten Hofturen und als Burgen seiner Worte. Aber Augusti erschrak unbeschreiblich; er versicherte, das geh' unmoglich an eine Prinzessin und ein kranker Jungling und gar eine ridikule Geister-Rolle u.s.w., und der eigne Vater seh' es ja schon ein. Schoppe wurde daruber ein aufspringendes Sturmfass und liess wenig Fluche und Bilder liegen, die er nicht gebrauchte uber den menschenmorderischen Widersinn der Hof- und Weiber-Dezenz sagte, diese sei so schon gebildet und so blutig qualend wie eine griechische Furie sie binde an Menschen wie Kochinnen an Gansen die Hals-Wunde nur nach dem Verbluten zu, damit sich die Federn nicht befleckten und er sei so gut ein Courtisan, schloss er zweideutig, als Augusti und kenne Dezenz; "auch der Furstin, die ihn doch so gern hat, darf ichs nicht vortragen?" Augusti sagte: "Der Fall ist nicht verschieden." "Juliennen auch nicht?" "Auch nicht", sagt' er. "Auch dem so satanischen Satan nicht?" "Ein guter Engel ist doch dazwischen," (versetzte Augusti) "den Sie wenigstens schicklicher als Vorbitter brauchen konnen, weil er dem Vliesritter von Cesara Verbindlichkeiten schuldig ist die Grafin von Romeiro." "O, warum nicht gar?" sagte Schoppe betroffen.
Der Lektor unter die niemals eigenhandigen Menschen gehorig, die alles gern durch die dritte, sechste, fernste Hand nach einer der Fingersetzung ahnlichen Hande-Setzung tun legte seine Bereitwilligkeit, ihn bei Linda einzufuhren, und ihr Vermogen, in dieser "epinosen Affare" zu wirken, dem Nachdenker naher vor.
Schoppe fuhr ungemein hin und her schuttelte oftmals heftig den Kopf und stockte doch plotzlich flog und schuttelte noch heftiger sah mit scharfer Frage den Lektor an endlich stand er fest schlug mit beiden Armen nieder und sagte: "Der Donner und das Wetter hole die Welt! Nun gut, es sei! Ich will vor sie Himmel, warum bin ich denn Ihnen sozusagen so lacherlich, jetzt gerade, mein' ich?" Gleichwohl hatte der hofliche Lektor das Lacheln der Lippen nur in das Lacheln der Augen versetzt. Auf Schoppes Gesicht stand die Warme und Eile des Selbst-Siegers. Wie Menschen zugleich harthorig unter dem gemeinen Lebens-Getose sein konnen und doch den feinsten musikalischen Lauten offen167: so waren Schoppens innere Ohren verhartet gegen das Volks-Gepolter des allgemeinen Treibens, aber durstig zogen sie alle weiche, leise Melodien der heiligern Seelen ein.
Der Lektor den Grafen weit herzlicher liebend als dieser ihn nahm sturmisch den Bibliothekar sogleich mit fort ins Schloss, in weil eben jetzt die rechterlesene Hof-Ferien-Stunde sei, von 4 1/2 bis 5 1/2 Schoppe sagte, er sei dabei. Im Schloss befahl Augusti einem Diener, der ihn verstand, Schoppen ins Spiegelzimmer zu fuhren. Er tats; brachte Lichter nach; und Schoppe ging langsam mit seinem verdrusslichen Gefolge stummer flinker Spiegel-Urang-utangs auf und nieder, seiner Rolle und Zukunft nach rechnend. Seltsam fuhlt' er sich jetzt betroffen von seinem jungen, frischen Gefuhl der bisherigen Freiheit, die er eben suspendierte; er erkannte sie an, hielt sie fest, sah sie an, sprach ihr zu: gehe nur ein wenig fort, rette ihn und dann komme wieder!
Seine eigne Vervielfaltigung ekelte ihn: "Musset ihr mich storen, ihr Ichs?" sagt' er, und er legte sichs nun vor, wie er stehe vor der reichsten, hellesten Minute und feinsten Goldwaage seines Daseins, wie ein Grab und ein grosses Leben liege auf dieser Waage, und wie sein Ich ihm schwinden musse wie die nachgemachten glasernen Ichs umher. Plotzlich flog ihn eine Freude an, nicht uber den Wert seines Entschlusses, sondern uber die Gelegenheit dazu.
Endlich gingen nahe Turen auf und dann die nachste. Da trat mit noch halb zuruckgewandtem Kopfe eine grosse Gestalt herein, ganz in lange schwarze Seide eingehullt. Wie ein entzuckter Mond auf hohen Laubgipfeln, stand auf der seidnen dunkeln Wolke ein uppig-bluhender schmuckloser Kopf voll Leben vor ihm, mit schwarzen Augen voll Blitze, mit dunkeln Rosen auf dem blendenden Gesicht und mit einer thronenden Schnee-Stirn unter dem braunen LockenUberhang. Schoppen war, da sie ihn ansah, als liege sein Leben im vollen Sonnenschein, und er fuhlte angstlich, dass er sehr nahe an der Konigin der Seelen stehe. "Herr v. Augusti" (fing sie ernst an) "hat mir gesagt, dass Sie eine Bitte fur Ihren kranken Freund in meine Hande geben wollen. Sagen Sie mir solche klar und frei, ich werde Ihnen gern und bestimmt und offen antworten."
Alle Rollen-Erinnerungen waren in ihm zu Boden gesunken und aufgelost; aber der grosse Schutzgeist, der unsichtbar neben seinem Leben flog, sturzte sich mit feurigen Flugeln in sein Herz, und begeistert antwortete er: "Auch ich! Mein Albano ist todlich krank er ist im Fieber seit gestern abends er liebte das verstorbene Fraulein Liane er ist auf die Greifgeier-Schwinge des Fiebers gebunden und wird hinund hergerissen er sturzt bei jedem Glocken-Ausklang auf die Knie und betet, dicht an der Glutseite der Phantasie liegend, immer heisser; erscheine mir und gib mir Frieden er steht aufrecht und angekleidet auf dem hohen Scheiterhaufen der phantastischen Kreis-Flammen und lechzet und brat und dorret sehr aus und krummt sich nieder, wie ich wohl sehe....."
"O, finissez donc!" (sagte die Grafin, welche den Venus-Kopf schaudernd zuruckgebogen und langsam geschuttelt hatte) "Furchterlich! Ihre Bitte!"
"Nur die Prinzessin Idoine" (sprach er, zu sich kommend) "kann sie erfullen und ihn erretten, wenn sie ihm erscheint und ihm Frieden zusagt, da sie eine so nahe Ass- Kos-168, Kopie und Nebensonne von der Verstorbnen sein soll." "Ist das Ihre Bitte?" sagte die Grafin. "Meine grosste", sagte Schoppe. "Hat Sie sein Vater hergeschickt?" sagte sie. "Nein, ich" (sagt' er) "der Vater, damit ich klar und frei und bestimmt sei, will es nicht."
"Sind Sie nicht der Maler des niesenden SelbstPortrats?" fragte sie. Er verbeugte sich und sagte: "Ganz gewiss!" Als sie ihm geantwortet, in einer Stunde hor' er die Entscheidung, machte sie ihm eine kurze achtende Abschiedsverbeugung und die einfache, edle Gestalt verliess ihn mitten in seinem trunknen Nachschauen; und er war unwillig, dass die kindischen Spiegel umher der einzigen Gottin so viele Nachschatten nachzuschicken wagten.
Zu Hause fand er zwar den Wahnsinnigen, dessen Ohren allein nur in der Wirklichkeit fortlebten, wieder auf den Knien vor dem sechsten Glockenschlage; aber seine Hoffnung bluhte jetzt unter einem warmen Himmel. Nach einer Stunde erschien der Lektor und sagte mit bedeutend-froher Miene: es gehe recht gut, er hole einen Ausspruch des Arztes uber die Krankheit, und dann entscheid' es sich darnach.
Herr v. Augusti gab ihm mit hofmannischer Ausfuhrlichkeit den bestimmtern Bericht: die Grafin flog zur Furstin, deren Achtung fur den kunftigen Reisegefahrten sie kannte, und sagte ihr, sie wurd' es in Idoinens Falle ohne Bedenken tun. Die Furstin bedachte sich ziemlich und sagte, hieruber konne nur ihre Schwester entscheiden Beide eilten zu ihr, malten ihr alles vor, und Idoine fragte erschrocken, was sie fur ihre Ahnlichkeit und ihre wohlwollende Reise konne, dass man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen wolle. In dieser Sekunde trat Julienne blass herzu und sagte, sie habe schon seit dem Morgen Nachricht davon, das Erscheinen sei einer so guten Seele Pflicht. Da antwortete Idoine, sich und alles bedenkend und mit Wurde: es sei gar nicht das Ungewohnliche und Unschickliche, was sie schrecke, sondern das Unwahre und Unwurdige, da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele und mit einer flachen Ahnlichkeit einen Kranken belugen solle. Die Grafin sagte, sie wisse darauf keine Antwort, und doch sei ihr Gefuhl nicht dagegen Alle schwiegen verlegen. Die gewissenhafte Idoine war im weichsten Herzen bewegt, das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung uber ein Leben zitternd erlag. Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn: "Es wird aber doch eigentlich kein moralischer Mensch getauscht, sondern ein Schlafender, ein Traumer, und Einbildung und Luge soll ja an ihm nicht bestarkt, sondern besiegt werden." Julienne nahm Idoinen mit sich, um ihr den Jungling, den sie so wenig wie Linda gesehen, wahrscheinlich naher zu malen. Bald darauf kam Idoine mit dem Ausspruche zuruck:
"Wenn der Arzt ein Zeugnis gibt, dass ein Menschen-Leben daran hange: so muss ich mein Gefuhl besiegen. Gott weiss es," (setzte sie bewegt dazu) "dass ich es ebenso willig tue als unterlasse, wenn ich nur erst weiss, was recht ist. Es ist meine erste Unwahrheit."
Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor, um von ihm unter vielen Wendungen gerade das schicklichste Zeugnis mitzunehmen.
Schoppe wartete lange und angstlich nach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti: "Halten Sie sich bereit, Punkt 8 Uhr kommt die bewusste Person!" Sogleich liess er, um die Fieberaugen zu schonen, im Krankenzimmer statt der Wachslichter die magische HangeLampe aus Beinglas brennen.
Den kranken Jungling zundete er mit Geschichten von Wiedergekommenen noch starker an und riet ihm, mit langen Feuergebeten vor der festen Todespforte zu knien, damit Ihr milder, barmherziger Geist sie aufreisse und ihn auf der Schwelle heilend beruhre.
Kurz vor acht Uhr kamen in Sanften die Furstin und ihre Schwester. Schoppe wurde selber schaudernd von dieser auferstandnen Liane ergriffen. Mit funkelndem Auge und versperrtem Munde fuhrt' er die schonen Schwestern in die Kulisse, auf deren Buhne draussen sie schon den Jungling beten horten. Aber Idoinens zarte Glieder zitterten vor der ungeubten Rolle, worin ihr wahrhafter Geist sich verleugnen sollte; sie weinte daruber, und der fromme schone Mund war voll stummer Seufzer; oft musste die Schwester sie umarmen, um ihr Mut zu machen.
Die Glocke schlug furchterlich-heiss flehte der Wahnsinnige drinnen um Frieden die Zunge der Stunde gebot Idoine schickte einen Blick als Gebet zu Gott. Schoppe offnete langsam die Ture.
Drinnen kniete mit gen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schoner, in der magischen Dunkelheit bluhender Gottersohn im eisernen Zauberkreise des finstern Wahnsinus und rief nur noch: "O Frieden, Frieden!" Da trat die Jungfrau begeistert wie von Gott gesandt hinein; weissgekleidet wie die Verstorbne im Traumtempel und auf der Bahre, mit dem langen Schleier an der Seite, aber hoher gestaltet, weniger rosenfarb und mit einem scharfern, hellern Sternenlicht im blauen Ather des Auges und ahnlicher der Liane unter den Seligen und erhaben, als komme sie als ein verjungter Fruhling von den Sternen wieder, so trat sie vor ihn sein greifender Flammenblick erschreckte sie leise und wankend stammelte sie: "Albano, habe Frieden!" "Liane?" stohnte seine ganze Brust, und seine weinenden Augen bedeckte er darniedersinkend. "Frieden!" rief sie starker und mutiger, weil sie nicht mehr sein Auge traf und irrte; und sie entwich, wie ein uberirdischer Geist die Menschen wieder verlasset.
Die Schwestern schieden still und voll hoher Erinnerung und Gegenwart. Schoppe fand ihn noch kniend, aber entzuckt dahinblickend, ahnlich einem im Sturm erkrankten Schiffer auf den tropischen Meeren, der nach langem Schlaf an einem stillen rosenroten Abend die Augen aufschlagt vor dem brennenden Untergang der Sonne und die schlagende Wellen-Bahn wallet als ein Rosen- und Flammenbeet in die Sonne, und das spruhende Gewolk zerspringt in stumme Feuerkugeln und die fernen Schiffe schweben hoch im Abendrot und schwimmen fern uber den Wogen. So war es dem Jungling.
"Ich habe nun meinen Frieden, guter Schoppe," (sagt' er sanft) "und nun will ich in Ruhe schlafen." Verklart, aber blass stand er auf, legte sich auf das Bette, und in wenig Minuten sank das matte, so lange im heissen Fieber-Sande watende Gemut auf die frische, grune Rasenbank des Schlummers nieder.
Funfundzwanzigste Jobelperiode
Der Traum die Reise
99. Zykel
Spat fuhr der Vlies-Ritter an. Schoppe zeigte ihm erfreuet das schlafende Gesicht, dessen Rosenknospen wie in feuchter warmer Nacht aufzubrechen schienen. Der Ritter zeigte sich sehr erheitert daruber und noch mehr der spat nachschauende Doktor Sphex. Dieser fand den Puls nicht nur voll, auch langsam und auf dem Wege zu noch mehr Ruhe; er fuhrte zugleich Chaudeson und mehrere offizielle Beispiele an, dass grosse Geistes-Leiden sich durch das Opium von innen, die Schlafsucht, sehr glucklich gehoben hatten.
Zuletzt machte Schoppe den Vater mit Idoinens ganzer Kurmethode bekannt. Stolz versetzte Gaspard: "Sie wussten aber meine Meinung noch, Herr Bibliothekar?" "Gewiss, aber auch meine", sagte erbittert der betroffne Schoppe. Der Ritter liess sich indes in nichts weiter ein ganz nach seiner Weise, uber sein Ich, konnt' es auch noch so viel dabei gewinnen, nie nur das kleinste Licht zu geben , sondern erteilte dem Freunde ein sehr kaltes Zeichen zum Zuruckzug.
Den Morgen darauf fand Schoppe seinen Geliebten noch in der Seelen-Wiege des Schlafes. Wie er sprosste und bluhte! Wie der Atem der entketteten Brust sich nun gleich einem freien Menschen nur langsam, aber stark bewegte! Indes hielt Gaspards gepackter Wagen, der den Jungling nach Italien rollen sollte, schon am Morgen mit schnaubenden, scharrenden Pferden vor der Tur, und der Ritter erwartete jede Minute das Aufwachen und Einsitzen.
Der Arzt kam auch pries Krisis und Puls fugte bei, der Weinsteinrahm (den er mit verschrieben) sei der Lebens-Rahm und sagte dem Vater geradezu ins Gesicht, als dieser den Jungling wecken wollte zur Abfahrt, "er habe in seiner Praxis noch niemand gekannt, der so wenig von kritischen Punkten gewusst wie er; jeder Wecker sei hier ein Morder, und er verbiete es recht ausdrucklich als Arzt".
Von Stunde zu Stunde wurde Schoppe gegen den Vater unwilliger; er dankte wenn er des Ritters abspulendes Ein- und Anstromen an dieses fruchttragende Eiland bedachte jetzt Gott, dass Albano nicht nur die Hitze, sondern auch die Harte eines Felsen hatte.
Der Ehre- und Kunst-liebende Sphex bewachte wie eine drohende Askulaps-Schlange das Kopfkissen und wurde heiterer Schoppe verblieb da, gefasset gegen jede Harte. Der Ritter nahm in des Sohnes Namen von jedem Abschied und trieb weiche Herzen nach Hause; denn die Pflegemutter Albine und andere durften den Schlafenden nicht einmal sehen weil ihm Tranen ein verdrusslicher kalter Staubregen waren. Die Furstin und ihr Gefolge fuhr schon mit den bunten Wimpeln der Hoffnung auf dem Wege nach dem glanzenden Italien.
Der Abend wurde nun unwiderruflich zur Abfahrt angesetzt, zumal da in der Nacht die entschlummerte Liane in das Schlafgemach gefuhret werden sollte, das die Menschen nicht wieder offnen.
Den bluhenden Endymion uberdeckte schon Lacheln und Freuden-Glanz als ein vorlaufender Morgenstern seines wachen Tags. Seine Seele ging lachelnd in der funkelnden Hohle der unterirdischen Schatze umher, die der Geist des Traums aufsperrt; indes das gemeine Auge des Wachens blind vor dem nahen, von Schlaf ummauerten Geister-Eldorado stand. Endlich offnete ein unbekanntes Wonne-Ubermass Albanos Auge der Jungling erstand sogleich mit Kraft warf sich mit der Entzuckung der ersten Erkennung dem Vater an die Brust und schien im ersten, traumerischen Rausche sich des vorbeigezognen Gewitters hinter seinem Rucken nicht zu erinnern, sondern nur des seligen Traums und erzahlte trunken diesen:
"Ich fuhr in einem weissen Kahn auf einem finstern Strom, der zwischen glatten, hohen Marmorwanden schoss. An meine einsame Welle gekettet, flog ich bange im Felsen-Gewinde, in das zuweilen tief ein Donnerkeil einfuhr. Plotzlich drehte sich der Strom immer breiter und wilder um eine Wendeltreppe herum und hinab. Da lag ein weites, plattes, graues Land um mich, das die Sonnen-Sichel mit einem eklen, erdfahlen Licht begoss. Weit von mir stand ein untereinander gekrummter Lethe-Fluss und kroch um sich selber herum. Auf einem unubersehlichen Stoppelfelde schossen unzahlige Walkuren169 auf Spinnenfaden pfeilschnell hin und her und sangen: 'Des Lebens Schlacht, die weben wir'; dann liessen sie einen fliegenden Sommer nach dem andern unsichtbar gen Himmel wallen.
Oben zogen grosse Weltkugeln; auf jeder wohnte ein einziger Mensch, er streckte bittend die Arme nach einem andern aus, der auch auf einer stand und hinuberblickte; aber die Kugeln liefen mit den Einsiedlern um die Sonnensichel, und die Gebete waren umsonst. Auch ich sehnte mich. Unendlich weit vor mir ruhte ein ausgestrecktes Geburge, dessen ganzer aus den Wolken ragender Rucken golden und blumig schimmerte. Qualend watete der Kahn in der flachen, tragen Wuste des abgeplatteten Stroms. Da kam Sandland, und der Strom druckte sich durch eine enge Rinne mit meinem zusammengequetschten Kahne durch. Und so neben mir ackerte ein Pflug etwas Langes aus, aber als es aufstieg, verdeckt' es ein Bahrtuch und das dunkle Tuch zerfloss wieder in eine schwarze See.
Das Geburge stand viel naher, aber langer und hoher vor mir und durchschnitt die hohen Sterne mit seinen Purpurblumen, uber welche ein grunes Lauffeuer hin- und herflog. Die Weltkugeln mit den einzelnen Menschen zogen uber das Geburge hinuber und kamen nicht wieder; und das Herz sehnte sich hinauf und hinuber. 'Ich muss, ich will', rief ich rudernd. Mir schritt ein zorniger Riese nach, der die Wellen mit einer scharfen Mondsichel abmahte; uber mir lief ein kleines festes Gewitter, aus der zusammengepressten Dunstkugel der Erde gemacht, es hiess die Giftkugel des Himmels und schmetterte unaufhorlich nieder.
Auf dem hohen Geburge rief eine Blume mich freundlich hinauf; das Geburge watete der See dammernd entgegen; aber es ruhrte nun beinahe an die heruberfliegenden Welten, und seine grossen Feuerblumen waren nur als rote Knospen in den tiefen Ather gesaet. Das Wasser kochte der Riese und die Giftkugel wurden grimmiger zwei lange Wolken standen wie aufgezogne Fallbrucken nieder, und auf ihnen rauschte der Regen in Wellensprungen herab das Wasser und mein Schiffchen stieg, aber nicht genug. 'Es geht hier' (sagte der Riese lachend) 'kein Wasserfall herauf!'
Da dacht' ich an meinen Tod und nannte leise einen frommen Namen. Plotzlich schwamm hoch im Himmel eine weisse Welt unter einem Schleier her, eine einzige glanzende Trane sank vom Himmel in das Meer, und es brauste hoch auf alle Wellen flatterten mit Flossfedern, meinem Schifflein wuchsen breite Flugel, die weisse Welt ging uber mich, und der lange Strom riss sich donnernd mit dem Schiffe auf dem Haupte aus seinem trocknen Bette auf und stand auf der Quelle und im Himmel und das blumige Geburge neben ihm und wehend glitt mein FlugelSchiff durch grunen Rosen-Schein und durch weiches Tonen eines langen Blumen-Duftes in ein glanzendes, unabsehliches Morgenland.
Welch ein entzucktes, leichtes, weites Eden! Eine helle, freudige Morgensonne ohne Tranen der Nacht sah, von einem Rosenkranz umschwollen, mir entgegen und stieg nicht hoher. Hinauf und hinab glanzten die Auen hell von Morgentau: 'Die Freudentranen der Liebe liegen drunten,' (sangen oben die Einsiedler auf den langsam ziehenden Welten) 'und wir werden sie auch vergiessen.' Ich flog an das Ufer, wo der Honig bluhte, am andern bluhte der Wein; und wie ich ging, folgte mir auf den Wellen hupfend mein geschmucktes Schiffchen mit breiten, als Segel aufgeblahten Blumen nach ich ging in hohe Blutenwalder, wo der Mittag und die Nacht nebeneinander wohnten, und in grune Taler voll Blumen-Dammerungen und auf helle Hohen, wo blaue Tage wohnten, und flog wieder herab ins bluhende Schiff, und es floss tief in WellenBlitzen uber Edelsteine weiter in den Fruhling hinein, der Rosensonne zu. Alles zog nach Osten, die Lufte und die Wellen und die Schmetterlinge und die Blumen, welche Flugel hatten, und die Welten oben; und ihre Riesen sangen herab: 'Wir schauen hinunter, wir ziehen hinunter, ins Land der Liebe, ins goldne Land.'
Da erblickt' ich in den Wellen mein Angesicht, und es war ein jungfrauliches voll hoher Entzuckung und Liebe. Und der Bach floss mit mir bald durch WeizenWalder bald durch eine kleine duftige Nacht, wodurch man die Sonne hinter leuchtenden Johanniswurmchen sah bald durch eine Dammerung, worin eine goldne Nachtigall schlug bald wolbte die Sonne die Freudentranen als Regenbogen auf, und ich schiffte durch, und hinter mir legten sie sich wieder als Tau brennend nieder. Ich kam der Sonne naher, und sie stand schon im Ahren-Kranz; 'es ist schon Mittag', sangen die Einsiedler uber mir.
Trage, wie Bienen uber Honigfluren, schwammen im finstern Blau die Welten gedrangt uber dem gottlichen Lande vom Geburge bog sich eine Milchstrasse heruber, die sich in die Sonne senkte helle Lander rollten sich auf Lichtharfen, mit Strahlen bezogen, klangen im Feuer Ein Dreiklang aus drei Donnern erschutterte das Land, ein klingender Gewitterregen aus Glanz und Tau fullte dammernd das weite Eden Er vertropfte wie eine weinende Entzuckung Hirtenlieder flogen durch die reine, blaue Luft, und noch einige Rosenwolkchen aus dem Gewitter tanzten nach den Tonen. Da blickte weich die nahe Morgensonne aus einem blassen Lilienkranze, und die Einsiedler sangen oben: 'O Seligkeit, o Seligkeit, der Abend bluht.' Es wurde still und dammernd. An der Sonne hielten die Welten umher still und umrangen sie mit ihren schonen Riesen, der menschlichen Gestalt ahnlich, aber hoher und heiliger; wie auf der Erde die edle Menschengestalt in der finstern Spiegel-Kette der Tiere hinabkriecht: so flog sie droben hinauf an reinen, hellen, freien Gottern, von Gott gesandt Die Welten beruhrten die Sonne und zerflossen auf ihr auch die Sonne zerging, um in das Land der Liebe herabzufliessen, und wurde ein wehender Glanz Da streckten die schonen Gotter und die schonen Gottinnen gegeneinander die Arme aus und beruhrten sich, vor Liebe bebend; aber wie wogende Saiten vergingen sie Freude-zitternd dem Auge, und ihr Dasein wurde nur eine unsichtbare Melodie, und es sangen sich die Tone: 'Ich bin bei dir und bin bei Gott' Und andere sangen: 'Die Sonne war Gott!'
Da schimmerte das goldne Gefilde von unzahligen Freudentranen, die unter der unsichtbaren Umarmung niedergefallen waren; die Ewigkeit wurde still, und die Lufte ruhten, und nur das fortwehende Rosenlicht der aufgelosten Sonne bewegte sanft die nassen Blumen.
Ich war allein, blickte umher, und das einsame Herz sehnte sich sterbend nach einem Sterben. Da zog an der Milchstrasse die weisse Welt mit dem Schleier langsam herauf wie ein sanfter Mond schimmerte sie noch ein wenig, dann liess sie sich vom Himmel nieder auf das heilige Land und zerrann am Boden hin; nur der hohe Schleier blieb Dann zog sich der Schleier in den Ather zuruck, und eine erhabene, gottliche Jungfrau, gross wie die andern Gottinnen, stand auf der Erde und im Himmel; aller Rosenglanz der wehenden Sonne sammelte sich an ihr, und sie brannte, in Abendrot gekleidet. Alle unsichtbaren Stimmen redeten sie an und fragten: 'Wer ist der Vater der Menschen und ihre Mutter und ihr Bruder und ihre Schwester und ihr Geliebter und ihre Geliebte und ihr Freund?' Die Jungfrau hob fest das blaue Auge auf und sagte: 'Gott ists!' Und darauf blickte sie mich aus dem hohen Glanze zartlich an und sagte: 'Du kennst mich nicht, Albano, denn du lebst noch.' 'Unbekannte Jungfrau,' (sagt' ich) 'ich schaue mit den Schmerzen einer Liebe ohne Mass in dein erhabenes Angesicht, ich habe dich gewiss gekannt nenne deinen Namen.' 'Wenn ich ihn nenne, so erwachst du', sagte sie. 'Nenn ihn', rief ich. Sie antwortete, und ich erwachte."
100. Zykel
"Du kannst doch eine Nacht wachen und fahren?" mit dieser Frage fuhrte ihn der Vater eilig an den reisefertigen Wagen, um ihn noch mitten im warmen Traume mit den eingewiegten Erinnerungen zu entfuhren und um besonders der bleichen Braut vorzufahren, die in dieser Nacht auf demselben Weg in die letzte Erbschaft des Menschen ziehen sollte. "Im Wagen sollst du alles horen", versetzte Gaspard auf des Sohnes sanfte Frage nach dem Ziel. Noch lichttrunken vom glanzenden Lande der Traume, gehorchte Albano willig und blind. Er sah noch Lianen in hoher Gottergestalt auf dem abendroten, von Freuden ubertaueten Sonnenboden stehen, und sein Auge voll Glanz reichte nicht herunter in den Erden-Keller auf die abgeworfne enge Puppenhulse der befreieten, fliegenden Psyche.
Schoppe begleitete ihn an den Fackel-Wagen, aber verschwiegen, um nicht sein Herz durch eine Nachricht seines Zieles zu wecken; er druckte dem geliebten schonen Jungling feurig die wiederdruckende Hand und sagte nichts als: "Wir sehen uns wieder, Bruder!" Darauf trat er, keines abschiednehmenden Blickes vom herrischen Vater gewurdigt, bewegt von seinem warm nachgrussenden Freunde zuruck; und fliegend rollte der Wagen mit zuruckwehenden Fakkeln in die helle, hohe Sternennacht hinaus.
Neu und ernst breitete sich vor dem Genesenen die dammernde Schopfung aus. Der Saturn ging eben auf, und der Gott der Zeit reihte sich als ein sanfter blitzender Juwel in den schimmernden Zaubergurtel des Himmels. Mit zugebundnen Augen wurde der unwissende Jungling von der Senne seiner Jugend herabgefuhrt und aus dem Hirtentale seiner ersten Liebe hinweg und den grossen, ewigen Sternbildern der Kunst entgegen und in das gottliche Land, wo der dunkle Ather des Himmels golden und die hohen Ruinen der Erde anmutig und die Nachte Tage sind. Kein Auge schauete auf die Blumenbuhler Hohe hinuber, von der eben jetzt ein schwarzes Wagengefolge langsam mit aufrecht-brennenden Trauerfackeln wie ein ziehendes Schattenreich herunterging, um das stille gute Herz, worin Albano und Gott gelebt, mit seinen toten Wunden an den sanften Ort der Ruhe zu fuhren. Flammend rollte der Fackel-Wagen die Bergstrasse nach Italien hinan.
Tranenlos und weit ruhte Albanos Auge am schimmernden, unaufhorlich gehenden Schopfrad der Zeit, das ewig Sternbilder in Morgen einschopfte und in Westen ausgoss; und seine kindliche Hand fasste leise die vaterliche.
Ende des dritten Bandes
Vierter Band
Sechsundzwanzigste Jobelperiode
Die Reise die Quelle Rom das Forum
101. Zykel
Solange die Nacht dauerte, schimmerten Albanos Traumbilder mit den Sternbildern fort, und erst vor dem hellen Morgen erloschen sie alle. Gaspard sagte ihm lachelnd, er sei auf dem Wege nach Italien. Unerwartet gefasset empfing er die Nachricht seiner Auswanderung; er fragte bloss, wo sein Schoppe sei. Als er horte, er habe nicht mitgewollt: ruckte ihm die Lindenstadt plotzlich uber die Berge und Taler nach, und sein letzter Freund stand mitten auf dem Markte, ganz allein, mit sich selber im Mokierspiele begriffen, um ein treues starkes Herz zu stillen, das verschmerzen will und lieben. An diesem Freunde, den Albano nicht aus seiner Seele liess, zog er sich wie an einer Jupiters-Kette die ganze Buhne und Welt seiner Vergangenheit nach, und jeder traurige Ort kam dicht an ihn. Ungesehen rollten die Stadte, die Lander vor ihm vorbei. Die Wellen, die der Schmerz um uns auftreibt, stehen hoch zwischen uns und der Welt und machen unser Schiff einsam mitten im Hafen voll Schiffe. Schaudernd kehrt' er sich von jeder schonen Jungfrau weg; sie erinnerte ihn wie eine Klage an die erblasste; ewig aufgedeckt zog Lianens bleiches Angesicht wie eine Leiche in Italien170 auf dem unendlichen Weg zum Grabe, und nur unkenntliche Gestalten mit Larven gingen hinter ihr lebendig. So ist der Mensch und sein Schmerz; zum Widerspiele des Schiffziehens, wo die Lebendigen den Toten mitschleppen, nimmt der Tote die Lebendigen mit und zieht sie weit nach in sein kaltes Reich.
Durch die Zeit wurde allmahlich sein Schmerz entwickelt, nicht entkraftet. Sein Leben war ihm eine Nacht geworden, wo der Mond unter der Erde ist, und er glaubte nicht daran, dass Luna allmahlich mit einem wachsenden Licht-Bogen wiederkehre. Keine Freuden, nur Taten diese entfernten Sterne der Nacht waren jetzt sein Ziel. Er hielt es fur unrecht, die Tranen, die oft mitten im fremden Gesprache aus ihm drangen, darum vor dem Vater zuruckzuhalten, weil dieser keinen Teil an ihnen nahm; doch zeigt' er ihm durch die Kraft seiner Gesprache und Entschlusse noch den starken Jungling. Nur der Vorwurf, den er sich uber seine Schuld an Lianens Tod gemacht, hatte sich in den Frieden aufgeloset, den ihm Idoine gegeben, ob er gleich jetzt ihre Erscheinung nur fur einen wachen Fiebertraum von Lianen hielt.
Sein Vater schwieg ganz uber Idoinens Auftritt so wie uber alle unangenehme Erinnerungen, er sprach aber viel von Italien und von dem Kunst-Gewinn, den Albano da erbeuten werde, zumal durch die vorausgehende Gesellschaft der Furstin, des Kunstrates und des deutschen Herrn, die man bald einholen konne. Der Sohn wandte sich endlich mit der kuhnen Erkundigung an ihn, ob er wirklich noch eine Schwester habe, und erzahlte die Geschichte mit dem Kahlkopf. "Es konnte wohl sein," (sagte Gaspard unangenehm spasshaft) "dass du noch mehr Bruder und Schwestern hattest, als ich wusste. Aber was ich weiss, ist, dass deine Zwillingsschwester Severina in diesem Jahre in ihrem Kloster gestorben ist. Wofur haltst denn du die Nacht-Geschichte?" "Beinah fur einen Traum", versetzt' er. Zufallig kam seine Hand hier in die Tasche und traf zu seinem Erstaunen auf den halben Ring, den die Schwester ihm geschenkt. Das Wunderbare trat dicht unter seine Sinne, und jene Schauer-Nacht ging schnell und kalt durch seinen Mittag. Er und der Vater besahen die Enden des zerschnittenen Rings, an deren jedem ein abgerissener Namenszug aufhorte. "Es gibt aber nichts Wunderbares", sagte der Ritter. "Woher wissen wir alsdann, dass es etwas Naturliches gibt?" sagte Albano. "Das Wunder" (versetzte Gaspard) "oder die Geisterwelt wohnt nur im Geiste." "Wir mussen uns" (fuhr jener fort) "auch bei den gemeinsten optischen Kunststucken auf etwas anderes als auf die Auflosung des Trugs der Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen, weil uns sonst nach der Auflosung das Zauberwerk mehr gefallen musste als vorher. Das sind die Stellen und Pole der menschlichen Natur, woruber die ewigen Polarwolken hangen. Unsere Landkarten vom Wahrheits- und Geisterreiche sind die Landkartensteine, welche Ruinen und Dorfer abbilden; diese sind erlogen, aber doch ahnlich. Der Geist, ewig unter Korper gebannt, will Geister." "Ungefahr so meint' ich auch", sagte Gaspard.
Albano drang aber bestimmter auf dessen Urteil uber den Kahlkopf und die Schwester. "Von etwas anderem!" (sagte der Ritter ganz verdrusslich) "fur mich ists ein sehr unangenehmes Gesprach. Nimm die Welt nach deiner Weise und sei ruhig!" "Lieber Vater," fragte Albano betroffen, "klaren Sie mich irgend einmal bestimmt daruber auf?" "Sobald ich kann", sagte kurz der Ritter, mit so scharfen und stechenden Blicken auf den Sohn, dass dieser, ihnen wie Pfeilen ausweichend, den Kopf eilig aus dem Wagen hinausbeugte: als er erst merkte, dass ihn der Vater gar nicht meine; denn noch blickte er so scharf in der vorigen Richtung fort, als sei er nahe daran, in seine alte Erstarrung zu fallen.
Gaspards Wort uber das Inwohnen der Geisterwelt im Geiste und sein Blick und der Gedanke an sein Erstarren gaben fur Albano der Stunde und der Stille romantische Schauer. Drunten am Ufer des Stroms standen zusammengelaufne Menschen, und einer eilte wie fliehend oder ansagend aus dem Haufen. Ein ferner Knabe warf sich auf einem Hugel nieder und legte das Ohr an die Erdkugel, um ihren rollenden Wagen etwan recht zu horen. Im Dorfe, wo sie Mittag hielten, lautete es unaufhorlich. Ihr Wirt war zugleich ein Muller; das Toben der Wellen und Rader fullte das ganze Haus; und Kanarienvogel larmten noch durch den Larm hindurch.
Es gibt Augenblicke, wo die beiden Welten, die irdische und die geistige, nahe aneinander voruberstreifen und wo Erdentag und Himmelsnacht sich in Dammerungen beruhren. Wie die Schatten der himmlischen Glanzwolken uber die Bluten und Ernten der Erde weglaufen: so wirft uberall der Himmel auf die gemeine Flache der Wirklichkeit seine leichten Schatten und Widerscheine. So fand es jetzt Albano. Der Ring und das schwarmerische Wort seines kalten Vaters hatten ihn wie Blitze geblendet. Unten an der Hausture fand er ein Madchen, das ein Warenlager von Zitronen vor sich trug. Plotzlich und unangenehm brach das Gelaute ab; er blickte zum Glockenturm, und ein weisser Geier sass auf der Fahne. Bald kam der Glocken-Zieher selber, um etwas zu trinken, und fing mit starkem und doch nicht ubel gemeintem Fluchen auf den Kammerherrn an, der ihn seit drei Wochen lauten lasse und dem er bloss wunsche, dass solcher, wie er selber im vorigen Jahre, nur drei Tage lang ordentlich hinter der seligen Tochter nachlauten musste. Er ermahnte den Muller, "von den Zitronen zu kaufen, weils gute waren, saftig, von dunner Rinde und er und der 'Pfarrbube'171 kennten sie von dem Begrabnis des gnadigen Frauleins her und in 14 Tagen brauch' er doch fur die gesamte Geistlichkeit welche, als Brautvater!" "Wie sind hier die Sitten?" fragte Albano.
"Wenn namlich jemand stirbt," (sagte der Kuster sehr ehrerbietig und freundlich) "so bekommt der Pfarrer und meine Wenigkeit eine Zitrone und so auch die Leiche. Wird aber jemand getrauet, so bekommt die Geistlichkeit und so auch die Braut dergleichen. Das ist aber bei uns so Sitte, mein gnadigster Herr!"
Albano ging in den nahen Garten am Haus, in welchen die aufgedeckten Muhlenrader ihre Silberfunken warfen und welcher vom Glanze und Getose des offnen Wassers wie verschlungen ward. Indem er in die schimmernden fliegenden Wirbel sah: schwebten die Zitronen, welche die Leiche sowohl als die Braut bekommt, vor dem bewegten Geist. Die Ruhrung ist voll Gleichnisse; Liane sollte einst, dacht' er, in das Zitronenland und in die niedrigen Walder, wo der Schnee der Bluten und das Gold der Fruchte zwischen Grun und Blau zusammenspielen, ziehen und erquickt genesen; nun halt sie die Zitrone in der erkalteten Hand, und sie wurde nicht erquickt.
Er blickte umher und glaubte in einer fremden Welt zu stehen; im Himmelsblau rauschte wie ein Geist ein unsichtbarer Sturm ohne Wolken lange Hugel-Reihen funkelten bewegt mit roten Fruchten und roten Blattern, aus den bunten Baumen wurden gluhende Apfel geworfen, und der Sturm flog von Gipfel zu Gipfel und herunter auf die Erde und rauschte durch den langen aufgewuhlten Strom hinab. Wie wenn Geister um die Erde spielten oder auf ihr erscheinen wollten, so seltsam schien die helle Gegend bewegt und beleuchtet. Da war Albano unbewusst in eine dunkle Baum-Wildnis gekommen; darin hupfte ungesehen, ungehort eine reine lichte Quelle aus der Erde auf die Erde der Sturm draussen war still, nur die Quelle horte man. "Die Heilige ist mir nahe," (sagte sein Herz) "ist die Quelle nicht ihr Bild, nicht ihrer ewigen Tranen Ebenbild, dringt sie nicht aus der Erde herauf, wo sie wohnt?" Auf einmal sah er in seiner Hand als hab' es ihm eine fremde dareingelegt die Zeichnung von Lindas Kopf, welche Liane mit sterbenden Handen gemacht und gegeben hatte; aber seine Phantasie druckte gewaltsam dem Bilde die Ahnlichkeit mit der Zeichnerin auf, er sah Lianens sanftes Gesicht so klar auf dem Blatt.
Er ging wieder hinaus in die glanzende Welt. "Wie arm bin ich!" (rief er) "Ich sehe Sie auf der goldnen Wolke, die von der Abendsonne nach dem Morgen zieht, ich sehe Sie in der kalten Quelle im Tal und auf dem Mond und auf der Blume ich sehe Sie uberall; und Sie ruht nur an einem Ort. O wie arm!" Und er blickte zum Himmel, und eine einzige lange Wolke zog darin eilig weiter.
102. Zykel
So flogen die Tage mit ihren Stadten und Landschaften voruber, und in Albanos Leben spiegelte sich wie in einem Gedichte die Welt. Eine Kraft nach der andern, die ganze gebeugte Ernte seines Innern stand allmahlich wieder auf und grunte tropfend; aber zu gleicher Zeit erstarkte auch der Dorn des Schmerzes. Wahrend sein Auge und Geist sich mit der Welt und jeder Beute der Kenntnis erfullte: so wohnte das bose Gespenst der Pein in der Ruine und drang hervor, wenn das Herz allein war, und ergriff es.
Er beruhrte Wien, wo er sich gefallen lassen musste, einigen vornehmen Freunden Gaspards vorgestellt zu werden, der ihm erst hier entdeckte, dass er nicht zu den Cavalleros del Tuzone gehore, sondern ein osterreichischer Vliesritter sei. "Mir ist es hier" (sagte Albano) "so sonderbar bekannt; woher kommt das?" "Von irgendeiner ahnlichen Stadt" (sagte Gaspard)- "wer viel reiset, kommt aus ahnlichen Stadten in ahnliche." Taglich wurd' ihm der Vater lieber und verstandlicher; und doch nicht vertrauter und naher; nach einem warmen Tage und vertrauten Gesprache mit Gaspard stand man in der nachsten Zusammenkunft darauf wieder im Vorzimmer seiner Bekanntschaft; wie bei strengen Madchen fing nach jedem Wonnemondstag der geschmolzene Maifrost wieder von neuem einzufallen an. Das Alter achtet die Liebe, aber ungleich der Jugend wenig die Zeichen der Liebe. Indes behielt Albano den Stolz, dass er sich dem Vater ganz und mit allen Verschiedenheiten sehen liess, ohne den Sommer vor dem Winter zu verstecken.
Von Tag zu Tag fand Gaspard Briefe an sich auf den Posten, besonders von Pestitz, wie Albano aussen an den Post-Lettern ersah; denn es wurden ihm keine gegeben. Er wunschte immer mehr, der Furstin nachzukommen, die nur noch eine Tagereise vor ihnen voraushatte. Sie sahen schon die Riesen des Winters, die Schweizer- und Tiroler Alpen, im Lager; die Gottersohne standen, mit Lauwinen und Katarakten und Wintern bewaffnet, Wache um das gottliche Land, wo Gotter und Menschen einander wechselseitig nachahmten. Wie oft blickte Albano, wenn abends die Sonne sich gluhend mit den beschneieten Alpenhohen vermischte, schmerzlich ergriffen nach diesen Thronen hin, die er einmal ganz anders, viel goldner, so hoffend und so glaubend, von Isola bella angeschauet. Die Hohen deiner Vergangenheit, sagt' er sich, sind auch weiss, und keine Alphorner tonen mehr droben unter sonnenhellen Tagen, und du bist tief im Tal!
Sie kamen noch vor dem Volksfeste einer verspateten Weinlese voruber. Der Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wissbegierde eines Weinhandlers und mit der Kenntnis eines Winzers. So botanisierte er uberall auf der Erde nach jedem Graschen und Kraut der Erkenntnis. Albano verwunderte sich daruber, da er bisher geglaubt, Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris- und Hesperiden-Apfeln der Kunst, weil er alle andre Fruchte und ihr Fleisch und ihren Kern in seinem Stande weder zum Geniessen noch zum Saen brauchen konnte.
Sie versanken in die Tiefen der Tiroler Geburge. Die Hohen standen schon ins feste weisse Leichentuch des Winters gehullt, und durch die Taler ging nur der kalte Sturm lebendig hin und her. Albanos Sehnen nach dem milden Lande der Jugend wuchs zwischen den Sturmen und Alpen immer hoher; und Roms Bild breitete sich kolossalisch aus, je langer es sich ihm naherte. Gaspard liess die Reise auf Flugeln gehen, um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen.
In einer dunkeln Reise-Nacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Geburge hindurch, gleich ihrem Gefahrten, dem Adigo-Strom, der einen Riesen-Felsen aufreisset und in die milde Ebene sturzt und darin sanft weitertaumelt. Die Sonne erschien und Italien.
Es hatte geregnet, eine laue Luft flatterte von den Zypressenhugeln durch das Tal und durch die WeinGehenke der Maulbeerbaume her und hatte sich zwischen Bluten und den Fruchten der Pomeranzen durchgedrangt der Adigo schien wie eine geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhausern und Olivenwaldern zu ruhen und Regenbogen aneinanderzusetzen. Das Leben spielte im Ather- nur Sommervogel schweiften in dem leichten Blau nur der Venuswagen der Freude rollte uber die sanften Hugel.
Albanos volle Seele ergoss sich gleichsam in das breite Bette, das ihn von der milden Ebene zu der prachtigen Roma fuhrte! "Wenn wir ruckwarts reisen," (sagte Gaspard) "so erinnere dich an deinen Eintritt." Sie hielten in einem Dorfe mit grossen steinernen Hausern. Albano sah das warme ausserhausliche Leben um sich an, den unbedeckten Kopf, die nackte Brust und die blitzenden Augen der Manner das grosse Schaf mit Seidenwolle das schwarze kleine muntre Schwein und den schwarzen Truthahn als er plotzlich vom Balkon herab einen deutschen Gruss und seinen Namen horte.
Es war die Furstin, ihre Wagen standen seitwarts, Bouverot und Fraischdorfer bei ihr. Wie dringt es balsamisch durchs Herz, im fremden Lande, und sei es das schonste, den Bruder, die Schwester des rauhern wiederzufinden, gleichsam in der zweiten Welt den verwandten Erdensohn! Auch der Adigo, der vorher ihn im wilden Geburge unter dem Namen Etsch begleitet hatte, folgte ihm mit dem schonern in die Ebene nach. Die Furstin schien ihm, er wusste nicht warum, milder, jungfraulicher geworden in Gestalt und Blick, und er warf sich seinen fruhern Irrtum vor. Aber er beging einen spatern: uber ihre stark gezeichnete Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen scharfern empor, und die schreienden Farben, worein sie sich gern kleidete, wurden von den italienischen uberschrien. Ein fremder Boden ist ein Redouten- und Brunnensaal, wo nur menschliche Verhaltnisse und keine politische walten, und in der Fremde ist man sich am wenigsten Fremdling alles beruhrte sich freundlich, wie fremde Hande sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen. Wie verehrend sah Albano die Furstin an! Denn er dachte: "Sie wollte die Erblasste mitnehmen in das heilende Eden. O die Heilige wurde ja an diesem Morgen glucklich sein und weinen mit dem blauen Auge vor Seligkeit." Dann tat es seines, aber nicht vor Seligkeit; und so sind die Feuerwerke des Lebens, wie die andern, immer an und auf Wasser gebauet. Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schonen Totenhaupte Lianens abgelegt: "Ich will der Freund ihrer Freundin recht sein!" Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am warmsten und besten; uber unsern Antrittspredigten schwebt der heilige Geist brutend mit Taubenflugeln nur spater liegen die Eier kalt. Albano, noch in keine Freundschaft eingeweiht als in die mannliche, betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn, und fur diese fand er, wie fur die mannliche, weit mehr Opfer-Krafte in seiner warmen Seele aufbewahrt als fur die Liebe. In der Freundschaft ist der Mann wie in der Liebe die Frau und umgekehrt ; namlich mehr den Gegenstand suchend als die Empfindung fur ihn.
Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln in geschmuckten singenden Schiffen mit gunstigen Seitenwinden flog die muntere Fahrt durch Stadte und Auen.
Nichts hangt uber einen langen Reise-Korso eine schonere Frucht- und Blumenschnur hin fur einen Wagen, der vorausgeht als ein paar Wagen, die nachkommen. Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier! Welches Besprechen der Marschroute! Welche Freude uber die nach- und vorfahrenden Avanturen, namlich uber die Berichte davon! Und wie liebt einer den andern!
Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Kalte; aber der Ritter war freundlich. Albano, mehr unter Buchern als unter Menschen aufgewachsen, wunderte sich oft, dass ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht voruberging, die ihn unter diesen so scharf anfiel. Am Ende fragt' ihn einmal sein Vater: "Warum benimmst du dich gegen Herrn v. Bouverot so fremd? Nichts erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen, das leidenschaftlichste weit weniger." "Weil es mein Gesetz ist," (antwortete er) "die ewige Unwahrheit der Menschen in ihren Verbindungen zu fliehen und zu hassen. Aus blosser Humanitat sich Ungleichen gleichstellen, einem irgendeiner Absicht wegen ein freundliches Gesicht machen, so sein gegen jemand, dass man es ihm nicht auf der Stelle heraussagen darf, das ist wohl ganze Knechtschaft und verwirrt den Reinsten." "Wer nichts lieben will als sein Ebenbild," (versetzte Gaspard) "hat ausser sich nichts zu lieben. Von Bouverot" (setzt' er lachend hinzu) "ist doch ein braver Wirt und Reise-Kompagnon." Albano, der sogar Menschen widerstehen konnte, die er verehrte, fragte nichts nach seinem Vater, sondern fand den deutschen Herrn nur desto verachtlicher.
Dieser, ganz zu Hader und Handel geboren, hatte sich namlich tiefe Fussstapfen im Schnee des Ritters und der Furstin welche beide, wie alle lange Reisende, ungemein geizig waren dadurch gebahnt, dass er alle Wirte und Welsche, das Patto berichtigend, ubersah und uberlistete, und dass er sogar die Kunst verstand, zur rechten Zeit tief-grob zu sein, indes er, vom Wirte sich umkehrend, gegen die Furstin wieder ein Mann von Welt war wie Fontenelle oder irgendein Franzose, der in solchen Fallen langer rechnet und flucht als zehrt. Der Vliesritter, der, wie er gestand, nie so wohlfeil gereiset, bedeckte ihn daher mit dem Lorbeer, der hier uberall wuchs, und sah so heiter aus wie niemals. Nur dem Sohne war der kalte, zornige, grobe Mensch ein Vulkan, der Schlamm und Wasser auswirft. Reitet einem gekronten Haupte oder einem klassischen Autor, der auch eines ist, eine Meile vor und uberhaupt Leuten, die Geld haben und nicht schonen, und erkargt ihnen nur taglich einige Goldstucke: nie werdet ihr beide Haupter froher oder dankbarer gesehen haben als in diesem Fall!
Uberall wollte Albano aussteigen und in grosse Ruinen und in den Glanz der entfallnen Kleinodien treten, welche den Welteroberern auf dem Wege nach Rom von den Triumphwagen verloren gegangen. Aber der Ritter riet ihm an, seine Augen und Begeisterung zu sparen und aufzuheben fur Rom. Wie schlug sein Herz, als sie endlich in der wusten Campagna, die voll Lava-Wurfe um den Horst der romischen Adler, dieser uber die Welt getriebnen Sturmvogel, lag, auf der Flaminischen Strasse rollten! Aber er und Gaspard fuhlten sich wunderbar beklommen den stehenden See einer schwulen Schwefelluft glaubt' man zu durchwaten, die sein Vater den Schwefelhutten zu Baccano zuschrieb er lechzete nach dem Schnee auf den fernen Bergen der Himmel war schwarzblau und still einzelne hohe Wolken flogen pfeilschnell durch die stille Wuste ein Mann in der Ferne setzte eine ausgegrabene Urne wieder hin und betete, angstlich gen Himmel blickend, seinen Rosenkranz Albano wandte sich nach den Geburgen, denen die Abendsonne, wie aufgeloset in stechendem Glanz, zusank. Auf einmal liess der Ritter den Postillon halten, der heftig die Arme, da es unter dem Wagen noch fortrollte, gen Himmel warf und rief: "Heilige Mutter Gottes, ein Erdbeben!" Aber Gaspard beruhrte den sonnentrunknen Sohn und sagte zeigend: "Ecco Roma!" Albano blickte hin und sah in tiefer Ferne die Kuppel der Peterskirche im Sonnenglanz. Die Sonne ging unter, die Erde bebte noch einmal, aber in seinem Geiste war nichts als Rom.
103. Zykel
Eine halbe Stunde nach dem Erdstosse wickelte sich der Himmel in Meere ein und warf sie stuck- und stromweise herunter. Die nackte Campagna und Heide verdeckte der Regenmantel Gaspard war still der Himmel schwarz der grosse Gedanke stand einsam in Albano, dass er dem Blut- und Throngerust der Menschheit, dem Herzen einer erkalteten Helden-Welt, der ewigen Roma zueile; und als er auf dem Ponte molle horte, dass er jetzt uber die Tiber gehe: so war ihm, als sei die Vergangenheit von den Toten auferstanden und er schiffe im zurucklaufenden Strome der Zeit; unter den Stromen des Himmels hort' er die alten sieben Bergstrome rauschen, die einst von Roms Hugeln kamen und mit sieben Armen die Welt aus dem Boden aufhoben.
Endlich ruckte das breitstehende Sternbild der Bergstadt Gottes in Nachte auseinander, Stadte mit sparsamen Lichtern lagen hinauf und hinab, und die Glocken (fur ihn Sturmglocken) schlugen vier Uhr172, als der Wagen durch das Triumphtor der Stadt, die Porta del Popolo, rollte: so riss der Mond seinen schwarzen Himmel auf und goss aus der Wolken-Kluft den Glanz eines ganzen Himmels hernieder; da stand der agyptische Obeliskus des Tors wolkenhoch in der Nacht, und drei Strassen liefen glanzend auseinander. So bist du (sagte sich Albano, als sie im langen Corso nach der zehnten Region fuhren) wirklich im Lager des Kriegsgottes; hier, wo er das Heft des ungeheuern Kriegsschwertes fasste und mit der Spitze die drei Wunden in drei Weltteile machte. Guss und Glanz durchflogen die weiten, breiten Strassen zuweilen kam er plotzlich vor Garten vorbei und in breite Stadtwusten und Marktplatze der Vergangenheit. Das Rollen der Wagen unter dem Rauschen des Regens glich dem Donner, dessen Tage dieser Heldenstadt sonst heilig waren, gleichsam der donnernde Himmel der donnernden Erde eingemummte Gestalten mit kleinen Lichtern schlichen durch die finstern Strassen oft stand ein langer Palast mit Saulen-Reihen im Feuer des Mondes, oft eine graue einsame Saule, oft eine einzelne hohe Fichte, oder eine Statue hinter Zypressen. Einmal, da weder Regen noch Mondlicht war, ging der Wagen um die Ecke eines grossen Hauses, auf dessen Dache eine bluhende lange Jungfrau, mit einem aufblickenden Kinde an der Hand, eine kleine Handleuchte bald gegen eine weisse Statue, bald gegen das Kind selber richtete und so wechselnd die ganze Gruppe beleuchtete. Mitten in das erhobene Gemut drang die freundliche Gesellschaft und brachte ihm manche Erinnerungen mit; besonders war ihm ein romisches Kind eine ganz neue und machtige Idee.
Sie stiegen endlich aus bei dem Fursten di Lauria, Gaspards Schwiegervater und altem Freund. Nah' an seinem Palast lag der Campo vaccino (das alte Forum), und auf die breiten Treppen und die drei Wunder-Gebaude des Kapitols schien der helle Mond; in der Ferne stand das Coliseo. Zogernd ging Albano in das erleuchtete Haus, wovor der Wagen der Furstin stand, und wandte schwer das Auge von diesen Hohen der Welt, wovon einst ein leichtes Wort wie eine Schneeflocke lange rollte und ewig wuchs, bis es in einem fremden Lande eine Stadt erdruckte mit der Schlaglauwine.
Die Furstin mit ihrer Gesellschaft sah erfreuet die neue kommen. Der alte Furst Lauria empfing hoflich und zuruckhaltend seinen Enkel. Seine unzahligen Bedienten redeten fast alle Sprachen Europas durcheinander. Albano fragte sogleich den Ritter nach seinem Lehrer Dian, diesem auf den Romer geimpften Griechen; aber gerade an das Menschlichste hatte, wie immer die Grossen, Gaspard nicht gedacht. Man schickte in dessen nahe Wohnung; er war nicht zu Hause.
Man speisete. Der Furst bewirtete sogleich mit seinem Lieblings-Schaugericht, mit dem politischen Weltlauf, und gab das Neueste von der franzosischen Revolution. Zeitungen waren ihm Ewigkeiten, Nouvellen Antiken; er hielt alle Blatter Europas und daher zu jedem den deutschen, den russischen, den englischen, den polnischen Bedienten, der es ihm ubersetzte. Bei seiner satirischen Kalte gegen alle Menschen und Sachen erschien der politische und welsche Eifer starker, womit er gegen den Ritter die Franzosen beschirmte, der sie gelassen verachtete und, sich nach seiner Weise sogar in schlechten Wortspielen auslassend, den alten Romern das Forum und den neuern das Campo vaccino, und ebenso den alten Galliern das Marsfeld und den neuern ein Marzfeld eingab.
Albano glaubte, so nah' am Forum geb' es keinen Scherz und jedes Wort musse gross sein in dieser Stadt. Der kalte Lauria sprach warm fur Gallien, wie ein Minister nur Volker, nicht Individuen achtend, und seine Meinung gefiel dem Jungling.
Da lenkte die Furstin den Strom auf Roms hohe Kunst. Fraischdorfer zerlegte den Koloss in Glieder und wog sie auf der engsten Waage. Bouverot stach den Riesen in historisches Kupfer. Die Furstin sprach mit vieler Warme, aber ohne Bedeutung. Gaspard schmolz alle ein, gleichsam zu einem korinthischen Erz, und umfasste alle, ohne gefasset zu werden. Auf seiner kalt, aber stark aufdringenden Lebensquelle liess er die Welt wie eine Kugel spielen und schweben.
Albano bewahrte, mit allen unzufrieden, seine Begeisterung, den unterirdischen Gottern der Vergangenheit um ihn her nach alter Sitte opfernd, namlich mit Schweigen. Wohl hatt' er reden wollen und konnen, aber anders, in Oden, mit dem ganzen Menschen, mit Stromen, die aufwarts stiegen und wuchsen. Immer sehnsuchtiger sah er an die Fenster nach dem Mond im reinen Regenblau und nach einzelnen Saulen des Forums; draussen glanzte ihm die grosste Welt. Endlich stand er zurnend und schmachtend auf und schlich hinunter in die dammernde Herrlichkeit und trat vor das Forum; aber die Mondnacht, die Dekorationsmalerin, die mit unformlichen Strichen arbeitet, macht' ihm fast die Buhne unkenntlich.
Welch' eine ode, weite Ebene, hoch von Ruinen, Garten, Tempeln umgeben, mit gesturzten SaulenHauptern und mit aufrechten einsamen Saulen und mit Baumen und einer stummen Wuste bedeckt! Der aufgewuhlte Schutt aus dem ausgegossenen Aschenkrug der Zeit und die Scherben einer grossen Welt umhergeworfen! Er ging vor drei Tempel-Saulen173, die die Erde bis an die Brust hinuntergezogen hatte, vorbei und durch den breiten Triumph-Bogen des Septimius Severus hindurch; rechts standen verbundne Saulen ohne ihren Tempel, links an einer Christen-Kirche die tief in den Bodensatz der Zeit getauchte Saulenreihe eines alten Heidentempels, am Ende der Siegesbogen des Titus und vor ihm in der oden waldigen Mitte ein Springwasser, in ein Granitbecken sich giessend.
Er ging dieser Quelle zu, um die Ebene zu uberschauen, aus welcher sonst die Donnermonate der Erde aufzogen; aber wie uber eine ausgebrannte Sonne ging er daruber, welche finstere tote Erden umhangen. O der Mensch, der Mensch-Traum! riefs unaufhorlich um ihn. Er stand an der Granitschale, gegen das Coliseo gekehrt, dessen Geburgsrucken hoch in Mondlicht stand, mit den tiefen Kluften, die ihm die Sense der Zeit eingehauen scharf standen die zerrissenen Bogen von Neros goldnem Hause wie morderische Hauer darneben. Der palatinische Berg grunte voll Garten, und auf zerbrochnen Tempel-Dachern nagte der bluhende Totenkranz aus Efeu, und noch gluhten lebendige Ranunkeln um eingesenkte Kapitaler. Die Quelle murmelte geschwatzig und ewig, und die Sterne schaueten fest herunter mit unverganglichen Strahlen auf die stille Walstatt, woruber der Winter der Zeit gegangen, ohne einen Fruhling nachzufuhren die feurige Weltseele war aufgeflogen, und der kalte zerstuckte Riese lag umher, auseinandergerissen waren die Riesen-Speichen des Schwungrads, das einmal der Strom der Zeiten selber trieb. Und noch dazu goss der Mond sein Licht wie atzendes Silberwasser auf die nackten Saulen und wollte das Coliseo und die Tempel und alles auflosen in ihre eignen Schatten!
Da streckte Albano die Arme in die Lufte, als konnt' er damit umfassen und zerfliessen wie mit Armen eines Stroms, und rief aus: "O ihr grossen Schatten, die ihr einst hier strittet und lebtet, ihr blickt herab vom Himmel, aber verachtend, nicht trauernd, denn euer grosses Vaterland ist euch nachgestorben! Ach, hatt' ich auf der nichtigen Erde voll alter Ewigkeit, die ihr gross gemacht, nur eine Tat eurer wert getan! Dann war' es mir suss und erlaubt, mein Herz zu offnen durch eine Wunde und zu vermischen das irdische Blut mit dem geheiligten Boden und aus der Graber-Welt wegzueilen zu euch Ewigen und Unverganglichen! Aber ich bin es nicht wert!"
Hier kam plotzlich auf der via sacra ein langer, tief in den Mantel gewickelter Mann daher an die Fontane, warf, ohne umzublicken, den Hut hin und hielt den pechschwarzen, lockigen, fast steilrechten Hinterkopf unter den Wasserstrahl. Aber kaum erblickte er, sich aufwarts kehrend, das Profil des in seine Bilder versunknen Albano: so fuhr er tropfend auf- starrte den Grafen an staunte warf die Arme hoch in die Luft sagte: "Amico?" Albano sah ihn an. Der Fremde sagte: "Albano!" "Mein Dian!" rief Albano; sie nahmen sich heftig und weinten vor Liebe.
Dian begriff es gar nicht; er sagte italienisch: "Ihr seid es aber ja nicht, Ihr sehet alt aus." Er glaubte so lange deutsch zu sprechen, bis er horte, dass Albano italienisch antwortete. Beide taten und bekamen nur Fragen. Albano fand den Baumeister bloss brauner, aber den Blitz der Augen und jede Kraft im alten Glanz. Mit drei Worten erzahlt' er ihm die Reise und die Begleitung. "Wie bekommt Euch Rom?" fragte Dian heiter. "Wie das Leben," (versetzte sehr ernsthaft Albano) "es macht zu weich und zu hart. Ich erkenne hier gar nichts wieder," (fuhr er fort) "gehoren jene Saulen dem herrlichen Friedenstempel?" "Nein," (sagte Dian) "dem Konkordientempel, von jenem steht dort nichts als das Gewolbe." "Wo ist Saturnus' Tempel?" fragte Albano. "In der St. Adrians-Kirche begraben", sagte Dian und setzte eilend hinzu: "Nebenan stehen die zehn Saulen von Antonins Tempel druben Titus' Thermen hinter uns der palatinische Berg und so weiter. Nun erzahlt mir!"
Sie gingen das Forum auf und ab, zwischen den Bogen des Titus und Severus. Albano war zumal neben dem Lehrer, der ihn in der Kinderzeit so oft hieher gefuhrt noch voll vom Strome, der uber die Welt gezogen war, und das alles bedeckende Wasser sank nur langsam. Er fuhr fort und sagte: "heute, als er den Obeliskus erblickt, sei ihm der leise, zarte Schein des Mondes ordentlich unpassend fur die Riesenstadt erschienen; eine Sonne hatt' er lieber auf ihrer weiten Fahne blitzen sehen; aber jetzt sei der Mond die rechte Leichenfackel neben dem Alexander, der zusammenfallt, nur angeruhrt." "Mit dergleichen Gefuhlen kommt der Kunstler nicht weit," (sagte Dian) "auf ewige Schonheiten schau' er, rechts und links." "Wo ist" (fragte Albano fort) "der alte Curtius-See die Rednerbuhne die pila horatia der Tempel der Vesta der Venus und aller jener einsamen Saulen?" "Und wo ist das marmorne Forum selber?" (sagte Dian) "Dreissig Spannen tief liegts unter dem Fuss." "Wo ist das grosse freie Volk, der Senat aus Konigen, die Stimme der Redner, der Zug auf das Kapitolium? Begraben unter den Scherbenberg. O Dian, wie kann ein Mensch, der in Rom einen Vater, eine Geliebte verliert, eine einzige Trane vergiessen und besturzt um sich sehen, wenn er hierhertritt, vor dieses Schlachtfeld der Zeit, und hineinschauet ins Gebeinhaus der Volker? Dian, hier wunschte man ein eisernes Herz, denn das Schicksal hat eine eiserne Hand!"
Dian, der sich nirgends ungerner als auf solchen tragischen, gleichsam ins Meer der Ewigkeit hineinhangenden Klippen aufhielt, sprang immer mit einem Scherze davon; wie die Griechen mischte er Tanze ins Trauerspiel: "Manches konserviert sich, Freund!" (sagt' er) "dort in der Adrians-Kirche werden Euch noch von drei Mannern die Knochen gewiesen, die im Feuer gewesen." "Das ist eben" (versetzte Albano) "das furchterliche Spiel des Schicksals, dass es mit den zu Sklaven geschornen Monchen die Hohen der alten Grossen besetzt."
"Neue Rader treibt der Strom der Zeit," (sagte Dian) "dort liegt Raffael zweimal begraben.174 Was macht Chariton und die Kinder?" "Sie bluhen fort", sagte Albano, aber in traurigem Ton. "Himmel!" (rief Dian mit allem Vater-Schrecken) "es ist doch so?" "Wahrhaftig, Dian!" sagte Albano sanft. "Kommt noch" (sagte Dian) "Liane oft zu Chariton? Und was macht denn die Holde?" Leise versetzte Albano: "Sie ist tot." "Was, tot? Unmoglich! Froulays Tochter, Albano? Die Gold-Rose? O sprecht!" rief er. Albano nickte bejahend. "Nun du gutes Madchen," (klagt' er mit Tranen in den schwarzen Augen) "so freundlich, so liebreizend, so feine Zeichnerin! Wie gings aber zu? Habt Ihr denn das holde Kind gar nicht gekannt?" "Einen Fruhling lang" (sagte schnell Albano) "Mein guter Dian, ich will jetzt zum Vater zuruck und antworte nicht mehr." "O meinetwegen! Ich muss aber mehr erfahren", beschloss Dian. Und so stiegen sie schweigend und eilend uber Schutt und Saulentorsos, und keiner gab auf die grosse Ruhrung des andern acht.
Siebenundzwanzigste Jobelperiode
Peterskirche Rotonda Coliseo Brief an
Schoppe der Krieg Gaspard der Korse
Verwicklung mit der Furstin die Krankheit
Gaspards Bruder- Peterskuppel und Abschied
104. Zykel
Rom ist wie die Schopfung ein ganzes Wunder, das sich allmahlich in neue Wunder zergliedert, in das Coliseo, in das Pantheon, die Peterskirche, in Raffael u.s.w.
Mit dem Durchgang durch die Peterskirche fing der Ritter den schonen Lauf durch die Unsterblichkeit an. Die Furstin liess sich von der Kunst mit dem MannerKreise verbinden. Da Albano mehr von Gebauden als von jedem andern Kunstwerk ergriffen wurde: so sah er mit heiligem Herzen von weiten das lange KunstGeburg, das wieder Hugel trug so trat er vor die Ebene, um welche zwei ungeheuere Kolonnaden wie Korsos laufen, ein Volk von Statuen tragend; in der Mitte steigt der Obeliskus und zu seiner Rechten und Linken ein ewiges Wasser auf, und von den hohen Stufen schauet die stolze Kirche der Welt, innen mit Kirchen besetzt, auf sich einen Tempel gen Himmel reichend, auf die Erde herunter. Aber wie waren in der Nahe ihre Saulen und ihre Felsenwand ungeheuer aufgestiegen und flohen den Blick!
Er trat in die Zauberkirche, die der Welt Segen, Fluch, Konige und Papste gab, mit dem Bewusstsein, dass sie wie das Weltgebaude sich immer mehr erweitere und entferne, je langer man in ihr ist. Auf zwei Kinder von weissem Marmor, die eine Weih-Muschel von gelbem hielten, gingen sie hin; die Kinder wuchsen durch das Nahen, bis sie Riesen waren. Endlich standen sie am Hauptaltar und dessen hundert ewigen Lampen welch eine Stelle! Uber sich das Himmelsgewolbe der Kuppel, auf vier innern Turmen ruhend, um sich eine uberwolbte Stadt von vier Strassen, worin Kirchen standen. Am grossesten wurde der Tempel durch Gehen; und wenn sie um eine Saule traten, so lag ein neuer vor ihnen, und heilige Riesen schaueten ernst herab. Hier wurde dem Jungling nach langer Zeit das grosse Herz gefullt: "In keiner Kunst" (sagt' er zu seinem Vater) "wird die Seele so gewaltig vom Erhabnen angefasset als in der Baukunst; in jeder andern steht der Riese in ihr und in den Tiefen der Seele, aber hier steht er ausser und dicht vor ihr." Dian, dem alle Bilder deutlicher waren als abstrakte Ideen, sagte: "Er hat vollkommen recht." Fraischdorfer versetzte: "das Erhabene stecke auch hier nur im Kopfe, denn die ganze Kirche stehe doch in etwas Grosserem, namlich in Rom und unter dem Himmel, wobei wir ja nichts empfanden." Auch klagt' er, "dass dem Erhabnen der Platz in seinem Kopfe sehr verengt werde durch die unzahligen Schnorkel und Monumente, die der Tempel zugleich mit sich in ihn hineintreibe" Gaspard sagte, alles mit einem grossen Sinne nehmend: "Steht nur einmal das Erhabne wirklich da, so verschlingt und vertilgt es eben seiner Natur nach alle kleinen Zierden um sich her." Er fuhrte zum Beweise den Munsterturm und die Natur selber an, die durch ihre Graser und Dorfer nicht kleiner werde.
Die Furstin genoss unter so vielen Kunstverstandigen schweigend.
Das Ersteigen der Kuppel riet Gaspard einem regen- und wolkenlosen Tage aufzuheben, um die Welt-Konigin Roma auf und von dem rechten Throne zu schauen; er schlug dafur sehr eifrig den Besuch des Pantheons vor, weil er es gern schnell hinter den Eindrucken der Peterskirche wollte folgen lassen. Sie gingen dahin. Wie einfach und gross tut sich die Halle auf! Acht gelbe Saulen tragen ihre Stirn, und majestatisch wie das Haupt des Homerischen Jupiters wolbt sich sein Tempel! Es ist die Rotonda oder das Pantheon. "O der Niedrigen," (rief Albano) "die uns neue Tempel geben wollen! Hebt die alten aus dem Schutte hoher, so habt ihr genug gebauet."175 Sie traten hinein; da wolbte sich ein heiliges, einfaches, freies Weltgebaude mit seinen hinaufstrebenden Himmelsbogen um sie, ein Odeum der Spharentone, eine Welt in der Welt! Und oben176 leuchtete die Augenhohle des Lichts und des Himmels herab, und das ferne Flug-Gewolk schien die hohe Wolbung zu beruhren, uber die es wegschoss! Und um sie her standen nichts als die Tempel-Trager, die Saulen! Der Tempel aller Gotter vertrug und verbarg die kleinlichen Altare der spatern.
Gaspard befragte Albano uber sein Gefuhl. Dieser zog die grossere Peterskirche vor. Der Ritter billigte es und sagte, "dass uberall der Jungling gleich den Volkern das Erhabene besser empfinde und leichter finde als das Schone, und dass der Geist des Junglings vom Starken zum Schonen reife, wie der Korper desselben vom Schonen zum Starken; indes zieh' er selber das Pantheon vor." "Wie konnten auch Neuere" (sagte der Kunstrat Fraischdorfer) "etwas bauen, ausser einige Berninische Turmlein?" "Dafur" (sagte der verletzte Land-Baumeister Dian, der den Kunstrat verachtete, weil dieser niemals eine gute Figur machte als in der asthetischen Richterstube als Richter, nie in dem Ausstellungssaal als Maler) "sind wir Neuern ohne Widerrede in der Kritik starker, wenn wir auch in der Praxis samt und sonders Lumpe sind." Bouverot merkte an: "Die korinthischen Saulen konnten hoher sein." Der Kunstrat sagte: "er wisse doch nichts dieser schonen Halbkugel Ahnlicheres als eine viel kleinere, die er im Herkulanum in Asche ausgedruckt gefunden vom Busen einer schonen Fluchtlingin." Der Ritter lachte, und Albano trat unwillig zur Furstin.
Sie fragte er um ihre Stimme uber beide Tempel. "Hier Sophokles, dort Shakespeare; aber den Sophokles fass' ich leichter", versetzte sie und blickt' ihm mit neuen Augen in das neue Angesicht. Denn die uberirdische Erleuchtung durch das Zenith des Himmels nicht durch einen dunstigen Horizont verklarte ihr das schone bewegte Gesicht des Junglings; und sie setzte voraus, der Heiligenschein der Kuppel hebe auch ihre Gestalt. Da er ihr antwortete: "Sehr gut! Aber in Shakespeare steckt auch Sophokles, aber in Sophokles nicht Shakespeare und auf der Peterskirche steht Angelos Rotonda!" so ging plotzlich das hohe Gewolk, wie durch den Schlag einer Hand aus dem Ather, entzwei, und die entruckte Sonne schauete, wie das Auge der durch den alten Himmel ziehenden Venus, die sonst auch hier stand, aus hoher Tiefe mild herein da fullte ein heiliger Glanz den Tempel und brannte auf dem Porphyr des Bodens, und Albano sah betroffen und entzuckt umher und sagte mit leiser Stimme: "Wie ist jetzt alles so verklart an dieser heiligen Stelle! Raffaels Geist geht in der Mittagsstunde aus seinem Grabe, und alles, was sein Widerschein beruhrt, erglanzt gottlich!" Die Furstin sah ihn zartlich an, und er legte leicht seine Hand auf ihre und sagte wie uberwaltigt: "Sophokles!"
Am nachsten mondhellen Abende darauf bestellte Gaspard Fackeln, damit das Coliseo mit seinem Riesen-Kreis zuerst im Feuer vor ihnen stande. Dem Ritter, der nur allein mit dem Sohne duster im dustern Werke, wie zwei Geister der alten Zeit, umhergehen wollte, drang sich noch die Furstin auf, aus zu lebhaftem Wunsch, mit dem edlen Jungling grosse Minuten und wohl gar ihr Herz und seines zu teilen. Die Weiber begreifen nicht genug, dass die Idee, wenn sie den mannlichen Geist erfullt und erhebt, ihn dann vor der Liebe verschliesse und die Personen verdrange, indes bei Weibern alle Ideen leicht zu Menschen werden.
Sie gingen uber das Forum auf der via sacra zum Coliseo, dessen hohe zerspaltene Stirn unter dem Mondlicht bleich herniederschauete. Sie standen vor den grauen Felsenwanden, die sich auf vier Saulenreihen ubereinander hinaufbaueten, und die Flammen schossen hinauf in die Bogen der Arkaden, hoch oben das grune Gestrauch verguldend; und tief in die Erde hatte sich das schone Ungeheuer schon mit seinen Fussen eingegraben. Sie traten hinein und stiegen am Geburge voll Felsenstucke von einem Sitze der Zuschauer zum andern; Gaspard wagte sich nicht zum sechsten oder hochsten, wo sonst die Manner standen, aber Albano und die Furstin. Da schauete dieser uber die Klippen auf den runden grunenden Krater des ausgebrannten Vulkans herunter, der einst auf einmal neuntausend Tiere verschlang und der sich mit Menschenblut loschte der Flammenschein fuhr in das Gekluft und ins Geniste des Efeus und Lorbeers und unter die grossen Schatten des Mondes, die wie Abgeschiedne sich in den Hohlen aufhielten in Suden, wo die Strome der Jahrhunderte und der Barbaren hereingedrungen waren, standen einzelne Saulen und geschleifte Arkaden Tempel und drei Palaste hatte der Riese mit seinen Gliedern genahrt und gefuttert, und noch schauete er lebendig mit seinen Wunden in die Welt.
"Welch ein Volk!" (sagte Albano) "Hier ringelte sich die Riesenschlange funfmal um das Christentum Wie ein Hohn liegt drunten das Mondlicht auf der grunen Arena, wo sonst der Kolossus des Sonnengottes stand Der Stern des Nordens177 schimmert gesenkt durch die Fenster, und der Drache und die Baren bucken sich. Welch eine Welt ist voruber!" Die Furstin antwortete, "dass zwolftausend Gefangne dieses Theater baueten und dass noch weit mehrere darauf bluteten". "O die Bau-Gefangnen haben wir auch," (sagt' er) "aber fur Festungen; und das Blut fliesset auch noch, aber mit dem Schweiss! Nein, wir haben keine Gegenwart, die Vergangenheit muss ohne sie die Zukunft gebaren."
Die Furstin ging weg, um einen Lorbeerzweig und bluhenden Guldenlack zu brechen. Albano versank ins Sinnen der Herbstwind der Vergangenheit ging uber die Stoppeln auf dieser heiligen Hohe sah er die Sternbilder, Roms grune Berge, die schimmernde Stadt, die Cestius-Pyramide, aber alles wurde zur Vergangenheit, und auf den zwolf Hugeln wohnten, wie auf Grabern, die alten hohen Geister und sahen streng in die Zeit, als waren sie noch ihre Konige und Richter.
"Zum Andenken der Stelle und der Zeit!" sagte die kommende Furstin, ihm den Lorbeer und die Blumen gebend. "Du Gewaltige, ein Coliseo ist dein Blumentopf, dir ist ja nichts zu gross und nichts zu klein!" sagte er und brachte die Furstin in einige Verwirrung, bis sie merkte, dass er die Natur meine. Sein ganzes Wesen schien neu und schmerzlich bewegt und wie fern entruckt er sah nach dem Vater hinab und suchte ihn auf er blickte ihn scharf an und druckte heftig seine Hand und sprach diesen Abend uber nichts mehr.
105. Zykel
Albano wurde wie eine Welt von Rom wunderbar verandert. Nachdem er so mehrere Wochen zwischen Romas Ruinen und Schopfungen gelagert war nachdem er aus Raffaels kristallenem Zauberbecher getrunken, dessen erste Zuge nur kuhlen, wenn die letzten ein welsches Feuer durch alle Adern fuhren nachdem er den Bergstrom Michel Angelos bald als Katarakte, bald als Atherspiegel gesehen nachdem er sich vor den letzten grossten Nachkommen Griechenlands gebeugt und geheiligt hatte, vor dessen Gottern, die mit ruhigem heitern Antlitz in die unharmonische Welt hereinblicken, und vor dem vatikanischen Sonnengott, welcher zurnt uber die Prosa der Zeit, uber diese niedrige Pythonische Schlange, die sich immer wieder verjungt-nachdem er lange so vor dem Vollmond der Vergangenheit im Glanze gestanden: so uberzog sich auf einmal seine ganze innere Welt und wurde ein einziges Gewolk. Er suchte Einsamkeit er horte auf zu zeichnen und Musik zu treiben er sprach wenig mehr von Roms Herrlichkeit nachts, wo der tagliche Regen aufhorte, besucht' er allein die grossen Trummer der Erde, das Forum, das Coliseo, das Kapitolium er wurde heftiger, ungeselliger, scharfer ein tief eingesenkter Ernst waltete auf der hohen Stirn, und durch das Auge brannte ein dusterer Geist.
Gaspard schickte unbemerkt seinen Blick allen geheimen Entfaltungen des Junglings nach. Ein blosser Nachschmerz uber Liane schien sein Zustand nicht zu sein. Im nordischen Winter ware diese Wunde nur zugefroren und nicht zugeheilt; aber hier, im Tempel der Welt, wo Gotter begraben liegen, starkte sich ein edles Herz und schlug fur altere Graber. Die Furstin, die unter dem Deckmantel des Vaters dem Sohne nachjagte, suchte er weniger als den alten kalten Lauria und den feurigen Dian.
In derselben Zeit sehnt' er sich schmerzlich nach seinem Schoppe; an dieser Brust, dacht' er, hatte das Geheimnis der seinigen den rechten Ort und Trost gefunden. Es war ihm, als hab' er seit dieser Abwesenheit in einem fort mit ihm zusammengelebt und sich fester verbrudert. So wohnen und schmelzen die Geister im unsichtbaren Lande zusammen; und wenn sich die Leiber im sichtbaren wieder begegnen, finden die Herzen sich bekannter wieder. Leider hort' er, so viel auch sein Vater Briefe aus Pestitz bekam, keinen Laut von dem Freunde uber die Berge heruber, den er in den dunkeln Verhaltnissen einer wunderbaren verwirrenden Leidenschaft zuruckgelassen. Er rechnete Schoppen, dessen Hass und Zank gegen alles Briefschreiben er kannte, das Schweigen nicht an; aber sein eignes Herz konnt' es nicht verlangern, und er schrieb so an ihn:
"Wir wurden schlafend voneinander gerissen, Schoppe! Jene Zeit hat sich bedeckt und bleibt es. Sehr wach wollen wir uns wieder erblicken. Von dir weiss ich nichts; wenn mir Rabette nicht schreibt, muss ich die brennende Ungeduld bis zu unserer Zusammenkunft im Sommer umhertragen und leiden. Was ist von mir zu schreiben? Ich bin verandert bis ins Innerste hinab und von einer hineingreifenden Riesenhand. Wenn die Sonne uber den Scheitelpunkt der Lander zieht, so hullen sie sich alle in ein tiefes Gewolk; so bin ich jetzt unter der hochsten Sonne und bin eingehullt. Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur geniessen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen konne, anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kraften und Taten zu ringen, das begreif' ich nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Musse schwelgen; aber im wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen unaufhorlich ansehen und tadeln, wo die Geschichte der alten Taten den ganzen Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drangt und hebt, o wer kann sich unwurdig und zusehend hinlegen vor die herrliche Bewegung der Welt? Die Geister der Heiligen, der Helden, der Kunstler gehen dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? Ganz anders gehst du aus dem Vatikan des Raffaels und uber das Kapitolium herunter, als du aus irgendeiner deutschen Bildergalerie und einem Antikenkabinett heraustrittst. Dort siehst du auf allen Hugeln alte ewige Herrlichkeit, jede Romerin ist mit Gestalt und Stolz noch ihrer Stadt verwandt, der Transteveriner ist der Sparter, und du findest so wenig einen Romer als einen Juden stumpf; indes du in Pestitz fast unduldsam werden musst schon gegen den Kontrast der blossen Gestalt. Sogar der ruhige Dian behauptet, die hasslichen Masken der Alten sahen wie die deutschen Gassen-Gesichter und ihre Faunen und andere Tiergotter wie edlere Hof-Gesichter aus; ihre Kopierbilder Alexanders, der Philosophen, der romischen Tyrannen waren, so scharf und prosaisch sie sich auch von ihren poetischen Statuen der Gotter abschnitten, den jetzigen Idealen der Maler gleich.
Tut es da genug, mit Augen voll Bewunderung und gefalteten Handen um die Riesen zu schleichen und dann welk und klein zu ihren Fussen zu verschmachten? Freund, wie oft pries ich in den Tagen des Unmuts die Kunstler und Dichter glucklich, die ihre Sehnsucht doch stillen durfen durch frohe leichte Schopfungen, und welche durch schone Spiele die grossen Toten feiern, Archimimen der Heldenzeit. Und doch sind diese schwelgerischen Spiele nur das Glockenspiel am Blitzableiter; es gibt etwas Hoheres, Tun ist Leben, darin regt sich der ganze Mensch und bluht mit allen Zweigen. Es ist nicht von den bangen engen Kleintaten auf der Ruder- und auf der Ruhebank der Zeit die Rede. Noch stehet an der Kronungsstadt des Geistes ein Tor offen, das Opfertor, das Janustor. Wo ist denn weiter auf der Erde die Stelle als auf dem Schlachtfeld, wo alle Krafte, alle Opfer und Tugenden eines ganzen Lebens, in eine Stunde gedrangt, in gottlicher Freiheit zusammenspielen mit tausend Schwester-Kraften und Opfern? Wo sind denn allen Kraften, von dem schnellsten Scharfblick an bis zu allen korperlichen Fertigkeiten und Abhartungen, von der hochsten Grossmut und Ehre an bis auf die weichste Trane herab, von jeder Verachtung des Korpers an bis zur todlichen Wunde hinauf, so alle Schranken aufgetan fur einen wetteifernden Bund? Wiewohl eben darum der Spielraum aller Gotter auch dem Larventanz aller Furien freisteht. Nimm nur den Krieg hoher, wo die Geister, ohne Verhaltnis des Gewinstes zum Verlust, nur aus Kraft der Ehre und des Zwecks, sich dem Schicksal verdingen, dass es unter ihren Korpern die Leichen auslese und das Los des Sieges aus den Grabern ziehe. Zwei Volker gehen auf die Schlacht-Ebene, die tragische Buhne eines hohern Geistes, um ohne personlichen Hass die Todesrollen gegeneinander zu spielen still und schwarz liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld die Volker ziehen hinein in die Wolke, und alle ihre Donner schlagen, und duster und allein brennt die Todesfackel uber ihr es wird endlich Licht, und zwei Ehrenpforten stehen aufgebauet, die Todespforte und das Siegestor, und das Heer hat sich geteilt und ist durch beide gezogen, aber durch beide mit Kranzen. Und wenn es voruber ist, stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sie das Leben nicht geachtet hatten. Wenn aber der grosse Tag noch grosser werden, wenn dem Geiste das Kostlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer und die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme o selig, wer dann lebt oder stirbt fur den Kriegs-Gott und fur die Friedens-Gottin zugleich.
Lasse mich das nicht durch Sprechen entweihen. Nimm aber hier mein leises festes Wort und leg es in deine Brust zuruck, dass ich mir, sobald Galliens wahrscheinlicher Freiheitskrieg anhebt, meine Rolle durchaus nehme in ihm, fur ihn. Abhalten kann mich nichts, auch nicht mein Vater. Dieser Entschluss gehort zu meiner Ruhe und Existenz. Aus Ehrgeiz ergreif' ich ihn nicht; obwohl aus Ehrliebe gegen mich selber. Schon in meinen fruhern Jahren konnt' ich nie das platte Lob einer ewigen hauslichen Gluckseligkeit geniessen, was gewiss eher Weibern als Mannern geziemt. Freilich deine Starke oder Gemutsweise, alles Grosse ruhig aufzunehmen und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen, hat wohl niemand. Du schauest die Abendwolken an und hernach die Milchstrasse und sagst kalt: Gewolk! Kommst du aber doch nicht zu tief in dieses Gefuhl, in diese kalte Gruft hinunter? Zwar will das Gift dieses Gefuhls einen uberall und gerade in Rom, diesem Kirchhof so ferner Volker, so entgegengesetzter Jahrhunderte, susser als irgendwo verzehren; aber wusstest du vom Verganglichen ohne den Nebenstand des Unverganglichen, und wo wohnt der Tod als im Leben? Lasse verstieben und versiegen! es gibt doch drei Unsterblichkeiten wiewohl du die erste, die uberirdische, nicht glaubst : die unterirdische (denn das All kann verstauben, aber nicht sein Staub) und die ewigwirkende darin, die, dass jede Tat viel gewisser eine ewige Mutter wird als eine ewige Tochter ist. Und dieser Bund mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Mut, in ihrer Flug-Minute das Blutenstaubchen weiterzutragen und auszusaen, das im nachsten Jahrtausend vielleicht als Palmenwald dasteht.
Ob ich mich meinem Vater entdecke, ist mir noch zweifelhaft, weil ich es noch daruber bin, ob ich seine bisherigen Ausserungen gegen die Neufranken fur scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur fur die scherzhafte Kalte, womit er sonst gerade seine Gottheiten Homer, Raffael, Casar, Shakespeare aus Ekel gegen den nachsprecherischen Gotzendienst, den der Pobel der wahren Hoheit wie der falschen erweiset, im Munde fuhret. Grusse meinen braven mannhaften Wehrfritz und erinner' ihn an unser Bundesfest am Zeitungstage der niedergerissenen Bastille. Lebe wohl und bleibe bei mir!
Albano."
An dem Abende dieses Briefes ging er mit seinem Vater in eine Conversazione im Palazzo Colonna hier fanden sie die schwarzmarmorne Galerie voll Antiken und Gemalde aus einem Kunst- und Gesellschaftszimmer in einen Fechtboden verkehrt, alle Arme und Zungen der Romer waren in Bewegung und Kampf uber die neuesten Entwicklungen der gallischen Revolution, und die meisten fur sie. Es war damals, wo fast ganz Europa einige Tage lang vergass, was es aus der politischen und poetischen Geschichte Frankreichs jahrhundertelang gelernt hatte, dass dasselbe leichter eine vergrosserte als eine grosse Nation werden konnte. Der Ritter allein gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft hin; endlich aber hort' er von weitem, wie Albano, gleich allen damaligen Junglingen, der Himmels-Konigin, der Freiheit, jauchzend nachzog, unter den ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit; da trat er naher und merkte nach seiner Weise an: "die Revolution sei etwas sehr Grosses; er finde indes an grossen Werken, z.B. an einem Coliseo, Obeliskus, an dem Flor einer Wissenschaft, an dem Kriege, an der Hohe der Astronomie, der Physik weniger als andere zu bewundern, denn bloss die Menge in der Zeit oder im Raume schaff' es, eine betrachtliche Vielheit kleiner Krafte. Aber nur grosse achte man178. In der Revolution seh' er mehr jene als diese Freiheit werde an einem Tage so wenig gewonnen als verloren; wie schwache Individuen im Rausche gerade ihr Gegenteil waren, so geb' es auch wohl einen Rausch der Menge durch die Menge."
Bouverot versetzte darauf: "Das ist ganz meine Meinung auch." Albano antwortete recht sichtbar nur seinem Vater weil er den deutschen Herrn tief verachtete und ihn ganz unwurdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt, wofur er vornehmen Geschmack mitgebracht, obwohl keinen Sinn und sagte: "Lieber Vater, die 12000 Juden entwarfen nicht das Coliseo, das sie baueten, aber die Idee war doch irgendeinmal ganz in einem Menschen, im Vespasian; und so muss uberall den konzentrischen Richtungen kleiner Krafte irgendeine grosse vorstehen, und war' es Gott selber." "Dahin" (sagte Gaspard) "wo alles Gottliche verlegt wird, magst du es denn auch versetzen." Bouverot lachelte. "Der gallische Rausch" (versetzte Albano heftig) "ist doch wahrlich kein zufalliger, sondern ein Enthusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegrundet; woher denn sonst der allgemeine Anteil?
Sie konnen vielleicht sinken, aber um hoher zu fliegen. Durch ein rotes Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen, und ihre Wuste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Handen klimmt sie wie die Gemsenjager empor." "Die Gemsenjager selber" (sagte der Ritter) "tun das mehr, wenn sie von der Alpe herabwollen; indes sind solche Hoffnungen reizend, und wir wollen gern ihre Erfullung wunschen." "Signor Conte" (setzte Bouverot dazu) "nannte sehr gut den Aufstand einen Rausch. Man schlaft ihn aus; aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen." "Rausch?" (sagte Albano) "Welches Beste ist nicht im Enthusiasmus geschehen, und welches Schlechteste nicht in der Kalte? Welches, Herr von Bouverot? Ja es gibt einen grasslichen, grimmigen Seelen-Frost, so wie einen ahnlichen physischen, der wie die grosste Hitze schwarz und blind und wund macht179; so etwas wie die franzosische Tragodie, kalt und doch grausam."
"Du naherst dich dem Tragischen, Sohn" (unter
brach ihn Gaspard und schutzte den deutschen Herrn)- "Wir durfen von den Franzosen recht viel politische Sagazitat erwarten, zumal in der Not; das ist ihre Starke. Darin kommen sie den Weibern bei Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart, sittlich und human, wenn sie gut sind, oder wie diese ebenso grausam und roh, wenn sie ausser sich kommen. Es lasset sich weissagen, dass sie in einem Freiheitskriege, wenn er ausbrache, an Tapferkeit es allen Parteien zuvortun werden. Das wird sehr blenden, da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk. Man lernt die Kriegstapferkeit gemassigt schatzen, wenn man sieht, dass die romischen Legionen, gerade als sie feil, schlecht, sklavisch und zur Halfte Freigelassene waren, namlich unter dem Triumvirat, mutiger stritten als vorher. Fur den unbedeutenden Mordbrenner Katilina stritten und starben die Burger bis auf den letzten Mann, und nur Sklaven wurden gefangen."
Diese Rede druckte ein heisses Siegel auf Albanos
Mund; es schien ordentlich, als errate ihn der Vater und mache sich die alte Freude, wie ein Schicksal einen Enthusiasmus zu erkalten und Erwartungen Lugen zu strafen, sogar trube. Der beleidigte, sich selber ausbrennende Geist blieb nun fest vor Gaspard und Bouverot zugedeckt.
Aber seinem Dian zeigt' er alles am Morgen darauf; er wusste, wie dieser mit dem Arme eines Kunstlers und Junglings zugleich die Freiheitsfahne trug und schwang, und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen Trubsinns auf. Er gestand dem geliebtesten Lehrer den grossgewachsenen Vorsatz, sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine Pechkranze in allen Strassen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die Seite der Freiheit zu treten und fruher zu fallen als sie. "Wahrlich, Ihr seid ein wackerer Mensch" (sagte Dian) "Hatte ich mir nicht Kind und Kegel aufgehalset, bei Gott! ich zoge selber mit. Der Alte, wie dergleichen, sieht viel und hort schlecht. Wittern soll er nichts und seine Bestie von Barigello auch nicht." Den Kunstrat Fraischdorfer meint' er, den er mit Kunstler-Eigensinn ewig verabscheuete, weil der Kunstrat schlechter malte und besser kritisierte als er. "Dian, Euer Wort ist schon gesagt, ja wohl macht das Alter physisch und moralisch weitsichtig fur sich und taub gegen den andern", sagte Albano. "Hab' ich gut gesprochen, Albano? Aber wahrlich so ist die Sache", sagt' er, sehr erfreuet, bei seinem Misstrauen in seine Sprache, uber das Lob ihrer Schonheit.
Nach einiger Zeit sagte der Ritter, gleich als sehe er durch das Siegel hindurch, einige Worte, die den Jungling auf allen Seiten griffen: "Es gibt" (sagt' er) "einige wackere Naturen, die gerade auf der Grenze des Genies und des Talentes stehen, halb zum tatigen, halb zum idealischen Streben ausgerustet dabei von brennendem Ehrgeize. Sie fuhlen alles Schone und Grosse gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkte, so dass die Richtungen einander aufheben. Bald sind sie Dichter, bald Maler, bald Musiker; am meisten lieben sie in der Jugend korperliche Tapferkeit, weil sich hier die Kraft am kurzesten und leichtesten durch den Arm ausspricht. Daher macht sie fruher alles Grosse, was sie sehen, entzuckt, weil sie es nachzuschaffen denken, spater aber ganz verdrusslich, weil sie es doch nicht vermogen. Sie sollten aber einsehen, dass gerade sie, wenn sie ihren Ehrgeiz fruh einzulenken wissen, das schonste Los vielartiger und harmonischer Krafte gezogen; sowohl zum Genusse alles Schonen als zur moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht bestimmt zu sein, zu ganzen Menschen; wie etwan ein Furst sein muss, weil dieser fur seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muss."
Sie standen gerade, als er dies sagte, auf dem Aventinischen Berge, vor sich die Cestius-Pyramide, dieses Epitaphium des Ketzer-Gottesackers, worin so mancher unausgebildete Kunstler und Jungling schlaft, und nahe dabei der hohe Scherben-Berg180 (monte testaccio), wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen Gefuhl schaler Odheit vorbeiging. Der Stoss der vaterlichen Ideen gegen seine und die Verwandtschaft des Scherben-Bergs mit dem FremdenKirchhof machten, dass Albano mehr sich als dem Vater antwortete, mit einem geschmolzenen EisenTropfen des Unwillens im Auge: "Ein solcher namenloser Topfer-Berg ist im ganzen auch die Geschichte der Volker. Aber man mochte sich doch lieber auf der Stelle toten, als erst nach einem langen Leben sich so namen- und tatenlos in die Menge eingraben."
Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurd' er glucklicher; mit Eifer tat er sich schon jetzt zum Werk, seiner Natur gemass, die wie im Samenkorn Stamm und Wurzel aus einer Samenspitze trieb, Gedanken und Taten.
Er warf alles andere Treiben weg und studierte alte und neue Kriegskunst, wozu ihm Dian die Bucher und das Museum borgte und lieferte. Mit namenloser Entzuckung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der romischen Geschichte, hier auf dem ausgebrannten Sonnenkorper selber, und oft, wenn er ihre Entzundungen gezeichnet las, stand er eben in den Kratern, wo sie aufgegangen waren.
Dian gab noch dazu seine Kenntnis des kleinen Dienstes und sich gern zu korperlichen Ubungen her, wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Raffaels Kunsthimmel hinaufgezogen, wo Grazien wie Sternbilder im hohen Ather gehen; denn bei Dian war Leib und Seele ein Guss, der weichste Augennerve und harteste Armmuskel ein Band. Zuletzt fuhrt' er, da ihm ein Wort viel sauerer wurde als eine Tat und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte, dem Grafen einen rednerischen Kriegs-Genossen zu, einen korsischen Jungling, lebendig wie aus lauter Mark des Lebens geformt.
Beide Junglinge liebten und ubten sich eine Zeitlang in romantischer Freiheit, ohne einander nur die Namen abzufragen. Sie fochten, lasen, schwammen. Der Korse vergotterte fast Albanos Gestalt, Kraft, Kopf und Mut und goss sein ganzes Herz in eines, das er nicht ganz fasste; wie viele Madchen nirgends als in der Liebe, so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn. Albanos helles Gold spiegelte gefallig die fremde Gestalt zuruck, ohne wie Glas dabei die eigne zu vernichten.
Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme, die das ganze eigne Leben dem Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck und Durst, namlich den nach Franzosen-Blut, "den er" (sagt' er) "im kommenden Kriege zu loschen hoffe". War' ihm Albano ahnlich gewesen, so hatten sie sich wie kampfende Hirsche in die Geweihe todlich verwickelt; denn die storrische, unbiegsame Tapferkeit des Korsen mehr eine sinnliche, so wie Albanos seine mehr eine geistige litt kein Gegenwort. Gleich seiner Klasse begehrte er auf seine Rede ein recht starkes Zuwort von Albano; aber dieser sagte: "Das ist eben das Grosse im Kriege, dass man ohne leidenschaftliche Erbitterung, ohne personliche Feindschaft alles kann und wagt, was der Schwachling nur durch sie vermag; wahrlich es ware edler, in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehassten zu toten." "Tolle Chimaren!" (sagte der Korse zornig "wie? du willst die Franzosen toten und sie doch lieben?" Albanos Grosssinn warf jede bange Larve ab und sagte: "Mit einem Wort, ich streite einst fur die Gallier mit." -"Du, Falscher?" (sagte der Korse "Unmoglich! Gegen mich?" "Nein," (versetzte Albano) "ich bitte Gott, dass wir uns in jener Stunde nie begegnen." "Und ich will ihn recht anflehen," (sagte der Korse) "dass wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonett. Addio!" So schied er entrustet von ihm und kam nicht wieder.
106. Zykel
Unahnlich andern Vatern war Gaspard gegen Albano seit dem ersten Kriege uber den Krieg noch wie sonst, ja fast besser; mit seiner alten Achtung fur jede starke Individualitat nahm er es heiter auf, dass so merklich des Junglings Sonne in die Zeichen des Sommers trat und uber die Erde sowohl hoher stieg als warmer.
Er gab ihm den nachsten Beweis dadurch, dass er unter den allmahlichen Anstalten zur Ruckreise nach Pestitz ihm einen ganz unerwarteten Wunsch der Trennung bejahte. Namlich Albano, der jetzt wie Efeu mit allen Bluten und Zweigen immer fester um und in alle Denkmaler der heroischen Vergangenheit ging, wollte nicht von Rom scheiden, ohne Neapel gesehen zu haben. Zu seiner Sehnsucht kam noch Dians Begeisterung fur dies Tochterland seines Vaterlandes, fur dessen Glanz des Himmels und der Erde, fur dessen griechische Trummer, die der Baumeister den romischen vorzog. "In Rom" (hatte Dian gesagt) "habt Ihr nur Vergangenheit, hingegen in Neapel tapfere Gegenwart ich begleit' Euch hin und her, und wir gehen zusammen nach Haus. Denn eigentlich versteht Ihr Euch doch nicht recht auf das Schone, sondern auf die Natur, auf das Heroische und den Effekt. Da ist Neapel der Ort." Der Ritter willigte obgleich durch Albanos Erheiterung der ganze Zweck der Reise schon gewonnen war ohne Zogern in den Zusatz einer zweiten unter der Bedingung, dass er nicht langer als einen Monat nachbleibe.
Aber dieser Zeit, wo sich seine innere Welt so harmonisch stimmen durfte, kamen feindliche Misstone immer naher, die er in der Ferne noch fur Wohllaut hielt. Aus seinem unbestimmten Verhaltnis mit der Furstin entwickelte sich langsam der Misslaut; weil jedes unbestimmte mit Weibern sich endlich hart entscheidet, seltener zu Liebe als zu Hass.
Die Furstin tat und litt bisher alles, um ihm noch fruher gefahrlich zu werden als verstandlich. Sie spielte Lianen, so gut sie wusste, nach und nahm den Nonnenschleier einer religiosen Jungfraulichkeit aus ihrer Buhnen-Garderobe hervor, obgleich genialische Weiber meistens unglaubig sind, wie genialische Manner glaubig. Sie machte ihn zum Vertrauten ihrer Vergangenheit und gab die Geschichte derer, die fur sie gestorben waren, oder doch verschmachtet, nach weiblicher Art mehr froh als reuig; nur das Verhaltnis mit seinem Vater liess sie schonend hinter einem ruhrenden Leichenschleier auferstehen und ahmte uberhaupt dem Sohne in der Achtung fur den Ritter nach, den sie innerlich bitter hasste. Wenn Albano stundenlang die Gegenwart vergass und starr ins Opferfeuer der Vergangenheit und Kunst blickte und ihr auf den Bergen seiner Welt Flammen zeigte, die nicht auf ihrem Altar brannten, so begleitete sie ihn geduldig auf diesem Kunst-Wege und hielt nur, wo sie konnte, vor Stellen an, wo man einige Aussicht in die Gegenwart hatte.
Er wurde taglich ihr warmerer Freund, ohne sie nur zu erraten. Nur ein Mann keine Frau kann eine fremde Liebe ganzlich ubersehen; die lang ubersehene wird dann selten oder nie eine erwiderte. Albano war zu zart, um in der Geliebten seines Vaters und in der Frau eines andern und in einer Freundin seiner eignen Geliebten diesen Wunsch einer Unschicklichkeit vorauszusetzen. Auch setzt' er auf seinen Wert immer ein ebenso kleines Vertrauen als auf sein Recht ein grosses.
Sie zweifelte, aber verzweifelte nicht an einer warmern Gesinnung. Ein Weib hofft so lange, als ein zweites nicht mit hofft. Albanos nachtliche Besuche des Kapitols und Coliseos wurden von nachgeschickten Augen immer seines edlen Charakters wurdig befunden. Taglich lieber wurd' ihr der feste Jungling durch sein neues Aufbluhen und durch seine mannliche Entwickelung. Zuweilen hoffte sie stark, von seiner freundschaftlichen Redlichkeit und von jener heroischen Schwermut bestochen, die ihr sonst aus keiner Ferne und Nahe zu erklaren war. Dieses ihr ungewohnte Auf- und Niedersteigen auf ihren Wellen erschutterte ihre Gesundheit und ihren Charakter, und sie wurde wider Willen der Liane ahnlicher, mit deren Taubengefieder sie sich anfangs nur weiss schmucken wollen der glanzende Sonnenregenbogen wurde ein Mondregenbogen sie warf mit ihren starken Kraften die Halfte ihres vorigen Selbstes weg, die Putz-, Kunst- und Gefallsucht und sie wurde heftig getroffen, wenn eine Romerin mit sudlicher Lebhaftigkeit oft hinter dem vorbeigehenden Grafen ausrief: "Wie schon er ist!" Schwer wurde sie fur ihr fruheres mutwilliges Lustspiel mit fremden Herzen und Leiden gezuchtigt durch das eigne; aber in solchen dunkeln Tagen wurzelt eben die Liebe mehr, wie man Baume am besten an wolkigen impft.
Albano merkte ihre Veranderung; die reizende Schwermut ihres sonst kraftigen Gesichts, dieser Widerschein ihres stillen Nebels, bewegte ihn zur teilnehmenden Frage uber ihr Gluck. Sie antwortete immer so verworren und verwirrend zuweilen sogar bei Albanos Scharfsinn mit dem Glauben an dessen Verstellung und Bosheit , dass sie ihn in den sonderbarsten Irrtum fuhrte.
Namlich bei so grosser Gewissheit, dass ein Erdschatte durch ihr ganzes jetziges Leben gehe und nicht rucke, musst' er den Weltkorper dazu suchen; dieser ward ihm Gaspard, den sie, wie er glaubte, noch liebe. Er fuhrte diese Vermutung leicht durch alle ihre fruhern Gesprache und Blicke hindurch; es war so naturlich, dass die fruher durch einen Thron Getrennten sich jetzt im schonen Lande der freien Verhaltnisse wieder zusammensehnten; noch dazu hatte der Ritter nach seiner unerbittlichen Ironie ihren Schein, ihn zu suchen, auch mit Schein, namlich mit Ernst aufgenommen und sich daher immer zu ihrem Genusse des Sohnes als Zukost gesetzt und einen Nachwinter in den Fruhling verlegt; diesen doppelten Schein rief Albano zuruck als doppelte Wahrheit.
Da trat das Schicksal plotzlich unter seine neuen Schlusse sein Vater wurde bedenklich krank an einem entnervenden Fruhlingsfieber unter dem Scirocco-Wind. "Nimm keinen besondern Teil" (sagte Gaspard zu ihm) "weder an meinen Leiden noch Ausserungen; ich habe in solchem Zustande eine Erweichung, deren ich mich nachher schame und doch nicht erwehre." Albano wurde von manchen unerwarteten Herzens-Ausbruchen des kranken Mannes bis zur warmsten Liebe bewegt. Wenn die Ruinen eines Tempels wehmutig begeistern, dacht' er, warum sollen es mich nicht noch mehr die Ruinen einer grossen Seele? Es gibt Menschen voll kolossalischer Uberreste, gleich der Erde selber; in ihrem tiefen, schon erkalteten Herzen liegen versteinerte Blumenbilder einer schonern Zeit; sie gleichen nordischen Steinen, auf welchen Abdrucke indischer Blumen stehen.
Die Krankheit grub unter sich. Gaspard blieb ohne Teilnahme an sich selber; nur seine Geschafte, nicht sein Ende bekummerten ihn. Mit seinem Schwiegervater Lauria hielt er geheime Unterredungen, um auf sein Leben das schwarze Gerichtssiegel schliessend zu drucken. Ein Eilbote musste fertig stehen, um nach seinem Todesaugenblick mit einem Brief zu Linda zu fliegen, sein Sohn sollte einen selber erbrechen und einen versiegelten an die Furstin ubergeben. Sehr hart und gebietend benahm er sich gegen diesen, als er von ihm den Eid begehrte, sogleich nach seinem Tode nach Pestitz abzureisen. Denn da Albano, der so gern Neapel sah und dem alle diese den vaterlichen Tod voraussetzenden Bedingungen schwer ankamen, zogernd weigerte, so sagte Gaspard: "das sei so recht menschlich und ublich, fremde Schmerzen ungemein zu beklagen und redlich mitzufuhlen, sie aber ohne Anstand zu scharfen, sobald das Geringste getan werden solle." Albano gab das Wort und den Eid; und zeigt' es ihm nie mehr, wenn er weinte aus Kindesliebe.
Unerwartet erschien vor diesem Krankenbette Gaspards nachster und fruhester Anverwandter, sein Bruder. Albano stand dabei, als das seltsame Wesen ankam und den Todkranken ansprach und zwei starre glaserne Augen, als waren sie eingesetzte, weit von dem wegdrehte, womit es redete so phantastisch und doch voll kalter Welt gegen den sterbenden Bruder mit hangender Gesichtshaut auf bedeutenden Gesichtsknochen ein aufgerichteter falber Werwolf, erst aus der tierischen Haut in die menschliche getrieben gleich dem Wurgengel, ein Wurgmensch und doch ohne Leidenschaft. Es streckte nach Albano die lange Hand aus, aber dieser, von etwas Unnennbarem abgestossen, konnte sie nicht anfassen. Dieser Bruder sagte, er komme von Pestitz ubergab zwei Briefe daraus, einen an Gaspard, einen fur die Furstin und fing an, einiges uber seine Reisen zu sagen, was ungemein scharfsinnig, phantastisch, gelehrt, unglaublich und oft recht unverstandig schien. Einmal sagte Albano "Das ist geradezu unmoglich." Er fing die Erzahlung wieder an, machte sie noch unglaublicher und beteuerte, es sei so in der Tat. Darauf ging er fort, wie er sagte, nach Griechenland, und nahm vom sterbenden Bruder den kuhlsten Abschied.
Gaspard sagte jetzt zu Albano: "er moge nach seinem Tod diesen Sonderling, wenn er ihm nahe komme, recht wagen oder lieber meiden, da er nie ein wahres Wort sage, bloss aus reiner Freude an reiner Luge ohne Eigennutz; noch mehr" (fuhr er fort) "weiche dem tiefen todlichen Skorpionstachel Bouverots aus, so wie seinem betrugerischen Spiel." Albano wunderte sich uber die Ansicht dieser Anrede (freudig uber die moralische Scharfe), da er bisher ganz andere Gesinnungen fur Bouverot im Vater anzutreffen geglaubt.
Am Tage darauf fand er den Vater schon wieder auf der Treppe aus der Gruft. Der Eilbote wurde abgedankt alle Briefe zuruckgefodert der Furst Lauria stand heiter da : "Bloss eine fremde Krankheit hat meine geheilt", sagte der Vater. Der Brief, den ihm der Bruder aus Pestitz gebracht, hatte die Nachricht enthalten, dass sein alter Freund, der dasige Furst, der letzten Stunde schnell zueile, weil man seine Wassersucht bloss fur Embonpoint gehalten und ihn versaumet habe. "Ich hoffe," (sagte Gaspard) "durch meinen Anteil so heilsam erschuttert zu sein, dass ich noch fruh genug die Reise zur letzten Stunde der Freundschaft zu machen vermag." Er setzte dazu, dass dann diese Reise wieder Bahn zu Albanos seiner nach Neapel mache.
Da kam die Furstin in der Besturzung uber den Brief, der ihres Gemahls Gefahr und ihre Abreise ansagte. Gaspard antwortete mit einem verlangenden Winke zur Einsamkeit, den er dem Sohne gab. Sie blieben lange allein. Endlich kam die Furstin verandert wieder und bat ihn fast stotternd, heute sie in die Opera seria zu begleiten. Sie war bewegt und verlegen, ihre Augen schimmernd, ihre Zuge begeistert; auch den Vater fand er aufgeregt, aber wie gestarkt.
Hier schoss ihm ein langer Mittagsstrahl durch den ganzen bisherigen Irrwald, namlich die bestatigte Vermutung der Liebe seines Vaters, die jetzt durch die annahende Losung der Ehekette der Furstin und in der kranklichen Erweichung starker ausgebrochen sei; daher Gaspards Brief an die Furstin, daher ihr Beisammenbleiben in Rom und auf dem Wege dahin u.s.w.
Nie liebte Albano seinen starken Vater mehr als nach dieser Entdeckung einer zartern Gesinnung; und gegen die Furstin wurde nun sein Herz aus einem Freunde auf einmal ein Sohn. Da er ohnehin von den funf Treffern der menschlichen Erb-Liebe nur einen, den Vater, (keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester und kein Kind) gewonnen: so war er so neu entzuckt uber den Gewinn einer Mutter. Was die Achtung tun, die Warme sprechen und die Hoffnung verraten durfte, das liess er zu.
Es war eine Nacht, wo in Rom schon wieder der Fruhling Blumen durch die Wolken des Winters warf. Im Schauspielhause gab man Mozarts Tito. Wie nimmt den Menschen auf fremdem Boden das vaterlandische Lied dahin, das ihm nachgezogen! Die Lerche, die uber romischen Ruinen gerade so singt wie uber deutschen Feldern, ist die Taube, die uns mit ihrem bekannten Gesang den Olzweig aus dem Vaterland bringt. Bis hieher hatte Albano auf dem Alpenwege uber Ruinen das Auge straff nur durch die kunftige Kriegs-Laufhahn blicken lassen und es selten gen Himmel gehoben, wo die verklarte Liane war, und hatte gewaltsam jede Trane darin zerstaubt. Aber jetzt hatte der kranke Vater den Vorhang des unterirdischen Bettes aufgezogen, wo ihre Hulle schlief. Nun drang auf einmal der helle Strom der Tone, der durch seine Jugendlander, in seinen Paradiesen gegangen war, uber die Geburge heruber und rauschte mit den alten Wellen herab so nahe an ihm. Anfangs wehrte sich sein Geist gegen die alte eingeschlafne Zeit, die im Schlummer sprach; aber als endlich die Tone, die Liane selber einst vor ihm gespielet und gesungen hatte, uber die Bahre der Geburge heruberkamen und sich herunterhingen als glanzende Teppiche der goldnen Tage; als er daran dachte, welche Stunden er und Liane hier gefunden hatten, aber nicht fanden: da lief der schwarze Gram wie ein boser ausplundernder Genius die Tonleiter hinauf, und Albano sah seinen entsetzlichen Verlust hell im Himmel stehen. Da kehrt' er das Auge nicht gegen die Furstin, aber in der Weihe der Tone druckt' er die Hand, an der einst die Verklarte hatte in diese Gefilde kommen sollen. Spat sagte er: "Ich werde mich im reichen Neapel immer sehnen nach meiner einzigen Freundin und den Glucklichen beneiden, der sie begleiten darf." Sie kam in grosse Bewegung uber diese neue Nachricht von seinem trennenden Abweg, und in eine noch grossere uber seine leidenschaftliche Veranderung, die sie mit der reichsten Aussteuer fur ihre zartesten Hoffnungen aus ihrer Abreise und sogar aus ihres Gemahls bevorstehender herzuleiten wusste. Aber sie verbarg die grossere Bewegung hinter die kleinere. Beide schieden mit gegenseitigen Freuden und Irrtumern auseinander. Albano wurde immer seliger durch den genesenden Vater; die Furstin wurd' es durch den warmern Sohn, und ihr Leben stieg aus dem Kriegsschiff in ein fliegendes Friedensschiff uber. So kamen beide immer dichter an den Vorhang, dessen Gemalde sie fur die Buhne selber hielten, um desto mehr zu staunen, wenn er aufging.
107. Zykel
Im Ritter war das vertrocknete Bette des Lebens wieder reichlich angequollen durch die Erschutterungen seines Herzens; eben weil er in gesunden Tagen sich gleich Bergen durch Eis und Moos zusammenhielt, so stellte in kranken, schien es, eine rechte innere Bewegung leichter die alte Kraft und Ruhe wieder her. Er rustete sich zum Reisen, das am besten seinen eigensinnigen Korper auf- und nachbauete. Die Furstin verschob das ihrige von Tag zu Tag, bloss in der festen, feurigen Erwartung, Albano werde ihr das schonste Endwort ihres ganzen Lebens mitgeben auf den Weg. In Albano war die Sehnsucht nach Spanien aufgewacht im bluhenden Land, und Neapel, hofft' er, werde sie stillen. Der Fruhling dammerte schon in Rom und ging auf in Neapel die Nachte durchsang die Nachtigall und der Mensch und die Mandelbaume bluhten uberall. Aber es schien, als ob die drei Menschen mit dem Reisen aufeinander warteten. Konnte die Furstin von dem Herzen eilen, auf welchem ihr Dasein bluhte und wurzelte, gleich einem abgerissenen Rosmarinzweige, dessen Wurzeln zugleich mit denen eines keimenden Weizenkorns doppelt in die Erde greifen? Auch Albano wollte nicht die Stunde beschleunigen, die ihn zugleich von dem Vater und der Freundin in ferne Erd-Ecken warf, jene in den Nachwinter, ihn in den Vor- und Nachfruhling; gerade jetzt am wenigsten; sein Geist hatte sich durch den Entschluss zum Kriege befriedigt und versohnt mit sich, sein Portici war glanzend aufgebauet auf dem verschutteten Herkulanum seiner Vergangenheit.
Ein Brief von Pestitz entschied der todkranke Furst schrieb an die Furstin und bat um das Wiedersehen der Brief war ein Feuer, das den gemeinschaftlichen Boden, und wer darauf stand, auseinandersprengte die drei Verbundeten fassten den Schluss, an einem Tage abzureisen, an einem Morgen, so dass eine Morgenrote ihr Gold zugleich in drei Reisewagen wurfe.
Noch etwas begehrte die Furstin am Abend vor der Abreise: am Morgen Albanos Begleitung auf die Peterskuppel; sie wollte Rom noch einmal in die scheidende Seele fassen, wenn es Morgenrot und Morgenglanz bedeckten. Auch Albano wollte gern den Most einer feurigen Stunde trinken, der sich zu einem ewigen Wein fur das ganze Leben aufhellt; denn er wusste nicht, dass die lebhafte Furstin noch lebhafter durch Italien , nach langem Harren auf das schonste Wort von ihm, endlich zornig sich in eine Abschiedsstunde wagte, in der es ihm entfahren sollte.
Fruh vor Sonnenaufgang, wo in Rom noch mehrere einschlafen als aufstehen, holte er sie ab; nur ihre treue Haltermann begleitete sie. Von der durchwachten Nacht gluhte sie noch und schien sehr bewegt. Rom schlief noch; zuweilen begegneten ihnen Wagen und Familien, die eben ihre Nacht beschliessen wollten. Der Himmel stand kuhl und blau uber dem dammernden Morgen, dem frischen Sohn der schonen Nacht.
Der weite Zirkus vor der Peterskirche war einsam und stumm, wie die Heiligen auf den Saulen; die Fontanen sprachen; noch ein Sternbild erlosch uber dem Obeliskus. Sie gingen die Wendeltreppe von anderthalb hundert Stufen auf das Dach der Kirche und kamen aus einer Gasse von Hausern, Saulen, kleinen Kuppeln und Turmen durch vier Turen in die ungeheuere Kuppel in eine gewolbte Nacht unten in der Tiefe ruhte der Tempel wie ein weites finsteres einsames Tal mit Hausern und Baumen, ein heiliger Abgrund, und sie gingen nahe vor den musivischen Riesen, den farbigen breiten Wolken am Himmel des Doms vorbei. Wahrend sie in der hohen Wolbung stiegen, blinkte immer roter Aurorens Goldschaum an den Fenstern, und Feuer und Nacht schwammen im Gewolb' ineinander.
Sie eilten hoher und blickten hinaus, da schon ein einziger Lebensstrahl wie aus einem Auge hinter dem Geburg in die Welt zuckte um den alten Albaner rauchten hundert gluhende Wolken, als gebare sein kalter Krater wieder einen Flammentag, und die Adler flogen mit goldnen, in die Sonne getauchten Flugeln langsam uber die Wolken. Plotzlich stand der Sonnengott auf dem schonen Geburg, er richtete sich auf im Himmel und riss das Netz der Nacht von der bedeckten Erde weg; da brannten die Obelisken und das Coliseum und Rom von Hugel zu Hugel, und auf der einsamen Campagna funkelte in vielfachen Windungen die gelbe Riesenschlange der Welt, die Tiber alle Wolken zerliefen in die Tiefen des Himmels, und goldnes Licht rann von Tuskulum und von Tivoli und von Rebenhugeln in die vielfarbige Ebene, an die zerstreueten Villen und Hutten, in die Zitronen- und Eichenwalder im tiefen Westen wurde wieder das Meer wie am Abend, wenn es der heisse Gott besucht, voll Glanz, immer von ihm entzundet und sein ewiger Tau.
In der Morgenwelt lag unten das grosse stille Rom ausgebreitet, keine lebendige Stadt, ein einsamer ungeheuerer Zaubergarten der alten verborgnen Heldengeister, auf zwolf Hugel gelegt. Der menschenlose Lustgarten der Geister sagte sich durch die grunen Wiesen und Zypressen zwischen den Palasten an und durch die breiten offnen Treppen und Saulen und Brucken, durch die Ruinen und hohen Springbrunnen und den Adonisgarten und die grunen Berge und Gotter-Tempel; die breiten Gange waren ausgestorben; die Fenster waren vergittert; auf den Dachern blickten sich die steinernen Toten fest an nur die glanzenden Springwasser waren rege, und eine einzige Nachtigall seufzete, als sterbe sie zuletzt.
"Das ist gross," (sagte endlich Albano "dass unten alles einsam ist und man keine Gegenwart sieht. Die alten Heldengeister konnen in der Leere ihr Wesen treiben und durch ihre alten Bogen und Tempel ziehen und oben an den Saulen mit dem Efeu spielen."
"Nichts" (versetzte die Furstin) "mangelt der Pracht als diese Kuppel, die wir auf dem Kapitolium gar dazu sahen. Aber nie werd' ich diese Stelle vergessen."
"Was war' es sonst mit allem!" (sagt' er) "Ohnehin gehen die flachen Gegenden des Lebens ohne Merkmal voruber, aus mancher langen Vergangenheit schlagt kein Echo zuruck, weil kein Berg die breite Flache stort! Aber Rom und diese Stunde neben Ihnen leben ewig in uns."
"Albano," (sagte sie) "warum muss man sich so spat finden, und so fruh trennen? Dort geht Ihr Weg neben der Tiber her, Gott gebe in kein verschlingendes Meer!"
"Und dort geht Ihrer uber die hellen Berge", sagt' er. Sie nahm seine Hand, denn sein Ton war so bewegt und bewegend. Gottlich leuchtete die Welt von den dunkeln Fruhlingsblumen bis zum hellen Kapitol empor, und die Horen-Glocken tonten herauf die Freudenfeuer des Tags loderten auf allen Hohen das Leben wurde weit und hoch wie die Aussicht sein Auge stand unter der Trane, aber keiner truben, sondern unter jener, wo es wie das Weltauge unter dem Wasser sonnig glanzt und hohere Farben hat, welche die trockne Welt verzehrt. Er druckte ihre Hand, sie seine. "Furstin, Freundin," (sagt' er) "wie acht' ich Sie! Nach dieser heiligen Stunde trennen wir uns ich mochte ihr ein unvergangliches Zeichen geben und meinem Vater ein kuhnes Wort sagen, das mich und meine Achtung aussprache und das wohl manche Ratsel losete."
Sie schlug das Auge nieder und sagte bloss: "Durfen Sie wagen?" "O verbieten Sie es nicht!" (sagte er) "So manches Gottergluck ging durch eine zaghafte Stunde verloren. Wenn soll denn der Mensch ungewohnlich handeln als in ungewohnlichen Lagen?" Sie schwieg, den Morgenlaut seiner Liebe erwartend, und beide gingen im fortgesetzten Handdruck von der hohen Stelle herab. Albans Wesen war eine bebende Flamme. Die Furstin begriff nicht, warum er noch diesen Fruhlingston verschiebe; er erriet sie ebensowenig, ungeubt, die Weiber und deren halbe abgeteilte Worter zu lesen, diese Bildergedichte, halb Gestalt und nur halb Wort. Gleichsam als ware ein Adler aus seinem Morgenglanz herabgeflogen und hatte als ein Raub-Genius die Flugel uber seine Augen geschlagen: so hatt' ihn der leuchtende Morgen so sehr verblendet, dass er wagen wollte, jetzt in der Abschiedsstunde zwischen seinem Vater und der Furstin der Mittler durch ein Wort zu werden, das beiden die Scheidewand zwischen ihrer Liebe wegzoge. Vieles wandt' ihm seine Zartheit dagegen ein, aber gegenuber einem wichtigen Ziele verabscheute er nichts so sehr als zagende Vorsicht; und Wagen hielt er fur einen Mann so viel wert als Gewinnen.
Die Furstin, missverstehend, doch nicht misstrauend, folgte ihm in des Vaters Haus, mit einer Erwartung kuhner als seine , er bekenne vielleicht gar dem Ritter die Liebe gegen sie. Sie fanden den Vater allein und sehr ernst. Albano fiel ihm, wiewohl er dessen Abneigung gegen korperliche Herzenszeichen kannte, um den Hals mit den halb erstickten Worten des Wunsches: "Vater! Eine Mutter!" Zu diesem kindlichen Verhaltnis hatte sich sein bisheriges gehoben und gereinigt. "Gott, Graf!" rief die Furstin, uber Albano besturzt und entrustet. Der zornfunkelnde Ritter ergriff voll Entsetzen eine Pistole, sagte: "Ungluckliches ", aber ehe man nur wusste, auf wen von drei Menschen er sie abdrucken wolle, fasste ihn seine Starrsucht und hielt wie eine umwindende Schlange ihn in der morderischen Lage gefangen. "Graf, verstand ich Euch?" sagte die Furstin wegwerfend gegen ihn, gleichgultig gegen den versteinerten Feind. "O Gott," (sagte Albano, von der vaterlichen Gestalt bewegt) "ich verstand wohl niemand." "Das konnte" (sagte sie) "nur ein Unwurdiger. Lebt wohl. Mog' ich niemals Euch mehr begegnen!" Dann ging sie.
Albano blieb, unbekummert, ob er nicht selber mit der Pistole gemeint sei, bei dem Kranken, der einer vornehmen Manner-Leiche gegenuber entgegenstarrte, die man eben zu schminken beschaftigt war. Allmahlich rang sich das Leben wieder aus dem Winter auf, und der Ritter setzte, wie Starrsuchtige mussen, die mit dem Worte "ungluckliches" angefangne Anrede so fort: "Weib, von wem bist du Mutter?" Er kam zu sich und sah wach umher; aber schnell rann wieder die Lava des Zorns durch seinen Schnee: "Unglucklicher, wovon war die Rede?" Albano entdeckte ihm mit gerader unschuldiger Seele, dass er bei dem wahrscheinlichen Tode des Fursten auf eine Vereinigung zwischen beiden und auf das Gluck, eine Mutter zu erhalten, sich die Hoffnung gemacht.
"Ihr junges Volk bildet euch immer ein, man konne keine echte Liebe haben, ohne sie nach aussen zu treiben und auf jemand zu richten", versetzte Gaspard und fing an, hart zu lachen und das "sentimentalische Missverstandnis" sehr komisch zu finden; aber Albano fragte ihn nun sehr ernst nach dem Ursprunge des seinigen. Gaspard gab ihm diesen. Neulich in seiner Krankheit hatt' er bei der ersten Nachricht von des Fursten naher Abblute einen erbitterten Kampf mit der Furstin, welche in dessen Todesfalle eine Regentschaft oder Vormundschaft begehrte, schon wegen der Moglichkeit eines Furstenhut-Erben. Der Ritter sagt' ihr geradezu, diese Moglichkeit sei eine Unmoglichkeit und er werde mit neuen, ihr unbekannten Beweisen sie ohne weiteres angreifen. Er gab ihr geradezu zu verstehen, dass er sogar gegen den Fall gerustet sei, wo ein augenscheinlicher Beweis des Gegenteils (ein Erbprinz) ihm entgegengestellet wurde. Die Furstin versetzte erbittert, sie errate nicht, warum er fur die haarhaarsche Linie und Erbfolge sich im geringsten mehr bekummere und sorge als fur die Hohenfliesser. Er brachte sie bis zu Tranen; denn er konnte ohne Schonung ihr die grausamsten Worte wie Widerhaken tief ins Herz werfen; er hatte die vollendete Entschlossenheit eines Staatsmannes, der wie ein grosser Raubvogel das Opfertier, das er nicht bezwingen oder schleppen kann, an einen Abgrund treibt und mit den Flugeln hinunterschlagt, um es drunten besiegt zu finden. Ein Leben, das, so wie es fortruckt, gleich den fortruckenden Gletschern, alte Leichen aufdeckt! So wie der Gluckliche seine Liebe eines Individuums warmend uber die Menschheit ausbreitet, so halt der Menschenfeind den stechenden Brenn- oder Frostpunkt seiner weiten Kalte gegen die Menschheit auf einen grossen Feind allein, indes vorher jede kleinere Beleidigung dem Einzelnen vergeben und nur der gesamten Menschheit angeschrieben wurde.
Das war also jene geheime Unterredung, deren Spuren Albano fur schonere Bewegungen genommen hatte als des Hasses. "Als du nun" (sagte der Ritter jetzt geradeheraus, um mit der schneidenden Frechheit sein Hochgefuhl zu strafen) "die kurz- und dunkelgefasste Anrede: 'Eine Mutter!' hieltest, musst' ich dich fur den Vater nehmen, und daraus magst du leicht das ubrige erklarn." "Vater," (sagt' er) "das war schreiend unrecht gegen jeden"; und schied mit drei heissen Wunden, vom Dreizack des Schicksals gerissen. Beim Abschiede erinnerte ihn Gaspard, sein Wort der monatlichen Zuruckkunft zu halten, und fugte noch scherzend bei: "Der Alte, den man druben schminke, sei ein deutscher Herr, womit er ehedem wohl den Spass getrieben, ihn eilig zu bekehren."181
Noch in dieser Stunde reisete Albano mit seinem Dian aus dem erleuchteten Rom. Auf den Hohen und auf der Peterskuppel wogte herunterschwebend der blaue Himmel, und lange Schatten schliefen noch, mit Tauperlen umkranzt, auf den Blumen; aber der selige Morgen war weit zuruckgeflohen aus dem harten Tage. Beide begegneten vor dem Tore einer KreisMenge, die um einen schonen Ermordeten stand und, statt unwillig uber den Morder, freudig uber die Gestalt wiederholte "Quanto e bello!"182 und Albano dachte daran, wie oft man hinter ihm gesagt: "Quanto e bello!"
Achtundzwanzigste Jobelperiode
Brief aus Pestitz Mola die Himmelfahrt eines
Monchs Neapel Ischia die neue Gottergabe
108. Zykel
Ein kleines Licht in unserm Zimmer kann uns gegen das Blenden des ganzen himmelbreiten Blitzes schirmen; so braucht es in uns eine einzige fortleuchtende Idee und Tendenz, damit uns der schnelle Flammenund Licht-Wechsel von aussen nicht betaube. Hatte Albano nicht ein weit zu sehendes Ziel, einen Obeliskus in seiner Lebensbahn vor seinem Auge behalten: wie lange wurde ihn die letzte Szene mit ihren durcheinandergreifenden Schmerzen verwirret haben! Jetzt glich er den angezundeten Ol- und Lorbeerblattern um ihn, deren Flammen so gut grunen wie sie selber.
Dian, der fremde Schmerzen wegtrieb, weil er leicht beweglich bald aus einem Zuschauer derselben ein Mitspieler wurde, machte Albano und sich durch seine feurige Teilnahme an jeder schonen Gestalt, an jeder Ruine, an jeder kleinen Freude heiter. Er hatte die schone seltene Gabe, auf Reisen froh zu sein, jede Blume zu brechen, aber keine Distel; indes der grossere Teil mit der Schlafmutze unter dem Hute, von Station zu Station unter dem Fahren gahnend und im murrenden Kriege mit jedem Gesichte, ganze Paradiese wie Vorhollen durchziehet.
In den leeren pontinischen Sumpfen, worin nur Buffel gedeihen und die Menschen erbleichen, suchte Dian alles und auch seine Brieftasche hervor, um uber das letzte Fischwasser des Kirchenstaats aus PetrusNachfischern zu kommen, ohne todlich einzuschlafen. Da stiess er mit einem neu-griechischen Fluch auf einen Brief an Albano, der in einen von Chariton eingeschlossen gewesen und den er in Rom in der Eile der Abreise zu geben vergessen; aber er lachte bald daruber und fand es gut, dass man in diesem "Teufelstal" etwas gegen den Schlaf zu lesen habe.
Es war folgender von Rabette:
"Herzlieber Bruder, man mochte wohl wissen, ob du noch ein bisschen an deine Blumenbuhler denkst, da du in dem prachtigen Italien gewiss ganz in deinem Essee bist, dass du in unser aller Herzen lebst, das weisst du langst, und du solltest nur wissen, wie lange wir alle bei deinem Abschied um dich geweinet haben, sowohl die Mutter als ich, und ein Gewisser183 denkt jetzunder ganz anders von dir als vordem. In diesem Winter fiel viel vor. Die Ministerin hat sich von ihrem Gemahl geschieden und lebt auf ihrem Gute, zuweilen in Arkadien bei der Prinzesse Idoine, unser Furst ist an der Wassersucht gefahrlich krank, und kann der Vater ein Stuck Arbeit von der Landschaft dabei kriegen, wie er sagt. Dein Schoppe ist auf ein paar Monate verreiset mit Zurucklassung eines Briefs an dich, den er dem Vater anvertrauet. Er hielt sich letztlich bei uns auf in deiner Stube und besuchte fleissig die Grafin Romeiro. Es ist schade fur ihn, denn er meints gut, aber der Magister Wehmeier und wir alle im Orte sind uberzeugt, dass er in kurzen toll wird, und er glaubts auch und sagt, er bestelle deshalb schon sein Haus. Was die Grafin Romeiro anlangt, so ist sie mit der Prinzess184 abgereiset, kein Mensch weiss aber wohin, man sagt, der Furst hab' ihr zu deutliche attentions bewiesen und sie sei lieber fort nach Spanien. Andere reden von Griechenland, aber mich versichert der Gewisse, sie sei nach Rom zu ihrem Vormund, das wirst du nun besser wissen als ich. Der Gewisse unternahm alles Menschmogliche, sie zu gewinnen, teils durch Briefe, teils selber, umsonst, keinen guten Blick konnt' er erlangen, sooft er sie auch bei cour anredete. Das alles hab' ich (wirst du es glauben?) aus seinem Munde, denn er ist wieder oft bei mir und vertraut mir sein ganzes Herz. Meines aber halt' ich fest zusammen, dass nur kein Blutstropfchen daraus quillt, und Gott allein sieht, wie es darin hergeht und weint. Ach Albano, ein armes Madchen, das gesund ist, muss viel ausstehen, eh' es sterben kann. Oft kann mein Auge nicht langer trocken bleiben, und ich sage dann, sein Reden tu' es, was doch teils auch wahr ist, dir aber zeig' ich das dessous des cartes. Nie, nimmer kann ich mehr die Seinige werden, denn er hat nicht redlich an mir gehandelt, sondern ganz ruchlos, und er weiss es auch. Es wird ihm auch kein Kuss gestattet, und ich sag' ihm, er moge das nur nicht um Gottes Willen fur eine kokette Manier halten, ihn an mich zu ziehen. Die guten Eltern wissen nicht recht, was sie aus unserem Umgang machen sollen, und ich furchte, der Vater bricht los, dann hab' ich sehr bittere Tage. Aber soll ich das arme kranke blasse Gemut auch von mir verstossen, soll die gluhende Seele wie Rauch verduftend gen Himmel steigen und sich konsumieren? Wem will nicht das Herz zerspringen, wenn er bei einem Festin ist und sie seinetwegen sogleich beleidigt nach Hause zuruckfahrt, wie neulich geschah und er mir im vollen Toben sagte: 'Gut, gut, Linda, einmal wird dir doch um mich dein Auge nass.' Da weiss ich ja, dass er nichts Gutes meint, und ich schone ihn aus Angst davor; sollen denn die zwei Geschwister in ihrer Blute untergehen? Er ware ihr langst nachgereiset, wenn er nicht taglich hoffte, sie komme wieder. Ach konnt' ich mein liebendes Herz aus meiner Brust ausreissen und in ihre einsetzen statt des andern, damit sie ihn recht liebte mit meiner ganzen Liebe, Albano, ich wollt' es gerne tun. Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende, und die Mutter will auf die andere einen Gruss schreiben. Lebe wohl, das wunscht
deine treue Schwester
Rabette.
Wie geht es meinem teuersten Sohn? Ist er glucklich, noch fromm, und gesund? Denkt er seiner treuen Pflegeeltern noch? Das fragt und wunscht im Namen des Vaters und in ihrem eignen
seine treue Mutter
Albine v. W.
P.S. Auch der alte Lehrer Wehmeier grusset seinen Liebling in fernen Landen; und wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr. A.
P.S. Bruder, ich muss auch ein P.S. machen, Schoppe hat die Bewusste gemalt, und auch daraus entstanden Szenen. Aber ein Mehres mundlich. Die Prinzesse Idoine fuhr diesen Winter oft zu unserer.
R."
Da Briefe sich mehr nach dem Orte, wo sie geboren, als nach dem, wo sie abgegeben werden, richten: so kommt oft, was als Same abging, schon keimend und mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Bluten als trockner Same; und jedes Blatt ist eine Doppelgeburt von zwei fernen Zeiten, der schreidiesem hellern Himmel, auf diesem Boden einer grossern Vorzeit und mit dem Geiste voll neuer Triebfedern weniger von Rabettens Brief, durch welchen die nordischen Winternebel zogen, erreicht und verfinstert. Die redliche Rabette, die linde Albine kamen ihm nur sanft uber die fremden Berge und Lufte nach und legten an seine heisse Stirn die kuhlende Hand; sein alter Schoppe stand in alter Wurde vor ihm, und Liane schwebte wieder durch das hohe Blau. Gegen den verwitterten Roquairol fuhlt' er nicht einmal Mitleid, sondern eine harte Geringschatzung; und Lindas standhafter Sinn war recht nach seinem, wie der stolze Blick und Gang der Romerinnen. Jetzt dacht' er uber manches heiterer als sonst und wunschte sogar, einmal jener Heroine ins Zauber-Gesicht zu schauen.
In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an, und sie fuhren auf dem Wege nach Mola in immer dichtere Bluten und Blumen. In fliegenden Blattern vielleicht an seinen Vater, noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe sprach sich sein Gluck und seine Seele aus; sie bewahrten gleichsam einige entfallne Orangenbluten des schnell durchflognen Edens auf. Hier sind sie: "Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Himmelfahrtstag in Mola an, der eingeborne Dian war ebenso uberwunden von der grunenden Herrlichkeit, die er lange nicht gesehen, wie ich, und ich glaub' ihm noch nicht, dass es um Neapel schoner bluhe und dufte. Ich ging gar nicht in die Stadt, denn die Sonne hing schon gegen das Meer. Um mich quillt der Blumenrauch aus Zitronenwaldern und Jesmin- und Narzissen-Auen zu meiner Linken wirft der blaue Apennin seine Quellen von Berg zu Berg, und zu meiner Rechten dringt das gewaltige Meer an die gewaltige Erde an, und die Erde streckt den festen Arm aus und halt eine glanzende Stadt185, mit Garten behangen, weit ins Wogen-Gewimmel hinein und ins unergrundliche Meer sind hohe Inseln als unergrundliche Berge186 hineingeworfen tief in Suden und Osten greift ein schimmerndes Nebelland, die Kuste von Sorrento, wie ein gekrummter Jupiters-Arm um das Meer, und hinter dem fernen Neapel steht der Vesuvius mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond. 'Fall auf deine Knie, Gluckseliger', (sagte Dian) 'vor der kostbaren Weite!' O Gott, warum nicht ernstlich es tun? Wer kann denn im Abendscheine das ungeheuere Wellen-Reich anschauen, wie dort das Regen sich in der Ferne stillt und nur glanzt und endlich blau und golden mit dem Himmel verschwebt, und wie hier die Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langen Landern in einen rosigen festen Erdschatten einschliesset, wer kann den Feuerregen des unendlichen Lebens, den webenden Zauberkreis aller Krafte im Wasser, im Himmel, auf der Erde erblicken, ohne niederzuknien vor dem unendlichen Natur-Geiste und zu sagen: wie bist du mir so nahe, Unaussprechlicher! O hier ist er in der Nahe und Ferne, die Seligkeit und die Hoffnung schimmert von der Nebel-Kuste her, und auch aus den nahen Quellen, die das Geburge in das Meer heruntergiesset, und in der weissen Blute uber meinem Haupt. O rufet denn nicht diese Sonne, von brennenden Wellen umflattert, und das Blau droben und druben und die ergluhenden Menschen-Lander, die Welten in der Welt, rufet nicht diese Ferne das Herz und alle seine stolzen Wunsche heraus? Will es nicht schaffen und in die Ferne greifen und seine Lebensblute vom hochsten Gipfel des Himmels reissen? Wenn es aber sich umsieht auf seinen Boden, auch da wieder ist der Gurtel der Venus um den bluhenden Umkreis geworfen, hell grunt der hohe Myrtenbaum neben seiner kleinen dunkeln Myrte, die Orange schimmert im hohen kalten Grase, und oben duftet ihre Blute, der Weizen weht mit breiten Blattern zwischen dem Mandel- und Narzissen-Schmelze, und ferne ist die Zypresse und die Palme stolz; alles ist Blume und Frucht, Fruhling und Herbst. Soll ich hin, soll ich her, das fragt das Herz in seinem Gluck.
So ging mir die Sonne unter die Wellen hinab die roten Kusten flohen unter ihre Nebel die Welt erlosch von Land zu Land, von einer Insel zur andern der letzte Goldstaub auf den Hohen wurde verweht und die Gebetglocken der Kloster fuhrten das Herz uber die Sterne hinauf.
O wie war meines so froh und so sehnend, zugleich ein Wunsch und ein Feuer, und in meinem Innersten sprach ein Dankgebet fort, dafur, dass ich war und bin auf dieser Erde.
Nie vergess' ich das! Wenn wir das Leben wegwerfen als zu klein gegen unsere Wunsche: gehoren nicht diese zu jenem und kamen von ihm? Wenn die bekranzte Erde solche Bluten-Ufer, solche Sonnen-Geburge um uns zieht, will sie damit Ungluckliche einschliessen? Warum ist unser Herz enger als unser Auge, warum erdruckt uns eine kaum meilenlange Wolke, die doch selber unter unermesslichen Sternen steht? Ist nicht jeder Morgen ein Fruhlingsanfang und jede Hoffnung? Was sind die dichtesten Lebensschranken anders als ein Rebengelander, zum Reifen der Weinglut aufgebauet? Und da das Leben sich immer in Viertel zerhackt, warum sollen es lauter letzte sein, nicht ebensoofterste, auf welche ein vollstrahlender Mond nachfolgt? O Gott, sagt' ich, als ich durch die grunende Welt zuruckging, die am nachsten Morgen eine gluhende wird, nie lasse mich deine Ewigkeit irgendeiner Zeit leihen, ausgenommen der seligsten; die Freude ist ewig, aber nicht der Schmerz, denn du hast ihn nicht geschaffen.
'Freund', sagte Dian unterwegs zu mir, da ich ihm meine innigste Bewegung nicht recht verhullen konnte, 'wie kann Euch erst sein, wenn Ihr nach Neapel zuruckschauet etwan auf der Uberfahrt nach Ischia! denn man merkts sehr, dass Ihr in Nordland geboren seid.' 'Lieber', sagt' ich, 'jeder wird mit seinem Norden oder Suden gleich geboren, ob in einem aussern dazu das macht wenig.'"
*
So weit sein Blatt uber Mola. Aber eine wunderbare Begebenheit schien ihn uber die letzte Versicherung desselben noch diese Nacht beim Worte zu nehmen. Im Hofe des Gasthauses sammelten sich viele Schiffer und andere, alle stritten heftig uber eine Meinung, und die meisten sagten immer: "Es ist doch heute Himmelfahrt, und Wunder hat er auch getan." "Himmelfahrt?" dachte Albano und erinnerte sich seines Geburtstages, der an diesem Feste oft fiel. Dian kam herauf und erzahlte lachend, das Volk drunten erwarte die Himmelfahrt eines Monchs, der sie in dieser Nacht versprochen, und viele glaubten ihm darum, weil er schon ein Wunderwerk getan, namlich einem Toten auf zwei Stunden die Sprache gegeben vor ganz Mola. Beide wurden eins, das Werk mit anzusehen. Die Menge schwoll an der versprochene Mensch kam nicht, der sie zu dem Orte der Auffahrt leiten sollte alles wurde zornig mehr als unglaubig endlich spat in der Nacht erschien eine Maske und gab mit einem Wink der Hand das Zeichen, ihr zu folgen. Alles stromte nach, auch Albano und sein Freund. Der reine Mond schien frisch aus blauen Luften, der weite Garten der Gegend schlief in seinen Bluten, aber alles duftete, die schlummernden und die wachen Blumen.
Die Maske fuhrte die Menge an die Ruinen von Ciceros Haus oder Turm und zeigte aufwarts. Oben auf der Mauer stand ein zitternder Mensch. Albano fand sein Gesicht immer bekannter. Endlich sprach der Mensch: "Ich bin ein Vater des Todes der Vater des Lebens sei mir gnadig. Wie es mit mir geht, weiss ich nicht Unter euch" (setzt' er auf einmal in fremder, namlich in spanischer Sprache dazu) "steht einer, dem ich auf Isola bella am Karfreitage erschien und den Tod einer Schwester kundtat; er reise fort nach Ischia, dort trifft er seine Schwester an."
Ergriffen und ergrimmend musste Albano diese Worte horen, die Gestalt des Vaters des Todes auf jener Insel sah er jetzt recht klar auf der Ruine; und dessen Versprechen, ihm an einem Karfreitage zu erscheinen, fiel ihm wieder ein. Er suchte sich jetzt an der Ruine hinaufzuarbeiten, um den Monch zu pakken. Ein Molaner rief, da er die fremde Sprache horte: "Der Monch spricht mit dem Teufel."- Der Himmelfahrer sagte nichts darwider er zitterte heftiger aber das Volk suchte den, der es gesagt, und schrie: der mit der Maske sei es, denn der sei nicht mehr zu finden. Endlich bat der Monch bebend, sie mochten still sein, wenn er verschwinde, und fur ihn beten und nie seinen Korper suchen. Albano war ihm jetzt, von Dian ungesehen, nahe hinter dem Rucken. Da kam hoch im dunkeln Blau ein Zug Wachteln langsam geflogen. Der Monch hob sich schnell und wankend auf zerstreuete die Vogel rief in dunkler Ferne: "Betet" und schwand in die weiten Lufte dahin.
Das Volk rief und jauchzete und betete zum Teil, viele glaubten jetzt, der Teufel sei im Spiel. Unter den Zuschauern lag ein Mensch mit dem Gesicht auf der Erde und rief immer: "Gott sei mir gnadig!" Aber niemand brachte ihn zu einer Erklarung. Dian, heimlich ein wenig uberglaubig, sagte: hier steh' ihm der Verstand still. Aber Albano erklarte, schon lange zucke und ziehe ein Geister-Komplott an seinem Lebensvorhang, allein irgendeinmal greif' er gewiss glucklich durch den Vorhang durch, und er sei fest entschlossen, sogleich von Neapel nach Ischia uberzugehen, um seine Schwester zu suchen. "Wahrlich," (setzt' er dazu) "in diesem Mutterlande der Wunderphantasie und jeder Grosse glaubt man so leicht schone gebende Wunder des Schicksals, wie in Norden entsetzliche raubende Wunder der Geister."
Dian war auch fur den fruhsten Besuch der Insel Ischia, "weil sonst," (setzt' er dazu) "wenn Albano in Neapel seine Briefe ubergeben hatte und in die Ricevimenti hinein- oder auf den Posilippo und den Vesuv hinaufgeraten ware, dann kein Wegkommen sein wurde."
Am Tage darauf gingen sie von Mola ab. Das schone Meer deckte sich an ihrem Wege auf und zu, und nur der goldne Himmel verhullte sich nie. Neapels Freudenbecher berauschte schon von fernen mit seinem Dufte und Geiste. Albano warf trunkne Blicke auf die campania felice, auf das Coliseo in Kapua und auf den weiten Garten voll Garten und sogar auf die rauhe appische Strasse, die ihr alter Name sanfter machte.
Aber er seufzete nach der Insel Ischia, diesem Arkadien des Meers und dieser Wunderstelle, wo er eine Schwester finden sollte. Sie konnten nicht eher als Sonnabends in der Vornacht wenn anders Wachen und glanzendes Leben eine ist, besonders eine welsche Sonnabends-Nacht in Aversa ankommen. Albano bestand darauf, in der Nacht fortzureisen nach Neapel. Dian wollte noch ungern. Zufallig stand ein schones, etwan vierzehnjahriges Madchen im Posthause, sehr betrubt uber die verfehlte Post und entschlossen, noch diese Nacht nach Neapel zu gehen, um am heiligen Sonntag noch fruh genug nach Ischia zu kommen, wo ihre Eltern waren. "Aus Santa Agata" (sagte sie) "komme sie her, heisse aber nur Agata, und nicht Santa." "Wahrscheinlich ihr alter Spass", sagte Dian, war aber nun bei seinem Umschweben jeder schonen Form selber recht zur Nachtreise aufgelegt, damit man die Schwarzaugige, die freudig und hell in fremdes Augenfeuer blickte, fortbringen konnte. Sie nahm es lustig an und schwatzte vertraut wie ein Naturforscher viel vom Epomeo und Vesuv und weissagte ihnen unzahlige Freuden auf der Insel und zeigte uberall eine verstandige Besonnenheit weit uber ihr Alter. Endlich flogen sie alle unter die hellen Sterne in die schone Nacht hinaus.
109. Zykel
Albano fahrt in der Beschreibung seiner Reise so fort: "Eine helle Nacht ohnegleichen! Die Sterne allein erhellten schon die Erde, und die Milchstrasse war silbern. Eine einzige, mit Weinbluten durchflochtene Allee fuhrte der Prachtstadt zu. Uberall horte man Menschen, bald nahes Reden, bald fernes Singen. Aus schwarzen Kastanienwaldern auf mondhellen Hugeln riefen die Nachtigallen einander zu. Ein armes schlafendes Madchen, das wir mitgenommen, horte das Tonen bis in den Traum hinab und sang nach und blickte, wenn es sich damit geweckt, verwirrt und susslachelnd umher, mit dem ganzen Ton und Traum noch in der Brust. Singend rollte auf einem dunnen leichten Wagen mit zwei Radern ein Fuhrmann, auf der Deichsel stehend, lustig voruber. Weiber trugen in der Kuhle schon grosse Korbe voll Blumen nach der Stadt; in den Fernen neben uns dufteten ganze Paradiese aus Blumenkelchen; und das Herz und die Brust sogen zugleich den Liebestrank der sussen Luft. Der Mond war hell wie eine Sonne an den hohen Himmel heraufgezogen, und der Horizont wurde von Sternen vergoldet und am ganzen wolkenlosen Himmel stand die dustere Wolkensaule des Vesuvs in Osten allein.
Tief in der Nacht nach zwei Uhr rollten wir in und durch die lange Prachtstadt, worin noch der lebendige Tag fortbluhte. Heitere Menschen fullten die Strassen die Balkons warfen sich Gesange zu auf den Dachern bluhten Blumen und Baume zwischen Lampen, und die Horen-Glockchen vermehrten den Tag, und der Mond schien zu warmen. Nur zuweilen schlief ein Mensch zwischen den Saulengangen gleichsam an seinem Mittagsschlafe. Dian, aller Verhaltnisse kundig, liess an einem Hause auf der Sud- und Meerseite halten und ging tief in die Stadt, um durch alte Bekannte die Abfahrt nach der Insel zu berichtigen, damit man gerade bei Sonnenaufgang aus dem Meere heruber die herrliche Stadt mit ihrem Golf und ihren langen Kusten am reichsten auffassete. Die Ischianerin wickelte sich in ihren blauen Schleier gegen Mucken und entschlief am schwarzsandigen Ufer.
Ich ging allein auf und ab, fur mich gabs keine Nacht und kein Haus. Das Meer schlief, die Erde schien wach. Ich sah in dem eiligen Schimmer (der Mond sank schon dem Posilippo zu) an dieser gottlichen Grenzstadt der Wasserwelt, an diesem aufsteigenden Geburg von Palasten hinauf, bis wo das hohe Sant Elmo-Schloss weiss aus dem grunen Strausse blickt. Mit zwei Armen umfassete die Erde das schone Meer, auf ihrem rechten, auf dem Posilippo, trug sie bluhende Weinberge weit in die Wellen, und auf dem linken hielt sie Stadte und umspannte seine Wogen und seine Schiffe und zog sie an ihre Brust heran. Wie eine Sphinx lag dunkel das zackige Kapri am Horizont im Wasser und bewachte die Pforte des Golfs. Hinter der Stadt rauchte im Ather der Vulkan, und zuweilen spielten Funken zwischen den Sternen.
Jetzt sank der Mond hinter die Ulmen des Posilipps hinab, die Stadt verfinsterte sich, das Getose der Nacht verklang, Fischer stiegen aus, loschten ihre Fackeln und legten sich ans Ufer, die Erde schien einzuschlafen, aber das Meer aufzuwachen. Ein Wind von der sorrentinischen Kuste trieb die stillen Wellen auf heller schimmerte Sorrentos Sichel vom Monde zuruck und vom Morgen zugleich wie silberne Fluren Vesuvs Rauchsaule wurde abgeweht, und vom Feuerberg zog sich eine lange reine Morgenrote uber die Kuste hinauf wie uber eine fremde Welt.
O es war der dammernde Morgen, voll von jugendlichen Ahnungen! Spricht nicht die Landschaft, der Berg, die Kuste gleich einem Echo desto mehr Silben zur Seele, je ferner sie sind? Wie jung fuhlt' ich die Welt und mich, und der ganze Morgen meines Lebens war in diesen gedrangt!
Mein Freund kam alles war berichtigt die Schiffer angekommen Agata wurde zur Freude geweckt und wir stiegen ein, als die Morgenrote die Geburge entzundete, und aufgeblaht von Morgenluften, flog das Schiffchen ins Meer hinaus.
Ehe wir noch um das Vorgeburg des Posilippo herumschifften, warf der Krater des Vesuvs den gluhenden Sohn, die Sonne, langsam in den Himmel, und Meer und Erde entbrannten. Neapels halber Erdgurtel mit morgenroten Palasten, sein Marktplatz von flatternden Schiffen, das Gewimmel seiner Landhauser an den Bergen und am Ufer hinauf und sein grunender Thron von S. Elmo standen stolz zwischen zwei Bergen, vor dem Meere.
Da wir um den Posilippo kamen, stand Ischias Epomeo wie ein Riese des Meers in der Ferne, mit einem Wald umgurtet und mit kahlem weissen Haupt. Allmahlich erschienen auf der unermesslichen Ebene die Inseln nacheinander wie zerstreuete Dorfer, und wild drangen und wateten die Vorgeburge in das Meer. Jetzt tat sich, gewaltiger und lebendiger als das vertrocknete vereinzelte starre Land, das Wasserreich auf, dessen Krafte alle, von den Stromen und Wellen an bis zum Tropfen, zusammengreifen und sich zugleich bewegen. Allmachtiges und doch sanftes Element! Grimmig schiessest du auf die Lander und verschlingst sie, und mit deinen aushohlenden Polypenarmen liegst du an der ganzen Kugel. Aber du bandigst die wilden Strome und zerschmilzest sie zu Wellen, sanft spielest du mit deinen kleinen Kindern, den Inseln, und spielest an der Hand, die aus der leichten Gondel hangt, und schickst deine kleinen Wellen, die vor uns spielen, dann uns tragen, und dann hinter uns spielen.
Als wir vor dem kleinen Nisita vorbeikamen, wo einst Brutus und Kato nach Casars Tod Schutzwehr suchten als wir vor dem zauberischen Baja und dem Zauberschlosse, wo einst drei Romer die Teilung der Welt beschlossen, und vor dem ganzen Vorgeburge vorubergingen, wo die Landhauser der grossen Romer standen, und als wir nach dem Berge von Cuma hinabsahen, hinter welchem Scipio Afrikanus in seinem Linternum lebte und starb: so ergriff mich das hohe Leben der alten Grossen, und ich sagte zu meinem Freunde: 'Welche Menschen waren das! Kaum erfahren wir es gelegentlich im Plinius oder Cicero, dass einer von ihnen dort ein Landhaus hat, oder dass es ein schones Neapel gibt mitten aus dem Freudenmeer der Natur wachsen und tragen ihre Lorbeern so gut wie aus dem Eismeere Deutschlands und Englands, oder aus Arabiens Sand in Wusten und in Paradiesen schlugen ihre starken Herzen gleich fort, und fur diese Weltseelen gab es keine Wohnung, ausser die Welt. Nur bei solchen Seelen sind Empfindungen fast mehr wert als Taten, ein Romer konnte hier gross vor Freude weinen! Dian, sage, was kann der neuere Mensch dafur, dass er so spat lebt hinter ihren Ruinen?'
Jugend und Ruinen, einsturzende Vergangenheit und ewige Lebensfulle bedeckten das misenische Gestade und die ganze unabsehliche Kuste an die zerbrochnen Aschenkruge toter Gotter, an die zerstuckten Tempel Merkurs, Dianens spielte die frohliche leichte Welle und die ewige Sonne alte einsame Bruckenpfeiler im Meer, einsame Tempelsaulen und Bogen sprachen im uppigen Lebensglanze das ernste Wort die alten heiligen Namen der elysaischen Felder, des Avernus, des toten Meers wohnten noch auf der Kuste Felsen- und Tempeltrummer lagen untereinander auf der bunten Lava alles bluhte und lebte, das Madchen und die Schiffer sangen die Berge und die Inseln standen gross im jungen feurigen Tage Delphine zogen spielend neben uns singende Lerchen wirbelten sich im Ather uber ihre engen Inseln heraus und aus allen Enden des Horizonts kamen Schiffe herauf und flogen pfeilschnell dahin. Es war die gottliche Uberfulle und Vermischung der Welt vor mir, brausende Saiten des Lebens waren uber den Saitensteg des Vesuvs und Posilipps heruber bis an den Epomeo gespannt.
Plotzlich donnerte es einmal durch den blauen Himmel uber das Meer her. Das Madchen fragte mich: 'Warum werdet Ihr bleich? es ist nur der Vesuv.' Da war ein Gott mir nahe, ja Himmel, Erde und Meer traten als drei Gottheiten vor mich von einem gottlichen Morgensturm wurde das Traumbuch des Lebens rauschend aufgeblattert, und uberall las ich unsere Traume und ihre Auslegungen.
Nach einiger Zeit kamen wir an ein langes, den Norden verschlingendes Land, gleichsam der Fuss eines einzigen Berges, es war schon das holde Ischia, und ich stieg selig-trunken aus, und da erst dacht' ich an das Versprechen, dass ich da eine Schwester finden sollte."
110. Zykel
Bewegt, gleichsam feierlich betrat Albano das kuhle Eiland, es war ihm, als wehten ihm die Lufte immer die Worte zu: der Ort der Ruhe. Agata bat sie beide, bei ihren Eltern zu wohnen, deren Haus am Ufer, nicht weit vom Vorstadtchen187, liege. Als sie uber die Brucke gingen, die den grunen, mit Hausern umwundenen Fels mit dem Ufer und dem Stadtchen zusammenhangt: so zeigte sie freudig im Osten das einzelne Haus. Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde Felsen und die Hauserreihe im Wasser abspiegelte und wie auf den flachen Dachern die schonen Weiber, welche die Feier-Lampen fur den Abend ordneten, zueinander emsig herubersprachen und wie sie die wiederkommende Agata grussten und fragten und wie alle Gesichter so heiter waren, alle Gestalten so zierlich und selber die armste in Seide und wie die lebendigen Knaben kleine Kastaniengipfel niederzogen und wie der alte Vater der Insel, der hohe Epomeo, vor ihnen ganz in Weinlaub und Fruhlingsblumen gekleidet stand, aus deren sussem Grun nur zerstreuete weisse Lusthauser begluckter Berganwohner schaueten: so war es Albano, als sei ihm das lastige Gepacke des Lebens in die Wellen entfallen und die aufrechte Brust sauge weit den kuhlen, von Elysium her wehenden Ather ein; uber dem Meere druben lag die vorige sturmische Welt mit ihren heissen Kusten.
Agata fuhrte beide ins elterliche Haus am ostlichen Abhang des Epomeo und rief sogleich im lauten frohlockenden Empfang ebenso laut: "Das sind zwei brave Herren, die ins Haus wollen." Der Vater sagte sofort: "Willkommen, Exzellenzen! Ihr sollt gern die Zimmer behalten, wenn auch nachher viele Badegaste kommen. Ihr findet nirgends besseres Quartier. Ich war sonst nur ein 'Dreher' in der Fayence-Fabrik; aber seit acht Jahren bin ich ein Winzer und kann etwas geben. Wenn war denn irgendein Dezember und Marz188 besser als diesmal? Befehlt, Exzellenzen!" Plotzlich weinte Agata; die Mutter hatt' ihr das Begrabnis der jungsten Schwester berichtet, zu dessen Feier, nach der Sitte der Insel, heute ein Freuden-Abend angeordnet war, weil man einander zur ewigen seligmachenden Bestatigung einer Kindes-Unschuld durch den Tod Gluck zu wunschen pflegte. Der Alte wollte erst recht ins Erzahlen eingehen, als Dian seinen Albano bat, nach so langer Seelen- und Korperbewegung schlummern zu gehen bis Sonnenuntergang, wo er ihn wecke. Agata wies ihm sein kuhles Zimmer an, und er ging hinauf.
Hier vor dem kuhlenden See-Zephyr war das Einschlummern schon der Schlummer, und das nachklingende Traumen schon der Schlaf. Sein Traum war ein unaufhorliches Lied, das sich selber sang: der Morgen ist eine Rose, der Tag eine Tulpe, die Nacht ist eine Lilie, und der Abend ist wieder ein Morgen.
Er traumte endlich sich in einen langen Schlaf hinab.- Spat, im Dunkeln, schlug er verjungt wie ein Adam im Paradies das Auge auf, aber er wusste nicht, wo er war. Er horte fernes susses Tonen unbekannte Blutendufte durchschwammen die Luft er sah hinaus der dunkle Himmel war mit goldnen Sternen wie mit feurigen Bluten bestreuet an der Erde, auf dem Meere schwebten Lichter-Heere, und in tiefer Ferne hing eine helle Flamme mitten im Himmel fest. Ein unbekannter Traum verwirrte noch die wirkliche Buhne mit einer verschwundenen, und Albano ging durch das stille menschenleere Haus forttraumend heraus ins Freie wie in eine Geisterinsel.
Hier zogen ihn Nachtigallen zuerst mit Tonen in die Welt herein. Er fand den Namen Ischia wieder und sah nun, dass das Schloss auf dem Felsen und die lange Dacher-Gasse der Ufer-Stadt voll brennender Lampen stand. Er ging auf die erleuchtete, von Menschen umlagerte Stelle der Tone zu und fand eine ganz in Freudenfeuern stehende Kapelle. Einer Madonna und ihrem Kinde in der Nische wurde unter dem geschwatzigen Rausche der Freude und Andacht eine Nachtmusik vorgespielt. Hier fand er seine Wirtsleute wieder, die ihn alle im Jubel ganz vergessen hatten, und Dian sagte: "Ich hatt' Euch schon geweckt, die Nacht und die Lust wahrt noch lange."
"Hort und seht doch dort den gottlichen Vesuvio, der das Fest so recht gut mitfeiert", rief Dian, der sich so tief in die Wellen der Freude eintauchte als irgendein Ischianer. Albano sah hinuber nach der hoch im Sternenhimmel webenden Flamme, die wie ein Gott den grossen Donner unter sich hatte, und die Nacht hatte das misenische Vorgeburg wie eine Wolke neben dem Vulkan aufgerichtet. Neben ihnen brannten tausend Lampen auf dem koniglichen Palaste der nahen Insel Procita.
Indem er uber das Meer hinblickte, dessen Kusten in die Nacht versunken waren und das unermesslich und finster als eine zweite Nacht dahinlag: so sah er zuweilen einen zerfliessenden Glanz daruberschweifen, der immer breiter und heller floss. Auch zeigte sich eine ferne Fackel in der Luft, deren Lodern lange Feuer-Furchen durch die flimmernden Wellen zog. Es kam eine Barke naher mit eingezognem Segel, weil der Wind vom Lande ging. Weibliche Gestalten erschienen auf ihr, worunter eine nach dem Vesuv gewandte von koniglichem Wuchs, an deren rotem Seidenkleide der Fackelschein lang herunterfloss, das Auge festhielt. Wie sie naher schifften und das helle Meer unter den schlagenden Rudern auf beiden Seiten aufbrannte: so schien eine Gottin zu kommen, um welche das Meer mit entzuckten Flammen schwimmt und die es nicht weiss. Alle stiegen in einiger Ferne ans Land, wo bestellte Diener, wie es schien, dazu gewartet hatten, um alles zu erleichtern. Von der langen Gestalt nahm eine kleine, mit einer Doppellorgnette versehene einen kurzen Abschied und ging mit einem ansehnlichen Gefolge fort. Die rotgekleidete zog einen weissen Schleier uber das Gesicht und ging, von zwei Jungfrauen begleitet, ernst und einer Furstin ahnlich, der Stelle zu, wo Albano und die Tone waren.
Albano stand nahe an ihr, zwei grosse schwarze Augen, mit Feuer gefullt und mit innigem Ernst auf dem Leben ruhend, strahlten durch den Schleier, der die stolze gerade Stirn und Nase verriet. In der ganzen Erscheinung war fur ihn etwas Bekanntes und doch Grosses, sie kam ihm als eine Feenkonigin vor, die vorlangst sich mit einem himmlischen Angesicht uber seine Wiege lachelnd und begabend hereingebuckt und die nun der Geist mit alter Liebe wiedererkennt. Er dachte wohl an einen Namen, den ihm Geister genannt, aber diese Gegenwart schien hier nicht moglich. Sie heftete ihr Auge mit Wohlgefallen und Aufmerksamkeit auf das Spiel zweier Jungfrauen, welche, niedlich in Seide gekleidet, mit Gold-besetzten seidnen Schurzen, zur Tamburine einer dritten anmutig mit verschamt gesenktem Haupte und gesenkten Augen tanzten; die beiden andern, von der Fremden mitgebrachten Jungfrauen und Agata sangen mit italienischer halber Stimme suss zur holden Lust. "Es geschieht alles" (sagte ein alter Mann zur Fremden) "in der Tat zur Ehre der heiligen Jungfrau und des heiligen Nikola." Sie nickte langsam ein ernstes Ja.
Da stand plotzlich Luna, vom Opferfeuer des Vesuvs umspielet, druben am Himmel, als die stolze Gottin des Sonnengottes, nicht bleich, sondern feurig, gleichsam eine Donnergottin uber dem Donner des Bergs und Albano rief unwillkurlich: "Gott, der grosse Mond!" Schnell hob die Fremde den Schleier zuruck und sah sich bedeutend nach der Stimme wie nach einer bekannten um; als sie den fremden Jungling lange angeblickt, wandte sie sich nach dem Monde uber dem Vesuv.
Aber Albano war von einem Gott erschuttert und von einem Wunder geblendet: er sah hier Linda de Romeiro. Als sie den Schleier hob, stromte Schonheit und Glanz aus einer aufgehenden Sonne; zarte jungfrauliche Farben, liebliche Linien und susse Fulle der Jugend spielten, wie ein Blumenkranz um eine Gotterstirn, mit weichen Bluten um den heiligen Ernst und machtigen Willen auf Stirn und Lippe und um die dunkle Glut des grossen Auges. Wie hatten die Bilder uber sie gelogen und diesen Geist und dieses Leben so schwach ausgesprochen!
Als wollte die Zeit die glanzende Erscheinung wurdig umgeben, so schon spielten Himmel und Erde mit allen Strahlen des Lebens ineinander liebesdurstig flogen Sterne wie Himmelsschmetterlinge ins Meer der Mond war uber die ungestume Erdflamme des Vesuvs weggezogen und bedeckte mit seinem zarten Licht die frohe Welt, das Meer und die Ufer der Epomeo schwebte mit seinen versilberten Waldern und mit der Einsiedelei seines Gipfels hoch im NachtBlau darneben lebten die singenden, tanzenden Menschen mit ihren Gebeten und ihren Fest-Raketen, die sie in die Hohe warfen. Da Linda lange uber das Meer nach dem Vesuv gesehen: redete sie den stillen Albano, um seinem Ausruf zu antworten und ihr schnelles anblickendes Umwenden nach ihm gutzumachen, selber an: "Ich komme vom Vesuv," (sagte sie) "aber er ist ebenso erhaben in der Nahe als in der Ferne, was so selten ist." Ganz fremd und geistermassig klang es ihm, dass er diese Stimme wirklich horte. Mit sehr bewegter versetzt' er: "Aber in diesem Lande ist ja alles gross, sogar das Kleine durch das Grosse diese kleine Menschenfreude hier zwischen dem ausgebrannten Vulkan189 und dem brennenden alles ist eins und darum recht und so gottlich." Zugleich an- und weggezogen, ihn nicht kennend, obwohl vorhin von seiner Stimmen-Ahnlichkeit mit Roquairol getroffen, seinen einfachen Worten gern nachdenkend, blickte sie langer, als sie merkte, das redliche, aber trotzige und warme Auge des Junglings an; antwortete nichts, wandte sich langsam ab und sah wieder still den Spielen zu.
Dian, der schon lange die schone Fremde angesehen, fand endlich in seinem Gedachtnis ihren Namen und kam zu ihr mit der halb stolzen, halb verlegnen Miene der Kunstler gegen den Stand. Sie kannte ihn nicht wieder. "Der Grieche Dian," (sagte Albano) "edle Grafin!" Verwundert uber des Grafen Erkennung sagte sie zu diesem: "Ich kenne Sie nicht." "Meinen Vater kennen Sie," (sagte Albano) "den Ritter von Cesara." "O dio!" rief die Spanierin erschrocken, wurde eine Lilie, eine Rose, eine Flamme, suchte sich zu fassen und sagte: "Wie sonderbar! Eine Freundin von Ihnen, die Prinzessin Julienne, ist auch hier."
Das Gesprach floss jetzt ebener. Sie sprach von seinem Vater und druckte als Mundel ihre Dankbarkeit aus: "Es ist eine machtige Natur, die sich vor allem Gemeinen bewahrt", sagte sie, sogleich gegen die vornehme Sitte schon teilnehmend von Personen sprechend. Den Sohn begluckte das Lob auf einen Vater, er erhohte es und fragte in froher Erwartung, wie sie seine Kalte nehme.
"Kalte?" (sagte sie lebhaft) "das Wort hass' ich recht; wenn einmal ein seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft beruht und nicht wie ein Schaltier sich an jedes andere klebt: so heisset er kalt. Ist die Sonne in der Nahe nicht auch kalt?" "Der Tod ist kalt," (rief Albano sehr bewegt, weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte) "aber eine erhabene Kalte, eine erhabene Qual kann es wohl geben, die mit Adlersklaue das Herz in die Hohe entfuhrt, aber es zerreisset mitten im Himmel und vor der Sonne."
Sie sah ihn gross an: "Ihr sprecht ja wie ein Weib," (sagte sie) "das allein hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu tun; aber es war artig." Dian, zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tuchtig, unterbrach sie mit Fragen uber einzelne Kunstwerke in Neapel; sie teilte sehr offen ihre eigentumliche Ansicht mit, obwohl ziemlich entscheidend Albano dachte zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm; "bei meiner Abreise" (sagte sie) "war er noch in Pestitz, ob ich gleich nicht begreife, was ein so ungemeines Wesen da will es ist ein gewaltiger Mensch, aber verworren und nicht klar. Er ist sehr Ihr Freund." "Was macht" (fragte Dian halb scherzend) "mein alter Gonner, der Lektor Augusti?" Sie antwortete kurz und fast uber dessen vertrauliches Fragen empfindlich: "Es geht ihm gut am Hofe. Wenigen Naturen" (wandte sie sich, uber Augusti fortfahrend, an Albano) "geschieht so viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen, kuhlen, konsequenten wie der seinigen." Albano konnte nicht ganz Ja sagen; aber er erkannte in ihrer Achtung fur die fremdeste Eigentumlichkeit froh die Schulerin seines Vaters, der ein Gewachs nicht nach der glatten oder rauhen Rinde, sondern nach der Blute schatzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter scharfer als in seiner Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei, die feingebildeten Weibern so oft abgeht als kraftigen Mannern Feinheit und Hulle, ergriff den Jungling am starkesten, und er glaubte zu sundigen, wenn er nicht seine grosse naturliche gegen sie verdoppelte.
Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort. "Diese sind mir notiger," (sagte sie zu Albano) "als sie es scheinen." Sie habe namlich, erzahlte sie, etwas von der Augenkrankheit190 vieler Spanierinnen, nachts unendlich kurzsichtig zu sein. Er bat, sie begleiten zu durfen, und es geschah; er wollte sie fuhren ihrer Anmerkung wegen, sie verbats.
Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schonen Flamme des Vesuvs zu blicken. "Er steht" (sagte Albano) "in diesem Hirtengedicht der Natur als eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit." "Glauben Sie das vom Krieg?" sagte sie. "Entweder grosse Menschen" (versetzte er) "oder grosse Zwecke muss ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Krafte, wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ekken gekehrt gelegen." "Wie wahr!" (sagte sie) "Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?" Er bekannte seinen Wunsch fur dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran. Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sie nichts sein als offenherzig. "Selig seid ihr Manner," (sagte sie) "ihr grabt euch durch den Lebens-Schnee durch und trefft endlich die grune Saat darunter an. Das kann keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein paar Haupter der Revolution, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau, ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann."
Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden Gespielinnen ihrer fruhern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre fur so viele gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schonen Jungfrau ging und zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schoner wurde, zugleich Blume, Blute und Frucht, statt dass sonst umgekehrt der Kopf durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge uber sein bisheriges Betragen gegen dieses edle Wesen; ob er gleich wie sie aus Zartheit uber das bisherige Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie uber das Wunder des heutigen Begegnens schwieg. Still gingen sie in der seltnen Nacht und Gegend. Auf einmal blieb sie auf einer Hohe stehen, um welche der Brautschatz der Natur nach allen Seiten in Bergen aufgehaufet war. Sie blickten im Glanze umher, der Schwan des Himmels, der Mond, wogte fern vom Vesuve im hohen Ather die Riesenschlange der Erde, das Meer, schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bette die Kusten und Vorgeburge dammerten nur wie Mitternachtstraume Klufte voll Baumbluten flossen uber von atherischem Tau aus Licht, und unten in Talern standen finstere Rauchsaulen auf heissen Quellen und verwallten oben in Glanz hoch lagen uberall erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Stadte die Winde standen still, die Rosendufte und die Myrtendufte zogen allein weich und lau umfloss die blaue Nacht die entzuckte Erde, um den warmen Mond wich der Ather aus, und er sank liebestrunken mitten aus dem Himmel immer grosser auf den sussen Erdenfruhling herein der Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner, weiss von Sand oder Schnee, in Morgen im dunklern Blau waren die Goldkorner der feurigen Sterne weit auseinandergesaet.
Es war die seltene Zeit, wo das Leben den Durchgang durch eine uberirdische Sonne hat. Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen, und die Blicke loseten sich wieder sanft auseinander; sie schaueten in die Welt und in das Herz und sprachen nichts aus. Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter.
Da rief auf einmal eines der nachgehenden geschwatzigen Madchen aus: "Es kommt wahrlich ein Erdbeben, ich fuhl' es recht, gute Nacht!" Es war Agata. "Gott geb' eines", sagte Albano. "O warum?" sagte Linda eifrig, aber leise. "Alles, was die unendliche Mutter will und gibt, ist mir heute kindlichlieb, sogar der Tod gehoren wir nicht mit zu ihrer Unsterblichkeit?" sagt' er. "Ja, das darf in der Freude der Mensch fuhlen und glauben, nur im Schmerze sprech' er nicht von Unsterblichkeit, in solcher Seelenohnmacht ist er ihrer nicht wurdig."
Albanos Geist stand hier von der Furstenbank auf, um die hohe Verwandte zu grussen, und sagte: "Unsterbliche! und war' es sonst niemand!" Sie lachelte still und ging fort. Sein Herz war ein beschriebenes Asbestblatt, ins Feuer geworfen, brennend, nicht verbrennend, das ganze vorige Leben losch weg, das Blatt glanzte feurig und rein fur Lindas Hand.
Als sie die letzte Anhohe erreichten, worunter Lindas und Juliennens Wohnung lag, und sie nebeneinander zur Trennung standen, da rief plotzlich unten das Madchen: "Ein Erdbeben!" Aus der Holle heran rollte ein Donnerwagen in den unterirdischen Wegen ein breiter Blitz schlug die Flugel am reinen Himmel unter den Sternen auf und zu die Erde und die Sterne zitterten, und aufgeschreckte Adler flogen durch die hohe Nacht. Albano hatte die Hande der wankenden Linda ergriffen. Ihr Angesicht war vor dem Monde zu einer blassen Gotter-Statue aus Marmor verbluht. Es war schon vorbei; nur einige Sterne der Erde schossen noch aus dem festen Himmel ins Meer, und wunderbare Wolken zogen unten ringsherum auf. "Bin ich nicht recht furchtsam?" sagte sie weich. Albano schauete ihr lebendig und heiter wie ein Sonnengott im Morgenrot ins Angesicht und druckte ihre Hande. Sie wollte sie heftig wegziehen. "Gib sie mir ewig!" sagte er heftig. -"Kuhner Mensch," (sagte sie verwirrt) "wer bist du? Kennst du mich? Wenn du bist wie ich, so schwore und sage, ob du immer wahr gewesen!" Albano sah gen Himmel, sein Leben wurde gewogen, Gott war nahe bei ihm, er antwortete sanft und fest "Linda, immer!" "Ich auch!" sagte sie und neigte schamhaft das schone Haupt an seine Brust, hob es aber sogleich wieder auf mit den grossen feuchten Augen und sagte schnell: "Gehen Sie jetzt! Fruh morgens kommen Sie, Albano! Addio, addio!"
Die Madchen kamen herauf, Albano ging hinab, die Brust gefullt mit Lebenswarme, mit Lebensglanz die Natur wehte mit frischern Duften aus den Gartern her das Meer rauschte unten wieder, und auf dem Vesuv brannte eine Amors-Fackel, ein Freudenfeuer durch den Nacht-Himmel zogen noch einige Adler nach dem Mond wie nach einer Sonne und an das Himmels-Gewolbe war die Himmelsleiter aus goldnen Sprossen von Sternen gelehnt.
Da Albano so einsam in der Seligkeit ging, aufgeloset in die Wonne der Liebe, in den Duft der Taler, in den Glanz der Hohen, traumend, schwebend: so sah er Zugvogel uber das Meer gegen den Apennin nach Deutschland fliegen, wo Liane gelebt. "Heilige droben," (rief sein Herz) "du wolltest dies Gluck, erscheine und segne es!" Unerwartet stand er vor einer Kapellen-Nische, worin die heilige Jungfrau stand. Der Mond verklarte die blasse Statue die Jungfrau belebte sich unter dem Glanze und wurde Lianen ahnlicher er kniete hin, und heiss gab er Gott die Dankgebete und Lianen die Tranen. Als er aufstand, girrten in Traumen Turteltauben und schlug eine Nachtigall, die heissen Quellen dampften schimmernd, und er horte das frohe Singen der fernen Menschen herauf.
Neunundzwanzigste Jobelperiode
Julienne die Insel Sonnenuntergang Neapel
Vesuv Lindas Brief Streit Abreise
111. Zykel
Nach einer langen Nacht wehte der frische Morgen, wo Albano die Schatze des seligsten Traums, die vom Monde geoffneten Blumen des Glucks, vor der Sonne wiederfinden sollte. Ihm jauchzete das Leben, da er die gestrigen Hohen, die vom Firniss des Lichtes uberzogen glanzten, wieder bestieg; nicht zu einem Rosenfest, sondern zu allen Blumen- und Erntefesten auf einmal, zu Myrten- und Lilienfesten, zu Ahrenlesen und Blutenlesen ging die Sonne uber den glucklichen Boden hervor, und wie ein Pfau mit seinem schleppenden Regenbogen in einen Blutenbaum hineinfliegt, so hob sich der junge Tag farbenschwer und mit Garten beladen und voll Widerscheine auf die blauen Hohen und lachte kindlich in die Welt. Albano sah jetzt von seiner Hohe unten das Zauberschloss, worein sich gestern die machtige Zauberin verloren.
Er kam unten an. Ein singendes Madchen auf dem blumenvollen Dache, das auf ihn gewartet zu haben schien, zeigte, unter dem Fortsingen sich heruberbeugend, ihm das nahe Zimmer unter ihr, in das er gehen sollte. Er trat hinein; es war einsam durch die Fenster aus geoltem Papier quoll ein wunderliches Morgenlicht auf die holzerne Stubendecke waren Figuren aus dem Herkulanum gemalt in einer kampanischen Vase standen gelbe Schmetterlingsblumen und Myrtenbluten und zogen einen sussen Duftkreis um sich her. Die sonderbare Umgebung umschloss ihn immer enger, da er gar einige Bilder und Gerate fand, die ihm bekannt vorkamen. Endlich erblickte er besturzt auf dem Tische einen halben Ring. Er nahm seinen halben hervor, den er im gotischen Zimmer in jener Geisternacht von der angeblichen Schwester bekommen und den er fur den Zufall der Vergleichung immer bei sich trug. Er druckte die Halbzirkel ineinander plotzlich schlossen sie einfassend sich zu einem festen Ringe zu Gott! dacht' er, was greift wieder ins Leben!
Da wurde hastig die Tur geoffnet, und die Prinzessin Julienne eilte lachelnd und weinend herein und rief, ihm zufliegend: "O mein Bruder! mein Bruder!" "Julienne," (sagt' er ernst und innig) "bist du endlich meine Schwester wirklich?" "O lange genug ist sie es", versetzte sie und sah ihn zartlich und selig an und lachelte ins Weinen. Dann umarmte sie ihn wieder und sah ihn wieder an und sagte: "Du schoner Albano-Bruder! So lange bin ich wie ein Mond um dich herumgezogen und musste kalter und weiter bleiben wie er; und will ich dich auch ausnehmend liebhaben, so recht zurucklieben und vorwarts dazu!" "Allmachtiger!" (brach Albano weinend aus, da er sich so plotzlich von einem gebenden Arm aus der Wolke umschlungen fand) "das alles gibst du mir auf einmal jetzt?" "Ach," (rief Julienne lebhaft) "weint' ich nur auch vor lauter Freude! Aber ich esse mein bitteres Stuck Schmerz mit dazu! Lieber Bruder, Luigi schreibt mir gestern aus Pestitz, ich sollte zuruckeilen, sonst erleb' er schwerlich meine Wiederkunft. Dacht' ich das bei der Abreise? So soll ich, was ich mit der einen Hand einnehme, mit der andern ausgeben." Albano schwieg dazu, weil er am Fursten keinen Anteil nehmen konnte. Desto mehr erquickt' er sich mit frischer klarer Freude am offnen wehenden Orient der fruhesten Lebenstage, an dem Blicke auf diese junge reine Blume, die gleichsam in und aus der hellen frischen Quelle seiner Kindheit wuchs und spielte.
"Aber Himmel! erklare mir," (fing Albano an) "wie alles zuging." "Jetzt, weiss ich, hebt das Fragen an" (versetzte sie) "Die ostensible Hauptsumme sollst du kurz haben fragst du nach mehr, willst du ins Geheimbuch gucken, so schlag' ichs zu und sage dir einige Lugen vor. Im nachsten Oktober, wohl eher, kommt alles ans Licht. Zu allererst! Meine Mutter war und bleib wahrlich rein und heilig bei dieser Verwandtschaft, bei dem allmachtigen Gott!"
"Welch ein Ratsel!" (sagt' er) "Bist du die Tochter meines Vaters? Ist Luigi mein Bruder? Ist meine tote Schwester Severina deine Schwester?" fragt' er.
Julienne. Frage den Oktober!
Albano. Ach Schwester!
Julienne. O Bruder! Traue der Tochter Melchisedeks. Ferner: ich war wohl die erscheinende Schwester, die der Mensch mit dem kahlen Kopfe dir in Lilar zufuhrte; ich konnte nicht, ich musste dich haben, eh' du ins Ausland entflogst. Das Alter, das ich damals im Spiegel hatte, war, wie du siehst, nur vom Kunstspiegel191 gemacht.
Albano. Wahrlich, ich dachte damals an niemand als an dich. Nur wie kommt ein Mensch wie der Kahlkopf und wie der Vater des Todes der mir so unbegreiflich in Mola vorausgesagt, dass ich dich finden wurde
Julienne. Das ist unmoglich Meinen Namen nannt' er?
Albano. Bloss dieser fehlte. Der Pater ist ubrigens nach aller Wahrscheinlichkeit mit dem Kahlkopf ein Mensch. Er fuhr dabei gen Himmel.
Julienne. Da bleib' er ja und der andere mit. Geht und ficht mich oder dich dieser dunkle Zauber-Bund etwas an, der in seinen falschen Wundern bisher immer durch seltsame wahre unterbrochen wurde? Ich kam damals in Lilar unschuldig dazu und verhutete vielleicht etwas Furchterliches.
Albano. Bei Gott, ich muss fragen. Was ist denn sein Zweck, wer sein Leiter, sein Oberer?
Julienne. Vermutlich der Vater der Grafin, denn der lebt noch unbekannt und ungesehen, hor' ich, obgleich dein Vater Vormund ist. Erstaune, wenn du zu Hause bist, und lasse die Ratsel, die sich ja fur uns beide schon so freudig entwickeln, und erwarte die Oktobertage.
Albano. Aber eins, geliebte Schwester, versage mir doch nicht, ein klares Wort uber mein und dein wunderbares Verhaltnis zur edlen Grafin! Nur das!
Julienne. Hat dirs denn schon mein Herz versagt? Die Herrliche! Wohl ihr und mir und dir! Dein erstes Wort der Liebe die Gotter setzten dies nun so fest sollte das Merkwort zu dem meinigen an dich werden, erst von der Geliebten durftest du die Schwester empfangen. Was Gaukler und Geister dazu und davon taten, das weiss niemand besser als der Oktober; was soll ich erst lange zwischen Luge und Meineid auslesen? Ich tat bloss alles, euch beide nur voreinander hinzustellen; das Ubrige wusst' ich voraus. Nichts gelang lauter erwurgender Wirrwarr alles ging bergan ich sah teuere Menschen192 in einem unseligen Fruhling entsetzliche Schmerzen saen und dabei so voll Hoffnungen lacheln und konnte ihre unglucklichen Hande nicht halten ich, die so gewiss allen Jammer vorauswusste. "O du fromme reine Seele droben!" sagte sie auf einmal mit zitternder Lippe zum Himmel hinauf die Geschwister umfassten sich sanft und weinten still uber das unschuldige Opfer.
"Nein," (sagte Albano sehr warm) "kein Hollenbund konnte uns scheiden, ware sie nur bei mir geblieben oder doch auf der Erde." "Sieh, Albano," (sagte Julienne, ihre frohern Lebensgeister wieder zusammenrufend, und offnete alle dunkele Fenster) "wie der Morgen-Hugel auf und ab prangt und wallet! Lasse mich ausreden! Recht zum grossten Gluck erfuhr ich im Winter, dass du nach Neapel gedachtest. Linda war schon einmal dagewesen, und ihre Mutter in den hiesigen Badern. 'Mir', (sagt' ich zu ihr) 'taten Ischias Bader so wohl als einer, reise mit, den tristen Vormund in Rom wollen wir gar nicht beruhren und besuchen.' Sie willigte leicht ein. Deiner wurde naturlich nicht gedacht, vorher aber oft genug in Briefen und sonst, wo ich dich immer unmassig lobte. Und nun nous voici donc! Gestern erhielt ich in Neapel den traurigen Brief meines Bruders. Von deiner Ankunft wusst' ich noch nichts. Ich liess die Grafin allein zu deinem Ton-Fest gehen und eilte mit dem schweren Herzen heim. Da sie freudig kam, tat sie ihres auf und sagte mir alles und dann ich ihr alles. Ach, gottlob," (setzte sie, ihm an den Hals fallend, dazu) "dass wir nun endlich im Elysium ausgestiegen sind und dass uns der morsche Charons-Kahn nicht hat ersaufen lassen. Aber fur ganz Europa, auch fur deinen Dian, bleibet auf unserer Verwandtschaft das Sekretsinsiegel daran, merke!" Er musste noch einige Fragen tun; sie antwortete immer aufgeweckt: "Der Oktober, der Oktober!" bis sie auf einmal, wie erwachend, ausrief: "O wie kann ich das so lustig sagen?" aber ohne sich daruber zu erklaren.
"Jetzt will ich dich, wie ichs bisher machte, zur Grafin bringen, aber uber einen kurzern Weg!" sagte sie, nahm seine Hand, fuhrte ihn hinaus, offnete das Zimmer gegenuber, wo Linda wohnte, und sagte: "Ich stelle dir meinen Bruder vor." Hoch errotend ging ihnen die edle Gestalt entgegen und umarmte ohne ein Wort die liebe Freundin. Als ihr Auge Albano wiederfand, wurde sie so betroffen, dass sie die Hand zuruckzuziehen suchte, die er kusste; denn sie hatte gestern kaum nur dammernd sein schones Auge und seine edle Stirn und den Mund der Liebe gesehen; und dieser bluhende Mensch stand, von doppelter Ruhrung beseelt, so hell und still und ernst vor ihr, voll edler, rechter Liebe. Ihr Herz ware gern an seines gefallen; wenigstens ihre Hand gab sie ihm in seine wieder und wunschte ihm Gluck zu diesem Morgen. Die nahe Antwort: "Und zum gestrigen Abend" konnt' er nicht uber die Lippe bringen, aus eigner verschamter Scheu, Lob zu geben wie zu nehmen. "Endlich ist der dritte Mann zum Reise-Kollegium gefunden" (sagte Julienne) "Denn du musst in einigen Tagen gleich fort, nach Pestitz musst du mit, Albano." "Ich mit, Schwester?" (sagt' er) "ich wollte einen Monat bleiben, in einige Tage aber ist der Besuch des Vesuvs, Herkulanums und Neapels zusammengedrangt." Er wunderte sich nachher selber uber den sussen Gehorsam unter die schonen Befehle der Liebe, da er sonst zu sagen pflegte: "Befiehl mir, zu befehlen: so gehorch' ich nicht." "Ich begleite meine Freundin," (sagte Linda) "so gern ich nach Griechenland gegangen ware, dem ich schon zweimal so nahe bin."
"Noch in dieser Nacht flieg' ich fort," (sagt' er) "ich will nur wachen, sehen, leben, lieben." Julienne fing schon mit Schwester-Sorgen fur seine Gesundheit und seine Zwecke an geteilt zwischen zwei Bruder, hatte sie sich gern, war' es nur moglich, beiden zugleich geopfert. "Ischia hat der gute Mensch auch noch nicht genossen," (sagte sie) "das muss er heute haben."
Albano fuhlte bei dieser neuen weiblichen Liebe, das Weib sei das Herz in der schonsten Gestalt. In ihm klang ein Freudenlied: welch ein Tag liegt vor dir, und welche Jahre! Vom Uberhang der doppelten Liebes-Bluten suss umschlungen und eingesponnen, sah er das Leben und die Erde voll Duft und Licht uber den Morgentau der Jugend war nun eine Sonne heraufgefuhrt, und die dunkeln Tropfen strahlten durch alle Garten hinauf und hinab.
Er warf endlich einen Blick auf den Ort, der ihn umgab; Niobes Gruppe, der Genius von Turin, Amor und Psyche standen abgegossen da, aus dem Kabinette eines Kunstlers in Neapel entlehnt die Wande waren mit seltenen Gemalden geschmuckt, worunter der niesende Schoppe war. Dieser allein drang mit der nordischen Vergangenheit heftig in sein erweichtes Herz, und er sagte der Geliebten sein Gefuhl. "Sie ziehen" (sagte sie) "der Kunst die Freundschaft vor, denn das Portrat ist das Schlechteste in meiner Sammlung; aber das Original verdient wohl alle Achtung."
Sie ging ins Kabinett und holte ein Miniaturbild von sich selber, das sie nach turkischer Sitte darstellt, eingeschleiert und nur ein Auge aufgedeckt. Wie neben der Schleier-Dammerung das offne SeelenAuge lebendig blickte und traf! Wie die Flamme ihrer Macht die Hulle der Milde durchbrannte! Linda nannte den Meister des herrlichen Bildes, eben diesen Schoppe, und setzte dazu: er habe gesagt, hier musse der Meister aus Gegengefalligkeit selber ein Werk loben, das ihn so parteiisch und kraftig lobe wie noch kein anderes Werk von ihm. Sie erklarte diese Verschiedenheit seines Pinsels aus einer Ursache, die er ihr selber fast wortlich gesagt: er habe namlich in seiner fruhesten Jugend ihre Mutter so lange geliebt, als er sie gesehen, und hernach niemand weiter, und darum hab' er, da sie ihr ahnlich sei, sie con amore gemalt und wirklich etwas zu leisten gesucht.
"O redlicher alter Mensch!" sagte Albano und konnte sich kaum der Tranen aus Augen, die so oft glucklich waren, erwehren; aber nur aus heiligem Freundschafts-Schmerz. Denn es fuhr nun durch ihn wie ein Wetterstrahl durch den hellsten Himmel die durch alles, durch Schoppens Tagebuch und Lindas Worte und Rabettens Brief gewisse Vermutung, dass Linda die Seele sei, die der sonderbare Mensch verborgen geliebt. Ein scharfer Schmerz schnitt eilig, aber tief durch seine Stirn; und er uberwand sich bloss durch seine jetzige jungere Frische des Geistes, durch neu gesammelte Kraft und Gewalt und durch den freien Gedanken, dass ein Freund dem Freunde wohl und leicht die Geliebte, aber nicht die Liebende geben und opfern konne oder durfe.
Julienne sagte: "Ein Wunder ists nur, dass der Bruder zwischen zwei solchen Phantasten wie dieser Schoppe und Roquairol nicht selber einer geworden." Ein fluchtiger Krieg brach aus. Linda sagte: "Schoppe ist nur eine sudliche Natur im Kampfe mit dem nordischen Klima." "Eigentlich mit dem Leben selber", sagte Albano. Julienne blieb dabei: "Ich liebe uberall Regel im Leben; bei beiden ist man nie ruhig und a son aise, sondern nur a leur aise." Sie fragte ihn geradezu uber Roquairol. "Er war einmal mein Freund, und ich spreche nicht mehr von ihm", sagt' Albano, dem des zernichteten Lieblings folternde Liebe gegen Linda und selber dessen Verwandtschaft mit Liane die Zunge band. Linda ging mit dem blossen Urteile eines uberspannten Schwachlings leicht und ohne besonderes Gedenken seiner Liebe gegen sie oder ihres Abscheues vor ihm daruber hin; sie vergass in der Ferne ebenso kalt jeden, der ihrem Innern widrig war, als sie in der Nahe ihn heftig davonstiess.
Julienne entfernte sich, um die Anstalten zur kleinen Tag- und Inselreise zu treffen. Albano schickte ein Blatt an Dian als Marschroute nach Neapel; Linda sagte uber Julienne: "Ein tief- und festgegrundetes Gemut!" "Das Stamm und Zweige nur in lauter kleine duftende Bluten einhullt", setzt' er hinzu. "Und gerade, was sie in Buchern und Gesprachen hasset, die Poesie, die treibt sie recht in Taten. Individualitat ist uberall zu schonen und zu ehren als Wurzel jedes Guten. Sie sind auch sehr gut", setzte sie mit sanfter Stimme dazu. "Wahrlich, jetzt bin ichs," (sagt' er) "denn ich liebe recht; und nur ein vollendetes Wesen kann man recht lieben und ganz uneigennutzig!"
So muss das Sonnenbild vollendet und rund auffallen, um zu brennen. "Oder eines, das man dafur halt" (sagte sie) "Ich bin, was ich bin, und werde schwerlich anders. Wenn nur der Mensch einmal einen Willen hat, der durch das Leben geht, nicht von Minute zu Minute, von Mensch zu Menschen wechselt das ist die Hauptsache." "Linda," (rief Albano) "ich hore meine Seele es gibt Worter, welche Taten sind; Ihre sinds." Wenn sie so ihre Seele aussprach, verschwand vor seinem bezauberten Geiste die schone Gestalt, wie die goldne Saite verschwindet, wenn sie zu tonen anfangt. Von der Vergangenheit verwundet und bestraft fur seine oft harte Kraft, hauchte er ob ihn gleich jetzt das Leben, die Welt und selber das Land kuhner, heller, fester und heisser gemacht die unisonen Aolssaiten dieser vieltonigen Seele nur mit leisem Atem an. Aber wie musste sie ein Mann bezaubern, zugleich so machtig und so zart ein sanftes Sternbild aus nahen Sonnen ein schoner Kriegsgott mit der Lyra eine Sturmwolke voll Aurora ein mutiger, heisser Jungling, der so redlich dachte! Aber sie sagte es nicht, sondern liebte bloss wie er.
Er warf einen zufalligen Blick auf ihre kleine Tisch-Bibliothek. "Lauter Franzosen!" sagte sie; er fand den Montaigne, das Leben der Guyon, den Contrat social und zuletzt Madame Stael: "Sur l'influence des passions". Er hatte diese gelesen und sagte, wie ihm die Artikel uber die Liebe, die Parteien und die Eitelkeit unendlich gefallen und uberhaupt ihr deutsches oder spanisches Feuerherz, aber nicht ihre franzosische kahle Philosophie, am wenigsten ihre unmoralische Selbstmordsucht. "Lieber Gott," (rief Linda) "ist nicht das Leben selber ein langer Selbstmord? Albano, alle Manner sind doch irgendwo Pedanten, die guten in der sogenannten Moralitat, und Sie besonders Kantische Maximen, breite weite Facher, Prinzipien mussen sie alle haben. Ihr seid alle geborne Deutsche, recht deutsche Deutsche, Sie auch, Freund. Hab' ich recht?" setzte sie sanft dazu, als begehre sie ein Ja.
"Nein!" (sagte Albano) "Sobald einmal ein Mensch etwas recht ernstlich und ausschliessend treibt und verlangt: so heisset er ein Phantast oder Pedant." -"O die ewigen Leser und Leserinnen!" rief Julienne, hereintretend, uber sein Buch in der Hand aus. "Nie hat die Prinzessin eine Vorrede und eine Note gelesen," (sagte Linda) "wie ich noch keine weggelassen." Weiber, die Vorreden und Noten lesen, sind bedeutende; bei Mannern ware hochstens das Gegenteil wahr. "Wir konnen reisen, alles ist fertig", sagte Julienne.
112. Zykel
Wie wehte draussen als sie in die festliche Welt kamen das kuhle Himmelsblau herab statt der Erdenlufte! Wie glanzte die Welt und der Tag und die Zukunft! Wie schaumte im Lebenskelche der Liebestrank, fur jeden der drei Menschen aus zwei berauschenden Mitteln gemacht, glanzend uber!
Sie folgten dem Wege nach dem Gipfel des Epomeo, aber in ausweichender Freiheit und in einem Wechsel der Natur, der nirgends weiter auf der Erde so ist. Sie begegneten Talern mit Lorbeern und Kirschen, mit Rosen und Primeln zugleich. Es kamen kuhle Schluchten, mit reifen Orangen und Apfeln ausgefullt, neben heissen Felsen von Aloe und Granaten, und an die Gipfel des Kirsch- und Apfelbaums ruhrten oben die Wein- und Orangenbluten. In den bluhenden Kluften schlugen sichere Nachtigallen, und aus den Ritzen schossen giftlose Schlangenkopfe ans Licht Zuweilen kam ein Kloster in einem Zitronenwaldchen, zuweilen ein weisses Haus am Weingarten, bald eine kuhle Grotte, bald ein Kohlgarten neben rotem Klee, bald eine kleine Aue voll weisser Rosenblumen und Narzissen, und uberall ein Mensch, der singend, tanzend und anredend voruberging. Wechselnd deckten Hohen und Garten das Land und das Wasser auf und zu, und lange schimmerte oft das weite ferne Meer und seine Wolken-Kuste wie ein zweiter Himmel durch die grunen Zweige nach.
Sie kamen dem Hause des Einsiedlers auf dem Gipfel immer naher, auf bunten goldnen Schwungfedern des Lebens sich wiegend. Sie sagten einander zuweilen ein freudiges Wort, aber nicht um sich mitzuteilen, sondern weil das Herz nicht anders konnte und ein Wort nichts war als ein freudiger Seufzer. Sie standen endlich auf dem Erden-Thron und blickten wie von der Sonne herunter. Rings um sie war das Meer gelagert, ins Blau des Horizonts verschmolzen von Kapua her zog in der Tiefe der weisse Apennin um den Vesuv und heruber auf der langen Kuste Sorrentos fort und vom Pausilipp an verfolgten die Lander das Meer bis uber Mola und Terracina auf der geoffneten Welt-Flache erschien alles, die Vorgeburge, die gelben Krater-Rander auf den Kusten und die Inseln rings umher, die der verhullte furchterliche Gott unter dem Meere aus seinem Feuerreich an die Sonne getrieben und das holde Ischia, mit seinen kleinen Stadten an den Ufern und mit seinen kleinen Garten und Kratern, stand wie ein grunendes Schiff im grossen Meer und ruhte auf zahllosen Wogen.
Da verschwanden drunten die Grossen der Erde, nur die Erde allein war gross, und die Sonne mit ihrem Himmel wars. "O wie sind wir glucklich!" sagte Albano. Ja, ihr waret glucklich dort, wer wird es nach euch sein? Sich auf dem Baum des Lebens wiegend, auf welchen schon sein Kindes-Auge so fruh und sehnsuchtig geblickt, sagt' er alles, was ihn erhob und ergriff: "Daran erkenn' ich die Allgewaltige, zornig und flammend steigt sie aus dem Meersboden herauf, pflanzt ein brennendes Land, und dann teilt sie wieder lachelnd an ihre Kinder Blumen aus; so sei der Mensch, Vulkan dann Blume." "Was sind dagegen" (sagte Julienne) "alle Winterlustbarkeiten des deutschen Wonnemonds! Ist das nicht eine kleinere Schweiz, nur in einem grossern Genfersee?" Die Grafin, durch ihr Spanien einheimischer in solchen Reizen, hielt sich meistens still. "Der Mensch" (sagte sie "ist die Oreade und Hamadryade oder sonst eine Gottheit und beseelet Wald und Tal, und den Menschen selber beseelet wieder ein Mensch."
Der Einsiedler erschien und sagte, ihr heraufgesandtes Mahl sei langst angekommen; er lobte seine Hohe mit: "Oft" (sagt' er und machte Julienne lachen) "raucht mein Berg wie der Vesuv, und Badgaste sehen herauf und furchten etwas, es ist aber, weil ich mein Brot hier oben backe." Sie lagerten sich im schattigen Freien. Man musste immer wieder auf die liebliche verkleinerte Insel hinabsehen, die mit ihren in Garten gesaeten Garten, mit ihren mit Herbsten durchflochtenen Fruhlingen so ganz und nahe lag, ein grosser Familiengarten, wo die Menschen alle beisammen wohnen, weil nicht Lander sich mit Landern verwirren, und die Bienen und die Lerchen fliegen nicht weit uber den Garten des Meeres hinaus. Gleich offnen stillen Blumen waren die drei Seelen nebeneinander, duftend fliegt der Blumenstaub hin und her, neue Blumen zu erzeugen. Linda versank ganz in ihr grosses tiefes Herz; der Liebe ungewohnt, wollte sie sie darin anschauen und geniessen, indes kein Wort Albanos ihr entfloh, denn es gehorte zur Liebe im Herzen. Von Milde ubergossen und sinnend war sie da, mit dem grossen Auge halb unter dem niedergehenden Augenlid nach ihrer Sitte immer lange schweigend wie lange sprechend. Wie der Diamant ebenso glanzt wie der Tautropfe, nur aber mit fester Kraft und auch ohne Sonne: war ihr Herz dem weichsten in jeder weiblichen Milde und Reine gleich und ubertraf es nur an Starke. Entzuckt sah Julienne es an, wenn sie etwa nach einem kindlichen Vergessen Albanos, weil ihr Rede-Strom sie von einer Welt in die andere gerissen plotzlich und mit unbefangener Freude mit ihrer feingeformten Hand zu des Junglings seiner zuruckkehrte, dem ihr Handedruck nichts Kleineres war als eine zartere Umarmung.
Sie nahmen den nahern Ruckweg gegen Albanos Wohnung herab, die immer in ihrem Reben-Geniste zu ihnen heraufsah. Man war noch so kurz beieinander am Morgen reisete Albano. Er sollte von Portici aus schreiben, ein Bote den Brief holen "und er bringt mir auch einen", sagt' er; "gewiss nicht!" sagte Linda. Albano bat. "Sie wird sich schon andern und schreiben", sagte Julienne. Sie verneinte. Allmahlich liefen Schattenfurchen neben den schwarzen Lavastromen den Berg hinab, und in den Pappeln fingen Nachtigallen schon ihre melodische Dammerung an. Sie kamen Albanos Hause nahe; Dian lief entzuckt der Prinzessin entgegen. Albano bat ihn, ohne beide gefragt zu haben, eine Barke zu schaffen, damit man den Abend geniesse. Gerade zu gewaltsamen Antragen der Freude sagen die Madchen am liebsten das Ja. Dian war sogleich mit einer zur Hand; mit seiner Freude hing er schnell an jeder fremden.
Sie stiegen alle ein und fuhren unter die Sonnenblumen, die jeder Sonnenstrahl auf die Wellen-Beete immer dichter pflanzte. Albano vergass im jetzigen Feuer, gewohnt an die Sitten des warmen Landes, wo der Liebende vor der Mutter spricht und sie von ihm mit der Tochter, wo die Liebe keinen Schleier tragt, nur der Hass und das Gesicht, und wo die Myrte in jedem Sinne die Einfassung der Felder ist sich einen Augenblick vor Dian und nahm Lindas Hand; schnell entriss sie ihm sie, der Madchen-Sitte treu, die den Arm verschenkt und den Finger und Fingerhut verweigert. Aber sie sah ihn sanft an, wenn sie abgeschlagen.
Sie kamen auf ihrer Fahrt von Osten nach Norden wieder vor dem Felsen mit den Hausern und vor den Gassen der Ufer-Vorstadt voruber. Alles war froh und freundlich alles sang, was nicht schwatzte die Dacher waren mit Webstuhlen seidner Bander besetzt, und die Weberinnen sprachen und sangen zusammen von Dach zu Dach. Julienne konnte kaum das Auge von diesem sudlichen Vereine ablassen. Sie zogen weiter ins Meer, und die Sonne ging ihm naher zu. Die Wellen und die Lufte spielten miteinander, jene wehend, diese wogend Himmel und Meer wurden zu einem Blau gewolbt, und in ihrer Mitte schwebte, frei wie ein Geist im All, das leichte Schiff der Liebe. Der Umkreis der Welt wurde ein goldner geschwollner Ahrenkranz voll gluhender Kusten und Inseln Gondeln flogen singend ins Weite und hatten schon Fackeln fur die Nacht bereit zuweilen zog hinter ihnen ein fliegender Fisch seinen Bogen in der Luft, und Dian sang ihnen ihre bekannten vorubergleitenden Lieder nach. Dort segelten stolz und langsam grosse Schiffe her, mit rotem und blauem Helmbusch gleich dem Himmel flatternd, und als Sieger dem Hafen zu. Uberall war Lebens-Most ausgegossen und arbeitete brausend So spielte eine gottliche Welt um den Menschen! "O hier an dieser grossen Stelle," (sagte Albano) "wo alles Platz hat, die Paradiese und die schwarzen Orkus-Ufer aus Lava und das weiche Meer und Vesuvs graues Gorgonenhaupt und die spielenden Menschen und die Bluten und alles hier, wo man gluhen muss wie eine Lava durfte man da nicht sich gleich der heissen Lava umher in die Wellen begraben in seiner Glut, wenn man wusste, es konne etwas vergehen von dieser Stunde, nur etwas vom Andenken davon, oder ein Pulsschlag fur ein Herz? Ware das nicht besser?" "Vielleicht", sagte Linda. Julienne wurde durch die weiche Freude vor das ferne Krankenbette ihres Bruders gezogen und sagte lachelnd: "Kann man es nicht wie die schone Sonne druben machen und unter die Wellen gehen und doch wiederkommen? Schauet doch ihrem Untergange recht zu, nirgends ist er auf der Erde so."
Die Sonne stand schon, zu einem grossen Goldschild gewachsen, vom Himmel gehalten, uber den Ponzischen Inseln und vergoldete das Blau derselben die weisse Krone aus Felsen-Stacheln, Kapri, lag in Glut, und von Sorrentos bis Gaetas Kusten war den Welt-Mauern dammerndes Gold angeflogen die Erde rollte mit ihrer Achse wie mit einer Spielwelle nahe an der Sonne und schlug aus ihr Strahlen und Tone seitwarts lagerte sich versteckt der RiesenBote der Nacht auf das Meer, der unendliche Schatte des Epomeo.
Jetzt beruhrte die Sonne ihr Meer, und ein goldner Blitz zitterte durch den nassen Ather umher und sie wiegte sich auf tausend feurigen Wellen-Flugeln und sie zuckte und hing liebesbrunstig, liebegluhend an dem Meere, und das Meer sog brennend alle ihre Glut Da warf es, als sie vergehen wollte, die Decke eines unendlichen Glanzes uber die erblassende Gottin Dann wurd' es still auf der Welt eine bewegliche Abendrote uberfloss mit Rosen-Ol alle Wogen die heiligen Untergangs-Inseln standen verklart die fernsten Kusten traten heran und zeigten ihr Rot der Entzuckung auf allen Hohen hingen Rosenkranze der Epomeo gluhte bis zum Ather hinauf, und auf dem ewigen Wolkenbaum, der aus dem hohlen Vesuv aufwachset, verglomm im Gipfel der letzte dunne Glanz.
Sprachlos wandten sich die Menschen von dem Westen nach dem Ufer um. Die Schiffer fingen wieder an zu sprechen. "Mache," (bat Linda ihre Freundin leise) "dass dein Bruder sich immer nach Abend wendet." Sie erfullte die Bitte, ohne deren Grund sogleich zu erraten. Immer sah Linda in sein schon beglanztes Angesicht. "Bitt ihn wieder," (sagte sie zum zweitenmal) "es dammert zu sehr, und meine kranken Augen sehen ohne Licht so ubel." Es geschah nicht; denn sie stiegen sogleich ans Ufer. Die Erde zitterte ihnen, da sie sie betraten, als ein Sangboden der seligen Stunde nach. Albano war in sprachloser Ruhrung auf das geliebte Angesicht geheftet, das er bald wieder verlassen sollte; "ich schreibe Ihnen", sagte sie unaufgefodert mit einem so ruhrenden Widerrufe der vorigen Drohung, dass er sich, war' er nicht unter fremden Augen gewesen, danktrunken auf ihre Hand, an ihr edles Herz gesturzet hatte. Das Scheiden und das Ende eines harmonischen Tages wurde schwer, worin der Ton jeder einzelnen Minute wieder ein Dreiklang gewesen. Jetzt schied Dian schon. "Nicht einmal die Rosen des Abends" (sagte Julienne) "sind ohne Dornen." "Abgebrochen, ist uberall das beste; wir wollen nach Hause", sagte Linda. Albano bat, dass er begleiten durfe. "Wozu?" sagte Linda. Leise setzte sie ihrer Augen wegen dabei: "Ich kann Euch kaum mehr sehen indes kommt nur, ich hore doch." "Schone Veranderliche!" sagte Julienne. "Ich verandere mich," (sagte sie) "aber kein anderer nur bis zur Kapelle, Albano, Ihr schiffet morgen fruh fort." "Nicht einmal, heute noch vielleicht", sagte er.
Indem sie nun so langsam und immer langsamer den Berg hinangingen und die Nachtigallen schlugen und die Myrtenbluten dufteten und die lauen Lufte flatterten und oben die ganze zweite Welt wie eine verschleierte Nonne durch die Silber-Gitter der Sternbilder heilig schauete: so uberfloss jedes Herz von treuer Liebe, und der Bruder und die Schwester und die Geliebte nahmen wechselnd einander die Hand.
Auf einmal stand Linda an der Stelle der gestrigen Vereinigung und sagte: "Hier soll er gehen, Julienne!" und zog schnell ihre Hand aus seiner und streichelte leicht uber seine Locken und seine Wange und dann uber sein Auge und fragte: "Wie?" in einen Traum verirrt. "Gleich," (sagte Julienne) "aber auf den italienischen Winter muss man doch, um nur heimzukommen, gar warten, auf den Mond." Da fiel der Bruder der zarten Schwester, welche ihm dadurch die langere Gegenwart und der Freundin das Wiedersehen durch die starkere Beleuchtung zubereiten wollte, an das Herz und rief mit Tranen aus: "O Schwester, wie viel hast du nicht fur mich getan, eh' ich etwas tun oder dir danken konnte du reichst mir ja alles, jedes Gluck, die hochste Seligkeit, o wie bist du!" "Der Mond ist da!" (rief sie) "nun reise glucklich und scheide!"
Wie ein silberner Tag war der Mond auf die Geburge heraufgetreten, und die verklarte Geliebte sah des Geliebten bluhendes Angesicht wieder. Er nahm ihre Hand und sagte: "Lebe wohl, Linda!" sie sahen sich lange an, die Augen voll Seelen, und sie wurden sich fremder und hoher da druckte er, ohne zu wissen wie, die erhabene Jungfrau, wie ein seliger Geist eine Fruhlingssonne, sich an das Herz und er beruhrte das Heiligtum ihres Angesichts mit dem seinigen, und wie Morgenroten zweier Welten schmolzen ihre Lippen zusammen. Linda schloss die Augen und kusste zagend, und nur ein einziges Leben und Gluck rollte und gluhte zwischen zwei Herzen und Lippen. Julienne umschlang leise die Umarmung mit ihrer und begehrte kein anderes Gluck. Darauf schieden alle, ohne wieder zu sprechen oder sich umzusehen.
113. Zykel
Albano flog mit der neuen Hastigkeit, die jetzt in seinen Handlungen regierte, schon unter dem kuhlen Morgenstern von dem glucklichen Boden davon. Er sagte dem Baumeister Dian sein ganzes Gluck, weil er wusste, wie sehr der Mann noch ein Jungling fur die Liebe blieb; "bravo!" (antwortete Dian) "Wer kann ohne Liebe in Italien auskommen? Unsereiner wenigstens nicht. Hoffentlich ist Euere prachtige Juno gegen Euch nicht so stolz wie gegen andere Leute: dann mags wohl ein Gotterleben geben."
In den Morgenluften, von Sonne und Woge angestrahlt, schwebt' er gleitend auf dem blauen SpiegelMeer zwischen zwei Himmeln, und sein Auge war selig, wenn es nach dem Olymp, Epomeo, zurucksah, und war selig, wenn es wieder auf die hinauf- und hinabschimmernden Kusten, auf den langen ausgelegten Markt der Erde blickte.
Als sie unter den schwimmenden Palasten, den Schiffen, vorbei an die stehenden kamen: trafen sie das Volk im Taumel eines Heiligen-Festes. Er vergrub gezwungen den blauen Tag und das Meer in Tempeln in Bildersalen in vierten Stockwerken, wo nach der Sitte einige Grosse wohnten, an welche er von seinem Vater Briefe abgab und schoner in der unterirdischen finstern Gasse, die sich durch den bluhenden Posilippo wolbt.
Nur der Aussicht, dass er in der ersten nachsten Einsamkeit mit dem entruckten Herzen reden werde, beruhigte seinen immer aus der Gegenwart fliehenden Geist. Abends bestiegen sie die schonste Hohe uber Neapel, das Kamaldolenser Kloster, wo er unter den Freuden der Aussicht in grauer Ferne hinter dem Posilippo den hohen Epomeo stehen sah. Er hielt sich nicht langer, sondern fing an einer dichter umbluhten Stelle, die er sich dazu aussuchte, diesen Brief an Linda an:
"Endlich, edle Seele, kann ich zu dir reden und deine Insel wieder schauen, wiewohl nur als eine aufgerichtete sonnenrote Abendwolke am Horizont. Linda, Linda, o dass ich dich habe und hatte! Dauert denn der zweitagige Gotter-Traum noch heruber ins kalte Heute? Du bist jetzt so fern und stumm, und ich hore kein Ja. Als ich in Rom auf der Peterskuppel in den blauen Morgenhimmel sah und das Leben um mich brausend schwoll, wie die Lufte mich umwehten: so war mir, als musst' ich mich in ein fliegendes Konigsschiff werfen und ein Ufer suchen, das unter dem tiefsten Sternbild grunt; als musst' ich wie eine Kaskade hinabflattern durch den Himmel und mich drunten durch das steinige Leben reissen, dringend und zerstorend und tragend. Und so ist mir jetzt wieder und noch starker; ich mochte zu dir hinuberfliegen und sagen: du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine Ewigkeit, aber ich muss dich verdienen; ich kann nichts fur dich tun, ausser fur mich. In der alten Zeit waren geliebte Junglinge gross, Taten waren ihre Grazien und der Panzer ihr Feierkleid. Heute, als ich auf den Golf von Baja und auf die Ruinen hinubersah, wo die Garten und Palaste der grossen Romer noch mit Trummern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftluften, davon erquickt, aber nicht erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltteile bewegte, und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden, der Glut in Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann der Mann anders sein? Der Lowe geht uber die Erde, der Adler geht durch den Himmel, und der Konig dieser Konige habe seine Bahn auf der Erde und in dem Himmel zugleich. Noch war und tat ich nichts; aber wenn noch das Leben ein leerer Nebel ist, kannst du ihn ubersteigen, oder festgreifen und zerschlagen? Willst du einmal, du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zuruck. Aber Worte sind an Taten nur Sagespane von der Herkuleskeule, wie Schoppe sagt. Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstossen, so will ich dich im Sturm der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe.
Hier steh' ich auf der gottlichen Hohe des Klostergartens und blicke in ein grunes Himmelreich ohnegleichen hinab. Die Sonne ist schon uber den Golf hinuber und wirft ihre Rosenfeuer unter die Schiffe, und ein ganzes Ufer voll Palaste und voll Menschen brennt rot durch die langen aufgebreiteten Strassen unter mir rollt das Festgetummel schon herauf, und die Dacher sind voll geschmuckter Menschen und voll Musik, Balkons und Gondeln erwarten die gottliche Nacht zu den Gesangen. Und hier bin ich allein und bin doch so glucklich und sehne mich ohne den Schmerz. Aber war' ich vor vier Tagen, Linda, wo ich dich noch nicht kannte und noch nicht hatte, hier gestanden und hatte angesehen diesen Abend das goldne Meer das heitere Portici, das Sonne und Meer mit Flammen anspulen den herrlichen Vesuv mit goldgrunen Myrten umwunden und mit dem grauen Aschen-Haupt voll Sonnenglut und hinter mir die grune Ebene voll Wolken aus Blutenstaub, die aus Garten steigen und in Garten regnen und den ganzen webenden Zauberkreis freudiger Krafte, diese in Licht und Leben schwimmende Welt; dann, Linda, hatte ohne dich durch die warme Seligkeit ein kalter Schmerz gezuckt, und im goldnen Abendlicht waren Erinnerungen mit Trauer-Larven gegangen.
O Linda, wie hast du meine Welt gereinigt und erweitert, und ich bin nun uberall glucklich. Du hast den schweren scharfen Pflug des Lebens, der muhsam an der Ernte arbeitet, in einen leichten Griffel und Pinsel verwandelt, der umherspielt, bis er eine GotterGestalt erschafft. Sah' ich heute nicht jeden Tempel und jeden Hugel froher, wie von dir vergoldet, und jede Schonheit, sie mochte an der Statue, auf der Leinwand oder auf der singenden Lippe oder auf den Gipfeln bluhen, prangte und duftete uppiger, und dann flog ich von der kleinen Blume auf zur bluhenden Linda?
Wie herrschet die dunkle Gewalt hinter der Wolke! Versiegelte Befehle gibt sie uns mit, damit wir sie auf einer spaten fremden Stelle erbrechen. Gott, erst auf Ischias Epomeo musst' ich meinen offnen, da ging ein Augenblick uber das Leben und gebar die Ewigkeit, der Schmetterling brachte die Gottin!
Der Abend geht unter, und ich muss schweigen. Wusst' ich nur, wie der deinige ist! Mein Leben besteht jetzt aus zwei Stunden, deinen und meinen, und ich kann nicht mehr mit mir allein leben. Dieser Tag sei dir doch reich und mild entwichen und dein Abend wie meiner! Die Sonne rotet nur noch den Vesuv, die Inseln vergluhen langsam im dunkeln Meer, ich schaue nun, ohne mit dir zu sprechen, den grossen Abend an, aber o Gott, so anders als in Rom! Selig werd' ich mein Auge nur an deine ausloschende Insel im Glanz-Getummel des Abendrots heften und lange noch hinsehen, wenn schon Epomeos Gipfel in der Nacht verwittert; und dann werd' ich heiter in das mit Lichtern umstellte Grab der Farben unter mir schauen frohe Gesange werden durch die Dammerung ziehen die Sterne werden liebreich schimmern und ich werde sagen: 'Ich bin allein und still, aber unaussprechlich selig, denn Linda hat mein Herz, und ich weine nur aus Liebe, weil ich an ihres denke', und trunken werd' ich durch den Blutenrauch des Bergs hinuntergehen."
*
Er kam langsam nach Neapel zu seinem Freunde Dian zuruck, alle Fest-Lust, die ihm begegnete, das ganze Odeum der Wonne, in welchem das klingende Rad der Leier schwindelnd umrollte, schien ihm bloss sein Nachklang zu sein, indes sonst erst den aussern sinnlichen Saiten des Menschen die innern nachklingen. Er wollte nur immer weiter und noch wenn es ginge diese Nacht auf den Weg nach dem Vesuv, fur ihn gab es jetzt nur eine Tagszeit. Das warmere Klima samt der Liebe und dem Mai schienen alle Fruhlingswinde seiner Krafte zu wecken, sie wehten ungestum, ihm selber sogar bewusst; nur vor der Geliebten war er, noch wund von der Vergangenheit, bloss ein Zephyr, der die staubende Blute schont. Am andern Tage wollt' er nun den Vesuv besteigen und am Morgen darauf seinen Dian in Portici erwarten, wenn er vorher auf dem Vulkan die Sonne hatte aufgehen sehen.
114. Zykel
Seine Reise beschrieb er seiner Geliebten:
In der Hutte des Einsiedlers auf dem Vesuv
"Warum liegt nicht der Mensch auf den Knien und betet die Welt an, die Berge, das Meer, das All? Wie erhebt es den Geist, dass er ist und dass er die ungeheuere Welt denkt und sich! O Linda, ich bin noch voll von dem Morgen; auch wohne ich noch auf der erhabnen Holle. Gestern reisete ich am Morgen mit meinem Bartolomeo durch den reichen vollen Gartenweg nach dem heitern Portici, das sich an den Riesen anschmiegt wie Catana an den Atna. Immer dieselbe grosse, durch dies erhabene Land ziehende epische griechische Verschmelzung des Ungeheuern mit dem Heitern, der Natur mit den Menschen, der Ewigkeit mit der Minute. Landhauser und eine lachende Ebene gegenuber der ewigen Todesfackel zwischen alten heiligen Tempelsaulen geht ein lustiger Tanz, der gemeine Monch und der Fischer die Glut-Blokke des Bergs turmen sich als Schutzwehr um Weingarten, und unter dem lebendigen Portici wohnt das hohle tote Herkulanum ins Meer sind Lavaklippen gewachsen, und in die Blumen schwarze Sturmbalken geworfen. Das Steigen war anfangs meiner Seele Erquickung, der lange Berg wurde der vollen Wolke ein Ableiter. Spat nachts im ewigen Steigen kamen wir ohne Genuss der Abendsonne, durch deren roten Glanz auf der Asche wir schnell waten mussten, hier beim Einsiedler an; der Mond war noch nicht herauf, deine Insel noch unsichtbar. Oft donnerte es unter dem Fussboden der Stube. Da wurd' ich auf einmal vom Einsiedler schon an meinen alten Schoppe erinnert, indem er mir erzahlte, dass einmal ein hinkender Reisender mit einem Wolfshund hieruber gesagt: im Vesuv sei der Stall der unaufhorlich polternden Donnerpferde. Das war nach allem gewiss nur Schoppe.
In der Mitternacht, meine Linda, als der Mond uber den Apennin heruber war und mit einem entzuckten langen Silberblick vom Himmel sah und ich an dich dachte, stand ich auf und ging leise hinaus, um wieder zu sehen, wo du wohnest, meine Linda. Draussen war es uberall still, ich horte gleichsam die Erde auf ihrer Bahn im Himmel donnern die Schatten der Lindenbaume um mich schliefen fest auf dem grunen Rasen Vesuvs Rauch stieg empor in die reine Luft uber das dampfende Meer hin glanzte wunderlich der Mond, und muhsam sucht' und fand ich endlich den einsamen Berg deiner Insel, hoch ins Blau gezogen, silbern bluhend unter den Sternen um ihn her, eine schimmernde Tempelzinne fur mein Herz. 'Dort wohnt und schlummert Sie auf dem Tabor, eine Verklarte des Elysiums!' sagte ich mir. Um mich war Asche der Jahrhunderte, Stille des Sargs, und nur zuweilen ein Poltern, als werfe man auf jenen den Grabhugel ich war weder im Land des Todes noch der Unsterblichkeit Die Lander wurden Wolken Neapel und Portici lagen verdeckt das weite Himmelsblau umfing mich ein hoher Nachtwind bog die Rauchsaule des Vulkans nieder und fuhrte sie wechselnd-beglanzt in langen Wolken durch den reinen Ather fort. Da sah ich nach Ischia, und sah gen Himmel, o Linda, ich bin aufrichtig, hor' es, dass ich die fromme Liane, die dich so unendlich liebte, bat, jetzt um dich zu schweben und dir das Gluck zu bereiten, das sie dir sonst so gonnte. Auf einmal wurden die Donner des Berges ganz still, die Sterne blitzten heller; da schauderte mich die Stille und das Leben, und ich ging in die Hutte zuruck, aber lange noch weint' ich vor Entzuckung uber den blossen Gedanken, dass du glucklich wurdest.
Der Morgen ging auf; und mitten in seinem dunkeln Winter traten wir die Reise nach der FeuerSchlucht und Rauchpforte an. Wie in einer abgebrannten dampfenden Stadt ging ich neben Hohlen um Hohlen, neben Bergen um Berge vorbei und auf dem zitternden Boden einer ewig arbeitenden Pulvermuhle dem Pulverturm zu. Endlich fand ich den Schlund dieses Feuerlands, ein grosses gluhendes Dampf-Tal wieder mit einem Berg eine Landschaft von Kratern, eine Werkstatte des Jungsten Tags voll zerbrochner Welt-Stucken, gefrorner, geborstener Hollenflusse ein ungeheuerer Scherbenberg der Zeit aber unerschopflich, unsterblich wie ein boser Geist und unter dem kalten reinen Himmel sich selber zwolf Donnermonate gebarend. Dunkelroter steigt auf einmal der breite Dampf, wilder gehen die Donner ineinander, heisser raucht die schwere Hollen-Wolke plotzlich fahrt Morgenluft herein und schleppt den flammenden Vorhang den Berg hinab Da stand die helle gutige Sonne auf dem Apennin, und der Somma und Ottayano und Vesuv bluhten im Friedens-Glanz, und die Welt ging langsam nach der Sonne auf mit Geburgen, Inseln und Kusten. Der Ring der Schopfung lag auf dem Meere vergoldet vor mir, und wie die Zauberstabe der Strahlen die Lander beruhrten, so fuhren sie lebendig empor.
Und der alte Konigs-Bruder des Vesuvs, der Atna, sass auf seinem goldnen Thron und schauete uber sein Land und Meer. Und wie Schnee rollte von den Geburgen der lichte Tag in das Meer herunter, in Glanz zerrinnend, und floss uber das weite gluckliche Kampanien und in dunkle Kastanien-Taler. Und die Erde wurde unabsehlich, und die Sonne zog im weiten Strahlen-Netz die suss-gefangne Welt im schonsten Ather weiter.
O Linda, da prangte deine Insel ausgebreitet, stolz gelagert im Meer mit herunterfliessendem Morgenrote, ein hochmastiges Kriegsschiff und ein Adler, der Vogel des Donnergottes, flog in die selige Weite, als trag' er mein Herz in seiner Brust zu deinem Epomeo hin. O ich mochte ihm nach, sagte mein Geist. Der heisse Boden tat Donnerschlage, und der Rauch umhullte mich. Ich mochte sterben, damit ich dem Adler nachfloge und jetzt in Ischia ware..."
*
Hier hielt die heftig erregte Seele sich innen. Er ging oder glitt den Abhang nach Portici herab. In einem gegenseitig vorher festgesetzten Hause glaubt' er seinen Freund wiederzufinden. Aber er fand weder Dian noch den erwarteten Brief von Linda. Entkraftet von Gehen, Wachen und Gluhen, fiel er im kuhlen, stillen Zimmer in einen Traumschlaf. Da er erwachte, stand die Mitternacht des italienischen Tags um ihn, die Siesta alles ruhte unter dem heissen stillen Lichte im Himmel war keine Lerche die grunen Sonnenschirme neben seinem Fenster, die Fichten, standen ungeregt in der Erde, und nur die Pappeln wiegten leise die neugeborne Blute des Weins, die in ihren Armen lag und der Efeu, der von Gipfeln hing, schwankte ein wenig. Solche Schattenzweige spielten einst in Lilar in Charitons Zimmer, als er Lianen erwartete und damals an Italien dachte. Der grosse ebene einfache Garten von Portici nach Neapel, ein von Wellen umspultes Garten-Gewebe von Dorfern, Baumwaldchen und Landhausern, fuhrte sein Auge uber Bluten nach seinem Paradies im Meer. Diese einsame stille Zeit voll Sehnsucht erweichte unendlich sein schones Herz. Er endigte so den abgebrochnen Brief:
In Portici
"O meine Linda! Ich bin dir wieder naher, aber die Ferne zwischen uns wird mir hier in der Stille so weit! O Linda, ich liebe dich mit Schmerzen, in der Nahe, in der Ferne o mit welchen verlor' ich dich erst? Warum bin ich denn deiner Liebe so gewiss? Oder so ungewiss? Leise spricht dein Herz zu mir. Leise Musik und Liebe ist einer entfernten gleich, und die ferne auch wieder der leisen. Hat mich der erhabne Saulenstuhl des Donnergottes neben mir so sehr erschuttert, oder denk' ich zu lebhaft an das hohle tote Herkulanum unter mir, wo eine Stadt ein Sarg ist: weinend und beklommen seh' ich uber das Meer an die stille Insel, worauf du wohnst. O dass es so lange wird, bis wir uns sehen, dass du nicht gleich jeden Gedanken aus meinem Herzen schopfst und ich aus deinem! Warum stellt mir das Ausbleiben deines Briefs auf einmal grossere Schmerzen, ach die grossten vor die Seele? Warum denk' ich: die tiefsten Schmerzensstriche auf unserer Stirn, die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheuern Bauriss, den der Weltgeist zieht, unbekummert, welche Stirnen und Freuden seine Gluckslinie schmerzhaft durchschneide? Wenn diese Linie einmal durch unsere Liebe ginge vergib den voreilenden Schmerz; in diesem Leben, dem Wechsel zwischen Strichgewittern und Sonnenblicken, ist er wohl erlaubt..."
*
Hier unterbrach ihn die Freude und Dian in Begleitung eines Ischianers, der einen Brief von Linda brachte, um seinen mitzunehmen. Er las ihn heftig und gab seinem noch die Worte wie eine Freudentrane mit: "Ubermorgen komm' ich auf die Insel. Was ist die Erde gegen ein Herz! Du bist machtig, du haltst mein ganzes bluhendes Dasein empor in den Himmel, und es sturzt auf dich, wenn es sturzt. Lebe wohl! Ich furchte wahrlich weder das heisse Ol noch die Flamme der Psyche." Hier ist Lindas Brief: "Wir beide leben sehr still, seit der artige Fluchtling auf Bergen und in Palasten umherschwarmt. Wir sprachen fast zu viel von ihm und liessen uns noch dazu die schwatzende Agata holen, um gar von seiner Reise zu erfahren. Ihre Julie ist voll Segen und Hulfe fur Linda. Noch nie sah' ich eine so klare, bestimmte, scharf durchblickende und doch kalte Natur, die nur gebend liebt, mehr als liebend gibt. Sie wird zwar nie die Schmerzen fuhlen, die Venus Urania ihren Erwahlten schenkt; aber sie ist eine geborne Mutter und eine geborne Schwester; und ich frage sie zuweilen: warum hast du nicht alle Bruder und alle Waisen?
Seit dem Erdbeben bin ich etwas kranklich. Ich habe es vielleicht nicht gewohnt, zu lieben und so zu sterben. Ich nehme ein philosophisches Buch denn Dichter greifen mich jetzt zu heftig an und glaub' ihm noch zu folgen, wenn ich schon langst weggeflogen bin uber das Meer. Ich lese jetzt das Leben der herrlichen Guyon, diese weiss, wie man liebt dieser gottliche Affekt gegen das Gottliche, dieses SelbstVerlieren in Gott, dieses ewige Leben und Bestehen in einer grossen Idee diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende Liebe durch die Heiligung! Mir entsinkt das Buch, ich schliesse die Augen, ich traume und weine und liebe dich. O Albano, komme fruher. Was willst du jetzt an Bergen und Ruinen suchen? Kommen wir nicht wieder? Aber ihr zerstreueten Manner! Nur die Weiber lieben, es sei Gott oder euch leider. Die Guyon, die heilige Therese, die etwas prosaische Bourignon liebten Gott wie kein Mann (ausser der heilige Fenelon); der Mann geht mit dem hochsten Wesen nicht viel besser als mit dem schonsten um. Albano, hast du eine andere Sehnsucht als ich, begehrst du mehr auf der Erde als mich, mehr im Paradies als mich: so sag es, damit ich aufhore und sterbe. Wahrlich, wenn du deine Schwester umarmest: so bin ich eifersuchtig und mochte deine Schwester sein, und dein Freund Schoppe und dein Vater und alles, was du liebst, und dein Ich, wenn du es liebtest, und dein ganzer Himmel und dein ganzes Du im Ich, dein Ich im Du.
Ich will Euch einiges von meiner Geschichte erzahlen. Still ging ich lange uber die Erde ich sah die Hofe, die Nationen und Lander und fand, dass die meisten Menschen nur Leute sind. Was ging es mich an; Man sage gar von nichts: das ist bos, sondern nur: das ist dumm und denke nicht mehr daran. Was ich nicht liebe, existiert fur mich auch nicht, und anstatt lange zu hassen oder zu verachten, hab' ichs vergessen. Ich wurde fur stolz und phantastisch gescholten und konnt' es niemand rechtmachen. Aber ich bewahrte und nahrte mein Inneres, denn kein Ideal darf aufgegeben werden, sonst erlischt das heilige Feuer des Lebens, und Gott stirbt ohne Auferstehung. Ich sah die Manner und fand immer bloss den Unterschied unter ihnen, dass die einen fein, verstandig und zart waren ohne Enthusiasmus und Gemut, die andern sehr herzlich und enthusiastisch mit bornierter Rohheit, alle aber selbstsuchtig; wiewohl sie, wenn ihr Herz voll und nicht im Abnehmen ist, eben wie der volle Mond die wenigsten Flecken zeigen. Neben den Lehren meiner grossen Mutter, neben Ihrem grossen Vater bestand keiner. Ihren Roquairol konnte man weder lieben noch hassen noch achten noch furchten, wiewohl sehr nahe an alles dieses zusammen kommen.
Es machte viel auch, dass ich immer reisete; Reisen erhalt oft kalter. Wenn ich nach der Kuste sehe und denke, dass ein grosser Romer bald in Baja, bald in Deutschland, bald in Gallien, bald in Rom war, und dass ihm die Erde eine grosse Stadt wurde: so begreif' ich leicht, dass ihm die Menschen zu Massen wurden. Reisen ist Beschaftigung, was uns Weibern immer fehlet. Die Manner haben immer zu tun und schicken die Seele auswarts, die Weiber mussen den ganzen Tag daheim bei ihrem Herzen bleiben. In der Schweiz legt' ich mir (so wie die Prinzessin Idoine) eine kleine Okonomie an, und ich weiss, wie man uber kleine Ziele, die man taglich erreicht, sich uber das hohe trostet, das wie ein Gottes-Thron in der Hohe liegt.
Da kam ich gerade in dieser stillen Woche des Lebens an den Eissee in Montanvert. An pittoresken Bergen, Ebenen, Kluften hatt' ich mich in Spanien satt gesehen, und an Eisbergen in der Schweiz. Aber ein Eismeer in dieser Hohe, ein einsames uraltes blaugrunes Meer, von roten Felsen umstanden, eine breite Wuste voll reger aufstehender Wellen im Sturm, die ein plotzlicher Tod, ein Medusenhaupt so mitten im Leben starr und fest gemacht! Es schlug ein Gewitter, mir sonst furchtbar, damals mit Flammen den Berg herauf, ich merkt' es kaum, meine Seele hing sinnend an der Stille eines versteinerten Sturms, an der Ruhe des Eises! Ich erschrak, weinte ungewohnlich den Berg herab, und in derselben Woche legt' ich das okonomische Spielwerk beiseite und reisete fort.
Ich machte aber keine Wettergebete, sondern wohnte drunten ohne Klage in der Regenschlucht eines dunkeln kalten Daseins. Da brachte mich das Schicksal auf den Epomeo, und da wollten die Gotter, dass es sich anderte.
Aber nun muss es so bleiben. Wenn ein seltenes Wesen zu einem seltenen Wesen gesagt hat: Du bists!, so sind sie nur durch- und fureinander. Die Psyche mit der Lampe wird es nicht fuhlen, wenn die Lampe ihre Locken und ihre Hand und Herz ergreift und verbrennt, wahrend sie selig den schlummernden Amor anschauet; aber wenn der entschlupfende heisse Oltropfe aus der Lampe den Gott beruhrt und er aufwacht und ihr zornig entfliegt auf ewig auf ewig Ach du arme Psyche! Was hilft dir der Tod im aufgelosten Eismeer? Hat denn noch kein Mann den Schmerz der verlornen Liebe empfunden, damit er wisse, wie noch tausendmal harter er eine Frau verheere? Welcher hat denn Treue, die rechte, die keine Tugend und keine Empfindung ist, sondern das Feuer selber, das den Kern der Existenz ewig belebt und erhalt?
Ich bin krank, Albano, sonst weiss ich nicht, wie ich zu diesen tristen Ideen komme. Ich bin so ruhig im Innersten; ich habe nur die Saiten, nicht die Stimmung gezeigt. Wir sollen nicht auf die Zukunft wirken und sehen, sondern auf die nachste Gegenwart. Erschiene je die Zeit ich habe weder Reue noch Geduld je die Zeit, wo du mich nicht mehr und recht liebtest: ach ich wurde stiller, starker, kurzer sein als jetzt, und was gibt es weiter, als entweder fur den Geliebten sterben oder durch ihn?
Komme bald, Holder! Es ist sehr schon um uns, es hat geregnet, alle Welt jubiliert und sieht die SonnenTropfen und hat sich einen Himmels-Trank gesammlet; auch ich habe fur dich Tassen und Vasen in der Eile hinausgestellt. Komme, ich will dir das Olblatt und den Myrtenzweig bringen und um das Haupt Rosen und Violen winden. Komme, ich dachte sonst nicht, dass ich so oft nach dem Posilippo sehen wurde.
L."
"N. S. Auch die Nebenbuhlerin sieht nach dem Posilippo und freuet sich auf dein Wiedersehen. Doch ubereile nichts. Addio, caro.
J."
*
Albano fand in diesem Charakter eine stille Rechtfertigung und Erfullung aller Foderungen, die er fruher bei Lianens Leben immer an ein geliebtes Wesen machen musste; er nahm aber in der Unschuld seiner Liebe nicht wahr, dass gerade diesem Wesen die in seinem Briefe regierende Sehnsucht nach Krieg und Taten nicht gefallen konne.
Er besuchte nun die unterirdische Stadt in ihrem Gottesacker, gleichsam neben der Cestius-Pyramide des Vulkans. Dian ging mit ihm das Herkulanum als ein antiquarisches Lexikon durch, um ihm die ganze Haushaltung der Alten bis zum Mahlen hinauf aufzublattern; aber Albano war bewegter als sein Freund von dieser mitten in der Gegenwart wohnenden Vergangenheit, von den stillen Hausern und nachtlichen Gassen und von den haufigen Spuren der fliehenden Verzweiflung. "Waren denn nicht diese Leute alle jetzt doch tot ohne den Vesuv?" fragt' ihn Dian heiter im heitern Lande. "Ich frag' Euch lieber," (fuhr er fort)"ob ein Baumeister, wenn er aus dieser Kunstkammer oder Kunststadt gekommen, in Eurem Deutschland noch viel Lust haben kann, nach der grossten Ruine der Erde die erbarmlichen winzigen fur Eure Furstengarten anzugeben." Sie sahen in einem dunkeln Vorhaus eben eine irdene Maske an, die man in Graber stellte, mit Lampen wie Augen darhinter. Da blickte ihn Albano starr an und sagte: "Sind wir nicht blitzende Larven aus Erde am Grab?" "Pfui, die hassliche Idee!" sagte Dian.
Noch lange draussen im lebendigen Sonnenschein gingen ihm dunkle Gedanken nach, neben dem glanzenden Portici stand der Vesuv als Scheiterhaufen und der Todesengel darauf. Er dachte an Hamiltons Weissagung, dass das schone Ischia einst auf der Mine eines Erdbebens sterbe. Selber Lindas Brief betrubte ihn mit dem blossen Gemalde ihres moglichen Verlusts.
In Neapel besah er noch einige Merkwurdigkeiten; dann schifft' er sich am andern Morgen nach dem Eden der Wellen ein.
115. Zykel
Und als sie sich wieder sahen und wieder fassten: waren sie entzuckter und verbundner, als es jedes gluckliche Herz vorausgesehen. Linda sass still und sanft, sah den schonen Jungling an und liess ihn und die Schwester erzahlen, die sich oft unterbrach, um beide zu kussen. Er sprach sehr erfreuet uber Lindas Brief; Manner machen uberall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber.
Linda sprach gleichgultig: "Ach was! Ists geschrieben und gelesen, so sei es vergessen. In Ihrem ist zuweilen auch ein nordisches Faux-brillant." -"Die Grafin" (sagte Julienne) "lobt niemand ins Gesicht als sich." Linda ertrug mit eigner Gutmutigkeit den Spott. Albano, ihr oft gefallend und missfallig, wo ers nicht wusste, vergab der Liebe so leicht. Der Freundschaft vergibt die beleidigte Eitelkeit schwerer.
"Zwar doch!" (holte Julienne plotzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus) "Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein Fauxbrillant. Kannst du denn glauben, dass man es dir zulasset? dass eine Prinzessin-Schwester von Hohenfliess dem Bruder Passe zu einem demokratischen Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!" Albano lachelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. "Zeige mir" (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) "auf der Landkarte eine bessere Laufbahn!" "Einen bosern Laufgraben?" (sagte sie spielend) "Wohl kaum!" Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und furstlichen Farben zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab, momit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war. Und setzte dazu "Lieber ein mussiger Graf als das!" Er wurde rot. Von jeher war ihm das weibliche Binden der mannlichen Kraft, das liebende Krummschliessen zu Blumen herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so aufschreckend und verhasset; "in einer Welt, die nur eine Messwoche und ein Maskenball ist, nicht einmal Mess- und Maskenfreiheit zu behalten, ist stark", hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in sie kam. "Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine Schwester nicht," (sagt' er) "sonst verstanden wir uns leichter." Lindas Hand zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. Albano dachte an die Zeit, wo er ein Herz aus Wachs zerdruckte mit einem aus Eisen, und sagte, heller und kalter: "Julienne, ich will gern kein Nein zu dir sagen, wenn du es nur fur kein Ja ansiehst." Er konnte, fiel ihm ein, seinen Widerspruch leicht hinter die Zukunft verstecken, da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war; aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug. "Quale nicht!" sagte Linda zu ihr. "Jawohl," (sagte Julienne aufspringend) "ich darf ja nur an das und an das denken was weiss ich!" und sah sehr ernsthaft aus. "Noch zwei Tage" (setzte sie dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen) "konnen wir auf der Insel wie Gotter, ja wie Gottinnen verleben; wiewohl zu einem Gott taug' ich allenfalls, nur zu keiner Gottin; diese muss langer sein; ich bin nur die Folie der Grafin aus unendlicher Gute." Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der majestatischen Linda.
Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden geschlossen und blieb daher in seinen Waffen. Wie der Vesuv gluhende Steine, so wirft der Mensch seine Vorwurfe so lange in sich empor und erhebt und verschlingt sie wechselnd, bis endlich eine glucklichere Richtung sie uber den Rand hinaustreibt.
In Albano arbeitete wohl die Frage, was Lindas Schweigen zum kleinen Kriege uber und wider den grossen bedeute; allein er legte sie nicht vor. Der Unabanderlichkeit seines Entschlusses sich bewusst, war er milder gegen die Schwester, die er, glaubt' er, doch einmal sehr damit verwunden wurde. So war er durch den kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden, wie ein Edelstein durch schnelles Ergluhen und Abkuhlen sich in Arzenei verwandelt.
Schnell und schon gingen die letzten Freudentage uber die Insel hinuber, die nach dem Regen wie ein deutscher Garten grunte. Die weiche kuhle Luft die Myrten- und die Orangendufte einzelne Glanzwolken am warmen Himmel der Zauberrauch der Kusten die goldne Sonne am Morgen und am Abend und die Liebe und die Jugend schmuckten und kronten die einzige Zeit. Hoch brannte auf der bluhenden Erde die Opferflamme der Liebe in den blauen stillen Himmel. Wie zwei Spiegel voreinander stehen und der eine den andern und sich und die Welt abmalt und der andere alles dies und auch die Gemalde und den Maler: so ruhten Albano und Linda voreinander, Seele in Seele ziehend und malend. Wie der Montblanc herrlich sich im stillen Chedersee hinabspiegelt in einen blassern Himmel: so stand Albanos ganzer fester lichter Geist in Lindas ihrem. Sie sagte: er sei ein Redlicher und Edler zugleich und habe, was so selten sei, einen ganzen Willen; nur woll' er, wie oft die Manner, noch mehr lieben, als er liebe, und daher merk' er seine stille Erbsunde vor Selbstsucht nicht genug. Gegen nichts straubt' er sich zorniger und aufgebrachter als gegen den letztern Tadel, und er vergab ihn niemand als der Grafin. Er widerlegte sie, so stark er konnte; aber ihre Meinung wurde durch die beste Vertilgung nur eine Scheinleiche und trat ihm in der nachsten Stunde wieder lebendig entgegen.
Mit sich wurd' er durch sie naher bekannt als mit ihr selber. Er nannte sie die Uranide, weil sie ihm wie der Himmel zugleich so nahe und so fern erschien; und sie hatte nichts gegen diesen vollen Lorbeerkranz. Es gibt eine himmlische Unergrundlichkeit, die den Menschen gottlich und die Liebe gegen ihn unendlich macht; so liessen die Alten die Freundschaft die Tochter der Nacht und des Erebus sein. Wenn Albano so uber den weiten reichen Geist Lindas hinsah sie, zugleich ihrer Liebe lebend und jede fremde beschirmend und doch gleichsam vom Wissens-Durste trunken zugleich ein Kind, ein Mann und eine Jungfrau oft hart und kuhn mit der Zunge, fur und gegen Religion und Weiblichkeit und doch voll der zartesten kindlichsten Liebe gegen beide gluhend zerschmelzend vor dem Geliebten und schnell erstarrend bei kaltem Anruhren ohne alle Eitelkeit, weil sie immer vor dem Throne einer gottlichen Idee stand und der Mensch nie eitel ist vor Gott, aber sich alles zutrauend und vor niemand demutig, ohne doch sich oder andere zu vergleichen voll mannlicher kecker Aufrichtigkeit und voll Achtung fur Gewandtheit und listigen Welt-Verstand so ohne Eigennutz und kindlich uber Frohe froh, ohne besondere Sorge und Achtung fur Menschen so unbestandig und unbiegsam, jenes in Wunschen, dieses im Wollen aber ewig ihr Auge und Leben gegen die Sonne und den Mond des geistigen Reichs, gegen Wurde und Liebe gerichtet, gegen das eigne und gegen ein geliebtes Herz: wenn Albano das alles vor sich spielen und weben sah, so lebt' er gleichsam auf dem einfachen und doch unabsehlichen, dem beweglichen und doch allgewaltigen Meere, dessen Grenze bloss der klare Himmel ist, der keine hat.
An dem Himmel der drei Liebenden erschien endlich die Morgenrote des Reise-Tages. Es wurde von beiden Freundinnen bestimmt, dass Albano sie nur bis Neapel, wo ihre Leute ihrer warteten, begleiten dann sie in Rom einmal zufallig dann auf Isola bella zum letzten Male zufallig finden durfte; eine sehr unfreundliche Unterwurfigkeit unter den Welt-Schein, auf welche aber Linda so stark als Julienne drang und zu welcher selber Albano, durch seine Geburt mehr zum Standes-Zwange abgehartet als ein burgerlicher Jungling von gleicher Seele, leicht das schmerzliche Ja unter dem schweren Schleier aller Verhaltnisse hergab. Julienne entschied uber alle kleinern Massregeln; sie war auf der ganzen Reise die Geschaftstragerin der Grafin gewesen, die, wie sie sagte, nicht Kopf genug habe, um sich einen Hut darauf zu kaufen, so rasch, geldvergessen und traumend sei sie. Die Schwester war so munter und ganz hergestellt, sagte aber, alle Funfunddreissig heisse Quellen der Insel hatten nicht halb so viel fur ihre Genesung getan als ebenso viele Freudentranen, die sie zum Gluck vergossen habe.
Sonderbar erschien alles um sie am Reise-Morgen: ein helles warmes Gewolk' vertropfte silbern die Sonne schien zwischen zwei Bergen darein die entzuckten Eilander sangen ein neues Volkslied unter der Regen-Ernte oder Tropfen-Lese indes ihre Freunde eilig von den Wellen aus ihrem Freuden-Kreise weggezogen wurden. Agata stand, um sich zu kuhlen, mit einer Schlange in der Hand am Ufer, und Albano fuhlte dabei einen Schmerz, den er sich nicht zu erklaren wusste. Jetzt warf der Epomeo den Wolken-Himmel auseinander, und glanzende Wolken-Stucke zogen langsam ihnen voraus, nach dem Apennin, dem Norden zu, dem Wohnhimmel der Nebel, und schnell und leicht glitten die Schatten des Himmels uber die wimmelnden Wellenspitzen.
"Immer" (sagte Albano, nach der nach Westen zuruckschwimmenden Insel blickend) "bestehe mit deinem Berg; nie reisse ein Ungluck das schonste Blatt aus dem Buche der Seligen!" "Wie wird es mit uns allen sein," (sagte Linda) "wenn wir einmal wiederkommen und den schonen Boden wieder suchen?" Da erblickten sie einen hochgewolbten Regenbogen, der halb auf der Insel und halb auf den Wellen stand, die ihn wie einen gewolbten bunten Wasserstrahl auf das Ufer auszuwerfen schienen "Wir werden" (sagte Julienne entzuckt) "durch den Bogen des Friedens eingehen." Bei diesem Worte verschwand der Regen und der Farbenkranz; und allein die Sonne glanzte hinter ihnen.
Durch den Fackeltanz der Wellen lief die Fahrt. Die Fernen glanzten und dampften herrlich. "Warum ergreifen die Fernen so machtig die Seele, obgleich aus denselben Farben wie die Nahe gemalt?" sagte Albano. "Das ist eben die Frage", sagte Dian. Gewaltig lag das Meer wie ein Ungeheuer an den Kusten uber ihren ganzen Weg nach Rom hin ausgestreckt und hob die Schuppen von Wellen auf und nieder. Albano sagte: "Da ich auf dem Vesuv das Geburg' ansah und das Meer: so dacht' ich daran, wie klein und falsch teilet der enge Mensch die zwei Kolossen der Erde in kleine benannte Glieder entzwei und tut, als reiche nicht dasselbe Meer um die ganze Erde."
Seine Freundinnen konnten, zu innig und trube bewegt, nichts antworten, und vor den fremden Augen standen ihnen keine Worte, kaum Blicke frei. Als Albano wieder das Schlachtfeld der Zeit, die RuinenKuste, naher sah, die den Mann ewig fassen und heben die alten Tempel und Thermen, wie alte Schiffe auf dem Lande sterbend hier einen niedergedruckten Riesentempel, dort eine Stadtgasse unten auf dem Meersboden193 die heiligen Gedachtnissaulen und Leuchtturme voriger Grosse leer und ausgeloscht neben der ewig jungen Schonheit der alten Natur: so vergass er die Nachbarschaft seiner eignen Verganglichkeit und sagte zu Linda, deren Auge er dahin gerichtet: "Vielleicht errat' ich, was Sie jetzt denken, dass die Ruinen der zwei grossten Zeiten, der griechischen und romischen, uns nur an eine fremde Vergangenheit erinnern, indes andere Ruinen uns nur gleich der Musik an die eigne mahnen, das dachten Sie vielleicht." "Wir denken hier gar nichts," (sagte Julienne) "es ist genug, wenn wir weinen, dass wir fort mussen." "Wahrlich, die Prinzessin hat recht", sagte Linda und setzte wie unmutig uber Albano und alles dazu: "Und was ist das Leben weiter als eine glaserne Himmelspforte? Sie zeigt uns das Schonste und jedes Gluck, aber sie ist doch nicht offen."
Durch Zufalle fremder Umgebung waren sie gezwungen, sich mit kaltem Scheine zu verlassen und nach der Gewohnheit des neckenden Schicksals eine grosse Vergangenheit mit einer kleinen Gegenwart zu beschliessen.
Albano reisete, so schnell sein Sinn es vermochte, uber die erhabne Welt um ihn her. Als er in Mola ankam, hort' er die seltsame Nachricht, dass man in Gaeta eine ganze lederne Kleidung mit einer Maske weit im Meere schwimmend gefunden, die des aufgefahrnen Monchs seine gewesen sein musse und bei welcher man nichts so unbegreiflich gefunden als die Leerheit ohne einen toten Leib. In Mola verduftete endlich die schone Ischias-Insel, die hohe Himmelsburg, und der steigende Pol bedeckte unter andern sudlichen Sternbildern auch dieses warme, das mit Gluckssonnen so lange uber ihm geschimmert; und der letzte Stern des kurzen Fruhlings ging hinab. Das ist das Leben, das ist das Gluck. Wie der spielende Mond besteht es aus ersten und letzten Vierteln, und langsam nimmt es zu und langsam ab in seiner Hoffnung, in seiner Furcht ; ein kurzer Blitz ist der Vollmond der innersten Entzuckung, eine kurze Unsichtbarkeit der Neumond der innersten Ode; und immer hebt das leichte Spiel wie der Mond seinen Kreis von neuem an.
Dreissigste Jobelperiode
Tivoli Streit Isola bella die Kinderstube die
Liebe Abreise
116. Zykel
Albano trat wieder bei dem Fursten Lauria ab, der bisher in einem solchen Zustrom neuer Begebenheiten geschwommen war, dass er die Abwesenheit kaum innen geworden und sich uber die Wiederkunft wundern wollte. Es war unterdessen der deutsche Krieg gegen Frankreich festgesetzt worden. Diese Botschaft trug er seinem Enkel voll von der freudigen Erwartung entgegen, welche grosse Szenen ein solcher Kampf entfalten musse. Auch Albano wurde lange mit ihm von diesem hohen Strome gezogen, eh' er daran dachte, dass diese Nachricht anders und niederschlagender auf seine Schwester wirken wurde als auf ihn. Aber das heroische Feuer, in welches er sich mit dem politischen Lauria hineinsprach, spielte ihm einen leichten Sieg uber die schwesterliche Liebe vor.
Er wollte den Freundinnen seine Ankunft sagen, als er vom Fursten vernahm, dass beide, wie er von der Furstin Altieri, bei der sie wohnten, gehort, schon nach Tivoli gegangen. Wie glucklich reisete er, die freundliche Absicht dieser Zwischenreise erratend, aus dem von Liebe und Fruhling strahlenden Rom und sah ebenso heiter nach der Zukunft, wo sein Leben sich bluhend auseinanderschlug, als nach Tivoli, wo er zwei Herzen an eines zu drucken hoffte.
Er fand, da er in der Stadt Tivoli ankam, die feuri
gen Madchen schon entwichen nach der Kaskade. Wie ein Mensch im Tempe-Tal oder vor dem Genfersee nur im unachtsamen Traum am Ufer vor den Wasserbildern des Himmels und der Erde vorubergeht, weil ihn die bluhenden Urbilder rings umher umfangen und entzunden: ebenso glitten die Felsen der bevolkerten Landschaft und der runde Vestas-Tempel und die ineinanderfliessenden Taler vom romischen Tore an bis zum Tempel, diese glanzenden Reihen glitten nur als Traum- und Wasserbilder vor dem Herzen voruber, worin eine Geliebte lebendig bluhte und mit der Fulle einer Welt eine Welt verdrangte.
Er irrte unter dem Gewuhle der Aussichten umher,
ohne die schonste zu finden, als ihn ein kurzer blassgelber reichgekleideter Mensch mit eingeschrumpftem Gesichte erblickte und mit dem seidnen Arm auf den Weg zur Kaskade zeigte, ungefragt sagend: wenn er die Damen suche, so seien sie bei der grossen Kaskade.
Albano schwieg, ging weiter, sah zwei und erkann
te Linda an ihrer hohen Gestalt. Endlich sahen, fanden, umfassten sich die drei Menschen, und der herrliche Wassersturm wehte in die Entzuckung. Linda sagte zartliche Worte der Liebe und glaubte stumm zu sein, denn das schone Gewitter aus Stromen zerriss die zarten Silben wie Schmetterlinge. Sie hatten sich nicht gehort und standen, schmachtend nach ihren Lauten, umrungen von funf Donnern, mit weinenden Augen voll Liebe und Freude voreinander. Heilige Stelle, wo schon so viele tausend Herzen heilig brannten und selig weinten und sagen mussten: das Leben ist gross! Heiter und fest glanzt in der Sonne oben die Stadt uber dem Wasser-Krater dahin stolz schauet Vestas zerrissener Tempel, mit Mandelblute bekranzt, von seinem Felsen auf die Strudel nieder, die an ihm graben und ihm gegenuber spielet der strudelnde Anio alles auf einmal vor, was Himmel und Erde Grosses hat, den Regenbogen, den ewigen Blitz und den Donner, Regen, Nebel und Erdbeben.
Sie gaben sich Zeichen, zu gehen und das stillere Tal zu suchen. Wie klangen ihnen darin die Worte Bruder, Schwester, Linda wie neue Menschenlaute im Paradies! Hier, ehe sie den Hugel voll neuer Wassersturze, Blitze und Farben bestiegen, suchten sie sich ihre Reisen und ihre Nachrichten einander zu erzahlen. Julienne berichtete die frohe, ihr Bruder, der Furst, gebe wieder Hoffnung der Genesung, seitdem er wachend, wie er beteuere, seinen toten Vater gesehen, der ihm langeres Leben versprochen. Die schone Linda bluhte im Paradies wie eine verhullte Gottin, die ihren Geliebten auf der Erde lange suchte und endlich gefunden hat. Sie nahm oft seine Hand und druckte sie wider ihre Augen und Lippen und lispelte kaum horbar, wenn er mit ihr oder Juliennen sprach: "Lieber! Freundlicher Mensch!" Uber die Gegend schwieg sie; denn uber jede sprach sie erst, wenn sie aus ihr gekommen war.
Julienne, uber die bruderliche Genesung so froh, fing allerlei Scherze an, sagte, dass sie bedauere, aus Neapel ihrem Ludwig ein vergebliches Spezifikum gegen sein Ubel gesandt zu haben, und fragte endlich Albano: "Kennst du nicht einen Jungling namens Cardito? er will dich kennen." Er sagte Nein, erzahlte aber, ein kleiner stammiger Mensch hab' ihn hier zu kennen geschienen und zur Kaskade gewiesen. Julienne fuhr auf und sagte, es sei entschieden der haarhaarische Prinz, der auf Luigis Tod und Thron so boshaft hoffe; er wohne in Tivoli im Hause des Herzogs von Modena und gehe gewisslich als ihrer aller Spion umher. Um sich selber nach diesem gehassten Misslaut wieder auszustimmen, setzte sie die Frage uber Cardito fort und sagte: "Es ist ein sehr schoner derber Korse (der Prinz ist ja die lebendige Ungestalt), und er kundigt dir ganz ernsthaft den Krieg an."
"Den soll er wahrlich haben", sagte Albano, der nun alles begriff; und alles erzahlte. Cardito war jener Korse, mit dem er fruher sich uber den gallischen Krieg entzweiet hatte. "Bruder, das ist noch dein Ernst?" sagte Julienne mit gedehntem Akzent. "Jetzt besonders!" sagt' er entschieden, um den Streit sogleich auszuschliessen. Heftig druckte Linda seine Hand in ihre Augen, als wolle sie sie damit bedecken. "Nun, so verhandle deinen Prozess mit mir, so vernunftig du kannst, und lasse deine Rechtsgrunde horen; aber lass uns erst auf den Hugel, damit man dabei auch etwas sieht", sagte die Schwester.
Auf dem Hugel vor dem Grun des blitzenden Tals, wo uberall der Strom wie ein verwundeter Adler mit dem Flugel an der Erde schlug vor den auf die Blumen herunterblitzenden drei Kaskatellen fing Albano bewegt und begeistert an: "Ich habe nur einen Grund, liebe Schwester ich bin noch nichts ich bin kein Dichter, kein Kunstler, kein Philosoph, sondern nichts, namlich ein Graf. Ich habe aber Krafte zu manchem, warum soll ichs nicht sagen? Wahrlich wenn ein Da Vinci alles ist, oder ein Crichton, oder wenn ein Richelieu, ob er gleich den politischen Thron behauptet, doch noch den poetischen besteigen will: soll ein anderer mit kleinern Wunschen nicht entschuldigt sein? Und bei Gott! eigentlich will ein Mensch doch alles werden, denn er kann nicht anders, er sehnet und treibt sich dazu hin, und das innige versteckte Herz weint Blutstropfen, die keine Menschenhand abtrocknet, nur die hohen Eisenschranken der Notwendigkeit halten ihn auf Schwester, Linda, was hab' ich denn noch getan auf der Erde?"
"Diese Frage; und diese ist genug vor Gott", sagte Julienne, bewegt von der wund-stolzen Bescheidenheit des Junglings und von seiner schonen Stimme, welche zornig so klang wie geruhrt. "Worte! was sind Worte?" (sagt' er) "O man schamt sich wohl freilich, dass man etwas fruher nur denken und sagen muss, eh' mans tut, obgleich der durftige Mensch nicht anders kann, sondern jede Tat wie eine Statue vorher im elenden Wachs der Worte modellieren muss. Ach, Linda, liegen hier nicht uberall um uns Taten, statt der Worte und Wunsche? Hab' ich nicht auch einen Arm, ein Herz, eine Geliebte und Krafte wie andere und soll mit einem morschen murben spanisch- oder deutschen Grafenleben aus der Welt gehen? O meine Linda, streite du fur mich!"
"Ich bin" (sagte sie, scharf nach der grossen Kaskatella blickend, die hoch aus Baumen herniedersturmte) "nicht von vielen oder beredten Worten und verstehe Sie auch nicht ganz. Ich muss mir immer die Worte in Ideen und Wahrheiten ubersetzen und vermag es nicht allzeit. Bei Ihren Worten, Graf, denk' ich mir gar nichts. Wem die Liebe nicht allein genugt, der ist von ihr nicht erfullet worden. Freilich, so mit dem Herzen alles vergessend wie wir, so konzentriert in eine Idee des Lebens sind die Manner nie. Ach und so wenig ist der Mensch dem Menschen, ein MenschenBild ist ihm mehr und jede kleine Zukunft!"
"Auch du, Brutus?" sagte Albano betroffen. "Wurden Sie" (fuhr sich fassend fort) "dem ElysiumsLeben auf Ischia eine Ewigkeit fur einen Mann geben? Wurden Sie ihn als Jungling ins Kloer der seligsten Ruhe schicken? Gewiss nur als Greis. Jenes hiesse den Baum mit dem Gipfel in die finstere Erde pflanzen."
"Das ist wieder der Deutsche," (sagte sie) "nur immer recht Betriebsamkeit. Die ruhigen Neapolitaner, die Volker am Apennin, an den Pyrenaen, am Ganges, in Otaheiti, voll Genuss und Beschauung, sind diesem Spanier ein Greuel. Ich dachte, wenn ein Mensch nur fur sich etwas wurde, nicht fur andere, das reichte zu. Was grosse Taten sind, das kenn' ich gar nicht; ich kenne nur ein grosses Leben; denn jenen Ahnliches vermag jeder Sunder."
"Wahrlich, das ist wahr," (sagt' er) "es gibt nichts Erbarmlicheres als einen Menschen, der sich durch dies oder das zeigen will, was ihm selber gross, selten und ohne Verhaltnis zu seinem Wesen vorkommt und ihm daher gar nicht angehort. Jede Natur treibt ihre eigne Frucht und kann es nicht anders; aber ihr Kind kann ihr niemals gross erscheinen, sondern immer nur klein oder gerecht. Ists anders, so ist ihr eine ganz fremde Frucht an den Zweig gehangen."
"Albano! wie wahr! Aber Ihr hattet sonst nie einen halben Willen, wie ist's?" sagte Linda. "Jetzt auch nicht!" sagt' er ohne Harte. Man ist am sanftesten, wo man am starksten ist mit dem Entschluss. Er suchte nun seine eignen Worte das Ol und den Wind fur sein Feuer recht zu sparen und zu meiden; um so mehr, weil Worte doch gegen nichts helfen, sondern vielmehr das fremde Gefuhl anstatt aus- nur anblasen; dabei wurd' er noch der haufigen Falle eingedenk, wo er Linda mit einem einzigen Worte bei aller Unschuld zur Flamme aufgetrieben. Sie standen, und er schauete hin uber das gottliche Land, als Linda, nach einem stummen Blicken in sein Angesicht, ungeachtet ihres scheinbar-ruhigen Philosophierens, auf einmal heftig seine Hand anfasste und rief: "Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen bei der heiligen Jungfrau bei dem Allmachtigen! du darfst, du sollst nicht!" Einen Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging' ihn eine Gottin aus Liebe und bote sie dafur eine Welt von Paradiesen: es ist der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, dass es Liebe ist, aber despotische, zugleich Freiheit ubende und raubende, das erbittert ihn nur noch mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird spater das Gewitter der Leidenschaft. Linda wiederholte: "Du darfst nicht." Er sah' ihr bewegtes glanzendes Antlitz an, dessen sudliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem Zorn, und sagte fest: "O Linda, ich werde wohl durfen und wollen!" "Nein, ich sage Nein!" rief sie.
"Bruder!" fing die Schwester an. "O Schwester," (rief er) "sprich sanft, ich bin ein Mann und habe heftige Fehler." Ihn zog der erhabene Krieg des Wassers mit der Erde und mit Felsen, das Durcheinandersturmen der blitzenden Regengestirne umher wie an Flugeln in die Wirbel die grosse Kaskatella warf aus hohen Baumen ihren Wolkenbruch heraus, und aus dem Himmel ohne Donner staubte eine schimmernde Welt und in Osten zeigte sich fern das Meer im dunkeln Schlaf, und die untergehende Sonne drang glanzend in den Glanz herein.
"Gewiss werd' ich sanft reden" (sagte die Prinzessin, die, viel empfindlicher und nachklingender als Linda, einige Muhe hatte, den Sprachton zu ihrem Versprechen zu stimmen) "Es braucht nichts weiter als die Betrachtung, dass unser Streit zu fruh ist; ich tue bloss die Bitte, ihn bis zum Oktober auszusetzen, und das Versprechen, dass er dann anders ausgeht." "O es sei!" sagte Albano. Linda nickte sanft und langsam und legte wider Erwarten seine Hand mit beiden an ihr Herz und sah ihn an, aus grossen Augen weinend, denen sonst Feuer gewohnlicher war als Wasser. Ihn zerschmolz der Anblick, dass diese kraftige Natur nur Heftigkeit ohne Hassen und Zurnen hatte, und ihn erfrischte unendlich sein voriges geheimes Niederschlagen seiner auffahrenden Flammen.
Die Schwester wurde durch beide erweicht, und eine Minute der zartesten Liebe umschlang bald die drei Menschen mit einer Umarmung. Die Hyperbeln des Zorns sind dem Menschen nie so ernst als die der Liebe, jene soll nur der andere glauben, diese glaubt er selber; alle hatte das Aussprechen ausgeheitert.
Wenn sonst eine vergangne kalte Minute den Liebenden, wie eine kalte Nacht den Bienen, noch die Blumen zuschliesset, woraus sie den Honig nehmen, so war hier nach dem Sturm aus klarer blauer Luft der Himmel reiner und stiller, und die Ruhe wurde Seligkeit wie die Seligkeit Ruhe. Durch Albano war, obwohl schnell, die Furie der Furcht gegangen, die ein umgekehrtes Sternrohr halt und dadurch den Menschen einen ganz fernen ausgeleerten Himmel ohne Sterne zeigt; aber nicht so durch Linda: sie hatte immer in Liebe und Hoffnung fortgesprochen, und fur ihr gluhendes Herz gab es keine Stellen mit Eis. Darum war er jetzt so selig, und so begluckt vom Anschauen der kraftigen Natur! Eine hohe lange TalKette, worin Wein und Ol in Blutenduften flossen, fuhrte alle dem grossen Rom entgegen. Eine Zeitlang durfte sie der Jungling begleiten; endlich musst' er zu einer langen Entfernung Herz und Auge von den Geliebten reissen, als uber die grunen Taler her schon die machtige Peters-Kuppel heruberglanzte und die Zypressen, stolz nur von Zypressen umgeben, das Gold des Abends auf den Zweigen trugen, ohne sie zu regen. Alle hatten das Auge am schonen Rom, aber ihr Herz war nur auf Isola bella, wo sie einander wiederzufinden versprachen.
117. Zykel
Auf dem Wege nach Isola bella dacht' er seiner kriegerischen Stunde mit der heftigen Linda nach und dem Charakter dieser Kriegsgottin. Er erschrak uber die steile Hohe, uber welche er sich vor wenigen Tagen so weit herubergebuckt, da Linda so entschieden ist, nichts kennt als Leidenschaft oder Vernichtung. Und doch fand er jetzt in der Abkuhlung ihre gebietende Foderung an seine Freiheit noch harter und sagt' es sich stark, das Weib durfe nicht das heilige Gebiet der mannlichen Entfaltung einengen oder beherrschen. Von der andern Seite war ja alles Liebe und deren Ubermass und je langer er reisete und verglich, desto einsamer und dunkler wurd' es auf der Stelle seines Lebens, auf welche nur sie die grosse Flamme warf. Sie ruckte ihm durch sein stilles Beschauen ihres Geistes im Geiste viel heller und naher als durch die Gegenwart vorher, weil jenes sie auf einmal in Harmonie, diese sie mit den einzelnen Dissonanzen ohne die Auflosung gab. Ihre Kraft der allseitigen Unparteilichkeit fur alle Charaktere war ihm an einem Weibe ebenso selten als gross erschienen; zumal da er selber diese Kraft mehr in der Achtung fur sie und in dem freudigen freien Auffassen grosser, exzentrischer, poetischer Erscheinungen, aber nicht aller und der platten und schlechten wirken liess.
Gleich machtig und gewachsen standen in ihm nebeneinander Liebe und Freiheit; nur durch einen neuen Entschluss wurden sie verbunden und versohnt, sanft zu sein, nicht bloss stark, ihr sein Freiheitsrecht und seine liebende Seele recht offen hinzulegen und das edle Wesen zu werden, das ihr gehort: bin ichs nicht, wenn ichs recht will? sagt' er.
In der hochsten Lebensfreude, in der Einigkeit mit sich und dem Schicksal, machte er seine Reise nach Isola bella so schnell, als hab' er da die Geliebte schon zu finden, nicht erst zu erwarten. Wie manches stand jetzt kleiner an seinem Wege, an das er das romische Mass und nicht das deutsche legte und wovor er nun, wie ihm sein Vater vorausgesagt, fluchtiger voruberging!
Endlich sah er die Kunst-Alpe von Isola bella in den Wellen stehen; und landete freudig mit seinem Lehrer in dem Kindheits-Garten an, wo er so viel erwarten und mit neuen welschen Lebens-Bluten am Herzen aus dem gelobten Lande scheiden sollte.
Er wartete mehrere lange Tage, sich sehnend und bangend nach den Freundinnen, ob ihm gleich der heitere Freund immer die Geschwindigkeit seiner Reise vorrechnete. Sein Entschluss, recht sanft zu sein, wurde immer unnotiger und unwillkurlicher. Die Insel selber losete schon mit ihren Fruhlingen aus Duften und mit dem fernen Kranz aus Alpen die Seele auf. Im vorigen Jahre hatt' er sie mehr in Blattern als in Bluten gesehen. Es war ja sein Kindheitsland an vielen Platzen an der See schimmerten ihm Sterne aus einer tiefen nachmitternachtlichen Lebens-Fruhe herauf hier hatt' er zuerst seinen Vater gefunden und zuerst Lindas Gestalt uber den Wellen gesehen hier findet und verliert er sie nach der langsten Trennung wieder fur eine noch langere und hier steht er im Tore zwischen Norden und Suden. Das freie duftende Land voll Inseln, die Himmelsleiter des Lebens, steigt ihm in den Ather zuruck, und er geht herab in ein kaltes voll Zwang und voll Augen seine Liebe wird gerichtet vom Vater, sie wird angefallen vom untergegangenen Freund. "Ihr Tage in Ischia," (seufzte er) "ihr Stunden auf dem Vesuv und in Tivoli, konnet ihr umkehren? konnet ihr je wiederkommen und das unersattliche Herz von neuem uberstromen, dass es trinken und sagen kann: es ist genug?"
Zu seinem Dian sprach er, gleichsam um sich und sein grenzenloses Sehnen zu entschuldigen, haufig von Chariton und ihren Kindern und fragt' ihn, wie es seinem Herzen dabei gehe; "sprecht mir nicht so viel davon," (sagt' er, nach seiner Weise mehr empfindend als erratend und verratend) "wir sind noch so hasslich weit davon man verdirbt sich die Reise ohne Grund hab' ich sie alle aber.... nun ei Gott!" Dann schwieg er, riss sich den Jungling in die Arme und kusst' ihn nicht.
An einem blauen frischen Morgen stand Albano, noch eh' die Sonne am Himmel auferstanden war, auf der hohen umbluhten Terrassen-Pyramide, wo er einmal im Erwachen den teuern Vater ohne Abschied hatte entfliehen sehen und blickte bewegt in den leeren weiten See hinab und an die Gipfel der Eisberge umher, welche schon im Widerscheine der hoch herabziehenden Aurora bluhten und niemand war bei ihm als die Vergangenheit. Er blickte auf sich und in seine Brust und dachte: welche lange schwere Zeit ist seitdem durch diese Brust gezogen! Eine ganze Welt ist darin zum Traum geworden! Und das Herz schlagt noch frisch und fest darin! Auf einmal sah er im lichten Morgen-Rauche des Sees ein Fahrzeug rudern. Langsam, trage watet' es, denn er sah es aus grosser Ferne. Endlich glitt es, flog es, das Segel bluhte auf im Morgenbrande, und die grunen Wellen wurden ein umspielendes Lauffeuer wie damals in Ischia um Lindas Schiff.
Linda war es und die Schwester. Sie sahen hinauf und grussten winkend. Er rief in eiliger Wonne: "Dian, Dian!" und lief die vielfachen Treppen hinab, ganz verwundert und entzuckt uber den ausgebreiteten Glanz, weil er unter der frohen Erscheinung den Aufgang der Sonne nicht gesehen, welche vor der Geliebten die schonen Flammen, die Morgenblumen gleichsam in den Weg des Wassers unterstreuete.
"Seid ihrs wieder, ihr Gottlichen? O sprecht, weint vor Freude, dass ich selig werde und euch habe! Kommt ihr denn mit alter, rechter Liebe wieder?" so sprach er fort in beredter Trunkenheit, aus dem langen traumenden Warten geschopft. Linda sah mit heimlicher Engels-Lust, mit lieblichem Widerschein in die hoch spielenden Flammen seiner Liebe; und die Schwester genoss in susser Regung die schone Milde auf beider Angesicht, welche an der Kraft so bezaubert wie Mondlicht an einem Geburg. Reisebeschreibungen wurden von beiden Seiten angefangen, aber keine geendigt; Tags- und Insel-Ordnungen vorgelegt, aber keine gewahlt. Julienne hielt ihm sein Wort und ihre Bedingung, dass er abends weiterziehen musse, ans Herz als eine kleine Kuhlung gegen das Freudenfeuer darin; traurig sah' er zur freundlichen hellen Morgensonne auf, als steige sie nicht hoher, sondern schon tiefer.
Sie gingen nun in schonem Irren durch die Insel, uberall bluhte neben der Gegenwart eine stille Vergangenheit, unter der Rose ein Vergissmeinnicht. Hier in dieser Grotte vor den aufhupfenden Wellen hatt' er einst mit seiner Schwester Severina gespielt, und auf diesem Eiland wurde ihm ihr Tod verkundigt. "Aber Julie, du bist meine Severina und mehr", sagt' er; "ich denke," (sagte sie sanft) "ebensoviel." Nicht weit von der Arkade hatt' er zum erstenmal in das Angesicht seines Vaters geschauet: "O wenn findest du aber deinen endlich? Sprich daruber, gute Linda!" sagt' er. Sie errotete und sagte: "Ich werd' ihn finden, wenn das Schicksal es zulasset." "Wenn aber ist das?" "Ich weiss nichts", sagte sie zogernd sanft. Da ruhrte ihn Julienne winkend an und sagte in so vielem franzosischen Latein, als sie zusammentreiben konnte, aber in einem gleichgultigen Ton, als spreche sie vor sich selber hin: "Non eam interroga amplius, nam pater veniet (ut dicitur) die nuptiarum194." Er blickte sie verwundert an, sie nickte sehr oft "Julie ist" (sagte Linda lachelnd) "wie die Weiber, so listig im Handeln als offen im Sprechen. Ich hatte mich keinem Bruder so lange verstecken konnen." "Dafur" (versetzte sie) "bekamen die Geschwister einander gleich ausgewachsen und mit allen Vollkommenheiten und konnen sich leicht liebhaben, wenn andere Schwestern erst viele Jahre die Fehler des heranwachsenden Bruders zu verwinden haben."
Jetzt kamen sie auf die Galerie zwischen LimonienBluten, wo Gaspard seinem Sohne so viele Schleier und Masken um die Zukunft hangend hatte sehen lassen; da sagte Albano mit Unwillen: "Hier musst' ich mir viele Ratsel ankundigen lassen und dort" (er meinte die Stelle im Meer, wo ihm zuerst Lindas Bild auf den Wellen erschien) "wurde sogar diese teuere Gestalt nachgeafft."
"Mein Gott," (sagte Linda heftig) "warum es noch gar aussprechen? o es war so schlecht, es zu tun!" "Eingebusset aber hat doch niemand viel dabei," (sagte scherzend Julienne) "ausgenommen ein Paar die Herzen und ich die Anonymitat!" -"Konnten wir beide nicht antworten, Albano?" sagte Linda leise und hob die Augen auf. "Bei Gott!" sagte er stark, denn ohne jene Vorspiele hatten sie sich fruher gesucht und gefunden.
Unter diesen Blicken in eine seltsame, mit Zukunft durchwebte Vergangenheit waren sie in den borromaischen Palast, der diesen Tag zum Gluck ohne die Besitzer war, getreten; weil Albano beide, auf Lindas Gesuch, in die Zimmer fuhren sollte, wo er mit Severina erzogen worden. Der Schlosswarter wollte sie, glaubend, sie suchten nur Aussicht denn die Kindheitszimmer lagen im funften Stockwerk , auf das Dach hinausbringen; er beteuerte, es waren staubige Kinderstuben und seit undenklichen Jahren zugesperrt. Muhsam drehte der Mann mit einem rostigen Schlussel ein eingerostetes Schloss auf. Sie traten ins bestaubte helldunkle leere hohe Zimmer, worin eine leere Wiege, ein Blumentopf mit einem gleich seiner Erde vertrockneten sinesischen Rosenstockchen, eine Kinder-Zinn-Uhr, eine weibliche Spiel-Kuche mit altmodischem Geschirr, eine gerollte glanzende Klaviersaite, ein deutscher Kalender von 1772, viele schwarze Siegel mit blossen antiken Kopfen, ein ausgetrockneter Lianenzweig und dergleichen verloren umherlag. Der Mensch sieht bewegt in die tiefe Zeit hinunter, wo seine Lebensspindel fast noch nackt ohne Faden umlief; denn sein Anfang grenzt naher als die Mitte an sein Ende, und die aus- und einschiffende Kuste unsers Lebens hangt ins dunkle Meer. Albano wurde wehmutig angeregt von der Umgebung und von dem Blicke auf das Menschenleben und auf seine eignen grunen, noch winterlich-niedrig stehenden Felder hinaus und von der Statte, wo er mit einer Mutter und Schwester gelebt, die aus der Erde, ja sogar aus seiner Phantasie entwichen waren. Er nahm die Zinn-Uhr zu sich und sagte: "Gibt es fur das Alter, das keine Zeit, sondern eine Ewigkeit hat, eine bessere Uhr als die mit dem Zeiger ohne Gehwerk?"
Uberrascht wurde Linda, als sie von einem Glaskastchen einen Vorhang wegzog und als ein engelschones Kind von Wachs darin in die hellen Augen Licht bekam. "Es ist die tote Severina", sagte Albano eilig, mit dem rauhen Beiwort "tot", was Linda nicht gern litt. Immer mehr wurd' ihm in der helldunkeln Stube unheimlich ein Sonnenstreif brannte seltsam durch das hohe Fenster herab beseelter auferstandner Staub spielte in ihm die Geister der Schwester und Lianens konnten jede Minute durch das Erdenlicht blitzen und entfernter standen die Geburge draussen im Leben. Er sah die bluhende Linda an, da kam sie ihm auf einmal anders vor, fremd, uberirdisch, als erscheine sie unter den Geistern und gehe wieder von hinnen. Sie sah ihn bedeutend an mit den Worten: "Hier ists unheimlich, gehen wir!" "Weib," sagt' er mit starker Stimme auf deutsch, einem innerlichen Schrecken antwortend, und fasste ihre Hand, "wir wollen zusammenhalten wie ein lebendiges Herz, wenn man es zerreissen will." Linda versetzte: "Ich bleibe nicht langer, Julienne!" Und man ging.
Auf der Schwelle kam es dem Grafen ein, in das Nebenzimmer zu schauen; er macht' es auf und fuhr zusammen, rief aber: "Geht nur voraus!" und ging hinein. Er hatte namlich sich im Spiegel zweimal nachgespielt erblickt. Drinnen fand er sich in einer Nische in franzosischer Uniform stehen in Wachs, aber schon als Jungling, und darneben, was die Tur bedeckt hatte, seinen Vater auch als Jungling, altmodisch bekleidet, aber schon wie ein griechischer Gott; das warme volle blumige Gesicht war noch nicht im starren Leben uberwintert und bluhte noch liebend. Er sturzte tief ins Meer der Vergangenheit. Die kolossalischen Statuen draussen und die beglanzten Geburge hatten sich aus dunkeln Wellen aufgerichtet und standen in tropfendem Schimmer. Man rief draussen. Er blickte wieder in sein Gesicht, aber zornig. "Wozu zweimal", sagt' er und zerquetschte sein Gesicht, aber ihm war es wie Selbstmord und Betasten des Ichs. Die vaterliche Gestalt gonnte er noch weniger der fremden unbewachten Stelle, aber sie war ihm zu heilig zur kleinsten Beruhrung.
Er ging zuruck und schwieg uber die Bilder, um nicht an Lindas Phantasie die grossen widerspenstigen Flugel aufzumachen. Der grunende, bluhende, glanzende Tag verschlang bald die kalten Schatten, die von Hohen und Grabern der Vergangenheit hereingefallen waren "Aber jetzt," (sagte Albano zu Linda) "da Sie eben aus meiner Kinderstube gekommen sind, fuhren Sie mich einmal in die Ihrige." "Ich will dich nur erst bekranzen, da wir am rechten Orte sind", sagte sie und brach und band aus dem Lorbeerwald, durch dessen Gewimmel von lichten und dunkeln Wellen sie jetzt gingen, Zweige zum Kranz. Korperliche Geschaftigkeit gab dieser Jungfrau, welche leichter Tone und Farben und Ideen verknupfte, ein besonders ruhrendes Ansehen von Kindlichkeit und naiver Herablassung. Sie flocht die Krone, aber muhsam, verwechselte einmal den ahnlichen Erdbeerbaum mit dem Lorbeerbaum, tat noch einen bluhenden Myrtenzweig hinein und schmuckte damit sein lockiges Haar, aber sehr ernst: "Der Kranz geziemt dir; die hohen Lorbeern oben am Gipfel wirst du dir schon einmal selber holen", sagte sie. Er glaubte, sie spiele unter dem Ernst; allein sie sah den Bekranzten freudig und prufend an und lachelnd, aber wie eine Mutter, und sagte; -"So ists recht! Was willst du noch? Ich bring' es. Albano, ich habe in dieser Stunde eine ganz besondere und neue Liebe zu dir, ich mochte fur dich viel tun, viel leiden. Mein Herz ist bewegt von uberschwenglicher Liebe. Kusse mich nicht. Ich will dir erzahlen." Die schone Weiblichkeit, die den Geliebten heisser und naher liebt, wenn sie zum ersten Male sein Eigentum, seine Kindheitsorter, seine Wohnungen betreten, erfullte unerkannt ihr starkes Herz. Er kusste sie nicht er sah sie an und weinte in LiebesWonne sie neigte sich heruber und sagte, aber heiter: "Ich weine sehr schwer, Lieber! Ich will dir das von meiner Kindheit erzahlen, was du verlangtest. Von meinen ersten Kindheits-Platzen ist mir wenig geblieben, vielleicht weil wir immer reiseten und weil ich auch mehr nach Menschen als nach Gegenden sehe ausser mein langster Aufenthalt in Valencia. Vom fruhen Reisen hab' ich wohl meine Reise-Sucht. Am Ende liegt sie doch in mir. Aber ihr glaubt immer, wie die Deutschen, das zu erlernen, was ihr eigentlich ererbt oder erschafft. Von meiner Mutter wurd ich mehr als von jemand gehasset und geliebt. Jetzt bin ich klar uber sie. Sie war ganz fur die Kunst oder fur die Kunste geboren, ob ich wohl glaube, dass sie von den Gottern eigentlich fur die Buhne ausersehen war. Sie war alles in dieser Minute, nichts in der andern Fluche und Gebete, Glaube und Unglaube, Hass und Liebe wechselten ab in dieser epischen Natur. Sie hatte eine Welt verschenken und eine stehlen konnen. Sie druckte mich einmal an ihr Herz und sagte: 'Warst du nicht meine Tochter, ich wurde dich stehlen oder toten aus blosser Liebe'; und das war, als ich gesagt hatte: 'Ich liebe die Medea mehr als Kreusa!'
Indes war sie zu inkonsequent, um ganz geliebt zu werden; meinen unsichtbaren Vater liebt' ich weit mehr, ich dacht', er sei Gott der Vater. Ich bildete mir einmal ein, er musse in Porta Celi195 wohnen; stundenlang ging ich um den Totengarten des Klosters und blickte sehnsuchtig durch die Palmen uber die Rosen der Graber. Ich hing an allem Lebendigen bis zum Schmerz; ein sterbender Kanarienvogel machte mich einmal krank, und die Totenmesse, glaubt' ich, werde fur ihn gelesen. Auch an Gott und Geistern hing ich trunken. Im Feuer, das ich im Dunkeln einmal aus dem Zucker schlug, blitzten sie mir voruber. Ich habe nie gespielt, sondern fruh gelesen. Da ich sehr ernst war und meine Gestalt sich zeitig entwikkelte, so wurd' ich fruh als eine Erwachsene behandelt, und ich begehrt' es auch. Niemand war mir ernst genug, ausser der Vormund, der mit heimlicher Hand meine Entwicklung regierte. Vor Buchern und im Reisewagen da verging mein erstes Leben. Ich beneidete die Manner um ihr Wissen und ihre Freiheit, aber sie gefielen mir nicht, die Weiber noch weniger. Ich galt fur stolz und fruher war ichs auch und fur phantastisch; ich nahm es nicht ubel und sagte: 'Ihr habt euere Weise und ich meine.'" Durch Dian und Julienne wurde die Erzahlung gestort.
118. Zykel
Die erste einsame Minute, die Albano mit seiner Schwester fand, legte er zur Nachfrage uber ihre lateinische Nachricht an, dass Lindas Vater gerade an ihrem Hochzeittage erscheinen wurde; aber sie verwies ihn auf seinen eignen, der ihm alles uber Lindas ihren sagen konne und bat ihn, "Linda zu schonen, nicht nur in ihrer Zartheit' sondern auch in ihrer eignen Ehe-Scheu, die sehr weit gehe. Sie konnte nicht einmal eine Freundin an den Traualtar begleiten," (setzte Julienne dazu) "sie nannte diesen den Richtplatz der weiblichen Freiheit, den Scheiterhaufen der schonsten freiesten Liebe und sagte, das Heldengedicht der Liebe werde dann hochstens zum Schafergedicht der Ehe. Freilich weiss sie nicht, wohin solche Grundsatze endlich fuhren." "Ich hoffe auch, dass du ihr vertrauest", sagte Albano, sich diese Seltsamkeit anders und hoher ableitend als seine strenge Schwester. Sie brach schnell ab, um ihm noch den Rat nach Pestitz mitzugeben, die Furstin zu fliehen, die ins Innerste hinein kalt, falsch, rach- und selbstsuchtig sei. "Sie hat etwas und zwar viel mit dir vor und ihr Hass gegen die Grafin kommt jetzt dazu Linda fasset sie scharf auf, aber doch lasset sie sich aus Heftigkeit durch alle hinreissen und benutzen, die sie ubersieht und voraussieht." Albano blieb bei seinem alten sanftern Urteil uber die Furstin um so mehr, da er Juliennens moralische Harte gegen jede genialische schon aus ihrem Missurteil uber Lianen kannte ; aber er gab ihr das leichte Wort, sie zu fliehen, ohne ihr den Grund, namlich ihre so hart entzauberte Liebe fur ihn, zu sagen. Fur sein Zartgefuhl gab es keine grossere Roheit als dieses offentliche Erbrechen und Vorlesen eines Liebesbriefs, als das mannliche Auffangen und Ausrufen eines weiblichen Seufzers der Liebe durch ein Sprachrohr furs Volk.
Alle kamen wieder zusammen lagerten sich auf eine Stelle, die den See und die Alpen und die BlutenSchatten gab der Tag gluhte sich ab und sank von Schonheit zu Schonheit zum Abend hinunter. "Auf dieser feinen Insel" (sagte Dian) "fangt sich schon das nordische Wesen an, und wir stehen bald zu Hause unter einem spitzen Dach." "Nun ja," (sagte Julienne) "aber endlich hat mans doch auch gern, wenn man wieder einen reinlichen Menschen, eine Blondine und einen Schatten sieht und ein paar Vogel hort."196 "An Tivoli und Ischia und den Posilippo denk' ich hier nicht," (sagte Albano) "ich denke an meine Kindheit und an die Alpen. Druben am Ufer des Langsees (Lago maggiore) mogen sich freilich die beiden Insel-Zuckerhute nicht zum besten darstellen; aber dafur stellet sich hier auf dem Zuckerhut das Ufer und der See desto besser dar, und fur den, der auf dieser Seealpe steht, ist sie doch gemacht." "Mir ist alles gleichgultig," (sagte Linda) "denn ich finde mich hier ganz wohl. Das Rezensieren schoner Gegenden ist auch ein nordisch Wesen, weil man sie da nur aus Buchern kennen kann; der Italiener, der sie hat, geniesset sie wie die Gesundheit und ist sich nur der Entbehrung bewusst; deswegen ist er nicht einmal ein grosser Landschaftsmaler."
"Man sollte" (sagte Dian) "das prachtige Welschland noch auf der Grenze besingen, wenn man von dem Kastellan eine Gitarre bekame." Er ging und brachte eine. Nun fing er italienisch zu improvisieren an. Er sang: "In Apollo wurde die alte Liebe nach dem vorigen Schaferlande auf der Erde und nach der verlornen verhullten Daphne wieder wach er stieg vom Himmel, um beide zu finden ihm hatte Jupiter den Momus mitgegeben, der ihm das Hassliche zeigen sollte, damit er zuruckfliege als ein schoner lachelnder Jungling ging er uber die Inseln, durch die Ruinen der Tempel, durch ewige Bluten, vor gottlichen Gemalden einer unbekannten hehren Jungfrau mit einem Kinde und vor neuen Tonen voruber und zog wie uber die Zauberkreise einer schonern neuen Erde. Vergeblich zeigte Momus ihm die Monche und Seerauber und seine von der Zeit niedergeworfnen Tempel und liess ihn spottend Thermensaulen fur Tempelsaulen nehmen der Gott sah hinauf zum hohen kalten Olymp und sah herab auf dies warme Land, auf diese grosse goldne Sonne, diese hellblauen Nachte, diese ewigbluhenden Dufte, diese Zypressen, diese Myrtenund Lorbeerwalder und sagte: hier ist Elysium, nicht in der Unterwelt, nicht auf dem Olymp da gab ihm Momus einen Lorbeerzweig von Virgils Grabe197 und sagte: das ist deine Daphne. Jetzt erzurnte sich seine grosse Schwester Diana, sie gab Daphnen ihre Gestalt und Kleidung, als komme sie aus den Waldern der Pyrenaen heruber; aber er erkannte die Geliebte und ging mit ihr in den Olympus zuruck." Als Dian das sang und die Lieder mit den Saitentonen fliegen liess, so standen hoch druben im Himmel die ewigen Glanz-Geburge aus Eis, von den Bergen flatterten Quellen und Schatten in den hellen See, und der Abend bewegte sich entzundet und entzuckt. Da ergriff der stille Albano die Saiten, senkte das Auge in den Blitz der Geburge ein und fing errotend an: "Verweile, o Sanger, bei den hohen Geistern, die auf das Schlachtfeld zogen, totend, sterbend und die aufbaueten die ewigen Tempel der Menschheit verweile bei den reinen Demanten, die glanzend und fest unter dem Hammer des Schicksals blieben verweile bei der alten Zeit, bei dem Meere Roms, das einen Weltteil trug und die andern untergrub aber fliehe vor der Zeit, die ihren Gipfel in ihren eignen Krater senkte. Verweile, Sanger, auf der Hohe und schaue in den Garten der Welt herunter, der ein spielendes Menschenleben ist die Ruine wird Fels, und der Fels Ruine auf dem hohen Vorgeburge duftet die Blute, unten liegt das Meer mit offnem Rachen uber die Scylla glanzen schone Hauser und Gassen zwischen dem Lager erschrecklicher Felsen. Und der Gott fliegt uber das Land und sieht das Kind auf der Tempelsaule am Ufer und die Gottertempel voll Monche, die Sumpfe voll namenloser Ruinen und die Kuste voll Bluten und Grotten und die bluhenden Myrten und Reben und die Feuerberge und die Inseln und Ischia...."
Aber ihm entsank die besturmte Gitarre und die Stimme, das Auge ging tief in den Himmel und in das Leben des Menschen ein, und er entfernte sich, um das laute Herz zu stillen. In der kuhlenden Einsamkeit bemerkte er, wie weit schon die Sonne hinabgeflogen sei wie mit Amorsflugeln durch einen kaltern Himmel; er kehrte schnell zuruck, in der Abendrote schlug seine Scheidestunde aus.
Als er wiederkam, war Linda allein denn Julienne hatte seinen Dian unter dem Vorwande, das Bilderkabinett zu besehen, von den Liebenden weggezogen, denen heute ohnehin nur ein kurzester Tag des Glucks beschieden war und die Geliebte sah ihn bedeutend an: "Dian sang eigentlich besser" (sagte sie) "und epischer, aber Euer lyrisches Wesen hab' ich doch auch sehr lieb." Sie blickte ihn wieder an, dann wieder, dann in sein Auge, dann umarmte sie ihn schnell, und kein Laut erklarte den plotzlichen Kuss. "Wir wollen auf die Terrasse", sagte sie leise. Sie bestiegen die schone Hohe der zehn Terrassen, welche mit Lorbeer und Zitronenbaumen und mit Pyramiden und kolossalischen Statuen und mit der Aussicht auf das ferne, von Dorfern und Alpen umzogne Ufer das Auge fullt und wo einst Albano seinen Vater hatt' entfliehen sehen. "Du gefallst mir immer mehr, Albano," (sagte Linda) "ich glaube fast, du kannst recht lieben; erzahle mir deine erste Liebe, ich habe dir auch erzahlt." "O Linda," (sagt' er) "wie viel begehrst du! Aber ich bin wahr und sage dir alles; du wirst Sie lieben, wie Sie dich liebte. Sieh hier dein Bild, das Sie sterbend machte und mir gab!"
Er reichte ihr die kleine Zeichnung, und ihr Auge wurde nass. Darauf fing er leise und feierlich das Gemalde seiner ersten Liebe an wie er Sie so fruh noch ungesehen und in ersten Morgenstrahlen des Lebens verehrt und gesucht und wie er Sie fand und wie Sie glucklich machte und es nicht wurde wie sanft Sie war und er so wild und hart wie er seinen eignen Ungestum des Herzens Ihr zumutete wie grausam er Ihre Entsagung aufnahm und wie Sie durch ihn unterging. Linda weinte mehr als gewohnlich "O ich habe hart gehandelt, gute Linda!" sagt' er. "Nein," (sagte sie) "ich wein' uber euch beide." "Ich habe grosse Mangel", sagt' er. "Alle vergeb' ich dir," (sagte sie) "wenn du nur lieben kannst; aber das liebliche Wesen hat auch sehr gefehlt und gegen die Liebe." Sie hielt innen, dann fragte sie leise: "Albano, ist Sie noch in deinem Herzen?" "Ja, Linda", sagte er. "O du redlicher und treuer Mensch!" (rief sie begeistert und legte ihr Haupt an seine Brust und betete:) "heiliger Gott, gib deinen Unsterblichen alles, nur lass mir ewig dieses Menschen Brust, damit er recht geliebt wird, recht unaussprechlich, und damit ich nicht untergehe! Willst du, Lieber," (lispelte sie plotzlich und richtete sich auf, ihn anblickend mit unendlicher Liebe und Hingebung) "dass ich in Lilar wohne, so gebiet es nur."
Dieses weibliche gehorchende Ergeben eines so freien machtigen Geistes machte ihn sprachlos wie ein Adler fasste ihn die Liebesflamme und hob ihn empor er gluhte an ihrem bluhenden Angesicht, und die Brautfackel der untergehenden Sonne schlug mit grossen Flammen zwischen beide herein. "Linda," (fing er endlich mit zitternder feierlicher Stimme an) "wenn wir es wissen konnten, dass wir uns je verliessen oder verloren O! Linda," (fuhr er muhsam fort unter seinen Tranen und Kussen) "wenn das moglich ware, es sei durch meine Schuld, oder durch das kalte Schicksal: war' es dann nicht schoner, wenn wir uns in dieser Minute hinuntersturzten in den See und in unserer Liebe sturben?" Die Sonnenglut brannte wie eine Aurora herein, welche Junglinge und Jungfrauen zu den Gottern entfuhrt; und die Lebens-Dammerung war zu hellem Morgenrot entzundet. "Wenn du das weisst," (sagte Linda) "so stirb jetzt mit mir."
Da weckte beide Juliennens ferne Stimme endlich kam sie selber mit Dian zum Abschied. Sie sahen erwachend, von der Sonne und Liebe geblendet, umher, und alles war verandert die Sonne war versunken, der weite See mit Nebel-Schatten bezogen und die Welt erkaltet, nur die hohen Eisberge loderten noch rosenrot ins Blau, wie Gedachtnissaulen der flammenden Bundes-Stunde.
Vor Albanos Seele stand noch das menschentrennende Schicksal, die kalte verhullte Felsen-Gestalt, deren Schleier auch steinern ist und den niemand hebt. Er wollte nun durchreissen und sogleich ohne feiges Zogern in den Winter hinunter. "O bis der Hesperus untergegangen, verzieh!" lispelte Linda. Er blieb; aber beide hatten keine Worte mehr, nur die Augen; die festgehaltenen Adler, die vorhin den himmlischen Venuswagen durch den Himmel gerissen, flatterten daran wild auf. Der Abendstern ging unter; der halbe Mond in der Himmelsmitte legte Strahlen als Zauberstabe an die Erde an und verwandelte sie in eine heilige blasse Welt des Herzens. "Nur noch den grossen Stern lass hinab" sagte sie und sah ihn sehnsuchtig an. Er tats. Die Nachtigallen hupften tonend zwischen den Silberzweigen; nur die Menschen hatten Himmel und Liebe ohne Stimme.
"Nur noch ein Sternchen!" bat sie; er gehorchte, schon vom Worte geruhrt; aber sie entschied sich selber und sagte: "Nein, geh!" "Wir wollen, Dian!" sagt' er. Dieser ging Liebe-schonend die Terrassen voraus hinab. Heftig und lange lagen die beiden Geschwister einander am Herzen und wunschten sich ein heiteres unbesturmtes Wiederfinden. Linda gab ihm nur die Hand und sagte kein Wort; wie der stille Himmel der Nacht seine heisse Sonne bedeckt, so war ihr flammendes Herz verborgen; und da er ging, schloss sie, ohne nachzublicken, seine Schwester an die wallende Brust.
Glanz und Nacht und Duft bestreueten die Himmelsleiter der Terrassen, die er herunterging. Leise flog sein Schiff durch den Sternen- und BlutenSchnee, der auf den Wellen wehte die Nachtigallen der beiden Inseln klangen zusammen die Schiffer sangen ihnen frohe Lieder zuruck die Orangendufte fuhrte der gunstige Wind dem Schiffchen nach; aber Albano hatte Herz und Angesicht weinend nach der versinkenden Pyramide gewandt. Die Schwester hatte allein auf der Hohe nachgesehen, dann war auch diese verschwunden die Nachtigallen riefen noch leise nach endlich war alles verhullt. Er kehrte sich um nach den blass-schimmernden Eisgeburgen, wie nach den Leuchtturmen seiner Fahrt, und vom Himmel dieses Tags war ihm nun nichts geblieben als die leitende Liebe, wie der Schiffer dem Magnete folgt, wenn die heiligen Sterne sich verborgen haben und ihn nicht mehr fuhren.
119. Zykel
Albano und Dian flogen uber die deutschen Gefilde freudig so manchem teuern Herzen entgegen, und nichts wurde getauscht als ihre Furcht vor dem Abstande ihrer Reise-Lander. Statt des schwarzen Lavasandes und des verbrannten Bodens hinter ihnen deckte jetzt das helle frische Grun die Ebenen und kuhlte das geblendete Auge. Die Wellen gruner Ahren-Fluren schlugen sich so lustig als die Wellen des blaugrunen Meers. In dichtern, langern, hohern Waldern wehten neue Schatten, gleichsam schone kleine Abende, die sich vor dem Tag verkrochen. Nach dem schwarzen Grun der welschen Baume kehrte das helle lachende der deutschen Garten zuruck; und neue Vogel-Chore wiegten sich in Wolken und in Waldern und grussten das Menschen-Herz und schickten ihm ihre leichte schuldlose Freude herab.
Von Fruhling zu Fruhling zog der gluckliche Albano mit seinen Liebestraumen; wie hinter ihm eine sudliche Blute fiel, so tat sich vor ihm eine nordliche auf; und sein Reisewagen blieb auf dem bunten Wege und unter den Bluten-Schatten eines langen Gartens.
Endlich stand er vor dem Hause, wozu ihn der Garten fuhrte, vor der Lindenstadt; so stand er auch im vorigen Jahre auf der Hohe vor ihr, zum Wolkenzuge der Zukunft aufsehend, ohne zu erraten, wozu das Gewolk sich bilde, ob zur Aurora, oder zum Abendgewitter. Wie viele alte Schmerzen streiften jetzt gleich Schatten von Wolken uber die alte Gegend, uber die Blumenbuhler Hohen und uber die Hauser hinuber, als er die bekannten, zuweilen mit Tranen bezeichneten Wege der Vergangenheit uberschauete! Er ging jetzt, das bedacht' er, seinem Vater mit der Nachricht seines neuen Glucks entgegen seinem abtrunnigen Freunde mit der geraubten Geliebten mit alter und neuer Liebe seinem wiederkehrenden Schoppe, dessen Herz und Schicksal ihm jetzt zugleich so dunkel und so wichtig waren und der sonderbaren Zeit und Stunde, wo die unterirdischen Wasser, deren Treiben und Rauschen er bisher so oftmals erfahren, auf einmal aufgedeckt und mit allen Krummungen und Quellen entblosse vor dem Tagslicht liegen sollten und der heiligen Stelle, wo er die Geliebte, die ihm jetzt auf dem deutschen Wege und in der Nahe der vorigen Schwierigkeiten noch grosser und unerreichbarer erschien als auf dem Epomeo in der Nachbarschaft alles Erhabnen am Himmel und auf der Erde, kuhn ans Herz nehmen und schliessen durfte auf ewig, ohne wieder zu fragen: wirst du mich lieben? Da dacht' er an ein Bild zuruck, das er auf dem Vesuv198 gefunden, und sagte zu Dian: "Hinter dem Menschen arbeitet und geht ein langsamer Strom, der gluhend ihn verzehrt und zermalmt, wenn er ihn ergreift; aber der Mensch schreite nur tapfer vorwarts und schaue oft ruckwarts, so entkommt er unbeschadigt. Mein geliebter Lehrer, so will ichs jetzt in meinen neuen bedenklichen Verhaltnissen machen; wende du mich aber nach der Lava um, wenn ichs in schonen Gegenden zuweilen vergessen sollte!"
"Sprecht bessere, gunstigere Worte!" (sagte Dian) "Heil uns, die Gotter sind schon gewogen! Dort kommt Euer Vater den Schlossberg herauf und sieht so lustig und glucklich aus, wie ich ihn nie getroffen!"
Einunddreissigste Jobelperiode
Pestitz Schoppe Ehescheu Arkadien Idoine
Verwicklung
120. Zykel
Gaspard hatte gegen seinen Sohn die gewohnliche vornehme Kalte der ersten Stunde, wie Briefe kalter anfangen als endigen. Erst als dieser Morgen-Reif geschmolzen und es warmer um ihn geworden, entdeckte ihm Albano ohne Furcht und ohne kleinmutiges Erroten mit gereifter Mannlichkeit den Bund, den er mit Linda und mit sich auf ewig geschlossen, und bat ihn um das dritte Ja. "So hat es doch" (versetzte der Ritter) "der alte Zauberer am Ende noch durchgesetzt; freilich unter dem Beistand einer jungen Zauberin. Dass ich dich in dem, was du mit ganzer Seele und auf immer ergreifest, niemals store, das weisst du noch vom vorigen Jahre aus einem ahnlichen Fall." Albano wurde uber die bittere Erwahnung seiner ersten Liebe rot, hatte aber seit einem halben Jahre die Kraft gewonnen, da mannlich zu schweigen, wo er sonst jugendlich sprach. Gaspard, heute froher und gegen ihn warmer als sonst, fuhr doch, als er dessen Empfindlichkeit bemerkte, fort: "Ich heiss' es gut! Wie der Siegelgraber das Wappen anfangs in Wachs, und erst dann in den Edelstein sticht, so versucht der Mann das seinige in mehr als ein Herz zu graben, bis er endlich das festeste halt. Man muss bekennen, du hast nicht am schlimmsten ausgewahlt in meiner Mundel, und ich gebe gern mein Wort dazu."
Albano druckte die Hand, die den sussen Knoten der Liebe noch fester zog, und sagte im Rausche des Danks: "Auch meine Schwester fand ich, die Prinzessin, aber ich tue an Sie keine Frage wie neulich, sondern rechne auf die Zeit." "Spotter!" (sagte Gaspard und nahm, ihn abzukuhlen, wie es schien, den grausamen Schein an, als denk' er, der reine edle Sohn hab' ihm mit der Erwahnung der Schwester den Spott der vielfachen Liebe zuruckgeben wollen) "schweige nur uber alles im Innersten wie ich selber bisher; und verbirg dein Wissen dem Hofe; gib mir dein Ehrenwort."
Albano sagte, auch Juliennen hab' ers schon gegeben; er wurd' aber durch Gaspards ganzes Betragen auf Schlusse zuruckgetrieben, die weder seinem Vater noch Juliennens Mutter sittliche Kranze aufsetzten.
Gaspard setzte noch dazu, es sei fur einen Mann ein Ungluck, mit phantastischen Weibern wie Albano schon seine Mutter kenne und zwar mit dreien auf einmal verwickelt zu sein, und riet ihm, seinen Schritt wie bisher tapfer durch alle Ratsel fort zu tun und sie ihrer eignen Auflosung zu uberlassen; darauf legt' er ihm als eine Probe der dritten Phantastin die Frage vor, ob er schon wisse, dass die Grafin ungeachtet seiner Vormundschaft ihren lebendigen Vater noch habe, der erst an ihrem Hochzeittage erscheinen wolle. Er bejaht' es. Gaspard fuhr nun fort: schon dieser Grund allein damit Linda ihren Vater und sie alle endlich die Ruhe der Klarheit fanden bestimme ihn fur eine fruhe heimliche Verbindung beider durch den ehrlichen Spener.
Albano ordentlich erschreckend vor der schnellen nahen Verwandlung seliger Stunden in selige Jahre und ebenso unvermogend, sich seine Titanide als Gattin zu denken wie als Kind antwortete bescheiden und mit uneigennutziger Rucksicht auf Lindas EheScheu: uber die Zeit seines besiegelten Glucks durfe und konne niemand entscheiden als Linda selber.
Gaspard war zufrieden: "Nur um einen Aufschub halt' ich bei euch an," (fugt' er noch bei) "mein Freund, der Furst, ist seinem Ende wieder naher die wohltatige Wirkung, die auf ihn eine Geister-Erscheinung gemacht, hat allmahlich nachgelassen, und er furchtet taglich die Wiederkunft des Phantoms, das ihm die letzten Stunden vorauszusagen versprochen. In solcher Zeit taugt mir euer Fest nicht. Im Vertrauen gesagt, der arme Kranke hatte selber ein Auge auf die schone Braut. Es ist doch billig, ihn mit der grossten Gewissheit seines Verlustes zu verschonen. Seinetwegen verschieb' ich auch meine Abreise."
Wie wenn ein Mensch in das junge Paradies trate und alle Vogel auf einmal, Nachtigallen und Adler und Eulen und Paradiesvogel und Geier und Lerchen, umzogen ihn: so verworren fuhlte sich Albano durch diese durchkreuzende Ansichten erregt, und er merkte, hierin geb' es keinen Verlass und Vorhalt als auf sein eignes Herz und Linda ihres.
Gaspard schien ungeduldig auf das Wiedersehen der Grafin zu sein, die er seine einzige Freundin nannte. "Ich glaubte leider in Rom meinem Bruder nicht," (setzt er dazu) "da er beiden Frauen in Neapel wollte begegnet sein. Apropos, dieser ist vor einiger Zeit hier durch nach Spanien gegangen; in Rom behauptete er, nach Griechenland zu reisen du siehst, mit welcher poetischen Lust und Genialitat er das reine Lugen treibt."
Gaspard schied sehr warm von ihm mit den Worten: "Albano, ich bin mit dir zufrieden, ich war' es unendlich, wenn die Reinheit des Junglings in den Mann uberginge noch hab' ichs nie gefunden." Albano wollte geruhrt beteuern und beschworen. "Darum" (fuhr er mit einer leichten, den Eid wegtreibenden Handbewegung fort) "fandest du mich so froh uber dein Gluck, denn die Furstin, Freund, hatte mir deine Liebe schon am Morgen verkundigt. Nimm dich in acht vor ihr, denn sie hasset dich ohne Grenzen."
Hart und schauerlich tritt, wie ein neues wunderbares Raubtier hinter dem Gitter, zum erstenmal ein rechter, wenn auch waffenloser Hass vor ein gutes Herz. Albano begehrte keine Bekraftigung und Erklarung dieser traurigen Nachricht, denn der Furstin Liebe und Irrtum, ihre Bekanntschaft mit seiner vorigen Kalte gegen Linda, ihr stiller Ingrimm gegen diese selber waren ja fur sie Flammen genug, um daran den starksten Gift zu kochen.
Er wohnte wieder auf des Vaters Ersuchen bei dem fur ihn unbedeutend in der Tiefe liegenden Doktor Sphex; und Gaspard wieder im Schloss nahe am kranken Freund. Der Ritter stellte ihn schnell dem Hofe vor, der das Reise-Braun, den scharfern Augen-Blitz und die ganze letzte Entwicklung seiner grossen Gestalt schnell bemerkte und bemerken liess. Die Furstin empfing ihn mit der leichtesten feinsten Kalte, gleichsam einer aqua toffana, die nur reines geschmackloses Wasser scheint. Der Furst sass im Krankenbette aufrecht mit verdrusslichem Gesicht vor herkulanischen Zeichnungen und liess sich daruber von Bouverot belehren. Wie ein Gesicht, auf welchem in den spaten grauen Jahren des Lebens noch schone Freudigkeit sich bilden kann, ein schones Leben und schones Herz verkundigt: so lachelt der Heilige nie himmlischer als auf dem Krankenbette, und der Verlorne nie harter als eben da. Albano wandte sein Auge ab vom siechen verzerrten Bruder seiner Schwester.
Schmachtend sah er nach dem vergangnen Hesperien zuruck und auf die Paradieses-Pforte hin, die endlich aufgehen und Linda und die Schwester im Eden zeigen sollte. "Es wird dir recht sein," (hatte Gaspard gesagt) "dass ich es unter dem Vorwand der Krankheit Luigis gemacht, dass beide im alten Schloss zu Lilar wohnen, wo du sie unbemerkter sehen kannst." Er begegnete dem Minister Froulay, und ihm kam entgegen der Lektor; mit beiden ging ein dunkles vielfaches Schatten-Gefolge von harten alten Erinnerungen mit. Noch hatt' er den Hauptmann Roquairol nicht gesehen, jetzt fur ihn der Abendnebel eines untergegangnen Fruhlingstags.
Er trug, so schnell er konnte, sein stummes Herz das eine Aolsharfe in der Windstille war nach dem kindlichen Blumenbuhl, um die elterlichen Menschen zu begrussen und die Blatter seines nachsten SeelenNachbars Schoppe zu lesen, nach dessen versprochner Wiederkunft er sich jetzt mehr als jemals sehnte.
121. Zykel
Es war ein blauer frischer Sommertag, da Albano nach seinem alten Blumenbuhl ging, ohne zu wissen, dass ers gerade an dem Jakobi- oder vaterlichen Geburtstag tue, den er einmal in der Kindheit mit so seltsamen Vorspielen seines Lebens verbracht. In den alten Garten und auf den alten Hohen umher bis nach Lilars Walde hinuber lag uberall noch der junge schimmernde Tau der Kindheit unvertrocknet von der Sonne Hesperiens; auch manche Tranentropfen standen darunter auf Blumen; aber sein frischer genesender Geist wehrte sich jetzt gegen weiches Verschwimmen in die laue Verflossenheit, diese Lethe der Gegenwart. Im Dorfe wurd' er uber ein Pferd, das man beschlug, betroffen, weil ers am Zeuge und allem als Roquairols Freudenpferd erkannte.
Ein Fest trug er in das Fest hinein, als er in die laute Vaters-Stube voll Geburtstagswahler trat, bluhend, entwickelt, gerade, ein befestigter Mann mit entschiednem Blick und Zug. Rabette schrie auf- Roquairol rief: "Aha!" und der alte Lehrer Wehmeier: "Gott und mein Herr!" und seine Kindheits-Engel, die Eltern, umfassten ihn unverandert, und aus Albinens blauen Augen rannen die hellen Tropfen.
Aber verandert stand die fremde Jugend neben seiner. Rabettens Angesicht, die vorigen vollen Wangen und bluhenden Lippen waren niedergefallen und mit dem aufliegenden weissen Schleier uberlegt und verwachsen, und sie hatte zwei graue Tranen statt der Augen; indes lachelte sie sehr. Wie sein eignes Gorgonenhaupt erschien Roquairols Gesicht blass und hart, gleichsam auf seinen Grabstein gehauen; nur schroffe Pfeiler standen in der Flut ohne die leichten Bogen der schonen Brucke. Zu Albanos Bluten-Stamme sahen Albine und Rabette unverwandt hinauf, er schien ein italienisches Gewachs zu sein, ein Neapolitaner, im taglichen Bade des Golfs genervigt. Roquairol hatte sogleich seine Rolle in der Gewalt, leichter als Albano seine Wahrheit; er benahm sich gegen den, der ihm den Zauberstab des Lebens entzweigebrochen und als zwei Bettelstabe hingeworfen hatte, mit der hochsten Hoflichkeit, kusste ihn auf die Wange, hielt in dem leichtesten, oft franzosischen Sprachton aus, zog die nachsten Nachrichten uber Welschland ein und gab wieder die erheblichsten, so gut er sie, sagt' er, fur einen Mann mit hesperischem Massstab auftreibe, aus dem Lande zum besten. Auch erzahlte er, "dass des Ritters Bruder dagewesen, ein Mann voll Talente, zumal mimischer Art, und von der sonderbarheftigsten Phantasie bei der hochsten Kalte des Charakters, vielleicht aber nicht immer wahr genug." "Bei meinem Trauerspiel" (setzt' er dazu) "war' er Goldes wert. Lieber Bruder, sei bei dieser Gelegenheit auch gleich eingeladen dazu; es heisset: der Trauerspieler Ich geb' es bald Rabette kennts." Sie nickte, Albano schwieg unter seiner Glut. Unter allen Rollen gelang dem Hauptmann die eines Weltmanns am reinsten; auch ist der Schein der Kalte leichter und wahrer als der Schein der Warme. Albano blieb in einem stolzen Abstande. Der gekrankten welken Rabette gegenuber konnte Roquairol durch nichts gewinnen, auch nicht durch die Vorbitte seiner Gestalt voll zertrummerten Lebens; etwas auf ewig Verworrenes und die Wachsflugel zu einem Klumpen gequetscht fand Albano, und ihm war hier enge wie einem, der von der hellen Welt herab auf einmal in eine niedrige feuchte Kellerhohle kriecht.
Der Hauptmann stand auf, erinnerte noch einmal an seine Bitte fur den "Trauerspieler" und sprengte auf dem Freudenpferde davon.
Hinter ihm schwieg jeder von ihm wie verlegen. Die Weiber, von Albanos glanzender Gegenwart ein wenig scheu, getraueten sich nur schwer mit der alten einheimischen Vergangenheit hervor, indes der Pflegevater Wehrfritz, in seinen Meinungen und Sitten fortgewachsen, noch in das alte Geschrei der Kanarienvogel und Hunde eingefasset, gar keine Zeit kannte, dem Pflegesohne innigen Dank fur die verbindliche Erinnerung und Wahl seiner Geburtstagsfeier sagte, den Albano notwendig und vergeblich ausschlug, im vorigen Du und Vaterwesen fortfuhr, sich uber die Franzosen und ihre kunftigen Siege entzuckte und jetzt dem altern Pflegesohne mehr Pramien des Lobes als jemals dem jungern bewilligte, um ihm dadurch, hofft' er, ein so grosses Vergnugen zu machen wie sonst. Der Magister unterstutzte von weitem das Lob, ob er gleich nicht unterlassen konnte, sofort, als sein Schuler Napel, Baja, Cuma ausgesprochen hatte, eine Gelegenheit zu ergreifen, um Neapel, Baja, Cuma auszusprechen. Albano war rein, wahr, menschlich, offen und herzlich gegen alle; Eitelkeit war nicht in seinem selbstvergessenen Stolz.
Rabette fand endlich ein Hebezeug, den glanzenden und doch trauten Bruder aus dem Gastzimmer in ihres oder sein voriges aufzuwinden, um allein zu sein an seiner Brust. Als sie hineintraten, so fing sie sogleich mit den Worten: "Kennst du die Stube noch, Albano?" unendlich zu weinen an mit den so lange gesammelten Tranen; und Albano zeigt' ihr in den seinigen sein langes bisheriges Mitleiden, riss aber dadurch die ganze wundenvolle Vergangenheit auf. Sie griff selber zum Heilmittel, zum Erzahlen so sehr er auch vorschutzte, er wisse und errate ja alles ; und berichtete, die Augen trocknend, wie alles stehe und "dass Karl viel bei seiner Mutter in Arkadien sei dass der Minister noch gegen das einzige Kind den alten Wutrich mache und ihm nicht einen Heller mehr als sonst zuschiesse, ob er gleich immer grosse und grossere Schulden haufe, zumal seitdem keine Liane sie mehr im stillen tilge dass er uberall borge, nur aber von ihr nichts annehme dass er noch immer weiter nichts begehre und kenne als die Grafin und dass Gott wisse, wohinaus das alles noch wolle". Allem Fragen zuvorkommend, setzte sie dazu: "Er weiss schon jetzt alles, dein ganzes Leben mit derselbigen Person er tut dabei still und lustig, aber ich kenn' ihn genugsam. Ach!" seufzete sie in der Jammer-Fulle und setzte sogleich mit derselben Stimme dazu: "Du siehst mich an, nicht wahr, du findest mich sehr mager gegen sonst?" "Jawohl, Arme!" sagte er. "Ich trank viel Essig seinetwegen, weil Karl schlanke Taillen liebt; und der Gram tut auch viel", sagte sie.
Albano wollte sie trosten mit der nahern Moglichkeit einer Verbindung Karls mit ihr, seit der entschiednen Unmoglichkeit jeder andern, und bot sich ihr gern zu jedem Vorwort und Zwangsmittel an; "er ist vor Gott und uns dein Mann", sagt' er. "Das hat er nie" (versetzte sie errotend) "sein mogen, namlich honett; ich schrieb dir ja, dass ich jetzt auch zu stolz bin dazu." Nichts bestach ihn mehr als sittlicher Stolz: "So wirf ihn einmal weg auf immer!" sagt' er. "Ach," (sagte sie banglich) "weiss ich denn, dass er kein Leid gegen sich selber vorhat? Dann wurf' ich mirs ewig vor." Unwillkurlich musste er mit dieser liebenden heiligen Furcht die Harte der Furstin vergleichen, die es so froh und stolz erzahlen konnte, dass manches verliebte Leben das Opfer ihres sproden Herzens und koketten Gesichts geworden. "Was willst du nun tun?" fragt' er. "Ich weine" (sagte sie) "ach Alban, das ist ja genug, dass du mir Gehor und Rat gegeben; ich bin wieder ganz heiter. Aber werde wieder sein Freund."
Er schwieg, uber die weibliche Unart ein wenig erzurnt, die unter dem Vorwand, Rat zu suchen, nur Gehor verlangt. "Was ist das," (fragt' er, ein Blatt ihr zeigend) "das ist vollig meine Hand, und ich hab' es nie geschrieben?" Sie sah es an und sagte: "Karl probiere oft so in den Handen bei ihr." Es wunderte ihn, und er sagte: "Uberall nur Nachspielen und Nachmachen! Aber wie kannst du denken, dass ich ihm vergebe?" Einige Reisebeschreibungen auf ihrem sonst bucherarmen Nachttisch fielen ihm auf; "ich wollte doch wissen," (sagte sie) "wie es dir etwan da und dort mochte ergehen, und las deshalb das lange Zeug." "Du bleibst meine Schwester!" sagt' er und kusste sie herzlich. Sie fragte ihn noch viel und zudringlich uber sein neues Verhaltnis, aber er eilte wortkarg mit dem vollen Herzen hinab.
Das erste Wort drunten an den Landschaftsdirektor war die Bitte um das "deponierte Schoppische Schreiben". Wehrfritz brachte den im Eisenkastchen der Schuldscheine aufbewahrten breiten Brief und lieferte ihn hoffentlich, wie er sagte, richtig ab. Kaum hielt Albano die Tranen zuruck, als die krausen, aber werten Spuren der geliebten Hand, die gewisslich nie im Leben gewankt oder sich befleckt, in der seinigen hielt. Da er nichts erbrach, so fingen sie alle gutmutig an, ihm seinen Freund Schoppe nach den Mutmassungen und Ansichten, die sich der Mensch uber jeden hohern Geist so keck und froh erlaubt, mit allen seinen Taten oder Farben vorzuschildern, als waren Taten oder Farben Striche und Umriss. Wehrfritz und Wehmeier bedauerten, dass er toll wurde, wenn ers nicht schon sei. Der Magister hielt mit seinem Hauptbeweise zuruck, bis der Landschaftsdirektor die kleineren Nebenbeweise beigebracht.
Sein Leben unter diesem Schlossdache wurde abund aufgedeckt, aber im guten. Er hatte bisher so gingen die Berichte nichts Reelles oder Solides "bezweckt". Wehrfritz schwur, er habe selber zugesehen, dass er die Literaturzeitung so gelesen, wie sie ineinander Halbbogen-weise steckte, und sagte, dass ers freilich weniger der Tollheit als einer Geistes-Abwesenheit zuschreibe, weil er wisse, mit welcher Lust er immer den Reichsanzeiger den solcher selber fur den Torschlussel der Reichsstadt Deutschland erklaret in die Hand genommen und verstandig durchgegangen. Mitten in der Gesellschaft hab' der Bibliothekar seine Hande angesehen mit den Worten: "Da sitzt ein Herr leibhaftig und ich in ihm, wer ist aber solcher?" Gearbeitet hab' er sehr wenig, Bucher von Gewicht, wie Herr Wehmeier wisse, selten angesehen, leichter die allerschlechtesten von Bauern, z.B. ganze Traumauslegebucher. Sein liebster Umgang sei ihm sein Wolfshund gewesen, mit dem er stundenlang ordentlichen Diskurs gefuhrt und von dessen Murren er ernsthaft behauptet, es klinge wie ein sehr ferner Donner. Gern sei er vor dem Spiegel gesessen und habe sich in ein langes Gesprach mit sich eingelassen; zuweilen hab' er in die camera obscura gesehen, dann schnell wie der in die Gegend, um beide zu vergleichen, und habe unoptisch genug behauptet, die laufenden regen Bilder der camera wurden von der aussern Welt vergrossert, aber tauschend nachgeafft. "Ein schlauer Vogel" (setzte der Direktor dazu) "bliebs bei alledem; verschiedene meiner Bekannten auf den benachbarten Rittersitzen liessen sich von ihm malen, weil ers wohlfeil gab; er wusste aber immer etwas ins Gesicht einzuschieben, dass einem die Physiognomie ganz lacherlich oder einfaltig vorkam; und das hiess er sein Schmeicheln. Naturlich sass ihm in die Lange nichts Honettes mehr."
"War' es mir verstattet," (fing Wehmeier an) "so wurd' ich jetzt dem Herrn Grafen ein Faktum vom Herrn Bibliothekar mitteilen, das vielleicht, das ist wenigstens meine Meinung, so frappant ist als manches andere. Die Schulwohnung ist, wie Sie gewiss noch wohl wissen, dicht an der Kirche." Darauf gab er in einer langen Erzahlung diese: Einst sei in der tiefen Mitternacht die Orgel gegangen Er habe an der Kirchture gelauscht und Schoppen deutlich einen kurzen Vers aus einem Hauptlied singen und orgeln horen Darauf sei dieser laut vom Chore herab und auf die Kanzel hinaufgestiegen und habe eine Kasualpredigt an sich selber mit den Worten angefangen: "Mein andachtiger Zuhorer und Freund in Christo" Im Exordium hab' er das stille, leider so schnell vergangne Gluck vor dem Leben beruhrt, obwohl nicht nach rechter Homiletik, da der zweite Teil fast den Eingang repetieret darauf einen Kanzelvers mit sich gesungen und aus Hiob, Kap. 3 wo dieser die Freude des Nicht-Seins zeigt, den 26sten Vers verlesen, der so lautet: "War ich nicht gluckselig? war ich nicht fein stille? hatt' ich nicht gute Ruhe? Und kommt solche Unruhe" Vorgestellt hab' er sich: die Leiden und Freuden eines Christen; im ersten Teil die Leiden, im zweiten die Freuden Hierauf hab' er, aber auf narrische Art und Sprache, aber doch auch mit Bibelspruchen, die Not auf der Welt kurz zusammengedrangt, worunter er sehr unerwartet sonderbare Sachen, lange Predigten, die beiden Pole, hassliche Gesichter, die Komplimente, die Spieler und die WeltDummheit, gezahlt Darauf sei er zum Trost im zweiten Teile vorgeschritten und habe die kunftigen Freuden eines Christen beschrieben, welche, wie er lasterlich gesagt, in einer Himmelfahrt ins zukunftige Nichts, in dem Tode nach dem Tode bestanden, in einer ewigen Befreiung vom Ich Da hab' er, grausend sei es zu horen gewesen, die benachbarten Toten unten in der Kirche und in der furstlichen Gruft angeredet und gefragt: ob sie zu klagen hatten "Ersteht," (sagt' er) "setzt euch in die Stuhle und schlagt die Augen auf, falls sie nass sind. Aber sie sind trockner als euer Staub. O wie liegt die unendliche Vorwelt so still und schon gewickelt in den eignen Schatten, auf das Bette der Selbst-Asche weich gelegt, und hat nicht ein Traum-Glied mehr, in das eine Wunde geht. Swift, alter Swift, der du sonst so sehr in der letzten Zeit nicht bei Verstande warst und an jedem Geburtstage das ganze Kapitel durchlasest, woraus der heilige Text unserer Erntepredigt genommen ist, Swift, wie bist du nun so zufrieden und ganzlich hergestellt, der Hass deiner Brust ausgebrannt, die Zahlperle, dein Ich, in der heissen Trane des Lebens endlich zerbeizt und zerlassen, und diese steht allein hell da! Und du hattest vor dem Kuster gepredigt wie ich." Hier habe Schoppe geweint und sich uber die Ruhrung, Gott weiss vor wem, entschuldigt Darauf sei er an die Nutzanwendung gegangen und habe scharf auf Besserung des Zuhorers und Predigers gedrungen, auf lautere redliche Wahrhaftigkeit, Freundestreue, stolzen Mut, bittern Hass der Susslichkeit, des Schlangengangs und weicher Unzucht Endlich hab' er mit einer Bitte an Gott, dass er ihn, sollt' er einmal Gesundheit oder den Verstand oder dergleichen verlieren, doch moge sterben lassen wie einen Mann, die Andacht beschlossen und sei auf einmal aus der Kirchenture herausgefahren. "Er brachte mich" (setzte Wehmeier dazu) "fast um meinen Verstand durch Schrecken, da er auf einmal zornig mich anfuhr: 'Scheinleiche, was schleichst du ums Grab?' und ich machte mich entfarbt und hurtig nach Hause? ohne ihm das geringste darauf versetzt zu haben. Was sagen aber der Herr Graf?"
Albano schuttelte den Kopf mit Heftigkeit, ohne ein belehrendes Wort, mit Schmerz und Tranen auf dem Gesicht. Er nahm bloss schnell von allen Abschied und bat sie um Vergebung der Eile; und suchte Abend-Sonne und die Freiheit, um des edlen Menschen Brief und die Absicht seiner Reise zu lesen. Er schlug den alten Weg nach Lilar ein, wo er an der frohen sudlichen Brust seines frohen Dians wieder die sudliche Heiterkeit und Gewohnheit zu finden hoffte; denn sein Herz war durch ein Erdbeben aufgedrangt und aufgehoben, weil ihm in diesem Schoppe doch manches wilde Zeichen, gleichsam ein ubermassiges Leuchten und Blitzen dieses Gestirns, einen Untergang und Jungsten Tag zu melden schien, den er zu seinem hochsten Schmerz dem Aufgehen des neuen Sterns der Liebe, der diese Welt anzundete, zuzuschreiben gezwungen war.
122. Zykel
Er las folgenden Brief von Schoppe: "Dein Schreiben, mein lieber Jungling, kam mir richtig zu. Ich preise deine Tranen und Flammen, die einander wechselnd unterhalten und nicht loschen. Werde nur etwas, auch viel, nur nicht alles, damit du es in einer so ausserst leeren Sache, wie das Leben ist ich mochte wissen, wers erfunden hat , ausdauern kannst vor Wustenei. Ein Homer, ein Alexander, die nun die ganze Welt erobert und unter sich haben, mussen sich oft mit den verdrusslichsten Stunden plagen, weil nun ihr Leben aus einer Braut eine Frau geworden. So sehr ich mich dagegen verpalisadierte und mich festmachte, um nicht uber jedermann zu steigen und als das Faktotum der Welt oben zu sitzen: so kam ich doch am Ende unvermerkt und stehend in die Hohe, bloss weil unter meinem langen Besehen der ganze Erdkreis voll Schaumberge und Nebel-Riesen immer tiefer auftauete und zusammenkroch; und schaue nun allein und trocken von meinem Berghorn herunter, ganz besetzt mit Blutigeln des Welt-Ekels.
Bruder, es wird aber in diesem Jahre anders und ich flott. Deswegen wird dir hier im Februar ein langer, mir ganz verdrusslicher Brief geschrieben, der dir uber meine nahe Einspinnung und Verpuppung sagt, wo und wie; denn bin ich einmal eine glanzende Chrysalide, so kann ich mich nur schwach mehr regen und zeigen.
Ich will mich deutlicher erklaren, setzen die Deutschen hinzu, wenn sie sich deutlich erklart haben. Es schickt und trifft sich besonders glucklich was ich schatze wie einer , dass gerade Ende des Jahrs Ende meines bisherigen vaterlichen Vermogens ist und folglich, wenn Amsterdam aufhort zu zahlen, ich auch falle und nichts mehr in Handen habe als schwache chiromantische Wahrsagungen und nichts im Leibe habe ausser dem Magen. Ich wollte, ich konnte noch von meinem Nabel leben wie in meinen fruhern Zeiten und mich so weich betten.
Was soll ich dann machen? Mich von den Herren Menschen jahraus, jahrein beschenken zu lassen, dazu acht' ich sie nicht genug; und die wenigen, die man etwa bei Gelegenheit achtet, sollen wieder mich zu hoch achten, es anzubieten. Was, ein Floh soll ich sein am dunnsten goldnen Kettlein, und ein Herr, der mich darangelegt, damit ich ihm springe, aber nicht davon, zieht mich ofters auf den Arm und sagt: saug nur zu, mein Tierchen!? Teufel! Frei will ich bleiben auf einer so verachtlichen Erde keinen Lohn, keinen Befehl in diesem grossen Bedientenzimmer erhaltend kerngesund, um kein Mitleiden und keinen Hausarzt zu erwecken ja wollte man mir das Herz der Grafin Romeiro unter der Bedingung zuschlagen, es zu erknien, so wurd' ich das Herz zwar annehmen und es kussen, aber gleich darauf aufstehen und davonlaufen (entweder in die zweite oder in die neue Welt), ehe sie Zeit hatte, sich die Sache zu rekapitulieren und mir vorzurucken.
Werden freilich etwas und dadurch ebensoviel verdienen , das konnt' ich (schlagt man mir vor) doch versuchen, ohne sonderliche Einbusse von Freiheit und Ungleichheit. In der Tat seh' ich hier aus meinem Zentrum an 360 Weg-Radien laufen und weiss kaum zu wahlen, so dass man lieber das Zentrum zum Umkreis auszuplatten oder diesen zu jenem einzuziehen versuchen mochte, um nur fortzustehen. Dienen, wie die Regimentsstabe sagen, ware freilich das nachste am Herrschen. Du willst selber, wie du schreibst, ins Feld. (Deinen Brief hab' ich richtig erhalten und darin deine Scheu und Sucht recht und gut gefunden und dich ganz.) Und in Wahrheit, errichtete der Erzengel Michael eine heilige Legion, eine legio fulminatrix von einigen schwachen Septuagintas gegen das gemeine Wesen der Welt, kundigte er den Riesenkrieg dem Pobelsaufgebote an, um vier oder funf Weltteile durch ein sechstes Weltteilchen (auf einer Insel hatt' es vielen Platz) aus der Welt zu treiben oder in die Kerker und um alle geistige Knechte zu leiblichen zu machen: sei versichert, in diesem glucklichen Fall stellte ich mich am ersten hinter die Spitze und fuhrte die Kanonen mit der kurzen fluchtigen Bemerkung:
wie Handel zuerst Kanonen in die Musik, so brachte man hier umgewandt zuerst Musik in die Kanonen. Kamen wir nun samtlich zuruck, wehte der heilige Landsturm wieder herwarts: so stande Gottes Thron auf der Erde, und heilige Manner gingen mit hohen Feuern in Handen hinauf, viel weniger um droben den Weltkorper zu regieren als dem Weltgeiste zu opfern.
Mit der Franzmannschaft demnach stehst du fur deine Person, wie du schreibst, kunftig fur einen Mann. Freilich fallt mirs schwer, sonderlich von 25 Millionen zu denken, wovon zwar die Kubikwurzel frei lief und wuchs, aber Stamm und Gezweig doch jahrhundertelang am Sklaven-Gitter trocknete und dorrte. Wer nicht vor der Revolution ein stiller Revolutionar war wie etwan Chamfort, mit dessen feuerfesten Brust ich einmal in Paris an meiner schones Feuer schlug, oder wie Montesquieu und J.J. Rousseau , der spreize sich mit seiner Tropfenhaftigkeit nicht breit unter seine Haustur aus. Freiheit wird wie alles Gottliche nicht gelernt und erworben, sondern angeboren. Freilich sitzen im Frank- und Deutschreich uberall junge Autoren und Musensohne, die sich uber ihren schnellen Selbst-Gehalt verwundern und erklaren, nur verflucht erstaunt, dass sie nicht fruher ihr Freiheitsgefuhl gefuhlt, weiche Schelme, die sich als ganze blasende Walfische ansehen, weil sie einiges Fischbein davon um die Rippen zu schnuren fanden Immer wurd' ich in einem Kriege, wie ihn die tote Zeit geben kann, glauben, zwar gegen Toren zu kampfen, aber auch fur Toren.
Die jetzigen zynischen, naiven, freien Naturmenschen Franzen und Deutsche gleichen fast den nackten Honoratioren, die ich in der Pleisse, Spree und Saale sich baden sah: sie waren, wie gesagt, sehr nackt, weiss und naturlich und Wilde, aber der schwarze Haarzopf der Kultur lag doch auffallend auf den weissen Rucken. Einige grosse lange Menschen und Vater der Zeit, wie Rousseau, Diderot, Sidney, Ferguson, Plato, haben ihre abgetragnen Hosen abgelegt, und diese tragen ihre Jungen nach und nennen sich, weil sie ihnen so weit, lang und offen sitzen, deswegen Ohne-Hosen.
Zwar statt des Degens konnte ich auch sehr gut das Federmesser ergreifen und als schreibender Casar aufstehen, um die Welt zu bessern und ihr und sie zu nutzen. Es wird mir denkwurdig bleiben, das Gesprach, das ich daruber mit einem berlinischen allgemeinen deutschen Bibliothekar aushielt, als wir still im Tiergarten auf- und abgingen. 'Jeder wuchere doch seinem Vaterland mit seinen Kenntnissen, die sonst vergraben liegen', sagte der deutsche Bibliothekar. 'Zu einem Vaterland gehort zuvorderst einiges Land', sagt' ich, 'der Malteser Bibliothekar aber, der hier spricht, erblickte das Licht der Welt zur See unter einem pechfinstern Sturm. Kenntnisse besitz' ich freilich genug und weiss, dass man sie wie ein Glas voll Kuhpocken, vernunftig genommen, nur dazu hat, um sie einzuimpfen der Schuler seinerseits schlingt sie wieder nur ein, um sie von sich zu geben, und so gibt sich das Weitere. So fahrt das Licht, wie im Spiel "stirbt der Fuchs, so gilts den Balg" der glimmende Span, von Hand zu Hand, bis aber doch der Span in einer meiner verloscht und verbleibt.'
'Launig genug!' (sagte der allgemeine Bibliothekar) 'Mit einer solchen Laune verbinden Sie nur noch Studium schlechter Menschen und guter Muster, so bilden Sie uns einen zweiten Rabener, der die Narren geisselt.' 'Herr!' (versetzt' ich ergrimmt) 'ich wurde die Weisen vorziehen und Euch den ersten Schlag versetzen. Weise lassen sich berichten und waschen, haben uberall ihr Einsehen und sind gute Narren und meine Leute; ein Mann wie ein allgemeiner deutscher Kurschmied, der dem Musenpferd an den Puls greift, halte mir seinen vor, und ich befuhl' ihn gern. Aber der Welt-Rest, Sir? Wer kann das Weltmeer abschaumen, wenn er ihm nicht die Ufer wegbricht? Ists nicht ein Jammer und Schade, dass alle genialische Menschen, von Plato bis zu Herder, laut und gedruckt worden und haufig gelesen und studiert vom gelehrten Pack und Packhof, ohne dass dieser sich im geringsten andern konnen? Bibliothekar, ruft und pfeift doch alles, was in den kritischen Hundshutten neben jenen Tempeln Wache liegt, heraus und fragt samtliche Windspiele, Doggen und Packer, ob in ihren Seelen sich etwas anders bewege als ein potenzierter Magen, statt eines poetischen und heiligen Herzens! Im Bergkessel sehen sie den Wurst- und Braukessel, im Laub die Schelle der Karte, und der Donner hat fur sie als ein grosserer elektrischer Funke einen sehr sauerlichen Geschmack, den er nachher dem Marz-Biere einflosset.'
'Spielen Sie an?' fragt' er. 'Sicher!' (sagt' ich) 'Aber weiter, Bibliothekar, gesetzt wir beide waren so glucklich, uns auf dem Absatze herumzudrehen und mit einem Umherhauchen alle Toren wie mit einem Huttenrauche ganz verpestet umzuwehen und maustot hinzuwerfen: so kann ich doch nicht absehen, wo der Segen herauskommen will, weil ich, ausserdem dass wir noch selber nebeneinander stehen und auch uns anzuhauchen haben, in allen Ecken umher Weiber sitzen sehe, welche die erlegte Welt von neuem hekken.
Bester Pusterich199 voll Feuer', (fuhr ich fort) 'kann aber das sehr zum satirischen Handwerke rufen und pragen? O nein!
Echte Laune ist bei mir da, vielleicht fremde Tollheit gleichfalls, vielleicht aber ach wird nicht der seltsame Scherzmacher, sogar in ihrer ungemeinen Bibliothek, dem Stachelschweinmanne in London (dem Sohne) gleichen, der bei dem Tierhandler Brook den Dienst hatte, den Fremden im wilden Viehstand und auslandischen Tiergarten herumzufuhren, und der auf der Schwelle dabei anfing, dass er sich selber zeigte als Mensch betrachtet? Bedenken Sie es kalt und vorher! Noch schwing' ich meinen Satyr-Schweif ungebunden und lustig und etwan gegen eine gelegentliche Bremse; wird mir aber ein Buch darangebunden, wie in Polen an den Kuh-Schwanz eine Wiege, so ruttelt das Tier die Wiege der Leser und gibt Lust, der Schwanz aber wird ein Knecht.'
'Zu solchen Bildern' (sagte der Bibliothekar) 'ware allerdings die gebildete Welt durch keinen Rabener oder Voltaire gewohnt, und ich erkenne nun selber die Satire nicht fur Ihr Fach.' 'O so wahr!' versetzt' ich, und wir schieden gutlich.
Aber ernsthaft genommen, Bruder, was hat nun ein Mensch ubrig (sowohl an Aussichten als an Wunschen), dem das Sakulum so versalzen ist wie mir und das Leben durch die Lebendigen den die allgemeine matte Heuchelei und die glanzende Politur des giftigsten Holzes verdriesset und die entsetzliche Gemeinheit des deutschen Lebenstheaters und die noch grossere des deutschen Theater-Lebens und die pontinischen Sumpfe Kotzebuischer ehr- und zuchtloser Weichlichkeit, die kein heiliger Vater austrocknen und festmachen kann und der ermordete Stolz neben der lebendigen Eitelkeit umher, so dass ich mich, um nur Luft zu schopfen, stundenlang zu den Spielen der Kinder und des Viehs hinstellen kann, weil ich doch dabei versichert bin, dass beide nicht mit mir kokettieren, sondern nichts im Sinne und liebhaben als ihr Werk was hat, fragt' ich auf der letzten Zeile des vorigen Blattes, einer nun ubrig, den, wie gesagt, so vielerlei anstinkt und vorzuglich noch der Punkt, dass Besserung schwer ist, aber Verschlimmerung ganz und gar nicht, weil sogar die Besten den Schlimmsten etwas weismachen und dadurch sich auch und weil sie bei ihrer verborgnen Verwunschung und Sanften- und Achseltragerei der Gegenwart wenigstens um Geld und Ehre tanzen und sich dafur gern vom festern Pobel brauchen lassen, als Weinfasser zu Fleischfassern was hat ein Mann, sag' ich, Freund, in Zeiten, wo man, wie jetzt im Druck, aus Schwarz zwar nicht Weiss macht, aber doch Grau und wo man, wie Katecheten sollen, gerade die Fragen auf Nein und Ja vermeidet, noch ubrig ausser seinem Hasse der Tyrannen und Sklaven zugleich und ausser dem Zorne uber die Misshandlung sowohl als uber die Gemisshandelten? Und wozu soll sich ein Mann, dem der Panzer des Lebens an solchen Stellen dunn gearbeitet oder dunn gerieben ist, ernsthaft entschliessen?
Ich meines Orts, falls von mir die Rede ist, entschloss mich im halben Scherze zu einer dunnen hellen Anfrage fur den Reichsanzeiger, die du vielleicht schon in Rom gelesen, ohne mich eben zu erraten:
Allerhand.
Wohl zuverlassig steht gesunder Verstand und Vernunft (mens sana in c.s.) unter den zu wurdigenden Gutern des Lebens zunachst nach einem reinen Gewissen obenan. Ein Satz, den ich bei den Lesern dieses Blattes vorauszusetzen wage. Was sonst hieruber noch gesagt werden kann (sowohl von als gegen Kantner [so schreibt Campe statt Kantianer viel richtiger]), gehort gewiss nicht hieher in ein ganz populares Volksblatt. Unterzeichneter dieses ist nun in dem betrubten Falle, dass er hier genotigt die Arzte Ausund Deutschlands befragt Mitleiden mit Leiden gebe, schicke die Antworten ein , wenn er (gerade heraus vor Deutschland!!) ganz toll werden werde, indem der Anfang davon schon einen genommen.
Das Wenn, aber nicht das Ob liegt edeln Menschenfreunden zu beantworten ob. Hier meine Grunde, Deutsche! Abgesehen, dass mancher schon aus der Anfrage folgern konnte was doch wenig entscheidet , so sind folgende Stucke bedenklich und gewiss: 1) des Verfassers bunter Stil selber, der weniger aus diesem Inserat (in den uberlegtesten Intervallen gemacht) als aus der ahnlichen Schreibart eines sehr beliebten und geschmacklosen Schriftstellers zu erkennen ist, wie denn ein buntes Ubermass ganz wildfremder Bilder so gut am Kopfe wie buntes Farbenspiel am Glase nahe Auflosung bedeuten 2) die Weissagung eines Spitzbuben200, an die er immerfort denkt, was schlimme Folgen haben muss 3) seine Liebe und sein Treiben Swifts, dessen Tollheit Gelehrten nicht fremd ist 4) seine ganzliche Vergesslichkeit 5) seine haufige schlimme Verwirrung getraumter Sachen mit erlebten und vice versa 6) sein Ungluck, dass er nicht weiss, was er schreibt, bis ers nachgelesen, weil er gegen seinen Zweck bald etwas auslasset oder bald etwas hinsetzt, wie das durchstrichne Manuskript leider am besten bezeugt 7) sein ganzes bisheriges Leben, Denken und Spassen, was hier zu weitlauftig ware, und 8) seine so unvernunftigen Traume. Nun ist die Frage, wenn in solchen Verhaltnissen (schlagen namlich keine Fieber, keine Liebschaften dazu) vollstandige Verruckung (Idea fixa, mania, raptus) eintritt. Bei Swift fiels sehr spat, im Alter, wo er ohnehin schon an und fur sich halb narrisch sein mochte und nachher alles nur mehr zeigte. Wenn man betrachtet, dass einmal der Professor Busch ausrechnete, dass seine Augen-Schwache sehr gut ohne seinen Schaden von Jahr zu Jahr wachsen konnte, weil die Periode seiner ganzlichen Erblindung uber sein ganzes langes Leben hinausfiele bloss auf sein Grab, so sollt' ich annehmen, dass meine Schwache so stufenweise aufschwellen konnte, dass ich keine petites maisons brauchte als den Sarg selber; so dass ich vorher dabei heiraten und amtieren mochte wie jeder andere rechtschaffene Mann.
Was ich hiermit bezwecke, ist bloss, mich hieruber mit irgendeinem Menschenfreunde (er sei aber philosophischer Arzt!!) in Korrespondenz zu setzen. Meine Adresse hat die Expedition des Reichsanzeigers. Naher bekannt mach' ich mich vielleicht korperlich und burgerlich in eben diesem Blatte auf dem Blatte, wo ich eine Gattin suche. Pestitz, den Februar.
Ss, Ld, Lr, Gl, Se.
Albano, du weisst, unter welchem Gebusch mein Ernst liegt. Der Reichs- und Schoppens-Anzeiger hat acht Grunde fur die Sache, die nicht nur mein Ernst sind, sondern auch mein Spass. Seit der Kahlkopf mir nach einem Jahre den Aufgang meines tollen Hundssterns ansagte, sah ich immer die Aurora dieses Fix-Gestirns vor mir und sah mich daran zuletzt blind und feige; ich muss es heraussagen. O ich hatte im Januar, Bruder, acht furchtbare Traume hintereinander nach der Zahl der Grunde im Anzeiger und selber unter den achten Grund gehorig , Traume, worin ein wilder Jager des Gehirns durch den Geist jagte und ein reissender Strom voll Welten, voll Gesichter und Berge und Hande wallete ich will dich nicht damit angstigen Dante und sein Kopf sind Himmel dagegen.
Da wurd' ich verdrusslich uber die Feigheit und sagte zu mir: 'Hast bisher so lange gelebt und die reichsten Ladungen leicht ins Wasser geworfen, sogar diese und die zweite Welt, und dich von allem, und von Ruhm und von Buchern und Herzen so rein entkleidet und hast nichts behalten als dich selber, um damit frei und nackt und kalt auf der Kugel zu stehen vor der Sonne: auf einmal krummst du dich unversehends vor dem blossen tollen fixen Gedanken an eine tolle fixe Idee, die dir jeder Fieber-Pulsschlag, jeder Faust-Schlag, jedes Giftkorn in den Kopf graben kann, und verschenkst auf einmal deine alte gottliche Freiheit Schoppe, ich weiss gar nicht, was ich von dir halten soll; wer irgend etwas noch furchtet im Universum, und war' es die Holle, der ist noch ein Sklave.'
Da ermannte sich der Mann und sagte: ich will das haben, was ich furchtete; und Schoppe trat naher an den breiten hohen Nebel, und siehe! es war (man hatte sich gern auf der Stelle hineingebettet) nur der langste Traum vor dem langsten Schlaf, mehr nicht, was sie Wahnsinn nennen. Geht man nun auf einige Zeit z.B. in ein Irrhaus zum Scherz: so kann man den Traum haben, lasset es sich sonst alles so dazu an wie bei manchem. Und dahinein will ich nun allgemach sinken, in den Traum, wo an der Zukunft die Dolchspitze abgebrochen ist und an der Vergangenheit der Rost abgewischt wo der Mensch ohne Storung in dem Schattenreich und dem Barataria-Eiland seiner Ideen das regierende Haus allein ist und der Johann ohne Land und er wie ein Philosoph alles macht, was er denkt wo er auch seinen Korper aus den Wellen und Brandungen der Aussenwelt zieht und Kalte, Hitze, Hunger, Nervenschwache und Schwindsucht und Wassersucht und Armut ihn nicht mehr antasten und den Geist keine Furcht, keine Sunde, kein Irrtum im Irrhaus wo die 365 Traume jahrlicher Nachte sich in einen einzigen, die fluchtigen Wolken in ein grosses Glut-Abendrot zusammengewebt
Da sitzt etwas Boses! Der Mensch muss imstande sein, sich seinen Traum, seine gute fixe Idee denn ein hoher Ameishaufen der grimmigsten und der liebreizendsten wimmelt vor ihm mit Verstand auszuklauben und zuzueignen, sonst kann er so schlimm fahren, als war' er noch bei Verstand. Ich muss nun besonders meine Anstalten treffen, dass ich einen liebreichen favorablen Fix-Wahn finde und anerkenne, der gut mit mir umgeht. Kann ichs dahin bringen, etwan der erste Mensch zu sein im irrigen Hause oder der zweite Momus oder der dritte Schlegel oder die vierte Grazie oder der funfte Kartenkonig oder die sechste kluge Jungfrau oder die siebente weltliche Kur oder der achte Weise in Griechenland oder die neunte Seele in der Arche oder die zehnte Muse oder der 41ste Akademiker oder der 71ste Dolmetscher oder gar das Universum oder gar der Weltgeist selber: so ist allerdings mein Gluck gemacht und dem Lebens-Skorpion der ganze Stachel weggeschlagen. Aber was steht nicht noch fur goldnes edelsteinernes Gluck offen! Kann ich nicht ein sehr begunstigter Liebhaber sein, der den Sonnenkorper einer Geliebten den ganzen Tag im Himmel ziehen sieht und hinaufschauet und ruft: ich sehe nur dein SonnenAuge, aber es genugt? Kann ich nicht ein Verstorbner sein, der voll Unglauben an die zweite Welt in solche gefahren ist und nun da gar nicht weiss, wo er hinaus soll vor Lust? O kann ich nicht denn der kurzere Traum und das Alter verkindern ja schon wieder ein unschuldiges Kind sein, das spielt und nichts weiss, das die Menschen fur Eltern halt und das nun einen aus der bunten Blase des Lebens zusammengefallenen Tranentropfen vor sich stehen hat und den Tropfen wieder mit der Pfeife geschickt zum flimmernden Farben-Weltkugelchen aufblaset? Es ist eben Mitternacht; ich muss jetzt in die Kirche gehen, meine Vesper-Andacht zu halten.
Drei Wochen spater
Nota bene!
Gewissermassen war ich seit deiner Reise verdammt unglucklich bis diesen Morgen gegen 1 Uhr; um 2 Uhr fasst' ich meinen Entschluss, jetzt um 5 die Feder, um 6, wenn ich ausgetrunken und ausgeschrieben, den Reisestab, dessen Stachel nach 2 Monaten in den Pyrenaen steht. O Himmel! musste etwas Gestacheltes langst neben mir stehen, was ich so lange fur einen Herisson nahm, indes es die beste Spielwalze voll Stifte ist, aus der ich nichts Geringeres (ich drehte sie vor einigen Stunden) haben kann als das beste Flotengedackt unverfalschte Spharen- und Kreismusik zu den Bravourarien der drei Manner im Feuer einen ganzen lebendigen Vaucansons-Flotenspieler von Holz und unerhorte Sachen, womit die Maschine nicht sich einen Bruch blaset, sondern einigen Spitzbuben, wovon ich vorzuglich den Kahlkopf nenne?
O hore, Jungling! Es geht dich an. Ich will deinetwegen, was die Welt offenherzig nennt, jetzt sein, namlich unverschamt, denn wahrlich ich decke lieber meinen Steiss als mein Herz auf und bin weniger rot.
Es gab einmal in alten Zeiten eine junge Zeit, eine voll Feuer und Rosen, wo der alte Schoppe seines Orts auch jung genug war wo der alerte, anschlagige Vogel leicht heraushatte, wo der Hase liegt und die Hasin wo der Mann sich noch mit den bekannten vier Weltteilen in Gute setzte, oder auch ebenso leicht wie ein Stier mit dem Horn nach jeder Fliege stiess wo er, jetzt ein Silberfasan kuhler Zeit, noch als ein warmer Goldfasan im ganzen Welschland auf- und abschritt oder flog und bald auf Buonarottis Moses sass, bald auf dem Coliseo, bald auf dem Atna, bald auf der Peterskuppel und vor Lust krahete, die Flugel schlug und gen Himmel stieg.
Es war namlich dieselbe Zeit, wo der noch ungerupfte Sturmvogel einmal in Tivoli sich durch die Wasserfalle hin- und herschwang, kostbar selig war und da gelegentlich plotzlich oben in Vestas Tempel zum ersten Male weiter nichts erblickte als die Prinzessin di Lauria, nachher, mutmass' ich, von einem Vliesritter weggeholt als sein guldnes Vlies. Solche sehen sich aus einem Sturmvogel in einen Tauber an der Venus Wagen verwandeln von Gespann und Zugel sich abreissen vor jene Gottin fliegen sie in immer engern Kreisen umziehen, das alles war nicht eins, sondern dreierlei. Ich musste erst zu einem Paradiesvogel wachsen und mich farben, um in ein Paradies zu fliegen; ich musste namlich Malerei erlernen, um vor Sie zu durfen.
Als ich endlich den Portrat-Pinsel und die Silhouetten-Schere in der Gewalt hatte und an einem Morgen mit beiden vor der Prinzessin und dem Fursten erschien, musst' ich ihn selber malen und schneiden; seine Tochter war schon vermahlet und heimlich abgereiset; denn dein Grossvater weissagt (anstatt wie andere ihr Treiben voraus) seines nur hintennach und offnet den Mund bloss zum Horen.
Ich schnitt ihn schnell aus, den Mann packte ein ging in alle Welt nach beinah drei Jahren stand ich auf der zehnten Terrasse der Isola bella ganz unerwartet vor der Grafin Cesara Himmel und Holle! welch ein Weib war deine Mutter! Sie warf jeden in beide auf einmal, ich weiss nicht ob deinen Vater auch. Schreiber dieses stand in seiner letzten ornithologischen Verwandlung vor ihr, als stiller Perlhahn (Tranen mussen die Perlen sein), und konterfeiete sie ab, nach wenigen Wochen.
Sie hatte zwei Kinder, dich deiner schon damals gescharften Bildung entsinn' ich mich klar und deine Schwester, die sogenannte Severina. Dein Vater war nicht da, aber sein Wachsbild, wornach ich ihn gleich achtzehn Jahre spater in Rom wieder erkannte. Auch deine Schwester war noch wachsern wiederholt, nur du nicht. Eine dir von weitem ahnliche Wachsfigur, die dich als einen Mann vorgaukelte, stellte der Bruder deines Vaters, der mit da war, dir immer als einen Flugelmann deiner Zukunft vor, sagte, du seiest hier im voraus kubiert und schon ins Grosse getrieben, von der Flasche auf das Fass gefullt, um dich anzufeuern, damit du erwuchsest. Man musste dir eine ahnliche Uniform, wie der Wachsmann trug, anziehen ich weiss nicht welche Du fordertest dann keck, um deinen eignen Mikromegas schreitend, ihn heraus, aus der Zukunft in die Gegenwart. Jetzt weisst du, was du geworden, und magst wohl wieder und mit mehr Recht so stolz auf den Kleinen herabsehen wie der Kleine sonst zu dem Grossen hinauf. Ich wollte nie deinem Oheim diese Maschine der geistigen Streckbarkeit gutheissen; dabei hab' ich vor allen WachsMarionetten einen so hassenden Schauder!
Mein einziger Zweck auf der schonen Insel war die Abreise von ihr und von der schonen Insulanerin, sobald ich diese abgemalt hatte. Dummes Jahrhundert, sagt' ich, will ich denn mehr von dir? Sie sass mir gern wie auf einem Thron ich riss, halb im Gewitter, halb im Regenbogen wohnhaft, sie ab und musst' ihr naturlich das Bild lassen unkopiert. Aber, Jungling, einige Buchstaben, die meinen damaligen Namen formierten und die ich aufs Bild an der Stelle des Herzens unter die Wasser-Farben schrieb und versteckte, konnen fur dich ein Tetragrammaton, elf Sonntagsbuchstaben und Lesemutter (matres lectionis) deines Daseins werden, falls ich glucklich nach Spanien komme und in Valencia am Bildnis die Farberei von meinen Buchstaben weg wischen und nun in dessen Herzen lesen kann: Lowenskiold. So danisch hiess ich damals.
Dann ist die Grafin Linda de Romeiro ohne Gnade deine Schwester Severina. Gott schenke nur, dass du sie nicht vor diesem Brief etwan gesehen hast und geheiratet; sie soll, wie ich gestern horte, nach Italien abgereiset sein.
Denn als ich die Grafin Linda hier zum ersten Male sah, war mir auf dem Pestitzer Markt-Viereck, als stand' ich oben auf der Terrasse der Isola bella und schauete die Alpen, deine Mutter, meine Jugend kaum drei Schritte vor mir! Bei Gott, wie als ware aus der tiefen Ferne im Pfeilerspiegel der Zeit auf einmal das weisse Rosenbild deiner verhullten Mutter heraufgerissen worden dicht ans Glas heran und hinge davor nun rotbluhend, so stand Linda vor mir! Denn die gottliche Ahnlichkeit beider ist so gross! Gar kein Arianisches Homoiusion, sondern ein ganzes orthodoxes Homousion ist hier zu glauben, wurd' ich dir gerne schreiben, hattest du sonst die notige Kirchengeschichte dazu auf dem Lager.
Ich malte auch Linda in diesem Winter. Was sie mir vom Charakter ihrer Mutter erzahlte, war ganz dasselbe, was ich ihr hatte vom Charakter der Prinzessin di Lauria berichten konnen
Lindas Vater oder Herr von Romeiro wollte nie erscheinen, und doch ist er noch nicht verschwunden, wie ich hore
Lindas Mutter hiess sich eine Romerin und eine Verwandte des Fursten di Lauria
In Spanien, wo ich zweimal war und fragte, wollte nirgends der Name einer Cesara wohnen
Trillionen Spinnenfaden der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum Ariadnens-Strick im Labyrinth
Eine neue unbekannte Schwester wird dir im gotischen Hause mit Schleiern und in Spiegeln vorgefuhrt
Und zwar wird vom redlichen Kahlkopf dem fast mehr zum Christuskopf fehlt als die Locken, und den ich im Herbste einen Hund geheissen dirs vorgespiegelt aus wirklichen Spiegeln
Gedachter Anubis- oder Kahl-Kopf stand nun (der Himmel und der Teufel wissen am besten warum, aber ich glaub' es) als Vater des Todes auf Isola bella, lag als Handwerkspursch am Furstengrabe und in jedem Hinterhalt, um dir deine Schwester zur Frau zu geben falls ichs litte; aber sobald ich jetzt zugesiegelt, brech' ich nach Spanien auf und in Lindas Bilderkabinett ein, suche nach einem gewissen Bilde ihrer Mutter, dessen Stelle und Zimmer ich mir deutlich angeben lassen und ist es das Bild von mir: so ist alles richtig, und der Donner kann in alles schlagen
Der Kahlkopf ist schon ein Funfviertelsbeweis er gehort unter die wenigen Menschen, die schon, kaum Spinnen-dick, in ihrer Mutter Leib aus Bosheit pissten
Vielleicht treff' ich deinen Oheim, der mich hier, wie er sagte, wiedererkannte und der wirklich nach Valencia abgereiset ist201
O Himmel, wenn mirs gelange (aber warum nicht, da meine Zunge von Eisen bleibt und dieses Blatt in Eisen kommt, beim redlichen Wehrfritz, dessen Herz ein alter Deutscher ist, und mit Recht stellt in der Jungfer Europa Deutschland das Herz vor), ich schreibe, wenn mirs gelange, dass ich anbrennte an einem verfluchten Geheimnis eine Strohtur, risse alles auf, ein und weg, blinde Tore und Opfertore, und ein starkes Licht fiele herein auf die tapfere Linda und den tapfern Jungling, anleuchtend den nahen Kahlkopf (vielleicht noch jemand), der eben in der Dunkelheit mit zwei langen blanken Okulier- und Schlachtmessern in die Geschwister schief herunterstechen will
Wenn mir das einmal gelange, namlich im Erntemonat denn da kam' ich in Pestitz wieder an und hatte das Bildnis in der Tasche , und ich hatte mich und zwei Unschuldige tapfer geracht an Schuldigen: dann wurd' ich mirs fur sehr erlaubt halten, an meinen Kopf zu greifen und zu sagen: a bas, gare, Kopf weg! Wozu gewiss da ja von keiner dummen Abtreibung des Leibes durch ein Werther-Pulver die Rede ist, sondern nur vom Vorsatze, das, was Sachverstandige meinen Verstand nennen, gelegentlich zu verlieren meine Freunde stimmen mussten, weil sie mich noch hatten (der Korper wird dabei anbehalten), obwohl als das Nachtstuck eines Menschen, weil ich dann einen vernunftigen Diskurs so gut uber alles (nur den FixWahn greife keiner an) fuhren wollte als einer und dabei einen gesitteten guten Spass (wahrlich die wahre Wurze) einzustreuen gewiss nicht vergasse und weil der Staat mich Tag und Nacht gerustet und gesattelt finden sollte, ihm nach dem Beispiele der Berliner Irrhausler, die einmal beim Feuer im Haus am besten loschten und retteten, zu dienen und zu Hulfe und zupasse zu kommen, wenn die dunkeln Intervalle seiner andern Staatsdiener nicht anders auszufullen waren als mit unsern hellen.
Lebe wohl! Ich brech' auf. Die Welt lacht mich heiter an. In Spanien find ich ein Stuck Jugend wieder wie in diesem Schreiben.
Schoppe.
Apropos! Stiess dir der Kahlkopf nirgends auf? Ich kann dir nicht sagen, wie ich taglich jetzt arbeite, um mir vor dem Wunsche, ihn kunftig in der Tollheit niederzustossen, wahren Abscheu und Greuel im voraus einzupragen und eigen zu machen, damit nachher die etwanige Tat mir nicht als eine Spatfrucht des vorigen vernunftigen moralischen Zustandes konne heruber zugerechnet werden in den andern. Vernichte diesen Brief!"
*
Als Albano die feurigen Augen von dem Briefe aufhob, stand er vor Lilar unter einem hochgewolbten Triumphbogen, und die Sonne ging in Pracht hinter dem Elysium unter. "Kennst du mich nicht?" fragte leise neben ihm Linda in Reisekleidern, weinend in heller Liebe und Wonne und Julienne drangte sich, beiden Vorsicht zuwinkend, aus dem Eingangsgebusch des Flotentals hervor und rief zum listigen Scheine: "Linda, Linda, horst du denn die Floten nicht?" Und Albano hatte den schweren Brief vergessen.
123. Zykel
Wie ein schnell mit hundert Flugeln aufrauschendes Konzert, so schlug die schnelle Gegenwart alter Liebe und Freude uber den verlassenen, um den Freund bekummerten Jungling in schonen Fluten zusammen; und von der Entzuckung getroffen, sah er Linda wieder wie auf Ischia; aber diese sah ihn wieder wie in einem andern Elysium, sie war weicher, zarter, heisser, eingedenk seiner Vergangenheit in diesem Garten. Sie wollte gar nichts von ihrer eignen Reise-Geschichte erzahlen oder horen. Albano bedeckte sein Geheimnis von Schoppe mit machtiger, aber zitternder Brust; nur seinem Vater brannt' er sie aufzutun. Unaufhorlich hielt er sich die Unmoglichkeit einer Verwandtschaft vor und die Leichtigkeit, dass Schoppe die angebliche Schwester mit der wahren, mit Juliennen, verwechsle; noch diesen Abend wollt' er den Vater fragen.
Er gab ihr das Ja desselben zu ihrem Bunde mit grosser Freude, aber nicht mit der grossten, weil Schoppes Brief nachtonte. Julienne nahm es wahr, dass nur eine Kaskatella statt der Kaskade heute aus ihm komme, und sucht' ihn lustig-listig auszuholen, indem sie ihn leicht durch das ganze wichtige Personale seiner und ihrer Bekanntschaft durchantworten liess. Sie hatte einige Neigung, am Theatervorhang zu weben und zu malen oder auch ein Souffleurloch in ihn zu stechen. Sie fing die Fragen von Idoine an welche kurz nach seiner Ankunft ihren Ruckweg aus der Stadt genommen und horte mit ihnen bei Schoppen auf nach dessen Reise-Ziele sie forschte ; aber Albano hatte jene nicht gesehen, dieser, sagt' er, hab' es ihm allein vertraut. Eine schone, unbiegsame Marmorader der Festigkeit lief durch sein Wesen. Lindas schwarzes Auge war ein offnes treues deutsches und sah ihn nur an, um ihn zu lieben.
Aus dem Flotental kam der Rest der Gesellschaft, der Lektor u.a.; Julienne notigte die Liebenden zur Scheidung und sagte: "Hier ist kein Ischia; ohne mich konnt ihr euch hier im Schloss gar nicht sehen; ich werde dirs durch deinen Vater allzeit sagen lassen, wenn ich da bin."
Als er allein stand in Lilar, mit dem schweren Gedanken an Schoppe und Linda, und er die anmutigen Gegenden und Stellen schoner Stunden ubersah: so kam ihm auf einmal vor, als verziehe sich in der Dammerung das Elysium wie ein reizendes Gesicht zu einem Hohn uber ihn und uber das Leben kleine boshafte Feen sitzen an den kleinen Kinder-Tischchen, als waren sie sanfte Kinder und sahen sehr gern Menschen und Menschenlust sie fahren auf als wilde Jagerinnen und rennen durch die Bluten tausend Hande wenden den Garten mit Blutenbaumen um und richten sein schwarzes finsteres Wurzeln-Dikkicht wie Gipfel im Himmel auf aus den Zweigen blicken Gorgonenhaupter, und oben im Donnerhauschen weint und lacht es unaufhorlich nichts ist schon und sanft als der tapfere grosse Tartarus.
Indes ging Albano, da es der kurzere Weg zu seinem Vater war, hart und zornig durch den Garten, uber die Schwanenbrucke, vor dem Traum-Tempel, vor Charitons Hauschen, vor den Rosenlauben vorbei und uber die Wald-Brucke; und kam bald im Furstenschlosse bei seinem Vater an, der eben vom kranken Luigi zuruckgekommen. Mit ironischer Miene erzahlte ihm dieser, wie der Patient von neuem schwelle, bloss weil er furchte, der tote Vater, der ihm zum zweitenmal als Zeichen des Todes zu erscheinen versprochen, gebe das Zeichen und hole ihn darauf. Nun erzahlte Albano, ohne allen Eingang und ohne Erwahnung von Schoppen und von dessen Verhaltnissen, die Hypothese der seltsamsten Verwandtschaft, ohne etwa ausforschende lange Fragen oder auch nur die kurze schnelle: "Ist Linda meine Schwester?" zu tun aus Achtung fur den Vater. Dieser horte ihn ruhig aus: "Jeder Mensch" (sagt' er erzurnt) "hat eine Regen-Ecke seines Lebens, aus des ihm das schlimme Wetter nachzieht; die meinige ist die Geheimnistragerei. Von wem hast du die neueste?" "Daruber muss ich schweigen aus Pflicht", versetzt' er "In diesem Falle" (sagte Gaspard) "hattest du besser ganz geschwiegen; wer den kleinsten Teil eines Geheimnisses hingibt, hat den andern nicht mehr in der Gewalt. Wie viel glaubst du, dass ich von der Sache weiss?" "Ach was kann ich glauben?" sagte Albano. "Dachtest du an meine Erlaubnis deiner Verbindung mit der Grafin?" sagte zorniger Gaspard. "Sollt' ich denn schweigen, und entwickelte sich nicht am Ende aus allen Geheimnissen die Schwester Julienne?" Hier sah ihn Gaspard scharf an und fragte: "Kannst du auf das ernste Wort eines Mannes vertrauen, ohne zu wanken, zu irren, wie auch der Schein dagegen rede?" "Ich kanns", sagte Albano. "Die Grafin ist deine Schwester nicht; vertraue mir!" sagte Gaspard. "Vater, ich tu' es!" (sagte Albano ganz freudig) "und nun kein Wort weiter daruber."
Aber der ruhigere Alte fuhr fort und sagte, dieser neue Irrtum veranlasse ihn, jetzt ernstlich bei Linda auf ein Ja zur schnellen Verbindung zu dringen, weil der Vater derselben, vielleicht der geheime bisherige Wundertater, seine Erscheinung durchaus an einen Hochzeittag gebunden. Noch einmal liess er den Sohn seinen Wunsch nach dem Wege merken, auf welchem er zu jener Hypothese gekommen; aber umsonst, die heilige Freundschaft konnte nicht entheiligt oder verlassen werden, und seine Brust schloss, wie der dunkle Fels um den hellen Kristall, sich machtig um sein offnes Herz.
So schied er warm und glucklich vom schweigenden Vater. In der harten Stunde des Briefs hatt' er nur eine kunstliche Felsenpartie des Lebens uberstiegen, und die bunten Garten lagen wieder da bis an den Horizont; doch der vergebliche muhvolle Irrtum seines Schoppe und dessen von Hassen und Lieben verheerter Geist, der sich sogar im Ton des Briefes niederzubeugen schien, und die Zukunft eines Wahnsinns gingen wie ein fernes Leichengelaute in seiner schonen Gegend klagend, und das gluckliche Herz wurde voll und still.
124. Zykel
Bald darauf liess die gutige Schwester Albanos an der Spieluhr seines Glucks, deren Wachterin sie war, wieder eine hesperische Stunde schlagen und spielen, wo das ganze Leben hinauf und hinab mittonte und sich aushellte und wo nun wie in der Schweiz, wenn eine Wolke sich offnet, auf einmal Hohen, Eisberge, Berghorner aus dem Himmel blicken. Er sah seine Linda wieder, aber in neuem Licht, gluhend, aber wie eine Rose vor dem gluhenden Abendrot; ihr Lieben war ein weiches stilles Flammen, nicht ein Hupfen irrer stechender Funken. Er schloss, dass sein wortfester Vater die Bitte um eine priesterliche Verbindung ihr schon getan und sogar ihre Bejahung bekommen. Julienne sagt' ihm, sie woll' ihn den nachsten Abend um 6 Uhr auf dem vaterlichen Zimmer sprechen; das macht' ihn noch gewisser und froher. Mit neuen, noch zarter anbetenden Gefuhlen schied er von Linda; die Gottin war eine Heilige geworden.
Als er den andern Tag ins vaterliche Zimmer kam: fand er niemand darin als Julienne. Sie kusste ihn kurz und kaum, um schnell mit ihren Nachrichten fertig zu werden, da ihre Abwesenheit auf so viele Minuten eingeschlossen war, als die Furstin brauchte, um vom Krankenbette des Mannes in das Zimmer der Prinzessin zu kommen. "Sie heiratet dich nicht," (fing sie leise an) "so sehr und so fein auch dein Vater ihr bei dem ersten Empfang nach der Reise die Freude uber das neue Gluck seines Sohnes ausdruckte, fur das er nun bloss nichts mehr zu wunschen brauchte, sagt' er, als das Siegel der Fortdauer Es war noch feiner versilbert und vergoldet, ich weiss es nicht mehr. Darauf erwiderte sie in ihrer Sprache, die ich nie behalte, ihr und dein Wille waren das rechte Siegel, jedes andere politische drucke Ketten und Sklaven auf dem schonsten Leben aus."
Hart wurd' Albano von einer offnen Weigerung verletzt, die ihn bisher als eine stille und als Philosophie auftretende nur wie wesenloser Schatte unberuhrt umflossen hatte. "Das war nicht recht; spat konnte sie sagen, aber nicht nie", sagt' er empfindlich. "Gemassigt, Freund," (sagte Julienne) "darauf erinnerte sie dein Vater freundlich an die bedingte Erscheinung des ihrigen, indem er sagte, dass er sehr wunschen musse, ihr Gluck aus seinen Handen in nahere zu ubergeben. Keine kunstliche Bedingung darf einen Willen zwingen oder vernichten, sagte sie. Dein Vater fuhr ruhig fort und setzte dazu, er habe den schonsten Lebensplan fur euch beide in diesem Falle entworfen; im andern aber stehe seine Einwilligung in die Liebe nur so lange offen als sein Hiersein, das mit dem Tode seines Freundes endige. Dann ging er gelassen fort, wie die Manner pflegen, wenn sie uns recht entrustet haben."
"Hesperien, Hesperien!" (rief Albano zornig) "Linda verdoppelte doch ihr Nein?" "O leider! Aber Bruder?" fragte staunend Julienne. "Lasse mich," (versetzt' er) "ist es denn nicht ungerecht dieses elterliche Antasten der schonsten zartesten Saiten, deren Klang und Schwung sie auf einmal toten, um einen neuen aus ihnen zu rupfen? Ists denn nicht sundlich, Gottergeschenke zu Staats-Zollen und Partie-Geldern, jawohl Partie-Geldern herabzuziehen? Gute Linda, nun stehen wir wieder auf dem Boden, wo man die Blumen der Liebe zu Heu anschlagt und wo es im Paradies keine andere Baume gibt als Grenzbaume. Nein, freies Wesen, durch mich sollst du nie aufhoren, es zu sein!"
Julienne trat einige Schritte zuruck, sagte: "Ich will dich nur auslachen", tat es und setzte ernst dazu: "Sie also, willst du, soll dir den Tag anberaumen, wo der alte Vater sichtbar werden soll?" "Das folge gar nicht", sagte' er. Sie bemerkte ruhig, dass immer ein hitziger Mann uber die Hitze des andern klage und dass Albano schon in der Ruhe zu strenge auf fremdes und eignes Recht dringe; dass solche Leute dann in der Leidenschaft etwas uber das Recht hinaus verlangten, wie ein Stift, der in der Uhr zu genau passet, erwarmt sie durch seine Grosse anhalt. Jetzt bat sie ihn liebreich, das Auseinanderzupfen des "ganzen Wirrwarrs" bloss ihren Fingern zu uberlassen und sanft und still zu bleiben, damit nicht noch mehr Leute, etwa gar ihre "belle-soeur", zwischen ihren Bund sich drangten. Albano nahm es freundlich an, bat sie aber ernst, nur keine Plane zu machen, weil er zu ehrlich dazu gegen Linda sein und ihr sogleich das ganze Wort der Charade sagen wurde.
Sie entdeckte ihm, sie habe weiter keinen zu etwas gemacht als zu einem frohen Tag fur morgen, den namlich, mit Linda die Prinzessin Idoine in Arkadien zu besuchen, der sie ausser dem Besuch noch grossere Dinge schuldig sei, besonders ihr halbes Herz: "Du reitest uns zufallig nach und triffst uns mitten im Schaferleben an" (setzte sie dazu) "und uberraschest deine Linda." Er sagte sehr entschieden Nein; weil er vor Idoinens Ahnlichkeit mit Lianen ob er gleich nur wusste, dass Liane jene im Traum-Tempel vorgespielt, noch nicht aber, dass Idoine diese vor seinem Krankenbette nachgebildet und vor der Gegenwart der Ministerin die Flucht aus Scheu sowohl der bittern Erinnerungen als der sussen nahm, welchen beiden Roquairol in solchem Falle nachgezogen ware. Julienne wandte boshaft ein: "Furchte nur nichts fur die Prinzessin; sie musste, um vom verhassten Brautigam nur loszukommen, allen Ihrigen eidlich angeloben, nie einen unter ihrem Stande zu wahlen und das halt sie, sogar bei dir." Er beantwortete den Scherz bloss mit der ernsten Wiederholung des Neins. Nun so bestehe sie darauf, versetzte sie, dass er ihnen beiden wenigstens auf halbem Weg entgegenkomme und sie im "Prinzengarten" einem von Luigi als Erbprinz angelegten und auf dem Furstenstuhle vergessenen Park erwarte. Das ergriff er sehr freudig.
Sie fragte scheidend noch scherzhaft: "Wer hat dich von neuem mit einer Schwester beschenkt?" Er sagte: "Das konnte mein Vater nicht von mir erfahren." "Bruder," (sagte sie sanft) "ein Herr wars, der Prinzessinnen leicht fur Grafinnen nimmt und der nachstens noch toller zu werden glaubt, als er schon ist dein Schoppe" und flog davon.
125. Zykel
Am Morgen darauf fuhren beide Freundinnen nach Arkadien. Julienne obwohl betrubter durch ihren krankern Bruder heiterte sich durch das Vertrauen auf einen Plan auf, den sie ungeachtet ihrer Versicherung zum Glucke des gesunden entworfen, um ihn in Arkadien auszufuhren. Sie verbarg ofters, wie andere hinter den schwarzen Trauerfachern der Trauer und Empfindung, so hinter dem heitern Putzfacher des Lachens, der den Zuschauern die bemalte Seite zukehrte, ihren Kopf mit seinen Entwurfen; unter Lachen und Weinen ging und dachte sie diesen nach. So hatte sie an Albano die Bitte, Idoine mit zu besuchen, nur aus Schein und in der Gewissheit getan, dass er sie abschlage, oder im Falle er komme, dass es dann Idoine tue; denn sie wusste aus Idoinens Besuchen im vorigen Winter, dass diese an den von ihr hergestellten schonen Fieberkranken haufig in Gesprachen gedacht und dass sie jetzt vor seiner Ankunft geflohen war, um nicht uber seine helle liebende Gegenwart, die ihr am leichtesten durch die Furstin bekannt geworden, als ein Gewolke aus der Vergangenheit hereinzuziehen voll truber Ahnlichkeiten. Julienne hatte sogar erfahren, dass die Furstin sie umsonst langer halten und aufbewahren wollen, um vielleicht den Jungling durch sie zu erinnern, zu schrecken, zu andern, oder zu strafen. Juliennens Liebe gegen die Prinzessin ware durch jene zarte Flucht vor Albano vielleicht so warm geworden, als die gegen Linda war, wenn eben diese Liebe nicht dazwischen gestanden hatte; wenigstens hatt' ihr diese schone Flucht ein ungemessenes Vertrauen was eben das rechte und einzige ist auf die Prinzessin gegeben.
Der Reisetag war ein schoner Ernte-Morgen voll bevolkerter Kornfluren, voll Kuhle und Tau und Lust. Linda freuete sich kindlich auf Idoine und sagte die Grunde in frohem Tone: "Zuerst weil sie deinem Bruder das Leben gerettet und weil sie doch wusste, was sie wollte, und darauf mutig beharrte und sich nicht wie andere Prinzessinnen zum Opfer des Thrones verhandelte und weil sie die deutscheste Franzosin ist, die ich kenne, ausser der Madame Necker Ja mir gehort sie ordentlich mit aller schonen Jugend unter die alten Frauen, und diese sucht' ich von jeher vor, denn es ist doch etwas von ihnen zu lernen. Dich liebt sie sehr, mich, glaub' ich, weniger, einem so reizenden Mittelding von Nonne und Ehefrau schein' ich zu weltlich, ob es gleich nicht ist."
Beide kamen im schonen Zauberdorfe als schon die netten Kinder sich zur Ahrenlese verbundeten und die Wagen schon den Sammlern der Garben entgegenfuhren nachmittags vor dem Mittagsessen an. Idoinens Bruder, der kunftige Erbfurst von Hohenfliess der Zwerg in Tivoli , sah aus dem Fenster, und Julienne bedauerte fast die Reise. Idoine flog ihr entgegen und druckte sie herzlich an die Brust. Als Julienne dieses grosse blaue Auge und jeden verklarten Zug der Gestalt, die einst ihr Bruder so selig und schmerzlich geliebt, vor und auf ihrem Angesicht hatte: so glaubte sie jetzt, da sie seine Schwester geworden, gleichsam als seine Stellvertreterin die Liebe der Stellvertreterin Lianens zu empfangen; und sie musste, wie allzeit seit diesem Tode bei dem ersten Empfange, innig weinen.
Linda wurde von der Prinzessin mit einer so tiefen Zartlichkeit empfangen, dass sich Julienne wunderte, da sonst beide in einem Wechsel von Kalte und Liebe lebten. Die Ministerin Froulay stand da, von der Trauer so alt, kalt, still und hoflich, so kalt gegen die Zeit und die Menschen (ausgenommen das Ebenbild ihrer Tochter), besonders gegen Linda, deren kecker, entschiedner, philosophischer Ton ihr unweiblich und eine Trommete an zwei Frauen-Lippen zu sein schien.
Der kunftige Erbprinz von Hohenfliess entfernte sich zum Glucke bald von einem so unbequemen Ort, wo er auf einem Schiffbruchsbrett statt in einer Gondel fuhr. Nachdem er Julienne mit Anteil um das Befinden ihres Bruders, seines jetzigen Vorfahrers, gefragt und sie und Linda an ihre und seine welsche Reise erinnert hatte: so wurd' er uber Juliennens Kaltsinn und uber die moralischen Gesprache der Weiber und uber einen gewissen sittlichen Gewitterdruck den Lustlinge bei Weibern empfinden, wo alles Rauhe, die Selbsucht, die Anmassung als Misston schreiet und uber die allgemeine plagende Heuchelei wofur er sogleich alles nehmen musste so verdrusslich und verstimmt, dass er leicht aufbrach und dieses Schaferleben um den einzigen Wolf verkurzte, der darin schlich. Lustlinge halten es unter vielen edlen Frauen, gedruckt von deren vielseitigen scharfen Beobachtungen, nie lange aus, obwohl leichter bei einer allein, weil sie diese zu verstricken hoffen. Was ihm am wehesten tat, war, dass er sie alle fur Heuchlerinnen erklaren musste. Er fand keine gute Weiber, weil er keine glaubte; da man sie glauben muss, um sie da zu sehen, wo sie sind; so wie die Tugend uben, um sie zu kennen, nicht umgekehrt.
Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden und Ather wegzuziehen. Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol, der eben angekommen, und ging auch zu Juliennens Freude, die an ihr ein kleines Hindernis ihres Bekehrungsplans fur Linda fand, weil diese die Ministerin fur eine einseitige, enge, bangliche, unnachgiebige Natur ansah. Idoine bat die beiden Jungfrauen, ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen. Sie gingen hinab ins reine weite Dorf. Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefallige Gesichter. Aus den fernen Zimmern des Schlosses horte man bald Singen, bald Blasen. Wie am Vogel sich das glanzende Gefieder schnell und glatt in- und auseinanderschiebt: so bewegten um Idoine sich alle Geschafte; ihre okonomische Maschine war keine plumpe knarrende Turmuhr, sondern eine spielende Bilderuhr, welche hinter Tone die Stunden, hinter Bilder die Rader versteckt.
In einem Wiesengarten spielten die jungsten Kinder wild durcheinander. Herrnhutische und hollandische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten hellen Putzbude gewaschen und gemalt. Neu und blank hing der Eimer uber dem Brunnen unter der LindenRotunda des Dorfs war die Erden-Diele sauber gekehrt uberall sah man reine, ganze, schone Kleider und freudige Augen und Idoine zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken, womit sie ihr Arkadien Blume nach Blume prufte.
Sie fuhrte ihre Freundinnen uber die verschiednen Sonntags-Tanzplatze der verschiednen Alter, vor dem Hause des Amtmanns voruber, worin die Ministerin wohnte und jetzt, zu Juliennens Furcht, ihr Sohn war, in die helle schmucklose Kirche. Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann, fur welche das Vorubergehen ein Wink gewesen, in die Kirche nach und holten von ihr Auftrage; beide waren junge schone Manner mit offner Stirn und ein wenig Jugendstolz. Als man aus der Kirche war, sagte sie: durch diese jungen Manner regiere sie uber den Ort, und sie selber lenke sie sanft; nur junge seien mit Hass und Mut gegen den Schlendrian und mit Enthusiasmus und Glauben ausgerustet. Sie setzte scherzhaft dazu, nichts beherrsche sie als eine Schule von Madchen, an der ihr mehr gelegen sei als an der andern, weil Erziehung Angewohnung sei und diese ein Madchen mehr als ein Knabe brauche, dem die Welt doch keine lasse; und sie habe einigen Hang, eine la Bonne zu sein, weil sie es schon als Madchen oft bei ihren Schwestern habe sein mussen.
Sie fuhrte beide darauf in mehrere Hauschen; uberall fanden sie ausgeweisste geordnete Zimmer, Blumen und Weinreben an Fenstern, schone Weiber und Kinder, und bald eine Flote, bald eine Violine, und nirgends ein spinnendes Kind. In allen hatte sie Auftrage zu geben, und was blosser Spaziergang schien, war auch Geschaft. Sie zeigte einen scharfen Durchblick durch Menschen und ihr verwachsenes Treiben und einen Geschaftsverstand, der das Allgemeine und Besondere zugleich besass und verknupfte: "Ich wunschte freilich auch" (sagte sie) "nur Freuden und Spiele um mich; aber ohne Arbeit und Ernst verdirbt das Beste in der Welt; nicht einmal ein rechtes Spiel ist moglich ohne rechten Ernst." Linda lobte sie, dass sie alle an Musik gewohnte, diesen rechten Mondschein in jedem Lebens-Dunkel; "ohne Poesie und Kunst" (setzte sie dazu) "vermoose und verholze der Geist im irdischen Klima." "O was ware ohne Tone der meinige?" sagte Idoine feurig.
Linda fragte nach dem Burgerrechte in diesem heitern Staate. "Meistens bekamen es Schweizerfamilien," (sagte Idoine) "die ich an Ort und Stelle selber kennen lernte auf meiner Reise. Nach den Franzosinnen stell' ich sogleich meine Schweizer." Julienne versetzte: "Sie sagen mir Ratsel vor." Sie losete ihr sie, und Linda, die kurz nach ihr in Frankreich gewesen, bestatigte es, dass da unter den Weibern von gewissem hohern Ton, zu denen kein Crebillon je hinaufgekommen, eine in Deutschland ungewohnliche Ausbildung der zartesten Sittlichkeit, beinahe Heiligkeit gegolten. "Nur" (setzte Linda hinzu) "hatten sie in der Sittlichkeit, wie in der Kunst, Vorurteile des feinen Geschmacks und mehr Zartheit als Genie."
Sie gingen zum Dorfe hinaus, der schonsten Abendsonne entgegen; auf den Bergen antworteten sich Alphorner, und im Tale gingen heitere Greise zu leichten Geschaften. Diese grusste Idoine mit besonderer Liebe, weil es, sagte sie, nichts Schoneres gebe als Heiterkeit auf einem alten Gesicht, und unter Landleuten sei sie immer das Zeichen eines wohl und fromm gefuhrten Lebens.
Linda offnete ihr Herz der goldnen Gegenwart und sagte: "Wie musste dies alles in einem Gedicht erfreuen! Aber ich weiss nicht, was ich dagegen habe, dass es nun so in der wirklichen Wirklichkeit da ist."
"Was hat Ihnen" (sagte Idoine scherzend) "diese genommen oder getan? Ich liebe sie; wo sind Sie fur uns denn anders zu finden als in der Wirklichkeit?" "Ich" (sagte Julienne) "denke an etwas ganz anderes: man schamt sich hier, dass man noch so wenig tat bei allem Wollen. Vom Wollen zum Tun ists hier doch weit" (fugte sie dazu, indem sie den kleinen Finger aufs Herz aufsetzte und die Hand vergeblich nach dem Kopf ausspannte) "Idoine, sagen Sie mir, wie kann man denn ans Grosse und Kleine zugleich denken?" "Wenn man ans Grosste zuerst denkt" (sagte sie) "Wenn man in die Sonne hineinsieht, wird der Staub und die Mucke am sichtbarsten. Gott ist ja unser aller Sonne."
Die Erden-Sonne stand ihnen jetzt tief auf einer unabsehlichen Ebene unter milden Rosen des Himmels entgegen eine ferne Windmuhle schlug breit durch die schone Purpur-Glutan den Bergabhangen sangen Kinder neben den geweideten Herden, und ihre kleinern Geschwister spielten bewacht die Abendglokke, welche in Arkadien allzeit unter dem Scheiden der Sonne gezogen wurde, wiegte die Sonne und Erde mit ihren Tonen ein nicht nur jugendlich, sogar kindlich lag das sanfte Dorfchen und seine Welt um sie her kein Sturm, dachte man, kann hereingreifen in dies sanfte Land, kein Winter im schweren Eispanzer hereinschreiten, hier ziehen nur, dachte man, Fruhlingswinde und Rosenwolken, keine Regen fallen als Fruhregen und keine Blatter als der Bluten ihre, nur Staub aus Blumen kann steigen, und den Regenbogen halten nur Vergissmeinnicht und Maiblumen auf ihren blau und weissen Blattchen die Gegend und alles und das Leben schienen hier nur eine unaufhorliche Morgendammerung zu sein, so frisch und neu, voll Ahnung und Gegenwart ohne Glut und Glanz, und mit einigen Sternen uber dem Morgenrot.
Kinder mit Ahren-Straussern in der Hand sassen auf fremden Wagen voll Garben und fuhren stolz herein.
Idoine hing mit inniger Liebe, als war' alles neu durch diesen Abend, an den doppelten Gruppen. "Nur der Landmann allein ist so glucklich," (sagte sie) "dass er in allen arkadischen Verhaltnissen seiner Kindheit fortlebt. Der Greis sieht nichts um sich als Geratschaften und Arbeiten, die er auch als Kind gesehen und getrieben. Endlich geht er jenen Garten druben hinauf und schlaft aus." Sie zeigte auf den Gottesacker am Berge, der ein wahrer Garten mit Blumenbeeten und einer Mauer aus Fruchtbaumen war. Julienne blickte erschuttert hin, sie sah den schwarzen Vorhang zittern, hinter welchen ihr kranker Bruder bald getrieben wurde.
Mit durchsichtigem Abend-Goldstaub war der Garten uberweht der laute Tag war gedampft und das Leben friedlich, Olzweige und ihre Bluten sanken aus dem stillen Himmel langsam nieder. "Dort ist der einzige Ort," (sagte Idoine) "wo der Mensch mit sich und andern einen ewigen Frieden schliesset, sagte so schon zu mir ein franzosischer Geistlicher." "Solchen christkatholischen Jammergedanken" (versetzte Linda) "bin ich so gram wie den Geistlichen selber. Wir konnen so wenig eine Unsterblichkeit erleben als eine Vernichtung." "Ich versteh' das nicht" (sagte Julienne) "ach Idoine, wenn es nun keine Unsterblichkeit gabe, was taten Sie?" "J'aimerois"202, sagte sie leise zu ihr.
Plotzlich wurde vor ihnen wie aus weiter Ferne gesungen: "Freut" dann spat "euch des" endlich "Lebens" "Das ist aus dem Gottesacker das Echo", sagte Idoine und suchte zur Ruckkehr zu bereden. "Echo und Mondschein und Gottesacker zusammen" (fuhr sie scherzend fort) "sind wohl zu stark fur Frauenherzen." Dabei beruhrte sie ihr Auge mit einem Wink an Julienne, gleichsam als tu' es ihr weh, dass die Grafin nur hinter dem Nebel ihrer Augen den schonen Abend von fernen stehen sehe. "Die Singstimme klingt mir so bekannt", sagte Linda. "Roquairol ists, nichts weiter, wollen wir fort!" sagte Julienne; aber Linda bat zu bleiben, und Idoine willigte hoflich ein.
Nun gab das Echo das Mondlicht des Klangs wieder Tone wie Totenlieder aus dem Toten-Chor; und es war, als sangen die vereinigten Schatten sie in ihrer stillen Woche unter der Erde nach, als regte sich der Leichenschleier auf der weissen Lippe und aus den letzten Hohlen tonte ein hohles Leben wieder. Das Singen horte auf, Alphorner fingen auf den Bergen an. Da ging wieder das Nachspiel des Tonspiels feurig heruber, als spielten die Abgeschiednen noch hinter der Brustwehr des Grabhugels und kleideten sich ein in Nachklange. Alle Menschen tragen Tote oder Sterbende in der Brust; auch die drei Jungfrauen; Tone sind schimmernd zuruckflatternde Gewander der Vergangenheit und erregen damit das Herz zu sehr.
Sie weinten, und keine konnte sagen, ob trube oder froh. Die bisher so gemassigte Idoine ergriff Lindas Hand und legte sie sanft an ihr Herz und liess sie wieder sinken. Sie kehrten schweigend und einig um. Idoine behielt Linda an der Hand. Die unterirdischen Wasser der Toten-Echos und Alphorner rauschten ihnen nach, obwohl ferner. Juliennen entging es nicht, wie sehr Idoine ihr Gesicht, bloss um es ihr mit den grossen Tropfen in den grossen Augen zu entziehen, immer der dicht verschleierten Linda zuwandte; und sie schloss daraus, dass Idoine vieles wisse und kenne und die Braut des Junglings ehre, dem sie durch ihre schone Ahnlichkeit das frohe Leben zuruckgegeben. "Was haben wir nun davon?" (sagte Idoine spat und nahe am Dorfe) "Wir sehens voraus, dass wir zu weich wurden, und geben uns doch hin. Darum nennen uns eben die Manner schwach. Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhartungen vor, und nur wir uns durch lauter Erweichungen." "Was soll man denn machen," (sagte Julienne) "in Flusse springen, auf Berge, auf Pferde und so weiter?" "Nein," (sagte Idoine) "denn ich seh' es an meinen Bauerinnen: sie leiden an Nerven bei aller MuskelArbeit so gut wie andere Mit dem Geiste, glaub' ich, mussten wir alle mehr tun und suchen; aber wir lassen immer nur die Finger und Augen sich uben und regen, das Herz selber weiss nichts davon und tut dabei, was es will, es traumt, weint, blutet, hupft Ein wenig Philosophieren war' uns dienlich; aber so geben wir uns allen Gefuhlen gebunden dahin, und wenn wir denken, ists bloss, um ihnen noch gar zu helfen."
Sie kamen ins Dorf zuruck, es war voll geschaftigen Abendlarms, Kinder tanzten Idoinen entgegen, von den Hohen klangen Alphorner herein und aus den Hausern Floten und Lieder heraus. Idoine gab heiter Abendbefehle. "Wie doch" (sagte sie) "die aussere Ruhe so leicht die innere aufhebt! Ein beschaftigtes Herz ist wie ein umgeschwungenes Gefass mit Wasser: man halt' es still, so fliesset es uber."
Julienne hatte schon einigemal, aber vergeblich, nach dem Steuerruder der Zeit und Rede gehascht, um ihren Plan zu vollfuhren; jetzt, da sie Lindas Schweigen, Ruhrung und Traumen bemerkte, glaubte sie die lang' erwartete gunstige Stunde zu treffen, wo einige Worte, die Idoine uber die Ehe ausstreuete, in Linda einen aufgeweichten Boden fur ihre Wurzeln finden wurden. Durch die leichte Wendung eines Lobs, dass sie Idoinen uber ihren mutigen Widerstand gegen das Schiffziehen in einer verhassten Fursten-Ehe und uber den Gewinn eines ewigen Jugendlebens gab, brachte sie die Grafin dazu, ihren ketzerischen Hass gegen die Ehe zu offenbaren und zu sagen, dass diese die Blume mit einem scharfen Eisenringe an ihren Stab peinlich gefangen lege dass Liebe ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Hass und dass das Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei, als wenn einer nach der Logik, die er vor sich hatte, denken oder dichten wollte, und dass die Energie, der Wille, das Herz der Liebe etwas Hoheres sei als Moral und Logik.
Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin, worin sie ihre heutige Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte, den ihr Sohn diesen Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen. So viele stille Gedanken auch diese Nachricht in Julienne und Linda nachliess: Idoine kam durch sie nicht aus der lebhaften Bewegung, worein die vorige Rede sie gesetzt, sondern mit einem edlen Zurnen, das aus der schonen Jungfrau einen schonen Jungling machte und ihr Minervens Helm aufsetzte, erklarte sie der hohen Gegnerin, die weniger durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzureizen war, diesen Krieg: gewiss sei nur ihre Abneigung gegen die "Priester" an der zweiten Abneigung gegen die Ehe schuld sei denn das Eheband etwas anders als ewige Liebe, und halte sich nicht jede rechte fur eine ewige? eine Liebe, die einmal zu sterben glaube, sei schon tot, und die ewig zu leben furchte, furchte umsonst wenn sogar Freunde am Altare verbunden wurden, wie irgendwo geschehen soll203, sie wurden hochstens sich nur noch heiliger binden und lieben man zahle ebenso viele, wo nicht mehrere ungluckliche Liebeshandel als ungluckliche Ehen man konne zwar eine Mutter, aber nicht ein Vater sein ohne die Ehe, und dieser musse jene und sich durch die Sitte ehren "Ich bin eine Deutsche" (beschloss sie) "und achte die alten Ritterfrauen, meine Ahnen, hoch; selig ist eine Frau wie eine Elisabeth und ein Mann wie Gotz von Berlichingen in ihrer heiligen Ehe."
Auf einmal fand sie sich selber uberrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome: "Ich bin ja" (setzte sie lachelnd hinzu) "eine pedantische Predigerswitwe geworden; das macht, ich bin die hochste Obrigkeit von dem Dorfchen und lasse, da fast in jeder Hutte eine gluckliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt, ungern andere Meinungen hier aufkommen."
"O, Madchen" (sagte Julienne lustig, weil sie Linda ernst sah) "sprechen immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe; sie ziehen sich gern aus einem Brautkranz Blumen."
"Daraus, wissen Sie, konnt' ich mir wohl keine nehmen", sagte Idoine, auf das eidliche Versprechen anspielend, welches sie ihren uber ihre enthusiastische Kuhnheit argwohnischen Eltern geben mussen, nie unter ihrem Furstenstande zu heiraten, was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hiess als Ehelosigkeit. "Recht hatten Sie indes," (verfolgte Julienne und wollte scherzhaft bleiben) "die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel, der sich auf einen Mastbaum setzt, der selber zieht; ich lobe mir einen hubschen grunen Wurzelbaum, der dableibt und ein Nest annimmt."
Wider ihre Gewohnheit lachte Linda daruber nicht, sondern ging allein, ohne ein Wort zu sagen, in den Garten und Mondschein hinunter.
"Die Grafin" (sagte Idoine zur Freundin, bekummert uber die Bedeutung des stummen Ernstes) "hat uns, hoff' ich, nicht missverstanden." "Nein," (sagte Julienne mit freudigen Mienen uber den errungnen Eindruck, den die Rede auf Linda gemacht) "sie hat die seltenste Gabe, zu verstehen, und das haufigste Ungluck, nicht verstanden zu werden." "Das ist immer beisammen", sagte sie, sann nach, sah Juliennen an, endlich sagte sie: "Ich muss ganz wahr sein, ich wusste der Grafin Verhaltnis durch meine Schwester Freundin, ist Er ihrer ganz wert?" Eine Frage, deren Quelle die Prinzessin nur in rachsuchtigen Einflossungen der Furstin suchen konnte.
"Ganz!" antwortete sie stark. "Ihnen glaub' ich gern", versetzte Idoine, mit den Lauten eilend, aber mit Blicken ruhend. Sie sah die Schwester Albanos immer langer an die grossen blauen Augen schimmerten starker Minervens Helm war vom jungfraulichen Haupte abgehoben das sanfte Angesicht erschien lieblich, ruhig, klar, nicht starker bewegt, als es ein Gebet vor Gott erlaubt, und so wenig begehrend wie eine Verklarte, und doch immer himmlischer glanzend. Juliennens schones Herz sturmte auf, sie sah Liane wieder, als sei sie vom Himmel gekommen, den geliebten Menschen an einem neuen Herzen einzusegnen; sie sagte mit Tranen: "Du, du hast Ihm einst den Frieden gegeben." Idoine wurde uberrascht aus ihren hellen Augen drangen zwei Tranen mit Nachdruck antwortete sie: "Gegeben" erschrocken und heftig druckte sie sich an die Freundin sagte: "Ich liebte Sie schon lange", und weiter sprachen sie nichts.
Schnell fasste sie sich erinnerte Julienne an Lindas Nachtblindheit und bat sie geradezu, ihr als ihre Freundin nachzugehen, ob sie gleich selber gern ihr dieses Verdienst abstehlen wurde, wenn sie durfte. Julienne eilte in den Garten, fuhlte es aber nach, dass Idoine ihr Du nicht erwidert hatte. Idoine mied das weibliche Du; ungleich den Orientalerinnen, welche vor Verwandten den Schleier weglassen, nahm sie, wie ihre Franzosinnen, sogar in die Herzlichkeit die zarten Gesetze der Politesse heruber.
Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still, mit tief gesenkten Augen, in Traume eingegraben. Linda fuhr auf: "Sie liebt Ihn!" (sagte sie mit Schmerz und Feuer) "Hor es, Julienne, Sie liebt Ihn!" Diese konnt' ihr uber das Aussprechen einer Wahrheit, mit der sie gerade aus Idoinens Armen gekommen war, nichts als ihr Erschrecken zeigen; aber Linda nahm es fur Erstaunen und fuhr fort: "Bei Gott! Mein Blick hat sie aufgehascht. O sonst war sie weit nicht so lebhaft und ernst und ruhrbar und weich Ihre innerste Bewegung bei meinem Erblicken und ihr Weinen bei Roquairols Stimme, weil sie seiner gleicht und ihre lange feurige Hochzeitpredigt Und die Seelenblicke auf mich o hat sie Ihn denn nicht im grossen herrlichen Augenblick gesehen, da der Bluhende weinend kniete und das gottliche Haupt gen Himmel hob und die Verklarte und den Frieden herunterrief? O dass sie es nur wagte, ihm beides vorzuspielen! Und kann sie das vergessen?"
Julienne kam endlich zum Worte "So setz es denn; ist Idoine aber nicht edel und fromm?" "Ich habe nichts wider sie und nichts fur sie" (antwortete Linda) "Wenn aber Er sie nun sieht, wenn er die Fromme noch einmal der Verstorbnen ahnlich findet, wenn die ganze erste Liebe umkehrt und uber die zweite triumphiert? ... Bei Gott! Nein," (setzte sie stolz und stark dazu) "nein, das duld' ich nicht; bitten will ich nicht, weinen nicht, oder resignieren, um ihn aber kampfen will ich. Bin ich nicht auch schon? Ich bin schoner, und mein Geist ist kuhner geschaffen fur seinen. Was kann sie geben, was ich ihm nicht dreifach biete? Ich wills ihm geben, mein Gluck, mein Dasein, auch meine Freiheit, ich kann ihn so gut heiraten wie sie, ich wills.... O sprich, Julienne! Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zugetan aus gleicher Gottesfurcht. O Gott, Julienne, bin ich denn schon? Beteuer' es mir doch! Bin ich der Verklarten gar nicht ahnlich? Sah' ich nur so aus, wie er es gerade wollte! Warum war ich nicht seine erste Liebe und seine Liane und ware auch gestorben? Gute Julienne, warum sprichst du nicht?" "Lasse mich nur sprechen", sagte diese, wiewohl nicht ganz wahr. Sie war ergriffen und gestraft von Lindas treffender Wahrheit und vom eignen Bewusstsein, dass sie einen Plan, Lindas Vorurteile gegen die Ehe aufzulosen, angelegt, dessen Hulfsmittel ihr von Linda gerade als Rechtfertigungen der Eifersucht vorgezahlt worden; und dass sie einen Felsen auf der Spitze eines Felsen in Bewegung und in den Fall gebracht, den sie nun nicht mehr regieren konnte. Auch war sie betaubt, ja erzurnt von einem ihr fremden Ungestum der Liebe, vor welchem sie den verhassten Trost gar nicht aussprechen durfte, dass Albano stets nach der Pflicht der Treue handeln wurde. Schon war sie uberrascht von der gegluckten Bekehrung zum Trauungs-Ja. Mit einiger Ungewissheit des Erfolgs bei Linda, die durch das Mondlicht und die ferne milde Bergmusik nur sturmischer geworden, fuhr sie fort: "Ich wollte dich nicht gern unterbrechen mit dem Lobe deines Entschlusses zur Ehe Unrecht hast du sonst in allen Stucken. Freilich ist Sie jetzt ernster; aber sie stand am Sterbebette ihres Ebenbildes und sah sich in Lianen erbleichen das massigt sehr. Ihn anlangend: so, hatt' Er dich fruher gesehen...."
"Sah er nicht fruh das Bild auf dem Lago maggiore, aber unahnlich, wie er sagt?"
"So will ich dirs denn gestehen, Wilde," (versetzte Julienne) "weil man dich nicht uberraschen soll, dass ich ihn gestern gebeten, mit zur Prinzessin zu reisen, und dass er eben aus Rucksicht und Kalte gegen alle Ahnlichkeiten mir es derb abgeschlagen; aber morgen erwartet er uns im Prinzengarten."
Verandert weich mit verklarten Augen sagte Linda mit gesunkner Stimme: "Mein Freund liebt mich so sehr? Ich lieb' ihn aber auch sehr, den Reinen. Morgen will ich zu ihm sagen: nimm meine Freiheit und bleibe ewig bei mir. Vom Altare ziehen wir davon, meine Julienne, du und er und ich, nach Valencia, nach Isola bella, oder wohin er will, und bleiben beisammen. Du guter Mond und Musik! Wie die Tone und die Strahlen so kindlich miteinander spielen! Umarme mich, meine Geliebte, vergib, dass Linda unartig gewesen!" Hier war der Sturm des Herzens in susses Weinen zergangen. So wird in den Landern unter der scheitel-rechten Sonne taglich der blaue Himmel Donner, Sturm und schwarzer Regen, und taglich geht die Sonne wieder blau und golden unter.
Julienne versetzte bloss: "Schon! nun wollen wir hinauf!", weniger als sie zu schnellen Ubergangen fahig. Als sie oben die stille, helle, nichts begehrende Idoine wiedersah die fest und heiter Handelnde klagenlos und hoffnungslos nur den Ahrenkranz der Taten, nie den blumigen Brautkranz tragend so viele weisse Bluten zu ihren Fussen, die zu keinem Kranz und Gewinde zusammengehen ihre helle reine Seele einem hellen reinen Tone gleich, der seinen Reiz durch nasse wolkige Luft ungetrubt und ungebrochen tragt: so fuhlte sie, Idoine sei ihr schwesterlicher verwandt als Linda, jene sei ihr ein Ideal und Sternbild in ihrem Himmel uber ihr, diese ein fremdes, das fern und unsichtbar in einer zweiten Halbkugel des Himmels glanzt; aber in ihr wirkte die weibliche Kraft, fortzulieben fast bis in den Hass hinein, starker als in irgendeiner Frau, und sie blieb der alten Freundin getreu. Idoine gehorte unter die weiblichen Seelen, die dem Monde ahnlich sind: blass und matt muss er am prachtigen Abendhimmel, den Glanz und brennende Wolken schmucken, stehen und kann auf der Erde keinen einzigen Schatten verdrangen und steigt mit unsichtbaren Strahlen, aber das fremde Licht verbleicht, und seines wachset aus dem Schatten auf, bis zuletzt sein uberirdischer Glanz die ErdenNacht umzieht und in eine zweite Welt umkleidet, und alle Herzen lieben ihn weinend, und die Nachtigallen singen in seinen Strahlen.
Alles war nun bestimmt und geendigt. Linda hielt sich in ihrer Ferne und bloss aus Gesetz der geselligen Artigkeit, das sie niemals ubertrat. Idoine zog sich, eine Veranderung erratend, aus der vorigen Nahe sanft zuruck. Fruh am dunkeln Morgen schieden sie, aber Julienne sagte es ihrer Freundin nicht, dass sie Idoinen, als sie voneinander gingen, sich mit nassen Augen hatte wenden sehen.
126. Zykel
Albano hatte wahrend Lindas Abwesenheit von Roquairol die Bitte bekommen, nur jetzt nicht lange zu verreisen, damit er in einigen Tagen sein Trauerspiel "den Trauerspieler", noch sehen konne. Gaspard, den er unwillig uber Lindas Ehescheu antraf, gab ihm ein sonderbares Kartenblatt fur Linda mit, worauf von ihrem unsichtbaren Vater nichts stand als dies: "Ich genehmige deine Liebe. Ich erwarte, dass du sie besiegelst, damit ich meine Tochter endlich umarme.
Der Zukunftige."
So viele fremde wichtige Wunsche, die mit dem seinigen zusammenflossen, hielten nun von seinem zarten Ehrgefuhl den Verdacht der Selbstsucht und Zudringlichkeit ab, wenn er sie um das schonste Fest seines Lebens bat. Er machte seinen Vater sehr zufrieden durch diesen Entschluss, zu bitten. Gaspard teilt' ihm geheime Kriegsnachrichten mit und sagte ihm scherzend, nun sei es bald Zeit, dass er fur seine Freunde, die Neufranken, fechten helfe. Albano sagte, es sei sogar sein Ernst. Das hor' er gern von einem Jungling sagte Gaspard der Krieg bilde fur Geschafte, und das Recht oder Unrecht desselben tue nichts zur Sache und gehe andere an, die ihn erklaren.
Albano machte seine Reise froh durch Erinnerung, noch froher durch Hoffnung. Er hatte jetzt den Mut, sich den Tag auszudenken, wo Linda, eine Konigin, in die glanzende Krone ihres Geistes den weichen Brautkranz schmiegt wo diese Sonne als eine Luna aufgeht wo ein Vater, den der seinige liebt, das hohe Fest unterbricht durch ein hochstes und wo einmal zwei Menschen zu sich sagen durfen: nun lieben wir uns ewig. So begluckt und mit einer unendlichen Liebe und sonnenwarmen Seele kam er im Prinzengarten an.
Uberall kam er viel zu fruh nach seiner leidenschaftlichen Punktlichkeit. Niemand war noch da als zwei Abreisende, Roquairol und die Furstin. Beide sah man jetzt oft und so offentlich beisammen, dass das Scheinen Absicht schien. Roquairol ging ihm hoflich entgegen und erinnerte ihn an das erhaltene Billet: "Das ist der Schauplatz, Lieber," (sagt' er) "wo ich nachstens spiele, die meisten Zurustungen hab' ich schon getroffen, besonders heute. Meine treffliche Furstin hat mir diesen Platz vergonnt." "Sie kommen doch auch?" sagte diese zu Albano freundlich. "Ich hab' es ihm schon versprochen", sagte Albano, den mitten in seinem Fruhling zwei Eiskeller anwehten. Das Fraulein v. Haltermann allein zeigt' ihm grossen entschiedenen Zorn. "Gehen wir zu meiner Schwester vorher?" fragte Roquairol die Furstin unter dem Wegfuhren. Albano verstand das nicht. Die Furstin nickte. Sie nahmen von ihm Abschied. Fraulein v. Haltermann schien ihn zu vergessen. Sie entflogen, hielten oben auf einem von der ganzen bluhenden Gegend umrungnen Berge neben einem Blumengartchen still und rollten dann hinunter.
Der Himmelswagen mit den geliebten Madchen kam jetzt in den franzosischen Prinzengarten herein. Feurig druckten sich Albano und Linda einander an die Herzen, die sie sich gleichsam zum zweiten Male fureinander geschaffen und geschmuckt durch das Schicksal mit neuen Hoffnungen und Welten heute noch einmal tauschend geben wollten! Alles war so glanzend um sie her, alles neu, selten, ruhig, die ganze Welt ein Garten voll hoher flatternder Springbrunnen, welche vor der Sonne glanztrunken ihre Bogen durcheinanderwarfen! Julienne zog ihn beiseite, um ihm Lindas schonen Entschluss zu sagen; aber er kam ihr mit der Nachricht des seinigen zuvor. Sie bestarkte ihn durch die ihrige, entzuckt uber das seltne Getriebe zusammengreifender Glucksrader.
Als Albano wieder bei der Braut war, und sie bei ihm, fuhlten sie eine neue Warme des Herzens keine von einer ausbrennenden dumpfen Glutkohle, die am Ende schwarz zerbrockelt, sondern die einer hohern Sonne, die aus lauten Flammen stille Strahlen macht und die die Menschen mit einem warmen milden Fruhlingstag umgibt. Albano schob nicht auf und leitete nicht ein, sondern er gab ihr das Blatt ihres Vaters hin und sagte unter dem Lesen mit bebender Stimme: "Dein Vater bittet mit mir und fur mich." Lindas Tranen sturzten der Jungling zitterte Julienne rief: "Linda, sieh, wie er dich liebt!" Albano nahm sie an sein Herz Linda stammelte: "So nimm sie denn hin, meine liebe Freiheit, und bleibe bei mir" "bis zu meiner letzten Stunde", sagt' er "und bis zu meiner, und gehst in keinen Krieg", sagte sie zartlich-leise er druckte sie besturzt und stark ans Herz "nicht wahr, du versprichst es, mein Lieber?" wiederholte sie.
"O, du Gottliche, denke jetzt an etwas Schoneres", sagte er. "Nur ja, Albano, ja?" fuhr sie fort. "Alles wird sich durch unsere Liebe losen", sagt' er. "Ja? Sage nur Ja!" bat sie er schwieg sie erschrak: "Ja?" sagte sie starker. "O Linda, Linda!" stammelte er sie entsanken einander aus den Armen "ich kann nicht", sagt' er "Menschen, versteht euch", sagte Julienne "Albano, sprich dein Wort", sagte Linda hart. "Ich habe keines", sagt' er.
Linda erhob sich beleidigt und sagte: "Ich bin auch stolz ich fahre jetzt, Julienne." Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Horrohr, sprach und horte alles zu stark.
Die Grafin ging fort und befahl anzuspannen. "O ihr Leute und du Hartnackiger," (sagte Julienne) "geh ihr doch nach und stille sie." Aber der empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blatter zerquetscht; das ihm neue Auffahren, der Schlagregen ihres Zorns hatt' ihn erschuttert; er fragte nach nichts. "Schau hinauf zu jenem Garten," (sagte die Schwester ausser sich) "dort liegt deine erste Braut begraben, und schone die zweite!" Das wirkte gerade das Gegenteil: "Liane" (sagt' er kalt) "ware nicht so gewesen; begleite nur die Grafin!" "O die Manner!" rief sie und ging.
Bald darauf sah er beide davonfahren. Allmahlich zerstob das wilde Heer des Zorns. Aber er hatte, fuhlt' er, nicht anders gekonnt. Er war ihr, sie ihm mit solcher neuen Zartlichkeit entgegengereiset keines wusste von der fremden und der unbegreifliche Kontrast entrustete darum beide so sehr Er hasste schon an andern Menschen das Bitten, wie viel mehr an sich selber, und nie war er vermogend, einen Menschen, der ihn verkannte, zurechtzuweisen. Er sah jetzt um sich, alle prangenden Springbrunnen der Freude waren plotzlich niedergefallen, die Lufte verodet, und das Wasser murmelte in den Tiefen. Er ritt hinauf zum Garten, wo Lianens Grab sein sollte. Nur Blumenbeete, einen Lindenbaum mit einer Zirkelbank sah er darin, aber kein Grab. Betaubt und verworren blickt' er hinein und in den glanzenden Gegenden umher. Verstockt tranenlos mit einem im zuruckgetriebnen Strom der Liebe erstickenden Herzen hinschauend in die weite Zukunft, die zwischen Bergen in krumme Taler ging und sich versteckte, ritt er duster nach Hause. Hier traf er folgendes Blatt von Schoppe an, das der vorauseilende Oheim bei ihm abgegeben:
"Es ist richtig Ich fand das bewusste Portrat Ich bring' es in der Jagdtasche mit In wenigen Wochen oder Tagen komm' ich Den Kahlkopf hab' ich angetroffen und hinlanglich totgemacht Ich bin sehr bei Sinnen. Dein seltsamer Oheim reisete lange mit mir.
S."
Zweiunddreissigste Jobelperiode
Roquairol
127. Zykel
Linda hatte den ganzen Tag darauf in schweigendem Seelenschmerze zugebracht uber den Geliebten, der ihr, wie einst Liane ihm, nicht im ganzen lebendigen Feuer der Liebe zu leben schien wie sie sie war lange von der Furstin umlagert und dann durch sie Juliennens fur eine Lustreise beraubt worden, die ihr nur die Nachricht zuwerfen konnte, dass Albano diesen Tag auch einen Ausflug gemacht, um Schoppen fruher zu umarmen sie war still geblieben nach ihrem Grundsatze, dass der weibliche Stolz hier Schweigen, Ruhe und sogar Vergessen gebiete; als sie abends durch das blinde Madchen aus Blumenbuhl, das sie in ihre Dienste genommen, folgenden Brief erhielt: "Du Meine! Sei es wieder! Ich will noch sterben, aber fur dich, nicht fur ein Volk auf dem Schlachtfeld. Vergib das Gestern und beglucke das Heute. Ich habe meinen Vorsatz einer Entgegenreise wieder aufgegeben, um dir heute noch an das Herz zu sturzen und deinen Himmel auszuschopfen und meinen zu fullen. Ich kann nicht warten, bis Julienne wiederkommt: mein Herz brennt nach dir. Morgen muss ich ohnehin im Prinzengarten sein, wo Roquairol einen Trauerspieler endlich gibt. Komme diesen Abend ich flehe dich bei unserer Liebe an um 8 Uhr entweder, wenn es hell ist, in die Tartarus-Hohle, deren TotengraberPutz und Orkus-Ameublement dir gewiss nur lacherlich sein wird, oder, wenn es wolkig ist, in das Ende des Flotentals.
Dein blindes Madchen nimmst du nur mit. Du kennst ja das Spionenwesen, das gerade uns umstellt. Ich erwarte und begehre keine Antwort von dir, sondern Schlags acht Uhr schleich' ich durch das Elysium, um zu sehen, wo die Gottin steht, der Himmel, die Sonne, die Seligkeit, du.
Dein
Albano."
Wie durch einen Wetterstrahl des Himmels war ihr ganzes Wesen geschmolzen zu weicher seliger Glut; denn sie glaubte der Handschrift, dass das Blatt von Albano sei so unerwartet ihr auch an ihm eine so schnelle Umkehrung erschien , ob es gleich von Roquairol geschrieben war. Lasset uns zuruckgehen bis an die finstere Quelle des reissenden Hollenflusses, der seinen eiskalten Arm nach der Unschuld und nach dem Himmel ausstreckt.
Roquairol war im Winter bei allen Fehlschlagungen seiner unbandigen Wunsche ziemlich glucklich und gut geblieben; der Abendstern der Liebe, ob er wohl fur ihn mehr ab- und zunahm, stand doch noch nicht unter dem Horizont, sondern nur unter Gewolke. Aber sobald Linda mit Julienne abgereiset war und zwar, wie er sogleich erriet und fruh erfuhr, nach Italien : so bewegte sich ein neuer Sturm durch sein Leben, der ihm die letzten Bluten abriss und mit dem lange gelegenen Staub verfinsterte, weil er nun, wie er Albano selber vorausgesagt, das Netz zu diesem und der Grafin im Strome heraufkommen sah, das beide eng gefangennahm. Das fressende Gift der Viel-Liebhaberei und Vielgotterei lief wieder heiss in allen Adern seines Herzens um : er machte wilden Aufwand, Spiele, Schulden, so weit es nur ging setzte Gluck und Leben auf die Waage warf seinen eisernen Korper dem Tode zu, der ihn nicht sogleich zerschlagen konnte und berauschte sich in der WildenTrauer um sein gemordetes Leben und Hoffen im Leichentrunk der Schwelgerei; ein Bund, den Wollust und Verzweiflung schon oft auf der Erde miteinander auf Kriegsschauplatzen und in grossen Stadten geschlossen haben.
Nur etwas hielt den Hauptmann noch aufrecht, die Erwartung, dass Albano in seiner Ferne von Linda beharre, und die, dass diese wiederkomme. Jetzt kam die Furstin zuruck, noch mit allem frischen Hasse gegen den kalten Albano, fur dessen "dupe" sie sich hielt. Roquairol bewog leicht seinen Vater, ihn ihr naher zu bringen, da er bei ihr uber Albano und alles Nachrichten zu finden hoffte. Er wurd' ihr bald durch die ahnliche Stimme und die vorige Freundschaft gegen ihren Feind bedeutend, und noch mehr durch seine seltene Gewandtheit, einer Frau immer das zu sein, was sie gerade begehrte.
Da sie alle seine fruhern Verhaltnisse und Wunsche schon langst gekannt: so warf sie, sobald ihre Fernschreiber von Albano ihr die Nachricht von seiner neuen Liebe gegeben, ihm leicht die Erwahnung davon hin. Trotz der warmen Rolle, die Roquairol gegen sie zu spielen hatte, wurd' er doch vor ihr wutend-blass, atemlos, bebend und starrend im Abwechsel; "ists so?" fragt' er leise sie zeigt' ihm einen Brief "Furstin," (sagte er wutend, ihre Hand an seine Lippen fortpressend) "du hattest recht, vergib mir nun alles."
Wie gross er von Albano gedacht, sah er erst jetzt aus seiner Verwunderung uber das Naturlichste von der Welt. Nie hasset das Herz bitterer, als wenn es den Gegenstand, den es vorher unter dem Hassen achten musste, nun ohne Achten hassen muss; so wie aus demselben Grunde den schlimmen Menschen die Heuchelei des andern weit tiefer und eigennutziger entrustet als den frommen. Roquairol glaubte jetzt, den stolzen Freund recht anfeinden zu durfen; er wurde aus einer deutschen Ruine eine welsche voll Skorpionen. Die Furstin wurde das heisse Klima, das die Skorpionen erst recht vergiftet. Sie erzahlte ihm, wie Albano sie so lange zu gewinnen und auf seine tiefen Minen zu locken gesucht, bloss um bei deren Aufspringen den Genuss der Kalte und des Hohns zu haben, und wie er so gleichgultig vom Hauptmann gesprochen, ohne ihn nur des Hasses zu wurdigen.
Die Furstin erlaubte dem Hauptmann, eine Stufe nach der andern an ihrem Throne hinaufzugehen, bis er keine mehr hatte als ihre eigne Person. Sie gab ihm auch die letzte Stufe unter der Bedingung preis, sie zu rachen. Er sagte, er rache sie und sich, denn Albano habe feierlich in dem Tartarus der Grafin fur ihn entsagt. So schienen beide ihre wahre Liebe unter die Larve der Rache zu stecken, die Furstin ihre fur den Hauptmann, er seine fur Linda.
Sie brachte ihm einen Plan immer dichter vor das Auge, den er nicht erblickte, so sehr sie ihn reizte durch die Bemerkung, dass Albano ein grosserer Weiber-Liebling sei und sein werde, als man bisher noch dachte, dass sogar ihre fromme besonnene Schwester Idoine nach ihren stillen Fragen in Briefen und nach andern Zeichen fast beides durch ihn verloren, was sie ihm am Krankenbette wiedergegeben, Gesundheit und Friede, und dass er nie hoffen solle, die Grafin je abtrunnig zu sehen oder auch zu machen.
Endlich sagte sie langsam das furchterliche Wort: "Roquairol, Sie haben Seine Stimme, und Sie hat abends kein Auge." "Himmel und Holle!" rief er aus, wechselnd rot und blass und zugleich in Himmel und Holle sehend, deren Turen vor ihm aufsprangen. "Va!" setzt' er schnell dazu, ohne die schwarze Tiefe dieses weissschaumenden Meers noch durchdrungen zu haben. Die Furstin umarmt' ihn feurig, er sie noch feuriger. "In einer poetischen Dichtung" (sagt' er) "ware mir dein Gedanke leicht gekommen, aber in der Wirklichkeit hab' ich keine List!" "O Schalk!" sagte sie. So fruh und so lang' er nur durfte, sagte er Du, weil er das Herz kannte, besonders das weibliche. Bald darauf, als sie noch offenherziger gegeneinander gewesen waren, sagte sie: "Bleibt Sie unschuldig bei Ihnen, so haben Sie niemand beleidigt, und niemand hat verloren; bleibt Sie es nicht, so war Sie es entweder nicht, oder Sie verdiente die Probe und Strafe, getauscht zu werden." "Ja, das ist gottlich das gehort in den herrlichen Trauerspieler kurz vor dem Ende", sagt' er, wollte sich aber nicht daruber erklaren.
Jetzt kam Ziel und Mittelpunkt in die wilden Kreise seines Treibens. Er zerlegte kalt Albanos Briefe der Liebe in grosse und kleine Buchstaben, bloss um sie punktlich nachzumachen; daher fand einmal Albano bei Rabetten seine Handschrift ohne seine Gedanken. Er fragte Rabetten alle kleine Verhaltnisse Albanos ab, um seine Rolle bis ins kleinste auszuarbeiten; und ebenso las er alle italienische Reisebeschreibungen, um mit Linda uber jede schone Stelle frei zu sprechen, wo er als Schein-Albano mit ihr das hesperische Leben genossen. Es kitzelte ihn, so mit der Flamme in der Brust und mit dem kalten Eislicht im Kopfe einmal alle theatralischen Zurustungen und Verwickelungen, so wie sonst fur die Buhne, jetzt fur das Leben anzulegen und besonnen zu regieren.
Er sah Albano von der Reise kommen, der ihn stolz behandelte er sah die bluhende Gottin in Lilar gehen er horte durch die Spionen der Furstin von ihrer Verbindung: hoch ging sein totes Meer in schweren Wellen und suchte die Opfer aus ihrem Fluge bis vom Himmel herabzuziehen. Unmittelbar nach dem Trauerspiel, das er mit Linda zu spielen vorhatte, sollte sein eigenes im Prinzengarten kommen, das er von Zeit zu Zeit zu geben versprach und verschob; er musste lange harren und spahen, bis eine Zeit erschien, in welche so viele Zahne eines doppelten Maschinenwerks zugleich eingreifen konnten.
Endlich erschien die Zeit, und er schrieb das oben mitgeteilte Blatt an Linda. Alles war berechnet und abgetan und jede Hulfe des Zufalls in den Plan gewebt. Sein Trauerspiel war von seinen Bekannten langst eingelernt, obwohl niemals einprobiert, weil er, wie er sagte, die Mitspieler selber mit seiner Rolle mitten im Spiele uberraschen wollte. Die Freude, die er von jeher hatte, Abschied zu nehmen weil ihn hier die Ruhrung zugleich durch Kurze und Starke erquickte , macht' er sich bei so vielen, als ihn liebten. Von Rabette schied er so sturmisch-weich, dass sie erschrocken zu ihm sagte: "Karl, das bedeutet doch nichts Boses?"
"Jetzt ist alles bose an mir", sagt' er.
Durch Verwendung der Furstin waren fur sein Trauerspiel auf den nachsten Tag die bedeutendsten Zuschauer geworben, auch Gaspard und Julienne samt dem Hof. Das Geheimnis zog an; auch der Furstin war seine Rolle verdeckt. Nur seinen Vater, der dem Hof gern folgen wollte, strich er aus der Zahl durch einen grossen Zorn, worein er ihn setzte, weil er ihn mit keiner andern als dieser Dornhecke abzuhalten wusste. Seine Mutter und Rabette hatt' er beschworen bei ihrem Gluck, bei seinem Gluck, keine Zuschauerinnen seines Spiels zu werden.
Ein neuer Wind des Zufalls war ihm zum Heben seiner Flugmaschine durch den seltsamen Bruder des Ritters gekommen, der mit solcher Freude von der eisernen Maske seiner tragischen Maske horte, dass er mit dem Antrag zu ihm kam, er wolle ihm einen neuen wunderbaren Spieler zufuhren. "Alles ist besetzt", sagte der Dichter. "Man mache ein Chor zwischen den Akten und geb' es einem", sagte der Spanier. Roquairol fragte nach dem Namen des Spielers. Der Spanier fuhrt' ihn in seinen Gasthof; innen im Zimmer rief schon eine tierisch-dumpfe Stimme: "Kommst du denn schon wieder, mein Herr?" Sie fanden darin nur eine schwarze Dohle. "Man stelle den Vogel auf das Theater, er sei das Chor, er sage in halbem Gesang mezza voce bloss zwei, drei Zeilen her, die Wirkung wird kommen", sagte der Spanier. Roquairol staunte uber die langen Spruche der Dohle. Der Spanier erbat sich einen langern von ihm, um ihn ihr vor seinen Ohren einzulernen. Roquairol gab ihm den: "Im Leben wohnt Tauschung, nicht auf der Buhne." Der Spanier sagte anfangs bloss in Wort zum Nachsprechen vor, dann wieder eins, wiederholte es dreimal, sagte dann, mit den Fingern den Vogel ermunternd:
"Allons, diablesse!" und das Tier stotterte dumpf die ganze Zeile her. Roquairol fand in dieser komischen Tier-Larve etwas Furchterliches und nahm den Vorschlag, einige Chorzeilen zu dichten und dem Vogel anzuvertrauen, unter einer eignen Bedingung an, dass namlich der Spanier seinen Neffen Albano den Abend vor her von Pestitz entferne unter irgendeinem Vorwand und dann mit ihm im Prinzengarten erscheine. Der Spanier sagte: "Herr Hauptmann, ich brauche keinen Vorwand, ich habe Wahrheit! Ich werde mit ihm seinem Freund Schoppe entgegenreisen, er will morgen abends kommen; auch dieser wird mit zusehen."
Albano konnte in seiner verworrenen Stimmung gegen Linda und in der erwartungsvollen gegen Schoppe nichts so leicht annehmen als einen kleinen Reiseplan, um diesen geliebten Schoppe fruher an der Brust zu haben. Julienne wurde in Gegenwart des kranken Fursten von der Furstin gebeten, sie zu Idoine zu begleiten, die ihrer auf halbem Wege in einem Grenzschloss wartete, und den andern Tag in den Prinzengarten zuruckzugehen. Sie weigerte sich. Der kranke angestiftete Bruder tat die von ihm erbetenen Bitten dazu. Die Schwester erfullte sie.
Nun war alles fur den Abend, woran Roquairol Linda sehen wollte, berichtigt So glimmen nachts in den Scheuern eines schuldlosen Dorfchens die eingelegten Brande der Sturmwind brauset um die muden schlafenden Einwohner die Rauber stehen auf den Bergen im Abendnebel und schauen wartend herab, wenn die Feuerschwerter der Flammen auf allen Seiten durch die Nebel glanzen und mit ihnen rauben und morden werden, um zu ihnen herabzukommen.
128. Zykel
Linda las das Blatt unzahligemal, weinte vor susser Liebe und dachte nicht daran, zu vergeben. Dieses Wehen der Liebe, das alle Blumen beugt und keine pfluckt, hatte sie schon so lange gewunscht: und jetzt auf einmal nach der nebligen Windstille des Herzens ging es lebendig und frisch durch den Garten ihres Lebens. Sie konnte schwer acht Uhr erwarten. Sie half sich uber die Zeit hinweg durch Wahlen des Putzes, der zuletzt ganz in dem Schleier, Hute, Kleide und allem bestand, was sie getragen, als sie ihren Geliebten zum erstenmal auf Ischia gefunden.
Sie steckte die Paradieses- oder Orangenbluten, die Zeiger jener Zeit und Welt, an ihr klopfendes Herz und ging zur bestimmten Stunde, mit dem blinden Madchen am Arme, in den Garten hinunter. Sowohl aus Hass gegen den Tartarus als aus Willigkeit gegen den Brief nahm sie den Weg ins Flotental. Die Nacht war finster fur ihr Auge, und das blinde Madchen wurde ihre Fuhrerin.
Oben auf dem Lilarsberg mit dem Altare stand, wie der bose Geist auf der Zinne des Paradieses, Roquairol und blickte scharf in den Garten herab, um Linda und ihren Weg zu finden. Sein Freudenpferd war unten im tiefen Gebusch an auslandische Gewachse angebunden. Voll Ergrimmung sah er noch Dian und Chariton mit den Kindern in dem Garten gehen; und oben im Donnerhauschen ein kleines Licht. Er verfluchte jede storende Seele, weil er entschlossen war, heute im Notfall jeden Sturmer seines Himmels zu ermorden. Endlich sah er Lindas lange rote Gestalt gegen das Flotental zugehen und das Schwellen-Gebusch aufziehen und darhinter verschwinden.
Er eilte den langen Schneckenberg herab, warm wie eine vergiftete Leiche. Hinter sich horte er im langen Busch-Gewinde jemand nacheilen er entbrannte und zog seinen Stockdegen, den er nebst einem Taschenpistol bei sich hatte endlich sah er eine hassliche Gestalt, einem bosen Geiste ahnlich, die ihm nachrannte sie packte ihn es war der Furstin langarmiger Affe Er durchstach ihn auf der Stelle, um nicht von ihm verfolgt zu werden.
Unten im freien Garten ging er langsam, um keinen Verdacht zu wecken. Er schlich leise wie der Tod, der auf dem Donnerwagen einer Wolke ungehort durch Lufte uber den Blutenbaum zieht, worunter eine Jungfrau lehnt, und versteckte den morderischen Wetterstrahl in seine Brust. Er offnete das hohe Pforten-Gestrauch des Flotentals; alles war darin still und dunkel; nur hoch im Himmel ging ein seltsamer brausender Sturm und jagte die Wolken-Herde, aber auf der Erde war es leise, und kein Blatt bewegte sich. "Ist jemand da?" fragte die blinde Turhuterin. "Guten Abend, Madchen!" sagte Roquairol, um durch seinen Sprachton fur Albano zu gelten.
Tief im engern laubigen Tale sang Linda leise ein altes spanisches Lied aus ihrer Kinderzeit. Endlich wurde sie erblickt die Riesenschlange tat den giftigen Sprung nach der sussen Gestalt, und sie wurde tausendfach umwunden.
Er hing an ihr sprachlos atemlos die Wolke seines Lebens brach Tranen der Glut und Pein und Wonne rannen brennend fort alle Arme, worein der Strom seiner Liebe bisher seicht umhergelaufen war, schossen brausend zusammen und fassten und trugen eine Gestalt "Weine nicht, mein guter Mensch, wir lieben uns ja immer wieder", sagte Linda, und die zarte schone Lippe gab ihm den ersten innigen Kuss. Da kreisete das Feuerrad der Entzuckung mit ihm reissend um, und um den darauf geflochtenen Kopf wehten die Flammen-Kreise hoch auf. Aus Furcht, erblickt zu werden, wenn er erblicke, und aus Lust hatt' er die Augen geschlossen; jetzt tat er sie auf- so nahe an sich und in seinen Armen sah er nun die hohe Gestalt, das stolze bluhende Antlitz und die feuchten warmen Liebes-Augen. "Du Himmlische," (sagt' er) "tote mich in dieser Stunde, damit ich sterbe im Himmel. Wie will ich nachher noch leben? Konnt' ich meine Seele in meine Tranen giessen und mein Leben in deines und ware dann nicht mehr!"
"Albano," (sagte sie) "warum bist du heute so anders, so traurig und weich?"
"Nenne mich" (sagt' er) "lieber bei deinem Namen, wie die Liebenden auf Otaheiti die Namen tauschen. Vielleicht hab' ich auch etwas getrunken aber ich bereue ja das Gestern ich liebe dich ja neu. Ach, du, liebst du denn auch mein Innres, Linda?"
"Susser Jungling, kann ich es denn jetzt nicht ewig lieben? Ich bleibe ja bei dir und du bei mir."
"Ach du kennst mich nicht. Wenn weiss es denn der Mensch, dass gerade er, gerade dieses Ich gemeinet und geliebet werde? Nur Gestalten werden umfasset, nur Hullen umarmt, wer druckt denn ein Ich ans Ich? Gott etwa."
"Und ich dich" sagte Linda.
"O Linda, liebst du mich fort in meinem Grabe, wenn die Spreu des Lebens verflogen ist liebst du mich fort in meiner Holle, wenn ich dich aus Liebe gegen dich belogen habe? Ist denn Liebe die Entschuldigung der Liebe?"
"Ich liebe dich fort, wenn du mich liebst. Bist du die Giftblume, so bin ich die Biene und sterbe in dem sussen Kelch."
Die Braut sank an seinen Hals. Er umklammerte sie heftig und wurde immer ahnlicher dem Gletscher, der durch Warme weiterruckt und schmelzend verheert. Um ihn zogen die Freuden mit glanzenden, mit himmlischen Gesichtern, zeigten ihm aber in den Handen Furienmasken.
"Du willst sterben aus Liebe; ich bin schon gestorben aus Liebe O du weiss nicht, wie lange ich dich schon liebte!" antwortete er.
"Gluhender," (sagte sie) "denk an diese Nacht, wenn du einst Idoinen siehst!" "So seh' ich nur meine aufgestandne Schwester", sagt' er, aber sogleich uber die entfahrne Wahrheit erschreckend. "Man sieht" (setzt' er eilig dazu) "das auferstandne Herkulanum, aber man wohnt im bluhenden Portici daruber; ich und du sahen im Baja-Golf unter dem Meer die versunknen Bogen und Tore, und wir schifften nach lebendigen Stadten weiter. Ist mir doch auch Roquairol in so manchem so ahnlich und liebt dich so sehr und so lange und starb auch einmal wie Liane!"
"Aber diesen hatt' ich nie geliebt, und nun bin ich deine ewige Braut."
"Der arme Mensch! Aber ich tat, glaub ich, doch nicht recht, da ich einst in der Tartarushohle dir Ungesehenen im voraus entsagte aus Liebe gegen den Freund."
"Gewiss nicht; aber wie kommen wir beide auf dieses unheimliche Wesen?" sagte sie kussend.
"Heimlich mocht' ichs eher nennen", versetzt' er, entbrennend in hassender Liebe, im Zwiespalt der Rache und Lust und entschlossen, nun den Leichenschleier uber ihre ganze Zukunft zu weben. Er schlug die schwarzen Adlerschwingen um das Opfer und erstickte und erweckte Kusse, er riss die Orangenbluten von ihrer Brust und warf sie zuruck. "Liebe ist Leben und Sterben und Himmel und Holle," (sagt' er) "Liebe ist Mord und Glut und Tod und Schmerz und Lust Kaligula wollte seine Casonia foltern lassen, um nur von ihr zu wissen, warum er sie so liebe ich ware das auch imstand."
"Gottlicher Albano! trinke nicht mehr so! du bist zu ungestum, deine Augenbraunen sturmen sogar mit wie bist du denn?"
"Alles auf einmal, wie ein Gewitter, voll Glut und mein Himmel ist hell durch den Blitz und ich werfe kalten Hagel und eine Zerstorung nach der andern, und es regnet warm auf die Blumen und Himmel und Erde verknupft ein stiller Bogen des Friedens."
Jetzt sah er am Himmel die Sturmwolken wie Sturmvogel zwischen den Sternen und neben dem zornigen Blutauge des Mars schon heller fliegen; der Mond, der ihn verjagte und verriet, warf bald das Richter-Auge eines Gottes auf ihn. Im Hohne gegen das Schicksal riss er auf fur seine kussende Wut den Nonnenschleier und Heiligenglanz ihrer jungfraulichen Brust. Fern stand der Leuchtturm des Gewissens, von dicken Wolken umzogen. Linda weinte zitternd und gluhend an seiner Brust. "Sei mein guter Genius, Albano!" sagte sie. "Und dein boser; aber nenne mich nur ein einzigesmal Karl", sagt' er voll Wut. "O heisse denn Karl, aber bleibe mein voriger Albano, mein heiliger Albano!" sagte sie.
Plotzlich fingen im Tal die Floten an, die der fromme Vater zu seinen Abendgebeten spielen liess. Wie Tone auf dem Schlachtfeld riefen sie den Mord heran da schmolz Lindas goldner Thron des Glucks und Lebens gluhend nieder, und sie sank herab, und das weisse Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen und zu Asche.
"Nun die Deinige bis in meinen Tod!" sagte sie leise mit Tranenstromen. "Nur bis in meinen", sagte er und weinte jetzt weich mit den weinenden Floten. An der goldnen Kugel auf dem Berge glomm schon der Mond, der wie ein bewaffneter Komet, wie ein einaugiger Riese heraufdrang, den Sunder aus seinem Eden zu jagen. "Bleibe, bis der Mond kommt, damit ich in dein Angesicht sehe", bat sie. "Nein, du Gottliche, mein Freudenpferd wiehert schon, die Todesfakkel brennt herab in meine Hand", sagte er tragischleise. Der Sturm war vom Himmel auf die Erde gezogen; sie fragte: "Der Sturm ist so laut, was sagtest du, Schoner?" Er kusste wild ihre Lippe und ihren Busen wieder; er konnte nicht gehen, er konnte nicht bleiben: "Gehe morgen nicht" (sagt' er) "in den Trauerspieler, ich flehe dich, das Ende, hor' ich, ist zu erschutternd."
"Ich liebe ohnehin dergleichen nie. O bleibe, bleibe langer, ich seh' dich ja morgen wieder nicht." Er presste sie an sich deckte ihre Augen mit seinem Angesicht zu das Gorgonenhaupt des Mondes wurde schon in den Morgen heraufgehoben er liess das Leben los, wenn er sie entliess und doch zehrte jedes gestammelte Wort der Liebe an der kurzen Zeit. Der Sturm arbeitete in den gerissenen Baumen, und die Flotentone schlupften wie Schmetterlinge, wie schuldlose Kinder unter dem grossen Flugel weg. Roquairol, wie betaubt von solcher Gegenwart, war nahe daran, zu sagen: sieh mich an, ich bin Roquairol; aber der Gedanke stellte sich schnell dazwischen: "Das verdient sie nicht um dich; nein, sie erfahr' es erst in der Zeit, wo man den Menschen alles vergibt." Noch einmal heftig hielt er sie an sich gedruckt, das Mondlicht fiel schon auf beide herein, er wiederholte tausend Worte der Liebe und Scheidung, stiess sie zuruck, fuhr schnell um und schritt in Albanos Kleidung durch das Tal hindurch.
"Gute Nacht, Madchen", sagt' er vorubergehend zur Blinden. Linda sang nicht wieder wie vorhin. Die Sterne sahen ihn an, die Sturmwinde redeten ihn an die Freuden gingen neben ihm, hatten aber die Furienmasken nun auf den Gesichtern aus dem Himmel griff ein Arm herab, aus der Holle griff ein Arm herauf, und beide wollten ihn fassen, um ihn auseinanderzureissen "Nu, nu," (sagt' er) "ich war wohl glucklich, aber ich hatt' es noch mehr sein konnen, war' ich Ihr verdammter Albano gewesen" und schwang sich auf sein Freudenpferd und jagte noch in der Nacht nach dem Prinzengarten.
129. Zykel
Albano und sein Oheim zogen dem angekundigten Schoppe von Dorf zu Dorf weiter entgegen; der Oheim schob die Hoffnung wie einen Horizont immer vor ihnen voraus; einmal abends glaubte der Graf Schoppes Stimme nahe neben sich zu horen umsonst, der geliebte Mensch kam noch nicht an sein Herz, und schmachtend sah Albano die Wolken im Himmel auf dem Weg herziehen, den sein Teuerer unter ihnen auf der Erde nahm. Der Oheim erzahlte ihm lange von einem geheimen Kummer, der den Bibliothekar oft niederdrucke, und von dessen Ansatz zur Tollheit, der ihn auch fruher von ihm weggetrieben, weil er unter allen Menschen keine so furchte als tolle. Von Romeiros Portrat schien er nichts zu wissen. Albano schwieg verdrusslich, weil der Spanier unter die unleidlichen Menschen gehorte, die mit glattem festen Gesicht und mit zugeschraubter gehelmter Seele den fremden Widerspruch ohne eignen Widerspruch, ohne Echo, ohne Spiegel und Anderung um sich flattern lassen konnen und fur welche die fremde Rede nur ein stiller Tau ist, dessen Fallen keinen Stein aushohlt. Dazu kam Albanos Erbitterung gegen dessen neue Unwahrhaftigkeit uber Schoppens Nahe und gegen sein eignes Unvermogen, eine Stunde lang alles unglaubig anzuhoren, was ein Lugner sagt.
"Schoppe ist auf mein Wort durch einen andern Weg schon im Prinzengarten", sagte endlich der Spanier ganz munter und riet umzukehren an, im warmen Genusse seiner frechen kalten Kraft, jeden, der ihm nicht huldigte, zwischen scharfe langsame Eisfelder zu pressen.
Sie kamen vor dem Prinzengarten unter lauter Wagen an, aus welchen die Zuschauer des heutigen Spielfestes ausstiegen. Albano fand schon unter jenen seinen Vater, die Furstin und Julienne; und unter den Mitspielern Bouverot, seinen alten Exerzitienmeister Falterle und die gelbgekleidete Kaufmannsfrau in rotem Schal, die einmal weniger in als an Roquairols Herzen gewesen, und diesen selber. Der Hauptmann trat vor aller Welt sofort den bekannten Albano an und sagte mit gesuchter Leichtigkeit, das Spiel beginne bald, nur Dian mit seiner Frau werde noch erwartet. Dian, uberall leicht beweglich, am meisten durch eine Bitte, konnte einer fur die Kunst am wenigsten widerstehen; durch ihn wurde bald auch Chariton fur das Spiel gewonnen, aber nicht ohne den Umstand, dass sie im Stucke eine Geliebte gegen niemand als ihren Gemahl zu spielen hatte. Als Roquairol mit Albano sprach, so wurde seinem Gesicht so wie einem geschwollnen oder gefrornen das leichte Lacheln schwer und das Aufheben des Augenlids; und innen druckte ein strafender beugender Geist den seinigen vor dem frohen reinen Freunde zur Erde, aus dessen Fruhling er die helle Sonne weggerissen und geworfen und dem er eine ewige Pestwolke uber das Leben gehangen.
Unter dem Getummel der Gartenreden und im fruchtlosen Wunsche, der Schwester Julienne drei sanfte Worte fur die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben, sah Albano den Wagen der Grafin auf die Hohe an Lianens Garten rollen, da halten und sie und Dian und Chariton aussteigen.
Da kannt' er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten, der sich vor den vielen Augen leicht in die Sehnsucht nach Dian einkleidete; und jetzt fragt' er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge. "Ach da bin ich doch!" sagte Linda und ging ihm entgegen, mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich in seine verwebend so scheu und so liebevoll und das Abendrot der Verschamtheit zog, wie Fruhlingsrote in der Nacht, um ihren Himmel, und der weisse Mond der Unschuld stand mitten darin! Albano zerging vom Tauwind dieser Verzeihung, warf sich seine susse Freude an ihrer Umkehrung als selbstsuchtigen Stolz uber sein Siegen vor und konnte in der schonen Verwirrung des Glucks kaum das susse Staunen regieren und das aufgeloste Herz, das vor ihr zerrinnen wollte wie ein Gewitter in Abendtau. Er legte in sein Auge die Seele und gab sie der Geliebten. Vor Chariton musst' er sich verhullen. Zu Dian und Linda sagt' er, als sie in die hinuntersteigende Sonne sahen, bloss das Wort: "Ischia!"
"Da liegt nun freilich, lieber Anastasius," (sagte Chariton zu Dian) "meine gute Fraulein Liane begraben, und man weiss nicht eigentlich wo im Garten, denn man sieht ja nichts als Blumen und Blumen; sie hats aber so bestellt." "Das ist sehr betrubt und hubsch," (sagte Dian) "aber lass es, weg bleibt weg, Chariton!" und fuhrte sie seitwarts von den Liebenden schonend. An Albano, der nichts uberhorte und ubersah, war die Erschutterung davon so sichtbar. Auch Linda nahm sie wahr. "Sprich nur aus dein Weh," (sagte sie) "ich liebe sie ja auch." "Ich denke an die Lebendigen" (sagt' er, sich zusammenfassend, und blickte scheu nicht auf den Blumengarten, sondern auf die sonnentrunkne Abendgegend) "kann man denn genug auf der Erde vergeben und erraten? Linda, o wie vergibst du mir heut!"
"Freund," (sagte sie)"wenn Ihr sundigt, sollt Ihr Vergebung empfangen; aber bis dahin seid noch still!" Er sah sie bedeutend an: "Hast du nicht schon vergeben und ich noch nicht? Aber wusstest du, wie ich in diesen Tagen auf dem Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die gottliche Vergangenheit in die Zukunft brachte ach, kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte?" Zum Gluck horte sie gleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen, Winke und Taten merkend mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte. So spielten jetzt beide, wie Kinder, neben der kalten, mit Donner durchzognen Gewitterstange, aus welcher bei der kleinsten nahern Nahe die blitzende Sense des Todes fahrt.
Beide gaukelten neben dem Gewitter fort. Die Sonne zog neben dem kleinen Berge und ebenen Blumen-Grabe mit ihren Flammen in die fernen Ebenen hinein. Aus dem tiefen Prinzengarten flatterten Tone durch die langen Abendstrahlen herauf und vergotterten die goldne Gegend. Die Tone waren einsame Schwingen, die sich ihr Herz suchten und dann an ihm weiterflogen und die liebenden Herzen wurden voll Flugel Die Strahlen sanken, die Tone stiegen Um Linda und Albano lag ein goldner Kreis aus Garten und Bergen und grunen Tiefen, und jede Blume schwankte reich unter dem letzten Gold und wurde die Wiege des Auges, die Wiege des Herzens Die Liebenden blickten sich und die Erde begeistert an, die glanzende Welt erschien ihnen nur im Zauberspiegel ihrer Herzen, und beide selber waren darin leuchtende schwebende Bilder.
"Linda, ich will sanfter werden," (sagt' er) "bei der Heiligen schwor' ichs, in deren Garten wir stehen!" "Werd es, Lieber, in Lilar warst du es eben nicht!" sagte sie. Er verstand es von dem Sturme gegen Liane: "Verhulle dies Andenken in deine Liebe!" sagt' er errotend. Sie sah ihn jungfraulich an, ihr Inneres war jungfraulich geblieben und unschuldig; wie die Pfirsich sich rot und gluhend der Sonne zukehrt, aber in den Blattern das zarte Weiss erhalt. Ihr Auge trank aus seinem, seines trank aus ihrem, der Himmel vermischte sich mit ihrem Himmel, die Purpursonne schimmerte aus dem warmen Liebestau der Liebesaugen zuruck. "O durft' ich dich jetzt kussen!" sagte Albano. "Ach durftest du es!" sagte Linda. "So golden ging einst die Sonne auf dem Meere unter!" sagte er. "Und nachher gaben wir uns den ersten Kuss!" sagte sie. "Wir wollen uns jetzt viel ofter sehen", sagt' er. "Jawohl, und langer am Tage, nachts hab' ich Arme ja kein Auge. Nun geht mir dort schon mein Auge unter", sagte sie, als die Sonne versank.
Es war ein guter, sanfter Geist, oder Lianens ihrer jener, der den Menschen nur an der Dammerung in die Nacht fuhrt, der uns mildernde Tranen in den Jammer und in die Entzuckung giesset und der dem Abendstern der Liebe die kurze Bahn nicht uberwolkt dieser Geist war es, welcher ihre Zungen und Ohren vor dem schrecklichen Laute bewahrte, der auf einmal den goldnen Abendkreis in eine ringsumher aufbrennende Holle aufgerissen hatte.
"Wer kommt dort so eilig?" sagte Linda. "Mein Feind", sagte Albano. Roquairol hatte ihn vermisset und Lindas Ankunft vernommen; in der Hollenangst, dass sich an diesem Abende vor ihnen der gestrige aufdecke, eilte er unter dem Vorwande, Dian zum Spielen und Albano zum Horen zu holen, den Berg heran. Wie ein Zentaur, halb Mensch, halb Wild, trat er mit verworrenem dumpfen Kriege seines ganzen Wesens unter die melodischen Seelen und Freuden. Aber kaum dass er an ihnen die Weihe der Entzuckung wahrnahm und die schwarze Decke noch auf seinem Morde festliegen sah, so richtete sich in ihm der grimmige Geist der Eifersucht auf: "Sie ist nun meine Verlobte", sagt' er sich; und die Sonnenfinsternis verworrner Reue wurde vom Gewitter des Unmuts verdeckt. Linda, uber seine Stimmenahnlichkeit zurnend aus innerm Schauder, stand vor ihm wie ein Diamant, hell, glanzend, hart und schneidend, Albano aber sanft, im Nachtonen der Harmonie, auf dem Gottesakker der Schwester dieses Bruders und in einiger Verwirrung. In Roquairol schlich wieder der gestrige unreine Argwohn herum, dass vielleicht Albano und Linda nicht mehr unschuldig sein.
Zornig bat er heute Linda, sein Trauerspiel mit anzusehen. "Sie sagten mir," (sagte sie zu Albano), "es schliesse so tragisch, ich bin davon keine Freundin." "Er kennt es gar nicht", sagte Roquairol. "Nein", sagte Albano. Wie die Schlange sah er auf das Paradies der ersten Menschen herab, sich froh bewusst, dass er ihnen vom Baume seines Erkenntnisses den Apfel reichen konnte, der sie sogleich daraus verjagte. "Zudem" (fugte sie dazu) "seh' ich abends schlecht oder gar nicht." Roquairol stellte sich fremde dabei, scherzte uber den Gewinn, den er als erster Liebhaber dabei habe, wenn sie ihn nur hore, und bat Dian, mitzubitten. Nicht angeborne, sondern erworbene Kalte ist der hochsten Falschheit machtig, jene nur der Verstellung, diese auch noch der Anstellung, weil sie zugleich alle Wege und Mittel des Feuers kennt und nutzt und sich auf dem Glatteis durch die Asche voriger Glut festmacht. Da endlich Albano ihr selber anriet, an der tragischen Freude teilzunehmen und ihren Freunden und Freundinnen drunten die schone, reine ihrer Gegenwart zu gonnen: so willigte sie ein, verwundert uber den Widerruf.
Sie nahm Chariton in ihren Wagen. Die Manner gingen voraus. Unterwegs sagte Roquairol zu Dian, der im Stucke Albanos Rolle zu spielen hatte: "Sobald ich im vierten Akte gesagt habe: 'Auch die geistige Liebe geht der sinnlichen entgegen und kommt wie ein Seefahrer auf dem Wege nach Osten endlich doch in den Landern des Untergangs an', so fallen Sie ein." Dian lachte und sagte: "Ich fall' ein. In Italien aber fangt die Fahrt gleich sudlicher und westlicher an." Albano schwieg verdrusslich und bereuete, dass er Linda zu diesem ungewissen Feste bereden helfen. Die Furstin warf einige schnelle Blicke der Verachtung auf die betrogne Linda, und diese antwortete darauf mit gleichen; ausgezeichnete Weiber verraten ihr Geschlecht am meisten im feindlichen Zusammenstossen mit ausgezeichneten.
130. Zykel
Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des Spieles halber gekommen; aber bald wurden sie vom Geheimnis und der seltsamen Buhne selber angezogen. Die Buhne war auf der sogenannten Schlummerinsel des Prinzengartens, welche mit einer wilden dicken Vermischung von Blumen, Gebuschen und hohen Baumen zugedeckt war. Ihre Morgenseite zeigte einen offnen freien Vorgrund, auf welchem gespielt werden sollte, mit einer weissen Sphinx auf einem leeren Grabmal tiefer im Grun. Die Kulissen waren die dunkeln Laubpartien; Parterre und Logen das jenseitige Ufer, das von der Insel sich durch einen See abtrennte, der so breit war als ein massiges Schiff. An zwei Baume der beiden Ufer gebunden, hing in die Mitte des Sees wie eine Laterne der Kafig der Dohle oder des Chors herab, um ihre dumpfe Stimme den Zuschauern zu nahern. "Ich bin in der Tat neugierig," (sagte der Ritter zu seinem Sohne) "woher er das Tragische nehmen wird." "Doch!" (sagte Roquairol, der bisher schweigend und unruhig und auf den Boden schauend auf- und abgegangen war) "Nur muss ich allgemein um Vergebung des Aufschubs ersuchen. Da ich im funften Akte den Mond anrede, so kann ich den wahren sehr gut brauchen, wenn ich nur gerade so anfange, dass sein Aufgang mit der letzten Szene zusammentrifft."
Endlich stieg er blass werdend in den Charons-Nachen, wie er sagte, und fuhr allein hinuber. Dann schifften die ubrigen Spieler nacheinander fort. Alle verloren sich hinter die Baume. Nun hob sich hinten in den zugelaubten Abend-Landern der Insel die ewige Ouverture aus Mozarts Don Juan wie ein unsichtbares Geisterreich langsam und gross in die Lufte.
"Diablesse!" rief darauf der Bruder des Ritters zur Dohle und klatschte dabei zum Zeichen in die Hande.
"Macht auf den Sarg" (begann dumpf das Tier, begleitet von einzelnen lugubern Tonen des Orchesters) "auf dem Gottesacker und zeigt zum letzten Male die Leichenbrust und Sein trocknes Augenlid, und dann druckt ihn zu auf immer."
Jetzt traten Lilia (Chariton) und Carlos (Dian) heraus, zwei Liebende noch in der ersten Zeit der ersten Liebe noch kein truber Tranenregen verschwemmte den goldnen Morgentau sie sind sich so treu. Lilia freuet sich mit ihm, dass jetzt ihr Bruder Hiort von seinen Reisen kommt und seinen Jugendfreund Car los als ihren ewigen findet. "Vielleicht ist er auch recht glucklich", sagte Lilia. "O so gewiss," (sagte Carlos) "er ist ja sonst alles." Zuweilen schwiegen beide im frohen Anblicken, dann gingen Tone aus dem verhullten Abend der Insel und trugen die stumme Wonne in den Ather und zeigten sie ihnen schwebend und verklart. Unter den Zuschauern breitete sich eine susse Teilnahme an Dians und Charitons zartem, aber mit sudlicher Glut verwebtem Nachspielen ihrer schonen Wirklichkeit aus; man horte und sah die Griechen. Auf einmal entfloh Lilia hinter die Blumen-Gebusche; denn ihr Feind Salera, Carlos' Vater, kam, von Bouverot gespielt.
Salera verkundigte dem Sohne zurnend die Ankunft seiner Braut Athenais. Carlos offenbarte ihm jetzt das Geheimnis seiner fruhern Liebe und zeigte sich gewaffnet gegen eine ganze Zukunft. Salera rief erbittert: "Ware Sie doch nicht schon, damit ich dich zwange und strafte! Aber du wirst Sie sehen und mir gehorchen, und ich werde dich doch hassen." Carlos versetzte: "Vater, ich habe schon Lilia gesehen." Salera ging mit zornigen Wiederholungen ab, und Carlos wunschte jetzt noch heftiger Hiorts Wiederkehr, um mit ihm die Schwester leichter zu entfuhren durch dessen Bereden und Begleiten zugleich. Hier schloss sich der erste Akt.
Der Bruder des Ritters rief zur Dohle: "Diablesse!" und scharrte zum Zeichen mit dem Fusse.
"Erscheine, blasser Mann," (sprach das Tier) "die Uhr wiegt die Zeit, Mensch des Jammers, lande auf der stillen Insel an!"
Hiort trat blass beschminkt hervor mit offner Brust, blickte das Grabmal an und sagte aus innerster Seele: "Endlich!" Die Musik spielte einen Tanz. "Jawohl Schlummerinsel unser Tag endigt mit Schlaf", setzt' er dazu. Jetzt kam sein Carlos: "Hiort, bist du tot?" rief er im Schrecken uber die Leiche. "Ich bin nur bleich", sagt' er. "O wie kommst du so aus der schonen bunten Erde zuruck?" sagte Carlos. "Ausgeschopft, Karl mit totgebornen Hoffnungen meine Gegenwart ist von der Vergangenheit enterbt das Sinnenlaub ist gefallen nicht einmal die schone Natur mag ich mehr, und Wolken wie Geburge sind mir lieber als wahre Geburge ich habe das bittere Unkraut auf dem Leben recht abgeerntet und doch muss ich in dieser leeren Brust einen Wurgengel herumtragen, der ewig grabt und schreibt, und jeder Buchstabe ist eine Wunde Rate nicht! Sie nennens das Gewissen. Aber ein wenig Schlaftrunk her auf der Schlafinsel, Karl!"
Man brachte Wein. Er erzahlte nun dem Freunde sein Leben seine Fehler, worunter er auch den auffuhrte, den er eben fortsetzte, das Trinken seine sich wiedergebarende Eitelkeit sogar mit ihrem Selbst-Gestandnis seine Weiber-Siege, die ihn zu einem Magnet-Berge voll angeflogner Nagel zerfallner Schiffe machten seinen Hang, wie Kardan Freunde zu beleidigen, ein eigenes oder fremdes Gluck zu unterbrechen, wie schon als Kind den Prediger, oder im schonsten Spiel das Klavier zu zerschlagen und in einem Enthusiasmus das Frechste zu denken
"Sonst hatt' ich doch noch zwei Ichs, eines, das versprach und log, eines, das dem andern glaubte; jetzt lugen sie beide einander an, und keines glaubt." Carlos antwortete: "Schrecklich! Aber deine Trauer ist ja selber Hulfe und Gabe." "Ach was!" (versetzt' er) "Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als die vergangne Lage, worin ers beging, indes er es in einer frischen wieder neu und suss findet und fortliebt. Was dort kalt liegt, das ist mein Bild," (indem er auf die Sphinx zeigte) "das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust hilf mir, ziehe das reissende Untier heraus!"
Albano ergrimmte im Innersten uber die frevelnde Wiederholung jener bekennenden zartlichen Nacht mit ihm204. "Er ist frech genug," (sagte leise Gaspard zu Albano) "weil er, wie ich hore, wirklich sich selber spielen soll; aber da er sich so sieht, ist er doch besser, als er sich sieht." "O," (sagte Albano) "so dacht' ich sonst! Aber ist denn das Schauen auf den schlechten Zustand ein guter? Ist er nicht desto schlechter, dass er dieses Bewusst sein ertragt, und wird desto schwacher, dass er einen unheilbaren Krebsschaden an sich wachsen sieht? Das Hochste hat er ohnehin verloren, die Unschuld." "Eine fluchtige Wiegen-Tugend! Ein helles, keckes Reflektieren hat er doch", sagte Gaspard. "Nur weichliche, ehrlose, zweideutige, vielseitige Mattigkeit des Herzens hat er; spricht von Kraft und kann nicht die dunnste Lust- Schlinge zerreissen", sagte Albano.
"Karl," (sagte Hiort weich, als antwortete er jenen) "ja, noch eine Hulfe gibts. Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschiesset wenn das Dasein nun nichts wird, kein Lust-, kein Trauer-Spiel, nur ein fades Schau-Spiel: so ist dem Menschen noch ein Himmel offen, der ihn aufnimmt, die Liebe. Schliesset sich dieser zu, so ist er ewig verdammt. Carlos, mein Carlos, ich konnte noch glucklich werden denn ich habe Athenais gesehen aber ich kann noch unglucklicher werden, denn sie liebt mich nicht. In meinem Herzen liegt dieser prangende, aber scharf fortschneidende Demant, an dem es blutet, sooft es schlagt." Uberall liess jetzt Roquairol Lindas Bild mitspielen. Hier brachte anfangs Carlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr, dass Athenais von seinem Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme; aber er stillte ihn, da seine Schwester Lilia erschien, indem er schnell ihre Hand nahm und sagte: "Nur diese lieb' ich." Sie sprachen uber die Hindernisse von seiten des alten Salera, den Carlos ein Eisfeld nannte, das unter keiner Sonne truge und nicht anzubauen ware. "Stehe mir bei, Karl," (sagte Hiort) "denke, was du mir geschrieben: wie zwei Strome wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und ein trocknen205." So verstandigten, verketteten und erhoben die drei Menschen sich einander wechselseitig, alle hatten ein Ziel, das gemeinschaftliche Gluck. Carlos beschwor ewigen Wider stand gegen seinen Vater, Hiort den Schutz seiner Schwester und rief: "Endlich giesset das leere Fullhorn der Zeit, das bisher nichts gab als Klange, wieder Blumen aus O die Weiber! Wie gemein und alltaglich sind fast alle Manner! Aber fast jede Frau ist neu!" Lachelnd sagte Gaspard: "Das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich." Froh und friedlich schloss der zweite Akt.
"Diablesse!" rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft.
"Fluchtig" (fing die schwarze Dohle unter Tonen an) "ist der Mensch, fluchtiger ist sein Gluck, aber fruher stirbt der Freund mit seinem Wort."
Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochen Fortsetzung des Kunst-Zaubers welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen Kunstwerk gebuhrte alles prosaische kalte Erstaunen auf, sogar das uber das wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See. Eine grosse schone stolze Frau erschien Athenais (von der Kaufmannsfrau, Roquairols Nebengeliebte, gespielt), voll Hoffnung auf ihre alte Freundin Lilia, die sich "die kleine Athenais" nannte, und suss nachtraumend den Traum der vorigen Zeiten. Lilia sinkt in ihre Arme mit doppelten Tranen; in ihrer Hand tragt Athenais ja drei Himmel und drei Hollen. "Wie schon kommst du wieder! Mein armer Bruder!" sagte Lilia leise. "Nenn ihn nicht," (sagte sie stolz) "er kann fur mich sterben, aber ich kann nicht fur ihn leben." Hier fliegt Carlos herein zu seiner Lilia erstarrt im Fluge fasset sich und nahert sich Lilia. Diese sagt: "Graf Salera Athenais" er wurde blass, diese rot. Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei; je der Honigtropfen wurde aus einer Dornhecke geholt. Lilia wird schaudernd immer starker Athenais' plotzlichen Sieg uber ihr Gluck und Lieben gewahr. Athenais ging ab. Beide Liebenden sehen sich lange zitternd an: "Hab' ich recht?" fragt Lilia. "Hab' ich schuld?" sagt Carlos. "Nein," (sagt sie) "denn du bist ein Mensch und, was noch schlimmer, ein Mann." "Was soll ich denn tun?" versetzt Carlos. "Du sollst" (sagte sie feierlich) "nach einem Jahr in einen Garten auf einer Hohe gehen und dich um sehen und mich suchen im Garten im Garten unter den Beeten tief unter einem ich weiss nicht wie tief" Sie eilte wie wahnsinnig davon und sang: "Voruber, voruber, das Lieben und Leben!"
Carlos stand einige Minuten mit dem wilden Blick am Boden und sagte dumpf: "Du tusts, Gott!" und ging ab begegnete seinem Freund, der ungestum und froh ausrief: "Sie ist da!" eilte aber stolz weiter und rief nur zuruck: "Jetzt nicht, Hiort!" Zu diesem kam weinend Lilia und fuhrte ihn fort: "Komm," (sagte sie) "sieh das Grabmal nicht an, wir sind beide zu unglucklich."
Da trat der alte Salera auf mit Athenais vergriffsich zwischen Eis und Brand und nahm seine kalte Munze fur warme lobte mannlich sie, und vaterlich den Sohn und sagte wie in einem Schauspiel: da kommt er selber. "Hier stell' ich dir, Sohn," (sagt' er) "dein Gluck vor, wenn du es verdienen kannst." Carlos hatte Lilias Herz verloren der Wunsch des Vaters, die Macht der Schonheit, die Allmacht der liebenden Schonheit standen vor ihm, seine Sehnsucht und der Gedanke der Grausamkeit gegen diese Gottin und endlich eine Welt in ihm, die so nahe an ihrer Sonne stand, siegten uber eine doppelte Treue er sank aufs Knie vor ihr und sagte: "Ich bin schuldlos, wenn ich glucklich bin." Das Paar geht auf der einen Seite ab; Salera auf der andern und trifft auf Lilia, deren Hand er mit den Worten nimmt: "Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen gewiss den innigsten Anteil an dem neuesten Gluck desselben durch Athenais." So schloss sich der dritte Akt, der Albano durch ungerechte, alles verdrehende Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und fullte, bloss um Roquairol uber dieses meuchelmorderische Zucken des tragischen Dolchs zur Rede zu stellen. "Der Patron" (sagte lachend Gaspard) "glaubt mich auch hereinzumalen; ich wunsche aber, dass er derbere Farben nehme."
Ehe der vierte Akt sich anfing, hob der Spanier die Linke empor, und die schwarze Dohle sprach sogleich: "Die Sunde straft die Sunde und den Feind der Feind; zaumlos ist die Liebe, zaumlos auch die Rache Seht, nun kommt der Mensch, den sie nicht mehr lieben, und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn." Hiort stand da, wie vor seinem Grab, das seinen Kopf niederzog unendlich weinend und trinkend sanfte Abend-Tone der Musik verschmolzen mit dem aufgelosten Leben; "Ach so ists!" (rief er aus tiefer, schmerzender Brust) "Wirf sie nur endlich weg, die zwei letzten Rosen des Lebens206 zu viele Bienen und Stacheln stecken in ihnen sie ziehen dein Blut und geben dir Gift O wie ich liebte! Allmachtiger droben, wie ich liebte! Ach nicht dich! Und nun so steh' ich leer und arm und kalt, nichts, nichts ist mir geblieben, kein einziges Herz, nicht mein eignes das ist schon hinunter ins Grab Der Docht ist aus meinem Leben gezogen, und es rinnt dunkel hin O ihr Menschen, ihr dummen Menschen, warum glaubt ihr denn, dass es noch Liebe gebe hienieden? Schauet mich an, ich habe keine Wohl ein luftiges Farbenband der Liebe, ein Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest heruber unter uns wankende Wolken, als binde und trag' er sie Spasshaft! er ist auch Wolke und lauter Fall anfangs glanzen bunte Freudentropfen, dann schlagen schwarze!"
Er schwieg ging langsam auf und ab sah ernst einem Waffen- und Larventanz innerer Gespenster zu stand still die Schatten schwarzer Taten spielten durcheinander um ihn plotzlich fuhr er auf, ein Wetterstrahl eines Gedankens hatte in sein Herz geschlagen er lief auf und ab, schrie: "Tone her, grassliche Tone her!" und die Hochzeitmusik aus Don Juan, die ihn bisher begleitet hatte, erhob das Zetergeschrei des Schreckens "Gottlich!" sagte er, und nur einzelne Worte, nur Tigerflecken erschienen verschwindend am vorubergehenden Untier "teuflisch! das Rosen-Sein, das Bluten-Sein nun ja! ich wickle mich selber in die Lauwine und rolle hinunter und dann sterb' ich schon auf meiner Schlummerinsel", beschloss er sanft und matt.
"O Lilia! gewahre mir eine Bitte!" rief er der kommenden Schwester entgegen. "Jede, die mich nicht am Sterben hindert", sagte sie. Er legte ihr die Bitte vor: sie sollte ihre Freundin Athenais in die "Nachtlaube" der Insel jetzt nachts unter dem Vor wand bereden, dass ihr Brautigam Carlos ihr zwei Geheimnisse uber Lilia noch heute zeigen wolle "Ich habe" (setzt' er dazu) "Carlos' Stimme' mit ihr sag' ich ihr mein liebendes Herz, und dann, wenn sie mich liebt, nenn' ich mich Hiort." "Ist deine Bitte Wahrheit." fragte die Schwester. "So wahr ich morgen noch leben will", sagt' er. "So ist sie bald erfullt, denn Athenais erwartet mich eben in der Nachtlaube komme mir nur nach sieben Minuten nach." Sie ging; er sah ihr nach und sprach mit sich: "Eile, bestelle den Himmel! Schone Schlummerinsel, zugleich die Schlafstatte fur das Brautgemach und fur den ewigen Schlaf- O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem Herzen!"
"Du bist doch da?" sagt' er und sah nach seiner Pistole. "Jetzt" (rief er feierlich im Abgehen) "ists Zeit zur helldunkeln Tat, dann wird das Leichentuch darubergeworfen" und ging schnell ins Laub hinein.
Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser, und die schwarze Dohle sprach leise: "Still ist das Gluck, still ist der Tod."
"Der Mensch" (sagte Gaspard) "hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst, ich stehe nicht dafur, dass er sich nicht wirklich vor uns allen totschiesset." "Unmoglich," (sagte Albano erschreckend) "zu einer solchen Wirklichkeit hat er keine Kraft"; indes vermocht' er doch sich selber nicht recht von dieser bangen Moglichkeit loszubringen.
Verstort, ungestum, mit losem Haar kam Hiort zuruck und sagte leise: "Es ist geschehen. Ich war selig niemand wirds nach mir." "Bei der Gelben und jetzt in der Nacht steh' ich fur nichts", sagte Gaspard. Albano errotete, uber die freche Vermutung verschamt und noch mehr uber Roquairols Frevel erzurnt, im Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entfuhren.
"Tone her, aber weiche, gute!" rief er und liess sich vom Zephyr der Harmonie umwehen und trank unaufhorlich "Leichentrunk" oder Wein; beides zum Verdrusse des Ritters, der das Trinken verabscheuete und die Musik vermied, weil diese oder beide weich machten.
Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd: "So lieg' ich denn in der warmen Asche meines aufgebrannten Lebens und meine kalte kommt dazu" (Er legte seine Doppellorgnette an die Augen fest und blickte funkelnd hinuber zu Linda) "Ich habe sie am Herzen gehabt, die gottliche Schonheit, meine ewige Liebe; meine Tulpe, die sich nun am Abend uber der Biene schliesset, damit sie im Blumenkelche sterbe auf den Rosen meines Abends ruh' ich und sterb' ich Ich schaue die Holde noch selig an Ich kann nicht bereuen Vergib nur, armer Carlos, ich streiche die Schuld mit Blut durch, aber mit Buss-Tranen kann ich nicht Sollte sich am Ufer der Ewigkeit das, was die Zeit an diesem Ufer abspult, wieder anlegen: so hab' ichs dort schlimm, ich kann mich dort so wenig andern als hier."
Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschuss, um einen Deserteur anzukundigen. Er nahm seine Pistole in die Hand: "Ja, ja, ein Schuss bedeutet einen Fluchtling auch aus der Welt O wenn hebt sich die scharfe Sichel207 am Morgen und zerschneidet das Leben! Ich bin so mude." Er sah nach dem Morgenhimmel, aber ein Gewitter, das schon leise donnerte, uberzog die Pforte des Monds. Er lachelte bitter:
"Auch diese kleine letzte Freude missgonnt mir das Geschick!
Ich soll den Mond nicht mehr sehen Nun, ich werde wohl hoher kommen als er und sein Gewitter Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhorer des Todes durch den Regen vertrieben Ja! bist du aus, so bin ich aus!" Er zeigte auf die Flasche.
"Wilde, grassliche Tone aus der Tiefe herauf! Mein blutiges Brautkleid her! Es ist Zeit, die abgehende Freude wirft einen langen, wachsenden Schatten hinter sich." Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Rocke, den man ihm brachte, den mit Blut bespritzten, den er auf der Redoute getragen, wo er als Knabe sich vor Linda ermorden wollen. "Sie sollen es auf meine kalte Brust legen", sagt' er, da ers von Falterle empfing. Der Donner zog naher, die Blitze wurden gluhender, und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern. Er trank die Glaser schnell.
"Schaden kanns mir jetzt nichts," (sagte er) "auch der Blitz nicht sonderlich, ob ich gleich unter Baumen liege in dieser Rohre steckt ein Blitz gegen alle Blitze, ein rechter Gewitterableiter."
Das eilende Wetter drangte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel, und er wurde zornig emport vom Spotte des Zufalls uber seine theatralischen Zurustungen.
"Nichts ist lustiger und passender als dies Gewitter," (sagte Gaspard) "indes scheint ihn das Reden und Warten ziemlich zu ergotzen." Die andern Zuschauer wurden von der Szene gepeinigt, und doch riss sich keiner los. Den Mitspielern war befohlen, den Schuss als das Merkwort zu nehmen und nicht fruher zu kommen.
Er sagte: "Die Todesschlange klappert in der Nahe dort auf der Zukunft schwimmt die Leiche heran" Man horte, dass er durch einander sprach und aus dem Stegreif, vom Gewitter gequalt. Er sah die Pistole an: "Dein Aufblick! so ist der Blick des Lebens getan und wieder unter dem Augenlid Ein Funke, ein einziger Funke, so ist der Theatervorhang hinaufgelodert, und ich sehe die Zuschauer stehen, die Geister oder auch nichts, und den weiten Ather der Welt fullt die ewige schwere Wolke So steh' ich denn am toten Meer der Ewigkeit, so schwarz, still, weit, tief liegts unter mir, ein Schritt, und ich bin drinnen und sinke ewig Meinetwegen! Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen.
Nu nu" (sagt' er, indem es tropfelte, und er nahm das letzte Glas) "der Regen will den armen Erkaltenden erkalten Spielt jetzt etwas Sanftes, Schones, ihr guten Leute!"
Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs, stand auf, sagte weinend: "Lebe wohl, schones und hartes Leben! Ihr paar schonen Gestirne, die ihr oben noch niederblickt, mog' ich euch naher kommen Du heilige Erde, du wirst noch oft beben, aber der nicht mehr mit, der in dir schlaft Und ihr guten fernen Menschen, die ihr mich liebtet, und ihr nahen, die ich so liebte, es geh' euch besser als mir, und verdammt mich nicht zu hart, ich strafe mich ja selber, und Gott richtet mich sogleich Lebe wohl, mein lieber beleidigter, aber sehr harter Albano, und du, du bis in den Tod heiss geliebte Linda, verzeihet mir und beweinet mich!"
"Liane, lebst du noch, so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und bitte bei Gott fur mich." Hier druckte er schnell das Gewehr an der Stirne ab und sturzte hin, einiges Blut floss aus dem zerspalteten Kopfe, und er atmete noch einmal und dann nicht mehr.
Bouverot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an: "Eben, mein lieber Hiort, besinnt sich mein Carlos"; aber er fuhr zuruck vor der Leiche, stammelte: "Mais! Mon dieu! il s'est tue re vera diable, il est mort Oh qui me payera?"208 Linda sank ohnmachtig an Juliennens Busen, und diese stammelte: "O der Sunder und Selbstmorder!" Die Furstin rief erzurnt: "Oh le traitre!"
Albano schrie: "Ach Karl! Karl!" und sturzte in den See und schwamm hinuber warf sich uber die zertrummerte Gestalt und jammerte weinend: "O hatt' ich das gewusst! Bruder und Schwester tot und ich bin schuld o! ware ich unglucklich geblieben ach mein Karl, Karl, vergib ich war nicht dein Feind wie er jammervoll zerworfen daliegt, der grosse Tempel!" "Sei doch ruhiger," (sagte Gaspard der endlich im Kahne herubergekommen war und der mit einer anatomischen Kalte und Neugier jede Verstummelung ertrug ) "er hatte auch seine Regimentsschulden und furchtete die Untersuchung bei einer neuen Regierung Jetzt kann man doch Respekt vor ihm haben, er hat seinen Charakter wirklich durchgefuhrt."
Albano richtete sich auf und sagte in der Taubheit der Qual: "Wer sprach das? Ihr, jammervoller Bouverot, Ihr kennt nur Schulden!" "Monsieur le Comte!" sagte dieser trotzig. "Ich sagt' es", sagte Gaspard zum Sohn. -"O mein Dian," (rief Albano und streckte die Hand nach diesem aus, der seine weinende Chariton selber weinend hielt) "komme du her, lass uns ihn verbinden, es kann ja helfen."
Zur besturzten Furstin, welche an ihrem Ufer blieb, trat der Kunstrat Fraischdorfer mit den Worten, die ableiten sollten: "Von der blossen Seite der Kunst genommen, ware die Frage, ob man diese Situation nicht mit Effekt entlehnte. Man musste wie im genialischen Hamlet ein Schauspiel ins Schauspiel flechten und in jenem den scheinbaren Tod zum wahren machen; freilich war' es dann nur Schein des Scheins, spielende Realitat in reellem Spiel und tausendfacher, wunderbarer Reflex! Aber wie es jetzt regnet!" Der Furstin wurde von ihrer Haltermann etwas ins Ohr gesagt sie fuhr auf, mit Armen und Tonen: "Oh monstre! homicide! Mein armer, unschuldiger Gibbon! Du Untier!" Den Affen-Mord hatte sie gehort und schied untrostlich.
Auf einmal trat ins tiefe Blau der entblosste Mond, und jeder merkte ihn, aber das Regnen vorher hatte niemand ausser Fraischdorfer wahrgenommen. Albano sah nun die toten Augen und weissen, starren Lippen recht deutlich: "Nein, sie regen sich nicht", sagt' er. Da klang es wie aus Roquairols Brust und eisernem Mund: "Seid still, ich werde gerichtet!" Und sogleich fing die Dohle als Schluss-Chor des letzten Aktes an: "Der Arme ruht nun fest, und ihr konnt ihn zudekken!"
Gaspard sah seinen Bruder sehr ernst an. "Bei Gott!" (erwiderte dieser) "so steht in seinem Stuck."
Der ganze Sternenhimmel klarte sich auf. Die Gesellschaft fuhr nach Hause. Albano und Dian mit Chariton blieben bei der Leiche.
Dreiunddreissigste Jobelperiode
Albano und Linda Schoppe und das Portrat das
Wachskabinett das Duell das Tollhaus
Leibgeber
131. Zykel
Albano wollte am Tage darauf sich einkerkern, bitter weinen und bussen und sich nicht erquicken durch den Sonnenschein der Liebe; aber er fand abends folgendes von unbekannter Hand geschriebene Blatt auf seinem Tisch: "Herr Graf! Man benachrichtigt Sie hiemit, dass Freitags nachts, da Sie verreiset waren, der sel. Hauptmann R. v. Froulay Ihre Rolle bei der Grafin Romeiro durch alle Akte durch im Flotental gespielt. Sie mussen sich der Nebenbuhler wegen eine andere Stimme und der Grafin nachts Augen schaffen, wiewohl es dieser nicht so ganz unangenehm sein mag, sich auf diese Weise ofters in Ihnen zu tauschen. Leben Sie wohl und kunftig ein wenig bescheidener!" Bleich starrte er das Totengerippe an, das zwei Riesenhande gewaltsam aus bluhenden jugendlichen Gliedern auf einmal herausgezogen emporhielten. Aber das Feuer der Pein schoss schnell wieder auf und erleuchtete den Jammer rings umher. Mit schmerzlicher Gewalt, mit blutigen Armen musste sein Geist den felsenschweren Gedanken, den Leichenstein seines Lebens hin- und herwerfen, um zu prufen, ob er sich einfuge in die Totengruft; in Roquairols ganzes Spiel und Ende und Leben griff der Jammergedanke so fassend ein aber wieder nicht in Lindas Charakter und in den gottlichen Augenblick, den er mit ihr in Lianens letztem Garten zugebracht und doch wieder sehr in ihre schnelle Versohnung und in einzelne Worte und gleich wohl war vielleicht dieses vergiftete Blatt nur eine Frucht der rachsuchtigen Furstin, von deren Zorn uber Roquairols eignen und AffenMord ihm Dian erzahlet hatte.
So schmerzlich bewegte er sich auf seinen Wunden hin und her und entschloss sich, noch diesen Abend Linda aufzusuchen, wo sie auch sei: als er von ihr dieses Briefchen bekam: "Komme doch diesen Abend zu mir ins Elysium; er wird gewiss heiter sein. Jetzt lad' ich ein wie du neulich. Du sollst mich auf die schonen Berge fuhren, und es soll mir genug sein, wenn du nur sehen und geniessen kannst. Julienne brauchen wir immer weniger. Dein Vater dringt auf unsere Verbindung durch Vorschlage, die du heute horen und wagen sollst. Komme unausbleiblich! In meinem Herzen stehen noch so viele scharfe Tranen uber das bose Trauerspiel. Du musst sie verwandeln in andere, du Geliebter!
Die Blinde."
Er lachte uber das Verwandeln; "in gefrorne eher", sagt' er. Die heisse Liebe war ihm ein heftiger Kuss in die Wunde. Er ging nach Lilar, dumpf, hastig, tief in einen roten Mantel gewickelt wie gegen boses Wetter blind und taub gegen sich und die Welt und wie ein Mensch, der stirbt, den Augenblick erwartend, wo er entweder vernichtet hinabraucht oder neu belebt in gottliche Welten hineinfliegt.
Als er Lilar betrat, verzerrte sich der Garten nicht wie neulich, sondern er verschwand ihm bloss. Er ging nahe an einigen vermummten Leuten voruber, die ein Grab zu machen schienen. "Unrecht ists doch," (sagte einer davon) "er gehort auf den Anger wie jedes Vieh." Albano blickte hin, sah eine bedeckte Leiche, glaubte schaudernd, es sei der Selbstmorder, bis er den zweiten Graber sagen horte: "Ein Affe, Peter, wenn er vornehm gehalten wird, in Kleidern, sieht reputierlicher aus als mancher Mensch, und ich glaube, er stande auch wieder von Toten auf, wenn man ihn nur ordentlich taufte."
Eben da ihm der Gibbon der Furstin, der hier begraben wurde, wieder jenen gewittervollen Freitag vor die Seele zog: erblickte er Linda unweit des Traumtempels am Arme einer sehenden Kammerfrau. Sie grusste ihn, nach ihrer Weise vor andern, nur leicht, sagte zur Frau: "Justa, bleib nur hier im Traumtempel, ich gehe hier auf und ab."
Durch diese Einschrankung auf die Perspektive des Traumtempels schloss sie jedes schone sichtbare Zeichen der Liebe aus, und Albano kannte an ihr schon jene stille Zufriedenheit mit der blossen Gegenwart des Geliebten so wie zuweilen die Wildheit ihres sussen Mundes. Als er sie zitternd beruhrte und nahe neben sich wiedersah: so uberfiel ihn dieses Wesen voll Macht mit der ganzen gottlichen Vergangenheit. Aber er verzogerte nicht die Frage der Holle: "Linda, wer war Freitag abends bei dir?" "Niemand, Guter; wenn?" versetzte sie. "Im Flotental" stammelte er. "Mein blindes Madchen", antwortete sie ruhig. "Wer noch?" fragte er. "Gott! dein Ton angstigt mich" (sagte sie "Roquairol brachte in jener Nacht den Affen um. Ist er dir begegnet?"
"O schrecklicher Morder! Mir?" (rief er) "Ich war verreiset die ganze Nacht, ich war mit dir in keinem Flotental" "Sprich aus, Mensch," (rief Linda, ihn an beiden Handen mit Heftigkeit ergreifend) "schriebst du mir nicht die ruckgangige Reise und kamst?" "Nichts, nichts," (sagt' er) "lauter Hollenluge. Das tote Ungeheuer Roquairol brauchte meine Stimme deine Augen und so ists sage das ubrige." "Jesus Maria!" schrie sie, von der Schlagflut getroffen, worein die schwarze Wolke zerriss und griff mit beiden Armen durch die Laubzweige des Laubengangs und presste sie an sich und sagte bittend: "Ach Albano, du bist gewiss bei mir gewesen."
"Nein, bei dem Allmachtigen nicht! Sage das ubrige", sagt' er. "Weiche auf ewig von mir, ich bin seine Witwe!" sagte sie feierlich. "Das bleibst du", sagt' er hart und rief Justa aus dem Traumtempel.
"So lebt er fort, dein Schmerz, mein Schmerz, ich sehe dich nie mehr. Ich will Lebewohl zu dir sagen. Sage du keines zu mir!" sagt' er. Sie schwieg, und er ging. Justa kam, und er horte sie noch in der Laube beten: "Lass, o Gott, mir diese Finsternis morgen, verschone mit deinem Tageslicht die schwarze Witwe!" Das Madchen weckte sie auf, nahm sie an der Hand, und sie freuete sich am Arm derselben ihrer Nachtblindheit.
Albano ging in die Nacht. Auf einmal stand er wie hinaufgetragen auf einer jahen Felsenspitze, unten schlug ein schaumender Strom. Er kehrte sich um und sagte: "Du irrest dich, boser Genius; micht ekelt des Selbstmords, er ist zu leicht und gehort fur AffenMorder aber es gibt etwas Besseres, und du sollst mich begleiten."
Er verirrte sich konnte den Weg zur Stadt nicht finden glaubte wieder in Lilar zu sein und trieb sich bange umher ohne Ausweg, bis er zuletzt ermudet niedergezogen in den Arm des Schlummers sank. Als er erwachte am Morgen: war er im Prinzengarten, und die Schlummerinsel wehte mit ihren Gipfeln vor ihm. Eine jahe Felsenspitze uber einem reissenden Strom gab es in der ganzen Landschaft nicht.
Er sah den Himmel an und den Tag und sein Herz. "Ja, so ist denn das Leben und die Liebe!" (sagt' er) "Ein gutes, rechtes Feuerwerk, besonders wenn man eine Linda durch viele Zurustungen haben soll! Lange steht es da mit einem bunten hohen Schaugerust, voll Statuen, mit kleinern Gebauden, Saulen und wunderlich und verspricht noch mehr, als es schon verkleidet und verrat Dann kommt die Nacht in Ischia, ein Funke springt, die Formen reissen, es schweben weisse, helle Palaste und Pyramiden und eine hangende Sonnenstadt am Himmel in der Nachtluft entfaltet sich gewaltig eine rege fliegende Welt zwischen den Sternen und fullt das Auge und das arme Herz, und der gluckliche Geist, selber ein Feuer zwischen Himmel und Erde, schwebt mit einen ganzen Augenblick lang, dann wirds wieder Nacht und Wuste, und am Morgen steht das Gerust da, dumm und schwarz."
132. Zykel
"Krieg" dies Wort allein gab Albano Frieden; Wissenschaft und Dichtkunst steckten ihm ihre Blumen nur in seine tiefen Wunden. Er rustete sich zur Reise nach Frankreich. Nur etwas verschob noch den Aufbruch, Schoppens Ausbleiben, den er mit seinen Ratseln erwarten musste und womoglich mit entfuhren wollte. Er hielt sich den ganzen Tag in Waldern auf, um seinen Vater und Juliennen und jedem zu entgehen. Lindas ungluckliche Nacht wurde tief in seine Brust hinabgesenkt, und nur er allein sah hinunter, kein Fremder. Er wunschte, dass sie selber gegen Julienne schweige, weil diese nach ihren frommen weiblichen Ordensregeln hiegegen keine Nachsicht kannte. In seiner Seele hatte jetzt die erste eifersuchtige Aufbrausung einem schmerzlichen Mitleiden mit der betrognen Linda, deren heiliger Tempel ausgeraubt dastand, Platz gemacht. Was ihn unleidlich schmerzte, war das Gefuhl der Demutigung, mit welchem die schone Stolze nun, wie er glaubte, an ihn denken musste, und das er bei seiner jetzigen bittern Verachtung Roquairols desto starker annahm. "Nie, nie, wenn sie auch meine Schwester wurde, durfen wir uns mehr erblicken; ich kann sie wohl blutend vor mir sehen, aber nicht gebeugt", sagt' er sich. Zuweilen uberfiel ihn ein kalter Grimm gegen das Verhangnis, das immer mit einem schnellen Wirbelwind zwischen seine Umarmungen fuhr und alles auseinanderdrangte bald ein Zorn gegen Linda, die nicht wie eine Liane gehandelt hatte und die den Irrtum der Verwechslung durch ihren Grundsatz, der Liebe alles zu vergeben, selber mit; verschuldete bald inniges Mitleiden, da sie ohne alle geistige Ahnlichkeiten nicht hatte verwechseln konnen, wie ihm das heimliche Gericht des Gewissens sagte, und da sie nun allein dafur busste, dass sie ihm, ihm sich opfern wollte.
Unaussprechlich hasste er den toten Verfuhrer, weil durch seine Tat sein Tod nur zu einer feigen Flucht geworden war. Den armen Deserteur, dessen Entwischen unter dem Trauerspiel laut geworden, sah er gefangen vor sich voruberfuhren; aber der Hauptmann desselben war auf immer der Rache entronnen. Nach einigen Tagen wurden ihm Papiere von dem Toten zugestellt; aber er sah sie voll Abscheu nicht an. Sie enthielten Rechtfertigungen und zugleich Nach-Sunden. Roquairol hatte nach der Freuden-Nacht den ganzen Morgen im Prinzengarten schreibend verlebt, um die Erinnerung zu kolorieren, die allein ihn, schrieb er, belohnet und beredet habe, dass er nicht schon in der Nacht den funften Lebens-Akt ausgespielt.
Der Lektor gab in Albanos Abwesenheit kleine Briefe von Juliennen ab, worin sie ihn um seine Erscheinung bat und ihm Ort und Zeit im Schloss bestimmte, wohin sie aus Lilar gezogen war. Er kam nicht. Sein Vater schien sich nichts um ihn zu bekummern. Zuweilen kam ihm vor, als wenn ferne SpurMenschen ihn in weiten Kreisen umschlichen.
Einst stand er abends noch unten an einem Waldhugel, als er oben einen herausschreitenden Wolf erblickte der Wolf sah ihn, sprang zu ihm herunter und wurde Schoppes Wolfhund bald trat oben sein Freund selber mit einem alten Manne aus den Baumen heraus erblickte ihn, gab dem Manne schnell Geld und ging langsamer zu ihm herunter als er zu ihm hinauf. "Ei, einen guten Abend, Albano", sagte Schoppe mit der alten Kalte, womit er sprach, wenn er nicht schrieb, und lachelte dabei, aber mit so vielen Linien, dass er Albano ganz fremd erschien. Albano presste ihn heftig ans Herz und verwandelte die heissen Worte, die jener nicht liebte, in heisse Tranen. Es war ein alter Stern aus dem Fruhlingsmorgen, wo seine Liane noch lebte und liebte; er ging ihm unter an einem Grabe in jener Reise-Nacht; jetzt ging er auf, und Albano war wieder unglucklich.
Schoppe besah mit sichtbarem Wohlbehagen Albanos gereifte Gestalt und zog gleichsam dessen schimmernde Flugel auseinander: "Du hast dich" (sagt' er) "recht gut gestreckt und angefarbt hast Mai und August auf einem Ast, wie ein Pomeranzenbaum." Albano hatte keine Freude daruber: "Erzahle mir nur dein Leben, mein Bruder", sagte er. "Ich dachte, du erst deines, ich bin mude bis zur Dummheit", sagte Schoppe, indem er sich setzte und seine Jagdtasche aufschnallte. "Kunftig!" (versetzte Albano) "Was du brauchst, will ich dir sagen ich bekam deine Briefe ich liebte wirklich die Bewusste ein Ungluck trennte uns ich bin unschuldig, und sie ist gross o Gott, sei heute damit zufrieden!"
Nie konnt' er seinen Freunden Schmerzen klagen; noch weniger jetzt das Ungluck einer Geliebten entblossen. "Noch langer," (versetzte Schoppe) "nur sage, setzt es neues Elend, wenn ich die Beweise fur eure Schwester- und Bruderschaft aus Spanien mitbringe und auspacke?" "Nein," (sagte Albano) "ich brauche uber keine Vergangenheit zu erschrecken." "Du gehst noch nach Frankreich?" fragte Schoppe. "Morgen, wenn du mitgehst", versetzte Albano.
"Allerdings als deine Feldpredigerei Nicht aus Mangel an Kunstgeist, wie du aus Rom schreibst, sondern aus Uberfluss daran gehst du unter die Soldaten. Ich sah' es gern, wenn du bedachtest, dass auch Dante, Casar, Cervantes, Horaz vorher dienten, eh sie kostbar schrieben nur Studenten kehrens um und dichten etwas Kurzes und Gutes und nehmen spater Dienste. Auf meine Reise zu kommen, so kostets mich schon viel, namlich Zeit, wenn ich dir erzahle, dass ich deinen narrischen Oheim mit einem Wagen Gepack im Neste Ondres anderthalb Posten von Bayonne ertappte. Ich gestand ihm, ich ginge nach Valencia, um die dasigen Seidenstrumpfwurkerstuhle zu zergliedern, meinen Tropfen Eis und eine Westentasche voll Valenz-Mandeln da bei zu geniessen und die wenigen Professoren zu besuchen, die bessere Kompendien fur 3000 Realen geliefert209. Er komme vor mir gewiss an, sagt' er. Wir bestellten uns in einen Gasthof in Valencia. Mir war an ihm gelegen, da er mich am leichtesten einfuhren konnte in Romeiros Haus. Aber ich passte da 14 Tage um sonst auf ihn. Bei dem Haushofmeister fand ich kein Gehor, ob ich ihm gleich seinen dummen Schatten funfmal mit der Bitte ausschnitt, einem reisenden Maler das Bilderkabinett aufzusperren, wo ich das mutterliche Bild der Grafin suchte.
Jetzt war ich halb und halb entschlossen, schwanger zu werden und in diesem Habit alles fur meine Sehnsucht zu fordern, was selber der spanische Konig keiner Schwangern abschlagt210. In Italien hat man das Kind auf dem Arm, um zu erbitten; in Spanien brauchts diese Sichtbarkeit nicht einmal. Aber zum Gluck kam der Oheim. Die Bilderkabinettstur wurde aufgetan. Ich machte mich ans Kopieren eines dummen Kuchenstucks und schauete uberall nach meinem Insel-Portrat. Aber nichts war zu sehen" (Hier zog er ein holzernes Futteral aus der Jagdtasche und legt' es vor sich und fuhr fort:) "bis ichs sah zuletzt ein Bild lehnte auf der Diele an der Wand, mir die Winter- und Hinterseite zuweisend es war mein Pinsel-Kind, und seine Zurucksetzung ging mich an verdrusslich und ruhig steckt' ichs bei und schnappte im Kuchenstuck mitten in einem halben Iltis ab Sieh das Bildnis an!"
Er zog den Futteral-Deckel davon ab und Linda strahlte seinen Freund mit einem Strom von Geist und Reizen an, nur in altere Tracht gehullt. Albano konnte kaum stammeln vor Bewegung: "Das ware meines Vaters Gemahlin und meine teuere Mutter? Und du weisst gewiss, dass dieses hier das Bild ist, das du auf Isola bella von ihr gemacht?"
"Eben tu' ichs dar!" (sagte er und scheuerte an einer Rose des Bildes auf der Stelle des Herzens) "Mein damaliger Paphos-Name Lowenskiold steckt sub rosa und wird gleich vorkommen. Hatt' ich ihn schon unterwegs aufgekratzt, so hattet ihr geglaubt, ich hatte mich erst unterwegs hineingeschrieben." Wie vor einer schreibenden Geisterhand schauderte Albano zuruck, als wirklich ein L und o unter der Rose vortraten: "Weiter schab' ich" (sagte Schoppe) "nicht vor, das ubrige heb' ich Ihr auf." Albano goss nun vor seinem biedern Herzenfreund sein Herz aus; ihm durft' er sagen und einwenden, dass Julienne seine Schwester sei "wogegen ich gar nichts habe", sagte Schoppe und dass Gaspard eine kunftige Heirat zwischen ihm und Linda genehmigt habe; "es ist kein Ausweg," (setzt' er dazu) "ist sie seine Tochter, so bin ich nicht sein Sohn ich kann sein heiliges Ehrenwort unmoglich zur Luge machen und Gott! in welchen ungeheueren Lasterpfuhl musste man dann schauen!" "Anlangend das Wort und den Pfuhl," (sagte Schoppe ganz kalt) "so lassen sich, wie wohl ich uberflussig doch mit deinem Vater vorher aus der Sache spreche und vorher mit der Grafin, wahrscheinliche Beweise fuhren, dass der Kahlkopf, der, wie er mir selber berichtete, deines Vaters Messhelfer, Brautund Barenfuhrer gewesen, kein Mann von den frischesten Sitten war, sondern dass er obwohl sonst in viele Sattel gerecht, den moralischen ausgenommen seine Stunden und Jahrhunderte hatte, wo er als ein solcher Hund und Strauchdieb handelte, dass mein Hund da ein Monatsheiliger gegen ihn ist und ein Kirchenvater. Ich hatt' ihm nur das Lebenslicht nicht ausblasen sollen, das freilich mehr stank als glomm."
Albano konnt' ihm seinen Schauder uber die Tat nicht verhehlen. "Ich kann nichts bereuen, hore", sagte Schoppe und berichtete dieses: "Schon in Valencia erzahlte mir dein Oheim, dass er in Madrid einen Kerl so und so ganz wie der Kahlkopf angetroffen, der ein Wachsfigurenkabinett von lauter Tollen anfuhre und herumzeige; oft spreche das ganze Kabinett, und er sitze selber mit darin als Wachs und helfe reden Dein aber glaubiger Oheim warb und lieh ihm Geister dazu und machte bose und furchterliche Sachen daraus.
Einst in einer Posada hort' ich im Schlafzimmer neben dem meinigen allerlei Stimmen durcheinander murmeln und sagen: 'Schoppe kommt auch zu uns.' Ich stand auf, das fremde Zimmer war zugeschlossen. Ich hor' es wieder, das teuflische: 'Schoppe kommt auch herein.' Meine Stube hatte einen Erker, aus dem konnt' ich durch das nahe Fenster in die MurmelStube bei dem Mondlicht sehen. In Graus und kraus sass samtliches Wachs drinnen und liess sich horen, der wachserne Kahlkopf mitten darunter; ich suchte aber den lebendigen auf. Die Wachs-Bestien wechseln gegeneinander ihre fixen Ideen aus, und mich wechseln sie ein 'Dort guckt unser Ehrenmitglied herein', sagte der Wachs-Kahle. Bei Gott! ich muss kurz sein, mir brennt das Blut wieder durchs Herz. Ich wute, hole Geschoss und ersuche Gott um ein vertragliches Gemut, das nachgibt. Zum Ungluck merk' ich hinten in einer mondleeren Ecke neben einem Vater des To! des und einer Schwangern von Wachs einen schwarzen Mantel, der sich regt und aus welchem der lebendige Tongeber, der Kahlkopf, guckt. 'Schwarzer Bauchsprachmeister,' (rief ich) 'schweige um Gottes Willen, ich seh' dich dort hinten und schiesse hinein.' Ich hielts fur Bauchsprache.
Jetzt fing erst das Tollhaus recht an, ich horte es lachen mich hineinrufen und einen Kameraden und Klubisten mich betiteln 'Prases,' (sagt' ich) 'ich bin bekanntlich ein Mensch und seh' dich ganz deutlich' Es half nichts, der wachserne Kahlkopf versetzte vielmehr: 'Dort sitzt ja Bruder Schoppe schon', und ich sah wirklich auch mich bossiert und poussiert alldort. 'Hier ist er auch zu haben', rief ich grimmig und schoss auf den Logenmeister hin, der blutend umsturzte.
Ich machte mich in dieser Stunde davon. Dem Oheim kam ich spater in den Wurf fur kurze Zeit; er scheuet Tolle und wollte mich aus Furcht, ich schlage selber dahinein, nicht lange haben. Er befragte mich, ob mir der Wachsfiguren-Direktor des fahren den Tollhauses aufgestossen; ich konnt' ihm nur wenig anvertrauen behalt es allein." "Du bist ein wilder, treuer Mensch," (sagte Albano mit so innigem Wunsch, ihn zu umarmen) "du tust viel fur andere und bist doch viel fur dich. Ich kann dich nun nicht mehr lassen. Meine vorige Lebens-Insel mit allen Blumen steht tief unter Wasser; und ich muss mich ins unendliche Weltmeer werfen; gib mir deine Hand und schwimme mit. Wir reisen morgen nach Frankreich!"
"Morgen?" (sagte Schoppe) "Jawohl! so geh' ich heute abends zur Grafin und dann zu Don Cesara." "Sag ihr," (bat Albano) "dass ich sie auch als Bruder, wenn ichs wurde, nicht besuche, nicht aus Kalte, sondern weil ich ihr grosses Gemut verehre, sag ihrs und Gott helfe dir." Albano wollte gehen und ihn allein ins nahe Lilar wandern lassen. "Nein, begleitet mich, mein Herr," (sagte Schoppe ungestum "ich habe den alten Kerl abgedankt droben im Wald durch redliche Auszahlung des Geleite-Geldes und ware jetzt allein vis-a-vis de moi." "Ich versteh' dich nicht,"
(sagte Albano) "wovor scheuest du dich?" "Albano," (sagte er leise und wichtig, und seine sonst geraden Blicke schlugen scheu seitwarts, und seinen lachelnden Mund umzingelten unzahlige grosse Faltenkreise) "der Ich konnte kommen, ja, ja!"
Verwundert und fragend, wer das sei, blickte ihm Albano ins Gesicht. "Verflucht," (sagte Schoppe) "ich errate Euch ganz gut Ihr haltet mich nicht fur achtels so vernunftig als Euch selber, sondern fur toll. Wolf, komm herauf! Du Bestie warst haufig auf einsamen Wegen und Stegen mein Schirmvogt und Teufelsbanner gegen den Ich. Herr, wer Fichten und seinen Generalvikar und Gehirndiener Schelling so oft aus Spass gelesen wie ich, der macht endlich Ernst genug daraus. Das Ich setzt Sich und den Ich samt jenem Rest, den mehrere die Welt nennen. Wenn Philosophen etwas, z.B. eine Idee oder sich aus sich ableiten, so leiten sie, ist sonst was an ihnen, das restierende Universum auch so ab, sie sind ganz jener betrunkne Kerl, der sein Wasser in einen Springbrunnen hineinliess und die ganze Nacht davor stehen blieb, weil er kein Aufhoren horte und mithin alles, was er fort vernahm, auf seine Rechnung schrieb Das Ich denkt Sich, es ist also Ob-Subjekt und zugleich der Lagerplatz von beiden
Sapperment, es gibt ein empirisches und ein reines Ich die letzte Phrasis, die der wahnsinnige Swift nach Sheridan und Oxford kurz vor seinem Tode sagte, hiess: ich bin ich Philosophisch genug!"
"Und was schliessest du Furchtbares aus allem?" sagte Albano mit innigster Trauer. "Alles kann ich leiden," (sagte Schoppe) "nur nicht den Mich, den reinen, intellektuellen Mich, den Gott der Gotter Wie oft hab' ich nicht schon meinen Namen verandert wie mein Namens- und Taten-Vetter Scioppins oder Schoppe und wurde jahrlich ein anderer, aber noch setzt mir der reine Ich merkbar nach. Man sieht das am besten auf Reisen, wenn man seine Beine anschauet und sie schreiten sieht und hort und dann fragt: wer marschiert doch da unten so mit? Ewig redet er ja mit mir; sollt' er einmal leibhaftig vor mir auffahren: dann war' ich nicht der letzte, der schwach wurde und totenblass. Freilich braucht kein Hund Zahnpulver. Aber Kinder sollte man schminken, es stande und ginge. Ich fur meinen Teil beobachte das Zeitalter so so und lachle' weil ich nichts sage; man bricht Menschen wie Servietten auf Tellern in schonste, vielste Formen, zu Schlafmutzen, zu Pyramiden, zu Kreuzschnabeln, Sapperment, Albano, zu was denn nicht? Aber die Folge, Bruder? O Himmel, die Folge? Ich sage nichts, verflucht, ich bin mausstill wie wenige aber Zeiten konnen kommen, wo etwa ein Herr anmerkt, Menschen und Musiknoten, Musiknoten und Menschen, kurz und gut und schlecht, bald ist bei beiden der Kopf oben, bald der Schwanz, wenns namlich schnell gehen soll. Das sind Gleichnisse, ich weiss wohl, Bester, aber die Backer kundigen das weiche Geback durch steinernes oder tonernes im Laden an, Menschen indes ihre hartesten Sachen, worunter das Herz gehort, durch ihre weichsten, wozu Worte gehoren."
Stumm auf diese Strome fuhrte Albano ihn an der Hand nach Lilar vor Lindas Wohnung. Alles war an dieser ohne Licht und schwarz. "Sprich droben sanft dein Wort, mein Schoppe, und morgen ziehen wir weiter!" sagte sehr leise unten Albano scheidend und liess ihn ins finstere Trauerschloss allein hinaufgehen. "Welch eine Gegenwart!" sagte Albano auf dem Ruckweg durch den Garten.
133. Zykel
Lange erwartete Albano seinen Freund am andern Tag, niemand erschien, kein Mensch wusste von ihm. Am zweiten Morgen lief das Gerucht, die Grafin sei in der Nacht und Gaspard am Morgen abgereiset. "Hat Schoppe beide durch Wahrheit fortgetrieben?" fragt' er sich verlassen und allein. Vergeblich spurte er Schoppe mehrere Tage nach; nicht einmal gesehen war er worden. "Auch du, lieber Schoppe!" sagt' er und schauderte uber die Grausamkeit des Schicksals gegen sich. Als er so uber sich und die stille dunkle Wuste seines Lebens hinsah: so war ihm auf einmal, als wurde sein Leben plotzlich erleuchtet und ein Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunkeln Zeit; es sprach in ihm: "Was ist denn da gewesen? Menschen Traume blaue Tage schwarze Nachte ohne mich her geflogen, ohne mich fortgeflogen, wie fliegender Sommer, den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann. Was ist dageblieben? Ein weites Weh uber das ganze Herz aber das Herz auch Es ist freilich leer, aber fest unzerruttet heiss Die Geliebten sind verloren, nicht die Liebe, die Bluten sind her unter, nicht die Zweige Ich will ja noch, wunsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen Noch hab' ich die Arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und das Auge zum Schauen der Welt Aber was untergegangen ist, wird wieder kommen und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird, du allein.
Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Ungluck fur den Sklaven ist Feuersbrunst im Kerker Nein, ich will sein, nicht halben. Wie, kann der heilige Sturm der Tone nur ein Staubchen rucken, indes die roh' bewegte Luft Aschenberge versetzt? Nur wo gleiche Tone und Saiten und Herzen wohnen, da bewegen sie sanft und ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspiel des Herzens, aber wolle nichts andern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehort und gehorcht, nicht den Tonen."
Hier fand ihn der Lektor Augusti, der mundlich von der Prinzessin Julienne instandige Bitten brachte, mit ihm in Gaspards Zimmer zu gehen, wo sie ihm die wichtigsten Worte uber Schoppen zu sagen habe. Er ging leicht mit; uber das bedeckte Schicksal seines Schoppe erwartete er am ersten bei ihr Aufschluss; auch sah er aus der kuhnen Wahl des Boten, wie wichtig der armen Schwester seine Erscheinung sei.
In Gaspards Zimmer verliess ihn Augusti schnell, um ihn anzukundigen und allein zu lassen. In seinem Leben ging jetzt ein langer Donner; kam er vom Himmel, von einem Strome, oder nur von einer Muhle, das wusst' er noch nicht. Julienne sturzte weinend herein, konnte nicht sprechen vor heftigem Herzen: "Du gehst fort?" fragte sie. "Ja!" sagt' er und bat sie sehr, weniger heftig zu sein; denn er wusste, wie leicht ihn fremder Ungestum ansteckte, da er ohne Zorn nicht einmal lange Schach spielen oder fechten konnte. Sie flehte ihn noch heftiger, nur zu bleiben, bis Gaspard wiederkomme. "Kommt er wieder?" fragte Albano. "Wie anders? Aber die Unwurdige nicht", sagte sie. "Julienne," (versetzt' er ernst) "o sei nicht so hart gegen sie wie das Schicksal und lasse mich schweigen!" "Ich hasse jetzt alle Manner und dich auch" (sagte sie)- "Das kommt aus poetischen Gemutern heraus. O welche rechtschaffene Braut hatte sich so leicht von einem solchen Selbstmorder verblenden lassen, welche? Aber ich sehe, du weisst nicht alles." "Dients aber zu was?" fragte er.
Sie fing, verwundert uber diese Frage, ohne Antwort die Erzahlung an.
Am Tage, wo Albano Schoppen gefunden, wollte Julienne ihre Freundin Linda, die sie seit dem Abende des Trauerspiels nicht gesehen, wieder besuchen. Alle Zimmer in Lilar waren dicht verhangen gegen den Tag. Julienne fand sie in der Finsternis sitzend, mit niedergesenkten, halboffnen Augen, ausserlich sehr ruhig. Nur in langen Zwischenraumen fiel eine kleine Trane aus den Augen heraus. Der reissende Strom ging hoch uber die Rader ihres Lebens, und sie standen tief unten ihm still. "Bist du es, Julienne?" (sagte sie sanft) "Verzeih die Finsternis; Nacht ist fur meine Augen jetzt Grun. Es tut mir weh, etwas zu sehen." Die Brautfackel ihres Daseins war ausgeloscht, nun wollte sie Nacht zur Nacht.
Julienne tat bange Fragen der Verwunderung; sie gab keine Antwort darauf. "Ists ein Ungluck zwischen dir und meinem Bruder?" fragte Julienne, in welcher die Verwandtschaft immer warmer sorgte als die Freundschaft. "Erwarte nur den Ritter," (antwortete sie) "ich hab' ihn herbitten lassen."
Er trat eben herein. Sie bat ihn, sich in diese kurze Nacht zu fugen. Nach einigem Schweigen stand sie stolz vom Stuhle auf, die schwarzgekleidete lange Gestalt hob vor dem Ritter, den sie nicht sah, die grossen Augen gen Himmel, ihr stolzes Leben, bis jetzt ins Leichentuch gewickelt, schlug das Tuch zuruck und stand bluhend von Toten auf, und sie redete den Ritter an: "Verehrter Gaspard, Sie versprachen es mir, so wie auch mein Vater, dass dieser an meinem Hochzeitstage mir erscheinen werde. Der Tag ist vorbei. Ich bin eine Witwe. Nun erschein' er mir."
Hier unterbrach sie der Ritter: "Vorbei? O, ganz recht! Ist er denn etwas Gescheuteres und Sittlicheres als ein Mensch?" und spottete wider seine Weise zornig-aufgluhend, weil er glaubte, von Albano, dem er so lange vertrauet, sei die Rede.
"Sie verkennen mich," (sagte Linda) "ich spreche von einem Verstorbenen." Vor Julienne fuhr plotzlich Roquairols Schatte, ferne Anklange der Furstin hatten ihn eingelautet: "Allmachtiger Gott," (schrie sie auf) "des verfluchten Selbstmorders Spiel hat Wahrheit?" "Er spielte, was geschah" (sagte Linda ruhig) "Wir brechen ab. Ich reise. Ich verlange nichts als meinen Vater."
Hier hielt Gaspard den von Starrsucht versteinerten Arm, wie von einem gezuckten Dolch bewaffnet, gegen die Grafin die Finsternis machte die Erscheinung schwarzer und wilder aber er brach das Eis des Todes wieder mit kalten Handen entzwei und bewegte sich und antwortete mit gelahmter Zunge: "Teufel und Gott! Der Vater ist da! Der wird alles so nehmen wie es ist Weiss Ers?" "Wer?" fragte Linda. "Und was beschloss Er?
Himmel! Albano namlich." Gaspard hatte in der Leidenschaft zugleich Cromwells Blodsinn der Zunge und dessen Schlausinn der Taten; und blieb daher jeder Aufwallung, sogar der lieben den, so gram und fern wie "der Dummheit, die ihm" (wie er sagte) "noch viel verhasster sei als das gerade Laster".
"Ich weiss nicht" (sagte Linda)- "Ich gehore allein dem Toten an, der zweimal fur mich gestorben ist. Sagt das meinem Vater. O ich war' ihm langst nachgefolgt, dem Ungeheuren, ins tiefe Reich; ich stande nicht hier vor dem kalten bosen Tadel oder der christlichen Verwunderung, da es noch Dolche gegen das Leben gibt! Aber ich bin Mutter, und darum leb' ich!"
"Noch diesen Abend seh' ich Sie wieder", sagte Gaspard gefasset und eilte hinweg. "Ich glaube, liebe Julienne," (sagte Linda) "jetzt verstehen wir uns nicht mehr so recht, wenigstens nicht bis zum hochsten Punkte, so wie wir fruher uber Ihre belle-soeur differierten und Sie an ihr die Koketterie, ich aber gerade die Pruderie gross und unsittlich fand." "Das ist wohl wahr," (sagte Julienne kalt) "Sie sind so wahrhaftig poetisch, ich bin so prosaisch und altfromm. Ein Ungeheuer darum zu lieben, weil es mich so grausam betrugt wie seine Regimentskasse, oder weil es sich genialisch so viele Freiheit lasset als seinem Regimente, oder weil es nach seinem Tode noch Rollen fur die ubrigen Schauspieler nachlasset oder Briefe an mich Betrogene" "Tat er das?" fragte Albano. "Sie pries es sogar als genialisch an ihm" (versetzte Julienne) "Einen solchen zu lieben, sagt' ich, oder solche Leute, die ihn lieben, dazu find' ich in mir kein Herz. Leben Sie denn so wohl, als es gehen mag." Linda antwortete: "Ich hasse alle Wunsche"; gab ihr die Hand, druckte sie nicht, schwieg still und sah in ihre Nacht. Sie wusste wenig vom leichten und schlaffen Abschied der verlornen Freundin.
Noch in derselben Nacht reisete Linda, nachdem sie ganz allein lange mit dem Ritter gesprochen, in einem Wagen ohne Fackeln, in ihre Schleier gehullt, ganz einsam ab, und niemand wusste, ob sie geweinet oder nicht.
Als Albano seine Schwester ausgehort hatte, sagte er mit sanfter, bewegter Stimme: "Schliesse Frieden mit der Vergangenheit, sie kann der Mensch nicht sturmen. Der grossen Unglucklichen lasse die Nacht, in die sie selber hineingezogen ist. Weswegen wolltest du mich aber so eifrig zu dir haben? Besonders weisst du etwas von meinem Schoppe, so fleh' ich darum." "Ich antworte dir," (sagte sie weinend und verwundert) "aber Bruder, beteuere, dass deine Stille nicht wieder der Vorhang eines neuen Unglucks ist Ich kenn' euch Manner darin, man sollt' euch alle hassen, und ich tu' es auch." "Ich habe nichts Trubes vor, vor Gott bezeug' ichs. Ihr Weiber, die ihr euere Holle erst ausgiessen wollt mit Tranen und ausblasen mit Seufzern, begreift nicht, dass oft eine einzige Stunde Denken dem Manne einen Stab oder Flugel geben kann, der ihn auf einmal aus der Holle hebt, und dann mag sie fortbrennen." "So zeige mir" (sagte sie weinerlich-komisch) "deinen Flugel." "Dass ich" (versetzt' er) "nicht auf Menschen baue, sondern auf den Gott in mir und uber mir. Der fremde Efeu geht um uns herum, an uns herauf, steht als ein zweiter Gipfel neben unserem, und der ist dadurch verdorrt. Die Geister sollen nebeneinander, nicht aufeinander wachsen. Wir sollten lieben wie Gott, als Unvergangliche die Verganglichen."
"Recht gut," (sagte sie) "wenns dir nur Ruhe schafft. Was deinen armen Schoppe betrifft, so ist er zur Strafe ins Tollhaus gesteckt, aber hor erst ordentlich. Er kramte ein Marchen von einer zweiten Schwester von dir bei deinem ohnehin durch so vieles gereizten Vater aus. Man konnt' ihm diese neue Verstandes-Verwirrung hingehen lassen; aber dein Oheim wurde gerufen, der ihm ins Gesicht sagte, er habe den Kahlkopf ermordet; und ihm wurde stolz die Wahl zwischen Gefangnis und Irrhaus gelassen; so begab er sich in dieses. Bleibe, bleibe! Das Wichtigste kommt.
Wie ich auch von ihm denke, ich sehe, er ist dein redlicher Freund; und frei heraus zu reden, sogar Linda legte noch vor der Abreise eine Vorbitte im letzten Blatte an mich fur ihn ein. Nicht bloss die narrische Reise nach Spanien macht' er fur dich, auch deine Kur; vielleicht bist du ihm das Leben schuldig. Mich wundert, dass ich oder irgend jemand es dir noch nicht gesagt."
Sie fing nun an mit Idoinens mildtatigem festen Charakter, mit ihrem Arkadien und mit dem letzten Tage, da sie bei ihr gelebt und ihr in die helle Seele geblickt. Sie kam dann an sein Fieber- und Trauerbette neben Lianens Bahre und auf des alten Schoppe Reden und Laufen und auf seinen schonen Sieg, da er die verklarte Liane endlich in Idoinens Gestalt vor sein Auge gebracht, damit sie das Heil-Wort sage: habe Frieden!
Jetzt war er in Sturm und Julienne in Frieden: "Darum" (fuhr sie fort) "halt' ichs fur Pflicht, mich deines Freundes ein wenig anzunehmen. Der arme Teufel ist unschuldig durch Gewissensbisse und selber durch seinen jetzigen Ort kann er das, was er von Verstand noch hat, vollends verlieren ganz unschuldig, sag' ich; denn dein Oheim, den ich langst hasse und der nur erst vor kurzem, aber vergeblich versuchte, meinem kranken Bruder geistermassig und mordmassig zu erscheinen er hatt' es auch bei Lianen wohl getan, wenn sie es erlebt hatte , dieser Mensch ist warum darf ichs nicht ruchbar machen, da sich alles geandert und umgeworfen eine und eben dieselbe Person mit dem Kahlkopf und ein Bauchredner Bruder!?"
Aber Albano war ihr schon entflogen.
134. Zykel
Albano wollte seinen Freund fruher befreien als rachen; daher wollte er erst zu Schoppe eilen und dann zum Oheim. Aber als er an des letztern erleuchteten Zimmern voruberging, erfasste ihn ein plotzlicher Zorn, und er musste hinauf. Der lange, hagere Oheim ging dem aufgebrachten Jungling mit der Dohle auf der Hand langsam entgegen. Albano warf ihm ohne Umstande seine Doppel-Rolle, sein himmelschreiendes Zerstoren Schoppens und die Blendwerke gegen ihn selber mit Flammenaugen vor und forderte Antwort und Rache. "Ja, ja," (sagte der Spanier, seine Diablesse streichelnd) "ich habe die Pistolen ich habe keine Zeit, keine Zeit zum Reden." "Sie mussen sie haben", sagte Albano. "Ich habe keine deo patre et filio et spiritu sancto testibus; es ist bald zwischen 11 und 12, und der Finstere steht hier." "Himmel! wozu diese einfaltige tragische Szenerie? O Gott, ist es denn nicht moglich, dass Ihr einmal Mensch seid," (sagte Albano, mit Grausen in seine Gesichtshaut blickend, die durchaus nicht freudig und nicht liebend aussehen konnte) "dass Ihr erschrecken, erroten, bereuen, Euch erfreuen konnt? Was wussten Sie von meinem Schoppe, da Sie sich einst im Keller bei Ratto als Kahlkopf anstellten, als wussten Sie eine furchterliche Tat von ihm?"
"Niemand braucht etwas zu wissen," (versetzt' er) "man sagt zum Menschen: ich kenne deine verruchte Tat, der Mensch denkt zuruck, er findet so eine." "Aber was hatt' er Ihnen getan?" fragte Albano erschuttert. Er versetzte trocken: "Er hat zu mir gesagt: du Hund! Es schlagt 11 Uhr, ich sage nichts mehr, als was ich will."
Hier brachte der Spanier zwei Pistolen und einen Sack, wies ihm, dass sie nicht geladen waren, bat, eine zu laden (er gab ihm Pulver und Blei), aber die andere nicht. "In den Sack, jede in den Sack," (sagt' er) "wir losen!" Je kuhner, je besser, dachte Albano. Der Spanier ruttelte beide um und ersuchte Albano, mit dem Fusse auf eine zu treten zum Wahlzeichen. Es geschah. "Wir schiessen zugleich," (sagte der Oheim) "sobald es die zwei Viertel ausschlagt." "Nein," (sagte Albano) "schiesset bei dem ersten Schlag, ich bei dem zweiten." "Warum nicht?" versetzte jener.
Sie stellten sich in den entgegengesetzten ZimmerWinkeln einander gegenuber mit den Pistolen in den Handen den Schlag halb zwolf Uhr erwartend. Der Spanier machte im stummen Horchen die Augen zu. Als Albano in dieses geschlossene Busten Gesicht sah, kam ihm vor, als konne an einem solchen Wesen gar keine Sunde begangen werden, geschweige ein Totschlag. Plotzlich murmelten im leisen Zimmer funf Stimmen durcheinander, als kamen sie von den alten Philosophen-Busten an den Wanden; der Vater des Todes, der Kahlkopf, die Dohle schienen zu reden und eine unbekannte Stimme, als sei es der sogenannte Finstere. Sie sagten untereinander: "Finsterer, nicht wahr, ich habe keine Wahrheit gesagt? Ich bringe funf Tranen, aber kalte Ich trage die Rader des Leichenwagens auf dem Kopf Ich fuhre das Panthertier am Strick Ich schneid' es los Ich zeige mit dem weissen Finger auf Ihn Ich bringe den Nebel Ich bringe den kaltesten Frost Ich bringe das Schreckliche."
Hier tat es den ersten Glockenschlag, und der Spanier schoss ab bei dem zweiten feuerte Albano beide standen unverwundet da; Pulverdampf zog umher, aber eine Zersplitterung erschien nirgends, als sei die Kugel nur eine mit Quecksilber gefullte glaserne gewesen. Mit grimmiger Verachtung sah ihn Albano wegen der vorigen Stimmen an; "ich musste", sagte der Oheim.
Plotzlich brach der Lektor atemlos herein, den Julienne abgeschickt, um einen wahrscheinlichen Zweikampf zu hindern. "Graf!" (stammelte er) "ist etwas geschehen?" "Es muss" (versetzte der Oheim) "in der Nahe etwas geben, der Dampf zog herein; wir wollten uns eben zur guten Nacht umarmen." Er klingelte und befahl dem Bedienten, den Wirt zu befragen, wer so spat noch abfeuere. Albano staunte und konnte scheidend nur sagen: "Es sei! Aber furchtet den Wahnsinnigen, den ich loskette!" "Ach tuts nicht!" sagte der Spanier und schien zu furchten.
Augusti begleitete ihn auf die Gasse und liess ihn nur nach dem Ehrenworte los, nicht wieder hinaufzugehen. Albano aber flog noch in der spaten Nacht dem Hause des Jammers und dem gekrankten Herzen zu.
135. Zykel
Kaum hatte Albano dem Irrhaus-Inspektor, einem jungen glatten roten Mannchen, seinen Namen, den dieser schon kannte, und sein Gesuch um Schoppes Freiheit samt seiner Burgschaft fur ihn bekannt gemacht: so lachelte der Inspektor ungemein vergnugt ihn an und sagte: "Still beobacht' ich seit Jahren das ganze Haus die kleinsten Zuge hasch' ich fur ein kunftiges philosophisches Publikum; und so legt' ichs sehr ernsthaft auch auf Herrn Schoppen an. Aber nie, mein Herr Graf, nie ertappt' ich ihn uber einem Zuge, der Tollheit versprochen hatte; alle meine englischen und deutschen Werke daruber lieset er vielmehr und bespricht sich mit mir uber die Heilanstalten in Irrenanstalten. Ein Fichtianer kann er sein (aus seinem Ich schliess' ichs) und ein Humorist auch; ist nun aber eines von beiden schon schwer von Verruckung zu trennen, wie viel mehr ihre Einigung! Mit welcher Freude uber das Zusammentreffen unserer Beobachtungen ich Ihnen hier den Schlussel zu seiner Stube gebe, das denken Sie sich selber!" "Wenn er kein Narr ist," (sagte seine Frau) "warum zerschlagt er denn alle Spiegel?" "Eben darum," (versetzte der Inspektor) "ist er aber einer, so ist dein Mann ein noch grosserer."
Keine Tur offnete Albano je beklommener als die zu Schoppens kleinem Zimmerchen. "Ich hole dich ab, mein Bruder", rief er sogleich, um sich und ihm Schamrote zu ersparen; aber als er den alten Lowen naher sah, fand er ihn in dieser Fanggrube ganz verwandelt, nicht zahm, kriechend, wedelnd, aber entzweigeschlagen und mit zerbrochnen Tatzen auf die Erde gedruckt; die Anklage des Mords, die er rechtschaffen eingeraumt, verbunden mit Gaspards unbarmherziger Verurteilung, hatten seine stolze freie Brust mit giftiger Scham gefullt und zerfressen. "Es geht mir hier wohl, nur verspur' ich mich unpass", sagte Schoppe mit glanzlosem Auge und tonloser Stimme. Albano konnte die Tranen nicht verbergen, er schlang sich um den Kranken und sagte: "Grossmutiger Mensch, du gabst mir einst in meiner Krankheit Genesung und Heil zuruck, und ich wusste es nicht und dankte dir nicht; gehe mit mir, ich muss dich in der deinigen pflegen, dich heilen und trosten, wie ich kann, dann reisen wir."
"Glaubst du, mein Kriton," (versetzte er, durch den Balsam seines wunden Stolzes gestarkt) "dass ich etwan kein Sokrates bin, sondern wirklich herausgehe aus meinem torre del filosofo? Ein Ehrenwort ist eine dicke Kette." "Erzahle mir alles, verschone niemand; aber ich sage dir darauf eine Neuigkeit, an der sogleich deine Kette schmilzt", sagte Albano.
"Ei! Indessen ist der Ort hier seines Orts gut genug, wie gesagt ein torre del filosofo, quai de Voltaire und Shakespeares-Street, und wie man sonst sagen mag und soll Auch hor' ich immer nachts einen oder den andern Mann neben mir an sprechen; und so furcht' ich gar nicht, dass der Ich kommt. Ich werfe taglich funf Brotkugelchen; bilden sie ein Kreuz, so bedeutet es denke, was du willst , dass ich mir noch nicht erscheine Sie machen aber immer eines. Ich bin hier in diesem Anticyra uber so manches Wahnbild so beruhigt worden auch durch jene Bucher sieh sie an, lauter Traktate uber den Wahnsinn , dass ich, wenns auch meinen Mordian211 ebensowenig ansteckt wie mich, gern hier gewesen sein will. Mein Umgang ist freilich nicht ohne Gefahr, es ist das Inspektorats-Ehepaar (ein Reim), die beide das hiesige Kerkerfieber tuchtig weghaben. Der Mann hat sich und dadurch der Frau die fixe Idee in den Kopf gesetzt, er sei unser zeitiger Inspektor und habe aufzuhelfen, aufzusehen und treffliche Bucher zu lesen, die in sein Amt einschlagen jene Traktate sind vom Narren Vermutlich hat er draussen in der Stadt seine Inspektorats-Idee zu breit vorgucken lassen, und das medizinische Kollegium steckte ihn mit seiner brauchbaren Idee herein, weil sie am Ende doch jeder Inspektor zum Amtieren haben muss, er sei toll oder nicht. Unter allen hier im Hause gefallen wir uns beide am meisten. Er sondierte mich zu meinem Vorteil; und ich kann ihn sehr brauchen zur Freiheit, nur greif' ich seinen faulen fixen Fleck nicht an. Bloss einen Abendsegen weil sie kein Gebetbuch haben improvisier' ich oft beiden vor und flechte in den Segen Winke, die kurmassig fur das Paar sein konnten, wenns wollte. So wandeln wir beide in den Irrgangen dieses Irrgartens vor den Patienten vorbei hinter ihm, dem unheilbaren Hub von allen, geh' ich ganz tolerant im Kranzchen herrscht allgemeine Polemik und Skepsis wie in keinem andern Universitatsgebaude Es ist zum Tollwerden, sagt er leise zu mir, es ist zum Tollsein, sagt man in diesem Palais d'Egalite, versetz' ich Ich schneide ihm die Patienten in Schatten aus fur sein Manuskript Wie die Kinder noch etwas haben, das ihnen selber kindisch vorkommt, so haben die Tollen etwas, das ihnen selber toll erscheint Deutlicher aber werd' ich ihm nie und halte scharfern Spass an mich. Ach was ist der Mensch, zumal ein gescheuter, und wie dunn sind seine Stecken und Stabe! Ruhrt dich etwas an mir, Albano? Etwan mein dummes blasses Gesicht?"
Aber Albano konnt' es ihm unmoglich gestehen, dass dieser umgebrochene edle Mensch mit seinen Tauschungen und sogar mit seinem Stile, dessen Flugel auch geradert waren, ihm die Tranen in die Augen treibe, sondern er sagte bloss: "Ach ich denk' an vieles; aber erzahle doch endlich, Lieber!" Schoppe hatt' es aber schon wieder vergessen, was er erzahlen sollte; Albano nannte den Ablauf der Portrat-Geschichte bei der Grafin, und jener fing an:
"Die Prinzessin Julienne sprang eben in ihren Wagen, als ich das blinde Madchen die Treppen hinauffuhrte, um sagen zu lassen, Bibliothekar Schoppe sei aus Spanien da. Ich wurde in ein verfinstertes Gemach gelassen, worin ich ruhig auf- und abging, auf Leute passend, bis die Grafin mich grusste aus dem Dunkeln. 'Die Finsternis' (sagt' ich) 'ist mir bei dem Lichte, das ich zu geben habe, erwunscht, nur mocht' ich lieber irisch oder lettisch oder spanisch sprechen, weil ich nicht weiss, wer mich behorcht.' 'Spanisch!' sagte sie ernst. Ich erzahlte ihr, ich hatte deine Mutter gekannt und gemalt und so weiter und meinen Namen ins Bildnis eingeschwarzt lange darauf, neulich im Herbste, hatt' ich Sie selber auf hiesigem Marktplatz angetroffen und fur das Spiegelbild deiner Mutter genommen, so ahnlich sei sie ihrer eignen 'Ich weiss nicht,' fuhr sie hier mit hitzigem Stolz zwischen meine Narration, 'inwiefern Ihre Geheimnisse zu meinen werden konnen' 'Dadurch,' (sagt' ich ernst) 'dass Sie mich nach Licht klingeln lassen; denn ich halte das Portrat der Frau von Cesara und von Romeiro, zweier Namen einer Person, hier in der Hand.' Sie fasste nichts, fragte nichts, und ich sollte nicht klingeln. Ich bekannte ihr, dass ich mich genotigt sahe, mit der rhetorischen Schach-Figur mich zu dekken, die man allgemein die Wiederholung der Erzahlung nennte; und griff zur Figur. Aber sobald ich darin wieder auf deinen Namen kam, sagte sie: 'ich hatte vermutlich ganz aufgehobene Verhaltnisse im Sinne' 'nein,' (sagt' ich) 'ein ewiges und hergestelltes hab' ich darin, auch seinen Gruss voll innigster Achtung mit.' Der Gruss schien ihr empfindlich zu fallen, gleichsam als halte man sie einer solchen Versicherung fur bedurftig, und sie bat mich, dich lieber wegzulassen. 'Himmel! er ist Ihr Bruder, und hier hab' ich das Portrat Ihrer Mutter aus Valencia gestohlen bei mir, und nur kein Licht!'
Da wurde Licht gefodert. Als die Flamme die lange treffliche Gestalt in Gold einfasste, sagte ich geradezu bei mir selber: 'Sie war es so gut wert als der Bruder, dass man den langen Weg nach beider Stammbaum zog, denn sie ist nicht ohne ihre Annehmlichkeiten' Albano, war' ich ihr Bruder, wie du die Ehre hast, mein Blut musste, wenn sie eine Gondel, aber keinen Paradiesesfluss dazu hatte, fur sie schiffbar sein, ich truge sie auf den Handen nicht nur, sondern wie ein Aquilibrist auf Nase und Mund, die Leidliche! Kaum sah sie das Bild, so rief sie: 'Mutter, Mutter!' und fuhr immer uber die Augen, klagend, dass sie jetzt noch schlechter waren als sonst. Ich hob wieder das Schaben an und grub endlich vor ihren Augen meinen ganzen Namen: Lowenskiold aus, sogar mit dem Beisatz, der mir entfallen war: liebt sehr.
'Der Maler hiess so?' (fragte sie) 'Sie sinds? Sie liebten sie auch?' 'Schonheit ist eine Klippe,' (versetzt' ich ernst) 'an der denn ein und der andere Mann zu scheitern sucht, weil sie voll Perlen und Austern sitzt.' Freundlich bat sie mich um die deutlichste Wiederholung der Wiederholung, sie wolle besser aufmerken; Horen und Denken werd' ihr jetzt so schwer als Leben. Albano, Ihr hattet mich mit mehr Vorkenntnissen zu ihr abschicken sollen. So aber wurd' ich halb verwirrt und neblig, und als ihr unter meiner Schilderei der Langsee-Insel etwas Nasses aus den Augen sprang, sank ich in den Tropfen hinein und ersoff beinahe darin und wurd' erst spat von mir ins Leben gerieben. Endes meiner Rede stand sie langsam auf, faltete die Hande und betete mit Weinen, als wenn sie dankte: 'O Gott, o Gott! du hast mich geschonet!' was ich doch nicht ganz verstehe."
Albano verstands wohl, dass sie dem Schicksal fur die zufallige Verspatung Schoppens dankte, welche sie mit der kurzen, aber furchtbaren Verwandlung Roquairols in einen Bruder verschonet hatte. "Sie brach darauf in zu vielen Dank gegen den Maler, Rauber und Lieferanten des gemalten Geburtsscheins aus. Wem das Herz wie ein Arm eingeschlafen und schwer und fuhllos zu bewegen ist, dem durch- und uberlaufts das erwachende Glied sehr narrisch, wenn ers regt: 'Weniger' (sagt' ich) 'konnt' ich nicht tun fur den Herrn Bruder; die Sonnenseite ist dann die Mondseite.'
Sie sprang auf deinen Vater uber und fragte, da er sogleich komme, ob sie oder ob ich ihm diese Ratsel vorlegen sollte. 'Oder lieber beide!' versetzt' ich kaum, da trat er wild ein.
Nun ist Gaspard freilich und entschieden dein dir und der Schwester angeborner Vater und kindliche Liebe gegen ihn ist dir nie zu verdenken; aber wenn ich zu dir sagen wollte, er sei kein Bar, kein Nashorn, kein Wer- und anderer Wolf, so tat ichs mehr aus seltener Politesse. Er schnaubte mir einen guten Abend zu, ich ihm. Viele Menschen gleichen dem Glas, glatt und geschliffen und stumpf, so lange als man sie nicht zerbricht, dann verflucht schneidend, und jeder Splitter sticht. Die Sache wurd' ihm vorgehalten und das mitgebrachte Gesichtsstuck. Warst du weitlauftiger mit ihm verwandt, so liess' ich mich heraus. Denn sein Gesicht wurde vom Nordschein des Grimms uberzogen, aus den Augen flogen mir gelbe Wespen zu, gerade Linien fuhren auf seiner Gewitterstirn wie elektrische Spiesse auf, besonders zwei steil rechte Ungluckslinien. Aber wie gesagt, bist du meines Wissens sein Sohn. 'Mein Freund,' (donnert' er los) 'mit welchem Rechte stehlet Ihr denn Gemalde?' 'Das sollte mir' (versetzt' ich sanft) 'schwer anzusagen fallen; aber ein Unvermogen hab' ich, einem ungerechten Truge zuzuschauen, ich fahre drein.' 'Grafin,' (sagt' er dampfend) 'in drei Minuten sollen Sie diesen Herrn genau kennen.' O nein, nein! Er brauchte ein anderes Wort als Herr, aber ich greif' ihn einmal dafur an die Brust, und standen wir auf den hochsten Stufen des Gottes-Thrones und rangen im Glanz." "Schoppe!" sagte Albano. "Erhitze mich nicht!" versetzte Schoppe und fuhr fort:
"Er klingelte ein Bedienter flog mit einer Karte wir alle schwiegen 'Nachsicht, Grafin,' (sagt' er) 'nur auf eine Minute lang!' Er gab ihr darauf einige elende Hof-Novitaten, sie aber blickte schweigend zur Erde. Da kam dein langer Oheim, nickte 16mal mit dem kleinen Kopf, denn das halt er fur eine Verbeugung und trat weit von mir weg. 'Bruder, sage bloss, was hat dieser Herr da hinter Valencia getan?' 'Umgebracht, umgebracht', sagt' er schnell. 'Unter welchen Umstanden?' fragte dein Vater. Hier fing er an, die kleinsten bei meinem Notschuss auf den Kahlkopf so unbegreiflich-scharf vorzulegen, dass ich sagte: 'Das ist wahr!' und selber fortfuhr und immer fragte: 'Nicht so?' und er hurtig nickte bis ich am Ende war, dann fragt' ich: 'Aber Spaniard, sagts bei Gott! woher wisset Ihr es denn?' 'Von mir', antwortete eine fremde, dumpfe Stimme, ganz wie des Kahlkopfs seine.
Das Herz wurde mir kalt wie eine Hundsschnauze und die Zunge voll Stein. 'Als convictus und confessus' (fing dein Vater an) 'konnet Ihr Euch nun leicht Euer Schicksal prophezeien.'
'Freilich,' (murmelte der Oheim, packte sein Schnupftuch aus und ein, fasste das Gemalde an und legt' es weg) 'prophezeien, prophezeien.' 'Inzwischen' (fuhr dein Vater fort) 'bleibt es Euch freigestellt, ob Ihr bis zu naherer Untersuchung statt des Gefangnisses, das Euch fur den Mord und Diebstahl gehort, den gelindern Ort, das Irrhaus, das Euch fur Euere Reise gebuhrt, erwahlen wollt; wahlet Ihr nicht, so wahl' ich.' 'Ins Tollhaus, ins Tollhaus,' (rief ich) 'wahrer Geselligkeit wegen, auf meine Ehre Aber ich frage nach nichts, auf dem Waschzettel meines Gewissens steht kein Mord Brennt Ihr Euch nur weiss und rein Euer Sonnen- und Ehrenwagen geht bis an den Radnagel in Kot Grafin, lasset Euch doch alles bestens aufklaren und denkt unaufhorlich an mich, um einen Vater zu bekommen, freilich dem Landesvater der Studenten gleich, der in einem Loch durch den Hut besteht.' 'Tritt weiter weg,' (sagte dein Vater zu deinem Oheim) 'die Tollheit ist ausgebrochen.' Da tat der Hase achtzehn Satze uber Schwellen und Treppen hinuber. Ich vollzog mein eignes Marsch- und Sitzreglement. Dein Vater wedelte mir noch mit einem leckenden Flammenblick nach; ich lud Gift in mein Auge und sah ihn unter der Ture davon niedersturzen." Albano fuhr zusammen, fragte nach dem Wie. Da schwieg Schoppe, sann lange und sagte betrubt: "Das hat mir wohl freilich nur getraumt, aber so meng' ich jetzt den Traum ins Wahre und umgekehrt. Ich sollte mehr uber Schoppe geruhrt sein er ist doch ein Greis, und Greise weinen gleich dem Eulenspiegel, wenn es bergab geht." "Ich will dich nun trosten, mein Freund,"
(sagte Albano mit zerrissener Brust) "ich will einen Irrtum von deinem treuen Herzen nehmen, und dann gehst du gewiss mit mir; dieser Kahlkopf, unser Spotter und Gaukler, ist nach dem heiligen Wort meiner Schwester eine und dieselbe Person mit meinem Oheim und ist ein Bauchredner."
Lange stand Schoppe wie tot, als hab' er nicht gehort; plotzlich sturzte er mit aufbluhendem Gesicht, mit funkelnden Augen auf die Knie und stammelte: "Himmel! Himmel! Verrucke mich! Das Weitere tu ich " Hier macht' er eine bose abwurgende Bewegung mit den Handen und sagte erstarkt: "Ich kann dir folgen."
Jetzt konnt' er das wirklich, vorher aber kaum stehen. Und so fuhrte Albano den unglucklichen gereizten Freund betrubt in seine eigne Wohnung.
136. Zykel
Albano wandte nun alles an, was Freundschaft im Vermogen hat, den edlen Kranken wieder innerlich und ausserlich aufzurichten und zu verjungen. Besonders suchte er den Steg, woruber alle seine Saiten gezogen waren und den der Ritter und sein Bruder vor Linda umgerissen hatten, wieder aufzustellen, namlich sein stolzes Bewusstsein, das an der grausamen Demutigung so sehr darniederlag. Wie nur reine Bruder-Achtung und heiliges Anbeten einer gottlichen Reliquie einen wunden Stolz sanft erwarmen und beleben kann, so versucht' es der biedere Albano. Allein ohne Genugtuung am Spanier, dem Anstifter des Unheils und dem Verfuhrer des Ritters, laufe, wie Schoppe selber sagte, sein Ruckgrat nie wieder steilrecht und sein Ruckenmark bleibe gebogen. Nur Albanos Duell mit dem Oheim war frisches Wasser fur ihn; es musste ihm mehrmals erzahlt werden. Sein durstiger Wunsch war, so gesund zu werden, als er zum Kriege mit dem Spanier brauchte, und dann als ein Toller ihm die Beichte aller Streiche und Gauklereien auf einem Sterbebette, worauf er ihn zu legen dachte, abzupressen: "Dann" (setzt' er jedesmal lachelnd hinzu) "kann es mir wohl egal sein, ob die Welt rund wird oder eckig, und nach Frankreich ist mein erster Schritt."
Albano musste dieses griechische Feuer des Zorns, das am Ende zur starkenden Kur des durch Demutigung erfrornen Korpers wirkte, immer tiefer unter sich brennen lassen, da jedes Loschen es nur nahrte; nur musst' er wachen, dass er keine freie einsame Minute bekame, um brennend zu entspringen und den Spanier aufzusuchen. Albano wich Tag und Nacht nicht von seinem Kanapee-Lager, auch aus andern Grunden. Denn war Schoppe einsam und sein Mordian schlief (den er niemals weckte, weil der Hund, sagt' er, offenbar traume und da in idealischen Welten fliege und schnuppere, wovon auf den Gassen der wirklichen kaum eine Schatten-Spur zu wittern sei), war er also allein mit dem stillen Tier (denn wacht' es, so hatt' er Gesellschaft genug) und sein Blick fiel zufallig auf seine Beine oder Hande: so fuhr seine kalte Furcht uber ihn her, dass er sich erscheinen und den Ich sehen konne. Der Spiegel musste verhangen werden, damit er sich nicht fande.
Seine Nachte waren ohne Schlaf, aber die Traume gingen nackt und keck um ihn. Albano opferte ihm leicht seine gesunden Nachte, konnt' aber doch nicht alle Traume des Freundes, diese Gespenster, die sonst vor Lebendigen entfliegen und einsinken, von dannen treiben. Sie schlichen und blickten in Winkel-Schatten der Stube. Einst gegen Mitternacht war Albano hinausgegangen und traf wiederkommend ihn an, wie er eben mit einer Hand die andere fing und sagte: "Wen hab' ich da, Mensch?" "O guter, bester Schoppe," (rief Albano halbzurnend) "solche grundlose Spiele! Ebensogut konnte ein Finger den andern fassen!" "Ja freilich", versetzt' er. "Aber hore," (sagt' er leise und kauerte sich, buckte den Kopf und wies mit dem rechten Zeigefinger uber die Nase hin in die Hohe) "du nanntest mich Schoppe so heiss' ich nicht, aber ich darf meinen Namen nicht aussprechen, der Ich, der mich so lange sucht, horts und fahrt her Ein langer Leichenstein liegt auf dem Namen. Schoppe oder Scioppius konnt' ich mich sehr wohl nennen, weil mein vielnamiger Namensvetter und Namensvater (im Bayle steht alles) sich selber bald so, bald so hiess, bald Junipere d'Ancone, bald Denius, Vargas, oder Grosippe, oder Krigsoder, Sotelo, bald Hay. Dass der Mann noch wirklicher Titular-Furst von Athen und Herzog von Theben war durch ottomanische Kanzlei und Gnade, muss ich ganz zu vergessen scheinen, wenn ich Malteser-Bibliothekar bleiben will. In der Tat trat ich sonst in Gasthofe noch mit manchem Namen ein, der dem nachsetzenden Ich prachtig mitspielte und vormachte, z.B. Lowenskiold, Leibgeber, Graul, Schoppe ohnehin, Mordian (den ich meinem Hund schenkte), Sakramentierer und einmal Huleu manche kann ich ganz vergessen haben Der wahre ist" (sagte er scheu lispelnd) "ein ss oder S-s212 Gib mir eine dritte Hand her Aus Totenkleidern wird der Name herausgeschnitten, und ich liege darin schon unter dem Grabe. 'Ich bin ich' das waren zwar des alten hubschen Swifts Endworte, der sonst wenig sagte in seiner so langen Tollheit Ich mocht' es aber nicht wagen, so bei mir zu sein Nu, getrost, die unendliche Weisheit hat alles geschaffen, auch Tollheit in Menge. Aber Gott gebe nur, dass Gott selber niemals zu sich sagt: Ich! das Universum zitterte auseinander, glaub' ich, denn Gott findet keine dritte Hand."
Albano schauderte uber den Sinn des Unsinns Schoppe schien Eis dann warf er sich plotzlich an die Bruder-Brust beide sprachen nichts uber die Sache und Albano fing heitere Schilderungen vom glucklichen Hesperien an.
So bracht' er pflegend, schonend, liebkosend, geduldig und einsam die Tage, die er gern zu seiner Flucht aus Deutschland verwendet hatte, mit dem kranken Freunde zu; und liebte ihn immer heftiger, je mehr er fur ihn tat und ausstand. Er wollt' es durchaus vom Schicksal nicht leiden, dass eine solche Welt voll Ideen ihrem Erdbrand und ein so freies Herz voll Redlichkeit dem letzten Schlage naherkomme. Schoppe hatte in des Junglings Herzen sogar noch ein grosseres Reich als Dian; denn er nahm das Leben freier, tiefer, grosser, mutiger; und wenn Dians Lebensgesetz Schonheit war, so hiess seines Freiheit, und er ging wie unser Sonnensystem, nach dem Gestirne des Herkules zu.
Aller Bitten ungeachtet nahm er keine Heilmittel vom Doktor Sphex; denn er habe schon, sagt' er, sich einem alten bekannten Praktiker und Kreisphysikus anvertrauet, der Zeit. Er verstattete Sphexen gern, ein Rezept aufzusetzen, es zu bringen, sah es willig durch, disputierte uber den Inhalt, merkte an, es sei leichter, ein Gesundheitsrat zu sein als einen Gesundheitsrat zu! geben, und er sehe wohl, dass er seinen Zustand treffe, weil er ihn schwachend behandle, was bei Wahnsinnigen das erste sei;! aber er setzte dazu, er begehre eben keine Vernunft, sondern nur ein Paar tapfere Schenkel zum Gehen und Stehen und ein Paar gefullte Arme zum Zuschlagen, und ubrigens sei er ihm gram, weil er Hunde zerschneide. Auch Albano nahm zuletzt an, habe Schoppe nur Muskelkrafte zu einer geselligen Reise mit ihm wiedergewonnen, so fliehe der Wahnsinns-Traum, worein ihn die ungesellige gewiegt, leicht von selber hinweg.
Immer fuhr er den Arzt am meisten an. Einst sagte dieser: "Folgen Sie, wenn nicht mir, doch Ihrem zweiten Ich" und zeigte auf Albano. "Zum Teufel," (versetzt' er) "mein zweites Ich, das moget ihr selber sein ich scheue mich genug davor aber der da ist gewiss, das verhoff' ich, kaum mein sechstes, zwanzigstes oder dergleichen Ich."
Indes blieb Sphex bei der Meinung, seine sthenische Schlaflosigkeit, die wechselnd die Tochter und die Mutter seiner Fieberbilder, zumal des Kahlkopfs sei, versperre die Kur und musse schwachend bezwungen werden. Als einstmals Dian, der seinen Freund Albano oft besuchte, dies vernahm, fragte er, warum man ihn nicht geradezu mit der Nachricht, der Spanier sei aus Furcht vor ihm abgereiset, etwan nach Frankreich, tauschen und heilen wolle. Albano versetzte: "Wahrlich ich wollt' es gern sagen, aber ich kanns nicht, ich konnte ebensogut Gott oder mir eine Luge sagen wollen." "Einbildungen!" (sagte Dian) "ich sag's ihm selber." "Wessen ich mir auch gleich vom Spaniard versehen habe", versetzte Schoppe auf die offizinelle Rezept-Luge. Als Dian fortgegangen war, fragt' er Albano: "Sitz' ich jetzt nicht viel kuhler und eisiger da? Und zwar seit der Kahlkopf in Frankreich ist, bin ich fast so ein neuer Mensch. Freilich lug' ich, aber Dian log fruher."
Endlich entschloss sich der Arzt, ihm geradezu einen Schlaftrunk in sein Getrank zu mischen. Albano erlaubt' es. Schoppe bekam ihn; gluhte und phantasierte einige Minuten lang, endlich stieg der Nebel des Schlafs und uberdeckte bald den Kranken.
Albano besuchte da nach langer Zeit das Grun der Erde und das Blau des Himmels wieder und seinen Dian in Lilar. Wie viel war seitdem verandert, durcheinander, ubereinander gesturzt! Wie viele Blatter waren wieder Knospen geworden! Und mancher Schaum des Lebens, der weiss und zart und leicht ihn sonst erfreuet hatte, erkaltete jetzt als graues, schweres Wasser seine Brust, und er hatte ausser seinen Lebensmut fast wenig behalten. Bei Dian hort' er von neuen Veranderungen, von des Fursten nahem Sterben, von Idoinens nahem Kommen zur Schwester vor der Trauer. Wie wunderbar-verstort schlug seine Seele aus ihrem Winter-Schlafe in den warmen Sonnenschein, den dieses Ebenbild Lianens um sein Leben legte, die Augen auf! In mancher stillen Nacht neben Schoppens Geister-Lager war ihm schon, seitdem Julienne ihn zum erstenmal die Erscheinung dieses Friedensengels ohne den Schleier sehen lassen, die vorige Zeit und Liebe wie ein Himmel ferner Sterne wieder aufgegangen, und in dem Helldunkel der von Schlaf entkleideten Traume sah er auf dem Meere der Zeit eine ferne, ferne Insel hinter sich oder vor sich, wusst' er nicht , wo eine weisse abgewandte Gestalt Lianen gleich oder ahnlich schwebte und als Nachhall sang Jetzt dicht nach dem Sterbemonat des Bruders folgte der Sterbemonat der Schwester Liane. War' es moglich, dass die Uberirdische aus dem stillen Spiegel der zweiten Welt und aus dessen unabsehlichen Fernen heraustrate wieder in den irdischen Luftzug und nach der Verklarung wieder verkorpert hier ginge?
Aber die Freundschaft foderte Raum fur ihre Schmerzen, und diese Wolken-Bilder wurden bald von ihr bedeckt oder umgesturzt. Er war nicht imstande, so sehr ers auch wunschte, von Schoppe eine Beschreibung jener Heilungs-Nacht zu fodern, ja nur zu leiden, worin Idoine Liane gewesen; und doch war diese Gestalt der einzige lebendig-spielende Juwel im Totenring an dem Skelett der harten Zeit, das vor ihm stand. Welche Tage! Was ihm die Graber nicht wegschlangen, hatte die Erde dahin- genommen, und Gaspard, sonst sein hoher Vater auf einem reinen! Thron des Himmels, war nun seiner Phantasie mit furchterlichen Hollen-Kraften und Waffen nach unten erschienen, auf einem Throne des Abgrunds sitzend.
Desto milder umfloss ihn nun, als er in Dians Hause war, die stillere Gegenwart, der Gedanke des ruhenden Freundes, der Anblick des nahen Traum-Tempels, wo Liane einmal Idoine gewesen, und die Verkundigung, dass das Ebenbild der Geliebten nahe. Er malte sich den sussen und bittern Schrecken ihrer Erscheinung vor ihm; denn wie in dem Strome die hinubergebogne Blume nicht nur ihr Bild, auch ihren Schatten entwirft, so ist sie Lianens schones Bild und Schatten zugleich und in der Lebendigen wurde ihm eine Verlorne und eine Verklarte zugleich erscheinen.
Unter diesem traumerischen Helldunkel und Abendrot, aus Vergangenheit und Zukunft zusammengeflossen, kam er in sein Haus zuruck. Ein scharfer Blitzstrahl schlug weiss uber das traumerische Rot: sein Schoppe war nach wenigen Minuten des Zwangschlafs wild aufgefahren und wahnsinnig entsprungen, niemand wusste wohin. Der Arzt kam und sagte entscheidend, entweder hab' er sich ins Wasser gesturzt oder jeden andern, er sei wild dahingerannt und habe noch seinen Stockdegen mitgenommen.
Vierunddreissigste Jobelperiode
Schoppes Entdeckungen Liane die Kreuzkapelle
Schoppe und der Ich und der Oheim
137. Zykel
Da Schoppe seinen grossen Degenstock mitgenommen: so vermutete Albano, dass er als Wurgengel zum Spanier gegangen. Er eilte in den Gasthof des Oheims. Ein Bedienter sagte ihm, ein Rotmantel mit einem dicken Stocke sei dagewesen und habe vor den Herrn gewollt, aber man habe ihn auf des letztern Befehl ins Schloss geschickt, unterdessen sei der Herr nach dem Prinzengarten abgereiset, um dem starken Bruder entgegenzugehen. Albano fragte: "Wer ist der starke Bruder?" "Dero Herr Vater", versetzte der Bediente. Albano eilte auf das Schloss. Hier war laufende Verwirrung um das Krankenbette des Fursten, der es bald mit dem Paradebette zu vertauschen drohte. Eilige Diener begegneten ihm. Einer konnt' ihm sagen, er habe einen Rotmantel ins grosse Spiegelzimmer gehen sehen. Albano trat hinein, es war leer, aber voll seltsamer Spuren. Ein grosser Spiegel lag auf der Erde, eine Tapetentur darhinter stand offen, ein offnes Souvenir, Rader und weibliche Kleidungsstucke waren um einen wachsernen alten Kopf verstreuet. Ihm war, als seh' er etwas, was er schon gesehen, und konnte sichs doch nicht nennen. Plotzlich erblickte er in einem Eckspiegel tief hinter seinem jungen Gesicht sich noch einmal, aber mit Alter bedeckt und dem wachsernen Kopfe ahnlich. Er blickte sich um, ein erhobner Spiegel Zylinder schloss ihm gleichsam die Zeit auf, und er sah in ihrer Tiefe sein graues Alter.
Schaudernd verliess er das sonderbare Gemach. Eine Kammerfrau Juliennens stiess ihm auf, sie konnte ihm sagen, dass sie den "Schatten-Schneider" im roten Mantel mit einem Perspektive in der Hand uber den Schlosshof habe hinausgehen sehen. Er eilte nach, da kam ihm Augusti unter dem Tore entgegen mit der Bitte des Fursten, ihn noch einmal zu besuchen; "jetzt unmoglich, ich muss erst den wahnsinnigen Schoppe wieder haben", versetzt' er. In seiner Brust lebte nur der Freund; auch nahm er den Fursten nur fur die Maske seiner sprechsuchtigen Schwester. "Ich sah ihn auf dem Wege nach Blumenbuhl", sagte der Lektor. Er flog davon. Am Tore wurde Augustis Nachricht von der Wache bestatigt.
Auf der Blumenbuhler Strasse begegnete ihm der Wagen des Hofpredigers Spener, der zum Fursten fuhr. Albano fragte nach Schoppe. Spener berichtete, er habe mit ihm, da er vor einem einzelnen Hause, einer kranken alten Beichttochter wegen, eine Stunde lang gehalten, viel gesprochen, ihn gesund, ungemein vernunftig, nur alter und zuruckhaltender als gewohnlich gefunden. Auf die Frage nach seinem Wege versetzte der Hofprediger: er sei nach der Stadt. Das schien ihm unmoglich, aber Speners Leute bestatigten es vom Grunrock. Albano sprach von einem roten Mantel, alle und Spener blieben bei dem grunen Rock.
Er kehrte wieder um in sein eignes Haus, wo vielleicht ihn selber, dacht' er, Schoppe suche und erwarte. Der Leibeigne des Doktors, der hagere Malz, sprang ihm mit der Nachricht entgegen, Herr v. Augusti hab' ihn eben gesucht, und der kranke Herr sei zum alten Tor hinaus spazieren gegangen in einem neuen grunen Rock. Es war die Strasse nach dem Prinzengarten, die er nach Albanos Vermutung gewiss genommen, sobald ihm des Spaniers gleiche kund geworden. Draussen wurde sie durch Falterle bestatigt, welcher erzahlte, er habe bei dem Austritt ihn eingeholt und sogleich befragt: "Wohin so eilig, Herr Bibliothekar?"; darauf sei er still gestanden, hab' ihn ernsthaft angesehen und die Antwort gegeben: "Wer sind Sie? Sie irren sich" und sei fortgegangen. Albano fragte nach der Kleidung; "in gruner", versetzte Falterle. Jetzt war sein Weg entschieden. Der mussige Reiter konnte sogar bekraftigen, dass der Oheim fruher denselben genommen.
Spat abends kam Albano im Prinzengarten an. Er sah einige Wagen an dem Hofe des kleinen Gartenschlosses. Endlich begegneten ihm Leute seines Vaters, die ihm sagen konnten, Schoppe sei ruhig, froh und lange in dem Garten mit einem Herrn von Hafenreffer aus Haarhaar umhergegangen und mit ihm nach der Stadt gefahren. "An einem Menschen hat er doch wieder einen Schutzgeist und Warter", dachte Albano, und der kalte Regen, der ihn bisher qualte, war weggezogen, obgleich der Himmel noch trube blieb. Er wich mit seinem angegriffnen Herzen, das in dieser Landschaft nur von einem dunkeln Horizont umgeben war, jeder Gesellschaft und dem Lustschloss aus. Fern vorubergehend, wagt' er es, einen traurigen Blick auf die Schlummerinsel zu werfen, wo Roquairols Grabhugel, wie ein ausgebrannter Vulkan, neben der weissen Sphinx zu sehen war. "Still liegt endlich das unbandige Schwungrad um, aus dem Strom der Zeit gehoben, nur mit dem Grabe schloss sich der Janustempel deines Lebens zu, du gequalter und qualender Geist", dachte Albano voll Mitleiden, denn er hatte den Toten sonst so sehr geliebt. Droben auf dem Gartenberg mit einem Lindenbaum ruhte seine sanfte Schwester, der freundliche, liebliche Friedensengel mitten im Kriegsgetummel des Lebens, sie der ewige Friede, wie er der ewige Krieg. Er beschloss, hinaufzugehen und allein oben bei der Himmelsbraut zu sein und auf dem den Blumen geweihten Boden das Beet aufzusuchen, unter welchem ihre Blumen-Asche sich vor den Sturmen zugedeckt. Da er den Vorsatz nur dachte, so drangen Tranenstrome wie Schmerzen aus seinen Augen; denn die bisherigen Nachtwachen und Sorgen hatten ihn traumerisch aufgeloset und so manches Ungluck in so kurzer Zeit dazu, das ihm das schone feste Leben von einem Ende zum andern mit giftigem Stachel und Zahn durchgraben hatte.
Als er in der noch mondlosen, aber sternenreichen Dammerung, worin nur der Abendstern der Mond war, gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne, den Hugel hinaufging: sah er aus dem Prinzengarten ein paar graugekleidete Menschen heftig winken, als wollten sie ihm den Gang verbieten. Er ging unbekummert weiter, ja er wusste nicht einmal, ob nicht sein vom Wachen gluhendes und von Lebens-Stossen erschuttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vorflattern lasse.
Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen Kloster-Garten der stillen Nonne, worin der Lindenbaum laut sprach und die stillen Blumen wie Kinder uber der Ruhenden spielten und sich neigten und wiegten. Hoch und weit gingen die Sternenbogen wie schimmernde Ehrenbogen uber die kleine Erdenstelle her, uber den geheiligten Ort, wo sich Lianens Hulle, das kleine Licht- und Rosenwolkchen, niedergesenkt, als es den Engel nicht mehr zu tragen hatte, der in den Ather gegangen war und aller Wolken nicht mehr bedurfte. Plotzlich erblickte der schaudernde Albano Lianens weisse Gestalt an die Linde gelehnt und gegen den Abendstern und die Abendrote gewandt; lange schauete er an der seitwarts gekehrten Gestalt die himmlisch-herabsteigende Antlitz-Linie an, womit Liane so oft als eine Heilige unbewusst neben ihm gestanden noch glaubt' er, ein Traum, der Proteus der menschlichen Vergangenheit, ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel' es vor, und er erwartete das Vergehen. Es blieb, aber ruhig und stumm. Hinkniend, wie vor der offnen Pforte des weiten langen Himmels voll Verklarung und Gottheit, und aufgerissen aus den Erden-Talern, rief er aus: "Erscheinung, kommst du von Gott, bist du Liane?", und ihm war, als sterb' er.
Schnell blickte die weisse Gestalt sich um und sah den Jungling, sie stand langsam auf und sagte: "Ich heisse Idoine, ich bin unschuldig an der harten Tauschung, sehr unglucklicher Jungling." Da bedeckte er seine Augen, aus schnellem Schmerz uber die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit. Darauf sah er die schone Jungfrau wieder an, und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer verklarten Ahnlichkeit mit der Toten; so lachelte sonst Lianens zarter Mund im Lieben und Trauern, so offnete sich ihr mildes Auge, so ging ihr feines Haar um das blendend-weisse, gefallige Angesicht, so war ihr ganzes schones Gemut und Leben aufrichtig in ihr Antlitz gemalt Nur stand Idoine grosser da, wie eine Auferstandene, stolzer und langer ihre Gestalt, blasser ihre Farbe, denkender die jungfrauliche Stirn. Sie konnte, da er sie so schweigend und vergleichend anblickte, sich der Ruhrung uber den getauschten Unglucklichen nicht erwehren, und sie weinte, und er auch.
"Betrub' ich Sie auch?" sagte er in hochster Bewegung. Mit dem Sprachtone der Jungfrau, die unter den Blumen lag, sagte unschuldig Idoine: "Ich weine nur, dass ich nicht Liane bin." Schnell setzte sie hinzu: "Ach diese Stelle ist so heilig, und doch ists der Mensch nicht genug." Er verstand ihre Selbst-Ruge nicht. Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemachtigten sich seiner, das Leben stand glanzend aus der engen, bangen Wirklichkeit auf, wie aus einem Sarg, der Himmel sank naher herzu mit hohen Sternen, und beide standen mitten unter ihnen. "Edle Furstin," (sagt' er) "hier entschuldigen wir uns beide nicht Die heilige Stelle nimmt, wie eine zweite Welt, das Fremd sein weg Idoine, ich weiss es, dass Sie mir einst den Frieden gegeben; und vor der verborgnen Hulle des Geistes, in dessen Sinne Sie sprachen, dank' ich Ihnen hier."
Idoine antwortete: "Ich tat es, ohne Sie zu kennen, und darum konnt' ich mir den kurzen Gebrauch oder Missbrauch einer entfliehenden Ahnlichkeit erlauben. Hatt' es von mir abgehangen, so hatt' ich Sie nie mit einer so unbedeutenden, wie eine aussere ist, doch so schmerzlich erinnert. Aber ihr Herz verdient Ihr An denken und Ihre Trauer. Man schrieb mir, Sie waren nicht mehr in Lindenstadt." Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen. "In einigen Tagen" (antwortete er) "werd' ich auch reisen. Ich suche Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes und der Wuste, der mein Leben stille macht." "Ernste Tatigkeit, glauben Sie mir, sohnet zuletzt immer mit dem Leben aus", sagte Idoine, aber die ruhigen Worte wurden von einer bebenden Stimme getragen, denn durch Hulfe ihrer Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge bekommen, und ihr Herz war voll tiefen Mitleidens gegen die Menschen.
Er sah sie hier scharf an, ihre Nonnen-Augenlider, die immer unter dem Sprechen sich uber die ganzen grossen Augen nieder senkten, machten sie einer entschlummerten Heiligen so ahnlich; er wurde von ihren letzten Worten an ihr fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert, wo der bunte Blutenstaub ihrer Ideen und Traume, ungleich dem schweren toten Goldstaub des blossen Reichtums, leicht im heitern Leben flatternd, unbemerkt belebend, endlich feste Walder und Garten auf der Erde ausbreitete alles in ihm liebte sie und rief: nur sie konnte deine letzte wie deine erste Liebe sein und sein ganzes Herz, durch Wunden offen, war der stillen Seele aufgetan. Aber ein ernster, harter Geist schloss es wieder zu: "Unglucklicher, liebe keine mehr, denn ein dunkler Wurgengel geht hinter deiner Liebe mit dem Schwert, und welche Rosenlippe du an dich druckst, diese beruhrt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze, und dann vergeht oder verblutet sie."
Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dunkel ziehen; denn Idoine hatte das Gelubde getan, nie unter ihrem Furstenstande die Hand zum Bunde der Liebe zu reichen. So standen beide geschieden nebeneinander in einem Himmel, eine Sonne und ein Mond, durch eine Erde getrennt. Sie beschleunigte ihre Entfernung. Albano hielt es nicht fur recht, sie zu begleiten, da er jetzt erriet, dass die graugekleideten Menschen, die ihn zuruckgewinket, ihre Bedienten gewesen, ihr die Einsamkeit zusichern sollen. Sie reichte ihm an der Gartenture die Hand und sagte: "Leben Sie glucklicher, lieber Graf; einst hoff' ich Sie so glucklich wiederzufinden, als Sie sich machen sollen." Die Beruhrung der Hand wie einer himmlischen, die sich aus den Wolken gibt, durchstromte ihn mit einem verklarten Feuer jener Welt, wo Auferstandne leicht und schimmernd schweben, und die hohe, Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz; er konnte nicht sagen, was er in sich besiege und bedekke, aber auch kein anderes kaltes verkleidetes Wort; er kniete nieder, druckte ihre Hand an die Brust, sah weinend an den Sternenhimmel und sagte bloss: "Frieden, Allgutiger!" Idoine wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den kleinen Hugel in den Prinzengarten hinunter.
Nach wenigen Minuten sah er die Fackeln ihres Wagens durch die Nacht fliegen, in der sie gern zu reisen wagte. Um den Hugel war es dunkel, die Abendrote und der Abendstern waren untergegangen, die Erde wurde ein Rauch und Schutt der Nacht, am Horizont bauete ein Trauergerust von Wolken sich auf. Aber in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges, ein lichter Punkt in der Finsternis des Herzens. Und als er den Leucht-Atom anschauete, breitete er sich aus, wurde ein Glanz, eine Welt, eine unendliche Sonne. Jetzt erkannt' er es, es war die rechte unendliche und gottliche Liebe, welche schweigen kann und leiden, weil sie nur ein Gluck kennt, aber nicht das eigne.
Er war erfreuet uber das Uberhullen seiner Brust und uber seinen Entschluss, sie nicht wiederzusehen in der Stadt. "So still" (sagt' er halb betend, halb sprechend) "will ich sie ewig lieben ihre Ruhe, ihr Gluck, ihr schones Streben bleibe mir heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer Himmels-Schwester Aber wenn die Schlacht fur das Recht anfangt und die Tone neben den Fahnen in die Hohe wehen und das Herz eifriger schlagt, um starker zu bluten, dann ziehe dein Bild, o Idoine, mir im Himmel voran, und ich streite fur dich; und wenn im Getummel ein unbekannter Wurgengel die giftige Schneide uber die Brust zieht: so will ich im ermattenden Herzen dich festhalten, bis mir die Erde vergeht."
Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des jungfraulichen Herzens, er fuhlte, Liane allein durf' es wissen, und sie werd' ihn segnen.
138. Zykel
Albano konnte in einer Gegend, in welcher die einzelnen Saulen und Bogen des zerstorten Sonnentempels seiner Jugend umherlagen, keine Nacht zubringen: sondern er begab sich traurig-traumend auf den Weg zur Stadt. Unterwegs fand er den Landschafts-Direktor Wehrfritz zu Pferd, der ihn suchte. "Herr Sohn," (sagt' er) "es sind mir von deinem intimen Freunde, Herrn Schoppe, die wichtigsten Sachen zu Handen gestellt worden, die ich nur in deine eignen wieder auszuhandigen habe, was ich denn hiemit eilig tue. Denn Musse hab' ich bei Gott wenig, der Furst ist diesen Abend mit Tod abgegangen vor Schreck, weil jemand sagte, sein alter Vater, der ihm zum Todes-Anzeichen soll zum zweitenmal zu erscheinen versprochen haben, sei im Spiegelzimmer zu sehen, was aber nur, hor' ich, was von Wachs gewesen. Es sind die Sachen, die ich auszuliefern habe, erstlich ein Perspektiv, womit du deine Mutter und Schwester gemalt sehen wirst (ich bediene mich mit Fleiss Herrn Schoppens eigner Ausdrucke), zweitens ein geschriebenes Paket, adressiert an 'Albano, erzogen bei Wehrfritz', das noch halb in einer zerschlagnen schwarzen Marmorstufe steckt, und drittens dein Portrat." Das Portrat stellte Albano im jetzigen Alter dar, fand man so viel die Sterne zu sehen gonnten , indes er sich doch nie malen lassen. Die schwarze Marmorstufe und das Perspektiv brachten ihm die Prophezeiung seines Vaters auf Isola bella213 vor die Seele: ihm werde in einem Bilderkabinett eine weibliche Gestalt aus der Wand entgegentreten und ihm einen Ort aufschreiben, wo er die schwarze Stufe, und vorher einen zeigen, wo er das Perspektiv zu finden habe, dessen Okularglas ihm aus dem alten Bilde seiner Schwester ein junges kenntliches und dessen Objektivglas aus dem jungen Bilde seiner Mutter ein altes kenntliches machen werde.
Albano tat angstliche Fragen nach Schoppe und der Fundgeschichte der seltsamen Fracht. "Mit Herrn Schoppe geht es gut genug," (antwortete Wehrfritz) "er muss hier in der Nahe sein mit einem fremden Herrn." Albano fragte nach seiner Kleidung; diese wurde zu seinem Erstaunen wieder aus einer grunen zur roten. Kaum hatte Wehrfritz die wunderbare Geschichte, wie Schoppe jene Wunderdinge uberkam, zu geben angefangen: so unterbrach Albano, der daraus die Auflosung der vaterlichen Prophezeiung abnahm, vor Erwartung den Bericht mit der Bitte, ihn zu der nahen Kreuzkapelle zu begleiten, um welche mehrere Laternen standen. Er hatte beide Medaillons immer bei sich und war jetzt so begierig, das Angesicht seiner Mutter durch das Objektivglas zu sehen, so wie das Papier zu lesen.
Bei der aussersten Laterne hielten sie, Albano nahm das Medaillon der veralteten Gestalt hervor, worunter stand: Nous nous verrons un jour, mon frere, er besah es durch das Okularglas: siehe, das alte Gesicht war das junge seiner Julienne. Vertrauend und ungestum hielt er das altmachende Glas ans junge Bild, worunter stand: Nous ne nous verrons jamais, mon fils, ein freundliches, aus einem langen Leben heruberlachelndes altes Gesicht erschien, dessen erblicktes Urbild ihm in einer tiefen, dunkeln Erinnerung lag, aber namenlos; von Lindas Mutter hatt' es indes keinen Zug.
Auf einmal hort' er eine bekannte Stimme: "Ecco ecco! Mein Neveu, mein Herr!" Es war Albanos Oheim, der den schwarzgekleideten, wehklagenden Schoppe zu ziehen schien und weinerlich den Neffen anredete: "Ach, Neveu! O ich sage die Wahrheit, nur Wahrheit pour jamais." Er sah lachend aus und glaubte zu weinen. Der Schwarzrock trat naher, wurde ein Grunrock und sagte: "Herr Graf, tauschen Sie sich keine Minute, unsre Bekanntschaft beginnt mit einem gemeinschaftlichen Verlust." "Mein Schoppe," (sagte Albano erschuttert) "kennst du mich nicht mehr?" "O war' ich es jetzt! Ich heisse Siebenkas", versetzte der Grunrock und hob jammernd die Hande in die Hohe. "Er liegt aber da in der Kapelle," (sagte der Spanier) "ich will alles so wahrhaftig erzahlen, dass es schon ist. Ich glaube nicht, dass der Finstere kommt." Albano warf einen Blick in die Kapelle, und mit einem Schrei des Schmerzens sturzt' er darnieder.
139. Zykel
Schoppens Geschichte war nach Wehrfritzens und des Oheims Aussagen diese: er war aus dem Notschlummer gluhend aufgefahren, auf dem schnaubenden Streitross der Rachsucht gegen den Spanier wurd' er fortgerissen. Im Gasthofe des letztern wies ihn der Bediente mit einer Luge nach dem Schlosse. Hier gelangt' er, im verworrenen Getummel um den leidenden Fursten, ungefragt, ungesehen in das Spiegelzimmer, wo er einmal die Grafin Linda um Idoinens Friedenswort fur den wahnsinnigen Freund gebeten hatte. Als der Zylinder-Spiegel, der die langen Jahre des Alters auf das junge Gesicht grabt und Moos und Schutt der Zeit darauf schuttet, ihm sein Bild vermooset und verraset entgegen warf, sagt' er: "Ho ho, der alte Ich steckt wo in der Nahe" und schauete grimmig umher.
Aus den Spiegeln der Spiegel sah er ein Ichs-Volk blicken. Er sprang auf einen Stuhl, um einen langen Spiegel loszumachen. Indem er den Nagel desselben ruckte, schlug in der Wand eine Uhr zwolfmal. Hier fiel ihm die Weissagung Gaspards ein, die sein Freund ihm anvertrauet hatte, und alle Regeln, die diesem zur Losung der Ratsel vorgeschrieben waren. In der Weissagung war zwar die Rede von einem Bilderkabinette, aber ein Spiegelzimmer ist auch eines, nur flussiger und tiefer hinter der Wand.
Er nahm (folgsam den von Gaspard gegebnen Regeln) den Spiegel herab fand und offnete die Tapetentur in der Grosse des Spiegels die holzerne weibliche Gestalt mit dem offnen Souvenir in der Linken und dem Crayon in der Rechten sass darhinter er druckte (nach der Vorschrift) den Ring am linken Mittelfinger die Gestalt stand, innen rollend, auf trat in das Zimmer hinaus hielt an der entgegengesetzten Wand still, zeichnete daran mit dem Crayon in der Hand eine Linie herab, er zog die Wandleiste auf das Perspektiv und der wachserne Abdruck des Sargschlussels lagen in einem Fach darhinter Jetzt druckt' er den Ringfinger, die Figur setzte den Crayon aufs Souvenir und schrieb: "Sohn, gehe in die Furstengruft in der Blumenbuhler Kirche und offne den Sarg der Furstin Eleonore, so findest du die schwarze Stufe."
Wenn das geschehen, hatte der Ritter zu Albano gesagt, und die Marmorstufe doch nicht im Sarge gefunden sei: so soll' er den dritten Ring am Ohrfinger drucken, worauf etwas geschehe, was er selber nicht vorauswisse. Schoppe versuchte vorher, eh' er in die Blumenbuhler Kirche ging, den Druck dieses Fingers die Figur blieb stehen aber innen fing es zu rollen an die Arme dehnten sich aus und fielen ab Rader rollten heraus endlich zerlegte sich die ganze Gestalt durch einen mechanischen Selbstmord, und ein alter Kopf von Wachs erschien.
Hier ging Schoppe davon, um nach Blumenbuhl zu laufen und aus der Gruft die Leuchte fur dieses Nachtstuck zu holen. Eben waren mittags Kirche und Gruft vielleicht weil man dem neuen sterbenden Hohlen-Gast Raum vorbereitete offen gelassen. Ohne erst den wachsernen Schlussel in einen eisernen zu verwandeln, erbrach er ungestum mit einem Arbeitseisen den Sarg und holte die Marmorstufe und Albanos Portrat schnell heraus. Er zerschlug jene hinter einem Busch. Als er die Aufschrift las, untersucht' er nicht weiter; er eilte in Albanos Haus, um alles zu ubergeben. Beide aber suchten sich wechselseitig umsonst. Indes traf er den rechtschaffenen Wehrfritz an, durch welchen allein er eine so wichtige Beute abschicken konnte; er selber war jetzt dem Todfeinde, dem Spanier, auf der Spur, und keine Gewalt konnt' ihn aus der zornigen Jagdbahn treiben.
Bei Sonnenuntergang erblickte Schoppe den Spanier, der aus dem Prinzengarten, dem Ebenbilde Siebenkas entfliehend, ihm in die Hande gelaufen kam Er erstarrte vor des Wahnsinnigen Anblick, rief: "Herr und Gott, seid Ihr hinter mir und vor mir? seid Ihr rot und grun?" und sturzte seitwarts in die alte Kreuzkapelle hinein, um die heilige Jungfrau kniend anzurufen. Schoppe spannte seine Kontursschwingen aus, schoss hinzu und schlug sie vor der Kapelle zusammen: "Dreh dich um, Spaniard, ich fresse dich von vorne", sagte er. "Heilige Mutter Gottes, hilf mir guter boser Geist, steh mir bei, o Finsterer!" betete der Kahlkopf. "Rutsche herum, Spitzbube, ohne weitern Spass!" sagte Schoppe, indem er mit dem gezognen Stockdegen in der Luft von hinten ein Hufeisen vor dessen Gesicht beschrieb. Er drehte sich elend auf den Knien herum, und der Kopf hing schlaff vom Halse herab. Schoppe fing an: "Nun hab' ich dich, Missetater, du betest mich ohne Nutzen auf den Knien an ich habe das Richtschwert toll bin ich auch in wenigen Minuten, wenn wir uns ausgesprochen haben, stech' ich gegenwartigen Stockdegen in dich denn ich bin ein Toller voll fixer Ideen." "Ach Herr," (versetzte der Kahlkopf) "Ihr seid gewiss sehr verstandig und bei Verstand und bei sich, ich bitte zu leben, es ist so grosse Todsunde, das Totmachen." Schoppe versetzte: "Von meinem Verstande ein andermal! In effigie hab' ich dich schon erschossen, nun will ich die Todsunde und den Gewissensbiss nicht umsonst herumtragen, sondern mich in natura dazutun, du Seelen-Henker, du Herz-Trepan!"
"Schoppe, Schoppe!" rief es jetzt einigemal von fernen mit Albanos Stimme. Er sah sich schnell um, nichts war zu sehen. "Guter Schoppe," (fuhr es fort) "lasse meinen Oheim gehen!" Jetzt entbrannte Schoppe und hob den Dolch zum Stich: "Du gar zu versteinerter Bauchredner! Sollte man nicht gleich ins Zeug hineinstechen wie in ein blessiertes Pferd? Siehst du denn nicht den hollischen verdammten Mord und Totschlag vor der Nase, deinen Pestwagen schon angespannt, das ausgepolsterte Gerippe des Todes in mein Fleisch gesteckt und jetzt die Sense heben? Beichte, Spaniard, um Jesus willen, beichte, Fliege, eh' ich spiesse, steche! Etwas prakavierst du dich doch damit vor den Teufeln in der Holle; bist sonst druben ein ganz ruinierter Mann."
"Wo sitzt der Pater? Ich beichte ja wohl", sagte der Spanier.
"Hier steht dein Galgenpater, schau die Schur", sagte Schoppe, vom gebuckten tonsurierten Kopf den Hut abschuttelnd.
"Hort meine Beichte! Aber nachts leidet es der Finstere nicht, dass ich die Wahrheit sage er kommt gewiss, er holt mich, Vater, rauchert mich, wassert mich ein gegen den Teufel."
"Stief-Beichtsohn und Dieb, bin ich dir nicht Beichtpaters und Beichtvaters genug, der dich schon einwassern wird? Sage nur, Hund, alles, ich absolviere dich und schlage dich dann tot zur Ponitenz. Sage an, du Kronungsmunze des Teufels, bist du nicht der Kahlkopf und der Vater des Todes und der Monch zugleich, dessen Figur voll Gas in Mola gen Himmel fuhr, und hattest Bauchrednerei und Wachsbilderei und einige Spitzbuberei bei der Hand?"
"Ja, Vater, Bauchrednerie und Wachsbildnerie und den Spitzbuben. Aber der bose Geist war uberall dabei, ich sagte oft nichts, und es wurde doch gesagt, und die Gestalten liefen."
"Mordian," (sagte Schoppe, daruber ergrimmt) "fass den Hund! Noch lugst du, du Kloak ins Paradies gegraben, noch ins Ohr der grossen Parze hinein, du mimische Mumie, dein Totenkopf ohne Lippe und Zunge regt sich noch zur Luge? O Gott, was sind deine Menschen!"
"O Pater, nicht Lugen! Aber der Finstere will sie nachts, ich habe einen Bund mit ihm angestiftet Ich hab' ihn heute abends gesehen, er sah wie Ihr aus und grun O Maria, o Pater, ich habe die Wahrheit gesagt, dort kommt er grun o Pater, o Maria, und hat Eure Gestalt und ein feuriges Auge in der Hand "
"Niemand hat meine Gestalt" (sagte Schoppe erschuttert) "als der Ich."
"O umguck! Der bose Geist kommt zu mir absolviere stich ich will wegsterben!"
Schoppe schauete sich endlich um. Der schreitende Abguss seiner Gestalt bewegte sich her das Feuerauge in der Hand stieg in das Gesicht die Ichs-Larve war grun gekleidet "Boser Geist, ich bin doch in der Ohrenbeichte, du kannst nicht her, ich bin heilig", rief der Spanier und fasste Schoppen. Ihn fasste der Hund. Schoppe starrte die grune Gestalt an der Degen entfiel ihm. "Mein Schoppe," (rief sie) "ich suche dich, kennst du mich nicht?"
"Lange genug! Du bist der alte Ich nur her mit deinem Gesicht an meins und mache das dumme Sein kalt", rief Schoppe mit letzter Mannes-Kraft. "Ich bin Siebenkas", sagte das Ebenbild zartlich und trat ganz nahe. "Ich auch, Ich gleich Ich", sagt' er noch leise, aber dann brach der uberwaltigte Mensch zusammen, und dieser reinigende Sturm wurde ein seufzendes, stilles Luftchen. Mit weiss werdendem Gesicht, krampfhaft sich selber die starren Augen zuziehend, sturzte er um, die spielenden Finger schienen den Hund noch anzulocken, und die Lippen wollten sich zu einem Spottwort spitzen, das sie nicht sagten Sein Freund Siebenkas, der nichts erraten konnte, hob weinend die kalte, festgeschlossene Hand an sein Herz, an seinen Mund und rief: "Bruder, blick auf, dein alter Freund aus Vaduz steht ja neben dir und sieht dich in der Todesnot, er sagt dir tausend Lebewohl, Lebewohl!"
Das schien durch die dem Leben noch offnen Ohren ins brechende Herz noch susse Tone der alten lieben Zeit und heitere Traume der ewigen Liebe zu fuhren der Mund fing ein kleines Lacheln an, von Lust und Tod zugleich gezogen die breite Brust stieg noch einmal voll auf zu einem frohen Seufzer es war der letzte des Lebens, und lachelnd blieb der Verstorbne auf der Erde zuruck.
Nun hast du hienieden geendigt, strenger, fester Geist, und in das letzte Abend-Gewitter auf deiner Brust quoll noch eine sanfte, spielende Sonne und fullte es mit Rosen und Gold. Die Erdkugel und alles Irdische, woraus die fluchtigen Welten sich formen, war dir ja viel zu klein und leicht. Denn etwas Hoheres als das Leben suchtest du hinter dem Leben, nicht dein Ich, keinen Sterblichen, nicht einen Unsterblichen, sondern den Ewigen, den All-Ersten, den Gott. Das hiesige Scheinen war dir so gleichgultig, das bose wie das gute. Nun ruhst du im rechten Sein, der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwule Lebens-Wolke weg gezogen, und das ewige Licht steht unbedeckt, das du so lange suchtest; und du, sein Strahl, wohnst wieder im Feuer.
Funfunddreissigste Jobelperiode
Siebenkas Beichte des Oheims Brief von Albanos
Mutter das Kron Rennen Echo und
Schwanengesang der Geschichte
140. Zykel
Lange lag Albano im einsamen finstern Abgrund, bis endlich Licht die Schlucht und die grune Hohe erleuchtete, von welcher er heruntersturzte. Das sonst lebensfarbige mannliche Gesicht des Freundes lag weiss vor ihm, der rote Mantel erhohte noch den Leichenschnee. Der Hund lag mit dem Kopfe auf der Brust, als woll' er sie warmen und schutzen. Als Albano den nackten Degen sah: blickte er im Kreise umher, schauderte vor dem kalten Oheim, vor dem lebendigen Bruderbild des Toten und vor dem ersten Argwohn zwischen fremdem und Selbstmord und fragte leise: "Wie starb er?" "Durch mich," (sagte Siebenkas) "an unserer Ahnlichkeit, er glaubte sich zu sehen, wie dieser Herr hier versichert." Der Oheim erzahlte einige Punkte, Albano kehrte Ohr und Auge von ihm ab; aber in den warmen Widerschein der befreundeten Gestalt senkt' er den Blick, dem das Tageslicht der Freundschaft untergegangen war. Siebenkas schien sich in einer seltenen mannlichen Haltung zu behaupten. Auch Albano, der jungere Freund, verbarg seinen Jammer, dass er so viel verloren und dass nun sein Waisen-Herz ausgesetzt sei wie ein hulfloses Kind in die Wuste des Lebens.
Wehrfritz fragte ihn, ob er ihm ein Pferd zur Reise in die Stadt noch schicken solle. "Mir? Ich jemals mehr in die Stadt?" (fragte Albano) "Nein, guter Vater, ich und Schoppe gehen heute in den Prinzengarten." Er entsetzte sich vor der blossen schwarzen Kirchhofs-Landschaft der Stadt, wo einmal ein goldner Sonnenschein und Laubengange und Himmelspforten voll Blumengewinde fur ihn gebluhet hatten. O der junge Honig der Liebe, der alte Wein der Freundschaft, beide waren ja vom Schicksal in Graber gegossen!
Der Tote wurde in das neue Schloss des Prinzengartens gebracht. Nur Albano und Siebenkas folgten ihm nach. Als sie allein waren, sah Albano erst, dass der Freund seines Freundes bebe und wanke und dass bis jetzt nur der Geist den Korper getragen. "Nun wir beide" (sagte Albano) "durfen voreinander trauern; aber nur Ihnen glaub' ich. Gott, wie war denn sein Ende?" Siebenkas liess vor ihm die letzten Mienen und Laute des Armen vorubergehen. "O Gott," (sagte Albano) "er starb nicht leicht, wenn der Wahnsinn der Monate zu einer Minute wurde reissend musste der Hollenfluss sein, der ein so festes Leben weg riss." Siebenkas nahm schwer den Glauben an dessen Wahnsinn an, weil der Tote so oft in seinen schonsten Momenten auf ahnliche Weise verkannt worden; aber Albano uberwand ihn endlich. Er erzahlte weiter, dass er auf der Heimreise begriffen gewesen, als ihn die wiederholte Verwechslung seiner Person mit dem Toten auf die Vermutung geleitet, hier musse sein lang entbehrter Leibgeber wandeln, wiewohl er vor der ersten Erscheinung und Vergleichung sich fast furchten mussen: "Denn, Herr Graf," (sagt' er) "Jahre und Geschafte, juristische vollends, ach das Leben selber ziehen den Menschen immer weiter herab, anfangs aus dem Ather in die Luft, dann aus der Luft auf die Erde Wird er mich kennen? sagt' ich. Ich bin ja nicht mehr, der ich war, und die physiognomische Ahnlichkeit mochte wohl die einzige und festeste noch geblieben sein. Aber auch diese war vergangen; der Selige sieht noch aus wie vor zehn Jahren. O nur eine freie Seele wird nicht alt! Herr Graf, ich war sonst ein Mann, der einen und den andern Spass mit dem Leben trieb und mit dem Tode auch, und ich konnte ausrufen: Himmel! wenn die Holle aufging, und derlei mehr Ach Leibgeber, Leibgeber! Die Zeit hat weiche, kleine Wellen, aber am Ende wird doch der eckigste, scharfste Kiesel darin glatt und stumpf."
"Zahlen Sie mir jede Kleinigkeit seiner Vorzeit," (bat Albano) "jeden Tautropfen aus seinem Morgenrote zu, er war so karg mit seiner dunkeln Geschichte!" "Und das gegen jeden" (sagte der Fremde) "So viel will ich Ihnen einmal aus wahren, an Ort und Stelle gesammelten Datis beweisen, dass er ein Hollander ist wie Hemsterhuis und eigentlich Kees heisset wie Vaillants Affe, woran er Sieben oder Seven gesetzt; denn Siebenkas ist sein erster Name. Aus der Amsterdamer Bank bezog er seine Intraden. An jedem Neujahrsabend verbrannt' er die Papiere des vorigen Jahrs; und wie seine Clavis Leibgeberiana bekannt geworden, begreif' ich noch nicht." Darauf erzahlte er ihren ersten Namen-Wechsel, wo Schoppe von ihm den Namen Leibgeber annahm, dann jede Stunde und Tat seines treuen Herzens gegen den vorigen ArmenAdvokaten, dann ihren zweiten Namentausch, wo Siebenkas sich namentlich begraben liess und als Leibgeber fortfuhr, und ihren ewigen Abschied in einem voigtlandischen Dorf.
Als Siebenkas hier stand bei der Erzahlung, fasste er die kalte Hand mit den Worten: "Schoppe, ich dachte, ich fande dich erst bei Gott!" und neigte sich weinend uber den Toten. Albano liess seine Tranen sturzen und nahm die zweite tote Hand und sagte: "Wir fassen treue, reine, tapfere Hande." "Treue, reine, tapfere", wiederholte Siebenkas und sagte mit einem Schoppischen Lacheln: "Sein Hund sieht zu und bezeugt es einmal." Aber er wurde von der Bewegung blass und sah jetzt ganz wie der 30 Tote aus. Da beruhrten er und Albano sinkend sich auf dem kalten Gesicht, und Albano sagte: "Sei auch mein Freund, Lebendiger, wir konnen uns lieben, weil er uns liebte. Blasser, deine Gestalt sei das Siegel meiner Liebe gegen deinen alten Freund."
Albano riss jetzt das Fenster auf und zeigte ihm ein Grab in Osten und eines in Suden neben dem offnen dritten in der Nacht und sagte: "So weint' ich dreimal uber das Leben." Siebenkas druckt' ihm die Hand und sagte bloss: "Die Parzen und Furien ziehen auch mit verbundnen Handen um das Leben, wie die Grazien und die Sirenen." Er sah den seltenen schonen feurigen Jungling mit innigster Liebe an; aber Albano, der nur wenig geliebt zu sein voraussetzte und den die Feuerzeichen eines Dians und Roquairols verwohnt, wusst' es nicht, wie sehr er das ruhigere Herz gewonnen hatte.
141. Zykel
Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albanos Brust zuruck. Er musste nun in der plattgedruckten Ebene seines Lebens sich den Berg selber vorheben. Nur Pestitz wiederzusehen, wo alle Turniergenossen seiner glanzenden Tage verschwunden waren, den einzigen Dian ausgenommen, verabscheuete er; "hat dieser sein Grab auf der Brust, so zieh' ich und scheide von niemand", sagte er.
Da langte der verhasste Oheim mit den Wagen voll Zauberstabe an und sagte weinerlich, er geh' ins Kartauser-Kloster, busse fur viele Sunden, und er wolle vorher dem Neffen gern alles erklaren, sowohl mit Worten als mit den Wagen, was er begehre. "Ich glaub' Euch nichts", sagte Albano. "Jetzt darf ich alle Wahrheit sagen, denn der Finstere tut mir nichts, ich denke, Cousin" (versetzte der Spanier) "ist der da" (setzt' er leise mit einem scheuen Blick auf Siebenkas dazu) "nicht der Finstere, Cousin?" Albano wollte nichts wissen und horen. Siebenkas fragt' ihn, wer der Finstere sei. "Es sei der unendliche Mann," (begann er) "sehr schwarz und finster, und sei zum erstenmal vor ihn geschritten uber das Meer her, als er an der Kuste stand vor einem Nebel nachts hab' er ihn oft rufen horen, und zuweilen hab' er seine Bauchreden wiederholt er sei ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen, sobald er nach Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt, daher hab' er sich in der Kreuzkapelle vor dem gegenwartigen Herrn sehr gefurchtet aber jetzt, seitdem er sich ohne allen Schaden in der Kapelle bekehret habe, sag' er den ganzen Tag Wahrheiten, und im Kartauser-Kloster gedenk' ers noch mehr."
"In Klostern wohnen sie sonst eben nicht, daher wird, glaub' ich, eben das Gelubde des Schweigens gefodert, das immer der Wahrheit zutraglicher ist als dessen Bruch", versetzte Siebenkas. "O Ketzer, Ketzer!" rief der Spanier so unerwartet zornig, dass Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen jetziger Wahrhaftigkeit Pfander bekam, so wie von dessen engerm Geistes-Umfang. Nun erst fragt' er ihn uber die Erde und den Samen aus, die er bisher gebraucht, um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben.
Er liess auf diese Frage einen Kasten herauftragen. "Fragt!" sagt' er. "Wie stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt?" sagte Albano. Der Oheim schloss auf, zeigte eine Wachsfigur und sagte: "Es war nur ihre Mutter." Albano schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der Vermutung der Verwandtschaft, die ihm Schoppe eingeflosset: "Bin ich ihr verwandt?" fragt' er schnell. Der Oheim versetzte besturzt: "Es wird wohl anders sein." Albano fragte nach dem himmelfahrenden Monch in Mola; "er oben mit Gas gefullt, ich unten an der Mauer stand", sagte der Oheim. Albano wollte nichts weiter wissen; im Kasten waren noch Hor- und Sprachrohre, eine Gesichtshaut, blaues Glas, durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen, seidene Blumen mit Pulver von einem endormeur u.s.w.; Albano wollte nichts mehr sehen.
"Boses Wesen! wer stiftete dich dazu an?" fragte Albano. "Der starke Bruder," (sagte der Oheim, denn so nannte er den Ritter gewohnlich) "er gab mir zu leben, und er wollte mich totschiessen; denn er lacht sehr, wenn die Menschen sehr hubsch betrogen werden." "O keinen Laut daruber!" (rief Albano peinlich, dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Tranen-Feuer und Gift aussprutzte) "Unglucklicher! wie wurdest du der?" "So? Bin ich unglucklich?" fragt' er eiskalt. Er berichtete aber abgebrochen und verworren, welches ihm in jeder Sprache in seiner eignen Rolle begegnete, indes er in fremdem Namen, z.B. des Kahlkopfs, gut und lange sprechen konnte : er habe ein schwarzgraues und ein blaues Auge, seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf und ein besonderes Gedachtnis und habe daher Schauspieler werden wollen; weil er nichts zu tun gehabt, denn er sei nie verliebt gewesen; aber solang' er nicht improvisiert, sei es nicht gegangen. Den Joseph Clark, der alle Verwachsene nachmachen konnen, und den Betruger Price, der in dreifacher Person herumgegangen, hab' er immer im Sinne gehabt Da sei ihm der Finstere abends wieder in einem Nebel des Ufers uber dem Wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt: "Peppo, Peppo!214 schluck das wahre Wort zuruck, ich will das andere schon aussprechen" Und von dieser Stunde an hab' er die Bauchsprache gekonnt Er habe damit Tote und Stumme und Sprachmaschinen und Papageien und Schlafende und fremde Leute ins Theater gut reden lassen, aber niemand in der Kirche, und das hab' ihn wohl ergotzt Ein unaufhorliches Echo hab' er oft auf Felsen gegeben, so dass die Menschen gar nicht wussten, wenn sie fortgehen sollten. Er habe auch einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Toter untereinander reden lassen, in allen Sprachen, zum Erstaunen des alten Generals.
"Wo war das?" fragte Siebenkas. Der Spanier kam zu sich und versetzte: "Ich weiss es nicht; ist es denn wahr? Omnes homines sunt mendaces, sagt die heilige Schrift." "So wenig wahr" (sagte Albano) "als Euer finsterer Geist!" "O Maria, nein" (sagt, er entschieden) "wenn ich etwas weissagte, so macht' er ja, dass es doch eintraf; dann erschien er mir und sagte: siehst du, Peppo, aber sage nur keine Wahrheit! Und in der Nacht, da ich neben Euch nach Lilar ging, ging er unten im Tale als ein Mensch durch die Luft hin." "Das sah ich auch," (sagte Albano) "er schwebte weiter, ohne sich zu regen." "Das war bloss einer," (sagte Siebenkas lachelnd) "der in einem fortschwimmenden Kahne mit versteckten Beinen stand, und nichts weiter." Da blickte der Spanier dieses Ebenbild der Leiche mit dem alten Grausen an, womit er es bisher heimlich fur den finstern Geist selber gehalten, murmelte Albano ins Ohr: "Sieh, dieses Wesen weiss es" und sagte zur Entschuldigung der Wahrheiten: "Die Sonne ist noch nicht untergegangen" und eilte, ohne auf Menschen-Bitten zu horen, deren Kraft ihm nie bekannt geworden, ohne Leid und Freud' davon, um noch vor Sonnenuntergang ins nahe Kartauser-Kloster einzutreten. Alles Trug-Gerate hatt' er stehen lassen.
"Ein furchterlicher Mensch!" (sagte Siebenkas) "Als er vorhin einmal sich uber etwas freuen wollte, sah er aus, als greif' ihm ein Schmerz uber das Gesicht Und dass er so dunn und hager dasteht und seitab blickt und die Silben verschluckt! Ich weiss gewiss, er konnte toten, ohne die Miene zu andern, nicht einmal zum Zorn." "O, er ist der finstere Geist, den er sieht zitieren Sie ihn nicht!" sagte Albano, in eine ganz neue Welt wegeilend, die jetzt plotzlich vor seinen Geist gezogen war.
142. Zykel
Er dachte namlich an das bisher vom Nebel des Schmerzens verdeckte Papier, das Schoppe aus der Furstengruft geholet, und an das Mutterbild, das er unter dem Okularglas hatte finden sollen. Eh' er anfing zu lesen, legt' er das Bild unter dem Glase dem Fremden vor, ob ers etwa zufallig kenne. "Sehr! Es ist die verstorbene Furstin Eleonore, so weit ein Kupferstich vor dem Landes-Gesangbuch Ahnlichkeiten vorauszusetzen verstattet; denn sie selber sah ich nie."
Bewegt zog Albano das Papier aus der zerbrochnen Marmorkapsel; aber er wurd' es noch mehr, da er die Unterschrift "Eleonore" und folgendes in franzosischer Sprache las:
"Mein Sohn!
Heute hab' ich dich nach langen Zeiten wiedergesehen215 in deinem B. (Blumenbuhl); mein Herz ist voll Freude und Sorge, und dein schones Bild schwebet vor meinen weinenden Augen. Warum darf ich dich nicht um mich haben und taglich anblicken? Wie ich bin gebunden und geangstigt! Aber von jeher schmiedete ich mir Fesseln und erbat andere, mich damit zu binden. Hore deine eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an; sie wird dir aus einem andern nicht lieber und wahrhafter kommen.
Ich und der Furst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe, welche unserem Vetter in Hh. (Haarhaar) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession schmeichelte. Spat vernichtete sie ihnen dein Bruder L. (Luigi). Man konnte uns das kaum vergeben. Der Graf C. (Cesara) bewahrt die Beweise einiger schwarzen Handlungen (de quelques noirceurs), die deinen armen, ohnehin schwachlichen Bruder das Leben kosten sollten. Dein Vater war eben mit mir in Rom, als wir es erfuhren. 'Man wird doch endlich uber uns siegen', sagte dein Vater. In Rom lernten wir den Fursten di Lauria kennen, der seine schone Tochter dem Grafen. (Cesara) nicht eher geben wollte, bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens geworden ware. Der Furst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus.
Dafur glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu mussen, une femme fort decidee, se repliant sur elle meme, son individualite exageratrice perca a travers ses vertus et ses vices et son sexe. Wir lernten uns lieben. Ihr romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit, besonders in dem romantischen Lande. Dazu half mit, dass ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen Schwarmerei zugleich befanden, namlich der Hoffnung zu gebaren. Sie kam nieder mit einem wunderschonen, ihr ganz ahnlichen Madchen, Severina, oder wie man sie nachher nannte, Linda. Hier machten wir den seltsamen Vertrag, dass wir, wenn ich einen Sohn gebare, austauschen wollten; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter erziehen, und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen, die deinem Bruder bei mir schon gedrohet hatte. Auch sagte sie, ich konne besser eine Tochter, sie einen Sohn leiten, da sie ihr Geschlecht wenig achte. Der Graf war es gern zufrieden; der Hh. Hof hatte ihm kurz vorher die alteste Prinzessin, um die er geworben, unter dem spottischen Vorwande ihrer noch kindischen Jugend abgeschlagen, und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit, denn er war der schonste Mann und aller Siege gewohnt, war zu allen Massregeln und Kampfen gegen den stolzen Hof bereit. Nur der Furst billigte es nicht, er fand eine Erziehung ausser Landes u.s.w. ganz zweideutig und misslich. Aber wir Weiber verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee.
Zwei Tage darauf gebar ich dich und Julienne zugleich. Auf diesen reichen Zufall hatte niemand gerechnet. Hier warf sich vieles ganz anders und leichter sogar. 'Ich behalte', (sagt' ich zur Grafin) 'meine Tochter, du behaltst die deinige; uber Albano' (so soll er heissen) 'entscheide der Furst.' Dein Vater erlaubt' es, dass du zwar als Sohn des Grafen, aber unter seinen Augen, bei dem rechtschaffenen W. (Wehrfritz), erzogen wurdest. Indes traf er Vorkehrungen, deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht ganz abzuwagen imstande war. Jetzt wunder' ich mich nur, dass ich damals so mutig war. Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht ich, der Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt , sondern spater wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Furstensohn prasentiert, und sein gutiges Blatt, das ich einst deinen Geschwistern vertraue, entscheidet allein genug.
Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tatigen Teil, indem er sei es aus Liebe fur seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer gescharften Rache am Hh. Hofe als Lohn des Anteils verlangte, dass einst du und Linda ein Paar werden mochten. Hier trat wieder die Grafin mit ihren Wundern und Phantasien ein: 'Linda wird mir gewiss ahnlich an Gemut, wie sie jetzt es ist an Gestalt Gewalt bewegt sie dann nie aber Magie des Herzens, der Feenwelt, Reiz des Wunders mag sie ziehen und schmelzen und binden.' Ich weiss ihre eignen Worte. Ein sonderbarer Zauberplan wurde dann entworfen, dessen Grenzen der Graf durch die Abhangigkeit, worin sein tausendkunstlerischer Bruder sich zu allem dingen liess, noch mehr erweiterte, so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte. Linda wird lange vorher, eh' du dies gelesen, dir erschienen, ihr Name genannt, deine Geburt geheimnisvoll verkundigt sein Moge, moge dein Geist sich in alles wohl finden, und moge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blattern reichen! Ich bin bange, wie soll ich es nicht sein? O welche Nachrichten hab' ich nicht eben aus Italien durch den Grafen empfangen, vor denen nun alle meine Hoffnungen auf meinen Ludwig (Luigi) auf einmal erloschen! Gesiegt hatte nun Hh. (Haarhaar) durch den bosen B. (Bouverot), wenn du nicht lebtest. Und ich muss so froh sein, dass du diesen giftigen Einflussen entzogen lebst Ja es scheint, als habe der Graf die Zernichtung deines Bruders absichtlich gern geschehen lassen, um desto starker mit deiner Auferstehung zu schrecken. Doch will ich ihm nicht unrecht tun. Aber wem soll eine Mutter am Hofe vertrauen und misstrauen? Und welche Gefahr ist grosser?
Drei Jahre lang musstest du des Scheines wegen auf Isola bella mit deiner scheinbaren Zwillingsschwester Severina, obwohl unter den Augen des Fursten, bleiben, indes ich mit Juliennen nach Deutschland zuruckging. Langer aber durft' es nicht dauern, so gern es deine Pflegemutter gesehen hatte; du wurdest deinem Vater zu ahnlich. Diese Ahnlichkeit kostete mich manche Trane denn darum durftest du nie aus B. nach P. (Pestitz), solange der Furst noch Jugendzuge trug sogar die Portrats seiner Jugendgestalt musst' ich darum allmahlich wegstehlen und sie dem treuen Spener zu bewahren geben ja dieser gelehrte Mann sagte mir, dass ein erhobner Spiegel, der junge Gesichter zu alten formte, beiseite zu bringen sei, weil du sogleich als der alte Furst dastandest, wenn du hineinsahest O, da mein guter, frommer Furst in seinen matten Tagen allerlei unbewusst ausplauderte und mich uber das sichere Schicksal des wichtigen Geheimnisses immer sorglicher machte: wie erschrak ich, als er einstens am Morgen (zum Gluck war nur Spener und eine gewisse Tochter des Ministers v. Fr. dabei, eine sanfte, fromme Seele) geradezu und freudig sagte: 'Unser lieber Sohn, Eleonore, war gestern nachts oben am Altar, er wird gewiss ein frommer Mensch, er kniete und betete schon, und ich sagt' ihm nur, denn ich wollte mich nicht decouvrieren: nach Haus, nach Haus, mein Freund, es donnert schon nahe.'216 Ich weiss, dass verschiedene uber einen naturlichen Sohn des Fursten schon Winke fallen liessen.
Die Grafin C. (Cesara) ging nun mit S. (Severina) nach V. (Valencia) ab; gab sich aber vorher den Namen R. (Romeiro) und der Tochter den Namen L. (Linda). Der Prinz di Lauria musste der Erbschaft wegen mit seiner Einwilligung in dieses Spiel gezogen werden. Durch diesen Namen-Wechsel konnte alles so dicht zugehullet werden, als es jetzt noch steht. Neun Jahre darauf starb die edle R. (Romeiro), und der Graf hatte unter dem Vorrecht eines Vormunds die Tochter allein in seinem Schutze und in seiner Vorsorge.
Ich sah sie kurz nach dem Tode der Mutter hier217; entfaltet sich die Blume ganz aus dieser vollen Knospe, so gehort sie als die vollste Rose an dein Herz. Moge nur das Geisterspiel, das ich der Grafin zu leichtsinnig zugeschworen, ohne Ungluck voruber ziehen! Sollt' ich vor dem Fursten auf das Sterbebette kommen, so muss ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen, um ganz gesichert meine Augen zu schliessen. Ach ich werd' es nicht erleben, dass ich dich offentlich als meinen Sohn in meine Arme schliessen darf! Die Ahnungen meiner Hinfalligkeit kommen immer haufiger. Es gehe dir wohl, teueres Kind! Werde fromm und redlich wie dein Vater! Gott lenke alle unsere schwachen Hulfsmittel zum besten!
Deine
treue Mutter
Eleonore.
N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen, sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen. Leb wohl! Leb wohl!"
143. Zykel
Albano stand lange sprachlos, schauete gen Himmel, liess das Blatt fallen und faltete die Hande und sagte: "Du schickst den Frieden ich soll nicht in den Krieg wohlan, ich habe mein Los!" Lebenslust, neue Krafte und Plane, Freude am Throne, wo nur die geistige Anstrengung gilt, wie auf dem Schlachtfelde mehr die korperliche, die Bilder neuer Eltern und Verhaltnisse und Unwille gegen die Vergangenheit sturmten durcheinander in seinem Geist. Er riss sich von seinem ganzen vorigen Leben los, die Seile des bisherigen Totengelautes waren entzwei, er musste, um die Eurydice aus dem Orkus zu gewinnen, wie Orpheus das Zuruckschauen auf den vergangnen Weg vermeiden. Er enthullte dem neuen Freunde alles, denn er kampfe, sagt' er, nunmehr offentlich auf freier offner Bahn um sein bisher verstecktes Recht und reise sogleich in die Stadt. Unter dem Er zahlen erzurnte ihn das lange gewagte Spiel mit seinen heiligsten Verhaltnissen und Rechten noch mehr und das Misstrauen in seine Krafte und Waffen gegen die Feinde, denen Luigi unterlag, und dieser Bruder selber, der ihn bisher in einer so harten unbruderlichen Maske umarmen konnte. "Wie anders war die treue Schwester!" sagt' er. "Warum" (fuhr er fort) "liess man mich so manchem stolzen harten Geiste so vielen Dank schuldig werden fur mein blosses Geburtsrecht? Warum traute man nicht meinem Schweigen ebensogut? O so musst' ich die arme Tote droben218 verkennen, weil sie meinem geoffenbarten Stande in jener feindlichen Nacht am Altare ihr schones Herz aufopferte! So musst' ich durch Vermutungen und Vorsatze so manche rechte Seele verletzen! Wie unschuldig konnt' ich sein ohne dies alles!" "Beruhigen Sie sich," (sagte Siebenkas mit feiner Ruge) "die Starke des Feindes wird zu dem Widerstande geschlagen und von der Niederlage abgezogen; und was ware ein Sieg auf leerem Schlachtfelde gewesen?"
Siebenkas war vor dem glanzenden Stande und vor dem Feuer der Leidenschaftlichkeit, die er nur in gemeiner, nicht in edler Erscheinung kannte, um einige Schritte zuruckgetreten, die Albano nicht bemerkte, weil er sie nicht voraussetzte. So gut es ging, suchte Siebenkas indem dessen innerer Mensch seine im Grabe des Freundes starr gefrornen Glieder allmahlich wieder aufwickelte den sanften Scherz wiederzugewinnen und in diese Blumenketten den heftigen Jungling einzuschliessen: "Ich freue mich," (sagt' er) "dass ich der erste bin, der zu Ihrem Geburts- und Kronungstage Wunsche bringt, die aber alle in den einzigen gehen, dass Sie immer Ihren Taufnamen behaupten mogen denn Alban ist der bekannte Schutzheilige der Landleute. Ausser dem haarhaarschen Prinzen, den der Ritter recht mit der Devise seines Ordensstifters Philipp trifft: ante ferit quam flamma micet, ist wohl niemand dabei zu bedauern als der Finanzstempelschneider, der jetzt nichts Neues zu schneiden erhalt, da die Linie weiterregiert" Er setzte noch leicht hinzu, weil er den schweren Walder- und Wolken-tragenden Fels Gaspard nie gesehen: "Welches sonderbare Namenspiel, das noch wenige Cavalleros del Tuzone gespielt, ist es, dass er sich gerade le Cesara nennt, da, wie Sie wissen, die Spanier sich wie die alten Romer oft die Namen von ihren Taten und Begegnissen zuteilen. So ists aus den Pieces interessantes T. I. uberall bekannt, dass z.B. Orendayn sich den Namen la Pas zuerkannte, weil er 1725 den Frieden zwischen Osterreich und Spanien unterschrieben mit einem dritten Namen, Transport Real, tauft' er sich ein, um es zu behalten und zu bemerken, dass er den Infanten nach Italien abgefuhrt. Cesara ist wohl freilich mehr Zufall."
Albano wurde durch solche geistige Ahnlichkeiten mit dem freien Schoppe erst recht seinem Herzen zugezogen. Er nahm Abschied von ihm und sagte: "Freund unsers Freundes, wollen wir beisammen bleiben!" "Wahrlich, der Zweifel an der Entscheidung Ihres Schicksals, Prinz," (versetzte Siebenkas) "ware allein dafur entscheidend, wenn nur mein Herz allein entschiede; aber " Albano zuckte die Achseln wie entrustet, schwieg aber. "Solange bleib' ich indes hier," (fuhr jener sanfter fort) "bis der Hugel auf dem Seligen liegt; dann steck' ich das holzerne schwarze Kreuz auf ihn und schreibe alle seine Namen daran." "Wohl! So werd' es!" (sagte Albano) "Aber seinen Hund nehm' ich, weil er mich langer kennt. Ich bin ein junger Mensch, noch jung an verlornen Jahren, aber schon sehr alt an verlornen Zeiten, und verstehe so gut wie mancher, den die Zeit buckt, was Menschen Verlieren ist. Sonderbar ists, dass ich immer auf Grabern Spiegel finde, worin die Toten wieder lebendig gehen und blicken. So fand ich auf Lianens Grabe ihr lebendiges Bild und Echo; meinen alten liegenden Schoppe fand ich, wie Sie wissen, auch hinter einem Spiegelglas aufrecht und rege, durch das meine Hand ebensowenig durchkann. Ich versichere Sie, sogar meine Eltern werden mir vorgespiegelt, meinen Vater kann ich in einem Zylinderspiegel, und meine Mutter durch ein Objektivglas sehen. Hier ist nun nichts zu tun, wenn man in einer Nacht steht, wo alle Sterne des Lebens hinunterziehen, als sehr fest darin zu stehen. Aber zu meinem alten Humoristen muss ich noch Addio sagen."
Er ging ins Leichenzimmer. Schweigend folgt' ihm Siebenkas, betroffen uber die ungewohnliche Laune der Schmerzen. Mit trocknen Augen zog Albano das weisse Tuch von dem ernsten Gesicht, dessen feste Augenbraunen sich zu keinem Scherze mehr zogen und das eisern hinschlief ohne Zeit. Der Hund schien den kalten Menschen zu scheuen. Albano suchte durch scharfe, heftige, trockne Blicke das Totengesicht bis auf jede Falte tief abzudrucken in sein Gehirn wie in Gips, zumal da ihm der lebendigste Abdruck, der Freund, entging. Dann hob er sich die schwere Hand auf die Stirn, die den Furstenhut tragen sollte, gleichsam um sie damit zu segnen und einzuweihen. Endlich buckt' er sich auf das Gesicht nieder und lag lange auf dem kalten und; aber als er sich spat aufrichtete, weinten seine Augen und sein ganzes Herz, und er reichte dem Zuschauer bebend die Hand und sagte: "Nun, so lebe du auch wohl!" "Nein," (rief Siebenkas) "ich kann das nicht, wenn ich gehe Schoppe! ich bleibe bei deinem Albano!"
Da kamen Wehrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte.
144. Zykel
Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du, aber in landeskindlicher Entzuckung druckte er sich den Pflegling seines Hauses innig ans Herz. Augusti ubergab ihm mit ernster Hoflichkeit und kurzem Gluckwunsch folgendes Schreiben von Julienne:
"Liebster Bruder! Nun kann ich dich erst recht Bruder nennen. Ich hab' in einem Auge Trauertranen und doch im andern frohe, da nun alle Wolken von deiner Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht. Der Lektor ist abgeschickt, dir alles zu erzahlen, wo hatt' ich Zeit? Auch von Herrn von Bouverot soll er dir sagen, dessen rote Nase und aufgebognes Kinn und geizige Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Glaubiger und dessen Grobheit und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermassen hasse Inzwischen wird er jetzt durch deine Erscheinung so recht bestraft. Freilich alles ist wie ich in Unordnung und Besturzung. Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem Willen eroffnet, und er gab dir dein ganzes Recht. Ich will nicht uber diesen Bruder mitten unter dem Weinen zurnen; er war eigentlich hart gegen seine zwei Geschwister, gegen mich sehr auch, denn er hasste alle Weiber, bis zu seiner Frau, die nur etwas taugt, wenns ihr gut geht, und die Kunstwerke selber harteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen. Aber er ruh' in seinem Frieden, ach den er wohl wenig gefunden! Diesen Abend muss er schon wegen seiner Krankheit und wegen des langen Wegs nach Blumenbuhl voraus beerdigt werden. Da bin ich nun bei deinen Pflegeeltern in der Nahe unserer eingeschlossenen Eltern. Deswegen komm unabanderlich! Du bist allein mein Trost in der truben Nacht, ich muss dich wieder am Herzen halten, das sehr an dir klopfen will und weinen und reden, wenn es nur darf. Nur komme! Nunmehr wird doch Gott, da alles im Tanzsaal zu den Reigen bereit steht, keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven hineindringen lassen! Ich bete. Ach nur deinetwegen bin ich so froh, und ich weine genug.
Julie."
Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen, diesen Abend in seinem Hause zu sein, gegeben, als dieser ohne weiteres davoneilte, um die Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubereiten.
Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten, mit welchen er, bedenklich uber Siebenkas, zu zogern schien, bis Albano bat, ihm und seinem neuen Freund frei alles mitzuteilen. Seine Erzahlung war bis auf einige Einschaltungen, die Albano spater zukamen, diese:
Bouverot bei welchem er auf Fragen des neugierig gemachten Albano anfing war bisher in verborgner Verbindung mit dem haarhaarschen erbsuchtigen Prinzen gewesen und hatte in entschiedener Berechnung, durch diesen das langste Gluck und sogar eine unerwartete Heirat zu machen, auf dessen Wort hin sein mit Ehelosigkeit und Einkunften zugleich verknupftes Ordenskreuz eines Deutsch-Herrn abgehangen und an die Schwester dieses Prinzen, an Idoine, durch diesen selber, der ihm fur die Aufhebung ihres ahnlichen Gelubdes219 stand, ein Miniaturbild von ihr, das er im Fluge gestohlen haben wollte, samt einem halben Bilderkabinett und mit vielen feinen Anspielungen auf seinen Wahl-Namen Zefisio als eines romischen Arkadiers und auf den Namen ihres Arkadiens ubergehen lassen. "Oh la difference de cet homme au diable, comme est-elle petite!" sagte ganz ungewohnlich-heftig Augusti. Albano musste fragen warum; "ein ganz anderes Bild gab er fur der Prinzessin ihres aus", sagte der Lektor. Mithin wars Lianens ihres, schloss Albano und hatte leicht durch wenige Fragen jene traurige Geschichte von der blinden, vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht.
"O ich Unglucklicher!" rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz. Die Leiden taten ihm weh, womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen ihn bezahlen mussen die zum erstenmal blind wurde, weil sie seinen Vater so liebte220, und zum zweitenmal, weil sie der Sohn verkannte und liebte. Aber er bezwang sich und sprach nicht daruber, die Vergangenheit war ihm wie Bienen das Echo schadlich. Siebenkas bezeugte seine Freude uber Bouverots Bestrafung durch das Fehlschlagen aller Plane.
Albano horte, dass auch Luigi die ehelichen Absichten Bouverots zu unterstutzen den Schein angenommen, bloss um ihn desto hoher herabfallen zu sehen. "Mit welch einer bittern kalten langen Schadenfreude" (dachte Albano) "konnte mein Bruder in der Hoffnung auf die Grube, die sein Tod dem feindlichen Hofe und dessen Anhangern graben wurde, allen ihren Erwartungen zusehen und alle ihre Massregeln von der Ehe der Furstin an bis auf die Gluckwunsche dazu freundlich aufnehmen, indes er die Furstin und alles hasste! Und wie konnt' er diese lebenslange schweigende Kalte gegen mich behaupten?" Aber Albano bedachte zwei nahe Ursachen nicht, sein eignes stolzes Benehmen gegen den Fursten und den gewohnlichen Furstengeiz, der sich vor Apanagen-Geldern scheue.
Gaspards Verhandlungen in Haarhaar, welche der Lektor nur mit einigen von Juliennen anbefohlnen Auslassungen gab, waren diese:
Mit eigner Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirrungen der menschlichen Verhaltnisse zu und gab sie ihrer eignen Auflosung und Zerreissung hin. Hier liess er alle fremde Traume immer lebendiger und wilder werden, bis er mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schlafer wegraffte. Der alte Zorn uber die stolze Verweigerung der Furstenbraut wurde befriedigt, da er ihnen unter dem schimmernden Triumphtore ihrer Wunsche und Arbeiten die Dokumente uber Albanos Geburt, von der Hand des alten Fursten an bis auf die des Bruders Luigi, als ebenso viele bewaffnete Wachen zeigen konnte, die sie aus dem Siegestore wieder ruckwarts trieben. Man erstaunte mitleidig, ging auf nichts ein, Albano war weder dem Lande noch Reiche vorgestellt. Gaspard trug sehr ruhig eine fruhe Anerkennung von Joseph II. nach. Auch dieses wurde ausser der Regel und als ungultig gefunden. Darauf gestand er mit dem entschlossenen Zorn, mit dessen Blitzfunken er so oft plotzlich Menschen und Verhaltnisse durchbohrte, dass er ohne weiteres das ganze Betragen des Hofs gegen Luigis achtes Jahr und dessen Reise-Jahre allen Hofen entschleiern werde.
Hier brach man erschrocken die vormittagigen Unterhandlungen ab, um sich zu neuen nachmittagigen zu rusten. In diesen welche der Lektor Albano zu verheimlichen beordert war wurde von weitem der Wunsch eines fortdauernden nahern Bandes zwischen beiden Hausern gezeigt. Unter dem Bande wurde Idoine verstanden, deren Ahnlichkeit mit Lianen und dadurch Albanos Liebe gegen letztere langst als Anekdote bekannt gewesen. Aber Gaspards ganzem Entwurfe seiner vollstandigen Genugtuung stand dieser eingemischte schuldlose Engel entgegen; er der mit seinem hohen zackigen Geweih doch leicht durch das verworrene niedrige Gezweig des Weltlebens flog stiess gegen die Schranke seiner Vollmacht an, sagte geradezu Nein, und man brach entrustet ab, mit der hoflichen Erinnerung, dass Herr v. Hafenreffer als Bevollmachtigter ihn begleiten und in Pestitz das ubrige verhandeln solle.
So kamen beide an. Hafenreffer, ebenso fein und kalt als redlich, erforschte leicht alle Verhaltnisse der Wahrheit. Gaspard teilte Juliennen noch im Wahne ihrer alten Liebe gegen seine Tochter Linda den Wunsch des fremden Hofes mit; aber er wurde besturzt uber ihre Eroffnungen, welche so sehr fur Idoine sprachen als ihre bisherigen geheimen Einwirkungen auf Albano. Dazu entrustete sie ihn noch im verworrenen Helldunkel ihres Zustandes durch den gutgemeinten Antrag, ihm seine vaterlichen Auslagen fur Albano einigermassen zu erstatten. "Der Spanier lieset keine Haushaltungsrechnungen, er bezahlt sie bloss", sagt' er und nahm empfindlich Abschied auf immer, um alle Inseln der Erde zu bereisen. Albano wollt' er nicht mehr sehen, aus Verdruss uber den Zufall, dass ihm durch Schoppens Kirchen- und Graberraub das Vergnugen entwendet war, Albano durch die Entdekkung, dass er nur Lindas Vater und nicht seiner sei, fur kuhne Zweifel an seinem Werte zu strafen und zu demutigen. Wohin Linda noch in jener Nacht seiner Entdeckung als Vater gegangen war, verbarg er allen kalt.
Darauf nahm er auch feierlichen Abschied von seiner vorigen Braut, der furstlichen Witwe. "Er halte es fur Pflicht," (sagte er ihr) "ihr die neueste Erbfolge zu hinterbringen, da er einiger massen sich selber sehr in den Gang der Sache habe verflechten lassen." Nie war ihr Blick stolzer und giftiger: "Sie scheinen" (sagte sie gefasset) "in mehr als einen Irrtum verleitet zu sein. Wenn es Sie so interessiert, wie Sie sich denn uberhaupt fur dieses Land zu interessieren scheinen, so mach' ich mir eine Freude daraus, Ihnen zu sagen, dass ich das Gluck bekannt zu machen nicht mehr anstehen darf, dem ich nun gewiss entgegensehe, dem Lande vielleicht durch einen Sohn ihres geliebten verstorbnen Fursten jede Veranderung zu ersparen. Wenigstens darf man vor der Entscheidung der Zeit keine fremde Einmischung dulden." Gaspard, uber das Erwartete erzurnt, versetzte darauf bloss ein unendlichfreches Wort weil er leichter Geschlecht als Stand zu vergessen und zu verletzen vermochte und nahm darauf von ihr seinen hoflichen Abschied mit der Versicherung, dass er gewiss sei, die Bestatigung dieser sonst so angenehmen Nachricht, wo er auch sein werde, zu erhalten und dass es ihm dann leid tun gerichtliche Papiere entgegensetzen zu mussen, die er ungern in Umlauf bringe. "Sie sind ein wahrer Teufel", sagte die Furstin ausser sich. "Vis-a-vis d'un ange? Mais pourquoi non?" versetzt' er und schied mit den alten Zeremonien.
Albano, dessen Herz in allen diesen Tiefen und Abgrunden die nackten verletzten Wurzeln und Fibern hatte, konnte nichts sagen. Aber sein Freund Siebenkas ausserte ohne weiteres, "dass Gaspard bei jedem Schritte und mit dem ewigen feinen Wanken und Zogern, wie z.B. uber die Heirat seiner Tochter und sonst, nichts dargestellt habe als den lebendigen Spanier, wie ihn Gundling im 1. Teil seiner Otia so gut schildere". Augusti verwunderte sich uber diese Offenheit; indes erschien sie ihm leidlicher und zierlicher als Schoppens rauhe. "Was mich am meisten frappieren wurde," (setzte Siebenkas dazu, der, wie es schien, die Weltgeschichte zum Nebenfach genommen) "ware das lange Verschwiegenbleiben einer so wichtigen Abstammung unter so vielen Teilhabern des Geheimnisses, wenn ich nicht zu wohl aus Hume wusste, dass die Pulver-Verschworung unter Karl I. uber ganze anderthalb Jahre von mehr als zwanzig Mitwissern ware verborgen gehalten worden."
Viel verwundet und durch sich gereinigt ging Albano nach diesen Erzahlungen nachmittags ab ins zwietrachtige Reich, aber mit heiterer heiliger Kuhnheit. Er war sich hoherer Zwecke und Krafte bewusst, als alle harten Seelen ihm streitig machen wollten; aus dem hellen, freien Atherkreise des ewigen Guten liess er sich nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins ein hoheres Reich, als was ein metallener Zepter regiert, eines, das der Mensch erst erschafft, um es zu beherrschen, tat sich ihm auf im kleinen und in jedem Landchen war etwas Grosses, nicht die Volksmenge, sondern das Volksgluck hochste Gerechtigkeit war sein Entschluss und Beforderung alter Feinde, besonders des verstandigen Froulay. So sprang er nun zuversichtsvoll aus seinem bisherigen schmalen, nur von fremden Handen getriebnen Fahrzeug auf eine freie Erde hinaus, wo er allein, ohne fremde Ruder, sich bewegen kann und statt des leeren, kahlen Wasser-Weges ein festes, bluhendes Land und Ziel antrifft. Und mit diesem Trost schied er von dem toten Schoppe und dem lebendigen Freund.
145. Zykel
In der Dammerung kam er auf dem Berge an, wo er die Stadt, die der Zirkus und die Buhne seiner Krafte werden sollte, uberschauen konnte, aber mit andern Augen als sonst; Er gehort nun einer deutschen Heimat an die Menschen um ihn sind seine Landesverwandte die ahnenden Ideale, die er sich einst bei der Kronung seines Bruders von den warmen Strahlen entwarf, womit ein Furst als ein Gestirn Lander beleuchten und befruchten kann, waren jetzt in seine Hande zur Erfullung gelegt sein frommer, von Landes-Enkeln noch gesegneter Vater zeigte ihm die reine Sonnenbahn seiner Fursten-Pflicht nur Taten geben dem Leben Starke, nur Mass ihm Reiz Er dachte an die um ihn her in Graber gelegten eingesunknen Menschen, zwar hart und unfruchtbar wie Felsen, aber auch hoch wie Felsen, an die vom Schicksal geopferten Menschen, welche die Milchstrasse der Unendlichkeit und den Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten, ohne je eine Sehne daruberziehen zu konnen. "Warum ging ich denn nicht auch unter wie jene, die ich achtete? Wallete in mir nicht auch jener Schaum des Ubermasses und uberzog die Klarheit?"
Das Schicksal trieb jetzt wieder Spiele der Wiederholung mit ihm: ein flammender Wagen rollte auf einem seitwarts vom Prinzengarten ablaufenden Wege davon; langsam ruckte der Leichenwagen des Bruders mit seinen Totenlichtern den Blumenbuhler Berg hinan. "Den langsamen Wagen kenn' ich, wer ist der schnelle?" fragte Albano den Lektor. "Herr von Cesara hat uns verlassen", versetzt' er. Albano schwieg, aber er empfand den letzten Schmerz, den ihm der Ritter geben wollte. Er bat den Lektor sehr, ihn allein den Weg nach Blumenbuhl gehen zu lassen, weil er lauter Umwege nehme.
Er wollte im Tartarus das Grabmal des Vater-Herzens ohne Brust besuchen. Als er durch die larmvolle Vorstadt ging, sah ihn ein alter Mann lange starr an, floh plotzlich mit Schrecken davon und rief einer Frau, die ihm begegnete, zu: "Der Alte geht um!" Der Mann war in der Jugend ein Bedienter des alten Fursten gewesen, war blind und vor kurzem wieder heil geworden; darum sah er den ahnlichen Sohn fur den Vater an. In der Stadt war die gewohnliche Volksfreude uber Wechsel laut. In einem Hause war ein Kinderball, in einem andern eine Treppe von Sprichworterspielern; indes die Landtrauer jeden Tanzsaal und jede Buhne verschloss. Aus Roquairols Stube sahen fremde lustige Musensohne heraus. Im Wirtshause des Spaniers hatte ein Knabe die Dohle an einem Faden. Einige Leute hort' er im Vorbeigehen sagen: "Wer hatte sich das traumen lassen?" "Ganz naturlich," (versetzte der andere) "ich mauerte damals auch mit an der furstlichen Gruft und sah Ihn wie dich." In der Bergstadt waren am Trauer-Schloss alle Fensterreihen hell beleuchtet, als geb' es ein froheres Fest. Im Hause des Ministers waren alle finster, oben unter den Statuen des Dachs schlich ein einziges Lichtchen umher.
"Nein," (dachte Albano) "ich brauche nicht nachzusinnen, warum sank ich nicht auch mit unter. O genug, genug fiel von mir in die Graber Ich muss mich doch ewig nach allen entflohenen Menschen sehnen; wie Taucher schwimmen die Toten unten mit und halten mein Lebensschiff oder tragen die Anker." Draussen sah er die alte Leichenseherin auf dem Blumenbuhler Wege stehen, die ihm einst bei der Begleitung des Kahlkopfs begegnete; sie schauete starr hinauf dem erleuchteten Leichenwagen nach und glaubte, Traume zu denken und die Zukunft, als sie der Wirklichkeit zuschauete. Uberall lagen in seiner Bahn die zuckenden Spinnenfusse, welche der erdruckten Tarantel der Vergangenheit ausgerissen waren. Durch einen Flor sah er das Leben liegen, wiewohl es kein schwarzer, sondern ein gruner war.
Sehnsuchtig kam er im Tartarus, aber schaudernd vor ihm, weil ihm die Vergangenheit mit ihren Geistern nachzog, auf dem herrnhutischen Gottesacker an, wo in einem Garten ohne Blumen, den eingesunkne, eingeschlafne Trauerbirken umstanden, der weisse Altar mit dem Vater-Herzen und der goldnen Inschrift schimmerte: "Nimm mein letztes Opfer, Allgutiger!" Vor dem in eine Brust von Stein geschlossenen Herzen, das sich mit nichts regte, nicht mit einem Staubchen, tat er sein kindliches Gebet zu Gott und fuhlte, dass er seine Eltern wurde geliebt haben, und schwur sich, ihnen zu gefallen, wenn ihre hohen Augen sich noch in das tiefe Tal des Lebens richten. Er druckte den kalten Stein wie eine Brust an sich; und ging mit sanften Schritten weg, als ginge der Greis neben ihm in seiner eignen, ihm so ahnlichen Gestalt.
Er sah auf von seinem Wege zum Berge, wo ihn der Vater abends am Pfingst- und Abendmahlstage gefunden, wie zu einem Tabor der Vergangenheit; und im Gange durch das Birkenwaldchen erinnerte er sich noch wohl der Stelle221, wo einst zwei Stimmen, seine Eltern, seinen Namen ausgesprochen hatten. So von der heiligen Vergangenheit eingeweiht, kam er in seinem Kindheits-Dorfchen an und sah die Kirche wie das Wehrfritzische Haus von Lichtern erfullt, obwohl jene zu traurigem Zweck und dieses zum frohen der Gaste.
146. Zykel
Albano fand in der Verklarung, worin der Himmel ihm nur der Vergrosserungsspiegel einer schimmernden Erde war und die Vergangenheit nur das Vaterund Mutterland heiliger Eltern, in diesem Seelenglanz fand er das Erziehungshaus, worein er trat, festlich und als einen Tempel und alles Gemeine und Schwere gelautert oder nur nachgespielt auf einer Buhne. Seine Mutter Albine und die Schwester Rabette kamen mit ihren freudigen Mienen als hohere Menschen an sein bewegtes Herz. Sie wichen eilig zuruck, Julienne flog die Treppe herab und kusste den Bruder zum erstenmal offentlich, in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh. Als sie ihn losliess, fing aus der Nacht im Kirchturm das Gelaute als Zeichen an, dass der tote Bruder in die Kirche einziehe; da sturzte sie wieder auf Albano zuruck und weinte unendlich. Sie ging mit ihm hinauf, ohne zu sagen, wen er droben neben dem Pflegevater finde. Eine alte Flotenuhr, deren muhsames Spiel von jeher seltenen Gasten dargeboten wurde, quoll ihm, als er die Ture offnete, mit den Nachklangen der Kindertage entgegen.
Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwarts herabgehenden Schleier, welche mit seinem Pflegevater sprach, wandte sich um nach ihm, da er eintrat. Es war Idoine, aber der alte Zauberschein fuhr wieder uber seine heute so bewegte Seele, als wenn es Liane aus dem Himmel sei, mit Unsterblichkeit gerustet, auf uberirdische Krafte stolzer und kuhner, nichts von der vorigen Erde mehr tragend als die Gute und den Reiz. Beide fanden sich mit gegenseitigem Erstaunen hier wieder. Julienne sah ihrer kleinen Verhehlungen und Anstalten sich bewusst ein rotes Wolkchen des Unwillens uber Idoinens mildes Gesicht fliegen; es war aber bald unter dem Horizont, sobald Idoine es bemerkte, dass die Schwester unter dem Leichengelaute des Bruders die Tranen nicht bezwingen konnte, und sie ging ihr freundlich entgegen, ihre Hand aufsuchend. Idoine hatte, durch ihre Strenge leicht zum launischen Zurnen, diesem kleinen Kriege des Zorns, geneigt, sich durch scharfe lange Ubung von diesem feinsten, aber starksten Gift des Seelengluckes freigemacht, bis sie zuletzt an ihrem Himmel stand als ein reiner, lichter Mond ohne einen Regen- und Wolkenkreis der Erde.
Albano, dem die Erde, mit Vergangenheit und Toten gefullt, eine Luftkugel geworden war, die in dem Ather ging, fuhlte sich frei zwischen seinen Sternen und ohne irdisches Bangen; er nahete sich Idoinen obwohl bei dem Bewusstsein der kampfenden Verhaltnisse ihres und seines Hauses mit heiligem Mute: "Ihr letzter Wunsch im letzten Garten" (sagt' er) "wurde vom Himmel gehort." Mit jungfraulichentschiednem Sinn ging sie durch die Wildnis, worin sie bald Blumen, bald Dornen auseinanderzubeugen hatte, um weder verlegen noch verletzt zu werden; sie antwortete ihm: "Ich freue mich von Herzen, dass Sie Ihre treue Schwester auf immer gefunden haben." Wehrfritz war uber die Freimutigkeit, womit sie die Wahrheit redlich wider alle Familien-Verhaltnisse sprach, ebenso erfreuet als verwundert. "So muss man immer auf der Erde viel verlieren," (erwiderte ihr Albano) "um viel zu gewinnen" und wandte sich an seine Schwester, als woll' er dadurch diesem Worte einen vieldeutigern Sinn verwehren.
Das Totengelaute dauerte fort. Die seltsame, frohe und trube Vermischung der irdischen Schicksale gab allen eine feierliche und freie Stimmung. Albine und Rabette kamen herauf, festlich-dunkel gekleidet zum Gange in die Begrabniskirche. Julienne teilte sich zwischen zwei Bruder, und nie hob sich ihr Herz romantischer auf? das zugleich in Tranen und in Flammen stand. Sie er riet, wie uber ihren Bruder Albano ihre Freundin Idoine denke, an der sie eine festere Stimme kannte, als die heutige war, und deren susse Verwirrung ihr am leichtesten aus dem kurzen Berichte klar wurde, den ihr die offne Seele von dem Wiedersehen Albanos in Lianens Garten gemacht; auch das kleine jungfrauliche Zuruckzittern ihres heutigen Stolzes, da sie sich hier uberall fur eine auferstandene Liane, diese Geliebte des Junglings, verlegen musste gehalten finden, machte Juliennen nicht irrer, sondern gewisser.
"An einem schonen Abend" (sagte Albano zu Idoinen) "sah ich einst in Ihr schones Arkadien herab, aber ich war nicht in Arkadien." "Der Name" (versetzte sie und senkte wieder die klaren Augen bezogen zur Erde) "ist auch bloss Scherz; eigentlich ists eine Alpe und doch nur mit Sennenhutten in einem Tale." Sie hob die grossen Augen nicht wieder auf, als Julienne schweigend ihre Hand nahm und sie fortzog, weil jetzt das Leichengelaute mit traurigen einzelnen Stossen ausklang, als Zeichen, dass die Totenfeier angehe, deren Teilnahme Julienne ihrem schwesterlichen Herzen unmoglich abdingen liess. "Wir gehen in die Kirche", sagte Idoine zur Gesellschaft. "Wir wohl alle", versetzte Wehrfritz schnell. Als die beiden Madchen an Albano vorubergingen, bemerkte er zum erstenmal an Idoinen drei kleine Blatternarben, gleichsam als Erden- und Lebens-Spuren, die sie zu einer Sterblichen machten. Er blickte der hohen edeln Gestalt mit dem langen wehenden Schleier nach, welche neben seiner Schwester ebenso majestatisch, nur zarter gebauet erschien als Linda, und deren heiliger Gang eine Priesterin verkundigte, die in Tempeln vor Gottern zu wandeln gewohnt gewesen.
Kaum waren beide verschwunden, als die alten Bekannten Albanos, zumal die Weiber, denen Juliennens Gegenwart immer Albanos Stammbaum nahe gehalten, mit allen Zeichen der lang zuruckgedrangten Herzlichkeit, voll Wunsche, Freuden und Tranen auf sein Herz eindrangen. "Bleibt meine Eltern!" sagte Albano. "Bravheit ist alles auf der Erde", sagte der Direktor. "Ich tat das Meinige wie eine Mutter," (sagte Albine)"aber wer konnte las wissen?" Rabette sagte nichts, ihre Freude und Liebe waren uberschwenglich wie ihre Erinnerung. "Meine Schwester Rabette" (sagte Albano) "hat mir, als ich das erstemal nach Italien ging, die Worte auf eine Borse gestickt mitgegeben: Gedenke unserer Diese werd' ich euch allen in jedem Schicksal erfullen" und hier dacht' er, obwohl zu verschamt-bescheiden, um es zu sagen, an das, was er etwan als Furst fur seinen Pflegevater tun konnte, worunter die Zuruckgabe von dessen heimfallenden Manner-Lehn zuerst gehorte. "So wird uns denn manches zeitherige Herzeleid ", fing Albine an. "O was Herze, was Leid," (sagte Wehrfritz) "heute wird alles richtig und glatt." Aber Rabette verstand die Mutter sehr wohl.
Alle begaben sich auf den Weg zum Trauer-Tempel. Sie horten aus der Kirche die Musik des Liedes: "Wie sie so sanft ruhn"; in einiger Ferne versuchten sich Waldhorner zu frohern Tonen. Rabette druckte Albanos Hand und sagte sehr leise: "Es ist gut mit mir geworden, weil ich alles erfahren habe." Sie hatte dem unglucklichen Roquairol, seitdem er ein vielfaches Gluck und sich selber ermordet hatte, ihre ganze Liebe ins Grab zum Verwesen nachgeworfen, ohne eine Trane dazuzutun. Sie sprang auf Idoinens Gute uber, auf ihre Ahnlichkeit, "mit deren Erwahnung der Vater den Engel heute rot gemacht", und auf ihr schones Trosten Juliennens, die vor Albanos Ankunft unaufhorlich geweint. Albine lobte mehr Juliennen wegen ihrer Geschwister-Liebe. Rabette schwieg uber diese; beide waren schwesterliche Nebenbuhlerinnen; auch hatte Julienne sie als Schlachtopfer des von ihr verachteten Roquairols nach ihrem scharfen unerbittlichen System sehr kalt angesehen, indes Idoine, welche, durch ihre grossere Kenntnis der Menschen, Milde gegen die weiblichen Irrtumer des Herzens und Augenblicks mit Strenge gegen Manner verbinden lernen, nur sanft und gerecht gewesen war.
Als sie in die Kirche voll Trauerlampen traten: schlich sich Albano in eine unbeleuchtete Ecke weg, um nicht zu storen und gestort zu werden. Am hellen Altare stand heiter der ehrwurdige Spener mit dem unbedeckten Haupt voll Silberlocken, der lange Sarg des Bruders stand vor dem Altare zwischen LichterLinien. Am Gewolbe der Kirche hing Nacht, und die Gestalten verloren sich in das Dunkel, unten durchkreuzten sich Strahlen und Schlagschatten und Menschen. Albano sah wie eine Todespforte die eiserne Gitterture des Erbbegrabnisses aufgetan, worein seine frommen Eltern gezogen waren; und ihm war, als schreite noch einmal Schoppens brausender Geist hinein, um in das letzte Haus des Menschen einzubrechen. Der Bruder ruhrte ihn nur wenig, aber die Nachbarschaft der stillen Eltern, die so lang fur ihn ge sorgt und denen er nie gedankt, und die unaufhorlichen Tranen der Schwester, die er in der Empor uber der Todespforte sah, er griffen heftig sein Herz, aus welchem die tiefen ewigen Trauer tone die Tranen, gleichsam das warme Blut der Trauer und Liebe sogen. Er sah Idoine mit ihrer halb roten, halb weissen Lankaster-Rose auf der schwarzen Seide neben der Schwester stehen, sich gegen manchen vergleichenden Blick den Schleier uber die Augen ziehend Hier neben solchen Altarlichtern hatte einst die bedrangte Liane unter dem Abschworen der Liebe gekniet das ganze Sternbild seiner glanzenden Vergangenheit, seiner hohen Menschen war hinunter unter den Horizont, und nur ein heller Stern davon stand noch schimmernd uber der Erde, Idoine.
Da erblickte den Jungling sein Freund Dian und eilte herzu. Ohne viele Rucksichten umarmte ihn der Grieche und sagte: "Heil, Heil der schonen Veranderung! Dort steht meine Chariton, auch sie mochte nach ihrer Sprache222 grussen." Aber Chariton blickte unaufhorlich Idoinen wegen ihrer Ahnlichkeiten an. "Nun, mein guter Dian, ich habe manches Herz und Gluck dafur hin gezahlt, und mich wundert es, dass dich mir das Geschick gelassen", sagte Albano. Darauf fragt' er ihn als den Baumeister der Kirche nach der Beschaffenheit des Erbbegrabnisses, weil er nachher sich wolle die Asche seiner Eltern aufdecken lassen, um wenigstens stumm und dankend hinzuknien. "Davon" (sagte Dian betroffen) "weiss ich sehr wenig; aber ein grausamer Vorsatz ists, und wozu soll er fuhren?"
Die Musik horte auf, Spener fing leise seine Rede an. Er sprach aber nicht von dem Fursten zu seinen Fussen, auch nicht von seinen Geliebten in der Erbgruft, sondern von dem rechten Leben, das keinen Tod kenne und das erst der Mensch in sich erzeuge. Er sagte, dass er, obwohl ein alter Mann, weder zu sterben noch zu leben wunsche, weil man schon hier bei Gott sein konne, sobald man nur Gott in sich habe und dass wir mussten unsere heiligsten Wunsche wie Sonnenblumen ohne Gram verwelken sehen konnen, weil doch die hohe Sonne fortstrahle, die ewig neue ziehe und pflege und dass ein Mensch sich nicht sowohl auf die Ewigkeit zubereiten als die Ewigkeit in sich pflanzen musse, welche still sei, rein, licht, tief und alles.
Fur manche Menschen-Brust in der Kirche wurde durch die Rede der Vergangenheit die Giftspitze abgebrochen. Auf Albanos steigendes Meer hatte sie glattes Ol gegossen, und um sein Leben wurd' es eben und glanzend. Juliennens Augen waren trocken und voll heitern Lichtes geworden; und Idoinens ihre hatten sich schimmernd gefullet, weil heute ihr Herz zu oft in Bewegung gekommen war, um nicht in der sussen, andachtigen und erhebenden zu weinen. Einmal war Albano, da er zu ihr blickte, als glanze sie uberirdisch, und wie auf eine Luna die Sonne unter der Erde, strahle Liane aus der andern Welt auf ihr Angesicht und schmucke das Ebenbild mit einer Heiligkeit jenseits der Erde.
Nach dem Schlusse der Rede ging Albano ruhig zu beiden Freundinnen, druckte seiner Schwester die Hand und bat sie, nicht das Ende der dunkeln Feier abzuwarten. Sie war getrostet und willig. Da sie aus der Kirche traten, war ein wunderbarer heller Mondschein auf der Erde verbreitet wie ein susses Morgen licht der hohern Welt. Julienne bat sie, statt zwischen die Mauern, die Kerker der Augen und Worte, und unter das Getummel hin einzugehen, lieber vorher die hellen stillen Gegenden zu schauen. Alle trugen in ihrer Brust die heilige Welt des heitern Greises in die schone Nacht hinaus. Kein Wolkchen, kein Luftchen regte sich am weiten Himmel, die Sterne regierten allein, die Erdenfernen verloren sich in weisse Schatten, und alle Berge standen im silbernen Feuer des Mondes. "O wie lieb' ich Ihren heitern heiligen Greis" (sagte Idoine zu Albano und hatte schon oft Juliennens Hand gedruckt) "Wie gut ist mir! Ach das Leben wird wie das Meerwasser nicht eher ganz suss, als bis es gen Himmel steigt." Plotzlich kamen zu ihnen ferne Waldhorntone heraus, welche gutmeinende Landleute vor Albanos Erziehungshause als Grusse brachten. "Wie kommts," (sagte Julienne) "dass im Freien und nachts auch die unbedeutendste Musik gefallig und ruhrend wird?" "Vielleicht weil unsere innere heller und reiner dazu mittont", sagte Idoine. "Und weil vor der Spharenmusik des Universums menschliche Kunst und menschliche Ein falt am Ende gleich gross sind", setzte Albano dazu. "Das meint' ich eben, denn sie ist doch auch nur in uns", sagte Idoine und sah ihm liebreich und offen in die Augen, die vor ihren zusanken, wie wenn ihn jetzt der Mond, der milde Nachsommer der Sonne, blendend uberglanzte.
Sie wandte sich seit der Kirchenfeier ofter an ihn, ihre susse Stimme war teilnehmender, obwohl zitternder, die jungfrauliche Scheu vor Lianens Ahnlichkeit schien besiegt oder vergessen, so wie an jenem Abende im letzten Garten; in ihr hatte sich unter Speners Rede ihr Dasein entschieden, und an der Liebe der Jung frau waren wie an einem Fruhling durch einen warmen Abend-Regen alle Knospen bluhend aufgebrochen. Indem er jetzt dieses klare milde Auge unter der wolkenlosen reinen Stirn anschauete und den feinen, vom unerschopflichen Wohlwollen gegen jedes Leben uberhauchten Mund: so begriff er kaum, dass diese weiche Lilie, diesen leichten Duft, aus Morgenrot und Morgenblumen aufgestiegen, der feste Geist bewohne, der das Leben regieren konnte, so wie die zarte Wolke oder die kleine Nachtigallen-Brust der schmetternde Schlag.
Sie standen jetzt auf dem vom Immergrun der Jugenderinnerung bedeckten hellen Berge, wo Albano sonst in den Traumen der Zukunft geschlummert hatte, wie auf einer lichten hohen Insel mitten im Schatten-Meere zweier Taler. Die Lindenstadter Geburge, das ewige Ziel seiner Jugendtage, waren vom Mond beschneiet, und die Sternbilder standen blitzend und gross auf ihnen hin. Er sah Idoine nun an wie gehorte diese Seele unter die Sterne! "Wenn die Welt rein ist vom niedrigen Tage wenn der Himmel mit seinen heiligsten fernsten Sonnen das Erdenland ansieht wenn das Herz und die Nachtigall allein sprechen: nur dann geht ihre heilige Zeit am Himmel an, dann wird ihr hoher stiller Geist gesehen und verstanden und am Tage nur ihr Reiz", dachte Albano.
"Wie manchmal, mein guter Albano," (sagte die Schwester) "hast du hier in deinen verlassenen Jugendjahren zu den Bergen nach den Deinigen gesehen, nach deinen verborgnen Eltern und Geschwistern; denn du hattest immer ein gutes Herz!" Hier blickte ihn Idoine unbewusst mit unaussprechlicher Liebe an und sein Auge ihres. "Idoine," (sagt' er, und ihre Seelen schaueten ineinander wie in schnell aufgehende Himmel, und er nahm die Hand der Jungfrau) "ich habe noch dieses Herz, es ist unglucklich, aber unschuldig." Da verbarg sich Idoine schnell und heftig an Juliennens Brust und sagte kaum horbar: "Julienne, wenn mich Albano recht kennt, so sei meine Schwester!"
"Ich kenne dich, heiliges Wesen", sagte Albano und druckte Schwester und Braut an eine Brust. Und aus allen weinte nur ein freudetrunknes Herz. "O ihr Eltern," (betete die Schwester) "o du Gott, so segne sie beide und mich, damit es so bleibe!" Und da sie gen Himmel sah, als die Liebenden im kurzen heiligen Elysium des ersten Kusses wohnten, so blickten unzahlige Unsterbliche aus der blauen tiefen Ewigkeit die fernen Tone und die milden Strahlen verwoben sich ineinander und das schlummernde Reich des Mondes erklang "schauet auf zum schonen Himmel," (rief die freudentrunkne Schwester den Liebenden zu) "der Regenbogen des ewigen Friedens bluht an ihm, und die Gewitter sind voruber, und die Welt ist so hell und grun wacht auf, meine Geschwister!"
Ende
Fussnoten
1 Diese 35 Ellen hohe Statue auf einem Gestelle von 25 Ellen, in deren Kopfe 12 Menschen Raum antreffen, steht bei Arona und halt gerade mit der gegenuberstehenden Isola bella, die mit 10 aufeinander gebaueten Garten oder Terrassen aufsteigt, einerlei Hohe. Keysslers Reisen etc. B. I. 2 Die alten Kremnitzer haben das Christuskind auf dem rechten Arm; die neuen und leichtern auf dem linken. 3 Franklin riet das Aufbewahren und Bouchieren ausgetrunkener Gefasse an, um das Schiff dadurch oben zu erhalten. 4 Gemalde von Peter Molyn den man wegen seiner guten Gewitter nur Tempesta nannte. 5 Der Pasquino ist bekanntlich verstummelt. Della Porta war ein grosser Erganzer alter Statuen. 6 D.h. zwischen zwei holzernen Walzen und einer metallenen gepresset werden. 7 Diese Pille besteht aus Spiessglaskonig und wird ihrer Festigkeit wegen stets von neuem mit altem Erfolge gebraucht: man schuttet bloss vorher einen Aufguss von Wein daruber. 8 Tirare di prima vera nennts das Volk, und Peter Schoppe ubersetzt es erhaben genug: elektrisches Pistolenzeug des Lenzes. 9 Wir sehen uns nie, mein Sohn. 10 Wir sehen uns einst, mein Bruder. 11 Ein guter Wouwermann heisset in der Malersprache ein gut gemaltes Pferd, dessen Beschauen auf die Schonheit des kunftigen Fullen einfliesset. 12 So heisset das Quantum, das man den Beisitzern des Kammergerichts, wenn sie nicht genug gearbeitet haben, vorenthalt. 13 Die Ipecacuanha gehort zum Veilchengeschlechte. 14 Aus dem Orden des heiligen Pauls oder memento mori, der in Frankreich im 17ten Jahrhundert erlosch. Die obige Anrede ist ihr gewohnlicher Gruss. 15 Den Zahuris in Spanien wird bekanntlich die Kraft zugetrauet, Leichname, Metalladern etc. in der tiefen Erde zu erblicken. 16 Anspielung auf die Erzahlung einiger Astronomen, dass die verfinsterte Sonne zuweilen durch eine Offnung des Mondes geblitzet habe, wie es z.B. Ulloa 17 In Kalabrien waren im Zeitraume von Jahren (1785) tausendundvier Erschutterungen. Munters Reise etc. 18 Reflexions critiques sur la Poesie etc. de Dubos. T. I. Sect. 42. 19 Sueton. Nero. 20 Ich habe schon gesagt, dass er da erzogen wurde bei dem Landschaftsdirektor von Wehrfritz 21 Bekanntlich wird diesem Evangelisten ein Engel beigesellet. 22 An einen deutsch. Kammerprasident. 1. B. Seite 296. 23 Denn Boyle fand in seinen Versuchen, dass Ranunkeln, Munze etc., die er im Wasser grosswachsen lassen, die gewohnlichen aromatischen Krafte entwickelten. 24 Modesten wollen einige statt der Beinkleider horen. 25 Gemach, es ist unschicklich, wenn man seine Serviette fruher aufmacht als andre Leute. 26 Es ist unschicklich, wenn man auf seine Suppe blaset. 27 Um Verzeihung, es ist Hecht au four; aber es ist unschicklich, nach dem Namen einer Schussel zu fragen man tut, als wisse man ihn schon. 28 Die weibliche Valisnerie liegt zusammengerollt unten im Wasser, aus welchem sie mit der Blumenknospe aufsteht, um im Freien zu bluhen; die mannliche macht sich dann vom zu kurzen Stengel los und schwimmt mit ihrem trocknen Blutenstaube der erstern zu. 29 Die vorhergehenden schonen Oktobertage so wie die Kanikularferien und der April und kurz der Vorrest des Jahres wurden am gedachten 22sten Oktober und dieser selber nachgeschaffen. So lehn' ich leicht die Frage nach der Vorzeit ab. Denn datiert einer die Welt anders, z.B. vom 20sten Marz, wie Lipsius und die Patres taten. so muss er immer zu meinem Nachschaffen des Vorjahrs greifen, wenn ich ihm mit seiner eignen obigen Frage zu Leibe gehe. 30 Man glaubte sonst, dass ein Rubin angenehme Traume gebe. 31 Arnolds Kirchengeschichte von Preussen. 1. B. 32 In Catana ist der Schleier der heiligen Agatha das einzige Gegengift des Atna. 33 Anspielung auf die Fackeln, vor denen man das Kolosseum und die Antiken und die Gletscher, die beides sind magischer glanzen sieht. 34 Wie die Himmelskonigin, Juno, von den Alten immer blau verschleiert wird. Hagedorn uber die Malerei. 35 Eine alte Maschine, die viele Schusse auf einmal tut. 36 In Italien sehen die Sterne nicht silbern, sondern golden aus. 37 Bei gewitterhafter Luft steigen aus Orangelilien, Goldblumen, Sonnenblumen, indischen Nelken etc. kleine Flammen. 38 Wahrscheinlich auf flatternden Goldblechen gegen die Vogel. 39 Nach Camper haben Hektiker sehr weisse und schone Zahne. 40 Derham (in seiner Physiko-Theologie 1750) bemerkt, dass Taube unter dem Getose am besten horen, z.B. ein Harthoriger unter dem Glockengelaute; eine taube Wirtin unter dem Trommeln des Hausknechts. Daher wird vor Fursten und Ministern, die meistens schlecht horen, Musik-, Pauken- und Kanonen-Larm, Volk leichter horen. 41 In dessen Wand die Frau mit dem Souvenir ist. 42 Diese fruhzeitige Vollendung des Wuchses hab' ich an mehreren ausgezeichneten Weibern bemerkt, gleich als sollten diese Psychen Schmetterlingen gleichen, die nicht wachsen nach der Entpuppung. 43 Mit Disteln wird das Tuch gerauhet, d.h. aufgekratzt, um es besser zu scheren. 44 "Sehen Sie, wie vortrefflich Ihr Le Cain (ein beruhmter Schauspieler) seine (Mord-)Rolle spielt." 45 "Sie wollen, wie es scheint, das Schicksal dieser Seherin noch eher entscheiden, als das unsrige entschieden ist." Er meint hier die Ehescheidung, die zwischen beiden nur durch den wechselseitigen Wunsch, Lianen zu behalten, verschoben wurde. 46 "So gehort sichs fur Ihre Verschonerungskunst, sowohl blind zu machen als zu sein, der Liebesgott ist das Modell dazu." 47 "Das ware eben vorher Ihre Sache gewesen." 48 Eine nervenschwache (ich weiss nicht, obs die namliche ist), welche viel Religion, Phantasie und Leiden hatte, wurde, wie sie mir erzahlt, auf dieselbe Weise blind und auf dieselbe geheilt. 49 Das ewige Prickeln der empfindlichern FingerNerven durch Strick-, Tambour- u.a. Nadeln macht vielleicht so gut wie das Beruhren der Harmonikaglocken durch Reizen nervenschwach. 50 Der Tartarus ist die melancholische Partie in Lilar. 51 Den Blutumlauf beschleunigt Hochmut bis zum Wahnsinn. Ubrigens ist die ganze Bemerkung von dem pharmazeutischen Werte des Hochmuts aus Tissots "traite sur les Nerfs" geholt. 52 So hiess bei den Romern ein Mann, der hinter der Leiche ging und die Gebarden und das Wesen derselben im Leben nachaffte. Pers. Sat.3. 53 Dieser hatte fruher dem spanischen Ritter die Prinzessin abgeschlagen; es sind mir aber uber diesen wichtigen Artikel hinlangliche Dokumente versprochen. 54 Dians Familie wohnt in Lilar. 55 Sonst glaubte man, dass eine im Chorstuhle liegende Lilie den Tod dessen bedeute, dem er gehorte. 56 Honnetete schliesset in den hohern Standen Morden, deshonnetete, Lugen etc. vollig aus; ausgenommen in einem gewissen Grade. 57 Dieser Hof ist katholisch, aber das Land lutherisch, und zu dieser letztern Konfession bekennt sich auch der Hohenfliesser. 58 S. des Grafen Lamberg Tagebuch eines Weltmannes. 59 Wer in die Akademie der Arkadier tritt, nimmt einen arkadischen Namen an. 60 Sie haben eine ganze Stube zum Winterleben, der man im Sommer bloss die Fenster aushebt. 61 So hiess uberall der einsiedlerische Emeritus, der da wohnende Hofprediger Spener, der mit dem edlen alten frommen Spener nicht nur von vaterlicher Seite verwandt war, sondern auch von geistiger. 62 Sie hatten als Zwillinge diese Namen. 63 Der Tartarus mit dem Vaterherzen Juliennens. 64 So heisset jener Berg, den Albano in der bekannten Fruhlingsnacht gefunden. 65 Linda de Romeiro. 66 Die Ursache ist, weil sie nach der Genesung noch kurzsichtig war, und ein Kurzsichtiger sieht den Tau glanzender. 67 Dieser Satz, dass die reine Musik ohne Text nichts Unmoralisches darzustellen vermoge, verdient von mir mehr untersucht und ausgefuhrt zu werden. 68 Es kann mir nicht vorgeworfen werden, dass ja die Szenen meines Buchs wirklich erlebte waren und dass man keine bessere zu erleben wunschte denn in der Darstellung der Phantasie nimmt die Wirklichkeit neue Reize an Reize, mit welchen auch jede andere zuruckgewichene Gegenwart magisch die Erinnerung durchschimmert. Ich berufe mich hier auf die Empfindung des Personales selber, das im Titan handelt, ob es nicht in meinem Buche wenn es anders daruber gerat an den abgemalten Szenen, die doch seine eignen sind, einen hohern Zauber findet, der den wirklichen abging, und ders freilich machen konnte aber ganz mit Unrecht , dass das Personale wunscht, sein eignes Leben zu erleben. 69 Oder Athanor, ein chemischer Ofen, der lange Zeit ohne Nachschuren fortarbeitet. 70 Nach Lempriere. 71 Sanhedrin. c. 2. Misch. 3. 72 Cic. ad Quirit. post redit. c. 3. 73 Seine Sekte liess durch Christi Hollenfahrt alle Bose aus der Holle kommen, Abraham, Enoch, die Propheten etc. aber nicht. Tertull. adv. Marcion. 74 So heissen schwarze Farben. 75 So heisset die Linie, die man von der Sonnennahe zur Sonnenferne zieht. 76 Ein mit dem Gesichte zuerst in die Welt tretendes Kind kann spater den Kopf nicht vorwarts beugen. Hausmutter V. B. 77 So heisset das Invalidenhospital in Kopenhagen. 78 In Darwins Zoonomie 1. B. S.529, wird einer angefuhrt, der vor Zuschauern es machte. In Paris tat ein andrer dasselbe durch Luft, die er in den Magen schluckte. 79 In Wien machte ein Institut aus altem Lack neuen und steuerte mit dem Ertrage Arme aus. 80 So geschmacklos wollte Basedow eine Tochter zum Andenken des auf Pranumeration erscheinenden Elementarwerks taufen lassen. S. Schlichtegrolls Nekrolog. 81 So heisst an einigen Orten die Schwindsucht. 82 Ein Mikrometer besteht aus feinen, in das Sehrohr eingespannten Faden, die zum Messen der kleinsten Entfernung dienen. 83 Das Passageinstrument oder Kulminatorium beobachtet es, wenn ein Stern den hochsten Stand in seinem Laufe hat. 84 Autarchen; denn Monarchen oder Einherrscher sind von Selbstherrschern etymologisch verschieden. 85 Spielet er damit auf die furchterliche weisse Gestalt in meiner Vision von der Vernichtung an? 86 So heisset die Gestalt eines Sterbenden. 87 Simons christl. Altertumer, von Mursinna etc. p. 143. 88 Anspielung auf die Art, Frosche mit einem Stuckchen roten Tuch zu angeln. 89 Der Mond. 90 Die unbekannten Erfrornen werden von den Monchen unbegraben aneinander, jeder an die Brust des andern angelehnt. 91 Linda de Romeiro. 92 Er soll lehrend immer auf die leere Knopf-Statte eines Studenten gesehen haben; und wurde irre, als dieser sie besetzt hatte. 93 Die Zeit des Sonnenuntergangs, welche die sudlichen Lander so sehr fliehen. 94 Tempestiarii oder Wettermacher hiessen im Mittelalter die Hexenmeister, welche Ungewitter erregen konnten. Man brauchte in Kirchen Wettergebete gegen sie; und andere Hexenmeister, die jenen entgegenarbeiteten. 95 Die polnischen Tanzer tragen immer eine Peitsche unter dem Pelze damit die Tanzerin durch die Schlage entschuldigt ist, wenn sie mit ihm fehlet. Oberschles. Monatsschrift, 1stes St., Jul. 1788. 96 Geistersche 97 So nannten ihre Schliesser die Gefangnen. 98 Alexand. ab Al. V. 4. 99 Um sich von dem Adler des Kaisers zu unterscheiden, der in beiden Fangen etwas halt. 100 Bouverot war katholisch. 101 meinte eine mit dem armen Lektor. 102 Ich meine nicht (wie es etwa aus dem Verkaufen scheint) Pitt den Minister, sondern Pitt den Diamanten, den der Vater des jetzigen dem Herzog Regenten von Frankreich verhandelte und fur dessen Splitter er noch 12000 Dukaten bekam. 103 Ich verkaufe bloss die Landschaften und gebe die 104 Plaut. Bach. Act. 4. Scen. 7. 17. 105 7ter Teil der neuen Sammlung der Reisebeschreibungen. 106 Ich spreche mehr von Tochtern, weil diese die gewohnlichsten und grossten Opfer sind; die Sohne sind unblutige Messopfer. 107 Plin. H. N. VIII. 16. 108 Und das ist durchaus wahrscheinlich. Doktor Eduard Hill berechnete dass in England jahrlich 8 000 an der unglucklichen Liebe am gebrochnen Herzen, wie die Englanderinnen ruhrend sagen sterben. Beddoes erweiset dass die vegetabilische Kost und diese lieben gerade diese Wesen die Schwindsucht nahre und dass die weiblichen sich zu dieser neigen. Noch dazu fallen die Zeiten der Sehnsucht, die schon ohne Fehlschlagen, wie das Heimweh zeigt, eine vergiftend-herumziehende Bleikugel ist, in die Jugend ein, wo der Same der Brustkrankheiten am leichtesten aufgeht. O manche fallen in der Ehe unter falschen Auslegungen vor dem Todesengel, dem sie vor ihr das Schwert gescharft und gegeben. 109 Forsters Ansichten. I. B. 110 Weigel in Jena erfand die Verkehrtbrucke (pons hen glaubt durch Aufsteigen. Busch Handbuch der Erfindungen. 7. B. 111 Es hatte den Namen von seiner Hohe und von dem oftern Einschlagen des Blitzes. 112 Basa Mezia. c. 4. m. 10. 113 Bekanntlich sind die Fruhlingsblumen wegen der Nasse und des Schattens meist verdachtige; wie die Herbstblumen. 114 Dieses Selbst-Ertonen wie die Riesenharfe bei verandertem Wetter unberuhrt anklingt ist in Migrane und andern Krankheiten der Schwache haufig; daher im Sterben; z.B. in Jakob Bohme schlug das Leben wie eine Konzertuhr seine Stunde von Harmonien umrungen aus. 115 Irgendeine uneigennutzige Liebe muss ewig gewesen sein. Wie es ewige Wahrheiten gibt, so muss es auch eine ewige Liebe geben. 116 Darum vielleicht, warum der Dichter seine so bestimmt und oft angeschaueten Geschopfe nicht in seinen Traumen unter den Bildern des Tages gehen sieht. 117 Denn an seinem und ihrem Abendmahlstage hatt' er an ihren Tod durch das Gewitter geglaubt. 118 z.B. die Winterlevkoje. 119 Jede partiale Ausbildung wirkt freilich fur das Ganze gut, aber nur darum, weil dessen entgegengesetzte partiale sie in einer hoheren Gleichung und Summe aufhebt, so dass aus allen einzelnen Menschen nur die Glieder eines einzigen Riesen werden, wie der Schwedenborgische ist. Aber insofern in dem einen Individuum ein Mangel entsteht, der einem entgegengesetzten in dem andern abhilft so dass der Weg der Menschheit gleich sehr plagt und stosset durch Vertiefung und durch Erhohung , so sieht man, dass jede einseitige Fulle nur Kur der Zeit ist, nicht Gesundheit derselben; und dass das hohere Gesetz zwar langsamere individuelle, aber harmonische Ausbildung bleibt; zwar kleinere, aber allseitige und dadurch in der spatern Zeit sogar schnellere. Wir vergessen immer, dass wie in der Mechanik sich Kraft und Zeit gegenseitig erganzen die Ewigkeit die unendliche Kraft sei. 120 Nach dem Ingenieur Borreux trifft wortlich nur der 1 000te Schuss des kleinen Gewehrs. So ists uberall, furchte den Tod, so stehen fallende Blumentopfe der Fenster, Blitze aus blauem Himmel, losgehende Windbuchsenschusse, Herzpolypen, wutige Hunde, Rauber, jede Fingerwunde, aqua toffana, Schwamm-Leckerei etc., kurz die ganze Natur diese immer fortgehende zerquetschende KochenillenMuhle steht mit unzahligen geoffneten Parzenscheren rings um dich, und du hast keinen Trost, als dass dem ungeachtet die Leute achtzig Jahre alt werden. Furchte die Verarmung: so fassen dich Feuers-, Wasser-, Teurungs- und Kriegsnoten, eine Diebs-Vendee, Revolutionen mit gierigen Krallen und Fangen ein, und doch, du Reicher. Wird der Arme unter denselben Stossvogeln hinkriechend am Ende so reich wie du. Geh also kuhn durch die schlummernde Lowenherde rechts und links liegender Gefahren zum Brunnen hindurch, nur wecke sie nicht mutwillig auf. Freilich zieht einzelne ein Hollengott hinab, die nichts furchteten; aber auch einzelne ein oberer Gott hinauf, die nichts erwarteten; und Furcht und Hoffnung gehen hier unter in einer gemeinschaftlichen Nacht. 121 Titan I. B. S. 80. 122 Am Hofe des Konigs Olaus bot sich der Konigsjungling Olo, als Landmann gekleidet, der Tochter zum Schutze gegen Rauber an. Damals galt Feuer der Augen und Adel der Gestalt als Beweis einer hohen Abkunft; so erkannte z.B. die Suanhita den Konig Regner in der Hirtentracht an der Schonheit seines Auges und Gesichts. Die Konigstochter blickte prufend in Olos Flammenauge und kam der Ohnmacht nahe; sie versuchte den zweiten Blick und war ohne Besinnung, und bei dem dritten in Ohnmacht. Der gottliche Jungling schlug daher das Augenlid nieder, enthullte aber die Stirn und sein goldnes Haar und seinen Stand. S. der Deutsche und sein Vaterland von Rosenthal und Karg I. S. 166, 167. 123 Denn was man Licht nennt, ist nur starkeres Weiss. Niemand sieht nachts den Lichtstrom, der vor der Erde vorbei von der Sonne auf den Vollmond hinaufsturzt. 124 Dieses warmere, zartere, furchtsamere, immer gelobte, mehr in fremder als eigner Meinung lebende Geschlecht sticht ein Tadel giftig, der uns nur blutig reisset, wie verletzende Tiere in warmen Landern und Monaten vergiften, und in kalten nur verwunden. Daher bedenke der Madchenschulmeister, dass eine Dosis, welche Satire auf den Knaben ist der ohnehin der Meinung widerstehen soll , Pasquill wird, wenn sie seine Schwester einbekommt. 125 Namlich immer waren Briefe von Lianen an Albano dareingeschlagen. Man sehe hier wieder an zwei Exempeln, wie an der Liebes-Harmonika ein Bruder als Tastatur fur die Schwester vorstehen musse, die zu den Glocken will. Es sollte daher immer ein Paar Paare geben, kreuzweise verschwistert und liebend. 126 "Ein solcher Charakter" (schreibt Hafenreffer dabei) "ware fur Romanen-Kotzebues erwunscht, weil diese, da er seiner Natur nach immer den Wert der Situation durch den zufalliger, Ort derselben schaffen und heben will, unter dem Deckmantel seiner Personlichkeit ganz der ihrigen fronen und die Schwache des Dichters in die Schwache des Helden verkleiden konnten." Mich dunkt, dieses ist, so viel ein Biograph von Romantikern urteilen kann, sehr treffend. 127 Dessen moralische Abhandlungen II. 96. 128 Bei der furstlichen Vermahlung. 129 Bei den Agyptern waren die Zauberer nur Gelehrte, bei ihm die Gelehrten Zauberinnen. 130 Memoires secrets sur les regnes de Louis XIV etc. par Duclos. T. I. 131 Bekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzgebliebenen Vogel etc. zum Zeichen gemacht, dass er auf der furstlichen Tafel gewesen, damit er nicht wieder aufgesetzt werde, sondern sonst genossen. 132 S. Klockenbrings gesammelte Aufsatze. 133 Damer oder zur Dame machen musste der Konig vorher ein unverheiratetes Madchen von Stande, eh' es nach Versailles an den Hof gehen durfte. 134 Beseke fand es. S. uber das Elementarfeuer, von ihm 1786. 135 Furchterlich schreiet dieses wahre Geschrei der Menschheit im 4. Teil von Hess's Durchflugen S. 156 nach; jetzt hat es eine wohltatigere Regierung durch die Wildsteuer gestillt. 136 Fur ihn wars innerster Genuss, ein solches Hochzeitgedicht ganz mit den Reimen, Flugen und Ausrufungs- und Anrufungszeichen des ersten besten Neujahrsreimers der Welt zu schenken, und das Bewusstsein seiner reinen, obwohl satirischen Absicht beruhigte ihn ganz uber jeden Tadel einzelner schwulstiger oder zu sklavischer Wendungen. 137 Zwischen zwei Fenstern stand immer ein Pfeilerspiegel und mengte seine zuruckgespiegelte ferne Perspektive unter die der Fenster. Jedem Spiegel stand nur ein Fenster gegenuber; den Zwischenraum zwischen beiden verbarg und erfullte Laubwerk. 138 Ich bin nur ein Traum. 139 Es braucht eben keinen Gott, wenn nicht ein Knoten daliegt, der nicht anders zu losen ist. 140 Und ein Vierter (wenn namlich die Eheleute und der Freund da sind) braucht nicht mit in die Sache zu reden. 141 Wo der Furst gestorben und sie erblindet war. 142 Dessen Lettres sur les Aveugles. 143 Die helle Kammer. 144 Wo Albano zum letzten Male selig mit Lianen war. 145 Die Sineser konnten sonst auf Porzellan Fische und andere Gestalten malen, die nur sichtbar wurden, wenn man das Gefass anfullte. Lettres edifiantes etc. XII. recueil. 146 Linda. 147 z.B. der deutsche kaiserliche Hof keine Bedienten-Livreen. 148 In Rom scheinen Gebaude aus beiden zu bestehen, haben aber nur den Anwurf davon. 149 Titan I. S. 39. 150 Symmer beobachtete folgendes: weisse und schwarze Strumpfe, bei trocknem, kaltem Wetter ubereinander getragen, sind, wenn man den aussern bei dem untern Ende, den innern beim obern auseinanderzieht, entgegengesetzt geladen, der weisse positiv, der schwarze negativ; in der Ferne blasen sie sich gegeneinander auf und suchen sich; einander beruhrend, hangen sie platt und breit darnieder. Fischers physik. Worterbuch. L B. 151 Auf Wilhelmshohe geht ein langer musikalischer Ton dem Fallen der Wasser voraus. 152 Beides ist der Name des alten deutschen Donnergottes; er meint sich aber damit selber. 153 Die Molosser nannten alle schonen Weiber Proserpinen. 154 So sollte man Schillers heilige Jungfrau nennen. 155 Sein Albano. 156 So nannten die Wenden den Tod. 157 Ein Englander bemerkte, dass unter den fixen Ideen des Irrhauses selten die der Unterwurfigkeit vorkomme; meistens bewohnen es Gotter, Konige, Papste, Gelehrte. 158 Wenn. 159 Bekanntlich lehnen sie da unverweset aneinander. 160 Der ihm auf Isola bella erschienen war. 161 Wo sie ihm in der Wolke zerflossen war, als er sie umfassen wollte. 162 Ein Schwan kann mit dem Flugelschlag einen Arm zerbrechen. 163 Sie hielt ihr hiesiges Leben fur ein ruhiges Spielund Kinder-Leben, erst das zweite fur das tatige. 164 Hier und weiter redet sie zwar irre; aber sie weiss es doch, dass der Grasblumenkranz von Charitons Kindern ist. 165 Sie sieht das Herbstlaub. 166 Die Stelle heisset in Cardan. praecept. ad filios c. 16. so: Longobardo rubro, Germano nigro, Hetrusco lusco, veneto claudo, Hispano longo et procero, mulieri barbatae, viro crispo, Graeco nulli confidere nolite. 167 z.B. der Kapellmeister Naumann. 168 Er wollte Assonanz und Kosekante sagen. 169 Walkuren sind reizende Jungfrauen, die vor der Schlacht diese weben und die Helden bestimmen, die fallen mussen. 170 Die Leiche gehet aufgedeckt zum Begrabnis, ihre Begleiter folgen vermummt. 171 So heisset z.B. in Ungarn der Diakonus. 172 Zehn Uhr. 173 des Jupiter tonans. 174 Der Leib im Pantheon, der Kopf in der heiligen Luka-Kirche. 175 Die Pantheons-Halle scheint zu niedrig, weil einen Teil ihrer Stufen der Schutt verbirgt. 176 27 Fuss hat die Dachoffnung im Durchmesser. 177 Der Polstern steht wie andere nordliche Sternbilder in Suden tiefer. 178 Die Summe und das System elektrischer, galvanischer, chemischer, anatomischer Erfahrungen, die Taktik, ein corpus juris u.s.w. konnen uns wohl in Erstaunen setzen, aber die Menschheit selber erscheint nicht grosser durch Riesengebaude, die von Millionen Elefantenameisen zusammengetragen werden; allein wenn ein Elefant ein Gebaude tragt, wenn ein Individuum irgendeine Kraft in neuen Graden und Verhaltnissen zeigt, Newton die mathematische Anschauung, Raffael die bildende, Aristoteles, Lessing, Fichte den Scharfsinn, oder ein anderes die Gute, die Festigkeit, den Witz u.s.w.: dann gewinnt die Menschheit, und ihre Schranken rucken hinaus. 179 In Gronland macht die heftige Kalte schwarz und blind. 180 Wohin seit Servius Tullius' Zeit alle Scherben geworfen werden. 181 S. Titan 1. S. 28. 182 Wie schon ist er! 183 Roquairol. 184 Julienne. 185 Gaeta. 186 Die Insel Ischia mit dem Berg Epomeo, so hoch wie der Vesuv Kapri u.s.w. 187 Borgo d'Ischia. 188 Er meint die Traube, die dreimal des Jahres da gewonnen wird, im Dezember, Marz und August. 189 Die Insel Ischia selber. 190 Taggesicht (Hemeralopie) ist gewohnlich in heissen Landern; der starkste Grad ist, nachts sogar gegen Licht blind zu sein und erst am Morgen wieder sehend. 191 Es gibt metamorphotische Spiegel, die junge Gesichter veraltet darstellen. 192 Ihn und Liane. 193 Bei Baja. 194 Frage sie nicht langer, denn ihr Vater soll, wie man sagt, an ihrem Hochzeittage kommen. 195 Eine sehr schone Kartause bei Valencia. 196 Die Sangvogel sind in Italien selten, weil man sie fur die Kuche auf dem Markt verkauft. 197 Dian liebte den Virgil nicht. 198 So schwer und langsam walzt sich der breite Lavastrom herunter, dass ein Mensch vor diesem gluhenden Todesfluss, der alles verschlingt, erstickt und zerschmilzt, was er beruhrt, vorausgehen und die Zerstorung hinter sich sehen kann, ohne sich in die Gefahr einer eignen zu setzen. 199 Oder Puster, die bekannte altdeutsche Gotzenstatue voll Locher, Flammen und Wasser. 200 Des Kahlkopfs, der ihm nach 14 Monaten Wahnsinn prophezeiete. 201 Der Oheim hatte wieder gelogen, denn er war, wie man aus diesem Bande weiss, vorher nach Rom gegangen, wo er dem Ritter und der Furstin die Pestitzer Briefe ubergeben. 202 Ich wurde lieben. 203 Bei den Morlacken. S. Sitten der Morlacken. Aus d. Italien. 1775. 204 Titan II. S. 273 etc. 205 Eine Stelle aus Albanos Brief an Roquairol. Titan 1. S. 232. 206 Liebe und Freundschaft. 207 Der Mond. 208 Aber! Gott, er hat sich re vera umgebracht Teufel, er ist tot! O wer wird mich bezahlen? 209 So viel bekommt jeder Professor Preis-Geld fur jede bessere Grammatik und jedes bessere Kompendium; so fur jede Dissertation 50 Dukaten u.s.w. Tychsens Zusatze zu Bourgoings Reise. 2. B. 210 Eine verlangte z.B. den Konig zu sehen; er trat so lange auf den Balkon heraus, bis sie befriedigt war. 211 seinen Hund. 212 S-s heisset Siebenkas. Aus den Blumen-, Fruchtund Dornenstucken ist bekannt, dass Schoppe fruher Siebenkas sich genannt dann diesen Namen an seinen ihm bis zum Gesichte ahnlichen Freund Leibgeber abgegeben, von dem er den seinigen angenommen und dass der Freund sich zum Schein ein Grabmal als Siebenkas errichten lassen. 213 Titan, 1. Band, S. 40 u.s.w. 214 Josephchen. 215 S. 128 im 1. Band des Titans. 216 1. Band des Titans, S. 126. 217 1. Bd. S. 95. 218 Er meint Liane, welche Spener durch die feierliche Enthullung von Albanos Geburt und Bestimmung einer unter lauter giftigen Blumen aufgewachsenen Liebe zu entsagen notigte. 219 Nie unter ihrem Stand zu heiraten. 220 Liane wurde, wie bekannt, als ihr Bruder neben dem alten Fursten auf die Brust ohne Herz die Rede hielt, krank und blind. 1. Bd. des Titans, S. 156. 221 Titan, 1. Bd. S. 78. 222 Namlich: freue dich!