1799_Vulpius_102 Topic 1

Christian August Vulpius

Rinaldo Rinaldini der Rauberhauptmann

Romantische Geschichte

Erster Teil

Nunquam ad liquidum fama perducitur

Q. CURTIUS

Ganz Italien spricht von ihm; die Apenninen und die Taler Siziliens hallen wider von dem Namen Rinaldini. Er lebt in den Canzonetten der Florentiner, in den Gesangen der Kalabresen, und in den Romanzen der Sizilianer. Er ist der Held der Erzahlungen in Kalabrien und Sizilien. Am Vesuv und am Atna unterhalt man Rinaldinis Taten. Die geschwatzigen Stadtebewohner Kalabriens versammeln sich abends vor ihren Hausern und jeder in der Versammlung weiss ein Geschichtchen von dem valoroso Capitano Rinaldini zu erzahlen. Es ist ein Vergnugen, sie darinnen wetteifern zu horen. Die Hirten in Siziliens Talern unterhalten sich wechselseits mit Rinaldinis Abenteuern, und der einsilbige Landmann, der des Tages Last und Hitze trug, wird belebt, wenn er des Abends im Zirkel seiner Bekannten von Rinaldini sprechen kann. Weib und Madchen, Junglinge und Knaben horen mit Entzucken ihre Vater und Manner von Rinaldini sprechen. Kein Schlaf kommt in ihre Augen, will der Hausvater bei der Arbeit sie munter erhalten, und erzahlt von Rinaldini. Er ist der Held der Erzahlungen in den einsamen Wachtturmen der verschlossenen Soldaten an der Kuste, und gibt den Seeleuten Stoff zur Unterhaltung, wenn die Langeweile eines mussigen Landlebens oder einer Windstille auf dem Meere sie qualt. Von Verdecken wie von Berggipfeln, in Spinnstuben wie in blumigen Talern ertonen die Canzonetten, die auf Rinaldini gedichtet wurden, und uber so manche kussliche Lippe schleicht harmonisch der Sang:

"An der lauten Meereskuste,

In dem Tal, in Feld und Wald,

In der oden Berge Wuste

Such ich deinen Aufenthalt.

Rinaldini! dich zu finden

Eil' ich angstlich durch die Flur,

Und um mich Verlassne schwinden

Alle Reize der Natur."

Sanfte Rosa, die Betrubte,

Die ihn im Gefecht verlor.

Angstlich weinte die Geliebte,

Die Rinaldo sich erkor.

Sieh, da glanzt' im Mondenschimmer

Hell ein aufgespanntes Rohr.

Rosa sah des Rohrs Geflimmer,

Das in Buschen sich verlor.

"Ach dahin! Ich werd' ihn finden,

Sagt des Herzens Ahnung mir.

Und wenn alle Sterne schwinden,

Zeigt die Liebe Pfade mir.

Saht ihr nicht, ihr hellen Sterne,

Saht ihr nicht den kuhnen Mann,

Den ich suche nah und ferne,

Ach! und ihn nicht finden kann?

Husch! und horch! es rauscht dort druben,

Ha! es pfeift! Das ist sein Ton.

Ja! ich find ihn, meinen Lieben,

Seine Stimme hor' ich schon." u.s.w.

Wollen wir sie nicht auch horen? Wenn's gefallig ist, herbei! Hier ist Rinaldini's Geschichte. Die Abenteuer, welche man von ihm erzahlt, sind geordnet, wie es die Zeitfolge fordert, und wenn die Erzahlung derselben meinen Lesern nur halb soviel Vergnugen macht; nur halb soviel Unterhaltung gewahrt, als das bei Kalabriens und Siziliens Bewohnern, als es bei Florentinern und Romern ganz der Fall ist: so werden sie das Buch, zu welchem Neugier oder Langeweile sie fuhrte, nicht unbefriedigt aus den Handen legen. Das ist es, was ich wunsche!

Geschrieben am Rosalientage 1798; renoviert zur dritten Auflage, an meinem Geburtstage, den 22. Janner 1800; zur vierten Auflage, an Helenens Namenstage, 1801. Erneuert zur funften, rechtmassigen Auflage (die fremden Ausgaben, Nachdrucke, Bearbeitungen und Ubersetzungen ungerechnet,) neu bearbeitet, von dem Verfasser. Geschrieben am Tage Maria Himmelfahrt, 1823.

Erstes Buch

Die Liebe neckt im Aufenthalte

Der Furcht, wie sie im Freien neckt;

Was hat in Hohlen, was im Walde,

Nicht schon ihr Rosenflug bedeckt?

Sturmisch brauste der Wind, tobend wie emporte Meereswogen, uber den Nacken der hohen Apenninen, schuttelte die Wipfel hundertjahriger Eichen und beugte das schwankende Gestrauch der Flamme des Feuers zu, an welchem nahe bei einer steilen Felsenwand, in einem kleinen Tale, Rinaldo und Altaverde sassen. Die Nacht war dunkel, dichte Wolken verschleierten den Mond, und kein lachelnder Stern funkelte am Himmel.

ALTAVERDE Ist das doch eine Sturmnacht, wie ich kaum noch eine erlebt habe! Rinaldo! schlafst du?

RINALDO Ich sollte schlafen? Ich habe das Wetter gern so wie es jetzt ist. O! es sturmt hier und dort, um uns, neben uns, in mir, und uberall.

ALTAVERDE Hauptmann, du bist nicht mehr der, der du warst.

RINALDO Wohl wahr! Einst war ich ein unschuldiger Knabe, und jetzt

RINALDO Bin ich ein Rauberhauptmann?

ALTAVERDE Hat dir das deine Donna angesehen? Wer halt dich nicht, wenn du dich in grossen Stadten zeigst, fur den reichsten Marchese aus dem edelsten Hause?

RINALDO Und dennoch setzt man Preise auf meinen Kopf.

ALTAVERDE Wer will sie verdienen?

RINALDO Vielleicht selbst einer der Unsrigen.

ALTAVERDE Pfui! So handeln die nicht, die dir den Eid der Treue geschworen haben.

RINALDO O! sie sind Menschen! und bose Menschen. Denn gut wirst du uns doch alle, beim Teufel! nicht nennen wollen?

ALTAVERDE Dass ich mit dir jetzt daruber stritt! Du hast uble Laune. Was hilft jetzt das Grubeln und Grillisieren? Nun ist's zu spat.

RINALDO Wehe mir und dir, und uns allen, dass es zu spat ist! O! Altaverde! welchen Tod werden wir sterben?

ALTAVERDE Den, der uns zugedacht ist. Der Eingang ins Leben ist ein Pfad, den Konige und Bettler auf gleiche Art betreten. Der Ausgang hat vielerlei Pforten. Ob wir durch die Mittel- oder Seitentur hinauskommen, ist einerlei. Hinaus lasst man uns gewiss. Hauptmann! seit du verliebt bist, ist mit dir gar nicht zu sprechen. Wer zog dich unter uns?

RINALDO Mein Schicksal, mein Leichtsinn.

ALTAVERDE So hadere mit diesem, und wute nicht gegen dich selbst. Wo du stehst, stehst du nun einmal. Jetzt kannst du fur dich nichts mehr tun, als aufmerksam sein, vorsichtig zu stehen. Stehst du so, so hast du das deinige getan. Fallst du, so ist es nicht deine Schuld. Gehe hin und diene einem Staate mit Gut und Blut, mit Leib und Leben, mit Denken, Wissen, Wirken und Wollen, nach allen deinen Kraften, und vermodere, wenn's Gluck gut ist, im Kerker unschuldig. Oder, gibt es keine Beispiele? Die alte und neue Geschichte wird dir welche zeigen. Wie so mancher Wohltater eines Staates starb in Ketten? Stirbst du so, so kannst du wenigstens nicht uber Undank klagen.

RINALDO Ich kenne dich, wenn du in's Deraisonnieren kommst.

ALTAVERDE Und ich dich auch, wenn du in's Grubeln kommst. Mein Deraisonnieren, wie du es nennst, macht mich zum Stoiker. Dein Grubeln taugt nichts, und macht dich unleidlich. Was warst du denn jetzt wohl, wenn du in Ostiala geblieben warst und deines Vaters Ziegen langer gehutet hattet?

RINALDO Was ich jetzt nicht bin. Ein ehrlicher Mensch.

ALTAVERDE Du hast Handlungen ausgeubt, um die dich die edelsten Menschen beneiden mussen.

RINALDO Sie haben keinen Wert. Ein Rauber ubte sie aus.

ALTAVERDE Das kann wahrlich den edlen Handlungen nichts von ihrem Werte benehmen!

RINALDO Wer ein unedles Gewerbe treibt, kann nebenbei kein edles treiben.

ALTAVERDE Verflucht! was du da sagst! Sind dir nicht Freudentranen geflossen? Hat man dich nicht im Gebete eingeschlossen? Hat man dich nicht gesegnet?

RINALDO Ach! man wusste nicht, dass man einen Rauber segnete.

ALTAVERDE Martere dich nicht selbst ab!

RINALDO O! mein Geschick, hatten sie mich bei meinen Ziegen gelassen! Ich sage dir, ich kann mich meiner Taten weder ruhmen noch freuen, denn, wenn auch einige darunter gut gewesen sein sollten, so waren doch der bosen weit mehrere, die mich einst noch zum Rabensteine fuhren werden.

ALTAVERDE Bist du schon dort? Lass mich schlafen. Gute Nacht! Altaverde schlief wirklich gleich ein. Rinaldo ergriff seufzend seine Gitarre, spielte und sang:

Ach! wie war ich sonst so frohlich

In der Unschuld Blumental!

Kannte keine bangen Sorgen,

Kannte weder Leid noch Qual.

Frohe Unschuld scherzte traulich,

Scherzte hold und sanft mit mir;

Und umgeben mit Verbrechen,

Sitz' ich jetzo klagend hier.

Heiter blickt' ich sonst zum Himmel,

Selbst, wie er, so klar und rein,

Konnte meine sanfte Seele

Seiner Reinheit Spiegel sein.

Und jetzt finster, wie die Nachte,

Die mein Unmut hier durchwacht,

Hat das Laster meine Seele

Dunkler als die Nacht gemacht.

Von mir floh mit bangem Beben,

Von mir wich mein guter Geist.

Ich empfinde, voll Verzweiflung,

Wie die Ruh sich von mir reisst.

Blumenketten sind zerrissen,

Und des Lasters Fessel druckt,

Ach! mit namenlosen Schmerzen

Nieder, was mich sonst begluckt.

Da schlug eine von den wachsamen Doggen, die vor dem Feuer lagen, an. Altaverde fuhr auf, griff nach dem Rohre, und Rinaldo hatte noch nicht sein Wer da? gerufen, als er schon das Zeichen erhielt, es nahe sich einer ihrer Kameraden. Die Hunde schwiegen, und Nikolo trat herzu.

NIKOLO Ich habe euch melden sollen, dass in der Ferne Maultierglocken gehort werden.

ALTAVERDE Ihr liegt doch noch alle bei der Klause?

NIKOLO So ziemlich. Pietro und Giambattista ausgenommen, die auf's Kundschaften ausgegangen sind, sind die andern dreissig noch alle beisammen.

ALTAVERDE Ist Girolamo bei euch?

NIKOLO Ja. Er freut sich schon auf die Maultiere.

RINALDO Altaverde! wenn du doch zu ihm gingst. Du kennst Girolamo und weisst, dass Behutsamkeit seine Sache nicht ist. Schicke mir Cinthio. Ich will ihn hier erwarten. Ach! wenn ihr Blut schonen konnt,

ALTAVERDE Ja doch! wenn's sein kann.

Sie gingen. Rinaldo warf Holz ins Feuer, legte sich unter einen Baum und zog den Mantel uber den Kopf. Uber ihn dahin brauste wild der Sturm, und laut auf knisterte das durre Holz im Feuer.

"Ach!" seufzte er; "all' ihr Heiligen und guten Engel! beschutzt mich! betete ich sonst mit Zuversicht, wenn ich meine Augen schliessen wollte. Jetzt kann ich nicht beten und kein Auge schliessen. O! dass ich weinen konnte!"

Die Hunde schlugen an. Er warf den Mantel von sich, fuhr auf und griff nach den Pistolen. Die Hunde sprangen einen Menschen an. Rinaldo rief sie zuruck, trat naher und sah einen ehrwurdigen Greis, mit weissem Haar und Barte, in einem braunen Gewande, vor sich stehen. Er hielt in der Rechten einen Stab, in der Linken eine ausgeloschte Laterne, und ein kleines Hundchen kroch angstlich an ihn an.

"Wer bist du?" redete ihn Rinaldo an, als die Doggen zum Schweigen gebracht waren.

DER GREIS Ich bin unter dem Namen des Bruders vom Berge Oriolo bekannt, komme aus dem nachsten Stadtchen, wo ich mir, wie gewohnlich, meinen kleinen, notigen Proviant bestellt habe, und wandere meiner Klause zu. Der Sturm hat mir das Licht meiner Laterne ausgeloscht, und, so gut ich auch sonst die Gegend kenne, bin ich doch, wie ich jetzt merke, auf einen Abweg geraten. Erlaube mir mein Licht anzuzunden. Ich will mich dann schon wieder finden. Schlaf wohl!

RINALDO Alter! wofur siehst du mich an?

DER GREIS Ich bin froh, dich bei diesem Feuer gefunden zu haben, weil ich nun wieder Licht habe.

RINALDO Wer glaubst du wohl, dass ich bin?

DER GREIS Es kann mir einerlei sein, zu wissen, wer du bist, oder nicht bist. Die Menschenkenntnis interessiert mich jetzt nicht mehr.

RINALDO Ich bin in Verlegenheit.

DER GREIS Die Menschen in der Welt sind das gewohnlich. Ich beklage dich.

RINALDO Mein Schicksal zwingt mich, in den Talern der Appeninen umherzuirren. Und Rinaldini, der beruchtigte Rauber, soll diese Taler unsicher machen.

DER GREIS So sagt man.

RINALDO Ich furchte diesen grausamen Mann.

DER GREIS Grausam soll er eben nicht sein, wie es heisst. Ich bin ihm selbst zu Gefallen gegangen. Ich wollte ihn um einen Sicherheitsbrief fur meine Hutte bitten.

RINALDO Irre dich nicht in ihm.

DER GREIS So hat es auch nichts zu sagen. Die Handvoll Jahre, die ich noch zu leben habe, mag er mir nehmen, wenn es Gottes Wille ist. Er wird sie dereinst doch wieder bezahlen mussen. Steckt er meine Hutte in Brand, so baue ich eine andere. Geld findet er bei mir nicht. Und schlagt er mir mein Paar Ziegen tot, so beschenken mich die Bauern der Nachbarschaft, die mich lieben, gewiss wieder mit einem Paar andern. Wie Gott will!

RINALDO Hast du Mangel?

DER GREIS Wer entbehren kann, hat nie Mangel.

RINALDO Ich mochte gern eine gute Handlung ausuben. Nimm diese Borse.

DER GREIS Ich mache nicht gern Schulden, die ich nicht bezahlen kann. Ich brauche auch kein Geld. Schlaf wohl!

Er ging, und Rinaldo wagte es nicht, ihn langer aufzuhalten. Er warf sich wieder unter dem Baume nieder. Als die Hunde abermals anschlugen, brach schon der Morgen an, und CINTHIO kam.

CINTHIO Hauptmann, was fehlt dir? Warum willst du nicht mehr gern bei deinen Leuten sein? Du suchst die Einsamkeit, und fallst uns allen auf.

RINALDO Mir selbst am starksten. Ich weiss nicht, wie mir ist.

CINTHIO Altaverde nennt dich verliebt.

RINALDO Auch das bin ich.

CINTHIO Nun! Das ist kein Ungluck.

RINALDO Vor vier Tagen lustwandelte ich in einem kleinen Tale, und sah ein Madchen Ach Cinthio! es war ein Engel Sie suchte Beeren. Ich sprach mit ihr. Sie sprach mit mir. So spricht die Unschuld mit dem Laster. Unsre Leute kamen. Ich musste sie verlassen, habe sie seit der Zeit nicht wieder gesehen, und weiss nicht, wer und wo sie zu finden ist.

CINTHIO So vergiss sie.

RINALDO Kann ich?

CINTHIO Der Mensch kann alles, was er will.

RINALDO Das ist nicht wahr. Sonst konnte ich ein ehrlicher Mann werden.

CINTHIO Mache durch dergleichen Reden die Unsrigen nicht missmutig. Den Schaden fur dich selbst, kannst du berechnen. Rinaldo streckte sich schweigend unter den Baum und entschlummerte endlich. Als er erwachte, schien die Sonne. Sturm und Wolken waren entflohen. Cinthios Gesellschaft hatte sich um zwei seiner Kameraden vermehrt. Sie sassen mit ihm am Feuer und kochten Schokolade.

CINTHIO Guten Morgen! Hauptmann!

DIE ANDERN Guten Morgen!

RINALDO Ich danke euch. Gebt mir eine Tasse Schokolade.

GIROLAMO Echte Spanische Schokolade! Nun, Hauptmann! Altaverde lasst dich grussen. Die Maultiere haben wir; drei Stuck. Sie waren mit der Bagage eines Neapolitanischen Prinzen beladen und wollten nach Florenz, wohin sie nicht gekommen sind. Gross war die Beute eben nicht.

RINALDO Sind Menschen dabei geblieben?

GIROLAMO Alle drei Treiber. Die Kerle hatten plaudern konnen. Es gibt ja mehrere Maultiertreiber in der Welt. Altaverde teilt jetzt. In einem Kastchen fand er diese Kapsel, die er dir schickt.

Rinaldo nahm, offnete die Kapsel und fand das Portrait eines schonen Frauenzimmers in Nonnentracht. Auf die Ruckseite war das Bild eines jungen Mannes in Uniform gemalt. Die Einfassung war nicht reich, aber geschmackvoll.

Bald darauf kam Altaverde mit einem starken Trupp der Gesellschaft an. Es wurden Gezelte aufgeschlagen, Feuer angemacht; es wurde gekocht und gebraten, gegessen, gespielt, gesungen, getanzt und getrunken.

Rinaldo verabredete mit Altaverde mehrere Sicherheitsmassregeln, und als die Trupps verteilt und die Posten gehorig besetzt waren, zog sich Rinaldo uber den Berg in ein zweites, kleines Tal zuruck, wo er sich bei einer Quelle unter einigen Pappeln niederwarf.

Altaverde brachte ihm den Teilungszettel, den er unterzeichnete und gegen Mittag zu seinen larmenden Kameraden zuruckkehrte, wo ihn ein stattliches Mittagsmahl erwartete. "Hauptmann!" begann Girolamo "deine Leute bemerken, dass dir etwas fehlt. Sie wunschen zu wissen, was das ist. Hast du Sehnsucht nach irgend etwas, das dir zu verschaffen ist, so sollst du es haben, und sollten wir es mit Aufopferung unseres Lebens fur dich aufsuchen mussen. Sind es aber nur Grillen, die dich plagen, so bitten wir dich, verbanne sie, und mache uns nicht mit dir zugleich missmutig."

Einige Augenblicke sah Rinaldo sich schweigend in dem Kreise um, der ihn umgab, dann sprach er: "Habt ihr die Erklarungen der Republiken Venedig, Genua und Lucca gelesen? Sie sind offentlich bekanntgemacht worden. Ein Preis steht auf meinem Kopfe."

"Lass ihn stehen, Hauptmann!" schrien alle, wie aus einem Munde; "es wird ihn niemand erhalten."

"Wer will dir ein Haar krummen" sagte Girolamo, "so lange wir bei dir sind?"

Er sprach's und schwang den Sabel. Alle folgten seinem Beispiele und schrien:

"Blut und Leben fur dich, Hauptmann! Treue bis in den Tod."

Altaverde legte den Teilungszettel vor. Man teilte und war zufrieden. Nach Tische wurde wieder gespielt, gesungen, gelarmt und getanzt.

Rinaldo lag unter einem Baume, als sich ihm Fiorilla, eine Amazone seiner Bande, nahte. Sie setzte sich bei ihm nieder und putzte ihre Pistolen.

SIE Der Preis, den man auf deinen Kopf gesetzt hat, Hauptmann, ist es nicht allein, der dich unmutig macht. Ein Mann, wie du, zittert nicht vor entfernten Dingen. Ich glaube, das, was dich druckt, ist viel naher. Was dir fehlt, fehlt, glaube ich, deinem Herzen.

ER Dem fehlt freilich so mancherlei!

SIE Vor einem halben Jahre ging es mir ebenso. Jetzt wird es wohl voruber sein. Ich Torin hatte mich damals in dich verliebt.

ER In mich?

SIE Ich dachte doch, du hattest es merken mussen.

Sie warf, als sie das sagte, die Pistolen auf die Erde und stand auf. "Ich dachte schlechterdings", setzte sie hinzu, "ich musste die Geliebte des Hauptmanns sein"; und ging.

Rinaldo sah ihr nach, erhob sich von seinem unsanften Lager und gab das Zeichen, nach welchem sich seine Leute sogleich um ihn herum versammelten.

"Es ist mein Plan", sagte er, "in die Gebirge von Albonigo zu rucken. Wir brechen sogleich auf. Zieht die Posten ein und lagert euch diesen Abend noch ins Tal der Kapelle St. Giakomo. Morgen Mittag seid ihr in der Ebene der vier Berge von la Cera. Gelingt mir mein Vorhaben, so fuhren wir einen kuhnen Streich aus."

Alle jauchzten laut auf und packten zusammen. Die Posten wurden eingezogen und Girolamo ging mit dem Vortrab ab. Dann folgte Altaverde mit dem Corps, und Cinthio fuhrte den Nachtrab an. Bei welchem Zuge Rinaldo sein wollte, wusste niemand.

Er nahm seine Guitarre und sein Gewehr und ging in Begleitung zweier Hunde der Gegend zu, nach welcher vorige Nacht der Greis zugegangen war. Bald fand er einen Fussweg und erblickte, als schon die Schatten langer wurden, zwischen Buschen, nahe an einem Bergrucken, ein kleines Huttendach. Er ging darauf zu und hatte es noch nicht erreicht, als er den bekannten Greis gewahr ward, der Wurzeln ausgrub.

Sie grussten einander, wie es schien, beiderseits verlegen. Endlich fragte der Alte, indem er sich zu fassen suchte:

"Hast du die Landstrasse noch nicht gefunden?"

"Noch suchte ich sie nicht"; antwortete Rinaldo. "Aber dich habe ich aufgesucht, um dich um ein Nachtlager zu bitten."

DER ALTE Du kannst bei mir ubernachten, aber aber zu bequem wirst du eben nicht ruhen.

RINALDO Wer ruhen kann, ruht immer bequem. Ich bin kein Weichling. Du hast gesehen, dass ich vorige Nacht ziemlich hart lag.

DER ALTE Wenn du vorliebnehmen willst, wie du mich findest, so kannst du mir folgen.

Rinaldo folgte ihm schweigend, und sie kamen in die Klause. Reinlich und nett war das enge Stubchen, in welches Rinaldo gefuhrt wurde. Ein Paar Tischchen und einige Stuhle waren der ganze Hausrat, der hier zu sehen war. Auf dem einen Tische lag eine Lateinische Bibel, und ein Kruzifix stand darauf. Auf dem andern lag ein weibliches Strickzeug. Das fiel Rinaldo anfangs auf, aber, dachte er endlich, es ist wohl auch moglich, dass der Alte selbst strickt. Indes raumte dieser doch das Strickzeug weg, als er bemerkte, dass sein Gast dasselbe mit grosserer als gewohnlicher Aufmerksamkeit betrachtete. Rinaldo wagte es nicht, ihn zu fragen, ob dies seine eigene Arbeit sei, und der Alte verliess auf einige Zeit die Stube.

Als er mit einer angezundeten Lampe wiederkam, zog Rinaldo ein paar Bouteillen Wein aus den Taschen, setzte sie auf den Tisch und sagte:

"Bei einem Glase Wein wollen wir uns naher kennenlernen."

"Eine Bekanntschaft" antwortete der Alte, "die von ein paar rechtlichen Menschen bei einer Flasche Wein gemacht wird, ist nicht selten so herzlich geworden, als der Wein selbst der herzlichste Trank ist, den der Himmel den Menschen gegeben hat. Er wird das Beste bei unserer Abendmahlzeit sein, denn ich kann meinem Gaste weiter nichts vorsetzen als ein Stuck Kase und Brot, etwas Butter und eine Melone, die ich eben heute erst abgeschnitten habe."

"Genug, lieber Alter! fur uns beide. Auch genug, wenn noch eine dritte Person mit uns speisen sollte?" sagte Rinaldo.

Der Alte antwortete schnell:

"Eine dritte Person? Ist noch jemand zuruck, der dir folgt?"

"Von mir ist niemand zuruck. Wenn aber etwa hier"

"Bei mir wohnt keine Seele, als mein Hundchen und ein paar Turteltauben. Wie kommst du aber auf die Vermutung, hier ausser mir, noch eine Person zu finden?"

Rinaldo schob den Tischkasten auf und zeigte auf das Strickzeug.

"Aha!" lachelte der Alte. "Ja, dieses Strickzeug gehort wirklich einer dritten Person, die aber nicht bei mir wohnt. Sie hat es vergessen und diesen Morgen hier liegenlassen."

Hierauf verliess der Alte seinen Gast, sein frugales Mahl aufzutragen.

Indessen sah sich Rinaldo genauer um und offnete eine Tur, die in eine kleine Kammer fuhrte. Hier war das Nachtlager des Alten, uber welchem ein paar Pistolen zwischen zwei Olgemalden hingen. Er nahm die Lampe, beleuchtete die Gemalde und fuhr betroffen zuruck.

Die Gemalde, die er sah, waren die namlichen Bildnisse, die ihm diesen Morgen als Beute waren gegeben worden; die Nonne und der Offizier. Den kleineren Portraits waren sie zum Sprechen ahnlich. Er verliess die Kammer und ging nachdenkend in die Stube zuruck.

Der Alte, der sich Donato nannte, trug seine Gerichte auf und setzte sich, als er ein kurzes Gebet recht herzlich gesprochen hatte, mit seinem Gaste zu Tisch.

Sie liessen es sich beide wohl schmecken, und als die erste Bouteille geleert und die zweite schon angebrochen war, kam es zu einer, uns auch nicht gleichgultigen, Unterhaltung.

RINALDO Nun ein Glas auf das Wohlsein der bewussten dritten Person; sie sei nun hier oder nicht!

DONATO Auf ihr Wohlsein! aber hier ist sie nicht.

RINALDO Wo denn?

DONATO Ungefahr eine Stunde von hier, ausserhalb dem Gebirge, liegt ein Meierhof. In diesem wohnt das Madchen, das ihr Strickzeug hier liegenliess. Sie ist die Pflegetochter des Meiers; ein gutes, harmloses, frohes Geschopf. Ich liebe sie, wie ein Vater seine Tochter liebt, und sie ist meiner Liebe, sie ist der Liebe der ganzen Welt wert. Sie soll leben!

Sie stiessen an und tranken. Hierauf folgte eine Pause. Endlich knupfte der Alte, den der Wein gesprachig machte, die Unterhaltung wieder an.

DONATO Darf ich nach deinem Vaterlande fragen?

RINALDO Ich bin ein Romer.

DONATO Ein Romer? In Rom selbst geboren?

RINALDO Auf dem Lande.

DONATO Die Hand, Landsmann. Auch ich bin ein geborener Romer. Aber ich freue mich meines Vaterlandes nicht. Es ist ein undankbares Land. Ich bin schlimm behandelt worden. Selbst die unparteiische Rota und ihre Spruche konnten mich nicht Genug! Hier lebe ich ruhig, und habe meinen Feinden verziehen. Rom kann keine Manner mehr tragen. Sie zu schatzen, weiss es gar nicht. Sie sind ein uppiges, grausames und ungerechtes Volk, diese Romer. Wie haben sie dich behandelt?

RINALDO Mein Ungluck gebar meine eigene Schuld.

DONATO Dieser Vorwurf wurde mein Trost sein, wenn ich ihn mir machen konnte. Aber ich habe unschuldig gelitten.

Eben wollte Rinaldo antworten, als man ganz deutlich Menschenstimmen vor der Klause vernahm. Sie kamen immer naher, und endlich wurde an die Tur geklopft.

"Was ist das?" rief Rinaldo nicht ohne Besturzung aus.

Donato offnete ruhig das Fenster und fragte, wer da sei.

"Mach auf!" schrie man draussen.

"Es stehen Bewaffnete vor der Tur", sagte Donato. "Es konnen Sbirren oder Soldaten sein. Hast du dergleichen Leute zu furchten, so gehe in diese Kammer. Du kommst leicht aus derselben durch ein Fenster in meinen Garten. Ubersteigst du den Zaun und wendest dich rechts, so kommst du zu einem Felsen, in dessen Grotte linker Hand du dich verbergen kannst. Ich will die Tur sogleich offnen, dass man nichts argwohnt."

Rinaldo lockte seine Hunde zu sich und begab sich in die Kammer. Donato ging und offnete die Tur seiner Klause.

Sechs Bewaffnete traten ein und kamen mit ihm in die Stube. Rinaldo vernahm in der Kammer, was gesprochen wurde.

"Wer bist du?"

"'Ich bin der Klausner Donato.'"

"Bist du hier allein?"

"'Ich wohne allein hier.'"

"Kennst du uns?"

"'Wie sollte ich das?'"

"Furchtest du uns?"

"'Seid ihr Diener der Gerechtigkeit, so kann ein Unschuldiger euch nicht furchten.'"

"Du irrst dich. Wir sind keine Spurhunde der lendenlahmen Justiz. Wo hast du dein Geld?"

"'In diesem Beutel. Hier ist er.'"

"Geh zum Teufel mit deinen paar Lumpenpfennigen! Schaff mehr!"

"'Dies ist mein ganzer Reichtum.'"

"Kerl! da steht Wein. Du bist kein Bettler. Schaff mehr Wein her!"

"'Dieser Wein ist ein Geschenk. Ich habe weiter keinen."'

"Donnerwetter! Hier haben ihrer zwei gegessen. Du bist nicht allein. Der Schelm hat gelogen. Knebelt den alten Sunder! Er soll beichten."

"'Seid barmherzig, und"'

"Geld her!"

"'Nehmt, was ihr findet. Geld habe ich nicht."'

"Verstockter Schurke! Willst du noch nicht beichten?"

Jetzt fielen die Rauber uber Donato her. Er schrie laut auf nach Hilfe, ohne zu wissen oder zu ahnen, woher sie kommen sollte, und Rinaldo riss die Kammertur auf. Er zog eine Pistole und schrie mit donnernder Stimme:

"Was wollt ihr hier?"

"Himmel Element! Der Hauptmann;" schrie einer aus der Rotte. Alle zogen die Hute, und liessen bebend den zitternden Klausner los.

Dieser taumelte auf einen Stuhl und wiederholte mit gebrochener Stimme:

"Der Hauptmann?"

"Sind das eure Heldentaten?" fuhr Rinaldo fort. "Schandet ihr meinen Namen um elenden Plunderer Handlungen? Seid ihr Rinaldinis Leute? Habt ihr etwa so grossen Mangel, um sogar der Armut ihren letzten Pfennig abzupressen? Ist das eure Tapferkeit, einen wehrlosen Mann zu knebeln? Wer war der Schurke, der die erste Hand an diesen kraftlosen Greis legte?"

Tiefes Schweigen fesselte die Zungen. Rinaldo fuhr heftiger fort:

"Wer war der Schurke? Nennt ihn mir, oder ich schiesse den ersten nieder, der vor mir steht."

"Paolo war es;" murmelte der, welcher Rinaldo am nachsten stand. Ohne ein Wort zu sprechen, schoss Rinaldo nach dem genannten Unglucklichen. Der Schuss zerschmetterte ihm den Arm. Er sturzte nieder und seine Kameraden standen ohne Bewegung.

"Warum seid ihr von euerm Zuge abgegangen?" fragte Rinaldo mit wutendem Blick.

"Wir suchten dich, Hauptmann!" sagte der eine.

"Habt ihr meinen Wegen nachzuspuren? Fort, zu dem Corps! Ihr kennt unsere Gesetze, ihr wisst, was ihr getan und verdient habt.

Nehmt diesen schlechten Menschen mit fort, der nicht zu Rinaldinis Gesellschaft gehort, und erwartet mich und eure Strafe morgen."

Die Rauber gingen und trugen Paolo davon. Donato blieb zitternd und ohne Sprache auf seinem Stuhle. Rinaldo nahte sich ihm, ergriff seine Hand, druckte sie und sagte:

"Fasse dich, guter Alter!"

"Offne dieses Schrankchen" stammelte Donato; "und gib mir das runde Glaschen mit den roten Tropfen."

Das tat Rinaldo, goss auf sein Verlangen einen Loffel davon voll und gab ihm die Tropfen. Sie waren verschluckt, und Donato schien wieder zu sich zu kommen.

DONATO Du bist also Rinaldini selbst?

RINALDO Leider! der bin ich.

DONATO Ich verdanke dir mein Leben, und kann mich deiner Bekanntschaft doch nicht freuen. Dein Name allein ist schon furchtbar, und du selbst bist schrecklich.

RINALDO Wehe mir! dass es so sein muss.

DONATO Deine Handlung, hier vor meinen Augen, fullt mein Herz mit Schrecken und Entsetzen.

RINALDO Das meinige mit Jammer. O! dass ich dir und mir diese Szene hatte ersparen konnen. Aber du kennst diese abscheulichen Menschen nicht. Nur Furcht und Schrecken konnen sie in Zucht und Ordnung halten.

DONATO Und du furchtest diese Unmenschen nicht selbst?

RINALDO Und wenn ich sie auch furchte, so durften sie das doch nicht glauben.

DONATO Unglucklicher, in welche Verbindung bist du geraten!

RINALDO Freund! zu dem mein Herz mich zieht, du bist meines Vertrauens wert. Dir will ich meine Geschichte erzahlen. Nur jetzt nicht, denn sie wurde dich zu heftig erschuttern. Jetzt bedarfst du Ruhe. Lass mich dich auf dein Lager bringen. Ich will auf diesem Stuhle den Morgen erwarten.

Er fuhrte Donato auf sein Lager, hullte sich in seinen Mantel und warf sich auf einen Stuhl. Erst spat nach Mitternacht schlummerte er ein und war mit dem ersten Strahle der Morgensonne wieder wach. "Ich bin sehr krank!" seufzte ihm Donato entgegen, als er an sein Lager trat und sich nach seinem Befinden erkundigte.

"Ich wollte dir nutzlich sein", sagte Rinaldo; "Ich kam hierher, dir Sicherheit zu geben, und bin ohne Schuld der Urheber des Zustandes, der dich trifft, der mir durch die Seele geht. Verkenne wenigstens meine gute Absicht nicht."

"Gewiss nicht!" antwortete Donato mit schwacher Stimme. "Ich danke vielmehr dem Himmel, dass er dich hierher gesendet hat. Sonst hatte ich wahrscheinlich vorige Nacht mein Leben unter Morderhanden verblutet."

Hierauf bat er ihn, ihm die Arzneiglaser aus dem Schrankchen zu bringen. Rinaldo holte sie herbei. Donato bezeichnete ihm die Mischung der Tropfen derselben, und kaum hatte er einen Loffel davon zu sich genommen, als ein sanfter Schlaf ihm die Augen schloss.

Rinaldo verliess die Klause, ging ins Freie und offnete Herz und Augen der Pracht der aufgehenden Sonne. Majestatisch stieg die Konigin des Tages im Feuerglanze uber die dampfenden Berggipfel empor und senkte ihre erwarmenden Strahlen in das kleine Tal, in welchem Donatos Klause stand. Die Vogel feierten diese Prachterscheinung mit einer Hymne, und Rinaldo bedeckte wehmutig sein Gesicht.

"Auch mir scheint sie, die goldene Sonne!" seufzte er. "Auch mir, wie sie allen Guten und Bosen scheint. Ach! und ihre wohltatigen Strahlen sind treffende Blitze fur mein schuldiges Herz."

Da rauschte es dicht bei ihm, an der Hecke. Er schlug die Augen auf, und das schone Madchen, das er einige Tage zuvor gesehen, mit dem er gesprochen hatte, stand vor ihm. Betroffen standen beide einige Augenblicke sprachlos einander gegenuber. Endlich nahm Rinaldo das Wort:

"Bist du das gute Madchen von dem benachbarten Meierhofe, das zuweilen den Klausner Donato besucht?"

AURELIA Dieses Madchen bin ich.

RINALDO Wie nennt man dich?

AURELIA Aurelia ist mein Name. Ihr seid ja wohl eben der Herr, der vor einigen Tagen mit mir sprach, als ich Erdbeeren suchte?

RINALDO Eben dieser. Der Freund deines Freundes Donato.

AURELIA Wo ist er?

RINALDO Er schlaft.

AURELIA Er schlaft noch? So muss er krank sein.

RINALDO Er ist auch wirklich nicht recht wohl. Eine kleine Schwache Es wird keine Folgen haben. Wenn ihn der Schlaf erquickt hat, wird es ihm besser sein. Wir wollen ihn nicht wecken.

AURELIA Ich will's meinem Vater sagen. Der arme Donato ist alt und schwach. Er braucht Beistand.

RINALDO Diesen wollen wir ihm leisten.

AURELIA Wir? Kenne ich Euch doch nicht, um in Eurer Gesellschaft allein hier bleiben zu konnen.

RINALDO Ich bin Donatos Freund.

AURELIA Das muss er mir erst selbst sagen. Bis dahin bleibe ich nicht allein mit Euch hier.

RINALDO Ehrenwort und Schwur! Du hast gar nichts zu furchten.

AURELIA Wer seid Ihr denn?

RINALDO Ein Reisender.

AURELIA Und haltet Euch schon so lange in dieser Gegend auf?

RINALDO Es gefallt mir hier in den Bergen, wo so schone Madchen wohnen.

AURELIA Meint Ihr mich? Ihr wisst wohl nicht, dass ich ausserhalb den Bergen wohne?

RINALDO O ja! Das hat mir Donato gesagt.

Da rauschte es um die Hecke. Rinaldo sah hin und erblickte Cinthio, der ihm winkte. Aurelia sprang in die Einsiedelei.

"Hauptmann!" sagte Cinthio, "Deine Gegenwart ist bei uns durchaus notwendig. Es gibt Larm."

"Erwarte mich", antwortete Rinaldo und ging in die Klause.

"Liebes Madchen!" sagte er zu Aurelien, "bleibe bei Donato."

SIE Das versteht sich! Zumal da er krank ist.

ER Und wenn er erwacht, sag' ihm, dass ich ihn bald wiedersehen wurde.

SIE Wo geht Ihr denn jetzt hin?

ER Mein Bedienter ruft mich zu meinem Gepack, wo eine kleine Unordnung vorgegangen ist. Leb' wohl, liebes Madchen, und bleib mir gewogen!

SIE Ich soll Euch gewogen bleiben? Wisst Ihr doch noch nicht, ob ich es bin. ER Mir sagt es mein Herz. SIE Glaube ihm nicht. Es macht Euch nur etwas weiss. Lebt wohl! Er druckte ihr die Hand und eilte fort. In Cinthios Begleitung erreichte er den Platz, wo seine Leute sich gelagert hatten. "Gut, dass du kommst, Hauptmann" schrien viele Stimmen durcheinander. "Wir mussen wissen"

"Still!" donnerte Rinaldos Antwort. "Girolamo! lies den funften und sechsten Punkt unserer Gesetze laut ab!"

Das geschah. Hierauf erzahlte Rinaldo die Szene in der Klause und endigte mit dem Ausrufe: "Nun entscheide unser Vertrag und unser Gesetz!"

"Gnade! Gnade! Gnade fur Paolo!" schrien viele Stimmen.

Rinaldo schwieg. Paolo lag an der Erde, ward eben wieder frisch verbunden, und bat mit schwacher Stimme um Gnade.

Rinaldo schwieg. Girolamo trat zu ihm und bat fur Paolo um Gnade. Rinaldo sagte kein Wort.

Jetzt trat Fiorilla zu ihm und begann:

"Hauptmann, um der Leiden willen, die mein Herz um deinetwillen erduldet hat, bitte ich um Gnade fur Paolo, den ich liebe, um meine Liebe zu dir zu unterdrucken."

"Ich stehe, wie ihr, unter dem Gesetze", antwortete Rinaldo, "und kann nicht begnadigen".

"Du sollst nicht mehr unter dem Gesetze stehen", schrien alle. "Du sollst Gesetzgeber sein und Gnade erteilen konnen."

"Wenn ihr das wollt"

"Wir schworen es dir zu!"

"So sei Paolo begnadigt, und seine Gesellen mit ihm. Aber unter der einzigen Bedingung: dass dieser Fall der erste und letzte sei, in welchem ich bei einem solchen Betragen begnadige."

"Es sei!"

"Ubrigens bestimme ich: dass Paolo und seine Gefahrten, die den ehrwurdigen armen Greis misshandelten, demselben zwei Ziegen, zwei Fasser Wein, ein Dutzend Stuck Federvieh geben und ihn demutig um Verzeihung bitten sollen."

"Bravo! Bravo! Es lebe der Hauptmann!" Unter lautem Jubel, unter Musik und Freudengeschrei nahm Rinaldo dann sein Fruhstuck vor seinem Gezelte ein; sah dem Gewuhle eine Weile zu; zeichnete mancherlei in seine Schreibtafel; schrieb einige Orders, die er versiegelte, und liess dann das Corps zusammenrufen, welches sogleich still und lauschend in einem weiten Kreis um ihn herum stand. Rinaldo blieb auf seinem Sitze und begann:

"Hier Girolamo! gebe ich dir eine Order, die du in Borgo offnen kannst. Die Lage der Dinge wird bestimmen, ob du dann nach Arezzo gehen wirst, oder nicht. Das Geschaft, welches dich dorthin fuhren wird, erfordert Vorsicht, die ich dir nicht besonders zu empfehlen brauche. Dich, Fiorilla, schicke ich nach Bibiena. Hore dort, was man von uns spricht. Nikolo und Sebastiano durchstreifen die Waldungen zu Bosina. Dir, Amadeo, empfehle ich die Waldungen bei Anghiarto. Altaverde nimmt sechs bis acht Mann zu sich und sucht sich der Person des Gerichtsvogts zu Brankolino zu bemachtigen. Diese Order enthalt detaillierte Punkte uber die Expedition. Gegen Abend ruckt Mattheo mit zwanzig Mann in die sudlichen Berggegenden und besetzt den Caprilischen Pass. Alsotto bleibt mit dreissig Mann, bis auf weitere Order, hier zuruck. Cinthio sucht sich zwolf Mann aus und zieht sich links in das Pappeltal von Oriolo, nach dem Felsenpass zu. Aurelia ist das Losungswort. Die detaschierten Corps lagern sich dann zusammengezogen, womoglich, binnen drei Tagen, in der westlichen Ebene vor dem Marcianischen Forste. Und nun, ohne Zogern, zur Ausfuhrung meiner Disposition!"

Alles geriet in Tatigkeit. Rinaldo bepackte seine beiden grossen Hunde mit einigen Arzneien und Victualien und nahm seinen Weg wieder nach Donatos Klause zu. Aurelia war nicht mehr in der Einsiedelei, aber ein junger Bauernbursch, ein Sohn des benachbarten Meiers, stand neben Donatos Bette, auf welchem dieser erwacht lag und sich, wie er sagte, besser befand.

Donato entfernte seinen jungen Warter und trug ihm auf, Holz zu suchen. Rinaldo gab dem Alten einige Loffel von den starkenden Arzneimitteln, die er bei sich hatte, und wagte es nicht, eine Unterhaltung zu eroffnen, die Donato endlich selbst einleitete.

DONATO Ich hoffe bald wieder ganz hergestellt zu sein.

RINALDO Was ich so herzlich wunsche!

DONATO Du kommst vielleicht, Abschied von mir zu nehmen?

RINALDO Glaubst du das?

DONATO Ich wunsche es, aufrichtig gesprochen. Ich weiss nun, wer du bist, und mochte nicht gern, dass man sagen konnte, ich hatte Bekanntschaft mit dir. Du weisst, wie das ist. Die Menschen hangen von offentlichen Meinungen ab. Ich danke dir die Rettung meines Lebens. Es wird aber auch niemand von mir erfahren, dass der gefurchtete Rinaldini bei mir war, auf dessen Kopf so hohe Preise stehen. Aurelia hat mich zu ihrem Vertrauten gemacht.

RINALDO Hat sie das?

DONATO Du hattest dem Madchen nicht sagen sollen, was du ihr gesagt hast.

RINALDO Wenn ich dir nun sage, dass ich sie liebe?

DONATO Darfst du das? Kannst du glauben, Gegenliebe zu finden, wenn Aurelia erfahrt, wer du bist?

RINALDO Wie? Wenn ich meiner Lebensart entsagte, und

DONATO Das ist zu spat. Aurelien wirst du nicht wieder sprechen. Sie wird in ein Kloster gebracht. Ich habe das veranstaltet.

RINALDO Wirklich? Nun, so erwarte auch meine Gegenanstalten.

DONATO Unternimm nichts Rauberhaftes! Liebst du Aurelien wirklich, wie kannst du sie unglucklich machen wollen? Du liebst sie aber nicht mit der Reinheit, mit der dieses Madchen geliebt zu werden verdient. Du darfst, du kannst sie auf keine edle Art lieben, und deine Begierden sind strafbar. Aurelia muss deinen Blicken entzogen werden. Oder willst du sie unter deine Bande fuhren und sie der Gerechtigkeit, die doch uber lang oder kurz dich zu finden wissen wird, als eine Mitverbrecherin uberliefern? Ungluck genug fur dich, dass du das bist, aber das Madchen lass mit Ehren leben und sterben. Willst du mich bald verlassen, so wird es mir sehr lieb sein, denn ich erwarte Besuch.

RINALDO Nicht aus Furcht, die ich nicht kenne, sondern aus Gefalligkeit will ich dich verlassen. Zuvor aber noch die Frage: Wer sind die Personen, deren Bildnisse uber deinem Bette hangen? Sie im Nonnengewande und er in Uniform!

DONATO Dieses Mannes Besuch, dessen Bild du hier siehst, erwarte ich soeben. Er geht nach Florenz, und seine Maultiere sind ihm, mit seinem Gepack, in dem Gebirge, vermutlich von deinen Leuten, genommen worden. Die Treiber hat man erschossen. Nur ein Maultiertreiber-Junge ist entronnen. Er hat sich zu Aureliens Pflegevater gefluchtet, wo jetzt auch mein Freund ist, dessen Bild du hier siehst.

RINALDO Da er dein Freund ist, so gib ihm dies zuruck, was er vielleicht ungern vermisst.

Er gab ihm die Kapsel mit den Bildnissen, die er, wie wir wissen, aus der Beute von dem Gepack der Maultiere erhalten hatte. Donato nahm, offnete die Kapsel und erblickte kaum die Bildnisse, als er sie beide kusste.

DONATO Du hast mir ein sehr wertes Geschenk gemacht, das seinen rechten Herrn wiedererhalten soll.

RINALDO Willst du mir seinen Namen nicht nennen? Vielleicht kann ich ihm um Deinetwillen nutzlich sein.

Donato wollte antworten, als der Bauernbursch mit einem: "Sie kommen!" hereinsprang.

Gleich nach ihm trat der Mann herein, der soeben der Gegenstand der Unterhaltung war. Er trug Uniform und ein Malteserkreuz. Mit ihm kamen ein paar Landleute, der Meier, von dem so oft gesprochen wurde, und sein Bruder.

Der Malteser fasste Rinaldo scharf ins Auge, und dieser warf ihm einen Blick zu, auf welchen jener den seinigen von ihm abwandte.

Rinaldo reichte Donato die Hand und verliess mit einem: "Baldige Besserung!" schnell die Einsiedelei.

Der Malteser ging ihm hastig nach. Er trat in die Tur der Klause, als Rinaldo eben zuruckblickte, dies sah, und sogleich stehenblieb. Jener ging jetzt langsam auf ihn zu.

"Mein Herr!" sagte er, "wir mussen uns schon irgendwo einmal gesehen haben."

RINALDO Das ist leicht moglich!

MALTESER Seid Ihr eben der, der sich Donatos Freund nannte und diesen Morgen mit einem Madchen sprach, das Aurelia heisst?

RINALDO Der bin ich.

MALTESER Darf ich um Euren Namen bitten?

RINALDO Ihr sollt ihn erfahren, wenn Ihr mir zuvor den Eurigen sagt.

MALTESER Mein Name ist weder ein Geheimnis noch eine verdachtige Sache. Ich bin der Prinz della Roccella.

Ein paar von Rinaldos Leuten brachten jetzt eben die Ziegen, das Federvieh und den Wein, die Paolo dem Klausner gleichsam als Suhngeld geben musste. Rinaldo uberlieferte alles, was gebracht war, dem Bauernburschen und sagte:

"Es gehort dieses meinem Freunde Donato. Er weiss schon davon. Du kannst ihm hernach sagen, dass alles angekommen ist."

Hierauf wandte er sich wieder zu dem Prinzen, der seine Antwort und seinen Namen erwartete.

RINALDO Da Ihr von dem Meierhofe kommt, auf welchem Aurelia lebt, so sagt mir: Ist sie noch dort?

PRINZ Ich weiss nicht, wie

RINALDO Wie ich auf diese Frage komme, da Ihr meinen Namen zu horen erwartet?

PRINZ In der Tat! das wollte ich sagen.

RINALDO Wenn es moglich ist, schenkt mir meinen Namen.

PRINZ Sah ich euch nicht unter dem Namen Marchese Pepoli, vor einem halben Jahr ungefahr, in Florenz. Wir sprachen uns auf dem Deutschen Hause und Ihr wurdet sehr warm, als man von dem beruchtigten Rinaldini eine Geschichte erzahlte, die sehr zu seinem Vorteile gereichte.

Einer von Rinaldos Leuten winkte ihm sehr bedeutend. Er verstand das Zeichen, naherte sich dem Prinzen ganz vertraulich und sagte: "Nun dann! so wisst es: Ich bin Rinaldini selbst"; und eilte davon. Rinaldo fragte seine Gesellen, was es gabe, und erhielt zur Antwort: Cinthio finde Bedenken, sich dem Pappeltale bei Oriolo zu nahern, weil sich dort eine Karawane von Reisenden gelagert habe.

Darauf eilte Rinaldo zu Cinthio und fand ihn und sein Kommando in dem Buschwerk eines lustigen Hugels. Er erfuhr von ihm selbst, was er jetzt gehort hatte. Nach einigem Nachdenken erteilte er ihm folgende Order:

"Wende dich mit unseren Leuten rechts, teile dich nach der Landstrasse zu und lass den Weg von Oriolo nach dem Nonnenkloster St. Benedetto nicht aus dem Gesicht. Stosst euch dort etwa ein Wagen auf, in welchem sich ein junges, schones Madchen befindet: so wird der Wagen angehalten und das Madchen fur mich geraubt. Mit einbrechender Nacht finden wir uns hier auf diesem Platze wieder."

Hierauf uberzog er sein Gesicht mit einer braunen Farbe, kleidete sich als Jager an, nahm einen von seinen Gesellen, Severo genannt, auch als Jager gekleidet, und, wie er, mit einem Doppelrohr, einigen versteckten Terzerolen und einem Hirschfanger bewaffnet, mit sich und ging mit ihm, in Begleitung seiner Doggen, auf das Pappeltal zu.

Als sie auf die Anhohe kamen, sahen sie in das Tal hinab und erblickten dort ein Gezelt aufgeschlagen, um welches herum Maultiere grasten und einige Menschen hin und her gingen, die ein Feuer angemacht hatten, bei welchem sie ihre Mahlzeit fur den Abend zuzubereiten schienen.

Sie lauerten einige Zeit und wurden dann ein paar Damen in dem Gezelte gewahr. Ein wenig entfernt von dem Gezelte lag abgeladenes Gepack umher, und Maultiertreiber lagen bei demselben.

Ungefahr vierzig Schritte von dem Lagerplatze rieselte eine Quelle von der Anhohe hinab in das lustige Tal. Hierher kam mit einem leeren Topfe, Wasser zu schopfen, ein flinker Bube, der zu der Gesellschaft gehorte. Diesem machte sich Rinaldo sichtbar. Der Bube erschrak und wollte fliehen, Rinaldo aber rief ihm zu:

"Bleib, Bube! Gehorst du zu jener Gesellschaft?"

"Ja! Zu der Gesellschaft gehore ich"; stammelte derselbe.

"Wer sind die Damen unter dem Gezelte?"

"Meine gnadige Frau, die Marchese Altanare und ihre Schwester. Wir kommen von St. Leo und gedenken nach Florenz zu gehen."

Rinaldo winkte seinem Gefahrten. Dieser folgte ihm, und beide gingen auf das Gezelt zu. Die Leute der Marchese grussten sie und gafften sie an. Der Stallmeister der Marchese trat ihnen aus dem Gezelt entgegen, indes die Damen am Eingange lauschten, und redete sie an:

"Wohin aus, liebe Freunde?"

Rinaldo nahm das Wort:

"Ich bin der Forster aus Sarsina, und bin mit meinem Burschen auf dem Heimwege. Da sah ich eure Gesellschaft und dachte, du musst doch sehen, wer die Herrschaften sind. Zugleich komme ich auch, Euch einen kleinen Wink zu geben. Seid wachsam und vorsichtig! Rinaldinis Bande haust in diesen Gebirgen."

"Ach Gott!" rief die eine von den Damen aus, "das macht mich sehr angstlich."

"Warum das?" sagte der Stallmeister. "Wir sind unserer ja genug, um Gewalt mit Gewalt zu vertreiben."

"Hm!" lachelte Rinaldo, "das wurde euch wenig helfen: denn Rinaldinis Leute haben, so zu reden, den Teufel im Leibe."

DIE DAME Aber mein Gott! warum lasst man denn diese Rauber hier so ruhig und ungestort ihr Wesen treiben?

RINALDO Weil man sie furchtet.

STALLMEISTER Wie stark mag wohl die Bande sein?

RINALDO Wer will das wissen! Rinaldini ist vogelfrei. Es steht ein Preis auf seinem Kopfe, der gar nicht zu verachten ist. Unter uns gesagt: Ich schleiche schon seit acht Tagen dem Vogel zu Gefallen herum und mochte gern etwas verdienen. Kam' er mir nur in den Schuss, er sollte gewiss nicht wieder aufstehen.

STALLMEISTER Kennt Ihr ihn denn?

RINALDO Er ist ja genau genug beschrieben worden.

STALLMEISTER Im Grunde, sagt man, soll er selbst eigentlich gar kein Herz haben und weder Mut noch personliche Tapferkeit besitzen. Seine Leute sollen alles fur ihn tun.

RINALDO So? Da sind seine Leute Narren!

STALLMEISTER Ihr meint also, er sei jetzt wirklich hier in der Nahe?

RINALDO Das weiss ich gewiss. Es sind unserer achtzehn, alle Jager und gute Schutzen, die wir ihm auf den Dienst lauern. Haben wir ihn, so teilen wir.

DIE DAME Was bekommt ihr denn, wenn ihr den Galgenstrick liefert?

RINALDO In Venedig, Genua, Lucca und Florenz wird Geld fur seinen Kopf gezahlt. Zusammen wirds immer ein Summchen von 4 bis 5000 Zechinen ausmachen. So etwas nimmt unsereiner mit. Die Zeiten sind schlecht. Aber freilich, Lebensgefahr ist dabei. Einige von uns konnen auch ins Gras beissen.

DIE DAME Man sollte Truppen gegen den Beutelschneider ausschicken.

RINALDO 's ist auch schon geschehen, Madamchen; aber es hat nichts fruchten wollen. Der Schlaukopf hat Schlupfwinkel, setzt sich auch wohl gar zur Wehr. Davon kann die Miliz von Lucca ein Liedchen singen. Dreihundert Mann wurden von 80 Mann, unter Rinaldinis Anfuhrung, uber Stock und Stein gejagt. Sie liessen noch dazu siebzig Tote auf dem Platze und haben es nie wieder versuchen mogen, gegen die Rauber anzurucken.

DIE DAME Es ist erschrecklich, wie weit es so ein solcher Vagabund treiben kann!

RINALDO Jawohl! Er soll sehr verwegen sein! und auch wohl oft ganz allein einen Streich ausfuhren, der zum Totlachen ist.

DIE DAME So etwas mochte ich einmal sehen.

RINALDO Gesetzt, Ihr steht hier ganz unbefangen. Neben Euch steht der Herr Stallmeister, und alle eure Leute sind um euer Gezelt herum versammelt So setzt Rinaldini mit der Rechten dem Herrn Stallmeister die Pistolen auf die Brust, indes sein Begleiter auf die Umstehenden anschlagt, und sagt: Ich bitte mir Eure Ringe, Eure Uhr und 300 Stuck Zechinen aus; ich bin Rinaldini!

Was er hier als ein Gleichnis sagte, tat er wirklich. Die Marchese schrie laut auf und der Stallmeister taumelte zuruck.

STALLMEISTER Herr Forster, keinen Spass!

RINALDO Kein Spass, volliger Ernst, Herr Stallmeister!

STALLMEISTER Wie? Ernst?

DIE DAME Um Gottes Willen!

RINALDO Ihr wolltet einen Streich zum Totlachen von Rinaldini sehen. Ihr seht ihn jetzt.

DIE DAME Ihr seid wirklich

RINALDO Ich bin Rinaldini. Nun weiter keine Vorrede. Ich habe Euch Euren Wunsch gewahrt, und Ihr gewahrt mir den meinigen. Dieses ist der Wunsch nach dem Besitz Eurer Uhr, Eurer Ringe und der kleinen Summe von 300 Zechinen. Dafur gebe ich Euch eine Sicherheitskarte, und bis nach Florenz werden Euch, wenn Ihr dieselbe vorzeigt, meine Leute kein Haar krummen.

Am ganzen Leibe zitternd, zog die Marchese ihre Ringe ab und gab ihm Uhr, Borse und die verlangten 300 Zechinen.

Mit einem: "Habt Ihr nun Rinaldini kennengelernt?" ging er davon, und keine Seele getraute sich, ihn zu verfolgen. Die Nacht brach herein, und seine Gesellen fanden sich an dem bestimmten Ort ein, ohne eine Kutsche gesehen zu haben. Rinaldo wurde missmutig und legte sich, nach einer sehr frugalen Abendmahlzeit, unter einer Pappel nieder. Er bedeckte sich mit dem Mantel und schlief bald ein. Seine Gesellen machten Feuer, stellten Wachen aus und legten sich auch zur Ruh, nachdem ihnen Severo Rinaldos Schwank mit der Marchese erzahlt hatte.

Gegen Morgen fuhren sie alle zugleich aus dem Schlafe auf, geweckt von wiederholten Schussen. Sie griffen zum Gewehr und vernahmen das Geschrei ihrer Vorposten:

"Wir sind umringt!"

Sie zeigten auf die benachbarten Bergspitzen und in die Taler, und allenthalben blinkten ihnen Gewehre entgegen.

RINALDO Auf, auf! wir mussen von unseren Leuten herbeiziehen, was wir nur konnen. Stosst in die Alarmhorner und ladet eure Gewehre doppelt!

Die Taler erklangen vom Schalle der Horner und die Echos gaben den Ruf zuruck. Auf einmal ertonte ganz nahe der Schall eines Horns, und bald sahen sie Altaverde mit seinen Gesellen sich ihnen nahern.

"Kameraden! wir sind umgangen! Landmiliz und Truppen rucken gegen uns an. Unsere Kameraden Tonetto und Rispero sind der Miliz in die Hande gefallen."

Bald darauf horten sie in der Ferne Hornerschall, der sich immer mehr naherte, und endlich sahen sie Alsetto mit seinem Corps, der durch das Tal herauf ihnen zuzog.

Jetzt waren sie 69 Mann stark. Alle schrien, wie aus einem Munde:

"Hauptmann! lass uns angreifen."

Sogleich rief er ihnen zu, sich links zu schwenken, und zog ins Tal hinab.

Sie waren einige hundert Schritte weit marschiert, als sie ein Papier auf der Erde liegen sahen. Altaverde hob es auf und gab es Rinaldo. Dieser entfaltete das Papier und las:

"Im Namen der Regierung wird hierdurch einem jeden von Rinaldinis Bande Verzeihung und Freiheit angeboten, der freiwillig zu den Truppen ubergeht und seinen Anfuhrer verlasst. Wer Rinaldinis Kopf mit sich bringt, erhalt noch, ausser dem Geschenke seiner Freiheit, eine Belohnung von 500 Stuck Zechinen."

Rinaldo steckte das Papier zu sich und sagte:

"Kameraden! dieses Papier verspricht euch Freiheit und Verzeihung, wenn ihr zu den Truppen ubergehen, und euch auf Treu und Glauben selbst in ihre Hande liefern wollt."

"Hat es der Grossherzog unterschrieben?" fragte Alsetto.

"Es ist ein Wisch ohne Ort, ohne Datum und Unterschrift"; antwortete Rinaldo.

"Dass wir doch Narren waren", schrie Altaverde, "und leichtglaubig auf die Anforderung eines verzagten Unteroffiziers unser Leben in die Schanze schlugen! Das hat ein Kerl geschrieben, dem es bange wird, gegen uns zu fechten. Kamen wir hinuber, so wusste kein Teufel etwas von dem Versprechen; man lachte uns aus und knupfte uns zum Spasse auf, was wir auch verdienten. Hauptmann! Zerreiss den Wisch in Stucke und lass uns Pfropfe daraus machen. Wir wollen die Versprecher mit ihren Versprechungen auf die Pelze brennen!"

"Kameraden!" begann Rinaldo, "Meine Meinung ist, uns nach der Grenze des Kirchenstaates zu wenden und uns durch die Miliz in die Marleischen Waldungen zu schlagen."

"Nur zu! nur darauf los!" schrien alle.

Sie durchkreuzten das Tal und schlichen sich an dem entgegengesetzten Berge hin. Beinahe hatten sie ihn schon umgangen, als sie, nahe an der Grenze, auf ein Piket Miliz stiessen. Dieses griffen sie unvermutet und rasch an und warfen es zuruck. Aber nun trafen sie auf ein Detaschement, das, uber anderthalbhundert Mann stark, rasch auf sie los ruckte.

"Kameraden!" schrie Rinaldini, "jetzt wehrt euch wie brave Manner! Mit drei Schritten sind wir uber der Grenze, und die Waldungen liegen kaum hundert Schritte weit von uns. Bekommen sie uns lebendig, so verlieren wir unser Leben auf der Marterbank oder unter Henkershanden. Also lasst uns lieber als brave Manner mit dem Sabel in der Faust sterben. Aber nur mutig! Wir schlagen uns gewiss durch. Frisch darauf los!"

Mit dem letzten Worte gab er das Signal mit einem Pistolenschusse, sturzte auf die Soldaten los und seine Gesellen ihm nach. Die Furie, mit der es geschah, machte die Soldaten anfangs besturzt. Sie fingen wirklich an zu weichen, als einer ihrer Offiziere ihnen ihre Feigheit vorwarf, an die Spitze trat und sie gegen die Wutenden fuhrte.

Nun kam es zu einem furchterlichen Gemetzel. Alsette sturzte an Rinaldos Seite nieder und drei seiner Gesellen zugleich mit ihm. Altaverde, Cinthio, Severo und Rinaldo fochten wie Lowen.

Es regnete Kugeln, und Hiebe fielen hageldicht. Mit gespaltenem Schadel sturzte Severo, und zwolf seiner Kameraden, von Kugeln und Hieben getroffen, neben ihm. Rinaldo drangte sich mit seinem zusammengeschmolzenen Haufen auf die Flanke der Truppen und erreichte endlich glucklich die Grenze, aber getrennt von den Seinigen. Hier fielen ihn zwei Dragoner an. Er schoss den einen vom Pferde, und der zweite sprengte zuruck. Matt und kraftlos erreichte Rinaldo den Wald, kroch in einen dichten Busch und sank atemlos, mit hochaufklopfendem Herzen, beinahe ohne Bewusstsein nieder. Als er wieder zu sich kam, war es hoch am Mittag, und er fuhlte sich gequalt von brennendem Durste. Er raffte sich auf und wankte tiefer in den Wald hinein bis zu einer Quelle, wo er sich niederwarf und sich erquickte. Er durchsuchte seine Taschen und fand ein paar Stuckchen Zwieback, die er mit dem grossten Hunger verschluckte. Dann kroch er einem Busche zu und stellte Uberlegungen an. Der Hunger aber trieb ihn bald wieder aus dem Busche. Er machte sich auf, untersuchte sein Gewehr, fullte seine Feldflasche mit Wasser und schlich weiter fort.

Er war nicht lange gegangen, als er Gerausch vernahm. Er stellte sich auf die Lauer und sah endlich einen Bauer mit einem Korbe ganz ruhig einhergehen. Diesem ging er entgegen und fragte ihn, ob er etwas zu essen bei sich habe?

Der Bauer sah ihn mit grossen Augen an und sagte endlich, er trage Kase und Wurste in die benachbarte Stadt. Rinaldo bot sich sogleich als Kaufer an, nahm so viele Kase und Wurste als in seine Jagdtasche gehen wollten und bezahlte sie ohne zu handeln; auch uberliess ihm der Bauer ein Brot, da er sah, dass er so gut fur seine Victualien bezahlt ward.

"Was gibt's Neues?" fragte endlich Rinaldo.

"Diesen Morgen" antwortete der Bauer "hat's auf der Grenze viel Blut gegeben. Die Toscanischen Soldaten haben den Spitzbuben Rinaldini erwischt. Er hat sich mit seinen Leuten wie ein Teufel gewehrt. Sie sind aber alle zusammengehauen und niedergeschossen worden."

"Rinaldini auch?"

"Auch mit. Der Spitzbube hatte langst den Galgen verdient. 's ist nur jammerschade, dass sie ihn nicht lebendig bekommen haben und dass er so ehrlich gestorben ist! Aber zum Teufel wird der Kerl doch gefahren sein. Denn er ist ja ohne Absolution in seinen verfluchten Sunden dahingestorben. Da stirbt unsereiner doch ruhiger und honetter. Nicht wahr?"

"Ei, naturlich! Wir beide sind ja aber auch keine Spitzbuben."

"Nein", sagte der Bauer und ging. Als Rinaldo ihn aus dem Gesichte hatte, schlich er waldein und hielt Tafel. Nach einem kleinen, erquickenden Schlafe machte er sich auf und ging einige Stunden tiefer in den Wald hinein. Auf einmal sah er sich ganz unerwartet auf einem freien Platze, der einige hundert Schritte im Umfange haben mochte. Vor ihm lagen auf einem Hugel die Ruinen eines zerstorten Schlosses.

Er sah sich rund umher um und erblickte kein lebendes Wesen. Die tiefste Totenstille schien uber die Gegend ausgegossen zu sein. Nicht einmal ein Vogel war in der Nahe zu horen. Doch glaubte er Fusstritte in dem Grase zu sehen.

Er ging auf die Trummer des Schlosses zu und trat in einen geraumigen Hof, der hoch mit Gras bewachsen war. Vor einer verfallenen Kolonnade setzte er sich auf eine umgesturzte Saule und uberliess sich sonderbaren Betrachtungen.

Ein Gerausch schreckte ihn auf. Ein Reh jagte voruber. Er kam wieder zu sich, stieg auf und naherte sich einer Treppe, die in die oberen Gegenden des Schlosses fuhrte.

Er stieg hinauf und kam in einen grossen Saal. Seine Fusstritte erschallten laut umher. Alles war ode und leblos um ihn her.

Der Saal fuhrte in ein geraumiges Gemach, an dessen Hinterwand er zwei alte holzerne Turen erblickte, die mit eisernen Riegeln verwahrt waren. Hier blieb er stehen, lauschte und horchte und vernahm nichts als seine eigenen lauten Atemzuge. Er klopfte an beide Turen an. Alles blieb still.

Endlich zog er den Riegel der einen Tur zuruck; sie knarrte auf und er trat in ein leeres Gemach, das er sogleich wieder verliess. Als er die andere Tur offnete, fand er auch hier wieder ein leeres Gemach. Er verriegelte beide Turen und ging wieder zuruck.

Jetzt ward er in der einen Ecke des Saals eine schmale Offnung gewahr. Es war der Eingang in ein leeres Gemach, welches in ein zweites und dieses in ein drittes fuhrte. Hier trat er auf Holz und sah, dass er auf einer verriegelten Falltur stand. Er schob den Riegel zuruck, hob die Falltur auf und sah in eine dunkle Tiefe hinab, wohin eine schmale steinerne Treppe fuhrte. Er liess die Tur nieder, ging zuruck und kam wieder in den Hof.

Die Dammerung brach schon stark herein. Er sah sich nach einem Baume um, erblickte eine majestatische Steineiche, stieg hinauf und suchte in ihren dichten Zweigen sein Nachtlager. Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht verliess Rinaldo sein hartes Lager, als der Tag anbrach, und machte sich auf den Weg, Wasser zu suchen, das er auch bald fand. Als er seinen Durst gestillt und seine Flasche gefullt hatte, ging er weiter, schnitt aber Merkzeichen in die Baume, um den Weg zu den Ruinen wieder zuruckfinden zu konnen.

Gegen Mittag nahte er sich der Fahrstrasse, die durch den Wald ging, und lagerte sich hinter einem Busche.

Hier hatte er nicht lange gelegen, als er in der Entfernung Menschenstimmen und Glockengeklingel von Maultieren vernahm. Beide naherten sich immer mehr, und endlich kam ein Zug Zigeuner zum Vorschein.

Die Gesellschaft bestand aus drei Mannern, zwei alten Weibern, einem Paar erwachsenen Madchen, vier Kindern, einem bepackten Maultier, zwei Hunden und einigen Murmeltieren.

Sie schienen die Gegend zu kennen, bogen waldein und zogen nach der Quelle zu, die Rinaldo eben verlassen hatte. Die Hunde witterten ihn kaum, als sie ein schreckliches Gebell erhoben und auf ihn losfuhren. Der eine von den Mannern griff nach einer Flinte.

Rinaldo schlug auf die Hunde los und trat aus dem Busche hervor.

"Heda! Wer bist du?" schrie ihm der eine Zigeuner entgegen.

"Ruft eure Hunde zuruck", rief ihm Rinaldo zu, "oder ich schiesse sie nieder!"

Sie lockten die Hunde an sich, und die Weiber nahmen sie fest. Rinaldo trat ihnen naher und sagte ganz entschlossen:

"Wir werden schwerlich etwas von einander zu furchten haben."

"Wer bist du?" fragte der Zigeuner wieder.

"Ein Mann, der keine Furcht kennt."

ZIGEUNER Ich weiss nicht, was ich von dir denken soll.

RINALDO Gib mir einen Schluck Likor, wenn du welchen hast.

ZIGEUNER Den kannst du bekommen, wenn du ihn bezahlen willst.

RINALDO Schenk ein!

ZIGEUNER Donnerwetter! Kerl, du kommst mir vor wie einer, der etwas begangen hat, weshalb er mit der lieben Justiz in Unfrieden lebt.

RINALDO Schenk' ein!

ZIGEUNER Ja, ja, Bursch! Einer von Rinaldinis Bande bist du gewiss?

RINALDO Was geht uns beide Rinaldini an?

ZIGEUNER Mich wenigstens so viel wie ein paar tausend Zechinen, wenn ich seinen Kopf liefern konnte.

RINALDO Ah so! Das ist aber zu spat.

ZIGEUNER Zu spat? Ich denke, er wird immer noch fruh genug an den Galgen kommen.

RINALDO Nun nicht, da er in dem letzten Gefecht von Toscanischen Soldaten niedergehauen worden ist. Da war ich dabei.

ZIGEUNER Du bist also einer von seiner Bande?

RINALDO Donnerwetter! Sag das noch einmal, und ich schlage dir den Kopf ein. Was denkst du von mir? Ich bin der Forster des nachsten Grenzorts und war mit meinen Leuten gegen Rinaldini aufgeboten. Ich denke, wir haben einen heissen Tag gehabt, und du Schuft willst da

ZIGEUNER Nun, nun! Ich bitte um Verzeihung, man kann sich

RINALDO Raisonniere nicht und schenk ein! Das ist eins. Numero zwei: Zeigt eure Passe vor. Wir haben gescharfte Befehle erhalten, euch Landstreichern auf der Fahrte zu sein.

EINE ZIGEUNERIN Ein delizioses Likorchen! Fur den Herrn Forster, ganz umsonst.

RINALDO Ich nehme nichts geschenkt und kenne meine Pflicht. Noch eins. Schenk' ein, alte Sibylle!

ZIGEUNERIN Mit Vergnugen, allerliebster Herr Forster!

RINALDO Sind das deine Tochter, alte Nachteule?

ZIGEUNERIN Die kleine ist meine Tochter. Die grosse ist eine Anverwandte. Eine vater- und mutterlose Waise. Sie heisst wie ihre Schutzpatronin: Rosalie, ist eine gute Christin, siebzehn Jahre alt und hat ein vortreffliches Herz. Soll ich noch eins einschenken?

RINALDO Meinetwegen!

ZIGEUNERIN Rosalie! Ein Stuckchen Reiskuchen fur den Herrn Forster.

ROSALIE Hier, Herr Forster! Wohl bekomm's

RINALDO Hore Madchen! bist du denn wirklich getauft?

ZIGEUNERIN Vergebe Euch der Himmel diese Frage! Zu Macerata ist sie gar schon und christlich getauft worden, wie ihr Taufzeugnis besagt.

ROSALIE Ja, gewiss und wahrhaftig!

RINALDO Nun? Was bin ich schuldig?

ZIGEUNERIN Ah papperlapapp! Nichts. Wir werden dem Herrn Forster doch nicht gar Geld abnehmen.

RINALDO Ich nehme nichts von euch geschenkt. Sucht eure Passe herbei. Was habt ihr da alles in den Korben? Teufel und alle Wetter! Wie kommt ihr denn zu den grossen Wachskerzen? Die habt ihr gewiss gestohlen.

ZIGEUNERIN Gott bewahre! Herr Forster, was denkt Ihr von uns? Wir haben sie gekauft. Wir brauchen dieselben bei Sturmnachten im Walde.

RINALDO Ich will euch zwei Stuck davon abkaufen.

ZIGEUNERIN Sie stehen zu Diensten.

RINALDO Das Brot kaufe ich euch auch ab.

ZIGEUNERIN Nach Belieben.

RINALDO Nun macht mir die Rechnung. Hurtig! und die Passe heraus! Wollt ihr mir das ganze Flaschchen Likor lassen?

ZIGEUNERIN Warum nicht?

ZIGEUNER Der Herr Forster taugt gut auf einen Jahrmarkt.

RINALDO Ja, ich kaufe alles, was mir gefallt. Ich kaufe euch auch das Madchen ab, wenn ihr mir sie lassen wollt, und wenn sie mit mir gehen will. Ich brauche so ein Madchen in der Wirtschaft.

ROSALIE Wenn ich Lohn bekomme, gehe ich mit.

RINALDO Das versteht sich.

ZIGEUNERIN Ihr konnt das arme Ding bekommen. Aber es ist eine Bedingung dabei. Ihr fragt nicht weiter nach unsern Passen.

RINALDO Aha! Nun, meinetwegen! Aber nehmt euch in acht, dass ihr nicht der Miliz in die Hande fallt. Es wird heute gestreift.

ZIGEUNERIN So wollen wir machen, dass wir aus dem Walde kommen.

RINALDO Das rate ich euch selbst. Hier ist Geld fur's Madchen und ein Paar Paoli fur meine Zeche.

ZIGEUNERIN Nun, so bedanken wir uns.

ROSALIE Lebt wohl!

ZIGEUNERIN Fuhre dich hubsch auf und mache uns keine Schande! Wie heisst der Ort, wohin Ihr sie fuhrt, Herr Forster?

RINALDO Nach Sarsiglia, wo ich Forster bin. Die ganze Gegend kennt mich.

ZIGEUNERIN 's ist nur, dass wir wissen, wo wir uns nach dem Madchen erkundigen konnen.

RINALDO Schon recht! Gott befohlen!

ROSALIE Nochmals; lebt wohl!

Die Zigeuner machten sich sogleich auf den Weg. Rosalie nahm ihr Bundelchen, sprang neben Rinaldo her, der den Weg nach den Schlosstrummern einschlug und war sehr aufgeraumt und munter. Sie bewunderte die Ruinen, meinte, hier musse es sich gut fur Zigeuner hausen lassen, und warf sich neben Rinaldo nieder, der sich ins Gras streckte.

ER Bist du wirklich gern mit mir gegangen?

SIE Sonst wurde ich ja nicht so freudig sein. Das Leben, das ich bisher gefuhrt habe, hat mir schon langst nicht mehr gefallen wollen. Ich hatte mir auch vorgenommen, einmal des Nachts davonzugehen. Nur wusste ich nicht, wohin. Ach, ein Zigeunermadchen ist gar ein armes Tier! Man muss sich zu vielerlei gebrauchen lassen, hat doch zuweilen kaum das liebe Brot, und wenn man einmal etwa mit langen Fingern erwischt wird, rips! bekommt man zwischen Himmel und Erde Quartier. Wenn ich aber Eure Wirtschafterin bin

ER Ich will dich nicht betrugen; du gefallst mir zu sehr. Ich bin kein Forster.

SIE Heilige Rosalie! Was denn sonst?

ER Jetzt kannst du deine Gesellschaft noch einholen, wenn du nicht Lust hast, bei mir zu bleiben. Ich halte dich nicht zuruck. Ich stelle dir alles frei. Und damit du siehst, wie aufrichtig ich gegen dich bin, so will ich sogar so unbesonnen sein, dir zu sagen, wer ich bin. Ich bin Rinaldini.

SIE Ach, Rinaldini! Wie bin ich erschrocken, weil weil Ihr ein so beruhmter Mann seid, und weil ich

ER Zieh' in Frieden zu deinen Zigeunern zuruck! Hier sind zehn Dukaten. Ich schenke sie dir.

SIE Still! Lasst mich einmal ein wenig nachdenken. So oder so! Hm! Ich bleibe bei Euch.

ER Nun gut! Du sollst sehen, dass ich fur dich sorgen will. Und geht's mir wohl, so soll dir's auch wohl gehen. Fehlen soll dir's an nichts, was ich dir verschaffen kann. Gib mir deine Hand und versprich mir, bei mir zu bleiben.

SIE Hier ist meine Hand. Ich verspreche es dir.

ER Dein offener Blick nahm mich gleich fur dich ein, und da ich dir mein Zutrauen schenke, so kannst du glauben, das ich des deinigen wert zu werden wunsche.

SIE Rinaldini, und wenn du auch ein noch so furchtbarer Mann warst, ich will mich nicht furchten. Aber bei dir bleiben will ich, und dir getreu dienen. Ist es mir doch, als sei ich schon langst um dich herum und mit dir bekannt gewesen.

ER So ist es mir auch. Daher kommt es, dass du mir gefallst und dass ich so viel Zutrauen zu dir habe.

SIE Das ist mir sehr lieb! Je mehr du Zutrauen zu mir hast, desto lieber bin ich bei dir.

ER Ich will mich dir ganz entdecken. So wie du mich hier siehst, bin ich einem Gefechte mit Toscanischen Truppen entronnen, aus welchem wenige der Meinigen entkommen sein werden. Ich bin jetzt hier ganz allein und sehne mich auch nicht zu dem Uberreste meiner Gesellschaft zuruck. Vielleicht hat mich das Schicksal zu meinem Glucke von meinen Gesellen getrennt. Die Toscaner glauben, ich sei auf der Wahlstatt unter den Toten geblieben. Es ist mir sehr lieb, dass sie das glauben. Vielleicht sahen sie meinen Gesellen, Severo, der mit gespaltenem Schadel neben mir niedersank und einige Ahnlichkeit mit mir hat, fur mich an; vielleicht gaben etwa einige der Meinigen, die verwundet gefangen wurden, mich fur tot aus, um mich gegen Nachstellungen zu sichern, oder wie dem ist. Genug, ich wunsche, ganz Italien glaube, ich sei tot. Unter diesen Ruinen will ich einige Tage verweilen, bis die Soldaten wieder entfernt sind, dann wollen wir suchen, uns gewissen Platzen zu nahern, wo ich Geld vergraben habe. Finden wir deren nur drei unbemerkt, so haben wir zu leben, suchen uns irgendwo einzuschiffen, verlassen Italien und leben mit und beieinander in Ruhe.

SIE Das ist ein herrlicher Plan.

ER Nun wohl! so wollen wir suchen, ihn auszufuhren.

So ward das Bundnis geschlossen und mit einem Fruhstucke besiegelt.

Nach demselben fuhrte Rinaldo seine Gesellschafterin ins Innere des ehemaligen Schlosses und zundete seine beiden erhandelten Kerzen an, das Terrain zu untersuchen, zu welchem die Treppe unter der bewussten Falltur fuhrte.

Sie stiegen hinab und kamen in ein geraumiges Gewolbe, das gleichsam der Vorhof eines weit grosseren war, welches sie durchsuchten und ganz leer fanden. Am Ende desselben kamen sie wieder zu einer Treppe, die aufwarts fuhrte, oben von einer Falltur bedeckt wurde, die unverriegelt war und sich aufheben liess. Sie kamen in einen kleinen mit Gras bewachsenen Vorhof und drangten sich durch eine schmale Offnung, die ehemals eine Tur gehabt haben mochte, in ein kleines Gemach, das verschlossene Fensterladen hatte. Sie naherten sich einer verriegelten Seitentur, die sie offneten, als zwei Ottern nahe an ihnen vorbei zischten. Dann traten sie in ein enges Zimmer, fuhren aber bald wieder zuruck, als ein schrecklicher Geruch, wie ein Dampfnebel, ihnen entgegenschlug. Als Rinaldo wieder eintrat, fand er zwei Korper auf dem Boden, die in Faulnis ubergingen. Sie waren ganz entkleidet und mit geronnenem Blute bedeckt.

"Hier hausen Morder!" sagte er, verliess das Gemach und verschloss die Tur.

Die schreckliche Entdeckung machte ihn unruhig. Er wendete sich zu Rosalien und sagte:

"Hier werden wir schwerlich lange bleiben. Ich meinte, diese Trummer wurden nur ein Aufenthalt der Ottern und Eulen sein, und finde, dass sie von Mordern besucht werden."

Rosalie schauderte zuruck. Rinaldo bedachte sich nicht lange und ging mit dem Madchen wieder dahin, woher sie gekommen waren. Sie eilten ins Freie und waren kaum auf dem offenen Schlossplatze angekommen, als ein Schuss fiel, dessen Kugel zwischen beiden durchfuhr. Rinaldo bedachte sich nicht lange, legte sein Rohr an, und gab Feuer auf den Busch, aus welchem der Schuss kam.

Er vernahm einen lauten Fluch; ein Gerausch, und im Augenblick stand ein Bewaffneter vor ihm, der ihn donnernd anredete:

"Hier keinen Widerstand, wo Batistello ist, der gefurchtete Anfuhrer einer furchtbaren Truppe von Mannern, die der Schrecken der ganzen Gegend sind!"

RINALDO Ha! sehe ich dich endlich, gefurchteter Batistello, von dem ich so viel schon gehort habe. Du bist es selbst?

BATISTELLO Ich bin es.

RINALDO Nun so wisse, dass ich dir um kein Haar breit weiche: denn auch ich bin gefurchtet, wie du. Ich bin Rinaldini, der Unerschrockene.

BATISTELLO Ha! treffen wir uns hier? Wisse, dass wir mit Worten nicht auseinander kommen. Ich bin eifersuchtig auf deinen Ruhm. Unser Zusammentreffen kann sich nur mit der Unterwerfung des einen von uns beiden enden. Dass ich mich dir nicht unterwerfen werde, kannst du denken, also greif zum Sabel und lass sehen, ob du ihn zu fuhren verstehst.

RINALDO Das sollst du erfahren. Lass aber deine Leute aus dem Hinterhalt treten.

BATISTELLO Ich bin hier jetzt ganz allein. Wer von uns beiden fallt, ist der Erbe des andern.

RINALDO Der meinige ist dieses Madchen.

BATISTELLO Das wird sich geben. Sie soll ungehindert abziehen und eine gute Zehrung von mir erhalten. Lass deine Leute vortreten!

RINALDO Sie sind uber eine halbe Stunde weit von hier entfernt.

BATISTELLO Nun gut, so zieh!

Rinaldo entledigte sich seines Gewehrs und seiner Jagdtasche. Rosalien traten Tranen in die Augen. Rinaldo sah sie nicht, zog und ging auf Batistello los. Dieser empfing ihn mit Kalte und Mut. Es fiel Hieb gegen Hieb, von beiden pariert und wiederholt. Sie hackten ein paar Minuten aufeinander los. Rinaldo wurde immer hitziger. Batistello blieb kalt und bei Fassung. Rinaldo sah und horte nicht mehr, sturmte immer wutender auf seinen Gegner los, und dieser zog unbemerkt mit der linken Hand ein Terzerol. Die Hand hinter den Rucken gelegt, schoss er es auf Rinaldo ab, und fehlte ihn.

"Ha! Nichtswurdiger!" schrie Rinaldo ergrimmt, zog eine Pistole aus dem Gurtel, und schoss ihm eine Kugel durch den Kopf. Batistello fiel. Rosalie schrie laut auf.

Ohne eine Wort zu sprechen, gab der Bandit seinen Geist auf. Rinaldo packte ihn und warf seinen Korper in den Busch, aus welchem er auf ihn geschossen hatte.

Hier lag ein Packchen. Er hob es auf und gab es Rosalien. Einen schonen Ring zog er dem Toten vom Finger, und eine Katze, gefullt mit Goldstucken, riss er ihm vom Leibe.

"Jetzt Rosalie!" schrie er. "Auf und davon, ehe des Nichtswurdigen Gesellen kommen!" Nach einem Wege von anderthalb Stunden fanden sie ein heimliches Ortchen, mitten im tiefsten Walde; einen mit Buschwerk umwachsenen Hugel, an dessen Fusse ein silberheller Quell in den Abhang der Gegend hinabmurmelte. In der Mitte des Hugels war ein freies Platzchen. Hier liessen sie sich nieder und sprachen uber den blutigen Vorfall.

Rinaldo zahlte das Gold in der erbeuteten Geldkatze und fand uber 200 Stuck Dukaten, einige goldene Schaustucke ungerechnet. Indessen durchstoberte Rosalie das Bundel und fand eine Waldbruderkutte, ein Paar falsche Nasen, einen Bart und Wasche, die beiden sehr gelegen kam.

Sie nahmen hierauf eine kleine Mahlzeit ein, koseten noch mancherlei miteinander und ubernachteten auf dem Flecke, wo sie waren.

Zweites Buch

Der Zufall weilt, wo Liebe weilet,

Er wirkt und schafft, er fuhrt zum Ziel;

Dort wird der susse Raub geteilet,

Und immer kuhner wird das Spiel.

Die Sonne war aufgegangen. Unser Parchen machte sich auf den Weg. Sie kamen der Landstrasse naher und sahen, als sie eben dieselbe wieder verlassen wollten, einen Bauer auf sich zukommen, der bei ihrem Anblicke seine Schritte verdoppelte. Rosalie sprang in den Wald zuruck; Rinaldo aber blieb stehen und erwartete die Annaherung des Bauern, der, noch weiter als zehn Schritte von ihm entfernt, ihm laut entgegenjauchzte:

"Sei gegrusst, du glucklich Wiedergefundener!"

Da erkannte Rinaldo an der Stimme, dass es der wackere Cinthio war, der ihn so froh grusste.

Sie eilten aufeinander zu und umarmten sich mit Frohlocken. Rosalie trat schuchtern herbei.

RINALDO Sehe ich dich wieder, braver Cinthio! Und du bist dem Tode entkommen?

CINTHIO Glucklich! Ich, Altaverde und der Bube Steffano, wir sind es, glaube ich, nebst dir allein, die von uns allen entkommen sind. Wir dreie, Gebirge getrieben. Bei dem Caprilischen Passe war Matheo mit seinem Kommando von den Soldaten beangstigt worden und zog sich, der Grenze naher zu sein, uber die Perlenhohen. Dort trafen wir uns und erzahlten ihm unser Ungluck. Es war nicht zu zaudern. Wir griffen einen Milizposten an, liessen acht Mann auf dem Platze und schlugen uns durch, bis in die Waldungen, wo ich dich jetzt so glucklich gefunden habe. Und hier hausen wir.

RINALDO Fuhre mich zu den braven Burschen. Ich weiss einen guten Platz fur uns.

CINTHIO Wer ist das Madchen?

RINALDO Sie gehort mir an.

CINTHIO So sei sie gegrusst und willkommen.

Nun wanderten sie dem Platze zu, wo Matheo und seine Gesellen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Rinaldo wurde mit lautem Jubel empfangen und erzahlte die Geschichte seines Kampfs mit Batistello.

"Das war recht, Hauptmann!" schrie Matheo, "dass du den Kerl niederschossest."

Hierauf beschrieb ihnen Rinaldo die Ruinen, und sie brachen sogleich auf, von denselben Besitz zu nehmen. Da quartierten sie sich ein und fingen an zu kochen und braten.

Gegen Abend gaben die Wachen Signale. Alle griffen zu den Waffen und zogen einem Trupp von zehn Mann entgegen, die von Batistellos Bande waren. Es kam bald zwischen beiden Parteien zum Handgemenge, die Batistellianer zogen den kurzeren. Sechs Mann blieben auf dem Platze. Die ubrigen vier unterwarfen sich, schwuren Rinaldo den Eid der Treue und wurden unter seine Bande aufgenommen. "Es kommt nicht wenig darauf an", sagte Rinaldo, als sie einige Tage unter den Ruinen verlebt hatten, "zu wissen, wie es in dem Florentinischen steht. Ich habe mich entschlossen, selbst Nachforschungen anzustellen, und werde daher morgen auf einige Zeit von euch gehen. Ihr sollt mich aber bald wiedersehen, hoffe ich. Bis dahin mag Altavede das Kommando uber euch fuhren. Als Beistande gebe ich ihm Matheo und Cinthio zu." Den folgenden Morgen bestieg er, fein gekleidet, ein schones Pferd, und Rosalie folgte ihm in Bubentracht auf einem Maultiere nach.

Er schlug den Weg nach Oriolo ein, und die Leser konnen leicht denken, dass er in die Gebirge eilte, seinem Freunde Donato einen Besuch abzustatten.

Die Soldaten waren wieder in ihre Quartiere zuruckgekehrt, glaubten Rinaldinis Bande ganz zerstreut zu haben, und die Grenzen waren unbesetzt.

Es war ein schwuler Morgen, als er sich Donatos Klause naherte. Der Alte sass vor der Tur seiner Einsiedelei, horte Hufschlag und stand eben auf, dem Gerausch entgegenzugehen, als Rinaldo vor ihm stand. Donato erkannte ihn nicht gleich, denn er hatte sein Gesicht unkenntlich gemacht, dennoch aber hatte er eine gewisse Ahnung, mit der er ihn scharf ins Auge fasste.

RINALDO Gott mit dir! Ich freue mich sehr, dich wohlauf zu sehen, ehrlicher Freund!

DONATO Du kennst mich?

RINALDO Wir kennen uns beide. Kannst du nicht erraten, wer ich bin?

DONATO Ach! meine Ahnung! Und du lebst wirklich noch? Man sagt fur gewiss dich tot.

RINALDO Desto besser! Du siehst aber, dass ich noch lebe.

DONATO Was willst du nun hier?

RINALDO Dich will ich noch einmal besuchen, ehe ich Italien verlasse.

DONATO Das willst du? Und in andern Landern?

RINALDO Will ich in der Stille leben, Gutes tun und keine Rauber mehr anfuhren.

DONATO Segne der Himmel deinen Vorsatz!

RINALDO Jetzt bleibe ich bei dir und verlasse dich vor morgen nicht wieder.

Pferd und Maultiere wurden abgesattelt, die Mantelsacke in Donatos Stube gebracht, und die Gaste nahmen Quartier. Was sie bei sich hatten, wurde fur die Tafel hergegeben, und Rosalie, in ihrer jetzigen Tracht Rosetto genannt, nahm sich der Kuche an. Gegen Abend sassen Donato und Rinaldo vor der Tur und beobachteten den Zug donnerschwangerer Gewitterwolken, die die Gipfel der Berge umhullten. Flammende Blitze durchkreuzten den schwulen Horizont, und das verdoppelte Echo gab die entfernten Donnerschlage zuruck. Nach und nach fielen Tropfen; endlich stromte der Regen herab und trieb sie in die Klause. Sie setzten sich an den Tisch, und Rosalie kredenzte den aufgetragenen Wein.

RINALDO Nun, Freund! da es sehr wahrscheinlich ist, dass wir uns jetzt zum letztenmal sprechen, so sage mir: Wo ist Aurelia?

DONATO Ich sage dir, bei Hand und Schwur, sie ist nicht mehr in dieser Gegend.

RINALDO Im Kloster?

DONATO Nein. Ihr Vater hat sie mit sich genommen.

RINALDO Wer ist ihr Vater?

DONATO Mein Freund, der Mann, den du kennenlerntest, als du letzthin von mir gingst; der Malteser; der Prinz della Roccela.

RINALDO Ach! gewiss: Die Dame im Nonnenschleier ist Aureliens Mutter?

DONATO So ist es. Sie ging nach der Geburt ihrer Tochter ins Kloster, denn ihr Liebhaber, der Vater ihres Kindes, ist, wie du weisst, Malteser-Ritter. Der Prinz hat seine Tochter mit sich genommen und wird sie vermahlen.

RINALDO Bist du mit ihm verwandt?

DONATO Ich bin sein Oheim

RINALDO Du bist?

DONATO Ich bin ein verbannter Romer aus einem vornehmen Geschlecht, der dem verderblichen Nepotismus weichen musste, dessen Anmassungen er sich widersetzte.

RINALDO Kann ich dir gegen deine Feinde dienen? Willst du sie zur Rechenschaft gezogen sehen? Das Racheschwert lag schon oft in meiner Hand. Oft werden selbst Strafbare strafende Werkzeuge des Himmels.

DONATO Ich habe meinen Feinden verziehen und uberlasse meine Rache dem Himmel selbst, ohne ihm vorzugreifen.

RINALDO Mein Anerbieten soll dich nicht beleidigen. Brauchst du Geld?

DONATO Ich brauche keins. Du hast mich ohnehin neulich, ohne meine Erlaubnis, beschenkt. Wir trinken jetzt von dem Weine, den ich von dir erhielt.

Schweigend leerte Rinaldini sein Glas, und nach einer starken Pause fragte er mit beinahe wehmutiger Stimme:

"Wird Aurelia glucklich sein?"

DONATO Ich hoffe und glaube es. Furchtest du nichts, dass du dich so ganz allein in ein Land wagst, wo allenthalben deine Verrater lauern?

RINALDO Ich bin nie ohne Bedeckung, wenn sie auch nicht um mich ist.

DONATO Du bist ein gefurchteter Mensch!

RINALDO Und furchte mich nur vor mir selbst.

DONATO So ringst du mit einem sehr machtigen Feinde, den du nie besiegen wirst. Mit Tagesanbruch verliess Rinaldo seinen Wirt, liess ihm eine Sicherheitskarte zuruck und suchte einen Platz, auf welchem er Geld vergraben hatte, das er auch glucklich wiederfand, und eben war er im Begriff, sein Pferd zu besteigen, als er einen Kapuziner auf sich zukommen sah, den er bald erkannte. Es war Amadeo, der in dieser Verkappung umherschlich und seine Kameraden suchte. Sie bewillkommneten sich beide und hatten sich viel zu erzahlen.

Wahrend eines guten Fruhstucks, dessen der Pseudo-Kapuziner gar sehr bedurfte, schrieb Rinaldo einen Brief an seine Leute, den er durch Amadeo an Altaverde sendete. Er schrieb:

"Die Umstande zwingen mich weiterzugehen, und ich werde euch so bald nicht wiedersehen konnen. Wird euch euer jetziger Aufenthalt lastig oder unsicher, so geht in die Apenninen zuruck, wo ihr jetzt wieder ruhig sein konnt. Vermehrt die Truppe und seid vorsichtig! Ich bin auf dem Wege, einen grossen Streich auszufuhren. Vor allen Dingen empfehle ich euch Einigkeit und die ganzliche Vernichtung der Batistellischen Bande."

Mit dieser Depesche ging Amadeo den bezeichneten Weg zu seinen Kameraden, und Rinaldo schlug die Strasse uber Benedetto nach Sarsina ein, um nach Cesena zu gehen. Unterwegs traf er auf Nikolo und Sebastiano, die aus den Basinischen Waldungen mit gutem Gluck entkommen waren und die Grenze erreicht hatten. Nikolo erhielt von ihm Weisung, seine Gesellen zu finden, und Sebastiano blieb als Kutscher bei ihm. Denn zu Sarsina kaufte er sich vier Zugmaultiere und einen Wagen, weil die Last seines Gepacks durch seine aufgegrabenen und glucklich gefundenen Schatze immer starker wurde. Rosalie sass bei ihm in dem Wagen. Er reiste als Graf Dalbrogo weiter. Zu Cesena fand er einen Bankelsanger, der Rinaldinis Taten auf einem offenen Platze unter einer bemalten Leinwandtafel absang. Das um ihn herum versammelte Volk horte diesem Manne mit grosser Aufmerksamkeit zu, und Rinaldo drangte sich in den Kreis, zu horen, was man von ihm sang. Eben sang der Bankelsanger folgende Stanzen:

Da lag er hart verwundet

Und seufzte jammerlich:

"Ach, wer erbarmt sich meiner?

Wer kommt und rettet mich?

Sind alle meine Leute

So schnell davon geflohn?

Ach, war' doch hier ein Priester!

Die Zunge stammelt schon.

Er moge meiner Sunden,

Und meiner bangen Qual,

Mich vaterlich entbinden,

Und trosten uberall!"

Hier zog der Bankelsanger den Hut vom Kopfe und schrie: "Lasst uns, o lasst uns, meine Christen, ein Vaterunser beten fur den armen beichtenden Rinaldini!"

Alle zogen die Hute ab und falteten die Hande. Rinaldo tat, um nicht aufzufallen, was die andern taten, und betete fur sich selbst. Hierauf warf der Bankelsanger den Hut unter die Zuhorer und schrie ihnen zu:

"Mai! e io sono un povero Christiano! Selig sind, die da geben!" Einer hob den Hut auf, und es regnete Kupfermunzen in denselben. Rinaldo warf Silbergeld hinein, das zog ihm von einem Nachbarn ein

"Bravo Christiano!" zu. Als der Hut wieder zu seinem Herrn kam, strich dieser das Geld zusammen, steckte es zu sich, setzte den Hut auf und sang fort:

So seufzte Rinaldini

Und sprach im grossen Schmerz:

"Ach! brich doch mein getreues,

Zu viel beschwertes Herz!"

Er sprach: "Ach! Jungfrau reine,

Du unbefleckte Magd!

Dich bitt' ich um Erbarmen,

Dir sei mein Leid geklagt.

Erbarme dich des Sunders

Und nimm ihn zu dir auf!"

Drauf gab er mit Verzucken,

Sein boses Leben auf.

Erlos uns, Herr, vom Ubel,

Und nimm dich unsrer an,

Damit wir nie betreten

Des Lasters breite Bahn!

Die Zuhorer waren alle erbaut und geruhrt, nur Rinaldo nicht, und gingen auseinander. Der Bankelsanger aber packte seine Herrlichkeiten zusammen und zog auf einen andern Platz, seine Romanze zu wiederholen. Viele folgten ihm nach, die Geschichte noch einmal zu horen.

Rinaldo aber wendete sich zu seinem Nachbarn, der eine Art von Stadtviertelsmeister oder so etwas zu sein schien, und fragte:

"Also ist der Erzrauber Rinaldini wirklich tot?"

"Ja!" erwiderte dieser "Gott sei seiner belasteten Seele gnadig! Er ist wirklich tot und geblieben in einem Gefechte gegen die Toscanische Miliz. Sein Kopf steckt vor dem Rathause zu Pienza, dort kann ihn jedermann sehen auf einem Pfahle."

"Das ist sehr gut!"

"Jawohl! Er war der Schrecken von ganz Toscana und der Lombardei. Schade! ewig schade! dass er seine Verstandeskrafte und seine Tapferkeit nicht besser anwendete!"

Ein Franziskaner erbot sich, ein paar Messen fur Rinaldini zu lesen, und erhielt Geld. Rinaldo selbst gab ihm etwas dazu und beforderte also seine Exsequien bei lebendigem Leibe. Als er den folgenden Tag Cesena verlassen wollte, erblickte er den bekannten Malteser, der ihm auf der Strasse entgegenkam. Es war unmoglich, ihm auszuweichen. Er fasste sich schnell, ging auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und sagte:

"Prinz! ich bin in Eurer Gewalt."

"Mein Gott!" rief dieser verwunderungsvoll aus: "Seid Ihr es wirklich? Seid Ihr vom Tode auferstanden?"

RINALDO Ihr seht mich lebendig vor Euch.

PRINZ Furchtet nichts von mir. Ich bin kein Sbirre.

RINALDO Wenn ich Euch einmal in meinem Leben auf irgendeine Art dienen kann

PRINZ Ohne Umstande! Seht Euch wohl vor.

RINALDO Man glaubt mich tot und singt mein ungluckliches Ende auf allen Strassen ab.

PRINZ Gut fur Euch! Aber dass Ihr hier so offentlich und allein

RINALDO Glaubt nicht, dass ich allein bin. In hunderterlei Gestalten umgeben mich die Meinigen. Sich meiner Person zu bemachtigen, wurde Blut genug kosten.

PRINZ Wollt Ihr nicht einmal endigen?

RINALDO Das will ich. In Deutschland will ich die Meinigen auseinandergehen lassen, wenn es mir gelingt, dieses Land zu erreichen. Wohin geht Ihr?

PRINZ Jetzt nach Urbino.

RINALDO Dort sehe ich Euch wieder. Prinz, erlaubt mir die Frage: Ist Eure Tochter glucklich?

PRINZ Wie? Ihr wisst

RINALDO Donato hat mir alles gesagt.

PRINZ Ja sie ist glucklich verheiratet, hoffe ich.

RINALDO Gott segne sie! Prinz! Eure Maultiere wurden einst von meinen Leuten

PRINZ Still davon!

RINALDO Ich bitte Euch, nehmt diesen Ring von mir!

PRINZ Als ein Andenken von einem so merkwurdigen Mann, als Ihr seid, nehme ich diesen Ring an.

RINALDO Ich danke Euch! Und da Ihr viel zu reisen pflegt, so bitte ich Euch, nehmt diese Karte von mir. Meine Leute werden sie allenthalben und unbeschrankt respektieren.

PRINZ Ich nehme auch dieses Euer Geschenk an.

RINALDO Gehabt Euch wohl und gedenkt meiner!

Er liess sogleich anspannen und ging auf einem andern Wege weiter. Er schickte Sebastiano, als er seine Maultiere verkauft hatte, voraus, brachte sein Geld wieder in Sicherheit und zog sich in die Apenninen rechts hinunter.

Hier fand er eine leere Klause, die nicht langst verlassen zu sein schien, wie eine noch ziemlich frische Schrift bezeugte, welche auf dem Tische des einzigen Einsiedlerzimmers lag. In dieser hiess es: "Wer du auch sein magst, der du nach mir diese Klause zu deiner Wohnung wahlst, so wunsche ich dir, dass du ebenso glucklich als ich, der ich dieselbe bewohnte und dieses schrieb, dieselbe wieder verlassen magst."

Rinaldo hatte dieses kaum gelesen, als es ihm einfiel, hier einige Zeit ein Eremitenleben zu fuhren. Die Kutte war schnell ubergeworfen und Rosalie nahm sich der Haushaltung an; die aber, was besonders Tisch und Keller betraf, weit glanzender war, als ein gewohnlicher Klausner sie zu haben pflegt. Er hatte hier einige Tage verlebt und war eben einmal auf seinem Morgenspaziergang, als er auf einen Menschen stiess, der auf einer Anhohe sass und zeichnete. Diesem nahte er sich, grusste ihn, redete ihn an und fragte, was er da zeichne?

"Ich zeichne diese Gegend", antwortete jener "weil sie in unsern Tagen merkwurdig geworden ist: denn hier ist Rinaldini gefallen. Unter jenem Baume hat er mit gespaltenem Haupte seinen Geist aufgegeben. Ein Soldat, der mit in dem Gefecht war, hat mir diesen Platz genau bezeichnet. Ist der Platz gezeichnet, radiere ich ihn und verkaufe ihn illuminiert, wovon ich einen guten Profit zu ziehen hoffe. Eine zweite Platte enthalt das Gefecht, das auch Kaufer finden wird. Auf dem ersten Blatt, wo ich das Tal leer lasse, bringe ich neben dem Baume, wo Rinaldini fiel, einen Galgen an, und die Sache wird emblematisch."

Lachelnd nickte seinem Unternehmen, wie es schien, der Mann, von dem er eben sprach, Beifall und sagte ganz trocken:

"Das gibt eine gute Spekulation!"

Der spekulative Kunstler fiel rasch ein:

"So muss es in der Welt gehen! Dergleichen Vorfalle mussen die Kunst ernahren, fur welche die Menschen so wenig tun."

Schnell verliess Rinaldo diesen Spekulanten und wunschte ihm guten Absatz seines Kunstwerks. Heimlich aber argerte er sich doch ein wenig uber den Galgen, der zum sprechenden Emblem seines Grabmals gemacht werden sollte.

Als er nach seiner Klause zuruckkam, horte er Larm in derselben. Er lauschte, vernahm drohende Stimmen und horte Rosalien weinen.

Schnell trat er in das Zimmer, wo Rosalie weinend auf der Bank sass, und zwei Kerle von ziemlich ungeschlachtem Ansehen waren eben damit beschaftigt, ein Wandschrankchen zu erbrechen. Sie waren so sehr auf ihre Arbeit erpicht, dass sie ihn nicht kommen horten. Er winkte Rosalie, die ihn sah, zu schweigen, trat rasch hinzu, warf den einen Kerl zu Boden und bemachtigte sich einer Pistole des Raubers, die auf dem Tische lag. Rosalie zog schnell eine Stutzbuchse hinter dem Stuhle hervor, sprang auf und legte auf den zweiten Kerl an, der ganz betaubt sein Werkzeug, womit er an Erbrechung des Schrankes gearbeitet hatte, fallen liess.

Indem Rinaldo dem Unterliegenden die Pistole auf die Brust setzte, rief er dem andern zu:

"Leg deine Waffen ab!"

Rosalie schrie ihm eben diesen Befehl zu und setzte hinzu:

"Leg ab, oder ich schiesse dich nieder!"

Beide Rauber wurden entwaffnet und Rinaldo fragte nun ganz gelassen:

"Was habt ihr hier zu tun, und wer seid ihr?"

"Habt Respekt!" antwortete der eine. "Wir gehoren zu Rinaldinis Leuten."

"Nimmermehr!" sagte Rinaldo. "Dergleichen erlauben sich Rinaldinis Leute nicht. Ich behaupte, ihr seid Gauner, die Rinaldini ebensowenig als ihr ihn selbst kennt. Schurken, die ihr seid! sturzt nieder. Ich ich selbst bin Rinaldini."

Beide fielen erschrocken nieder und umfassten seine Knie:

"Vergebung, Hauptmann!" stammelte der eine: "Wir kannten dich nicht. Aber seit drei Tagen gehoren wir wirklich zu den Deinigen. Altaverde und Cinthio haben uns selbst geworben. Wir haben Strafe nach deinen Gesetzen verdient. Zuchtige uns nach Wohlgefallen."

Eben wollte Rinaldo antworten, als die Tur aufging und Cinthio in das Zimmer trat.

"Ihr habt schone Hechte angeworben!" rief ihm Rinaldo entgegen.

CINTHIO Zum Teufel! Du hier, Hauptmann! in einer Klausnerkutte? Da hatte ich dich nicht gesucht. Wie freue ich mich, dich wiederzusehen! Was diese Kreuzbeine anbetrifft, so sind sie noch Neulinge.

RINALDO Kennen aber doch unsere Gesetze?

CINTHIO Die sind ihnen vorgelesen worden.

RINALDO Und sie haben sie beschworen?

CINTHIO Das haben sie.

RINALDO Das Madchen war allein daheim, und wie ich komme, arbeiten sie daran, den Schrank aufzubrechen.

ROSALIE Und ich zeigte ihnen noch zum Uberfluss eine Sicherheitskarte von Rinaldini vor.

RINALDO Wie?

CINTHIO Tausend Schwerenot! und ihr respektiertet diese Karte nicht? Heda! Kameraden, bindet diese Nichtswurdigen an den Baum dort und schiesst sie nieder! Sie haben des Hauptmanns Sicherheitskarte nicht respektiert.

"Alle Wetter! uber euch Schnapphahne! Ihr seid schlechte Burschen!" schrien die Rauber durcheinander, die jetzt auf Cinthios Ruf hereintraten, packten die Unglucklichen an, fuhrten sie hinaus, banden sie an den bezeichneten Baum und bliesen ihnen mit acht Kugeln das Lebenslicht aus.

Dieser Vorfall machte, dass Rinaldo die Klause verliess. Cinthio zog seine Leute zusammen. Sie gingen, zwanzig Kopfe stark, in den Talern hinab, in die Fortinischen Gebirge, wo Altaverde mit sechzig Leuten stand, weil sie Bewegungen im Kirchenstaate bemerkten, die auf ihre Aufhebung in den Waldungen, wo sie vorher lagen, abzweckten.

Rinaldo liess sein Gezelt auf der Spitze des hochsten Berges, gegen Belforte zu, aufschlagen, musterte seine Bande und verlegte sie rundherum in die Gebirge bis vor Brandolino. Man war begierig zu sehen, was er tun wurde. Alles blieb ruhig. Einige Tage darauf kam Altaverde zu ihm. "Hauptmann! sprach er; es fangt nach und nach an, an Lebensmitteln zu fehlen." RINALDO Das ist schlimm! ALTAVERDE Jawohl! Deine Leute murmeln auch schon und raisonnieren uber ihre Untatigkeit. RINALDO So mussen wir sie beschaftigen! ALTAVERDE Naturlich! Zudem wird auch das Geld bei einigen rar. Sie spielen und verlieren. RINALDO Gut! Hier sind zweihundert Zechinen. Diese will ich den Burschen schenken. Beschaftigung sollen sie auch bekommen. Lass diesen Abend das ganze Corps zusammenrucken. Ich will die Rollen verteilen.

Der Abend kam und die Bande versammelte sich in dem bestimmten Tale. Rinaldo trat in dem Schmukke seiner Hauptmannswurde unter sie und hiess sie einen Kreis um ihn schliessen. Dann sprach er:

"Kameraden, euer Proviant geht, wie ich hore, auf die Neige, und es ist billig, dass wir Anstalten treffen, frische Lebensmittel zu erhalten. Bis dies nun mit Klugheit geschehen kann, verteile ich hier zweihundert Stuck Zechinen von meinem Eigentum unter euch."

"Es lebe unser grossmutiger Hauptmann!" jauchzten alle, dass die Berge widerhallten.

Er aber, nachdem er den Hut gezogen und sich wieder bedeckt hatte, sprach weiter:

"Fur dieses Geld sucht einstweilen in den benachbarten Orten Proviant einzukaufen. Einige von euch, die der Gegend kundig sind, mogen sich in Eremitenkleidern diesem Geschafte unterziehen. Sie haben sich deshalb mit Altaverde zu besprechen, der das Ganze ordnen wird. Binnen funf bis sechs Tagen werde ich wieder mit euch sprechen und hoffe euch dann zu einem grossen Unternehmen anfuhren zu konnen. Cinthio mag sich indessen mit zwolf Mann in die Grenzwaldung, nach der Heerstrasse zu, begeben, und kommen Weinladungen, Fruchte oder Ol voruber, so weiss er, was er zu tun hat. Ich gebe ihm hiermit Geld, den armen Fuhrleuten zu bezahlen, was er ihnen abnimmt, und sie unter hohen Drohungen zur Verschwiegenheit zu ermahnen. Wagen und Maultiere mogen den Leuten gelassen werden. Kommt aber ein reicher Mussigganger, ein Pralat, oder so etwas von dieser Art, euch in den Wurf, so nehmt ihm ab, was er von Gelde und Geldeswerte bei sich hat. Gegen arme Wanderer und Klausner aber empfehle ich euch nochmals Schonung. Jede Plunderung dieser Art bestrafe ich mit dem Leben, wie ihr wisst. Nun begebt euch zuruck auf eure Platze und schlaft wohl."

Er ging und ein lautes Freudengeschrei tonte ihm nach. Als er in sein Gezelt zuruckkam, fand er Rosalie angstlich und erschrocken im Winkel sitzen. ER Was ist dir? SIE Ach! Ich zittere am ganzen Leibe. ER Was gibt es? SIE Eine weisse Gestalt ist hier zweimal vorubergeschlupft. Sie sah das zweitemal in das Gezelt herein, erhob die Hand und drohte mit dem Finger. Ich danke Gott, dass du wieder da bist! Ohne ein Wort zu sprechen, gab Rinaldo das Signal, und es kamen bald einige von seinen Leuten herbei, unter denen auch Cinthio war. Rinaldo erzahlte, was Rosalie gesehen hatte, und befahl sogleich, Wachen um den Berg herum zu stellen; auch schickte er Sebastiano an Altaverde ab, dem er Vorsicht empfehlen und das Geschehene melden liess.

Alle gingen an ihre Posten und Rinaldo streckte sich auf sein Feldbett, nachdem er noch eine zweite Lampe hatte anzunden lassen.

Eben wollte er sprechen, als die weisse Gestalt in das Gezelt trat. Rosalie schrie laut auf:

"Jesus Maria! da ist sie."

Rinaldo richtete sich auf und fragte:

"Wer bist du?"

Er wiederholte diese Frage, und als er keine Antwort erhielt, ergriff er seine Pistole, schlug an und sagte:

"Wenn du ein Geist bis, so erwarte diese Kugel."

Die Figur drohte mit dem Finger. Rinaldo druckte ab. Sein gutes Gewehr versagte. Als er den Hahn wieder aufzog, verschwand die Gestalt am Eingange des Gezelts. Er sprang auf und eilte hinaus. Nichts war zu sehen und zu horen. Gleich darauf fiel im Tale ein Schuss, dann ein zweiter und endlich ein dritter.

Drei seiner Leute hatten Feuer nach einer weissen Gestalt gegeben.

Auf diese Schusse kam alles in Alarm. Die Horner ertonten, die Pfeifchen erklangen, und schnell war das Corps beisammen.

Man erzahlte sich, was geschehen sei, und ging, als weiter nichts erfolgte, mit verschiedenen Gedanken auseinander. Rinaldo trank einen Becher Wein, als er in sein Gezelt zuruckkam, und Rosalie musste eben das tun. Dann legten sich beide nieder. Rosalie entschlief bald. Rinaldo aber sprach mit sich selbst:

"Die Geschichte erzahlt uns Beispiele, dass dergleichen Erscheinungen beruhmten Mannern den Untergang weissagten. Brutus' Gespenst sprach. Diese Erscheinung aber nicht. Sie drohte mit dem Finger. Mir? Sie hat ja aber auch Rosalien gedroht, als sie allein im Gezelte war. Ihr zuerst. Mir spater. Einbildung war es nicht. Unserer funf haben es gesehen. Mein gutes Gewehr versagte, das noch nie versagt hat. Die andern konnten schiessen. Sie wissen ihren Mann mit ihren gezogenen Rohren fest zu fassen und trafen nichts. Wunderbar! Doch wozu mache ich mich selbst furchtsam? Furchtsam? Das bin ich nicht. Bedenklich? Nein! auch das will ich nicht sein. Das hatte ich eher sein mussen. Jetzt war' es zu spat."

Er konnte nicht schlafen, sprang auf, warf seinen Mantel um und ging hinab ins Tal. Er sprach und trank mit seinen Wachen und fing an, uber den Vorgang zu scherzen.

Die Sonne ging eben auf. Er weidete seine Augen an dem herrlichen Schauspiel und seufzte:

"Sie geht mir doch nicht mehr so schon auf als da

mals, da ich noch bei meinen Ziegen war!"

Da kam Nikolo herbeigesprungen und jauchzte:

"Hauptmann, wir haben einen Transport erbeutet,

der den reichen Monchen zu Mangolo gehorte. Deshalb haben wir ihn nicht bezahlt. Was das Lustigste bei der Sache ist: Ein Pater, der dabei war, musste uns allen noch dazu Absolution erteilen. Er gab sie uns mit klaglicher Stimme, und wir liessen ihn ziehen." "Der Vorfall wird Aufsehen machen", sagte Rinaldo und ging nachdenkend in sein Gezelt zuruck, wo Rosalie eben aufgestanden war und Schokolade kochte. Er setzte sich mit seinem Fruhstuck vor das Gezelt und uberschaute das dampfende Tal. Die Strahlen der Sonne wurden machtiger, der Nebel entfloh, und die herrliche Flache lag in ihrer ganzen unbeschreiblichen Schonheit vor seinen Augen. Er uberschaute durch sein Fernrohr die Landstrassen und sah sie alle leer. Nur auf der einen schien sich ein Fuhrwerk langsam fortzubewegen. Er befahl Sebastiano zuzusehen, was es dort gebe. Dieser flog davon.

Rinaldo fasste ein schones, nicht allzu entfernt gelegenes Schloss ins Auge, welches schon langst seine Aufmerksamkeit gereizt hatte, ohne sich selbst ein Warum? deshalb angeben zu konnen. Dasselbe in der Nahe zu besehen, war jetzt sein Vorsatz. Er kleidete sich in ein grunes, mit Gold besetztes Jagdkleid, setzte einen Federhut auf, nahm sein Doppelrohr und ging in Begleitung eines Windspiels den Berg hinab auf die Strasse, die zu dem Schlosse fuhrte.

Rechts lag ein Kloster, besetzt mit wohlgenahrten Benediktinern, vor dessen Pforte ein Monch, in einem Buche lesend, auf und ab spazierte.

Nach einem Morgengrusse von beiden Seiten kamen sie ins Gesprach.

RINALDO Ihr seht mich, wie es scheint, verwunderungsvoll an? Warum das?

PATER Ich wundere mich, dass Ihr so allein hier umhergeht, als sei gar nichts zu furchten.

RINALDO Was sollte denn auch zu furchten sein?

PATER Ihr wisst das nicht? Es hausen Rauber in den Gebirgen.

RINALDO Wovon ich noch nichts gehort habe.

PATER Aber es ist Wahrheit. Wir haben es empfunden. Die Rauber haben uns eine Ladung Wein genommen, und P. Bernhard, der dabei war, hat die Spitzbuben noch dazu absolvieren mussen. Eine solche Absolution ist aber erzwungen und folglich ungultig. Auch soll den Buschkleppern der Spass nicht wohl bekommen.

RINALDO Wieso?

PATER Die bosen Buben sollen von uns nicht allein formlich exkommuniziert werden, sondern wir werden auch ihr Begehen hohern Orts anzeigen, und es wird bald ein Aufgebot von Mannschaft gegen sie ergehen, die sie aus ihren Schlupfwinkeln jagen wird.

RINALDO Da wird Blut fliessen!

PATER Es fliesse dessen soviel wie moglich, zum Besten der beraubten Menschheit.

RINALDO Kann ich fur Geld und gute Worte ein Fruhstuck bei Euch bekommen?

PATER Warum das nicht? Wollt Ihr eintreten?

RINALDO Ich will es hier im Freien geniessen und mich dann wieder auf den Ruckweg machen, weil Ihr mir sagt, die Gegend sei nicht sicher.

Der Pater ging und kam bald mit einem Laienbruder wieder zuruck, der eine Flasche Wein und etwas Gebackenes mit sich brachte.

PATER Um Vergebung! Seid Ihr denn nicht hier herum wohnhaft?

RINALDO Ich bin als Gast bei einem Freunde, dessen Schloss nicht weit von hier liegt.

PATER Aha! Ihr habt also nichts von dem beruchtigten Rinaldini gehort?

RINALDO Und doch! Er soll in einem Gefechte geblieben sein, und zu Cesena habe ich seinen Tod umstandlich vernommen.

PATER So sagt man. Indessen wollen doch einige behaupten, dieser Proteus lebe noch. Denn ein wahrer Proteus soll er sein und in tausenderlei Gestalten wandeln.

RINALDO Kennt Ihr ihn nicht?

PATER Gott bewahre! Indessen, wenn wir gewiss wussten, wo er anzutreffen ware, wurden wir suchen, von ihm eine Sicherheitskarte fur uns und unser Eigentum zu erhandeln.

RINALDO Was musstet Ihr wohl dafur geben?

PATER Wir boten ihm 100 Zechinen und ruckten zu, wenn er mehr forderte.

RINALDO Wenn Ihr aber nun das Geld den Soldaten gabt, die gegen ihn ausgeschickt wurden

PATER Das wurde wenig helfen. Seine Bande wachst gleich wieder an, wenn sie auch zehnmal halb niedergehauen wird. Sie soll ohnehin jetzt uber 500 Mann stark sein.

RINALDO Mein Gott! Wovon der Mann nur diese Leute alle ernahren mag?

PATER Vom Raube. Sie stehlen wie die Raben, diese heillosen Buben!

RINALDO Ich dachte aber doch, wenn man es klug anfing, so musste diesem Unwesen zu steuern sein.

PATER Klug? Wie das?

RINALDO Es sind nur so meine Gedanken

PATER Ei nun! jeder Mensch kann kluge Gedanken haben, er sei Laie oder Priester Was meintet Ihr wohl, dass zu tun sein konnte?

RINALDO Nach meinen Einsichten muss das die Regierung tun.

PATER Zum Beispiel?

RINALDO Z.B. ein allgemeiner Pardon fur Rinaldini und seine Leute

PATER Gott bewahre!

RINALDO Eine Einladung zur Ruckkehr in die Arme der burgerlichen Gesellschaft

PATER Gott stehe uns bei! Wer wollte mit solchem Spitzbubenvolke in einer Gesellschaft leben? Man kann ja einen frommen Christen mit gutem Gewissen nicht einmal neben einem solchen Galgenstrick begraben, geschweige denn, dass man ihm sollte zumuten konnen, neben und mit ihm zu leben. Nein, damit ist es nichts! Ihre Sunden kann man diesen Verworfenen allenfalls in der Todesstunde vergeben, wenn sie sich zu Gott bekehren, aber hangen mussen sie ohne Gnade. Sterben sie in ihren Sunden und ohne Absolution, so mag sie der Teufel holen! Gemeinschaft aber muss man mit solchem Gesindel nicht haben.

RINALDO Ihr wollt ja aber doch selbst in Gemeinschaft mit ihnen treten.

PATER Wir? Davor bewahre uns Gott!

RINALDO Wollt Ihr nicht eine Sicherheitskarte erkaufen?

PATER Das ist keine Gemeinschaft, sondern Klugheit. Man streckt sich nach der Decke. Wir kaufen ihnen die Sauvegarde ab und exkommunizieren sie pleniter hintennach. Dergleichen Volk behandelt man wie die Heiden, die nichts von Gott wissen.

RINALDO Gesetzt nun, ich wusste das, und ich war' Rinaldini

PATER Wovor Euch Gott in Gnaden bewahren wolle!

RINALDO Es ist nur ein Fall

PATER Nun ja doch! Aber

RINALDO So wurde ich, als Rinaldini, versteht sich

PATER Ja, ja!

RINALDO So wurde ich euch Herren schlimm uber die Kronen kommen.

PATER Es ist gut, dass es Rinaldini nicht weiss!

RINALDO Jawohl!

PATER Denn er soll ein rachgieriger Bursche sein! Vielleicht aber lebt er doch wohl gar nicht mehr.

RINALDO Das ist sehr wahrscheinlich. Zu Pienza soll sein Kopf auf einem Pfahle stecken, sagt man.

PATER So? Aber ich furchte seine Nachfolger ebensosehr wie ihn selbst.

RINALDO Wer weiss auch, ob sie seinen Kopf haben.

PATER Kopf? Hm! daran kann nun so viel eben nicht sein. Er war ja in seiner Jugend bloss ein Ziegenhirt.

RINALDO Deshalb kann ihn aber doch die Natur besser als manchen Pralaten bedacht haben.

PATER Er hat keine Studia gehabt. Natur tuts nicht allein. Ihr habt doch studiert?

RINALDO Auf drei hohen Schulen.

PATER Habt Vermogen?

RINALDO Ich bin reich!

PATER Reichtum ist eine Gabe Gottes. Wen er lieb hat, dem gibt er Geld, und notabene! Verstandeskrafte, dasselbe wohl anzuwenden. Wir sind eben so reich nicht, als wir scheinen. Der Schein blendet. Zu leben haben wir, aber Uberfluss ist nicht da.

RINALDO Taugt auch nichts! Er macht faul, trage, untatig, erschlafft und entnervt. Euer Wein ist gut.

PATER O ja! Wir haben ein gutes Glas Wein fur Fremde. Fur uns selbst wachst so etwas nicht. Da tuts etwas Geringeres auch.

RINALDO So trinkt mit mir!

PATER Danke!

RINALDO Ohne Umstande!

PATER Nun wenn Ihr darauf besteht wenn Ihr es durchaus haben wollt, so Euer Wohlergehen, edler Herr!

RINALDO Wohl bekomm' es! Weil wir denn so wohlgemut hier beisammen sind, so wollen wir noch eine Flasche in Compagnie leeren. Nicht?

PATER Je nun! ich

RINALDO Ihr trinkt ja doch auch gern?

PATER Libenter? Das eben nicht, aber

RINALDO Keine Umstande! Sagt mir doch, wem gehort denn das schone Schloss dort druben?

PATER Seit nicht gar langer Zeit gehort es einem gewissen Baron Rovezzo, der es gekauft hat. Vorher gehorte es der Familie Altieri.

RINALDO Der Baron bewohnt es?

PATER Er bewohnt es nebst seiner jungen, liebenswurdigen Gemahlin. Sie sind nicht lange miteinander vermahlt. Sie soll eine stille, christliche Dame sein. Der Baron ist ein wenig wild, ein Jagdteufel, und reitet, wie man sagt, auf Tod und Leben. Was ich sagen wollte! Durfte ich auch um Euren Namen bitten?

RINALDO Graf Dalbrogo.

PATER Dalbrogo? Dalbrogo? Ein Geschlecht aus

RINALDO Aus der Italienischen Schweiz.

PATER Aha! Aus der Schweiz! So so!

Indem sie so sprachen, kam Sebastiano einhergeschlichen und naherte sich beiden. Rinaldo gab ihm einen Wink, den dieser verstand.

RINALDO Wandersmann, wohinaus?

SEBASTIANO In die Berge, wo ich wohne.

RINALDO Seid ihr dort sicher?

SEBASTIANO Warum nicht?

RINALDO Man spricht von Raubern.

SEBASTIANO Wo sie nichts finden, konnen sie nichts nehmen. Wir haben nicht viel zum Besten. Hinter solchen Mauern, wie hier, steckt mehr.

PATER Ach Gott! was sagt ihr, ihr unverstandiger Mensch! Das wenige, was bei uns zu finden ist, ist Kirchengut. Was uns selbst betrifft, so ist bei uns nichts zu suchen und zu finden als die liebe christliche Armut.

SEBASTIANO Die euch aber recht wohl nahrt. Adio!

PATER Hort einmal an! Der Kerl sieht mir verdachtig aus. Er gehort vielleicht gar selbst zu der infernalischen Rauberbande.

RINALDO Die Gebirgsbewohner sind meist wilden Ansehens. Indem ertonte die Glocke. Der Pater eilte ins Chor. Rinaldo bezahlte seine Zeche und nahm seinen Weg gerade auf das Schloss zu. Eine hohe Mauer umfing das Innere eines schonen Gartens, nahe an dem Schlosse. Eine Gittertur fand Rinaldo offen und ging in den Garten. Er nahte sich eben einem Boskett, als er ein Frauenzimmer gewahr ward, das kaum ein Gerausch von Fusstritten hinter sich vernahm, als es sich herumdrehte. Sie erblickte Rinaldo und schrie laut auf. Dieser erkannte sie sogleich und nahte sich ihr.

ER Ist es moglich? Darf ich meinen Augen trauen? Ist es Phantasie oder Wirklichkeit? Aurelia! die schone Aurelia hier? Hier? in diesem Schlosse?

SIE Es ist das Schloss meines Gemahls.

ER Gemahls? Also wirklich verheiratet?

SIE Ja. Leider!

ER Wie? Tranen in Aureliens Augen?

SIE O! diese Zeugen meines Unglucks, die mich uberall hin durch dies Leben begleiten werden, konnen Euch mein Leid erklaren.

ER Aurelia! Unglucklich verheiratet?

SIE Ach Gott!

ER Ach! wenn der gute, alte Donato

SIE O! dass man mich bei ihm in seiner Einode gelassen hatte! Dass ich auf dem Meierhofe meines Pflegevaters geblieben war! Wie glucklich war ich noch! Mein guter Vater meinte es auch gut, er wollte mich glucklich machen, aber ich bin es nicht.

ER Sollte Aurelia vielleicht den Stoff zu ihrem Ungluck mit sich hierher genommen haben?

SIE Wie meint Ihr das? Mein Herz war frei. Unschuldig und rein war ich, als ich zu meinem Gemahl kam. Mein Vater gab mir eine sehr grosse Aussteuer. Nach dieser hat mein Mann gefreit. Ach! Freund meines guten Donato! sprecht Ihr diesen ehrwurdigen Alten, so sagt ihm, wie unglucklich ich bin.

ER Wollt Ihr Euch mir ganz anvertrauen?

SIE Mein Vater kennt Euch auch, und

ER Was hat Euch Euer Vater von mir gesagt? Wisst Ihr, wer ich bin?

SIE Als ich mich nach Euch erkundigte, nannte er Euch einen beruhmten Mann, aber Euren Namen sagte er mir nicht.

ER Nehmt mich fur den Graf Dalbrogo. Und ihr wisst doch, dass ich Euers Vaters Freund bin? Noch vor kurzem haben wir zu Cesena freundschaftlich unsere Ringe gewechselt. Hat er Euch davon nichts gesagt?

SIE Ich habe ihn lange nicht gesehen und gesprochen.

ER Weiss er Euer Ungluck?

SIE Wenn er meine Briefe erhalten hat, muss er es wissen. Aber ich zweifle fast daran, denn noch immer habe ich auf keinen dieser Briefe Antwort erhalten; oder mein Mann unterschlagt vielleicht durch seine Spione meine Briefe selbst.

ER Gut! Mich soll er weder bestechen noch unterschlagen konnen. Ich werde Euern Vater sprechen und werde ihm alles sagen, was Ihr mir an ihn auftragen wollt.

SIE Wollt Ihr das?

ER Ich gebe Euch mein Ehrenwort. Welche Klagen habt Ihr gegen Euern Mann?

SIE Er ist mein Tyrann. Er begegnet mir verachtlich. Er bricht seine eheliche Treue beinahe vor meinen Augen mit feilen Kreaturen, die er im Schlosse unterhalt.

ER Schlecht!

SIE Er peinigt und qualt mich unaufhorlich mit Vorwurfen

ER Mit welchen?

SIE Ach Gott! meine aussereheliche Geburt, die Ach! er wusste das ja, als er mir seine Hand gab.

ER Liebt Ihr ihn?

SIE Ich habe ihn geliebt. Er hat sich mir selbst verhasst gemacht.

ER Ihr hasset ihn?

SIE Ich verabscheue ihn wie meine Sunden. Noch erst gestern gab er mich dem Hohngelachter seiner Spiessgesellen preis, und seine feilen Dirnen spotten meiner allenthalben. Man behandelt mich wie eine Dienstmagd.

ER Ihr sollt Genugtuung haben.

SIE Ich bin fest entschlossen, wenn mein Vater sich meiner nicht bald annimmt, diesen schandlichen Ort der hochsten Ausgelassenheit zu verlassen, zu entfliehen.

ER Wohin wollt Ihr gehen?

SIE Zu meiner Mutter.

ER Wo ist sie?

SIE Sie ist Abtissin des Klaren Klosters bei Montamara.

ER Als ich Aurelien das erstemal in jenem stillen Tale sah, als ich sie nachher bei Donatos friedlicher Hutte sprach, sagte ich zu mir selbst: Wie beneidenswert wird der Mann sein, dem Aurelia einst Herz und Hand geben wird! Und dieses gute, edle Madchen soll unglucklich sein? Nein, wahrlich nicht! Wenigstens soll sie Rache haben. Dies schwort ihr feierlich, ein Mann, der Wort halten kann, Graf Dalbrogo.

SIE Ach, Graf! warum wollt Ihr Euch meinetwegen vielleicht in Verlegenheit sturzen?

ER In die Holle fur Euch! Ich konnte fur Aurelien mit Ungeheuern und Teufeln kampfen.

SIE Graf! Dieses furchterlich rollende Auge

ER Wie lerne ich den Nichtswurdigen kennen, den Ihr Mann nennen musst? Ist er im Schlosse?

SIE Er ist mit seinen Gesellen auf der Jagd.

ER Wer sind diese Menschen?

SIE Abenteurer aus allen Winkeln der Erde, die sich um ihn herum versammelt haben und mein Vermogen mit ihm verprassen, verspielen, vertrinken, und ach Gott! Es sind sehr schlechte Menschen. Zwei Franzosen und ein Sizilianer, die vielleicht alle den Handen der Justiz entronnen sind. Sie nennen sich Edelleute, aber das sind sie gewiss nicht. Ihr solltet sehen, wie sie mich mit Unanstandigkeiten misshandeln.

ER Bei Gott! sah ich das, so ware es ihre letzte Misshandlung in der Welt.

SIE O Graf! Ihr, als ein fremder Mann, wolltet

ER Meinen freiwilligen Schwur will ich losen und Euch rachen. Das schallende Gelachter dieser Buben soll sich in Klagen verwandeln, und Ihr sollt furchterliche Genugtuung haben oder ich will nicht Dalbrogo heissen. Wessen ist das Bild, das Ihr auf Eurer Brust tragt?

SIE Das Portrait meines Mannes

ER Zeigt es mir. Ist er getroffen?

SIE Ganz.

ER Gut! Nun kenne ich ihn. Herab mit dem Bilde von Euerm Busen!

SIE Um Gottes willen nicht! Er wurde mich misshandeln, trug' ich es nicht mehr hier!

ER Hat er es schon einmal gewagt, Euch tatlich zu misshandeln?

SIE Ach Gott! noch trage ich die Spuren seiner Grausamkeit an meinem Leibe.

ER O! er soll Denkmale einer Vergeltung tragen, die

SIE Um Gottes willen! dort kommt mein Mann mit seinen Gesellen die Allee herauf.

ER Es ist zu spat, zu entfliehen. Bleibt! Ich bleibe auch. Ich bin ein Freund Euers Vaters, der mir Grusse an Euch aufgetragen hat. In meiner Gegenwart sollen sie nichts wagen. Mit einem einzigen Worte kann ich sie zu Boden schmettern, wenn ich will. Und ehe der morgige Tag anbricht, sollt Ihr gerettet sein. Der Baron und seine Begleiter kamen naher. Rinaldo trat ihnen auf einige Schritte entgegen und zog seinen Hut mit der Anrede: "Es freut mich sehr, Herr Baron! Eure Bekanntschaft zu machen. Der Prinz, Euer Schwiegervater, lasst Euch grussen und Euch durch mich seinen nahen Besuch melden. Ich bin sein Freund. Graf Dalbrogo ist mein Name."

"Euer Diener!" antwortete der Baron ganz kalt, wendete sich darauf zu Aurelien und sagte mit spottischem Lacheln: "Vermutlich auch ein alter Bekannter von Euch? Und Ihr habt diesen angenehmen Gast und Uberbringer einer so frohen Botschaft von Euerm Vater nicht in Euerm Zimmer empfangen?"

"Verzeiht!" setzte er hinzu, indem er sich gegen Rinaldo drehte, "den Fehler der Etikette meiner Frau! Sie ist auf einem Meierhofe erzogen worden. Doch, das wisst Ihr vielleicht schon?"

RINALDO Das weiss ich. Sie hat unter sehr edlen und guten Menschen gelebt.

BARON Also mein Schwiegervater will uns besuchen? Hat der gute Herr den Tag seines Besuchs nicht bestimmt?

RINALDO Ich glaube, Ihr habt ihn mit jedem Tage zu erwarten.

BARON Argerlich! Und ich habe auf Morgen eine Reise festgesetzt, die ich nicht aufschieben kann.

RINALDO Er wird Eure Ruckkehr erwarten. Er sagte, er habe notwendig, er habe mancherlei mit Euch zu sprechen.

BARON So? Ja, mein Gott! es kann wohl sein, dass ich einige Monate wegbleibe. Ihr werdet den Prinzen vermutlich hier erwarten wollen?

RINALDO Nein. Ich habe dringende Geschafte in Rom und werde mich sogleich dahin auf den Weg machen. Wart Ihr nicht soeben gekommen, so wurde ich sogar das Vergnugen haben entbehren mussen, Eure Bekanntschaft zu machen. Ich wollte schon Abschied von Eurer Gemahlin nehmen, als ich Eure Ankunft vernahm.

BARON Ein Mittagsbrot werdet Ihr doch wohl bei uns einnehmen?

RINALDO Ich muss danken.

BARON Ich bitte sehr!

RINALDO Es ist mir unmoglich. Die Stunden sind mir zugezahlt.

BARON Ich bedaure, dass ich nicht das Vergnugen Eurer Bekanntschaft habe fruher geniessen konnen. Indessen hoffe ich, meine Frau wird Euch wohl unterhalten haben? Sie musste denn ihre fatale Laune gehabt haben, was so ganz gewohnlich bei ihr der Fall ist.

RINALDO In der Tat verzeiht! hatte ich, so wie ich Eure Gemahlin fand, mehr auf Kummer als auf uble Laune gerechnet. Indessen wollte ich nicht unbescheiden sein, und

BARON Ja, ja! sie uberwirft ihrer fatalen Laune gewohnlich den Mantel des Kummers, und ihren Eigensinn nennt sie Gram.

RINALDO Sie war doch sonst so froh, unbefangen und heiter

BARON Vielleicht ist sie nicht nach ihrem Geschmack verheiratet. Herr Graf! Ihr hattet sie nicht an mich sollen kommen lassen.

RINALDO Herr Baron! Ihr scherzet.

BARON Wahrlich nicht! Dieses Ganschen aus den Schaferfluren ware vielleicht in Eurer Hut besser gediehen. So ist sie noch immer, was sie war.

RINALDO Also gut, edel und liebenswurdig.

BARON Fur den Liebhaber.

RINALDO Herr Baron, ich merke mit Erstaunen, dass Eure Ehe nicht glucklich ist.

BARON Das wird Euch dieses Muster von Sanftheit schon selbst gesagt haben. Sie klagt's ja der ganzen Dorfwelt.

RINALDO Bei Gott! es tut mir leid dass Euer Herr Schwiegervater das so finden muss, wie es ist.

BARON Er mag sie wieder mit sich nehmen, oder sie zu ihrer ehrenfesten Mutter stecken.

RINALDO Herr Baron! diese Bitterkeit zeigt an

BARON Dass ich die Narrin los sein mochte. Weiter nichts! Wollt Ihr sie etwa gleich mitnehmen?

RINALDO Herr Baron, keine Beleidigungen! Ich hore sie nicht gelassen an.

BARON Diese Warme fur die Sache meiner Frau beweist

RINALDO Das, was sie beweisen soll. Nichts mehr und nichts weniger. Ich bin der Freund ihres Vaters, der gewiss nicht zugeben wird

BARON Er kann ja das Kleinod wiederbekommen. Ich mag es nicht mehr.

RINALDO Und Ihr verdient auch nicht, es zu besitzen.

BARON Donnerwetter! Herr Graf

RINALDO Was beliebt?

BARON Schert Euch zum Teufel! und nehmt die Magdalenen-Figur mit Euch, dass sie mir aus den Augen kommt.

RINALDO Eure Grobheit

BARON Ich bin hier Herr

RINALDO Werdet es von Euch selbst. Uber alles, was Ihr gesagt und getan habt, sollt Ihr mir gewiss die punktlichste Rechenschaft ablegen.

BARON Nun! so fordert sie mir nur ab.

RINALDO Heute noch.

BARON Lieber jetzt gleich. Ich will Euch das Fazit machen.

RINALDO Ich werde es Dir machen, Elender!

BARON Auf dergleichen Reden lasse ich durch meine Bedienten mit Hetzpeitschen antworten.

RINALDO (legt die Hand an den Sabel) Zieht!

BARON Was wollt Ihr?

RINALDO Zieht, oder ich haue Euch nieder!

AURELIA Um Gotteswillen, Graf, massiget Euch! Ihr kennt diese Menschen nicht.

BARON (gibt ihr eine Ohrfeige) Schweig! Und dies klage deinem Liebhaber.

RINALDO Baron! Das kostet, bei Gott! Blut.

BARON Verlasst mein Schloss, oder so wahr ich diese Hande mein nenne, ich lasse Euch von meinen Leuten hinauswerfen.

RINALDO Schlechter, feiger Bosewicht! Das wirst du gewiss nicht selbst zu tun wagen Aurelia, Deine Rettung ist gewiss! Dich Buben, der du dich ihren Mann nennst, spreche ich heute noch, auf eine Art, die dir sehr empfindlich sein soll.

Der Baron und seine Gesellen lachten laut auf. Rinaldo verliess den Garten, und die Herren schrien ihm nach: "Wir wunschen gluckliche Reise, moderner Herr Don Quixote! Erzahlt Euer Abenteuer der Frau Mama!" In welcher Stimmung Rinaldo bei seinen Gefahrten ankam, kann man sich leicht denken. Er war ausser sich. Rosalie zitterte. So hatte sie ihn noch nie gesehen.

Er sprach mit grosser Bewegung mit Altaverde und Cinthio, und als es Abend wurde, ruckte der erstere an der Spitze von zwanzig Mann den Berg hinab, ins Tal. Cinthio ging links mit sechzehn Mann, und zehn Mann folgten Rinaldo. Rosalie blieb im Lager zuruck, das unter Nikolos Aufsicht wohl bewacht wurde. Als es dunkler wurde, setzten die Corps sich in Bewegung und Sebastiano ruckte mit zwanzig Mann nach.

Cinthio ging uber den Fluss, besetzte die Brucke und stellte seine Posten um die Gartenmauer des Schlosses des Barons. Altaverde besetzte die Landstrasse, den Weg nach dem Dorfe und stellte seine Posten um das Schloss bis an Cinthios Posten. Rinaldo ging mit seinen Gesellen auf das Schlosstor zu. Es war verschlossen. Man schellte. Ein Knecht riegelte auf und wollte fragen, wer da sei, als man ihn bei der Kehle packte, hinaus ins Freie zog und ihn Altaverdes Leuten ubergab. Drei Mann besetzten das Tor, und die andern folgten Rinaldo uber den Schlosshof nach. Die Haustur ward besetzt. Zwei Mann traten mit gespannten Pistolen in die Bedientenstube und geboten Stillschweigen, welches die Leute erschrocken und zitternd gelobten.

Rinaldo durchschnitt den Strang von der Turmglokke, der ins Haus herabhing, mit dem Stilett und ging mit drei Mann die Treppe hinauf, nach dem Saale zu, wo der Baron mit seinen Gesellen und Dirnen bei Tafel sass. Die Tur war halb geoffnet. Rinaldo lauschte und horte, dass er selbst, als Graf Dalbrogo, der Gegenstand ihrer spottischen Unterhaltung war. Man schalt ihn eine Memme, und Aurelia, die zur Tafel gezwungen worden war, musste die krankendsten Reden ihres Mannes stillschweigend anhoren, um sich keinen Misshandlungen auszusetzen.

Des Barons Freudenmadchen neckten sie bitter uber ihren vorgeblichen Liebhaber, und ihr Mann schrie laut:

"Wenn ich doch den Kerl nicht fortgelassen hatte!"

"Wir hatten ihn durch einen einzigen Schnitt dem Baron auf ewig konnen unschadlich machen" sagte einer von den beiden Franzosen, "und man hatte dann Eurer Frau diesen Combab zu Wachter gegeben."

"Wenn er nur wieder kam'!" fuhr der Baron fort.

"Da ist er", sagte Rinaldo und trat in den Saal.

Indessen hatten Altaverdes Leute das Schlosstor besetzt und Sebastiano ruckte naher herbei. Drei Mann von Rinaldos Gefolge kamen nun zu den andern dreien, die vor der Saaltur standen, und sechs Mann von Altaverdes Gesellen folgten ihnen.

Diese Zwolf harrten des Signals, und Rinaldo war noch allein im Saal.

Sein plotzliches Erscheinen hatte die Gesellschaft nicht wenig frappiert. Er sprach weiter:

"Hier bin ich, wie ich versprochen habe, um Wort zu halten. Ihr seht doch wohl, wie punktlich ich bin? Hier stehe ich und fordere Rechenschaft von Euch. Von dem Baron an bis auf den, der den combabischen Vorschlag tat, werde ich euch allen das Fazit machen."

Jetzt fing der Baron an, laut aufzulachen, und schrie einem seiner aufwartenden Bedienten zu, seine Leute herbeizurufen.

Der Bediente setzte sich kaum in Bewegung, als ihn Rinaldo packte und zu Boden warf. Hierauf zog er eine Pistole, streckte sie der Tafel entgegen und sagte:

"Der erste, der sich von euch von Ort und Stelle bewegt, ist des Todes. Ihr elenden, nichtswurdigen Tagediebe! Ihr wollt mir drohen? Mir? Zittert und sturzt zusammen vor mir nieder! Wisst ihr, wer ich bin? Nieder auf die Knie! Nieder! Ich bin Rinaldini!"

Wie vom Schlage getroffen sturzten alle mit einem Tempo von ihren Stuhlen auf die Knie vor ihm nieder.

Aurelia schrie laut auf, und sank in Ohnmacht. Rinaldo notigte die Madchen, ihr beizustehen. Hierauf gab er das Signal, und seine zwolf Attaches traten in den Saal.

Die Gesellschaft blieb auf den Knien, und Rinaldo nahte sich Aurelien, die jetzt wieder zu sich kam. Er liess sich vor ihr nieder und kusste ihr die Hande.

"Du bist es", stammelte sie, "furchtbarer Mann! Du, der mich gerettet hat? O! sei ebenso grossmutig, als du tapfer bist, sei ebenso gutig, als du furchtbar bist, handle edel gegen mich und bringe mich zu meiner Mutter. Missbrauche deine Gewalt nicht und mache meinen unbefleckten Namen nicht zum Spotte der Welt."

"O!" seufzte Rinaldini, "jetzt fuhle ich, wer ich bin!"

Rasch sprang er auf, drehte sich herum, als eben Sebastiano mit einigen Helfershelfern in den Saal trat, und sagte:

"Diese Rattenjagd hat noch kein Blut gekostet, und so gar rein und stille soll's und kann's doch nicht abgehen. Diesen Burschen, den Mann jenes unglucklichen Engels, zuchtiget mit den scharfsten Geisselhieben. Diesen Franzosen und Sizilianer jagt ein paarmal Spiessruten auf und ab. Die Madchen werft zum Schlosse hinaus. Und diesem guten Franzosischen Ratgeber geschehe, wie er wollte, dass mir geschehen sollte. Dann mit ihm vor die Pforte."

Der zum Eunuch bestimmte Franzose lamentierte erschrecklich; es blieb aber bei dem Befehle. Die Rauber schleiften ihre Delinquenten aus dem Saale.

Rinaldo aber nahte sich Aurelien wieder, hiess ihr ihren Schmuck und ihre Kostbarkeiten mitnehmen, liess einen Wagen anspannen und sie mit ihren Kammerjungfern hineinsteigen. Hierauf schwang er sich auf sein Ross und schrie seinen Gesellen zu:

"Plundert das Schloss aus, brennt es aber nicht ab!" und jagte der Kutsche nach. Eine Viertelstunde von dem Klarenkloster bei Montamara liess er anhalten. Hier ritt er an den Kutschenschlag, forderte Aureliens Hand, schob ihr, als er sie erhielt, einen Ring an den Finger, kusste ihre Hand und sagte mit Innigkeit:

"Aurelia, lebe glucklicher als ich!", gab dem Pferde die Sporen und jagte seinem Lager zu, wo er mit anbrechendem Tage ankam, als seine Gesellen mit Beute beladen soeben wieder zuruckgekommen waren. Rinaldo sass vor seinem Gezelte und dachte eben nach, welche Folgen die Geschichte haben konnte, als Rosalie sich ihm nahte, sich bei ihm niedersetzte, ihr Guitarre ergriff, spielte und sang:

"O Almanzor! willst du horen,

Was Zaide wird gestehn?

Soll Zaide bei dir bleiben,

Oder soll sie von dir gehn?

Wirst du sie nun starker lieben,

Wenn ihr Kind dich Vater nennt?

Oder willst du, dass sie scheidend

Weine nun, von dir getrennt?"

"Ach Rosalie!" unterbrach sie Rinaldo, "ich errate ich weiss, wer sie ist, diese Zaide, und Almanzor wird sie nie von sich lassen."

Rosalie umarmte und kusste ihn heftig. Er sprach weiter:

"Was der Mutter Freude macht, ihr oder ihres Lieben Ebenbild auf ihrem Schosse zu haben, das wird uns viel Kummer machen, wenn wir dieses Leben nicht verlassen konnen. Aber, bei Gott! das soll und muss geschehen. Ich will meinen Sohn nicht dem Verbrechen entgegen erziehen. Und du bleibst bei mir."

Sebastiano kam und unterbrach diese Unterhaltung. Er meldete, zwei ihrer Leute waren in St. Leo angehalten und ins Gefangnis gefuhrt worden. Der Dritte sei entwischt und bringe die Nachricht, dass durch des Barons Anzeige ein Aufgebot gegen sie bewirkt werde.

Gegen Abend liess Rinaldo das Lager abbrechen, gab das Signal zum Aufbruch, zog weiter und ruckte am dritten Tage in die Taler der Gebirge von Albano ein. Einige Tage hatte er hier gelegen, als er Sebastiano befahl, mit sechzehn entschlossenen Gesellen unter mancherlei Gestalten sich uber Cagli in die Gegend von Montamara zu begeben. Altaverde erhielt den Auftrag, mit List oder Gewalt die Befreiung der beiden Kameraden zu versuchen, die man in St. Leo festgehalten hatte. Rinaldo selbst nahm Nikolo und Alfonso zu sich und ging, als ein Reisender, von seinen Bedienten begleitet, zu Pferde ins Land und aufs Spionieren aus. Cinthio blieb, als Oberhaupt der Bande, zuruck, und Rinaldo empfahl ihm Rosalien, die weinend von ihm Abschied nahm.

"Es ist mir" jammerte sie, "als wurden wir uns nie wiedersehen!"

Rinaldo suchte sie zu trosten. Es wollte ihm aber nicht gelingen, und er verliess sie selbst sehr geruhrt.

Schon hatte er Fossombrona erreicht und quartierte sich dort in das beste Wirtshaus ein, wo er ein paar Tage ausruhen und Sebastianos Gesellen Zeit lassen wollte, sich bei Montamara zu sammeln.

Den Tag nach seiner Ankunft besuchte er ein Weinhaus und fand in demselben einige Burger des Orts, ein paar Advokaten und Notare, die bei einer Flasche Wein ein fur ihn interessantes Gesprach fuhrten.

EIN NOTAR Es wird ein sehr schlimmer Handel werden!

EIN ADVOKAT Die Baronin ist nun schon zum zweitenmal verhort worden. Sie besteht darauf, sie habe zwar ehemals die Person des vorgeblichen Grafen Dalbrogo gekannt, aber in allen Ehren, und habe nie gewusst, nicht einmal geahnt, dass er der verrufene Rinaldini sei. Erst wie er sich in jener Nacht selbst zu erkennen gegeben habe, habe sie das mit Schrecken gehort und erfahren. Der Baron hingegen er ist erschrecklich misshandelt worden! behauptet, seine Frau habe im Einverstandnis mit dem gefurchteten Rauber gelebt, und ihr Vater sei einer seiner Bekannten, der schon langst gegen die Gesetze gehandelt habe, der Obrigkeit eine Entdeckung nicht zu machen, zu der er verbunden gewesen sei. Der Prinz hat zu Urbino Wache und wird scharf verhort.

NOTAR Der Baron gibt den Verlust seiner Habseligkeiten durch die Plunderung der Rauber auf 6000 Dukaten an. Er und seine Freunde sind misshandelt worden, und den einen von der grossen Franzosischen Nation haben die Rauber sogar zum Verschnittenen gemacht.

BURGER Das sind verteufelte Kerle!

NOTAR Mich dauert der Prinz Roccella. Er ist ein braver Herr! Und, im Vertrauen, meine Herren! wer unter uns wurde es wohl wagen, Rinaldini festzuhalten, wenn er auch mitten unter uns ware?

BURGER Ich nicht.

ADVOKAT Ach ja! Man muss nur caute verfahren und auf Hilfe rechnen konnen.

BURGER Er druckt los, ich sturze, und wer belohnt dann meinen Diensteifer? Einige Leichen liegen gewiss um ihn herum, ehe man ihn festhalten kann.

NOTAR Ich mochte ihn nur einmal sehen.

RINALDO Um Vergebung, meine Herren! Ich habe ihn gesehn.

ADVOKAT Wie? Was? Der Herr haben

RINALDO Ich bin der Marchese Soligno. Meine Guter liegen in Savoyen, und ich bin auf Reisen. Vor sechs Tagen fiel ich in die Hande Rinaldinischer Rauber. Ich wurde mit meinen Leuten ubermannt und erwartete schon, ganz ausgeplundert zu werden, als Rinaldini selbst erschien.

BURGER Wie sieht er denn aus?

RINALDO Er ist ein kleiner, untersetzter, schwarzbrauner Mann, hat blaue Augen, braunes Haar, eine Habichtsnase und einen Knebelbart.

ADVOKAT Nach andern Nachrichten soll er gross und schlank gewachsen sein, ein glattes Kinn, schwarze Augen und Haare und eine Griechische Nase haben. Wiewohl ich sagen muss, dass sich die Habichtsnase besser zu seinem Gewerbe schicken mochte als die Griechische.

RINALDO Ich habe ihn ja selbst gesehen und gesprochen. Wie ich ihn beschrieb, so sieht er aus. Er examinierte mich lange. Ich musste meine ganze Barschaft und alle Sachen von Wert angeben, die ich bei mir hatte. Hierauf forderte er mir 100 Zechinen ab. Dafur gab er mir diese Sicherheitskarte. Sehen die Herren, da ist sie.

ADVOKAT Ach der Tausend! (liest) "Viaggio seguro1 Rinaldini." Wenig Worte. Ein imponierender Monsignore!

RINALDO Es ist doch aber unverzeihlich, dass die Obrigkeit dem Menschen nicht das Handwerk legt.

ADVOKAT Nur Geduld! Ich weiss es von sicherer Hand. Es werden 500 Mann toscanische und 800 Mann papstliche Truppen gegen Rinaldini ausrucken, werden ihn umringen, von allen Seiten angreifen und ganz gewiss erhaschen.

BURGER Wie stark mag wohl die Bande sein?

RINALDO Wer will das wissen? Einige sprechen von 200 Mann, andere sagen, sie sei noch starker. Verwegene Kerle sind sie alle, die dazu gehoren. Gegen Abend verliess Rinaldo den Ort. Gab aber vorher Sebastiano den Befehl, den Baron Rovezzo zu fangen und tot oder lebendig an Cinthio abzuliefern. Sebastianos Begleiter liess er in der Gegend von Montamara. Er selbst wagte sich in Pilgerkleidern nach Urbino. Hier vernahm er, der Prinz Roccella sei zwar jetzt ohne Wache, habe aber starke Kaution machen mussen und werde noch immer verhort. Er erfragte seine Wohnung und hatte die Kuhnheit, einst des Abends in sein Zimmer zu treten.

RINALDO Ich bin an Euch abgeschickt. Rinaldini schickt mich zu Euch.

PRINZ Gott! was hore ich? Du bist es selbst. Ich erkenne dich.

RINALDO Ja, ich bin es. Ich weiss, in welche Verlegenheit ich Euch gebracht habe, und komme, Euch meine Dienste anzubieten.

PRINZ Ich bin verloren, wenn man entdeckt

RINALDO Besorgt nichts! Sagt nur, worinnen ich Euch dienen kann?

PRINZ Mann! was hast du getan?

RINALDO Kann ich Euch und Aurelia mit meinem Leben retten, so soll es geschehen.

PRINZ Dein Tod kann uns unserer Verlegenheit nicht entreissen. Man beschuldigt uns eines Einverstandnisses mit dir. Die Ehre meines Kindes ist verloren, und ich habe mich der allgemeinen Meinung eben auch nicht zu erfreuen. Willst du mir eine Gefalligkeit erzeigen, so verlass mich und die Stadt.

RINALDO Wollt Ihr Euch von dem Verdacht eines Einverstandnisses mit mir reinigen, so uberliefert mich der Justiz. Ich will hier bleiben.

PRINZ Was konnte mir das helfen? Verraterei ist keines echten Maltesers Handwerk.

RINALDO So will ich mich der Obrigkeit selbst uberliefern.

PRINZ Kann das meine Lage bessern?

RINALDO Helfen muss und will ich Euch aber nun einmal.

PRINZ Mein Onkel, der Kardinal Legat, hat sich der Sache unterzogen, und die Untersuchung gegen mich wird, wie ich hoffe, in Kurze geendigt sein.

RINALDO Ein Gluck fur Eure Richter!

PRINZ Rinaldini, willst du den Lauf der Gerechtigkeit hemmen?

RINALDO Prinz, wenn ich nichts fur Euch tun kann, so erlaubt mir wenigstens etwas fur Aurelia zu tun. Hier sind Wechselbriefe auf 10000 Zechinen. Ich gebe sie ihr zu einem neuen Heiratsgute.

PRINZ Zu einem Heiratsgute?

RINALDO Der Baron muss nun schon in den Handen der Meinigen sein. Ist er lebendig drinnen, so wird er erschossen. Aurelia ist wieder frei.

PRINZ Mann! Was beginnst du? Frei oder nicht, bleibt Aurelia nun auf immer in dem Kloster. Verschenke dein Geld an die Armut. Wir bedurfen desselben nicht.

RINALDO Gute Nacht!

PRINZ Mann! Wie willst du enden?

RINALDO Das weiss Gott! Geht's aber mir nach, gut.

PRINZ Das kannst du schwerlich erwarten.

RINALDO Wie Gott will! Gute Nacht!

PRINZ Der Weg, auf welchem du in eingebildeter Sicherheit dahintaumelst

RINALDO Prinz! Ihr kennt mich Selbstpeiniger nicht. Meine Lage ist schrecklich. Wenn auch die Justiz keine Folter fur mich hat, so habe ich sie selbst fur mich. Gehabt Euch wohl! Rinaldo verliess die Stadt und zog sich in die Gegend von Montamara zuruck, wo er seine Begleiter fand.

Den folgenden Tag erhielt er durch Nero, den Sebastiano an ihn abschickte, die schriftliche Nachricht:

"Der vermaledeite Baron ist nach Rom gegangen, und das Nest war leer. Unser guter Altaverde ist nebst dreien von unserer Gesellschaft zu St. Leo erwischt, eingezogen und zu unseren Brudern ins Gefangnis geworfen worden. Cinthio soll ein Gefecht mit Toskanischen Truppen gehabt haben. Wir ziehen ihm zu. Komm' uns bald nach."

Rinaldo fertigte Alfonso an Cinthio ab, mit dem Befehl, Altaverdes Befreiung zu versuchen, und sollte es auch mit Gewalt geschehen. An Rosalie schrieb er, sie mochte sich zu Donato in seine Einsiedelei begeben. Dann befahl er Nikolo und Nero nach Rom zu gehen, um dem Baron auf die Spur zu kommen, und blieb einige Tage lang unentschlossen, was er selbst tun wollte.

Fussnoten

1 Statt sicuro oder secura. So waren Rinaldinis Sicherheits-Reise-Karten bezeichnet.

Drittes Buch

Getauscht, geblendet und vom Wahne

Der wilden Eigenmachtigkeit,

Geworben fur die stolze Fahne,

Steht er nun da und flieht den Streit.

Rinaldo ging endlich, noch immer als Pilger gekleidet, auf das Kloster bei Montamara zu, in welchem sich Aurelia befand, und verlangte die Abtissin zu sprechen.

"Sie ist soeben in einem Verhore vor den Kommissarien, die aus Urbino hier sind", sagte die Pfortnerin.

"Was hat denn die fromme Dame begangen?" fragte Rinaldo mit einem andachtigen Seufzer.

"Ohne ihr Verschulden ist sie, des beruchtigten Rinaldini wegen, in einen schlimmen Handel verwickelt worden. Ubrigens ist auch, bis nach geendigter Untersuchung, jedem Fremden der Eintritt in unser Kloster verboten," antwortete die Pfortnerin und schlug, mit einer frommen Verbeugung, die Pforte zu.

Rinaldo umging die Klostermauern und fand dieselben sehr stark und hoch.

Bei einem Kapellchen, der heiligen Klara geweiht, das zwischen drei hohen Pappeln stand, warf er sich er sich wenden wollte. Daruber schlief er ein.

Als er erwachte, sah er einen andern Pilger, der ihm gegenuber sass und in tiefes Nachdenken versunken zu sein schien. Rinaldo gab sein Erwachen zu erkennen. Jener drehte sich herum und sagte:

"Und du konntest hier so sicher und so ruhig schlafen?" Rinaldo erschrak, suchte sich aber gleich wieder zu fassen und fragte:

"Ist es denn hier unsicher?"

"Und du sprichst von Sicherheit?"

"Was hat ein armer Pilger wohl zu furchten?"

"Der arme Pilger hat nichts zu furchten. Aber auch der nicht, der des armen Pilgers Kutte uber seine reichen Missetaten geworfen hat?"

Rinaldo sprang auf, fasste den Pilger recht ins Auge und schrie laut auf:

"Cinthio?"

CINTHIO Ha! erkennst du mich endlich?

RINALDO Wie kommst du hierher?

CINTHIO Mit meinem Willen wahrlich nicht!

RINALDO Was ist geschehen?

CINTHIO Wir sind vollig auseinandergesprengt. Von drei Seiten angegriffen, fochten wir wie Verzweifelnde, streckten manchen braven Kerl nieder; wurden aber so zusammengenommen, dass unserer gewiss kaum ein halbes Dutzend davongekommen sind.

RINALDO Um Gotteswillen! Wo ist Rosalie geblieben?

CINTHIO Das weiss ich nicht.

RINALDO Hast du meinen Brief durch Alfonso nicht erhalten?

CINTHIO Ich habe ihn nicht gesehen.

RINALDO Vor drei Tagen schickte ich ihn an dich ab.

CINTHIO Da waren wir schon auseinander.

RINALDO Altaverde sitzt mit mehreren unserer Bruder zu St. Leo im Kerker.

CINTHIO So mag er auf ein seliges Sterbestundchen denken. Wir retten ihn nun nicht.

RINALDO Schlimm! Cinthio! was ist jetzt zu tun?

CINTHIO Zu fliehen, so weit wir konnen. Rinaldo! Hier ist es aus. Wir wollen nach Kalabrien. Dort will ich eine neue Gesellschaft zusammenziehen. In Kalabriens Schluchten, Gebirgen und Waldern hausen wir sicherer, und unser Handwerk gedeiht gewiss gut. Und werden wir auch dort vertrieben, so suchen wir nach Sizilien zu kommen.

RINALDO O Cinthio! ist es nicht besser, wir enden?

CINTHIO Nicht eher, als bis es dem Schicksal gefallig ist, einen Strich durch unsere Rechnung zu machen. Du wirst wohl noch so lange hier herumtaumeln, bis dich die Sbirren erhaschen, und dann gute Nacht, Kopf Rinaldinis! Auf deinen Torso steigt Cinthio und setzt Lander in Schrecken und Polizeien in Verlegenheit.

RINALDO Ein beneidenswertes Gluck!

CINTHIO Kennst du fur uns ein besseres? Jede andere Laufbahn ist fur Menschen unsers Treibens und Tuns mit einem Schlagbaum versehen. Die schlechte Bahn, auf welcher wir uns befinden, hatten wir gar nicht betreten sollen, oder wir mussen darauf fortwandeln.

RINALDO Ach Rosalie!

CINTHIO Deine Weiberaffaren taugen nichts! Sie haben uns schon in mancherlei Verlegenheiten gebracht, und dich werden sie noch um Kopf und Rumpf bringen. Wenn man dich hier zwischen Kapellen und Klostern umherwandeln sieht, sollte man dich eher fur einen Betbruder als fur einen Mann von Entschlossenheit halten. Nenne mir den Ort, wo ich unsere Bruder finde. Ich gehe jetzt nach Rom. Und wenn du einmal durch Kalabrien reisen willst, so will ich dir eine Sicherheitskarte geben.

RINALDO Ich bleibe noch einige Zeit in dieser Gegend. Finde ich Bruder, so schicke ich dir sie nach. Ich selbst folge dir in Kurze nach Kalabrien. Cinthio verliess ihn bald darauf, und Rinaldo ging nach Corinaldo. Hier traf er ganz unvermutet auf drei seiner Gesellen, die er unverzuglich Cinthio nachschickte. Der eine derselben meinte, Rosalie musse in die Gebirge geflohen und entkommen sein. Gewissheit konnte ihm keiner geben. Er selbst wankte, noch immer nicht ganz entschlossen, was er tun wollte, auf Jesi zu.

Ein starker Volkszusammenlauf machte ihn aufmerksam. Er fragte, was es gebe, und erfuhr, es werde eine verdachtige Person offentlich mit Ruten ausgestrichen werden. Diese Nachricht vernahm er ganz gleichgultig und ging nach der Pilgrimsherberge zu. Aber er fand schon alle Strassen mit Menschen besetzt, und als er sich eben uber einen offenen Platz drangen wollte, kam der Exekutionszug voruber.

Mit Widerwillen warf er seine Augen auf das gestaupte Opfer der Justiz, sah in der Unglucklichen die Amazone Fiorilla von seiner Bande und fuhr heftig zusammen.

Diese warf eben die Augen auf die Seite, erkannte ihn und schrie, vom Schmerz gefoltert, laut auf:

"O Rinaldini!"

Auf diesen unbesonnenen Ausruf erhob sich sogleich ein verwirrtes Geschrei:

"Rinaldini? Wo ist er? Haltet ihn fest."

Alles kam in Bewegung. Man fragte, man larmte und schrie nach Wache. Die Sbirren durchbrachen mit gezogenen Sabeln die Reihen; man drangte sich nach dem Platze zu, wo sich Rinaldini wirklich befand, und dieser, in der grossten Gefahr, als ein unbekannter Fremdling ergriffen und angehalten zu werden, konnte sich nur durch einen schnellen Entschluss retten.

Er fasste einen neben ihm stehenden Kerl mit unerhorter Frechheit beim Arme, schleuderte denselben den Sbirren entgegen und schrie:

"Haltet ihn fest. Er ist es!"

Die Diener der Gerechtigkeit umringten den Kerl sogleich. Das Volk drangte sich herzu und schrie frohlockend:

"Rinaldini! Rinaldini!"

Man jauchzte und larmte, und der Kerl kam nicht zum Worte. Endlich betrachtete man ihn genau und sah was man in der ersten Hitze nicht gesehen hatte , dass der arme Tropf ein der ganzen Stadt wohlbekannter Fleischerknecht war.

"Seid ihr denn klug?" fragte er mit zitternder Stimme. "Kennt ihr mich denn nicht? Bin ich Rinaldini, oder bin ich es nicht?"

Jetzt ertonte ein lautes Gelachter, ein wildes Toben und Rufen.

"Es ist Giakomo, der Fleischerknecht!"

Die Sbirren wurden wutend. Sie schrien:

"Hier ist ein Betrug vorgegangen, durchsucht die Stadt. Rinaldini ist mitten unter uns." "Durchsucht die Stadt!" larmte das Volk und brachte den Exekutionszug in Unordnung. Rinaldini aber war in eine offene Kirche gesprungen, warf hinter einem Beichtstuhle sein Pilgergewand ab, setzte sich schnell eine falsche Nase an und ging in Bauerntracht, die er unter der Pilgerkutte trug, unangehalten aus dem Orte. Ohne sich aufzuhalten, eilte er Paterno voruber und kam auf die Landstrasse, hungrig und mude, nach Torette.

Vor dem Orte stand ein einzelnes Hauschen. Auf dieses ging er zu. Zwei Madchen sassen vor der Haustur und strickten. Er redete sie an:

"Kann ich hier bis morgen fruh Quartier bekommen?"

"'Bei uns?'" fragten die Madchen mit Verwunderung.

"Nun ja, bei euch! wenn ihr wollt."

"'Ihr wisst wohl nicht, dass Ihr hier in ein Judenhaus kommt?'"

"Nun, was tut das?"

"'Eure Glaubensgenossen fliehen unsere Wohnungen.'"

"Daran tun sie nicht wohl. Ich bin sehr mude. Lasst mich nicht weitergehen und nehmt mich auf."

Die Madchen sahen einander verlegen an. Endlich sagte die eine:

"'Wir sind allein hier im Hause. Unser Vater ist nach Ancona gegangen.'"

ER Ich habe Lust, euch Verschiedenes abzuhandeln, wenn ihr habt, was ich suche. Ich bin nicht, was ich zu sein scheine, und habe Geld.

SIE Nun, wir wollen's mit Euch wagen! Kommt herein und nehmt vorlieb!

Sie fuhrten ihn in ein enges Stubchen, brachten Brot und Kase, Feigen und Apfel und setzten auch Wein auf. Rinaldo notigte die Madchen, mit ihm zu trinken, und als eine Flasche geleert war, hub er an:

"Ihr scheint ein Paar herzlich gute Madchen zu sein, und es verdriesst mich, dass ihr, wie ich glaube, arm seid. Ich will eure Umstande verbessern. Ich bin ein edler Venezianer, bekam Handel mit einem Nebenbuhler und hatte das Ungluck, ihn im Duell zu erlegen. Deshalb floh ich in dieser Tracht und machte mich unkenntlich."

Hier nahm er seine falsche Nase ab, und die Madchen lachten. Er aber fuhr fort:

"Habt ihr Kleider zu verkaufen?"

"'Ein paar sind im Hause'", sagte Rahel, die alteste der beiden Schwestern.

"'Die andern'", setzte Silpa hinzu, "'hat der Vater mitgenommen.'"

"Zeigt her, was ihr habt", fuhr Rinaldo fort.

Sie brachten ihren Kleidervorrat herbei. Eine Uniform war darunter, die nicht ganz schlecht war, und diese wahlte sich Rinaldo. Man setzte sich hierauf wieder zu Tische und leerte noch ein paar Flaschen.

Dann schafften die Madchen einige Polster herbei und wunschten ihrem Gaste gluckliche Ruhe; aber er schlief nur wenig.

Als es tagte, ward aufgestanden, ein kleines Fruhstuck eingenommen, und Rinaldo kleidete sich in die erhandelte Uniform.

RAHEL Wahrhaftig, jetzt, da Ihr die Uniform anhabt, sieht man es doch gleich, dass Ihr ein Kavalier seid. Sie steht Euch allerliebst!

SILPA Ihr seht recht stattlich aus!

RAHEL Ei der Tausend! Habt Ihr ein paar schone Uhren!

SILPA Und die prachtigen Ringe!

RAHEL Ihr musst ein reicher Herr sein!

RINALDO Diese Bauernkleider schenke ich euch. Mein Nachtlager bezahle ich euch mit einem Wechsel von 100 Zechinen. Fur die Bewirtung und die Uniform zahle ich euch 25 Zechinen bar. Ihr seid doch zufrieden?

RAHEL O! Ihr seid gar zu grossmutig! So viel verdienen wir ein ganzes Jahr hindurch nicht.

SILPA Jetzt kennen wir Euch und wollen ein andermal nicht wieder so viele Umstande machen. RINALDO Auch die Umstande haben ihr Angenehmes. Lebt wohl, ihr guten Madchen, und erinnert euch meiner! Damit verliess er sein Nachtquartier und ging auf Poggia zu, wo er sich ein Pferd kaufte und ohne Aufenthalt der Grenze des Kirchenstaates zueilte. Teramo, im Gebiet des Konigs von Neapel, war der erste Ort, wo er anhielt und ausruhte. Als er sich in Aquila mit Kleidern versehen hatte, nahm er dort einen jungen muntern Burschen, der Antonio hiess, in seine Dienste, ging weiter und kam unter dem Namen Graf Mandochini in Neapel an.

In dieser glanzenden Stadt bezog er ein schones Quartier, wo er die Aussicht auf den Hafen bei freundlichen Wirtsleuten hatte. Er lebte sehr still, las viel, dachte noch mehr, machte sogar Verse, komponierte seine Lieder und sang sie auch selbst zur Guitarre ab. Damit vertrieb er sich so ziemlich die Zeit. Nach und nach aber schien die Langeweile doch bei ihm sich einfinden zu wollen: er fing daher an, fleissiger auszugehen, und besuchte die offentlichen Hauser, wo er viel sprechen horte. Einigemal war er selbst, als Rinaldini, der Gegenstand offentlicher Gesprache, und da gab er denn ganz getrost sein Wort auch mit dazu.

Einst brachte ein Fremder sogar die Nachricht, Rinaldini sei zu Ferrara erwischt und fest eingekerkert worden. So horte er die Leute gern sprechen und wurde dadurch in Neapel immer sicherer.

Unter allen Menschen, die er taglich auf den offentlichen Hausern sah, fiel ihm ein Mann besonders auf, der eine Uniform trug, wie er sagte, ein Korse war und Kapitan genannt wurde. Dieser Mann sass bei seiner Tasse Schokolade oft den ganzen halben Tag, sprach kein Wort, dankte, wenn man ihn grusste, bloss durch eine Verbeugung, nahm nicht den geringsten Anteil an irgendeinem Gesprach, mischte sich in keine Unterredung, und hatte sie auch sein Vaterland betroffen, sah immer gerade vor sich hin und schien bestandig in das tiefste Nachdenken verloren zu sein. Er wurde von allen bemerkt, schien aber keine Seele zu bemerken, und kein Mensch wusste, wie er mit ihm daran war. Diesem Manne naherte sich Rinaldo absichtlich so viel wie moglich, es wollte ihm aber nicht gelingen, ihn zur Sprache zu bringen. Eines Tages nahte er sich ihm noch zudringlicher als gewohnlich.

"Mein Herr!" redete er ihn an, "verzeiht mir eine Bemerkung."

KAPITAN Uber mich?

RINALDO Uber Euch Ihr fallt allgemein auf.

KAPITAN Das ist moglich.

RINALDO Ihr wollt das vielleicht?

KAPITAN Es kommt mir nicht in den Sinn.

RINALDO Vielleicht nagt irgendein geheimer Kummer an Eurem Herzen?

KAPITAN Davon ich nichts weiss.

RINALDO Oder irgendeine Verlegenheit macht Euch sprachlos.

KAPITAN Ich bin nie verlegen.

RINALDO Mitteilung macht den Menschen glucklich.

KAPITAN Nicht immer.

RINALDO Unterhaltung vertreibt wenigstens die Langeweile.

KAPITAN Diese kenne ich nicht.

RINALDO So seid ihr beneidenswert und musst ein grosser Philosoph sein.

KAPITAN Philosoph kann jeder Mensch sein, wenn er es sein will, und er ist wohl daran, wenn er es ist.

RINALDO Das letztere glaube ich, das erstere kann ich kaum glauben.

KAPITAN In Glaubenssachen nimmt man es so genau nicht. Und je mehr man sich in diesem Punkt selbst tauscht, desto glucklicher ist man.

RINALDO Tauschung ist Traum.

KAPITAN Wohl dem, der glucklich traumt?

RINALDO Und wenn er erwacht?

KAPITAN So wunscht er gewiss, selbst um des Traumes willen, wieder fortzutraumen.

RINALDO Und so macht die Nichterfullung des Wunsches ihn unglucklich.

KAPITAN Jeder Mensch ist glucklich, sobald er es nur ernstlich will.

RINALDO Seid Ihr es?

KAPITAN Ich bin es.

RINALDO So seid Ihr ein beneidenswerter Sterblicher.

KAPITAN Das glaube ich selbst.

RINALDO Da aber jeder Mensch seine eigenen Begriffe von Gluckseligkeit hat, so

KAPITAN So wunscht Ihr zu wissen, welches die meinigen sind? Sie liegen etwas weiter ausser dem Zirkel dieser menschlichen Welt.

RINALDO Ich verstehe Euch nicht.

KAPITAN Das glaube ich. Es versteht und begreift in dieser Welt uberhaupt nicht leicht ein Mensch den andern. Diese Missverstandnisse machen aber die Unterhaltung in Euern Gesellschaften aus, sonst waren sie so einformig und ermudend wie ein Karthauser Chor. Das beste und schonste Einverstandnis konnen nur Seelen und Geister knupfen.

RINALDO Kennt Ihr die Geisterwelt?

KAPITAN Ich kenne sie.

RINALDO Wie?

KAPITAN So gut, wie ich Euch kenne.

RINALDO Ihr mich? Kenne ich mich doch selbst nicht.

KAPITAN O ja! Auf einen gewissen Punkt wenigstens, gewiss.

RINALDO Ihr wisst, wer ich bin?

KAPITAN Ich sage ja, dass ich Euch kenne.

RINALDO Ich habe Euch doch nie gesehen, seit ich in Neapel bin.

KAPITAN Das weiss ich. Ich seh Euch hier auch zum erstenmal. Aber ich kenne Euch dennoch.

RINALDO So seid Ihr ein Hexenmeister. Wer sagte Euch, wer ich bin?

KAPITAN Meine Wissenschaft.

RINALDO Ihr schaut also ins Verborgene?

KAPITAN Warum nicht?

RINALDO Ihr geht mit Geistern um?

KAPITAN Jetzt spreche ich mit einem Menschen, der sich, wie ich hoffe, gebessert hat.

Als er das sagte, stieg er auf, bezahlte seine kleine Zeche und ging fort. Rinaldo hatte nicht Mut genug, ihm zu folgen. Dass Rinaldo in nicht geringer Verlegenheit war, lasst sich denken. Er hatte so lange mit dem sonderbaren Manne genauer bekannt zu werden gewunscht, und jetzt wunschte er, ihn niemals gesprochen zu haben. So hascht der Mensch bestandig nach Wunschen, deren Erfullung ihm oft weit bittere Entdeckungen macht, als er deren welche sich getraumt hat.

"Dieser Mann" sprach Rinaldo bei sich selbst, "weiss, wer ich bin? Wie? und die Entdeckung meines Namens ist in der Gewalt eines solchen Sonderlings? Wer ist er, dieser sonderbare Sterbliche, der irdische Gesellschaft nicht die seinige nennt? Ha! er muss mir Rede stehen, oder ich vernichte ihn, diesen Feind meiner Ruhe."

Er durchstreifte einige Tage lang die Promenaden, besuchte die offentlichen Hauser und fand den furchtbaren Wissenden nicht, selbst nicht einmal da, wo er sonst taglich zu finden war. Das machte ihn noch unruhiger.

Schon war er im Begriff, Neapel zu verlassen, als er eines Morgens den gefurchteten Korsen auf der Promenade nach dem Hafen zu fand. Er sass auf einer Bank unter einer Statue, an deren Postament er seinen Rucken gelehnt hatte; seine Augen waren uber sich, zum Himmel gekehrt, und seine Hande lagen gefaltet ineinander. Man hatte glauben konnen, einen Menschen zu sehen, dessen ganze Seele in ein zum Himmel gerichtetes Gebet ergossen sei.

Rinaldo stellte sich ihm gegenuber und wagte es nicht, ihn in seinem uberirdischen Seelenvergnugen zu storen. Nur zuweilen fing er an, sich zu rauspern, zu husten, und endlich brummte er die Melodie eines damals beliebten Liedchens. Der Kapitan regte sich nicht. Er schien in einer uberirdischen Verzuckung an einen Stein gelehnt selbst zu Stein geworden zu sein.

Des Harrens und Wartens uberdrussig, ging endlich Rinaldo mit wankenden Schritten auf ihn zu, stellte sich an seine Seite, legte seine Hand auf seine Schulter und sagte kurzatmend:

"Herr Kapitan! Ich freue mich, Euch wiederzusehen."

Der Kapitan liess seine Augen fallen, drehte seinen Kopf, erblickte den Grussenden und fragte:

"Was seht Ihr uber Euch?"

RINALDO Den reinen, blauen Ather.

KAPITAN Das Bild einer schuldlosen Seele; die verschwisterte Farbe eines reinen Geistes. Durch die Augen dringt diese atherische Geistesform ins Herz. Hier ist der Sammelplatz der schonsten Freuden, die ausser uns und dennoch in uns sind. Wir machen sie uns eigen. Der Himmel schenkt sie uns. Was sind die lachendsten Fluren gegen dieses azurne Meer der Reinheit und Klarheit? Wer hier den Anker wirft, liegt in dem schonsten Port.

RINALDO Eure Begeisterung ist schon und gross! Ich muss es mir zum Vorwurf machen, Euch in Euern erhabenen Betrachtungen gestort zu haben. Aber, verzeiht das meiner Ungeduld, mit der ich Euch zu sprechen wunschte.

KAPITAN Ihr seid mehr verlegen als ungeduldig. Gesteht es nur, Ihr furchtet mich. Ihr habt nichts zu furchten. Ich bin kein Inquisitor und weder Fiscal noch Kriminalrichter. Und das sind doch die Leute, die Ihr zu furchten habt.

RINALDO Irrt Ihr Euch auch nicht?

KAPITAN Nein.

RINALDO So sagt mir meinen Namen.

KAPITAN Er kostet Geld.

RINALDO Wo?

KAPITAN Bei jeder Obrigkeit. Man konnte ihn verkaufen wie ein Kleinod, wenn man in Verlegenheit ware.

RINALDO Herr Kapitan! Es gibt eine gewisse Sprache, die Beleidigung ist, sobald sie Ernst wird.

KAPITAN Das weiss ich.

RINALDO Mit einem Worte: Wer bin ich?

KAPITAN Der geachtete und gefurchtete Mann, der der Schrecken der Reisenden und das Erblassen der Wanderer ist. Der Konig der Schlupfwinkel und der Beherrscher der Gebirgshohlen. Du bist Rinaldini.

RINALDO Wer sagt dir das?

KAPITAN Ich weiss es.

RINALDO Mit Gewissheit?

KAPITAN Ebenso gewiss als ich weiss, wer ich selbst bin.

RINALDO Leb wohl!

KAPITAN Wohin gehst du?

RINALDO In den Hafen, zu sehen, ob dort ein segelfertiges Schiff liegt, das mich einnehmen kann.

KAPITAN Warum willst du Neapel verlassen und die Ruhe fliehen, die dich hier umgibt?

RINALDO Weil ich dich furchte.

KAPITAN Wenn der Mann, der du bist, etwas furchtet, so muss auch wirklich etwas zu furchten sein. Dein Schicksal interessiert mich. Ich will dir davon einen entscheidenden Beweis geben, der dich ganz sicherstellen soll. Aber lass mich dich nicht wieder auf deiner alten Bahn finden, sonst wirst du den Freund in einen Feind verwandelt finden.

Trommeln verkundigten den Anzug der Mannschaft, die die Kastell- und Hafenwache bezog, und endigten diese Unterhaltung. Eine ganze Gesellschaft von Offizieren spazierte einher, und Rinaldo und der Kapitan sahen sich bald von denselben umgeben. Man kannte sich zum Teil aus offentlichen Gesellschaften, man grusste sich, und die Unterhaltung begann.

"Wisst Ihr auch, Herr Kapitan! dass man sich uber Eure Person in allen Gesellschaften die Kopfe zerbricht? Ihr seid die grosste Neuigkeit des Tages."

"O!" antwortete der Kapitan, "Ich will Euch wohl eine noch weit grossere Neuigkeit erzahlen. Ihr zerbrecht Euch ohne Erfolg die Kopfe uber mein Ich. Wisst, hier in Neapel, mitten unter euch, lebt der beruchtigte Rinaldini."

Rinaldo stand wie vom Donner geruhrt. Die Offiziere sahen sich verlegen an. Eine allgemeine Stille uberfiel die Gesellschaft und band die geschwatzigsten Zungen.

Der Kapitan zog die Dose heraus, bot Prisen rundherum an, schlug die Dose zu, drehte sich herum und ging nach dem Hafen zu. Keiner hielt ihn auf. Man sah sich an und fragte:

"Wie ist das?"

Rinaldo schopfte Atem und sagte, als der Kapitan schon nicht mehr zu sehen war: "Nun, meine Herren, was meint Ihr? Hat uns dieser sonderbare, ratselhafte Mann, den niemand kennt, nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, wer er ist?"

"Bei Gott!" schrien alle, "Er selbst ist Rinaldini."

"Das ist auch meine Meinung", sagte Rinaldo ganz gelassen. Einer tat den Vorschlag, ihm nachzugehen.

Ein alter Obrist nahm das Wort und sagte:

"Wir sind keine Sbirren. Es ist die Sache der Polizei, sich Rinaldinis zu bemachtigen. Und ist dieser Unbekannte wirklich Rinaldini selbst, so muss er auch wissen, wie weit er in seiner Selbstentdeckung gehen kann. Indessen wollen wir ein wachsames Auge auf diesen Menschen haben. Doch muss ich offenherzig gestehen, dass sein bisheriges Betragen, soweit ich ihn kenne, mir etwas zu verraten scheint, das mit einem Kopfe, der ganz in seiner Ordnung ist, sich nicht recht zusammenraumen lasst. Wie? wenn er nun etwa bei zerruttetem Gehirne sich einbildete, jener furchtbare Rauber zu sein? Gibt es nicht dergleichen Exempel von Einbildungen verruckter Phantasien? Wir wollen also behutsam gehen. Und vor der Hand empfehle ich den Herren eine kleine Verschwiegenheit. Wir wollen den Unbekannten naher beobachten und dann erst bestimmen, wie wir uns gegen ihn verhalten wollen."

Dieser Rede gaben alle ihren Beifall, und nun ging die Gesellschaft in eine Eisbude, wo sie ganz vergnugt ihr Fruhstuck einnahm. Rinaldo war in einer Bewegung, die sich nicht beschreiben lasst. Er wusste nicht, was er tun sollte. Sollte er gehen oder bleiben? Wer war der Mann, der sich gleichsam fur ihn aufzuopfern schien? Seine Warnung tonte noch in Rinaldos Ohren, und sein Benehmen war ihm unerklarlich.

Er suchte ihn vergebens allenthalben auf. Er war nirgends zu finden. Niemand sah ihn mehr in Neapel. Er war verschwunden. Nun wurde das Gesprach von seiner Entdeckung allgemein. Die Sache kam zur Untersuchung. Die Offiziere sagten aus, was sie gesehen und gehort hatten. Die Polizei spurte ihm nach. Vergebens war all ihr Bemuhen. Er konnte nirgends aufgespurt werden. Nun wurde die Sage zur Gewissheit: Dieser unbekannte Scheinsonderling war Rinaldini. Alle erzahlten sich jetzt Anekdoten von ihm; man freute sich, ihn gesehen zu haben, und der wahre Rinaldini entging den Blicken der Forscher. Das ist in der Welt der Lauf der Dinge. Man spricht von der Entfernung und vergisst die Nahe. Man lauft nach dem Schein und verabsaumet das Sein. Die Gedanken folgten dem Unbekannten als Rinaldini; alle Menschen sprachen davon mit Uberzeugung und Gewissheit, und der wahre, wirkliche Gegenstand dieser Gesprache war mitten unter den Sprechenden, ohne ergriffen zu werden. Nach und nach verhallte das Gesprach. Andere Neuigkeiten verdrangten die Rinaldini-Erscheinung, und zuletzt sprach man gar nicht mehr davon. Einst gegen Abend sass, ungefahr vier Wochen nach dieser Begebenheit, Rinaldo auf seinem Zimmer, klimperte auf der Guitarre und dichtete ein neues Lied, als die Tur seines Zimmers aufging und ein artiges Madchen eintrat.

SIE Ich habe dieses Briefchen an den Herrn Grafen Mandochini abzugeben. Es kommt von schonen Handen.

Sie reichte ihm das Briefchen. Rinaldo las:

"Sowenig Ihr eine Person bemerkt haben mogt, welche Ihr interessiert, sosehr hat sie Euch bemerkt. Ist es Euch nicht gleichgultig, sie kennenzulernen, so wird Euch die Uberbringerin dieser Zeilen sagen, wo Ihr sie sehen konnt."

ER Du kennst also die Dame, die mir diese Zeilen schrieb, genau?

SIE Ich bin in ihren Diensten.

ER Wer ist sie?

SIE Ihr Name kann Euch wohl solange gleichgultig sein, bis Ihr sie selbst kennt. Ihr Name wird Euch gewiss angenehmer klingen, wenn sie ihn selbst nennt.

ER Aha! Also deine Frau oder dein Fraulein Wie soll ich sie nennen?

SIE Nennt sie, wie Ihr wollt. Ich darf Euch weder sagen, ob sie verheiratet, noch ob sie unverheiratet ist. Ihr werdet das selbst erfahren.

ER Sie ist von Stande?

SIE Vom Stande der Liebe. Wollt Ihr sie sehen oder nicht?

ER Wo soll ich sie sehen?

SIE Morgen in der Fruhmesse zu St. Lorenzo. Sie wird ein grunes Kleid und einen schwarzen Schleier tragen. Eine goldene Kette umschlingt ihre Zone, und ein Orangenblutenstrauss ziert ihren Busen. Ihr werdet also kommen?

ER Ich werde kommen.

Das Madchen ging, und Rinaldo blieb seinem Nachdenken nicht lange uberlassen. Die Zimmertur ging auf, und ein Mann, in einen roten Mantel gehullt, trat ein.

"Rinaldo!" redete ihn dieser sogleich an, "die soeben erhaltene Botschaft taugt nichts. Du gehst morgen nicht nach St. Lorenzo, die Dame zu sehen, die von dir gesehen zu werden sich wunscht."

"Wer bist du?" fragte Rinaldo. "Gib dich mir naher zu erkennen, wenn du willst, dass ich deinem Rate folgen soll."

Jener nahm die Larve vom Gesicht, schlug den Mantel auseinander, und der bekannte korsische Kapitan stand vor ihm.

Rinaldo fuhr erschrocken zusammen. Der Kapitan sprach:

"Einem Manne, der sich fur dich aufgeopfert und dir die Ruhe verschafft hat, die du in Neapel geniessest, kannst du doch wohl folgen?"

Er sprach's und verliess das Zimmer.

Rinaldo durchwachte die halbe Nacht, stand fruher als gewohnlich auf und ging nicht nach St. Lorenzo, die Schone im Gewande der Hoffnung zu sehen.

Der Abend brach an, und das Madchen kam wieder.

"Ei!" sagte sie, "Ihr habt schlecht Wort gehalten. Warum kamt Ihr nicht?"

ER Ich werde nicht eher kommen, bis ich den Namen der Dame weiss, die ich sehen soll.

SIE Ihr sollt sie ja nur sehen. Gefallt sie Euch, dann wird sie Euch sich selbst nennen. Sie kommt morgen wieder in die Messe. Gute Nacht!

Das Madchen ging, und bald darauf trat der Kapitan abermals in das Zimmer.

"Du gehst nicht nach St. Lorenzo", sagte er.

RINALDO Edler Freund! Lass mich aufrichtig sprechen. Dein Verbieten, ohne Grunde, erniedrigt mich. Ich bin kein Kind, das blindlings folgen muss. Wenn ich deinem Rate folgen soll, so musst du mir, wie gesagt, Grunde angeben.

KAPITAN Du solltest mir aufs Wort glauben und nicht mit der Unbekannten eine Bekanntschaft machen, die zu keiner Gedeihlichkeit fuhren wird.

RINALDO Ich kenne dich ja selbst nicht.

KAPITAN Du sollst mich kennenlernen. Unter den Ruinen von Portici. Und nach St. Lorenzo gehst du nicht.

Er ging. Rinaldo blieb nachdenklich zuruck. Der Morgen kam, er wankte unentschlossen, wollte gehen und ging endlich doch nicht nach St. Lorenzo.

Des Abends erschien die artige Botschafterin wieder. Sie neigte sich stillschweigend und gab ihm ein Briefchen. Er erbrach es und las: "Ich bitte Euch zum letztenmal um eine Gefalligkeit, die Ihr mir gar nicht abschlagen konnt, wenn Ihr Kavalier seid und die Hoflichkeit nicht verletzen wollt. Aurelia." Kaum hatte Rinaldo den Namen Aurelia gelesen, als er dem Madchen drei Zechinen in die Hand druckte und, halb ausser sich, ausrief: "Sag der Dame, dass ich so gewiss kommen wurde, als ich Atem und Dasein habe. Kein Teufel soll mich abhalten, sie zu sehen, und sollte ich"

"Basta!" schrie der Kapitan, der eben eintrat; "Keine Fluche und Schwure, die du nicht erfullen darfst."

"Ich will sie erfullen!"

"Ruhig!"

"Keine Macht dieser Welt"

"Ruhig! Die Obrigkeit hat Sbirren."

Rinaldo erschrak, sah sich nach dem Madchen um und sah, dass sie unbemerkt das Zimmer verlassen hatte.

KAPITAN Du bist noch immer so trotzig und unbandig, wie du es von jeher gewesen bist. Bedenk, dass du jetzt nicht mehr kommandierst, sondern dass du kommandiert wirst. len?

KAPITAN Wer gab mir die Verbindlichkeit, auf meine eigene Gefahr dich zu retten?

RINALDO Du hast sie dir selbst auferlegt.

KAPITAN Undankbarer! Eines so unbestandigen Wesens wegen, wie ein Weib ist, willst du mit deinem Freunde brechen und beleidigest ihn, um einer Figur nachzulaufen, die eines Spiegels bedarf? Denn, was kannst du von ihr erwarten? Wenn es kostlich und noch so kostlich ist, so ist es doch nur Liebe. Und die Weiber lieben in uns nur sich selbst. Wir sind ihre Spiegel, ihr Mond, in dessen Spiegelscheibe ihre Sonne wieder aufersteht.

RINALDO Du bist ein Weiberfeind!

KAPITAN Noch bin ich dein Freund.

RINALDO So wirst du mich nicht abhalten, die Dame zu sprechen.

KAPITAN Bei den Haaren will ich dich nicht zuruckziehen, aber ich verbiete dir es, sie zu sprechen.

RINALDO Nur ein begrundetes Warum? wenn ich dir folgen soll.

KAPITAN Ich mache keinen Propheten, aber der Erfolg rechtfertigt mich. Ich sehe weiter als du. Meine Macht

RINALDO Deine Macht? Gib mir eine Probe deiner Macht.

KAPITAN Die sollst du haben. Stehe auf und folge mir unter die Ruinen von Portici.

RINALDO Gib mir diese Probe hier.

KAPITAN Bist du, ehemals so unerschrockener Held der Nachte, zum furchtsamen Knaben geworden? Zerbrich deine Klinge und lass dir eine Spindel reichen! Ich durchblicke dich ganz. Jetzt erlaube ich dir, das Weib zu sehen, das dich aufsucht. Lerne sie kennen und dann auch mich. Gute Nacht! Nach einer sehr unruhigen Nacht eilte Rinaldo um die bestimmte Stunde nach St. Lorenzo, dort Aurelien zu sehen, und sah sie nicht. Endlich ward er das bekannte Madchen gewahr. Sie winkte ihm zu, und er folgte ihr nach. Vor der Kirchtur sagte sie:

"Meine Gebieterin lasst sich entschuldigen. Es wurde ihr unmoglich gemacht, Wort zu halten und heute hierher zu kommen. Sie lasst Euch aber bitten, mir zu folgen. Ich soll Euch zu ihr fuhren."

Rinaldo folgte ihr ohne Bedenken. Sie fuhrte ihn ausserhalb der Stadt auf eine reizende Gegend zu, nach einem schonen Hause, das mitten in einem Garten stand. Sie traten ein. Das Madchen ging mit ihm im Erdgeschoss duch einen schonen Saal in ein Zimmer, dessen Fenstergardinen alle niedergelassen waren. Durch diese freundliche Dammerung fuhrte der Weg nach einem Kabinett, das noch dunkler war. In diesem, sagte ihm das Madchen, werde er die Dame finden, und schob ihn hinein.

Auf einem Sofa regte sich ein weibliches Wesen. Rinaldo ging darauf zu, warf sich nieder, ergriff eine weiche, runde Hand, bedeckte sie mit einigen Kussen und sprach:

"O Aurelia! wie glucklich macht mich dieser Augenblick!"

"Glucklich? Wirklich glucklich?" wurde mit sanfter Stimme gefragt.

ER So glucklich, als ich es nie zu werden hoffen konnte!

SIE Und dennoch wart Ihr so unentschlossen

ER Ich wusste ja nicht, dass es Aurelia war, die ich sehen sollte. Sie, deren Bild ich ewig in meinem Herzen tragen werde! Die kuhnsten meiner Hoffnungen sind jetzt zur schonsten Wirklichkeit geworden.

SIE Ich furchte

ER Doch nichts von mir? Was konnte die furchten, die ich anbete?

SIE Was gewiss zu furchten ist.

ER Und was?

SIE Dass hier eine Verwechslung vorgeht. Ihr sprecht mit mir wie mit einer Langstbekannten, und soviel ich weiss

ER Diese Stimme! Mein Gott! Nein, Ihr seid Aurelia nicht!

SIE Aurelia bin ich. Aber schwerlich werde ich die Aurelia sein, die Ihr meint.

ER Ja! meine Phantasie hat mich getauscht. Ihr seid nicht Aurelia Rovezzo?

SIE Die bin ich, leider! nicht. Ach guter Graf! wie sehr wunschte ich, diese Aurelia Rovezzo zu sein. Ich habe Euch gesehen, bemerkt, mit Wohlgefallen bemerkt, und daraus ist Zuneigung, ich furchte gar Liebe geworden. Jetzt muss ich wunschen, Euch nie gesehen zu haben. Verlasst mich. Huldigt Eurer geliebten Aurelia und uberlasst mich meinen Gefuhlen.

ER Soll diese neidische Dunkelheit, die uns umgibt, sich nicht in Licht verwandeln?

SIE Was konnte Euch daran liegen, das Gesicht eines Euch uninteressanten Weibes zu sehen? Bleibt um meines Namens willen der Freund einer Unbekannten, die es auf immer sein wird. Eure Aurelia

ER Ach! ich werde sie nie wiedersehen!

SIE Nie?

ER Wie konnte mich auch meine Phantasie so weit irrefuhren?

Aurelia schmachtet im Kloster.

SIE Ich beklage Euch. Lasst uns aber enden. Wir haben beide angenehm getraumt. Unsre Trennung sei unser Erwachen. Die Ruckerinnerung wird uns bleiben.

ER Ist der Traum verschwunden, so schenkt mir eine susse Wirklichkeit. Lasst mich das schone Gesicht sehen, dessen Mund so entzuckend spricht. Der Klang Eurer harmonischen Stimme

SIE Ist dem wirklich so, so mag er Euch schadlos halten. Nur mein Liebhaber wird mein Gesicht sehen. Erspart mir eine Beschamung, die der erste Schritt, den ich getan habe, herbeifuhrte. Und nun, genug von unserm Abenteuer! Wir wollen zuweilen daruber lachen. Lebt wohl, Graf!

ER Lasst o! lasst mich Eure schonen Augen sehen!

SIE Ihr seid mein Liebhaber nicht.

ER O! schone Unbekannte! mich halt der himmlische Ton Eurer harmonischen Stimme fest. Macht mit mir, was ihr wollt, ich gehe nicht von hier. Ich fuhle mich festgehalten

SIE Von mir?

ER Was ist es, das mich an diese Stelle fesselt? Ich weiss es nicht.

SIE Es ist Neugier. Es ist Eigensinn.

ER Nein, nein! Es ist weit mehr als Neugier und Eigensinn. Ich huldige der schonen Unbekannten

SIE Mit geteiltem Herzen.

ER Ich liebe Aurelien Rovezzo wie meine Schwester. Ich werde sie nie besitzen.

SIE Damit rechnet Ihr auf mich?

ER Jetzt kann ich gehen.

SIE So geht.

ER Ihr denkt nicht gut von mir.

SIE Das will ich nicht sagen. Aber, wozu soll Euer Hierbleiben uns beiden nutzen?

ER Was kann meine huldigende Empfindung Euch schaden?

SIE O Graf! ich bin so eitel nicht, als Ihr vielleicht glaubt. Dieser Schritt, den ich gewagt habe. Ich habe Euch schon gestanden, was mich dazu verleitet hat.

ER Ihr seid frei und ungebunden?

SIE Bis jetzt bin ich es noch.

ER Auch ich bin es.

Hier entstand eine Pause. Rinaldo kusste der Unbekannten die Hande; er druckte sie sanft und fuhlte die seinigen noch sanfter wiedergedruckt. Die Unbekannte seufzte. Rinaldos Seufzer folgten den ihrigen.

SIE Graf! ich bitte Euch, verlasst mich. Ihr habt mich in eine Stimmung gebracht, in der ich nur mit meinem Liebhaber zu sein wunschen konnte.

ER Was hindert es, dies zu sein? Mich nichts.

Die Unbekannte schwieg. Rinaldos kuhne Hand hob die Schleier und druckte einen brennenden Kuss auf ihre Lippen. Sie seufzte:

"O Dio! dove sono?"

Nun wurde zwischen beiden kein Wort mehr gewechselt. Kein redender Laut unterbrach die schweigende Stille. Nur tiefe Seufzer, schwebende Kusse und das laute Klopfen zweier in Entzucken verlorner Herzen belebten die stumme Szene. Jede Ader war zum klopfenden Pulse geworden, und das susseste Gefuhl ging in das seligste Unbewusstsein uber; das zartlichste Bewusstsein verlor sich im sussen Nichtgefuhl. "Aber nun" stammelte Rinaldo, noch an ihren Lippen hangend, "werde ich so glucklich sein, dein schones Auge zu sehen, in welchem der Himmel meiner Freuden lacht?"

Sie griff schweigend hinter sich, zog an einer Schnur. Zwei Fenstergardinen flogen auf. Des Tages sanftes Licht drang herein, und Rinaldo sah, dass eine glanzende Schonheit in seinen Armen ruhte. Ein feuriges Auge, aus welchem das heftigste Verlangen, vereint mit dem sanftesten Dahingeben ihm entgegenstrahlte, blickte ihn an; ihm lachelte sanft geoffnet ein frisches Lippenpaar, und ein elastischer Busen drangte sich seiner Brust strebend entgegen. Er kam und floh, gleich der zartlichen Geliebten, die kommt, um zu fliehen, und flieht, um wieder zu kommen.

Rinaldo verlor sich ganz in den Genuss der Schatze, die verschwenderisch ihm Liebe und Gelegenheit darboten.

"O schone Unbekannte!" seufzte er, "lass uns lieben und froh sein!"

"Das wollen wir", sagte sie.

ER Nun ist Neapel fur mich ein Paradies!

SIE Fur mich der Ort, wo du bist, der Himmel. Ich finde ihn in deiner Umarmung. Wir wollen uns allein und der Liebe leben, wir wollen uberschwenglich glucklich sein. O Liebe! wer deine Freuden nicht kennt, der kennt seines Lebens schonsten Wert nicht; wer deine Entzuckungen nicht fuhlt, ist bei dem grossten Uberfluss arm, und wo er wandelt, gehn Uberdruss und Langeweile nur mit ihm. Unglucklich der, der nicht liebt! Sein Leben ist ihm ein Traum, ihn ergotzt kein Zephyr, der die brennende Wange kuhlt, ihm entfliehen die Tage wie zogernde Schatten, und seiner Freuden grosste ist nur Blendwerk und optischer Betrug. Im Liebesgenuss allein ruht die seligste Freude, und wer diesen Pfad betritt, wandelt auf Rosen.

Die Tur flog auf. Die Liebenden fuhren zusammen. Sie blickten auf, und der korsische Kapitan stand vor ihnen.

"Ich kann uber nichts jetzt zweifelhaft sein", sagte er, "und ich wunsche, dass es Euch nie gereuen moge."

Die Dame bedeckte mit den Handen ihr Gesicht. Der Kapitan wendete sich zu ihr, zog ihr gelassen die Hande von den Augen und sagte:

"Du hast dich von mir gerissen und hast dich diesem Manne ergeben. Er fuhle den Wert und das Ungluck, von dir geliebt zu werden, ganz. Ich entsage dir und fordere nichts von dir zuruck als den Ring, den ich dir zum Pfande meiner Treue gab."

Schweigend zog sie den Ring vom Finger und gab ihm denselben. Der Kapitan nahm ihn und sagte:

"Dieses Haus und diesen Garten wirst du heute noch verlassen."

Hierauf verliess er das Kabinett und verschloss die Tur wieder.

"Wie soll ich mir all das erklaren?" fragte Rinaldo besturzt.

"Alles will ich dir selbst sagen", sprach sie, "wenn wir uns wiedersehen."

"Und wann und wo wird das geschehen?"

"Mein Madchen wird dich zu mir fuhren, sobald ich dich wiedersehen kann."

Rinaldo wankte auf und wusste nicht, was er fragen oder sagen sollte. Sie sprang rasch auf, fiel ihm um den Hals, kusste ihn mit Ungestum, zog ihm einen Ring von dem Finger, steckte ihn an einen der ihrigen und sagte:

"Ich nenne diesen Ring, wie dich selbst, nun mein."

ER O! du weisst, du ahnst nicht, wie teuer ich vielleicht diese glucklichen Augenblicke bezahlen muss.

SIE Sie haben keinen Preis. Ich habe sie verschenkt. Schlagen wird sich der Korse nicht mit dir.

ER Das ist es nicht, was ich furchten konnte.

SIE Und was denn sonst?

ER Er ist Herr meines grossten Geheimnisses.

SIE Furchte nichts. Er wird kein Verrater sein. Ich bin ihm untreu geworden und furchte doch nichts von ihm. Hatte er mir das getan, was ich ihm getan habe, mein Dolch hatte gewiss sein Herz gefunden. Ich liebe grenzenlos. Werde ich aber betrogen, so fliesse Blut, so wahr ich Atem und Leben habe!

ER Du bist furchtbar!

SIE Nicht dir, denn du liebst mich ja! Fur Augenblicke spiele ich nicht, verschenke ich nicht, was man nur dem Geliebtesten schenkt. Dem Geliebten bleibe ich treu, den ich mir selbst wahlte. Den Kapitan habe ich nicht selbst gewahlt. Mein Schicksal fuhrte mich ihm zu. Ich habe eine Gelegenheit gefunden, meine Ketten zu zerbrechen. Ich liebe dich und bin ganz die deinige. Aber ich hoffe, du wirst nicht wanken. O! liebe mich, wie ich dich liebe, so sind wir beide glucklich!

Sie sprach das mit himmlischer Stimme, umschlang ihn fester und zog ihn zu sich. Rinaldo kam wie ein Traumender in seine Wohnung zuruck. Er furchtete einen Besuch des Kapitans und erhielt keinen. So verflossen drei Tage; er sah den Kapitan nicht und horte nichts von der zartlichen Unbekannten.

Am vierten Tage ging er gedankenvoll nach dem Hafen zu. Das Donnern der Kanonen verkundigte die Ankunft eines Schiffs. Es setzte sein Boot aus; die Passagiere stiegen ans Land. Er wandelte unter dem Gewuhle der Fremden, der Matrosen und Lasttrager umher und fuhlte sich auf einmal von hinten umfangen. Er drehte sich herum und Rosalie, in mannlichen Kleidern, warf sich in seine Arme.

Schrecken und Erstaunen fesselten ihm die Zunge. Rosalien liefen Tranen uber die Wangen und freudig rief sie aus:

"Gott sei gelobt! Ich habe dich gefunden!"

Um kein Aufsehen zu erregen, fuhrte sie Rinaldo in seine Wohnung. Zwei Koffer, die sie mit sich gebracht hatte, wurden ihr nachgetragen.

Rinaldo schickte seinen Diener aus und verschloss die Tur. Als Rosalie zu sich gekommen war, fing sie an zu erzahlen:

"An dem schrecklichen Tage, an welchem wir von allen Seiten angegriffen wurden, hatte ich das Gluck zu entkommen. Ich floh in die Gebirge und kam endlich nach Avezzo, wo mich ein altes, gutes Mutterchen zu sich nahm. Schrecken und Kummer wirkten so sehr auf mich, dass eine fruhzeitige Niederkunft mich aufs Krankenlager warf. Meine gute Natur siegte aber, und ich war kaum auf den Beinen, als ich nach Livorno eilte, wo ich zu Schiffe ging mit dem festen Vorsatz, den ganzen unteren Teil von Neapel zu durchstreifen, wo ich dich gewiss zu finden hoffte. Und, die heilige Jungfrau sei gelobt, ich habe dich gefunden. In diesen Koffern steckt so viel von deinen in den Apenninen vergrabenen Schatzen, als mir moglich war aufzufinden. Ich freue mich herzlich, dass ich es dir geben kann."

Rinaldo umarmte sie zartlich und dankte ihr ihre Treue mit unzahligen Kussen. In diesem Augenblick beschloss er, Neapel so bald wie moglich zu verlassen.

"Jetzt bin ich reich und glucklich durch dich, geliebtes Madchen!" jauchzte er laut, "und du sollst es mit mir werden."

Von der Reise ermudet, hatte sich Rosalie zur Ruhe gelegt, als das bekannte hubsche Madchen der schonen Unbekannten bei Rinaldo eintrat. Sie brachte ihm folgendes Briefchen:

"Die, die dich herzlich liebt, die du nicht mehr Aurelia, aber deine dir Ganzergebene, deine zartliche Olimpia nennen sollst, wunscht, so glucklich zu sein, dich bei sich zu sehen. Das Madchen wird dich zu ihr fuhren."

Rinaldo bedachte sich ein wenig und beschloss endlich, um dieser zartlichen Signora, deren Rachegrundsatze er kannte, keinen Verdacht zu geben, dem Madchen zu folgen.

"Da du ohnehin Neapel bald verlassen wirst", sprach er bei sich selbst, "kannst du immer zu ihr gehen. Es ist vielleicht ohnehin das letztemal, dass dies geschieht."

Er ging mit der leitenden Iris und wurde von ihr kaum hundert Schritte von seiner Wohnung in ein artiges Haus gefuhrt, wo ihn Olimpia erwartete. Die Kleidung, in der sie ihm entgegenflog, war keine Kleidung, und ihr Empfang war eine Art von wutendem Ansichreissen, die den blodesten Schafer von der Welt unternehmend gemacht haben wurde. Rinaldo nahm sich soviel wie moglich zusammen und setzte ihrem Ungestum einen grossen Grad von Kalte entgegen.

SIE Was ist das? Erwiderst du auf diese Art meine Kusse?

ER Es sind vier Tage, seit ich nicht das Gluck haben konnte, die schone Olimpia zu sehen.

SIE Es sind fur mich vier Ewigkeiten gewesen.

ER Doch?

SIE Nicht in diesem Tone! Ich konnte dich nicht eher wiedersehen. Von jetzt an ist keine Stunde mehr in meinem Leben, die nicht dein war. Undankbarer! wenn du wusstest, was ich getan habe.

ER Lass mich wissen, was das ist, das du getan hast. Olimpia wird verzeihen, wenn ich

SIE Kein Wort weiter! Dieser Ton gehort nicht hierher, wo Gluck und Liebe dich erwarteten. Ich kann auch wohl eines Mannes uble Laune ertragen, wenn ich ihn so liebe wie dich. Aber Kalte und diese Sprache ertrage ich nicht. Ich weiss, welche Forderungen mir an dir zu machen erlaubt sind, also darf ich dir sagen, dass dieser Ton, in welchem du dir mit mir zu reden erlaubst, mich beleidigt. Jetzt verteidige dich.

ER Ich erwarte erst Olimpias Verteidigung. Die meinige kann dann der ihrigen leicht folgen. Seit vier Tagen

SIE Sprich nicht von Tagen, wenn von Liebe die Rede ist, und taxiere meine Empfindungen nicht nach dem Glockenschlage. Was ins Unendliche reicht, zahlt man nicht nach Zeitraumen von vierundzwanzig Stunden. Ich bestehe darauf, deine Verteidigung zu horen.

ER Und ich die deinige. Mein Recht ist alter als das deinige, weil die Beleidigung, von der ich zu sprechen habe, alter ist.

SIE Bist du wirklich beleidigt?

ER Ich musste dich nicht lieben, wenn ich es nicht ware.

SIE Kannst du mir Geheimnisse lassen?

ER Jetzt nicht.

SIE Hast du selbst keine fur mich?

ER Die Zukunft wird diese Frage beantworten.

SIE So beantworte diese auch deine Forderungen an mich.

ER Da du mir ausweichst, so vermehrst du meinen Verdacht selbst.

SIE Welchen kannst du haben?

ER Jeden, den ein Verliebter haben kann, dessen Blicken sich seine Geliebte auch nur auf einige Sekunden, geschweige denn auf vier Tage, entzogen hat.

SIE Diese Notwendigkeit hangt mit meiner Geschichte zusammen.

ER Nun bin ich befriedigt!

SIE Dieses bittere Lacheln verstehe ich. Mann! bringe mich nicht auf. Deinetwegen habe ich

ER War alles, was du getan hast, dein freier Wille oder nicht?

SIE Leider! war es mein freier Wille. Aber du weisst wahrlich nicht, was ich meiner Leidenschaft fur dich aufgeopfert habe!

ER Kann es nicht mit Gold ersetzt werden?

SIE Elender! und Dich liebe ich? Ich spreche von Liebe, und du zahlst mir Gold auf? Nimm mir, was ich habe, mache mich elend und bettelarm, ich folge dir mit blossen Fussen nach. Werde selbst arm, und ich stehle fur dich, lasse mich zum Schafott fuhren, und ich freue mich, dass du nicht darben darfst. Du musst meine Leidenschaft nach deinem eignen karglichen Massstabe messen, wenn du so mit mir sprechen kannst.

Sie warf sich, als sie das sagte, mit heftiger Bewegung auf ein Kanapee. Rinaldo ging schweigend im Zimmer auf und ab. Olimpiens Madchen trat ein, besetzte einen Tisch mit Fruchten, Wein und kalten Speisen und verliess das Zimmer.

Nach einer ziemlich langen Pause fragte Olimpia:

"Wollen der Herr Graf mit mir speisen?"

"Warum das nicht?" antwortete er.

Ohne ein Wort zu sprechen, wurden Stuhle an den besetzten Tisch geschoben. Man setzte sich und speiste. Olimpia schenkte die Glaser voll, nahm eins davon in die Hand und sagte mit sanfter Stimme: "Auf unsere Versohnung?"

ER Wenn Olimpia bekennen will, dass sie Unrecht und dass sie mich durch ihre letzte Rede beleidigt hat.

SIE Ich will alles tun, was du haben willst. Ich habe dich ja so unaussprechlich lieb! Es gilt! Nun kein Wort weiter davon.

ER Die vier Tage mussen doch erst berichtet werden.

SIE Ich konnte dich nicht eher anstandig empfangen, als heute. An jenem Tage, wo ich so glucklich mich aus deinen Armen wand, verliess ich das Haus, das mir der Kapitan gemietet hatte, brachte die Zeit in einer elenden Wohnung hin und bewohne erst seit diesem Morgen dieses Zimmer.

ER Wo du warst, war allenthalben Liebe. Warum durfte ich nicht auch dort sein?

SIE Ich schamte mich, dich in ein Quartier zu fuhren

ER Wo du warst? Hat es dir an irgend etwas gefehlt, so hattest du mir

SIE Kein Wort davon!

ER Hast du von der Gute des Kapitans gelebt oder nicht?

SIE Einigermassen.

ER Du bist keine Neapolitanerin?

SIE Ich bin eine Genueserin von edler Geburt.

ER Und lebst hier?

SIE Die Erzahlung meiner Geschichte soll dir sagen, warum?

ER Ich hore sie doch bald?

SIE Sobald du dich meines Vertrauens wert gemacht hast.

ER Was weisst du von dem Kapitan?

SIE Dass er ein sonderbarer, geheimnisvoller, unergrundlicher Mann ist, der sich hoher Wissenschaften ruhmt.

ER Hast du davon, dass er sie wirklich besitzt, Beweise?

SIE Ich furchte mich, sie zu entdecken.

Rinaldo wollte weiter fragen, als ein Verhullter ohne Umstande in das Zimmer trat, auf ihn zuging und ihm ein Briefchen gab. Olimpia sah den Vermummten mit zweifelhaften Blicken an, der ein Glas Wein vom Tische nahm, es ausleerte und das Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen, verliess.

Rinaldo offnete das Briefchen, las in demselben die Worte:

"Rinaldini ist in Gefahr", zerriss das Papier in kleine Stuckchen und sprang vom Tische auf.

"Um Gottes willen, Graf!" fragte Olimpia angstlich, "Was ist Euch?"

Rinaldo nahm seinen Degen, kusste ihr die Hand, sagte:

"Morgen, gute Olimpia! siehst du mich wieder", und eilte nach der Tur. Sie sprang auf, umschlang ihn und bat ihn zu bleiben. Er kusste sie heftig, sagte mit zartlicher Stimme:

"Beruhige dich! Wir sehen uns morgen wieder", machte sich los, verliess das Zimmer, sturzte die Treppe hinab und eilte in seine Wohnung. Hier war er kaum angekommen, als der Vermummte, der ihm bei Olimpien den Brief gab, zu ihm ins Zimmer trat. Sie sahen beide einander, ohne ein Wort zu sprechen, eine Zeitlang an. Endlich brach Rinaldo das Stillschweigen und sagte:

"Herr Kapitan! ich habe Euern Wink verstanden."

"Was zum Teufel! Kapitan? das bin ich nie gewesen", sagte jener. "Aber wir kennen uns sonst woher, wo ihr Kapitan wart."

Indem er das sagte, nahm er die Larve vom Gesicht, und Rinaldo erkannte in ihm einen seiner ehemaligen Gesellen, der Lodovico hiess.

Rinaldo druckte ihm die Hand und fragte:

"Wo kommst du her, braver Junge?"

"Das will ich Euch sagen", antwortete jener. "Gebt mir aber erst etwas zu trinken. Ich bin durstig wie ein Teufel."

Rinaldo trug einige Flaschen Wein auf und Lodovico erzahlte:

"Als wir das letztemal, wo Ihr nicht bei uns wart, angegriffen wurden, ging's, soll mich der Donner erschlagen! so hart her, wie's noch nie hergegangen ist. 'S war, straf mich Gott! ein Gemetzel, als wurde Fleisch zur Bank gehackt. Ich kam mit ein paar Circumflexen davon und schlich von einem Orte zum andern, bis ich mich hierher nach Neapel schlich. Hier fand ich einen Vetter, den die Justiz auch von einem Orte zu dem andern jagte. Der machte mich mit einer Gesellschaft von Kerlen bekannt, die dem Teufel die Nase aus dem Gesichte stahlen, wenn er eine hatte. Sie haben eine Art von Bundnis untereinander. In dieses liess ich mich aufnehmen und verdiene nun so mein bisschen Brot auf mancherlei Art und Weise. Vor einigen Wochen sah ich Euch und riss de Augen machtig auf. Ich mochte hinsehen wie ich wollte, Ihr wart und bliebt es, unser braver Hauptmann. Donnerwetter! dachte ich, wie kommt der hierher? Ich hatte Euch gern selbst darum gefragt, 's war aber heller lichter Tag und unsereins produziert sich nur am liebsten in der Nacht, denn die verfluchten Sbirren haben Falkenaugen. Wie ich nun so simulierte, wart Ihr weg, und ich hatte des Teufels werden mogen, dass ich Eure Wohnung nicht wusste. Seit der Zeit konnte ich Euch nicht wieder auf die Spur kommen, und wenn ich mir die Fusse abgelaufen hatte. Ich dachte schon, Ihr wart wieder uber alle Berge, und argerte mich, dass ich hatte platzen mogen. Da sehe ich Euch heute Abend ganz unvermutet mit einem Madchen gehen, das ich gar wohl kenne."

RINALDO Wie? Du kennst das Madchen?

LODOVICO Ich werde sie ja, vor'm Teufel! kennen, wenn ich's sage.

RINALDO Wer ist sie?

LODOVICO Jetzt dient sie bei der Signora, bei der Ihr wart.

RINALDO Wenn du nicht mehr von ihr weisst, so weisst du auch nicht mehr als ich.

LODOVICO Basta! Ich weiss auch, dass sie gefallig und zartlich ist.

RINALDO Das weiss ich nicht.

LODOVICO Und also weiss ich mehr von ihr als Ihr. Sie gleicht ihrer Signora darinnen auf ein Haar.

RINALDO Wie? die Signora Olimpia war'

LODOVICO Du mein Gott! Ihr wart wahrlich weder der erste noch der letzte gewesen, der zu ihr gekommen ist oder noch zu ihr gehen wird. Aber jetzt ist Gefahr dabei. Darum dachte ich: Halt Lodovico! du musst deinen braven Herrn warnen, schrieb das Briefchen und uberbrachte es auch selbst. Es freut mich, dass Ihr meiner Warnung Gehor gegeben habt, denn mich sollen gleich alle Malefiz-Rader der ganzen Welt zermalmen, der Prinz della Torre versteht keinen Spass. Er hat schon manchem das liebe Nachtbrot geben lassen, ehe er es hat haben wollen.

RINALDO Aber wie kommt der Prinz ins Spiel?

LODOVICO Auf die naturlichste Art von der Welt. Er hat sein Spiel mit der Signora, bei der Ihr wart, und ist verdammt eifersuchtig.

RINALDO Lodovico, kann ich dir glauben?

LODOVICO Nennt mich nicht wieder Kamerad, wenn ich gelogen habe. Ich muss das am besten wissen. Ich bekomme ja Monatsgeld von dem Prinzen und hatte vielleicht gar selbst die Order erhalten konnen, Euch ein paar Pillen beizubringen. Das hatte ich aber doch, hol mich der Teufel! nicht getan und hatte ich sollen betteln gehen oder gar selbst aufs Reff gebrannt werden.

RINALDO Die Signora kann aber nicht lange mit dem Prinzen bekannt sein.

LODOVICO Seit vier Tagen.

RINALDO Das ist moglich.

LODOVICO Das ist wahr! Das ist auch nicht ihr eigentliches Quartier, in welchem Ihr heute bei ihr wart. Sagt, unterhaltet Ihr sie etwa auch?

RINALDO Bewahre! Ich kenne sie erst seit funf Tagen.

LODOVICO So kennt Ihr sie gar nicht. Ich glaube, die lernt man in funf mal funf Jahren nicht kennen. Das ist ein Tausend-Elementer von einem Weibsbild! Einen gewissen Kapitan hat sie auch schlimm uber die Ohren gehauen.

RINALDO Kennst du diesen Kapitan? Wer ist er eigentlich?

LODOVICO Das mag der Teufel wissen. Aber ich weiss manches von ihm.

RINALDO Zum Beispiel?

LODOVICO Er ist so ganz im stillen der gute Freund aller Kerle meinesgleichen in ganz Neapel. Sie hangen an ihm wie Kletten. Jetzt steckt er im Serviten-Kloster und macht einmal Apparate.

RINALDO Welche Apparate?

LODOVICO Er zitiert Geister.

RINALDO Wirkliche Geister?

LODOVICO Das mag der Teufel wissen! Ich bin nie dabei gewesen.

RINALDO Lodovico, wir bleiben doch gute Freunde?

LODOVICO Donnerwetter! Setzt Ihr Misstrauen in mich?

RINALDO Also im Vertrauen! ich bin nicht ohne Gesellschaft.

LODOVICO Das war! Aber hier stecken die Burschen gewiss nicht.

RINALDO In Kalabrien.

LODOVICO Das lasse ich gelten! Dort soll etwas zu machen sein.

RINALDO Ein prachtiges Land fur uns! Cinthio kommandiert in meiner Abwesenheit.

LODOVICO Donnerwetter! da muss ich hin! Und ich nehme noch ein halbes Dutzend Kerle mit, die, straf mich Gott! keinem von uns etwas nachgeben. Hier ist's ohnehin ein Lumpenleben. Kleines Geld und kleine Lappereien, und dennoch ein Larm und ein Spektakel uber jede Kleinigkeit, als war's wer weiss was. Die Sbirren bestandig auf dem Nacken, die Galgen und Galeeren vor den Augen. Bei solchen Aspekten lebt sich's miserabel. Hier ist meine Hand. Ich gehe nach Kalabrien.

RINALDO Gut! und ich schenke dir Reisegeld. Hier werbe ich.

LODOVICO Das Geschaft ubertragt mir. Ich bin besser mit dem Schlage von Leuten bekannt, die fur uns passen.

RINALDO Nimm mit dir, wen du kriegen kannst. Cinthio wartet auf Rekruten.

LODOVICO Die soll er bekommen.

RINALDO Und noch ein Wort im Vertrauen. War der bekannte Kapitan nicht

LODOVICO Er soll gleich daran!

RINALDO Nicht das. Ich meine, ob er nicht auch etwa mit guter Manier nach Kalabrien zu transportieren ware?

LODOVICO Das wird schwerlich angehen. Er steckt hier in zu grossen Connexionen.

RINALDO Denke daruber nach.

Indes war Rosalie erwacht. Rinaldo horte, dass sie munter war. Er offnete die Tur des Kabinetts und hiess sie herausgehen. Lodovico riss die Augen gewaltig auf, als er sie sah, freute sich aber, sie gesund wiederzufinden und lispelte Rinaldo ins Ohr:

"Die Signora Olimpia ist doch schoner!"

Rinaldo lachelte, gab ihm Geld und beurlaubte ihn. Lodovico tat noch einige Fragen an Rosalien uber ihre Rettung, leerte sein letztes Glas, versprach bald wiederzukommen und ging halbberauscht davon. Als Rosalie ihren geliebten Rinaldo den folgenden Morgen ankleidete, sagte sie mit sanfter Stimme:

"Guter Rinaldo! wenn du mich wirklich, wenn du mich auch nur halb so sehr liebst, als ich dich ganz liebe, so schenke meinen Bitten Gehor und meinen frommen Wunschen Gewahrung. Gib dich nicht wieder mit Leuten von Lodovicos Schlage ab und lass uns Neapel verlassen, so bald wie moglich. Wir wollen in ein anderes Land gehen, wo uns nicht mehr solche Bekannte aufstossen, und wenn du mich auch einst verlassen wolltest, so sei es nur nicht in einem Lande, wo ich vielleicht noch zu einem entehrenden Tode verdammt werde. Ach! ich habe ja nichts getan, als dass ich dich geliebt habe! Das ist wenn es eins ist noch jetzt mein Verbrechen und wird es auch bleiben. Gib nur, dass ich es mit in ein ehrliches Grab nehmen kann!"

Tranen brachen aus ihren Augen. Rinaldo war sehr geruhrt. Er umschlang, kusste sie und sagte:

"Ich weiss dein edles, treues Herz zu schatzen; ich fuhle, was deine Liebe verdient. Was du wunschest, ist schon bei mir beschlossen. Ehe der dritte Morgen anbricht, segeln wir, wenn ich ein segelfertiges Schiff antreffe, nach Spanien. Wollte eine solche Gelegenheit unsere Abreise verzogern, so gehen wir einstweilen nach Sizilien; aber Neapel verlassen wir gewiss sobald wie moglich. Es liegt mir mehr daran, als du selbst glauben kannst, von hier zu gehen. Lodovicos Gesellschaft ist nicht mehr die meinige. Aber solange ich noch an einem Ort mit ihm bin, bin ich in seiner Gewalt und muss ihm mehr schmeicheln, als mir lieb ist. Beruhige dich, und erhalte mir deine Liebe!"

Er nahm, als er das gesagt hatte, den Degen und ging. Sein Weg ging gerade nach Olimpias Wohnung zu.

Viertes Buch

Des Schicksals Ball! er fliegt zum Ziele,

Geschleudert durch des Zufalls Hand.

Wer nimmt aus diesem Zauberspiele

Des Wahnes Schleier, Stab und Band?

Rinaldo fand die Wohnung der schonen Olimpia verschlossen. Das erinnerte ihn an etwas, das ihm Lodovico gesagt hatte, und er wunschte sich von ihrem Doppelquartier zu uberzeugen. Er ging die Promenade hinauf und dachte daruber nach.

"Ei!" sprach er endlich, ganz ungeduldig, "Mag sie doch wohnen, wo sie will. Wie kann mich uberhaupt etwas beschaftigen, das dieses Weib betrifft? Ich will ja Neapel verlassen und weiss wenigstens wie sie ist!"

Jetzt war er der Lorenzo-Kirche nahegekommen und ging vielleicht von einer kleinen Ahnung dahin getrieben hinein.

Der erste Gegenstand, der ihm in der Kirche in die Augen fiel, war Olimpia. Sie hatte gebetet, schlug eben ihr Buch zu, stand auf, gab einem Kavalier, der ihr das Weihwasser reichte, den Arm und verliess mit ihm die Kirche.

Rinaldo folgte ihr in der Entfernung und ging sogar Auf der Treppe begegnete ihm Olimpias Madchen, die heftig erschrak.

"Wohnt ihr auch hier?" fragte Rinaldo bitter, eilte, ohne ihre Antwort zu erwarten, bei ihr vorbei, offnete die erste beste Tur und trat durch einen kleinen Vorsaal in ein Zimmer, in welchem Olimpia mit ihrem Begleiter auf einem Sofa sass.

Olimpia entgluhte sichtbar, als sie den unerwarteten Gast eintreten sah. Ihr Begleiter sah wechselseits bald sie, bald den kuhnen Unbekannten mit grossen Augen an, und Rinaldo kam erst jetzt wieder zu sich, um zu fuhlen, wie unbesonnen er gehandelt hatte. Indessen war es jetzt nicht Zeit, Reflexionen uber etwas anzustellen, das nun einmal geschehen war. Er suchte sich also so gut wie moglich zu fassen, machte beiden ein stummes Kompliment, gab Olimpien einen bedeutenden Blick, fixierte ihren Begleiter ein wenig stark und nahm mit einer zweiten stummen Verbeugung wieder Abschied. Aber kaum hatte er die Tur des Vorsaals erreicht, als er die Tur des Zimmers offnen und jenen Herrn sich nachrufen horte:

"Mein Herr! Ein paar Worte?"

Rinaldo drehte sich herum und fragte gelassen:

"Was beliebt?"

"'Was habt Ihr hier zu suchen?'".

"Was ich gefunden habe."

"'Deutlicher! Was sucht Ihr hier?'"

"Eine Uberzeugung, die ich, wie gesagt, auch gefunden habe."

"'Ohne Umschweife! Ich fordere bestimmte Erklarung.'"

"Prinz! Ich bitte Euch" schrie Olimpia, "lasst Euch von mir die Erklarung geben!"

Die Leser erraten nun, dass es der von Lodovico bezeichnete Prinz della Torre war, der jetzt so trotzig mit Rinaldo sprach.

PRINZ Hier waltet ein Geheimnis, zu welchem ich den Schlussel haben muss!

RINALDO Die Signora will ihn Euch ja geben.

OLIMPIA Dieser Herr

PRINZ Wer ist er?

OLIMPIA Er ist ein Bekannter des Kapitans und will vermutlich mich sprechen.

Der Prinz warf ihr einen sehr sprechenden Blick zu. Sie schien ihre Fassung zu verlieren, wurde blass und sank auf ein Sofa.

"Ihr habt doch nicht etwa gar eine Ohnmacht zu befurchten?" fragte der Prinz spottisch und warf sich, heftig bewegt, auf einen Stuhl.

Rinaldo fragte ganz gelassen:

"Kann ich gehen oder soll ich bleiben?"

"Tut, was Euch beliebt", antwortete der Prinz ebenso gelassen, als gefragt wurde.

Sogleich nahm Rinaldo beiden gegenuber auf einem dritten Stuhle Platz.

Die Gruppe blieb stumm.

Endlich sprang der Prinz auf, druckte seinen Hut tief ins Gesicht und verliess das Zimmer der sonderbaren Konversation, ohne eine Silbe zu sprechen.

OLIMPIA Was hast du getan?

RINALDO Du weisst, was Du getan hast.

Du hast mich hintergangen, getauscht, belogen, betrogen, und ich weiss mehr, als du glaubst. Signora, ich erinnere Euch an jene Szene, als uns der Kapitan beisammen fand; ich erinnere Euch an das, was er sagte, und bitte mir, wie er, meinen Ring aus.

OLIMPIA Der Kapitan fand uns ganz anders, als du uns gefunden hast.

RINALDO Euch nicht eben so zu finden, lag an mir. Ich hatte nur noch ein wenig verziehen sollen. Ich bitte um meinen Ring. Ich will ihn Euch abkaufen.

OLIMPIA Elender! ich brauche dein Kaufgeld nicht, solange andere noch welches fur dich selbst geben. Was ist mehr wert, der Ring oder dein Kopf? Beide sind in meiner Gewalt, edler Graf! Ich erwarte von Euch binnen vierundzwanzig Stunden tausend Dukaten. Denn nach diesem Vorfall muss ich Neapel verlassen. Gebt Ihr mir das Geld nicht, so gibt es mir ein anderer fur Euch. Ihr versteht mich doch? Mein Madchen soll das Geld bei Euch abholen. Hier ist Eurer Ring. Nochmals: Ihr habt mich verstanden? Gott befohlen!

RINALDO Wenn Ihr glaubt

OLIMPIA Ohne Einwendungen, Graf! oder ich nenne Euch bei einem andern Namen.

RINALDO Doch nicht bei des Kapitans eigentlichen Namen?

OLIMPIA Ein abgenutztes Stuckchen! Ihr entkommt mir nicht! Ich weiss, wen ich vor mir habe, und wir sind jetzt in keinem Hohlwege. Es bleibt bei meiner Forderung. Zahlt Ihr nicht, so zahlt man anderswo fur Euch.

RINALDO Ihr sollt das Geld haben. Gesteht mir aber, dass Ihr mich hintergangen habt.

OLIMPIA Wozu mein Gestandnis, wenn Ihr das glaubt? Es kann Euch weder beruhigen noch verlegener machen, als Ihr schon wirklich seid. Ich lasse das Geld abholen, und Ihr wunscht mir gluckliche Reise. Damit ist zwischen uns alles abgetan. Wenn Ihr klug seid, so macht Ihr es wie ich und geht aus Neapel. Der Prinz mochte uns beiden ein Bad zubereiten, das gewiss unser letztes sein wurde. Auch habt Ihr den Kapitan zu furchten. Ihr seid sein sicherstes Kapital in Neapel. Weiss er sich einmal gar nicht mehr zu retten, so greift er Euch, wie einen Sparpfennig an und macht Euch zu Gelde. Auf dieser Spekulation des Kapitans ganz allein beruht Eure bisherige Sicherheit. Ihr seid sein Notpfennig. Jetzt komme ich ihm zuvor. Ich greife den Schatz an. Aber ich weiss mir auf keine andere Art zu helfen. Wann kann ich mein Madchen zu Euch schicken?

RINALDO Sobald es Euch beliebt. Ich wunsche Euch gluckliche Reise.

OLIMPIA Ich Euch gleichfalls, gefurchteter Beherrscher der Apenninischen Schlupfwinkel. Ha, ha, ha! Rinaldini! 's ist wahrlich argerlich, dass ein so gefurchteter Mann, wie Ihr einer seid, ein armseliges Weib furchten muss, die so reich an Liebe als sie arm an Gelde ist, und die die Notwendigkeit zwingen konnte, um ein paar lumpiger Dukaten willen, Euch in Fesseln nach Toscana fuhren zu sehen. Pfui! wozu kann Geldmangel nicht zuweilen die besten Menschen verleiten! Mich zur Verraterei und Euch zum Stehlen.

RINALDO Wir beide, Signora, tun wohl am besten, uns keine moralischen Vorlesungen zu halten.

OLIMPIA Gut dann! aber noch ein paar Worte uber mich und mein Betragen, von mir selbst. Da ich durch den Kapitan wusste, wer Ihr wart, da ich seine Absichten auf Euch genau kannte und Euch liebte, auch noch liebe, so lag mir viel daran, meinen Geliebten eines gewissen Schutzes zu versichern. In dieser Voraussetzung liegt der Grund meiner Bekanntschaft mit dem Prinzen. Ich hatte Euch gelegentlich selbst miteinander bekannt gemacht. Ihr selbst habt das Gewebe zerrissen, in welches ich mich so selbstwillig fur Euch hineingesponnen hatte. Es war Zufall, dass es so kam, dass es so kommen musste, und wir wollen einander keine Vorwurfe machen.

RINALDO Demnach bin ich Euch ja aber noch Dank schuldig?

OLIMPIA Ich hoffe. Wisst Ihr sonst noch etwas, das

RINALDO Ich wusste weiter nichts zu sagen, als dass ich jetzt ein Stuckchen Menschenkenntnis mehr erobert habe.

OLIMPIA Nun! so wendet es gut an.

RINALDO Es soll gewiss geschehen.

OLIMPIA Und sollten wir uns etwa einmal irgendwo wiedersehen, so

RINALDO So kennen wir uns nicht mehr.

Er drehte sich langsam herum, ging und eilte in den Hafen. Auf dem Wege dahin traf er ganz unvermutet auf den Kapitan, der ihm einen Wink gab und dem er unwillig an einen abgesonderten Platz folgte.

"Wir wollen", sagte der Kapitan, "nichts von alten Sachen sprechen, und was geschehen ist, sei geschehen, was vergangen ist, sei vergangen. Jetzt ist die Rede von dem Gegenwartigen. Ich bedarf Geld und nehme in dieser gegenwartigen Angelegenheit meine Zuflucht zu Euch, da ich weiss, dass Ihr mit dem, was mir fehlt, versehen seid. Ihr leiht mir 2000 Stuck Dukaten, und ich setze Euch meine Verschwiegenheit als Pfand ein. Die Sache sieht eigentlich einer Prellerei so ahnlich wie ein Ei dem andern, sie ist's aber nicht. Ubrigens, wenn Ihr die Signora Olimpia ebensogut zu benutzen versteht, als sie den Prinzen della Torre vermutlich benutzen wird, so ist meine Forderung wirklich nur eine Anleihe auf ein weit besseres Kapital."

"Ich weiss" antwortete Rinaldo, "was ich Euch zu verdanken habe und was ich Euch schuldig bin. Ich weiss, welchen entschiedenen Anteil Ihr an mir und an meinem Schicksal nehmt und bin Euer Schuldner. Wenn ich Euch 2000 Dukaten gebe, so bitte ich Euch, dieselben als ein kleines Geschenk meines lebhaften Dankes anzunehmen. Bis ubermorgen sollt Ihr, was Ihr verlangt, haben."

"Freund", fuhr der Kapitan fort, "meine Bedurfnisse sind, wie gesagt, dringend. Die Summe hatte ich lieber heute noch als morgen oder ubermorgen."

"Nun! so will ich zusehen, Euch das Geld bis morgen Abend zu verschaffen, da ich Kostbarkeiten verwechseln muss, wo ich Euch bei mir zu sehen hoffe."

Er nahm mit einer stummen Verbeugung von dem Kapitan Abschied, der ihm schweigend nachsah, und ging in den Hafen. Hier lag ein segelfertiges Genuesisches Schiff, das in einigen Stunden die Anker zur Abfahrt lichten wollte. Es wollte nach Malta. Rinaldo sprach mit dem Kapitan des Schiffes und machte ihm sein Verlangen, bei ihm an Bord zu gehen, bekannt. "Ich werde Euch", sagte der Schiffskapitan, "mit Vergnugen aufnehmen. Erlaubt mir aber, Euch etwas zu sagen, das Ihr vielleicht noch nicht wisst und das ich soeben erst erfahren habe. Es ist seit einer Stunde hier im Hafen der allgemeine Befehl publiziert worden, keinen Passagier bei Strafe der Konfiskation der Schiffsladung aufzunehmen, der nicht dazu einen Erlaubnisschein von der Stadtpolizei vorzeigen kann. Ich weiss nicht, worauf das zielt. Es muss sich etwa eine verdachtige Person, an der etwas gelegen ist, in der Stadt befinden, die sich davonmachen will und der man nachspurt."

"Das wird's auch sein!" antwortete Rinaldo anscheinend gelassen, unter heftigem Herzklopfen. "Ich werde mir also einen Erlaubnisschein geben lassen."

Angstlich und unruhig erreichte Rinaldo wankend und wie ein Traumender sein Haus.

"Wird es denn" sprach er bei sich selbst, "auf einmal so hell um dich! O geh zuruck und verbirg dich in das Dunkel deiner Hohlen und Walder."

Lodovico war auf seinem Zimmer. Er fand ihn, als er eintrat, mit Rosalien im Gesprach. Er erzahlte, was ihm in dem Hafen begegnet war. Rosalie zitterte, Lodovico wurde verlegen. Man sah sich an und sprach nicht.

Endlich begann Rinaldo und schien wieder zu Fassung gekommen zu sein:

"Lodovico, du bist ein ehrlicher Kerl. Dir vertraue ich das Madchen und diese Koffer an. Bringe sie in Sicherheit. Ich entferne mich in der grossten Stille aus Neapel. Ihr kommt mir nach. Zu Cosenza ist der Sammelplatz, wo wir uns auf jeden Fall treffen. Ich weiss es gewiss, dass mein Aufenthalt hier verraten ist. Meine Person muss ich also zu retten suchen. Ihr werdet unbemerkt reisen. Ich hoffe, mich durchzuschleichen."

Hierauf warf er sich in Pilgerkleider, nahm so viel Edelsteine, als er schicklich vernahen und verbergen konnte, zu sich und verliess ohne Verzug seine Wohnung.

Lodovico schwur ihm Treue zu. Rosalie zerfloss in Tranen. Rinaldo verliess unangehalten die Stadt und nahm seinen Weg auf Salerno zu. Er erlaubte sich keine langen Ruhepunkte und verfolgte seinen Weg bis Clavimonte, wo er, auf das ausserste ermattet, ankam und wider Willen ein bleibendes Ruhelager aufschlagen musste. In einer elenden Herberge kampfte er mit Leibesschmerzen und Seelenangst. Seine Fusse waren wund, durcheitert und geschwollen, und in seiner Brust tobte es heftig. Er wunschte sich den Tod und getraute sich nicht, ihn herbeizurufen.

Ein rechtschaffener Arzt nahm sich seiner an, stillte seine korperlichen Schmerzen und suchte ihn durch freundschaftliche Unterhaltungen aufzuheitern. Das erstere gelang ihm ganz, das letztere kaum zur Halfte.

Rinaldo machte sich endlich wieder auf den Weg und eilte den Gebirgen von Mormando zu, durch welche er nach Cosenza gehen wollte. Er ging an mancher Klause voruber und gedachte seines Freundes Donato. Jedes Kloster erinnerte ihn an Aurelia, und jede wilde Gegend war ihm ein Schauplatz seines Lebens in den Apenninen.

Einst warf er sich, von der Hitze des Tages gedruckt, bei einer Quelle unter einigen Pappeln nieder und uberliess sich stillen Betrachtungen, als er ganz unvermutet von einem nahen Gerausch aufgeschreckt wurde. Er blickte auf und sah ein paar Menschen neben sich stehen, deren Ausserliches sehr mit dem Ansehen seiner ehemaligen wilden Kameraden ubereinstimmte.

"Wer bist du?" fragte der eine.

"Wie ihr seht, ein Pilger", war Rinaldos Antwort.

"Wohin willst du?"

"Zum Gnadenbilde der heiligen Jungfrau nach Cosenza."

"Kannst du nichts Klugeres tun?"

"Ich bin krank und schwach und hoffe dort Hilfe zu finden."

"Wir wollen dir den Gang erleichtern. Zieh deine Borse und liefere sie uns aus."

"Wer seid ihr?"

"Wir sind Menschen, die sich auf eine kluge Art zu nahren suchen."

"Ich habe nur wenig Geld bei mir."

"Nicht lange expostuliert! Wir haben keine Zeit, uns in Gesprache einzulassen."

"Habt ihr von dem beruhmten Rinaldini gehort?"

"O ja!"

"Dieser liess keine armen Pilger plundern. Sein Freund Cinthio traf einst"

"Cinthio?"

"Warum fallt euch dieser Name auf?"

"Warum sollte er uns nicht auffallen? Eben so heisst unser Hauptmann."

"Euer Hauptmann? Wo ist er? Fuhrt mich zu ihm. Er kennt mich. Ich habe ihm einst einen Dienst erwiesen, den er mir zu vergelten versprochen hat. Jetzt ist die Zeit da, wo er Wort halten kann."

Die beiden Staudenhechte sahen sich schweigend an, und Rinaldo wankte auf. Er ergriff seinen Pilgerstab und machte sich marschfertig.

"Nicht vom Platze!" schrie ihm der eine zu und streckte ihm seine Pistole entgegen.

"Ich verlange zu euerm Hauptmann gefuhrt zu werden", sagte Rinaldo gefasst. "Dieser wird mich nicht bestehlen lassen."

"Kerl! rede nicht so frech."

"Furchtet ihr, ich wurde euch verklagen, so gebe ich euch mein Wort, es soll nicht geschehen. Ihr schweigt? Bursche! ich halte Wort. Ich ehre euch hoch, wenn ich euch bitte, mich zu Cinthio zu fuhren."

"Oho! uber die hohe Ehre!"

"Ich schwore es euch zu, Cinthio wird euch wohl belohnen, wenn ihr mich zu ihm bringt. Ich bin ein Mann"

"Das sehen wir. Aber zum Hauptmann fuhren wir dich nicht. Deine Borse, oder eine Kugel durchs Hirn. Wahle!"

"Schiesst, wenn ihr Mut habt. Ich bin Rinaldini."

Mit einem Tempo streckten beide ihre Gewehre und legten sie zu seinen Fussen nieder.

"Ich halte Wort. Fuhrt mich zu euerm Hauptmann. Uberdies schenke ich einem jeden von Euch zehn Dukaten."

Die Kerle sprangen freudig hoch auf, warfen die Hute in die Luft, kussten ihm die Hande und fuhrten ihn mit sich fort. Als sie sahen, dass Rinaldo so matt war, schlugen sie ihre Hande ineinander, liessen ihn sich auf ihre Arme setzen und trugen ihn bis zu Cinthios Residenz. Diese Residenz war eine geraumige Hohle, vor welcher Cinthio jetzt unter einem Gezelte campierte. Er hatte sich auf ein Feldbett gestreckt und dachte eben an Rinaldo, als er den seltsamen Zug ankommen sah. Seine Leute setzten den verkappten Pilger vor dem Feldbette nieder, und der eine sagte:

"Hauptmann, das war eine kostbare Last. Diesen, den wir dir hier bringen, hatten die Sbirren nicht so sanft getragen als wir. Hier ist er. Sieh ihn selbst an und sage uns, wer er ist?"

Cinthio warf seine Augen auf Rinaldo und konnte kein Wort sprechen. Eine Ahnung flog durch seine Seele, und eine unerklarbare Ungewissheit nahm ihm die Sprache.

"Kennst du mich nicht mehr?" fragte Rinaldo mit schwacher Stimme.

Schnell flog Cinthio auf ihn zu, druckte ihn an seine Brust, und eine Trane zitterte aus seinem Auge uber die braune Wange hinab. Still und betroffen standen seine Kameraden um ihn herum, und er schrie laut auf:

"Sehe ich dich wieder, Rinaldini, mein Freund? Hore ich dich wieder sprechen? Und es ist kein Traum?"

Wie aus einem Munde schrien die Umstehenden zugleich:

"Es lebe der grosse Rinaldini und Cinthio sein Freund, unser wackerer Hauptmann!" Als es zu einer ruhigeren Unterhaltung unter vier Augen kam, teilte Rinaldo seinem Freunde seine Geschichtserzahlung mit. Dieser unterbrach ihn in seiner Erzahlung mit keinem Worte; als aber dieselbe geendigt war, begann er:

"Sieh, Rinaldini, nun wirst du endlich doch wohl glauben, dass wir nicht mehr unter die Menschen taugen?"

RINALDO Ich bin davon uberzeugt und habe es empfunden.

CINTHIO Lass uns in einsamen Talern und Waldern leben und die hochgeturmten, belebten Stadte fliehen. Auf Kalabriens Boden gedeihen unsre Werke. Die Natur scheint dieses Land fur uns geschaffen zu haben. Je tiefer wir hineinkommen, je bessere Wohnung finden wir, und an Unterhalt kann es uns nie fehlen. Ich stehe an der Spitze von achtzig Mann und kann deren mehrere haben, wenn ich will. Ich trete dir meine Hauptmannstelle ab.

RINALDO Behalte, was dein ist. Mich lass als Klausner einen der verstecktesten Winkel Kalabriens bewohnen.

CINTHIO Bist du klug? Konnte man dich nicht erkennen und dich so wehrlos, wie du dann bist, in die Arme der holden Justiz werfen? Aus deiner Erzahlung sehe ich, dass du einen Feind hast, der gewiss zu furchten ist. Spurt dich einer aus, so ist es der Kapitan, der sich, wie ich merke, nun einmal vorgenommen hat, auf deine Unkosten zu leben. Stehst du aber an der Spitze meiner Achtzig, wird er dir kein Harchen krummen. Als ein wehrloser Klausner bist du jedem Zufall der Gewalt unterworfen. Die Menschen verfolgen dich, die Obrigkeiten haben dich geachtet, haben Preise auf deinen Kopf gesetzt, uberallhin geht dir dein eigener Name als ein Verbrechen nach. Nur an der Spitze deiner Kameraden findest du Ansehen und Sicherheit. Kannst du noch wahlen?

RINALDO Lass mich nur erst wieder zu mir selbst kommen, und es wird sich alles fugen. Hier ist Geld. Teile es unter deine Leute aus und mich bringe zur Ruh, dass ich wieder Rinaldo werde, denn mein Geist ist von mir gewichen, und meine Krafte sind dahin. Cinthio brach mit seinen Gesellen auf und zog den Ruinen eines Schlosses zu, in welchem er einige Platze zu Zimmern eingerichtet hatte, wo er seinen Freund in das beste derselben einquartierte und wo sich dieser, nach guter Pflege und Wartung, wieder nach und nach erholte.

Er belehrte Cinthio, dass und warum er nach Cosenza gehen musse, wo Lodovico und Rosalie ihn zu erwarten Weisung hatten. Cinthio wollte dies nicht zugeben, verlangte nur einen Brief von ihm an Rosalien und entschloss sich, selbst dahin zu gehen. Rinaldo konnte seinen Vorstellungen nichts entgegensetzen und musste es endlich geschehen lassen, dass sein Freund nach Cosenza ging. Rinaldo ubernahm indessen das Kommando uber Cinthios Gesellen und erwartete mit Sehnsucht die Zuruckkunft seines Freundes.

Den achten Tag nach seiner Abreise brachten einige der Gesellschaft Rosalien und Rinaldos Gepacke und Koffer glucklich zu ihm. Lodovico kam auch mit. Er war mit Ketten geschlossen. Cinthio war nicht bei der Gesellschaft. Einer seiner Leute ubergab Rinaldo folgenden Brief von ihm:

"Rinaldo! ich ubergebe dir die Anfuhrung meiner Gesellen. Wenn du mich wiedersehen wirst, will ich dir sagen, wo ich indes gewesen bin und was ich getan habe. Ich habe aus deinem Vorrat von Gelde Vorhaben gebrauchen werde. Ist es nicht, so bekommst du das Geld wieder. Beruhige dich uber alles. Warum ich dir Lodovico geschlossen zuschikke, wird er dir selbst sagen. Du wirst wissen, was mit ihm zu tun ist. Gott befohlen! Cinthio." Rosalie lag noch an Rinaldos Halse, als er befahl, Lodovico vorzufuhren. Er kam.

RINALDO Warum tragst du diese Fesseln?

LODOVICO Um meiner Verraterei willen.

RINALDO Verraterei?

LODOVICO Ich bin ein Schurke und habe mich Cinthio entdeckt. Von dir erwarte ich mein Urteil, denn dich trifft meine Verraterei.

RINALDO Mich?

LODOVICO Hore mein Bekenntnis und richte mich nach Verdienst. In Neapel habe ich dich verraten. Durch mich wusste der verdammte Kapitan, wer du warst.

RINALDO Ist es moglich?

LODOVICO Allwissend ist jener Betruger nicht. Als ich wieder zu mir selbst kam, bereute ich, was ich getan hatte, und nahm mir vor, alles wiedergutzumachen. Du weisst, wie ich dir gedient habe. Mit Rosalien bin ich mit grosser Gefahr aus Neapel entkommen und habe sie nach Cosenza gebracht. Dein Eigentum habe ich respektiert, und mit Reue uber meine verfluchte Entdeckung habe ich mich zermartert wie ein Bussender mit der Geissel. Endlich musste es heraus. Ich bekannte. Cinthio liess mich schliessen. Das verdiente ich. Aber er hatte es nicht gebraucht. Ich war' dennoch zu dir gekommen, um mein Urteil aus deinem Munde zu horen. Sprich es aus. Bestrafe mich.

RINALDO Ich vergebe dir.

LODOVICO Hauptmann!

RINALDO Ich vergebe dir alles.

LODOVICO Lass mich Schurken geisseln, lass mich hangen. Vergib mir nicht so leicht. Das zermalmt mich.

RINALDO Ich bin in Sicherheit. Rosalie und meine Schatze sind gerettet. Was will ich mehr? Du hast ehrlich an meinem Eigentum gehandelt; das hast du mir getan. Ich vergebe dir. Und wenn du willst, kannst du bei mir bleiben. Du wirst mich nie wieder verraten.

LODOVICO Wahrlich nicht! Sieh Hauptmann! ich weine. Pfui uber mich Buben! Lass mich windelweich schlagen! Bestrafe mich nur mit etwas, sonst kann ich dir nicht wieder ins Gesicht sehen. Ich kann nicht ruhig werden, wenn du mich so ganz frei ausgehen lasst.

RINALDO Nun gut dann! du sollst bestraft werden.

LODOVICO Recht so, Hauptmann! Lass mir das Fell uber die Ohren ziehen.

RINALDO Erinnere mich in vier Wochen wieder daran. Bis dahin wird sich eine Bestrafung fur dich finden.

LODOVICO Gut! Ich will dich gewiss daran erinnern.

RINALDO Jetzt gehe frei und losgesprochen zu meinen Leuten, zu denen du gehorst. Ich rechne in Gefahren auf dich.

LODOVICO Jedem deiner Winke gehort mein Leben.

RINALDO Ich rufe meine Leute herbei, so viele ihrer in der Nahe sind, und nehme dir die Fesseln selbst ab, damit sie sehen, dass ich dich fur unschuldig erkenne.

LODOVICO Hauptmann! Wenn ich das je vergesse, so will ich an jeder Feige den Tod fressen. Rosaliens Entzucken zu beschreiben, vermag keine Feder. Sie lebte ganz in und fur ihren geliebten Rinaldo, und dieser erholte sich zusehends wieder bei der Pflege und Wartung des geliebten Madchens. Seine Seele wurde nach und nach heiterer, er genoss die schonen Szenen der Natur mit herzlicher Empfanglichkeit, und sanfte Ruhe schwebte uber seinen so glucklich entschwindenden Tagen.

Aber diese Ruhe war seinen wilden Gesellen nicht so willkommen als ihm selbst, und einer derselben sagte ihm das endlich im Namen aller.

"Bist du der beruhmte und tapfere Rinaldini", sprach er, "und liegst hier in schwarmerischer Untatigkeit nur deinem Madchen im Schosse? Mute wenigstens uns nicht zu, eben das zu tun. Willst du unser Hauptmann sein, so gib uns Beschaftigung."

"Ich bin nicht gesonnen" antwortete Rinaldo "euch auf die Strassen zu schicken, um armen Wanderern ihre paar Zehrpfennige abzupressen, denn soviel kann ich euch selbst geben, und es bedarf dazu keiner Dolchstiche. Wenn ihr mir aber ein Unternehmen nennen konnt, das meiner wert ist, so werde ich euch zeigen, dass ich Rinaldini bin."

"Uber so etwas zu urteilen", fuhr Albonicorno, dieser Sprecher der Gesellschaft, fort, "ist nicht unsere Sache. Genug, dass wir da sind, um nicht wie faule Olgotzen die Hande in den Schoss zu legen. Wir kommen nicht einmal aus diesem Neste, um uns frische Saiten auf unsere Guitarren kaufen zu konnen. Sie sind unbezogen und verstimmt. Uns bezieht auch niemand, und wir sind verstimmt wie unsere Instrumente. Sollen wir deshalb den beruhmten Rinaldini zum Anfuhrer haben, damit wir uns zwischen Felsen verschliessen konnen? Das konnten wir auch ohne dein Kommando tun, und unsere Weinschlauche blieben nicht ebenso leer als unsere Taschen."

RINALDO Nun! so holt euch Wein aus dem Keller des ersten besten Klosters.

ALBONICORNO Wer mag mit Kuttenhelden fechten, die dem Teufel das Brevier an den Kopf werfen?

RINALDO Furchtet ihr euch davor? Seht, das kann ganz ruhig zugehen. Ihr fangt den Abt des Klosters und ihr habt Wein. Wollt ihr das nicht, so will ich mich im Tale umsehen. Vielleicht finde ich etwas fur euch. Ich stehe nicht schlecht mit dem Zufall. Den folgenden Morgen ging Rinaldo in das Tal und naherte sich dem Flecken Fiscaldo, wo eben das Fest der Schutzpatronin des Ortes gefeiert wurde. Es gab da Tanz und Gesang. Buden waren aufgeschlagen, versehen und aufgeputzt mit mancherlei Waren, und Buhnen, von welchen herab Monche Amulette, geweihte Rosenkranze und andere kleine Heiligkeiten verkauften. Die armen Kalabresen drangten sich an diese Buhnen und brachten ihre karglich ersparten Pfennige dar, die alle, ohne Erlosung zu hoffen zu haben, in die grosse Buchse der geistlichen Empiriker fielen. Und so gross der geistliche Warenvorrat dieser Herren auch war, so wenig schien er doch hinreichend zu sein, die herbeistromende Menge zu befriedigen.

"Dieses Geld" murmelte Rinaldo bei sich selbst, "sollen die Scharlatane nicht mit nach Hause nehmen."

Er schickte Lodovico zuruck und liess Albonicorno und einigen andern sagen, worauf sie aufmerksam sein sollten und was sie zu tun hatten, der Geistlichkeit die gefullten Geldbuchsen abzunehmen. Und das geschah gegen Abend auch wirklich.

An einer Ecke, wo ein Marienbild stand, brachten arme Kalabresen, die sonst weiter gar nichts zu geben hatten, um ihre Andacht so gut wie moglich zu bezeigen, der heiligen Jungfrau ein Standchen.1 In diese glorifizierende Gesellschaft mischte sich Rinaldo, bezeigte den frommen Musikern seinen Beifall und schenkte den armen Leuten Geld, weil, wie er sagte, "ihm die heilige Jungfrau offenbart habe, sie verlange nichts umsonst, und er solle fur sie zahlen".

Die Musiker, die auf eine irdische Belohnung gar nicht gerechnet hatten, bedankten sich verbindlich, nahmen das Geld und trugen es an die geistlichen Kramerbuden. Dort wurde es auch in die Buchsen geworfen, und so kam es wieder in die Hande des milden Gebers.

Ein paar maskierte Damen, die in Gesellschaft einiger Kavaliere auf dem Markte umherspazierten, zogen Rinaldos Aufmerksamkeit auf sich, und er naherte sich ihnen nicht so bald, als die eine derselben ihn auch zu bemerken schien. Sie fixierte ihn stark und drangte sich absichtlich ihm immer naher, bis sie ihm endlich unbemerkt zulispeln konnte:

"Willkommen, Graf Mandochini!"

Rinaldo erschrak, fragte aber gleich zuruck:

"Wer spricht mit mir?"

"Eine Bekannte", war die Antwort, und die Dame ging wieder zu ihrer Gesellschaft zuruck.

Rinaldo blieb stehen und verfolgte sie mit den Augen, bis sie im Gedrange der Menschen verschwand.

Er trat beiseite und visitierte seine Pistolen, als er auf einmal von hinten zu auf die Achsel geschlagen wurde. Er fuhr erschrocken herum und sah Cinthio vor sich stehen.

"Du hier?"

"Ich und noch einige Bekannte."

RINALDO Wahrhaftig! das habe ich soeben mit Verwunderung gehort. Eine maskierte Dame nannte mich hier, wie ich mich in Neapel nannte, Graf Mandochini.

CINTHIO Nun? Und du ahnst nichts? Hore! In Cosenza kam ich deinen Neapolitaner Bekannten auf die Spur. Ich bin ihnen allenthalben hin nachgefolgt. Sie sind beide hier. Ich wunsche, sie mochten nun bald auch in unserer Gewalt sein.

RINALDO Wer?

CINTHIO Wer? Wie du auch fragen kannst! Wer anders als der kunstreiche Kapitan und die wunderschone Signora Olimpia.

RINALDO Ist es moglich?

CINTHIO Es ist Gewissheit. Sie scheinen in der Nahe bei einem Edelmann zu leben, dem sie vermutlich mit vereinigten Kraften den Beutel fegen werden. Wir wollen sie auch fegen, diese Beutelschneider, dass sie an uns denken sollen!

Indem kam Bramante, einer ihrer Gesellen, eilig auf sie zu und sagte:

"Hauptmann, dort sprach ein Herr in Gesellschaft einiger Herren und Damen den Namen Rinaldini ganz deutlich aus. Einer von der Gesellschaft winkte ein paar Sbirren herbei, und ein anderer sprach mit einem Offizier der Miliz. Ich eilte fort, euch dies zu sagen."

"Siehst du nun, dass ich meiner Sache gewiss bin?" sagte Cinthio. "Uns werden sie nicht fangen! Ich kenne hier herum die Wege. Bramante, spure voraus! Wir gehen uber die Klause St. Sepolchro. Triffst du welche der Unsrigen an, so ziehe sie an dich. Bei dem Pappelwaldchen unter der Klause erwartet uns."

Bramante sprang davon, und Cinthio zog Rinaldo durch einen zerfallenen Aquadukt ins Freie, vor Fiscaldo hinaus. Am Pappelwaldchen trafen sie Bramante und drei seiner Kameraden. Sie erreichten die Anhohe St. Sepolchro, als sie in Fiscaldo die Trommel ruhren horten, und bald darauf horten sie auch, dass mit den Glocken gesturmt wurde, worauf das ganze Tal in Aufruhr kam. Sie schlichen uber die Gebirgsrucken hin und trafen nahe bei ihrem Lagerplatz auf die jubelnde Kolonne ihrer Leute, welche den geistlichen Wunderkramern zwei gefullte Geldbuchsen abgenommen hatten, die ziemlich schwer waren. Gleich nach ihrer Ankunft liessen sie aufpacken und brachen auf. Sie gingen uber die Gebirge, liessen bei St. Paolo und weiterhin Wachen zuruck und zogen sich auf die Anhohen von St. Lucito, deren Zugange sie stark besetzten. Zwischen furchterlichen Felsen schlugen sie auf steinigem Boden ihre Gezelte auf. Es war nach Mitternacht, als sich Rinaldo hochst ermudet auf sein Lager streckte. Rosalie goss vorsichtig noch Ol in die Lampe und legte sich an Rinaldos Seite. Dieser hatte eben die Augen geschlossen, als ein lauter Schrei von Rosalien ihn weckte. Rinaldo fuhr auf und wollte fragen, was es gabe? als er eine lange weisse Figur in der Tur seines Gezeltes stehen sah. Sie drohte zweimal mit der Hand und verschwand.

Rinaldo sprang vom Lager auf, trat aus dem Gezelte, fand die Wachen munter, und die nachsten an seinem Gezelte wussten ihm nichts zu antworten, als er fragte, ob nichts vorgefallen sei? Er ging zuruck und fand Rosalien angstlich. Sie erinnerte ihn an eine ahnliche Erscheinung in den Apenninen, deren sich die Leser auch noch erinnern werden, und Rinaldo wurde nachdenkend. So schlief er ein und erwachte, von Cinthio geweckt, als der Tag anbrach.

"Ich nehme zwanzig Mann mit mir", sprach dieser, "und will in den Talern rekognoszieren."

Als er fort war, rief Rinaldo Lodovico herbei und sagte:

"Jetzt, Lodovico, ist der Termin deiner dir erbetenen Strafe da. Der bekannte Kapitan und die Signora Olimpia halten sich in der Gegend von Fiscaldo irgendwo auf. Du gehst und kommst nicht eher wieder zuruck, bis du mir die Nachricht bringen kannst, wo diese feine Brut ihr Nest hat, damit wir sie ausnehmen konnen, denn ich denke, sie sind flugge."

"Das waren sie schon langst!" sagte Lodovico. "Ich danke dir, Hauptmann, dass du dich endlich meiner Bestrafung erinnerst, wiewohl diese ein wenig zu leicht ist. Aber du sollst sehen, was ich tun will. Erfahren sollst du, wo die Vogel stecken, und der korsische Hahn soll sich, kann ich ihn aufs Korn bekommen, gewiss am langsten haben futtern lassen."

Das gesagt, machte er sich auch sogleich auf den Weg.

Hierauf suchte Rinaldo versteckte Winkel auf und vergrub daselbst, in Rosaliens Gesellschaft, seine erheblichsten Kostbarkeiten. Als das geschehen war, gab er das Signal zum Aufbruch, musterte sein Corps, fand es 86 Kopfe stark, mit Waffen wohl versehen, gab das Losungswort und zog ins Tal hinab.

Er war noch nicht weit marschiert, als er in der Entfernung Trommelwirbel horte. Er machte halt und sicherte sich den Ruckweg ins Gebirge. Bald horte er entfernt Schusse fallen und schickte Kundschafter auf die Anhohen.

Das Feuern kam naher, und endlich kam die Nachricht von seinen Kundschaftern, Cinthio sei mit seinen Leuten mit Miliz und Sbirren im Tale bei St. Lucito handgemein geworden. Er schickte sogleich zwolf Mann ab, ihm schnell zu Hilfe zu eilen, und zog diesen langsam nach.

Das Feuern wurde heftiger, und er kam endlich dem Tummelplatze naher. Aber noch kamen ihm keine Fluchtigen entgegen, was ihm gute Hoffnung gab. Ganz unbefahrt ruckte er immer weiter vor, als auf einmal, von einer Anhohe herab, auf sein Corps Feuer gegeben wurde. Er sah hinauf und sah die Anhohe mit Miliz besetzt. Nun setzte er sich in den starksten Marsch und kam endlich, gerade noch zu rechter Zeit, auf dem Wahlplatze an.

Cinthios Corps war sehr zusammengeschmolzen. Noch fochten kaum zehn Mann als Verzweifelte gegen eine ihnen mehr als zehnfach uberlegene Macht. Ja, waren sie keine Rauber gewesen, man hatte sie, wie sie jetzt kampften, Helden nennen konnen.

Jetzt sturzte sich Rinaldo mit seinen Leuten den Soldaten und Sbirren mit einer solchen Furie entgegen, dass diese, uber den unvermuteten neuen Angriff verlegen, sich zuruckzogen. Rinaldo folgte ihnen Schritt fur Schritt. Cinthio sammelte indessen sein Hauflein, suchte die Zerstreuten und verstarkte sich wieder auf dreissig Mann.

Mit diesen eilte er Rinaldo nach und kam eben an, als dieser sich zuruckziehen musste. Die Miliz hatte ihre Kanonen vorgefuhrt und bediente sich derselben mit so gutem Erfolg, dass Rinaldo kaum noch zwanzig Mann um sich hatte, die Widerstand leisten konnten.

Als sich Cinthio herbeidrangte, vereinigten sich beide Corps und gingen dem Feinde rasch wieder entgegen. Plotzlich brachen wohl vierzig Dragoner auf sie los, die von der Seite herbeigesprengt kamen. Im Nu war Rinaldo mit einigen seiner Gefahrten von den Seinigen abgeschnitten und umzingelt. Bei einem Hiebe brach ihm der Sabel, seine Pistolen waren abgeschossen. Seine Gefahrten fielen, von Kugeln durchbohrt, an seiner Seite. Er wurde zu Boden gedruckt und musste sich ergeben. Dieser Fang kostete sechsen von den Reitern das Leben.

Wutend uber den Tod ihrer Kameraden, schlugen die Reiter unbarmherzig auf Rinaldo los, der, ohne einen Laut von sich zu geben, die furchterlichsten Streiche empfing. Zwei Reiter banden ihn endlich zwischen die Pferde und trabten mit ihm auf ein Schloss zu.

Hier wurde er gleich in einen finstern Kerker geworfen und bekam erst nach einigen Stunden etwas Stroh zu einem Lager, Brot und Wasser zur Nahrung.

Ermudet sank er auf die elende Streu, von Schmerzen und Kummer gepeinigt, und konnte weder weinen noch klagen. Ganz ermattet entschlief er endlich. Er hatte lang geschlafen, als ihm traumte, Rosalie stund' an seiner Seite. Sie blickte ihn freundlich an, reichte ihm die Hand und rief ihm zu: Komm und folge mir! Er erwachte, fuhr auf, sah Licht im Kerker, und ein verschleiertes Frauenzimmer stand an seiner Seite.

"Wer bist du?" fragte Rinaldo.

"Furchtet Euch nicht, aber antwortet mir getrost mit Wahrheit und Offenheit. Es konnte Euch vielleicht gereuen, es nicht getan zu haben."

"Was wollt Ihr von mir wissen?"

"Seid Ihr der Graf Mandochini?"

"Der war ich."

"So seid Ihr auch Rinaldini!" sagte das Frauenzimmer und verliess schnell den Kerker. Rinaldo sann noch nach, was dieses zu bedeuten haben mochte, als die Tur des Kerkers geoffnet ward, ein alter Kerl hereintrat, ihm Wasser und Brot hinsetzte, fortging und schweigend die Tur wieder verschloss.

Der Tag mochte mit der Nacht gewechselt haben, und Rinaldo lag im stummen Unbewusstsein auf dem karglichen Strohlager, als die Tur seines Kerkers wieder aufging und die verschleierte Dame mit einem Lichte hereintrat.

ER Wer ist hier?

SIE Und du fragst noch? Was man einmal geliebt hat, kann man so leicht nicht hassen. Wir sahen uns einst und waren glucklich. Wie konnte ich das vergessen!

ER Heiliger Gott! ich kenne diese Stimme.

SIE Um das Reisegeld hast du mich betrogen, aber ich bin doch weiter gekommen als Du.

ER Olimpia?

SIE Kennst du mich nun?

ER Was habe ich von Dir zu erwarten?

SIE Grossmut.

ER Olimpia! Darf ich meinen Hoffnungen trauen?

SIE Hort, edler Graf! Ich sah Euch, als man Euch hierher brachte, und erkannte Euch. Im Schlosse weiss man nicht, welchen kostbaren Vogel man im Kafig hat, sonst lagt Ihr gewiss, wenigstens nicht ohne Ketten, hier. Es steht bei mir, sie Euch zu geben.

ER Gebt sie mir.

SIE Starrkopf!

ER Was wollt Ihr hier?

SIE Erratet es.

ER Mich qualen? Das kann ich ertragen. Mich beklagen? Das verlange ich nicht. Mich morden lassen? Das wunsche ich.

SIE Trotziger Mensch! Retten will ich dich.

ER Du? Olimpia?

SIE Die dich liebte, ja! die dich noch liebt. Aber ich bin nicht uneigennutzig.

ER Das glaube ich. Ich kann aber jetzt nichts geben als diese Borse, die ich bei mir habe.

SIE Geld verlange ich nicht. Die Zeiten haben sich geandert. Ich habe jetzt Borsen fur dich. Ich verlange bloss die schriftliche Versicherung von dir, dass du mir Dank schuldig bist, weil ich dich vom Tode gerettet habe.

ER Ist das schon geschehen?

SIE Es soll und wird geschehen, so, wie ich mir es ausgesonnen habe. O geliebter Verrater! was tat ich nicht fur dich? Ich fuhre dich jetzt selbst aus diesem Kerker. Vor dem Schlosse erwartet dich ein berittener Diener mit einem Pferde, das mit Kleidern fur dich bepackt ist. Im Hafen liegt eine genuesische Galeere, die nach Sizilien segelt. Mit dieser gehst du nach Messina. Du fuhrst den Namen Ritter de la Cintra. Hier ist ein Pass fur dich auf diesen Namen. In Palermo meldest du dich im Hause des Marchese Romano und gibst ihm diesen Brief. Du wirst dort wohl aufgenommen werden. Hier ist eine Borse mit hundert Dukaten.

ER Geld brauche ich nicht.

SIE Gut! so behalte ich mein Geld. Aber, das verlangte schriftliche Bekenntnis muss ich erhalten. Hier ist Bleistift und Papier, schreibe es so gut, als es dir hier moglich ist.

ER Hat geschrieben Hier ist es. Aber wie soll ich

SIE Keine Zogerungen! Wir wollen schon einmal, wenn es Zeit ist, Abrechnung halten.

ER Wenn ich aber

SIE Keinen Aufenthalt! Du bist im Schlosse des Prinzen della Torre, den du kennst. Wird das geringste entdeckt, so sind wir beide verloren. Ein paar Kusse fur mich! Und nun, folge mir!

Sie fuhrte ihn aus dem Kerker durch den Schlosshof an ein offenes Pfortchen. Hier kusste sie ihn noch einmal und schlupfte hinaus.

Sechs Schritte vom Schlosse fand er die Pferde und einen Reitknecht, der ihn erwartete. Er stieg auf und trabte mit ihm rasch zu. Sie erreichten bald den Hafen. Dem Begleiter druckte er Geld in die Hand und schnallte den Mantelsack vom Pferde. Der Knecht sprengte zuruck, und Rinaldo kleidete sich, hinter einem Busche, in ein Reisekleid, das er im Mantelsack fand. Sein Rock nahm den Platz desselben ein.

Die Sonne ging auf. Den Mantelsack unter dem Arme ging er nach dem Hafen zu.

Dem Offizier von der Hafenwache, der ihn anhielt, zeigte er seinen Pass und erhielt ohne Bedenken Erlaubnis, seinen Weg fortzusetzen.

Es lag wirklich eine genuesische Galeere in dem Hafen, die ihn aufnahm.

Die Anker wurden bald darauf gelichtet, der Wind schwellte die Segel, Rinaldo seufzte nach dem Lande zu: "Ach Rosalie!" und das Schiff stach in die See. Sie kamen nach Messina. Rinaldo hatte kaum Quartier gefunden und sich anstandig gekleidet, als er zu dem Marchese Romano eilte, seinen Brief von Olimpien abzugeben.

Er fand ihn in grosser Gesellschaft in seinem Palais. Sobald der Marchese den Brief gelesen hatte, wurde er sehr freundlich und stellte seinen Gast der Gesellschaft vor, welche aus Prinzen, Grafen, Grafinnen und Baroninnen bestand, die sich hochlich seiner Bekanntschaft freuten und sich nichts weniger traumen liessen, als einen so verrufenen Rauberhauptmann in ihrem illustren Zirkel zu sehen.

Der jetzige Herr Ritter hatte tausend Fragen zu beantworten, beantwortete dieselben zu allgemeiner Zufriedenheit und zog sogar die Blicke von einigen der schonsten Damen der Gesellschaft auf sich. Man gestand sich, der Ritter sei ein schoner Mann, und die Herren fanden einen artigen, weitgereisten Kavalier in ihm. Man erbot sich zuvorkommend zu hundert Gefalligkeiten, und der Marchese Romano liess nicht eher nach, als bis sein Gast versprach, Quartier in seinem Hause zu nehmen.

Wie sehr war jetzt die Szene um den nagelneuen Ritter herum verandert! Sonst unter Mordern und Raubern, auf dem Rucken irgendeines unwirtbaren Felsens, noch vor kurzem in einem stinkenden Kerker, und jetzt in einer der vornehmsten Gesellschaften Siziliens, in glanzenden Zimmern eines prachtvollen Hauses.

Und er schien hier ebensogut als dort zu Hause zu sein.

Ehe die Gesellschaft auseinanderging, erhielt er verschiedene Einladungen, und dann bat sich sein Wirt seine Gesellschaft und eine Unterredung unter vier Augen aus. Beide begaben sich in den Pavillon eines schonen Gartens, der an dem Palais des Marchese lag; hier liessen sie sich nieder. Als der Marchese die Weinglaser gefullt hatte, erhob er das seinige mit einem Gesundheitszuruf.

MARCHESE Herr Ritter, unsre Freundin Olimpia hat Euch mir so vorteilhaft empfohlen, dass ich geradezu und ohne Umschweife Euch Freund nenne.

RINALDO Mir ungemein viel Ehre!

MARCHESE Ein Mann von Talenten und so vielen Kenntnissen, wie Ihr, kann allerdings den gegrundetsten Anspruch darauf machen, mit einer Verbindung naher bekannt zu werden, die ihr zur Ehre und ihm zum Vorteil gereichen wird. Alle meine Gaste, die Ihr gesehen und gesprochen habt, Menschen von Kopf und Herz, werden sicher mit mir der guten Hoffnung leben, in Euch ein Mitglied ihres Bundes voll Mut und Geist zu finden.

RINALDO Ich bitte, Euch deutlicher zu erklaren.

MARCHESE Ich nehme keinen Anstand dies zu tun. Es gibt ein gewisses allgemeines Band in der Welt, welches Konvenienz und Verhaltnisse nur allzuoft zerrissen haben. Dieses werde wieder hergestellt von Menschen von Geist und Sinn; es werde dann durch sie allgemeiner gemacht. Im Kirchenstaate, in den Konigreichen Neapel und Sizilien kennen sich eine grosse Anzahl Menschen mit, durch und fur diesen Beruf. Ein gegenseitiges Bedurfnis schafft gegenseitigen Beistand, gegenseitige Teilnahme. Schon genug zu wissen, man kennt sich, man kann allenthalben auf Freunde rechnen.2

RINALDO Ein trostlicher, willkommener Gedanke! Edler Mann, Ihr wisst nicht

MARCHESE Ich weiss, was ich wissen darf. Der Gesellschaft seid Ihr vor der Hand nur der Ritter de la Cintra, bis sie mehr von Euch erfahrt.

RINALDO Herr Marchese! Ihr wisst also

MARCHESE Ich grusse Euch als einen gefurchteten Mann. Das Geheimnis Eures Namens bleibt bei mir so sicher wie bei Euch selbst verschlossen.

RINALDO Aber, was kann Euch bewegen, mich, dessen Name und Tun so verrufen ist, einer Gesellschaft einzuverleiben, deren Mitglieder so edel, vornehm und ohne burgerlichen Tadel sind?

MARCHESE Was kann uns hindern, Euch Freund zu nennen? Und wenn wir Euch nun einen neuen Wirkungskreis anweisen, dessen beabsichtigter Erfolg ganz fur unsern Plan berechnet ist? Alles das wird Euch mit der Zeit deutlicher werden.

RINALDO Ich spiele glucklicher bei diesem Spiele als Ihr. Ich kann dabei nur gewinnen.

MARCHESE Durch Euch gewinnen auch wir. Vorteil und Gewinn verketten sich bei uns. Daruber seid ohne Sorge. Ich gebe Euch den Bruderkuss. Rinaldo ging mit schweren Gedanken umher und hoffte auf Entwicklung eines Ratsels, dessen Deutung er, trotz aller Anstrengung, nicht finden konnte. Er stattete Besuche ab, machte Bekanntschaften und wohnte Tischgesellschaften und Ballen bei, die sehr glanzend waren.

Von einer Zerstreuung zur andern gerissen, kam er so wenig zu sich, dass er nach und nach ganz vergass, Betrachtungen uber sich und seine Lage anzustellen.

Unter den Damen, die er kennenlernte, waren ihrer zwei, die seine Aufmerksamkeit besonders fesselten. Ein Fraulein von hoher Schonheit, die einzige Tochter des Barons Denongo, genannt Laura, eine der ersten und reichsten Partien der Insel, und eine Grafin Martagno, eine Dame von Geist, voll des feinsten einnehmenden Wesens, nicht so schon als Laura, aber dennoch ungemein interessant. Sie war in ihrem zweiundzwanzigsten Jahre, Witwe und Besitzerin eines ansehnlichen Einkommens von ererbten Gutern.

Diese beiden Damen interessierten, wie gesagt, unsern Ritter ungemein, und es war ausgemacht, dass auch er von ihnen nicht mit Gleichgultigkeit gesehen wurde. Besonders schien die Grafin dies an den Tag zu legen. Sie war eine interessante Frau, ein zartes, feines Gebild, das man wahrhaft reizend nennen konnte. Sie hatte viel Geist und ein sehr schnell einnehmendes Wesen. Voll sanftem Feuer waren ihre Augen; zierlich von der Stirn herabsteigend ihre Nase. Ihr Kopf war uppig schon umlockt. Um ihre Lippen schwebte stets ein heitrer Zug. Lachelnd gruben sich in Kinn und Wange zwei liebliche Grubchen ein. Eine sehr schon geformte Hand begleitete ihre Worte mit herrlichen Gesten. Ausdruck war ihr ganzes Wesen, wenn sie sprach. Ungemein edel war ihre Haltung, schwebend ihr Gang, harmonisch ihre Stimme. Eine wahrhaft hohe Sinnlichkeit schwebte uber ihr ganzes Wesen; wirkliche Liebe in der schonsten Harmonie mit all ihren Reizen.3

Bei einer Fete, wo die Damen sich singend horen liessen, sang auch die Grafin zur Guitarre:

Lied

Wo Liebe sich bettet, da ruht sich's gar weich,

Da grundet die Freude ein frohliches Reich.

Da scherzt man so freundlich, da kost man vertraut,

Da findet die Liebe der Jungling als Braut.

Da findet das Liebchen der Freuden gar viel,

Sie wandelt durch Blumen zum rosigen Ziel,

Da kranzt sie die Liebe gar herzlich vertraut,

Sie findet den Jungling, die zartliche Braut.

Es wiegen die Scherze der Liebe sie ein,

Nun ruht sie so sicher, um glucklich zu sein.

Sie schlummert so friedlich, so zartlich vertraut,

Im Arme des Lieben, die gluckliche Braut!

Ein allgemeines Bravo! belohnte die Sangerin. Diese aber suchte den Beifall nur in Rinaldos Augen. Dann sprang sie auf und gab das Signal zum Tanz.

Darauf erklarte sie, sie wunsche einen guten Tanzer zum Bolero zu finden. Ein niedliches Madchen, gekleidet als Jungling, trat als ihr Tanzer auf. Die Grafin schwebte mit dem verkleideten Jungling in des Tanzes wollustigen Touren dahin, ohne Rinaldo aus den Augen zu verlieren. Die rauschende Musik ertonte. Aufeinander zu flogen die Tanzenden. Sie suchten, sie fanden sich. Ausgebreitet waren ihre Arme, zartlich geoffnet ihre Lippen; ihre Kusse begegneten sich. Sanfte Trennung; zartliches Zuruckkommen. Beredter wurden ihre Blicke; jeder Muskel erzitterte. Ihre Herzen erbebten. Zartliche Pause. Endlich sanken, wonneberauscht, sie einander in die Arme.4

Rinaldo stand unter den Zuschauern neben Laura, die ihn fragte:

"Wie findet Ihr diesen Tanz?"

"So", antwortete er, "dass ich um keinen Preis in der Welt meine Geliebte ihn mit einem andern Manne, als mit mir, wurde tanzen lassen."

Die Grafin warf sich auf einen Stuhl, wehte sich Luft mit dem Tuche zu. Rinaldo lispelte: "Wie reizend schon!" Die Grafin lachelte mit einem Blick ihn an, der ihn durchdrang. Der Tanz wurde allgemeiner. Die Grafin entfernte sich. Umgekleidet erschien sie wieder, ging auf Rinaldo zu und sagte:

"Ritter! Man hat Depeschen an Euch bei mir abgegeben, die ich Euch uberliefere und die Ihr hier in der besten Einsamkeit lesen konnt, wenn Ihr Euch nicht selbst storen wollt. Auch konnt Ihr hier Euch ganz dem Nachdenken uberlassen, wie Petrarch an seine Laura. Ich heisse nur Dianora, und mein Name ist nicht so schmelzend als jener. Lasst Euch nicht storen!"

Sie verliess das Zimmer. Rinaldo erbrach den ihm gegebenen Brief. Er war von Olimpia, mit beigelegten Einlagen an den Marchese Romano und den Baron Malvento. Rinaldo offnete seinen Brief und las:

"Geliebter Ritter!"

"Ich hoffe, du befindest dich wohl. In den besten Handen von der Welt bist du wenigstens. Vermoge deines schriftlichen Versprechens bitte ich dich, mir deine Dankbarkeit dadurch zu bezeigen, dass du dem Marchese Romano in allem folgst. Er wird dir sagen, dass es Zeit wird, dich mit dem Alten von Fronteja bekannt zu machen. Das darfst du nicht versaumen. Vielleicht sprechen wir uns bald personlich."

"Als Neuigkeit muss ich dir schreiben: Dass des beruchtigten Rinaldinis Rauberbande, wie man sagt, ganz aufgerieben ist. In St. Lucito sind gestern neun seiner Gesellen, die man lebendig bekommen hatte, erschossen worden. Alle haben ausgesagt, Rinaldini selbst sei, in Stucke zerhauen, an ihrer Seite gefallen. Man ist sehr froh, dass dieser gefahrliche Mensch auf diese Art sein Leben geendigt hat. Ein gewisser Cinthio soll sich aber doch mit einigen Kameraden durch die Milizen durchgeschlagen haben. Ihm wird jetzt nachgespurt."

"Die zweite Neuigkeit ist, dass ein gewisser, dir wohlbekannter Kapitan, von einem gewissen, dir gleichfalls bekannten Lodovico mit sechs Dolchstichen beinahe ermordet worden ist. Er liegt sehr schlecht darnieder. Der Tater ist entkommen."

"Leb wohl! Es bleibt dir die Liebe

Deiner Olimpia."

Rinaldo hatte gelesen und steckte die Briefe zu sich, als Laura in das Zimmer trat. Sie suchte, wie sie sagte, hier eine Freundin, da sie dieselbe aber nicht fand, blieb sie auch da.

Es entspann sich ein gleichgultiges Gesprach, unter welchem beide, ganz unvermutet, in die Galerie kamen, welche an das Zimmer stiess. Sie gingen sprechend immer weiter und kamen in einen glanzenden Saal, in welchem die Tafel serviert wurde.

LAURA Das muss man gestehen, die Grafin wohnt vortrefflich hier! Ihr Haus ist ohne Widerspruch eines der schonsten Hauser in Messina.

RINALDO Die Grafin scheint

LAURA Sie ist eine Frau von viel Geschmack und Geist und sehr liebenswurdig. Man sagt, sie wurde sich wieder vermahlen.

Dergleichen sprechend waren sie durch die Galerie wieder in das Zimmer zuruckgekommen, welches Laura schnell und unbemerkt verliess. Er blieb hier, in Nachdenken verloren, unbemerkt, bis der Klang der Trompeten ihn zur Tafel rief.

Hier kam er, als Fremder, neben die Frau des Hauses, die Grafin, zu sitzen, und Laura sass ihm gegenuber. Sein Nachdenken hatte ihn verstimmt, und sein Betragen wurde gegen seine Nachbarin sehr zeremonios, woruber Laura viel heimliche Freude hatte.

Der Baron Malvento unterhielt die Gesellschaft mit Rinaldinis Untergang und Schicksal in Kalabrien. Die Unterhaltung uber diesen Mann wurde allgemein. Jedes ausserte seine Meinung.

Laura meinte, der Strassenrauber sei viel zu ehrenvoll gestorben, er hatte sein Leben auf dem Rade beschliessen sollen. Das gab Rinaldo einen starken Stich ans Herz, in welchem das unbarmherzige Fraulein sogleich ein wenig auf die Seite geschoben wurde. Die Grafin meinte, Rinaldini sei doch ein bedeutender Mann gewesen, der nur an der Spitze eines Heeres hatte stehen sollen, um sich seines Nachruhms zu versichern. Das gab der Grafin Laurens ganzen Platz in Rinaldos Herzen.

Der Marchese Romano sagte der Gesellschaft, sein Freund, der Herr Ritter, habe ihm versichert, er habe Rinaldini gekannt. Sogleich besturmte ihn die Gesellschaft mit Fragen. Laura fragte:

"Wie fandet Ihr denn diesen Gaunerkonig?"

"Mich", sagte Rinaldo, "hat er gut behandelt. Ich war in seiner Gewalt, und er hat dieselbe nicht missbraucht."

"Wie sah er denn aus?" fragte die Grafin.

"Edler, als es ihm sein Handwerk hatte erlauben sollen."

Laura schimpfte auf Rinaldini fort, bis sich das Gesprach der Gesellschaft auf einen andern Gegenstand drehte, was Rinaldo sehr gern horte. Die Nacht verschwebte im Tanze, und der Morgen brach an, als Rinaldo nicht in seine Wohnung, sondern vor die Stadt, in die Gegend der Garten und Landhauser ging, dort den schonen Morgen zu geniessen, der sich, auf tauenden Schwingen, in die bluhenden Taler senkte. Seine Fusstritte liessen Streifen in den betauten Wiesenmatten zuruck, und seine Blicke suchten einen Hugel, von welchem herab er die schone Gegend ubersehen konnte. Farbig spiegelten sich der Sonne goldene Strahlen im perlenden Tau; Himmel und Erde waren erwacht. Aurora hatte zugleich mit ihren Rosenpforten Rinaldos Sinne aufgeschlossen. Er lehnte sich an eine Pinie und uberschaute das glanzende Tal. Seine Augen waren nass wie das Tal. Auch in seinen Tranen erglanzten der Sonne goldene Strahlen; auf seinen Wangen entgluhte zuruck das Purpurrot des Himmels.

Fernher ertonte das melodische Murmeln eines Wasserfalls, und druben auf den Hugeln erklang hinter feisten Herden die landliche Schalmei der frohen Hirtenwelt.

"Ach!" seufzte Rinaldo, "dass auch ich noch hinter Herden einherging, wie ehemals in meinen vaterlichen Fluren! Dass auch ich noch froh und munter, schuldlos und unbefangen die Tone meiner Schalmei mit schmeichelnden Luften vermahlen konnte! Wie? wenn ich in ein fernes Land gehen, wieder zu meinem Hirtenstabe greifen und mich in die Einode Spanischer Triften verbergen konnte? O! dass ich dieses Glucks teilhaftig wurde! Was halt mich im Taumelkreise der Welt noch zuruck, wo ich, von Gefahren umlagert, gewiss noch ein Opfer eines gerichtlichen Todes werde? Fort, fort aus Siziliens Talern, in Spaniens duftende, friedliche Auen!"

Er sprachs, und Tranen begleiteten seine Worte.

"Ich Unglucklicher, der ich bin!" seufzte er tief auf und verstummte.

Da kam ein Einsiedler den Hugel herauf, grusste ihn freundlich und sagte:

"Du bist ein Unglucklicher, wie du seufzst? Warum bist du unglucklich? Bist du es durch deine eigene oder durch fremde Schuld?"

"Beides!" antwortete Rinaldo mit einem gepressten Seufzer.

"Lerne dulden und tragen", fuhr der Einsiedler fort; "das ziemt dem Manne. Der Himmel hat Wege genug, dir einen sanften anzuweisen, wenn es dir nicht heilsamer ist, eine rauhe Strasse zu wandeln. Bedenke, dass alles, was geschieht, zu deinem Besten dient."

"Nimmst du Almosen?" fragte Rinaldo rasch.

"Um es andern zu geben; ja", antwortete der Eremit. "Fur mich habe ich immer genug, weil ich wenig bedarf. Aber es gibt Menschen, die auch dieses Wenige nicht haben."

"Diesen gib!" rief Rinaldo, druckte ihm eine Borse in die Hand und eilte in die Stadt zuruck. Der Marchese sagte ihm, dass er auf einige Tage verreisen werde, und empfahl ihm indessen die Unterhaltung seiner Frau und Tochter an.

Den Tag nach der Abreise des Marchese ging Rinaldo hinaus in die Gartenfelder und suchte sein Lieblingsplatzchen auf.

Der Abend senkte sich uber die Taler. Die Streifen der fliehenden Sonne zogen durch die Fluren, farbten die Gipfel der Berge purpurrot und schwanden. Die Abendlufte trugen Wohlgeruche auf balsamischen Flugeln uber die Auen. Die Abendfliegen erwachten, durchschwarmten summend die Gegend, und in der Ferne erklang des Hirten laute Schallmei in das Glokkengeklingel seiner Herde. Schmachtend ertonte der Sang der liebeflotenden Nachtigallen, und jeder Zweig wurde zur Kehle.

Rinaldo stand an der Tur des Gartens einer geschmackvollen Villa. Die Tur war offen. Er ging in den Garten. Duftende Orangengeruche flogen ihm entgegen, laute Kehlen begrussten ihn von bluhenden Zweigen herab. Er nahte sich einem schonen Hause, das mitten im Garten stand.

Hier begegnete ihm ein Gartnermadchen, leicht gekleidet und hochgeschurzt. Dieses fragte er: "Wem gehort diese schone Villa?"

"Der Grafin Martagno", erhielt er zur Antwort.

"Ist die Grafin hier?"

"Schon seit diesem Morgen", antwortete das Madchen und ging die Allee hinunter.

Rinaldo hatte sich noch nicht entschlossen, ob er gehen oder bleiben wollte, als er in einer Orangenlaube sich etwas Weibliches bewegen sah. Er war noch unentschlossen, ob er weiter voroder weiter zuruckgehen wollte, als die Dame aus der Laube trat und ihm zurief:

"Ritter! Darf ich meinen Augen trauen? Seid Ihr es selbst, oder ist es Euer Geist?"

Es war die Grafin selbst, die das sprach, und nun war's fur Rinaldo zu spat fortzugehen. Er nahte sich ihr mit einer stummen Verbeugung.

"Um aller Heiligen willen!" fuhr die Grafin fort, "Wie habt Ihr meine Villa gefunden?"

ER Wie man oft mehr in der Welt als eine Villa findet, durch Zufall.

SIE Der Zufall hatte Euch nur um ein paar Schritte weiter fuhren konnen, so war' Fraulein Laura die Schuldnerin dieses Zufalls geworden. Ihre Villa liegt neben der meinigen, und sie ist dort eben anwesend. Oder habt Ihr Euch etwa verirrt und seid zu galant es zu gestehen? Ich will Euch zu rechte fuhren lassen.

ER Wollt Ihr mich vom Zufall annehmen und behalten?

SIE Heisst der Zufall nicht Laura, so seid Ihr mir willkommen.

Sie bot ihm, als sie das sagte, die Hand und fuhrte ihn in die Laube, wo auf einem Tische eine Guitarre und ein Buch lagen. Es waren Petrarchs Sonette. Die Ottomane hatte Platz fur beide. Sie liessen sich nieder und es entstand eine starke Pause. Endlich fragte die Grafin ganz naiv:

"Wovon sprechen wir nun gleich?"

"Doch von dem schonen Abend?" lachelte Rinaldo.

Die Grafin lachte laut auf.

Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Man stand auf, wandelte in dem Garten umher, sprach von gleichgultigen Sachen und naherte sich endlich einem Pavillon, der der Standort einer weit interessanteren Unterhaltung werden sollte.

SIE Ich freue mich recht sehr, eben Euch, und so unvermutet, bei mir zu sehen, denn wahrhaftig, nur Ihr, Ritter! seid es, der die Laune, die mich qualt, verscheuchen kann.

ER Darf ich fragen, was es ist, das Euch so ubel gelaunt macht?

SIE Ihr konnt es erfahren. Ein unleidlicher Mensch dringt sich mir selbst auf; einen andern will mir meine Familie als Gemahl aufdringen.

ER Und Ihr wollt nicht wieder heiraten?

SIE Diese beiden wenigstens nicht.

ER So nehmt einen dritten, der sich Euch nicht aufdringt.

SIE Wenn ich wieder wahlen soll, so will ich einen haben, der sich mir gibt; sonst keinen.

Sie hatte, als sie das sagte, ihre Hand von sich gestreckt, und diese sank auf Rinaldos Hand. Sie zog sie schnell zuruck, aber Rinaldo haschte sie noch im Fliehen, schloss sie in die seinige, druckte sie sanft und fuhlte die seinige wieder gedruckt. Von ungefahr fanden sich ihre Augen. Im Augenblick lagen sich beide in den Armen. Die Verkettung wurde immer starker, und man hatte weder Lust noch Kraft sie zu losen.

Ein lautes Gesprach, das die Allee herauf nach dem Pavillon zukam, riss das entzuckte Paar aus einem der schonsten Traume, dem die Wirklichkeit stets vorhergeht. Sie sprangen auf, suchten sich zu sammeln, und Laura trat in Gesellschaft einiger Damen in den Pavillon.

Wie die Bewillkommnungs-Komplimente von beiden Seiten ausfielen, kann man sich denken. Die Verlegenheit nahm Platz in der Gesellschaft, und bis zur Ankunft der Kutschen, welche die Damen in die Stadt zuruckbrachten, konnte auch nicht ein einziges zusammenhangendes Gesprach gefuhrt werden.

Die Wagen kamen endlich. Rinaldo hob die Damen hinein, und Laura lispelte ihm zu:

"Ich gratuliere!"

Fussnoten

1 Eine Beschreibung und Abbildung einer solchen andachtsvollen musikalischen Szene findet man in der Voyage pittoresque en Naples et Sicile. T. I. p. 140. No. 111. 2 In wie weit dieses und das dahin Gehorige noch folgen wird, sich beziehend auf die Gesellschaft der Schwarzen, der Carbonaria, u. dgl. davon ist zu lesen das Buch, welches nicht ungelesen bleiben muss: Lionardo Monte Bello. Fortsetzung der Geschichte Rinaldinis (Leipzig 1821) 1. T. S. 220 ff. 3 Lionardo Monte Bello. 1. T. S. 224. 4 Lionardo Monte Bello. 2. T. S. 113.

Zweiter Teil

Quisque suos patimur manes.

VIRGIL

Funftes Buch

Wo suchst du Schutz? Wie kannst du hoffen

Am Ziel der Wunsche hier zu stehn?

Da stehst du staunend und betroffen,

Und wagst's kaum weiter fort zu gehn.

Rinaldo setzte seine Besuche bei der Grafin nun, in ihrem Hause sowohl als auf ihrer Villa, fleissig fort, und Laura hatten keinen Teil mehr an seinem Herzen.

Der Marchese kam von seiner Reise zuruck und sprach viel von dem Alten von Fronteja, bei dem er Rinaldo einfuhren wollte. Auf seine Frage, wer denn eigentlich dieser Alte von Fronteja sei? antwortete der Marchese:

"Er ist vielleicht der Weiseste seiner Zeit. Ein Philosoph, der in die geheimsten Mysterien der sogenannten Krata Repoa ganz eingedrungen ist und Dinge entwickelt hat, wovon bisher kein Mensch etwas Zuverlassiges wusste."

"Ich verstehe aber nicht", sagte Rinaldo, "was mir diese Bekanntschaft helfen soll? Ich werde doch nicht auch in die Mysterien der Krata Repoa eindringen sollen? Dazu habe ich weder Kopf noch Lust."

"Der Zweck, zu welchem wir uns vereinigen", antwortete der Marchese, "erfordert auch Kenntnis

Das ganze Haus war auf diesen Abend zu der Grafin auf ihre Villa geladen, und Rinaldo war der erste, der sich dort einfand.

Die Gesellschaft speiste im Pavillon, man war sehr lustig und vergnugt. Nach Tische setzte man sich auf die Banke eines freien Platzes vor dem Pavillon und wollte eben ein Gesellschaftsspiel anfangen, als ein paar Diener mit Windlichtern einen Fremden herbeifuhrten, der, wie sie sagten, den Marchese zu sprechen wunschte.

Der Marchese stieg auf, und der Fremde trat herzu. Kaum erblickte er Rinaldo, als er nach dem Degen griff und schrie:

"Ha, Meuchelmorder! Finde ich dich hier?"

"Wer sagt mir das?" fragte Rinaldo, zog den Degen und erkannte in seinem Gegner den bewussten Kapitan.

"Ich sag es!" knirschte dieser.

Sogleich waren die Klingen aneinander. In dem Augenblick fiel aus dem Boskett ein Schuss und der Kapitan sturzte zu Boden.

Die Verwirrung wurde allgemein. Man jammerte, schrie, lief durcheinander. Die Bedienten sturzten bewaffnet herbei; alles kam in Aufruhr.

Die Grafin hatte Gegenwart des Geistes genug, den Ritter in den Pavillon zu ziehen, der von allen verlassen war, und die Tur hinter ihm abzuschliessen.

Rinaldo wusste nicht, wie ihm geschehen war. Er sass in banger Erwartung einige Stunden allein und konnte sich nicht denken, wie das enden sollte. Endlich wurde die Tur des Pavillons geoffnet und die Grafin trat ein.

"Ist der Kapitan tot?" fragte Rinaldo.

"Er liegt schwer verwundet in der Villa", antwortete die Grafin, und fuhr fort: "Ohne zu untersuchen, auf wessen Unkosten hier so blutig gespielt worden ist, suche ich Dich zu retten. Tief in den Bergen von Remata habe ich ein Schloss, wo Dich keine Seele suchen oder finden wird. Dorthin musst Du vorderhand fliehen. Hier ist ein Brief an den Castellan des Schlosses, in welchem ich Dich Baron Tegnano, meinen Verwandten, nenne. Ein Pferd steht gesattelt vor dem Garten. Gott geleite Dich! Dur wirst Nachricht von mir erhalten, und so bald als moglich folge ich Dir selbst nach."

Sie sprach's, kusste ihn herzlich und benetzte seine Wangen mit Tranen. Endlich riss sie sich von ihm los und fuhrte ihn zur Gartentur, wo das Pferd stand. Rinaldo setzte sich auf und nahm seinen Weg auf eine ungewisse Beschreibung gerade ins Land hinein.

Die Nacht war schon. Der Vollmond glanzte hell hernieder. Alles war still im weiten Reiche der Luft und auf der Erde. Auf der Anhohe bewegte sich, gleich einem Schatten, eine menschliche Gestalt hin und her. Rinaldo hielt sein Pferd an, blickte hinauf, und die Gestalt kam naher.

"Wer ist hier?" fragte er.

Von oben herab kam die Antwort:

"Einer, der Euch kennt, wenn Ihr Graf Mandochini seid. Ich weiss aber noch einen Namen von Euch, den ich auch nicht einmal der schweigenden Nacht anvertrauen mag."

RINALDO Aha! Du bist Lodovico? Wie kommst du hierher?

LODOVICO Wohin kommt man nicht in der Welt! In Kalabrien hatte ich den Kapitan derb getroffen; aber Unkraut verdirbt nicht. Der Spitzbube ist wieder kuriert. Ich schiffte mich in Kalabrien ein und kam nach Messina. Ich sah Euch zweimal, aber in viel zu vornehmer Gesellschaft, um Euch sprechen zu konnen. Wie Ihr hier heisst, wusste ich nicht und konnte Euch nicht erfragen. Ich hatte vor lauter Spekulationen, zu Euch zu kommen, schier des Teufels werden mogen! Missmutig gehe ich heute in den Hafen und sehe denkt Euch meine Augen! den elementischen Kapitan. Lebt also der Kerl noch? Tausend Wetter und alle Teufel! Jetzt dachte ich: konntest du doch deinen Hauptmann finden, ihm zu sagen, wer dir erschienen ist! Ich schleiche allenthalben herum, erblicke Euch, wie Ihr nach der Villa geht, und gehe Euch nach. Ich mache Bekanntschaft mit den Bedienten, gebe mich fur einen reisenden Fechtmeister aus und erkundige mich, in wessen Eigentum ich bin. Ich merkte wohl, dass es in der Villa ein Traktamentchen geben sollte und als ich die Pasteten und Kuchen vorbeitragen sah, dachte ich, ich musste, so auf alte Manier, gleich zugreifen: denn in meinem Magen sieht's aus wie in einer Armenbuchse. Genug, da ich das merkte, dachte ich, nun wird's doch endlich einmal Gelegenheit geben, deinen Hauptmann zu sprechen; schlich mich wieder in den Garten und versteckte mich in ein Boskett. Kommt da der Teufelskerl von Kapitan auch angestochen. Ich laure, hore jedes Wort, seh' Eure Degen blank paff! brenne ich los, und der Korse liegt am Boden. Getroffen habe ich ihn. Ist er nicht tot, so ist's nicht meine Schuld. Aber, alle Wetter, wie war ich aus dem Garten hinaus. In der Entfernung sehe ich ein Pferd bringen, Ihr stiegt auf, ich gehe Euch nach, und seht, da bin ich, Euch zu folgen, wohin Ihr geht, wenn Ihr mir es erlauben wollt.

RINALDO Du gehst mit mir.

LODOVICO Gratias! Wenn's nur schon Tag, und wenn nur ein Gasthof in der Nahe war', ich habe Hunger wie ein Wolf. Seht! nun sind wir unserer zwei. Da reiset sich's schon besser. Ich habe ein paar gute Puffer bei mir, und ehe sie Euch totschlagen, muss ich keinen Knochen mehr ruhren konnen. So schwadronierte Lodovico fort, bis der Tag anbrach und sie sich in einem Dorfe befanden, wo sie Halt machten. Es wurde gegessen und getrunken, und Rinaldo kaufte ein Maultier fur Lodovico. Bald sassen sie auf und setzten ihren Weg fort. Ohne Gefahr und Abenteuer kamen sie den sechsten Tag endlich glucklich an dem Orte ihrer Bestimmung an.

Das Schloss lag mitten im Gebirge, unter Bergen, auf dem hochsten derselben, war mit Mauern und Graben umgeben, hatte Zugbrucken und war ziemlich fest. Der Castellan des Schlosses, ein alter, etwas murrischer, aber dabei ziemlich gutherziger Knabe, ehemals Haushofmeister des Vaters der Grafin, hatte ihren Brief gelesen und sagte ganz trocken:

"Dem Herrn Baron steht das ganze Schloss zu Befehl, nach dem Willen der Frau Grafin."

Rinaldo nahm Besitz von ein paar alten, niedlichen, altvaterisch moblierten Zimmern.

Der Castellan, seine Frau, seine Tochter, eine Magd und ein alter Invalid, der ehemals unter dem Vater der Grafin Spanien gedient hatte und hier das Gnadenbrot verzehrte, das ihm die Grafin reichte, waren die Bewohner des Schlosses, deren Anzahl nun ganz unerwartet vermehrt wurde.

Um den Vorrat sah es in dem Schlosse nicht zum besten aus. Daher machte Rinaldo sogleich Anstalt, diesen Artikel in besseres Ansehen zu bringen. Lodovico, der Invalid Giorgio und die Magd wurden ausgeschickt, kauften ein, trieben beladene Esel herbei und verproviantierten Kuche, Schranke und Vorratskammern der Castellanin. Der Schlosshof wurde bald mit Geflugel bevolkert. Der Weinkeller war in gutem Zustande. Dazu uberlieferte der Castellan die versiegelten Schlussel. In kurzem kam mehr Leben ins Schloss und die alten, vormaligen stumpfen Bewohner desselben wurden tatig, munter und aufgeraumt.

Rinaldo sass auf der alten Bergfeste, uberschaute rund umher die Gegend, ging spazieren, durchlas alte Chroniken, liess sich von dem Castellan Abenteuer aus der Gegend und von Giorgio seine Feldzuge erzahlen.

Einst sassen sie auch beisammen und hatten sich in Abenteuer vertieft, die ihren Weg geradezu ins verrufene Geisterreich nahmen, als der Castellan begann:

"Ach! lieber lieber Herr Baron! es lasst sich von dieser Art manches aus unserer Gegend erzahlen; aber nicht allein aus unserer Gegend, sondern auch sogar aus unserm Schlosse."

GIORGIO Ja, ja! Das ist richtig.

RINALDO So? Und was gibt es hier? Geisterspuk?

CASTELLAN In dem hintern Saale, vor dessen Tur die grossen Schlosser hangen, ist's traun nicht recht geheuer.

LODOVICO Habt ihr etwas gesehen?

GIORGIO Ich nicht, aber gehort habe ich genug. Aber da, das Madchen, Lisberta, des Castellans Tochter, die hat etwas gesehen!

LISBERTA Ja! Voriges Jahr wollte die Frau Grafin hierherkommen da putzten und fegten wir das Schloss. Ich musste den grossen Saal auskehren, aus dem eine verschlossene Treppe hinab, ich weiss nicht wohin, geht, weil die untere Treppentur bestandig von innen verschlossen gewesen ist, wie mein Vater gar nicht anders weiss.

CASTELLAN Bestandig. Es hat sich auch, so lange ich hier bin, kein Mensch die Muhe genommen, der Sache weiter nachzuspuren, weil niemand zu uns kommt. Selbst die Frau Grafin ist nur ein einzigesmal, drei Tage lang, hier gewesen.

LISBERTA Wie ich nun so den Saal ausgekehrt hatte, stehe ich so ganz still und putze im Fenster einen Wandleuchter ab. Da hore ich Fusstritte. Ich denke, es ist mein Vater oder sonst jemand, und achte nicht weiter darauf. Wie es aber immer naher kommt, drehe ich mich herum und sehe in der obern Treppentur eine grosse, lange, hagere Figur mit einem Barte stehen. Weiter weiss ich nichts zu sagen. Ich sank ohnmachtig zu Boden, und als ich wieder zu mir kam, war die Figur verschwunden. Das ist gewiss wahr, und darauf kann ich jede Stunde das Sakrament nehmen.

RINALDO Da wir jetzt Zeit und Musse dazu haben, wollen wir doch gleich morgen das Spuk-Terrain untersuchen.

CASTELLAN Mich nehmt nicht dazu. Zu so etwas tauge ich nicht.

RINALDO Ich und mein Lodovico wollen das allein tun. Giorgio musste uns denn auch etwa freiwillig begleiten wollen? Er ist ja ein alter Soldat.

GIORGIO Ja, ich bin dabei! Ich mache diese Kampagne mit.

LISBERTA Herr Baron, lasst's ununtersucht. Man kann nicht wissen, wie's ausfallt.

RINALDO Sei ohne Sorge! Ich verstehe mich ein wenig aufs Geisterbannen.

LISBERTA Wenn Ihr nur Eurer Sache gewiss seid, dass es Euch nicht geht wie dem Bruder Bonifaz, dem Kapuziner, der's Geisterbannen auch hat verstehen wollen und es nicht recht verstand, und den die Geister windelweich gedroschen haben.

LODOVICO Das sind handfeste Geister gewesen!

LISBERTA Ja, gewiss! der gute Herr hat ein Vierteljahr daruber zu Bette gelegen. Er lebt noch, und Ihr konnt ihn jede Minute selbst fragen.

LODOVICO Nun! Wir haben auch Fauste, und wo es Schlage setzt, da fallen unsere auch wieder hin.

RINALDO Du wirst mich doch warten und pflegen, wenn ich abgeprugelt zuruckkomme?

LISBERTA Ach ja! herzlich gern. Und Ihr und Lodovico konnt wohl auch einen Puff vertragen. Wie es aber um Giorgio aussehen wurde, wenn man ihm uber die morschen Knochen kam', das weiss ich nicht.

GIORGIO Jungferchen, sei sie nicht naseweis! Meine Knochen sind noch gut. Hatte ich nur vor Barcelona nicht den fatalen Schuss in die Hufte bekommen, ich wollte mit ihr noch einen Corso anstellen. Ich habe eine eisenfeste Natur. Aber freilich der Schuss vor Barcelona und der Hieb bei Bellegarde in die rechte Achsel so etwas kann einen schon labet machen. Aber auf die Entdeckung nach dem Geisterrevier im Schlosse gehe ich doch mit. Mein Sarras ist noch blank. Dies und dergleichen mehr wurde gesprochen. Rinaldo aber nahm sich ernstlich vor, die Untersuchung anzustellen, was auch den folgenden Tag geschah. Die grossen Schlosser an der Saaltur wurden aufgeschlossen, die Riegel fielen, die Tur wurde geoffnet. Ein paar Fledermause erblickten Licht, flogen dem Castellan an den Kopf und dieser fiel zu Boden. Die Fledermause wurden totgeschlagen und die Fensterladen des Saals geoffnet. Der Castellan nahm Abschied von den drei Abenteurern. Lisberta zundete drei Kerzen an und empfahl die Herren dem Schutze der heiligen Jungfrau, des heiligen Antonio und des heiligen Florian. Darauf begab sie sich gleichfalls weg, versicherte aber, sie wurde recht herzlich fur sie alle beten.

Der Saal, ein breites Viereck, war mit alten Tapeten ausgeschlagen und einige Bildnisse, Familienstukke der Grafin, hingen an den Wanden. Mobel waren nirgends zu sehen.

Sie offneten die Tur der Treppe und stiegen sechsunddreissig Stufen hinab, bis sie vor einer Tur standen, die, wie schon gesagt, von innen verschlossen war. Die Tur schien alt und morsch zu sein und war es auch wirklich. Sie legten Brecheisen an, und im Nu brach das alte Stuck Arbeit zusammen, aber die innern starken Riegel waren nicht gewichen. Mit dumpfem Schall gab das Echo eines Gewolbes das krachende Getos zuruck. Sie krochen unter den Riegeln hinweg und befanden sich in einem etwas uber manneshohen und halb so breiten gewolbten Gange.

Etliche zwanzig Schritte weit waren sie gegangen, als sie an einige Stufen kamen, die tiefer hinabfuhrten. Nach einer kleinen Strecke Gang kamen mehrere Stufen, und der Gang ging nun etwas niedriger schrag hinab und fuhrte in ein gewolbtes Rundteil, dessen Ausgang wieder mit einer von aussen verriegelten Tur verschlossen war.

"Was ich aber nicht recht begreifen kann, das ist, dass die Turen alle von aussen verriegelt sind", sagte Rinaldo.

Sie legten eben Hand an, auch diese Tur einzusprengen, als sie von innen her, ganz deutlich und laut:

"Wehe! wehe! wehe!" rufen horten. Giorgio sturzte bei diesen Tonen sogleich zusammen, fing an, am ganzen Leibe zu zittern, und klapperte mit den Zahnen. Lodovico schleifte ihn durch den Gang zuruck und brachte ihn mit Muhe auf den Saal, wo der Held Konvulsionen bekam. Lodovico machte Larm im Schlosse. Man trug Giorgio auf ein Bett, wo ihm von Lodovico eine Ader geoffnet ward, und die Castellanin, die sich in der Angst nicht besser zu helfen wusste, gab ihm Magentropfen ein.

Der Castellan, der sich von seinem FledermausSchreck selbst noch nicht recht erholt hatte, kam herbeigekrochen, betete und fluchte durcheinander. Lisberta und ihre Mutter sangen mit zitternden Stimmen einen Bussgesang; Lodovico leerte ganz gelassen schnell eine halbe Flasche Wein aus. Indessen stand Rinaldo an der Wehepforte nicht mussig. Er klopfte an und schrie: "Wer auch hier sein mag, er offne die Tur, oder sie wird eingebrochen!"

Von drinnen heraus ertonte die Frage:

"Wer stort die Unterirdischen in ihrer stillen Beschaftigung?"

"Einer, der sie kennenlernen will."

"Wir verlangen ihn nicht zu sehen."

"Macht auf, oder die Tur wird eingebrochen!"

"Kannst du", fragte man drinnen, "die Anblikke dessen, was unterirdisch ist, ertragen, so lass dir von dem Grafen Martagno die Schlussel zu dieser Tur geben."

"Der Graf Martagno", sagte Rinaldo "gibt mir keine Schlussel. Er lebt nicht mehr."

"Er ist tot?"

"Schon seit zwei Jahren tot."

Hier entstand eine Pause, die Rinaldo zu lange dauerte. Er setzte ein Brecheisen an, und die Tur sprang auf.

Da stand er, in einem finstern Gewolbe. Eine lange Figur schlupfte schwebend davon. Rinaldo eilte ihr nach, sie schlug eine eiserne Tur rasselnd hinter sich zu. Rinaldo sturzte uber eine Bank und seine Kerze verlosch. Aus einem Winkel hervor jammerte eine weibliche Stimme:

"Gerechter Himmel, ende meine Tage!"

Das fuhr Rinaldo durch Mark und Gebein. Er raffte sich auf und fragte mit bebender Stimme: "Wer spricht hier?"

"Darf ich dich Retter nennen, so wisse, ein uber alles ungluckliches Geschopf fleht dich um Mitleid an. Ja, und wenn du selbst der grausame Graf Martagno warst, so musstest du, sah'st du mein Elend, mich wieder aus diesem Kerker an die schone Sonne ziehen, deren glanzenden Anblick ich nun schon so lange entbehre", antwortete die Stimme.

"Der Graf Martagno ist tot."

"Tot? Gelobt sei Gott! so wird sich mein Leiden endigen."

Jetzt vernahm Rinaldo Fusstritte und horte von weitem seinen Namen rufen. Er gab Antwort. Es war Lodovico, dessen brennende Kerzen sehr gelegen kamen. Rinaldo suchte und fand seine Kerze, zundete sie auch an und fragte: "Stimme, die du mit mir sprachst, wo ist dein Aufenthalt?"

Durch ein rundes, etwa ellenhohes Seitenloch kam die Antwort: "Hier! Ich Ungluckliche bin in einen engen Kerker vermauert und habe keine Offnung als dieses Loch, durch welches mir meine kargliche Kost gereicht wurde."

Rinaldo leuchtete hin und sah ein kreideweisses, eingefallenes Gesicht mit geschlossenen Augen vor der Offnung stehen. Dieser Anblick fuhr wie ein Blitz durch seine Nerven und versteinerte selbst Lodovico.

"Ach!" seufzte die Eingekerkerte und trat zuruck, "meine Augen konnen den Glanz des Lichtes nicht ertragen."

Rinaldo bedachte sich ein wenig, und um sich auf jeden Fall den Rucken zu sichern, untersuchte er die eiserne Tur, die die fliehende Gestalt hinter sich zugeschlagen hatte. Er schickte Lodovico zuruck, einige Werkzeuge und grosse Vorlegeschlosser zu holen, denn er fand starke Kreuzriegel und Bander, die an den Seiten der Tur herabhingen. Von allem aber, was er hier gesehen habe, gebot er ihm, im Schlosse keine Silbe zu sagen.

Als Lodovico fort war, fragte Rinaldo die Eingekerkerte:

"Hast du hier nie Licht gesehen?"

SIE Zuweilen eine dunkelbrennende Lampe, wenn mir Stroh oder Brot und Wasser gebracht wurde.

ER Gewohne deinen Blick nach und nach an den Schein der Kerzen, damit du das Tageslicht ertragen kannst.

SIE Willst du mich erlosen?

ER Ich will und werde.

SIE Endlich! endlich! Allmachtiger Gott! ich danke dir auf den Knien. Belohne meinen Retter und schenk ihm deinen Segen. Gib ihm die schonsten Freuden eines glucklichen Lebens und sei Vergelter seiner guten Tat. Erhore, erhore mein Gebet, du gutiger Vater aller guten Menschen! Rinaldo lehnte sich an die Mauer und seufzte: "Ach Gott! lehre mich wieder so herzlich zu beten, wie ich in meiner Jugend es konnte." Als Lodovico zuruckkam, war er nicht allein mit Vorlegeschlossern belastet, sondern er brachte auch ein kleines Flaschchen guten Wein, einige Fruchte und Gebackenes mit, fur "die ungluckliche, unbekannte, leichenblasse Figur", wie er sich ausdruckte.

"Das hast du wahrlich gut gemacht, Lodovico!" sagte Rinaldo und teilte der Eingekerkerten mit, was ihr beschieden war.

Diese empfing es mit dem heissesten Dank, und indes sie sich labte, hoben ihre Retter die hangenden Riegel der eisernen Tur hinauf und befestigten sie mit Schlossern. Dann machten sie sich an die Arbeit, ergriffen Hacken und Brecheisen, legten Hand an und erweiterten das Kerkerloch bald so gut, dass die Eingekerkerte hindurchkriechen konnte. Sie fiel auf die Knie und betete, sobald sie befreit war.

Himmel! welch ein Anblick? Eingefallen, blass, hager, ein halbes Gerippe, mit vermoderten Lumpen umhullt, ihre Blosse zu decken! Sie wankte, an Rinaldo gelehnt, den Gang hinauf und bedeckte, des Tageslichtes ungewohnt, als sie in den Saal kam, ihr Gesicht mit der Hand. Die frische Luft nicht gewohnt, sank sie zu Boden. Rinaldo trug sie in sein Zimmer und legte sie auf ein Bett. Hier fiel sie ganz kraftlos sogleich in einen tiefen Schlummer, und Rinaldo verschloss hinter ihr die Tur.

Er schickte Lodovico in den benachbarten Ort, weibliche Kleidungsstucke einzukaufen. Mit Hilfe des Castellans schaffte er eine andere Tur vor die Treppe, verwahrte sie wohl, fuhrte dann diesen in das Zimmer, in welchem die Befreite auf dem Bette lag, legte die Hand auf seinen Mund, fuhrte ihn wieder zuruck und verschloss die Tur.

CASTELLAN Heiliger Gott! was habe ich gesehen?

RINALDO Die Geheimnisse der Unterwelt. Herr Castellan! Ihr seid ein verstandiger Mann. Was Ihr gesehen habt, werdet Ihr zu verschweigen wissen, bis ich selbst es ratsam finde, alles zu offenbaren. Die Grafin und ihre Familie ist bei der Sache im Spiele.

CASTELLAN Herr Baron! Ich bin ein Mann und kann schweigen.

RINALDO Darauf verlasse ich mich. Jetzt still! von nichts weiter gesprochen. Wir reden morgen weiter davon. Lodovico kam zuruck und brachte Kleider, die der Befreiten gegeben wurden. Sie erhielt Speisen und wurde in ein Zimmer verschlossen, wo sie anderthalb Tage lang beinahe bestandig schlief, was sehr viel zu ihrer Erholung beitrug.

Giorgio und der Castellan wurden von Lodovico wegen ihrer Furchtsamkeit sehr geneckt. Aber den letzteren plagte die Neugier wegen des Geheimnisses, wovon er nichts wusste, ungleich mehr als Lodovicos Neckerei.

Rinaldo aber ging mit Lodovico auf weitere Entdeckungen in dem unterirdischen Gange aus.

Sie hatten eben die Schlosser und Riegel der eisernen Ture gelost, bemuhten sich aber vergebens, sie zu offnen, und ruhten ein wenig von ihrer Arbeit aus, als sie von aussen Fusstritte vernahmen. Bald wurden Riegel zuruckgeschoben und die Ture knarrte auf. Eine Figur kam nur halb zum Vorschein, als Rinaldo aufsprang und ihr ein donnerndes: "Halt!" entgegenschrie.

Im Nu verschwand die Figur, des Terrains besser kundig als Rinaldo und Lodovico, die ihr folgten. Sie stolperten durch einen schmalen gewolbten Gang, der sich bei einer steinernen Treppe endigte, die aufwarts fuhrte und deren Ausgang mit einer eisernen Falltur versehen war. Sie erstiegen die Treppe und kamen in einen Turm, der mit einer Wendeltreppe versehen war. Als auch diese erstiegen war, befanden sie sich auf den Zinnen des Turms und sahen, dass dieser ganz allein auf der aussersten Spitze des Berges stand, auf welchem das Schloss lag. Der Turm war ohne Ausgang, und sie konnten nicht begreifen, wohin die Figur gekommen sein mochte, wenn nicht, was sehr glaublich war, eine Strickleiter am Turme ihr ins Freie geholfen hatte.

Da also weiter keine Entdeckungen zu machen waren, kehrten sie wieder um, untersuchten die Falltur, fanden sie sehr stark, schwer und von innen mit Riegeln versehen, die sie vorschoben, verkeilten und mit starken Schlossern versahen. So verschlossen sie auch die eiserne Tur von innen und gingen durch den Saal in das Schloss zuruck. Das gerettete Frauenzimmer hatte sich in ein paar Tagen sehr erholt, und Rinaldo, dem viel daran lag zu wissen, wen er gerettet habe, tat nun deshalb Fragen an sie. Sie erzahlte, was folgt:

"Ich bin Euch, meinem Befreier, eine getreue Erzahlung meines Schicksals und meines Unglucks schuldig; diese sollt Ihr haben, so aufrichtig, als ich sie Euch nur geben kann. Ich heisse Violanta und bin die Tochter eines gewissen Brotezza de Noli, der ein Vasall des Grafen von Martagno war. Der Graf hatte eben durch den Tod seine erste Gemahlin verloren, als ich zu meinem Ungluck mit ihm bekannt wurde. Er sprach mit mir von seiner Liebe. Ich glaubte ihm nicht; er beteuerte mir seine reinen Absichten und warb um meine Hand. Ich wies ihn an meinen Vater. Meine Mutter hatte ich in meiner fruhsten Jugend verloren. Mein Vater focht damals in Spanien unter dem Banner seines Lehnsherrn und fiel bei der Belagerung von Barcelona. Ich war arm und verlassen und suchte Zuflucht bei einer Muhme. Wir machten zusammen, was wir aufbringen konnten, um mir eine Aussteuer zu erwerben, mit der ich in ein Kloster gehen konnte. Nach und nach brachten wir auch so viel zusammen als dazu notig war, und ich machte mich damit auf den Weg. Hier wurde ich uberfallen, gebunden und fortgeschleppt, ich wusste nicht wohin. Es waren Leute des Grafen Martagno, die mich angefallen hatten und mich hierher auf dieses Schloss brachten. Hier erschien der Graf und wiederholte seine alten Liebesantrage. Ich wies jede entehrende Zumutung mit Verachtung und Standhaftigkeit ab und erklarte, dass ich eher sterben als meine Tugend preisgeben wurde. Der Graf versuchte mit List und Gewalt zu erhalten, was ich ihm verweigerte, aber alles war vergebens. Misshandeln konnte er mich, aber nicht bewegen, seinen bosen Willen zu erfullen. Nur das Band der Ehe, sagte ich ihm, wurde ihm gewahren konnen, was er zu erlangen wunsche. Als er nun sah, dass er mich nicht besiegen konnte, willigte er endlich ein, und der Priester gab unsere Hande zusammen."

"Wie? Ihr wart mit dem Graf Martagno verheiratet?"

"So ist es. Zu meinem Ungluck ist es so! Er lebte etwas uber ein Vierteljahr hier bei mir, verreiste dann und kam nicht wieder. Mich liess der Ehrvergessene, Gott weiss warum! in den Kerker schleppen, wo Ihr mich gefunden habt. Ich erhielt keine Antwort auf meine Klagen, und die Welt horte mein Angstgeschrei nicht. Ein alter Bosewicht gab mir Wasser und Brot und brummte taglich: Willst du denn ewig leben?"

"Gerechter Himmel!" schrie Rinaldo. "Der Graf hatte sich, indes ihr im Kerker lagt, zu Messina wieder verheiratet. Noch lebt seine Witwe, die gewiss von diesem Bubenstuck auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hat."

Sie sprachen noch, als es im Schlosse laut wurde. Rinaldo fuhr ans Fenster und sah einen Wagen in den Schlosshof fahren, in welchem die Grafin sass. Er eilte ihr entgegen. Als Rinaldo mit der Grafin allein war, erzahlte sie ihm, man habe Hoffnung, dass der Kapitan wieder aufkommen werde. "Von Euch, Ritter", setzte sie hinzu, "glaubt man, dass Ihr auf irgendeinem Schiffe Sizilien verlassen hattet. Ich habe die Zeit benutzt, in welcher der Adel zu Messina auf seine Landguter geht, und bin, wie Ihr seht, hier." Rinaldo dankte ihr verbindlich fur ihre Gute, fur ihren Schutz, und machte sie dann so lange aufmerksam, bis sie vorbereitet genug war, seine Entdeckungen und Violantens Geschichte zu horen.

Die Grafin schauderte bei dieser Erzahlung heftig zusammen und verlangte Violanten zu sprechen, was auch geschah. Sie horte die Geschichte aus ihrem eigenen Munde, versprach ihr Schutz und Beistand und bot sich ihr als Schwester an.

Im Schlosse wurde es nun lebhafter und der neugierige Castellan bekam die Weisung, nach gewissen Erklarungen nicht weiter zu fragen. Violanta galt fur eine Gesellschafterin der Grafin, und die wenigsten wussten und konnten begreifen, wie sie in das Schloss gekommen war. An einem der schonsten Sommerabende, die Sizilien geniesst, sassen die Grafin und Rinaldo auf einem Balkon des Schlosses Hand in Hand nebeneinander. Beide schienen uber etwas nachzudenken und sprachen wenig. Endlich nahm die Grafin das Wort:

SIE Einmal, lieber Freund! muss es zwischen uns doch zur Erklarung kommen. Warum schieben wir diesen Augenblick auf und machen uns selbst so viele trube Stunden? Also, sei es jetzt. Sagt mir aufrichtig, was gedenkt Ihr zu tun?

ER Was ich tun muss. Ich gedenke Sizilien zu verlassen.

SIE Allein?

ER Wer sollte mit mir gehen, als mein Lodovico? Er verlasst mich nicht.

SIE Nur er? Ritter? Ihr wollt allein gehen?

ER Ach Grafin! ich muss.

SIE Ihr musst? Habt Ihr anderswo Verhaltnisse, die Euch

ER Schreckliche Verhaltnisse!

SIE Habt Ihr eine Gattin?

ER Weder Weib noch Kind, weder Vater noch Vaterland.

SIE Und dennoch binden Euch Verhaltnisse? Man hat doch nicht Euch irgendwo verbannt, geachtet?

ER Allenthalben.

SIE Allenthalben? Wie ist das moglich? Redet deutlich. Ist la Cintra nicht Euer wahrer Name?

ER Nein.

SIE Wie heisst Ihr?

ER Das lasst mich Euch nicht sagen. Wenn ich fort bin, sollt Ihr erfahren, wen Ihr Eurer Freundschaft, Eurer Liebe gewurdigt habt.

SIE Ihr macht mir bange! Der Marchese Romano gab vor, Euch zu kennen.

ER Ja! er kennt mich. Grafin! traut dem Marchese und seiner Gesellschaft nicht. Sie wollten mit mir ein boses Spiel treiben. Jetzt sehe ich alles ein. Ich bin entkommen, auch diesmal noch entkommen, aber wer weiss

SIE Ratselhafter Mann! sprich deutlicher.

ER O Dianora! Ich darf nicht.

SIE Wie? Ich gab dir meine Liebe, mich selbst, alles was mir teuer und wert war, und du kannst Geheimnisse fur mich haben? Fur mich? Ich will dir mehr entdecken, als du weisst. Ich bin bereit, mit dir zu gehen, wohin du auch gehen magst.

ER Bleib, bleib! Du kannst mich Unglucklichen nicht begleiten.

SIE Ich biete dir meine Hand an.

ER Ungluckliche! Deine Hand gehort einem edleren Manne als mir.

SIE Sie gehort dem Vater meines Kindes.

ER Allmachtiger Gott! was sagst du? Werde Mutter und gib dem Kinde deinen Namen. Den meinigen kann es nicht mit Ehre fuhren.

SIE Grosser Gott! Mann, wer bist du?

ER Ich bin Ach Gott! ich kann es dir nicht sagen.

SIE Sei wer du willst. Ich will es wissen.

ER Als du in meinen Armen lagst, lagst du in den Armen des Abscheus von Italien.

SIE Gerechter Gott!

ER Ich Ich bin Rinaldini.

SIE Jesus Maria!

Die Grafin sank vom Stuhle und war einer Ohnmacht nahe. Rinaldo brachte sie auf ihr Zimmer. Fruh, des andern Tages, begehrte er sie zu sprechen. Sie schlief noch, wie es hiess. Bald darauf brachte man ihm ein versiegeltes Billett von der Grafin. Er erbrach es und las: "Unglucklicher! Du hast mich unaussprechlich unglucklich gemacht. Ich kann dich nicht wieder sprechen. Uberlass mich meinem Schicksal und geh dem deinigen entgegen." Rinaldo liess satteln, setzte sich mit Lodovico auf und verliess mit ihm das Schloss. Ihre Unterhaltung auf dem Wege war ziemlich einsilbig, und sie waren schon zwei Tage geritten, ohne dass ein Hauptgesprach gehalten worden war. Zwar Lodovico hatte seinem Herzen herzlich gern uber Verschiedenes Luft gemacht, da aber Rinaldo gar nicht gesprachig gelaunt war, schwieg er auch und hatte seine Gedanken fur sich.

Sie ritten eben, den dritten Tag seit ihrer Abreise aus dem Schlosse der Grafin, aus einer elenden Nachtherberge mit Tagesanbruch fort, um einen Pass uber eine Bergkette, die mit Waldungen bewachsen, ihnen sehr unsicher geschildert worden war, noch vor einbrechenden Abend hinter sich zu haben. Rinaldo fuhlte selbst hier, wie den Reisenden zu Mute sein mochte, die den Anfallen von solchen Strauchdieben ausgesetzt waren, deren Anfuhrer er gewesen war.

Sie erreichten den Pass gegen Mittag und waren kaum einige hundert Schritte in demselben fortgeritten, als sie fernher ein dumpfes Gemurmel und Geschrei vernahmen, in welches sich bald einige Schusse mischten.

"Auf, Lodovico!" sagte Rinaldo; "dort gibt es Gefahr. Lass uns dorthin eilen! Vielleicht legen wir einigen Burschen das Handwerk, von deren Gattung wir sonst selbst waren."

Sie sprengten darauf los und erblickten bald einen Wagen, der von sechs bis acht zerlumpten Gaunern angehalten wurde, die eben jetzt im Begriff waren, die Maultiere abzuspannen.

"Haltet an!" schrie ihnen Rinaldo zu und zog eine Pistole.

Sogleich fiel ein Schuss nach ihm, der aber fehlging. Lodovico trat in die Bugel, legte seine Stutzbuchse an, zielte scharf und gab Feuer. Einer der Gauner sturzte zu Boden. Einen zweiten traf ein Schuss von Rinaldo, und als dieser mit dem Sabel unter die andern sturzte, flohen sie eilig nach dem Gebusch zu.

"Das sind keine der unsrigen!" sagte Lodovico.

Rinaldo sprengte an die Kutsche und erblickte in derselben den Baron Denongo und seine uns bekannte Tochter, die schone Laura.

"Ritter! Gelobt sei Gott!" schrie diese, als sie ihn erblickte.

Der Baron stammelte: "Mein Herr! Ich bin Euch die grosste Verbindlichkeit schuldig. Ohne Eure mutige Entschlossenheit waren wir beraubt und vielleicht den traurigsten Misshandlungen ausgesetzt gewesen."

"Ein Mann von Ehre wie Ihr", sagte Rinaldo, "wurde in einem ahnlichen Falle gewiss eben das fur mich getan haben, was ich fur Euch tat. Ich werde nur ferner meine Schuldigkeit tun, wenn ich mich erbiete, Euch nebst meinem Diener zu begleiten, da ich sehe, dass Eure Leute teils tot, teils verwundet sind."

"In der Tat, Herr Ritter!" fuhr der Baron fort. "Ihr kommt meiner Bitte durch Eure Grossmut und Euer gutiges Anerbieten zuvor. Ich habe noch beinahe sechs Stunden weit zu fahren, ehe ich mein Schloss erreiche, und bin, wie Ihr selbst bemerkt, des Beistandes meiner Leute beraubt. Ein alter Mann, wie ich, uberlasst sich gern dem Schutze eines jungeren Mannes von Ehre, wie Ihr einer seid, und ich darf wohl sagen, ich habe es auch einigermassen verdient, denn in meiner Jugend war ich eben ein solcher freudiger Ritter fur andere, wie Ihr einer seid."

Es fielen noch mehrere Worte von beiden Seiten, und Laura schwieg.

Lodovico hatte indes den verwundeten Kutscher, so gut es gehen wollte, verbunden und auf den Kutschersitz geschnallt. Sein Maultier hangte er an den Wagen, setzte sich auf und fuhr fort. Rinaldo ritt neben dem Wagen her. Es wurde scharf darauflos gejagt. Sie kamen bei dem Schlosse des Barons an.

"Jetzt, Herr Ritter!" sagte der Baron, "Es ist an mir, galant nicht allein zu sein, sondern als Euer Schuldner Euch, den Retter meines Lebens, zu bitten, mir das Vergnugen zu machen, so gut es gehen will, Euch von mir bewirten zu lassen."

"Ihr schlagt uns doch das nicht ab?" setzte Laura hinzu.

Rinaldo sprang vom Pferde und blieb. Lodovico kam das ganz gelegen.

"Herr Ritter!" sagte er, "Wir kommen wieder in weiche Hande. Nun ist's gut! Wir bleiben."

RINALDO Ach nein!

LODOVICO Hm! Ich kenne Euch besser. Ein Paar schwarze Augen, wie die des Frauleins, lassen Euch nicht vom Platze. Ich kann Euch auch gar nicht darum verdenken. Ich an Eurer Stelle machte es ebenso.

RINALDO Diesmal wirst du dich sicher betrugen.

LODOVICO Geschieht das, so betrugt Ihr Euch zuerst.

RINALDO Oder ich werde betrogen.

LODOVICO Das kann auch sein, denn Ihr habt's mit einem Weibe zu tun.

RINALDO So? Du meinst also

LODOVICO Dass ich keiner traue, und sah' sie noch so ehrlich aus.

RINALDO Woher hast du diese Philosophie?

LODOVICO Aus der Welt, auf der ich wohne, wo ich lebe und webe, hore und sehe, empfinde, denke und mancherlei schon erlebt habe.

Lachelnd befahl ihm Rinaldo, das Gepack auf die Zimmer zu schaffen, die der Hausverwalter ihnen anwies.

Rinaldos Wirt, der alte Baron, war ein gar guter, froher Mann, schon hoch in den Jahren, mit mancherlei korperlichen Leiden geplagt, aber dennoch nicht murrisch. Er war freigebig, gesprachig und gutwillig. Lodovicos Bravour zu belohnen, fand er leicht Mittel. Er schenkte ihm eine Borse mit Dukaten. Aber wie er seinen Gast, den er nur als Ritter de la Cintra kannte, belohnen sollte, ohne seine Delikatesse zu beleidigen, das verursachte ihm viel Kopfzerbrechen. Er ging daruber mit seiner Tochter zu Rate, die aber ebensowenig als er selbst wusste, wie die Schuld abzutragen sein mochte.

Rinaldo lebte nicht so unbefangen bei dem Baron, wie er auf dem Schlosse der Grafin gelebt hatte. Er stellte Betrachtungen uber seine Lage an und fand in diesen Reflexionen mancherlei Veranlassungen, seinen Aufenthalt abzukurzen. Er gab dies einst dem Fraulein deutlich zu verstehen. Sie fasste es auf und sagte:

"Wir glaubten alle in Messina, Ihr hattet nach jenem blutigen Vorfall die Insel verlassen; wie ich aber sehe, scheint es, dass Euch etwas auf derselben zuruckhalt, was Euch vielleicht auch den Aufenthalt bei uns langweilig und unertraglich macht. Oder zieht Euch ein Magnet anderswohin?"

ER Nennt Ihr mein ungluckliches Schicksal einen Magnet?

SIE Euer ungluckliches Schicksal? Das kenne ich nicht.

ER Lasst es mich allein kennen. Es treibt mich auch von hier fort. Ja, es wurde mich aus dem Paradiese selbst treiben.

SIE Habt Ihr Euch mit der Grafin Martagno entzweit?

Da trat der Baron mit einem Briefe in der Hand ins Zimmer und sagte:

"Hort einmal! Da wird mir eine sonderbare Neuigkeit aus Messina geschrieben. Man will dort ganz gewiss wissen, der beruchtigte Rinaldini sei nicht tot, sondern befinde sich lebendig auf unserer Insel. Es kann wohl sein, dass die Gauner, aus deren Handen uns der tapfere Ritter errettete, Leute von seiner Bande waren. Es war' verzweifelt schlimm, wenn dieser ungebetene Gast in unsern Talern hausen sollte. Ich werde alle meine Leute bewaffnen; denn er uberfallt zuweilen sogar Schlosser und Festen."

"Ich kann nicht glauben", sagte Rinaldo, "dass er sich in Sizilien befindet. Ware dem so, so hatte man gewiss schon von ihm gehort, denn er soll nicht gern lange stillsitzen."

"Naturlich!" fiel der Baron ein, "denn er lebt ja von Unruhe und Ungluck."

RINALDO Jawohl! Von und mit Unruhe und Ungluck.

BARON Der Vizekonig will in Messina die Milizen aufbieten und einen Preis auf den Kopf des Gaunerkonigs setzen.

RINALDO Ich darf auf den Preis nicht rechnen. Denn als ich einst in Rinaldinis Handen war und er mich sehr edel behandelte, musste ich ihm versprechen, nie heimtuckisch gegen ihn zu handeln. Und im offenen Felde mag ich nicht gegen ihn stehen.

BARON In der Tat! ich furchte fur die Borsen unserer Barone und fur die meinige dazu. Ich bin alt und stumpf. Zwolf Leute im Schlosse, was sind die gegen einen Wagehals wie Rinaldini an der Spitze seiner tollkuhnen Gesellen! Ritter! Ihr musst mir es zur Freundschaft tun und noch einige Zeit bei uns bleiben. Ihr seid ein Mann von Mut und Entschlossenheit. Euer Lodovico ist ein Teufelskerl. Ja wahrhaftig! war er nicht Euer Diener, ich konnte wohl gar glauben, er sei selbst ein Rinaldinischer Buschkonig.

RINALDO Verwegen genug sieht er dazu aus! Ich glaube aber nicht, dass wir etwas von ihm zu furchten haben.

Indem trat der Haushofmeister des Barons, der in Geschaften in dem benachbarten Stadtchen gewesen war, in das Zimmer, stattete von seinen besorgten Auftragen Relation ab und meldete zugleich, dass mehrere Reisende von Strassenraubern in der Nahe angefallen und geplundert worden waren.

"Da haben wir's!" sagte der Baron. "Das Ungewitter kommt uns immer naher."

Der Haushofmeister verliess das Zimmer wieder, und der Baron sprach noch ein langes und breites von seinen Besorgnissen. Rinaldo suchte ihm vergebens seine Furcht auszureden, und Laura, die befurchtete, er mochte wirklich mit Manier auf seiner Abreise bestehen, nahm das Wort und sagte:

"Da es eine der ersten Ritterpflichten ist, Damen zu beschutzen und zu verteidigen, so ersuche ich Euch, Ritter, die Eurigen nicht zu vergessen und wenigstens zu meinem Schutze hierzubleiben."

RINALDO Ihr wisst doch aber, dass der Schutz der galantesten Ritter auch immer ein wenig eigennutzig war?

BARON Recht gut, Ritter, dass Ihr sie daran erinnert. Sie mochte sonst vielleicht den Schutz umsonst verlangen.

LAURA Ich weiss nicht wie und womit ein solcher Schutz bezahlt wird.

RINALDO Das Schutzgeld steht in eigener Willkur. Aber bezahlt muss nun einmal werden.

LAURA So mag mein Vater fur mich bezahlen.

BARON Das wird nicht geschehen. Ich bin ohnehin noch Schuldner und habe fur mich selbst zu bezahlen.

LAURA Nun wohlan! so will ich als eine wahre romantische Ritter-Dame bezahlen. Nehmt diese Schleifen, Ritter, sie sind meine Farbe. Tragt sie, fuhlt Euch zu grossen Taten entflammt und macht Euch dieses Geschenkes wert. Werdet Ihr Euch immer mannlich, wie es einem Ritter ziemt, benehmen, so sollt Ihr dann vielleicht von mir erhalten, was ich neben dieser Schleife trage.

BARON Wie? Das war' ja dein Herz?

LAURA Nein, lieber Vater! Es ist mein Portrait.

Jetzt fing Rinaldo an, mit sich selbst und seinen Absichten in Streit zu geraten.

"Wozu kann es gut sein" sprach er bei sich selbst , "langer auf dem Schlosse zu bleiben? Welchen Nutzen kann es dir bringen? Ziehe ihn selbst zu, den Knoten, der dich mit einem Netz umstrickt, in welches du schon gegangen bist. Wie kannst du dich mit falschen Hoffnungen tauschen? Laurens Hand kannst du nie erhalten. Und gesetzt, du hattest sie auch als Ritter erschlichen, wird sie dir der Rauberhauptmann nicht wieder entreissen?"

So sprach er, warf sich am Ufer des Flusses, der sich durch blumige Wiesen nach den Gebirgstalern zu schlangelte, unter duftenden Aloen nieder, wollte nachdenken uber sich und seine Lage, wollte einen Entschluss fassen, vermochte beides nicht und sank, von starken, balsamischen Geruchen betaubt, in Schlummer.

Als er wieder erwachte, sah er einige Schritte von sich unter einer Pinie einen sonderbar gekleideten Mann, in einem Buche lesend, auf einem Steine sitzen. Dieses Mannes bluhend rote Gesichtsfarbe widersprach seinem weissen Haupt- und Barthaar, die ihn als Greis ankundigten. Sein Gewand war lang und faltig, wie das Gewand der Pythagoraer, von himmelblauer Farbe, hochgeschurzt, mit einem feuerroten Gurtel. Seine Arme waren in weisse Armel eines Unterkleides gekleidet, seine Fusse nackt, mit roten Riemen umwunden. Er ging auf breiten Sohlen.

Dieser sonderbar gekleidete Mann zog Rinaldos ausserste Aufmerksamkeit an sich. Er betrachtete ihn lange schweigend, stand endlich auf, naherte sich und grusste ihn.

Der muntere Alte sah ihn an und sagte:

"Wie kannst du so unvorsichtig sein, in dieser Gegend, wo es von giftigen Tieren wimmelt, dich so sorglos dem Schlafe zu uberlassen?"

"Sollte wirklich hier etwas zu furchten sein?" fragte Rinaldo.

"Sieh dich um", antwortete der Alte gelassen.

Rinaldo sah sich um und erblickte eine tote Schlange im Grase, nicht weit von seinem Schlafplatze. Er erschrak und sah den Alten fragend an. Dieser verstand seinen fragenden Blick und sagte:

"Diese Schlange nahte sich dir, als du schliefst."

RINALDO Welchem Gluck verdanke ich meine Rettung?

ALTER Ich kam eben dazu, als die Schlange auf dich zuschoss, und sie ist tot.

RINALDO Du hast sie getotet? Mit welchen Waffen? Ich sehe dich ganz unbewehrt.

ALTER Es gibt auch wohl Worte, die die Kraft der Waffen doppelt ersetzen. Ich setzte mich dir gegenuber, damit dir, solange du schliefst, kein ahnliches Ungluck begegnen mochte.

RINALDO Nimm meinen besten Dank und schenke deinen Namen meiner dankbaren Erinnerung.

ALTER Namen machen die Menschen weder merkwurdiger noch besser, als sie wirklich sind. Erinnere dich meiner Gestalt, und ich werde in deinem Andenken auch ohne Namen fortleben.

RINALDO Du sprichst die neuere Sprache dieser Insel, und dein Gewand zeigt dich mir in der Gestalt der Weisen der Vorzeit dieses Landes. Wie soll ich mir das erklaren?

ALTER So einfach wie moglich. Man ist nicht immer, was man zu sein scheint; man scheint nicht immer zu sein, was man ist.

RINALDO Nochmals! wer bist du?

ALTER Was du ebensogut sein kannst als ich: ein Freund der Weisheit.

RINALDO Ist die Weisheit eine so allgemeine Freundin?

ALTER Die Weisheit ist uns allen so wohltatig gemein wie die Sonne. Ihre Strahlen erwarmen jedes empfangliche Herz. Doch die Seligkeit, diese Warme zu fuhlen, erfordert freilich eine Organisation, die nicht allen Menschen eigen ist. Ein boser Mensch ist nicht wert, die Pfade zum Tempel der Weisheit zu kennen, denn was dem Frommen Segen der Menschheit in der Natur ist, wurde dem Bosen Fluch der Welt werden. Wer keinen Geruch hat, dem duften diese bluhenden Matten vergebens. So wie jedes Element von dem Geschopfe, welches dasselbe bewohnt, eine besondere Organisation fordert, so fordert auch der Tempel der Weisen eine gewisse Organisation dessen, der sich ihm nahen, der ihn bewohnen will.

RINALDO Hier walten hohe Geheimnisse!

ALTER Der Tempel der Weisheit ist der Tempel der Natur, und in der Natur walten keine Geheimnisse. Das, was man gemeinhin Geheimnisse der Natur nennt, sind Gesetze, die in dem Buche der Natur selbst zu lesen sind. Dieses liegt aufgeschlagen vor jedermanns Augen. Lies in diesem Buch! lies mit dem Auge der Seele. Dieses Auge ist Beobachtung. Aber das Auge muss heiter sein. Diese Heiterkeit ist ein Kind der Ruhe von allen Leidenschaften. Nur der reine Quell zeigt dir das vollkommne Bild der allesbelebenden Sonne. Trube Bache sind keine Spiegel. Ebenso ist es mit der Weisheit. Die Natur gleicht einer Schonen, die nachlassig zuweilen ihre kleinsten und verborgensten Reize zeigt und die ubrigen sorgfaltig verhullt. Wer denken, fuhlen, prufen, merken und ahnen kann, der ist wert, sie ganz zu entschleiern. Die Natur spricht nur mit dem, der feine Organe hat, zu horen ihre Stimme. Verfeinerung der Sinne ist Annaherung zu den Geheimnissen der Natur. Wer sich ihr mit reinem Herzen und mit scharfen Blicken nahert, den heisst sie, die erhabene Priesterin, wie eine freundliche Wirtin willkommen und fuhrt ihn in den Tempel ihres Heiligtums. Dort fallt die Decke von seinen Augen. Das Unbegreifliche wird ihm begreiflich. Alles Unbegreifliche fur diese Korperwelt liegt in der Kraft der Assimilation; und diese Kraft ist es, welche die wenigsten Menschen kennen. Der Magnet wirkt nur auf Ahnliches, und seine Ausstromung ist wunderbar. Diese Kraft ist nur ein Wink; es gibt verborgene Krafte, Krafte der Seele, und die Art ihrer Attraktion ist wunderbarer als die des Magnets.

RINALDO Und diese Kraft liegt in jeder Menschenseele?

ALTER In jeder. Aber sie muss geweckt werden. Am besten, sie weckt sie sich selbst.

RINALDO Dies gehort in die Sphare der Tatigkeit des Menschen.

ALTER Wohl bemerkt, mein Sohn! Jeder Mensch hat seine Bestimmung zum Ganzen.

RINALDO So liegt auch vieles ausser ihm.

ALTER Er suche es zu sammeln.

RINALDO Zeit und Gelegenheit des menschlichen Daseins sind so beschrankt, dass der Mensch sich oft erst kennenlernen will, wenn er schon aufhort zu sein.

ALTER Das Dasein der Menschen ist dem Dasein der Sonne ahnlich. Sein Erwachen ist der Morgen; der Mittag ist sein irdisches, tatiges Leben; der Abend ist sein Tod. Die Sonne verlasst den Horizont und ihr Licht wird unsern Augen zur Dammerung. Doch erleuchtet dieses Licht noch manche Hutte oder wird noch immer gesehen von manchem, der hohere Gegenden bewohnt. So der Mensch im Verschwinden. Er wirkt ruckwarts. Ist diese Wirkung gleich schwacher, so wird sie doch manchem bemerkbar.

RINALDO Dies sagt wohl auch, es gebe eine Ruckwirkung Abgeschiedener auf Lebende?

ALTER Was hindert dich, das zu glauben? Es gibt der Dinge so viele, die nicht einmal scheinen, aber dennoch sind. Dein schwaches Auge, gestarkt durch Glaser, entdeckt deinen Blicken unbekannte Dinge; was kann das Auge deiner Seele dir nicht alles entdekken, hast du die Kunst gelernt, es zu verstarken!

Der Alte steckte sein Buch in den Busen und stieg auf. Rinaldo sah ihn mit zweifelhaften Blicken an. Die Pause war kurz.

ALTER Gehabe dich wohl, mein Sohn? Lass die Krafte, die in dir liegen, nicht langer schlummern. Erwecke sie. Es bedarf eines Hauches und das Funkchen wird zur Flamme. Leb' wohl!

RINALDO Wohin gehst du?

ALTER Woher ich gekommen bin. In die Gebirgstaler zuruck, wo ich wohne.

RINALDO Darf ich dich besuchen?

ALTER Du bist gebeten.

RINALDO Wie werde ich deine Wohnung finden?

ALTER Du gehst dem Flusse nach. Dort im Gebirge wandeln meine Schuler bestandig umher, vertieft in das Studium der Natur. Sie werden dir meine Wohnung zeigen. Noch eins. Offne den Kopf dieser Schlange. In ihrem Gehirne wirst du einen kleinen, grunlichen Stein finden. Nimm ihn zu dir. Er schutzt gegen Vergiftungen. Gott sei mit dir! Der Alte ging. Rinaldo sah ihm nach, bis die Berge ihn seinen Blicken entzogen. Er suchte und fand den bezeichneten Stein im Gehirn der Schlange und ging nachdenkend ins Schloss zuruck. Man schien zu bemerken, dass Rinaldo jetzt noch nachdenkender als gewohnlich sei. Laura bat ihn, nach der Abendtafel ihr einige Augenblicke auf ihrem Zimmer zu schenken. Das geschah, sobald der Baron zur Ruhe war.

Sie war allein und schien verlegen zu sein. Rinaldo wollte das nicht bemerken. Das fiel ihr auf.

SIE Ritter! Ihr seid seit einigen Tagen auffallend nachdenklich und zerstreut, und heute mehr als jemals. Ihr bemerkt jetzt nicht einmal, dass ich verlegen bin. Kennte ich den Grund Eurer Zerstreuung, so konnte ich vielleicht jetzt noch verlegener sein, als ich es schon wirklich bin. Indessen, es sei gewagt! Ich bin ohne Furcht mit Euch allein und habe Euch etwas zu entdecken. Vorher nehme ich Eure Grossmut in Anspruch und bitte Euch, mir meine Entdeckung zu verzeihen, und wenn sie auch sogar Euer Herz treffen sollte. Ihr verzeiht mir diesen Ausdruck! Ich kann mich irren; aber Euer Benehmen seit einigen Tagen lasst mich vielleicht mit Entschuldigung Eure Hoffnung furchten.

ER Wenn Ihr mich Eures Vertrauens wurdig glaubt, so entdeckt Euch mir.

SIE Ich wage es.

ER Ihr wagt nichts.

SIE Wir wollen's horen. Ich liebe.

ER Ist das Euer Geheimnis? Konntet oder musstet Ihr es nicht fur Euch behalten?

SIE Ich suche einen Vertrauten, der mein Geheimnis bei sich aufnimmt und es gleich dem seinigen wohl aufbewahrt.

ER Es ist verwahrt.

SIE Hort mich weiter an. Mein Vater hat Absichten, meine Hand zu vergeben, das weiss ich gewiss. An wen, das weiss ich nicht. Aber sei er auch, wer er wolle, den mir mein Vater zum Gemahl bestimmt, ich werde ihn nicht lieben konnen.

ER Das konnt Ihr ja nicht wissen!

SIE Ich weiss es gewiss. Denn den, den ich liebe, wird er mir nicht geben.

ER Das ist die Frage.

SIE Nein! das ist Gewissheit. Der, den ich liebe, ist unter meinem Stande. Er ist kein Edelmann.

ER Denkt er edel und verdient die Liebe eines edlen Herzens, so ist er zweifach zum Ritter geschlagen. Darf ich wissen, wer er ist?

SIE O ja! Ich furchte mich nicht, ihn Euch zu nennen. Es ist meines Vaters Sekretar.

ER Soviel ich ihn kenne, scheint er ein braver Mann zu sein. Ich kann Eure Liebe nicht missbilligen.

SIE Nicht? Wirklich nicht? Auch dann nicht, wenn

ER Ich verstehe Euch! Auch dann nicht, wenn ich der selbst sein sollte, dem Euer Vater Eure Hand zugedacht hat.

Die Seitentur sprang auf, der Sekretar trat in das Zimmer, ergriff Rinaldos Hand, druckte sie an sein Herz und wollte sprechen, als ihn dieser Lauren sanft in die Arme schob und schnell das Zimmer verliess. Rinaldo schlief diese Nacht wenig und verliess mit Tagesanbruch das Schloss, die Wohnung des geheimnisvollen Alten aufzusuchen. Er ging an dem Flusse hinab, kam in ein schmales Tal, das, zwischen Bergen hin, auf eine Ebene fuhrte, die im breiten Kreise mit steilen Anhohen umkranzt war. Vor ihm lag ein Olivenwaldchen, durch welches ein gebahnter Weg gerade auf drei Marmorsaulen zufuhrte, die mit Hieroglyphen geziert waren. Hinter den Saulen stand ein Altar mit einem schonen Basrelief. Daran stand die Schrift:

.

Rinaldo war noch in das Anschauen dieser Schrift und der Figuren vertieft, als er einen auf griechische Art weissgekleideten, langen, hagern Mann auf sich zukommen sah, der einen Olivenkranz in den Haaren und ein hermetisches Schlangenstabchen in der Hand trug. Dieser grusste ihn.

"Sei willkommen, ehrenwerter Fremdling, der du gestern mit unserm erhabenen, vielgeliebten Meister sprachst."

Rinaldo dankte ihm schweigend. Jener aber redete also fort:

"Du betrachtest diese Figuren und diese Schrift so aufmerksam, dass ich deine Wissbegierde in deinen Blicken lese. Was diese Worte betrifft, so geben sie den Namen Weltenschopfer, eben das, was das Viracocha der Peruaner bezeichnete. Die Figur aber, die du hier siehst, ist das Brustbild eines Greises, des Schopfers der Welten, des Ewigen, des Allerschaffers, die Einheit. Die drei Flammen, welche sein Haupt umgeben, sind die symbolische Zahl der Vollkommenheit. Seine Arme, die ausgestreckt Welt und Sonne in den Handen halten, sind das symbolische Zeichen der ersten Zahl, die aus der Einheit entsteht; die Zahl der Schopfung, das Symbol der Produktion. Welt und Sonne vereiniget eine Kette. Der Korper ist das Symbol der Harmonie; die himmlische Lyra. Er ruht auf sieben Buchern, die die sieben Bucher der Geheimnisse der Natur und mit sieben Siegeln verschlossen sind. Die vier Saiten des Instruments sind das Symbol des Tetracordon, die Ubereinstimmung der Harmonie, in der Zahl 4. Diese ist auch das Symbol der Richtigkeit der Dinge, als: des mathematischen Punkts, der Linie, des Plans und der Tiefe. Diese Hieroglyphe druckt die ganze Natur aus, namlich: die Wesenheit, die Beschaffenheit, die Vielheit und die Bewegung der Dinge."

Rinaldo sah den Belehrenden mit grossen Augen an und wollte eben nach dem ihm bekannten Alten fragen, als dieser selbst in eben der Tracht, wie er ihn gestern gesehen hatte, erschien, ihn freundlich grusste, ihm die Hand schuttelte und sagte:

"Wohl, mein Sohn! Das heisst Wort gehalten."

Er fuhrte ihn hierauf mit sich fort durch bluhende Fluren und sagte:

"Dieses ist das Tal, welches ich bewohne. Es hat noch immer seinen altesten Namen, und man nennt mich davon in der Gegend: den Alten von Fronteja. Diese Benennung ist auch mir so gelaufig geworden, dass ich mich nun oft selbst so nenne."

Wie diese Erklarung Rinaldo traf, kann man sich leicht denken, wenn man sich an Olimpiens Brief und an die Nachricht erinnert, welche ihm der Marchese Romano von dem Manne gab, mit welchem er so unvermutet bekannt geworden und jetzt im Gesprach begriffen war. In diesem Augenblick standen Olimpia, der Marchese und der Kapitan vor seinen Augen. Er wusste nicht, ob er weiter mit dem Alten gehen, oder ob er wieder zuruckeilen sollte. Er furchtete die genannten Personen wirklich anzutreffen, sah sich verraten und erblickte in dem Weisen einen Verrater. Er wankte, folgte aber dennoch seinem Fuhrer.

Sie waren eben an einen kleinen Altar gekommen, als der Alte zwei Rosen von einem Strauche brach, dieselben auf den Altar legte, seine Augen gen Himmel, und laut seine Stimme erhob:

"Ewiges Wesen! Ein Opfer der Freundschaft!" Er wendete sich zu Rinaldo und sagte: "Fremdling! hier bist du sicher."

"Was konnte ich furchten?" fragte Rinaldo mit etwas trotziger Stimme.

"Die Menschen", antwortete der Alte gelassen und ging unbefangen weiter fort.

"Menschen gibt es allenthalben", sagte Rinaldo; "und ich habe nichts zu furchten, als was sie alle zu furchten haben."

"Bei uns bist du, wie du gehort hast, unter Freunden", fiel der Alte ein.

Rinaldo ging, ohne ein Wort zu sprechen, weiter mit seinem Fuhrer fort, und dieser zeigte ihm seine Wohnung, die in einem sehr edlen und antiken Stile erbaut war. Auf den Bergen standen Klausen, in welchen, wie der Alte sagte, Junger von ihm wohnten, die sich besondern Betrachtungen und Untersuchungen widmeten.

"Ist die Anzahl deiner Junger gross?" fragte Rinaldo.

"Dreimal sieben sind ihrer", war des Alten Antwort.

Sie kamen in die bezeichnete Wohnung. Unter der Mittelhalle derselben bewirtete der Alte seinen Gast mit einem guten Fruhstuck. Er selbst ass nur einige Loffel Honig und etliche Stuckchen dunn geschnittenes weisses Brot. Wein trank er nicht, aber Milch.

"Lebst du lange hier?" fragte Rinaldo.

"Nicht lange", antwortete der Alte. "Doch langer als ein Menschenalter."

Rinaldo sah ihn mit zweifelhaften Blicken an und fragte endlich: "Du hast das gewohnliche Menschenalter schon uberschritten?"

"Zweimal", war seine Antwort.

Rinaldo sah ihn noch misstrauischer an. Jener aber blieb ganz unbefangen, und als Rinaldo eben weiter fragen wollte, vernahm er weibliche, singende Stimmen und sah ein paar verschleierte Frauenzimmer Hand in Hand vorubergehen.

"Wer sind diese?" fragte er.

"Es sind ein paar meiner Schulerinnen", war des Alten Antwort.

"Also leben auch Weiber hier?"

"Jungerinnen der Weisheit. Priesterinnen im Tempel der Natur und Wahrheit."

Rinaldo schwieg. Der Alte ersuchte ihn, ihm zu folgen. Er kam in ein einfaches Zimmer und fand hier ein Polsterlager, auf welches sich der Alte niedersetzte, dessen Beispiel er folgte. Der Alte nahm, als er sass, das Wort und sagte: "Von den ersten Zeiten meiner Jugendjahre an war ich ein Freund und ernstlicher Nachforscher aller Mysterien, und bis jetzt, muss ich sagen, ist es mir gelungen, die Mysterien aller Zeiten und Volker zu enthullen."

Rinaldo sah ihn aufmerksam an. Der Alte fuhr fort: "Ich studierte die emblematische Mythologie der Griechen und Agypter, die Theogonie, Kosmogonie und die religiosen Lehren der altesten Volker. Ich studierte in dem Shestah der Gentuser, im Zenda Vesta der Parsen, in der Edda der Islander, im Chou-king und Lyking der Chinesen. Ich enthullte die Wege der Kakosophia und Kakodamonia, studierte die Anthrosophia und wurde endlich, was ich noch bin, ein wahrer Theosoph. Dieses Namens bediene ich mich auch gewohnlich. Du kannst denken, dass Zeit dazu gehorte, alles dies zu leisten. Diese aber hat mir der Himmel gewahrt."

Hier machte der Theosoph eine Pause und sagte: "Freund, warum bist du aus dem Schlosse gegangen, ohne etwas davon zu sagen? Man ist dort unruhig uber deinen Weggang."

"Wer?" fragte Rinaldo rasch.

Der Alte zeigte, ohne ein Wort zu sprechen, auf einen grossen, breiten Spiegel, der in dem Zimmer hing und aus einer glanzenden Metallplatte bestand. Rinaldo sah in den Spiegel und sah in demselben zu seinem grossten Erstaunen Lauren und Lodovico leibhaftig vor sich. Die Bewegungen ihrer Hande und ihre Gesichtszuge zeigten an, dass sie sich uber etwas Angelegenes miteinander unterhielten.

"Ich hore sie sprechen", sagte der Alte.

"Sprechen?" fragte Rinaldo.

"Du kannst sie nicht horen. Ich hore sie aber mit dem Ohre der Seele, welches mir die Approximation ihrer Rede verschafft", antwortete der Alte.

"Was sprechen sie?"

"Die Dame ist angstlich uber dein Verschwinden. Dein Diener meint, du mochtest bloss eine Exkursion gemacht haben. Sie will sich bei dieser Erklarung nicht beruhigen."

Rinaldo schwieg einige Augenblicke. Der Alte storte ihn nicht in seinem Nachdenken. Als Rinaldo seine Augen wieder auf den Spiegel warf, sah er in demselben Lauren auf ihrem Zimmer und den Sekretar in ihren Armen. Er wendete sein Gesicht von dieser Szene und sagte:

"Freund, du bist ein grosser Mann!"

"Auch du kannst werden, was ich bin", sagte der Alte. "Ich bin nicht der einzige dieser Art in der Welt."

Mit einem tiefen Seufzer fragte Rinaldo: "Kennst du mich?"

"Warum sollte ich dich nicht kennen?" antwortete der Alte und zeigte auf den Spiegel.

Rinaldo sah hinein und erblickte sich in der Raubertracht, in den Apenninen vor Donatos Klause. Er fuhr heftig zusammen und fragte:

"Kennst du auch diesen Donato?"

"Warum nicht?" fragte der Alte und zeigte wieder auf den Spiegel.

Dort stand Donato und arbeitete in seinem Gartchen.

"Ich will dir noch einige Personen zeigen", fuhr der Alte fort, "die du auch kennst. Sieh in den Spiegel, sie sollen voruber gehen."

Rinaldo sah in den Spiegel und erblickte den Prinz della Roccella, den Vater der sanften Aurelia. Er ging in einem Buche lesend im Zimmer auf und ab. Die Szene verwandelte sich im Spiegel, und Rinaldo sah das Innere einer Klosterzelle, in welcher Aurelia schlafend auf ihrem Bette lag. Er seufzte und schlug seine Augen nieder. Als er sie wieder erhob, sah er die Grafin Martagno. Sie sass in ihrer Gartenlaube und weinte. Rinaldo seufzte starker. Die Spiegelszene verwandelte sich. In einer wusten Gegend wandelte eine Pilgerin. Es war Rosalie.

"Lebt sie noch?" schrie Rinaldo.

"Sie lebt", war des Alten Antwort.

"Werde ich sie wieder sprechen?"

Der Alte dachte nach und sagte:

"Heute kann ich dir darauf noch nicht mit Gewissheit antworten."

Rinaldo schwieg. Der Alte fragte:

"Willst du mehrere deiner Bekannten sehen?"

"Nein!" antwortete Rinaldo.

Ein blauseidener Vorhang rollte herab und bedeckte den Spiegel.

Rinaldo wiederholte:

"Freund, du bist ein grosser Mann!"

Der Alte lachelte und sagte:

"Bloss Kunst der Magie. Auf dieser beruht mein Stolz nicht."

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:

"Du sollst sehen, wie tief ich in die Nacht der Mysterien eindrang. Ich will dir alle Grade der beruhmten Krata Repoa zeigen, die Agyptens Heiligtum verhullte. Ich habe sie entschleiert. Meine Junger und Jungerinnen sollen das Schauspiel auffuhren, das ich dir geben will. Es dient zur Unterhaltung und zum Nachdenken." Als er das gesagt hatte, stand er auf, nahm Rinaldo bei der Hand und fuhrte ihn in einen schonen Saal, dessen Wande mit Symbolen der Gotter aller Nationen bemalt waren. Verschiedene allegorische Statuen standen an den Seiten der Fenster. Der Saal hatte eine Galerie und ein schones Deckenstuck, welches Odips Losung des Sphinginischen Ratsels darstellte.

In einem Seitenzimmer ertonte eine sanfte Musik, begleitet von weiblichen Stimmen. Der Alte ging mit Rinaldo schweigend im Saale auf und ab. Als die Musik schwieg, sagte der Alte:

"Der Mensch besteht aus Korper und Seele. Beide wollen vergnugt und ergotzt sein. Ich gonne jedem auf erlaubte Art, was er verlangt. Harmonie ist die Kette aller Wesen, der Gang des Universums. Du wirst wissen, was man von der Spharenmusik geschrieben hat? Ich liebe Musik und Gesang. Beides liegt in uns. Wir geben und nehmen, wir schenken und empfangen es gern. Die hochsten Freudenausdrucke sind eine gar angenehme Musik fur das Ohr des Kenners. Das Leiden hat auch seine Tone fur akkordmassig gestimmte Herzen."

Als er das sagte, wurde eine Tafel in den Saal getragen, die mit mancherlei Speisen und Getranken besetzt war. Der Alte notigte Rinaldo, etwas zu sich zu nehmen. Er selbst ass nur einige dunne Scheiben weisses Brot, ein paar Loffel Honig, eine Ananas, und trank Milch.

Als die Tafel wieder abgetragen wurde, nahm der sogenannte Theosoph seinen Gast bei der Hand und fuhrte ihn in einen zweiten Saal, an dessen schwarz marmornen Gesimsen mit goldenen Buchstaben die Inschrift prangte:

.

"Hier sollst du", sagte er, "das dir versprochene Schauspiel der Krata Repoa sehen!" und liess sich auf ein Polsterlager nieder. Rinaldo folgte seinem Beispiel.

Sechstes Buch

Man sucht die Ruh, sie nie zu finden,

Man findet sie, geniesst sie nicht;

Der Hoffnung hellste Sterne schwinden,

Die Damm'rung wird dann Sternenlicht.

Rinaldo empfing von dem Alten einen kleinen Vorbericht uber die Geheimnisse der Agyptischen Mysterien und sah dann ein ebenso merkwurdiges als glanzendes Schauspiel auffuhren, in welchem der Einzuweihende alle sieben Grade der Krata Repoa mit der grossten Feierlichkeit durchging. Er sah ihn unter Blitz und Donner die heilige Leiter der sieben Sprossen ersteigen, horte die Rede des Hierophanten, sah das Tor der Menschen und die schwarze Kammer, die Versuchungsszene der schonen Priesterinnen, denen der Einzuweihende widerstand, die Wasserszene und die Schlangenkammer, den Greif und die Saulen. Er sah den Eingeweihten durch das Tor des Todes gehen, sah ihn die Krone ausschlagen, sah ihn im Orkus und horte, welche Lehren ihm gegeben wurden. Seinen Augen stellte sich die Schlacht der Schatten dar, die Hohle des Feindes und das gemordete Frauenzimmer. Er sah den Kampf mit Orus und Typhon und die grosse Feuerprobe. Er erblickte den Eingeweihten vor Lauf der Gestirne bezeichnete, sah dem Eingeweihten den Trank Oimellas reichen und erblickte das Ende seiner Proben und seine formliche feierliche Aufnahme in das grosse Heiligtum.

Die Darstellung dieses Schauspiels hatte sehr lange gedauert. Rinaldo wurde wieder mit Trank und Speisen bewirtet, und als er diese genossen hatte, sagte der Alte zu ihm:

"Jetzt, mein Freund! gehe auf das Schloss zuruck, welches du verlassen hast, wo diese Nacht deine Gegenwart notig sein wird. Gedenke deines Freundes zu Fronteja und bewege, was du gesehen und gehort hast, wohl in deinem Herzen."

Rinaldo ging in das Schloss zuruck und vernichtete durch seine Ankunft alle Angstlichkeit, die seine Abwesenheit verursacht hatte. Es war gegen Mitternacht, und noch floh der Schlaf Rinaldos Augen, als auf einmal ein schreckliches Getummel im Schlosse entstand. Er horte Schwerter klirren, die Hunde bellten, ein lautes Geschrei ertonte aus dem Schlosshofe herauf, und endlich fielen Schusse. Rinaldo sprang vom Lager, warf einen Uberrock uber, steckte seine Pistolen zu sich, ergriff den Sabel und eilte auf den Saal. Hier standen Laura und ihr Vater, blass und zitternd; die Zofen hielten Lichter in den bebenden Handen; von unten herauf wogte das Getummel des Waffengeklirrs, und Schusse fielen lauter und schneller.

"Was gibt es?" fragte Rinaldo.

"Das Schloss ist von Raubern uberfallen worden!" stammelte ein verwundeter Diener. "Wir sind zu schwach zu widerstehen, und einige meiner Kameraden liegen schon tot darnieder gestreckt."

Jetzt sturzte Lodovico mit gezogenem Sabel herbei und schrie: "Lasst uns den Eingang des Saals verteidigen!"

Rinaldo flog an die Saaltur. Die Rauber drangten sich schon frohlockend die breite Marmortreppe herauf.

"Haltet an!" schrie ihnen Rinaldo mit donnernder Stimme entgegen. "Sagt, wer ihr seid und was ihr wollt?"

"Wer hat uns hier zu gebieten?" fragte einer aus der Schar.

"Ich", antwortete Rinaldo.

"Aha! uber den gebietenden Junker! Gehe er vom Platze, oder es kostet sein Leben."

"Haltet an! sage ich euch, und seht zu, mit wem ihr es zu tun habt."

"Zuruck! und kein Wort weiter verloren."

"Haltet an! und lasst mit meinem Namen euch nicht zu Boden schmettern."

Die Rauber lachten laut auf. Einer antwortete: "Manner, die eure Schwerter nicht furchten, verlachen eure Namen."

"Den meinigen gewiss nicht."

Sie lachten wieder und schrien: "Vorwarts!"

Rinaldo rief ihnen mit erschutternder Kommandostimme zu: "Haltet an! das gebietet euch Rinaldini."

Die Schar stand betroffen. Endlich sagte einer:

"Bursche! entweihe diesen beruhmten Namen nicht. Ich diente unter Rinaldini und kenne ihn."

"Wenn du ihn kennst, so tritt naher und gebiete deinen Kameraden einzuhalten."

Rinaldo trat von der Tur in die Mitte des Saals zuruck und nahm einer Zofe das Licht aus der Hand. Lodovico flog auf seinen Wink auf die andere Zofe zu, nahm ihr das Licht und zundete die Kerzen der Wandleuchter des Saals an.

Die Szene wurde hell. Rinaldo blieb in seiner Stellung. Der Baron und Laura erwarteten zitternd, was geschehen wurde.

Der eine, der sich vermass, Rinaldini zu kennen, bat seine Kameraden, jetzt ruhig zu sein. Diese drangten sich zur Tur. Er ging mit ungewissen Schritten auf Rinaldo zu, blieb stehen, sah ihn fest an, legte seinen Sabel nieder und sprach:

"Grosser Hauptmann! Ich beuge meine Knie. Du bist es. Du bist Rinaldini, mein beruhmter Hauptmann."

Alsobald jauchzte laut auf die ganze Schar:

"Viva Rinaldini!"

"Ich kann" sagte Rinaldo, "euern Freudengruss nicht eher erwidern oder annehmen, als bis ich euch folgsam finde."

"Fordere!" schrien alle, "Fordere, beruhmter Hauptmann! Was wir dir zu geben schuldig sind, wirst du empfangen."

"Nun dann", begann Rinaldo, "so fordere ich von euch, dass ihr dieses Schloss sogleich verlasst."

Nach dieser Forderung wurde es still. Endlich begann ein Gemurmel und zuletzt trat einer aus der Schar hervor und sprach: "Wir haben kein Geld und haben Mangel an Lebensmitteln. Deshalb haben wir das Wagestuck unternommen, das uns gegluckt ist. Du weisst, beruhmter Hauptmann, wozu die Not treiben kann. Aber um dir zu zeigen, wie gross die Hochachtung ist, die wir fur beruhmte Manner deinesgleichen haben, so wollen wir dieses Schloss verlassen, wenn du uns versprichst, zu uns zu kommen und bei uns, wie ein Freund unter Freunden, zu weilen. Schlagst du uns dies ab, so gehen wir nicht. So tapfer und beruhmt du auch bist, so wirst du doch wohl einsehen, dass Gewalt uns nicht von hier vertreiben kann. Zahle uns selbst. Unserer sind achtzig, die das Schwert fuhren, im Schlosse. Wir furchten den Tod nicht, und die Entschlossenheit ist unsere Waffengefahrtin. Dreissig unserer Kameraden stehen vor dem Schlosse; sie sind des Namens unserer Waffengesellen nicht unwert."

"Bist du" fragte Rinaldo "der Anfuhrer dieser Tapfern?"

"Der bin ich."

"Dein Name?"

"Luigino."

"Gut dann! Tritt vor und ruste dich zum Kampfe. Dir wird die Ehre, mit Rinaldini zu fechten. Besiegst du mich, so handle im Schlosse nach Willkur; nur empfehle ich dir Menschlichkeit. Liegst du unter, so ziehst du mit deinen Leuten sogleich aus dem Schlosse ab. Dieses sind des Kampfes Bedingungen."

Luigino sah ihn mit grossen Augen an und sagte:

"Ich fechte nicht mit dir."

"So nenne ich dich im Angesicht deiner Leute einen feigen Beutelschneider!" schrie Rinaldo.

"Bei Gott, Hauptmann! das bin ich nicht. Und das lasse ich mir auch selbst von dir nicht sagen", antwortete Luigino und zog den Sabel.

Rasch, wie vom Sturm ergriffen, sprang Laura auf, fiel Rinaldo in den Arm und sprach:

"Du darfst dich nicht schlagen. Fur uns dein Leben auf dieses Spiel zu stellen, hast du keinen Beruf. Wir wollen uns mit diesen Leuten abfinden und ihnen geben, was sie brauchen und fordern. Ist es nicht schon genug, dass wir dir unser Leben zu verdanken haben? Sollten wir auch noch unsern Wohltater bluten sehen?"

"Geh, Luigino!" sagte Rinaldo "und erzahle, dass ein Madchen dich um die Ehre gebracht hat, dich mit Rinaldini zu messen. Ich erkenne dich fur einen tapferen Mann."

Luigino warf sein Schwert in die Scheide und sagte:

"Wir ziehen ab."

"Nicht so!" begann der Baron und holte eine Schatulle herbei.

"Hier, nehmt dieses Reisegeld mit und kauft euch, was ihr braucht."

Rinaldo zog einen Ring vom Finger und sagte:

"Luigino, trag diesen Ring mir zum Andenken."

Luigino nahm den Ring und fragte, fast weich:

"Und du willst uns nicht besuchen?"

"Ich will", antwortete Rinaldo.

Mit frohlockenden Donnerstimmen brullte die Schar:

"Viva Rinaldini."

"Lasst diesen Mann bei mir", fuhr Rinaldini fort, "der in den Apenninen mit mir gefochten hat. Er wird mich zu euch bringen."

Luigino wendete sich gegen ihn, schuttelte ihm die Hand und sagte: "Wackerer Nero! der du unter Rinaldinis Anfuhrung gefochten hast, bleib bei deinem Hauptmann und bringe ihn bald zu uns."

Hierauf nahm er Rinaldos Hand, druckte sie an sein Herz und sagte:

"Diese Augenblicke bleiben mir unvergesslich!"

Dann drehte er sich herum, gab seinen Gesellen einen Wink. Im Sturm flogen diese die Treppe hinab und zum Schlosse hinaus. Luigino mit ihnen.

Rinaldo gab Lodovico und Nero Winke, sich zu entfernen; eben das tat der Baron gegen seine Leute. Rinaldo blieb mit ihm und Laura allein.

"Ihr habt nun" begann er, "das grosste meiner Geheimnisse gehort; eine Menge Menschen haben es mit Euch gehort, der Schleier ist gefallen, dies gibt mir den Scheidebrief von Euch. Der verfolgte, geachtete Rauberhauptmann kann nicht mehr ein Glied Eurer Familie sein, darf nicht mehr der Gegenstand Eurer herzlichen Gastfreundschaft sein. Das verbieten euch Verhaltnisse und Gesetze. Die Nacht, die so manches verdeckt, verberge auch mich Euern Augen. Lebt wohl! Ich ziehe von dannen."

"Eure Grossmut" sagte der Baron, "entlockte Euch Euer Geheimnis und rettete uns vom Tode. Diese Nacht wird mir stets unvergesslich bleiben. Ich beklage nichts mehr, als dass ich Euch nun muss scheiden sehen. Ihr rettetet mir zweimal das Leben, und ich bin Euer doppelter Schuldner. Wie soll, wie kann ich bezahlen?"

RINALDO Ihr konnt es.

BARON So bin ich reicher, als ich glaube. Was ich kann, will ich auch. Ich bezahle.

RINALDO Gewahrt mir eine Bitte.

BARON Gewahrt. Wohl mir, dass ich mit Erfullung einer Bitte bezahlen kann!

RINALDO Gut. So bitte ich, gebt Laura, Eurer Tochter, den Mann, den sie liebt.

BARON (erschrickt) Was ist das?

RINALDO Ich habe Euer Wort.

BARON (mit bebender Stimme) Ihr habt mein Wort, das ich nie gebrochen habe; nehmt sie hin.

RINALDO Ihr irrt Euch. Ich bin nicht der Mann ihres Herzens.

BARON (froh) Wirklich hatte ich geirrt?

RINALDO Gebt Ihr den Mann, den sie liebt. Haltet Wort!

BARON Euer Schuldner zahlt. Ich halte Wort. Sie soll ihn haben.

RINALDO Laura, ich scheide nun beruhigt. Ich weiss Euch glucklich.

Laura fiel ihm um den Hals und dann ihrem Vater zu Fussen. Rinaldo verliess den Saal, schickte den Sekretar hinauf, befahl zu satteln und ritt mit Lodovico und Nero zum Schlosse hinaus.

Der Tag brach an. Die Sonne ging auf in all ihrer Pracht. Das Schloss des Barons lag schon weit hinter den Reitern und war nicht mehr zu sehen. Rinaldo stieg vom Pferde und warf sich unter einen Baum. Lodovico und Nero taten in einiger Entfernung, was ihr Hauptmann tat. Die Pferde gingen nach Futter.

Rinaldo seufzte tief auf und sprach, wie er zu tun pflegte, wenn sein Herz voll war, mit sich selbst:

"Was andere meiner Faust und meinem Namen verdanken, wird mir zum Fluch. Ich bin gebannt, geachtet; ich werde verfolgt und habe doch so manches Ungluck schon verhutet. Aber Blut habe ich vergossen, auf meinen Namen ist geraubt und geplundert worden. Wehe mir! Wie viele sind gefallen! Wie viele habe ich schon in den Tod getrieben! Ach! wer hatte mir das prophezeiend an meiner Wiege gesungen? Was riss mich aus meinem stillen Tale, von dem Quell, der mich labte und meine Ziegen in friedlicher Einode trankte? Wehe, wehe mir!"

"Spricht der Hauptmann noch immer, wie sonst, mit sich selbst?" fragte Nero. Lodovico bejahte es kopfnickend und winkte ihm, zu schweigen. Rinaldo sprach weiter:

"Soll ich denn nirgends Ruhe finden? Der Schiffer freut sich nach dem Sturme des sichern Hafens und vergisst die Gefahren der Wellen, die ihn umschwebten; mir aber lachelt kein freundlicher Port."

Nach einer langen Pause fragte er: "Nero! wie kamst du nach Sizilien?"

"Als du mich nach Rom schicktest, Hauptmann", antwortete Nero, "suchte mich und Nicolo unser Cinthio dort auf. Er nahm uns mit nach Kalabrien. Dort bekam ich einst Handel mit einem meiner Kameraden und spaltete ihm den Schadel. Weil Cinthio diesen Menschen sehr liebte, wagte ich es nicht, ihm unter die Augen zu kommen, und ging nach Sizilien. Hier hatte ich nichts zu leben und ergriff mein altes Handwerk."

"'Wo hauset Luigino?'"

"In den Gebirgen von Cerone."

"'Haben wir weit dahin?'"

"Gegen Abend konnen wir dort sein."

"'Fuhre mich hin.'"

Sie bestiegen die Pferde und trabten davon. In einem schlechten Dorfe hielten sie Mittag, und ehe die Sonne unterging, waren sie in den Ceronischen Bergen. Sie waren kaum hundert Schritte weit geritten, als sie einen Hornstoss vernahmen, dem bald ein zweiter, dann ein dritter folgten. Dies Signal gaben Luiginos ausgestellte Wachen. Bald erreichten sie ein Tal. Nero gab das Signal. Einige zwanzig Banditen umringten sie, erhoben ein furchterliches Freudengeschrei und fuhrten den willkommenen Gast unter einem jauchzenden: "Viva valoroso Rinaldini! valorosissimo Capitano del mondo!" zu Luigino, der aus seinem Gezelte ihm entgegen sprang und Rinaldo vom Pferde hob.

Das Getummel und die Freude, den beruhmten Rinaldini bei sich zu sehen, war unter der Bande sehr gross; und selbst Luigino fuhlte sich hochgeehrt, dass der beruhmteste Rauberhauptmann seiner Zeit bei ihm, in seinem Gezelt und auf seinem Lager schlief.

Der Morgen brach an, als Luigino, der seinen Gast schon munter sah, sich demselben mit einer Proposition naherte, welche die Frucht seiner nachtlichen Uberlegungen war. Sie bestand in nichts Geringerem als in dem Antrage, an seiner Stelle das Kommando uber seine Bande zu ubernehmen und dieselbe, wie er sich ausdruckte, "durch sich unsterblich zu machen".

"Freund!" antwortete Rinaldo: "Ich bin dir herzlich fur dein uneigennutziges Anerbieten verbunden, allein ich kann davon keinen Gebrauch machen, weil ich fest entschlossen bin, Sizilien zu verlassen und mich in ein anderes Land zu begeben, wo ich im Stillen das Ende meiner Tage erwarten will."

Umsonst bot Luigino seine ganze Beredsamkeit auf; Rinaldo blieb bei seinem Vorsatz. Er blieb noch diesen Tag bei ihm und reiste den folgenden mit Lodovico und Nero ab.

Gegen Abend erreichten sie den Gasthof eines Fleckens, von welchem derselbe mehrere hundert Schritte entfernt an der Landstrasse lag.

Der Wirt kam ihnen am Tore entgegen und sagte, sein Gasthof sei so sehr mit Menschen besetzt, dass er dem Herrn Kavalier schwerlich ein anstandiges Nachtlager anweisen konne. Noch dazu waren eben ein Herr und eine Dame mit ihren Leuten angekommen, die nicht weitergehen wollten und das letzte Kammerchen seiner Wohnung in Beschlag genommen hatten.

Rinaldo, der keine Lust hatte, weiterzureiten, erklarte, er wolle mit jedem Platzchen vorliebnehmen, das man ihm anweisen wurde, und sprengte in den Hof. Hier stieg er vom Pferde und warf seine Augen auf einen Wagen, der soeben ausgespannt wurde, als er neben demselben mit Auspacken einiger Sachen beschaftigt, wer schildert sein Erstaunen? die wohlbekannte Signora Olimpia erblickte. Noch hatte er sich nicht gefasst, als er an den Wagen, von der anderen Seite her, den verrufenen Kapitan treten sah.

Dieser hatte ihn nicht so bald erblickt, als er, gleich einem Wutenden, eine Pistole aus dem Kutschenschlage zog und damit auf Rinaldo zusturzte, indem er schrie:

"Ha, Bandit! treffe ich dich endlich doch noch?"

Er sprach's, gab Feuer, und seine Kugel streifte Rinaldos linke Achsel. Olimpia sturzte lautaufschreiend mit der Halfte des Leibes in den Wagen zuruck. Lodovico sah kaum, was geschah, als er seinen Karabiner anlegte, Feuer gab und dem Kapitan den rechten Arm zerschmetterte.

Dieser sank zu Boden und schrie aus Leibeskraften:

"Schliesst das Tor! Im Namen des Konigs, haltet diese Reiter fest! Rinaldini ist mitten unter uns!"

Auf dieses Geschrei kam alles in Aufruhr, der Wirt, seine Knechte, des Kapitans Bediente, einige Maultiertreiber, Packknechte, Fuhrleute und ein paar Dragoner, die eben als Patrouille in dem Wirtshause lagen, brachen, bewaffnet mit Peitschen, Knutteln, Hacken, Heugabeln und Sabeln auf Rinaldo und seine Diener los.

Ein Knecht lief nach dem Tore, um es zu sperren. Nero schoss ihn durch die Gurgel und jagte im scharfsten Galopp zum offenen Tore hinaus.

Rinaldo griff nach seinen Pistolen, fuhlte sich aber schnell von hinten angegriffen und war zu Boden geworfen, ehe er nur einen Schuss tun konnte. Ihrer Sechse waren uber ihn her, banden ihm die Fusse und knebelten seine Hande auf den Rucken.

Lodovico spaltete einem Bedienten des Kapitans den Schadel und hackte dem andern den halben Arm vom Leibe, bekam aber mit einer Heugabel einen Schlag uber den Kopf und taumelte zu Boden, wo es ihm wie seinem Herrn erging. Er knirschte mit den Zahnen, und ohnmachtige Wut verzerrte seine Gesichtszuge.

Rinaldo sah ihn ernsthaft an und sagte:

"Pfui Lodovico! Warum gebardest du dich so? Jeder Mensch hat sein Ziel. Unsere Stunde hat endlich auch geschlagen."

"Das ist es nicht, was mich wutend macht!" brullte Lodovico. "Aber das ist es, dass eine Handvoll Lumpenkerle uns uberwaltigt hat und dass wir nicht, Mann gegen Mann, im offenen Kampfe gefallen sind."

"So wollte es das Schicksal" antwortete Rinaldo. "Sei ruhig und gelassen. Wir stehen ja noch nicht auf dem Schaffott. Sollen wir aber auch dort unser Leben endigen, so konnen wir mit unserer Ohnmacht es doch nicht andern."

Indessen hatte der Kapitan dem Wirt und den Dragonern die Gebundenen auf ihr Gewissen empfohlen und ihnen den Preis genannt, den sie von der Regierung fur ihre Heldentaten erhalten wurden. Man beschloss also, die Gefangenen diese Nacht hindurch vorsichtig zu bewachen und sie morgen im Triumph dem nachsten Kriminalrichter zu uberliefern. Die Gebundenen wurden auf eine Kammer gebracht und bekamen Wache.

Den Kapitan trug man auf ein Lager und verband ihn, so gut man konnte, bis ein Wundarzt kam. Olimpia war in einer grosseren Verlegenheit, als die Leser vielleicht glauben.

Indessen versammelte der Wirt alle die um sich her, die Anteil an dem Kampfe und der Verhaftung der Rauber genommen hatten, und sagte:

"Seht hierher auf den Tisch! Hier steht's von mir mit Kreide angeschrieben, was ein jeder von uns auf seinen Anteil von dem Preise bekommt, den die Regierung auf Rinaldinis Kopf gesetzt hat. Seht, und hier steht das Fazit. Es trifft wie eine Kirchenrechnung. Uberdies haben wir bei dieser Gelegenheit auch grossen Ruhm und hohe Ehre, ja, ich will sagen, den Dank und die Ehrerbietung der ganzen Insel erfochten. Mein Gasthof wird durch diesen Fang ebenso beruhmt werden als der Ort eines Schlachtfeldes, oder sonst ein Platz, auf welchem etwas zum Besten des Staates vorgegangen ist. Gebt acht, was geschieht!"

"Aber" fragte einer von den Maultiertreibern und schob die Mutze bedenklich von dem rechten aufs linke Ohr; "aber, wird nun Rinaldinis Bande wohl einen Stein deines Gasthofs auf dem andern lassen?"

Der Wirt wurde verlegen und fragte angstlich: "Hat er denn eine Bande?"

"Narr!" schrie der Maultiertreiber, "das kannst du dir einbilden. Eine Bande von Kerlen, die die ganze versammelte Holle nicht furchten. Ich, an deiner Stelle, hatte ihm alle Tore und Pforten geoffnet, dass er entkommen war'. Er hatte dir gewiss ein besseres Fazit gemacht, als dir nun seine Bande machen wird."

"Gut!" sagte der Wirt, "so ziehe ich von hier weg. Mit dem Gelde, das ich bekomme, kann ich allenthalben Wirtschaft treiben."

"Daran tust du wohl!" sagte der Maultiertreiber, "denn die Rinaldinische Kompanie macht dein Wirtshaus sicher der Erde gleich. Dabei ist gar keine Zeit zu verlieren. Ich furchte, die Kerle sitzen morgen schon hier. Ich sehe sie schon hausen, plundern, sengen und brennen! Und wenn sie dich erwischen, so ziehen sie dir sicher die Haut uber die Ohren."

Der Wirt wollte eben antworten, als er zu der fremden Dame gerufen wurde. Er eilte zu ihr. Olimpia zog ihn auf die Seite, sprechend:

"Herr Wirt! Ihr seid ein glucklicher Mann, dass bei Euch der beruhmte Rinaldini seine Freiheit verloren hat. Aber das, was Ihr dabei verdient, wurde Euch wohl doppelt von ihm gegeben werden, fandet Ihr Mittel und Wege, ihn entwischen zu lassen."

"Allerschonste Signora!" antwortete der Wirt, "das ist nun wohl keine Moglichkeit. Ja, wenn die Teufelsdragoner nicht hier waren! Und dann meine Pflicht, meine Untertanenschuldigkeit!"

"Recht so!" fiel Olimpia schnell ein. "Ihr seid ein braver Mann! Ich gestehe es Euch offenherzig, dass ich bloss Eure Denkungsart erforschen wollte. Denn Ihr konnt doch wohl leicht denken, dass mir viel daran gelegen sein muss, diesen Feind meines Bruders, des Kapitans, bestraft zu wissen. Ich wollte nur fuhlen, ob meine Rache in guten Handen ware. Sie ist es; und Ihr habt noch eine Belohnung von mir selbst zu erwarten. Jetzt schlafe ich ruhig und weiss, dass ich bei einem durchaus ehrlichen Manne ubernachte."

Sie ging. Der Wirt murmelte ihr nach: "Eine ausserordentlich brave Dame!"

Rinaldo verlangte Wein und Speisen. Er erhielt, was er forderte. Lodovico war wieder zu sich gekommen und war jetzt in eben dem Grade standhaft und entschlossen geworden, als sein Herr missmutig und niedergeschlagen war. Sie sprachen in ihrer rotwelschen Raubersprache miteinander, wovon die Wache kein Wort verstand, unterhielten sich von ihrem Ungluck und Zustand. Rinaldo eroffnete Lodovico, dass er willens sei, sich zu vergiften. Dieser riet ihm, nicht zu rasch zu Werke zu gehen; er fange jetzt an, auf Hilfe zu hoffen.

RINALDO Auf wessen Hilfe hoffst du?

LODOVICO Das weiss ich selbst nicht, aber ich hoffe dennoch. Der Mut ist mir ganz unvermutet gewachsen, und ich bin vollig uberzeugt, dass wir jetzt noch nicht sterben werden. Zum Vergiften habt Ihr noch Zeit. Und es ist im Grunde ganz einerlei, ob man sich vom Gift die Eingeweide zerreissen lasst oder ob man verbrannt wird. Schmerz ist Schmerz!

RINALDO Wohl wahr!

LODOVICO Dreierlei Dinge argern mich abscheulich. Erstens, dass ich den Kapitan nicht durch den Schadel getroffen habe; zweitens, dass uns Packknechte, Maultiertreiber und andere Lumpenkerle uberwaltigt haben, und drittens, dass uns Nero, wie eine feige Memme, verlassen hat. Hatten wir alle drei nebeneinander gestanden und hatten den Rucken frei gehabt, das Lumpenvolk hatten den kurzeren ziehen sollen, oder ich will ein Hundekopf sein! So sprachen sie die Mitternacht herbei und entschlummerten endlich doch auf ihrem Strohlager. Ein Gepolter weckte sie. Sie fuhren auf, sahen ein paar Menschen in ihrer Kammer, sahen Dolche blinken, und ihre Wache lag rochelnd am Boden.

"Was gibt es?" fragte Rinaldini.

"Ruhig, Hauptmann! Es gilt Eure Rettung!" war die Antwort.

"Bist du es, Nero?"

"Ich bin es", antwortete dieser. "Das Haus ist umzingelt. Ich und ein braver Kamerad sind hereingeschlichen. Der Tag bricht an. Munter! auf! dass wir Euch in Sicherheit bringen."

Damit machten sie sich uber Rinaldos und Lodovicos Strickfesseln her, zerschnitten sie und halfen ihnen auf die Beine.

"Nero!" sagte Lodovico, "Ich habe dir Unrecht getan. Ich hielt dich fur eine Memme. Ich bitte dir alles ab, braver Kamerad!"

"Aha!" antwortete Nero, "das habe ich vermutet. 's hat nichts zu sagen. Ich machte mich davon, traf auf Luiginos Vorposten-Corps, schickte einen davon zu Luigino und liess ihm melden, was geschehen sei. Die andern acht nahm ich mit mir. Wir stiegen uber die Mauer, zum Fenster herein, und da sind wir. Ich wette darauf, Luigino ist nun auch schon da."

"Nero! Ich belohne dir und deinen Kameraden diesen Dienst gewiss rechtschaffen!"

"Nur fort und mit uns die Treppe hinab! Hier sind Waffen, wenn's etwa Larm gibt!"

Sie schlichen hinab. Alles blieb still im Hause. Im Hofe warteten die andern. Sie zogen so viele Pferde und Maultiere aus dem Stalle, als sie habhaft werden konnten, und da gab's Larm. Im Gasthofe wurden die Schlafenden munter; man horte Alarm rufen.

Jetzt stieg vor dem Gasthofe eine Rakete in die Luft.

"Ha! das ist Luiginos Signal!"

Nun waren die Kerle nicht mehr zu halten. Sechs Schusse geschahen aufeinander in die Stube, wo alles durcheinander lag, und drinnen gab's ein furchterliches Geheul.

Auf die Schusse wurde von aussen das Tor eingebrochen und Luiginos Bande flutete in den Hof. Da gab's Larm auf allen Ecken, und die Pferdestalle waren im Nu ausgeleert.

Luigino, als er horte, Rinaldini sei gerettet, eilte auf ihn zu, umarmte ihn und gab sogleich das Zeichen zum Abzuge. Die Rauber schossen ihre Pistolen noch gegen Stube, Stall und Mist ab und jagten mit der Beute davon. Kaum waren sie hundert Schritte geritten, als sie die Sturmglocken horten. Sie sahen hinter sich, und der Gasthof stand in Flammen.

Ein wildes Jauchzen durchtonte den zugellosen Haufen.

Rinaldo fuhr's durch die Seele. Er verhullte sein Gesicht und jagte dem Gebirge zu. Wachend, im Traume seiner Verhaltnisse, lag Rinaldo auf seinem Lager unter einem Gezelte. Der grosste Teil der Bande war auf Streifereien ausgezogen, mit ihr auch Lodovico und Nero. Luigino nahte sich Rinaldo, sah ihn ein wenig an und sagte:

"Hauptmann! Du siehst, dass du nicht fur die Menschen ausser unserm Zirkel taugst; die polizierte Welt ist kein Aufenthalt mehr fur dich; bleib in den unwirtbaren Talern, in Waldern und Einoden, gefurchtet und geehrt an der Spitze deiner Kameraden. Uberlass dich nicht den Sorgen. Wie es ist, ist dein Los gefallen."

RINALDO Ich fuhle die Wahrheit deiner Worte nur allzu lebhaft!

LUIGINO Das ist mir lieb! Ich erneuere hiermit meinen alten Vorschlag. Ubernimm das Kommando meiner Leute. Ich will als zweiter Befehlshaber unter dir dienen.

RINALDO Bei dir bleiben werde ich, aber Anfuhrer deiner Leute kann ich nicht werden. Doch rechne im Fall der Not auf mich, wie auf jeden der Deinigen.

LUIGINO Nach deinem Willen! Auf jeden Fall wird deine Anwesenheit grossen Eindruck auf meine Leute machen. Sie werden sich alle fur die Deinigen halten.

Sie sprachen noch, als die Signale die Ruckkehr einer Streifpartie mit Beute verkundigten.

Beinahe atemlos trat Lodovico in das Gezelt und sagte:

"Hauptmann! wir haben einen herrlichen Fang getan, einen Fang, der dich vergnugen wird. Der verdammte Hund, der Kapitan, und die schone Olimpia sind uns in die Hande gefallen."

Er sprach noch, als man beide gebunden in das Gezelt brachte, wobei der ganze Haufe jubelte:

"Viva valorosissimo Capitano Rinaldini!"

Rinaldo fuhr zusammen, als er die Gebundenen erblickte. Olimpia sah ihn einige Augenblicke schweigend und mit fragenden Blicken an, fiel dann vor ihm nieder und sagte:

"Ich uberlasse mich deiner Gnade!"

Rinaldo winkte ihr betroffen, aufzustehen, und antwortete:

"Ich bin nicht der Anfuhrer derer, die Euch beide zu Gefangenen gemacht haben. Dieser, der neben mir steht, ist es; an ihn richtet Eure Bitten. Ich bin nicht Euer Richter. Aber da ich dir, grossmutige Freundin Olimpia, mein Leben verdanke und dir meine Freiheit in Kalabrien schuldig bin, so bitte ich meinen Freund Luigino, dir um meinetwillen die Freiheit zu schenken."

"Sie ist frei!" rief Luigino.

Sogleich wurde sie entfesselt. Luigino aber fuhr fort:

"Was aber diesen sogenannten Kapitan betrifft, so fuhrt ihn in die Hohle zur Haft, bis ich mich durch Lodovico unterrichtet habe, was er alles gegen meinen Freund, den grossen Rinaldini, getan hat."

Der Kapitan, der bisher unbeweglich gestanden hatte, erhob jetzt seine Stimme und sprach: "Was ich gegen Rinaldini tat, wurde jeder gute Staatsburger getan haben, der einen Gauner der ersten Grosse unter seinen Mitburgern sah."

"Du bist strafbar", sagte Rinaldo, "dass du diese deine Pflicht nicht eher erfullt hast. Sie war dir aber fur Geld feil. Deinetwegen konnten die Staaten durch mich in Kontribution gesetzt werden, wie es mir beliebte, hatte ich dir nur mich selbst, als ein gewisses Kapital, uberlassen, als einen Notpfennig, den du stets angreifen konntest, sobald es dir beliebte."

"'Wie wurdest du, Mann, dem sogar seine Heldentaten feil waren'", fiel der Kapitan ein, "'wie wurdest du an meiner Stelle gegen den Rauber Rinaldini gehandelt haben?'"

"Nicht so wie du."

"'Das gilt Erklarung und Beweise.'"

Rinaldo sah Luigino an und fragte: "Willst du mir auch diesen, deinen Gefangenen, schenken?"

Schnell antwortete Luigino: "'Er ist dein'"

"Gut dann", fuhr Rinaldo fort, "so gehe, du mein ewiger Verfolger, und lerne mich kennen. Du bist frei, kannst gehen, wohin du willst, kannst sogar das Vergnugen fort geniessen, mich von neuem zu verfolgen, zu verraten und sogar endlich, wie du sagst, nach deiner Pflicht, mich der Obrigkeit zu uberliefern. Der Himmel hat Pest, hat Feuer- und Wasserplagen gegen die Menschen. Ich habe dich zu meiner Strafrute. Geh' und handle gegen mich, wie dein Herz dir gebietet. Ich will meinem Schicksal nicht vorgreifen, und du wirst dem deinigen auch nicht entgehen."

Als er dies gesagt hatte, verliess Rinaldo das Gezelt. Der Kapitan sah keck ihm nach. Luigino kommandierte ergrimmt:

"Fuhrt diesen After-Korsen mir aus dem Gesicht und aus dem Lager."

Sogleich wurde Anstalt gemacht, diesen Befehl zu vollziehen. Trotzig folgte der Kapitan. Luigino rief ihm nach:

"Was Rinaldini tat, tut Luigino nicht. Nimm dich in acht, und mir komme nicht in den Weg!"

Er ging davon. Olimpia blieb im Gezelt, bis Rinaldo dahin zuruckkam.

OLIMPIA Beruhmter Rinaldini! Du, der Schrecken und die Furcht der italienischen Staaten! Geachteter Mann! Wie edel, wie gross hast du gehandelt.

RINALDO Nicht in diesem Tone!

OLIMPIA Sage mir die Wahrheit! Bist du wirklich nicht mehr Anfuhrer dieser Menschen?

RINALDO Nein.

OLIMPIA Lebst aber doch unter ihnen?

RINALDO Das ist nicht meine Schuld. Ich soll, ich darf ja nicht in den Schoss der polizierten Welt zuruckkehren.

OLIMPIA Tut dir das leid? O! bleib' in deinen Talern, lebe zwischen Felsen ruhig und zwange dich nicht in die bangen Scheidewande der Convenienzen. Was du dort findest, ist leicht zu entbehren. O! dass es mir vergonnt sein mochte, zu leben in stiller Einsamkeit!

RINALDO Kannst du nicht in die Einsamkeit zu dem Alten von Fronteja gehen?

OLIMPIA Du kennst ihn?

RINALDO Wie wollte ich das sagen konnen? Gesehen, gesprochen habe ich ihn; er hat mir vielerlei gesagt und gezeigt, ja, die Szenen der beruhmten Krata Repoa habe ich sogar mit angesehen; aber wie konnte ich mich vermessen, zu sagen: ich kenne ihn? Kennst du ihn?

OLIMPIA Ich habe ihn nie gesprochen, nie gesehen und glaube doch, ihn zu kennen.

RINALDO Diesen feierlichen, geheimnisvollen, allumfassenden Scharlatan?

OLIMPIA Er ist mehr als das. Die Kette, die er durch ganz Italien geschlungen, uber Meere gezogen hat, ist ein Kunstwerk, das den Meister lobt. Du bist, seit du anfingst Aufsehen zu erregen, immer fur ihn ein willkommenes Augenmerk seines Wunsches gewesen. Du warst ein Glied fur seine Kette, das er suchte. Er fand dich, ehe du es glaubtest. Du warst sein, ehe ihr euch gesehen hattet.

RINALDO Was sprichst du?

OLIMPIA Was ich weiss.

Sie lachelte, als sie das sagte, so, wie die Zuverlassigkeit selbst lacheln wurde. Rinaldo heftete seine Blicke an den Boden. Endlich fragte er:

"Gehorte der Kapitan auch mit zu der Kette des Alten von Fronteja?"

SIE Er war ein Abtrunniger. Er lebte von Spekulationen, vom Spiele, von magischen Tandeleien.

ER Wie kamst du aber, und auch jetzt wieder, zu diesem Betruger, den du als einen solchen kanntest?

SIE Ach! glaube mir; nur aus Geldmangel.

ER Aber deine vornehmen Verbindungen

SIE Von der Notwendigkeit geknupft, von der Laune zerrissen.

ER Was gedenkst du nun zu tun?

SIE Mich in deine Arme zu werfen, bei dir zu bleiben; mit dir allen Gefahren, selbst dem Tode entgegenzugehen. An deiner Seite will ich stehen, selbst fechten

ER Ich fechte nicht mehr. Meine Waffen will ich gegen Hacke und Spaten vertauschen und ein Einsiedler werden.

SIE So begleite ich dich in die Klause als deine Einsiedlerin. In meinen Armen sollst du ruhen, wenn du des Tages Schwule und Last getragen hast. Erquikken will ich dich als eine sorgliche Wirtin mit Speis' und Trank, und in unsrer Einsiedelei soll es nicht an stillen Freuden fehlen. Komm, lass uns ziehen, mein Rinaldo, in die stille Freistatte des Glucks und der Ruhe. Nichts soll mir schwer, nichts unbequem werden. Die Liebe zu dir tragt leicht, tragt sicher und gern.

ER Du schwarmst!

SIE Ich bin ja bei dir, mein Lieber!

Hier liessen sich recht gut einige psychologische Bemerkungen einstreuen. Ob sie aber wohl gelesen, ob sie gefuhlt wurden werden! Olimpia war das Weib, wie sie sein wollte. Ubrigens war sie ein schones Weib und Rinaldo ein Mann voll Kraft und Leidenschaft. So, liebenswurdig, stand er vor den Weibern: Ein herrliches Rot strahlte von seinen Wangen; die hellsten braunen Augen lagen, wie sanfte Sterne, in seinem Gesichte. Sein Gang war edel, fest und keck1. Uber sein ganzes Wesen und Benehmen war eine Haltung, Feinheit und Waglichkeit ausgegossen, die ihm eben das gab, was Weibern gefallen kann. Ein lautes Gesprach vor dem Gezelte brachte drinnen alles wieder in Ordnung.

Luigino hatte Lebensart. Er liess auftragen, was Kuche und Keller vermochten. Keine Aufwartung machte das Mahl beschwerlich. Man blieb, ohne Zeugen, den besten und gesuchtesten Gefuhlen uberlassen.

Da sprang der Pfropf von einer Champagnerflasche mit lautem Knall und flog der holden Donna gerade an die Stirn. Man lachte und leerte die Flasche.

"Man kommt" sagte Olimpia, indem sie die Glaser fullte, "bei sussen Genussen doch selten ungeneckt davon; das aber macht sie nur angenehmer, reizender, sogar begehrenswerter!"

Nicht ohne Gerausch trat Luigino in das Gezelt und sagte:

"Meine Leute haben eine Pilgerin aufgefangen, die Lodovico kennt."

"Das ist Rosalie!" schrie Rinaldo ahnend, sprang auf, sturzte aus dem Gezelte und flog wirklich Rosalien in die Arme. Die Freudenszene des Wiedersehens lasst sich nicht schildern. Rosalie, jener Blutnacht in Kalabrien entronnen, hatte lange in Einoden gelebt, war dann nach Sizilien gegangen, wo sie in Pilgerkleidern die einsamen Taler durchstreifte und endlich ihres Herzenswunsches gewahrt wurde, des Wunsches, ihren Rinaldo wiederzufinden. Olimpia, als eine sehr gewandte Liebende, benahm sich bei der Sache sehr klug, aber Rosalie konnte ihren Argwohn nicht verbergen. Sie gestand Rinaldo, was sie furchtete, und er suchte sie daruber, so gut er konnte, zu beruhigen.

Luigino stellte Betrachtungen an, und als er mit Rinaldo allein sprechen konnte, nahm er sich die Freiheit, ihm seine Meinung zu sagen.

LUIGINO Ich sehe, Hauptmann, dass das Gerucht wahr redete, wenn es dich als einen erklarten Weiberfreund schilderte. Man hat dir also in diesem Punkte nicht zuviel getan.

RINALDO Vielleicht hat man es aber dennoch ubertrieben.

LUIGINO Das will ich nicht entscheiden. Ich halte mich an das, was ich sehe.

RINALDO Und was denkst du dabei?

LUIGINO Das will ich dir offenherzig sagen. Ich denke, dass es sich nicht fur dich schickt, deine Zeit mit Weibern zu vertandeln.

RINALDO Bist du ein Weiberfeind?

LUIGINO Das nicht. Aber meine Freundschaft gehort ihnen nur fur einzelne Augenblicke, in denen mich die Leidenschaft uberrascht, die uns angeboren ist. Damit ist aber alles bald abgetan. Wir beiden leben nun einmal in einer Lage, in der wir einer Frau weder Haus noch Herd anweisen konnen. Unsere Kinder konnen wir nicht grossziehen. Und wenn auch; wozu? Zu unserm Handwerk? In die Welt konnen wir sie nicht schicken. Sollen wir sie geradezu fur Rabensteine erziehen? Das wollen wir doch wohl nicht?

RINALDO Lass uns also enden.

LUIGINO Der Weiber wegen doch nicht? Enden? Wir?

RINALDO Ich habe Schatze, die sicher vergraben liegen. Sie sind wiederzufinden. Auf den Kanarischen Inseln lachelt ein herrliches Klima. Reizende Taler, stille Auen laden uns dort ein. Nimm ein Weib und folge mir!

LUIGINO Ich kann mich nicht dazu entschliessen. Ich furchte die Ruhe und in der Ruhe mein erwachendes Gewissen. Nicht auch du?

RINALDO Ich offne der Reue mein Herz. Ich hore ihre versohnende Stimme und folge ihrem Rufe.

LUIGINO Und was kann sie tun? Bereuen. Kann sie aber auch ungeschehen machen, was geschehen ist?

RINALDO Sie kann verguten.

LUIGINO Lass ihr Kirchen und Altare bauen, sie schenkt dir dennoch keine sanften Traume. Der heitere Blick auf die entflohenen Tage deines Tatenlebens wird dir von keiner Reue gegeben. Du hast dich berauscht; du erwachst, wehe dir! Nur ein zweiter Rausch kann den ersten vertilgen. Sieh, das ist meine Meinung: Rausch auf Rausch, bis es nichts mehr zu trinken gibt.

RINALDO Ach, Luigino!

LUIGINO Im Weine liegt Wahrheit. Hore meine Geschichte. Ich bin von Geburt ein Korse. Mein Vater war Gouverneur zu Bastia. Luigino ist nicht mein wahrer Name. Mein Vater war ein rechtschaffener Mann; er liebte sein Vaterland und hasste seine Unterdrucker, die Franzosen. Seine Gesinnungen blieben nicht unbekannt. Der franzosische General beobachtete ihn genau. In den Talern von Ajaccioli gab es einst einen Auflauf. Ein franzosischer Offizier war der Frau eines Korsen zu nahe gekommen. Dieser erschlug den Nichtswurdigen. Der General liess den Korsen binden und verurteilte ihn zum Tode. Die Korsen befreiten ihn und ergriffen die Waffen. Mein Vater sollte den Auflauf stillen. Er war so unvorsichtig, zu sagen: er fuhre die Waffen nur gegen die Feinde seines Vaterlandes. Das brachte ihn ins Gefangnis. Der General liess ihn in dem Gefangnis als Hochverrater erdrosseln. Meine Mutter nahm einen Eid von mir, den Tod meines Vaters zu rachen, und stiess sich den Dolch in die Brust. Dieser Dolch blieb mein Vermachtnis. Mit eben diesem Dolch stiess ich den franzosischen General nieder und entfloh in die Gebirge. Auf einem englischen Schiffe kam ich aus Korsika nach Sizilien. Meine Guter waren eingezogen worden, mein Name ward an den Pranger geschlagen. Ich ergriff das Handwerk, das ich noch treibe. Dies war Wahl und Plan. Ich zahle jetzt etliche Neunzig, denen ich befehle. Sie wissen zu fechten. Ihre Anzahl ist leicht zu vermehren. Schiffe sind zu kaufen. Rinaldini, du hast Schatze, lege sie gut an; erwirb dir den Segen einer misshandelten Nation.

RINALDO Luigino! Wohin soll das fuhren?

LUIGINO Nach Korsika. Zerbrich mit mir die Ketten meines Vaterlandes! Tausende fliegen uns zu, vereinigen sich mit uns, und dein jetzt so verrufener Name glanzt dann gefeiert und hoch in den Jahrbuchern der Korsischen Geschichte. Dieses Gluck konnen dir deine Liebschaften nicht geben; das Gluck, der Befreier einer unterdruckten, tapferen Nation zu sein. Jetzt irrst du unstet und fluchtig aus einem Winkel in den andern, bist geachtet, verfolgt, dem geringsten Missetater gleich geachtet, der im Hohlwege mordet, und wenn du willst, kannst du auf den Fittichen des Ruhmes emporsteigen zu dem Tempel der Unsterblichkeit. Vergessen sind deine Rauberstreiche. Die ganze Welt spricht dann von deinen glorreichen Taten. Munzen und Denkschriften, Ehrenbogen und Statuen verewigen deinen Namen; deine Buste steht im Tempel des Nachruhms, dein Name in der Reihe der Nationen-Retter. Willst du enden, so ende so, und du endest beneidenswert gross!

RINALDINI Luigino, diesen Gedanken goss ein Gott in deine Seele.

LUIGINO Rinaldo, fuhlst du das?

RINALDO Ja, Luigino, der Klang der zerbrochenen Sklavenketten deines Vaterlandes wird unser Gewissen beruhigen, alle Vorwurfe werden vor der angenehmen Harmonika zerbrochener Fesseln verstummen, und uns bricht ein neuer Tag des Lebens mit der wiedergeborenen Freiheit von Korsika an.

Marco erschien, lispelte Luigino etwas in die Ohren. Dieser sprang auf und ging mit ihm davon.

Rinaldo sah sich nach Rosalien um, und Olimpia kam auf ihn zu.

"Es ist nicht richtig!"

"'Was ist nicht richtig?'"

"Man spricht von Soldaten, von einem Angriff, von Gegenwehr", antwortete Olimpia.

Rinaldo verliess sein Gezelt, ging hinaus, suchte Luigino und fand Rosalien mit roten Augen unter einem Baume. Als sie Rinaldo kommen sah, suchte sie ihre Tranen zu verbergen, aber das konnte ihr nicht gelingen.

RINALDO Du hast geweint, Rosalie? Warum?

ROSALIE Ich die Freude, dass dass ich dich wiederhabe dass ich bei dir bin

ER Keine Verstellung, kein Vorgeben! Warum hast du geweint?

SIE Ich weiss es selbst nicht recht. Ich dachte nur

ER Was dachtest du?

SIE Ich dachte, wenn Rinaldo Ach! ich bin ein Kind!

ER Nur weiter!

SIE Wenn er dich nicht mehr liebte

ER Warum dachtest du das?

SIE Weil Ich weiss es selbst nicht.

ER Ich will alles wissen!

SIE Die Signora

ER Soll dich nicht beunruhigen. Ich liebe dich.

SIE Ich liebe dich nur ganz allein, und Rinaldo! heiss mich von dir gehen, oder sag' das der Signora. In ihrer Gesellschaft bleibe ich nicht hier.

ER Kleiner Trotzkopf!

SIE Ich liebe dich.

ER Wenn du gehst, wird Olimpia bleiben. Bleibst du, so geht sie. So wird's wohl werden. Und wenn ich dich bitte, hierzubleiben, so ist das ebensogut, als hiess ich die dir verhasste Signora gehen. Verlangst du mehr?

SIE Deine Liebe allein und ungeteilt.

ER Du kennst mich ja bei Teilungen. Habe ich je anders als grossmutig gehandelt, wenn ich teilte?

Lodovico sprang herbei und brachte die Nachricht, man vermute im Umfange von einigen Stunden von Truppen eingeschlossen zu sein; Luigino visitiere eben die Vorposten und verstarke die Kommandos bei den Eingangen in das Gebirgstal. Rinaldo ging mit Lodovico fort. Sie suchten Luigino auf und fanden ihn. Er schien etwas verlegen zu sein. Rinaldo fragte ihn, was ihm sei?

LUIGINO Ich habe soeben sichere Nachricht erhalten, dass wir umgeben sind.

RINALDO Korse! kann dich das angstigen?

LUIGINO Das nicht, denn man kann sich durchschlagen, aber wenn ich bedenke, dass vielleicht diese Nacht noch, nachdem wir einen so schonen Plan gemacht haben, unserm Walten ein Ziel steckt. Wir sind, sagt man, von 400 Mann umschlossen.

RINALDO Was denkst du zu tun?

LUIGINO Ich erwarte den Angriff.

RINALDO Mein Rat ist, dich an der sudlichen Gebirgsseite durchzuschlagen, um in die Berge von Larino zu kommen. Dort hast du Waldungen im Rucken und die Bergkette auf der Seite.

LUIGINO Ich bin es zufrieden, wenn du mit uns fechten willst.

RINALDO Das werde ich. Lies unter deinen Leuten mir etwa sechszehn der kuhnsten aus. Ich nehme noch Nero und Lodovico zu mir. Wir alarmieren die Truppen. Indessen schlagst du dich mit deinem ganzen Corps, mit Weibern und Gepack durch. Wir wollen dann den Weg zu euch schon finden.

Sogleich gab Luigino Befehl, die Gezelte abzubrechen, das Gepack zusammenzubringen und Weiber und Kinder auf einen Trupp, in den Mittelpunkt des Lagers, zu fuhren. Rinaldo erhielt die begehrten Wagehalse; jeder derselben war, nebst Stilett und Sabel, mit einem Doppelrohr und zwei Paar Pistolen bewaffnet. Lodovico und Nero fanden sich ein, und Rinaldo, der mit einem Handedruck von Rosalien Abschied nahm, nachdem er sie Luiginos besonderer Aufsicht empfohlen hatte, zog sich in den Gebirgspass, wo er die Vorposten einzog und sie zu dem Hauptcorps schickte. Hier ruckte er langsam vor, breitete sich uber die Ebene aus, und als die Dammerung einbrach, gab er das Signal zum Angriff. Das nachste feindliche Piket wurde umgangen, das zweite beinahe ganz zusammengehauen, und nun gab's Alarm auf der ganzen Front.

Jetzt horten sie das Feuern im Gebirge, das immer weiter hin schwacher wurde und endlich ganz verhallte. Daraus schlossen sie, es sei dem Corps gelungen, sich den Weg zu offnen.

Rinaldo schlug sich rechts, um die Berge im Rukken zu behalten, und stiess auf ein starkes TruppenKommando. Hier kam es zu einem Gefechte. Schon lagen sechs Mann der Seinigen zu Boden gestreckt, als das Kommando wankte, noch herzhafter angegriffen wurde und sich in volliger Unordnung endlich zuruckzog. Sie erbeuteten Pferde, und von zwolf Mann, die Rinaldo noch bei sich hatte, wurden vier beritten gemacht. Rinaldo selbst bestieg auch eins von den erbeuteten Pferden. Nun zog er sich langsam gegen den Gebirgspass zuruck. Hier schickte er acht Mann in die Berge. Er selbst, Lodovico, Nero, Marco und Mangato, alle beritten, suchten die Plane und schwenkten sich links feldein, um die Berge von Larino von der westlichen Seite zu erreichen.

Sie waren ungefahr eine halbe Stunde weit geritten, als sie auf einen Trupp von etwa dreissig Mann Soldaten stiessen. Hier galt kein Zogern. Sie setzten an, brachen ein, kamen durch und trafen auf eine KavalleriePatrouille von acht Mann. Es kam zu einem Gefechte. Zwei Dragoner sturzten von den Pferden, die andern ritten davon. Nero und Mangato wurden verwundet.

Jetzt vernahmen sie hinter sich ein Getummel. Die von Rinaldo in das Gebirge abgeschickten Kameraden hatten den Pass tiefer drinnen besetzt gefunden und zogen sich in die Ebene. Hier fanden sie drei ihrer vom Haupt-Corps versprengten Gesellen, zogen sie an sich, und Terlini, ein Kerl von Mut und Kopf, der sich an ihre Spitze setzte, griff beherzt das TruppenKommando an, das Rinaldo im Rucken hatte. Dieser horte an den Buchsenschussen, dass Kameraden im Gefecht waren, sprengte mit den Seinigen herbei, kam dem Kommando in den Rucken, und bald war es zersprengt. Von zehn Mann, die Terlini anfuhrte, waren mit ihm selbst noch zwei unverwundet. Sechs lagen tot, die andern todlich blessiert auf dem Platze. Terlini erhielt ein erbeutetes Pferd. Seine Gesellen, Romato und Bellione, wurden von Lodovico und Marco mit auf ihre Rosse genommen, und der Trupp verfolgte seinen Weg. Sie traten einige Stunden weit, als ein starkes nahes Feuern sie notigte, einen entgegengesetzten Weg einzuschlagen, und so erreichten sie mit Tagesanbruch einen Forst. Tief in demselben sattelten sie bei einer Quelle ab und uberliessen sich der Ruhe. Nach einer ziemlich langen Pause gab endlich Terlini Gelegenheit zu einer Unterredung.

RINALDO Was ist dir, Terlini? Du scheinst ungeduldig zu sein? Woruber?

TERLINI Ich bin ungeduldig, und bin es uber unsere Ruhe.

RINALDO Und wenn wir derselben auch gar nicht bedurften, so mussten wir sie doch unsern Rossen gonnen, wenn wir haben wollen, dass sie uns weiter tragen sollen.

TERLINI Wir haben hier auch nichts zu leben.

RINALDO Das vermisse ich selbst. Wir werden also, sobald es sein kann, aufbrechen. Ich habe schon einen Plan entworfen, indessen mochte ich aber doch uber unser Fortkommen und uber das, was nun zu tun sein mochte, auch eure Meinung horen: denn daran zweifle ich gar nicht, dass ein jeder von euch im stillen daruber nachgedacht haben wird. Sprich also, Terlini! Was meinst du?

TERLINI Ich meine ganz kurz, wir suchen in die Larinischen Berge zu kommen, wo wir Luigino gewiss antreffen werden.

BELLIONE Das ist auch meine Meinung.

ROMATO Auch die meinige. Denn hier sind wir weder sicher noch stark genug, uns halten zu konnen, da es uns noch dazu an Proviant und Munition fehlt.

RINALDO Das war' zu bekommen. Was meint ihr andern?

MARCO Ich habe keine Meinung als die deinige.

MANGATO Mir ist alles recht. Geht hin, wohin ihr wollt, ich gehe mit. Aber am liebsten war ich freilich wieder bei unsern Kameraden.

NERO Es ist nur die Frage: ist der Weg in die Larinischen Berge offen oder nicht?

RINALDO Das ist es, was vor allen Dingen untersucht werden muss.

LODOVICO Sicher ist er von Truppen besetzt.

TERLINI Unserer sind acht Mann.

LODOVICO Uber die Halfte haben wir uns verschossen. Ich habe nur noch vier Patronen.

TERLINI Wir haben Fauste und Sabel und sind beritten. Wir kommen durch.

RINALDO Wenn's moglich ist, gewiss. Aber Unmoglichkeiten kann auch der hochste Mut nicht erzwingen. Der Unserigen liegen viele, um nie wieder aufzustehen. Sollen wir ihnen unser Leben hintennachwerfen?

TERLINI Nun wohl, Hauptmann! so lass auch deine Meinung horen.

RINALDO Meine Meinung ist: Du schleichst mit Bellione und Romato auf Kundschaft aus. Eben das tun Marco und Mangato und suchen etwas Proviant zu bekommen. Wir andern durchstobern den Forst. Vor uns erheben sich die Trummer einer Burg mitten im Walde auf einem Hugel. Dort ist der Sammelplatz, wo wir wieder zusammenkommen. Dies ist meine Meinung. Gefallt sie euch nicht, so mag jeder tun, was er will, denn ich habe kein Recht, unbedingten Gehorsam von euch zu fordern. Ihr seid Luiginos Leute. Lodovico und Nero aber gehoren mir an und bleiben bei mir.

TERLINI So fordere ich die andern auf, mit mir zu gehen. Wir haben Weiber und Kinder bei Luigino.

RINALDO Ihr habt euern freien Willen. Geht ihr, so nehmt die Pferde mit euch, uns sind sie hier zur Last.

MARCO Ich gehe mit Terlini. Es ist mir aber doch argerlich, dass wir den grossen Rinaldini hier ohne Schutz lassen sollen.

RINALDO Ich habe Lodovico und Nero bei mir.

MARCO Sollte dir hier ein Zufall zustossen, beim Teufel! Luigino wurde uns schon anlachen. RINALDO Seid ohne Sorge! Wir werden uns bald wiedersehen. Es entstand eine Pause. Nach derselben gab Terlini Rinaldo die Hand und nahm Abschied. Seinem Beispiele folgten Marco, Romato, Bellione und Margato. Sie nahmen die Pferde mit sich, und Rinaldo blieb mit Lodovico und Nero zuruck. Schweigend bestieg Rinaldo den Hugel, auf welchem die Trummer des zerfallenen Schlosses lagen. Lodovico und Nero folgten ihm schweigend nach.

"Ich sehe" sagte Rinaldo, "hier Fusstritte im Grase. Seid vorsichtig und auf eurer Hut."

Sie naherten sich den Ruinen. Vogel flogen bei ihrer Annaherung auf, aber eine menschliche Gestalt war nirgends zu sehen. Sie kamen in einen grossen, rund umbauten Hof, sahen Eingange ohne Turen und fanden eine Wendeltreppe, welche sie erstiegen. Sie fuhrte bis in den zweiten Stock der Ruinen. Hier trat Rinaldo auf einen mit Lorbeerstrauchern umwachsenen Soller, die Gegend zu uberschauen. Er ubersah den Forst, blickte links in ein schones Tal, sah rechts Berge und ach! sah in eine bekannte Gegend.

"Lodovico!" rief er aus, "Kennst du die Gegend dort, rechts, noch?"

LODOVICO Sie kommt mir sehr bekannt vor.

RINALDO Sie ist es. Siehst du dort jenes Schloss?

LODOVICO Ja, beim Teufel! es ist das Schloss der guten Frau Grafin von Martagno.

RINALDO Es ist es! Ja! es ist Dianorens Schloss! O Lodovico! erinnerst du dich noch des Schlosses?

LODOVICO Ich werde mich ja noch des Schlosses erinnern! Dort ging's uns wohl. Und wir konnten nicht bleiben.

RINALDO Ach Lodovico! so ist es nun einmal, so wird es immer sein! Wir durfen nirgends bleiben, wo es uns wohl geht. Die Verfolgung kettet sich an unsere Fersen. Ach Dianora! Weilst du noch zwischen jenen Mauern? Denkst du an mich Unglucklichen? Deine Lage? O Gott! Lodovico! du musst fort. Du musst kundschaften.

LODOVICO Ich verstehe dich, Hauptmann, ohne dass du mir weiter ein Wort zu sagen brauchst, ganz. Lass mich nur machen! Du sollst Nachrichten haben, so gut sie nur zu haben sind. Adio! Wir sehen uns bald wieder.

Er eilte davon. Rinaldo blieb in tiefes Nachdenken versunken, bis ihn Nero durch die Bemerkung, er sehe ein Haus im Walde, aus seinem Traume weckte.

Rinaldo sah nach der bezeichneten Gegend, und sah das Haus, von welchem aber nichts als das Dach zu sehen war. Sogleich war er entschlossen, die Bewohner des Hauses kennenzulernen, und verliess die Ruinen des Schlosses. Schweigend folgte ihm Nero nach.

Sie kamen auf einen freien Platz und waren kaum noch zehn Schritte von dem Hause entfernt, als der Klang einer Guitarre ihren Fortschritten ein Ziel setzte. Sie lauschten und horten singen, konnten aber nichts genau, als die Worte:

Und liebst du mich,

So lieb ich dich!

verstehen, die der Refrain jeder Stanze des gesungenen Liedchens waren.

"Hier ist Saitenspiel und Sang", sagte Rinaldo; "es ist die Rede von Liebe. Hier haben wir nichts zu furchten. Wo Frohlichkeit und Liebe wandeln, wohnt keine Hinterlist."

Er sprach's und ging auf das Haus zu.

Nero folgte ihm ganz mechanisch, doch auf jeden schlimmen Fall bereit, das Rohr in der Hand, mit gezogenem Hahne nach.

Vor der Tur des Hauses sass ein Mensch in einem braunen Waldbrudergewand, der kaum den unerwarteten Besuch erblickte, als er seine Guitarre aus der Hand warf, einen Schritt vor sich sprang, dann stehenblieb, und ausrief:

"Ist es moglich! Tauschen mich meine Augen, oder ist es Wahrheit? Bist du es wirklich? Sehe ich dich wieder?"

"Diese Stimme!" fiel Rinaldo ein "Gutiger Himmel! Bist du es? Cinthio, bist du es wirklich?"

"Ich bin es!" schrie jener und flog in Rinaldos Umarmung.

"Ja! beim Teufel! 's ist Cinthio! Da muss das Wetter dreinschlagen!" lachte Nero mit inniger Herzensfreude heraus.

RINALDO O mein Freund! Mein Cinthio! Sehen wir uns wieder?

CINTHIO Mein Wunsch ist erfullt, der heisse Wunsch, dich, wenn du noch lebtest, wiederzusehen. Jetzt drucke ich dich an meine Brust, und mein Herz klopft dir freudig entgegen.

NERO Ihr kennt mich doch auch noch, alter Kamerad?

CINTHIO Ha! Nero? Tausendmal willkommen!

NERO Nun! 's freut mich herzlich, dass Ihr noch lebt, dass Ihr wohlauf seid und singen und musizieren konnt!

CINTHIO Herein in meine Wohnung! Becherklang feiere unser frohes Wiedersehen.

NERO Beim Teufel! so etwas fehlt uns. Wir haben gefastet wie Karthauser. Sie sassen am Tische, besetzt mit Butter, Kase, Brot und Wein, liessen sich es trefflich schmecken und fullten und leerten die Glaser nach Herzenslust.

Dabei kam's zum Gesprach.

RINALDO Wie kommst du aber hierher? In dieses Haus? Hast du es selbst gebaut?

CINTHIO Hore an: Jener Mordnacht in Kalabrien entronnen, irrte ich in den Gebirgen verwundet umher und kam endlich zu einem alten, guten Waldbruder, der mich in seine Klause nahm und mich pflegte und wartete. Diesem braven Manne entdeckte ich mich und liess mir so lange von ihm zureden, bis ich ihm versprach, mein bisheriges Handwerk zu verlassen und in ein Kloster der strikten Observanz zu gehen.

RINALDO Lass mich lachen!

CINTHIO Lache nicht. Halb und halb war es, und es wurde beinahe ganz mein Ernst. Mein Wohltater gab mir Briefe an ein Kloster mit, und ich machte mich auf den Weg.

RINALDO Ich sehe dich im Geiste auf dem Wege und in dem Kloster!

CINTHIO Dahin kam ich nicht. Das Ungluck liess mich auf sechs unserer Kameraden treffen, die sich gerettet hatten. Diese hatten sich in einen gebirgigen Schlupfwinkel gesetzt, hatten noch funf Herumstreicher an sich gezogen und trieben ihr Werk, nach wie vor, auf alte Firma fort. Ich liess mich uberreden, blieb bei ihnen und ging nicht ins Kloster. Die Wirtschaft ging auf den alten Fuss fort. Ich zog mich tiefer ins Land hinab und schlug meine Residenz in den Bergen von Girace auf. Hier hatte sich mein Corps bald vermehrt, und wir waren schon wieder sechsundzwanzig Mann stark, als ich einen Hauptstreich auf ein reiches Kloster ausfuhren wollte. Da kamen wir aber ubel an.

NERO Wetter!

CINTHIO Ich weiss nicht, wie unser Plan hatte verraten werden konnen, oder fugte es der Zufall so, genug! die Monche hatten Miliz in der Nahe. Wir wurden schlimm empfangen, und ich wurde beinahe gefangengenommen. Doch mein Gluck liess mich auch diesmal noch entkommen und fuhrte mich sogar glucklich auf eine Kornbarke, die nach Malta segelte. Mit dieser ging ich ab, und als wir in Sizilien anlegten, ging ich davon und ins Land hinein. Ich fand etliche Kerle unsers Schlags, wir vereinigten uns, setzten uns fest und trieben's im Kleinen, wie wir's sonst im Grossen getrieben hatten. Wir hatten ein artiges Haufchen Geld zusammengeschlagen, als meine Burschen auf eine Teilung bestanden. Diese ging vor sich. Nun nahmen sie Abschied von mir, sagten, sie hatten jetzt genug, um ein ehrliches Geschaft anfangen zu konnen, und liessen mich allein. Der kleinen Buschklepperei uberdrussig, warf ich mich in Kleider und machte den Reisenden. Aber meine Vorliebe zu Handwerksgegenden machte, dass ich alle Schlupfwinkel aufsuchte, wo ich glaubte, vielleicht einmal wieder Leute meines Schlages finden zu konnen. Da war ich einst so glucklich, zwei Sackchen mit Goldstucken zu finden, die gewiss keinem armen Teufel gehort hatten, denn sie waren mit einem grossen Wappen versiegelt. Diese eignete ich mir zu. Kaum war ich Besitzer dieses Schatzes, so fiel mir ein, mich der Ruhe zu uberlassen.

RINALDO Glucklicher Gedanke!

CINTHIO Ich warf diese Kutte uber und kam in ein Dorf, eine Stunde von hier gelegen, wo ich mich an den Forster des Orts wendete und ihm mein Vorhaben, ein Waldbruderleben zu fuhren, bekanntmachte. Dieser erzahlte mir: sein verstorbener Baron habe, drei Jahre vor seinem Tode, auch ein solches Leben aus Neigung angefangen, habe sich ein Haus in den Forst gebaut und sei als Waldbruder gestorben. Sein Sohn lebe in der Stadt, brauche immer Geld und werde mir das Haus gewiss uberlassen. Das tat er auch, und ich kaufte es ihm ab. Seht, so bin ich zu dem Hause gekommen.

RINALDO Aber wie kamst du zu einer Geliebten?

CINTHIO Wer hat dir gesagt, dass ich eine Geliebte habe?

RINALDO Dein Gesang.

CINTHIO Aha! hat mich der verraten? Nun gut! Ja, ich habe eine Geliebte, ein liebes, gutes Madchen, das mich mit Milch, Brot, Eiern, Butter und andern Lebensmitteln versorgt und alle drei Tage zu mir kommt. Es ist die Tochter des Forsters.

NERO Am Ende gibt's wohl gar noch eine Heirat?

CINTHIO Warum nicht?

RINALDO Bravo Cinthio! So gefallst du mir.

CINTHIO Und so gefalle ich meinem Madchen noch besser. Wir haben schon ein Planchen gemacht. Der Vater weiss um unsere Liebschaft und will mir seinen Dienst abtreten, will in meine Wohnung ziehen, hier das Ende seiner Tage erwarten und sein einziges Kind mit mir glucklich sehen.

RINALDO Lass dich kussen! Nimm und mache sie glucklich, Freund! Wie heisst sie?

CINTHIO Eugenia.

RINALDO Die Glaser gefullt! Eugenia soll leben! Du und Sie! Euer Gluck! Eure eheliche Liebe! Mein Gluck, wie das deinige, braver Cinthio!

CINTHIO Ich habe oft an dich gedacht. Als einen Toten habe ich dich beklagt, aber deine Schwarmereien habe ich dann selbst mit deiner Asche geliebt, so wie ich jetzt die meinigen liebe. Ganz unvermutet fand sich Eugenia ein. Sie erstaunte, Gaste bei ihrem Liebhaber zu finden. Dieser machte ihr dieselben als seine Freunde bekannt. Sie nahm keinen besonderen Anteil an dieser Bekanntmachung und schien vielmehr uber irgend etwas in Verlegenheit zu sein. Cinthio sah das und bat sie zu sprechen.

CINTHIO Du brauchst meine Gaste nicht zu scheuen. Sie sind, wie ich schon gesagt habe, meine Freunde. Und, Geheimnisse hast du doch wohl nicht?

EUGENIA Geheimnisse habe ich nicht, aber in grosser Verlegenheit bin ich.

CINTHIO Was hast du? Weswegen bist du in Verlegenheit?

EUGENIA Deinetwegen.

CINTHIO Meinetwegen? Was droht mir?

EUGENIA Ach! man kann nicht wissen

CINTHIO Sprich. Willst du mich auch angstlich machen?

EUGENIA Du wirst doch auch wohl von dem grossen Rauber, Rinaldini, gehort haben? Der ist bei uns, mitten im Lande.

CINTHIO Unmoglich!

EUGENIA Nein, nein! Es ist wahr. Er muss ein schrecklicher Mensch sein! Die Miliz hat seine Bande angegriffen. Sie sind noch im Gefecht. Nun sind auch unsere Soldaten aufgeboten worden und die Jager dazu. Da meint nun mein Vater, du konntest dein Probestuck ablegen und an seiner Stelle mit gegen die Rauber ziehen. Ich kenne dich. Du wirst's tun. Und das ist es, was mich so angstlich macht. Du kannst erschossen werden. Und wenn sie dich nun tot in unser Haus brachten. Ach! das konnte ich nicht uberleben.

CINTHIO Also wunschest du, dein Vater mochte lieber selbst mit ausziehen? Nicht wahr?

EUGENIA Ja freilich?

CINTHIO Der arme alte Mann! Wenn sie ihn nun tot in sein Haus brachten?

EUGENIA Ach, heilige Mutter Gottes! das wurde mir das Herz zerreissen. Aber ich hatte doch dann dich noch. Wenn du aber umkommen solltest mein Vater ist alt

CINTHIO Ich dachte, ein anderer Liebhaber war' weit leichter wiederzubekommen als ein anderer Vater.

EUGENIA Das wohl! Aber doch kein Cinthio.

CINTHIO Ich danke dir, liebe Eugenia, fur deine Aufrichtigkeit. Aber was ist nun zu tun?

EUGENIA O! der hassliche Kerl, Rinaldini.

CINTHIO Er soll ein artiger Mann sein.

EUGENIA Ei meinetwegen! Wenn er nur schon in der Luft hinge, dass du hierbleiben konntest, da war' er noch zehnmal artiger fur mich.

RINALDO Ich will einen Vorschlag tun. Statt Cinthio schicke du mich gegen Rinaldini, ich will ihn dir zum Hochzeitsgeschenk bringen.

EUGENIA Behaltet ihn, wenn Ihr ihn kriegen konnt! Er wird teuer genug bezahlt. Ich gonne Euch alles und mag nichts davon haben. Wenn ich meinen Cinthio behalte, habe ich Uberfluss in allen Ecken.

CINTHIO Gutes Madchen!

EUGENIA Cinthio! stelle deinen Freund fur dich, weil er Lust dazu hat.

CINTHIO Dann wird er aber auch deines Vaters Dienst bekommen.

EUGENIA Das ist auch wahr!

CINTHIO Und was fangen wir dann an?

EUGENIA Je nun! wir mussten zusehen, wie wir durchkamen. Wenn wir nur am Leben bleiben, so hat es nichts zu sagen. Wir wollen uns schon ruhren.

CINTHIO Und was wurden die Leute von mir denken und sagen? Ich sei ein feiger Kerl. Willst du einen solchen elenden Burschen zum Manne haben?

EUGENIA Freilich war' das auch schlimm! Was ist also zu tun?

CINTHIO Ich ziehe mit aus.

Da fiel vor dem Hause ein Schuss. Sie fuhren erschrocken zusammen. Eugenia schrie:

"Heilige Jungfrau! mir sagt's mein Herz! Rinaldini ist hier."

Sie sank auf einen Stuhl, Cinthio und seine Freunde griffen nach dem Gewehr.

Fussnoten

1 Leontino Monte Bello. 1. T. S. 226.

Siebentes Buch

Der Laune Ball! Von allen Seiten

Gedrangt, verfolgt und ohne Ruh!

O! wie so manche Erdenleiden

Wirft dir zum Dolch dein Schicksal zu!

Draussen blieb es nach dem Schusse still. Eugenia kam wieder zu sich. Cinthio trat in die Haustur. Die andern folgten ihm. Es war kein Mensch zu sehen und zu horen. Sie umgingen das Haus und fanden keine Seele in der Nahe. Als sie wieder in das Haus zuruckgehen wollten, vernahmen sie menschliche Stimmen in der Entfernung. Sie verloren sich aber wieder, und alles blieb ruhig. Cinthio sendete Eugenien mit der Nachricht an ihren Vater zuruck, er werde fur ihn bei dem Aufgebot gegen Rinaldini erscheinen. Eugenia verliess ihn, ziemlich unruhig.

Nero wurde unter die Ruinen geschickt. Er sah sich vergebens nach Lodovico um. Es wurde Abend, Nero kam zuruck, und von Lodovico war nichts zu sehen und zu horen.

Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht ging Rinaldo selbst unter die Ruinen, erstieg den Soller und blickte mit klopfendem Herzen rechts in die Gegend, wo sein Herz und seine Gedanken waren. glanze uber die Berge empor. Schon funkelten die metallenen Turmspitzen und Kreuze des Schlosses, auf welchem seine Augen ruhten; der Nebel entfloh, lichter wurde das Tal. Jetzt schwamm die Sonne im blauen Ather unverschleiert einher. Wald und Tal erwachten und tausend Kehlen frohlockten ihrer Erscheinung in frohem Morgengesange entgegen. Rinaldo senkte sein Haupt und sturzte nieder auf seine Knie, uberwaltigt vom Gefuhl, hingerissen von Andacht, Wehmut und Entzucken.

"Wie ist mir?" rief er aus. "Was empfinde ich? Was schlagt mich zu Boden und fullt mein Herz mit Wehmut? Deine reinen Strahlen, grosses Licht der Welt, durchdringen mein Innerstes. O! vernichte mich und lass mich anbetend hier vergehen."

Nach einer langen Pause schlug er seine Augen auf, blickte gen Himmel und seufzte. Tranen entstromten seinen Augen. Er sprach:

"Unglucklicher! Hier liegst du in Wildnissen und Einoden, musst die Menschen furchten und fliehen das schone Licht der Sonne. Alle deine Traume sind dahin, und die schrecklichste Wirklichkeit halt dich in ehernen Banden. O Rinaldo! du kannst nicht glucklich enden!"

Da rauschten Fusstritte durch die Busche. Rinaldo sprang auf. Es fielen Schusse; er ergriff sein Gewehr. Er blickte hinab. Terlini und seine Kameraden sturzten auf die Ruinen zu, Soldaten folgten den Fliehenden nach. In den Ruinen kam es zum Gefecht. Die Klugheit verliess Rinaldo, er schoss hinab auf die Soldaten. Diese vermehrten sich, Terlini und seine Gesellen wurden zusammengehauen, und Rinaldo, von acht Mann, die die Ruinen erstiegen, in eine Ecke gedrangt, musste sich ergeben. "Ich will des Todes sein!" schrie einer von den Soldaten, "wenn dieser Vogel nicht Rinaldini selbst ist."

"Bist du Rinaldini!" fragte ein Offizier.

Seiner sich selbst unbewusst, wie das in schlimmen Fallen oft der Vorsicht selbst geht, antwortete Rinaldo seufzend:

"Ich bin es."

Alsobald erhob sich ein lautes Frohlocken. Man band dem Gefangenen die Hande und legte Schlingen an seine Fusse. Langsam ging der Marsch nach dem Ausgange des Waldes zu. Jauchzend marschierten die Soldaten einher. Rinaldo hob kein Auge von der Erde.

Vor dem Walde lagerte man sich auf eine breite Ebene. Der Offizier liess Rinaldo Wein und Brot reichen. Er nahm wenig davon zu sich.

"Aber", sagte der Offizier, "so herzhaft warst du doch nicht, dich selbst zu entleiben. Ich, an deiner Stelle, wurde das gewiss getan haben: denn wie schimpflich wird der Tod sein, der dich erwartet."

Rinaldo sah ihn duster an und antwortete kein Wort.

"Der Kerl ist verstockt!" schrien die Soldaten. "Auf der Folterbank wird er schon sprechen lernen."

Bei dem Worte Folterbank erbebte Rinaldo. Eine krampfartige Bewegung zuckte wie ein elektrischer Schlag durch seine Nerven, sie war heftig, vermochte aber nicht, seine Banden zu zerreissen. Er bat um einen Mantel, erhielt ihn, liess ihn uber sich werfen, verhullte sein Gesicht, und seine Tranen fielen auf das Gras.

"Endlich kommt sie, die Stunde meiner Auflosung", sprach er bei sich selbst. "Das Schattenspiel meines Lebens naht sich dem Ende. Fahre wohl, Rinaldo! Deine Traume bleiben Traume. Du bist in Banden, und Korsika bleibt in Fesseln. Hinauf, auf den Rabenstein, Rinaldo! dort ist dein Triumphbogen, dort ist das Ziel deiner glanzenden Taten."

Einige Stunden darauf wurde er weitergefuhrt und, als er uber Mudigkeit klagte, auf einen Strohwagen gesetzt, der mit einer starken Eskorte versehen wurde. So kam er gegen Abend zu Serdona an, sollte hier der Justiz ubergeben und den folgenden Tag nach Messina abgefuhrt werden. Es war um Mitternacht, als die Tur seines Kerkers geoffnet wurde. Das Licht einer Wachskerze strahlte ihm entgegen. Er richtete sich auf und sah wer schildert sein Erstaunen? den Alten von Fronteja vor sich stehen.

RINALDO Was sehe ich? Dich? Bist du es wirklich? Der Weise von Fronteja?

DER ALTE Wie du mich kennst. Ich komme als Freund zu dem Freunde; durch meine Macht.

RINALDO Kannst du Ketten brechen?

DER ALTE Das kann ich.

RINALDO So zerbrich die meinigen.

DER ALTE Mit Bedingung, o ja! Warum nicht?

RINALDO Mit Bedingung? Wie verstehst du das?

DER ALTE Ich bin eigennutzig.

RINALDO So bist du ein ganz gewohnlicher Mensch.

DER ALTE Nicht so sehr, wie du meinst. Mein Eigennutz ist verzeihlich, weil er planmassig ist.

RINALDO Was forderst du von mir als Losegeld?

DER ALTE Deine ganzliche Ergebung an mich und meine Forderungen.

RINALDO Wahrlich, viel!

DER ALTE Ich entziehe dich der Folter und dem Rade.

RINALDO Sehr viel!

DER ALTE Unerhort viel. Die Justiz treibt mit solchen Gefangenen, wie du einer bist, kein Spiel. Du bist, ohne meinen Beistand, ganzlich verloren. Hast du noch zu wahlen?

RINALDO Ich kann mich also nur dir oder den Raben ubergeben.

DER ALTE Du weisst sonderbar zu paaren! Gute Nacht!

RINALDO Einem Weisen ziemt es nicht, gegen einen Unglucklichen empfindlich zu sein. Lass horen, wozu du meine Ergebung an dich und an deine Forderungen forderst.

DER ALTE Ich bestimme keine einzelnen Falle. Wir handeln im Ganzen miteinander. Du ergibst dich mir unbedingt, und ich rette dich aus dem Kerker und vom Tode.

RINALDO Ich bin keine Maschine. Gute Nacht!

DER ALTE Unzeitiger Stolz! Du bist seit Anbeginn deiner celebren Bahn nichts als eine Maschine gewesen. Freilich ohne es zu wissen, aber doch Maschine, und zwar die meinige. Du siehst mich verwunderungvoll an? Ich wiederhole es, du warst meine Maschine, schon langst, bist es noch und wirst es bleiben so lange ich will. Von mir und meinem Planen hangt auch jetzt dein Verderben oder deine Rettung ab. Zwar deine Unglucksfalle waren nie mein Werk, aber ich wusste dich immer wieder zu retten, wenn du dich gleich selbst oft verloren gabst.

RINALDO Nun dann, du Hexenmeister! so entlass jetzt deinen gebannten Teufel.

DER ALTE Das lasse ich wohl bleiben! RINALDO Ich mag, ich will dir nicht mehr dienen. Was geschehen ist, ist ohne mein Wissen, ist ohne meinen Willen geschehen. Jetzt will ich frei sein, und sollte es auch nur sein, um freiwillig sterben zu konnen. DER ALTE Auch das kannst du nicht. Dich richten Kriminalgesetze. Dabei hast du keinen Willen. RINALDO Ich kann den Atem zuruckhalten und kann mich ersticken. DER ALTE Du kannst es versuchen. Gute Nacht! RINALDO Noch eine Frage. Wenn ich wirklich deine Maschine war, bin und noch ferner sein soll, wenn du willst, warum forderst du von mir eine ausdruckliche Ergebung an deine Forderungen? Wozu bedurftest du diese, da ich ohnehin in deiner Gewalt, nur das Spielzeug deiner Laune war? DER ALTE Du kannst glauben, dass das notig war, sonst wurde es nicht geschehen sein. Denn, dass ich wenigstens nicht viel einfaltiger bin als du selbst bist, kannst du denken. RINALDO Deine Klugheit habe ich nie in Zweifel gezogen, wohl aber die gute Absicht deiner Sendung. Auch kann ich nicht leugnen, dass die Grosse und Gewalt deiner Machtkraft mir verdachtig ist. DER ALTE Du kannst davon halten, was du willst. Aber, wie glaubst du wohl, dass ich durch deine Wachen bis hierher, durch Schlosser und Riegel in deinen Kerker gekommen bin?

RINALDO Durch Zauberei wahrlich nicht!

DER ALTE Das habe ich auch nicht gesagt. Indessen Doch wozu so viele Worte? Lass du dich jetzt auf einem armen Sunderkarren nach Messina fuhren. Dein Aufzug wird dem Volke viel Spass und deinen vornehmen Bekannten dort grosse Freude verschaffen! Ich wette darauf, eine gewisse Dianora

RINALDO Schweig, Barbar! Du spannst mich auf die Folter, ohne das Recht und Gesetz dir das erlauben. Schaffe mich fort von hier, aber

DER ALTE Du weisst die Bedingung.

RINALDO Ich will sterben.

Er drehte sich gegen die Wand. Der Alte ging, und die Tur schloss sich wieder.

Rinaldo wurde des Morgens aus seinem Gefangnisse geholt, um weitergefuhrt zu werden. Ein Offizier der Miliz ubergab ihm, versteckt, ein Papier und nahm dasselbe, als er es gelesen hatte, wieder zuruck. Rinaldo las:

"Du hast die Probe uberstanden. Zweifele nun nicht an dem Beistande Deines bekannten Freundes."

Der Offizier entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Rinaldo aber wurde auf einen bedeckten Wagen gebracht, der, mit starker Bedeckung versehen, ihn weiterfuhren sollte.

Sie reisten den ganzen Tag ohne Anstoss und kamen, als die Sonne sank, in ein enges Tal, dessen Mitte sie kaum erreicht hatten, als einige Schusse in der Nahe von den Bergen herab auf Rinaldos Bedekkung fielen. Bald zeigten sich Menschen, die mit einem wilden Geschrei auf die Miliz losbrachen. Das Gefecht wurde lebhaft. Das enge Tal wurde mit Streitenden bedeckt. Die Schusse fielen rasch hintereinander, Sabel klirrten an Sabeln, und endlich wurden die Soldaten, die nicht fielen, von dem Wagen, auf welchem Rinaldo sass, abgedrangt und entfernt. Die Maultiere wurden angetrieben, der Wagen rollte schnell davon. Bald sprangen einige mutige Burschen hinauf und losten Rinaldos Banden. Zwei Ritter fuhrten ein lediges Pferd, hiessen Rinaldo aufsitzen, ihnen folgen, und jagten mit ihm rasch davon. Immer tiefer ging's in die Berge hinein. Der Mond ging auf und bestrahlte die rauhen Pfade. Sie trabten, ohne ein Wort zu sprechen, noch immer rasch zu, bis an einen mit Strauchwerk bewachsenen Platz, wo sie haltmachten, Rinaldo absteigen hiessen, ihm ein Felleisen ubergaben, sein Pferd bei dem Zugel nahmen und ohne ein Wort zu sprechen davonjagten.

Vergebens rief ihnen Rinaldo nach. Sie gaben keine Antwort und waren bald seinen Augen entschwunden. Endlich verlor sich auch der Schall des Hufschlags ihrer Rosse, und Rinaldo war in einer ihm unbekannten Einode allein. Er dachte dem Abenteuer seiner Errettung nach, die er augenscheinlich dem Alten von Fronteja zu verdanken hatte, nahm das ihm ubergebene Felleisen auf den Arm und wanderte weiter.

Er war eine ziemliche Strecke gegangen, als er endlich den Schein eines Lichtes gewahr wurde. Darauf wanderte er zu und kam zu der einsamen Wohnung eines Klausners, aus welcher ihm der Bewohner derselben mit einer Laterne entgegentrat.

"Bist du da?" rief er ihm entgegen und beleuchtete ihn. "Ich wollte dir eben entgegengehen."

"Kennst du mich?" fragte Rinaldo.

"Der Alte von Fronteja lasst dich grussen", antwortete jener: "und ersucht dich, bei mir zu ubernachten. Daraus wirst du sehen, zu welcher Fahne ich geschworen habe."

Rinaldo ging in die Klause, fand eine kleine Mahlzeit und ein gutes Nachtlager.

Gesprochen wurde zwischen ihm und seinem Wirte nichts. Rinaldo entschlief bald, ziemlich ermudet. Als er erwachte, sah er den wohlbekannten Theosophen von Fronteja vor seinem Lager, der in einem Buche las. DER ALTE Du hast lange geruht und, wie ich hoffe, wohl geschlafen; wenigstens gewiss besser als in deinem vorigen Nachtquartier.

RINALDO Wo bin ich?

DER ALTE Unter Freunden, wo du so lange bleiben wirst, bis du ohne Gefahr weiterreisen kannst.

RINALDO Wohin soll ich reisen?

DER ALTE Das muss uberlegt werden. Du hast eine Probe meiner Gewalt und meiner Freundschaft erhalten, wie sie deine Standhaftigkeit verdient hat. Du bist frei und ungebunden, handle nach Einsicht und Belieben. Verlangst du aber guten Rat, so soll er dir nicht fehlen. Doch wird er dir nicht aufgedrungen werden. Es konnte leicht sein, dass du hier ein paar Wochen verweilen musstest, ehe du ohne Gefahr weitergehen konntest, deshalb hat man fur Gesellschaft fur dich, in der Einode, gesorgt.

Er verliess, als er das gesagt hatte, die Kammer, und gleich darauf trat Olimpia ein. Sie breitete ihre Arme gegen ihn aus. Er sah sie schweigend an.

SIE Hast du keinen Gruss fur deine Olimpia? Freust du dich nicht der Ankunft einer Freundin, die sich freiwillig zu dir in eine Einode verbannt?

ER Ich bewundere das, was du tust.

SIE Mit blosser Bewunderung speist man keine Freundin ab. Ich kann mehr als das verlangen. Du bist gerettet, geborgen und hast nicht einmal Dank fur deine Freunde?

ER Ich danke Euch meine Rettung gewiss herzlich, aber lebt Luigino?

SIE Ich glaube gehort zu haben, dass er noch lebt. Aber wo, das weiss ich nicht.

ER Wo ist Rosalie?

SIE Vermutlich noch bei Luigino. Ich habe daruber aber keine Gewissheit. Ist sie nicht mehr bei Luigino, so hat er sie gewiss zu dem Alten von Fronteja bringen lassen.

ER Kennen sich diese, kennen sich Luigino und der Alte auch?

SIE Warum nicht? Der Alte kennt uns alle.

ER Aber, kennen wir ihn?

SIE Wenigstens von Person.

ER Ist er noch hier?

SIE Er ist fort, als ich eintrat. Er weiss dich ja nun in guten Handen.

ER Woher der Anteil, den er an einem Manne nimmt, den alle Menschen verfolgen?

SIE Daher, weil er verfolgt wird.

ER Das ist es nicht allein.

SIE Sei es mehr oder weniger, was kummert uns das? Genug, dass wir unter seinem machtigen Schutze stehen.

ER Ist er wirklich machtig?

SIE Hast du das nicht gestern noch selbst erfahren? Ohne seinen Beistand warst du verloren.

ER Das Leben ist mir verhasst. Verdammt, ewig in Einoden und Waldern umherzukriechen, die Menschen zu fliehen, zu furchten und mich selbst am meisten zu hassen, kann mein Dasein mir nur zur Last und nie zur Freude werden.

SIE Ist Sizilien die Welt? In Korsikas fruchtbaren Auen

ER Woran erinnerst du mich? O! dieser Traum

SIE Muss Wirklichkeit werden. In dir umarme ich den Befreier der Korsen!

ER Ich bin es noch nicht.

SIE Du musst, du wirst es werden! Luigino rechnet darauf, wir alle wunschen eben das; deine bekannten und dir unbekannten Freunde rechnen wie wir. Dein machtiger Beschutzer, dein Freund, der Alte von Fronteja, rechnet auch darauf. Er ist ein Korse, wie Luigino. Und auch deine Olimpia ist eine Korsin.

ER In Neapel warst du eine Genueserin.

SIE Die Zeiten andern sich. Jetzt bin ich, was ich wirklich bin, deine zartlichste Freundin und eine Korsin. Ich huldige dir als dem Befreier meines Vaterlandes und als dem einzigen, wahren Besitzer meines Herzens. Ich gehe jetzt, unsere kleine Haushaltung einzurichten. Wir wollen keine Not leiden. "So weit war' ich denn endlich gekommen" sprach Rinaldo mit sich selbst, als er allein war: "zu wissen, dass ich bei all meiner vermeinten Selbstandigkeit nur ein Werkzeug wahrer oder erdichteter Plane listiger Menschen bin. Aber, Geduld! auch sie sollen erfahren, was ich wirklich bin oder nicht. Und doch, was will ich tun? Ist die Rolle, die sie mich wollen spielen lassen, nicht ehrenvoll genug? Mein Untergang ist gewiss. Soll ich nicht lieber den Tod unter den Waffen als am Hochgerichte suchen?" Olimpia unterbrach dieses Selbstgesprach. Sie trug sehr geschaftig ein gutes Fruhstuck auf. So, wie sie sich jetzt benahm, schien sie zu einer Haushalterin geboren zu sein. Rinaldo machte diese Bemerkung gegen sie. Sie lachte und antwortete nur, indem sie ging:

"Lass es dir wohl schmecken."

Rinaldo liess sich das Fruhstuck wirklich schmekken. Olimpia kam bald zuruck und leistete ihm Gesellschaft. Sie sprach von nichts als von Haushaltungsgeschaften, so detailliert, dass Rinaldo selbst Kenntnisse bewundern musste, die er nie bei ihr zu finden geglaubt hatte. Er suchte sie aber bald wieder auf ihr voriges Gesprach zuruckzubringen, und sie wiederholte nur, was sie schon gesagt hatte. Dann wollte sie, wie sie sagte, Vorbereitungen zur Mittagsmahlzeit zu machen, aus dem Zimmer gehen. Er hielt sie aber zuruck und fragte:

"Soll denn die edle Korsin nichts weiter sein als Rinaldinis Kochin?"

SIE Sie ist wohl mehr als dies. Sie wunscht dem Befreier ihres Vaterlandes alles zu sein, und dazu gehort die Kochin und Haushalterin auch mit. Ich habe bei diesen hauslichen Geschaften Prinzessinnen zu Vorbildern und schame mich keiner Arbeit, die ich aus so edlen Absichten ubernehme. Wenn der Name Rinaldini im Marmor prangt, schreibe ich den Namen seiner Kochin mit Kohle daneben und setze dazu: diese hat ihn mit Speisen erhalten, damit er ihrem Vaterlande das werden konnte, was er ihm wirklich wurde. Zwar dein Name steht dann fester als der meinige auf der Saule des Ruhms, aber ich kann ihn erneuern, sooft ihn der Regen verwischt hat. Wenn aber meine Tranen einst auf den Hugel fallen sollten, der deine Asche deckte, so wurde ich den Himmel bitten: gib ihm, um den ich weine, nicht nur meine Tranen, gib mich ihm ganz, wie ich ihm mich selbst gegeben habe.

ER Olimpia! diese Schwarmereien sind

SIE O! keine Antwort! so etwas will nicht beantwortet, es will gefuhlt sein.

ER Traume lassen kein Gefuhl zuruck.

SIE Die Ruckerinnerung.

ER Auch jenseits des Grabhugels?

SIE Das hoffe ich.

ER Und weisst du gewiss, dass der meinige sich in Korsikas Talern erheben wird?

SIE Wo es auch sein mag, nur immer so spat als moglich; und kann es sein, neben dem meinigen: denn ich gehe nicht wieder von dir, bis das Schicksal mich von dir reisst. Mein Dasein ist an das deinige gekettet und ich kann sterben; aber von dir gehen, dich verlassen kann ich nicht. Hier hast du mein Bekenntnis.

ER Bei dem Alten von Fronteja, meinst du, sei Rosalie?

SIE In Sicherheit ist sie gewiss, und in deinem Herzen ist sie auch, das weiss ich. Daraus kann ich sie nicht vertreiben. Ich verlange aber auch dort nur den zweiten Platz, die Stelle nach ihr. Meine Forderung wird stets ebenso billig sein, als meine Liebe wahr und zartlich ist. Sie ist keine Korsin, aber mein Herz hat sich in meine Vaterlandsliebe gehullt. Willst du es enthullen! Ich widerstrebe nicht. Du sollst nicht von Schleiern hintergangen werden. Sieh und finde es, wie es wirklich ist.

Sie legte, als sie das sagte, ihren Kopf an seine Brust, umschlang ihn mit beiden Armen und grosse Tropfen entsturzten ihren tranenschweren Augen. Es wurde kein Wort gesprochen. Sie druckte ihn heftig an sich und ging schnell davon. "Ja! so ist es!" sagte Rinaldo zu sich selbst. "Ein Spiel alter Taschenspieler und listiger Weiber sollst du werden. Darauf ist es angelegt. Lass sehen, Rinaldo, wie du dich halten wirst?"

Er ging vor das Haus und uberschaute die enge, begrenzte, wilde Gegend seines Aufenthaltes.

Olimpia war in der Kuche beschaftigt und sang bei ihrer Arbeit in starken Pausen. Dies weckte Rinaldos Gesangsliebe. Er fand eine Guitarre, sein Lieblingsinstrument, nahm sie, setzte sich vor die Tur seiner Wohnung, spielte und sang:

Froh und heiter, unbeklommen,

Irrt' ich sonst durch Feld und Wald;

Und ein Sammelplatz der Leiden

Ist mir jetzt mein Aufenthalt;

Mag ich durch die Felder wandern,

Such' ich einen kuhlen Hain,

Uberall, mit Gram und Kummer,

Bin ich, ohne Trost, allein.

Ruh und Freude lachten heiter

Mir in jedem Sonnenstrahl,

Und ich find' im Sonnenglanze

Jetzo nur ein Meer von Qual.

O! ihr frohen Morgenstunden,

O! du sanfter Abendstern,

Ach! ihr seid so schnell verschwunden,

Seid mir nun auf ewig fern!

An die Tage froher Freude

Knupfte sich des Kummers Band.

Ach! es hat mich ganz umschlungen

Seit es mich als Jungling fand.

Wahnsinn trieb mich in die Walder,

Trieb mich in der Felsen Nacht,

Und auf blutbespritzten Pfaden

Hat mir nie ein Stern gelacht.

Was den muden Wandrer labet,

Was ihm lachelt und entzuckt,

Hat, umlagert von Verbrechern,

Nie mein armes Herz erquickt.

Fittiche des Totenengels

Rauschten furchterlich um mich,

Aber keines Westwinds Kuhlen

Schlich um meine Locken sich.

Fiel ein holder Strahl der Sonne

Hier und da auf meinen Pfad,

Glanzt' er blutig mir entgegen,

Floh er eine Raubertat;

Und im sanften Mondenschimmer

Hort' ich keinen Grillensang,

Hort' ich nur das Mordgewimmer,

Das aus Kluften zu mir drang.

Ach! wohin bist du geflohen,

Meiner Jugend Heiterkeit?

Ach! wie schnell bist du entschwunden,

Meines Lebens Rosenzeit?

Einsam, traurig, und verachtet,

Weil ich, wo die Furcht mich deckt,

Wo kein Glanz der Morgensonne

Mich zu Lebensfreuden weckt.

"Rinaldo", sagte Olimpia, die herzugetreten war, indem sie die Hand auf seine Schulter legte, "Rinaldo, nie wieder ein solches Lied oder ich vergehe. Grausamer, wozu diese Selbstpeinigung?"

"Sie ist meine Busse", antwortete Rinaldo.

"Nein! sie ist dein Verderben!" fuhr Olimpia fort. "Sie nimmt dir Mut und Kraft und macht dich zaghaft. In Gefahren wird dich dein Mut verlassen und du wirst deinen Qualen eher als deinen Feinden unterliegen. Mit diesen Empfindungen kannst du nicht an die Spitze der Korsen treten, und so, selbst zermartert, wirst du den Kampf des Helden nie fechten."

"Ich verlange nur einen ehrlichen Tod!" seufzte Rinaldo.

"Armes Vaterland!" stohnte Olimpia und verliess ihn.

Er blieb lange nachdenkend sitzen, stand endlich auf, nahm die Guitarre mit sich, erkletterte einen Berg und warf sich unter einer hochbejahrten Fichte nieder. Hier uberschaute er die Gegend. Er wurde einen Menschen gewahr, der auf das Tal zuging und sich endlich seiner Wohnung nahte. Er ging in dieselbe, und bald darauf trat Olimpia in die Haustur und rief Rinaldo. Dieser ging hinab und fand einen Boten mit folgendem Briefe an sich.

"Deine Freunde freuen sich deiner Errettung und verehren deinen Erretter. Unsere Anzahl wachst taglich und Schiffe sind schon im Handel. Wir treffen uns alle dort, wo dich Ruhm und Ehre und die Tapfersten ihres Vaterlandes erwarten."

Rinaldo wollte den Boten sprechen, und er war schon wieder fort. Bald darauf lud ihn Olimpia zum Mittagsmahl ein. Die Mahlzeit war klein, aber gut, und herrlicher Wein stromte in die Becher. Drei Tage entflohen in dieser Einsamkeit Rinaldo im dumpfen Unbewusstsein seiner selbst; Olimpia schien ihn mehr bemerken als storen zu wollen. Sie schrieb Briefe. Rinaldo war nicht neugierig, sie zu lesen, ob sie gleich oft offen, vielleicht absichtlich, vor seinen Augen lagen. Sie erhielt Briefe durch einen Boten, dem sie die ihrigen mitgab. Rinaldo verlor kein Wort an den Boten.

Den vierten Tag gegen Abend sassen die Huttenbewohner vor der Haustur still und stumm, wie ein paar verstimmte Eheleute, nebeneinander, als eine menschliche Figur das Tal herauf auf ihre Wohnung zukam. Sie kam naher, trat dreist herzu und grusste sie mit den Worten:

"Friede sei mit euch! im Namen des Alten von Fronteja, dessen Junger einer ich bin."

Es war ein hubscher Bursch, der das sagte und zugleich Olimpia einen Brief uberreichte. Indes sie las, fragte Rinaldo:

"Wie befindet sich dein Meister?"

"Wie immer ist er wohl und auf das Gluck seiner Freunde bedacht" war die Antwort.

Olimpia hatte gelesen. Der Junger des Alten von Fronteja klagte Durst, Hunger und Mudigkeit. Sie trug sogleich Speise und Trank auf und wies dem Gaste alsdann ein Nachtlager an.

Rinaldo sass noch vor der Haustur und hatte sich in Betrachtungen am Firmament verloren, als Olimpia wieder zu ihm trat. Es kam jetzt zum Gesprach.

SIE Soeben erhalte ich Nachricht, dass Freunde aus Korsika bei unserm Freunde in Fronteja angekommen sind. Sie brennen vor Begierde, dich kennenzulernen, und werden uns in einigen Tagen besuchen. Ich sage dir das mit besonderer Freude, denn mein Bruder ist mit unter den Korsen, die gekommen sind und uns besuchen werden. Luigino hat sich wieder verstarkt und hat eine vorteilhafte Position genommen. Binnen drei Wochen werden fur uns vier Fregatten segelfertig sein. Alles lasst sich erwunscht an, und nur der kuhne Rinaldo, auf den die Blicke der Erwartung gerichtet sind, ist nicht, wie er sein sollte. Er ist zuruckhaltend, in sich selbst verloren.

ER Da, wo er sich braucht, wird er sich schon wieder finden.

SIE O! dass wir das hoffen konnten! Rosalie ist zu Fronteja. Ich werde ihr schreiben, du wunschtest sie hier zu sehen.

ER Das willst du tun?

SIE Und warum nicht? Vielleicht ja, gewiss! macht dich ihre Gegenwart heiterer als die meinige. Das ist ja Gewinn fur uns alle. Mit deiner Heiterkeit wird dein unternehmender Geist wieder erwachen, den deine uble Laune eingeschlafert hat. Ja, Rosaliens Gegenwart wird ihn wecken. Sie bleibt bei dir, und ich gehe nach Fronteja.

ER Warum das?

SIE Du wirst mir doch wohl nicht zumuten wollen, hier zu bleiben, wenn Rosalie bei dir ist? Nein, Rinaldo, so unempfindlich ist mein Herz nicht, dass es die Gegenwart einer glucklichen Nebenbuhlerin ohne Eifersucht ertragen konnte. Meine Entfernung wird mir deine Freundschaft erhalten, und meine Liebe will ich zu verabschieden suchen.

Rinaldo schwieg, Olimpia zundete Licht an,

wunschte ihm wohl zu ruhen und ging. Er wankte vor dem Hause auf und ab, ging ins Zimmer, ging wieder ins Freie, kam wieder zuruck und traumte wachend die Mitternacht herbei. Rasch sprang er endlich auf, nahm das Licht und eilte, er wusste selbst nicht warum, in Olimpiens Kammer. Er trat leise ein, sah sie ruhen in den Armen des Jungers des Alten von Fronteja, und ging ebenso leise wieder zuruck als er eingetreten war.

Der Tag brach an. Die Liebebegluckten waren noch

nicht munter. Rinaldo warf eine Buchse uber die Schulter und verliess die Wohnung. "Lebt wohl!" murmelte er und ging mit raschen Schritten davon.

Gegen Mittag erreichte er ein Dorf, ruhte hier ein

wenig und ging weiter.

Schon wurden die Schatten langer, die Sonne ging

unter. Er verdoppelte seine Schritte, ein vor ihm liegendes Schloss zu erreichen. Er erreichte es, klopfte und wurde eingelassen.

"Wer seid Ihr?" fragte ihn der Pfortner.

"Der Baron Tegnano bin ich und habe mich auf der

Jagd verirrt", war Rinaldos Antwort.

Der Pfortner sah ihn schweigend an, wie einer, der

nicht weiss, was er sagen oder tun soll. Rinaldo fragte:

"Wem gehort dies Schloss?"

"Der Grafin Martagno."

"Der Grafin Martagno?" fiel Rinaldo hastig ein. Ist sie hier?

"Nein, sie ist nicht hier", antwortete der Pfortner gedehnt.

"Wer bewohnt das Schloss?"

"Eine Freundin der Grafin, Madonna Violanta."

"Madonna Violanta? Ich kenne sie. Sie kennt mich."

Dies gesagt, drangte er den Pfortner zuruck, eilte an ihm vorbei in das Schloss, die Treppen hinauf, und traf auf eine Magd. Dieser sagte er, sie mochte den Baron Tegnano bei ihrer Herrschaft anmelden.

Das Madchen ging ihm viel zu langsam, er eilte ihr vor und trat in ein Vorzimmer.

Auf das Gerausch seines Eintritts wurde eine Zimmertur geoffnet, und die uns bekannte Signora Violanta stand vor ihm.

SIE Heilige Jungfrau! Baron Tegnano! Seid Ihr es wirklich? Mein Gott! wo kommt Ihr her?

ER Ich suche hier ein Nachtlager.

Violanta sah ihn schweigend an und trat in das Zimmer zuruck. Er folgte ihr nach. Sie warf sich auf ein Sofa und stammelte:

"Vergonnt mir, mich zu fassen."

Er blickte im Zimmer umher und sah an der Wand das Bildnis der Grafin.

"Dianora hier!" rief er aus. "Ach! aber nur ihr Bild, nicht sie selbst."

Hastig griff er nach dem Portrait, nahm es von der Wand und kusste es heftig. Violanta sah ihm schweigend zu. Er, in das Anschauen des geliebten Gegenstandes verloren, bemerkte Violantens Aufmerksamkeit auf sein Betragen nicht. Nach einer langen Pause nahte er sich ihr, ergriff ihre Hand und fragte:

"Wo ist Dianora? Wie lebt sie?"

Violanta seufzte und schwieg. Er fragte dringender:

"Wo ist Dianora; meine geliebte Dianora?"

Violanta seufzte starker und schlug die Augen nieder.

ER Ist sie tot?

SIE Noch lebt sie.

ER Sie lebt? Sie lebt? und wohl? und glucklich?

SIE Ach! Baron, wie konnt ihr so fragen?

ER Ich verstehe Euch! Mein Ungluck ist auch das ihrige. Und wie konnte es anders sein? Ihr wisst ja Ihr kennt mich doch?

SIE Gesehen habe ich Euch ja oft, Baron, und

ER Ach! nennt den Unglucklichen nur bei seinem wahren Namen. Ihr beschamt mein Herz nicht.

SIE Bei Euerm wahren Namen soll ich Euch nennen? Heisst Ihr nicht Tegnano?

ER Wie? und Ihr wusstet nicht Die Grafin hatte euch nichts gesagt? Ach! Violanta! Aufrichtig! was wisst Ihr von mir? O, gute, von mir gerettete Frau! Liebe Freundin! was weisst du?

SIE Dass Ihr mehr geliebt werdet als Ihr es verdient. Dass Ihr ungetreu, und kein Wort weiter! Wenn Ihr Euch nicht selbst Vorwurfe machen konnt, so

ER Sie gelten meinem Schicksal. Violanta! ich habe dich gerettet aus der schrecklichen Todesnacht, die dich umfangen hielt, ich entriss dich der Finsternis des Kerkers und der Verzweiflung, ich gab dir das freundliche Tageslicht wieder, ich habe ein Recht auf deine Dankbarkeit. Darf ich darauf rechnen?

SIE Ihr durft und konnt es.

ER So beschwore ich Euch bei dieser mir schuldigen Dankbarkeit, sagt mir aufrichtig, wie weit hat sich die Grafin Euch entdeckt?

SIE Ich weiss, dass sie Euch liebt und dass Ihr sie verlassen habt. Euer Verschwinden brachte sie dem Tode nahe. Sie uberstand eine schreckliche Krankheit, und der Name einer unglucklichen Mutter ging mit der Wirklichkeit verloren.

ER Wo ist sie? wo lebt sie?

Violanta schwieg und blickte ihn mit forschenden Augen an. Rinaldo, der aus ihren Antworten schloss, dass sie wirklich nicht wusste, wer er eigentlich war, und dass ihr die Grafin seinen wahren Namen verhehlt hatte, um sich selbst vielleicht eine Beschamung zu ersparen, der sie bei der Entdeckung hatte unterliegen mussen, wurde dreister, und da er sich mit Violanten allein glaubte, wendete er seine ganze Beredsamkeit an, den Aufenthalt der Grafin zu erfahren, aber vergebens. Violanta wich ihm aus, schwieg oder setzte seinen Fragen andere entgegen, die ihn von der Sache abbringen sollten, es aber nicht vermochten.

Indem sie noch sprachen, wurde auf einmal eine Glocke, die in Violantens Zimmer ging, heftig angezogen. Sie sprang auf, nahm einen Schlussel und ein Licht und wollte das Zimmer verlassen. Rinaldo war dreist genug, sie zuruckzuhalten.

ER Wohin geht Ihr?

SIE Das darf ich Euch nicht sagen.

ER Wohin ruft Euch diese Glocke? Ach! gewiss zu Dianoren? Sie ist hier!

SIE Ihr irrt Euch.

ER Nein, nein! Mein Herz sagt es mir, sie ist hier. Ihr wollt zu ihr gehen. O! sagt ihr, dass ich hier bin, dass Nein! ich gehe mit Euch, ich folge Euch, ich muss sie sehen.

SIE Der Schreck wurde sie toten.

ER Ha! Ihr habt Euch verraten. Sie ist hier! Fort, fort! zu ihr.

SIE Um aller Heiligen willen, nicht!

ER Sie ist hier!

SIE Ja, das Geheimnis ist verraten. Sie ist hier. Aber sehen durft Ihr sie nicht. Sie lebt still und einsam gleich einer Bussenden. Euer Anblick wurde sie vernichten.

ER O Violanta! wenn Ihr je geliebt habt, lasst sie mich sehen.

SIE Ich darf und kann es nicht tragen. Ihre Gesundheit ist ganz zerruttet, ihre Nerven sind abgespannt, Eure Erscheinung wurde sie zu Boden schmettern.

ER Kann ich sie nicht, ungesehen von ihr, sehen? Ich will sie ja nur sehen, nicht sprechen, wenn es nicht sein darf. O! sie ist mir so teuer! Ich liebe sie! Ihr Leben ist mir werter als das meinige

Die Glocke ertonte wieder, schneller und starker.

SIE Heiliger Gott! es konnte ihr etwas zugestossen sein. Haltet mich nicht auf!

ER Ich muss sie sehen!

SIE Ungestumer! folgt mir, aber hutet Euch, ein Wort zu sprechen.

Sie ging. Er folgte ihr durch eine Galerie in ein Zimmer. Hier wies ihm Violanta seinen Platz an einem kleinen Fenster an und ging von ihm.

Rinaldo sah in ein ganz schwarz dekoriertes Zimmer, in welchem auf einem Tische vor einem Kruzifix und einem Totenkopf zwei brennende Wachskerzen standen, die die Nacht des Zimmers nur schwach erhellten. In dem Zimmer selbst wankte eine weibliche, schwarz gekleidete Gestalt auf und ab; bleich und abgezehrt. Rinaldo erkannte in ihr Dianoren. Tranen entsturzten seinen Augen, seine Lippen bebten, seine Hande zitterten, seine Fusse wankten.

Violanta trat in das Zimmer und nahte sich Dianoren. Rinaldo horte sie sprechen.

"Ach wo bleibst du?" sagte Dianora, indem sie ihr Gesicht auf Violantas Schulter legte. "Ich war ein wenig eingeschlummert und hatte einen schrecklichen Traum. Es traumte mir: Er war hier, der Ehrvergessene, nahte sich und fuhr mit blutiger Hand mir uber das Gesicht. Das Blut rann von seiner Hand uber meinen Busen hinab auf mein Kleid und brannte wie Feuer durch alle meine Glieder. Der Schreck machte mich wach! ich dankte der gnadenreichen Jungfrau, dass ich nur getraumt hatte. Aber der Traum hat mich sehr angegriffen. Ach! dass ich den Unglucklichen doch nie wieder sah'!"

VIOLANTA Nie?

DIANORA Nie! weder wachend noch im Traume.

VIOLANTA Meintet Ihr neulich nicht, gewisse Anzeigen von seinem Tode zu haben?

DIANORA Ja! das war Ich glaubte es. Und es wird auch wohl so sein.

VIOLANTA Wenn Ihr ihn nie wieder zu sehen wunscht, so glaubt es. Ist es aber das nicht,

DIANORA O ja! es sei. Um meinetwillen und um seinetwillen sei es.

VIOLANTA Auch um seinetwillen?

DIANORA Auch, und noch mehr als um meinetwillen, denn der Ungluckliche ist ein Ungetreuer. Untreue verdient den Tod. Und er hat ihn schon langst verdient. Er hat mich betrogen, und sein Name ist Ach! nichts mehr von ihm. Es war ja alles nur ein Traum! Er bleibe ewig von mir fern. Er wird nie wieder zu mir kommen.

VIOLANTA Wenn aber nun

DIANORA Nein, nein! Er darf nicht wieder zu mir kommen. Ich darf keine Gemeinschaft mit ihm haben, denn er ist ja ein Ungetreuer.

VIOLANTA Und wenn nun seine Reue

DIANORA Seine Reue kann seine Verbrechen nicht ungeschehen machen. Er ist ein grosser, ein gefurchteter Verbrecher.

VIOLANTA O! furchtet ihn nicht. Vielleicht liebt er Euch doch noch.

DIANORA Aber ich darf ihn nicht lieben. O Violanta! wenn du wusstest Genug! Kein Wort weiter von ihm.

Sie setzte sich auf ein Sofa, Violanta setzte sich zu ihr. Nach einer langen Pause fragte Dianora:

"Weisst du nichts Neues aus der Welt?"

VIOLANTA Etwas aus der Nahe, aus unserm Schlosse.

DIANORA Was ist es?

VIOLANTA Ein Fremder ist hier und hat um ein Nachtlager gebeten.

DIANORA Er weiss doch nicht, dass ich hier bin?

VIOLANTA Nein. Ich habe ihm das Nachtlager zugesagt, weil er ganz rechtlich aussieht.

DIANORA Wer er ist, weisst du nicht?

VIOLANTA Er hat seinen Namen noch nicht angegeben.

DIANORA Seht euch alle wohl vor! Ihr wisst, dass Rauber umherschweifen.

VIOLANTA Der Fremde hat nichts Raubermassiges an sich.

DIANORA Der Schein trugt! Ich sage dir: der Schein trugt. Von dem Aussern schliesse ja nicht zu rasch auf das Innere. Ich selbst habe einmal Die Rauber verkleiden sich, geben sich Titel und Namen, und Seid auf eurer Hut! Selbst der gefurchtete Rinaldini Ach Gott! Wenn er

VIOLANTA Was ist Euch?

DIANORA Meine Augen Ach! Mein Kopf

VIOLANTA Grafin!

DIANORA Ruhig, es wird vorubergehen. Ein Schwindel Es ist schon wieder gut. Ach! der Traum! der Traum! Bringe mich zu Bette.

Violanta fuhrte sie in ein Seitenzimmer. Rinaldo ging uber die Galerie in Violantens Zimmer zuruck, wo er sich auf das Sofa warf und seinen Tranen freien Lauf liess. Laut jammerte er:

"Dahin, Unglucklicher, hast du sie gebracht! Nicht genug, dass du selbst der Unglucklichste der Unglucklichen bist, musst du auch die reinsten Herzen, die sich dir nahen, dir nach in den Abgrund ziehen, der mit allen Schrecken des Todes sich dir entgegendehnt." Die Tur des Zimmers ging auf. Er suchte sich zu sammeln. Ein Madchen trat ein und sagte:

"Herr Baron, ich soll Euch Euer Zimmer anweisen."

Er stand auf und folgte dem Madchen, die ihn in ein artiges Zimmer fuhrte. Sie liess ihm Licht, ging, kam wieder, deckte den Tisch und besetzte ihn mit kalten Speisen, Fruchten und Wein. "Madonna Violanta lasst Euch wunschen, wohl zu ruhen", sagte das Madchen und verliess das Zimmer.

Rinaldo hatte weder Appetit noch Schlaf. Die Stunde der Mitternacht nahte sich schon, und er war noch immer munter und wach. Da klopfte es leise an seine Tur. Er offnete die Tur, und Violanta stand vor ihm.

"Es ist mir sehr lieb", sagte sie, als sie ins Zimmer trat, "dass ich Euch noch wach und munter finde."

ER O! Ihr findet mich in einer Unruh, in einer Bewegung, die ich nicht zu schildern vermag. Euer Gesprach Alles habe ich gehort. O! es hat mich zermalmt.

SIE Was gedenkt Ihr zu tun?

ER Dianora wird gewiss endlich noch nachgeben, mich zu sehen.

VIOLANTA O! sie hat es schon.

ER Hat sie? Violanta! Sie will mich sprechen? O! sagt Ja und macht mich glucklich. Was will sie? Was sagte sie?

SIE Wir haben noch viel und lange von Euch gesprochen, als ich sie zu Bette gebracht hatte. Ich habe sie halb und halb schon vorbereitet. In einigen Tagen, hoffe ich, sollt Ihr sie sehen und sprechen konnen.

ER O Violanta! wenn ich

SIE Keinen Dank! Ich bin Euch meine Rettung und das freundlichste Geschenk des Daseins, mein Leben, schuldig. Morgen sprechen wir weiter davon. Nehmt meine gute Nachricht mit aufs Lager zur sanften Ruh.

Sie ging. Rinaldo blieb in einer heftigen Bewegung zuruck. Er wollte endlich sich entkleiden, als er Fusstritte vernahm, die auf sein Zimmer zukamen. Die Tritte waren mannlich und stark. Sie kamen naher. Die Tur ging auf. Eine lange, hagere, schwarz gekleidete mannliche Gestalt trat in das Zimmer. Eine schwarze Larve bedeckte das Gesicht der Figur, und eine Kapuze war uber ihren Kopf gezogen. Ein Knotenstrick umgurtete ihren Leib; Fusse und Hande waren bloss. Diese imponierende Gestalt stellte sich gerade vor ihn hin und drohte ihm mit aufgehobenem Zeigefinger. Rinaldo blieb fest stehen, legte die rechte Hand an ein Terzerol und fragte:

"Wer bist du? Was willst du?"

Mit dumpfer Stimme gab die Gestalt ihm Antwort:

"Ich lade dich ein, binnen 24 Stunden vor dem Richterstuhle der strengen Richter der Wahrheit, der Richter aller Verbrechen, die im Verborgenen schleichen, ihnen aber aufgedeckt sind, zu erscheinen. Kommst du nicht, so wird man dich abholen."

"Was habe ich mit Unbekannten zu schaffen?" sagte Rinaldo. "Und wer gab Euch das Recht, Euch meine Richter zu nennen?"

"Deine Vergehungen, deine bosen Taten und Verbrechen gaben es uns, welche uns das Recht geben, alle Menschen zu richten."

"Du sprichst von Recht? Recht verkriecht sich nicht in Dunkel und Nacht."

"Wohl dir, wenn wir dich nicht ans Licht bringen, denn dort erwartet dich das Henkersschwert."

Gelassen, doch nicht ohne Bitterkeit, fragte Rinaldo:

"Und was erwartet mich bei Euch?"

"Busse."

Rinaldo lachelte, wie einer lachelt, der den andern einer Grosssprecherei wegen etwa bemitleidet. Der Schwarze behielt seinen imponierenden Blick, seine gebietende Stellung, und fragte:

"Keine Antwort?"

Schweigend wies ihm Rinaldo die Tur und lachelte.

"Keine Antwort?" fragte der Schwarze wieder.

Rinaldo wies ihm abermals die Tur und sagte: "Dies ist meine Antwort."

Der Schwarze trat einen Schritt naher, fixierte ihn stark und fragte:

"Du wirst also nicht gutwillig zu uns kommen?"

"Nein!" antwortete Rinaldo entschlossen.

"So wird dich Gewalt zu uns bringen."

"Die erwarte ich. Was konntet ihr tun? Wie weit geht eure Gewalt gegen Manner meinesgleichen?"

"Du wirst es erfahren."

Damit verliess die sonderbare Gestalt trotzig das Zimmer. Rinaldo ergriff das Licht, ihr nachzueilen, trat in das Vorzimmer, fand es verschlossen und konnte nicht begreifen, wohin die Gestalt so schnell gekommen war. Er durchleuchtete alle Winkel und sah nichts; er lauschte und horte nichts.

Im Zuruckgehen nach seinem Zimmer wurde er auf dem Vorsaale eine halboffene Tur eines Schrankes gewahr, glaubte die Gestalt etwa in dem Schranke zu finden, riss die Tur heftig auf, sah ein Skelett, bebte betroffen zuruck, und das Licht fiel ihm aus der Hand.

Er eilte in sein Zimmer, holte ein anderes Licht, sturzte mit gespanntem Terzerol auf die vorher offene Schranktur zu und fand sie jetzt fest verschlossen. Umsonst bemuhte er sich, sie zu offnen, sie war so fest eingepasst und verschlossen, als sei sie niemals geoffnet gewesen.

Er stand, stutzte und wusste nicht, wozu er sich entschliessen sollte. Unmutig und betroffen raffte er endlich das ihm entfallene Licht auf, ging in sein Zimmer, verschloss die Tur und legte sich zu Bette. Kaum war er den folgenden Morgen dem Lager entstiegen, als er zu Violanten eilte, die eben im Begriff war, ihr Zimmer zu verlassen, und zu Dianoren gehen wollte.

"Die Grafin ist gar nicht wohlauf", sagte sie. "Ich darf sie heute keinen Augenblick verlassen. Es soll Euch aber an Eurer Bequemlichkeit nichts abgehen. Sobald ich Euch sprechen kann, komme ich zu Euch. Vielleicht kann es heute Abend nur spat, vielleicht gar nicht geschehen. Lasst Euch das nicht irremachen. Morgen vielleicht sehen wir uns ofter; vielleicht seht und sprecht Ihr auch morgen schon Dianoren. Wir wollen hoffen, dass alles nach Wunsche gehen kann."

Mit dieser Erklarung wenig befriedigt, ging Rinaldo nach seinem Zimmer zuruck. Als er an den mysteriosen Schrank kam, blieb er stehen, betrachtete denselben genau und fand ihn noch immer wohlverschlossen. Einige Gemalde auf dem Saale fesselten seine Aufmerksamkeit. Sie schienen die Folge einer geheimnisvollen Geschichte in Bildern zu sein. Auf zweien sah er die ihm erschienene schwarze Richtergestalt abgebildet. Einmal stand sie drohend mit einem gezogenen Dolche vor einem liebenden Paare, das sich fest umschlungen hielt; das zweitemal erschien sie in einer Kapelle und fasste ein Frauenzimmer bei dem Arm, das betend vor dem Altare lag.

Die Ankunft des Madchens, welches ihm ein Fruhstuck brachte, storte ihn in seinen keineswegs artistischen Betrachtungen.

"Habt ihr" fragte er das Madchen, als sie im Zimmer waren, "schwarzbekuttete Monche in der Nachbarschaft?"

"Ja", antwortete das Madchen. "Auf dem steilen Berge dort oben, uber dem Dorfe, liegt ein Kloster der Karmelitermonche, und diese tragen schwarze Kutten."

"Kommen zuweilen welche von diesen schwarzen Monchen hierher?"

"Jahrlich dreimal", gab das Madchen zur Antwort, "kommt der Terminierer zu uns und sammelt die bestimmten Almosen ein." "Sind diese Karmeliter die Beichtvater des Schlosses?" "Nein! das sind Franziskaner. Ihr Kloster liegt dem Schlosse gleich gegenuber. Mit den Karmelitern haben wir hier gar keinen Verkehr im Schlosse." Rinaldo fragte nicht weiter. Das Madchen ging, und er trat ans Fenster, das Karmeliterkloster genau in Augenschein zu nehmen. Die Zeit wurde ihm lang. Er forderte etwas zu lesen. Man brachte ihm eine alte Chronik. Er las und gahnte, harrte und hoffte. Der Tag verging, der Abend kam, und Violanta liess sich nicht sehen. Endlich erhielt er durch das Madchen ein Billett von ihr. Sie schrieb:

"Heute sprechen wir uns nicht. Morgen werdet Ihr mehr von mir horen."

Es wurde Nacht. Er verschloss seine Tur. Der schwarze Gerichtsbote kam nicht.

Als er fruh aufgestanden war und zu Violanten gehen wollte, kam ihm das Madchen mit einem Briefe von ihr entgegen. Er riss ihn auf und las:

"Dianora hat von mir erfahren, dass Ihr hier seid. Sie hat ihr schreckliches Geheimnis ganz in meinen Busen geschuttet, und ich weiss nun, wer und was Ihr seid. Verlasst eilig dieses Schloss. Auch wir haben es verlassen. Wenn Ihr diesen Brief empfangt, sind wir uns nicht finden, dazu sind unsere Massregeln schon getroffen. Flieht und rettet Euch: denn wenn die strengen Richter der Wahrheit Euern Aufenthalt auskundschaften sollten, werden sie Euch nicht lange Zeit gonnen, Eure Freiheit zu benutzen. Lebt wohl, Ihr furchtbarer, verrufener, unglucklicher Mann! Gott bessere, bekehre und schutze Euch! Violanta."

Bin ich denn uberall ein Spiel der Verkappten! Muss ich allenthalben nur im Dunkeln schleichen? Flieht auch selbst die Liebe meinen Namen wie ein Verbrechen? Nun dann, hinab mit dir, Unglucklicher, in den Schoss deiner Mutter! schrie Rinaldo ausser sich, ergriff ein Terzerol, spannte und setzte es an den Mund.

Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, sank sein Arm, und das Terzerol entfiel seiner Hand. Er wendete sich rasch herum, und der schwarze Forderer stand hinter ihm. Er drohte ihm mit dem Finger und verliess das Zimmer.

Rinaldo erholte sich kaum nach und nach, als er seine Buchse ergriff und das Schloss verliess. Er schlug einen Hohlweg ein und war kaum hundert Schritte weit in demselben gegangen, als der Schwarze ihm entgegenkam und ihm zurief: "Erscheine!"

"Wo trifft man euch?" fragte Rinaldo entschlossen.

"Rechts auf jener mit Pappeln bewachsenen Anhohe wirst du eine Kapelle sehen. Dort trifft man uns", sagte jener und ging gelassen an Rinaldo vorbei.

Dieser ging langsam weiter fort, aber nicht nach der Kapelle zu. "Eine Spiegelfechterei von dem alten Scharlatan zu Fronteja!" sprach er zu sich selbst, "dessen Maschine ich bin, wie er mir selbst gesagt hat. Ich komme nicht. Und erscheint mir der Unglucksrabe noch einmal, so"

Hier stand der Schwarze wieder vor ihm und fragte:

"Was willst du dann tun?"

Rasch riss Rinaldo seine Buchse von der Schulter, sprang einige Schritte zuruck, spannte, legte an und druckte auf ihn ab. Das Pulver brannte ab und der Schuss versagte.

Der Schwarze lachte: "Armer Schutze! Schiess nach Raben, aber nicht nach mir. Wagst du so etwas zum zweitenmal, so zerschmettere ich dich."

"Du? mich?" schrie Rinaldo wutend und ausser sich, warf die Buchse von sich, sturzte auf ihn los, packte ihn bei der Brust und fuhlte sich auf einmal von gigantischen Armen umfasst, gedruckt und so heftig zu Boden geworfen, dass ihm Horen und Sehen verging.

Als er wieder zu sich kam, fand er seinen Kopf blutend, und der Schwarze war nicht mehr zu sehen. Seine Wut gestattete ihm keine Worte. Er raffte sich auf, nahm sein Gewehr und eilte mit raschen Schritten davon.

Kaum war er etliche dreissig Schritte weit gegangen, als er am Wege hinter einem Strauche eine elende, zerlumpte, menschliche Figur erblickte, die ihn kaum gewahr wurde, als sie aus vollem Halse ihm zuschrie:

"Ach mein lieber, guter, edler Hauptmann!"

Rinaldo stutzte, ging naher und erblickte seinen getreuen Lodovico, der sich aufzuraffen suchte, indem ihm die Freudentranen uber die Wangen liefen.

RINALDO Um des Himmels Willen, Lodovico! wie siehst du aus?

LODOVICO Schrecklich muss ich aussehen! Nicht wahr, ich bin ein wahres, leibhaftiges Konterfei des menschlichen Elends? ein Bild des Unglucks und der Verzweiflung?

RINALDO Unglucklicher, wie bist du in diesen Zustand geraten? du siehst furchterlich aus.

LODOVICO Elend, zerlumpt, am ganzen Leibe zerrissen und zerschlagen.

RINALDO Rede nur, was ist dir begegnet?

LODOVICO Ach! hort mich an. Als Ihr mich in jenem Walde fortschicktet, mich in der Gegend des Schlosses der Frau Grafin Martagno aufs Rekognoszieren zu legen, richtete ich meine Sache recht klug ein und erfuhr, dass die Grafin dermalen nicht dort, sondern auf einem andern Schlosse sei, das mir beschrieben wurde. Ich machte mich gleich dahin zu auf den Weg. Schon hatte ich die Gegend erreicht und war kaum noch hundert Schritte von dem Schlosse entfernt, als auf einmal, der Teufel weiss, wo er herkam! ein ganz schwarz verkappter Mann vor mir stand.

RINALDO Wie? Ein schwarzer verkappter Mann?

LODOVICO Wie ich Euch sage. Er forderte mich in einem gebietenden Tone vor den strengen Richterstuhl der Richter der Wahrheit im Verborgenen. Ich lachte daruber, und als er grob wurde, schlug ich ihn hinter die Ohren. Das bekam mir ubel. Der Kerl packte mich mit Riesenstarke an, warf mich wie einen Sperling zu Boden, maulschellierte mich, links und rechts, so lange ab, bis mir alle Sinne vergingen, warf mich dann wie ein Feldhuhn auf die Achsel und schleppte mich fort bis vor eine Kapelle, wo er mich wie einen Nusssack niederwarf. Sogleich ging die Tur der Kapelle auf, zwei schwarze Kerle kamen heraus, zogen mich bei den Beinen hinein, wie eine abgeschlachtete Ziege, und warfen mich wie einen Tornister in eine finstere Kammer. Da lag ich ein paar Tage auf einer Handvoll Stroh und bekam Wasser und Brot, und noch dazu sehr sparlich, zur Kost. Endlich wurde ich abgeholt und vor drei verkappte Figuren gefuhrt, die, von vielen naturlichen Skeletten umgeben, an einer schwarzen Tafel sassen. Diese nannten sich meine Richter und sagten mir, ich sei ein Schelm, ein Spitzbube und dergleichen mehr. Ich war der Klugste und schwieg. Endlich sagten sie, ich hatte schon langst den Strang verdient, von ihnen sollte ich nicht gehangt werden, fur meine begangenen Verbrechen aber zu einer Total-Busse verdammt sein. Mit der Sentenz wurde ich abgefuhrt, von vier Henkersknechten entkleidet und bis aufs Blut gegeisselt. So ging's alle Tage. Die Kerle hieben so unbarmherzig auf mich zu, dass mir die Geisselhiebe bis auf die Knochen drangen. Endlich war nichts mehr an mir zu zerhauen und so warfen sie mich diesen Morgen zur Kapelle hinaus. Ich kroch bis hierher, und weiter kann ich nicht.

RINALDO Wie? und dieser Busse sollte ich mich auch unterwerfen?

LODOVICO Ihr? Gott bewahre Euch und alle Menschen davor! Hier erzahlte ihm Rinaldo, was ihm begegnet sei. Lodovico kreuzte und segnete sich und Rinaldo schrie:

"Komm, lass uns das infernalische Nest in Brand stecken!"

Kaum hatte er ausgesprochen, als der schwarze Unhold vor ihm stand und ihm entgegendonnerte:

"Elender Wurm! Hast du die Kraft meines Armes noch nicht genug gefuhlt? Soll ich dich ganz vernichten?"

Wie ein Rasender eilte Rinaldo, ohne Antwort, mit gezogenem Dolche auf ihn zu. Der Schwarze wich aus. Rinaldo raffte alle seine Krafte zusammen, packte ihn mit der rechten und stiess ihm mit der linken Hand den Dolch auf die Brust. Der Stoss gab einen dumpfen Schall, und Rinaldo merkte, dass er auf einen Panzer gestossen hatte; er stiess zum zweitenmal und durchbohrte des Verkappten linken Arm. Laut aufbrullend riss sich dieser mit Riesenkraften los, schleuderte Rinaldo so kraftig zuruck, dass er zu Boden taumelte, und entfloh mit schnellen Schritten.

"Mord und Wetter!" jammerte Lodovico, "wie wird es uns ergehen, wenn der Unhold seine Gesellen herbeiruft. Sie schlagen uns bei Gott! die Knochen zu Brei."

Indem vernahmen sie das Geklingel von Maultieren und wurden bald zwolf Maultiertreiber gewahr, die mit dreissig ledigen Maultieren die Anhohe herabkamen, um in Saldona Salz zu holen. Diese redete Rinaldo an und fragte, indem er auf Lodovico zeigte, ob sie diesem Unglucklichen, der von Raubern misshandelt worden sei, nicht vergonnen wollten, Platz auf einem ihrer Maultiere zu nehmen, er wolle fur ihn bezahlen.

"Will der Herr bezahlen", antwortete der Anfuhrer der Maultiertreiber, "so mag sich der Bursch aufsetzen. Das kann er aber auch tun, wenn der Herr nicht bezahlt, denn wir sind Christen und haben Religion. Das Teufelsgeschmeiss von Rinaldinis Bande macht tausend Ungluckliche. Wir haben schon mehreren Ausgeplunderten Beistand geleistet, die oft nakkend und bloss, halbtot auf der Strasse lagen und die Spitzbuben verfluchten."

Lodovico, der sehr froh war, sich in so guter Bedeckung zu sehen, wurde auf ein Maultier gebunden; die Reise ging weiter und Rinaldo setzte sein Gesprach mit den neuen, handfesten Gesellschaftern, die noch obendrein gut bewaffnet waren, fort.

RINALDO Ihr sprecht von Rinaldinis Bande? Ist sie denn nicht ganz aufgerieben?

MAULTIERTREIBER Den Teufel auch! Nichts weniger als das. Was ist das, wenn ein paar Dutzend solcher Gauner totgeschlagen werden? Das ist so viel als nichts. Sie wachsen wie die Schwamme hinter allen Buschen hervor.

RINALDO Ist denn Rinaldini nicht schon langst selbst niedergeschossen worden?

MAULTIERTREIBER Ja, prosit! Es heisst wohl immer so, aber es ist nicht wahr. Sie werden ihm auch nichts anhaben.

RINALDO Warum nicht?

MAULTIERTREIBER Hm! Konnt Ihr das nicht erraten? Er ist fest. Das ist ganz sicher. Ihm schadet weder Hieb noch Stich. Und einige sagen gar, er konne sich unsichtbar machen. Das will ich nun zwar nicht als gewiss behaupten, aber das ist doch wahr, sie konnen ihn nicht festhalten. Haben sie ihn auch einmal, witsch! ist er wieder fort. Es muss ubrigens ein ganzer Kerl sein, der Rinaldini, aber in seiner Haut mochte ich doch nicht stecken. Was hat er davon? Am Ende kommt Herr Urian, spricht: die Zeit ist vorbei, da ist der Kontrakt, marsch, mit mir fort! und dreht ihm den Hals auf den Rucken.

RINALDO Sollte er denn ganz und gar Teufels gewesen und ein Pactum

MAULTIERTREIBER Ja! er hat ein Pactum mit dem Bosen, denn sonst zappelte er schon langst in der Luft. Er ist also doch ein unglucklicher Mensch. Wozu helfen ihm alle Schatze der Welt, wenn seine Seele verlorengeht. Das ist ja doch das teuerste, was der Mensch hat. Weiss er diesen Schatz nicht zu bewahren, so gebe ich ihm fur all das andere keine Melone. Redlich gelebt und selig gestorben, das ist das beste. Bei Rinaldini heisst's aber, frohlich gelebt und traurig gestorben. Das taugt nichts! Er schlaft einst auf seinen erstohlenen Geldkisten doch nicht so sanft ein, als ich auf meinen redlich erworbenen Maultierdecken. Das ist ein ganz anderes Lager!

RINALDO Er soll aber, wie man sagt, sehr wohltatig sein.

MAULTIERTREIBER Mitunter. Aber, hole ihn der Teufel mit seiner Wohltatigkeit! Erst stiehlt er's, hernach verschenkt er's. Ich mag nichts von ihm haben. Segne mir Gott mein redlich erworbenes Stuckchen Brot. Betrugen oder bestehlen mochte ich keinen Menschen auch nur um eine Bohne.

RINALDO Es ist wahr, er treibt ein elendes Handwerk.

MAULTIERTREIBER Ein Allerweltskammerdiener ist er und kommt ungerufen, wie der Rabe aufs Aas. Er hatte doch wohl etwas Besseres lernen konnen, denn er soll gar nicht dumm sein. Spitzbubenkniffe muss er genug im Kopfe haben. Gott behute und bewahre jeden ehrlichen Christen vor solchen Kenntnissen und Wissenschaften!

RINALDO Er selbst soll nicht stehlen, wie ich gehort habe.

MAULTIERTREIBER Aber er lasst stehlen. Das ist gleich viel. Kurz, es ist kein gutes Haar an ihm; aber ein verzweifelter Kerl ist und bleibt er doch immer. Denn so wie er, hat noch keiner die Justizen genarrt.

RINALDO Wie alt mag er wohl sein?

MAULTIERTREIBER Er soll noch nicht einmal sechsundzwanzig Jahre alt sein, sagen einige. Andere aber wollen wissen, er sei ein Dreissiger. Das ist aber wohl gleichviel! Reif zum Galgen ist er schon langst gewesen. Sehen mochte ich ihn wohl einmal. Es musste aber im Guten sein, denn im Bosen mag ich nichts mit ihm zu tun haben.

RINALDO Wo mag er jetzt wohl eigentlich stekken?

MAULTIERTREIBER Wer will das wissen! Er ist, wie Herr Niemand, allenthalben. Gar oft spaziert er als Kavalier umher, lebt sogar in Stadten, sponsiert unter den vornehmen Damen herum und soll deren ein paar schon weidlich gezogen haben. Kommen sie ihm auf die Spur, so ist er fort und kein Teufel weiss wohin. Er zieht bestandig verkleidet im Lande umher und nimmt allerlei Gestalten an. Heute ist er da, morgen dort, und seine Bande umschwarmt ihn allenthalben. Er ist mit einem Worte: ein Himmeltausend elementischer Kerl!

Jetzt wurde Lodovico auf der Anhohe die bewusste Kapelle der Schwarzen gewahr. Ein kalter Schauer lief ihm durch alle Glieder. Er seufzte tief auf und gab seinem Herrn einen bedeutenden Wink. Dieser blickte hinauf, sah die Kapelle und verstand ihn sogleich.

Achtes Buch

Schweigend zwischen Traum und Hoffen

Naherst du dich nie dem Ziel;

Von des Gluckes Wankelmut betroffen,

Spielst du zaghaft auch des beste Spiel.

"Die Kapelle dort oben", sagte Rinaldo, "scheint ein altes Werk zu sein."

"O ja!" antwortete der Maultiertreiber. "Es wird sich aber wohl keine Seele die Muhe nehmen, sie zu besuchen, denn sie ist alt und baufallig und ohne Bild und Altar. Raben und Eulen werden sie vermutlich bewohnen, wenn sie zuweilen nicht gar eine Herberge fur den Signor Rinaldini und seine Nachtvogel abgibt."

Rinaldo merkte, dass von seinen Gefahrten keine Nachricht, wie er sie zu haben wunschte, einzuziehen sein wurde, und schwieg. Sie kamen endlich nach Saldona. Rinaldo bezahlte Lodovicos Ritt reichlich und liess sich zu einem Juden bringen, wo er seinen Gesellen neu kleidete. Dann wurden Salben, Wasser und Pflaster in der Apotheke gekauft, Proviant wurde nicht vergessen und eine Chaise gemietet. In dieser rollten sie nach gehaltener Siesta auf der Heerstrasse weiter fort. Unterwegs untersuchte Rinaldo seine Buchse und fand sie ungeladen. Dies erklarte ihm ganz naturlich das wunderbare Versagen derselben gegen den den Schwarzen.

"Man hat mir" sprach er bei sich selbst, "im Schlosse den Schuss aus meinem Rohre gezogen, um mich ungestraft misshandeln zu konnen. Wie? wenn Violanta, einverstanden mit der schwarzen Gesellschaft, zu irgendeinem Endzwecke lebte, der vielleicht Bezug auf die Grafin hatte? Sollte es nicht daher kommen, dass Lodovico so misshandelt wurde, weil er den Aufenthalt der Grafin zu erkundschaften suchte? Die Bilder im Schlosse, auf welchen sich die schwarze Figur befand; Das Skelett in dem Schranke und jene Skelette, die Lodovico bei den schwarzen Richtern sah! Hm! das alles konnte zu mancherlei Vermutungen fuhren. Wie? Wenn Dianora von einer gegen sie und ihr Vermogen verschworenen Bande selbst misshandelt wurde? O! dass ich jetzt nur an der Spitze von zwanzig der Meinigen stunde! ich wollte alle diese Ratsel gewiss losen."

Vor Merona stiegen Rinaldo und Lodovico aus der Chaise, schickten den Fuhrmann zuruck und schlugen einen Seitenweg ein. Hier kamen ihnen ein paar Manner mit einigen Maultieren entgegen, in denen Lodovico bald alte Bekannte erkannte. Es waren Luzo und Jordano, zwei handfeste Gesellen von Luiginos Bande.

Die gegenseitige Freude, sich zu finden, war sehr gross, und es kam bald zur Unterhaltung, die Rinaldo eroffnete.

RINALDO Wo ist Luigino?

JORDANO Soviel wir wissen, hat er sein Corps geteilt, halb steht es unter seinen und halb unter Amalatos Befehlen. Bei diesem waren wir. Vor sechs Tagen wurde unser Corps alarmiert, und wir, unserer Zwolf, wurden von demselben abgeschnitten. Wir haben uns noch nicht wieder zum Ganzen finden konnen und treiben indes in der Nahe unser Wesen, so gut es gehen will, fur uns.

RINALDO Habt ihr sichere Platze?

LUZO O ja! Wir stecken in Felsen und Forsten bis uber die Ohren.

RINALDO Ich gehe mit euch.

JORDANO Wetter! das gibt uns Ehre und Gluck.

Die Maultiere wurden bestiegen und Rinaldo kam bei dem Hauflein an, welches sich nun dreifach so stark fuhlte, als es wirklich war, da der gefurchtete Rauberhauptmann an seiner Spitze stand.

RINALDO machte gleich Anordnungen, sendete Einige aus, teils zu werben, teils alte Kameraden herbeizuziehen und machte allen kund, dass er gesonnen sei, einen Hauptstreich auszufuhren. Das machte die Burschen stolz und froh, und das Viva Rinaldini tonte in allen Kluften wieder.

Den vierten Tag brachte man schon zwei alte Gesellen aus Luiginos Haufen, die versprengt umherstrichen und sehr froh waren, wieder Gesellschaft zu finden. Auch wurden drei neue Mitglieder hinter den Zaunen aufgerafft, aufgenommen und beeidigt, und so sah Rinaldo, mit sich selbst, seinen Haufen schon neunzehn Kopfe stark. Mit diesen schwenkte er sich rechts und brach uber Saldona in die Bergkette ein, auf deren linken Seite die verrufene Kapelle stand. Rinaldo schlug in einem unwirtbaren Tale, zwischen Felsen, sein Lager auf und erhielt Proben von der Geschicklichkeit seiner Leute; sie schleppten reichlich von allen Seiten herbei. Es fehlte weder am Gelde noch an Proviant. Man brachte auch noch ein paar Landstreicher ein, die sich mit grossem Vergnugen zu der neu etablierten Gesellschaft begaben.

Nachdem alle gehorig mit Munition versehen waren und Lodovico wieder auf den Beinen sein konnte, brach Rinaldo mit seinem Schwarme auf, besetzte den Pass und kam in der Mitternachtsstunde bei der beruchtigten Kapelle an. Sie war verschlossen. Die Tur wurde eingeschlagen. Das Innere der Kapelle wurde mit Fackeln durchsucht. Man fand Gewolbe und Keller, aber alle waren ode und leer.

Jetzt wurde wahr, was der Maultiertreiber glaubte: Rinaldo nahm Quartier in der Kapelle.

Den folgenden Abend zog er ins Tal hinab, und als die Nacht einbrach, marschierte er auf das Schloss der Grafin Martagno los. Da er alle Ausgange wohlbesetzt hatte, wollte er sich mit Lodovico und Jordano in das Schloss selbst begeben, als ihm gemeldet wurde, man vernehme von weitem das Pferdegetrappel von einem nicht unbedeutenden KavallerieCorps. Er zog seine Leute zusammen und schwenkte sich links in ein Buschholz, welches er kaum erreicht hatte, als die Reiterei auf der Heerstrasse naher herbeikam. Seine Gesellen waren schussfertig, die Hunde lagen schweigend auf der Lauer. Fernher blinkten ihnen brennende Fackeln entgegen.

"Sonderbar!" murmelte Lodovico, "ein Kavallerie-Detaschement reitet doch sonst nicht mit Fackeln einher."

Der Zug kam naher. Es waren zwolf Reiter, die einen mit Maultieren bespannten Wagen umgaben. Einige trugen Fackeln, und alle waren schwarz, genauso vermummt wie jener Schwarze, Lodovicos Schrecken und Rinaldos Gegner.

Jetzt waren sie dem Buschholze nah, welches Rinaldo verliess und dem Zuge mit gespanntem Rohre in den Weg trat. Hinter ihm standen Lodovico, Luzo, Jordano und noch zwei andere ihrer Gesellen schussfertig. Der Uberrest des Corps nahm den Zug im halben Zirkel, rechts in die Flanke.

"Haltet an!" donnerte ihnen Rinaldo entgegen. "Hier steht ein Mann, der euch naher kennenlernen will."

"Wer ist der Mann?" fragte der Anfuhrer. "Wer ist er, der uns Befehle geben kann? Uns Gefurchteten? Uns schreckbar Gewaltigen?"

"Nennt euch, wie ihr wollt", sagte Rinaldo. "Ich habe euch einen Namen entgegenzusetzen, der Staaten erschuttert, und die Mundungen meiner Kugelbuchsen liegen euch Gewaltigen und Gefurchteten entgegen. Ich bin Rinaldini."

"Dieser", antwortete jener, "ist der Mann nicht, der uns schrecken kann, ist nicht der Gewaltige, der mit Erfolg uns drohen darf, denn er selbst ist in unserer Gewalt."

"Das lugst du!" schrie Rinaldo erbittert. "Rinaldini ist in keines Menschen Gewalt."

"Torichter Brausekopf!" sagte jener, "Dein Drohen und Pochen konnte dir bald gelegt werden, wenn man nicht Mitleid mit dir hatte! aber zu seiner Zeit sollst du schon dafur bussen. Hart fallen die Geisselstreiche der Gewaltigen auf. Frage nur deshalb Lodovico."

"Ich hoffe", schrie Lodovico, "Hieb mit Hieb vergelten zu konnen."

Der schwarze Anfuhrer fuhr weiter fort: "Jetzt, Rinaldini! frage ich dich: warum trittst du uns in den Weg? Was willst du?"

"Genugtuung will ich haben", antwortete Rinaldo, "fur unbefugte Misshandlungen, die ihr an Lodovico und an mir selbst verubt habt. Ich erkenne eure vorgebliche Macht nicht an. Auch will ich wissen, welche Heimlichkeit ihr in dem Wagen mit euch umherfuhrt."

"Auf alles das", antwortete der Schwarze, "habe ich dir kein Wort zu antworten. Wir geben keinem Menschen von unsern Handlungen Rechenschaft. Gib dein Vorhaben auf und stelle dich zur Busse ein, sonst wird ein schweres Gericht uber dich ergehen."

Ohne eine Silbe hierauf zu antworten, gab Rinaldo das Signal, und seine Gesellen ruckten dem Zuge naher.

"Noch ein Wort von mir", sagte er, "und ihr liegt zu Boden gestreckt. Offnet freiwillig die Geheimnisse eures Wagens und ergebt euch, oder euer Blut bezahlt eure Hartnackigkeit."

"Du kannst tun, was dir beliebt. Aber aufmerksam auf deine eigene Gefahr will ich dich doch machen. Du bist umzingelt. Auf allen Anhohen blinken Gewehre zu deinem Verderben. Ergib dich uns auf Gnade, sonst ist dein Leben verloren."

"Hauptmann!" lispelte Jordano ihm zu, "die Anhohen sind wirklich mit Menschen besetzt."

Lodovico sagte ihm in ihrer Raubersprache:

"Der Schein von Gewehren blinkt durch die Nacht."

"Die Wurfel liegen!" antwortete Rinaldo. "Gewinne, wer da will. Der Wurf ist gefallen. Man bemachtigt sich unserer nicht so leicht, und gewiss nicht ohne Blut. Angesetzt, sobald ich das Zeichen gebe. Wir schlagen uns durch."

Hierauf wendete er sich zu seinem Gegner und fragte: "Zum letztenmal: wollt ihr euch gutwillig ergeben?"

"Zum letztenmal, nein!" war die Antwort.

Rinaldo loste seine Pistole gegen den schwarzen Anfuhrer, zwanzig Schusse seiner Leute fielen auf einmal, drei der Schwarzen sturzten von den Pferden. Die andern zogen ihre Pistolen, schossen ein paar von Rinaldos Gesellen nieder, druckten ihren Pferden die Sporen in die Seiten und sprengten feldein, rechts davon.

Rinaldo naherte sich dem Wagen, riss den Schlag auf, glaubte Dianoren in seine Arme sturzen zu sehen und fand statt Menschen in dem Wagen einen Sarg.

Jordano, Lodovico und Luzo bemachtigten sich der Pferde der Gefallenen. Jetzt horten alle von ferne Trompetenstosse, und bald darauf ertonte die Sturmglocke im nachsten Dorfe.

"Hurtig!" schrie Rinaldo, "hurtig mit dem Wagen nach dem Gebirge rechts zu!"

Er warf sich auf ein Pferd, das ihm Lodovico zufuhrte, und jagte dem Bergpasse zu. Ihm folgten Jordano und Luzo.

Lodovico und noch einige seiner Gesellen sprangen auf und in den Wagen. Die andern schlossen sich dicht an, und der ganze Zug ruckte, so schnell wie moglich, dem Hauptmann nach. Kaum hatte Rinaldo den engen Pass des Gebirges erreicht, als er und seine Gesellen von den Pferden stiegen und Posto fassten, entschlossen, den Eingang zu ihrer Retirade auf das ausserste zu verteidigen. Aber es erschienen keine Gegner. Sie wurden nicht angegriffen.

Bald darauf kam der Wagen an, und, nach und nach, laufend die andern Gesellen. Sie zogen sich tiefer in die Gebirge und erreichten ein kleines Tal, als eben der Morgen anbrach. Hier wurde haltgemacht. Maultiere und Pferde wurden der Weide des Tals uberlassen und Rinaldo musterte seine Leute. Ausser den beiden, bei der Gegenwehr der Schwarzen gefallenen, fehlte kein Mann.

Hierauf liess Rinaldo den Sarg aus dem Wagen heben. Er war ausserordentlich schwer und fest vernagelt. Man zerschlug den Deckel und fand wohleingepackt eine Menge goldene und silberne Gefasse aller Art. Sie packten aus: Leuchter, Schusseln, Teller, Kannen, Becher und Schmuck; auch lagen in zwei Kastchen einige Ringe, Uhren und sechs Rollen, jede mit 1000 Dukaten gefullt.

"Ah! siehe da!" sagte Rinaldo, "Nun kennen wir doch wohl die schwarzen Herren? Sie treiben unter einem gar sonderbaren Scheine unser Handwerk selbst. Daher ihre Erbitterung. Brotneid ist es, der sie gegen uns aufbringt? Gut, dass sie gesammelt haben! Wir wollen uns, wie frohe Erben, in den Nachlass alter Wucherer teilen. Seht, sie haben zusammengescharrt, um uns frohe Tage zu machen!"

Hierauf schritt er ohne Aufenthalt zur Teilung. Er selbst behielt nur ein Pferd und zwei Rollen mit Dukaten ausschliesslich fur sich.

Da es ihm sehr wahrscheinlich war, dass er aufgesucht werden wurde, teilte er seine Rotte und schrieb seinen Gesellen rechts und links Wege vor, welche sie einschlagen sollten, um sich nach und nach dem Platze zu nahern, wo, wie er meinte, Luigino stand, wohin er kommen wollte.

Als nun alles angeordnet und verabredet war, setzte er sich zu Pferde. Eben das taten Lodovico und Jordano als seine Begleiter. Alle drei schlugen die Heerstrasse nach Nisetto zu ein. Sie hatten kaum das Tal im Rucken, als ihnen ein Bewaffneter begegnete, der ihnen ohne Anstand in den Weg trat und, ohne ein Wort zu sprechen, Rinaldo einen Brief uberreichte. Rinaldo sah ihn misstrauisch an und gab seinen Begleitern einen Wink, den diese verstanden, von den Pferden sprangen und den Kerl in die Mitte nahmen. Dieser blieb, ohne sich zu regen und ohne anscheinliche Furcht, auf dem Platze, wo er stand. Rinaldo offnete den Brief und las:

"Tapferer Rinaldini!

Deine Standhaftigkeit und dein Mut flossten uns Bewunderung ein. Du hast uns uberwunden und aus Feinden zu deinen Freunden gemacht. Noch mehr, wir bieten dir hiermit feierlich die Hand zu einer Vereinigung, die du nicht ausschlagen wirst, da sie dir Manner bietet, die furchtbar genug sind, sich allenthalben Ehrfurcht zu verschaffen. Des Joches einer tyrannischen Regierung mude, sind wir entschlossen, selbst zu herrschen.1 Dies wird dir genug sein. Du, der du verdientest, an der Spitze eines Kriegsheeres zu stehen, wirst den Platz einnehmen, der dir bestimmt ist. Wir fragen dich: Wo willst du dich finden lassen, damit wir dir mundlich mehr sagen konnen? Dem Uberbringer dieses Briefes kannst du ohne Bedenken deine Antwort anvertrauen. Wir erwarten sie so, wie wir sie wunschen.

Deine Freunde, die schwarzen

Richter im Verborgenen."

Rinaldo riss ein Blatt Papier aus seiner Schreibtafel, nahm Bleistift und schrieb:

"Rinaldini mag euch nicht besser kennenlernen, als er euch schon kennt. Er ist kein Rebell gegen den Konig und verachtet eure Anerbietungen. Er weiss euch zu verfolgen und mag sich nie von euch Freund nennen lassen."

Er faltete das Billet und ubergab es stillschweigend dem Boten, der es ebenso annahm und, ohne ein Wort zu sprechen, davonging.

Als er fort war, teilte Rinaldo seinen Begleitern den Inhalt des Briefes mit, die sich hochlich darob verwunderten.

Sie waren noch uber diese Sache im Gesprach begriffen, als sie eine Kutsche kommen sahen, in der, als sie naherkam, Rinaldo zu seinem grossen Erstaunen Olimpien gewahr wurde, die an der Seite eines Unbekannten sass, der, wie sein starkes und wohlgekleidetes Gefolge vermuten liess, ein Mann von Ansehen und Stande war. Sie entfarbte sich, als sie Rinaldo erblickte, sichtbar, gab aber kein Zeichen einer Bekanntschaft von sich und nickte, als sie gegrusst wurde, sehr vornehm, ganz ohne Bezug, mit dem Kopfe. Rinaldo hielt einen Diener an, der einige Schritte hinter dem Wagen herritt, und fragte: "Wer ist der Herr in dem Wagen?"

"Der Statthalter von Nisetto", war die Antwort.

Lodovico sah Rinaldo an und sagte ganz lakonisch:

"Nicht wahr! wir wollen diese Dame nicht kennen?"

"Naturlich!" lachte Rinaldo heraus, "sonst hatten wir uns ja anders benommen."

"Jetzt wird sie der Herr Statthalter kennenlernen sollen" fuhr Lodovico fort. "Das muss ich sagen, die Signora kommt doch unter macherlei Hande. Wenn sie nur nicht auch etwa einmal die Schwarzen in die Klauen bekommen und ihr, weil sie uns kennt, eine Busse auflegen, wie die war, die mir aufgelegt wurde. Mir haben sie den Kalender auf den Leib gepragt, das kann ich wohl sagen."

Jordano bemerkte, es erhebe sich vor ihnen eine Staubwolke, die von Reiterei herzukommen scheine. So war es auch. Die Staubwolke kam naher, und die Reiter kamen zum Vorschein. Rinaldo ermahnte seine Begleiter, ihre Waffen in Bereitschaft zu halten, und ritt gerade auf die Reiter zu. Ein Dragoner-Kommando kam ihnen entgegen. Der Offizier dankte sehr hoflich, als er gegrusst wurde, und fragte ebenso:

"Darf ich Euern Namen wissen?"

Ohne Anstand zu nehmen, antwortete Rinaldo:

"Ich bin ein Reisender. Baron Tegnano ist mein Name. Diese sind meine Diener."

"Ihr habt doch Passe?" fragte der Offizier weiter.

"O ja!" antwortete Rinaldo ganz unbefangen. "Auch habe ich Empfehlungsbriefe von dem Statthalter zu Nisetto, dessen Anverwandter zu sein ich die Ehre habe, bei mir."

"Das ist recht gut!" fuhr der Offizier fort, "denn Ihr werdet allenthalben angehalten werden, wo Ihr Militar antrefft, was sehr haufig der Fall sein wird."

RINALDO Wie kommt denn das? Besorgt man etwas von den Barbaresken?

OFFIZIER Dazu ist man hier zu weit von der Kuste entfernt. Aber es streift viel loses Gesindel umher, und Rinaldini mit seiner Bande haust mitten unter uns.

RINALDO Das habe ich auch gehort, habe es aber kaum glauben konnen.

OFFIZIER Es ist Wahrheit. Auch existiert noch eine andere Gaunertruppe, von der man nicht einmal recht weiss, ob sie mit zu Rinaldinis Bande gehort oder nicht. Ihre Mitglieder tragen schwarze Monchskutten und haben sich sehr furchtbar gemacht. Es ist mir recht lieb, Euch und Eure Leute so gut bewaffnet zu sehen, ich wurde mich sonst schwachen und Euch Bedeckung mitgeben mussen: denn selbst ein Militarkommando wagt, wenn es auf die Banditen trifft, die ganz verzweifelt fechten. Ihr geht doch nach Molano zu?

RINALDO Gerade nach Molano.

OFFIZIER Ich wunsche Euch gluckliche Reise!

Sie schieden und ritten davon.

"Das hiess wohlfeil weggekommen", sagte Lodovico. "Mir war immer bange, er mochte die Passe und Empfehlungsschreiben sehen wollen."

RINALDO Dann hatte ich meine Brieftasche herausgezogen, hatte darin geblattert, gesucht und mich, da ich nichts finden konnte, besturzt gestellt. "Meine Papiere sind liegengeblieben", war' meine Antwort gewesen. Wir waren auf mein Erbieten nach Nisetto zum Statthalter geritten, und da Olimpia bei ihm war, meinst du denn, dass diese uns wurde haben stecken lassen?

LODOVICO Bravo! Darauf war' ich, straf mich Gott! nicht so schnell gefallen wie Ihr.

Sie trabten nun stark zu, aber nicht nach Molano, wie Rinaldo dem Offizier gesagt hatte, sondern sie hielten sich links an der Gebirgskette hin, wo sie gegen Mittag ein kleines Dorfchen erreichten, bei welchem ein benachbartes Serviten-Kloster eine Herberge fur Reisende hielt. Hier hielten sie an und kehrten ein. Indes ein kleines Mittagsmahl zubereitet wurde, packte Rinaldo das Anforderungsschreiben, welches er von der schwarzen Rotte erhalten hatte, an den Statthalter zu Nisetto ein, uberschickte es ihm durch einen Boten und legte folgendes Schreiben dazu:

"Mein Herr Statthalter!

Beikommendes Schreiben einer Schwarzen Bruderschaft schickt Euch zur Einsicht der Mann zu, der eingeladen wurde, einem Bunde beizutreten, der gegen den Herrn dieser Insel gerichtet ist. Er fuhlt keinen Beruf dazu, mit diesen Menschen gemeinschaftliche Sache zu machen, und macht Euch aufmerksam auf eine Pest, die im Finstern schleicht. Ihr werdet Eure Massregeln zu nehmen wissen. Der gebannte, geachtete und verachtete Rauberhauptmann ist kein Rebell; auch hat er seinem Handwerk jetzt ganzlich entsagt und wird bald nicht mehr auf dieser Insel sein. Er wunscht Euch wohl und glucklich zu leben und unterzeichnet hier seinen Namen:

Rinaldo Rinaldini."

Nach der Besorgung dieses Geschaftes uberliess er sich dem Anschauen der romantischen Gegend, in welcher er sich befand. Das Wirtshaus lag am Fusse einer hohen Felsenmasse der Bergkette, auf deren einer Spitze ein niedliches Schloss stand, umgeben mit hohen Mauern, geschmuckt mit mehreren Turmen. Rinaldo erinnerte sich des Bergschlosses der Grafin Martagno, und die Ruckerinnerung rief in seine Seele Bilder verflossener Tage zuruck.

Er wandelte am Fusse der Felsen, in stille Betrachtungen verloren, auf und ab, und naherte sich gedankenvoll einem Gebusch, aus welchem plotzlich einige handfeste Manner hervorsprangen, ihn anpackten, niederwarfen, banden und ins Gebusch schleppten. Hier gaben sie ein Zeichen. Eine mit Rasen uberlegte Falltur ging auf, und Rinaldo wurde einige Stufen hinab durch einen finstern Gang getragen. Eine Treppe und zweite Falltur brachte ihn zuruck uber die Erde, und er befand sich, als er wieder Tageslicht sah, in einem ziemlich geraumlichen Schlosshofe. Hier band man ihn los.

Auf seine Frage: wo er sei, erhielt er zur Antwort: er werde es mit der Zeit erfahren.

Auf der Treppe kam ihm eine Gattung von Castellan entgegen, der ihm drei Schlussel uberreichte und dabei sagte:

"Dies sind die drei Schlussel zu den drei Zimmern, welche Euch in diesem Schlosse zur Wohnung bestimmt sind."

RINALDO Also doch Zimmer und keine Kerker?

CASTELLAN Bewahre Gott uns alle vor den Kerkern dieses Schlosses! sie sind furchterlich. Aber wie sollten auch ein Kerker und der Herr Baron zusammenkommen?

RINALDO Du weisst also, wer ich bin?

CASTELLAN Von Euch weiss ich weiter nichts, als dass man mir befohlen hat, Euch hier zu bedienen, und dass Ihr ein Herr Baron seid, dessen Namen ich nicht weiss.

RINALDO Auf wessen Veranstaltung bin ich hier?

CASTELLAN Meine Instruktion lautet: Du raumst dem Herrn Baron die bezeichneten drei Zimmer ein, bedienst ihn und leistest ihm Gesellschaft, wenn er es haben will; wo nicht, so bleibst du fur dich. Deine Frau wascht und kocht fur den Herrn Baron, und ubrigens erwartest du weitere Befehle.

RINALDO Und den Namen des Besitzers dieses Schlosses erfahre ich nicht?

CASTELLAN Von mir nicht.

RINALDO Ich bin also doch wohl eine Art von Staatsgefangener?

CASTELLAN Das kann sein. Ich weiss es nicht, warum und weswegen Ihr hierher gebracht worden seid.

Rinaldo schwieg und liess sich seine Zimmer anweisen, die sehr artig mobliert waren. Er fand Schreibzeug, Papier, Bucher, ja sogar eine Guitarre. Ein Beweis, dass die, die ihn hierher hatten bringen lassen, ihn und seine Bedurfnisse kannten.

Die Aussicht aus seinen Zimmern ins Freie war romantisch schon. Er trat an ein Fenster, sie zu geniessen, und ein Fernrohr gewahrte ihm dieses Entzucken doppelt.

Er sah hinab, sah das Wirtshaus, wo er noch kurz zuvor eingekehrt war, und erblickte seine Gefahrten, Jordano und Lodovico, die sehr verlegen allenthalben umherblickten und sich vermutlich das Verschwinden ihres Herrn nicht erklaren konnten. Er rief und winkte. Seine Stimme verhallte in den Felsen, sein Winken wurde nicht bemerkt. Er beschrieb ein Papier und vertraute es der Luft an. Es irrte kreisend umher und blieb nahe vor dem Schlosse in einem Dornstrauche hangen.

Noch sann er nach, wie er sich seinen Gesellen bemerkbar machen wollte, als er einige Reiter auf das Wirtshaus zusprengen sah. Lodovico und Jordano wurden von den Reitern umzingelt, es fielen Schusse, Sabel blitzten, und bald waren die Reiter und Rinaldos Gefahrten verschwunden. Links wolkte sich der Staub in die Luft. Die Gegend wurde menschenleer und ode.

Die scheidende Sonne traf Rinaldo noch nachdenkend am Fenster an, und dort sahen ihn der Mond und die nachtlichen Sterne. Drei Tage waren vergangen, als den vierten Tag, abends, da Rinaldo eben in tiefen Gedanken auf seinem Ruhebette sass, die Tur seines Zimmers aufging und eine verschleierte weibliche Gestalt ganz unvermutet erschien. Sie blieb bei der Tur stehen. Rinaldo, der sie einige Augenblicke schweigend betrachtet hatte, fragte: "Wer ist da?" Die Verschleierte kam naher, trat dicht an Rinaldos Lager und streckte schweigend ihre Hand aus. ER Bekannt oder unbekannt? SIE Rate, wer ich bin? ER Du bist Olimpia. Wie kommst du hierher zu mir? SIE Auf eben dem Wege, auf welchem du hierher kamst. ER Du kennst also die Schlupfwinkel dieses Schlosses? SIE Noch nicht. Ich bin jetzt zum erstenmal hier. ER Hast du von dem Statthalter abkommen konnen? SIE Wie du siehst. ER Er wird doch nicht argwohnisch sein? SIE Eine gute Haut! ER Desto besser fur dich. SIE Und fur dich. Er ist der Unsrigen einer. ER Das heisst doch: er ist auch eine Maschine des Alten zu Fronteja?

Olimpia ruckte einen Stuhl herbei und setzte sich.

Lachelnd fragte Rinaldo: "Warum bin ich hier?"

SIE Zu deiner Sicherheit.

ER Wer liess mich uberfallen und hierher bringen?

SIE Dein Freund. Der Alte.

ER Wem gehort dieses Schloss?

SIE Einem unsrer Freunde. Warst du nicht hier, du sassest jetzt im Kerker. Die Schwarzen sind machtiger als du glaubst.

ER Wie? Und die Schwarzen gehorten nicht auch zu den Eurigen?

SIE Ich weiss nichts davon. Wie konnten sie auch dann deine Feinde sein?

ER Wer sind sie, diese imponierenden Strauchdiebe?

SIE Das, was du gesagt hast. Aber sie sind durch geheime Verbindungen machtig.

ER Sind sie machtiger als der Alte und seine Ergebenen?

SIE Das wohl nicht, aber sie sind dennoch sehr machtig. Indessen, dein Brief an den Statthalter hat ihnen einen starken Schlag versetzt. Der Brief ist jetzt in den Handen der Regierung, die ohnehin schon auf diese Menschen aufmerksam gemacht worden ist, und nur noch etwas, und ihr Untergang ist da. Doch, das wirst du horen. Jetzt meine Botschaft, die ich an dich habe. Man fragt dich, ob du entschlossen bist, nach Korsika zu gehen? Wir wollen deinen Entschluss von deinem freien Willen haben. Du bist frei. Der Alte uberlasst dich deinem freien Willen. Auch wenn du nicht nach Korsika gehen willst, kannst du dieses Schloss verlassen; sobald du willst, kannst du gehen, wohin es dir beliebt.

ER Ich nehme euch beim Worte.

SIE Du willst also nicht nach Korsika gehen?

ER Sobald ich den Alten von Fronteja gesprochen habe, werde ich mich bestimmter erklaren.

SIE Gegen mich nicht? Gute Nacht!

Sie stand auf, ging nach der Tur, blieb stehen und schien etwas zu erwarten. Rinaldo wunschte ihr, wohl zu ruhen. Sie ging zuruck, ergriff seine Hand. Schweigend zog sie Rinaldo zuruck. Sie blieb stehen.

SIE Ich habe dir noch etwas zu sagen.

ER Ist es etwas Unangenehmes?

SIE Noch mehr als das.

ER Nun! was es auch sei, darf und muss ich es wissen, so sage es.

SIE Deine geliebte Rosalie ist krank.

Er seufzte und schwieg. Olimpia erwartete vergebens eine Antwort und ging endlich wieder nach der Tur zu. Hier blieb sie stehen.

SIE Hast du nichts an Rosalien zu bestellen?

ER Tausend Grusse und meine innigsten Wunsche fur ihre Besserung.

SIE Aber, wenn sie Rinaldo! Rosalie ist sehr krank.

ER O Gott! Aber Es ist kein beneidenswertes Los, die Geliebte eines verrufenen Rauberhauptmanns zu sein! Welche Erdengluckseligkeit konnte das arme Geschopf auch mit gegrundeter Hoffnung erwarten? Die ihren Liebhaber auf dem Rade und sich, schon deswegen, weil sie von ihm geliebt wurde, am Pranger und zeitlebens im Zuchthaus versorgt zu sehen.

SIE Rinaldo, du vergisst die Lorbeeren, die dir in Korsikas Talern grunen.

ER Auch diese sogar sind kein Brautkranz fur ein Madchen. Fur mich aber grunen sie nicht. Ein so edles Gewachs, geschaffen fur imperatorische Siegerstirnen, kuhlt die Schlafe eines Raubers nicht. Auf meinem Haupte wurde der Kranz welken, und ich konnte ihn nun zur Satire fur alle Helden der Nachwelt machen.

SIE Unglucklicher Mann!

ER Jetzt nennst du mich bei meinem rechten Namen.

SIE Was wird und was konnte aus dir werden?

ER Was ich schon bin. Ein Unglucklicher!

SIE Dein Unmut ist gross! Wie willst du enden?

ER Wie es mir gebuhrt.

SIE Wehe dir, dass du so sprechen kannst! Ermanne dich und bleib', was du immer warst, ein grosser Mann.

ER Beschimpfe die grossen Manner nicht mit meiner Parallele. Ich weiss nur allzugut, was ich bin.

Olimpia schwieg und zog den Schleier uber ihr Gesicht. Rinaldo schlug sich vor die Stirn und seufzte tief auf.

SIE Rinaldo! Rinaldo!

ER Rosalie ist sehr krank?

SIE Ich kann dich nicht tauschen. Sie ist tot.

ER Tot? Ach! Fahre wohl, liebe, gute Seele! Wohl dir, dass du geendet hast! Olimpia! Nicht wahr, ihr ist sehr wohl? Auch mir muss es so wohl werden, wie es ihr ist. Nur bald! nur bald! Er wendete sich gegen die Wand und weinte. Olimpia verliess das Zimmer. Aus einem schweren Traume entriss ihn ein Gerausch. Er erwachte und sah das eine seiner Zimmer erleuchtet. Er rieb sich die Augen und sah: An einem mit sieben brennenden Wachskerzen besetzten Tische sassen hinter Bechern und Flaschen Cinthio, Nero, Lodovico, Jordano, Luigino, Olimpia und Eugenia, jedes hinter einer Kerze. Schweigend, und wie in eine optische Maschine, blickte Rinaldo in die Gesellschaft, die, seines erwachten Daseins unbekummert, sich ihrer Unterhaltung fortgesetzt uberliess. Er schwieg und horte.

LODOVICO Sie hatten uns schon Handschellen angelegt und fuhrten fatale Reden, z.B. von der Folter, vom Kopfen, Hangen und dergleichen Ausdrucke, die einem braven Kerl gar nicht behagen konnen. Das machte uns wirklich ein wenig bange, und wir sahen schon unserm gewissen Lebensende, auf der Folterbank zerdehnt und zerzerrt, entgegen, als unvermutet Hilfe und Rettung kam.

JORDANO Das hiess in der Tat Hilfe in der Not! Wir werden sie unserm ehrlichen Alten zu Fronteja nie vergessen. Lasst uns anstossen und seine Gesundheit trinken. Er soll leben!

ALLE Er soll leben!

LODOVICO Unsern braven Rinaldini hat er auch schon verschiedenemal den ungewaschenen Handen der misslaunischen Justiz entzogen. Der war' vielleicht schon langst eine Speise der Raben geworden, hatte der gute Alte sich nicht immer so freundschaftlich ins Spiel gemischt.

OLIMPIA Das ist gewiss wahr! Rinaldini hat ihm sein Leben auf vielfache Art zu verdanken.

CINTHIO Das wird er auch tun. Mein Freund Rinaldo ist dankbar. Mir ist es ein sehr grosses Vergnugen, den guten Alten und seine wackern Freunde kennengelernt zu haben. Da sass ich, wenn es recht kostlich gewesen war', als Forster in einem Dorfneste und musste Dachse und wilde Katzen verfolgen, um nicht zu verhungern. Nun aber soll's den ubermutigen Korsen Feinden gelten.

LUIGINO Es soll ihnen gelten! Es leben die wackern Korsen, die unsrer Ankunft, die ihrer Retter harren!

ALLE Es leben die wackern Korsen!

LODOVICO Wie stark sind wir nun aber eigentlich?

LUIGINO Es schiffen sich uber vierhundert Mann ein und finden in Korsika uber dreitausend Freunde, ohne die, die sich zu uns schlagen werden, sobald wir den ersten Streich ausgefuhrt und uns eines haltbaren Platzes bemachtigt haben werden. Das Fort Ajalo wird zuerst genommen.

LODOVICO Wetter! es wird einen schonen Larm geben, wenn es heisst: Das unuberwindliche Corps des grossen Rinaldini ist da! Die Kerls sind wahre Teufel gegen ihre Feinde und die grossmutigsten Menschen von der Welt gegen ihre Freunde. Sie vergiessen ihr Blut fur die Freiheit der unterdruckten und misshandelten braven Korsen. Freunde! das bringt uns Ehre und Ruhm. Schon sehe ich unsere Namen an dem Obelisk glanzen, der uns und unsern Siegen errichtet werden wird, und die Mitwelt und Nachwelt wird sagen: Seht, das taten Menschen, die man Rauber, Manner, die man Banditen nannte. Da stehen ihre Namen mit goldenen Buchstaben, und obenan glanzt der Name Rinaldini. Das gibt hohe Ehre!

NERO Geht denn unser Alter auch mit uns?

LUIGINO Das versteht sich. Auch er ist ein Korse, der das Wohl seines Vaterlandes im Herzen tragt.

OLIMPIA Wir gehen alle mit. Viele unserer Schwestern werden fechten an der Seite der tapfern Streiter, mit Mannskraft und von Vaterlandsliebe beseelt. Andere winden Kranze fur die Sieger, und ihre Kusse belohnen die Tapfern.

Jetzt trat ein schoner Mann von edler Bildung und schlankem Wuchse in das Zimmer. Luigino nannte ihn Astolfo und Olimpia gab ihm den Namen Bruder. Er setzte sich zu ihr. Man zundete eine Wachskerze an und setzte sie vor ihn auf den Tisch. Sein Becher wurde gefullt. Es wurde gesprochen.

CINTHIO Nun? Wie steht es? Ist das Schloss bald voll?

ASTOLFO O! dass es doch bis unter das Dach vollsteckte! Es war' ein gesegneter Aufenthalt wackerer Manner! Unserer neunzig sind nun hier.

LODOVICO Dass wir alle doch schon in Korsika waren! Dem Klingenschmied oder Buchsenmacher, dessen Klinge oder Rohr den ersten Feind in den Sand streckt, will ich zehn Messen lesen lassen, und seiner ganzen Familie soll, wenn er fallt eine ex profundis bei weissen Wachskerzen gesungen werden, auf meine Kosten.

ASTOLFO Spatestens bis morgen fruh muss Amalato mit dreissig Mann hier auch eintreffen. Malatesto schwenkt sich noch mit seinen Leuten im Tolonischen Gebirge herum. Er macht nun einmal so gern Jagd auf die Schwarzen.

LODOVICO Das vergelte ihm Gott! Wenn er doch die ganze verfluchte Rotte mit Stumpf und Stiel ausrotten konnte!

OLIMPIA Die Schwarzen nimmst du wohl oft in dein Gebet?

LODOVICO O ja, so wie der Nachtwachter den Teufel. Die verdammten Popanze! Sie haben mir die Erinnerung an ihre Existenz so fest eingegraben, dass ich bei jedem Stoss einer Windfahne die Ruckerinnerung an ihre Bekanntschaft in allen Gliedern und Nerven fuhle.

JORDANO Jeder Neumond muss sie dir unvergesslich machen.

LODOVICO Jeder veranderte Windstoss, sage ich! Sie haben mir ein Calendarium perpetuum dergestalt aufs Leder gepragt, dass ich die Buchstaben und Charaktere in jeder Ader fuhle, wenn die Hahne musizieren. Aber dem ersten dieser Kalendermacher, den ich unter die Fauste bekomme, will ich auch ein solches Honorarium reichen, dass er es als Zehrpfennig bis ins Fegefeuer mitnehmen soll.

Noch horte Rinaldo dem Gesprach, bei welchem die Becher fleissig geleert wurden, schweigend zu, als die Tur aufging und der Alte von Fronteja ins Zimmer trat. Alle erhoben sich von ihren Sitzen und grussten ihn ehrerbietig. Er winkte ihnen freundlich zu, sie setzten sich. Er nahm in dem Zirkel Platz. Zwei brennende Wachskerzen wurden vor ihn gesetzt, und sein Becher wurde gefullt. Er sprach.

DER ALTE So rein wie das Wachs und die Flamme dieser Kerzen ist die Absicht aller derer, die hier versammelt sind, entschlossen, den Boden eines Landes zu betreten, welches, mit dem Blute seiner Tyrannen gedungt, uns eine reiche Ernte des Ruhms schenken moge! Wir saen und ernten fur die Unterdruckten. Wir sind die wahren Ackerleute des Ruhms und der Gerechtigkeit. Wir kommen, die Ketten einer unterdruckten, tapfern Nation zu zerbrechen.

LUIGINO Ja, wir kommen!

DER ALTE Der Tag der Rache, der Tag der Rettung bricht an. Eine neue Sonne geht uber Korsika auf. Geist des edlen, unglucklichen Theodors2, erscheine den Freunden des Landes, das du liebtest und retten wolltest!

Er sprach's, fuhr langsam im Kreuzschlag mit der Hand uber den Becher, und schnell entbrauste der Wein in demselben, wie gahrender Most. Die Blasen stiegen hoch auf, entschwebten dem Rande des Bechers, turmten sich pyramidisch, wurden zum schaumenden Dunstkreis, zerplatzten in der Luft und bildeten eine aufsteigende Nebelgestalt in verwischter Menschenform. Die Lichter verloschten, die Gestalt schwebte, wie ein geformter Nebel, hell und durchsichtig uber die Tafel in die Hohe und verschwand. Die Lichter entzundeten sich wieder. Die Gesellschaft sass sprachlos in feierlicher Stille da, und der Alte leerte seinen Becher auf Konig Theodors Wohl.

Noch sassen alle in erwartungsvoller Stille sprach

los, als der Alte sich gegen Rinaldo wendete und fragte:

"Hast du keine Rede fur deine Freunde?"

RINALDO Wohl bekomme euch alles!

DER ALTE Ist das der ganze Anteil, den du an un

serm Vorhaben nimmst?

RINALDO Ich kann nicht mehr tun, als euer Wohl

zu wunschen.

DER ALTE Hat dich der grosse, ruhmvolle Gedan

ke, der edle Wunsch, ein Retter der Korsen zu sein, verlassen?

RINALDO Ihre Sache liegt in guten Handen.

DER ALTE Entsagst du dem Ruhme, diese gerech

te Sache zu verteidigen?

RINALDO Ich entsage jedem Gedanken nach

einem Ruhme, der mir nicht gebuhrt. Fur einen Rauberhauptmann wachsen keine Palmen des Ruhms, grunen keine Lorbeern der Unsterblichkeit.

DER ALTE Kleinmutiger! du bist nicht mehr der kuhne, unerschrockene Rinaldini. Dein Geist ist von dir gewichen. Du bist kaum noch der Schatten deiner vorigen Wirklichkeit. O Freund! was wurde, horte er dich jetzt reden, dein ehemaliger Lehrer, der wackere Onorio, sagen? Er, der so oft mit dir in den Zeiten der Helden der Vorzeit umherschwarmte; was wurde er sprechen? Wie jammert uns dieser dein Zustand? Was konnen wir fur dich tun?

RINALDO Seid ihr wirklich meine Freunde, so vergesst, dass man mich Rinaldini nannte. Verbindet mit diesem Namen keine Erwartung an kuhne Taten und lasst mich, unbekannt und ungenannt, in Ruhe sterben.

CINTHIO Rinaldo! Freund!

RINALDO Ich beklage dich, den man seiner ruhigen Einsamkeit entrissen hat! Du warst zu glucklich fur einen Rauber, darum konnte es nicht so bleiben.

DER ALTE Ich beklage dich!

RINALDO Verschafft mir, ihr Allesvermogenden, sichere Abfahrt aus dieser Insel auf irgendein kleines, unbedeutendes Eiland, wo Platz fur mich und Gras fur meine Ziegen ist. Dort will ich in stiller Ruhe, unter Hirten und Fischern, mein Leben endigen, ungekannt und ungenannt.

DER ALTE Wie wird das moglich sein konnen? Du bist zu allbekannt.

RINALDO Doch nicht in jedem Weltteile. Ich schenke euch meine vergrabenen Schatze, ich nenne euch die Platze, wo sie liegen, sie werden euch bei eurem Vorhaben nicht unwillkommen sein. Mich fuhre unbemerkt ein Schiff uber die rollenden Fluten an den Kusten des Landes vorbei, dessen Fesseln ihr zerbrechen werdet.

DER ALTE Freund, du bist krank. Wir konnen dich nicht eher aus den Augen lassen, bis du genesen bist.

Rinaldo seufzte und verhullte sein Gesicht. Die Gesellschaft blieb schweigend und stumm.

Der Alte gab Astolfo einen Wink. Dieser verliess das Zimmer. Die Stille wurde durch keinen Laut unterbrochen.

Auf einmal ertonten Trommeln im Schlosse und Trompeten durchschmetterten die Sale. Man sprang auf.

"Wir sind uberfallen!" ertonte es von allen Seiten ins Zimmer. Rinaldo sprang vom Lager auf, ergriff seinen Sabel und eilte nach der Tur. Hier umfing ihn der Alte und rief entzuckt aus:

"Ja! du bist noch der Unerschrockene, der Tapfere, wie sonst! Trompetentone und Trommelwirbel haben dich dem Schlummer entrissen, und der Mann stand vor uns. Diese Tone werden dich nach Korsika begleiten. Der Donner unsres Geschutzes wird unsern Feinden entgegenbrullen: Der Racher kommt!"

Rinaldo sah den Alten betroffen an, und der Sabel entsank seiner Hand.

"Ha!" schrie er: "Ihr kennt das Spiel, das ihr mit mir spielt, und ich kenne mich selbst nicht!"

Der Alte sah ihn bedeutend an und sagte:

"Wir haben nur geweckt, was entschlummert war. Jetzt wissen wir, dass du noch Rinaldini der Tapfere bist. Trompeten und Trommeln mogen schweigen. Dein Geist spricht kraftiger und lauter als dein Mund. Was du auch sagen magst, wenn Missmut und uble Laune dich qualen, wir glauben dir nicht. Wir kennen die Tone, die dich deinen Freunden geben, wie du bist. Was die Stimme der Freundschaft nicht vermochte, das vermochten die Tone der Trompeten. Dies ist der Ruf der Ehre. Wir wissen nun, dass du der Held bist, den wir suchen und gefunden haben."

RINALDO Ihr irrt Euch. Den Tod wollte ich suchen im Gefecht

DER ALTE Den sucht keiner, der unter Hirten und Fischern, bei weidenden Ziegen leben will. Er sucht der Gefahr nur zu entfliehen, aber der Tapfere bietet ihr die Stirn.

RINALDO Verzweiflung ist nicht Tapferkeit. Sie macht den Mutlosesten zum Lowen.

DER ALTE Genug, Rinaldo! Wir kennen dich.

Auf einen Wink des Alten entfernten sich die Anwesenden nach und nach und ohne Gerausch. Auch der Alte verliess endlich das Zimmer und sagte:

"Wir uberlassen dich der Ruhe."

Rinaldo warf sich wieder auf sein Lager. Die Ruckerinnerung der ganzen Szene seit seinem Erwachen gaukelte wie ein Traum vor seinen Sinnen voruber. Den folgenden Tag verliess Rinaldo das Zimmer nicht und blieb ungestort und allein. Tages darauf verlangte er Cinthio zu sprechen und erhielt die Antwort, dieser sei nicht mehr im Schlosse. Hierauf begehrte er eine Unterredung mit dem Alten von Fronteja, und auch dieser war nicht mehr hier. Bald darauf erschien Astolfo. Diesem eroffnete Rinaldo sein Verlangen, das Schloss zu verlassen.

"Das steht in deiner Willkur", sagte Astolfo, "wiewohl ich es dir nicht raten mochte, du musstest denn mit den Unsrigen ziehen wollen. Die schwarze Rotte lauert allenthalben auf dich, und ohne Begleitung bist du immer in Gefahr, dich ihrer grenzenlosen Rache ausgesetzt zu sehen. Die Unsrigen ziehen sich nach und nach an die Kuste, wo sie eingeschifft werden und nach Korsika absegeln konnen. Denn viel Zeit mogen wir nun nicht mehr verlieren, um sobald wie moglich den Ort unserer Bestimmung zu erreichen."

Rinaldo schien nachdenkend zu werden, fasste sich aber bald wieder und fragte:

"Hast du zu Fronteja ein Madchen gesehen, das man Rosalie nannte?"

ASTOLFO Ich sah sie krank und im Tode.

RINALDO Sie starb also wirklich?

ASTOLFO So gewiss, als wir beide noch leben.

RINALDO Nicht gewaltsam?

ASTOLFO Was willst du damit sagen? Hast du Argwohn, so ist er ungegrundet. Der Alte liebte sie wie seine Tochter.

RINALDO Und doch hat er ihres Todes gegen mich mit keinem Worte gedacht.

ASTOLFO Das ist so seine Art. Von Verstorbenen spricht er nicht gern.

RINALDO Rosalie war mir sehr wert! Ich liebte sie.

ASTOLFO Das hat man gesagt. Auch ich verlasse morgen dieses Schloss. Willst du mit mir gehen, so hast du Bedeckung. Wir ziehen uns, wie gesagt, alle nach und nach der Kuste zu.

RINALDO Du bist Olimpiens wirklicher Bruder? Ein Korse?

ASTOLFO Beides bin ich.

RINALDO Ist auch Luigino schon fort von hier?

ASTOLFO Auch er.

Hier entstand eine Pause. Astolfo naherte sich langsam der Tur. Rinaldo wendete sich auf einmal rasch zu ihm und sagte: "Ich verlasse morgen mit dir dieses Schloss." Astolfo freute sich dieses Entschlusses. Ganz vergnugt verliess er das Zimmer. Den folgenden Morgen bestieg Rinaldo ein Pferd und verliess in Astolfos Begleitung das Schloss. Sie begegneten hier und da verschiedenen ihrer Leute, die sich zerstreut und in kleinen Trupps, doch nicht allzu entfernt voneinander, uber die Gebirge hinzogen. Die Unterhaltung auf dem Wege war sehr einsilbig.

In kurzen Tagesreisen erreichten sie Sutera, wo sie einige Tage still lagen und dann ihren Weg gerade auf Syracus zu nahmen. Sie liessen die Stadt links liegen, blieben ein paar Tage auf einer Villa, die, wie es schien, einem Bekannten der Gesellschaft gehorte, und reisten dann auf die Flachen von Marsala zu.

Hier quartierten sie sich wieder in eine Villa ein, und von hier aus machte Astolfo eine Tagesreise allein. Als er zuruckkam, sagte er:

"Auf dieser Villa kannst du sicher und ruhig leben, bis wir dich zum Einschiffen abrufen. Wird dir die Zeit lang, so gehe zuweilen in die Gebirge von Sambuca, dort ist das Hauptlager unserer Leute. Ich reise jetzt zu dem Alten und hoffe, dich bald wiederzusehen."

Astolfo reiste ab. In der Villa fand Rinaldo alles zu seiner Bequemlichkeit eingerichtet. Ein Gartner und seine Tochter waren seine Hausgenossen und bedienten ihn. Etliche Diener von der Gesellschaft gingen ab und zu.

Die Tochter des Gartners, Serena, ein gutes Naturmadchen, war seine Gesellschafterin und die Gefahrtin auf seinen einsamen Spaziergangen. In ihr sah er eine zweite Rosalie und gewohnte sich nach und nach so sehr an ihre Gesellschaft, dass er sich nicht mehr von ihr trennen konnte. Sie unterhielt ihn mit kleinen Erzahlungen von Geistern, Nixen und Rittern und sang ihre und seine Romanzen, die er fur sie dichtete, ihm vor.

In diesem einfachen Unterhaltungskreise verfloss ihm ein Tag nach dem andern so unbemerkt, dass er schon drei Wochen auf der Villa war, als er kaum glaubte, dahin gekommen zu sein.

Einst sass er mit Serenen in einer Gartenlaube und machte gegen sie die Bemerkung, dass er glaube, seit ein paar Tagen sie nicht so heiter wie gewohnlich zu sehen.

SIE Das kann sein! Ich bin wirklich auch nicht mehr so heiter wie sonst. Daran ist mein Vater schuld. Der sagte mir neulich, Ihr konntet nun nicht lange mehr hierbleiben, Ihr wurdet fortreisen und nicht wieder zu uns kommen.

ER Und das konnte dich missmutig machen?

SIE Warum sollte es nicht? Ich habe mich nun an Euch gewohnt. Man sollte sich in der Welt gar nicht kennenlernen, wenn man sich wieder trennen muss. Nach meinem Sinn musste alles hubsch beisammenbleiben, was sich einmal kennt und sich gut ist.

ER Du bist mir also gut?

SIE Ich dachte, das hattet Ihr langst schon gemerkt.

ER Aber ob ich dir gut bin?

SIE Ich glaube es, weil Ihr mich immer um Euch haben mogt. Wenn man einem Menschen nicht gut ist, wird einem das zur Last. Aber bei Euch ist das nicht der Fall, denn wenn ich nur einmal ein paar Stunden nicht bei Euch bin, gleich ruft Ihr: Serena, wo bist du denn? Und ich hore Euch mich gern rufen. Ich habe es schon einigemal darauf angelegt, von Euch gerufen zu werden. Das habt Ihr nicht bemerkt, aber es ist wahrhaftig wahr!

ER Was kann es dir aber helfen, wenn ich dir auch wirklich gut bin?

SIE Ei! das hilft mir gar viel. Es macht mich frohlich und froh, munter und leicht.

ER Da ich aber nicht hierbleiben kann

SIE Das ist freilich schlimm! Wo geht Ihr denn hin?

ER Fort aus dieser Insel in ein anderes Land.

SIE Ist's dort auch so schon wie hier? Ist dort auch eine Serena, die Euch gut ist?

ER Vielleicht finde ich eine.

SIE Wenn Ihr sie erst suchen musst, warum bleibt Ihr nicht lieber hier, wo Ihr sie schon gefunden habt?

ER Ich habe Verhaltnisse, Geschafte

SIE Das ist mir gar nicht lieb! Wenn Ihr fortgeht, werde ich sehr traurig sein.

ER Du wirst auch wieder heiter werden. Das gibt sich alles.

SIE Nein! das gibt sich nicht. Es ist besser, es bleibt so, wie es ist.

ER Es lasst sich nicht tun.

SIE Das ist sehr argerlich! Ihr kommt also auch nicht wieder?

ER Schwerlich!

SIE Wenn's auch ein Jahr wahrt, ich will's uberstehen. Kommt nur wieder!

ER Gutes Madchen! du weisst nicht

SIE Ich weiss freilich nicht viel, aber ich kann vielleicht noch manches lernen; besonders, wenn Ihr mein Lehrer sein wollt. Ach! was lernte ich nicht gern von Euch!

ER Lerne mich vergessen, wenn ich fort bin.

SIE Das wird schwerlich gehen. Nein! 's geht nicht, das weiss ich schon. Ihr kennt ja das Lied von dem schonen Fischermadchen und dem verliebten Grafen. Ich habe es Euch schon oft vorgesungen, darin heisst es:

Was ich liebe zu vergessen,

Nein, ach nein, das kann ich nicht.

Alles konnt' ich wohl versprechen;

Aber nur Vergessen nicht!

Was man liebet zu vergessen,

Nein, ach nein! das kann man nicht!

ER Liebst du mich denn?

SIE Ei! jawohl!

ER Das ist nicht gut!

SIE Wie sollte es besser sein? Und wer kann es mir wehren, wenn ich Euch liebe?

ER Was kannst du von deiner Liebe hoffen?

SIE Von Euch widergeliebt zu werden. Wisst Ihr nicht, wie es in dem Liede von dem gefangenen Ritter heisst?

Hoffnung ist der liebe Schwester

Und verlasst im Tod sie nicht,

Schlingt die schonen Banden fester,

Die die Freude um uns flicht.

Hoffnung gibt der Liebe Leben,

Mut und Kraft, wenn Leiden droh'n.

Ach! was kann sie bess'res geben?

Gab sie nicht das Beste schon?

Ein Bote suchte Rinaldo auf und gab ihm einen Brief. Er war von Cinthio. Dieser machte ihm freundschaftliche Vorwurfe, dass er noch nicht ein einzigesmal in das Lager, zu seinen Freunden, in die Gebirge gekommen sei. Er bat ihn, dies recht bald zu tun.

Rinaldo schrieb eine Antwort, in welcher er versprach, was man forderte, und ging, als er den Boten abgefertigt hatte, ans Ufer des Meeres, wo er einige Fischer in einer Bucht beschaftigt fand, eine Barke mit Lebensmitteln zu beladen. Er nahte sich ihnen, grusste sie, wurde widergegrusst und spann ein Gesprach an.

RINALDO Wohin fuhrt ihr diese Lebensmittel in der Barke?

FISCHER Nach Pantaleria.

RINALDO Nach Pantaleria?

FISCHER Kennt Ihr das Inselchen3 Pantaleria nicht?

RINALDO Wie sollte ich es kennen? Liegt es weit von hier?

FISCHER Sechzig Meilen! Ein Katzensprung!

RINALDO Ist das Inselchen stark bevolkert?

FISCHER Ach lieber Himmel! zahlt mir ausser den Bewohnern der kleinen Stadt und des Kastells noch dreihundert Menschen dort, so gewinne ich eine Wette. Es liegen ein paar Dorfchen auf der Insel und einige lustige Landhauser. Alles ist rundherum von den Felsen des Ufers umschlossen. Aber im Innern ist es ein hubsches, feines, lustiges Inselchen! In der Mitte ist ein vortreffliches, fruchtbares Tal, und die Bergrucken sind alle gar sorgfaltig bebaut. Die Insel hat Acker, Wein, Ol, Pomeranzen und eine kleine Schafzucht. Was die Leute dort nicht haben, fuhren wir ihnen zu.

RINALDO Die Bewohner der Insel sind wohl arm?

FISCHER Reich sind sie freilich nicht, aber sie sind gut, arbeitsam und menschenfreundlich. Woran es ihnen am meisten fehlt, das ist an Gelde. Ein Goldstuck ist unter ihnen eine rare Sache und eine wahre Seltenheit. Sie graben aber zuweilen seltene Munzen aus, auch wohl Antiken und dergleichen, diese machen sie in Sizilien zu Gelde. Sie brauchen wenig und behelfen sich lange mit ein paar Silberstuckchen.

RINALDO Die guten Leute leben also dort wohl in wahrer patriarchalischer Einfalt?

FISCHER Ja, einfaltig genug leben sie! Sie haben ausser drei Kirchen in der Stadt auf dem ganzen Inselchen ubrigens nur noch eine einzige Kirche.

RINALDO Sie sind aber deshalb doch wohl fromme Leute?

FISCHER O ja! Sie haben, ausser einem ClarisserNonnenkloster in der Stadt, auch ein kleines Klosterchen im Lande, das bewohnen etwa vier bis sechs Franziskaner-Herren; mehrere konnen sie nicht ernahren. Diese terminieren aber auch in unserer Insel und schleppen, was sie bekommen, hinuber auf ihr Inselchen.

RINALDO Ich hatte Lust, das Inselchen zu besehen.

FISCHER Das kann leicht geschehen. Der Herr darf ja nur mit uns hinuberfahren. Wir wollen's schon billig machen. Morgen, ein paar Stunden nach Sonnenaufgang fahren wir ab.

RINALDO Ich fahre mit.

FISCHER Der Herr muss sich aber zeitig einstellen. Warten konnen wir nicht.

RINALDO Sorgt nicht. Ich werde fruhzeitig genug hier sein. Hier habt ihr etwas auf Abschlag, und morgen sehn wir uns wieder.

Er ging mit dem festen Vorsatz in seine Wohnung zuruck, nach Pantaleria mit uberzuschiffen und von dort nie wieder nach Sizilien zuruckzukehren.

"Vielleicht" sprach er bei sich selbst "gelingt es mir endlich doch noch, unter guten, unverdorbenen, reinen Naturmenschen eine stille, friedliche Statte zu finden und mir selbst ruhig und reuig fur den Himmel zu leben."

Fussnoten

1 Lionardo Monte Bello. 1. T. S. 220. 2 Der bekannte Konig der Korsen, Baron Neuhof, ein Deutscher. Seine Geschichte hat der Verfasser dieses Buchs der deutschen Lesewelt mitgeteilt, unter dem Titel: Theodor, Konig der Korsen. Rudolstadt 1801, 3 Teile, m.K. 3 Isoleta, namlich im Vergleich mit der grossen Insel Sizilien. Pantaleria hat nur 7 bis 8 Meilen im Umkreis.

Dritter Teil.

Numquam simpliciter fortuna indulget.

Q. CURTIUS

Neuntes Buch

Lachelt dir die Ruh in Friedensauen,

Lachelt dir der Hoffnung Zauberblick,

Furchte Stille, Ruh und Selbstvertrauen,

Dolche fur ertraumtes Erdengluck.

Der Morgen brach an, der Vorbote eines schonen, heitern Tages.

"Lass, guter Himmel", flehte Rinaldo "mich finden, was ich suche. Stoss den Reuigen nicht von dir und gib mir eine stille, ruhige Wohnung unter guten Menschen!"

Schnell verliess er sein Lager, nahm Wasche mit, steckte alles Geld, was er hatte, und seine Kleinodien zu sich, bewaffnete sich mit Sabel, Rohr und Pistolen, schlich an Serenens Kammer vorbei, lispelte ihr ein Lebewohl und eilte aus der Villa in die Bucht, wo die Fischer seiner warteten.

"Nun, das heisst doch Wort gehalten!" schrien sie ihm entgegen, grussten ihn und schuttelten ihm traulich die Hande.

"Sind wir nun alle beisammen?" fragte der eine, und als mit Ja geantwortet wurde, nahm er seinen Hut ab und faltete die Hande. Die andern folgten seinem Beispiel. seine Hande und stammelte:

"Herr! Erbarme dich des Raubers, der zu dir fleht um eine gluckliche Fahrt nach dem Orte der Ruhe, wohin seine Seele sich sehnt. Lass es diesen guten Leuten nicht entgelten, dass sie ihre Barke unwissend mit einem Verbrecher beladen, der dir nirgends entfliehen kann. Willst du mich bestrafen, so strafe nicht mit mir die Unschuldigen. Bringe sie glucklich in den Hafen und lass sie die Fruchte ihres Fleisses ernten. Auch wende dein Angesicht nicht von dem friedlichen Eilande, wohin ich schiffe; strafe die Felder, die mein Fuss betritt, nicht mit Misswachs; wirf deine Blitze nicht auf schuldlose Hutten; nimm meine Busse an und lass, unter guten Menschen, mich ein guter Mensch werden!"

Die stille Andacht war geendigt, die Barke ward bestiegen, die Fischer ergriffen die Ruder, schlugen harmonisch im Takte eines Morgenliedes die Wellen, und das Schifflein durchschnitt im offenen Meere lustig die Wellen.

Rinaldo stand und schaute nach Siziliens Kuste zuruck, die nach und nach seinen Blicken immer ferner wurde. Die Berge erschienen als Hugel; Hauser und Turme wurden zu Punkten; alles schwand endlich im grauen Nebel dahin, und nur die glanzende Sonne blieb die treue Gefahrtin der schwankenden Barke.

Die Fischer waren munter und froh, scherzten und lachten, sprachen viel und sangen noch viel mehr. Rinaldo horte mit Wohlgefallen ihre Gesange und bat sie, das eine ihrer Lieder, welches ihm am besten gefiel, zu wiederholen. Sie taten das gleich. Er schrieb es sich auf und sang es hernach mit ihnen. Hier ist es.1

Romanze.

Fruh am Sanct Johannistage

Stand ich auf und ging ans Meer;

Dort sah ich ein Madchen wandeln

An dem Ufer hin und her.

Auszubreiten ihre Wasche,

Ging sie her und ging sie hin,

Sie zu bleichen und zu trocknen,

Legte sie die Wasche hin.

Unter einem Rosenbusche

Pflegte sie der sussen Ruh,

Strahlte sich die goldnen Haare,

Strahlte sie, und sang dazu:

"Wo soll ich den Lieben suchen

Auf der blauen Flutenbahn?

Schiffer! dass dich Gott bewahre!

Trafst du wohl mein Liebchen an?

Sahst du meinen Herzgeliebten?

Sahst du ihn, so sag es mir!

Seiner harrt sein treues Liebchen,

Ganz allein am Strande hier."

Eine Windstille notigte die Fischer, die Ruder nicht aus der Hand zu lassen. Selbst Rinaldo legte mit Hand an. Das gefiel den Fischern, und sie machten in ihrer Art ihm viele Komplimente daruber. Gegen Abend erblickten sie die Lichter im Kastell der Stadt, und ein frischer Wind trieb sie dort vorbei, an die ostliche Kuste der Insel, wo sie in eine Bucht einliefen und Ankergrund fanden.

Mit Tagesanbruch stiegen sie ans Land. Bald waren sie von Einwohnern umringt, die aus ihren zerstreut liegenden Wohnungen und aus dem einen Dorfe herbeikamen, die Herrlichkeiten zu besehen, die ihnen im Kauf uberlassen werden sollten. Da ging es rasch an ein lebhaftes Handeln und Einkaufen, und als die Fischer ein Gezelt aufgeschlagen hatten, wurde die Gegend noch belebter. Manner, Weiber, Madchen und Kinder stromten herbei, und sogar etliche Musikanten kamen. Da gab es im Freien Tanz und Gesang. Rund umher war Lust und Vergnugen.

Rinaldo entzog sich der larmenden Freude und nahte sich einem entfernten Olivenwaldchen. Einige hundert Schritte davon lag rechts ein kleines, artiges Landhaus; auf dieses ging er zu.

Er traf dort eine geschaftige, muntere Frau bei landlicher Arbeit an. Diese bat er um einen Trunk Milch und erhielt, was er forderte. Er wollte bezahlen. Sie aber wollte kein Geld nehmen. Rinaldo drang es ihr auf. Es war mehr, als sie hatte fordern konnen. Sie setzte ihm Feigen, Weintrauben und Reiskuchen vor. Dabei kam es zur Unterhaltung, und die gute Frau wurde sehr gesprachig. Rinaldo fragte nach ihrem Manne.

"Ach, heilige Jungfrau!" antwortete sie, "der liegt nun schon seit zwei Jahren unter der Erde und hat mir die Wirtschaft allein uberlassen. Ich habe drei Kinder, zwei Buben von sieben und funf Jahren, und ein Madchen, das neun Jahr alt ist. Die Nachbarn stehen mir bei meinem kleinen Feldbau bei. Ich bin frisch und gesund und will so lange arbeiten, bis die Kinder grosser werden, wenn mir Gott Krafte und Gesundheit schenkt. Hernach mogen die Kinder fur mich arbeiten."

Rinaldo machte sie immer zutraulicher, und als er sich endlich ihres Anteils an seiner Person und ihres Wohlwollens ganz versichert hielt, kam er der Erklarung seines Endzweckes und der Entdeckung seines Wunsches und Verlangens naher.

ER Es gefallt mir hier sehr wohl.

SIE Ei! Es ist auch recht hubsch bei uns. Wir leben zwar nicht im Uberfluss, aber was wir brauchen, hat uns der Himmel geschenkt. So lange ich lebe, weiss ich nur in einem einzigen Jahre Misswachs bei uns. Da versorgte uns Sizilien. Wir fuhlten es hart, das Ungluck, das uns traf. Aber das sind nun schon acht Jahre her, und jetzt ist alles wieder verschmerzt.

ER Ich habe einen Einfall! Wie war's, wenn ich mich ein paar Monate hier bei euch aufhielt?

SIE Das muss der Herr am besten wissen, ob es ihm zutraglich ist, ob es sein kann oder nicht.

ER Die Luft ist hier rein und gut, der Himmel ist heiter, warum sollte es mir nicht zutraglich sein, mich hier aufzuhalten? Und sein kann es auch, denn ich bin frei und ungebunden und kann leben, wo ich will.

SIE Nun! Der Herr kann's versuchen, und gefallt es ihm in die Lange nicht, so kann er ja gar leicht wieder nach Sizilien zuruckkehren.

ER So sei es. Wo werde ich aber meine Wohnung aufschlagen? Darf ich bei euch wohnen!

SIE Warum nicht?

ER Das ist mein Wunsch!

SIE Es sind zwei leere Stubchen in meinem Hause, die ich nicht brauche. Da kann der Herr wohnen. Aber das sage ich ihm voraus, gut auffuhren muss er sich, sonst rufe ich die Nachbarn herbei, und er kommt ubel weg.

ER Gute Frau! Du sollst keine Klage uber mich haben. Ich werde still und einsam leben und will dir in mancherlei Arbeiten beistehen.

Frau Martha, so hiess die Bauerin, fuhrte ihren Mietmann ins Haus, zeigte ihm die Stubchen, die ihm gefielen, und der Mietkontrakt wurde gleich abgeschlossen. Rinaldo zahlte ihr zwei Monate Mietgeld voraus, wofur sie sich bei den Sizilianischen Fischern gleich Korn und Fleisch einkaufte.

Rinaldo machte den Fischern seinen Entschluss bekannt, und diese fanden ihn drollig genug.

"Nun", sagte der eine "in etlichen Wochen kommen wir wieder und wollen horen, wie es dem Herrn auf dem Inselchen gefallt. Gefallt's ihm nicht, so kann er wieder mit uns abfahren. Denn Sizilien bleibt doch immer Sizilien, und gegen dieses Inselchen ist es noch mehr als ein Paradies."

Rinaldo berichtigte seine Fracht reichlich und kaufte Wein und mancherlei Lebensmittel ein, die er in seine Wohnung bringen liess, von der er sogleich Besitz nahm. Und als den folgenden Tag seine Gefahrten mit leichter Barke davonsegelten, machte er Anstalt, sich zu metamorphosieren. Er schnitt seine langen Haare rundherum so ab, wie sie die Landleute auf Pantaleria trugen, und warf sich auch in eine Kleidung nach Form und Schnitt des Landes. So ausgeschnitten glich er einem Landmann der Insel vollkommen, und keiner seiner Nachbarn liess es sich gewiss auch nur entfernt einfallen, den beruchtigten Rauberhauptmann, dessen Ruf ganz Italien durchflog, auf dessen Kopf ein so ansehnlicher Preis gesetzt war, zum Nachbar zu haben.

Er unterzog sich mancher Arbeit im Garten, im Weinberge, in der Haushaltung, so dass Frau Martha gar nicht wusste, wie sie mit ihrem Mietmann daran war.

"Ich hatte nie geglaubt", sagte sie, "dass ein Herr, wie Ihr, sich so gut in unsre landliche Arbeiten wurde schicken konnen. Und dass Ihr sogar unsre Tracht angenommen habt, das kommt mir ebenso sonderbar vor, als es mir gefallt. Man sollte, wenn man Euch so sieht, darauf schworen, Ihr wart hier als Landmann auf der Insel gezogen und geboren worden."

"Glaube das selbst, liebe Frau!" antwortete Rinaldo, "und du tust mir einen grossen Gefallen."

SIE Je nun, den Gefallen kann ich Euch wohl tun! Man muss ja so manches glauben, was auch nicht viel wahrscheinlicher als dies ist, also wusste ich nicht, warum ich es nicht tun sollte? Sagt mir aber nur, wo Ihr das Geschick zu den Arbeiten, die Ihr verrichtet, hernehmt?

ER Ich habe mich ehemals auch mit dergleichen Arbeiten abgegeben.

SIE Das muss sein! Sonst war's nicht moglich, dass es Euch so anstehen und flecken konnte. Seid ihr denn kein Sizilianer?

ER Nein. Ich bin in der Italienischen Schweiz geboren, und mein Vater hatte Landguter.

SIE Habt Ihr denn die Landguter nicht geerbt?

ER Mein Bruder hat mich mit Geld abgefunden, und ich habe die Welt durchreist. Hier gefallt mir's. Ich habe grosse Lust, bis ans Ende meines Lebens auf dieser Insel zu bleiben.

SIE So tut es. Schafft Euch etwas Eigenes, Haus und Herd an, und nehmt Euch eine Frau, wenn Ihr noch ledig seid.

ER Ledig bin ich, und das andere wird sich geben.

SIE Nur bitte ich mir aus, dass ich Freiersfrau sein darf.

ER Ja, ja! Fur jetzt aber bleibe ich noch bei Frau Marthen.

SIE Die Nachbarn werden zwar manches daruber munkeln, aber das hat nichts zu sagen. Wir haben ja doch gute Gewissen.

ER In diesem Punkt, ja!

SIE Nur in diesem Punkt? Nein, auch in andern Punkten. Nicht wahr? Wenigstens ich. Ihr doch auch?

ER (verlegen) Warum nicht? SIE Denn sonst, nehmt mir's nicht ubel! sonst mochte ich nicht gern unter einem Dache mit Euch wohnen. Die bosen Gewissen bringen kein Gluck ins Haus. Dies traf Rinaldo stark. Er brach das Gesprach ab und griff zu einer Arbeit. Er bemerkte, dass Frau Martha jeden Abend mit einem grossen Milchtopfe wegging und wohl erst eine Stunde darauf wieder zuruckkam. Eines Tages fragte er sie, wohin sie die Milch so entfernt trage?

"Ich trage die Milch" antwortete sie "in eine Villa, die dort hinter dem Waldchen liegt."

ER Wem gehort diese Villa?

SIE Einem Herrn in der Stadt.

ER Und dieser bewohnt sie?

SIE Nein. Vor ungefahr sechs Wochen sind ein paar Damen in die Villa gezogen, die, wie man sagt, ubers Meer gekommen sind. Man weiss nicht, wer sie sind. Sie leben still und eingezogen und haben mit den Nachbarn keine Gemeinschaft. Ich habe sie selbst noch nicht gesehen. Eine alte Magd nimmt mir die Milch ab und bezahlt sie. Diese fragte ich einmal, wer denn wohl die Damen waren, und sie sagte, sie wisse es nicht. Die Damen waren fremd hier, und sie sei aus Pantaleria.

ER Weiss die Nachbarschaft nichts von den Damen?

SIE Nichts. So wenig als ich. Die meisten wissen gar nicht, dass sie da sind.

ER Gehen sie denn nicht aus?

SIE Das habe ich auch einmal gefragt, und da antwortete mir die alte Magd: Zuweilen gingen sie in die Garten, und dann und wann gingen sie in das Kreuzkapellchen, das dort auf dem Berge steht, ihrer Andacht wegen. Bei der Sache muss es ein Geheimnis geben. Wer weiss, was sie angerichtet haben, dass sie so verschelmt sich verbergen mussen. Entweder sie haben gemordet oder gestohlen.

ER Wenn sie schon sind, Herzen vielleicht.

SIE 's ist auch ein Diebstahl!

ER Auf diese Art ist Frau Martha wohl auch eine Diebin?

SIE Ich? Ach lieber, heiliger Gervasio! Das musste ich sonderbar genug angefangen haben. Mein seliger Mann nahm mich des bisschen Geldes wegen, das ich zur Aussteuer bekam. Ich habe aber in meinem Leben nichts von Herzensstehlereien gewusst. Jetzt ist's nun ganz vorbei. Drei Kinder und meine Arbeit! Da denkt man nicht an solche Dinge! Rinaldo hatte nun seine Gedanken bestandig darauf gerichtet, die Damen zu sehen. Er bemuhte sich deshalb so sehr, als man sich in einer solchen Angelegenheit nur bemuhen kann; aber vergebens. Die Nachbarn wollte er auf so etwas nicht aufmerksam machen, und berichten konnten sie ihm ohnehin nicht. Er bat also einmal Frau Marthen, ihn die Milch in die Villa tragen zu lassen, was diese ihm herzlich gern erlaubte und glaubte, bei diesem Geschaft etwas Naheres von der Existenz der Damen erfahren zu konnen. Er trug die Milch in die Villa und liess sich mit der alten Magd, die sie ihm abnahm, in ein Gesprach ein.

ER Meine Nachbarin, Frau Martha, ist nicht wohl und hat mich ersucht, die Milch hierher zu tragen. Ich weiss nicht, wer sie braucht oder bekommt.

SIE Ich nehme sie dir ab, mein Sohn!

ER Aber Ihr verbraucht sie nicht allein? Ihr habt wohl Kinder?

SIE Gott bewahre! Was denkst du? Ich bin noch ledig und habe nie Kinder gehabt.

ER So ist die Milch wohl fur eure Herrschaft.

SIE Ja, so fur eine Art von Herrschaft ist sie. Das weiss ja Frau Martha schon langst.

ER Ich habe mein Abendbrot zu mir gesteckt. Ihr erlaubt mir doch, es hier zu verzehren?

SIE Meinetwegen! So etwas zu erlauben, ist mir nicht verboten.

ER Ich habe heute schon viel gearbeitet, bin mude und matt und will da ein Schluckchen Syrakuser zu mir nehmen.

SIE Syrakuser? Ei! Wo hast du denn den herbekommen?

ER Gekauft habe ich ihn von den Fischern aus Sizilien.

SIE Er ist wohl teuer?

ER Es geht noch an! Aber er schmeckt herrlich.

SIE Das glaube ich. Unsereiner darf auf so etwas nicht rechnen. Die Damen, die ich bediene, trinken nichts als Wasser und Schokolade.

ER So? Ist ein Schluckchen Syrakuser gefallig?

SIE Je nun, wenn ich so frei sein darf!

ER Warum nicht? Ich biete nichts an, was ich nicht gern gebe. Getrunken!

Das tat die Alte; und sie hatte kaum das Glas geleert, als stark geschellt wurde. Sie sagte, das gelte ihr, lief fort und versprach, bald wiederzukommen. Das geschah auch. Sie sturzte angstlich die Treppe herab und schrie:

"Ach! Heilige Jungfrau! Der einen von den Damen ist eine Ohnmacht zugestossen. Was fangen wir nun an? Sie liegt ganz leblos da."

Rinaldo besann sich nicht lange, sprang die Treppe hinauf durch einen Saal und kam in ein Zimmer, wo sich die Damen befanden. Die eine kniete vor der andern, die aus einer Ohnmacht wieder zu sich zu kommen schien. Unbemerkt blieb Rinaldo an der Tur des Zimmers stehen.

Die kniende Dame stand eben auf, erblickte Rinaldo, fuhr heftig zusammen, fragte: "Was willst du hier?"

Rinaldo trat naher und stand, wer schildert sein Erstaunen? vor Violanten und Dianoren. Noch erkannte ihn Violanta nicht ganz in seiner Verkleidung, und Dianora kam eben wieder zu sich. Sie bemerkte den Fremden im Zimmer und fragte, wer er sei? Rinaldo stand sprachlos und seine Blicke ruhten auf Dianoren. Violanta sah ihn aufmerksam an und stammelte angstlich:

"Freund! Wer du auch sein, durch welchen Zufall du auch hierher gekommen sein magst, um deines Gesichts willen! verlass uns eilig."

"Fur keinen Preis!" antwortete Rinaldo.

Violanta betrachtete ihn genauer und rief erschrokken aus:

"Er ist es!"

"Er ist es!" wiederholte Dianora, sank zuruck und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch.

"O Dianora", stammelte Rinaldo "soll der Zufall, der mich hierher fuhrte, nicht fur mich entscheiden? Willst du deine Blicke von mir wenden, von mir, den das Schicksal so wunderbar auf dieses Eiland fuhrte, um dich zu finden? Sei nicht grausamer gegen mich als Schicksal und Zufall es sind!"

Es entstand eine Pause. Endlich enthullte Dianora ihre Augen, fragte:

"Unglucklicher, wo kommst du her? Ist es nicht genug, dass dein Bild mich allenthalben hin verfolgt, musst du auch noch selbst kommen?"

"Der Zufall will es so", antwortete Rinaldo, "und ich bin glucklich! Glucklicher auf dem kleinen Pantaleria als ich in der grossen Welt es sein durfte. Beneiden konnte ich mich selbst um dieses Gluck, wolltest du, Geliebte, es mir nicht missgonnen?"

Die alte Magd trat mit Wasser in das Zimmer. Violanta ging auf sie zu, nahm sie bei der Hand und fuhrte sie ins Vorzimmer.

Als Rinaldo sich mit Dianoren allein sah, naherte er sich ihr, ergriff ihre Hand und sturzte vor ihr nieder. Sie blickte mit Augen voll zartlicher Wehmut auf ihn herab und seufzte. Er benetzte ihre Hand mit Tranen, bedeckte sie mit tausend Kussen und druckte sie an sein klopfendes Herz. Dianorens Tranen flossen schnell und stark. Heftig arbeitete ihr klopfender Busen unter dem leichten Flor. Ihrer sich selbst nicht bewusst, neigte sie sich hinab, und ihre Wange gluhte an der seinigen. Magnetisch flogen ihre Lippen aneinander. Rinaldo jauchzte laut:

"Dieser Kuss der Vergebung, dieses herrliche Siegel der Verzeihung, reiniget mich von meinem Vergehen und segnet mich zu einem neuen Lebenswandel ein! Du siehst, geliebte Dianora, ich bin abgeschieden von der gerauschvollen Welt. Auf dieses kleine Eiland floh ich, um mir selbst und der Ruhe zu leben. Ja, der Himmel selbst schenkt Wohlgefallen meinem frommen Entschluss. Meine Bitten sind erhort. Er hat mir vergeben, und zum Pfande der Versohnung schenkt er dich mir wieder. Du bist wieder mein, und ein neues Leben beginnt!"

"O Rinaldo!" seufzte Dianora "Schlafere dich nicht selbst mit Schmeicheleien ein. Lass deine Traume dich nicht zu sussen Hoffnungen verfuhren, zu Hoffnungen, die nie in Erfullung gehen konnen."

"Du raubst mir meine Uberzeugung nicht!" fuhr Rinaldo fort. "Du selbst bist das Pfand der Gewahrung meiner Hoffnungen. Das, was ich hier umfasse, ist die schonste Wirklichkeit. Ich traume nicht; mein Gluck beginnt von neuem in deinen Armen." Er legte sein Gesicht an ihren Busen, umschloss sie mit seinen Armen und verlor sich in susses Entzucken. Dianora hatte keine Worte. Die Szene blieb stumm und dennoch sprechend.

Violanta fand, als sie wieder ins Zimmer trat, beide noch in dieser schweigend sprechenden Lage. Sie machte ihr Dasein bemerkbar und ging in ein Seitenzimmer. Dianora drangte ihn sanft von sich ab. Rinaldo stieg auf. Er blieb vor ihr stehen und ruhte mit fragenden Blicken auf ihren Augen.

SIE Rinaldo, was sagen diese fragenden Blicke?

ER Sagt dir das dein Herz nicht? Der Himmel gab dich mir wieder, doch nicht, um dich wieder verlassen zu mussen.

SIE Ach! Rinaldo, wie soll und kann, wie darf ich dir diese Fragen beantworten?

ER Wie es dein Herz verlangt.

SIE Nein, die Herzen durfen jetzt nicht unsere bestochenen Ratgeber sein.

ER Wer sonst?

SIE Vernunft und Uberlegung.

ER Auch diese sind bestochen. Sind sie es nicht, so furchte diese kalten Ratgeber, die uns nicht glucklich machen konnen. In Abgeschiedenheit und Ruhe wies beiden uns der Himmel die Freistatte dieses Eilandes an, lass uns dankbar den Wert des herrlichen Geschenkes erkennen und benutzen.

SIE Wohin konnte uns aber all das fuhren?

ER Wohin anders, als zum Gluck in der Einsamkeit und Verborgenheit, durch uns selbst?

Violanta kam wieder in das Zimmer zuruck.

"Wenn Rinaldos Hiersein nicht Aufsehen, selbst bei unserer alten Magd, erregen soll", sagte sie "so muss er sogleich wieder gehen und kann nicht langer hier bleiben."

"O Violanta!" sagte Rinaldo "Du hast nie geliebt, warst nie getrennt von dem geliebten Gegenstande deines Herzens, fandest nie wieder, was du verloren hattest, und hast nie die Wonne eines unverhofften, glucklichen Wiedersehens genossen! Darum spricht dein Mund einen so schrecklichen Befehl aus."

"Dianora mag selbst entscheiden", antwortete Violanta.

Dianora blickte ihn zartlich an und sagte: "O ja, Rinaldo, du musst uns jetzt verlassen."

RINALDO Um dich nicht wiederzusehen? Du wirst diese Insel verlassen.

DIANORA Nein!

RINALDO Gewiss nicht?

DIANORA Nein! Nein!

RINALDO Wenigstens nicht ohne mich?

DIANORA Nicht ohne dich.

RINALDO Nun gehe ich, wenn du es verlangst. Und morgen sehe ich dich wieder?

DIANORA Ja, morgen!

Er schlang seine Arme um ihren Nacken, druckte zartliche Kusse auf ihre Lippen und ging. Violanta begleitete ihn bis an die Haustur. Er eilte, seiner selbst sich unbewusst, in seine landliche Wohnung zuruck. Die goldene Konigin des Tages, die freundlich lachelnde Sonne, entstieg dem Meere. Rinaldos Wirtin war schon ins Feld gegangen. Er stand mit klopfendem Herzen der Villa gegenuber, in welcher der geliebte Gegenstand seiner Empfindungen wohnte. Ringsherum umging er diese Wohnung seines Glucks, aber er wusste selbst nicht, warum er sich nicht hineinzugehen getraute. Jetzt fiel ihm die einsame Kreuzkapelle in die Augen, in welcher Dianora zuweilen betete. Von gleichem Gefuhl ergriffen, ging er dahin, warf sich vor dem Bilde der Hochgebenedeiten nieder und zerfloss in Andacht und Gebet.

Auf einmal rauschten hinter ihm Fusstritte. Er sprang auf, drehte sich herum und erblickte Dianoren. Er flog ihr entgegen, druckte sie an sein Herz und sagte:

"Unsere Herzen begegneten sich einst und fanden sich, unsere Seelen hielten sich fest und finden sich jetzt hier in gleicher Absicht ein. Ich habe gebetet und gelobt. Deine Andacht, schone Seele, will ich nicht storen. Bete auch du, und lass mich mit dir glucklich durch die Erhorung unserer gemeinschaftlichen Bitten sein."

Er fuhrte sie zu dem Altar. Sie warf sich betend nieder. Er verliess die Kapelle.

Unter einer himmelanstrebenden Zypresse fiel er auf die Knie, streckte seine Hande gen Himmel, betete tranend und ohne Worte.

So fand ihn Dianora noch, als sie aus der Kapelle zuruckkam. Sie naherte sich ihm leise, bog sich zu ihm herab, umschlang ihn sanft und kusste seine Andacht gluhende Stirn.

"Gewiss, Rinaldo!" sagte sie, "du bist ein guter Mensch geworden. Trostreich und herzerhebend war mein Gebet fur mich. Die Hochheilige lachelte mir Erhorung. Susser Trost erfullt mein Herz. Hat der Himmel dich zu Gnaden angenommen, wie konnte Dianora dich verstossen? Mein Herz ist dein. Die Liebe wird uns nicht ohne Freuden, nicht ohne Trost lassen."

Er begleitete sie in die Villa. Die alte Magd erfuhr, dieser verkleidete Bauer sei ein zufallig gefundener Verwandter ihrer Damen, den Laune und Hang zur Einsamkeit nach Pantaleria und der Zufall zu ihnen gefuhrt habe. Eben dies wurde auch Frau Marthen entdeckt, die sich daruber ebensosehr freute als verwunderte.

Und nun nahm alles eine andere Gestalt an. Rinaldo blieb nicht mehr Frau Marthens Hausgenosse; er zog zu den Damen in die Villa. Das ganze Hauswesen erhielt eine neue Einrichtung.

Einst erkundigte sich Rinaldo bei Violanten nach der wahren Ursache ihrer schnellen Abreise aus dem Schlosse der Grafin, wo ihm der Schwarze zum erstenmal erschienen war, und vernahm mit Erstaunen, dass eine furchterliche Drohung von eben diesem schwarzen Abgesandten sie zu der Abreise bewogen habe. Man erklarte sich von beiden Seiten uber die Vorfalle mit dem Schwarzen und seiner Rotte und konnte endlich doch nicht anders vermuten, als dass das Unerklarbare in der Sache in einer Verbindung dieser Gesellschaft gegen den Staat liege und dass man sich des gefurchteten Rauberhauptmanns nur als einer Maschine zur Ausfuhrung eines entworfenen Plans habe bedienen wollen, dessen wahrer Endzweck ebenso verborgen als die Vermutung der geheimen Machination beinahe unbezweifelt war. Violanta hatte anfangs sogar die Meinung gehegt, die Schwarzen mochten verdeckt mit Rinaldini zu einem Zwecke spielen, und es sei ihren Planen entgegen gewesen, ihn eine Bekanntschaft erneuern zu lassen, deren Einverstandnis ihren Endzwecken ganz entgegen gewesen sei.

Rinaldo fand keinen Beruf, sich uber ein Geheimnis den Kopf zu zerbrechen, welches in seiner jetzigen Lage gar keinen Entratselungsreiz fur ihn haben konnte; er hielt sich, viel zu glucklich, an die Gegenwart, die ihn alles leicht vergessen lassen konnte, was geschehen war. Er stand jetzt als ein ganz anderer Mensch in einem Kreise, welchen Liebe und Freundschaft um ihn gezogen hatten, und verlor aus seinen Blicken die Aussicht nach den Gegenstanden unangenehmer Ruckerinnerung. Weder die Szenen der verubten Gewalttatigkeiten in den Apenninen, noch die Begebenheiten in Kalabrien und Sizilien konnten sein Nachdenken fesseln, alles war fur ihn vergangen, war ein Schauspiel, welches er ehemals hatte auffuhren sehen, in welchem er sogar selbst mitspielende Person gewesen war, aus welchem er aber seine Rolle vergessen hatte oder wenigstens ganz vergessen wollte. So wie er jetzt lebte, wunschte er sich die ganze Zeit seines Lebens gelebt zu haben, und wenn er sich ja mit Wohlgefallen dem Andenken an Szenen der Vergangenheit uberliess, so waren es jene, die in die Tage seiner frohen Jugendzeit fielen, in denen er seine Zeit in landlicher Einsamkeit, auf der Weide, hinter seinen Ziegen zugebracht hatte.

Als dem Jungsten seiner sechs Geschwister fiel ihm, als er kaum 10 Jahre alt war, das Los, die Ziegen seiner Eltern, in nicht geringer Durftigkeit, zu huten. Das Patriarchalische dieses Geschafts fesselte ihn, als er grosser wurde, nicht mehr so sehr, dass er sich nicht Wunschen anderer Art, als Ziegenhirt zu bleiben, hatte uberlassen sollen. Er war sehr wissbegierig und fuhlte Trieb in sich, einst mehr als seine Bruder im Weinberge oder Ackerfelde zu leisten. Das brachte ihn auch dazu, den Umgang eines Eremiten zu suchen, der in jener Gegend wohnte, wohin er seine Ziegen auf die Weide trieb. Der Klausner, Onorio genannt, war ein Mann von Einsicht und Menschenkenntnis, der sein Einsiedlergewand nicht bestandig getragen hatte. Er war der Welt erst entflohen, als er sie, wie er sagte, verachten gelernt hatte.

Dieser Mann nahm sich die Muhe, den wissbegierigen Jungling zu unterrichten. Er war sein Lehrer im Lesen und Schreiben; er erzahlte ihm viel und gab ihm Bucher zu lesen, die der junge Rinaldo in seiner Einsamkeit verschlang. Diese waren eine Ubersetzung der Lebensbeschreibungen des Plutarch, ein Livius, ein Curtius, Ritterbucher und Geschichtsschreiber Italiens. Alles, was Rinaldo in diesen Buchern las, waren Taten, die seiner empfanglichen Einbildungskraft einen romantischen Heldenschwung gaben, der den sichtbarsten Einfluss auf seine Vorstellungen, Entschlusse und Handlungen hatte.

Siebzehn Jahre war er alt, als Onorio, sein Freund und Lehrer, einst unvermutet verschwand und in einem hinterlassenen Schreiben ihn zum Erben seiner wenigen Habseligkeiten ernannte. Alles, was Rinaldo jetzt erhielt, nur die Bucher nicht, machte er zu Gelde und ging damit unter die Soldaten. Hier wollte er sein Ideal realisieren. Es war umsonst. Die Maschinerie seines Heldenlebens konnte ihn unter den papstlichen Heerscharen nicht halten. Er ging davon und nahm Dienste in Venedig. Auch hier blieb er nicht und ging unter die Truppen des Konigs von Sardinien. Hier schien ihm das Gluck zu lacheln. Ein General bemerkte ihn, zog ihn hervor, beforderte ihn bald zum Korporal, und endlich wurde er gar als Fahnrich mit nach Sardinien in Besatzung nach Cagliari geschickt. Hier bekam er Handel, fehlte gegen die Subordination und wurde kassiert. Das brachte ihn auf. Er rachte sich auf italienische Art durch den Dolch an seinem Chef und entfloh. Unstet und unsicher, seines Verbrechens offentlich angeklagt, durchirrte er Italien und fand nirgends eine bleibende Statte.

So kam er unter die Rauber, die er bald selbst beherrschte, zu ordentlichen Korps organisierte und als ihr Hauptmann mit unter ihnen lebte, wie wir ihn gefunden haben. In seiner neuen, jetzigen Lage wurden nun von ihm und Dianoren Plane wegen ihrer kunftigen Lebensart gemacht, und endlich wurde beschlossen, nach Spanien zu gehen, von da eine Reise auf die Kanarischen Inseln zu machen und dort in stiller Verborgenheit glucklich und ruhig zu leben. Violanta wollte ihnen folgen.

So weit war nun alles in Richtigkeit gebracht, und die schnellste Ausfuhrung des Plans beschaftigte alle mit der grossten Tatigkeit. Aber alles war im Rate des Schicksals anders beschlossen.

Eines Morgens ging Rinaldo, wie gewohnlich, ans Ufer, sah eben eine Fischerbarke in See zuruckgehen, folgte ihr in Gedanken nach Sizilien und gedachte an seine dortigen Bekannten und an Serenen. In diese Gedanken verloren, warf er sich unter einen Baum. Aber er hatte nicht lange hier gelegen, als er hinter sich ein Gerausch vernahm. Er sah sich um und erblickte, in gewohnlicher Landestracht, den Alten von Fronteja, der sich ihm naherte. Erschrocken sprang Rinaldo auf und wollte entfliehen, als ihm der Alte nachrief:

"Bleib! Wohin du auch gehen magst, ich folge dir nach. Hier sind wir allein."

RINALDO Was verlangst du von mir? Warum folgst du mir allenthalten hin nach, wie das bose Gewissen einem Verbrecher? Mag ich doch nichts von dir wissen. Warum storst du mich in meiner Ruh und vergiftest durch deine Gegenwart die stillen Freuden meiner Einsamkeit? Bist du mein boser Geist, so weiche von mir! Denn ich bin nicht mehr der, der ich war, und habe mit dir keine Gemeinschaft.

DER ALTE Ei! Du bist auf Pantaleria ein sehr gestrenger Herr geworden! Glaubst du denn, einen deiner ehemaligen Rottgesellen vor dir zu haben?

RINALDO O! warum musst du, um mir die Freuden meines Lebens zu vergiften, auch bis hierher mir in das stille Landchen der Ruhe nachfolgen?

DER ALTE Hast du mich schon sprechen lassen?

RINALDO Sprich.

DER ALTE Du bist verschwunden. In Sizilien weiss keiner deiner Freunde und Bekannten, wohin du gekommen bist. Nur ich weiss es. Und dass ich es wusste, davon ist dir mein Hiersein ein Beweis. Die schwarze Rotte ist, hoffen wir, genug gedemutigt, und du bist von deinen Freunden an deinen Verfolgern geracht worden. Das haben sie nicht ohne Aufopferungen fur dich getan. Jetzt ist alles zur Abfahrt nach Korsika bereit, und ein jeder fragt: Wo ist der Anfuhrer unseres Zugs? Wo ist der tapfere Rinaldini, der uns an unserer Spitze zu fechten versprach? Man sucht dich und findet dich nirgends. Man wird ungeduldig, setzt selbst mich uber dein plotzliches Verschwinden zur Rede, und untersteht sich hie und da sogar Mutmassungen zu hegen, die fur mich entehrend sind. Ich wusste, wohin du gegangen warst, ich weiss, was du hier gefunden und wozu du dich entschlossen hast. Du entsagst des Ruhmes und verlangst den Kranz nicht, der dir in Korsika grunt. Du bist nicht mehr der, der du warst, das weiss, das sehe ich. Deine Taten sind fruh veraltet, dein Ruhm wird eher zu Grabe gehen als du, deinen Jahren nach, dahingehen konntest. Du hast dir einen eigenen Weg vorgezeichnet und hast deinen Freund verkannt. Ich werfe dir nicht vor, was ich zuweilen fur dich getan habe; ich rechne dir selbst das Leben nicht an, welches du mir zu verdanken hast. Denn ohne meinen Beistand war' dein Korper schon langst dem Himmel naher als der Erde. Ich will dir deine Ruhe gonnen und mich freuen, dass du sie durch mich geniessest. Bist du ruhig, wirst du glucklich, so rechne ich auf deinen stillen Dank. Offentlich verlange ich ihn nicht. Aber das kannst du auch nicht verlangen, dass ich um deinetwillen bei unsern Freunden verlieren soll.

RINALDO Verlieren? Um meinetwillen? Was konntest du verlieren, du, der alles hat?

DER ALTE Noch habe ich nicht alles, was ich mir, um deinetwillen, zu haben wunschen muss.

RINALDO Das verstehe ich nicht.

DER ALTE Deine Freunde haben einen Argwohn auf mich geworfen, der entehrend ist. Viele glauben dich sogar nicht mehr am Leben. Ich hatte geschwiegen und dich deiner Ruhe in Pantaleria uberlassen, aber ein grosser Teil unserer Angeworbenen will sich schlechterdings nicht eher einschiffen lassen, als bis Nachricht und Gewissheit von deinem Leben da ist. Du musst meine Ehre retten, du musst dich diesen Zweiflern zeigen.

RINALDO Wie kannst du das von mir fordern?

DER ALTE Die Rettung meiner Ehre hangt davon ab.

RINALDO Ich kann deinen Wunsch nicht erfullen. Ich gehe nicht von hier.

DER ALTE Ich muss dich nochmals daran erinnern, dass du mir dein Leben schuldig bist.

RINALDO Du nimmst es mir, wenn du mich meinem stillen Aufenthalte entreissen willst. Ich gehe nicht von hier.

DER ALTE Nun gut! So mogen jene Zweifler hierherkommen und dich selbst noch am Leben auf Pantaleria sehen. Ich kann mir nicht anders helfen!

RINALDO Rechne nicht darauf. Ich kann weitergehen.

DER ALTE Wohin, dass ich es nicht erfahren wurde?

RINALDO O Gott! Wie konntest du mich den Handen eines solchen Mannes ubergeben? Alter! Wie du auch heissen, wer du auch sein magst! Ist dir je das Gluck, die Ruhe eines Menschen heilig gewesen, so sei barmherzig gegen mich und lass mich ruhig in meiner Einsamkeit.

DER ALTE Das will ich. Aber meine Ehre musst du retten und mich von einem falschen Verdacht reinigen, der mich mit Schande brandmarkt. Habe ich das um dich verdient? Soll ich den Verdacht eines Mordes an deinem Leben auf mir sitzenlassen? Sollen wir deshalb unser ganzes Unternehmen scheitern sehen und die Edlen von Korsien umsonst auf versprochene Hilfe harren lassen? Das kannst du nicht verlangen! Zeige dich deinen Freunden, und dann gehe, wohin du willst.

RINALDO Wenn ich wusste dass das, was du von mir forderst, mir Ruhe verschaffen konnte!

DER ALTE Du wirst deine Ruhe allenthalten hin mit dir selbst nehmen, wenn du welche hast. Was du nicht hast, kannst du nirgendhin verpflanzen.

RINALDO Ich hatte Ruhe, bis du nun wiedergekommen bist, sie mir neidisch zu rauben. Aber wie konntest du das? Bist du wirklich ein guter Mensch, und hast du uneigennutzig mir das Leben einigemal gerettet, so begreife ich nicht, wie du einem Unglucklichen das wieder rauben konntest, was ihm der Himmel gab und was ihm mehr wert ist als das elende Leben, das du ihm als Geschenk vorwirfst! Ich folge dir nach Sizilien.

DER ALTE Meine Dankbarkeit soll dir beweisen, was ich fur dich tun kann.

RINALDO Deine Ehre, die Expedition nach Korsika, und dich von dem Verdacht eines Meuchelmords zu retten, folge ich dir nach Sizilien. Aber heute noch nicht.

DER ALTE Du hast zwei Tage Zeit. Ubermorgen sprechen wir uns an diesem Orte wieder.

Der Alte ging schnell davon und verlor sich bald hinter dem Hugel auf dem Wege nach der Stadt zu.

Rinaldo war, nach langem Uberlegen, entschlossen, den Alten zu hintergehen und nicht mit ihm nach Sizilien zu reisen. Er entdeckte Dianoren, was ihr in dieser Angelegenheit zu entdecken war, und erzahlte ihr, soviel sie davon wissen durfte, alle seine Begebenheiten, auf welche der Alte Einfluss gehabt hatte. Dianora wurde angstlich und stimmte Rinaldos Entschlusse bei. Nur war die Verlegenheit um ein Fahrzeug, welches sie auf eine von den nahegelegenen Inseln und von dort nach Malta bringen sollte, sehr gross.

Sie sprachen noch daruber, als ein Brief aus der Stadt von dem Herrn der Villa an Dianoren ankam. Er meldete ihr, dass noch diesen Abend eine Dame mit ihrer Kammerjungfer auf der Villa eintreffen werde, welche in dem Seitengebaude derselben ihre Wohnung nehmen wurde, und die er ihrer Freundschaft empfahl.

Die Nachricht veranderte nichts in ihrem Plane. Rinaldo ging aus, um ein Fahrzeug aufzusuchen, kam wieder zuruck und hatte keins angetroffen.

Gegen Abend kam die angekundigte Dame an. Sie liess Dianoren ihre Ankunft wissen und kam gleich darauf selbst, ihre Bekanntschaft zu machen. Rinaldo wollte eben das Zimmer verlassen, als sie kam, sie begegneten einander. Er sah die wohlbekannte Signora Olimpia. Das Madchen, welches sie als Kammerjungfer bei sich hatte, war Serena. Die Gegenwart dieser Personen in der bisher so ruhigen Villa setzte Rinaldo in eine ziemlich lebhafte Verlegenheit. Olimpia spielte in Dianorens Gegenwart gegen Rinaldo die Rolle einer Unbekannten ziemlich naturlich. Er wurde von ihr mit keiner Silbe kompromittiert. Serena aber wusste nichts von Verstellung und wurde, als sie Rinaldo in der Antichambre erblickte, ziemlich lebhaft. Sie besturmte ihn mit Fragen und mischte sogar kleine Vorwurfe in ihre Bitten. Der Verlegenheit offentlicher Erklarungen entging Rinaldo nur mit genauer Not.

Olimpia, als ihr Besuch bei Dianoren geendigt war, suchte Gelegenheit, ihren verlegenen Bekannten allein zu sprechen, und diese fand sich auf ihrem Zimmer.

Rinaldo suchte sie selbst auf. Er wunschte durch vorlaufige Erklarungen ihrem beiderseitigen Verhalten gegeneinander wenigstens eine gefallige Richtung geben zu konnen. Es wurde viel gesprochen und kam nach und nach zu einer lebhaften Unterhaltung.

ER Der Alte gab mir die Versicherung, nur er ganz allein wisse, unter allen meinen Bekannten, dass ich hier sei.

SIE Das glaube ich auch. Wenigstens ich habe davon kein Wort gewusst. Mein Erstaunen, als ich dich hier fand, kannst du dir denken. Ich denke aber mich so betragen zu haben, dass du keine Klage uber mich zu fuhren hast.

ER Und was trieb dich nach Pantaleria?

SIE Not und Vorsicht. Die Halfte von meinen Freunden und Bekannten ist verhaftet.

ER Verhaftet?

SIE Auf Ansuchen des franzosischen Gesandten zu Neapel. Wir sind verraten und unser Plan auf Korsika ist entdeckt.

ER Wie? Was sagst du?

SIE Die Wohnungen des Alten zu Fronteja sind mit Wachen besetzt und seine Junger sind verhaftet. Er selbst weiss davon noch nichts. Ich bringe ihm die erste schreckliche Nachricht von der Verraterei gegen uns.

ER Konnte der machtige Alte diesen Schlag nicht von sich und den Seinigen abwenden? Oder ging er vielleicht davon, als er erfuhr, was im Werke sei?

SIE Daran zweifle ich.

ER Wird er seine Freunde retten konnen? Oder ist nun das Schauspiel seiner Taschenspielereien geendigt?

SIE Ich weiss nicht, was er tun wird. Gewiss aber etwas sehr Kluges und fur ihn das Beste. Ein so gewandter Mann und kluger Kopf.

ER Glaubst du ihn, dich und mich auf diesem Eiland sicher?

Da trat der Alte von Fronteja in das Zimmer. Er schien ganz ruhig zu sein, nahm Olimpien bei der Hand und hiess sie willkommen. Olimpia sah ihn verlegen an. Er lachelte.

DER ALTE Tochter, du bist verlegen?

OLIMPIA O! Du weisst nicht

DER ALTE Ich weiss, warum du hier bist; ich weiss, was in Sizilien vorgeht.

OLIMPIA Und kannst dabei so ruhig sein?

DER ALTE Ich kann es nicht andern.

OLIMPIA Und du gibst das Unternehmen auf Korsika verloren?

DER ALTE Was glaubst du? Ich bin bereit, nach Korsika abzugehen.

OLIMPIA Doch? nach dem noch, was geschehen ist?

DER ALTE Warum nicht? Willst du mir nicht dahin folgen?

OLIMPIA Und unsere Freunde?

DER ALTE Sie werden uns bald nachkommen.

OLIMPIA Aber die Verhafteten? Wirst du diese Freunde befreien konnen?

DER ALTE Du wirst sehen, was geschieht.

OLIMPIA Sind wir hier sicher?

DER ALTE Nein. Deshalb segle ich von hier ab.

RINALDO Kannst du das Ungluck von den Deinigen nicht abwenden?

DER ALTE Dein ist die Schuld, dass geschah, was geschehen ist. Warst du in Sizilien geblieben, wir waren jetzt schon in Korsika. Du tragst die Schuld des Unglucks, welches uber deine Freunde kommt. Dein Verschwinden machte sie schwierig, die Abfahrt musste aufgeschoben werden, ich musste nach Pantaleria gehen, dich aufzusuchen, und unsere Freunde wurden ergriffen. Die Franzosische Partei triumphiert. Die Schwarzen frohlocken. Mich sollen sie, wenn ich nicht will, nicht in ihre Gewalt bekommen, aber dich werden sie aufsuchen und werden dich ohnmachtig, ohne Beistand, im schwachen Arm der Liebe finden. Das Rad deiner Taten ist abgelaufen. Deine Freunde sind nicht mehr machtig genug, dich zu schutzen. Du fallst; ein Opfer deiner Unbesonnenheit. Aber was ich noch in den letzten Augenblicken deines Lebens fur dich tun kann, werde ich, selbst mit Aufopferung meiner eigenen Sicherheit, fur dich tun. Du sollst erfahren, wie sehr ich dein Freund war und noch bin.

RINALDO Gibst du mich so ganz gewiss und zuverlassig verloren?

DER ALTE Ich kann nicht anders. Du, Olimpia, wirst wissen, was dir die Klugheit raten muss.

Er ging davon und liess beide verlegen und besturzt zuruck. Rinaldo fragte Olimpien, was sie zu tun gedenke?

"Ich folge dem Alten."

Rinaldo verliess sie und ging zu Dianoren. Er entdeckte ihr, was sie von der Geschichte, die ihn jetzt in Verlegenheit brachte, wissen durfte, und beredete sie, die Villa zu verlassen, sobald es sich schicken wurde. Er selbst ging zu seiner alten Wirtin und bezog sein verlassenes Quartier wieder.

Mit Tagesanbruch eilte er an den Strand und war endlich so glucklich, eine Fischerbarke zu finden. Man versprach ihm, binnen drei Tagen ihn auf die Insel Limosa zu bringen, wenn die Barke notig ausgebessert sein wurde.

Bis dahin gedachte er, sich auf dem Meierhofe des Bruders seiner Wirtin aufzuhalten, der drei Meilen von der Villa entfernt lag. Dianoren schrieb er und bat sie, ohne Aufsehen zu erregen mit Violanten die Villa zu verlassen und zu ihm zu kommen.

Er selbst durchspurte die Gegend und sah sich vorsichtig nach einem Schlupfwinkel um. Er entdeckte einige Felsenhohlen, besah, durchsuchte sie genau und fand sie sehr bequem, sich drinnen verborgen zu halten. Deshalb schaffte er auch Proviant und Gewehr dahin.

Er hatte eben seinen aufgesuchten Schlupfwinkel verlassen und ging nach seiner Wohnung zuruck, als er seitwarts, zwischen den Hugeln, eine weisse, weibliche, verschleierte Gestalt hinschweben sah, die, ihrer Kleidung nach, kein Landmadchen sein konnte.

Dies machte ihn aufmerksam. Er folgte ihren Schritten und kam ihr endlich in der Ebene ganz nahe. Sie ging auf eine Villa zu, wo ihr ein einfach, aber nicht landlich gekleideter Mann entgegenkam, sie bei der Hand nahm und in das Haus fuhrte. Rinaldo ging der Villa naher und traf ein Madchen an, das Gras mahte. Dieses fragte er: "Gehorst du in die Villa?" "Ja", antwortete das Madchen. "Der Herr und die Dame, welche eben jetzt in die Villa gingen, sind wohl deine Herrschaft?" "Ja." "Wie heissen sie?" "Das weiss ich nicht." "Wie ist das moglich?" "Weil ich es, wie gesagt, nicht weiss." "Wer sind sie?" "Das weiss ich auch nicht." "Bist du auf dieser Insel geboren?" "Ja, in jener Villa, wo mein Vater Gartner ist." "Und deiner Herrschaft gehort die Villa?" "Nein. Sie gehort dem Signor Mandramo in der Stadt. Der ist gar ein reicher Herr und hat die Villa an meine jetzige Herrschaft vermietet." "Ist deine Herrschaft schon lange hier?" "Die Pomeranzenbaume haben schon zweimal gebluht, seit sie hier wohnt." "Die guten Leutchen sind also fremd hier?" "Ja. Wollt Ihr etwas von dem Herrn oder von der Dame haben, dass Ihr Euch so genau nach ihnen erkundigt?"

"Ach nein! Es fiel mir nur auf, Fremde zu sehen, die man hier zu sehen gar nicht gewohnt ist."

Er gab dem Madchen Geld und ging davon, wieder nach seiner Wohnung zuruck.

Hier fand er Frau Marthen mit einem Briefe von Dianoren. Sie billigte in demselben seine Vorsicht, glaubte aber, es sei ratsamer fur sie, in der Villa zu bleiben, bis die Abfahrt der Barke bestimmt und gewiss sei.

Frau Martha war, mit einer Antwort an Dianoren abgefertigt, kaum davongegangen, als der Alte von Fronteja in Rinaldos Zimmer trat. Verdriesslich fragte Rinaldo, was ihn hierherbringe?

DER ALTE Meine Freundschaft.

RINALDO Kann ich denn nirgends vor dir und deiner Zudringlichkeit sicher sein?

DER ALTE Nein! solange du noch lebst, nicht, weil ich, mehr als du das zu schatzen weisst, dein Freund bin.

RINALDO Wie hast du meinen Aufenthalt wieder ausgekundschaftet?

DER ALTE Das kann dir gleichviel sein. Genug, dass ich hier, und wenn du mir folgen, wenn du meinen Rat annehmen willst, zu deinem Gluck hier bin. Noch bist du zu retten. Ich bringe dich sicher nach Korsika.

RINALDO Doch?

DER ALTE Dieses spottische Benehmen soll und kann mich nicht kranken, denn ich bin dein Freund. O Rinaldo! es war' zu spat, wenn du das erst in den letzten Augenblicken deines Lebens empfinden solltest! Jetzt, sage ich dir, bist du noch zu retten. Aber nur heute noch.

RINALDO Feind meiner Ruhe!

DER ALTE Gott weiss es, wie sehr ich dein Freund bin! Ich bitte dich, folge mir! Noch bist du zu retten. Aber wie gesagt nur heute noch.

RINALDO Nur heute noch?

DER ALTE Wahrlich! bei dem ewigen Wesen, das uber uns waltet! nur heute noch. Staune mich nicht an! Ich spreche Wahrheit. Folge dem Rufe deines herzlichsten Freundes! Gehe mit mir, lieber Rinaldo! Rette dich und erspare mir die Tranen, die ich auf deinen Grabhugel zu weinen habe.

RINALDO Morgen, sagst du, entscheidet sich mein Schicksal?

DER ALTE Morgen und morgen auf immer. Der Morgen, der nach dieser Nacht dir lachelt, ist der letzte deines Lebens, wenn du hier bleibst, wenn du nicht mit mir gehst.

RINALDO Gib mir Beweise.

DER ALTE Wie kann ich das?

RINALDO Ich will dir glauben. Lass mich ein Wunder sehen!

DER ALTE Wie kann ich das?

RINALDO Gute Nacht!

DER ALTE Du glaubst mir nicht?

RINALDO (rasch) Nein, morgen schlagt die Stunde meines Untergangs noch nicht!

DER ALTE (feierlich) Sie schlagt. Sie schlagt morgen, bei dem allmachtigen Gott und meiner unsterblichen Seele.

RINALDO Du willst mich nach Korsika locken. Ich folge dir nicht. Ich trotze deinen Weissagungen. Ich bleibe hier.

DER ALTE (herzlich) Nun dann! Willst du die Hand, die ich dir biete, dich zu retten, nicht ergreifen, so soll dir doch wenigstens meine Freundschaft bleiben, so sollen meine Tranen deine Begleiter sein in das Land, aus welchem wir nie wiederkehren.

Er senkte sein Haupt, als er das sagte, blieb einige Augenblicke in dieser Stellung und ging dann auf die Tur zu, als diese mit Gerausch aufsprang. Das Licht im Zimmer verlosch und eine weisse, glanzende Gestalt schwebte herein.

Der Alte schrie:

"Heiliger Gott! Rosalie!" und sturzte aus dem Zimmer.

"Taschenspieler!" rief Rinaldo ihm nach, warf seine Augen auf die Gestalt und erblickte wirklich Rosaliens Gesicht. Er trat betroffen zuruck. Sie offnete ihre Arme, schien etwas an ihre Brust zu drucken, winkte ihm und verschwand.

Rinaldo blieb in einer starken Betaubung zuruck, sammelte sich aber bald wieder, und bitter lachelnd schrie er laut auf:

"Ein Taschenspieler, und nichts als ein Taschenspieler bist du! Mich sollst du an dir selbst nicht irre machen, ich kenne dich!" Der erste Strahl des Tages fand Rinaldo wachend. Er hatte wenig geschlafen.

"Der Tag ist da!" sprach er; "der Tag, der allen kunftigen Tagen meines Lebens ein Ziel setzen soll. Der letzte! Schreckliches Wort! Wer aber sagte dem alten Taschenspieler mit Gewissheit, dass dieser Tag, eben dieser Tag, mein Leben enden soll, und nur dann, wenn ich auf diesem Eiland bleibe?"

Er sprang auf, schrieb an Dianoren, schickte den Brief in die Villa und machte sich auf den Weg nach seinem Schlupfwinkel, den er an diesem Tage nicht verlassen wollte, die Prophezeiung des Alten unwahr zu machen.

Eben naherte er sich dem Felsen, als er am Gestade des Meeres, in der Entfernung, nach der Seite seiner Hohle zu, sizilianische Soldaten erblickte. Dieser Anblick schreckte ihn zuruck und traf ihn heftig. Erschrocken verliess er den Pfad, der ihn nach seinem Schlupfwinkel fuhren sollte, und schlug den Weg rechts, nach einem Gebusche zu, ein.

Dieses hatte er kaum erreicht, als er im Tale ein starkes Kommando Soldaten gewahr wurde, welches den Marsch auf seinen Aufenthaltsort zu nahm. Er verliess das Gebusch und ging auf die Villa zu, in welche er tags vorher den unbekannten Herrn und die Dame hatte gehen sehen.

Er fand die Tur des Gartens offen und ging hinein. Aus einem Pavillon trat ihm der Unbekannte von gestern entgegen, den er und der ihn sogleich erkannte.

"Mein Prinz!" rief ihm Rinaldo erschrocken entgegen.

"Unglucklicher! Du hier?" sagte der Prinz und ging in den Pavillon zuruck.

Rinaldo zitterte, aber er wagte es, ihm dahin zu folgen.

Der erkannte Unbekannte war der aus Rinaldos Geschichte bekannte Malteser, der Prinz della Roccella.

Rinaldo warf sich vor ihm nieder, wollte sprechen, vernahm einen Ausruf des Schreckens und erblickte auf einem Sofa die schone Aurelia. Dieser Anblick ubermannte ihn ganz. Er zitterte heftiger und vermochte nicht aufzustehen.

Der Prinz ergriff seine Hand, zog ihn auf und sagte:

"Bleibst du auf diesem Eiland, so ist dieser Augenblick der letzte unseres Aufenthalts hier."

"Nein!" seufzte Rinaldo. "Ich bleibe nicht hier. Morgen schon verlasse ich dieses Eiland, und Ihr sollt mich nicht wiedersehen. Gott sei gedankt, dass ich Euch noch am Leben sehe! Dieser Augenblick ist einer der schonsten meines unglucklichen Lebens."

"Bist du hier noch in Verbindung mit den Deinigen?" fragte der Prinz.

"Nein!" stammelte Rinaldo. "Ich bin nicht mehr in jener verabscheuungswurdigen Verbindung. Jene Banden der Verachtung, die mich umschlungen, sind zerrissen, und ich bin jetzt ein anderer Mensch."

Aurelia wankte vom Sofa auf und wollte den Pavillon verlassen, als der Gartner beinahe atemlos herbeisturzte und meldete, die Villa und der Garten sei mit sizilianischen Soldaten umringt.

"Das gilt mir!" rief Rinaldo mit gebrochener Stimme aus.

"Unglucklicher!" stammelte Aurelia und sank auf das Sofa zuruck.

"Suche dich zu retten!" sagte der Prinz.

"Es ist zu spat!" seufzte Rinaldo. "Ich habe Freundes Rat und Warnung verachtet. Es ist zu spat!"

Ein starkes Gerausch naherte sich. Im Augenblick war der Pavillon von Soldaten besetzt und ein Offizier trat ein.

"Hier ist er!" schrie eine Stimme.

Rinaldo wandte sich gegen diese Stimme, und sein Todfeind, der Schwarze, stand vor ihm.

"Habe ich Euch hintergangen?" fragte er den Offizier, zeigte auf Rinaldo und fuhr fort: "Dieser ist Rinaldini; nehmt ihn fest!"

Hohnlachelnd blickte der Schwarze auf ihn nieder, Rinaldo schlug zitternd die Augen zu Boden.

"Bist du Rinaldini?" fragte der Offizier.

"Ich bin es", antwortete Rinaldo bebend und ohne Bewusstsein. Da entstand ein Gewuhl vor dem Pavillon. Der Alte von Fronteja drangte sich herein.

"Rinaldo!" sagte er, "Ich habe dir meine Freundschaft bis in den Tod versprochen. Ich halte Wort. Du bist nicht zu retten. Fahre wohl!"

Er sprach's, zog einen Dolch und bohrte denselben, ehe es zu hindern war, in Rinaldos Brust.

Rinaldo sturzte bei Aurelien am Sofa nieder. Er streckte seine Rechte nach dem Alten aus, liess sie sinken und seufzte schwach: "Ich danke dir!"

Aurelia sank ohnmachtig in ihres Vaters Arme.

Der Alte wandte sich gegen den Schwarzen und sagte:

"Jetzt bist du verloren!"

Hierauf warf er einen Blick auf Rinaldo und sprach:

"Dein Freund Onorio konnte seine unglucklichen Lehren nur mit deinem Tode besiegeln. Du solltest ein Held werden und wurdest ein Rauber. Du wolltest die Bahn, auf der du wandeltest, nicht verlassen. Dein Freund aber, der dich mehr liebt als sich selbst, konnte dich nicht auf dem Rabensteine sehen."

Er trocknete Tranen aus den Augen, wandte sich hierauf rasch zu dem Offizier und sagte:

"Im Namen des Konigs! Diesen schwarzen Verrater haltet fest. Mich fuhrt nach Neapel. Ich gehore vor des Konigs Gericht. Dort werde ich mich zu rechtfertigen wissen."

Fussnoten

1 Das Original ist Alt-Spanisch und steht in dem Canciouern de Romances. Anvers. 1568. p. 241 Die Spanischen Romanzen sind unter der Herrschaft der Spanier uber Sizilien dahin gekommen und in die Landessprache ubertragen worden.

Zehntes Buch

Wunderbar gerettet und geborgen

Hat das Gluck, zu neuer Not,

Den Verfolgten, den der Morgen

Jeden Tages neues Ungluck droht.

Tobend heulte die entfesselte Schar der Winde, donnernd brachen sich die emporten Wellen am Felsengestade, flammende Blitze durchschnitten die finstre Wolkennacht: Himmel und Erde waren in Aufruhr.

Betend lag Onorio in der Kapelle; seufzend und stohnend ruhte Rinaldo auf seinem Lager.

Unfern Malta liegt die kleine unbewohnte Insel Lampidosa, meerumgurtet, traurig und einsam, aber ihr sicherer Hafen gewahrt den Schiffenden Aufenthalt und Schutz, wenn wutende Sturme sie verfolgen. Mitten auf diesem Eilande steht eine kleine Kapelle, geweiht der heiligen Jungfrau. Kein Schiffer, sei er Christ oder Muhameds Verehrer, vergisst es, fur gewahrten Schutz in der Kapelle, als ein dankbares Opfer, Proviant oder Munition niederzulegen. Wer davon etwas zur Zeit der Not bedarf, legt Geld dafur hin, und jahrlich kommen Galeeren von Malta, die dieses gemunzte Opfer nach Trapani in Sizilien zu unserer lieben Frau fuhren. Onorio betend vor dem Altar der Hochgebenedeiten. Rauschend entstromte der Regen den geborstenen Wolken; starker rollte der Donner; es erbebte die Erde. Onorio erhob sein Gesicht, streckte seine Arme gegen das Bildnis der heiligen Jungfrau und sang mit sanfter Stimme:

Du, o Geberin des Guten!

Quelle der Barmherzigkeit!

Gib uns Menschen deinen Frieden,

Schenk uns einst die Seligkeit!

Zahme die emporten Fluten,

Zeige deine Allgewalt,

Gib auch du dem Meere Frieden,

Sichre unsern Aufenthalt!

Lachle gleich dem Morgensterne,

Der dem muden Wandrer lacht,

Zeige deine hohe Gnade,

Zeige deine hohe Macht!

Ein flammender Blitzstrahl durchzischte die Kapelle, ein heftiger Donnerschlag folgte. Es erbebte die Kapelle. Aneinander schlugen die geweihten Ampeln. Das Bild der heiligen Jungfrau schien sich zu bewegen. Onorio sprang auf und eilte in die Klause zu Rinaldo. Wie aber kam dieser auf die Insel Lampidosa? Das wollen wir soeben erzahlen. "Mich fuhrt nach Neapel", sagte der Alte von Fronteja, ruhig und mit fester Stimme. "Ich gehore vor des Konigs Gericht; dort werde ich mich zu rechtfertigen wissen."

Sichtbar erbebte der Schwarze; mit starren Blicken sah der Offizier dem Alten ins ruhige Auge. Staunen fesselte die Wache. Ausser sich sturzte Dianora herbei. "O! Mein Rinaldo!" jammerte sie weinend, warf sich auf den Blutenden, bedeckte seinen Mund mit unzahligen Kussen und kusste zuruck ins Leben seinen fliehenden Geist. Er atmete.

"Er lebt!" schrie sie. "Er lebt!" und schloss ihn fest in ihre Arme.

Einer leicht zu erklarenden Bewegung des Schwarzen kam der Offizier zuvor. Er wandte sich winkend zur Wache, und blutend wurde Rinaldo Dianorens Armen entrissen. Jammernd sank Dianora in Violantens Arme.

Der Alte folgte dem Verwundeten und den Soldaten. Rinaldo wurde verbunden. Alle bestiegen eine Barke. Zu entkommen versuchte auf dem Wege nach dem Hafen der Schwarze. Er wurde gefesselt. "Wir fuhren", sagte der Offizier zu seinen Leuten, "gute Beute und wichtige Geheimnisse nach Sizilien. Die Entwicklung sonderbarer Verbindungen umschliesst diese Barke. Glucklich bringe uns der Himmel ubers Meer in den Hafen!"

Der Anker wurde gelichtet, gespannt die Segel; das Fahrzeug entfloh dem Hafen.

Geheimnisvolle Stille herrschte auf dem Schiffe; hell glanzten Mond und Sterne am blauen Himmel; sanft umspulten die dunklen Wellen die Barke, laut knarrten die bewegten Ruder durch die Stille der Nacht.

"Ein Schiff! Ein Schiff!" lief der Ruf von Munde zu Munde.

Schnell getrieben vom frischen Sudost eilte das Schiff herbei. Man rief die Barke an, sich zu ergeben. Die Besatzung griff zu den Waffen. Geoffnet waren die Schiesslocher des feindlichen Schiffs; der silberne Mond blinkte von den grunen Flaggen.

"Tunesier!" schrie der Offizier. "Wir sind zu schwach! Wir sind verloren!"

Schon blitzte des Feindes Geschutz, der Donner rollte uber die Wellen. Was half Widerstand? Die Barke wurde genommen. Cinthio, Luigino und ihre Leute, in turkische Tracht gekleidet, sprangen uber; die Soldaten und der Schwarze wurden niedergehauen. Nach Sizilien kam keiner zuruck; wieder sah keiner das liebliche Vaterland.

Der Alte umarmte seine Freunde, sie ihn, und alle jauchzten:

"Das ist wohl gelungen!"

Vor Lampidosa gingen sie vor Anker. Hier wurde Rinaldo ausgesetzt und Onorios Pflege ubergeben. Das Schiff stach in die See. Ungefahr hundert Schritte von der Kapelle auf Lampidosa lagen drei kleine Einsiedeleien, die vor vielen Jahren von drei Eremiten, einem Christen, einem Griechen und einem Muhamedaner mit sonderbarer Einigkeit bewohnt worden waren. Sie starben und begruben einander neben ihren Klausen. Der Christ uberlebte seine Freunde. Ihn fand ein turkischer Meerrauber auf seinem Lager entschlafen, las seine und seiner Gefahrten Geschichten, die er hinterlassen hatte, und liess ihn zur Ruhe bringen. Die Nachrichten blieben zuruck, so wie die einfachen Hausgerate, ein Inventarium der Klausen.

So fand es Onorio, als er nach Lampidosa kam. Hier wollte er sein Leben beschliessen, Gott und heiligen Betrachtungen geweiht. Er kannte den Alten von Fronteja, dieser kannte ihn, wie die Folge dieser Geschichte lehren wird, und ihm ubergab man den Verwundeten so lange, bis es notig sein wurde, ihn wieder abzuholen.

Schon war Rinaldo ganz ausser Lebensgefahr, als der furchterliche Sturm das kleine Eiland erschutterte.

"O!" seufzte er. "Allenthalben hin folgt der Zorn des Himmels dem Verbrecher! Wo konnte er ihn nicht finden?!"

Sanft antwortete Onorio: "Allenthalben. Der Sturm ist schrecklich! Solange ich auch schon dieses einsame Eiland bewohne, horte ich noch nie ein solches Ungewitter. Wehe denen, die dieses Wetter jetzt auf dem Meere trifft! Es folgt allen, die jetzt die Wogen durchschneiden, so fromm und makellos sie auch immer sein mogen. Uberall flammen die Blitze des strafenden Himmels, der auch seine Sonne scheinen lasst uber Bose und Gute. Wer reinen Herzens ist und ein gutes Gewissen hat, sieht jedem Blitzstrahle ruhig entgegen."

Rinaldo sah gedankenvoll, seufzend, vor sich nieder. Onorio sprach weiter: "In dieser Einsamkeit, wo wir allein sind."

"'Der Mensch'" fiel rasch Rinaldo ein, "'ist nie allein. Und war' alles um ihn herum schweigend und stumm. Sein Herz ist bei ihm.'"

Onorio blickte ihn schweigend an. Rinaldo fuhr fort:

"O! das Herz! das bewegliche Herz! Wie schwer trage ich an dieser leichten Last! Sie wird mich noch zu Boden drucken."

Abbrechend sagte Onorio: "Meine Ampeln brau

chen Ol!", nahm den Olkrug und ging in die Kapelle. Uber Nacht legte sich endlich der Sturm, und als am Morgen die Sonne lachte, lief ein Schiff in den Hafen und warf die Anker aus.

Der Alte von Fronteja trat in die Klause. Heiter war sein Blick, sanft war die Sprache seines Mundes.

"Grusse Euch Gott, meine Freunde, und gebe uns allen Heil und Gluck! Der Sturm ist voruber, die Sonne lacht, und glucklich liegt mein Schiff im sichern Hafen."

"Bist du", fragte Rinaldo, "ebenso sicher als dein Schiff?"

"Unsicher", lachelte der Alte, "bin ich nie."

"Du hast viel Gluck!" rief Rinaldo aus. "Doch bedenke, dass das Gluck wankelmutig ist. Zwar fasst es wohl, doch sich fassen lasst es selten."

"Verstehst du es aber auch, mit Gluck umzugehen? Stelle dich diesem wankelmutigen Dinge als eine Kugel dar, welche es hinrollen kann, wohin es will, an der aber nirgends ein Fleck ist, an welchem du festzuhalten bist. Will das Gluck sich zu dir setzen, wohl! so reiche ihm die Hand; breitet es seine Flugel aus, davonzufliegen, so gib ihm seine Geschenke zuruck und lass es fliegen. Das Gluck ist ein Weib. Du weisst ja, wie Weiber sind: denn ich glaube, du kennst sie!"

"Weiber", begann Onorio, "sind doppelte Menschen, und ein einfacher Mensch ist gewohnlich schon nicht viel wert!"

Der Alte lachelte Onorio an und fuhr fort:

"Des Weibes Launen mussen uns ergotzen, durfen uns aber nie betruben. Es gibt Menschen, die sich fur glucklich halten, weil sie sich weise dunken; halte du dich fur weise, wenn du dich glucklich fuhlst."

"Das werde ich nie konnen!" seufzte Rinaldo.

"Der Mensch", antwortete der Alte bedachtig, "kann alles, was er ernstlich will. Ich bin gekommen, dich zu fragen, mein Freund, willst du hier auf diesem Eiland bleiben, oder fuhlst du Verlangen und Mut genug, wieder in die Welt zu gehen? Nur etwas Trotz weniger, und du wirst unter den Menschen dich ganz wohl befinden. Trotz schickt sich nicht in die menschliche Gesellschaft; die Menschen ertragen ihn nicht. Entweder man erwidert deinen Trotz, dabei gewinnst du nichts, oder man flieht dich; und dabei gewinnst du noch weit weniger. Ich kenne Welt und Menschen. Hore mich an, aus mir spricht die Erfahrung. Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, und dadurch entdecke ich dir das Geheimnis aller klugen Menschen, die in der Welt bedeutend worden sind und es noch werden. Nenne das, was ich dir sage, Philosophie des Lebens, und handle nach dem, was du von mir horst. Die Pflichten der menschlichen Gesellschaft sind nur ein unaufhorlich fortgesetzter Tauschhandel. Lass dich auf nichts ein, ohne zu erwarten, dass es dir Vorteil bringe. Deinen Verstand, deine Einsichten, deinen Diensteifer und deine Gefalligkeiten, alles lege im Handel an. Tue deinen Nebenmenschen keinen Schaden, achte sie, wenn du musst; diene ihnen, wenn du kannst; lass ihnen ihre Anspruche und entschuldige ihre Schwachheiten. Sie sind nicht undankbar. Deine Auslage wird dir immer mit betrachtlichen Zinsen wieder erstattet werden." "Unter diesen Menschen aber", fiel Rinaldo ein, "werden auch Freunde sein, und die Freundschaft fordert doch wohl" "Die Freundschaft", fiel ihm der Alte schnell in die Rede "betrachte stets als das schonste und als das gefahrlichste Geschenk des Himmels. Ihre Gutheit ist entzuckend, ihre Unbestandigkeit ist entsetzlich. Und wie willst du, dass ein Weiser der Gefahr eines Verlustes sich aussetze, dessen Bitterkeit sein ganzes ubriges Leben vergiften kann? Trifft deinen Freund ein Unfall, und du hast keine Hilfsmittel dafur, so erspare dir den Schmerz, ihn leiden zu sehen."

Rinaldo sah ihn mit bedeutenden Blicken an und sagte:

"Du hast nicht gehandelt, wie du sprichst; wenigstens gegen mich nicht!"

"Du bist mir mehr als Freund."

"Mehr? Mehr als Freund? Ich dir? Und was? Was bin ich dir?"

Onorio sah den Alten bedenklich an; dieser schwieg. Rinaldo wiederholte die Frage:

"Was bin ich dir?"

"Ich liebe dich", antwortete der Alte, "wie ein Vater seinen Sohn liebt. So will es mein Herz, so will es die allgewaltige Sympathie, die zwischen Menschen waltet."

Nach einer starken Pause fragte Rinaldo: "Warst du, seit wir uns nicht sahen, wieder in Sizilien?"

Zufrieden lachelnd antwortete der Alte: "Ich war in meinen lieben Gefilden von Fronteja. Man hat dort ubel gehaust. Die Pfaffen haben meine Junger vor ihr Tribunal gezogen und sind schlimm mit ihnen umgegangen. Die meisten stecken in Klostern, zu kirchlicher Busse verdammt, und einige sind sogar auf der Folter gestorben."

"Gerechter Gott! Warum das?"

"Man wollte ihnen das Gestandnis ihres vermeinten Heidentums auspressen. Bei Gott! Es ging den Meinigen, wie es ehemals in Frankreich den unschuldigen Tempelherren ging; aber ich war nicht zur Rolle eines Molay zu bringen! Ubrigens glaubt man in Sizilien, die Barke mit mir und dir und der koniglichen Wache sei entweder untergegangen oder von einem Meerrauber in den Grund gebohrt worden."

Nach einer Pause fuhr der Alte lachelnd weiter fort:

"Meine ganze Krata Repoa, alle dazugehorigen Dekorationen und Bucher, befinden sich im heiligen Inquisitionsgericht; als Studium wahrlich nicht! Ich las zu Palermo und zu Messina gedruckte, offentlich angeschlagene Aufhebungen des Preises auf deinen Kopf; hier ist ein Exemplar! , weil Rinaldini von den Wellen verschlungen worden sei. Doch werden vermutlich bald neue Preise ausgesetzt werden, denn Cinthio und Luigino, an der Spitze eines starken Korps, treiben es in Sizilien ein wenig arg."

"Wie? Cinthio? Luigino?"

"Was du tatst, bleibt gegen das, was diese tun, nur Spielwerk."

"Wohl mir! Wie steht's um das Unternehmen auf Korsika?"

"Aufgeschoben ist nicht aufgehoben."

"Wo lebt Dianora?"

"Geh in die Welt; du wirst sie finden."

"Und was treibst du jetzt?"

"Handel. Als Kaufmann durchschiffe ich die Meere und werde reich."

Noch sprachen sie, als zwei Kanonenschusse fielen und die Ankunft eines Schiffs verkundigten. Onorio und der Alte verliessen die Klause. Bald kamen sie zuruck, und der Alte sagte:

"Rinaldo, ein sizilianisches Schiff ist angekommen, es hat im Sturm gelitten, man will es ausbessern. Der Kapitan spricht davon, einige Tage hier zu verweilen. Mein Schiff geht in die See. Willst du mit mir gehen?"

Onorio fiel ihm um den Hals und stammelte: "Folge deinem Freunde! Lass mich allein hier ruhig sterben."

"Ich fuhle, was du sagen willst!" stammelte Rinaldo wehmutig. "Ja! Du sollst ruhig sterben. Lebe wohl! O! Onorio, wie sehr druckt die Last deiner freundlichen Bitte mich nieder! Ich fuhle, was ich bin, was ich dir und allen Menschen sein muss. Fort in die Welt! Fort aus der Welt, zu meinen Raubern! Alter! Ich folge dir." Der Morgen war schon. Das Schiff durchschnitt die See. Rinaldo stand auf dem Verdeck, uberflog mit suchenden Blicken das Meer und rief endlich seufzend aus: "O! Es ist ein schoner Morgen!" Der Alte fiel sogleich ein: "Ein schoner Morgen! Er lachelt dir und mir und uns allen! Was der Mensch an den Tageszeiten Schones geniessen kann, geniesst er des Morgens und des Abends, beim Kommen und Scheiden des Tages. So ist es auch mit dem Menschen. Sein Morgen und sein Abend lehrt ihn uns kennen und schatzen. Im Kommen und Scheiden kennt er keine Verstellung. In der Mitte seines Lebens nur wirft die Zeit ihm trugerische Schleier uber. 'Unser Abend sei heiter!' Ein schoner Wunsch! Gott gebe uns allen seine Erfullung!"

Als die Wellen das schwankende Schiff in die See trugen, flimmerten nur wenige Sterne noch am Himmel. Auch diese verschwanden. Schon brachen die ersten Strahlen des Tages durch des Himmels blaulichen Schleier; die Nacht zog gegen Westen sich zuruck, und die fluchtigen Schatten folgten ihr nach.

Im Osten wurde der Himmel immer roter. Leuchtende Strahlen durchschossen die reine Luft und uberzogen das blauliche Gewolbe mit purpurnen Streifen.

Rinaldo stand, in sich selbst verloren, noch auf dem Verdeck; blickend gen Himmel, mit feuchten Augen. Sein Gefuhl war ein stummes Morgengebet. Ihn beobachtend stand der Alte neben ihm.

Starker wurde die Erhellung, lichter wurden die Farben. O! welch ein herrliches Schauspiel offnete sich den Blicken. Tausend goldene Strahlenflammen fuhren von einem einzigen Mittelpunkt aus und zerteilten sich in der Luft. Ganz Osten stand in Feuer.

"Rinaldo! siehst du das?" fragte rasch der Alte.

"Ich sehe und fuhle", antwortete er mit sehr bewegter Stimme.

Jetzt trat die Sonne hervor. Ihre strahlende Scheibe schwebte uber dem Horizont. Einen Augenblick schien sie noch auf dem Meere, wie auf einem Throne zu ruhen, und nun erhob sie sich, in all ihrer Klarheit und Pracht, die glanzende Konigin des Himmels. Wie prachtig sie sich uber das Wasser erhob! Wie vielfach aus den Wellen ihr glanzendes Bild zuruckstrahlte! Da stand sie nun, die leuchtende Sphare, die mit ihrer Klarheit die Welt erfullt, umgeben mit flammender Pracht!

Von einem unwillkurlichen Gefuhl ergriffen, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, sturzte Rinaldo auf die Knie, erhob die Hande, und stammelte:

"Grosses Licht des Himmels! Wie oft sahst du den Rauber auf blutbespritzten Pfaden, wie oft drang dein Blick in seine, menschlichen Augen verborgene Winkel! O! blicke in mein Herz, und sieh, was ich leide!"

Rasch riss der Alte ihn auf, ihn unterbrechend, und sagte:

"Sieh, Freund, schon vermagst du es nicht mehr, ohne Fernrohr, Lampidosa zu erblicken. Die Insel liegt hinter uns. So entschwinden die Taten der Menschen im eiligen Laufe der Zeit; so entschwindet das Andenken an Gutes und Boses!"

Die Schiffsglocke lautete zum Fruhstuck. Die Matrosen verbreiteten sich auf dem Verdeck, und der Kapitan des Schiffs, dessen Namenstag gefeiert werden sollte, gab Wein zum besten. Ein hundertstimmiges Lebehoch tonte ihm zu Ehren, in die Lufte, und einige Guitarren, Triangel und Geigen kamen zum Vorschein. Es wurden Lieder angestimmt, und endlich sang die ganze Gesellschaft.

Romanze

In des Waldes finstern Grunden

Und in Hohlen tief versteckt

Ruht der Rauber allerkuhnster,

Bis ihn seine Rosa weckt.

"Rinaldini!" ruft sie schmeichelnd:

"Rinaldini! wache auf!

Deine Leute sind schon munter,

Langst ging schon die Sonne auf."

Und er offnet seine Augen,

Lachelt ihr den Morgengruss.

Sie sinkt sanft in seine Arme,

Sie erwidert seinen Kuss.

Draussen bellen laut die Hunde,

Alles flutet hin und her,

Jeder rustet sich zum Streite,

Ladet doppelt sein Gewehr.

Und der Hauptmann wohl gerustet,

Tritt nun mitten unter sie.

"Guten Morgen, Kameraden!

Sagt, was gibt's denn schon so fruh?"

"Unsre Feinde sind gerustet,

Ziehen gegen uns heran."

"Nun, wohlan, sie sollen sehen,

Ob der Waldsohn fechten kann."

"Lasst uns fallen oder siegen!"

Alle rufen: "Wohl es sei!"

Und es tonen Berg' und Walder

Rundherum vom Feldgeschrei.

Seht sie fechten, seht sie streiten!

Jetzt verdoppelt sich ihr Mut;

Aber, ach, sie mussen weichen,

Nur vergebens stromt ihr Blut.

Rinaldini, eingeschlossen,

Haut sich, mutig kampfend, durch

Und erreicht im finstern Walde

Eine alte Felsenburg.

Zwischen hohen, dustern Mauern

Lachelt ihm der Liebe Gluck,

Es erheitert seine Seele

Dianorens Zauberblick.

Rinaldini! Lieber Rauber!

Raubst den Weibern Herz und Ruh.

Ach, wie schrecklich in dem Kampfe,

Wie verliebt im Schloss bist du!

"Jetzt ist es aus mit ihm!" sagte der Kapitan. "Beim Teufel! Das war ein Kerl, von dem man noch lange singen und sagen wird!"

"Jawohl!" sagte der Alte und lachelte.

Der Kapitan fuhr fort: "Er hatte es, sozusagen, verdammt weit gebracht! Wenn nur mehr Ehre dabei gewesen ware! Man hatte ihn begnadigen sollen, und er wurde dem Staate gewiss, mit dem Degen in der Faust, gute Dienste geleistet haben. Jetzt ist er wohl schon langst, wer weiss in welchem Haifischmagen uber die Grenze geschifft."

Alle lachten. Rinaldo, musste naturlich auch mit lachen.

Bald kam's wieder zu einem Wettgesang. Ein Madchen und ein junger Matrose traten nun auf und sangen zur Musik

ER

Geh nicht in die Berge,

Rinaldo wohnt dort;

Er plundert, beraubt dich,

Und schleppt dich mit fort!

SIE

Ich geh' in die Berge,

Rinaldo wohnt dort;

Er kennt mich, er liebt mich;

Ich zieh' mit ihm fort!

ER

Ha, Rosa, du Roslein

In Walder versteckt,

Hat auch dich die Liebe

Im Freien geneckt?

SIE

Es neckt mich die Liebe

Im Feld und im Wald.

Dort glanzen Gewehre;

Wir wandern nun bald!

Langsam schlich Rinaldo von dem Verdeck in die Kajute. Je lauter draussen der Larm wurde, desto beklommener horte er das Getose an. Tausend Entwurfe und Entschliessungen durchkreuzten seine Seele; welchen konnte er fassen? Er musste alles auf den Zufall ankommen lassen, aber diesen aufs beste zu benutzen, war sein ernster Wille, sein fester Entschluss. Schon hatten sie Sizilien im Rucken, als auf einmal ganz unerwartet der Wind nach Sudost umsprang. Wutend warf er das Schiff hin und her durch die tobenden Wellen, die sich, Bergen gleich, dem krachenden Kiele entgegenturmten. Die Nacht brach an, und die dickste Finsternis umlagerte das Schiff. Nichts war zu sehen als der leuchtende Schaum der wutenden Wogen, die das Schiff so ungestum umherschleuderten, dass auch die Kuhnsten zaghaft wurden.

Rinaldo lag ruhig auf dem Lager, furchtete nichts und sah gelassen dem Tode entgegen. Er blieb allein, auch der Alte kam nicht zu ihm.

Duftige Nebel sanken hernieder; das Brausen des Windes glich dem starksten Donner des Geschutzes. Im Schiffe ertonten Angstgeschrei und Klagen. Angstlich harrte man des anbrechenden Tages. Nach Mitternacht stiess das Schiff auf eine Klippe, es borst und sank.

Ein schreckliches Wehklagen erfullte die Lufte. Rinaldo, der bisher ruhig den Tod erwartete, ergriff einen Balken; eine Welle schleuderte ihn ins Meer, eine zweite warf ihn ans Land, wo er, matt und entkraftet, dem anbrechenden Tage entgegensah. Der Sturm legte sich. Es wurde Tag. Rinaldo lag unter einem Baume. Die Gegend wurde heller. Er blickte um sich und sah einen Fischer, der nach dem Ufer ging. Diesem klagte er sein Ungluck, und der ehrliche Mann fuhrte ihn in seine Hutte, wo er ihn, so gut er es geben konnte, mit Speise und Trank erquickte. Bald wurde der benachbarte Pfarrer herbeigerufen; dieser fragte den Schiffbruchigen aus und erhielt eine Geschichtserzahlung von Rinaldo, die einer ganz gewohnlichen Erzahlung glich. Er war ein Kaufmann aus Ancona, hatte Schiffbruch gelitten und war in demselben um seine Habseligkeiten und Papiere gekommen. "Und wo bin ich?" fragte er. Der Pfarrer gab zur Antwort: "Dieses Eiland, auf welchem Ihr Euch befindet, heisst Alicudi, hat etwa funfzehn Meilen im Umkreis, ernahrt gegen achthundert Bewohner, ist eine der Liparischen Inseln und liegt achtundvierzig Meilen von Lipari entfernt, wohin Ihr aber noch heute kommen konnt, weil eine Barke dorthin segelt und Wein holt."

Dieser Gelegenheit bediente sich Rinaldo, liess sich nach Lipari fuhren und kehrte in dem Hospitio bei den Bernhardiner-Monchen ein, die Reisende, weil es dort keine Gasthofe gibt, beherbergen.

"Wie?" sprach er bei sich selbst, "Wie? wenn du hier dich in das Gewand der frommen Einfalt und Verborgenheit hulltest? Wenn du bliebst unter diesen Monchen?" Mit diesem Selbstgesprach, das er im Freien hielt, nahte er sich einem kleinen Landhause, das sehr romantisch mitten in einem Blumengarten lag. Er ging auf dasselbe zu, dachte sich in seine Einsamkeit, nach Pantaleria, zuruck und seufzte: "Dort war ich glucklich und durfte es nicht bleiben! Ach Dianora! O! ihr goldenen Tage meiner Ruh und meines Glucks! Warum entfloht ihr so schnell?" Da vernahm er Gesang, der aus den nahen Gebuschen ihm entgegentonte. Er lauschte und horte:

Einsam wandl' ich hier, und weine,

Nur mein Gram begleitet mich!

Nicht im Sonn'- und Mondenscheine

Find ich Ruh, ach! Ruh fur mich!

Die Stimme kam naher. Aus den Buschen trat die Sangerin. Rinaldo fuhr erbebend zuruck. Sie schrie laut auf, als sie ihn erblickte, lehnte sich zitternd gegen einen Baum und stammelte mit gebrochener Stimme: "Armer Geist! Was qualt dich? Was bringt deine irdische Gestalt mir vor die Augen?"

ER Kein Geist! kein Geist! Ich bin es selbst; bin wirklich hier.

SIE Kein Geist? Kein Traum? Kein Blendwerk?

ER Nicht Geist, nicht Traum, kein Blendwerk! Ich lebe! Ich sehe dich! dich, die ich uber alles liebe. Ich fasse deine Hand!

SIE Du lebst?

ER Ich lebe und bin dein!

Er sprach's und schloss sie in seine Arme. Ihre zitternden Hande falteten sich auf seinem Rucken und ihre Lippen stammelten:

"Gelobt sei Gott und die heilige Jungfrau; ich habe dich wieder, geliebter Unglucklicher! Und du bist mein!"

"Dein! dein auf ewig!"

Ich kann sie nicht schildern, diese Szene des glucklichen, unvermuteten Wiederfindens. Rinaldo umschlang entzuckt seine geliebte Dianora und eilte mit ihr in ihre Wohnung. "O Rinaldo!" rief Dianora aus, "und du entgingst dem Tode? Ich wahnte der Gerechtigkeit dich ubergeben, offentlich und mit Schande gemordet! Krank, jammernd und elend verliess ich Pantaleria und floh in die Einsamkeit dieses stillen Eilandes. Hier beweinte ich dich und wollte hier mein Leben beschliessen. Violanta, meine treue Gefahrtin und Freundin, ist nach Sizilien gegangen, meine Angelegenheiten dort zu besorgen, aber dennoch bin ich hier nicht allein, und die gluckliche Szene des Wiedersehens soll frohe Zeugen haben!" "Ist noch jemand hier, der mich kennt?" fragte Rinaldo. "Ein Wesen ist noch hier, das dich nicht kennt, und dennoch ist es dir so nahe verwandt!" Sie ging, kam bald zuruck und trug ein jahriges Knabchen auf ihrem Arme ihm entgegen. "Mein Kind!" schrie Rinaldo und schloss es kussend, mit der Mutter, in seine Arme. "Dein Kind! Es lachelt dir entgegen. Es lallt den Namen Vater." "Die Stimme des Blutes! O! susser Vatername! O Weib, o Kind! Jetzt bin ich glucklich!" "Bist du das?" fragte eine rauhe Stimme hinter ihm. Er drehte sich herum und trat erschrocken zuruck. Dianora sank mit einem lauten Schrei des Schreckens, das Kind umklammernd, aufs Sofa. Mitten im Zimmer stand, in die bekannte Kleidung des Schreckens gehullt, der korsische Kapitan, in der Tracht der Schwarzen, und lachelte hohnisch die Betroffenen an. "Kennst du mich?" fragte er. Rinaldo schopfte Atem, fasste sich und sprach: "Ich kenne dich, weil du mich kennst. Was willst du von mir? Unsere Rechnung ist abgetan; ich habe nichts mit dir zu tun."

"Nichts?"

"Ich schenkte dir das Leben, als es in meiner Gewalt war."

"Ich hatte langst zuvor das deinige dir geschenkt."

"So sind wir dennoch quitt."

"Die Rechnung wird neu. Du kennst doch diese Tracht, in der ich dir mich zeige? Ich bin jetzt nicht mehr mein; ich gehore denen an, die mich sandten."

"Was wollen sie von mir? Warum schleichen sie mir allenthalben hin nach?"

"Sie tun, was dein Gewissen tut."

"Gott richte mich, nicht sie, nicht du, selbst der Sunder einer, wohl noch grosser als ich."

"Du rechtfertigst dich selbst? Das darf nicht sein!"

"Furie, die mich qualt, wie einst die Erinnyen folgten auf allen seinen Schritten dem fluchbelandenen Orest! Weiche! Wenn du mich auch in den Hutten des Raubes aufsuchtest, so solltest du doch an der friedlichen Hutte vorubergehen, an die der Engel des Friedens sein hohes Zeichen schrieb. Was hat der Wurgeengel hier zu tun? Ich bin nicht mehr, was ich war. Ich bin zuruckgetreten aus dem weiten Kreise meines ehemaligen Wirkens und will hier leben im engen Zirkel stiller Hauslichkeit. Hier ist mein Weib, mein Kind. Diese haben nichts Boses getan. Unschuldig lachelt der Knabe den Feind seines Vaters an. Kommst du auch zum Verderben der Unschuld?"

"Ich hange nicht von mir selbst ab."

"Aber steht nicht mein Verderben bei dir? Du mordest in mir Gatten und Vater. Sind diese Namen dir nicht heilig?"

Kalt antwortete der Kapitan: "Heilig sind mir jetzt nur die Befehle meiner Obern."

"Wollen diese meinen Tod? Gut dann, so morde man mich hier, unter den Augen meiner Frau und meines Kindes! Aber morden musst ihr mich, und mein Leben werde ich teuer verkaufen. Du bist der erste, der fallt."

Schnell riss er ein paar Pistolen von der Wand und vertrat dem Kapitan den Ausgang aus dem Zimmer.

"Was beginnst du?" fragte dieser besturzt.

"Ich fechte fur mein Eigentum. Habt ihr den Rauberhauptmann wieder in mir aufgesucht, so sollt ihr ihn auch finden. Dass Rinaldini zu fechten weiss, wisst ihr; ihr sollt erfahren, dass ich der noch bin, den ihr suchen wollt."

Der Kapitan suchte sich zu fassen und begann nach einer kleinen Pause:

"Dass ich nicht fur mich selbst handle, weisst du. Die Not brachte mich in Dienste anderer. Fur diese habe ich Pflichten. Was gibst du mir? Womit belohnst du mein Schweigen?"

"Mich hintergehst du nicht!" schrie Rinaldo. "Deine glatten Worte gibt dir die Not ein. Ich lasse dich gehen, und ich bin verhaftet. Du suchst mir jetzt zu entkommen. Das kann nicht sein! Die Klugheit dringt mir einen Mord ab; Gott verzeihe ihn mir! Ich morde nur zu meiner Lebenssicherheit. Es kann nicht anders sein! Ich rette mich, mein Weib, mein Kind. Gott sei deiner Seele gnadig!"

"Rinaldo! Um Gottes willen! Hore! Nur noch ein Wort!"

"Was hast du noch zu sagen?"

"Lass mich beten und morde mich im Gebet."

Rinaldo blickte ihm forschend in die Augen. Der Kapitan fiel vor ihm nieder und faltete die Hande.

Draussen erhob sich ein Gerausch. Die Tur ging auf. Wache trat ins Zimmer.

Der Kapitan sprang auf. Der Anfuhrer der Wache redete ihn ganz trotzig an:

"Elender, vermummter Verrater!"

Gelassen erwiderte der Kapitan:

"Gott hat Euch mir zum Retter gesandt!"

Der Offizier sah ihn fragend an; er fuhr fort:

"Mein Leben konnte nicht mehr gerettet werden; es stand in der Hand eines Mannes, der mich vernichten musste, um nicht der Justiz in die Hande zu fallen."

"Was soll das sagen?" fragte der Offizier ernsthaft.

Der Kapitan sprach weiter:

"Wohin Ihr mich auch fuhren mogt, wie mein Schicksal auch entschieden werden mag, so verdiene ich doch eine Belohnung des Staates, wenn ich der Landesregierung, was hiermit geschieht, einen Mann uberliefere, auf dessen Kopf sie schon langst hohe Preise setzte, der stets ihren Nachforschungen entging, den sie tot glaubt, der aber noch hier steht, lebt und Rinaldini heisst."

"Wie?" fragte der Offizier heftig.

"Elender Bosewicht!" schrie Rinaldini, "willst du deiner Strafe durch ein neues Verbrechen entgehen? Welche Frechheit! Willst du dich durch die schandlichste Verleumdung, mit der schamlosesten Luge retten?"

Der Kapitan wollte sprechen; Dianora sprang auf: "Dieser ist mein Gemahl, und dass ich die Grafin Martagno bin, weiss der Statthalter, der auch meinen Gemahl kennt. Dieser schwarze Bosewicht, dessen Erdichtungen"

"Signora", fiel der Offizier ein, "dass dieser Vermummte ein Nichtswurdiger ist, wissen wir, er wird den Lohn erhalten, der ihm und seiner ganzen Bruderschaft gehort; dennoch aber bin ich verbunden, auf seine Angabe, Euern Gemahl zu ersuchen, mir zum Statthalter zu folgen. Ich kenne ihn nicht und muss meiner Pflicht gehorchen."

"So folge!" sagte Dianora mit einem bedeutenden Blick.

Der Kapitan wollte sprechen; der Offizier liess ihn binden und sagte: "Was du sagen willst, kannst du vor Gericht sagen. Ich bin dein Richter nicht. Wache! fuhrt ihn fort! Dieser Herr folgt mir zum Statthalter."

Rinaldo umarmte Dianoren, die ihm etwas sagen wollte, welches der Offizier hoflich verbat. Sie gab ihm sprechende Blicke, die Rinaldo dennoch aber nicht recht entziffern konnte, und er folgte dem Offizier in die Stadt. Hier fuhrte ihn dieser auf die Wache und ging zum Statthalter, wo er Dianoren fand. Der Statthalter lachelte nach des Offiziers Rapport:

"Sonderbar! Wie weit geht doch die Bosheit der Schwarzen! Man verfahrt in Sizilien und in allen Staaten unseres Konigs aufs scharfste gegen alle Mitglieder eines Bundes, dessen Absichten man kennt, der die Staatsverfassung des Reichs vernichten und eine allgemeine Rebellion erregen wollte. Ein allgemeiner Urteilsspruch hat alle Teilnehmer an dieser Verschworung schon gerichtet. Der Schwarze, der sich nach Lipari schlich und sein schandliches Gewand uberwarf, ehrliche Menschen zu schrecken, der sich erkuhnte, verwegen, sich selbst so kennbar zu machen, soll dem Schwerte der Gerechtigkeit nicht entrinnen. Auf unserm friedlichen Eiland soll die Sache kein Aufsehen machen. Die Bewohner brauchen eine Sache gar nicht kennenzulernen, die sie nicht kennen; ihre stillen Gemuter soll so etwas weder bewegen noch entflammen. Ich werde dafur sorgen. Stille und Verborgenheit sind hier heilsam. Der Gemahl dieser Dame kommt zu mir."

Rinaldo kam zu dem Statthalter. Er trat ins Zimmer, bebte zuruck, druckte die gefalteten Hande vor die Stirn, sah in der Person des Statthalters den ihm und uns bekannten Prinzen della Roccella und warf sich vor ihm nieder. Mit bebenden Lippen stammelte er: "O mein Prinz!"

Der Prinz ging auf ihn zu:

"Mann! Sehe ich auch hier dich wieder? Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, wie sehr deine Gegenwart mich in Verlegenheit setzt? Fuhle das selbst."

"'O! ich fuhle es! Ich bitte nicht fur mich, ich bitte nur fur Weib und Kind! Stets grossmutig war mein Prinz!'"

"Mein Schicksal qualt mich durch dich."

Er ging im Zimmer auf und nieder. Rinaldo erhob sich, wankte an ein Sofa und sturzte sich mit gesenktem Blick mit beiden Handen auf dasselbe. Endlich begann der Prinz:

"Nach langem Uberlegen und Streiten zwischen Pflicht und Wohlwollen kann ich mich zu weiter nichts entschliessen, als deine Flucht dir zu erleichtern. Du wirst aber fuhlen, dass das fur dich sehr viel getan ist!"

"'Alles alles, was nur die Grossmut des Edelsten tun kann!'"

"Ich kann und darf nicht mehr fur dich tun!"

"'Mich vernichtet diese Gute!'"

"Eine englische Fregatte liegt segelfertig in dem Hafen, diese wird dich aufnehmen. Fur Reisegeld ist gesorgt. In meiner Verwahrung sind 1000 Stuck Dukaten, die deinem Freunde, dem Alten von Fronteja gehoren "

"'Ach! Ihn verschlang das Meer. Hatte es doch mich verschlungen!'"

"Reise glucklich!"

"'Und Dianora?'"

"Kann nicht mit dir gehen. Sie ist das sich selbst, sie ist es ihrem Kinde schuldig. Fuhlst du das?"

"'O! ich Unglucklicher! Ach, Dianora! Mein Kind! Mein armes Kind!'"

"Es soll das meinige sein. Welche Erziehung, welche Anspruche auf Gluck und Fortkommen in der Welt, konntest du dem Kinde geben? Du, der du geachtet, verfolgt, der du ein Mann bist, dessen Name schon ein Verbrechen ist? Welche Hoffnung konnte unter deiner Wartung und Pflege dem zarten Sprossling bluhen, ein Baum zu werden, der seine Aste frei emporstrecken konnte in die Lufte? Ewig wurde der Sohn nur das Kind eines Raubers bleiben. Diese Schmach will ich von ihm nehmen. Ich erklare ihn fur meinen Sohn."

"'Prinz!'"

"Ich gebe ihm einen Namen, der durch kein Verbrechen befleckt ist, und so erhalte ich ihm seine mutterlichen Guter. Er wachse heran, unbefangen, zum Jungling, er werde ein Mann, sei geehrt und erfahre nie, wer sein Vater war."

Ein Tranenstrom entsturzte Rinaldos Augen; er jammerte laut: "'Grausames Geschick! O mein Sohn! mein Sohn! Wo wird dein Vater endlich noch das Ziel seiner muhseligen, kummervollen Pilgrimschaft finden?'"

"Lass ihm", fiel der Prinz ein, "dein Grab ohne Erroten sehen, und er kann glucklich sein."

"'O, warum mussten Dianorens Kusse mich wieder zuruck ins Leben rufen!'"

"Es ist geschehen. Unser Wissen, Wirken und Wollen, unsere Krafte sind menschlich. Uber uns waltet eine hohere Macht. Wir konnen nicht widerstreben. Was sie beschlossen hat, geschieht."

"'Und Dianora bleibt hier?'"

"Das weiss ich jetzt noch selbst nicht."

"'Ich darf sie nicht wiedersehen?'"

"Erspare dir und ihr den Abschied. Sie leidet viel. Willst du die Leiden vermehren, die sie qualen?"

Ein Diener trat ein, brachte einen Brief und verliess das Zimmer. Der Prinz las und sagte:

"Der englische Kapitan will absegeln. Er dringt auf die Ankunft des Reisenden, den ich ihm zuschicken will; dieser bist du. Eile in den Hafen. Verliere keine Zeit, sie ist kostbar, und jede Zogerung bringt dir Gefahr. Hier ist Geld, dein Reisepass Gott sei mit dir! Sein heiliger Engel geleite dich! Reise glucklich!"

Er entfernte sich schnell. Rinaldo blickte schluchzend ihm nach, ward abgeholt und in den Hafen gefuhrt. Er ging zu Schiffe. Die Anker wurden gelichtet; das Schiff stach in die See. "O Dianora! O mein Sohn!" jammerte Rinaldo. "Diese rollenden Wellen tragen mich von euch hinweg; vielleicht sehe ich euch nie wieder! Der armste Handarbeiter darf so glucklich sein, am Busen seines Weibes zu ruhen. Er schaukelt sein Kind auf seinem Fusse, und liebevoll umschlingt sein Weib seinen Nacken. Er vergisst seine beschrankte Lage, sein Ungluck, sich selbst und die Welt, umschlungen mit Banden ehelicher Freuden und Liebe. Und ich Unglucklicher muss mein Weib verlassen, muss meinem Kinde von Fremden einen andern Namen erbetteln, damit es den seinigen nicht am Rabensteine erblickt! O! mein Weib! O! mein Sohn! mein Sohn! Schenke der Himmel dir zweifach den Frieden und die Ruhe, die dein unglucklicher Vater entbehren muss; er, der dir das Leben gab und dem du dafur nicht danken darfst. Wenn der Name deines Vaters genannt wird, wirst du mit andern Menschen zugleich deinen Abscheu nicht verbergen konnen, und wirst nicht wissen, dass es dein Vater ist, den du verabscheust. Wohl dir! Guter Gott! Schenke meinem Sohne deine Gnade, gib, dass er ein guter Mensch werde, und ich habe der Welt in ihm gegeben, was ich ihr selbst nicht in mir gab. In die Flammen mit dem Baume, der so schlechte Fruchte trug! ein anderer nehme seinen Platz ein. Ich weiche meinem Sohne!"

Das Schiff lief in den Hafen zu Melazzo ein. Rinaldo stand auf dem Verdeck des Schiffs, uberschaute die reichen Felder, die um die Stadt herliegen, letzte sich an dem Anblick der fruchtbaren Hugel, die sich amphitheatralisch nach den fernen Gebirgen erheben, und versank ganz in den Genuss des sussen Schauens. Er wurde von dem Kapitan angeredet und bestieg mit ihm das Boot, das ihn ans Land brachte. Hier nahm er Abschied von dem Kapitan und suchte eine Wohnung, die er auch, sehr bequem, bald fand.

Im Stillen uberliess er sich seinen Betrachtungen und machte Plane. Taglich besuchte er die Kirche, horte eine Messe und vertrieb sich dann zu Hause die Zeit mit Lekture und bei der Guitarre. Eben war er in Gedanken bei Dianoren. Er spielte und sang:

O! was spricht so laut zum Herzen,

Glucklich werden kannst du nicht?

Selbst mein Gluck will ich verscherzen,

Wenn dies nicht die Wahrheit spricht!

Wiege Liebe mich in Schlummer,

Dass die Wahrheit wachend flieht!

Dass mein Auge nicht voll Kummer,

In der Wahrheit Spiegel sieht!

Tausche mich mit sussen Traumen,

Tausche mich mit sanftem Blick,

Lass mich keinen Traum versaumen,

Rufe Wahrheit mir zuruck!

Wiege mich mit sanften Worten,

Fern vom Blick der Wahrheit ein,

Offne die geschmuckten Pforten,

Lass die goldnen Traume ein.

Luftig rauschet ihr Gefieder

Uber meine Schlafe hin,

Bilder wanken auf und nieder,

Und erfullen Herz und Sinn.

O! wie sanft die holden Bilder

Allgemach voruberziehn,

Mild und sanft, und immer milder,

Wiederkommend, selbst im Fliehn!

Decke Liebe deine Schleier

Uber diese Bilderwelt!

Immer wird die Aussicht freier,

Immer schoner wird das Feld!

In dem Haine will ich wallen

Wo den Mohn die Liebe streut,

Wo mit sanftem Wohlgefallen,

Liebe jedes Herz erfreut!

"Ja!" rief er aus. "Trennen konnen uns Menschen und Verhaltnisse, aber hindern konnen sie uns doch nicht, stets beieinander zu sein!"

Es wurde an die Tur geklopft; sie ging auf, und ein Franziskanermonch trat ins Zimmer, der sich selbst mit folgenden Worten einfuhrte: "Gott sei mit Euch, edler Herr! Ich bin der Pater Amaro, aus dem Orden des heiligen Franziskus."

"'Was bringt Euch zu mir?'" fragte Rinaldo.

"Mein Herz", war des Paters Antwort, "welches das Eurige sucht."

"'Ich verstehe Euch nicht.'"

"Lasst Euch mit einer Explikation dienen! Ich mache mir ein Geschaft daraus, bei guten und mitleidigen Seelen Almosen einzusammeln; nicht um damit mich oder mein Kloster zu bereichern , denn was zu unserm schmalen Unterhalt gehort, sammeln unsere Terminierer ein , sondern um damit Notleidende zu unterstutzen, denen Verhaltnisse, Stand oder Krankheiten nicht erlauben, selbst Almosen zu begehren. Die Not, edler Herr, ist da am grossten, wo sie am verschwiegensten, wo sie am heimlichsten druckt! Bei diesem meinem wohltatigen Geschafte nun, welches ich durch Gottes Beistand schon einige Jahre mit sonderlichem Segen treibe, habe ich mir nach und nach Bemerkungen abstrahiert, welche ich, aufgezeichnet, dem hinterlassen werde, der mein Nachfolger sein wird. Unter diesen ist auch die Bemerkung, dass Fremde sich weit wohltatiger finden lassen als Einheimische. Deshalb wende ich mich an Euch. Das ist es, was mein Herz an das Eurige sendet und was es bei dem Eurigen sucht. Irre ich mich nicht in den Gesichtszugen, die Euch Gott geschenkt hat, so wird mein Gang zu Euch gesegnet sein."

Rinaldo druckte dem humanen Almosensammler 10 Dukaten in die Hand und sagte:

"Ihr habt recht, Herr Pater! Die heimlichste und verschwiegenste Not ist und bleibt immer die grosste."

Der Pater dankte im Namen der Notleidenden sehr verbindlich, und geruhrt druckte Rinaldo ihm die Hand herzlich. Freundlich rief ihm dieser zu:

"Nicht zu stark! nicht zu stark! Ihr zerdruckt mir sonst etwas Kostbares, das ich hier in der Hand habe."

RINALDO Etwas Kostbares? Und das ist?

P. AMARO Es ist ein Portrait.

RINALDO Das Bild eines Heiligen?

P. AMARO Nein! Es ist das Bild eines Frauenzimmers.

Rinaldo sah ihn lachelnd, verwunderungsvoll an und fragte:

"Das Bild eines Frauenzimmers? Und in Euren Handen?"

Gelassen und freundlich antwortete der Pater:

"Warum nicht? Ich habe auf meiner Zelle eine artige Sammlung von Bildnissen , Ihr konnt sie sehen! , unter denen sich viele weibliche befinden."

Rinaldo sah ihn fragend an, er aber fuhr fort: "Lasst Euch mit einer Explikation dienen! Meine Gemaldesammlung ist eine Galerie von Armenwohltatern. Die mir am willigsten und am meisten geben, denen falle auch endlich ich mit einer Bitte fur mich selbst beschwerlich: Ich bitte um ihre Portraits. Diese hange ich dann in meiner einsamen Zelle in zierlicher Ordnung auf und unterhalte mich mit ihnen, wenn ich von menschlicher Gesellschaft entfernt bin. Ich bin wirklich in guter Gesellschaft, ich bin unter Menschen, darf ich dann mit Gewissheit sagen."

"'Gewiss, Herr Pater! Auch Ihr seid ein Mensch, und ich bin jetzt in guter Gesellschaft.'"

"Die guten Werke, mein Herr, geben eine hohe Menschlichkeit, und das sei unser Stolz voll Demut!"

"'Und das Portrait in Eurer Hand?'"

"Ist das Portrait einer vortrefflichen Armenwohltaterin; es soll in meine Gemaldesammlung kommen."

Er zeigte es. Rinaldo fragte betroffen:

"Wie nennt sich diese Dame?"

"'Violanta de Noli.'"

"Ja! so heisst sie."

"'Kennt Ihr sie?'"

"Ich kenne sie. Lebt sie jetzt hier in Melazzo?"

"'Seit 14 Tagen. Sie wartet auf ein Schiff und wird nach Lipari gehen.'"

"Bringt mich zu ihr!"

"'Ich will Euch ihre Wohnung zeigen.'"

Rinaldo griff eilig nach Hut und Degen und folgte dem Pater.

Elftes Buch

Geseh'n, gefunden und verloren,

Aus einem schonen Traum erwacht!

Der Wechsel hat sich dir verschworen;

Oh er dich wohl auch glucklich macht?

Erschrocken bebte Violanta zuruck, als Rinaldo in ihr Zimmer trat, angstlich schlug sie ein Kreuz, und uber ihre bebenden Lippen konnte sich kein Wort drangen.

"Freundin!" begann Rinaldo. "Sehen wir uns doch wieder?" Violanta kam nach und nach zu sich, und endlich fragte sie stammelnd:

"Ihr lebt?"

"'Ich lebe, um zu meinem Ungluck Dianoren zu finden.'"

"Sie?"

"'Die ich wieder verlassen musste.'"

"Ist es moglich? Ihr saht sie? Ihr seid dem Tode entronnen? Ihr habt Dianoren gesehen, gefunden? Wo?"

"'Auf Lipari.'"

Er erzahlte ihr, was wir wissen. Ihre Verwunderung stieg, und die Unterhaltung wurde herzlicher. Violanta wartete, wie sie sagte und wie Rinaldo durch den Pater schon wusste, auf ein Schiff, das sie nach Li"Und was wollt Ihr tun?" "'Ich wende mich'" antwortete Rinaldo, "'mit der herzlichsten Bitte meines Lebens an Euch, an die Freundin, die ich einst aus finsterer Kerkernacht ins Licht des Lebens zog!'" "Ich errate diese Bitte!" seufzte Violanta. "'Folgt mir Dianora, so bluht mir das Gluck meines Lebens. Ich bin fest entschlossen, mein Leben daran zu wagen, meine vergrabenen Schatze aufzusuchen und dann nach Spanien zu gehen, wohl weiter, dorthin, auf jene glucklichen Inseln, wo ein ewiger Lenz den frohen Bewohnern lacht. Dort, Violanta, wollen wir in stiller, vertraglicher Einsamkeit leben, dort wollen wir froh und glucklich sein!'" "Das war auch unser Wunsch auf Pantaleria! Das Gluck erfullte ihn nicht." "'Vielleicht lachelt es uns gunstiger in entfernteren Zonen!'" Noch sprachen sie weiter, und Violanta versprach ihm endlich, alles anzuwenden, Dianoren zu bereden , wenn es einer Uberredung bedurfe , dem Rufe der Liebe zu folgen. Melazzo sollte der Ort der Versammlung bleiben, und um einen Mittelsmann zu haben, der dies und jenes besorgte, durch dessen Hande die Briefe gingen, ohne dass er selbst wusste, wozu er seine Hand biete, ward der Pater Amaro erlesen, auf gluckliche Rechnung fur seine Notleidenden und seine Portraitsammlung, der hilfreiche vierte zwischen dreien zu sein. Beide wollten die Sache gehorig uberlegen, und diesen Abend sollten bei einem frugalen Mahle, wozu Violanta ihren Gast bat, alle Punkte festgesetzt und die notigsten Bedingungen, Erklarungen etc. bestimmt werden. Rinaldo ging eben aus Violantas Wohnung, als, dieser gegenuber, aus einem Weinhause einige betrunkene Matrosen auf ihn zu taumelten. Er trat auf die Seite, sie voruberzulassen, als der eine stehenblieb und mit grossen Augen ihn angaffte.

"Straf mich Gott!", schrie er endlich; "wenn ich luge! Kameraden, seht diesen Mann hier an und ihr seht, hole mich der Teufel!, den verrufenen Rinaldini vor euch, wie er leibt und lebt!"

Rasch trat Rinaldo auf ihn zu, ergriff seine Hand, druckte sie bedeutend und fragte:

"Hast du den Mann, den du eben nanntest, gekannt?"

"'Ja, beim Teufel! ich habe ihn gekannt'", sagte jener trotzig, vielleicht ohne die Bedeutung des Handedrucks zu erraten oder auch, um sich nicht irre machen lassen zu wollen.

"Was?" schrie einer seiner Gesellen; "du hattest den beruhmten Rinaldini gekannt? Beruhme dich nicht solcher Dinge! Der Wein lugt aus dir."

"Kamerad!" stammelte jener, "der Wein lugt nicht. Der Wein spricht die Wahrheit."

Lachelnd sagte Rinaldo:

"Geh nach Hause und schlafe deinen Rausch aus!"

"Was?" schrie der Schreier; "Ich hatte einen Rausch? Ich? Mord und Wetter! brullen will ich wie eine Gerichtsposaune, schreien will ich, dass es die ganze Stadt horen soll. So wie Ihr ausseht, so sah er aus, der vermaledeite Raubersultan Rinaldini!"

Bald gab es ein Zusammentreten der Vorubergehenden, es mischten sich endlich Sbirren unter die Umstehenden und fragten, was es gebe?

"Einen Trunkenbold gibt es hier!" sagte der Pater Amaro, der eben herbeitrat, Rinaldo bei der Hand nahm, ihn ins Kloster fuhrte und die Pforte schliessen liess.

Die Sbirren begnugten sich nicht mit des Paters unerbetener Antwort, sie examinierten den Schreier starker und fuhrten ihn endlich, als er bei seiner Aussage blieb, vor den Polizeirichter. Der Pater Amaro fuhrte den Geretteten durch den Klosterhof in den Klostergarten, schweigend bis an die hintere Pforte desselben. Hier nahm er ihn bei der Hand und sagte:

"Eine Liebe ist der andern wert, ein Dienst des andern. Ihr kennt mich nicht mehr. Gram und Kummer haben mich entstellt, aber ich kenne Euch noch. Jetzt fuhre ich Euch aus diesem Garten in jenes Weinberghaus. Dort seht Ihr mich in kurzer Zeit wieder, und dort sollt Ihr mich auch wieder kennenlernen."

Rinaldo wollte Erklarungen, der Pater liess sich auf nichts ein.

"Wir sehen uns bald wieder!" war seine Antwort, und so brachte er ihn in das Weinberghaus, dessen Tur er hinter ihm verschloss, als er ihn verliess.

Rinaldo schwebte in bangen Erwartungen. Er furchtete Verrat und Entdeckungen. Seinen Dolch steckte er sich zur Hand, und ein Plattchen Gift, welches er unter seinem Fingerringe fuhrte, hob er hervor, es im aussersten Notfalle zu gebrauchen. Angstlich klopfte sein Herz; er erwartete und furchtete des geheimnisvollen Paters Zuruckkunft. Bekannter wurden ihm, nach langem Nachdenken, seine Gesichtszuge, dennoch aber konnte er sich seines Namens und seiner Bekanntschaft nicht so, wie er es wunschte, erinnern. Er zog die Uhr beinahe von Minute zu Minute. Die schnell enteilenden Sekunden wurden ihm zu Stunden. Endlich vernahm er Fusstritte. Die Tur ging auf und Pater Amaro, ein Packchen unterm Arme, trat ein. Freudig fiel Rinaldo ihm um den Hals und fragte angstlich:

"Seid Ihr endlich da?"

Der Pater fasste seine Hand und sagte: "Wie so sonderbar! Ich musste Euch retten, Euch der Ihr einst, wie Ihr meintet, mein Gluck mir in die Hand gabt; mein Gluck, das mein Ungluck wurde! wenn es ein Ungluck ist, in diesem Kleide, wenn auch nicht glucklich, dennoch ruhig zu sein!"

Rinaldo staunte den Sprechenden an. Dieser fuhr nach einer kleinen Pause also fort:

"Einst sahen wir uns, als die Notwendigkeit Euch zu der Entdeckung zwang, zu sagen, welchem Manne man Eure Hilfe verdankte, auf dem Schlosse des Barons Denongo"

"Ha! Jetzt erkenne ich Euch wieder!" schrie Rinaldo. "Ihr seid der Sekretar des Barons Denongo, der damals gluckliche Liebhaber der schonen Laura!"

"Der bin ich."

Hundert Fragen schwebten auf Rinaldos Lippen, allen kam Amaro zuvor.

"Ich war", sagte er, "der Gluckliche, den damals Laura liebte. Eurer Grossmut verdankte ich es, dass der Baron mir die Hand seiner Tochter versprach; aber, schlau genug, setzte er dem Ziele unsrer Wunsche einen Zeitraum von drei Jahren entgegen. Er kannte Weiberherzen! Laura liebte mich. Die Zeit, die bose Rauberin der Zartlichkeit! raubte mir ihre Liebe, oder wenigstens ihre Hand. Sie gab die Hand, die mir gehorte, Grafen Lentini, floh mich, meine Klagen, und der Vater bot mir Geld." "Ihr seid beide wortbruchig!" sagte ich, "nahm kein Geld und ging nach Melazzo zu meinem Bruder, der Prior des Klosters ist, in welchem ich mich als Monch befinde. Dies ist meine Geschichte, und dass ich Euch kenne, wisst Ihr. Ich erkannte Euch sogleich, als ich Euch zum erstenmal sah, und wunderte mich der Kuhnheit Eures unverstellten Gesichts. Allgemein werdet Ihr totgeglaubt, und ich rette Euch jetzt, denn schon ist Larm in der Stadt und Session bei dem Polizeigericht. Vermutlich werde ich selbst vorgefordert werden. Diese Kutte lasst mich aber nichts furchten, und ich bin ruhig. Ich erfulle jetzt die Pflichten der Dankbarkeit."

"Edler Mann!" stammelte Rinaldo.

Der Pater legte das mitgebrachte Packchen auseinander und sagte:

"Hier sind Kleidungsstucke. Ich schaffe Euch, so gut es gehen will, zum Franziskaner um. Die Kapuze uber den Kopf, diese falsche Nase ins Gesicht, Farbe auf die Backen, dieser falsche Bart ums Kinn, und Ihr konnt getrost weiterwandern."

Rinaldo fiel ihm um den Hals und stammelte Worte des Dankes. Der Pater half ihn ankleiden, nahm Auftrage an Violanten an, die er punktlich zu bestellen versprach, gab ihm den Segen, zeigte ihm den Weg nach Achi zu, in die Gebirge, und der metamorphosierte Freund wanderte seufzend von dannen. Kaum hatte er die Anhohe erstiegen, als von dem Kastell zu Melazzo ein Kanonenschuss fiel; das Signal, die Tore zu sperren.

"Guter Amaro!" seufzte Rinaldo und eilte weiter.

In der Wohnung eines einsamen Bauerngutes wurde er (als Franziskaner, versteht sich) um Gottes willen gespeist und getrankt; ja, er erhielt auch noch Proviant mit auf den Weg. Damit wanderte er getrost weiter, und als er gegen Abend eine vom Wege etwas entlegene Kapelle der sieben Schmerzen nahe bei einer Quelle fand, entschloss er sich, hinter derselben zu ubernachten.

Als er erwachte und seine Morgenandacht verrichtet hatte, ging er weiter. Schon hatte er Achi im Rukken und naherte sich dem Gebirgspasse, als er ganz unvermutet Gesellschaft bekam. Von der Seite her kamen ein ehrwurdiger Kapuziner und ein artiges Harfenmadchen zu ihm.

"Wir beide", sagte der Kapuziner nach den gewohnlichen Begrussungen "wandern selbander: Ich ihr zum Schutz, Sie mir zur Aufheiterung; so wie uns das Ungefahr zusammenfuhrte. Nun aber, tres faciunt collegium! Musik ist die Freude der Menschen und Heiligen. Ja, eine Harfe ist das Instrument, auf welchem selbst Konig David sich die Grillen vertrieb."

Rinaldo fragte, wohin die Wanderschaft gehe? Das Madchen wollte, wie sie sagte, uber Galati nach Scaletta gehn, der Pater aber gab Pezzolo als das Ziel seiner Reise an.

Da es eben Mittag war, wurde Platz bei einem Brunnen vor einem Pappelhaine genommen. Der Kapuziner offnete seinen Brotsack und teilte mit, was er hatte. Der Brunnen lieferte den Tischtrunk.

"Nun, Annetta!" sagte der Pater, "spiele uns etwas."

Annetta ergriff die Harfe, spielte und sang dazu:

Um des Menschen Wiege wanken

Freud und Leid mit gleichem Schritt,

Sind die Amme seiner Tage,

Wandeln durch sein Leben mit.

Hupft ihm Freude zu der Rechten,

Schwebt zur Linken ihm das Leid,

Bis sich beide selbst verlieren

In dem Ozean der Zeit.

Der Pater faltete die Hande und seufzte. Rinaldo wollte sprechen, als Annetta praludierte. Sie spielte und sang:

Letze dich am Duft der Rosen,

Eh' sie welken und verbluhn,

Lass der Liebe holde Blumen

Ungenossen nicht vergluhn!

Freude senkt im Rosenschimmer

Sich auf die beblumte Flur

Folge ihrem Freudenrufe,

Folge ihrer sanften Spur!

Rosa stand vor Rinaldos Sinnen. Er sah sie mit der Guitarre singend in Wusten und Einoden an seiner Seite sitzen, er horte ihre Stimme, dachte sich in vergangene Zeiten und verlor sich in Betrachtungen. Der Pater hatte sein Haupt gesenkt und entschlummerte. Annetta klimperte auf der Harfe. Rinaldo kam endlich zu sich. Es entspann sich zwischen den Wachenden ein Gesprach. RINALDO Du kommst wohl aus Melazzo? ANNETTA Ich komme aus Rametta. RINALDO Wanderst du stets allein umher? ANNETTA Mein altester Bruder begleitete mich. Er spielt eine schone Geige. In Messina hat er sich bei einer Kapelle engagieren lassen. Nun gehe ich in meinen Geburtsort, nach Scaletta zuruck und will meinen Jungern Bruder, der die Flote spielt, bereden, mit mir zu gehen. RINALDO Tragt dir dein Spielen etwas ein?

ANNETTA Ach ja! Ich ernahre Vater und Mutter, die arm, alt und gebrechlich sind.

RINALDO Das ist brav!

ANNETTA Die Eltern haben mich ja auch ernahrt, da ich noch nichts verdienen konnte.

Jetzt erwachte der Pater. Sogleich wurde aufgebrochen und weitergewandert.

Die Sonne sank, die Schatten wurden langer, rundherum wurde alles still; nur die geschaftigen Abendfliegen summten noch ubers Feld; da erreichten sie ein einsames Wirtshaus. Hier nahmen sie Nachtquartier.

Der Tag brach an. Die Waller erwachten. Der Pater stimmte einen Morgengesang an, Rinaldo fiel ein und Annetta akkompagnierte mit der Harfe. Die Wirtin war sehr erbaut von diesem Gesange und bat sich noch einen zweiten aus, womit, wie sie sagte, die Zeche bezahlt sein sollte. Ihr Wunsch wurde ihr sogleich gewahrt, und sie trug sogar, dankbar, noch einen Krug Wein auf.

"Gott segne dich, du frommes Weib, die du die Wanderer labest und erquickst, und schenke dir fur diesen irdischen, den du uns so freundlich gibst, dereinst den Wein der himmlischen Freude!" sagte der Pater.

"Das gebe Gott; so spat wie moglich!" seufzte die Wirtin mit gebrochenen, gen Himmel erhobenen Augen.

Rinaldo sah in diese gebrochenen Augen, nicht ohne weltliche Ruhrung, und druckte ihr die Hand.

"Ach!" sagte die Wirtin, "wenn es Euch doch gefallen wollte, auch diesen Mittag, noch bei mir zu verweilen. Mein Mann ist nach Messina gegangen, ich erwarte seine Zuruckkunft erst in einigen Tagen und ich bin gar nicht gern allein. Wenn nun solche frommen Manner bei mir bleiben wollten, so wurde ich in sehr erwunschter Gesellschaft sein."

"Meine Stunden, liebe Frau, sind gezahlt", antwortete der Pater. "Man erwartet meine Ankunft sehnlich zu Pezzolo."

"Was mich betrifft", sagte Annetta, "so blieb ich gern hier, wenn es in Gesellschaft geschehen konnte, einen Tag auszuruhen, denn ich bin sehr mude."

"Und Ihr, Herr Pater?" fragte die Wirtin, indem sie sich gegen den Pseudopater Rinaldo wandte.

"Ich bleibe hier", antwortete dieser.

"Das ist mir sehr lieb!" sagte die Wirtin und eilte in die Kuche.

"Mir auch!" setzte Annetta hinzu.

"Wenn dem so ist", sagte der Pater bedachtig, "und da ich einmal an Reisegesellschaft gewohnt bin, so bleibe ich auch mit hier. Morgen, so Gott will, wandern wir weiter."

Annetta ergriff sogleich die Harfe, spielte und sang:

Der Himmel streut Blumen

Auf dornigen Pfad;

Der Himmel streut Dornen

Auf blumigen Pfad.

Es welken die Blumen;

Die Dornen zerstreut

Ein freundliches Luftchen

Der heilenden Zeit.

"Was mich betrifft", sagte Annetta; "so halte ich es mit der freundlichen Gegenwart."

"Die Gegenwart", erwiderte Rinaldo, "verschlingt das Vergangene. Der Sturm geht voruber, und helle Sonnenblicke erheitern das erschutterte Herz. Der Mensch ist der Welt geboren; er lebt mit der Zeit. Die Freude mache ihn nie ubermutig; Leiden durfen ihn nicht zaghaft machen. Der Nacht folgt Tag. Morgenrote und Abendrote glanzen an einem Horizont."

Annetta sah ihn aufmerksam an und sagte: "Euch mochte ich predigen horen, Herr Pater!"

"Ich auch", sagte die Wirtin, die eben herzutrat.

Annetta und die Wirtin fuhren fort:

"Wollt Ihr uns nicht etwas vorpredigen?"

Der Kapuziner schuttelte den Kopf, aber Rinaldo bat sich einige Stunden Bedenkzeit aus. Indessen kamen einige Maultiertreiber und hielten mit ihren beladenen Tieren in dem Wirtshause an.

Der Pater kam sogleich mit ihnen ins Gesprach und erzahlte einige Wundergeschichten, die von den Maultiertreibern und Annetten mit offenen Ohren empfangen wurden. Rinaldo sah sich in dem Hause um und wurde von der Wirtin eingeladen, ihren Weinvorrat im Keller zu besehen. Sie offnete freigebig die Schatze dieses Vorrats, und der fromme Gast liess es sich wohl schmecken.

"Ich bin", sagte die Wirtin, "der Geistlichkeit von Jugend auf ganz besonders gewogen gewesen, und ich war' sogar selbst gern eine Nonne geworden, bloss des geistlichen Umganges wegen, aber es hat nicht sein sollen."

Rinaldo trostete sie deshalb. Die Wirtin liess sich recht gern trosten. Ihre Lebhaftigkeit nahm zu. Je weniger sie sprach, je lebhafter wurde sie.

Indessen wurde es uber der Erde auch lebhafter. Die Maultiertreiber wollten weiterziehen und schrien nach der Wirtin, ihre Zeche zu bezahlen. Sie musste den Keller verlassen. Rinaldo folgte ihr und die Gaste zogen von dannen.

Kaum waren sie fort, als drei Bewaffnete eintraten und Wein forderten. Rinaldo musterte die Angekommenen und erinnerte sich an die Zeiten, wo er mit Kerlen dieses Schlags taglichen Umgang pflegte. Er zog die Wirtin auf die Seite und fragte, ob sie diese Gaste kenne?

"Herr Pater! Was denkt ihr von mir und meinem Wirtshause?" antwortete diese. "Ich kenne die Leute so wenig, als mich der Papst kennt. Seit einigen Tagen murmelt man von einer Rauberbande, die im Gebirge hausen soll, vielleicht gehoren gar diese saubern Gaste dazu."

Die Bewaffneten wandten sich an den Kapuziner. Der eine fragte: "Was gibt's Neues?"

"Neuigkeiten", antwortete der Pater, "interessieren bloss Weltleute. Ich weiss keine."

"Man spricht von Raubern in der Gegend."

"Meine Armut furchtet sie nicht."

Indessen war die Wirtin in die Stube getreten; ihr folgte Rinaldo.

"Ei, Frau Wirtin!" fing der Sprecher der Bewaffneten an; "Ihr seid ja recht geistlich von beiden Seiten beschlagen! Mitten drinnen sitzt Ihr in der geistlichen Umgebung, wie eine Rose zwischen Dornen."

"Ei! Wie spasshaft!" lachelte die Wirtin und warf einen scherzhaft sprechenden Blick auf den Pseudopater Rinaldo. Der Sprecher fragte weiter:

"Hat dieses Wirtshaus geraumige Stallung?"

"O ja!" erwiderte die Wirtin; "Wenn die Dragoner hier exerzieren, stallen wir oft 30 bis 40 Pferde."

"Viel Gelass fur Menschen?"

"Ziemlich. Habe ich etwa Besuch zu erwarten?"

"Vielleicht diese Nacht noch."

"Mein Gott! Aber doch wohl"

Indem sprengten drei Dragoner in den Hof. Schnell sassen sie ab, und zwei davon traten in die Stube.

"Die Frau Wirtin", hiess es, "gibt uns ein Glas Wein, und diese Gesellschaft zeigt ihre Passe vor!"

Annetta griff sogleich nach ihrem Passe, und eben das tat auch der Kapuziner, der sein Missiv hervorzog. Die Dragoner fassten die Bewaffneten in die Augen. Der Sprecher schien ohne Verlegenheit zu sein.

"Wir sind reisende Jager", sagte er; "wollen nach Melazzo und wollen uns dort unter das Feldjager-Korps anwerben lassen. Vorher waren wir als Grenzschutzen in Diensten des Prinzen von Policastro. Hier sind unsre ehrlichen Abschiede, die man allenthalben als Passe anerkannt hat."

Die Dragoner sahen die Papiere durch und gaben sie wieder zuruck. Der eine redete:

"Es ist in Melazzo ein verteufelter Streich passiert."

DER GRENZSCHUTZ Wieso?

DRAGONER Da ist auf einmal der Teufelskerl Rinaldini wieder sichtbar geworden.

GRENZSCHUTZ Was? Rinaldini?

WIRTIN Der soll ja aber schon langst tot sein.

KAPUZINER Die Regierung hat ja die Nachricht von seinem Tode offentlich ausrufen, gedruckt anschlagen und bekannt machen lassen.

GRENZSCHUTZ Das habe ich selbst in Messina gelesen.

RINALDO Ich nicht weniger.

WIRTIN Alle Reisenden haben es bei uns erzahlt.

DRAGONER Das kann alles nichts helfen! Er lebt und ist in Melazzo beinahe erwischt worden. Er hat sich ins Franziskanerkloster salviert und ist entkommen.

KAPUZINER Gott sei bei uns!

DRAGONER Zu Melazzo ist eine Untersuchung. Es sind einige Personen arretiert worden, sogar ein Franziskaner, sagt man.

RINALDO Das muss geschehen sein, als ich Melazzo verlassen hatte. Mir sind das lauter Neuigkeiten. Vielleicht beruht aber die Sache auf einem Irrtum. Ich wenigstens glaube steif und fest, dass Rinaldini nicht mehr unter den Lebendigen ist, denn lasst euch erzahlen! der fromme P. Domenico, ein Mann, der schon hienieden selig ist, hat die Seele Rinaldinis im Fegefeuer erblickt, wohin sein geistliches Auge gar oft sieht. Dort hat der Bosewicht gewinselt, geklagt und um Seelenmessen gebeten. Ich habe deren selbst drei, auf Befehl der Obern, fur den Missetater lesen mussen, secundum faciem sanctorum, aus christlicher Liebe und Erbarmung.

WIRTIN Hat das aber der Bosewicht auch verdient?

RINALDO Sind wir nicht alle sundige Menschen? Gott mag richten!

DRAGONER Herr Pater! Ihr habt gewiss das Geschaft, die armen Sunder in hohe Gegenden zu begleiten? Das hort man gleich an Euern Reden. Ich habe dergleichen Worte schon bei Exekutionen gehort.

Indem sprengten abermals sechs Dragoner in den Hof.

"Wisst ihr auch", schrie der Wachtmeister, als er in die Stube trat, "dass das Dorfchen Norretto in Flammen steht?"

WIRTIN Norretto? Ach Gott! In Flammen?

WACHTMEISTER Von Raubern angesteckt.

WIRTIN Von Raubern?

WACHTMEISTER Es hat seine Richtigkeit. Rinaldini, der Teufelsbraten, lebt, ist entwischt, steht an der Spitze einer Bande, haust in den Gebirgen von Achi, sengt und brennt.

WIRTIN O! Der schlechte Kerl!

KAPUZINER Den Gott zuchtigen und verdammen moge! Der schlechterdings dem Galgen nicht entrinnen will und darf.

WIRTIN O! Der schlechte Mensch!

WACHTMEISTER Sind hier die Passe aufgezeigt?

DRAGONER Es ist alles in seiner Ordnung, wie es sich gehort.

WACHTMEISTER Sitzt auf, Burschen! Es wird gestreift!

Die Dragoner verliessen die Stube und das Wirtshaus. Rinaldo stand vor der aussern Tur des Wirtshauses, als der sogenannte Grenzschutz auf ihn zukam, ihm die Hand und ein Goldstuck hineindruckte. Rinaldo sah ihn verwunderungsvoll an:

"Was soll das?"

"'Zu Seelenmessen, fur Rinaldini.'"

"Dein Name?"

"'Morletto.'"

"'Dein Gewerbe?'"

Morletto schwieg. Rinaldo wiederholte die Frage; Morletto nahm in bei der Hand.

"Du gehorst zu der Gesellschaft im Gebirge!"

"'Herr Pater!'"

"Du gehorst zu der Gesellschaft im Gebirge! Kommandiert euch Cinthio oder Luigino?" "'Herr Pater! Ich weiss nicht, wie Ihr'" "Ohne Furcht, ohne Zuruckhaltung!" "'Nun dann, in Henkers Namen! Ja! Ich stehe unter Cinthios Kommando.'" "Gut! Nimm dein Goldstuck zuruck. Die Seelenmessen lese ich gratis. Deinem Hauptmann Cinthio gib diesen kleinen Siegelring. Er kennt ihn, er weiss, wer ihm den Ring schickt. Gott befohlen, wackrer Grenzschutz!" Rinaldo entfernte sich schnell. Er sass jetzt im Garten. Die Grenzschutzen hatten das Wirtshaus verlassen. Rinaldo vertiefte sich in mancherlei Spekulationen und Gedanken. Der Kapuziner umwandelte das Haus, Annetta klimperte auf der Harfe, und die Wirtin hatte Kuchengeschafte. Unruhig wanderte Rinaldo endlich uber die Gartengrenze. Ihn empfing eine schone Wiese. Mitten auf derselben, unter hohen Pappeln, stand eine kleine Kapelle. Er nahte sich derselben. Eine Dame lag betend vor dem Altar. Er trat einige Schritte zuruck, und als sie sich zum Aufstehen bewegte, wandelte er voruber. Sie verliess die Kapelle. Er drehte sich und kam ihr entgegen. Sie neigte sich ganz unbefangen gegen ihn, und erschrokken erkannte Rinaldo in ihr eine langst Bekannte.

Sie wollte vorubergehen; Rinaldo redete sie an und lobte sie ob ihrer Andacht.

"Ach! Herr Pater!" sagte sie. "Ich bin eine schlimme Sunderin! und eine Ungluckliche zugleich!"

"Viel auf einmal, schone Frau! Ein Fremder darf nicht so kuhn sein, sich in Euer Vertrauen eindringen zu wollen, aber fragen mochte ich doch, wen ich vor mir zu sehen das Gluck habe?"

"Ich bin die Grafin Lentini."

Nun wissen die Leser aus der Erzahlung des guten Portraitsammlers, des P. Amaro in Melazzo, dass diese Grafin Lentini eben jene Laura Denongo war, die Rinaldini schon langst kannte.

Sie sprach weiter und notigte den gleichfalls gesprachigen Pater hoflich, auf ihrem nahegelegenen Schlosse einzukehren.

"Mein Gemahl", setzte sie hinzu, "ist schon seit drei Tagen abwesend. Er kommandiert als Oberster die Truppen des Konigs, die gegen eine starke Rauberbande ausgeruckt sind, die unsagliches Ungluck uber die ganze Gegend umher verbreiten."

Davon erzahlte sie einige Tatsachen. Schweigend begleitete Rinaldo die Erzahlerin. Sie kamen in das Schloss. Rinaldo folgte der Einladung. In dem Schlosse befand sich Leonore, die Schwester des Grafen Lentini, ein Madchen in der schonsten Blute ihrer Jahre, schlank und schon gewachsen, gefuhlvoll, mit sanftem Reiz geschmuckt und mit einem Paar sehr feurig sprechender Augen, die sich in den lieblichsten Kreisen sanfter Anmut drehten. Dieser Schonheit stand der verkappte Pater eben nicht gar anmutig entgegen und wurde mutwillig lachelnd von ihr willkommen geheissen.

"Verwunschte Larve!" seufzte Rinaldo bei sich selbst und sprach nicht ohne Verlegenheit mit dem Fraulein, die das Gesprach sehr bald endigte.

Laura sass nachdenkend am Fenster und blickte in die freie Gegend. Rinaldo sprach von ihrem Gemahl; ihre Antworten begleiteten Seufzer.

Ein Bote brachte einen Brief von dem Grafen, der seiner Gemahlin schrieb, er habe das Lager der Rauber umschlossen, und man erwarte stundlich ein Gefecht, weil, dem Anschein nach, die Umringten entschlossen waren, sich hartnackig zu verteidigen.

Das Gesprach fiel nun ganz naturlich auf die Rauber.

"Es scheint", sagte Rinaldo, "der Mann, der die Rauber anfuhrt, ist noch einer aus Rinaldinis Schule."

LAURA Ob er aber auch so grossmutig ist, als Rinaldini es war?

RINALDO Habt Ihr ihn gekannt?

LAURA Ich kann es nicht leugnen, werde es auch nie leugnen. Was ich seiner Grossmut verdankte, sollt Ihr horen.

Sie erzahlte ihm die Geschichte der Uberrumpelung ihres Schlosses, die wir kennen, und schilderte seine grossmutige Aufopferung. Ach! sie wusste nicht, wem sie dieselbe erzahlte. Ihre Erzahlung beschloss sie mit Tranen. Jetzt war Rinaldo auf dem Punkte, sich zu entdecken, doch dachte er einen Augenblick nach und hielt seine Entdeckung zuruck. Ziemlich keck aber fragte er ohne Einleitung: "Seid Ihr nicht glucklich vermahlt?"

Laura schlug die Augen nieder und seufzte: "Ich habe einen guten Menschen hintergangen, dem mein Herz, dem meine Hand gehorte; ich habe ihn ins Ungluck, zur Verzweiflung, ach! vielleicht habe ich ihn in den Tod getrieben!"

Ein Tranenstrom endigte ihre Rede. Rinaldo ergriff ihre Hand und sagte: "Er lebt!"

"'Er lebt?'" schrie sie laut auf.

"Er lebt und liebt Euch noch."

"'Er liebt mich noch? Kennt Ihr ihn!'"

"Ich kenne ihn und weiss um Eure Geschichte. Ich erfuhr sie von ihm selbst."

"'Wo lebt er?'"

"Zu Melazzo."

"'Wie geht es ihm?'"

"Er kann Euch nie vergessen."

"'Womit Ach Gott! erratet diese Frage!'"

"Ich errate sie. Er hat keinen Mangel."

"'Gelobt sei Gott!'"

"Er tragt das Ordensband des heiligen Franziskus; jetzt Pater Amaro genannt."

"'Amaro! Ach, Amaro!'"

Rinaldo wollte sprechen, als Leonore ins Zimmer trat.

"Ich habe mir", sagte sie, "von meinem Bruder ausgebeten, gefesselt mir den wilden Rauberhauptmann Cinthio zu zeigen; das hat er mir versprochen. Was, in aller Welt, hatte ich nicht darum gegeben, hatte ich so den kuhnen Rinaldini zu meinen Fussen sehen konnen!"

"'Wie grausam Ihr seid!'" rief Rinaldo nicht ohne Bewegung aus.

"Das bin ich gewiss nicht!" lachelte das Fraulein; "Aber das Eigene und Einzige dieser Begebenheit macht, dass ich ihre Erfullung wunschte. Doch da es nun einmal Rinaldini nicht sein kann, so soll es wenigstens sein Nachfolger Cinthio sein."

Rinaldo lachelte und wollte eben antworten, als Laura bemerkte, ein Madchen mit einer Harfe komme ausser Atem uber den Schlosshof gesprungen. Es war, wie Rinaldo sogleich vermutete, Annetta. Sie bat um Schutz.

"Was hast du vor? Was gibt es?" fragte Leonore.

"'Ach!'" antwortete Annetta keuchend. "'Das nachstgelegene Wirtshaus haben Rauber uberfallen. Sie suchen Euch, Herr Pater!'"

"Mich?" fragte Rinaldo besturzt. "Mich suchen die Rauber? Mich? Was wollen sie von mir?"

"'Wo ist der Franziskaner, schrien sie, dem dieser Ring gehort? Dabei zeigten sie einen Ring vor und beschrieben Euch sehr deutlich.'"

LAURA Was ist das mit dem Ringe?

RINALDO Zwar vermisse ich seit einigen Tagen einen mir sehr werten Ring, aber wie sollten Rauber

ANNETTA Man suchte Euch im ganzen Hause, und ich entfloh.

LEONORE Nun werden sie Euch auch hier bei uns suchen.

LAURA Kann der Verlust des Ringes Euch Nutzen oder Schaden bringen?

LEONORE Ihr musst fliehen!

RINALDO Ich fliehen? Was hat ein Franziskaner zu furchten?

LEONORE Von Raubern? Alles, so gut wie jeder Mensch.

RINALDO Und wenn ich nun gehe, Euch hier, ohne mannlichen Beistand, allein lasse? Das kann ich nicht! Dieses Gewand ist heilig. Ich setze meinen Kopf daran, die Rauber sollen hier, wo ich bin, keine Gewalttatigkeit ausuben.

LAURA Herr Pater! was Ihr sagt der Ton, die Stimme, womit Ihr das sagt macht mich noch weit verlegener, als ich es schon bin.

RINALDO Ohne Verlegenheit! Wir sind ausser Gefahr.

LEONORE Durch Euer Gewand, Herr Pater! bei Gott nicht! Wenn Ihr nicht etwa Bekannte, gute Freunde unter den Raubern habt.

RINALDO Ich?

LEONORE Vergebt! Ohne diesen Umstand kann ich nicht glauben, dass wir ausser Gefahr sind; Ihr selbst konnt es nicht sein. Also flieht! Wir tun am besten, wir packen ein und erwarten den Besuch hier nicht. Da noch dazu mein Bruder gegen die Rauber kommandiert, so wird sicher ihre Rache schrecklich sein!

RINALDO Seid ruhig! seid unbesorgt!

LAURA Herr Pater, tauschet uns nicht mit falschen Hoffnungen! Ich habe einst das Ungluck erlebt, dass meines Vaters Schloss von Raubern uberfallen wurde, und weiss es noch gar zu wohl, wie uns damals allen zumute war.

RINALDO Ich auch!

LAURA Ihr? Herr Pater! Ihr! Was sagt Ihr? Wenn ich Um aller Heiligen willen, lasst mich keine Wahrheit ahnen.

LEONORE Schwester, was willst du sagen? Welche Wahrheit

LAURA O! was kann, was will ich sagen! Auf unsre Rettung lasst uns denken!

RINALDO Ihr bleibt hier und furchtet nichts. Ich will doch sehen

LEONORE Was wollt Ihr sehen? Glaubt Ihr?

RINALDO Ich kann Euch, mich , ich will und kann uns alle schutzen!

LEONORE Durch ein Wunder? Denn wodurch sonst?

RINALDO Durch mich selbst.

LAURA Allmachtiger Gott! soll ich

RINALDO Ihr sollt erwarten, was geschieht, und sollt ohne Furcht sein.

LAURA Mann! Ich schwore

RINALDO Keine Schwure! Ruhig! ruhig!

LEONORE Ich kann mir nicht erklaren

RINALDO Wozu Erklarung? Jetzt, wie immer, macht Euch nur der Glaube selig. Ich aber weiss, was ich sage, stehe fur alles, was ich verspreche, mit Leib und Leben! Seid Ihr mit dieser Erklarung zufrieden? Seid Ihr beruhigt? Oder soll ich Euch Zeichen und Wunder sehen lassen, ehe es noch notig , ja! sogar ehe es nur heilsam ist? Lasst die Suchenden gegen dieses Schloss anziehen, lasst sie den Franziskaner suchen , sie sollen ihn finden! Fliehen wird er nicht. Hier stehe ich. Euch deckt meine Hand, und die Grafin Lentini soll mich Nein! weiter nicht! Kein Wort, keine Silbe, keine Versprechungen weiter! Aber Eurer Flucht widersetze ich mich durchaus. Ihr sollt hierbleiben um zu sehen

LEONORE Seid Ihr vielleicht der heilige Franziskus selbst? Schwester! Eilig! Lass uns einpakken!

RINALDO Tut, was Ihr wollt.

Ein Bedienter sturzte ins Zimmer und meldete, der Turmwachter sehe Flammen und einen Zug, der sich dem Schlosse nahere.

ANNETTA Heilige Jungfrau!

BEDIENTER Es brennt allenthalben. Von Sesinetta her ertont die Sturmglocke.

RINALDO Lasst sie ertonen! Fort! Zieht die Zugbrucke auf! Wir erwarten die Kommenden, wer sie auch sein mogen.

Der Bediente eilte davon. Laura verbarg ihr Gesicht ins Schnupftuch; Leonore sah den Pater verlegen an; er ging hastig im Zimmer auf und nieder; Annetta stand zitternd in einem Winkel. Rinaldo sprach: "Ihr habt das Wort eines Mannes und glaubt ihm nicht; Ihr wollt fliehen und habt keine Kraft zum Fliehen: Ihr wollt meinen Worten nicht trauen, weil diese Monchskutte Euch das Vertrauen raubt; aber ich will diese Kutte von mir werfen und Euch beweisen"

Indem sprengte ein Reitknecht in den Hof. Laura schrie:

"Giorgio! Der Reitknecht meines Gemahls!"

"Kommt er?" fragte Leonore hastig und riss die Zimmertur auf.

"Giorgio!" rief Laura.

"Giorgio! Wo ist dein Herr, mein Bruder?" fragte Leonore.

Er sturzte atemlos die Treppe herauf, durch den Saal, ins Zimmer.

"Ach! Gnadige Grafin!" stammelte er. "Ich bin Ach! heiliger Gennaro! Kaum kann ich es sagen "

LAURA Um des Himmels willen! Was ist es? Was hast du zu sagen?

LEONORE Rede! Wo ist

LAURA Mein Gemahl

GIORGIO Er ist Verzeiht! O! dass ich es sagen muss! Aber

LEONORE Ohne Umschweife!

GIORGIO Mein Herr der Herr Graf Euer Herr Gemahl ist Ach! Er ist in der Gewalt der Rauber!

LEONORE Er?

GIORGIO Beim Rekognoszieren haben sie ihn gefangengenommen. Hier sind einige Zeilen von ihm. Der Rauberhauptmann gab mir die Erlaubnis, dieses Briefchen hierherzubringen. Hier ist es. Laura las:

"Liebe Laura,

Ich bin in Gefangenschaft geraten. Giorgio wird dir sagen, wie es zugegangen ist. Der kuhne Cinthio erlaubt mir, dir dies zu schreiben, und missbraucht die Gewalt nicht, die der Zufall ihm uber mich gegeben hat. Sende mir sogleich 3000 Stuck Dukaten. Dieses ist der Preis, der auf meiner Freiheit steht; je eher du das Geld sendest, desto eher siehst du wieder deinen Gemahl"

Loisio Lentini.

Laura faltete, als sie den Brief gelesen hatte, die Hande und sah gen Himmel. Leonore hiess Giorgio gehen und warf sich auf ein Sofa. Rinaldo ging rascher noch als zuvor im Zimmer auf und ab.

LAURA Ich? 3000 Stuck Dukaten? Schwester! Ach! Schwester! 3000 Stuck Dukaten!

LEONORE Der Konig muss den Bruder auslosen!

LAURA Aber, ehe das geschieht?

RINALDO Ihr habt kein Geld? Konnt kein Geld schaffen? Meine Grafin! Ich glaubte, die Tochter, das einzige Kind, die Erbin des reichen Barons Denongo musste konnte nie um 3000 Dukaten verlegen sein!

LAURA Ach! Mein Gemahl braucht viel Geld. Ich kann mich nicht verstellen! Wir konnen ohne grosse Aufopferungen, ohne langen Zeitverlust diese Summe nicht herbeischaffen.

RINALDO So muss der Rauberhauptmann warten. Vielleicht wird er indessen geschlagen, und dann ist der Graf ohnehin frei. Zwar wird er doch es kann Aber das war' denn wohl nur der Fall, wenn alles verloren war'!

LEONORE Welcher Fall?

RINALDO Es sind freilich Rauber, aber Sie machen es nun einmal nicht anders!

LEONORE Was tun sie?

RINALDO Es geschieht wohl auch nur im aussersten Notfall, aber dann wenn sie alles, sich selbst verloren sehen, ermorden sie ihre Gefangenen. Und den Damen geht es vorher ubel.

LEONORE Grosser Gott!

Rasch sprang Laura auf und ging bedeutend und voll Entschlossenheit im Zimmer auf und nieder, wandte sich dann gegen Rinaldo und fragte:

"Herr Pater! Wisst Ihr meinen Gemahl zu retten?"

RINALDO Ich? Ach! heiliger Franziskus! Wir durfen ja keinen Carlino, geschweige denn Gold bei uns fuhren. Und 3000 Stuck Dukaten! Wie konnt Ihr so viel bares Geld bei allen Franziskanerklostern des ganzen Konigreichs, geschweige denn bei einem armen, einzelnen Franziskanermonche suchen?

LAURA Herr Pater! Ihr konnt uns retten.

RINALDO Beschutzen kann ich Euch, aber Euern Gemahl , den mag Pater Amaro retten.

LAURA Wahrhaftig, diese Antwort habe ich verdient!

RINALDO Vielleicht konnt Ihr, schones Fraulein, Euern Bruder retten?

LEONORE Mit so viel Geld wahrhaftig nicht. Keinen Spott, Herr Pater!

RINALDO Ich spotte nicht! Habt Ihr auch das Gold nicht, so habt Ihr dennoch Macht und Gewalt genug, Euern Bruder zu retten.

LEONORE Ich habe Euch nichts mehr zu antworten!

RINALDO Seht, da kommt schon die Nachricht, dass die Zugbrucke des Schlosses aufgezogen ist.

Ein Bedienter brachte wirklich diese Nachricht.

RINALDO Habt ihr Waffen?

BEDIENTER Acht Flinten, zwei Buchsen, einige Paare Pistolen und viele Sabel sind im Schlosse.

RINALDO Kanonen?

BEDIENTER Haben wir nicht.

RINALDO Schlimm! Wieviel Kopfe?

BEDIENTER Den lahmen Gartner, den blinden Stallmeister und den alten Kastellan mit eingerechnet, sind wir unsrer acht Manner im Schlosse. RINALDO Wenig genug! BEDIENTER Jawohl! RINALDO Dennoch wollen wir nicht verzagen, und sollten auch Hunderte kommen. BEDIENTER Aber Herr Pater! Wenn Ihr bedenkt RINALDO Ich habe alles bedacht. Bewaffnet euch, haltet Wache und seid ohne Sorgen! Jetzt wollen wir Musterung halten und uns ein wenig umsehen, wie es ausserhalb des Schlosses aussieht. Er ging; der Bediente folgte ihm. Er bestieg die Warte, besah die Mauern und verteilte die Posten. Der kleinen Besatzung flosste er Mut ein. Als er auf die Galerie zuruck vom Rekognoszieren kam, trat Laura ihm entgegen.

"Ich habe", sagte sie, "alles wohl uberlegt und bedacht, ich kann mich in Euch nicht irren. Ja! Ich weiss, wer Ihr seid."

"Ihr wisst es?" fragte Rinaldo lachelnd.

"Ihr selbst habt Euch verraten. So spracht Ihr auch einst auf meines Vaters Schlosse, in gleicher Gefahr. Und dieser Ton der Stimme! O! ich kann ihn nie vergessen! Ihr habt Euer Gesicht verunstaltet. Diese Farben konnen mich nicht hintergehen! Was konnte ich nicht furchten, kennte ich Euch nicht, wusste ich nicht, dass Ihr Eure Gewalt nicht missbrauchtet. Ich wage es daher, Euch zu bitten, nehmt Euch meiner an und verschafft meinem unglucklichen Gemahl die Freiheit wieder!"

"Wie kam ich zu 3000 Stuck Dukaten?"

"Euer gebietendes Wort"

"Nach dem Worte eines Franziskaners fragt kein Rauberhauptmann."

"Habt Ihr uns nicht versprochen, uns und dieses Schloss zu retten?"

"Euch und dieses Schloss zu retten, habe ich versprochen, aber nicht Euern Gemahl auszulosen."

Laura trat ihm naher, ergriff seine Hand und sagte:

"Es war eine Zeit, in der ich einen gewissen Ritter de la Cintra zu Messina kannte. Dieser Ritter "

Sie schlug, als sie das sagte, die Augen nieder. Endlich, nach einer langen Pause, fuhr sie fort:

"Dieser Ritter ist fur mich tot, und mein Gemahl ist nicht von mir zu retten."

Schnell erhob sie ihre Blicke, druckte mit Warme ihm die Hand und sagte: "Wir sind in deiner Gewalt!"

Rinaldo konnte sich nicht mehr verstellen, mit einem festen Blick fragte er:

"Will Laura in meiner Gewalt freiwillig sein?"

"Sie will."

"So sage ich ihr: Sie hat sich nicht in mir geirrt. Sie kennt mich. Ja, Laura, ich bin "

"Du bist Rinaldini!"

"Der bin ich."

Das Horn des Wachters auf der Warte ertonte. Die Glocke erklang. Die Bewohner des Schlosses sturzten erschrocken herbei. Alle versammelten sich auf dem grossen Saale.

Laura sagte, dennoch aber mit bebender Stimme, indem sie Leonoren bedenklich ansah:

"Nun furchte ich nichts!"

Zwolftes Buch

Der Nebel flieht! Nun schaust du wieder

Hinaus in das bedrohte Land.

Was schlagt des Kuhnen Hoffnung nieder?

Reicht sie dem Waller nicht Hand?

Drei Bewaffnete verlangten, ins Schloss gelassen zu werden. Rinaldo gab Befehl, sie einzulassen. Sie wurden in ein Zimmer gefuhrt, in welchem sich Rinaldo allein befand. Sie traten ein.

"Was" fragte Rinaldo , "fuhrt die Herren zu uns?"

"Vielleicht" antwortete der eine der Bewaffneten, "ist leichter gefunden, als wir es glaubten, was wir suchen."

"Wieso?"

"Wir suchen einen Franziskaner "

"So?"

"Der wenigstens wie ein Franziskaner aussieht und dem dieser Ring gehort."

"Wer sucht den Gesuchten?"

"Der, dem der Franziskaner diesen Ring geschickt hat. Cinthio nennt sich der Suchende. Und der, den wir suchen Herr Pater! Cinthio hat keine Dummkopfe abgesandt. Wir gelten etwas bei ihm, und zwei dovico nicht mehr kennen?"

Rinaldo trat rasch auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und sagte:

"Willkommen, Lodovico!"

"O!" schrie dieser; "War' doch unser Cinthio hier!"

Es wurde von den Dienern Wein aufgetragen.

"Hier ist Wein!" jauchzte Lodovico. "Noch zwei Dinge, und ich erkenne meinen Hauptmann ganz wieder: Ein Madchen und eine Guitarre."

"Auch diese sind im Schlosse zu haben", lachelte Rinaldo.

Sie sprachen viel zusammen, und nach geleerten Flaschen zog Lodovico mit seinen Gesellen ab. Sie nahmen Rinaldos Begehren an Cinthio schriftlich mit.

Gegen Abend kam Lodovico zuruck, gab ein Paket an Rinaldo ab. Den folgenden Morgen trat dieser nicht mehr als Franziskaner, sondern so elegant, als einer der elegantesten Manner Siziliens gekleidet, in seiner wahren Gestalt, mit ungefarbtem Gesicht, ins gewohnliche Gesellschaftszimmer. Leonore sprang verwunderungsvoll vom Stuhle auf. Seufzend und errotend schlug Laura die Augen nieder. LEONORE Was ist das? Herr Pater, welche Verwandlung?

RINALDO Die Kutte hatte mich verwandelt. Jetzt, schones Fraulein, sieht mich Euer holdes Augenpaar so, wie ich wirklich bin.

LEONORE Schwester! Was ist vorgegangen?

RINALDO Die schone Leonore wunschte gestern sich, den kuhnen Rinaldini zu ihren Fussen zu sehen. Ihr Wunsch ist erfullt. Er liegt hier vor ihr und kusst ihre sanfte Hand!.

LEONORE Rinaldini?

LAURA Ja, Schwester! Er selbst.

LEONORE Ewiger Himmel! Was soll ich sagen? Wie kommt sie einem Traume so nahe, diese Wirklichkeit! Rinaldini hier? Der Totgeglaubte lebend und zu meinen Fussen? Steht auf! steht aufl Das Schrecken soll nicht vor mir liegen. Es hat mich ganz ergriffen. Meine Verlegenheit, meine Angstlichkeit wachst mit jeder Sekunde.

RINALDO Nicht angstlich, nicht verlegen! Wir sprechen uns als gute Freunde jetzt vielleicht zum letztenmal. Uberall hin verfolgt mich mein ungluckliches Schicksal. Ich lebe noch mir selbst zur Qual und zum Verderben. Fur mich bluhen in der Welt keine Blumen des Glucks mehr. Zuruck will ich in meine Hohlen wandern, dort winken meines Lebens Herrlichkeiten. Es ist kein Gluck, der Mann zu sein, der ich bin!

LAURA Beklagenswerter, gefurchteter und doch guter Mann!

RINALDO Lebt wohl!

LEONORE Verlassen wollt Ihr uns?

RINALDO Darf ich hier bleiben? Mich sucht ein boses Schicksal allenthalben auf. Nur dort lebt es ruhig mit mir, wo Mord und Schrecken sich um meine Hohle lagern. In diesen Hohlen darf ich, will ich an Euch denken. Und hort Ihr, vielleicht bald, Rinaldo ist gefallen: so schenkt mir eine Trane und wunscht mir Gluck, dass ich gefallen bin.

LEONORE O Gott! und Rinaldini konnte ein Rauber werden?

RINALDO War' ich es nicht gewesen, ich wurde nicht so sprechen, wie ich sprechen muss. Lebt wohl!

LAURA Und mein Gemahl?

RINALDO Ein zweites Rinaldinisches Stuckchen werde Euch, damit Ihr, damit die Welt mich kennenlernt: Euer Gemahl soll frei sein. Meine Ankunft bei Cinthio gibt ihm die Freiheit. Ich gebe darauf Euch mein Wort. Man weiss, dass ich mein Wort nicht breche.

LEONORE Grossmutiger Mann! Ach! geht zu den Raubern nicht zuruck!

RINALDO Es bleibt mir keine Wahl.

LEONORE Grausames Geschick!

RINALDO Es fordert gebietend streng sein Opfer. Ich gebe es ihm selbst.

Da sprengte Lodovico in den Schlosshof, neben sich ein lediges, gesatteltes, schones Pferd. Rinaldo ergriff Leonorens Hand; er druckte sie mit einem tiefen Seufzer. Laura nahm seine Linke. Tranen standen in aller Augen. Er machte schnell sich los, wollte seine Arme offnen, liess sie sinken und eilte aus dem Zimmer.

"Zu Rosse! zu Rosse!" rief er Lodovico zu, warf sich aufs Ross und jagte schnell zum Schlosse hinaus, davon; Lodovico ihm nach. "Ist es doch", sagte Lodovico, als endlich Rinaldo sein ermattetes Pferd anhielt, "als wollten wir die ewige Ruhe erreiten, so jagen wir darauflos! Die armen Pferde haben es empfunden! Hauptmann! Mir kam es vor, als flogen Euch ein paar schone Augensterne nach, voran und zur Seite. Ein Zwillingsschein, so wie die Schiffenden ihn sehen! Nur scheinen diese Sterne immer eher vom Hafen entfernt als demselben nahe zu sein!"

Rinaldo, ohne sich auf Lodovicos Bemerkungen einzulassen, sagte: "Wie es scheint, bist du immer noch ebenso wie sonst bei guter Laune."

"Solange es nur angehen will", erwiderte dieser, "werde ich dabei bleiben. Gute Laune ist eine herrliche Freundin, eine scharmante Gebieterin, kurz, das liebenswurdigste Weib aller Weiber in der Welt; und ich wechsle nicht gern. Was ich habe, behalte ich, solange es mich behalt. Geht mir es denn mit unserem Gewerbe anders als mit der guten Laune? Ich habe beiher schon mit mancherlei mich beschaftigt; aber das weiss der Himmel! das alte Wesen zieht mich doch immer wieder an sich, und mir gefallt's nirgends als da, wo es mir doch nicht gefallen sollte, war's auch nur um meines Leibes willen."

"Um deines Leibes willen?"

"Nun? Ich mochte ihn doch gern bei mir behalten. Wie viele meiner Kameraden mussen ihre Leiber nicht auf Radern und an dreibeinigen Obelisken zusammensuchen! Ich weiss nicht, wie es kommt, dass man sich an etwas gewohnen kann, das doch nie als Gewohnheit respektiert wird."

Rinaldo schwieg. Langsam ritten sie weiter. Gegen Mittag waren sie einem Dorfe nahe, auf welches zugeritten werden sollte. Lodovico bat, rechts feldein nach dem Forste zu zu reiten.

"Dort", sagte er, "treffen wir Leute von uns an. Aber im Dorfe liegen Soldaten."

Kaum hatte er dies gesagt, als querfeldein eine Reiterpatrouille auf sie zusprengte.

"Alle Wetter!" schrie Lodovico. "Da kommen Dragoner!"

"Ruhig!" sagte Rinaldo. "Ich will schon mit den Dragonern fertig werden."

Die Dragoner hielten an. Rinaldo ritt auf sie zu, grusste und wollte voruber, als der Wachtmeister ihm ein: "Haltet an!" entgegenrief.

"Was gibt es?" fragte Rinaldo.

WACHTMEISTER Es gibt hier herum mancherlei, was es nicht geben sollte.

RINALDO Wieso?

WACHTMEISTER Umsonst patrouillieren wir nicht herum. Vor allen Dingen, die Passe aufgezeigt!

RINALDO Und wenn wir keine haben?

WACHTMEISTER Zum Offizier, ins Quartier!

RINALDO Auch das nicht! Ihr drei Mann, wir zwei.

WACHTMEISTER Nun? Da meint der Herr doch nicht etwa gar

RINALDO Was ich meine, davon kann nicht die Rede sein, sondern davon, was ich will.

WACHTMEISTER So? Und was will denn der Herr?

RINALDO Dass man mich ungestort meines Wegs reiten lassen soll. Wofur halt der Herr Wachtmeister mich? Bin ich ihm verdachtig?

WACHTMEISTER Meine Order lautet: Wer keinen Pass hat, wird angehalten und zum kommandierenden Offizier gebracht.

RINALDO War' es denn nicht moglich, dass ein verdachtiger Mensch dennoch einen Pass vorzeigen konnte, indes ein ehrlicher Mann keinen hatte?

WACHTMEISTER Das war' gar wohl moglich; aber meine Order ist klar und deutlich. Der Soldat kann und darf nicht distinguieren; er pariert, befolgt seine Order und bekummert sich um weiter nichts.

RINALDO Liegt Graf Lentini in jenem Dorfe?

WACHTMEISTER Ach Gott! Unser braver Graf Lentini ist in des elementischen Cinthios Handen. Das ganze Korps wird jetzt von seinem Nachfolger, dem Obristen Tornano, kommandiert. Der Cinthio ist ein verfluchter Kerl!

RINALDO Und Rinaldini ist auch wieder auf dem Platze.

WACHTMEISTER Rinaldini? Wo kam' denn der her!

RINALDO Uber's Meer.

WACHTMEISTER Da musste der Teufel drinnen sitzen! Das kann ich nicht glauben.

RINALDO Aufs Wort! Hier, sieht der Herr Wachtmeister? ist eine seiner gewohnlichen Sicherheitskarten: Viaggio seguro. Rinaldini. Er soll dergleichen auch wohl sogar feindlichen Patrouillen geben, wenn er eben dazu aufgelegt ist.

Der Wachtmeister sah ihn mit grossen Augen an und brach endlich aus:

"Wie? Was? Patrouillen? Soldaten? Sicherheitskarten? Da musste ja das Wetter dreinschlagen! Wenn z.B. mir das geschah'"

"Konnte das nicht sein?" fragte Rinaldo.

"Nein!" schrie der Wachtmeister. "Ich wurde mich eher niederhauen lassen, als dass ich eine solche Erbarmungskarte annahm'. Dies konnte nie der Fall sein!"

"'Er ist es! Will der Herr Wachtmeister die Karte behalten?'"

"Wie? Was?"

"'Ich bin Rinaldini.'"

"Ja!" schrie einer von den Dragonern, indem er ihm zusprengte "du bist mein grosser Hauptmann Rinaldini! Unter dir habe ich in Kalabrien gedient. Mit Leib und Seele eile ich dir wieder zu! Ah! Wer einmal von einem solchen Manne, wie du einer bist, kommandiert wurde, der lasst sich nicht mehr von einem Wachtmeister kommandieren, wenn er seinen alten Chef wiederfindet."

"Willkommen, Tolomeo!" sagte Rinaldo. "Ich kenne dich wohl noch. Du hast mit mir bei St. Lucito gefochten, und bei Lunaro warst du auch mit. Willkommen!"

Der Wachtmeister wusste nicht, was er tun sollte. Rinaldo rief ihm zu:

"Behaltet die Karte, sie konnte Euch vielleicht gute Dienste tun. In wenigen Minuten wird jenes Dorf von meinen Leuten alarmiert werden." Damit ritt er davon. Tolomeo und Lodovico folgten ihm. Der Wachtmeister, ausser sich, griff nach den Pistolen. Lodovico schoss, ehe er gespannt hatte, und der Wachtmeister war verwundet. "Mord und Wetter!" sagte Lodovico; "Hauptmann! Du hast eine Gegenwart des Geistes, die dir ganz allein eigen ist. Das kann Cinthio nicht, so entschlossen und brav er auch ist. Gluck hast du auch, wie keiner es hat, das ist nicht zu leugnen, aber die Augenblicke kannst du fassen, wie keiner sie fasst! Das ist es eben, was dich so gross macht!"

"Ja! Beim Teufel!" fiel Tolomeo ein, "Fur einen solchen Mann lasst man sich mit Vergnugen totschlagen!"

"Viva Rinaldini!" schrie Lodovico.

"Aber", fuhr Tolomeo fort, "Cinthio wird sehr ins Gedrange kommen. Morgen rucken 600 Mann Soldaten und 800 Mann Miliz gegen ihn an. Er muss Wind davon haben; denn diesen Morgen hat er sich eilig in die Berge zuruckgezogen. Und wie wollen wir nun zu ihm kommen?"

"Tolomeo", sagte Rinaldo, "du musst uns von jetzt an als eine Salvegarde gelten. Ich bin ein Reisender; dich hat man mir zur Sicherheit mitgegeben: so sagst du, wenn wir wieder auf eine Patrouille stossen sollten, und bleibst in deinem Dragonerornat." "Sieh!" lispelte Lodovico ihm zu, "So weiss ein kluger Kopf jeden Umstand fur sich und zu seinem Vorteil zu benutzen. Auch das macht unsern valoroso Capitano gross, beliebt und bewundert." Der Forst wurde erreicht. Lodovico suchte ein ihm bekanntes Platzchen auf und scharrte versteckten Proviant und Wein aus der Erde.

"Dass Cinthio", sagte er, "hier nicht einmal einen Vorposten zuruckgelassen hat, das ist ein Beweis, dass er sich sehr weit zuruckgezogen haben muss und dass er Wind von dem Generalangriffe hat. Sicher ist er uber den Grango gegangen und zieht sich in seine haltbarsten Platze, in die Berge bei Rocella und S. Domenicho, zuruck. Dort haben wir einmal lange gesteckt, bis uns der Mangel an Proviant endlich aus den Lochern trieb. Damals wurden uns aber die Kopfe tuchtig gewaschen, und ich bekam auch einen Zirkumflex, der mir lange genug besalbt, beolt und beschmiert wurde."

Rinaldo sann nach. Endlich sagte er: "Gehen wir auf Rocella oder S. Domenicho zu, so sind wir in Gefahr, der Miliz in die Hande zu geraten. Rucken die Soldaten vor, so wird's uns im Rucken leer, und ruckwarts gehen wir dann sicherer als vorwarts. Dennoch mochte ich gern mit Cinthio sprechen, ihn zur Loslassung des Grafen Lentini zu bewegen. Doch sehe ich auch ein, dass er jetzt, da er im Gebirge ist, ihn als Geisel recht wohl wird brauchen konnen. Ich weiss also noch nicht recht, wozu ich mich entschliessen soll."

"Hauptmann!" begann Tolomeo, "Wie war's, wenn du mich an Cinthio mit mundlichen Auftragen abschicktest: denn etwas Schriftliches von dir bei mir zu haben, das mochte wohl nicht gut sein. Ich gelte fur eine Ordonnanz, und so komme ich sicher durch die Milizen. Die Grafin Lentini will ihren Gemahl auslosen, sie handelt und schickt mich an Cinthio. Mit dieser Luge komme ich bis zu ihm."

"Dein Vorschlag lasst sich horen! Er ist gut, klug, und wahrscheinlich ist es, dass du deinen Zweck erreichst."

Daruber wurde mehr gesprochen. Tolomeo wurde genau unterrichtet und machte sich auf den Weg. Rinaldo nahm Lodovicos Rat an, im Walde zu ubernachten.

"Wir haben in diesem Forste eine unterirdische Hohle", sagte er, "die oft, wenn die Not gross war, unserer zwolf bis sechzehn Mann aufgenommen hat. Freilich logierten wir ein wenig eng, aber dennoch sicher."

Diese Hohle wollten sie aufsuchen. Sie nahmen die Pferde bei den Zugeln und wanderten darauf zu.

Lodovico trat auf die verborgene Feder der mit Rasen belegten Falltur der Hohle. Sie gab nicht nach.

"Wetter!" rief er aus, "die Feder gibt nicht nach. Es sind Menschen in der Hohle. Es mussen welche von den unsrigen sein."

Er legte sich auf die Erde, druckte das Ohr fest an den Boden und sagte:

"Ja, ja! In der Hohle stecken Menschen."

Darauf legte er sich an eine Fichte, zog den Dolch und gab das klingende Waldsignal, auf eine unter der Bande verabredete Art. Die Falltur wurde geluftet und eine Stimme fragte heraus: "Wo wird getanzt, gekocht und getrunken?"

Lodovico antwortete schnell:

"Wir tanzen auf dem Schlosse, kochen auf dem Kirchplatze und trinken im Kammerlein bei der Mutter Eva."

Dies waren Fragen und Antworten, an denen man sich erkannte. Die Falltur hob sich. Eine Stimme rief:

"Willkommen, Lodovico!"

"Wie, zum Teufel!" fragte dieser, "kommt ihr denn in die Spelunke, da Cinthio sich zuruckgezogen hat? Wer steckt denn drunten?"

"Wir sind", war die Antwort, "verwundet zuruckgeblieben. Claudiano und ich. Dazu haben wir noch die beiden Madchen Loretta und Melissa bei uns, die mit wunden Fussen den Retirierenden nicht schnell genug folgen konnten." "Gut!" fiel Lodovico ein. "So finden wir noch Platz." "Wieviel Kopfe?" "Zwei Menschen- und zwei Pferdekopfe. Es haben einmal vier Rosse mit unten gesteckt." "Wer ist bei dir?" "Cinthios bester Freund." Die Tur ward gehoben, die Pferde wurden den schrag hinablaufenden Weg hinuntergefuhrt, und die Ritter folgten. Alle hatten nun in der Hohle ihre bestimmten Platze. Die Hohlenbewohner erfuhren, wer unter ihnen war. Staunend schwiegen sie und kussten dem vornehmen Gaste die Hande. Er streckte sich auf das beste vorhandene Lager und machte Grillen. Alle schwiegen. Er unterbrach diese Stille: "Madchen! Ihr habt Guitarren, wie ich sehe, spielt und singt mir etwas vor." Die Madchen ergriffen die Guitarren, spielten und sangen.

Wechselgesang

LORETTA

Wenn die Voglein traulich scherzen,

In dem neu begrunten Hain,

Steigt es mir so froh zu Herzen,

Wunsch' ein Voglein ich zu sein!

MELISSA

Wenn die frohen Lammer spielen

In dem bunten Wiesenklee,

Wunsch' ich, so wie sie, zu fuhlen,

Wird mir's ach! so wohl, so weh!

LORETTA

O! wer sagt mir, was ich fuhle?

Was mich froh und glucklich macht?

MELISSA

Das sind, Liebe! die Gefuhle,

Deiner sanften Zaubermacht.

BEIDE

Ja! das ist es, was ich fuhle.

Was mich froh und traurig macht.

Es sind, Liebe! die Gefuhle

Deiner sanften Zaubermacht.

"O! ihr armen Madchen!" sagte Rinaldo. "Werdet ihr je wirklich fuhlen, wie glucklich Liebe macht? In Hohlen und Waldern versteckt, zieht nie euch der Liebe sanfte Zaubermacht an das freundliche Tageslicht. Wo seid ihr geboren?"

MELISSA Ich bin in Kalabrien, in einer Hohle geboren worden.

LORETTA Ich in Sizilien, im Walde. Wir wurden beide zu solchem Hohlenleben geboren, unter den Leuten, bei denen wir leben.

RINALDO Und es gefallt euch unter ihnen?

LORETTA O ja!

RINALDO Dann freilich darf ich euch nicht beklagen!

LORETTA War denn Rosa auch zu beklagen, als sie bei ihrem Rinaldo, in Hohlen und Forsten, liebevoll verweilte?

RINALDO Rosa war ein gutes Madchen! Ich beweinte ihren Tod, aber um ihr Leben konnte ich sie nie beneiden.

LORETTA Liebte sie nicht?

RINALDO Ist die Liebende beneidenswert?

LORETTA Ich war es.

RINALDO Und dein Gluck hat dich verlassen?

LORETTA Mein Geliebter fiel vor sechs Wochen in die Hande der Miliz, und

RINALDO hangt jetzt?

LORETTA Vermutlich, denn er war ein sehr verwegener Bursch und hatte schon manchem Soldaten den Rest gegeben. O! er war ein rechter Kerl!

RINALDO Du verdienst, die Braut eines Raubers zu sein!

LORETTA Rosa war doch glucklicher als ich, denn sie wurde von dem beruhmtesten aller Rauber geliebt.

RINALDO Du bist ruhmsuchtig?

LORETTA Warum sollte ich es nicht sein? Da ich glaubte, Rinaldini sei tot, wunschte ich mir immer, von Cinthio geliebt zu werden. Nun aber habe ich diesen Wunsch aufgegeben.

RINALDO Und wunschest, von mir geliebt zu werden?

LORETTA Darf ich nicht wunschen, was Rosa, was, wie man erzahlt, Dianora, Olimpia und andere Weiber wunschten?

RINALDO Deine Aufrichtigkeit gefallt mir!

LORETTA Sie ist das Beste an mir.

RINALDO Und Melissa?

LORETTA Denkt, darauf wette ich, ebenso, wie ich denke, aber sie hat noch keinen Liebeshandel gehabt, soviel man weiss.

LODOVICO Ihr Stundlein wird schon auch noch schlagen!

RINALDO Ich beklage euch, ihr guten Madchen! Euch fiel ein so zweideutiges Los des Glucks, dass selbst die Erfullung eurer Wunsche schwerlich ein Gluck zu nennen ist.

LORETTA Man sagt, verzeihe mir, Hauptmann! es noch zu sagen , du seist immer ein wenig gar zu duster gewesen, unzufrieden mit deiner Lage und missmutig.

RINALDO Wer konnte auch in Hohlen frohlich sein?

LORETTA Ich bin es oft gewesen.

MELISSA Ich habe bloss der Notwendigkeit nachgegeben und habe gedacht, wie es ist, willst du es nehmen, weil du es so nehmen musst.

RINALDO Bei euch steht's dennoch, eurer jetzigen Lage aus dem Wege zu gehen; und dazu wollte ich euch raten. Denn gesetzt, ihr fallt der Gerechtigkeit in die Hande, so seid ihr verloren, ohne etwas getan zu haben. Genug, dass sie euch in einer Gesellschaft antrifft, die in schlechtem Kredit steht. Ich biete euch die Hande, euerm Ungluck zu entgehen. Ein Brief von mir an die Grafinnen Lentini soll euch in Dienste bringen, und dann konnt ihr doch wenigstens ruhig und uber der Erde schlafen. Claudiano, der indessen einen Gang vor die Hohle gemacht hatte, kam jetzt zuruck und meldete, er habe Pferde wiehern und viele Menschen sprechen horen. Sicher werde der Forst durchstreift. Sogleich wurden starke Balken unter die Falltur gerammelt, und die Gewehre wurden untersucht.

Gegen Abend schlich Lodovico sich ins Freie und brachte eine gefundene Brieftasche mit. Man fand eine Militarorder darinnen, gegen S. Domenicho vorzurucken.

"Nun halte dich gut, braver Cinthio!" rief Lodovico aus; "und wehre dich mannlich!"

Gegen Morgen rekognoszierte Lodovico, indem Rinaldo den beiden Madchen einen Brief an die Grafinnen schrieb. Als Lodovico zuruckkam, wurde der Abzug aus der Hohle beschlossen. Rinaldo beschenkte die Madchen und ritt mit Lodovico davon. Im freien Felde wurde an einer Quelle unter Pappeln Mittag gehalten. Rinaldo warf sich von einer Seite auf die andere und wurde endlich laut.

"Lodovico!" sagte er, "ich habe mancherlei hin und her uberlegt und meine Lage auf alle Seiten gewendet. Eine gute Seite will durchaus nicht zum Vorschein kommen."

"Bei mir auch nicht!"

"Endlich habe ich beschlossen, es darauf ankommen zu lassen, ob uns das Gluck wieder in die Welt und durch die Welt helfen will."

"Vielleicht! Das Gluck ist eine Donna, und mit den Weibern ist es Euch ja immer gutgegangen. Lasst sehen, was Donna Fortuna fur uns tun wird, und lasst horen, was Ihr zu tun beschlossen habt. Wollen wir wieder in die Welt, nun gut! hier ist ein kleiner Vorrat von falschen Barten und Nasen. Wie so manchem wird ein honestamentum faciei dieser Art angedreht oder von ihm andern angesetzt, und er geht seines Weges. Non cuique datum est, habere nasum! Wir haben welche. In der Gesichtsmalerei habe ich etwas getan. Ein paar Striche, und der Mund sitzt mir krumm in der Larve; einige Punkte, und ein Auge steht hoch, das andere tief. Ich kann mich alt und jung malen, trotz dem geubtesten Schauspieler! Wie soll es also werden?"

"Wir gehen nach Palermo."

"Gut! In dem dortigen Gedrange verlieren wir uns leicht. Die Schutzpatronin von Palermo, die heilige Rosalie, ist ja auch eine Dame, und die Rosalien sind Euch nicht ungunstig. Dieser Umstand scheint mir schon von guter Vorbedeutung zu sein, und er bleibe es! Also frisch nach Palermo!"

"Von dort, zu Schiffe, nach Kalabrien. Das mussen wir wagen! In den Gebirgen liegen meine Schatze vergraben."

"Diese heben wir!"

"Und damit in die Welt."

"Ich wollte, die Schatze waren schon in unserer Gewalt. In die Welt wollten wir leicht kommen."

"So schwer wie moglich!"

"Gut! Wollen wir Palermo erreiten oder erwandern? Wir haben bis dorthin noch eine artige Tour!"

Noch sprachen sie, als aus dem naheliegenden Walde ein Trupp Reiter hervorbrach.

"O! heilige Rosalie! rette uns", schrie Lodovico.

"Lass dir", sagte Rinaldo, "nur nicht ans Gewehr kommen und beobachte meine Mienen und Zeichen genau."

Sie sprangen auf und warfen sich auf die Pferde. Die Reiter hielten. Der Offizier ritt hervor. Er wollte sprechen. Rinaldo kam ihm zuvor.

"Mein Herr Offizier! Ihr befreit mich aus einer grossen Verlegenheit. Diesen Morgen entging ich einem Trupp Beutelschneidern mit genauer Not, durch die Schnelligkeit meines Pferdes. Einige Kugeln flogen an mir vorbei, und meines Dieners Mantel wurde durchlochert. Hier ruhten wir aus und uberlegten, welche Strasse wir einschlagen wollten, denn der Berg vor uns scheint nicht ohne Hohlen und Schlupflocher zu sein. Unter Eurem Schutze haben wir nichts zu furchten. Vielleicht gehort Euch oder einem Eurer Bekannten diese Brieftasche, die verloren unter jenen Baumen lag. Dagegen aber bitte ich, wenn einer Eurer Leute etwa die meinige auf dem Wege gefunden haben sollte, mir dieselbe aus; ich habe sie im Fliehen verloren."

Der Offizier fragte seine Reiter, ob einer eine Brieftasche gefunden habe. Alle verneinten es.

"Wisst Ihr", fragte der Offizier, "dass sich ein Rinaldini wieder sehen lasst? Es sei nun ein falscher oder der wahre Rinaldini, genug, er hat sich so genannt, wie eine Patrouille aussagt, von der der eine Reiter, als einer seiner alten Spiessgesellen, zu ihm ubergeritten ist und dadurch seine Ubermacht uber die Patrouille vermehrt hat."

"Sonderbar genug!"

"Er hat ein grunes Kleid und einen roten Mantel getragen, wie Ihr tragt, hat einen Fuchs geritten, wie Ihr reitet, und sein Diener war der Beschreibung nach ebenso gekleidet wie der Eurige, ritt auch einen Rappen wie dieser."

"Ein fur mich sehr ungunstiger Zufall!"

"Gewiss!"

"Ich sehe ein , dass ich Euch uberzeugen muss, dass ich der Ritter de la Cintra bin. Da ich mein Portefeuille verloren habe, so muss ich Personen stellen, die mich kennen. Ich muss Euch also dringend bitten, mich auf das Schloss der Grafin Lentini zuruckzufuhren, woher ich komme. Die Grafin kennt mich."

"Die Grafin Lentini ist durch ihren Gemahl mir verwandt. Ich nehme keinen Anstand, ihr Zeugnis zu respektieren."

Dahin kam es. Den folgenden Morgen erreichten sie das Schloss. Der Offizier liess die Reiter zuruck und ritt mit Rinaldo und Lodovico ein.

Die Grafinnen erbebten. Leonore verschloss sich in ihr Zimmer.

"Meine schone Cousine!" sagte der Offizier, "Ihr werdet gebeten, uns beide aus einer Verlegenheit zu reissen."

Rinaldo trug die Sache vor. Laura schien sich zu fassen.

"Ich muss", sagte sie, "bekennen, dass ich diesen Herrn schon langst als Ritter de la Cintra kenne."

Der Offizier empfahl sich sehr freundlich und sprengte mit seinen Reitern davon.

Leonore kam herbei. Sie erfuhr den Vorgang und nahm schweigend auf einem Sofa Platz. LAURA Ich war Euch schuldig, was ich jetzt abgezahlt habe.

RINALDO Grossmutige Freundin!

LAURA Ich weiss und erkenne dankbar, dass Ihr einst mir und meinem Vater das Leben gerettet habt. Dass ich nun in Verlegenheit kommen kann, fuhlt Ihr.

RINALDO Ich fuhle es!

LEONORE Welche schwere Verantwortung!

LAURA Unglucklicher Mann! Wie unglucklich machst du alle, die dich auch nur kennen!

RINALDO Seht, das ist es, was meinen Entschluss bekraftigt! Durch mich soll niemand wieder in Verlegenheit kommen. Es ist einmal Zeit zu enden!

Als er das sagte, zog er eine Pistole aus der Tasche und fuhr rasch damit nach dem Munde. Leonore sprang schnell auf, entriss ihm die Pistole, schleuderte sie in eine Ecke und fragte:

"Wisst Ihr, was Ihr uns schuldig seid?" Laura sank mit dem Ausruf: "O Rinaldo!" auf ein Sofa.

Rinaldo hob seine Blicke, sie fielen auf Leonorens Auge, er bedeckte sein Gesicht mit den Handen, sturzte auf ein Sofa und schrie mit dumpfer Stimme:

"Unglucklicher! Wie so sehr unglucklich bist du!"

Leonore ging zu ihrer Schwagerin. Tiefaufseufzend erhob sich diese, und mit gepresster Stimme rief sie:

"Meine Rechnung habe ich, ach Gott! wie redlich! glaube ich, bezahlt. Wir durfen und konnen uns nun nie wieder sehen, Herr Ritter!"

Ein Bedienter sturzte mit dem Ausrufe: "Der Herr Graf!" ins Zimmer.

"Mein Gemahl?" schrie Laura.

"Er selbst!" sagte der Graf, indem er sie in seine Arme schloss. Weinend fiel sie ihm an den Busen und stammelte: "O! Heiliger Gott!"

GRAF Was ist dir?

LAURA Ach! mein Gemahl!

GRAF Leonore! Was ist meiner Laura?

LEONORE Mich frage nicht. Von mir erwarte keine Antwort.

GRAF Was ist das?

LEONORE Ich stehe hier wie vernichtet, glaube zu traumen und kampfe dennoch mit einer schrecklichen Wirklichkeit!

GRAF Was ist hier vorgegangen?

LAURA O! jetzt nur keine Antwort auf diese Frage!

GRAF Wie verlegen macht ihr mich!

LEONORE O! wie sehr sind wir es!

GRAF Ich begreife nicht

RINALDO Ich will es losen, das Ratsel, das sich

LEONORE Schweigt!

GRAF Mein Herr!

RINALDO Lasst mich sprechen!

LEONORE Nicht jetzt!

GRAF Euer Name?

RINALDO Rinaldini.

LAURA Gerechter Gott!

LEONORE Ewiger Himmel!

GRAF Rinaldini?

LEONORE Er ist wahnsinnig!

RINALDO Wie edel! O Grafin! Ihr habt Euch verrechnet! Ihr sollt mir nicht zum zweitenmal das Leben retten. Graf! Ich fordere Euch auf, bei Gewissen und Pflicht, mich nicht entfliehen zu lassen. Ich bin und bleibe in Eurer Gewalt.

GRAF Und ich in der Eurigen.

LEONORE Bruder!

RINALDO Graf!

LAURA Was sagst du?

GRAF Ich war in Cinthios Gewalt. Auf 3000 Stuck Dukaten war mein Losegeld bestimmt.

LEONORE Wir wussten sie nicht herbeizuschaffen!

GRAF Das furchtete ich selbst! "Graf! sagte Cinthio, als ich mich mit Sorgen qualte", "Ihr seid frei; frei ohne Losegeld." Ich staunte. "Wer hat fur mich bezahlt?" fragte ich. "Rinaldini", war die Antwort. "Rinaldini?" "Er hat auf Euerm Schlosse ubernachtet und zahlt seine Zeche mit 3000 Stuck Dukaten. Bald hoffe ich ihn wiederzusehen. Eure Guter sind ihm und mir empfohlen." Ich bin frei, hier, und Rinaldini ist mein Retter!

RINALDO Wehe mir! Wehe Euch, dass ich es bin! Welcher Rechenschaft unterwerft Ihr mich und Euch!

Er sturzte, als er dieses sagte, aus dem Zimmer in die Galerie, hinweg uber diese und hinab in den Garten. Leonore folgte ihm nach. Er horte sie nicht ihm nachkommen. In einer Laube erreichte sie ihn, fasste ihn und forderte ihm sein Gewehr ab.

"O Leonore! Wie grausam seid Ihr!"

"Euer Gewehr!"

"Lasst doch den Unglucklichen sterben!"

"Ich forderte Euer Gewehr! Hier, bei uns, sollt Ihr nicht sterben."

"Nein!" sagte befehlend eine starke Stimme. "Hier sollst du nicht sterben!"

Verlegen trat Leonore zuruck, Rinaldo ging aus der Laube. Ein Mann warf den Mantel ab, und vor ihm stand der Alte von Fronteja.

"Wie?" fragte Rinaldo besturzt. "Bist du auch hier bekannt?"

"Dem Menschen", antwortete jener, "gehort die Welt, und in diesem seinem Eigentum muss er allenthalben bekannt, nirgends darf er unbekannt sein."

Jetzt trat der Graf in den Garten. Der Alte ging ihm entgegen, ergriff seine Hand und schuttelte sie traulich, so, wie man es mit alten Bekannten tut. Sie umarmten, kussten sich und gingen Hand in Hand den Garten hinauf.

Rinaldo sah den Alten bedeutend an und fragte:

"Kennt Ihr diesen Mann auch?"

"Der Bruder kennt ihn", sagte Leonore. "Ich weiss nicht, wer er ist. Wir nennen ihn nur den unbekannten Alten. Mein Bruder aber nennt ihn Nicanor. Nie hat er uns gesagt, wer er ist, was er hier will, und fragten wir darum, so gab er uns keine Antwort. Ihr aber scheint ihn ja auch zu kennen!"

"Ich kenne ihn; dennoch aber weiss ich nicht, wer er ist."

Der Graf verliess den Garten; der Alte kam wieder auf die Laube zu.

"Schone Grafin!" sagte er sehr freundlich, "Diesen Unglucklichen erbitte ich mir auf einige Minuten!"

Leonore verneigte sich und verliess den Garten. Der Alte setzte sich, und das Gesprach begann.

"Ermorden also wolltest du dich?"

"O! hatte ich es doch schon langst getan!"

"Der Mensch hat freien Willen. Sein Leben steht in seiner Gewalt. Daruber kannst du im Seneca und Cicero gar viel, pro und contra lesen. Burden legt man ab; was druckt, wirft man hinter sich. Indessen, bei dem Selbstmorde ist doch noch immer eine Art von Feigheit mit im Spiele. Wer Mut hat, seinem Schicksal die Stirn zu bieten, der erliegt im Kampf nicht so leicht als der Verzagte."

"Wie stirbt man ehrenvoller, durch eigene oder durch Henkershand?"

"So wie in der Welt die Begriffe einmal kursieren, so ist die eigene Hand der Hand des Henkers vorzuziehen. Indessen bis die letztere uns erreicht, hat man Zeit, zur eigenen Hand zu greifen. Du wolltest nur in schone Hande fallen! darum "

"Keinen Spott!"

"Spott?"

"Keinen Scherz! Meine Lage ist zu ernsthaft."

"Und eben deswegen kann ein kleiner Scherz "

"Ach! keinen Scherz!"

"Nun also, ernstlich! Wunderst du dich nicht, mich hier zu sehen?"

"Ich beneidete dich schon um das Gluck, den Tod in den Wellen gefunden zu haben!"

"Ich beneide keinen Menschen um so etwas. Den Wellen entronnen finde ich dich wieder und sehe noch mehr als das , alles wieder, was schon, was sehenswurdig ist."

"Du kennst Lentini?"

"Er ist ein Freund, auch deines Freundes, des Marchese Germano, und der meinige. Darum hatte er auch nichts von Cinthio zu furchten."

"Wie? Ihr alle steht noch immer miteinander in Verbindung?"

"Wir alle."

"Habt ihr noch immer nicht die Expedition nach Korsika aufgegeben?"

"Nicht ganz. Vielleicht gelingt uns bald ein kuhner Streich."

"Gegen Korsika?"

"Gegen Korsika oder gegen sonst einen Weltteil."

"Du lebst von Planen!"

"Fur dieselben."

"Gluck zu!"

"Fur mich und dich! Jetzt einige Worte an dich. Du bist so unbedachtsam gewesen, dich und deinen Namen selbst wieder zu promulgieren , was ein wenig unklug war! und man ist dir uberall auf dem Nacken. Das taugt nichts! Du musst wieder verschwinden, du musst versteckt werden, bis der Sturm voruber ist."

"Wohin?"

"In diesem Schlosse kann man dich nicht lassen, ob du gleich vielleicht gern hier bliebst."

"Gleichviel!"

"Hm! Gleichviel wohl nicht, denn du hast doch einmal hier Bekanntschaft."

"Mich darf kein rechtlicher Mensch kennen."

"Oho!"

"Wenigstens darf er es nicht sagen."

"Bin ich kein rechtlicher Mann?"

"Ich muss es dir verdenken, dass du dich meiner Bekanntschaft freuen kannst!"

"Ich nicht. Doch wieder zu unserer Angelegenheit! Gegen Abend wird ein Mann kommen, der dir diesen Ring, mit einer Maienblume, den ich hier an diesem Finger trage, ubergibt. Diesem folge. Die Nacht ist schon und mondhell. Ihr reitet fort. Gegen Morgen seid ihr an Ort und Stelle."

"Wo?"

"An einem Schlosse, wo man euch einlassen wird und wo du sicher bist."

Rinaldo wollte sprechen. Der Alte stand auf, druckte ihm die Hand, sagte: "Wir sehen uns bald wieder!" und ging schnell davon. Leonore kam in einiger Zeit in den Garten zuruck und fand Rinaldo nachdenkend in der Laube. Sie nahte sich ihm.

"Mein Bruder", sagte sie, "ist mit Nicanor weggefahren. Meine Schwagerin wunscht Euch zu sprechen."

Sie gingen ins Schloss zuruck. Laura fragte nach dem Alten, konnte sich ihres Gemahls Verbindung mit ihm nicht erklaren und erhielt von Rinaldo auch daruber keine Aufklarung.

Gegen Abend kam der Uberbringer des Ringes von dem Alten. Rinaldo schickte sich zur Abreise an. Er nahm Abschied. Von Leonoren begehrte er ein Andenken. Sie gab ihm eine Busenschleife. Er schob ihr schnell einen Ring an den Finger, eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Ross. Vergebens rief Leonore ihm nach. Er sprengte zum Schlosshofe hinaus, begleitet von seinem Fuhrer und von Lodovico. Sie ritten bei Mondenschein die ganze Nacht hindurch, bis an den folgenden Morgen. Auf einem Felsen lag ein altes, kleines Schloss, zur Verteidigung wohl versehen. Dieses wurde erreicht. Der Fuhrer gab ein Signal. Die Zugbrucke fiel. Sie ritten ein. Hier nannte sich Rinaldos Fuhrer als Kastellan des Schlosses und fuhrte ihn herum, sich selbst Zimmer zu seinem Aufenthalt zu wahlen. Er wahlte und fragte:

"Wo bin ich?"

"Auf dem Schlosse meiner gnadigen Frau", antwortete Toronero, der Kastellan.

"Sie heisst?"

"Wisst Ihr das nicht?"

"Ich weiss nicht, wo ich bin, warum ich hier bin, kenne die Besitzerin dieses Schlosses nicht und weiss nicht, wie sie heisst."

"Sie aber kennt Euch. Sie hat mit mir selbst von Euch, von dem Ritter de la Cintra , so heisst Ihr doch?"

"So heisse ich."

" gesprochen, ehe ich abreiste."

"Sie ist hier?"

"Nein. Als ich abreiste, reiste sie auch ab."

"Wohin? Hierher?"

"Das weiss ich nicht."

"Ist sie nicht immer hier?"

"Nur selten und nie lange."

"Wie heisst sie also?"

"Grafin Ventimiglia."

"Ventimiglia? Ich kenne sie nicht; wenigstens nicht unter diesem Namen."

"So weiss ich nicht, was ich denken und sagen soll. Doch, es wird sich gewiss alles aufklaren!"

Der Kastellan ging. Lodovico kam. Er brachte einen Brief von dem Alten. Rinaldo wurde von demselben gebeten, ihm Lodovico zuzuschicken, dessen er bedurfe. Es war ein Bote da. Rinaldo befahl Lodovico, bald wiederzukommen, und dieser versprach es, indem er mit dem Boten davonritt. Der Kastellan, von dem Rinaldo eine Guitarre begehrte, brachte ihm dieselbe, entschuldigte sich zugleich, dass er, uberhaufter Geschafte wegen, nicht immer bei ihm sein konne, versicherte aber zugleich, seine Schwester Margalisa werde oft zu ihm kommen und seine fleissige Gesellschafterin sein.

Margalisa, ein ganz artiges, rundes, tatiges Geschopf, erschien bald und sagte ganz treuherzig, sie sei da, dem Herrn die Zeit zu vertreiben. Rinaldo unterhielt sich schakernd mit ihr. Er pries die schone Aussicht der Gegend.

SIE O ja! Die Aussicht ist schon, die Gegend ist reizend, aber nach und nach wird man sie auch gewohnt, so wie alles, was man taglich sieht, seinen Spiegel nicht ausgenommen.

ER Und in den Spiegel siehst du wohl gern?

SIE Taglich; da musste ich kein Madchen sein! Gewohnlich zwar nur des Morgens, ich musste mich denn etwa in der Kuche schwarz gemacht haben. Sonntags aber geschieht's mehr als einmal, wenn ich in die Kirche gehe.

ER Hast du weit in die Kirche zu gehen?

SIE In einer Stunde bin ich dort. Ich bin aber eine gute Fussgangerin, mein Bruder endet den Weg in einer Stunde nicht.

Rinaldo ging im Zimmer auf und ab, klimperte auf der Guitarre. Margalisa fragte lachelnd: "Konnt ihr auch spielen und singen?"

"Willst du etwas horen?"

"O ja! So etwas hore ich recht gern. Oder wollt Ihr etwas Gesungenes von mir horen?"

Er gab ihr die Guitarre und bat sie, etwas zu singen. Sie spielte und sang.

Romanze

Am Bache lag's Liebchen

Im lieblichen Traum,

Sein Schlummer war ruhig,

Er atmete kaum.

Da sah ihn das Madchen;

Sie schlich sich herzu,

Und freute sich innig

Der friedlichen Ruh.

Sie kusste ihm leise

Das zartliche Licht

Der zitternden Augen;

Er regte sich nicht.

Sie wand seine Locken

Um Finger und Hand,

Und kusste behaglich

Dies ringelnde Band.

Er atmete starker,

Sein Auge ging auf;

Sie druckte, ihn grussend,

Ein Kusschen darauf.

"Was schlummert mein Liebchen

Am rauschenden Bach?

Was kuss' ich im Grunen

Den Schlafenden wach?

Im Arme der Liebe

Schlaft's Liebchen so weich.

Ach! wechsle, mein Trauter!

Dein Lager doch gleich!"

Rinaldo lobte Spiel und Gesang. Sie dankte und gab ihm die Guitarre zuruck. Dabei fragte sie:

"Werdet Ihr lange hier auf dem Schlosse bleiben?"

ER Noch weiss ich das selbst nicht.

SIE Es lebt sich gar zu einsam, wenn die Frau Grafin nicht hier ist. Ich, mein Bruder, seine Frau, eine Magd, zwei Kinder, das ist die ganze Schlossgesellschaft. Da ist ein Tag wie der andere. Das bisschen Arbeit ist bald getan, und dann hat man Langeweile. Es ist etwas Verwunschtes, in einem solchen Bergschlosse zu stecken! Ihr werdet das erfahren. Bleibt Ihr lange hier, so werdet Ihr auch sicher viel Langeweile haben.

ER Aber du bist ja hier.

SIE Das wird euch wenig helfen. Wie konnte ich Euch die Langeweile vertreiben?

ER Du wirst mir mancherlei erzahlen.

SIE Wovon?

ER Von diesem Schlosse.

SIE Was?

ER Allerlei.

SIE Von dem Schlosse weiss ich selbst nicht viel. Mein Bruder aber mag wohl mehr davon wissen.

ER Was denn?

SIE Je nun! Dies und jenes. Unser Schloss hat auch seine Heimlichkeiten.

ER So?

SIE Ich kenne sie aber nicht. Und ich rede auch nicht gern davon.

ER Warum nicht?

SIE Weil ich nichts Gewisses davon zu sagen weiss.

ER Ich habe auch mancherlei davon gehort.

SIE Wirklich? Was denn?

ER Man sagt, es sei in dem Schlosse nicht recht geheuer.

Margalisa sah sich besorgt um, trat ihm naher, legte ihre Hand auf seine Schulter, blickte ihn gutmutig an und sagte:

"Sagt nichts davon!"

Aufmerksam gemacht auf etwas, woran er vorher nicht dachte, nahm Rinaldo eine noch freundlichere Miene an, druckte Margalisen sanft die Hand und sagte in eben dem Tone, in welchem sie bat:

"Ich weiss was ich weiss!"

Verlegen blickte sie ihn an und fragte mit gezogener Stimme:

"Was wisst Ihr denn?"

Bedeutend fuhr Rinaldo mit der Hand sich ubers Gesicht und sagte:

"Ich weiss gar viel und mancherlei."

Margalisa zog ihre Hand von seiner Schulter, ergriff den Zipfel ihrer Schurze, zog ihn gegen die Brust, schlug die Augen nieder und lispelte:

"Ich habe nichts gesagt. Und" setzte sie schnell hinzu, "ich weiss auch nichts zu sagen. Ihr wisst also auf jeden Fall mehr als ich weiss."

Rinaldo griff ihr unters Kinn, richtete ihr Gesicht auf und lachelte ihr zu:

"Das glaube ich selbst!"

Sie sah ihn an und fragte ganz naiv:

"Wie gefallt Euch denn die Frau Grafin Ventimiglia?"

"Ich kenne sie gar nicht!"

"Ach! Ich dachte gar!"

"Ich habe sie nie gesehen."

"Und seid doch auf ihrem Schlosse?"

"Ich bin auf ihrem Schlosse und kenne sie dennoch nicht."

Sie sah ihn an, unterdruckte sichtbar ein: Sonderbar! und fuhr fort:

"Sie hat prachtige Kleider, glanzende Ringe und schones Geschmeide. Man steht nur so neben ihr, wie ein Krokusblumchen neben einer Aloe! Vielleicht kommt sie bald wieder, da Ihr jetzt hier seid, und da werdet ihr selbst sehen, wie wir aussehen, wenn wir nebeneinander stehen."

Mit einem Knicks sprang sie zur Tur hinaus. Rinaldo rief ihr nach, sie war aber schon die Treppe hinab, wie hinuntergeflogen. Er ging ins Zimmer zuruck und warf nachdenkend sich auf ein Sofa. Endlich rief er laut aus: "Sie spielen mit mir das alte Spiel!"

Dreizehntes Buch

Deckt die Ruh wohl ihr Gefieder

Uber dich mit sanfter Huld?

Nein! doch sucht sie friedlich wieder,

Niemals die verhasste Schuld.

Es kamen Boten mit Briefen auf das Schloss, gesendet von dem Alten, der dennoch nie schrieb, wo er sich aufhielt. Rinaldo war in seiner Einsamkeit in einer sehr peinlichen Lage.

Der Kastellan schien ein sehr verschlossener Mann zu sein. Er betrug sich gegen seinen Gast sehr zuruckhaltend. Von Margalisen aber hoffte er, nach und nach mehr zu erfahren. Deshalb tat er sehr artig gegen sie, was ihm gar nicht schwerfiel, denn sie war wirklich ein hubsches Madchen, das noch dazu in der Einsamkeit des einsamen Schlosses doppelte Reize erhielt. Er beschenkte sie sehr freigebig mit einer Halskette und einem Ringe. Diese Kostbarkeiten wurden ebenso gern genommen als sie gegeben wurden. Rinaldo sah an der Aufmerksamkeit, mit der er bedient wurde, dass die Dienstwilligkeit durch die goldene Kette stark an den Geber gefesselt worden war.

Er war einige Wochen auf dem Schlosse, als er durch einen Boten einen Brief an den Alten sandte, in geben. Auch ersuchte er ihn, Lodovico wieder zu ihm zu schicken.

Margalisens Zutraulichkeit wurde nach und nach immer herzlicher, und sein freundliches Entgegenkommen bestimmte das treuherzige Madchen endlich sogar, in dem freundlichen Herrn mehr als den bloss freundlichen Herrn zu sehen. Seine Geschenke und die Einsamkeit taten auch das ihrige, und so kam es denn, dass der Herr Ritter seine schonen Stunden ebenso gefallig als gern erhielt. Das gefiel dem Madchen und gefiel dem Herrn. So waren sie miteinander zufrieden.

Einst, als sie, so ganz traulich wie er, recht liebevoll bei ihm sass, fragte sie lachelnd ganz naiv:

"Die Wievielte bin ich denn wohl, die Ihr schon liebgehabt habt?"

Rinaldo, freilich ein wenig gewandter als das gutherzige Schlossmadchen, wusste die Antwort dieser Frage durch eine Gegenfrage kluglich zu vermeiden. Eine Methode, die wir (gelegentlich gesagt), als sehr heilsam jedem empfehlen wollen, der in die Verlegenheit kommen sollte, einem artigen Madchen eine ahnliche Frage zu beantworten. Er fragte also:

"Der Wievielste von denen, die dich liebgehabt haben, bin ich denn wohl?"

Daruber vergass das gute Kind ihre eigene Frage, wurde noch roter, als sie wirklich schon war, schlug die Augen nieder und zupfte an ihrem Busentuche, sanft den Mund bewegend, ohne zu sprechen.

Durch diese Verlegenheit der Verlegenen so machen's die Manner! noch kecker gemacht, verlor Rinaldo jeden Antwortspunkt aus dem Sinne und wiederholte seine Frage sehr dreist, indem er Margalisens Gesicht dem seinigen entgegendrehte.

Sie wurde daruber fast empfindlich, unterdruckte aber dennoch ihren Unwillen und sagte weinerlich:

"Ihr seid der Dritte meiner Liebhaber, aber der einzige, der Kusse von mir erhalten hat."

Sie schwieg, fuhr aber schnell auf und fragte fast erzurnt:

"Glaubt Ihr das?"

"Ich glaube dir es nicht allein", antwortete Rinaldo gelassen, "sondern ich bin sogar davon uberzeugt."

"Das lasst Euch der Himmel reden!" fiel sie rasch ein und schob etwas, das sie mit der rechten Hand gefasst hatte, unter das Busentuch zuruck.

"Was ist das?" fuhr Rinaldo fragend auf, rang scherzend mir ihr und zog einen Dolch aus ihrem Busen.

ER Das war es, was du gefasst hattest und wieder zuruckschobst? O Margalisa!

SIE Ich habe Euch gegeben, was ich keinem Manne wieder geben kann. Hattet Ihr so frech sein und dieses Geschenk ableugnen wollen, so hatte ich Euch den Mund auf ewig verschlossen, damit Ihr, undankbar, nie in der Welt wieder etwas hattet ableugnen konnen. Ich habe unbesonnen gehandelt, das muss ich mit Schmerzen tragen, aber verhohnen lass ich mich nicht.

Rinaldo sah, dass er es mit einem Madchen zu tun hatte, deren Entschlossenheit seiner Keckheit die Waage hielt. Er fand sich schnell in die gehorige Rolle, warf seine Arme um ihren Nacken, kusste sie heftig und sagte: "Margalisa! Jetzt liebe ich dich zweifach!"

Sie schwieg. Einige grosse Tranen entsturzten ihren Augen. Endlich sagte sie beinahe trotzig:

"Dass ich nicht verdiene, unglucklich zu sein, weiss ich! Aber das weiss ich auch, dass Ihr es mit mir sein werdet, wenn Ihr es vergessen wollt, dass Ihr es seid, der mich unglucklich machen kann."

So hatte er noch kein Madchen sprechen horen. Seine Liebchen hatten ihm wohl nachgeweint, aber mit Dolchen war ihm noch keine nachgefolgt. Er fasste sich aber schnell, kusste Margalisen zartlich und sagte:

"Sei ruhig, Margalisa! Ich werde nie vergessen, was ich dir schuldig bin, da ich von dir geliebt werde."

Da tat es in dem verschlossenen Saale neben dem Zimmer, in welchem sie sich befanden, einen starken Fall.

"Was ist das?" fragte Rinaldo.

Margalisa sprang auf, schrie:

"Das ist ja eben der Ungluckssaal!" und verliess eilig das Zimmer. Betroffen blieb Rinaldo zuruck. Er lauschte und horte nichts weiter. Er legte sein Ohr an die Saaltur. Nichts bewegte sich in dem Saale.

Er wandelte aus dem Schlosse ein Stundchen im Freien umher, genoss das prachtige Schauspiel der untergehenden Sonne, ein Schauspiel, welches immer traurige Empfindungen in seiner Seele zuruckliess, und ging langsam und gedankenvoll den Berg hinauf, wieder ins Schloss zuruck. An der Zugbrucke sah er noch einmal ins Tal zuruck, das schon ganz im Schatten der Abenddammerung lag, und seufzte:

"Es war eine Zeit, da trieb ich, wenn die Abenddammerung auf die Taler sank, meine Ziegen in die kleine Wohnung zuruck, und damals war ich froh und heiter. Jetzt blicke ich von stolzen Schlossern hinab ins Tal, und der Schleier der Abenddammerung umhullt meine Seele mit Traurigkeit."

Er wankte ins Schloss, auf seine einsamen Zimmer zuruck, fand den Tisch gedeckt, und bald darauf trug Margalisa ihm das Abendbrot auf. Er leerte eine Flasche Wein und schellte nach einer zweiten. Margalisa brachte sie ihm.

"Du musst mit mir trinken", sagte er. "Du musst bei mir bleiben. Es ist mir zu einsam; ich bin verstimmt."

SIE Das ist nicht gut! Kann Margalisa Euch aufheitern?

ER Du allein kannst es.

SIE Wenn meine Arbeit getan ist, will ich wiederkommen. Aber Ihr musst mir etwas vorsingen. Ihr singt gar zu artig und konnt so schone Lieder. Einige habe ich Euch schon abgelernt: das Fischermadchen und den traurigen Rittersmann im Felsentale.

ER Komm bald wieder, liebes Madchen! Ich will dir Romanzen und Lieder singen, so viele du horen willst.

SIE In einer Stunde bin ich wieder bei Euch.

Sie hielt Wort, setzte sich, als sie wiederkam, mit ihrem Strickzeug auf ein Sofa, indem Rinaldo, auf der Guitarre klimpernd, im Zimmer auf und ab ging.

"Hat Euch etwa", fragte Margalisa ganz unbefangen, "die Frau Grafin geschrieben? Mein Bruder meinte, sie wurde wohl bald hierherkommen."

"So? Ich habe keine Briefe bekommen."

Eine Pause.

"Ihr erwartet sie doch?" fing Margalisa wieder an.

"Ich weiss von keiner Erwartung!"

"Nicht? Wirklich nicht? Und Ihr seid hier?"

"Das hat einen andern Grund als diese Erwartung."

"Das kann ich freilich nicht wissen."

Eine zweite, langere Pause. Er unterbrach sie:

"Gehoren Dorfer zu dem Schlosse der Grafin?"

"Zwei. Das Dorf am Waldchen und jenes rechts an dem grossen Teiche."

"Sind Kloster hier in der Nahe?"

"Eine Stunde von hier liegt ein Nonnenkloster, vom Orden der heiligen Klara; zwei Stunden weit ist ein Kapuzinerkloster. Weiter kenne ich keine Kloster in der Nahe. In dem Klarenkloster habe ich eine Schwester. Sie ist Pfortnerin."

"Du besuchst sie wohl zuweilen?"

"Gewohnlich des Jahrs dreimal, an den hohen Festen. Es konnte mir in dem Kloster gefallen. Einem armen Madchen bleibt ja auch gewohnlich nichts weiter als ein Kloster ubrig, wenn sie keinen Mann bekommt."

"Den wirst du schon bekommen."

"Ei ja doch! Ihr denkt wohl, die Manner sind bei uns auch nur so zu haben!"

Hier entstand die dritte Pause.

Margalisa sagte endlich:

"Was klimpert Ihr? Singt doch etwas. Ihr habt mir's ja versprochen."

Margalisa ist das Liebchen,

Das mir nur allein gefallt.

"Habt Ihr das Liedchen selbst gemacht?" fiel Margalisa fragend ein. "Ich dichte es unterm Singen." "Aha! Wisst Ihr wohl, wie es in einem Liede heisst, das Ihr auch oft singt? Da singt Ihr:

Nichts erdenken, nichts erdichten

Darf ein Mund, der Liebe schwort.

Vom Erdenken, vom Erdichten

Ward manch Liebchen schon betort."

Er lachte, legte die Guitarre weg, umschlang, kusste Margalisen und sagte: "So will ich die Wahrheit reden. Ich liebe dich!" Sie seufzte: "Wie lange?" Es wurden Fusstritte gehort. Margalisa sprang auf und setzte sich auf einen Stuhl. Er ergriff die Guitarre und stimmte. Der Kastellan trat ins Zimmer. "Ich wollte Euch fragen", sagte er, "ob Ihr etwas an den alten Herrn Nicanor zu bestellen habt?" Rinaldo schrieb an den Alten einen Brief, in welchem er die Bitten seines letzten Briefes wiederholte. Margalisa, die indessen mit ihrem Bruder das Zimmer verlassen hatte, kam, als Rinaldo schellte, wieder dahin zuruck. Er gab ihr den Brief und bat sie, wiederzukommen. "Mein Bruder", antwortete sie, "geht diese Nacht selbst mit dem Boten zu dem alten Herrn. Wenn er fort ist, will ich kommen." Sie ging, und Rinaldo, dem ihre Gesellschaft jetzt beinahe unentbehrlich geworden war, erwartete ihre Zuruckkunft wirklich mit Ungeduld. Gegen Mitternacht trat er ans Fenster und sah hinab ins Tal. Der Mond erhellte die ganze Gegend. Er erblickte am Fusse des Berges einen stark bespannten Wagen und einige Menschen hin und her gehen. Diese kamen bald den Berg herauf ins Schloss. Als sie, aus demselben zuruck, wieder hinabgingen, trugen sie kleine Fasser, wie es schien, mit nicht geringer Anstrengung ihrer Krafte. Sie kamen noch einmal und gingen, ebenso beladen, wieder zuruck. Der Kastellan ging mit ihnen und fuhrte sein Pferd den Berg hinab, das er im Tale bestieg. Die Fasser wurden auf den Wagen gelegt, und der Zug ging im Tale rechts fort. Die Begleiter des Wagens waren bewaffnet.

Gleich darauf trat Margalisa ins Zimmer. Es kam sogleich zum Gesprach.

"Was schaffte man in Fassern den Berg hinab?"

"Ich weiss es nicht."

"Du bist nicht aufrichtig!"

"Eben weil ich aufrichtig bin, sage ich, dass ich es nicht weiss.

Mein Bruder sagt uns nichts von seinen Geschaften. Solche Fasserchen werden oft von hier fortgeschafft. Ich weiss nicht, woher sie kommen und was darin ist. Sie sind sehr schwer. Ihr wisst, dass ich gewiss Starke habe, aber ich kann das kleinste Fasschen kaum von der Erde erheben. Ach! in unserm Schlosse gibt's wohl mancherlei sonderbare Dinge, von denen ich nichts weiss. Mein Bruder ist gar geheimnisvoll. Wir Weiber erfahren nichts von seinen Geheimnissen."

"Er hat also doch Geheimnisse?"

"Das will ich meinen!"

"Ich bin nicht neugierig, aber die Fasser beschaftigen mich doch."

"Mich haben sie schon langst beschaftigt. Besonders, da ich gar nicht weiss, wo sie herkommen. Ich sehe sie nicht ins Schloss bringen, und dennoch sind sie da und werden fortgeschafft."

Rinaldo warf sich aufs Kanapee. Margalisa setzte sich zu ihm und spielte mit seinen Locken.

SIE Ihr denkt nach? Ich habe auch schon nachgedacht gar oft! , aber das hat mir alles nichts geholfen.

ER Weisst du auch nichts von den Geheimnissen des Saals zu erzahlen, den du den Ungluckssaal nennst?

SIE Mein Bruder nennt ihn stets den Ungluckssaal, sagt aber nie, warum, und halt ihn fest verschlossen. Geheuer ist es nicht darin. Wer weiss, welcher Kobold darin hauste!

ER Du glaubst Gespenster?

SIE Ei! Wer wird die nicht glauben! In unsrem Lande gibt's, leider! Gespenster und Hexen vollauf.

ER Auch Hexen?

SIE Ja! Da will ich Euch einmal erzahlen, was ein Franziskanermonch selbst erfahren, gesehen und einem vornehmen Herrn entdeckt hat.

ER Nun? Lass horen!

SIE Ein feiner, artiger, junger Mann fiel einem paar Hexen in die Hande, die ihm, wahrend er schlief, das Herz aus dem Leibe nahmen. Das ist eine Leckerspeise, welche sie gebraten essen. Eben wollten sie das Herz sich wohlschmecken lassen. Er wurde seinen Verlust nicht gewahr, weil er, wie gesagt, schlief. Als er aber aufwachte, fing er an, Schmerzen zu fuhlen, und entdeckte endlich, dass ihm sein Herz fehlte. Der Franziskanermonch, der in eben der Kammer lag, aber nicht schlief, hatte alles mitangesehen und wusste, was die Unholdinnen getan, er konnte es aber nicht verhindern, weil ihn die Hexen bezaubert hatten. Endlich, als nun der arme Mensch erwachte, loste sich die ganze Bezauberung. Die Hexen salbten sich mit einem Ole und flogen davon. Der Franziskaner aber nahm das Herz, das schon gebraten war, vom Roste und gab es dem Jungling zu essen; und der wurde denn mit Gottes Hilfe wieder gesund.

ER Eine schreckliche Geschichte!

SIE Jawohl!

ER Wie lange wird dein Bruder von hier wegbleiben?

SIE Zwei Tage.

ER Konntest du mir nicht die Schlussel zu dem Saale verschaffen?

SIE Was mutet Ihr mir zu! Ich musste Euch gar nicht ein bisschen gut sein, wenn ich Euch die Schlussel verschaffen wollte.

ER Wenn du mir gut bist und mich liebst, verschaffst du sie mir.

SIE Nein! zu Euerm Ungluck mag ich nichts beitragen.

ER Geht dein Bruder in den Saal?

SIE Ich glaube wohl!

ER Und es geschieht ihm nichts? Mir wird also auch nichts geschehen.

SIE Nein! Ich gebe Euch die Schlussel nicht! Wenn Ihr unglucklich sein solltet, ich wusste nicht, was ich anfangen sollte. Und, wenn ich Euch auch die Schlussel wirklich geben wollte, so weiss ich nicht, wo ich sie finden soll. Mein Bruder wird sie gewiss verschlossen haben.

Indem vernahmen sie ein Gerausch. Sie lauschten und horten deutlich, dass es in dem Saale war. Margalisa schmiegte sich zitternd an Rinaldo an. Dieser winkte ihr, zu schweigen. Sie zitterte und schwieg.

Er erhob sich langsam, stieg auf, schlich sich an die Saaltur und lauschte. Es blieb ruhig.

Er ging zuruck. Margalisa erklarte angstlich, sie werde diese Nacht nicht aus dem Zimmer gehen. Rinaldo lachelte und verliess mit ihr das Zimmer. Sie gingen durch das zweite ins dritte Zimmer. Hier wurde Margalisa ruhiger, gleichsam als sei sie durch eine weitere Entfernung von dem Saale in grosserer Sicherheit als in dessen Nahe. Als sie ihn aber endlich verliess, musste sie Rinaldo die Treppe hinab bis vor ihre Kammer im untersten Stock des Schlosses begleiten. Als er wieder in sein Zimmer zuruckkam, fielen seine Blicke auf seine Schatulle. Sogleich fiel ihm ein, dass er in derselben sehr gute Schliessinstrumente habe. Er offnete die Schatulle, nahm die Werkzeuge ehemaliger Geschicklichkeit heraus und entschloss sich rasch, die Geheimnisse des sogenannten Unglukkssaals zu untersuchen.

Ebenso rasch ging er dabei zu Werke, nahm Gewehr zu sich und naherte sich mit Wachskerzen dem Schlosse der Saaltur.

Die Vortrefflichkeit seiner Instrumente kronte sogleich die erste Probe. Die Schlosser wurden geoffnet. Die Saaltur ging auf. Im Saale war es still und finster. Die Fenster verdeckten Gardinen, welche auch der feinste Strahl des Mondes nicht durchbrach.

Er trat in den Saal, der leer und ohne Mobel war. Eine doppelte Flugeltur war rechts. Nur einfach verschlossen, offnete sie sich dem erfahrenen Schliesser bald. Sie fuhrte zu einer langen Galerie, die auf beiden Seiten mit Bildern geziert und mit Wandleuchtern versehen war. Auf den Wandleuchtern steckten Lichter, die, wie man deutlich sah, angezundet gewesen waren.

"Also gibt es hier", sprach Rinaldo bei sich selbst, "Menschen, denn Geister bedurfen dieser Lichter nicht!"

Mit festem Schritt und leisem Tritt ging er weiter und kam am Ende der Galerie an eine gleichfalls verschlossene Tur. Er offnete sie und trat in einen kleinen Saal, dessen Wande auch mit Bildern und Leuchtern behangt waren. Eine Tur, die nicht verschlossen war, fuhrte in ein Zimmer. Dieses war mobliert und zeigte Spuren, dass es von Menschen besucht wurde. Nun ging er behutsam weiter und kam aus dem Zimmer in einen schmalen, dunklen, gewolbten Gang.

Hier blieb er stehen und uberlegte, ob er jetzt weitergehen oder ob er seine ferneren Untersuchungen bis morgen aufschieben wollte. Zogernd ging er nur langsam nach und nach weiter. Er uberlegte noch, als er auf etwas Nachgebendes trat, worauf unter ihm laut eine Glocke ertonte und er langsam auf einer Versenkung in die Tiefe hinabfuhr.

Als er festen Fuss fasste, befand er sich in einem grossen, von einigen schwebenden Lampen nur schwach erleuchteten Gewolbe und sah, dass die Maschine der Versenkung langsam wieder hinaufging. Nun war an kein Zuruckgehen mehr zu denken.

Er stand, lauschte und horte in der Entfernung ein Gerausch wie von einer Pochmaschine und von Raderwerk, das durch Wasser getrieben wird.

"Und sollte ich mich der rauschenden Arbeit der Danaiden, dem Rade Ixions und allen Schrecken des wahren oder eines Orkus der Krata Repoa nahern", sprach er bei sich selbst, "ich gehe weiter."

Er nahm die Lichter in die linke Hand, in die rechte eine gespannte Pistole und ging weiter fort. Je weiter er kam, desto starker wurde das Gerausch.

Eine Tur hemmte seine Schritte. Er offnete sie entschlossen und trat in ein zweites, starker erleuchtetes und niedrigeres Gewolbe, in welches er kaum den Fuss gesetzt hatte, als er eine Figur bemerkte, die bei seiner Erscheinung laut auf: "Alarm!" schrie und davonlief.

Nun blieb er stehen, sicherte sich den Rucken, setzte die Lichter neben sich auf die Erde, stellte sich in bewaffnete Positur und erwartete, was geschehen wurde. Ein dunkel gekleideter Mann mit weissem Haar und Barte trat herbei und donnerte ihm entgegen:

"Verwegener, wer bist du? Wie kommst du hierher? Was suchst du hier?"

Gelassen antwortete Rinaldo: "Ich frage dich: Wer bist du? Nach deiner Antwort wird die meine folgen."

Der Alte schwieg einige Augenblicke und fragte dann wieder: "Bist du allein hier?"

"Das wirst du erfahren", war die Antwort.

"Du bist mit allen den Deinigen, soviel deren auch mit dir hier und in jenem Gewolbe verborgen sein mogen, in meiner Gewalt, und ihr werdet lebendig nie diesen Ort wieder verlassen, wenn ich euch nicht freilassen will. Also antworte, Mensch! wer bist du?"

"Ein Mensch, wie du gesagt hast. Oder glaubst du nicht, dass es einen Menschen gibt, der ohne Furcht hierher kam?"

"Viel gewagt!"

"Noch nicht genug."

"Was mehr?"

"Das sollst du erfahren!" schrie Rinaldo, sprang auf ihn zu, packte ihn, drangte ihn gegen die Wand und setzte ihm die Pistole auf die Brust.

Der Alte zitterte und schwieg. Rinaldo aber fragte wieder:

"Wer bist du?"

Der Alte gab keine Antwort. Rinaldo schuttelte ihn und schrie ihm zu:

"Beantworte meine Frage, oder ich schiesse dich nieder."

"Das kannst du tun", sagte der Alte, "wenn du dein Leben selbst verloren geben willst. Beantworte meine Fragen, und ich will die deinigen beantworten. Ich sehe wohl, dass ich es mit einem kuhnen, entschlossenen Manne zu tun habe, aber dennoch werde ich dich nicht furchten."

"Gelogen!" schrie Rinaldo. "Du zitterst."

"Ich bin", fuhr der Alte fort, "ein alter, schwacher Mann, und du bist mir an korperlicher Starke uberlegen, aber es sind junge, kraftvolle Manner in unserer Nahe, mit diesen musst du dich messen, wenn du im Kampfe Ehre erwerben willst."

Rinaldo liess ihn fahren und wollte eben sprechen, als er drei starke Manner mit blanken Sabeln auf sich zukommen sah.

"Greift" schrie der Alte, als er sie erblickte und sich frei sah, "diesen Unbesonnenen!"

Zu Rinaldo sagte er: "Wenn du dich zur Wehr setzest, so lass ich dich niederhauen."

"Wenn du das bei der Grafin Ventimiglia verantworten kannst, deren Bruder ich bin", antwortete Rinaldo, "so kannst du mich niederhauen lassen; ich aber werde mich wehren, solange ich noch ein Glied bewegen kann. Wenn sich mir einer naht, so schiess ich dich zuerst nieder."

"Haltet an!" schrie einer von den Dreien, "diese Stimme ist mir sehr bekannt. Diese Gestalt, dieses Gesicht. Ich will des Teufels sein! wenn du nicht mein vom Tode erstandener, geretteter Hauptmann, wenn du nicht Rinaldini bist."

"Ich bin es. Du bist Nero. Ich bin dein Hauptmann und befehle dir und deinen Kameraden, die Waffen niederzulegen."

"Lustig, ihr feinen Gesellen!" schrie Nero. "Hort meines Hauptmanns Befehl, habt Respekt und streckt die Waffen. Hier steht der grosse Rinaldini und spricht mit euch."

"Schweig!" donnerte der Alte.

"Was da! Was wollt Ihr? Ich trete auf meines Hauptmanns Seite, ich fechte und sterbe mit ihm. Aber kommt uns einmal zu nahe, wenn ihr erfahren wollt, wie es zugeht, wenn man sich an den grossen Rinaldini wagt!"

"Lass sie nur kommen, Nero!" sagte Rinaldo, "wir wollen sie schon empfangen. Meine Leute im Schlosse werden mich suchen. Wir werden bald Succurs erhalten."

"Schliesst die Fallturen!" schrie der Alte.

"Unnutze Vorsicht!" fiel Rinaldo ein; "Meinen Leuten sind keine Schlosser zu fest."

"Das wollen wir erwarten", sagte der Alte.

Da sturzten einige Manner aus jenem Gewolbe, durch welches Rinaldo gekommen war, herbei und schrien:

"Alarm! Alarm! Das Schloss ist uberrumpelt, Soldaten haben es besetzt. Wir sind verraten und verloren!"

"Rettet euch!" keuchte erschrocken der Alte und lief hinter jenen drein.

Nero nahm Rinaldo bei der Hand und schrie ihm zu:

"Nur mir nach! Uns sollen sie nichts tun. Wir haben Schlupfwinkel. Nur mir nach!" In den unterirdischen Winkeln war die Verwirrung allgemein. Man schrie, larmte und fluchte; auch glaubte Rinaldo Weiberstimmen und Kindergeschrei zu horen. Ohne sich das, was um ihn herum vorging, erklaren zu konnen, folgte er seinem Fuhrer getrost nach.

Es ging durch einige Keller, durch eine Spelunke aufwarts, und als sie hier waren, lispelte ihm Nero zu:

"Diesen Weg kenne nur ich allein. Der Zufall hat ihn mir entdeckt, und ich habe diese Entdeckung fur mich behalten, weil ich schon langst dachte, dass die Wirtschaft hier einmal ein Ende mit Schrecken nehmen wurde. Nun aber musst Ihr auf allen vieren kriechen!"

So krochen sie durch die Mundung einer furchterlichen Felsenhohle, deren Ausgang in ausserst rauhe Berggegenden fuhrte. Sie walzten ein Felsenstuck vor die Schlucht und wanden sich in eine andere, mit Gestrauch bedeckte Felsenhohle. Nero kusste seinem Hauptmann die Hande und fing an zu erzahlen:

"Mord und alle Wetter! Wie freue ich mich, dich endlich wiederzusehen, Hauptmann! Dass du wieder hergestellt und ins Leben zuruckgebracht worden warst, wusste ich schon, aber es hiess, ich weiss nicht, wer das einfaltige Gerucht verbreitet hatte! , du seist in ein Kloster gegangen. Das konnte und wollte ich nicht glauben. Da ich aber gar nichts wieder von dir horte und sah, dachte ich zuletzt: Es kann ja doch wohl moglich sein, dass er den Sabel endlich gegen ein Paternoster vertauscht hat, um sich und uns alle mit dem Himmel wieder auszusohnen. Ich griff zum alten Handwerk, aber es warf nicht viel ab. Endlich kam ich wieder zu unsrem Cinthio. Da ging es etwas besser. Wir machten ganz artige Geschafte und fuhrten oft tolle Streiche aus. Du weisst ja, wie das zugeht!"

"Aber", fragte Rinaldo einfallend, "wie kamst du denn in das Schloss der Grafin Ventimiglia?"

"Hore nur! Wir lagen eben bei Sarsona, als mich Cinthio mit einem Briefe nach Marsala sandte. Der Brief war adressiert: An den Herrn Florio, beruhmten Kaufmann aus Korfu, dermalen zu Marsala. Ich traf die beschriebene Wohnung, ubergab den Brief, und siehe da! der beruhmte Kaufmann Florio aus Korfu war unser lieber alter Herr Frontejaner."

"Dieser?"

"Der nannte sich damals Florio. Bei ihm war auch unsre wohlbekannte Signora Olimpia "

"Olimpia?"

"Sie selbst; zwar ein wenig alter, aber immer noch so angenehm wie sonst. Diese hatte, wie ich erfuhr, einem alten, verliebten Narren das Seil uber sein erhabenes Ypsilon geworfen und hatte ihm die Hand gegeben "

"Olimpia, verheiratet?"

" und war dadurch Grafin Ventimiglia geworden."

"Was sagst du? Olimpia? Sie? Olimpia die Grafin Ventimiglia?"

"Ja, ja! Sie selbst. Der alte Herr, ihr Gemahl, war in ihrem Besitze recht glucklich. Kein Gedanke an einen korsischen Kapitan, an einem Rauberhauptmann, an einen Statthalter zu Nisetto, an alle guten Freunde des Alten von Fronteja, an wer weiss, woran noch, vor und nachher! verbitterte ihm sein Gluck. Er leerte den Becher den Olimpia ihm fuhlte, con amore, und lag senza dolore entzuckt in ihren Armen, so oft ihm das erlaubt war. Kurz, er war glucklich."

"Wohl ihm!"

"Wie ging dir's zu Marsala?"

"Das sage ich auch. Die Einbildung und der Glaube sind die beiden herrlichsten Himmelsgeschenke fur uns arme, miserable Kreaturen! Denn was haben wir sonst noch, das so erfreulich war' wie sie?"

" Wie ging dir's zu Marsala?"

"Im Hause der Grafin lebte ich herrlich und in Freuden und sehr mich gar nicht wieder aus demselben. Endlich reiste die Frau Grafin mit dem Herrn Florio auf ihr Schloss, wo wir vorher eben auch waren. Sie nahmen mich mit, erteilten mir viele Lobspruche und komplimentierten mich endlich ganz human, mit vielen Versprechungen, in den Keller, in welchem Ihr mich gefunden habt."

"Und in diesem Keller?"

"Da trieben wir's stark."

"Was?"

"Wir munzten Geld."

"Falsche Munzer wart ihr?"

"Wenigstens waren unsere Munzen nicht so gut, wie sie sein sollten, ob sie gleich sehr schwer als falsch zu erkennen waren, denn wir hatten es, im Anschein, weit gebracht. Wir haben rechtschaffen darauf losgearbeitet, das muss ich sagen! Die ganze Insel muss von unsern Gold- und Silbermunzen angefullt sein, wenn das Geld nicht weitergegangen ist. Wappen und Bild Sr. Maj. des Konigs beider Sizilien, wie auch Sr. Heiligkeit, wurden respektiert. Alle unsere Munzen tragen nur republikanische Wappen und Stempel und sind den Teufel nicht wert. Die Respublica Veneta, mitsamt ihren unnaturlichen Lowen, die liebe Libertas von Luca und Ragusa, das Genuesische Kreuz und Elend, sogar liebe bisschen St. Marinosche Potesta, alle diese freien Herrlichkeiten wurden mit unendlich viel Freiheit unsern Munzen aufgedruckt. Sie erhielten dadurch Freiheit, hinzugehen, wohin sie wollten, und zu bleiben, wo man sie behalten mochte. Wir haben eine schone Anzahl Geldfasserchen abgeschickt. Toronero, der Kastellan des Schlosses, nahm sie gewohnlich in Empfang und spedierte sie weiter."

Jetzt konnte Rinaldo sich jene Nachtszene erklaren, die er, von den Schlossfenstern aus, sah, woruber ihm Margalisa keine Auskunft geben konnte. Nero fuhr fort:

"Diese Nacht erst ist ein solcher Transport wieder abgegangen."

"Ich sah ihn abgehen, konnte aber nicht erraten, was in den Fassern stak."

Die Versendung muss aber unrecht angekommen oder gar von ungebetenen Gasten in Empfang genommen worden sein. Jetzt sitzen sicher einige Dutzend Kopfe weniger fest zuvor.

"Und wie wird es unsrer lieben Grafin gehen?"

Rinaldo sah schweigend vor sich hin, suchte das ganze Negoz zu uberschauen und verlor sich daruber endlich so sehr in seinen Gedanken, dass Nero ihn gleichsam aus einem Traume weckte, als er ihm zurief:

"Wollen wir hierbleiben, oder wollen wir weitergehen?" Sie stiegen hinab und erreichten das Tal. Hier kroch aus dem Gebusche ihnen ein Vermummter entgegen, der ihnen zuwinkte naherzukommen. Sie folgten ihm in eine Hohle, wo er seinen Mantel abwarf. Lodovico stand vor ihnen.

NERO Lodovico?

RINALDO Du hier?

LODOVICO Du hier?

LODOVICO Erwunscht! Ich kam aber vorhin zu einer verdammten Szene!

NERO Auf dem Schlosse?

LODOVICO Dahin war ich noch nicht. Die Grafin und der alte Herr schickten mich ab, Euch, mein wertester Hauptmann, ihre Ankunft auf morgen oder ubermorgen zu melden. Ich eilte, Euch wiederzusehen, und kam eben dazu, als die Soldaten einen Transport Geld anhielten. Ich horte, es sei falsche Munze und sie komme aus dem Schlosse. Zugleich hiess es geradezu, Rinaldini sei auf dem Schlosse. Ich machte mich davon, bebte fur Euer Leben und bin so glucklich, Euch noch frisch und gesund zu sehen!

Rinaldo empfing von ihm ein Packchen. Es enthielt Kostbarkeiten, Geld und Wechsel. Olimpia und der Alte schrieben von herrlichen Aussichten und freuten sich, ihm dieselben bald mundlich mitteilen zu konnen. Er las, uberdachte seine Lage und entschloss sich kurz.

Lodovico und Nero wurden von ihm abgeschickt zu erforschen, wie es um den Alten und seine Freundin stehe. In Mascoli wollten sie sich wiederfinden, wie er ihnen sagte.

In Treno trennten sie sich. Rinaldo steckte sich in Pilgerkleider und ging als ein gebrechlicher Waller, hinkend und verstellt, auf Taormino zu. Hier lag eben ein sardinisches Fahrzeug segelfertig im Hafen, welches er bestieg, indem er das Gelubde einer Wallfahrt zum Gnadenbilde zu Saorsa auf Sardegna herwinselte. Der Kapitan lobte seinen frommen Entschluss und nahm ihn willig auf. Die Anker wurden gelichtet; die Felucke stach in die See und erreichte glucklich das Ziel ihrer Fahrt. Rinaldo warf seine Pilgerkutte ab und eilte nach dem ihm wohlbekannten Cagliari. Hier mietete er sich eine angenehme Wohnung und setzte seine Garderobe in glanzenden Zustand.

Er besuchte die Kirchen, Promenaden und offentlichen Hauser, fand allenthalben fremde Gesichter und wenig Unterhaltung.

Einst schlich er, wie gewohnlich, um die Gartenhauser der Stadt herum; es wurde Abend, und er wollte wieder in seine Wohnung zuruckgehen, als er an einem Garten vorbeikam, dessen Tur offenstand und in welchem er auf einer Guitarre spielen und dazu singen horte. So etwas war, wie wir wissen, seine schwache Seite. Er trat in die Tur, ging nach und nach weiter und kam in den Garten. Eben verstummten Musik und Gesang. Bald darauf schlupfte eine weibliche Figur aus einer Laube, die Allee hinauf, in ein Gartenhaus.

Rinaldo wollte jetzt eben den Garten wieder verlassen, als er bei einem Blumenbeete ein Gartnermadchen gewahr wurde. Er sprach ihr zu und fragte, ob sie Blumen verkaufe.

"O ja!" sagte das Madchen, "ich verdiene gern etwas. Ihr sollt gleich bedient werden!"

Sie sammelte einen schonen Blumenstrauss, den er ihr gut bezahlte. Sich bedankend, da sie sah, dass der freigebige Blumenkaufer zu gehen zauderte, fragte sie:

"Wollt Ihr noch etwas?"

ER Ich wollte nur noch etwas fragen.

SIE Nun, so sagt! Wer fragt, sagt mein Vater, wird berichtet.

ER Ich sah vorhin eine Dame aus jener Laube ins Haus gehen; gehort ihr etwa dieser Garten?

SIE So ist es.

ER Wer ist sie?

SIE Es ist die Signora Fiametta.

ER Ist sie verheiratet?

SIE Nein.

ER Ist sie schon?

SIE Das will ich meinen!

ER Unabhangig?

SIE Wie versteht Ihr das?

ER Hat sie Eltern, Geschwister?

SIE Das weiss ich nicht.

ER Bekannte?

SIE O ja!

ER Liebhaber?

SIE Das weiss ich wieder nicht. Aber sie ist ja hubsch. Und wenn sie auch welche hat, wird sie mir's doch nicht sagen. So etwas behalt man fur sich. Ich bin, muss ich Euch sagen, nur die Tochter ihres Gartners, aber nicht ihre Vertraute. Gott befohlen!

Rinaldo wollte auch ihr nachgehen, als ein alter Mann mit finstern Blicken in den Garten trat. Er empfing seinen Gruss ziemlich kalt, sah ihn mit einem durchdringenden Blick an und ging an ihm vorbei, nach dem Gartenhause zu. Auf halbem Wege kehrte er sich um und fragte:

"Sucht der Herr etwas hier?"

"Was ich suchte", antwortete Rinaldo, "habe ich schon gefunden", und zeigte ihm seinen Blumenstrauss.

Der Alte schien noch etwas fragen zu wollen, unterdruckte aber sichtbar die Frage. Rinaldo ging langsam nach der Gartentur zu. Eine Sanfte, von zwei Mohren getragen, ward vor der Tur niedergesetzt, geoffnet, und eine Dame kam heraus. Sie schlug ihren Schleier zuruck. Rinaldo blickte in ein Paar Augen, die ja! wer kann solche Augen beschreiben?

Getroffen wie von einem elektrischen Strahl, der ihm durch alle Nerven zuckte, trat er einige Schritte zuruck, riss den Hut vom Kopfe und machte eine Verbeugung, die eigentlich gar keine Verbeugung war. Die Dame lachelte, neigte grussend ihren Facher gegen ihn und flog mehr als sie ging die Allee hinauf. Im fliegenden Gange rauschte ihr weissseidenes Gewand hoch auf, und sie verlor eine Busenschleife. Rinaldo hob sie auf, eilte ihr nach, blieb stehen, steckte die Schleife zu sich und verliess den Garten. Im Freien besah er, was er gefunden hatte, genauer. Es war eine hellblaue Bandschleife, aus der aber, als er sie genauer besehen wollte, ein kleines, zusammengerolltes, beschriebenes Papier fiel.

Er bedachte sich ein wenig und zauderte, das Papier zu entfalten: "Was hast du", sprach er, "mit den Geheimnissen einer Dame zu tun, die du nicht kennst? Sind es aber auch Geheimnisse, die dieses Papier enthalt? Was geht das dich an? Du gibst ihr das Papier ungelesen zuruck. Du kennst sie aber nicht. Wirst du sie ertragen und finden konnen? Und wenn das auch geschehen kann, wird sie dir glauben, wenn du sagst, du hast nicht gelesen, was in deiner Gewalt war? Sie wird dich noch dazu auslachen, wenn sie es glaubt."

Als er das sagte, entfaltete er schnell das Papier und fand eine Sicherheitskarte, wie er sie als Rauberhauptmann Reisenden gab, die von seinen Leuten nicht ausgeplundert werden sollten. Noch betrachtete er den bedeutungsvollen, sonderbaren Passport, ausgestellt von einem Rauberhauptmann, als an seine Tur geklopft wurde. Er steckte die Karte zu sich und offnete die Tur.

Vierter Teil

Dolum ad virtutem addere oportet.

FLORUS.

Vierzehntes Buch

Was vergangen ist, vergangen

Bleibe es. Die Gegenwart

Schenket Wunsche und Verlangen,

Wenn man auf die Zukunft harrt.

Ein Madchen trat ins Zimmer. Es war Lusette, die Tochter seiner Hauswirtin, einer Kramerin. Sie trug eine Schussel, belegt mit Zitronen und sussduftenden Limonen, die, von einem so hubschen Madchen getragen, die angenehmsten Nebenbegriffe von schonen, schwellenden Limonien, neben reizende Wirklichkeiten stellten. Blumen lagen uber den goldenen Fruchten.

"Meine Mutter schickt Euch diese Blumen und Fruchte und lasst Euch bitten, sie ebenso gern anzunehmen, als sie dieselben gibt"; sagte Lusette, indem sie sich verneigte und ihm die Schussel uberreichte.

Rinaldo nahm und dankte.

"Was uns" sagte er, "ein hubsches, freundliches Madchen gibt, hat einen sehr angenehmen Wert!"

Lusette neigte sich errotend und verliess schnell das Zimmer. senschleife verloren hatte. Von ihr traumte und mit ihr erwachte er. Er ging, eine Messe zu horen, dem Dome zu. Hier lag betend die unbekannte Dame. Mit hochklopfendem Herzen warf er sich hinter ihr nieder.

Als sie den Betschemel verliess, sprang er auf, nahte sich ihr, reichte mit zitternder Hand ihr das Weihwasser und stammelte: "Ich uberreiche Euch, schone Signora! eine Schleife, die Ihr gestern verloren habt, als ich so glucklich war, Euch im Garten der Signora Fiametta zu sehen."

Lachelnd nahm sie die Schleife und fragte:

"Als Ihr, wie sagt Ihr? so glucklich wart?"

"Ja! ich war es, und wurde es wieder "lispelte er.

Sie schlug die Augen nieder und ging langsam zur Kirchtur.

Hier blieb sie stehen und sah ihn freundlich an, indem sie fragte:

"Ihr seid ein Fremder?"

Eine Verbeugung bejahte ihre Frage. Sie fuhr fort:

"Auch ich bin eine Fremde."

"Mein Herz hegt klopfend einen Wunsch, der " stammelte Rinaldo.

"Was Herzen wunschen, hoffen sie auch gewohnlich."

"Durfen sie?"

"Wer kann es wehren?"

"Die Erfullung ihrer Wunsche, die nur umsonst gewunscht wurde."

Schweigend sah sie vor sich nieder, schlug den Schleier uber ihr Gesicht und ging langsam der Sanfte zu, in welcher ihre Mohren sie in ein Haus trugen, das dem Dome gegenuber stand.

Rinaldo ging unter dem Saulengange auf und ab, blickte nach dem Hause, uberlegte, beschloss und ging endlich, nach langem Deliberieren, auf das Haus zu. Hier blieb er stehen. Die Tur ging auf. Er ging ins Haus. Er fragte nach der Dame, ward gemeldet und vorgelassen.

Facher und Handschuhe in der Hand trat ihm Fortunata, so hiess die Unbekannte entgegen. Sprachlos blieb er ihr gegenuber stehen. Endlich kam es aber doch zu Worten. Er stammelte ein Kompliment heraus, sprach von glucklichen Augenblicken, von der Schleife, von Verlegenheit, und schloss mit einem Seufzer.

Fortunata spielte mit dem Facher und sagte:

"Hier sind wir beide fremd. Dies gibt uns ein Recht zu Hoffnungen, uns naher kennenzulernen, wenn wir einander nicht etwa fremd bleiben wollen."

"Wollt Ihr das?" fragte er, indem er ihre Hand ergriff und sie kusste. Nach dem Kusse zog sie die Hand zuruck und fragte:

"Wie nenne ich Euch?"

"Ich bin der Ritter de la Cintra."

"Welch ein Stern leitete Euch nach Sardinien in das traurige Cagliari?"

"Ich bin weil ich"

"So, halb auf der Flucht, erzahlt man einander keine Lebensgeschichte. Ich bin eben im Begriff, meinen Bankier zu besuchen. Wir mussen schon ein andermal von unsern Reiseabenteuern miteinander sprechen. Doch, da es mich, noch weiss ich nicht warum! so sehr interessiert, den Finder einer verlorenen Busenschleife, die mich auch interessiert, naher kennenzulernen, so wollen wir es nicht lange anstehen lassen, uns wiederzusehen."

"Ihr macht mich glucklich!"

"Glucklich? Wie viel gehort dazu, einen Mann glucklich zu machen! Genug, wenn Ihr zufrieden seid! Oder meint Ihr, dass es mit uns Weibern wie mit den Konigen sei? Indem sie glucklich machen, wissen sie selbst nichts davon und sind wohl gar dabei noch sehr unzufrieden."

"O! dies Los musse Euch und mir nicht fallen! Wenn sich zwei Wanderer von ungefahr, einander fremd, auf einem Wege treffen, freuen sie sich dieses Zusammentreffens und wandern miteinander."

"Und diese Wanderer sind wir?"

"Wenn Ihr es wollt!"

"Treffen wir uns auch wirklich auf einem Wege? Dies war' zu untersuchen."

"Und diese Untersuchung?"

"Wir wollen sie nicht aufschieben. Erklarungen bei einer kleinen, frugalen Abendtafel "

"Diesen Abend?"

"Schon? Doch gut! Es sei! Diesen Abend also, sehen wir uns wieder!" "Wir sehen uns! und ich bin glucklich!" Es war noch lange bis zur Abendzeit. Wie waren bis dahin die Stunden auszufullen? Ein Spaziergang, wie gewohnlich, und Rinaldo kam in Fiamettens Garten.

Er ging die Hauptallee hinauf, schlug einen Nebenweg ein und kam an einen Pavillon. Hier blieb er stehen. Die Tur war halb geoffnet. Er nahte sich der Offnung und sah ein interessantes Madchengesicht. Das Madchen selbst sass auf einem Sofa, windend einen Blumenkranz. Sie sah ihn, lachelte ganz unbefangen und rief ihm zu:

"Nur herein!"

Verlegen fasste Rinaldo die Tur an und getraute sich kaum, sie ganz zu offnen, als von drinnen heraus ihm abermals ein freundliches:

"Nur herein!" entgegenschallte. Dies gab ihm Mut. Er trat in den Pavillon.

"Ich glaube Euch" sagte das artige Madchen, "schon in meinem Garten bemerkt zu haben?"

"In der Tat!" stammelte Rinaldo, "ich war gestern hier. Aber dass ich das Gluck haben sollte, von so schonen Augen bemerkt zu werden, das konnte ich in der Tat nicht hoffen."

SIE Und warum nicht? Habt Ihr meinen schonen Augen ein Kompliment gemacht, so lasst mich Eurer interessanten Figur eins machen. Ein Mann wie Ihr wird immer bemerkt werden. Und ich wette darauf, ich bin nicht die erste in der Welt, die Euch bemerkt. Ihr seid also hier fremd?

ER So ist es!

SIE Auch ich bin es. Erst seit 10 Wochen lebe ich hier. Ich hoffe aber hier einheimisch zu werden. Deshalb habe ich mir diesen Garten gekauft. Gefallt er Euch?

ER Der Garten ist schon! doch seine Besitzerin

SIE Ist noch weit schoner? Naturlich!

Hier entstand eine Pause. Rinaldo verlor die schone Kranzwinderin nicht aus den Augen, diese aber arbeitete, ohne aufzublicken, emsig fort. Er sah ihr lange stillschweigend zu und wollte endlich eben sprechen, als ein Madchen eintrat und Fiametten ein Briefchen brachte. Sie las es, lachte, schrieb ein paar Worte mit Bleistift dazu, faltete das Papier und gab es zuruck. Das Madchen verliess den Pavillon. Fiametta, die eben ihre Kranzarbeit beendet hatte, legte den Kranz aufs Sofa und stand auf. Indem sie aufstand, fiel ihr ein Portrait, das an einem grunen Bande ihr um den Hals hing, aus dem Busen auf die Brust herab. Sie bemerkte es und schob das Portrait in den Busen zuruck.

"Das war ein boser Mann!" sagte sie; "sein Bild gehort nicht vor jedermanns Augen."

Rinaldo stand ohne Sprache ihr gegenuber. Fiametta drehte sich unbefangen, als sei sie ganz allein, im Zimmer herum, sang dazu und ergriff endlich eine Guitarre. Sie setzte sich, praludierte ein wenig, spielte und sang.

Romanze.

"An der lauten Meereskuste,

In dem Tal, im Feld und Wald,

In der oden Berge Wuste,

Such ich deinen Aufenthalt.

Rinaldini! Dich zu finden,

Eil' ich angstlich durch die Flur,

Und um mich Bedrangte schwinden,

Alle Reize der Natur."

Seufzte Rosa, die Betrubte,

Die ihn im Gefecht verlor,

Angstlich weinte die Geliebte,

Die Rinaldo sich erkor.

Sieh, da glanzt' im Mondenschimmer

Hell ein aufgespanntes Rohr.

Rosa sah des Rohrs Geflimmer,

Das in Buschen sich verlor.

"Ach! dahin! ich werd' ihn finden,

Sagt des Herzens Ahnung mir;

Und wenn alle Sterne schwinden,

Zeigt die Liebe Pfade mir.

Saht ihr nicht, ihr hellen Sterne,

Saht ihr nicht den kuhnen Mann,

Den ich suche nah und ferne,

Ach! und ihn nicht finden kann?

Husch! und horch! es rauscht dort druben,

Ha, es pfeift! das ist sein Ton!

Ja! ich find ihn, meinen Lieben,

Seine Stimme hor' ich schon."

"Halt! Wer da? Gib dich gefangen!"

"'Langst gefangen hast du mich.

Dich, Rinaldo, mein Verlangen,

Sucht' ich hier, und finde dich!'"

"Sie hat ihn gefunden!" sagte Fiametta.

"Wie wir uns gefunden haben!" fiel Rinaldo schnell ein und ergriff ihre Hand.

"Nicht ganz so!" lachelte Fiametta, indem sie ihre Hand sanft zuruckzog. "Ich bin kein Zigeunermadchen, und Ihr seid kein Rauberhauptmann; ich kann nicht wahrsagen, und Ihr werdet mich schwerlich ausplundern."

Sie schien weitersprechen zu wollen, als ein Offizier in den Pavillon trat. Er grusste Rinaldo gleichgultig, legte Hut und Degen auf einen Tisch und setzte sich ganz unbefangen zu Fiametten aufs Sofa. Leichthin, als ob er mit ihr ganz allein im Zimmer sei, fragte er: "Ist nichts vorgefallen?"

"Nichts von Bedeutung", antwortete Fiametta ebenso unbefangen.

Der Offizier fragte, indem er ihn fixierte:

"Wer ist der Herr?"

"Ein Fremder", war die Antwort.

"Wollt Ihr Euch nicht niederlassen?" fragte der Offizier, aber in einem Tone, in welchem man weit eher fragen konnte: Wollt Ihr bald gehen?

Das wollte Rinaldo auch wirklich tun, als der Mann mit dem finsteren Blick, der ihm schon gestern im Garten begegnete, in den Pavillon trat.

Er grusste gar nicht, behielt den Hut auf dem Kopf und setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenuber. Indem er ihn bedeutungsvoll ansah, sagte er:

"Ich habe Euch gestern schon mit Verwunderung und Bedauern betrachtet. Ihr habt ein ungluckliches Gesicht!"

Rinaldo erschrak, Fiametta lachte laut auf, der Offizier lachelte und der Physiognomist nahm Tabak.

"Was hat Euch mein Gesicht getan?" fragte Rinaldo verlegen.

"Das nicht, was es Euch tut", sagte der Alte.

"Es ist einmal die Art dieses alten Herrn", sagte Fiametta , "jedem Menschen etwas Unangenehmes zu sagen. Er ist zwar kein Englander, aber er hat dennoch den Spleen. Die Englander haben die Korsen angesteckt."

"Seid Ihr ein Korse?" fragte Rinaldo schnell.

"Ich bin einer", sagte der gramliche Alte. "Das kann Euch aber nichts verschlagen."

Fiametta sprang schnell auf, ergriff Rinaldos Hand und sagte:

"Empfehlt Euch diesen Herren! Wir haben von andern Dingen, als von Korsika, miteinander zu sprechen."

Damit zog sie ihn aus dem Pavillon in den Garten, um das Bosquet herum, nach einer Laube zu, und in dieser sass Fortunata, in einem Buche lesend.

Er war Impertinenzen entrissen worden und stand einem schonen Weibe gegenuber, die er in einigen Stunden in ihrer Wohnung sprechen sollte, und die er jetzt ganz unvermutet auf einem Platze fand, der vielleicht ein Erklarungsort uber verschiedene Sachen zwischen ihm und einem artigen Madchen geworden war', hatte nicht eine andere Schone denselben schon eingenommen gehabt. Das alles kam, wenigstens ihm, ebenso sonderbar als unerwartet und schnell. Er konnte nicht ohne Verlegenheit sein.

Fiametta flog auf die schone Fortunata zu, umarmte und kusste sie, wahrend Rinaldo ein wenig Luft und Zeit sich zu sammeln bekam. Aber er durfte nicht bei sich bleiben. Fiametta drehte sich rasch herum, nahm ihn beim Arme, schob ihn auf ihre Freundin zu, lachte laut auf, sagte:

"Da habt ihr euch!" damit flog sie lachend zur Laube hinaus. Rinaldo trat betroffen zuruck, wollte sprechen und konnte nicht. Fortunata sah auf die Erde und spielte mit ihrer Busenschleife. Er glaubte zu bemerken, dass es eben die Busenschleife war, die er gefunden und ihr diesen Morgen uberreicht hatte. Nach einer langen Pause kam es endlich zum Gesprach.

ER In der Tat! diese Szene

SIE Sie ist sonderbar genug!

ER Meine Verlegenheit

SIE Und die meinige dazu! Fiametta ist ein mutwilliges Geschopf!

ER Ich soll diesen Abend so glucklich sein, Euch in Eurer Wohnung zu sprechen, und nun kommt der Zufall meinem Glucke zuvor!

SIE Das hat so sein sollen!

Er wollte weitersprechen, aber Fiametta trat wieder in die Laube.

"Ich wunschte", sagte sie, "dich, liebe Freundin, und diesen verlegenen Herrn diesen Abend bei mir bewirten zu konnen, aber es lasst sich nicht tun. Der gramliche Korse hat eine Gesellschaft hierher zusammengebeten."

"Hierher?" fragte Fortunata schnell.

"Ei freilich!" fuhr Fiametta fort, "und ich muss, ich mag wollen oder nicht, die Rolle der Wirtin ubernehmen. Du weisst ja, wie das ist! Es sind schon einige Gaste angekommen."

Schnell stieg Fortunata auf, sagte Fiametten etwas ins Ohr, wendete sich dann gegen Rinaldo, bat ihn um seinen Arm und liess sich von ihm aus dem Garten zu ihrer Sanfte fuhren. Fiametta begleitete beide bis an die Gartentur. Als Fortunata fortgetragen wurde, ergriff sie Rinaldos Hand und sagte lachelnd:

"Nun haben wir sie fortgeschafft und Ihr bleibt hier."

"Da Ihr Gesellschaft bekommt?"

SIE Nicht doch! Mit der Gesellschaft war's nur Scherz. Es steht bei Euch, ob Ihr hierbleiben oder ob Ihr der Sanfte folgen wollt. Bleibt Ihr hier, so sage ich, Ihr seid willkommen; geht Ihr fort, so rufe ich Euch ein Lebewohl nach.

ER Ich verstehe Euch nicht!

SIE Sonderbar! Aber noch deutlicher! Dieser Augenblick entscheidet fur mich oder fur meine Freundin. Es geht alles ohne Groll ab. Da wir aber wissen mochten, ob Ihr wirklich der seid, fur den wir Euch halten

ER Und wofur konntet Ihr mich halten?

SIE Fur einen zartlichen Abenteurer wenigstens, wenn nicht gar fur

ER Fur?

SIE einen Menschen, der sich vom Grund seines Herzens aus verlieben kann.

ER O! schone Fiametta! Wenn ich so sprechen hore

SIE Fort! Fort! der Sanfte nach! Dieser feierliche Ton sagt mir alles, was ich wissen will. Geht! diesen Kuss bringt meiner Freundin und sagt ihr: Fiametta hat resigniert. Gott befohlen! werdet glucklich, aber denkt an mich!

Damit gab sie ihm einen Kuss, schob ihn sanft zur Gartentur hinaus und sprang rasch die Allee hinauf, ohne sich umzusehen, nach der Laube zu. Er sah sie gelassen davoneilen, druckte den Hut in die Augen und lief der Sanfte nach. In der Stadt holte er sie ein, offnete Fortunaten die Tur, die seiner Ankunft heiter entgegenlachelte, und fuhrte sie auf ihr Zimmer.

Hier kam es zu einem gleichgultigen Gesprach, auf Fiametten, auf ihre Laune, und leichthin wurde ihr Auftrag beruhrt.

"Sie ist gut!" sagte Fortunata. "Ich zahle alles, was sie auf mich assigniert."

Sie verliess das Zimmer, sich umzukleiden, wie sie sagte. Indessen suchte sich Rinaldo zu orientieren und sah jetzt, was er vorher nicht gesehen hatte, dass er sich in einem prachtig ausmoblierten Zimmer befand. Was er sah, zeigte Wohlstand und Geschmack, mit mehr als burgerlicher Pracht vereint. Er betrachtete ein schones historisches Gemalde, als Fortunata eintrat, in ein gefalliges Gewand gleichsam mehr geworfen als verschlossen, ihn bei der Hand nahm und in ein anderes Zimmer fuhrte, welches dem erstem nichts nachgab.

In diesem Zimmer kam es zu einer weit interessanteren Unterhaltung, die aber bald durch die Nachricht unterbrochen ward, es sei aufgetragen. Rinaldo wurde in ein glanzendes Tafelzimmer gefuhrt und ass an einer wohlbesetzten Tafel mit seiner schonen Wirtin, von zwei artigen Madchen bedient, allein. Die Unterhaltung wurde lebhafter, die Becher wurden fleissig geleert, und als der Nachtisch aufgetragen war, entfernten sich die aufwartenden Madchen.

"Ich liebe" sagte Fortunata, "die Freuden einer interessanten Unterhaltung bei einer gut besetzten Tafel, doch nur, wenn ich sie mit einem Freunde teilen kann. Seit ich hier in Cagliari wohne, habe ich, Fiamettens Gesellschaft ausgenommen, grosstenteils allein gegessen. Es hat mir daher heute alles viel besser als gewohnlich geschmeckt, und wenn Ihr einige Zeit hier bleiben solltet, so bitte ich mir Eure Gesellschaft recht oft aus."

Sie fullte, als sie das sagte, einen Becher und brachte ihn ihrem Gast mit der Gesundheit zu: "Unsre Freundschaft!"

"Ein Band von der Farbe der Hoffnung hat sie geknupft!" fuhr sie fort. "Ich hoffe, sie wird sich erhalten."

Rinaldo kusste ihr schweigend die Hand und fuhrte sie an sein klopfendes Herz. Ihre Blicke flogen beredt einander entgegen. Ihre Lippen begegneten sich. Hier hatten sich ihre Gefuhle verkettet. Kein Laut entfloh den gepressten Lippen. Da flog mit einem lauten Knall der Pfropf von einer Champagnerbouteille an die Dekke. Sie fuhren zusammen, lachelten und lagen einander in den Armen.

SIE Mann, dem ich mich in den ersten Augenblikken unserer Bekanntschaft so schnell dahingebe, ich weiss nicht, was es ist, das mich so uberraschend an dich zieht! Missbrauche die Gewalt nicht, die das, was mir unerklarbar ist, dir uber mich gibt! Du konntest mich wohl unglucklich, dich aber nicht glucklich machen. Ich fuhle, ich empfinde es, was du jetzt vielleicht von mir denkst, denken musst, aber ich schwore es dir zu! du irrst dich. Du weisst nicht was

ER Fortunata! Lass mich dir alles das sagen, was du mir gesagt hast. Nicht mein Argwohn soll mich unglucklich machen, lass nur nie die Wirklichkeit auf meine Unkosten spielen.

SIE Du glaubst

ER Ich glaube das am leichtesten und liebsten, was ich wunsche.

SIE Was glaubst du jetzt?

ER Dass du mich lieben wirst.

SIE Ich liebte dich, als ich dich sah. Eine Liebe, wie die meinige, empfangt alles, was sie gibt und nimmt, von Augenblicken. Die Augenblicke meiner Liebe sind gekommen. Nun bleiben sie und werden zu Ewigkeiten. Bei allem, was mir heilig ist, im Himmel und auf Erden! ich habe dich gefunden und kann nie wieder von dir lassen. Entreissen muss man dich mir. Gutwillig gebe ich nie wieder her, was ich mit diesem Feuer in meine Arme schliesse! Gib dich mir ganz und nimm alles, was mein ist, nur dich nicht wieder zuruck! Meine Seele gebe ich dir in meinen Kussen; gib mir dein Herz!

Ein Gerausch im Vorzimmer riss sie auseinander. Die Tafel ward aufgehoben; sie gingen in ein anderes Zimmer.

Er warf sich nachdenkend auf ein Sofa. So nahe war er dem ersehnten Gluck und dachte der Moglichkeit einer Wirklichkeit nach, die er gewunscht hatte. Bei Fortunaten verschlang die Gegenwart jedes Nachdenken. Sie war geboren, um zu lieben. Dahin bringt es auch nur das Weib, selten der Mann. Die Liebe ist ein Becher, gefullt mit schaumendem Champagner. Sie will im Moussieren genossen sein. Wer bedachtig trinkt, geniesst auch, er wird es aber nie zur hochsten Krisis eines alles verschlingenden Rausches bringen. So, wer bedachtig liebt, liebt auch; zu einem Liebesrausch bringt er es aber nie.

Jedoch, dieser Rausch, dessen Dauer zu berechnen zu sein scheint, gibt er uns wohl mehr als ein nur bloss momentanes Gluck? Ach! was gewinnt Liebe nicht, selbst auch nur durch Momente! Nach Augenblicken rechnet die Liebe, und fur die Zukunft halt sie sich in der Gegenwart schadlos. Der Genuss dieser gegenwartigen Augenblicke ist der Triumph der Freude, die uns glucklich macht. Die Freuden unsers Lebens hangen an sehr dunnen Faden, und dennoch fesseln sie so stark, was willig sich fesseln lasst.

Fortunata kam zuruck. Das Gesprach wurde fortgesetzt.

"Du weisst nun", sagte sie, "wie ich lieben kann, wie ich lieben will und werde. Von dir verlange ich bloss, so geliebt zu werden, wie du mich lieben kannst und wie du auch andere nur bitte ich, nach mir! lieben wirst. Die Bestandigkeit ist ein Weib. Sie zankt sich ewig mit ihren leichtgesinnten Eheherrn. Die Manner lieben in der Regel so leichthin wie moglich. So wie der Mond, der gute Freund der Erde, diese liebt; zuweilen gar nicht, grosstenteils nur halb und nur auf einige Tage mit voller Ergebenheit. Was soll man aber tun, wenn man einen Mann liebt? Man muss vorliebnehmen. Ihr konnt ja doch nur geben, was Ihr habt."

"Du meinst also, treue Liebe sei bei uns eine verrufene Munze?"

"Wenn auch nicht verrufen, doch selbst ausgepragt, aber dennoch immer eine Munzart. Was die Manner geben, lasst sich gleich wieder verwechseln, und auf Agio steht ihr Gold niemals."

"Fortunata ist bei Laune!"

"Sie ist ja bei einem Manne, dem sie soeben gestanden hat, dass sie ihn lieben kann."

"Und wird?"

"Und will und wird. Schwure gebe ich nicht, aber mein Wort gebe ich dir, so wie es eine Korsin gibt."

"Du, eine Korsin?"

"Dies bringt mich nach Sardinien. Mein Vaterland seufzt unter der Geissel der Franzosen, unter der Tyrannei ihrer ubermutigen Satrapen, und fur jedes Herz voll Freiheit und Vaterlandsliebe hat ihre Hand gescharfte Dolche. O! mein ungluckliches Vaterland! Ach Ritter! Ich bin nur ein Weib, aber konnte ich mein Vaterland retten, ich wurde nicht mein Blut, mein Leben, ich wurde selbst meine Freiheit nicht achten. In Ketten wollte ich in dem abscheulichsten Kerker sterben, durfte ich rufen: Korsika ist frei! Ich bin eine Zondarini. Schon unter Theodors Fahnen focht mein Ahnherr fur die Freiheit seines Vaterlandes. Mein Vater fiel fur die Freiheit der Korsen, meine Bruder sanken fur ihr Vaterland mit Ruhm und Ehre. Mein Brautigam, ein Lampertini, wurde meuchlings von Franzosen gemordet, und ich bin eine Landfluchtige."

"Und warum flohst du aus Korsika?"

"Hore! Eine Gesellschaft Verbundener unterhielt Gemeinschaft mit einem Bunde, der in Sizilien gestiftet wurde, Korsika zu befreien. An ihrer Spitze stand der edle Prinz Nicanor"

"Der Prinz Nicanor?"

"So nannte er sich. Seine Geburt ist ein Geheimnis."

"Lebt er noch?"

"Das weiss ich nicht. Er warb fur die Korsen. Ein beruhmter Mann wollte sich an die Spitze der Retter meines Vaterlandes stellen"

"Wer war dieser Mann?"

"Sein Name mache dich nicht irre. Es war Rinaldini. Er ist gefallen. Zerrissen wurde der Bund, verraten das Geheimnis. Ich, eine Mitwissende um alles, was geschehen sollte, eine tatige Freundin dieses Bundes, entfloh zur rechten Stunde noch und kam hierher, wo ich auch mich nicht sicher glauben darf. Eine franzosische Requisition, und ich werde ausgeliefert an meine Feinde, die in mir ihre unversohnlichste Feindin kennen und auf das strengste bestrafen werden."

"Du kennst den Prinz Nicanor nicht?"

"Ich habe sein Bildnis. Ihn selbst sah ich nie."

Fortunata stieg auf, nahm aus einer Schatulle ein Portrait, und Rinaldo erkannte in demselben das Bildnis des Alten von Fronteja. Fortunata sah ihn aufmerksam an. Er verriet sich, ohne es zu wollen oder es zu ahnen.

SIE Du kennst ihn!

ER Wie?

SIE So sagt dein Blick.

ER Mein Blick?

SIE Keine Verstellung! Du kennst ihn.

ER Ein diesem sehr ahnliches Gesicht kenne ich, doch keinen Prinz Nicanor.

SIE So kennst du doch den Alten von Fronteja?

ER Fortunata!

SIE Oder nicht?

ER Ich kenne ihn.

SIE Und auch dich selbst?

Sie gab ihm ein zweites Portrait. Es war das seinige. Er gab es eilig ihr zuruck, bedeckte mit seinen Handen sein Gesicht und rief aus:

"Ach! allenthalben hin verfolgt es mich, mein eigenes Gesicht!"

"Auch zu mir?" fragte Fortunata, indem sie seine Hand ergriff.

ER Nimm deine Versprechungen schnell zuruck!

SIE Nicht eine.

ER Nimm sie zuruck!

SIE Nimmer! Ich wusste ja, wem ich sie gab.

ER Ungluckliche!

SIE Ich folge Olimpien, Lauren, Dianoren

ER Fur dich und sie kein Gluck!

SIE Ich will geliebt von einem Manne mich wissen, der es wagen durfte, voranzugehen der Fahne, die flatternd Freiheit meinem Vaterlande entgegenrauschte! Mit einem Kranze wollte ich frohlockend dir entgegeneilen, und siehe da! es findet dich mein Herz. Der Kranz bleibt dir, dies Herz ist dein.

ER Mir grunen keine Kranze! Wie konnten Herzen fur den Rauber klopfen?

SIE So bescheiden wurdest du mir stets geschildert!

ER Die schone Zondarini, der Kranz, dies Herz und Rinaldini!

SIE Dem kuhnen Manne das entschlossene Weib.

ER Meine Kuhnheit liegt bei meinen Schatzen. Kalabriens Gebirge decken beide.

SIE Du stehst auf deinen Monumenten.

ER O Fortunata! Kranke mich nicht langer. Sprich ihn nicht aus, den mir verhassten Namen!

SIE Wo nennt man ihn nicht gern? Italien und seine Inseln, Frankreich und England spricht von dir. In Deutschland trifft man ihn nicht minder oft, den Namen Rinaldini. Lies diese Briefe!

ER Empfinde, was mich qualt, wenn du es kannst!

SIE Die Liebe nicht!

ER Mein Selbstgefuhl. Die Welt bewundert einen Rauber; das krankt mich tief. Als Rauber konnt' ich nur gefallen. Dies ist der Stempel meines Ruhms. Und ich

SIE Du nimmst, was man dir gibt; und schweigst du nicht, so drucken zartliche Lippen den Mund dir zu! Fiametten fand Rinaldo den folgenden Morgen allein im Garten. Sie sass am Stickrahmen in der Laube. Rinaldo trat ein. Sie sprang auf, griff nach der Guitarre, praludierte kurz, spielte und sang.

Es gluhen im Haine

Die duftenden Rosen;

Im silbernen Scheine

Erglanzen die Bluten

Zum lieblichen Kranz.

Ich bringe dir Rosen;

Sie gelten der Freundschaft,

Die duftenden Rosen.

Wie zieret die Myrte,

Den lieblichen Kranz!

Es gelten die Myrten

Den zartlichen Freuden.

Von allen Gestrauchen,

Erkor sich die Liebe

Die Myrte allein!

Rinaldo deutete den Sinn des Gesanges so, wie ihn gewiss auch die Leser deuten werden. Lachelnd griff er nach der Guitarre, spielte und sang:

Anadyomene windet

Myrten in die braunen Locken,

Und die schonsten Blumenglocken,

Wanken um den Myrtenkranz.

Rosen duften an dem Busen,

Sanfter Krokus wankt bescheiden,

Um das Meer der Lusternheit;

Und wo bluht Vergissmeinnicht?

Nah am Herzen bluht dies Blumchen,

Lachelt sanft im stillen Glanze,

Weit entfernt vom Myrtenkranze,

Doch dem schonsten Platze nah.

"Bravo!" rief Fiametta und warf sich an seinen Hals. Fortunata trat in die Laube, und auch ein "Bravo!" rief sie beiden zu.

"Es bleibt alles unter uns!" lachelte Fiametta.

Fortunata fragte nach Fiamettens Gesellschaftern.

"Sie sind" antwortete diese, "bei dem endlich erschienenen Prinzen Nicanor."

RINALDO Wie?

FORTUNATA Ist er hier?

FIAMETTA Seit gestern Abend. Er hat die fur ihn gemietete, herrliche Villa Massimi bezogen.

FORTUNATA So ist er denn endlich in der Nahe, der Stern, dem wir aus der Ferne nachzogen!

FIAMETTA Alles ist in Bewegung. Aber unser Ritter ist stumm.

RINALDO Diese Nachricht hat mich uberrascht.

FIAMETTA O! lasst Euch ja nicht uberraschen, solange Ihr selbst noch uberraschen konnt! Bald darauf kamen Nachrichten und Einladungen von dem Alten von Fronteja an, der, wie wir wissen, jetzt als Prinz Nicanor auftrat. Er wollte diesen Abend seinen Freunden eine glanzende Fete geben. Dazu waren sie eingeladen, und dahin gingen sie, als es Abend wurde.

Sie traten in den prachtigen Garten der schonen Villa. Eine sanfte, angenehme Musik tonte aus den Hecken ihnen entgegen. Der Alte von Fronteja trat aus einer Laube hervor, gekleidet in ein himmelblaues, mit Sternen besates Kleid, umwunden mit einem goldenen Gurtel. Eine goldene Kette, an welcher als Schaustuck ein Saphir mit Diamanten umfasst hing, umschlang seinen Hals und bedeckte seine Brust. Ein Purpurmantel umwallte seine Schultern, und ein Lorbeerkranz umschlang seine Schlafe. So, im erhohten und vermehrten Kostum, als Demiurg1 geschmuckt, naherte er sich den Kommenden mit freundlichem Blick. Seine rechte Hand reichte er den Damen zum Kuss, die Linke streckte er gegen Rinaldo aus, indem er sagte:

"Sei mir willkommen! Gegrusst sei von mir in meinem, meiner, und deiner Freunde Namen! Ich reiche dir freundschaftlich die Hand des Grusses und des frohen Empfanges. Es ist die Linke, es ist die Hand, die dem Herzen naher ist als die Rechte. Es ist die Linke, die, und wenn auch aus Freundschaft, dennoch keinen Dolch gegen den Freund fuhrte; und die Rechte darf wohl wissen, was die Linke tut. So ist es aber nicht im entgegengesetzten Falle. Umarme mich, mein Freund!"

Er umarmte ihn, als eben Olimpia, die Grafin Ventimiglia, herzutrat. Sie offnete ihre Arme, und Rinaldo lag, ohne selbst zu wissen wie schnell, an ihrer Brust. Aus sanften melodischen Kehlen ertonte in die Musik der Gesang:

Wiedersehen, wiederfinden

Wird sich Treu und Zartlichkeit.

Wenn der Hoffnung Sterne schwinden,

Wenn das rasche Rad der Zeit

Sich in engen Kreisen windet,

Wenn der schonste Traum entschwindet,

Nahert sich die Wirklichkeit.

Wiedersehen, wiederfinden

Wird sich Treu und Zartlichkeit!

Rinaldo war ohne Sprache. Olimpia nahm ihn bei der Hand. Der Alte fuhrte Fortunata; Fiametta folgte. Im Freien war die Tafel serviert. Die Gaste nahmen Platz. Als sie sassen, erhob sich der Alte, breitete seine Arme gegen den Himmel aus und sprach:

"Lass, du ewiges, gegen deine Geschopfe stets gutiges Wesen uber uns! dieses freundschaftliche Mahl uns gesegnet sein!"

Der Himmel war hell, und die Luft so rein und still, dass sie kaum die Flammen der zwanzig grossen Wachskerzen, die die Tafel zierten und erleuchteten, bewegte. Der widerstrahlende Lichtschimmer tingirte das Laub auf vielerlei Art und gab bald helle, bald dunkle Schattierungen. Hier strahlten Blatter in einem glanzenden Gelb, dort verloren andere sich in dunkles Grun. Da glanzten die weissen Bluten, die an langen Gewinden herabhingen, auf goldgelbem Grunde, dort liessen zwei abstechende Blatter die Strahlen eines Sterns durchfallen, der wie ein Diamant funkelte. Die kuhle Nachtluft hielt die wurzigen Dufte der Bluten an der Erde gefangen und liess sie zweifach geniessen. Der wankende Widerschein, der auf dem Laube spielte, das abwechselnde Hell und Dunkel, das Gestalt und Farben der Blatter veranderte, dies alles gab dieser Tafelszene im Freien einen unbeschreiblichen Reiz. Der Alte ergriff einen Becher, goss Wein aus demselben in eine goldene Schale und gebrauchte sie zu einer feierlichen Libation, mit den Worten: "Den Manen unsrer Freunde!" Olimpia hob den strahlenden Becher hoch und sagte: "Unsern lebenden Freunden!" "Gott gebe uns Freuden!" setzte der Alte hinzu. Ein feierlicher Chor ertonte:

Die Vorsicht streut Blumen

Auf dornigen Pfad,

Die Vorsicht streut Dornen

Auf rosigen Pfad.

Es welken die Blumen;

Die Dornen zerstreut

Ein freundliches Luftchen

Der heilenden Zeit!

Der Alte sagte sehr pathetisch in seinem gewohnlichen Lehr- und Ermahnungstone: "Der Mensch, der sein Leben geniessen will, lebe der Gegenwart. Sie verschlinge das Vergangene! Voruber geht der Sturm und schone Sonnenblicke erheitern das erschutterte Herz. Der Mensch ist der Welt geboren. Er lebe mit der Zeit, welche die Welt wiegt und tragt. Leiden durfen uns nie zaghaft machen. Der Nacht folgt Tag. Morgenrote und Abendrote glanzen an einem Horizont. Was konnen Ungluck und Widerwartigkeiten des Lebens einem Standhaften tun, der mutig diesen brausenden Wellen die Brust entgegenwirft? Sie konnen ihn umspulen, und er kann sie bekampfen. Dem Mutvollen riegelt die Natur selbst alle Pforten auf. Von der Erde blickt er gen Himmel. Er kennt das Grab der Erde, er sieht das glanzende Haus der Sterne. Sein Geist hat dort seine Heimat, und uberirdische Strahlen nahrt seine unsterbliche Seele in sterblicher Hulle."

Die Musik fiel ein. Olimpia wendete sich zu Rinaldo, dessen Aufmerksamkeit ein ihm gegenubersitzendes Madchen beschaftigte. Lachelnd fragte sie:

"Kennt Ihr denn Eure Freundinnen so wenig?"

"Serena!" rief Rinaldo aus. "Ja, es ist Serena!"

Sie war es, das schone Gartnermadchen, das uns aus dem achten Buche dieser Geschichte bekannt ist.

Rinaldo reichte ihr die Hand. Auf frohes Wiedersehen wurden von beiden die Becher geleert. Ihr winkte Olimpia. Serena erhob sich und reichte ihm einen Blumenkranz. Der Alte lachelte:

"Dies ist das Angebinde der Freude, das ein sanftes Herz reicht."

"Beides weiss ich zu schatzen!" rief Rinaldo aus.

Der Alte wurde immer gesprachiger. Die Freude glanzte auf seinem Gesichte sichtbar. Olimpia ergriff eine Schale und sagte:

"Wenn die Freude frohe Menschen glucklich macht, sollen diese immer der Unglucklichen gedenken, und wo das Wohlleben thront, finde die Armut wohltatige Freunde!"

Sie warf Geld in die Schale, die herumging und bald gefullt wieder zu ihr zuruckkam.

"Die ersten Armen, die ich morgen sehe!" sagte sie, indem sie die Schale leerte.

"Daran tust du sehr wohl, wohltatige Freundin!" rief der Alte ihr zu.

Man brachte Fortunaten einen grossen, goldenen Becher, geschmuckt mit dem Wappen von Korsika. Sie hob den Becher, und ein: Es leben die Korsen! tonte aus allen Kehlen ihrem Ausrufe nach.

"Gott gebe ihnen" setzte der Alte hinzu, "Kraft und Mut und starke ihre Hoffnungen, welche die schonste Erfullung kronen moge!"

Musik und Gesang ertonten.

Darauf stand der Alte auf, sprach ein kurzes Gebet, und die Tafel ward aufgehoben. Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. Rinaldo wandelte, in stille Betrachtungen verloren, gegen einen Wasserfall in die Mitte des Gartens hin. Ein Schatten wankte ihm zur Seite einer duftenden Jasminlaube zu. Er sah sich um und sah Serenen. Schweigend blieben beide einander gegenuber stehen. Er fasste ihre Hand. Schweigend kamen sie in die Laube, schweigend setzten sie sich nieder. Rinaldo spielte mit Serenens Fingern. Er seufzte. Seufzend wurde Serena das Echo dieses Seufzers. Er ergriff ihre andere Hand und lispelte:

"Serena!"

Sie seufzte tief auf. Gluhende Wangen nahten sich gluhenden Wangen; schweigend fanden sich kussende Lippen. Tiefe Stille herrschte rund umher. In das laute Rauschen des Wasserfalls tonte nur sanft der Wechselschall zartlicher Kusse. Des Mondes klares Antlitz spiegelte sich in den Wellen des Wasserfalls und warf verstohlene Blicke in die Laube. Hier spiegelte sich Auge in Auge, hier ruhten in langen Atemzugen Lippen auf Lippen, und verschlungen waren Arme in Arme. Tiefer sanken die Lippen des Entzuckten, sanft straubte sich das zitternde Madchen. Leise Seufzer kampften kraftlos gegen brennendes Ungestum. Kein Wort wurde gesprochen.

Es rauschten Fusstritte durch die Stille der Nacht. Serena riss sich los und entschlupfte der Laube. Rinaldo sah ihr unentschlossen nach. Eine Hecke entzog sie seinen Blicken. Fortunata trat in die Laube.

"Ich suchte dich!" sagte sie und liess sich neben ihm nieder. Sanft floteteten die Nachtigallen, laut rauschte im lieblichen Unisono der Wasserfall, girrende Vogel nisteten uber der Laube nicht vergebens einander entgegen. Wie viel und vielerlei hatte Rinaldo nicht mit dem Alten und mit Olimpien zu sprechen!

Mit tausend Fragen trat er in das Haus. Er fragte nach dem Alten. Dieser hatte sich schon zur Ruhe begeben. Er wollte zu Olimpien.

Uber die Galerie ging er auf ein ihm entgegenstossendes Zimmer zu. Er offnete die Tur. Eine schwebende Lampe erleuchtete ein geraumiges Zimmer. Sechs Totengerippe sassen um einen Tisch herum. Er trat betroffen zuruck und verliess schnell das Zimmer.

Serena kam ihm entgegen. Er eilte auf sie zu, fasste ihre Hand und wollte sprechen, als eine Glocke ertonte. "Was ist das?" fragte er.

"Es ist die Mitternachtsglocke, die uns gebietet, zur Ruh zu gehen", war Serenas Antwort.

Arm in Arm kamen Fortunata und Olimpia. Ein Knabe mit einer brennenden Wachskerze ging voran. Serena verschwand von der Galerie. Rinaldo ging auf die Damen zu. Schweigend zeigte er auf das so sonderbar dekorierte Zimmer.

Olimpia schien ihn zu verstehen, aber sein fragendes Zeichen mochte sie nicht beantworten. Sie sagte:

"Morgen, lieber Freund, haben wir recht viel miteinander zu sprechen."

"Warum nicht jetzt?" fragte er.

"Die Glocke ruft zur Ruh."

"Ich verlange nur eine kleine Antwort auf eine kurze Frage, die dieses Zimmer betrifft."

Olimpia winkte. Der Knabe ging, und Fortunata folgte dem Knaben. Rinaldo fragte:

"Was will das Unwesen mit den Totengerippen sagen?"

"Unser Freund und Meister", antwortete Olimpia, "der weise Alte, sagte schon mehr als einmal zu mir: die Agypter hatten die Gewohnheit, die Leichen geliebter Personen bei Gastmalen sogar auf ihren Tafeln zu haben. Es war der dritte Grad der Krata Repoa, das Tor des Todes, in welchem der Eingeweihte, Melanephoris genannt, in ein Zimmer gebracht wurde, das mit Vorstellungen von einbalsamierten Korpern und Sargen besetzt war. Alle Wande hingen von dergleichen Zeichnungen voll."

"Spielt ihr denn allenthalben die alte Komodie fort?"

"Ein wenig."

"Die sechs Skelette in diesem Zimmer "

"Sind die irdischen Uberreste von Freunden und uns werten Menschen. Besieh sie selbst genauer und uberzeuge dich. Morgen sprechen wir recht viel miteinander. Jetzt wunsche ich dir eine angenehme Ruh!"

"Bleibt Fortunata hier?"

"Bei mir."

"Ihr kennt Euch?"

"Ein Zweck vereint uns alle zu einer Bekanntschaft."

"Und wo bleibe ich? Wer fragt nach mir? Wer zeigt mir einen Ort, wo ich ein Lager finde?"

"Von diesen Zimmern allen kannst du dir wahlen, welches du wahlen willst. Der Sohn des Hauses hat freie Wahl."

"Den Sohn des Hauses nennst du mich?"

"Du weisst nicht, was du bist, weisst nicht, wie sehr du geliebt wirst."

"Auch noch von dir?"

"Von uns allen."

Sie wollte gehen. Er hielt sie zuruck und fragte:

"Ist dein Gemahl auch hier?"

"Ich erwarte morgen seine Ankunft."

"Olimpia!"

"Was wolltest du sagen?"

"Ich bewundere dich!"

"Es waren schone Augenblicke, in denen du mir einst weit schonere Sachen sagtest! Wenn die Zeit der Bewunderung kommt, ist die Zeit der Liebe dahin. Der Liebesrausch verschlingt gewohnlich die Bewunderung. Auch Fortunata wird dies noch erfahren. Doch, sei du nur dem Ganzen unseres Bundes, was wir wunschen, und du machst uns alle glucklich!"

Sie druckte ihm die Hand und ging schnell davon.

Rinaldo offnete zum zweitenmal das geheimnisvolle Zimmer, trat unter die tote Gesellschaft, ging naher hinzu und sah die Schadel der Skelette mit Buchstaben bezeichnet. Er nahte sich dem nachsten, las, und las den Namen: Rosalie.

Er bebte zuruck und seufzte tief auf:

"Ach! Rosalie! meine geliebte Freundin!"

Noch einmal las er diesen Namen, verliess eilig das furchterliche Gemach, schlug die Tur hinter sich zu und eilte in heftiger Bewegung uber die Galerie einem leeren Zimmer zu.

Fussnoten

1 Bei der den Lesern bekannten Krata Repoa, die Benennung des Obersten und Aufsehers dieser Gesellschaft und des Bundes der agyptischen Mysterien.

Funfzehntes Buch

Was dich fasste, wird dich halten;

Kannst du dem Geschick entgehn?

Wo des Schicksals Sterne walten

Werden sie auch untergehn.

Die Sonne stand schon hoch, als Rinaldo erwachte. Er schlug die Augen auf. Serena sass, mit weiblicher Arbeit beschaftigt, in seinem Zimmer. Sie wunschte ihm einen guten Morgen und ging.

Als er angekleidet war, kam sie zuruck und fragte, ob er im Garten fruhstucken wolle.

"Wo fruhstuckt Euer Prinz?"

"Er ist nicht hier."

"Nicht hier?"

"Vor einer Stunde fuhr er von hier weg."

"Wohin?"

"Das weiss ich nicht."

"Wo ist Olimpia?"

"Sie begleitet den Prinzen. Auch die Damen aus der Stadt sind mitgefahren."

Rinaldo liess sein Fruhstuck in den Garten tragen. Hier wandelte er uberlegend und nachsinnend auf und ab. Dann sprach er endlich mit sich selbst:

"Ja! Ich will allen diesen sogenannten Freunden Schicksal, nicht das seinige, mit dem meinigen teilen. Allein will ich erwarten, was mir geschieht. Allein will ich stehen und fallen!"

Er liess ein Pferd satteln, stieg auf und ritt in die Stadt. Hier brachte er seine Sachen in Ordnung und verliess Cagliari, fest entschlossen, sich nach einem Hafen zu begeben und die Insel zu verlassen. Nach Spanien wollte er zu kommen suchen und dort versteckt in einer Sierra leben, oder nach den Kanarischen Inseln segeln. So hatte er's bei sich beschlossen. Rasch trabte er darauf los und hoffte, vor Abend noch Salano zu erreichen.

Gegen Mittag wurde die Luft druckend und schwul. Der Himmel umzog sich, Blitze flammten durch die Nacht des Himmels, fernher rollte der Donner. Eine Totenstille schwebte uber der Gegend.

Rinaldo erreichte, mit einem heftigen Platzregen, ein Schloss, das auf einer Anhohe lag. Er ward eingelassen. Man fuhrte sein Pferd in den Stall und sagte ihm, er befinde sich in dem Schlosse der Grafin Orana, die eben hier sei. Seine Ankunft ward ihr gemeldet. Sie bat sich den Besuch ihres Gastes aus.

Sie war eine Dame von Geist, und ihre Unterhaltung mit Rinaldo war sehr lebhaft und interessant. Seit zwei Jahren war sie, wie sie sagte, Witwe, noch in ihren besten Jahren, fest entschlossen, ihre Freiheit zu behaupten und sich nicht wieder zu vermahlen, sie musste denn, wie sie sich ausdruckte, von etwas uberrumpelt werden, das interessanter war', als die Manner gemeiniglich zu sein pflegten. Sie war eine Dichterin und hatte eine Satire uber die Manner geschrieben, die sie aber ihrem Gaste, der darum bat, doch nicht mitteilen wollte. Da sie aber, wie sie versicherte, viel Unterhaltung in seiner Gesellschaft fand, so bat sie ihn, einige Tage bei ihr zu verweilen. Dies konnte ihr Rinaldo nicht abschlagen.

Sie hatte eine Cousine bei sich, die bei der Abendtafel durch ihre Laune das Gesprach noch unterhaltender machte, und Rinaldo hatte mit einem Paar Damen zu kampfen, die sehr systematisierte Mannerfeindinnen zu sein schienen. Ihm waren solche Weiber noch nicht vorgekommen.

Den Damen nur ein wenig das Gleichgewicht zu halten, erklarte er, dass er entschlossen sei, das Malteserkreuz zu nehmen, weil er sich nicht uberzeugen konne, durch eine zartliche Verbindung mit einer Dame glucklich zu werden. Jetzt anderte sich die Szene. Man wollte ihn vom Gegenteil uberzeugen und stritt so die Mitternacht herbei.

Ein Kammerdiener wies ihm sein Schlafzimmer an, wo sich alles in bester Ordnung befand und wo er sanft auf einem weichen Lager ruhte.

Er erwachte so spat, dass er die Damen schon bei dem Fruhstuck fand.

Eben war eine Bande reisender spanischer Tanzer angekommen. Sie fanden sich auf dem Schlosssaale ein, die Zuschauer nahmen Platz, die Musik begann, ein freundliches Madchen und ein artiger, junger Mann traten auf, den zartlichen Bolero zu tanzen.

Beide in netter, Andalusischer Tracht, die zum Tanze erfunden ist, eilten sie im Fluge aufeinander zu, als ob sie sich gesucht und gefunden hatten. Schon wollte der Jungling die Geliebte umarmen, schon schien sie in seine Arme zu sturzen, als sie sich plotzlich umdrehte; er, halb erzurnt, tat eben das. Das Orchester machte eine Pause. Beide schienen unschlussig zu sein, aber die wieder beginnende Musik riss ihre Bewegungen von neuem mit sich fort. Feuriger suchte der Jungling seine Wunsche auszudrukken, und zartlicher schien die Geliebte ihn anzuhoren. Ihre Augen wurden schmachtender, ihr Busen hob sich starker, ihre Arme breiteten sich nach den seinigen aus; vergebens, sie wich noch einmal schuchtern zuruck, aber die Pause gab beiden neuen Mut. Schneller ertonte die Musik. Beflugelter folgten sich ihre Schritte. Ausser sich vor Verlangen, eilte der Jungling noch einmal auf das Madchen zu, mit gleichen Empfindungen kam sie auch ihm entgegen. Ihre Blicke verschlangen sich, ihre Lippen schienen sich zu offnen, nur susse Scham hielt sie noch schwach zuruck. Aber sturmischer rauschten die Saiten, und heftiger wechselten ihre Bewegungen. Ein Rausch, ein Taumel, eine Wollust wollte beide vereinigen; jede Muskel schien zum Genusse sich zu drangen, jeder Augenblick demselben entgegenzufliegen. Plotzlich schwieg die Musik, und die Tanzenden verschwanden.

Die Cousine schlug die Augen nieder und spielte mit dem Blumenstrauss an ihrem Busen. Die Grafin wendete sich lachelnd an Rinaldo und fragte:

"Was sagt Ihr zu diesem Tanze?"

"Ich sage, es ist ein bezaubernd schoner Tanz."

"Meint Ihr?"

"Ein Tanz, der so lebhaft zu einem Gefuhle spricht, das die ganze Natur belebt, das allein den Egoismus der Menschen mildern kann, sollte der nicht bezaubernder als jeder andere sein?"

"Wie konnte auch", lachelte die Grafin, "ein Mann anders urteilen?"

"Durfte er?" fragte Rinaldo.

"O!" rief die Cousine aus; "was glaubten die Manner nicht zu durfen!"

Die Bolero-Tanzerin trat herzu. Sie wurde von der Grafin und von Rinaldo reichlich beschenkt. Rinaldo schien seine Lage und sich selbst beinahe vergessen zu haben, als er auf eine unangenehme Art an alles wieder erinnert wurde. Die Grafin lenkte bei Tafel das Gesprach auf einen sonderbaren Vorfall. Wir wollen es horen.

"Mein Jager", sagte sie, "den ich mit Auftragen nach Cagliari geschickt hatte, ist soeben wieder zuruckgekommen. Er hat auf dem Wege etwas Kostbares gefunden."

"Etwas Kostbares?" fragte Rinaldo.

"Er will es Euch verhandeln."

"An mich?"

"Weil Ihr sicher wisst, wohin das Gefundene gehort."

"Ich bin begierig "

"Ihr nennt Euch fremd auf dieser Insel?"

"Das bin ich."

"Doch wohl nicht ganz."

"Ich verstehe nicht "

"Wer trug dies Bild?"

Sie uberreichte ihm sein eigenes Portrait. Es war eben das, welches Fortunata ihm gezeigt hatte. Rinaldo fasste sich schnell.

"Dies Bild trug niemand. Mein ist es; Ich habe es verloren. Meinen Dank soll der Finder erhalten."

"Dies Bild trug keine Dame? Und dies sollen wir glauben?" fragte die Cousine.

"Ja!" fuhr die Grafin fort. "Es ist dies nicht das einzige Sonderbare; das grossere kommt noch. Der Jager hat den sonderbaren Wahn, denn er behauptet und beschwort, dies Bild, verzeiht, Herr Ritter! sei das Konterfei des Rauberhauptmanns Rinaldini."

"Lustig!" lachelte Rinaldo. "Ist dies sein Bild, so bin ich der vom Tode auferstandene, furchtbare Mann, den Ihr sogleich der Obrigkeit uberliefern musst."

Verlegen blickte ihn die Grafin an. Die Cousine lispelte:

"Ein sonderbarer Zufall!"

"Den Jager muss ich sprechen!" rief Rinaldo aus.

Dieser kam.

RINALDO Wie du gesagt hast, hast du den Rauberhauptmann Rinaldini gekannt?

JAGEK O ja!

RINALDO Du hast ihn selbst gesehen?

JAGER Selbst.

RINALDO Wo?

JAGER Auf dem Wege von S. Leo nach Florenz. Ich war damals in Diensten der Marchese Altanaro. Rinaldini kam als ein Jager gekleidet, foppte meine Herrschaft, bat sich zuletzt Ringe, Uhren und 100 Zechinen aus, nannte sich und gab eine Sicherheitskarte.

RINALDO Und er glich diesem Portrait?

JAGER Es scheint sein eigenes zu sein.

RINALDO Das Portrait gehort aber mir, es ist mein Bildnis. Ich muss also auch dem Rauberhauptmanne gleichen?

JAGER Wie ein Bruder seinem Bruder gleicht.

RINALDO Gut, dass Rinaldini nicht mehr lebt! Aber ich war doch in Sizilien und Neapel, und kein Mensch hat meines Gesichtes wegen mich in Anspruch genommen.

GRAFIN Du wirst dich irren, Corrado!

JAGER Es konnte sein, aber

RINALDO Er will sich nicht geirrt haben!

DIE COUSINE So scheint es. Aber er hat sich dennoch geirrt.

GRAFIN Nichts ist sicherer!

RINALDO Er konnte mich in der Tat verlegen machen, wusste ich nicht am besten, wer ich bin. Hier, mein Sohn! ist ein Trinkgeld fur das Gefundene.

JAGER Ich bin beschamt und weiss nicht, was ich sagen, wie ich danken soll. Ich bitte um Verzeihung, dass ich

RINALDO Schon gut! Mein Gesicht nimmt dich nicht in Anspruch. Es soll und kann auch keinen Toten erwecken. Wir lassen ihn ruhen!

Der Jager ging. Die Damen badinierten. Nach aufgehobener Tafel empfahl sich Rinaldo, dankte fur gegebene Herberge, bestieg sein Ross und trabte davon. Aus einem Busche brach ein Mensch hervor. Es war Fabio, der Kammerdiener der Grafin Olimpia.

RINALDO Wie? Fabio? Du? und hier?

FABIO Verdeckt und entronnen.

RINALDO Wie das? Deutlicher!

FABIO Die Damen sind arretiert.

RINALDO Die Damen?

FABIO Meine Grafin, die Signora Fortunata, ihre Gesellschafterin, die andern und die Herren dazu, welche aus Korsika waren.

RINALDO Wo?

FABIO Auf der Villa. Des Nachts wurde sie von Soldaten besetzt.

RINALDO Von Soldaten?

FABIO Die samtliche Dienerschaft wurde zugleich mit arretiert. Ich bin glucklich entflohen.

Der Prinz war nicht bei uns; ich glaube, man hatte ihn sonst auch festgehalten. Unter uns, Herr Ritter! Ich habe nach meiner wenigen Einsicht dem ganzen Wesen immer nicht viel Gutes prophezeien konnen.

RINALDO Welchem Wesen?

FABIO Eine Art von Unwesen war es wohl eigentlich. Was man aber beabsichtigte oder im Schilde fuhrte, davon weiss ich nichts zu sagen. Meine Kameraden nannten die Gesellschaft nur die Goldmachergesellschaft. Der Prinz soll wirklich ein geborner Agypter, ein Adept sein, wie man sagte. Das ist wahr, von Agypten und geheimen Dingen sprach er immer viel, besonders bei Tafel. Doch Ihr werdet ihn ohne Zweifel besser kennen, als ich ihn kenne.

RINALDO Du irrst dich!

FABIO Geld hat er genug. Er ist freigebig und gut. Meine Grafin ist es auch. Wenn ihr nur nichts Arges widerfahrt.

RINALDO Was soll ihr widerfahren? Ein Missverstandnis, das sich bald losen wird, muss bei der Sache obwalten.

FABIO Das gebe der Himmel! Wenn ich nur wusste, wohin ich mich nun wenden sollte.

RINALDO In Salonetta ist meine Wohnung. Dort bin ich, den Bernhardinern gegenuber, leicht zu erfragen. Bis dahin ist hier ein kleines Zehrgeld. Wenn du rasch zugehst, bist du gegen Abend an Ort und Stelle. Kaum war er ihm aus den Augen, als er sich rechts wendete und einen andern Weg einschlug. Er sann hin und her, uberlegte, bedachte, erwog und konnte nichts ersinnen, das ihm Sicherheit versprochen hatte. Unmutig stieg er bei einem Gebirgspass vom Pferde und warf sich nachdenkend unter einen Baum.

Hier hatte er nicht lange gelegen, als sich ihm drei Bewaffnete nahten, denen er ihr Handwerk gleich ansah. Seine Kameraden kamen ihm in den Sinn. Schnell bemachtigte sich seiner der Entschluss, Sardegna zum neuen Schauplatz seiner ehemaligen Taten zu machen und sich seiner Lage zu entreissen, von der er sich wenig Gutes versprechen konnte. Noch standen die Bewaffneten ratschlagend in der Ferne. Er winkte sie herbei. Sie kamen naher. Der eine fragte mit Laune:

"Der Herr verlangt unsren Besuch?"

"Ich habe mit euch zu reden."

"Der Herr hat sich verirrt?"

"Zu euch."

"Zu uns? Kennt Ihr uns?"

"Wir wollen uns kennenlernen."

"Wisst Ihr, ob uns etwas daran gelegen ist?"

"Mir liegt etwas daran."

"Euch? Man sieht, dass Ihr uns nicht kennt."

"Dein Name?"

"Ein Verhor?"

RINALDO Dein Name?

SANARDO Ich heisse Sanardo.

RINALDO Wie heisst dein Hauptmann?

SANARDO Mein Hauptmann?

RINALDO Nun! Einen Hauptmann werdet ihr, beim Teufel! doch haben?

SANARDO Nun sind wir aufs Reine! Der Herr halt uns also fur Leute, die auf anderer Nebenchristen Unkosten, nach eigener Willkur leben?

RINALDO So ist es. Bringt mich zu euerm Hauptmann.

SANARDO Wie? Hat man den Herrn genotigt, uns aufzusuchen? Ist die Justiz hinter ihm her? Oder was treibt ihn zu uns?

RINALDO Eine alte Bekanntschaft mit euerm loblichen Gewerbe.

SANARDO Wer sah Euch das an? Wo hat der Herr gelernt?

RINALDO In den Apenninen, in Kalabrien, bei dem bekannten Meister Rinaldini.

SANARDO Da muss der Herr etwas Rechtes konnen! Rinaldini soll's verstanden haben. Wir sprechen oft von ihm. Unter uns sind zwei Teufelskerle, Jordano und Filippo, diese haben bei dem namlichen Meister gelernt. Sie sprachen oft von ihm. Diese werden dich also auch kennen.

RINALDO Wohl moglich! Wir waren oft gar zahlreich; aber immer in mehrere Korps verteilt. Wie stark seid ihr?

SANARDO Vor vier Wochen waren wir starker. Es hat aber starke Stosse gesetzt. Bei S. Michiele hangen unserer achtzehn, und zwolf Kopfe sitzen auf Radern; meines Bruders Kopf in der Mitte. Jetzt gehen wir alle in eine Hohle. Wir zahlen nicht mehr als achtzehn bis zwanzig Kopfe.

RINALDO Eine Lumperei!

SANARDO Freilich! Das Rekrutieren will auch nicht gehen. Die Galgen sind zu sehr gespickt. Dergleichen Ansichten machen keinen Mut.

RINALDO Hat euer Hauptmann keinen Ruf?

SANARDO Unser Hauptmann sitzt in Taborgo in Ketten und Banden. Jetzt haben wir nur einen Interimskommandanten. Wir wechseln monatlich im Kommando ab.

RINALDO Das taugt nichts! Uberhaupt scheint ihr mir eben keine grossen Helden zu sein.

SANARDO Davon sprich nicht! Wir stehen unseren Mann. Aber freilich, furchtsam sind wir ein wenig geworden, denn die Kriminal-Gerichte haben uns die Schnabel derb abgeputzt.

RINALDO Rinaldini hatte Gefechte, in denen er oft 50 bis 60 Mann verlor. Aber den Mut liess der Uberrest nicht sinken, denn er selbst kannte keine Furcht.

Der eine Rauber bemerkte Reiter. Sie kamen naher. Es war eine Dragoner-Patrouille von drei Mann. Sanardo riet, sich eiligst zuruckzuziehen: Rinaldo rief ihnen zu:

"Jetzt bleibt und zeigt mir, dass ihr Manner seid, die stehen konnen. Ihr sollt auch mich kennenlernen."

Er schwang sich auf sein Pferd, und Sanardo schrie:

"Wir stehen!"

Die Dragoner kamen naher. Sie riefen ihnen zu, die Waffen abzulegen. Trotzig fragte Rinaldo:

"Konnt ihr das fordern?"

"Wir befehlen es!" war die Antwort.

"Reitet zuruck und sagt, dass Rinaldini nie die Waffen gestreckt hat."

Die Reiter stutzten. "Rinaldini?" murmelten sie einander zu. Dieser fuhr fort:

"Sucht ihr aber Kampf, den sollt ihr haben. Burschen! schlaget an!"

Die Buchsen lagen den Dragonern entgegen. Rinaldo hatte eine Pistole gezogen.

Die Reiter schwenkten sich und ritten davon. Rinaldo wendete sich zu den Raubern und fragte:

"Seid ihr nun mit mir zufrieden?"

"Aber", fragte Sanardo, "Rinaldini bist du nicht?"

"Der bin ich."

Mit einem Tempo streckten alle drei die Gewehre, kussten ihm die Hand und Sanardo sagte:

"Wir bitten dich, unser Hauptmann zu sein!"

"Das will ich" antwortete Rinaldo. "Euer Hauptmann will ich sein. Zu meinem alten Handwerke will ich wieder greifen und enden will ich, wie ich enden muss. Es waltet uber dem Menschen ein unbeugsames Schicksal. Bestimmt ist ihm sein Los. Sein bestes Spiel spielt er verzagt, und mutig wagt er, um zu verlieren. Fahrt hin, ihr schonen Traume meines Lebens! Ein anderer hege euch in froher Brust. Mein Schicksal will es anders. Es sei! Ich will nicht langer widerstreben. Voran! Ich folge euch." Jordano und Filippo sprangen hoch auf, als sie ihren Hauptmann erblickten. Sie kussten ihm die Hande und weinten Tranen darauf. Die andern standen mit entblossten Kopfen um ihn herum und nahten sich ihm nur auf seine Winke. Er liess sie alle versammeln, und als sie um ihn herum standen, sprach er:

"Ich nehme euch hiermit alle zu Kameraden an, und ihr schwort mir, als euerm Hauptmanne, Treue, Folgsamkeit und Gehorsam meinen Gesetzen, die ihr von mir erhalten werdet. Sie werden euch bekanntgemacht. Ihr habt sie zu befolgen. Wer dieselben einmal beschworen hat, muss nach denselben leben, denn jede bestimmte Strafe wird unbedingt vollzogen. Seid ihr damit zufrieden?"

Ein allgemeines lautes: Ja! erscholl. Rinaldo sprach weiter:

"Wer mit mir leben will, muss mit mir fechten, muss mit mir sterben konnen. Doch wie konnte einer, der alles zu wagen hat, zaghaft sein? Die Notwendigkeit selbst muss ihm Mut geben. Lieber das Leben als den Korper verloren! Was ihr zu erwarten habt, wenn man euch lebendig fangt, wisst ihr, und jedes Hochgericht legt euch die Vermahnung deutlicher ans Herz, als es der beredteste Mund tun konnte: lasst euch nicht fangen. Furchtbar mussen wir uns machen, und man furchtet uns. Dies ist leicht moglich. Ihr alle wisst oder konnt es leicht erfahren, wie schwach die Garnisonen und regularen Truppen dieser Insel sind. Kaum reichen sie hin, die Stadte Cagliari, Sassari und die Wachtturme an den Kusten gehorig zu besetzen. Was aber die Landmiliz betrifft, so ist es ja bekannt, dass sie nicht sonderlich zu furchten ist. Die Sarden stehen auch nicht wegen ihrer Herzhaftigkeit in grossem Rufe. Ich habe mit den Meinigen in geschlossenen Gliedern gegen Truppen der Florentiner und Romer, der Neapolitaner und gegen ihre Milizen gefochten. Nie aber hat ihre Ubermacht mich und meine Leute zaghaft machen konnen. Ein starkeres Korps als jetzt mussen wir werden. Dafur lasst uns sorgen. Doch ist es nicht eine grossere Anzahl, von der ich alles hoffe. Wenige, wenn sie herzhaft zu stehen und zu fechten wissen, sind mir lieber als Hunderte, die keinen Mut haben, die nur rauben, aber sich nicht wehren konnen. Im Gebrauche der Waffen werdet ihr geubt, und unerfahren fuhre ich euch nicht ins Gefecht. Aber nur dann fechten wir, wenn es notig ist. Ohne Angriff falle kein Schuss. Genug, dass wohlhabende Reisende beraubt werden, ihr Leben ist kein Gewinn fur uns. Die Armut empfehle ich euch; das Wenige, was sie hat, behalte sie. Der Arme ist ohnehin unglucklich. Er ist auch dankbar; und oft dankt ihr wohl eure Rettung einem armen Teufel, der sein Stuckchen Brot mit euch teilt, statt dass ihr ihn zum Verzweifelten machen wurdet, wolltet ihr ihm nehmen, was er euch nicht freiwillig geben will. Auch empfehle ich euch Schonung gegen Weiber, Kinder und Greise. Ihre Schwachheit kann uns nicht reizen, ihnen unsren Mut zu zeigen. Als Manner lasst uns allenthalben auftreten, und gebt eurem Handwerk so viel Edles, als es ihm zu geben moglich ist. Das ist es, was ich euch rate, was ich von euch verlange. Wollt ihr es erfullen?"

"Wir wollen!" schrien alle.

"Nun dann! So bin ich euer Hauptmann."

"Es lebe unser Hauptmann!"

"Hauptmann", begann Sanardo, "lass dir die Gebrauche der Sarden gefallen. Auch wir haben unsre Schutzpatronin."

"Sie sei auch die meinige."

"Viva gloriosa Santa Arega!"1

Dieses wiederholte Rinaldo, und die ganze Gesellschaft stimmte nach dem Tone einer Sardinischen Pfeife und einigen Zithern, den einzigen Instrumenten gemeiner Sarden, nach welchen auch ihre Volkstanze getanzt werden, den Gesang an:

In Deximu bella Aurora

Nascis de gracia luxenti;

Sias de sa devota genti

Santa Arega intercessora! etc.

Rinaldo fragte nach den verborgensten Schlupfwinkeln der Berge. Dahin brach die Gesellschaft auf. Auf einem schlechten Feldbette, unter einem Strohdache einer Sardischen Berghutte von vier Pfahlen untererstutzt, lag Rinaldo, mit sich selbst beschaftigt. Behaglich war ihm seine Lage keineswegs, er suchte sich aber selbst zu tauschen und wollte sie nun einmal behaglich finden.

Bekannt waren die Gesetze gemacht, auch waren sie beschworen worden. Es wurden ihm einige Kerle zugefuhrt, und in einigen Tagen zahlte er zweiunddreissig Kopfe, die ihm gehorchten. Alle wurden in den Waffen geubt. Jordano und Filippo machten dabei sich sehr verdient.

Rinaldo hatte die Berge besucht, die Gegend rekognosziert, und suchte sich nun mit Proviant, Gewehr und Munition zu versehen. Jetzt schickte er Streifpartien aus und liess zusammenschleppen, was zu bekommen war.

Auf der Spitze eines von den Bergen, unter denen man hier hauste, standen, von hohen Fichten beinahe ganz bedeckt, die Ruinen einer kleinen Raubfeste, in der ehemals ein gewisser Wegelagerer, Brancolino, nistete und die Bewohner der Taler hart bedrangte. Endlich fiel er einmal im Gefechte gegen die spanischen Soldaten, und sein Nest ward zerstort. Dabei tat auch die Zeit das ihrige. Weil jetzt der Platz einmal leer war, bevolkerte ihn die Furcht und die Liebe zum Sonderbaren mit Geistern, von deren Walten und Wesen die benachbarten Dorfbewohner gar viel zu erzahlen wussten. Jedermann sprach von diesen Ruinen, aber keiner wagte es, sie zu besuchen.

Rinaldo aber war so kuhn, sie sogar zu seiner Residenz zu wahlen. Was nur herzustellen war, wurde, so gut wie moglich, hergestellt. So erhielt er, mitten unter Schutt und Trummern, drei Platze, die wieder fur das gelten mussten, was sie ehemals gewesen waren, fur Zimmer. Er untersuchte genau und fand zu seinem grossen Vergnugen einen unterirdischen Gang, der am Fusse des Berges hinaus ins Freie, in einen angrenzenden Forst fuhrte. Der Ausgang war von Buschen und Dornen umwachsen. Weit darin in einer schmalen Kluft, durch die nur ein einzelner Mensch sich drangen konnte, verschloss ihn eine starke, doppelte eiserne Tur, die bald wieder gangbar gemacht wurde. Die Eulen und Fledermause wurden delogiert. Menschen bemachtigten sich ihrer bisherigen Residenz.

Der Eingang in die Ruinen wurde mit einer kleinen Zugbrucke versehen. So, wohlverschlossen und verwahrt, kampierte Rinaldo in seiner Burg, wenn er allein sein wollte.

In den Bergen umher wurden mehrere Hohlen bewohnbar gemacht; man grub sich ein, so gut man konnte, und machte sich nur sichtbar, wenn man wollte. Dies alles waren die Fruchte einer angestrengten Arbeit von acht Wochen, bei deren Vollendung, nahe bei den Ruinen, ein mit kostlichen Weinen wohlangefullter Keller entdeckt ward, der vermutlich ehemals dem edlen Brancolino gehort hatte. Jetzt wurde er die Beute einer Gesellschaft, die auch Wein trank und manchen Becher auf seine Gesundheit leerte.

Neben diesem Keller wurde eine Kapelle ausgemauert, ein Bild der heiligen Arega ward aus einer benachbarten Klosterkirche, auf gewohnliche Art, abgeholt und in dieselbe gesetzt. Das ordnete Rinaldo zu grosser Freude seiner sardischen Kameraden an, die nun Wohnungen, Wein und Andacht so gut und so nahe hatten, als sie dieselben nur schwer ehemals haben konnten oder sie zu erhalten Hoffnung hatten.

Das Kloster, welchem die heilige Arega entfuhrt worden war, entrustete sich sehr uber diese kuhne Tat, zumal, da die ehemaligen Besitzer die Entdekkung machten, dass man mit der Heiligen zugleich ihre besten goldenen und silbernen Kirchenschatze geraubt hatte. Der Pralat forderte die benachbarten Bauern auf, ihm die Rauber ausfindig machen zu helfen, aber man suchte sie nicht auf dem rechten Platze und fand sie also auch nicht. Es war ein schoner Morgen; Himmel und Erde lachten in verjungter Pracht. Im diamantenen Meere des reinen Morgentaues spiegelte ihr Antlitz die hehre, heitere Sonne, und tausend Kehlen sangen ihr den Morgengruss. Da nahm Rinaldo, sardisch gekleidet in Jagertracht, sein Rohr, verliess seine Mauern und ging hinab ins Tal.

Bald traf er auf ein Madchen, das Futterkrauter in einen Korb sammelte. Er bekam Lust, sich mit ihr zu unterhalten. Es kam zum Gesprach.

ER Einen frohen guten Morgen, einen heitern Tag und eine schone Nacht wunsche ich dir, fleissiges Madchen!

SIE Viel auf einmal! Wieder so viel von mir fur Euch!

ER Der Morgen ist so heiter, und du scheinst nur mit truben Augen ihn zu sehen.

SIE So ist es schon lange.

ER Was ist dir?

SIE Ich bin ein armes Madchen und habe viel Kummer.

ER Verliebt?

SIE Das leugne ich gar nicht. Ich wollte aber, ich war' es nicht. Dass ich es bin, das ist eben mein Ungluck! Der schonste Bursch in unserm Dorfe ist mir gut. Er hat mir Standchen gebracht, er hat mich mit Limonen geworfen, und ich habe ihn mit Wasser begossen2. Damit war's entschieden, dass wir uns beide liebten. Aber der Edelmann will's nicht leiden.

ER Was geht es den Edelmann an?

SIE Wir sind seine Untertanen, und er ist unser Herr.

ER Kann er auch uber Herzen gebieten?

SIE Er muss es doch konnen, weil er es tut.

ER Was sagen deine Eltern dazu?

SIE Die sagen, was der Herr sagt, und der Pater sagt es auch, und jedermann im Dorfe sagt: wir durften einander nicht lieben.

ER Sonderbar!

SIE Ich wollte, ich war' gestorben!

ER Wie heisst dein Edelmann?

SIE Mein Herr ist der Herr Marquis Reali. Er ist, sagt man, den Madchen gar gut, aber mir nicht. In unserm Dorfe verheiratet er die Madchen beinahe nach seinem Sinne, und er beschenkt sie dann auch.

ER Er muss dich auch beschenken.

SIE Er will nicht und will auch nicht, dass ich meinen Nicolo heiraten soll.

ER Wie nennt man dich?

SIE Maria. Mein Vater ist Aldonzo und hat schone Felder. Geschwister habe ich nicht, arm bin ich auch nicht; aber unglucklich.

Ihr Korb war gefullt. Sie schwang ihn auf den Rukken, trocknete die Augen und ging. Rinaldo ging mit ihr. Sie sah ihn mit fragenden Blicken an.

RINALDO Ist der Marquis Reali verheiratet?

MARIA Nein.

RINALDO Alt?

MARIA Ein Dreissiger.

RINALDO Hubsch?

MARIA Ziemlich, aber doch nicht so hubsch wie mein Nicolo.

RINALDO Ist er gesellschaftlich?

MARIA Er gibt an Gastfreiheit keinem Sarden etwas nach.

RINALDO Er ist wohl reich?

MARIA Sein gutes Auskommen soll er haben; soll auch etwas zurucklegen konnen, aber das tut er nicht, wie man sagt. Doch, sagt mir nun auch, warum Ihr mich so ausfragt?

RINALDO Weil ich wunsche, dich glucklich zu sehen.

MARIA Konnen das Eure Fragen und meine Antworten bewirken? Nein! Dahinter steckt sicher etwas ganz anderes. Aber, seht! dort kommen Leute, lasst mich allein meinen Weg gehen und bringt mich nicht in bose Mauler.

Er sagte ihr ein Lebewohl und kehrte schnell in seine Burg zuruck. Als er auf den gewohnlichen Versammlungsplatz kam, stellte man ihm einen Rekruten vor. Rinaldo examinierte ihn. Seine Antworten waren:

"Ich bin desertiert von dem Deutschen Regimente, welches in Cagliari in Besatzung liegt. Das Schultern stand mir nicht langer an. Ich lief davon und habe Lust, ein Handwerk zu treiben, das mir, obwohl in anderer Art, von jeher sehr gefiel und behagte. Mit einem Worte, das Rauben war vorlangst schon meine Sache. Von Geburt bin ich ein Deutscher, geboren in Reutlingen, wo ich das Zugreifen lernte. Ein Buchdrucker von Profession erhob ich mich bald zum Nachdrucker. Es ist dies ein sehr leichtes Geschaft, zwar unerlaubt, tragt aber etwas ein. Man braucht nur zu vigilieren, welches Buch Aufsehen macht, und guten Abgang verspricht. Gleich fahrt man daruber her, druckt es auf Loschpapier mit abgestumpften Lettern nach, schickt's in die Welt und streicht's Geld ein. Dabei lebt es sich gut und ruhig, denn es ist bei uns erlaubt, dies zu tun. Man furchtet keine Strafe, weil keine zu furchten ist, und lacht daruber, dass man uns Diebe, Piraten, Schufte, Schurken und schlechte Menschen nennt. Zwar weiss man wohl, dass man das ist, aber man lacht dennoch und nachdrucket immer fort. So stiehlt sich es wirklich gut!" "Warum aber", fragte Sanardo, "bliebst du denn nicht bei deinem eleganten Handwerke?" Der Reutlinger fuhr mit der Hand ubers Gesicht, zuckte mit den Achseln und sagte: "Wie das nun geht! Ich hatte Geld erworben und machte mich auf, meinen Kollegen in Bamberg, Karlsruhe u.a.a.O. zuzusprechen. Wir sahen, sprachen uns und lebten herrlich und in Freuden. Einen allgemeinen Nachdrucker-Kongress schrieben wir aus und kamen im Bade zu Spa zusammen. Hier fuhrte mich der Bose an eine Farobank, und was ich mir erstohlen hatte, ging in drei Abenden fort. Meine Kollegen waren grossmutig, bezahlten meine Zeche und reichten mir eine Kollekte. Sie verliessen in Equipagen das Bad, und ich verliess es zu Fusse. Die Kollekte war bald aufgezehrt. Ich liess mich unter die Soldaten anwerben. Man schickte mich nach Mailand. Ich lief zu den Piemontesern uber und ward mit nach Cagliari abgeschickt. Jetzt komme ich zu euch: denn ich will nun einmal meinen Galgen haben." "Den sollst du haben!" rief Rinaldo und ging mit Sanardo auf die Seite. Dieser kam zuruck, Rinaldo aber hatte kaum seine Burg erreicht, als schon der Reutlinger an einem Baume hing, weil er, meinten sie, fur ihre Gesellschaft zu schlecht sei. Den folgenden Tag bestieg Rinaldo sein Ross und erreichte bald das Schloss des Marquis Reali. Er selbst trat im Schlosshofe ihm entgegen und notigte ihn sehr hoflich, mit sardischer Gastfreiheit, bei ihm einzusprechen.

Er zeigte ihm sein Munzkabinett und fuhrte ihn in eine Galerie, in welcher eine ganz lange Reihe von Bauernmadchenportraits hing. Lachelnd fragte Rinaldo:

"Was sagt wohl diese Suite?"

"Dies" antwortete der Marquis, "sind Kopfe von Madchen meiner Untertanen auf meinen Gutern, die ich ausgesteuert und verheiratet habe. Es ist daraus so nach und nach bei mir eine Art von Geschaft geworden."

"Das aber doch wohl auch seine Zinsen tragt?"

"Zuweilen. Aber, unter uns! es geht mit den Weibern gemeinhin wie mit bosen Schuldnern, man verliert oft bei ihnen Zinsen und Kapital zugleich. Indessen, es macht mir Spass, die Suite zu vermehren, und Platz ist dazu vorhanden."

"Aber doch wohl nur bis zu Eurer Vermahlung?"

"Ich werde mich nie verheiraten. Es ist dies einer meiner Grundsatze."

"Wie oft wurden Grundsatze von schonen Augen umgestossen!"

"Ich lebe hier in einer artigen Kollektion von schonen Augen, wie Ihr seht!"

"Sie sind unbeweglich."

"Die Phantasie kann alles bewegen. Meine Vorfahren genossen bei den Tochtern ihrer Untertanen das Recht der ersten Nacht. Sie haben es sicher redlich exerziert. Mein Vater, eine Art von Philosoph, fand dies Recht ungerecht, besonders, da er meine Mutter ausserordentlich zartlich liebte. Er verwandelte das Recht in eine kleine jahrliche Abgabe und hob es auf. Seine Untertanen setzten ihm eine Bildsaule, die Ihr noch im Schlosshofe stehen seht. Ich besitze nun kein Recht mehr, aber ich erhandle mir zuweilen eine Gefalligkeit. Dabei geht alles ohne Groll ab."

"Ihr wahlt die Manner fur die Madchen, die Ihr aussteuern wollt?"

"Ich wahle sie."

"Machtet Ihr Euch noch nie den Spass und ihr die Herzensfreude, ein Madchen auszusteuern, die selbst sich einen Mann wahlte?"

"Dies ist, so viel ich weiss, noch nie der Fall gewesen. Doch sie betrugen mich, das merke ich. Was meine Wahl zu sein scheint, war oft schon ihre eigene Wahl. Das wissen die Madchen gar schlau zu karten."

"Ich wage eine Interzession!"

"Wieso?"

"Ein Madchen hat mich gebeten, fur sie bei Euch zu bitten."

"Was will sie?"

"Eine gewisse kleine, artige Brunette, Maria Aldonza, wunscht ihren Nicolo heiraten zu durfen."

"Wie kommt sie an Euch?"

"Ich fand sie weinend auf dem Felde: Ich unterhielt mich mit ihr, vernahm die Ursache ihrer Tranen und ward von ihr gebeten, ihr Vorsprecher zu sein."

"Es ist die Bitte meines Gastes die erste dieser Art an mich; Maria soll ihren Nicolo heiraten."

"Kommt ihr Portrait dann auch in diese Reihe?"

"Nur dann, wenn ich sie ausstatte."

"Das tut Ihr doch?"

"Das verspreche ich nicht. Doch, es kommt auf Marien an. Ich handle nicht gegen meinen Grundsatz."

"Als Fremder wage ich es nicht, Euch vorzugreifen. Das Madchen hat mich geruhrt. "

"Wollt Ihr sie ausstatten?"

"Wenn ich darf "

"Nun gut! Doch nicht eher, als bis ich selbst ihr keine Ausstattung gebe."

Die Zeit der Siesta war gekommen. Beide begaben sich zur Ruh. Rinaldo hatte langer als der Marquis geschlafen. Als er ins Zimmer kam, sass Maria einem Maler, der sie portraitierte. Der Marquis fuhrte seinen Gast in ein anderes Zimmer und lachelte. "Maria wird von mir ausgestattet, und Nicolo wird ihr Mann."

Das Gesprach wendete sich. Man kam auf Cagliari, und endlich erfuhr Rinaldo etwas, wobei er interessiert war.

"Auf Requisition aus Frankreich", fuhr der Marquis im Verfolg seines Gesprachs fort, "sind in Cagliari eine ganze Hecke missvergnugter Korsen und ihre Freunde arretiert worden. Man spricht von Anschlagen auf Korsika, von einer Landung daselbst, von Truppen, die Rinaldini hatte anfuhren sollen, und dergleichen. Ich glaube, man vergrossert etwas sehr Unbedeutendes, vielleicht aus Politik."

"Lebt denn Rinaldini noch?"

"Man sagt es."

"So ist er sicher auch mit arretiert worden."

"Ihn hat man nicht angetroffen. Auch soll ein gewisser turkischer Prinz entkommen sein, der, wie man sagt, das Haupt der korsischen Verbindung war."

"Sind die Verhafteten noch in Cagliari?"

"Nein. Man hat sie einem franzosischen Kommissar ubergeben. Nun heisst es aber, das Schiff, auf welchem sie sich befanden, sei genommen worden. Doch davon spricht man unbestimmt. Mir liegt nichts daran! Das aber mochte ich wissen: Ob Rinaldini wirklich noch, und ob er auf dieser Insel lebt?"

"Das mochte ich selbst wissen."

"Und lebt er noch, so wunsche ich, ihn zu sehen." "Ihn zu sehen?" "Ja! ihn zu sehen. Es kostete allenfalls eine Borse mit Zechinen, ihm zu begegnen, und dafur wollte ich ihn recht beschauen." "Mit dieser Borse waren aber einige Madchen auszustatten, und dabei gab' es doch wohl mehr als nur etwas zu sehen." Maria trat ins Zimmer, kusste dankend dem Marquis die Hand und bat ihn, ihr gnadiger Herr zu bleiben. Ein Bedienter trat ein und winkte dem Marquis, der mit ihm das Zimmer verliess. Maria sagte: "Euch habe ich sicher alles zu verdanken!" "Dir selbst, mein Kind", sagte Rinaldo, "hast du deine Aussteuer zu verdanken." "Wenn auch diese, doch das nicht, dass ich Nicolo heiraten darf. Die Aussteuer war' wohl langst schon zu bekommen gewesen, aber Nicolo nicht mit dazu." Rinaldo druckte ihr einige Goldstucke in die Hand. Sie fragte: "Wollt Ihr mich auch aussteuern?" "Ich bin kein reicher Marquis." "Doch habt Ihr fein gegeben!" "Wenigstens uneigennutzig." "Das lobe ich, verdenke es Euch aber. Der Herr Marquis denkt anders als Ihr. Ich danke Euch!" "Geh, grusse deinen Nicolo!" "Der wird recht froh sein, dass er mich heiraten darf und dass er nun auch bald erfahrt, wie es sich in einem Bette liegt!"3

Sie sprang aus dem Zimmer, wohin der Marquis nachkam. Er bat um Verzeihung, ihn allein gelassen zu haben, doch setzte er hinzu: "Ich habe Euch doch nur allein bei einem artigen Madchen gelassen "

"Die", fiel Rinaldo ein, "ausgesteuert war."

Der Marquis lachte laut auf und fuhr dann in einem andern Tone fort:

"Soeben habe ich durch einen reitenden Boten Briefe erhalten, die mir Gaste ansagen, die diesen Abend noch eintreffen werden. Darf ich Euch bitten, so erwartet Ihr sie mit mir. Die Gesellschaft besteht aus vier Damen, einer Tante und drei Cousinen. Ich allein wurde gar zu isoliert unter Vieren stehen. Ich wiederhole also meine Bitte!"

"Ich bleibe."

"Jetzt aber bitte ich, um ihn den Damen vorstellen zu konnen, um meines Gastes Namen."

"Ich bin der Jungste des graflichen Hauses Marliani, im Veltelinerland geboren. Mein Onkel schickte mich auf Reisen, und eine Reisenden erlaubte, anstandige Neugier brachte mich auf diese Insel."

Der Marquis gab seinem Haushofmeister Befehle. Rinaldo ging in den Schlossgarten. Er ging auf eine Hintertur des Gartens zu, offnete sie und trat ins Freie. In einem Busche regte sich's. Rinaldo griff nach dem Dolche. Jordano kam aus dem Busche.

"Bist du hier?" fragte er.

"Wir waren deinetwegen in Verlegenheit."

"Ich werde einige Tage auf diesem Schlosse bleiben. In dieser Gegend, wo wir uns jetzt sprechen, mogen immer einige der Unsrigen stecken, damit ich sie bei der Hand habe, wenn ich sie brauche."

"Gut! Wir haben auch eine Spekulation."

"Welche?"

"Es kommt ein Wagen hier vorbei. Diesen wollen wir ein wenig anhalten."

"Nichts! Jetzt keinen Larm, so nahe bei einem Orte, wo ich mich befinde. Wir konnten alle in Verlegenheit kommen. Geht der Wagen aber weiter "

"Gut, gut! Nun, weiss ich schon genug. Ich muss zu meinen Burschen!"

Er kroch in den Busch, und Rinaldo ging in den Garten zuruck. Ein freundliches Madchen schnitt Blumen ab. Rinaldo kam mit ihr ins Gesprach.

"Die Blumen" sagte sie, "sollen Kranze geben fur die Tafel und Strausschen fur die Damen, die der Herr Marquis erwartet."

"Du gehorst ins Schloss?" fragte Rinaldo.

"Ich habe die Ehre, dem Herrn Marquis zu dienen, und bin Aufseherin uber die Wasche und das Tafelgerat im Schlosse."

"Wenn du heiratest, wird dich der Herr Marquis wohl auch ausstatten?"

"Er hat davon noch nichts gesagt, und ans Heiraten wird's wohl sobald noch nicht kommen."

Der Marquis kam. Rinaldo ging ihm entgegen, zeigte auf das Madchen und sagte:

"Dort gibt es etwas Hubsches auszustatten!"

"Vielleicht!" antwortete der Marquis lachelnd.

Sie gingen nach der Hintertur des Gartens. Ein Wagen rollte heran; die erwarteten Gaste sassen in dem Wagen.

Man war im Saale des Schlosses. Die namentlichen und personlichen Bekanntschaften waren gemacht. Die Tante war eine lebhafte Vierzigerin, sprach viel und war sehr aufgeraumt. Von den Cousinen des Marquis waren zwei Schwestern, beide noch sehr jung, etwas verlegen und still. Die dritte, in den Jahren der Forderung, war lebhaft, witzig und gesprachig. Sie war es, mit der Rinaldo sich unterhielt. Der Marquis scherzte mit der Tante. Sie neckte ihn seiner Madchengalerie wegen und plaisantierte uber seinen Geschmack.

Die Unterhaltung uber Tafel war lebhaft genug. Es wurde gescherzt, gelacht und endlich gar gesungen. Der Marquis und die lebhafte Cousine, Oriane, ergriffen Guitarren. Sie spielten und sangen:

Wechselgesang

ER

Gib mir die Blumen,

Gib mir den Kranz!

Ich fuhr' dich, Liebchen!

Morgen zum Tanz.

SIE

Lass mir die Blumen,

Lass mir den Kranz;

Fuhr' eine andre

Morgen zum Tanz.

ER

Nein, liebes Madchen!

Du nur allein,

Sollst die erwahlte

Tanzerin sein.

SIE

Was kann mir's helfen;

Sollt ich allein

Auch die erwahlte

Tanzerin sein?

ER

Ewige Liebe,

Schwor' ich nur dir.

Gib mir die Blumen,

Tanze mit mir!

SIE

Schworst du mir Liebe,

Folg' ich zum Tanz.

Hier sind die Blumen,

Hier ist der Kranz.

ER

Und mit den Blumen

Schenk' mir dein Herz!

Ich mein' es ernstlich,

Treibe nicht Scherz.

SIE

Meinst du es ernstlich;

Treibst du nicht Scherz,

So nimm die Blumen,

Nimm auch mein Herz!

"Wer wird dem Sanger trauen?" rief die Tante lachelnd aus. "Ich nicht", sagte Oriane.

"Es blieb' ja alles nur in der Freundschaft", setzte der Marquis hinzu.

"Und wird zum Kabinettstuck", fuhr die Tante fort.

"Nur nicht zum Galeriestuck!" fiel Oriane ein.

MARQUIS Man sammelt fur den Kenner.

ORIANE Und liebt die Kennerinnen, bis zum Studio.

MARQUIS Nun ja! Kann man wohl mehr tun?

TANTE Oft kann man nicht zu viel tun. Die sogenannten Kenner verlieren sich nicht selten so sehr in ihr Studium, dass sie dieses Studium sogar selbst daruber verlieren.

MARQUIS Der Mensch ist zum Verlieren geboren.

TANTE Und will dennoch stets gewinnen.

MARQUIS Seine Existenz privilegiert seine Hoffnungen.

TANTE Ei freilich! Wer traumte nicht wenigstens gern angenehm?

RINALDO Aber das Erwachen?

TANTE Ist freilich nicht immer angenehm. Unser Marquis aber traumt selten, glaube ich.

MARQUIS Er lebt ja. Und was ist unser Leben anders als ein Traum?

TANTE Gute Nacht!

Sie schob den Stuhl. Der Marquis protestierte gegen das Aufstehen. Er gab ein Zeichen. Ein hubsches Madchen und ein flinker Bursch traten ein. Sie tanzten den Fandango. Man klatschte ihnen Beifall zu, und als sie abgetreten waren, wurde die Tafel aufgehoben. Den folgenden Morgen ward eine Spazierfahrt auf eine Villa des Marquis beschlossen. Man fuhr dahin, divertierte sich wohl und fuhr gegen Abend zuruck. Durch einen Zufall war des Marquis Wagen weit vor dem Wagen voraus, in welchem Rinaldo, Oriane und eine der beiden Nichten sassen. Sie fuhren in einem Hohlwege, als plotzlich nahe am Wagen ein Schuss fiel.

"Haltet an!" donnerten einige Stimmen.

Sprachlos, zitternd sahen die Damen ihren Begleiter an, der still vor sich hinsah und eine Verwunschung in den Bart murmelte. Der Wagen hielt. Zwei Verlarvte traten an die Kutschenschlage. Sie sahen in den Wagen und baten sich die Borsen aus.

"Wie?" fragte Rinaldo.

Auf diese Frage sprangen die Verlarvten sogleich zuruck und schrien:

"Kutscher, fahr zu! Gute Nacht, schone Damen!"

Der Wagen rollte davon. Sie kamen ins Schloss. Oriane erzahlte, was geschehen war. Der Marquis und die Tante fixierten den Fremden. Lachelnd sagte Rinaldo:

"Ihr seht, meine Damen, welche Gewalt die Schonheit selbst uber Rauber ausubt. Manner waren so wohlfeil sicher nicht davongekommen. Kaum aber sahen die rohen Kerle Damen, als sie den Wagen mit einem: Gute Nacht, schone Damen! verliessen und ich meine Borse behielt."

ORIANE Wie aber, Herr Graf, wenn ich nun das Gluck bloss Euerm: Wie? zuschrieb, auf welches die Verlarvten so schnell sich zuruckzogen?

RINALDO So musstet Ihr voraussetzen, ich sei ein Zauberer. Wie konnte ein blosses Wie? dergleichen Bewaffnete schrecken? Wie konnte es sogar Borsen retten? Nein! dies Wie? konnte es nicht tun. Aber die Schonheit, der selbst Tribut gehort, gibt keinen.

TANTE Der Vorfall ist hochst sonderbar!

MARQUIS Gewiss!

ORIANE Er ist sogar unerklarbar. Denn des Herrn Grafen Erklarung erklart den Vorfall nicht.

RINALDO Die Geschichte gibt meiner Erklarung hinreichende Belege.

ORIANE Eine gewisse Autoritat musste doch die Rauber schrecken.

RINALDO Ehrfurcht vor der Schonheit, wie gesagt?

ORIANE Uns sahen sie zuerst und forderten Borsen. Sie sahen Euch, vernahmen Euer imponierendes Wie? und standen ab von ihrer Forderung.

RINALDO Zuletzt wird es sich wohl gar zeigen, dass mich die Verlarvten kannten! Meint Ihr nicht?

ORIANE Ihr setzt eine Beleidigung voraus, an die ich nicht dachte.

RINALDO So bleibt's bei der Zauberei!

Man lachte und sprach nicht weiter von der Sache. Rinaldo ging in den Garten, wo man in einem Pavillon desselben speisen wollte. Er drehte sich um eine Hecke, aus der Jordano hervortrat.

"Hauptmann!" redete er ihn an, "Ich lag hier und horte hier den Herrn des Schlosses mit seinem Haushofmeister sprechen.

Er sendet soeben einen reitenden Boten nach Perona und bittet, dass morgen fruh ein Kommando Dragoner bei ihm einrucken mochte. Dies befahl er dem Haushofmeister an den Obristen dort zu schreiben. Das konnte wohl dir gelten!"

"Ich wurde angefallen."

"Ich weiss die dumme Geschichte! Sie kann dich verraten. Lieber hatte man dir, da die Sache einmal so weit war, die Borse abnehmen sollen."

"Ich wollte sie eben ziehen, und das schnelle Wie? war mir entflohen."

"Der reitende Bote kommt nicht nach Perona; dafur ist gesorgt! Es warten ihrer viere auf ihn, alle auf verschiedenen Platzen. Das habe ich schon besorgt, aber " "Es sei dennoch nicht zu trauen, meinst du?" "Willst du es wagen?" "Fort muss ich!" "Das ist auch meine Meinung." "Aber ich mochte doch auch der edlen Versammlung " "Ein kleines Schreckchen einjagen?" "Nicht so ganz, aber dennoch " "Halb?" "Noch weiss ich selbst nicht recht, was ich tun werde! Halte du dich mit deinen Leuten bereit. Gebe ich das gewohnliche Signal, so kommt ihr herbei. Wir speisen dort in jenem Pavillon."

Fussnoten

1 Novena de sa gloriosa Santa Arega Sarda; Martirisada in deximu mannu. Casteddu 1771. Dieses fuhren die Sardischen Rauber bei sich. Die eben angefuhrte Stanze aus der Hymne an die Heilige gibt zugleich einen kleinen Begriff von der Sardischen Sprache. 2 Verliebter Sarden und Sardinnen Gebrauche auf dem Lande. 3 Das Schlafen in Betten ist bei den Sarden nur ein Vorrecht verheirateter Personen. Die Junggesellen schlafen auf dem Boden, hochstens auf Stroh und Schilfmatten.

Sechzehntes Buch

Nicht Trompetenruf allein zum Streite,

Auch zur Tafel ruft ihr Feierton;

Ja, der Freude hoheres Geleite

Rief dich in so manchen Tonen schon!

Rinaldo ging auf den Pavillon zu. Unweit davon, bei der Fontana, stand Oriane und band Blumen in einen Strauss zusammen. Sie fragte:

"Habt Ihr auch Blumen gesammelt? Wenigstens fur mich hattet Ihr es tun konnen, denn ich habe mich empfindlich an einem Dorn geritzt. Doch wollte ich alles verschmerzen, wenn ich nur wusste, wie ich mit Euch daran war'. Denn, seid Ihr ein Zauberer, so furchte ich Euch, und seid Ihr keiner, so furchte ich Euch auch."

"Die Schonheit", antwortete Rinaldo, "hat, wie Ihr erfahren habt, uberall nichts zu furchten, nicht einmal das, was andere von ihr zu furchten haben."

"Furchtet Ihr mich?"

"Seid Ihr grausam?"

"Zuweilen."

"So seid Ihr auch zu furchten."

"Jetzt will ich einmal nicht grausam, ich will sogar, was ich nur hochst selten bin, freigebig sein. Ich glanzt, die mit meinem Blute gefarbt ist, wenn Ihr mir das Kunststuck dagegen mitteilen wollt, mit einem: Wie? Borsen zu sichern?"

"Ihr besitzt es schon, auch ohne ein Wie?"

"Ihr weicht aus! Vertraut Euch mir lieber. Ich spiele gar zu gern die Vertraute."

"Was ich Euch vertrauen konnte"

"Ist es von Wichtigkeit?"

"Mein Herz sagt Ja."

"Das Herz bleibt diesmal ganz aus dem Spiele."

"Das meinige nicht."

"Sicher aber das meinige."

"So habe ich Euch auch nichts zu vertrauen."

"Wir sind einander fremd, sehen uns, wenn Ihr abreiset, vielleicht nie wieder, und noch dazu, "

"Ihr brecht ab?"

"Hort Ihr? Die Trompete ruft zur Tafel!"

"Ach! wohin riefen mich nicht schon Trompeten?"

"Auch ins Gefecht?"

"Nur allzuoft."

"Ihr seid Soldat?"

Der Marquis trat herbei. Man ging zur Tafel. Rinaldo vergass sich, war zerstreut, sah gedankenvoll oft vor sich hin und ward scharf beobachtet. Die Tante schlug vor, Geschichtchen zu erzahlen. Man loste. Schon hatten Oriane und der Marquis erzahlt, als die Reihe an die Tante kam. Diese begann:

"Ich will Euch ein Geschichtchen erzahlen, das mir mein Bruder erzahlt hat. Aber erschrecken durft ihr Madchen nicht!"

ORIANE Es ist gewiss eine Gespenstergeschichte?

TANTE Nein.

ORIANE Oder ein Geschichtchen von einem alten Spukschlosse?

TANTE Auch nicht. Der Held meiner Erzahlung ist der Rauberhauptmann Rinaldini.

ORIANE Rinaldini?

TANTE Es ist ein spasshaftes Historchen.

ORIANE So lasst es horen!

TANTE Rinaldini sass einst, ohne dass man ihn kannte, an einer Tafel

RINALDO Mit vier Damen in einem Pavillon. Nicht wahr? O! ich kenne das Geschichtchen und weiss es auch zu erzahlen.

TANTE Erzahlt nur ein wenig weiter und ich will Euch gleich sagen, ob Euer Geschichtchen auch das meinige ist.

RINALDO Waren denn vier Damen an Eurer Tafel, an der Rinaldini sass?

TANTE Die Anzahl weiss ich nicht. Es war eine Gesellschaftstafel.

RINALDO In einem Pavillon?

TANTE Auch den Ort weiss ich nicht. Man kannte ihn, wie gesagt, nicht und sprach Verschiedenes von ihm. Man lobte, man schalt ihn. Besonders aber zeichnete sich ein Abbate aus, der ihn mit Schimpfhamen aller Art belegte. Rinaldini ergrimmte und fragte den Abbate, ob er es wohl wagen wurde, diese Schimpfnamen dem Geschimpften ins Gesicht zu sagen. "O ja!" erwiderte dieser, "Wenn ich den Schuft nur einmal zu sehen bekommen konnte!" Hier steht er vor Euch! sagte Rinaldini, indem er aufstand. Der Abbate erblasste, sank vor ihm auf die Knie nieder und bat demutig um Verzeihung. Lachend setzte sich Rinaldini wieder nieder und sagte: "Herr Abbate, gut schimpfen konnt Ihr wohl, aber Ihr seid der Held nicht, fur den Ihr Euch ausgebt. Ihr sankt sogleich zu Boden, als ich im Scherz mich Rinaldini nannte, und ich sehe doch gewiss nichts weniger als diesem furchtbaren Manne gleich. Was wurdet Ihr nicht erst getan haben, hatte sich Rinaldini Euch wirklich selbst gezeigt!" Die ganze Gesellschaft lachte laut auf, und der Abbate schlich sich beschamt davon. Man tadelte nun des Abbate Furchtsamkeit, und alle machten sich uber ihn lustig. Endlich erhob sich Rinaldini wieder und sagte: "Meine Herren, lacht nicht so sehr. Den Abbate neckte ich; Euch aber sage ich die Wahrheit. Rinaldini hat wirklich mit Euch gegessen." Er kusste, als er das sagte, seiner Nachbarin die Hand, die in Ohnmacht sank, und verliess, indem man teils dieser Dame zu Hilfe sprang, teils blass und zitternd, unbeweglich sass, schnell den Speisesaal.

MARQUIS Das Geschichtchen ist allerliebst! Wie gefallt es.

ORIANE Dennoch ware ich sicher, ebenso wie jene Dame, in Ohnmacht gesunken, hatten seine Lippen meine Hand beruhrt.

RINALDO Er hatte vielleicht sich gar in die Dame verliebt.

ORIANE Eine schone Ehre! Ich wurde meine Hand zwanzig Jahre lang gewaschen und gerieben haben, hatte sie das Ungluck gehabt, von einem Rauber gekusst zu werden.

TANTE Man schildert ihn als einen schonen Mann.

ORIANE Wie kann ein Rauberhauptmann schon sein? Doch, nun Euer Geschichtchen, Herr Graf! Ich weiss nicht, wie es kommt, dass man so gern zuhort, wenn etwas von dem bosen Kerl Rinaldini erzahlt wird.

TANTE Er gefallt, interessiert. Nun, das Geschichtchen!

RINALDO Rinaldini, erzahlte man mir in Neapel, war einst in einer Kirche, ich glaube in Messina oder wo es sonst war. Genug! in einer Kirche war er. Er kniete hinter einer schwarz verschleierten Dame, die sehr emsig betete, die vergass, dass sie nicht allein war, und in ihrer Andacht laut wurde. Rinaldini horte, dass sie den Himmel bat, auf einer bevorstehenden Reise ihr Sicherheit und Schutz zu geben, auch gegen Rinaldinis Bande, die damals der Schrecken aller Reisenden war. Er lispelte ihr ins Ohr: "Ihr konnt das naher haben!" Sie drehte sich herum; er druckte ihr eine seiner Sicherheitskarten, die er gewohnlich Reisenden gab, die von seinen Leuten nicht beraubt werden sollten, in die Hand, stand auf und verliess die Kirche.

TANTE Abermals ein Galanteriestuck!

ORIANE Das ist aber nicht die Geschichte, die Ihr vorhin erzahlen wolltet.

RINALDO Sie ist nicht halb so spasshaft und artig als die beiden, die Ihr schon gehort habt.

ORIANE Wenn auch das nicht, so ist sie doch von dem Manne, von dem man gern erzahlen hort.

RINALDO Bei dem Nachtisch will ich sie erzahlen.

Die Nichten erzahlten nun, und der Marquis gab auch noch eine Geschichte preis, die sehr hubsch war. Nun aber legte Oriane einen Finger ihrer Rechten auf Rinaldos Hand und bat ihn, sein Versprechen zu erfullen. Er sah sie an, ergriff einen Becher, nickte ihr eine Gesundheit zu und trank. Sie erwiderte seine Hoflichkeit. Er begann:

"Unter vier Damen sass einst in einem Pavillon, an einer Tafel, Rinaldini. Sie wussten nicht, dass er es war, und unterhielten sich mit ihm wie mit einem Manne ihres Standes. Er war galant und artig, nur zuweilen sehr zerstreut, welches man auf die Nahe seiner reizenden Nachbarin schrieb, in deren Augen er wirklich gern den schonsten Erdenhimmel sah." Man sprach, man unterhielt sich von ihm. Er selbst tat das. "Er ist ein Rauber!" sagte seine schone Nachbarin. "Dies leugnet er nicht!" rief Rinaldini aus und raubte schnell ihr einen Kuss.

Er sagte dies und kusste Orianen. Sie bog sich rasch zuruck und schrie entrustet:

"Keinen solchen Spass!"

"Ernst ist es", sagte Rinaldo.

"Ernst?" schrie die Tante.

"Ernst?" fragte aufspringend der Marquis.

Ruhig blieb Rinaldo, winkte ihnen zu, sich zu setzen, und sagte ganz gelassen:

"Ich bin Rinaldini."

Wie Bildsaulen sassen alle vor ihm; so standen auch die Diener, zu denen sich Rinaldo wendete und sie lachelnd fragte:

"Greift ihr mich nicht?"

Erschrocken traten diese einige Schritte zuruck. Rinaldo warf sich vor Oriane nieder:

"Verzeiht!" sagte er; "Euer Bild im Herzen, Euern Kuss auf meinen Lippen, wandere ich in meine Einsamkeit zuruck. Dort lachelt keine Oriane mir, dort finde ich nur die Verzweiflung, die dieses unglucklichen Herzens Braut sich nennt!"

Er sprang auf und sagte zu dem Marquis:

"Ich weiss es und erkenne dankbar, dass ich Eurer Gastfreundschaft verbunden bin. Erwidern kann ich sie nicht. In meine Hohlen kommt kein Gast. Dort bin ich stets allein, bewacht von Unruh, Furcht und Sorgen. Doch bitte ich Euch, als ein kleines Andenken mein Ross zu behalten und Euch meiner zuweilen zu erinnern."

Noch wurde kein Wort gesprochen, das nicht Rinaldo sprach. Er ging zur Tur und rief mit Ausdruck und Gefuhl ein: Lebewohl! ihnen zu. Da sprang der Marquis auf und sagte: "Ich kann Euch nicht von hier lassen!"

"Nicht?" fragte Rinaldo, indem er wieder zuruckkam.

"Wenigstens, nicht ohne Bedeckung."

"Fur diese ist gesorgt."

Er gab sein Zeichen. Jordano trat mit zehn Bewaffneten herbei. Der Marquis sank auf seinen Stuhl zuruck; die Diener drangten sich zusammen. Oriane druckte beide Hande vor die Augen und jammerte laut, die Nichten weinten, die Tante zitterte, Rinaldo rief:

"Oriane! Lebe wohl!"

So verliess er mit seinen Leuten den Garten.

Oriane hielt Rechnung mit sich selbst: "Es hatte dir moglich sein konnen, diesen Mann zu lieben? Aber wusste ich denn, wer er war? Da du es aber nun weisst? Wie? und du konntest dennoch? Schweige! Wohin willst du ihm folgen? Willst du ihn sehen in seinen Rauberhohlen, wo er als Regent unter Banditen thront? Nein! Auch nicht einmal durfen deine Gedanken ihn dorthin begleiten. Aber du trittst wieder zuruck in deine Zirkel; man nennt seinen Namen, du errotest: man sagt dir wohl gar: Auch dich hat er gekusst. Unbesonnener! was hast du getan? Wie sehr hast du mich und dieses Herz beleidigt!"

Rinaldo fuhlte das Unbesonnene seiner Handlung selbst sehr lebhaft. Er schrieb an Orianen, bat um Verzeihung und versicherte seine tiefste Reue. Dieser Brief blieb, wie man leicht denken kann, unbeantwortet.

Die Damen verliessen nach einigen Tagen das Schloss des Marquis. Er selbst ging mit ihnen in die Stadt. Oriane besuchte eine Anverwandte, die Abtissin des Klaren-Klosters unweit Sesto war.

Dort durchstreifte sie, ihren Gedanken hingegeben, in der Einsamkeit die herrlichen Fluren und reizenden Auen, die das Kloster umzogen, prangend mit Schonheit und Reichtum des fruchtbringenden Herbstes.

Ein Pilger grusste sie freundlich, redete sie an und fuhr begeistert fort:

"O! welch ein schones Land! welch frisches, liebliches Grun erquickt das Auge! welch ein Zauber umschwebt diese Fluren! Die schonen, himmelanstrebenden Baume, wie so bruderlich vereinigen sie ihre Aste! So verschlingen sich Arme der Liebenden; so umarmt, trotzen sie jedem Sturme! Jeden Baum umschlingen Reben, so dicht und innig, wie der Liebende die Geliebte umschlingt. In den Wipfeln der Baume glanzen die schonsten, vollsten Trauben. Sie schenken uns den Nektar, der uns labt und erquickt. Sieh uber dich, freundliches Madchen! Wie unter einem Thronhimmel stehst du hier, und uber dir glanzen in gelben, purpurnen, blauen und rosenroten Farben, gleich Gesteinen, die herrlichen Trauben! Hell und sanft schleicht dahin der Fluss. Ruhig spiegelt der bekranzende Wald sich in seinen Silberwellen!"

ORIANE Du schwarmst umher in einer Dichterwelt!

PILGER Nur dichterisch, in wirklichen Gefilden des Paradieses, in welchem ein Engel wandelt. Ach! Oriane

ORIANE Du nennst meinen Namen? Kennst du mich?

PILGER Dieses Gesicht ist nicht mein wirkliches Gesicht, es gehort der Kunst. Wenn ich mich dir zeige, wie du mich schon sahst, wirst du mich wiedererkennen, aber dennoch mich fliehen.

ORIANE Was sagt mir mein ahnendes Herz!

PILGER Es sage dir, was deine Augen dir sagen.

Er nahm die Larve vom Gesicht. Laut auf schrie Oriane, bedeckte mit den Handen ihr Gesicht und konnte nicht entfliehen. Rinaldo stand vor ihr.

ORIANE Was suchst du hier?

RINALDO Dich hier zu finden: und ich habe dich gefunden.

ORIANE Du wusstest, wo ich war?

RINALDO Ich weiss, was in der ganzen Gegend hierherum geschieht. Ich wollte dich noch einmal sehen und sprechen, ehe du den Schleier nimmst.

ORIANE Noch war ich dazu nicht entschlossen; jetzt bin ich es, wenn du mich den Klostermauern uberlassen willst.

RINALDO Was sagst du?

ORIANE Furchtbarer! Bin ich nicht in deiner Gewalt?

RINALDO So nahm ich's nicht! Du in meiner Gewalt? O nein! Die Rollen sind gewechselt. Du befiehlst und ich gehorche.

ORIANE Verlass mich!

RINALDO So grausam kannst du sein?

ORIANE Daruber willst du klagen? Was hoffest du denn? Was darfst du hoffen? Vergisst die Welt, was du vergessen hast? Schnell aus dem Busche trat zwischen beide ein zweiter Pilger, verlarvt und hochgegurtet. Er ergriff Rinaldos Hand, erhob die andere drohend und sagte:

"Hute dich!"

Rinaldo zog den Dolch. Oriane floh, laut aufschreiend, dem Kloster zu. Der Pilger fuhr fort:

"Den Dolch steck ein!"

"Ich soll "

"Mir droht kein Dolch."

"Ich soll sie kennen "

"Das Madchen?"

"Deine Stimme."

"Das glaube ich selbst."

"Wer bist du?"

"Du bist doch hierherum zu Hause?"

"Nicht fern von hier."

"In deiner Wohnung siehst du mich ohne diese Larve. Fort! fort! Hier ist kein Zogern ratsam."

Rinaldo verlarvte sich. Schweigend ging der Pilger mit ihm. Jener tat verschiedene Fragen, die dieser nur ganz kurz beantwortete. Sie kamen an die Schlucht, die zu dem Felsengange fuhrte, der, wie wir wissen, hinauf zu der verfallenen Burg ging, die Rinaldo bewohnte. Er fragte:

"Kannst du ohne Furcht durch Schluchten mir und Felsengange folgen?"

"Ich folge dir", war die Antwort.

Er folgte. Sie erreichten die Ruinen. Rinaldo stand still und sagte: "Ehe ich dich in meine Wohnung fuhre, verlange ich von dir genannt zu sein, damit ich hore, dass du mich wirklich kennst."

"Ich will dich Ritter de la Cintra nennen", war die Antwort.

"Jetzt nenne mich bei meinem wahren Namen."

"Ich weiss, dass du Rinaldini bist."

"Am Tone deiner Stimme hore ich, dass du Astolfo bist."

"Der bin ich nicht."

"So ist es Olimpia, die sich in diese Kutte steckte."

"Auch diese bin ich nicht."

"Du bist Olimpia. Ich kann mich gar nicht irren."

"Du irrst dich. Olimpia bin ich nicht. Fuhre mich nur auf dein Zimmer, wenn es in diesen Ruinen Zimmer gibt, dort siehst du mein Gesicht."

Rinaldo ging voran, hinauf die alte Wendeltreppe. Der Pilger folgte ihm. Sie traten in Rinaldos Gemach.

"Hier sieht es ja ganz artig aus!" sagte der Pilger.

Rinaldo legte Larve und Kutte ab. Der Pilger hob die Finger und zeigte ihm gelaufig der korsischen Partei gewahlte Murra1, indem er fragte:

"Kannst du noch nichts erraten?"

"Ich sehe nur" antwortete Rinaldo, "dass du zu der unglucklichen korsischen Partei gehorst." "Und weiter nichts?" "Nichts weiter." "Hast du denn gar keine Ahnungen, keine Vermutungen?" "Entlarve dich, wie du versprachst." "Du willst aber auch gar nichts tun, etwas durch Raten zu erfahren! So sieh denn mein Gesicht." Der Pilger nahm die Larve ab. Rinaldo sah den Gast betroffen an, der vor ihm stand, und langsam drangte sich der verwunderungsvolle, fragende Ausruf uber seine Lippen: "Du bist es?" Es war Fiametta, die vor ihm stand. Lachelnd fragte sie: "Nun kennst du mich doch? Aber siehst du mich auch gern bei dir?"

"Du dich bei mir?" fragte er zuruck.

"Ich bin doch wohl hier in Sicherheit?"

"So sicher wie ich selbst."

"Du bist es?"

"Ich glaube es zu sein. Doch nun erzahle mir, was du mir zu erzahlen hast, ohne meine Fragen zu erwarten."

"Nun dann, ganz kurz! Wir wurden uberfallen; wenn man das einen Uberfall nennen kann, unvermutet arretiert zu werden. Auf Ansuchen des franzosischen Gesandten geschah alles. Der Prinz Nicanor war nicht bei uns. Ich war so glucklich zu entkommen, ehe wir noch nach Cagliari abgefuhrt wurden. Ich kannte einen geheimen Ausgang aus der Villa. Durch diesen entkam ich. In Sorini ging ich als Haushalterin bei einem Landpfarrer in Dienst, wo mich die Grafin Loriona sah, die mich zu ihrer Gesellschafterin erkor. Sie war Witwe, lebte einsam auf dem Lande und ich zufrieden bei ihr. Auf einmal durchflog der Ruf die Insel: Rinaldini steht an der Spitze einer "

"Rauberbande", fiel dieser ein.

" Gesellschaft entschlossener Manner", fuhr Fiametta fort. "Dieses Gerucht drang auch in unsren landlichen Winkel. Die Grafin war Tag und Nacht in Unruhe. Stundlich befurchtete sie ausgeplundert, wohl gar ermordet zu werden. Sie jammerte und betete und war in einer Angst, die sich nicht schildern lasst."

"Wie weit habe ich es gebracht! Alten Weibern sogar presst mein Name Angstschweiss aus und ermuntert zum Gebet."

"Ich furchtete mich nicht. Kommt er, dachte ich, so heissest du ihn willkommen und gibst ihm, was du hast, wenn er es verlangt, wo nicht, so kannst du es auch behalten."

"Wie entschlossen!"

"Bei dir muss man es sein. So aber, wie ich, dachte meine Grafin nicht: sie gramte sich und harmte sich aufs Krankenlager. Hier lag sie lange, und Rinaldini kam nicht, wie ich es wunschte."

"Ei! wenn er das gewusst hatte!"

"Uber diesen Wunschen und Erwartungen starb die Grafin, und ich war so verwegen, den aufzusuchen, der nicht kommen wollte. Dies ist gelungen."

"Und nun siehst du dich umfangen mit den Hohlen des Unglucks."

"Wer weiss, in welchem Kerker ich jetzt sass, war' ich nicht entkommen! Hier finde ich doch wenigstens einen freundlichen Kerkermeister; nicht wahr?"

"Wie aber, wenn man dich nun in einer Gesellschaft findet, mit der man gar nicht lange prozessiert?"

"Mit der korsischen Gesellschaft wird man sich auch nicht in Weitlaufigkeiten einlassen. Hat man besonders gewisse Papiere gefunden, so sitzt kein Kopf zu fest, er fallt. Vielleicht hat man unsere Freunde schon nach Korsika abgefuhrt, vielleicht bestiegen sie schon langst in Bastia das Blutgerust, denn die Franzosen sehen nur gar zu gern Blut. Ob ich unter den Sarden oder unter den Augen misshandelter Patrioten sterbe, das ist gleichviel. Wenigstens spannt man in Cagliari mich gewiss nicht auf die Folter, wie es unsere Unterjocher in Bastia und S. Fiorenza getan haben."

Rinaldo ergriff rasch ihre Hand und sagte:

"Du bleibst bei mir!"

Sie fiel ihm um den Hals und rief: "Ich bleibe bei dir!" Die Glocke an der Zugbrucke ertonte. Rinaldo bat Fiametten in ein Nebengemach zu treten und liess die Brucke fallen. Jordano kam. Er verlangte Befehle und das Losungswort. Ihm folgten Sanardo und Filippo.

Nebenan war Fiametta eine aufmerksame Zuhorerin des Gesprachs.

RINALDO Nun, Sanardo, bis du wieder aus den Bergen zuruck?

SANARDO Hauptmann, es sind treffliche Berge; sie tragen Wein und Ol.

RINALDO Und auch wohl Fruchte unseres wilden Gewachses?

SANARDO Ich habe nichts davon bemerkt. Einige verwachsene Sprosslinge mochte es wohl dort geben, Fruchte tragen sie aber gewiss nicht.

RINALDO Wir konnten also dort Pflanzungen anlegen?

SANARDO Treffliche; sobald wir hier etwa delogiert werden sollten; denn man spricht verteufelt laut uber uns und mit einer Lizenz, die mir gar nicht behagen will.

RINALDO Wer konnte es aber auch uns recht machen?

JORDANO Die es am wenigsten wollen. Sie tun uns in den Bann und kriechen in ihre Locher. Ihr Wein hat keine Eskorte, und ihre Kirchen haben Fenster.

SANARDO Es heisst, der Statthalter wolle uns zeigen, wer er war'.

RINALDO Will er das?

SANARDO Dein Name rouliert im Lande wie Scheidemunze. Man furchtet dich, und dennoch wunscht jeder dich zu sehen.

RINALDO Ja, ja! Welch ein Schauspiel voll Wonne fur Cagliari, mich auf der Buhne zu sehen, wo das Hochnotpeinliche den Knoten zerhaut. Wie wurde der Schmied jubilieren, der die Ketten zu fabrizieren hatte, mit denen man mich an den dreibeinigen Ehrenbogen mit einem Pendens cum latronibus heften wurde. Die Inschrift uber meinem Scheitel wurde gewiss herzbrechend zu lesen sein!

JORDANO Ein Hic jacet konnte sie doch nicht haben.

FILIPPO An eine Fossa, Uma et Ossa wurde auch nicht zu denken sein.

JORDANO Leichensteine wirft man uns allen nicht auf den Leib.

FILIPPO Aber zu Leichen konnen uns wohl Steine machen!

RINALDO Mein Wunsch ist, im Gefecht zu sterben.

FILIPPO Dann aber durfen sie deinen Korper nicht finden, sonst wirst du dennoch zur Ausstellung gebracht.

SANARDO Ich habe sechs Galeerensklaven angeworben, Kerle wie Riesen, die sich durchgebrochen hatten. Sie waren sehr froh, als ich ihnen unsere Hohlen zeigte. Sie nannten sie Palaste der Freiheit und benetzten die H. Arega mit Tranen. Hauptmann, wenn solche Kerle weinen, da muss ihnen das Wasser bis an die Kehle gehen!

FILIPPO Auf den Galeeren, oft weit genug hinan!

SANARDO Diese fechten sicher fur Herd und Hohle, wie der Teufel fur Pfuhl und Stuhl und Holle.

RINALDO Sie sollen uns ihre Kunst zeigen.

SANARDO Dazu kann es bald kommen. In Cagliari giesst man schon Pillen zu einem A is animas!2 fur uns. Die Helden in den Wachtturmen drehen die Pillenschachteln, und der Erzbischof von Sassari hat seine Haus-Artillerie dem Gouverneur gratis offeriert; vermutlich, um die koniglichen Kanonen zu schonen, deren Donner wir nicht wert sind.

FILIPPO Oder weil der geistliche Herr auch einmal donnern will.

RINALDO Da sieht's schlimm aus!

JORDANO Das Gewitter zieht sich zusammen.

RINALDO Sorgt fur Proviant und Munition und scharft eure Klingen.

SANARDO Ausser den Galeerenhelden habe ich auch noch einen Herkules mit mir hierher genommen. Er ist vom Handwerk. Heda! Kamerad, tritt ein!

LODOVICO Mein Hauptmann!

RINALDO Lodovico!

LODOVICO Da hast du mich wieder, wie ich gewachsen bin!

RINALDO Wie ist es dir ergangen?

LODOVICO Miserabel! Nach der entdeckten Munzaffare dachte ich mich zu Cinthio zu schleichen; aber fort war er. Ist er nicht entkommen, so ist er jetzt sicher dem Himmel naher als wir. Die Soldaten haben seiner ganzen Gesellschaft das Handwerk auf eine verteufelte Manier gelegt. Nero hangt bei Rizini in einer herrlichen Weingegend. Ich sah ihn. Das war fur mich ein trauriges Memento mori! Ein Schleichhandler nahm sich meiner an. Mit einer seiner Kornbarken kam ich nach Sardegna. Hier horte ich deinen Namen nennen. Ha! dachte ich, hat der Hauptmann die Fehdehandschuhe wieder angezogen, so kann er dich auch brauchen. Ich quittierte meinen Dienst, kroch in die Berge und suchte dich auf. Da stiess ich auf einen deiner Leute. Manner vom Metier erkennen einander sogleich, und siehe da! ich bin nun bei dir. RINALDO Wenn du anderswo nicht besser sein kannst, so ist es mir lieb, dass du bei mir bist! Geht, Kameraden, macht euch lustig! Bald bin ich bei euch im Tale. "Du hast gehort", sagte Rinaldo zu Fiametten, als die andern fort waren, "was wir zu hoffen haben. Bleibst du bei mir, so fallt dein Los mit dem meinigen. Wie es auch fallen mag, glucklich fallt es gewiss nicht."

"Was habe ich zu hoffen?" fragte Fiametta, warf die Pilgerkutte ab und setzte entschlossen hinzu: "Ich gehe nicht mehr von hier."

Rinaldo liess sie in seiner Burg zuruck und ging ins Tal zu seinen Leuten. Die Rekruten legten ihren Eid ab, und das Korps exerzierte. Darauf visitierte Rinaldo die Hohlen und befahl, einen Weg, der nach dem Tale fuhrte, unzuganglich zu machen.

Einer von den ehemaligen Galeerensklaven prasentierte dem Hauptmann Proben seiner Kunst in Verfertigung falscher Passe und Siegel, die ihn auf die Galeere gebracht hatten. Er hatte es darinnen so weit gebracht, dass seine Geschicklichkeit mit Vergnugen angesehen wurde. Rinaldo beschaftigte ihn sogleich mit Verfertigung einiger Passe, die er ihm angab.

Es wurden Streifpartien ausgeschickt. Der Hauptmann scharfte allen Behutsamkeit und Schonung der Armen ein. Seine Vorposten stellte er weiter vor gegen das flache Land zu. Den Hauptposten gegen Marmilla zu vertraute er Jordano an. Filippo stand unweit Baronia, und gegen Mani zu lag Sanardo. Die Weinlese war ergiebig. Fruchte wurden in grosser Menge eingebracht. Der Winter war durchlebt; schon schmolz der Schnee auf den Bergen, und Lenz und Lerchen kamen wieder. Rinaldo gebot jetzt 160 Kopfen und dehnte sich in den Bergen bis gegen Capra aus. Die Bewohner von Oristagni wurden verlegen, man plunderte vor ihren Mauern.

Sanardo war so kuhn, der Stadt selbst eine Brandschatzung von 4000 Stuck Dukaten anzufordern, und drohte, wurde man diese Summe nicht binnen vierundzwanzig Stunden bezahlen, mit Brand. Der Bischof schrieb um Hilfe; die Burger bewaffneten sich. Sanardo wiederholte seine Forderung; man trat in Unterhandlung. Es wurden 2000 Stuck Dukaten bewilligt, doch verlangte man daruber eine von Rinaldini unterzeichnete Quittung. Ganz lakonisch schrieb dieser der Stadt:

"Soll Rinaldini selbst quittieren, so zahlt ihr viel zu wenig. Nur Sanardo wird uber 2000 Stuck Dukaten quittieren."

Diese kecke Antwort brachte die Bewohner von Oristagni auf; sie ergriffen die Waffen, unterstutzt von einigen Soldaten, und gingen auf Capra los. Sanardo zog sich gegen Marmilla und vereinigte sich mit Jordano. Lodovico stiess zu ihnen. Hundert Mann standen gegen dreihundert Burger und Soldaten. Der Bischof segnete im Tale vor der Stadt die Seinigen ein und gab ihnen eine geweihte Fahne. So versehen ruckten sie an. Die Rauber hatten sich verschanzt und erwarteten einen Angriff. Rinaldo eilte ihnen zu, kam an und fuhrte sie sogleich ins blache Feld. Man gab das Signal zum Angriff, Rinaldo blickte uber sich und seufzte:

"Jetzt lass mich enden!"

Das Gefecht begann und wurde hitzig. Die Oristagner wichen. Ein Trupp Kavallerie sprengte herbei. Filippo wurde zuruckgetrieben. Die Oristagner sammelten sich, ruckten vor. Sanardos Leute wichen; umsonst bemuhte er sich, sie zu sammeln; sie zerstreuten sich und flohen. Viele fielen.

Hartnackig focht Rinaldo; uberallhin bahnte seine Klinge sich den Weg. Wie Lowen kampften neben ihm seine Leute. Viele fielen, viele wurden verwundet. Rinaldo wich nicht. Ein Musketenschuss verwundete ihn: die Klinge entfiel der Hand; blutend lag er mitten unter den Feinden. Lodovico brach ein. Ihm folgten Sanardo, Filippo und andere Entschlossene, ihren Hauptmann zu retten. Mit Wut wurde um den Verwundeten gefochten. Sie wollten ihn retten oder sterben.

Das Gefecht war morderisch. Hageldicht sturzten Streiche, ein Kugelregen umsauste die Kampfenden. Jene wollten behaupten, was diese ihnen zu entreissen suchten.

Endlich wichen die Oristagner. Lodovico ergriff mit Jordanos Beistand den Blutenden und nun flohen alle tief in die Berge, in ihre Schlupfwinkel hinein, wohin die Oristagner sie nicht verfolgen mochten. Vierzig Mann von Rinaldinis Leuten blieben auf dem Wahlplatz, einige wurden gefangen nach Oristagni gefuhrt, viele waren verwundet. Aber auch die Oristagner beklagten sechzig Tote, und mit Wunden kehrten die meisten zuruck.

Rinaldo wurde auf seine Burg gebracht, wo Fiametta den Verwundeten mit vieler Sorgfalt und Liebe wartete und pflegte. Er seufzte:

"Warum konnte ich meines Wunsches nicht froh werden! Warum blieb ich nicht auf dem Wahlplatz!"

"Um unsere Scharte uns wieder auswetzen zu helfen", sagte Sanardo.

"Um noch langer unser Hauptmann zu bleiben", setzte Filippo hinzu. Das Gefecht bei Oristagni machte, was man leicht denken kann, in Cagliari Aufsehen. Zum Gluck fur die Geschlagenen, die jetzt ganz ruhig in ihren Winkeln sich verhielten, hatten sie es mit dem grosssprecherischsten Stamm aller Sardenstamme zu tun gehabt, sonst wurde ihr Untergang entschieden gewesen sein. Denn als der Gouverneur ernstliche Anstalten gegen die Rauber traf, erhielt er von den Burgern aus Oristagni die Nachricht:

"Wir haben die Rauber geschlagen. Es ist beinahe keiner dem scharftreffenden Schwerte entflohen, der da sagen konnte: Die Bewohner von Oristagni haben uns geschlagen. Wir melden es dir daher. Die Rauber sind vernichtet, und Rinaldini selbst ist in unserer Gewalt. Respekt und Gruss!"

Die Oristagner wollten nun einmal den beruhmten Rauberhauptmann in ihrer Gewalt haben, und so gaben sie einem der Gefangenen den Namen Rinaldini. Dieser selbst lachelte und liess sich Rinaldini nennen. Davon zog er Vorteil. Jeder lief zum Gefangnis, den verrufenen, allbekannten Rauber zu sehen, und wer ihn sah, beschenkte ihn. Die Damen wetteiferten miteinander, dem vermeinten Held des Tages Wein, Kuchen, Torten und Fruchte zu senden, und die Bewohner der benachbarten Stadte und Dorfer stromten herzu, den Friedensstorer in Ketten zu sehen. Der Kerl, welcher Rinaldinis Rolle spielte, die er spielen musste, benahm sich dabei so ziemlich. Ganz weislich sprach er nur wenig, stellte sich aber sehr demutig und unterhielt sich gern mit Franziskanern und Kapuzinern von dem, was droben ist.

Die Oristagner waren unentschlossen, auf welche ausgezeichnete Art sie dem Gefangenen sein Recht antun wollten. Schwert, Rad und Scheiterhaufen wollten ihnen nicht genugen, es sollte etwas ganz Sonderbares sein, das dem vermeinten Rinaldini den Garaus machen sollte. Die Richter konnten daruber nicht einig werden. Man wendete sich an den Statthalter in Cagliari. Dieser gab ihnen den Rat, den Verbrecher in Ketten aufzuhangen und dann seinen Kopf auf einen Pfahl zu stecken. Man schob die Vollziehung dieses Urteils auf und fing wieder an zu deliberieren.

Indessen hatte einer der Gefangenen sich durchgebrochen und war entkommen. Von diesem erfuhren die Rauber, was in Oristagni vorging. Sanardo hatte die Verwegenheit, in korsischer Tracht als ein Reisender nach Oristagni zu gehen. Er liess sich in den Kerker fuhren, sprach mit dem vermeinten Rinaldini, der ihn gar wohl erkannte, und steckte ihm eine Lanzette zu. Dieser wusste sie zu gebrauchen, offnete sich die Pulsadern und eines Morgens fand man den Ungehangten tot auf seinem Lager. Dahin waren nun alle Erwartungen. Ganz still begruben die Oristagner den, uber dessen Todesart sie nicht hatten einig werden konnen. Um aber doch der Nachwelt zu sagen, was sie wissen sollte, legte man auf Unkosten und Rechnung der Stadtkasse eine Platte auf sein Grab und bezeichnete sie mit den Worten:

Rinaldini, Centurio Latronum,

In Domino obdormivit,

In tumulo habitat,

In pace requiescat. Amen!

Daruber erhob sich ein grosser Larm. Der Statthalter befahl, die Platte hinwegzuschaffen. Der Magistrat wollte die Unkosten nicht umsonst gehabt haben und belegte die steinerne Platte mit einer holzernen. Rinaldo war hergestellt. In den Bergen wurde es nach und nach wieder lebhaft. Man kam zu sich. Die alte Wirtschaft begann wieder.

An einem schonen Morgen warf Rinaldo seine Doppelflinte auf die Schulter und stieg, als Jager gekleidet, hinab ins Tal. Bei einem Grenzsteine sass, vor dem nachsten Dorfe, ein weinender Greis. Mit diesem kam Rinaldo ins Gesprach. Er fragte, was ihm fehle. Der Greis jammerte: "Ach! lieber Herr! mir fehlt nur wenig, aber ich habe auch das Wenige nicht."

"Rede!"

"Ich bin ein alter, schwacher Mann, habe weder Frau noch Kinder, und ein Huttchen und ein Gartchen sind mein ganzer Reichtum. Zu schwach und kraftlos, etwas verdienen zu konnen, borgte ich von einem reichen Nachbar eine kleine Summe nach der andern, wovon ich sparlich lebte, bis mein Huttchen und mein Gartchen aufgezehrt war. Ich dachte, bis dahin wird der liebe Gott dich wohl zu sich genommen haben; aber er hat's nicht getan. Ich lebe noch und habe nichts mehr, wovon ich leben konnte. Morgen wird mein Huttchen und mein Gartchen meinem Glaubiger gerichtlich ubergeben, und ich weiss nicht, wovon ich mich ernahren soll. Ach! ich soll betteln. Das kann ich nicht! Deshalb weine ich und rufe den Himmel an, mich zu sich zu nehmen."

"Wieviel bist du deinem Nachbar schuldig?"

"Es sind, leider! 20 Dukaten. Ich bin ein unglucklicher Mensch! Auch der liebe Gott will mich nicht haben."

"Er will dir helfen."

"Mir? Wie? Gott wird fur mich kein Wunder tun."

"Er wird dir helfen."

"Womit?"

"Hier sind 30 Dukaten, bezahle deinen Glaubiger. Von dem Ubrigen lebe dankbar gegen Gott. Fur mich aber bete."

"Ach Herr! seid Ihr ein Engel?"

"Ich bin ein ungluckseliger Mensch. Hier ist das Geld. Lebe wohl!" Er gab ihm die Borse und eilte davon. Einige hundert Schritte weiterhin fand er ein Bauernmadchen schlafend auf ihrem Graskorbe liegen. Er nahm den Blumenstrauss von ihrem Busen und legte ein Goldstuck auf den beraubten Platz. Sie erwachte, fuhr auf und schrie:

"Mein Strauss! Mein Strauss!"

"Ich habe ihn bezahlt", sagte Rinaldo, auf das Goldstuck zeigend, das von seinem hohen Platze herab auf die Erde gefallen war.

"Den Strauss bezahlt man mir nicht. Ich habe ihn geschenkt bekommen und verkaufe ihn nicht."

"Wenn's so ist! Hier ist dein Strauss."

Er gab ihr den Strauss, hob das Goldstuck auf und steckte es zu sich. Das Madchen sah ihn an und sagte:

"Wenn der Herr es mir recht hatte machen wollen, so musste er mir den Strauss wiedergeben und dennoch das Goldstuck auch lassen."

"Ich gebe nichts umsonst."

"Ich aber nehme es. Diesen Strauss kann ich nicht verkaufen, aber einen Strauss, den ich selbst binde, den kann ich dem Herrn geben. Wollt ihr den?"

"Zu einem solchen Geschenk gehort auch noch ein Kuss."

"Verschenkt wird nichts. Aber bezahlt ihn der Herr, so kann er auch den Kuss bekommen."

"Kusse bezahle ich nicht."

"So habe ich auch keine wegzugeben."

"Kusse bekommt man allenthalben umsonst."

"Bei mir nicht. Entweder ich nehme andere dafur, oder Geld."

"So werden wir des Handels nicht einig!"

"Wer ist denn der Herr?"

"Das siehst du mir nicht an?"

"Er sieht so aus wie ein Jager. Aber die Herren Edelleute tragen zuweilen auch solche Kleider, wenn sie mit uns Bauernmadchen ihren Scherz treiben wollen. Dabei kommt aber nichts Gutes heraus. Hebe Er mir den Korb auf den Rucken, wenn Er so gut sein will!"

"Herzlich gern!"

Das geschah; das Madchen ging nach dem Dorfe zu. Rinaldo ging mit ihr. Sie sprachen mancherlei, und das Madchen erzahlte ihm, morgen sei bei ihrem Dorfe grosser Markt.

"Es ist" sagte sie, "die Jahresfeier des Namenstages der H. Claudia. Auf der grossen langen Wiese, auf der ihre Kapelle steht, ist Markt. Da gibt es allerlei zu kaufen, und da hatte ich Euer Geld recht gut anwenden konnen."

"Du sollst mich", antwortete Rinaldo, "morgen auf dem Markte finden, und wenn du freundlich bist und artig, kaufe ich dir etwas."

"Es war' doch besser, wenn ich es selbst kaufen konnte. Mein Schatz ist gar eifersuchtig. Ein Fremder darf sich mir nicht nahen; das leidet er nicht. Das Goldstuck aber hatte ich gefunden gehabt, und er wusste nicht, wie ich dazu gekommen war."

Es kamen Bauern. Rinaldo druckte dem Madchen die Hand und verliess sie, indem er sagte:

"Ich halte Wort!"

Er ging den Rain hinunter nach einem Waldchen zu, wo er auf eine Eiche stieg und sanft in ihren dichten Zweigen ruhte. Aus seinem Schlummer weckte ihn ein ziemlich lautes Gesprach. Zwei, dem Anscheine nach, ziemlich verwegene Kerle sassen unter der Eiche, auf welcher sich ein ungebetener Lauscher befand, und instruierten einander sehr laut. Man horte sie im Doppelgesprach:

"Also der Marquis hat pranumeriert?"

"Die Halfte, wie ich dir sage! Hier ist dein Anteil. Die andere Halfte bekommen wir, sobald wir ihm den Schatz uberliefern."

"Du musst mir den ganzen Zusammenhang der Affaire kundmachen."

"Was ist dabei gross kundzumachen! Der Marquis liebt das Fraulein, und weil sie nicht auf eine andere Art zu haben ist, so lasst er sie entfuhren. Morgen ist der Claudiens-Markt auf der grossen Wiese bei Lienzo. Dahin kommt gewohnlich der ganze benachbarte Adel, und dahin kommt auch, wie schon ausgekundschaftet ist, das Fraulein mit ihrer Mutter. Gegen Abend passiert sie auf dem Ruckwege das Waldchen, und dort wird sie entfuhrt."

"Wenn ich der Marquis Lomanieri war', ich liess das Fraulein unentfuhrt."

"Das will er aber nicht. Sie ist schon; ihr Vater, der alte Baron Moniermi, ist der reichste Edelmann in der ganzen Gegend, und da ist es schon der Muhe wert, ein Fischchen dieser Art zu erangeln."

"Es wird einen schonen Larm geben!"

"Was geht das uns an? Fur die Folgen haftet der Marquis."

"Gesetzt aber, das Fraulein hat Bedeckung?"

"Die hat sie nicht."

"Es reitet etwa ein Liebhaber neben ihrem Wagen her? Dergleichen Herren haben besonders im Angesicht ihrer Liebchen verteufelt viel Courage!"

Sie sprangen auf und liefen schnell davon. Einige Kohlenbrenner gingen voruber und sprachen von den morgenden Vergnugungen auf dem Markte zu Lienzo.

Als sie voruber waren, stieg Rinaldo von der Eiche und schlenderte seinen Ruinen wieder zu. Er hatte mancherlei im Kopfe. Besonders schien er etwas darauf setzen zu wollen, das Fraulein zu retten und die Entfuhrung zu vereiteln.

Er liess Lodovico und Sanardo kommen und sprach mit ihnen uber den Markt zu Lienzo.

SANARDO Den Markt mussen wir allerdings besuchen! Aber zu diesem Besuche durfen nur die Behutsamsten von uns gewahlt werden.

RINALDO Diese magst du selbst wahlen.

SANARDO Gut! Die meisten konnen als Pilger passieren, denn deren kommen eine grosse Menge nach Lienzo. Andere sind Kohlenbrenner, Bauern, und einige sind als Zigeuner da. Bei diesem Zuge stecken wir auch einige in Weiberkleider, die, welche die langsten Finger haben.

RINALDO Du instruierst die Burschen.

SANARDO Gut! Sie sollen ihre Sache schon machen.

RINALDO Ich habe auch etwas vor. Du, Lodovico, wirst dich immer etwas nahe zu mir halten.

LODOVICO Soll geschehen!

RINALDO Du wirfst dich in Kavaliers-Kleider, was auch ich tun werde. Und weil Fiametta mir taglich anliegt, sie doch auch einmal zu einem kleinen Spasse mitzunehmen, so mag sie dich in Pagentracht begleiten.

FIAMETTA Allerliebst!

RINALDO Ihr seid zu Pferde wie ich, und beide wohlbewaffnet. Nun wollen wir einmal sehen, wenn etwa Schusse fallen mussten, ob der Page nicht vom Pferde fallt.

FIAMETTA Keine Sorge! Sie wird sitzen und auch schiessen.

RINALDO Winke ich dir, Sanardo, so mussen zehn Mann sich fertig halten, dahin zu gehen, wohin ich sie schicke.

SANARDO Diese zehn sollen die Pilger sein.

RINALDO Ordnet an und setzt alles in Bereitschaft, damit die Expedition gut ablauft. Jordano und Filippo mogen die Passe besetzen und wachsam sein, damit wir wissen, wo Hilfe steht, und dass keine Bonhasen sich in unsere leeren Nester schleichen konnen.

Fussnoten

1 La Murra, eine Zeichensprache mit Handen und Fingern 2 Aufruf der Saiden fur die armen Seelen im Fegefeuer.

Siebzehntes Buch

In den Kreis erwunschter Traume

Tritt die holde Wirklichkeit,

Fuhrt durch blumenvolle Raume

Zu dem Port der Sicherheit.

Aus den benachbarten Stadten, Flecken und Dorfern, von Schlossern und aus Hutten stromten Menschen herbei auf den Wiesenmarkt von Lienzo. Kaufer, Verkaufer, Pfaffen, Pilger, Edelleute, Damen, Bauern, Zigeuner und Beutelschneider wandelten, wie auf einem Karneval, in buntem Gewuhle durcheinander und nebeneinander. Hier wurde gekauft, hier wurde gegessen und getrunken, dort tonte die sardische Pfeife, hier erklangen Zither und Triangel, und tanzlustige Fusse stampften den Boden. Hier standen schone Gezelte, und unter denselben webte die vornehme Welt; dort loderten Feuer, und dampfende Kessel standen daruber, gefullt mit mancherlei Speisen, leckerhaft und einladend fur sardische Gaumen und Magen. Bretterne Baracken und grune Hutten waren mit Zechenden besetzt. In der Kapelle der heiligen Claudia gab's Messen, geweihte Blumen und Absolutionen. Hier stand ein Wurmdoktor auf einer bretternen Buhne, verkaufte Krauter, Salben und Ole, indes sein Lustigund die wunderbarsten Kuren seines Herrn auf Unkosten aller Konige in Europa erzahlte. Dort horte man Bankelsanger schreckliche Balladen herkreischen. Nahe dabei bat sich ein lebendes Franziskaner-Geripp etwas zu Seelenmessen aus, die er fur noch unerloste Seelen zu lesen versprach. Kurz, das bunte Bild der belebten Welt schwebte auf dieser Wiese im kleinen.

Rinaldos Leute fanden sich zeitig ein und kaum waren sie angekommen, als schon mancher Marktgast seine Borse nicht mehr sah. Sanardo hinkte als Bettler an Krucken einher. Er bettelte selbst seinen Hauptmann an, der eben in ein Gezelt treten wollte, von dem er Geld erhielt, ohne dass er erkannt worden war'. Das erfreute des Gauners Herz.

Rinaldo forderte Wein und kam mit einem jungen Manne ins Gesprach, der Uniform trug und in der vornehmen anwesenden Welt bekannt war. Von diesem erfuhr er die Namen der Edelleute und ihrer Damen. Endlich ward ihm auch die Baronin Moniermi nebst ihrer Tochter gezeigt. Diese waren es ja, die er kennenlernen wollte; und nun liess er sie nicht aus den Augen.

Er ging zwischen einer Reihe von Buden hin, als er das Bauernmadchen sah, mit der er Tages vorher gesprochen hatte. Er zupfte sie und fragte:

"Habe ich nicht Wort gehalten?"

Liana, so hiess das Madchen, sah ihn an, musterte ihn vom Kopf bis auf die Fusse und sagte lachelnd:

"Habe ich es doch gleich gesagt, dass der Herr kein gemeiner Jager ist!"

"Es gibt auch vornehme Jager."

"O ja! Warum nicht?"

"Ich bin da, Wort zu halten und dir etwas zu kaufen. Ist dein Schatz in der Nahe?"

"Nein! Der ist unter der Miliz, die den Platz bewacht und Ordnung halt. Nachmittag aber wird er abgelost, dann wird er bei mir sein."

"Wahle dir etwas. Was willst du haben?"

"Diese seidenen Tucher gefallen mir."

"Das beste ist dein. Welches mochtest du haben?"

"Dieses."

Rinaldo kaufte das bezeichnete Tuch und gab es ihr. Liana nahm es, sah es an und sagte:

"Das Tuch ist recht schon! Aber wie soll ich nun dazu gekommen sein?"

"Du wirst schon was zu erdenken wissen! Du bist ja ein Madchen."

"Hinter der Kapelle bedanke ich mich."

Sie warf das Tuch uber und ging davon. Rinaldo folgte ihr nach. Hinter der Kapelle stand Liana, ergriff seine Hand, kusste sie und sagte:

"Ich erfulle mein Versprechen und danke fur das schone Tuch."

"Rinaldo druckte lachelnd ihr die Hand, zog sie zu sich und kusste, indem sie sich wendete, ihr die Wange". Ein Kapuziner trat herbei; er drohte mit dem Finger. Liana schrie:

"Da haben wir's!" und sprang davon.

Der Kapuziner kam naher und sagte:

"Ei, ei! So hinter dem Rucken der Heiligen, der diese Kapelle geweiht ist! Das ist nicht gut! So etwas kann nicht erlaubt werden!"

"Es ist nun einmal geschehen!" antwortete Rinaldo lachelnd.

"So gebe man wenigstens einen Suhnpfennig in den Almosenstock der Kapelle."

"Das soll geschehen."

"Und tue dergleichen nicht wieder."

"Sie ist ja fort."

"Kann aber wiederkommen."

"Jetzt nicht."

"Nie wieder. Mein Sohn! sei genugsam. Wiederholter Genuss erweckt endlich Reue und Ekel."

Er ging und Rinaldo trat in die Kapelle. Nach angehorter Messe bedachte er den Opferstock und sah sich hinter der Kapelle um, sah aber weder den Kapuziner noch, was ihm weit lieber gewesen war', die schalkhafte Liana.

Er fand sie endlich bei der Bude des Marktschreiers. Leise nahte er sich ihr und zwickte sie sanft. Sie sah sich um und lachte. Bald war sie aus dem Gedrange, und am Ende der Wiese fand er sie wieder. Sie sah sich fragend um:

"Es ist doch kein ehrwurdiger Herr in der Nahe?"

"Ich sehe keinen als mich."

"Ich bin recht erschrocken, als wir vorhin uberrascht wurden. Wir wollen uns hier nicht wieder sprechen. Wenn Ihr aber fleissig auf den Platz kommen wollt, auf welchem ihr mich gestern saht, so konnt Ihr mich wohl einmal wiederfinden. Doch vorher musst Ihr mir sagen, wer Ihr seid."

"Ich bin ein Fremder, und lange werde ich in dieser Gegend nicht mehr bleiben."

Sie sah zur Erde und zupfte an dem Busentuche. Schweigend nahm sie den Strauss vom Busen, gab ihm denselben und sah ihn seufzend an, indem sie sagte:

"Dieser Seufzer gilt Eurer Abreise. Lebt wohl!"

Damit eilte sie rasch davon und verschwand in dem Menschengedrange.

Auf einmal entstand ein Larm. Man hatte einen von Rinal dos saubern Gesellen auf der Tat ertappt, als er eben einer Beutel kapern wollte. Man hielt ihn fest. Die Miliz eilte herbei und nahm ihn in Empfang. Sanardo hinkte hinzu und gab einem entschlossenen Burschen einen Wink. Die andern kamen, das Gedrange wurde vermehrt; man presste die Miliz hart an den Arrestanten, und ehe dieser es sich versah, wurde er so geschickt mit einem Stilett getroffen, dass er tot zu Boden sank. Man schrie, larmte, fluchte, schimpfte, schlug aufeinander los, der Kerl blieb tot, und die Miliz trug den Kadaver davon. Trompeten riefen zur Prozession. Die heilige Claudia wurde, auf einem hohen Geruste sitzend, einhergefahren. Freundliche Madchen streuten Blumen, Weihrauch dampfte in die Luft, geweihte Kerzen flammten und Hymnen ertonten der Heiligen zu Ehren. Der feierliche Zug ging uber die Wiese von der Kapelle aus bis zum Dorfe. Die Zuschauer standen dicht auf beiden Seiten; mitten darunter die Baronin Moniermi, ihre Tochter Erminia und neben ihr Rinaldo ganz absichtlich.

Es konnte nicht an Bemerkungen fehlen; eine gab die andere. Den Blumenstreuerinnen wurden mancherlei Beifallsbezeugungen zugerufen. Rinaldo bemerkte:

"Die Madchen machen Gluck!"

"Sie entzucken" sagte Erminia, "dreifach. Durch ihr Amt, durch ihre Blumen und durch sich selbst. Seht nur, wie artig, sogar wie schon einige dieser Madchen sind!"

"Die Nahe", versetzte Rinaldo etwas leise, "verdunkelt die Ferne."

Erminia schlug die Augen nieder und sagte noch etwas leiser als er:

"Die Nahe ist nie so gefahrlich als die Ferne."

"Sie tauscht nicht."

"Sie gibt sich, wie sie sich geben muss. Dabei bleibt ihr kein Verdienst."

"Sich selbst bleibt sie, mit jedem holden Zauber ihrer Gegenwart."

"Wir sind hier auf dem Lande."

"Wo die Natur in schoner, kunstloser Fulle prangt!"

Erminia zeigte schnell auf einen Greis und rief aus:

"O! welch ein schoner Apostel-Kopf! War' ich ein Maler, der Kopf stund' heute noch auf einem PetrusRumpfe." "Und ich" setzte Rinaldo hinzu, "wurde als Maler auch meine Madonna gefunden haben."

"Doch unter jenen Madchen?"

"Auch jetzt noch naher!"

"Ein Kunstler darf kein Schmeichler sein!"

Sie sprach etwas zu ihrer Mutter. Der Zug war voruber; die Zuschauer gingen auseinander.

In den Gezelten wurden die Tafeln gedeckt. Rinaldo verlor seine Schone nicht aus dem Gesichte. Man setzte sich zu Tische. Erminia sah sich um. Rinaldo stand hinter ihr. Sie griff nach einem Stuhle, sie sass; Rinaldo neben ihr; sie neben ihrer Mutter. Bei Tische wurde viel gesprochen. Erminia sprach wenig, noch weniger ihr Nachbar. Der Nachtisch kam.

"Wir haben viel gehort", sagte Erminia.

"Ich" antwortete Rinaldo, "war so glucklich, mit meinen Augen zu horen."

Sie schwieg. Die Tafel ward aufgehoben. Die Gesellschaft zerstreute sich.

Das Fraulein trat an eine Glucksbude. Er folgte ihr auch dahin. Sie lachelte:

"Ich bin im Spiele nicht glucklich, und dennoch wage ich gern etwas im Spiele des Glucks."

Sie nahmen beide Lose. Erminia gewann ein Paar Pistolen. Rinaldo einen schonen Facher.

"Wie sonderbar!" lachelte das Fraulein.

Rinaldo bot ihr einen Tausch an, der auch sogleich getroffen ward.

"Um zu verwunden", sagte er, "bedurft Ihr keines Gewehrs. Auch Anadyomene ist unbewaffnet, und ihr gehorcht der Erdkreis. Ich nehme diese Pistolen und weihe sie Eurer Verteidigung."

ERMINIA Vielen Dank, edler Ritter! Doch hoffe ich, es wird so arg nicht kommen.

RINALDO Ich halte Wort.

ERMINIA Aber ich muss meinen Ritter auch kennen. Aus dieser Insel seid Ihr nicht.

RINALDO Ich bin ein Romer.

ERMINIA Und ein Ritter?

RINALDO So ist es. Ostiala ist mein Name.

ERMINIA Schon lange auf der Insel?

RINALDO Einige Wochen.

ERMINIA In Geschaften?

RINALDO Auf Reisen.

ERMINIA Doch habt Ihr wohl an Hofen viel gelebt? Wenigstens sagt dies Euer Ton.

RINALDO Ich liebe das Land, die Natur, und verehre die Schonheit.

Das Gesprach war geendigt. Der Abend nahte sich. Sanardo machte sich kenntlich.

"Die Pilger sind bereit", sagte er.

Rinaldo bestimmte den Platz, auf den sie sich begeben sollten, und bezeichnete den Wagen und die Personen, die zu beobachten waren. Lodovico und Fiametta fanden sich ein. Filippo hatte Handel mit einigen Vagabunden gehabt. Sanardo zog seine Leute zusammen. Sie gingen nach ihren Bergen, Lodovico und Fiametta folgten ihnen, wie Rinaldo befahl. Der Wagen stand angespannt. Die Baronin und Erminia stiegen ein. Rinaldo liess sich nicht sehen. Schon war der Wagen ihm aus den Augen, als er sein Ross bestieg und davonjagte. Vor dem Walde holte er den Wagen ein.

Es wurde dunkler. Erminia horte Hufschlag. Sie blickte aus dem Wagen. Rinaldo erschien am rechten Kutschenschlage; das Fraulein rief:

"Ei, seht doch, Mutter! meinen Ritter."

"Ich halte Wort", sagte er. "Der Wald ist lang, es wird dunkler, und meine und Eure mir geschenkten Pistolen sind geladen."

Mutter und Tochter dankten sehr hoflich. Das Fraulein fuhr fort:

"Schon glaubte ich Euch verschwunden."

Die Mutter aber fragte sehr naiv:

"Ihr reitet aber doch nicht um?"

"Ein Fremder ist allenthalben daheim", antwortete Rinaldo.

Es erfolgte eine Pause. Im Walde wurde laut gepfiffen. Die Damen fuhren erschrocken zusammen. Rinaldo horte das ihm bekannte Zeichen. Er wusste nun, dass seine Leute ihm zur Seite im Walde waren.

"Was war das?" stammelte Erminia.

"Ein Wanderer vielleicht", sagte Rinaldo, "der sich die Zeit vertreibt."

"O nein! Es war ein Schreckenston fur jedes Wanderers Ohr."

"Furchtet nichts!"

Ein nahes Gerausch. Es rauschte durch die durren Blatter des Bodens wie menschliche Fusstritte; es kam naher, zwei Kerle wurden sichtbar. Sie nahten sich dem Wagen.

"Legt die Waffen ab!" schrie Rinaldo, indem er mit gezogenem Gewehr auf sie zu ritt.

Der eine wollte Feuer geben. Das Pulver flog von der Pfanne auf, der Schuss versagte.

Besser traf Rinaldo. Der Kerl sturzte sogleich zu Boden. Der andere fiel bittend auf die Knie. Rinaldo liess ihn von den Bedienten binden und auf den Wagen setzen. Ein Bedienter, den Rinaldo bewaffnete, sass neben ihm; dem Kutscher rief er zu, rasch darauf loszufahren, und seine Gesellen im Walde erhielten von ihm das Zeichen ihrer Entlassung. Der Wagen hielt vor dem Schlosse des Barons Moniermi. Man stieg aus. Die Damen klagten dem Baron ihren Unfall und stellten ihm ihren Retter vor. Der Baron empfing ihn herzlich. Rinaldo nahm bescheiden jede Lobeserhebung an, die man ihm zollte.

Der Gebundene ward vorgefuhrt. Er sagte aus, was

wir schon wissen, und ward ins Schlossgefangnis gebracht. Man legte sich spat zur Ruhe und stieg des Morgens sehr spat auf.

Rinaldo fand den Baron, seine Frau und Tochter

beim Fruhstuck in einem Pavillon des Gartens.

BARON Mein Herr Ritter, indem ich Euch noch

mals danke, bezeige ich Euch zugleich meine Verlegenheit, denn ich muss Euer Schuldner bleiben und weiss nicht, womit ich

RINALDO Ohne Verlegenheit, Herr Baron! Jeder

Mann von Ehre wurde getan haben, was ich tat. Ein Reisender muss dergleichen Auftritte bestandig vor Augen haben. Es konnten mich Rauber anfallen, und ich wurde mich auch gewehrt haben.

ERMINIA Aber ihr wagtet Euer Leben fur eine Unbekannte, die

RINALDO Fur eine Dame zu kampfen, ist Ritterpflicht, gleichviel, sei sie auch eine Unbekannte!

ERMINIA Ihr seid auf Reisen, wir sehen einander vielleicht nie wieder, aber immer wird mein Herz dankbar fur meinen Retter schlagen!

BARONIN Mutter und Vater danken Euch die Rettung ihres einzigen Kindes!

Man lustwandelte im Garten umher, und kaum sah Rinaldo sich mit dem Fraulein allein, als es zu einer wechselseitigen Unterhaltung kam.

ER Noch habe ich eine Bitte an Euch, mein Fraulein!

SIE An mich? Geschwind die Bitte!

ER Stellt dem mich vor, fur den ich Euch rettete.

SIE Ihr kennt schon meine Eltern.

ER Doch den nicht, dem Euer Herz

SIE Mein Herz ist noch mein, so wie meine Hand.

ER Ich darf nicht zweifeln, weil Ihr's sagt, wie gern ich auch zweifeln mochte.

SIE Ich wiederhole es, mein Herz ist frei und meine Hand ist mein.

ER Wenn Ihr dereinst diese teuern Pfander Eurer Liebe verschenkt, so

SIE Ihr brecht ab?

ER Mein Fraulein! Das, was ich sagen wollte, darf ich als Die Mutter kam. Rinaldo zog die Uhr und sprach von seiner Abreise.

"Wir meinten", sagte die Baronin, "unsern uns so werten Gast einige Tage bewirten zu konnen."

"Ich muss", versetzte Rinaldo, "zu meinem Gepack, zu meinen Leuten. Doch das Vergnugen, mich unter so guten Menschen langer zu sehen, kann ich mir unmoglich rauben. Wir sehen uns wieder. Ich komme zuruck."

Das musste er versprechen. Schon als er auf dem Pferde sass, wurden Bitte und Versprechen wiederholt. Erminia bestimmte sogar die Zeit des Wiedersehens. Rinaldo kam bei seinen Gesellen an. Der Markt hatte etwas eingetragen. Die Teilung ging, wie gewohnlich, gewissenhaft vor sich. Einige Tage blieb es ruhig.

Liana fiel dem Hauptmann wieder ein. Er ging aus, sie zu sprechen, und fand sie wirklich da, wo er das erstemal sie gefunden hatte. Sie lachelte ihm entgegen:

"Da sehen wir uns ja doch wieder!"

Im Grunen sassen sie. Liana sprach von dem Markt und erzahlte ihm, wie sie sich divertiert habe. Darauf bemerkte sie: "Ich sah Euch wohl mit einem schonen Fraulein fleissig sprechen. Die hat sicher etwas mehr als ich von Euch bekommen!"

"Auch nicht einmal, wie du, ein seidenes Tuch!"

"Das macht Ihr mir nicht weis! Ich denke immer "

"Was denkst du?"

"Sie wird es, denke ich, mit Euch wie ich mit meinem Lorenzo machen."

"Wie?"

"Zu meinem Manne mache ich ihn."

"Und wozu machst du mich?"

"Euch mache ich, wenn Ihr noch dann in der Gegend seid, zu einem Hochzeitsgast."

Sie stieg auf, nahm ihren Korb und wollte gehen. Eine Frage schwebte ihr auf den Lippen, die sie aber sichtbar unterdruckte. Endlich sagte sie:

"Ubers Jahr um diese Zeit wollen wir sehen, wie es mit uns aussieht!"

Rinaldo seufzte. Liana lachelte:

"Wohin wohl dieser Seufzer flog!"

"Dir nach."

"Ich nehme ihn mit und gebe Euch einen andern dafur."

Schnell ging sie fort, doch zweimal blieb sie auf dem Wege stehen und sah sich nach ihm um. Rinaldo streckte sich ins Gras. Seine Phantasie trug ihn zu der schonen Erminia. Lange verweilte er bei ihr. Unmutig begann er endlich:

"Was willst du tun? Du willst sie wiedersehen? Du willst sie tauschen? Musst du das nicht? Wirst du nie dich andern? Schamst du dich nicht? Ende, ende!"

Er sprang auf. Langsam ging er seinem Aufenthalte zu. Fiametta, in mannlicher Tracht, kam ihm entgegen.

"Man fragt nach dir und sucht dich allenthalben", sagte sie.

Jordano kam.

"Hauptmann!" begann er, "Wir suchen dich! Es kann viel geben."

"Wieso?"

"Ich habe es ausgekundschaftet. Als Bettler verkleidet schlich ich nach Oristagni, und dort erfuhr ich es. Ein Schiff ist eingelaufen und hat drei Fasser mit Geld ausgeladen. Dies Geld wird morgen fruh zu dem Statthalter nach Cagliari gebracht. Nun frage ich dich in meinem und deiner Leute Namen: Soll der Statthalter diese Geldfasser bekommen oder nicht? Was uns betrifft, so meinen wir alle, er soll sie nicht bekommen."

"Ihr wollt euch also die Hunde selbst an den Leib hetzen?"

"Uber lang oder kurz spuren sie uns doch wieder einmal auf."

"So nehmt das Geld."

Jordano zog sogleich seine Gesellen zusammen. Gegen Abend ruckten sie in die Weinberge vor Marmilla. Der Tag brach an; sie zogen der Landstrasse zu. Alle Busche und Graben waren belegt. Die Geldwagen kamen, begleitet von 20 Reitern. Jordano brach hervor. Es kam zu einem hartnackigen Gefecht. Zuletzt behaupteten die Rauber den Platz und fuhrten die Geldwagen in die Gebirge.

Dieses Wagestuck brachte ganz Oristagni und Cagliari in Bewegung. Der Statthalter liess Soldaten ausrucken. Die Oristagner bewaffneten sich eilig.

Am dritten Tage waren die Berge von dreihundert Soldaten und funfhundert Mann Miliz umsetzt. Diesen konnte Rinaldo kaum achtzig Mann entgegenstellen.

Die Soldaten drangen gegen die Passe vor. Sie fanden einen Widerstand, den sie nicht zu finden geglaubt hatten; doch ihr Geschutz entschied, und die Passe wurden forciert. Jetzt zogen alle Truppen sich in das Gebirg hinein. Rinaldinis Leute flohen in ihre Locher.

Rinaldo sah, dass er sich nicht halten konnte. Er gab Fiametten Geld und Edelsteine. Er bat sie, sich zu retten. In eine Pilgerkutte gehullt floh sie. In Lode hoffte sie ein Schiff zu finden, und Malta war der Platz, den Rinaldo ihr bestimmte, ihn dort, kam' er in dem bevorstehenden Gefecht davon, zu erwarten. In einem kleinen Tale mitten im Gebirge zog Rinaldo sein Hauflein zusammen. Hier ward er angegriffen. Drei Stunden dauerte das Gefecht; er musste weichen und floh mit zwanzig Mann auf seine Burg.

Hier verteilte er, was von Werte noch zu verteilen war, um sie mutig zu machen, fur den Besitz ihrer Schatze zu streiten, und erklarte ihnen, dass er entschlossen sei, bis auf den letzten Atemzug sich zu verteidigen. Alle schwuren ihm zu, mit ihm zu leben und zu sterben. Wie war aber auf Menschen zu rechnen, die sich selbst keinen Glauben, keine Treue abgewinnen konnten?

Rinaldo mochte wohl selbst ebenso denken, denn er wurde sehr vorsichtig und beobachtete seine Gesellen genau.

Eines Abends schlich er dem verborgenen, unterirdischen Gange zu, der ein Geheimnis fur seine Gesellen blieb, wo er seine Kostbarkeiten verborgen hatte, um sein getreues Ross zu futtern, das dort versteckt war. Als er zuruckkam, horte er bei einem Schutthaufen im Schlosshofe sprechen. Er kroch hinter eine Mauer. Da wurde er Zuhorer einer sonderbaren Unterredung zwischen einigen seiner sauberen Kameraden.

"Ich will euch alles" sagte der eine derselben, der der Sprecher zu sein schien, "ganz kurz darstellen. Wozu sollen unsere Verteidigungsanstalten dienen? Unsren Schutthaufen werden die Soldaten bald ersturmen. Wir sitzen dann alle auf Radern. Der Hauptmann selbst ist verloren. Lasst uns an unsere Selbstrettung denken. Wir wollen akkordieren; den Hauptmann liefern wir aus und erhalten Freiheit und Pardon. Dann konnen wir unser Geld anwenden, wozu wir wollen, und entgehen dem Galgen auf die beste Manier."

Man sprach hin und her, und endlich gab man dem Sprecher Beifall.

Rinaldo, der so etwas schon langst befurchtet hatte, zog sich in seinen Gang zuruck, fuhrte sein gesatteltes Ross sich nach, nahm seine Kostbarkeiten zu sich, setzte sich auf, trabte davon und uberliess die Verrater ihrem Schicksal. Auf dem Schlosse des Barons Moniermi treffen wir den Entflohenen wieder an, wohl aufgenommen, freundlich bewirtet, in Gesellschaft der schonen Erminia, die es sich selbst gestehen musste, dass sie gern in der seinigen war.

In das Schloss kam die Nachricht, in einer zerstorten Feste sei endlich Rinaldini mit dem Uberrest seiner Leute gefangengenommen und nach Oristagni gefuhrt worden.

"Ich habe", sagte der Baron, "ob er gleich ein Rauber ist, dennoch Mitleid mit Rinaldini. Er hat, wie man erzahlt, auch eine sehr grossmutige Seite gehabt und ist gegen Arme mitleidig gewesen. Das ist es, was mir an ihm gefallen hat!"

"Nur ein grossmutiger Mann, Herr Baron", begann Rinaldo, "kann selbst an einem Rauber etwas bewundern, das grossmutigen Handlungen ahnlich sieht. Wenigstens hat sicher Rinaldini die meisten derselben mit Eigennutz ausgeubt. Da Tausend so schlecht von dir sprechen, sagte er vielleicht bei sich selbst, so sollen doch wenigstens auch einige Wenige gut von dir reden; dies konnte doch wohl einigen Eindruck machen, einige Entschuldigung geben. So nehme ich die Sache."

BARON So werden sie die meisten Menschen nehmen. Ich aber habe noch eine Seite, von der ich sie betrachte. Vielleicht war Rinaldini durch irgendeinen Unglucksfall in seine Lage gekommen. Die Bahn des Lasters ist breit, er wandelte dieselbe mit Bequemlichkeit. Als er aber dennoch endlich zu sich kam und zuruckgehen wollte, war es zu spat.

RINALDO Ja, ja!

BARON Um also nur in etwas gleichsam sich selbst zu entsundigen, wenn man so reden darf, wurde er edelmutig.

RINALDO Das ist sehr moglich!

BARON Mir ist es ausserst wahrscheinlich, und ich glaube es sogar.

RINALDO Wenn er aber nun, wie man erzahlt, von jeher, ehe er sich am Ziele seiner Raubertaten sah, so handelte?

BARON So brachte er ein gutes Herz mit in seine Walder, und Gutes zu tun, war ihm gleichsam angeboren.

RINALDO Er soll wirklich mitleidig gewesen sein.

ERMINIA Wenigstens sehr zartlich. Von seinen Liebschaften erzahlt man viel.

RINALDO Man weiss allenthalben viel von ihm zu erzahlen. In Florenz, in Rom, in Neapel und in ganz Sizilien spricht man von ihm. Und, was das Sonderbare ist, man erzahlt grosstenteils nur Gutes von ihm.

ERMINIA Die Menschen sind sehr gefallig, wenn man nur ihre Aufmerksamkeit zu erhalten weiss.

BARON Mein Vater war ein Florentiner. Er verliess sein Vaterland. Ich hatte in Florenz Familienangelegenheiten zu berichtigen, und als ich dahin ging, machte ich einst in den Apenninen eine merkwurdige Bekanntschaft mit einem Klausner, Donato genannt. Dieser kannte Rinaldini genau. Er hat mit mir viel von ihm gesprochen. Diese Nachrichten haben mich, ich kann es nicht leugnen, sehr fur ihn eingenommen, und ich glaube, ich hatte beinahe selbst gewunscht, seine Bekanntschaft zu machen, wenn er allein und ohne Gesellen zu sehen gewesen war'. In unserer Nahe will man ihn allenthalben gesehen haben; doch bis zu meinem Schlosse hat er sich nicht verirrt.

Ganz unvermutet gab Rinaldo diesem Gesprach eine andere Wendung, indem er Erminias Stickerei bewunderte. Nach Tische sprach man von einem Besuche, den man erhalten wurde, und ehe Rinaldo noch den Namen des Gastes erfuhr, trat dieser selbst ins Zimmer. Es war der Marquis Reali, den wir kennen. Betroffen trat er einen Schritt zuruck, fasste sich aber schnell, ging auf Rinaldo zu und fragte: "Treffen wir uns hier?"

"Eine Bekanntschaft?" fragte der Baron.

"Eine interessante Bekanntschaft", antwortete der Marquis lachelnd und wendete sich zu den Damen.

Der Baron fixierte den vermeinten Ritter Ostila, und dieser war nicht ganz ohne Verlegenheit. Der Marquis stattete Erminien seine Gluckwunsche wegen ihrer Befreiung ab und erzahlte, der Marquis Lomanieri habe die Insel verlassen.

"Es war" fuhr er fort, "in der Tat ein Unternehmen, welches dem Marquis Lomanieri teuer wurde zu stehen gekommen sein! Er ist, sagt man, nach Turin gegangen, um dort bei dem Konig um Gnade zu bitten."

BARON Meine Berichte an den Konig werden eher dort eintreffen als er. Ich verlange Satisfaktion und muss und werde sie erhalten.

MARQUIS Gewiss!

BARON Der Marquis darf ungestraft meine Ehre nicht angetastet haben.

MARQUIS Naturlich!

ERMINIA Ohne den tapferen Beistand dieses Herrn, den Ihr kennt war' das abscheuliche Unternehmen sicher gegluckt.

MARQUIS O! es durfte nicht glucken! Der Himmel halt stets sein schutzendes Schild uber Schonheit und Tugend.

Der Marquis nahte sich einem Fenster. Rinaldo trat schnell hinzu. Die Damen zogen sich zuruck. Erminiens Augen blieben bei den Sprechenden; der Baron wurde nachdenkend.

"Herr Marquis", sagte Rinaido, "Ihr kennt mich; Ihr wisst, wer ich bin. Hier kennt man mich als den Retter des Frauleins und nennt mich Ritter Ostiala. Es steht bei Euch, meinen wahren Namen zu entdecken; ich kann nichts dagegen haben, da ich dies selbst bei meiner Abreise tun wollte. Was ich fur den Baron tat, berechtigt mich, Anspruch auf seine Dankbarkeit zu machen. Ihr habt gegen mich keine Verbindlichkeit. Aber ich bitte Euch, bringt uns alle nicht in Verlegenheit! Meine Leute sind in der Nahe, und die Not konnte uns etwas erlauben, was wir und ihr alle bereuen wurden."

"Ich habe Pflichten gegen den Staat", erwiderte der Marquis, "die ich erfullen muss, will ich nicht selbst schuldig erscheinen. Das Wenigste, was ich tun kann, ist, dem Baron zu sagen, wer sein Gast ist."

"Ihr wollt ihn also in Verlegenheit setzen?"

"Kennt Ihr die Befehle der Regierung?"

"Sie werden Euch gebieten, mich ihr zu uberliefern?"

"So ist es."

"Wie konnt Ihr das?"

"Wie?"

"Wagt Ihr nicht Euer Leben? Ich kann mit Euch nicht scherzen, wenn Ihr es ernstlich meint. Ihr fallt zuerst."

"Was wagt Ihr, mir zu sagen?" schrie der Marquis laut und griff an den Degen.

"Mich treibt die Not!"

Der Baron trat herzu.

"Ich will nicht hoffen", sagte er, "dass zwischen Euch ein Missverstandnis "

MARQUIS Kein Missverstandnis! Wir kennen uns, und mir gebietet die Pflicht

RINALDO Was sie jetzt, da die Sache so weit gekommen ist, mir selbst gebietet, Euch meinen wahren Namen zu nennen.

BARON Ihr habt uns hintergangen?

ERMINIA Ihr seid der Ritter Ostiala nicht?

RINALDO Der bin ich nicht.

BARON Ihr gabt Euch einen falschen Namen?

MARQUIS Es ist der erste nicht. Der letzte aber kann es sein. Baron! Ich bin verbunden, diesen Mann

RINALDO Nun bedarf es weiter keiner Umschweife. Ich bin Rinaldini.

Das Fraulein sank auf ein Sofa; laut auf schrie die Baronin. Der Baron trat betroffen zuruck, indem er sagte:

"Marquis! Ihr habt uns allen keinen Gefallen getan."

MARQUIS Ihr kennt, wie ich, die Befehle der Regierung. Ich kenne sie auch und weiss, was ich zu tun habe.

RINALDO Tut, was Ihr tun musst.

BARON Marquis! In welche Verlegenheit sturzt Ihr uns alle! Meine Dankbarkeit kampft mit der Pflicht, den Retter meiner Tochter der Obrigkeit zu uberliefern.

RINALDO Herr Baron! Ich kann nur mit Gewalt Euch Eurer Verlegenheit entreissen. Ich offne dieses Fenster. Ein Schuss, und meine Leute dringen ins Schloss. Mein Leben verkaufe ich teuer. Der Marquis fallt, wenn man sich mir feindlich naht. Furcht kenne ich nicht, und jetzt heisst die Not mich morden.

BARONIN Mein Gott! lasst sich kein Ausweg treffen?

RINALDO Nur einen Ausweg wusste ich.

BARONIN O! nennt ihn, gebt ihn an!

RINALDO Lasst von meinen Leuten mich hier abholen. Ihr weicht dann der Gewalt und habt keine Verantwortung zu furchten.

MARQUIS Ihr schwort, dass Eure Leute sich keine Gewalttatigkeiten erlauben.

RINALDO Das kann ich nicht, selbst um Euretwillen nicht. Gewalt muss mich befreien, sonst konnte man das Ganze fur Spiegelfechterei erklaren. Der Marquis lasst sein Leben, und um das meinige wird gekampft. So weit habt Ihr es selbst getrieben, Herr Marquis! Ich habe keine Schuld.

Er spannte, als er dies sagte, ein gezogenes Terzerol und riss das Fenster auf.

"Haltet ein!" schrie Erminia.

BARON Keine Ubereilung!

RINALDO Ich werde, was ich tun muss, ewig bereuen. Aber, zwingt man mich nicht, es zu tun?

BARON Marquis! Nur Ihr konnt uns alle retten.

MARQUIS Wie konnte ich das? BARON Unter uns bleibt alles. Ihr gebt Euer Ehrenwort, von diesem ungluckseligen Vorfalle nie zu sprechen. Wer konnte uns verraten? Der Marquis wollte sprechen, als der Kammerdiener der Baronin eintrat und meldete, der Gartner habe zwei verdachtige Vermummte um die Gartenmauer schleichen sehen. Dieser gluckliche Zufall machte dem Gedrangten Luft. Der Baron stammelte: "Der Gartner soll die Vermummten genau beobachten!" Der Kammerdiener ging. Rinaldo redete: "Meine Leute haben den Marquis gesehen, sie ahnen, was mir bevorsteht. Ihr seht, sie sind wachsam. Zum Ungluck kommandiert sie Jordano, der unbandigste meiner Gesellen, der mir schon oft grossen Kummer durch seine Wildheit verursacht hat." BARONIN Er wird doch nichts ohne Order unternehmen? RINALDO Ich hoffe und wunsche es nicht. Wie kann ich's aber andern, wenn es geschieht? BARONIN Gebietet ihm, sich zu entfernen. RINALDO Ich kann, ich darf das nicht. BARONIN Marquis! Ich fordere von Euch MARQUIS Wenn ich BARONIN Ihr konnt uns retten. ERMINIA Gebt Euer Wort!

Der Jager trat ein. Man sehe, sagte er, Bewaffnete im Waldchen hinter dem Garten.

"Beobachtet sie!" sagte der Baron angstlich.

Der Jager ging. Rinaldo sah den Marquis fragend an. Dieser erklarte sich, sein Wort zu geben, wenn Rinaldo ihm das seinige geben wolle, sich nicht an ihm oder an seinen Gutern zu rachen.

ERMINIA Das wird er nicht tun!

RINALDO Ich gebe Euch, was Ihr verlangt. Nie werde ich mich an Euch oder an Euern Gutern rachen, solange Ihr schweigt. Wolltet Ihr aber

MARQUIS Ich brach noch nie mein Wort. Es bleibt alles unter uns.

RINALDO Herr Baron! Lasst mein Pferd vorfuhren. Ich scheide von Euch mit dankbarem Herzen. Ihr wisst, was Ihr von mir gesprochen habt, ehe Ihr mich kanntet. Ach! was empfand ich, als ich Euch so sprechen horte! Der Rauberhauptmann hat ein Herz und weiss dankbar zu sein. Lebt wohl! Mein ungluckliches Schicksal treibt mich von allen meinen schonen Platzen, aus allen Wohnungen des Friedens. Ach! wo schone, edle Seelen weilen, darf ich nur im Geiste sein. So bin ich stets bei Euch. Beklaget mich, verdammt mich aber nicht! Schenkt Euer Mitleid einem Unglucklichen, der nirgends sicher ist, der nie sich zeigen darf, ohne Schrecken und Verwirrung zu verbreiten. Diese Gefuhle drucken mich zu Boden. Schenkt, wenn Ihr durft, mir Eure Freundschaft, und lebt wohl!

Tranen in den Augen, verliess er das Zimmer. Ihm folgte der Baron. Im Waldchen hinter dem Schlosse wurde geschossen. Dragoner wurden sichtbar.

"Der rechte Flugel meines Schlosses" sagte der Baron, "ist an ein altes Gebaude angebaut, das ich aus mehr als einer Ursache noch nicht habe abreissen lassen. Dorthin bringe ich Euch. Dort seid Ihr sicher. Ich selbst werde es weder an Nachfrage noch an Verpflegung fehlen lassen. Den Soldaten jage ich Euch nicht entgegen. Ist der Marquis abgereist, und die Gegend ist von Soldaten geraumt, dann mogt Ihr reisen."

Rinaldo dankte dem Baron schweigend, mit Blick und Handedruck, und folgte ihm uber den Hof. Sie kamen in das alte Gebaude. Der Baron verschloss die Turen und ging zur Gesellschaft zuruck.

Der Marquis war sehr verstimmt und nahm, mit Wiederholung seines Versprechens, Abschied. Erminia liess sich zu Bette bringen. Die Baronin klagte Kopfweh. Rinaldo befand sich in einem getafelten, mit gemaltem und vergoldetem Schnitzwerke verzierten Zimmer, versehen mit wenigen und alten Mobeln. Auf einigen Wandleuchtern staken Wachslichter, welche die Zeit ihres Nichtgebrauchs ganz braun gemacht hatte. Die Seitentur des Zimmers fuhrte in einen Saal, dessen Wande mit Familiengemalden rundherum umhangen waren.

Diese Gemalde betrachtete Rinaldo eben aufmerksam, als der Baron eintrat.

"In diesem Saale", sagte er, "bin ich oft. Dies sind die Bilder meiner Ahnherren und ihrer Weiber; das meinige schliesst diese Reihe. Ich sterbe ohne Sohn. Seit vierhundert Jahren bluhte mein Geschlecht unter der Republik und unter den Herzogen von Florenz. Mein Vater verliess sein Vaterland mit seinen Schatzen, kaufte dieses Schloss und hangte hier die Bilder einer Familie auf. Dieser hier focht als General der Florentiner gegen die Venetianer; dieser diente unter Doria bei Lepanto. Dieser war mein Vater. Ihm zur Seite hangen die Bildnisse seiner beiden Weiber. Die erste gab ihm eine Tochter und einen Sohn, der nicht mehr lebt; die zweite gebar mich. Ehemals lebte hier die ausgestorbene Familie Sestino. Hier ist ihre Hauskapelle."

Er offnete die Tur. Sie traten hinein. Es rauschte hinter einem seidenen Vorhange. Rinaldo sah den Baron an. Dieser nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm in den Saal zuruck.

Schweigend kamen beide in das Zimmer. Der Baron ging, kam bald zuruck und trug einen Korb mit Speisen und Wein. Sie setzten sich. Der Baron begann:

"Das Gerausch in der Kapelle machte Euch aufmerksam."

RINALDO Ist die Kapelle bewohnt?

BARON Die Zimmer hinter der Kapelle sind es.

RINALDO Wie?

BARON Seid unbesorgt! Dort wohnt ein Wesen, das Ihr nicht zu furchten habt. Ich bitte Euch aber, sie nicht zu beunruhigen.

RINALDO Sie?

BARON Meine ungluckliche Schwester wohnt dort.

RINALDO Eure Schwester?

BARON Ein Geheimnis, von dem selbst meine Frau und meine Tochter nichts wissen. Euch teile ich es mit. Warum? sollt Ihr nachher erfahren. Meine Schwester Isotta war durch ein Gelubde ihrer Mutter zum Klosterleben bestimmt, zu dem sie keine Neigung fuhlte. Sie wurde mit einem Prinzen bekannt, und ihre Bekanntschaft hatte Folgen. Ihr Bruder suchte den Liebhaber seiner Schwester auf Befehl der Mutter auf. Vergebens waren Vorstellungen und Bitten; er verlangte Blut. Der Prinz musste sich mit ihm schlagen und war so unglucklich, seinen Gegner zu erstechen. Die Mutter starb; der Vater vermahlte sich zum zweitenmal und verliess Florenz. Isotta ward hierhergebracht. Ihren Sohn hat sie nie wieder gesehen. Er wurde auf dem Lande erzogen, ging verloren, und man weiss nicht, hat es nie erfahren konnen, wohin er gekommen ist.

RINALDO Und der Vater?

BARON Hat, heisst es, sein Grab in den Morgenlandern gefunden. Ich liebe meine ungluckliche Schwester Isotta herzlich, und der Zufall will, dass Ihr dieser Schwester sehr ahnlich seht. Ich denke jetzt nicht daran, dass Ihr Rinaidini seid. Ich sehe in Euch nur den Fremden, der meine Tochter gerettet hat. Wo seid Ihr geboren?

RINALDO In Ostiala. Der Jungste meiner sechs Geschwister, bin ich eines Bauern Sohn. Ein Klausner in jener Gegend, wo ich die Ziegen hutete, war mein Lehrer. Ihm verdanke ich jeden Unterricht, den ich erhielt. Seine Bucher, besonders die Biographien des Plutarch, erhitzten meine Phantasie, und die Welt der Ritterbucher war meine Lieblingswelt. War' ich edler geboren gewesen, wer weiss, welche glanzende Rolle ich gespielt hatte!

Der Baron schwieg. Er ging endlich zu seiner Schwester und blieb lange bei ihr. Spat trennte er sich von seinem Gaste. Die Sonne weckte fruh den Schlafer, der gegen Morgen erst entschlummert war. Rinaldo stand auf, offnete ein Fenster und blickte in die schon erleuchteten Fluren. Der Nebel wallte schnell, in hohen Wirbeln, die Berge hinauf. Ein Diamantenmeer flimmerte im Tale. Ergriffen von einem wehmutigen Gefuhle, warf sich Rinaldo mit nassen Augen vor dem offenen Fenster nieder. Er seufzte tief auf, hob seine Augen gen Himmel und rief aus:

"O! Gottes Sonne leuchtet dieser Flur so schon! Auch ich geniesse ihre milden Blicke, und dennoch dringt kein Strahl der Freude in dieses klopfende Herz! Ach! Ach! uberallhin werden diese Strahlen mich begleiten, und uberallhin trage ich mein Herz mit mir."

"Klage nicht!" ertonte eine Stimme hinter ihm.

Er wendete sich, sprang auf; die Tur der Kapelle war geoffnet. Eine schwarzgekleidete Dame stand vor ihm. Er blickte sie betroffen an. Sie hob die Hand und bedeckte die Augen, indem sie sagte:

"O! dieser Spiegel blendet mich!"

Rinaldo stammelte:

"Ach! gonnt mir Eure Blicke, wie mir die wohltatige Sonne ihre Strahlen gonnt."

Sie zog die Hand von den Augen und sagte:

"Seit beinahe dreissig Jahren sah ich kein so freundliches Bild als das deinige, Fremdling! Es tut so wohl, und dennoch schmerzt es! Diese Augen sehen mich selbst. In dir sieht sich Isotta. Verweile hier bei mir. Ich spreche so selten mit einem Menschen. Ach! und in ein Gesicht, wie in das deinige, habe ich noch nie gesehen. Ich hatte einen Sohn. Nur wenige Stunden lachelte er mir! Wie du, so musste er jetzt aussehen. Mein Herz will mich tauschen! Nein! Ich weiss es ja, dass du nicht mein Sohn bist. Mein Bruder sagte mir, du seist ein Reisender; ein unglucklicher Zweikampf halte dich hier verborgen. Ach! auch mein Bruder fiel einst im Zweikampf! Solange du noch hier bist, musst du noch viel, recht viel mit mir sprechen. Denn wenn du fortgehst, bin ich wieder allein und spreche nur zuweilen meinen Bruder und einen Klausner er wohnt auf jenem Berge , der durch einen verdeckten Gang, den mein Bruder ihm gezeigt hat, zweimal in jeder Woche zu mir kommt."

Rinaldo ergriff ihre Hand und benetzte sie kussend mit seinen Tranen.

SIE Du weinst?

ER Mein Herz! mein Herz!

SIE Sonst habe ich viel geweint. Jetzt kann ich nicht mehr weinen. Die Quellen meiner Tranen sind vertrocknet. Ich habe keine Tranen mehr, die das Herz erleichtern. Nur Seufzer sind mir noch geblieben. Ich sende sie vergebens meinem Grabe zu!

ER Auch ich!

SIE Auch du!

ER O ja! Auch ich!

SIE So bist du gewiss nicht glucklich.

ER Ich war es nie!

SIE Ich beklage dich. Auch ich bin sehr unglucklich und kann nie wieder glucklich werden. Mein Gatte, mein Sohn, mein Ungluck. Ach! O! dieser Blick von dir! Ach! keinen dieser Blicke mehr! Doch dieser Handedruck soll Gerechter Gott!

ER Was ist dir?

SIE Was sehe ich? Tausche ich mich nicht? Nein! Ich sehe O Gott!

ER Rede!

SIE Auf deiner rechten Hand, dies sonderbare Mal

ER Ich habe es mit auf die Welt gebracht.

SIE Dieses, ach! so sonderbare Mal trug auch mein Sohn auf seiner rechten Hand. Ich war so froh, als ich es sah, dereinst ihn daran wiederzuerkennen! Ein zweites Mal, auch diesem gleich, trug mein Kind auf seinem linken Knie.

ER Hier ist das Mal! Ich trage es.

SIE Heilige Jungfrau! Bist du deiner Mutter gewiss?

ER Eine Bauerin. Nie nannte man mir eine andere.

SIE Nein! Sie war deine Mutter nicht. Zwei Tage warst du auf der Welt, als man dich mir entriss und dich, ich weiss es nicht wohin, brachte. Du bist mein Sohn! Nicht diese Zeichen allein, auch mein Herz sagt es noch lauter! O! fuhle diesen Schlag! An meine Brust! Du bist mein Sohn!

Der Baron trat ein. Betroffen sah er die Umarmung, blieb stehen und konnte nicht sprechen.

ISOTTA O Gott! Ich habe wieder Tranen! Du bringst sie mir, diese Freudentranen! Der Mutter gibst du alles wieder; auch Tranen und dich selbst! dich selbst!

BARON Schwester!

ISOTTA Mein Sohn!

RINALDO Meine Mutter!

BARON Ewiger Gott!

ISOTTA Er ist es! Ja, er ist es! Die Zeichen sind an ihm; er ist mein Ebenbild; fur ihn schlagt dieses Herz. O! guter Gott! Du gabst mir Tranen wieder und den geliebten Sohn! Wie machtig ist dein Zauberruf, Natur! O! wer dies nie empfand, der kann's auch nicht begreifen. So belehrt der Himmel nur; so kann der Schopfer nur belehren. O! halte dich, mein Herz! O Gott! wie ist Sie sank in Ohnmacht. Als sie nach mancherlei Bemuhungen wieder zu sich gebracht wurde, bat sie der Baron, auf ihrem Zimmer ein wenig zu ruhen. Sie brachten sie dahin. Als der Baron und Rinaldo wieder in den Saal zuruckkamen, warf dieser sich zitternd auf ein Sofa und stohnte tief auf:

"O! wie ist mir!"

Der Baron ging schweigend auf und nieder, sagte endlich mit gepresster Stimme:

"Ich muss mich sammeln. In einigen Stunden seht Ihr mich wieder."

Er verliess den Saal. Rinaldo ging auf sein Zimmer, warf sich aufs Lager und weinte laut.

Als der Baron zuruckkam, ging er ganz heiter auf Rinaldo zu, ergriff seine Hand und sagte:

"Was mich betrifft, so habe ich guten Rat fur euch alle. Mir folgt ein Mann, der dich auch kennt und der dich sprechen will."

"Wer ist er?" fragte Rinaldo und dachte an den Alten von Fronteja.

Dieser aber war es nicht. Onorio trat ein. Er war der Klausner, dessen Isotta erwahnte, der zuweilen sie besuchte. Rinaldo flog auf ihn zu. Onorio schloss ihn in seine Arme.

ONORIO Du bist glucklich!

RINALDO Meine Mutter habe ich gefunden!

ONORIO Sie ist es.

RINALDO Du weisst es?

ONORIO Die Bauerin, die du fur deine Mutter hieltst, die dich erzog, war nicht deine Mutter. Das hat sie mir einst selbst gesagt.

Ubers Gebirg warst du ihr zur Erziehung zugetragen worden. Deine Pflegeeltern waren arme Leute, sie waren gezwungen, die Kostbarkeiten, die du um dich hattest, zu Gelde zu machen. Sie furchteten Nachfrage und flohen nach Ostiala, als du zwei Jahre alt warst. So konnte deine Mutter nichts von dir erfahren, und du bliebst der Sohn eines armen Mannes, der aus Not an deinem Eigentume sich vergriffen hatte und dies nicht zu gestehen wagte. Ich erfuhr dies zu spat. Mein Verdruss trieb mich aus jener Klause, in der du Unterricht von mir empfingst.

RINALDO Und meinen Vater kennst du nicht?

ONORIO Ich hoffe, dein Gluck wird dich ihn finden lassen.

RINALDO Du wolltest ja auf Lampidosa bleiben?

ONORIO Ich wollte, aber es sollte nicht sein. Barbaren storten mich in meiner Ruh, und ich entfloh ihren Nachstellungen nur mit ausserster Gefahr. Dies hat mich bewogen, Lampidosa zu verlassen. Ein Schiff brachte mich auf diese Insel. Der Zufall fuhrte mich in eine Klause, die ich noch bewohne. Der Baron ist mein Freund; er wurdigte mich seines Zutrauens, und Isotta schenkte mir ihr Vertrauen.

RINALDO O! gute Menschen! Ach! hier steht der Rauber zwischen euch.

BARON Behutsam! Isotta darf nie wissen, nie erfahren, dass du warst, was du nie hattest werden sollen. Schone deine Mutter!

ONORIO Schone sie, uns alle und dich selbst. Wir haben keinen Umgang mit dem Rauber, wir lieben unsren Freund. Wir wollen sein voriges Leben nicht kennen.

RINALDO Ach! ich kann ja doch nicht bei euch bleiben.

BARON Nun kommt mein Rat, mein Vorschlag. Weit entfernt von Italien musst du der Mutter leben. Sie glaubt dich fluchtig eines Zweikampfs wegen; sie glaube auch, dass du deswegen diese Insel verlassen musst. Sie gehe mit dem Sohne.

RINALDO Wohin?

BARON Ewiger Fruhling lachelt auf den glucklichen Kanarischen Inseln

RINALDO Dorthin! O! dass wir doch schon auf dem Meere waren! dass ich, die teure Last in meinen Armen, frohlich ans Land sprang' und ausrief: Ihr lachenden Gefilde, ein Glucklicher fuhrt Euch seine Mutter zu! Hinter mir lage dann der Schauplatz meiner Verbrechen, und vor mir lachte mich das Land meiner Entsundigung an. Ein neues Leben hatte einer neuen Welt mich wiedergeboren. Erst gegen Abend sah Rinaldo seine Mutter wieder, die, gleichsam neu verjungt, in seinen Armen lag, weidend sich an seinen Blicken. Die Stunde der Mitternacht trennte endlich beide.

Onorio und der Baron hatten den folgenden Tag mit Isotta alles abgeredet. Diese willigte mit Vergnugen darein, mit ihrem Sohne Sardinien zu verlassen. Der Zweikampf blieb der Vorwand der Verkleidung, mit der Rinaldo sich umgeben musste. Auch Isotta nahm Pilgerkleider. Beide gaben eine Wallfahrt vor, zum Wunderbilde der hochheiligen Helferin zu Babato auf Malta.

Der Baron besorgte Kleider und fullte die Kasse seiner Schwester wohl. Endlich hatte er auch ein englisches Schiff gefunden, und der Tag zur Abreise war festgesetzt.

Schmerzlich war die Trennung der Geschwister; Onorios matte Augen glanzten in Tranen; man schluchzte laut und hatte keine Worte als ein dumpfes Lebewohl!

"Reiset glucklich!" schluchzte endlich der Baron und riss sich aus den Armen los, die ihn scheidend umfingen. "Reiset glucklich!" wiederholte Onorio.

"Lebet wohl!" schluchzte Isotta.

"Lebet wohl!" stohnte Rinaldini.

Achtzehntes Buch

Wenn nun alle Sterne prangen,

Die dir glanzen sollen, sinkt

Deine Sonne; aufgegangen

Ist der Mond; die Sichel winkt!

Schon waren Isotta und Rinaldini auf dem Schiffe. Die Anker wurden gelichtet; ein gunstiger Wind schwellte die Segel; das Schiff flog aus dem Hafen ins Meer. Das Kastell lag in der Ferne; die Turme wurden kleiner; das Land verschwand.

Einer Wolke gleich lag die Insel den Schiffenden im Rucken. Rund umfangen mit der unermesslichen Flache des Meers, umgeben mit dem ausgedehnten Gewolbe des Himmels schwebte lustig dahin das Schiff uber die glatten Wellen; ein frischer Sud-Ostwind blies in die runden Segel. Schnell durchschnitt der Kiel die braunen Fluten.

Rinaldo ergriff die Guitarre. Jetzt erwachte sie wieder in ihm, die Liebe zum Gesang, er fuhlte sich begeistert; er spielte und sang:

Wie ein Schiff durch Meeres-Wellen,

Schwebt das Leben durch die Zeit.

Dieses Schiffes Segel schwellen

Wunsche sitzen an dem Steuer,

Hoffnung halt den Anker fest.

Der ersehnten Liebe Feuer

Wird dem Schifflein sanfter West.

Doch des Unglucks Sturme brechen

Bald herein von Ost und Nord,

Wellen drohen zu zerbrechen

Des bedrohten Schiffes Bord.

Endlich lachelt doch der Hafen

Und das langst ersehnte Land.

Wenn sich Wunsch und Hoffnung trafen

Gab der Zufall oft die Hand.

Stille Sehnsucht blickt zum Strande,

Und die Freude schwebt zum Port;

Beide finden nun am Lande

Den gewunschten Freuden-Ort.

Ha! die klaren Zwillings-Sterne

Lacheln an dem Ather mir.

Fremdes Land! in schoner Ferne,

Such ich meinen Port in dir!

"In der Tat" sagte der Kapitan, "das Liedchen hat mir gefallen, und der Herr Passagier singt recht gut! Mein God save the King! schnurre ich wohl auch mit weg, aber so kunstlich brachte ich keinen Gesang heraus. Wir mussen eine Bouteille Zypernwein miteinander ausstechen!"

Das geschah, und der Kapitain erzahlte seine SeeAbenteuer. Im Schiffe war die ganze Mannschaft munter und vergnugt. Diese Freude dauerte aber nur einige Tage. Ganz unerwartet brach eines Tages gegen Abend wutend der Sturm los und schleuderte das Schiff von seinem Laufe weit ab. Es flog zwischen den Liparischen Inseln durch, nahe an Palmaria vorbei. Umsonst versuchte man einzulaufen. Drei Tage schwebte das Schiff im Sturme umher. Endlich gelang es, aber nur mit grosser Anstrengung, bei Capo di Calaro auf Sizilien die Anker auszuwerfen, das Schiff festzumachen. Isotta war seekrank. Sie musste ans Land gebracht werden. Bekummert folgte ihr Rinaldo nach Sinagra, in eine ihm bekannte Gegend.

"So bin ich denn wieder, wo ich war!" rief er aus. "Hierher soll ich die Mutter fuhren, wo mein Fuss so oft schon wandelte, und ach! in welcher Gestalt! Wieder in Sizilien! Wieder in Gegenden, die mich einst als Rauber sahen! Und hier sollte ich unerkannt bleiben konnen? Die Mutter kann ich nicht verlassen! Es komme uber mich, was beschlossen ist!"

Er konnte nicht zu Schiffe gehen. Der Kapitan musste nach zwei Tag ohne ihn wieder in die See stechen.

Isotta wurde kranker. Sinagra lag zu nahe an der Kuste; die Kranke musste tiefer ins Land gebracht werden.

"Ach!" seufzte Rinaldo. "Dieses sind die mir so wohlbekannten Berge von Remata."

Er mietete sich in einem kleinen Landhause ein und nahm eine Warterin fur seine kranke Mutter an.

Taglich schweifte er umher und konnte es sich nicht verwehren, auf bekannten Platzen zu verweilen. Zitternd bestieg er die bekannten Berge und blickte nach dem Schlosse, aus welchem sein Bekenntnis einst ihn trieb, als Dianora glucklich sich an seiner Seite wahnte.

"Dort liegt das Schloss!" seufzte er. "Ich erblikke die bekannten Mauern, die Brucke, den Turm und, ach! sehe mich dem allen gegenuber in Angst, Verlegenheit und Besorgnis!"

Langsam ging er weiter und nahte sich schon dem Berge, auf dessen Scheitel das Schloss sich erhob. Die goldenen Fahnchen auf den Turmen blitzten ihm entgegen. Am Fusse des Berges warf er unter einem Baume sich nieder und wagte es nicht, weiterzugehen. In tiefe Betrachtungen verloren, schlummerte er endlich ein. Angstliche Traume qualten ihn. Er sah Dianoren, sah seinen Sohn, und dieser zuckte gegen ihn den Dolch. Er schrie:

"Halt ein! Ich bin dein Vater. Lass mich leben! Fur meine Mutter lass mich leben!"

Er erwachte, trocknete den Schweiss sich von der Stirn, erhob seine Augen sprang erschrocken auf und schrie:

"Was ist das? Heiliger Gott! Dich, dich sehe ich hier?"

Vor ihm stand der Alte von Fronteja in landlicher Landestracht. Er nahte sich ihm.

"Ich kenne diese Stimme!"

"O ja! Du kennst auch mich, wie ich dich kenne!"

"Jetzt weiss ich, wer du bist."

"Ich weiss es, leider! auch."

"Sehr unkenntlich hast du dich gemacht. Nur ich konnte dich erkennen."

"Und du bist in Sizilien?"

"So frage ich dich."

"Sturm und Ungluck trieben mich hierher."

"Ich hoffe in den Hafen. Wenigstens in Freundes Arme fuhre dich das ewig uber uns waltende Geschick. Kaum zwanzig Schritte weit von hier liegt meine kleine Wohnung. Dorthin folge mir." "Mein Sohn!" begann der Alte, als sie in seiner Wohnung angekommen waren. "In diesem kleinen Hause heisse ich auch jetzt dich willkommen! ebenso herzlich, als ich in Palasten dich sonst willkommen hiess. Wie hat mein Herz sich nach dir gesehnt! Deinetwegen habe ich viele Tranen vergossen, die aber alle nun vertrocknen, da ich dich wieder in meine Arme schliessen kann. Wir sehen uns wieder!"

"O! dass wir uns glucklich nennen konnten!" seufzte Rinaldo.

"Sind wir es nicht?"

"Ach! wer weiss, welch ein neues Ungluck uns beweist, dass wir es nicht sind!"

"Was man nicht wunscht, muss man nicht denken. Ich lebe etwas langer schon als du und weiss, was der Mensch zu tun hat, um ruhig zu leben. Du siehst mich hier als Landmann; was mich umgibt, ist landlich. Hier denke ich, oder wenigstens doch in diesem Zustande, wenn auch anderswo, zu sterben, ob ich gleich seit meiner Geburt mehr auf seidenen Polstern als auf dem einfachen Lager eines Landsmanns lag."

"Bist du ein Prinz, wie man sagt?"

"Hore meine Geschichte, und erfahre, wer ich bin; erfahre, was du jetzt erfahren kannst, und nimm mein Wort, dass du die reinste Wahrheit horst. Ich will dir nichts verhehlen; du sollst alles wissen. Hore!"

Geschichte des Alten von Fronteja

"Gegen seines Vaters Wissen und Willen trieb den Prinz Anselmo Sansovini sein Mut in den Krieg. Ungestum klopfte sein Herz den Waffentaten entgegen. Er diente und focht, ein Edelmann, ohne sich zu erkennen zu geben, als Volontair gegen die Turken. In einer heissen Schlacht ward er verwundet und gefangengenommen. Zufallig sah ihn der Seraskier. Seine Bildung gefiel ihm; er nahm sich seiner an, liess ihn kurieren und schickte ihn dem Grosswesir zu. Dieser fand ebensoviel Vergnugen an seinem Gefangenen als der Seraskier, unterhielt sich oft mit ihm, bewunderte seine Kenntnisse, seinen Verstand und wurde ganz zu seinem Vorteile von ihm eingenommen."

"Der Grossherr kam eben damals selbst zur Armee. Der Wesir stellte seinen Gefangenen seinem Souveran vor. Auch dieser schenkte demselben seine Gnade und nahm ihn, als er die Armee verliess, mit nach Konstantinopel."

"Ich vermeide alle Weitlaufigkeiten und sage daher nur ganz kurz, dass Anselmo der Liebling des Grossherrn und endlich sogar sein Vertrauter wurde."

"In Adrianopel erhielt er Gelegenheit, eine von den Schwestern des Sultans genauer kennenzulernen, als es hatte sein sollen. Dieser verbotene Umgang drohte bald mit einem lauten Zeugen und erhohte die Verlegenheit der Liebenden auf den hochsten Grad. Sie wagten endlich einen kuhnen Schritt, den besten, den sie, wie sie meinten, wagen konnten und mussten. Anselmo und Fardina warfen sich dem Sultan zu Fussen. Sie machten ihn selbst zum Vertrauten ihres Glucks und ihres Unglucks."

"Der Grossherr wollte sich anfangs den Ausbruchen des hochsten Zorns uberlassen und fuhr schon nach dem Sabel, sie beide selbst zu bestrafen, als Fardina mit den Worten des Korans ihm zurief: 'Gott ist barmherzig, und die Menschen sind sein Ebenbild!' Der Grossherr horte die Worte des Propheten, fasste sich, zog die Hand von dem Sabel und kundigte ihnen ihr Urteil an."

"Anselmo, der seinen Stand entdeckt hatte, ward einem venetianischen Schiffe ubergeben. Er ging nach Malta, wo er das Kreuz annahm."

"Fardina ward nach Syrien verwiesen. Zu Damaskus gebar sie einen Sohn, den der Bassia einem griechischen Priester ubergab, der ihn erziehen liess, und als er acht Jahre alt war, ihn nach Griechenland schickte. Hier ward der Knabe einem weisen Manne ubergeben, der die Weisheit der alten und neuen Zeit in sich vereinigte und der seinen Zogling so gelehrig fand, als er es sich nur wunschen konnte."

"Siebzehn Jahre alt war der Knabe, als er mit seinem Lehrer auf Reisen ging. Beide durchreisten ganz Griechenland, gingen nach Agypten, durchstreiften die Sandwusten, besuchten die Oasis des Ammonstempels, bewunderten die Pracht der Pyramiden und studierten unter Thebens Ruinen die Uberbleibsel der Mysterien der Ceres und Proserpina."

"Dieser Knabe, den du jetzt auf Reisen siehst, ist der Mann, der mit dir spricht. Ich bin es. Ich bin Nicanor, der Sohn der Sultanin Fardina."

Hier entstand eine kurze Pause, nach welcher der Alte in seiner Erzahlung fortfuhr:

"Zwanzig Jahre war ich alt, als mich mein Lehrer nach Damaskus fuhrte und mich dem Bassa ubergab. Dieser erklarte mir das Geheimnis meiner Geburt und brachte mich zu meiner Mutter." Rinaldo seufzte tief auf. Der Alte sah ihn fragend an. Aber erzahlte endlich weiter:

"Wie zartlich empfing mich diese gute Mutter! Ach! ich fand sie krank."

"Krank?" rief Rinaldo aus.

Der Alte sah vor sich nieder und sprach mit gebrochener Stimme weiter:

"Sie starb in meinen Armen. Ich kusste ihre brechenden Augen und begleitete die Entseelte zu ihrem kostbaren Mausoleum, bei der Moschee der Sultane. Sie hinterliess mir ihre Schatze."

Er verhullte sein Gesicht, und als er es wieder enthullte, glanzten Tranen in seinen Augen. Rinaldos Augen waren nass; er blickte tief geruhrt zur Erde. Endlich fasste der Alte sich wieder und sprach weiter:

"Ich verliess Syrien, durchzog Indien und Persien, studierte die Theologie der Brahminen und die Lehrsatze des Zenda Vesta der Parsen. Selbst China habe ich durchzogen. Ich kannte nun die emblematische Mythologie verschiedener Volker und ging nach Europa zuruck."

"In meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre kam ich nach Malta und warf mich in die Arme meines Vaters. Dieser versah mich mit Empfehlungen und sendete mich nach Rom. Leider! folgte mir dahin bald die Nachricht von seinem Tode nach. Mir blieb nun von meinen Eltern nichts mehr ubrig als ihr mir noch immer heiliges Andenken und ihre Schatze."

"Rom war kein Ort fur meinen Geist, fur meine Wissenschaften. Ich ging nach Florenz. Dort wurde ich mit einem Fraulein bekannt, das ihre Eltern zum Kloster bestimmt hatten. Wir sahen, wir liebten uns. Die Wachsamkeit der Eltern wurde hintergangen. Wir waren glucklich, um unglucklich zu werden. Ihr Bruder nahm sich der verletzten Ehre seines Hauses an, er horte nicht auf meine Vorschlage, verwarf meine Bitten, mit seiner Schwester ehelich mich zu vereinigen, und zwang mich zum Zweikampf. Er fiel. Ich floh in die Schweiz, um den Nachstellungen der Familie zu entgehen. Ich durchreiste Frankreich, durchzog Spanien und Portugal und ging endlich nach sechs Jahren nach Italien zuruck. In Venedig erfahr ich, meine Geliebte sei Mutter eines Sohnes geworden. Ihr Vater hatte Florenz verlassen. Ich eilte dahin. Eine alte Warterin meiner Geliebten gab mir die Versicherung, mein Sohn werde auf dem Lande erzogen; wohin die Mutter gekommen war, wusste sie nicht. Vergebens suchte ich zwolf Jahre hindurch Weib und Kind und fand sie nicht! Allenthalben suchte ich meinen Sohn auf, mit Vaterliebe, und endlich fand ich ihn."

"Du fandest ihn?" fragte Rinaldo schnell, mit sichtbarer Unruhe.

Der Alte fuhr fort:

"Ja! Ich fand ihn. Aber wo?"

"Wo?"

"Ach! ich fand ihn an der Spitze einer Rauberbande."

"Grosser Gott!" schrie Rinaldo. Gelassen sagte der Alte: "Du du selbst bist mein Sohn."

RINALDO "Ich bin dein Sohn?"

NICANOR Dies erklart dir alles, was ich fur dich tat und was ich nicht fur dich tun konnte.

RINALDO Mein Vater!

NICANOR Mein Sohn! In meinen Armen starb meine gute Mutter! Das Schicksal will's, ich soll in meines Sohnes Armen sterben!

RINALDO Ach! mein Vater! Du weisst nicht, kannst nicht ahnen

NICANOR Ich hoffe es, dass wir uns nun nie wieder trennen werden. Ein Etwas sagt mir, deine Hande werden meine Augen schliessen.

RINALDO Nein, Vater! nein! Der Sohn reifte fruher dem Tode.

NICANOR Sei ruhig! Du kannst nun nur in Vaterarmen sterben. Ich drucke dich an dieses Herz, entsage allen Gaukelspielen meines bunten, abenteuerlichen Wallens in dieser Welt und trenne mich nun auch selbst im Tode nicht mehr von dir!

RINALDO O Mutter!

NICANOR Ach!

RINALDO Isotta!

NICANOR Wie? Isotta nennst du deine Mutter?

RINALDO Isotta Moniermi.

NICANOR Dies ist ihr Name. Wer sagte dir den Namen deiner Mutter?

RINALDO Sie selbst.

NICANOR Sie selbst? Isotta selbst?

RINALDO O! meine gute Mutter!

NICANOR Wo sprachst du sie? Lebt sie noch?

RINALDO Sie lebt.

NICANOR Wo?

RINALDO Nicht weit von hier. Mit mir kam sie hierher.

NICANOR Nach Sizilien? Hierher? Und sie lebt? O! sieh! Die Freude macht mich jung. Ich denke nicht mehr an den Tod. Isotta lebt? Fur sie will ich leben! O! fuhre mich zu ihr! Ich ubersteige die Gebirge, ich eile ihr zu, ich drucke sie an meine Brust. Isotta! meine Liebe! Dich, dich soll Nicanor wiederfinden? Dich Totgeglaubte soll er sehen, an sein Herz soll er dich drucken? O! zaudre nicht! Du fuhlst es nicht, was ich empfinde! Du hast sie schon gefunden, ich aber suche sie noch. Fort! Fort zu ihr!

RINALDO O! fasse dich! Lass mich zu Worte kommen und hore mich.

Rinaldo erzahlte seinem Vater alles, was wir schon wissen, schilderte ihm den Zustand seiner Mutter und bat ihn, durch seine schnelle Erscheinung ihr nicht den Tod zu geben. Nicanor sah wohl ein, dass er seiner Ungeduld, Isotta jetzt zu sehen, entsagen musse. Beide redeten nun ab, wie sie auf eine solche Erscheinung und Zusammenkunft vorzubereiten sei.

So schieden sie, und Rinaldo eilte zu seiner Mutter.

Er fand sie uber seine lange Abwesenheit unruhig. Mit der Erzahlung, einen alten Bekannten getroffen zu haben, beruhigte er sie.

Den folgenden Morgen kam ihm Nicanor auf halbem Wege entgegen. Er gab ihm Krauter und einen Trank.

"Diesen Trank" sagte er, "zu verfertigen, lernte ich von einem alten koptischen Priester, der noch die koptische Sprache sprechen konnte und verborgen unter den Ruinen von Theben lebte. Dort suchten ihn nur Kranke auf. Er half denselben. Die Krauter, die ich dir gebe, wachsen in Hennas blumenreichen Feldern, aber sie wachsen auch um die Quellen des Nils. Ein Abessinier, den ich in Mecca kennenlernte, machte mich mit ihren Kraften bekannt. Gebrauche beides, starke deine Mutter, bereite sie vor und lass mich bald wieder meine liebe Isotta umarmen. Hoffnungen und Wunsche beleben meine Brust wie die Brust eines Junglings. Des Lebens schonster Traum schlingt seinen Mohnkranz aufs neue um meine Sinne, ich spreche das Zauberwort Liebe mit Entzukken aus, und alle meine Sinne wiegen sich in sanfter Zartlichkeit! O mein Sohn! die Sehnsucht totet mich, wenn ich die Treugeliebte nicht bald an diesen klopfenden Busen drucken kann. Eile! bringe der Geliebten diese heilsamen Tropfen. Gegen Abend sprechen wir uns hier auf diesem Platze wieder."

Rinaldo erfullte den Willen seines Vaters. Isotta nahm den Trank und fiel in einen tiefen Schlaf. Gestarkt erwachte sie in einigen Stunden wieder und befand sich wohl. Mit dieser Nachricht eilte der frohe Sohn zum harrenden Vater. Freudig ergriff dieser seine Hand und rief aus: "Bald werde ich glucklich sein!"

Rinaldo hob seine Blicke zu dem bekannten Schlosse und seufzte: "Auch ich war einst glucklich!"

NICANOR Die Ruckerinnerung schenkt schone Freuden. Sie ist dem Monde gleich, der uns die Sonne gibt.

RINALDO Ist dieses Schloss jetzt bewohnt?

NICANOR Ich glaube wohl, doch weiss ich es nicht gewiss. Lass uns von deiner Mutter sprechen! Morgen wird sie ihr Lager verlassen; du bereitest sie ein wenig vor, und ich erscheine.

RINALDO Nur nicht zu rasch!

NICANOR Sei ohne Sorge! Ich kenne die Krafte des Trankes, und hier gebe ich dir noch ein Elixir. Dieses wird alles vollenden. Nichts Kraftigeres hat die Natur; es ist die Quintessenz von allen ihren heilenden Kraften.

So fand es sich. Isotta verliess am folgenden Morgen ihr Lager und wusste nichts von Krankheit mehr.

ISOTTA O! mein Sohn, woher hast du diese Wundertropfen?

RINALDO Es gab sie mir ein alter Freund, den ich ganz unvermutet in diesen Bergen fand.

ISOTTA Gott segne ihn; er ist der Retter meines Lebens; er gab dir deine Mutter wieder. Ich muss ihm danken, fuhre mich zu ihm! Der gerettete Kranke versteht es am besten, seinem Arzte zu danken. Wie nennt sich dieser Freund?

RINALDO Nicanor.

ISOTTA Nicanor? Wie? Nicanor? Ach! dieser Name sagt mir schon, dass er mein Retter sein konnte. Nicanor hiess der Mann, der dieses Herzens schonste Freude war. Nicanor hiess dein Vater. Um dieses Namens willen liebe ihn, mein Sohn!

RINALDO Er ist ein sehr erfahrner Mann. Seine Wissenschaft stammt aus den Morgenlandern.

ISOTTA Die kannte auch dein Vater. Sie waren seine Wiege. Dort wuchs er auf, und dort ruhen auch, sagt man, seine Gebeine.

RINALDO Das wisst Ihr nicht gewiss?

ISOTTA Gewissheit habe ich nicht.

RINALDO Vielleicht lebt er noch in jenen Landern.

ISOTTA Das wunscht mein Herz, und glaubt es doch nicht.

RINALDO Wenn wir ihn nun irgendwo fanden, wenn er auf jenen glucklichen Inseln

ISOTTA Ich hoffe nichts.

RINALDO Du hast den Sohn gefunden, lass mir, gib dir ihn selbst, den sussen Wahn, den Vater auch zu finden!

ISOTTA O! nahre du diese Hoffnung allein! Ich habe ihr entsagt. Zu deinem Freunde fuhre mich!

RINALDO Er kommt zu uns. Er will die Kranke sehen.

ISOTTA Nicanor! der susse Zufall gab dir diesen Namen, und deine Wissenschaft ein Gott. Stammt dieser Mann aus diesem Lande? Nennt er sich nur Nicanor?

RINALDO Nicanor Sansovini.

ISOTTA Sansovini? Nicanor Sansovini? Mein Sohn! Er ist dein Vater.

RINALDO Er ist es.

ISOTTA O Gott! Ach! Sansovini Sie sank in ihres Sohnes Arme. Der Vater trat herein bei ihrer letzten Rede. Er druckte sprachlos sie an seine Brust. Tranen rollten uber seine Wangen. Isotta weinte Freudentranen, und mit ihr der geruhrte Sohn. Stumm blieb die ganze Szene, bis Nicanor endlich sprach:

"Die Mutter weinte, als sie den Sohn wiederfand, sie weint, da sie den Gatten rindet; wir weinen mit ihr. Es sind Tranen des Entzuckens. Die Wahrheit unserer Empfindungen beglaubigt sich in Tranen. Sie sind das alteste Siegel der Wahrheit, ein Pfandbrief, der im Herzen gelost und mit den Augen ausgeliefert wird." Nicanor und Isotta waren nun allein. Rinaldo schweifte auf den Bergen umher.

"Darf ich mit frohem Herzen, o goldene Sonne!" rief er aus, "dich wieder begrussen? Beleben diese machtigen Strahlen mit frohen Hoffnungen mein Herz, oder sind es bange Erwartungen, die es heben? Du lachelst ja so mild, freundliches Licht der Welt! Ach ja! du lachelst auch mir!"

Er stieg hinab ins Tal. Dann erstieg er mit zitternden Fussen den Berg, auf welchem das Schloss lag. Schon war er an der Zugbrucke. Dort spielte ein freundlicher Knabe mit bunten Steinchen, ein schakerndes Windspiel neben ihm.

Beherzt sah der Knabe den Fremden an und fragte: "Was willst du, fremder Mann?"

Rinaldo konnte nicht antworten. Tranen erstickten die Sprache; sein Herz drohte den Busen zu zersprengen. Der Knabe wurde freundlich und sagte:

"Weine nicht! Ich hole dir Brot und Geld."

Damit sprang er uber die Zugbrucke ins Schloss. Rinaldo warf sich zu Boden und schluchzte laut.

"O! brich, mein Herz! Ihr Augen, schmelzt in Tranen! Ihr saht meinen Sohn!"

Er wankte auf, lehnte sich an einen Baum und blickte gen Himmel sprachlos, mit bebenden Lippen. Der Knabe kam zuruck, brachte ihm ein Stuck Brot und Geld, und sagte freundlich: "Da, nimm! Weine nicht mehr. Gott wird dir helfen. Er verlasst keinen Menschen."

"O! guter, lieber Knabe!" stammelte Rinaldo. "Ich danke dir! Ach! du weisst nicht, wem du diese Gabe gibst! Ich danke dir!"

KNABE Du bist ein armer Mann

RINALDO Jawohl! ein armer Mann bin ich! Doch dieser Augenblick macht mich sehr reich.

KNABE Es ist nur wenig Geld, was ich dir geben kann; es ist das letzte aus meiner Sparbuchse. Morgen bekomme ich erst wieder Geld, und wenn du morgen wiederkommen willst, sollst du mehr bekommen.

RINALDO Gutes Kind! Dies ist schon allzuviel fur mich, um mich glucklich zu machen.

KNABE Wo kommst du her?

RINALDO Weit ubers Meer.

KNABE Was suchst du hier?

RINALDO Einen Sohn.

KNABE Ist er noch klein?

RINALDO So gross und alt wie du.

KNABE Der muss sich weit verlaufen haben! Ich bleibe fein vor unserm Schlosse und gehe nicht weg von hier.

RINALDO Aber doch zuweilen mit der Mutter?

"Lionardo!" rief eine weibliche Stimme.

"Die Tante ruft!" sagte der Knabe und sprang uber die Brucke ins Schloss zuruck.

Wie verfolgt, eilte Rinaldo hinab ins Tal, uber die Berge, in seine Wohnung zuruck.

Isotta schlummerte. Nicanor trat ihm fragend entgegen:

"Was hast du?"

"Ach Vater!"

"Was ist dir? Du zitterst? "

"Vater! Was ich gesehen habe "

"Was?"

"Vater! Ich habe meinen Sohn gesehen."

"Deinen Sohn?"

"Dieses Brot, dieses Geld reichte er mir, hielt mich fur einen Bettler und wusste nicht, wie reich ich war in diesem Augenblick."

"Du sahst den Sohn allein?"

"Allein. Gott sah sein Herz. O! wohltatiger, guter Knabe!"

"Gingst du ins Schloss?"

"Nein. Ich sprach den Knaben vor der Zugbrukke. O Vater! mein Herz! Ich sah den Sohn!"

"Werde ruhig!"

"Wie kann ich dieses Herz beruhigen? Es klopft nach meinem Kinde."

"Fasse dich!"

"Ist das moglich?"

"Ubereile dich nicht!"

"Kann Vaterliebe sich ubereilen?"

"In deiner Lage, ja! Entdecke dich dem Knaben nicht, du konntest ihn verlieren, du konntest deine schonsten Hoffnungen vernichten."

"O mein Lionardo! Dich soll ich nicht an meinen Busen drucken?"

"Nur nicht zu rasch! Der Knabe ist nicht dein allein."

"Ich bin Vater."

"Ist dies des Knaben Gluck?"

"Das meinige."

"So store das seinige nicht. Fasse dich, werde ruhig, und dann wollen wir zusammen von den Massregeln sprechen, die du zu nehmen hast. Jetzt keine Ubereilung! Dir ist es nicht vergonnt, hier rasch einherzutreten. Dein Schritt sei sicher und nicht ubereilt. Hier ist ein rasches Spiel verloren. Gehst du langsam, so ist vielleicht noch alles zu gewinnen. Noch einmal, Sohn! uberlege, und ubereile dich nicht." Rinaldo konnte kaum den Morgen erwarten. Er eilte nach dem Schlosse.

Der liebe Lionardo sass spielend mit seinem Windspiel vor der Brucke. Rinaldo nahte sich ihm kaum, als er aufsprang, zu ihm trat und ihm Geld gab.

"Da hast du mehr, als ich dir gestern geben konnte", sagte er. Rinaldo dankte, sah auf die Erde und sagte: "Du spielst mit schonen, bunten, glanzenden Steinen!"

"Willst du sie haben?" fragte der Knabe schnell.

"Ach nein!" antwortete Rinaldo, "aber ich mag solche Steinchen gern sehen."

Indem er das sagte und unter den Steinchen wuhlte, schob er einen, der ehemaligen Besitzerin wohlbekannten Ring unter dieselben; ein Saphir, umgeben mit Diamanten; druber auf Golde, zwischen einem doppelten Triangel, die Devise: Nuestro Amor Es Immortal, welche auch der Siegelring des Alten von Fronteja hatte; in der Mitte das Zeichen des Schweigens, die Rose. Hierauf unterhielt er sich mit ihm, bis der Knabe, des Fragens und Antwortens mude, wieder nach seinen Steinchen griff. Er fand den Ring, sah ihn verwunderungsvoll an und fragte:

"Was ist das? Das ist ja ein Ring!"

"Den musst du deiner Tante bringen", sagte Rinaldo. "Die wird sich sehr daruber freuen."

"Das ist auch wahr!" rief der Knabe aus und eilte ins Schloss. Rinaldo zog ein Pulver aus der Tasche und machte sich dadurch noch unkenntlicher, als er schon war. Lionardo kam mit der Tante zuruck. Er zeigte auf den Unbekannten, der vor der Brucke lag, und sagte:

"Der Mann war dabei! Der Ring lag unter meinen Steinchen."

"Guter Freund!" rief die Dame, "kommt doch naher!"

Rinaldo blickte auf. Es war Violanta, die mit dem Knaben kam. Gelassen sagte er:

"Ich habe es gesehen. Der Kleine hat den Ring unter diesen bunten Steinchen gefunden."

Violanta trat naher, sah ihn forschend an und fragte: "Der Knabe fand den Ring?"

"Er fand ihn."

"Und du machtest keine Anspruche daran?"

"Er gehorte nicht mir."

"Auch nicht an das: Nuestro es amor immortal, an den Saphir und die Diamanten? Wie kamst du dazu? Du scheinst doch arm zu sein?"

"Arm bin ich, und ich bin auch reich. Wer wenig braucht, hat stets Uberfluss."

"Wer bist du?"

"Ein Waller."

LIONARDO Er sucht seinen Sohn.

VIOLANTA Seinen Sohn?

LIONARDO Ja. Weit kommt er ubers Meer ihn aufzusuchen. Das hat er mir gestern schon erzahlt.

VIOLANTA Gestern schon? Mein Freund, rede er selbst. Was sucht er hier? Was hat er mit dem Kinde zu sprechen? Warum kam er heute wieder hierher? Wir haben Mittel, ihn zum Gestandnis zu bringen, wenn er nicht sprechen will. Es gibt viel schlechtes Gesindel hier herum, und sein Aufzug verkundet eben nichts Erfreuliches.

LIONARDO Liebe Tante! sei nicht so zornig. Der arme Mann ist ja unglucklich. Gib ihm etwas, und lass ihn gehen.

VIOLANTA Will Er nicht sprechen?

RINALDO Was soll ich sprechen?

VIOLANTA Er ist verdachtig!

RINALDO Ich? Ach Gott! Signora! ist das Ungluck verdachtig? Ihr wisst nicht, wie mir zumute ist. Seid nicht so hart!

LIONARDO Er weint. Der arme Mann! Ich will ihm noch etwas geben. Sieh, Tante! sieh! Er weint!

VIOLANTA Verstellung!

Sie sah hinter sich, winkte und zwei Diener kamen herbei.

"Nehmt diesen Bettler fest!" sagte sie.

"Lasst ihn gehen!" schrie der Knabe, indem er sich von Violanten losmachte, und zwischen Rinaldo und die Bedienten trat.

"Was willst du?" fragte Violanta zornig, indem sie ihn zuruckzog.

"Das Kind" sagte Rinaldo, "weiss wohl, was es tut. Der Himmel gibt ihm es ein, die Unschuld zu verteidigen. Signora! ubereilt Euch nicht. Die Menschen sind nicht immer, was sie zu sein scheinen. So ist es auch mit mir."

VIOLANTA Ihr habt Geheimnisse?

RINALDO Habt Ihr keine?

VIOLANTA Warum eine solche Gegenfrage?

RINALDO Erlaubt sie mir. Wenn ich Eure Geheimnisse ehre, so ehret auch die meinigen. Es sind Geheimnisse eines Unglucklichen, der aber das nicht ist, wofur Ihr ihn haltet.

VIOLANTA Von Euch kommt dieser Ring!

RINALDO Der Knabe fand ihn.

VIOLANTA Wer kann das glauben?

Der Alte von Fronteja trat herzu, in prachtiger spanischer Tracht, wendete sich gegen Rinaldo und sagte:

"Nun weiss ich, wer du bist! Du folgst ohne Widerrede meinen Leuten, oder du bist verloren."

Der Knabe bat: "Ach! tut dem armen Manne nichts!"

Nicanor kusste den Knaben und sagte freundlich: "Auf deine Vorbitte soll er ohne die verdiente Strafe davonkommen."

"Ihr kennt ihn?" fragte Violanta.

"Ich kenne ihn" sagte Nicanor und streckte die Hand gegen die Gebirge aus.

Rinaldo verstand diesen Befehl. Er ging langsam davon. Lionardo rief ihm nach: "Lebe wohl, du armer Mann!"1

Rinaldo streckte seine Hand nach ihm aus und schluchzte: "Gott segne dich!"

Nicanor nahm Violantens Arm und ging mit ihr ins Schloss. Rinaldo sah ihnen nach. Die Zugbrucke ward aufgezogen. Er kam in seine Wohnung, reinigte sein Gesicht und sprach ganz gelassen, doch sehr zerstreut, wie diese selbst bemerkte, mit seiner Mutter. Bald aber suchte er das Feuer, setzte sich unter einen Baum, der vor seiner Wohnung stand, und sah, in Gedanken verloren, hinaus in die Ferne. So bemerkte er kaum, dass ein Mann neben ihm stand, der ihn genau besah. Endlich fielen Rinaldos Blicke auf den Gaffer. Er fragte: "Was suchst du hier?"

"Ich suche nichts", war die Antwort, "als einen Schatz."

"Den wirst du hier wohl schwerlich finden."

"Es traumte mir in voriger Nacht, der Schatz stehe unter diesem Baume, und ich sollte ihn heben."

"So musst du nachgraben."

"Erst will ich daruber mit einem Kapuziner sprechen. Ist ein Teufel dabei, so muss er beschworen werden, sonst bekomme ich nichts."

Damit ging er fort. Rinaldo sprang auf, seinem Vater entgegen, der eben, wieder in seine landliche Tracht gekleidet, auf ihn zukam.

"O Vater!" rief Rinaldo ihm entgegen. "Ihr wart im Schlosse bekannt, wusstet alles und sagtet mir nichts davon!"

NICANOR Zu seiner Zeit hattest du alles erfahren.

RINALDO Ist Dianora in dem Schlosse?

NICANOR Sie ist im Schlosse. Seit dem Tode des Prinzen della Roccella verliess sie Lipari und begab sich hierher.

RINALDO Weiss sie, dass ich hier bin?

NICANOR Nein. Sie wird es aber erfahren.

RINALDO Doch bald?

NICANOR Binnen drei Tagen wirst du sie sprechen. Ich habe ihr meinen wahren Namen und Stand entdeckt; ich habe ihr gesagt, dass ich meine Gattin gefunden habe und habe die gute Seele bereitwillig gefunden, sich mit uns nach den Kanarischen Inseln einzuschiffen. Morgen fuhre ich deine Mutter aufs Schloss. Violanten habe ich alles vertraut. Morgen wirst du sie sprechen. Jetzt lass uns zu deiner Mutter gehen. Noch darf sie von allem, was vorgeht, nichts erfahren. Alles bleibt unter uns. Nicanor fuhrte den folgenden Tag seine Gattin auf Dianorens Schloss. Vor der Brucke erschien Violanta. Freudig eilte Rinaldo auf sie zu, ergriff ihre Hand und druckte sie an sein Herz.

ER Freundin! Hier sehen wir uns wieder! In diesem Schlosse fand ich Euch einst, gab Euch der Welt zuruck und einer Freundin, die Eure Freundschaft erprobt und bewahrt gefunden hat.

SIE O! Mann des Unglucks! wie ruhren mich deine Leiden! Du durftest dich nicht Vater nennen und empfingst Almosen von deinem Sohne. Die Stimme der Natur sprach laut; er trat zwischen mich und dich und nahm sich deiner mit kindlicher Warme an. Er wusste nicht, wer es war, den er verteidigte. Sein Gefuhl sprach fur einen Unglucklichen, und dieser war sein Vater!

ER Er hat ein gutes Herz! Ach! hatte er nichts als dies, wie zu beneiden war' er. O! denket Euch, wie ich geruhrt war. Bald wird er mich Vater nennen durfen, und seine Mutter werde ich wieder an dieses klopfende Herz drucken.

Etliche Jager gingen uber die Berge. Violanta trat ins Schloss.

Rinaldo folgte ihr.

Sprechend standen sie im Schlosshofe, als Lionardo, der am Fenster stand, seiner Mutter zurief: "Dort steht der arme Mann und spricht mit der Tante."

Dianora trat ans Fenster, ehe es Nicanor verhindern konnte. Sie sah hinaus, schrie laut auf: "Er ist's!" und sank in Isottens Arme. Nicanor rief Violanten. Rinaldo ging ihr nach. Lionardo jammerte:

"Die Mutter ist erschrocken!"

Sich seiner selbst unbewusst, trat Rinaldo ins Zimmer, als eben Dianora wieder zu sich kam. Nicanor winkte allen zu, das Zimmer zu verlassen. Er selbst folgte und liess die Zugbrucke aufziehen. Rinaldo und Dianora waren allein im Zimmer. Er lag vor ihr. Sie sah zartlich auf ihn herab. Heftig klopfte ihr Herz. Endlich sprach sie: "So sehen wir uns dennoch wieder!" Schnell und unruhig trat Violanta ein, indem sie sagte: "Man sieht Soldaten im Tale. Sie beobachten, wie es scheint, das Schloss."

Rinaldo sprang auf und rief: "Nun! da ich glucklich bin, fehlt Euerm Glucke nichts als mein Tod."

"Was sprichst du?" fragte Dianora besturzt.

Nicanor kam. Er fragte ihn:

"Hast du dich einem Menschen, ausser uns, entdeckt?"

Rinaldo erzahlte, was ihm gestern mit einem Unbekannten begegnete.

NICANOR Und du ahntest nichts? Der Kerl hat dich gekannt, war vielleicht einst einer deiner Leute, und der Schatz, von dem er sprach, bist du. Dich will er heben.

RINALDO Er hat sich verrechnet. Ich fuhle, dass mein Dasein Euch stets zum Ungluck gereichen wird, und weiss zu sterben.

DIANORA Unglucklicher!

NICANOR Nicht zu rasch! Ein Augenblick darf nichts entscheiden.

Er verliess das Zimmer. Ihm folgte Violanta. Dianora lag in Rinaldos Armen. Stumm und dennoch sprechend blieb die Szene. Die Soldaten standen vor dem Schlosse. Ein Kapuziner und der Kerl (als Verrater), der den Schatz heben wollte, waren bei ihnen. Der Offizier verlangte eingelassen zu werden. Man fragte, was er suche? Er antwortete, er habe Order, das Schloss zu durchsuchen, und werde seine Befehle vorzeigen.

Nicanor trat auf die Warte und liess sich mit dem Offizier in eine Unterredung ein.

"Wir wissen", sagte dieser endlich, "dass Rinaldini sich in dieses Schloss gefluchtet hat. Ihn suchen wk. Bei uns sind Leute, die ihn kennen."

"Mein Sohn!" sagte Nicanor, indem er ins Zimmer trat, "du bist verraten. Ich weiss jetzt nicht, was zu tun ist. Sammle dich und uberlege."

Dianora sank auf ein Sofa. Violanta und Isotta eilten herbei.

Nicanor und Rinaldo gingen in den Saal.

"Was willst du tun?" fragte Nicanor.

"Ich will sterben!" war Rinaldos Antwort.

"Der Tod bleibt dir noch, wenn alles verloren ist."

Violanta sturzte herbei. Schlussel klirrten an ihrer Seite, zwei brennende Wachskerzen trug sie in den Handen. Rinaldo erblickte sie kaum so, als er ausrief:

"Wie konnte ich auch etwas vergessen, das Violanta nicht vergass! Vater! offne das Schloss. Die Soldaten finden mich nicht."

"Fort! fort!" schrie Violanta.

Rinaldo nahm ihr die Schlussel ab. Der Alte fragte:

"Wir lassen also die Zugbrucke fallen?"

"Sie falle!" sagte Rinaldo. "Mich finden sie nicht."

Violanta reichte ihm ein Packchen mit Proviant und kurzem Gewehr, gab ihm Feuerzeug, Kerzen und eine Brechstange, begleitete ihn bis an die Treppe und ging dann dem Alten nach. Die Leser kennen die unterirdischen Gange dieses Schlosses, in denen einst Rinaldo Violanten fand. Hier befand er sich wieder. Die Tur des Eingangs hatte er hinter sich verschlossen und verriegelt. Eben das geschah mit der Tur, die sich an dem Ausgange des Gewolbes befand; er kam durch das zweite Gewolbe an Violantens Kerker vorbei, hob die eiserne Falltur, stieg die Wendeltreppe hinauf und kam in den einsamen Turm, der allein auf der aussersten Spitze des Berges stand, auf welchem das Schloss lag.

Zwischen den Zinnen dieses Turms hervor uberblickte er die Gegend. Alles war rund herum ode und still. Nur das Bloken und Brullen der weidenden Herden tonte zu ihm hinauf, und in der Entfernung erklangen die Schallmeien der Hirten. Endlich ertonten die Abendmetten-Glocken der benachbarten Kloster. Es schwebte die goldene Sonne in Feuerpracht dem Meere zu. Jetzt wurde es noch stiller. Leichte Abendwolkchen schwebten die Berge hinan. Rinaldo blickte nach dem Schlosse zuruck und seufzte: "O Dianora! Ach! mein Lionardo!"

Am Fusse des Berges wandelten menschliche Gestalten umher. Der Mond ging auf, trat hell und rein an den hellen Ather und versilberte die Bache des Tals. In den Schiesslochern der Warte nisteten Turteltauben. Ihr sanfter Flugelschlag durchtonte die Stille der Nacht.

"Da girrt der Gatte bei der Gattin!" seufzte Rinaldo; "da deckt er die liebliche Brut mit sanften Flugeln, und stille Ruhe umschwebt das liebende Parchen!"

Er blickte uber sich:

"Dort schwebst du, stiller Gefahrte der Nacht! Heiter ist dein Antlitz. Deine sanften Strahlen erquicken die Fluren. Warum umleuchtest du nicht meine Pfade in den friedlichen Gefilden der glucklichen Inseln, wo man den Verbannten nicht kennt!" Er sah hinab. Unten am Berge blinkten Gewehre. Er verliess die Warte und stieg in die finstern, unterirdischen Gange zuruck, durch die er gekommen war. Vor der zweiten Tur horte er Gerausch. Man sprach:

"Noch eine Tur! Sie ist auch von innen verschlossen. Brecht sie auf!"

Man setzte die Werkzeuge an. Rinaldo floh die Treppe hinauf, warf die Falltur hinter sich zu und kam in den Turm zuruck. Hier zog er aus dem Packchen, welches Violanta ihm gegeben hatte, eine Strickleiter hervor, befestigte dieselbe, liess sich an dem Turme hinab und zog die Leiter nach. "Sehen Sie, mein lieber fremder Herr!" sagte der Fuhrer, der die Fremden umherfuhrt. "Sehen Sie, dieses ist das Schloss der Grafin Martagno, die so unglucklich war, den Rauberhauptmann Rinaldini zu lieben. Hier steht die Warte, an der er sich hinabliess, als man ihn suchte. Hinter diesem Dornenbusche, wo die Aloen stehen, fiel er und gab seinen Geist auf. Er wollte den Berg hinab. Die Soldaten am Fusse des Berges sahen bei Mondenlicht sich etwas hier bewegen; sie schossen herauf, er sank und verblutete hier sein Leben. Da sich weiter nichts regte, glaubten sie vermutlich nach einem Berghohlentier geschossen zu haben, und suchten nicht nach. Als die Soldaten vom Schlosse abgezogen waren und nicht gefunden hatten, was sie zu finden hofften, suchten Rinaldinis Freunde umher, glaubten ihn vielleicht in einer Berghohle verborgen und fanden ihn entseelt hinter jenem Busche."

Der Fuhrer zieht den Hut, faltet die Hande, und bewegt die Lippen. Dieses Gebet gilt der Seele des Verschiedenen. Dann fahrt er fort:

"Hier an dieser Seite des Turms bemerken Sie ein Kreuz in diesen Stein gehauen, und hier, wo wir stehen, unter uns, liegt Rinaldini. Der Boden ist gleichgemacht, kein Grabeshugel erhebt sich uber seinen Gebeinen. Sein Leichnam ruht nicht in geweihter Erde."

"Unglucklicher!"

"Jawohl, unglucklich!"

"Und sein Vater, seine Mutter, seine Gattin, sein Kind? Wo blieben diese?"

"Sie haben sich eingeschifft, in einen entfernten Weltteil zu gehen2. Dieses Schloss bleibt unbewohnt, wird verfallen und endlich zum Steinhaufen werden; dieser Turm wird zusammensturzen und endlich des Unglucklichen Grabhugel sein. Ruhig modere sein Gebein! Friede sei mit seiner Seele!"

Fussnoten

1 Die Erzahlung seiner nachherigen Schicksale, das Leben, Weben und Streben dieses Knaben finden die Leser in dem Buche: Lionardo Monte Bello; oder: der Carbonari-Bund. Leipzig, 1823. Dahin muss ich hier dieselben verweisen 2 Eine ausfuhrlichere Erzahlung der Schicksale und Begebenheiten dieser Personen werden in dem Buche: Nicanor, der Alte von Fronteja, die Leser finden, und gewiss nicht ohne Teilnahme lesen.