Friedrich Maximilian Klinger
Geschichte eines Teutschen
der neusten Zeit
Erstes Buch
1.
Der teutsche Mann, dessen Geschichte ich, aus mir selbst aufgelegter Pflicht, zu schreiben unternommen habe, ist durch seine ihm eigne Denkungsart und besondre Stimmung des Herzens ebenso merkwurdig als durch sein Schicksal. Fur mich war er eine Erscheinung in der moralischen Welt, einem Luftzeichen ahnlich, das durch seinen strahlenden Ausfluss die Augen so lange ergotzt, als es sich noch am fernen Horizont bildet; zieht es aber im dustern Dunstkreise den Bogen des Himmels herauf, so fliehet der Haufen vor der ihm zweideutigen Erscheinung, und nur der Kundige freut sich, wenn auch unter kleinem Schauder, eine nicht alltagliche Wirkung der Natur gesehen zu haben. Unter diesem Bilde stelle ich euch Ernst von Falkenburg als Jungling und Mann dar. Als er in bluhender Jugend die Bahn des tatigen Lebens betrat, zog er die Blicke der Menschen auf sich; als er aber die Mitte derselben kaum erreicht hatte und Bosheit und Wahnsinn seinen Glanz verdunkelten, ward er eben diesen Menschen ein Gegenstand des Schrekkens, des Abscheus. Was er dem Kundigen werden wird, hangt von dieser Geschichte ab. Hier, wo nur Wahrheit spricht, wo nur sie Zweck ist, zieht sich der Schriftsteller zuruck.
Von ihr allein geleitet, soll und muss ich dartun, warum, wie und wodurch Ernst von Falkenburg aus dem mildesten, freundlichsten und edelsten Jungling ein Mann geworden ist, den man in den Gegenden seines Aufenthalts nur zu nennen braucht, um die Herzen erkalten oder ergrimmen zu sehen; den man nie nennt, ohne dass eben die Lippen, welche einst nie ermudeten ihn lobzupreisen, den Spruch des Hasses und der Verwerfung uber ihn aussprechen.
Ich muss der Welt zeigen, warum ihn seine Lastrer verkennen, und es soll aus seiner Geschichte hervorgehen, dass keiner der ihn so schnode und schonungslos Richtenden je nur das erhabene Gefuhl geahndet hat, das sein Fuhrer im Leben war, welches ihn nun auf einen Punkt des moralischen Daseins gefuhrt hat, worauf ich ihn zwar mit angstlichem Schauder, aber mit dem Schauder, den Bewunderung erzeugt, stehen sehe. Seine Lastrer sollen einsehen, dass er sich selbst nie untreu ward, dass er sich noch jetzt treu ist und dass sie in dem Verdammungsspruch uber ihn nur sich, ihrem Wahne und ihrem gesamten Wesen, Denken und Tun das Urteil sprechen. Doch diejenigen, mit welchen er nie etwas gemein hatte als die Erde, die sein Fuss nur betrat, sie, deren Weg von dem seinen so weit entfernt liegt als die Heerstrasse, die der Karrnfuhrer im nassen Herbste durchackert, von der Sonnenbahn, auf welcher der Gott des Lichts seinen fliegenden, feurigen Wagen lenkt, werde ich ihm schwerlich zufuhren. Auch kummert mich ihr Urteil ebenso wenig als den Mann, von dem ich zu euch rede, und ich halte mich fur belohnt genug, wenn ich fur ihn die Teilnahme, das Mitleiden, die richtige Erkenntnis seines Zustands einiger Edlen unseres Volks gewinne. Mit ihnen war er immer verwandt und ist es jetzt noch, da er, getragen von dem Gefuhl, wodurch er ihnen gleicht, uber der Brandstatte seines herrlichen jugendlichen Gebaudes emporgehalten schwebt und sein dustrer mannlicher Geist uber die Leiche des Junglings stille klagt, der unter dem dampfenden Moder in Asche zerfiel. Nie konnte er ganz fallen, weil er fuhlte, was er als Jungling war, was ihn als Jungling begluckte, weil er uber den Schauplatz von seinem einsamen Schlosse hinsieht, auf welchem seine schonen bluhenden Jugendtraume, seine edlen Entwurfe und die versprechenden Keime uneigennutziger Tugenden entstanden, sich bildeten und entwikkelten.
In diesen muss ich euch fuhren; denn der Schauplatz der Jugend hat auf Menschen der Art, wie der Mann ist, dessen Seele ich euch nun zu enthullen beginne, nicht mindern Einfluss als die Felsenklippen in der Einode, zwischen welchen der Adler nistet, und der Myrtenbusch im geselligen Rosengarten, auf welchem die Nachtigall den jungen Sanger der Liebe erzieht, auf die Brut des Konigs der Luft und die Brut des Sangers der zartlichen Gefuhle.
2.
Nicht weit von den Ufern des *** Flusses lag auf einer Anhohe das Schloss der Herren von Falkenburg, seit Jahrhunderten im Besitze dieses edlen Geschlechts. Ein biedrer, treuer teutscher Sinn hatte mit dem alten, festen Felsenschlosse in diesem Geschlechte fortgeerbt und wurde vermutlich dadurch so unverfalscht erhalten, dass sie den grossten Teil ihres Lebens hier zubrachten. Ein dichter Eichenwald, der unsern Urvatern, den alten Germaniern, Schatten verliehen zu haben schien, empfing den Knaben in seinem kuhlen feierlichen Dunkel. Felsen, mit der Erde geboren, lockten ihn auf ihre Hohe, dass er von ihren Spitzen die Anmut, den Reichtum, die Herrlichkeit und Macht, womit die Natur die Gegend so schon und erhaben geschmuckt hatte, in einem Uberblicke genosse. Eine Hohle in dem nahen Gebirge, zu deren dusterem, weitklaffenden Schlunde man durch Felsenkrummungen muhsam gelangte, in deren Mitte die Natur ein kuhnes wunderbares Werk gebildet hatte, indem sie einen grossen Raum zu einem Riesensaale wolbte und die ganze Masse des Gebirges auf ungeheure wild und regellos geformte und geordnete Saulen stellte, die verschlungen in labyrinthischen Gangen endlich zu einem Abgrunde fuhrten, welcher sich, der Sage nach, weit unter dem Flusse weg verlor, lud die Seele des Junglings zum Nachsinnen uber die dunkeln Geheimnisse der Ober- und Unterwelt und ihre machtigen, unfasslichen Krafte ein. Fleiss und Kunst hatten die wilden Striche der Gegend mit Wiesen, Feldern und anmutigen Garten durchschnitten. Betriebsame, gesunde und ruhige Bewohner belebten diesen grossen und lieblichen Schauplatz und pragten dem heranwachsenden Junglinge fruh ein reines, sanftes, durch die gluckliche Beschranktheit einfaches und leicht zu fassendes Bild des menschlichen Lebens in das zarte Herz.
Gluckliche Bewohner dieses Bezirks! Ihr kanntet keine Klagen uber die Menschheit und ihr Elend, da ihr ihre Torheiten, ihre Laster, ihren Wahn, die Quellen dieses Elends, nicht ahndetet. Euer froher Sinn, eure Genugsamkeit, eure Geduld und eure Hoffnungen, bei dem unabanderlichen Leiden, das uns die Notwendigkeit aufgeburdet hat, um ihre geheimen Zwecke zu befordern, bewahrten selbst die Bewohner des Schlosses vor dem Missbehagen, dem Missmut, dem gramlichen Nachsinnen, nicht selten dem einzigen Gewinn des verfeinerten Teils der Bewohner der Erde. Ja selbst der Stadter, der Welt- und der Hofmann vergassen, wenn eure reine Luft sie anwehte, der grosse Schauplatz eures Wirkens sie in Erstaunen setzte und eure gesunden Kinder sie anlachelten, was sie Bittres in der Welt erfahren, was sie sich durch Wahn und rastloses Jagen nach Gluck zugezogen und was sie der leicht- und tiefsinnige Philosoph uber das Menschengeschlecht und seine Bestimmung gelehrt hatte. So ist das Leben auf dieser unsrer Mutter, der Erde, nur denen kein Ratsel, die sie im Schweisse ihres Angesichts bebauen.
Hier nun erblickte Ernst von Falkenburg das Licht der Welt, hier empfing seine Seele die ersten lebendigen und kraftigen Eindrucke der Natur und nahm fur immer die Farbe der Gegenstande an, die ihn umgaben. Unter solchen Menschen keimten die ersten, einfachen, reinen, moralischen Gefuhle und Gesinnungen in seinem Herzen auf. Sein Vater, der im *** Dienste beim Anfange des Siebenjahrigen Kriegs so schwer verwundet ward, dass er jahrelang darnieder lag, erwahlte nach seiner Wiedergenesung den ruhigern Reichsdienst, um wenigstens etwas fur eine Verfassung zu tun, die er aus Vaterlandsliebe schatzte und als unmittelbarer Reichsritter, als Herr solcher Untertanen zu schutzen alle Ursach hatte. Seinem Ernst gesellte er einen Jungling zu, den ihm sein Jugendfreund und Dienstgefahrte nach der blutigen Schlacht bei Zorndorf als Erbschaft hinterlassen hatte; und er erfullte dessen Pflicht mit so vieler Treue und Zartlichkeit, dass er das Gluck genoss, Vater zweier hoffnungsvoller Sohne zu sein.
Diesen beiden Junglingen gab er Hadem, den Feldprediger seines ehemaligen Regiments, zum Fuhrer, den er wegen einiger nicht gewohnlichen Taten nie vergessen konnte und den er fur ebenso bescheiden, klug und rechtschaffen als unterrichtet hielt. Er machte ihm Bedingungen, wie sie der teutsche Adel selten macht, und nahm ihn auf, wie der teutsche Adel selten Manner aufnimmt, denen sie so viel anvertrauen.
Hadem trat zu seinen Zoglingen mit Offenheit und Vertrauen und ward von ihnen in eben dem Geiste aufgenommen, mit welchem er sich ihnen nahte. Er fasste dadurch ein gutes Vorurteil fur seinen Beruf und entdeckte bald mehr als er erwartete.
3.
Hadem ward fruh gewahr, dass Ernstens Dasein und Wirken mehr in seinem Innern ruhte, sich mehr gegen dieses richtete als nach aussen und um sich her. Er bemerkte schon in den ersten Tagen, dass er ohne Aufwand und Gerausche hoher und tiefer empfand und dachte als Ferdinand von *** mit dem lebendigsten Ausguss und Gebrause einer feurigen Einbildungskraft; mit einem Worte, er sah, dass sich die Welt in der Seele Ernstens abspiegelte und Ferdinands Seele in der Welt. Er hielt diese Entdeckung fur so wichtig, dass er seine Erziehung darauf bauen zu mussen glaubte. Fragen und Proben uberzeugten ihn in kurzer Zeit, dass in Ernsten vermoge seiner moralischen Kraft der Stoff zu einem Manne verborgen lage, der einstens wohl das Wagestuck mit seinen Sinnen, der Welt und dem Schicksale bestehen konnte; dass Ferdinand, mehr auf den Flugeln einer warmen Phantasie getragen, zwar kuhnere Dinge unternehmen mochte, das Mass seiner moralischen Kraft aber sehr schwer mit der Leichtigkeit und Kuhnheit seines Wollens und Begehrens in ein richtiges Verhaltnis treten wurde. Nach diesen Beobachtungen furchtete er nur fur den letztern. Er strebte nun, die moralische Kraft in Ernsten zu entwickeln, ihn durch dieselbe uber alle Ereignisse des Schicksals zu erheben und in Ferdinand die Einbildungskraft mehr in Einverstandnis mit der seinigen zu bringen, ihn so fest daran zu knupfen, dass er bei den feurigen Aufwallungen der Begierden und den ersten Schlagen des Schicksals nicht erlage, jenen nicht auf Kosten seines bessern Werts nachgabe oder vor diesen, um denselben hohen Preis, sich zu bergen suchte.
In diesem Sinne unternahm Hadem die Bildung der Junglinge; und da er mehr entwickelte als lehrte und nichts lehrte, was nicht mit seinem Hauptzwecke in Verbindung stand, so bildete sich der Geist aus der moralischen Kraft des Herzens, und jede neue Kenntnis und Anschauung dienten nur dazu, diese zu verstarken, zu erheben und zu veredeln. Durch den milden und schimmernden Glanz guter und grosser Taten des Altertums und der neuern Zeit fuhrte er sie mit der Erlernung der Sprachen zur Kenntnis der Welt und der Geschichte. Ferdinands lebhafte Einbildungskraft folgte der Bahn der Helden. Er erkampfte ihre Siege mit ihnen, zog mit ihnen die Augen der Menschen auf sich, genoss ihres Ruhms, sprang an das Ziel, pfluckte mit ihnen den Lorbeer, und, trunken von dem Siegesgeschrei, verblendet von dem Glanze der Taten, ubersprang sein feuriger Geist die Muhe und Aufopferungen, die sie erforderten, ubersah er die Mittel und die Folgen dieser tauschenden Taten fur ihre Urheber, ihr Gluck und das Gluck ihrer Zeitgenossen. Nur auf dem Siegeswagen erblickte er die Helden der Vorwelt, und ihr schimmernder Glanz verbarg ihm sowohl ihr wahres Bild, als das Bild der echten Menschengrosse.
In tiefer Stille aber betrat Ernstens Geist jenes Land der reinen, erhabenen Tugend, das die Menschen idealisch nennen, weil sie, versunken im Schlamme des Eigennutzes und der niedrigen Begierden, das Gefuhl bis zur Ahndung verloren haben, dass der Mensch sich nur als Bewohner dieses Landes von den Tieren unterscheidet, dass wir dieses unsichtbare Land nicht nur ahnden, dass wir uns bis in sein innerstes Heiligtum schwingen konnen. Wer es erreicht hat, ist uber das Schicksal erhaben, ihn tragen fur immer die Fittiche der hohen und echten Begeistrung der Dichtkunst, die nur aus jenem Lande die Farben und die Kraft zu ihren Darstellungen erhalt. Es eroffnet sich den Geistern der Geweihten in dem Augenblicke, da die moralische Kraft ihres Herzens die Wolken durchdringt und dort ihr Dasein mit hohern Zwecken verknupft. Die dieses Land betreten, werden von der Beherrscherin desselben mit hohen Gesinnungen, mit unuberwindlichen Waffen zum Kampfe ausgerustet, und ihre Taten, ihre Gedanken und ihre Empfindungen tragen das unnachahmliche Merkzeichen ihres wiedererrungenen Vaterlands an sich. So sind alle grossen und edlen Menschen, die von dem Wege des Haufens abtraten und Gutes, Wahres, Edles denken, tun und laut sagen, die Bewohner jenes unsichtbaren Landes, das die Menge nicht ahndet und durch dessen Einfluss gleichwohl auch sie von diesen unter sich verwandten Geistern zu den Zwecken gefuhrt werden, welche der erhabenste Geist dem Menschengeschlecht dort aufgestellt hat. Daher entspringt das Eigentumliche, Kraftige, Feste und Sichre jener Dichter, tatiger Menschen und Helden, und umsonst bemuhen sich alle andern, die sich uber die Erde, ihre Verhaltnisse und die Vorteile, die sie gewahrt, nicht erheben, den sichern Schwung, die feste Haltung in Wort und Tat nachzuschweben oder nachzuahmen; ihre Handlungen, wie ihre Darstellung, sind nur Abdrucke ihres eignen, um sich besorgten Selbsts. Ihre kalte, berechnende Vernunft, die uber Tat und Darstellung wuchernd und kunstelnd dasitzt, entfernt den Geist jener Geweihten. Ernst drang in die Mitte dieses Heiligtums und ward da zum Dichter fur dieses Leben eingeweiht. Ungern setze ich zur Erlauterung dieses Worts hinzu, dass er seine Gefuhle weder in Versen noch in Prosa der Welt mitgeteilt hat, dass er Dichter in einem Sinne war, den ich nicht notig hatte anzudeuten, wenn Dichter dieser Art so gemein waren, als es diejenigen sind, die sich darum Dichter nennen, weil sie die Spiele ihres Witzes und ihrer Phantasie in wohlklingenden Versen zur Schau ausstellen. Die Spuren der Theorie der Dichtkunst, von welcher ich rede, findet man ebenso selten in geistigen Darstellungen als in Taten und Handlungen; denn ich rede von der hohen moralischen Kraft, die allein den Helden und den Dichter macht und ohne welche es zwar mancher durch Talente und gluckliche Umstande scheinen, aber nie es wirklich in seinem Innern sein kann.
Gleich der Tochter Jupiters, mit Schild und Speer bewaffnet, sprang die Gottin, welcher sich Ernst im stillen weihte, plotzlich aus seinem Herzen: mit dem Speer, um die niedrigen Ungeheuer, die Feinde des Lichts und der Wahrheit, zu bekriegen, mit dem Schild, um den Liebling gegen die Pfeile des Schicksals, gegen die Angriffe des Neides und der Bosheit zu decken. So schwebte sie vor ihm, so wandelte er, ein anderer Telemach, an der Seite der unsichtbaren, erhabenen Fuhrerin: von ihr war Hadem ihm zugesellt. Selbst in reifern Jahren verliess ihn dieses uber ihm schwebende jugendliche Bild nicht; und oft, wenn ihn alles verliess, wenn er in Gefahr war, sich selbst zu verlassen, trat es in seiner ganzen Klarheit aus den verdunkelten Wolken hervor.
Schon lange war Ernst in dieses idealische Land gedrungen, schon hatte er sich dort angepflanzt, es gleich den Garten der Hesperiden ausgeschmuckt und mit den Geistern bevolkert, deren Asche um ihn her zu lebendigen Wesen wurde, ehe Hadem bemerkte, dass der Jungling das Irdische ubersprungen, das Land seines Ursprungs erobert hatte und sich dort an der Tafel der Unsterblichen labte.
Ein besondrer Vorfall musste ihm dieses entdecken. Oft gingen die Junglinge durch den Eichenwald, in welchem ihre Phantasie die vergangenen Zeiten traumte, sie mit den jetzigen verband, wieder trennte und alle tatig im Geiste durchlebte, nach der Hohle im nahen Gebirge. In dem Riesensaale der Hohle uberfiel sie das erhabene Erstaunen, der gedankenvolle geheime Schauder, der uns bei den machtigen Gegenstanden der Natur ergreift; und aus diesen Gefuhlen erwachten in der Seele der Junglinge das Nachsinnen und Ahnden uber die Hohe, Tiefe, den Zweck, die Mittel alles Geschaffenen, der denkenden, der fuhllos scheinenden Wesen, die diese Schopfung beleben und darstellen.
Ferdinand nannte den Riesensaal den Tempel des Ruhms, weil ihn keine menschliche Kraft zerstoren konnte, weil er so alt ware als die Welt und so lange als sie dauern musste. Ernst nannte ihn den stillen Tempel der Tugend, weil ihn Menschenhande nicht gebaut hatten. Ferdinand schuf die Saulen um sich her zu Denkmalern der von ihm bewunderten Helden und nannte sie nach ihnen. Ernst behielt sich, fern von den Denkmalern seines Gespielens, nur eine Blende in der Felsenwand des Bergs nahe bei dem Abgrund vor, deren Mitte zu einer Stunde des Tags ein Lichtstrahl traf und erleuchtete.
Eines Tages drangen die Junglinge weiter in dieses unterirdische Labyrinth als sie bisher noch gekommen waren. Ihre Schritte und abgebrochenen Worte hallten dumpf an den Felsen. Ohne Verabredung schien jeder von ihnen das schwere Ratsel der Natur in ihrem dustern, geheimnisvollen Schosse auflosen zu wollen. Hand in Hand wandten sie sich forschend aus einem Gang in den andern. Auf einmal standen sie beide vor dem ihnen bekannten Abgrund, der sich der Sage nach in einem Gange unter dem Fluss weg endet und nach einem Gebaude fuhrt, von dem die Bewohner der Gegend viele wunderbare Geschichten zu erzahlen wussten. Und eben dieses Wunderbare entflammte Ferdinands Phantasie; seine aufkeimende Ehrbegierde sah in diesem Dunkel seine erste Heldentat vergraben. Zuckend druckte er Ernstens Hand, und sein kuhner Vorsatz sprang durch die Adern in Ernstens Herz uber. Er erwiderte den Druck und zog ihn sanft zuruck. Nun erst ergluhte Ferdinands Einbildungskraft, und er rief in einem starken Tone: "Ernst, ich will hinunter, das Geheimnis enthullen und aus dieser Finsternis an das Licht bringen. Herkules stieg in den Schlund des Orkus, um den Hollenhund herauszuziehen ich muss der erste sein, uber dessen Haupte der Strom hinrollt!" Ernst bewies ihm das Verwegene und Unsinnige des Unternehmens, die Unmoglichkeit der Tat und der Ruckkehr, die unvermeidliche Gefahr des Todes und reizte durch den Widerspruch Ferdinands stolze Kuhnheit nur um so mehr. Schon machte er Anstalten, den Abgrund hinabzugleiten, als Ernst vor ihn trat und entschlossen zu ihm sagte: "Du willst? Wohlan! so warte nur eine Sekunde. Den Weg der Gefahr muss man nicht so langsam kriechen, wie du tun willst, man muss ihn uberspringen. Dieses will ich nun tun. Tritt zuruck."
Ernst war im Begriff den Sprung zu wagen, als ihn Ferdinand umfasste, an sein Herz druckte, seine Wangen und Lippen kusste und, vor Freude bebend, rief:
"Ernst! ich weiss, warum du es tun wolltest! Mich, der eine Tollheit begehen wollte, durch eine wahre Heldentat zu retten!" "Eine Heldentat?" erwiderte Ernst ruhig.
FERDINAND: Ware sie es nicht, da der Tod, wie du selbst sagtest, bei der Tat unvermeidlich ist?
ERNST: Konnte sie es sonst sein? Aber daran dachte ich gar nicht. Wurde ich dir nicht ohnedies gefolgt sein, wenn du die Tollheit, wie du es nun selbst nennst, begangen hattest? Sollte ich ohne dich zuruckkehren? Freilich hatten vielleicht mein guter Vater und der gute Hadem nie erfahren, was aus uns geworden ware. Und, Ferdinand, sprang ich allein hinein, so hatte ich auch mehr Hoffnung als du, an das Licht zuruckzukehren. Dein Fuhrer war ja nur die Ruhmbegierde, aber ich ich trat unter den Schild einer Gottin, die mich nicht verlassen, die mich in diesen Schlund begleitet hatte.
FERDINAND: Und wer ist diese Gottin?
ERNST: Die Tugend, die, wie Hadem sagt, ruhig und prunklos einhergeht, die denen immer zur Seite steht, welche den Pfad nach ihrem erhabenen Tempel wandeln. Erinnerst du dich, wie uns Hadem vor einiger Zeit die Fabel von Minerva erklarte? Freilich nannte er es eine Fabel, aber er erklarte sie sehr schon. Auch ich deutete sie, und zwar nach meinem Sinne; und seit dieser Zeit schwebt diese Tochter Jupiters immer vor mir und ich sah sie in dem tiefen Abgrund, wie ich sie in der lichten Hohe sehe.
FERDINAND: Was du sagst, begreife ich nicht ganz, aber ich bewundre dich jetzt mehr als Alexandern, der allein uber die Mauern der feindlichen Stadt sprang. Du wolltest fur mich Toren aus Liebe tun, was er um seines Ruhmes willen tat, und darum nenne ich die ihm geweihte Saule meines Tempels nach deinem Namen. Er sprang in die Stadt wie ich in den Abgrund, aber du! du!
Ferdinands ganzes Herz war in seinen Umarmungen; zum erstenmal nannten sich die Junglinge Freunde und schworen an dem gefahrlichen, dunkeln Abgrund, der ihnen wie ein Bild des Lebens vorschwebte, den Bund der Liebe, und jeder von ihnen verpfandete der Seele des andern sein Leben und Dasein.
Hadem, der die Junglinge nie aus den Augen verlor und ihnen oft, unbemerkt von ihnen, folgte, um die Fruchte seines Unterrichts in ihren Reden, ihrem Tun und den freien Ergiessungen ihres Herzens zu beobachten, hatte hinter einem Felsen die ganze Szene angehort. Als Ernst den gefahrlichen Sprung zu wagen unternahm, wollte er schon hinzuspringen, als er aber gewahr wurde, dass Ferdinand ihm zuvorgekommen war, zog er sich leise zuruck. Auf den Schrecken und den Schauder, die ihn bei dem Wagestuck der Junglinge uberfielen, erfolgte Staunen und Bewundrung, und bei den letzten Worten Ernstens, die den Grund seines Entschlusses so klar enthullten, ergluhte sein Herz in sanfter Wonne. Er blickte gegen das Gewolbe der Hohle und lispelte leise:
"Braucht dieser mich noch, da du ihm zur Seite stehest?"
Die Junglinge eilten aus der Hohle. Als Ferdinand an Alexanders Denkmal voruberging, rief er: "Du heissest Ernst!"
Hadem folgte ihnen und erreichte sie in dem Eichenwald, Sie hatten sich unter dem grossten Baum gelagert; noch gluhten ihre Wangen sanft von der vergangenen Szene, und der Abendwind spielte in ihren Locken.
Hadem setzte sich nicht weit von ihnen auf eine Anhohe, noch tief uber das bewegt, was er vernommen hatte. Er sah die Junglinge nah bei dem Abgrunde stehen. Plotzlich stellte sich ihm das menschliche Leben, in Rucksicht ihrer, unter diesem dustern Bilde vor, und unter diesem Gesichtspunkt fuhlte er nun den ganzen Vorgang. Ferdinands Kuhnheit, die ihn um des Wahns willen zu der Erforschung des Abgrunds trieb, erregte Sorge und Angst in seinem Busen. Selbst Ernstens Entschluss, der ihn in dem ersten Augenblick des Vorgangs dahinriss, erschien ihm nun unter dustrer erhabener Gestalt, und er konnte seine Gedanken lange von der Zukunft nicht ablenken, die sich ihm hier in weissagendem Gesichte enthullt zu haben schien. Die Geschichte und seine Erfahrung hatten ihn gelehrt, was den Mann in der Welt erwartet, was das Schicksal von dem fordert, der sich der Gottin weiht, unter deren Schutze sich sein Zogling fur so sicher hielt. Er kannte die Gefahr der Proben, die ihre Verehrer zu bestehen haben, er wusste, dass man selten mit dem Geist und Herzen aus ihnen hervortritt, mit denen man sie beginnt. Der rastlose Kampf mit den Menschen, ihren Verfassungen, ihren wirbelnden Leidenschaften, ihrem Wahne und Eigennutze malte sich in wilder Garung vor seinen Augen. Auf dem Schlachtfelde stand endlich der ermudete Kampfer zwischen nagenden Zweifeln, gramlichem Missmut, der kalten Selbstigkeit, dem bittern Menschenhass, und statt des Triumphgesangs hort er zischendes Hohngelachter und die frostigen, erstarrenden, giftigen Sarkasmen der Vernunftler. Sein Herz rief ihm zu, so konne sein Ernst nicht enden, aber ob er ihn gleich am Ziele der Laufbahn in sich selbst unbesiegt sah, so fasste er doch den festen Entschluss, seines Zoglings Begriffe uber die Tugend in Rucksicht auf die Menschen und ihre Verhaltnisse so zu berichtigen, dass sie nicht in schimarische Uberspannung ausarteten: eine Stimmung der Seele, in welcher sich nur die Edelsten der Erde befinden konnen und die gewiss die glucklichste, beneidungswurdigste ware und bliebe, wenn nur diejenigen, zu deren Bestem diese Stimmung immer wirkt, sie nicht auf Tod und Leben davon zu heilen suchten. Ernsten dachte er nun dahin zu leiten, dass ihm zwar die Hohe und Reinheit seines Geistes und Herzens verblieben, seine Begriffe aber sich so berichtigten, dass ihn die Widerspruche und Missverhaltnisse von aussen mit seinem Gefuhl weder irre machen, noch zerrutten mochten. Vorzuglich sollte er das, was ihn belebte, in den Menschen nicht mit der Kraft suchen, noch von ihnen erwarten, wie er es zu empfinden schien; und zu dieser gefahrlichen Erkenntnis wollte er ihn durch Nachsicht und schonende milde Menschlichkeit fuhren. Ferdinands eitle Ruhmsucht hoffte er durch Ernstens milden Geist und seine eignen, absichtslos scheinenden Lehren zu lautern.
Nach diesen Betrachtungen nahte er sich den Junglingen.
Das Abendrot gluhte an dem Horizont, und der Eichenwald glanzte in seinem goldnen Feuer. Ferdinand stand heftig redend vor Ernsten, und dieser blickte ihn soeben mit sanfter Begeistrung an und sagte: "Ferdinand, ich habe es gefunden."
Hadem trat hinzu: "Was hat Ernst gefunden?"
FERDINAND: Den Stoff zu einem Heldengedicht uber unsre Altvater, die Cherusker, Chatten und Sveven.
HADEM: Und wie kommt ihr darauf?
ERNST: Der Strom, die Abendrote, die Vergangenheit, Homer, der Eichenwald die Schatten unsrer Vorfahren traten herein, wir traumten sie lebend, mit den Romern im Kampfe um ihre Tugenden.
HADEM: Wie das? Ernst, wie das?
ERNST: Dies ist eben der Sinn des Heldengedichts, das wir dachten oder traumten, als Sie kamen. Der Teutsche kriegt mit den ihn angreifenden Romern um seine Tugenden, seine Sitten, seine Freiheit. Hermann ist der Held. Der Kampf wird nun gefuhrt zwischen den unverdorbenen Sohnen der Natur und den durch Gluck, Kunst und Uppigkeit ausgearteten Romern. Spott, List, Betrug, Biederkeit, Aufrichtigkeit und Treue stehen gegeneinander auf. Es ist der Krieg der edlen, einfachen Natur mit der Ausartung der Kultur. Die romisch-griechischen Gotter schweben uber dem Schauplatz im Kampfe fur ihr Volk mit den Gottern unsrer Vater, die Sie uns bekanntgemacht haben.
HADEM: Gut, recht gut, aber ich furchte fur die Gotter des Nordens.
ERNST: Furchten Sie nichts, Hadem; jedem der griechisch-romischen Gotter haben wir einen kuhnern und machtigern entgegenzustellen.
HADEM: Und doch fehlt eine Gottin, die leicht den Ausschlag zum Vorteil der Gotter des griechischromischen Himmels geben konnte.
ERNST: Und diese?
HADEM: Wer anders als Minerva, die erhabene Tochter Jupiters, die Gottin der Weisheit und Klugheit.
ERNST: Oh, auch sie war unter den Gottern des Nordens, unsre Vater kannten sie recht gut und unter einem viel reinern und kraftigern Bilde.
HADEM: Sagen Sie doch! Unter welchem?
ERNST: Unter dem Bilde der mannlichen Tugend, um deren Besitz sie eben mit den Romern stritten, von denen sie sich die griechisch-romische Gottin nicht aufdringen lassen wollten, weil die Klugheit derselben ihrem geraden, aufrichtigen Sinne zuwider war, weil Klugheit so gern in List ausartet, sich so leicht in List gefallt. Unsre Vater dachten sich ihre Gotter wie sie selbst waren: ohne alle List, Betrug und Feinheit. Und siegten sie nicht unter dem Schilde ihrer Gottin uber die Zoglinge der Kunst? Ja, eben diese Gottin musste die Muse des Heldengedichts sein, den Dichter begeistern und die Helden so beleben, dass sie sich selbst in ihnen kraftig darstellte.
Hadem sagte lachelnd: "Ernst, Sie sprechen ja selbst wie ein Dichter."
Ernst erwiderte: "Macht dieses, was ich empfinde, den Menschen zum Dichter, Hadem, so soll mein ganzes Leben unter ihrer Leitung ein Heldengedicht werden; denn auch ich will unter dem Schilde dieser erhabenen Gottin stehen. Die Tugend der Helden bluht nicht allein auf dem Schlachtfelde, dieses haben unsre Vorfahren gezeigt."
HADEM: Wozu auch immer Heldentugend? Warum ein so grosses, ein so schallendes Wort?
ERNST: Nicht wahr? Denn ist nicht Ausubung der Pflicht, wenn ein Sieg uber uns, unsre Leidenschaften, unsern Eigennutz vorausgeht, eine Heldentat? Lehrten Sie uns dieses nicht?
HADEM: Freilich, wenn wir sie ohne Rucksicht auf uns selbst, mit Gefahr fur uns, zum Besten andrer ausuben. Ich wunschte nur dem schonen, guten Gefuhl ein bescheidneres Beiwort. Ich kenne zum Beispiel einen Mann, der sich keiner Heldentugend und Heldentat bewusst ist, sich wenigstens keinen Helden nennt und gleichwohl, nach meiner Meinung, ein reinerer Held ist als euer Mazedonier.
FERDINAND: Als Alexander? Oh, lassen Sie uns geschwind seine Taten horen!
HADEM: Taten? Ich sagte ja, er weiss nichts von Taten. Ich rede nur von dem Kammerrat Kalkheim. Lachen Sie immer, Ferdinand; Sie werden dessenungeachtet sehen, dass dieses Mannes Geschichte, in dem Herzen einer grossen Anzahl von Mensehen im stillen gefuhlt, einen Wert hat, um den ihn wohl mancher grosse Held beim letzten Uberblick seiner Taten beneiden mochte.
Dieser Kalkheim hatte fruh einen grossen Teil seines Vermogens zu einer Reise angewendet, um die Entdeckungen zur Verbesserung der Landwirtschaft praktisch ausuben zu sehen. Mit diesem Zwecke, den er sich zur kunftigen Bestimmung machte, allein beschaftigt, versagte er sich allen andern Genuss, den sonst junge Leute auf Reisen suchen. Als ihm bei seiner Ruckkehr ins Vaterland der Furst diese Stelle anvertraute, machte er viele Versuche der gesehenen Neuerungen auf seinem eignen Lande nach; er hoffte, die Aufmerksamkeit andrer dadurch zu reizen. Aber die Vorliebe oder das Vorurteil fur das Alte schien unuberwindlich, und ob er es gleich uber sich nahm, den aus seinen Versuchen entstehenden Schaden zu ersetzen, so konnte er doch nur mit grosser Muhe einige Landleute dahin bringen, sie nachzuahmen. So erreichte er seinen Zweck nur nach und nach, nur unter Streit, Kampf und Muhe. Durch den nahern Umgang mit den Landleuten lernte er so viel Elend und Armut kennen und sah die Quellen davon so genau ein, dass er sich bald mit der furstlichen Kammer in eine Fehde einliess; aber da er hier nichts ausrichten konnte und doch helfen wollte, so war er in kurzem dahin gebracht, von seinem betrachtlichen Vermogen nichts mehr ubrig zu behalten als ein kleines Haus und ein kleines Gartchen, in welchem er Gesame zieht. Seinen Sold teilt er mit den Durftigen. Der Verlust seines Vermogens zog den Verlust der Freundschaft eines Mannes nach sich, der ihm ohne alle Schonung seine versprochene Tochter, in welcher der Kammerrat den Lohn fur alles hoffte, versagte. Dieses verwundete sein Herz, und doch ist er glucklich; denn er sieht seine Taten auf den Feldern der einst Armen bluhen, und die ganze Gegend unter seiner Aufsicht gleicht einem von ihm gebauten Paradiese, in welchem ihn der reinste Segen und Dank von den Lippen und Augen der Bewohner empfangt, wenn er es betritt.
ERNST: Hadem, lassen Sie uns diesen Mann, diesen Glucklichen in seinem Paradiese besuchen.
FERDINAND: Ware der Mazedonier ein Kammerrat gewesen, er hatte dies auch getan; denn Gold achtete er nicht.
ERNST: Ich furchte, Ferdinand, um die Herrschaft uber dieses Paradies hatte er es im Kampf zerstort.
FERDINAND: Um es schoner wieder aufzubauen.
ERNST: Fuhren Sie uns zu ihm, Hadem?
HADEM: Gern und bald. Ihr Herr Vater will ohnedies, dass wir uns in der Residenz bei Ihrem Oheim aufhalten sollen, wahrend er nach den Badern reist.
4.
In der Residenz *** wohnte nun Hadem mit seinen Zoglingen in dem Hause des Prasidenten von ***, Ernstens mutterlichem Oheim. Hier fanden sie alle die feine Hoflichkeit und allen den kalten Anstand, wodurch sich die Vornehmen von dem Volke unterscheiden und womit sie ihre Genusse zu veredeln glauben. Hadem hatte die Junglinge hierzu weder vorbereitet, noch ihnen Regeln des Betragens vorgeschrieben; er wollte auch hier ruhiger Beobachter sein und bleiben. Ernst schien ihm in den ersten Tagen einer Pflanze zu gleichen, die, durch Versetzung, in dem einheimischen Boden ihre Lebenskraft gelassen hat; aber Hadems Gegenwart wurde auch ihm bald, was dieser der erste Morgentau und die wiederkehrende Sonne sind. Er drang sich hier noch fester, noch inniger an ihn, und in ihren Blicken druckte sich ohne weitere Erklarung ein Verstandnis uber alles Neue und Besondre aus. Bald ging auch Ernst so sicher und fest einher wie in seinem Eichenwalde. Ferdinand ward in kurzem der Liebling des ganzen Hauses. Die neuen Gegenstande belebten seine Einbildungskraft, reizten seine Ehrbegierde, seinen Stolz, seine Eitelkeit: und durch die Aufregung dieser Empfindungen wurden ihm die Verhaltnisse der Menschen untereinander so deutlich, dass er, gleichsam aus naturlichem Triebe, ohne weiteres Nachsinnen und weiteren Vorsatz, jedem gab, was er zu wunschen schien; denn es war das, was er selbst von ihm erwartete. Dem Oheim, der die Junglinge von seinem Schwager auf einige Zeit gefordert hatte, um zu sehen, was sie versprachen, gefiel zwar Ernstens festes Betragen, weil er es dem Bewusstsein zuschrieb, das der junge Mensch von seinem Range und seiner kunftigen Rolle in der Welt empfande; aber ihm gefiel auch das Lob, das jeder dem muntern, artigen und gewandten Ferdinand erteilte.
Er sprach hieruber mit Hadem, doch bevor ihm dieser seine Gedanken sagen konnte, fiel er ihm ins Wort:
"Verstehen Sie nur! Ich will darum gar nicht, dass Ernst eigentlich so wie dieser arme Ferdinand werden soll. Ernst soll fuhlen, was er ist, was aus ihm wird, was ihn erwartet. Ferdinand ist ein armer Waise, der sein Gluck machen muss; und ein solcher Mensch kann nie artig genug sein. Was ich eigentlich wollte, ware, dass Ernst zuzeiten zeigte, auch er konnte es sein, wenn es ihm so gefiele. Dadurch, lieber Herr Hadem, unterscheidet sich der Mann von Stande, dessen Gluck und Ansehen gewiss ist, von dem, der beides noch suchen muss: der eine tut alles, weil es ihm so gefallt, und der andere, weil er muss. Hatte Ferdinand zu hoffen, was mein Neffe zu hoffen hat, so sagte ich, er tut zu viel; und nun sage ich, er kann nicht genug tun.
Und sehen Sie doch nur! Die Natur hat das, was ich sage, selbst in den beiden jungen Leuten angedeutet. Bemerken Sie nur den schonen, schlanken, kuhnen Wuchs Ferdinands! seine feurigen schwarzen Augen! seine anlockende Gesichtsfarbe! sein Feuer, seine Lebhaftigkeit, sein einschmeichelndes, immer zuvorkommendes, lachelndes Wesen! Da steht der Abenteurer, der Wagehals, ganz ausgerustet zum Kampfe mit der Glucksgottin. Es wird ihm nicht fehlen, glauben Sie mir. Und nun mein Neffe man kann eigentlich nicht sagen, dass er schon sei; aber er ist mehr als schon, er hat etwas Feierliches, etwas Eignes, ihn von allen Unterscheidendes an sich, etwas, das mehr auf die Seele als auf die Augen wirkt und da liegt ja der Unterschied, den ich bemerkte. Ferdinand wird den Weibern gefallen, und das kann ihm nutzlich sein; Ernst verstandigen Mannern und den Weibern, wenn er will!"
Hadem schwieg nach diesen ihm unerwarteten Ausserungen, und der Prasident legte ihm sein Schweigen als Bescheidenheit aus, in seinen Augen das Hauptverdienst an Leuten ohne Stand.
Hadem liess Ernsten gehen und nutzte jede sich darbietende Gelegenheit, Ferdinands gereizte Eitelkeit zu massigen.
In dem Hause des Prasidenten versammelten sich der Hof und die Angesehensten der Stadt. Seine zwei Tochter und sein Sohn empfingen von ihrer Seite die Fraulein und jungen Herren mit ihren Gouvernanten und Gouverneuren und ubten sich in ihren Zimmern in den Rollen, die in dem grossen Gesellschaftssaale gespielt wurden. Naturlich musste Hadem mit seinen Zoglingen dieser Versammlung beiwohnen. Ernst horte und sah zwar, aber er schien nur zu traumen bei dem, was er horte und sah; Ferdinand hingegen war hier ganz in seinem Elemente.
Zum erstenmal horten sie jetzt von Romanen und wunderbaren Begebenheiten reden; und als die junge Gesellschaft ihre Unwissenheit in einer so wichtigen Sache entdeckte, erstaunte man, bedauerte und liess es sich sehr angelegen sein, sie mit dieser notigen Kenntnis zu bereichern. Hadem sah die Unmoglichkeit ein, seine Zoglinge vor einem Ubel zu bewahren, das alle Stande unsers Zeitalters ergriffen hat. Man gab den Junglingen die Romane des Tages. Ferdinand verschlang sie; Ernst, dem ein Wunderbares andrer und hoherer Art vorschwebte, konnte das Wesen, Leben, Handeln und Denken der Menschen in denselben gar nicht begreifen und wurde von aller weiteren Neugierde auf immer geheilt worden sein, wenn ihm die Tochter des Prasidenten nicht einen gegeben hatte, der sein Herz zerriss, ausdehnte und seine Seele folterte, spannte, erhob, niederdruckte und zermalmte. Wer kennt nicht die feurigste, vollendetste Darstellung des heutigen Genius?
Auch Ferdinand las diesen Roman, und seine Einbildungskraft entbrannte so gewaltig, dass er von diesem Augenblick nichts Grosseres, Erhabneres und Nachahmungswurdigeres kannte als die Lage dieses jungen Helden, sein pathetisches Ende, das er als ein Opfer hoher Tugend fur ein Geschlecht ansah, fur welches man nach seiner jetzigen Stimmung nichts weniger tun konnte. Alles, was sonst so tief, stark und schon Gedachtes und Gefuhltes uber Menschen, Schicksal und Natur darin lag und was einen so machtigen Eindruck auf Ernsten machte, entwischte ihm.
Naturlich ward nun dieses der Hauptgegenstand der ersten Unterhaltung in dem jugendlichen Kreise. Ferdinand malte seine Gefuhle mit den starksten und lebhaftesten Farben und fand in den jungen Fraulein um sich her, die sich als den Gegenstand seiner Begeistrung und seines Heldenmuts ansahen, sehr aufmerksame und gespannte Zuhorerinnen. Begeistert rief er, indem er seine feurigen schwarzen Augen gegen Amalien, die dreizehnjahrige Tochter des Ministers ***, eins der reizendsten Geschopfe, wendete: "Oh, es muss ein susser, erhabener Tod sein, fur seine Geliebte zu sterben! Ich wunsche mir ihn!"
Keine der Zuhorerinnen widersprach, und nur einige Junker, die schon weiter in der Erfahrung gekommen waren, lachelten. Amalie errotete sanft, und die Tochter des Prasidenten fragte Ernsten, in dessen Augen sie ein ihr fremdes Gefuhl zu bemerken glaubte, was er davon dachte. Er antwortete gelassen, indem sein Blick auf eben diese reizende Amalie fiel: "Ich schlage des Mannes Bestimmung hoher an."
Alles schwieg, und Amaliens Wangen farbten sich hoher. Ein Blick schoss unter ihren langen Augenwimpern auf Ernsten hervor, dann sah sie gegen den Boden.
Hadem trat nun naher und sprach:
"Ich hore Ihnen wirklich mit Verwunderung zu und kann gar nicht begreifen, wie junge Leute, die weder den Wert des Lebens noch die Bestimmung des Menschen kennen, sich anmassen, uber Dinge zu reden, die ihnen ebenso fremd als dunkel sein sollten. Da es aber nun einmal so ist, so will ich Ihnen doch sagen, was mein Zogling unter den Worten gedacht hat, die Ihnen so sonderbar vorzukommen scheinen. Er meint, der Mann habe hohere und bedeutendere Pflichten, als fur ein Madchen zu seufzen oder zu sterben; und ich hoffe, er soll auch dann noch so denken, wenn er erfahrt, was dies ist, von dem Sie so fruh vor der Zeit reden. Jetzt weiss er es gewiss nicht; aber sollte er es einmal empfinden, so bin ich gewiss, er wurde fur die Person, fur die er es empfande, noch weit grossre Ubel ertragen, als das ist, welches man sich unter dem Tode denkt; und doch wurde er leben und eben durch sein Leben beweisen, wie wurdig er ihrer sei. Die Liebe, um das Wort nur zu nennen, das Sie so leicht aussprechen, soll den Mann erhohen, nicht niederwerfen; und derjenige, welcher darum stirbt, weil ihm das Schicksal den Gegenstand seiner Leidenschaft vorenthalt, ist ein Kranker, der vermutlich an der Versagung jedes andern heissen Wunsches gestorben ware: denn er wollte uber seine Krafte. Des jungen Menschen Schicksal, das dieses Buch so meisterhaft darstellt, lag ebenso sehr in seiner ihm eignen Denkungsart, der dustern, forschenden Stimmung seiner Seele, seinen Begriffen uber die Natur und die Verhaltnisse der Menschen gegeneinander als in seiner leidenschaftlichen Lage; ja sie gaben eigentlich seiner leidenschaftlichen Lage die auszeichnende Farbe und mussten endlich die Katastrophe hervorbringen, die schon so fruh in ihm vorbereitet war, gegen die er auch so wenig kampfet, dass er ihr vielmehr langsamen Schritts und mit einer Art innern Genusses entgegengeht. Er gleicht einem seltnen, lieblichen, interessanten Kinde, das einen duster erhabenen dichterischen Traum schwarmt, bevor seine Vernunft ganz erwacht ist. Ich bewundre das Buch als dichterische Darstellung der Wirkung dieser gefahrlichen Leidenschaft gewiss mehr als Sie; aber ich bewundre nicht den Helden, den es uns darstellt. Ich konnte ihn zuzeiten sogar hassen, weil er den Mut unsrer Junglinge erschlafft und die Kopfe unsrer Madchen so verwirrt, dass sie beide das zu einem ubertriebenen, romantischen Spiele machen, was doch die Natur und die Gesellschaft zum wichtigsten und ernsthaftesten Geschafte des Lebens gemacht haben. Die Manner sind in der Welt, um Beweise ihres Verstandes und Mutes zu geben; und die Weiber, wenn ihr Verstand und ihr Herz nicht durch Romane verdorben sind, achten nur die Manner, welche dieses tun. So war es bei den Volkern, die wir noch jetzt bewundern, die wir nur so lange zu bewundern Ursache finden, als dieses dauerte. Welche seelenkranke, erbarmliche und niedergedruckte Manner mussen die nicht sein, die in solchen Spielen der Phantasie Ersatz fur Tatigkeit und Mut finden konnen, die ihre Weiber und Tochter schon bis dahin gebracht zu haben scheinen, dass sie ihnen solche Erschlaffung, Weichlichkeit und Feigheit fur die einzigen Heldentugenden anrechnen, deren sie noch fahig sind! Glauben Sie darum ja nicht, dass ich dieses dem Dichter zuschreibe. Er denkt weder der Toren noch der Schwachen, noch weniger will er ihnen Bilder zur Nachahmung in seinem Helden aufstellen. Ihn ergreift die Liebe zu einem Gegenstand, die Begeistrung ubt ihre Gewalt an ihm aus. Sein entflammter Genius tut dasselbe an euch, indem er euch durch Angst, Staunen, Furcht, Grausen und alle menschliche Gefuhle in seinen magischen Kreis bannet, in welchem eine Gottheit ihn gefesselt halt und aus dem er selbst nicht eher treten kann, als bis ihn seine machtige Beherrscherin entlasst.
Ich sehe wohl, dass ich Ihnen lastig falle; mein Rock mag es entschuldigen. Eigentlich spreche ich hier nur um eines einzigen willen, und dieser versteht mich. Um Ihnen ubrigens den Unterschied zwischen meinen beiden Zoglingen zu zeigen, will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzahlen, dann mogen Sie selbst urteilen, wer von ihnen im Fall der Not fur Freundin und Freund mehr zu tun fahig ware."
Er erzahlte hierauf den Vorfall in der Hohle, beschrieb den furchtbaren Abgrund, seine Angst, den Ausgang des Vorfalls und endigte mit den Worten:
"Wer war nun hier der mutigste? Er, der in die Hohle gleiten wollte, um der erste zu sein, der uns sagen konnte, ob die einfaltigen Marchen des Volks gegrundet waren; oder der, welcher, um den torichten Freund zu retten, hineinzuspringen drohte, hineingesprungen ware?"
Keiner der Gesellschaft schien das Edle des Zuges zu fuhlen, den ihnen Hadem von Ernsten mitteilte, und aller Augen, ausser Amaliens Augen, wendeten sich jetzt nach Ferdinand. Sein Vorsatz schien ihnen grosser, kuhner, obgleich seine eigne jetzige Beschamung so laut gegen ihn sprach. Hadem bemerkte hier die gewohnliche Wirkung des Romanenlesens auf die alltaglichen Menschen, das alle einfache, naturliche Gefuhle in ihnen verzerrt und verdunkelt und an deren Stelle einen erkunstelten Kitzel der Phantasie und der Eitelkeit setzt.
Ernst schien in diesem Augenblick ein Verbrechen begangen zu haben. Er atmete kaum, und nur die sichtbare Verwirrung seines Freundes erweckte ihn aus seiner Betaubung. Er eilte auf ihn zu; die gluhenden Wangen der Junglinge beruhrten sich, und einige Tranen, von verschiednem Gefuhl erzeugt, drangten sich zwischen ihre Kusse.
Amalie allein sah geruhrt dieser Umarmung zu. Sie sah immer auf Ernsten, aber nun verweilte ihr begeisterter Blick langer auf Ferdinand. Dieser bemerkte es und drangte sich zu ihr, von ihrem Blicke angezogen. Noch ganz von dem vorigen Gefuhle belebt, das jetzt unter dem Rosenschimmer der Scham, von Beleidigung der jugendlichen Eitelkeit hervorgebracht, sanfter auf seinen Wangen und in seinen Augen gluhte, stand er schweigend vor ihr. Sie sah ihn lachelad an und sagte:
"Sein Sie froh, dass die Fraulein in der Residenz zu mitleidig oder zu klug sind, Sie bei dem Worte zu nehmen, das Sie so rasch ausgesprochen haben. Wir wurden sonst bald uber Ihre Leiche weinen mussen, und das ware doch zu fruh." Ferdinand erwiderte, und ein Flammenblick begleitete seine Worte:
"Fur eine einzige Trane aus solchen Augen wollte ich es schon wagen."
Und noch kuhner setzte er hinzu:
"Spotten Sie nur; aber huten Sie sich, diesem Fenster hinauszuwinken; denn ginge auch der Sprung durch die Erde, ich folgte dem Winke doch."
Nun zog sich Amalie sanft von ihm weg, fasste eine Gespielin unter dem Arme und ging an das Klavier im Nebenzimmer.
5.
Beim Niederlegen sagte Hadem zu seinen Zoglingen:
"Morgen besuchen wir den Kammerrat Kalkheim; aber ihr musst fruh aufstehen, damit wir durch seine bluhenden Felder wandeln, bevor die Sonne den Morgentau ganz aufgetrocknet hat. Die Lerche erhebt sich dann mit schmetterndem Gesange."
Sie brachen fruh auf, und nach einigen Stunden sagte Hadem zu den Junglingen:
"Hier fangen die Felder an, die unter des Kammerrats Aufsicht und Leitung bebauet werden. Vergleicht sie mit denen, an welchen wir vorubergegangen sind. Bemerkt doch, wie viel hoher und voller die Ahren stehen, wie auf diesem uberall bluhenden und grunenden Schauplatze kein Fleckchen unbenutzt geblieben ist. Das ganze Land gleicht einem einzigen grossen Garten: so unschadlich und geschickt fur Acker und Wiesen sind die Fruchtbaume angelegt. Ehemals entbehrten die Einwohner der Gegend diesen frischen und erquickenden Genuss, und nun danken alle diese Baume dem Kammerrat ihr Dasein und fullen reichlich die Behalter der Hausmutter. Die Kinder empfangen die sussen, gesunden Fruchte aus den Handen der Mutter und geniessen sie unter dem Andenken ihres Wohltaters. Von jenem Hugel werden wir das Dorf schon sehen, in welchem der Gluckliche wohnt, dessen wohltatiger Geist diesen einst rauhen und unfruchtbaren Strich Erde so schon und bluhend geschmuckt hat. Es soll heute das Ziel unsrer Wanderung sein; den Ruckweg nehmen wir durch eine andre Gegend, denn seine Verwaltung erstreckt sich uber mehrere Dorfer und Felder."
Ferdinand hatte viel zu fragen. Hadem mischte in seine Antworten seine Gesinnungen uber das Gluck der Beschranktheit und Einfalt, um dem Geiste des reizbaren Junglings die Richtung zu geben, die er ihm wunschte.
Als sie an das reine, wohlgebauete Dorf kamen, fuhrte Hadem sie gerade nach dem Hause des Kammerrats. Sie traten hinein, und Hadem bemerkte schon in dem Vorhause eine ihn befremdende Veranderung. Er offnete die Tur des Zimmers, worin sonst Kalkheim wohnte, und fand hier alles verandert. Die Wande, die er bei seinen ehemaligen Besuchen mit den verschiednen Werkzeugen des Ackerbaues bemalt sah, waren blendend weiss ubertuncht. Die Schrankchen an diesen Wanden, in welchen der Kammerrat in Flaschen oder unter Glase alle notigen Gesame in systematischer Ordnung aufbehielt, waren abgebrochen; das Bucherbrett im Winkel, alle Geratschaften waren verschwunden, und das ganze Zimmer strotzte von langen Tischen und leeren Banken. Hadem glaubte sich in dem Hause geirrt zu haben und wollte schon umkehren, als ihm aus dem Winkel eine traurige Stimme zurief:
"Nur immer zu, meine Herren!"
Hadem fragte nun nach dem Kammerrat, und der Mann sagte noch klagender:
"Ach, dass Gott erbarme! Er wohnt schon lange nicht mehr hier; aber ich armer, zugrunde gerichteter Mann ein Gastwirt ohne Gaste wohne hier in einem Wirtshause, das Ihr zum erstenmal als Gast betretet!"
HADEM: Ein Wirtshaus?
WIRT: Ja, ja! ein Wirtshaus, so schon als nur eins im Lande sein kann und so unbesucht als eins in dem grossen Teutschland. Haben Sie denn das Schild nicht gesehen, das so prachtig vergoldet uber die Strasse hinuberhangt? Pracht von aussen, Herr, und Elend im Innern. Gras wachst vor meiner Ture, dass der Hirt die Kuhe nicht voruberbringen kann, wenn er hinaustreibt. Haben Sie das nicht bemerkt?
Hadem trat an das Fenster und las die Aufschrift "Zum Verschwender" mit grossen goldnen Buchstaben. Das Schild selbst war mit einem anspielenden Gemalde geziert, das den Geist verriet, der es angegeben hatte. Und nun erfuhr Hadem: der Kammerrat sei von der Kammer abgesetzt worden, man habe das Haus um einiger Schulden willen verkauft und zu einem Wirtshause gemacht. "Aber", setzte der Wirt hinzu, "es ist ein Kauf, der mich zum Bettler macht. Kein Bauer des Dorfs und der Gegend hat noch den Fuss uber meine Schwelle gesetzt. Mit Vergnugen sieht jeder das Gras vor meiner Ture wachsen und sagt laut: ich musste in diesem Hause entweder verhungern oder toll werden. Der Kammerrat, der mich bedauert, ist noch der einzige, der mich zuzeiten besucht; aber selbst sein Beispiel vermag nichts uber die Halsstarrigen, die nie an meinem Hause vorubergehen, ohne einen Fluch in ihren Bart zu murmeln. Und mich recht elend zu machen, spricht keiner ein Wort mit mir, keiner dankt meinem Grusse, in der Kirche muss ich allein sitzen, und selbst die kleinen Kinder laufen schreiend weg, wenn ich sie anreden will. Ich war bei dem Pfarrer, auch der schweigt und seufzt und scheint unzufrieden mit der Kammer."
FERDINAND: Und warum setzte denn die Kammer ihn ab? Was hatte er Boses getan?
WIRT: Boses? Junger Herr, daruber ware vieles zu reden! Die Kammer muss es ja wohl wissen. Ich klage und jammre nun auch umsonst bei ihr.
"Und wo ist denn der Kammerrat?" fragte Hadem besorgt.
WIRT: Dem geht es recht gut! Jetzt wohnt er bei dem Schulzen. Er andert seine Wohnung von Woche zu Woche, und ist er bei den Wohlhabenden eines Dorfes herum, so zieht er auf das nachste, und so immer fort. Da ist es denn ein Larmen, Singen und Schreien, wenn der Sonnabend kommt! Da fuhren ihn Mutter, Kinder und die Alten mit Hund und allem was lebt so freudig und mit solcher Ehrfurcht in die neue Wohnung ein, als ware ein Engel vom Himmel gestiegen, um das Haus reich, glucklich und alles darin gesund zu machen. Hadem eilte nun mit seinen Zoglingen nach dem Hause des Schulzen. Die Hausfrau war in der Kuche beschaftigt, und als man sie nach dem Kammerrat fragte, offnete sie freundlich die Ture. Den Kammerrat fanden sie an dem Bette eines kranken Knaben sitzen, mit der rechten Hand einen Fliegenwedel und mit der linken ein grosses Pflanzenbuch auf dem Arme haltend. Als er die Eintretenden gewahr wurde und Hadem erkannte, bewillkommte er ihn, ohne aufzustehen und ohne sich anders zu entschuldigen, als dass er mit einem Blick auf den kranken Knaben hinzeigte.
Hadem stellte ihm seine Zoglinge vor, druckte ihm die Hand, zog einen Schemel naher und setzte sich bei dem Bette nieder. Der Kammerrat stellte nun sein Krauterbuch zwischen seine Fusse und bewegte leise den Wedel uber dem Angesicht des Kindes.
Hadem erkundigte sich, was dem Kinde fehle, das er so freundlich besorge, und der Kammerrat antwortete: "Ein boser Bube hat ihm einen Stoss gegeben, der uble Folgen haben konnte, wenn das Kind nicht so artig und geduldig litte, was wir zu seiner Heilung tun. Ich suche nun noch kraftigere Krauter zu Bahungen aus denn, unter uns gesagt, ich lege mich seit einiger Zeit auf die Krauter- und Heilkunde, um doch dem guten Volke durch etwas nutzlich sein zu konnen. Sie mussen mich aber ja nicht verraten, Herr Hadem, und auch Ihre junge Herren nicht. Erfuhren es die Apotheker und der Landphysikus, so wurden sie gewiss schreien, ich schade ihnen."
HADEM: Sollten sie?
KAMMERRAT: Ich habe es ja erfahren, dass man nicht behutsam genug gegen Leute sein kann, die der Eigennutz zu einem Korper verbindet. Ich war es nicht genug, Herr Hadem; wenigstens sagen sie so. Aber was soll ich tun? Wie Sie sehen, werde ich den Fehler wohl behalten.
Hadem druckte ihm noch warmer die Hand, und Ernst trat naher.
HADEM: Wir sind in Ihrem Hause gewesen, lieber Kammerrat.
KAMMERRAT lachelnd: Und haben mich dort nicht gefunden, weil es mein Haus nicht mehr ist. Aber doch haben Sie mein Portrat auf dem grossen Schilde gesehen. Wenigstens soll es mich vorstellen, getroffen oder nicht.
HADEM: Sie?
KAMMERRAT: Sagen Sie, ist es nicht eine Torheit von der Kammer, dem armen Manne mit aller der Vergoldung und narrischen Pracht so viele Kosten zu verursachen? Wenn die Kammer sich einen Spass machen wollte, so hatte sie doch okonomischer dabei verfahren mussen. Dafur heisst sie die Kammer, und das hatte sie auch hier nicht vergessen sollen.
HADEM: Was wir da sahen, lieber Kammerrat, ist nichts anders als ein dauerndes Denkmal Ihrer Tugend und durch seine Bosheit ein noch schandlicherer Beweis von dem Unsinn und der Undankbarkeit der Kammer. Ich ahnde, woher es kommen mag, und Sie wurden mich sehr verbinden, wenn Sie mir sagten, wie es moglich war, wie das geschehen konnte, was ich von dem jetzigen Bewohner Ihres Hauses erfahren habe.
KAMMERRAT: Der arme Mann dauert mich; ich musste die unschuldige Ursache zu seinem Elende sein.
HADEM: Wollten Sie uns erzahlen
KAMMERRAT: Ich rede so ungern davon.
HADEM: Nun, so kurz, als es die Bosheit verdient; wir lernen dann von Ihnen sie zu vergessen.
KAMMERRAT: Nur auf diese Bedingung. Nun, lieber alter Freund, die Kammer sagt, der Kammerrat Kalkheim sei ein Narr; und daran mag wohl etwas sein. Aber das weiss die Kammer nicht, dass ich immer ein sehr glucklicher Narr war und es noch bin. Ich habe fur die Bewohner der hiesigen Gegend allerlei getan, und die Leute wussten mir es Dank. Sie werden wohl gesehen haben, wie es mit ihren Feldern, Hausern, Scheunen und Stallen steht; das nun machte mir so viele Freude, dass ich gar nicht daran denken konnte, es mache andern Leuten Kummer. Auch dachte ich so wenig daran, was es mir etwa kostete, dass ich mir gar nicht einfallen liess, die furstliche Kammer, die doch dabei gewann, wurde mir es verargen. Aber sie sagen, ich sei nicht klug, verdurbe die hiesigen Bauern, die unter andrer Leute Aufsicht standen, und machte sie unzufrieden, weil die, unter deren Aufsicht sie standen, gescheitere Manner waren und man sie nicht darum als Kammerrate uber die Bauern gesetzt hatte, um solche Narren wie ich zu sein. Sie sagen, ein Strich Landes musse nach eben der Regel behandelt werden wie der andere und der Kammerrat, welcher von dieser Regel abweiche, schade denen, die bei dieser Regel blieben. Ja, ein solcher Kammerrat schade am Ende dem Fursten selbst; denn der Furst konne doch unmoglich so verfahren wie der Kammerrat, der von der Regel abweiche, wenn er Furst bleiben wolle. Man musse sich wohl huten, sagen sie, die Anspruche der Bauern uber die Gebuhr zu reizen, weil es sonst kein Ende damit nehme, und das Allerklugste wie das Beste sei, alles bei dem alten zu lassen. Dies kann nun so wahr als klug sein; mir tut es nur leid, dass es so ist. Und sehen Sie nur, wie sich alles sonderbar fugen und schicken muss. Vor einiger Zeit brannten in einem der benachbarten Dorfer einige Hauser mit Habe, Fahrt und der eingefuhrten Ernte ab. Das Elend war gross, und ich wusste, wie langsam alles bei der Kammer vermoge dieser Regel geht. Ich wich also, mit gutem Gewissen, meinte ich, ein wenig von dieser Regel ab, nahm von meinem Eignen, was ich zusammenbringen konnte, und lieh das Fehlende aus der furstlichen Kasse; denn sehen Sie nur, zehn Monate hatte ich schon von meinem Gehalt verdient, zwei Monate hatten bis zur Zahlung noch zu laufen. So borgte ich demnach nur, was ich schon abverdient hatte. Wie dieses die Kammer erfahren hat, das weiss ich nicht. Man kam auf einmal, untersuchte die Kasse vor der gewohnlichen Zeit, und als man sie eroffnete, sagte ich den Herren, was und warum ich es getan. Man erschrak gewaltig, bedauerte hochlich den besondern Vorfall, wollte gehorigen Orts melden, und ich erhielt nicht lange hierauf meinen Abschied wegen des gefahrlichen Beispiels, das ich gegeben. Der Abschied enthielt noch allerlei sonderbare Vorwurfe, Vorwurfe, Herr Hadem, die ich gar nicht vermuten konnte. Aber man erfahrt allerlei in dieser Welt, wenn man nicht so klug ist wie die Herren. Es meldeten sich noch einige Schuldner, und so verkaufte man geschwind mein Haus mit dem Gartchen und machte den Mann, der jetzt darin wohnt, zum Bettler. Ich kann ihm nicht helfen, so viele Muhe ich mir auch gebe; denn die Bauern sind so eigensinnig, so aufgebracht und, denken Sie, der arme Mann kann nicht einmal das Gartchen nutzen was soll er mit den Krautern und Gesame machen, das ich dort gepflanzt habe, das Ihnen so viel Freude machte! Alles fault, lieber Herr Hadem!
Einen Augenblick, ich muss doch der guten Schulzin sagen, dass sie etwas mehr zum Mittag anrichte, die jungen Herren werden Hunger haben. Der Schulze wird nun bald nach Hause kommen. Denken Sie nur, der eigensinnige Mann wollte den Branntwein zu den Umschlagen nicht bei dem Wirte "Zum Verschwender" kaufen, so sehr es auch not tat; er lief lieber nach dem Stadtchen. Er gab Hadem den Fliegenwedel und ging hinaus.
Hadem setzte sich vor das Bett und blickte nach seinen Zoglingen. Ferdinand bat um den Fliegenwedel. Ernst sah unverwandt nach der Ture, und als der Kammerrat wieder hereintrat, ging er ihm entgegen, begleitete ihn bis zu seinem Schemel und setzte ihn zurecht, als Hadem aufstand. Der Kammerrat sagte: "Alles ist bestellt. Mir ist es sehr lieb, Herr Hadem, dass ich einmal der hauslichen Sorgen los bin. Ich konnte nie mit dem Gesinde zurecht kommen, weil ich das Zanken nicht verstehe; und recht zu zanken ist eine grossre Kunst, als Sie wohl glauben. Man muss nach dem Sinne eines jeden zu zanken wissen, wenn es wirken soll. Nun habe ich mehr Hauser als unser guter Furst und nicht die geringste Sorge dabei. Darum sage ich eben: wenn die Kammer recht hat, dass ich ein Narr bin, so bin ich ein sehr glucklicher Narr!"
Ernst ergriff seine Hand: "O Gott! lass mich es so werden!"
Hadem sah Ernsten geruhrt an. Ferdinand bewegte den Fliegenwedel starker. Der Kammerrat lachelte und sagte zu Ferdinand: "Sie machten es recht gut, wenn es ein wenig langsamer ginge. Ich will indessen die Krauter dort pflucken!" Ernst half ihm, und Hadem unterhielt sich mit dem Kinde, das ihm erzahlte, was es von dem Kammerrat gelernt habe.
Der Schulze kam nach Hause. Man setzte sich zu Tische, und die Zeit verflog unter Gesprachen uber das Leben des Landmanns. Der Kammerrat legte zuzeiten die Umschlage auf, und Hadems Zoglinge gingen ihm zur Seite, wohin er sich wendete. Er begleitete die Ruckkehrenden: der Abschied ward wie von Freunden genommen, und Ernst pfluckte beim Heimwandeln in den bluhenden Feldern einen Kranz von Feldblumen und Ahren, den er sehr fest und sorgfaltig zusammenfugte und dann am Arme trug. Er bestimmte ihn im Geiste zur Zierde seiner gewahlten Blende in der Hohle; da sollte er als ein Denkmal des Mannes hangen, der dieses Paradies geschaffen hatte und dessen Tugend und Gute so rein waren.
6.
Beim Abendtische erzahlten die Junglinge dem Oheim, wie angenehm sie diesen Tag auf dem Lande zugebracht hatten. Der Oheim liess sich erzahlen und sah wahrend der Erzahlung verdriesslich auf Hadem. Als aber Ernst uber den Undank und die Ungerechtigkeit klagte, die man gegen den Kammerrat ausgeubt, und von diesem Manne in dem Gefuhle sprach, in welchem er ihn ansah, endlich gar seinen Oheim dringend bat, sich fur ihn zu verwenden, sagte der Prasident in einem rauhern Tone, als er bisher noch getan hatte:
"Herr Hadem, wissen Sie wohl, dass ich Prasident dieser Kammer bin? dass ich des Toren Abschied unterschrieben habe? dass ihm widerfahren ist, was er mehr als verdient hat? Soll mein Neffe etwa von Ihnen lernen, sein Oheim sei ein ungerechter Mann? Und was soll das heissen, dass Sie die jungen Leute zu einem Toren fuhren, dessen Beispiel, Narrheit und Spiegelfechterei so verderbend als ansteckend fur sie sind? Zu einem Phantasten, der die furstliche Kasse mit der Rechten bestiehlt, um mit der Linken, wie Hans Eulenspiegel, Almosen zu spenden! Ich mag mich jetzt nicht weiter uber diese Sache herauslassen und sage Ihnen nur so viel, dass dieses nicht die Leute sind, zu denen ein Hofmeister die ihm anvertraueten jungen Edelleute fuhren muss, da sich in der Residenz und vorzuglich in meinem Hause bessere, anstandigere und nutzlichere Bekanntschaften fur sie machen lassen."
Hadem antwortete kalt und trocken:
"Den Schaden, Eure Exzellenz, der durch diesen Besuch diesen jungen Edelleuten widerfahren sein mag, habe ich gegen Herrn von Falkenburg zu verantworten."
"Sie vergessen, mein Herr, dass ich nun seine Stelle vertrete!" sagte der Prasident mit Unwillen.
Hadem erwiderte: "Das weitere nach der Tafel, Herr Prasident!" Ernst trat bittend zu seinem Oheim, ergriff sanft seine Hand und kusste sie. "Sie irren sich, lieber Oheim; dieser Besuch ist uns sehr nutzlich gewesen. Verzeihen Sie mir meine Zudringlichkeit; und sollten Sie mir dieselbe auch nicht verzeihen, so muss ich doch noch einmal fur den Kammerrat bitten, dem so viel Unrecht geschehen ist. Gewiss hat man Ihnen in Ansehung seiner nicht die Wahrheit gesagt; er hat Feinde, der gute Mann. Horen Sie die Wahrheit von mir!"
PRASIDENT: Ich weiss sie recht gut, lieber Neffe, die Wahrheit, und weiss auch, dass dieser Tor keinen grossern Feind hat als sich selbst. Vernimm nun mein letztes Wort uber diesen mir jetzt noch gehassigern Punkt. Lass dir dasselbe als ein Edelmann, der einst tatig in der Welt auftreten muss, von einem erfahrnen Geschaftsmann gesagt und unvergesslich sein. Jeder Staat, er sei gross oder klein, besteht durch ein Ding, an das alles gefesselt ist und gefesselt bleiben muss, das alles durch feste, unabanderliche Ordnung in Abhangigkeit von sich halt. Dieses Ding, Ernst, heisst System, und nach ihm muss sich ein jeder von uns bequemen, er sei und heisse wie er wolle. Es ist unser aller gewaltiger Herr und Herrscher. Der Furst selbst muss sich ihm unterwerfen und gleicht dadurch dem Gott der alten Fabel, der zwar alles beherrscht, aber von dem ewigen Schicksal, vor ihm selbst geboren, abhangt. Sieh, ich kann auch in Bildern reden und beweise dir nun, dass ich die Bucher gelesen habe, die dich zu erhitzen scheinen. Er blickte nach Hadem und fuhr fort. Jeder kuhne Vernunftler nun oder jeder heisse Schwarmer, der durch anmassende Zurechtweisungen, unregelmassige Eingriffe den festen Gang dieses kalten, unbiegsamen, notwendigen Wesens, das alles zermalmet, was sich ihm entgegenstellt, und das die Menschen zu ihrer eignen Erhaltung als Herrscher uber sich erschaffen mussten, zu storen wagt, zerstosst sein leeres oder feuriges Gehirn an diesem in Erz gepanzerten Riesen. Ich habe bemerkt, dass die Metapher deine Lieblingsfigur geworden ist; so wirst du mich ja um so leichter verstehen.
Hadem sass da, als fuhren verzehrende Blitze aus dem Munde des Redenden. Er sah durch einige Atemzuge des gereizten kalten Mannes sein ganzes Gebaude erschuttert, die Bluten seiner Hoffnung von einer giftigen Luft in dem Augenblick angehaucht, da sie eben aus der Knospe dringen wollte.
Ernst stand da, als habe sein Oheim durch einen Zauberspruch die Sonne verfinstert und ihn mitten in den Kreis scheusslicher, der Finsternis entsprungener Gespenster gestellt.
Hadem wollte reden. Der Prasident hob die Tafel auf und trat mit ihm in ein Seitenzimmer. Er sprach:
"Es scheint nicht, Herr Hadem, dass Ihnen das sehr gefalle, was ich soeben notgedrungen sagen musste. Ich glaube es gerne; denn ihr Herren, die ihr auf eurer Studierstube die Menschen und ihr Wesen nur aus Buchern kennenlernt, tragt gar zu gern eure abgezogenen Begriffe in die Welt uber, in welcher ihr immer Fremdlinge seid und bleibt. Ich dachte wohl, dass Sie so etwas diesem Ahnliches vorbringen wurden; darum endigte ich das Gesprach im Speisesaal. Glauben Sie mir, Herr Hadem, nichts ist jungen Leuten von lebhaften Gefuhlen nachteiliger, als wenn man ihre Erwartungen von den Menschen und ihrem Wert uber die Grenzen der Wirklichkeit treibt. Denn entweder sieht der junge Mann ein, dass man ihm zu viel gesagt hat, und wirft plotzlich alles als Luge weg, wird ein schlechter Kerl; oder, hat er Kraft und Stolz, so wird er am Ende ein missmutiger, melancholischer Tropf, sich und andern zur Last. Darum frage ich Sie nun als ein Mann, der beides hasst: was denken Sie eigentlich in meinem Neffen zu erziehen?"
HADEM: Und so antworte ich Ihnen als ein Mann, der auch beides hasst. Wenn es mir gluckt, wie ich zu hoffen Grund habe, wenn Ausserungen, wie ich soeben vor der Zeit vernehmen musste, mich nicht in meinen schonen Hoffnungen betriegen ...
Der Prasident ward finster-ernsthaft.
Hadem fuhr fort: "Warum sollt ich Ihnen nicht sagen, dass Bemerkungen, Bilder uber die Gesellschaft, der wir einst beitreten sollen, so furchterlich und ohne alle Vorbereitung aufgestellt, wie Sie es eben taten, nur dann von uns ertragen und richtig beurteilt werden konnen, wenn unser Herz schon so weit ausgebildet, schon seiner so machtig geworden und mit der Vernunft in eine so richtige Ubereinstimmung gebracht ist, dass es unsre eigennutzigen Leidenschaften, unsre selbstigen Triebe und Begierden, die aus dergleichen auf sogenannte Erfahrung gegrundeten Satzen entspringen, meistern kann? Leicht nimmt der Mensch die Stelle des Ganzen ein und sieht es gerne fur einen Gegenstand an, mit dem der am besten auskommt, der ihn am klugsten zu seinem Vorteil zu benutzen weiss. Ich denke Ernsten und seinen Freund so hoch zu stellen, dass sie nie im Schlamm des Eigennutzes versinken konnen; und darum mussen die Flugel, die sie uber diesem Pfuhl emporhalten sollen, aus ihrem eignen Herzen wachsen. Hier haben Sie meine Antwort auf Ihre Frage und den ganzen Sinn meines Erziehungsplans."
PRASIDENT: Und nochmals frage ich: was wollen Sie in meinem Neffen erziehen?
HADEM: Einen Menschen.
PRASIDENT: Einen Menschen!
HADEM: Und zwar in dem Sinne, weil Sie doch die Bedeutung von mir horen wollen, dass er es nicht fur sich allein sei, dass er es fur jeden sei, es fur sich selbst, in jeder Lage des Lebens, er sei glucklich oder unglucklich, reich oder arm, verbleibe; dass er jeden Schlag des Schicksals, der Bosheit der Menschen ertragen lerne und keinem unterliege, dass er keinen grossern Sieg kenne als den Sieg uber sich und seine eigennutzigen Leidenschaften, uber das Bose und Unrecht anderer. Einen Menschen hoffe ich in ihm zu erziehen, der eine stille, gute Tat der grossten und rauschendsten vorziehe und der den Menschen so durch sich und sein Wirken achten lerne, dass er ihn in keinem, auch in dem Geringsten nicht, verachte, der fest glauben lerne und nie vergesse, dass es nur Leute der Art sind, wozu ich ihn bilden mochte und wozu er so vielversprechende Anlagen hat, die das gepanzerte Gespenst, das Sie so furchterlich schreckend auftreten liessen, noch so im Zaume halten, dass es die Menschen, die es, wie Sie selbst sagen, nur um ihrer Erhaltung willen geschaffen haben, nicht unter seinem ehernen Fusse zermalmen kann.
PRASIDENT: Ein Stoiker konnte nicht erhabener sprechen! Setzen Sie das Horazische "Er ist Konig!" hinzu, und das Bild des Weisen ist vollendet. Freilich sind dieses gewaltige Machtworter, Herr Hadem; aber ihr zauberischer Glanz verdunkelt sich gar schnell vor dem Zwitterlichte, das uns in diesem Sumpfe, wie es Ihnen das menschliche Leben zu nennen beliebt, noch immer leuchtet. Wir stecken nun einmal darin und mussen es sogar leiden, dass es uns Leute Ihrer Art von ihrer glanzenden Hohe zurufen. Indessen ist leider auch meinem Neffen ein Platz in diesem Sumpfe angewiesen, und er muss einmal darnach erzogen werden, dass er darin nicht versinke. Darum, Herr Hadem, einen Edelmann und keinen Menschen Sie verstehen ja, was ich sagen will.
HADEM: Und so, Ew. Exzellenz, dass jede Antwort uberflussig ware.
Der Prasident wendete ihm verdriesslich den Rukken zu.
7.
Ernst ging wie im Traum auf das Zimmer. Sein innrer Sinn schwankte, und das hohe Gebilde seiner Seele, in jugendlicher Begeistrung errungen, schien hinter fernen dunklen Wolken ausser seinem Gesichtskreise zu schweben. Der Sinn der Worte, die der Prasident gesagt hatte, bildete sich in ein furchtbares, drohendes Wesen um ihn aus; und schon jetzt wurde es sich ihm in dieser Spannung enthullt haben, wenn der Mann, der die Veranlassung dazu gab, nicht aus dem ihn umschattenden Dunkel hervorgetreten ware. Seine reine, einfache Tugend warf einen sanften Lichtstrahl auf den Kranz, den er heute gepfluckt hatte und der jetzt uber seinem Hauptkussen hing. Die Wolken, die seine Gottin verhullten, wurden wieder lichter.
"Ferdinand!" rief er nach langem Schweigen; "du hast gehort, dass ich meinen Oheim umsonst fur den Kammerrat gebeten habe. Der arme, gute Kammerrat! Wie konnte der Oheim mir eine so billige, so kleine, so gerechte Sache abschlagen!"
FERDINAND: Wenn ich deinen Oheim recht verstanden habe, so hat er dir sie eben darum abgeschlagen, weil sie gerecht ist und er unrecht hat. Auch dunkt es mich nach seinen Reden, dass es eben nicht die kleinste und leichtste Sache in der Welt ist, gerecht zu sein. Und um so besser, Ernst! Es ist mir recht lieb, dass es sich so verhalt. Um so mehr konnen die, welche den Mut haben, gerecht zu sein, Lob und Ruhm in der Welt erwerben. Wie, wenn wir nun dem guten Kammerrat trotz dem Oheim zu helfen suchten, helfen konnten!
ERNST: Trotz dem Oheim? Und wie?
FERDINAND: Ich mochte gar zu gerne das ganze Furstentum in einen solchen Garten verwandelt sehen, den Hadem mit allem Rechte ein Paradies nennt. Und wenn ich mich so mitten hineinsetzen konnte, als sein Schopfer
ERNST: Dich? Was traumst du nun wieder von der Zukunft! Ich dachte, du wusstest ein Mittel, dem Kammerrat zu helfen, ihm sein Haus, seinen Garten, seine Stelle wieder zu verschaffen!
FERDINAND: Dies ist es eben, was mich beschaftigt; und darum, Ernst, muss etwas Kuhnes unternommen werden, etwas, das kein Mensch von uns erwartet, so etwas, das deinen klugen Oheim selbst in Erstaunen setzt.
ERNST: Und was?
FERDINAND: Es wird in der ganzen Stadt, am Hofe selbst Aufsehen machen, darauf verlasse dich. Ich dachte es mir schon heute, als ich an dem Bette des kranken Knaben stand, die Fliegen wegjagte und den guten Mann so reden und handeln horte und sah.
ERNST: Schon da dachtest du es? Nun, so muss es gewiss ein guter Einfall sein, da du ihn in diesem Augenblicke gehabt hast. Ich dachte an weiter nichts als wie glucklich er ware, wie er gar nichts zu bedurfen schiene. Aber nun, Ferdinand, da ich meinen Oheim so von ihm reden horte, denke ich ganz anders, und jetzt denke ich auch, dass ihn die Menschen brauchen, dass ihn die brauchen, die an das Wesen, von welchem mein Oheim so angstlich fur mich sprach, gefesselt sind. Er nannte das kalte, ungeheure Ding System; und mich uberlauft ein frostiger Schauder, wenn ich das Wort ihm nachspreche. Ach, ich sehe es wohl, eben dieses furchtbare Wesen hat den guten Kammerrat zermalmet; und herrscht wirklich ein solches Ungeheuer uberall, so furcht ich, Ferdinand, es wird auch mich zermalmen.
FERDINAND: Das wurde es gewiss, wenn wir uns vor ihm furchteten, aber das wollen wir nicht. Wir furchten uns ja nicht vor andern Gespenstern, sondern lachen uber den Wahn, der sie erzeugt. Und mit diesem da, das der Oheim so schrecklich malt, mochte ich am liebsten kampfen.
ERNST: Auch ich konnte es; aber was hast du ersonnen?
FERDINAND: Geradezu an den Fursten zu schreiben, der, wie alle sagen, so gut ist, und ihm die ganze Geschichte des Kammerrats zu erzahlen. Ich wette, er gibt ihm alles zuruck, und dann kann der Kammerrat noch mehr Garten in des Fursten Lande pflanzen.
ERNST ging auf und ab: Und mein Oheim?
FERDINAND: Deinen Oheim hat die Kammer betrogen; wie hatte sonst er, ein so kluger Mann, etwas zum Nachteil der Kammer und des Fursten tun konnen? Hatte er es aber gekonnt, Ernst, so muss einer aus eurer Familie wieder gutmachen, was der andere schlecht gemacht hat, und so die Ehre der Familie retten. Mein Timoleon schonte seines Bruders nicht, als dieser anfing, ungerecht zu sein.
ERNST: Ferdinand, ich will hoffen, mein Oheim hatte keinen Teil daran.
FERDINAND: Und wenn nun? Wir zeigen ihm doch, dass wir uns vor seinem Gespenste so wenig furchten als Hadem, den dessen Hervorrufen nur deshalb zu bekummern schien, weil er ganz anders von der Sache denkt. Und sagt uns Hadem nicht immer, dass man bei guten, gerechten Unternehmungen weder auf sich noch andre Rucksicht nehmen musse? Sollte ich nun etwas unternehmen, so wurde ich eher Hadem als deinen Oheim um Rat fragen; denn mich dunkt, dein Oheim weiss recht gut, was sein Gespenst ihm nutzt, kummert sich aber nicht sehr viel darum, was es andern schadet.
ERNST: So lass uns Hadem um Rat fragen.
FERDINAND: Auf keine Weise. Ich teile den Ruhm der ersten guten Tat, die wir unternehmen wollen, nur mit dir, mit keinem andern, selbst mit Hadem nicht. Nur dir bin ich dieses und alles schuldig, von der Hohle her. Ernst, es muss eine Jugendtat sein und soll sie ihn recht freuen, die Tat, soll er sie als eine Wirkung seiner uns gegebenen Lehren betrachten, so muss sie ohne seine Leitung geschehen. Leicht konnte es ihm auch bei deinem Oheim, der ihn eben nicht zu lieben scheint, Verdruss machen, und da es etwas fur die Gerechtigkeit Gewagtes ist, so mussen wir alle Gefahr allein bestehen.
In Ernstens Seele arbeitete die Vorstellung des Unternehmens machtig. Schon entwarf er im Geiste, was er dem Fursten schreiben wollte. Er wendete sich zu Ferdinand:
"Aber wie dem Fursten den Brief zustellen?"
FERDINAND: Nichts ist leichter. Erinnerst du dich der dunkeln Laube am hellen Teiche, der grunen Insel gegenuber, wo wir ihn jeden Morgen von fern mit einem Buche allein sitzen sehen? Wir legen den Brief auf die Bank und verschwinden. Er kommt, findet, liest; und der Kammerrat erhalt, was wir ihm wunschen.
Die Junglinge kleideten sich aus. Hadem kam; er fand sie ruhig, sah in Ernstens Augen den Duft der schonen Begeistrung und schmeichelte sich mit der Hoffnung, dass die Reden des Oheims ohne gefahrliche Wirkung an ihm vorubergegangen waren.
Im Traume arbeitete der Gedanke in Ernstens Seele fort. Er erwachte sehr fruh und rief Ferdinand. Da dieser von dem gestrigen Vorhaben nichts erwahnte und ganz ruhig im Bette blieb, so sprang Ernst auf, kleidete sich schnell an und schrieb dem Fursten die Geschichte des Kammerrats in eben dem schonen und einfachen Gefuhle, wie sein junges Herz sie gestern empfunden hatte. Er endigte mit den Worten: "Ich furchte durch eine Bitte fur den Kammerrat einen so guten Fursten zu beleidigen, da jede Bitte einen Zweifel an seiner Gute und Gerechtigkeit voraussetzt." Ehe Hadem und Ferdinand aufstanden, war Ernst schon in dem furstlichen Garten gewesen und hatte sein Schreiben an Ort und Stelle gebracht. Auf den Schwingen der ersten guten Tat flog er nach Hause und lispelte die Zeitung davon in das Ohr des noch schlafenden Ferdinands.
Es war der erste Schritt, der erste Gedanke, den er Hadem verheimlichte, und dieser Schritt entschied uber seine Denkungsart, die Stimmung seines Geistes und verdunkelte uber den wichtigsten Punkt seines Lebens sein Gefuhl so sehr, dass er dessen in spatern Zeiten nie mehr so machtig werden konnte, wie er es in seiner schonen, bluhenden Jugend im Busen trug.
8.
Der Prasident ward nach Hofe gerufen, und der Furst gab ihm mit freundlicher Miene den Brief seines Neffen, Er las, beobachtete dabei diese Miene, gab den Brief lachelnd zuruck und erzahlte dann dem Fursten in einem leichten Tone, was abends vorher zwischen ihm und seinem Neffen vorgefallen sei. Zugleich gab er dem Fursten zu verstehen, er glaube, der Hofmeister verwirre dem jungen Menschen den Kopf, bat dann fur den Jugendstreich um Vergebung und versicherte dem Fursten, er wolle alles in der Stille in Ordnung bringen.
Der Furst antwortete:
"Ich habe Ihrem Neffen gar nichts zu vergeben und bin so wenig gegen ihn aufgebracht, dass ich ihn vielmehr zu sehen wunsche. Der Brief ist schon, ruhig und bescheiden abgefasst. Ich erinnere mich von langer Zeit her keines, der mir so viel Vergnugen gemacht hatte. Herz und Verstand sprechen hier, und meine Rate schreiben nie so. Der junge Mensch tat, was ich selbst so gern tue, er will einem nutzlichen Manne helfen, und dazu wahlte er den geradesten Weg. Diese Einfalle kommen unsern jungen Leuten jetzt ebenso selten wie den Alten, und darum muss man ihn so behandeln, dass man ihn nicht abschrecke. Leicht konnten wir hier das Gute zerrutten, das sich mit so vieler Gute, mit so unschuldigem Vertrauen zeigt. Sorgen Sie nur dafur, dass der Kammerrat wieder angestellt werde; denn ich glaube der Erzahlung Ihres Neffen mehr als Ihren Raten. Diese verdrehten aus Liebe zur Ordnung einen Umstand, den der junge Mensch viel richtiger gefasst hat."
Der Prasident ausserte, es sei nie sein Wille gewesen, den wurdigen Kammerrat in Untatigkeit zu lassen. Was geschehen sei, habe ihm selbst sehr leid getan; aber das Sonderbare der Umstande habe ihn dazu gezwungen. Der Posten, den er ihm jetzt bestimme, sei von der Art, dass der Kammerrat in demselben alle seine Eigenheiten ohne Nachteil fur andere ausuben konne; nur bitte er Seine Durchlaucht, ihm noch einige Frist zu geben, damit sein Neffe nicht etwa glauben moge, er habe es durch die Klage bewirkt. Er furchte die Folgen davon nur fur seinen Neffen, da die Welt seinem Benehmen wahrscheinlich eine andere Wendung geben werde, als es die wirklich gute Absicht des Junglings verdiene. Auch wage er es, Seine Durchlaucht zu bitten, seinen Neffen jetzt nicht zu sehen, es konnte zu viel Aufsehen machen, vielleicht gar den Stolz des jungen Menschen reizen; und nichts sei gefahrlicher fur Junglinge von der sonderbaren Geistesstimmung seines Neffen. "Gewiss", setzte er hinzu, "wird niemand in der Residenz, da doch im Grunde die Klage seinen Oheim betrifft, so daruber denken wie Ew. Durchlaucht und ich. Soll ich nun den Jungling dem Unwillen der Welt uber eine Handlung aussetzen, fur die er, wie Sie selbst zu sagen geruhen, Lob verdient?"
Der Furst fand seine Vorstellung billig und weise. Er nahm den Brief aus den Handen des Prasidenten zuruck und ausserte: "Sagen Sie Ihrem Neffen, dass ich diesen Brief als ein mir getanes Gelubde aufbewahren will, dass ich, wenn er ein Mann sein wird, nach diesem Briefe urteilen werde, ob er gehalten hat, was er hier verspricht, wozu er sich durch einen solchen Schritt als Jungling verpflichtet. Sagen Sie ihm, dass ich auf ihn rechne und Ihnen wunsche ich Gluck zu einem solchen Neffen."
9.
Der Prasident spottete in seinem Herzen uber das Benehmen des Fursten bei einer Sache, die ihm so widerlich und emporend vorkam. Gleichwohl war er mit der Wendung sehr zufrieden, die sie genommen hatte. Mit ganz andern Empfindungen kehrte er nach Hause zuruck. Die Handlung seines Neffen malte sich mit den schwarzesten Farben vor seinen Augen. Er betrachtete sie als ein Verbrechen gegen seinen nachsten Verwandten und ihn selbst als einen gefahrlichen Aufruhrer gegen die Gerechtigkeit, die er nach Gesetze und Recht gegen einen schadlichen Toren ausgeubt zu haben glaubte. Die ganze Tat kam ihm durch diese Vorstellung so frech und unerhort vor, dass sein ganzer Hass auf den Neffen gefallen sein wurde, wenn der starkere Hass gegen Hadem nicht in diesem Augenblick auf diesen, als den Urheber der ihm so widrigen Tat, gezeigt hatte. Hadem missfiel ihm von dem ersten Augenblick an, da er ihn sah; er war nun froh, ihn schuldig zu finden, und seinen Neffen, den er als Sohn seiner Schwester und dadurch als einen zu seiner Familie Gehorigen zu lieben glaubte, entschuldigen zu konnen. Er liess sogleich Hadem rufen und fragte ihn mit spottelnder, verachtungsvoller Kalte:
"Herr Hadem, wollen Sie einen Don Quichotte in meinem Neffen auferziehen, der sich mit der Welt fur die Dame Gerechtigkeit auf Leben und Tod herumschlage, um seine Tage endlich im Tollhause oder auf einem Dorfe zuzubringen wie der Held, um dessentwillen er den dummen Streich gemacht hat?"
HADEM: Ich verstehe Ew. Exzellenz nicht.
PRASIDENT: Verstellen Sie sich nur! Wenigstens soll es Ihnen hier an Zeit fehlen, auch diese Kunst meinen torichten Neffen zu lehren.
HADEM: Wie sollte ich zu dieser Kunst kommen? wie ihrer bedurfen? Prasidiere ich doch weder am Hofe noch in einem Departement! Sie scheinen eine Klage gegen mich zu haben; warum bringen Sie diese nicht ebenso gerade und bieder vor als ich sie, wie Ew. Exzellenz wohl sehen, erwarte?
PRASIDENT: So horen Sie denn, biedrer, ehrlicher Mann! Ich habe soeben in den Handen des Fursten einen Brief meines Neffen gesehen. In diesem Brief klagt mein Neffe uber die Ungerechtigkeit, welche die Kammer, deren Prasident ich bin, wie Sie und er wissen, gegen den Narren von Kammerrat begangen haben soll. Herr Hadem, glaubte ich, dass mein Neffe diesen Brief aus eignem Antrieb geschrieben hatte, ich wurde ihn zur Stelle aus dem Hause stossen, in welchem er Blutsverwandtschaft und Gastrecht so schandlich beleidigt und gebrochen hat. Aber es ist Ihr Werk; meine gestrige vernunftige Vorstellung hat Sie beleidigt, und um sich zu rachen, haben Sie den jungen Phantasten gegen seinen nachsten Verwandten emport haben ihn selbst dem Fursten auf immer lacherlich gemacht. Ich denke doch, Sie wissen, was fur Folgen dieses fur ihn haben muss. Erfahrt es nun die Stadt, so muss er ein Gegenstand des allgemeinen Hasses und Absehens werden. Und noch einmal bei Gott! konnte ich glauben, die Bosheit kame von ihm her, ich wurde ihn den Augenblick aus dem Hause jagen ihn wegschleudern wie ein giftiges Ungeziefer die ganze Verwandtschaft vor dem jungen Ungeheuer warnen, das schon so fruh den Busen derer verwundet, mit denen es durch das Blut verwandt ist.
Kaum fasste Hadem den ganzen Sinn der Worte des Prasidenten, als er alle die Folgen dieses unuberlegten Schrittes fur sich und seinen geliebten Zogling einsah. Er begriff die Tat, ihren reinen Bewegungsgrund in dem Herzen des Junglings, und schmerzlich drangen die Worte des Prasidenten, er habe sich bei dem Fursten lacherlich gemacht, er musse ein Gegenstand des Abscheus werden, in seine Seele. Dieser Schmerz wurde aber bald durch ein noch peinlicheres Gefuhl verdrangt. Wenn er erklarte und bewiese, dass er von dem ganzen Vorfall nichts wusste, so wurde der edle Jungling, beladen mit dem Hasse seines Oheims, aller seiner Verwandten, vielleicht selbst seines Vaters, dastehen; und wie musste dieser Hass auf sein fuhlbares Herz, seinen hochgestimmten Geist wirken! wie ganz seine Denkungsart verkehren, vergiften und alles getraumte Gluck vernichten! Sollte er ihn aus dem Hause seines Oheims stossen lassen? sich mit ihm? wie ein mit ihm von seinem nachsten Verwandten Verstossner und Verbannter zu dem Vater wandern?
In dieser Angst fur den von ihm so unaussprechlich geliebten Jungling sah er fur ihn keine andere Rettung als die Schuld allein auf sich zu nehmen, alle Vorwurfe des Oheims, ohne Entschuldigung, ohne ihn weiter zu reizen, als verdient geduldig und bescheiden anzuhoren. Er schwieg und sah ihn mit den Blicken eines Mannes an, der sich zum Besten eines andern vergisst, dessen Gluck er seinem eignen vorzieht.
Der Prasident sah sein Schweigen als ein Gestandnis an und sagte:
"Ihr schweigendes, demutiges Gestandnis sohnt mich wieder mit meinem Neffen aus, und ich bin so erfreut daruber, dass ich Ihrem eignen Gewissen die Vorwurfe uberlasse, die ich Ihnen zu machen so sehr berechtigt ware. Ich ziehe einen Schleier uber das Geschehene, weil ich die ganze Geschichte zur Ehre meines Hauses, der Familie und zum Vorteil meines Neffen unterdrucken will. Sie konnen nur dadurch einen Teil des von Ihnen veranlassten Ubels wiedergutmachen, dass Sie mir hierin behulflich sind. Ernst soll von allem nichts erfahren, er soll nicht wissen, wie der Furst uber seine Torheit denkt. Den Grund davon werden Sie, hoffe ich, begreifen. Sie verlassen in einigen Stunden mein Haus; ich sorge dafur, dass alles zu Ihrer Abreise fertig ist. Sie versprechen mir jetzt, mit meinem Neffen nicht uber das Geschehene zu reden und ihm zu verschweigen, dass Sie ihn verlassen, warum Sie ihn verlassen. Ich werde ihm dieses auf eine Art ankundigen, die ihn gewiss befriedigen wird. Und ferner geben Sie mir Ihr Wort, an meinen Neffen nicht zu schreiben; wir haben schon an dieser Probe genug."
Der Gedanke an die plotzliche Trennung von seinem geliebten Zogling, die Furcht vor den Folgen dieser unvorbereiteten Trennung fur denselben erschutterten Hadems mannlichen Mut. Die Tranen brachen aus seinen Augen hervor, er wankte gegen einen Stuhl hin, um sich daran zu stutzen.
Der Prasident, welcher seine Empfindungen falsch deutete, klopfte ihm leise auf die Schulter und sagte kalt:
"Ich wunsche von Herzen, dass dieses die letzte Torheit sei, die Sie zu beweinen haben mogen."
Hadems Tranen erstarrten in seinen Augen, er sah den Mann mit einem Blick an, den dieser nicht ertragen konnte.
"Sie geben mir Ihr Wort?" fragte der Prasident abgewendet.
HADEM: Ja, ich gebe es Ihnen; es ist zugleich das letzte, das Sie von mir horen sollen. Vergessen Sie nur nicht, Herr Prasident, dass in dem Jungling, den Sie einen Phantasten nennen, ein Mann keimt, fur den Sie weder in Ihrem Herzen noch in Ihrem Geiste einen Massstab haben. Huten Sie sich deshalb, da nach Ihrer Art modeln und kunsteln zu wollen, wo die Natur so kraftig und schon gebildet hat!
Er ging nach dem furstlichen Garten, um sich zu sammeln. Unter dem tiefen Schmerz des Abschieds von dem liebenswurdigen Jungling, in welchem er alle seine schonen Traume von edler Menschheit nach und nach lebend aufbluhen zu sehen hoffte, trostete ihn jetzt nur der einzige Gedanke, dass er durch sein Benehmen die Harte des Schlages fur ihn gemildert habe. Der gestrige Tag, die Veranlassung zu dem Besuche bei dem Kammerrat, der alle die Ereignisse erzeugt hatte, drangen auf ihn ein; er sah sich von allem als die Ursache an. Obgleich der Bewegungsgrund seiner Handlung und seiner Reden so rein war, so sah er doch jetzt mit trubem, traurigem Blicke zum Himmel auf, und seinen bebenden Lippen entfielen die Worte:
"Sieh das Schicksal eines von deinen edelsten Geschopfen durch Zufalle herbeigeleitet, die ich veranlasste, weil ich ganz andere Folgen davon erwartete! Gehort der unvermutete, fur mich so peinliche Schlag zu meiner, zu des Junglings Prufung? Musste ihn darum eine so rauhe Hand aus dem sussen Traume aufschrecken, aus welchem ich ihn ohne Erschutterung zu erwecken hoffte? Ich hatte sein Erwachen vorbereitet, und mitten in dieser Welt sollte er so leise und sanft erwachen, wie der Saugling an dem Busen der sorgfaltig wachenden Mutter. Gleich ihm sollte er wissen, wohin er sein Haupt legen konnte. Ganz sollte er erst fuhlen, wie und wozu du den Menschen gebildet hast, eh er erfuhre, was der Mensch aus sich gemacht hat! Ich kann es nun nicht mehr. Erhalte du ihm die Denkungsart, die ich so sorgfaltig gewartet habe; entferne den finstern Eindruck dieser Ereignisse von seinem reinen Geiste und lass die Worte der Beschworer von seinem guten Herzen abgleiten. Gib ihm einen guten Fuhrer, der seine Seele nicht mit Tand, Wahn und Gaukeleien vergifte. Bewahre das Heiligtum seines Herzens, in welchem sich die Schopfung, dein erhabenes Werk, so schon und treu abspiegelt. Lass mich ihn einst wiederfinden, wie du mir ihn gabst!"
Hadem kam spat nach Tische zuruck. Seine Zoglinge, gespannt durch die Erwartung des Ausgangs von ihrem Unternehmen und beunruhigt uber die ungewohnliche, lange Abwesenheit ihres Lehrers, sprangen ihm entgegen, als sie ihn die Treppe heraufkommen horten, und fuhrten ihn in ihr Zimmer. Er trat bis in die Mitte desselben, sah Ernsten mit seiner gewohnlichen Freundlichkeit an und sagte:
"Lieber Ernst, vergessen Sie nicht, was ich Ihnen in diesem Augenblick und viel fruher sagen muss, als es mein Vorsatz war.
Auch das, Geliebten, was den Menschen allein gut, gross und erhaben macht, was seinen Ursprung von dem allein beweist, mit welchem er durch seinen unsterblichen Geist verbunden ist auch die Tugend hat auf Erden und unter den Menschen ihr Mass und ihre Regel auch sie vertragt, zum Besten derer, fur die sie ausgeubt wird, wie zum Besten derer, die sie ausuben, keine Ubertreibung. Das Herz "
Er wollte seine Empfindungen und Gedanken weiterentwickeln, als der Prasident hereintrat:
"Sie haben mir nur halb Wort gehalten, Herr Hadem; aber da es das erste gescheite Wort ist, das Sie den jungen Leuten gesagt haben, so mag es darum sein. Das letzte ist es gewiss."
HADEM: So lassen Sie mich denn in Ihrer Gegenwart den Abschiedskuss von meinen Zoglingen nehmen und verantworten Sie die Folgen vor dem, der diesen Geist so erschaffen hat, wie ich ihn kenne. Zu den Junglingen. Die Notwendigkeit gebietet hier; lernen Sie von mir ihr Joch tragen.
Er druckte Ferdinanden und dann Ernsten an sein Herz. Ferdinand schrie laut und heftig. "Was ist das? Verlassen Sie uns?"
Ernst sah, mit der Aschfarbe des Todes bedeckt, auf Hadem, auf den Prasidenten und stammelte seinem Freunde nach: "Verlassen!"
Hadem bedeckte seine Augen und eilte davon.
PRASIDENT: Es tut mir leid, lieber Neffe; aber es kann nicht anders sein. Der verraterische, schandliche Brief, den er dem Fursten geschrieben hat oder durch dich schreiben liess, veranlasst seine Entfernung. Er kann von Gluck sagen, dass der Furst mich rufen liess und mir die Sache anvertraute; ohne meine Bitten und Vorstellungen ware er fur die Tat bestraft worden, wie er es verdiente.
ERNST: Er gestraft? Er den Brief geschrieben? Er hat ja nicht das mindeste davon gewusst! Ich, ich habe den Brief erdacht und geschrieben, als er und Ferdinand noch schliefen, und ihn in dem Garten des Fursten auf seine Ruhebank gelegt, ehe Hadem noch aufgestanden war.
PRASIDENT: Neffe, ich sage, er hat ihn geschrieben!
ERNST: Er hat ihn nicht geschrieben; er weiss kein Wort davon. Ist es eine Torheit, um so schlimmer fur den Fursten; aber ich allein beging sie.
Der Prasident stampfte zornig mit dem Fusse auf den Boden und rief:
"Neffe, bei meinem Gott! er muss den Brief geschrieben haben!"
ERNST: Kennen Sie Ihren Neffen als Lugner?
PRASIDENT: Er gestand es selbst.
Sobald Ernst diese Worte vernahm, sprang er nach der Ture. Der Prasident trat vor ihn:
"Umsonst, du siehst den Pedanten nicht wieder; er hat seinen Abschied, und ich kam, es dir anzukundigen."
ERNST: Seinen Abschied? Oheim! seinen Abschied von mir? Mit starrer Kalte. Herr Oheim, geben Sie ihm seinen Abschied nicht jetzt nicht oh, nur jetzt nicht!
PRASIDENT: Es ist nicht zu andern. Aber warum nur jetzt nicht? Hast du ihn noch zu einem solchen Geschafte notig?
ERNST: O ja; ich habe ihn zu einem sehr wichtigen Geschafte notig. Tun Sie es nur jetzt nicht! nur jetzt nicht! Es wird Sie gewiss reuen denn ich glaube, es wird mich sehr unglucklich machen jetzt, in diesem Augenblick, wird es mich mehr als unglucklich machen!
Es lag etwas Erschutterndes, unbeschreiblich Ruhrendes in dem sanften ernsten Tone, den zitternden Bewegungen der Lippen, dem schuchternen Umherblicken der Augen und der ganzen Stellung des Junglings. Er setzte selbst den Prasidenten in besorgtes Erstaunen. Ferdinands Tranen und Schluchzen nahmen mit jedem Blicke, jedem Worte von Ernsten zu. Er rief: "Ernst, wir sind verloren!"
PRASIDENT: Schweige du! Sanft zu Ernsten. Und was ist es denn, das eben jetzt von so vieler Bedeutung fur dich ist?
ERNST: Oh, er hat mein Herz mitten entzwei geschnitten er hat vor meine lichte Seele einen schwarzen Vorhang gezogen. Lassen Sie ihn schnell zuruckkehren, dass er mein Herz wieder erganze, meiner Seele wieder das Licht gebe, das er um sie her erschuf.
PRASIDENT: Du schwarmst und traumst gleich einem faselnden Phantasten.
ERNST: Ja, freilich traume ich jetzt; aber so zu traumen ist furchterlich so zu schlafen ist angstlich. Lassen Sie Hadem schnell zuruckkehren, dass er mich aufwecke! dass ich ja erwache, Oheim, dass ich ja nicht lange so traume! Oheim, er hat die erhabne Gottin gelastert, die mich leitet; und er soll, er muss mir sagen, warum er sie gelastert hat.
PRASIDENT: Welche Gottin?
ERNST: Kennen Sie denn diese Gottin nicht? Sie horten ja, wie er sie lasterte! Oheim, er hat auch Sie gelastert, alle Menschen; denn seine letzte Rede ist eine Satire, eine Schmahung auf das ganze Menschengeschlecht. Er sagte: die Tugend habe auf Erden ihr Mass und ihre Regel, vertrage keine Ubertreibung. Sie, die ich mir denke als das ganze Menschengeschlecht in einem Kreise umfassend, der von dem Throne dessen ausgeht, der es erschaffen hat, sie, die es erhalt, allein emporhebt uber diese Erde, sie, diese Himmlische, Unendliche, musste beschrankt und vorsichtig ausgeubt werden? nach Mass? nach Regeln? Die Menschen vertrugen sie nicht in ihrer ganzen Kraft? Und ihr ganzes volles Dasein in meiner Brust was ist denn das? Und was ist sie, wenn sie allen Menschen nicht so naturlich und willkommen ist wie mir! Darf sie auf Erden nicht in ihrem vollen Glanze erscheinen, nur stuckweise, nur behutsam, wie ein Gast an einer Tafel, den man nicht eingeladen hat? Oder ist das Wesen der Menschen auf Erden so eingerichtet, dass ihre Gegenwart sich nicht damit vertragt? Grundet sich das Wesen und Tun des Menschen nicht auf sie? O gewiss, Oheim, ist das gepanzerte Gespenst, von dem Sie gestern so abschrekkend fur mich sprachen, ihr Feind Und wenn dieses ist Oheim wenn dieses ist so sagen Sie mir geschwind: warum ist es so? warum sind die Menschen da? warum bin ich da? Sie schweigen! Lassen Sie Hadem zuruckkehren, dass er mich belehre, meinen Zweifel beruhige, meine Gottin versohne! Soll ich ihm durch das Fenster, uber Berge, durch Flusse folgen? Fort! nach meinen Bergen, meinen Talern, meinem Eichenwalde, in meine dustre Hohle! Dort werde ich ihn und meine Gottin wiederfinden, dort erschien sie mir, dort ist ihr ungestorter Aufenthalt.
Die Empfindungen, die Gedanken des Junglings, mit dieser Kraft, dieser Begeistrung ausgesprochen, verwirrten den Prasidenten immer mehr, und die Bewundrung des Neuen, Unerwarteten fesselte einige Augenblicke seine Zunge. Er fasste sich, so viel er konnte:
"Jetzt erst beweisest du mir recht klar, wie notwendig die Entfernung dieses Mannes von dir ist. Beruhige dich! Du kannst den Sinn der einzigen wahren und klugen Worte, die er gesprochen hat, jetzt nicht begreifen; wenn du mehr bei dir bist, will ich ihn dir deutlich machen."
ERNST: Versuchen Sie es ja nicht! Von ihm muss ich es horen. Er nur weiss, wo es mir not tut; er nur weiss, was ich bedarf. Wussten Sie es, Sie wurden ihn nicht entfernt haben.
PRASIDENT: Du wirst, du kannst ihn nicht wiedersehen. Willst du ihn dem Zorne des Fursten aussetzen und ihn unglucklich machen? Nur in seiner Entfernung liegt seine Rettung.
ERNST: Oheim, Hadem furchtet keinen Fursten der Erde, und um meinetwillen trotzte er der ganzen Welt, so wie ich um seinetwillen die ganze Welt nicht furchte. Ich liebe ihn Oheim, o wenn Sie wussten, wie ich ihn liebe! Fur ihn zu sterben, ware das wenigste, was ich fur ihn tun konnte. Er tat es fur mich und er sollte mich aus Furcht vor Menschen verlassen? mich, seinen Schuler, dem er tausendmal sagte, dass er durch mich seinem Leben Wert zu geben hoffte? Lassen Sie ihn zuruckkehren, Oheim! Ich beschwore Sie bei Ihrem Leben! bei meines Vaters Leben! bei meiner Mutter in jenem Leben! bei der Tugend, die er mir entstellt hat! lassen Sie ihn zuruckkehren! Mein Leben, alles, was ich bin, was ich werden soll, liegt auf dem Flugel dieses vorubereilenden Augenblicks! Oh, nur diese Nacht! Nur eine Stunde! Nur eine Viertelstunde, dass er den Gedanken ausfuhre, den Sie unterbrachen, dass er mein Herz heile, dass er mich wieder zu dem schaffe, der ich war!
PRASIDENT: Er selbst verlasst dich; er selbst sagt, nach diesem Streiche konne er nicht mehr in unserm Hause bleiben.
ERNST: Sagt er das? Er verlasst mich? verlasst mich willig? So muss es recht sein, was er tut, so fallt die ganze Schuld auf mich allein. So habe ich ihn vertrieben! durch eine Tat vertrieben, wobei ich von ihm nichts befurchten zu durfen glaubte! So muss es sein; denn anders hatte Hadem mich nicht verlassen konnen. Er handelt auch hier gerecht; denn, sehen Sie, Oheim, an Hadem glaube ich, wie ich an meine Gottin glaube.
Er stand mitten in dem Zimmer, erhob seine Augen gegen die sich neigende Sonne, deren Strahlen durch einen dunkeln, vor dem Fenster stehenden Kastanienbaum gebrochen in das Zimmer fielen. Die Begeistrung schimmerte in seinen Augen; ein Licht, wie es von dem unsterblichen Geiste des Menschen ausgeht, wenn dessen ganze Kraft ihn durchdringt, umglanzte seine Stirne und schoss nun in Blitzen aus seinen Augen. Er rief:
"Nein! nie werde ich dir untreu werden, erhabene Gottin! Dir folge ich, von Hadems Lehren geleitet. So ferne du auch schwebst, so bist du mir doch nahe und sichtbar. Ich stehe unter deinem Schilde, ich gehore dir an, und sollte mich auch das furchtbare Gespenst meines Oheims mit seiner gepanzerten Faust zerschmettern. Bin ich nicht unsterblich, unverganglich wie du?" Sein Blick fiel auf den Blumen- und Ahrenkranz, den jetzt die Abendsonne beleuchtete:
"Schon welkte deine Blute in der Sonnenhitze; erst gestern pfluckt ich sie frisch in den Feldern der Glucklichen als ein Denkmal der stillen Tugend. Und doch bist du es noch, und zerfielest du auch in Asche du bleibst es doch!"
Er nahm den Kranz von der Wand, und seine Tranen benetzten ihn:
"Alles hat mich verlassen denn er hat mich verlassen; und von dem Dasein meiner Gottin habe ich keinen andern Beweis als dich! So umwinde nun meine Schlafe und lispele meinem Geiste und Herzen die Gedanken und Empfindungen zu, unter denen ich dich pfluckte!"
Ferdinand fiel ihm um den Hals.
"Und ist dir Ferdinand nichts? Hat Hadem nicht auch mich verlassen?"
ERNST: Ja, und nun erst bist du eine Waise! Doch du sollst mich haben, und auch du sollst diesen Kranz tragen, und wir wollen durch ihn in eins verbunden sein.
Die Junglinge umarmten sich, und ihre Seelen, ihre Tranen flossen ineinander.
Einen Augenblick legte Ernst Ferdinanden den Kranz auf das Haupt; dann hangte er ihn wieder an die Wand.
Der Prasident sah dem Schauspiele geruhrt zu; aber der kalte Geist der Welterfahrung sagte ihm bald: "Die feurige Ergiessung des Junglings ist gut und heilsam; die Ruhe wird um so gewisser und schneller darauf erfolgen."
Ernst bestarkte ihn in dieser Meinung, da er nun gefasst zu ihm trat und sagte:
"Mein Vater wird bald kommen und Ihnen die Sorge fur Ihren Neffen abnehmen. Bis dahin wird ihn der Geist Hadems fuhren. Dieses Zimmer verlasse ich nicht, bis zur Ruckkehr meines Vaters. Ich traue nun der Welt nicht mehr; Ihre Worte und diese Ihre Tat dienen mir zur Warnung."
Der Prasident versuchte ihm zu liebkosen; aber Ernst antwortete:
"Dieses ist die Stunde, in welcher Hadem mit uns die Taten der Manner der Vorwelt las. Er wird nicht kommen; aber wir werden denken, er sitze bei uns, und alles das tun, was wir in seiner Gegenwart zu tun pflegten."
Er legte ein Buch auf Hadems Platz, stellte einen Stuhl fur ihn hin, dann zwei andre fur sich und Ferdinand und sagte zu diesem:
"Ferdinand, er ist mitten unter uns!"
Zweites Buch
1.
Der Prasident hoffte durch Vorstellungen des Unschicklichen und durch freundliche Begegnung Ernsten von seinem Vorsatz abzubringen; aber an der Ruhe, der Kalte, womit dieser darauf beharrte, sah er wohl, dass er damit nichts ausrichten wurde. Er schmeichelte sich indes, der beschrankte, einformige Aufenthalt wurde dem jungen Menschen bald lastig werden; doch auch hierin irrte er sich. Ein Tag verfloss nach dem andern, und er sah in dem Gesichte des Junglings keine Spur des Verlangens oder der Unbehaglichkeit; er bemerkte nicht die sanfte Melancholie, welche Ernst in seinem Busen daruber nahrte, dass er durch seinen Brief Hadems Entfernung veranlasst hatte. Es schien, als hielte er seinen Schmerz fur einen geheimen Schatz, der an seinem Werte verlore, wenn er ihn einem menschlichen Auge zeigte. Diese Starke, diese Ruhe wirkten auf den Prasidenten, und in den ersten Tagen bewunderte er sogar dieses Betragen; da aber Ernst ohne weitere Ausserung immer dabei beharrte, so setzte sich ein bitterer, tiefer Unwille in dem Herzen seines Oheims fest, der nur eine neue starkere Veranlassung zu erfordern schien, um in unausloschlichen Hass uberzugehen. Jetzt sah er sich von seinem Neffen einem Fremden nachgesetzt, von einem Knaben verachtet und beleidiget, und um so mehr beleidiget, da er alles zu dessen Bestem getan zu haben glaubte und fur alle seine Bemuhungen nichts als Beweise eines storrischen, undankbaren Gemuts entdeckte, das, durch eine Schimare verzerrt, keines einzigen naturlichen und vernunftigen Verhaltnisses unter Menschen achtete.
Ferdinand sah in den ersten Tagen den Entschluss seines Freundes als etwas Heroisches an, und es gefiel ihm ungemein; aber bald merkte Ernst, dass sein lebhafter Gesellschafter sehnende Blicke nach der Ferne warf, dass er den im Garten Spazierenden verlangend nachsah. Er bat ihn, in Gesellschaft zu gehen und ihn allein zu lassen.
Ferdinand antwortete:
"Ich sollte dich verlassen, ich, der ich schuld an deinem Kummer und an Hadems Entfernung bin? ich, der ich dich angefeuert habe, den Brief zu schreiben?"
Ernst legte seine Hand auf seine Brust:
"Sieh, dieses allein ist schuld und war es ein Fehler, so muss ich wohl dafur leiden. Hadem verzeiht mir ihn gewiss. Lass du mich nur immer allein; es scheint ja doch nur so, als sei ich allein."
Er konnte Ferdinand auf keine Weise bewegen, ihn zuzeiten zu verlassen. Dieser gestand ihm geradezu, er fande ihre freiwillige Gefangenschaft wohl langweilig, aber er wurde es anderwarts, ohne ihn, noch unertraglicher finden. "Es wurde mir gehen", setzte er hinzu, "wie damals, als du krank warst. Lief ich auch einen Augenblick in den Wald, so horte und sah ich doch nichts anders als dein schweres Atemholen, dein im Fieber gluhendes Gesicht."
Ernst druckte ihm die Hand und rechnete ihm in seinem Herzen das Opfer um so hoher an.
Ernstens Geistesstimmung schildert sich am besten in den Bruchstucken von Briefen an Hadem, die er niederschrieb, wahrend dass Ferdinand schlief, und dann sorgfaltig aufbewahrte.
Ernst an Hadem
Ich habe meinen Oheim gebeten, Ihnen schreiben zu durfen; er antwortete mir, Sie hatten ihm Ihr Wort gegeben, weder einen Brief von mir anzunehmen, noch zu beantworten. Das Vergehen Ihres Schulers muss sehr gross sein, da Sie gar nichts von ihm horen, ihn vielleicht ganz vergessen wollen. Doch vergessen konnen Sie ihn nicht, lieber Hadem; verlassen mussten Sie ihn und konnten gewiss nicht anders. Sie mussten, und vermutlich mussten Sie auch Ihr Wort geben, mir nicht zu schreiben; sonst ware es nicht geschehen, sonst konnten Sie es nicht tun. Und der Grund, der Sie dazu notigte, muss ebenso gerecht als zwingend sein; denn, lieber Hadem, was sollte aus mir werden, wenn ich dieses nicht glaubte! Ich glaube daran wie an die Tugend, und darum will ich Ihnen auch gar nicht sagen, wie weh mir dies alles tut, damit es Ihnen nicht wehe tue, damit Sie mich nicht allzu sehr bedauern. Wie schmerzlich musste es Ihnen nicht sein, mich verlassen zu haben, wenn Sie wussten, in welchem Zustande ich bin! Aber was wollte ich Ihnen doch schreiben? Dieses war es wenigstens nicht. Es geht mir so wunderlich durch den Kopf durch das Herz, wollt ich sagen dass ich gar nicht weiss, wovon ich reden will und soll. Ja, das war es!
Warum mussten wir den stillen, ruhigen Aufenthalt meiner glucklichen Kindheit verlassen? warum die hohen Felsen, die sprudelnden Quellen, die bluhenden Taler mit ihren guten freundlichen Bewohnern, den rauschenden Strom, den dunkeln Eichenwald die Wiege Ihres Schulers, verlassen? Nun dringt mein trauriger, gebeugter Geist immer dahin; wir sitzen unweit des Stroms auf einer Anhohe die kuhle Abendluft umsauselt uns wir sehen die untergehende Sonne auf goldnen Wolken ruhen ihr Glanz verklart Ihr Angesicht, und Ihre Gedanken bei diesem Schauspiele, die alle Keime meines innern Wesens entfalteten, steigen wieder in meinem Herzen auf. Ich fuhle dann die Luft, die dort wehte, an meinen Wangen; ich hore das Sauseln der Baume die Schalmei unsrer Hirten den Gesang, das frohe Gelachter unsrer Madchen und alles, was ich dachte und fuhlte, steigt in meinem Busen lebendig auf. Und erwache ich aus diesen sussen Traumen, so frage ich angstlich: "Warum haben wir dieses verlassen? Darum, dass erfolge, was mir widerfahren ist?" Mir antwortet keiner, lieber Hadem; und ich vermag es ja nicht, da mir alles dunkel ist. Ja dort, da kannte ich keinen Kummer, keine Veranderung; da stand der Tempel des Glucks und der Freude auf jeder Stelle, denn das unschuldige Herz bauete ihn uberall auf. Wutete auch zuzeiten ein Sturm, so geschah es nur, die Gegend um uns her erhaben-schauerlicher zu machen; und beleuchtete das Licht sie wieder, so lag sie vor uns in neuer, erfrischter Herrlichkeit. Wir bebten staunend und schaudernd bei den Blitzen, den Schlagen des Donners, bewunderten die Macht der Natur in ihren grossen, erschutternden Erscheinungen, und susse Freude durchstromte uns, wenn wir nach der Gefahr die einsame Lilie unverletzt im Tale wiederfanden. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen einmal kindisch sagte, als die dicken Tropfen des nachtlichen Sturmregens von den noch leise schwankenden Pappeln auf unsre Haupter fielen: "Hadem, die Pappeln weinen vor Freude, dass sie den gewaltigen Sturm uberstanden haben und noch grunen, noch leben." Ich kann dieses nicht von mir sagen der Sturm, der mich uberfiel, dauert fort und noch lebe ich es ist der erste, Hadem, und ich bin noch zu jung. Noch hat die Zeit den Stamm, auf dem mein Wipfel ruhen soll, nicht abgehartet. Die Stutze, deren ich bedarf, sank weg; mein Licht verschwand mir plotzlich und kehrt nicht wieder. Vor meinen Augen liegt nun eine Dammerung wie die Dammerung meiner Hohle, wenn ein plotzlicher dusterroter Fackelschein die dunkelsten Winkel derselben erleuchtet. Kaum entdecke ich meine Gottin in dieser Dammerung, und nur dann werde ich sie wieder in ihrer ganzen, reinen Klarheit sehen, wenn ich da sein werde, wo sie mir zum erstenmal erschienen ist. Und wenn sie mir nicht wieder erschiene! Hadem, wenn auch sie mich verlassen hatte, da der mich verlassen hat, der mir die Wolke offnete, die sie mir verbarg! Ich las einmal in einem Buche von einem frommen Junglinge: es habe diesem frommen Junglinge getraumt, ein schoner, glanzender Engel kusse ihn im Schlafe. Dieser Kuss habe auf seinen Lippen einen solchen unausloschlichen, sussen Eindruck zuruckgelassen, dass er ihn sein ganzes Leben hindurch gefuhlt, sich nie von einem Sterblichen die Lippen mehr beruhren lassen und nie ein unreines oder sundliches Wort gesprochen habe. Hadem, Sie sagten, es sei sonst ein sehr einfaltiges Buch, aber diese einzige Stelle enthalte einen so tiefen Sinn, dass er alles andere Torichte reichlich bezahlte, und Sie mochten diese Stelle lieber geschrieben haben als das gelehrteste Werk. Ich verstehe jetzt diesen Sinn!
Was habe ich nicht alles erfahren, seitdem wir den Ort verlassen haben, wo ich an Ihrer Seite wandelte! wo die schonsten Bluten des Geistes von Ihren Lippen auf mich herabregneten und Ihre Empfindungen und Gedanken mir immer so erschienen, als waren sie mir aus einer vergangenen Zeit, aus einem fernen Lande her bekannt, deren Erinnerung Sie bloss erweckten und auffrischten! Aber was ich sagen wollte, Hadem! Ihre letzten Worte! Ich muss es Ihnen sagen, und sollte ich Sie auch angstigen denn mich uberfallt eine unbeschreibliche Angst, wenn ich sie hore und ich hore sie immer im Schlafe im Wachen ich hore sie im leisen Winde, der durch den Kastanienbaum vor meinem Fenster mich anweht. Warum unterbrach Sie mein Oheim mitten in Ihrer Rede? Sollte die Tugend das sein, was Sie mir sagten was soll dann aus mir werden? Zerstuckelt, in Teile zerstuckelt, die vor meinem Geiste zerrissen schweben nach Masse gemessen, nach Regeln gezogen nach Verhaltnissen abgewogen soll ich sie in Rucksicht meiner und der Menschen denken? Das einzige Gute, das einzige Wahre, die Tugend, leide keine Ubertreibung? Was heisst hier Ubertreibung? So soll ich das nie in seiner ganzen Kraft und Starke ausuben konnen, was meine Brust ausfullt, was mir allein der Mittelpunkt von meinem und der Menschen Dasein zu sein scheint? So ist sie zu erhaben fur den Menschen, um sie ganz zu besitzen, um sie ganz auszuuben? Ihre Worte, Hadem, nicht die meines Oheims, von jenem unglucklichen Abend auf einen so glucklichen Tag, erzeugen qualende Zweifel in meinem Geiste; und doch scheint es, dass sie genau mit den Ihrigen zusammenhangen. Hadem, wenn es so ist wenn es ganz so ist, so geben mir die Worte meines Oheims uber einen mir so dunkeln, so weit entlegenen Gegenstand mehr Licht als ich je zu sehen wunsche, als ich je ertragen kann. So sprengte er zwischen mir und der Welt eine Kluft auf, in die ich mich sturzen muss, die ich nicht uberspringen kann, weil Sie mir fehlen, nachdem Sie dieselbe so weit auseinandergerissen haben, dass sich meine Haare vor ihrem klaffenden Schlunde strauben.
Verstehen Sie, was ich sagen will? Ich empfinde wohl, dass ich dunkel rede, so dunkel, wie ich fuhle; aber dies ist eben mein Ungluck, dies ist es, woruber ich klage, was fur mich so angstlich ist da eben liegt die Qual, dass ich das Dunkel nicht erleuchten, nicht durchdringen kann, in das mein Oheim mich gefuhrt, in das Sie mich tiefer gestossen und dann verlassen haben. Mich, einen siebzehnjahrigen Jungling! mich, Ihren Schuler, Hadem! Ich fuhle wohl, dass ich den ganzen Kampf bloss meinem Herzen uberlassen sollte, dass ich da gewiss Grund finden wurde; aber, Hadem, kann ich auch die Gespenster in die Flucht schlagen, in deren Mitte mich mein Oheim gestellt hat und die nun mit ihren verzerrten Larven meine Einbildungskraft schrecken? Es ist schrecklich! Lesen Sie nur und sagen Sie mir geschwind, was daraus fur mich werden soll. Beinahe fange ich an zu begreifen, dass solche Manner wie Sie und der Kammerrat, und wie ich durch Sie einer werden sollte, dem Gespenste meines Oheims zuwider sind, weil es durch sie als das erscheint, was es wirklich ist, was es nicht sein sollte. Bin ich auf der Spur? auf der rechten Spur? Nun, meine Gottin, so nimm du den verlassnen Jungling in Schutz! Hadem, ist jenes Wesen ein Popanz, von Menschen zusammengesetzt, um Kinder und Schwache zu schrecken? Ist es ein falscher Gotze, den seine Priester auferzogen, wohlgepflegt und dann in das Dunkel hinter dem Altar gestellt haben, damit keiner von den Anbetern den Betrug entdecke? Sagen Sie mir das! beantworten Sie mir nur dieses schnell! Muss es so sein? Vertragen es die Menschen nicht anders? Warum sagten Sie mir denn, die stillste, gerauschloseste Leitung der Menschen auf Erden sei die beste und weiseste, sie musse einem Sommerregen gleichen, der die Erde befruchte, ohne dass man ihn hore?
Ich dachte, das Leben und Tun der Menschen unter- und gegeneinander sei so freundlich, ihre wechselseitige Not schlinge ein Band um sie alle, dem sich keiner entziehen mochte, das jeder gern fester zusammenzoge, und der beste und auch der glucklichste unter ihnen sei der, welcher am meisten Gutes tun konnte, auch sei er der Beliebteste und Willkommenste. Und ist es nicht so? Darf es keiner auf seine Weise? Auf die gerade, die rechte Weise? Auch fur den guten Kammerrat ist es mir, wie es scheint, nicht gelungen. Mein Oheim sagt uberdies, ich hatte mich lacherlich bei dem Fursten gemacht. Lacherlich? Desto schlimmer fur den Fursten, wenn man sich mit solchen Erinnerungen bei ihm lacherlich macht! Oder liegt das Lacherliche nur in dem Neuen fur ihn, oh, so ist es noch schlimmer! Was forderte ich denn von ihm? Die Geschichte des Kammerrats ist mir nun so klar ubte nicht auch er die Tugend mit seiner ganzen Kraft, ohne alle Rucksicht auf sich, aus? Er ging ja nicht mit dem Masse in der Hand an das Werk, er berechnete ja sein Tun und Wirken nach keinen Regeln, folgte ja nur der Weisung seines guten, menschenfreundlichen Herzens! Und darum? darum? Von seiner Geschichte begann alles, was mir widerfahren ist; aus ihr entsprangen in meinem Kopfe die ersten angstlichen Gedanken uber das Wesen der Menschen und was darauf erfolgte, entwickelte und verwirrte sie immer mehr. So liegt denn das Ding, das mein Oheim System nennt, wie ein Joch auf dem Nacken aller? und jedem, der es tragt, ist seine Furche so scharf abgezeichnet, dass er seinem Herzen und Geiste vollig entsagen muss, um, solange er es tragt, die einmal gezogene Linie, ohne auszutreten, auf und ab zu ackern? Hadem, reden Sie doch! Ich fordere in meiner Not Ihren Geist auf, der um mich ist. Er schweigt, alles schweigt um mich; ich sehe die Sichel des Mondes am gestirnten, ruhig erhabenen Himmel, hore nichts als das Lispeln des Windes in dem Baume vor mir und das leise Atemholen meines schlafenden, glucklichen Freundes. Er ist es, Hadem; er weiss, er ahndet nicht, was mich qualt, und er soll es nie erfahren. Genug, dass einer leidet. Und weiss ich, ob er es ertruge wie ich? ob es nicht noch schlimmre Wirkung auf ihn hatte als es auf mich hat? Gute Nacht, Hadem. Ich vernehme Ihre freundliche Antwort nicht mehr wie sonst, kann Ihnen nicht mehr nachsehen, wie Sie sich langsam nach Ihrem Zimmer begeben, sich nochmals umwenden, mir noch zum letztenmal zuwinken. Ach, jetzt scheine ich mir ganz allein auf der Erde lebend, allein wachend. Die von der Nacht umschleierte Erde liegt vor mir wie ein duster geschmucktes Grab; die flimmernden Sterne und der helle Mond sind die Lichter, welche diesen Kirchhof mit ihrem sanften Scheine beleuchten. Ich rufe in der Einsamkeit uber dieses Grab, und keiner anwortet mir, keiner loset meine Zweifel. Soll ich mir allein trauen? mich befragen? Ist die Zeit, die ich jetzt lebe, eine Prufungszeit, so fruh mir aufgelegt, mein Herz und meinen Verstand zu uben? Dieser Gedanke kommt jenseits dieses Grabes her; er kommt von Ihnen, Hadem. Ich will ihn fassen und mich fest daran halten. Wir leben recht glucklich, und ich sehne mich nach meinem Vater, den wir in kurzem erwarten. Was wird er sagen, wenn er Sie nicht findet? Wie wird er seinen Sohn bedauern, der Sie verloren hat! Indes arbeiten wir so fort, als wenn Sie bei uns gegenwartig waren. Wir lesen in den Ihnen bekannten Buchern von den Stellen an, wo wir mit Ihnen stehengeblieben sind. Bei schweren fragen wir Sie um Rat; und wenn Sie dann schweigen es ist wahr, einigemal fullten sich meine Augen mit Tranen bei Ihrem Schweigen, aber ich suche sie vor Ferdinand zu verbergen, um ihn nicht zu bekummern. Denken Sie, der Freundliche opfert sich mir zuliebe so weit auf, dass ich ihn nicht uberreden kann, das Zimmer zu verlassen; und Sie begreifen leicht, was dieses dem Lebhaften kosten muss. Haben Sie einen Freund, Hadem? Mochten Sie doch einen haben! Sie wurden weniger leiden, dass Sie mich verlassen mussten; denn ich weiss, ich fuhle ja, wie weh es Ihnen tut, dass Sie mich haben verlassen mussen. Mein Oheim sagte mir, er wurde dem Kammerrat Kalkheim eine Stelle geben, die ihm reichlich die verlorne ersetzen sollte. Nun spricht er, der Kammerrat habe sie ausgeschlagen und aussere sich, er ziehe seine jetzige Lage jeder vor, selbst der ehemaligen. "Du siehst also", setzte er hinzu, "fur wen ihr den unbesonnenen Streich gemacht habt, dass man die Menschen erst kennen muss, bevor man etwas zu ihrem Besten unternimmt. Erst hattet ihr bedenken sollen, ob der Tor des Dienstes bedurfte oder wert war. Du siehst also, Neffe, dass sich Hadems letzte Worte besser bewahren als seine Handlungen, dass die gute Absicht bei einer Handlung nicht genug ist, dass man dich durch Tauschung zu einer schlechten gegen deinen nachsten Blutsverwandten reizte und dass der, um dessentwillen sie geschah, dir nicht einmal Dank dafur weiss."
Seine schrecklichen Worte durchdrangen tief meine Seele. Was sollte ich ihm antworten! Ich wusste es in diesem Augenblick wirklich nicht; denn das Gefuhl, dass ich durch diesen Schritt, der selbst dem, fur den er geschah, unnutz scheint, Sie, meine Ruhe, alles verloren hatte, presste mein Herz zusammen. Habe ich mich nicht selbst aus dem Paradiese vertrieben, in welchem ich, an Ihrer Seite, in Unschuld, Sicherheit und Unwissenheit einherging? Wenn meine erste gut gemeinte Tat so ausfallt solche Folgen fur mich hat mir solche Lehren aufdringt, mir solche Aussichten in die Zukunft eroffnet Hadem, was soll ich von der Zukunft hoffen, was von der Welt denken, in welcher ich bald tatig auftreten soll! Wenn ich bei jeder Tat, die mein Herz fur gut und gerecht erkennt, so verfahren soll, so wagend und berechnend wird dann auch nur eine so kraftig und rein aus ihm hervorspringen, wie sie sein muss, um diesen Namen ganz zu verdienen? Wird bei diesem Wagen und Rechnen, bei dieser Rucksicht auf die Verhaltnisse um mich her, deren Umriss kein Auge erreicht, mein Blick sich nicht nach und nach auf mich selbst zuruckziehen? Und dann? Ja dann, wenn ich einmal angefangen habe, die Tugend zu zerstuckeln, um gerade so viel zu tun, dass auch nicht das mindeste mehr geschehe als eben die Verhaltnisse erlauben dann, Hadem, ist es mit mir und der Tugend aus. Dann bin ich ein recht guter Handelsmann, der sein Kapital wohl anzulegen versteht, aber kein Mensch, wie Sie einen aus mir bilden wollten. Meinen Geist schwindelt es vor diesem leeren, starrende Kalte aushauchenden, sich immer weiter aufreissenden Abgrund und ich furchte, die Gedanken, die ihr in mir erweckt habt, entfernen meine Gottin so weit von mir, dass ich sie nicht mehr werde erreichen konnen. Um mich ihr auf den Flugeln meines Geistes nachschwingen zu konnen, muss ich wieder fest glauben, dass sie mit der einen Hand den glanzenden Sitz des Ewigen beruhrt und mit der andern das Menschengeschlecht. Nach meinem dunkeln Eichenwalde! nach meinem rauschenden Strome! meinen bluhenden Talern! meinen schroffen Klippen, aus denen der einsame Adler zur Sonne emporsteigt! Wenn ich dann seinem kuhnen Fluge nachsehe, und die Lerche aus der Saat aufsteigt und uber meinem Haupte wirbelt, und diese Stadt, mit allem, was ich darin erfahren habe, aus meinem Geiste verschwunden ist, und die freundlichen, glucklichen Landleute mich wieder anlacheln als den kunftigen Wohltater ihrer Kinder dann wird die Kluft verschwinden, die vor mir ist, dann erst wird mir der Sinn, der in dem Kusse des frommen Junglings liegt, recht klar werden. Und sind nicht Sie mein Schutzengel? Kussten Sie mich nicht bei dem plotzlichen Abschiede? begleiteten Sie nicht Ihren Kuss mit einem Blicke, der meine Seele so durchdrang wie der Kuss des Engels die Lippen des traumenden Junglings? Hadem, dieser Ihr letzter Blick verloschte in etwas den Eindruck Ihrer Worte. Er sagte mir: "Verharre in der Lehre, die ich dir gegeben!" Und ich setze hinzu: die Tugend muss das sein, was ich mir dachte, oder das ganze Menschengeschlecht ware langst zerfallen, es hatte sich langst zerstreuet, es hatte sich in diesem gefahrlichen Zustande, in dem es mir zu schweben scheint, ohne sie nicht erhalten konnen. Sie ist ihm von dem Ewigen zur Erhalterin und Beschutzerin gegeben, und sie fuhrt es wieder zu ihm zuruck. Sie ist uns, was die feste Ordnung der um uns rollenden Welten ist, die Sie uns so klar und schon beschrieben haben. So wenig als die regellosen Kometen ihren fest bestimmten Lauf nicht storen konnen, ebenso wenig vermogen die Toren und Bosen gegen die Tugend. Sie bezeugen ihr Dasein, da sie durch allen ihren Wahnsinn, alle ihre Bosheit das Band nicht losen konnen, womit sie das Menschengeschlecht an den Thron des Ewigen gebunden hat. Ja sie beweisen die Macht der Tugend wie jene Kometen die Allmacht Gottes. Und was wurde aus diesen Unglucklichen werden, wenn sie nicht ware! wenn alle ihres Glaubens wurden! Hadem, sie erhalt selbst die, deren Herz sie nicht erkennt, deren Wahnsinn gegen sie arbeitet. Und ich sollte nicht an sie glauben?
Hadem, der Mann, der um ihrentwillen leidet, gleicht dem Martyrer, dessen vergossenes Blut den Glauben weiter ausbreitete, der selbst seinen Henker der heiligen Sache gewann, fur welche er soeben starb.
2.
Einige Zeit nach Hadems Abreise brachte der Buchbinder Ernsten eine Anzahl Bucher. Als Ernst sie in Empfang nahm, fand er vier franzosische Bande, die er ihm nicht gegeben hatte. Er gab sie dem Buchbinder zuruck und sagte ihm: "Diese Bucher gehoren vermutlich einem andern zu." Der Mann erklarte ihm, Herr Hadem habe sie ihm Donnerstag abends gebracht und ihm anbefohlen, sie seinem Zogling Ernst von Falkenburg mit den andern zu ubergeben.
Es war der Tag der Abreise Hadems, und Freude floss aus Ernstens Herzen nach seinen Wangen, in seine Augen. Er druckte die Bucher an seine Brust; und als ihm der Mann sagte, Herr Hadem habe auf die Gegenseite des Titels vor dem ersten Bande etwas geschrieben, eroffnete er ihn schnell. Er erkannte Hadems Hand und kusste die Schriftzuge. Dann trat er auf die Seite und las leise:
"Der Jungling, der keinen Fuhrer hat, wahle diesen. Er wird ihn sicher durch das Labyrinth des Lebens leiten, ihn mit Starke ausrusten, den Kampf mit dem Schicksal und den Menschen zu bestehen. Diese Bucher sind unter der Eingebung der lautersten Tugend, der reinsten Wahrheit geschrieben, sie enthalten eine neue Offenbarung der Natur, die ihrem Liebling ihre heiligsten Geheimnisse zu einer Zeit entschleierte, da die Menschen sie bis auf die Ahndung verloren zu haben schienen."
"Du siehst, Ferdinand", rief Ernst entzuckt, "dass Hadem uns nicht verlassen hat, dass er uns nicht verlassen konnte. In diesem Buche muss sein Geist leben, und er wird zu mir reden, ich werde ihn wieder horen."
Er schlug den Titel um und las: Emil.
Es war das erste Buch unsers Jahrhunderts, das erste Buch der neuern Zeit. Der Mann, der es schrieb, fasste den erhabenen Gedanken, die durch Uppigkeit, Selbstigkeit, Witz, uberfeinerte Ausbildung, durch eine Philosophie voller Sophismen, eine alles zerstorende, sich selbst dadurch endlich auflosende Regierung erwurgte moralische Kraft in seinen Zeitgenossen wieder aufzuwecken. Dieses tat er so wahr und kuhn, als er es fuhlte, und mit der Starke der Beredsamkeit, deren nur derjenige fahig ist, in dessen Brust und Geist diese moralische Kraft in ihrer ganzen Fulle wohnt. So tief wie er sah keiner die Gebrechen der Gesellschaft, so tief wie er fuhlte keiner, dass wahre Menschen in derselben keine Stelle mehr finden konnen, auf welcher sie es ohne Gefahr verbleiben durfen. Sein scharfes Auge, sein forschender Geist, sein zartes, verwundetes Herz entdeckten die Wurzeln des Ubels; und mit kuhner Hand riss der Begeisterte die sich im Dunkel windenden Gange auf, in denen sie vergraben lagen, und verjagte die Gespenster, welche Stolz, Wahn, Eigenliebe und Gewalt zu ihren schrekkenden Wachtern bestellt hatten. Offen legte er das Gift dar, welches das Edle und Wahre im Menschen zernagt, und nichts konnte ihn bestechen, nichts ihn zuruckhalten. Je machtiger, je glanzender, je hoher diejenigen dastanden, welche dieses Gift erzeugten und unterhielten, desto schonungsloser, desto kuhner griff er sie an. In weissagendem Geiste sagte er den Vergiftern, was ihnen bevorstande und wie eben das Gift, das sie ausstreuten, am Ende sie selbst verzehren wurde. Sie verschlossen ihm ihre Ohren. Er empfing von seinen Zeitgenossen den Lohn, der jeden erwartet, welcher den Menschen die Wahrheit sagt; aber eben dadurch legten sie bei der Nachwelt ein Zeugnis ab, dass er der einzige Mann seines verderbten Zeitalters war, der ihnen den Spiegel der Wahrheit treu vorhielt und sie vor dem Abgrunde warnte, den sie in ihrem Taumel und Wahn selbst aufgruben.
Nach vielen Leiden und Verfolgungen ist er in das Land zuruckgekehrt, in welchem er hier im Geiste wohnte: in das idealische Land, uber welches der Witzling spottet, an das der Eigennutzige nicht glaubt und dessen Ahndung, dessen Anerkennen unsern Ursprung und unsre Bestimmung allein beweisen. Und trugen uns die schnellen Flugel des Geistes nicht dahin, wenn der Druck der Gewalt, das Hohnlachen der Spotter, das Schauspiel der Torheit und Bosheit uns drangt, verfolgt und emport wo sollten wir Zuflucht vor ihnen finden? wie die marternden Zweifel, die bittern Empfindungen, die aufruhrerischen Gedanken heilen?
In jenem Lande ist unsre Zuflucht, dieser Mann sprengte die goldnen Pforten unsers Vaterlandes auf, und vor dem Eingange rollte die Finsternis weg, welche die Menschen davor gezogen hatten.
Ernst verschloss die Bucher sorgfaltig und sagte in seinem Herzen: "Da du mir von Hadem geschenkt bist, so wirst du in diesem Hause nicht willkommen sein; du sollst mich ja lehren, woran sie nicht zu glauben scheinen. Ich verschliesse dich vor meinem Oheim und jedem, wie ich ihnen meine Brust verschliesse. In der Nacht will ich dich offnen und den Geist aus dir hervorrufen, der den Mann beseelte, welcher dich der Welt gegeben hat."
Da Ernst in dem Franzosischen noch nicht sehr stark war, so enthullte er mit vieler Muhe die ersten Worte dieses Buches: sie sind gleichsam die Inschrift an diesem Tempel der Natur, den ihr Liebling dem Menschengeschlecht wieder geoffnet hat.
"Alles ist gut, wie es aus den Handen des Urhebers der Dinge kommt; alles artet unter den Handen des Menschen aus. Er zwingt ein Land, die Erzeugnisse des andern zu nahren, einen Baum, die Fruchte des andern zu tragen. Er vermischt und verwirrt die Himmelsstriche, die Elemente, die Jahrszeiten, verstummelt seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven, er verkehrt, entstellt alles; er liebt die Missgestalten, die Ungeheuer und will nichts, wie die Natur es gemacht hat, selbst den Menschen nicht: man muss ihn fur ihn zurichten wie ein Schulpferd, ihn nach seiner Weise biegen wie den Baum seines Gartens." ("Emile" 1. B.) Kaum hatte Ernst den Sinn dieser Worte gefasst, als ihm ein lauter Schrei entfuhr, der Ferdinand aus dem Schlafe weckte. Er beruhigte diesen und legte sich dann in das Fenster. Seine Brust dehnte sich aus, seine Augen durchflogen den gestirnten Himmel vom Niedergang zum Aufgang:
"Also ist sie nur des Menschen Werk, diese Verzerrung, diese Ungestalt, dieser Missklang mit mir! Und du bist, bist ganz wie ich dich dachte, fuhlte und sah! Diese Worte sagen mir es deutlich; ihr Sinn durchbebte meine Seele, und aus dem Zittern entsprang ein Lichtstrahl des Himmels. Die Menschen konnten ihre Bestimmung nur dadurch aus den Augen verlieren, dass sie das schonste, erhabenste Werk der Schopfung in sich und den Gegenstanden um sich her verunstalteten, verstummelten und zerstorten. Und wie sie dieses bewirkten, wodurch sie so unglucklich wurden und wie sie glucklich werden konnen, das soll mich dieser dein Priester lehren, heilige Natur! Schon stehe ich vor den Geheimnissen; der Vorhang ist aufgezogen, und der Geist meines Hadems steht mir zur Seite."
Mit eben der Anstrengung und Heftigkeit, mit welcher ein Durstiger in der Wuste Afrikas arbeitet, den feuchten Boden aufzusprengen, unter dem er eine Quelle wittert, sein kochendes Blut zu erfrischen, arbeitete Ernst an der Enthullung der Worte, welche die Gedanken und Empfindungen verschleierten, von denen er die Ruhe seiner Seele erwartete. Er stand vor dem Buche wie der Ungluckliche vor der begeisterten Priesterin zu Delphos, die ihm von ihrem Dreifuss einen Rat erteilt, dessen Sinn er nicht ganz begreift. Seine beschrankte Kenntnis dieser Sprache reichte nicht hin, den Mann zu fassen, der so viel mit wenigen Worten sagt. Auch wagte er es nicht, eine Zeile zu verlassen, deren Sinn er nicht hell begriffen hatte, aus Furcht, seinen neuen Fuhrer zu missdeuten. Uber seiner Anstrengung ging die Sonne auf; er uberblickte den erworbenen Gewinn neuer Ideen und Gefuhle, verschloss seinen Priester der Natur, wie er ihn nannte, und freuete sich auf die nachtliche Zusammenkunft mit ihm.
3.
Der Prasident gab sich indessen Muhe, fur Ernsten einen Hofmeister zu finden, der das alles zu verbessern und zurechtzusetzen imstande ware, was Hadem nach seiner Meinung verdorben hatte. Er fand bald alles, was er wunschte, in einem Schweizer namens Renot. Eine empfangene Beleidigung, welche er an einem jungen Manne aus einer grossen und machtigen Familie in Frankreich zu gewaltsam und auffallend geracht hatte, brachte ihn in diese Gegenden. Er musste fliehen, um der Bastille zu entwischen.
Dieser Renot nun besass in den Augen des Prasidenten alle mogliche Eigenschaften: Ton, Mut, Bekanntschaft mit den Gebrauchen der feinen Welt, Geschmeidigkeit im Umgange und tiefe Achtung fur das, was Stande und Menschen so scharf unterscheidet und trennt. Den Angriff gegen einen Mann von hohem Stande verzieh ihm der Prasident als Offizier und vergass darum, dass er nur ein Burgerlicher war. Dieser Renot war seit einiger Zeit bei ihm eingefuhrt, ass oft an seiner Tafel, und je mehr der Prasident ihn sah und horte, desto mehr uberzeugte er sich, es sei der Mann fur seinen Neffen. Er sprach von diesem mit ihm, erwahnte seiner Schimare und horte mit innigem Wohlgefallen Renots Ausserung hieruber. Dieser sagte:
"Der vorige Hofmeister hat hochstwahrscheinlich Ihres Neffen lebhaftes, versprechendes Gefuhl der Ehre und der Ruhmbegierde nach einem Gegenstande geleitet, welcher ihm, als einem Manne, der die Welt und die Menschen nur aus Buchern kennt, bekannter war als jene. Diese Verzerrung, Ew. Exzellenz, ist nicht neu; es ist eine alte Krankheit aller derjenigen sogenannten aufgeklarten Leute, die ihre Lage und ihr Stand auf immer von der Rolle ausschliessen, welche Leute von Geburt und Macht mit Recht sich ausschliesslich zugeeignet haben. Auch ist es naturlich, vielleicht gar verzeihlich, dass ihr gekrankter Stolz, ihre zuruckgedruckte Eigenliebe einigen Trost in dem Gedanken findet, sie besassen etwas, das denjenigen fehlte, welche so weit uber sie erhaben sind. Aber wenn sie dieses Leuten von Geburt, Anspruchen und Stand beibringen wollen und von diesen zu fordern wagen, dass sie das, was sie wirklich besitzen, fur Schimaren austauschen sollen, da muss man ihnen Einhalt tun, und ich sehe, dass Sie es zu rechter Zeit getan haben. Sie werden vermutlich dieselbe Krankheit an einigen neuen Schriftstellern Frankreichs bemerkt haben; die Teutschen, die diesen immer so gerne nachahmen, wollen auch hier nicht zuruckbleiben. Diese Schimare verschwindet aber leider sehr schnell, wenn man einmal selbst auf diesen Schauplatz tritt und die Menschen in ihrem tatigen Wirkungskreise handeln sieht. Gnadiger Herr, hatte ich die Kur eines solchen Junglings zu ubernehmen wissen Sie, was ich tun wurde? Ich wurde eine luftige Schimare durch eine andere vertreiben, die gewisse Leute nur darum so nennen, weil sie, wie gesagt, der edelste Teil des Volks, vermoge Geburt und Stand, ausschliessend in Anspruch genommen hat und sich mit Recht in dem Besitze behauptet."
PRASIDENT: Und das ware?
RENOT: Wovon ich soeben sprach: die Ehre, der Ruhm, der point d'honneur, den das erleuchtetste Volk zu einer Feinheit, einer Zartheit, einer Hohe und Bestimmtheit gebracht hat, dass er bei ihm alle andern Tugenden ersetzt, ja die einzige Tugend der Gesellschaft geworden ist.
Leiten Sie die Einbildungskraft Ihres Neffen auf diese Gottin, zeigen Sie ihm diese Tugend unsers verfeinerten Zeitalters in ihrem ganzen Glanze, beweisen Sie ihm, wie alle andren einen Mann von Stande zierenden Tugenden aus dieser allein entspringen, durch sie allein geltend werden, und ich stehe Ihnen dafur, er wird der phantastischen Gottin, welche sein gramlicher Hofmeister vor seine Augen gezaubert hat, bald den Abschied geben.
Der Prasident, hochst zufrieden mit den Gesinnungen Renots, erkundigte sich nun sorgfaltig nach seinen Umstanden und Verhaltnissen; seine Kenntnisse glaubte er genug gepruft zu haben. Alles sprach zu Renots Vorteil, bis auf seine Kasse; doch eben auf diesen letzten Umstand bauete der Prasident die Erfullung seines Wunsches. Er liess ihm die Erziehung der jungen Leute antragen und ihn versichern, dass er ihm am Ende derselben durch seinen Einfluss eine ehrenvolle Bestimmung verschaffen wollte, die ihn gewiss fur dieses Opfer entschadigen wurde. Renot nahm nach vielen Schwierigkeiten den Antrag endlich an, bewies aber dem Prasidenten sehr weitlauftig, welch ein Opfer er seinem einmal gewahlten Stande hierdurch brachte.
Nun bereitete der Prasident seinen Neffen darauf vor. Dieser versicherte ihm gelassen, er brauche keinen Fuhrer mehr, Hadem habe ihm einen zuruckgelassen, und der Fuhrer, den ihm die Natur gegeben, werde ihm bald in seinem geliebten Vater zuruckkehren.
Der Prasident liess sich hierauf nicht ein; er erzahlte, es sei ein Mann von Ehre und Verdienst, ein Offizier, und ruhmte unter andern, wie vortrefflich er franzosisch spreche, wie er den ganzen Reichtum, die ganze Feinheit und Gewandtheit dieser Sprache in seiner Gewalt habe. "Und du weisst, Neffe", setzte er hinzu, "wie notig uns Leuten von Stande diese Sprache ist."
ERNST: Ja, Oheim, diese Sprache ist mir nun sehr notwendig; ich fuhle es nur zu sehr, wie wenig ich bisher Fortschritte darin gemacht habe und darum, wenn er mir in dieser Sprache Unterricht geben will, soll er mir willkommen sein. Ob ich ihn als Fuhrer brauchen kann ob ich seiner dazu bedarf, davon sind mir andere Beweise notig, als Sie mir von ihm gegeben haben. Ich weiss nur allzu sehr, was es bedeutet, einen Menschen zu erziehen, und was es von beiden Seiten voraussetzt.
Der Prasident glaubte, Ernst wollte wieder in seine alten Grillen verfallen. Er schwieg daruber und dachte, er habe fur jetzt genug gewonnen und konne nun das ubrige dem gewandten Renot uberlassen.
Er freute sich noch mehr, als Ernst ihm sagte: "Schicken Sie ihn noch heute, ich mochte noch heute etwas von ihm lernen."
Der Oheim liebkoste ihm und sagte:
"Ich hoffe, lieber Neffe, er wird dich bald zu uns bringen und du wirst uns allen wieder der willkommne Gast sein, den wir so lange vermisst haben."
"Oheim", antwortete Ernst, "glauben Sie, ich wurde Sie so sehr beleidigen, dass der Fremde von mir erhalten konnte, was ich Ihnen nicht gewahren konnte? gewiss nicht konnte, sonst wurde ich es langst getan haben."
PRASIDENT: Ich danke dir fur die Feinheit der Empfindung. Behalte sie bei und du wirst bald konnen, was ich so sehnlich wunsche. Bedenke nur, mit welchem Kummer dein guter Vater das sonderbare Verhaltnis bemerken wird, in welchem du in seines Schwagers Hause lebst. Wird er an mir, dem lang Erprobten, zweifeln? Wird er daran zweifeln, dass alles, was geschah, nur zu deinem Besten geschah? Was konnte mich anders bestimmen, so zu handeln, als dein Bestes? die Liebe zu dir, die Sorge fur dich? Glaubst du, dass du die nie gestorte Eintracht zwischen deinem Vater und mir zerrutten konntest? Oder willst du es? willst du Verwandte trennen, die sich bruderlich lieben? in unsern Jahren trennen? Ernst, ich habe durch dich meine einzige geliebte Schwester verloren denn du weisst ja wohl, dass sie an den Folgen der Niederkunft mit dir starb willst du mir nun auch die Freundschaft des Mannes rauben, mit dem ich durch sie verbunden bin? willst du mich bei ihm anklagen?
Tranen der Ruhrung traten in Ernstens Augen:
"Oheim, ich klage nur mich an, niemand anders; und warum haben Sie mir dieses nicht langst gesagt, warum nicht langst so mit mir gesprochen? Ich fuhle es wohl, ich bin ganz verkannt und werde es wohl immer bleiben; denn ward nicht er es? Aber ich kenne ihn, und ich hoffe, auch ich werde mich immer erkennen. Und, Oheim, noch heute sollen Sie mich an Ihrem Tische sehen, wenn Sie mich annehmen wollen."
Der Oheim kusste ihn, nannte ihn seinen lieben guten Neffen und sagte, er eile nun, seinen Kindern die Freude schnell mitzuteilen, da sie sich schon so lange nach ihrem Vetter sehnten.
Ernst wendete sich zu Ferdinand: "Ich danke dir fur deine Treue, dein Ausharren und werde es nie vergessen."
Ferdinand lobte seinen Entschluss, freuete sich der Veranderung und konnte, wie er Ernsten geradezu gestand, kaum den Augenblick erwarten, die Treppe hinunterzufliegen.
Ernst sprach von dem neuen Hofmeister (denn so nannte er ihn, wie er Hadem nie genannt hatte) und sagte bedenklich: "Das einzige, was ich von ihm furchte, ist, dass er die Einrichtung unsrer Zeit storen wird; und ich kann den Gedanken gar nicht ertragen, ihn an der Stelle sitzen zu sehen, wo Hadem zu sitzen pflegte."
FERDINAND: Aber du kennst ihn ja noch nicht!
ERNST: Ich kenne ihn, Ferdinand; denn gliche er Hadem nur in etwas glaubst du wohl, dass er dem Oheim gefallen hatte? Und gliche er ihm auch, so ware es doch er nicht er! Doch um eines willen, und um deswillen, wird es Hadem mir gewiss vergeben; aber auf seiner Stelle soll er nicht sitzen. Wir wollen in dem Nebenzimmer lernen, die Bucher wechseln, und das Franzosische soll mit ihm unsre Hauptsache sein.
4.
Renot glaubte, in Ernsten einen traumenden Phantasten oder storrischen, missmutigen jungen Menschen zu finden, und ward etwas betroffen, als ihm ein heiterer, schoner Jungling frei und offen entgegentrat, ihn anstandig grusste und seinen Antrag zu erwarten schien. Er gab sich zu erkennen und sagte, es sei zwar bisher nicht sein Geschaft und seine Bestimmung gewesen, sich mit der Erziehung abzugeben, wie sie an seiner Kleidung wohl sehen wurden; aber er hatte unmoglich dem Wunsche des Herrn Prasidenten widerstehen konnen. Es erfreue ihn nun, da er ihn und seinen Freund sehe, dass der Herr Prasident ihn der Ehre wurdig gehalten, etwas zu der Bildung so vielversprechender Junglinge beizutragen. "Das Opfer", setzte er hinzu, "das ich etwa dadurch bringe, kann mir nun selbst nicht anders als zur Ehre gereichen!"
ERNST: Gereicht es nur zu Ihrem Vergnugen und zu unserm Vorteil, so gonnen wir Ihnen das gerne, was Sie so hoch anschlagen. Aber ich wunschte nicht, dass es ein Opfer ware; denn ein Opfer kostet so viel, und man wagt so viel dabei, dass Sie mich dauern sollten, wenn es wirklich nur ein Opfer ware.
Renot empfand den abgewogenen Sinn dieser Worte recht gut und sah etwas verwundert den Rosenmund an, aus dem sie so sanft flossen. Er antwortete:
"Freilich wage ich es nicht, mir zu schmeicheln, den Verlust, welchen Sie in Ihrem vorigen Hofmeister erlitten haben, zu ersetzen"
ERNST: Oh, mein Herr, er war mein Freund. Nennen Sie ihn nicht so denn eben in diesem Worte liegt ja, was ich vorhin sagen wollte.
RENOT: Glauben Sie denn, ich wurde dieses Geschaft ubernommen haben, wenn ich mir nicht mit der angenehmen Hoffnung schmeichelte, ihn ersetzen zu konnen?
Eine leichte Rote flog auf Ernstens Wangen. Sein Herz klopfte seine Augen konnten den Eindruck der schmerzlichen Erinnerung nicht verbergen. Hadems mannliche, feste Gestalt, sein ruhiger, seelenvoller Blick, seine ernste, gedankenvolle Stirne, von sanfter Freundlichkeit gemildert, sein lockiges, ungepudertes braunes Haar, das sich um seinen Nacken ringelte und seine Schlafe beschattete, der volle schone Laut seiner Stimme, der nie durch Unwillen, Zorn oder andre Leidenschaften in Misston uberging dies alles stellte sich in diesem Augenblicke lebendig vor Ernstens Seele. Er sah ihn, horte ihn, verglich mit ihm das zuversichtliche, anspruchsvolle Wesen und Betragen des vor ihm Stehenden, seine glatte, wie ein Spiegel glanzende Stirne, die nichts von dem zu verraten schien, was sie verbarg seine susse Lieblichkeit, seine lispelnde Aussprache, sein mit Sorgfalt gekrauseltes und weiss gepudertes Haar, seinen hastig lebhaften Blick, dem er zu gebieten strebte; und er fuhlte tief, wie unersetzlich sein erlittner Verlust sei. Sein Geist sagte ihm: "Dieser kennt den Weg zu deinem Tempel nicht!"
Renot beobachtete ihn genau, ohne es sich merken zu lassen. Sein Blick schien auf Ferdinand um so mehr zu verweilen, je mehr er mit Ernsten beschaftiget war. Auch tat seine Gegenwart eine bessere Wirkung auf jenen, wozu sein Rock und das Neue, Glanzende, Versprechende und Feine seines Betragens sehr viel beitrugen.
Ernst erwachte aus seinem tiefen Nachsinnen und sagte zu Renot: "Mein Oheim hat mir Ihre Starke in der franzosischen Sprache geruhmt. Ich freue mich sehr daruber, und Sie konnen auf meinen Dank rechnen Sie konnen mich sehr glucklich machen, wenn Sie mich den kurzesten, leichtesten Weg zur Kenntnis dieser Sprache fuhren. Aber ich muss sie in ihrem ganzen Umfange kennenlernen Sie mussen mir die ganze Starke ihrer Ausdrucke, alle ihre Eigenheiten und Wendungen recht deutlich machen. Ich bedarf es, den Wert, die Kraft der Worte so kennenzulernen, dass ich mich in keinem irre, dass ich ja den Sinn eines jeden recht fasse keines zu missdeuten Gefahr laufe. Dieses halte ich fur das Allerschlimmste fur das Allerschwerste."
Renot freute sich uber Ernstens heisse Begierde, eine so wichtige Sprache in ihrem ganzen Umfange lernen zu wollen, er sagte laut, dies sei ein gutes Zeichen; und nun liess er sich in ein weitlauftiges Gesprach uber diesen Gegenstand ein. Er entdeckte sehr bald, dass Ernst die Hauptschwierigkeiten schon besiegt hatte; und um so wichtiger machte er jetzt das, was ihm noch zu tun ubrig bliebe. Er bewies, dass ihm dieses nur ein Mann beibringen konne, der lange in der Hauptstadt von Frankreich gelebt habe. Und nun erfolgte ein grosses, glanzendes Lob des franzosischen Volkes. Vorzuglich ruhmte er dessen zartes, feines Gefuhl fur die Ehre und vergass nicht, seine eigne Geschichte damit zu verweben. Weitlaufig bemerkte er, wie viel er diesem Gefuhle aufgeopfert und wie er die glanzendsten Aussichten nun aufgegeben hatte; "dafur aber", fuhr er mit gefalligem Lacheln fort, "kann ich mich nun in meinem Unglucke mit dem Gedanken trosten, der Ehre genug getan zu haben. Mein Name wird in Frankreich wie bei meinem Regimente gewiss unvergesslich sein." Indem er sich so den Junglingen bedeutend machen wollte, suchte er ihnen zu gleicher Zeit die glanzende Schimare in der Ferne zu zeigen, deren Anbetung von nun an der Hauptgegenstand ihrer Erziehung sein sollte. An Ferdinand fand er einen sehr aufmerksamen Zuhorer; denn seiner lebhaften Einbildungskraft stellten sich alle die Szenen, die Renot leicht und fluchtig beruhrte und von denen er als dem Menschen ganz eigen und naturlich sprach, lebendig dar. Er stand in der Mitte dieses Schauplatzes und bewunderte den Mann, der dieses alles erfahren und mitgemacht hatte.
Ernst horte nur, wie vortrefflich er franzosisch sprach. Bei allen den neuen Vorstellungen, die einander so leicht und schnell folgten, dachte er nur an seinen geheimen Lehrer und sagte still in seinem Herzen: "Ja, der Mensch verdirbt alles an sich, sogar das Organ, wodurch er seine Gedanken mitteilt!" denn das Lispeln Renots war ihm unertraglich. Er leitete das Gesprach auf andere Kenntnisse. Renot blieb keine Antwort schuldig; er wusste alles, wusste wirklich vieles, wusste es leicht und verstand die Kunst vollkommen, schon und gelaufig uber alles das zu reden, was er nur beruhrt hatte. Er hatte in Genf den Wissenschaften geliebkoset; und da der Sinn ihm angeboren zu sein schien, das allgemein Nutzliche und uberall Angenehme schnell auszufinden und er die Wirkung auf andere sehr fruh zu berechnen wusste, so hatte er die Ideen des Vertriebs sehr geschwind und leicht erworben. In der franzosischen Literatur war er sehr stark und sprach von ihren Schriftstellern mit Begeistrung. Ernst horchte auf und erwartete jeden Augenblick, dass Renot seinen Lehrer unter den beruhmtesten Mannern Frankreichs nennen wurde, und besonders, weil dieser ein Genfer war, wie ihm der Titel seines Werkes gesagt hatte. Da aber dieses nicht geschah, so hielt er die sich immer vordrangende Frage uber den einzigen Mann zuruck, von dem er so gern etwas erfahren hatte. Er fuhlte wohl, Hadem wurde ihm Rousseau nicht gesandt haben, seine Stelle zu vertreten, wenn er der Liebling dieses Mannes ware; und ihn selbst zu nennen, hiesse den Schleier zerreissen, der sein schones Geheimnis bedeckte, vielleicht gar seine Wirkung storen. Er bat nun Renot um eine Stunde und fuhrte ihn in ein Seitenzimmer.
Renot verliess die Junglinge, sprach gegen den Prasidenten hoffnungsvoll von ihren Fahigkeiten, leicht von ihren bisherigen Fortschritten und ruhmte sich sehr bescheiden, er denke alles ubrige bald in das gehorige und naturliche Geleise zu bringen.
Ferdinand ergoss sich in grosse Lobspruche uber Renot. Ernst sagte gelassen: "Da du nun einmal Soldat werden willst, so kann er dir vielleicht nutzlich sein. Ich aber bleibe bei dem, den du vergessen zu haben scheinst."
Ferdinand fuhlte das Gerechte des Vorwurfs, und da ihm plotzliche Wirkung so naturlich war, so traten ihm Tranen in die Augen. Er ergriff Ernstens Hand und sagte:
"Kannst du mich so missverstehen?"
ERNST: Vergib mir; aber der Gedanke, du konntest ihn vergessen, machte mich um deinetwillen besorgt. Und die Moglichkeit, du konntest ihn vergessen, zeigt mir ja auch die Moglichkeit, dass du mich einst vergessen konntest. Denn mein Dasein ist mit dem seinigen eins, und du weisst, was es mit dem seinigen verbindet. Es soll mir lieb sein, wenn du von diesem lernest, was Hadem dich nicht lehren konnte. Aber bewahre wohl, was Hadem dich gelehrt hat; denn schwerlich wird es dieser ihm hierin gleichtun.
Die Junglinge erschienen bei dem Abendessen. Der Prasident hatte jedem seiner Hausgenossen anbefohlen, weder durch Worte noch Mienen das Vergangne merklich zu machen. Ernst trat ein, als ware nichts vorgefallen, und nur eine fluchtige Rote uberzog seine Wangen, nur ein leises Zittern zeigte sich an seiner Oberlippe, als Renot sich zwischen ihm und Ferdinand niedersetzte. Der darauf folgende Gedanke, dieser Mann denke ihn nun unter seinem Schutze und seiner Leitung, war ihm so emporend, dass es ihm den schwersten Kampf kostete, das nicht zu zeigen, was jetzt in ihm vorging.
5.
Trotz der gleichen Ruhe und Kraft, die Renot taglich mehr in Ernsten bemerkte, zweifelte er doch nicht einen Augenblick daran, es wurde und musste ihm gelingen, den jungen Phantasten zu einem vernunftigen Menschen zu machen. So viel sah er nun wohl ein, dass es leise geschehen musse, dass er das Vorhaben nicht merken lassen durfe, dass er durch einen raschen Schritt alles verderben konne, mit einem Worte, dass man hier das aufgedunsene Herz durch Verstand, Spott und Witz erleichtern musse. Er bewunderte zwar Ernstens schnelle Fortschritte in dem Franzosischen, schrieb sich aber ganz naturlich bei dem Oheim das Verdienst davon allein zu. Gleichwohl konnten ihn seine Eigenliebe und seine Eitelkeit nicht so weit verblenden, dass er nicht hatte einsehen sollen, Ernst sei ein Wesen von so eigner sonderbarer Art, wie ihm noch keines vorgekommen sei. Lacheln konnte er zwar uber ihn, aber die Achtung fur ihn drang sich ihm wider seinen Willen auf, und dieses lastigen Gefuhls wollte er fur immer los werden.
Indes kam der Vater aus dem Bade zuruck. Der Prasident hatte ihm den Vorfall, die Entfernung Hadems und die Anstellung Renots geschrieben. Mit welchen Farben, lasst sich leicht vermuten; und wie nachteilig er die Wirkung des Briefes auf den Fursten vorstellen mochte, beweisen seine obigen Ausserungen. Doch schonte er Ernsten und versicherte seinem Schwager, er wurde bei dem Fursten alles wieder gutmachen. Nur sei es notig, dass er Ernsten bei seiner Ruckkehr so bald als moglich wieder auf das Land bringe und sich selbst jetzt dem Fursten nicht zeige, um ihn nicht an die unangenehme Sache zu erinnern.
So sehr Herr von Falkenburg Hadem auch liebte, so nahm er es ihm doch sehr ubel, dass er seinen Sohn zu einem solchen unuberlegten Schritte, den man so hasslich auslegen konnte und musste, verleitet hatte. Er sah es, nach der Vorstellung des Prasidenten, als eine schlechte Tat gegen diesen an, als eine gesetzwidrige, aufruhrerische Handlung gegen die Ordnung des Landes, als einen Eingriff in die Rechte des Fursten, fur den er die tiefste Achtung fuhlte, als einen Vorwurf, den ein Jungling seiner Gerechtigkeit gemacht habe. So sehr er nun auch den Verlust Hadems im ubrigen bedauerte, so hielt er doch jetzt seine Entfernung fur notwendig und nutzlich. Das einzige, was ihn beunruhigte, war der Gedanke an das Leiden seines Sohnes, dessen Anhanglichkeit und unbegrenztes Zutrauen an und auf Hadem ihm so wohlbekannt waren.
Ernst flog in seine Arme, druckte sich so fest an seine Brust und umschlang ihn so innig, wie der Ungluckliche den Erretter, der ihn eben der Gefahr des Todes entrissen.
Der tief geruhrte Vater blickte ihn an und sah nur Zartlichkeit, nur Liebe, Vertrauen und Freude. Der Sohn bluhte wie sonst, seine Augen strahlten das vorige Feuer, seine Seele sprach durch alle seine Blicke und Bewegungen wie ehemals; und nur, als er wieder zu Atem kam und zu reden anfing, zeigte sich dem Vater einige Veranderung. Es war das durch das Geschehene fester, bestimmter gewordene Wesen in seiner Haltung, seinem Tone, seinen Blicken, und er schien dadurch seinem Vater in der kurzen Zeit um einige Jahre dem mannlichen Alter nahergeruckt zu sein. Der Vater bemerkte dieses laut, und Ernst antwortete: "Ich hatte dessen wohl notig, geliebter Vater; und was ware aus Ihrem Sohne geworden, wenn er auch dieses nicht errungen wenn es der, welcher ihn verlassen hat, nicht so fruh in ihm erweckt hatte. Ich habe meinen Schutz verloren, meinen mich leitenden und bewachenden Engel selbst von meiner Seite entfernt, durch eine Tat entfernt, bei welcher ich auch auf Ihren Beifall rechnete. Ich bin gestraft genug dafur"
VATER: Ich weiss alles, Ernst. Aber er tat es ja, er reizte dich ja, den Brief zu schreiben; warum klagst du denn dich an?
ERNST: Er? Mein Vater, er tat es nicht, er wusste nichts davon. Sie glauben Ihrem Sohne auf sein Wort, und nie beteuerte er Ihnen, was er sagte. Sollt ich es jetzt bei einer fur mich so wichtigen, ich mochte sagen heiligen Sache tun, so wurde ich mich als tief gefallen ansehen. Und dieses wollen Sie gewiss nicht. Ich will gerne von dem Geschehenen schweigen; die Notwendigkeit gebietet hier. Aber machen Sie, mein Vater, dass wir schnell hier weg kommen ich muss diese Stadt verlassen, wo mein Ungluck entstanden ist, wo ich Dinge erfahren habe, denen ich kaum gewachsen war, die ich so schwer ordnen konnte. Sein Sie nun mein Fuhrer, mein Freund!
Der Vater fragte, wie er mit seinem jetzigen Hofmeister zufrieden sei, und Ernst antwortete:
"Er spricht das Franzosische vortrefflich; und da ich das brauche, so bin ich zufrieden mit ihm. Reisen wir heute? Fuhren Sie mich heute nach unsern bluhenden Talern zuruck?"
VATER: Morgen! morgen mit dem Aufgang der Sonne!
Der ganze heitere Fruhling der Jugend umschimmerte Ernstens Angesicht:
"Und sagen Sie mir nun, geliebter Vater nur noch das, was ich keinen hier fragen konnte, nicht zu fragen wagte: was ist aus Hadem geworden? Wo ist er nun? werde ich ihn nicht wiedersehen? ihm nicht schreiben durfen? keine Antwort von ihm erhalten konnen?"
VATER: So bald wirst du ihn wohl nicht wiedersehen, und zum Briefwechsel ist die Entfernung viel zu weit. Er schrieb mir in einigen Zeilen den Abschied von dir und meldete mir zugleich, er wurde mit einem Regiment an England verkaufter Teutscher nach Amerika gehen; und aus den Zeitungen erfahre ich, dass sein Regiment sich schon einschiffet.
ERNST: Also nach einem andern Teile der Welt vertrieb ich ihn und ich bin nun so geschieden von ihm, dass ich die weite Entfernung nicht mehr messen kann! Aber, mein Vater, er ist hier, ist mir nahe; er wird, er kann sich nie von mir trennen.
VATER: Dieses wunsche ich in dem Sinne, wie du es verstehst. Er war ein edler Mann, und ich bedaure seinen Verlust
ERNST: Oh, das war er, mein Vater, das ist er noch; und sein Lob aus Ihrem Munde verklart sein Denkmal in meinem Herzen. Oh, er ist ein edler Mann!
Als sein Vater ihn verliess, suchte er Ferdinanden auf und rief ihm entgegen: "Hore die Worte meines Vaters! Er sagte: Hadem war ein edler Mann! Und morgen fliehen wir diese Stadt, wo man ihn verkannte, morgen abend, Ferdinand, stehen wir wieder in dem Garten der Unschuld."
Ferdinanden war diese Nachricht nicht so willkommen. Seine durch die Eitelkeit und die Mannigfaltigkeit der Gegenstande gereizte Einbildungskraft blickte mit Ekel auf den ihm nun tot scheinenden landlichen Aufenthalt, zu dem er so plotzlich zuruckkehren sollte. Ernst sah ihn an und sann seinem ihm unbegreiflichen kalten Betragen bei einer so frohlichen Neuigkeit nach.
Ernstens Vater bezeugte dem Prasidenten seine Verwunderung daruber, dass er ihm so gerade geschrieben, Hadem habe den unuberlegten Schritt veranlasst, da ihm doch sein Ernst, der nie eine Unwahrheit gesagt, versicherte, Hadem sei der ganze Vorfall unbekannt gewesen.
"Bruder", antwortete der Prasident, "unbekannt oder nicht, er hat es veranlasst, deinen Sohn dazu gereizt; und eins ist so straflich wie das andere und gleich nachteilig fur deinen Sohn. Wenn dein Ernst ihn zu entschuldigen sucht, so entspringt dieses aus seinem guten Herzen, aus der narrischen Liebe zu diesem Menschen, gegen den ich, bis auf diesen Punkt, selbst nichts habe. Willst du ubrigens aus deinem Sohne einen Phantasten oder ein storrisches Ungeheuer erziehen lassen, das gegen seine nachsten Verwandten schon so fruh zum Anklager wird, so ist dieses gerade der Mann dazu, ihn zu einem oder dem andern zu machen. Dein Sohn war schon ganz auf dem Wege, ein traumender Philosoph zu werden, dem alle burgerliche Verhaltnisse missfallen, der mit Lufterscheinungen buhlt, wahrend er jene mit Fussen tritt. Ich erwartete deinen Dank fur das Geschehene und dachte wenigstens, du wurdest meiner Weltkenntnis so viel zutrauen, dass ich wusste, was sich fur einen Edelmann von deinem Namen und Ansehen schickt. Schriebe ich die Tat deinem Sohne allein zu, so wurdest du ihn wahrlich nicht in meinem Hause gefunden haben. Dafur danke mir wenigstens, dass ich ihn durch die Wendung, die ich der Sache gab, von dem allgemeinen Hasse der Stadt und des Hofes errettet habe."
"Dafur danke ich dir", antwortete Herr von Falkenburg; "und du hast als Bruder gehandelt. Hadems Absicht kann recht gut gewesen sein, aber der Schritt war immer unuberlegt. Nach seinem Schreiben scheint er es gewissermassen selbst auf sich zu nehmen, da er des Vorfalls gar nicht erwahnt. Indessen, der Furst hatte es auch nicht so ernsthaft aufnehmen mussen; wenigstens verdient ich's nicht um ihn. Und darum will ich deinem Rate folgen und ihn gar nicht sehen. Es mochte leicht sein, dass ich ihm meine Empfindlichkeit daruber zu lebhaft zeigte. Es ist mir leid um das Geschehene, und ich wollte gerne meine alte Wunde wieder aufbrechen sehen, wenn es nicht vorgefallen, wenn Hadem noch da ware. Du hattest immer nicht zu rasch verfahren, wenigstens meine Ankunft abwarten sollen denn du magst von ihm sagen, was du willst, er wollte nur das Gute; vielleicht ein wenig auf seine Weise, aber er wollte es. Und wenn dein Schweizer da meinen Ernst nur nicht gar zu weit von dem Wege abfuhrt, auf den Hadem ihn leitete mein Ernst hat freilich Dinge im Kopfe, die sonderbarer Art sind, aber sie sind so guter Art, dass ich es nicht gerne sahe, wenn er sie so ganz verlore."
6.
Ernstens Einbildungskraft schwebte mit leichten, rosenfarbenen Schwingen. Mit Ungeduld erwartete er den Untergang der Sonne; bei ihrem Aufgange stand er schon am Fenster, und als sie nun im Osten in ihrer ganzen Herrlichkeit auferstand und der Teppich der Nacht ganz verschwunden war und ihr goldnes Licht sich uber die neue Schopfung ergoss und sie schmuckte, sah Ernst die Erfullung aller seiner Hoffnungen, aller seiner Wunsche in diesem erhabenen Bilde am Horizont aufgehen.
"Du gehst mir auf", rief er, "glanzendes Licht; und wenn du dort wieder hinter die Wolken trittst, so stehe ich schon in der Mitte meines wiedergefundnen Paradieses, und dann zieht die Nacht ihren Schleier zwischen mich und das, was ich hier erfahren habe. Dann stehe ich wieder in dem Tempel der Natur, ihr Priester wandelt mir zur Seite, und ich hore das Zulispeln seines Geistes dort! dort werden mir seine Worte erst recht ganz lebendig werden!"
Und als sie nun ankamen und die Freude der Hausgenossen und aller Landleute sie empfing, als jeder herbeidrang, um die lange Vermissten zu sehen, und jedes Freude sich in Blicken und Gebarden zeigte, da fuhlte sich Ernst, wie er gewesen war. Und als er den schmerzlichen Augenblick uberstanden hatte, in welchem er Renot in Hadems Zimmer treten und da sich einrichten sah, eilte er mit Ferdinand nach seinem Walde, den Felsen, dem Flusse, den Talern und jauchzte in seinem Herzen, alles so zu finden, wie er es verlassen hatte. Er trug ein weisses, feines Tuch in seiner Hand, in welches etwas eingeschlagen war; er verheimlichte selbst Ferdinanden, was es enthielte. Als er aber in die Hohle trat und die Blende erreichte, sagte er zu diesem:
"Ferdinand, alle diese Riesensaulen, welche den Berg tragen, hast du deinen in der Geschichte beruhmten Helden zu Denkmalern aufgestellt; ich lasse sie dir und fordere keine. Aber auch ich will ein Denkmal aufstellen, ein Denkmal meines Glaubens an die Tugend an die Tugend, Ferdinand, die nicht erwagt, nicht berechnet, ein Denkmal der ungeteilten, die ganze Welt umfassenden und erhaltenden Tugend. Den Kranz, welchen ich in diesem Glauben in den bluhenden Feldern des edlen Mannes pfluckte, will ich dieser einsamen, schauerlich erhabenen Hohle anvertrauen und dem Auge der Menschen ganz verbergen. In dem dunkelsten, unbemerktesten Winkel soll er hangen, solange als ich an die Tugend glaube. Ferdinand, es ist ein Bundeszeichen zwischen ihr und mir. Noch einmal, zum letztenmal, umwinde ich meine Schlafe damit dann die deinen. Erinnere dich jetzt, was wir fuhlten, als wir an dem Tage, da Hadem abreiste, vor meinem Oheim standen und uns so bekranzt umarmten. Verehre mein Denkmal!"
FERDINAND: Wie, Ernst? ein Kranz verwelkter Blumen, durrer Ahren, den die Feuchtigkeit des Orts in kurzem ganz vernichten wird ist dieses ein Denkmal der ewigen Tugend?
ERNST: Mein Glaube macht ihn dazu, zu einer Pyramide, die den Menschen und der Zeit trotzt. Ich werde Staub vor ihm sein, und mein Geist wird noch aus jenen Welten herabsteigen und den seinen sammeln; denn wenn ich denken, wenn ich furchten konnte, dass je ihn meine Hand wegrisse, so ware es besser fur mich, ich hatte nie das Licht der Welt erblickt, ware nie aus jenem Lande in das Land der Prufung herabgestiegen. An dem Tage, Ferdinand, an welchem ich ihn wieder beruhrte, gehorte ich den Toten zu!
FERDINAND: Du wirst immer bleiben, wie du bist, so gut und edel. Aber warum wahlst du diesen Winkel? Sieh, ich trete dir gerne die grosste Saule in meinem Tempel des Ruhms ab. Sprich ein Wort, und ich stosse Casarn herunter hange den Kranz an das Felsenhaupt seiner Gedachtnissaule sie scheint ewig und fest wie die Tugend, scheint selbst der Erderschutterung zu trotzen.
ERNST: Ich danke dir, Ferdinand ich wahle diesen Winkel. Die Tugend ist sehr bescheiden, und ich furchte beinahe, man verstattet ihr in der Welt keine ansehnlichere Stelle. Wenigstens glaube ich nicht, dass man sie in der Hohe suchen muss. Und da dieses nur ein Denkmal zwischen mir und ihr ist, so soll es so sein. Wenn ich daran vorubergehe oder davor sitze, so werden sich meine Anspruche darnach bilden, und die Lehren, die es mir dann zuflistern wird, die Gedanken, die mir von ihm kommen, werden von der Art sein, wie ich ihrer bedarf: gross im Innern, stark in sich selbst, still, ruhig, bescheiden im Aussern. Ferdinand, der Ruhm bedarf prachtiger Denkmaler; denn nur zu oft soll die Pracht uns die Wahrheit verhullen. Dieses hier ist ein stiller Bund des Herzens.
Als er nun ein zugespitztes Holz zwischen die Spalte des Felsens in der Blende getrieben und den Kranz daran gehangt hatte, sagte er feierlich zu Ferdinand:
"Verehre meinen Bund! beruhre nie diesen Kranz! Nie moge ich ihn beruhren! Mein Geist sehe seinen Staub, sammle ihn und trage ihn in unser Vaterland."
7.
Wahrend nun Ernst aller der Wonne in seinem Herzen genoss, die ihm die bluhende und wohltatige Natur so reichlich darbot, wahrend er auf seinen einsamen Wanderungen auf die Stimme seines geheimen Fuhrers horchte und dessen Geist in der reinen Luft, mitten im Schosse der Natur ihm immer naher trat, immer vertrauter und deutlicher ward und sein Blick in das Wesen und Leben der Menschen immer tiefer eindrang, sich immer weiter ausdehnte und er nun naher sah, was fur Schatze der Mensch verloren und wodurch er sie verloren hat, wahrend er von seinem geheimen Lehrer lernte, wie der Mensch, der auf den deutlichen Ruf der Natur, die reine Stimme des Herzens horche und allen ihr widersprechenden, sie zerstorenden Reizungen des Wahns, der Eitelkeit, der Gewalt und Herrschsucht entsage, sich allein trotz allen wilden, emporenden, von diesen angebeteten Gotzen erzeugten Ausserungen getreu verbleiben konne, sann Renot, ein Sklav dieser Gotzen, auf Mittel, ihm dieses wiedergefundne Paradies der Unschuld, der Ruhe und des Glucks zu rauben. Und nicht allein, sie ihm zu rauben, sie ihm lacherlich zu machen und alle die Begierden, Leidenschaften und Torheiten in ihm zu entflammen, die ihm sein Fuhrer als die Verwuster und Zerstorer dieses Paradieses so treffend und schrecklich geschildert hatte.
Zu diesem Zwecke sollte ihm das Werk Helvetius' "Von dem Geiste" dienen. Dieses hielt er fur den besten Wegweiser fur einen Mann, der sein Gluck, ungestort von allen angstlichen Traumen, nicht allein machen, sondern auch geniessen will.
Dieses Buch ist durch vielerlei Beziehungen merkwurdig. Der Verfasser stellt uns in demselben ein treues, aufrichtiges Gemalde der Denkungsart seines Zeitalters, seines ganz in Sinnlichkeit versunknen Volkes dar, und so systematisch geordnet, dass, wenn die Zeit es allein dem Vergessen entrisse, es den spaten Nachkommen zu einem sichern Leitfaden dienen konnte, die Ursachen der bald darauf erfolgten schrecklichen Ereignisse aufzufinden. Ohne alle Scheu und Rucksicht entschleiert uns dieser Mann in dem dogmatischen Tone der Uberzeugung alle Triebe seiner Zeitgenossen, des Eigennutzes, der Selbstigkeit, Sinnlichkeit und aller ihrer zahllosen Gefahrten, als waren nur sie die einzigen notwendigen Gesetze der menschlichen Natur. Kuhn zerreisst er das Band, welches uns an eine hohere Welt bindet, und beweist uns, dass wir nur ausgerustet mit diesen Trieben und Begierden in das Leben gestossen werden und nur durch sie unsre Bestimmung erfullen, dass alles andere Tauschung und erkunstelter Zusatz des Stolzes und einer aufgedunsenen Einbildungskraft sei, das zu weiter nichts diene, als uns zu blenden oder Dornen auf einen Weg zu streuen, den wir so leicht und froh hinwandeln konnten. Sein Werk zeigt uns von Anfang bis zu Ende, durch das ganze glanzende, witzige, metaphysisch und moralisch sein sollende Gewinde durch, dass er und seine aufgeklarten Zeitgenossen samt allen Machthabern jedes Standes nicht allein an die Tugend nicht mehr glaubten, sondern so weit gekommen waren, dass sie es gerne horten, wenn man ihren Unglauben durch sogenannte philosophische Beweise systematisch erhartete. Und so legte er in diesem seinem Werke der Nachkommenschaft das Bekenntnis ab, dass nicht allein bei ihm und dem Volke, fur welches er schrieb, alle wahre moralische Kraft aufgetrocknet sei, sondern dass es derselben entbehren konnte und wollte.
Und dieses System der Sinnlichkeit, dessen Lehre sich an seinen Bewunderern und Befolgern so schrecklich geracht hat, sollte dem Schuler Hadems und des Priesters der Natur, dem Junglinge, in dessen Busen beide nur leise zu rufen brauchten, um ihren eignen Geist sich antworten zu horen diesem sollte es wie ein langsames Gift als die einzige, durch Erfahrung bewahrte Weisheit eingeflosst werden!
Das einzige, was sich zu Renots Entschuldigung sagen lasst, damit er nicht wie Leviathan im "Faust" oder "Giafar" dastehe, ist, dass er es wirklich nicht fur Gift hielt, dass er es fruh auf dem Schauplatze eingesogen hatte, wo es aus der moralischen Faulnis emporschoss; dass er wirklich dachte, seinen Zoglingen zu nutzen, und um so mehr, da es sie dem Ziele naher bringen sollte, nach welchem allein ein Mann von Stand, Geburt und dadurch grossen Anspruchen zu streben hat. Auch kannte er in sich selbst keine andern Triebe, hatte nie nach andern gehandelt wie konnte er nun an Gotzen zweifeln, die er selbst anbetete?
Lange drehten sich seine Gesprache um den Lauf der Welt, um das, was sie in Bewegung setzt und in Bewegung erhalt. Er zeigte von fern an, wie aus diesen Trieben allein alles Grosse, Glanzende und Nutzliche, welches die Menschen getan hatten und taten, entsprange, wie diese Triebe sie zusammenhielten und wie sie eigentlich allein das Band der wechselseitigen Verhaltnisse ausmachten. Gleich einem vom Aberglauben entflammten Priester stellte er einen seiner Gotzen nach dem andern auf, schmuckte jeden aufs herrlichste, ruhmte jedes ihm eigne Wunder und zeigte begeistert auf das glanzende Gluck, welches er seinen Anbetern gewahrt. Und nun liess er zuzeiten seinem Witze freien, ungebundnen Lauf und malte bis zur Verzerrung die Gottin, welche Ernst im stillen verehrte. Die Geschichte und seine Erfahrung lieferten ihm freilich hierzu traurige Beweise, und er wusste sie zu nutzen; aber er ahndete nicht, dass Ernst von seinem geheimen Lehrer auf alles dieses vorbereitet war, er wusste nicht, dass ihn dieser fest uberzeugt hatte, die Starke der Seele sei der Grundstein aller Tugend und diese konne sich nur durch Proben erweisen.
Da Ernst immer ruhig und still zuhorte, so glaubte endlich Renot wirklich, der Zeitpunkt sei gekommen, worin er die nahere und ganzliche Entwickelung seines Systems wurde vornehmen konnen. Nun flocht er es in alle Unterredungen ein, und jeder laute Gedanke, jede ausgesprochene Empfindung musste ihm dazu Gelegenheit geben. Dabei vermied er die Miene des Lehrers so viel als moglich; alles sollte nur Erwerb der Erfahrung grosser, beruhmter und weiser Manner scheinen, damit es an Kraft und Glanz gewonne.
Von mir erwarte niemand, dass ich ihm dieses System des Eigennutzes und der Sinnlichkeit hier nach Renot vortrage und es mit ihm durch das ganze Schlangengewinde von Sophismen, Witz und Vernunftelei verfolge. Mochte mein Vaterland es nie ausuben lernen, nie so tief sinken, dass es unter uns die Triebe der Handlungen bestimme! Meine Zeit ist zu kostbar, und mich drangt das Schicksal des edlen Mannes, der meine Seele so innig beschaftigt, zu gewaltig vorwarts. Sollte ich nun uber diesen Schlamm der Menschheit mit gesenkten Flugeln hinschweben, in Gefahr, sie zu beflecken?
Ernst hatte wahrend dieser Zeit lebhaft gefuhlt, dass die ganze Lehre Renots die naturliche Folge der Zweifel sein musste, welche ihn so lange gequalt hatten, dass eine Moral, die das bloss Nutzliche zum Grund unsrer Handlungen aufstellte, uns bald dahin bringen musste, bei allen unsern Handlungen bloss auf das uns Nutzliche zu sehen, und dass demnach alle Moral nur Spiegelfechterei der Schule ware.
Ernst liess Renot ruhig seine ganze Denkungsart mit allem dem Wohlgefallen, das er dabei zu empfinden schien und das er taglich mehr zeigte, aufstellen. Dieser legte ihm sein stilles, ernsthaftes Nachdenken dabei so aus, als werde er nach und nach von der Starke seiner Grunde uberzeugt; aber ehe er es sich versah, erweckte ihn Ernst, auf eine Art, die er gewiss nicht erwartete, aus seinem Irrtum. Und der Jungling, welcher ihm so lange ohne den mindesten Widerspruch zugehort hatte, bewies ihm plotzlich, dass er die ganze Zeit zu nichts anderm angewandt, als dem sich gefallenden Redner bis in den verborgensten Winkel des Herzens zu blicken, und dass er wirklich den Punkt seiner Schwache richtig gefunden hatte.
Eines Morgens trat Ernst, nachdem er Ferdinanden entfernt, in Renots Zimmer und stellte sich so mannlich gefasst vor ihn, wie ihn dieser bisher noch nicht gesehen hatte. Er sprach mit einem festen, immer gleich gehaltnen Tone:
"Herr Renot, horen Sie mich nun einige Augenblikke mit eben der Aufmerksamkeit an, die ich Ihnen so lange, ohne Sie ein einziges Mal zu unterbrechen, geliehen habe. Es ist wirklich hohe Zeit, dass wir uns gegeneinander erklaren, damit jeder von uns wisse, wie er den andern anzusehen und zu behandeln habe. Das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, muss auf immer zwischen uns entscheiden, es muss fur immer uber unser Verhaltnis zu meiner Ruhe und, wenn Sie wollen, zu Ihrem Vorteil bestimmen.
Die Eltern bezahlen eigentlich die Hofmeister ihrer Kinder dafur, dass sie denselben gute Lehren geben; ich, Herr Renot, will etwas Ungewohnlicheres tun: ich will Sie dafur bezahlen, dass Sie mir und meinem Freunde keine schlechte Lehren geben, dass Sie uns der Tugend, welcher Sie uns entweder nicht zufuhren konnen oder wollen, wenigstens nicht zu entfuhren suchen. Meinem Versprechen konnen Sie gewiss glauben; denn Sie sehen ja wohl, dass es Ihnen mit allem Ihrem Witze, aller Ihrer Erfahrung und Ihrer wirklich glanzenden Beredsamkeit nicht gelungen ist, mich einem Wesen untreu zu machen, welches Sie Schimare nennen. Darum meine ich nun, dass Sie dieser meiner Schimare zuversichtlicher trauen konnen als derjenigen, die Sie an ihre Stelle zu setzen suchten; und gewiss hat Ihnen Ihre Welterfahrung auch hieruber einige Beweise gegeben. Ich will Sie nicht um Ihre Aussichten bei meinem Oheim bringen, will Sie vielmehr uber Ihre Erwartung belohnen, sobald ich es imstande bin; denn lieber will ich doch den Hofmeister behalten, den ich kenne, als Gefahr laufen, mir fur die noch kurze Zeit einen aufdringen zu lassen, der sich vielleicht sorgfaltiger zu verbergen wusste.
Zum Beweise, dass ich Sie nicht mit blossen Worten bezahlen will ich habe eine ziemliche Summe erspart; mein Vater gibt mir, wie Sie vielleicht wissen, immer mehr als ich bedarf. Diese Summe hatte ich zwar meinem Freunde Hadem als ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit bestimmt, aber er wird es mir gewiss verzeihen, dass ich sie so anwende; er wurde sogar, das versichere ich Ihnen, sein Letztes hergeben, um sie zu vergrossern. Sie sollen dieses und alles kunftig Ersparte haben, darauf konnen Sie, bis zu der Zeit, wo ich reicher sein werde, gewisse Rechnung machen.
Wundern Sie sich nicht uber das, was ich sage, und horen Sie mir mit der Kalte zu, mit welcher ich rede.
Entweder Sie nehmen nun meinen Antrag an, oder wir trennen uns. Nehmen Sie ihn an, so lehren Sie uns Franzosisch, Geographie, Geometrie, schweigen aber von allen Ihnen ganz fremden, unbekannten Dingen und behalten Ihre ganze Welterfahrung zu eignem Gebrauche. Ich kann Ihre Lehren nicht allein nicht brauchen, ich kann sie gar nicht mehr anhoren, wie Ihnen mein Vorschlag klar beweist. Gefallt Ihnen mein Antrag nicht, so verlassen Sie noch heute unser Haus; meinem Vater werde ich sehr leicht die Notwendigkeit davon begreiflich machen."
Nach diesen Worten legte er einen Beutel voll Gold vor Renot auf den Tisch und schien ganz ruhig den Erfolg abzuwarten. Renot sah bald auf ihn, bald auf den Boden, bald auf das Gold. Endlich antwortete er:
"Sie verkennen und beleidigen mich, missdeuten ganz, was ich bei meinen Reden uber diesen Punkt beabsichtige. Bei meiner Ehre, ich denke nur an Ihr Bestes."
ERNST: Mein Bestes kannte ich schon vor Ihnen; doch darauf lasse ich mich nicht ein. Ich habe Ihnen meinen Entschluss bekanntgemacht, er ist unerschutterlich, denn er betrifft die wichtigste Angelegenheit meines Lebens. Erwagen Sie nun die Ihrige. Und um Ihnen nichts zu verbergen wissen Sie, warum ich Sie von meinem Oheim angenommen habe? Nur darum, dass Sie mir durch die Mitteilung Ihrer Kenntnis der franzosischen Sprache einen Fuhrer verstandlich machen sollten, durch welchen Sie mir ganz entbehrlich waren, der mich jeden Tag mit neuen Waffen gegen Ihre gefahrlichen Lehren ausrustete.
Ernst ging in sein Zimmer und brachte den "Emil".
"Hier sehen Sie meinen Freund und Fuhrer, in dieser Verlassenschaft Hadems ruhet sein Geist und meine Starke. Sie konnen, wenn Sie wollen, mein Geheimnis nun verraten; sein Geist wohnt in meiner Brust, und nie werden Sie oder die Menschen das austilgen, was er, dem die Tugend selbst den Griffel gab, in mein Herz geschrieben hat. Doch vergessen Sie ja nicht, Herr Renot, dass Sie nur ihm den Vertrag verdanken, den ich trotz allem, was ich von Ihnen horen musste, bereit bin, mit Ihnen abzuschliessen. Ich kann wenigstens nicht vergessen, dass ich ihn durch Sie erst recht habe verstehen lernen."
Renot schlug indessen die Bucher um, schob sie kalt beiseite und sagte:
"Wissen Sie wohl, dass diese Bucher das gefahrlichste Gift gegen die Religion enthalten?"
ERNST: Vielleicht gegen die Ihrige, gegen die meinige nicht. Wenn Sie sich die Muhe geben wollen, den dritten Teil aufzuschlagen, so werden Sie da einige Stellen bezeichnet finden, die mich gegen die Ihrige schutzten.
RENOT: Es ist uberflussig. Folgen Sie diesem Fuhrer in allem, Herr von Falkenburg? Ich sehe, Sie verehren ihn ausschliessend. Das einzige, was mir zu wunschen ubrigbleibt, ist, dass Sie sein Schicksal nicht treffen moge.
ERNST: Und welches ist es?
RENOT: Allen Menschen lacherlich, von allen gehasst und verfolgt zu sein.
ERNST: Von allen? Ich hoffe, von den Menschen nie schlecht genug zu denken, um dieses glauben zu konnen. Und ware es, so bewiese es ja doch nur, was ich glaube, was ich von ihm glaube. Der Mann Ihres Systems wird freilich ein glanzenderes Schicksal haben. Ich wette, er ist reich, geachtet, allgemein beliebt. Es sei so! Darum behandele ich auch Sie nach seinem System und fordere weiter nichts von Ihnen, als dass Sie mich nach dem meinigen behandeln mochten. Weiter habe ich Ihnen nun nichts zu sagen. Zeigt mir mein Vater an, dass Sie Ihren Abschied verlangen, so verwerfen Sie meinen Antrag, schweigt er, so ist alles zwischen uns ausgemacht.
Er ging.
Renot sass noch lange, in tiefes Nachdenken uber diesen sonderbaren Antrag versenkt. Die Art und Weise, die Festigkeit, die Offenheit, der Geist und Mut, womit Ernst sich erklart und ihn so geradezu auf den Punkt der Entscheidung gestellt hatte, brachten seinen Stolz, seine Eitelkeit und sein sogenanntes Ehrgefuhl in ein peinliches Gedrange. Sein Lieblingsgotze, der point d'honneur, den der junge Mann so gewaltig und schonungslos geschuttelt hatte, spielte an seinem Herzen, bis er es emporte; aber die Emporung dauerte nicht sehr lange, denn sein ausgebildeter Verstand zeigte ihm schnell den ganzen Vorfall von einer so lacherlichen Seite, dass er in ein helles Lachen wurde ausgebrochen sein, wenn er nicht befurchtet hatte, Ernst mochte sich in der Nahe befinden. Endlich lispelte ihm der Geist seines Systems zu:
"Warum sollt ich einen Toren nicht auf seine Weise behandeln? Tat ich nicht meine Pflicht, da ich ihm zeigte, dass er es sei, da ich mir die Muhe gab, ihn von seiner Torheit heilen zu wollen? Er will nun einmal zu der Zahl derjenigen gehoren, die das Schicksal so gestaltet und gestimmt in die Welt wirft, dass sie Leuten von Verstande zum Spiel oder Missbrauch dienen. Soll ich nun meine Zeit verloren haben oder mich von seinen Grillen anstecken lassen und mein Gluck zerstoren? Alles, was ich fur den Toren tun kann, ist, ihn zu bedauern; denn seine Geistesstimmung verspricht ihm keine heitere Tage. Doch schaden wird er mir gewiss nicht, dafur steht mir seine Narrheit. Er ist so zufrieden mit seinem Zustande, dass alle Sorge fur ihn lacherlich ware. Sein gewahlter Fuhrer hat, so viel ich weiss, noch keinem Menschen genutzt; so nutze er mir! Aber dem Knaben da, der mich so beleidigt hat, werde ich nie vergeben!"
8.
Nach obigen Betrachtungen lebte Renot in dem Hause des Herrn von Falkenburg so ruhig und heiter fort, als ware nichts geschehen. Er behandelte Ernsten, wie dieser es wunschte, das heisst, er kummerte sich nicht um ihn. Da aber auch Philosophen, von welcher Sekte sie sein mogen, ihren Systemen gerne Schuler gewinnen, um ihre Schatze durch sie auf die Nachwelt forterben zu lassen, so hielt sich Renot jetzt bloss an Ferdinand, in welchem er immer einen sehr aufmerksamen Zuhorer bemerkt hatte. Das unruhige Feuer der Ehrbegierde, der Reiz nach Genuss, das Verlangen, in der Welt zu glanzen und eine Rolle zu spielen, waren durch Renots schimmernde Schilderungen schon lange in seinem Herzen in brausender Garung. Er konnte kaum den Augenblick erwarten, auf dem Schauplatze, den man ihm so anlockend und bezaubernd malte, ein tatiger Mitspielender zu werden. Gewisse andere Begierden, die in diesen Jahren so stark und laut anfangen zu sprechen und die der Blick der reizenden Amalie so machtig erweckt hatte, zogen einen noch blendendern und reizendern Firnis uber eine Welt, wo sie ihre Befriedigung ahndeten. Renots Unterhaltung setzte sie in volle Flammen; denn er erzahlte ihm gerne seine und anderer Begebenheiten mit einem Geschlechte, das, nach seinen geausserten Meinungen, nicht allein den Wert eines Mannes bestimmt, sondern auch uber sein Gluck entscheidet. Dieses alles tat nun Renot in der Absicht, den jungen Menschen fur die Welt zu bilden und ihn zum wahren Gluck zu fuhren. Demnach sah nun der lebhafte Ferdinand in seinem Hofmeister nicht allein den angenehmen Verkundiger aller der Genusse, nach denen er sich sehnte, er sah in ihm auch den Mann, der ihm den leichtesten und sichersten Weg zu ihnen zeigte, der allein ihn lehren konnte, zu gefallen und die Herzen dieser Glucksgottinnen zu gewinnen. Seine Einbildungskraft ward durch diese Vorspiegelungen immer reger, und Genuss, Liebenswurdigkeit, Gefuhl der Ehre in Renots Sinne wurden bald die einzigen Gedanken, mit denen er sich beschaftigte. Renot bewies ihm die Notwendigkeit seiner Lehre auch dadurch, dass er als eine Waise nur durch die Gaben, mit denen die Natur ihn so reichlich beschenkt hatte, das ersetzen konnte, was ihm vom Gluck und Schicksal vorenthalten ware. Und hier ergoss er sich gewohnlich in ein grosses Lob uber seine Gestalt, seinen Witz, seine Lebhaftigkeit, Anmut und Gewandtheit und versaumte nie, Ernstens Betragen und Denkungsart lacherlich zu machen. Verteidigte Ferdinand diesen gegen seine Sarkasmen, so sagte er: "Den Reichen ist alles erlaubt, ihnen verzeiht die Welt sogar die sonderbarsten Grillen; aber ein Mann, der sonst nichts hat als seine Talente und empfehlende Gestalt, muss sich huten, einer Schimare nachzulaufen, die noch keinen glucklich gemacht hat und die gewohnlich damit endiget, dass sie die Geissel derer wird, die mit ihr gebuhlt haben. Diejenigen, welche sie noch am besten behandelt, lasst sie, nachdem sie dieselben um allen wahren Lebensgenuss gebracht hat, als einen Gegenstand des Spottes und des Gelachters stehen; und die vom Elend Erdruckten und Erwurgten verweiset sie auf die Hoffnung uber dem Grabe."
Horte und sah Ferdinand Ernsten, so dachte er freilich anders; aber doch glaubte er auch von ihm, es liesse sich zwischen Renots und Ernstens Denkungsart ein Vergleich stiften, vermoge dessen ein Mann von Ehre mitten im Gerausche und Genusse der Welt es verbleiben konne; und die Welt zu geniessen und zu benutzen, schliesse die Tugend und Rechtschaffenheit nicht aus.
Das schone Band der jungen Freunde wurde, wenigstens von Ferdinands Seite, durch diese Verschiedenheit der Gesinnungen von Tage zu Tage lockrer. Ernst sah es mit tiefem Kummer. Er zeigte Ferdinand seine Besorgnisse; aber so schonend er es auch tat, so erblickte doch dieser in ihm mehr einen spahenden Beobachter und ernsthaften Zurechtweiser als einen wohlmeinenden Freund. Renot unterhielt ihn in dieser Meinung.
9.
Die Zeit der Trennung war nun gekommen; Ernst und Ferdinand hatten die Jahre erreicht, wo sie den Wirkungskreis ihrer Tatigkeit erwahlen mussten. Ferdinand wurde durch den Prasidenten bei einem auswartigen Regimente in Frankreich angestellt; Ernst sollte die Universitat beziehen. Ferdinand reiste zuerst, und Ernst sagte ihm beim Abschiede:
"Ich bin dein Freund. Beweise mir, dass du der meinige bist, wenn du dich in Not befindest. Ich teile mit dir; und gelingt es dir in der Welt nicht, hier sollst du immer alles finden, dessen du bedarfst. Nur kehre mir zuruck, wie du mich verlassest. Vergiss Hadem und seine Lehren nicht, so kannst du mich nie vergessen."
Renot dachte noch immer, er wurde Ernsten auf die Akademie begleiten; aber dieser wusste seinem Vater so klar zu beweisen, wie entbehrlich Renot ihm sei, dass man ihn entliess und ihn dem Prasidenten zuschickte. Ernst wiederholte sein Versprechen und gab ihm neue Beweise davon.
Ernst blieb noch einige Monate bei seinem Vater und genoss nun ungestort seines Zutrauens und seiner Liebe. Oft sprach er von Hadem mit ihm, und der Vater uberzeugte sich immer mehr, dass er seinen Sohn diesem ihn schutzenden Geiste anvertrauen konnte. Nun durchstrich Ernst die Gegenden, wo er seine Kindheit und die Junglingsjahre so glucklich und unschuldig verlebt hatte. Den letzten Abend vor seiner Abreise besuchte er die Hohle, kusste den Kranz und sagte: "Bluhend, wie ich dich gepfluckt habe, schwebest du uber meinem Haupte! Und nie wirst du mir verdorren! Lass mich dich mit dem Gefuhl wiedersehen, mit welchem ich dich verlasse, und ich bin glucklich!"
Drittes Buch
1.
Vielleicht missfiel es manchem, dass ich mich bei der Jugendgeschichte des Mannes, den ich darzustellen unternommen, so lange verweilt und Vorfalle erzahlt habe, die diesem und jenem geringfugig scheinen mogen. Gleichwohl konnte ich nicht anders, wenn ich euch den Mann zeigen wollte, der so schrecklich verkannt wurde; und entsprang nicht aus eben diesen unbedeutend scheinenden Vorfallen seine ganze Denkungsart, die Stimmung seines Herzens auf sein Leben? Hatte ich keine anderen zu melden, ihr wurdet auch diese nicht gelesen haben; aber nun muss ich vorwarts und den glucklichen Szenen seiner Jugend den Rucken wenden. Solange ich ihn nur mit sich selbst beschaftiget schilderte, solange ich die schonen Bluten seines Geistes, die sein idealischer Sinn so lieblich farbte, zu malen versuchte, konnte ich oft vergessen, was auf diesen seligen Traum der Jugend erfolgte. Aber nun, da ich ihn, um der Ursache willen, die ich euch gleich anfangs gesagt, in dem Verhaltnisse mit den Menschen auffuhren und euch dartun muss, was Dummheit, Bosheit und Neid taten, einen Geist zu erschuttern, der gegen alle Schlage des Schicksals durch ein Gefuhl gestahlt ist, das zwar nicht vernichtet, aber doch verdustert werden kann nun wird mein Geschaft bei jedem vorwarts getanen Schritte trauriger und schmerzlicher. Fassen will ich mich, so viel ich kann, und ohne Bitterkeit und Hass das weitere treu und wahrhaft erzahlen.
Ich uberfliege, so viel ich kann und darf, um schneller den Begebenheiten naherzukommen, die jetzt auf mich zudrangen.
Nach einigen auf der Universitat zugebrachten Jahren begab sich Ernst auf Reisen: zuerst durch Teutschland, dann durch England und Frankreich. Seine Kenntnisse erweiterten sich, aber sein innrer Sinn blieb derselbige; nur dehnte er sich mehr aus, nur ward er kraftiger durch die gemachten Beobachtungen. Sein geheimer Fuhrer hatte ihm einen richtigen Massstab gegeben, die Erscheinungen der moralischen Welt zu bestimmen; und darum konnten ihm diese Erscheinungen, so auffallend und emporend er sie auch hin und wieder finden mochte, die Natur des Menschen und seine Anlagen, gut und edel zu sein, in kein zweideutiges Licht setzen. Sein Fuhrer hatte ihm klar gezeigt, dass alles Verzerrte, Verstummelte, Missgestaltete und Ungeheure, welches in der Gesellschaft ohne Unterbrechen hervorschiesst, bis ins Unendliche fortwachst und in allem, was der Mensch tut und denkt, sichtbar ist, nur in dem Augenblick entstehen konnte, in welchem der Mensch, dieses so vorzuglich geliebte, so glucklich ausgestattete Lieblingskind der Natur, seine Mutter verliess. Sie hatte ja ihre heiligen Lehren als die einzigen Quellen des Glucks seinem Herzen anvertrauet und ihm die Grenzen dieses Glucks so fest und bestimmt angezeigt, dass er nicht ubersehen konnte, das Elend beginne, so bald er sie ubertrete. Ernst wusste durch seine Lehrer, wodurch der Mensch diese Grenzen einriss und ubersprang, er wusste, wer ihre Spur so ausgeloscht hatte, dass die aus ihrer glucklichen Heimat Verirrten wohl noch zuzeiten ihr verlornes Gluck wie einen Jugendtraum vor ihrem Geiste dunkel schweben sehen, aber es nie wiederfinden konnen. Man glaube darum nicht, Ernst habe seinen Lehrer so verstanden, wie ihn mancher verstanden hat und noch versteht: als musse man diese selige Heimat in dem wilden Zustande suchen, der darum dem Menschen nicht allein und vorzuglich eigen und naturlich sein kann, weil er in demselben seine hohe Wurde, die seinen Ursprung allein beweiset, nie entwickeln konnte. Nachdem er die ubrigen Schriften seines Lehrers gelesen hatte, die alle nur ein Geist durchhaucht und zu einem zusammenhangenden Ganzen verbindet und wovon jeder Teil zu einer Stufe des Tempels der Wahrheit dient, sah er klar ein, dass die oft wild und ubertrieben scheinenden Gedanken des begeisterten Kunstlers, der dieses erhabene Gebaude auffuhrte, nur deshalb da stehen, weil sie das entgegenstehende Gerust des Wahns, der Torheit, Eitelkeit und Eigenmacht in seiner elenden Blosse zeigen sollen. Er wusste, dass Plato, als er die Gebrechen der Staaten seines Zeitalters merkbar machen wollte, dasselbe tat, indem er das Gesetz, die Gerechtigkeit und die moralische Wurde des Menschen als die einzigen Fuhrer und Leiter seinen Zeitgenossen mit der ganzen Erhabenheit und Kraft seiner Seele darstellte; er wusste, dass ihn nur die missverstanden, verhohnten und hassten, welche ihn entweder nicht fassten oder, als Verbrecher gegen diese Gesetze und Wurde, es nicht ertragen konnten, dass dieselben in diesem hohen Lichte der Wahrheit erschienen.
2.
In Paris machte er sehr viele und angenehme Bekanntschaften mit Gelehrten, Burgern und Staatsleuten; und auch er fand, was so viele beobachtet hatten, dass trotz der Verderbnis der Sitten in keiner Stadt Europas mehr Kenntnisse, Annehmlichkeiten des Umgangs und gesellschaftliche Tugenden zu finden waren als eben in dieser verderbten Stadt. Auch hatte gerade die allzu offne und schreiende Ausserung dieser Verderbnis nach und nach alle diejenigen erweckt, in welchen die Funken des Edlen noch glimmten; ihre Tugend erhob sich an der Seite des Lasters, und schon horte man einige laute Stimmen unter dem wilden Gebrause.
Franklin war um diese Zeit in Paris, und Ernst hatte das Gluck, diesem seltnen Manne zu gefallen und von ihm geachtet zu werden. Als sich dieser nun zu seiner Abreise fertig machte, bat ihn Ernst um die Bestellung eines Briefes an Hadem, von dem er den edlen Greis so oft unterhalten hatte. Franklin versprach ihm, wenn Hadem in dem ungeheuren Bezirke von Amerika lebte, so sollte er diesen Brief gewiss bekommen. So viel hatte Ernst schon von Franklin erfahren, dass das Regiment, wobei Hadem stand, in einem fur die Englander und Teutschen unglucklichen Treffen beinahe ganzlich zugrunde gerichtet worden sei und man die ubrigen als Kriegsgefangene in das Innere des Landes gefuhrt hatte.
Ich darf dem Leser diesen Brief nicht vorenthalten.
Ernst an Hadem
Ein Brief von Ihrem Schuler, Ihnen durch den edelsten Mann des Landes, in welchem Sie nun leben, zugesandt, wird Sie gewiss erfreuen. Und damit Sie ja nicht furchten, dass etwas diese Freude storen mochte, so sage ich Ihnen gleich im Eingange meines Briefes, dass Ihr treuer Schuler noch in dem Lande lebt, in das Sie ihn eingefuhrt haben. Sie wurden ihn trotz der Veranderung, welche die Zeit in seinem Aussern gemacht hat, gewiss wiedererkennen und so finden, wie Sie ihn verliessen. Damit Sie sehen, wie und wodurch er sich auf seiner Grundfeste erhalten hat, sende ich Ihnen hiermit zugleich die Beweise des Kampfes1, den Sie bei Ihrer schrecklichen und plotzlichen Entfernung durch Ihre letzte Worte veranlasst haben. Und dann sage ich Ihnen, dass Sie mich nie verlassen haben, dass Ihr Geist mir immer zur Seite stand, dass ich nur in dem Gedanken lebte, Sie wiederzusehen, nur Sorge trug, von Ihnen wiedererkannt zu werden. Franklin, der erste Mann seines Volkes, hat mir versprochen, Sie in meine Arme zuruckzusenden; und dann, Hadem, mag das Schicksal uber mich beschliessen, was ihm gefallt.
Denken Sie sich meine Lage, meine Traurigkeit, meine Furcht, meine Angst, meinen Kampf, als Sie mich verliessen! Und denken Sie, wie ich Ihnen in der Stille des Herzens fur den Fuhrer dankte, dem Sie mich anvertraueten! Daran erkannte ich meinen Hadem wieder. So ubergibt der schutzende Genius den ihm anvertrauten, eben verschiednen Gerechten einem Engel, dass er ihn in unser Vaterland leite, weil ein Neugeborner seines Schutzes bedarf. Er hat mich geleitet, er hat den jungen, ganz verlassnen Kampfer ausgerustet mit Starke, er hat ihm wieder Mut eingeflosst auf der Bahn, auf welcher er einen Augenblick wankte. Und von dem Augenblick an, da ich den Geist verstand, dem Sie mich anvertrauten, stehe ich wieder in der Mitte meines Paradieses, und ich hoffe, Sie sollen mich darin finden.
Von dem Manne, dem man mich und Ferdinand nach Ihrer Entfernung ubergab, sage ich nichts. Er konnte mir nicht mehr schaden; er bestarkte mich nur in dem Glauben, den Sie in mir erzeugt hatten. Nur furchte ich, dass er auf Ferdinand mehr Wirkung getan hat. Dieser ist jetzt im franzosischen Dienste, und ich habe ihn in seiner Garnison besucht. Nach den Begriffen dieses Landes besitzt er alles, was ein Mensch besitzen muss, um hier sein Gluck zu machen; und ich glaube, er wird das seinige machen. Freude, Vergnugen und Hoffnung umgaukeln ihn, und er ist so liebenswurdig, so angenehmen Umgangs, dass der Zauber seines Betragens und seiner Liebkosungen mir selbst die Furcht verschleierte, die einige seiner Ausserungen in mir erweckten. Ich liebe ihn und werde ihn immer lieben, und da seine ihn ganz beherrschende Einbildungskraft nun einmal nicht zu bandigen ist, so wunsche ich nur, dass er bei Fehlern und Torheiten stehenbleibe, dass diese Fehler unter einem so leichtsinnigen Volke wie das franzosische nicht in Laster ausarten. Fehler kann er im Ungluck bei mir vergessen, Torheiten kann ich vielleicht gut machen; aber Laster?
Ich habe mich vier Jahre auf der Universitat *** aufgehalten und da das menschliche Wissen mehr gepruft als mir zum Eigentum gemacht. Ich lernte mich von der Beschranktheit des menschlichen Geistes uberzeugen und fand bei meinem Nachsinnen daruber, dass uns zu unserm Glucke so vieles Grosse und Herrliche deutlich, klar und verstandlich ist als wir bedurfen, um unsre Bestimmung zu erfullen. Ihr Geist und der Geist des Mannes, den Sie mir zum Fuhrer hinterliessen, leiteten mich auch hier; ich ging mit ungestortem Verstande und ruhigem Herzen an allen tauschenden Sirenen voruber, die uns mit ihrem reizenden Gesange in Labyrinthe locken, aus denen wir uns selten herauswinden, ohne die Heiterkeit des einen und die Zufriedenheit des andern zu verlieren. Wie die goldnen Strahlen der Morgenrote schweben die Faden meines Daseins, die mich an jenes Land so sanft binden, vor meinem Geiste ich uberlasse mich ihrem Zuge und vermeide alles, was sie duster farben konnte.
Ich war in England, Hadem, in dem Lande, das die Sohne der Teutschen von ihren Fursten erkauft, um sie uber das Meer zur Schlachtbank zu senden. Auch Sie sandte es dahin, aber zum Schutz und Troste der dem Tode geweihten Opfer. Und nur dieser Gedanke, wenn ich Sie bisweilen zu lebhaft zuruckwunsche und murrend uber meinen Verlust klage, sohnt mich wieder mit dem Schicksal aus, das Sie mir vorenthalt. Ich empfinde, was Sie diesen Unglucklichen sein mussen, welche die Goldsucht ihrer Fursten von dem vaterlichen Boden vertrieb, die nun seufzen in der Gefangenschaft, im Innern eines fremden Landes, dessen Erde schon den grossten Teil ihrer Bruder in Wildnissen deckt. Ist der Teutsche dazu geboren? seinem Fursten von der Natur als eine Ware gegeben? Was hofft dieser von den zuruckgebliebenen Waisen, wenn die Zeit kommt, da das Vaterland seiner Sohne bedarf? Wird er mit seinem aufgehauften Golde nun auch fremde Verteidiger erkaufen? oder wird er dem Feinde die Summe entgegentragen, die er fur das Blut seiner Kinder erhalten hat, und damit Schonung erkaufen? Ich darf diese Gedanken nicht weiter verfolgen. Kein Volk der Erde verdient mehr Achtung und Schonung von seinen Fursten als das teutsche; und dieses Volk wird von ihnen verkauft! Weg mit dem elenden Gedanken, der Teutsche habe kein Vaterland! Er hat ein Vaterland; ich habe ein Vaterland, ich fuhle es und fuhlte es schon, als ich das erste lebendige Rauschen in meinem Eichenwalde vernahm. Ich furchte, Hadem, durch diese Gesinnung sind Tugenden in Teutschland verschwunden, deren Verlust wir einst bereuen werden. Die Zeit kann kommen, wo sich dieser Gedanke, der Teutsche habe kein Vaterland, grausam an denen rachen wird, die ihn erzeugten und unterhielten. Der Teutsche hat kein Vaterland was hat er denn, Hadem? Und was sind seine ihm eignen Sitten und Tugenden? Ist nicht Treue, Aufrichtigkeit und Tapferkeit sein unterscheidendes Merkzeichen? Und den Boden, der diese Tugenden nahrt, auf welchem sie gedeihen, sollten wir nicht unser Vaterland nennen? Und ware dieser traurige Gedanke wirklich wahr wie, wenn nun der Teutsche fragte, warum er kein Vaterland habe in dem Sinne wie andere Volker und durch wen ihm diese Quelle edler Tugenden genommen sei was wurde man ihm antworten?
In England forschte ich vergebens nach jenen Tugenden, mit deren Gerausche dieses nach allen Teilen der Welt handelnde Volk seine verblendeten Bewundrer so lange tauschte. Langst hat die Goldgierde sie verschlungen. Mich uberfiel ein Schauder bei dem Gedanken, dass dieses von politischer Freiheit traumende Volk, welches gleichwohl allen wirklichen Wert nur in Gewinn setzt, die unschuldigsten und altesten Bewohner der Erde in der scheusslichsten Sklaverei halt und uns ihre unter der Gewalt erzwungenen Erzeugnisse zufuhrt, um fur das uns abgenommene Gold Teutschlands bluhende Sohne von unsern Fursten zu kaufen! Ich sehe sie alle Meere durchfahren, alle Kusten der kultivierten und wilden Volker besuchen, uberall handeln, tauschen, Gewalttatigkeiten und Raub ausuben und selbst hier in der Hauptstadt fur den Glanz des Goldes den Schatten ihrer noch ubrigen Freiheit verkaufen. Hadem, und doch treibt dieses durch seine Reichtumer aufgeblahete Volk seinen missverstandnen Stolz so weit, dass es alle Volker der Erde verachtet, ob es gleich bei ihnen seine Tugenden fur Gold umsetzt. Und wenn die Englander nun alles Gold der Erde zusammengehauft haben, werden sie nicht armer durch ihren Reichtum sein? Wird das Elend bei dem grossten Teile des Volkes nicht in eben dem Masse steigen wie der Reichtum des kleinern? Welches bloss kaufmannische Volk der alten und neuen Welt rief nicht in der Zeit der Not seinen Gotzen vergebens um Hulfe an? Oh, es ist ein trugvoller Gotze, Hadem; und die Zeit wird einst gewiss die gemisshandelten Volker der Erde an seinen feurigen Anbetern rachen! Und geschieht es nicht schon jetzt, in dem Erdteile, wo Sie leben? Tugend, Mittelmassigkeit zu Gefahrten, Eisen zur Verteidigung was vermag das Gold gegen diese? Und ist dieses nicht das Los der Teutschen?
Ich durchreiste verschiedne Provinzen von Frankreich, bevor ich mich nach Paris begab. Da nun und in Versailles entdeckte ich freilich sehr geschwind die Quellen des Elends, von dem dieses gutmutige, muntre, geistreiche und freundliche Volk so vielfach leidet. Gewiss besitzen die Franzosen schon von Natur alle geselligen Tugenden in einem hohern Grade als andere Volker; und darum konnen andere Volker auch nur ihre Torheiten nachahmen. Ich werde uberall eine feine Urbanitat und gefallige Redlichkeit gewahr, die nur der Hass oder der rohe Sinn verkennt. Der Franzose ist durchaus ein vollendeterer Mensch, und Feinheit im Denken, Sprechen und Handeln macht sein unterscheidendes Merkmal aus. Um so mehr ist es zu beklagen, dass die Urheber seines Elends ihm alles Bose mit einer Leichtigkeit, Zuversicht und Vergessenheit tun, als sei es ein unvermeidliches Gesetz der Notwendigkeit. Ich fliehe oft den Tumult dieser grossen Stadt, um mich dem Nachsinnen dessen zu uberlassen, was taglich vor meinen Augen vorgeht; und oft fluchte ich mich auf die ruhige, selige Insel, welche die Gebeine des Mannes in sich schliesst, dessen Leitung Sie mich anvertrauet haben. Mit welchem Gefuhle der Ruhrung und des Danks ich zum erstenmal sein Grab begrusste, denken Sie wohl. Diese Insel, Hadem, war der letzte Zufluchtsort des verfolgten Priesters der Natur und der Wahrheit. Auch hat die Natur sie zur Ruhestatte ihres Lieblingssohns reizend ausgeschmuckt. Schlanke Pappeln wiegen sich lispelnd um sein Grab, als sprachen Geister aus einer andern Welt von ihren Wipfeln herab. Hier sprach sein Geist starker als je zu mir; und selbst der heisse Wunsch, dass er noch leben mochte, die stillen Klagen, dass ihn meine Augen nicht sehen, dass ich ihm fur meine Errettung keinen Dank sagen konnte, verloren sich bei dem Gedanken: Werde ich ihn nicht finden in dem Lande, wohin er geflohen ist, zu welchem er mir die Bahn so fest, so bestimmt vorgezeichnet hat?
Hadem, nie vergehen die Worte dieses Mannes, und an seinem Grabe fuhlt ich, was denen bevorsteht, die dem Edlen ihr Ohr verstopften diesem Edlen, der ihnen so laut und schrecklich warnend den Abgrund zeigte, an dem sie so tatig und rastlos graben, als konnte er sie nicht fruh genug verschlingen.
Hier, an seinem Grabe, schwor ich, seiner Lehre treu zu bleiben und alle widrigen, emporenden Erscheinungen um mich her mit dem Gedanken zu bekampfen: "Die Natur machte den Menschen gut; in dem Augenblicke, da er sie verliess, horte er auf, es zu sein." Ja, Hadem, hier ist die Tugend nur ein Paradewort, nur ein Ausdruck des Vertrags. Hier weiss man nichts von Ubertreibung derselben, als wenn man von ihr spricht, wenn man Handlungen aus Romanen zum Gegenstande des Gespraches macht. Hier ubt man Ihre letzten Worte in einem Sinne aus, wie Sie dieselben gewiss nicht ausgesprochen haben; denn aus Vorsicht, die Tugend nicht zu ubertreiben, sich und andern durch sie nicht schadlich zu werden, verliert man alle Kraft und allen Mut dazu.
Ich werde in kurzem Frankreich verlassen; denn ich sehne mich nach meinem Vaterlande, wo die goldne Mittelstrasse noch betreten wird, wo Uppigkeit und ihre Quelle, der Reichtum, noch nicht alle Tugenden verschlungen haben, wo noch Einfalt, Zutrauen und inniges Verhaltnis unter den Burgern herrschen. Mochte es in diesem Zustande verbleiben! Mochten nie Witz und Spott die einzigen Bedurfnisse der Unterhaltung, die Hauptforderung an unsere Schriftsteller werden! Mochten dem Teutschen noch lange Wahrheit, Empfindung und Einfalt genugen, und ein Gemalde der schonen, ruhigen Natur, die Erzahlung einer guten Tat, das ruhrende Schicksal eines ihrer Bruder sie mehr entzucken als die witzigste, geistreichste Spotterei, die glanzendste Schilderung des uppigen Wohllebens, die beruhmteste Darstellung der mit dem schimmerndsten Firnisse ubertunchten Laster! Euer Ruhm sei eure Treue, eure Aufrichtigkeit, euer Mut! Erhaltet diese Erbschaft eurer Vater und missgonnt andern Volkern den Ruhm nicht, den sie sich auf Kosten dieser Tugenden erwerben!
Mit diesen Empfindungen werde ich den vaterlandischen Boden wiederbetreten, mich auf den Schauplatz meiner frohlichen, unschuldigen Jugend einschranken und da Sie erwarten. All mein Bemuhen soll darin bestehen, mir diesen Sinn zu erhalten, meines Vaters und Ihre Lebenszeit aufzuheitern und alle die glucklich und zufrieden zu machen, die meiner Sorge anvertrauet sind.
Kehren Sie bald zu uns zuruck, Hadem, so bald als Ihre Pflicht es verstattet. Sie fehlen mir und meinem Vater. Mitten in dem bluhenden Schosse der Natur wollen wir einen Tempel bauen, dessen Grund ich an Ihrer Seite mit zarter Hand anlegte. Ich bin nun kuhner und zutraulicher geworden und der Grundstein dieses Tempels liegt mitten in dem von Ihnen gebildeten Herzen, welches ich so rein erhalten will, dass Sie es nie abweisen werden. So bin ich, durch unermessliche Entfernung getrennt, noch Ihr, so sind Sie noch mein; denn das Band, das uns vereinigt, umschlingt und erhalt die Welten. Leben Sie wohl, Hadem!
Zwei Dinge vergehen nie in mir: die Gewissheit eines hohern Ursprungs, sichre Ruckkehr dahin und die Freundschaft fur Sie. An diesen Zeichen werden Sie Ihren Schuler gewiss erkennen, in welcher Lage des Lebens Sie ihn auch finden mogen. Noch einmal, leben Sie wohl!
3.
Nach Franklins Abreise kehrte Ernst zu seinem Vater zuruck. Wie er Teutschland und seine Landsleute betrachtete, hat er selbst angedeutet; und ich brauche nicht zu sagen, dass er den vaterlandischen Boden mit Gesinnungen betrat, die dem grossten Teil unsres von Reisen zuruckkehrenden Adels fremd sind. Von aussen gebildeter und vollendeter, mit Erfahrung und Kenntnissen bereichert, kehrte er, was seine innere Denkungsart betrifft, unverandert zuruck. Sein Ausseres hatte durch seine festere innre Stimmung gewonnen, seine ernste und oft duster nachsinnende Miene war durch gefallige Sanftmut gemildert. Aus seiner Liebe zum Guten, seinem Mute, seinem Zutrauen, seinem einfachen Gefuhl floss ein schonendes Betragen gegen andere. Er konnte Torheiten mit ansehen, ohne aufgebracht zu werden. Er bedauerte still; denn da er die Menschen kannte, so kannte er auch die Ursachen ihrer Torheiten, und da er fur sich ohne alle Anmassungen und Anspruche war, so liess er sich nie verleiten, durch Bemerkungen und Zurechtweisen die Menschen zu reizen, uberzeugt, dass man sie wohl dadurch erbittern, in ihrem Unsinne verstarken, aber selten bessern kann. Nur wenn er aufgefordert wurde, wenn man Wahrheit von ihm verlangte, wenn sie oder die Unschuld in Gefahr waren, nur dann trat er in der ganzen Wurde und Starke seines Gefuhls auf, ohne die Folgen fur sich zu achten.
Die Freude seines Vaters, einen solchen Sohn nach allen ihm bekannten Gefahren in seiner Unschuld zu umarmen, ihn so zu finden, wie er ihn verlassen hatte, war unbeschreiblich. Es war immer sein Ernst, und in seinem Herzen lebte das Gefuhl der Jugend, als sei ihre Blute unverganglich. Musste sie nicht? Hatte er sie nicht in dem ewig bluhenden Lande gepfluckt, in das er so fruh eingedrungen war? Auch sollten nur dort ihm die Fruchte reifen, deren Keime er so sorgfaltig wartete; denn nur dort bluhet der Baum des wahren Lebens.
Als sein Vater nun alle Freude des Wiedersehens genossen und Ernst die Hohle besucht, den Kranz unversehrt gefunden hatte, ohne dass ein Vorwurf die geistige innre Verbindung mit ihm storte drang sein Vater in ihn, sich dem Fursten vorstellen zu lassen. Ernst empfand, dass es notwendig ware; aber er versicherte seinem Vater, er wurde sich durch nichts fesseln lassen, in seine Arme zuruckkehren und nur ihm und dem stillen Berufe leben, den die Natur ihm so glucklich angewiesen hatte.
4.
Ernst kam in der Residenz an und stieg bei seinem Oheim ab. Sein Eintritt und sein Betragen uberraschten den Prasidenten; der Jungling, den er als einen phantastischen, traumenden Knaben kannte, war nun zu einem jungen Mann aufgewachsen, der bei allem Anstande, aller Freundlichkeit und Sanftmut doch mit jedem Worte und Blick anzeigte, dass er auf einem festen Punkte der Starke und Entschlossenheit stande. Ich sage zu wenig, wenn ich sage: der erfahrne Mann ward dadurch verwirrt. Ernst druckte ihn; denn wenn er ihm gleich als sein Neffe und als Edelmann gefiel, so missfiel er ihm doch als Mensch. Indessen war der Freude, des Bewillkommens und Wohlaufnehmens kein Ende, und der Tag seiner Ankunft musste ein Fest in der Familie werden, wozu man alles einlud, was man seine Freunde nannte. Ernst musste von seinen Reisen erzahlen, und er sagte eins und das andere daruber, das seinen Oheim in Erstaunen setzte. Zuzeiten dachte er, Renot habe trotz seinen Prahlereien doch nur gepfuscht und der alte Schade sei dem jungen Manne geblieben, er tauge nur fur das Landleben oder fur das Bucherschreiben. Als er aber endlich seinen Entschluss erfuhr, dass er sich dem Fursten wolle vorstellen lassen, ward er ernsthaft, lobte indessen seinen Entschluss sehr und setzte hinzu:
"Sie werden Ihren Hofmeister Renot als Sekretar bei dem Fursten finden, Neffe. Er hat mir diese ehrenvolle Stelle zu danken. Ich tat es um Ihrentwillen, und Sie konnen dafur auf seine Gefalligkeit bei jeder Gelegenheit rechnen. Wenigstens glaubte ich, ich sei verbunden, die Dienste zu belohnen, die er Ihnen erwiesen hat."
Ernst errotete; er hatte die Kunst nicht erlernt, einen Schlag an sein Herz abzuleiten, ohne dass er sich dem Geiste mitteilte. Er antwortete kalt:
"Ich sehe es gerne, dass es ihm wohlgeht, und da Sie wirklich glauben, er habe Ihre Vorsorge verdient, so danke ich Ihnen dafur; doch erlasse ich ihm seinen Dank und seine Gefalligkeit, wenn ich Ihre Worte recht verstehe, weil ich nie etwas suchen werde, als wozu ich Recht habe, und dazu ist ja der gerade Weg immer der beste."
Ernst traf hier, ohne es noch zu ahnden, gerade den rechten Gesichtspunkt, den der Prasident bei der Anstellung Renots im Auge gehabt hatte. Er, der an dem kleinen Hofe gerne die Politik ausubte, wie sie an grossen im Gange ist, um seine Geisteskrafte alle zu gebrauchen, hatte Renot dem Fursten zum Sekretar gegeben, weil er gerade einen so gewandten und ihm zugetanen Menschen an dieser Stelle brauchte. Der Furst hatte unter vielen Eigenheiten auch die, dass er gewisse Dinge gern allein tat und seine Minister und geheimen Rate nicht alles wissen lassen wollte. Da dieses nun eine Eigenheit an einem Fursten ist, welche Minister und Rate an kleinen Hofen ebenso wenig vertragen konnen als die Minister und Rate an grossen, so mussten sie naturlich diese ihnen unangenehme Eigenheit fur sich so unschadlich als moglich zu machen suchen. Nehmen liess der Furst sie sich einmal nicht; das hatten sie erfahren. Renot war nun freilich der Mann zu einem solchen Zwecke. Er legte, sobald er den Fursten kennengelernt und das Verhaltnis nebst allen daraus fur ihn entspringenden Vorteilen durchschauet hatte, den Franzosen so weit als moglich ab und stellte nur den biedern, einfachen, treuen Schweizer dar. Der Furst war mit ihm zufrieden; denn Renot besass die Kunst, ihm jede Arbeit leicht und nach seinem Sinne zu machen. Und um diese Zufriedenheit bis zum Zutrauen zu erheben, zeigte er ihm bei jeder Gelegenheit das, was Grosse so gern an Kleinen sehen: eine besondere Anhanglichkeit und Ergebenheit; und er wusste es so zu drehen, dass er dieses noch mehr fur den edlen Mann als fur den Fursten zu fuhlen schien.
Der Prasident versuchte nun, Ernsten einige Regeln uber sein Betragen gegen den Fursten zu geben, und legte besonders auf diese einen starken Nachdruck: da der Furst das Kuhne und Mutige nicht liebe, so mochte er ja zuruckhaltend in seinen Reden sein.
Ernst horte ihn ruhig an und sagte:
"Ich gehe zu dem Fursten, ihm die Achtung zu bezeigen, die er von mir, von jedem unter uns, von jedem seines Volks und von jedem Teutschen verdient. Kann ich ihn von diesem meinem Bewegungsgrund uberzeugen, so habe ich meine Absicht schon erreicht."
Der Furst erlaubte Ernsten schon auf den folgenden Morgen Zutritt. Gerne hatte ihn der Prasident an den Hof begleitet, aber er wusste, dass er darum doch weiter nichts erfahren wurde; denn der Furst hatte auch die Eigenheit, dass er den Zutritt in das Innere seines Kabinetts erlaubte und sich da gern allein und ungestort mit denen unterhielt, die er sehen und kennenlernen wollte.
Dem Fursten gefiel nun alles das an Ernsten, was dem Prasidenten nicht gefiel; und als er ihm angemeldet ward, erinnerte er sich augenblicklich seines ehemaligen Schreibens. Er las es durch, bevor Ernst zu ihm trat, und nun sah er den jungen Mann gerade in dem Lichte an, in welchem er ihm damals erschien. Der Eintritt, das Betragen, die Gesinnungen Ernstens bestarkten den fruhen guten Eindruck. Nachdem sich der Furst lange mit ihm von seinen Reisen und auswarts gemachten Bekanntschaften unterhalten hatte, fragte er ihn, welchem Geschafte er sich nun zu widmen gedachte, welchen Teil an der kleinen Staatswirtschaft seines Vaterlandes er wahlen wurde.
Ernst antwortete: "Meine Neigung geht vorzuglich auf ein beschranktes Leben; ich halte es jetzt fur mein Hauptgeschaft, das Leben meines Vaters angenehm zu machen und ihm alle Sorgen abzunehmen. Ich muss mich erst im Kleinen versuchen, Ew. Durchlaucht, bevor ich mich an das Grosse wage."
FURST: Sie reden von Beschranktheit, Herr von Falkenburg, das heisst von Ruhe. Der tatige Geist in Ihren Augen scheint uber Ihre Worte zu zurnen. Was sollen wir Alten denn tun, wenn Rosenlippen von Ruhe reden? Nach Ihrer jetzigen Ausserung habe ich mich also in Ihnen geirrt. Sie wundern sich? Freilich geirrt. Denn Sie haben mir nicht Wort gehalten, Ihr Gelubde gegen mich gebrochen, das Sie mir schon in Ihrer Jugend durch diesen Brief ablegten.
Er gab ihm den Brief und bemerkte sein Erstaunen daruber. Nun fuhr er fort:
"Sie sehen, ich habe ein besseres Gedachtnis als Sie. Sie vergassen den Vertrag, den Sie durch diesen Brief mit mir gemacht haben, ich vergass ihn nicht. Es ist mir leid, dass Sie es taten; ich habe auf Sie gerechnet. Und doch hatte ich mich in Ihnen nicht irren sollen, Ihre erste Bitte wenigstens habe ich gleich erfullt."
ERNST: Verzeihen Sie, gnadiger Herr, mein Erstaunen uber das, was ich hore und sehe. Wenn Sie wussten, wie es mit diesem Briefe zugegangen ist, was er fur Folgen fur mich gehabt hat, ich wurde leicht Ihren ernsten Blick mildern.
FURST: Reden Sie. Ich hore gerne von den Jahren, in welchen der Mensch beginnt.
ERNST: Darf ich eine Frage wagen?
FURST: Sie wagen bei mir nur dann, wenn Sie mit bluhenden Wangen von Ruhe reden.
ERNST: Waren Ew. Durchlaucht nicht ungehalten uber diesen Brief?
FURST: Gar nicht. Ich trug ja Ihrem Oheim auf, er sollte Ihnen sagen, dass ich diesen Brief als ein an mich von Ihnen abgelegtes Gelubde ansahe, dass ich hoffte, Sie wurden als Mann leisten, was Sie hier als Jungling versprachen. Ich horte in dem Briefe den jungen Mann, der hier vor mir steht; aber da nicht, als Sie von Ruhe sprachen.
ERNST: So muss mein Oheim Ihre gutige Ausserung dem Jungling fur nachteilig gehalten haben, und vielleicht hatte der erfahrne Mann darin recht. Und nun erlauben Sie mir, gnadiger Herr, dass ich Ihnen nicht erzahle, was fur Folgen der Brief fur mich gehabt hat.
FURST: Ich verstehe Sie, verstehe Sie gerne so und dringe darum nicht weiter in Sie; aber dafur werden Sie auch Ihr Wort halten und das mir getane Gelubde nicht vergessen. Ich bewahre es auf. Herr von Falkenburg, versagen Sie sich Ihrem Vaterlande darum nicht, weil sein Umfang so klein und beschrankt ist. Das kleinste Land braucht gute Menschen; und vielleicht ist ein kleiner Bezirk denen, welche gut sind und es bleiben wollen, zutraglicher als ein grosses Reich. Ich gestehe Ihnen, dass ich darum als teutscher Furst mit meinem Lose sehr zufrieden bin. Jetzt kann ich meinen Wirkungskreis ganz ubersehen; war er grosser, so musst ich mein Geschaft zerstuckeln und es mit so vielen Handen teilen, dass mein Furstentum zwar grosser, mein eigner Wirkungskreis aber eben um so viel kleiner und beschrankter ware. Jetzt kann ich mir noch etwas zuschreiben, kann alles und jedes noch beobachten und in Ordnung halten; aber wenn Leute Ihrer Art mir fehlen wollen, wenn sie sich mir versagen, wenn sie die Probe mit sich und mit den Menschen aus Misstrauen oder Gemachlichkeit nicht machen und ihre Tugend und ihr Talent vergraben wollen, so ist es traurig fur den, der an der Spitze steht. Und warum suchen Sie die Ruhe? so fruhe Ruhe? Herr von Falkenburg, das Amt in dem kleinen Staate schliesst die Sorge fur den eignen Herd nicht aus wie in dem grossen. Es bereichert selten; und um so besser! So nimmt der Diener des Vaterlandes zugleich als Burger und Hausvater teil am Staate.
Dieses sind meine Gesinnungen. Haben Sie etwas darauf zu antworten, so will ich es gern anhoren; haben Sie mir nichts zu antworten und verharren doch bei Ihrem Vorsatz, so haben Sie Grunde, die Sie mir nicht anvertrauen konnen, und in diesem Falle geb ich Ihnen Ihren Brief zuruck.
ERNST: Ich ware des teutschen Namens nicht wurdig, nicht wurdig, in einem Lande geboren zu sein, dem ein solcher Furst vorsteht, wenn Ihre Worte meinem Herzen nicht zu Gesetzen wurden. Der Sinn, in welchem Sie meinen Brief aufnahmen, als ich noch ein Knabe war, gnadiger Herr, ist so schon und selten, dass mir die Erinnerung daran zum ewigen Vorwurf wurde, wenn ich ihn nicht so treu erfullte als ich ihn lebendig fuhle. So wird der Teutsche selten von seinem Fursten geworben. Nehmen Sie mich denn ganz wie ich bin und nutzen Sie mich, wo es Ihnen gefallt.
FURST: Ich nehme Sie an; und glauben Sie mir, an den Fursten liegt es nicht allein, wenn sie ihren Adel nicht so werben, wie ich Sie geworben habe. Zeige sich nur unser Adel so teutsch und bieder, wie ich Sie finde, wie ich Sie mir denke, und erhalte sich auf den ihm vertrauten Posten so, dann werden teutsche Fursten auf diesen Titel stolzer sein als auf jeden andern. Und nun begleiten Sie mich auf meinem Spaziergang.
Der Furst fuhrte ihn durch verschiedne Alleen gerade nach dem Teiche und liess sich in der Laube nieder, wo Ernst einst seinen Brief niedergelegt hatte. Er lachelte uber die schone Warme, die das Erinnern jenes Morgens auf Ernstens Wangen zog; da aber Ernst die weitere Erorterung so zart abgelehnt hatte, so vermied er jede Frage daruber. Ernst blieb zur Tafel.
5.
Renot sorgte dafur, dass der Prasident alles auf das genauste erfuhr, was zwischen dem Fursten und Ernsten offentlich vorgefallen war. Der Prasident erwartete Ernsten mit vieler Ungeduld; und als dieser endlich kam, fragte er ihn gleichgultig uber seine Aufnahme. Ernst sprach von dem Fursten, wie er es verdiente, und um so auffallender fur seinen Oheim, da er es mit Fassung tat. Als er endlich dem Prasidenten erzahlte, dass er dem Lande dienen wurde, sagte dieser: "So!" und als Ernst hinzusetzte, wie ihn der Furst geworben, so rief er: "O der vortreffliche Furst! der vortreffliche Furst! wie will ich ihm dafur danken!" Diese Worte sagte er mit einem so sonderbaren, so lang gedehnten Tone, dass Ernst ihn daruber ansah. Der Ton schien bloss aus dem Kopfe zu kommen und durch eine Reihe von Nebengedanken verlangert zu werden.
Nun nahm das Gesprach eine andre Wendung. Den Inhalt desselben wird der Leser von Ernsten selbst lieber als von mir horen.
Renot unterbrach sie. Er war eilends gekommen, um Ernsten seine Aufwartung zu machen. Als der Prasident sich einen Augenblick entfernt hatte, sagte Ernst zu Renot:
"Sie haben mir Ihr Wort gehalten, als ich noch ein Knabe war; ich will nun das meinige erfullen, da ich ein Mann geworden bin."
Nicht die Sache, sondern die gerade Erinnerung daran verdross Renot, aber um so freundlicher war er gegen Ernst, um so schmeichelhafter sprach er gegen den Prasidenten und andre von ihm.
Ernst fuhr den folgenden Tag zu seinem Vater zuruck, und ich kann dem Leser seine Gesinnungen uber seine gegenwartige Lage nicht besser darstellen, als wenn ich ihm ein Bruchstuck eines Briefes von ihm an Hadem vorlege. Er hatte die Gewohnheit, bei jedem ihm wichtigen Vorfalle sich mit diesem zu unterhalten; und eine solche Unterhaltung nannte er einen Geisterrat zwischen sich und diesem.
Ernst an Hadem
Mit welchem Entschluss ich in meine Einsamkeit zuruckkehrte, habe ich Ihnen geschrieben, lieber Hadem. Doch alle die schonen Hoffnungen, die sichern Erwartungen muss ich nun aufgeben, und dagegen zu murren ware ein Verrat an Ihren Lehren, an meinem Herzen. Ich soll ein Amt annehmen, fuhle die ganze Starke der Grunde unsers edlen Fursten; und doch gehe ich hier nachsinnend in meinen bluhenden Talern herum und sehe mit scheuem Blicke nach der fernen Zukunft hinter den Felsen. Wie ich jetzt hier herumwandere, denke ich mir den von der Habsucht und dem Geiz an die Europaer verkauften Neger, der nun zum letztenmal an dem Gestade seiner Heimat traurig umhergeht und bebend uber das Meer nach dem fernen Lande hinblickt, wo er weiss, dass ihn harte, ewige Sklaverei erwartet. Und nicht darum, Hadem, nicht dieses angstiget mich. Ihr Schuler kann nicht so klein und eigennutzig denken, um nur Ketten fur sich im Dienste des Vaterlandes zu sehen, weil er des Lohns nicht bedarf. Es ist nicht die Freiheit, mit seiner Zeit nach eignem Gefallen und Gewissen schalten zu konnen, die ich beklage; ich glaube vielmehr, dass ich sie nicht besser anwenden kann. Brauche ich Ihnen zu sagen, was es ist? Wenn ich an dieses lebhaft denke, so fuhl ich einen kalten Schauder durch mein Herz laufen. Und doch was will ich im Grunde? Kann ich wohl dem sussen Rufe mein Ohr verschliessen? Kann ich meine Tugend als mein Eigentum ansehen, solange sie nicht unter den Menschen und dem Wirken mit ihnen die Probe bestanden hat? wenn ich nur mir in stiller Beschranktheit allein durch sie nutze, wo mich keiner stort? Dass die auf diesem glucklichen Flecke hier nichts verlieren, dafur sorgt mein Vater; denn dies ist die schone Ernte seines herannahenden Alters. Und sind es nicht Teutsche, auf einem Boden mit mir erzeugt, von eben demselben Boden mit mir genahrt, gleich mir fur ihr Bestes besorgt, mit denen ich zu tun haben soll? Fordere ich mehr an sie als das, was billig, gerecht, ihnen nutzlich ist? Und dieses mogen sie an mich so strenge fordern als sie nur wollen, daruber werde ich nicht mit ihnen ins Gedrange kommen. Also was ist es, das diesen geheimen Schauder verursacht? An Willen, meine Pflicht zu tun, fehlt es mir gewiss nicht; auf Mut, in Verwicklungen auszuhalten, auf Starke im Kampfe wage ich zu rechnen. Und ich sollte furchten, den Schauplatz zu betreten, wo sich dieses nun bewahren kann? Sind es nicht die gefahrlichsten Versuche zum Bosen, welche die Legende den Heiligen am hochsten anrechnet? Und doch, Hadem, ich muss es Ihnen sagen verzeihen Sie, aber ich kann nicht schweigen. Ihre letzten Worte erklangen in der Tiefe meines Herzens, wahrend der Furst mit mir sprach. Ich furchte, die Menschen konnen die Tugend in ihrer Kraft, Wurde, Reinheit und Unbestechlichkeit nicht ertragen, und nur halbe, schielende Tugenden leiten ihre Handlungen, so wie sie durch ihre Schwache bestandig nahe an der Grenze des Lasters hinstreifen. Sollte das ganze Erblicken dieser erhabenen Tochter des Himmels fur ihren moralischen Sinn das sein, was das glanzende Licht des Himmels unserm physischen Sinne ist? Ist es so, Hadem, was soll aus Ihrem Schuler werden? Wo soll er seinen Standpunkt finden? Wo soll er seinen Fuss hinstellen? wo vorwarts schreiten? wo stille stehen? wo und wonach seitwarts blicken? Wie? ich sollte meinen festen, reinen Blick durch die strahlenbrechenden, dunkeln, verworrnen, sich kreuzenden Verhaltnisse der Menschen teilen und farben lassen? Das innere Licht meiner Seele soll von fremden Schattierungen abhangen? Dies ist es, Hadem, dies ist es!
Jetzt erst kann ich Ihnen erzahlen, wie es gekommen ist, dass ich meinen Entschluss so schnell geandert habe. Hadem, wenn Sie diesen Fursten gehort hatten! Ich wollte Ihnen gerne jedes seiner Worte hinschreiben, aber wo blieben seine gutmutigen, menschenfreundlichen, vaterlichen, geistreichen Blicke? wo das sanfte Spiel des Wohlwollens um seinen Mund? das Herz und Zutrauen Gewinnende in jeder seiner Ausserungen? der Nachklang seiner Stimme in dem Geiste? sein edler, ruhiger Anstand? Sie wissen, Hadem, wie sehr ich das Ruhige, Feste im Betragen liebe, Sie wissen, an wem ich es so fruh schon kennen und schatzen lernte!
(Nachdem nun Ernst die obige Unterhaltung zwischen dem Fursten und sich beschrieben, fahrt er fort:)
Ich fuhle, dass Sie Ihren Schuler glucklich preisen, dieses von seinem Fursten, von einem teutschen Fursten, gehort zu haben. Ich hore, dass Sie sagen: "Mein Ernst ware meiner und des Fuhrers nicht wert, dem ich ihn uberliess, wenn er dieser Aufforderung nur mit dem leisesten Gedanken widerstanden hatte." Und Sie haben recht, Hadem! Ich bin sein. Er fordere, was ich vermag; denn nie wird er fordern, was ich nicht vermochte.
Wie klopfte mein Herz, wie erhob sich mein Geist, als er von dem Briefe sprach, so davon sprach! Wie standen Sie an meiner Seite, wie griff meine Hand nach der Ihrigen! Wie stromte es aus meinem Herzen nach meinen Lippen, von Ihnen zu reden! Ich schwieg hier, ich musste schweigen, aber das damalige Betragen meines Oheims war von so sonderbarer Art, dass ich wenigstens gegen ihn nicht schweigen konnte. Er schien betroffen, nachsinnend uber die Veranderung meines Entschlusses, uber das Benehmen, die Ausserungen des Fursten gegen mich; und als ich ihm nun alles geradezu sagte, sprach er etwas von seinen guten Absichten und setzte endlich kalt hinzu, er habe es fur klug gehalten, den Stolz des Junglings nicht durch die Botschaft des Fursten noch mehr zu reizen, und das aus der gegrundeten Furcht, ihn durch das Gelungene des ersten Schritts zu mehreren zu verleiten, deren Erfolg nicht so glucklich ausfallen mochte.
Ich zeigte ihm das Widersprechende seiner damaligen und jetzigen Reden sehr gelinde und sagte:
"Gleichwohl hielten Sie mich zu jener Zeit fur ganz unschuldig und schrieben meinem Hadem alles zu, so sehr ich Sie auch von dem Gegenteil versicherte."
Er schwieg einige Augenblicke, und dann sagte er:
"Ich hatte meine Ursache dazu und habe sie noch jetzt."
Ich erwiderte:
"Das Ding, welches Sie System nennen, mag vielleicht schuld daran sein; denn es erlaubt gar sonderbare Dinge. Freilich war ich nur ein Knabe, aber vielleicht waren Sie mir umso mehr die Wahrheit schuldig."
Er antwortete:
"Der Mann sagt dem Knaben nur alsdann Wahrheit, wenn sie ihm wirklich nutzt."
Ich wollte ihn nicht aufbringen, ich wollte aus seinem Munde horen, was ich ahndete, und sagte:
"Ich bin es nun nicht mehr und bitte Sie jetzt als um eine Wohltat: sagen Sie mir, da Sie nichts mehr fur mich zu furchten haben, da Sie vernehmen, dass mir bekannt ist, wie der Furst den Vorfall ansah hat Hadem Ihnen eingestanden, dass er mich zu diesem Schritte gereizt, dass er darum gewusst habe?"
Er erwiderte trocken, Sie hatten geschwiegen und Schweigen sei in einem solchen Falle ein Bekenntnis.
"Verzeihen Sie, lieber Oheim", antwortete ich ihm, "machen Sie Ihre Wohltat ganz vollkommen! Zeigten Sie Hadem Unwillen uber diese Tat? sagten Sie ihm, der Furst habe das Geschehene ubel aufgenommen?"
"Dieses tat ich", erwiderte er verdriesslich, "weil es notwendig war, weil ich Sie fortlieben wollte."
Und nun fiel die Hulle von meinen Augen. Sie standen verklart vor mir, und der Schimmer Ihrer Verklarung verbreitete sich uber mein ganzes Wesen. Ich dankte meinem Oheim mit Warme und fuhlte Tranen in meinen Augen.
Da erkannt ich meinen Hadem! Es war ein Opfer, das Sie der Tugend brachten, ein schmerzliches, schones Opfer. Und der Mann, der es brachte, der mir einen solchen bedeutenden Wink noch mitgab, eben der Mann, der dieses fur einen Knaben, fur seinen Schuler tat, mit Schmach und Vorwurf belastet ihn floh und alles stillschweigend ertrug, warnte den Knaben in dem letzten Augenblicke vor eben dem, was ihn zu der Tat antrieb vor Ubertreibung der Tugend, sprach von Mass und Regel der Tugend! Hadem, ich halte mich an Ihre Handlung; in dieser liegt der Sinn, der mich leiten soll. Und ich sollte nach diesem Fingerzeige zweifelnd am Scheidewege stehen?
6.
Der Vater horte das Betragen des Fursten gegen seinen Sohn mit stiller Ruhrung an. "Gehe, mein Sohn", sagte er, "es sind dein Vaterland und der edelste teutsche Furst, die dich rufen. Fugte ich ein Wort hinzu, so musst ich der Wirkung dieses Rufs auf dich nicht trauen. Fur diese hier will ich schon sorgen. Riefe der Furst mich an dem letzten Abend meines Lebens, so wurde ich mich noch von meinem Lager aufmachen und ihm die letzten Stunden widmen. Eile zu ihm!"
Als Ernst wieder vor dem Fursten erschien, erklarte ihm dieser: "Ich habe eine Stelle fur Sie gefunden, die Stelle eines Oberkammerrats in der Grafschaft ***; dem jetzigen Oberkammerrat dieser Grafschaft werde ich eine Stelle am Hofe geben, wie dieser, weil er alle Arbeit hasst, schon lange zu wunschen scheint. Sind Sie mit dieser Einrichtung zufrieden?"
Ernst sprach von seinen wenigen Kenntnissen in diesem Fache, und der Furst antwortete ihm:
"Wille Gutes zu tun ist hier das Haupterfordernis, und was Ihnen an Kenntnissen fehlt, dazu wird Ihnen gern ein Mann behulflich sein, der sich Ihnen gewiss nicht versagt. Ich verweise Sie an den Kammerrat Kalkheim. Der eigensinnige gute Mann scheint nur auf Sie zu warten. Sie gewinnen ihn dem Lande gewiss wieder."
Ernst ritt noch denselben Tag nach der Gegend, wo der Kammerrat sich aufhielt. Im ersten Dorfe seines Gartens fragte er nach ihm. Man wies ihn nach einem entlegenern, dort fand er den Kammerrat noch in derselben Lage und ebenso gesund, zufrieden und glucklich, wie er ihn das erstemal gesehen hatte. Kalkheims Freude war gross, als er Hadems Schuler in dem erwachsenen, bescheidnen, schonen jungen Mann erkannte. Und als sich der Kammerrat genug gefreuet und nach Hadem erkundigt hatte und immer froher ward, bezeigte ihm endlich Ernst seine Verwunderung, dass er sich aller Tatigkeit entzoge.
KAMMERRAT: Der Tatigkeit entzog ich mich? Lieber Herr von Falkenburg, im ganzen Furstentum ist kein Mensch tatiger und eben darum auch glucklicher als ich. Mein Gott, sehen Sie mich doch nur an! Bin ich nicht so mager wie eine Nachtigall im Fruhjahr? Sehen Sie denn das glanzende Fleisch der Tragheit an mir? Trag ich denn die Spuren der Langenweile in meinem Gesichte? oder der dummen Behaglichkeit oder der kalten, gefuhllosen Gleichgultigkeit gegen das, was andern widerfahrt? Sie glauben gar nicht, was ich alles zu tun habe. Ich bin der Arzt der ganzen Gegend fur Menschen und Tiere. Da ich die Acker der Bauern nicht mehr zu besorgen brauche (denn damit geht es noch immer gut), so sorge ich nun fur ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Weiber, ihrer Kinder und ihres Viehes. Erschrecken Sie nur nicht; denn ein so grosser Arzt ich auch geworden bin, so brauche ich doch wenig Arzenei. Meine ganze Kunst besteht in gewissen Regeln der Diat; und da ich durch mein voriges Bemuhen fur die Zufriedenheit der Bauern gesorgt habe und weder der Kummer, die Sorge, noch das Elend meiner Kunst in die Hande arbeiten, so geht alles so herrlich, dass bisher an meiner Kunst noch keiner gestorben ist.
ERNST: Dies alles ist so vortrefflich als vernunftig. Aber sagen Sie mir doch mein Oheim bot Ihnen ja nach unserm Besuche eine Stelle an; warum schlugen Sie die aus?
KAMMERRAT: Weil ich glucklich war und es mir schien, als ob Ihr Herr Oheim mit mir spasste. Denn die Stelle, die er mir anbieten liess, schien mir ein gar sonderbarer Einfall zu sein. Denken Sie nur die Kammer wollte mich was glauben Sie wohl! die Kammer wollte mich in diesem Lande, unter diesem Himmelsstriche zum Vorsteher eines neu anzulegenden Seidenbaus machen. Lieber Herr von Falkenburg, in diesem ganzen Lande werden Sie keinen Strauch vom Maulbeerbaum finden. Doch dies liesse sich in Jahren wohl noch auftreiben; aber ich muss Ihnen sagen, dass ich in der Welt nichts mehr hasse als solche Kunsteleien, solche unnaturliche Versetzungen, solche erzwungene Erzeugnisse. Doch auch dies tate noch nichts. Aber wozu ein Seidenbau? Unsre Bauern zugrunde zu richten? Ich weiss, dass dabei nichts herauskommt, ich weiss es so gewiss, dass ich, und wenn die Kammer mir tausend Dukaten Gehalt angeboten hatte, doch nein gesagt haben wurde. Aber die Kammer hat es nie ernstlich gemeint, sie scherzte nur mit mir, und ich wunderte mich wirklich noch mehr daruber, dass sie dazu Zeit hat.
ERNST: Wie es scheint, hat die Kammer an Ihnen keinen Bewundrer, und sie machte es Ihnen darnach. Doch tut es mir jetzt leid; denn auch ich bin nun ein Mitglied dieser Kammer.
KAMMERRAT: Was Sie sagen!
ERNST: Und zwar Oberkammerrat, lieber Kalkheim.
KAMMERRAT: Wirklich? Nun, das freuet mich herzlich. Da hat doch der Furst wieder etwas recht Vernunftiges getan, wie er immer tut, wenn er aus eignem Triebe wahlt und handelt. Ich wunsche Ihnen 7Gluck.
ERNST: Aber bedenken Sie doch: ein junger, unerfahrner Mensch wie ich bin!
KAMMERRAT: Aber ein guter Mensch! Meinen Sie, dass ich vergessen hatte, wie Sie so jung um mich her gingen? Und Ihre Worte, und Ihre Blicke! Ich sagte Ihnen freilich gar nichts, das ist so meine Art, denn dem Guten braucht man gar nicht zu verstehen zu geben, dass er gut ist. Und sind Sie nicht ein Schuler Hadems? Das ist ein Mann, Herr von Falkenburg! Nicht wahr? Oh, ware er nur hier! Glauben Sie mir auf mein Wort, in solchen Geschaften macht ein guter Mensch selten dumme Streiche; denn eben darum, weil er gut ist, bekummert er sich immer im voraus sorgfaltig, was denen nutzlich sein kann, fur die er zu sorgen hat. Er dringt in alle ihre kleinen Angelegenheiten; und da er es ehrlich mit ihnen meint, so berechnet er den Gewinn nie auf den Augenblick, nie einseitig, er arbeitet fur den Nutzen des Fursten und des Landes, durch den Nutzen der Untertanen, und dann geht es. Sie konnen gar nicht glauben, Herr Oberkammerrat, wie einem alles gelingt, wenn man nur auf das Gute und Nutzliche sieht und keine Nebenrucksichten hat.
ERNST: Sie sprechen ganz im Geiste unsers guten Fursten. Doch um auf das zu kommen, was mich heute eigentlich hierher fuhrt und was ich von Ihnen zu erhalten wunsche der Furst schickt mich als einen Schuler zu Ihnen. Sie sollen mich durch Ihre Kenntnis in der Oberaufsicht der Grafschaft *** leiten, kurz, Sie sollen der Kammerrat dieser Grafschaft und mein Lehrer sein.
KAMMERRAT: Was? der Grafschaft ***? Und ich? ich soll sie an Ihrer Seite anbauen wie diesen Gau? Und das sagt der Furst? das will der Furst? Herr von Falkenburg, ich bin zu Ihren Diensten. Kommen Sie! Lassen Sie uns auf der Erde Gottes Gartner sein und sie durch die Hande seiner Geschopfe schmukken, solange wir darauf wandeln. Wir legen dadurch ein Fleckchen in seinem grossen Garten an! Es lebe der Furst! Er ist der erste, beste teutsche Mann seines Landes. Und gelegentlich werden Sie ihm ja wohl sagen, dass Kalkheim der Narr nicht ist, fur den die Kammer ihn halt.
ERNST: Das weiss er und soll es noch mehr erfahren. Morgen schicke ich Ihnen meinen Halbwagen, und Sie treten in der Stadt bei Ihrem Schuler ab.
KAMMERRAT: Gehorsamer Diener! Ich muss geschwind meinem Wirte die Neuigkeit sagen. Ach, die werden schreien! Sie glauben mich aufs Leben zu haben, und nun entwisch ich ihnen. Das wird ein Larmen im Gau sein! Doch zum Glucke grenzen wir ja mit ihnen.
7.
Der Prasident hatte Ernstens Bestimmung schon erfahren, als dieser sie ihm anzeigte; doch stellte er sich, als horte er etwas Neues von ihm. Auch wusste er, dass sein Neffe bei Kalkheim gewesen war.
PRASIDENT: So! Oberkammerrat, Neffe! Das geht geschwind! Ich gratuliere. Und der Oberkammerrat *** abgesetzt?
ERNST: Der Furst stellt ihn nach seinem Wunsche am Hofe an.
PRASIDENT: So! am Hofe! Der Mann war mein Freund er wird es ja wohl bleiben trotz der Veranderung. Sie glauben nicht, lieber Neffe, wie weh es einem tut, wenn ein Mann, mit dem man lange still und ohne Zankerei den schweren Amtsweg gegangen ist, aus einem Departement abgeht.
ERNST: Liebster Oheim, das hiesse doch auch diesen Amtsweg auf eine allzu ruhige Art wandeln wollen und setzte gar voraus, dass man sich ganzlich uber diesen Weg miteinander verstande. Gleichwohl ist der Zweck nicht unser Einverstandnis. Ich von meiner Seite freue mich wenigstens, dass ich bei dem Eintritt in die Geschafte in meinem Oheim ein erfahrnes Oberhaupt vor mir finde.
PRASIDENT: Und zugleich Ihren ersten Blutsverwandten. Denken Sie denn, Neffe, dass mich dieses nicht auch freuet, recht sehr um meinetwillen freuet? Auch wurde es mich um Ihrentwillen ebenso sehr freuen, aber nicht alle denken wie Ihr Oheim, lieber Neffe. Diese Geschafte setzen so viele Erfahrung, so viele Kenntnisse voraus! Freilich gibt sich das mit der Zeit, besonders wenn man einige Jahre bloss zuhort; aber werden die Alten nicht sagen: Ihr Neffe ist doch gar zu jung, um gleich da anzufangen, wo andre aufhoren?
ERNST: Darin haben die Alten nicht unrecht; doch da es der Furst nun einmal wollte, und auf eine Art wollte, welcher nicht zu widerstehen war, so halte ich mich an die Lehren des Kammerrats Kalkheim. Bei ihm will ich in die Schule gehen, und er ist eine so gute Quelle, dass er mich nicht Mangel leiden lassen wird.
PRASIDENT: So! Sind Sie etwa gestern bei ihm gewesen?
ERNST: Ja, ich habe ihn mir geworben, und der Furst wies mich selbst an ihn.
PRASIDENT: So! Der Kammerrat hatte, der Rangordnung wegen, doch wohl zu Ihnen kommen konnen.
ERNST: Darauf sehe ich nicht; ich brauche ihn, nicht er mich. Und da mir der Furst die Grafschaft *** ubergab, wem hatte ich mich besser anvertrauen konnen als ihm?
PRASIDENT: So! Ist er wieder eingesetzt, und zwar als Kammerrat? Sonderbar, hochst sonderbar, dass der Prasident dieses alles nur so von der Seite hort! Ein Oberkammerrat abgesetzt, ein Oberkammerrat angestellt, ein abgesetzter Kammerrat von neuem eingesetzt! Das ist wahr, die Kammer wird sich wundern! Nicht daruber, lieber Neffe, dass Sie Oberkammerrat geworden sind, sondern dass es so geschah. Aber mit Ihnen geht alles einen eignen Gang, und ich wunsche Ihnen von Herzen Gluck dazu.
ERNST: Ich danke Ihnen. Gleichwohl begreife ich nicht, wie sich die Kammer wundern sollte, da doch der Furst den Oheim in dem Neffen zu ehren glaubt, wenn er den Neffen, sei es auch auf eine eigne Art, in eben dem Departement anstellt, dem der Oheim vorsteht. Naturlich konnte er auch den Gedanken dabei haben, dass der Oheim und der Neffe sich leichter und besser daruber verstehen wurden, was seinem Lande, und dadurch ihm, nutzlich sei. Hatte er diese Meinung nicht von meinem Oheim, so musste er ja befurchten, dass er seine Macht in eben dieser Kammer zum Nachteil seines Landes verstarkte.
PRASIDENT: Sehr richtig und fein bemerkt! Ja! es liesse sich so erklaren; auch will ich es denen, die sich daruber wundern, so auslegen. Und was fur einen Plan haben Sie bei der Verwaltung der Geschafte? Wie werden Sie es angreifen? Alles ist jetzt durch mein Bemuhen so schon im Gange und das Neuern lieber Neffe, huten Sie sich ja vor dem Neueren!
ERNST: Hier kann nie die Rede vom Neueren sein. Warum sollte man das Alte storen, wenn es gut ist! Etwas verbessern, hier oder dort nachhelfen heisst ja nur, der wohltatigen Natur zu Hulfe kommen, ihr durch Fleiss und gehorige Anwendung der Erfahrung von ihren reichen Schatzen mehr abgewinnen. Dies hat der Kammerrat Kalkheim dem ganzen Lande schon lange bewiesen.
PRASIDENT: So! der! Ich wunsche es von Herzen und werde dem vortrefflichen Fursten fur alles danken, was er der Familie zu Ehren getan hat, und das, sobald es ihm belieben wird, uns Ihre schriftliche Bestallung zuzusenden. Kommen Sie doch zum Abendessen; Sie werden Gaste im Saale finden. Da konnen Sie noch heute Bekanntschaften mit Leuten machen, mit denen Sie von nun an Verkehr genug haben werden. Sie mussen ubrigens meine Ausserungen ja nicht missdeuten! Wir im Amte grau gewordenen Leute sind so besorglich, dass wir von den jungen gar leicht missverstanden werden. Und doch geht es den jungen Leuten gerade so, wenn sie dahin gelangen, wo wir Alten nun stehen.
Ernst fand den Ton und das Betragen seines Oheims sehr sonderbar, aber er war weit entfernt, die rechte Ursache davon zu ahnden. Seiner reinen Absichten allzu sicher, glaubte er, der Stolz seines Oheims sei nur dadurch beleidigt, dass der Furst alles ohne sein Vorwissen getan habe. Daher glaubte er, diese Empfindlichkeit wurde bald vorubergehen. Freilich hatte er einen Teil der Ursachen von dem Betragen seines Oheims erraten, aber er war weit entfernt, die Wirkung derselben zu vermuten. Der Prasident meinte, der Furst hatte dieses auf keine Weise ohne ihn tun konnen und durfen; und da er es doch gewagt, so musste sein Neffe schuld daran sein und aus geheimen Ursachen auf eine Art gebeten haben, wodurch der Furst uberrascht worden ware. In dieser Meinung bestarkte ihn Ernst hauptsachlich dadurch, dass er sich ausserte, er wurde sich dem Kammerrat anvertrauen und ihn bei der Grafschaft anstellen, die ihm ubertragen sei. In diesem Augenblicke fiel dem Prasidenten die ganze Geschichte des Briefes fur den Kammerrat, Ernstens Bitte fur ihn und die Lobeserhebungen desselben wieder ein. Und so sah er in dem jetzigen Benehmen seines Neffen nichts als den festen Plan, die ganze Fuhrung der Kammer in ein widriges Licht zu setzen und alles nach des Kammerrats narrischen Grillen einzurichten. Gelange nun dieses, so sah er sein ganzes Ansehen von seinem Neffen verdunkelt, alle seine bisherigen Bemuhungen als zwecklos dargestellt; und erhielt er sich auch auf seiner Stelle als Prasident, so waren dann doch alle Hoffnungen verschwunden, sie seinem Sohne, der jetzt auf Reisen war, als Erbschaft zu hinterlassen. Von diesem Augenblick an sah er in seinem Neffen nicht nur einen gefahrlichen Menschen, sondern auch einen schlechten Verwandten und glaubte sich verpflichtet, ihm auf eine Art entgegenarbeiten zu mussen, dass er keins von beiden offentlich tatig werden mochte, sein eignes Betragen aber so einzurichten, dass er immer mit ihm in einem aussern guten Verhaltnisse bliebe. Denn er merkte dem Toren wohl an, dass er den Oheim leicht seiner Schimare und seinen vermeinten guten Absichten nachsetzen wurde. Nun ging er sogleich an das Werk; er sprach zu den versammelten Gasten mit den grossten Lobeserhebungen von seinem Neffen, ruhmte die besondere Gnade des Fursten fur ihn, bewies sie durch die Art, wie er angestellt worden sei, und wunschte sehr, dass alles recht gut gehen dass die alten, erfahrnen Leute die Sache nur recht nehmen und verstehen mochten. Dieses sei um so mehr notig, da sein Neffe ein Mann von festen Grundsatzen ware, der auf seinem Sinne beharre, der das, was er fur gut halte, auf jede Gefahr behaupte und durchzusetzen suche, wobei ihm der vortreffliche Furst, der gleich ihm das Gute wolle, gewiss mit allen Kraften beistehen werde.
Renot kam. Der Prasident zog ihn auf die Seite und sagte:
"Sie haben nur geprahlt, lieber Renot. Mein Neffe ist noch so krank als er war, vielleicht noch kranker. Wissen Sie, was sein erstes Geschaft war? Nach dem narrischen Kammerrat Kalkheim zu reiten und sich einen Schulmeister in ihm zu holen. Das sagte er mir, seinem Oheim. Was meinen Sie, das der Kammer bevorsteht? Eine Reform! eine Reform! Mein Neffe ist in Frankreich gewesen; und wenn sich seine Schimare mit der Schimare der Physiokraten vermahlt hat, so wird in unserm Lande etwas Artiges zum Vorschein kommen."
RENOT: Einer gegen die ganze Kammer? Was Sie mir da sagen, Herr Prasident! Ein junger Mann gegen eine ganze furstliche Kammer, und der erfahrne kluge Prasident, sein Oheim, an der Spitze dieser Kammer? Wenn ich fur einen furchtete, so war es fur ihn. Doch der junge Mann wird wohl auf den erfahrnen Oheim horen, wird bei dem ersten Fehltritt einsehen, dass es sich in dem Lande der Wirklichkeit nicht so leicht schwebt wie in dem Lande der Schimaren. Es sollte mir leid um ihn tun, wenn er diese wirklich bittere Erfahrung machen musste.
PRASIDENT: So bedenken Sie meine Sorge, die Sorge eines Oheims. Er ist der einzige Sohn einer geliebten Schwester. Aber sagen Sie, lieber Renot, kann ich es zugeben als Staatsmann, als Patriot, als Minister, als Burger, dass ein junger Mensch, und sei er auch mein Neffe, sei er auch mein Sohn, die Ordnung store, die ich mit so vieler Muhe endlich so weit gebracht habe, dass alles nach Tabellen geht? Sie sehen, ich hange auch an Schimaren; aber die Schimaren, denen ich nachlaufe, halten Land und Leute zusammen. Es tut mir wahrlich weh, so reden zu mussen, doch ich bin gerecht, und umso gerechter, da ich ein Mitglied meiner Familie tadle, da ich, bei Gott! alles darum geben mochte, ihn dem Staate so nutzlich zu machen, als er sein konnte, wenn er sich leiten liesse. Da sehen Sie nun die Fruchte von der Erziehung eines Pedanten!
RENOT: Sie werden noch sonderbarere Dinge sehen!
PRASIDENT: Das furcht ich eben. Sich so gar nicht mit klugern Leuten zu beraten, so seinen eignen Gang gehen zu wollen, als sei die Welt ein Wirtshaus, wo man eintritt, ohne sich um die Gaste zu bekummern, die um einen her sitzen das kann nicht gut gehen. Alle Rate wundern sich schon uber das Benehmen des Fursten. Mir macht es in allem Betracht Ehre; aber um seinetwillen wunscht ich, es ware anders gegangen. Lieber Renot, er wird sich gewiss bald lacherlich und dann verhasst machen. Und ich, der ich dieses alles voraussehe, muss es geschehen lassen; denn Sie glauben gar nicht, wie bestimmt er ist.
RENOT: Wenn er bestimmte Leute vor sich findet, wird er schon herunterstimmen.
PRASIDENT: Das eben glaube ich nicht. Hoher, hoher wird es ihn treiben, so hoch
RENOT: Bis er fallt, meinen Sie doch.
PRASIDENT: Und das sollt ich erleben?
RENOT: Um Ihnen den Kummer zu ersparen, muss man ihn durch Mittel zu retten suchen, die seine Erfahrung schneller belehren.
PRASIDENT: Er wird sich jedermann zum Feinde machen.
RENOT: Kluge Feinde, Ew. Exzellenz, sind in solchen Fallen bessre Lehrer als nachgiebige Freunde. Das alles wird sich schon geben, das alles wird schon in das gewohnliche Geleise kommen. Ich wundere mich nur uber Ihre Unruhe; denn noch habe ich nicht erlebt, dass ein einzelner ein verbundnes Kollegium unter sich gebracht hatte, wenn allgemeines Interesse das Kollegium gegen den einzelnen verband. Gewohnlich endigt der einzelne damit, dass er denkt, wie die andern wollen, oder dass er schweigt, weil er einsieht, dass er mit der Unmoglichkeit kampft. Aber Ihrer zartlichen Freundschaft fur Ihren Neffen kommt in diesem Augenblick alles ganz anders vor; und das ist sehr naturlich.
Die Gaste waren so gut vorbereitet, dass Ernst wohl freundliche Gesichter, aber sehr emporte und unruhige Herzen antraf. So legte er in aller Unschuld des Herzens, mit den reinsten Absichten den Grund zu einer Zwietracht zwischen sich, seinem Oheim und dessen Anhang, aus welcher endlich der tatigste Hass wurde; und da er dieses nicht ahndete, so trieben seine Feinde ihr Spiel gegen ihn so lange im stillen fort, bis er, von seinem eignen Schicksal gedrangt, auf den Punkt getrieben ward, wo man alles offen, furchtlos und ohne Schonung wagen durfte.
8.
Als nun der Kammer die Bestallung ubersandt worden war und Ernst nebst dem Kammerrat Kalkheim zum erstenmal der Sitzung beiwohnen sollte, fehlte der letztere. Man schickte nach ihm. Er kam; aber anstatt Platz zu nehmen, stellte er sich vor die Versammlung und erklarte, er fuhle sich noch nicht wurdig, neben seinen Herren Kollegen zu sitzen.
Man las ihm seine Einsetzung vor, und er sagte:
"Ich danke dem gnadigen Fursten; auch sehe ich, dass ich vor ihm rein bin. Aber da ich es nicht vor Ihnen und dem Publikum bin, so sahe meine Einsetzung allzu sehr wie blosse Gnade aus. Wegen meines schlechten Beispiels, wegen Eingriffs in die Kasse oder wegen unerlaubter Verwendung der Kassengelder bin ich von der Kammer meines Amtes entsetzt worden, erscheine folglich als ein Mann, dem keine Kasse mehr anvertrauet werden darf. War mein Vergehen damals gegrundet, so ist es noch heute gegrundet, ist es niemals gegrundet gewesen, so muss die Kammer mich reinigen; und dieses kann nicht anders geschehen, als dass man mein Vergehen nochmals untersucht. Zu diesem Behufe uberreiche ich dem Herrn Kammerprasidenten meine untertanige Bitte an Se. Durchlaucht, unsern Landesfursten."
Der Prasident sah bald den Kammerrat, bald seinen Neffen, bald die Rate wahrend Kalkheims Rede an. Als dieser endigte, sagte er:
"Da Se. Durchlaucht den damaligen Beschluss der Kammer bestatigt haben, so ist jetzt jede weitere Vorstellung unnotig, sogar beleidigend fur den Fursten und die Kammer, weil sie einen Vorwurf angetanen Unrechts enthalten wurde."
KAMMERRAT: Das tut sie auch, wenn sich die Kammer geirrt hat, was nun zu untersuchen ist. Der Furst wird mir den Vorwurf des Unrechts gewiss verzeihen; denn nach der Vorstellung der Kammer glaubte er recht zu tun. Doch dieses wird sich ja alles aufklaren. In einem Punkt hat die Kammer sich gewiss einmal geirrt; denn sagen Sie mir doch: wie konnte die Kammer fur das vorgegriffene Gehalt zweier Monate mein Haus und meinen Garten verkaufen und die Sache meiner ubrigen Glaubiger uber sich nehmen, die gar nicht einmal erschienen, die gar nichts forderten, die die Kammer selbst aufsuchte? Wie konnte die Kammer vergessen, dass sie schuldig war, mir das fur das Beste des Landes angewendete Geld zu ersetzen, wovon ich hier die gerichtlich bestatigten Rechnungen beigelegt habe?
PRASIDENT: Sie hatten es ohne allen Befehl getan, lieber Kammerrat; und bedenken Sie doch, wozu dieses fuhren wurde, wenn jeder Beamte nach eignem Dunkel mit den furstlichen Geldern verfahren wollte! Ich gestehe, dass es sehr druckend fur Sie war, dass Sie es noch heute hart finden mussen; aber als ein so erfahrner und uneigennutziger Mann wissen Sie auch, dass die mit den besten Absichten unternommene Tat, wenn sie in Ansehung anderer schlimme Folgen haben kann, bestraft werden muss, sobald sie das Gesetz verletzt.
KAMMERRAT: Ew. Exzellenz haben wohl recht, aber auch ich kann recht haben; und da wir uns uber diesen Punkt wohl schwerlich vereinigen konnen, so werde ich mein Amt nicht eher antreten, als bis ich durch einen neuen Spruch ganzlich gereinigt oder verworfen bin.
PRASIDENT: Der Furst und die Kammer haben Sie dadurch freigesprochen, dass Sie wieder eingesetzt worden sind.
KAMMERRAT: Mich dunkt es nicht so. Und dann, meine Herren, bedenken Sie doch den armen Wirt in meinem Hause und nehmen Sie nicht ubel, dass ich in meiner Bitte da auf Ersatz meines Portrats, des Verschwenders, fur ihn dringe. Er hat es, wie er behauptet, auf Befehl mussen machen lassen; und gewiss, es war so kostbar nicht notig. Ich bitte demnach fur ihn.
Er trat ab.
Alle schwiegen und sahen einander an.
"Was sagen Sie dazu, meine Herren?" rief endlich der Prasident ungeduldig. "So geht es immer, wenn man sich fur Leute verwendet, die sich in keine burgerliche Ordnung fugen wollen." Er sah Ernsten bei diesen Worten an.
Man schwieg, und Ernst nahm das Wort:
"Herr Prasident, mich dunkt vielmehr, dass der Kammerrat sich recht in die burgerliche Ordnung hineinfugt. Denn nach seinem Gewissen konnte er ganz ruhig unter uns Platz nehmen; aber er achtet die Meinung anderer, wie jeder offentliche Beamte tun muss. Auch beweist er Ihnen dadurch, wie viel ihm an der Ehre der Kammer gelegen ist. Wurde es nicht selbst auf die Kammer einen Schatten werfen, wenn sie ohne weitere Untersuchung ein Mitglied wieder aufnahme, das sie wegen einer zweideutigen Handlung auszustossen sich genotiget sah? War die Kammer damals gerecht, so muss sie bei ihrem Spruche verbleiben und den, welchen sie einmal ausstossen musste, selbst auf Befehl des Fursten nicht wieder aufnehmen. War der Spruch ubereilt, aus Irrtum oder Parteilichkeit gefallt, so hat die Kammer zweierlei zu beobachten: den gemachten Fehler zu verbessern und es so einzuleiten, dass der Mann befriedigt werde und die Ehre der Kammer dabei so wenig als moglich leide."
Der Prasident ergrimmte in seinem Innern; denn von dem Augenblicke an, da Ernst zu reden anfing und er die Wendung vernahm, die dieser der Sache gab, hielt er sich fur uberzeugt, nur er habe den Handel mit dem Kammerrat abgeredet, um sich an ihm wegen dieses Mannes zu rachen und die Kammer bei dem Fursten in einen ubeln Ruf zu bringen. Brauch ich zu sagen, dass Ernst kein Wort von dem Vorhaben des Kammerrats wusste?
Der Prasident erhob nun laut seine Stimme:
"Herr Oberkammerrat, liegt Ihnen etwas an der Ehre der Kammer, deren Mitglied Sie sind und deren Sitzung Sie heute zum erstenmal beiwohnen, so konnen Sie unmoglich bei dieser Meinung verbleiben; denn ich will Ihnen klar beweisen, dass die Grille dieses Mannes, sie sei ihm nun eingeblasen oder er sei von selbst darauf verfallen, so unertraglich als beleidigend ist. Der Furst verzeiht ihm seinen Fehler, um es gelinde zu nennen, aus Grossmut, halt ihn fur gestraft genug, und die Kammer selbst zeigt sich geneigt, alles Geschehene zu vergessen; wurde sie sonst nicht gegen seine Einsetzung protestiert haben? Nun kommt dieser Mann aus eignem oder fremdem Triebe und will eben diese Kammer zwingen, dass sie sich vor den Augen des Fursten und des Publikums fur ungerecht erklare, damit nur er als ein ganz unschuldig Beleidigter dastehe!"
ERNST: Eben darum, weil es ihm nicht genugt, dass man ihm seinen Fehler bloss vergesse und verzeihe. Und wenn sich nun wirklich aus den Akten ergabe, dass er unschuldig ware? Was wird in diesem Falle die Kammer fur grossre Ehre halten: einzugestehen, dass sie sich in einem oder dem andern Punkte geirrt habe, oder in ihrem angetanen Unrecht zu verharren? Ich hoffe, die Kammer halt sich nicht fur unfehlbar; denn ich sehe hier nur Menschen um mich sitzen, wie ich einer bin.
PRASIDENT: Die Kammer halt sich nicht fur unfehlbar, wohl aber den Fursten.
ERNST: Verzeihen Sie mir. So wie ich den Fursten zu kennen die Ehre habe, wird er Ihnen fur diese Meinung wenig Dank wissen, und in Angelegenheiten, wo er bloss nach Ihren Berichten urteilt, am allerwenigsten.
PRASIDENT: So halt sich die Ordnung des Staats, das System, wodurch er zusammengehalten wird, fur unfehlbar. Herr Oberkammerrat; und in Kollisionsfallen, deren Ihnen noch genug aufstossen werden, geht es uber Vorurteile hinaus, um des Ganzen und seines Besten willen.
ERNST: Diese Worte sind mir nun nicht mehr so neu, dass ich davor erschrecken sollte. Die Kollisionsfalle erwarte ich, und die Lehre, auf die Sie jetzt deuten, habe ich in grossen Staaten oft vernommen. Aber wann geschieht dieses? wann ziehen sich die Diener eines Staats hinter ein solches Bollwerk, das sie System in diesem Sinne nennen? Nur dann, wenn es dahin gekommen ist, dass sie das Licht scheuen; wenn sie alles so verwirrt und aufgelost haben, dass sie sich nur durch schlechte Mittel zu helfen suchen, oder der schlechten so gewohnt sind, dass sie die guten, auch bei dem sichtbarsten Nutzen, verwerfen. Doch die Ursachen davon gehoren nicht hierher, weil wir nicht in diesem Falle sind. Wir sind so glucklich, in keinem grossen Staate zu leben, noch weniger in einem verderbten grossen Staate, und haben gar nicht notig, dem vermeinten Besten des Ganzen unschuldige Opfer zu schlachten, damit unser Spiel fortdaure und sich nicht enthulle. Und aus diesem Zutrauen auf Sie, Herr Prasident, und auf diese Herren und alle Diener des Fursten wage ich es, mich diesem Schreckenswort entgegenzustellen.
PRASIDENT: Ich bin zu alt zum Wagen. Doch davon ist jetzt nicht die Rede, und die Kammer ist kein Ort zum Streiten uber Meinungen; auch kann hier die Meinung des einzelnen nicht bestimmen. Die Frage ist, soll die Bitte dem Fursten vorgetragen werden? Hat der Mann da ein Recht dazu, es zu fordern?
ERNST: Hat er keins dazu, was wagt die Kammer?
PRASIDENT: Ich setze die Frage anders. Verstattet es das Herkommen, der Gebrauch?
ERNST: Die Frage ist durch Herkommen und Gebrauch beantwortet; und selbst das System, auf welches Sie sich stutzen, erfordert, dass der wegen einer zweideutigen Tat durch einen Spruch verurteilte Beamte erst gereinigt werde, bevor er die Stelle wiedereinnimmt, aus welcher ihn der Spruch gestossen hat.
PRASIDENT: Ich hore nur Sie.
ERNST: Vermutlich, weil diese Herren auch meiner Meinung sind.
Der Prasident brachte eine andere Sache vor. Nach Endigung der Sitzung bot er seinem Neffen einen Platz in seinem Wagen an und lud ihn zum Mittagessen ein. Er drang nun in ihn, den Kammerrat zu bewegen, von seiner Bitte abzustehen, und unterstutzte seine Forderung mit allen den Scheingrunden, die ihm hier seine Erfahrung darbot. Ernst antwortete, dies sei eine Gewissenssache des Kammerrats, in die er sich nicht mischen konne. Wolle Kalkheim abstehen, so moge er es tun; er wurde ihm hierzu ebenso wenig raten, als er ihm geraten hatte, die Vorstellung der Kammer zu ubergeben.
"Neffe", sagte der Prasident, "Sie handeln nicht als Verwandter; Sie opfern einem Grillenfanger das Ansehn Ihres Oheims auf."
ERNST: Ihr Vorwurf wurde mich ruhren und beschamen, wenn ich nicht eben jetzt die grosste Achtung fur Ihr Ansehen bewiese, freilich nach meiner Denkungsart. Erklarte ich mich weiter, so ware es Vermessenheit, und ich konnte mir nur dadurch einen gerechtern Vorwurf von Ihnen zuziehen.
PRASIDENT: Grillen! Lassen Sie Kalkheim da, wo er ist. Ich will ihn anderwarts entschadigen, und wir schlagen die unangenehme Sache nieder.
ERNST: Sie vergessen, dass der Furst mich an ihn wies, dass er ihn wieder eingesetzt hat.
PRASIDENT: Dem Fursten wird die Sache vorzutragen sein. Uberlassen Sie das mir und schweigen Sie nur von Kalkheim. Ich weiss, wie man es macht, dass der Furst ein Ding vergisst.
ERNST: Oheim!
PRASIDENT: Nun, Neffe?
ERNST: Ich bin nicht Ihres Systems und werde es nie sein.
PRASIDENT: Immer jung in der Welt! Desto schlimmer fur Sie!
ERNST: Lieber das Schlimmere fur mich.
PRASIDENT: Es wird nicht ausbleiben. Sie wollen Krieg, junger Mann. Freilich, Sie sind stark, mutig, das Herz schlagt hoch, der Geist ist stolz; wir sind alt, zaghaft, niedergebeugt von der schweren Arbeit wir bleiben nur bei dem Alten, weil wir bisher gut dabei gefahren sind Also Krieg! Warum nicht, wenn es sein muss?
ERNST: So weit verkennen Sie mich, Oheim? Ich Krieg mit Ihnen? und so fuhren Sie mich in die Welt ein? So abschreckend deuten Sie mir auf die kaum betretne Laufbahn?
PRASIDENT: Fahren Sie nur so fort, Neffe, und ich sage Ihnen als ein Mann, der die Welt kennt: Sie werden auf dieser Bahn, die Sie so sturmend betreten, nicht weit kommen, sie noch weit vom Ziele verlassen mussen. Ihr Lohn wird Hass und Undank sein. Sie werden sich und die Menschen, fur die Sie arbeiten zu wollen vorgeben, auch um das wenige Gute bringen, das die Menschen uns zu tun erlauben.
ERNST: Es ist traurig und niederschlagend, was Sie mir sagen, und doch fur mich nicht abschreckend. Geschieht dieses, so werde ich mich damit trosten, dass es nicht meine Schuld ist. Diejenigen mogen die Schuld uber sich nehmen, die uns zu solchen Erfahrungen zwingen.
PRASIDENT: Oh, sie tragen leicht daran.
ERNST: Dieses weiss ich leider, so jung ich bin, und beneide sie nicht darum.
PRASIDENT: Ich sagte Ihnen das, weil ich mehr an Ihr Bestes denke als Sie selbst. Sie wollen Kalkheim nicht bereden?
ERNST: Bereden!
PRASIDENT: Das Wort ist teutsch, Neffe warum nicht? Es sei denn, dass der Tor Ihnen lieber ist als Ihr Oheim, der Bruder Ihrer seligen Mutter. Sie schweigen? Gut, ich werde dem Fursten die Vorstellung ubergeben; denn mir liegt ja mehr an meines Neffen Freundschaft, an seiner guten Meinung als ihm, wie es scheint, an der meinigen.
ERNST fasste geruhrt seine Hand: Liebster Oheim, horen Sie jetzt auf, Prasident der Kammer zu sein vergessen Sie, dass wir verschieden denken; sein Sie mein Oheim, ich bitte Sie. Erinnern Sie sich, dass Ihr Neffe unter Ihrer Leitung, Ihrer Aufsicht in das burgerliche Leben eintritt. Machen Sie ihm seinen Weg nicht allzu duster. Bedenken Sie, welchen Gefahren Sie den von den besten Wunschen ganz erfullten Unkundigen aussetzen! Was fur Eindruck Ihre Worte auf ihn machen mussen!
PRASIDENT: Davon sehe ich nichts; es wird sich ja schon alles geben. Jetzt geht es nach Ihrem Willen. Kommen Sie. Nun fuhrt der Oheim den Neffen zuruck, und der ungeschmeidige Prasident bleibt in diesem Kabinett. Lassen Sie den Oberkammerrat nur auch hier.
Er sagte dieses so freundlich, dass Ernst ihm die Hand druckte und ihm mit Zuversicht in die Augen sah. Sein Blick war so frei und unbefangen, dass er selbst den Groll des Oheims auf einen Augenblick besanftigte.
An der Tafel ging es so, als ware nichts vorgefallen. Ernst verfiel in Nachsinnen uber das, was er heute gehort und erfahren hatte; die anscheinende Gleichgultigkeit, das freundliche, zuvorkommende Wesen seines Oheims unterhielten dieses Nachsinnen. Die Frage kam ihm immer wieder: "Ist es wirklich die Frucht der Geschafte, dass der Geist und das Herz des Menschen so eng, sein Blick so einseitig wird?" Er konnte sich diese Frage nur damit beantworten: "Ach, es kommt daher, dass der Mensch bei den Geschaften nicht sich selbst vergessen kann, dass er nur sich zum Zweck hat, und den Zweck des aufgetragenen Geschafts nur insoweit befordert, als er sich mit dem seinigen vertragt. Will dieses nicht gehen, so opfert er das Fremde dem Seinigen auf. Und in der Mitte solcher Menschen stehst du nun und hast ihnen den Kampf schon angeboten!"
Er konnte nicht mehr heiter werden, und seine ernste, tiefsinnige Miene missfiel den Anwesenden nicht weniger als seine Tatigkeit am Morgen. Sie legten ihm diese als Herrschsucht, auf Eitelkeit gegrundete Ruhmsucht aus und jene als Verachtung, besonders da sie sich alle Muhe gegeben hatten, auf ihre Art munter und witzig zu sein. Eine solche Vernachlassigung verzeihen trockne, kalte Geschaftsleute denen am allerwenigsten, die im Rufe stehen, als besassen sie Geist, Welt, Verstand und sogenannte feine Kenntnisse.
Ernst uberliess ihnen das Feld und ward nicht vergessen.
Der Prasident unterhielt sich spater allein mit Renot. Dieser spottete seiner Angstlichkeit und sagte:
"Es geht ja alles erwunscht mit Ihrem Neffen. Er wird sich in kurzem einen erstaunlich grossen Namen machen, viel Aufmerksamkeit erregen; und Sie wissen ja, was dieses nach sich zieht. Auch wissen Sie, wie ein grosser Mann unmerklich wieder so klein wird, dass man am Ende gar nicht begreifen kann, wie und wodurch er gross gewesen ist. Ich habe schon manchen so im Echo verhallen horen wie die letzten Seufzer eines verlassnen Verliebten. Es ist wirklich schade um den Herrn von Falkenburg! Man muss ihn aber einmal seinen gewahlten Gang gehen lassen. Die Hindernisse finden sich von selbst; denn Geister dieser Art erschaffen sie, ohne dass andere Leute sich Muhe dabei geben. So viel ist gewiss, dass unser vortrefflicher Furst nicht aufhort, von unserm jungen Oberkammerrat zu reden. Er ist stolz auf ihn und versichert laut, ihm sei noch kein teutscher junger Edelmann wie dieser da vorgekommen. Und tritt Ihr Neffe im Kreise des Hofes auf, Herr Prasident, so sollte man nach der Wirkung auf den Fursten glauben, es trate ein Wesen hoherer Art in die Gesellschaft. Und, bei Gott! Herr Prasident, Ihr Neffe hat so etwas nur ihm Eignes in seinen Blicken, seinem Betragen, als erschiene wirklich ein Ding aus der Geisterwelt unter uns gemeinen Menschen. Man vergisst zu lachen uber die Bewunderung des Fremden und Ungewohnlichen."
PRASIDENT: Sie haben ganz recht, dass Sie sich des Lachens enthalten, Herr Renot, und ich wurde es nicht ertragen, weder von Ihnen noch von andern. Ich kann mich wohl uber meinen Neffen argern; aber geachtet will ich ihn wissen. Doch dafur wird er selbst schon sorgen. Was ich tue, was ich wunsche, zielt nur auf sein eignes Bestes.
RENOT: Nun so wunsche ich, dass Sie Ihren Zweck erreichen mogen.
Als der Kammerrat Kalkheim Ernsten erblickte, rief er ihm zu:
"Nun, Herr Oberkammerrat? hab ich es nicht gut gemacht?"
ERNST: Das Rechte ist immer gut getan. Aber wie kommen Sie so schnell dazu?
KAMMERRAT: Das Ding kam mir gerade aus dem Herzen in den Kopf, und da dachte ich, lieber wollte ich zu meinen Freunden auf dem Lande zuruckkehren als schweigen. Ich bin ein guter Narr, wie die Kammer sagt; aber wenn mir so etwas und auf diese Art einfallt, so lass ich ihm freien Lauf. Und horen Sie, Ihnen bleibe ich auf jeden Fall, die Kammer mag beschliessen was sie will; und wenn es Ihnen gefallt, so gehe ich schon morgen hinaus und setze mich dort fest. Die Leute kennen mich alle, und wenn ich gar sage, dass ich von Ihnen komme, so wird der Freude kein Ende sein, denn der Schulze, bei dem Sie mich als Junker besuchten, hat schon damals einen so grossen Larmen von Ihnen gemacht Sie sind doch nicht bose?
ERNST: Woruber konnte ich es sein?
KAMMERRAT: Wegen der Kammer da wegen meiner Vorstellung. Gewiss, ich konnte nicht anders, und es betrifft mich ja nicht allein.
ERNST: Und wen betrifft es denn noch?
KAMMERRAT: Den armen zugrunde gerichteten Wirt in der Schenke zum Verschwender. Sehen Sie, wenn mir die Kammer mein Haus zuruckgibt, so muss sie die Summe dafur zuruckzahlen, und das Ende seines Elends ist da.
ERNST: Vortrefflich! Ich dachte wohl, dass Sie noch einen besondern Beweggrund hatten. Ach, lieber Kalkheim, auch dieser Grund wurde an den harten Ohren jener Herren voruberrauschen.
KAMMERRAT: Wenn Sie ihn nur horen und die nur tun mussen, was rechtens ist. Und mein prachtiges Portrat, das mussen sie dem Wirte gewiss bezahlen.
9.
An dem Abend eben dieses Tages sollte Ernst durch die reinste und schonste Empfindung seines Herzens der harten Prufung entgegengezogen werden, die das Schicksal ihm bestimmt hatte. Er konnte nicht ahnden, dass es den schonsten Rosenweg des menschlichen Lebens, auf dem die Natur uns zu ihrem schonsten Zwecke hinfuhrt, dazu wahlen wurde. Ich kann nicht umhin anzudeuten, was ich vielleicht jetzt noch verbergen sollte. Das noch ferne, dustre Geschick des edeln Mannes, welches sich von nun an aus allem, was er beginnt, entwickelt, schwebt unter einem Trauerflore so nahe vor meinem Geiste, dass ich selbst bei den glucklichen Augenblicken, die ich nun beschreiben sollte, die tiefe melancholische Ruhrung nicht verbergen kann. Und schwiege ich auch davon wurde sie nicht sichtbar sein? wurde ich dem Leser nicht als ein Mann vorkommen, welcher einen der Jugend zum frohen Tanze bestimmten Saal mit schwarzem Boie ausschluge und unter rauschende Musik stille Trauerchore mischte? Ich will mich fassen, soviel ich kann.
Ernst war von dem Minister *** zum Konzert eingeladen. Die bluhende Jugend der Stadt hatte sich da versammelt, um die Alten durch ihre in der Musik gemachten Fortschritte in den Fruhling des Lebens zuruckzurufen. Amalie, die Tochter des Ministers, hatte nun den schonsten Grad ihrer Blute erreicht, und vergebens wurde ich es wagen, ihre Schonheit zu beschreiben; denn ihre Schonheit hatte sich mit dem erhabenen Ausdruck des Geistes und der innern Anmut so vermahlt, dass die Seele zwar diese Harmonie wahrnehmen und in ein Bild vereinigen kann, aber vergebens sich bemuhet, sie durch sinnliche Zeichen und zerstuckelte Zuge zu schildern. Das, womit die Natur sie so liebkosend uberschuttet hatte, erhielt durch die erworbenen Talente, und besonders durch die Musik, einen solchen unwiderstehlichen Reiz, dass ihr Anblick selbst diejenigen begeisterte, die nur fur das bloss Sichtbare Sinn zu haben schienen.
Als sie aus dem Kreise ihrer Gespielinnen hervortrat und sich dem Klaviere naherte, erblickte sie Ernst. Er erkannte sie. Ihr Bild ruhete in seiner Seele, ihm unbewusst; nun enthullte es sich. In diesem Augenblick erwachte die ganze damalige Szene in seinem Geiste; er erinnerte sich alles, der Worte Hadems uber die Romane und seines eignen Gefuhls, so lebendig, als habe die Zeit bis hierher stille gestanden. Er sah sich um und suchte Hadem, suchte ihn, als forderte er ihn auf, mit ihm zu bewundern, als einen Geist, an den er sich um Hulfe drangte. Amalie ging langsam an ihm voruber, und sein Herz lispelte dem Geiste Hadems zu: "So wurde meine Gottin einhergehen, wenn sie auf Erden in menschlicher Gestalt erschiene." Und als sie die Saiten beruhrte und ihre Stimme sich mit den Tonen des Klaviers in muntern, dann sanft klagenden und erhabenen Gefuhlen vermischte, malte sich das Bild seiner Jugend und seines ganzen Lebens, Denkens und Fuhlens, wie von einer machtigen, kuhnen Zauberhand aus Farben einer hohen Welt geschaffen, vor seiner Seele. Und als sie aufstand und der Vater ihn seiner Tochter, mit Entschuldigungen daruber, dass er es nicht eher getan habe, vorstellte, zog die Liebe ihren Schleier, aus Morgenrote gewebt, leise uber das Gemalde, das vor Ernstens Seele schwebte. Soll ich Liebe nennen, was Ernst nun fuhlte? Bezeichnet dieses Wort das, was sein ganzes Dasein so plotzlich emporhob, als loste sich alles Sterbliche und Irdische von ihm? Er trat an der Hand des vor ihm stehenden Wesens in das Land des Unsterblichen, und, gleich dem Gebete des Opfernden, das uber die irdische Flamme emporsteigt, erhob sich seine erste Empfindung uber den Altar, den die Liebe sich jetzt in seinem Herzen erbauete. Gedanken entsprangen, als lispelten ihm Geister zu: "Es ist das Wesen, das dich durch dieses Leben leiten und deinen Pfad mit Rosen bestreuen soll. Ihr Geist scheint aus dem Lande entsprungen zu sein, aus welchem du herabgestiegen bist!"
Auch Amalie hatte das Vergangene nicht vergessen. Sie erkundigte sich nach seinem Jugendfreunde, nach Hadem, wiederholte den Sinn von dessen Strafpredigt uber die Romane und setzte lachelnd hinzu: "Sie sehen, ich habe, so jung ich auch war, nicht vergessen, wie Ihr Freund Ihre Worte erklart hat; und von jenem Augenblick an warf ich die Romane weg. So verdanke ich es Ihnen und Ihrem Freunde, dass ich die Musik noch lieber gewonnen, dass ich in ihr Ersatz fur alles andre gefunden habe."
ERNST: Wie hatte auch Ihnen verborgen bleiben konnen, dass die Musik unsern Geist auf reineren Schwingen tragt, dass sie unser Herz in einer gleichen stillen Harmonie erhalt, dass wir durch sie empfinden, woher wir stammen! Als Sie sangen, stand ich uber den Grenzen dieses Lebens, und, von Ihren Tonen geleitet, wurd ich kaum seine Last empfinden.
Amaliens Blick sank gerade vor sich hin wie damals, als Ernst jene Worte sprach; die zarteste Empfindung bildete sich in sussem Lacheln um ihren Mund.
"Man hat mir viel, oft artig, geschmeichelt, aber so wie Sie tat es noch keiner. Man sagt nicht umsonst von Ihnen, Sie waren nicht von unsrer Welt."
ERNST: Sagt man dies von mir, Fraulein? Und was denken Sie davon?
AMALIE mit noch susserem Lacheln: Ich glaube es beinahe selbst.
ERNST feierlich ernsthaft und mit dem seelenvollsten Ausdruck: Freilich gehore ich, dem innern Sinne nach, einer Welt zu, in welcher Sie gewiss kein Fremdling sind. Wenigstens haben Sie mich in ihre Mitte eingefuhrt, und so teilen Sie den Spott mit mir.
Eine rauschende Symphonie unterbrach das Gesprach, und Amalie mischte sich unter ihre Gespielinnen.
Ernst betrat zum erstenmal sein einsames Zimmer in den sussen, seligen Traumen der Liebe, und so ruhig, so heiter in diesen Traumen, als hatte seine Seele endlich das gefunden, wornach sie so sehnend strebte. Als er nun auf sein Hauptkissen sank und Amaliens Gestalt vor ihm schwebte, ihre Stimme in seinem Herzen erklang und er alles Empfundne unter dem harmonischen Lispeln in der stillen Nacht noch reiner, noch hoher wiederempfand, entschlief er auf den leichten atherischen Schwingen, auf welchen die Liebe ihre Geweihten tragt. Er erwachte leicht, mutig, voll Vertrauen, und die ganze Schopfung schien ihm in einen rosenfarbenen Duft gehullt. Er ging an seine Geschafte, betrieb sie mit eben dem Eifer wie sonst und besuchte abends das Haus des Ministers. Je mehr er Amalien kennenlernte, je mehr ihr Geist und ihr Herz sich vor ihm entfalteten, desto ruhiger, glucklicher und vertrauter ward er.
Amalie horte und sah ihn gern, erwartete ihn mit Verlangen und zeigte es ihm; aber noch wagte er es nicht zu sagen, was ihn so glucklich, so ruhig machte. Ihn dunkte, er wurde dieses Gluck, diesen stillen, unaussprechlich sussen Genuss in Gefahr setzen, wenn er laut davon sprache. In Amaliens Herzen erzeugte sich ein Gefuhl fur ihn, das sie von diesem Augenblick an nie verliess, das immer dasselbe blieb; und dieses war eine Art von Hochachtung, von Verehrung, die nahe an jene kalte Bewundrung grenzte, welche wir fur Wesen fuhlen, die wir uns nicht durch das Herz und die Sinne zueignen konnen. Seine Gesinnungen, seine Zuruckhaltung, sein ausserst zartes und oft feierliches Betragen mussten diese Bewunderung erzeugen und unterhalten, da alle seine Sinnlichkeit unter dem Rosendufte schlummerte, in welchen ihn sein Schutzgeist eingehullt zu haben schien. Noch lange, vielleicht fur immer, wurde dieses Verhaltnis zwischen Amalien und ihm fortgedauert haben, wenn sein Oheim es nicht erschuttert hatte.
10.
Der Furst hatte zugunsten des Kammerrats entschieden. Seine Sache musste von neuem untersucht werden. Sie ward es; und nun fuhlten der Prasident und die Rate der Kammer, dass man ihr unmoglich eine andere Farbe geben konnte als sie wirklich hatte, besonders nach der Erklarung des Fursten: die Kammer muss entweder Kalkheim lossprechen oder das Recht seiner Verurteilung dartun; in jedem Falle aber muss sie ihm die Auslage ersetzen und sein Haus ihm zuruckgeben.
Der Prasident diktierte ein Reinigungsdekret, das der Kammer ganz wohlgefiel, welches aber der Kammerrat wegen der Zweideutigkeit verwarf. Es blieb also nichts ubrig, als alles nach seinem Sinne zu machen. Kalkheim wohnte hierauf einer Sitzung bei, nach welcher ihn Ernst in der Grafschaft *** formlich einfuhrte. Dieser fuhr mit ihm nach allen Burgen und Dorfern, und uberall wurden sie als Freunde aufgenommen. Ernst sah Menschen um sich, deren Bewillkommen, deren Blicke, deren Zutrauen ihn versicherten, dass sie des Gluckes gewiss waren, welches er ihnen darbrachte. Er hielt den Mann an seiner Hand, durch dessen Hulfe er es zu bewirken hoffte; und zufriedner als dieser lebte nicht ein Mann auf dem teutschen Boden. Er sah Arbeit vor sich, und sein wohltatiger Geist erblickte schon das ganze Land in neuem Schmucke.
Der Prasident konnte Ernsten das Geschehene nicht verzeihen, aber noch hielt er an sich; denn das, was der Furst selbst ihm uber seinen Neffen sagte, machte ihn behutsam. Und da er sich trotz dem Geschehenen gleichwohl in seinem Neffen geschmeichelt fuhlte und dessen Gunst bei dem Fursten ihm fur sich und seine Familie nutzlich sein konnte, so wollte er noch eine Probe mit dem Starrkopfe machen. Ernstens oftere Besuche bei dem Minister waren ihm, wegen Amaliens und der daraus moglichen nahern Verbindung mit diesem, das Allerunausstehlichste. Er beneidete, er hasste den Minister und glaubte sich tief gekrankt und zu allem Hasse gegen ihn berechtigt, weil er eine Stufe unter einem Manne stehen musste, der kein Eingeborner des Landes, von minder altem Adel und beinahe arm war. Es war ihm unbegreiflich, was der Furst an einem solchen Manne fande, und seine immer dauernde Gunst bei dem Fursten blieb ihm ein qualendes, unauflosliches Ratsel. Er wollte weder wissen noch glauben, dass dieser Mann durch seinen Verstand, seine Massigung, seine Kenntnisse des teutschen Reichs und durch die Achtung, in welcher er an den grossen und kleinen Hofen stand, seinen Fursten vor allem dem Unangenehmen zu sichern wusste, dem kleine Fursten dieses Reichs so oft ausgesetzt sind. In gutem, vertraulichem Einverstandnisse mit diesem Manne hatte sich der Furst aus vielen verdriesslichen Lagen glucklich herausgewunden. Der Prasident, dessen Politik und Denken sich nicht weiter erstreckten als auf seine Kammer und das, was das Land eintragt, sah in dem Minister nichts als einen politischen Marktschreier, der die Kunst verstande, den Fursten mit seinem Gaukelspiele hinzuhalten und zu tauschen, um auf des Landes Kosten prachtig zu leben und dem Staate seine Kinder als eine Last zur Erbschaft zuruckzulassen. Aber trotz dieser Meinung furchtete er den Minister, und der Gedanke, sein Neffe mochte sich mit ihm verbinden, um seine schimarischen Entwurfe der Neuerung, die er ihm zuschrieb, durchzusetzen, brachte ihn aus aller Fassung. Seine Furcht, sein Unwille raubten ihm alle Ruhe; und da er diese Lage nicht langer mehr ertragen konnte, so ergriff er eines Tages plotzlich die Hand seines Neffen und fuhrte ihn in sein Kabinett.
"Neffe", sagte er schmeichelnd; "so wenig Dank ich mir auch bei Ihnen durch alle meine Bemuhungen bisher erwerben konnte, so rechne ich doch jetzt darauf. Nein, nein! Sie mussen mich erst ausreden lassen. Es ist naturlich, dass ein junger Mann wie Sie, so gebildet, so sonderbarer Art und so reich und so in der Gunst unsers vortrefflichen Fursten, in allen alten Familien, wo eine Tochter zu verheiraten ist, eine grosse Garung verursachen muss. Nach Ihrer Denkungsart mussen Sie doch einmal heiraten; so denkt jeder, so denke auch ich. Vielleicht denkt auch manches arme Haus so und wirft listig sein Netz nach Ihnen aus, um den reichen, schonen, seltnen Mann zu fangen. Ich muss aus Pflicht Sie vor diesen Schlingen warnen, Neffe; und damit Sie ihnen um so leichter entgehen konnen, bin ich berechtigt, Ihnen die einzige Tochter des altesten Hauses nachst dem unsrigen anzutragen. Sie ist zugleich die reichste Erbin, wenn der Vater stirbt, und liebt Sie bis zur Schwarmerei."
ERNST: Erbin? Und wenn der Vater stirbt
PRASIDENT: Sie kennen sie doch?
ERNST: Ich kenne sie nicht.
PRASIDENT: Nun, es ist die Tochter des Mannes, dessen Stelle Sie haben.
ERNST: Es tut mir leid, dass ich hierzu schweigen muss.
PRASIDENT: Haben Sie etwas gegen die Person?
ERNST: Was sollte ich gegen eine Person haben, die ich nicht kenne?
PRASIDENT: So werden Sie dieselbe nicht kennenlernen?
ERNST: In einer solchen Rucksicht gewiss nicht.
PRASIDENT: Ich sage Ihnen ja: es ist nicht allein das alteste, es ist zugleich das reichste Haus im Lande und die einzige Erbin eines Vaters, der nicht lange mehr leben kann.
ERNST: Oheim!
PRASIDENT: Was nun wieder? Wird sie es nicht werden? Zweifeln Sie daran?
ERNST: Ich hoffe, die Tochter denkt nicht an die Erbschaft.
PRASIDENT: Und wenn sie es tate! Auch sie wird Erben hinterlassen, die daran denken werden.
ERNST: Das kann sein; und denkt sie daran, so verdient sie es.
PRASIDENT: Was soll ich dem Vater antworten?
ERNST: Dass Sie mir nichts gesagt haben.
PRASIDENT: Wie? Ich tue es ja!
ERNST: Und um des Mannes zu schonen, weil es ihn beleidigen konnte, sagen Sie ihm nur, ich hatte Ihnen im voraus vertrauet, meine Wahl sei langst getroffen; und diese musste es sein oder keine.
PRASIDENT: Neffe! Was Sie mir da sagen sollte es wirklich Ernst damit sein?
ERNST: Sollte ich vergessen konnen, mit wem ich spreche?
PRASIDENT: Und dieses so geheim, Neffe? Ohne mit mir zu Rate zu gehen? in einer so wichtigen Sache auf das Leben?
ERNST: Ich habe einen Vater, lieber Oheim; der muss doch wohl der erste sein.
PRASIDENT: Allerdings! Und weiss es mein Schwager schon?
ERNST: Nein.
PRASIDENT: Und der Vater der Gewahlten?
ERNST: Ebenso wenig.
PRASIDENT: Und die Person?
ERNST: Noch weniger.
PRASIDENT: Das ist doch sonderbar! so sonderbar wie alles mit Ihnen! Indes, da ist ja noch nichts geschehen.
ERNST: Nichts geschehen? Es ist sehr viel geschehen. Und nun seh ich, es ist hohe Zeit, dass ich das Schweigen breche. Ich tat es nicht, weil mich dieses Schweigen so glucklich machte; aber damit ich mich nicht mehr in den Fall setze, zu einem Ihrer Antrage nein sagen zu mussen, so will ich es morgen tun.
PRASIDENT: Auf einmal so eilig? Und die Person, die den seltnen, sonderbaren Mann gefangen hat?
ERNST: Oheim!
PRASIDENT: Warum so feierlich, Neffe? Wir sprechen ja nicht von Staatssachen, uber die wir so selten einig sind, wir sprechen ja nur vom Heiraten.
ERNST: Und doch ist mir diese Sache ebenso feierlich. Jene betreffen mein Gewissen, diese mein Herz, und die Feierlichkeit ist, denke ich, bei jeder an ihrer Stelle.
PRASIDENT: Sie werden die Person vor lauter Feierlichkeit doch nennen konnen?
ERNST: Nicht eher, Oheim, als bis ich weiss, ob ihr mein Antrag nicht missfallt.
PRASIDENT: Er wird ja nicht!
ERNST: So sind Sie der erste, der mir mein Gluck weissagt.
PRASIDENT: Neffe, dieses hatte Ihnen Ihr Verstand langst weissagen konnen. Vater, die ihre Kinder nur solange zu ernahren imstande sind, als sie selbst von dem Staate uber ihr Verdienst ernahrt werden, greifen gerne zu; und Tochter, die, in Pracht und Uppigkeit auferzogen, kunftige Armut im Prospekt vor sich sehen, sagen selten nein, wenn ein Mann sich anbietet, durch den man das jetzige Leben fortzusetzen hofft. Sie sehen doch, dass ich Ihrem Herzen auf der Spur bin? Eine Sirene hat Sie mit ihren Zaubertonen gefangen, Neffe habe ich recht? Nun, wohin? Hab ich es getroffen? Ich denke doch, dass der Oheim zu dem Besten seines Neffen reden darf? dass der Neffe sich wird gefallen lassen, ihn anzuhoren?
ERNST: Wenn ich gehe, so tue ich es nur, um den Neffen nicht vergessen zu lassen, dass er vor seinem Oheim steht; denn dieses konnte leicht durch die Art geschehen, wie der Oheim jetzt zu meinem Besten spricht.
PRASIDENT: So vergessen Sie es denn! Sie taten es langst. Entsagen Sie allem Gefuhle der Verwandtschaft und tun Sie, was Sie vorhaben. Sie wollen die Tochter des Ministers heiraten, des Mannes, den ich hasse, der mein Feind ist, dessen Feind ich bin; das wollen Sie. Konnen Sie es leugnen? Konnen Sie leugnen, dass die Sirene Sie mit ihrer Zauberkehle gefangen hat? Ich sehe alles durch, alle Ihre Absichten und die Absichten gewisser Leute, aber ich sehe auch die Zukunft. Nehmen Sie die Person, feierlicher Neffe; bei Gott! sie wird Ihrem Herzen Feierlichkeiten von ganz anderer Art bereiten.
ERNST: Kann Ihr Hass Sie so verblenden, Oheim! Und wenn ich Sie nun fragte: worauf grundet sich Ihre furchterliche Weissagung?
PRASIDENT: Ich weiss es nicht; bei Gott! ich weiss es nicht. Wenn es nicht dieses schone Weib selbst ist, das mich zum Wahrsager macht wenn es nicht der sonderbare Mann ist, der hier vor mir steht. Neffe, ich habe die Fabellehre nicht ganz vergessen: keiner glaubte der Weissagung Kassandras, bis Troja in Flammen stand.
Der Unwille, die Leidenschaften hatten des Oheims Blicke wild gemacht. Ernst stand, betaubt durch das Unerwartete, vor ihm, und es wurde einen Augenblick finster vor seinen Sinnen, aber plotzlich entstieg der Finsternis das Bild Amaliens sein Herz verklarte es; er erinnerte sich an den Hass seines Oheims, an dessen gewohnliche leidenschaftliche Ausserungen und sah sein Betragen als eine Wendung an, die sein Groll und sein Missvergnugen einer ihm so widrigen Sache gaben.
Er antwortete nun mit Entschlossenheit:
"Oheim, schon in der fruhsten Jugend haben Sie meinem Herzen die erste Wunde geschlagen, und ich fuhle ihre Folgen noch. Sie raubten mir den edelsten Mann. Ich ertrug es; und als ich entdeckte, wie Sie mir ihn geraubt haben, wie Sie dabei zu Werke gegangen sind, machte ich Ihnen keine Vorwurfe daruber. Ich entschuldigte Sie, indem ich Ihnen gute Absichten dabei zutraute. Als ich unter Ihrem Vorsitze mein Amt antrat, waren Sie der erste, der von mir forderte, mehr als einmal von mir forderte, dass ich mein Gewissen unter den Gotzen beugen sollte, den Sie System nennen. Ich tat es nicht und werde es nie tun.
Und nun sind Sie noch nicht zufrieden, diese Versuche an mir gemacht zu haben; Sie wagen einen auf eine Art an mir, die wirklich meine Geduld und Achtung auf die schwerste Probe stellt. Und warum? Warum zerreissen Sie mein Herz? Warum wollen Sie einen Menschen leiten, den Sie von Anfang an verkannten, den Sie immer verkennen werden? in welchem Sie nichts achten, was er in sich allein fur achtungswurdig halt? Vergeben Sie mir, wenn ich einen Augenblick aus den Schranken trete, in denen ich mich bisher gehalten habe. Es ist gut, es ist notig, dass wir einander verstehen. Ich werde nie sein, wie Sie mich haben wollen; und so empfindlich, so schmerzend mir auch der Verlust Ihrer Gewogenheit ist, so kann ich sie doch auf keinem andern Wege suchen als auf dem, welchen ich eingeschlagen habe. Nicht Sie, nicht die Welt, nicht das Schicksal konnen mich von der Bahn ableiten, auf die mich etwas gefuhrt hat, das starker ist als die Menschen und das Schicksal. Und nur von der Person, die ich meine und die Sie in Ihrem Unwillen gelastert haben, nur von ihr erwarte ich ein sichres Gluck, da jedes andere, wie ich taglich mehr einsehe, von so vielen Gefahren bedrohet ist. Sie haben mir jetzt Mut gemacht; es ist Zeit, dass ich mich dieses Gluckes versichre, bevor die Sturme nahen. Denn sagen Sie mir, was kann Ihr Neffe Gutes von andern hoffen, da er von Ihnen so verkannt wird, da Sie seine schonsten Aussichten so verfinstern, seine besten Empfindungen so schonungslos zertreten?"
PRASIDENT: Ich wunsche dem Neffen Gluck; der Oheim hat seine Pflicht getan. Beim Erwachen wird man sich meiner erinnern. Jetzt fehlt weiter nichts, als dass Sie mit meinen Feinden ein Bundnis gegen mich schliessen. Doch ich bin darauf gefasst und habe den Verteidigungskrieg schon von langen Zeiten her gelernt.
In diesen letzten Worten vernahm Ernst den ganzen Grund von der dustern Weissagung seines Oheims. Er entfloh schnell und eilte zu seinem Vater, den er aber nicht antraf. Er durchwandelte den lachenden Schauplatz seiner Kindheit, und sein Herz besanftigte sich. Er ging nach der Hohle und sass nachsinnend vor dem Kranze seines Bundes. Gehullt in den Morgentraum seiner Jugend, trat Amalie herein, und der Glanz des Gesichts erfullte die dustre Hohle; der Kranz schimmerte in dem Lichte einer andern Welt. An ihrer Hand malte sich der Begeisterte die Tage seines Lebens aus, und in allem, was sie umgab, was sie tat und sagte, in ihren Bewegungen, ihren Blicken, ihrem Gesange lag, was sein reines Herz hier traumte. Jeder Zweifel, jeder aufsteigende Gedanke, der dieses erhabne Bild in ein andres Licht zu setzen drohte, schien ihm eine Lasterung der Natur in ihrem schonsten Werke. Und wer sah, wer horte Amalien, ohne dass sich ihm dieses Gefuhl aufdrang!
Ernst trat voll Begeisterung, voll Liebe und Zutrauen an das Licht des Tages.
Sein Vater horte seine Wahl mit Freuden; und als er vernahm, dass Ernst sich noch nicht erklart hatte, dass er es ohne Einwilligung des Vaters auch nicht wagen wollte, versprach er, den folgenden Tag zu dem Minister zu fahren. Er tat es, und der Minister gestand Ernstens Vater, dass dieses sein einziger Gedanke und Wunsch gewesen ware, seitdem er seinen Sohn kennte. An der Einwilligung seiner Tochter zweifle er nicht; dafur stehe ihm der Wert des Mannes, der um sie anhielte.
Hierauf sprach er von seiner Lage: dass seine Tochter von ihm nichts zu erwarten hatte und dass ihre Bildung die einzige Aussteuer ware, die er ihr mitgeben konnte.
11.
Amalie schien uber Ernstens plotzlichen Antrag durch ihren Vater verlegen und verwirrt; sie sagte einigemale: "Das ist doch sonderbar! hochst sonderbar!"
MINISTER: Und wodurch, Amalie?
AMALIE: Dass er sich an Sie wendete so gerade ohne vorher mein Herz zu fragen, ohne mir auch nur durch ein Wort die Wirkung, die ich auf sein Herz gemacht habe, anzudeuten.
MINISTER: Sieh, so fremd scheint uns die Handlungsart edler Manner! Es wundert dich, dass dieser deinen Vater und dich in deinem Vater ehrt. Amalie, von dir hatte ich diese Bemerkung am wenigsten erwartet.
AMALIE: Vielleicht kommt dieses daher, lieber Vater, dass wir einander in diesem Punkte alle gleichen.
MINISTER: Du bist nun durch deinen Vater unterrichtet, und es hangt ganz von dir ab, seine Erklarung anzunehmen oder ihm jede andere zu ersparen. Liebst du ihn nicht, so ersparst du dem edlen Manne den Beweis von deinen eignen Lippen, er habe sich in dir geirrt und selbst seine seltne Tugend, die Erhabenheit seiner Seele seien in den Augen meiner Tochter nichts.
AMALIE: Oh, er ist viel, sehr viel in Ihrer Tochter Augen, mehr als sie je zu hoffen wagte! Und doch mein Vater sagen Sie mir, was glauben Sie wohl, das diesem schon gebildeten, so geistreichen, der Vollkommenheit so nahen Manne in den Augen Ihrer Tochter fehlt?
MINISTER: Soll ich es dir sagen? Die Eitelkeit, der Wahn unsrer Junglinge, Amalie; die Schwatzhaftigkeit, von dem zu reden, was sie zu fuhlen glauben und eben darum nicht fuhlen. Ihr wollt nur Leidenschaft, wollt, dass die Leidenschaft fur euch in euren Anbetern die Vernunft, alle Tatigkeit im Leben und alle Wurde des Mannes verschlinge; dass fur den, der euch einmal gesagt hat, er liebe euch, nichts auf der Welt mehr Wert habe. Dies ist die Frucht eurer Romane! Aber hast du nichts von dem Erwachen aus diesem unnaturlichen, schwachlichen Zustande, der Krankheit unsrer Zeit, gehort?
AMALIE: Sie wissen, dass ich keine Romane lese.
MINISTER: Weil du vielleicht die deinigen auf dem Klavier, der Laute und der Harfe in Musik setzest.
Amalie errotete. Der Minister fuhr fort:
"Der Mann, von dem ich rede, ist von so hohem Sinne, dass alle deine Reize, alle deine Talente, alles Anlockende, womit die Natur dich so uberreichlich beschenkt hat, fur ihn keinen Wert hatten, wenn er nicht glaubte, du seist von eben solchem Sinne, auch du konntest ihn um das lieben, warum er dich liebt."
AMALIE: Und was ist das?
MINISTER: Was seinem Herzen dieser Schleier aussrer Schonheit nur andeutet: Tugend, reiner jungfraulicher Sinn und Mitgefuhl fur das, was er uber alles achtet. Er liebt dich, wie er eben diese Tugend liebt, mit reiner Begeisterung; er hofft, wie sein Vater sagt, du werdest ihm Rosen auf den dornichten Weg des Lebens streuen und ihn dem Ziele entgegenfuhren, das er so scharf und mannlich in das Auge gefasst hat. Nun erwage! Fur diesen Mann bedarf es keiner Bitten und keiner Uberredung; er selbst besteht seinen Wert. Ich kann dir sogar verzeihen, wenn du ihn ausschlagst, weil der Gedanke mir emporend ist, dass er durch dich nicht glucklich werden konnte.
AMALIE: Ist Ihre Tochter so plotzlich und so sehr in Ihrer Meinung gefallen?
MINISTER: Das sage ich noch nicht, werde es auch vielleicht spater nicht sagen; aber, Amalie, ich bin kein Fremdling in deinem Herzen und kenne dein Geschlecht. Ich las Verwirrung in deinen Blicken und soll ich es sagen? ich erwartete auf deinen Wangen nur die Rosen der jungfraulichen schuchternen Freude, die wir aus Gefalligkeit Scham nennen, weil sie ihr so ahnlich sieht, weil die Liebe sich so gern unter diesem Schleier verbirgt. Aber dein Mund erklarte die Ursache der Verwirrung.
AMALIE: Wie, mein Vater!
MINISTER: War nicht deine Eitelkeit beleidigt, dass er ganz in dem Sinne handelte, in welchem er dich betrachtet? Du wolltest, dass er dich auf dem Wege der Romane suchen sollte; und dies ist nicht der seinige.
AMALIE: Warum deuten Sie es so? Konnte nicht das Erstaunen, das Unvermutete diese Verwirrung erzeugen? Wenn ich nun gar nicht hoffte, dass dieser edle, seltne Mann je in dieser Rucksicht an Ihre Tochter denken konnte! Wenn mir nun meine Bescheidenheit diesen Vorwurf von Ihnen zugezogen hatte! Was konnte, was sollte mich veranlassen, da Liebe zu vermuten, wo ich nur Achtung, feierliche, sonderbare Bewunderung wahrnahm? Und nur dieses fuhl ich auch in seiner Gegenwart eine Verehrung wie fur ein Wesen hoherer, besserer Art; und ich glaube beinahe, eben dieses heisst in dem Sinne lieben, wie er geliebt sein will. Das Band, das ihn an mich zu fesseln scheint, mein Vater, ist, aus so geistigem Stoffe es auch gewebt sein mag, doch meinen Sinnen sichtbar, so weiblich Sie dieselben sich immer denken mogen. Er ist der edelste Mann, den Ihre Tochter je gesehen hat.
Der Minister umarmte seine Tochter:
"Ich hore meine Amalie wieder, erkenne sie erkenne die feine Kunstlerin, die durch zarte Wendungen so gern uberrascht. Darf ich ihm das schone Geheimnis vertrauen?"
AMALIE: Ich habe es langst getan, aber dieser Mann hat so wenig Eitelkeit, ist so wenig mit sich selbst beschaftiget, dass er diese leise Sprache eines Madchens, fur die unsre Junker so scharfe Ohren haben, weder vernimmt noch versteht. Sie mogen es ihm sagen, wenn Sie nicht glauben, dass es mir besser gelingen wurde, es ihm vernehmlich zuzuflistern.
MINISTER: So gescheh es heute.
Es geschah. Ernst fuhlte die Hand des Wesens seines Jugendtraums in der seinigen und hoffte nun, an dessen Seite alle Gefahren des Lebens zu besiegen, die ihn auf der einmal betretnen Bahn uberfallen mochten.
12.
Um die schonsten Tage seines Lebens zu verherrlichen, erhielt er um eben diese Zeit einen Brief von Hadem, mit einer kleinen Zuschrift von Franklin, welcher ihm meldete, er habe den jungen teutschen Mann auch in Amerika nicht vergessen, seinen Auftrag erfullt und sende ihm hiermit einen Beweis davon.
Hadem an Ernst
Dass ich Ihnen, lieber Ernst, noch so schreibe, als ware seit unsrer Trennung keine Zeit verflossen, dazu berechtigt mich Glucklichen der Geist Ihres Briefes, der Glaube, das feste Vertrauen auf diesen Geist. Nach der Durchlesung Ihres Briefes und Ihrer Beilagen furchte ich nichts mehr fur Sie. Der mutig bestandne Kampf des Junglings lasst mich auf die Siege des Mannes hoffen. Ich wusste, wem ich Sie anvertraute; ich wusste, wen ich ihm anvertraute! Gesegnet sei die Asche des Mannes, dem ich Sie in jener Bedrangnis ubergeben konnte! Gesegnet sei der Augenblick, dass er mir, dem so sehr Bekummerten, damals erschien und mir zulispelte: "Ubergib mir den Liebling deines Herzens; ich will ihn dir erhalten, wie du mir ihn ubergibst." Sie haben ihn verstanden, ihn richtig verstanden, Ihr rein gestimmter Geist musste seine Sprache bei dem ersten Laute verstehen, das erwartete ich. Er schloss Ihnen ganz den Tempel der Natur, der Menschheit und der Wahrheit auf, zwar plotzlicher, als ich es zu tun willens war (denn ich wollte Sie von Stufe zu Stufe ihm zufuhren und Ihrem zarten Geiste nur langsam das merkbar machen, was ihn dem Auge der Menschen verbirgt), aber die unerwarteten Ereignisse, die nur ein Jungling wie Sie veranlassen und so veranlassen konnte, zerrissen meinen Plan. Es ist wahr, sie haben durch einen starken Schlag auf Sie gewirkt; aber eben dadurch, dass sie dieses taten und das noch weit Entfernte so plotzlich und grell Ihrem Geiste aufdrangen, gaben sie Ihnen auch Gelegenheit zu dem schonen, dem mutigen Kampfe. Und, Geliebter, die Deutung, die Sie nun meinen letzten Worten geben, ist so schon, dass ich jetzt mit Ruhe, mit Wohlgefallen auf die Begebenheit sehen kann, die sie veranlasst hat. Doch das, was Sie von meiner Seite ein Opfer nennen, verdient nur durch das, was ich dabei litt, diese Benennung; denn ich durfte, ich konnte nicht anders handeln. Konnte ich Sie in diesem Alter, mit diesen uber Ihr Alter weit erhabenen Gesinnungen dem Schlage aussetzen, womit man Ihr Herz bedrohte? War ich dann der Mann gewesen, der sein Gluck, den schonsten Wert seines Daseins in Ihnen bluhen und reifen sah? Sollte eine rauhe Hand dies alles erschuttern, vielleicht zerstoren? Entschied nicht hier die Notwendigkeit, und gebot sie nicht gewaltig? Ja, es war ein erschrecklicher Augenblick fur mich; ich sah voraus, dass durch meine Entfernung und die Veranlassung dazu das schone Ideal Ihres Sinnes Gefahr lief, entweder verdunkelt zu werden oder dass Sie seine Grenzen uberschreiten wurden. Das erste furchtete ich weniger, da ich mich allein dem Unwillen Ihres Oheims aussetzte und durch meine Abreise Schonung fur Sie erwarten konnte. Um so mehr furchtete ich das letzte; und aus dieser Furcht entsprangen die Worte, die Ihnen so vielen Kummer verursacht haben. Mochten Sie nie in den Fall kommen, sich ihrer erinnern zu mussen; aber wenn Sie mit dem Geiste, der Sie belebt, unter den Menschen tatig sein wollen, so bewaffnen Sie sich mit Mut, Geduld und Starke. Erwagen Sie das, was die Menschen ertragen konnen! Erwagen Sie, dass diese, von Stolz, Eitelkeit und andern niedrigen Leidenschaften angetrieben, unsern Handlungen selten reinere Bewegungsgrunde zuschreiben! Vergessen Sie nie, dass der Geist, der Sie beseelt, den groben Sinnen des Haufens nicht fasslich ist, dass die Menschen von Gott und der von ihm ausgehenden Tugend am meisten reden, weil sie beide in ihrer erhabenen Reinheit am allerwenigsten denken und ahnden; und dann, dass den Tugendhaften wie den wahren seltnen Dichter, die einander beide in einem so edlen Sinne gleichen, hier gewohnlich ein und dasselbe Schicksal erwartet.
Mag jede Ihrer Handlungen ganz und rein aus Ihrem Herzen, wie Ihre Gottin aus Jupiters Haupte, entspringen; aber bedenken Sie vor der Ausfuhrung, dass eine gute, fur den Zweck erspriessliche Handlung in dem Verhaltnisse mit den Menschen, zu deren Bestem sie geschehen soll, freilich das Schonste, aber auch das Schwerste ist, was der Mensch bewirken kann. Eine zu rasch, zu schonungslos betriebene Tat bringt uns leicht um die vielen Fruchte, die uns die Zukunft noch aufspart. Wir leben nicht mehr in den Zeiten grosser, kuhner Taten, wo ein Tag, eine Stunde uber den grossen Wert des Lebens entscheiden kann, wo wir in einem Tage den Kranz des Ruhms erwerben. Wir mussen ihn nun unbemerkt, aus stillen, prunk- und gerauschlosen Taten bilden und ihn im Innern unsers Herzens der Tugend weihen, um durch unsern Schmuck das Auge der Menschen nicht zu reizen. Und lieben Sie nicht die stille Tugend? Werden Sie sich uber unser Los beklagen? Besonders, Geliebter, huten Sie sich vor den Folgen des Misslingens guter Absichten auf Ihr Herz! Dieses ist der gefahrlichste Felsen, der unter den Fluten des Lebens verborgen liegt; nicht selten scheitert der Edle an ihm. Aber hat Ihnen Ihr Fuhrer, dem ich Sie ubergab, dieses nicht alles schoner und starker gesagt?
Fur Ferdinand furchtete ich immer; und nun stort er meine Ruhe, mich uberfallt eine unbeschreibliche Angst, wenn ich lebhaft an ihn denke. Sein Verstand ist der Sklav seiner Sinne, und sein Herz ist zu leicht fur den Sturm der kuhnen Leidenschaften, die in seinen Adern toben, das fuhl ich; und was wird aus ihm werden?
Jetzt, Geliebter, einiges von mir. Aus offentlichen Nachrichten werden Sie wissen, dass der kleine Uberrest des Regiments, bei dem ich angestellt war, in Gefangenschaft geriet. Ich wurde mit fortgefuhrt, ohne den Sterbenden den letzten Dienst leisten zu konnen. Was fur Elend, was fur Jammer habe ich erlebt und angesehen! Und liegt nicht schon alles in dem Gedanken begriffen: die Teutschen wurden fur Geld nach Amerika verkauft? Ihre Verkaufer hatten sie sehen sollen, verschmachtend, den Blick nach ihrem Vaterlande, ihren Eltern, Weibern, Kindern, dann zum Himmel, dann auf die fremde Erde richtend, die sich ihnen zum Grabe offnete! Ich ward von den Gefangenen getrennt, eine Kolonie Teutscher an den Grenzen der Wilden bemachtigte sich meiner. Seit Jahren hatten sich diese Leute, weil ihnen ein Prediger fehlte, nicht zum Gottesdienste versammeln konnen. Sie trugen mir dies feierliche Geschaft auf, und es ward mir leicht, ihr Zutrauen, ihre Liebe in dieser Wildnis zu erlangen. Eilig baueten sie mir ein Haus und richteten es so bequem ein als es ihre Lage erlaubte. Ich lebte dem Berufe, den sie mir gaben, mit volliger Ergebung. Als aber der Friede geschlossen war und ich zu Ihnen zuruckkehren wollte, nahm die Liebe die Gestalt eines sehr verzeihlichen Eigennutzes an. Sie wollten mich nicht entlassen; und da sie mein Recht nicht bestreiten konnten, so forderten sie Ersatz fur den Aufwand, den sie um meinetwillen gemacht hatten. Sie wussten, dass er von meiner Seite unmoglich war. Als ich ihnen nun ihr Unrecht und ihre Undankbarkeit sanft verwies, erkannten sie alles; aber sie hoben ihre Hande zum Himmel empor und riefen: "Er wird uns das Unrecht verzeihen, das wir an Ihnen tun. Er weiss, warum wir es tun! Er hat Sie zu uns gesandt, und Sie selbst werden zu ihm fur uns beten, dass er uns verzeihe, was wir an Ihnen Boses tun."
So bin ich nun gefesselt durch Pflicht und Gewissen. Ich schrieb an den edlen Franklin, und er nahm es auf sich, der Kolonie einen Prediger aus Teutschland zu verschreiben. Sobald dieser kommt, eile ich in Ihre Arme; und dann sollen Sie den Greis in den Tempel fuhren, an dem Sie bauen.
Viertes Buch
1.
Ernstens Jahre des Glucks und der Ruhe flogen schnell und mit guten Taten bezeichnet voruber; aber das allgewaltige Schicksal schien ihn nur darum in einen so sanften Schlummer versenkt zu haben, um ihn schrecklicher daraus zu erwecken, um ihn beim Erwachen zu zermalmen. Warum muss ich die Feder wieder aufnehmen! ich, der Zeuge des an ihm ausgeubten Frevels! ich, dessen Herz bei dem Anblick der an ihm begangnen Ungerechtigkeit so unaussprechlich litt! Und doch muss ich dem Zuge folgen und das nun einmal ubernommene Geschaft vollenden, so qualvoll es auch jetzt fur mich wird. Die Ungerechten sollen wenigstens sehen, wen sie in diesem Manne verfolgt haben; und das Mitgefuhl der Edlen wird mein Lohn sein. Fasse dich, mein emporter Geist, und wende dich von dem zerstorenden Gedanken weg, nur das, was du zu berichten hast, habe der Rechtschaffene von den Menschen zu erwarten!
Der Kammerrat hatte schon die Grafschaft *** zum Garten umgeschaffen, und Ernst ging neben dem treuen Pflanzer Gottes in dem bluhenden Bezirke, den verschonerten reinlichen Dorfern, wo nun Zufriedenheit und einfaches Wohlleben herrschten. Hier wandelte er an der Seite des Kammerrats mit hoherem Herzen als Alexander an der Seite seines Lieblings in den Ebenen des von ihm eroberten Asiens. Seine Trophaen waren bluhende Baume, reiche Kornfelder, grunende Wiesen, Striche, die einst das Wasser ertrankte, zu Wiesen durch Fleiss gewonnen. Und beide Freunde belebte die Hoffnung, das Gluck, welches sie hier gestiftet hatten, noch weiter um sich her zu verpflanzen. Ernst hatte mit Genehmigung des Fursten in diesem Bezirk eine neue Ordnung der Steuern und Abgaben zur Probe eingefuhrt, und diese Probe war so gut ausgefallen, dass er beweisen konnte, seinen beabsichtigten Zweck erreicht zu haben. Durch diese neue Ordnung fiel alles Druckende von dem Landmann ab, und der in den ersten Jahren von dem Adel und den Gutsbesitzern erlittene kleine Verlust ersetzte sich in den folgenden vollkommen. Ausserdem hatte sie das vorzuglich Gute an sich, dass sie allem Zwist, allem Hader, allen Klagen uber Gewalt und allen heimlichen Eingriffen ein Ende machte. Ernst konnte dartun, dass alle Landleute ihre Abgaben richtig bezahlt hatten, dass keiner verarmt war und dass der Ertrag des Landes um ein Drittel mehr ausmachte als sonst. Dieses legte er seinem Schwiegervater, dem Minister, vor und teilte ihm sein Vorhaben mit, diesen seinen Plan mit Genehmigung des Fursten dem versammelten geheimen Staatsrate fur das ganze Land vorzuschlagen. Der Furst, der von allem unterrichtet war und mit eignen Augen den guten Erfolg gesehen hatte, forderte Ernsten selbst dazu auf. Er war so entzuckt daruber, dass er an seiner Tafel, in seinem Kreise mit Fremden und Einheimischen von nichts sprach als von der Hoffnung, bald sein ganzes Land so bluhend und wohlhabend zu sehen als Ernst und Kalkheim den gesegneten Strich gemacht hatten. "Und dann", setzte er hinzu, "werde ich erst recht fuhlen, wie glucklich ich bin, Furst eines kleinen Landes zu sein; denn nur hier fruchtet die Arbeit guter Menschen, nur hier sind Mittel und Hindernisse gleich sichtbar."
Doch dieser Plan drohete nicht allein der Gewalt und dem Eigennutze verschiedner Landeskollegien; er griff zu gleicher Zeit auch den Stolz des Adels und der Gutsbesitzer an, denen die alte Ordnung schmeichelte, weil ihre Vorfahren dieselbe entworfen hatten. Sie sahen in der gelinden Abhangigkeit des Landmanns von ihnen, da diese doch allein den Fleiss und die Erfindungskraft desselben beseelt, indem sie ihn von den aussern, druckenden Zeichen der Herrschaft befreiet, nur die Auflosung ihres Ansehens und ihrer Eigenmacht. Es war ihnen nicht genug, dass der Landmann, und sie durch diesen, reicher wurden; sie wollten auch, dass er immer in der knechtischen Furcht vor seinen gestrengen Herren verbleiben sollte. Sie wollten nicht dessen Wohltater, Freunde und Ruhestifter, sondern dessen Herrscher und drohende Richter sein. In den freien, vertraulichen, heitern Gesichtern der Landleute dieses sich auszeichnenden Bezirkes sahen sie Hohn und Aufruhr; in ihren reichen Feldern, ihren schon gebaueten Dorfern, ihrer anstandigen bessern Kleidung Reiz zur Uppigkeit, Verschwendung und Eitelkeit, und ihr Spruch war: der Bauer muss immer fuhlen, dass er nur Bauer ist.
Naturlich stimmte die Kammer in diesen Ton mit ein, und Ernst wurde bald als ein Feind des Adels und der alten guten Ordnung angesehen. Seine Ruhe, seine Zufriedenheit, seine Sorglosigkeit bei ihren hamischen Ausserungen entzundeten den Hass und Unwillen des Adels noch mehr, und es bildete sich, ohne Verabredung und mit Verabredung, eine geheime Verschworung gegen ihn, die nur auf Gelegenheit lauerte, den gefahrlichen Widersacher zu sturzen. Indes stellte man ihn allenthalben als einen Mann dar, der, stolz auf die Gunst des Fursten, seinem Dunkel und seiner eingebildeten Weisheit alle zu unterwerfen strebt, der durch die Zerstorung alles Alten sich einen glanzenden Namen machen will und seinen herrschsuchtigen Geist unter dem sanften Schimmer gleisnerischer Tugend zu verbergen sucht.
Ernst ahndete das nicht. Er sah und fuhlte wohl, dass den meisten das nicht gefiel, was er tat; doch hoffte er noch immer, der gute Erfolg wurde jeden nach und nach von seinen reinen Absichten uberzeugen. Bei seinem Plane rechnete er um so mehr auf das Gelingen, da der Vorteil eines jeden so sichtbar war. Aber als er ihn in dem geheimen Rate vorbrachte und sein Oheim heftiger als je auffuhr, als die meisten Anwesenden auf das Recht ihres Adels pochten und geradezu erklarten, der Furst konne Privilegien nicht antasten, die von ihren Ureltern auf sie vererbt waren, die sie als des Reiches Ritterstand von alten Zeiten her genossen, und als sie ihn als den Schopfer dieses Plans geradezu angriffen, da erkannte er, wie sehr er sich geirrt hatte, da sah er ein, dass die Menschen noch eher wirklichem Vorteil entsagen als dem eingebildeten des Stolzes und des Wahns. Diese sich ihm jetzt aufdrangende Meinung verbarg ihm auch noch in diesem Augenblick, dass der Hass gegen ihn vorzuglich die Haupttriebfeder seiner Gegner war. Aber sein Oheim offnete ihm bald die Augen; denn er sagte ihm geradezu: "Neffe, meine Prophezeiung geht nun in Erfullung. Sie sind nun endlich geworden, was Sie so lange und so eifrig zu werden gesucht haben: der Gegenstand des Hasses aller Vernunftigen; und wenn dieses Ihren Stolz befriedigen, wenn Ihre Schimare Sie dafur trosten kann, so haben Sie wirklich die hochste Stufe des so sehnlich gesuchten Gluckes erreicht."
Ernst antwortete:
"Es sei! Auf dem Wege, auf welchem ich es erreicht habe, werde ich gleichwohl verbleiben, und eben darum kann ich von der errungenen Hohe niemals fallen. Noch wohnt Ruhe in meinem Herzen; auch war ich auf das, was Sie mir nun ankundigen, nicht so unvorbereitet. Ich rechnete auf Undank, Unbilligkeit und Ungerechtigkeit, doch nicht auf Hass, wenigstens nicht von Ihrer Seite; und, Oheim, am wenigsten auf den Wahnsinn, der sich diesen Morgen bei einer Sache offenbarte, wobei die am meisten gewannen, die am heftigsten dagegen schrien."
PRASIDENT: Dieses kommt alles daher, lieber Neffe, dass Sie nur dem Namen nach ein Edelmann sind; sonst wurden Sie mit dem Kleinode, in welchem unsre Ehre und durch sie unser Dasein besteht, nicht so verwegen spielen. Ja, lacheln Sie nur. Aber vergessen Sie nicht, dass wir fur dieses Kleinod alles zu wagen fahig sind, was Sie allenfalls um Ihrer Schimare willen wagen konnten. Ich schenke Ihnen alle Weisheit, die Sie mir jetzt vortragen mochten wozu? Mir soll der Neffe immer willkommen sein, aber nie der Staatsmann; denn als Staatsmanner sind wir Feinde, in offnem Kriege. Ich weiss wohl, dass Sie dieses nicht abschrecken wird; der Mut wachst Leuten Ihrer Art beim Widerstande. Dem Sieger bleibt am Ende doch das Feld. Wir wollen nun sehen, was der von Ihren Traumen verblendete Furst weiter unternimmt; fur jetzt scheint er Ihren Plan schon auf bessere Zeiten auszusetzen. Wir danken ihm fur den Aufschub und wissen, woher es ihm kommt. Wie wohl hatten Sie getan, lieber Neffe, wenn Sie ein wenig mehr auf den klugen Renot gehorcht hatten als auf Ihren Pedanten! Freilich, solchen Leuten und Leuten, wie die sind, mit denen Sie zu Rate sassen, die keinen Fussbreit Lands besitzen und als von geborgtem Glanze ubertunchte Bettler nichts zu verlieren haben denen mag ein solcher Plan ganz wohlgefallen. Sie verstehen hoffentlich, wen ich meine; und sollten Sie nicht, so fragen Sie mich nur!
Ernst ergluhte. Zum erstenmal schwellte heftiger Unwille sein Herz, zum erstenmal faltete sich seine Stirn in Grimm, zum erstenmal verzog sich sein Mund, um den sonst nur Weisheit und Gute so sanft sich zeigten. Er sagte nach langem Kampfe:
"Lieben konnt ich Sie nie, Oheim; es war nicht meine Schuld. Von diesem Augenblick an kann ich Sie nicht mehr achten; und auch dieses ist nicht meine Schuld. Sein Sie mein Feind, das Sie schon lange mehr als Mensch denn als Staatsmann sind; als Staatsmann konnten Sie es ja nicht sein, wenn Sie nicht Mensch in dem Sinne waren, in welchem Sie sich mir immer zeigten. Da ich dies aber am wenigsten furchte und eigentlich nichts mehr furchte als ebenso tief zu sinken, so steh ich ganz offen und ohne allen Schutz da das Ziel Ihres Hasses und des Hasses aller derer, die mich wie Sie verkennen. Ich habe viel von Ihnen ertragen, aber die Lasterung des edlen Hadem und des Mannes, bei dessen Bezeichnung Sie sich nur erniedrigten, konnt ich nicht ertragen, denn in diesen lasterten Sie Tugenden, fur die Sie keinen Sinn haben."
Er ging. Sein Oheim wutete, und in seiner Wut rief er: "Er hat Galle, er hat es gezeigt; und davon lasst sich etwas erwarten."
2.
Nur als Ernst seinen einzigen Sohn sah und dieser ihm freudig entgegensprang, besanftigte sich der Unwille in seiner Brust. Es war die erste Emporung, die erste starke widrige Empfindung, welche Menschen in ihm erzeugt hatten. Er schauderte selbst vor der Wirkung der Erschutterung, er druckte seinen Liebling an das Herz und kusste die unschuldigen Augen, deren Blick die Finsternis erhellte, die jetzt seinen Geist umringte. Der kleine Franz schmiegte sich an ihn, und er hob ihn gegen den Himmel: "Du hast ihn mir gegeben! Und jene! ich bin ja noch, was ich vor einer Stunde war!"
Sein Blick fiel auf Amaliens Zimmer.
Sie kam, weil sie seine Worte vernommen hatte. Er bat sie um Musik, und wahrend sie spielte, hielt er den Knaben auf dem Schosse. Der Knabe lauschte auf die Stimme seiner Mutter, auf die Blicke seines Vaters; und als nun ihr Gesang in das Besanftigende, das Feierliche uberging und ihre Saiten wie das Gelispel der Geister ertonten und der Knabe bei dem hohen Gesange ihn starr, bei dem sanften wieder freundlich anblickte, da malten sich seine Jugendtraume wieder lebend vor seinen Augen, und der erhabene Gedanke, der diese Traume erzeugt hatte, sauste durch seinen Geist. Er fuhlte, sein Gluck sei ausser der Gewalt der Menschen, solange ihm dieser Gedanke, dieses Weib und dieser Knabe blieben. Amalie hatte seine Bewegungen bemerkt; sie nahte sich ihm nun, und er teilte ihr mit, was er empfand. Aber da sie bald nachher auf dem Klavier zu phantasieren anfing und ihre Klagetone die Dolmetscher ihrer geheimen Schwermut wurden, die er solange bemerkt hatte, und ihre Blicke aufwarts flogen, als suche ihr Geist in der Ferne die Erfullung ihrer Wunsche, da drangen leise Tranen in seine Augen, und er kusste den Knaben, um sie zu verbergen. Er fuhlte sich von seiner Seite glucklich, aber zwischen ihm und Amalien hatte sich seit ihrer Verbindung ein seltsames Verhaltnis entsponnen. Er zeigte ihr die zartlichste Liebe, das grenzenloseste Vertrauen, und sein Tun, sein Betragen, seine Worte bewiesen ihr, dass er sie mit aller Kraft seiner hohen Seele liebte, dass er sich durch sie so glucklich fuhlte als es nur ein Sterblicher werden kann. Sie fuhlte dieses; sie sah, wie sie ihn durch ihren Geist, durch ihre Musik bezauberte, sie empfand, wie der Knabe sein ganzes Dasein mit dem ihrigen aufs innigste verbunden hatte, und immer blieb sie in ihrer ernsten Feierlichkeit, in ihrem sonderbaren, unnaturlich scheinenden Schwunge des Geistes. Immer sich gleich, bezeugte sie ihm fur alles, was er tat und sagte, jene Achtung, jene Bewunderung, die nur Personen von dem zartesten Herzen, dem ausgebildetsten, edelsten Geiste zu empfinden und auszudrucken fahig sind. Er sprach in sanftem Entzucken von seiner Liebe und seinem Glucke; sie von dem Werte der Tugenden ihres Gemahls, aber nie uberliess sie sich einer volligen Ergiessung des Herzens, nie einer innigen Zartlichkeit, immer schien eine Scheidewand zwischen ihm und ihr zu stehen. Es genugte ihm lange; denn da er diese reine Stimmung am meisten achtete, auf sie vorzuglich sein Gluck bauete und Amalien hauptsachlich um dieses hohen Sinnes willen gewahlt hatte, so glaubte er, es musse so sein und sein Gluck sei um so sichrer. Aber da er sie seit einiger Zeit oft einsam und in Gedanken verloren uberraschte und ihre Musik, ihr Gesang, womit sie ihn sonst emporhob und aufheiterte, immer klagender wurden, in ihren Blicken sich etwas bisher von ihm unbemerktes Dustere, Sehnende zeigte und sie seine Fragen nur mit Lacheln beantwortete und er mit der zartlichsten Hingebung, der herzlichsten Aufforderung keine andere Antwort erhalten konnte als hochstens: "Kann ein Mann wie Sie an dem Glucke seiner Gattin zweifeln? Wer sollte sich dann auf Erden trauen!" und sie sich in weiter nichts einliess und immer in dieser Stimmung verharrte, so vermutete er geheimen Kummer, schrieb sich die Ursache zu und spannte alle seine Aufmerksamkeit an, ihr zu gefallen. Sie bemerkte es und gab ihm die ruhrendsten Beweise davon, dass sie es bemerkte. Seine Zartlichkeit uberraschte sie oft; und wenn sie dieselbe nicht mit der Warme erwiderte, wie sie aus seinen Blicken sprach, so sagte sie:
"Ich bin zu ernsthaft, ich muss die Musik lassen, sie zieht mich mit unwiderstehlicher Gewalt von dieser Erde nach dem Lande, von welchem Sie mir so oft gesprochen haben. Wirklich, ich muss die Musik lassen, sie spannt meine Phantasie uber ihr Vermogen, sie macht mich zu weich, zu schwarmerisch. Ich glaube, es geht mir wie den Dichtern, von denen man sagt, sie vermissten immer etwas, sie mochten sein, wo sie wollten. Denn sie sehen, sagt man, alles mit den Augen ihres Geistes an, der sich mehr im Schaffen, im Hervorbringen als in dem Geniessen gefallt, der das Geschaffene, um nie mussig zu sein, wenigstens mit den Farben seiner Traume schmuckt."
Ernst lachelte bei dieser Ausserung.
AMALIE: Lacheln Sie nicht! Ich glaube wirklich, dass ich ohne Musik viel glucklicher ware; ich wurde mehr bei mir und viel beschrankter sein, und Franz wurde mir dann nicht so oft sagen:
"Du liebst mich nicht, Mutter, du spielst nicht mit mir, du spielst nur mit dem Klavier. Und doch liebt dich das Klavier nicht, wie ich dich liebe."
ERNST: Und doch kusst er mit mir die Hande, die diese Saiten so suss beleben, und den Mund, dessen Tone seinen Vater mit sanften Schwingen in jenes Land tragen, aus dem seine Mutter, mit dieser Harmonie begabt, herabstieg. Sie vergassen oder wollten vergessen, dass es der Dichter allein ist, dessen Geist Welten und Schopfungen sieht, die wir ohne ihn nur dunkel ahnden wurden, dass er uns durch seine Schopfungen von andern Welten ein Gluck darbeut, welches uns diese hier nie gewahren kann. Dank sei diesen Lieblingen der Gottheit gesagt, auf denen der Geist der Schopfung so sichtbar und wirksam ruht, in denen sich die Schopfung so fasslich und hinreissend fur andere abspiegelt! Sie erwecken durch ihre schaffende Kraft, durch die hohe Darstellung ihres innern Sinnes den schlafenden Funken in unsrer Brust und beweisen uns durch seine Entzundung unsre Abstammung aus jenem Lande und unsre Wiederkehr dahin. Ohne sie wurde sich der Mensch nie uber das Irdische erhoben haben. Und dieses sind Sie mir! Dieses ist mir meine Sangerin! Und Sie waren dadurch nicht glucklich? Sie waren glucklicher ohne die Kraft, dieses auf uns wirken zu konnen? Fragen Sie nur unsern Franz. Wie oft schleicht er zu mir und sagt mir leise ins Ohr: "Kommen Sie geschwind, Papa! die Mama spielt ohne Noten!" Ahndet der Knabe nicht, dass nun die Dichterin ihre Schopfungskraft gebraucht?
So schien sich immer ein Ratsel in dem Augenblick
aufzulosen, in welchem es sich noch mehr verwickelte.
3.
Trotz dem allen hatte Ernst ohne die Ereignisse, die jetzt so plotzlich unsern Weltteil erschutterten, durch seine Geduld, seine Gefalligkeit, seine Sanftmut dennoch den Neid und die Bosheit der Menschen besiegt, vielleicht gar selbst seinen heissesten Wunsch, seinem Vaterlande einen so wesentlichen Dienst zu leisten, durchgesetzt. Aber die wunderbaren, grossen und schrecklichen Begebenheiten, die nun in einem so kurzen Zeitraume sich aufeinander drangten und die alles zu enthalten schienen, was die Menschen in einer Reihe von Jahrtausenden Grosses und Ungeheures mogen getan haben, sollte auch uber Ernstens Schicksal wie uber das Schicksal so vieler tausend Unschuldiger entscheiden.
Der ungluckliche Zeitpunkt war gekommen, wo die ruhigen, friedlichen, treuen Burger Teutschlands, welche die Worter "Aufruhr" und "Emporung" nur als eine Schreckenssage aus vergangenen Zeiten kannten, plotzlich in Parteien zerfielen, wo in jedem Hause Zwietracht herrschte, die Familien sich trennten, der Freund den alten, erprobten Freund als Feind verliess und man nichts mehr vernahm als den bittern Zwist uber politische Meinungen, vor dem alle Freude und alles Zutrauen aus dem gesellschaftlichen Kreise verschwanden. Alle Gefuhle der Menschheit schienen in diesem wilden, schonungslosen Kriege uber Meinungen, die niemand kalt prufte, auf einmal zu verstummen; denn keiner fragte den andern: was bist du mir und dem Vaterlande? sondern: wie denkst du uber die Ereignisse des Tages? Selbst das Mitgefuhl, das Mitleiden, die bestimmtesten Gefuhle der Natur, arteten aus; man beklagte nur das Ungluck derer, die unsrer Meinung waren, verwendete sich nur fur sie. Wissenschaften, Religion, Recht und Gesetz sollten sich nach neuen Formen bequemen; und die Verblendung ging so weit, dass man die Lehren, welche die Schreckensposten so laut ankundigten, weder vernahm noch nutzte. Die Fursten traueten ihren Volkern nicht mehr, Volker traueten ihren Fursten nicht mehr; und beide Teile schienen recht zu haben, denn jeden rissen Furcht und andere Leidenschaften uber das Ziel. Ein wilder, bisher unbekannter Fanatismus hatte alle ergriffen, alle in einen Zauberkreis gebannt, in welchem rastlose Neugierde, gespannte Hoffnung, steigende Furcht, Angst und Hass sie gegen- und voneinander trieben. Ja, der Teutsche schien sogar seine alte vaterliche Sprache mit seiner alten Treue zu verlieren und seine Denkungsart gegen neue Ausdrucke auszutauschen, die nur seine gereizten Leidenschaften dolmetschten.
Aber als der Feind den teutschen Boden betrat und verwustete, als das Blut der Teutschen die vaterlichen Felder fruchtlos dungte, als der Teutsche besiegt ward und der kuhne Feind immer vorwarts drang, da wutete die Zwietracht und zeigte dem Feinde die ferneren grossren Siege.
Brauche ich zu sagen, von welcher Zeit ich rede? Hat sie nicht, zur Schande der getrennten Teutschen, ein schmahliches unvergessliches Denkmal aufgestellt? Steht das jetzige Geschlecht nicht mit gebeugtem, uberwundenem Nacken davor? und werden die kunftigen bei seinem Anblicke glauben, dass ihre Vater Teutsche waren?
In der Stadt, wo Ernst wohnte, pries man anfangs alles, was in Frankreich geschah, und rechtfertigte es mit den alten Missbrauchen, die dort so lange geherrscht hatten. Ernst, der diese Nation kannte, erlaubte sich bei ihren zu raschen Taten manche Bemerkungen und Zweifel. Man nahm ihm dieses sehr ubel und hielt ihn fur einen Furstensklaven, welcher der Gunst des Hofes selbst seine vorige Denkungsart aufopfere. Als aber die so laut gepriesene Sache wirklich die Wendung nahm, die er verkundigt hatte, und alle schrien und er jetzt bei dem wilden Geschrei aus Ursachen schwieg, die der grosse Haufe nicht erraten konnte, so glaubte man sich berechtiget, sein Schweigen fur Billigung alles dessen zu erklaren, was Schreckliches geschah. Seine Feinde wussten dieses von ihnen ausgestreute Vorurteil zu benutzen, und Ernst musste als ein bekannter Feind der alten burgerlichen Ordnung fur einen entschiedenen Gonner der gefahrlichen franzosischen Grundsatze gelten. Wo er sich jetzt befand, in welche Gesellschaft er trat, horte er nur von den greulichen Begebenheiten des Tages reden, und immer mit Verwunschungen aller Neuerer und aller derer, die solche Gesinnungen billigten und begunstigten. Er, der alles, was vorging, aus einem den Schreiern ganz unbekannten Gesichtspunkt ansah und sich von diesen schrecklichen Begebenheiten wie von einem finstern, bosen Damon begleitet fuhlte, konnte die wilde, sinnlose und wahnsinnige Art, wie diese Menschen davon redeten, nicht ertragen. Sein Geist ward duster unter ihnen, sein Herz litt; er floh und suchte freie Luft; und sowie er den Rucken wendete, fiel man uber ihn her.
Erst jetzt vertrauete Renot dem Prasidenten, warum er nicht auf Ernsten so habe wirken konnen, wie er gewunscht hatte. Rousseaus Schriften, die nun in Frankreich den Aufruhr entzundet hatten, waren schuld daran. Hadem habe ihm vor seiner Abreise dieselben heimlich zugeschickt und Ernst von der Zeit an nichts anderes gelesen. Und eben dieser Rousseau, dessen Geist jetzt Frankreich verheere, habe seines Neffen Gemut von lange her auf diese Neuerungen vorbereitet; man musse sich also nicht uber sein Schweigen wundern. "Hat er nicht", fugte Renot hinzu, "durch alles, was er bisher getan, sich als einen treuen Schuler des kuhnen, gefahrlichen Mannes gezeigt? Und wissen Sie nicht, dass Ihr Neffe, seitdem die Revolution ausgebrochen ist, in einem bestandigen Briefwechsel mit den Parisern steht? und ist es nicht klar, dass er bei seinem Aufenthalt in Paris sich mit diesen gefahrlichen Menschen in Verbindung eingelassen hat?"
Renot war jetzt Ernstens gefahrlichster Verleumder. So wie er hier sprach, ausserte er sich gegen jedermann, besonders gegen den Adel. Er hatte dabei einen doppelten Zweck: er befriedigte seine Eitelkeit und seinen Hass. Ihn druckte Ernstens Wohltat, und nie konnte er diesem die Art, sie zu erweisen, vergeben. Und dadurch, dass er so heftig die Partei des Adels nahm, gab er sich das Ansehen, als gehore er ihm zu; er war nicht der einzige, der sich aus diesem Grunde zu dessen Verteidigern schlug.
Ernstens Korrespondenz nach Paris wusste der Prasident und jeder. Von dem ersten Augenblicke an, da die Revolution ausbrach, bemuhte sich Ernst, durch seine dortigen Bekannten genaue Nachrichten zu erhalten, weil er in einer so wichtigen Sache nicht einseitig urteilen wollte, weil er bei der Wendung, welche die Sache nahm, sehr bald einsah, dass sie fur einen denkenden Geist ein ebenso unterrichtendes Schauspiel werden musste als sie fur das Herz emporend ware. Und da dieses Schauspiel immer wilder und grasslicher ward und nun hin und wieder ein Lichtstrahl dieses drohende, finstre Chaos erleuchtete, so deuchte ihn, das menschliche Geschlecht sitze auf diesem Punkte der Erde uber sich selbst zu Gerichte, um sich in der grossten Angelegenheit, die seine Geschichte aufweist, das Urteil zu sprechen. Er bebte vor dem Endausspruch.
Der Prasident freuete sich uber Renots Mitteilung, und bald sah man durch beider Bemuhen alles, was Ernst getan und gesprochen hatte, in diesem Gesichtspunkt an. Nun hoffte der Prasident, allen fernern Unternehmungen seines Neffen und hauptsachlich dem Durchsetzen des ihm verhassten Plans auf immer Einhalt tun zu konnen. Ernstens Verleumder fanden leicht Eingang; denn die Menschen glauben gerne alles Nachteilige von dem Manne, den sie hassen. Und sei es auch noch so ungereimt, sei man auch noch so sehr vom Gegenteil uberzeugt, genug, es schadet; und das, was die Bosheit ersonnen hat, breitet die Geschwatzigkeit gern weiter aus. Der Ruf, in welchen der Adel und die Gutsbesitzer Ernsten brachten, wurde noch dadurch verstarkt, dass die Burger und alle die, welche so dachten, wie man von ihm vorgab, sich mehr an ihn schlossen und ihn in eben dem Masse erhoben, in welchem die andern ihn heruntersetzten. Als aber die Anklagen und Verfolgungen angingen, suchten auch diese ihre Sicherheit in dem allgemeinen Geschrei gegen den Mann, den sie verehrten, liebten und als ihren einzigen Freund erkannten.
Ernst sah und fuhlte die Wirkung dieses Vorurteils. Er vermutete dessen Ursprung, aber er glaubte es unter seiner Wurde, sein Betragen zu andern, und verwarf mit Unwillen den Vorschlag des Ministers, die elenden Urheber dieser Verleumdung zu beschamen und Beweise von ihnen zu fordern.
Er antwortete:
"Soll ich in ihren die Vernunft und die Menschheit entehrenden Ton einstimmen? Werden sie mich nicht der Heuchelei beschuldigen und mir noch das einzige zu rauben suchen, was mich uber sie erhebt, was sie selbst anerkennen? Wenn mein Leben, meine Handlungen ihnen keine Beweise mehr sind, werden sie meinen Worten glauben? Noch erkenne ich mich, und ich werde ihnen weder das Feld raumen, noch mich vor ihnen beugen; denn nur alsdann hatten sie uber mich gesiegt. Glauben Sie mir, das, was Sie mir raten, wunschen diese Leute am sehnlichsten, sie halten mich fur geschlagen, sobald ich mich mit ihnen offentlich einlasse; und nur darin haben sie recht."
4.
Als nun eine Schreckenspost uber die andere erscholl und der Feind den teutschen Boden immer weiter verwustete, als die Fliehenden durch die benachbarten Lander Schrecken und Furcht vor dem entschlossenen und gefahrlichen Feinde verbreiteten und es immer mehr kund ward, dass die teutschen Krieger vergebens den vaterlichen Boden mit ihrem Blute trankten, da entflammte sich in dem Herzen des alten Herrn von Falkenburg die Vaterlandsliebe und der Hass gegen den alten Feind desselben. Sein kriegerischer Sinn fachte beide an. Mit Unwillen sah er auf die starre Ruhe der feigen, bebenden Schreier bei der immer naher ruckenden Gefahr. Er ergluhte vor Zorn uber die Untatigkeit eines Volkes, das bei der Verheerung, der nahen Unterjochung seines Vaterlandes nicht zusammentrat; und sein graues Haar bewegte sich auf seinem ehrwurdigen Haupte bei dem Gedanken, Teutschland, die Mutter der tapfersten Sohne, von einem Feinde besiegt zu sehen, der, so ungerecht er auch in seinem Urteile sonst war, demselben wenigstens dieses nicht abzusprechen wagte. Plotzlich kam er in Uniform zu seinem Sohne und kundigte ihm an, dass er zu Felde gehen wurde.
Ein schmerzliches Lacheln der Bewunderung war Ernstens erste Antwort. Er sah auf die grauen Haare seines Vaters und kusste die Locke, welche an der von hohem Gefuhle geroteten Wange lag.
"Mein Vater, dies ist die Glut der Jugend."
VATER: Und dies die Farbe des Alters, meinst du? Er strich die Locke zuruck. Lass es nur so sein. Um so sichrer bin ich jetzt vor dem jugendlichen Ungestum, dem ich meine Wunde verdanke.
ERNST: Und ihre Folgen, die Sie so oft schmerzlich fuhlen?
VATER: Ich werde sie nicht fuhlen, und mag noch eine kommen, wenn es sein muss! Diese bekam ich, als ich fur Sold, fur Ehre diente; die fur das Vaterland wird nicht so schmerzlich sein. Ich kann es nicht mehr ansehen, Ernst, und ich wurde uber das, was ich hore, vor Unmut sterben; in Tatigkeit werde ich neue Lebenskraft bekommen. Vielleicht wirkt auch mein Beispiel auf die Schreier, die alles getan zu haben glauben, wenn sie einen Feind lastern, den sie bekampfen sollten. Ich sehe Verheerung, ich sehe Schimpf, Schmach, ich sehe Ketten fur Teutschland in der Zukunft und kann die Vorstellung nicht ertragen, dass ich die Wirklichkeit davon erleben konnte.
ERNST: Und wenn ich Ihre Schuld an das Vaterland ubernahme?
VATER: Es ist dein Gewerbe nicht, und ich verlasse dich hier in einem Kriege, wozu mehr Mut gehort als zu dem, zu welchem ich aufsitze. Streite du hier und lass mich dort kampfen, wir streiten beide fur eben dieselbe Sache. Seinem Feinde Stirn gegen Stirne in offnem Felde gegenuberzustehen und zuzuschlagen, das ist nichts; aber dem Feigen, dem Elenden, der im Winkel seine Pfeile zuspitzt und vergiftet, um sie in der Finsternis ohne Gefahr abzuschiessen, dem zu widerstehen, dazu gehort mehr. Und doch hoffe ich auf dich; und darum schweige ich zu allem, und darum verlasse ich dich voll Mut und Vertrauen. Du musst dem Fursten bleiben. Hat er einen wahren Freund unter diesen wilden Schreiern? Verteidigt einer seine Sache ausser nur um seines eignen Vorteils willen? Nur solange er ihnen diesen sichert, halten sie sich an ihn; kann er dies nicht mehr, so sind sie seine gefahrlichsten Feinde.
ERNST: Oh, mein edler Vater, leider ist dieses der Fall nicht bei uns allein. Schon langst hatten diese Menschen gerne Teutschlands Fursten zu unweisen und gewaltsamen Massregeln gegen ihr treues Volk verleitet. Jedes Wort, jede Ausserung des Volkes machen sie ihnen verdachtig und glauben sie zu erhalten, wenn sie die schutzenden Engel, das Vertrauen und die Liebe, von ihrer Seite entfernt haben. Hier ist bisher noch ihr ganzes Bemuhen fruchtlos gewesen, aber mit jedem widrigen Geruchte von emporenden Ausserungen, die nur Leute ihrer Art hervorbringen, verdoppeln sie den Angriff. Und da der Furst immer von ihnen fordert, durch Weisheit dem drohenden Ubel zuvorzukommen, bevor die Notwendigkeit sie dazu zwingt und alles zweideutig macht, was sie alsdann tun mogen, so glauben sie in seinen vaterlichen Gesinnungen, in seiner Sorge fur sie nichts zu sehen als mein Bestreben, einen Plan durchzusetzen, der langst allen diesen Bedenklichkeiten ein Ende gemacht hatte.
VATER: Mit diesen Worten hast du deine Bestimmung entworfen. Folge ihr, ich folge der meinigen. Lass den edlen Mann einen Freund in dir finden; du weisst, wie er dich geworben hat. Ernst, nie hatten die teutschen Fursten Freunde notiger als in dieser bedenklichen Zeit. Furcht, Eigennutz und nahe Not zwingen viele, diese Maske vorzunehmen; aber eben darum sind ihre Eingebungen so gefahrlich. Ein teutscher Furst hat nichts zu furchten, solange er sein Volk nicht verkennt, solange er selbst treu und ehrlich auf seines Volkes Treue rechnet.
ERNST: Ich will es noch einmal versuchen, mein Vater, und es ist schon eingeleitet. Ja, Sie haben recht. Der Krieg, den ich zu fuhren habe, ist gefahrlicher als der Ihrige. Als Sieger Hass, als Uberwundner Hass, dies ist mein Los; dies ist der Unterschied zwischen Ihrem und meinem Schlachtfelde. Auch Sie verlassen mich nun, und ich bleibe allein. Sie gehen in einem Alter, wo Sie der Ruhe bedurfen, dem Tode entgegen und ich in bluhender Jugend vielleicht der Schmach; doch Ihr Entschluss, die Warme, mit der Sie mir ihn angekundigt haben, erhebt mein Herz. Ich fuhle vor Ihnen, dass ich ein Teutscher bin, dass ich ein Vaterland habe.
VATER: Oh, dass man diese Stimme, diesen Ruf durch ganz Teutschland horte! dass er auf alle Herzen wirkte wie auf das meinige! so ware das Vaterland gerettet. Ach, Ernst, freilich wir sind Teutsche, aber ich sehe keine Teutsche. Umso mehr tut es not, dass sich hier und da der einzelne zeigt. Blieb' ich auf dem Gute ihre Lauheit, ihre Gleichgultigkeit und ihr Geschrei machten meinen alten Kopf noch wahnsinnig. Darum fort! Freilich ware es besser gewesen, wenn man die Leute dort ihre Sachen, klug oder toll, hatte machen lassen; auch mogen die Absichten der Machtigen von unsrer Seite nicht so rein sein, als sie vorgeben. Aber, wie dem auch sei, der Feind steht auf dem teutschen Boden, nur dieses mussen wir jetzt denken und weiter nichts; denn nur dieses dachte und empfand der Franzose, als unsre Heere sein Vaterland betraten, wenn er auch gleich anderer Meinung war. Wache du, dass die Ruhestorer diesen Bezirk nicht anstecken, dass die noch gefahrlicheren Eigennutzigen, die bei jedem kleinen Vorteil jauchzen und drohend einhergehen, aber bei jeder Schreckenspost zusammenfahren, unsern Fursten nicht betoren. Ich will zu ihm gehen, will ihm sagen, was ich denke. Und dann zu deinem Oheim!Ihm muss ich durch den Sinn fahren, bevor ich reise. Er ist einer von denen, die gern einen Teil des Volkes erwurgten, um dadurch den andern durch Schrecken zu notigen, auf ihren Zwangmuhlen fortzumahlen, in ihren Zwangofen fortzubakken. Ich muss ihm und den andern Laffen doch noch sagen, dass ein teutscher Edelmann jetzt mehr zu tun hat als auf die Franzosen zu schimpfen, die stillen Burger zu verleumden und Manner deines Sinns verdachtig zu machen. Diesen Vorsatz erfullte er auch redlich und auf eine Art, dass wenig zu antworten ubrigblieb, besonders da er es durch seine Tat bewies. Man zuckte die Achseln, lachelte und wunschte ihm Gluck. Diese Antwort hatte er in allen Kreisen Teutschlands erhalten, wenn er so darin aufgetreten ware.
Einige, und nicht die Dummsten, sagten:
"Wir verlieren immer, sind immer die Geschlagenen, die Fehde ende, wie sie wolle."
Andere meinten, sein Eifer sei zu loben, indes geschehe ja alles, was die Reichsverfassung mit sich bringe. Und wenn jeder Reichsstand seine Pflicht erfulle, so tue er genug, besonders da die meisten Reichsfursten kein Interesse bei der Sache hatten.
5.
Ernst hatte lange nichts von Ferdinand gehort. Alle seine Bemuhungen um Nachricht von ihm waren fruchtlos, und schon furchtete er, auch sein Freund sei ein Opfer seines aufruhrerischen Regiments geworden, als dieser ihn eines Abends plotzlich uberraschte. Alle Gefuhle ihrer jugendlichen Verbindung erwachten in Ernstens Brust.
Als er sprechen konnte, sagte er zu Ferdinand:
"Du hast mir viele Sorgen gemacht; doch diese Sorgen machen nun deine Anwesenheit umso susser. Wie dank ich dem Schicksal, dass es dich mir sendet, jetzt, da ich eines Freundes so sehr bedarf, da soeben mein Vater mich verlassen hat!" Ferdinand weinte an seinem Halse.
"Freund, ich habe alles verloren alle Aussichten alle Hoffnungen alles Gluck."
ERNST: Du hast nichts Wesentliches verloren, das du hier nicht wiederfandest. Mich findest du, wie du mich gekannt hast, als wir noch als Knaben Hand in Hand gingen; und ich hoffe, auch dich werde ich wieder so finden. Sei gutes Muts! Ich errate dein Ungluck, aber du bist gerettet, du stehst unter dem Dache deines Freundes, der gerne mit dir teilt. War dies nicht unser Bund? Nur dein Zutrauen, nur deine Freundschaft, derer ich so sehr bedarf.
FERDINAND: Konnt ich mein Ungluck vergessen, es ware geschehen, als ich dich erblickte. Mildern, besanftigen kannst du es; heilen nie. Du hast dich nicht verandert, aber ich habe mich verandert, in allem verandert, nur nicht in meiner Liebe zu dir. Du kennst mich, du weisst, wornach ich strebte; und nun ist alles um mich her zerfallen.
ERNST: Du wirst dich hier wiederfinden. Komm, ich muss meiner Amalie meinen Jugendfreund vorstellen. Er fuhrte ihn in das Zimmer seiner Gemahlin und sagte: "Hier, Liebe, ist Ferdinand, um den Sie mich so bekummert sahen. Er ist glucklich der Gefahr entgangen, und es muss nun unsre Sorge sein, ihn sein Ungluck vergessen zu machen."
Ferdinands schwarze, feurige Augen waren voll Tranen, als er in das Zimmer trat. Sie erstarrten in seinen Augen, als er Amalien erblickte. Amalie erkannte ihn ein leiser Schrei des Erstaunens entfuhr ihr der feurige, kuhne Blick, womit er nun auf sie sah, stellte plotzlich die lang vergangene Szene lebendig vor ihren Geist, sie schien aus einem Traume zu erwachen, sie horte seine damaligen Worte, sah seinen kuhnen Wink auf das Fenster hin, und alles wurde ihr gegenwartig.
Ernst verliess beide mit den Worten: "Ich muss dir gleich meinen ganzen Reichtum zeigen."
Kaum vermochte jetzt Amalie, einige Worte des Bewillkommens zu sagen. Ferdinand stand sprachlos vor ihr und hielt seine Augen immer auf sie geheftet. Sein Geist schien im Vergangenen zu forschen, um das Gegenwartige begreifen zu konnen. Und als Amalie die Augen niedersenkte und Rote auf ihre Wangen schoss, erwachte auch in seinem Herzen jener Augenblick in seiner vollen Gewalt, und beider Seelen hatten nur einen Gedanken, beider Herzen trafen nur in einem Gefuhle zusammen.
Ernst unterbrach die stumme Szene, als er den kleinen Franz hereinbrachte. Dieser war schon ausgekleidet; als aber sein Vater ihm sagte: "Der Offizier ist da, von dem ich dir so oft erzahlt habe", wollte er noch nicht zu Bette gehen.
Franz hangte sich an Ferdinand. Dieser kusste ihn und sagte zu Ernst: "Dein lebendes Bild! So warst du, als man mich zu deinem Vater brachte. Lass mich zu mir kommen. Ich fuhle, dass mich in diesem Kreise das Gefuhl meines Unglucks einen Augenblick verlassen kann."
Als sie sich dann zu Tische setzten und Amalie ihm ein Glas Wein zum Willkommen einschenkte, erinnerte er sich an das kummerstillende Getrank, welches Helena im Homer ihren Gasten reicht.
Amalie lachelte, und Ernst sagte:
"So sei es dir dieser Trank! Und lerne du nur erst die Zauberkraft meiner Amalie recht kennen! Wer ihr widersteht, der ist unheilbar. Ferdinand, und widerstande auch dein Gram unserer zartlichen Sorge der Freundschaft, so wurde doch ihre Musik ihn besiegen. Hier siehst du den Traum meiner Jugend, in allem Reiz der korperlichen Schonheit und des Geistes, in seiner ganzen Wirklichkeit erfullt; sie ist die Gottin, die so fruh mir vorschwebte."
FERDINAND: Du hast erreicht, was du verdientest. Der Traum, dem ich nachlief, betrog mich; ich erwachte schrecklich, und umso schrecklicher, da ich dem Ziele nahe war, das ich nur in meinen kuhnsten Augenblicken zu erreichen hoffte. Einmal muss ich es dir doch erzahlen; so sei es jetzt. Und mocht ich dann die Erinnerung so tief in meinem Herzen vergraben konnen, als alle meine Hoffnung darin gesunken ist!
Er verfiel in Nachsinnen. "Nein, es ist unmoglich!" sagte er mit dem Ausdruck der innigsten Emporung. "Ich muss schweigen. Das Wagestuck, welches ich unternahm, ware nur dann des Erzahlens wert, wenn ein besserer Erfolg es gekront hatte. Jetzt wurdest du nur einen Verwegenen in mir sehen. Ich hatte alles getan, was menschliche Kraft und Kuhnheit vermogen, und glaubte nun das Gluck zu verdienen, das ich dem Schicksal mit so vieler Anstrengung abgezwungen hatte. Da fuhlte ich, was die Helden empfanden, mit deren Denkmalern ich in unsrer Kindheit unsre Hohle ausschmuckte. Aber die Menschen, die das bluhendste Reich der Erde zerstorten, das geistreichste, beste Volk zu Ungeheuern machten und alles vernichteten, die vernichteten auch mein Gluck. Mir bleibt nun nichts ubrig als die qualvolle Erinnerung daran und der Wunsch, im Gefuhle meiner Kraft in dem Ringen nah am Ziele gefallen zu sein. Wenn der Zauber deiner Gemahlin machen kann, dass ich dieses vergesse, so will ich es dir einst wie eine alte tragische Fabel erzahlen. Der Held der Fabel bestieg, zum Ungluck fur sich, den Olymp in dem Augenblick, da ein neuer Glaube ihn und die auf ihm wohnenden Gotter sturzte."
Ernst schwieg; er erriet, da er Ferdinand kannte, den Inhalt seiner Geschichte. Amalie nahm das Gesprach wieder auf, lenkte es auf die Begebenheiten des Tages und fragte ihn, wie er sich gerettet hatte.
Ferdinands Stirne ward duster:
"Soll ich Ihnen auf lange Ihren Schlaf rauben? und das die erste Nacht, die ich in Ihrem Hause zubringe?"
Ferdinand sagte alles mit einem so leidenschaftlichen Tone, einer so wilden Stimmung des Geistes und begleitete jedes Wort mit solchen dustern Blicken, dass Ernst Amalien winkte, sie nach ihrer Harfe leitete und sie bat, seinem Freunde etwas von ihrer kummerstillenden Arzenei zu geben.
Aber sie nahm die Laute. Ernst setzte sich mit Ferdinand auf den Sofa, und Amalie sang einige ihrer sanftesten italienischen Lieder. Ferdinands Hand zuckte in der Hand seines Freundes, und als Amalie endigte, stand er auf und sagte zu Ernsten: "Alles, alles hat dir das Schicksal gegeben; und alles, wie du es verdienst!"
ERNST: Du fehltest mir noch. Und wenn nun noch einer kame ich hoffe, Ferdinand, du hast ihn nicht vergessen.
FERDINAND: Du meinst Hadem! So komme er, und wir Darbenden sitzen an der Tafel des Reichen, und wir Unglucklichen werden glucklich durch sein Gluck. Lass mich nur erst fuhlen, wo ich bin, lass mich nur erst inne werden, dass ich mich gewiss aus der Hohle des Mordes gerettet habe. Sie, die alles zerstoren, mordeten auch meinen frohen, heitern Sinn, meine Munterkeit. Ich werde sie wiederfinden; denn sonst ware ich ein lastiger Gast. Aber ich kenne deine Nachsicht und wage es, auf die Nachsicht deiner Gemahlin zu rechnen. Ich hoffe, das Vergangene zu vergessen und in diesem Elysium zu erwachen.
Ernst fuhrte ihn nach dem fur ihn bestimmten Zimmer.
Ferdinand war von dem Augenblick, da er Ernsten in seinem hauslichen Verhaltnisse gesehen hatte, mehr mit seines Freundes Gluck als mit ihm selbst beschaftiget. Diese Vorstellung uberfiel ihn in der Einsamkeit umso starker, da Amaliens Bild einen so blendenden Glanz auf dieses Gluck warf. Sie hatte wie eine Erscheinung aus einer andern Welt auf ihn gewirkt, und er gestand sich laut, nie Schonheit mit diesem Ausdruck, mit dieser Wurde, von dieser sanften, melancholischen Erhabenheit begleitet, gesehen zu haben. In dieses Beschauen ganz verloren, sah er weder die Seelenruhe, die reine Herzensgute, die schone Einfachheit seines Freundes noch dessen Beharren in Grundsatzen und Gesinnungen, die schon seine Jugend geleitet hatten. Er sah in ihm nur den Glucklichen, den stillen Glucklichen, den reichen Mann, der ausser allen Schatzen des Glucks noch den grossten und seltensten besass, der je einem Sterblichen zuteil ward: ein Weib ohnegleichen. Die Erinnerung jenes Augenblicks, der seine inneren, noch schweigenden Empfindungen zum erstenmale so machtig belebte, drang sich ihm nun immer starker auf. Er horte jedes ihrer Worte, sah jeden ihrer Blicke, und sein ganzes damaliges Gefuhl gluhte in seinem Busen. Ihre plotzliche Verwirrung, ihr leiser Schrei deutete ihm nun an, auch sie habe sich jenes Augenblicks erinnert und ihn eben darum bei seinem Eintritt so schnell erkannt als er sie.
"Ihm ist alles gelungen", seufzte er; "sogar der Traum seiner Kindheit. Phantastisch sah er an den fernen Wolken eine Gottheit schweben, die er Tugend nannte; sie stieg zu ihm herunter, und die getraumte Gottin, schoner als seine schwarmerische Einbildungskraft sie schaffen konnte, wird seine Gattin. Ich aber, der ich mit Gefahr des Lebens, mit der Gefahr, noch mehr als das Leben zu verlieren, einen Weg betrat, bei dessen blosser Vorstellung mir nun schwindelt, ich werde in dem Augenblick, da ich das Ziel erstiegen hatte, wieder herabgeschleudert. Und nun sitze ich hier, ein Bettler an dieser Tafel der Gotter! Sind sie das nicht beide, durch ihre ruhige, feierliche Erhabenheit? Nun sitze ich da, ein Zeuge seines Glucks, und kann weiter nichts dazu sagen als: er hat es verdient. Hatte mir die Natur den Sinn fur Ruhe und Beschranktheit gegeben, ich wurde jetzt nur dieses fuhlen; aber ich habe den Zauberbecher der Welt gekostet, er ward mir von den Lippen gerissen, als ich den brennenden Durst ganz stillen konnte; und alles, was mir ubrigblieb, ist das peinliche, endlose Verlangen."
So brachte Ferdinand die erste Nacht unter dem Dache seines Freundes zu, der sich unterdessen glucklich pries, ihn gerettet zu sehen, der nur auf Mittel sann, ihm durch Gefalligkeit und Freundschaft und durch alles, was er vermochte, seinen Verlust aus den Gedanken zu bringen und zu ersetzen.
Mit solchen Gesinnungen erwartete ihn Ernst beim Fruhstuck. Er empfing Ferdinanden mit einer Zartlichkeit, dass dieser dem milden Blick nicht widerstehen konnte und ihm, in seine Arme sinkend, zurief:
"Hier finde ich Ruhe und Zufriedenheit oder nirgends mehr in dieser Welt. Lass mich von dir lernen, dass das Gluck in dieser Geistesruhe besteht, und ich bin geheilt. Du kennst meinen Feind, hilf mir diesen bandigen der ist es, welcher unsre dustre Hohle mit Helden bevolkerte und nun mit Hohnlachen hinter mich getreten ist. Und doch, Ernst, doch habe ich nicht geschwarmt doch war es kein Traum!"
ERNST: So lass dir die erprobte Kraft zum Trost gereichen und geniesse nun, was das Schicksal dir nicht nehmen kann. Und noch ist dir die Bahn des Ruhms nicht verschlossen. Der sprengt sie leicht wieder auf, der das von sich sagen kann, was du von dir sagst.
FERDINAND: In Teutschland gelten nur stille Tugenden
ERNST: Und der Krieg?
FERDINAND: In diesem fecht ich nicht
ERNST: Deine Feinde sind auch Teutschlands Feinde.
FERDINAND: Und doch fechte ich nicht gegen sie; ich hasse sie ...
In diesem Augenblicke trat Amalie mit Franz in das Zimmer. Da der leichte Morgenanzug mehr das reizende Weib als die feierliche erhabne Gottin sichtbar machte und diese vielmehr im nachlassigen Gewande nur zu verhullen schien, so konnte Ferdinand sich ihr mit freiern Sinnen nahen. Sein Blick ward sanfter, sein Wesen ungezwungener, und der naturliche Zug seines Herzens, vor Weibern nur angenehm und liebenswurdig zu sein, wirkte ohne weiteres Bemuhen. Amalien, die ihn den Abend vorher so duster und leidenschaftlich gesehen hatte, schien dieser Ton zu gefallen, und sie konnte jetzt den Freund ihres Mannes ruhiger betrachten. Nur wenn das kuhne Feuer in seinen Augen plotzlich ergluhte und er dann seinen Blick auf sie heftete, sank der ihrige; und schlug sie die Augen wieder auf, so fuhlte Ferdinand, was er damals empfunden hatte.
6.
Ferdinand machte bald Besuche. Der Prasident nahm ihn gut auf, schimpfte wutend auf die Franzosen, spielte boshaft auf Ernsten an und fragte ihn, ob er Renot schon gesehen hatte. Als Ferdinand dieses mit Nein beantwortete, sagte er:
"Versaumen Sie ja nicht, ihn zu besuchen. Der Furst, dem ich ihn gegeben habe, beehrt ihn mit seinem Zutrauen. Er kann, und noch mehr, er wird Ihnen gerne sehr nutzlich sein, ja er war es Ihnen schon, und mein Narr von Neffe ware gewiss besser gefahren, wenn er die Lehren des klugen Mannes besser befolgt hatte. Halten Sie sich an ihn. Wir mussen nun Ihren Verlust auf eine oder die andre Art zu ersetzen suchen. Denn ein Mann wie Sie muss nicht von der Gnade eines andern leben. Dieses kann man nur von Fursten."
Renot empfing Ferdinand mit Entzucken, mit Bedauern, mit einem Strome von Klagen uber sein hartes, unverdientes Schicksal.
"Schade! Schade!" rief er einigemal aus, "ich weiss, wie Ihnen alles gegluckt ist; und ohne diese Ungeheuer wurden Sie gewissen Leuten gezeigt haben, was ein Mann von Ihrem Geiste, Ihrem Mute, durch mich gebildet, vermag. Ich bedaure Sie jetzt umso mehr, da Sie von den wutenden Demagogen das Schrecklichste erfahren haben und nun bei einem Demagogen Schutz gegen das Elend suchen und Ihre Gesinnungen, Ihr Leiden verbergen mussen."
FERDINAND: Wie verstehen Sie das?
RENOT: Wie? Sie sind schon einige Tage in dem Hause eines Mannes, der in ganz Teutschland als ein Demagoge bekannt ist, und fragen mich?
FERDINAND: Ich habe noch kein Wort uber diesen Gegenstand von ihm gehort.
RENOT: Er schweigt, weil er heimlich wirkt, er schweigt, weil er billigt, weil er furchtet, weil er sein Spiel verbergen will. Dieses sind gerade die Gefahrlichsten. Er hat uns Proben genug davon gegeben, der Adel und die Burger werden Ihnen davon zu erzahlen haben! Es tut mir leid, dass Sie bei ihm haben abtreten mussen, dass Sie wegen Ihrer alten Verhaltnisse mit ihm nicht anders konnten, denn seine Freunde finden hier keine Freunde; und Freunde brauchen Sie doch in Ihrer Lage. Sie erstaunen? Sie werden noch mehr erstaunen. Sehen Sie, so weit hat es der Mann gebracht, der seine Schimaren der Klugheit vorzog, die ich ihn lehren wollte! Wie hat er Sie denn aufgenommen?
FERDINAND: Ich kann nicht ohne Ruhrung daran denken.
RENOT: Ich glaube es wohl. Der von allen Verlassne, der allen Verhasste nimmt den Unglucklichen freudig auf, das Schicksal des Unglucklichen sagt ihm ja: dieser bedarf meiner; er wird, er muss es mit mir halten.
FERDINAND: Sie haben Ernsten immer verkannt, und nie mehr als in diesem Augenblick. Wenn er hier gehasst ist, so verdient er es gewiss ebenso wenig als er es zu fuhlen scheint. Wenigstens stort es seine Ruhe nicht. Ich habe nie einen edlern, nie einen gutmutigern Menschen gesehen, und ist einer unter uns abhangig, so muss er es von mir sein, denn seit der Zeit, dass ich sein Haus betreten habe, ist er nur um mich besorgt und sein Bestreben geht nur dahin, mich ruhig und zufrieden zu machen und mir angenehme Aussichten zu eroffnen. Und seine Gemahlin
RENOT: Der Stolze! Freilich, er, der nur Schimaren liebkoset, er ist glucklich, aber sie ist es nicht.
FERDINAND: Was sagen Sie! Sie ist es nicht? Nun, so ist das Herz des Weibes das unerforschlichste Geheimnis, so genugt ihm nichts!
RENOT: Das weiss ich nicht, und es kann wohl so sein; aber dieses weiss ich, dass sie nicht glucklich ist. Wie? Sie sinnen nach? Und Sie sollten es nicht bemerkt haben, da wir es, ob wir sie gleich nur in Gesellschaften sehen, wo man sich doch zusammennimmt, schon so lange bemerken? Ich sage Ihnen, es nagt Gram an ihrem Herzen, und aus diesem geheimen Gram entspringt das ernste, feierliche Wesen, wodurch sie jetzt einer tragischen Muse gleicht. Sinnen Sie nur nach, und dann will ich Ihnen ein Geheimnis sagen. Sie liebt Ernsten nicht. Ferdinand sprang zuruck:
"Renot, schweigen Sie! Sie emporen mich."
RENOT: Was ich noch keinem sagte, sage ich Ihnen: Sie liebt den ruhigen, erhabenen Mann nicht. Nur dieses weiss ich warum, das weiss ich nicht, aber von der Zeit an, da sie mit ihm verbunden war, nahm sie dieses dustre, feierliche, unnaturliche Wesen an. Seit jener Zeit schweben ihre Blicke uber dieser Erde weg, als suchten sie in der hohen Ferne einen ihrem Herzen verwandtern Gegenstand.
FERDINAND: Es ist nicht moglich! Wie konnte er sonst so glucklich sein?
RENOT: Kennen Sie denn den Traumer nicht? Ihn macht nicht sie, ihn macht nur das Ideal glucklich, das er in ihr traumt, das kalte Bild der Tugend, das er in ihr sieht; und nicht das schonste, reizendste Weib der Erde. Wie, wenn nun diesem Weibe ohnegleichen das Ideal der kalten Tugend in ihm nicht genugte? In dem hohen, verstiegenen Sinne, worin er schwarmt, vermisst er die weibliche, susse Zartlichkeit nicht; wenn nun sie von ihrer Seite etwas an ihm vermisste? Wenn sie nun ein Ideal heisserer, glucklicherer Liebe traumte? Ich habe mir oft den Kopf uber dieses sonderbare Verhaltnis, uber dieses sonderbare Weib zerbrochen und kann es nicht ergrunden. Sie mussen mir dieses Ratsel losen; denn Ihnen kann das Geheimnis nicht lange verborgen bleiben. Hier waltet etwas ob, das sich aufklaren muss. Ich erinnere mich genau, wie diese Amalie, die damals die jungste der Grazien zu sein schien, auf Ihre feurige Einbildungskraft gewirkt hat und was Sie mir von ihr erzahlten. Wie fanden Sie nun die erhabene, ernste Gottin? Das hatte sie nicht werden mussen. Diese Erhabenheit zerstort das Weib er zerstorte es in ihr, und was er darauf pflanzte, ist von zweideutigem Gehalte. Sie haben doch den Zug des stillen Kummers bemerkt?
FERDINAND: Ja, ich bemerkte ihn.
RENOT: Das glaube ich wohl. Nun, suchen Sie nur, dem Demagogen nicht zu missfallen. Freilich bei dem Fursten vermag er viel, doch was vermag der Furst gegen alle? Sie mussen nun einmal bei ihm bleiben, aber lassen Sie sich von der Klugheit raten. Werfen Sie sich nicht zum Kampfer fur ihn auf; denn hier sieht jeder nur einen Feind in ihm, den Feind der alten Ordnung, und diese ist in dem gegenwartigen bedenklichen Zeitpunkte naturlich die wichtigste Angelegenheit der Menschen. Ich bedaure Ihren Freund; doch so will er es, nur so gefallt es ihm.
Renot sprach nun von gleichgultigen Dingen und fuhrte Ferdinand auf sein Leben in Frankreich zuruck. Er reizte dadurch dessen Eitelkeit, und Ferdinand vertrauete ihm eine Geschichte, die er freilich Ernsten nicht so hatte mitteilen durfen. Ferdinand war so nahe an den Grenzen des Verbrechens vorubergegangen, dass man Renots Grundsatze haben musste, um nicht bei seinem Wagestucke zu schaudern.
Renot horte ihm mit zunehmendem Erstaunen zu; und als Ferdinand geendigt hatte, rief er:
"Und dieser kuhne Mann, den die Natur als einen Liebling, mit Gestalt, Geist und Mut ausgerustet, dem Glucke ubergab, als wollten sie beide einmal vereint arbeiten der soll nun von der Gnade eines Mannes leben, welcher mit denen im Bunde steht, die sein Gebaude zusammensturzten? Oh, dass es Ihnen nicht ganz gelang! dass der Schwarmer nicht erfahren konnte, was Renots Schuler vermag! Haben Sie ihm Ihre Geschichte anvertrauet?"
FERDINAND: Nein.
RENOT: Tun Sie es ja nicht! Der Traumer ist nicht fahig, Mannertat und -werk zu beurteilen. Sein Spiel ist das sogenannte Gluck des Pobels, der das Ihrige dort zerstorte. Nutzen Sie ihn; denn nur dazu sind solche Phantasten gut.
FERDINAND: Renot, so weit entfernt auch meine Denkungsart von der seinigen ist bei Gott! wenn ich mich auf diesem elenden Gefuhl ertappte, ich wurde mein undankbares Herz mit grimmiger Faust zerdrukken. Alles, was Sie sagen, hat nur Sinn, wenn Sie von Menschen reden, wie ich sie habe kennenlernen; sprechen Sie so von ihm, so ist es Lasterung.
RENOT: Ich sehe, die teutsche Luft wirkt auf Sie, oder Sie fangen schon an, sich zu bequemen. Freilich, hier werden Sie keine Rolle spielen, wie Sie dort auf dem Wege zu spielen waren, und darum ist es vielleicht gut, dass Sie es jetzt mit den Traumen Ihres Freundes halten. Ich wunsche Ihnen Gluck dazu, doch lassen Sie sich ja nicht so weit von ihm anstecken, dass Sie die feierliche, erhabne Miene annahmen, die seine Gemahlin ihm verdankt; sie beweist die Tauschung. Und um so zufrieden mit diesem Spiel zu sein, muss man gleich ihm mehr Phantasie als Verstand besitzen.
Ferdinand fuhlte jetzt Abscheu vor Renot. Er wollte gehen, blieb aber immer, hatte noch immer etwas zu fragen, schien immer noch auf etwas zu warten. In diesem Augenblicke glich er einem Manne, der einem Pestkranken ein Geheimnis abzufragen hat, das uber sein Schicksal entscheiden soll: Furcht vor dem Tode halt seinen Fuss zuruck, die Begierde, das wichtige Geheimnis zu wissen, spornt ihn vorwarts.
Renot sagte ihm endlich:
"Lassen Sie sich nur bald dem Fursten vorstellen. Er liebt Leute von Mut und Geist, und ich will ihn schon vorbereiten. Ich freue mich, wenn ich Sie ansehe; ja, so gebauet, lohnt es der Muhe zu leben. Wie mag sich nun neben Ihnen Ernst ausnehmen, der das kalte Bild einer antiken Tugend ganz ertraglich vorstellt! Sagen Sie, gleicht er nicht einer marmornen Saule, die der Kenner, weil an ihr die Regeln der Kunst genau beobachtet sind, bewundert, bei der aber das Herz eiskalt bleibt und die die Einbildungskraft eher totet als belebt? Hier ist lebendige Kraft, hier ist Ausdruck der Leidenschaft, die mit Blitzen wie mit Wasserblasen spielt!"
Ferdinand ging betaubt. Zwei Empfindungen wuhlten in seinem Busen. Ernst ein Demagoge! aber diese versank unter der andern: Sie liebt ihn nicht! Ein Schauder ergriff ihn bei dem Gedanken: Und wenn sie ihn nicht liebt, wen konnte sie lieben? Und aus dem Schauder entsprang ein so wildes, leidenschaftliches Gefuhl, dass seine Seele erbebte. "Ich muss dieses Geheimnis erforschen", rief er; "hier liegt etwas Unbegreifliches."
Und mit dem tiefsten Schmerz muss ich es nun sagen: Renot hatte recht. In Amaliens Herzen lag ein Geheimnis vergraben, ein Geheimnis, von dessen Entdeckung Ernstens und ihr Schicksal abhing. Ich muss es dem Leser mitteilen, ich muss es los werden; denn es druckt so schrecklich auf mich, dass es den Gang dieser Erzahlung zu hindern droht. Hatt ich mit der Enthullung nur alles abgetan, ich wollt es andeuten und dann schweigen. Aber die Pflicht fordert, dass ich das peinliche Unternehmen fortsetze.
Schon fruh entdeckte Amaliens Vater die keimenden Talente, das Zarte, Weiche und harmonisch Gestimmte ihres Geistes. Als sie kaum zu bluhen anfing, bemerkte er schon die starke Gewalt der Musik uber sie. Er liess sie anfangs von einem Frauenzimmer auf dem Klavier und der Harfe unterrichten; aber bald ubertraf die Schulerin die Lehrerin darin. Ihr Vater sah sich nun nach einem vollendeten Musikus um, und diesen fand er in einem Italiener, welcher der Kapelle des Fursten vorstand. Es war ein junger, gefalliger, schoner Mann, der fur seine Kunst schwarmte, unbescholtne Sitten hatte und die zartlichsten Ergiessungen der italienischen Dichter, der Lieblinge zweier Musen, mit allem Zauber sang und vorlas. Alle menschliche Gefuhle, alle Bilder der Natur loste seine Phantasie in Tone auf, und seine sanfte, begeisterte Gesichtsbildung findet man nur in Gemalden seines Landsmannes Guido. Dieser Musikus nun fuhrte die junge Amalie in die Geheimnisse dieser bezaubernden Kunst ein und wusste ihr, da er ihr Herz und ihren Geist nur zu beruhren brauchte, das Schwere so leicht und fasslich zu machen, dass er bald selbst uber das, was er sah, erstaunte. Der Schwarmer ward nun von seinem eignen Werke bezaubert, und sein Entzucken war eine fortdauernde Begeisterung. Unter diesen Schwarmereien, dem Gefuhle der Fortschritte, den Entzuckungen des begeisterten Lehrers ward Amaliens ganzes Dasein Musik, und die Einbildungskraft, die feine Sinnlichkeit wurde durch die Musik in dem zarten Madchen zu einem solchen Grade gespannt und entwickelt, dass ihr Geist und ihr Herz im bestandigen Genusse unbeschreiblicher Wonne sich immer nach neuer, noch hoherer sehnten. Ihr Lehrer setzte fur sie die sussesten Laute, die feinsten Empfindungen, die zartesten Bilder seiner Dichter in Noten, machte ihr die ganze Musik nur zu einer Empfindung, das schone Gluck, die sussen Schmerzen, die sanften Klagen und die hohe Begeisterung der Liebe auszudrucken. Zugleich unterrichtete er sie in der italienischen Sprache, und sie las bald sehr fertig die Lieblinge dieses gefahrlichen Schwarmers. So erfullte er Amaliens Phantasie und Seele mit Bildern, die nie erloschen, und reizte durch Musik ihre Sinnlichkeit und ihre Einbildungskraft, ehe noch ihr Geist sich entwikkelt hatte.
Um diese Zeit horte sie Ferdinands kuhne Ausserung. Gleich einem Blitze zundeten seine Worte in ihrer Seele, und seine kuhnen Blicke, seine schlanke, schone und heroische Gestalt, sein mutiges, kraftvolles Wesen wirkten so auf sie, dass sie die Augen niederschlug. Es schien ihr, als stellte er plotzlich alle schwankenden Traume, alle zerstreuten Bilder lebendig, vereinigt ihrer Phantasie dar. Als Ernst sprach, konnte sie die Augen wieder aufheben, und ihn konnte sie anblicken. Was er sagte, gefiel ihr, aber das war auch alles. Doch was Ferdinand nach Hadems Rede zu ihr sagte, machte einen dauernden, unausloschlichen Eindruck, und nie konnte sie sich in das Zaubergelispel ihrer Tone verlieren, in sussen Klagen der Liebe oder in feierlichen, erhabnen Gefuhlen an ihrem Klavier, auf ihrer Laute ergiessen, ohne dass Ferdinands Worte in ihrem Herzen ertonten, seine Blicke in ihren Geist drangen und das Geschehene mit den kleinsten Umstanden in ihrer Seele lebendig machten. So schloss die Musik durch die zu fruhe, zu gefahrliche Aufregung der Sinnlichkeit, der Einbildungskraft und durch die immer zuruckkehrende Erinnerung eines unvergesslichen Augenblicks sie in einen Zauberkreis, aus dem sie nie mehr treten konnte, den ihr Herz und ihre Phantasie, auch wider ihren Willen, erschufen.
Zu ihrem Glucke zwangen hausliche Umstande den Italiener zur Ruckkehr in sein Vaterland. Der Vater selbst fuhlte, sie sei fur ihre Jahre in dieser Kunst zu weit gegangen, und dachte nun auf bestimmtere Ausbildung ihres Geistes. Ein vortrefflicher Mann ward ihr Lehrer. Ihr Herz, das durch die feinen Gefuhle der Musik vorbereitet war, nahm leicht die schone und edle Stimmung an, die ihr Lehrer ihm zu geben suchte, und ihr Verstand bemeisterte sich der Phantasie, der allzu sehr gereizten Sinnlichkeit. Hohe Gesinnungen und eine besondre Kraft schienen sie nun vor jeder Gefahr zu sichern.
Als sie aber Ernsten zum erstenmal wieder erblickte, stand Ferdinand so vor ihr, als habe die Zeit bisher stille gestanden.
7.
Ferdinand strebte seit der Unterredung zwischen ihm und Renot nach Licht uber die Zweifel, die sein Herz und seinen Geist so rastlos beschaftigten und qualten. Er benutzte das erste, ruhige Gesprach mit Ernsten uber die Angelegenheiten des Tages, um dessen Gesinnungen uber diesen ihm nun so wichtigen Punkt zu horen. Er wusste, dass Ernst ihm nichts verbergen konnte, dass er selbst aus Schonung fur ihn keine Luge sagen und hochstens seine Ausdrucke massigen wurde. Da aber Ferdinand immer mit Wut von diesem Gegenstande sprach und alles, was geschah, nur in dem Lichte seiner Leidenschaft betrachtete, so schwieg Ernst gewohnlich und suchte das Gesprach auf andere Gegenstande zu leiten. Jetzt bemerkte Ferdinand dieses mit verdriesslicher Laune, und Ernst erwiderte:
"Ich schweige, weil ich diese Begebenheiten, die uns in einem so kurzen Zeitraume alles vor die Augen stellen, was die Menschen, seitdem sie die Erde bewohnen und verwusten, in diesem Sinne mogen unternommen haben, aus einem andern Gesichtspunkte ansehe als du. Da unser Herz bei diesen Erscheinungen ohne Unterlass emport oder von Zweifeln geangstigt wird und da das Interesse, die Vorurteile der Menschen einander hierbei so sehr durchkreuzen, so wundert es mich nicht, dass man die Quellen dieser Erscheinungen ubersieht und weder gerecht verfahrt, noch verfahren kann. Dir vergebe ich es umso mehr; denn wer kann von dir fordern, dass du vergessen sollst, was du durch diese Begebenheiten erlitten und verloren hast! Es ist menschlich, dass du alles, was dort geschah und geschieht, als Zerstorung deines Gluckes, als Vernichtung deiner letzten Hoffnung ansiehst; aber eben darum ist dein Urteil auch so parteiisch, weil es aus Leidenschaften, aus Rucksichten auf dich selbst entspringt.
Du siehst mich unwillig an. Ferdinand, ich bitte dich, vergiss dich einen Augenblick. Dir kann ich ja wohl sagen, was ich denke, du wirst meine Worte nicht missdeuten und auch hier deinen Freund nicht verkennen, der sich dir jetzt anvertrauen muss. Langst merkte ich, dass du dies erwartetest; denn leider konnen in dieser unglucklichen Zeit weder Menschen noch Freunde zusammenleben, ohne sich uber diesen Punkt zu verstandigen, und dieses ist nicht die kleinste der bosen Folgen fur uns und unser Vaterland.
Du hast lange in Frankreich gelebt. Sage mir aufrichtig, hast du etwas anderes von dem Augenblick erwartet, da dieses Volk das morsche, lockre Band zerriss, das es nur noch zusammenzuhalten schien? Hatten seine Vorsteher und Fuhrer nicht schon langst durch ihren an ihm geheim und offentlich ausgeubten Frevel allen Glauben an Tugend und moralischen Wert in dem Herzen dieses Volkes aufgelost? es durch ihre Taten zu diesem Unglauben, dieser Verzweiflung an allem Guten gezwungen? Konnten da die Folgen anders sein? Kannten ihre Fuhrer andre Gotzen als das Interesse, die Befriedigung ihrer Torheit und ihrer unersattlichen Begierden, die sie offentlich, ohne alle Scheu und Scham, und immer auf Kosten derer befriedigten, die sie unterdruckten? Ward die den Menschen erniedrigende Lehre der Sinnlichkeit, des Nutzens nicht offentlich in Systemen aufgestellt? diesem zerdruckten Volke vorgelegt, damit es bei seinem physischen Elende auch die moralischen Quellen desselben kennenlernte und sich fest uberzeugte, es sei nun keine Hoffnung der Rettung mehr? Ubte man an diesem gutmutigen, seinem Konige so treu ergebenen Volke in dessen machtigem Namen nicht alle Verbrechen solange aus, bis man das Vertrauen zu dem Konige und alle Keime des Guten in dem Volke erstickt, alles Gefuhl der Gerechtigkeit vertilgt hatte? Kann der gerecht sein, gegen den man immer ungerecht war? Und warum schreibst du nun alles das, was Boses geschehen ist, diesem Volke allein zu? Musste es nicht endlich an seinem Lehrmeister, da dessen Macht und Ansehen verschwunden war, das ausuben, was es von ihm gelernt und erfahren hatte?"
FERDINAND: Musste, Ernst! musste!
ERNST: Halte dich nicht an ein Wort, dessen Sinn zum Zergliedern viel zu schrecklich ist. Mein Herz verwirft ihn; und glaubte ich, es hatte so verfahren mussen, ich wurde mit dir nicht davon reden.
Alles, was bisher geschah, geschah von dem ersten Augenblick an so schnell, so unerwartet, so ausser aller Regel der Erfahrung, war immer trotz dem glanzenden Schleier, in das die Redner es hullten, mit solchen drohenden Umstanden begleitet, schien immer so ganz das Werk der Partei und einer wilden Begeisterung, dass mir vom Anfange an fur das Volk und das Gute, welches die Sache an sich hatte, bange ward. Es ist ein furchterliches, erhaben angstliches Schauspiel, wenn ein so zahlreiches Volk aufsteht und mit einem Schrei ein Wort ausspricht, dessen Sinn ihm noch dunkel ist, dessen Wert und Gefahren es nicht gekostet und worin es nur das Gegenteil von dem sieht, was es erlitten und erfahren hat. Mit Angst sah ich diesem Schauspiele zu, meine Angst vergrosserte sich, je mehr meine dustre Ahndung in Erfullung ging. Oft glaubte ich die Erde um mich her mit ihren uberreifen Bewohnern versinken zu sehen; meine Blicke hefteten sich auf die ganze Menschheit und erhoben sich von ihr gen Himmel. Als nun bald unsern ganzen Weltteil grimmige Mordgeister erfullten, als hier ein Menschenopfer dem andern auf dem Schlachtfelde folgte und immer eine schreckliche Nachricht von dort her durch eine noch schrecklichere verdrangt ward, dass das Herz und das Gedachtnis und das Besinnen erlagen und sich alles, was ich glaube und hoffe, aufzulosen drohte, da, Ferdinand, schwang ich mich neben Jupiter auf den Ida, vor dieses dem Mord und der Zerstorung geweihte Troja, und sah gleich ihm in die Waage des machtigen Schicksals, ohne Parteilichkeit und ohne Vorliebe, um unter diesem Schauspiele das zu erretten, wodurch ich allein bestehe.
Ferdinand schien einen Augenblick ergriffen von diesem ihn uberraschenden Bekenntnisse. Dann sprang er auf und sagte mit Bitterkeit:
"Und dieses ware alles, was deine kalte Tugend hierzu zu sagen hatte? Nun, so mochte ich diesen erhabenen, dem wurgenden Schicksale ruhig zuschauenden Jupiter mitten in Paris sehen!"
ERNST: Ich wurde auch da so denken, und aus eben diesem dir schon angedeuteten Sinne. Auch ist es alles, was ich zu sagen habe, wenn du mich verstanden hast. Konnt ich nur so auf Teutschland blikken! Hier blutet mein Herz. Was haben Teutschlands Sohne verbrochen? Warum sollen sie bussen fur fremde Verbrechen, fur Verbrechen, die sie nicht kannten, nicht ahndeten? Warum soll sich ein Teil von Teutschlands Sohnen fur Meinungen eines andern Volks erschlagen lassen, wahrend die Ubriggebliebenen zu ihrer Gefahr davon unterrichtet werden? Warum soll die Sache eines Volkes die Sache der Menschheit werden? So ist es ein Kampf der Finsternis mit dem Lichte, der Furcht mit der Rache. Haben wir diese Rache verdient? Oder blutet unser Volk fur Absichten, die ich nicht beruhren mag, ob sie gleich sich taglich mehr entwickeln? Und was tun die Vorsteher dieses treuen, sich aufopfernden Volkes, um dem Geiste des Aufruhrs, der gleich einem drohenden Gespenste mit dem Feinde uns immer naher tritt, zuvorzukommen? Dass sie die Herzen der Fursten gegen das beste und treuste Volk der Erde vergiften. So sollen also diese Schreckensszenen auch fur uns ohne Nutzen und Lehren vorubergehn, und der Teutsche soll, von innen und aussen mit Schmach bedeckt, besiegt dastehen? So soll alles zusammensturzen? Fur Stolz, Wahn oder Eigennutz, missverstandne Macht wollen sie ihr Dasein und das Dasein derer wagen, durch die das ihrige besteht? Hier, Ferdinand, will ich es noch einmal versuchen, ob das Beispiel gewirkt oder ob uns alle Klugheit in dieser allgemeinen Bezauberung verlassen hat.
Und nun, wenn du meine Ruhe liebst, so ist dieses das erste und letztemal, dass wir von diesem Gegenstande sprechen. Keinem als dir hatte ich geantwortet. Mir ist das elende Gerucht, welches giftige Zungen gegen mich verbreitet haben, nicht unbekannt, aber ich muss fur etwas sorgen, das sie nicht kummert, und mein Sinn wurde ihnen nur Torheit scheinen.
FERDINAND: Ich begreife ihn, verzeih ihn dir, nur dir allein, und doch emport er mich.
ERNST: Ich bemerkte es; und um so notiger ist es, dass wir von dieser Sache schweigen. Lass nicht zwischen uns dieses Elend eintreten, das alle Freude und alles Vertrauen unter den Menschen zu zerstoren droht. Ich fordere nichts an dich, fordere nichts an mich.
FERDINAND: Und was willst du hier tun?
ERNST: Mit Genehmigung des Fursten den von ihm versammelten Adel noch einmal auffordern, allem dem zu entsagen, was nur seinem Stolz und Wahne schmeichelt. Ich will ihn auffordern, sein Dasein durch die Herzen eben der Menschen zu sichern, in denen er jetzt nur seine Feinde sieht.
FERDINAND: Du wirst nicht durchdringen.
ERNST: So lass mich meine Pflicht tun. Mein alter Vater tut die seinige auf dem Schlachtfelde; ich tue die meinige hier, und er selbst sagte, mein Krieg sei gefahrlicher als der seinige.
FERDINAND: Ernst, so sehr ich dich liebe und bewundere ich stimmte doch mit dem Adel, ich stimmte gegen dich.
ERNST: Weil du dich nicht vergessen kannst! Und doch, Ferdinand, wurde ich dich nicht weniger lieben.
8.
So rein, schon und menschlich auch Ernst seine Gesinnungen Ferdinanden enthullt hatte, so fand dieser doch Zweideutigkeit darin. Der Hass, die Wut gegen eine Sache, die ihm so viel gekostet, seinen Stolz, seine Eigenliebe so schrecklich beleidigt und jede Hoffnung, sein Gluck wiederherzustellen, zertrummert hatte, waren starker als die Freundschaft, die er jetzt noch fur Ernsten nicht fuhlte, sondern nur zu fuhlen glaubte. Die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen war zu gross, als dass ein Mensch von Ferdinands Denkungsart einen Mann, der ihm diese Verschiedenheit so merklich zu seinem Nachteile zeigte, herzlich lieben konnte. Denn so verderbt auch seine Einbildungskraft durch Renots Lehren, durch den fernern Umgang mit Menschen dieser Art und durch sein eignes bisheriges Leben war, so fuhlte doch sein Herz, Ernst sei auf dem rechten Wege, nur er habe die wahre Wurde des Menschen nicht allein errungen, sondern auch rein erhalten. Und wenn er sich dieses auch nicht laut gestand, so zeigte es doch sein Betragen gegen Ernst. Aber die Meinung, die er jetzt von ihm fasste, erregte seinen Unwillen. Sah er ihn vorher als einen edlen, gutmutigen Schwarmer an, so hielt er ihn jetzt fur einen gefahrlichen, und dieses rechtfertigte die Vorurteile seiner Feinde gegen ihn vor seinen verblendeten Augen.
Einige Tage nach dieser Unterredung gab er Ernsten an der Tafel des Fursten einen Beweis von seiner jetzigen Stimmung gegen ihn, den Ernst von ihm am wenigsten erwartete. Es befanden sich einige neu angekommene Ausgewanderte an der Tafel, und bald drehete sich die ganze Unterhaltung um ihr Schicksal und die Begebenheiten, welche es veranlasst hatten. Gegen das Ende der Tafel erzahlte ein Greis sein und seiner Familie Ungluck. Es war schrecklich, erschutternd, Ernst wurde bis in das Innerste seiner Seele bewegt, er sah auf die Silberlocken des Alten, der allein von einer zahlreichen bluhenden Familie dem Tode, den alle andern gelitten, durch eine Art von Wunder entgangen war und nun in diesem Gefuhl, unter diesem peinlichen Bewusstsein, mit diesem Erinnern die schwere Burde des geretteten Lebens trug. Ernstens Augen waren feucht, er sass ganz in dieser Empfindung versunken, als plotzlich Ferdinand ihn anblickte und ihm franzosisch zurief:
"Und wie gefallt nun dieses dem Jupiter Olympius?"
Ernst schwieg und glaubte, Ferdinand wurde durch sein Schweigen zu sich kommen, aber dieser forderte ihn noch starker auf und erklarte sogar den Anwesenden den Sinn seiner Frage.
Ernst antwortete:
"Was soll ich sagen, da der uber uns schweigt er, der nach eurem Glauben alles dieses vorhersah, der nach eurem Glauben das Menschengeschlecht leitet.
"Es herrschte jetzt eine grosse Stille an der Tafel, und Ernst nahm nochmals das Wort:
"Dachte ich nicht so, die Ereignisse unsrer Tage hatten mich langst um den Verstand aber vorher um etwas noch Kostbareres gebracht."
Keiner an der Tafel schien dieses zu verstehen, ausgenommen der Furst und der Minister, deren Blicke zu gleicher Zeit den seinigen begegneten.
Ernst fuhr fort: "Ich habe uber diesen Gegenstand eine Handschrift gelesen, eine Art von Gedicht, das vielleicht mit der Zeit erscheinen wird. Die Erde und die Holle sind der Schauplatz. Alles ist in wildem, garendem Aufruhr, nur der Himmel schweigt nur zwischen ihm und dem klagenden, bebenden, blutenden Menschengeschlechte scheint ein undurchdringliches Gewolbe befestigt, durch welches das Winseln, das Jammern nicht dringen kann. Der schlafende Genius der Menschheit erwacht bei den ersten Erscheinungen. Es scheint ihm, als habe die Zeit ihm die von dem Wahne und der Torheit gefesselten Flugel leise aufgelost, und freudig und kraftig dehnt er sie aus. Schon schwebt er empor, um Zeuge des schonen Schauspiels zu sein; als sich aber nun die Szene so furchterlich andert und er die ungeheuren Taten sieht und uber das ganze Menschengeschlecht trauert, erhebt er sich himmelwarts, um vor den Thron des verhullten Ewigen zu treten und ihn zu fragen, was der verborgene Zweck des Ewigen mit diesem Geschlechte sei, das auf diesem Wege, durch diese Mittel die hohere Entwickelung seiner Bestimmung suche.
Er sucht den Verhullten, schwebt von Welten zu Welten, immer fragend: Wo ist er? Die grossen, die ungeheuren, die schrecklichen Taten und Verbrechen dauern auf der Erde fort Nun steht er, am Ende des Gedichts, an dem Ziele seiner Reise. Der Glanz, der von dem Throne des Ewigen ausgeht, leuchtet durch den Ather, verklart das Angesicht des traurigen, bebenden Genius. Nun betritt er die goldnen Wolken vor dem Throne des Verhullten. Seine zitternden Lippen sprechen die Frage aus anbetend harrt er auf die Antwort, und eine Stille, ein Schweigen herrscht durch die Himmel wie an dem ersten Schopfungstage. Mit diesen Worten endet die Handschrift."
DER FURST: Der Sinn dieses Schweigens ist furchterlich.
ERNST: Mir ist er es nicht, mir scheint er erhaben zu sein und die Anerkennung der eignen Wurde des Menschen zu enthalten. Der Ewige sollte durch laute Erklarung das Gefuhl der Selbststandigkeit, auf welcher unser moralischer Wert beruhet, nicht erschuttern. Sein Schweigen rettet unser Verdienst, es deutet auf Licht jenseits des Grabes. Wir mussen an den hohen Zweck unsrer Bestimmung glauben, damit wir ihrer wert seien. Die ganze Wendung missfiel Ferdinanden, und zwar umso mehr, da er in den Augen des Fursten Beifall wahrnahm und der Minister ihn durch seine Blicke zu fragen schien, wie er, ein Freund Ernstens, an dieser Stelle zu dieser unerwarteten, so leidenschaftlich ausgesprochenen Frage gekommen sei?
Ernst sah ihn freundlich an und hoffte, das Gesprach uber diesen Gegenstand wurde nun zu Ende sein, als ein junger franzosischer Edelmann sagte:
"Die Erklarung wie die Dichtung scheint mir mystisch, und nur jene Konigsmorder konnen mit ihr zufrieden sein, da sie alle ihre Greueltaten mit einem Schleier decket."
Er legte hierauf Ernsten den Mord des Konigs auf eine so hamische Art nahe, dass dieser, durch die Zudringlichkeit und nun wiederholte Achtlosigkeit gegen den Fursten beleidigt, ihm antwortete:
"Ich erinnere mich in diesem Augenblick einer traurigen Geschichte, die sich zu meiner Zeit in Frankreich zugetragen hat. Ein reicher Edelmann, dessen Guter an der savoyischen Grenze lagen, wollte nach Paris reisen, um seine Tochter, die in einem Kloster daselbst erzogen ward, an einen jungen Mann von Geburt und grossem Ansehen zu verheiraten. Seine Hausgenossen und Diener begleiteten ihn. Eine Bande Schleichhandler, die von dem Gesetze geachtet waren, hatten ausgekundschaftet, dass er einen grossen Schatz von Edelsteinen und eine bedeutende Summe Geldes zum Schmuck und zur Aussteuer seiner geliebten, einzigen Tochter mit sich fuhrte. Sie uberfielen ihn. Seine Hausgenossen und Diener, die er so lange wohlgehalten und die sich in seinem Dienste bereichert hatten, verliessen ihn, um sich zu retten. Der Edelmann ward beraubt und dann ermordet. Wahr ist es, seine Getreuen eilten, was sie nur konnten, nach den nachsten Dorfern, um Hulfe aufzubieten."
Jetzt herrschte ein tiefes Schweigen. Man sah einander einen Augenblick an, die Ausgewanderten blickten auf ihre Teller Der Furst hob die Tafel auf.
Ernst sagte Ferdinanden weiter kein Wort uber das Geschehene, und Ferdinands Gemut wurde dadurch nur noch mehr erbittert. Er hielt Ernsten nun fur das, was Renot in seiner Schilderung aus ihm gemacht hatte, und dieser Gedanke ward durch ein Gefuhl verstarkt, das er sich noch nicht zu gestehen wagte.
9.
In dieser Stimmung war Ferdinand, als sich eines Abends zwischen ihm und Ernsten das Gesprach auf die teutsche Literatur wendete. Amalie war gegenwartig und die Unterredung hatte lange gedauert, bevor sie, dem Anscheine nach zufallig, Ferdinanden fragte:
"Sagen Sie mir doch, Herr von ***, hat der Roman, der einst einen so starken Eindruck auf Sie machte, auch in Frankreich einige Wirkung getan? So viel ich weiss, ward er ubersetzt. Ich erinnere mich, dass Sie damals ganz bereit waren, fur die erste beste Dame zu sterben. Doch Sie haben dieses wohl langst vergessen."
Ferdinand fuhr bei dieser unerwarteten Frage so zusammen, als beruhrte eine Flamme sein Herz. Seine Wangen, seine Augen gluhten, dann schoss Frost durch seine Glieder, und erst nach einigen Sekunden konnte er antworten:
"Ja, ich erinnere mich daran und werde es nie vergessen."
Nun senkten sich Amaliens Augen, und erst jetzt fuhlte sie, was sie getan hatte. Ernst, der mit Franzens blonden Locken spielte, sagte nun:
"In dem Lande, worin Ferdinand seitdem gelebt hat, schien eine solche Liebe Raserei, war langst aus der Mode, oder man stellte sie nur aus, um in dieser oder jener Absicht Aufsehen zu erregen."
AMALIE: Das war ein Gluck fur Ihren Freund, sonst hatten wir ihn schwerlich wiedergesehen. Sie erinnern sich doch, mit welchem Feuer er sich dem schonen Tode vor unsern Augen weihte? Gut, dass nun die Gefahr voruber ist!
FERDINAND: Voruber? Vielleicht! Bisher fand ich indes nicht, dass die Empfindung, deren ich mich von meiner Jugend her bewusst bin und immer bewusst war, schwacher geworden sei; sie ist vielmehr zu einer Leidenschaft geworden, deren Bekampfung alle meine Kraft erfordert. Freilich ist dieses nun eine der Leidenschaften, uber welche wir wenig oder nichts vermogen, da sie schon lange unser Meister ist, wenn wir sie gewahr werden. Indes habe ich nichts mehr fur mich zu furchten in meiner Lage gleich ich auch hierin einem schmutzigen Bettler, der sich an den Tisch der Erdengotter drangt.
ERNST: Welche sonderbare Wendung du nun wieder diesem Scherze gibst!
FERDINAND: Dieser Scherz macht, dass ich mein Nichts am empfindlichsten fuhle, dies ist es alles. Und sage, wurde dieses nun nicht trotz Hadems weisen Lehren ein susser, wunschenswerter Tod fur mich sein? Gibt es einen schonern fur den Menschen als, von den Flammen seines eignen Herzens verzehrt, zu sterben? Ich rede dir Wahnsinn und werde mir selbst zum Gelachter. Das Opfer eines von dem Schicksal Zertretnen ist ja keiner Trane wert, und darauf rechnet man doch, wenn man es darbringt; wenigstens hofft man auf eine Trane aus den Augen derjenigen, fur die man sich opfert. Aber wer forderte ein solches Opfer von einem Unglucklichen! Wer mochte es annehmen! Jetzt freilich, Amalie, ware die Wiederholung jener Worte Torheit, die Tat selbst wurde man nur belachen. Und doch, ist es nicht die Liebe allein, die dem Menschen ohne Mass und Grenze gegeben ward, da er hier nach der Kraft seines Herzens so ganz sein Herr ist, dass selbst das alles vermogende Schicksal in diesem Zustande nichts uber ihn vermag? Alle unsre andern Gefuhle und Gedanken sind beschrankt, gemessen, auf unser eignes Selbst gekehrt, hier nur fuhlen wir uns ganz in dem Dasein eines andern. Und drangt uns der Gegenstand unsrer Liebe endlich gewaltsam auf uns selbst zuruck, so ist es naturlich, dass man ganz zerfallt, da einem zuruckgegeben wird, was man nicht mehr brauchen, nicht mehr ertragen kann.
ERNST: Diese Empfindungen sind so wild als dunkel. Sonderbarer Mensch, du sagtest, du habest das Ziel des Ruhms erreicht, es schon festgehalten; und wie ich dich kenne, hattest du gewiss dein ganzes Dasein gegen die glanzende Tauschung hingegeben. Die Tauschung verschwand, deine Kraft kehrte zuruck, du eiltest in meine Arme und fuhltest, dein Leben habe noch Wert. Und kennt die Ehrbegierde Grenzen? Ist etwas, das ihren immer zunehmenden Durst stillt? Wachst sie nicht bei jeder Stufe, die du hoher steigst? Ist nicht eben das, was du nicht erreichen kannst, das, wornach du dich am meisten sehnest?
FERDINAND: Ja, sie hat Grenzen in meinem Vermogen, meiner Lage, die Verhaltnisse der Menschen gegen mich bestimmen sie nur allzu scharf, und keiner ist toll genug, das Unmogliche unternehmen zu wollen. Aber das Reich der Liebe ist grenzenlos, unermesslich, da gibt es keine Unmoglichkeit, hier herrscht der Mensch aus eigner Kraft, als Gott und Schopfer. Hier offnet er selbst die nie versiegenden Quellen seines Genusses und seines Glucks, und seine Einbildungskraft macht sie zu immer wachsenden Stromen.
Wahrend Ferdinand dieses mit Begeisterung sagte, spielte Amalie, unterbrochen, einige Passagen auf der Laute.
Ein Bedienter kam und meldete den Sekretar des Ministers.
ERNST: Ferdinand, hatte ich dich nicht in Frankreich gesehen, ich zweifelte jetzt, ob du dort gewesen warest. Was du uns da sagtest, sind Gefuhle des Einsamen in unserm Eichenwalde. Ich hoffe, auch die andern sind nicht ganz erloschen, da diese so kraftig in dir leben.
Ferdinand druckte ihm duster lachelnd die Hand. Als Ernst weggegangen war, wendete er sich zu Amalien, welche, in die letzten Tone ihrer Laute verloren, dasass, einem Traumenden gleich, der uber einen entzuckenden Gedanken eingeschlummert ist.
Sie schlug die Augen gegen ihn auf. (Die seinigen waren noch ganz von dem vorigen Gefuhle begeistert.)
"Wie? und Sie hatten nie geliebt?"
FERDINAND: Einen Augenblick habe ich geliebt, und dieser einzige Augenblick lehrte mich alles, was ich jetzt gesagt habe.
AMALIE: Es ist ein Gluck fur Sie, dass es nur einen Augenblick gedauert hat.
FERDINAND: Es hatte zugleich mein letzter sein sollen, da es der grosste, der glucklichste war, den ich gelebt habe.
Amalie ergriff ihre Laute wieder. "Wo ist mein Gemahl?"
FERDINAND: Man hat ihn abgerufen.
Amalie nahm ihren Sohn bei der Hand und entfernte sich. Ernst kehrte bald zuruck:
"Du hast gewiss mit deinen leidenschaftlichen Ausserungen meine Amalie entfernt?"
FERDINAND: So scheint es.
ERNST: Ich glaube es wohl. Sie kennt dich noch nicht genug, sie weiss nicht, wie deine allzu lebhafte Einbildungskraft den Herrn uber dich spielt und wie sehr sie sich in verwegenen, ubertriebenen Vorstellungen gefallt. Solche Beweise innerer Kraft sind fur uns Manner wohl zu vertragen, aber diese zarten Seelen werden dadurch erschreckt. Jetzt fehlt es dir an edlen Gegenstanden, diese Kraft zu uben. Indes sei ruhig, diese edlen Gegenstande sollen dir nicht lange fehlen. Unser Vaterland braucht Manner.
FERDINAND: Unser Vaterland? Ernst, unser Vaterland?
ERNST: Ich hoffe, wir haben eins, und morgen hoffe ich, es zu sehen, oder besser, ich ware in einer Wildnis geboren! Du weisst, der Adel versammelt sich morgen.
FERDINAND: Ein verlorner Morgen mehr fur dich.
ERNST: Fur den, der seine Pflicht erfullt, ist er es nicht, der Erfolg sei, wie er wolle. Es tut mir nur leid, dass der Minister noch vor Tage reisen muss. Er liess es mir eben sagen, und ich eile zu ihm. Er muss eilends nach ***. So geht es den kleinen Staaten, die nur in Ruhe glucklich sind, wenn die grossen Unternehmungen wagen. Sie sollen und mussen, ob sie gleich des Schadens gewiss sind, das Spiel mitspielen und am Ende den Machtigen zu dem auf ihre Kosten errungenen Vorteile Gluck wunschen und sich hoflich bedanken, dass man sie noch fortdauern lasst.
FERDINAND: Ich mag davon nichts horen. Es geschieht ihnen selten mehr als sie verdienen; und jetzt nun gar!
Mit diesen unfreundlichen Worten schied Ferdinand murrisch von Ernsten. Das, was er von Amalien gehort und an ihr bemerkt hatte, durchgluhte sein ganzes Wesen. Entzucken, Schauder, die hochste Wonne und die tiefste Erniedrigung wechselten in seinem Herzen. Noch wagte er es nicht, den Gedanken ganz auszudenken, die Moglichkeit desselben sich gegenwartig vorzustellen. Er ging zu Renot und sagte diesem mehr, als er ihm sagen wollte, weil er kaum wusste, was er ihm sagte. Renot lachelte und stellte sich, als verstande er nicht, als sei ihm das nicht ganz klar, was Ferdinand aus seinen Bemerkungen folgerte. "Es freut mich", sagte er, "dass das Geheimnis endlich seiner Enthullung nahe ist, dass dieser hohe, auf Ida sitzende Jupiter der Prufung so nahe steht; als ein Weiser bedarf er solcher Prufungen und muss sie wunschen, um seine Tugend vor aller Augen zu bewahren. Ich sehe dieses als einen moralischen Versuch an, den ich nicht vergessen werde in mein Tagebuch aufzuzeichnen."
Ferdinand horchte, ohne zu horen. Einmal uber das andere rief er: "Renot, es ist unmoglich! eins so unmoglich wie das andere! eins so schrecklich fur mich wie das andere!"
Renot liess ihn traumen, aber seine kalten, giftigen Bemerkungen uber Ernsten, sein Mitleiden mit Amalien nahrten die wutenden Flammen in Ferdinands Herzen. Beim Weggehen schuttelte dieser Renots Hand und sagte:
"Verraten Sie mein Geheimnis, wenn Sie es entdeckt haben. Tun Sie es, ich bitte Sie; denn wahrlich, die Tugend ist keine Torheit, sie ist nur verraten unter Menschen, nirgends sicher, selbst bei dem Freunde nicht, selbst in dem Busen des Weibes nicht, und gliche es einer Gottin an ausserer Reinheit und Erhabenheit. Das sag ich Ihnen, Renot. Aber sie ist, sie lebt in ihm, und in ihm mussen wir sie ermorden, um das ruhig sein zu konnen, was wir sind."
RENOT lachend: Wie tragisch die Liebe macht! Das alles wird sich schon geben. Die Weiber verstehen das recht gut, ihnen muss man so etwas uberlassen. Morgen wird man ja den Demagogen horen, morgen will er ja uns und den Staat ausgleichen.
FERDINAND knirschend: Warum tut er das? Und jetzt?
10.
Der grosste Teil des Adels hatte sich in einem Saale versammelt, jeder wusste den Zweck der Versammlung, und aller Gemuter waren in dumpfer, stiller Garung.
Einer der altesten las die Aufforderung des Fursten vor, worin es hiess: Man mochte in dieser bedenklichen Zeit beratschlagen, wie der Gefahr, die immer mehr nahe, zuvorzukommen sei. Jeder wisse, dass taglich neue, traurige Nachrichten von gesetzwidrigen Unternehmungen und aufruhrerischen Ausserungen aus der Nachbarschaft einliefen. Der Furst bate sie demnach, sein bisher so treues und gutes Volk vor solchen gefahrlichen Unternehmungen zu bewahren. Er fur seine Person wurde gern augenblickliche Vorteile und voruberrauschende Ergotzungen, die oft so druckend waren, dem Glucke seines Volkes aufopfern, und er hoffe dieselbe Gesinnung auch von seinem Adel. Jedem von diesem wurde bekannt sein, dass wirklich Bedruckungen obwalteten, die um so lastiger und schmahlicher waren, da selbst diejenigen, welche sie ausubten, nichts dabei gewonnen, durch die Unterlassung aber wirklich gewinnen konnten. Diese Bedruckungen waren nun in dem gegenwartigen hochst kritischen Zeitpunkte sehr bedenklich, weil sie die Gemuter durch das gegebene Beispiel so schrecklich erbitterten und selbst das wahre Gute und Notige verhasst und zweideutig machten. Er fordere darum gar nicht von dem Adel, dass er eins seiner wesentlichen Rechte aufgeben solle, die er selbst gegen jeden beschutzen wurde; er wunsche nur, dass man das aufgeben moge, was sich fur diese Zeit und die darin lebenden Menschen nicht mehr schicke.
Nach diesem Vortrage herrschte dumpfe Stille.
Nach einer langen Pause erhob Ernst seine Stimme:
"Ein edler, weiser teutscher Furst, der Vater dieses Landes, der erste Edelmann dieses Landes, hat gesprochen, gesprochen wie es zu dieser Zeit noch keiner tat Ist er keiner Antwort wurdig?"
Noch tieferes Schweigen.
Ernst fuhr fort:
"Er hat fur das treuste Volk gesprochen, fur teutsche Manner zu teutschen Mannern, fur ein Volk, das es immer mit seinen Fursten hielt, das selbst in dieser alles verkehrenden Zeit keine zweideutige Gesinnung geaussert hat, dass alle rechtliche Lasten, wie alle widerrechtliche, mit Geduld ertragt, das euch ernahrt, von dem ein Teil jetzt fur euch und eure Rechte blutet ist dieses Volk eurer Aufmerksamkeit nicht wurdig?"
Tiefes Schweigen.
"Bin ich noch ein Teutscher? Rede ich zu Teutschen? Ist der Boden, den ich betrete, wirklich mein Vaterland? Was sind wir hier zusammen? Bedenken Sie, meine Herren, dass nie ein Furst eine menschlichere, eine wichtigere Aufforderung an seinen Adel hat ergehen lassen! Bedenken Sie, dass uns das Schicksal zu keiner Zeit bedeutendere Winke gegeben hat, dass wir jetzt die Stunden zahlen mussen, die es uns noch verstattet! Wollen Sie mit Ihrem unbegreiflichen Schweigen die Aufforderung des Fursten abweisen? Haben wir nicht schon in der Nahe und in der Ferne Beweise genug gegeben von dem Mangel des teutschen Gefuhls, der teutschen Vereinigung? Wollen wir nun einen geben, wie zur Ehre unsrer Vorfahren die Geschichte keines Landes im teutschen Reiche einen aufgezeichnet hat? Noch einmal, dieses Landes Furst fordert Sie auf! Er fordert Sie auf, um Ihres Heils, um Ihres eignen Daseins willen! Und schwiege auch die Menschheit ganz in Ihrem Busen, so ruft er Ihnen, um Ihrer Sicherheit, um Ihres Vorteils willen, zu: Gestatten Sie der Klugheit, was Ihnen spatere Notwendigkeit gewaltsam entreissen kann.
Soll ich immer allein hier reden? Wohl! so sei es Wahrheit, die Sie mir abzwingen. Und horen Sie auch diese schweigend an, so habe ich doch so viel gewonnen, dass ich allein sie laut gesagt habe.
Was haben Sie bisher getan, den immer mehr nahenden, furchterlichen Sturmen auszuweichen? die Gefahr von sich, Ihren Kindern und Weibern abzuwenden? Sind Ihre Vorkehrungen, Ihre Hulfsmittel Ihres Ruhms, des Ruhms des teutschen Namens wurdig? Soll ich sie Ihnen aufzahlen? Von dem Augenblicke an, da jenes Volk das gefahrliche Beispiel gab, vermehrten Sie die Last, die dieses treue Volk hier trug, und traten in Verschworung gegen dasselbe zusammen. Von Ihrem eignen Gewissen gereizt, dungen Sie Ausspaher und Angeber, welche Ihnen die geheimen Gesinnungen und Gedanken dieses aufrichtigen Volkes zutragen mussten, ja die, um Ihr Gold zu verdienen und sich bei Ihnen wichtig zu machen, den treuen, unschuldigen Burger durch Fragen und Vorspiegelungen zu Ausserungen reizen mussten, die man Ihnen als gefahrlich vortragen konnte. Diese, mit allen denen, welche der Hass und der Eigennutz zum Opfer auswahlten, wurden nun das Ziel Ihrer Verfolgung. So ubergaben Sie den ruhigen Burger der Gewalt dieser Elenden, so erzeugten Sie das Misstrauen zwischen Burger und Burger, zwischen dem Fursten und seinem Volke. Gelang es Ihnen bei ihm nicht, so gelang es Ihnen vielleicht von der andern Seite. Soll es dahin kommen, dass er in seinem Volke Verrater sehe, sein Volk in ihm, seinem Vater, einen feigen Tyrannen, der seinen furstlichen Sitz schon unter sich beben fuhlt? Wenn Sie dieses suchen, so haben Sie freilich die besten Mittel dazu erwahlt, aber ich verweise Sie auf die Zukunft, wegen des Erfolgs fur Sie.
Und wenn Ihre Blicke hier mich toten sollten Sie schweigen ja, so lassen Sie mich reden! Blicken Sie ergrimmt auf mich und schweigen Sie, bis Wort und Tat zu nichts mehr helfen.
Selbst die Prediger, die Lehrer der milden Menschlichkeit, der Gute und Sanftmut, haben Sie zu ihren Mitverschwornen gemacht. Sie, die das Volk in diesen traurigen Zeiten unterrichten und trosten sollten, mussten von den Pflichten der Untertanen reden, als sprachen sie zu Sklaven, die Englands Gold an der brennenden Kuste von Afrika kauft, in Ketten schlagt und nach andern Welten schickt, um dort unter dem Drucke des Elends, den qualvollen Strafen das Gold zu erwerben, wofur ihr Herr ihre zuruckgelassnen Bruder kaufen kann, wenn sie selbst entkraftet niedersinken. Soll Ihnen unser menschlicher Furst dafur danken, wenn er seinem Volke unter diesem Bilde erscheint? Kann einer von Ihnen sagen, dass er ihm gleicht? Glauben Sie das Volk durch solche Vorspiegelungen in dem blinden, sklavischen Gehorsam zu erhalten, den Sie von ihm fordern? Glauben Sie, ihm dadurch Mut zu Ihrer Verteidigung einzuhauchen? Glauben Sie, das Volk sei so blodsinnig, Ihre Absichten nicht einzusehen? nicht einzusehen, woher Ihre plotzliche Furcht, Ihr Beben, Ihr Trotz, Ihre verlorne Hoffnung, es bei nahender Gefahr zusammenzuhalten, entspringen? Meinen Sie, es sahe nicht die Larve und den Grund der Heuchelei ein, wenn nun der langst verschriene Unglaubige am oftersten zur Kirche geht? wenn Leute laut beten, die schon lange Gott vergessen zu haben schienen? wenn die, welche einst uber alles spotteten, sich laut zu Aufklarern des Haufens aufwarfen, nun den tollsten Wahnsinn, den verworfensten Aberglauben in Schutz nehmen und zu befordern suchen? wenn sie die Vernunftigen, welche dieser Unsinn emport, lastern und als Feinde der guten Sache und der Fursten ausschreien? Nur die, welche dieses tun, machen die Sache der Fursten verdachtig und untergraben ihre Throne; denn durch diese Mittel suchen sie Missbrauche der Macht zu heiligen, um die ihrigen zu sichern. Nur durch diese Mittel enthullen sie dem Auge, was sie furchten.
So soll Heuchelei, Betrug, Gewalt, Ausspaherei, geheime Anklage zusammenhalten, was der Lauf der Zeit untergraben hat? Und was fur ein Gemalde von dem gemeinen Wesen stellen Sie den Menschen auf, wenn es solcher Stutzen bedarf!
Was fordert der Furst jetzt von Ihnen? Missbrauchen zu entsagen, die schon zu lange dauern, das Volk drucken und fur Sie ganz unbedeutend sind, dem Volke zu zeigen, dass Sie seiner gedenken. Vor vielen Jahren, noch ehe ich geboren wurde, hob mein Vater diese Missbrauche auf, und ich darf kuhn sagen, kein Gut im ganzen Lande tragt im Verhaltnis mehr und keines nahrt glucklichere, zufriednere Arbeiter.
Ich sehe es ja Schweigen, Unwille, Hass, Grimm, starre und flammende Blicke sind Ihre Antwort. Mogen Sie mir drohen! ich furchte keinen von Ihnen, ich furchte Sie alle, verbunden gegen mich allein, nicht. Jetzt habe ich meine Pflicht getan, als teutscher Mann fur meinen Fursten, fur das Vaterland gesprochen. Ich betrog mich nur darin, dass ich glaubte, ich sprache zu Teutschen. Fahren Sie nur so fort, nennen Sie die Patrioten Aufruhrer, fachen Sie den Parteigeist an, beschutzen Sie die geheimen Angeber, losen Sie alle Bande der Gesellschaft auf, zerstoren Sie alle moralische Bande, alle burgerliche Tugend, malen Sie den Fursten als einen Tyrannen, das Volk als Verrater, ubertunchen Sie Ihren Stolz, Ihre Hab- und Herrschsucht, Ihre Missbrauche, Ihre Gewalttatigkeiten mit den Sophismen, welche der Zeitlauf beschoniget, treiben Sie es auf dem ganzen teutschen Boden mit allen, die eines Geistes mit Ihnen sind, so weit, bis das Ungeheuer aus der Finsternis plotzlich hervorspringt, in die Sie alles einhullen mochten! Dies Ungeheuer wird nur Ihr Werk sein. So laden Sie die rachende Nemesis, die nun dort ihre Strafe ausubt, auch auf den teutschen Boden ein Ruft dann, wenn alles um euch her zerfallt: des Fursten waren wir nicht wert!"
Kalt erhob der Prasident die Stimme:
"Wir achten den Fursten, darum schweigen wir. Durch unsre Rechte wollen wir die seinigen erhalten, darum schweigen wir. Unsre Antwort fur jeden andern liegt in den Ereignissen des Tages. Jeder von uns in dieser gefahrlichen Zeit getane Schritt kann Verrat an unserm Fursten, den Mitstanden, dem erhabenen Oberhaupte des Reiches werden. Dieses ist des Adels Antwort. Lasst Ruhe und Frieden wiederkehren ... beraten wir, dann scheint das nicht erzwungen, was wir geben, dann wird man uns danken. Jetzt wurde jede Wohltat ein Beweis des Zwanges, des Schreckens sein, und wohin dies fuhrt, beweisen uns unsre Nachbarn. Ihre Rede wurde sich ubrigens in einem gewissen Klub in Paris recht gut ausnehmen, und sie ist Ihres Lehrers des mehr beruchtigten als beruhmten Rousseaus, wert. Doch was Frankreich ihm verdankt, wollen wir ihm nicht verdanken, und sollten wir auch das Ungluck haben, seinem feurigsten Schuler zu missfallen."
Diese Worte drangen mit allem ihrem Gifte in Ernstens Seele; doch fasste er sich:
"Und dies ist alles, was der Furst zur Antwort erhalt?"
PRASIDENT: Alles, was Sie zur Antwort erhalten. Wir sind nicht allein dieses Furstentums Adel, wir sind auch des Reiches Adel, haben Pflichten gegen dessen erhabenes Oberhaupt. Und nun noch eine Frage von unsrer Seite an Sie: Sagten Sie alles, was Sie uns sagten, kraft der Vollmacht des Fursten?
ERNST: Nein.
PRASIDENT: Wir dachten es wohl! Und es ist darum gut zu wissen, wenn diese Rede etwa bis zu hohern Orten gelangte. So liegt ja in Ihrer Antwort unsre Rechtfertigung, und hier sind der Zeugen genug.
ERNST: Nun erlauben auch Sie mir eine Frage: Wer ist der Aufruhrer (denn dieses wollten Sie mir doch vorhin sagen), der, welcher seines Fursten Antrag mit Schweigen beantwortet, oder der, welcher Sie zur Beherzigung desselben nach Pflicht und Gewissen auffordert?
PRASIDENT: Unser Schweigen ist weiser, ehrfurchtsvoller fur den Fursten als Ihr Reden.
Leise zu ihm: Sie werden nun erst die Kraft des Wortes System kennenlernen, das Ihnen in Ihrer Jugend so abscheulich vorkam.
ERNST ebenso leise: Eben weil ich es mir damals so dachte, kam es mir so vor, und Sie haben nie ermangelt, seine Bedeutung in diesem Sinne zu rechtfertigen.
11.
Ernst ging zu dem Fursten und meldete ihm alles, was vorgefallen war. Der Furst horte ihn an und sagte endlich:
"Junger Mann, wir sind hier die einzigen Teutschen. Die Herren wollen es so, und mir bleibt nichts ubrig, als zu wunschen, dass sie den heutigen Tag nicht zu bereuen haben mogen. Ich fuhle, was ihnen fruh oder spat bevorsteht, und kann es nicht andern. So handeln wir hier, wahrend die wenigen Edlen und Tapfern fur das Vaterland fruchtlos fallen.
Fassen Sie Mut! Sie brauchen ihn jetzt; denn an diesem Tage muss ich Ihnen noch ein Trauerbote sein. In der letzten Schlacht, wo abermals das Blut der Teutschen floss "
ERNST: Mein Vater
FURST: Er ist schwer verwundet.
ERNST: Oh, er ist tot!
FURST: Den Nachrichten zufolge, die ich erhalten habe und die einander widersprechen, nicht. Reisen Sie und starken Sie ihn durch Ihre Gegenwart. Sie werden ihn in *** finden. Kann es Sie trosten, so sage ich Ihnen von ganzem Herzen: Sie verlassen einen Freund in mir, der auf Sie zahlt, auf den Sie zahlen konnen. Und nun geschwind. Sie mussen noch heute fort.
Er reichte Ernsten die Hand, zog ihn in seine Arme und druckte ihn an seine Brust, indem er sagte:
"Vergessen Sie nicht, dass ich auf Sie zahle, dass ich in diesen schweren Zeiten Ihrer bedarf, dass Ihr Vater Ihre Pflicht mit seinem Blute auf den teutschen Boden geschrieben hat!"
Als Ernst aus dem Zimmer des Fursten trat, bemerkte man seine Blasse, seine Tranen, sein Schwanken, sein hastiges Eilen. Die Bosheit fasste es auf, deutete es nach ihrem Wunsche und frohlockte schon uber seinen vermeinten Fall. Sowie Ernst nach Hause kam, befahl er, die Post zu bestellen und alles zur Abreise fertig zu machen. Er eilte zu Amalien, bei welcher er Ferdinanden fand. Die Worte des Fursten hatten ihm sein Ungluck nur allzu klar angedeutet, er sagte also, sein Vater sei wirklich tot oder habe nur kurze Zeit zu leben und er reise in dieser Stunde ab. Er fragte nach seinem Franz. Ferdinand lief, ihn zu holen. Tief geruhrt nahte sich Ernst Amalien, sie liess ihr Haupt sanft auf seine Schulter sinken, und Tranen fullten ihre Augen. Sie bat ihn, Ferdinand mitzunehmen, da er gewiss in dieser fur ihn so traurigen Lage eines Freundes bedurfte.
Ernst antwortete, indem er sie zartlich kusste: "Sein Sie nicht fur mich besorgt, Ihr Geist, Ihre Wunsche werden mich dorthin begleiten. Ich weiss ja, dass ich hier die Quelle meines Trostes und Gluckes zurucklasse und dass ich sie wiederfinde."
AMALIE: Ich bitte Sie, nehmen Sie Ihren Freund mit. Um der Gefahr willen
ERNST: Ware Gefahr fur mich, so wurde ich ihn umso weniger zum Begleiter wahlen, und Sie wissen ja, er ist nicht in der Stimmung, die einem kummervollen Herzen wohltut. Wann ich ruhig bin, kann ich alles von ihm ertragen, da ich die Ursachen fasse. Vielleicht konnt ich dieses in meiner jetzigen Lage nicht, vielleicht konnte ich vergessen, dass er unglucklich ist. Liebe, die Menschen verlassen mich alle hier, ich will mir gerne den Freund meiner Jugend erhalten. Sagen Sie ihm darum ja nichts von meiner Ausserung uber ihn, seine lebhafte Einbildungskraft konnte sie leicht in einem gehassigen Lichte ansehen.
AMALIE: So erlauben Sie, dass ich Sie begleite.
Ernst kusste sie heftig: "Oh, ich danke Ihnen fur den Gedanken, fur die Empfindung "
Amalie sank auf den Sofa und druckte ihre Hande an ihre Brust. Ferdinand trat mit Franz herein, und Ernst fuhr fort:
"Dieser unser Franz bedarf Ihres Schutzes, nur unter Ihrer Aufsicht kann ich ihn verlassen."
Als Franz horte, dass sein Vater ihn verlassen wurde, rief er: "Nimm mich mit, Papa! Du weisst, der Grossvater liebt mich, und wenn er krank ist, will ich bei ihm sitzen, wie ich bei der Mama sitze, wenn ihr nicht wohl ist."
Ernst sagte ihm, das ginge nicht an, und fuhrte ihn zu seiner Mutter. Dann wendete er sich zu Amalien:
"Alles das, was mein Gluck auf Erden ausmacht, verlasse ich heute zum erstenmal."
Der Knabe schrie nun heftiger: "Nimm mich mit, Papa!"
Der Abschied war von Amaliens Seite duster, traurig, von seiten Ferdinands leidenschaftlich, beklommen. Ernst riss sich ohne Worte aus Amaliens Armen und als er Amalien mit der einen Hand und Ferdinand mit der andern umfasste und in der Betaubung von dem freundschaftlichsten Gefuhle beider Hande ineinander legte, sturzten seine zuruckgehaltnen Tranen aus seinen Augen. Er druckte Franz an sein Herz und eilte schnell weg.
12.
Ernstens letzte Beurlaubung von dem Fursten und seine plotzliche Abreise schienen nun seinen Feinden einen Triumph zu versprechen, aber der Furst liess sie nicht lange in diesem Wahne.
Als er den folgenden Tag in dem geheimen Rat sein Missvergnugen und seinen Kummer uber das Betragen des versammelten Adels zeigte, entschuldigte sich jeder der Gegenwartigen mit dem Vorwande, Ernst habe durch seine Heftigkeit, durch seine Anmassungen, seine beleidigenden Vorwurfe die Gemuter der meisten so erbittert, dass auch den Kaltesten und Verstandigsten nichts anderes ubrig geblieben als fur jetzt zu schweigen, um in einer so wichtigen Sache das Ansehen Sr. Durchlaucht nicht auszusetzen.
Der Furst antwortete:
"So bin denn ich und mein Ansehen es abermals, die hier dem Guten im Wege stehen mussten! Doch, meine Herren, ich kenne die Ursache von dieser zarten Gewissenhaftigkeit meines Adels nur allzu genau und weiss, was Sie zu beschutzen suchen, indem Sie meine Macht zu beschutzen vorgeben; und darum kann ich Ihnen nicht dafur danken, wie Sie vielleicht wohl gar erwarteten. Auch weiss ich sehr wohl, wie sanft und gesetzt Herr von Falkenburg anfangs gesprochen hat. Aber er sprach zu Schweigenden zu Schweigenden, von denen ich Antwort forderte ich, Ihr Furst, dieses Volkes Furst und Vater! und zwar uber einen so wichtigen Punkt, dass Ihr Schweigen auch den Weisesten hatte emporen mussen. Dieses Schweigen bewies nun freilich dem edlen Manne, wie es auch mir beweist, dass man uber meinen Antrag schon entschieden hatte, bevor man Ihnen denselben vorlas. Da sprach freilich der junge Mann ein Teutsch, das, mit vielem andern Schonen, unter uns veraltet zu sein scheint. Doch ist es gut, dass es zuzeiten noch erschallt, und diente es auch nur dazu, dass es uns den geraden, offnen, biedern Sinn unsrer Vater erklart und zuruckruft; wir wurden sonst sogar die Erinnerung daran verlieren. Hatten auch sie geschwiegen, wie jetzt mein Adel schweigt, wie stande es nun mit uns!
Noch ein Wort, und dann entlass ich Sie fur heute; denn ich bin wahrlich nicht gestimmt, uber Kleinigkeiten nach der Form zu urteilen, da ich das Wahre, das Gute nicht erreichen kann.
Ich stelle das Schweigen meines Adels zwischen Gott, mein Volk und mich!"
13.
Als Ernst in *** ankam und sich bei dem kommandierenden General nach seinem Vater erkundigte, erfuhr er die Gewissheit seines Unglucks. Sein Vater war in der Schlacht geblieben; eine Kanonenkugel hatte ihn in dem Augenblick getotet, da er mit einem Bataillon eine feindliche Schanze ersteigen wollte, die schon einigemal vergebens und mit grossem Verluste angegriffen worden war. Da der Feind das Schlachtfeld behauptet und die Sorge fur die Toten ubernommen hatte, so verlor Ernst auch den einzigen letzten Trost, bei dem Grabe seines Vaters zu weinen. Er verschwand ihm in die Geisterwelt, ohne fur ihn eine Statte der Vereinigung auf Erden zu hinterlassen. Der General, welcher den schrecklichen Eindruck dieser Nachricht auf ihn bemerkte, sagte:
"Ihr Verlust ist unersetzlich, und Worte konnen Sie jetzt nicht trosten, aber zum Nachruhm Ihres Vaters muss ich Ihnen sagen: wenn Teutschland viele Manner seinesgleichen hatte, so standen wir nicht, wo wir stehen. Uns fehlt der Geist, der ihn beseelte; und nur durch diesen vermochten wir jene Scharen zu besiegen."
Aber in seinem Hause, da, wo er nach seinem Verluste, in der Lage, in welche seine edlen Gesinnungen fur seinen Fursten, seine aufrichtigen Bemuhungen fur sein Vaterland ihn nach und nach gefuhrt hatten, Trost und Ersatz erwartete, da entschied sich, eben in diesem fur ihn so schmerzvollen Augenblick, sein Schicksal auf das schrecklichste. Seine Ruhe war schon ermordet, alle Bluten seines jugendlichen Traumes, seines schonen Lebens verdorret und zertreten. Die Quelle seines Glucks, welche ihm die Reinheit seiner Tugend, die Erhabenheit seines Sinnes so zusicherte, dass er, stark in diesem Glauben, allen Schlagen des Schicksals, aller Bosheit der Menschen entgegenging, war versunken, so versunken, dass sein Auge die Spur davon nicht mehr entdecken, sein durstendes Herz an dem Abgrund, in welchen sie sich verloren hatte, vertrocknen, erstarren sollte.
Die Verachtung, der Hohn, der Hass, womit Ernstens Feinde unermudet von ihm sprachen, die Entwurfe, die sie in ihrer Wut gegen ihn schmiedeten, die Ursachen, womit sie alles rechtfertigten, was sie taten und sprachen, machten nach und nach auf Ferdinands Herz, das in eine strafliche, vermessene, alle Sinne verschlingende Leidenschaft ganz versunken war, einen solchen Eindruck, dass sich in ihm das lockre, kaum noch fuhlbare Band der Freundschaft, der Achtung und Pflicht vollig aufloste. Das wilde Geschrei dieses Hasses, dieser Wut und dieses Hohns ward dem Verblendeten was dem noch schwankenden Verbrecher die Sophismen einer durch die heftigen Begierden verdunkelten Vernunft sind. Er sah in seinem Freunde nur den Volksaufwiegler, den Mitgenossen der Zerstorung seines ehemaligen Glucks, den kalten Besitzer des schonsten Weibes auf Erden, das er selbst mit aller der Kraft und Heftigkeit liebte, deren sein durch Renot und die Welt verderbtes, unbandiges Herz, seine gluhenden Sinne, die kein anderes Gesetz erkannten als den Genuss, und seine alle Schranken uberspringende Einbildungskraft fahig waren. Sein Verlust, sein Neid, seine aus seinem vermeinten Ungluck entspringende melancholische Stimmung reizten unaufhorlich seine Leidenschaft. Renot blies leise und um so gefahrlicher in die Flammen, die sein Herz verzehrten. In dessen Gegenwart dachte Ferdinand nicht mit einem Gedanken an seinen Freund, nur wenn er Franzen, den sanften, lieblichen Abdruck seines Vaters, sah, lief kalter Schauder durch seinen Busen. Aber gluhendes Feuer folgte auf die Erschutterung, wenn er in Amaliens dustre Augen blickte, wenn sie sprachlos vor ihm sass, wenn eben dieses feierliche Schweigen, ihre unwillkurlichen, hastigen Bewegungen, die wechselnde Rote und Blasse auf ihren Wangen, ihr plotzliches Entfernen und Wiederkehren bezeugten, was in ihrem Herzen vorging. In ihrem Zimmer herrschte jetzt die Stille, welche dem Verbrechen vorausgeht duster, drohend, anlockend, anziehend und dahinreissend durch das schaudervolle, feierliche, das schmachtende Leiden, das Kampfen, die Blicke, die umso machtiger reden, je mehr man sie zu bemeistern sucht, durch die bebende Furcht, das Heben des geangsteten Busens, die fliegende Rote, von dem Zuruckdrangen der kuhnen Wunsche erzeugt. Es erscholl kein Laut mehr. Selbst die Musik, der Gesang verstummte. Klavier, Harfe und Laute waren in das Nebenzimmer gebracht und fest verschlossen, Amaliens Geist schien zu ahnden, dass sie die Urheber der ihn so schrecklich druckenden Schuld waren.
So sassen die Unglucklichen ganze Stunden, Abende und Tage zusammen, wie von dem machtigen Schicksal in den magischen Kreis gefesselt, den der gefahrliche Zauber der Sinne um sie gezogen hatte. Sie sassen gegeneinander, als stande ein drohender Todesengel zwischen ihnen, als sassen sie vor einem Abgrunde, den die bezauberte Einbildungskraft mit einem glanzenden Nebel ausfullt und aus dem Gespenster aufsteigen, wenn man ihm nahet. Doch uber dem Abgrunde, dem Grabe der Tugend, der Pflicht, des Gluckes, verdickte sich der Zauberdunst immer mehr, verhullte immer mehr den Todesengel vor den entflammten Sinnen der Vermessenen, der Verblendeten. Der Anblick der immer Kampfenden stellte Ferdinand zwischen Leben und Tod. In einer Sekunde, da ihre Blicke sich begegneten und ihre Herzen und Seelen sich in diesen Blicken gegeneinander offneten und ihr ein Laut entfuhr, als lose sich ihr Leben auf, lag Ferdinand auf den Knien vor ihr und drangte gewaltsam sein Haupt an ihren Busen. Die Lippen des Unglucklichen beruhrten ihre Lippen und losten das heilige Siegel der Pflicht.
In diesem Augenblick offnete der kleine Franz hastig die Tur, streckte sein blondes, liebliches Kopfchen herein und rief freudig:
"Der Papa kommt!"
Das Madchen hatte ihn mit diesem Zuruf von einem gefahrlichen Spiel abhalten wollen, er glaubte es wirklich und lief, seiner Mutter die freudige Nachricht zu verkundigen.
Kaum vernahm Ferdinand seine Stimme, kaum erblickte er das unschuldige, heitere Bild seines Freundes, als er wutend auffuhr und hastig nach der Tur sprang. Der Knabe erschrak vor dem Blicke des Wutenden, er floh und fuhr in der Angst gewaltsam mit der Brust gegen die scharfe Ecke des Klaviers. Er sturzte zu Boden. Ferdinand raffte ihn auf, Amalie eilte hinzu. Aus dem Munde des Knaben floss Blut.
Schmeichelnd sagte Franz: "Es ist nichts, Mama, erschrecken Sie nicht."
Ferdinand zerschlug seine Stirne. Amalie sah starr vor sich hin. Ihre Augen begleiteten das Blut, das aus dem Munde des lieblichen Kindes floss.
Ferdinand rief um Hulfe. Man eilte hinzu das Blut horte auf zu fliessen, und man trug den bleichen Knaben in ein Nebenzimmer auf den Sofa.
Amalie stand noch immer mit Ferdinand vor dem Blute. Plotzlich fasste sie seine Hand und sagte mit einem dumpfen, lispelnden Tone, indem sie mit ausgestrecktem Finger auf den Boden zeigte:
"Blicken Sie nur dahin auf dieses Blut! Sehen Sie diese Purpurtropfen nur an, die dem unschuldigsten Herzen entflossen, es sind die ersten Fruchte des Verbrechens sie reifen schnell!"
FERDINAND: Sie toten mich, da ich kaum noch lebe Es war Zufall und wird nicht von Folgen sein.
AMALIE: Es wird von grossen Folgen sein Und Zufall? Zufall nennen Sie dieses? Wenn dieses Zufall ist gen Himmel blickend was bist dann du? Oh, so war es denn auch Zufall, dass ich einst einige Worte horen musste, die an den Ohren aller andern Horchenden ohne Wirkung voruberflogen und die nur hier so anschlugen, dass ihr Laut mir immer fortklang und der Blick, der sie begleitete, nie wieder aus meiner Seele verschwindet. Ich weiss nun nicht mehr, was ich bin, ich weiss nicht, was Zufall ist; denn ich fuhle nur, dass Sie dieses da durch mich, und ich durch Sie, getan habe. Und Sie sagen noch, es werde nicht von Folgen sein? Ferdinand, solcher Tropfen, wie diese da, werden mehrere fliessen, sie werden langsam dem Herzen Ihres Freundes entquellen. Und ich ich Ungluckliche fuhle schaudernd diesen Augenblick, dass dieses Verbrechen und seine Folgen mich noch mehr an seinen Urheber, den ich verabscheuen sollte, fesseln ja mehr als das vorher Begangene, weil ich die Vorstellung dieses und alles dessen, was geschehen ist, geschehen wird, nicht allein ertragen kann. Nun mussen Sie die Last mit mir tragen. Uns beide unterwirft dieses Verbrechen dem schrecklichsten Joche der Vereinigung.
Sie ging nach dem Nebenzimmer und kehrte nach einigen Minuten zuruck.
Ferdinand wagte es nicht, sich nach Franzen zu erkundigen.
AMALIE: Die einzige Brust zerschlagen, an der er sicher ruhen konnte, das einzige Herz zerdruckt, das ihn treu liebte oh, es ist schrecklich! Und er ist blass, ruhig, entkraftet und kusst zartlich besorgt die Hand seiner Mutter, die ihn totete. Ja, Ferdinand, von allen unseligen Gaben, die dem Geiste des Menschen zu seinem Unglucke verliehen sind, ist die unseligste, sich Ideale zu bilden und zu schaffen. Dieses fuhle ich, dieses ist mein Fall mit Ihnen.
FERDINAND: So sei es der unsrige! Ich habe in einem Augenblick alles Leben gelebt und kann nun sterben, kann sterben, ohne es zu bereuen. Sie konnen mir gebieten zu sterben, aber das, was geschehen, ist nun ausser Ihrer, ausser der Menschen Gewalt. Das Schicksal hat damals uber uns gesprochen, als unsre Blicke einander begegneten, es hat uns hierher gefuhrt. Ich bin zu allem bereit.
AMALIE: Ja, uns verbindet ein unauflosbares Band, hier knupfte es nun das Schicksal uber das Grab hinaus vor einigen Augenblicken konnte es wenigstens durch das Leben noch getrennt werden. Fassen Sie sich nur immer, bereiten Sie sich auf Qualen, die nun unser Werk sind. Es ist geschehen, es ist geschehen, wovor ich bebte, und es muss geschehen, was das Schicksal mit dem Blute des sussen Knaben, des Lieblings seines Vaters, hier aufgezeichnet hat. Auch ich bin nun bereitet, alles zu empfangen, was ich verdient habe. Ich konnte nie aufhoren, Sie zu lieben, kann ich es jetzt? Und konnte ich es wurde ich nicht unglucklicher als ich bin? Jetzt teilen Sie mit mir, jetzt kann ich mein Verbrechen in das Herz des Mitverbrechers schleudern, jetzt mussen Sie mit mir leiden und mich vor Verzweiflung retten.
Sie druckte ihre Lippen auf die seinigen, und dieser Kuss verknupfte die Unglucklichen, entfernte alle Rettung.
AMALIE: Ich fasse mich nicht in diesem Augenblick steht er hier vor mir Erinnern Sie sich, als er hier, hier auf dieser Stelle, geruhrt durch den ersten Abschied von seinem Weibe, unsre Hande fasste, ineinander legte und dann seine Tranen, Ungluck weissagend, aus seinen Augen drangen?
FERDINAND: Ja, ich erinnere mich. Oh, warum mussten Sie ihm Ihre Hand geben, ihm, den Sie nicht liebten!
AMALIE: Ich gab ihm meine Hand, weil ich sie keinem edlern, wurdigern unter allen Mannern geben konnte. Ich wurde sie ihm gegeben haben, auch wenn Sie gegenwartig gewesen waren. Die Verblendete traute sich, ihrem Geiste und glaubte, ihr Herz gliche diesem. In dieser Tauschung dachte ich nicht, dass, indem ich die Hand des edelsten Mannes beruhrte, ich ihm die Hand des seiner unwurdigsten Weibes darreichte. Jetzt begreife ich es, jetzt begreife ich, jetzt sehe ich, wie ich fallen, selbst an seiner Seite mich nach diesem Falle sehnen konnte. Und nun gehen Sie. Jetzt erwarte ich den Arzt.
FERDINAND: Werden Sie ihm die Wahrheit sagen?
AMALIE: Die Wahrheit ach ja, Sie erinnern mich an das, was ich nun bin, dass ich in meiner Lage keiner Tugend mehr machtig bin. Darum sagt Ernst, es gibt nur eine Tugend fur den Mann und das Weib, und sie muss fest beisammen gehalten werden, denn sie kann keinen Verlust ertragen, auch den kleinsten, unmerklichsten nicht. Schlafen Sie nun wohl. Sie haben Ihren Wunsch erreicht, ich den meinigen. Wir mussen nun tragen, was erfolgt; fur mich ist nach jenem Augenblicke keine Ruckkehr mehr! Gehen Sie. Es ist schon spat, und wir mussen von nun an den Anstand beobachten; gestern brauchten wir das noch nicht.
14.
Amalie setzte sich bei Franz nieder, und der Knabe versicherte ihr, es sei ihm ganz wohl, ganz leicht. Er furchte nur, Ferdinand mochte bose auf ihn sein, dass er ihn erschreckt hatte, er bat seine Mutter, sie mochte ihn wieder gut machen; nur sei es schade, dass das Madchen eine Luge gesagt. Dann fragte er, ob sein Vater bald kommen wurde.
Amalie antwortete: "Er wird bald kommen"; und ihre Tranen flossen.
FRANZ: Weinen Sie nicht, Mama; ich bin schon wieder gesund. Es ist recht gut, dass ich geblutet habe. Papa sagt mir immer, wenn ich aus der Nase blute, es erleichtert den Kopf. Nun, da ich aus der Brust geblutet habe, wird es wohl das Herz erleichtern. Das tat es gleich; denn als ich Ferdinand so bose sah, klopfte es mir so heftig.
Jedes Wort war ein Dolchstich in das Herz Amaliens, und nun sagte sie mit bebender Lippe:
"Franz, du musst dem Arzte nicht sagen, dass du vor Ferdinand erschrocken bist, dass du dich darum gestossen hast; auch dem Papa nicht, er mochte auf Ferdinanden zurnen."
FRANZ: Gewiss nicht, Mama! Ich war ja an allem schuld. Warum kam ich auch, als wollt ich horen, was Ihnen Ferdinand Geheimes sagte! Hat Papa mich nicht immer gelehrt, ich musste das nicht tun? Zwar wusste ich's nicht und war voller Freude und wollte Ihnen und ihm die frohe Nachricht zurufen. Ich werde es keinem Menschen sagen, dass der gute Ferdinand einmal auf mich bose war. Er liebt mich und sagt mir oft, ich gliche dem Papa und er glaubte immer, er sahe ihn in mir vor sich, wie er damals war, als sie noch als Kinder zusammenlebten.
Amalie hob ihre Augen gen Himmel und lispelte in ihrem Herzen: "Du rachest dich schrecklich! Des unschuldigen Kindes Worte sind Schwerter, welche die Seele durchdringen." Mater dolorosa! sang sie in zitterndem Tone und kusste den bleichen Knaben, legte ihn bequemer und beruhrte seinen zarten Leib mit einer Behutsamkeit, als furchtete sie, die erschutterte Seele konnte ihm unter ihrer Beruhrung entfliehen.
Der Arzt kam. Amalie sagte ihm, das Kind habe sich aus Ubereilung an die Brust gestossen und stark aus dem Munde geblutet. Der Arzt fand den Umstand wegen des zarten Alters bedenklich und sagte leise zu ihr: "Wenn die Lunge nicht durch die Erschutterung gelitten hat, so hoffe ich, es soll vorubergehen. Ich bitte Sie, ihn ruhig zu halten."
Amalie wachte lange bei dem Kinde. Es entschlief sanft, aber seine Blasse war ihr ein Bild des Todes, sein leises Atemholen ein Zeichen nahender Auflosung. Ihre Nacht war schrecklich, nur am Morgen schien sie mehr gefasst und entschlossen. Das Weiche, Zartliche schien ganz verschwunden, aber dafur lag auf ihrer Stirne, in ihren Augen, ihrer Stimme der dustre Ausdruck der Entsagung. Jeder, der sie sah, musste glauben, das ruhigste, erhabenste Gefuhl habe nach einer gefahrlichen Erschutterung ihre Seele so gestimmt. Als Ferdinand kam, lachelte sie ihm zu. Er ergriff ihre Hande, druckte sie an sein Herz und sagte:
"Soll ich heute noch leben?"
AMALIE: Sie sollen, Sie mussen es. Das, was uns erreichen soll, eilt mit schnellen Schritten auf uns zu, wir konnen ihm nicht mehr entgehen.
FERDINAND: Oh, so lassen Sie uns nur einen Augenblick in dem Gefuhle leben, das mich gestern gewaltsam zu Ihren Fussen hinwarf. Lassen Sie uns traumen, es sei nichts vorgefallen seit jenem unbegreiflichen Augenblicke.
AMALIE: Dieser Augenblick hat gewirkt, er entfloh nun und kehret niemals wieder. Ich habe eine Nacht gelebt, wovon ich keine Ahndung hatte, und die Ihrige ist wohl nicht besser gewesen. Wenigstens sehen Sie darnach aus. Nun habe ich mich gefasst, wie der zum Tode Verurteilte, der noch wenige Zeit zu leben hat. Der Ungluckliche mochte so gerne geniessen, was man ihm anbietet, so gerne nach einem andern Gegenstande hinblicken, umsonst! er sieht nur das nahe, schreckliche Ende, und auch die wenigen, noch ubrigen Minuten entfliehen ihm ungenutzt.
FERDINAND: Amalie! und dies nennen Sie gefasst sein? und Sie sagen, ich soll leben? In diesem Zustande kann ich Sie nicht lange sehen, ich kann selbst den meinigen mit aller meiner Kraft kaum ausdauern. Wohl! Von uns dreien muss eins das Opfer sein; so sei ich es! Ich verschwinde, Sie vergessen mich und sind so glucklich, als sei nichts geschehen.
AMALIE: Sie jetzt vergessen, da ich Sie vorher nicht vergessen konnte? Und ich sollte so glucklich sein, als sei nichts geschehen? Nichts geschehen! Und wenn jetzt auch geschahe, was vorher unmoglich war, wenn ich mich von dieser unbezwinglichen Leidenschaft befreien konnte, die mich gewaltsam zu Ihnen hinzieht, bin ich noch das Weib, das ich gestern war? Zerbrach nicht mein Gelubde auf Ihren Lippen? Ist nicht alles in mir zerstort? Ist da nichts geschehen? kann, konnte noch mehr geschehen? Findet er mich, wie er mich verlassen hat? Ich bin so tief unter ihn gefallen, dass mein Geist die schreckenvolle Tiefe nicht anzublicken wagt; soll ich nun ebenso tief unter mich selbst sinken und ihn als Betriegerin aufnehmen? Das vermag ich nicht; denn so wenig ich dem hinwelkenden Knaben, seinem Lieblinge, die vorige Blute wiedergeben kann, ebenso wenig kann ich mir meinen vorigen Sinn, meine vorige Reinheit wiedergeben. Und darum kann ich seine Gattin nicht mehr sein. Fliehen Sie nur! Er wird darum nicht glucklicher, ich werde nur unglucklicher; denn wenn ich Sie verliere, so wird mir das Verbrechen selbst unnutz. (Dieses sprach sie mit Spott aus.)
Ferdinand fasste diesen Gedanken mit der heftigsten Leidenschaft; er umschlang sie. Sie ertrug seine gluhenden, wilden Kusse, aber als er sich zu vergessen schien, wand sie sich aus seinen Armen, hielt ihn zuruck und rief: "Dieses! dieses sind die Tauschungen, die meine Seele so lange bezauberten! diese Ergiessung der Liebe war es, was meiner verblendeten Seele so lange vorschwebte dieses allein. Kommen Sie! Sie haben dem Kranken noch keinen guten Morgen gesagt. Sie sollen selbst horen, wie er trauerte, sie erzurnt zu haben."
15.
In dieser Stimmung verharrte Amalie, und Ferdinand fuhlte bald, dass er nun alles Gluck verloren hatte, das ihm noch auf Erden ubriggeblieben war. Er sah ein, dass seine Vermessenheit um allen Preis, um sein Dasein selbst, das nicht erhalten wurde, wofur er es geopfert hatte. Er fuhlte sich von Amaliens Geiste unterjocht. Sie gestand ihm tausend-, tausendmal ihre sie verzehrende Leidenschaft, zog ihn immer mehr an, und die Fruchte fur ihn waren erschutternde Szenen, ein wildes Gewuhl von Empfindungen, die bald sein Herz zerrissen, seinen Geist folterten und bald ihn mit einer Wonne erfullten, zu seiner Erhabenheit emporhoben, fur welche es der Sprache an Worten fehlt. Amalie hatte der Musik ganz entsagt, und sein Flehen, seine Tranen, selbst die Bitten des kranken Kindes vermochten hierin nichts uber sie. Es schien, als flistere ihr Genius ihr zu: "So weit hat dich diese Zauberkunst gebracht, weiter soll sie dich nicht bringen!"
Renot lachte nur. Er fuhlte seinen Triumph, er sah das Gluck des Mannes zerstort, der ihn um einer luftigen Schimare willen verachtet, beleidigt hatte. Er sah ihn in dem Mittelpunkte seines Daseins, in dem Glauben an seinen Traum, verwundet. Er spottete uber das feierliche, tragische, dustere Wesen, das nun Ferdinand durch Amaliens Stimmung angenommen hatte, und bewies ihm, es gebe nur ein Mittel, dieses von Ernstens Schimare angesteckte Weib zu heilen, welches trotz aller Schwarmerei doch so sehr zeige, dass es nur ein Weib sei; und diese Heilung wurde allem Ubel zuvorkommen, das er befurchte. Ernst wurde es dann nicht gewahr werden. Nur halbe Sunder ertappe man, die Kuhnen rette das Gluck, und er sei seinem Freunde wenigstens die Schonung schuldig, ihm sein Ungluck zu verbergen. Alles, was nun geschehen werde, sei ein unvermeidliches Schicksal, das alle Toren dieser Art treffe.
Er drang in Ferdinand, ihn bei Amalien einzufuhren, und versprach, sie in kurzem aus diesem langweiligen, dustern Wesen herauszuspotten. Ferdinand tat es. Amalie sagte ihm, als sie jenen einigemal gesehen hatte:
"Bringen Sie mir diesen Menschen nicht wieder. Nur er, nur das, was er mit Zweck zu sagen scheint, konnte mich zur Verzweiflung treiben. Seine Worte erkalten mein Herz und toten meinen Geist. In seiner Gegenwart seh ich nur mein Verbrechen, und ich will es jetzt nicht sehen, ich will dem drohenden Schicksal die letzten Augenblicke rauben und dann vergehen, dann mich ihm hingeben. Die Liebe mit dem Verbrechen soll mich toten, nicht das Verbrechen allein."
Als sie den folgenden Tag zusammensassen, trat der Arzt herein:
"Der Knabe hustet; es ist ein Fieber da."
AMALIE: Und morgen, morgen kommt sein Vater.
Ferdinand bebte und wendete dem Arzt den Rukken. Amalie sagte leise zu Ferdinand: "Ich habe Briefe von ihm und wollte es Ihnen verbergen."
16.
Voll Schmerz uber seinen Verlust, erschuttert durch die Verwustungen des Krieges und durch das Elend des Volkes, das er nun in seinem ganzen schrecklichen Umfange gesehen hatte, kehrte Ernst nach Hause zuruck, wo er allein Trost, Linderung und Ruhe erwartete, wo aber schon alles fur ihn verloren war. Der dustre, beklommne Empfang Amaliens und seines vermeinten Freundes fiel ihm jetzt nicht auf, er fand die Ursache in seinem erlittenen Ungluck, in seiner eignen truben Stimmung. Er fragte nach seinem Sohne. Amalie sagte ihm zitternd:
"Erschrecken Sie nicht allzu sehr. Franz ist seit einigen Tagen nicht wohl, wir halten ihn im Bette, damit er ruhiger sei."
Ernst eilte zu ihm. Der Blitz der Freude traf aus den jetzt grossen blauen Augen sein vaterliches Herz, aber als er nun seine trocknen, bleichen Lippen, seine eingefallnen Wangen an seinen Wangen fuhlte und den kranken Atem vernahm, die welken Hande ansah und ihn lange angestarrt hatte, sank er an Amaliens Busen, und sein Leben schien zu erloschen. Der freundliche, kranke Zuruf des Knaben erweckte ihn aus dem Todesschlummer, und als ihm Franz versicherte, ihm sei recht wohl, er wurde gleich aufstehen, wenn es die Mama erlaubte; und als er dann nach dem Grossvater fragte, da zerschmolz Ernstens Herz, und nun erst konnten seine Tranen fliessen. Er setzte sich bei dem bleichen Knaben nieder und sah in die verwelkten Bluten seiner Hoffnung. Von diesem Augenblicke an konnte er nichts anders mehr denken und fuhlen, er sah nur ihn, lauschte nur auf ihn. Bei jedem leisen Husten, jeder schmachtenden Bewegung druckte er Amaliens Hand, als konnte er nur durch diesen Druck sein Herz in seinem Busen zusammenhalten. Aber Amaliens Hand lag so kalt in der seinigen, als hatte der Tod ihr Blut erstarrt.
Sie konnte ihm die Ursache der Krankheit nur stammeln.
Ernst brach auf und ging zu dem Arzte. Der Himmel und alle Gegenstande hingen schwarz uber ihm und um ihn. Seine ganze Seele war in Trauerflor gehullt, und die dustern Ahndungen schwebten in der Finsternis, ohne Namen, ohne Sinn.
Der Arzt kundigte ihm mit Schonung sein nahes Ungluck an und sagte ihm, Franz habe nicht lange zu leben, da in diesem zarten Alter die Brust nicht lange widerstehe.
Ernst antwortete:
"Nun, so will ich alle meine Geschafte schnell zu Ende bringen und seiner warten."
Als er nach Hause kam, sagte er zu Ferdinand: "Um deinetwillen habe ich so lange gezogert, zuruckzukehren, ich hoffe, dir in einigen Tagen gute Nachricht geben zu konnen. Halte dich fertig!"
Ferdinand konnte ihm kaum antworten: "Wie kann ich dich jetzt verlassen?"
Ernst erwiderte: "Du verlassest nur Ungluckliche."
Er ging in sein Kabinett und offnete die Briefe, die in seiner Abwesenheit angekommen waren. Auf einem erkannte er Hadems Hand, er druckte ihn an seine Lippen und schlug ihn auf; denn hier schimmerte ihm Trost entgegen. Hadem schrieb, er habe alles zu Ende gebracht, werde zu der und der Zeit in Paris sein und dann zu seinem Schuler eilen, wo sein Paradies ihm bluhe und wo er den Vorschmack des kunftigen Lebens schon in dem Lande ihres Bundes zu geniessen hoffe. Ernst seufzte: "Komm, Edler! Aber ehe du kommst, werden die schonsten Bluten dieses Paradieses schon verwelkt sein. Dein Schuler wird selbst in deinen Armen wie ein Verlassner weinen! In ihm solltest du ihn wiederfinden und einen neuen, sichrern Traum beginnen!"
Nun offnete er einen Brief des Ministers, seines Schwiegervaters. Dieser schrieb, er melde ihm mit dem grossten Kummer, dass die niedertrachtige Bosheit seiner Feinde ihn an dem grossen Hofe, wo er sich wegen wichtiger Geschafte fur den Fursten aufhalte, als einen wilden Demagogen und Aufruhrer bezeichnet und diese Angabe durch seine letzte Rede in der Versammlung des Adels bekraftigt habe. Man beweise es ferner durch einen langen, zwar offnen Briefwechsel, den er mit Parisern unterhalte, und fuhre sogar seine Reden an der furstlichen Tafel an, denen man den giftigsten Sinn unterlege. Er wurde ihm diesen Unsinn nicht geschrieben haben, wenn der Minister im Namen seines Hofes ihm nicht ausdrucklich aufgetragen hatte, dem Fursten dieses alles zu schreiben und ihn zu warnen, weil Beispiele dieser Art, von Leuten seiner Bedeutung gegeben, in der jetzigen Zeit allzu gefahrlich und an andern Hofen nachteilig fur den Fursten waren. Er habe darauf geantwortet, was Gewissen, was Pflicht erforderten und was sein edler Sohn verdiene. Gleichwohl sei man bei dem Verlangen geblieben, und er habe also diesen fur ihn so schmerzlichen Auftrag dem Fursten schreiben mussen. Er vermute, woher das alles komme; indes sei fur jetzt nichts anders zu tun, und man musse des Fursten Verhaltnis, das in diesem Augenblicke wie die Lage jedes kleineren Fursten hochst bedenklich sei, zu schonen suchen. Wie dieses aber einzuleiten sei, uberlasse er dem Herzen und dem Verstande seines Sohnes, usw.
Ernst hatte schon so viele Ungerechtigkeit von den Menschen erfahren, dass dieser Brief beinahe gar keine Wirkung auf ihn tat. Er lachelte wehmutig und schlug den Brief zusammen. Das einzige, was er dachte, war, den Wink des Ministers zu befolgen und sich eine Zeitlang von dem Fursten zuruckzuziehen. Er sah selbst in dem Vorfalle nur Gewinn fur sich, da er sich jetzt seinem Schmerze ohne allen aussern Zwang uberlassen konnte. Er ging zum Fursten. Dieser nahm ihn mit eben der Warme und eben dem Zutrauen auf, mit welchem er ihn entlassen hatte, und beklagte geruhrt seinen erlittnen Verlust.
Ernst antwortete mit nassen Augen:
"Noch drohet mir der zweite, und ich weiss nicht, wie ich ihn ertragen werde."
Der Furst glaubte, er deute auf des Ministers Bericht (dieser hatte ihm namlich gemeldet, er habe an Ernst daruber geschrieben). Er antwortete in diesem Sinne:
"Sein Sie ohne alle Sorge. Ich furchte weder fur mich noch fur Sie, ich achte solche Dinge nicht, die, wie es scheint, die einzigen Waffen unsrer Verteidigung sind. Ich werde nie vergessen, dass ich ein Furst, ein teutscher Furst bin. Ich werde mir nie, weil mein Furstentum klein und darum glucklicher ist, Gesinnungen und Handlungen aufdringen lassen, die mein Herz und mein Verstand verwerfen. Der Minister schrieb mir, er habe Ihnen die Bosheit dieser Elenden gemeldet. Ich wunschte, er hatte geschwiegen, aber wir wollen sie entlarven."
Ernst dankte ihm und versicherte, das, was er hore, gereiche ihm in seiner Lage zu grossem Trost. Er setzte hinzu:
"Aber doch notigen mich die Gesinnungen, die Ew. Durchlaucht mir Ihnen laut zu bekennen erlauben, dass ich mich entfernt halte. Das Gelubde, gnadiger Herr, das Sie mir einst abnahmen, kann nur mit der Tugend in meinem Herzen aussterben; und darum hoffe ich, es soll ewig dauern. Der Hass, die Wildheit, der Eigennutz und der Stolz der Menschen konnen seine Wirkung auf Augenblicke hemmen, ganz auflosen nie. Meine Pflicht, die Umstande, Ihre eigenen Verhaltnisse erfordern, dass ich mich auf einige Zeit zuruckziehe und, gnadiger Herr, das, was ich in meinem Hause fand, macht mich zu allem unfahig. Verzeihen Sie. Sie sind Vater Ich habe nur einen Sohn. Schon, lieblich, geistreich, hoffnungsvoll, in bluhender Gesundheit verliess ich ihn der nahe Tod lachelte mich zum Willkommen aus seinen Augen an."
Der Furst ergriff seine Hand:
"Es bleibt unter uns fest und ewig! Vergessen Sie nie, dass Sie einen Freund in mir haben."
In dem Vorzimmer fand Ernst seinen Oheim, der auf ihn zutrat und ihm kalt sagte:
"Wie befindet sich Ihr Sohn?"
Ernst antwortete nur mit einem schmerzvollen Blick, und der Prasident sagte noch kalter:
"Bald werden Sie meiner Weissagung glauben. Sie verachteten sie einst, nun ist sie der Erfullung nahe."
Ernst begriff ihn nicht, aber es dunkte ihn, eine gluhende eherne Faust umfasse sein Herz.
17.
Ernst fand bei dem Bette seines Sohnes schon den Kammerrat Kalkheim. Dieser konnte kaum seinen Gruss beantworten, er sass da, wie Ernst ihn einst an dem Bette des kranken Knaben in des Schulzen Hause gefunden hatte, aber jetzt niedergeschlagen, hoffnungslos, auf keine Heilungsmittel sinnend; denn auch ihm hatte der Tod aus der hinwelkenden Blume entgegengelachelt. Die Blicke beider begegneten einander sie schwiegen, sie verliessen den Kranken nicht mehr. So verflossen einige Tage. Der Knabe lag ermattet, aber nun erwachten seine letzten Krafte, und die beiden Freunde standen vor dem begeisterten Redner Schone, unzusammenhangende, hupfende Gedanken und Empfindungen dachte und fuhlte die begeisterte Seele des Knaben, die in dem verwelkten, engen Korperchen keinen Raum mehr hatte und sich sehnte, das Bild des Todes in ihm zuruckzulassen, um nur das Freie, Fessellose zu denken Diese Gedanken und Empfindungen drangen von seinen jetzt geroteten Lippen wie der lyrische Gesang des von der Morgenrote begeisterten Dichters, dem in ihr das Bild des kunftigen Lebens aus dem Dunkel der Nacht emporsteigt er lispelt seine Gefuhle nur, er deutet sie nur an, er eilt, dass ihm kein irdischer Schatten, kein fremder Gedanke das entzuckende Gefuhl schwache ihm stehen die Pforten der kunftigen Welt offen der Unsterbliche singt dem Unsterblichen, und nur dieser vernimmt und versteht ihn.
In Ernstens Hause herrschte nun die Stille des Todes. Da horte er keinen Laut, da sah er nur Verzweiflung, Blicke der Angst, bleiche Wangen. Das ihm unbekannte Verbrechen schlich noch leise um ihn es trat auf wie der Morder, der den suss schlafenden, bei dem letzten Strahl der Hoffnung eingeschlummerten Unglucklichen ermorden will.
Und in dem einsamen Zimmer sassen Amalie und Ferdinand, sie drangten sich aneinander wie zwei von den stechenden Gewissensbissen Verfolgte, die sich heimliche, unausloschbare, unversohnbare begangene Verbrechen entdeckten, getauscht von dem Wahne, durch die Mitteilung das zerdruckte Herz zu erleichtern, die Folter des Geistes zu besanftigen. Sehnend suchen sie einander, und wenn sie sich finden, so verschwindet die Tauschung. Jeder sieht sein schreckliches Verbrechen in den Zugen, den Augen des andern sie fliehen sich, eilen wieder zusammen; denn jeden ergreift der Geist der Rache in der Einsamkeit allein vereinigt umschlingt er sie beide, und ihr Seufzen, ihr Achzen, ihre Gewissensbisse vermischen sich.
Ferdinands Herz zernagte ein zwiefaches Verbrechen: Schuld an dem nahen Tode des von seinem Vater so geliebten Kleinen, Bruch der Freundschaft und des Gastrechtes, Beraubung alles Trostes, aller Hoffnung und Linderung in der Gattin, auf die der ungluckliche Dulder noch jetzt, an dem Bette des sterbenden Knaben, zahlte.
Amalie sprach nun nicht mehr, sie schien den Schlag des Todes bei der Auflosung des Knaben zu erwarten.
Und noch betaubte die Flamme der Leidenschaft auf Augenblicke die Schlage des Gewissens, aber diese Flamme brannte, wutete, zehrte, sie konnte nicht beseligen; denn die Liebe hatte sich nun im Gewande des Schreckens, des Mordes zwischen die Unglucklichen gestellt, und sie fuhr mit ihrer kalten, totenden Hand zwischen die brennenden Kusse, wenn die Strafbaren in Umarmungen ihre von der Verzweiflung umhergetriebenen Seelen suchten.
Die Nacht war tief heruntergesunken, und dunkel brannten die Kerzen in dem stillen Zimmer. Die Unglucklichen lagen Wange an Wange, Arm in Arm verschlungen, wie Bilder des Todes am Grabe; und sie sassen an dem Grabe ihrer Tugend, ihres Gluckes.
Ernst trat herein, und mit einem Tone, wie nie sich einer dem Herzen eines Menschen entriss, rief er:
"Mein Franz ist verschieden! wohl ihm! weh mir!"
Als er naher trat und die Unglucklichen Wange an Wange, Arm in Arm starr vor ihm sassen Todesangst sie ganz ineinander geschlungen hatte und als er in ihren auf ihn gerichteten Blicken etwas uber allen Ausdruck Schreckliches und Bedeutungsvolles erblickte, da stand er vor ihnen, wie das geangstete Gewissen den Richter der Welt vor sich stehen sieht, und rief mit einem feierlichen Tone:
"Uber wen soll ich noch Weh ausrufen?"
Jetzt sprang Amalie auf und riss sich aus den Armen des Bebenden, Hinsinkenden:
"Uber mich! uber diesen hier! uber die Verbrecher, die deinen Liebling ermordet haben Treue, Freundschaft brachen und ihn in dem Augenblick ermordeten, da sie die Treue brachen. Vor dem Zorne dieses fliehend, als er die Treulosen uberraschte, stiess sich der Zarte an dem Klavier; das Blut stromte und mit dem Blute die Quelle seines Lebens. Diesen Unglucklichen hier liebte ich mit der Flamme der Leidenschaft, sie schlief in meinem Busen und erwachte, als ich ihn wiedersah. Und noch lieb ich ihn! Ja, schaudere, bebe und wende dein Angesicht von mir! Von dem Augenblicke an, da das erste und das darauf folgende Verbrechen begangen war, blieb keine Rettung mehr fur mich. Der Tod des Unschuldigen, den du mir jetzt ankundigest, macht mich so unglucklich als ich es werden kann; aber durch ihn wird das Band, das die Verbrecher zusammenkettet, unaufloslich. Seine Reize sind jetzt seine und meine Gewissensbisse, seine Lockungen die Qual, dass keiner ohne den andern leben kann, dass jeder in dem Elende des andern leben muss dies ist es, was uns auf ewig vereinigt!"
Ernst antwortete mit bebender Stimme:
"Oh, es ist genug!"
18.
Als Ernst wieder in das Zimmer zuruckkam, trat er neben die Leiche seines Sohnes. Der Kammerrat blickte ihn an und bemerkte an ihm eine Veranderung, die ihn so entsetzte, dass das Schlagen seines Herzens stille stand. Nachdem Ernst den letzten Atemzug von den Lippen des Knaben gekusst, ihn gesegnet und seinem scheidenden Geiste nachgesehen hatte, sagte er zu dem Kammerrat: "Ich kann hier gar nicht weinen! Bei Amalien werde ich es konnen." Jetzt, nach seiner Ruckkehr, stand er da, ganz mit der grauen Aschfarbe des Todes bedeckt, und heftete seine gebrochenen Augen gleich einem Toten licht- und strahlenlos auf die Leiche seines Sohnes.
Der Kammerrat naherte sich ihm, ergriff seine Hand, druckte sie an seine Lippen, an sein Herz und sagte schluchzend:
"Konnen Sie noch nicht weinen?"
Ernst schwieg wie in Todesschlummer.
Und abermals schrie der Kammerrat heftig:
"Konnen Sie noch nicht weinen?" Er warf sich zwischen ihm und der Leiche auf die Knie nieder und betete:
"Gott, der du mit deinem Regen die Erde und den Durstigen trankest, gib diesem Menschen Tranen! Er ist eins deiner besten Geschopfe! Gib ihm Tranen aus der Quelle des bittersten Schmerzes!"
Er erhob sich und umfasste ihn seine Tranen netzten die Wangen des Starren
"Hat Gott mein Gebet erhort? Konnen Sie weinen?"
Ernst sagte wie traumend:
"Weinen? Nein, noch nicht! Horen Sie doch! Glauben Sie nicht, dass dieser ermordete Jungling wieder aufwachen wird? Ist gar keine Hoffnung da?"
KAMMERRAT: Er lebt! dort lebt er! Hier erwacht er nie.
Ernst sturzte an dem Bette nieder, ergriff die Hand des Toten, bewegte die Leiche sanft und sagte:
"Er soll, er muss erwachen! Franz, mein Sohn, erwache! Errette deinen Vater! errette seine Seele, seine Tugend! Lebe, dass er nicht verzweifle, dass er sich an ein treues Herz drucke!"
KAMMERRAT: Ich erkenne Sie nicht mehr und Sie verwerfen mich. Sie horen nicht auf mich Und warum rufen sie dem lieben Toten diese schrecklichen Worte nach?
ERNST: Oh, ich habe Dinge vernommen Er legte die Hand des Toten auf seinen Mund. Ich will es verschweigen und ich versiegle deinen Mund indem er ihn kusste Klage nicht an! schweige dort, wie du hier geschwiegen hast! Auch ich klage nicht an. Legen Sie Ihre Hand in die Hand des Toten und verschweigen auch Sie, was Sie gehort haben. Wir mussen noch diese Stunde dies Haus verlassen.
KAMMERRAT: Ihr Haus? Jetzt?
ERNST: Es ist nicht mehr mein Haus. Wir mussen es verlassen und den Toten auf mein Gut fuhren. Lassen Sie schnell den grossen Wagen anspannen indessen will ich ihn in ein Leichentuch einhullen. Geschwind, geschwind! ehe der Wahnsinn mich dahin bringt, dass ich ihm den letzten Dienst nicht leisten kann. Niemand soll ihn beruhren als ich und Sie, niemand in diesem Hause soll ihn sehen Und bestellen Sie, dass mir nur die alten Diener meines Vaters folgen.
Der Kammerrat ging. Als er zuruckkam, fand er Ernsten noch beschaftigt, den Knaben in Leichentucher einzuhullen. Nun trugen sie den Toten leise und sanft die Treppe hinunter. Als sie an dem Zimmer der unglucklichen Mutter vorubergingen, fuhlte der Kammerrat den Korper des Entseelten durch das heftige Zittern des Vaters in seinen Handen beben. Ernst lispelte ihm uber die Leiche zu: "Leise! leise! dass man uns nicht hore!"
Ernst setzte den toten Knaben neben sich, dem Kammerrat gegenuber, und hielt ihn fest umschlungen. Als sie aus der Stadt waren, liess er die Wagenfenster nieder. Sie fuhren langsam und immer schweigend. Der Kammerrat fuhlte noch oft nach Ernstens Hand, aber dieser hielt den Toten fest umschlossen und bewegte sich nicht. Der Kammerrat lauschte auf seinen Atem, er horte ihn nicht und wurde von einer schrecklichen Angst uberfallen. Aber als sie um den Forst bogen, als der Mond jetzt heraufgestiegen war und sein Schimmer in den Wagen fiel, als Ernst in diesem Augenblick das Gesicht seines hingeschiednen Lieblings von dem sanften Glanze verklart sah und sich nun erst seine Tranen ergossen, da fiel der Kammerrat auf seine Knie, drangte sich an ihn und hielt ihn und den Toten fest umschlungen.
Ernst sagte sanft:
"Dort strahlt dein Geist im Lichte lieblicher! Und hier glanzt die zarte Hulle, in welcher er so schon aufbluhte, in dem reinsten irdischen Lichte!
Er muss reisen, mein Geliebter, das vaterliche Haus verlassen, um ein Grab zu suchen Glucklicher, du wirst es finden in dem Paradiese deines Vaters, an dem Orte, den er nie hatte verlassen sollen, den er nun mit der Klage betritt, dass ihm seine dort bluhende Wiege nicht so fruh zum Grabe geworden ist wie dir!"
19.
Der Totenruf der Glocke von dem Hugel herab, auf dem die Kirche einsam stand, versammelte die Gemeinde. Der mit Blumen geschmuckte Sarg des lieblichen Knaben war vor den Altar gesetzt, und die Gemeinde vergoss stille Tranen. Der Vater stand neben dem Sarge und weinte nicht mehr, aber sein Anblick erschutterte die Anwesenden, und Weinen und Schluchzen unterbrachen den frommen Redner, der Bilder der Unsterblichkeit sammelte und sie an dem Sarge des Lieblichen zu einem schonen Kranze fur jenes Leben flochte. Als man den Sarg in die Gruft senkte und der Geistliche den Segen sprach sprach der Kammerrat ihn laut nach und aller Stimmen mit ihm. Die Madchen und Knaben uberschutteten Sarg und Grab mit Blumen. Nachdem alle die Kirche verlassen hatten, folgte Ernst, und als die Turen auf ihren Angeln drohnten und dumpfschallend zufuhren, wendete er sich um und sagte zu dem Kammerrat:
"Der Schall tont wie aus der Ewigkeit her, die Pforten des Glucks auf Erden schlossen sich mir!"
Nichts, was ihn umgab, schien ihn jetzt zu ruhren. Achtlos ging er in dem Garten seiner Jugend umher, ihre goldnen Traume lagen verdunkelt in seinem Geiste, die Tore jenes erhabenen Landes waren mit Finsternis bedeckt, und die Gottin, die ihn geleitet hatte, die ihm einst in Amalien so sichtbar erschien, dass er sie in ihr erkannte, war verschwunden. Wenn ihn das zermalmte Herz an ihr Dasein erinnerte, so sah er in ihr das erhabene Bild erniedrigt und mit Schmach bedeckt auf ihrem Angesicht erblickte er eine grassliche Larve, die seinen Glauben verhohnte. Jetzt lag sein Geist nur an der Erde, er konnte seine gesenkten Schwingen nicht erheben, ihre Flugkraft war zerschnitten, und er sass in seinem bluhenden Paradiese wie der dustre Genius des Todes am Grabe. Aber bald entsprangen giftige Zweifel aus den schaudervollen Betrachtungen uber sich selbst, die Menschen und das, was sie, was die Geliebtesten unter ihnen ihm getan hatten. Sie drangen in sein Herz und aus diesem zu seinem verfinsterten Geiste. Aber noch trieb er ihren Stachel zuruck. Auf einmal stand er plotzlich vor der Hohle, die sein bedeutendes Kleinod in sich verbarg, und es erschien ihm nun wie eine Sage der Fabelzeit von einer andern Welt erzahlt Er wollte hineindringen und fuhlte sich gewaltsam zuruckgehalten. Ihn dunkte, als vernehme er Hadems Stimme, ihn dunkte, dessen Geist lispele ihm zu und rufe ihn zuruck. Er entfloh, und als er den Kammerrat in dem Garten des Schlosses fand, rief er: "Zu ihm! zu ihm! Nur Hadem kann mich von dem bosen Damon erretten, den jene mir nachgesandt haben."
Der Kammerrat bestarkte ihn in seinem Entschlusse und freuete sich, dass ihn ein anderer Gedanke beschaftigte. Nur erschrak er, als er vernahm, dass Ernst seinen Hadem in Frankreich aufsuchen wollte.
"Ja, in Frankreich!" rief Ernst; "dort will ich ihn suchen und erwarten, wenn er nicht angekommen ist."
Er beschaftigte sich die ganze Nacht, schrieb an den Fursten, meldete ihm seinen Entschluss und sagte ihm, dass er sich nur so retten konne.
An Amalien schrieb er folgende Zeilen:
"Ich fliehe nach Frankreich Die Entweichung, das Verlassen berechtigen zu der Scheidung. Der Kammerrat Kalkheim wird, bevor Sie dieses erhalten, dem Notarius die Bekraftigung von meiner Seite uberliefert haben. Zugleich werden Sie von ihm Wechsel auf eine Summe und die rechtliche Abtretung des Hauses, worin Sie wohnen, bekommen."
Dem Kammerrat ubergab er die Wirtschaft und verliess denselben Tag den vaterlandischen Boden.
Funftes Buch
1.
Das Gerucht von Ernstens Abreise nach Frankreich erscholl und wurde mit aller Bosheit ausgebreitet. Man wusste die wahre Veranlassung, aber jeder schwieg davon; die, welche es redlich mit ihm meinten, aus Schonung, seine Feinde, um diesen Beweis seiner wirklichen Verbindung mit den Feinden des Vaterlandes und aller burgerlichen Ordnung nicht zu schwachen. Der Furst allein verteidigte ihn laut, und wenn er die Ursache von Ernstens Flucht nicht offentlich sagte, so unterliess er es nur aus Achtung und Schonung fur den abwesenden Minister, Amaliens Vater.
Amalie lebte eingeschlossen. Sie sah niemanden als den Unglucklichen; sie sah ihn zu ihrer Qual und musste ihn sehen.
Der Kammerrat stellte ihr das Schreiben zu. Sie wagte es nicht, nach Ernsten zu fragen, auch nicht in des Kammerrats Gegenwart das Siegel zu erbrechen.
Der Kammerrat ging. Ferdinand erbrach den Brief und las.
Amalie rief: "So racht sich der Edle! Und er weiss, er dachte es nicht, dass dieses die grausamste Rache ist, die er ersinnen konnte. So lassen Sie uns denn so unglucklich werden, als wir es zu sein verdienen, und das von ihm gegebene Brot unter dem nie verganglichen Gefuhle essen, dass es uns taglich ein Mann darreicht, den wir verraten haben, wie nie ein Mensch verraten ward!
Oh, lassen Sie mich niederknien und zu ihm, wie zu einem Heiligen, um Erbarmung, um einen einzigen milden Blick beten! Dieses soll er mir von nun an sein. An seinen reinen Geist will ich mein Gebet wenden, ihn anflehen, es dem Ewigen, an den ich mich nicht zu wenden wage, vorzutragen."
FERDINAND: Amalie! Amalie!
AMALIE: Warum reden Sie jetzt in diesem wilden Tone zu mir? Was soll Ihr drohender Zuruf in mir erwecken? Ich verstehe Sie! Ja, wir wollen unsre Hande zusammenschlagen die Furien grinsen dazu und wahrlich! wahrlich! sie sind keine fabelhafte Wesen.
Sie riss zum erstenmal wieder hastig das Klavier auf und sang in wilder, kuhner, erhabener Begeisterung die Raserei des von den Furien geplagten Orestes nach Gluck. Dann schlug sie es zu und rief:
"Das ist unser hochzeitlicher Gesang. Ich habe ihn gesungen, und die Eumeniden heulten dazu. Nun lasst die Saiten auf ewig verstummen!"
"Wir haben ja alles erhalten, wir leben ja noch!"
Ferdinand schrie ergrimmt: "Ja, wir leben und wollen leben und mussen leben!"
Und er schlug mit geballter Faust auf das Klavier, dass es in Stucken zersprang seine Hand ward von dem Schlage verwundet, und das Blut rieselte herab.
Amalie riss Ferdinand weg.
"Nicht auf diese heilige Stelle, auf welcher das Leben seines Lieblings entquoll! hier brennt sein reines Blut unter meiner Sohle und sein Geruch steigt zu meinem Geiste empor. Hierher! hierher! Sie riss ihr Tuch von dem Busen. Hier lass diese Tropfen jene versuhnen, bis mehr Blut fliessen wird. Lass es hier kuhlen oder in Feuer herunterregnen Auch dieses ahndete ich in meinem Wahnsinn, der mir wie susse Begeisterung vorschwebte."
Und als sein Blut ihren vollen, weissen Busen befleckte, zog Todeskalte bei dem Anblick durch Ferdinands Gehirn und Herz. Seine Zahne schlugen vor Frost zusammen er griff mit der blutigen Faust in seine Brust, riss an seinem Herzen, als wollte er die Wurzel des Lebens ausgraben, und schrie knirschend:
"Dies ist ein Gaukelspiel der Holle, nicht der Liebe."
Amalie bedeckte ihren Busen und sagte:
"Da haben Sie recht! das ist unsre Liebe! das musste sie werden!"
2.
Ernst erkannte Paris nicht mehr. Die ganzliche Veranderung alles Alten, der herrschende, wilde, leidenschaftliche Ton, die Szenen des Mordens, das Gerausch der Waffen und des Aufstandes, das Siegesgeschrei uber errungene Vorteile, die Ermordung oder die Flucht aller seiner Bekannten, nach denen er fragte vermehrten die Dunkelheit seines Geistes, die Angst seines Herzens. Nur ein Gedanke, nur eine Hoffnung erhielten ihn in dem schrecklichsten Gebrause, das je die Krafte und Leidenschaften der Menschen erregt hat Hadem und das Licht, das er durch diesen erwartete. Wie der vor Durst verschmachtende Wanderer eine erquickende Quelle sucht, so suchte er Hadem. In allen Wirtshausern, an allen offentlichen Orten, bei allen Bankiers, bei jedem, der jemals in Amerika gewesen war oder dort die entfernteste Verbindung hatte, erkundigte er sich nach ihm. Sein rastloses Bemuhen blieb fruchtlos; Hadem war noch nicht angekommen. Vergebens einsam herumirrend, kampfte er nun in dieser ihn umbrausenden, allem Auflosung drohenden Anarchie, seiner verhullten moralischen Kraft ihren vorigen Schimmer und ihre vorige Klarheit wiederzugeben.
Es war jetzt der Zeitpunkt, wo ein Mann herrschte, dessen Name dieses Buch nicht beflecken soll.
Renots Briefe an einen beruchtigten Genfer kamen zu gleicher Zeit mit Ernsten in Paris an. Er schilderte ihn als einen Royalisten, der mit den franzosischen Prinzen in Verbindung stande und von einem grossen Hofe mit geheimen Auftragen nach Paris geschickt ware. Man beobachtete ihn von dem ersten Augenblick an, belauschte seine stillen Seufzer, seine oft laut ausgesprochnen Worte uber sein eignes Schicksal, das immer druckender wurde. Sein rastloses Herumirren, Nachfragen und Suchen bestarkten den Verdacht. Eines Abends, als er nach seiner Wohnung ging, ward er an der Tur ergriffen und nach dem Schreckenshause gebracht, wo man die Schlachtopfer aufbewahrte, um sie truppweise nach dem Blutgeruste zu fuhren, damit das blutige Schauspiel unterhalten wurde.
Er erschien vor dem Ausschusse, den der Mordgeist zusammengesetzt hatte und dessen Mitglieder sich Richter nannten, um der Menschheit Hohn zu sprechen.
Er antwortete kalt und gefasst auf die ihm vorgelegten Fragen, lachelte uber die Verbrechen, die er gegen Frankreich begangen haben sollte, und sagte, ermudet von ihrem Wahnsinn und seiner Burde: "Wie, meine Herren? Wenn ich nun, gedruckt von der Last des Lebens, verfolgt von einem schrecklichen, unverdienten Schicksal, in dem Zutrauen nach Frankreich geflohen ware, dass ihr, die ihr so viele Unschuldige ermordet habt, nun auch in mir einen Unglucklichen toten wurdet, der euch fur den Dienst, den ihr ihm erweiset, noch dankt?"
"So bereitet Euch auf diesen Dank, Ihr sollt Euch in Eurer Erwartung nicht betrogen haben!" antwortete der Vorsitzer.
Mit diesem Ausspruch ward er zuruckgefuhrt und auf die Liste derer gesetzt, die am folgenden Tage bluten sollten.
3.
Renot hatte diese Nachricht aus Paris bekommen, und er hielt Ernstens Schicksal fur entschieden, wie man es ihm auch meldete. Er verbreitete das Gerucht in der Stadt, und die ersten Pariser Zeitungen bestatigten es. Wenige beklagten den Edlen, seine Feinde fanden die Strafe gerecht, welcher ihn, nach ihrer Meinung, das rachende Schicksal entgegengefuhrt hatte.
Renot konnte Ferdinand zu der Witwe Gluck wunschen. Dieser antwortete ihm mit einem gotteslasterlichen Fluche. Er eilte zu Amalien, sie liess ihn nicht vor sich, und ihre Kammerfrau gab ihm im Namen ihrer Gebieterin einen Brief.
Amalie hatte die Todespost durch einen Brief ihres Vaters erfahren. Sie schrieb an Ferdinand:
Amalie an Ferdinand
Ich weiss, was ich von Ihnen horen soll! Diese Nachricht aus Ihrem Munde wurde ich nicht uberleben. Wagen Sie es jetzt nicht, vor mir zu erscheinen. Alles ist fur uns zu Ende; nur die Qualen, die wir uns bereitet haben, dauern fort. Auch ich habe die schreckliche Nachricht vernommen, und ich sehe nun nichts als den Edlen, den sein Weib und sein Freund so schrecklich betrogen und dann dem Blutgerust entgegengetrieben haben. Ich seh ihn in seinem Blute, ich seh ihn in seiner Verklarung, und es ergreifen mich alle Schauder des Todes, den ein Verbrecher leidet. Unter diesem Beben richtet mich eine so angstlich erhabne Bewunderung des Verratnen auf, dass sich ein Verlangen nach ihm, welches an Wahnsinn grenzt, in meine Seele ergiesst. Ich fuhle ein Entzukken in meiner Verzweiflung ich fuhle, warum ich ihn nicht lieben konnte. Er war zu hoch, zu erhaben fur mich mein Herz empfand seine eigne Unwurdigkeit, sein Unvermogen, ihn zu erreichen. Ich liebte ihn nicht nur zu feierlicher, stiller Verehrung zwang er mich Den Unwurdigern liebt ich, den, der mir mehr glich, und ich liebe ihn noch und die Glut der Liebe durchdringt mein Herz, da ich dieses auf dem Sarge des Edlen schreibe. O der unbegreiflichen Verirrung! Sie sind mir ein Gegenstand des Abscheus und der unuberwindlichsten Liebe Mich verlangt nach Ihrem Anblick, und wenn Sie jetzt vor mir erschienen, so wurde der Wahnsinn meine Hande gegen Sie bewaffnen. Fliehen Sie mich ich will nicht den schnellen Tod der Verzweiflung sterben ich will langsam vergehen, langsam die Qualen empfinden. Nichts habe ich gerettet, was mich trosten konnte; denn dass ich unterliess, wornach ich mich sehnte, auch das verdanke ich nur ihm. Gleich einem wachenden, drohenden Engel stand er zwischen uns, als er lebte, und das Beben vor dem furchtbaren Reinen erhielt den Schatten dieser einzigen unverdienten Tugend, die ich mir oft in meiner Vermessenheit zuzurechnen wagte. Fliehen Sie! Sollen wir, gleich jenem zum ewigen Durst Verdammten der Fabel, an der Quelle des Verlangens sitzen, ohne es je stillen zu konnen? Soll er, wenn wir uns einander nahen und unser Atem sich beruhrt und unsre Seelen sich umfassen mochten, das blutige Totengewand zwischen uns werfen? Sollen unsre Seelen bei seiner kalten Beruhrung erstarren?
Ich tat mehr als die Verworfenste; denn ich war das Weib des edelsten Mannes. Dies! dies erwagen Sie, wenn Sie mir mein Urteil nach Verdienst sprechen wollen! Und ich ermordete seinen Liebling, vertrieb ihn vom vaterlandischen Boden jagte ihn dem Blutgerust entgegen als ein Opfer unsrer Lust! Bewirkte nicht dieses allein seine Flucht? Hatte es die Bosheit der Elenden vermocht? Wurde er nicht vor ihnen wandeln, so stark und mutig wie sonst? Also, was fehlt an meinen Verbrechen? Dass ich nun ruhig die Fruchte derselben genosse in Ihren Armen seiner hohnte? Wenn ich nicht zu seiner Tugend hinaufreichen konnte, so ging doch durch den Umgang mit ihm von seinem Geiste so viel zu mir uber, dass ich meinen Verbrechen ein Ziel setzen kann. Er ist geracht an mir, er ist geracht an Ihnen. Und wenn diese wahnsinnige Leidenschaft Ihr Herz erfullt wie das meinige und immer dauert, wenn Sie empfinden wie ich, wenn Sie auf sich selbst mit Abscheu blicken wie ich, wenn Sie nach mir verlangen wie ich nach Ihnen und dabei wie ich die Unmoglichkeit fuhlen, dieses Verlangen je stillen zu konnen; und wenn alle grassliche Erinnerungen mit allen Vorspieglungen einer zerrutteten, entflammten Phantasie Sie unaufhorlich verfolgen ist er da nicht geracht? Und wenn Sie nach ihm seufzten, sich nach ihm sehnten, zu ihm flehten wie ich, ihn zwischen sich und den Richter der Welt stellen mochten, um einen seiner hohen Blicke und eins seiner schonen, lieblichen Worte gerne noch mehr Qual erlitten, wenn es noch grossre gibt ist er nicht geracht genug?
Hier lege ich Ihnen den Brief meines Vaters bei. Er scheint viel zu wissen genug, um seine Tochter zu verwerfen, aber noch nicht genug, um den Fluch uber sie auszusprechen er wird nicht fehlen. Ein gluckliches Los stellte mich zwischen zwei edle, seltne Manner, ein unbegreifliches Verhangnis zog mich zu einem oh, ich kann es nicht aussprechen Und kennen Sie sich nicht?
Fliehen Sie! Wahrend wir ihn verrieten, hat er fur Ihr Gluck gesorgt Sie sagten mir ja, dass man Sie auf den Weg des Glucks und der Ehre zuruck beriefe es ist des Edlen Werk sein letztes Werk. Vielleicht durfen Sie sich ihm dort noch nahen, wenn Sie hier Ihre Pflicht erfullen. Fur uns Weiber bleibt nichts ubrig, als in der Schande, der Schmach zu sterben, wenn wir einmal gesunken sind.
Ferdinand schrieb zuruck:
Ihr Brief hat mich emport aber mein Kopf blieb kalt, und mein Herz schlug nicht starker; denn mein Entschluss ist gefasst. Ich fliehe nicht, ich verlasse Sie nicht, ich will nichts mehr in der Welt als Sie! Da das Schicksal dessen, dem unser Verbrechen, wie Sie es nennen, das Leben kostete, sich so entschieden hat, so sehe ich nicht ein, welches ich nicht noch begehen konnte, um mich Ihres Besitzes zu versichern. Durch jedes neue wird die Glut, die mich verzehrt, nur um so heftiger werden. Ich fuhle nur, dass unser Dasein in jenem unbegreiflichen Augenblick auf das Leben entschieden ward; warum drang er sich da auf, wo das Schicksal so stark vorgezeichnet hatte? Amalie, ich habe Sie zu teuer erkauft, um Sie fliehen zu konnen. Ich werde so wenig von Ihnen lassen wie Ihre Gewissensbisse, ich werde Ihnen noch naher sein Fliehen Sie, ich folge Ihnen ich bewache Ihre Schritte von nun an Besser ist es, Sie bleiben die Elenden hier werden uns nicht tadeln Amalie, das Geschick hat in uns beiden seine Sklaven an eine Kette gebunden; Sie losen sich nicht mehr davon, dies bedenken Sie! Und bedenken Sie auch, dass ich nur um Ihrentwillen noch einigen Wert in mein Leben setze, dass kein Verbrechen zu nennen ist, welches ich nun nicht um Ihrentwillen begehen konnte! Weg mit diesen Unglucklichen! Mein Blick ruht auf dem Edlen, zu ihm zieht mich mein Herz.
4.
Als man dem beruchtigten Ungeheuer die Aussagen der am Morgen zum Tode Verurteilten vorlas und er Ernstens Antwort vernahm, sagte er lachend:
"Man halt mich fur einen Tyrannen, so will ich es denn einmal beweisen. Der teutsche Edelmann soll leben, weil er sterben will. Man fuhre ihn uber die Grenze."
Er strich Ernstens Namen durch.
Auch diese unerwartete Rettung ward in dessen Vaterlande als ein neuer Beweis seiner Verbindung mit jenen abscheulichen Menschen angesehen und durch das ganze Land verbreitet. Verfolgt von seinem schrecklichen Schicksal, von der Erinnerung der grasslichen Begebenheiten, deren Zeuge er gewesen war, und von dem Gedanken an das traurige Schicksal Teutschlands, dessen Verwustung er zum zweitenmale sah, kehrte Ernst in das Vaterland zuruck. Hier fuhlte er die Wirkung von der Bosheit seiner Feinde. Gehasst, verspottet, beschimpft floh er schnell auf sein Gut, aber auch hier fand er das Herz seiner Landleute, deren Wohltater er immer gewesen war, die einst das grosste Zutrauen zu ihm hatten, die ihn als ihren Freund und Vater ansahen, gegen sich vergiftet. Auch sie sahen in ihm einen Freund und Mitgenossen derer, die schon viele ihrer Sohne und Verwandten erschlagen hatten und die ihnen, wie den andern Unglucklichen, mit Verwustung, mit Erpressung drohten; denn um diese Zeit hatten die Gewalttatigkeit und Zugellosigkeit der franzosischen Heere langst alle sonstige Gefahr von dem teutschen Boden entfernt.
Ernst stand allein; und jetzt, da sein hoher Sinn unter seinem Schicksal hingesunken war, erreichten und trafen der tolle Wahnsinn und die giftige Bosheit sein Herz. Ferne stand der Geist, der ihn geleitet hatte, die schonen Traume seiner Jugend waren entflohen, seine Grundsatze, auf denen er wie auf Felsen geruhet hatte, zusammengesturzt, sein Glaube erloschen; und die Tugend schwebte nur noch zerstuckelt vor seinem dustern Sinne. Seine moralische Kraft war ganz verhullt, er konnte das grosse, erhabene Ganze, in welchem die Tugend besteht und sich darstellt, nicht mehr umfassen und ubersehen. So zerstuckelt sich vor unsern Augen bald die Wolke in Osten, welche die Sonne bei ihrem Aufgang erleuchtet und vergoldet, an einem sturmischen Tage, sie zerfallt in graue, gestaltlose Fetzen und verschwindet in Dunst am Horizont. Hadems letzte Worte erhielten nun den schrecklichen Sinn wieder, den Ernst einst bekampft hatte, seine Erfahrung an den Menschen, die Begebenheiten in Paris wurden ihm durch Renots Lehren erklart. Diese stellten ihm nun die Tugend als eine Gaukelei vor, welche die erhitzte Einbildungskraft erschafft und ausschmuckt, um Toren zu verblenden. Er kampfte gegen diese schrecklichen Gedanken und Empfindungen mit aller ihm noch ubrigen Kraft, er kampfte vergebens; denn die Menschenscheu, die Verachtung, die Bosheit, womit man ihn behandelte, hatten Menschenhass in ihm erzeugt, aber sein Menschenhass war eigner Art; es lag auch noch da ein erhabnes Gefuhl zum Grunde, das in dieser Zerruttung den vorigen Adel seines Geistes bezeugte. Er hasste nicht den Menschen in andern, er hasste ihn in sich wegen der Erniedrigung, in welche ihn die nagenden Zweifel und die aus ihnen entspringende Denkart gesturzt hatten. Er hasste den Menschen in sich, weil der hohe Glaube, der ihn einst beseligte, in ihm gesunken war, er hasste ihn in sich, weil er vergebens um das Licht kampfte, in welchem er einst wandelte. Kalt und gleichgultig gegen sich und alles ging er nun in dem Paradiese seiner Jugend umher. Kein Gegenstand erinnerte ihn an das Vergangene, er lebte nur in dem Gegenwartigen, mit der qualenden Auflosung des Ratsels beschaftigt, ob er einst nur getraumt habe, ob das Land uber den Wolken, von dem er sich entsprossen glaubte und wohin er zuruckzukehren hoffte, blosse Tauschung sei. Und wenn ihn diese schrecklichen Gedanken uberfielen, rief er klagend: "Ich werde meinen Franz nicht wiedersehen auch sein Dasein war nur ein Traum der mir bloss zu augenblicklicher Beschauung vorschwebte seine Blute ist zerfallen er modert ich finde ihn nirgends als aufgelost in seinem Grabe! Die Erde hat auch mich gefesselt wie ihn, ihre Bewohner haben meinen Geist gebunden sie schlugen nun die Pforten am Tempel der Natur, der Wahrheit, der Tugend und jener Welt zu, und ich habe den Sinn verloren, der sie mir einst offnete!"
Der Kammerrat versuchte seine Aufmerksamkeit zu fesseln, aber es war vergebens. Ernst wich seinen Gesprachen, selbst seinen treuherzigsten, gefuhlvollsten Ergiessungen aus. Nur wenn jener von Franzen redete, lachelte Ernst zuzeiten schmerzlich; aber oft blickte er finster auf ihn und wiederholte die schrecklichen Worte: "Ich werde ihn nicht mehr sehen!"
Der Kammerrat stand den Geschaften mit der ihm gewohnlichen Treue, dem ihm eignen Eifer vor, freuete sich uber den Fortgang der Wirtschaft und hoffte noch immer, Ernst wurde endlich aus seinem Kummer erwachen und sich an sich selbst, an seinem Werke ergotzen. So oft er mit Ernsten ging, deutete er da und dort hin, auf diese und jene Verschonerung oder Verbesserung, auf diese und jene neu keimende Hoffnung.
Ernst antwortete ihm: "Es ist Erde, von oben muss das Licht zu ihrer Verklarung kommen."
Der Kammerrat antwortete:
"An Licht hat es uns nicht gefehlt. Die Sonne scheint wie sonst, wir mogen ihr nun dafur danken oder nicht, und das ist es eben, was mich so sehr erfreut und so glucklich macht. Sehen Sie nur, wie alles gedeihet! wie alles um Sie her bluht und Ihnen zulachelt und Ihnen vorwirft, dass Sie es nicht sehen."
Ernst schwieg
Seine Landleute, deren Herz man vergiftet, denen man ihren Herrn als einen mit den Verwustern Teutschlands Verbundeten gemalt und denen man gesagt hatte, er sei nach Paris gereist, um sein Vaterland aus Rache zu verraten, hassten und furchteten ihn nun. Da er dieses nicht zu achten schien und kalt, traurig an ihnen voruberging, weil er sich aus Menschenscheu nicht getrauete, sie anzureden, so glaubten sie diesem Geruchte der Bosheit umso mehr und sagten untereinander: "Er hat gewiss ein schreckliches Verbrechen begangen, sein Gewissen foltert ihn nun; er ist wahnsinnig, man muss sich vor ihm huten." Diese Meinung bestarkten unter dem gemeinen Volke seine stillen Reden mit sich selbst, seine heimlichen Tranen, seine einsamen Wanderungen in dem dunkelsten Teile des Waldes, sein ofteres Sitzen vor den Pforten der Kirche auf dem Hugel, wo er sich so in Nachsinnen verlor, dass er die Beobachtenden nicht bemerkte und bei ihrem lauten Reden oder bei Gerausche entfloh, als habe man ihn uber einem Verbrechen ertappt. Hier uberdachte er Teutschlands trauriges Schicksal, hier kampfte er um den verlornen Glauben, um den vorigen hohen Sinn, hier gelang es ihm oft, durch einen leisen Seufzer, durch wehmutige, zartliche Erinnerungen die verlornen Gefuhle seiner glucklichen Jugend wieder hervorzurufen, sich durch seinen ihm so nahen Liebling, durch den heissen Wunsch, ihn wiederzusehen, an das Land anzuknupfen, dessen Spur er fur verloren hielt. Und es ware ihm gelungen ohne den ihn ganz betaubenden Schlag, der ihn eines Abends so schrecklich in seinen traurigen und sussen Traumen erschutterte.
Er sass eines Abends bei dem Untergang der Sonne vor den Pforten dieser Kirche und sah starr in ein an dem Horizont dunkel und duster aufsteigendes Gewitter. Schon donnerte es in der Ferne. Die Landleute eilten von den Feldern nach dem Dorfe. Ein roher Bursche bemerkte ihn und rief ihm zu:
"Geht doch von der Kirche weg, gnadiger Herr! Ihr seht ja, dass ein Gewitter aufsteigt; leicht konntet Ihr die Kirche zu Schaden bringen."
Ernst antwortete verzagt und sanft:
"Warum, mein Freund, sollte denn ich die Kirche zu Schaden bringen?"
"Wer weiss, wem das Gewitter gilt! Uns gewiss nicht", erwiderte der Bursche.
"Und wie mir? Warum mir, mein Lieber?" fragte Ernst noch sanfter.
"Dass Ihr nur fragt!" antwortete der Bauer rauh. "Wem zurnt anders der Herr als dem Verbrecher, dem sein Gewissen keine Ruhe lasst, weil er das Vaterland verraten hat, mit den Feinden im Bunde steht und kaum erwarten kann, bis sie da sind? Aber lasst sie nur kommen! Ihr sollt wahrlich die Freude nicht lange geniessen, und es soll Euch zu nichts helfen, dass die, die alle umbringen, Euch allein nicht umgebracht haben."
Ernst bebte und zitterte wie ein Verbrecher. Seine plotzlich blitzenden Augen schossen gegen den Himmel, und ihre feurigen Strahlen schienen sich mit den Blitzen, die jetzt die Wolken zerteilten, zu vermischen. Der Donner ertonte die Erde bewegte sich die Wipfel der Baume sausten er stand da und breitete die Arme gegen den Himmel aus, als forderte er Rettung, Vernichtung von dem Sturme, der an dessen Gewolbe wutete. Sein Herz klopfte, seine Lippen, seine Wangen waren totenbleich Und als nun die Stille erfolgte und das finstre Dunkel des Ungewitters sich mit dem Dunkel der Nacht vermischte, floh er nach dem Eichenwalde. Bald goss es von dem Himmel er rettete sich nach der Hohle Schauder des Todes hatten ihn ergriffen die Worte des Rohen erschallten furchterlicher in seinen Ohren als das dumpfe Gebrull des Donners in dem Widerhall der Hohle das schnelle Licht eines Blitzes fuhr durch die Spalten der Felsen und erleuchtete ihr schwarzes Dunkel. Er erblickte den Kranz in der Blende riss ihn herunter und schleuderte ihn in den nahen Abgrund. Dann sank er bei dem Abgrund ermattet nieder, und der Geist des Junglings schwebte duster trauernd uber dem Abgrunde, der das Zeichen des Glaubens verschlungen hatte.
5.
Morgens kam Ernst nach Hause. Der Kammerrat, welcher ihn die ganze Nacht unter Todesangst gesucht hatte, vergass seine Freude, ihn wiederzusehen, als er ihn erblickte. Er sah jetzt aus wie damals, als er aus Amaliens Zimmer zu der Leiche seines Sohnes zuruckkehrte.
Von diesem Augenblick an schien er nicht mehr zu leben; denn alles, was ihm einst Leben gab, war durch seine letzte Tat, selbst mit der Hoffnung, verschwunden, er sah nichts mehr, woran sein Geist sich hielt das Zeichen seines Glaubens mit aller seiner hohen Bedeutung war nicht mehr.
So traumte er duster fort an seinem Grabe und vermied alle Menschen. Horte er eine Stimme oder das Gehen eines Menschen, so floh er in das dicke Gebusch, und da umsausten ihn immer die schrecklichen Worte des Unglucklichen.
In diesem dunkeln Gebusch vernahm er auf einmal die Stimme eines Menschen, deren Laut durch sein Herz drang. Es war Hadem, von dem Kammerrat gefuhrt. Ernst sprang aus dem Gebusche und eilte dieser Stimme entgegen. Er sah Hadem die Wiese heraufwandeln wie den Priester des erhabenen Tempels, den die Natur um ihn her aufgebauet hatte.
Ernst eilte ihm entgegen, und als er ihm nun nahte und der durch das Alter jetzt noch ehrwurdigere Edle vor ihm stand und ihn an sein Herz zu rufen schien blieb er stehen und sah ihn mit solcher Verehrung an, als wagte er es nicht, ihn zu beruhren, als fuhlte er sich nicht mehr wurdig, in seine Arme zu sinken. Aber Hadem fiel ihm um den Hals und weinte. Die Freude zuckte einen Augenblick durch Ernstens Adern und Herz, sie verschwand, und er glich einem Menschen, der in dustern Traumen schwebt.
Hadem sagte traurig: "Ich sehe das Land meiner Hoffnung, es ist, wie es ehedem war alles bluhend, es verspricht den Vorschmack jenes Lebens, den ich hier zu geniessen hoffte. Aber der Geist, der es einst belebte, der es zum Paradiese machen sollte, wohnet nicht mehr hier. Ich suche meinen Schuler Er wendete sich zu dem Kammerrat. O sagen Sie mir, wo soll ich ihn finden?"
Der Kammerrat deutete in ruhrender Unschuld auf Ernsten.
Ernst sprach: "Sie kamen zu spat, Hadem. Der Traum ist ausgetraumt. Wenn Sie Ihren Schuler hier suchen, so ist Ihre Muhe verloren der ist lange tot ist lange verweset! Ubrigens sein Sie willkommen, wenn Sie sich mit seinem hier noch wandelnden Schatten begnugen wollen. Kommen Sie nur, Sie werden Ihr Zimmer finden, wie Sie es vor Jahren verlassen haben, mit allen Geratschaften alles gerade so dem Aussern nach."
Hadem hatte tief in seine Seele geblickt, er schwieg, ging mit ihm nach dem Schlosse, bezog sein Zimmer, dankte ihm fur das zartliche Andenken, alles so schon und freundschaftlich erhalten zu haben, und versicherte ihm mit Warme, dieses tue einem alten Manne, wie er nun sei, dessen Herz noch immer so jung fuhle, ausserordentlich wohl, und er wenigstens werde fur sich schon alles dieses finden, was er gesucht, was er so lange habe entbehren mussen.
Ernst horte ihn ruhig an. Die Tage vergingen, und er blieb in seiner Stimmung. Hadem erzahlte, warum er so lange verweilt, dass ein Kaper den Amerikaner, der ihn nach London gefuhrt, aufgebracht hatte. Ernst horte ohne Ausserung zu. Selbst Hadems ruhrende Geschichte in Amerika, seine Beschreibungen des Landes, der neuen Volker, die er gesehen nichts schien Ernstens Aufmerksamkeit zu fesseln, nichts seine Neugierde zu reizen. Zu seinem grossten Schmerz sah Hadem, dass er selbst von den ersten glucklichen Zeiten vergebens redete. Und dieses war die schrecklichste Entdeckung fur ihn; denn sie drohte allen seinen Hoffnungen.
Von dem Kammerrate konnte er wenig erfahren. Er wusste, dass sein Schuler keiner Tat von solchen Folgen fahig war, und umso emporender dachte er sich ihre Ursachen von der andern Seite. Woher diese Gleichgultigkeit, die oft an Fuhllosigkeit grenzte? dieser in bitterm Lacheln sich ausdruckende Unglaube? dieser entschiedne Hass gegen sich selbst, den er bei jeder Gelegenheit verriet? diese Kalte gegen ihn selbst, seinen Lehrer, seinen Freund? Er sah dieses Herz, welches einst die reinste Tugend erwarmte und belebte, jetzt erstarrt, selbst gegen seine Stimme, gegen seinen Zuruf, gegen seinen Blick fuhllos. Er sah diesen Geist, der einst auf atherischen Schwingen schwebte und nur hohe Gedanken dachte, zur Erde gedruckt, diese Lippen, welche einst die erhabensten Gesinnungen ausgesprochen hatten, verschlossen alle moralische Kraft in ihm erdruckt und die Tugend selbst als einen sinnlosen Schall nun an seinen Ohren vorubergehen. Und dieser einst schone, bluhende, junge Mann glich im Aussern einer Leiche sein Haupt gesenkt, seine begeisterten Augen erloschen, seine Wangen bleich, sein ganzer Korper nahe Auflosung drohend. Und er musste schweigen, durfte ihn nicht um die Ursache fragen, weil er jedesmal, wenn er nur entfernt darauf hindeutete, eine Erschutterung in ihm bemerkte, die seine schnelle Vernichtung furchten liess. Und doch musste dieser Augenblick herbeigefuhrt werden; denn nur in der Mitteilung von ihm selbst, in der ganzen Kenntnis seines erlittenen Unglucks konnte er die Mittel zur Heilung erblicken.
Davon uberzeugt fing er an, Ernsten kalter zu behandeln. Er sprach oft in seiner Gegenwart mit dem Kammerrat von seiner nahen Abreise, sagte dann, er habe sich betrogen, in aller seiner Hoffnung ganz geirrt, er verdiene es, er habe auf Menschen zu viel gebauet. Das verheissene Paradies hier habe wirklich abgebluht, er wolle es nun am Ohiostrom, in den Wildnissen Amerikas wieder suchen, so alt er auch sei, so sehr er auch der Ruhe bedurfe. Auch habe er mehr Zutrauen, mehr Liebe, Sicherheit und Tugend unter den dortigen Wilden gefunden als in dem aufgeklarten Europa. Hier spreche man von der Tugend wie von einem Thema der Redekunst, und wenn es zur Probe komme, zeige es sich, dass der Europaer nur schon davon zu reden verstehe. Die Wilden taten, wovon man hier sprache, und dieses ergotze sein altes Herz und mache es wieder jung; er sei nun aller europaischen Schwache, Gleisnerei und Plage herzlich satt.
Ernst senkte das Haupt, und Tranen traufelten aus seinen Augen. Er suchte sie zu verbergen und schwieg noch.
6.
Einige Tage hierauf sagte der Kammerrat zu Ernsten:
"Herr Hadem macht wirklich Anstalten zur Reise und, wie es scheint, noch auf heute!"
Ernst eilte zu ihm und umfasste seine Knie:
"O mein Vater! mein Lehrer! nehmen Sie mich mit an den Ohiofluss zu Ihren Wilden!"
Hadem antwortete mit strengem Ernste:
"Was fordern Sie von mir? Ich eile zu den Wilden, um Sie, in welchem ich mich betrogen habe, zu fliehen, um Sie nicht mehr zu sehen, um die wenigen noch ubrigen Tage meines Lebens nicht zu hassen. Ich bin mude, um einen Schatten herzuwandeln, der mich bei jedem Blick an den edelsten, den hoffnungsvollsten Menschen erinnert, den meine Augen gesehen haben, in welchem ich den Lohn meines kummervollen Lebens aufbluhen sah, der aber keiner meiner Hoffnungen entsprach, der meinen Geist totet, mein Herz zerreisst, der in seinem Ungluck auch das verloren hat, was der Trost des Unglucklichsten ist: das Vertrauen, sein Ungluck in den Busen seines Freundes zu giessen. Doch der moralisch Tote glaubt auch nicht an Freundschaft, und damit ich das nicht in Ihrer Gesellschaft werde, so gehe ich, so fliehe ich zu den Wilden, um mir dort noch einen Freund zu suchen, der meine Augen schliesse und meinen Leib in die Erde senke."
Er hob seine Hande zum Himmel empor und rief mit lauter Stimme:
"Geist des Edeln, dem ich diesen Menschen einst anvertrauet habe! kennst du ihn noch? Wirst du ihn erkennen, wenn er einst zu dir tritt? Darf er dir sagen: Ich habe deine Stimme vernommen, ich habe dich verstanden!"
Jetzt sturzten Tranen aus Ernstens Augen. Er warf sich in Hadems Arme:
"O mein Freund! mein Lehrer! erretten Sie mich vor mir selbst! Wenn Sie alles wussten, Sie wurden mich bei jenem nicht an klagen Wenn Sie es wussten, Ihr gutes Herz wurde bei meiner Geschichte brechen! O wie ist die Welt mit Ihrem Schuler umgegangen! Wie haben die Menschen ihn gemisshandelt! Was haben ihm die getan, deren Busen er sein ganzes Gluck anvertrauete! Und war jener, den Sie zum Zeugen gegen mich anriefen, nicht unglucklich, nicht verfolgt wie ich?"
HADEM: Nur dann wurde er es ganz gewesen sein, wenn er an dem gezweifelt hatte, was er Sie und die Menschen lehrte Tat er dies? fiel er je so tief? Und mag mein Herz bei der Erzahlung Ihrer Geschichte brechen kann mir mehr geschehen als mir taglich geschieht? Und kann, muss ich nicht Rechenschaft von den Fruchten der Lehren fordern, die ich Ihnen gegeben habe? Sind Sie mir ihre Anwendung nicht schuldig? Verdammt, oder rechtfertigt mich nicht die Art, wie Sie das ertragen haben, was Ihnen die Menschen Boses zufugten? Muss ich nicht wissen, was Sie dabei taten? Soll ich Sie mit dem schrecklichen Gedanken verlassen, ich habe Sie irregefuhrt? Ihre Zweifel, Ihre jetzige Denkungsart klagen mich, Ihren Lehrer, als einen Betrieger an; soll ich mit diesem Gefuhl, an dieser Vorstellung sterben?
ERNST: Hadem! keine solche Vorwurfe! Oh, wohl! es sei so!
Zu meiner Verurteilung will ich Ihnen die Geschichten erzahlen, die mich hierher gebracht haben.
Sitzen Sie hier, mein strenger, unbestechlicher Richter! sein Sie fuhllos gegen mein Ungluck! Ihr Verstand allein hore mich!
Ich weiss nicht, wer schuldig ist. Vielleicht konnen Sie es mir am Ende meiner Erzahlung sagen. Aber bevor ich dahin komme, will ich Ihnen erst einen schonen Jugendtraum erzahlen, will von mir wie von einem andern reden wie von einem, der hier zwischen uns im Grabe verscharrt liegt, dessen Leichenrede ich zu halten bestellt bin. Ach, Sie wissen, wie dem bestellten Leichenredner zumute ist, wie viel Anteil er gewohnlich an dem Verstorbenen nimmt, wie sehr er eilt, des lastigen Geschafts bald los zu werden. Hier gleich ich ihm nun nicht, ich mochte bis zu meiner Auflosung von dem Toten reden. Und wenn ich dahin komme, wo dieser Jugendtraum verschwunden ist glauben Sie, ich wurde erzahlen konnen, wie er verschwand? Und ich soll es jetzt erzahlen jetzt, da mein Herz ganz zerrissen ist so wund, so zerrissen, dass alle meine Empfindungen hindurchsinken jetzt, da keine Fiber mehr zittert, kein Nerve mehr antwortet, da meine Seele so verfinstert und gedankenlos ist, als sei ich in dem dunkeln Schosse der Erde geboren und ihr nie entstiegen, als sei nie ein Lichtstrahl aus jener Welt in mein Gehirn gefallen! Freilich habe ich nun eine Art von Wohlsein errungen, wobei ich schaudere; und, Hadem, mein Lehrer, mein Freund, dieser Schauder ist die einzige Empfindung, die der, den Sie moralisch tot nennen, noch hat, die ihm zeigt, dass er lebt. Und dann lispelt mir zuzeiten ein Geist aus weiter Ferne: "Du lebtest! du traumtest einst!"
Reden Sie nur jetzt nicht, Hadem! Aus jedem Ihrer Worte wurden nur neue Zweifel gleich giftigen Schlangen an meine Brust springen Jetzt trotz ich der Verzweiflung, was ich sonst nicht konnte; denn es war eine Zeit, wo ich mit geballter Faust das Herz zuruckdruckte, wenn es wieder dem Leben entgegenschlagen wollte.
So wie es jetzt ist, ist es recht gut, es konnte ja noch viel schlimmer werden. Und wenn ich Ihnen einst laut zurufen sollte, in dem Tone, der so oft in meine Ohren gellt: "Jungling mit den grauen Haaren, der ernsten Stirne! auch du traumest!" dann fliehen Sie schnell, dann mochten Lasterungen aus dem Munde sturzen, der zum Segnen, zum Ausdruck der Verehrung gebildet ward. Dann wird der Tempel ganz in Staub zerfallen sein, auf dessen Trummern ich jetzt sitze wie ein klagender Geist der Vorzeit. Ich kann ihn nicht mehr aufbauen, es geht uber meine Kraft.
HADEM: Den Jugendtraum! Ich bitte, erzahlen Sie mir Ihren Jugendtraum.
ERNST: Ah, seine Farbe ist verbluht, in dem Winde zerstreut ich kann sie nirgends mehr finden. Das Schicksal hat meine Flugel zerschnitten und der Geist, der sie erschwarmte, wo ist er? Erschuf er sie? Wahrlich, ich vermag es nicht mehr, aber das, was darauf erfolgte, das schreckliche Erwachen, das! das! werde ich Ihnen andeuten konnen, dazu liegen die schwarzen Farben in meinem Herzen.
Und langsam, unter dem peinlichsten Kampfe, bald stockend, bald in wilder Ergiessung, bald mit Tranen, bald mit Heftigkeit erzahlte er das Geschehene von Renots Eintritt an bis auf den Augenblick, in welchem er den Kranz aus der Blende riss und in den Abgrund warf.
Und er endigte: "Mein Geist, mein Glaube an die Tugend sturzten ihm nach, und nun hasse ich das Menschengeschlecht, hasse es in mir, hasse es darum in mir, weil ich aufhoren konnte, der zu sein, der ich war! Um den Verlust dieses Gluckes, dieses Sinnes, um den Verlust der Hoffnung, meinen geliebten Knaben dort wiederzusehen, hasse ich mich! Und dieser wilde Hass wird taglich bitterer, emporender er, er allein, halt schon lange die Tranen in meinen Augen zuruck, die ich uber mein Schicksal weinen konnte. Reisen Sie nun ohne mich, wenn Sie es konnen." Er floh aus dem Zimmer. Hadem hatte alle Qualen, die er bei der Erzahlung empfand, schweigend ertragen sie trieb ihn an die Pforten des Todes, und oft sank sein Bewusstsein; aber als Ernst die letzte rauhe Behandlung beruhrte und dann mit dem schrecklichsten Blick, den Hadem je in eines Menschen Auge gesehen, sagte, wie er den Kranz in den Abgrund geschleudert hatte, und dann rief: "Mein Geist, mein Glaube an die Tugend sturzten ihm nach", da stockte sein Leben einen Augenblick, und als er wieder zu sich kam, sah er angstvoll nach Ernsten, als wollte er sich von dem Dasein desselben uberzeugen, als zweifelte er, ob er es wirklich sei, der diesen Augenblick uberlebt hatte.
Und nun kannte er die schrecklichen Ursachen von der Verhullung des Geistes, der moralischen Kraft seines Schulers. Er dankte dem Ewigen fur sein Dasein; denn bei jedem neuen Schlage glaubte er, es zerfiele nun und das ihm bekannte edle Herz, der milde Geist seines Schulers konne diesen nicht ertragen. Sein Geist verwirrte sich auf Augenblicke, so dass er glaubte, der zu ihm Redende sei eine tauschende Erscheinung aus der andern Welt. Aber jetzt fand er bei mehrerem Nachdenken eben in den letzten Worten, wodurch sich Ernst alle Hulfe, alle Genesung abzusprechen schien, einen Strahl der Hoffnung. Er bauete diese auf eben das Gefuhl, wodurch Ernst seine Verzweiflung an sich selbst andeutete.
Und jetzt fuhlte er das Erhabene in dem Bewegungsgrunde zu Ernstens gegen sich selbst gekehrtem Hasse, der diesem verborgen war und verborgen bleiben musste. "Er hasst nicht die Menschen, die ihm dieses getan, ihn dahin gebracht haben, er hasst sich, weil er nicht mehr ist, was er war; und darum ist er noch in seinem tiefen Innern, was er war!" So lispelte Hadems Geist seinem bekummerten Herzen zu, aber wie konnte er wieder einen Lichtstrahl aus jener Welt durch die dicke Finsternis, die seinen Geist verhullte, zu ihm leiten? wie das von diesem Geiste ganz getrennte Herz wieder mit ihm vereinigen?
So sass er lange sinnend. Er empfand, dass alle trockne Worte, alle Grunde der Vernunft hier fruchtlos sein wurden. Vielmehr furchtete er, durch Grunde und Vorstellungen den zu Zweifeln geneigten Geist seines Schulers noch mehr zu reizen. Er uberzeugte sich, dass er alles entfernen musste, was weiteres Nachsinnen uber diesen Gegenstand erwecken konnte. Er sah ein, dass ein durch solche Ereignisse hervorgebrachtes dustres Gefuhl jedem Gedanken seine Farbe mitteilen musste, dass er durch Zergliederungen des Geschehenen Gefahr liefe, Ernstens Selbsthass gegen die Menschen zu kehren oder ihn auf die Klippe des Unglaubens an alle Tugenden zu treiben, vor welchem ihn bisher sein Selbsthass, ihm unbewusst, noch gerettet hatte. Sein Geist ahndete Rettung, aber noch begriff er nicht, woher sie kommen sollte.
Ernst fragte ihn abends noch einmal:
"Werden Sie reisen? Und wenn Sie zu Ihren Wilden reisen, werden Sie Ihren Schuler nicht mitnehmen?"
HADEM: Edler, der du grosser im Ungluck bist, als du glaubst, ich verlasse dich nicht. Und wenn du stirbst, so sterbe ich mit dir, denn sturbest du in dieser Dunkelheit musste nicht ich dir den Weg zu unserm Vaterlande zeigen, dessen Spur du verloren hast? Du bist seiner noch wert.
Ernst wendete sein Angesicht weg.
Hadem ergriff seine Hand: "Ich, der dir nie eine Unwahrheit gesagt, ich, der mit dir sterbe, ich sage, du bist dieses Landes nie werter gewesen."
7.
So lebten sie noch einige Zeit fort. Ernst ward sanfter, milder, aber er sprach wenig. Nur nahm die Sorge fur seinen Freund taglich zu.
Eines Abends ward Hadem sehr schwach und entkraftet, an Kopf und Hufte verwundet, von den Bedienten nach Hause gebracht. Ernst sah ihn in seiner Entkraftung, in seinem Blute und konnte nur aufschreien: "Auch dich, mein Vater!"
Der Kammerrat sprang herbei. Hadem winkte auf Ernsten und tat sich Gewalt an, frei auf seinen Fussen zu stehen. Er lachelte Ernsten an und sagte: "Sie glauben mich krank und vergessen, dass ich es durch Ihr Benehmen erst recht werden musste. Jetzt brauche ich Ihre Hulfe, und die kleine Quetschung, die ich bei einem Falle von den Klippen des ostlichen Hugels bekommen habe, wird unser Freund hier bald heilen. Sie wissen ja, wie gut er das versteht."
Hadems Zureden und sein erzwungenes Herumgehen beruhigten Ernsten. Der Kammerrat untersuchte die beschadigten Teile, machte Bahungen zurecht und setzte Ernsten als Krankenwarter an das Bett. Die Sorge fur Hadem nahm seiner Stimmung, seinem Tone das Bittere und Grelle ganz, und darum forderte Hadem sie noch mehr auf und sagte ihm oft: "Nun sehe ich doch, dass Ihnen an meinem Dasein gelegen ist, dass Sie mich lieben."
ERNST: Und zweifelten Sie daran?
HADEM: Nun nicht mehr. Tragen Sie ja Sorge fur mich, dass ich bald ausgehen kann, und versprechen Sie mir, dass Sie mich bei meinem ersten Ausgange begleiten wollen, wohin ich Sie auch fuhre.
ERNST: Ich verspreche es.
HADEM: Unbedingt?
ERNST: Unbedingt.
HADEM: So sei es morgen fruh. Wir gehen in den Eichenwald, und Sie vergessen Ihr Versprechen nicht.
8.
Morgens fuhrte Hadem Ernsten in den Eichenwald. Sie setzten sich auf den Hugel unfern des Stroms. Hadem sprach nicht, er schien in seinem Innern sehr beschaftigt. Bald lachelte susse Hoffnung um seinen Mund, er stand auf und leitete Ernsten an der Hand nach der Hohle. Jetzt fuhlte er seines Schulers Hand in der seinigen beben er sah sich nicht um. Ernst folgte ihm, und er leitete ihn gerade nach dem Abgrunde; dann wendete er sich zu Ernsten und sagte:
"Erinnerst du dich jenes Augenblicks, mein Sohn, da du in diesen grundlosen Abgrund springen wolltest?"
Ernst bebte. Hadem fuhlte den kalten Schweiss auf seiner Hand, die er jetzt wieder hielt.
"Ich frage dich noch einmal, ob du dich dessen erinnerst."
ERNST: Ja, ich erinnere mich. Oh, hatte ich es damals getan, ich ware nicht in einen schrecklichern Abgrund gesunken!
HADEM: Doch ist dieser schrecklich, schaudernd, gefahrvoll genug, dieses habe ich erfahren. Es scheint beinahe unmoglich, diesem Schlunde wieder zu entsteigen, und doch konnte ich es, selbst nach ausgestandner Todesangst; denn mich leiteten Glaube, Liebe und Hoffnung.
ERNST: Wie? bist du in diesem Abgrund gewesen, mein Vater?
HADEM: Ja, ich stieg hinunter, ohne mein Leben zu achten. Ich stieg hinunter, um ein kostbares, ganz verlornes Kleinod zu suchen. Den Tod furchtete ich nicht, ich furchtete nur, es mochte mir nicht gelingen, dieses Kleinod zu erobern. Lange lag ich leb- und sinnlos auf einem Felsenstuck in dieser Hohle, und als ich wieder das Leben fuhlte, verlor sich mein Stohnen und Seufzen in der Tiefe. Aber als meine Kraft wiederkehrte und ich meinen Arm um Rettung ausstreckte, fuhlte ich das muhsam gesuchte Kleinod uber meinem Haupte, es hing an einer hervorragenden Spitze des Felsens. So brachte ich es an das Licht und sage, mein Leben ist durch diese Tat etwas wert geworden.
Er stellte nun Ernsten gegen die Blende. Sein Kranz, sein Zeichen des Bundes, hing darin; es war die Stunde, zu welcher ein Lichtstrahl durch die Spalte des Felsen dringt und die Blende an der Stelle erleuchtet, wo der Kranz hing.
HADEM: Ernst, du wirst einige Blutstropfen daran finden, ich hoffe, das Zeichen deines Glaubens hat dadurch an Reinheit nicht gelitten. Um es sicherer zu retten, umwand ich meine Schlafe damit; ich wusste damals noch nicht, dass mein Haupt verwundet war. Doch ein solcher Kranz von solcher Bedeutung erwirbt sich nicht anders Ernst, in jenem Lande werden diese Flecken abgewaschen sein, dort wird er dir glanzen!
Ernst sank in seine Arme und der Geist aus jenem Lande goss sich in sein Herz. Er rief:
"O mein Vater, an deiner Seite konnte ich an der Tugend zweifeln!"
HADEM: Und Rousseau!
"Rousseau!" antwortete Ernst und aus den labyrinthischen Felsengangen der Hohle hallte es zuruck, als antwortete die Ewigkeit.
Fussnoten
1 Die obigen Briefe in dem zweiten Buche.