1796_Huber_042 Topic 1

Therese Huber

Luise

Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz

Vorrede des Herausgebers

Dass Luisens Geschichte wahr, bei aller ihrer Alltaglichkeit schrecklich und traurig wahr ist, darf niemanden, der sie gelesen haben wird, wiederholt oder betheuert werden. Sie ware ein elender Roman, sie ist eine sehr lehrreiche Geschichte. Es kann indessen dem Leser Noth thun, ehe er weiter geht, von zwei Dingen unterrichtet zu seyn: warum sie namlich geschrieben? und warum sie herausgegeben wurde?

Die Erzahlung ist, fast ohne Ausnahme, das Werk der Heldinn selbst, und entstand folgendermassen. Ein sehr achtungswurdiger Arzt, den sie uber den fast hofnungslosen Zustand ihrer Gesundheit um Rath fragte, mochte durch seine lange Erfahrung belehrt worden seyn, dass bei gebildeteren empfanglicheren Menschen dem Korper nicht aufzuhelfen ist, wenn der Seele nicht zugleich auch freundlich die Hand geboten wird; und dazu glaubte er das Mittel gefunden zu haben, indem er ihr anrieth, die Geschichte ihrer Leiden und ihres Unglucks aufzuzeichnen. Da es ihrer Fantasie unmoglich war, sich von den schwarzen Bildern ihrer Vergangenheit zu trennen, so glaubte er solche wenigstens in gewisse Schranken bannen zu konnen, wenn sie mit dem Verstande zugleich angestrengt wurde, aus ihren schwankenden Vorstellungen ein wirkliches und zusammenhangendes Ganzes zu bilden. Er glaubte vielleicht, dass Luise ihr Schicksal fur ertraglicher, ihre Wunden fur weniger unheilbar ansehen wurde, wenn sie sich selbst eine ungeheuchelte Rechenschaft, von allem was sie betroffen hatte, ablegte. Das Mittel war gut berechnet, aber es schlug bei einem hartnackigen Ubel nicht an; und nachdem sie sich, mit allen Erinnerungen ihres unglucklichen Lebens, so vorschriftsmassig als es ihrer schon zu tief verwundeten Seele moglich war, beschaftigt hatte, verzweifelte sie mehr als jemals, diesseits des Grabes noch Ruhe zu finden. Diese Arbeit grub vielmehr den Gedanken und die Erwartung des Todes tiefer in ihr Herz, und es ward endlich ihr einziges Ziel, in derselben ein Denkmal zu errichten, das denen, von welchen sie sich verlassen glaubt, sagen sollte, wie sie litt und warum sie starb; das ihren Freunden zurufen sollte: "Hier ruht sie!" und Fremden: "Lasset die nicht einsam und hulflos verschmachten, die jetzt leiden wie sie einst litt!" Uber Grabsteinen schwebt Friede und Verzeihung, die Stimme des Todes regt keine Leidenschaft mehr auf: Friede und Verzeihung erwartete also auch Luise, die sich fur lebendig todt hielt, indem sie diese Blatter in die Hande eines Mannes lieferte, den sie nicht personlich kannte, fur welchen sie aber Vertrauen und Achtung genug hatte, um ihn zur Herausgabe derselben aufzufordern.

Es schien mir etwas Heiliges zu haben, den

Wunsch einer so granzenlos Unglucklichen nicht unerfullt zu lassen. Ohne indessen von den in dieser Geschichte auftretenden Personen eine einzige zu kennen, ohne also im Stande zu seyn uber sie zu urtheilen, habe ich doch die klare Uberzeugung, dass man zwar Luisen alles was ihr Ungluck betrifft und beweiset, auf ihr Wort glauben, uber vieles aber was das ihr gethane Unrecht anbelangt, sie nicht fur die kompetenteste Richterinn annehmen kann. So geschah es, nachdem die Arme die schreckliche Epoche ihrer Verstandesverwirrung uberstanden hatte, dass man auf die Meinung hin, ihre Vernunft sei nicht wieder hergestellt, manches gegen sie that, das wahrend ihrer schwachen Genesung heftig genug auf sie wirkte, um Entschlusse in ihr hervorzubringen, welche, so hell auch ihr eignes Bewusstseyn dabei war, die Personen von denen sie umgeben war, wiederum in ihren Vorurtheilen bestarken mussten. In diesem und manchem ahnlichen Fall ist es unlaugbar, dass sie Unrecht l i t t ; aber zweifelhaft ist es, ob man ihr Unrecht t h a t ? Und in einem solchen Labirinth trieb sie ihr grausames Schicksal mit den Menschen, die sie zunachst angingen, unaufhorlich herum. Welche Scenen von Verzweiflung wurden, zum Beispiel, die Gestandnisse ihres Gemahls enthullen, wenn dieser die Gewohnheit gehabt hatte, so uber sich zu bruten wie seine ungluckliche Frau? Sie brutete, litt, weinte: und er war schwerlich glucklicher, indem er nach s e i n e r Art, nach der Stimmung s e i n e s Karakters fuhlte, die ihn antrieb zu toben, oder sich auf jede Weise von der Veranlassung seines Unglucks zu zerstreuen, oder gar sich an ihr zu rachen; wahrend Luise mit gleichem, wiewohl noch unvermeidlicherem Egoismus fortfuhr, nur von i h r e m Kummer auszugehen, der doch, durch seinen Einfluss auf ihren Karakter, die nachste Ursache des Missverhaltnisses war. So behandelte und dachte sie die Menschen oft besser als sie waren; so erblickte und fuhlte sie die namlichen Menschen eben so oft schlimmer als sie waren; so gab ihre Gute ihr nie diejenige Kraft, welche andre im Zugel gehalten, und sie daruber hinweggesetzt hatte, uber ihre und andrer Handlungen und Motive peinlich zu grubeln; so stiess schwarmerische Kleinlichkeit in ihr, unaufhorlich gegen gewohnlich menschliche und gesellschaftliche Kleinlichkeit in Andern!

Die oberflachlichsten psychologischen Kenntnisse sind hinreichend, um auf alle, von ihren Helden selbst verfassten Biographien, gewisse allgemeine Vorsichtsregeln anzuwenden; und wenn eine Ungluckliche, mit der Erzahlung ihres Lebens, fast nur eine einzige lange Krankheitsgeschichte vortragt, muss man allerdings noch eine besondre Rucksicht darauf nehmen: in wiefern ihre Vorstellungen, von Menschen und Dingen, dem Einfluss ihres individuellen Zustandes nothwendig unterworfen seyn mussten. Wenn aber ein Arzt, der einen Fieberkranken besucht, und ihn mit Heftigkeit versichern hort, dass man ein eisernes Band um seine Schlafe gelegt habe, oder ihm boshafter Weise von Zeit zu Zeit die Kehle zudrucke: wenn der erfahrne Art auch diese Aussagen nicht fur Thatsachen annimmt, so wird er sich doch, eben so wenig, auf die verdriessliche Betheurung der Warterinn, dass dieses alles Fieberwahn sey, schlechterdings verlassen; er wird vielmehr untersuchen, ob des Kranken Kopfzeug nicht zu fest um die Schlafe gebunden ist, er wird dafur sorgen, dass man ihm einige Kissen unterlege, um ihm den peinigenden Zufluss des Blutes nach dem Kopfe zu lindern. Eben so durfen wir das wunde Gefuhl einer Leidenden, die uns erzahlt was sie erduldete, nicht mit mussiger Weisheit verwerfen, indem wir sagen: "Bei diesen traurigen physischen Anlagen, nach diesen unglucklichen Zusallen, bei diesem zerrutteten Korper, bei diesem angegriffenen Geiste, konnte sie von dem, was ihr begegnete, nicht urtheilen!" sondern der Menschenfreund wird die Klagende verstehn, und indem er sie versteht, den vielleicht einzig moglichen Trost ihr gewahren; er wird seine Menschenkenntniss durch sie erweitert fuhlen, hier helfen so weit er kann, denn h e l f e n kann man selbst Kranken, die man nicht zu heilen vermag, und Keime ahnlichen Unglucks und ahnlicher Schuld, die in so manchem Menschenzirkel verborgen seyn mogen, vielleicht noch bei Zeiten auszurotten oder zu verbessern gelernt haben. Luise beklagt sich mit vollem Recht, verkannt, und weil sie verkannt wurde, misshandelt worden zu seyn: freilich verkannte auch sie alles, und so erschien fur sie keine Rettung, aus der Verwirrung ihres Schicksals. Aber die sonst ganz gleich aufgehende Rechnung von Fehlern und Vorwurfen, zwischen ihr und den Menschen mit welchen sie lebte, wurde deshalb vor einem hoheren Richterstuhl nicht fur abgeschlossen gelten: weil die Gesunden der Kranken, die Alteren der Jungern, die Vernunftigen der Schwarmerinn, die Starken der Schwachen, die Manner dem Weibe, mehr schuldig waren, als diese jenen. So lange daher der Tod den unglucklichen Glaubiger nicht hinweggenommen hat, so lange s o l l t e , und so lange k a n n an der Schuld abgetragen werden, die, trotz aller Umstande welche sie erklaren, entschuldigen, rechtfertigen, alsdann doch vielleicht etwas druckend gefuhlt werden mochte.

Vielleicht ist es mir mit den bisher gegebnen Win

ken schon gelungen, den Nutzen vorzubereiten, welchen ich durch die Herausgabe von Luisens Geschichte zu stiften hofte und wunschte. Es sey mir indessen erlaubt, noch einen sehr allgemeinen Gesichtspunkt zu beruhren, aus welchem, wie mich dunkt, die folgenden Blatter betrachtet werden konnen. Dieses ganze traurige, bald matte bald grelle Gemalde, ist nur ein einzelnes Blatt aus der unseligen Geschichte der Konvenienz. "Durchbrecht die Schranken der Konvenienz," sagt man, "und Ihr seid unter lauter Raubern und Mordern!" Das heisst mit andern Worten: "Reisst die Larve herab, mit welcher wir unsre sittliche Herabwurdigung zu bedecken ubereinkamen, und ihr werdet uns sehen wie wir sind." Das Elend, zu dessen Vertrauten Luise ihre Leser machen wird, ruhrte nicht von jener grossen Naturnothwendigkeit her, aus deren eisernen Banden kein Sterblicher sich oder seine Bruder zu erlosen vermag: die ganze Unvermeidlichkeit desselben lag lediglich, in dem konventionellen Kreise, den die gute Gesellschaft um sich gezogen hat, und an dessen Schranken sich Einzelne den Kopf zerstossen mogen, als kampften sie gegen das Schicksal selbst. Wie viele hundert Familien stehen in ahnlichen Verhaltnissen, in ahnlichen Verbindungen, haben, fur das gleichgultige Publikum, einen ahnlichen Schein von Wohlstand und feinen Sitten, wie Luisens Haus: indessen sie ein ahnliches Gewuhl von Schwachen und kampfenden Leidenschaften verschliessen, die, so lange sie nur leise unter sich gahren, nur hie und da eine kleine Schlechtigkeit hervorbringen, das offentliche Ansehen nicht schmalern, dessen man unter jenen Bedingungen geniesst; wenn sie aber einmal, bei lebhafter organisirten oder sittlicheren Menschen, sich bis zur Raserei oder zum Verbrechen entzundet haben, einstimmige Proskription auf die Unglucklichen herabziehen, deren Beispiel aus den Gewohnheiten, in welchen man so sanft ruht, aufschrecken mochte! Denn um zu bessern straft die Konvenienz nie: sie straft unerbittlich, schnell, und ungehort, um die Quellen des Ubels unaufgesucht, um das Heiligthum von Verderbniss unangetastet zu erhalten.

Wenn sich solche Verhaltnisse, die man alsdann nicht fur traurig, nicht fur schrecklich, nicht fur unsittlich, sondern fur argerlich ansieht, in einer Familie zu offenbaren anfangen, so erstaunt man, so zischelt man sich solche unter einander zu, und stellt die Sache dem waltenden Schicksal anheim: denn, ausserdem dass sie ein Gegenstand der Gesprache am Theetisch ist, hat sie fur niemanden Interesse. Ist es dann endlich, durch die diskrete Behandlung, unter das grosse Publikum gekommen, dass Mademoiselle N. sterblich in Herrn N. N. verliebt ist, dass aber ihre Eltern die Neigung missbilligen, das es sehr lebhafte Auftritte gibt, dass Mademoiselle heute mit rothgeweinten Augen in diese oder jene Gesellschaft gekommen ist, oder dass sie wirklich den Verstand verloren hat, dass der Mann, den sie auf Uberredung ihrer Familie genommen, sich nicht um sie bekummert, dass man sie einer Warterinn uberlasst, die sie mit Ruthen peitscht, verhungern lasst, u.s.w. so empfindet zwar die Familie, Unschuldige wie Schuldige, eine gewisse nachtheilige Wirkung dieser Geruchte in der offentlichen Meinung, die zu versohnen sie indessen ein unfehlbares, aber einziges Mittel hat, sobald sie das geschehene Ubel wieder unter etwas ausseren Anstand zu vergraben weiss, wo es dann rettungslos austoben mag; dahingegen jeder mogliche Schritt, es zu verbessern, das allgemeine Skandal nur vermehren, und auch in der That, durch die Konvenienz, wesentlich unwirksam gemacht wurde. Wenn einzelne feinere Seelen sich entsetzen, dass unter solchen Menschen solche Grauel vorgehn, wenn sie gar dem Schein von Schwarmerei und Bizarrerie, von Don Quixottismus, genug trotzen um helfen zu wollen, so finden sie doch gar bald, dass dieser Schein nicht umsonst auf ihr Bestreben geworfen ist, dass er deswegen da ist, damit es ihnen unmoglich sey, in solchen Dingen etwas gut zu machen. Und die kleinere Anzahl von vertrauten Freunden oder Angehorigen des Hauses, denen selbst das Publikum das Recht zugestehen wurde, sich um die Angelegenheiten desselben zu bekummern: o wie wenig hatte die Konvenienz ihren Vortheil verstanden, wenn sie nicht auch deren Recht so beschrankt und verklausulirt hatte, dass es ihrer Herrschaft nicht gefahrlich wurde! Schwerlich wird ein unbefangener Leser der folgenden Geschichte sich entbrechen auszurufen: War denn kein Mensch barmherzig genug, um Luisen aus den Handen ihrer Henker zu erlosen? Hatte man der Mutter, welche mit alrer Zartlichkeit fur ihre Tochter sie ihrem Stolze aufgeopfert hatte, und von den Ruthen fuhlloser Miethlinge zerreissen liess, da ihr Zustand sie der Nachsicht, der Pflege die man keinem Sauglinge versagt, bedurftig machte, hatte man ihr nicht ihre Pflicht mit strengem Ernst vorhalten sollen? Konnte denn kein einfaches vernunftiges Weib schon vorher, zur rechten Zeit, zu Luisen sagen: "Junge Frau, mit dieser romanhaften Zartlichkeit, dieser Ebbe und Fluth von Gefuhlen, fesselt man wohl einen jungen unbartigen Liebhaber; aber sie begluckt keinen Ehemann, der nicht von Zeit zu Zeit Sonn- und Festtagskost, sondern in seinem Hause taglich seine behagliche physische und moralische Existenz sucht, und fordern darf?" Giebt es fur diejenigen, die den platonischen Vertrag zwischen Luisen und ihrem Gemahl kannten, und ein Recht hatten drein zu sprechen, eine Entschuldigung, dass sie ihn jemals zugaben? Dass Blachfeld ihn einging, war so naturlich, dass er ein fuhlloser Wilder gewesen ware, wenn er es nicht gethan hatte; aber ein Thor, oder etwas, selbst nach platonischen Begriffen die das Verdienst doch wohl in der Uberwindung setzen, hochst verdienstloses ware er gewesen, wenn er nicht, indem er sein Wort gab, sicher gerechnet hatte, dass Natur Liebe und Pflicht ihn vor Ablauf der Frist davon lossprechen wurden. War aber die Veranlassung zu diesem Vertrag unwiderruflich in Luisens Karakter, vielleicht gar in ihren physischen Anlagen gegrundet, so war die Ehe ihre Bestimmung nicht, und man musste sie nicht verheirathen: war sie blos die Geburt uberspannter Gefuhle, verkehrter Begriffe von Liebe und Gluck, oder falscher Besorgnisse wegen ihrer Gesundheit, so musste das unerfahrne Madchen eines Bessern belehrt werden, ehe ihr erlaubt wurde Pflichten zu ubernehmen, die fur sie um so schwerer und heiliger waren, als weder Neigung noch Vernunft, sondern Eitelkeit und Konvenienzen die Heirath schlossen; und also weder Kopf noch Herz, sondern der kahle durre Buchstabe burgerlicher Pflicht, uber das Gluck dieser Ehe zu wachen hatte. Das Ansehen, welches die gute Luise am meisten ehrte, mischte sich gerade hierin nicht: die Stimme der Freundschaft, Leidet die Konvenienz denn Freundschaft? Unter Junglingen trifft man zuweilen noch eine Spur von dem Urbilde der Freundschaft, gegenseitiges Mittheilen, und Beistehen mit Geist Herz und Beutel: aber das reifere Alter, welches uns immer als das Ziel der Weisheit angeruhmt wird, und welches die Konvenienz zum Grabe der schonen Menschlichkeit gemacht hat, trennt dieses Band. Ein vernunftiger Mann hat keine Freunde mehr, er hat Kollegen, er hat standesmassigen Umgang, und wenn die Frau barmherzig ist, so darf er wohl gar Tisch- und Trinkgenossen haben, aber einen Freund? welch ein Romanenbegriff! Wenn man Weib und Kinder hat, vergeht einem das schon von selbst. Weiberfreundschaften aber tragen nicht einmal eine Jugendbluthe; sie sind die Geburt des elterlichen Drucks, der Eitelkeit, der Gewohnheit, der leeren Empfindelei, ofters der Intriguensucht, und je grosser der Ort, je hoher der Stand, je reifer das Alter, desto seelen- und herzloser werden sie. Wie wurde das Tribunal der guten Gesellschaft sich emport haben, wenn ein wohlmeinendes Weib sich Luisens noch vor ihrer Heirath angenommen, und zu ihr gesagt hatte: "Prufen Sie sich, und finden Sie sich stark genug, um Ihrer Mutter Missfallen zu ertragen, finden Sie, dass es blos Vorurtheil und Hochmuth ist, was sich der Wahl Ihres Herzens entgegen setzt, so bleiben Sie bei dieser, beweisen Sie durch das Gluck Ihrer Ehe, durch Ihre Verdienste als Weib, dass ihre Eltern irrten, zwingen Sie so Ihre gute Mutter, sich Ihres Gluckes zu erfreuen; wo nicht, so mussen Sie doch immer mit Ernst und Kraft jedes Mittel erforschen und anwenden, um auch in diesem Verhaltniss nicht unglucklich zu seyn; so durfen Sie nicht l e i d e n , und indem Sie sich fur Ihre Mutter zu opfern wahnen, sie durch Martirerthum fur den Zwang, den sie Ihnen anthat, strafen!" Wehe der Kuhnen, die eine solche Alternative aufgestellt hatte! der Stab ward uber sie gebrochen. Als nun aber Luise zu ihrer Heirath beredet war, hatte man ihr nicht auch dann noch richtigere Begriffe von der Autoritat ihrer Mutter, von dem Einfluss ihrer ubrigen Familie auf ihr eignes Thun, beibringen konnen? Hatte man sie nicht belehren konnen, dass sie als Gattin und Mutter ihrem Gemahl, dem Vater ihrer Kinder, aber in nichts, das ihre Ehe betrafe, ihrer Familie mehr angehorte? Hatte man ihr nicht den Muth geben konnen, das ehrwurdige Vorurtheil ihrer kindlichen Liebe mit der Fackel wahrer Sittlichkeit zu beleuchten? Konnen! Als ob der Begrif, was Freunde thun k o n n e n , nicht schon langst dem verzehrenden Hauche der Konvenienz hatte unterliegen mussen, um auch hier das Wort auf den Trummern der Sache herrschen zu lassen!

"Aber was wollt Ihr? Es bleibt doch beim Alten! So lasst auch Ihr es dabei!" Und w i e alt ist denn das Alte? Nein, es war nicht von jeher so, und es kann und wird nicht immer so bleiben. Man darf es denen, die das Gegentheil behaupten, kuhn uberlassen, es zu beweisen.

Zuverlassig giebt es unter den Leiden, welche diese Ungluckliche betrafen, nicht ein einziges, das nicht abgewendet worden ware, wenn der Kreis von Indolenz, von Rucksichten, von Furchtsamkeit, von allen Verneinungen aller Tugenden, den man unter dem Namen K o n v e n i e n z der gesellschaftlichen Menschheit als oberstes Gesetz aufgedrungen hat, sie nicht umschlossen hatte. Wenn also Ein Leser von Luisens Geschichte dadurch veranlasst wird, Ein Mittel zu finden, um sich durch die Verschanzungen der Konvenienz durchzustehlen, und Eines ihrer zahllosen Ubel zu verhuten, so ist die Herausgabe dieser Blatter g u t gewesen. Luise war die Tochter eines Mannes, welcher in der Residenz des Fursten von **, nicht weit von der Hauptstadt S .. s, eine ansehnliche Stelle bekleidete. Ihr Vater einer von den Menschen, welche die Natur nur selten hervorbringt. Wenig Bedurfnissen unterworfen, blieb er von Geitz und von Habsucht gleich entfernt; ausschliessend mit den abstraktesten Wissenschaften beschaftigt, widmete er ihnen die ganze Zeit, die seine Amtspflichten ihm ubrig liessen. Ohne Enthusiasmus, kalt aus Temperament, kannte er weder Eitelkeit noch Ehrgeitz; aber eben deswegen war er auch jedes gespannteren feinen Gefuhls unfahig. Seine Tochter glich ihm zu ihrem Ungluck nur zu wenig; sie betete ihren Vater an, ohne es ihm sagen zu durfen; denn wenig mittheilend wie er war, bot er ihr keine Gelegenheit dazu; und ungeachtet seiner tiefen Menschenkenntniss, blieb ihm das Herz seiner Tochter verborgen. Er wollte ihr Gluck, verfehlte aber die Mittel. Aus Furcht vor der Ansteckung des Zeitalters, schloss er sie von allem Umgange mit andern jungen Leuten aus. Sein hohes Alter und eine schwache Gesundheit dienten ihm selbst zum Vorwande, keine Besuche anzunehmen; und obgleich der Geschmack seiner Frau in diesem Stucke sehr von dem seinigen abging, so war sie doch vernunftig genug, sich darin zu finden, und beschaftigte sich einzig und allein mit ihrer Wirthschaft. Auf diese Weise blieb Luisen keine andere Gesellschaft, als die Bucher Sammlung ihres Vaters, die sie ohne alle Wahl mit heissem Eifer durchlas. Bey einem von Natur zur Schwermuth geneigten Karakter, ergriff sie alles was ihre Melancholie nahren konnte. Youngs Nachtgedanken, Heloisens Brief an Abalard, Clarisse, Sethos, waren ihre Lieblingsschriften, und brachten bald ein Chaos in ihrem Kopfe hervor, aus welchem sich der einzige feste Begriff entspann, dass die Tugend in dieser Welt auf kein Gluck zu rechnen habe. Ihr Gefuhl fuhrte sie zur Frommigkeit an: allein dieser heilige Trieb, welchen der Schopfer zum Trost, und zur Erleuchtung in des Menschen Herz legte, ward ein Feuer fur sie, das an ihrer Seele nagte, ohne sie zu erhellen. Da sie ohne einen andern Fuhrer als die zarteste Gewissenscheu, verschiedene strenge Religions-Bucher gelesen hatte, ward sie von Reue gepeinigt, ehe ihre Seele die Schuld kannte; und die Ruhe der Unschuld war bei dem reinsten Herzen fern von ihr. Ihre Mutter, welche ihrem Hauswesen aus Geschmack und mit vollkommner Sachkenntniss vorstand, liess sich von Luisen wenig dabey helfen, und der Vater, weit entfernt sie von ihrem Geschmack an den Wissenschaften abzubringen, hatte vielmehr seine Freude daran. Luise machte auch wirklich einige Fortschritte, die aber ihrer Gesundheit nachtheilig waren, und ihren angebornen Hang zur Schwermuth noch vermehrten. Auch glaubt sie, dass ein unglucklicher Fall, den sie in der damaligen Zeit that, den Grund zu ihrer nachherigen schrecklichen Krankheit, und zu dem daraus erfolgten Elend ihres Lebens gelegt haben mag. Sie sturzte namlich in ihrem funfzehnten Jahre rucklings zwei Treppen herunter in einen Keller, mit dem Kopf auf die Steine; ihr Vater war sehr um sie besorgt, und obwohl keine sichtbare Beschadigung zuruckblieb, obwohl jene Krankheit erst zehn Jahre darauf entstand, so empfand sie seitdem doch immer, bei jeder anhaltenden Beschaftigung des Geistes, oder bei ausserlichen Erschutterungen, wie z.B. vom Fahren, Schmerzen, die den bei ihrem Falle ausgestandenen ahnlich waren.

Luisens Vater ward bald genothiget, seines hohen Alters wegen, sein Amt aufzugeben; allein mit dem personlichen Zutrauen seines gutigen Herrn beehrt, blieb er in dessen Nahe, und uberliess sich nun einzig seinen Lieblingswissenschaften. Seinen sehr eingeschrankten hauslichen Umgang vermehrte damals ein Mann, der zu einer erledigten geistlichen Stelle berufen worden war, und dessen ganze Familie Luisen sehr interessiren musste. Der Mann sowohl als seine Gattinn zeichneten sich durch Geist und Kenntnisse aus, und beschaftigten sich mit der Erziehung von drey Kindern, an welchen Luise bald so zartlich hieng, als hatte die Natur sie zu ihrer Mutter gemacht. Sich mit ihnen beschaftigen, ihre Spiele theilen, sie liebkosen, waren die sussesten Freuden dieser liebenden Seele, die endlich ihre rechte Bestimmung entdeckt hatte. Wenn sie sich mit den Kindern gefiel, so unterrichtete sie sich bey den Eltern, und versaumte keine Gelegenheit sie zu sehn. Ihr junges Herz war geschmeichelt, sich bei Menschen von so viel reiferem Alter, von so anerkanntem Verdienste, als Freundinn aufgenommen zu sehn. Diesem Reize widersteht man in der Jugend nicht; es war fur sie die reinste, die entzuckendste Empfindung, die aber nicht lange ungetrubt blieb: Luise sog unter diesem gastfreyen Dach ein langsames aber todliches Gift ein. Das Gluck dieser beyden Gatten stellte zum erstenmal, und unter einer mehr ruhrenden als wahren Gestalt, das Bild einer ehelichen Verbindung vor ihre Augen. Nach einer sechsjahrigen Ehe war der Mann noch immer der Liebhaber seiner Frau. Da weder Ehrgeiz noch Eigennutz dieses Band geknupft hatten, so fanden die Ursachen seines Wohlgefallens an ihr immer noch statt: und uberdem war er nicht, wie die meisten Manner, von seiner Gestalt und seinen Verdiensten, so vorzuglich diese auch waren, eingenommen; sondern gestand es ein, dass ein Mann, wie glanzend seine Eigenschaften auch seyn mochten, einem Weibe immer Dank schuldig sey, die oft mit nicht geringeren Talenten, ihr Leben kleinlichen Beschaftigungen widmet, seine Suppe kocht, fur seine Wasche, seine Kleidung sorgt, und ihm auf Kosten ihrer Gesundheit von Zeit zu Zeit den Genuss verschaft, ein Kind zu liebkosen, das er nur in den schonsten Augenblicken sieht, indess die Mutter allein alle Sorgen, alle Last, alle Gefahren ertragt, die von ihrer Lage unzertrennlich sind. Diese Betrachtungen bewogen Luisens Freund, seine Frau mit noch mehr Achtsamkeit und Sorgfalt zu behandeln, wie er als Liebhaber gethan hatte; denn damals, pflegte er zu sagen, hatte sie noch nichts fur mich gethan, und konnte thun und lassen, was ihr gefiel; ich habe wirklich zu viel Eigenliebe, setzte er lachend hinzu, um sie den Verlust dieser Freyheit bedauern zu lassen. Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf Luisen: unwillkuhrlich wunschte sie, ihr Schicksal mochte dem ihrer Freundin gleichen; und die Unmoglichkeit, diesen Wunsch erfullt zu sehn, brachte jene schmachtende Stimmung in ihr hervor, welche die Seele durch Unthatigkeit entnervt, und indem sie immer nach einem geliebten Hirngespinnst strebt, solche gegen alles wirkliche Gute was sie umgiebt, mit Widerwillen erfullt.

Luise hatte nun das Alter erreicht, wo junge Leute ihrer Religion gewohnlich die erste Kommunion empfangen. Ihr Freund ward ihr Lehrer und Beichtvater; er hatte eine vorzugliche Gabe zum Unterricht der Jugend. Ausser der Kunst sich ganz nach ihrer Fassungskraft zu richten, besass er die gluckliche Gabe der hinreissendsten Uberredung. Seine Schuler ehrten ihn wie das Ebenbild des Gottes. den er ihnen predigte, und liebten ihn wie einen Vater. Naher als manche seiner Amtsgenossen mit den menschlichen Schwachen bekannt, bezeugte er ihnen mehr Theilnehmung. Man denke sich die erhabensten Tugenden der Religion von einem Manne vorgetragen, der selbst von ihrem wichtigen Einflusse auf unser Gluck heilig uberzeugt war, und dessen ganzes Leben diesen Wahrheiten zum Belege diente; man denke sich, sage ich, die Wirkung welche dieser lebendige Unterricht auf Luisens Herz haben musste. Ihr war kein reines Gluck beschieden. Indem ihre Mutter und ihre Bruder sie uber den Enthusiasmus, mit welchem sie von ihrem Freunde sprach, aufzogen, versetzten sie ihrer Ruhe einen todlichen Streich; sie wurde misstrauisch gegen diese unschuldigste Leidenschaft, und der Frieden wich aus ihrer Secle. Ein kleiner Vorfall trug noch mehr dazu bey, sie in diesem unglucklichen Irrthume zu bestarken. Luise hatte ihren Freund in Pastell gemahlt: eines Tages zeigte sie dieses Bild einer ihrer Bekannten, einer Frau von vielem Geist, und der einzigen mit welcher ihr Vater ihr gestattete umzugehn. Indem jemand aus der Gesellschaft die Bemerkung machte, wie Schade es sey, dass diese Art Mahlerey so schnell verlosche, naherte sich Madame E**, der sie das Gemahlde zuerst gezeigt hatte, Luisens Ohr, und sagte: "Ich weiss nicht, ob die Zeit etwas uber dieses Bild vermag; ware ich aber Ihr Liebhaber, so wurde ich es kaum hoffen." Luise schlug errothend die Augen nieder; dieser Moment liess sie einen schrecklichen Blick in ihr Inneres werfen. Der Ruf ihres Vaters zog viele junge Leute in ihr Haus; manche von ihnen hatten Luisen mit schmeichelhafter Auszeichnung behandelt, sie war ausserst gleichgultig dagegen gewesen, und hatte sich bis jetzt dessen geruhmt; jetzt glaubte sie die Ursache davon errathen zu haben, und schauderte vor Schrecken zuruck. Die finstersten Gedanken sturmten auf sie ein; sie durfte die Augen nicht mehr zu der Gattin ihres Lehrers aufschlagen; sie durfte seine Kinder nicht mehr liebkosen; wie Kain floh sie die Menschen, und hatte keine Ruhe mehr.

Dem Anschein nach floss Luisens Leben wie ein Bach zwischen bluhenden Ufern hin; aber ihre traurige Stimmung ungerechnet, hatte sie auch schon nagenden Kummer gekannt. Ihre Mutter, deren herrschender Hang Mitleid und Wohlthun war, hatte ein Weib aufgenommen, die mit dem falschesten Herzen alle Fehler einer niedrigen knechtischen Erziehung verband. Diese Person hatte sich in das Vertrauen der Madame N. einzuschleichen, und sich unentbehrlich zu machen gewusst, indem sie doch ihre Wohlthaterin von mehr als einer Seite betrog. Luise hatte das Alter erreicht, wo sie ihren Eltern die Augen hatte offnen konnen, das Weib furchtete und hasste sie also in gleichem Grade; sie fand es ihrem Interesse gemass, Luisen das Vertrauen ihrer Mutter, das theuerste Gut welches sie besass, zu entziehen. Sie dachte uber ihre Handlungen nicht nach; und so unermudet sie Luisen verfolgte, so fehlte es ihr doch an Verstand, um zu fuhlen, wie satanisch ihr Betragen war. Gescheute Leute konnen manchmal bei dem Bosen das sie thun, inne halten: Dummkopfe blicken nie hinter sich, um das Ubel zu ubersehen, das sie veranlassen. So bose dieses Weib war, so konnte sie doch keinen Armen, Nackten sehen, ohne ihm beyzustehen, oder ihn zu kleiden. Wenn sie Luisen in solchem Zustande gesehn hatte, wurde sie ihr ihren letzten Rock gegeben haben; aber in einer Lage, die ihr weit eher Neid als Mitleid zu verdienen schien, glaubte sie ihr allen Kummer und Verdruss anthun zu konnen. Sie hatte sich durch ihre Talente, kleine Kinder zu pflegen, und der Wirthschaft vorzustehn, nun funfzehn Jahre in diesem Hause erhalten, und sie konnte Luisen um so mehr Kummer machen, als diese jetzt in das Alter trat, wo man zu furchtsam ist, sich zu beklagen, und zu wenig Erfahrung hat, um zu wissen, dass dem Bosen wie dem Guten ein Ziel gesetzt ist. In spateren Jahren hatte Luise die Genugthuung, ihre Mutter, durch das eigene Gestandniss dieser Frau auf ihrem Todtbette, von ihrem Misstrauen gegen sie zuruckkommen zu sehen. Die Sterbende klagte sich ihrer Harte und Verfolgungssucht, als des grossten Verbrechens ihres Lebens an, und Luise genoss das Vergnugen, ihre Mutter zu besanftigen, welche im Begriff stand, ihr harte Vorwurfe zu machen. Aber was ist Kummer und Verfolgung, gegen den nagenden Zahn des Gewissens? Luise nahte sich jetzt dem Augenblicke, der sie in den Schooss der Kirche, in die Gemeinschaft der Glaubigen aufnehmen sollte: aber sie durchdrang nicht das Zutrauen eines zartlich gehorsamen Kindes, sondern der Schrecken des Schuldigen, welcher sich der Gnade unwerth fuhlt, die ihm sein Richter verheisst.

Wenige Zeit nach dieser feyerlichen Handlung, starb einer der vornehmsten Schullehrer an dem Orte wo Luise lebte. Da sich kein tuchtiger Mann zur Besetzung seiner Stelle in dem Landchen fand, lud der Furst einen Mann aus ** zu sich ein, der ihm von vielen sehr achtungswerthen Personen empfohlen war. Wenig grosse Herren haben so vielen Eifer fur die Erziehung ihrer Unterthanen, als der Furst von **. Er fand das gegenwartige Geschlecht sehr weit zuruck, und wollte daher fur den Unterricht des nachstfolgenden, besonders aber fur die Milderung ihrer Sitten sorgen. In einem kleinen Orte erregt alles Aufmerksamkeit. Die Nachricht von der Ankunft eines neuen Schullehrers beschaftigte Jedermann. Die Dame, deren ich schon einmal erwahnt habe, las Luisen einen Brief dieses erwarteten Fremden an ihren Mann vor. Er war schon geschrieben. Luise brachte den Abend bei ihrem Freunde zu, und sprach mit Beyfall von diesem Briefe. "Meine Frau und ich, sagte dieser, haben oft bemerkt, dass in unserer Nahe kein Mann zu finden ist, der unsre liebenswurdige Luise verdient. Ich schmeichle mir fast, dass dieser Fremde eine Ausnahme machen wird." Luise antwortete nicht, aber sie errothete auch nicht. Der Gedanke an einen Gatten zwingt der Unschuld keine Rothe ab.

Bey der bestandigen Furcht, von einer strafbaren Neigung sich bemeistern zu lassen, ergriff Luise eifrig jede Zerstreuung, ohngeachtet die Denkungsart ihres Vaters wenig Gelegenheit dazu darbot. Die beyden einzigen Hauser, welche sie besuchen durfte, waren das der Madame E**, und die Familie ihres geistlichen Lehrers. Der ersten verdankte sie einen Theil ihrer Erziehung, und nach ihrer Mutter liebte sie niemanden mehr wie sie. In gewisser Rucksicht harmonirten ihre beyden Karaktere sogar besser: und Luise warf es sich oft vor, die Gesellschaft einer Fremden ihrer Mutter vorzuziehen. Ihr eignes Haus hatte wenig anziehendes fur sie. Ihr Vater, der sich, ungeachtet seines hohen Alters, noch immer mit den abstraktesten Wissenschaften beschaftigte, sprach wenig, und hatte nach und nach der ganzen Familie diese Gewohnheit beygebracht. Luisens Bruder waren ihr so unahnlich, dass ihr Hang zur larmenden Freude eben so die Granzen uberschritt, wie der Schwester Neigung zur Melancholie. Sie sah alle Dinge nur von der traurigen Seite, die Bruder fassten nur die lacherlichen auf: und statt Luisen zu schonen, machten sie sich ein Fest daraus, sie unbarmherzig aufzuziehn. Diese Auftritte endigten auf Luisens Seite mit Thranen und Gewissensvorwurfen; denn sie machte sich deren bey allen Veranlassungen: dessen ohngeachtet hatte sie die zartlichste Liebe fur ihre Bruder, und ein hartes Wort von ihnen that ihr weher, als alles was andere ihr sagen konnten. Die Bruder liebten sie auch, aber kannten sie nicht: und ohne sich die Muhe zu geben, einen Karakter zu erforschen, den sie fur unerklarlich hielten, trieben sie ihren Scherz damit. Sie kannten das Leben nur von seiner lachenden Seite. Ihr Vater, der sie fur die Welt bestimmte, wollte sie fruhzeitig zur Unabhangigkeit gewohnen, damit sie spaterhin keinen Misbrauch davon machten. Sie liefen den ganzen Tag mit ihren Freunden umher. Ihre Mutter betete sie an, und diente ihnen oft bey dem Vater zum Dollmetscher, wenn sie nicht Muth hatten, ihre thorigten Einfalle selbst vorzutragen. Bey den glucklichsten naturlichen Anlagen machte ihnen das Lernen wenig Muhe, und fullte einen desto kleineren Theil ihrer Zeit. Der Rest derselben ward zu korperlichen Ubungen angewandt. Es giengen ganze Tage hin, wo sie Luise nur aus ihrem Fenster sah, wie sie ihre Pferde sattelten oder einspannten, und von einer unbestimmten Unruhe verzehrt, blickte sie dann sehnsuchtsvoll in die Gegend hin, wo sie ihrem Auge entschwanden. Es ist nicht genug, dass man die Madchen in der Einsamkeit erzieht; man muss sie auch lehren, Gefallen daran zu finden: und zu diesem Endzweck muss man sie ohne Aufhoren beschaftigen, durch alle moglichen hauslichen Freuden erheitern, und, durch die Wahl und Abwechselung ihrer Beschaftigungen, vor Uberdruss schutzen.

Bey so vielen Unannehmlichkeiten in ihrer hauslichen Lage war es sehr naturlich, dass Luise, bei ihrer Zuruckkunft von ihrem Freunde, den Vortheilen nachdachte, welche sie bei einer Verbindung mit dem neuen Schullehrer finden konnte. Von der Zucht einer alten bosslaunigten Magd befreyt, einem eignen Hauswesen vorzustehen, diese Aussicht musste einem thatigen Geiste schmeicheln. Sie sah sich schon an der Spitze ihrer kleinen Republik. Mit einiger Betriebsamkeit war es leicht, ihrem Manne alle Annehmlichkeiten des Lebens zu verschaffen, die Kunst ihm zu gefallen sogar zu verfeinern, und dabey noch Nothleidenden zu helfen, Gluckliche zu machen: Welch ein Gluck fur Luisen! Bald studirte sie mit ihrem Manne, bald besuchten sie beyde ihre Eltern, und die Frauenwurde hatte Luisen zu dem Range einer Freundin bey ihrem Vater, ihrer Mutter erhoben; sie liebkosete sie, sie fuhrte ihnen ihre Kinder zu, und beyde genossen und theilten ihr Gluck.

Mehrere Wochen verflossen unter diesen sussen Traumen. Eines Abends, wie der Geistliche und seine Frau bey Luisens Eltern speisten, meldete man den Besuch des eben angekommenen Schullehrers; er tritt ein, Luise steht auf um ihn zu begrussen, blickt ihn an, und ihr Traum verschwindet. Sie fand ein kaltes, abgemessnes Wesen, unregelmassige Zuge; kurz, nichts was dem Bilde entsprach, das ihrer Fantasie vorgeschwebt hatte. Sie setzte sich wieder an ihren Platz, und wie sie ihn kaltblutiger beobachtete, fiel ihr Urtheil gunstiger aus. Er hatte die Art von Welt, welche Manner nur durch Reisen erlangen, und die bis jetzt Luisen noch ziemlich unbekannt war; eine lehrreiche Unterhaltung, die um so angenehmer wurde, wenn er mit Frauenzimmern sprach, weil er sie zu unterrichten wusste, ohne sie zu demuthigen. Der Abend verstrich Luisen wie ein Augenblick; und dieser Mann, den sie nur mit dem aussersten Widerwillen geheirathet hatte, schien ihr dennoch sehr liebenswurdig. Luise hatte an demselben Tage hauslichen Verdruss gehabt; ihre Augen waren von Weinen geschwollen; es war gar nicht zu verwundern, dass sie keinen Eindruck auf Herrn O. machte: er suchte daher eben so wenig ihr zu gefallen, sein ubrigens sehr geistreiches Gesicht belebte sich nicht. Sie sahen sich nachmals wieder, sie wollte seine Aufmerksamkeit nicht anziehen; indessen war es in den Gesellschaften, wo sie zusammen kamen, naturlich, dass ihr mit einiger Auszeichnung begegnet wurde. Mehr that auch Herr O. nicht, aber er wusste diesen kleinen Bemuhungen eine Wendung zu geben, welche sie, fur ein Madchen von Luisens zartem Gefuhl, schmeichelhaft machte. Man hatte ihr oft angenehme Dinge gesagt, aber nie waren sie so wohl angebracht, so geistreich gewesen. Er behandelte sie nicht wie ein hubsches Madchen, sondern wie ein vernunftiges Wesen, dessen Unterhaltung man schatzt; ein Unterschied fur welchen Luise ihm wohl Dank wusste. Eines Morgens, wie sie der Gattinn ihres Freundes einen Besuch abstatten wollte, fand sie diese mit ihrer ganzen Familie und Herrn O. im Begriff nach *** zu einer Madame R. zu fahren. Man schlug ihr vor, von der Gesellschaft zu seyn, worauf sie die Nothwendigkeit ihrer Eltern Erlaubniss zu erhalten einwendete. Herr O. eilte fort, und brachte diese Erlaubniss zuruck. Solche Dienste sind von grosser Wurkung. Ein anderer hatte sich mit der faden Bemerkung begnugt, dass ihre Eltern sich freuen wurden, sie in so guter Gesellschaft zu wissen, dass sie eine so liebenswurdige Tochter zu sehr schatzten, um ihr dieses Vergnugen zu versagen, und dergleichen. Man fuhr ab, indem Herr O., um die Frauenzimmer nicht im Wagen zu belastigen, zu Fuss voraus gieng. Man langt an, geht spatzieren, und Herr O. bietet Luisen den Arm an. Das furchtsame Madchen schlagt ihn aus. Er ist erstaunt, beleidigt, und giebt ihn einer andern, mit diesen Worten: "Ich hoffe, dass ich nicht noch eine Weigerung erfahren werde." So lasst er Luisen zur Strafe ihrer Pruderie allein im Sande waten. Und er that ihr Unrecht: es war nicht Pruderie. Sie war die jungste der Gesellschaft; sie war bescheiden, und furchtete, sich in den Augen der ubrigen Frauenzimmer lacherlich zu machen, wenn sie Herrn O. auf diese Weise in Beschlag nahme. Die Furcht ihn beleidigt zu haben, beunruhigte sie indessen. Sie fuhlte dass es ihr an Welt fehlte; sie ahndete, wie kindisch sie in seinen Augen erscheinen musste, wie sehr er ihr uberlegen ware. Als sie ihn vor sich hergehen sah, und den Anstand seiner Gestalt bemerkte, konnte sie nicht umhin, schmerzlich daruber nachzudenken. Er war wohl gebaut, und sehr gross: ein Vortheil der dem Weibe immer den Begriff giebt, Schutz und Vertheidigung bey so einem Manne zu finden. Herr O. war diesen Tag sehr munter; er wollte sich geltend machen, und es gelang ihm. Nachmittags streifte man wieder umher. Luise nahm seinen Arm an; man verirrte sich, blieb lange unterwegs. Herrn O.'s Unterhaltung war unendlich abwechselnd, aber immer gleich interessant; seine Sprache war schon, seine Stimme wohlklingend und sanft; sie fand die schwache Seite von Luisens Herzen. Die Gewissensbisse wegen ihrer Neigung fur ihren Freund verschwanden, sie fing an, Liebe von Freundschaft zu unterscheiden: aber sie ahndete nicht, dass diese neue Erkenntniss ihr die Ruhe des Lebens kosten wurde. Ihr kam nun alles darauf an, zu wissen ob sie geliebt ware. Es ist nicht bekannt, ob Herr O. dieses Nachforschen bemerkte, aber gewiss ist es, dass er nicht fur gut hielt, ihr daruber einen Aufschluss zu geben. Luise hatte sich nie verstellen konnen: ihre Eltern wurden ihre Neigung bald gewahr. Sie stand der Familie nicht an. Der Vater setzte sich mit Strenge die Mutter mit Heftigkeit dagegen, die Bruder griffen sie mit dem bittersten Spott an. Das vaterliche Haus wurde ihr zur Holle. Ihr furchtsames Gewissen verrieth sich jedesmal, wenn sie Herrn O. gesehen hatte, und es kam endlich so weit, dass sie nicht mehr uber die Schwelle gehen durfte.

Bei der furchtsamen zartlichen Liebe, welche Luise fur ihre Mutter hatte, musste es ihr unendlich weh thun, ihre Neigung in einem so hartnackigen Streit mit den Wunschen der Madame N. zu finden. Sie las einmal im Tom Jones, und kam an die Stelle, wo Madame Miller zum erstenmal die Freude hat, ihre Tochter als Mistress Nightingale zu begrussen. Fielding schildert die Empfindung dieser zartlichen Mutter, mit der ihm eignen unnachahmlichen Wahrheit, und in Luisen erwachte dabei die peinliche Erinnerung, dass ihre Mutter, ausser allen ihren triftigeren Grunden gegen diese Verbindung, auch einen entschiednen Abscheu vor dem Namen des Mannes hatte, den Luisens Herz begunstigte. Sie stellte sich vor, wie ihrer Mutter die Freude, ihr Kind verheirathet zu sehen, schon durch diesen Umstand verbittert werden wurde. Sie bat Gott kniend und mit Thranen, ihr Gemuth von einem Gegenstande abzulenken, der ihrer Mutter unangenehm war; sie verbrannte einen Schattenriss des Mannes, den sie ohne sein Wissen besass; und nahm sich ernstlicher wie jemals vor, den Absichten ihrer Eltern zu willfahren. Herr O. suchte sie nicht auf, sie sah ihn also nicht mehr, aber er wich nicht aus ihrem Gedachtnisse. Indessen that man Luisen Heirathsvorschlage, die weit uber ihre Erwartung waren, und ihrer Mutter sehr gefielen: sie kamen von einem Manne, der Luisen nicht missfallen konnte; aber sie liebte Herrn O., und wurdigte den Vorschlag keiner Aufmerksamkeit. Der Mann bekleidete eine ansehnliche Stelle, deren Aufwand er durch die Gewissheit einer reichen Erbschaft bestreiten konnte. Luisens Mutter verzieh ihr diese Weigerung nie, und warf sie ihr, hinter dem Rucken des Vaters, oft als einen Beweiss ihrer romantischen Neigung fur Herrn O. vor. Luise bereute sie indessen nicht. Bald hernach erhielt Herr O. einen auswartigen Ruf: er reiste ab, und Luise hat seinen Verlust empfunden, bis der Tod ihres Vaters, durch wirklichen Kummer, diesen eingebildeten verloschte. Luise ward von ihrem Vater zartlich geliebt, keine Heirath schien ihm vortheilhaft genug, und, so lange er lebte, versagte er sie allen Freyern. Die Mutter dachte anders: sie furchtete so sehr, dass Luise wegen dessen was sie romantische Denkungsart nannte, in ihrer Wahl die Konvenienz beleidigen mochte, dass sie herzlich wunschte, sich dieser Sorge, durch eine schickliche Heirath, zu entledigen. Um ihrentwillen begunstigte Luise zuweilen Antrage, welche ihres Vaters Rath, und Herrn O.'s Andenken sie nachmals verwerfen machten. Das vaterliche Haus missfiel ihr indessen; und ob sie gleich nicht wagte sich es zu gestehen, wunschte sie sich doch aus demselben heraus. Die Familie brachte, seitdem der Vater sein Amt abgegeben hatte, acht Monathe des Jahres in einem kleinen Dorfe zu, dem kein Mann sich naherte, ausser wenn Freunde von Luisens Brudern hinkamen, und dann trieben sie unter einander Spiele, an denen Luise nicht theilnehmen konnte, oder machten so weite Spatziergange, dass es ihr unmoglich war ihnen zu folgen. Sie sah sie also nur bey Tische, wo sie sich zuweilen mit witzigen Einfallen und kleinen Neckereien belustigten; sobald aber die Unterhaltung larmend ward, pflegte der Vater Stillschweigen zu gebieten. So traurig fur Luisen diese Einsamkeit war, so schien sie es ihr doch nicht so sehr, als das Schicksal, einem Manne, den sie nicht schatzte, ihre Hand zu geben. Dieser Gedanke qualte sie um so mehr, als die Begriffe ihrer Mutter, in diesem Punkte, von den ihrigen sehr verschieden waren. Eines Tages, als diese traurigen Bilder sie beschaftigten, erhielt sie einen Brief von einem Manne, fur den sie viel Hochachtung hatte. Sie wusste, dass ihre Eltern ihn ebenfalls ausserordentlich schatzten: dieser Mann bat um ihre Hand. Er war nicht jung: aber anstatt daruber zu erschrekken, dankte Luise der Vorsehung mit gluhendem Eifer, sie so wunderbar von ihrer Furcht erlost zu haben. Triumphirend brachte sie ihrer Mutter diesen Brief; wurde aber sehr in ihrer Erwartung getauscht, als Madame N. ihr ungefahr dieselbe Antwort gab, die sie bey Gelegenheit des Herrn O. von ihr gehort hatte. "Aber, liebe Mutter," rief die erstaunte Luise, "ehemals sagten Sie, wenn es dieser ware, den du liebtest, so konnte ich es dir noch verzeihen." "Das kann seyn," antwortete Madame N., "aber die Umstande sind verandert: du bist jetzt reicher, und deine Bruder wurden es ausserdem nicht gern sehn." Luise unterwarf sich noch einmal dem Willen ihrer Mutter, die uber diese Nachgiebigkeit so geruhrt ward, dass sie, auf den Rath der Arzte, ihrem Manne den Vorschlag that, Luisen in ein Bad zu schicken, um die Hypochondrie, von welcher sie seit Herrn O.'s Abreise litt, zu heilen. Luisens Vater trennte sich ungern von ihr; er mochte sie nicht einmal gern einen ganzen Nachmittag ausser dem Hause wissen: da aber ihre Mutter das Beispiel eines ihrer Bruder hatte, welcher dem L .. Bade seine Gesundheit verdankte, so foderte sie fur Luisen die Erlaubniss dahin zu reisen. Indem sich ihre Eltern bemuhten eine Reisegesellschaft fur sie zu finden, besuchte sie ein Verwandter ihres Vaters, der in B .. lebte. Er wollte im Fruhjahr wieder dahin zuruckkehren, und that einer Dame, deren Schwester in diesem Lande verheirathet war, den Vorschlag, ihn zu begleiten, um ihren Verwandten bey dieser Gelegenheit einen Besuch abzustatten. Man sprach in Gegenwart von Luisens Mutter uber diesen Plan: und da der Arzt wenige Tage vorher gegen sie geaussert hatte, die Reise wurde Luisen noch mehr Vortheil bringen als der Gebrauch des Bades, so uberredete man sie, diese Gelegenheit fur ihre Tochter zu benutzen. Das arme Madchen hatte es nicht gewagt daran zu denken: sie nahm den Vorschlag mit Entzukken und Dank auf. Kaum war diese Reise beschlossen, so zeigte sich ein neuer Freyer fur Luisen. Dieser hatte die Eigenschaften, welche Luisens Mutter an einem Schwiegersohn wunschte: allein sie konnte doch eine Reise nicht ruckgangig machen, die auf ihre Veranlassung unternommen, und von den Arzten als unentbehrlich fur Luisens Wiederherstellung angesehen wurde. Luise freute sich, ihrer Mutter die schmeichelhafte Aussicht einer Heirath nach ihren Wunschen zu geben: sie versicherte, wenn die Reise sie so weit herstellte, dass sie die Frau eines Mannes wie Blachfeld werden konnte, der nicht Vermogen genug hatte, um fur eine kranke Frau zu sorgen, so wollte sie ernsthaft darauf denken. Die Mutter furchtete immer, Luise mochte auf dieser Reise Herrn O. sehen, und wunschte herzlich, dass sie sich vor ihrer Abreise verloben mochte. Das junge Madchen hatte eine unuberwindliche Abneigung vor diesem Schritte. Sie wollte bei dem Antritt ihrer Reise ungebunden seyn, und eine alte Tante bestarkte sie darinn, indem sie ihr sagte: "Liebes Kind, man muss die Welt nicht durchziehen, wenn man nicht frey wie ein Vogel ist." Luisens Mutter hatte neben den edelsten Eigenschaften, neben dem reinsten Herzen, der mildthatigsten, mitleidigsten Denkart, einen Fehler, den man ihrem Geschlechte vorwirft: sie drehte sich bestandig, auf tausenderley Weisen, immer um denselben Gedanken herum. Wenn die Familie versammelt war, erklarte sie feyerlich, sie habe ihrem Manne versprochen, Luisen nicht zu zwingen, und ihre Wahl sey also frey; war sie mit ihrer Tochter allein, so wiederholte sie ihr unaufhorlich: "Wenn du keinen Widerwillen gegen ihn hast, solltest du ihm doch etwas sagen, das ihn wegen deiner Reise beruhigte, das ihn einigermassen bande, damit man dir ihn nicht abspenstig macht." "Aber desto besser, liebe Mutter: wenn man ihn abspenstig machen kann, so ist es ja ein Zeichen, dass er auch nachher seinen Sinn andern konnte; ich will frey seyn, es ist billig, dass er es auch bleibe." Darauf beschuldigte die Mutter sie, dass sie noch Herrn O. zu begegnen, und seine Liebe zu gewinnen hoffe; machte ihr die grausamsten Vorwurfe; und sagte, sie mochte ihn nur heirathen, aber es wurde ihrer Mutter das Leben kosten. Zu andern Zeiten schimpfte sie auf Luisens Freunde, und beschuldigte sie, an ihren romantischen Grillen, und ihrem Widerwillen gegen Blachfeld, Schuld zu seyn. Luise welche sich der Unschuld ihrer Freunde bewusst war, gramte sich uber diesen Verdacht, bestand aber bis zu ihrer Abreise unerschutterlich auf ihren Entschluss. Hierauf schrieb sie ihrer Mutter einen ruhrenden Brief, in welchem sie ihr ganzes Herz aufschloss, und fugte einen abgesonderten Zettel hinzu, worin sie Blachfeld ihre Hand versprach, und zugleich erklarte (denn das hatte Madame N. zu Beruhigung ihres Gewissens verlangt,) dass sie nicht dazu gezwungen ware.

Kaum war Luise in B .. angelangt, wo sie die Verwandten ihres Vaters kennen lernte, welcher zu einer ansehnlichen Familie dieses Landes gehorte, als ihr verschiedne vortheilhafte Vorschlage gethan wurden. Einer darunter war von einem Manne, den ihr Herz auszeichnete. Er war einziger Sohn, besass ein artiges Vermogen, eine hochst interessante Gestalt, und uber alles dieses ein vortrefliches Herz, das durch hausliches Leiden gebildet war. Seine Jugend war so unglucklich wie Luisens fruhere Jahre gewesen: und Ungluck das man durch eigene Erfahrung kennt, flosst immer lebhafteres Mitleid ein. Blachfeld hingegen war seinem vaterlichen Hause immer fremd geblieben; von der Wiege an sein eigner Herr, ward sein Herz durch das Kriegs-Handwerk verhartet; er kannte weder das Leiden einer fuhlenden Seele, noch die Bande des hauslichen Lebens. Ein Freund machte Luisen darauf aufmerksam, und bat sie mit Eifer, sich nicht durch einen misverstandenen Heroismus unglucklich zu machen. Er stellte ihr vor, dass ein Mann, der wie Blachfeld sich an den Umgang einer Frau gewohnt hatte, die als Gesellschafterin und Magd mit ihm lebte, sich nie wurde in die Achtung finden konnen, die man einem Weibe von Luisens Erziehung schuldig ware. Das Beyspiel des Herrn, sagte man ihr, wirkt auf die Bedienten: er wird Ihnen nie Ehrfurcht verschaffen, er wird Ihnen nie in seinem Hause den Platz anzuweisen wissen, der Ihnen gebuhrt. Es ward Luisen schwer, einen Entschluss zu fassen: aber war sie einmal dazu geschritten, so konnte sie die Furcht der hochsten Strafe nicht zuruckbringen.

Jene Versuchung ihr Wort zuruckzunehmen, ward indessen, wahrend ihres Aufenthalts in B .., durch die nahe Gegenwart des liebenswurdigen Mannes oft so stark, dass sie aller ihrer Festigkeit bedurfte, um seine Wunsche zuruckzuweisen. Auf einem Spatziergange, den sie an einem schonen Sommerabende mit Herrn ** und einer Freundin machte, fuhrte sie ihr Ruckweg uber einen Dorfkirchhof. Die Stille der Nacht, das zauberische Mondlicht, das die Schatten der schwarzen Kreuze langs auf dem grunen Rasen hinmahlte, oder auf den weissen Grabsteinen das zitternde Laub grosser Lindenbaume abbildete, deren bluhende Zweige die Luft mit dem sussesten Duft erfullten, die Ruhe der Natur mit dem Schweigen des Todes vereint, ergriffen Luisens gefuhlvolles Herz. Ihre Begleiterin ausserte eine kindische Furcht vor diesem schauerlichen Aufenthalt, und eilte nach Hause zu kommen; der junge Mann ging ihr nach, um sie zuruckzufuhren; und dieser Augenblick von Einsamkeit ofnete plotzlich Luisens Augen uber die Gefahren, mit denen dieser Ort und die Schwache ihres Herzens sie jezt bedrohten. Sie erschrak uber die Unvorsichtigkeit, nicht sogleich ihrer Freundin gefolgt zu seyn; sie fiel auf ihre Knie, und indem sie fest gelobte, kunftig jede ahnliche Gefahr zu meiden, flehte sie den Himmel um Beistand, solche diesmal zu uberstehen. Ueberraschung der Sinne war es nicht, was ihr reines Herz furchtete; aber sie zitterte vor einem Augenblicke, wo die Liebenswurdigkeit des Mannes, der um sie warb, sie die Heiligkeit ihres Versprechens vergessen lassen mochte. Wenigstens hatte sie Blachfelden zu hoffen erlaubt, und das ware genug gewesen, um selbst in den Armen der Liebe ihr Gewissen auf immer zu vergiften. Es war Herrn ** nicht gelungen, Luisens Freundin zuruckzubringen, er kam allein wieder, und wie er Luisen in ihrer flehenden Stellung fand, kniete er neben ihr nieder. Sie verbarg ihm die Ursache ihrer Bewegung nicht. Was wurden Sie thun, sagte sie mit Thranen, wenn ein Anderer Ihnen das Madchen entrisse, auf welches Sie Anspruche hatten, oder wenigstens zu haben glaubten? "Sie wollen meine Ehre in's Spiel ziehen, antwortete Herr ** indem er sogleich aufstand, und es soll Ihnen gelingen. Mochten Sie nur glucklich seyn! Aber bei Ihrer Art zu denken und zu fuhlen, scheinen Ihnen die Umstande kein Gluck zu versprechen." Wohlan, unterbrach ihn Luise; lieber will ich unglucklich seyn, als mein Gluck auf Kosten eines Mannes erkaufen, der selbst gesagt hat, dass ihm bis jezt auf der Welt noch nichts gelungen ist. Sie haben Freiheit zu wahlen, Sie sind jung, Sie konnen warten: wenn es wahr ist, was sie oft zu mir sagten, wenn ich Talente zur Erziehung habe, so verspreche ich Ihnen meine Tochter. "Sie waren das einzige Weib, der ich mein Leben hatte weihen mogen; aber ich bin nicht uberspannt: und da sich Ihr Gewissen nun einmal Ungeheuer schaft um sie hernach zu bekampfen, so ziehe ich Ihre Ruhe der Befriedigung meiner Wunsche vor. Aber mit Ihrem Trost verschonen Sie mich, setzte er mit stolzem Lacheln hinzu; ich wollte Luise N. zur Gattin, nicht Blachfelds Tochter."

Sie hatte in B. noch mehrere Veranlassungen, ihre Standhaftigkeit zu zeigen. Sie liebte das Landleben; der Verwandte mit welchem sie reiste, fuhrte sie auf ein sehr schones Gut. dessen Eigenthumer er war, und versprach es auf sie zu ubertragen, wenn sie seine Gattinn werden wollte. Ich bin nicht jung, sagte er, aber ich habe Grundsatze, Sie konnen sich auf die Unwandelbarkeit meiner Neigung verlassen, wenn auch Krankheit Ihre Zuge entstellte; ja ware es auch moglich, dass meine Liebe je aufhorte, so wurde ich es doch immer fur meine Pflicht halten, jedem Ihrer Wunsche zuvor zu kommen. "Das heisst, sagte Luise lachend, Sie wollten mich um Gotteswillen lieben." Dieser Scherz verwundete ein zartes uneigennutziges Herz, und Luise busste hart dafur; denn Blachfeld liess sie erfahren, wie glucklich sie gewesen ware, wenn er, nachdem der Rausch der Leidenschaft verraucht war, sich hatte bewegen lassen, sie um Gotteswillen zu lieben. Wir thun aber besser, den Faden der Geschichte wieder aufzunehmen, und Luisen auf ihrer Ruckkehr nach ihrer Heimath zu folgen.

Luise war nicht romanhaft; sie konnte sich aufopfern, aber uber das, was ihr die Aufopferung kostete, sich tauschen, konnte sie nicht; sie errothete auch nicht uber ihren Schmerz, allein er fuhrte sie nie so weit, eine schone Handlung zu zu bereuen. Ihr Weg fuhrte sie durch M*** Blachfelds Garnison. Hier soll ich also wohnen, sagte sie seufzend, indem sie das redende Bild einer traurigen Kriegszucht vor sich sah: leere Strassen, geschmuckte Kasernen, deren Fenster mit den elenden Lumpen ihrer Bewohner behangen waren. Diese Mauern sollen mich also auf immer einschliessen; in einer dieser menschenleeren Strassen soll ich ein ungesundes Haus bewohnen; ich, der es frey stand unter den reizendsten Wohnungen zu wahlen: statt der auserlesensten Bibliothek, werde ich ein paar Troster herumliegen haben, und statt des angenehmen Zirkels in dem Hause des Mannes, der mir den Nahmen seiner Schwiegertochter anbot, werde ich auf die Gesellschaft meines Gesindes eingeschrankt, kein wichtigeres Geschaft haben, als meinem Mann ein Mittagsessen zu kochen, das er vielleicht mit Widerwillen verzehren wird. Unter diesen traurigen Betrachtungen hielt der Wagen vor dem Hause ihrer Freundin. Die Hofnung dieses Wiedersehens machte sie alles vergessen. Blachfeld reichte ihr beim Aussteigen mit allem Entzucken der Leidenschaft die Hand. Sie blickt auf ihn, sein Gesicht flammt, Luise schlagt die Augen nieder, und beschuldigt sich der Undankbarkeit. Sie wollte wenigstens ihre Schuld durch keine Heucheley vermehren; sie sagte ihm kein Wort, und eilte neben ihm vorbei in die Arme ihrer Freundin. Sie fand sie, und eben so ihre Schwester, im Begrif Mutter zu werden. Dieser Anblick konnte Luisens Muth nicht vermehren. Wahrend ihres Aufenthalts bemerkte sie, wie schwer es einem Weibe in diesem Zustande wird, den wirthschaftlichen Geschaften vorzustehen, und der Gemahl ihrer Freundin war dennoch, in Vergleich mit Blachfeld, ein reicher Mann. Indem sich Madame E. uber die Unbequemlichkeiten ihres Zustandes beklagte, erwahnte sie auch der Sorgfalt ihres Mannes, seiner bestandigen Rucksicht auf ihre Gesundheit, seines Eifers, alle Hulfe der Kunst, und alle Bequemlichkeiten des Lebens um sie her zu versammeln; sie ruhmte, wie ihr sein Betragen seit sechs Jahren ein gluckliches Leben verschaffe, und ihre Gesundheit erhalte. Luise, deren Gesundheit weit reizbarer war, als die ihrer Freundinn, sollte alles dessen beraubt seyn, und wie jene ihr versicherte, ihres Mannes Liebe wurde ihr alles ersetzen, konnte sie sich nicht der Bemerkung enthalten, dass man nach sechs Jahren wohl der Liebe eines Gatten gewiss seyn konnte; dahingegen sechs Monate bei weitem nicht hinreichten, die Treue eines Liebhabers ausser Zweifel zu setzen. "Aber welche ein Liebhaber! ein Mann, erwiederte die gute Frau, der seit sechs Monaten nur fur Sie athmet, denkt und lebt; denn weder Ihre Abwesenheit, noch die Kalte Ihres gestrigen Empfanges, nichts kann ihn abschrecken; er schatzt sich bey der ungewissesten Aussicht glucklich, und ist mit allem was Sie sagen und thun zufrieden." Luise antwortete mit Kopfschutteln: Das alles burgt mir nicht fur die Zukunft. Vielleicht wird er mich einstens meine jetzige Unentschlossenheit, selbst indem er sie rechtfertigt, schwer bussen lassen. Ubrigens bin ich daruber mit Ihnen einig, dass die Gesellschaft dessen den man liebt, fur die grossten Opfer schadlos halt; aber so sehr ich Blachfeld hochschatze, so viel Anspruche er auf meine Dankbarkeit hat, so liebe ich ihn doch nicht. "Sie werden ihn einst lieben, antwortete Madame E. Haben Sie mir nicht selbst gesagt, dass Sie einen Mann, den Sie nicht liebten, von dessen Herzen Sie aber gewiss waren, einem andern, dessen Leidenschaft Sie erwiederten, vorziehen wurden: und das, wie Sie sagten, weil Sie dessen, was Dankbarkeit auf S i e wurkte, sicher waren; da Sie hingegen nicht wussten, was sie uber Andere vermogte. Blachfeld wird jetzt kommen; verkundigen Sie ihm Ihre Abneigung. Ich bin weit entfernt, diese Heirath wider Ihren Willen zu wunschen; aber mir ware es unmoglich, selbst den Dolch in eines redlichen Mannes Brust zu drucken." Luise war dessen eben so wenig fahig. Der Mann ihrer Freundin gab ihr Gelegenheit mit Blachfeld allein zu sprechen. Sie erklarte ihm mit vieler Festigkeit, dass sie keine andre Empfindung fur ihn hatte, als die Achtung welche sein Ruf verdiente; dass ihr Karakter es ihr unmoglich machte, einen Mann feines Standes glucklich zu machen: sie wiederholte alles was sie ihm uber ihre Furcht, dass ihre Hypochondrie einst in vollige Verstandesverwirrung ausarten mochte, schon geschrieben hatte, und bat endlich sehr ernsthaft, er mochte seine weitern Bemuhungen einstellen. Wie erstaunte Luise, als sie horte, dass er schon in D., der Hauptstadt wo Luisens Mutter seit dem Tode ihres Mannes sich aufhielt, eine Wohnung gemiethet hatte, dass die ganze Stadt ihn als Luisens kunftigen Gatten ansahe, und dass er von Luisens Mutter und Verwandten als ein Mitglied der Familie aufgenommen wurde! Jetzt bereute es es Luise zum zweiten male, vor ihrer Abreise so wenig Festigkeit gezeigt zu haben. Es war nicht der Reichthum des Mannes, welcher ihr in B. seine Hand anbot, was ihr jetzt leid that: es war das Land was ihr gefiel; es war nicht der Mann selbst, obschon er die Stimme einer ganzen Provinz fur sich hatte, die ihn von seiner Kindheit an kannte. Blachfeld konnte nichts als das Urtheil einer Stadt aufweisen, die er erst seit einigen Jahren bewohnte, und selbst dieses lautete verschieden. Doch schreckte das Luisen nicht ab. Der redlichste Mann kann Feinde haben; und obschon jedermann ihm das Zeugniss sprach, dass er launig und jahzornig ware, so liess man stets seiner Rechtschaffenheit Gerechtigkeit wiederfahren. Diese Eigenschaft entzuckte Luisen, und sie blieb taub gegen die Vorstellungen einiger Freunde, welche sie versicherten, dass Blachfeld eben so rauh als tapfer, und der Schonung unfahig ware, welche eine Frau von Luisens Gemuthsart und Erziehung fordern durfte. Luise, die ein fur allemal mit Blachfeld ein Ende machen wollte, wiederholte ihm alle diese Beschuldigungen; er sagte wenig zu seiner Vertheidigung, und dieses ohne alle Ubertreibung. Diese Massigung gefiel dem jungen Madchen; sie sah ihn blass, zitternd, kaum fahig seine Thranen zuruck zu halten, und doch blieb er mannlich, das heisst, er erbettelte keine gunstige Antwort, ob er gleich ausserte, wie sehr ihn das Gegentheil betruben wurde; er begnugte sich mit der Bitte, Luise mochte sich nicht ubereilen, ihm alle Hofnung zu nehmen. Sie ward geruhrt, und die Unterhaltung endigte hier.

Luise wusste dass ihre Mutter keiner Kleidung gewogener war, als dem Anzuge der Bauerinnen in der Gegend von B., aus welcher Luise zuruckkam. Da sie mit Freuden alles ergriff, was sie in ihrer Mutter Augen liebenswurdig machte, so hatte sie sich eine vollstandige Kleidung dieser Art machen lassen, um sie darin zu uberraschen. Blachfeld bat um Erlaubniss, Zeuge dieser Zusammenkunft zu seyn. Da Luisens Bruder, welche ihr bis M..., Blachfelds Garnison und dem Wohnort ihrer Freundin, entgegen gekommen waren, diesen Tag bei ihm gespeist hatten, schien ihr eine abschlagige Antwort unanstandig: sie fuhren also alle zusammen nach D., welches nur wenige Stunden entfernt war. Der Beweis von Herzlichkeit, welchen Luise in der Ungeduld ihrer Bruder, ihr bis nach M... entgegen zu kommen, zu finden glaubte, die nahe Aussicht ihre Mutter wieder zu sehen, entzuckten sie im hochsten Grade. Sie hatte keine lebhaftere Besorgniss, als die, nicht geliebt zu seyn; alles was dieser Furcht zu widersprechen schien, gab ihr die seligste Empfindung. Man liess den Wagen einige Schritte vom Hause halten, damit die Mutter alle Freude der Uberraschung genosse; sie erkannte Luisen nicht, und schien von ihrer Verkleidung, die ihr an ihrer Tochter auffiel, auf eine unangenehme Weise befremdet. Luise hatte ihren Anzug und ihre Rolle vergessen; sie sturzte zu ihrer Mutter Fussen, und war zu geruhrt, um ein Wort hervorzubringen. Madame N. war sehr erfreut ihre Tochter wieder zu sehen, aber eine so heftige Ruhrung war ihr vollig unverstandlich; sie rief unmuthig aus: "Immer dieselbe!" Blachfeld hob Luisen auf, und rief: O, sie verliert nichts dabei, dass sie immer dieselbe bleibt; und wer sie versteht, muss sie anbeten! Luisen schmeichelten diese Worte weniger, als ihrer Mutter Missfallen ihr weh that, und sie eilte sich anders anzukleiden. Wie sie zuruck kam, fand sie ihren altesten Bruder, der ihr nicht hatte entgegen kommen konnen. An seinem Halse durfte sie das Gefuhl das sie fast erstickte, auslassen, und sie weinte nicht allein; weit entfernt ihre Empfindung zu verspotten, druckte er sie schluchzend an sein Herz. Dieser Augenblick ausgewechselten Gefuhls war der glucklichste in Luisens Leben. Das Wiedersehen einiger anderer Freunde gab ihr den folgenden Tag noch ein paar susse Momente, und der ganze Tag verfloss auf eine angenehme Art. Aber ihre Verwandten waren versammelt, und sie bemerkte sehr bald, dass Blachfeld unter allen diesen Menschen eine demuthigende Rolle spielte. Ein jeder schien von seiner Absicht unterrichtet zu seyn, und sich zu bemuhen, ihn durch Achtungsbezeugungen dafur zu trosten, dass man so wenig Hofnung fur ihn hegte. Luise sagte sich, dass sie ihn nicht hatte sollen nach D. kommen lassen, ware sie wurklich entschlossen gewesen, ihm den Abschied zu geben: ob sie es gleich nicht zu verhindern gewusst hatte, so war es ihr doch nun auch unmoglich zuruck zu treten; und so viel ward ihr wenigstens sehr klar, dass es sich fur ihren kunftigen Gatten nicht ziemte, vor den Augen ihrer ganzen Familie die Rolle des unglucklichen Liebhabers zu spielen. Sie war zu offen um Liebe vorzugeben, wo sie ihren Herzen fremd war; indem sie abrr offentlich erklarte, dass sie ihn zu ihrem Gemahle wahlte, sagte sie deutlich genug, dass sie ihn seinem ganzen Geschlechte vorzoge, und dieses war die einzige Moglichkeit, Blachfelden die Gesellschaft ihrer Familie angenehm zu machen. Das sicherste Mittel, seine Achtung und Dankbarkeit selbst alsdann noch zu fesseln. wenn seine Liebe verraucht seyn wurde, schien sie darin zu finden, wenn sie seine Resignation, sich Jahre hindurch mit ungewisser Hofnung zu befriedigen, auch keinen Tag lang missbrauchte. Sie erklarte ihm also noch denselben Abend, dass sie einen Entschluss gefasst hatte. Anfangs verstand er sie nicht, und warf sich zu ihren Fussen, um den Aufschub seines Endurtheils zu erbitten. Ein anderes Madchen hatte vielleicht in der Unruhe ihres Liebhabers einen Genuss gefunden: Luise warf es sich vor, sie veranlasst zu haben, und eilte sich ihm verstandlich zu machen. Sie setzte nur die einzige Bedingung, dass er nach dem Ableben seines Vaters, seine Schwestern, im Falle sie dann noch ledig waren, nicht in sein Haus nehmen, sondern sich begnugen sollte, ihnen eine Pension zu geben. Luise hatte viele gluckliche Ehen durch die Klatschereyen alter Jungfern storen sehen; und wenn ihr Herz sie gleich antrieb ihre Schwagerinnen bey sich aufzunehmen, sd verbot es ihr die Klugheit doch um so viel mehr, als die Denkart und Lebensweise dieser Frauenzimmer ihr ganzlich unbekannt war. Blachfeld versprach es unverzuglich, und setzte hinzu, dass seine Einwilligung gar kein Verdienst ware, weil er, selbst wenn er sich nicht verheirathet hatte, nie Willens gewesen ware, mit seinen Schwestern zu leben. Luise hatte nun einen Glucklichen gemacht; sie war aber weit entfernt es selbst zu seyn. Einen seligen Augenblick hatte sie, indem sie ihrer Mutter Segen empfing; die Freude welche in ihren Augen blitzte, war wohl fahig ihr, fur alles was sie gethan hatte, zu lohnen. Sie furchtete unaufhorlich den redlichen Blachfeld zu betrugen. Nie glaubte sie ihm genug von den Thorheiten ihrer Jugend, von den Versuchungen erzahlt zu haben, die sie auf ihrer Reise bekampft hatte. Ihre Mutter mochte sie noch so sehr warnen, bey ihrem Brautigam keinen Verdacht zu erregen, fur welchen sie nach der Hochzeit hart wurde bussen mussen; die Furcht vor Ungluck schreckte ihr zaghaftes Gewissen nicht, sie zitterte blos strafbar zu seyn. Die ganze Nacht verfloss ihr in der grausamsten Unruhe; sie furchtete, nicht im Stande zu seyn, den Mann, welchem sie ihre Hand versprach, zu beglucken: es war aber nicht mehr Zeit zuruck zu treten, und im Augenblicke wo sie die Feder nahm, um ein neues Gestandniss ihrer Irrthumer niederzuschreiben, eilte Blachfeld schon wieder zu ihr, um ihr aufs neue fur das Gluck, welches sie ihm gestern verheissen, zu danken. Er sagte geruhrt, dass er der elendeste Mensch seyn wurde, wenn er je ihre Aufrichtigkeit missbrauchte, oder ein Madchen unglucklich machte, das sein ganzes Vertrauen in ihn setzte. "Furchten Sie nicht, setzte er hinzu, dass die geheime Schwermuth, welche Sie sich vorwerfen, mein Gluck zerstoren werde. Ich werde unermudet suchen sie zu zerstreuen, und gelingt es mir nicht, so will ich sie ertragen; denn ob Sie gleich in allen Ihren Briefen gesucht haben, mir diese Ihre Stimmung mit den schwarzesten Farben zu schildern, so kann sie mich nie so elend machen, wie ich es ohne Ihren Besitz ware; selbst nicht so elend wie ich es war, ehe ich Sie kannte."

Luise uberliess sich dem Glucke, ihre Mutter und Bruder mit ihr zufrieden zu sehen, und hofte es lange zu geniessen; als ihr ihre Mutter mit Thranen im Auge erklarte, wie sie sich genothiget sahe ein Versprechen zuruck zu nehmen, das sie Luisen bey ihrer Abreise nach B. gegeben hatte. Sie gab damals ihr Wort, ihren Schwiegersohn wahrend der Zeit, die sein Regiment jahrlich in der Hauptstadt zubrachte, in ihr Haus zu nehmen. Jetzt sagte sie, diese Einrichtung fiele ihren Sohnen zur Last, die, da sie mehr in der Welt lebten, auch genothigt waren mehr Gesellschaft in ihrem Hause zu sehen; bey ihrem Alter furchte sie einen Zuwachs von Last und Sorgen; sie wurde sich immer herzlich freuen, Luisen und ihre Kinder, wenn sie erst Mutter ware, bey sich zu sehen, weil das ohne Unbequemlichkeit geschehen konnte; die Anwesenheit eines Mannes aber zoge zu viel Ungelegenheit nach sich, denn er forderte doch immer einen guten Tisch, ein eigenes Besuchzimmer, und dergleichen mehr: sie bot ihr endlich zwanzig Pistolen jahrlich an, um sie fur ein Versprechen zu entschadigen, das sie gegeben zu haben so sehr bereuete. Wie Luise ihre Mutter weinen sah, gab sie ihr dieses Versprechen sogleich zuruck; aber ihr Herz war im Innersten verwundet. Es gab fur sie keine Entschadigung fur eine Aussicht, auf welche sie schon die reizendsten Luftschlosser gebaut hatte, und die Hofnung, nicht das ganze Jahr uber in M. zu wohnen, hatte zu ihrem Entschlusse nicht wenig beygetragen. Mit ihrem Mann in dem Zirkel ihrer Familie zu leben, neben den Vortheilen der Tochter vom Hause alle Vorrechte einer verheiratheten Frau zu geniessen, ihren Mann in der frohen, liebenswurdigen Gesellschaft ihrer Bruder sich ausbilden, diese hingegen seine mannlichen Tugenden zum Muster nehmen sehn welch eine gluckliche Zukunft! Luise liess Blachfelds Verdiensten Gerechtigkeit wiederfahren; aber sie betete ihre Bruder an. Diese Liebe wurde bald auf eine arge Probe gestellt. Es war die Absicht ihres Vaters gewesen, dass man eine gewisse Summe zu ihrer Ausstattung von seinem Vermogen abziehen sollte. Er war es ihr gewissermassen schuldig, weil er sie oft mit der Versicherung, dass sie nicht dabey zu kurz kommen sollte, an einer guten Heirath verhindert hatte; und sein Einkommen war auch wirklich mehr wie hinreichend, um die Aussteuer seiner Tochter zu bestreiten. Er hatte sieben Jahre lang damit seine Sohne, einen nach dem andern, auf der Universitat erhalten, und dem ohngeachtet sein Kapital in dieser Zeit vermehrt. Auf seinem Todtbette forderte er von seiner Frau und seinen Sohnen das Versprechen, seinen Willen in diesem Punkte nach seinem Tode zu befolgen; sie waren alle funf seine Kinder, und so ware es billig, fur das eine so viel wie fur das andere zu thun. Luise war damals von dieser Gute so geruhrt, wie von der Grossmuth ihrer Mutter und Bruder, welche diese Summe aus eignem Antriebe auf tausend Thaler bestimmten. Die Mutter, welche ihre Sohne zartlich liebte, erzahlte diese grossmuthige That allen Kondolenz-Besuchen, und fuhrte sie gegen ihre Tochter als einen Grund an, nie eine Heirath einzugehen, die ihren Brudern zuwider seyn konnte; denn, sagte sie, sie haben immer erklart, dass sie statt tausend Thalern gern doppelt so viel geben mochten, wenn sie gewiss werden konnten, dass ihre Schwester sich nicht durch ihre romanhaften Grillen verfuhren liesse, einen Gatten zu wahlen, der ihnen Schande machte. Luisens Stolz emporte sich uber diese Reden; es that ihr weh, dass ihre Mutter ihnen Gehor gab; sie war uberzeugt, dass die wahre Seelengrosse nicht in geringen Auszeichnungen besteht, die eben so kleinlich wie nichtsbedeutend sind: allein die Liebe fur ihre Bruder gewann bald wieder die Oderhand; sie bedachte ihre grosse Jugend, sie uberredete sich, die Jahre wurden ihnen eine vernunftigere, billigere Art zu denken beybringen; und ob sie wohl fuhlte, dass sie dann nicht mehr jung genug seyn wurde, um dabey zu gewinnen, so fuhlte sie doch, ihre Liebe wurde uneigennutzig genug seyn, um sich auch dann dessen zu freuen. Sie war mit der Summe, welche ihr Vater bestimmt hatte, vollkommen zufrieden, und erkannte daher ihrer Bruder Grossmuth, so wenig sie deren Bewegungsgrund billigte, mit allem Dank. Aus Liebe zu ihrer Mutter beschloss sie, sobald sich die Gelegenheit darbote, ihre Bruder durch eine, nach deren Meinung gluckliche Heirath zu beruhigen. Es hat zu allen Zeiten und an allen Orten mussige Menschen gegeben, die ihr leeres Gehirn von Haus zu Haus schleppen, und es mit allen Armseligkeiten anfullen, die ihnen aufstossen. Ein solches Geschopf machte sich, nach der Erklarung von Luisens Heirath mit Blachselden, an ihre Bruder, um sie zu versichern, dass die Aussteuer der Tochter von jeher von ihrem Kapital abgezogen worden ware, dass sie also Unrecht hatten, eine Ausnahme zu Gunsten ihrer Schwester zu machen. Diese Erinnerung hatte gleich nach des Vaters Tode, oder so lange Luise ihre Wahl noch nicht bestimmet hatte, keinen Eindruck gemacht: die Zeit hat aber einen machtigen Einfluss. Luisens Bruder erinnerten sich nur sehr verworren an das, was ihnen ihr Vater gesagt hatte, und wie sehr sie selbst bemuht gewesen waren, ihre Schwester von einer ihnen missfalligen Heirath abzuhalten, ob sie gleich dadurch in den Stand gesetzt worden ware, ihrer Wohlthaten ganz zu entbehren. Sie wussten zwar, dass ihr erwahlter Schwager arm war; sie wussten dass ihre Schwester, nichts zuzusetzen hatte; aber dieser Schwager konnte sein Gluck machen, und sie dachten wenig darauf, dass er, sobald er es so weit gebracht hatte, seine Gattinn vernachlassigen konnte, die ihn, ohngeachtet seines geringen Vermogens gewahlt hatte, Sie waren selbst noch ohne Versorgung, sie mussten auf ihren Vortheil denken: kurz, sie fingen damit an, die Frage kaltblutig zu untersuchen, und endigten, ungeachtet der Sanftmuth, mit welcher ihre Schwester sich auf den letzten Willen ihres Vaters berief, mit dem fur Luise zerreissenden Vorwurf, dass sie eigennutzig handle. Luise war so weit davon entfernt, dass sie ihre Mutter beschworen hatte, ihr gar keine Aussteuer zu geben. Sie hing wenig an solchen Dingen, weil sie ihr zum Gluck der Ehe sehr entbehrlich schienen, und sie wusste dass Blachfeld eben so wenig Werth damit verband; sie that also von Herzen gern darauf Verzicht: allein sie glaubte, ihre Pflichten gegen ihren kunftigen Gemahl erlaubten ihr nicht, ohne sein Vorwissen eine Schrift zu unterzeichnen, in welcher sie eingestand, ihrer Familie tausend Thaler schuldig zu seyn, nachdem sie ihm doch gesagt hatte, dass ihre Ausstattung ein Geschenk ihres verstorbenen Vaters sey. Luisens Mutter hingegen, welcher die ganze Sache schon sehr weh that, wunschte wenigstens, dass Blachfeld nicht davon unterrichtet seyn mochte. Wasche und Betten, sagte sie ihr, sind in einer Wirthschaft unentbehrlich: was Hausgerath anbetrift, ist das des Mannes Sache; und um ihn in den Stand zu setzen, diese Ausgabe zu bestreiten, nehme ich ihn wahrend der sechs Monate bis zu eurer Hochzeit an meinen Tisch; damit er sich aber bey dem Einkaufe dieser Dinge, worauf er sich gewiss nicht versteht, nicht betrugen lasst, kann er dir nur das Geld dazu geben. Hiedurch sah sich Luise in einer neuen Verlegenheit: sie erkannte in dieser Einrichtung die Weisheit und Gute ihrer Mutter, allein aus falscher Scham wagte sie nie daruber mit Blachfelden zu sprechen, und musste nun zu ihrem grossten Leidwesen wahrnehmen, dass er, anstatt streng zu wirthschaften, oft fur ein Fruhstuck oder eine Kollation im Wirthshause eine halbe Pistole verzehrte, da es ihm bey Luisens Mutter nichts gekostet hatte. Sie hatte ihn fur sparsam gehalten, und in diestr Hinsicht alle Geschenke, die er ihr machen wollte, abgelehnt. Wie sie von ihrer Reise zuruckkehrte, hatte Luise die Gutherzigkeit, ausser ihrem Antheil an den Reisekosten, auch noch die Halfte des Antheils einer andern Person zu bezahlen: und da ihr in diesem Augenblicke die Ausgabe um so unerwarteter kam, als der Anschlag schon vorher gemacht worden war, und es jener Person frei gestanden hatte, die Reise nicht mitzumachen, uber deren Kosten sie sich jetzt beklagte, so sah sie sich zum erstenmal in ihrem Leben in der Nothwendigkeit, Geld aufzunehmen. Der blosse Gedanke Schulden zu haben erschreckte sie, und sie stellte daher eine Anweisung auf die ganze Summe aus, die sie von ihrer Murter zu ihren Ausgaben erhielt, so dass sie drey Monate zubrachte, ohne einen Groschen in der Tasche zu haben. Sie hatte indessen zu viel seines Gefuhl, um ihrem Liebhaber ihre Verlegenheit merken zu lassen, bis er ihr einst sagte, dass er vier Pistolen zu einem Sopha erspart hatte; sie bat ihn, das Geld zu etwas Nothwendigerem aufzuheben, weil man, genau betrachtet, recht gut ohne Sopha fertig wurde, aber nicht ohne Stuhle. Wie sehr erstaunte Luise, als ihr Brautigam ihr nach sechs Monaten erklarte, dass er, anstatt zu den vier Pistolen zuzulegen, sie sogar ausgegeben hatte! Wie sehr bereute sie es jetzt, den Rath ihrer Mutter nicht befolgt zu haben! Diese freute sich schon darauf, ihre einzige Tochter in ihrer neuen Wohnung einzurichten, und Luise hatte nicht das Herz ihr zu sagen, dass Blachfeld noch gar nichts dazu angeschaft hatte. Die gegenwartige Verlegenheit war es nicht allein, was Luisen qualte; sie konnte nicht umhin, die naturliche Berechnung zu machen, dass ein Mann, der mit tausend Thalern nicht auskam, so lange er Wohnung, Bedienung und Tisch bey ihrer Mutter hatte, wenn er von derselben Pension Frau und Kinder ernahren sollte, noch weniger auskommen wurde. Luise stellte ihm dieses mit vieler Sanftheit vor, und bat um einen Aufschub der Heirath, bis zu einer Vermehrung seiner Einnahme. Allein bey der ersten Erwahnung eines Aufschubs ward Blachfeld wuthend; er stiess sich mit dem Kopfe gegen die Mauer, und warf endlich Blut aus. Er war Luisen nicht mehr ganz gleichgultig; und ob sie gleich vorher sah, dass sein Mangel an Ordnung, seine uble Wirthschaft, seine Unkunde in allen Geschaften, sie und ihre Kinder in die grausamste Verlegenheit setzen durften, argerte sie sich doch uber ihre gute Mutter, so oft sie die geringste Anmerkung daruber machte. Sie wunschte, dass man ihn fur vollkommen halten, oder wenigstens nicht in ihrer Gegenwart von den Fehlern eines Mannes reden mochte, dem sie Ehrfurcht und Gehorsam zu versprechen im Begrif stand. Sie liebte seine Uneigennutzigkeit, sein Nichtachten des Geldes; allein sie hatte es gern gesehen, dass er dadurch nicht in den Fall gekommen ware, von weniger uneigennutzigen Leuten missbraucht zu werden. Ein Mensch, der ohne Vermogen zu besitzen, sich wie ein steinreicher Mann meublirt hatte, ward nach einigen Jahren seine Thorheit gewahr; seine Meublen, die nun aus der Mode gekommen waren, versprachen ihm wenig Entschadigung dafur, dass er sein halbes Vermogen hineingesteckt hatte, und er warf seine Augen auf Blachfelden, um einigermassen wieder zu seinem Gelde zu kommen; er lockte ihn in sein Haus, und erbot sich ihm, aus blosser Freundschaft, alle seine alten Meublen um den Kaufpreiss zu uberlassen. Blachfeld, der nie das vaterliche Haus bewohnt hatte, sondern auf einer Schule erzogen, und sodann von einer Garnison in die andre versetzt, kein andres Bett als eine Pritsche, und kein andres Hausgerath kannte, als einen holzernen Tisch und einen Feldstuhl, bemerkte nicht, dass man ihm einen Handel vorschlug, bey welchem er sein baares Geld gegen geschmacklose Trodelwaaren austauschte, unter denen kein einziges taugliches, und in einer neuen Wirthschaft wirklich nothwendiges Stuck befindlich war. Dass er Luisen versprochen hatte, in allem auf eine edle Einfalt zu sehen, die ihrem Geschmacke so wie ihrer Lage angemessen war, ward rein vergessen; und ohne sie zu Rathe zu ziehen, da er ihr doch tausendmal zugesagt hatte, ihr alle Hauseinrichtungen zu uberlassen, indem er seine Unfahigkeit in diesen Geschaften eingestand, wurde der Handel, zwischen einem Schlaukopf und einem Menschen, der alle altvaterische Arglosigkeit von des Landpfarrers von Wakefield Sohne, Moses, besass, bey einer Flasche Wein geschlossen. Der Verkaufer sah wohl voraus, dass die Braut uber diesen verderblichen hasslichen Handel sehr unzufrieden seyn wurde, und forderte also von Blachfelden sein Offizierswort, das er heilig zu halten den Ruf hatte, und Blachfeld gab es, ohne daran zu denken, dass er keinen Thaler zum Bezahlen hatte. Dieser Umstand machte dem Verkaufer wenig Sorgen; er war sicher, dass Luise alles bezahlen wurde, so sehr es sie auch kranken mochte. Luise stellte ihrem Brautigam vor, dass ein Augenblick, wo sie aus Mangel an dem Nothdurftigsten sich nicht verheirathen konnten, sehr wenig dazu gemacht ware, um lauter uberflussiger Dinge willen Schulden zu machen: denn unter dem ganzen Ankaufe war kein rechtlicher Stuhl, kein Schrank, kein Tisch, ausser Spiel- oder Marmortischen, da Luise einen bequemen Grossvaterstuhl, einen grossen Theetisch, ein Ruhebett fur Kranke lieber wie alles dieses gehabt hatte. Alles was zur patriarchalischen Einfalt zuruckfuhrte war ihr Geschmack, und diesen hatte sie auch bey ihrem Brautigam zu finden gehoft. Blachfeld ward wuthend, warf seinen Hut auf den Boden, trat ihn mit Fussen, und beging tausend solche Dinge, welche Luisen uberzeugten, dass man ihr in Ansehung seines Ungestums die Wahrheit gesagt hatte. Nun war aber an kein Zurucktreten mehr zu denken, und ausserdem war, neben allen seinen Fehlern, etwas Grosses in seinem Karakter, das ihr gefiel. Luise versprach auf ihren Namen Geld zu borgen; denn Blachfeld hatte, wie alle Menschen ohne Vermogen, ungeachtet seiner allgemein anerkannten Redlichkeit, auch keinen Kredit.

Der Furst, in dessen Diensten Luisens Vater stand, hatte diesem bey seinen Lebzeiten versprochen, fur seiner Tochter Mitgift zu sorgen: dem zufolge schickte er ihr tausend Thaler, denen ein Brief an Blachfeld beygefugt war, in welchem er ihm sagte, dass er, ohne in die nahere Beschaffenheit seiner Lage einzugehen, diese Summe zu seiner Hochzeitseyer bestimmt hatte. Blachfeld verstand die gutige Meinung des Fursten sehr wohl: und zu edel um ein Gut, das ihm nicht beschieden war, an sich zu reissen, uberliess er Luisen diese Summe zu ihrer Aussteuer, und behielt sich nur sechs Pistolen zu einem Kleide vor. Luise war von diesem Betragen so geruhrt, dass sie die sechs Pistolen von ihrem, nach Abzahlung ihrer Schuld ubrig gebliebenen Spargelde nahm, indem sie die tausend Thaler in einer offentlichen Kasse niederlegen wollte, um bey vorfallenden Gelegenheiten einen Nothpfennig in Vorrath zu haben. Diese Freude sollte ihr aber nicht werden: denn am folgenden Morgen kam Blachfeld, und bat sie um die Halfte der Summe, zur Losung seines wegen der Meublen gegebenen Ehrenworts, und den Tag darauf forderte er die andre Halfte, zum Ankaufe seines Feldgeraths, indem von Kriegszurustungen die Rede ware. In so einem Falle sorgt der Landesherr fur das Feldgerath: allein es war eine von Blachfelds Sonderbarkeiten, einen Abscheu gegen ausstehende Kapitalien zu haben; und indess sich Luise das Nothwendige versagte, um das Geschenk ihres edeln Gonners nicht anzugreifen, gab Blachfeld auf allen Seiten aus, um es los zu werden. Auf diese Weise sah sich also Luise, statt um tausend Thaler reicher zu seyn, um sechs Pistolen armer als sie war; und zu ihrer hauslichen Einrichtung blieb nichts ubrig. Blachfeld nahm indessen zusehends ab, und betheuerte, dass er sich das Leben nehmen wurde, wenn ihm Luise nicht vor seiner Abreise ihre Hand am Altar gabe. Er schwor ihr, dass er nur diese Ceremonie, nur die Sicherheit, dass nichts sie ihm entreissen konnte, fordere; dass er von keinem seiner Rechte Gebrauch machen wollte, bis sie es ihm zugestande. Die Mutter, alle Freunde redeten ihr zu, ihrer Unentschlossenheit ein Ende zu machen, und Luise bestimmte endlich den Hochzeittag, doch erst nachdem sie von ihrem Brautigam das feyerliche Versprechen erhalten hatte, dass sie ein Jahr lang nur als Freunde zusammen leben, und keinen vertrauteren Umgang haben wollten. Luise entdeckte ihrer Mutter dieses Geheimniss: denn als ein solches wollte Blachfeld naturlicher Weise einen Vertrag angesehen haben, der ein ausschliessliches Eigenthum der Liebe war. Man beschloss, die Hochzeit auf dem Gute der Mutter zu feyern, wo das junge Ehepaar auch, bis zu Blachfelds Abreise nach der Armee, bleiben sollte. Diese Einrichtung schlug wenigstens der Brautigam vor, um Anstalten auszuweichen, denen sein Beutel gar nicht gewachsen war. Den Zustand seiner Finanzen hatte er aber um so weniger Lust seiner kunftigen Schwiegermutter zu entdecken, als er, bey Gelegenheit der Schwierigkeiten, die sie seiner Bewerbung um ihre Tochter entgegen setzte, versichert hatte, er brauche kein Vermogen, und sey zu sehr Mann von Ehre, um eine Frau zu nehmen, ohne fur ihren Unterhalt sorgen zu konnen. Seitdem er das Geschenk des gutigen Fursten, auf das er Anfangs freywillig Verzicht that, in weniger als acht Tagen zu seinem Gebrauch verwandt hatte, furchtete er sich mit seiner Schwiegermutter allein zu seyn, und brauchte Luisen zur Mittelsperson, so oft er ein Anliegen bey ihr hatte. Dieses Verfahren zog dem armen Madchen manchen Verdruss zu. Eines Tages, kurz vor der anberaumten Hochzeitsfeyer, wie sich die Familie allein befand, machte die Mutter die Bemerkung, dass es Schade sey, die schonen Fruhlingstage nicht auf dem Gute zuzubringen; dass sie ihr auch gewiss nicht so ungenutzt verfliessen sollten, wenn nicht die Verbindlichkeit, Blachfelden in der Kost zu haben, im Wege stunde. Luise litt schmerzlich bey diesen Worten, und antwortete, sie sey bereit ihr dahin zu folgen, da Blachfeld um so weniger etwas dagegen haben konnte, als er nach der Hochzeit selbst dort zu wohnen gedachte, Die Mutter erwiederte: dies ware eben die Ursache, warum sie auf das Vergnugen dort zu leben Verzicht thun musste; ihr Garten sollte nicht von einem Trupp unnutzer Reitknechte verwustet werden; Blachfelds Abreise zur Armee sey nicht festgesetzt, und er konnte ihr den ganzen Sommer auf dem Halse liegen. Luisens Bruder stimmten den Grunden der Mutter bey, und bewiesen, dass die Einrichtung des Guts nicht erlaube, Fremde zu beherbergen, und dass ein Mann, der sich verheirathete, sein eigen Haus einrichten musse, damit seine Schwager die Freude haben konnten, zu sagen: Ich gehe zu meiner Frau Schwester! In diesem allen war schon Bitterkeit genug fur Luisen; allein die Mutter fuhrte noch, in Gegenwart der jungen Leute, Blachfelds schonendes gutiges Versprechen gegen seine hypochondrische irrende Braut, als einen Bewegungsgrund fur diese an, sich nach der Hochzeit von ihm zu trennen, und ihm nur von Zeit zu Zeit Besuche auf dem Gute zu verstatten. Luise fuhlte das Unschickliche dieser Ausserung; sie furchtete Blachfelds unbandige Hitze, die bey der Entdeckung dieses Auftritts nothwendig auflodern wurde; es fiel ihr ein, dass sie, die bey der Wahl eines Gemahls sich dem Geschmacke ihrer Familie unterworfen hatte, keine bitterern Sorgen zu gewarten gehabt haben wurde, wenn sie der Stimme ihres Herzens Gehor gegeben hatte, Die gute Mutter war in einer ubeln Stimmung, und haufte alles Unangenehme auf das schwache Madchen, das dem Unmuth endlich unterlag, und das Ungluck hatte, der Mutter auf eine Weise zu antworten, die einem Kinde nie geziemt. Dieser traurige Auftritt ward der Gesundheit Beyder nachtheilig; er durchdrang Luisens Hetz mit einer so nagenden Reue, dass sie Blachfelden in der nachsten Stunde von der Veranlassung des Streits unterrichtete, und erklarte, sie habe ihre theure Mutter aus Liebe zu ihm beleidigt; und um sich zu strafen, wolle sie sich auf immer von ihm trennen. Blachfeld erblasste, wie er sie unerschutterlich sah, und betheuerte gegen ihren altesten Bruder, dass er, wenn sie bey diesem Entschluss beharrte, den Dienst verlassen, und auf ewig aus seinem Vaterlande scheiden wurde. Heinrich, dieser alteste Bruder, hatte vielen Einfluss auf seine Schwester, und gebrauchte ihn jetzt geschickt genug, um nach und nach ihre Gewissensbisse wegen des Fehltritts gegen ihre Mutter zu besanftigen, und Blachfelds Wiederaufnahme zu bewerkstelligen. Blachfeld schloss sie entzuckt in seine Arme; und indem Thranen seine mannlichen Wangen benetzten, rief er: "Geliebter Engel, was brauchst Du Geld und Gut! Ich will Dich auf meinen Armen uber das Wasser und durch das Feuer tragen; meine Hande sollen Dich ernahren; ich will im Schweisse meines Angesichts fur Dich arbeiten, und werde glucklich seyn, wenn ich Dich nur mein nenne!" Luise war innigst geruhrt, denn sie glaubte sich nun geliebt. Wie Madame N, diesen Auftritt durch ihren Sohn erfuhr, versprach sie, ihren Schwiegersohn mit offnen Armen aufzunehmen. Sie hatte, wie die meisten betagten Leute, die Grille gebeten seyn zu wollen. Blachfeld hatte ihr nachgeben sollen; sein Stolz hielt ihn aber davon ab, und doch ging dieser namliche Stolz, aus einem sonderbaren Widerspruche, bey ihm nicht so weit, dass er sich zu einer weisen Wirthschaftlichkeit entschlossen hatte, die doch allein unabhangig macht. Er betrieb die Hochzeit mit dem grossten Eifer, und bekummerte sich dem ungeachtet um manche Dinge so wenig, dass Luise dem Hausgesinde ihrer Mutter, den Armen, dem Geistlichen u.s.w. in seinem Namen die ublichen Geschenke machen musste; kurz, sie erkaufte sich ihren Mann, wie eine alte Kokette ihren Liebhaber erkauft; aber sie hielt Blachfelden jedes Preises werth. Wer ohne Fehler ist, kann keine hervorstehende Tugenden haben. Blachfelds Denkungsart war edel, und er hatte keinen Schatten von Einbildung auf die Vorzuge seiner vornehmen Geburth: er war tapfer ohne Pralerey; er vernachlassigte zwar seine Geschafte zu sehr, um grossmuthig seyn zu konnen, indessen gab er Luisen einen schonen Beweis seiner uneigennutzigen Denkungsart: sie gestand ihm namlich, dass sie sich fur eine ziemlich ansehnliche Summe verburgt hatte, um eine Familie aus einer bedrangten Lage zu reissen, und weit entfernt sie zu tadeln, bezeugte er ihr seinen lebhaften Beyfall.

Blachfeld hatte gehort, dass es kein heilsameres Mittel gegen die Hypochondrie gabe, als das Reisen, und schlug daher seiner Frau gleich nach der Heirath eine Reise in ein Bad, von da zu seinem Vater, und endlich nach Wien vor. Luise wandte ihm die Kosten eines solchen Unternehmens ein; er hatte aber die Delikatesse vorzuschutzen, dass seine eigne Gesundheit es erfordere; und wie der Ausbruch des Kriegs diesen Plan vereitelte, bat er Luisen kniend, in das Bad zu gehen, weil er ohne ihr Vorwissen einen beruhmten Arzt zu Rathe gezogen habe, der dieses Mittel fur Luisen als unentbehrlich ansahe. Er legte sogar vierzig Pistolen in dieser Absicht in die Hande seiner Schwiegermutter nieder; Luise gab sie ihm aber zuruck, und versicherte lachelnd, dass eine Frau, die nur um des Badens willen das Bad besuchte, dort wenig mehr als anderwarts ausgabe. Luise bewies dieses bey ihrer Reise: denn sie wandte nur eine kleine Summe darauf, die sie aus ihrem Antheile von dem Verkaufspreise zuruckgelassnen Bibliothek ihres Vaters geloset hatte.

Ein Umstand, der sich noch aus ihrer Kindheit herschrieb, machte ihr diese Reise sehr wunschenswerth, und kann ihr einigermassen zur Entschuldigung dienen, dass sie damals die Entschlossenheit nicht hatte, lieber ihren Mann in's Feld zu begleiten. Zur Entschuldigung: denn in ihren Augen rechtfertigt nichts die Selbstsucht, mit welcher sie ihre Gesundheit mehr in Erwagung zog, als ihre Pflichten gegen ihren Mann, und sie sieht alles Ungluck, das daraus entstand, als eine wohlverdiente Strafe dieser Selbstsucht an, die sie vorzuglich bewies, als sie Blachfelds nachherige, oft wiederholte Bitten, zu ihm in's Hauptquartier zu kommen, nicht erfullte. Luisens Mutter hatte mit vielen andern Muttern die Schwache gemein, dass sie gern andrer junger Madchen Talente, Fleiss, Ordnung, Geschmack im Anzuge, auf Kosten ihrer Tochter lobte. So hatte sie eines Tages von dem Kopfputze einer Gespielinn so bezaubert geschienen, dass sich Luise vornahm, ihrer Mutter zu Gefallen, solchen nachzuahmen, und, den folgenden Morgen, der namlichen Kindermagd, deren boses Gemuth und trauriger Einfluss auf Madame N. zu Anfang dieser Geschichte erwahnt ist, anlag, ihr dabey zu helfen. Sie konnte nicht zurecht kommen, und Luise wollte nun allein fertig zu werden suchen. Die Magd fand sich beleidigt, dass das junge Madchen sich fur geschickter hielt als sie, und fing einen Streit daruber an, den sie nachher der Madame N. so falsch hinterbrachte, dass diese Luisen auf das harteste anfuhr. Luise unternahm sich zu rechtfertigen, und brachte dadurch ihre Mutter so auf, dass sie mit einem Buche nach ihr warf, welches mit seiner ganzen Schwere auf die eine Seite ihrer Brust fiel, und eine Verhartung zuruck liess, die sich niemals wieder verlor. Wahrend der Zeit, dass Luise mit Blachfelden verlobt war, hatte ein Frauenzimmer aus ihrer Familie das Ungluck, einen Krebs an der Brust zu bekommen, und zwar in so einem gefahrlichen Grade, dass sie sich der grausamsten Operation unterwerfen musste. Ihr Chirurgus sagte bei der Gelegenheit in Luisens Gegenwart, dass wenn diese Dame seinem Rathe gefolgt, und zu rechter Zeit nach dem ** Bade gegangen ware, sie das Ungluck vermieden haben wurde. Diese Worte vermehrten Luisens Unruhe, die sie bis jetzt aus Schonung gegen ihre Mutter immer unterdruckt hatte, so sehr, dass sie Blachfelden einen Theil davon entdeckte, und sich fest vornahm, auf alle Falle die erste Gelegenheit zu einer Reise nach dem Bade zu benutzen. Allein diese Reise hatte eine ganz andere Wurkung, als man sich davon versprach; zum Theil war ein an sich sehr geringfugiger Vorfall daran Schuld, der sich den Tag vor Luisens Abreise zutrug; zum Theil machte sie aus ubertriebener Sparsamkeit den ziemlich langen Weg mit so grosser Eile, dass ihre sehr zarte Gesundheit darunter leiden musste. An jenem Tage vor ihrer Abreise war Luise in der Gesellschaft eines der geehrtesten und bekanntesten deutschrn Gelehrten nach *** gereist, um von einer vertrauten Freundinn Abschied zu nehmen. Bey dem Ruckwege hatte der Kutscher die Unvorsichtigkeit, uber ein gepflugtes Feld zu fahren, und ward von den Bauern angehalten. Luisens Begleiter stieg aus, um mit den Leuten zu sprechen; der Kutscher, welcher eine Menge Menschen um den Wagen versammelt sah, und sich vor den Folgen seiner Unvorsichtigkeit furchtete, nahm diesen Augenblick wahr, um die Pferde anzutreiben und dem gaffenden Haufen aus den Augen zu kommen. Luise fuhlte, wie beschwerlich es Herrn *** seyn wurde, zu Fuss in die Stadt zu gehen; sie fuhlte das Verdriessliche seiner Lage unter einem Haufen aufgebrachter Bauern, und rief umsonst dem Kutscher zu, still zu halten. Der Bediente war mit Herrn *** zugleich abgestiegen, und Luisens Furcht ging so weit, dass sie sogar den Schlag ofnete, um aus dem Wagen zu springen; allein dadurch gewann sie nichts, als dass einige betrunkene Bursche sich herbey machten, um hineinzusteigen. Endlich kamen sie in die Stadt; da der Lehnkutscher aber das Haus ihrer Mutter nicht wusste, fuhr er erst durch verschiedene Strassen um, und so langte sie endlich gegen Mitternacht ganz erschopft an. Da ihre Mutter mit allem Gesinde auf dem Gute war, und Luise nur wegen des Besuchs bey ihrer Freundinn in die Stadt gewollt hatte, fand sie keinen Menschen im Hanse, der ihre sehr aufgestorte Reizbarkeit besanftigt hatte; ein unangenehmer Brief, den sie zufallig am folgenden Morgen erhielt, nahrte ihren Verdruss bis zu der Ankunft auf ihrer Mutter Gut, wo sie ihre Familie schon von dem gestrigen Vorgange unterrichtet fand, und bittere Vorwurfe erhielt, dass sie sich und den Rang ihres Mannes, ihrer Freundinn zu Liebe so ausgesetzt hatte. Luisens Gemuth war von der Sache selbst und von ihrer Abreise so gedruckt, dass sie sich tief betrubt auf den Weg machte. Die Umstande, unter welchen sie im Bade war, konnten ihren Missmuth nicht zerstreuen; jeden Augenblick sprach man von der Aussicht auf eine nahe Schlacht, und Blachfeld hatte sich auf Luisens Dankbarkeit Anspruche erworben, die ihn ihrem Herzen sehr theuer machten. Gleich nach der Trauung hatte sie einen Auftritt mit ihm, in welchem er, mit dem heftigsten Ungestum, die Ruckgabe seines schonenden Versprechens forderte; Luise bestand auf dessen Erfullung, und es gelang ihr uber seine zartliche Ungeduld zu siegen. Seitdem hatte er heilig Wort gehalten, und sie rechnete ihm diese Entsagung fur eine so grossr Tugend an, dass ihre Einbildungskraft ihn in dem Lichte eines uber sein Geschlecht erhabenen Wesens zu betrachten anfing. Sie war stolz darauf, seinen Namen zu tragen, und ihre Hypochondrie fuhrte sie bald so weit, sich dessen fur unwerth zu halten; sie schrieb ihm die offenherzigsten Bekenntnisse aller ihrer Fehler; er sprach ihr auf eine zartliche Weise Muth ein, und es gelang ihm, was noch kein Mensch vermocht hatte, das scheue Gewissen des armen Weibes zu beruhigen. Sie fuhlte, was er fur sie that; und wenn man sie fragte, wie lange sie verheirathet sey, antwortete sie aus Herzensgrund, dass es drey Monate waren, die ihr aber wie drey Tage vorkamen, weil sie noch nie so glucklich gewesen ware, als seit dieser Zeit. Damals fand sich Luise eines Tages in einer Tanzgesellschaft, wo sie aber an der allgemeinen Belustigung nicht Theil nahm, weil sie sichs zum Verbrechen angerechnet hatte, zu tanzen, indess das Leben ihres theuren Blachfelds stundlich in Gefahr schwebte. Um den Einladungen zu entgehen, setzte sie sich an den Pharaotisch, wo man ihr bald vorschlug, eine Pistole aufs Spiel zu setzen, Sie that es, und gewann anfangs; durch ihr Gluck ermuntert, spielte sie weiter. Sie hatte an diesem Tage einen Brief von Blachfelden bekommen, in welchem er in sie drang, zu ihm in das Hauptquartier zu kommen; sie brauchte Geld zu dieser Reise, und beging die Kleinheit, zur Erreichung ihres Endzwecks das elendeste Mittel zu ergreifen. Das Gluck wandte sich, und sie verlor. Ein Freund ihres Vaters, welcher gegenwartig war, errieth ihre Verlegenheit, und bot ihr mit einer Feinheit, die nur edeln Selen eigen ist, Geld an, indem er sagte: "Wir Manner haben zuweilen den Fehler, unsre Weiber in ihren Ausgaben zu kurz zu halten." Luise versicherte errothend, dass sie nichts bedurfte: dass ihr Gemahl sie uberflussig versorgte; allein sie fuhlte ihre begangne Thorheit schmerzlich, und um so schmerzlicher, weil ein Mann, den sie immer ausgezeichnet geschatzt hatte, dem sie aber jetzt aus falscher Scham ihre unangenehme Lage verschwieg. Zeuge davon gewesen war. Unter diesen druckenden Umstanden erhielt sie eine Nachricht, die sie vollig niederschlug Ihre Mutter meldete ihr, dass der liebste ihrer Bruder gefahrlich krank sey. Sie wurde davon zu jeder Zeit heftig erschuttert worden seyn; allein in diesem Augenblick trafen mehrere Umstande zusammen. um sie doppelt niederzuschlagen. Sie hatte, vor ihrer Abreise, wegen einer hauslichen Angelegenheit einen kleinen Zwist mit ihm gehabt; ihre Trennung war um so kaltsinniger gewesen, da die Mutter Theil an dem Streite genommen hatte; und der Gedanke, diesen Bruder unversohnt sterben zu sehen, qualte ihr sich selbst peinigendes Gewissen so heftig, dass sie den folgenden Tag krank ward. Sie hatte anfangs ein hitziges Fieber, das bald in eine vollige Verstandesverwirrung uberging, aus welcher sie indessen durch die Freude uber einen Brief ihres Gemahls auf einige Zeit zuruck kam. Er schrieb ihr in einer Sprache, mit welcher er sich erst seit kurzem beschaftigte, und seine Frau freute sich uber diesen neuen Beweis seiner Talente. Ihre Kammerfrau sah die lebhafte Wurkung dieses Briefes, und unter dem Vorwande, dass sie ihr nachtheilig werden konnte, hatte sie die unselige Vorsicht, ihn Luisen mit Gewalt zu entreissen. Die Arme sank sogleich in ihren vorigen Zustand zuruck, und so oft sie einen vernunftigen Augenblick hatte, forderte sie die Briefe ihres Mannes, benetzte sie mit ihren Thranen, und wollte sich nicht mehr von ihnen trennen. Sie machte alle, die sie umgaben, durch die Menge von Briefen an Blachfelden die sie ihnen unaufhorlich in die Feder sagte, ungeduldig; in andern Augenblicken glaubte sie, er sey angekommen, und man verhehle ihr seine Gegenwart. Wenn sir dann sah, dass ihre Hofnung vergeblich gewesen war, bildete sie sich ein, er ware todt: und man verbarge ihr diese Nachricht. Bald wollte sie zu ihrem Schwiegervater gebracht seyn, weil ihr Blachfeld in seinem letzten Briefe gemeldet hatte, es ware Friede, und sie gebeten hatte, zu ihm zu kommen, um zusammen zu seinem Vater zu reisen. Sie hatte das Gluck, bey einem sehr mitleidigen und menschlichen Arzte zu wohnen, der die Gefalligkeit hatte, in ihre Fantasien einzugehen, und bald die Rolle des Schwiegervaters zu spielen, bald einzugestehen, dass Blachfeld angekommen ware, aber so ermudet, dass er ihm anempfohlen hatte, sich zur Ruhe zu begeben. Er liebte Luisen wie sein Kind; und um ih Ruhe zu verschaffen, entfernte er oft ihre Kammerfrau, welche aus Verdruss uber eine Krankheit, die sie an einem ihr missfalligen Orte zuruckhielt, ihrer armen Herrschaft unaufhorlich widersprach, und durch den Sinn fuhr. Er wachte bey ihr abwechselnd mit seinen Kindern, welche ihr alle Morgen Fruchte und frische Blumen aus einem Garten, von ihnen selbst bearbeitet, brachten. So heftig Luisens Schmerzen waren, so blieb ihr Gefuhl fur die Schonheiten der Natur immer gleich lebhaft: sie hatte aus einem ihrer Fenster eine reizende landliche Aussicht, und genoss dieselbe, so oft es ihre Krafte erlaubten, Die Kammerfrau fand ihre Freude daran, sie unaufhorlich von dem Fenster wegzuschaffen, und erbitterte dadurch den guten Arzt selbst so sehr, dass er ihr den Namen Xantippe beylegte. Der Zufall hatte eine Dame mit Luisen zugleich an diesen Ort gefuhrt, die, ohne sie weiter zu kennen, ihr die grossmuthigste, zartlichste Theilnahme bezeigte; sie las ihr vor, trostete, ermahnte sie; Luise sah sich von so gutigen Menschen umgeben, dass ihre zerruttete Phanthsie sie endlich glauben machte, sie ware im Himmel. Sie dachte sich von Engeln umgeben, horte ihre Symphonien, sah ihre leichten Tanze, und ihre blendenden Gewander, und dankte Gott, sie zu diesem seligen Aufenthalt gefuhrt zu haben, ohne dass sie den Kampf des Todes erst zu uberstehen gehabt hatte; sie wunschte nur Blachfelden an diesem reinen Glucke Theil nehmen zu sehen. Ihr kam es vor, als fuhrten sie acht geflugelte Rosse zum Himmel; sie durcheilte die brennenden Zonen; schon langte sie an den Pforten des Paradieses an, als man von ihr forderte, einen Freund zu vergessen, den sie auf Erden sehr geliebt hatte, dessen Begriffe uber religiose Gegenstande aber von den ihrigen abgingen; sie sollte seinen Namen in das Feuer werfen, sie zauderte, gehorchte aber doch; man zwang sie, noch verschiedenen andern Personen zu entsogen; ihre Namen waren schon von der Flamme verzehrt, als man ihr endlich zumuthete, auch ihren Mann zu verlaugnen; sie verweigerte es mit Entschlossenheit. Ihr Vater drang in sie es zu thun; sie verwies ihn auf das Beyspiel seiner Schwester, die Blachfelden herzlich gewogen war. Ach, sagte der Vater, wenn du nicht, wie du dir schmeichelst, wirklich todt bist, so werden sie dich alle Religionen nach einander annehmen lassen. Mag das seyn, rief die Schwester, sie wird mit ihm wiederkommen, oder diese Pforte bleibt ihr auf ewig verschlossen!

Blachfeld erhielt endlich Nachricht von der Krankheit seiner Frau, und die Geschenke des alten Beschutzers von Luisens Vater, des gutigen Fursten von ** setzten ihn in den Stand, seiner Frau zu Hulfe zu eilen. Er flog zu ihr; aber ach! er fand das Weib nicht, das er zu finden glaubte, Wenn die Hofnung, ihren Gatten zu empfangen, bey ihr wach war, kleidete sie sich taglich mit Sorgfalt; wenn sie aber in ihre traurige Sinnlosigkeit verfiel, blieb sie der Kammerfrau uberlassen, die sie auf das ausserste vernachlassigte. In einem dieser unseligen Augenblicke kam Blachfeld an, und fand sie blass, mit erloschnen Augen, ein abschreckendes Bild des Blodsinns. Er sah sie mit Abscheu an. Luise erkannte ihn, keine seiner Empfindungen entging ihr, und der Gram versetzte sie in einen Zustand von Dumpfheit, dem nur die Schmerzen des Fahrens unterwegs ein Ende machten. Blachfeld hatte sich bey der Wahl des Reisewagens wenig vorgesehen; er hatte Luisens guten englischen Reisewagen verkauft, und eine Art Kariole dagegen eingehandelt, die auf der Achse stand. Luise hatte wutende Kopfschmerzen, jeder Stoss des Wagens entriss ihr einen lauten Schrey. Die Kammerfrau, welche stolz darauf war, im Hintergrunde des Wagens neben ihrem Herrn zu sitzen, beredete ihn, sie schrie in ihrer Raserey. Das arme Weib, welches auf Blachfelds Schoosse sass, wusste nicht, wo sie ihren Kopf ruhen lassen sollte, der kein Kussen hatte, als die Stahlknopfe von ihres Mannes Rock; und der Ausdruck seines Gesichte war bey jedem Blick, den er auf sie warf, so abschreckend, dass sie anfing sein Herz fur eben so hart zu halten, wie das Metall, das ihre gluhende Stirne verletzte. Schrecken und Angst warfen sie in den Zustand zuruck, aus welchem sie der Schmerz kaum herausgerissen hatte. Sie ist uberzeugt, dass sie damals geheilt worden ware, wenn Blachfeld den Wagen, so wie sie flehte, einen Augenblick angehalten, und ihr einen Tropfen Milch oder Wasser gegeben hatte: Kranke bedurfen auf Reisen mehr Erquickung wie Gesunde; aber leider! verliess sich Blachfeld auf das feile, selbstsuchtige Geschopf, das Luisen bedienen sollte, und wenn der Wagen einen Augenblick anhielt, und Blachfeld in das Wirthshaus ging, verzehrte sie vor Luisens Augen alle Esswaaren, die sich im im Wagen befanden, und schutzte eine Verordnung des Arztes vor, ihr wegen ihrer Krankheit weder zu essen noch zu trinken zu geben. Luisens Raserey dauerte endlich ununterbrochen fort: sie glaubte zum Radern verurtheilt zu seyn; jeder Pflug, den sie auf dem Felde erblickte, schien ihr ein Werkzeug ihrer Hinrichtung, und sie hielt den Postillion fur den Henker. Blachfelds ungluckliche Harte gegen ihren unendlichen Jammer kam ihr wie der Ausdruck verschlossner Verzweiflung vor; sie bildete sich ein, er sey ihr auf das Rad gefolgt, um sie zu retten; sie flehte ihn an, den Henker nicht langer aufzuhalten, und es nur zuzugeben, dass man sie unter das Rad legte, damit sie endlich der unleidlichen Schmerzen los wurde. In andern Augenblikken uberredete sie die Hitze, welche ihr Inneres verzehrte, dass sie verurtheilt ware, lebendig gebraten zu werden, und dass Blachfeld sie auf seinem Schooss hielte, um die Flamme von ihr abzuhalten: denn ihre Einbil, dungskraft schmuckte ihn immer mit den schonsten Farben aus, und wenn er ihr mit wuthendem Blick sich ruhig zu halten befahl, schrieb sie seine Heftigkeit den Schmerzen zu, die er um ihrentwillen litt.

Sie langten endlich auf dem Gute ihrer Mutter an. Luisens Bewusstseyn kehrte zuruck, aber ihre Krafte waren erschopft, und ihr Kopf war geschwacht. Sie freute sich, ihre Mutter, ihre Bruder zu sehen; aber sie begrif weder ihr unruhiges Wesen, noch den Eifer, ihr Glaser, Messer, Tassen, und alles, was sie zerbrechen, oder womit sie sich Schaden thun konnte, aus der Hand zu nehmen; noch mehr erschreckten sie die Zeichen und Winke, die man sich unter einander in ihrer Gegenwart gab. Wenn man wusste, wie empfindlich man mit diesem Betragen die Einbildungskraft eines Kranken verletzt, wie man sein armes Gehirn mit der Bemuhung spannt, die Bedeutung dieses geheimnissvollen Wesens zu entrathseln, so wurde man vorsichtiger seyn. Die Mutter, welche uberzeugt war, dass Luisens Krankheit nur die Folge von langwierigem Kummer, und einer zu reizbaren, gekrankten Empfindlichkeit ware, sagte ihr unaufhorlich: "Nun lass es gut seyn, liebes Kind, denke nicht mehr an die Vergangenheit!" und eben dadurch rief sie diese Vergangenheit jedesmal in Luisens geschwachtes Gedachtniss zuruck, und vereitelte den einzigen Vortheil ihrer Krankheit, altere Vorfalle zu vergessen. Ihr Geist war hell genug, um dieses zu fuhlen; sie benutzte einen Augenblick, wo sie mit ihrem Manne allein war, um ihm knieend fur alles, was er an ihr gethan hatte, zu danken, ihm ihre innigste Zuneigung zu versichern, und sie erbot sich, ihm in die Garnison zu folgen. Ach! sie hofte, diese Herzenserleichterung sollte sie glucklich machen; sie hofte darin den Lohn ihrer Leiden zu finden; sie wusste nicht, dass ihre traurige Krankheit die Liebe in seinem Herzen vertilgt hatte. Ihn beschaftigte nichts, wie der verfehlte Feldzug, in welchem er sich auszuzeichnen gehoft hatte: und der so eben geschlossne Frieden war ihm schmerzlicher als alles andere. Und dieses war der Mann, der noch vor einigen Monaten seinen Kriegsgefahrten selbst gestand, er nahme die Waffen zum erstenmal mit Widerwillen zur Hand, weil sie ihn von seinem Weibe trennten. Luisen war diese Veranderung neu; sie hatte ihr ganzes Zutrauen, alle ihre Hofnung in ihren Gatten gesetzt; sie hatte die Gelegenheit, diese Bitte vorzutragen, mit Sehnsucht erwartet. Oft war es ihr unbegreiflich vorgekommen, warum man sie bey dem gluhenden Fieber, welches sie alle Nachte verzehrte. der Pflege ihrer Kammerfrau uberliesse, die selbst von Mudigkeit und Wachen erschopft, sich durch harte und uble Laune an ihrer Herrschaft rachte. Oft wenn Luise aus Todesangst das Bette verlassen wollte, warf sie dieses Weib mit Gewalt darauf zuruck, und verletzte ihren zarten Korper, der von Schmerzen so mitgenommen war, dass eine Falte im Bettuch oder Hemde ihn schon verwundete. Ohne Rucksicht auf Leiden, bey deren Andenken Luise nach sechs Jahren noch schaudert, riss man sie von ihrem brennend heissen Lager, und zwang sie in eine trockne Badwanne zu steigen, der sich sogleich acht Hollengeister naherten, die ihr, so hoch wie sie die Arme aufheben konnten, das helle Wasser zu Eimern uber den Kopf herunter schutteten. Diese Behandlung verursachte der Kranken so rasendes Kopfweh, dass sie dadurch den Verstand dadurch hatte verlieren mussen, wenn er nicht ohnehin langst zerruttet gewesen ware. Ein beruhmter Arzt sollte, wie man ihr sagte, diese Kurart angegeben haben; aber die barbarische Weise, mit welcher man sich dabey benahm, war gewiss nicht in seiner Vorschrift begriffea. Wenn Luise in das Zimmer trat, wo man ihre Marter zubereitete, und nur um einen Augenblick Aufschub zu ihrer Erholung bat, riss man sie mit eigensinniger Gewalt fort, da sie freywillig sich gern zu allem bequemt hatte. Ihre schon zerruttete Einbildungskraft zeigte ihr alle, die sie umgaben, als so viele Henkersknechte, die sie auf die Tortur strecken wollten. Umsonst rief sie Blachfelden zu Hulfe; er war anderwarts beschaftiget, Plane zur Einnahme dieser oder jener Festung zu entwerfen, und verweilte mit keinem Gedanken bey den Leiden seiner Gattinn. Endlich ruhrten ihn ihre Thranen und Bitten, und er fuhrte sie in seine Garnison. Nach solcher Pein des Korpers und der Seele genoss Luise nun der vollkommensten Ruhe. Freylich granzte diese Ruhe einigermassen an Stumpfsinn, aber Geduld und Sanftheit hatten ihr gewiss in kurzer Zeit ihre naturliche Stimmung wieder gegeben; ja sie hatten sie glucklicher gemacht, als sie je gewesen war. Oft hat sie seitdem gestanden, dass dieses der glucklichste Zeitpunkt ihres Lebens gewesen ist. Mit ihrem Gedachtniss zugleich war ihre Hypochondrie verschwunden; der Kreis trauriger Ideen, der ihr Gehirn seit so langer Zeit umschlossen hielt, und allen frohen Bildern den Eingang versagte, war zerrissen, sie erblickte nur den gegenwartigen Augenblick, und genoss dessen in vollkommner Ruhe und Heiterkeit. Wenn sie mit Blachfelden in den schonen Gegenden der Garnisonsstadt spatzieren ging, glaubte sie sich mit ihrem Gatten in die elysaischen Gefilde versetzt, und die Diskretion der wenigen Bekannten, die ihr begegneten, und vermieden sie anzureden, bestarkte sie in dieser Traumerey, indem Luise solche fur die Schatten ihrer ehmaligen Freunde hielt. Zu Hause lasen Luise und Blachfeld die alte Geschichte, und von ihren ehemaligen qualenden Bildern erloset, ergotzte sich Luise an dieser Beschaftigung. Bey der Beschreibung jedes vorzuglichen Helden. deutete sie zartlich auf Blachfelden, der ihr das Urbild alles Vollkommenen war: und er schien diese schmeichelhafte Anwendung zu fuhlen, und ein gluckliches Vorzeichen von seines Weibes ganzlicher Herstellung darin zu finden. Noch eine kleine Geduld, und Luise ware dem Leben zuruckgegeben worden, und hatte ihr ganzes Daseyn einem Gatten geweiht, dem sie ihre Heilung zu verdanken gehabt hatte. Blachfelds Freunde zerstorten diese susse Aussicht. Sie riethen ihm, sich zu zerstreuen, sich vom Hause zu entfernen. Zerstreuen? ach wovon! von der heiligsten Pflicht, die ihm sein Schwur. sein Weib nie zu verlassen, auferlegte, von der neuen Schopfung, die seine Gute in dem zerstorten Gehirn eines Weibes hervor rief, das ihn, und nur ihn allein auf Erden zur Stutze hatte! Der Kriegsstand bringt die Unannehmlichkeit mit sich, dass, wer sich von zarter Jugend an demselben weiht, in Friedenszeiten keine Hulfsmittel zur Ausfullung seiner Zeit hat. Nicht gewohnt, sich in seinem Zimmer zu beschaftigen, wird dem Offizier sein Haus zur Last, und jeder Vorwand umherzuschweifen, ist ihm willkommen. Blachfeld vergass Luisens Lage und ihre Aufopferungen, und forderte, unter dem Vorwande der ausserordentlichen Kosten, die ihm ihre Krankheit verursacht hatte, Luisens Mutter Geld ab. Dirse glaubte zwar durch Luisens Aussteuer fur alle vorfallenden Bedurfnisse gesorgt zu haben; allein um einen Mann nicht aufzubringen, der ihrer Tochter Wohl und Wehe in Handen hatte, nahm sie eines von Luisens kleinen Kapitalien auf, bezahlte davon die Arzte im Bade, und ubermachte ihm den Rest. Sobald Blachfeld Geld hatte, machte er Vorbereitungen zu einer Reise. Luise nahm es wahr, und bat ihn in den ruhrendsten Ausdrucken, sie nicht zu verlassen; sie stellte ihm vor, dass seine Gegenwart allein sie vor Misshandlungen schutzte. Sie war am ganzen Korper geschwollen: Verstopfungen in der Leber, durch welche sie die empfindlichsten Schmerzen litt, machten es ihr peinlich, irgend etwas fest um den Leib gebunden zu tragen. Ihre Kammerfrau schrieb diese Reizbarkeit ihrer Tollheit zu, und bestand unbarmherzig darauf, ihr die Rocke so fest, wie in ihren gesunden Tagen, zuzubinden; und wenn sich Luise mit Gewalt widersetzte, ging sie so weit, sie zu schlagen. Wie Luise diese Behandlung ihrem Manne klagte, gab das Madchen vor, dies alles waren Vorspiegelungen ihres verruckten Gehirns. Blachfeld war ein treflicher Soldat, aber in allem, was das menschliche Herz betraf, ein volliger Fremdling, und er liess sich von diesem Madchen, die sein Vertrauen zu gewinnen gewusst hatte, vollig leiten. Seine leichtglaubige Schwache riss ihn so sehr hin, dass er eines Tages, da sich die arme Luise in seine Arme fluchtete, sie bey beyden Handen festhielt, und ihr unbarmherzige Backenstreiche gab. Kaum hatte er sich also ubereilt, als er die Last seines Fehlers fuhlte; und er gestand gegen einen seiner Freunde, dass diese Handlung ewig seine Seele drukken wurde. "Ich habe mich," sagte er, "schandlich betragen; ich habe alle Gesetze der Ehre und Menschlichkeit verletzt." Wie leicht ware es ihm bey diesen Gesinnungen gewesen, seinen Fehler wieder gut zu machen, aber statt dessen vergrosserte er ihn noch; er machte sich davon, und schickte Luisen zu ihrer Mutter, der er zugleich in einem Briefe bittre Vorwurfe machte, welche diese trostlose Mutter weit mehr gegen ihr ungluckliches Kind reizen, als sie zur Linderung ihres Elendes bewegen mussten.

Man hatte das Zimmer, das Luise in ihres Vaters Hause bewohnt hatte, an Fremde vermiethet. Luise, welche davon nicht unterrichtet war, eilte sogleich bey ihrer Ankunft dahin, weil sie sich erinnerte ein Bildniss ihres Vaters dort gelassen za haben. Bey den Leuten, welche Luisens Zimmer bewohnten, war an diesem Tage eine grosse Gesellschaft versammelt. Man stelle sich ein armes verrucktes schwaches Geschopf vor, das aus seines Mannes Hause verstossen, mit Gewalt in einen Wagen geschaft, von der Reise ermudet, in ein wohlbekanntes Zimmer zu treten glaubt, und sich plotzlich von ein paar Dutzend fremden Gesichtern umgeben findet! Das Bildniss des Vaters war nicht mehr da; sie verlangte es von allen Umstehenden, und statt es ihr zu geben, oder ihr sanft die Ursache aller dieser Veranderungen zu erklaren, riss man sie gewaltsam aus dem Zimmer. Umsonst verlangte sie ihre Mutter zu sehen, man sagte ihr, dass ihr diese befohle zu Bett zu gehen, und fuhrte sie in ein kleines Kammerchen hinter der Kuche, wo man sie einschloss, und ihr Zeit liess, allein zu toben. Luisens Bruder waren jung, sie liebten die Freude: es musste sie naturlich befremden, dass ihnen ihr Schwager einen so traurigen Anblick, den zu ertragen weit eher seine Pflicht war, als die ihrige, vor die Augen stellte. Die Mutter verbarg ihnen also das ungluckliche Weib; und da sie Luisens Kammerfrau nicht leiden konnte, gab sie ihr gleich anfangs ihren Abschied; aber die Kranke ward darum nur schlechter bedient, als jemals. Madame N. hatte seit Luisens Abwesenheit ihr Gesinde verandert, sie fand sich also von lauter unbekannten Leuten umgeben; auch die Zahl der Magde war eingeschrankt, und da eine jede ihre angewiesene Arbeit hatte, war ihnen der Zuwachs von Muhe durch Luisens Wartung, zumal da bey ihrer Lage nicht viel Lohn dafur zu erwarten stand, wenig gelegen. Sie uberredeten also die Mutter, dass sie von einem Manne bewacht werden musste. Ware Luise nicht von Sinnen gewesen, so hatte sie jetzt ihren Verstand verlieren mussen. Sie, die sich immer vor den Soldaten gescheut hatte, sah jetzt einen grossen Unteroffizier, die Hetzpeitsche in der Hand, unaufhorlich neben ihrem Bette. Der Mensch war nicht bose, aber dumm; so oft Luise die Hande unter der Decke hervorzog, schlug er auf diese zu, bis sie endlich betrachtlich aufschwollen, weil er sich einbildete, die Bettwarme ware zu ihrer Genesung nothwendig. Die arme Luise, welche die Ursache dieser Behandlung gar nicht errathen konnte, wurde endlich durch den Instinkt gelehrt, ihre Hande zu verstecken. In manchen Augenblicken kehrte ihr Bewusstseyn vollig zuruck, und dann war ihr Zustand wirklich verzweifelt. Bey einem leidenden, und von jeher an Bequemlichkeit gewohnten, jetzt der Schonung so bedurfenden Korper, bey einem reizbaren, Liebe durstenden, und nur durch Theilnahme und Liebe zu beruhigenden Herzen, sah sie, das Kind des Hauses, das sich nur einige Schritte von seiner Mutter entfernt, unter Einem Dache mit ihr wusste, sich allein, von ihr nie besucht, dem Mitleid des Gesindes uberlassen, in eine elende Kammer eingesperrt, die einer Wachtstube glich. Ihrer Mutter Kammerfrau mochte ihr Zimmer gern fur sich allein haben; die Kochinn fuhrte also alle Leute, die mit ihr zu sprechen hatten, in das Behaltniss, wo Luise lag. Sie warmte sich da, wenn sie vom Markte kam, sie reinigte da das Gemuse, und trieb alle Kuchengeschafte in dieser Kammer. Die mannlichen Bedienten des Hauses, welche ihre Kammern unterm Dache hatten, fanden es sehr unbequem, jedesmal so oft die Herrschaft schellte die Treppen herunter zu steigen, und hielten sich daher gewohnlich in dem namlichen Behaltniss auf, wo sie sich die Zeit mit Tobackrauchen und Zeitungs-Lesen vertrieben. Dieser letzte Umstand machte Luisen unendlich viel Vergnugen, denn sie hofte immer etwas von ihrem geliebten Blachfeld zu horen, weil es ihr gar nicht in den Sinn kam, dass eine andre Ursache als ein Feldzug ihn von ihr entfernt halten konnte. Was Luisen, ausser der Ungewohnheit, Bediente um ihr Bette Tobackrauchen zu sehen, am meisten auffiel, war ein Weib, das mit der Pfeife im Munde unter ihnen sass, und von ihren gemachten Feldzugen sprach. Dieses Weib war im siebenjahrigen Kriege Marketenderin gewesen, und behauptete eine geheime Kurart gegen die Tollheit zu besitzen. Madame N. hatte die Schwachheit, sich von ihr bethoren zu lassen; sie dankte den Unteroffizier ab, und ubergab Luisens Wartung diesem Weibe, welches dem Trunke ergeben war, und nur um Brandwein zu kaufen, auf Geldverdienst ausging. Luise war nun in weit ubleren Handen; den Soldaten hatte sie oft durch ihre Thranen entwafnet, aber dieses Weib war unerbittlich. So oft Luise sie trinken sah, zitterte sie; denn der Trunk machte sie boshaft, und sie prugelte dann auf Luisen zu, als hatte sie ein Stuck Holz vor sich. Oft musste die Ungluckliche die dringendsten Bedurfnisse entbehren; nach einem Glase Wasser, zur Loschung ihres brennenden Durstes, oft umsonst flehen. Einst erbat sie eines von dem Bedienten ihres Bruders; er reichte ihr einen metallenen Becher, der so stark war, dass sie ihn in diesem Augenblicke, wo ihre Zahne durch einen Kinnladen-Krampf gesperrt wurden, nicht an den Mund setzen konnte. Der Mensch hielt ihr Zaudern fur Eigensinn, und stiess das Gefass so heftig gegen ihre Zahne, dass sie anfangs furchtete, er habe sie ihr zerbrochen. Aber die Warterinn bereitete Luisen weit bitterere Augenblicke. Von Krankheit und Misshandlung ausgemergelt, sehnte sich die. Kranke seit langer Zeit nach einem Bissen Fleisch. Die Mutter erfuhr es, und schickte ihr ein Stuck Braten; sie griff gierig darnach, ward aber in demselben Augenblick von einem so wuthenden Kopfweh befallen, dass es ihr unmoglich fiel zu essen, und sie den Bedienten bat, den Teller auf den Ofen zu setzen. Kaum war er aus der Stube, so machte sich die Warterin uber den Braten, verzehrte ihn hohnlachend vor Luisens Augen, und diese musste bis den folgenden Morgen fasten. Gegen den Mittag dieses Tages erhaschte sie endlich einen Augenblick, wo sie ohne Aufsicht war, und stahl sich bis zu ihrer Mutter. Sie fand solche allein. Seit langer Zeit in einen schmutzigen Winkel gesperrt, ward det arme verwirrte Sinn der Unglucklichen durch den Aufputz des schonen Zimmers verblendet, besonders freute sie sich uber den Fussteppich, auf welchem sie sehr leise schritt; denn die lauten Tritte der Bedienten in ihrer Kammer, verursachten ihr unsagliche Leiden. Sie warf sich ihrer Mutter in die Arme, und bat auf die ruhrendste Art um Erlaubniss, bey ihr zu bleiben, und vor den unzahligen Misshandlungen in Ruhe gelassen zu werden. Ihre Blicke wandten sich immer angstlich nach der Thure, aus Furcht, dass ihr Henker sie auffinden mochte. Ihre Sprache war schnell und banglich, wie die Reden eines Menschen, der einen kurzen Augenblick zu benutzen hat. Ihre Mutter schien sich vor ihrer Gegenwart zu furchten. Eine Mutter, die sich vor ihrem unglucklichen flehenden Kinde furchtet! In diesem Augenblicke trat die Warterinn herein. Luise ahndete was jetzt geschehen wurde, und suchte ihre Mutter durch Zeichen und bittende Winke vom Sprechen abzuhalten; es war aber umsonst. Die Mutter fragte sogleich: "Nicht wahr liebe Frau, es ist nicht gegrundet, dass Sie Luisen schlagt?" Die Arme sah sich nun der Rache dieser Furie ausgesetzt, und in der Hofnung, ihre Bruder theilnehmend zu finden, bat sie instandigst um die Erlaubniss, mit der Familie zu Mittage zu essen. Die Mutter sah nicht ein, dass ihre Hastigkeit nur aus Furcht entstand. Sie reichte ihr eine Apfelsine, mit einer Art wie man ein Kind beschwichtigen wurde. Einem Geschopfe, dessen zermarterter Korper fast unterliegt, das stehend um das Ende seiner Qual bittet, reicht man eine Apfelsine! Die Warterinn verstand Luisens Absicht besser, und lachelte hohnisch uber den Irthum ihrer Mutter, den sie sich wohl hutete zu berichtigen, da ihr das ihre Stelle wurde gekostet haben. Man deckte drn Tisch; der Bediente brachte das Brod herein. Seit langer Zeit hatte Luise kein weisses Brod gesehen; sie fiel gierig daruber her, denn sie hatte seit vier und zwanzig Stunden nichts gegessen. Man sah dieses als ein neues Zeichen von Tollheit an, und da ihre Bruder, welche jetzt eintraten, sich uber ihrer Schwester Anwesenheit im Speisezimmer sehr zu verwundern schienen, winkte man den Bedienten sie fortzufuhren. Sie faltete ihre bittenden Hande, sie warf sich auf ihre Knie; es war alles umsonst: sie bewirkte nichts, als dass man gewaltsamer verfuhr, und einer der Bedienten sie an der Brust verwundete Der gute Bursche, welcher ihren jungsten Bruder bediente, hatte ihr immer die grosste Menschlichkeit bezeigt. Er schien wirklich Empfindungen zu haben, die ihn uber seinen Stand erhoben. Er bat sie bey dieser Gelegenheit wehmuthig um Verzeihung, dass er den Befehl seiner Herrschaft vollziehen musste.

Denselben Tag noch schickte man Luisen auf das Gut. Ihre Mutter beredete sie zur Abreise, unter dem Vorwande, dass sie auf diese Art von ihrer Warterinn befreyt seyn wurde. Um diesen Preis ware Luise nach Siberien gereist. Sie hatte niemals betrogen, ihr Zutrauen zu andern war also ungeschwacht, und sie setzte sich arglos zu der Kochin in den Wagen, der sie nach dem Gute fuhrte. Zufriedenheit wirkt wohlthatig, wie alle selten gebrauchten heilsamen Mittel Kaum war Luise abgereist, so fand sich ihr Bewusstseyn wieder ein. Sie blickte mit Vergnugen auf die Gegend umher; der Weg war derselbe welcher nach M. fuhrte. Sie bat die Kochin sie dahin zu bringen, denn sie erinnerte sich jetzt, dass sie dort gewohnt hatte, und schmeichelte sich ihren Gemahl da zu finden. Ihre Begleiterin spiegelte ihr vor, dass er auf dem Gute ware, und sie selbst nach M. fuhren wurde. Luisens Ideen waren jetzt ganz hell: sie freute sich innigst ihn wieder zu sehen, und hofte ihn so zartlich wie ehemals zu finden; er kommt mir entgegen, sagte sie zu sich selbst, er liebt mich also noch. Ich habe schon gesagt, dass seit ihrer Verstandes-Verwirrung alle ihre hypochondrischen Zufalle aufgehort hatten. Sie fuhlte sich glucklich, weil sie glaubte, nun waren alle Hindernisse gehoben, die sie bis jetzt verhindert hatten, die Pflichten ihres Standes zu erfullen. Sie hatte in ihrer Mutter Hause bemerkt, welche Misbrauche daraus entstehen, wenn die Hausfrau durch Krankheit an der eignen Fuhrung der Wirthschaft verhindert wird. Sie hatte tausend Betrugereien, tausend unnutze Ausgaben bemerkt, und nahm sich vor, wenn es ihre Krafte erlaubten, ihres Mannes Haushaltung mit so strenger Ordnung zu fuhren, dass sie ihn in den Stand setzen konnte, einen unehelichen Sohn, den er vor seiner Heirath gezeugt hatte, bey sich zu erziehen. Sie hatte in ihrem Herzen das Gelubde abgelegt, diesem Kinde eine zartliche sorgsame Mutter zu seyn. Sie hielt dieses fur Pflicht gegen eine Frau, deren Platz sie, wie ihr Gewissen ihr oft laut vorwarf, sich ungerecht angemaasst hatte. Der bittre Gedanke hatte sie in allen ihren Leiden verfolgt, und diese als eine gottliche Strafe ansehen lassen. Sie glaubte strafbar zu seyn, indem sie gegen die Mutter dieses Kindes gehandelt hatte, wie sie nicht gewollt hatte, dass man gegen sie handelte. Selbst in ihren gesunden Tagen hatten sie Blachfelds Sophismen nie ganz beruhigen konnen; und wie er ihr in den ersten Zeiten ihrer Verbindung seinen Sohn vorstellte, umarmte sie ihn mit Thranen, bat ihn sie Mutter zu nennen, und beschwor Blachfelden ihn zu sich zu nehmen. Blachfeld gestand ihr, dass sie durch diese Bitte sein Gluck kronte; allein der ausbrechende Krieg zerstorte Luisens Gluck, und ihres Gatten gute Vorsatze.

Diese Bilder erneuerten sich jetzt in Luisens Phantasie; sie glaubte nun genug gelitten zu haben, um ihre Schuld zu bussen; sie beschaftigte sich aufs neue mit der Aussicht eines Gluckes nach dem Wunsch ihres Herzens. Sie hofte ein Kind zu erziehen, die Dankbarkeit seiner Mutter, die Liebe ihres Gemahls dadurch zu erwerben. Der Wagen kam endlich an; und anstatt Blachfelden zu finden, ward sie von der Warterinn empfangen, welche, gierig auf ihre Beute, eben so schnell wie der Wagen angelangt war. Man sperrte beide zusammen ein, und diese Furie, welche die Peitsche nie aus der Hand legte, verhinderte Luisen das Zimmer zu verlassen, aus Furcht, dass sie sich gegen die Bauren, bey denen sie sehr beliebt war, uber sie beschweren mochte, Mit Peitschen-Hieben zwang sie Luisen zu Bette zu gehen, wenn sie lieber gewacht hatte; aufzustehen, wenn sie lieber liegen geblieben ware. Mit Peitschenhieben nothigte sie diese Furie, zu essen wenn sie keinen Hunger hatte, und ohne Durst zu trinken. Des Nachts musste sie solche an ihrer Seite schnarchen horen, und zitterte dabey vor dem Anbruch des Tages, wo sie aus einer Brandweinflasche neue Krafte schopfte, ihre Gefangne zu peinigen. Jeder Schluck den sie that, machte Luisen erstarren; denn so lange sie nuchtern war, schlug sie nicht. Der Abscheu, welchen Luise unverhohlen gegen sie zeigte, (denn sie hatte nie heucheln, nie sich verstellen gelernt, und verachtete jeden Kunstgriff,) brachte sie nur noch mehr gegen sie auf.

Oft versuchte Luise zu entwischen, aber der arme Vogel zerstiess sich nur den Kopf an den Eisen des Kafigs, ohne seine Freiheit zu finden. Kaum war sie eine Viertelstunde gegen M., wo sie Blachfeld in Garnison glaubte, gegangen, als man sie immer wieder einholte. Wie schlug ihr dann das Herz, wie verdoppelte sie ihre Eile! Aber die Furcht noch mehr wie die Schwache lahmte ihre Fusse so, dass sie bei jedem Schritte niederfiel. Sie konnte sich nie denken, dass eine andere Ursach als Krankheit oder Tod ihren Mann und alle ihre Freunde abhielte sie zu erlosen. Sie betete ganze Nachte lang auf den Knien fur ihre Erhaltung, und zog sich durch diese bey ihrer Schwache hochst peinliche Stellung, einen solchen Geschwulst der Fusse zu, dass es eines Morgens zweier Menschen bedurfte, um sie aufzuheben. Der Gedanke, ihren Mann endlich zu erreichen, gab ihr immer neuen Muth zu entfliehen; und einmal entwischte sie zu dem Pfarrer des Dorfs. Kaum war sie ins Haus getreten, als sie aus Mudigkeit und Mangel an Athem hinsank. Man nahm sie mit Gute auf, liess sie am Ofen sitzen, pflegte sie, bot ihr warmes Bier an. Der Anblick einer versammelten Familie, die friedlich um ihren Ofen her sass, goss Ruhe in Luisens verodeten Geist; die Macht einer guten Behandlung war immer so wirksam in ihr gewesen, dass sie zu sich selbst kam. Sie bat sich auf diese einzige Nacht ein Bette aus, aber die armen Leute waren zu furchtsam, um ihre Bitte zu gewahren. Sie versprachen, sie zu Blachfelden in die Garnison zu bringen, und fuhrten sie unter diesem Vorwande auf das Gut zuruck. Luise musssich fur bezaubert halten, da sie, trotz alles ihres Bestrebens sich zu entfernen, trotz aller Versprechungen die ihr von allen Seiten gegeben wurden, sich immer wieder in ihr Gefangniss zuruckgefuhrt sah. Die Warterinn, deren Bosheit sie zum Spielwerk diente, fragte sie endlich eines Tages, ob sie Lust hatte zu ihrer Mutter zu gehen? Luise nahm den Vorschlag freudig an: uberzeugt, dass wenn es ihr gelange, ihre Mutter nur noch einmal zu sprechen, sie gewiss nicht mehr von ihr verlassen werden wurde. Wie sie in einen Wald kamen, durch welchen ihr Weg sie fuhrte, blieb die Warterinn stehen, und sagte lachend: "Nun ware es Zeit wieder nach Hause zu gehen" Die Verzweiflung bemachtigte sich des armen Weibes. Entschlossen erklarte sie, dass sie eher sterben wurde, als in ihr Gefangniss zuruckkehren. Sie warf ihre Tyranninn zu Boden, und hatte sie in diesem Augenblicke umbringen konnen, wenn nicht der Gedanke an die Reue, welche sie dieser That wegen ewig verfolgen wurde, sie abgehalten hatte. Das Weib uberwaltigte sie, und bald waren die Dornen und Strauche um sie her von dem Blute gefarbt, das unter ihren Schlagen von Luisens Schultern floss. Sie musste nun den Ruckweg antreten, auf welchem sie bei jedem Schritte vor Schwache fast niedersank, als ihnen ein Metzger begegnete, der sie im Gehen unterstutzte. Luise bot diesem Manne funfhundert Thaler in Golde, wenn er sie aus den Handen der Warterinn befreyen wollte; und sie hatte ihr Wort gehalten, ware sie auch genothiget gewesen, ihren Schmuck und ihre Kleider zu verkaufen: allein der Mensch war so einfaltig, diese Gelegenheit unbenutzt zu lassen, und brachte sie ohne Umstande nach dem Gute zuruck.

Hier nahm eine neue Qual ihren Anfang. Die Warterinn sagte aus, Luise habe sie umbringen wollen, und rief drei andere Weiber zu Hulfe, welche sie mit Stricken banden, und nackend auszogen. Vor Schrekken verlor Luise den Verstand von neuem. Sie glaubte schwanger zu seyn, und sagte zu der einen von diesen drei Weibern, die Haushalterin auf dem Gute war: "Mein Mann wird euch strafen, wenn ihr auch mein Kind umbringt." Unglucklicher Weise hatte sich dieses Weib in ihrer Jugend verfuhren lassen, und um ihren guten Ruf zu erhalten, hatte sie ihre Schwangerschaft vorsatzlich hintertrieben: sie glaubte jetzt, bey dem Nachdruck welchen Luise auf diese Worte legte, dass sie von ihrer Geschichte unterrichtet ware, und ihr boses Gewissen liess sie einen Vorwurf darin finden. Nichts bringt schlechte Menschen mehr auf, als verdiente Vorwurfe. Dieses Madchen, denn sie war eine alte Jungfer geworden, war ausserdem im ganzen Dorfe fur einen Teufel an Bosheit bekannt, und hatte also von dieser Seite keinen guten Namen zu verlieren. Sie zerriss Luisens nackten Leib mit Ruthenstreichen, so dass das Blut von allen Seiten herablief, und fuhr so lange mit dieser furchterlichen Behandlung fort, bis ihr Schlachtopfer sinnlos niedersank. Man hielt sie fur todt, und brachte sie voll Schrecken zu Bette, wo man ihre Wunden verband, deren Narben noch nach achtzehn Monaten sichtbar waren. Sechs Wochen darauf kam ein Freund von Luisens Brudern auf das Gut, und diesem zeigte sie, so weit es die Sittsamkeit erlaubte, die Mahle ihrer erlittenen Misshandlungen. Er schauderte, und da er Luisen vollig bei Verstande fand, unterrichtere er ihre Mutter davon, die vor Freude uber diese gluckliche Nachricht weinte. Sobald Luise Kraft hatte die Feder zu halten, war ihr erstes Geschaft ihr Testament zu machen, in welchem sie diesem Freunde ihrer Bruder, der sie von ihren Henkern befreyt hatte, funfzehn hundert Thaler als ein geringes Zeichen ihrer innigsten Dankbarkeit zusicherte. Luise hatte sich nie viel aus dem Gelde gemacht, wie es selbst die Wahl ihres Gatten bewies; aber in ihrer Krankheit hatte sie den Werth desselben kennen gelernt. Denn ware sie im Stande gewesen, ihre Warterinn, die ihr oft welches abforderte, zu befriedigen, so hatte sie sich gewiss manche ruhige Stunde verschaft; allein Blachfeld hatte die Vorsicht gebraucht, sich vor seiner Abreise ihr Geld aushandigen zu lassen, und in der ganzen Zeit ihrer Krankheit, das heisst langer als ein Jahr, hatte er ihr nie einen Pfennig geschickt. Dieses kam ihr um so befremdlicher vor, als sie vor ihrer Abreise immer Geld in Handen gehabt hatte; denn seit ihrer Volljah rigkeit erhielt sie jahrlich vierzig Pistolen zu ihren willkuhrlichen Ausgaben, und hatte nie einen ubeln Gebrauch davon gemacht.

Man benachrichtigte Blachfelden von der Wiederherstellung seiner Frau. Er konnte sich nicht langer weigern mit ihr zu leben; aber seine Liebe war erloschen. Luise begab sich also nach M., wo ihr Mann gewohnlich lebte, und erkannte bald in jedem kleinen Zuge die Veranderung seiner Gesinnungen. Blachfelds hausliche Einrichtung war durch die traurigen Umstande seines ehelichen Lebens, in dem letzten Jahre ziemlich wieder in den eingeschrankten und unbequemen Zustand seiner Junggesellenzeit gerathen. Er heizte nur ein Zimmer, und erklarte, dass er um seiner Frau willen kein zweytes heizen wurde. Luise stellte ihm mit Sanftmuth vor, dass sie sich doch nicht in seiner Gegenwart, noch viel weniger vor seinen Bedienten und den vielen Offizieren, die ihn fruh Morgens besuchten, ankleiden und aufstehen konnte. Er stampfte mit dem Fusse, und rief, er ware nicht reich genug, um eine doppelte Heizung zu bestreiten. Hatte er sein armes Weib noch geliebt wie ehemals, so wurde er gefuhlt haben, dass es in diesem Falle naturlicher gewesen ware, seine Besuche im kalten Zimmer anzunehmen, und seiner kaum das Krankenlager verlassenden, schwachlichen Frau, das geheizte zu uberlassen. Seit einem Jahre hatte nun Luise keinen ihrer alten Bekannten gesehen. Sie sehnte sich nach ihrer Freundinn in M.; da es aber regnete, bestellte sie einen Miethwagen, den Blachfeld zwar bezahlte, ihr aber zurnend vorwarf, dass es eine unnutze Ausgabe sey. Sie mochte entbehrlich seyn diese Ausgabe: war es aber nicht ihr erstes Vergnugen, nach einem Jahre des bittersten Leidens, das ein fuhlendes, denkendes Wesen nur befallen kann?

Luisens Vernunft war geheilt, aber ihr Korper noch sehr schwach; sie vermisste ein Arzneymittel, welches sie bey ihrer Abreise von dem Gute vergessen hatte. Da sie aber keine Auskunft wusste, um es sich zu verschaffen, hatte sie es entbehrt, wenn nicht Blachfelds Bedienter, voll Mitleid uber den hinfalligen Zustand seiner Herrschaft, sich erboten hatte, nach dem Gute hinuber zu reiten, um es zu holen. Sie nahm dies mit Freuden an, und entschuldigte sich bey ihres Mannes Nachhausekunft, seinen Bedienten ohne sein Vorwissen fortgeschickt zu haben. Blachfeld war ungerecht genug, ihr harte Vorwurfe daruber zu machen, und setzte hinzu, dass er gern Herr in seinem Hause ware. Wirklich er war es so sehr, dass Luise keine Magd hatte, und keine miethen durfte, da sie ihren Lohn nicht zu bestreiten wusste. Blachfeld hatte nur einen Bedienten, der bis zur Ankunft eines Nahemadchens, das ihre Mutter ihr endlich schickte, Luisens ganze Aufwartung war, Ihre Freunde hatten gleich Anfangs die Nothwendigkeit eingesehen, ihr eine Dienstmagd zu verschaffen; aber alle Madchen die sich Blachfelden vorstellten, schickte er fort, unter dem Vorwande, dass seine Frau keine Magd gebrauche. Luise hatte sich gern alle Entbehrungen, sobald sie ihr Herz nicht angingen, gefallen lassen; aber sie war krank, und hatte keinen bequemen Stuhl, um sich auszuruhen, kein Kanape, um zu liegen. Blachfelds eignes Zimmergerath war nur nur zum Luxus und Glanze, keinesweges zur Bequemlichkeit eingerichtet, und alles was ihm Luise als Ausstattung zugebracht hatte, war wahrend ihrer Krankheit verkauft worden. Das Essen wurde aus dem Speisehause geholt: allein da Luisens Gesundheit noch sehr hinfallig war, befand sie sich bey dieser Lebensart so schlecht, dass sie einst, als Blachfeld uber die Theure des Speisewirthes klagte, ihn bat, ihr Geld zur Fuhrung einer eignen Wirthschaft zu geben. Kaum hatte sie ausgeredet, so liess er einen Wagen kommen und fuhr weg. Luisen war dieses Betragen von einem Manne, der so oft seine Ungeschicklichkeit in Haushaltungsgeschaften selbst eingestanden hatte, unbegreiflich: er hatte sie ehemals selbst gebeten, alle Ausgaben zu ubernehmen, und hatte sich nur eine kleine Summe als Taschengeld vorbehalten. Diese Einrichtung war zwar durch die nichtswurdige Klatscherei einer unvorsichtigen Frau, welcher Luisens damaliges Ansehen bey ihrem Gemahl (denn diese Ordnung fand vor ihrer Gemuthskrankheit statt) wahrscheinlich Neid eingeflosst hatte, bald zerstort worden: doch hatte ihr Blachfeld in den Dingen, die eine Frau besser verstehen muss, auch noch seitdem freye Hand gelassen. Das Nachdenken uber sein jetziges Betragen hatte so wenig trostliches fur sein Weib, dass sie bald nach ihm auch ausging. Die Ungewohnheit der freyen Luft zog ihr aber so grausame Zahnschmerzen zu, dass sie zwey Nachte kein Auge schloss. Blachfeld fuhr an demselben Tage in Begleitung seines Bedienten nach D., und liess sie mit dem Nahemadchen ganz allein. Diese, die in der Garnison eben so fremd wie Luise war, gab eine schlechte Krankenwarterinn ab, so dass es ihr auch erst nach zwey Tagen gluckte, Luisen einen Chirurgus zu verschaffen.

Nach einigen Tagen kam Blachfeld zuruck, und ihm nach trat ein Madchen, geputzt wie eine Operntanzerinn herein, die er seiner Frau als Kochinn vorstellte. Luise erkannte sie sogleich wieder: denn sie hatte sich ihr vor ihrer Abreise von ihrer Mutter Gute angeboten; aber Luise wollte sie damals, ohngeachtet der Vorstellungen ihres Mannes nicht annehmen, weil man ihr gesagt hatte, dass das Madchen in einem schlechten Hause gelebt hatte. Blachfelds Betragen war Luisen nun leider zu deutlich. Sie hatte ihm seinen Geschmack an einem Madchen das bluhend und schon war, gern zu gute gehalten, da sein armes Weib ja krank und verkummert aussah; aber er konnte das Madchen anderswo unterbringen, nichts berechtigte ihn, seine Frau zu zwingen, dass sie ihre Nebenbuhlerinn in ihren Dienst nahme. Luise machte Gegenvorstellungen; statt einer bundigen Antwort half er sich, wie es immer geschieht wenn man eine schlechte Sache zu vertheidigen hat, mit falschen Ausfluchten; und obgleich er die Veranlassung zum Streit gegeben hatte, klagte er doch uber den Widerspruchsgeist seiner Frau, und wunschte sich hundert Meilen weit hinweg. Luisens Gefuhl war zu zart, um ihres Mannes Wohnung wider seinen Willen zu theilen: sie entschloss sich der Neuangekommenen ihren Platz zu uberlassen, und bat Blachfeld sie zu ihrer Mutter zu schicken, die sie nun in drei Monaten nichr gesehen hatte. Sie erhielt leicht seine Einwilligung zu ihrer Abreise, allein ihm lag zu viel daran, bey Luisens Mutter sowohl als bey ihren Brudern vor ihrer Ankunft Gehor zu haben: er gab also dem Kutscher heimlich Befehl, sie nicht nach D, sondern nach dem Gute zu fuhren. Er selbst aber schrieb an die Familie, und suchte sie auf alle mogliche Weise zu uberreden, seine Frau sey noch so wenig bey Sinnen wie vorher, und ihr Zustand mache es ihm unmoglich mit ihr zu leben. Er fand nur zu leicht Glauben, wie man sogleich sehen wird. Luise verliess, in der Ueberzeugung bald ihre Mutter zu umarmen, die Garnison, und man kann sich ihre Verzweiflung vorstellen, als der Kutscher auf dem Gute anhielt, und ihr ankundigte, dass sie hier zu bleiben hatte. Anfangs wollte sie durchaus nicht aussteigen. Der Ort wo sie die grausamsten Misshandlungen erlitten hatte, war ihr zum Abscheu geworden; allein man brachte sie mit Gewalt aus dem Wagen, und ihre Familie, durch Blachfelds Berichte irre geleitet, liess sie acht Tage in einer Einsamkeit, die um so furchterlicher war, als sie nicht wusste, ob man sie nicht auf ewig dazu verdammt hatte. Endlich kam ihr altester Bruder um sie abzuholen; aber diese Erlosung geschah auf eine Art, die sie nur noch schmerzlicher betruben musste, weil sie aus allen seinen Reden merkte, dass man hartnackig darauf bestand, sie fur wahnsinnig zu halten. Er sagte ihr, die Bauren des Gutes hatten ihm endlich erlaubt sie fortzufuhren, aber nur unter der Bedingung, dass man sie bei dem ersten Anzeichen von Tollheit wieder ihrer Obhut ubergeben sollte. Von Leiden gedruckt, antwortete Luise nichts, und begnugte sich mit dem Glucke, aus ihrem Gefangnisse befreit zu werden. Den Tag nach ihrer Ankunft in die Stadt wollte Luise in die Kirche fahren: man verweigerte ihr die Pferde, unter dem Vorwande, dass sich jedermann uber sie erschrecken wurde. Umsonst versicherte sie, auf dem Gute Besuche gemacht und angenommen zu haben: ihres Mannes Brief hatte zu gut gewirkt, als dass man auf sie gehort hatte. Sie musste endlich heimlich entwischen, um dem Lenker ihres Schicksals fur die ihr wiedergeschenkten grossten Guter des Menschen, fur Freyheit und Vernunft zu danken. Ihr altester Bruder hatte sie sonst zartlich geliebt; wie sie so elend krank vom Bade zuruckkehrte, hatte er uber ihr Leiden geweint; ja einmal kam er sogar mit seiner Violine an ihr Bett, um zu versuchen, ob vielleicht der Zauber der Musik ihren verwirrten Geist zuruckriefe. Guter Mann, was hatte jetzt dein Herz gestahlt? Konntest du ohne eigne Untersuchung, auf den Bericht eines Menschen hin, der seiner Frau in ihrer Krankheit nie so viel Gute als du bewiesen hatte, deine Schwester so lange Zeit mit dem hartnackigsten Misstrauen behandeln? Wusstest du nicht, dass dein kaltes Mitleid weit beleidigender als trostend war?

Luise war jetzt in einer sehr traurigen Lage. Ihr Gemahl sagte sich von ihr los, und sie hatte doch um seinetwillen alle Vortheile verloren, die ihr das vaterliche Haus sonst darbot. Alle Zimmer bey Madame N. waren besetzt: allein lieber als auf das Gut zuruckzugehen, begnugte sich Luise mit einer kleinen dunkeln Kammer, wo sie aus Mangel an Luft fast erstickte. Wie die Jahreszeit herankam, wo ihre Mutter auf das Gut musste, um die personliche Aufsicht uber ihre Arbeiter zu fuhren, hatte Luise zwar mehr Platz; aber sie war ohne Magd zur Aufwartung, und um ihre Krankung zu vollenden, traf es sich, dass der einzige Bediente eines ihrer Bruder, welcher ihr aus Mitleid das Essen aus der Garkuche holte, in den ersten glucklichen Tagen ihrer Ehe bey Blachfelden gedient hatte, welcher ihn oft mit Stockschlagen misshandelte, und endlich mit der Beschuldigung, ihn bestohlen zu haben, fortjagte. Luisens Bruder hatte ihn seitdem in seine Dienste genommen, und nach Art dieser armen Leute, deren Erziehung nicht dazu gemacht ist, ihr Gefuhl zu berichtigen, liess er sie nun ihres Mannes Harte entgelten, verweigerte ihr oft seine Dienste, und sie musste es selbst mit anhoren, dass er zu seinen Kameraden sagte: "Die Zeit ist vorbey, wo ihr Mann mein Herr war!" Mit Geld kann man alle Herzen gewinnen; aber dieses Mittel stand nicht oft in Luisens Gewalt. denn sie hatte zur Bestreitung ihres ganzen Unterhalts nichts als das Taschengeld, welches ihr als Madchen ausgesetzt worden war, und von ihrem Manne mit keinem Pfennige vermehrt wurde. Wenn die Winke, die man Luisen damals gab, dass er dieselbe Zeit, wo sie einsam fast gegen Mangel kampfte, in Lustbarkeiten und Wohlleben hinbrachte, einigen Grund hatten, so musste sein ehemals so edles Gefuhl schon sehr ausgeartet seyn.

Das Betragen von Luisens alterem Bruder kann sehr tadelhaft scheinen: allein es entstand nur aus menschlicher Schwache. Seine fortwahrende Furcht vor einem neuen Anfall von Wahnsinn hielt ihn ab, mit seiner Schwester zu speisen, und lag ihm so am Herzen, dass er selbst, wenn er Damengesellschaft hatte, sie nie einlud. Er bewarb sich damals um ein sehr reizendes Frauenzimmer, und die Zerstreuung welche dieser Plan ihm gab, trug sehr dazu bey, seine Theilnahme an seiner Schwester zu schwachen, Ausserdem glaubte er, dass eine Vereinigung zwischen Luisen und ihrem Gatten um seines eigenen Gluckes willen nothwendig sey, und hoffte durch Krankungen und Vernachlassigung sie so weit zu bringen, dass sie endlich von selbst darnach verlangen sollte. Luise wat nicht verzartelt: wenn sie aber ihren Bruder taglich in einer glanzenden Kutsche von zwey Lakaien begleitet ausfahren sah, indess sie, deren arme schwache Beine sie kaum fortschleppten, zu Fusse ausgehen, oder bey dem schonsten Wetter eingesperrt bleiben musste, stieg wohl Bitterkeit in ihrem Herzen auf. Sie konnte sich dann nicht enthalten zu denken: Wurde ich mehr leiden mussen, wenn ich mich geweigert hatte, meine Neigung euren Vorurtheilen zu opfern? Indessen zurnte sie ihrem Bruder deswegen nicht: er hatte ihr ehemals zu viele Beweise seiner Zartlichkeit, seines unbegranzten Zutrauens gegeben. Jetzt war er nur mit seiner Liebe zu sehr beschaftigt, um an sie zu denken. Aber Blachfeld, fur den sie alles geopfert, fur den sie Leben und Seligkeit gegeben hatte, dieser schrieb ihr nicht einmal ein Wort. Zu ihr kommen konnte er nicht, denn der Furst hatte ihn mit einem Auftrage verschickt; aber zu schreiben hielt ihn nichts ab. Indessen hatten die Grundsatze, die er in dieser Zeit uber Ehe und Freyheit der Neigungen ausserte, Luisen auf den Schlag der sie bedrohte, vorbereiten konnen. Menschen die ihn damals sich mit seinen Grundsatzen brusten horten, konnten kaum glauben, dass es derselbe Mann ware, der sich so hartnackig und mit so zahllosen Mitteln um die Hand einer Frau bemuht hatte, die er jetzt zu verstossen wunschte.

Endlich erhielt sie einen Brief von ihm: aber Gott, welchen Brief! Er forderte sie zur Scheidung auf, und legte einen Zettel an ihre Mutter bey, den aber Luise nicht das Herz hatte abzugeben. Sie wusste, dass diese wohlmeinende Frau ihr hochstes Gluck in diese Ehe gesetzt hatte; sie wusste, wie sehr sie durch den ubeln Erfolg ihres Planes litt. Es war ihr unmoglich, ihr die Botschaft zu bringen, welche die vollige Vernichtung aller ihrer Hofnungen enthielt. Luise erfuhr jetzt, dass ihr Mann in D. angekommen war. Sie schlich von Wirthshaus zu Wirthshaus um ihn aufzusuchen. Die Hitze erschopfte sie bis zur Ohnmacht: sie sah sich genothigt einen Miethswagen zu nehmen um ihre Nachforschungen fortzusetzen, und fand endlich den Gasthof, wo Blachfeld abgestiegen war. Er war ausgegangen. Sie liess sich auf sein Zimmer fuhren, wo sie drey furchterliche Stunden in einer Spannung zubrachte, die keine Feder beschreibt. Ihr Zustand wurde ihr endlich so unertraglich, dass sie ein Buch forderte, um sich zu zerstreuen: man gab ihr eine elende deutsche Ubersetzung der neuen Heloise, und sie hatte sie in Handen, als Blachfeld hereintrat. Seine erste Bewegung war zu fliehen; sie hielt ihn aber zuruck, und bat um Gehor. Das Buch fiel ihr aus der Hand; Blachfeld hob es auf, und da er den Titel erblickte, nahm er Gelegenheit ihr Verweise zu geben, indem er sagte: dieses Buch verdrehe allen jungen Leuten den Kopf, und habe den ihrigen auch verdreht. Er hatte vergessen, wie sehr er ihr ehemals anlag, dieses Werk mit ihr lesen zu durfen. Luise hatte es unter ihres Vaters Aufsicht gelesen, und neue Liebe fur die Tugend, und Abscheu gegen das Laster daraus geschopft. Was Blachfeld jetzt sagte, bewies Luisen nur, wie sehr er sich an ihr irrte; und es gab ihr zugleich Hofnung, ihn zuruck zu bringen, weil alle seine Irthumer aus dieser Quelle fliessen konnten. Sie horte ihm also geduldig und mit Ergebung zu, und gab ihm in allen seinen Vorwurfen Recht. Er erlaubte ihr dagegen eine Magd zu miethen, und bat sie, zu ihrer Mutter auf das Gut zu gehen, von wo er sie selbst nach der Garnison abholen wollte; er dankte ihr sogar, den Brief an ihre Mutter zuruckbehalten zu haben. Luise eilte seinen Wunschen nachzukommen, und ihrer Mutter die gunstige Wendung ihrer Angelegenheiten mitzutheilen.

Blachfeld kehrte indess nach M. zuruck, wo er Zeit hatte, sein eben gegebenes Versprechen zu bereuen. Er sah dass seine Waffenbruder, unter denen die meisten brave Hausvater waren, sich alle uberflussigen Ausgaben, alle unnutzen Lustbarkeiten versagten, um fur das Beste ihrer Familie zu sorgen. Diese Einschrankung missfiel ihm, zumal da er seit den achtzehn Monathen, wo ihm der Unterhalt seiner Frau gar nichts kostete, deren entwohnt war, und seit seiner Reise noch mehr Geschmack an Zerstreuung bekommen hatte. Er schrieb dem zu Folge an seine Schwiegermutter, dass Luise seinen ersten Brief an sie aufgehalten, dass er sie seitdem zwar gesprochen hatte, aber durch ihre Vorwurfe nur noch mehr erbittert worden ware. So kam Luise wieder unter die Aufsicht der Madame N., die jetzt durch alle diese Umstande gegen das arme Weib so aufgebracht war, dass sie ihrer Mutter Herz, ihre einzige letzte Stutze verlor. Umsonst betheuerte Luise ihre Unschuld: man war uberzeugt, dass sie Blachfelden bei ihrer letzten Zusammenkunft seine Untreue vorgeworfen hatte, welches doch so falsch war, dass sich Blachfeld selbst gegen einen seiner Freunde ruhmte, er hatte diese stolze Seele endlich gedemuthigt. War es nicht genug, ein harmloses Geschopf aus dem Schoosse des Uberflusses zu reissen; durch tausend schone Raisonnements, tausend wohl angebrachte Anmerkungen uber die Fehler anderer Ehemanner, sich endlich das Zutrauen des truglosen Herzens zu erwerben: musste er sie noch, nachdem sie Annehmlichkeit des Lebens, Gesundheit, Vernunft und Gluck geopfert hatte, endlich gar verstossen? sie fuhlen lassen, dass sie geringer als der letzte Knecht geachtet wurde? Denn wenn dieser im Dienst erkrankt ware, so hatte Blachfeld ihn verpflegt! Der Anblick des mutterlichen Kummers zerfleischte Luisens Herz. Sie wagte noch einen Versuch, und schrieb an Blachfeld. Seine Antwort bewies ihr, wie vergeblich alle Hofnung war: er fuhr fort seiner Schwiegermutter die bittersten Vorwurfe daruber zu machen, dass sie ihm nicht bey Zeiten entdeckt hatte, wie Luise einer Gemuthskrankheit ausgesetzt ware, indem dieses Bewusstseyn ihn von aller weitern Bewerbung abgehalten haben wurde. Und doch hatte ihm Luise uber diesen Gegenstand alles gesagt, alles geschrieben, was die erfahrensten Arzte ihm hatten sagen konnen. Sie hatte ihm die umstandlichste Beschreibung ihrer Schwermuth gemacht: aber gewohnt, sich von seinen Leidenschaften beherrschen zu lassen, hatte er sie aus einem Anfall von Laune zu seinem Weibe gemacht, und nun machte er sie zu seinem Opfer. Endlich langte ein dritter Brief bey der Mutter an, worin Blachfeld fortfuhr ihre Tochter in einem gehassigen Lichte darzustellen, indem er um eine Zusammenkunft bat, und es zur Bedingung machte, (ein Beweis wie wenig er selbst seiner guten Sache traute) dass Luise nicht gegenwartig seyn sollte. Madame N. hatte die Schwache, sich dazu zu verstehen. Die Zusammenkunft fand statt, und Blachfeld legte die Bedingungen vor, unter welchen er seine Frau wieder aufnehmen wollte. Das ungluckliche Weib sollte auf dem namlichen Fusse in seinem Hause wohnen, den sich seine Maitressen hatten gefallen lassen. Wie Luise diesen demuthigenden Vorschlag erfuhr, sturzte sie ihrer Mutter zu Fussen, und gelobte, lieber wie Magd zu dienen, als um diesen Preis in ihres Mannes Hause zu leben. Blachfeld schwor sich fur diese Weigerung zu rachen. Ein Abgrund von Abscheulichkeit ofnete sich nun vor Luisen. Blachfeld schleppte sie von Gerichtshof zu Gerichtshof; er setzte sie den bittersten Krankungen aus. Er las offentlich ihre Briefe vor, die sie ihm in der Zeit geschrieben hatte, wo sie auf seine Redlichkeit als auf ihre unerschutterlichste Stutze vertrauend, ihm alle ihre geheimsten Gedanken, ja sogar die Traume, uber welche sich ihr furchtsames Gewissen Vorwurfe machte, mitgetheilt hatte. Abscheu und Mitleid bemachtigten sich selbst der Richter, und machten sie zu ihren Vertheidigern. Endlich wurden Blachfeld und seine Frau gegen einander verhort. Blachfeld erblickte Luisen, und seine Thranen flossen. Sie sah seine Ruhrung, und alles war vergessen. Sie warf sich in seine Arme und versprach jeden Vorschlag einzugehen; und Blachfeld war grossmuthig genug, Luisens Bedingungen jetzt anzunehmen, und feyerlich zu unterzeichnen. Luisens Ruhe ware vielleicht in diesem Augenblick auf immer begrundet worden, wenn die Einmischung eines dritten ihr nicht neuen Kummer zubereitet hatte. Blachfelds Sachwalter war ein Rabulist, den man beschuldigte, schon mehr als einen gutlichen Verein zwischen Eheleuten verhindert zu haben. Dieses gelang ihm zwar nicht in Blachfelds Sache; allein er legte Luisen eine Schrift zur Unterzeichnung vor, die ganz zu Blachfelds Vortheil abgefasst war. Luise gestand darin ein, dass sie ihren Mann durch unvertragliche Laune zu einer Trennung gezwungen hatte, und dass er, wenn die Dinge je wieder auf diesen Punkt kamen, von jeder Verbindlichkeit gegen sie freygesprochen seyn sollte. Luise fand diese Klausel hochst abgeschmackt Unter allen Klagen welche ihr Mann gegen sie gefuhrt hatte, war Unvertraglichkeit und uble Laune nicht mitbegriffen gewesen, und er hatte sogar mehrmals von ihr gesagt, dass sie von Eigensinn und Launen ganz frey ware. Allein was konnte Luise in diesem Augenblick beschliessen? Blachfeld hielt sie in seinen Armen, und bat sie zu unterschreiben, um diesen Wohnsitz der Chikane so schnell als moglich zu verlassen. Luisens Advokat sagte ihr ins Ohr: "Unterzeichnen Sie nur: es sind hier Zeugen genug gegenwartig, welche im Fall der Noth beweisen konnen, dass Sie uberredet wurden." Luise unterschrieb endlich ihren Namen, und der Friede war geschlossen. Allein wie angstlich und unsicher war dieser Friede? wie abhangig von den Launen eines Mannes, dessen Harte und Wankelmuth sie nur zu deutlich kennen gelernt hatte? Ein Mittel ware noch gewesen. ihre Unschuld und ihr Recht geltend zu machen. Es gab in jenen Lande einen Gerichtshof, dessen unbestechliche Unpartheilichkeit allen Tribunalen zum Muster dienen sollte; an diesen zu appelliren stand Luisen frey: allein ihre Mutter hing zu fest an dem hergebrachten Vorurtheil. Sie zitterte, den guten Ruf ihrer Tochter durch einen langeren Rechtsstreit leiden zu sehen, und ohne sie zu einer Aussohnung zu uberreden, beschwor sie Luisen, sich nicht bey einer hohern Instanz zu melden. Diese Bitten wirkten machtiger als jeder andre Zwang, um ihre Aussohnung zu Stande zu bringen, und ihre Mutter hatte von neuem Hofnung, dass die Ehe ihrer Tochter eine glucklichere Wendung nehmen wurde.

Blachfeld hatte indessen einige Schulden gemacht. Um sie mit mehrerer Leichtigkeit bezahlen zu konnen, verstand sich Madame N. dazu, ihre Tochter noch auf sechs Monate zu sich ins Haus zu nehmen, und Blachfeld liess es dabey bewenden, ihr eine Kleinigkeit fur Holz und Wohnung zu zahlen. Bald aber sah sich Luise mit einem neuen Rechtshandel bedroht. Die Burgschaft welche sie, wie schon gemeldet worden ist, vor ihrer Heirath geleistet hatte, erforderte jetzt eine schleunige Zahlung; und um ihre Verlegenheit zu vermehren, ausserte ihre Mutter, wenn gleich mit vieler Sanftmuth, dass sie die Blachfelden vorgestreckte Summe zuruck zu haben wunschte. Ihr blieb in dieser peinlichen Lage nur ein Mittel, das sie mit Zutrauen ergriff. Sie schrieb an den Fursten, in dessen Diensten ihr Vater gestanden hatte, und erinnerte ihn an das Versprechen, das er ihrem Vater gegeben hatte, fur seine Tochter, als das einzige seiner Kinder, deren Talente ihr nicht zum Broderwerb dienen konnten, vorzuglich zu sorgen; sie entdeckte ihm ihr jetziges Bedurfniss. Der gute Furst schickte ihr die erforderliche Summe, und ausserdem die Anweisung auf eine jahrliche Pension von dreihundert Thalern. Manches Weib hatte vielleicht diese Gelegenheit eifrig ergriffen, um sich von ihrem Manne unabhangig zu machen; aber Luisen war dieser Wunsch so fremd, dass sie unverzuglich eilte, Blachfelden zum unumschrankten Herrn der Pension zu machen, und sich nur das kleine Kapital vorbehielt, um ihre und Blachfelds Schulden zu bezahlen. Um den Eindruck dieses gunstigen Vorfalls und ihrer Uneigennutzigkeit bey Blachfelden auszuloschen, musste sich ein ungluckliches Missverstandniss in den Weg stellen. Luise hatte ihm kurz vorher einen zartlichen Brief geschrieben, in welchem sie aber die Unvorsichtigkeit beging, ihn auf eine feine Art daruber aufzuziehen, dass er, wie man ihr versichert hatte, allenthalben behauptete, eine Stelle ausgeschlagen zu haben, die niemand den Einfall gehabt hatte ihm anzubieten. Dieser Scherz war bey dem Verhaltnisse der beyden Eheleute gewiss so unschicklich, als gegen einen Mann uberhaupt ubel angebracht: allein Blachfelds ungestumer Verdruss strafte Luisen noch harter als sie es verdient hatte. Er schickte ihr die zerrissenen Stucke ihres Briefes zuruck. Diese Harte verhinderte Luisen nicht, ihm den neuen Beweis der Gnade ihres Fursten zum Opfer zu bringen. Es lag in ihrem Karakter, dann am sanftesten und nachgebendsten zu seyn, wenn das Gluck ihr lachelte. Blachfeld hatte indess gefuhlt, dass Luisens ubereilter Scherz keine so harte Strafe verdiente, und schrieb ihr einen zweiten Brief, in welchem er sie um Verzeihung bat, und ihr meldete, er wurde selbst nach D. kommen, um die Aussohnung zu versiegeln. Durch einen Zufall kam der Brief zu spat in Luisens Hande, so dass sie nicht mehr Zeit hatte vor Blachfelds Abreise darauf zu antworten. Blachfeld hielt also Luisens zweiten Brief, in welchem sie ihm das Geschenk des Fursten meldete, fur die Antwort auf sein reuiges Schreiben, und fand in ihrer Grossmuth nun weiter gar kein Verdienst, sondern ward noch obendrein empfindlich, dass sie uber seinen bevorstehenden Besuch keine Freude bezeugte. Luise erwartete ihn indessen mit Ungeduld, und ging ihm bey seiner Ankunft so eilig entgegen, dass sie strauchelte, und einen Fall that, der, ausser dass er sie schmerzlich verwundete, ihr die gefahrlichsten Folgen hatte zuziehen konnen, da sie sich in dem Anfange einer Schwangerschaft befand. Blachfeld, zu ungestum, um mit einer andern Idee als der des ihm vermeintlich gethanen Unrechts beschaftigt zu seyn, uberhaufte sie mit Vorwurfen, und es kostete die grosste Muhe, selbst uber die Umstande durch welche sie ihre Pension erhalten hatte, ihn zufrieden zu stellen.

Luisens Mutter rieth ihr diesen Zeitpunkt zu benutzen, um ihren Mann zu bitten, dass er ihr zu ihrer kunftigen Wirthschaft eine zweyte Magd, die ihr bevorstehendes Wochenbett unentbehrlich machte, halten mochte. Diese Forderung brachte Blachfelden von neuem auf; er behauptete, sie mache es wie alle Weiber, welche ihre Forderungen immer hoher spannten, je mehr man ihnen zugestande. Ihm schien es, dass eine einzige Magd fur die Kuche und zur Pflege des Kindes vollig hinreichend ware, und dass Luise ubrigens wie andere Weiber fur sich und ihren Mann nahen konnte. Und zu eben der Zeit fand derselbe Mensch, dass ein Brdienter nicht mehr zu seiner Aufwartung und Besorgung der Pferde hinreichte! Luisen fiel in diesem Augenblicke ein Schleier von den Augen, sie sah wogegen sie sich bis jetzt verblendet hatte; sie sah deutlich, dass Blachfeld ein Egoist war. Schon ehemals, in den ersten Wochen ihrer Ehe, als er noch den Tisch bei seiner Schwiegermutter hatte, machte er es ihr einmal zum Vorwurf, dass sie nicht lieber eine Kochinn statt einer Kammerfrau hielte, weil diese sich weigerte fruh morgens um drey Uhr aufzustehen, um ihrem Herrn den Kaffe zu machen. Blachfeld hatte damals, da er im Begriff stand zu der Armee zu gehen, nicht weniger als funf Bediente, die jenen Dienst eben so gut verrichten konnten. Indess warf er ihr vor, dass sie diese Magd besser, als alle ihre Bekannten die ihrigen, bezahlte, und wollte ihren Grunden, dass die ihrige dafur desto mehr arbeitete, und doch nicht fur zwey asse, kein Gehor geben. Luise fing jetzt an zu furchten, dass der Geiz, dieses alle Lebensfreuden zerstorende, und mit dem Alter immer wachsende Laster, einigen Antheil an ihres Mannes Karakter hatte. Was kurz darauf erfolgte, bestatigte sie in dieser traurigen Ahndung. Der Furst wurde durch nothwendige ausserordentliche Ausgaben genothigt, die Auszahlung von Luisens Pension auf einige Zeit zu suspendiren. Ungeachtet des Zustandes, in welchem sich Luise befand, horte Blachfeld plotzlich auf sie zu besuchen, und fing von neuem an, seiner Schwiegermutter auf eine Art zu schreiben, die sie mit ihrer Tochter hatte entzweyen konnen, wenn sie seine Briefe des Lesens werth gehalten hatte. Sie hatte die Vorsicht aber noch weiter treiben, und ihrer Tochter auch nichts davon sagen sollen; allein ihr Verdruss erbitterte sie bey einer andern Gelegenheit so sehr, dass Luisen auch der susse Traum, in welchen sie sich damals wiegte, durch diese Entdeckung vergiftet wurde. Sie glaubte nemlich, dass Blachfeld bloss darum sie nicht mehr besuchte, und alles Verkehr mit ihr abgebrochen hatte, um ihren Entschluss mit ihm zu leben zu beschleunigen. Sie begab sich zu ihm, und ward ubel empfangen; aber ihre Geduld, ihr zartlicher herzlicher Wunsch ihm zu gefallen, gewannen endlich sein Herz, und schenkten ihr den glucklichsten Zeitpunkt ihrer Ehe und ihres ganzen Lebens.

Er gestand ihr bey dieser neuen Versohnung, dass ihre romanhafte Forderung bey der Feyer ihrer Hochzeit, nur als Freundinn, und nicht als Gattinn mit ihm zu leben, den ersten Keim von Bitterkeit in ihn gelegt hatte, der, so oft es ihm fehlgeschlagen, sie in ihrem Entschluss wankend zu machen, immer mehr gewachsen ware. Luise fugte sich jetzt in ein Verhaltniss, das Natur und Gesetze ehrwurdig machen, und ward durch ihres Gatten ganzliche Umschaffung dafur belohnt. Sein Haus ward bald sein bestandiger und vorgezogener Aufenthalt; er trieb seine Sorgfalt fur sein Weib so weit, dass er ihr alle Morgen bey ihrem Anzuge half. Von fruh bis Abends las er ihr vor, oder beschaftigte sich mit dem Erziehungsplane fur sein kunftiges Kind. Er gestand damals, dass er Luisen, ungeachtet aller ihrer korperlichen Leiden, nie ubellaunig noch murrisch gesehen hatte. Sie war ausschliessend mit ihrer Pflicht beschaftigt, und ein Blick von Blachfelden der ihr Beyfall gab, lohnte sie uberschwenglich.

Der Ausbruch eines Krieges zerstorte Luisens hausliches Gluck. Blachfeld verliess sie, da sie auf dem Punkt stand, Mutter zu werden, ohne Hulfsmittel fur die Bedurfnisse ihres Kindbetts; sie klagte nicht. Ihr Mann setzte ihr einen jahrlichen Gehalt aus, auf den nemlichen Fuss wie seine andern verheiratheten Kriegskameraden; allein hier kam es auf eine ausserordentliche Ausgabe an. Luise dachte darauf ihren Wagen zu verkaufen; da sie aber ihr Mann bat, ihn zu seiner Reise gebrauchen zu durfen, fehlte ihr auch diese Auskunft. Er nahm endlich mit viel anscheinender Unruhe uber ihren Zustand Abschied, und versprach ihre Mutter zu bitten, sie wahrend ihres Kindbettes zu sich zu nehmen. Allein seine neue Laufbahn fuhrte ihn bald auf so viel ehrgeizige Plane, dass seine Gefuhle als Gatte und Vater schwiegen, und er die Bitte an Madame N. vergass. Diese gute Frau hatte Luisen zu sich auf ihr Gut eingeladen; und als ihre Tochter ihr in ihren Gesprachen ihre Furcht entdeckte, in der Garnisonstadt nieder zu kommen, wo der Krieg jetzt alle geschickten Wundarzte abgerufen hatte, war sie die erste ihr zu sagen, dass sie schon lange dieselbe Besorgniss gehabt hatte, und sehr wunschte, ihr wahrend dieser Zeit Zimmer in ihrer Wohnung in D. einzuraumen. Allein in diesem Hause wohnten auch Luisens Bruder; und da sie furchtete, dass die Anwesenheit einer Kranken ihnen bey ihrer Lebensart zur Last fallen mochte, wagte sie es nicht ihnen diesen Vorschlag zu thun. Sie gab daher Luisen den Rath, ihnen zu schreiben, ihnen ihre Besorgnisse wegen ihres Zustandes zu entdecken, und sie um ihre Fursprache bey ihrer Mutter wegen einer Gunst zu bitten, welche diese gute Mutter selbst sehnlich zu gewahren wunschte. Luise hatte vor allen versteckten Planen und abgekarteten Anschlagen einen Abscheu; sie hatte ausserdem Ursachen sich uber diesen Gegenstand nicht weitlauftig gegen ihre Bruder auszulassen. Wie sehr wurde sie betroffen, als ihr, da es endlich zur Sprache kam, ihre Bruder vorwarfen, durch ihre Zudringlichkeit ihrer Mutter diese Last aufzuburden, vor welcher sie sich bey ihrem Alter und ihrer Kranklichkeit so sehr scheute, dass sie ihre Einwilligung nie gegeben hatte, wenn es moglich gewesen ware, ihren Forderungen auf eine andere Weise ein Ende zu machen. Es ward Luisen sehr schwer, sich so unverdient der Zudringlichkeit, der Selbstsucht zeihen zu lassen; aber um ihre Mutter nicht blos zu stellen, musste sie es geduldig leiden und schweigen. Ihre Bruder riethen ihr, an Blachfelden zu schreiben, damit er ihr erlaubte, eine Wohnung in der Stadt zu miethen. Wenn ich, setzte einer von ihnen hinzu, auf dem Punkt stande Vater zu werden, wurde ich wenigstens dafur sorgen, dass es meiner Frau nicht an der nothigen Hulfe gebrache. Der Rath war gut; allein in Rucksicht auf Blachfelden sehr ubel angebracht. Luise wusste, dass er wahrend ihrer Gemuthskrankheit sich geweigert hatte eine Wohnung zu bezahlen, die ihre Mutter in D. bey einer sehr verdienstvollen Frau miethen wollte, deren gutes Herz so sehr litt, als sie die unbarmherzige Art erfuhr, mit welcher man Luisen auf dem Gute begegnete, dass sie sich ausserte, sie gern fur das Drittheil des geforderten Preises zu sich genommen zu haben, wenn sie das hatte voraussehen konnen. Nach dieser Erfahrung wagte es Luise nicht, ihrem Manne einen ahnlichen Vorschlag zu thun, sondern sie qualte sich einige Tage mit den angstlichsten Besorgnissen. Ihre Unruhe wirkte so sichtbar auf sie, dass einige Freunde ihre Mutter davon benachrichtigten, welche darauf mit ihren Sohnen sprach, und es dahin brachte, dass sie Luisen einstimmig nach D. einluden. Innigst von der Gute ihrer Mutter und der Nachgiebigkeit ihrer Bruder geruhrt, beschloss Luise nun keinen Gebrauch davon zu machen, und das frohe Leben dieser jungen Leute nicht durch ihr Krankenbett zu storen. Sie schob ihre Reise auf, verhehlte sogar den Anfang ihrer Schmerzen, und kam auf dem Gute der Mutter mit einer Tochter ins Kindbett. Es gehorte ein an Leiden und Vernachlassigung gewohntes Geschopf dazu, um alle Unannehmlichkeiten ih, rer Lage zu ertragen. Ihr Bett war in D. zurecht gemacht; auf dem Gute hatte sie nichts als eine unbequeme Schlafbank, die in einem Zimmer stand, welches ihr in jeder Rucksicht verhasst seyn musste, da sie dort die qualvolle Epoche ihrer Gemuthskrankheit verlebt hatte. Dieses Zimmer befand sich zwischen dem Vorsaal und einer Vorrathskammer, in welcher alle Bedurfnisse des Haushalts aufbewahrt wurden, so dass es dem Hausgesinde jeden Augenblick zum Durchgang diente. Man trat ohne die geringste Vorsicht auf, dass der Fussboden zitterte; man warf die Thuren, dass Luise erschrocken aus jedem Schlummer auffuhr. Ihre Nerven, die von ihrer Krankheit her sehr geschwacht, und bey ihrer Niederkunfe um so mehr angegriffen waren, als sie sechs Stunden litt, ehe sie Hulfe begehrte, konnten sich unter diesen Umstanden nicht erholen. Ihre Mutter, die es herzlich gut meynte, glaubte dass Luisens Schwache aus Mangel an Nahrung entstunde, und zwang sie unaufhorlich Speise zu sich zu nehmen; allein jedesmal wenn Luise ihren Eckel uberwand, und um ihrer Mutter die Vorstellung, als faste sie aus Eigensinn, zu benehmen, etwas ass, ergriff sie ein so heftiges Erbrechen, dass ihre Krafte vollends unterlagen.

Nie fuhlte ein Weib so lebhaft wie Luise das Gluck Mutter zu seyn; ihr liebenswurdiges Kind schien ihre Liebkosungen schon durch sein susses Lacheln zu erwiedern. Sie druckte es an ihre Brust, mit dem brennenden Wunsche es daraus zu nahren: allein ein strenges Verbot ihrer Mutter verhinderte sie daran; sie sey zu schwach, hiess es. Grausames Vorurtheil! wo die Natur Kraft zu schaffen hat, fehlt ihr nie die Kraft zu ernahren. Luise hatte sich wahrend ihrer ganzen Schwangerschaft geschont, um diese heilige Mutterpflicht zu erfullen. Es war ihr gelungen einen Uberfluss von Milch zu haben; sie war rein, gesund, umsonst, man vertrieb sie mit Gewalt. Luise litt unsaglich, die Milch trat in das Blut, warf sich auf ihre Nerven, und verursachte ihr ein Fieber, das ihre Krafte drey Monate lang verzehrte. Ihre Niederkunft war glucklich gewesen; man glaubte also fur nichts weiter sorgen zu durfen, man beobachtete keine Art Schonung gegen sie. Einige Stunden nach ihrer Niederkunft las man ihr einen Brief ihres Bruders vor. Sie glaubt dass er Gluckwunsche ruthalten wird: nein, er schreibt, dass er das Fieber hat, dass er nach seiner Mutter verlangt; er aussert Unzufriedenheit daruber, dass seiner Schwester Wochenbett alles aus seinem gewohnlichen Gange bringt. Die Mutter weint, spricht von dem nahen Tode ihres geliebten Sohnes, und Luise bittet sie eifrig zu ihm zu eilen, und ihn mit eignen Handen zu pflegen. Sie reist ab, nimmt die Kammerfrau und Kochinn mit, und lasst Luisen mit der Warterinn, welche den Haushalt versehen muss, und einer unerfahrnen Amme allein. Dieses verkehrte Geschopf war uber die Untreue ihres Liebhabers, der sie verfuhrt hatte, in Verzweiflung; sie benetzte ihren Saugling unaufhorlich mit Thranen. Luise zitterte fur ihr geliebtes Kind; sie beschwor die Amme, es in solchen Augenblicken von Gemuthsbewegung nicht an die Brust zu legen. Das Weib bestand eigensinnig darauf, und gerieth in die heftigste Wuth. Luisens Angst und Unruhe stieg so hoch, dass sie in Gefahr stand, ihren Verstand aufs neue zu verlieren. Sie wusste dass es dem Kinde besser ware, bey Milch und Wasser aufgezogen zu werden; aber aus Furcht vor ihrer guten Mutter, deren Vorurtheile uber diesen Punkt sie kannte, wagte sie diese Veranderung nicht. Um ihr Kind zu retten, blieb Luisen kein anderes Mittel, als den Launen jenes Drachen nachzugeben; denn sobald die Amme ihrer Gewalt uber Luisens furchtsame Mutterliebe sicher war, legte sie ihren Leidenschaften keinen Zugel mehr an. Von der einen Seite machte sie die Ungewohnheit einer mussigen, weichlichen Lebensart ubermuthig; von der andern reizte sie die Misshandlung ihres brutalen Liebhabers taglich zum Arger, und diese Misshandlung selbst schien sie doch taglich mehr an ihn zu fesseln. Um dieses unleidliche Geschopf, dem Luise doch genothigt war ihr Kind zu uberlassen, durch einen ungewohnlichen Lohn zu einer grosseren Sorgfalt fur ihren Saugling zu bewegen, schlug man Luisen vor, die einzige Magd welche sie unterhielt, ein junges Madchen, das ihr sehr ergeben, und von ihr selbst geliebt war, abzuschaffen. Es war grausam, von ihr zu fordern, dass sie das einzige Geschopf, das ihr nicht fremd war, entfernen sollte; denn so sehr ihre Mutter sie liebte, konnte sie wegen der Krankheit ihres Sohnes nur wenig bey ihr seyn. So oft diese wohlmeynende Frau auch Luisens zu zartes Gefuhl verwundete, und ihr besonders jetzt merken liess, dass ihre Krankheit ihr zur Last fiele, war sie doch zu gutig, um nicht diesesmal ihrer Tochter Bitten nachzugeben. Sie erlaubte ihr die Magd zu behalten, obschon sie ihr personlich zuwider war; wie denn Luise das Ungluck uberhaupt hatte, dass alle Menschen welche sie liebte, ihrer Mutter missfielen: dies ging so weit, dass sogar Blachfeld nach dem Maasse wie er in Luisens Herzen Fortschritte machte, ihr unangenehm zu werden angefangen hatte.

Luise hatte alles Ungemach ihrer Lage mit Freuden ertragen, wenn Blachfeld ihr die mindeste Theilnahme bezeugt hatte; allein Luisens Prophezeihung vor ihrer Heirath traf nun ein: das Gerausch der Waffen ubertaubte sein Herz, die Vaterfreude war ihm uberdem nicht neu, und dieses Gefuhl, welches oft den wildesten Sinn bezahmt, glitt leicht an dem seinigen vorbei. Er schrieb seinem Weibe nicht einmal, um ihr fur das Geschenk, welches sie ihm mit seinem Kinde gemacht hatte, zu danken. Eine kalte Antwort auf den Brief, den er bey dieser Gelegenheit von seiner Schwiegermutter bekam, enthielt diese Worte: "Ich bitte Sie, meine Frau meiner Liebe zu versichern." Von allem was Blachfeld fur Luisen hatte fuhlen konnen, ware ja Liebe die letzte Empfindung gewesen, die sie jetzt von ihm forderte; Theilnahme wunschte sie. Hatte er zum Beyspiel geschrieben: wie befindet sich Luise? hat diese Krisis eine gute Wirkung auf ihre Gesundheit gehabt? gewinnt die Freude Mutter zu seyn die Uberhand uber ihre gewohnliche Schwermuth? Bedenken Sie, liebe Mutter, wie schadlich ihr jetzt jede Gemuthsbewegung ware. Sie kennen die Reizbarkeit ihrer Nerven, ihr gar zu zartes Gefuhl: ich beschwoee Sie darauf Nucksicht zu nehmen, und meiner ewigen Dankbarkeit versichert zu seyn, u.s.w. Hatte er nur so geschrieben, Luise ware zufrieden gewesen. Die drohenden Folgen von Luisens Kindbett, welche durch Vertreibung der Milch entstanden, hatte ihm Madame N., aus Furcht ihn zu beunruhigen, erst nach vorubergegangener Gefahr geschrieben. In seiner Antwort beruhrte er diesen Umstand mit keiner Silbe, aber er kam dafur auf die Vergangenheit zuruck, und beklagte sich uber die Beschwerlichkeiten, die er vorigen Winter durch die haufigen Reisen zwischen seiner Garnison und D. erlitten hatte. Er hatte also vollig vergessen, dass die ganze damalige Einrichtung mit seinem Beyfall und zu seinem Besten getroffen worden war. Luise blieb jenen Winter uber bey ihrer Mutter, um ihn, da er den Tisch bey seinem General hatte, und also keiner eignen Wirthschaft bedurfte, die Abtragung seiner Schulden zu erleichtern. Wankelmuth und Laune schienen aber in seinem Betragen gegen seine Frau einmal die Oberhand zu haben, und alle Bemuhungen seinen Unmuth zu entwaffnen, blieben vergeblich.

Luise war, aus Anrathen der Arzte, welche eine Ortsveranderung fur das einzige Rettungsmittel bey der ihr nach ihrem Nervenfieber drohenden Auszehrung hielten, in die Stadt gezogen. Der Wunsch, ihres Mannes hausliche Umstande endlich durch die strengste Sparsamkeit vollig ins Reine zu bringen, vermochte sie aber, sobald ihre Gesundheit hergestellt war, der rauhen Jahreszeit zum Trotze, denn es war im Anfange des Winters, mit ihrem Kinde das Gut ihrer Mutter zu beziehen. Dieses Opfer war um so grosser, als sie dort ohne allen Umgang war. Die Nachbarschaft bot ihr, so wie der Ort selbst, keine Gesellschaft dar, und ihre Mutter brachte den ganzen Winter in D. zu. Ihre Schwache erlaubte ihr keine Spaziergange zu Fuss, und Pferde zu miethen liessen die Granzen nicht zu, die sie ihren Ausgaben vorgeschrieben hatte. Sie hatte das Vergnugen ihren Zweck zu erreichen, indem sie eine Summe abzahlte, welche Blachfeld aufgenommen hatte, um sie in die Wittwenkasse einzukaufen. Diese Schuld schien ihr fur einen Ehrenmann um so druckender, als sein Glaubiger die Grossmuth so weit getrieben hatte, keine Interessen fur dieses kleine Kapital nehmen zu wollen. Ihre Gesundheit litt durch ihre Lebensweise; die ununterbrochene Einsamkeit sturzte sie in ihre alte Schwermuth zuruck. Aber sie ware fur alle ihre Muhe belohnt gewesen, wenn ihres Mannes Herz ihren heissen Willen ihm zu nutzen erkannt hatte.

Der Chef unter welchem Blachfeld diente, hatte die Grossmuth, seinen Offizieren zu erlauben, dass sie ihre Frauen zu sich in die Winterquartiere kommen liessen. Blachfeld war der einzige der diese Erlaubniss nicht benutzte. Luisen ware diese Zerstreuung doch nothwendiger gewesen, wie mancher andern. In der Zeit, wo sich Blachfeld um ihre Hand bewarb, hatte er ihr ein reizendes Bild von einem solchen Wiedersehen gemacht, und spaterhin forderte er von ihr, dass sie den Umgang mit einer ihrer Bekanntinnen abbrechen sollte, weil diese Frau uber die so weit getriebene Gefalligkeit der Offiziersweiber, ihren Mannern in die Winterquartiere zu folgen, gespottet hatte. Er hatte sich von Luisen bey seiner Abreise ausdrucklich versprechen lassen, ihn in jedem Falle zu besuchen, wenn auch keine andre Frau ihres Standes die Reise machte. Jezt schwieg er von dieser ehemals so gewunschten Zusammenkunft, und Luise hatte wenig Lust, ohne seine Einladung zu ihm zu reisen, so sehr ihre Mutter sie dazu ermunterte. Diese bot ihr an, ihr Kind bey sich zu behalten; allein Luise war eine zu zartliche Mutter, um es aus ihren Handen zu geben, und die ersten Liebkosungen dieses geliebten Geschopfes hatten zu viel Reiz fur sie, um sie mit einem Manne zu theilen, dem Mutter und Kind gleichgultig schienen.

Eines Tages, an welchem wie gewohnlich tausend traurige Bilder sie beschaftigten, empfing sie einen Brief von Blachfelden, in welchem er von seiner Sehnsucht nach dem Frieden sprach, und wie ihn darnach verlange, seinem Heerde wiedergegeben, in der Gesellschaft seiner Frau zu leben, die Liebkosungen seines Kindes, die Freude wissenschaftlicher Beschaftigungen zu geniessen. Luisens Herz richtete sich bey diesen Worten auf, wie eine welke Blume ihr Haupt erhebt, wenn der erquickende Thau sie badet. Sie grundete schon die lachendsten Hofnungen auf diese Gesinnungen, als die ubelbedachte Dienstfertigkeit eines Freundes sie in noch bitterern Kummer zuruckstiess. Er theilte ihr einen an ihn gerichteten Brief ihres Mannes von demselben Monatstage mit, welcher gerade das Widerspiel der Empfindungen enthielt, die er gegen sie ausserte. Er sprach mit Enthusiasmus von seinem blutigen Gewerbe, und zog seine ungebundene unstate Lebensart den sussesien hauslichen Banden vor. Es war Luisens Schicksal, ihr Herz gerade dann von unangenehmen Gefuhlen besturmt zu sehen, wenn sie am wenigsten sie zu bekampfen fahig war. In dem Augenblicke wo sie sich mit der heitersten Aussicht beschaftigt, wo das Bild ihres geliebten Mannes ihre ganze Seele einnimmt, spricht man ihr von einem Briefe, den man von ihm erhalten hat. Aus Verlangen, zu wissen wie er sich gegen andre ausdruckt, aus Verlangen nach der Freude, noch einmal etwas von ihm zu lesen, fordert sie dessen Mittheilung, und findet darin das Grab ihres kurzen Gluckes. Sie that sich die ausserste Gewalt an, um in Gegenwart eines Zeugen uber ihre Gemuthsbewegung zu siegen, aber der Schmerz uberwaltigte sie; ein Strom von Thranen erleichterte ihr Herz. Viele Tage brachte sie in den tiefsten Kummer zu, bis endlich ein neuer Brief ihres Mannes ihr neue Hofnungen einflosste. Er schrieb ihr in den zartlichsten Ausdrucken, dass er nicht mehr ohne sie zu leben vermochte, und drang eifrig in sie, beym Schlusse des jetzt wieder angegangenen Feldzugs sogleich zu ihm zu eilen.

Luise vergass alle ihre Leiden, sie uberliess sich wieder blindlings der Aussicht einer froheren Zukunft, und die ganze Natur lebte vor ihren Blicken auf. Sie glaubte ihres Mannes Herz wieder zu besitzen: nun konnte sie wie ein anderes Geschopf die Wohlthaten Gottes, die Freuden der Gesellschaft geniessen. Ihre Mutter, bey welcher sie seit kurzem wieder in der Stadt wohnte, weinte vor Freuden, ihrer Tochter Augen nicht immer von Thranen benetzt, oder von Kummer erloschen zu sehen; ihre Bruder wunschten ihr Gluck. Das ganze Haus theilte die Zufriedenheit, ein Geschopf froh zu sehen, von welchem man wusste, wie wenig gute Stunden es genoss.

Blachfeld hatte Gelegenheit sich hervor zu thun. Sein Furst, welcher jede Veranlassung Verdienste zu belohnen mit Eifer ergriff, gab ihm einen vorzuglichen Beweis seines Beyfalls. Er benachrichtigte seine Frau von seinem guten Glucke; schrieb aber dabey, dass dieses Geschenk sogleich fur hochst nothige Ausgaben aufgegangen ware, und der Aufenthalt in den Winterquartieren so kostbar seyn wurde, dass er sie bate, ihre Wohnung in einer kleinen nur drey Meilen entfernten Stadt aufzuschlagen. Dieser Vorschlag war von Seiten eines Mannes, welcher den schadlichen Einfluss der Einsamkeit auf Luisens Gemuth kannte, nicht sehr zartlich. Er hatte selbst vor ihrer Heirath oft gesagt, dass sie ihn auf allen seinen Reisen begleiten sollte, und dass sein ganzes Bestreben dahin gehen wurde, ihr nicht Zeit zu ihren schwermuthigen Gedanken zu lassen. Luise hatte keinen Verdacht, dass Blachfelds neuer Plan eine andere Ursache, als die Lage der Umstande und okonomische Rucksichten haben konnte. Sie antwortete ihm ganz einfach, dass sie sich in der erwahnten Landstadt einrichten wurde, weil ihr jeder Ort einerley ware, sobald er sie ihm nur naher brachte.

Dass Luise in ihrem vaterlichen Hause nicht mehr so viel galt, als bey Lebzeiten des Herrn N., hat schon mehrmals aus dem Laufe ihrer Geschichte abgenommen werden konnen. Die alte Bemerkung, dass da die Manner herrschen wo Weiber das Regiment fuhren, und eben so auch umgekehrt, lasst sich meistens auf den kleinen Zirkel einer Familie anwenden. So lange der Vater lebt, bemuht sich ein jeder der etwas bey ihm sucht, der Tochter zu gefallen; bleibt die Frau nach seinem Tode unverheirathet, so schmeichelt man ihren Sohnen, die nunmehr die aufgehende Sonne sind. Statt eines Herrn, herrschten deren jetzt mehrere in Luisens vaterlichem Hause; und obschon sie fur Magd und Kind Wohnung brauchte, hatte doch der Bediente eines ihrer Bruder ein ihr gehoriges Zimmer in Besitz genommen; das zweyte war von einer Freundinn, die eben bey Luisen zum Besuch war, bewohnt; in dem dritten sehr kleinen, musste sie sich mit Magd und Kind aufhalten. Bey der druckenden Hitze und der bestandigen Wartung, die ihre Gesundheit erforderte, ward ihr diese Einrichtung hochst lastig. Luisens Mutter versprach ihr das Zimmer des Bedienten wieder einraumen zu lassen; allein da sich ihre Sohne widersetzten, schlug sie den Weg ein, den man gewohnlich geht, wenn man sein Wort nicht zu halten gedenkt; sie erzurnte sich gegen die Person, der sie es gegeben hatte. Man liess Luisen merken, dass man nicht so genau auf alles halten durfte, wenn man nur aus Gefalligkeit in einem Hause aufgenommen ware. Sie hatte sich mehrmals zu einem Kostgelde erboten: da aber ihre Mutter wusste, dass sie, durch die vor kurzem vorgenommene neue Meublirung von Blachfelds Wohnung in M., wieder in Schulden gerathen war, so wollte sie nichts davon horen. Jetzt wiederholte sie ihren Brudern ihr Anerbieten; sie antworteten ihr aber, dass ihre Mutter furchtete, ihre Forderungen mochten durch diese Einrichtung noch hoher steigen. Wie wenig kannte man Luisen! Als Kostgangerinn wurde sie sich mit allem begnugt haben; als Kind vom Hause that es ihr wehe, so mancher Demuthigung ausgesetzt zu seyn. Das Hausgesinde kannte ihre eingeschrankten Umstande, und man schien ihr nur aus Mitleid aufzuwarten. Bey Tische, wo jeder ihrer Bruder, so wie ihre Mutter, einen eigenen Bedienten hatte, ward sie oft ganz ubergangen, weil es ihr allein daran fehlte. Ihre Bruder, und Mutter meynten es selbst viel zu herzlich mit ihr, um diese Krankungen zu bemerken, und Luise, welche errothete sie darauf hinzuweisen, litt das alles stillschweigend. Derjenige von Luisens Brudern, welcher in dieser Sache den meisten Eifer wider sie bewies, ward jedoch von Bewegungsgrunden angeregt, die seiner Redlichkeit zum Ruhm gereichten: er war seiner Mutter Geschaftsmann; und hatte es seinen personlichen Vortheil betroffen, so ware er gewiss weniger nachsichtslos gegen seine Schwester gewesen. Er nahm auch in dieser Zeit Gelegenheit, Luisen die Summe vorzuwerfen, welche ihr ehemals zur Entschadigung zugestanden worden war, als ihre Mutter Blachfelden an ihren Tisch zu nehmen abschlug. Dieser Vorwurf war ausserst ungerecht: die Heirath war der Wunsch der ganzen Familie gewesen, und ohne diesen Zuschuss hatte Blachfelds damalige Lage sie unmoglich gemacht. Ihr altester Bruder, der viel Edelmuth im Karakter hatte, nahm sich seiner Schwester eifrig an, und sagte, dass man Menschen, die man in eine unangenehme Lage versetzt hatte, auch wieder heraushelfen musste. Warum bringen es doch unsere Sitten mit sich, dass eine Tochter, durch ihre Verheirathung, dem vaterlichen Hause ganz entfremdet wird, und alle Vortheile eines Kindes verliert? Luisens Bruder waren durch ihre Talente im Stande, ihr Brod zu verdienen, und hatten doch Tisch, Wohnung, Wasche, Aufwartung bey ihrer Mutter vor wie nach, Luise war durch ihre Heyrath in keinem Stucke versorgt, und schien doch das Gnadenbrodt bey ihrer Mutter zu essen. Der Vorwurf wegen ihres jahrlichen Zuschusses krankte Luisen zu tief, als dass sie nicht gesucht hatte, die Veranlassung dazu zu heben. Sie bat Blachfelden in einem ihrer Briefe um die Erlaubniss, auf diese Summe Verzicht thun zu durfen, und versprach ihm, dass ihr Unterhalt ihm deswegen um nichts hoher kommen sollte, indem der Aufenthalt in der kleinen Stadt, welche er ihr angewiesen hatte, wohlfeil genug seyn wurde, um mit sehr wenigem auszukommen. Blachfelds Antwort war voll Ungestum und Zorn: er befahl ihr, durchaus nicht eher abzureisen, als bis sie sich der ganzen Pension versichert hatte, da doch nie die Rede davon gewesen war, sie ihr mit Gewalt zu nehmen. Er schrieb: dass ihm jeder Ort wo sie lebte gleichgultig ware, dass er ihr keinen vorgeschrieben hatte, und ihr nicht riethe, ihren Wohnplatz an einem ganz fremden Orte aufzuschlagen. Zu eben der Zeit hatte Luise das Ungluck, um eine ziemlich ansehnliche Summe bestohlen zu werden. Die wohlmeynende Mutter schrieb daruber an ihren Schwiegersohn, aus Furcht, dass er Luisen beschuldigen mochte, diesen Verlust durch ihre Nachlassigkeit verschuldet zu haben. Er wuthele in seiner Antwort gegen seine Frau, warf ihr vor, das letzte Geschenk des Fursten, das er ihr auf ihre Bitte zur Bezahlung ihrer Burgleistung gemacht, fur sich allein behalten zu haben, und erinnerte sich nicht, dass er in Gegenwart der ganzen Familie jeden Antheil daran von sich abgelehnt hatte; und was noch mehr war, dass Luise es zum Theil zur Tilgung seiner eignen Schulden angewendet hatte. Um die Mutter welche, wie die meisten Mutter unter diesen Umstanden, ihr Kind sehr ungern abreisen sah, vollig gegen Luisen aufzubringen, sprach er von dieser Reise in die Winterquartiere, wie von einem lacherlichen Einfall Luisens, dem er sich immer widersetzt hatte. Statt aller Antwort auf diese Beschuldigung, holte Luise drey aufeinander folgende Briefe ihres Mannes, in welchen er sie auf das dringendste und zartlichste gebeten hatte, zu ihm zu kommen. Mit thranenden Blicken frug sie, ob man ihr riethe, langer mit einem Manne zu leben, der nicht allein sich des grossten Wankelmuthes schuldig machte, sondern, nachdem er sie zur Theilnehmerinn seiner bosen Tage gemacht hatte, jetzt, da das Gluck ihm lachelte, ihr den Rucken wendete, und sie denen, von welchen ihr Schicksal abhing, noch verdachtig zu machen suchte. Ihr altester Bruder ergriff, von Mitleid uber ihr Ungluck durchdrungen, ihre Hande, bat sie Muth zu fassen, trostete sie, und flosste ihr Hofnung ein, dass ihre Gegenwart die Wolken in ihres Mannes Gemuth bald zerstreuen wurde; und da er sich durch die verschiedenen Data der Briefe uberzeugte, dass Blachfelds widersprechende Ansichten von Luisens Reise nur aus okonomischen Ursachen entstanden, schoss er ihr das nothige Reisegeld vor.

Kurz darauf traf die Nachricht ein, dass Blachfeld nachstens zuruck kommen wurde. Er schrieb es seiner Frau mit einem solchen Ausdruck von boser Laune und Stolz, dass sie einen Augenblick in Versuchung gerieth, zu den Verwandten ihres Vaters nach B. zu reisen, um einer Zusammenkunft auszuweichen, die ihr mit so vielem Kummer drohte. Ihre Mutter selbst hatte, in einem Ausbruche von Empfindlichkeit uber Blachfelds Betragen, gesagt: bei so vielen Ursachen sich zu gramen, musste Luise durch eine Reise sich zu zerstreuen suchen, und ihrem Manne so weit als immer moglich aus dem Wege gehen. Luise bat sie, ihr fur ihre kunftige Rechtfertigung diese Ausserung schriftlich zu geben. Madame N. that es, und gab ihr zwei Zettel, davon der erste die Erklarung enthielt, dass wenn ihr Mann ihr je so harte Briefe geschrieben, und sie uberhaupt mit so wenig Schonung behandelt hatte, wie Blachfeld ihre Tochter behandelte, sie lieber wie Magd gedient, als langer mit ihm gelebt haben wurde. In dem zweiten, gab sie ihren Beyfall und ihre Einwilligung zu Luisens Entschluss nach B. zu gehen, wenn Blachfeld sein Betragen gegen sie nicht anderte, Beide Papiere waren: "deine liebende Mutter" unterzeichnet. Die Familie verabredete ausserdem, dass Luise das ihr vorgestreckte Reisegeld nicht zuruckzahlen, sondern einstweilen unterbringen sollte, um es auf den Fall, dass sie durch ihres Mannes Auffuhrung zu einer Trennung gezwungen wurde, in Bereitschaft zu haben.

Ohngeachtet aller dieser Vorkehrungen unterliess Luise nichts, was solche unnutz machen, und ihren Hausfrieden grunden konnte. Blachfelds Wirthschaft war in der besten Ordnung. Er hatte seiner Frau seit drei Jahren erlaubt, sein uberflussiges und zweckloses Gerath zu verkaufen, uw den nothwendigen Hausrath dafur anzuschaffen. Dies war jetzt geschehen, und seine Wohnung in der Garnison vollig eingerichtet. Die wegen des Einkaufs in die Wittwenkasse gemachte Schuld, und eine andre von 84 Pistolen fur einen Wagen, von welcher bey Blachfelds Abreise nichts bezahlt war, waren nun ganz abgetragen. Luise miethete eine artige Wohnung in der angenehmsten Gegend der Stadt, nahm eine Kochinn an, und richtete ihre Wirthschaft auf das sorgfaltigste ein. Blachfeld hatte seiner Frau geschrieben, dass sein Waschvorrath bey den zwei Feldzugen vollig aufgebraucht ware. Da er sich mit einiger Bitterkeit uber diesen Mangel beklagte, glaubte Luise, dass ein ansehnliches Geschenk an Leinenzeug ihm, von ihrer Hand, willkommen seyn wurde. Ihr Kredit war durch die zu wiederholtenmalen bezahlten Schulden ihres Mannes so festgestellt, dass die damalige Erschopfung ihrer Kasse ihr dabei nicht im Wege stand, indem die Kaufleumit Vergnugen ihre Rechnungen aussenstehen liessen. Sie eilte die Leinwand einzukaufen; arbeitete halbe Nachte, stand des Morgens um vier Uhr auf, und trieb es so weit, dass ihre Gesundheit um so mehr angegriffen wurde, als in den wenigen Stunden die sie ihrer Ruhe gonnte, ihr Kind sie durch Weinen am Schlaf verhinderte. Mit aller ihrer Anstrengung konnte sie doch nicht allein fertig werden, sondern musste einige Naherinnen zu Hulfe nehmen. Die Freude, Blachfelden wieder zu sehen, ihm sein Kind vorzustellen, erleichterte ihr jede Last. Sie erwartete ihn mit Unruhe, aber mit wieviel Zartlichkeit war diese Unruhe vermischt! Wie der Tag seiner Ankunft herbeikam, liess sie an allen Stadtthoren fragen, ob er schon herein ware. Er war schon langst da, aber wenig ungeduldig, seine Frau und sein Kind zu sehen, war er in einem Gasthofe abgestiegen, hatte sich angekleidet, und obgleich Luise seit drei Tagen eine Kollation bereit hielt, war er an einen dritten Ort gegangen um Thee zu trinken. Endlich erschien er bei Luisen. Mochte dieser Auftritt vor ihrem Gedachtniss, wie vor dem Blicke des Lesers, in tiefe Vergessenheit gehullt werden konnen! Jener Blachfeld, dessen Tapferkeit durch Sittlichkeit erhoht wurde, war nicht mehr; mit Verachtung stiess er seine Frau zuruck, die zartlich in seine Arme flog. Seine Wohnung schien ihm zu armlich, zu eng, zu klein, und Luisen hatte er weiter nichts zu sagen, als dass er dem Fursten auf vierzehn Tage nach ** folgen musste, dass er nicht wusste ob sie ihm dahin nachkommen konnte, und dass seine Geschafte ihm ohnehin nicht erlaubten, um sie zu seyn. Wie? Nach anderthalb Jahren sollte dieser gutige Furst fordern ? "Ja! er fordert, und ich gehe." Er verliess sie wirklich ohne weitere Erklarung: so beleidigend, so hart, so kalt! Nach einer so langen Abwesenheit, beim ersten Wiedersehen, wurdigte er die Mutter seines Kindes nicht einmal ihr zu sagen, warum er sie aus seinem Herzen verstiess. Luise konnte diese Ungewissheit nicht aushalten, sie konnte nicht auf die schwankende Ausserung hin, dass er sie abholen lassen wurde, wenn es seine Geschafte verstatteten, diese Qual ertragen, und beging endlich die Ubereilung, mitten in der Nacht einen Wagen zu bestellen, um sich nach ** auf den Weg zu machen. Wie sehr wurde ihre peinliche Lage vermehrt, als ihr unterwegs der Kutscher zurief, dass ein Hofwagen mit sechs Pferden ihnen vorzufahren suchte! Sie bildete sich sogleich ein, dass es ihr Mann ware, der so spat erst vom Schlosse abreiste, und bat, aus Furcht von ihm erkannt zu werden, den Kutscher auf das dringendste, seine Pferde anzutreiben. Der Wagen fuhr indessen doch vor, und ihr Herz klopfte von neuem, als sie in demselben die Frau eines andern Mannes, in den Diensten des Fursten, erkannte, die ihrem Gemahl nach ** folgte. Sie konnte sich nicht enthalten, das Loos dieser Frau mit dem ihrigen zu vergleichen: ihr Mann hatte sich nicht allein wahrend des ganzen Feldzugs von ihr begleiten lassen, sondern kaum war er jezt zuruckgekehrt, und durch seinen Dienst dem Fursten zu folgen genothigt, so liess er sie mit allen ihren Kindern nach ** kommen. Unter diesen war ein bildschoner Knabe, bei dessen Anblicke Luisen der Gedanke einkam, ob ihr Kind seinem Vater nicht lieber seyn mochte, wenn es ein Knabe ware. Zu so vielen unangenehmen Empfindungen kam noch Reue, uber den thorichten Befehl den sie ihrem Kutscher gegeben hatte, vorzufahren, welcher ihr in den Augen jener Frau das Ansehen geben konnte, einen elenden Rangstreit gesucht zu haben. Sie kam endlich in dem ungestumsten Wetter nach **, schickte in alle Gasthofe um Nachricht von ihrem Manne zu erhalten, und erfuhr, dass er erst den folgenden Tag erwartet wurde. Nun furchtete sie, er mochte von ihrer thorichten Fahrt gehort haben, und wollte u m sie zu strafen erst so spat abreisen. Sie fing unter einem Strom von Thranen einen Brief an ihn an, und betete zu Gott, Blachfeld mochte sich nicht weigern ihn zu lesen, als er selbst zu ihr in das Zimmer trat. Sie dankte der Vorsehung, und gelobte nie wieder zu verzweifeln, horte auch die gerechten Vorwurfe, die Blachfeld ihr uber ihre Reise machte, geduldig an. Nachdem er seinen Unwillen ausgelassen hatte, uberreichte sie ihm ein kleines Geschenk das sie ihm bestimmt, und Verse die sie in seiner Abwesenheit auf ihn gemacht hatte. Er schien erfreut und uberrascht, und rief wie unwillkuhrlich: "Es ist nicht moglich, geistvoller zu seyn!" "Mir ist es nicht gegeben, setzte er schmeichelnd hinzu, die Sprache der Gotter zu reden; ich muss mich begnugen, Ihnen als Sterblicher zu danken." Er umarmte sie zartlich, und erbot sich, mit ihr zu Abend zu speisen. Sie wusste dass er im Wirthshause versprochen war, und zufrieden, sein Herz wieder gewonnen zu haben, wollte sie ihn der Gesellschaft seiner Freunde nicht berauben. Sie blieb mit ihrem Kinde allein, genoss der glucklichen Aussicht, die sich zu eroffnen schien, und legte sich, der Vorsehung dankend, zum Schlummer nieder. Aber die selige Tauschung dauerte nicht lange: am andern Morgen erhielt das Gefolge Befehl, nach D. zuruckzukehren, und dort gluckte es bosen Geistern, die ihr unbekannt blieben, das Herz ihres Mannes wieder von ihr abzuwenden. Er blieb noch einige Tage im Gasthofe, so sorgfaltig Luise ihm auch seine eigne Wohnung eingerichtet hatte, und das Vergnugen ihn zu sehen erlangte sie nur, indem sie, so wenig ihre Gesundheit es zuliess, alle Abende die Gesellschaften besuchte, in welchen sie ihn versprochen wusste. Von da brachte er sie nach Hause, hatte aber nicht einmal so viel Achtsamkeit fur sie, bis vor ihre Thure zu fahren, sondern liess den Wagen an der Strassenecke halten, von wo aus sie sein Bedienter weiter brachte. Dieser Mensch war in der Stadt fremd, er verfehlte einmal bei schlechtem Wetter den Rinnstock, fiel mit ihr nieder, und ausserdem dass ihr Anzug, den sie um Blachfelds Geschmack zu schmeicheln ganz weiss gewahlt hatte, vollig verdorben war, bekam ihrem ohnehin zerrutteten Korper der Schrecken und die Nasse so ubel, dass sie den folgenden Tag krank ward. Blachfeld erkundigte sich nicht einmal nach ihrer Gesundheit, ohngeachtet er diesen Unfall eigentlich veranlasst hatte, indem sie, wenn er sich nicht dazu erboten hatte, in dem Wagen ihrer Mutter nach Hause gefahren seyn wurde.

Luisens Geduld und Sanftheit besiegten ihn doch endlich so weit, dass er seine Wohnung bezog. Gleich beim Eintritt deutete er Luisen an, dass er um vier Uhr fruhstucken wollte. Sie stand um diese Zeit auf, bereitete Thee und Kaffe, und wie er um funfe noch nicht erschienen war, liess sie ihn wecken, um ihm zu melden, dass das Fruhstuck bereit ware. Er antwortete dass er noch nicht fruhstucken wollte, und schlief bis sieben fort, da er denn seiner Frau sagen liess, das Fruhstuck auf sein Zimmer zu schicken; sie gehorchte, und er theilte sein Fruhstuck mit seinem Bedienten. Luise liess sich noch einmal Kaffe machen, den sie einsam und traurig verzehrte.

Seinen Geschmack im Essen suchte sie umsonst zu errathen; er war jezt eben so schwer zu befriedigen, als er ehedem einfach und genugsam gewesen war. Die Ausgaben in diesem Stuck uberstiegen bald ihre Mittel, und sie entschloss sich bei ihren Brudern zu borgen, auf die Gefahr hin, nach seiner Abreise dann fasten zu mussen, um ihre Schulden zu bezahlen. Zum Lohn aller dieser Muhe, horte sie ihren Mann bey Tische zu seinem Bedienten sagen: "Das Essen ware gut fur die Hunde: sollen wir sie nicht einladen?" Dieser Bediente trug hauptsachlich dazu bei, ihre Lage krankend zu machen: solche Leute affen ihren Herren in ihren Ausserungen gern nach, und Blachfelds Unachtsamkeit gegen seine Frau hatte die Wirkung, dass auch dieser Mensch alle Ehrfurcht gegen sie aus den Augen setzte. Die auffallende Familiaritat, in welcher Blachfeld mit ihm lebte, benahm Luisen den Muth, sich bey ihrem Manne uber ihn zu beklagen: es kam bald so weit, dass er ihr die gewohnlichsten Dienste versagte. So wollte er eines Morgens, da die Kochinn auf dem Markte war, und Blachfeld Thee forderte, kein Feuer anmachen, was sich doch kein Kammerdiener zur Schande angerechnet hatte. Ein andermal gab ihm Luise einen Auftrag an eine Bekannte, er hatte keine Lust ihn auszurichten, aber er stellte sich als ob er es gethan hatte, und brachte, im Namen von Luisens Freundinn, eine hochst beleidigende Antwort zuruck. Luise kannte sie zu gut um nicht zu zweifeln; sie sprach mit ihr davon, und erhielt die feierliche Versicherung dass der Bediente sich gar nicht in ihrem Hause hatte blicken lassen. Seitdem Blachfeld eine so entschiedne Verachtung gegen die Weiber ausserte, fand es sein Bedienter unter seiner Wurde, auf den Wagen zu steigen, wenn Luise ausfuhr. Sie gerieth dadurch in die peinlichsten Verlegenheiten. Oft sah sie sich beim Ausgange aus dem Schauspielhause so verlassen, dass sie ganz fremde Leute um ihre Bedienten oder Wagen ansprechen musste, um aus dem Haufen zu kommen. Einen Abend wartete sie lange, in der Hofnung endlich abgeholt zu werden, und schlug verschiednemale die Begleitung eines jungen Mannes aus, der ihre Verlegenheit wahrnahm. Wie aber alle Logen leer, alle Lichter ausgeloscht waren, musste sie sein Anerbieten annehmen, ohngeachtet sie ihn weiter nicht kannte, als dass sie seinen Namen, und er den ihrigen wusste. Aus Bedenklichkeit wollte sie nicht in seinen Wagen steigen, sondern ging, ohngeachtet es regnete, zu Fuss: ihr Begleiter war ein Fremder, er verfehlte den Weg, ohne dass sie ihn in ihrer Unruhe zurecht weisen konnte, und so irrte sie lange umher. Ein andermal hatten alle Damen schon die Logen verlassen, sie wartete noch gegen eine Stunde, die Finsterniss zwang sie endlich herauszugehen, und wie sie durch den Haufen allein dringen musste, hielt man sie fur ein zweideutiges Geschopf. Glucklicherweise ward sie vom *** *** erkannt, dieser nannte sie einem andern Herrn, der ihr seinen Bedienten lieh, um einen Wagen zu holen. Wenn sie dann, von Angst und Krankung ermattet, nach Hause kam, durfte sie ihrem Manne nicht einmal klagen: seine Thure war vor ihr verschlossen; und fand sich einmal Gelegenheit, der Nachlassigkeit des Bedienten zu erwahnen, so lachelte er daruber, und sagte, es ware ein pfiffiger Bursche. Nur einmal zwang ihn ein Zufall, sich ihrer in diesem Stucke anzunehmen. Ein Kriegsgefahrte ihres Mannes hatte sie einst, nach geendigtem Schauspiel, in einer ahnlichen Verlegenheit getroffen, und wie sie mitten auf der Treppe nach ihrem Bedienten suchte, sagte er: "Bei Gott! wenn das meiner Frau geschahe, wie wollte ich den Kerl zurechtweisen! Ihr Mann muss sich keinen Respekt zu verschaffen wissen." der Offizier brachte sie zu Hause, und da er ihren Mann uber die schlechte Auffuhrung seines Bedienten aufzog, sah sich Blachfeld ehrenhalber genothigt, diesen mit einer Ohrfeige abzustrafen, die er aber noch an demselben Abend mit einem Geschenke vergutete. Der Mensch weigerte sich endlich ganz ihr aufzuwarten, so dass sie ihre Mutter um einen Bedienten bitten musste, so oft sie auszufahren hatte; und bey Tische musste sie so viel wie moglich aller Bedienung entbehren.

Es giebt keinen nagendern Kummer als hauslichen; da er ausser den dabei zunachst interessirten Personen keine Zeugen hat, schliesst er allen Trost von fremdem Mitleid aus; und wehe, wenn das Misverhaltniss so weit gekommen ist, dass sich jenes einmischt; die Bitterkeit, die daraus entsteht, macht jede grundliche Versohnung unmoglich! Luisens Gesundheit hielt so viel schmerzliche Auftritre nicht aus. An ihrem Namenstage, den ihre Mutter durch ein Familienfest feiern wollte, war Luise von dieser gutigen Aufmerksamkeit zwar um so geruhrter, als auch ihr Mann die Gefalligkeit hatte, vom Hofe wegzubleiben, um an dem Feste theilzunehmen. Allein sie fand sich vor dem Abendessen sehr krank; sie zwang sich es zu verbergen, um Blachfelden nicht ubellaunig zu machen, indem sie ihn genothigt hatte, fruher aus der Gesellschaft zu gehen, oder die Pferde den Weg zweimal zu machen gehabt hatten. Ihr altester Bruder fuhlte indessen ihren Puls, und rieth ihr, den Arzt kommen zu lassen. Es traf gerade die Zeit ein, wo man diesen gewohnlich bezahlte, und ob sie gleich, um sich Verdruss zu ersparen, diese Ausgabe ubernommen hatte, so fehlte ihr doch jetzt an der nothigen Summe eine Pistole, die sie ihren Mann bat ihr vorzuschiessen. Aber Blachfeld behandelte sie sehr hart, und schmollte den ganzen folgenden Morgen, an welchem sich Luise die ausserste Gewalt anthat, um sich bis zu ihrer Mutter zu schleppen, bei der sie zum Mittagsessen eingeladen waren. Sie hatte oft und mit dem innigsten Wunsche, es gut zu machen, uber die Ursachen ihres traurigen Verhaltnisses nachgedacht. Eine ihrer wurdigsten Verwandtinnen, die Schwester ihres verstorbenen Vaters, hatte ihr den Rath gegeben, ihren Mann durch Liebkosungen zu gewinnen, und dieses Mittel konnte von einem Weibe, das so gern geliebt hatte, mit herzlich gutem Willen befolgt werden. Sie hofte an diesem Tage, Blachfelds uble Laune wurde vorubergehend seyn; und indem sie ihm mit zartlichem Blick ihre Hand reichte, bot sie ihm ihre Wange zum Kusse dar. Wie traurig ward ihre Hofnung getauscht, da er ihr diesen innigen Ausdruck ihres Gefuhls als Falschheit und Kunstelei auslegte! W a s musste die Arme leiden, als sie, die keine grossere Gluckseligkeit kannte, als geliebt zu seyn, sich so missverstanden, so zuruckgestossen sah! Ihr eignes Gefuhl hatte sie freilich bis jezt darauf gefuhrt, dass Zuruckhaltung ihres Mannes Liebe verdoppeln wurde; und wie nothwendig ware es, ein unerfahrnes reines Madchenherz uber den Punkt zu belehren, wo ihre schwarmerische Delikatesse dem graderen, nicht vernunftelnden, sondern einfach begehrenden Gefuhl eines Mannes nachgeben muss! Jezt war es zu spat: das hausliche Missverstandniss wurde immer unheilbarer, und die Banden ihrer Herzen zerrissen immer unwiederbringlicher.

Ein ausserst schmerzlicher Rheumatismus war die Folge dieser Unpasslichkeit, er warf sich auf die Brust, und Luise musste ein Blasenpflaster gebrauchen, dessen Wirkung bey der Reizbarkeit ihres Korpers sie unendlich leiden machte; sie bat Blachfelden bei ihr zu bleiben, er schutzte aber Dienstpflichten vor. Bei seiner Ruckkehr erzahlte er lachend, dass er bei einer artigen Frau Kaffe getrunken, und wie die Theestunde herangekommen ware, zwar fortgewollt, aber sich so gut da befunden hatte, dass er bis spat Abends geblieben ware. Luise hatte einen Jugendfreund gehabt, der vorzugliche Talente zum Vorlesen besass; es war ihrer Mutter und ihr, bei ihren Krankheiten, oft eine Erleichterung gewesen, ihm zuzuhoren. Blachfeld las indessen auch gern vor, und aus einer sehr verzeihlichen Schwachheit hatte er gegen Luisen geaussert, dass es ihm lieber seyn wurde, jenen Mann nicht mehr zu sehen: sie machte sich eine Freude, ihm nachzugeben, und opferte den Umgang mit ihrem alten Bekannten, unter irgend einem Vorwande, auf. So oft aber Luise ihren Mann seitdem bat, ihr vorzulesen, stellte er sich beschaftigt, und es kam nie dazu. Er stellte sich so; denn als seine Frau einst gegen ihre Mutter ihn bedauerte, dass er so viel zu thun hatte, antwortete diese: "Immer ist das wenigstens nicht der Fall, wenn er dich verlasst; denn gestern, zum Beispiel, hat er den ganzen Tag bei uns zugebracht, und Abends obgleich unter der bestandigen Versicherung dass er sehr beschaftigt ware, in der Karte gespielt. Jetzt da Luise an ihrer Brustkrankheit einsam darnieder lag, horte sie ihn oft im benachbarten Zimmer laut lesen: sie bat ihn die Thur offen zu lassen, damit sie zuhoren konnte; er schlug es ihr aber mit einer Harte ab, die von jedem Manne gegen jedes Weib, vorzuglich aber von einem Gatten gegen seine kranke Frau, unverzeihlich war.

Luise ward endlich geneigt, seinen Unmuth, und besonders seine Verweigerung den Arzt bezahlen zu helfen, einer dringenden Geldverlegenheit zuzuschreiben. Aber es ereignete sich bald ein Umstand, der ihr diesen Irrthum benahm. Blachfeld kam eines Abends, unter noch heftigerem Fluchen wie gewohnlich, von der Maskerade nach Hause. Luise erkundigte sich nach der Veranlassung seines Verdrusses, und horte, dass man ihm sechzig Pistolen aus der Tasche gestohlen hatte. Sie bot ihm ihren Schmuck an, um einen Verlust, der ihm so nahe zu gehen schien, einigermaassen zu ersetzen; er sagte aber lachend: "Das ware das geringste! er hatte uber dreimal so viel in seiner Chatulle." Der Widerwille gegen sein Weib stieg endlich so hoch, dass er sein Zimmer ganz vor ihr verschloss, und sie dadurch nothigte, in dem Kinderzimmer, dem einzigen das ihr ubrig blieb, eingeschlossen zu bleiben, da zu schlafen, zu speisen, den ganzen Tag zuzubringen. Das Haus war nun ein Bild der traurigsten Zerruttung. Die Bedienten, welche mit der ungestumsten Harte behandelt wurden, waren nie bey ihrem Herrn geblieben, wenn er ihnen nicht dafur die unthatigste und zugelloseste Lebensart verstattet hatte. Hauswasche, Leinenzeug, Gerathe, alles wurde verschleppt, gestohlen, verdorben; und da Luise, durch ihren Mann selbst, ihres Ansehens als Hausfrau beraubt war, musste sie allen diesen Unfug vor ihren Augen dulden. Sie verlor in sechs Wochen mehr Wasche, als sie durch ein jahrlanges Bemuhen und Arbeiten angeschafft hatte.

Je mehr sich Luise mit Sanftmuth, Ergebung und Geduld bewaffnete, je mehr Krankungen sie verschluckte, je mehr Beleidigungen sie stillschweigend hingehen liess, je tirannischer wurde Blachfelds Betragen. Sie konnte sich noch nicht uberreden, dass alle ihre Opfer vergeblich waren. Es war Karneval: die ganze Nacht wartete sie, durch das Gerausch der Wagen am Schlafe verhindert, und bei einem jeden der vorbeifuhr bildete sie sich ein, er brachte ihren Mann zuruck. Wie schlug ihr Herz von banger Hofnung, wenn endlich einer vor der Thure hielt, wenn sie den immer noch geliebten Mann zu Hause und in ihrer Nahe wusste! Eine Stunde wohl brachte sie dann in der sussen Erwartung zu, wenn er ausgekleidet ware, wenn er seinen Bedienten fortgeschickt hatte, wurde er ihr gute Nacht sagen: denn die Sorgfalt welche ihr Kind forderte, hatte ihr eine hinreichende Ursache geschienen, abgesondert zu schlafen, und sein Verdacht, als ware dieses nur ein Vorwand, war eine der zahllosen Ungerechtigkeiten die sie erlitt. Dieser Gruss, dieser Beschluss des Tages, war das einzige Gluck, nach welchem sie sich sehnte, und es ward ihr oft versagt. Traurig legte sie sich dann nieder, und hofte, dass es den nachsten Tag besser gehen wurde. Kaum erschien dieser, so ging Blachfeld aus, kam nur um sich anzukleiden nach Hause, und der Abend brachte die peinliche Spannung des vorigen Tages zuruck. Es fehlte noch ein Tropfen in dem Kelche des Leidens, um ihn Luisen unertraglich zu machen; und diesen schuttete eine ihrer Freundinnen, vielleicht aus wohlmeinender Theilnahme, aber sicherlich sehr unvorsichtig und rucksichtslos, vollends hinein, indem sie eines Tages zu ihr sagte: man gabe Blachfelden Schuld, ein Meister in der Verstellung zu seyn, und so ware es ja leicht moglich, dass seine heftige Leidenschaft vor ihrer Ehe blosse Komodie gewesen sei. Diese Ausserung zerriss Luisens Herz. Also selbst die Erinnerung, vormals geliebt gewesen zu seyn, war eine Tauschung? also war alles ihr Bemuhen vergeblich, und Blachfelds Herz war jedes zartlichen Gefuhls durchaus unfahig? Fast verzweifelnd, eilte sie diesen neuen Kummer in ihrer Mutter Busen auszuschutten. Die gute Frau hatte, bei ihrem Gram uber Luisens ungluckliche Ehe, nicht Unbefangenheit genug, ihr in diesem Augenblick Beruhigung zu geben. Sie antwortete vielmehr, von Bitterkeit hingerissen: "Gewiss war seine heftige Leidenschaft nichts als Heuchelei! Ich wundre mich, dass du es nicht gewahr wurdest. Wie hatte er auch ein immer in Thranen schwimmendes, schwermuthiges Geschopf, in diesem Grade lieben konnen? Und doch schien es, als betete er dich, selbst um deiner Fehler willen, an! Ich sah gleich, dass er es nicht aufrichtig meinte" "Sie sahen es, Mutter? rief Luise ausser sich. Sie sahen es, und gaben ihm Ihr Kind, und entreissen mir jezt alle Hofnung?" Zum zweitenmal in ihrem Leben vergass die Ungluckliche, was sie ihrer Mutter schuldig war, und uberliess sich allem Ungestum ihres Schmerzes. Hatte sie nachdenken konnen, ware sie bei einem zu vergifteten Herzen einiger kalten Uberlegung fahig gewesen, so hatte sie den Ungrund jener Bemerkung ihrer Freundinn selbst einsehen mussen. Blachfelds ubrige Fehler schlossen die Falschheit gerade aus, wenigstens jedes zusammenhangende Gewebe von Falschheit. Ungestum, launig, wankelmuthig wie er war, hatte er eine seinem Herzen fremde Rolle, wenn auch allenfalls ubernehmen, doch sicherlich nie ausspielen konnen. Wahrscheinlich hatte ihre Freundinn geglaubt, dass es die Artigkeit mit sich bringe, gegen eine Frau, die unglucklich mit ihrem Manne lebte, aufs Gerathewohl boses von ihm zu sprechen; und sie hatte nicht berechnen konnen, welchen Kummer sie Luisen bereitete.

Jezt oder niemals war es Zeit, ein Haus zu verlassen, wo sie weder mit Ehren noch zum Nutzen ihres verblendeten Gatten lebte, wo sie mit Gram und Demuthigungen uberhauft wurde. Blachfeld betrachtete es kaum als seine Schlafstelle. Seit einem unbedeutenden Vorfalle, bey welchem Luise nur seinen Willen zu erfullen geglaubt hatte, speiste er im Wirthshause; den ganzen ubrigen Tag brachte er auswarts, oder in seinem Zimmer eingeschlossen zu; und, wenn er in Gesellschaft ging, erkundigte er sich erst sorgfaltig bey Luisens Magd, ob er auch nicht in Gefahr kame seine Frau zu treffen? In dem grausamsten Kampf uber einen Entschluss, bei welchem, in ihrer doppelten Eigenschaft, als Mutter und als Gattinn, Natur, Sittlichkeit und Religion, bald fur sie, bald fur Blachfeld stritten, ging sie einst in die Kirche, um Starkung und Leitung von Gott zu erflehen. Man sang eben ein schones Lied uber das zukunftige Leben. Der Sturm ihrer Seele ward durch die Gedanken, die dieses Lied erregte, besanftigt, ihre Bitterkeit gegen Blachfeld verschwand, und machte einem innigwehmuthigen Gefuhle der Nichtigkeit menschlicher Wunsche, Hofnungen und Plane Raum. Sie erinnerte sich, wie oft sie, auf ihren einsamen Spaziergangen, sich nach Blachfelds Zuruckkunft gesehnt hatte, wie oft ihr seine freudige Theilnehmung bei den Fort schritten, bey der Entwickelung ihres Kindes gefehlt hatte, wie oft sie bey ihrer Lekture gedacht hatte: mochte doch Blachfeld mit mir lesen! Ihre Wunsche waren erhort worden, er war zuruckgekehrt: aber keine der Freuden, die sie sich versprach, hatte ihn begleitet. Unmoglich aber konnte sein Herz auf ewig ihr verschlossen seyn: vielleicht hatte sie nur den rechten Weg zu diesem Herzen noch nicht gefunden. Sie beschloss, noch einen Versuch zu wagen, ihm noch einmal alle ihre Zartlichkeit entgegen zu tragen. Mit diesem Vorsatz eilte sie nach dem Gottesdienst in Blachfelds Zimmer. In der Meinung, dass es sein Bedienter ware, verhinderte er sie nicht hereinzukommen. Sie ergriff seine Hand, aber unfahig zu sprechen, uberstromten Thranen ihr Gesicht; Blachfeld sah sie fliessen, und lachelte. Sie bemerkte dieses Lacheln wohl: es war nicht jene freundliche Weisheit, die trostend uber menschliche Schwache lachelt; es war der zuruckweisende Ausdruck eines verharteten Herzens, das der Empfindung zu seinem Glucke nicht mehr bedarf, und sich freut sie in andern zu finden, die er darum mit desto besserem Erfolge qualen kann. Blachfeld genoss diese grausame Freude eine Weile lang in vollem Maasse, dann fuhrte er, immer fortlachend, Luisen an die Thure. "Was soll aber aus mir werden?" rief sie mit erstickter Stimme. "Das ist meine geringste Sorge." "Haben Sie Mitleid mit mir!" "Ich habe mir vorgenommen, mit niemanden Mitleid zu haben, da niemand es mit mir hat." Luise begriff jezt, dass er irgend einen verborgnen Verdruss haben musste, und sie fuhlte von neuem, wie unzerreissbar die Kette von Schmerz und Fehltritten ist, sobald Eintracht und gutes Vernehmen einmal aus einer Ehe verbannt sind. Eine der traurigsten Folgen ist gewiss der Mangel an Mittheilung; beiden Theilen entgeht der Augenblick, wo die Umstande besondre Nachsicht gegen bose Laune oder Ungerechtigkeit erfordern: und dies unwillkuhrliche Versehen wird, von dem leidenden Theile, doch selbst als Ungerechtigkeit empfunden. Luise fuhr sanft fort: "Ich hoffe dass die Vorsehung Ihren Sinn andern wird." Er unterbrach sie: "Ich habe ihrer nicht nothig; sie hatte viel zu thun, wenn sie sich mir fuhlbar machen sollte. In dieser Welt muss man die Menschen benutzen, aber sich an keinen binden. Ein andres Mittel, glucklich zu seyn, giebt es nicht" So schloss sich diese Unterredung, auf welche Luise ihre letzte Hofnung gebaut hatte; so gelang ihre Bemuhung ein Herz zu erweichen, von dessen Besitz ihre ganze Bestimmung zum Gluck abhing! Sie sah nunmehr deutlich, dass Blachfeld einer Gattinn los zu seyn wunschte, deren Leiden selbst ihm zu einem stillschweigenden Vorwurf gereichten, welcher ihm unertraglich zu werden anfing. Die Scheidung zu fordern fiel ihm jetzt indessen nicht ein, weil Luisens Mutter in einem Alter war, das ihm versprach, sie bald unter vortheilhafteren Bedingungen zu erhalten, als in den gegenwartigen Umstanden. Madame N. merkte ihm diesen Plan ab, und ob sie gleich ausserlich in gutem Vernehmen mit ihm stand, so war sie doch uber sein Betragen gegen ihre Tochter so aufgebracht, dass sie diese insgeheim bat, darin zu willigen, dass sie ihre Kinder an seiner Stelle zu Erben einsetzte. Luise konnte aber der Hofnung, ihn zu gewinnen, noch nicht ganz entsagen, und wollte nicht, dass er im wahrscheinlichen Falle ihres fruheren Todes, auf seine alten Tage, von seinen Kindern abhangen sollte: sie hatte freilich bey dieser Einrichtung nichts verloren, da ihr nach den Gesetzen der Niesbrauch des Vermogens zukam.

Ein Entschluss musste indessen genommen werden. Blachfeld hatte in Dienstgeschaften eine Reise zu machen, die aber von zu kurzer Dauer seyn sollte, um Luisen Hofnung zu geben, dass etwa Zeit und Entfernung sein Betragen mildern mochten. Diese Wirkung war nur von dem Alter, und der Abkuhlung seiner Leidenschaften zu erwarten. Er wird sich zu mir wenden, sagte sie zu sich selbst, wenn die Welt ihn verlassen haben wird; ich will ihn auf einige Jahre von meiner Gegenwart befreien. Um alles Aufsehen zu vermeiden, sah sie kein besseres Mittel, als um die namliche Zeit wie er abzureisen, und nicht erst seine Zuruckkunft abzuwarten. Sie sprach mit ihrer Mutter davon, und diese gute Frau, zu theilnehmend um ihre Grunde nicht zu fuhlen, sagte blos zu ihr: "Ich will mich deiner Abreise nicht widersetzen: ich weiss was ich dir auf diesen Fall schon versprochen habe, und weiss auch, aus dem Zeugniss deiner beiden Dienstmagde, dass dein Haus dir eine Holle seyn muss; sie begreifen nicht, wie du so lange ausgedauert hast. Ich will dich also nicht zuruckhalten: aber bedenke, dass ich wahrend deiner Abwesenheit sterben konnte! Ich kenne dich genug, um zu wissen, dass du trostlos seyn wurdest." Mit dieser Vorstellung hatte sie Luisen schon ofters von ihrem Vorhaben abgebracht, und auch jetzt ware es ihr gelungen, wenn Blachfeld nicht selbst geschienen hatte, die Ausfuhrung desselben zu wunschen. Dies wusste sie von dem Kindermadchen, welches Mittel gefunden hatte, sein Vertrauen zu gewinnen. Er brachte in den Stunden, wo Luise bei ihrer Mutter war, manchen mussigen Augenblick in ihrem Zimmer zu, und vertrieb sich die Zeit damit, das Madchen uber ihre Herrschaft auszufragen. Sie mochte also wirklich besser als Luise wissen, wie Blachfeld uber diesen Punkt dachte: ausserdem hatte sie aber selbst einen Grund, Luisens Abreise zu wunschen, bei welcher sie einen unmittelbaren Vortheil zu finden hofte. Sie war sehr geschickt, und verdiente vieles Geld, zu ihrem ohnehin ansehnlichen Lohne, indem sie, mit Luisens Erlaubniss, fur Leute ausser dem Hause arbeitete. Sie berechnete sehr richtig, dass ihre Herrschaft, wahrend Blachfelds Abwesenheit, auf das Land gehen wurde, wo ihr ausserordentlicher Erwerb dann wegfallen musste; wenn Luise hingegen verreiste und sie im Hause liess, konnte sie mehr als jemals verdienen. Sie versicherte Luisen, dass sie ihren Mann durch einen langeren Aufschub ihres Vorsatzes immer mehr erbittern wurde, und hinterbrachte ihr mehrere seiner Reden, die das Herz der unglucklichen Frau nur zu tief verwundeten, ohngeachtet sie gegen das Madchen sich stellte als ob sie nicht daran glaubte.

Die Reise erforderte einen Vorschuss, den Luise jetzt nicht in Handen hatte. Blachfeld hatte ihr zwar vierzig Pistolen zu diesem Behufe versprochen, aber der Diebstahl, den er neulich erlitten hatte, diente ihm zum Vorwande sein Wort zuruckzunehmen. Um indessen der Ausfuhrung des Plans nicht im Wege zu seyn, bequemte er sich eine Schrift zu unterzeichnen, in welcher er sich dazu bekannte die Trennung gefordert zu haben, und um das Publikum davon zu uberzeugen, sich verpflichtete, seiner Frau eine gewisse Summe zu ihrem standesmassigen Unterhalte, und eine andre zur Ernahrung ihres Kindes auszusetzen. Luise uberliess es ihm, diese Summen so niedrig zu bestimmen als er wollte; sie wurde ihre Einrichtung darnach machen. Er betrug sich aber in diesem Punkte so anstandig, dass Luise, deren Herz, bei dem geringsten Anschein von Delikatesse und Gute, sich mit neuen Hofnungen schmeichelte, ihm nochmals anbot zu bleiben. Allein seine Antwort verwundete sie wieder aufs Ausserste; er sagte ihr in Gegenwart seines Bedienten, dass ihre Anwesenheit ihm unertraglich ware, war aber doch schonend genug, um sich einer fremden Sprache zu bedienen, indem er hinzusetzte: "ich bin auf gluhenden Kohlen, so lange Sie hier sind."

Mit der Ruhe, die ein gutes Gewissen giebt, bereitete sich also Luise zur Abreise. Vielleicht beleidigte diese Ruhe seine Eigenliebe, vielleicht ging sein Hass gegen sie so weit, dass er sie nicht allein unglucklich, sondern auch verzweifelnd sehen wollte. Er ergriff wenigstens das beste Mittel um diesen Zweck zu erreichen; er suchte sie mit ihrer Mutter zu entzweien. Gelang ihm dieses, so war ihre letzte Stutze dahin, so hatte sie ihren einzigen Trost, mit dem Segen ihrer Mutter abzureisen, verloren. Er wusste, dass Madame N. Luisens Kind mit aller Zartlichkeit einer Grossmutter liebte, und sich mit dem grossten Schmerz von demselben losriss. Er bot ihr an, es zuruck zu behalten, und um Luisens Bruder zu gewinnen und zu uberreden, dass in der Schrift, die er Luisen gegeben, von dem Kinde die Rede nicht sey, wollte er ihnen die Erziehung desselben anvertrauen. Als Hauptursache dieser Grausamkeit schutzte er eine Besorgniss vor, dass Luisens Schwermuth auf das Kind Einfluss haben konnte. Er bevollmachtigte seine Schwager, im Fall dass Luise sich widersetzen mochte, ihr das Kind sogar mit Gewalt zu entreissen. Gewalt gegen eine Mutter, die noch schwach war von ihren Leiden bey der Entbindung von eben diesem Kinde! Gewalt, um Bande zu zerreissen, an denen die Natur, so lange, so unbegreiflich arbeitet! Man sollte ein schwaches Weib misshandeln, weil sie keine unnaturliche Mutter seyn wollte; man sollte sie fur ihre Zartlichkeit strafen! Blachfeld schrieb seiner Frau ein Billet, das ihr seinen Willen in Absicht auf das Kind bekannt machte, und verliess das Haus ehe es ihr ubergeben wurde; er hatte den Muth nicht, Zeuge von der Wirkung seiner Grausamkeit zu seyn. Luise ward bey Eroffnung des Zettels von konvulsivischen Bewegungen ergriffen. Die Magd, die ihr die abscheuliche Botschaft uberbrachte, sah sie an Gesicht und Handen blau werden, ja ihre Zunge wandelte sich in dieselbe Farbe, und konnte nur gebrochen die Worte stammeln: "Mein Kind! ach mein Kind!" Es war in diesem Augenblicke schon in den Handen seiner Rauber: Luisens Mutter hatte es an dem namlichen Morgen abholen lassen. Gewohnlich vertraute es Luise ausser dem Hause nie einer fremden Aufsicht, aber heute war sie mit dem Einpacken beschaftigt gewesen, und hatte es ihrer Mutter geschickt, der sie zugleich sagen liess, dass sie den Mittag bey ihr speisen wurde. Es regnete stark, Blachfelds Pferde durfte sie nicht zu brauchen wagen, und ihre angstliche Ungeduld erlaubte ihr nicht, die Ankunft der zur Mittagsstunde bestellten Sanfte abzuwarten. Sie eilte also, trotz des sturmischen Wetters, zu Fuss durch die Strassen, sturzte in das Zimmer ihrer Mutter, zu ihren Fussen, bat, flehte, sagte alles was ihr Zartlichkeit und Angst eingaben um sie zu ruhren, um ihr Kind wieder zu bekommen. Umsonst! Madame N. horte nur die Stimme des Vorurtheils und ihrer eignen Wunsche, sie war taub gegen das Flehen ihrer Tochter. Endlich liess sich Luise von der Verzweiflung hinreissen. "Um Ihnen zu gefallen, rief sie, habe ich mein Gluck, alle meine liebsten Neigungen geopfert. Mein Kind soll kein neues Opfer werden!" Man fing an auf sie zu horen, sie bot jedes Unterpfand an, dass sie ihre Abreise in diesem Augenblick aufschieben wurde, und eilte mit ihrem schwer erkampften Schatze, mit ihrem Kinde im Arm, nach ihrer Wohnung zuruck. Hier erwartete sie Blachfelds Zuruckkunft, in einem Zustande, der nicht beschrieben werden kann. Welche Gedanken zerrissen ihr Gemuth! Von der einen Seite empfand sie die grimmigste Erbitterung, sich, ein Geschopf das nie auf eines Menschen Schaden gesonnen hatte, auf allen Schritten ihres Lebens, in allen ihren Gefuhlen, mit dem eifrigsten Hass verfolgt zu finden: von der andern zerfleischte Reue ihr Herz, dass sie sich abermals gegen ihre gute wohlmeinende Mutter vergangen, und am Tage vor einer Reise, die sie vielleicht auf ewig von ihr trennte, ihren Zorn auf sich geladen hatte. "Ewige Vorsicht! rief sie in der Angst ihres Herzens, du kanntest die Reinheit meiner Absicht; wie konntest du mich durch die Umstande zum Verbrechen hinreissen lassen?" Einige Augenblicke darauf schien es ihr, als hatte Gott diese qualende Reue sie erfahren lassen, um ihr eine grossere zu ersparen, die sie sich durch ihre Abreise vorbereitet hatte. Sie wollte nun ihre Mutter nicht verlassen, sie wollte bleiben um wieder gut zu machen, was sie heute begangen hatte. Mit dieser Idee war sie beschaftigt, als Blachfeld ihr durch die Magd sagen liess, dass sie das Kind auf ihrer Reise mitnehmen sollte. Luise glaubte nun, sich in ihrer Auslegung des gottlichen Willens geirrt zu haben, und hielt diese neue Willensanderung ihres Gemahls fur einen Wink der Vorsehung, bey ihrem ersten Vorsatz zu bleiben. Aber Blachfelds Betragen fuhlte sie so tief, dass sie sich nicht enthalten konnte, nachher zu ihm zu sagen: "Sie haben die Ruhe meines Lebens unwiederbringlich zerstort, indem Sie mich in einen Zustand sturzten, wo die Verzweiflung mich gegen meine Mutter Worte ausstossen machte, die ich mir nie verzeihen werde." Blass und mit zerstreutem Haar, musste sie das Bild des bedauernswurdigsten Kummers seyn; und ware in Blachfelds Herzen noch menschliches Gefuhl gegen sie gewesen, so hatte er einsehen mussen, wie sehr ein einziges trostendes Wort ihr nothgethan hatte. Statt dessen vergiftete er ihren Schmerz vollends, durch die kaltblutige Bemerkung, dass dieses ja nicht der erste Auftritt der Art ware, den sie mit ihrer Mutter hatte. So sehr hatte die Zeit den Gesichtspunkt, aus welchem er Luisen betrachtete, verandert! Jetzt machte er ihr den Vorwurf, dass sie ihre Mutter schon eher beleidigt hatte; und ehemals, als er sechs Monate mitten unter ihrer Familie lebte, hatte er, nicht nur gegen Luisen, denn das hatte Liebhabersprache seyn konnen, sondern gegen mehrere seiner Freunde geaussert, dass er Luisens Geduld im Ertragen des unaufhorlichsten, und dadurch unertraglichsten Widerspruchs, von Seiten ihrer Mutter bewunderte; dass er bey aller Festigkeit, deren er sich ruhmen durfte, nicht fahig seyn wurde es ihr gleich zu thun. Er war noch weiter gegangen: er war auf Luisens unermudete Achtsamkeit gegen ihre Bruder eifersuchtig gewesen. "Sie wurden von mir nicht so viel dulden, sagte er, als Sie sich von Ihren Brudern gefallen lassen!" und wie Luise ihm antwortete: Sie weinen jetzt mit mir, und werden mir vielleicht einst meinen jetzigen Kummer vorwerfen; erwiederte er: "Nein, ich werde nie so niedrig und schandlich seyn. Sie konnen gegen mich fehlen, aber ich kann nie Ihr Betragen gegen Ihre Familie vergessen, und dass Ihnen nie eine Klage uber sie entfuhr. Ihre Mutter handelt nicht so, ob sie gleich weiss dass ihrer Tochter Schicksal in meinen Handen beruht, und ihre Reden Einfluss darauf haben konnten." Damals erschien ihm Luise als das Ziel seiner eigensinnigen Wunsche, und jede Erfullung ihrer Pflicht zierte sie wie ein Verdienst: jetzt aber, verbluht durch Leiden und Krankheit, als Weib, als Mutter, fur ihn nichts als eine lastige Fessel, gab ihm ihr Ungluck selbst Stoff zum Vorwurf.

Doch es ist Zeit zu der letzten Epoche dieser traurigen Geschichte zu eilen. Als Madame N. erfuhr, dass Blachfeld Luisen sein Kind lassen wollte, versicherte sie ihrer Tochter, dass sie ihre Ubereilung von ganzem Herzem vergabe, und sie nur angelegentlich bate, sich das Leben nicht durch unnutze Selbstanklagen zu verbittern. Luise brachte den Abend zu den Fussen ihrer Mutter zu: bald bat sie um ihre Verzeihung, bald dankte sie fur ihre Gute, und erhielt von neuem ihre Einwilligung und ihren Segen zur Reise. Sie war von diesem Abend so geruhrt, dass sie, auf dem Heimweg und bei ihrer Ruckkunft, ernstlich darauf dachte, die Verzeihung ihrer Mutter vollig zu verdienen, indem sie ihren Reiseplan ein fur allemal aufgabe. Sie befahl daher, die Pferde, welche fur den nachsten Morgen bestellt waren, wieder abzubestellen. Jenes Madchen, das erwahntermassen bei Luisens Abreise seinen Vortheil fand, wiederholte ihr nunmehr alle Grunde, die sie bestimmen sollten, ihrem ersten Entschluss getreu zu bleiben. Luise horte sie schweigend an, und schickte sie alsdann fort, in der Absicht, bei Blachfelden einen neuen Versuch zu wagen, der sie uber ihr Thun oder Lassen beruhigte. Sie klopfte an sein Zimmer, und bat um die Erlaubniss mit ihm zu sprechen. Seine freundliche Antwort flosste ihr Hofnung ein, dass die Vorsehung ihr bei ihrem Vorhaben, das auf den tugendhaftesten Bewegungsgrunden beruhte, behulflich seyn wollte. Uberzeugt, dass Blachfeld nur durch die unbedingteste Unterwerfung zu gewinnen war, nahm sie alles auf sich, bat um seine Verzeihung, und fragte ihn, was sie hoffen durfte, wenn alles Vergangne vergessen wurde, und sie ihrer Reise entsagte? ob er ihr dann auch seinerseits erlaubte, ohne die Dazwischenkunft einer Dritten, deren Treue ihr verdachtig ware, mit ihm zu sprechen? Blachfeld suchte sie von dem Ungrund ihres Verdachtes auf das Madchen zu uberzeugen, und bat sie, nicht zu glauben, dass er ihre Abreise wunschte, um mit diesem Madchen allein zu bleiben. "Sie wurde nicht bleiben wollen, sagte Luise, sie ist ein rechtliches Madchen." Blachfeld fuhr fort, in dem artigsten Tone mit seiner Frau zu sprechen, und Luise legte sich hierauf mit dem Bewusstseyn nieder, den besten Weg eingeschlagen zu haben. Am folgenden Morgen wollte sie, aus Delikatesse, damit er nicht glauben mochte, dass sie sich auf die Rechte, welche die gestrige Versohnung ihr gab, zu viel zu gute thate, nicht sogleich in sein Zimmer gehen; aber diese Bedenklichkeit kam ihr theuer zu stehen. Blachfeld sprach mit dem Madchen, und sey es aus Neugierde, um ihre Tugend zu prufen, oder aus einem noch weniger edeln Bewegungsgrund, er sagte ihr von der Eifersucht ihrer Herrschaft, und dass ihr Ruf darunter leiden wurde, wenn seine Frau von ihrer Reise abstande, indem diese allenthalben sagen wurde, sie hatte sich nicht getrauen durfen, ihr Madchen mit ihrem Manne allein zu lassen. Das Madchen eilte weinend zu Luisen, beschuldigte sie, dass sie ihren guten Namen zu Grunde richtete, stellte ihr vor, dass sie ausser diesem kein Gut, kein Mittel zu ihrem Fortkommen hatte. "Und mein Mann, fragte Luise mit zitternder Stimme, mein Mann hat ihr gesagt, dass ich sie in Verdacht habe?" Das Madchen bejahte es, und setzte noch so viele heftige aufbringende Dinge hinzu, dass Luise vollig ausser Fassung, und in ihre ganze vorige Erbitterung zuruckgeworfen, von neuem abzureisen beschloss. Sie wollte aber durchaus ihren Mann noch einmal sehen. Sie schleppte sich erschopft in sein Zimmer, und flehte um was? dass er sie betrugen mochte! Er schlug ein lautes Gelachter auf: "Glauben Sie denn, Madame, dass ich mir ein Gewissen daraus machen wurde, sobald das Madchen es zufrieden ware?" "Ach Blachfeld, antwortete Luise, mochte sie doch Ihre Maitresse seyn, wenn ich mir nur noch schmeicheln konnte, Ihre Achtung zu besitzen! Nein, das ist es nicht: aber dass Sie die Schwache Ihrer Gattinn verriethen, und an wen? an ihre Magd verriethen; dass Sie dieses Madchen zum offenen Streit mit dem Weibe das Ihren Namen tragt, mit der Mutter Ihres Kindes berechtigten; das ist zu viel, meine Abreise ist beschlossen!"

Als Madame N. diesen Vorgang erfuhr, munterte sie selbst ihre Tochter auf, einen Ort zu verlassen, wo jeder Gegenstand ihren Kummer erneute. Sie umarmte Luisen, die sich nicht von ihr losreissen konnte, und immer wieder in ihre Arme zuruckkehren wollte; sie druckte ihre Enkelin an ihr Herz. Das Kind sah erstaunt dem ruhrenden Auftritte zu. "Warum blickt mich das Kind so an?" fragte Madame N. betroffen. "Weil es Sie weinen sieht, Mutter!" antwortete Luise schnell, um einer traurigen Ahndung auszuweichen, der sie mehr Gehor hatte geben sollen. Endlich verliess sie das Haus, die Stadt wo ihr Jugendgluck verbluht, und ihr Daseyn vernichtet worden war, und trat zum zweitenmal den Weg nach ihres Vaters Geburtslande an.

Ihre Reise verschafte ihr das Vergnugen, Blachfelds Vater kennen zu lernen. Sie ward mit Gute und Achtung in seinem Hause empfangen, und fand an ihm einen liebenswurdigen Greis, dem ein langer Umgang mit der grossen Welt den feinen ehrerbietigen Ton gegen das weibliche Geschlecht gegeben hatte, durch welchen man dessen Beifall nie verfehlt. Luise hatte sich von ihrem Vater her gewohnt, die Manner uberhaupt zu ehren: die Achtung, die Aufmerksamkeit, die sie dem alten Blachfeld erwies, floss also aus ihrem Herzen, und ihre Liebkosungen hatten keinen eigennutzigen Grund; denn sie hofte nichts von seinem Einfluss auf seinen Sohn. Durch die liebenswurdige Enkelin, die sie ihm zufuhrte, gewann sie vollends sein Herz. Im ersten Augenblick war die Zusammenkunft zwar etwas kalt, allein Luise erschien nicht als Verbrecherin, sie hatte nichts gethan das sie des Namens seiner Tochter unwurdig machte, und der alte Mann gab ihr bald mit voller Freude diesen Namen. Am folgenden Morgen sagte er ihr sehr verbindlich, dass er sich nicht entschliessen konnte, von ihr zu scheiden; und er schlug ihr vor, die Sinnesanderung ihres Mannes bei ihm abzuwarten. "Ich bin gewiss, sagte er, dass meine Tochter in diesen Wunsch mit einstimmt." Allerdings! stotterte Blachfelds Schwester, ward roth und umarmte Luisen. Allein dieser war auf den ersten Blick der Grund dieses Errothens nicht entgangen: sie war eifersuchtig auf des guten Greises Zuneigung und Wunsch, seine Schwiegertochter bei sich zu behalten. Als er ferner darauf bestand, verschafte sie ihr sogar Gelegenheit, heimlich fortzureisen. Ohne diese Stimmung ihrer Schwagerin, welche bei Madchen sehr naturlich ist, die, uber die Jugendjahre hinaus, jungere Weiber preisen hoeen, wurde Luise des alten Blachfelds gutigen Vorschlag mit Freuden angenommen haben. Seine stille ruhige Lebensart harmonirte mit ihrer gegenwartigen Gemuthslage, und sie hatte Mittel gefunden, ihre Schwagerin fur die etwanigen Kosten ihres Aufenthalts zu entschadigen. Sie beschaftigte sich einen Augenblick mit dem Projekt, in der Stadt wo ihr Schwiegervater lebte, eine Wohnung zu miethen, und ihre eigne Wirthschaft zu fuhren: wie sie aber ihre Schwagerin daruber zu Rathe zog, schlug ihr diese eine benachbarte Stadt vor, um das Projekt auszufuhren. Luise lachelte uber diese ungeschickte Verschlagenheit, und antwortete hoflich, ehe sie sich in einer ganz fremden Stadt niederliesse, wollte sie lieber nach B. gehen, wo sie sich schmeicheln konnte, von Verwandten und Freunden aufgenommen zu werden. Man hatte denken sollen, dass es Luisen nur darauf ankame, eine Stadt zu finden, da es ihr doch blos um eine freundschaftliche Seele zu thun war. Ihr Schwiegervater hatte eine solche, und mancher kleine Zug machte ihn Luisen sehr theuer. Da sie gewahr wurde, dass er im Grunde die zartlichste Liebe fur seinen Sohn hatte, packte sie ihr Reisepult aus, um ihm Blachfelds Brustbild zu zeigen, das sie bei sich hatte. Er dankte ihr, und bat um die Erlaubniss, es kussen zu durfen. Luise fuhlte die ganze Feinheit dieses Betragens. "Ich will mehr thun, antwortete sie, ich will Ihnen darin zuvorkommen." Sie reichte ihm alsdann das Bild, und rief, indem sie sich in seine Arme warf: "Lieben Sie ihn; er verdient es durch den Ruf seiner Tapferkeit, und mehr noch durch seine Zartlichkeit fur Sie." Er wurde es nicht mehr verdienen, wenn er Ihnen sein Herz nicht wieder zuwendete, sagte der Alte geruhrt. "Nein, das kann nie mehr geschehen. Damit er Mitleid fur mich empfande, musste er wissen, was ich funf Jahre hindurch um seinetwillen litt, und ihm das zu sagen, ist keines Menschen Vortheil noch Absicht. Ihr eignes Zeugniss wurde unvollstandig seyn, denn Sie kennen mich nicht."

Blachfelds Schwester schuttete noch Ol ins Feuer, indem sie Luisen versicherte, dass ihres Bruders Gemuthsart nie dazu getaugt hatte: das Gluck einer Frau zu machen; man wurde daher auch lieber gesehen haben, wenn sich sein jungerer Bruder statt seiner verheirathet hatte: und von ihm hatte man zu sagen gepflegt, er trate in die Fusstapfen seines Vaters, der zwei Weiber sehr unglucklich gemacht, und sich dessen in Gegenwart seiner Sohne ofters geruhmt hatte, worauf der altere immer mit Freuden zu horen geschienen. Nach ihrem Tode beweint zu werden, war endlich aller Trost, den sich Luise versprechen konnte: denn sie erfuhr von einem Mitgliede der Familie, dass Blachfelds Mutter ein Engel an Duldung und Gute gewesen war, und dass ihr Tod den alten Blachfeld heftig genug angegriffen hatte, um ihn selbst lange auf das Krankenlager hinzustrecken.

Ehe Luise das Ziel erreichte, das sie furs erste ihrer Reise gesteckt hatte, empfing sie die wohlthatigste Beruhigung durch einen sehr zartlichen Brief ihrer Mutter. Das Schicksal schien ihr nunmehr uberhaupt, nach so langen Leiden, einen Augenblick Frieden zu gonnen. Sie hatte alle Orte in B. vermieden, wo Menschen lebten, die sie vor ihrer Heirath gekannt hatte, um ihrem Manne nicht zu missfallen, indem sie den Umgang mit ihnen erneuerte. Sie miethete sich in ein kleines Dorf ein, dessen stille heitre Lage ihrer Stimmung sehr zu Hulfe kam. Unter den vortrefflichen Menschen, die ihr hier den Zutritt in ihrem Zirkel verstatteten, hob sich ihr Geist nach und nach aus dem truben Nebel empor, in dem er versenkt gewesen war; heitre Bilder der Zukunft schwebten ihr vor: ihre Mutter war die Gottheit, der sie ihr Leben weihte. Unaufhorlich beschaftigte sie ihr Bild; bald dachte sie sich ihre Ruckkehr zu ihr, wie sie zu ihren Fussen sturzen, ihr Kind in ihre Arme fuhren, wie diese geliebte Mutter sich uber die Fortschritte ihrer Enkelinn freuen wurde. Dann schwarmte sie, wie sie, von Blachfeld ganz getrennt, mit ihrer Mutter auf dem Lande leben, die Abendstunden an ihrer Seite zubringen wurde, nachdem sie sich den Tag uber mit der Erziehung ihrer Tochter beschaftigt hatte. Bald stahl sich wieder Liebe und Zartlichkeit gegen Blachfeld in ihre Brust: sie stellte sich vor, wie sie mit ihm versohnt in M. leben wurde, wie sie gemeinschaftlich uber das Wohl ihres Kindes wachen, sich gegenseitig bemuhen wollten, alle finstern Weissagungen ihres Schicksals zu Schanden zu machen; wie ihre Mutter sie dort besuchen, und sich ihres hauslichen Friedens erfreuen, und ihren Segen zwischen Kindern und Enkeln theilen wurde. In ihrer kindischen Phantasie rief sie sich die Gerichte zuruck, von denen ihre Mutter am liebsten ass, und dachte darauf, sie ihr eines nach dem andern zuzubereiten, oder sie sann auf die Personen, die sie einladen wollte, um ihrer Mutter Gesellschaft zu leisten.

Ein zufalliger Umstand hatte sie in dem Gefuhl, dass sie jedes Opfers, und jedes erlittne Unrecht zu vergessen fahig seyn wurde, um ein solches Gluck zu erreichen, vorzuglich bestarkt. Bei ihrer Ankunft in B., ehe sie noch den Ort ihres Aufenthalts bestimmt hatte, erhielt sie den Besuch eines Mannes, der ehemals in dem namlichen Dienste wie Blachfeld gestanden hatte, und jetzt sein vaterliches Erbtheil anbaute. Er erzahlte ihr, wie glucklich er mit seiner Frau und seiner Mutter auf seinem Gute lebte, und lud sie ein, ihn dort zu besuchen, und wenn es ihr in seiner Familie gefiele, in Kost bei ihm zu treten. Ein stiller, einsamer, landlicher Aufenthalt war gerade das Ziel von Luisens Wunschen: sie eilte also diesen Ort zu sehen, und fand ihn ganz nach ihrem Geschmack. Was sie aber am meisten dabei ruhrte, war das Bild, das ihr die gute alte Mutter von dem hauslichen Gluck der beiden Eheleute, seit des Mannes Abschied aus den Kriegsdiensten, entwarf. Von der ganzen Welt vergessen, und der ganzen Welt nicht bedurfend, schrankten sich ihre Freuden auf sich selbst und ihr zweijahriges Kind ein, um dessen Liebkosungen sie sich stritten. Die Darstellung dieses allein wunschenswerthen, und fur sie auf ewig verlornen Genusses, erfullte Luisens Herz mit Trauer. Sie erinnerte sich, dass ihr Blachfeld vor ihrer Heirath angeboten hatte, den Dienst zu verlassen, und mit ihr auf dem Lande zu leben. Sie hielt ihn damals fur zu jung, um diesen Entschluss ohne Reue zu befolgen, sie setzte aus Klugheit dessen Ausfuhrung auf einen spateren Zeitpunkt hinaus, und verscherzte ein so kostbares Gluck dadurch auf immer. Der Besitzer dieses Gutes war auch jung, stark, in der Bluthe seiner Gesundheit, aber statt das geringste Missfallen an seiner Lebensart zu aussern, unterhielt er Luisen von nichts als dem Reiz, den die bestandige Gesellschaft seiner Frau fur ihn hatte, und von der Annehmlichkeit der landlichen Arbeiten. Seine Frau war auf einige Tage zu ihren Eltern zum Besuch gegangen, und er wollte ihr den folgenden Tag entgegenreiten, um sie heimzuholen. Die alte Mutter sagte freundlich zu Luisen: "Wie sehr wunschte ich, dass Ihnen der Frieden bald ein Gluck wiedergabe, dessen Werth Sie so lebhaft fuhlen!" Im namlichen Augenblick da Luise von ihrem gutigen Wirthe Abschied nahm, empfing er einen Brief von seiner Frau: sie sah ihn vor Freude zittern. Der Anblick so vieler Zartlichkeit fuhrte sie auf allzutraurige Vergleichungen, sie eilte zu ihrem Wagen, und sagte dem jungen Manne, dass sie wiederkommen wurde, um mit seiner Frau weitere Abrede zu nehmen. Am andern Tage erfuhr sie, dass dieser Brief, der mit so vieler Freude empfangen zu werden schien, ein Scheidungsbrief gewesen war. Die Frau hatte darin erklart, dass sie sich mit ihrem Kinde bei ihren Eltern aufhalten wurde, und dass man sich umsonst bemuhen wurde, ihren Entschluss zu verandern. Jemand, der sehr gut unterrichtet zu seyn versicherte, schilderte ihren Gemahl zwar als einen rechtschaffnen, wohlmeinenden Mann; aber, wurde hinzugesetzt, der Kriegsdienst hat ihn verdorben: die thatigen Misshandlungen, mit welchen man da Untergebne zuchtigen muss, geben eine nie abzuschleifende Rauhheit der Sitten. Unglucklicherweise vergass er sich gegen seine Frau, in einem Augenblick von Zorn, bis zu einem ahnlichen Betragen: sobald der Zorn verraucht war, fiel er zu ihren Fussen, und that alles um seine Ubereilung wieder gut zu machen. Sie, die einen festen Sinn hatte, stellte sich anfangs versohnt; aber nach einigen Tagen verliess sie ihn, unter dem Vorwande eines Besuchs bei ihren Eltern, entschlossen ein Haus nicht wieder zu betreten, wo sie einerley Behandlung mit den Jagdhunden zu befurchten hatte.

Die ganze Gesellschaft, in welcher dies erzahlt wurde, lobte die kluge Standhaftigkeit der Frau. Vor zehn Jahren hatte Luise eben so gehandelt; sie dachte damals, dass keine Pflicht es einer Frau gebote, sich mehr als einmal von ihrem Manne schlagen zu lassen. Erfahrung und Ungluck hatten sie demuthiger, nachsichtiger gemacht: sie fand den Entschluss der jungen Frau hart, und fuhlte dass s i e hatte verzeihen konnen. Diese kleine Begebenheit bestarkte sie in ihrem Wunsche, hauslichen Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu spat! Er war fortan um keinen Preis zu erkaufen! Ein schreckliches Erwachen aus allen diesen wohlthatigen Traumen stand ihr bevor: sie erhielt die Nachricht von dem Tode ihrer angebeteten Mutter. Es war also der Rathschluss des Ewigen, dass Ruhe und Freude ihre Seele auf immer fliehen sollten. Muhselige Sehnsucht nach Gluck sollte den Fruhling ihres Lebens, und Reue, ohne einen Stral von Trost und Hofnung, dessen Uberrest aufzehren. Jezt fuhlte sie, dass sie eigentlich nie ein menschliches Geschopf geliebt hatte, ausser ihrer Mutter. Alles was sie je fur andre empfunden hatte, verschwand vor ihrem Gedachtniss: alles Unrecht, das sie jemals gegen diese Mutter gehabt hatte, trat mit grellen Farben daraus hervor, und verfolgte sie mit unablassigen Vorwurfen. Sie erinnerte sich unzahliger Auftritte, bei denen sie sich eingebildet hatte, eine Martirerin an Geduld gegen die Laune oder den Widerspruch ihrer Mutter gewesen zu seyn; und jezt hatte sie alle Guter der Welt hingegeben, um nur einen Augenblick zu ihren Fussen liegen, nur ein Wort der Verzeihung von ihren Lippen vernehmen zu konnen. Die Natur war fur sie mit einem Schleier umhullt, denn ihre Mutter erfreute sich nicht mehr ihrer Schonheit. Umsonst begrusste die Lerche den Morgen, umsonst goss sich der Nebel in wallenden Schleiern um das Haupt der waldigen Berggipfel, umsonst vergoldeten die Sonnenstralen das reiche Thal: sie konnte dabei nur denken, das Auge, ihrer Mutter sey auf immer geschlossen, und werde nie dieser Freuden geniessen. Alle Bequemlichkeiten des Lebens waren ihr zur Last: einmal sah sie einen schonen Reisewagen, den sie sich einen Augenblick wunschte, aber diesen Wunsch verleidete ihr plotzlich die Erinnerung an ihre Mutter, die den Wagen nie sehen wurde. Jeder Gegenstand, der ihr die Gegenden, die Orte wo sie mit ihr gelebt hatte zuruckrief, scharfte ihre Verzweiflung. Eine Hecke von wilden Rosen erinnerte sie an einen Weg in der Nahe von dem Gute ihrer Mutter, ach! aber dieser Weg, und kein Weg auf Erden, konnte sie mehr zu ihr fuhren, in ihre Arme fuhren! Sie hatte ihr eignes Leben, ja sie hatte ihr Kind darum gegeben, einen nur von den Augenblicken, die sie mit ihr zugebracht hatte, und deren sie so viele ungenuzt hatte verschwinden lassen, zuruckzurufen. Einsam und wehmuthig sah sie die Entwickelung des Kindes, dessen Liebenswurdigkeit, dessen aufkeimenden Geist: die, fur welche dieser Anbllck so erfreulich gewesen ware, war nicht mehr! Das arme Weib, hatte sich einen Vorwurf daraus gemacht, fortan irgend einen frohen Eindruck zu empfangen. Sie hatte von jeher die Botanik geliebt, und bei ihres Vaters Lebzeiten, selbst wider den Willen ihrer Mutter, sich mit dieser angenehmen Wissenschaft beschaftigt. Ihre Mutter hielt dafur, dass ausser den weiblichen Arbeiten, Lesen und Schreiben die einzigen Kenntnisse waren, deren ein Madchen bedurfte; und sie sah es sehr ungern, dass Luisens Vater ihr einen ansehnlichen Gartenfleck auf dem Gute einraumte, den sie unter der Anleitung eines geschickten Botanikers mit seltnen Gewachsen anbaute. Jezt fand sie auf ihren einsamen Spaziergangen manche Blume wild wachsen, die sie in ihrem Garten mit Muhe gepflegt hatte; aber der Anblick durchbohrte jedesmal ihr Herz, sie verwunschte eine Neigung, die ihrer Mutter misfallen hatte, wie ein Verbrechen. Einmal befand sie sich in einer Gesellschaft an einem Spieltische; neben ihr sass eine junge Dame, die einen Stillstand benuzte um vom Spiel aufzustehen, indem sie mit einer liebenswurdigen Herzlichkeit sagte, sie musste einen Augenblick ihre gute kranke Mutter besuchen. Diese Worte trafen Luisen mit der Gewalt eines blutigen Vorwurfs. Wie oft hatte sie ganze Abende in Gesellschaften verlebt, wahrend dass ihre Mutter fern von ihr krank gelegen hatte! Sie gab sich alle Muhe, ihre Bewegung zu verbergen, aber die Thranen drangten sich unaufhaltsam in ihre Augen, und sie musste die Gesellschaft verlassen. Ein andermal begegnete sie, auf der Treppe eines Wirthshauses, einer altlichen Dame, die von rheumatischen Zufallen gelahmt, von ihren zwei Magden in ihren Wagen getragen wurde. Die zartliche Sorgfalt der beiden Magde, ihre Herrschaft bequem zu halten, ihre Aufmerksamkeit, sie von den Vorubergehenden nicht anstossen zu lassen, durchbohrten Luisen das Herz. Miethlinge sah sie hier mit emsiger Liebe Pflichten ausuben, die sie gegen ihre Mutter versaumt hatte. Alles Zureden mitleidiger Freunde, alle Grunde ihrer kalteren Vernunft sind vergeblich: ihr Herz klagt sie an, die Morderin ihrer Mutter zu seyn, und der Frieden der Seligen, wenn er ihr noch werden konnte, hatte keinen Reiz mehr fur sie.

Ungluckliche Luise! Als Tochter und als Gattinn gleich unglucklich! Wo soll sie einen Ruhepunkt finden fur ihre umherschweifenden Gedanken, die umsonst einen Lichtstrahl suchen, um ihren Geist zu erhellen? Wohin sie kommt, ist der blutige Krieg, welcher Blachfelds Leben taglich in Gefahr setzt, der Gegenstand des Gesprachs. Bald mit mussiger Neugier, bald mit wahrem Mitleid, heften die Menschen ihre Augen auf sie, auf ihr Kind, die sie jeden Augenblick als Witwe, als Waise zu sehen glauben, und nur zu oft denken sie, gutherzig zudringlich, sie trosten zu mussen. O wie beneidet sie in solchen Fallen die Frau des letzten Soldaten in Blachfelds Haufen, deren Angst sich mit ihrem Gatten beschaftigt! Die verlore Unterhalt, Liebe, Trost, und die Stutze ihrer Kinder, wenn eine feindliche Kugel den Treuen trafe: aber die wusste auch, dass sein Weib, seine Kinder, der letzte Gedanke seines blutenden Gehirns gewesen waren. Mit Schamrothe hort Luise die Theilnehmung fremden Mitleids; angstlich schlagt sie die Augen nieder, wenn man unbefangen nach ihrem Gemahl fragt. Sie weiss ja nicht wo er ist; er wurdigt sie ja nicht, ihr anzudeuten wohin ihre Wunsche, ihre Gebete ihm folgen sollen; er wurde fallen, ohne seinem Weibe, seinem Kinde seinen letzten Gedanken zu weihen; er wurde mit tausend andern verscharrt werden, ehe das offentliche Gerucht ihr zuriefe: "Luise, du hast keinen Gemahl, dein Kind hat keinen Vater mehr!" Wie oft zerreisst dieses Kind ihr mudes Herz, durch die ruhrende Liebe, mit welcher es das Andenken eines Vaters bewahrt, den ihm Luise stets zu ehren gebietet! Erhalt die Mutter einen gleichgultigen Brief, so ergreift ihn die Kleine, und wiederholt mit kindischer Leichtigkeit, was man sie einst wohlmeinend lehrte, indem sie den Brief kusst, an ihr kleines Herz druckt, und ruft: "Von Papa, von Papa!" Nein, Verwaiste, ohne die Hand des unerbittlichen Todes, durch die Harte deines Vaters und den Jammer deiner Mutter verwaist, denn was ist sie dir, diese Mutter, die der Gram langsam aufzehrt? nein, er ist nicht von ihm, der Brief! E r schreibt nicht, er denkt nicht an die, die zu besitzen er einst seine grosste Gluckseligkeit nannte! Einmal hielt sich Luise zur Mittagszeit in einem Wirthshause auf, ein lahmgeschossener Soldat trat in das Zimmer, und bat um ein Almosen; das Kind erblickte ihn, reichte mit den beiden Armen nach ihm, und rief: "Papa, Papa!" Luise schauderte zusammen, sie erkannte ** Uniform, sie bemerkte wirklich die entfernte Ahnlichkeit, welche die Kleine irre fuhrte. Geruhrt liess sie den alten Krieger neben sich sitzen, und an ihrem Mahle theilnehmen; liess sich von ihm erzahlen, wo er ihren Mann gesehen, wo er gefochten. Das Kind verlangte auf des Soldaten Schooss, lehnte sich an ihn, und wollte nicht von ihm: die Ahnlichkeit hatte ihm alle Scheu vor dem Fremden benommen, die Natur wollte sich an diesem Scheinbilde ergotzen. Der Soldat kusste das Kind, und bedauerte Blachfelden, der diese Freude entbehrte; der so fern von einer zartlichen Frau, von einem liebenswurdigen Kinde, sein gefahrliches Handwerk triebe. Er bot Luisen an, sie zu ihm zu fuhren; er sagte, wo ihr Mann auch seyn mochte, sie konnte ihm ruhig folgen, er wollte sie sicher bis zu seinem Zelte geleiten. Einen Augenblick war Luise von diesem Gedanken ergriffen; sie fuhlte sich versucht, zu ihm zu eilen, sich mit seinem Kinde in seine Arme zu werfen, ihm zuzurufen: Wir sind dein, mache mit uns was du willst! Aber bald verdrangte die Erinnerung an seine Grausamkeit diesen Entschluss. Hatte er sie nicht oft zuruckgestossen? nicht verhohnt? dem Spotte, dem Muthwillen ihres eignen Gesindes preisgegeben? Er wurde sie auch jetzt verlaugnen; er wurde es vor den Augen seiner Kriegsgefahrten, vor der gaffenden Menge kund thun, dass die Bande der Natur ihn nicht fesseln, die Stimme des Mitleids ihn nicht ruhrt. Diesen Augenblick wurde Luise nicht uberleben. Lieber wollte sie in unbekannter Einsamkeit, mit dem Bilde ihres Jammers vor ihren Augen, mit der Erziehung ihres Kindes beschaftigt, des Augenblicks harren wo der Tod oder Blachfelds Ruckkehr ihre Leiden endigen wurden. Ist es noch Hofnung, die in ihrem muden Herzen spricht, wenn sie wehmutig nach Gesundheit sich sehnt, und den Augenblick furchtet, wo Blachfeld sich sagen musste: "Die Zeit, ihr Ungluck zu lindern, ist voruber; der ich an meiner Seite Gluck versprach, die musste einsam in das Grab sinken, um den Frieden wiederzufinden, den ich ihr raubte?" Nein! Die schwarze Schwermuth, die ihren Geist umhullt, die Glut, die langsam ihr Blut auftrocknet, scheint den Zeitpunkt nicht weit hinauszuschieben, wo jede freundliche Rettung zu spat kommt. Moge dann alle Zartlichkeit, alle Nachsicht, alle Duldung, die Blachfeld seinem unglucklichen Weibe versagte, sich auf sein Kind vereinen, das sie, ihn zu lieben und zu ehren, erzieht!