1795_Wobeser_112 Topic 1

Wilhelmine Karoline von Wobeser

Elisa

oder das Weib wie es seyn sollte

Father of light and life! thou Good supreme!

O teach me what is good! teach me Thyself!

Save me from folly, vanity and vice,

From every low pursuit! and feed my soul

With Knowledge, conscious peace, and virtue pure;

Sacred, substantial, never fading bliss!

Allen

teutschen Madchen

und

Weibern

gewidmet.

In einem Jahrhundert, in welchem Kultur, Aufklarung und Verfeinerung zu einem so hohen Grade gestiegen sind, sollte man naturlicherweise den Einfluss davon auch auf das andere Geschlecht bemerken. Man konnte erwarten, unter den Weibern mehr Ausbildung des Geistes, und richtigere Begriffe von ihren Pflichten und von ihrer Bestimmung zu finden. Sie, welche in alle Verhaltnisse des burgerlichen Lebens verflochten sind, deren Einfluss sich von den einzelnen Theilen auf das Ganze erstreckt, sind noch weit entfernt, den Platz auszufullen, welchen sie in der burgerlichen Gesellschaft einnehmen. In der grossen Welt sind die Weiber in ihren Sitten, Ton und Manieren verfeinert; allein an wahrer Geisteskultur fehlt es ihnen. Doch uber diese Sphare hat der Luxus zu sehr seine verderblichen Fittige ausgebreitet, als dass man hier hoffen konnte, durch heilsame, aber einfache Wahrheiten, Gutes stiften zu konnen. Ich wende mich also an Euch, meine Mitburgerinnen, die ihr nicht zu der Klasse gehort, in welcher die Bildung des Aeussern der letzte Zweck der Erziehung zu seyn scheint, und wo auf die Begierde zu gefallen, alle Fahigkeiten des jungen Madchens gerichtet werden. Euch trage ich das Resultat meiner Betrachtungen vor. Euch widme ich dieses Werk, welches ich nur darum schrieb, um in den Herzen mancher unter Euch gute Empfindungen zu erwecken. Ich traure oft, wenn ich sehe, dass eine so grosse Anzahl von Geschopfen, von der Natur mit ihren schonsten Anlagen begabt, entweder durch Erziehung verdrehet, oder ungebildet und roh auf der Bahn des Lebens fortwandelt, ohne im Geringsten sich ihrer Bestimmung zu nahern. Es thut mir wehe, Menschen zu sehen, welche so tief unter dem wahren Menschen stehen: und ware mein Buch nur ein Tropfen im Meere der Wahrheit und Aufklarung, so ist mir der Gedanke doch suss, vielleicht durch diesen Tropfen Einigen meiner Mitburgerinnen Erkenntniss ihrer Bestimmung gegeben zu haben; denn der Gesichtspunkt, aus welchem das Weib betrachtet wird, ist meistens noch falsch, er ist selbst bey wenigen Mannern nur richtig. Nur weil man sich noch nicht recht uberzeugen will, wie gross der Nutzen seyn kann, den das Weib in ihrer Sphare zu stiften vermag, bleiben so viele Krafte ihrer Seele unentwickelt. Die Erziehung, welche die Weiber bekommen, kann in zwey Klassen getheilt werden: in der Einen wird alles auf das schimmernde gelenkt; da lernt das Madchen die geistigen und korperlichen Gaben anwenden, nur um zu glanzen, um zu gefallen. In dieser Klasse findet man angenehme Gesellschafterinnen; aber man gehe in ihre Wohnungen, wird man Gattinnen, wird man Mutter finden? In dieser Klasse bilden sich noch die weiblichen bel esprits, von allen Weibern die schadlichsten; weil durch sie Kenntnisse im Weibe lacherlich gemacht werden, da doch Kenntnisse das Weib, so wie den Mann, vervollkommen.

In der Zweyten Erziehungsklasse wird das Weib zur Hausfrau gebildet: da findet man gute Wirthschafterinnen; aber wie wenig fur den, der den ganzen Umfang der Pflichten des Weibes kennt! O, wie wenige Weiber giebt es, welche wahrhaft aufgeklart uber ihre Pflichten und Bestimmung mit ausgebildetem Geiste und edlem Herzen auf der Bahn, auf welcher sie wandeln, alles das Gute und Nutzliche stiften, welches innerhalb ihres Wirkungskreises liegt! Und o, meine Mitburgerinnen, warum sollten Sie nicht Alle von dem Stolze beseelt seyn, sich uber die Schranken zu erheben, welche Alltagsmeynungen Ihrem Geschlechte setzen? Warum sollten Sie das nicht in Ihrer Sphare werden, was der Mann in der seinigen ist? Blicken Sie um sich, sehen Sie, wie gross Ihr Einfluss ist! Sie sind ein Mitglied der grossen Kette, an welcher alles zum Guten mitwirken soll! Ihr Platz ist nicht unwichtig, fullen Sie ihn aus! Und o, mochte doch unser Jahrhundert noch, so fruchtbar an grossen Entdeckungen, an grossen Geistesprodukten, doch auch der Nachwelt unsere Weiber als Muster vorstellen!

Vorrede zur zweyten Auflage

Die Nachsicht, mit der man ein Werk aufgenommen hat, welches der erste Versuch einer jugendlichen Feder war, macht es mir zur Pflicht, die Grunde darzuthun, welche mich bewogen haben, Elisa, in jedem Moment ihres Lebens, gerade so, und nicht anders, darzustellen. Ein Ideal kann nur einmahl seyn, sagt man, und dieses ist wahr; allein ich wollte nur zeigen, wie in einzelnen Fallen, das Weib wohl am besten handeln wurde. Freylich hat jede individuelle Lage ihre eigenen Verpflichtungen; allein die Grunde, welche Elisa zu ihren Handlungen bewogen, und ihr System, stets nach dem Gesetze des Guten zu handeln, und die Vernunft als ihre erste Fuhrerinn anzuerkennen, dieses sollte sich wohl jedes Weib zu eigen machen. Ich stellte dieses System in einer Reihe von Handlungen auf, und concentrirte sie in einer Person, weil ich gewiss glaube, dass Mann oder Weib, wer dieses System befolgt, glucklich ist. Hiezu gehort freylich ein hoherer Grad der Ausbildung des Verstandes, um das Bessere zu erkennen; eine Standhaftigkeit; eine Festigkeit im Guten. Um alle diese Eigenschaften zu erlangen, hat der Mensch nicht selten mit Schwierigkeiten zu kampfen, welche durch seine fruhere Erziehung, durch Convenienz, burgerliche Einrichtungen, Gesellschaften und manches Individuelle in seiner Lage, erzeugt werden; allein sollten wir darum jeden Versuch zur Besserung der Menschen aufgeben, weil so viele Ursachen vorhanden sind, die dieser Besserung entgegen wirken? Oder ist dieses nicht vielmehr ein Antrieb, wahre Aufklarung, und reine, einfache Moral, immermehr unter die Menschen zu verbreiten? Wenn wir gleich, unter unsern Weibern, keine Elisa finden mochten, so finden wir doch Manche unter ihnen, so empfanglich fur jedes Gute, so bereitwillig es auszuuben, dass es ihnen oft nur an Berichtigung ihrer Begriffe, und mehrerer Ausbildung derselben fehlt, um ganz das leisten zu konnen, was sie als Weiber leisten sollten; und fur diese werden die Schriften, welche fur sie geschrieben sind, nicht ganz ohne Nutzen bleiben.

Man hat es Unrecht gefunden, dass die sterbende Elisa Zweifel gegen die Unsterblichkeit der Seele hegte. Es war meine Absicht, dass reine Moral die Bewegungsgrunde zu Elisa's Handlungen ausmachte, und keine Grundsatze der positiven Religion, welche nur zu oft schwankend werden. Dann aber musste Elisa uber positive Religion ganz aufgeklart seyn, oder sie war nicht das Weib, wie ich sie schildere. Und sie, welche ihr ganzes Leben hindurch, Hoheit des Geistes und Festigkeit zeigte, hatte nicht sagen konnen, dass sie sich schon die Zerstorung ihres Wesens gedacht hatte? Mit der Erkenntniss, dass wir von einer Fortdauer nach dem Tode nichts wissen konnen, ist schon der Gedanke von der Zerstorung unsers Wesens verbunden, und viele Menschen mussen ihn schon gedacht haben. Ich wollte zeigen, dass die Ruhe im Tode wohl hauptsachlich aus der Ueberzeugung entspringt, auf der Erde unsere Pflichten erfullt zu haben; weiter hinaus ist ein Vorhang vorgezogen, den wir Menschen wohl nie aufheben werden. Halbe Aufklarung ist immer schadlich, warum sollen aber denn die Weiber nur halb aufgeklart seyn? Wer wird es verhindern, dass sie nicht viele Schriften lesen, in welchen uber den Satz von der Unsterblichkeit der Seele entgegengesetzte Meynungen aufgestellt sind? Wird diese Ungewissheit sie aber nicht unglucklich machen, wenn sie diesen Satz als eine Bedingung ihrer Gluckseeligkeit angenommen haben? Und ware es nicht besser, wenn jeder Einzelne diesen Satz als eine philosophische Meynung betrachtete, dessen Entscheidung ausserhalb dem Gebiete des Menschen liegt, und eben deshalb auf die Ruhe und das Gluck des Menschen keinen Einfluss haben kann? Bey mehrerm Nachdenken werden vielleicht die meisten Menschen zu dieser Ueberzeugung gelangen, die vielleicht im Tode am meisten Ruhe gewahrt, da wir uns alsdann gewohnt haben, an die Zukunft mit Ruhe zu denken. Warum sollten wir aber das Nachdenken der Weiber nicht auch auf diesen Gegenstand leiten, da es fur sie eben so wichtig ist, hier eine ruhige, feste Ueberzeugung zu erhalten.

Ich ubergebe also meinen Mitburgerinnen Elisa noch einmahl in derselben Gestalt. Selbst ein Weib, wunsche ich, wahre Tugend und hohere Ausbildung des Geistes immer mehr unter meinem Geschlechte verbreitet zu sehen, von welchen wir uns, durch eine falsche Richtung des Verstandes, immer mehr entfernen. Durch die Kunst gebildet, wunschte ich das Weib zur Einfachheit und zur Natur zuruckgefuhrt zu sehen.

Dieses war mein Zweck, als ich dieses Buch meinen Mitburgerinnen weihete. Mogen Andere diesen Zweck durch kraftigere Mittel erreichen, mogen edle Manner es sich zur Pflicht machen, durch ihr Verhalten die Weiber zur Tugend zu erziehen, jedes edle Weib wird ihnen danken! Und die Verfasserinn der Elisa wird gern ihr Buch der Vergessenheit ubergeben, wenn sie hoffen darf, dass das System, welches Elisa befolgte, in den Herzen unserer meisten Weiber eingepragt ist.

Vorbericht des Verlegers

zu der dritten Auflage

Um diesem musterhaften Buche, welches bereits in tausend Handen ist, den moglichsten Grad von Vollkommenheit zu geben, schrieb ich nach Erscheinung der vortreflichen Rezension uber Elisa (in der A. L. Zeitung 1797 S. 381) an die verehrungswurdige Verfasserinn, sandte ihr dieses Blatt und bat, wo moglich die Wunsche und Winke des Rezensenten zu erfullen, und zu benutzen, da ich im Begriffe sey, eine N. Auflage zu machen; zugleich forderte ich sie abermals auf, mir zu erlauben, doch itzt ihrem Buche ihren Namen vordrucken zu durfen, weil ein grosser Theil ihrer Leser und Leserinnen wunschten, die Verfasserinn der Elisa wenigstens dem Namen nach zu kennen. Ueber alles dieses erhalte ich folgenden Brief, der als Neue Vorrede der Verfasserinn gelten mag.

"Ich sage Ihnen meinen Dank fur die Uebersendung des Blattes der allgemeinen Litteratur-Zeitung. Sie wunschen also eine dritte Auflage zu veranstalten? Ich muss Ihnen aufrichtig gestehen, dass es nur ware, um Ihrem Wunsche ein Gnuge zu leisten, wenn ich mich noch einmal einer Arbeit an E l i s a unterzoge. Es ist ein Zug in meinem Charakter, dass ich mich ungern, und nicht mit glucklichem Erfolge, mit einem schon beendigten Werke noch einmal beschaftige, es fehlt mir hierzu an gehoriger Anstrengung, und es kostet mir viele Muhe, einen Faden wieder anzuknupfen, den ich seit vielen Jahren fallen liess.

Als ich Elisa schrieb, gehorte es in meinen Plan, sie sterben zu lassen. Ich wollte die Ruhe schildern, welche das tugendhafte Weib bis ins Grab begleitet. Ich legte ihr meine Ueberzeugungen in den Mund, wie ich es in dem ganzen Buche gethan hatte, ohne zu wahnen, dass man hieran den mindesten Anstoss nehmen konnte; denn die sterbende Elisa sagt ja nicht: Ich glaube an keine Unsterblichkeit der Seele, sie sagt nur: Die Zukunft sey wie sie wolle, ich sterbe ruhig, weil ich mit dem Bewusstseyn sterbe, meine Pflichten erfullt zu haben. Ich finde dieses Gefuhl in dem tugendhaften Sterbenden so naturlich, dass ich Elisa nie anders sterben lassen konnte; und wohl dem Menschen, der mit diesem Gefuhl in den Tod gehen kann! Doch sollte Elisa zum Drittenmale verandert erscheinen, so wurde ich sie nun gar nicht mehr sterben lassen. Der Rezensent sagt zwar selbst, dass die Wendung verbraucht ist, ihr ihren ersten Geliebten zum zweyten Gatten zu geben; wunschen Sie aber noch eine dritte Auflage von Elisa zu machen, so will ich sehen, wie mir diese Wendung gelingen wird, ob ich mir gleich nicht viel davon verspreche, da ich wenig Neues hinzufugen konnte, indem meine Gedanken uber weibliche Pflichten in der Elisa, wie sie gegenwartig ist, enthalten sind. Doch ich wurde alsdann meinen Versuch Ihrer Prufung uberlassen, und es wurde Ihnen immer frei stehen, ob Sie diesen Anhang der Elisa beyfugen wollen oder nicht. Ich bitte Sie, mir hieruber bald zu antworten, und mir Ihre Gedanken mitzutheilen. Nur kann ich Ihnen nicht versprechen, das Geschaft bald zu beschleunigen, denn ich erwarte in einigen Monathen, Mutter zu werden, welches mir bey dieser Arbeit einige Hindernisse verursachen konnte. Was Ihr zweytes Verlangen betrifft, so kann ich Ihnen die Erfullung desselben nicht gewahren. Ich sage Ihnen meinen Dank fur Ihre Verschwiegenheit, und bitte Sie, sie in Absicht meiner beyzubehalten. Ich bin so wenigen Menschen bekannt, dass durch Nennung meines Namens ich doch den meisten, welche mein Buch lesen, nicht bekannter werde, und in dem Zirkel, in welchem ich lebe, wurde die Nennung meines Namens als eine Anmassung gelten, die mir einen Theil der Achtung und des Zutrauens rauben konnte, deren ich itzt geniesse" u.s.w.

Alle diese hier von der Verfasserinn selbst aufgestellten Grunde die Nothwendigkeit der baldigen Erscheinung dieser dritten Auflage, da ich kein einziges Exemplar mehr hatte, und die Nachricht, dass in Mannheim ein elender Nachdruck existire, bestimmten mich, auf alle Umanderung Verzicht zu thun. Mithin tritt Elisa blos verschonerter, und vollig von allen kleinen Fehlern frei, zum Drittenmale auf, und in dieser Gestalt ist sie auch zum Behuf fur Lernende der franzosischen Sprache, in dieser Sprache ubersetzt worden. Heil und Segen der wurdigen Verfasserinn; denn ihre Lehren und ihre aufgestellten Beyspiele der Tugend mussen hundertfaltige Fruchte bringen. "Fast ein halbes Jahrhundert habe ich durchlebt, viele Menschen habe ich gesehen, aber selten wahres Gluck angetroffen; ich habe Unwurdigen Ehrenstellen ertheilen, und sie vom Rechtschaffnen, aber minder Begluckten, beneiden sehen; aber nicht den gefunden, der bey harten Schlagen des Schicksals sich sagte: und dennoch bin ich glucklich! Nicht den, dessen Wunsche nicht seine Krafte uberschritten hatten, der zufrieden mit dem Platze, den das Schicksal ihm angewiesen, sich nicht immer aus demselben versetzt, und allenthalben Gluck, nur da wo er seyn musste, Ungluck sahe. Und eben weil die Menschen nie ihrer Lage gemass denken und handeln, entsteht so mannichfaches Uebel. Nein, die Welt ist weder ein Himmel noch eine Holle, und die Menschen weder Engel noch Teufel! Manche frohe Stunde wirst Du haben, meine Tochter, aber auch manche Leiden warten Deiner. Erwarte stets beydes. Denke im Taumel des Glucks, dass ein fernes Uebel Dir droht, und in Widerwartigkeiten vergiss nicht, dass auch dann noch Freude Dir lachelt. Sey in beyden Dir gleich, sey immer tugendhaft. Handle, wie Du handeln musst. Sey stets da, wo das Schicksal Dich berief, dann wird Starke des Geistes Dich nie verlassen, und der Schimmer des Glucks Dich nie verfuhren. Liebe die Menschen, ertrage sie, verzeihe ihnen Beleidigungen, wirke stets Gutes, so viel Du kannst, und Du wirst nie das Ungluck kennen."

So sprach auf seinem Sterbebette der Baron von H o h n a u zu E l i s a , seiner dreyzehnjahrigen Tochter, und starb bald darauf. Seine Worte pragten sich tief in ihr Herz; sie fiel nieder bey der Leiche ihres Vaters, kusste seine erstarrte Hand, und sprach: Vater, ich will stets Deine Tochter seyn! Lange blieb sie sprachlos bey dem entseelten Leichnam liegen; ihre junge Seele fasste ganz den Schmerz der Trennung. Elisa trauerte lange um den Verlust ihres Vaters, aber im Fruhlinge des Lebens ist der Schmerz nicht dauernd, er sollte es am Abende auch nicht seyn. Elisa horte auf zu weinen, aber sie vergass nicht die Lehren ihres Vaters; sein Bild umschwebte sie, und seinen Schatten zu verehren, bildete sie ihre Seele zu jedem Guten. In einer der grossten Stadte Deutschlands hatte der Baron von Hohnau mit seiner Familie gelebt. Sie bestand aus seiner Frau und zwey Tochtern, von welchen Elisa die alteste war; ihre Mutter verliess die Stadt nach dem Tode ihres Mannes, und begab sich auf das Land.

Die Baroninn von H o h n a u verband mit einem guten Herzen und einem richtigen Verstande viele Fehler: stolz, strenge, von einem kalten, gleichgultigen Charakter, war sie immer bereit, zu verdammen; die unschuldigsten Handlungen horten es auf in ihrem Auge zu seyn, sobald sie der Schicklichkeit zuwider waren, und Ahnenstolz nannte sie Schicklichkeit. Ganz das Gegentheil der sanften, gefuhlvollen, Alles liebenden Elisa, liebte sie diese nicht sehr, sondern zog ihr C a r o l i n e , ihre jungere Schwester, vor, welche fast ganz das Ebenbild ihrer Mutter, nur boser, als jene, war.

Elisa besass eine Freundin, ihr Name war H e n r i e t t e von W a n b e r g ; sie war einige Jahre alter als Elisa, eine Waise und durftig. Die Baroninn von Hohnau erlaubte, dass sie die Gesellschafterinn ihrer Tochter wurde, und bot ihr ihr Haus zu ihrem Aufenthalte an.

An der Seite ihrer theuren Henriette verlebte Elisa die ersten Jahre ihres angehenden Fruhlings. Sie ordnete ihre allzu feurige Einbildungskraft, durch welche die junge Elisa hatte irre geleitet werden konnen. Am Grabe ihres Vaters wiederhohlte ihr Henriette oft seine Lehren, und geruhrt erwiederte ihr einst Elisa: Ja, unvergesslich sind mir seine letzten Worte, unvergesslich ist mir seine Tugend, seine Grosse der Seele! Ach, Henriette! ich versprach es seinem Schatten, ihm ahnlich zu werden, sage, hielt ich mein Versprechen?

H e n r . Liebe Elisa, es zu wollen, ist schon Tugend.

E l i s a . Nein, nein, weg mit jener Gemeintugend, weg mit jenen guten Vorsatzen, welche unausgefuhrt bleiben! Sieh, Henriette, den reinen heitern Himmel, er soll immer das Bild meiner Seele seyn, ewig rein und unbefleckt!

H e n r . Wohl Dir dann, meine Freundin, wenn dieses stets so ist. O, dass Kummer immer so entfernt von Dir seyn mag, als es das Laster gewiss seyn wird!

E l i s a . Warum diese Betrachtung, Henriette? Ich kann erwarten, dass ich den Kummer nicht kennen werde. Ich kenne nur ein Gluck, Liebe und Tugend konnen es gewahren. Mit einem edeln Manne verbunden zu seyn, ist das einzige Gut, nach welchem ich strebe; es wird mir zu Theil werden, und an seiner Seite werde ich jedes Ungemach ertragen.

H e n r . Warum nur unter dieser Bedingung, Elisa? Wer hat Dir Dein Loos gesagt? Keine Schwarmerey! Sie wird Dich elend machen. Den Mann nach Deinem Herzen findest Du nicht. Sanfte, gefuhlvolle, erhabene Seele, Du lebtest nur in der Einsamkeit, Du weisst nicht, wie in der Welt Leidenschaften und entgegengesetztes Interesse mit einander kampfen, wie bald die Tugend unterliegt, wie besonders jene Delikatesse, jene seine Gefuhle bald erstickt werden, welche in der mannlichen Seele nie in der Starke als in der weiblichen sind. O, Elisa! eine Eigenschaft fehlt Dir noch, ohne welche die Tugend nur Schwachheit ist, und welche die letzte Rede Deines Vaters Dich lehren sollte: Starke der Seele, und richtige Beurtheilung. Erwarte Mittelmassigkeit von den Menschen, erwarte von der Hand des Schicksals Kummer und Freude. Dieses

E l i s a . Dieses waren seine Worte; glaube nicht, dass ich sie vergessen werde. Ach, Henriette! fuhre, leite mich. Ich kann es mir oft nicht vorstellen, dass die Menschen nicht eben so dachten, eben so empfanden, als ich. Alles Grosse und Schone erregt ja ein so erhabenes Gefuhl in uns, gefallt, so bald wir es erkennen, und erzeugt das Verlangen, es zu erreichen.

H e n r . Wohl wahr, meine Freundinn, wenn alle Menschen so wie Du und ich Zeit hatten, auf ihre inneren Gefuhle zu merken. Wenn sie nicht vom Strome der Leidenschaften und von tausend Begebenheiten hingerissen wurden, welche es ihnen. unmoglich machen, richtig zu urtheilen; und wenn endlich, noch ehe sie denken konnten, nicht schon ihr Geschmack eine falsche Richtung bekommen hatte, wo sie nicht mehr fahig sind, weder das Schone zu erkennen, noch Gefuhl dafur zu haben.

E l i s a . (Mit einem Seufzer.) Ach, Henriette! so wurde ich mich ja fast allein in der Welt finden? so fande ich nicht Seelen, die mich verstehen, so musste ich einsam, von den Menschen entfernt, meine Tage zubringen?

H e n r . Nein, ein so trauriges Bild wollte ich nicht in Dir erregen. Fliehen sollst Du die Menschen nicht, nur keine uberspannten Begriffe von ihrer Tugend haben. Jede gute Seele wird Dich verstehen (und deren giebt es noch viele), wenn Du nicht Vollkommenheit von ihnen heischest. Nein, die Tugend selbst horte auf, es zu seyn, wenn sie nicht mit Menschen leben konnte; und welche gefuhlvolle Seele wunschte nicht lieber von Menschen hintergangen zu werden, als nur in sich verschlossen zu leben?

E l i s a . Ich fuhle die Wahrheit Deiner Worte, auch erwarte ich nicht, mich in jedem Menschen zu finden; aber es giebt doch deren gewiss, welche eben so denken, eben so empfinden, als ich.

H e n r . Weit entfernt sey es von mir, die menschliche Natur so zu erniedrigen, um das Daseyn schoner Seelen zu bezweifeln. Ja, sie sind noch, die, welche das Gute nur um seiner selbst willen lieben, die uneigennutzig edel handeln, die Wohlwollen und Liebe fur jedes Wesen empfinden.

Aber, ob Du sie antreffen wirst, Elisa? Ob sie sich nicht in der Menge verlieren werden, und Du sie dann nicht wahrnimmst? Wer kann dir das versprechen?

E l i s a . Mein Herz! Es wird sie finden!

H e n r . Liebenswurdige Schwarmerinn! oft wirst Du glauben, sie gefunden zu haben, und wirst dann trauern, wenn Du Dich hintergangen hast!

E l i s a . (Sie umarmend.) Henriette, so wirst Du mir doch bleiben! aber warum zerstorst Du immer die sussen Bilder meiner Einbildungskraft?

H e n r . Weil es Bilder sind, und Du sie als Wirklichkeit betrachtest. Elisa, ich schwarme vielleicht auch, aber meine Einbildungskraft zeigt mir Dich, als das Ideal weiblicher Vollkommenheit, und ich will, dass Du es erreichen sollst.

E l i s a . Ich, Vollkommenheit erreichen, so weit sie ein Weib erreichen kann? O, Henriette, dieser Gedanke erhoht mein ganzes Selbst!

H e n r . Und er schmeichelt meinem Stolze, wenn ich denke, dass auch ich daran arbeite. Doch, ich tausche mich. Wenn Elisa die Vollkommenste ihres Geschlechts wird, so ist sie es durch ihren Vater, durch sich selbst geworden.

E l i s a . Vollkommenheit! hoher, erhabener Begriff, den wir kaum fassen konnen, dir werde ich mich nicht nahern! aber gut will ich werden, und hierzu, meine Henriette, bedarf ich Deiner Hulfe!

H e n r . Ja, Elisa, nie werde ich schweigen, wenn Du fehlst, nie Dir die Wahrheit verhullen. Meine ganze Seele hangt an Dir, ich theile Deine Tugenden, Deine Fehler, ja die Erstern machen mich stolz.

E l i s a . Liebes Madchen! Sey versichert, von heute an bilde ich mir keine Menschen mehr, Du zeigst mir, dass ich Unrecht hatte, wenn ich mehr suchte, als ich schon gefunden habe.

E l i s a und H e n r i e t t e umarmten sich, wie nur reine Seelen sich umarmen konnen, welche der Tugend Bund beschworen. Stummes Entzucken, und Ergiessung des Herzens, war in dem Kusse der Freundschaft. Eine sahe in der Andern die liebevolle, erhabene Seele, und beyde liebten sich um so mehr. So verflossen noch einige Jahre, in welchen Elisa, immer noch von ihrer feurigen Einbildungskraft geleitet, das Ideal des Schonen und Grossen nicht mehr in Andern suchte, sondern in sich zu erreichen sich bestrebte. Sie gewohnte sich, Dinge und Menschen zu betrachten, wie sie wirklich waren. Den schonen Traum von Tugend; Freyheit, Gleichheit unter allen Menschen, traumte sie zwar auch, sahe auch ein, dass es moglich werden konnte, und dass, wenn die Menschen besser waren, sie auch glucklicher seyn wurden; allein dieses wurde zu ihrer Zeit so viel gesagt und geschrieben, ohne dass die, welche es am haufigsten sagten, bey sich selbst diese grosse Verbesserung anfingen. Elisa sagte es nicht, aber sie wollte es sich durch sich selbst beweisen. Sie sahe, dass die Menschen nach unsern politischen und burgerlichen Einrichtungen nicht besser seyn konnten; dass nothwendige Ursachen eben diese Einrichtungen hervorgebracht hatten, das sahe sie auch, und dass diese gleichwohl nicht eher wurden geandert werden, als bis die Menschen kluger und besser wurden, das erkannte sie. Auch dachte sie, dass ein Jeder, der dieses einsieht, hierzu beytragen konnte; zwar nicht durch das bestandige Zurufen: Werdet besser, und werdet glucklicher! sondern durch Handlungen, diesem Grundsatze gemass. Zeigt es erst den Menschen, dass dieses so ist, sprach sie zu ihrer Henriette, und dann fordert es von ihnen! Klagt nicht, dass das Gluck nicht das Verdienst belohnt, zeigt, dass es in eurem Verdienste, in eurer Tugend, in Euch selbst besteht, dass fremde Guter es Euch nicht geben, und Unfalle es Euch nicht rauben konnen, weil Ihr es mit Euch fuhrt! Bereitet Tugenden der kunftigen Generation, und erzeiget der gegenwartigen Gutes! Oft muss ein halbes Jahrhundert erst eine Revolution in der Denkungsart bewirken. So wurde Elisa, immer noch feurig in ihren Empfindungen, kalt in ihren Urtheilen und Schlussen; sie empfand lebhaft, aber sie dachte richtig. Uneigennutzige Liebe und Wohlwollen hegte sie gegen alle Menschen, aber sie erwartete sie nicht von ihnen; wenn sie sie antraf, empfieng sie die Beweise davon mit Dank und Ruhrung. Jedoch weit entfernt, misstrauisch zu seyn, ahndete sie nicht Boses in jeder Handlung ihrer Mitgeschopfe; nein, sie wusste, dass die Menschen immer nach dem Guten streben, und dass falsche Begriffe allein sie irre leiten; nie wurden sie einander beleidigen, nie sich zu schaden suchen, wenn sie sich nicht gegenseitig als ein Hinderniss ihrer Gluckseeligkeit betrachteten. Dieses machte sie weniger empfindlich fur Beleidigungen, und bereiter zu verzeihen. Liebe und Gute schienen in der ganzen Natur zu athmen, und schienen allein ihr Wesen auszumachen. Sie verehrte in allen Geschopfen den ersten Ursprung aller Wesen. Wenn sie zum Himmel blickte, sich Millionen Welten dachte, so verlor sich ihr Geist in diesen Betrachtungen. Die Pracht, die Grosse, die Mannichfaltigkeit der Welt erhob ihn; im stummen Staunen stand sie da, und empfand endlich, dass der Geist zu dieser Unendlichkeit sich nicht erheben konnte; wenn aber der Gesang der Vogel im nahen Hain erschallte, wenn der Nachtigall liebliches Lied ertonte, wenn sie den brausenden Kafer, den Wurm zu ihren Fussen, die wimmelnden Insekten, welche die Lust erfullten, sahe, dann fiel sie nieder und rief aus: Ja, du bist! du bist! Der Wurm so wie der Sternen Heere beweisen dein Daseyn; das Insekt, das ich einathme, zeiget deine Grosse! Und dieses Gefuhl vom Daseyn eines ersten Wesens, welches nur Sophisterey bezweifelt, das Herz aber immer erkennt, und der Verstand immer begreift, war ihr das seligste. Wohin sie sahe, erblickte sie den Urheber alles Seyns: Was du auch bist, sprach sie, gewiss, du horst nie auf zu wirken; ich erkenne es, deine Kraft belebt die ganze Natur! Elisa glaubte, dass es des Menschen edelstes Geschaft ware, den Geist aufzuklaren, und ihn dadurch zu veredeln; sie bildete ihren Verstand, erwarb sich Talente und Kenntnisse, und durch Lesen und Nachdenken hatte sie die Eigenschaften erlangt, welche sie so liebenswurdig machten. Lesen, auf Gelehrsamkeit Anspruch machen, schone Geister seyn zu wollen, war zwar zu ihrer Zeit unter den Frauenzimmern so gewohnlich, dass sie oft ihre wichtigern Pflichten daruber versaumten, und dass vernunftige Manner, welche diesen Missbrauch einsahen, alle Beschaftigungen des Geistes fur ein Frauenzimmer verwarfen, weil sie sie als Quelle dieses Uebels betrachteten, und sie zur Unwissenheit verdammten; weil Missbrauch der edelsten Beschaftigungen, falsche Anwendung derselben, und das Verlangen, mit Kenntnissen zu prahlen, sie zu Thorinnen machte. Wer hatte aber eine Elisa getadelt, welche nur lernte, um besser zu werden? die edles Vergnugen, starkern Reiz zur Tugend in den Beschaftigungen des Geistes fand, die, weit entfernt durch Witz, Verstand und Gelehrsamkeit glanzen zu wollen, jeden Schein davon vermied, und welche auch die geringste Handarbeit nicht verachtete, ihr willig ihre liebsten Beschaftigungen aufopferte, sobald Pflicht es heischte? Elisa theilte einst selbst ihre Gedanken uber diesen Gegenstand ihrer Henriette mit, nachdem sie einige Stunden in einer Gesellschaft schoner Geister von beyden Geschlechtern zugebracht hatte.

E l i s a . (Henrietten, welche ihr entgegen kommt, freudig umarmend.) O, wie wohl ist mir, Henriette, dass ich wieder bey Dir bin!

H e n r . Habe ich diese Freude Deiner Liebe zu mir, oder der Langenweile, die Du empfandest, zu verdanken?

E l i s a . Beydem, liebes Madchen! doch ich gestehe es Dir, in diesem Augenblicke mehr noch der letztern. (Sie gahnt.) O, es ist unertraglich langweilig, mit Leuten umzugehen, welche aufgehort haben, die Sprache der Natur zu sprechen; die alle vor Verlangen brennen, ein wenig Witz und einige seichte Kenntnisse zu zeigen, und aus allzu grosser Gelehrsamkeit oft Ungereimtheiten sagen.

H e n r . Du sprichst so? Du, die Du in den Unterhaltungen des Geistes Dein grosstes Vergnugen findest, und mit Entzucken die Schriften grosser Manner liefest?

E l i s a . Ja, Henriette; ich verehre wahre Gelehrsamkeit, aber ich verachte eben so sehr jeden Schein derselben, den nur unwissende Pedanten annehmen, um sich verachtlicher zu machen. Grosses Wesen! wenn es der edelste Vorzug des Menschen ist, dass er fahig ist, durch anhaltendes Forschen hohere Kenntnisse zu erlangen, wie sehr erniedriget er sich, wenn er die grossen Fahigkeiten, welche du ihm gabest, nur anwendet, durch Missbrauch derselben unverdiente Bewunderung zu erlangen! Wenn der, den das Gluck begunstiget, seinen Geist zu bilden, sich nur begnugt, statt Begriffe leere Worte zu sammeln, mit welchen er vor Unwissenden, sich den Schein tiefer Gelehrsamkeit giebt, und noch stolz auf diese nichtige Wissenschaft ist!

H e n r . Liebe Elisa, bist Du nicht allzu strenge gegen diese armen Wurmer der Gelehrsamkeit, welchen, sich hinaufzuschwingen, Flugel fehlen?

E l i s a . Nein, Henriette, ich verlange nur, dass man seine Ohnmacht fuhle, dass man einen Blick in sich selbst thue. Wussten alle schone Geister und philosophirende Damen, wie thoricht sie durch das Bestreben werden, mit der Oberflache von Kenntnissen zu glanzen, welche nur ihre Unwissenheit beweist, sie wurden ihrer Eitelkeit bald eine andre Richtung geben, und aufhoren, Kenntnissen und Gelehrsamkeit den Anstrich des Lacherlichen zu geben.

H e n r . Aber, meine liebe Moralistin, Sie schelten auf philosophirende Damen, und philosophiren doch selbst so gern.

E l i s a . Henriette! ich bin doch keine Pedantinn. Unglucklich ware das Weib, wenn es zur Unwissenheit verdammt ware! Nein, die Natur gab uns gleiche Fahigkeiten, wir haben also gleiche Verpflichtung, sie auszubilden. Ja, unsere burgerliche und gesellschaftliche Verfassung erfordert, dass Weiber in den hohern Standen Welt-, Menschen- und Sachkenntnisse besitzen. Und warum sollten sie des edlen Vergnugens beraubt seyn, ihren Geist immer mehr aufzuklaren, ihren Verstand zu bilden? Mogen sich auch die Manner dagegen aufwerfen, so werden sie doch gern das kluge Weib zu ihrer Gefahrtinn wahlen. Doch nein, der vernunftige, edle Mann verachtet nicht hohere Eigenschaften in dem Weibe, aber er verachtet in ihr jeden Anspruch, jeden Schein von Gelehrsamkeit, welcher sie ihre Pflichten vernachlassigen macht. O, wer nur in der Veredlung seines Geistes Vergnugen findet, der wird nie, um Bewunderung zu erregen, mit lacherlicher pedantischer Miene ein wenig Gelehrsamkeit auskramen; denn dieses erniedriget uns! Nie wird das Weib von richtigen Kenntnissen und Verstande und erhabenen Gesinnungen eine Pedantinn werden; nie nach einem hohern Rufe, als nach dem Rufe eines guten, ihren Pflichten getreuen Weibes streben.

H e n r . Ich hore Dich mit Vergnugen, meine Freundinn! Nein, die Mode-Thorheit unsers Zeitalters wird fur Dich nicht ansteckend seyn! Du hast ins Innere geblickt, und den Schein von der Wirklichkeit getrennt, der so manches, in der That, kluge Frauenzimmer verfuhrt.

E l i s a . Ich fuhle es auch, Henriette, wie leicht selbst ein kluges Frauenzimmer durch ihn verfuhrt werden kann; und die Manner, welche das pedantische, das gelehrte Weib tadeln, sind doch selbst die Ursache des gelehrten Paroxismusses, der jetzt unter unserm Geschlechte so herrschend ist. Warum geben sie uns Beyfall, indem sie uns verdammen? Durch Lob und Eitelkeit verblendet, sehen wir nur den Beyfall, und horen nicht den Tadel, und nun verdoppelt sich das Bestreben, grossern Beyfall zu erhalten. Ich bedaure immer das Frauenzimmer, welche stets bereit ist, ihre hohern Kenntnisse zu zeigen, und um sich eine Schaar Bewunderer zu sehen glaubt; gern mochte ich ihr zurufen: Ein Heer der Spotter versammelst du um dich! Suche Bewunderung durch Tugend, nicht durch Gelehrsamkeit zu erlangen!

H e n r . Billigest Du auch nicht, wenn ein wirklich kluges und bescheidenes Frauenzimmer die Gesellschaft gelehrter Manner sucht, nicht um zu glanzen, sondern um zu horen?

E l i s a . Dieses ist der Strand, an dem die Bescheidenheit scheitert, und Eitelkeit und das Verlangen zu glanzen, sich ihrer Seele bemachtigen. Ich verlange nicht, dass ein Frauenzimmer sich das Vergnugen einer klugen Unterhaltung untersagen soll; sie soll den klugen Mann nicht meiden, sie kann ihn suchen, nur nicht pedantisch ihm anhangen, nicht gelehrte Clubs besuchen. Denn macht sie hierdurch nicht schon einen Anspruch auf Gelehrsamkeit? Sich in der Gesellschaft gelehrter Manner befinden! O, Ihr Weiber! die Ihr Euch uber den gemeinen Haufen Eures Geschlechts erhebt! die Ihr richtige Kenntnisse und Bescheidenheit besitzt, sagt selbst: Macht dieser Gedanke Euch nicht stolz? Erregte er nie Eure Eitelkeit? Waret Ihr nur immer Zuhorerinnen? Empfandet Ihr nie das Verlangen, selbst zu glanzen? Erfulltet Ihr es nie? Und endlich, verliesst Ihr diese Gesellschaften mit dem Vorsatze, bessere Gattinnen, bessere Mutter, bessere Kinder, bessere Menschen zu seyn? Oder wolltet Ihr nicht vielmehr, bey Vernachlassigung Eurer wichtigsten Pflichten, Euch in den Stand setzen, einen der ersten Platze in diesem geistreichen Zirkel einzunehmen? War Euer Gefuhl fur Tugend warmer, als wenn einsam Ihr Euch mit Euern Betrachtungen uber Euch selbst, uber Eure Pflichten, uber den Zweck des Menschen, uber Gott und die Schopfung unterhieltet? Nein, gewiss nicht! aber auch nicht gelehrter verliesst Ihr jene Gesellschaften, und das Vergnugen, das Ihr empfandet, entsprang blos aus der Eitelkeit.

H e n r . O, meine Elisa! dass doch unsere Schwestern, welche aus Verblendung irren, Deinen Zuruf gehort hatten! Sie halten jene gelehrten Clubs fur ganz unschadlich.

E l i s a . Sie glauben vielmehr, Veredlung des Geistes da zu finden. Es wird da so viel uber Tugend, uber unsere Gefuhle und Leidenschaften moralisirt. Die grossen Worte: Philosophie, Religion, Naturalismus, Toleranz und Menschenliebe, werden so oft wiederholt, dass man das, was man hort, zu seyn glaubt. Schone, erhabene Gedanken, welche in einer Versammlung gelehrter Manner gewiss oft statt finden, werden zwar mit Begeisterung angehort, aber das Verlangen, selbst Bewunderung zu erregen, erlaubt dem Verstande nicht, sie richtig zu fassen, sie sich verstandlich zu machen, und sie bleiben ohne Nutzen. Ja, ich behaupte, dass selbst Manner diese Clubs ohne Nutzen besuchen; denn ein jeder kommt nur hin, sich selbst und nicht Andere zu horen. Hier, wo nur Stolz und Selbstbewunderung die Versammlung beschaftiget, werden sich die Begriffe nicht erweitern. Im freundschaftlichen Gesprache, im Zirkel einiger denkenden Kopfe, welche ohne Prahlerey versammlet sind, nicht Gelehrsamkeit zum Zwecke haben, ist es, wo durch Mittheilung der Gedanken, Beobachtungen uber Gegenstande unserer Aufmerksamkeit wurdig, neue Begriffe in unserer Seele entstehen, sich erweitern, sich mit jenen verbinden, und unser Geist aufgeklarter wird. Und dieses Vergnugen ist auch fur die Wenigen unsers Geschlechts, welche durch hohere Begriffe, bessere Handlungen, sich uber die gewohnlichen Weiber erheben. Ja, meine Schwestern! dieses Vergnugen ist susser, ist edler, als mit dem Scheine der Gelehrsamkeit zu glanzen, bey welchem unsere Eigenliebe so oft Demuthigungen erfahrt. Auch in Eurem hauslichen Zirkel konnt Ihr dessen geniessen, und die Erfullung Eurer Pflichten wird Euch den Genuss verdoppeln.

H e n r . Lass Dich umarmen, meine Elisa! O, ihr Weiber; lernt, wie sie, denken! dann werdet Philosophinnen, Gelehrte, ihr werdet unter jedem Namen verehrungswurdig seyn.

So war Elisa, als Herrmann von Birkenstein seine Mutter besuchte, welche ohnweit Hohnauschloss, (Rittersitz der Baronin von Hohnau) auf einem einsamen Landgutchen lebte. Die Baronin von Hohnau kannte die Frau von Birkenstein nicht; sie war arm, ihre Familie hatte ihren alten Glanz verloren, und Frau von Hohnau wurdigte sie nicht eines Besuchs. Aber Elisa und Henriette waren ihr oft (da beyde Guter an einander grenzten) auf ihren einsamen Spaziergangen begegnet, hatten in ihr Edelmuth, sanfte Gefalligkeit und wahre Gute wahrgenommen, und eilten zuweilen, wenn Caroline sie nicht begleitete, nach Birkenstein, wo nicht der finstre Ernst einer alten Matrone, sondern die mutterliche Zartlichkeit einer erfahrnern Freundinn sie aufnahm. Bey einem dieser Besuche war es, wo Herrmann und Elisa sich zuerst sahen; sie war mit ihrer Freundinn, ihrer Gewohnheit nach, nach Birkenstein gegangen; beym Eingange des Dorfs erblickten sie eine Schaar junger Bauerinnen, landlich geschmuckt, und Blumenkranze tragend. Der Zug ging nach dem Wohnhause der Frau von Birkenstein. Was bedeutet das? ruft Elisa den jungen Madchen zu. O, rufen Alle, heute ist der Geburtstag unserer guten Mutter, unserer gnadigsten Gebieterinn; sie thut uns so viel Gutes, wir wollen ihr zeigen, dass wir sie auch lieben; aber wir konnen ihr nichts als Blumen bringen!

E l i s a . Und Eure Dankbarkeit und Eure Liebe? Nicht so?

D i e M a d c h e n . O gewiss! gewiss!

E l i s a . Nun, gute Madchen, das ist ein kostliches Geschenk, und sie wird gewiss sich dessen freuen. Aber, wollt Ihr uns wohl mitnehmen?

D i e M a d c h e n . Herzlich gern! Sie lieben ja auch unsere gute Mutter.

E l i s a . Komm, Henriette, lass uns ihr auch Blumenkranze bringen!

Schnell riss Elisa den Hut vom Kopfe, bekranzte ihr Haar mit Blumen, gurtete ihr Kleid auf, und erhielt von den gutherzigen Landmadchen den schonsten Blumenkranz. Henriette folgte ihrem Beyspiele, und nun fuhrten Beyde den Zug an. Schon in der Ferne erblickte Elisa Frau von Birkenstein, welche vor ihrem Hause unter dem Schatten einer Linde sass. Elisa verdoppelt ihre Schritte; ihr warmes Gefuhl fur Tugend lasst sie mit Entzucken das Schauspiel geniessen, welches die Liebe und Dankbarkeit dieser guten Landleute gegen ihre Wohlthaterinn ihr darbietet. O, Natur! ruft sie aus, in deinem Schosse giebt es noch gute Menschen! Diese freudige Empfindung erhohte das Roth ihrer Wangen. Sie hatte sich nun der Frau von Birkenstein genahert, voller Ruhrung wirft sie sich ihr in die Arme. Liebe Mutter! ruft sie aus, unsere Herzen huldigen Ihnen heute, seyn Sie uns noch lange das Beyspiel der Tugend und Gute.

Alles drangte sich nun um Frau von Birkenstein, ein Jeder wollte ihre Hand, ihren Rock ergreifen; man legte die Blumen zu ihren Fussen, man kusste den Saum ihres Kleides. Mit freudigem Wohlwollen blickte sie auf die guten Geschopfe. Ich danke Euch, meine Lieben, sprach sie mit sanftem Tone, ich werde mich bemuhen, Eure Liebe zu verdienen. O, gnadigste Frau, beste Gebieterinn! rufen Alle wie aus Einem Munde, wie konnen wir Ihnen vergelten.... Genug, genug, fallt Frau von Birkenstein ein, wir wollen uns immer gegenseitig lieben, gegenseitig dienen. Elisa hing noch immer an ihren Blicken, und bemerkte nicht Herrmann, der neben seiner Mutter stand. Aber seine Blicke waren unverandert auf sie geheftet; er sahe nicht die freudige Menge, welche um seine Mutter sich versammelte, nicht die mit Blumen geschmuckten Madchen; er sahe nur Elisa, horte noch immer ihre sanfte Stimme, als sie schon langst nicht mehr sprach. Starker hatte ihm sein Herz geschlagen, als sie die Frau von Birkenstein Mutter nannte, und gerne ware er neben ihr an den Busen der Mutter gesunken. Schon waren die ersten Ausbruche des Danks und der Freude gemindert, als erst Elisa Herrmann erblickte. War es Besturzung, hier so unvermuthet einen jungen Mann zu sehen? war es Verwirrung, weil ihre Blicke den seinigen begegneten? Kurz, Elisa schlug die Augen nieder, und errothete. Doch bald blickt sie ihn wieder an, und findet, dass er schon ist. Noch nie hatte sie bey einem Manne diese Anmerkung gemacht; aber Herrmanns Auge war so voll Geist, das Feuer desselben schien so durch Gute und Menschlichkeit gemildert zu seyn, es war eine so sanfte Ruhrung in seinen Blicken, dass die ihrigen mit Wohlgefallen auf ihm verweilten. (Sie wendet sich zu Henrietten.) Wer mag der junge Mann dort seyn?

H e n r . Ich habe ihn schon lange bemerkt; seine Bescheidenheit, glaube ich, erlaubt ihm nicht, sich naher mit uns bekannt zu machen.

E l i s a . Ich sahe noch nie so interessante Zuge, als die seinigen.

H e n r . (Lachelnd.) Auch noch nie wurdigtest Du einen Mann so vieler Aufmerksamkeit.

Hier wurden sie von Frau von Birkenstein unterbrochen, welche ihnen Herrmann als ihren Sohn vorstellte. Er uberraschte mich gestern, sprach sie; es sind nun funf Jahre, dass ich ihn nicht gesehen habe; urtheilen Sie, wie gross meine Freude war!

Herrmann und Elisa begrussten sich mit Verwirrung. Kommen Sie aus B...? fragte sie ihn endlich mit bewegter Stimme. Ja, mein Fraulein, war seine ganze Antwort, und nun hatte die Unterredung ein Ende. Ich weiss nicht, Herrmann, hub Frau von Birkenstein an, wie du mit einemmale geworden bist? Du warest noch vor wenigen Augenblicken so heiter, aufgelegt, und nun bist Du still, kopfhangerisch.

H e r r m . Liebe Mutter, Ueberraschung, Freude uber diesen Tag, der Sie werden liess, um mich durch die beste Mutter zu beglucken. O, hatte ich nicht empfinden sollen, da hier alles empfand, nicht zehnfach diese Empfindungen der Liebe und Dankbarkeit hegen sollen? Mit Inbrunst druckte er hier seiner Mutter Hand an seine Lippen; ein Lacheln mutterlicher Zartlichkeit war ihre Antwort. Tief wurde Elisa durch diese Scene kindlicher und mutterlicher Liebe geruhrt; denn ach! sie kannte das Gluck nicht, von einer Mutter mit Zartlichkeit geliebt zu werden; sie dachte an ihren Vater, und eine helle Thrane glanzte in ihrem schonen Auge. Aber Henriette sahe, dass Elisa's Gegenwart die Warme erzeugte, mit welcher Herrmann sprach; sie sahe ihre Freundinn bewegt, und zitterte schon fur sie. Sie wollte dieser stummen Scene, in welcher Empfindung so laut sprach, ein Ende machen; sie wandte sich also gegen Frau von Birkenstein: In der That, sprach sie, die Freude hat uns sprachlos gemacht, und ein wenig Zerruttung in uns hervorgebracht. Wir sind alle stumm, und haben uns doch alle etwas zu sagen. Elisa und ich sollten Ihnen unsern Gluckwunsch uber die Ankunft Ihres Sohnes abstatten, und der Herr von Birkenstein konnte uns wohl seine Freude bezeigen, uber das Gluck, zwey so angenehme Nachbarinnen zu finden.

H e r r m . Nur wenn ich schwach empfinde, drucke ich meine Empfindungen durch Worte aus, und dieses ist heute nicht der Fall.

H e n r . Gut, nun wir davon unterrichtet sind, sehen wir Ihr Stillschweigen als das grosste Compliment an.

H e r r m . Ihnen kann man nie ein Compliment machen.

H e n r . O, Herr von Birkenstein, man merkt es, dass Sie aus B... kommen; aber wir Landmadchen konnen Ihnen hierauf nicht antworten.

F r . v . B . Im Gegentheil, liebe Henriette, scheint mein Sohn heute sogar unter uns Landleuten verlegen.

H e r r m . Liebe Mutter, haufen Sie doch nicht so viele Beschuldigungen gegen mich! Wie werde ich mich gegen Sie Alle vertheidigen konnen?

E l i s a . Um Verzeihung, Herr von Birkenstein, Sie haben es nur mit zweyen zu thun; ich nahm keinen Antheil an der Beschuldigung meiner Freundinn.

H e r r m . (Ihre Hand an seine Lippen druckend.) Ihr huldreicher, sanfter Blick lasst mich hoffen, in Ihnen eine Beschutzerinn zu finden.

E l i s a . Sie rechtfertigen in diesem Augenblicke, was Ihnen meine Freundinn zuvor sagte.

H e r r m . O, gewiss nicht, gewiss nicht! Meine Mutter kann es Ihnen sagen, schon als Knabe entfernte ich mich nie von der Wahrheit.

F r . v . B . Auch glaube ich mit Dir, Herrmann, dass Elisa und Henriette nur die Wahrheit horen konnen, wenn ihnen Lob ertheilt wird.

H e n r . Frau von Birkenstein, Sie treten zu seiner Parthey uber; Elisa erklart, dass von ihrer Seite kein Anariff geschehen ist; ich sehe mich also allein auf dem Kampfplatze, und wohl oder ubel, muss ich nun wohl Friede machen.

Die scherzhafte Wendung, welche das Gesprach nahm, stimmte Herrmanns und Elisa's Empfindungen zu dem vertraulichen Tone der Freundschaft um. Gleich edel, gleich gefuhlvoll fur das Schone, empfanden sie, dass sie sich verstanden, und verbannt war zwischen ihnen jenes steife Ceremoniel, welches nur kalte Seelen erfanden und an die Stelle des Gefuhls setzen.

Frau von Birkenstein schlug vor, die jungen Madchen hier unter der grossen Linde tanzen zu lassen. Elisa, Henriette und Herrmann freueten sich dieses Einfalls, riefen den jungen Madchen und Burschen, und tanzten selbst im Reihentanze mit. O, sagte Elisa zu Herrmann, nachdem sie sich wieder gesetzt hatten, wie angenehm ist das Bild der Freude, und wo wird es treuer dargestellt, als auf landlichen Festen!?

H e r r m . Wohl wahr! die Erinnerung an dieselben ruhrt mich oft, wenn ich in B... die Sale der Langeweile besuchen muss, zu denen man, als den Schauplatzen des Vergnugens hineilt.

E l i s a . Das lebhafte Gefuhl fur die Natur ist gewiss das seligste, das begluckendste! Ich freue mich, wenn ich es antreffe; denn der Mensch, in dem es wohnt, ist gut, wie die Natur.

H e r r m . Sie beweisen dieses! Ja, nur mit einer schonen, erhabenen Seele konnte man so, wie Sie, mit den Bauerinnen tanzen.

E l i s a . Schmeicheln Sie mir nicht, Herr von Birkenstein, aus Ihrem Munde konnte mir das Lob gefahrlich werden; denn ich wurde geneigt seyn, es zu glauben.

Elisa errothete, nachdem sie diese Worte ausgesprochen hatte; sie schatzte Birkenstein, und nicht gewohnt, zu heucheln, gestanden ihm diese Worte ihre Empfindung; allein sie erkannte gleich, dass sie einem Manne, den sie gar nicht kannte, zu schnell ihre Gesinnungen entdeckt habe; er bemerkte ihre Verwirrung, und weit entfernt, sie durch eine Miene der Freude und Selbstzufriedenheit zu vergrossern, bestrebte er sich, sie zu vermindern. Nein, edles Marchen, sprach er, das Lob eines Mannes, der die Tugend verehrt, kann fur eine schone Seele nicht verderblich seyn! Elisa erblickte in diesem Betragen seine zartliche Aufmerksamkeit fur sie, und ihr Herz dankte ihm.

E l i s a . (Nach einer Pause.) Wo ist denn Ihre Mutter und Henriette?

H e r r m . Mich dunkt, sie gingen dort jenen bedeckten Gang.

E l i s a . Lassen Sie uns zu ihnen gehen.

Nun gingen Beyde, schweigend, zu Henrietten und Frau von Birkenstein. Liebe Elisa, sprach Henriette, weisst Du wohl, dass es schon acht Uhr ist? und eine Stunde gehen wir von hier bis Hohnauschloss.

E l i s a . Schon so spat? Aber in Birkenstein beflugelt Freude die Zeit.

H e r r m . (Lebhaft.) Nicht in Birkenstein, sondern da, wo Sie sind! sie ist mit den Grazien, ihren Schwestern, immer in Ihrem Gefolge.

Verwirrt schlug Elisa die Augen nieder: mit Entzucken heftete Herrmann seine Blicke auf sie; lose lachelte Henriette, und Frau von Birkenstein betrachtete einige Augenblicke diese Gruppe mit Aufmerksamkeit. Henriette unterbrach endlich diese Stille: O, uber die ewigen Complimente! sprach sie; sie konnten uns endlich noch so gut gefallen, dass sie uns am Ende gar hier fesselten. Wohlan, Elisa! wir wollen uns der Gefahr mit Gewalt entreissen.

Elisa lachelte, und Beyde nahmen nun Abschied von der Frau von Birkenstein. Herrmann bat, dass sie ihm erlauben mochten, sie zu begleiten, und Elisa und Henriette, Beyde so gewissenhaft in der Beobachtung ausserer Anstandigkeit, hielten doch dieses nicht fur unschicklich, sondern Elisa reichte ihm ihre Hand. Man sprach wenig auf dem Wege; Henriette bemuhete sich vergebens, die Unterhaltung lebhaft und allgemein zu machen; es gelang ihr nicht. Vor Hohnauschloss trennten sich die beyden Freundinnen von Herrmann. Er blieb stehen, bis dass er sie aus dem Gesichte verloren hatte, und ging dann nachdenkend nach Birkenstein zuruck. Was wird Deine Mutter sagen, sprach Henriette, nachdem Herrmann sie verlassen hatte, dass wir so spat zu Hause kommen?

E l i s a . Ich weiss nicht, ich furchte ihren Anblick.

Ihr Herz schlug ihr, als sie in die Thure trat; man sagte ihnen, dass Frau von Hohnau mit ihrer Tochter schon im Speisesaale waren; zitternd eilten sie hinein. Der Blick der Frau von Hohnau war finster. Warum, sprach sie, kommt ihr so spat zuruck?

E l i s a . (Mit zitternder Stimme.) Liebe Mutter, wir wussten nicht, wie viel Uhr es war.

C a r o l i n e . (Welche die Uhr an ihrer Seite erblickt, spottisch.) Warum hattest Du denn die Uhr mitgenommen, Schwester?

E l i s a . (Verwirrt.) Ich? die Uhr? Ich hatte nicht weiter daran gedacht.

F r . v . H o h n . Warum bist Du denn so verlegen? Ich will wissen, wo Du gewesen bist?

C a r o l . (Immer spottisch.) Hatte sich etwa ein junger Nachbar eingefunden, der sie auf ihren Spaziergangen uberrascht, und ihnen die Zeit verkurzt hatte?

Rothe uberzog Elisa's Wangen, allein ihre Stimme wurde fester; Carolinens unedles Betragen gab Elisa'n die Wurde der Tugend, und frey antwortete sie ihrer Mutter: Wir sind in Birkenstein gewesen.

F r . v . H o h n . Ich werde Euch bitten, nicht mehr ohne mich Besuche abzustatten.

Elisa bat ihre Mutter um Verzeihung, dass sie, ohne es zu wollen, sie beleidigt habe, und Frau von Hohnau antwortete ihr kalt, es ware schon gut. Caroline lachelte spottisch, Elisa klagte nicht, zuruck in ihrem Zimmer unterhielt sie sich nur mit Henrietten, von Birkenstein und Herrmann. Henriette benachrichtigte sie, dass Herrmann schon seit einem Jahre in B... beym Kammergerichte angestellt ware, und Hoffnung habe, bald eine Stelle zu bekommen.

E l i s a . Ich werde mich dessen freuen. Der junge Mann verdient gewiss glucklich zu seyn. Er hat eine solche offene Physiognomie, seine Zuge sind so sanft, sein ganzes Wesen zeigt Gute und Menschlichkeit.

H e n r . Dein Urtheil ist sehr schnell, liebe Elisa, Du sahest ihn nur einmal.

E l i s a . O, hatte ich ihn nur einen Augenblick gesehen, er ware hinreichend gewesen, mich zu uberzeugen!

H e n r . Das sagtest Du nicht im Ernste. Ich will Dir zugestehen, dass Herrmanns Ansehen fur ihn spricht; aber Du bist zu klug, um deswegen von seiner innern Gute uberzeugt zu seyn.

E l i s a . Ach, Henriette! wenn unser Herz ein gunstiges Urtheil fallt, ist es dem Verstande nicht erlaubt, dessen Ausspruch anzunehmen?

H e n r . Wenn Du jetzt bey dieser Frage nicht interessirt warest, wie wurdest Du sie beantworten?

E l i s a . (Nach einer Pause.) Ich erkenne es, Henriette, Du hast Recht! Erst will ich Herrmann beobachten, und allein meine Erkenntniss soll das Urtheil fallen.

Auch Herrmanns Herz urtheilte gunstig von Elisa, und ihre Gestalt schwebte ihm im Traume vor. Er eilte gleich am andern Morgen unter die Linde, wo er sie am vorigen Tage zuerst gesehen hatte, und seine Mutter fand ihn im tiefen Nachdenken versunken. Er war zerstreut; Herrmann, sprach Frau von Birkenstein, Elisa hat eine schnelle Veranderung in Dir bewirkt.

H e r r m . Mutter, ich liebte noch nie; ich glaube auch nicht, dass ich jetzt schon liebe, aber ein Madchen, wie Elisa, sahe ich noch nie.

F r . v . B . Sey vorsichtig, Herrmann! Nie kann Elisa die Deine werden!

Herrmann und Elisa begegneten einander nach einigen Tagen; er war entschlossen, sein Herz vor der Liebe zu bewahren, und Elisa wollte ihn beobachten. Kalt und mit Zuruckhaltung redeten sie einander an; dieser Zwang war Beyden lastig, der feurige Jungling konnte ihn nicht langer ertragen. Elisa, rief er aus, fehlt Ihnen etwas? Habe ich Sie beleidiget?

E l i s a , (Mit sanfter Stimme.) Nein, lieber Birkenstein, aber Sie selbst sind ja verandert.

H e r r m . (feurig.) Ich, verandert? gegen Sie? Ha! ...

H e n r . (Einfallend.) O, des brausenden Menschen! Sagen Sie mir nur, warum Sie in so heftige Bewegung gerathen?

H e r r m . Ach, verzeihen Sie, Elisa! Ich bin seit einigen Tagen so unruhig. Kommen Sie, lassen Sie uns auf jene Anhohe gehen; mich dunkt, man athmet freyer, wenn man die Erde unter seinen Fussen sieht, und sich den Wolken nahert.

Er ergriff ihre Hand, und sie erstiegen den Berg.

E l i s a . (Nachdem sie einige Zeit in stummer Betrachtung da gestanden hatte.) Wie schon ist es hier! Ihr, die ihr unzufrieden mit dem Schicksale seyd, kommt hierher! Seht, wie schon die Erde ist! Seht jenen Wald, der auch fur euch seine Schatten ausbreitet! Sauget der Blumen Balsamdufte, die auch fur euch da stehen! Sehet im Werke des Allmachtigen die Spur der Menschenhande, welche auch eure Bruder sind!

H e r r m . (Feyerlich.) Allgutige Natur, Mutter aller Freuden, lass uns dieses Augenblicks nie vergessen! Sollten wir je des Schicksals Harte empfinden, so erinnere uns, dass in deinem Schoosse uns der Freuden Fulle noch bleibt!

Alle waren bewegt; langsam richtete Elisa ihre Augen auf Herrmann. O, wie schon schien er ihr in diesem Augenblicke! Wurde und Sanftmuth war in seinen Blicken vereiniget, Grosse lag in seinen Zugen. Sie reichte ihm ihre Hand. Wohl! wohl! sprach sie, wollen wir des Augenblicks immer gedenken, um selbst bey Widerwartigkeiten noch glucklich zu seyn!

Eine Thrane entschlupfte bey diesen Worten ihrem Auge. Herrmann schlang seinen Arm um ihren Leib. Elisa kann nie unglucklich seyn, rief er; und nun riss er sich von ihr los, und eilte hinweg. Staunend sahe ihm Elisa nach, und seufzte, als er vor ihren Blicken verschwand. Sie verlor sich in ihren Betrachtungen uber ihn, und bald sahe sie nicht mehr die wirklichen Gegenstande, welche sie umgaben: sie sahe nur Herrmann, der schon weit von ihr entfernt war. Henriette, welcher keine ihrer Bewegungen entgieng, naherte sich ihr endlich. Hat Herrmann, sprach sie, so ganz Deine Aufmerksamkeit mit sich genommen, dass Du alles ubrige vergisst?

E l i s a . Zum wenigsten einen grossen Theil derselben; sein Betragen war sehr sonderbar.

H e n r . (Lachelnd.) War sehr naturlich.

E l i s a . Du scherzest jetzt immer, Henriette, und nie war ich weniger zu scherzen aufgelegt, als jetzt.

H e n r . Sage auch, nie war ich so ungerecht, zu verlangen, dass Anderer Launen sich nach den meinigen richten sollten, als jetzt.

E l i s a . Verzeihe, liebe Henriette! und tausend Dank Dir, dass Du mir meine Fehler sagest. Ohne Dich wurde ich ein albernes Madchen werden.

H e n r . Das nicht, liebe Elisa! ich verbessere nur hin und wieder kleine Flecken, um den Glanz noch zu erhohen.

E l i s a . Mein Herz sagt mir in diesem Augenblikke, dass ich Dein Lob diessmal nicht verdiene. Aber komm, lass uns zu Hause gehen, es wird kalt!

Elisa wurde nun nachdenkender; sie lachelte seltner; oft sass sie in Gedanken verloren, und Herrmann war der Gegenstand ihres Nachdenkens gewesen. Ich weiss nicht, sprach sie zu Henrietten, einige Tage nach ihrem letzten Spaziergange, warum Herrmann uns nicht besucht?

H e n r . Er glaubt vielleicht, dass deine Mutter ihn nicht gut aufnehmen wurde.

E l i s a . O, dann kennt er sich dann weiss er nicht, wie einnehmend er ist: (Henriette lachelt. Elisa errothend nach einer Pause.) Ich gestehe, ich bin feurig in seinem Lobe; wenn ich ihn sehe, schwindet der Vorsatz, ihn zu beobachten; mich dunkt, ich beleidige die Menschheit und die Natur, wenn ich bey seinem Anblicke noch zweifle, dass er Einer der Besten unter den Sterblichen ist. Sein Ausruf, seine Anrede auf dem Berge an die Natur, wie ungekunstelt! wie feyerlich! Henriette, ich hatte mogen Tage da stehen, und ihn betrachten!

H e n r . So ist es denn wieder ein Ideal von Schonheit und Vollkommenheit, welches Dich zu Herrmann hinreisst?

E l i s a . Kein Ideal, welches in meiner Einbildungskraft entsprang. Seine Zartlichkeit fur seine Mutter, seine Ehrfurcht fur die Tugend, sein lebhaftes Gefuhl fur die Natur, dieses alles ist Wirklichkeit; und wehe den kalten Seelen, welche diesen Eigenschaften nicht Achtung zollen!

Noch an eben dem Tage liess sich Herrmann bey der Baroninn von Hohnau melden. Elisa's Wange wurde feuriger bey seinem Namen; ihr zur Erde gesenkter Blick empfing ihn; langsam druckte er ihre Hand an seine Lippen, und ein Seufzer entfuhr seiner Brust.

H e r r m . (Nachdem er sich gesetzt hatte, zur Baroninn von Hohnau.) Gnadige Frau, die Bitte eines Unglucklichen fuhrt mich zu Ihnen, ein Bauer aus Birkenstein ...

B a r o n i n n v . H . (Einfallend.) Ich hoffe nicht, Herr von Birkenstein, dass Sie sich dieses Diebes annehmen wollen?

H e r r m . (Sanft.) Er ist ja ein Mensch, und ist unglucklich, sollte ich ihm denn nicht beystehen, wenn er meiner Hulfe bedarf?

B . v . H . Sie aber nicht verdient.

H e r r m . (Mit Warme.) Wann hort der Beystand auf, den der Mensch dem Andern leisten soll, wer wagt das zu bestimmen? Doch erlauben Sie mir, gnadige Frau, Ihnen sein Verbrechen und die Veranlassung dazu zu erzahlen, und Sie werden sehen, dass hier Gerechtigkeit Harte seyn wurde. Vor zwey Jahren starb der Vater des jungen Harberg; auf seinem Sterbebette sagte er seinem Sohne, dass er seit vielen Jahren einem andern Bauer zwanzig Thaler schuldig ware; er habe aber die Schuld abgeschworen; doch nun erwache sein Gewissen, und er konne nicht ruhig sterben, wenn er ihm nicht versprache, die Schuld zu bezahlen. Harberg hinterliess zwar seinem Sohne nichts; allein der Jungling hatte lange gedient, war sparsam und ordentlich gewesen, und hatte gerade so viel gesammelt, als die Schuld seines Vaters betrug; er brachte die Summe augenblicklich dem Glaubiger seines Vaters und dieser segnete ihn sterbend. Er bekam nun den Hof des Verstorbenen; allein er fand in demselben weder Hausgerathe noch Vieh; er musste borgen, um das Nothwendige kaufen zu konnen. Der Mann, welcher der Glaubiger seines Vaters gewesen, und in guten Umstanden war, geruhrt durch seinen Edelmuth, bot ihm seine Tochter zum Weibe an; allein der junge Harberg liebte schon lange, und wurde wieder von einem redlichen, aber durftigen, Madchen geliebt. Er wollte nicht treulos werden, und schlug die Tochter des alten Jacobs aus. Er heyrathete das Madchen, das er liebte, arbeitete fleissig, und bezahlte auch immer etwas von seiner Schuld; allein der schlechte Einschnitt im vergangenen Jahre liess ihn nun wieder Mangel fuhlen. Sein Weib kam vor vierzehn Tagen nieder, und war dem Tode nahe; noch liegt sie auf dem Krankenlager; er besass noch kaum soviel, um einige Brode backen zu konnen; sein Vieh hatte schon seit einigen Tagen gehungert; er hatte weder Stroh noch Heu, und im ganzen Dorfe wollte ihm kein Mensch etwas leihen; er konnte sein Vieh, das Mittel seiner Unterhaltung, nicht sterben lassen, und die Noth zwang ihn, die Wiese abzumahen, welche Ihnen, gnadige Frau, gehort, und an Birkenstein granzt. Sie haben ihn verklagt, der Richter hat ihn zum Ersatze, und zur vierwochentlichen Gefangnissstrafe verdammt. Der Ersatz macht zwanzig Thaler; hier sind sie; aber ein Wort von Ihnen kann ihn von der Gefangnissstrafe befreyen, welche ihn in seinen gegenwartigen Umstanden zum Bettler machen wurde.

B . v . H . Ich werde an den Richter schreiben; allein in der Folge wird selbst Ihre Furbitte den Dieben nichts helfen; das Laster muss bestraft werden.

H e r r m . Ist Armuth, worein Edelmuth sturzte, Laster? O, gnadige Frau! der gerechteste Richter ist die Stimme der Menschlichkeit!

B . v . H . Mit diesen schonen Phrasen, wenn sie in Tribunalen galten, wurde der Staat sehr schlecht verwaltet werden.

H e r r m . O, dass doch so wenig Menschen sich uberzeugen konnen, dass Gute und Menschlichkeit mehr Tugenden bewirken, als Strenge! Was hilft es, dass wir es in allen Schriften lesen, so lange wir noch Harte in den Herzen der Menschen finden! Nein, gnadige Frau, wenn erst Billigkeit, Untersuchung der Thatsache, und Nachsicht mehr, als ungerechte Gesetze, gelten werden, dann erst kann man hoffen, die Menschen besser und glucklicher zu sehen!

E l i s a . (Leise zu Henrietten.) Edler Mann! Hore ihn, Henriette, welche reine Menschenliebe aus ihm spricht!

Die Unterhaltung nahm nun eine andre Wendung; die Baronin von Hohnau hatte sich durch seine Worte beleidiget gefunden; er bemerkte es, und es that ihm wehe. Er wollte nicht ihrem Stolze schmeicheln, aber er konnte Elisa's Mutter nicht auf sich zurnen sehen. Gnadige Frau, sagte er endlich mit einer Freymuthigkeit, welche in Elisa's Augen ihn noch erhabener machte, ich sprach zuvor mit Eifer, die Sache der Menschheit flosst ihn mir immer ein; meine Worte aber waren nicht an Sie gerichtet; denn musste ich nicht voraussetzen, dass das sanfte weibliche Herz jede Aeusserung der Gute und Liebe billigte?

Die Baroninn von Hohnau ward beschamt durch Herrmanns Betragen. Wir verstanden einander nicht recht, anwortete sie; wie konnte ich in Ihnen Menschenliebe tadeln? Nur muss sie recht geleitet werden.

Bald darauf brach Herrmann seinen Besuch ab; er hat um die Erlaubniss, ihn wiederholen zu durfen, und erhielt sie.

B . v . H . (Nachdem er hinaus war.) Ein artiger junger Mann!

C a r o l . Nur etwas zu frey.

E l i s a . (Mit sanftem Tone.) Du tadelst bestandig Schwester!

C a r o l . (Spottisch.) Und Dir gefallt man sehr leicht.

E l i s a . (Errothend.) Ich sagte ja nicht, dass mir Herr von Birkenstein gefiele.

C a r o l . (Im vorigen Tone.) Deine Rothe beweist es!

Glucklicherweise bemerkte die Baroninn von Hohnau diese Unterredung nicht; Elisa war so schuchtern, dass sie den ganzen Abend nicht mehr sprach, und dieses gab Carolinen immer mehr Stoff zu ihren Spottereyen; die sanfte, geduldige Elisa ertrug sie gelassen. Sie sagte oft: es ist eine der ersten unter den geselligen Tugenden, Anderer Schwachheiten ertragen, und das sicherste Mittel, sie fur sich unschadlich zu machen.

Herrmann kam nun oft nach Hohnauschloss; er und Elisa kannten keine hohere Wonne, als sich zu sehen. Das gefuhlvolle Madchen glaubte, Achtung und Freundschaft waren ihre Empfindungen fur den liebenswurdigen Jungling, und er, ach! er fuhlte wohl, dass Elisa ihm Alles war; aber er wagte es nicht, sich selbst seine Empfindungen zu gestehen. So waren vierzehn Tage seit seinem ersten Besuche in Hohnauschloss verflossen, als an einem Morgen plotzlich ein junger Bauer in Elisa's Zimmer trat. Es war Harberg. Gott gruss Sie, schones Fraulein! Verzeihen Sie, dass ich gerade in die Stube komme: war seine Anrede.

E l i s a . Das hat nichts zu sagen, mein Freund, entdecke Er mir nur sein Verlangen.

H a r b . Ich wollte Sie bitten, dass Sie mochten Gevatter bey meinem Madchen stehen. Ich bin so arm gewesen, dass ich bis jetzt nicht habe konnen taufen lassen, aber unser gutiger junger Herr hat mich fortgeholfen. (Er zieht einen Brief aus der Tasche.) Hier ist ein Brief von der gnadigen Frau, sie bittet auch fur mich.

H a r b . (Nachdem Elisa gelesen hatte.) Verzeihen Sie, dass ich so frey bin, Sie so geradezu zu bitten; aber als ich Sie auf unserer gnadigen Frau Geburtstage sahe, wie Sie so freundlich gegen uns arme Leute, und so voll Liebe gegen unsre gute Mutter waren, ach! da kann ich gar nicht sagen, wie mir war! Ich hatte mogen zu Ihnen rennen, und Ihnen den Rock kussen, wenn es sich so geschickt hatte!

E l i s a . Ich danke ihm fur seine Liebe. Ich werde kommen, wenn meine Mutter es erlaubt. Aber, ist seine Frau nun wieder besser?

H a r b . Ja, Gott und unserm gutigen Herrn sey Dank! O, was ist das fur ein Herr! Ich war in seiner Jugend sein Spielkamerad; die gnadige Frau sagte dann immer: Herrmann, sey hoflich und gefallig gegen Jurgen, er ist so gut, wie du! Und wenn wir uns stritten, und Herrmann hatte Unrecht, so musste er mich um Verzeihung bitten, und die gnadige Frau achtete mich dann weit mehr, als ihn, bis dass er sein Unrecht erkannte. Aber ihre Lehren haben auch geholfen; er ist ein Engel geworden.

E l i s a . (Schnell einfallend.) O, erzahle Er mir doch etwas von ihm. (Sie holt einen Stuhl.) Setze Er sich, lieber Harberg, Er wird mude seyn?

H a r b . O, das ist zu viel! das ist zu viel! Liebes Fraulein, machen Sie doch nicht so viel Umstande mit mir armen Manne!

E l i s a . Er erzeigt mir einen Gefallen, wenn Er sich setzt; ich habe es nicht gern, wenn die Leute vor mir stehen.

H a r b . (Setzt sich.) So ist unser gnadiger Herr eben! Als er des Abends zu mir kam, wie meine Frau noch krank war, und im Bette lag, und ich nur einen einzigen Schemel hatte, so musste ich sitzen und er stand. Er sagte: Harberg, Er hat gearbeitet und ich nicht, Er muss nun ruhen! Er kam wohl viermahl des Tages, wie meine Frau so schlecht war, um zu sehen, ob sie die Arzney ordentlich bekam, welche er vom Doktor verschreiben liess, dem er taglich dafur, dass er aus der Stadt kam, einen Thaler gab, und dann nahm er noch ein Weib an, welche meine Frau und mein Kind warten und pflegen musste. Ach, und wie ich das Gras gestohlen hatte, was gab er mir da fur Lehren! Harberg, sagte er, wie Er durch eine einzige Handlung sich unglucklich gemacht hat! ware er zu mir gekommen, und hatte mir sein Leid geklagt, ich hatte ihm geholfen, und ware ich noch nicht hier gewesen, so hatte es meine Mutter gethan; denn ehrlichen Leuten steht man immer bey. Nun kann Er aber ins Gefangniss kommen, und dann bleibt seine ganze Wirthschaft den Sommer uber liegen, und Er wird dadurch an den Bettelstab gebracht. Er erregt dann kein Mitleiden mehr; man sagt: Er ist ein Dieb, Er verdient sein Schicksal! Verachtung liest Er auf allen Gesichtern, und womit kann Er sich dann trosten! Mit innerlicher Zufriedenheit? Er hat sie verloren, Er wird sich in jedem Augenblicke sagen: Ich habe mein Weib, mein Kind Zeitlebens unglucklich gemacht! Sie werden aufhoren, Ihn zu lieben. Von einem Jeden verachtet, und von Keinem geliebt, wird Er sein Leben zubringen. Mit Thranen wird er das erbettelte Stuck Brod benetzen, weinen, wenn er sein Weib ansehen wird, die Er sonst mit so inniger Freude in seinen Armen druckte. Vergleiche er diesen Zustand mit dem Tage, an dem Er die Schuld seines Vaters bezahlte! Da verlor Er alles, aber Er war vergnugt. Mit dem Tage, an dem sein liebes Madchen sein Weib wurde, da war Er auch arm, aber Er handelte ehrlich, und Er fuhlte seine Armuth nicht! Sie war ihm suss; sie ist Ihm erst druckend geworden, seitdem Er gestohlen hat! Diesen Unterschied wird Er immer empfinden. je nachdem Er Recht oder Unrecht thut. Seine eigne Erfahrung hat Ihn schon davon uberzeugt. Armuth ist nicht eher ein Ungluck, als bis man Boses thut, dann fuhlt man alle Leiden doppelt. So etwas hatte mir der Priester nie gesagt; aber ich war auch noch nie so geruhrt gewesen; denn ich fuhlte, dass alles wirklich so war, wie mir der gnadige Herr gesagt hatte; denn ich konnte mein Weib nicht ansehen, ohne zu weinen, und wenn mir der Herr Pastor auch noch so viel von Hollenstrafen vorsagte, so empfand ich davon nichts, und ich dachte dann nicht weiter daran. Ich werde es nie vergessen, was der gnadige Herr sagte, wie einem Diebe zu Muthe ware, und ich wollte nicht mehr stehlen, sollte ich auch verhungern; denn ich wurde dadurch doch nicht so unglucklich werden, als ich es itzt bin. Aber Sie sollten mahl den Bedienten des jungen Herrn horen, wenn der von ihm erzahlt! Ach, da muss man weinen, wie ein Kind! Eine Geschichte besonders! die vergesse ich nie, denn sie ist gar zu schon!

E l i s a . (Mit angenommener Gleichgultigkeit.) Wie ist sie denn!

H a r b . Unser junger Herr ist doch in Berlin in Diensten, und da ist in demselben Fach noch ein Herr, der ist neidisch auf ihn gewesen, weil er so geschickt ist, und der Minister so viel aus ihm machte; er hat ihn also nicht leiden konnen, und immer Boses von ihm zum Minister gesprochen. Endlich sollte unser junger Herr eine Stelle erhalten; allein der Andere hat so lange gemacht, bis dass er es verhindert hat. Diess alles hat nun unser junger Herr wohl gewusst; allein er hat sich nichts merken lassen. Bald drauf wird der Andre krank, und da er immer sehr lustig lebt, so hat er kein Geld, und Verwandten hat er auch nicht in Berlin, da geht es ihm nun sehr schlecht; diess erfahrt unser junger Herr, der eben auch nicht bey Gelde ist, denn er lasst sich nur sehr wenig von seiner Mutter geben, weil sie auch nicht viel hat; und er sagt, er will es hier den Armen nicht entziehen, welchen sie es giebt. Er weiss sich nun nicht anders zu helfen, als dass er Stunden geben muss, um den Andern beyzustehen; da, sagt Christian, hat er vier Wochen lang des Abends um sechs Uhr einen Oberrock angezogen, ist in eine andere Gegend der Stadt, und bey Leute gegangen, wo er nicht bekannt war, und hat bis um neun Uhr Stunden gegeben; dann ist er zu dem Menschen gegangen, hat ihn gepflegt, ihm einen Doktor und eine Wartefrau angenommen; aber das Geld hat er ihm durch die Post geschickt, so dass der nicht gewusst hat, von wem er es bekommen hat! er ist immer erst spat von ihm gegangen, und oft, sagt Christian, wenn er dann hat viel Arbeit gehabt, hat er des Nachts gearbeitet, um nicht die Stunden zu versaumen. Wir hatten alle die Augen voll Wasser, als Christian das erzahlte, Gott segne den guten jungen Herrn, und gebe ihm ein gutes Weib, die ihn fur alles das belohne!

Harberg stand nun auf, er bat Elisa'n noch einmal, zu ihm zu kommen; sie versprach es ihm, und er verliess das Zimmer.

E l i s a . (Nachdem Harberg hinaus ist, indem einige Thranen ihre Wangen herabrollten.) Herrmann! edler, guter Jungling! Ja wohl, mochtest Du unaussprechlich glucklich seyn! O, konnte ich Dein Gluck mit meinem Leben erkaufen! Jeder Tag sollte fur Dich ein Tag der Wonne seyn!

So blieb sie noch lange sitzen, dachte nur an Herrmann, und rief in ihr Gedachtniss alles zuruck, was Harberg ihr gesagt hatte. Sie erhielt von ihrer Mutter die Erlaubniss, nach Birkenstein zu gehen, und nun beschaftigte sie sich, fur Harbergs Tochter einen Anzug zu verfertigen. Ihre liebende Seele dachte sich die Freude der Mutter, wenn sie das kleine Geschopf so geschmuckt sehen wurde, es war ihr suss, diese selbst zu bereiten. Henriette wollte Elisa'n begleiten, allein sie befand sich am andern Morgen nicht wohl, und Caroline sagte, sie hielte es nicht fur eine Ehre, die Gevatterinn eines Bauern zu seyn, also fuhr Elisa allein nach Birkenstein. Herrmann erwartete sie schon vor dem Dorfe, und fuhrte sie zu seiner Mutter. Beyde konnten kaum die Freude verbergen, sich zu sehen. Ihr Schweigen, Herrmanns trunkene Blicke, und Elisa's starker klopfender Busen, Alles entdeckte ihre Empfindungen, und Frau von Birkenstein las in ihren Herzen. Ach, konnte ich sie doch einmal als Tochter umarmen! sprach sie zu sich selbst.

Sie gingen nun zusammen zu dem ehrlichen Harberg, und die feyerliche Handlung nahm ihren Anfang. Elisa hielt das Kind uber die Taufe; sanfter Ernst und Wohlwollen war wahrend dieser Zeit auf ihrem Gesichte verbreitet. Ich werde ihre zweyte Mutter seyn, sprach sie zur jungen Frau, indem sie ihr ihre Tochter wieder gab.

H a r b . (zu Herrmann, nachdem die Taufe vollzogen ist.) Gott weiss es, gnadiger Herr, Sie haben mir viel Gutes gethan, und was ich empfinde, kann ich Ihnen nicht sagen! (Er wischt sich einige Thranen von seinen Wangen.) Aber kann ich Ihnen mahl mit meinem Leben dienen, so befehlen Sie! Weib und Kind will ich vergessen, und fur Sie sterben! Sie haben sie mir erhalten, und haben mich wieder zum ehrlichen Kerl gemacht!

H e r r m . (Geruhrt.) Ich freue mich, Harberg, Ihn wieder glucklich zu sehen! Sey Er immer gut, dann wird Er das erste auch seyn.

H a r b . Das weiss ich nun schon aus Erfahrung, und wer in Birkenstein mehr als einmal sundiget, der muss ein Schurke seyn!

(Zwey Bauern, die gegenwartig sind.) Da spricht Er ein wahres Wort! Wo eine gute Herrschaft ist, die einen unterstutzt, da sind gewiss nicht viel schlechte Kerl! Das konnen Sie uns glauben, gnadige Frau, wir liessen Alle unser Leben fur Sie; aus Liebe fur Sie, mochten wir nichts Boses thun!

(Alle Anwesende.) Nein, gewiss, gewiss nicht!

Geruhrt dankte Frau von Birkenstein Allen fur diese Aeusserungen der Liebe. Seyd gut! seyd glucklich! sprach sie, dann werde ich es auch seyn!

E l i s a . (Nach einer Pause, zur Frau von Birkenstein.) Wurdige Frau, wenn ich je ein Gluck beneiden konnte, so ware es das Ihrige! Welche himmlische Wollust muss es seyn, die Menschen zu bessern, sie gut und glucklich zu machen!

F . v . B . Ja, liebe Elisa, des Bild des Glucks und der Ordnung gefallt uns immer; gern verweilen wir bey demselben; aber doppelt suss ist es, sich als Schopfer desselben zu sehen. Die Freude erscheint uns dann noch in einem hellern Gewande, und die Tugend noch grosser. Man schreyet uber das Verderben der Menschheit, und wie leicht kann man den Menschen das Gute liebenswurdig und annehmlich machen, wenn man jede seiner Pflichten erfullt. Dieses ist mein einziges Verdienst. Einfach, von der Natur selbst eingegeben, sind die Mittel, welche ich anwende, das Gute zu befordern, und Freude zu verbreiten. Ich liebe die Einwohner von Birkenstein, und unterstutze sie; denn ihre Bedurfnisse sind so klein, dass, ob ich gleich nicht reich bin, ich sie doch befriedigen kann. Dieses gewann mir ihre Liebe, und ihr Bestreben, mir zu gefallen. Ueberzeugt, dass sie stets auf meinen Beystand rechnen konnen, wenden sie keine unrechtmassigen Mittel an, ihre Bedurfnisse zu befriedigen. Sie thun das Gute, weil es zu ihrem Nutzen gereicht, und lieben einander, weil kein Eigennutz sie trennt. So leicht kann man den grossen Haufen zum Guten gewohnen, wenn man Mangel von ihm entfernt, und das Laster ihm schadlich werden lasst. Dieses sollten jene Menschenbesserer bewirken. Dieses sollte das Bestreben jedes Mannes, jedes Weibes, in jeder Klasse, in jeder Sphare werden; dann wurden wir bald den grossten Haufen der Menschen, so wie in Birkenstein, gut und frohlich sehen. Aber leider! finden wir mehr heftige Declamationen uber Sittenverderbniss und Menschenelend, als thatiges Bestreben, es zu verringern!

Harberg und sein Weib zogen nun Herrmanns und Elisa's Aufmerksamkeit auf sich. Er hielt sie lange umarmt, und rief endlich; Hanne, wie glucklich bin ich, dass ich dich wieder habe! Sie weinte, blickte auf ihn, und auf das Madchen, welches in ihrem Schoosse lag, und druckte sie wechselsweise an ihren Busen. Es ist fur dein Kind, sprach sie, dass ich so viel ausgestanden habe; meine Liebe hat mir alles uberstehen helfen. Gott gebe uns nur seinen Segen, dass unser Madchen fromm und gross werde! Bey diesen Worten reichte sie ihm seine Tochter; er nahm sie in seine Arme, druckte Mutter und Kind an sein Herz, und vergoss Thranen der Freude. Auch Herrmanns und Elisa's Augen fullten sich mit Thranen, leise Seufzer drangten sich aus ihrer Brust. Sie fuhlten Beyde die Allgewalt der Liebe und der Natur, und Beyder Herzen sprachen leise: In Herrmanns, in Elisa's Armen, wurde auch ich so glucklich seyn! Mit diesen Empfindungen verliessen sie diese Wohnung der Unschuld und der Zufriedenheit, als eben ein Bote der Frau von Birkenstein einen Brief brachte, welcher eine augenblickliche Antwort erforderte. Frau von Birkenstein entschuldigte sich bey Elisa'n und verliess sie. Gleich hinter dem Garten der Frau von Birkenstein war ein Park, in welchem Elisa gern verweilte. Herrmann hatte dieses von seiner Mutter gehort, und schlug Elisa'n vor, zusammen in den Park zu gehen, indess seine Mutter schrieb. Schweigend gingen sie nun durch die dunkeln Gange wohlduftender Linden, und nur zuweilen unterbrach der Luftbewohner Abendgesang die feyerliche Stille um sie. Sie erstiegen eine Anhohe; die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die Erde; noch sahen sie sie durch die Zweige majestatischer Buchen brechen, welche am Fusse des Hugels standen, auf welchem sie sassen. Herrmann hatte seinen Arm um Elisa'n geschlungen, und mit niedergesenktem Blicke sass sie da; hoher hob sich ihr Busen; Herrmanns Auge wurde funkelnder; Liebe wehete ihm das Rauschen der Blatter zu; Liebe horte er im Gesange der hoch sich schwingenden Lerche. Er ergreift Elisa's Hand; sie zittert. Er blickt sie an; eine Thrane glanzt in ihrem Auge. Elisa, stammelt er, meine Elisa! und druckt seine Lippen auf die ihrigen. Purpurrothe uberzieht ihre Wangen; sie windet sich aus seinen Armen, und wagt es nicht, ihn anzusehen.

H e r r m . Bin ich schuldig?

E l i s a . (Mit bebender Stimme.) So bin ich es denn auch, Herrmann?

H e r r m . (Sie feurig umarmend.) Nein, meine Elisa, das sind wir nicht! Wir gehorchen der Stimme unsers Schopfers, der aus Liebe uns schuf, durch Liebe uns werden liess, und durch sie uns beglucken wird!

E l i s a . (Ihren Kopf an seine Schulter lehnend.) O, Herrmann!

H e r r m . Meine Elisa, wie glucklich machen Sie mich! Ich wagte nicht, es zu glauben Liebe! Liebe! wie gross sind deine Freuden!

E l i s a . (Gen Himmel blickend.) Dank dir, mein Schopfer, dass du mich ihn finden liessest, diesen Mann, der allein dieses selige Entzucken mich fuhlen lassen konnte! (Sie reichte ihm ihre Hand.) Herrmann, Ihre Liebe macht mich stolz, macht mich glucklich!

H e r r m . (Kniet vor Elisa'n, und halt lange ihre Hand an seine Lippen.) Himmlisches Madchen! ich vermag es nicht, meine Gefuhle auszudrucken!

Bey diesen Worten sank er in ihre Arme, und Beyde schwiegen nun. Die Sprache des Gefuhls ist zu machtig, zu trunken das Wonnegefuhl der Liebe, um durch Worte sie auszudrucken. Ihre Blicke nur sagten sich ihr Gluck.

E l i s a . (Nach einer langen Pause.) Herrmann, die Sonne ist untergegangen, wir mussen zuruckgehen.

H e r r m . O, dass ich eine Ewigkeit hier sitzen konnte!

E l i s a . Lassen Sie uns hoffen, nie getrennt zu werden! Ach, ich konnte den Gedanken, ohne Sie zu leben, nicht ertragen!

H e r r m . Und ich ihn nicht fassen! Ohne Sie kann mir kein Gluck mehr werden!

E l i s a . Wir wollen ihn nicht denken, mein Herrmann; das Schicksal liess uns einander finden, unsere Liebe wird uns auf ewig vereinigen!

H e r r m . Susses, liebevolles Geschopf! Dank dir, gutiger Vater, du liessest mich einen Engel finden!

Ein holdlachelnder Blick, ein Kuss, den sie errothend auf seine Lippen druckte, war Elisa's Antwort. Schnell eilte sie nun fort; doch Herrmann erreichte sie bald wieder. Im tiefen Schweigen war schon die Natur versenkt; allein ihre Liebe belebte Alles, oder vielmehr horten sie auf, andere Gegenstande zu bemerken. In der ganzen Natur sahe Herrmann nur Elisa, und Elisa nur Herrmann. Zum Erstenmale erblickte sie ohne Entzucken den gestirnten Himmel, den aufgehenden Mond; zum Erstenmale horte Herrmann nicht die Schallmeye des frohlichen Hirten, welche in der Ferne erschallte, und welche er sonst mit Vergnugen belauschte. Im stummen Entzucken gingen sie fort, nur Seufzer der Liebe weheten die Lufte ihnen nach. Frau von Birkenstein erwartete sie am Eingange des Gartens. (Elisa nahert sich ihr verwirrt.) Sind Sie schon fertig, liebe Mutter?

F r . v . B . Es freuet mich, dass Herrmann Sie so gut unterhalten hat, dass Sie den Verlauf zweyer Stunden nicht bemerkt haben.

E l i s a . (Immer verwirrter, sieht errothend nach der Uhr.) In der That, es ist schon spat. Wir sind weit gegangen....

H e r r m . Mutter, unsere Unterhaltung war die, welche Jahre zu Minuten macht!

(Elisa verbirgt ihr Gesicht am Busen der Frau von Birkenstein, welche sie umarmt.)

F r . v . B . Errothen Sie nicht, meine Freundinn! Herrmann ist Ihrer Liebe wurdig; und Liebe in solchem Herzen, als das Ihrige, ist Engelgefuhl!

H e r r m . (Kniet nieder, vor Elisa und seiner Mutter.) Meine Elisa! Hier, vor meiner Mutter, gelobe ich Ihnen Liebe und Treue, und bekenne, dass Sie mir das Heiligste auf der Erde sind!

E l i s a (Ihn aufhebend.) Und hier eroffne ich Ihnen ganz mein Herz. Unaussprechlich, Herrmann, liebe ich Sie; nur unbedingte Pflicht kann mich je von Ihnen reissen, und nie wird ein Mann, so wie Sie, meine Liebe besitzen!

F r . v . B . (Beyde umarmend.) O, meine Kinder! mochte doch Eure Liebe Euer Gluck und meine Freude im Alter machen!

Der Mutter und der beyden Liebenden Thranen der Freude und des Gefuhls vermischten sich mit einander; dichter, als ihre Arme, waren ihre Herzen in einander gekettet, und nur mit Muhe entriss sich ihnen Elisa, und eilte zuruck nach Hohnauschloss. Der Schleyer der Nacht lag schon auf der Natur verbreitet, Elisa'n war er willkommen; des Tages Gerausch hatte sie aus ihren Empfindungen geweckt, und Elisa konnte und wollte nur an Herrmann denken, und sich zuruck traumen an seine Seite, seine Lippen auf den ihrigen gedruckt. Der Wagen hielt endlich still, Elisa stieg aus, schauete noch einmal mit einem Seufzer nach der Gegend hin, wo Birkenstein lag, und ging zu ihrer Mutter. Hier verweilte sie nicht lange; bald sagte sie ihrer Mutter und Carolinen gute Nacht, und eilte zu Henrietten. Sie warf sich in ihre Arme. Henriette, ich liebe! schrie sie, und druckte sie fester an ihren Busen.

H e n r . Heute sagt mir es Dein Mund; aber Deine Blicke sagten es mir schon lange.

E l i s a . Meine Blicke? Nein, Henriette, noch fuhlte ich nicht wie jetzt! Hatte ich Liebe fuhlen konnen, wenn ich entfernt von Herrmann war? Hatten meine Blicke beredt seyn konnen, ehe seine Kusse mir Leben und Feuer einhauchten?

H e n r . Elisa, auch auf Dich wirkt der Zauber der Liebe so heftig?

E l i s a . O! Henriette, Du kennst nicht seine Macht! Als ich an deiner Seite sass, Herrmann, als deine feurigen Blicke, deine stammelnden Lippen mich das seligste Gefuhl kennen lehrten; als vor mir alle Gegenstande schwanden, ich nur dich sahe, nur dein und meines Herzens Klopfen horte; als der erste Feuerkuss meine Lippen beruhrte, dein erstes Gestandniss das Blut in meinen Adern starker wallen liess: da hatte ich die Frage fur unmoglich gehalten?

H e n r . Schwarmerinn!

E l i s a . Immerhin, Henriette, will ich umherschwarmen in dem Gebiete der Liebe; ich habe die Tugend und Herrmann zu meinen Gefahrten. O, dass Du heute nicht mit uns warest, Henriette! Nicht sahest unsere Liebe, nicht fuhltest unser Gluck!

H e n r . Elisa, Deine allzufeurige Einbildungskraft liess mich immer die Liebe fur Dich furchten.

E l i s a . Furchten? Warum denn furchten? Sonst dachte ich nicht oft an die Liebe; ich begehrte nicht, sie zu kennen; doch ich glaubte nicht, dass man sie zu furchten brauche. Aber, nun ich sie an deiner Seite, in deinen Augen, durch deinen Handedruck, Herrmann, kennen lernte; nun ihre Entzuckungen meinen Busen heben, und ich durch sie dich, edelsten Mann, beglukken kann: nun dunkt mich Furcht vor ihr, so wie Furcht vor der Sonne, die Alles belebt, wie Furcht vor dem Urquell aller Wesen, der Allen Daseyn gab!

H e n r . Dass sie Dir immer diese Wonne gewahren moge!

E l i s a . Sie wird es! Das Andenken ihrer vergangenen Freuden wird in truben Tagen mich aufrichten! Werde ich meinem Herrmann entrissen, so wird banger Kummer mein Loos! Aber die Erinnerung unsrer Liebe wird mich durch das Leben begleiten, und mir noch in den letzten Augenblicken suss seyn!

H e n r . (Lachelnd.) Wer wurde in dieser Heftigkeit die sanfte Elisa erkennen? Nein, liebes Madchen, die Liebe muss Dich nicht umschaffen! Sollte sie Dich allein unvollkommener machen?

E l i s a . Nein, Henriette, das soll sie nicht! Mein Herrmann ist so edel, so gut; er wurde mich nicht mehr lieben, wenn ich aufhorte, es zu seyn!

H e n r . Du wurdest also endlich die Tugend nur um Herrmann lieben?

E l i s a . Das nicht, Henriette! Ja, ich fuhle es, ich wurde ihr selbst meine Liebe aufopfern! aber doch warum diese Frage? Sprich, Henriette, versaume ich meine Pflichten seit dem Tage? Ach, ich liebte ihn schon damahls, als meine Augen ihn zuerst erblickten!

H e n r . Elisa, Du bist unruhig! Lass uns von andern Gegenstanden reden.

E l i s a . Ich kann nicht, Henriette. Herrmann schwebt vor meinen Augen, sein Bild ist in meinem Herzen, und selbst wider meinen Willen wurden meine Lippen seinen Namen stammeln!

H e n r . Elisa, ich horte Dich so oft sagen: Nie musse man sich irgend einer Leidenschaft mit Heftigkeit uberlassen.

E l i s a . Wahr, Henriette! ich fuhle noch die Richtigkeit dieses Satzes; allein Herrmann, und eine Vereinigung mit ihm, erfullt so ganz jeden Begriff, den ich von Gluckseligkeit hatte, welchem ich zwar nicht nachhieng, weil ich ihn nie erfullt zu sehen glaubte; aber nun ich ihn kenne, den Mann Ach, Henriette! nun kann ich der Liebe nicht widerstehen!

H e n r . Liebe Elisa, mein Wunsch war stets, Dich glucklich zu sehen. Wirst Du es durch die Liebe, so werde ich den Tag segnen, an welchem die Natur und Dein Herrmann sie Dich zuerst kennen lehrten.

E l i s a . (Henrietten umarmend.) O, Freundschaft! Auch du hast deine Freuden! Starker, als je, Henriette, schlagt mein Herz heute fur Dich.

Henriette erwiederte den freundschaftlichen Kuss; lange hielten sie sich umarmt. Mochte uns doch das Schicksal nie trennen! riefen Beyde aus: O Herrmann! o Henriette! sprach Elisa, an Eurer Seite meine Tage verleben! Gott! das ware mehr, als eine Sterbliche erwarten konnte! das kann nicht geschehen!

Dieser Gedanke trubte ihre Stirn. Ich fuhle es, sprach sie, mit der Liebe schwindet die Ruhe, bange Besorgnisse erfullen meine Brust! O Herrmann! Mochtest doch du nie sie kennen! Mochtest doch du nur der Liebe Freuden geniessen, ich will ihre Leiden tragen!

Aber auch Herrmann empfand wechselsweise Entzucken, Hoffnung, Zweifel und Furcht; er eilte am andern Tage nach Hohnauschloss. Wie schlug nun Elisa's Herz, als er sich ihr naherte! Wie zitterte nun seine Hand, als er die ihrige beruhrte! Leise sprach er zu Henrietten: Henriette, wissen Sie mein Gluck?

H e n r . Ja wohl sind Sie glucklich, Birkenstein; denn Elisa's Herz schlagt nur fur Sie!

H e r r m . O, dass ich ihr gleich zu ihren Fussen danken, vor der ganzen Welt bekennen konnte: Elisa, ich liebe Dich!

H e n r . Nicht so heftig, lieber Birkenstein, noch mussen Sie sich nicht verrathen.

Er entfernte sich von ihr, und augenblicklich kam Elisa und fragte: Was sagte er Dir?

H e n r . Er sprach, wovon die Geliebten gewohnlich sprechen, von seiner Liebe.

E l i s a . O, nein, er spricht nicht wie Andere, lass mich jedes Wort horen!

H e n r . Man bemerkt uns, Elisa, Du musst vorsichtig seyn.

E l i s a . O, des unertraglichen Zwanges! Wie kann man seine Empfindungen verbergen?

Frau von Birkenstein, welche nichts unterlassen wollte, Herrmanns und Elisa's Gluck zu befordern, hatte ihrem Sohne aufgetragen, die Baroninn von Hohnau um Erlaubniss zu bitten, ihr ihre Aufwartung machen zu durfen. Die Baroninn konnte dieses nicht abschlagen, und nach einigen Tagen stattete die Frau von Birkenstein einen Besuch in Hohnauschloss ab, welchen die Baroninn von Hohnau erwiederte; und nun erhielten Elisa und Henriette die Erlaubniss, zuweilen nach Birkenstein zu gehen. Fast taglich sahen sich nun Herrmann und Elisa; ihre Liebe wuchs mit jedem Tage; ihre Besorgnisse schwanden; sie tranken nun aus dem Kelch der Liebe und der Freude.

An einem Nachmittage ging Elisa allein in einen kleinen Birkenwald, welcher zwischen Hohnauschloss und Birkenstein lag. Ihr begegnete Herrmann; sich einander sehen, und einander in die Arme fliegen, war immer das Werk eines Augenblicks. Herrmann war einige Tage abwesend gewesen, also noch feuriger war heute ihr Kuss. O, mein Herrmann, fieng endlich Elisa an, wie sehr habe ich Ihre Abwesenheit empfunden! Wie ode schien mir der Wald, da ich wusste, Sie athmeten nicht in seiner Nahe!

H e r r m . Auch mir bot die Natur vergebens ihre Schonheiten dar; wo Elisa nicht ist, da ist fur mich Tod und Verwustung.

E l i s a . Anmuthiger lacheln nun wieder die Gefilde. O Natur! alle deine Werke liess der Hauch der Liebe werden!

H e r r m . (Nach einer Pause.) Kannst Du es fuhlen, Elisa, das Entzucken, welches meine Brust belebt; kannst Du sie begreifen, die unnennbaren Empfindungen, welche durch meine Nerven beben, wenn ich Dich hore die Liebe preisen, und mir dann sage: Ich schuf dieses Gefuhl in ihr; ich belebe das Feuer ihrer Augen; ich rothe ihre Wange; ich lass ihn starker sich heben, diesen klopfenden Busen? Kannst Du es, Elisa? O! dann ist dein Gefuhl das Gefuhl eines Gottes, der Welten voller Wonne um sich schafft!

E l i s a . Bist denn nicht auch Du der Schopfer meines Glucks?

H e r r m . (Sie an seine Brust druckend.) Gott! diese Worte aus Deinem Munde! Welchem Fuhllosen wurden sie nicht Gefuhl einhauchen!

E l i s a . Wie heftig, Herrmann! Kommen Sie, lassen Sie uns unter den Schatten jener lieblichen Birken setzen, und erzahlen Sie mir da von Ihrer Reise.

H e r r m . Von meiner Reise? O! ich will Ihnen Alles sagen, was ich sahe und horte. Unter jeder Linoe sahe ich meine Elisa; die Winde weheten mir das Lispeln ihrer Stimme zu; ich horte immer diese sanften schmelzenden Tone; aber ich konnte nicht, wie jetzt, sie in meinen Armen drucken, nicht ihr sagen: Herrmann lebt nur fur dich, lebt nur da, wo du bist! Sie setzten sich nun; ein kleiner Bach, der ohnweit aus einem Berge floss, rauschte an ihrer Seite; sein Murmeln, die graue Dunkelheit des Waldes, des Tages Schwule, Alles wiegte ihr Herz in jene dunkle Empfindung des Verlangens, und der Wollust Thrane rollte von ihren Wangen. Herrmann sprach noch; aber seine Stimme zitterte, und nur leise lispelte Elisa: mein Herrmann! und liess ihren Kopf auf seine Schulter sinken. Das Tuch, welches um ihren Hals sich schlang, entfaltete sich, und liess Herrmann den schonen Busen erblicken, auf welchem sanft ihre braunen Locken spielten, und welchen der Liebe Seufzer bewegten. Feuriger druckte er sie an sein Herz, und heisser wurden seine Kusse. Er wagt es, und druckt seine brennenden Lippen auf ihren Busen; aber nun erwachte Elisa aus dem Taumel der Wollust und der Liebe; eilig stand sie auf. Herrmann, lass uns fliehen, die Tugend verlasst uns!

H e r r m . (Bleibt liegen zu ihren Fussen.) Elisa, verzeihe! Ach! wer kann der Allgewalt der Schonheit widerstehen!

E l i s a . (Ihn umarmend.) O, mein Herrmann! Dank sey der gutigen Vorsicht, dass ich Kraft hatte, mich Deinen Armen zu entreissen! Jetzt weine ich Thranen der Freude, und einige Augenblicke vielleicht noch, vergosse ich Thranen des Schmerzes!

H e r r m . Edle Seele! Nur an Deiner Seite kann mir der Wollust Reiz gefahrlich werden; aber auch Du kannst ihn mich besiegen lehren!

E l i s a . O Tugend! Diese Gewalt verdank' ich dir! Nie werde du von mir entweihet! Lassen Sie uns nicht ofter der Gefahr trotzen, Herrmann. Ach, im Arme der Liebe ist die Tugend so wankend! Nie wollen wir uns mehr allein sehen.

Herrmann schwieg, sein Herz murrte; aber er verehrte Elisa'n, und jeder ihrer Ausspruche war ihm heilig. Er sahe in ihren Blicken die heitre Zufriedenheit, welche jede edle That gewahrt, und sie schien ihm schoner, als da zum Erstenmale ihre Lippen ihm Liebe stammelten. Nur der Wollustling wird trauren, dass das Madchen nicht in seinen Armen Unschuld und Tugend zuruckliess, nicht der Mann von Gefuhl. Auch die besten Menschen konnen straucheln; auch ihnen zeichnet die Leidenschaft ihre Zauberbilder vor, und so verblendet, reisst sie sie mit sich fort; aber bald lasst Gefuhl fur das wahre Schone sie ihren Irrthum erkennen; sie kehren zuruck, und freuen sich ihres Sieges. So freuete sich auch Herrmann, als er seine Elisa noch in der vollen Bluthe der Unschuld, und mit dem sussen Bewusstseyn, die heftigste Leidenschaft besiegt zu haben, vor sich erblickte. Die Starke des Gefuhls liess ihn ausrufen: Nein, Elisa, selbst in Deinen Armen wurde ich die Wonne nicht empfinden, die jetzt das selige Gefuhl der Tugend mir giebt!

E l i s a . (Mit thranendem, gen Himmel gerichtetem Blick.) Wohl mir, Tugend, du bist kein Traum! Du lebest in der Brust des edelsten Mannes! Und dieser Mann ist mein! liebt mich werde mein Loos nun, welches es wolle! Ich habe des Glucks Grosstes gekannt!

H e r r m . O, Elisa! Warum kann ich nicht alle Madchen der Erde um Dich versammeln, Dich ihnen zeigen, und ihnen sagen: Werdet wie Elisa, und Welten werden euch verehren!

E l i s a . Enthusiastischer Schwarmer! Auch dem Weisesten halt die Liebe ihr Vergrosserungsglas vor.

H e r r m . Nicht dem, der Dich liebt, Elisa! Deine Strahlen blenden nicht; nur nach und nach erblickt man den Glanz, der Dich umgiebt.

E l i s a . (Legt ihre Hand auf seinen Mund.) Still, Herrmann. Sie wissen, aus Ihrem Mund ist das Lob mir gefahrlich! Ich konnte mich erheben, und lassen Sie mich immer Ihrer wurdig bleiben.

H e r r m . Welch ein Ausdruck! Doch Sie sollen nicht allein die Stufen der Vollkommenheit ersteigen; auch ich will hinanklimmen, und durch Ihren Anblick gestarkt, mich bestreben, dem Gipfel mich zu nahern.

E l i s a . Dieser Vorsatz veredelt uns, mein Herrmann, und macht uns des Glucks wurdiger, welches unsere Liebe uns gewahrt. Er wird selbst, wenn das Schicksal uns trennen sollte, uns Standhaftigkeit verleihen.

H e r r m . Elisa, warum mischen Sie diesen bittern Gedanken in den Kelch der Freude?

E l i s a . Ach, er drangt sich zuweilen mit aller Gewalt in mein Herz, um es mit Angst zu erfullen! (Eine Pause.) Doch es ist unweise, sich der Zukunft wegen zu angstigen; sie liegt ja im Schleyer verborgen, und wir konnen ihn doch nicht aufheben! (Sie kusst Herrmann.) Lassen Sie mich von Ihrer Stirne die truben Wolken wegkussen, welche ich aufsteigen liess!

H e r r m . (Sie mit Wehmuth an seine Brust drukkend.) Ach, Madchen! Du lassest mich fuhlen, dass Trennung von Dir mehr als zehnfacher Tod ware!

E l i s a . Nicht weiter davon, mein Herrmann. Noch bin ich Dein, und mein Herz sagt mir, Dein werde ich bleiben.

H e r r m . Holdes Geschopf! Mogest Du wahr reden!

Sie waren jetzt am Eingange von Hohnauschloss, und mussten sich trennen. Heiter kehrte Elisa zuruck; ihr Gefuhl war Freude, und edle Selbstzufriedenheit; die susseste Belohnung, welche Tugend gewahrt.

Elisa hielt ihr Versprechen, und sahe Herrmann nicht anders, als in Henriettens Begleitung.

Nach einigen Tagen reiste die Baroninn von Hohnau mit Carolinen zu ihrer Schwester, und war vierzehn Tage abwesend. Dieses waren Tage der Wonne fur Herrmann und Elisa; fast taglich ging Elisa nach Birkenstein; mit mutterlicher Zartlichkeit empfing sie Frau von Birkenstein, und an ihrem Busen weinte oft Elisa Thranen der Liebe und der Freude. Zuweilen fuhrten Herrmann und Elisa die gute Mutter auf die Anhohe, auf welcher sie sich zuerst ihre Liebe gestanden. O, Mutter! hub dann Herrmann an, hier fing mein Gluck an; hier druckte ich den ersten Kuss auf Elisa's zitternde Lippen; hier sahe ich, dass Liebe ihre Wangen rothete!

E l i s a . Und was empfand ich da! Menschensprache kann dieses nicht ausdrucken!

Es glanzten Thranen der Freude im Auge der Frau von Birkenstein. Ich habe schon viel der Freuden gekannt, sprach sie; aber die grosste, gutigste Vorsicht, bereitest du mir noch! Das Gluck meines Sohnes, meines Lieblings, kann ich noch sehen! O, Elisa! wenn Sie werden Mutter seyn, werden Sie diese Empfindung begreifen!

Elisa errothete, und lebhafter druckte Herrmann ihre Hand.

F r . v . B . Gefuhlvolles Madchen, viele Freuden warten Ihrer noch! Aber alle werden sie aus der Hand der Tugend gegeben. Ware Ihre Seele nicht der Abdruck der Tugend und der Unschuld, Ihre Liebe wurde Sie nicht so glucklich machen! Wie oft entweihet man den Namen Liebe! Nur der Tugendhafte kennt sie, und alle ihre seligen Empfindungen! Unordentliche Begierden, eine Verbindung, welche nur Genuss zum Zwecke hat, verdienen diesen Namen nicht; sie haben in ihrem Gefolge Unmuth, und die Ruhe flieht vor ihnen. Wohl Euch, meine Kinder, dass Ihr die wahren Freuden des Lebens kennen lerntet, und dass kein falscher Schimmer derselben Euch irre leitete!

H e r r m . Ihnen verdanke ich dieses, meine Mutter!

E l i s a . (Eine Thrane im Auge.) Und ich Dir, heiliger Schatten meines unvergesslichen Vaters! Du leitetest mein Herz zu jedem Guten! Deine letzten Worte waren Lehren der Tugend! Du warest es, der durch sie mir meinen Herrmann gab!

Mit Entzucken druckte sie dann Herrmann an seine Brust, und Frau von Birkenstein freuete sich ihres Glucks.

Die Baroninn von Hohnau kam zuruck; mit ihr zwey Herren von Wallenheim, welche sie bey ihrer Schwester gesehen hatte. Sie waren Vettern; der Eine war der einzige Sohn eines reichen Vaters; der Andere der Neffe des alten von Wallenheim, ohne Vermogen, und ganz abhangig von dem Willen seines Onkels. Sie erregten Elisa's Aufmerksamkeit nicht; nur mit Herrmann beschaftiget, bemerkte sie andere Manner kaum. Von ihm unterhielt sie sich am andern Morgen mit ihrer Henriette, als ihre Mutter sie zu sich rufen liess.

B . v . H . (Nach dem ersten Morgengrusse.) Wie gefallt Dir Karl von Wallenheim? (Es war der Sohn des noch lebenden Wallenheim.)

E l i s a . Er scheint sehr finster, sehr in sich verschlossen zu seyn.

B . v . H . Er soll Dein Gemahl werden.

E l i s a . (Stutzt. Nach einer Pause.) Meine Mutter, ich muss den Mann erst kennen, dem ich meine Hand gebe.

B . v . H . Du wirst ihn kennen lernen. Allein Dein Urtheil uber ihn sey, welches es wolle, so erwarte ich Gehorsam.

E l i s a . Und ich kann hoffen, dass meine Mutter mich nicht wird unglucklich machen wollen.

B . v . H . Kein Romanengeschwatz! Wenn Du Deine Pflichten erfullst, wirst Du nicht unglucklich werden.

E l i s a . Ich wurde es, wenn ich Ihrem Willen gehorchen musste. Denn theure Mutter, verzeihen Sie mir mein Gestandniss: Ich liebe....

B . v . H . (Spottisch.) Der Gegenstand Deiner Liebe wird wohl so edel seyn, als es Deine Denkungsart ist.

E l i s a . Er ist edel durch sein Herz, durch seine Gesinnungen, aber auch durch seine Geburt. Ich liebe Herrmann von Birkenstein!

B . v . H . Nie hatte ich in eine Verbindung mit ihm gewilliget, wenn ich auch nicht wichtige Ursachen hatte, Dich mit dem Herrn von Wallenheim zu verheyrathen.

E l i s a . (Mit Thranen im Auge.) O, meine Mutter! Konnen Sie so mit kaltem Blute das ganze Gluck meines Lebens aufopfern?

B . v . H . Willst Du mir das Meinige rauben? Wisse, Caroline liebt Philipp von Wallenheim mit einer Heftigkeit, welche mich fur sie furchten lasst, und sein Oheim, aufgebracht, dass sein Neffe, und nicht sein Sohn, das reiche Madchen heyrathen sollte, verbot ihm, Carolinen wieder zu sehen; Caroline wurde krank; ich fuhr selbst zum alten Wallenheim; nichts konnte ihn bewegen, bis dass er endlich horte, dass ich noch eine Tochter hatte; da versprach er, seine Einwilligung in seines Neffen Verbindung mit Carolinen zu geben, doch unter der Bedingung, dass sein Sohn Dich heyrathen wurde. Ich furchte, meine Caroline zu verlieren, wenn ihr Wunsch nicht erfullt wird, und Du wurdest es seyn, welche meinem Herzen diese Wunde schluge!

E l i s a . Das soll nicht geschehen, meine Mutter! Schreiben Sie Herrn von Wallenheim, ich entsage meinem ganzen Vermogen; sein Sohn soll der Besitzer desselben werden, dann wird er in Carolinens Verbindung willigen. Und ich? O, meine Mutter! werde an Birkensteins Seite meine Tage verleben konnen! Er wird bald eine Stelle bekommen; die Einkunfte davon, und das geringe Vermogen, welches er besitzt, werden hinlanglich seyn, mich glucklich zu machen.

B . v . H . Nie soll Birkenstein mein Sohn werden! Dein Vorschlag kann nicht angenommen werden; Du musst Wallenheim Deine Hand geben.

E l i s a . Meine Mutter, lassen Sie mich an Herrn von Wallenheim schreiben. Vielleicht wird er geruhrt durch die Schilderung meines Kummers. Vielleicht schreckt ihn der Gedanke, zwey schuldlose Geschopfe unglucklich zu machen.

B . v . H . Elisa, so viel Widerspruche bin ich nicht gewohnt!

E l i s a . (Wirft sich zu den Fussen der Baroninn, und ergreift ihre Hande.) O, meine Mutter! ich bestrebte mich immer, meine Pflichten zu erfullen; jeder Ihrer Winke war mir Befehl, welchen ich nie uberschritt, und mein ganzes Leben soll Gehorsam gegen Sie seyn! Ich entsage Birkenstein, aber ich kann keinem andern Manne meine Hand geben!

B . v . H . (Entzieht Elisa'n ihre Hande, und wendet sich von ihr.) Du sollst sie Wallenheim geben! Caroline liebte nicht; versprach sich nicht wider meinen Willen; ich werde sie Dir nicht aufopfern.

E l i s a . (Mit einem Ausbruche von Thranen.) Gott! so muss ich das Opfer seyn! Meine Mutter, bin ich denn nicht auch Ihre Tochter?

B . v . H . Eine widerstrebende, ungehorsame Tochter!

E l i s a . O, meine Mutter! mit der Vernunft gab mir der Schopfer das Recht, selbst mein Gluck zu wahlen. Indem ich Ihnen gehorche, widerstehe ich dem ersten Gebote der Natur, welches mich zum Glucke ruft!

B . v . H . Das erste Gebot der Natur ist kindlicher Gehorsam.

E l i s a . Ich weiss es! Allein er hort da auf, wo das ganze Gluck des Lebens, wo die Tugend selbst auf dem Spiele steht, ohne dass die Urheber unserer Tage Vortheil davon ziehen. Werden Sie glucklicher seyn, wenn Sie mich unter der Last des Kummers gebeugt sehen werden? Wird Ihr Ohr, ermudet von meinen Seufzern, noch den Tonen der Freude offen seyn?

B . v . H . Und wenn mir dieses alles Caroline auch sagte?

E l i s a . That ich Ihnen nicht einen Vorschlag, welcher uns Beyde befriedigen konnte? Nehmen Sie ihn an! Und wenn ihn Wallenheim ausschlagt, kann Philipp nicht den Tod seines Oheims erwarten?

B . v . H . Sein Oheim ist noch nicht alt, und er drohet ihn in ein Kloster zu stecken, wenn er Carolinen nicht ganzlich entsagt. Und das erstere wurde von Deiner Seite ein sehr unschicklicher Schritt seyn.

E l i s a . Meine Lage rechtfertigt ihn, und fremdes Urtheil ist mir gleichgultig, wenn ich weiss, dass ich recht handle.

B . v . H . Allein, hoffe nicht Birkensteins Weib zu werden!

E l i s a . (Mit erstickten Thranen.) Ich habe Ihnen schon gesagt, meine Mutter, ich entsage ihm! (Nach einer Pause.) Darf ich schreiben?

B . v . H . Du erzwingst meine Einwilligung! Schreibe!

Elisa verliess das Zimmer, wankend ging sie in das ihrige, und sinnlos warf sie sich in einen Sessel. Lange sass sie da; betaubt waren ihre Empfindungen, und trocken ihr Auge. Nur Seufzer drangten sich aus ihrem Busen; ihr Auge war gen Himmel gerichtet, und schien Hulfe von der unbekannten Macht zu erflehen. Ein Ring von Herrmanns Haaren geflochten, und den sie erst am vorigen Tage von ihm erhielt, erweckte endlich ihre Empfindungen. Ihr Blick fiel auf ihn, sie druckte ihn mit Inbrunst an ihre Lippen, und eine Fluth von Thranen rollte von ihren Wangen. Sie weinte lange. Herrmann, rief sie endlich aus, so habe ich dir denn entsagt! So habe ich denn mit einem Worte alle Freuden von deinen und meinen Tagen verscheucht! O, dass ich nicht die Last deines Kummers tragen kann! Dass ich dich unglucklich mache, indem ich elend werde! Das alles forderte Pflicht von mir? Ich gehorche! Nie, nie soll meine Liebe uber die Tugend siegen. Ich will Leiden tragen lernen. Von dir getrennt, Herrmann, werde ich meine Tage verweinen; aber ich werde mir sagen: Ich erfullte das Gebot meiner Mutter; nie streuete ich Unmuth auf ihre Tage. O, dann werde ich noch in meinen Thranen Trost finden! Aber einem Andern meine Hand geben? Nein ich will bey meiner Mutter bleiben ich will Carolinens Gluck sehen mich dessen freuen Ach! es kostete mir ja Alles! Aber namenlos wurde mein Elend, wenn ich Wallenheim o, der Name ist mir verhasst! Liebe schworen musste! Dagegen will ich alle meine Krafte aufbieten. Ich will es tragen das harte Geschick, von Herrmann getrennt zu seyn! O, mein Vater! Du ahndetest es, als Du sterbend mich noch Ergebung in den Willen des Schicksals und Standhaftigkeit lehrtest! Wohl! Ich will Dir folgen ich will sie erfullen jede Pflicht, die Du mir auferlegtest Aber mich in einen Abgrund sturzen, aus welchem nur der Tod mich retten kann? Nein, das kann nicht Mutterbefehl! Herrmann! Herrmann! Du sollst mich nicht in den Armen eines Andern sehen!

Nun stand sie auf, setzte sich an ihren Schreibtisch, und schrieb folgende Zeilen an den Herrn von Wallenheim: "Mein Herr,

Unbekannt werden Ihnen diese Zuge seyn, wie mir bisher Ihr Name war! Ihr Name, den ich nun zitternd ausspreche! Doch nein, voll des Vertrauens auf die Gute, welche der Schopfer in jedes menschliche Herz pflanzte, nahere ich mich Ihnen, und wage, Sie, jetzt Gebieter meines Schicksals, um Mitleiden anzuflehen! Ohne mich zu kennen, glaubten Sie mich wurdig, die Gattinn Ihres Sohnes zu werden. Ich erkenne es in seinem ganzen Umfange, dieses edle Vertrauen, und ware mein Herz frey gewesen, so wurde ich mich bestrebt haben, es zu verdienen. Aber schon lange fesselt mich Uebereinstimmung der Neigungen und der Denkungsart an einen edlen Jungling. Und wie kann ich nun, mit einem Herzen voll unaussprechlicher Liebe gegen ihn, Ihrem Sohne die Hand geben, mich schuldig, und ihn unglucklich machen? Das kann ein Vater nicht wollen. Er darf nicht die Mutter seiner Kinder unglucklich machen, sonst wurden einst Ihre Enkel Ihnen meine Thranen vorwerfen! Aber Sie verlangen, mich als Gattinn Ihres Sohnes, oder das Band zerrissen zu sehen, welches meine Schwester an Ihren Neffen knupfte! Sie wollen sie trennen, sie, welchen die Liebe einander zurief und vereinigte! Und ich, ich sollte es seyn, welche Kummer auf die Tage meiner Schwester verbreitete? Welche dem Herzen ihrer und meiner Mutter jede Freude raubte, indem sie die bluhende Tochter dahin welken sahe? O, wohin ich blicke, wartet meiner Verbrechen und Elend! Ihre Gute allein kann mich retten! Ein Wort von Ihnen sichert mein und meiner Schwester Gluck! Aber der Wille meiner Mutter, welche mich bestimmte, die Gattinn Ihres Sohn's zu werden, legt mir eine Pflicht auf, die ich erfullen will. Meine Hand kann ich dem Herrn von Wallenheim nicht geben; aber mein Vermogen sehe ich als das Seinige an. Ich entsage Allem, was ich besitze, und mache ihn zum Herrn desselben. Es ist mir suss, ihm diesen Beweis meiner Achtung zu geben, und kranken wurde es mich, wenn Ihre Grossmuth ihn ausschluge! Das erwarte ich nicht; denn es ist nicht ein Sold, den ich geben will, um Ihre Einwilligung zur Verbindung meiner Schwester mit Ihrem Neffen zu erlangen O nein! das Gluck so vieler Geschopfe kann nicht mit Gelde bezahlt werden! Und uber jeder Belohnung, als uber die, welche Tugend gewahrt, ist der, welcher so viel Segen uber seine Mitgeschopfe verbreitet! Nur unser Dank, nur unser spatester Segen kann Ihnen lohnen, nie unser Geld! Das Meinige gehort nach allen Rechten Ihrem Sohne; es verwerfen, hiesse mich verachten!

Ich habe Sie nun in meinem Herzen lesen lassen; ich habe Ihnen alle meine Gesinnungen entdeckt, muss ich nun noch Ihren Ausspruch furchten? O, bedenken Sie, dass das Gluck meines Lebens von ihm abhangt! dass er es ist, welcher jeden meiner Tage zu Tagen der Wonne machen wird! Mehr wage ich nicht hinzuzusetzen. Wenn Ihr Gefuhl nicht fur mich spricht, so bin ich verloren!

Elisa von Hohnau."

Diesen Brief brachte sie ihrer Mutter, und bat sie zugleich, in ihrem Zimmer bleiben zu durfen, bis dass sie eine Antwort von Herrn von Wallenheim wurde erhalten haben. Die Baroninn von Hohnau erlaubte es ihr, verbot ihr aber, an Herrmann zu schreiben, und auch Henriette erhielt Befehl, nicht ohne Carolinen das Haus zu verlassen. Beyde gehorchten; die sanfte Elisa murrte nicht, auch klagte sie nicht langer vergebens; sie bestrebte sich, ihren niedergeschlagenen Geist wieder aufzurichten. Unaufhorlich war sie beschaftiget; sie suchte jedes Gfuhl zu betauben; las ernste philosophische Schriften, um ihre Gedanken von Herrmann und von ihrer Liebe abzuziehen. Oft hatte sie sonst gesagt: Ein jeder Mensch wird physikalisch und moralisch gezwungen, sich dem Gesetze der Nothwendigkeit zu unterwerfen; aber nur der Weise erkennt es, und ergiebt sich ihm ohne Murren und Widerstand; denn er weiss, dass keine Macht im ganzen Weltall es aufheben kann. Dieser Worte erinnerte sie sich jetzt. Ach, sagte sie sich mit einem Seufzer, ich muss nun das ausuben, was ich sonst als weise und gut erkannte! Selten nur sprach sie mit Henrietten von ihrer Liebe, und so erlangte sie, Ruhe in ihrem Herzen zu erhalten. Aber Wallenheim ihre Hand geben? Diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Dann flog von ihren Lippen das heitre Lachcln, welches ihr Antlitz zum Bilde der Unschuld und der Tugend machte.

Ihre Mutter hatte ihren Brief dem Herrn von Wallenheim geschickt, und am sechsten Tage nach seiner Absendung, erhielt Elisa eine Antwort. Die Baroninn von Hohnau brachte sie ihr, und Caroline begleitete sie. Elisa war bey ihrer Freundinn; zitternd erbrach sie den Brief; er enthielt folgende Worte: "Gnadiges Fraulein, Ich konnte Sie nicht zwingen, die Gattinn meines Sohn's zu werden; aber nie werde ich in die Verbindung meines Neffen mit Ihrer Schwester willigen. Ich beharre stets auf meinem Entschluss, und was ich einmal fur gut erkenne, das andere ich nie. Die Welt wurde mich als den eigennutzigsten Mann betrachten, wenn ich Ihr Geld annahme; das kann also nicht geschehen. Und da mein Sohn nicht das Gluck gehabt hat, Ihnen zu gefallen, so soll er unverzuglich mit meinem Neffen zuruckkommen. Dieses habe ich ihm auch geschrieben. Ich bedaure ubrigens, dass ich nicht das Gluck haben kann, mit Ihnen und Ihrer Familie verbunden zu seyn, und dass Sie mir jede Gelegenheit geraubt haben, Ihnen zu beweisen, wie sehr Sie lieben wurde

Ihr

ergebener Diener,

Franz von Wallenheim."

Elisa sank auf einen Stuhl, nachdem sie ihn durchgelesen hatte; sie reichte ihn ihrer Mutter: Er enthalt meinen Tod, sprach sie.

C a r o l i n e . (Nachdem auch sie den Brief gelesen hat.) Nein, meine Mutter, Philipp soll mich nicht verlassen!

B . v . H . Elisa, Du musst Dich entschliessen....

E l i s a . (Wirft sich der Baroninn und Carolinen zu Fussen.) Meine Mutter! Caroline! Ach, Mitleid! Mitleid! Tausendfache Leiden zerreissen meine Brust!

B . v . H . Elisa, Deine Mutter bittet Dich!

C a r o l i n e . (Umarmt Elisa'n.) Schwester, Du machst mich unglucklich!

E l i s a . Ach, Caroline, hast Du nur Gefuhl fur Dein eignes Ungluck? Konntest Du einem Andern die Hand geben, in dem Augenblicke, da Du Philippen entsagen musstest?

B . v . H . Dein Zaudern wurde nur Deine Verbindung mit Wallenheim aufschieben, aufheben nicht, so lange Caroline lebt. Was wurde es Dir helfen, taglich ihre und meine Thranen zu sehen. Du wurdest durch sie nicht glucklicher; denn Birkenstein soll nie der Deine werden. Fluch wurde dann mein letzter Gedanke an Dich seyn; Fluch der Tochter, die das Herz ihrer Mutter zerriss!

E l i s a . Gott!

C a r o l i n e . O, dass jede meiner Thranen hollische Martern in Deine Brust giessen moge!

E l i s a . Halt ein, Caroline! Ach, Muttersegen, Mutterfluch, beyde machen mich elend! Und nirgends ein Ausweg fur mich, nirgends mehr Hulfe!

B . v . H . Noch in Deinem Gehorsam, Elisa.

C a r o l i n e . Noch in dem Wonnegefuhl, wie Du es nennst, Andere glucklich zu machen. Oder hattest Du nur gelernt, schon zu sprechen, und schlecht zu handeln?

B . v . H . Sprich, Elisa, was ist Dein Entschluss?

E l i s a . (Mit schwacher Stimme.) Zu sterben, aber Ihnen zu gehorchen.

C a r o l i n e . (Wirft sich Elisa'n um den Hals.) Elisa, Elisa, was soll ich thun?

E l i s a . Mir nicht danken. Dein Dank, Deine Freude lasst mich mein Ungluck fuhlen! (Nach einer Pause.) Nur eine Bitte, meine Mutter, gewahren Sie mir! Lassen Sie mich noch einige Tage in meinem Zimmer bleiben; ich muss Krafte sammeln, um Wallenheim sprechen zu konnen, und o Gott! lassen Sie mich selbst meinem Herrmann sagen, dass er und ich ewig elend sind!

Hier sank sie wieder kraftlos in einen Sessel, und verhullte ihr Gesicht in ein Tuch. Henriette eilte zu ihr, fasste sie in ihre Arme; aber vergebens waren ihre Bemuhungen, sie aus der Betaubung zu ziehen. Die Baroninn von Hohnau und Caroline verliessen das Zimmer, und die Erstere sagte Henrietten, sie willige in das Verlangen ihrer Tochter. Henriette weinte. Grausame Mutter, sprach sie, um die Leidenschaft deiner einen Tochter zu befriedigen, opferst du die Ruhe der Andern auf? Ach! mogest du nie dein Verbrechen empfinden!

In Elisa's Seele kehrte nun das Andenken ihrer letzten Worte zuruck; sie erhob ihren Kopf, und sahe die weinende Henriette an ihrer Seite. Auch Dich, meine Freundinn, sagte sie, mache ich unglucklich! O, meine Mutter! dass auch diese Thranen Dir mogen vergeben werden!

H e n r . (Fur sich.) Die edle Seele! wie entfernt ist Zorn von ihr!

E l i s a . So werde ich dich auch nicht mehr lieben durfen, mein Herrmann? Ach, Henriette! Das war mein Trost, als ich ihm entsagte, dass mein Herz ihm doch immer bleiben wurde, und nun soll ich sein Bild darin vertilgen! Nun darf ich seinen Namen nicht mehr nennen! Gott! konnen Menschen dieses fordern, und kann ich das alles halten?

H e n r . Ich erwarte Starke von deiner Tugend.

E l i s a . (Nach einer Pause, fallt auf ihre Knie.) Ewige, unsichtbare Macht, dein erster Wille lenkte die Begebenheiten aller Zeiten hindurch; auch ich bin mit begriffen in dem Gesetze ewiger Nothwendigkeit; ach, lass mich immer uberzeugt seyn, dass es so am besten in der Reihe der Dinge war! (Sie lasst ihren Kopf auf Henriettens Schooss sinken) Henriette! ich wollte ihn aussprechen den Schwur, nicht mehr zu lieben. Ich kann nicht!

H e n r . (Hebt sie auf.) Fasse Dich, meine Freundinn! Du musst nun Dein Gluck allein in der Tugend suchen.

E l i s a . Sprich nicht von Gluck, Henriette; erflehe nur Ruhe fur mich; dem Glucke habe ich entsagt!

Sie schwieg nun; ruhig war ihr Blick und alle ihre Bewegungen. Henriette sagte ihr, dass ihre Mutter ihr ihre Bitte gewahre; ein Seufzer war ihre Antwort. Ach! sprach sie endlich, dass Herrmann mich vergessen moge, dass er nur moge glucklich werden! Eine Thrane zitterte bey diesen Worten in ihrem Auge: aber Elisa unterdruckte jeden Ausbruch des Schmerzes.

Taglich war Herrmann in den Birkenwald gegangen, in welchem er stets seine Elisa anzutreffen pflegte. Hoffnung beflugelte an jedem Tage seine Schritte, und voll dustrer Schwermuth wankte er an jedem Abend zuruck nach Birkenstein. Er weiss kaum, was er denken soll. Er wagt es nicht, irgend einer Muthmassung Raum zu geben; denn schwarze Bilder schweben um seine Einbildungskraft. Er wagt es endlich am funften Tage, nach Hohnauschloss zu reiten; allein die Baroninn von Hohnau nimmt seinen Besuch nicht an; er zieht Erkundigungen ein, und kann weiter nichts erfahren, als dass Elisa und Henriette nicht das Zimmer verlassen, ob sie gleich ganz wohl sind. Dieses vermehrt nur seine Besorgnisse; er geht am andern Tage wieder in den Birkenwald; unruhig durchlauft er alle Gange, welche nach Hohnauschloss fuhren; da erblickt er endlich seine Elisa, welche wankend daher kommt; er eilt ihr entgegen, und kraftlos sinkt sie in seine Arme.

H e r r m . Gott! was ist das? Elisa, Dein Herz schlagt heute so schwach gegen das meinige?

E l i s a . (Entreisst sich seinen Armen, mit angenommener Standhaftigkeit und fester Stimme.) Herrmann, wir sehen uns heute zum letztenmale!

H e r r m . (Blickt sie starr an; Elisa halt ihre Hand vor die Augen; er fallt endlich zu ihren Fussen.) Elisa, sprichst Du mein Todesurtheil?

E l i s a . Herrmann, erschwere mir meine Pflicht nicht; ich wollte bey Dir Standhaftigkeit suchen.

H e r r m . (Steht auf.) Spotterinn! Du kannst noch meines Elends spotten?

E l i s a . (Mit sanfter, einschmeichelnder Stimme.) Hore mich, mein Herrmann! Mutterbefehl entreisst mich Dir! Ach, ich wurde in Deinen Armen nicht mehr glucklich seyn, wenn meiner Mutter Fluch auf mir ruhete!

H e r r m . Elisa, warum bist Du so vollkommen, und ich so unglucklich? O, Madchen! warest Du in den Tiefen eines Abgrundes gewesen, an dessen Rande tausend Dolchstiche meine Brust zerfleischt hatten; mit dem Tode ringend ware ich zu Dir geeilt, hatte Dich in meine Arme genommen, ware gestorben, aber ware glucklich gewesen! Ach, Elisa, ich kannte nur Leben und Gluck, seit dem Augenblicke, da ich Dich sahe! Nein, ich hatte kein Daseyn zuvor! Und nun stossest Du mich zuruck in ewige Finsterniss! O, welche herrliche Aussicht lag vor mir! Wie ergotzte ich mich oft, wenn ich in die Zukunft blickte! Elisa gab Licht und Leben allen Gegenstanden, die ich sahe! Und nun? Schauder ergreift mich meine Tage werden ode seyn kein Gefuhl kenne ich mehr Nun wird Verzweiflung mir suss und Raserey mein Loos seyn.

E l i s a . Halt ein, Herrmann! Du zerreissest mein Herz. O Mutter! Mutter! Mogen seine Fluche nie uber Dich kommen! (Sie sinkt nieder auf den Rasen.) Wo soll ich Kraft hernehmen, seinen Schmerz zu tragen?

H e r r m . (Setzt sich neben sie, und umarmt sie.) Elisa, Weib meines Herzens, Du willst mich verlassen?

E l i s a . (Ein Strom von Thranen rollt von ihren Wangen; sie legt ihren Kopf auf seine Schulter; nach einer Pause.) Herrmann, ich bin doppelt unglucklich! Ich muss einem Andern meine Hand geben; Du darfst mich lieben; ich muss Dich vertilgen, aus diesem Herzen, in welchem Du herrschest. Aber, schwuren wir uns nicht oft, der Tugend treu zu bleiben? Mein Herrmann, gedenke des Tages, an dem Du sagtest, wir wollen zusammen die Leiter der Vollkommenheit ersteigen. Wollen wir nur auf der untersten Sprosse stehen bleiben?

H e r r m . (Seinen Kopf auf seine Hande gestutzt.) Gott! ich soll sie verlieren? O! wie werde ich Kraft zum Leben behalten?

E l i s a . Blicke um Dich, mein Herrmann, die Natur verlasst keines ihrer Kinder; in ihrem Schoosse wirst Du Balsam fur Deine Wunden finden.

H e r r m . Vergebene Hoffnung! mit Dir schwindet jeder Genuss; alles ist nun todt fur mich!

E l i s a . Aber ich bin ja noch; meine Ruhe hangt von der Deinigen ab! Herrmann! Herrmann! konnte ich mit diesem Leben Dein Gluck erkaufen! Ach! schone meiner!

H e r r m . (Druckt sie mit Inbrunst an seine Brust.) Himmel! ware dieses der letzte meiner Augenblicke, ich wollte ihn segnen! Ich sturbe an meiner Elisa Brust!

E l i s a . Ach, Herrmann, wie schwer machest Du mir den Kampf zwischen Liebe und Pflicht!

H e r r m . Hat denn die Liebe nicht auch ihre Pflichten?

E l i s a . Ware ich Dein Weib geworden, ich hatte sie alle erfullt; aber Herrmann, ich bin das versprochene Weib eines Andern.

H e r r m . Schreckliches Wort! Der Gedanke "Zernichtung," ist es weniger als Du!

E l i s a . Lass uns nicht mit allem Gefuhl des Schmerzes an diesem Augenblicke hangen! Herrmann, viel werden Deiner Tage noch seyn; wende sie an zum Wohl Deiner Bruder; werde gross und gut; streue Segen um Dich her! Du bist Mann; weit kann Dein Wirkungskreis werden; viel des Guten, welches Du stiften kannst! Blicke dahin, solltest Du da nicht Trost finden?

H e r r m . An Deiner Seite hatte ich mich hinauf schwingen wollen zu jeder edlen That; hatte handeln wollen, wie ein Mann von Ehre und Gefuhl! Meine Ruhe hatte ich meinen Pflichten, Vergnugungen meinen Geschaften aufgeopfert. Dein Lacheln hatte mich belohnt. Ach, es ware der susseste Lohn gewesen! Er fehlt mir nun, und mit ihm verschwindet jede Kraft zu handeln.

E l i s a . Nicht so, mein Herrmann! Wenn ich Dir nicht mehr zulacheln kann, so bleibt Dir doch die innere Stimme Deines Herzens, die Dir lohnen, zehnfach lohnen wird! Es bleibt Dir das selige Gefuhl, Dich des Glucks zu freuen, welches Du schufest!

H e r r m . (Mit aufgehabenen Handen.) Ach, jedes ihrer Worte lasst mich die Starke meines Unglucks fuhlen! (Er lasst seinen Kopf auf ihren Schooss sinken.) Elisa, Engel, ich koste Dir Thranen! Was soll aus mir werden!

E l i s a . (Umarmt ihn.) Sey standhaft, mein Herrmann! Verdopple meine Leiden nicht; ich muss unterliegen, wenn ich Deinen Schmerz sehe!

H e r r m . Aber, Elisa, wie konntest Du auch so bereit seyn, Deiner Mutter zu gehorchen?

E l i s a . Herrmann! Du weisst nicht, wodurch ich dahin gebracht wurde! Meiner Schwester, meiner Mutter Gluck fordert es von mir. Wenn ich Wallenheim meine Hand gebe, darf meine Schwester Philippen von Wallenheim, den sie liebt, heyrathen. Dieses ist der Wille des alten Wallenheim, und meine Mutter drohte mir mit ihrem Fluche, wenn ich ihrer Tochter den Geliebten raubte.

H e r r m . Grausame Mutter, Dich opfert sie also auf?

E l i s a . Schweig, Herrmann! Liebe ist unwillkuhrlich. Eine ihrer Tochter musste sie zum Opfer bestimmen; wie naturlich also, dass es die wurde, welche ihrem Herzen am wenigsten theuer ist.

H e r r m . Wie bereit Du bist, sie zu entschuldigen! O Elisa! liebtest Du wie ich, Du konntest es nicht!

E l i s a . Herrmann, werde nicht unbillig! Du warest sonst so edel! O, wenn ich gegen meine Liebe kampfen, wenn ich heisse Thranen des Schmerzes weinen werde, dass sie starker als Vernunft und Tugend in mir ist, dann lass mir den Trost, in meiner Liebe die Entschuldigung zu finden, dass ich den edelsten Mann liebe!

H e r r m . Gott! welch ein Weib! O, dass Wallenheim ganz ihren Werth erkennen moge! (Er druckt sie mit Wehmuth an seine Brust, mit erstickten Thranen.) Meine Elisa, werde glucklich, vergiss Deinen Herrmann!

Er steht schnell auf, und lehnt sich an einen Baum; Elisa nahert sich ihm, nimmt seine Hand, und druckt ihre Lippen auf die seinigen. Herrmann, bleibe mein Freund; ich bleibe ewig Deine Freundinn! Nun entfernte sie sich mit starken Schritten; Herrmann wandte sich um, er sieht sie forteilen, und fast sinnlos sinkt er an den Baum zuruck. Elisa! Gott! ruft er aus. Sie sieht sich noch einmal um, und mit schwacher Stimme ruft sie ihm zu: Er gebe Dir Kraft, Geliebter meiner Seele! Sie verdoppelt ihre Schritte, und bald erreicht sie den Eingang des Gartens, an welchem Henriette ihrer wartete; sie wirft sich in ihre Arme; ihre Krafte waren erschopft; sie bleibt empfindungslos am Busen ihrer Freundinn liegen. Ihre Augen waren geschlossen, Blasse uberzog ihre Wangen; Henriette legt sie auf den Rasen; mit mitleidsvollem Auge blickt sie auf ihre Freundinn, und trauert, dass das edle Geschopf so jung den Kummer kennt. Sie reibt ihre Stirne und Schlafe, und Elisa kehrte zuruck ins Leben. Ihre ersten Worte waren, indem sie Henrietten umarmte: Ach, Henriette, nie, nie werde ich ihn nun wiedersehen! Ein Strom von Thranen brach durch ihr mattes Auge. Meine Seele, mein ganzes Daseyn, sprach sie, ist bey ihm zuruckgeblieben aber ich habe meine Pflicht erfullt! Trost war ihr dieser Gedanke; ihre Thranen wurden ruhiger. Ach, dachte Henriette, mochten doch Alle die, auf welchen die Hand des Kummers ruht, sich dieses sagen konnen! Ihr Schmerz wurde nicht so zerreissend, ihre Seele des Trostes fahig seyn.

Am Arme ihrer Freundinn ging Elisa zuruck. Sie kam vor ihrer Mutter Zimmer vorbey! sie hort Wallenheims Stimme, und schaudert. Gott! sagt sie voller Schrecken, bald bin ich sein Weib! In dustre Schwermuth sturzt sie diese Betrachtung; ihr Schweigen war schrecklich; ihre Blicke druckten Verzweiflung aus.

H e n r . (Sie umarmend) Elisa, meine Freundinn, Dein Zustand zerreisst mein Herz!

E l i s a . Ich Elende! Alles, was mich liebt, mache ich unglucklich!

H e n r . O, meine susse Elisa, wer wurde nicht gern mit Dir leiden, wenn man von Dir geliebt wird?!

E l i s a . (Mit aufgehobenem und thranenvollem Blicke.) Ach, in den bittersten Stunden unsers Lebens giebt es noch susse Augenblicke! Nie fuhlte ich so, wie jetzt, die Seligkeit der Freundschaft!

H e n r . Nie, meine Elisa, warest Du mir so theuer! O, konnte ich Gluck und Leben geben, und Dich glucklich sehen!

E l i s a . Dank Dir, Henriette! Du lassest mich empfinden, dass es noch Freuden fur mich giebt.

H e n r Liebes Madchen, die Zukunft wird Dir noch mehrere bereiten!

E l i s a . Ach, wenn mein Herrmann nur nicht so unglucklich ware! Wie gerne wollte ich leiden, wie willig Alles tragen, was die Hand des Schicksals mir auferlegte, wenn ich wusste, dass er frey von Kummer, sorgenlos und heiter ware, wie am Tage, da ich ihn zuerst sahe. Ich raubte ihm jede Freude des Lebens! Ich verbitterte seine Tage; ich machte ihn namenlos elend! O, Henriette, als ich ihn verliess, da stand er an einen Baum gelehnt, hatte nicht die Kraft, mich zuruckzurufen!

H e n r . Ja, sein Schmerz wird gross, wie seine Liebe, seyn; aber, liebe Elisa, er wird ihn bekampfen, und wird einst, so wie Du, auch wieder Ruhe finden!

E l i s a . Wollte der Himmel, mein Andenken erloschte heute in seinem Herzen! Ich wollte mich freuen, wenn ich von ihm vergessen wurde! Zwar ist mir der Gedanke, von ihm vergessen zu seyn, schmerzhaft; aber mein Herrmann wurde ruhig seyn; sein Bild voll Jammer umschwebte mich dann nicht mehr! Konnte ich ihn nur noch einmal mit dem heitern Lacheln auf den Lippen, mit der edlen Zufriedenheit auf der Stirne sehen, mit welcher er an meiner Seite sass, als am Geburtstage seiner Mutter die Bauerinnen unter der grossen Linde tanzten!

H e n r . Warum rufst Du diesen Tag in Dein Gedachtniss zuruck? Elisa, Du musst nun Deine Blicke von der Vergangenheit abwenden!

E l i s a . Ach, ich weiss es, dass ich ihn nicht mehr lieben darf! ich will sie auch bekampfen, diese Leidenschaft. Aber noch einmal will ich sie zuruckrufen, alle Scenen der Wonne, alle seligen Augenblicke, welche ich mit meinem Herrmann durchlebte. Ihr Andenken soll mich starken, den dunkeln Pfad zu betreten, der vor mir liegt. Ich will denken: Einst war ich glucklich!

H e n r . Wie wenig Kraft wirst Du dann haben, wenn Du diese Liebe zu Herrmann unterhaltst!

E l i s a . (Weinend.) Ach, Henriette, ich kann ihn nicht mit einemmale aus meinem Herzen reissen! Aber ich will nicht mehr von ihm sprechen. Da, nimm den Ring, den er mir gab; trage ihn immer, nur nicht in meiner Gegenwart. (Sie kusst den Ring.) Du warst mir so theuer; meine Blicke weilten so gern auf dir, und auch von dir muss ich mich trennen! (Sie giebt Henrietten den Ring und verhullt ihr Gesicht in ein Tuch.)

H e n r . Das ist ein Opfer, welches Du der Tugend machest; sie wird Dich nicht unbelohnt lassen!

E l i s a . (Nach einer Pause.) Dieses Wort erweckt jede schlummernde Kraft meiner Seele. (Sie reicht Henrietten die Hand.) Dir, Henriette, gelobe ich es, bey dem Andenken meines Herrmanns schwore ich es, Alles, was Tugend von mir heischt, will ich erfullen! O, dann werde ich stark seyn, alle Widerwartigkeiten des Lebens zu ertragen!

H e n r . (Elisa'n umarmend.) Ja, meine Freundinn, dann wird Gluck und Zufriedenheit Dich bis zum letzten Hauche Deines Lebens begleiten! O, dass Dein Vater seine Tochter sehen, dass er das edle Geschopf an seine Brust drucken konnte, in welches er den Keim zu jeder Tugend, und dadurch den Grund dauerhafter Gluckseligkeit fur sie legte!

Elisa seufzte noch; aber sie fuhlte sich starker; fest war sie entschlossen, ihren Widerwillen gegen Wallenheim zu bekampfen, und jede Erinnerung an Herrmann zu entfernen.

Lange noch stand Herrmann in der Stellung, in welcher Elisa ihn verlassen hatte; Schmerz war jeder Ausdruck seiner Zuge, Verzweiflung das einzige Gefuhl, das ihn belebte. So kehrte er zuruck nach Birkenstein; aber noch heftiger ward sein Schmerz, als er sich der Linde naherte, unter welcher er seine Elisa zuerst gesehen hatte. Gott! ruft er aus, und wirft sich unter ihren Schatten, hier hub ein Tag des Glucks, und eine Ewigkeit von Qualen fur mich an! Frau von Birkenstein, welche alle Abende unter dem wohlthatigen Schatten der Linde verweilte, kam nun auch; hier freuete sie sich immer des verlebten Tages, wenn sie vom Unglucklichen den Kummer verscheucht, und statt dessen sanfte Freude in seinem Herzen verbreitet hatte. Noch heute hatte sie das Gluck zweyer Geschopfe befordert, indem sie ein junges Madchen der Gewalt einer Stiefmutter entriss, welche Tyranninn gegen sie war, und ihr eine Ausstattung gab, welche sie in den Stand setzte, dem Mann, den sie liebte, ihre Hand zu geben. Noch begleitete sie der Segen des liebenden Paars; da dachte sie an Herrmann, und an seine Liebe, und Thranen der Freude, Thranen des Danks gegen die gutige Vorsicht, die unter den Leiden, welche die Sterblichen sich bereiten, so mannichfaltige Freuden auf sie schuttet, rollten von ihrem Auge. So erblickt sie Herrmann; er sahe seine Mutter nicht; im Schmerze vergraben lag er da, und nur Elisa's Bild schwebte vor seinen Augen.

F r . v . B . Herrmann, was ist Dir?

H e r r m . (Steht auf.) Sie hier, meine Mutter?

F r . v . B . Warum sind Deine Blicke so furchterlich? Du bist blass, Du zitterst? O, mein Sohn! welch ein Ungluck droht Dir?

H e r r m . Das schrecklichste, Mutter, welches den elenden Erdensohn treffen kann! Elisa ist verloren, ewig verloren fur mich!

F r . v . B . Herrmann, sey ein Mann!

H e r r m . Ich fuhle, dass ich es bin. Denn der Schmerz dringt langsam, aber desto tiefer in meine Nerven, und Verzweiflung rollt wild in meinen Adern!

F r . v . B . Unglucklicher Herrmann! Deine Liebe zu mir fuhrte Dich hierher, und hier musstest Du die Quelle Deines Grams finden!

H e r r m . O, hatte ich es gewahnt, als ich Elisa'n hier zum Erstenmale erblickte, ich ware geflohen, ich hatte ihren Zauberblicken mich langer nicht genahert! Aber wer hatte ihr widerstanden? Wer Ungluck geahndet in der Gesellschaft eines Engels? So liebevoll schmiegte sie sich an Ihren Busen, so sanft blickte sie auf mich, so offen, so vertraulich war ihr Gesprach! O, Augenblicke der Wonne, nie kehret ihr mehr zuruck!

F r . v . B . Aber woher entstand diese plotzliche Veranderung?

H e r r m . Von der Grausamkeit ihrer Mutter; sie opfert sie Carolinen auf; sie muss einem reichen Herrn von Wallenheim ihre Hand geben, damit Caroline dessen Vetter heyrathen kann, welches sonst der Vater nicht zugegeben hatte.

F r . v . B . Das arme Madchen, wie viel wird ihr Herz leiden!

H e r r m . Ach, Mutter, und ich mache sie so unglucklich! Hatte sie mich nicht gesehen, hatte ich ihr meine Liebe nicht entdeckt, nicht Alles angewandt, die ihrige zu gewinnen, so ware sie jetzt ruhig, so gehorchte sie jetzt willig dem Befehle ihrer Mutter! Und nun Ach, wie sie kampfte, wie sie litt!

F r . v . B . O, dass ich Eure Liebe so tief Wurzel fassen liess! Dass ich Dich nicht wegschickte, Herrmann, ehe dieses alles so weit kam!

H e r r m . Mutter! machen Sie sich keine Vorwurfe, dass Sie nicht der Zukunft Schleyer enthullen konnten! Sie wollten mein Gluck, von fern liess das Schicksal es mich erblicken, um es mir zu entreissen!

F r . v . B . Herrmann, muss Erfahrung Dich erst lehren, dass der unaufhorliche Wechsel der Freude und des Leidens das ewige Loos aller Sterblichen ist? Der gemeine Haufen der Menschen erwartet Trost von der Hand der Zeit, aber der Weise kommt ihr durch Standhaftigkeit zuvor.

H e r r m . Ach! Mutter, Sie verloren nicht alles, was das Leben Ihnen theuer machte!

F r . v . B . Ich verlor es einst. Aber keine Trennung hebt je unsere Pflichten als Mensch auf, darum mussen wir uns fassen, um fortwirken zu konnen.

H e r r m . Ich fortwirken? Nein, Mutter, der Ungluckliche hort auf zu wirken!

F r . v . B . Mein Sohn, mein Herrmann, verdrangte die Liebe zu Elisa'n jede andere Liebe aus Deinem Herzen? O, es giebt noch ein Wesen, dessen Wohl ganz von dem Deinigen abhangt!

H e r r m . Theure Mutter! Ach, verzeihen Sie dem ersten Ausbruch meines Schmerzes Ich fuhle es, das Gluck meines Lebens ist dahin!

F r . v . B . Aber Deine Ruhe muss es nicht seyn! Komm mit mir in das Haus, weine an meinem Busen; ich bin nicht unempfindlich gegen Deinen Schmerz.

Herrmann folgte seiner Mutter; aber Ruhe war diese Nacht von seinem Lager verscheucht. Er durchstrich am andern Morgen fruh alle Gange, welche er einst an der Hand seiner Elisa durchging. Ich kann nicht langer in Birkenstein bleiben, rief er endlich aus; hier, wo ich sie nie mehr sehen werde, ist das Leben mir eine unertragliche Qual! Gefasst war nun sein Entschluss, das Konigreich wollte er verlassen, und weit von seinem Vaterlande Ruhe oder den Tod suchen. Er entdeckte diesen Vorsatz seiner Mutter; sie widersetzte sich ihm nicht; denn sie wusste, dass Zerstreuung das beste Heilungsmittel ist. Noch war er in ihrem Zimmer, als ein Bote aus Hohnauschloss kam; er brachte der Frau von Birkenstein einen Brief; er war von Elisa'n. Herrmann kusste das Siegel, die Aufschrift. Also heute, noch heute, du Innigstgeliebte, hast du dich mit mir beschaftiget? Hast meinen Namen noch gedacht, ihn noch genannt? So sprach er, und eine Thrane entschlupfte bey diesen Worten seinem mannlichen Auge. Frau von Birkenstein las indess folgende Zeilen: "Verehrungswurdige Frau,

Mit welchem Gefuhl soll ich heute mich Ihnen nahern, da ich bisher gewohnt war, Sie als Mutter zu betrachten, zu verehren? Welcher Worte soll ich mich bedienen, Ihnen zu sagen, dass das Band zerrissen ist, welches meinem Herzen so theuer war? O, ich wahnte es nicht, als ich das Letztemal von Birkenstein ging, dass ich es nie wieder betreten wurde! Denn verzeihen Sie mir, meine Mutter, (noch sprechen meine Lippen unwillkuhrlich diesen Namen aus), ich darf nicht mehr nach Birkenstein kommen; ich darf nicht den Abschiedskuss auf Ihre Lippen drukken; ich wurde auf ihnen die Spur von Herrmanns Kussen suchen. Ach, es war eine Zeit, da umschlossen Ihre Arme uns Beyde! Sie ist dahin, und das Andenken an sie ist nun Verbrechen fur mich. Oft ermahnten Sie mich zur Tugend; seine Pflichten aufs strengste erfullen, ist die hochste Tugend; ich will suchen, sie zu erreichen. Ich darf also den Ort nicht wieder sehen, an welchem Alles mich an meine Liebe, an den Mann erinnern wurde, dessen Namen ich nicht mehr aussprechen darf. O, wie gerne weinte ich noch einmal an dem mutterlichen Busen, an welchem jetzt auch mein Herrmann Thranen des Schmerzes vergiesst! Aber der Gedanke, Verbrechen, schreckt mich zuruck! In wenigen Wochen bin ich das Weib eines Andern, und dann ist Gedanke an ihn schon Sunde. Also nur diese Zeilen durfen Ihnen Lebewohl sagen! Meine Blicke werden Sie nie mehr sehen; aber mein Herz wird Sie ewig lieben! Trosten Sie meinen Herrmann! Ach, dass er noch glucklich werden mochte! Dieses ist das Einzige, was ich jetzt vom Himmel erflehe! Leben Sie wohl, meine Mutter! meine Freundinn!

Elisa von Hohnau."

Frau von Birkenstein benetzte diesen Brief mit ihren Thranen; sie gab ihn Herrmann. Ich noch dein Herrmann? rief er aus, nachdem er ihn durchgelesen hatte. Einziges Madchen! Das Andenken. Deiner Liebe soll mir Trost seyn. Ach, Wallenheim ist noch unglucklicher als ich! (Zur Frau von Birkenstein.) Meine Mutter, lassen Sie mir diesen Brief; er ist der letzte Beweis ihrer Liebe. Wenn stiller Kummer an meinem Herzen naget, dann will ich ihn lesen; er wird mir Starke geben! Frau von Birkenstein gewahrte ihm seine Bitte, und Elisa'n antwortete sie folgende Zeilen: "Theure Elisa!

Welch ein Ausdruck soll Ihnen die Empfindungen meines Herzens bekannt machen? O, meine junge Freundinn, ich fuhle Ihren Schmerz, ich sehe Herrmanns Leiden, und weine um den Verlust einer Tochter! Jede freudige Hoffnung meines Alters ist verschwunden. Doch gerne wollte ich die Ruhe meiner ubrigen Tage dahingeben, wenn ich sie dadurch in Ihr Herz zuruckrufen konnte. Ich klage mich jetzt an, wegen der Nachsicht gegen meinen Sohn, dass ich seine Liebe duldete; aber ich war Mutter, und wunschte sein Gluck, und meine Zartlichkeit sprach lauter, als die Klugheit, welche mir hatte vorhersagen konnen, dass Elisa von Hohnau nie das Weib meines Sohnes werden wurde. Verzeihen Sie mir dieses, Elisa! Ach, wer kann Sie kennen, und nicht wunschen, Sie Tochter zu nennen! Mein Herz ist zerrissen, bey dem Gedanken, dass ich Sie nicht mehr sehen soll; und doch erkenne ich, dass dieses nothwendig ist. Ihre Lage wurde mich zittern machen, wenn Sie eines der gewohnlichen Weiber waren! Mit einem Herzen voll Liebe gegen einen Andern einem Manne, den Sie nie kannten, Ihre Hand zu geben! Wie viel Standhaftigkeit gehort hierzu, um tugendhaft zu bleiben! Aber ich kenne Sie, meine Freundinn; ich weiss, Sie werden Ihren Pflichten jede Leidenschaft aufopfern, welche Ihnen an ihrer Ausubung hinderlich seyn konnte, und noch verehrungswurdiger werden Sie dann seyn, meine Freundinn! Die Achtung des Mannes, den Sie zum glucklichsten Gatten machen werden, und der Beyfall Ihres Herzens, wird Ihre Belohnung seyn, und Sie der Tage voll Kummer vergessen machen, welche Sie jetzt verleben. Auch mein Herrmann wird sich dann bestreben, durch Bekampfung seiner Leidenschaft, der Liebe wurdig zu seyn, welche die Edelste Ihres Geschlechts einst fur ihn hegte. Sie werden ihn dann als Freund wiedersehen, und vielleicht ist es mir noch erlaubt, Sie noch einmal zu umarmen! Ich werde indess Ihre mutterliche Freundinn bleiben, und Sie als meine Tochter lieben. Jeder meiner Wunsche wird fur Ihr Gluck und meines Sohn's Ruhe seyn! O, lassen Sie mich bald horen, meine susse Elisa, dass meine Wunsche nicht vergebens waren; dann werde ich sterbend noch mich freuen, und dem ewigen Geber alles Guten danken, dass er das letzte Gebet erhorte von

Kunigunde von Birkenstein."

Herrmann sagte seiner Mutter, dass er am andern Tage von Birkenstein abreisen, und nur dann zuruckkehren wolle, ihr das letzte Lebewohl zu sagen, wenn Elisa Hohnauschloss verlassen haben wurde. Frau von Birkenstein hiess Alles gut; sie verschloss den Gram, welchen sie bey dem Gedanken der nahen Trennung von ihm empfand; sie wunschte nur seine Ruhe, und wollte seinen Kummer nicht vermehren. Mogen ihn doch meine mutterlichen Arme, so sprach sie zu sich selbst, nicht mehr umschliessen, und er nur fern von hier Gluck und Ruhe finden! So reiste er am andern Morgen ab, von ihrem Segen und von seiner Liebe begleitet. Noch sahe er in der Ferne den Thurm von Hohnauschloss hervorragen. Ewiger Friede auf dir, himmlische Bewohnerinn dieses engen Bezirks, welchen du zum Aufenthalte der hochsten Freuden machtest! Ach, bald verschwindet diese Thurmspitze! Elisa, ewig entferne ich mich von dir! O, als ich noch mit dir jene Anhohen erstieg, von welchen wir die Natur in ihrer Pracht erblickten, sie bewunderten, ihren Schopfer preisten, da war ich gewiss der Glucklichste der Sterblichen! und nun? Grosses Wesen! Nun bin ich das Elendeste deiner Geschopfe! So sprach Herrmann. Helle Thranen glanzten in seinem Auge; er blickte zuruck; verschwunden war die Thurmspitze, an welcher sein Blick mit schmerzlichem Vergnugen hieng; er streckte seine Arme nach der Gegend aus. Ewig! so rief er donnernd, und nun sank sein Haupt; seine Empfindungen wurden stumpf. Fort rollte der Wagen; die Natur voranderte ihre Scenen um ihn; Herrmann bemerkte es nicht. Er kam in B... an; das laute Getummel auf den Gassen weckte ihn nicht aus seiner Betaubung. Ewige Trennung von Elisa'n! dieses war der einzige Gedanke, welcher ihn beschaftigte, und nichts vermochte ihn davon abzuziehen.

Elisa hatte indess Alles angewandt, um ihren Schmerz zu bekampfen. Henriette verliess sie nicht; aber Elisa versagte sich den Trost, an ihrem Busen zu weinen; sie sprach den Namen ihres Geliebten nicht mehr aus. Oft suchte sie Zerstreuung an ihrem Clavier; aber sie sang nicht mehr die Arien, welche ihr Herrmann gern horte. So vergingen ihr vier Tage; am funften kam ihre Mutter am Morgen zu ihr. Sie schien die Blasse auf Elisa's Wangen nicht zu bemerken, und nach dem Morgengrusse sprach sie zu ihr: Elisa, wann wird es Dir endlich gefallig seyn, den Herrn von Wallenheim zu sprechen?

E l i s a . Wenn Sie es befehlen, meine Mutter.

B . v . H . So geschehe es noch heute; man merkt es, dass Deine Krankheit nur vorgegeben ist, und dieses ist nicht sehr schmeichelhaft fur Deinen kunftigen Gatten.

E l i s a . Weiss er es denn nicht, dass blos unbedingte Nothwendigkeit mich zwingt, ihm die Hand zu geben?

B . v . H . Ich habe es ihm nicht gesagt; ich schrieb gleich nach Deiner Einwilligung an seinen Vater, und sagte ihm, dass Du nur einige Tage Bedenkzeit verlangt hattest, welche ich Dir zugestanden hatte, und dass Du jetzt bereit warest, meinen Willen zu erfullen. Ich hoffe, sprach er, dass Fraulein von Hohnau dieses nicht ungern thut? Ich versicherte ihn vom Gegentheil, und sagte ihm zugleich, dass eine kleine Unpasslichkeit Dich verhinderte, das Zimmer zu verlassen. Er erkundigt sich fleissig nach Deiner Gesundheit, und gestern haben er und ich Briefe vom alten Wallenheim empfangen. Er wunscht seinem Sohne Gluck, dass er alle Schwierigkeiten uberwunden hat, und erlaubt ihm, bis nach Vollziehung der Hochzeit hier zu bleiben.

Elisa seufzte, die Baroninn von Hohnau befahl ihr, beym Mittagsmahle zu erscheinen, und verliess das Zimmer. Gott! was waren da Elisa's Empfindungen! Sie stand lange unbeweglich da, bis endlich Henriette hinein kam.

E l i s a . Ach, Henriette, heute soll ich ihn nun sehen! Werde ich stark genug seyn, seinen Anblick zu ertragen, den Antrag zu horen, den er mir machen wird?

H e n r . Fragt Elisa mich das, welche immer stark zu Allem war, was Pflicht von ihr heischte?

E l i s a . Ach, bisher war es mir so leicht, gut zu seyn; ich folgte nur dem Hange meines Herzens. Aber nun emporen sich alle meine Empfindungen gegen meine Pflichten.

H e n r . Und nun wirst Du beweisen, dass feste Grundsatze alle Leidenschaften besiegen, und dass, wenn man unwandelbar fortgeht auf dem Wege zum Guten, man Kraft hat, alle Hindernisse zu uberwinden.

E l i s a . O, meine Freundinn! ich fuhle es, dass diese Anhanglichkeit zum Guten mir jetzt Trost giebt; ich musste unterliegen, wenn nicht der Gedanke mich unterstutzte: Ich thue meine Pflicht!

H e n r . Er begleite Dich bestandig, meine holde Freundinn, und Du wirst erfahren, dass der Satz wahr ist: dass fur den Rechtschaffenen der Freuden mehr, und der Leiden weniger in der Welt sind.

Elisa umarmte ihre Freundinn mit einem Seufzer; ihr Bestreben war nun, die erforderliche Gemuthsruhe zu erlangen, um mit Wallenheim zu sprechen. Bisher hatte sie Herrmanns Gemahlde an ihrem Halse unter dem Tuche getragen, heute band sie es ab, kusste es, benetzte es mit ihren Thranen, und verschloss es. O, dass ich zugleich meine Liebe aus meinem Herzen verbannen konnte! sprach sie. Einige Augenblicke hieng sie dem Gedanken an Herrmann nach; aber dann entriss sie sich ihm, ergriff ein Buch, und las mit anstrengender Aufmerksamkeit, bis dass Henriette ihr rief, mit ihr zu Tische zu gehen. Blasse uberzog jetzt ihre Wangen; aber sie fasste sich schnell, und trat voller Wurde in das Zimmer. Wallenheim naherte sich ihr augenblicklich, und fragte nach ihrer Gesundheit. Hoflich, aber kurz, waren ihre Antworten. Sie erhielt ihren Platz neben ihm. Alle waren frohlich; aber sie vermochte es nicht zu seyn; ihr Blick war ernst; allein Achtung und Gefalligkeit bezeigte sie Wallenheim. Ihre Mutter schlug nach Tische einen Spaziergang im Garten vor, und als Wallenheim ihr seinen Arm anbot, konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren: Ach, so oft durchstrich ich die Gange an Herrmanns Seite! Diese Ruckerinnerung ihres vorigen Glucks war in diesem Augenblicke ihr schmerzhaft; ihr Busen hob sich hoher; sie zitterte; aber Wallenheim bemerkte diese Bewegung nicht. Elisa war ihm gleichgultig, und sein kunftiges Weib schien ihm bis jetzt noch keiner Aufmerksamkeit wurdig. Sie gingen nun, nur die Mutter und Henriette blieben zuruck, und bald entfernte sich Caroline mit ihrem Geliebten von ihrer Schwester. Sie war nun allein mit Wallenheim, und sie befanden sich eben am Eingange einer Laube. Wallenheim fragte sie, ob sie einige Augenblicke ruhen wollte? Elisa wunschte es; denn kaum vermochte sie noch zu gehen. Sie setzten sich nun. In eben dieser Laube hatte sie so oft mit Herrmann gesessen, hatte mit ihm von ihrer Liebe, von einer glucklichen Zukunft gesprochen; jedes Wehen der Blatter lispelte ihr hier den Namen Herrmann zu. Elisa war stark erschuttert, allein sie unterdruckte ihre Empfindungen; ihr Blick war zur Erde gesenkt; denn sie wagte es nicht, Wallenheim anzublicken. Er ergriff endlich ihre Hand. Mein gnadiges Fraulein, sprach er, Ihre Frau Mutter hat mir Hoffnung gemacht, dass ich vielleicht so glucklich seyn wurde, bald diese Hand zu erhalten.

Er kusste bey diesen Worten die Hand, welche er hielt.

E l i s a . (Mit einem Tone voll Wurde) Mein Herr, man hat mich bestimmt, Ihre Gattinn zu werden; es ist der Wille Ihres Vaters und meiner Mutter. Ich gehorche ihm aber ich werde den Mann nicht betrugen, dessen Gattinn ich werden soll. Ich liebe, mein Herr; edel und gut ist der Jungling, den ich allen Andern vorziehe; allein ich weiss, dass meine Liebe nun zum Verbrechen wird, und ich will sie bekampfen; ich will mich bestreben, die Gesinnungen zu erlangen, welche ich Ihnen schuldig bin. Wenn Sie nach diesem Gestandnisse mich noch wurdig finden, Ihre Gattinn zu werden, so sey mein ganzes kunftiges Leben angewandt, Ihre Liebe zu verdienen.

Elisa schwieg; Wallenheim sahe sie staunend an; sie schien ihm so edel, und dieses machte ihn verlegen; endlich sagte er stotternd: Glauben Sie, mein gnadiges Fraulein, dass ich bis jetzt nichts hiervon gewusst habe; es wird mir nun schwer werden, meiner Hoffnung zu entsagen.

E l i s a . Aber darf ich hoffen, dass, wenn ich gleich nicht Ihre Gattinn werde, Sie von Ihrem Herrn Vater die Einwilligung zur Verbindung meiner Schwester bewirken werden?

W a l l e n h . Dieses kann ich nicht versprechen: jede Muhe, welche ich anwenden wurde, wurde vergeblich seyn.

E l i s a . Nun dann, mein Herr, so stehe ich nicht langer an, Ihre Hand anzunehmen.

W a l l e n h . Mein Fraulein, darf ich wohl hoffen, Sie des glucklichen Mannes vergessen zu machen?

E l i s a . Ich werde es nie vergessen, dass ich Ihre Gattinn seyn werde.

Nun stand Elisa auf, und sprach von andern Gegenstanden. Unbefangen und ruhig war ihr Wesen, aber auch ruhig war ihre Seele; zwar schien ihr Wallenheim nicht liebenswurdig; zwar entflohen ihr Seufzer, sobald sie an Herrmann dachte, und sie dachte nur ihn; allein ein Blick, den sie auf ihre Mutter und ihre Schwester warf, gab ihr das Wonnegefuhl der Tugend, und dieses Kraft, ihren Schmerz zu tragen. Sie war voller Aufmerksamkeit gegen Wallenheim; er begegnete ihr hoflich; sie erwartete nicht seine Liebe; aber seine Achtung wollte sie verdienen, und nichts verrieth ihm den Widerwillen, den sie im Herzen gegen ihn hegte. Vier Wochen vergingen so, und der Tag kam endlich, der sie mit Wallenheim, und ihre Schwester mit Philippen vereinigen sollte. Welch ein Tag war dieses fur Elisa'n! Kaum hatte er angefangen, so eilte sie hinaus, ins freye Feld, erstieg eine Anhohe, und fiel da nieder auf ihre Knie, ihre Augen gen Himmel gerichtet, ihre Hande gefaltet. Verwirrt waren ihre Empfindungen; der erste Strahl der Sonne weckte Alles zu neuer Freude, nur in ihrem Herzen blieb es ode. Die Lerche zwitscherte ihren Morgengesang; alle Bewohner der Luft schwangen sich jauchzend in die Hohe; es blokten in der Ferne die hupfenden Heerden; Leben war wieder verbreitet in der ganzen Natur! Vater der Natur, rief endlich Elisa aus, du schufest ja alle deine Geschopfe zur Freude! Und ich sitze hier in der Mitte deiner frohlichen Schopfung, und kann mich nicht freuen! Die wiederkehrende Sonne, ihr Strahl, der Alles belebt, erleuchtet den Tag der Trauer fur mich. Nur noch einige Stunden, und ich bin das Eigenthum eines Mannes, den ich nicht lieben kann! In deinem Schoosse, allgutige Natur, will ich mich starken. Ordnung und Schonheit erblicke ich hier, wo ich nur meine Blicke hinwerfe. Ach, dieses lehrt mich, dass alle meine Empfindungen, Gedanken und Handlungen dieses Geprage haben mussen, wenn ich glucklich werden will. Ich nehme heute alle Verbindlichkeiten eines Weibes auf mich; ich werde nun ein wirkendes Mitglied der Gesellschaft. Schon langst wusste ich meine Bestimmung; aber nie erschien sie mir so feyerlich als heute, und nie wahnte ich sonst, dass die Pflichten der Gattinn mir wurden so schwer zu erfullen werden. Heute soll ich Wallenheim Treue und eheliche Liebe versprechen! Und noch denke ich mit Schaudern an den Augenblick, der uns vereinigen soll! Doch uber alle Wesen auf der Erde ist ja der Mensch erhaben. Er hat die Kraft, gross und gut zu handeln. O! hier im Angesichte der Natur schwore ich es, ich will Wallenheim den Schwur halten, den ich ihm heute schworen werde. Taglich will ich ihn erneuern und in seiner Haltung die Kraft finden, im Guten standhaft zu bleiben.

Sie stand nun auf und fuhlte sich gestarkt; sie kehrte zuruck; ihre Schwester kam ihr entgegen, und umarmte sie. Ach, Elisa, heute werde ich ganz glucklich! Elisa's Augen fullten sich mit Thranen; sie suchte sie zu unterdrucken. Mogest Du es immer seyn! sprach sie, und entriss sich ihr; sie eilte zu ihrer Henriette, welche, voller Besorgnisse fur ihre Freundinn, diese Nacht schlaflos zugebracht hatte.

E l i s a . Was ist Dir, Henriette, Du bist so blass?

H e n r . Elisa, Dein Hochzeittag ist mir so traurig.

E l i s a . Gutes, theilnehmendes Geschopf! Aber, liebe Henriette, ich habe gebetet, ich habe es mir vorgenommen, meiner Pflicht getreu zu bleiben. O, ich fuhle es, ich werde standhaft seyn!

H e n r . Aber Du leidest, meine Freundinn!

E l i s a . Meine Schwester begegnete mir, und sagte mir, sie wurde heute ganz glucklich. Dieses soll mich starken, mein Opfer zu vollenden; ich werde Freude in ihren Augen sehen, und, Henriette, nie bleibe ich gleichgultig bey Anderer Gluck; ich werde das ihrige theilen, es wird mich mein trauriges Loos vergessen machen.

H e n r . Ich danke dem Himmel fur Deine Ruhe! O, meine susse Elisa, ich zittere nicht langer fur Dein Gluck; eine Seele, wie die Deinige, muss es stets finden!

E l i s a . Mein kunftiges Loos soll mich langer nicht beschaftigen. Ich erwarte keine Freuden mehr; ich will nur Leiden tragen lernen, nur lernen, Andere glucklich machen. O, dass es mir vergonnt seyn moge, Heiterkeit auf die Tage meines Gatten zu streuen, und oft von der Wange des Unglucklichen die Thrane des Kummers abzutrocknen; dann will ich den meinigen vergessen, vergessen, dass ich dem Glucke entsagen musste, und nur mich freuen, dass mein Herz der Empfindungen der Menschenliebe und des Wohlwollens fahig ist!

Elisa seufzte hier, und thranenvoll richtete sie ihren Blick gen Himmel. Sie fuhr fort nach einer Pause: Aber etwas ist noch, welches meinem Herzen wieder Freude geben konnte, und das ware, Versicherung zu erhalten, dass Herrmann wieder glucklich ist. Nenne mir nie seinen Namen; aber wenn Du weisst, dass Freude wieder um ihn lachelt, dann sage es mir.

Sie umarmte Henrietten, und eilte in ihr Zimmer.

Da lag schon der hochzeitliche Schmuck, der heute sie zieren sollte; sie kleidete sich an, mit einem Herzen voller Wehmuth; schon horte sie auf dem Schlosshofe die Wagen rollen, die Gaste versammelten sich, auch der alte Wallenheim war zu diesem Tage gekommen, und noch immer zogerte sie, sich in das Gesellschaftszimmer zu begeben; endlich erschien sie, schon wie die Gottinn der Jugend, aber traurig und voll sanften Ernsts. Sie sprach es aus, das Ja, welches sie ewig mit dem Manne verband, gegen den sie, ungeachtet aller ihrer Bemuhungen, nur Widerwillen empfand. Allein sie war standhaft, und keiner ihrer Zuge entdeckte dem Zuschauer, was in ihrem Herzen vorging.

Wallenheim bekleidete eine ansehnliche Stelle in B...; allein er besass auch noch ein Landgut, wo er oft im Sommer einige Wochen zu verweilen pflegte, und dorthin wollte er fur das erste seine Gemahlinn fuhren. Philipp, welcher bisher die Aufsicht auf den Gutern seines Oheims gehabt hatte, sollte nun mit Carolinen in Hohnauschloss wohnen bleiben, weil die Mutter sich nicht von der Tochter trennen wollte. Henriette wunschte ihre Freundinn begleiten zu konnen, und nicht minder wunschte Elisa, ihre theure Henriette zur Gesellschafterinn zu behalten. Sie hoffte es auch gewiss, dass ihre Mutter ihr diese Bitte nicht abschlagen wurde, und sie entdeckte ihr ihr Verlangen am Tage vor ihrer Abreise von Hohnauschloss. Caroline war gegenwartig, und antwortete sogleich: Ich bin an Henriettens Gesellschaft gewohnt; auch hat Henriette bisher von der Gnade meiner Mutter gelebt, und nicht von der Deinigen, sie darf uns also nicht verlassen.

E l i s a . Wenn meine Mutter befiehlt, dass Henriette in Hohnauschloss bleiben soll, so weiss ich, dass es meine Pflicht ist, nichts weiter dagegen zu sagen; Aber, theure Mutter, vergonnen Sie sie mir nur auf einige Zeit. Ich komme in eine ganz fremde Welt, mein Mann selbst ist mir fremd. O, das geringste Geschopf hat ja noch einen Freund, mit dem es vertraulich schwatzen kann, soll ich denn ganz verlassen seyn?

C a r o l . Es ist Dir gut, wenn Du nicht mit Henrietten so viel von Birkenstein plaudern kannst, dann wirst Du ihn vergessen.

E l i s a . Caroline, sollte das Gluck hartherzig machen?

B . v . H . Mir ist Henriettens Gegenwart oder Abwesenheit gleichgultig; allein Du, Elisa, kommst nach B... und wirst dort mehr Gesellschafterinnen finden, als Carsline hier in einigen Jahren siehet.

E l i s a . Aber keine Freundinn, meine Mutter. Und Caroline bleibt hier in der Gesellschaft einer geliebten Mutter, und eines Gatten, den sie liebt.

C a r o l . (Spottisch.) Wer verbietet Dir, den Deinigen zu lieben?

Ein Blick voll Verachtung war Elisa's einzige Antwort.

B . v . H . Caroline, vielleicht kennst Du ein junges Madchen, welches Dir Henriettens Stelle ersetzen wurde? Lass sie mit Elisa'n ziehen, sie liebt Sie ohnehin mehr als Dich.

C a r o l . Aber mir gefallt Henriette. Ich verlange keine andere Gesellschafterinn, und sehe Elisa's Forderung als eine Unbilligkeit an.

B . v . H . Nun denn mag Henriette hier bleiben. (Zu Elisan.) Du wirst es selbst einsehen, Elisa, dass ich Carolinen dieses nicht wohl abschlagen kann.

E l i s a . Sie wissen, meine Mutter, dass Ihr Wille mir immer heilig ist.

Elisa verliess hierauf das Zimmer; weinend ging sie zu ihrer Henriette; sie umarmte sie, und hieng lange an ihrem Halse.

E l i s a . (Nachdem sie sich wieder aufgerichtet hat.) Auch diese Wonne ist mir versagt, meine Henriette, Du darfst nicht mit mir gehen.

H e n r . (Thranen rollten von ihren Wangen.) Elisa, ich soll Dich verlassen?

E l i s a . Es ist meiner Mutter und Carolinens Wille.

H e n r . Zum erstenmale empfinde ich mit Schmerz meine Abhangigkeit.

E l i s a . Ach, es ist hart, sich von Allem zu trennen, was einem theuer ist!

(In diesem Augenblicke tritt Wallenheim herein.)

W a l l e n h . Haben Sie schon alle Anstalten zu unserer Abreise getroffen? Ich werde morgen fruh wegreisen.

E l i s a . (Trocknet ihre Augen.) Ja, mein Bester, ich werde Sie gewiss nicht auf mich warten lassen.

W a l l e n h . (Spottisch.) Und ich besorgte fast, Sie wurden mir gar nicht folgen konnen?

E l i s a . Warum das?

W a l l e n h . (Im vorigen Tone.) Ihre Augen lassen mich muthmassen, dass Sie die Trennung nicht ertragen werden?

E l i s a . Konnen Sie es mir verdenken, Wallenheim, dass ich Schmerz empfinde, indem ich meine Mutter, die Gespielinn meiner Jugend, und den Ort verlasse, wo ich bisher so glucklich war?

W a l l e n h . Sie brauchten ihn mir aber doch nicht in seiner ganzen Starke zu zeigen?

(Wallenheim entfernte sich jetzt, Elisa seufzte und schwieg.)

Es war am sechsten Tage nach ihrer Verbindung mit ihm, als sie Hohnauschloss verliess. Sie umarmte ihre Mutter und Carolinen, und benetzte ihre Wangen mit ihren Thranen; aber als sie Henrietten in ihre Arme schloss, da schlug ihr Herz heftiger, ihr Schmerz war stumm, und ihr Mund sprach das Lebewohl nicht aus. Auf dem Schlosshofe waren alle Einwohner Hohnau's versammelt. Sie wollten sie segnen, sie noch einmal sehen, sie, die so oft Freude in ihren niedrigen Hutten verbreitet hatte. Alles drangte sich um sie, und Elisa nahm von einem Jeden Abschied, und druckte denen, von welchen sie wusste, dass sie arm waren, noch einige Goldstucke in die Hand. Auch Harbergen erblickte sie; er ergriff ihren Rock, kusste ihn und weinte, und sie horte ihn sagen: Ach, unser guter junger Herr! was ware er glucklich gewesen! Diese Worte erschutterten sie stark; sie stieg eilends in den Wagen, wollte ihren Thranen Einhalt thun, und vermochte es nicht. Der Wagen rollte fort; noch einmal uberschauete sie die Fluren, welche sie froh durchwandelt hatte, an der Hand der Liebe und der Freundschaft. Das Andenken an Herrmann und an Henrietten drangte sich an ihr Herz, und einige Augenblicke, vergessend, dass Wallenheim an ihrer Seite sass, hieng sie ganz ihrem Schmerze nach. Allein ein Blick auf ihn, sagt ihr, dass sie schuldig ist; sie trocknet ihre Augen, und verschliesst tief in ihr Herz die Leiden, welche es zerreissen.

Ernst und finster waren Wallenheims Blicke; Elisa sucht ihn aufzuheitern, keine Thrane entschlupft mehr ihrem Auge, sondern nur beschaftigt ist sie, die Wolken von der Stirne des Gatten wegzutreiben. Allein es gelang ihr nicht; denn Wallenheim war stets in sich verschlossen. Nie hatte sich sein Herz der Freundschaft oder der Liebe geoffnet! er kannte Begierden, aber nicht Empfindungen; die Menschen waren ihm gleichgultig, und die Vergnugungen, welche er liebte, waren wild und rauh, wie seine Seele war.

Sie langten am zweyten Tage ihrer Reise in Wallenthal an; (so hiess das Landgut Wallenheims.) und nach einigen Tagen schrieb Elisa folgenden Brief an ihre Henriette: "Meine theure Henriette!

Auch entfernt von Dir ist mir Deine Freundschaft noch Trost. Ach, ich kenne jetzt nur die Sprache des Zwanges! Wie wohl ist mir, dass ich einmal wieder die der Freyheit sprechen darf! Du lasest stets in meiner Seele, und Du allein sollst auch noch ihre geheimsten Gedanken wissen. Nein, diese meine Offenherzigkeit gegen Dich kann nicht strafbar seyn! Du bist verschwiegen, und was ich der Freundschaft entdecken darf, soll fur jeden Andern tief in meiner Brust verschlossen bleiben. O, Henriette, sollte ich Dir jetzt meine Empfindungen schildern, oder vielmehr wurde ich es konnen? Doch eine Beschreibung von Wallenthal wird Dir einen Begriff von meiner jetzigen Lage geben. Das Wohnhaus, oder das Schloss, wie es die Einwohner nennen, ist in einiger Entfernung vom Dorfe; hohe Linden und Kastanienbaume beschatten den grunen Hofplatz, und verdunkeln die grossen, gewolbten Zimmer des Hauses, an welches auf der entgegengesetzten Seite der Garten stosst. Dunkle Cypressengange laden hier die Seele zu melancholischen Betrachtungen ein, aus welchen sie durch nichts erweckt wird; denn ein schwarzer Tannenwald, der gleich hinter dem Garten anhebt, begranzt die Aussicht. Die Natur scheint hier in ewiger Trauer verhullt; in den hohlen Tannen haben die Unken ihre Wohnung aufgeschlagen, und singen ihr Trauerlied. In der Ferne hort man einen Wasserfall, der sich mit dem Eulengeschrey, und mit dem Brausen des Windes vermischt. Und hier, Henriette, bringe ich meine Tage allein zu; denn die Jagd ist Wallenheims liebste Beschaftigung, ihr weihet er jede Stunde des Tages. Fruh so wie der Tag anbricht, entfernt er sich; zwar kehrt er zum Mittagsessen zuruck, allein nach geendigter Mahlzeit eilt er schon wieder fort; und ich bleibe dann allein mit meinen Gedanken. O, Henriette, sie sind oft qualend! Herrmanns Bild drangt sich dann mit Gewalt in mein Herz, lebhaft wird die Vorstellung seiner Liebe, und wider meinen Willen vergleiche ich Wallenheim mit ihm. Ach, ich fuhle dann auch, dass ich schuldig bin! Heisse Thranen der Reue vergiesse ich, und doch mochte ich sie vor Wallenh im verbergen. Ich erzwinge Heiterkeit auf meinem Gesichte, und in seiner Gegenwart offnet sich mein Mund dem Lacheln der Freude. Ich weiss es zu gut, dass meine Schwermuth ihn noch mehr von mir entfernen wurde, und mein ganzes Bestreben ist jetzt, ihn Vergnugen in meiner Gesellschaft finden zu lassen. Aber ich habe auch angefangen, die dunkeln Bilder meiner Phantasie, und die nur zu wirklichen Empfindungen meiner Seele zu zerstreuen. O, es giebt nur eine Art Zerstreuung fur mich, und diese suche ich. Ich muss die Leere in meinem Herzen ausfullen, ich muss Empfindungen darin unterdrucken, und wie werde ich es besser konnen, als wenn ich andere an ihre Stelle setze? Ich habe meinen Spaziergangen einen Zweck gegeben, der mich stets heiter zuruckkehren lasst; ich besuche die Einwohner des Dorfs, ich unterhalte mich mit ihnen, ich suche ihre Liebe, ihr Vertrauen zu erlangen, und will mich beschaftigen, ihre Bedurfnisse zu befriedigen, ihre Begriffe aufzuklaren, jede Last ihnen zu erleichtern, und jedes ihnen nutzliche Vergnugen zu verschaffen. Durch ein gutes Beyspiel, durch Wohlthaten, Herablassung und jene Popularitat, vermoge welcher man durch Gesprache die Begriffe des gemeinen Mannes aufklaren, und ihm ein richtiges Urtheil uber Recht und Unrecht geben kann, geschieht es, dass man zur Vervollkommnung einer Menschenklasse beytragen kann, welche noch der Aufmerksamkeit selbst der besten Menschen entgeht. Wie mancher wurdige Gutsbesitzer konnte, wenn er auf diesen Gegenstand seine Aufmerksamkeit richtete, in dem kleinen Bezirke, in welchem sein Wille Befehl ist, Generationen beglucken, und das durch hochst einfache Mittel! Der falsche Werth, den man den meisten Dingen beygelegt hat, ist schuld, dass so wenig Menschen das wirklich Nutzliche erkennen, und es befordern. Fast jede Staatsverwaltung ist ein glanzendes Rad, woran ein Jeder sich hanget, unbekummert, ob die Saulen, welche es stutzen, auch Festigkeit genug haben. Der gemeine Mann, der in allen Staaten den grossten Theil der Einwohner ausmachet, ist der, auf dessen moralische Bildung und physische Verbesserung seiner Lage am wenigsten Sorgfalt verwendet wird. Glanzende politische Anschlage beschaftigen die Kopfe der Minister, aber dem Wohl des Volks weihen sie nicht eine Stunde. Henriette, man sollte glauben, die Menschen waren der Convenienz und des politischen Gleichgewichtes wegen da, so sehr beschaftigen sich unsere grossten Kopfe mit allem dem glanzenden Nichts, und so wenig mit Menschengluck. Doch wo gerathe ich hin? Ich wollte Dir sagen, dass ich mich bestreben will, in der Sphare, in der ich mich befinde, so viel als moglich, nutzlich zu werden; dass dieses mich stark machen wird, jede Widerwartigkeit zu ertragen, und dass dieses Wirken zum Wohl meiner Mitmenschen mich von dem Gegenstande abziehen wird, der so tief in meinem Herzen eingegraben ist. Unthatigkeit nahrt jede Leidenschaft, keinen Augenblick erlaube ich sie mir; und mit jeder Stunde erkenne ich es, wie gross der Nutzen ist, wenn die Erziehung unsern Geist ausgebildet, und uns Talente gegeben hat. Wie manches junge Weib wird zur Coquette, weil mit einem gefuhlvollen Herzen und einem lebhaften Verstande, sie nicht gelernt hat, sich zu beschaftigen; das Lesen einiger Romane, und unsere Handarbeiten, konnen ihr nicht hinlangliche Unterhaltung gewahren; sie wird immer eine Leere in ihrem Herzen empfinden, durch nichts kann sie sie ausfullen, als durch eine Leidenschaft, welcher man oft mit den festesten Grundsatzen kaum zu widerstehen vermag. Aeltern, wenn Ihr eure Tochter zu Opfern bestimmtet, o so lehret sie die Mittel, ihren Geist zu unterhalten, wenn diese unglucklichen Geschopfe nicht die Schande ihrer Familie, und die Zerstorerinnen dessen Glucks werden sollen! Diese Betrachtungen lehrt mich mein eigenes Schicksal, und konnte ich sie doch allen Aeltern lebhaft vorstellen, konnte ich ihnen die Empfindungen schildern, welche das Herz eines jungen Weibes zerreissen, welche sich auf Lebenslang mit dem Mann verbunden sieht, gegen den sie Widerwillen heget, und der sie mit Gleichgultigkeit behandelt! O, sie wurden vielleicht aufhoren, die Tyrannen ihrer Kinder zu seyn! Sie wurden nicht langer zu dem Sittenverderbnisse beytragen, welches durch die Ehen, welche Interesse knupfet, und in welchen gegenseitige Abneigung sich verbindet, so sehr befordert wird! Ich muss aufhoren, Henriette, diesen Gegenstand hatte ich nicht beruhren sollen, mein Herz leidet zu sehr dabey. Lebe wohl!" Oft wurde Elisa durch ahnliche Betrachtungen in Traurigkeit versenkt, aber immer entriss sie sich ihr. Aufrichtig war ihr Bestreben, eine stets gleich heitere Laune zu erhalten; nie sahe Wallenheim auf ihrem Gesichte die Spur von Thranen, welche sie oft in der Einsamkeit vergoss, und doch blieb er, ungeachtet aller Bemuhungen seiner Gattinn, murrisch und in sich verschlossen. Elisa scherzte um ihn, und kaum lachelte er; sie suchte jene Vertraulichkeit gegen ihn anzunehmen, ohne welche selbst die Liebe bald erkaltet, aber Wallenheim erwiederte sie nicht. Er fuhr fort seine Tage auf der Jagd zuzubringen, oder Besuche in der Nachbarschaft zu machen, doch nie in Elisa's Begleitung. Die ziemlich spate Jahrszeit, denn schon naherten sie sich der Mitte des Herbstes, erlaubte Elisa'n nur selten noch spatzieren zu gehen, und sie brachte Tage zu, ohne ihr Zimmer zu verlassen. Sie waren bereits zwey Wochen in Wallenthal, als ein schoner Herbstmorgen den braunen Tannenwald vergoldete. Die Sonne schien noch einmal der Erde zuzulacheln, prachtvoll warf sie ihren Glanz auf die gelben Blatter, welche der Herbst gefarbt hatte. Elisa ergotzte sich an diesem Anblicke. Natur, rief sie aus, selbst wenn du dahin sinkest, bist du schon! Sanfte Freude liegt noch auf dir verbreitet! O, dass ich auch einst, in meinen letzten Tagen, so zuruckschauen konnte auf den Sommer meines Lebens, und mich seiner freuen! Ruhig und heiter eilte sie nun hinaus; ihr Gefuhl war Freude, sie vergass auf einen Augenblick ihre Leiden, um im Angesichte der Natur den Empfindungen der Bewunderung und der Verehrung gegen den Urheber alles Daseyns nachzuhangen. Plotzlich sahe sie ohnweit vom Dorfe ein Weib ohnmachtig auf dem Grase liegen; sie naherte sich ihr. Heftige Krampfe verzogen bald alle Muskeln dieser Unglucklichen, und Elisa's Beystand vermochte nicht, sie ins Leben zuruckzurufen. Elisa eilte in das Dorf, und so schnell als moglich kehrte sie mit noch mehrern Personen zur Hulfe des armen Weibes zuruck. Sie wurde in das Dorf gebracht, und Elisa ging selbst in das Schloss, um einige Arzneymittel zu hohlen; sie verliess die Frau nicht eher, als bis sie ganz wieder hergestellt, und kein Ruckfall mehr zu befurchten war. Sie kehrte nun zuruck; aber Wallenheim war schon vor ihr zu Hause gekommen; sie eilte zu ihm: Verzeihen Sie, mein Bester, sprach sie, dass ich so spat zuruck gekommen bin; allein eine Ungluckliche, der ich begegnete, welche leblos auf dem Boden lag, heischte Hulfe von mir, und dieses hat mich so lange aufgehalten.

W a l l e n h . (Kalt.) Sie thaten wohl, wenn Sie lernten die Pflichten der Menschlichkeit mit den Pflichten gegen Ihren Gatten vereinigen.

Elisa schwieg; sie unterdruckte selbst einen Seufzer, der aus ihrer Brust sich drangen wollte. Wallenheim sprach wahrend der ganzen Mahlzeit nicht, und nur beym Weggehen sagte er: Ich hoffe, Elisa, dass Sie mich am Abend nicht wieder werden warten lassen? Ertheilen Sie Ihre Hulfe zur rechten Zeit, damit Sie Ihre Schuldigkeit nicht versaumen.

Er ging fort, und Thranen stromten von Elisa's Wangen. Welch eine Zukunft stellte sich ihr dar, und o wie bitter waren ihre Empfindungen! Sie wollte sie unterdrucken, und ging an ihren Schreibtisch, um an Henrietten zu schreiben. In einem Kastchen verschlossen lag da Herrmanns Gemahlde. Noch hatte Elisa das Kastchen nicht geoffnet, seit dem Tage, an dem sie das Gemahlde hineingelegt hatte. Heute offnet sie es unwillkuhrlich, und der Anblick des Gemahldes verdoppelt ihren Schmerz. Sie nimmt es heraus, sie kusst es: Ach, Herrmann, sprach sie, du hattest mir nicht so begegnet! Bewegt legt sie es weg, bald ergreift sie es aber wieder: Ich will nicht strafbar werden, ruft sie aus, ich will es Henrietten schicken, aber noch einmal will ich diese Zuge betrachten, die ich nie wieder sehen werde! Zu bewegt, um schreiben zu konnen, ging sie in den Garten, indem sie noch das Gemahlde hielt. Noch erwarmte die Sonne die Atmosphare, und Elisa setzte sich, beleuchtet von ihrem milden Strahl. Alle Scenen der Vergangenheit stellten sich ihr jetzt lebhaft dar, und bey jeder Ruckerinnerung benetzte Elisa das Gemahlde mit ihren Thranen. Sie sass da, den Kopf auf ihre Hand gestutzt, als der Fusstritt eines Menschen sie aus ihrem Nachdenken weckt; sie blickt auf, und Herrmann steht vor ihr. Der Schreck machte sie sprachlos. Herrmann schloss sie in seine Arme: Verzeihen Sie, Elisa, rief er aus, ich entferne mich auf ewig von Ihnen, und nur noch einmal will ich Sie sehen!

E l i s a . Herrmann, besser ware es fur uns, wir hatten uns nie gesehen!

H e r r m . Elisa, gonnen Sie mir nicht einen Augenblick Erleichterung meiner Leiden?

E l i s a . O, Herrmann! Diese Sprache darf ich nicht mehr horen! Sie wissen nur zu gut, wie sehr Ihr Kummer mich schmerzt!

Sie wischte bey diesen Worten eine Thrane aus ihren Augen, welche sie vor Herrmann verbergen wollte; er sahe sie aber, ergriff ihre Hand, und druckte sie an sein Herz.

O, meine sanfte, meine susse Elisa, Sie lieben mich noch; ich fuhle in diesem Augenblicke keinen Kummer! Ich nehme den Trost mit mir, dass Sie mein bleiben, mein, durch das Band ewiger Liebe, das kein Mensch trennen soll!

E l i s a . Halten Sie ein, Herrmann, ich bin Gattinn; mein Bestreben ist, Sie zu vergessen! Wollen Sie mich strafbar machen, Sie, fur den mein Herz so warm noch schlagt? O nein! Lassen Sie mir die Freude, Sie sehen zu durfen, ohne mir sagen zu brauchen: du bist schuldig!

H e r r m . Kann meine Elisa furchten, dass ich ihre Ruhe aufopfern will? Und weiss ich nicht, dass sie diese nur in der Tugend findet? Verzeihen Sie, wenn mich die Liebe auf einen Augenblick hinriss! Ach, kann ich vergessen, dass vor wenig Monden

Hier schwieg er, ihre Blicke begegneten sich, sie seufzten Beyde, und Thranen rollten von Beyder Wangen.

E l i s a . (Nach einer langen Pause.) Herrmann, der Vergangenheit durfen wir nicht mehr gedenken, sie verschwand mit ihren Freuden! Und in kunftigen Jahren werden auch diese Tage voll Kummer nur noch in unserm Gedachtnisse leben; neue Freuden, vielleicht auch neue Leiden, werden ihr Andenken verdrangen. O, dass wir es jetzt schon thun konnten! Mein Herrmann, vergessen Sie, dass Sie mich liebten! Denken Sie nicht immer an Elisa, entreissen Sie sich jeder Erinnerung an sie, die Ruhe wird Ihnen dafur lohnen.

H e r r m . Wohl, Elisa, ich will Ihrer wurdig bleiben! Ich will eine Leidenschaft bekampfen, durch welche ich einst glucklich war. O, sagen Sie mir nur noch, dass Sie nicht unglucklich sind, dann will ich mich vergessen, dann soll der Kummer nicht mehr an meinem Herzen nagen, Ihr Gluck wird mir Trost seyn!

E l i s a . Ich suche meine Pflichten zu erfullen, urtheilen Sie selbst, ob ich unglucklich bin?

H e r r m . Aber Sie weinten, Elisa, als ich Sie uberraschte?

E l i s a . (Reicht ihm das Gemahlde) Dieses war die Ursach meiner Thranen, Uebereilung und Zufall hatten mir es wieder in die Hande gegeben, und ich bin noch nicht stark genug, um bey dem Anblicke desselben gleichgultig zu bleiben.

(Herrmann ergreift das Gemahlde, und bleibt mit seinem Kopfe auf Elisa's Hand liegen.)

E l i s a . (Nach einer Pause, zieht ihre Hand zuruck.) Herrmann, wir mussen uns trennen, auch Sie konnen meinen Anblick nicht ertragen!

H e r r m . Elisa, heute zum Letztenmale. O, nur noch einige Augenblicke!

E l i s a . Wie, und warum kamen Sie hierher?

H e r r m . Ich war in Birkenstein gewesen, um von meiner Mutter Abschied zu nehmen, denn auch sie werde ich nicht mehr sehen. O, Elisa! wenn Sie nach Hohnauschloss kommen, besuchen Sie die ungluckliche Mutter, trosten Sie sie wegen des Verlustes ihres Sohnes sie liebt Sie ja als ihre Tochter! Ich verlasse mein Vaterland, vielleicht sehe ich es nie wieder. Ich suche nicht Gluck unter einem andern Himmelsstriche, aber Ihre und meine Ruhe, welche wir nicht erlangen wurden, wenn nur wenige Meilen uns trennten. Aber mich ewig von Ihnen entfernen, ohne Ihnen noch einmal Lebewohl zu sagen, war mir unmoglich! Ich wusste, dass die strengste Tugend dieses nicht verdammen konnte, und ich flog nach Wallenthal, um noch einmal, Elisa, Sie zu sehen, Sie, die mich einst des Lebens hochste Freuden kennen lehrten!

E l i s a . Herrmann, ich entferne Sie von Freunden und vom Vaterlande? Edler Jungling! Sie suchen meine Ruhe? O! mochte ich nie sie finden, wenn Sie nicht glucklich werden!

H e r r m . Nichts davon, Elisa! Ich will nicht murren, nicht klagen an Ihrer Seite. Mein kunftiges Schicksal sey welches es wolle! Ich konnte nur ein Gut verlieren und ...

E l i s a . Auch ich verlor das einzige Gut, Herrmann, und wir mussen Beyde lernen, den Verlust ertragen.

H e r r m . Schreckliche Nothwendigkeit! Warum stellten Sie sie mir in diesem Augenblicke vor?

E l i s a . Weil ich nicht vergessen darf, was ich bin! Wollen Sie zurnen, Herrmann, dass ich meine Pflichten mehr liebe als Sie?

H e r r m . Weib! Weib! Eben Deine Tugend macht meine Liebe unausloschlich!

E l i s a . Aber die Tugend soll sie auch heiligen, soll sie nicht zur verzehrenden Flamme machen. Sie soll wieder Frieden in Deine Seele giessen. (Elisa's Augen fullen sich mit Thranen, eine Pause, sie reicht ihm ihre Hand) Reisen Sie jetzt, Herrmann! Zeit und Zerstreuungen werden Ihre Wunde heilen, und nach Jahren vielleicht werden wir uns wieder umarmen konnen!

Mit stummen Schmerze druckte Herrmann sie an sein Herz. Lebe wohl! rief er aus, theures ewig geliebtes Weib!

E l i s a . Noch eine Bitte, Herrmann, gewahren Sie mir. Nehmen Sie dieses Gemahlde mit, ich darf es nicht langer besitzen Aber Ihr Bild soll als das Bild eines theuren Freundes ewig in meinem Herzen leben!

Er nahm es, seufzte, druckte noch einen Kuss auf ihre Lippen, und flog fort! Ihre Blicke folgten ihm, und ihre Thranen flossen, als er vor ihnen verschwand. Erst einige Augenblicke war Herrmann fort, als Elisa Wallenheim kommen sahe; er war an diesem Tage fruh zuruckgekehrt, und hatte Herrmann aus dem Garten kommen sehen, er fand Elisa'n weinend.

W a l l e n h . Wer war das, der so eben von Ihnen ging?

E l i s a . Birkenstein.

W a l l e n h . Sie scheinen es vergessen zu haben, dass Sie mir einst sagten, Sie wurden sich immer erinnern, dass Sie meine Gattinn waren! Oder denken Sie nur daran in meiner Anwesenheit, und glauben Sie, dass Ihre Pflichten aufhoren, sobald ich abwesend bin?

E l i s a . Ich scheine diesen Vorwurf zu verdienen, und doch, Wallenheim, bin ich noch eben so schuldlos, als da Sie mich verliessen.

W a l l e n h . Vielleicht hatten Sie auch da schon Ihren Geliebten bestellt.

E l i s a . Diese Vermuthung ist demuthigend fur mich; nie glaubte ich Sie dazu berechtiget zu haben. Birkenstein kam, um Abschied von mir zu nehmen, weil er sein Vaterland verlasst, und wenn ich schuldig bin, so bin ich es nur, dass ich litt, dass er so lange hier verweilte.

W a l l e n h . Weil dieses verursachte, dass ich ihn gesehen habe, und Sie nun Ihre Zusammenkunfte werden einstellen mussen.

E l i s a . Diese Worte kranken mich nicht, Wallenheim, das Gefuhl der Unschuld lasst sie mich ertragen.

W a l l e n h . Ich bin solche schone Phrasen von Ihnen gewohnt, und um dass Sie diese erhabene Theorie desto leichter in Ausubung bringen mogen, so verbiete ich Ihnen, so lange wir noch in Wallenthal sind, Ihr Zimmer zu verlassen: Ihre Spatziergange geben Anlass zu Begebenheiten, welche nicht meinen Beyfall haben.

E l i s a . Konnte ich doch durch die willige Aufopferung dieses Vergnugens Ihnen beweisen, wie bereit ich immer seyn werde, jeden Ihrer Wunsche zu erfullen!

W a l l e n h . (Kalt.) Heute haben Sie dazu den Anfang nicht gemacht; doch soll es mich freuen, wenn es in der Folge geschieht.

Er verliess hierauf Elisa'n, und sie ging zuruck in ihr Zimmer; sie sahe ihn an diesem Abend nicht mehr, und am andern Morgen reiste er weg, ohne Abschied von ihr zu nehmen, und war einige Tage abwesend. Geduldig ertrug sie diese Begegnung. Es waren noch einige schone Herbstage, sie genoss ihrer nur an ihrem Fenster, aber sie murrte nicht; sie schrieb hieruber folgendes an ihre Henriette:

"Noch einmal habe ich Herrmann gesehen, noch einmal mich von ihm getrennt! O, Henriette! ich konnte den Schmerz nicht unterdrucken, ich konnte nicht gleichgultig scheinen, aber doch dachte ich an meine Pflichten, und gewiss, Empfindungen, die wir nicht zu erregen suchen, die wir aber doch unwillkuhrlich hegen, konnen uns nicht schuldig machen! Herrmann wird mir immer der theuerste von allen Mannern seyn. Meine Leidenschaften werde ich bekampfen, aber das innige Gefuhl der Achtung, ein lebhaftes Interesse an seinem Schicksal werden immer gleich stark in mir seyn. Und doch werde ich mich als Gattinn nicht schuldig finden, weil ich stets uber mich wachen werde, um diese Empfindungen nicht zu stark werden zu lassen. Sie sind unwillkuhrlich, sie grunden sich auf Tugend, auf gegenseitige Achtung und Uebereinstimmung; aber die Vernunft soll sie leiten, und Festigkeit im Charakter wird mich der Liebe und der Sinnlichkeit widerstehen lassen. So kann ich ohne Gefahr Empfindungen hegen, welche zu stark sind, als dass ich sie ganzlich unterdrucken konnte; aber gewiss, hatte ich nicht den festen Vorsatz, alle meine Pflichten genau zu erfullen, und alles zu entfernen, was mich daran hindern konnte, so wurde ich furchten, dass Liebe unter der Larve von Achtung und Freundschaft, in meinem Herzen versteckt bliebe, und mich endlich, durch Sophistereyen, welche die Sprache der Vernunft und Tugend entlehnen, von meinen Pflichten entfernte. So gefahrlich ist es, wenn wir einem andern Manne in unserm Herzen den Vorzug gewahren. O, das Weib, welches dieses weiss und sich nicht taglich pruft, nicht eine bestandige Aufmerksamkeit auf sich selbst, und auf ihre geheimsten Empfindungen hat, wird endlich, selbst mit den besten Grundsatzen, mit Anhanglichkeit an Tugend und an ihre Pflichten, doch von ihnen entfernt; sie wird ihre Stimme nicht mehr horen, wenn sie vernachlassiget hat, die Liebe zu bekampfen: Ich, meine Henriette, will mir diesen Vorwurf nie machen; Nachsicht gegen mich selbst werde ich mir nie erlauben, sie ist immer Schwachheit.

Wallenheim glaubt mich schuldig, er hat Herrmann weggehen sehen, und hat mir verboten, mein Zimmer zu verlassen, so lange wir noch in Wallenthal waren; und ich lebe jetzt, gleich einer Gefangenen. Aber ich verzeihe Wallenheim; der Schein war wider mich, und an Tugend glaubt er nicht. Er ist jetzt abwesend, ich konnte sein Gebot uberschreiten, und wenn ich es den Bedienten verbote, so wurden sie mich nicht verrathen, denn sie lieben mich; aber ich wurde mich in ihrer Achtung heruntersetzen, mich einigermassen von ihnen abhangig machen; und der Ruf, zuweilen die Ruhe eines Weibes, hangen von der Meynung ihrer Leute, und von dem, was sie von ihr sagen, ab. Die unschuldigste Handlung, wenn wir ihr den Anstrich des Geheimnisses geben, bekommt den Anschein der Schuld, und giebt zu falschen Muthmassungen Anlass; man sollte dieses immer vermeiden. O, wie viel Vorsicht muss man in der Ehe anwenden, wenn man sich stets in der Achtung seines Gatten und seiner Untergebenen erhalten will! Und dieses ist nothwendig zum Wohl der ganzen Familie.

Ich kann Dir nicht sagen, mit welcher Empfindung ich jetzt an meinem Fenster die Luft einathme, welche ich unter dem freyen Himmel nicht geniessen darf. Es ist ein gemischtes Gefuhl von Ruhe und Traurigkeit; eine dunkle Empfindung von Abhangigkeit, und dann wieder das Bewusstseyn: ich verdiene diese Begegnung nicht. O, dann scheint mir der Himmel heiterer zu seyn! Mein Herz schlagt mir vor Freude, es erhebt sich, es blickt mit Gleichgultigkeit auf alle Begebenheiten des Lebens; denn es fuhlt, dass etwas in ihm ist, welches es uber sie erhebt, und es machtiger macht, als das Schicksal. Henriette, es ist mir ein trostender Gedanke, dass, so lange ich der Tugend anhange, ich standhaft seyn werde, alle Widerwartigkeiten zu ertragen. Dank der gutigen Vorsicht, dass mein Platz in der Reihe der Geschopfe so war, dass meine Seele zum Guten gebildet werden konnte! Jeder Umstand meiner Jugend, welcher meinem Geiste eben diese Bildung gab, war eine Quelle immerwahrender Zufriedenheit fur mich, und ohne Furcht blicke ich in die Zukunft, welche mir trube scheint."

Mit eben der Ruhe empfing Elisa ihren Gatten, als er zuruck kam; sie freuete sich in der That, ihn wieder zu sehen, und ihre Blicke sagten es ihm. Sie verdoppelte nun ihr Bestreben, ihm zu gefallen, und jeden Argwohn von ihm zu entfernen; aber kalter, als sonst, war jetzt Wallenheim gegen seine Gattinn! Nach einigen Wochen schrieb Elisa wieder an Henrietten:

"Ich habe Dich immer von meinem Schmerz unterhalten, nimm auch heute Theil an meiner Freude. Henriette, es offnen sich mir Aussichten des Glucks! Ich kann noch wieder vergnugt und heiter werden, wie ich es in meinen glucklichen Tagen in Hohnauschloss war. Doch ich muss Dir die Veranlassung meiner Freude erzahlen. Wallenheim war, seitdem er zuruckgekommen, murrischer noch als zuvor; oft vergingen Tage, ohne dass wir zusammen sprachen; denn er antwortete mir nicht auf meine Fragen, und schien mich nicht zu horen, wenn ich mit ihm sprach. Ich verdoppelte nun meine Aufmerksamkeit und meine Gefalligkeiten gegen ihn; ich bedauerte ihn aufrichtig: denn wie viele Freuden des Lebens muss er entbehren, da er seine Seele vor allen den Empfindungen verschliesst, welche sie uns geniessen lassen! Diese Betrachtung machte mich nachsichtig gegen ihn. Ich verziehe ihm, denn ich fuhlte, dass, obgleich eingeschlossen, obgleich getrennt von allen, die ich liebe, fast von aller menschlichen Gesellschaft, ich doch noch glucklicher war, als er.

Gestern Abend war er murrischer als gewohnlich zuruckgekommen; stumm und verdrusslich sass er in meiner Stube auf dem Sofa, und schien mich kaum zu bemerken; ich ging an das Clavier, spielte und sang eine Arie, deren Melodie sanft, einnehmend un frohlich war; sie erregte Wallenheims Aufmerksamkeit. Als ich dieses bemerkte, wiederhohlte ich sie, und er stellte sich nun hinter meinen Stuhl. Wie ich geendigt hatte, bat er mich fortzufahren. Man kann Sie nicht ohne Vergnugen horen, sprach er. Ich wahlte nun lauter Stucke von gefalliger Melodie, und bestrebte mich, meinen Vortrag angenehm zu machen; er blieb neben mir stehen, wurde heiter, wir scherzten zusammen, endlich umarmte er mich, und sagte: Ich danke Ihnen, Elisa, Sie haben meine Launen weggespielt! Ich fuhle, dass ich heute diese Aufmerksamkeit von Ihnen nicht verdiente! Ich erwiederte seine Umarmung: Mochte ich doch immer so glucklich seyn, Wallenheim, Ihnen jeden Verdruss vergessen machen zu konnen! Gewiss, dieses sollte die angenehmste Beschaftigung meines Lebens werden! Er kusste meine Hand: Sie sind ein liebes gutes Weib, ich erkenne es, dass ich oft Ihrer Nachsicht bedarf!

Ich lachelnd. Und glauben Sie nicht, Wallenheim, dass ich nicht auch auf die Ihrige rechne? O, ich bin zu eigennutzig, um etwas unentgeldlich zu geben!

Er lachte, kusste mich und sagte; Ich kenne Sie und mich genug, um muthmassen zu konnen, dass ich Ihr Schuldner bleiben werde. So scherzten wir noch einige Zeit; wir setzten uns auf den Sofa, und zum Erstenmale wurde unser Gesprach vertraulich. Ich hatte schon lange einen Plan gehabt, zu dessen Ausfuhrung aber ich Wallenheims Einwilligung bedurfte; ich entdeckte ihn ihm, und er willigte in mein Verlangen. O, wie viele Freuden schenkte er mir mit dieser Einwilligung! Du weisst, Henriette, dass es immer mein Wunsch war, die Zahl der Unglucklichen vermindern zu konnen; meine Lage setzt mich in den Stand, ihn zum Theil in Erfullung zu bringen, und ernstlich dachte ich, seitdem ich in Wallenthal bin, auf Mittel, meinen Mitgeschopfen nutzlich zu werden. Ich sahe stets mit Abscheu und Mitleiden auf die Elenden, welche auf unsern Landstrassen und in unsern Dorfern wimmeln, und welche niedertrachtig genug sind, lieber vom Allmosen, als von ihrer Hande Arbeit zu leben. Zum letzten Grade der Sittenverderbniss ist diese Menschenklasse gesunken; sie vereinigen mit der Roheit des ungesitteten Menschen alle Laster und Ausschweifungen gebildeter Nationen. Bey ihrem Anblicke trauert man, dass die Menschheit so tief sinken kann. Aber noch starker wird dieses Gefuhl, wenn man auf ihre Kinder blickt; sie von der Natur mit allen Anlagen zum Guten begabt, und durch ihre Geburt zum Laster und Elende verdammt sieht! O, ihr Menschenfreunde! Generationen dem Laster und dem Elende entziehen, dieses mussten eure Bemuhungen seyn! Hierauf, Regenten, Minister, musste eure Sorgfalt gerichtet seyn! Es sind Menschen, diese unglucklichen Kleinen, welchen die Natur gleiche Rechte mit Euch gab; Menschen, welche zu jedem Grossen und Edlen fahig sind, deren Krafte zum Nutzen ihrer Mitburger gebraucht werden konnen; aber eure Nachlassigkeit erstickt jede Anlage zum Guten in ihnen, und macht sie, unter der Leitung ihrer Aeltern, gleich ihnen, zum Abschaum der Menschheit!

Einen Theil dieser Kinder will ich dem Verderben entziehen, und sie zu nutzlichen Mitburgern machen. Noch in diesem Jahre lasse ich ein Gebaude fur sie auffuhren, und werde dann zehn Kinder, funf Knaben und funf Madchen, erziehen lassen. Ich werde sie alle in einem Alter von zehn Jahren annehmen, und bis in ihr sechszehntes sollen sie in diesem Erziehungshause bleiben; die Knaben sollen Handwerke oder Feldarbeiten, und die Madchen alle Arbeiten lernen, welche sie in den Stand setzen, sich ihren Unterhalt zu verschaffen. Sie sollen in den Kenntnissen unterrichtet werden, welche fur ihren Stand erforderlich sind, und unter der Aufsicht eines vernunftigen Mannes und eines vernunftigen Weibes stehen. Ausser den Kosten, welche die ersten Einrichtungen erfordern, wird diese Anstalt nicht sehr kostbar werden; das Gehalt des Mannes und des Weibes wird nicht sehr gross seyn, da sie freye Wohnung und freyen Unterhalt bekommen; und ein Garten, der neben dem Gebaude seyn wird, und den sie selbst bestellen sollen, wird sie fast hinlanglich mit Lebensmitteln versorgen; die Madchen und auch die Knaben, welche keine Handwerke lernen, werden fur uns arbeiten. So werde ich alle sechs Jahre mit wenigen Kosten, welche vielleicht nur das Opfer einiger neuer Kleider und einiger neuer Moden erfordern, zehn Menschen dem Elende entziehen, und sie vielleicht auf ihr ganzes Leben beglucken! O, Henriette! welche beseligende Aussicht! welch ein frohes Gefuhl wartet meiner mein ganzes Leben hindurch! Konnte ich es doch allen Menschen begreiflich machen! Sie wurden gewiss alle die Kleinigkeiten, die sie beschaftigen, mit dem Wonnegefuhl vertauschen, welches sich in uns regt, wenn wir uns sagen konnen: ich habe Menschen begluckt!

Aber auch das sinkende Alter will ich unterstuzzen; Ruhe will ich auf die letzten Tage des Greises verbreiten. Er soll noch einmal lacheln, der Ungluckliche, welcher sein Leben durchweint hat! Ich lasse in Wallenthal noch ein Haus bauen, welches zehn Stuben enthalten soll; alte durftige Manner und Weiber nehme ich hier auf; zu jeder Stube soll ein kleiner Garten seyn, und alle Woche werde ich ihnen alles, was zu ihrem Unterhalt erforderlich ist, austheilen lassen, und jedesmal, wenn durch den Tod eines von ihnen eine Stelle ledig wird, soll ein anderer Unglucklicher sie ersetzen. Ich selbst werde die Aufsicht uber dieses alles haben; ich selbst werde das Lager des Greises, und die Wohnung der Kinder besuchen.

Und dieses alles auszufuhren, hat mir Wallenheim erlaubt; im kunftigen Fruhjahre werden die Gebaude fertig seyn, dann eile ich nach Wallenthal, und im Schoosse der gutigen Natur will ich, indem sie Segen auf alle Sterblichen schuttet, am Glucke Einiger meiner Mitmenschen arbeiten.

Lebhaft und innig war mein Dank gegen Wallenheim; seitdem ich Hohnauschloss verliess, brachte ich noch nie einen so glucklichen Abend zu. Wallenheims Gute machte mich beherzt; ich hatte bemerkt, dass er sich wenig um seine Angelegenheiten bekummerte, er hatte die Verwaltung seines Vermogens und seines Landguts einem Menschen ubertragen, welcher mir nicht dieses Vertrauens wurdig schien, ich hatte Nachlassigkeiten und Betrugereyen entdeckt. Ich sagte ihm dieses und bat ihn, mir diese Verwaltung zu uberlassen. Ich versicherte ihm, dass alle Geschafte, durch welche ich ihm Vortheil verschaffen konnte, mir angenehm seyn wurden. Nun, sagte er lachelnd, so setze ich Sie als meinen Sachwalter ein, schalten Sie mit meinem Vermogen wie Sie wollen; ich will keine Rechenschaft fordern. Ich habe auch heute schon angefangen, mir von dem Verwalter, dem Wallenheim den Abschied geben wird, alle Rechnungen und einen Bericht von Wallenheims Angelegenheiten geben zu lassen.

Zwar besitze ich zu solchen Geschaften weder Erfahrung, noch die erforderlichen Kenntnisse; allein Ordnung, Achtsamkeit und Fleiss sollen sie, bis ich sie erlangt habe, ersetzen. Die Aufsicht auf die hauslichen Angelegenheiten ist eine der ersten Pflichten des Weibes. Wenn ich in der Reihe der Geschopfe keins erblicke, dessen Daseyn ohne Nutzen ist, und ich sehe dann so viel Weiber, welche nichts zu dem grossen Zwecke der Schopfung, Nutzen zu verbreiten, beytragen, welche unbekummert ihrer selbst, ihrer Familie und ihrer Mitmenschen dahin leben, und der Bildsaule gleichen, welche nur zum Beschauen, nicht zum Wirken, dasteht, o dann seufze ich uber unser Geschlecht! Solch ein Weib erniedriget sich unter die Ameise, welche fur ihre kleine Wohnung und ihre Nahrung sorgt. Sehr eingeschrankt ist die Sphare des Weibes, weit erstreckt sich ihr Wirkungskreis nicht; aber sehr gross kann der Nutzen seyn, den sie in diesem stiften kann, und gewiss ist die Leitung der innern Wirthschaft und aller hauslichen Angelegenheiten, wenn der Mann solche vernachlassiget, nicht einer der geringsten. Wie konnte ich Wohlthaten erweisen, wenn ich nicht zu gleicher Zeit auf die Erhaltung unsers Vermogens bedacht ware? Verschwenderisch und strafbar wurde ich alsdann werden! Nein, ihr Unglucklichen! Eure Hulfe, euer Beystand zu bleiben, muss ich Wirthschafterinn seyn, und mit thatigem Fleisse unsere Angelegenheiten besorgen! Auch meines Mannes Achtung werde ich dadurch gewinnen. O, wie viele Bewegungsgrunde sind dieses nicht, auch diese Pflicht redlich zu erfullen.

Wir bleiben bis im December hier, und so schrecklich mir diese Einsamkeit auch im Anfange war, so ist es mir doch jetzt angenehm, dass wir unsern Aufenthalt noch nicht sobald verandern. Diese Stille stimmt mit meinen Empfindungen uberein; mich dunkt, ich bin hier freyer und heiterer, als ich es in B... seyn wurde. Nur der Gluckliche kann im Gerausche der Welt Vergnugen finden, der Ungluckliche fuhlt da zu sehr, dass er der Freude entsagen muss, und die, welche ich mir bereite, finde ich in Wallenthal. Gern bliebe ich unter den Eulen, welche unsre Wohnung umgeben, den ganzen Winter hier; ihr Klagelied ist mir nicht mehr traurig, es lasst mich empfinden, dass vielleicht kein Unfall ist, der mir ganz meine innere Zufriedenheit rauben konnte. Mit diesem Gefuhl, Henriette, giebt es Augenblicke, in welchen ich mich glucklich preise; denn ich erkenne, dass es das Loos aller Sterblichen ist, Widerwartigkeiten zu erfahren; aber nur Wenige haben gelernt, sie zu ertragen, nur Wenige sehen standhaft dem Sturm entgegen, der nur den Muthlosen ganzlich unterdruckt. Meine Bemuhungen sollen immer seyn, meine Schwache zu bekampfen, damit ich immer standhaft dem Schicksal entgegen lacheln kann."

So blieb Elisa sich stets gleich; immer bestrebte sie sich, auch die kleinsten ihrer Pflichten zu erfullen, und nie dehnte ein Weib solche mehr aus, als sie. Ihre Aufmerksamkeit, ihre Gefalligkeit gegen Wallenheim, vermehrte sich mit jedem Tage, und mit Wachsamkeit und thatigem Fleisse ordnete sie ihre innere Wirthschaft und alle hausliche Angelegenheiten. Innere Ruhe und das Vergnugen, Wallenheim weniger murrisch, weniger unzufrieden zu sehen, waren ihr Lohn. So reisten sie nach B... Stolz, Liebe zur Pracht und zum Spiel fuhrten Wallenheim in glanzende Gesellschaften, in welchen er ubrigens kein Vergnugen fand, und bewogen ihn auch, in seinem Hause viele Leute zu sehen. Elisa empfand einen Widerwillen gegen diese Lebensart. Ihr Geist fand in den rauschenden, glanzenden Zirkeln keine Unterhaltung, und ihnen musste sie Beschaftigungen aufopfern, welche ihr Vergnugen gewahrten; allein nie verrieth ein Wort, eine Miene, ihr inneres Missvergnugen: Wallenheim wollte es, und dieses war genug, um jede Unzufriedenheit in ihr zu unterdrucken; und mit eben der heitern Miene, mit welcher sie einsam in Wallenthal ihn empfing, wenn er den Tag abwesend gewesen war, folgte sie ihm jetzt in die glanzenden Versammlungen, wo sie wusste, dass sie Langeweile fand, welche jedoch kein Sterblicher auf ihrem Gesichte las. Edel und offen war der Anstand, mit welchem sie in ihrem Hause die Leute empfing; ihre Miene, ihr Wesen schien einem Jeden zu sagen, dass sie sich freuete, ihn zu sehen; selbst dann, wenn sie gern den rauschenden Zirkel mit ihrem einsamen Zimmer vertauscht hatte. Aber auch mit eben der Sorgfalt, als in Wallenthal, ordnete sie in B... ihre hauslichen Angelegenheiten; auch nicht der kleinste Umstand entging ihrer Aufmerksamkeit, und nicht die geringste Nachlassigkeit erlaubte sie sich; denn sie war zu sehr uberzeugt, dass diese immer grossere nach sich ziehen. Wallenheim war, seit dem sie in B... waren, wieder kalter und zuruckhaltender gegen sie; seine Geschafte und andere Gegenstande entfernten ihn dort mehr, als in Wallenthal, von ihr. Er kannte die Tugenden seines Weibes; allein ihre Seele war uber die Seinige zu erhaben, als dass er in ihr jene Uebereinstimmung gefunden hatte, welche die Herzen vereiniget, und zwey Wesen gegenseitig mit dem sussesten Gefuhle erfullt.

Man sahe bald, dass Elisa ihrem Gatten gleichgultig war, und ungeachtet aller ihrer Aufmerksamkeit gegen ihn, bemerkte man doch, dass auch sie nicht viel mehr fur ihn empfand. Elisa war jung, schon, und wurde von ihrem Gatten vernachlassiget; wie viel Grunde, um bald ein Heer junger Stutzer um sie zu versammeln, und auch den gefuhlvollen Mann zu ihr zu fuhren, der den Werth des liebevollen Weibes erkannte, und empfand. Allein Elisa, welche ihre Pflicht als Gattinn, selbst in Herrmanns Anwesenheit nicht vergessen hatte, entfernte durch Ernst und Wurde diejenigen, welche ihr den Hof machten. Sie hielt diesen Zeitvertreib, wenn er auch nicht zu straflichern Folgen leitete, doch eines Weibes unwurdig. Die kleinen weiblichen Coquetterien machen das Weib zum Zeitvertreib des Mannes; aber sie entsagt durch sie der Achtung, auf die sie Anspruch machen kann. Bald hort sie auf die Manner zu belustigen, allein das Andenken an das Vergangene loscht sie nicht aus; sie werden sie immer als eine Puppe betrachten, mit der sie spielten, so lange es ihnen gefiel. Wie naturlich also, dass Geringschatzung jetzt die Stelle ihrer vorigen scheinbaren Anbetung einnimmt, und ihr die Ehrfurcht versagt wird, welche das tugendhafte Weib jedem Manne einflosst. So dachte Elisa, und ihre Anbeter verehrten sie, indem sie sie entfernte; denn es war nicht die stolze Sprode, sondern das ihrer Wurde sich bewusste Weib, welches durch Sanftmuth sie abwies. Auch sahe sie nicht mehr einen Hof Verehrer um sich, allein ihr Name erweckte Ehrfurcht, und man naherte sich ihr mit der Achtung, welche man selbst unwillkuhrlich der Tugend zollt. Und selbst die Weiber sagten von ihr: sie ist eine liebenswurdige Frau! Elisa, unbekummert dessen, was man von ihr sprach, entfernt von der Begierde zu glanzen oder Bewunderung zu erwecken, erfullte treu ihre Pflichten, und wurde dadurch nur noch verehrungswurdiger. Folgendes schrieb sie an Henrietten, nachdem sie einige Wochen in B... gewesen war:

"Meine Henriette, schon bin ich vier Wochen in B...., und noch habe ich Dir keine Nachricht von mir gegeben. Glaube aber ja nicht, dass die rauschende Lebensart, welche ich hier fuhre, mich Dich vergessen lasst O, nein, meine Henriette! Eben in den glanzenden Zirkeln empfinde ich recht lebhaft, dass ich einer Freundinn beraubt bin. Ich sehe hier so viele Gesichter, bin von so vielen Wesen umringt; aber alle lassen eine Leere in meinem Herzen zuruck. Es dunkt mich immer, wenn ich unsre grossen Gesellschaften besuche, ich komme unter eine Anzahl sich bewegender Bildsaulen, welche alle durch eine einzige Maschine aufgezogen sind, die ihre Bewegungen leitet, so viel Gleichformigkeit haben hier die Menschen in ihrem Wesen; denn indem sie sich von der Natur entfernen, entfernen sie sich auch von der Eigenthumlichkeit des Charakters, welche in grossen Gesellschaften allein Annehmlichkeit verbreiten konnte, und sie durch ihre Verschiedenheit fur den Beobachter anziehend machen wurde. Allein so wie man bey einem jeden in seiner Kleidung die herrschende Mode findet, so haben auch der Ton, das Wesen, die Manieren dieselbe Gestalt, hier und da mit einigen kleinen Abanderungen; und dieses giebt den Menschen das Leblose, macht die Gesellschaften langweilig, verbannt aus ihnen alle geistige Unterhaltungen, um schalen Witz und schonen Unsinn an ihre Stelle zu setzen. Zwar bin ich uberzeugt, dass manches vernunftige Weib, mancher kluge Mann sich in diesen Zirkeln befindet; allein nur eine nahere Bekanntschaft kann jene bessere Eigenschaften uns entwickeln: denn wenn man auch in grossen Gesellschaften sich nicht vom Strom hinreissen lasst, nicht spricht wie der gemeine Haufen, so spricht man doch nichts anders; man schweigt, oder spricht von gleichgultigen Dingen, um sich nicht zu unterscheiden, und nur ein Zufall kann uns mit den wenigen Personen, welche in der grossen Welt durch Kopf und Herz sich unterscheiden, bekannt machen. Ich suche diese Gelegenheiten nicht. Zwar bin ich nicht unempfindlich gegen das Vergnugen, welches der Umgang und die Unterhaltung kluger Personen gewahrt; allein ich besitze jetzt nicht die gehorige Heiterkeit und Unbefangenheit, um an solchen Gesprachen Theil zu nehmen. Die naturliche Unterhaltung mit einer Freundinn wurde jetzt meinem Herzen wohlthun. Wenn ich ganze Tage dem Zwange, der Langenweile, und allen den leeren Beschaftigungen, welche die Gesellschaft von uns fordert, aufgeopfert habe, o, wie glucklich wurde ich dann seyn, einige Augenblicke in den Armen der Freundschaft zu ruhen, ihr meine Empfindungen mitzutheilen, und der immer erneuerten Wonne zu geniessen, welche Freundschaft und Liebe zwey Seelen, die sie verbunden haben, empfinden lassen! Wie glucklich ist das Weib, welches dieses in dem Gatten findet! Welches, bey den Unannehmlichkeiten des Lebens, durch das Vertrauen, durch die Liebe ihres Freundes gestarkt wird, sie mit frohem Muthe zu ertragen, und in seinen Blicken Vergessenheit mancher truben Stunden findet. O, Ihr, die ihr in freundschaftlicher Uebereinstimmung zusammen die Bahn des Lebens durchwandertet, sprecht, war euch eure Liebe, eure gegenseitige Theilnehmung an dem gemeinschaftlichen Schicksal, kein Trost in den Widerwartigkeiten, die euch trafen? Und wenn er es war? O, so gonnt ihn auch euern Kindern! Gebt ihnen den Gefahrten, an dessen Seite die Freude hoher ihre Wangen farbt, ihr Herz entzuckender klopfen und das Leiden seine Gewalt sie minder fuhlen lasst!

Weniger als je herrscht diese Freundschaft, diese Vertraulichkeit zwischen Wallenheim und mir; wir sind einander hier wieder so fremd, er sieht mich so wenig, und diese Entfernung von einander erzeugt in ihm wieder die Kalte gegen mich, welche in Wallenthal sich zu verlieren schien. Manner, welche es sich zum Geschaft machen, gleich einer Biene um jede Blume zu sumsen, haben mich trosten wollen; selbst einige, welche Verdienste besitzen, und nicht, gleich den Gecken, jedem Frauenzimmer den Hof machen, aber doch der Denkungsart der grossen Welt beytreten, welche die Liebeshandel einer Frau mit dem Namen Galanterien belegt, und diese ganz untadelhaft findet, haben auch die Zahl meiner Anbeter vermehrt. Aber, Henriette! Herrmanns Bild, mit so starken, so liebenswurdigen Zugen in meinem Herzen eingegraben, lasst mich nicht furchten, dass ich meine Pflichten vergessen werde! Zwar hoffe ich, dass, wenn ich auch nicht so liebte, dass keine andere Liebe sich mehr in mein Herz einschleichen kann, weil mein Herz, ohne es zu wollen, Vergleichungen anstellt, und mir dann zuflustert: Herrmann bleibt von allen diesen Mannern der edelste, der liebenswurdigste dass ich, diesem ungeachtet, doch den Namen Gattinn nicht entweihen wurde. Allein mehr auf meiner Hut wurde ich seyn. Die Gecken furchte ich nicht, aber der Mann von Gefuhl konnte mich empfindlich finden, ihn wurde ich vermeiden. Ich glaube nicht, dass das Band der Ehe uns unempfindlich macht, besonders wenn die Liebe es nicht geknupft hat; aber eine Neigung zu einem Andern unterhalten, ist strafbar, weil wir ihre Granzen nie bestimmen konnen, weil sie bald in uns zur heftigen Leidenschaft wird, die Befriedigung fordert, und zu fehlerhaften Handlungen uns verleitet. Ja, ich wurde bey dem Bestreben des angenehmen, des verdienstvollen Mannes, mir zu gefallen, mich fragen: Hat er auch keinen Eindruck auf Dich gemacht? Ich wurde, wenn es ware, diesem entgegen arbeiten, ich wurde ihn fliehen. Lache nicht, Henriette, die Flucht verrath vielleicht Schwachheit; allein Misstrauen in uns selbst kann uns Leidenschaften besiegen lassen, und wird uns immer verhindern, ihnen zu unterliegen. Doch, das Andenken an Herrmann, an seine Liebe, wird nie in meinem Herzen erloschen! Rein, schuldlos war seine Liebe. O, es giebt noch Augenblicke, in welchen diese Erinnerung mich entzuckt! Nie werde ich sie mit dem Bewusstseyn einer strafbaren Leidenschaft vertauschen. Unschuld erhohete das entzuckende Gefuhl, welches an Herrmanns Seite mich beseligte; sie ist es, welche noch heute mir diese Ruhe einflosst, wenn ich an ihn denke, die selbst dieses Andenken nicht zum Verbrechen macht. Ja wenn ich ihn gleich immer noch liebe, so ist meine Seele doch noch eben so schuldlos; denn ware er hier, er wurde seine und meine Leidenschaft bekampfen, ich wurde mich in Wallenheims Arme werfen, und mir sagen: Ich bin seine Gattinn! Mit diesem Gefuhl wird jeder andere Mann mir gleichgultig bleiben, und jede andere Liebe verwerflich, weil ich mit ihr nicht Unschuld und Tugend vereinigen konnte."

Elisa verlebte nun den Winter auf die Art, wie sie ihn angefangen hatte; Wallenheim und sie veranderten Beyde nichts in ihrem Betragen; er abwechselnd freundlich, murrisch, kalt; sie immer aufmerksam, ihm zu gefallen, immer sich bestrebend, jedem seiner Wunsche zuvorzukommen; nie horte er von ihr eine Klage oder einen Vorwurf, nie sah er Ihre Stirne sich runzeln; er fand immer in ihr das gelassene, heitere, gefallige Weib, und oft sagte er es sich, dass Elisa die Erste der Weiber ware. Der Fruhling kam; Elisa bat ihren Gatten, mit ihr nach Wallenthal zu reisen, damit sie dort die erste Einrichtung ihrer wohlthatigen Anstalten treffen konnte. Er schlug es ab; doch erlaubte er ihr, allein hinzureisen. Froh, einmal wieder im Schoosse der Natur der Freyheit und der Wonne zu geniessen, welche ihre mannichfaltigen Scenen im Herzen des gefuhlvollen Bewunderers erwecken, und Jahre voll Zwanges vergessen machen konnen, reiste Elisa von B... Sie hatte ihrer Mutter und Carolinen geschrieben, und sie gebeten, Henrietten zu erlauben, zu ihr nach Wallenthal zu kommen, und Beyde, Elisa und Henriette, langten an demselben Tage dort an. Mit welchem Wonnegefuhl schlossen sie einander in die Arme! Meine Henriette! Meine Elisa! stammelten Beyder Lippen, und innig empfanden sie das susse Gluck des Wiedersehens, welches nur empfunden, nie beschrieben werden kann. Sie blieben vierzehn Tage in Wallenthal; dieses waren frohe Tage fur Elisa'n. An der Seite ihrer Henriette, beschaftiget Nutzen und Gluck zu verbreiten, athmete ihre Seele die reine Wonne ausubender Tugend, und genoss des ruhigen, befriedigenden Genusses der Freundschaft in seinem ganzen Umfange. Ohne Muhe hatte sie von den herumziehenden Bettlern zehn Kinder erhalten, alle in einem Alter von zehn Jahren. Sie liess sie kleiden, und in sechs Tagen waren sie alle in dem fur sie bestimmten Hause eingerichtet. Sie ordnete ihre Beschaftigungen und ihren Unterricht, welcher stets noch unter den Landleuten und niedrigen Einwohnern der Stadte so sehr vernachlassiget wird. Aber indem Elisa sich mit dem Gluck der bluhenden Jugend beschaftigte, vergass sie nicht das leidende Alter, Ruhe und Bequemlichkeit suchet der Mensch am Ende seiner Laufbahn, und zehn Greise sollten sie in Wallenthal finden. Schon waren in dem Hause der Greise neun Stuben bewohnt, aus welchen Elisa'n Segen und Dank entgegen stromten, als sie an einem Morgen mit Henrietten in dem an der Landstrasse gelegenen Tannenwalde spatzieren ging. Ein klagliches Rufen: O, meine Tochter! meine Tochter! erregte bald ihre Aufmerksamkeit. Es ist das Geschrey eines Unglucklichen, rief Elisa, lass uns zu ihm eilen, Henriette! Sie gingen nun dahin, von wo der Schall kam, und sahen einen Greis, ein Bild des Jammers. An Kraften erschopft, war er auf den Rasen gesunken, und helle Thranen tropfelten in seinen eisgrauen Bart. Ach, meine Tochter, du musst sterben! rief er wieder. Er schien seine Seele mit diesen Worten auszuhauchen; er rang seine Hande, und blickte langsam empor gen Himmel. Jetzt hatten Elisa und Henriette sich ihm genahert; er erblickte sie und versuchte aufzustehen; allein seine Schwache fesselte ihn an den Boden.

E l i s a . Bleib er sitzen, guter Alter, er scheint mude zu seyn, er muss erst ausruhen.

G r e i s . (Seufzt.) Ach, gnadige Frau, ich werde wohl hier die ewige Ruhe finden! Ich habe lange genug gelitten, und doch, wenn der Himmel nur noch ein Paar Tage mein Leben gefristet hatte!

E l i s a . Er ist unglucklich, guter Mann, o, sage er mir, was Menschenhulfe thun kann, ihn zu unterstutzen? und ich will suchen, die letzten Tage seines Lebens frey vom Kummer zu machen!

G r e i s . (Faltet seine Hande.) Gott, ich danke dir, du sendest mir einen Retter! (Zu Elisa'n.) O, gnadige Frau! noch nie flehete ich um Allmosen, aber heute, heute muss ich. (Er bricht in Thranen aus, welche ihn verhindern weiter zu sprechen.)

E l i s a . (Geruhrt, setzt sich neben ihn.) Beruhige er sich, guter Alter! Es ist ja keine Schande, durftig zu seyn!

G r e i s . Ach, gnadige Frau! und doch blicken so viel Menschen auf den Armen mit Verachtung! Aber meine Tochter, wenn ich nur die retten konnte!

E l i s a . Wo ist sie, mein Freund, ich will sie holen, ich will ihr Hulfe ertheilen.

G r e i s . Wir wohnen anderthalb Meilen von hier, nahe bey Dunkelwalde; schon seit acht Tagen ist meine Tochter krank, und seit einigen Tagen so schlecht, dass ich gestern glaubte, sie wurde sterben. Da wollte ich nun heute in die Stadt gehen, zu dem Doctor, und auf den Knien ihn bitten, zu meiner Tochter zu kommen; aber es ist noch eine Meile von hier, und ich habe gestern und heute nichts gegessen ich konnte nicht mehr!

Neue Thranen hemmten wieder seine Sprache. Elisa sprang auf. Bleibe bey ihm, Henriette, ich bin gleich wieder hier. Sie eilte nun zu Hause, liess einen Wagen anspannen, befahl, dass sogleich ein anderer in die Stadt fahren sollte, um den Arzt zu holen, nahm eine Bouteille Wein und Brod mit sich, und kehrte zu dem Greise und Henrietten zuruck.

E l i s a . (Schenkt ein Glas Wein ein, und reicht es dem Greis.) Trink er, guter Alter! Ich habe auch etwas Brod mitgebracht, starke er sich erst; dann wollen wir zusammen zu seiner Tochter fahren, und sie hierher holen, ich habe auch schon nach dem Arzte geschickt.

G r e i s . (Nimmt das Glas.) Gnadige Frau, ich kann Ihnen nicht danken. Aber, Gott! Du siehest mein Herz!

E l i s a . Guter Greis, wenn nur seine Tochter wieder hergestellt wird, und er noch einige Zeit zufrieden in unserm Dorfe lebt, das wird mir Danks genug seyn!

G r e i s . (Blickt dankbar gen Himmel.) Gutiger Vater, ich will nicht mehr klagen, da es noch solche gute Menschen auf deiner Erde giebt!

Der Greis fuhlte sich gestarkt; die Hoffnung, seine Tochter ins Leben zuruckzurufen, belebte ihn. Er stand auf, Elisa leitete ihn selbst zum Wagen, setzte sich mit ihm und Henrietten hinein, und befahl dem Kutscher, so geschwinde als moglich zu fahren. Der Greis sass nun da mit gefalteten Handen, mit Thranen im Auge, seine Blicke bald auf Elisa'n, bald gen Himmel gerichtet.

E l i s a . (Nach einer Pause.) Guter Alter, ich segne heute meinen Spatziergang! O, wie will ich mich freuen, wenn wir erst bey seiner Tochter seyn werden! Aber sage er mir, ist er schon lange mit der Durftigkeit bekannt?

G r e i s . Ueber die Halfte meiner Tage waren Tage der Leiden fur mich! Die Geschichte meines Lebens mag dieses beweisen, wenn die gnadigen Frauen sie anhoren wollen?

E l i s a und H e n r i e t t e . (Zugleich.) Gern, guter Alter.

G r e i s . Mein Vater war Kaufmann in B..., von Geburt ein Franzose, welcher aus Liebe zu meiner Mutter, durch welche er auch in den Besitz eines geringen Vermogens gekommen war, sich in B... niedergelassen hatte. Sein Handel war nicht sehr ausgebreitet, und seine Vermogens-Umstande nur mittelmassig; er machte also keine Einwendung gegen mein Verlangen, das Tischlerhandwerk zu erlernen, zu welchem ich viel Neigung hatte; denn er war nicht reich genug, mich zum Handel bestimmen zu konnen, da ich nicht sein einziger Sohn war, sondern noch einen Bruder und eine Schwester hatte. Ich hatte schon ausgelernt, als mein Vater banquerott machte. Wir geriethen nun in die ausserste Armuth. Mein Grossvater lebte noch in Frankreich, und mein Vater beschloss, dass ich hinreisen, und von ihm einige Hulfe erflehen sollte. Ich musste einige Monate arbeiten, um mir einiges Reisegeld zu verschaffen, und ich ging dann nach Hamburg, wo ich mich an Bord eines franzosischen Schiffes begab. Dieses Schiff sollte im Hafen von Marseille einlaufen; allein im mittellandischen Meere erreichte uns ein Algierischer Kaper, und ungeachtet unsers Widerstandes wurden wir zu Gefangenen gemacht. Wir kamen nach Algier und wurden Sklaven. Ach, gnadige Frau! keine Vorstellung kann die Wirklichkeit der Misshandlungen und des Jammers erreichen, welche die unglucklichen Sklaven dort erfahren. Man spannte uns bey Tage gleich Ochsen an den Pflug, und des Nachts wurden wir gefesselt in eine Art von Stall geworfen, wo man uns in einem Trog eine elende Nahrung vorsetzte. Die Vorstellung von meinem Vater, welcher vergebens auf Hulfe wartete, seine Verzweiflung uber die betrogene Hoffnung, die Armuth meiner Familie, ihr Trauern um mich, die Klagen, das Leiden meiner unglucklichen Gefarthen, dieses alles zerriss zehnfach mein Herz, und machte, verbunden mit meinem eignen Leiden, mein Leben zur Empfindung eines immerwahrenden Schmerzes. Meine Gefuhle wurden endlich abgestumpft, ich wurde empfindungslos gegen alles. So verlebte ich zehn Jahre; nach Verlauf derselben traf auch mich die Reihe, von den Algierischen Fesseln, durch das Losegeld, befreyet zu werden, welches in Europa von mildthatigen Menschenfreunden zur Befreyung der Christen-Sklaven in Algier gesammelt wird. Welch ein Augenblick war das, als man mir die Fesseln abnahm! Nein, nie werden Worte die unnennbaren Gefuhle ausdrucken, welche mich durchstromten! Ich stand da, war kaum meines Daseyns gewiss, zweifelte an der Wirklichkeit meiner Befreyung, und freuete mich ihrer doch, und hielt Alles doch nur fur Traume, welche meine Einbildungskraft umschwebten. Plotzlich drang die Vorstellung von meinem Vater, von meiner Mutter tief in meine Seele; ich fiel nieder zur Erde, weinte und rief aus: Ich werde sie wieder sehen! Nun wurde das Verlangen, meine Aeltern und mein Vaterland wieder zu sehen, das herrschende Gefuhl in mir, und das Vermogen, dass ich es konnte, erfullte mich mit unaussprechlicher Freude; allein ein Blick auf meine unglucklichen Gefahrten, welche zuruckblieben, schlug auf einige Zeit sie wieder nieder. Diese jammerten laut, als sie uns weggehen sahen. Ach ich empfand das Schreckliche ihres Gefuhls bey unserer Befreyung, und ich hatte zu lange gelitten, als dass fremde Leiden mich nicht tief durchdrungen hatten! Ich weinte mit ihnen, ich liess sie von der Zukunft Befreyung ihres Unglucks hoffen, und theilte mit ihnen das wenige Geld, welches ich erhalten hatte, damit, zum wenigsten einen Tag, sie sich Erleichterung verschaffen konnten. Mit mir waren noch neun Gefangene befreyet worden; wir wurden alle auf ein franzosisches Schiff gebracht, und hatten die Ueberfahrt bis Frankreich frey. Diese Reise ist der glucklichste Zeitpunkt meines Lebens. Die wieder genossene Freyheit nach zehn Jahren unnennbaren Elendes, die Erwartung, die Personen wieder zu sehen, welche mir so theuer waren, dieses alles wiegte mich in die sanftesten Empfindungen der Freude, der frohen Hoffnungen und des Genusses gegenwartigen Glucks. Wir kamen in Marseille an, und ich beschloss, nach Languedoe zu gehen, wo mein Grossvater gelebt hatte, und wo ich einige von meinen Verwandten zu finden hoffte. Kaum reichte das wenige Geld, das ich hatte, zu dieser Reise; selten kehrte ich in ein Wirthshaus ein, mein Lager war der Rasen unter dem Schatten eines Baums, und ein Stuck trocken Brod oft meine ganze Nahrung. Ich kam endlich in Languedoe an, und nach vielen Erkundigungen fand ich den Bruder meines Vaters. Mein Grossvater war seit einigen Jahren todt, und hatte eine geringe Erbschaft hinterlassen, welcher sich mein Oheim ganz bemachtiget, weil er in einigen Jahren nichts von meinem Vater gehort hatte. Ich gab mich ihm zu erkennen, stellte ihm die Armuth meines Vaters, und die Billigkeit der Theilung vor. Er sagte mir aber, dass er keine Ueberzeugung davon habe, dass ich sein Neffe sey, und dass, wenn dieses auch sey, er doch keinen Theil seines Vermogens missen konnte, weil er sonst selbst mit seiner Familie wurde betteln mussen. Freylich war er selbst nur in mittelmassigen Umstanden, und ich, fremd und arm, konnte nichts gegen ihn ausrichten. Er erlaubte mir, einige Tage in seinem Hause zu bleiben, um mich von meiner Reise zu erholen, gab mir dann einige Hemden, einen alten Rock, denn meine Kleidung war so zerrissen, dass ich mich kaum noch sehen lassen konnte, und einiges Reisegeld, und rieth mir nun, in mein Vaterland zuruckzukehren. Ich trat also meine Reise mit dem kummervollen Gedanken an, dass ich zu meinen Aeltern ohne die geringste Erleichterung ihrer Armuth zuruckkehrte. Das Geld, welches ich von meinem Oheim bekommen hatte, reichte, bey aller meiner Sparsamkeit, denn oft lebte ich Tage lang, ohne etwas zu geniessen, als das Wasser, welches ich aus einer frischen Quelle schopfte, doch nicht weiter, als bis ich in Strassburg angekommen war. Um Almosen konnte ich nicht flehen; bis B... mich von den erbettelten Gaben meiner Mitmenschen zu erhalten, welche sie oft mit Verachtung und Beschimpfung mir zuwerfen wurden: dieser Gedanke war mir unertraglich. Ach es ist so demuthigend, Anderer Mitleiden anzuflehen! Ich hatte zwar erniedrigende Begegnungen genug erfahren, allein ich hatte sie mir doch nicht selbst zugezogen; ich hatte Grausamkeiten erlitten, aber doch nicht Verachtung ertragen mussen. Ich beschloss also, mein Handwerk wieder so lange zu treiben, bis dass ich mir das Geld zur Reise erworben haben wurde. Ich bot einem Tischlermeister meine Dienste an, und wurde angenommen. Ich blieb drey Monate in Strasburg, allein ich musste noch einigemahl auf meiner Reise in einigen andern Stadten arbeiten, weil ich immer nicht viel mehr als meinen Unterhalt erwarb. Endlich langte ich, nachdem ich ein Jahr auf dieser Reise zugebracht hatte, in dem Stadtchen R..., wohin ich heute zu gehen gedachte, an. Ich hatte nun noch zehn Meilen bis B..., und je mehr ich mich meiner Vaterstadt naherte, desto unentschlossener war ich, mich in diesen armseligen Umstanden meinen Aeltern zu zeigen. Ich fand in einem Wirthshause in R... einen Handelsmann aus B..., ich gerieth in ein Gesprach mit ihm; er wohnte in der Nachbarschaft meines Vaters, und konnte mir daher Nachricht von ihm ertheilen. Meine Mutter war todt, und mein Vater und meine Geschwister lebten in der aussersten Armuth. Sie arbeiteten alle fur Tagelohn, um sich zu unterhalten; allein sie konnten nur das Nothdurftigste erwerben, weil mein Vater schon sehr schwach wurde, und nicht mehr viel arbeiten konnte. Diese Nachricht erregte neuen Gram in meinem Herzen. Mein Vater hatte einige Unterstutzung gehofft, als er mich nach Frankreich schickte, und ach! ich sollte mit leeren Handen zu ihm zuruckkehren! Ich sollte noch seine Durftigkeit durch meinen Aufenthalt bey ihm vermehren; denn wer wusste, ob ich gleich einen Meister finden, der mich annehmen wurde? O, dachte ich, wenn ich doch zuvor, ehe ich zu ihm zuruckkehre, mir noch etwas erwerben konnte, um ihm einige Hulfe ertheilen zu konnen. Mit diesem Gedanken beschaftigte ich mich den ganzen Tag; am folgenden war ich immer noch unentschlossen, auch befand ich mich nicht wohl; ich ging fruh zu Bette, und bekam ein heftiges Fieber; ich war drey Monate so krank, dass ich das Bette nicht verlassen konnte. Mein weniges Geld, was ich gehabt hatte, ging nun darauf, ich musste meinen Rock auch noch verkaufen; kurz, ich besass nicht einen Pfennig, nachdem ich wieder hergestellt war. Nun konnte ich mich unmoglich entschliessen nach B... zu gehen; ich hatte von Dorf zu Dorf mich hinbetteln mussen, und welcher Meister in B... hatte mich in dem elenden Aufzuge, in welchem ich mich jetzt befand, genommen? Ich hatte mich keinem einmahl zeigen konnen. Ich ging also zu dem Tischlermeister, welcher in dem Stadtchen war, klagte ihm meine Noth, und bat ihn, mich anzunehmen; er brauchte eben einen Gesellen, und wollte es, wie er sagte, mit mir versuchen. Der Meister hatte wenig Bestellungen, ich erwarb also nicht viel. Immer beharrte ich auf dem Vorsatze, so viel zu erwerben, um nicht mit dem Ansehen eines Bettlers zu meinem Vater zuruckzukehren. Ich blieb also funf Jahre in R... Ich hatte mir nun wieder einige Kleidungsstucke angeschafft, und hatte noch uberdem zehn Thaler, diese wollte ich meinem Vater bringen. Ich ging nach B. Aber Ach, gnadige Frau, wie werde ich Ihnen meinen Schmerz beschreiben konnen, als ich meinen Vater nicht mehr fand! Er war seit einem halben Jahre todt, und meine Geschwister waren nicht mehr in B ... Ich stand da, als wenn meine Fusse an den Boden geheftet waren; zernichtet war jede Hoffnung fur mich, ich glaubte mich allein in einer Einode zu sehen. O wie viele Vorwurfe machte ich mir! Eine falsche Schaam hatte mich abgehalten, zu meinem Vater zu eilen, als ich ihn noch sehen konnte, und nun hatte ich ihn auf ewig verlohren! Ich ging endlich in die Stube, in welcher er gewohnt hatte, da warf ich mich auf den Boden, und schluchzte laut. Ach eine dustre Schwermuth verbreitete sich seit diesem Augenblicke auf mein ganzes Leben! Ich kehrte am folgenden Tage zuruck nach R..., denn man konnte mir den Aufenthalt meiner Geschwister nicht sagen. Mein Bruder war als Bedienter in die Dienste eines Herrn getreten, der auf Reisen war, und meine Schwester hatte geheirathet; allein man wusste nicht, wo sie hingekommen war. Ich arbeitete nun wieder bey meinem vorigen Meister, war aber unaufhorlich traurig. Er war ein guter Mann, er suchte oft mich zu trosten, und begegnete mir als seinem eigenen Sohne; ich gewohnte mich nach und nach, mich als ein Glied dieser Familie zu betrachten. Wir theilten gegenseitig Kummer und Freude. Der Meister hatte funf Sohne und eine Tochter; das Madchen hatte mich liebgewonnen. Einst sagte ihr Vater zu mir: Martin, du bist zwar arm, aber arbeitsam, meine Tochter ist auch arm, ein reicher Mann heirathet sie doch nicht, das Madchen liebt dich, kannst du sie leiden, so nimm sie; Gott wird euch seinen Segen geben! Mir hatte das Madchen stets gefallen, mich dunkte immer, dass ich weniger traurig war, wenn ich bey ihr war. Ich dankte dem Vater, und fragte Lotten, so hiess sie, ob sie mich wohl haben mochte? Ach Martin, sprach sie, ich bin dir so herzlich gut, gern will ich Freud und Leid mit dir theilen! Sie weinte bey diesen Worten; auch ich weinte und kusste sie. Vier Wochen darauf war unsere Hochzeit. Ich fuhr fort bey meiner Frauen Vater zu arbeiten; wir lebten durftig, aber wir erwarben uns doch unsern Unterhalt. Mein Schwiegervater lebte noch funf Jahre, meine Frau war indess Mutter zweyer Sohne geworden. Als mein Schwiegervater starb, wollte ich Meister in R. werden; allein ein andrer Tischlermeister, welcher sich schon vor einiger Zeit dort niedergelassen hatte, suchte dieses zu verhindern; es gelang ihm, denn er war reich. Ich musste aus R... ziehen, weil ich dort keinen Verdienst mehr fand. Ich miethete das Haus bey Dunkelwalde, in welchem ich noch jetzt wohne. Nun arbeitete ich als Taglohner, auch mein gutes Weib arbeitete fast Tag und Nacht; nie klagte sie uber Armuth oder Muhseligkeiten. Lieber Mann, sagte sie mir oft, wir werden immer so viel verdienen, dass wir leben konnen, und was brauchen wir mehr? Unsern Kindern wird Gott weiter helfen! Ihr Muth, ihre Standhaftigkeit half mir unsere Durftigkeit ertragen, ein Leben voll Kummer hatte die meinige niedergeschlagen. Nach einem Jahr gebar meine Frau eine Tochter; sie war acht Tage in Wochen, da bekamen unsere Sohne die Blattern, und starben Beyde. Ach jetzt war keins von uns fahig, den Andern zu trosten! Als unser zweyter Sohn die Augen schloss, da reichte ich meiner Frau die Hand, und sprach: Weib, wir verbanden uns, alles Ungemach zu tragen! Sie sank auf seinen Leichnam und ich auf meine Knie, und lange lagen wir so und schluchzten laut, bis endlich die kleine Lotte schrie; da richtete ich mich auf: "Weib, sprach ich, wir haben noch ein Kind, Dein allzuheftiger Schmerz wird es umbringen! Ach bereite uns nicht noch mehr Leiden!" Ich nahm das Madchen aus der Wiege, und gab sie der Mutter. Sie druckte sie mit innigster Wehmuth an ihr Herz, benetzte sie mit ihren Thranen, und legte sie endlich an ihre Brust. "Ach! mein Fritz, mein Ludwig, rief sie aus, auch euch ernahrte ich einst an meinem Busen, und nun " Verzweiflungsvoll rang sie wieder die Hande. Ich furchtete, sie wurde sich und das Kind todten, ich nahm ihr es wieder, und legte es in die Wiege. Ich umarmte sie: Meine Lotte, sprach ich, vergiss nicht deines dritten Kindes! Sie hing sich nun an meinen Hals, und unsere Thranen flossen zusammen. Wir durchweinten die Nacht. Am Morgen bat ich Lotten, sich ins Bette zu legen, sie schlummerte eine Stunde; aber unsere folgenden Tage waren nun alle trube. Ach! der Anblick unserer Kinder hatte uns so oft erfreuet und gestarkt, hatte uns jede Arbeit erleichtert, wenn wir das mit Muhe erworbene Brod mit ihnen theilten! Indess wuchs unsere Lotte heran, und in ihr vereinigte sich nun unsere ganze Liebe und Sorgfalt; sie wurde ein gutes Madchen. Als sie erwachsen war, theilte sie jede Arbeit und Beschwerde mit uns. So verlebten wir nun unsere Jahre, zwar unter Muhseligkeiten, doch in Ruhe; allein unsere Krafte nahmen ab, folglich auch die Mittel zu unserer Unterhaltung. Vor zwey Jahren starb mein Weib. Der Schmerz uber diesen Verlust machte mich so schwach, dass ich nicht mehr zu arbeiten vermochte. Meine Tochter war nun meine einzige Unterstutzung, ihrer Hande Arbeit unser einziger Unterhalt; auch arbeitete das gute Madchen unaufhorlich. Ach, oft benetzte ich mit meinen Thranen das Brod, welches sie so sauer erworben hatte, und wusste nicht einmahl, dass meine Tochter hungerte, um es mir zu geben! Und mitten unter diesen Muhseligkeiten trostete sie mich, wenn ich kummervoll auf sie blickte. Ach, sie war das letzte, das einzige Gut, welches mir ubrig blieb; ihre Liebe, ihre Sorgfalt machte mich jede Noth, oft selbst die Bekummerniss um sie vergessen, und nun o, meine Tochter! nun sollst du sterben!

E l i s a . (Ihn bey der Hand fassend.) Guter Greis, seine Tochter kann ja noch gerettet werden. Mangel an Hulfsmitteln und gehoriger Pflege haben vielleicht ihre Krankheit so schlimm gemacht, und diese Ursachen sollen nun aufhoren.

Nun erblickte sie in der Ferne das Haus, welches der Greis bewohnte; er wurde unruhiger, je mehr er sich demselben naherte. Ach, meine Tochter, werde ich dich noch sehen? rief er, als der Wagen stille hielt. Angst und Liebe gaben ihm Krafte; er ging schnell in das Haus, Elisa und Henriette folgten ihm. Ein Tisch, zwey Betten und zwey Stuhle war alles, was in der Stube stand, und alles, was der Greis besass. Er warf sich auf das Bette seiner Tochter, sie lebte noch; sie schlief, aber sie schien eine brennende Hitze zu haben. Sie erwachte bald; allein sie bekam einen heftigen Paroxysmus, aus welchem Elisa und Henriette schlossen, dass sie das hitzige Fieber hatte. Elisa schickte nach Dunkelwalde, und liess dort den Amtmann um Citronen bitten, und bereitete Citronenwasser, welches sie ihr trinken liess, nachdem der Paroxismus voruber war. Sie liess sie nun in den Wagen bringen, und sie fuhren zuruck nach Wallenthal; sie wurde gleich in die Stube gebracht, welche fur sie und ihren Vater bestimmt war; auch war der Arzt schon vor ihnen da, und versicherte den Greis, dass sie noch nicht ohne Hoffnung ware. Elisa und Henriette wachten diese Nacht wechselsweise bey dem Madchen, und nach einigen Tagen befand sie sich in der Besserung. Den Tag vor ihrer Abreise ging Elisa mit ihrer Henriette noch einmahl in die Wohnungen, welche sie fur das Gluck und die Ruhe so vieler Menschen errichtet hatte; sie hatten dem Prediger von Wallenthal die Aufsicht uber diese Anstalten ihrer Wohlthatigkeit gegeben. Sie nahm nun Abschied von den Kindern, versicherte sie ihrer bestandigen Sorgfalt fur sie, ermahnte sie zum Fleisse, zur Gelehrigkeit, und ihre Aufseher zur Ordnung und Treue. Die frohliche Miene der Kinder, ihre kindischen Versicherungen, dass sie immer alles gern thun wurden, was die gnadige Frau haben wollte, freueten sie sehr; sie ertheilte noch einem jeden ein kleines Geschenk und verliess sie.

E l i s a (Zu Henrietten, nachdem sie aus dem Hause der Kinder gekommen ist.) Liebe Henriette, was ist es doch fur eine susse Empfindung, wenn man fur das Wohl der Menschen arbeitet! Wenn ich diese Kinder sehe, ist mir, als ware ich an einem schonen Sommermorgen voller Erwartung eines schonen Tages; ihre Gutmuthigkeit lasst mich hoffen, dass sie den Zweck des Menschen erreichen werden, sie werden glucklich und in ihrem Stande nutzlich seyn. Doch nun komm zu unsern Greisen, auch von ihnen will ich Abschied nehmen.

Sie fanden diese alle vor dem Hause versammelt; auch Lotte war herausgekommen, um der schonen Fruhlingsluft zu geniessen, ob sie gleich noch nicht vollig hergestellt war.

E l i s a . (Nahert sich ihnen.) Guten Tag, meine Lieben! Seyd Ihr alle noch wohl, noch zufrieden?

E i n i g e . Ach, gnadige Frau! Ihre Gute

E l i s a . Ihr konnt doch wohl noch einige Bedurfnisse haben, die ich nicht kenne, und die ich leicht befriedigen konnte?

E i n i g e . Einen Wunsch haben wir noch; aber den kann nur der Himmel erfullen. Er ist fur Ihr Gluck.

E l i s a . Ich danke Euch, meine Lieben! (Eine Pause.) Ich kam hierher, um von Euch Abschied zu nehmen, ich reise morgen weg. (Alle sehen sich betrubt an, Elisa wendet sich zu Martin.) Guter Greis, Er wird doch wohl nun auch bey uns wohnen bleiben? Er sieht unsre Einrichtung. Seine Tochter braucht nun Seinen Unterhalt nicht mehr kummerlich zu erwerben; allein wenn sie kunftig durch ihrer Hande Arbeit fur sich etwas verdienen will, so werde ich dafur sorgen, dass sie immer Arbeit bekommt.

G r e i s . (Thranen stromen von seinen Wangen.) O, gnadige Frau! Sie retteten sie vom Tode, Sie senkten Ruhe auf meine alten Tage, durch Sie kann ich mich meiner letzten Lebenstage freuen! Nein, keine Worte konnen Ihre Gute und meinen Dank ausdrukken!

A l l e z u g l e i c h . Ach, Sie haben uns alle glucklich gemacht!

E l i s a . (Geruhrt.) Es freut mich, meine Lieben, wenn es mir gelungen ist, Euch zufrieden gemacht zu haben. Ihr konnt glauben, dass ich glucklich dadurch werde. Lebt nun in Eintracht unter einander, und wenn ihr etwas verlanget, so sagt es dem Herrn Prediger, er wird es mir schreiben, und ich werde es euch gewahren, wenn ich kann.

Alle weinten jetzt, alle schlossen einen Kreis um Elisa'n, sie reichte einem Jeden die Hand. Lotte warf sich zu ihren Fussen. Gott, ihr deinen Segen; stammelte ihr Vater. Lebt wohl, meine Freunde! rief Elisa, ich werde euch nicht verlassen! Sie wollte nun gehen, aber noch hielten einige ihr Kleid, einige ihre Hand. Susse Thranen der Empfindung und der belohnten Tugend glanzten in Elisa's Auge. Liebevoll blickte sie noch auf einen Jeden, und riss sich dann von ihnen los. Segenswunsche und Danksagungen folgten ihr, und auf allen Gesichtern waren dieselben Empfindungen: Liebe, Dank, Freude und Ruhrung, ausgedruckt.

H e n r . (Nachdem sie einige Zeit schweigend fortgegangen sind.) O! meine Elisa, empfange meinen Dank, dass Du mich zur Zeuginn Deines Glucks machtest!

E l i s a . (Umarmt Henrietten.) Deine theilnehmende Freundschaft erhoht jedes mich beseligende Gefuhl, und Dir verdanke ich sie auch, Du lehrtest mich meine Pflichten erfullen!

H e n r . Nein, meine Elisa, die Vernunft gab Dir die Kraft, eine Leidenschaft zu besiegen, und die Natur dieses richtige Gefuhl fur das Gute und Schone.

E l i s a . Ja! Dank der gutigen Vorsicht, dass ich beyder Stimmen horen konnte, und dass nichts ausser mir sie ubertaubte! Sie schenken dem Sterblichen, der auf sie hort, die seligsten Freuden!

H e n r . Du kannst Dir nicht vorstellen, Elisa, wie sehr, seitdem ich hier bin, mein Glaube an Tugend und an die Gluckseligkeit, die sie gewahrt, gestarkt ist! Es ist mir so suss, Deine Seelenruhe zu sehen, ich fuhle es uberzeugend, dass Du glucklich bist, und glucklich durch die Ausubung Deiner Pflichten!

E l i s a . Ja, meine Henriette, ich bin es! Mein Gluck ist der Genuss innrer, wahrer Zufriedenheit, und die Aussicht einer immer glucklichern Zukunft; denn jedes thatige Bestreben, Nutzen und Gluck um mich zu verbreiten, wird diese Zufriedenheit erhohen. Und, Henriette bald werde ich die sussesten Pflichten, Mutterpflichten zu erfullen haben. O, welch ein seliges Vergnugen wird in ihrer Ausubung liegen! Schon der Gedanke daran erfullt mich mit unaussprechlicher Freude!

H e n r . Ja, meine Elisa, auch ich fuhle es, dass die Summe Deines Glucks sich mit der Summe Deiner Pflichten vermehrt. Edles Weib! Dank sey der Tugend, dass sie Dich belohnt fur die Opfer, die Du ihr brachtest!

E l i s a . Gewiss, Henriette, das thut sie immer, wenn die Menschen dieses nur versuchen wollten. O, es ist so etwas Beruhigendes, so etwas Seliges in dem Gedanken: ich erfulle alle meine Pflichten; und je schwerer sie sind, desto mehr erhebt er uns in unserer eignen Meynung, desto mehr Kraft finden wir in unserm Selbstgefuhl, blos nach den Gesetzen des Guten und Edlen zu handeln, selbst mit Aufopferung unserer liebsten Neigungen, um in uns die hochste Stufe menschlicher Grosse zu erblicken; denn Eigenliebe und Stolz bleiben doch immer machtige Triebfedern unserer Handlungen. Ja, Henriette, oft denke ich, wie weit entfernt ich noch von jener himmlischen Tugend bin, welche immer sich gleich, stets ihren Pflichten gemass handelt, ihnen ihre Neigungen, ihre Freuden opfert, und uber alle Leidenschaften siegt. Oft frage ich mich: Wenn ich Herrmann zuweilen sahe, wurde ich ihm und der Liebe widerstehen? Wurde ich mich bestreben, eben so meine Pflichten gegen Wallenheim zu erfullen, wurde ich nicht nachlassiger darin werden, wurde ich eben so geduldig, eben so bereit seyn, jeden seiner Wunsche zu erfullen? Ich zittere dann, die Antwort meines Herzens zu horen, und unterdrucke sie. Siehe, heute, wo ich wirklich mit den Kindern, und der Besorgung fur die Bequemlichkeit und Ruhe der Greise beschaftiget, wo ich von ihrem Abschied, von ihrem Dank gegen mich, geruhrt war, wo selbst die gottliche Empfindung: Diese Menschen mache ich glucklicher, mein ganzes Wesen durchstromte, lag doch der Gedanke: Heute vor einem Jahre sahe ich Herrmann zum Erstenmahle, wie im Hinterhalte meiner Seele. Sein Bild, wie er neben seiner Mutter stand, voll kindlicher Liebe, und Blicke des Wohlgefallens auf mich wars, schwebte bestandig vor mir; Thranen des seligsten Vergnugens und der Ruhrung vergoss ich, als ich Abschied von den guten Leuten nahm; aber zu gleicher Zeit entfuhren mir Seufzer, welche Herrmanns Andenken erpresste.

H e n r . Meine edle Freundinn, keine Blicke in die Vergangenheit! Freude und Leid ertheilte das Schicksal Dir in diesem Jahre, muthlos und traurig konnte ihr Andenken auf einige Zeit Dich machen!

E l i s a . Besorge nichts, Henriette! Hast Du vergessen, dass ich mir auch Gegenmittel bereitete? O, ich darf nur an meine Einwohner in Wallenthal denken, ich darf nur durch meine Bemuhungen Wallenheim zufrieden und freundlich sehen, dann verliert das Andenken von seiner Starke, und ich werde wieder ruhig.

H e n r . Ja, diese Ruhe wird unverganglich wie Deine Tugend seyn!

E l i s a . Enthusiastische Lobrednerinn! Vergisst Du mein voriges Gestandniss?

H e n r . Du selbst, Elisa, tadelst Du Dich dessen?

E l i s a . Ich habe Dir schon gesagt, dass diese fortdauernde Liebe zu Herrmann mich von meinen Pflichten abziehen konnte, und also finde ich sie verwerflich. Allein mir selbst kann ich bezeugen, dass ich diese Liebe zu schwachen mich bestrebe, dass ich nie vergesse, dass ich Gattinn bin, und dass ich noch aufmerksamer auf mich seyn wurde, wenn Herrmann gegenwartig ware und endlich, dass ich in ihm die Tugend liebe, und dass zugleich seine liebenswurdigen Eigenschaften es mir ohnmoglich machen, ganz aufzuhoren, ihn zu lieben!

H e n r . Du entschuldigest Dich also?

E l i s a . Ich kann uber mich keinen Ausspruch thun, ich habe Dir mein Herz geoffnet.

H e n r . In jeder gemeinen Seele wurde ich so viel Liebe gegen einen Andern verdammen; aber mit Deiner Standhaftigkeit, mit Deiner Anhanglichkeit an Tugend, wird sie fur Dich unschadlich!

E l i s a . Glaubst Du, Henriette, dass das Weib, welches gewohnt ware, alle ihre Begierden zu befriedigen, so lieben konnte, als ich?

H e n r . Wahr, Elisa! Du lasst mich fuhlen, dass keine gemeine Seele so lieben wurde.

E l i s a . Ach, ich mag mich nicht entschuldigen! Ich fuhle ja, wie theuer mir Herrmann noch ist; allein wenn es nicht in meiner Gewalt ist, meine Neigung ganz zu unterdrucken, so sind doch meine Handlungen in derselben, und nie leitete Leidenschaft diese, sondern Erkenntniss des Guten.

H e n r . Ja, Dank dem Urheber Deiner Tage!

E l i s a . Wohl, Dank ihm! Bey seinem Andenken schwur ich, der Tugend treu zu bleiben, auch bey dem Andenken des liebenswurdigsten Mannes, und nun bald werde ich es schworen, bey dem heiligen Namen Mutter, den ich erlangen werde! Konnte ich wohl einen dreyfachen Meineid begehen?

H e n r . O, Tugend! wie erhaben machst du! welch ein seliger Anblick, den Sterblichen zu schen, in dessen Herzen du wohnest!

E l i s a . (Umarmt Henrietten mit Innigkeit.) Meine Henriette, diese Warme fur sie theiltest Du mir mit! Ja, Deine Gegenwart belebt jedes gute Gefuhl dann aufs neue in mir. Dein Herz versteht das meinige, dieses giebt ihm Leben und Warme Ach, und morgen schon mussen wir uns trennen! (Thranen rollten bey diesen Worten von Beyder Wangen. Eine Pause.) O, wie gerne bliebe ich hier in Wallenthal wohnen! Hier sind mir meine Beschaftigungen alle so angenehm, und sie mit Dir theilen, ist mir doppelt suss. In B... ist das Leben, welches ich fuhre, langweilig, ich habe dort keinen Freund, und hier finde ich der Freuden so viele.

H e n r . Vielleicht kannst Du Wallenheim bewegen, einen Theil des Sommers hier zuzubringen.

E l i s a . Vor der Jagdzeit wird er nicht herkommen, und dann fangt die Natur schon an zu trauern. Und das Andenken an den vorigen Sommer wird in B... gewiss mir trauriger seyn, als es mir hier seyn wurde.

H e n r . Fast sollte ich glauben, dass die Einsamkeit und die Spatziergange es lebhafter in Dir erwecken, und Dich folglich trauriger machen wurden.

E l i s a . Nein, Henriette; hier beschaftigen so viele andere Gegenstande meinen Kopf und mein Herz. Selbst wenn ich auf unsern Spatziergangen an Herrmann, an die Liebe und an ihre Freuden dachte, so zerstreute mich das Vergnugen, welches ich immer im Genuss der Natur empfinde. Wenn man ihre Schonheit, ihre Mannichfaltigkeit betrachtet, so drangen sich so viele Gefuhle, so viele Betrachtungen auf, dass man von den Hauptvorstellungen der Seele abgezogen wird. Allein, eingeschlossen in B..., ist nichts, was zu meinem Herzen so nahe spricht, um mich jenen Erinnerungen zu entziehen.

H e n r . Es sind aber auch keine Gegenstande da, welche Dich auf diese Erinnerungen leiten.

E l i s a . (Lachelnd.) Dann werde ich nichts mehr von meiner Liebe fur Herrmann furchten, wenn ich an ihn erst muss erinnert werden. (Sie seufzt.) Und jetzt wo jeder Tag mir die Vergangenheit zuruckruft! Doch lass uns hievon abbrechen, Henriette; ich habe schon das Gesetz, welches ich mir machte, uberschritten.

Sie gingen nun schweigend nach Hause. Dieser Abend war fur Beyde traurig, denn Beyde empfanden aufs Neue den Schmerz der Trennung. Indess freuete sich doch Elisa, ihren Gatten wieder zu sehen; ihre Abneigung gegen ihn hatte sie uberwunden, und nach ihren Grundsatzen konnte der Mann, der ihr Gatte war, der Vater ihres Kindes seyn wurde, ihr nicht gleichgultig seyn. Sie hatte ihm geschrieben, und ihm den Tag bestimmt, an welchem sie zuruckkommen wurden; allein sie fand ihn nicht zu Hause. Erst um Mitternacht kam er zuruck; sie eilte ihm entgegen und umarmte ihn.

W a l l e n h . (Verwundert.) Sie noch auf, Elisa? Ich glaubte, Sie wurden zu sehr von der Reise ermudet seyn?

E l i s a . In der That bin ich etwas mude; allein ich wunschte doch, Sie heute noch zu sehen!

W a l l e n h . (Kusst ihre Hand.) Elisa, Sie sind zu gutig!

Ein Lacheln, und der sanfteste Handedruck war ihre Antwort. Wallenheim war geruhrt uber ihre Aufmerksamkeit, ihre Nachsicht gegen ihn, in dem Augenblick, da er ihr den empfindlichsten Beweis seiner Kalte gegeben hatte. Den ganzen folgenden Tag war er ausserst gefallig gegen sie; allein der Eindruck verlosch wieder, und sein Betragen gegen sie blieb dasselbe. Erst in der Mitte Augusts reiste Wallenheim mit seiner Gattinn nach Wallenthal. Wie im vergangenen Jahre war dort die Jagd seine einzige Beschaftigung, und Elisa der Einsamkeit uberlassen; allein ihre Beschaftigungen machten ihr diese suss. Unaufhorlich mit dem Glucke der Einwohner Wallenthals beschaftiget, vergoss sie oft Freudenthranen, wenn sie auf so vielen Gesichtern Zufriedenheit und Freude las. Taglich besuchte sie die Kinder und die Greise, und der Anblick aller dieser Geschopfe war eine unerschopfliche Quelle des sussesten Vergnugens fur sie. Auch war sie jetzt nicht blos ruhig und heiter, sondern lustig und froh. Selbst Wallenheim theilte sie diese Heiterkeit mit; oft vergass er des Nachmittags zur Jagd zuruckzukehren, indem er mit Elisa'n die Stunden verplauderte; sie ging dann mit ihm in das Dorf. Fleiss, Unschuld und Freude fand er, durch die Bemuhungen seiner Gattinn, bey seinen Unterthanen vereiniget, er wurde oft dadurch geruhrt; denn wo ist der Sterbliche, auf den das Bild der Tugend und des Glucks ganz seine Macht verlohren hatte? Elisa freuete sich, wenn sie sein Herz sich den Empfindungen der Liebe und der Freude offnen sahe; er selbst war dann vergnugter, und sagte zu Elisa'n, sie sey fur ihn die Schopferinn neuer, ihm unbekannter, Freuden.

E l i s a . O, Carl! dann ware ja mein heissester Wunsch, Sie heiter und glucklich zu machen, erfullt!

W a l l e n h e i m . O, dass ich eine Seele hatte, wie die Ihrige; so empfanglich fur jedes Gute, so wohlwollend, so frey von Fehlern, damit auch Sie in der Uebereinstimmung mit mir, so glucklich wurden, als Sie es verdienen!

E l i s a . Glauben Sie mir, Wallenheim, ich bin es schon durch Ihren Beyfall, Ihre Zufriedenheit, und die Liebe, welche alle diese guten Leute gegen mich hegen.

W a l l e n h e i m . (Umarmt sie.) Vortreffliches Weib!

So nannte Wallenheim stets seine Gattinn, wenn er von ihren Tugenden geruhrt war; allein der Eindruck davon war nicht von Dauer. Von Natur zuruckhaltend, kalt und in sich verschlossen, konnten Bewunderung und Liebe wohl auf einige Augenblicke sein Herz erwarmen, aber nicht in demselben haften. Sein Charakter blieb derselbe, und ausserte sich immer auf eine gleiche Art. Gegen Ende des Septembers kam Wallenheim mit seiner Gattinn zuruck nach B..., weil Elisa ihre Niederkunft erwartete. Sie gebahr einen Sohn. Sie schrieb an Henrietten, sechs Wochen, nachdem sie Mutter geworden war:

"O, meine Henriette, lass mich Dir das susse Gefuhl mittheilen, welches mich jetzt so unaussprechlich glucklich macht! Ich schreibe Dir, neben der Wiege meines Sohns, fast in jedem Augenblicke meine Blikke auf ihn richtend, mein Herz ihm entgegen klopfend. Wie sanft er ruhet! O, Henriette! machtig drangt sich der Gedanke mir auf: Immer wird er so ruhen, wenn Du sein Herz zur Tugend bildest! Ach! seit dem Augenblicke seines Daseyns fuhlte ich diese Verpflichtung, und zitterte, dass ich zu ohnmachtig seyn wurde, sie ganz erfullen zu konnen! Wie kann man noch leichtsinnig seyn, nachdem man Mutter ist? Wie kann es noch Weiber geben, welche bey dem Gedanken nicht erschuttert werden: Dieses Geschopf ist deiner Sorgfalt anvertrauet, du kannst vielleicht durch die guten, oder die schlechten Eindrucke, die es durch dich empfangt, das Gluck oder das Ungluck seines Lebens bestimmen? Und dieses Geschopf, dessen Schicksal vielleicht in deiner Hand steht ist dein Kind! Henriette, diese Worte schallen bestandig vor meinen Ohren. Wenn ich des Nachts erwache, so ist Carl mein erster Gedanke, und stundenlang bin ich mit Entwurfen seiner Erziehung beschaftiget. Denn ungeachtet alles dessen, was man jetzt uber Erziehung schreibt, ist sie doch im Ganzen noch nicht viel besser als sonst. Und so lange Mutter nicht selbst dieses Geschaft ubernehmen, wird sie es auch nie seyn; denn die erste Erziehung ist ganz von ihnen abhangig, und schon in den ersten Jahren der Kindheit kann man die junge Seele zum Guten gewohnen, ihr Liebe dafur einflossen; denn die Eindrucke, welche sie dann bekommt, bleiben unausloschlich das ganze Leben hindurch. Und wer ist wohl geschickter, das Herz eines Kindes zu bilden, als eine kluge und tugendhafte Mutter? Wer wird mit mehrerer Warme, mit mehrerer Sorgfalt daran arbeiten, als sie? Gewiss, auch der geschickteste Erzieher nicht. O, ich will sie alle erfullen die Pflichten, welche die Natur mir auferlegte! Mein Carl soll bestandig bey mir seyn, ich will seine ersten Handlungen, seine ersten Neigungen leiten; stets will ich ihn beobachten, um die Anlagen seiner Seele zu entdecken, und ich selbst will seine ersten Fahigkeiten entwickeln. Nur meine Liebe zu ihm, furchte ich, konnte mich vielleicht verblenden, partheyisch machen. Ach, ich kenne so viele gute Mutter, welche es nicht ahnden, dass sie die Fehler ihrer Kinder ubersehen , und sich von ihrem Willen leiten lassen! O, warest Du bey mir, meine Henriette, Du solltest mich warnen, wenn Du sahest, dass mutterliche Zartlichkeit die Klugheit besiegte! Ich bin allein; Wallenheim beobachtet mich zu wenig, und ist zu wenig bey mir, als dass er bey der Erziehung meines Kindes mein Freund und Rathgeber werden konnte; ich muss mich also auf mich selbst verlassen, und mit doppelter Anstrengung will ich uber mich wachen, damit meine Liebe nicht Schwachheit werde. Du weisst, dass ich selbst mein Kind stille, Wallenheim erlaubte es mir, und stets hielt ich es ja fur die erste Pflicht der Mutter, wenn ihre Gesundheit es erlaubet; und jede unverdorbene Seele, jedes Weib, welches nicht Gefuhl fur die Natur und ihre Freuden verlohren hat, wird gewiss in dieser mutterlichen Pflicht eine ihrer seligsten Vergnugungen finden. O, wenn mein Carl an meinem Busen liegt, wenn das Lacheln seines Wohlbehagens mir der Ausdruck seines Danks und seiner Liebe zu seyn scheint, und ich mir dann sage: Mit der ersten Nahrung, welche die Natur ihm bereitete, saugt er keine wilden Leidenschaften, keine Keime des Lasters ein, sondern die ruhigen, wohlwollenden Empfindungen seiner Mutter; wenn seine Bildung, sein kunftiges Gluck mich dann beschaftigen O, Henriette, dann kenne ich nur zwey Empfindungen: Liebe und Freude! die reinste Liebe und die seligsten Freuden! Mutterliche Empfindungen sind noch uber die Empfindungen der Liebe, und nie war ich so glucklich an Herrmanns Seite, als ich es bin, meinen Sohn in meinen Armen haltend. Selbst Wallenheim ist mir, seitdem ich Mutter bin, theurer geworden. Er ist der Vater meines Kindes. Ach, ich fuhle es, wie viel Liebe dieser Name heischt! Und auch ich bin ihm nicht mehr so gleichgultig, seitdem ich Mutter bin. Er wunschte sehr einen Sohn, und Du kannst nicht glauben, wie sehr ich mich freuete, dass sein Wunsch erfullt wurde. Als er zum Erstenmahle das Kind an meinem Busen sahe, blieb er lange, mich betrachtend, stehen; seine Blicke druckten Vergnugen und Ruhrung aus. Endlich umarmte er mich und das Kind, und sprach: O, mochtest du doch mit der Milch deiner Mutter alle ihre Tugenden einsaugen! Dieser Ausruf ruhrte mich sehr; o! ich nahm es mir vor, mit Geduld seine Fehler zu ertragen! Ich sehe, dass sein Herz der Empfindung fahig ist, und waren wir immer in Wallenthal, es wurde mir gelingen, es fur jedes gute Gefuhl zu erweichen; allein in B... erstickt Liebe zur Pracht und zum Spiel jede andere Empfindung, welche Vaterliebe und Achtung zu mir in ihm erregt. Auch ist er jetzt wieder viel abwesend, und wenig bey mir; allein die ersten Wochen nach meiner Niederkunft verliess er mich fast gar nicht.

Ich werde diesen Winter wenig ausgehen. Wie froh bin ich, dass ich von dem Zwange und der lastigen Gesellschaften befreyet seyn werde! Zu Hause, mit meinem Kinde beschaftiget, werde ich der stillen hauslichen Freuden geniessen, und die Gesellschaft meines kleinen Carls wird mir unterhaltender seyn, als alle die glanzenden Zirkel, in welchen ich im vergangenen Jahre so viele Stunden langweilig zubrachte. Hatte ich meine Henriette nun noch, o, dann wurde Freundschaft und mutterliche Liebe, jede Stunde mir den reinsten Genuss des Lebens gewahren! Carl erwacht. Lebe wohl, meine Henriette! Mein Sohn entzieht mich Dir!"

Ja, Elisa erfullte sie treu, die Pflichten der Mutter; sie wurde ihres Sohnes erste Erzieherinn, und schon mit dem ersten Augenblick seines Daseyns weihete sie ihm ihre ganze Sorgfalt. Sie hatte es von Wallenheim erlangt, dass, auch nachdem sie aufgehort hatte, ihn zu stillen, sie doch nicht mehr so viel in Gesellschaft zu gehen brauchte, und nachdem Carl ein Jahr alt war, nahm sie ein Frauenzimmer von mittlerm Alter und guter Erziehung zu sich, welcher sie den Plan ihrer Erziehung mittheilte, ihr Verhalten gegen ihn bestimmte, unter deren Aufsicht er blieb, wenn sie abwesend war.

Im Sommer ging Wallenheim mit seiner Gattinn wieder auf einige Wochen nach Wallenthal, und Henriette, welche sie nun uber ein Jahr nicht gesehen hatte, erhielt von der Baroninn von Hohnau und Carolinen die Erlaubniss, ihre Freundinn dort zu besuchen. Sie fand Elisa'n vergnugt und glucklich; ihre Miene war ganz wieder der Ausdruck der Ruhe und Unschuld: aber Wallenheim schien ihr noch eben so rauh, eben so murrisch zu seyn, als er es in Hohnauschloss war. Wie ehrwurdig fand sie ihre Freundinn, wenn er voller ubler Laune ihr sein Missvergnugen uber einige Anordnungen, die sie in ihren hauslichen Angelegenheiten gemacht hatte, und welche nicht seinen Beyfall hatten, in ziemlich harten Ausdrucken zu verstehen gab, und sie dann mit dem sanftesten Tone ihm ihre Ursachen, warum sie so gehandelt habe, sagte, und ihm bewies, dass es auch so am besten ware; allein immer noch hinzusetzte: Doch, lieber Wallenheim, wenn Sie da noch einige Fehler entdekken, so sagen Sie es mir, wir wollen es abandern. Wir Beyde vereint, werden gewiss die Sache richtiger einsehen, als wenn ich sie nur allein betrachte. Wenn er sein Unrecht erkannte, so schwieg er, oder sagte: Ich hatte diese Ursachen nicht erwogen. Dann blickte sie ihn liebevoll an, ergriff seine Hand, und sagte: Sie sind doch nicht bose? Aber gewiss, ich hatte nicht geglaubt, dass Sie diese Anordnung missbilligen wurden. Einst antwortete er ihr unwillig: "Ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass es gut ist," und wandte sich weg. Henriette sah eine Thrane in Elisa's Auge, aber in eben dem Augenblicke ging sie hinaus, und kam mit Carln auf dem Arme zuruck; ihre Miene war freundlich und heiter; sie spielte einige Zeit mit dem Kinde, und Wallenheim betrachtete mit Vergnugen die Lebhaftigkeit und freundliche Miene desselben. Als sie dieses bemerkte, naherte sie sich ihm, und der Kleine streckte seine Arme gegen ihn aus. Beyder Blicke fielen auf ihn, und begegneten sich; Gute und Liebe druckten Elisa's Blicke aus. Wallenheim geruhrt umarmt sie.

E l i s a . (Nach einer Pause, indem Wallenheim noch seinen Arm um sie geschlungen hat, und seinen Sohn liebkoset.)

Wie glucklich unser Carl ist, wenn er zwischen uns Beyden ist!

W a l l e n h . (Nimmt das Kind auf seinen Arm.) O, Carl, sey Du immer mein Fursprecher bey Deiner Mutter!

E l i s a . Und der Meinige bey Deinem Vater!

W a l l e n h . (Nimmt ihre Hand und kusst sie.) Nein, meine Elisa, Ihre Tugenden sind das!

Nun druckte er sein Weib und seinen Sohn noch einmal an seine Brust, und ging hinaus.

H e n r . (Nachdem er hinaus ist.) Vortrefliches Weib! Wie ruhrend, wie erhaben war Deine Sanftmuth, Deine Zartlichkeit, Deine Gute!

E l i s a . Sage auch Wallenheims Vaterliebe, das schweigende Bekenntniss seines Unrechts.

H e n r . Jeder Deiner Blicke musste es ihn ja fuhlen lassen. O, er hatte aufhoren mussen, ein Mensch zu seyn, wenn Deine Sanftmuth, Deine Zweifel, indem Du wusstest, dass Du Recht hattest, die scheinende Vergessenheit seiner Beleidigung, als Du mit dem Kinde zuruckkamest, und Deine, nur Liebe sprechenden Blicke nicht diese Wirkung auf ihn gemacht hatten!

E l i s a . Zu sehr, meine Henriette, erhebt Deine Freundschaft mein Verdienst. Eine Frau sollte, ohne die Zustimmung ihres Mannes, keine Anordnung in ihren hauslichen Angelegenheiten machen; nur weil Wallenheim sich so wenig um die Seinigen bekummert, und mir oft, wenn ich ihn um Rath frage, antwortet: "Thun Sie, wie Sie wollen!" bin ich genothiget, fast immer nach meinem eignen Gutdunken zu handeln. Doch selten thue ich es, ohne es ihm zuvor gesagt zu haben; allein als ich diese Anordnung traf, uber die er unzufrieden war, war er abwesend, und sie schien mir so nothwendig zu seyn, dass ich weiter kein Bedenken daruber hatte. Allein, aus welchem Rechte konnte ich verlangen, dass Wallenheim sie aus eben dem Gesichtspunkte betrachten sollte, als ich? Es war also meine Pflicht, sie ihm in demselben zu zeigen; aber nicht in einem entscheidenden, seines Rechts sich bewusst, und es behauptenden Tone; dieser erzeugt Erbitterung, und auf der andern Seite auch Behauptung des Willens; sondern Grunde der Vernunft, Sanftmuth und Zweifel uber die Gerechtigkeit unserer Sache, mussen wir anwenden, wenn wir uberzeugen und uns rechtfertigen wollen. Wer kann ihnen widerstehen? Der Vernunft muss man oft selbst unwillkuhrlich nachgeben: allein dieses Nachgeben beleidiget doch oft unsere Eigenliebe, und dieses machte Wallenheim unwillig auf mich. Im ersten Augenblicke schmerzte mich dieses; allein die Betrachtung, dass, Wallenheims eigensinnigem, unbeweglichem Charakter gemass, es ihn argern musste, dass er zwar nicht mir, doch meinen Grunden nachgeben musste, liess mich seine Beleidigung vergessen, oder vielmehr machte, dass ich sie nicht mehr als eine solche empfand. Ich war hinausgegangen, weil sein ungerechter Unwille mir eine Thrane erpresste, und ich wollte nicht, dass er sie erblickte, weil sie ihm ein Vorwurf seines Unrechts gewesen ware; allein sobald die vorige Betrachtung dieses entschuldigte, sann ich auf ein Mittel, ihn zu besanftigen. Ich hatte ihm sonst als ein herrschsuchtiges Weib erscheinen konnen, ich hatte vielleicht einen Theil seiner Achtung verlohren, und mir diese bey ihm zu erhalten, ist mir Pflicht. Ich wusste, dass Carl ihn von seinen Gedanken abziehen, und mir ein Mittel verschaffen wurde, mich mit ihm wieder auszusohnen, und darum kam ich mit ihm herein. Du siehst also, Henriette, dass ich nur meine Pflicht erfullte, und dass jedes andere Betragen tadelhaft gewesen ware.

H e n r . Mochten doch alle Weiber Alles in einem solchen Lichte betrachten, als Du, und solche richtige Folgerungen machen, wie viel seltner wurden in den Ehen Zwist und Uneinigkeit seyn, welche oft Hass und wirkliche Uebel erzeugen!

E l i s a . Gewiss, Henriette, wenn Gatten es sich zum Gesetze machten, nur der Vernunft zu folgen, so wurde fast immer Uebereinstimmung zwischen ihnen seyn. Wenn entgegengesetzte Meynungen sie von einander entfernen, so muss Vernunft der Mittelpunkt seyn, der sie wieder vereiniget. Von ihrer Fackel erleuchtet, mussen sie unparteyisch die Grunde fur und wider untersuchen, und von denen sich leiten lassen, welche sie fur die besten erklart. O, dass wir uns doch gewohnten, dass wir doch unsre Kinder gewohnen mochten, von Jugend an nach Grunden zu handeln! Wenn ein Weib in jedem Augenblicke ihrem Gatten sagen konnte: warum sie so gehandelt habe, warum sie so handeln will? Wenn sie dieses mit Sanftmuth thate, und Vernunft und Wahrheit waren auf ihrer Seite, wurde er wohl da noch zornig seyn, noch hartnackig seinen Willen behaupten? Allein gesetzt, er fande das Gegentheil fur besser, dann ist es ihre Pflicht, seinem Willen gemass zu handeln, wenn dieses nicht gegen die ersten Pflichten, gegen die Pflichten als Mensch streitet. Hatte mir Wallenheim heute, nachdem ich ihm meine Grunde vorgestellt hatte, gesagt: Ich finde diese Ursachen nicht hinreichend, und ich will, dass dieses anders eingerichtet werden soll, so hatte ich seinem Willen gefolgt, ohne ihm weiter etwas zu sagen. Aber auch dann muss das Weib nicht murrisch seyn, nicht Unwillen oder Unzufriedenheit zeigen, nicht dem Gatten Vorwurfe machen, wenn die Folgen seines genommenen Entschlusses unangenehm sind, sondern suchen, sie aufzuheben, oder sie unwirksam zu machen. So wird sie Ruhe und Einigkeit erhalten, und das Gluck ihres Gatten, ihr eigenes, und das ihrer Familie machen.

H e n r . Ich hore Dich mit Vergnugen. O, wenn man diese Grundsatze den jungen Madchen ins Herz pragte, wenn man sie es empfinden liesse, es ihnen anschaulich machte, welchen erhabenen Platz sie in der Schopfung einnehmen konnten, wenn ihr Gatte, ihre Kinder, die Unglucklichen, deren Wohlthaterinnen sie waren, und kunftige Generationen noch, sie als die Stifterinnen ihres Glucks verehrten, wurden sie um diesen Preis nicht den so wenig befriedigenden, so schnell vorubergehenden Vergnugungen, den Kunsten der Coquetterie, und das Wohlgefallen daran, welches sie verachtlich macht, entsagen?

E l i s a . Ja, Henriette, die wahre Bestimmung des Weibes ist edel, und wer dieses recht empfindet, wird gewiss suchen, sie zu erfullen. Allein lehrt man sie diese kennen? In den grossen Stadten, in der grossen Welt, wird der Werth des Weibes in Annehmlichkeit und Grazie gesetzt; zu glanzen, dieses ist der Zweck ihrer Erziehung; hierauf wurden alle Fahigkeiten ihres Geistes gerichtet. Mit dem Verlangen nun Eroberungen zu machen, mit der Begierde der Vergnugungen zu geniessen, mit einer Leere des Geistes und des Herzens tritt das junge Madchen nun in ihrem funfzehnten oder sechszehnten Jahre in die Welt. Alles schmeichelt da ihre Sinne, uberall erblickt sie Beyspiele der Coquetterie, der Zugellosigkeit, in dem Gewande des Witzes, der Annehmlichkeit und der Galanterie; sie wird fortgerissen, sie glaubt auf der Bahn der Vergnugungen die Blumen ihres Fruhlings zu pflucken; so wird sie verheyrathet, ihre Vergnugungen, ihre Leidenschaften zu befriedigen, ist ihr zum Bedurfniss geworden, weil ihr Geist keine andere Beschaftigungen kennt, als diese, und ihnen opfert sie die Pflichten der Gattinn und Mutter, von denen sie kaum einen Begriff hat. Auf dem Lande und in den Provinzstadten ist der Begriff vom wahren Werthe des Weibes eben so unrichtig; man lasst ihn in einer guten Haushalterinn bestehen, und macht also einen Theil ihrer Pflichten zum ganzen Umfange derselben. Allein an die moralische Bildung des Madchens wird nirgends gedacht; sie kann so eine gute Wirthschafterinn, eine geschickte Naherinn werden, allein nicht Gattinn, nicht Mutter, nicht Erzieherinn; nicht das kluge, uber das wahre Interesse ihrer Familie aufgeklarte Weib, nicht die weise und gute Hausfrau, welche die Mutter aller ihrer Leute ist, nicht die liebevolle Freundinn der Menschen, welche thatig am Glucke ihrer Mitbruder arbeitet. Denn nur der richtige Begriff von ihrer wahren Bestimmung, und eine richtige Bildung des Verstandes, werden sie zu dem allen machen.

Kaum hatte Elisa aufgehort, zu sprechen, als Wallenheim mit einem andern jungen Manne hereinkam; er nahm ihn bey der Hand, und fuhrte ihn zu seiner Frau: Liebe Elisa, sprach er, Herr von Felsing ist seit Kurzem unser Nachbar geworden; er ist einer meiner besten Freunde, und er wunschte, die Gattinn seines Freundes kennen zu lernen. Elisa begrusste ihn freundlich. Felsing blieb zu Mittage bey ihnen; er hatte nicht das Rauhe von Wallenheim, sondern etwas Sanftes und Einnehmendes in seinem Wesen. Die Gewohnheit, sich von ihrer ersten Jugend an zu sehen, hatte Felsing und Wallenheim zu Freunden gemacht; denn Beyder Landguter granzten an einander; allein Felsing war erst seit einigen Wochen, nach dem Tode seines Vaters, Besitzer desselben geworden; sein Vermogen war indess nur mittelmassig. Er kam oft nach Wallenthal, Henriette gefiel ihm; Elisa sahe mit Vergnugen ihre gegenseitige Neigung. Oft wenn Felsing und Henriette traulich beysammen gingen, dachte sie an Herrmann, an ihre Liebe, und dieses Andenken erpresste ihr Thranen. Sie verliess sie dann, eilte zu ihrem Carl, druckte ihn an ihren Busen, und rief aus: Du bist Wallenheims Sohn! Mutterliche Liebe unterdruckte das zu lebhafte Andenken an ihren Geliebten, sie wurde dann wieder ruhig und heiter, und ihren Carl im Arme, erwartete sie das liebende Paar, und freuete sich ihres Glucks. Einst als sie von ihrem Spatziergange zuruckgekommen waren, warf Henriette sich um ihren Hals: Elisa, sey Du die Erste, welche meine Empfindungen mit mir theile, und welche der Wahl meines Herzens Beyfall gebe!

E l i s a . Schon langst billigte ich sie, meine Henriette, und freuete mich, dass durch sie wir nun nicht mehr so viel getrennt seyn wurden.

F e l s i n g . O, meine gnadige Frau! konnte ich ihnen die Grosse meines Glucks schildern! Noch immer zweifelte ich, ob meine Henriette meine Liebe erwiedern wurde. Oft hoffte ich es, wenn ich sahe, dass errothend ihre Blicke sich von mir wandten, und doch hatte ich nur erst heute den Muth, ihr meine Seele zu offnen.

E l i s a . Einer meiner heissesten Wunsche war Henriettens Gluck, und seine Gewahrung erfullt mich mit Freude.

Geruhrt umarmten sich Elisa und Henriette. Felsing nahm Beyder Hande und kusste sie; endlich schlang er seinen Arm um Henrietten: O, Henriette! sprach er, ich empfange Sie aus der Hand Ihrer Freundinn! Und jetzt empfand Henriette die ganze Grosse des Opfers, welches Elisa der Tugend gebracht hatte; sie empfand, wie viel sie gelitten hatte, und ihre Augen fullten sich mit Thranen. Auch Elisa erinnerte sich, wie sie, nach dem ersten Gestandnisse ihrer Liebe, mit Herrmann am Halse seiner Mutter hing, welche Freudenthranen vergass, und alle Scenen ihrer Liebe und ihrer Leiden schwebten mit Einemmahle vor ihrer Einbildungskraft. Sie druckte ihrer Freundinn die Hand; eine lange Pause erfolgte; endlich stand Elisa auf: Seyn Sie glucklich! sprach sie bewegt, und ging hinein, um dem Andenken ihres Herrmanns einige Thranen zu weihen.

Felsings Mutter lebte noch, und wohnte bey ihm in Felsingburg. Als Felsing ihr seinen Entschluss eroffnete, Henrietten zu heyrathen, fragte sie gleich: wie viel Vermogen Henriette besasse? Und erklarte ihrem Sohne, nachdem dieser ihr gesagt, dass sie gar nichts besasse, dass sie nie in die Heyrath willigen wurde, da sein verstorbener Vater es ihr anbefohlen hatte, keine Heyrath ihres Sohnes mit einem armen Madchen zu gestatten, weil noch Schulden auf Felsingburg hafteten, welche, wenn nicht ein Theil davon bezahlt wurde, vielleicht Felsing in der Folge nothigen konnten, das Gut zu verkaufen, und er wollte nicht, dass es je aus seiner Familie kommen sollte. Alle Versicherungen Felsings, nie Felsingburg zu verkaufen, sondern durch Sparsamkeit und gute Wirthschaft die Schulden in der Folge abzutragen, konnten Frau von Felsing nicht bewegen, ihren Entschluss zu andern. Nie, sagte sie, wirst Du mit meiner Einwilligung Fraulein von Wannberg heyrathen, und ich werde Alles thun, diese Verbindung zu hindern.

Niedergeschlagen kam also Felsing am andern Tage nach Wallenthal, und entdeckte Henrietten und Elisa'n die Widersetzung seiner Mutter gegen seine Verbindung, und ihre Grunde dazu. Allein die Gesetze, sprach er zu Henrietten, machen mich unabhangig von dem Willen meiner Mutter; ich bin frey, und nichts soll mich hindern, Sie, liebenswurdige Henriette, die Meinige zu nennen!

H e n r . Felsing! Nie werde ich es ohne die Einwilligung Ihrer Mutter! Ich weiss, dass Kinder nicht genothiget sind, dem Eigensinne ihrer Aeltern ihr Gluck zu opfern, dass sie es selbst nicht mussen, wenn nicht unbedingte Nothwendigkeit, oder die dringendsten Ursachen sie dazu bewegen. Allein ich will nicht die Ursache Ihres Ungehorsams gegen Ihre Mutter seyn, durch mich soll das heiligste Band der Natur nicht zerrissen, und Mutter und Sohn nicht getrennt werden.

Nun wandte Felsing auch bey Henrietten vergebens seine Beredtsamkeit an, ihren Entschluss zu andern; sie beharrte auf ihrem Vorsatz. Elisa versprach Felsingen, am folgenden Tage mit Wallenheim nach Felsingburg zu kommen, und Alles anzuwenden, seiner Mutter Einwilligung zu erhalten. Sie erfullte ihr Versprechen; allein ihre Bemuhungen waren umsonst. Frau von Felsing erklarte; Hatte Henriette nur einiges, nur weniges Vermogen, so wollte sie in die Verbindung willigen, um ihrem Sohne zu willfahren; allein ein ganz armes Madchen konnte nicht ihre Schwiegertochter werden, sie wurde sonst die letzte Pflicht gegen ihren verstorbenen Gatten verletzen. Wallenheim und seine Gattinn verliessen also Felsingburg, ohne den geringsten Vortheil fur ihre Freunde erlangt zu haben. Als sie zuruckfuhren, bat Elisa ihren Gatten, ihr zu erlauben, Henrietten sechstausend Thaler von ihrem Vermogen zu schenken. Sie versprach ihm, den Aufwand fur ihre Person, der zwar geringe war, noch mehr einzuschranken. Glauben Sie mir, Carl, sagte sie, es wird mich stolz machen, in meinem einfachen Gewande neben den prachtig gekleideten Weibern zu stehen! Ich werde es mit Entzucken fuhlen, dass ich besser mit den wahren Freuden des Lebens bekannt bin! Wenn Andere in der Sphare ihres Putzes leben, werde ich des Glucks meiner Freundinn geniessen, und mir sagen: auch ich trug bey, es zu befordern!

W a l l e n h . Ich werde Sie nie verhindern, die uneingeschrankte Sachwalterinn Ihres Vermogens zu seyn, es ist das Ihrige; ich bin reich; was Sie verschenken, ist Ihr Verlust!

Lebhaft dankte ihm Elisa; sie konnte kaum ihre Freude verbergen, als sie Henrietten die abschlagige Antwort der Frau von Felsing mittheilte. Am andern Morgen gingen die beyden Freundinnen, wie gewohnlich, spatzieren; Elisa hatte diesesmahl Carln mitgenommen; sie trug ihn selbst. Sie setzten sich auf eine Rasenbank im Tannenwalde. Es war hier, wo Felsing Henrietten seiner Liebe versichert, und das Gestandniss ihrer Gegenliebe erhalten hatte, darum wahlte Elisa diesen Platz.

Henriette war sehr niedergeschlagen, ihre Blicke weilten auf Elisa'n, welche mit dem vollen Ausdrucke mutterlicher Zartlichkeit und mutterlicher Freude ihren Sohn anlachelte, der an ihrem Busen lag. Henriette dachte an Felsing, an den Abend, da er ihr hier seine Liebe gestand, und mit dieser Erinnerung verbanden sich dunkle Vorempfindungen von Freuden, die sie gehofft hatte, und welche Elisa's Anblick in ihr erregte. Ihr selber unbewusst, rollten Thranen von ihren Wangen; die aufmerksame Elisa erblickte sie, sie reichte ihrer Freundinn die Hand. Henriette, sprach sie, Dir verdank' ich grosstentheils das Gluck meines Lebens! Als der Tod mir meinen Vater entriss, und meine Mutter und Caroline nur Gleichgultigkeit gegen die Tochter und die Schwester empfanden, da warest Du mir Alles! Du warest das einzige Geschopf, welches mich liebte, das Einzige, in dessen Arme ich mit Zuversicht mich werfen konnte! Aber Du befestigtest mein Gluck, als Du meine Einbildungskraft ordnetest. Auf wirkliche Gegenstande geleitet, lernte ich durch Dich die wahren Verhaltnisse kennen, und die Pflichten, die sie heischen; ich lernte, dass nicht eine warme Einbildungskraft, nicht aufwallende Empfindungen, sondern kalte Vernunft unsere Fuhrerinn seyn muss; und dieser Richtung meines Geistes verdank' ich meine Ruhe, meine Heiterkeit; sie gab mir Kraft, mein Gluck meinen Pflichten aufzuopfern, und belohnte mich dafur. O, in den truben Stunden meines Kampfes warest Du wieder meine Trosterinn, meine Rathgeberinn! An Deinem Busen konnte ich weinen, als man mir Mitleid versagte; warmes Mitgefuhl schlug in Deinem Herzen, als ich auf jedem Gesichte Kalte las! Und, Henriette, fur alle diese Ertheilungen des Trostes, der Freude, erlaubest Du der Freundschaft, Dir eine zu erwiedern?

H e n r . Ich verstehe Dich nicht, Elisa.

E l i s a . Darf ich Dir nicht einen von den unzahligen Vortheilen zuruck geben, welche ich durch Deine Freundschaft erhielt?

H e n r . Liebe Elisa, gewahrte mir denn die Deinige nicht eben so viel, als Dir die Meinige?

E l i s a . O, wenn das ist, meine Henriette, wenn Du fuhlst wie ich; dann wirst Du mir meine Bitte nicht abschlagen!

H e n r . Und du konntest zweifeln, dass ich etwas Dir versagen wurde, was Dir Vergnugen machet?

E l i s a . Verzeihe mir, meine Henriette! Aber Du kannst mich so glucklich machen.

H e n r . Du spannst meine Erwartung auf das Hochste, so sprich doch!

E l i s a . (Umarmt sie) Sey gross genug, meinen Dank nicht auszuschlagen! Errothe nicht, ein Geschenk von der Freundschaft anzunehmen!

H e n r . (Verwundernd.) Was willst Du thun?

E l i s a . Dir Deinen Felsing geben! (Sie giebt ihr ein Blatt Papier, welches die Verschreibung der sechstausend Thaler ist.) Hier sind sechstausend Thaler, sie gehorten mir, jetzt Dir!

H e n r . Nein, Elisa, Deine Grossmuth verschweigt Dir die Grosse dieses Geschenks!

E l i s a . So siegt falsche Delicatesse uber mich, uber die Freundschaft? So glaubt Henriette, dass sie grosser handelt, wenn sie mich krankt, als wenn sie mich ihres Glucks geniessen liesse? O, Henriette, wir waren ja lange schon uber den Werth des Geldes einig, wir sahen es als ein Mittel an, diejenigen Guter zu erlangen, welche viel zum Glucke des Lebens beytragen. Vergnugen und Freuden mussen die Zinsen seyn, welche wir aus dem todten Metalle ziehen; und welch ein reineres Vergnugen konnte ich geniessen, als wenn ich meine Henriette glucklich in den Armen eines geliebten und wurdigen Gatten sahe, und mir sagen konnte; auch ich arbeitete an ihrem Gluck? Welch ein seliges Gefuhl, wenn wir uns gegenseitig als die Schopferinnen unserer Freuden betrachten, und desto inniger uns lieben, wenn wir Beyde uns sagen: Auch ich beforderte das Gluck meiner Freundinn, auch ich schenkte ihr Freuden. O Henriette! kann wohl der Stolz Dir, mir die sechs tausend Thaler dieses gewahren?

H e n r . (Wirft sich Elisa'n um den Hals) Elisa, Du hast gesiegt! Ja, ich will Dir jede Freude meines Lebens verdanken!

E l i s a . Dank Dir, meine Freundinn! Ganz erkenne ich Deine edle Seele!

Als Felsing am Nachmittage kam, sagte ihm Henriette, welches Geschenk sie von ihrer Freundinn erhalten hatte. Ich habe nicht errothet, es anzunehmen, Felsing, setzte sie hinzu; ich kenne die edle Seele meiner Freundinn, sie will nicht Verbindlichkeiten auflegen, sie will Gluckliche machen. Sie fuhlte, dass ihr Anerbieten mich demuthigen konnte, und sie machte es mir, indem sie selbst demuthig bat, und meine Freundschaft beschwor. O, meine Weigerung wurde unedel gewesen seyn! Es hatte geschienen, als setzte ich Misstrauen in diese schone Seele; ihr und mir war ich schuldig, ihr diesen Beweis meiner Achtung zu geben!

Felsing bewunderte beyde Weiber, er dankte Elisa'n, sie gab ihm seine Henriette. Nach einigen Tagen lud Wallenheim die Frau von Felsing mit ihrem Sohne zu Mittage ein; sie hatten verabredet, ihr zu sagen, die Baroninn von Hohnau habe Henrietten sechstausend Thaler zu ihrer Aussteuer geschenkt, welche sie ihr einst schon versprochen habe. Wallenheim stellte der Frau von Felsing Henrietten vor, und zeigte ihr zugleich die Verschreibung der sechstausend Thaler. Henriettens Bescheidenheit nahm die Frau von Felsing fur sie ein. Wenn Du mir gewiss versprichst, nie Felsingburg zu verkaufen, sprach sie zu ihrem Sohn, so will ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit dem Fraulein von Wannberg geben.

Felsing versicherte ihr, nie ihrem und seines verstorbenen Vaters Willen entgegen zu handeln.

F r . v . F . Nun so heyrathe sie, da sie doch jetzt einiges Vermogen hat!

Felsing umarmte seine Henriette, und fuhrte sie zu seiner Mutter. Nie, sprach Henriette, indem sie die Hand der Frau von Felsing ergriff, nie hoffe ich, werden Sie mich des Namens Ihrer Tochter unwurdig finden! Frau von Felsing umarmte sie: Sie scheinen ein gutes Madchen zu seyn, sagte sie, und ich freue mich uber die Wahl meines Sohnes!

Mit geruhrtem Entzucken betrachtete Elisa diesen Auftritt; Henriette blickte auf sie, sie las ihr eignes Gluck in ihrer Freundinn Augen, sie flog an ihren Hals, Beyde verstanden ihre gegenseitige Empfindungen, und ihre Umarmung war die Ergiessung ihrer Seelen.

Nun blieben Wallenheim, Elisa und Henriette nur noch wenige Tage in Wallenthal. Henriette reiste wieder an einem Tage mit ihrer Freundinn ab; Felsing wollte ihr in einigen Tagen folgen, um der Baroninn von Hohnau seinen Antrag um sie zu machen. Die Baroninn saate ihm gleich, dass Henriette von ihr ganz unabhangig ware, und es wurde festgesetzt, dass im Herbste die Hochzeit vollzogen werden sollte. Die Baroninn von Hohnau und Henriette baten Elisa'n, zu derselben nach Hohnauschloss zu kommen, und Elisa erhielt von ihrem Gatten die Erlaubniss auf acht Tage hinzureisen. Sie wurde erschuttert, als ihr Wagen auf dem Felde von Hohnauschloss dahin rollte, sie sahe in der Ferne den Thurm von Birkenstein, sie kam vor dem Platze vorbey, wo sie von ihrem Herrmann Abschied genommen hatte; die Starke ihrer Empfindungen wuchs mit der Lebhaftigkeit jener Erinnerungen. Endlich hielt der Wagen vor dem Wohnhause, Elisa musste einige Augenblicke sich sammeln, sie wankte, als sie heraus stieg. Die Baroninn von Hohnau, Caroline, ihr Gatte und Felsing waren ausgegangen; Henriette war allein, sie eilt ihrer Freundinn entgegen, Elisa sturzt sich weinend in ihre Arme, und Henriette druckt mit inniger Theilnehmung die Freundinn an ihr Herz.

E l i s a . (Nachdem siewieder einige Fassung gesammlet hat.) Ach wie froh bin ich, dass sich meine Mutter nicht gleich fand, und einige Augenblicke meinen Empfindungen Raum geben konnte! Mein Herz war so gepresst.

H e n r . (druckt ihr mitleidsvoll die Hand.)

E l i s a . Du bist immer so nachsichtig, Henriette, und ich noch immer so schwach! Aber, ich konnte hier das Andenken an ihn nicht unterdrucken, wo Alles es erweckt! Indess, furchte nichts fur meine Ruhe, Henriette, ich hatte ja die Kraft mich ihm zu entreissen, sollte ich nicht auch die haben, mich hier, wo Alles meines kurzen Glucks mich erinnert, meiner Tugend zu freuen?

H e n r . Ja, Elisa, ich weiss, dass Deine Ruhe erschuttert, nie zernichtet werden kann!

Jetzt horte man Gerausch im Hause, Elisa konnte nun mit Fassung ihrer Mutter entgegen gehen, und diese freuete sich, sie zu sehen. Caroline empfing ihre Schwester mit Gleichgultigkeit, und Felsing und Wallenheim bezeugten ihr Ehrerbietung. Auch Caroline war Mutter, sie hatte eine Tochter. Allein Elisa bemerkte, dass die Liebe zwischen Wallenheim und seiner Gattinn erkaltet war; Caroline liess auch ihn die Heftigkeit ihres Charakters empfinden; fast taglich war ein Streit zwischen ihnen, und selten war bey ihnen Uebereinstimmung. Elisa bestrebte sich, ihre gewohnliche Ruhe und Heiterkeit wieder anzunehmen; sie ging nicht allein spatzieren, und vermied die Spatziergange, wo sie Herrmann am haufigsten gesehen hatte. Einst fragte die Baroninn von Hohnau sie: Bist Du glucklich?

E l i s a . Ja, meine Mutter.

B . v . H . Dem Himmel sey gedankt! Deine Schwester lebt fast in bestandiger Uneinigkeit mit ihrem Manne, und schon warf ich es mir vor, Deine Neigung gezwungen zu haben, da doch Caroline dadurch nicht glucklich geworden ist.

E l i s a . (Geruhrt.) Dieser Gedanke beunruhige Sie nie, meine Mutter! Ich besitze die Achtung meines Gatten, und bestrebe mich, sie zu verdienen, und finde mein Gluck in den Bemuhungen, meine Pflichten zu erfullen.

B . v . H . (Mit einem Seufzer, umarmt Elisa'n.) Elisa, ich verkannte Dich!

Sie verliess hierauf das Zimmer. Elisa sahe, dass ihre Mutter ihre vorige Harte gegen sie bereuete, sie wollte sie daruber keinen Schmerz empfinden lassen. Heiterer als zuvor wurde nun ihre Miene; sie scherzte froh mit den Uebrigen, und durch das Bestreben, ihre Mutter von ihrer Zufriedenheit zu uberzeugen, vergass sie, dass in Hohnauschloss sie einst zerstort wurde.

Henriette war nun seit zwey Tagen Felsings Gattinn, und der vierte Tag nach ihrer Hochzeit war zu ihrer und Elisa's Abreise festgesetzt. Elisa konnte aber Hohnauschloss nicht verlassen, ohne noch einmahl die Frau von Birkenstein zu sehen. Sie ging mit Henrietten am Tage vor ihrer Abreise nach Birkenstein, und Carl musste mit seiner Warterinn sie begleiten. Die beyden Freundinnen sprachen auf dem ganzen Wege kein Wort; Elisa war im tiefen Nachdenken verloren, und nur zuweilen drangte sich ein Seufzer aus ihrer Brust. Starker schlug ihr Herz, als sie sich dem Wohnhause der Frau von Birkenstein naherten. Nun war sie bey der Linde, unter welcher sie Herrmann zuerst gesehen hatte; allein ihre Blicke weilten nicht auf dieser Stelle, sie nahm Carln auf den Arm, und eilte schnell in das Haus. Frau von Birkenstein kam ihr entgegen, Elisa warf sich in ihre Arme; sie blieb lange in dieser Stellung. Endlich fuhlte sie sich von den Thranen der Frau von Birkenstein benetzt, und sie selbst weinte, ohne es zu wissen. Sie richtete sich nun auf, ergriff die Hand der Frau von Birkenstein: So lieben Sie mich denn noch?

F r . v . B . (Sie noch einmal in ihre Arme drukkend.) Elisa, wer einmal meine Liebe erhielt, verliert sie nie.

Sie gingen nun in ein Zimmer; ruhiger Ernst verbreitete sich allmahlig wieder auf Elisa's Gesicht.

F r . v . B . (Nachdem sie einige Zeit von gleichgultigen Dingen gesprochen haben.) Liebenswurdige Elisa, Sie haben einen meiner heissesten Wunsche erfullt! O, so oft regte sich das Verlangen in mir, Sie noch einmal zu sehen!

E l i s a . Beste Frau, wie hatte ich konnen in Hohnauschloss seyn, und nicht nach Birkenstein kommen? Nein, das Andenken an Ihre Gute, Ihre Liebe wird nie in meinem Herzen erloschen!

F r . v . B . O, meine theure Freundinn, ich freue mich, dass ich in Ihrem Herzen fortleben werde! Die liebenswurdige Henriette verlasst nun auch Hohnauschloss nun kann ich der Freundschaft, der Liebe Aller, die mir theuer sind, nur noch in Ihrem Andenken geniessen.

E l i s a . (Eine Thrane im Auge, druckt der Frau von Birkenstein die Hand, nach einer Pause.) Erlauben Sie mir eine Frage, aber ihre Beantwortung kann mich ruhiger machen. Ist Herrmann wieder glucklich?

F r . v . B . (Mit einem Seufzer.) Er ist Geheimderath in D **, und beschaftiget sich, seine Mitmenschen glucklich zu machen, und dem Staate nutzlich zu seyn. Diese Arbeit bleibt nicht unbelohnt; sein Gluck ist das Gluck des Rechtschaffnen; allein sein Herz ist noch das eines Junglings.

E l i s a . Mannertugend wird es mit mannlicher Kraft erfullen, und ihn uber des Junglings Empfindungen siegen lassen, und glucklich dann durch sich selbst, glucklich durch den Sieg uber Leidenschaft, wird sein Gluck erhaben, wie seine Tugend seyn! Ja, diese Hoffnung erfullt mich mit Freude! Ihr Sohn ist wieder ruhig, dreyfach bin ich es nun!

F r . v . B . Dank sey der Vorsicht, welche mir noch die Erfullung meines Wunsches gewahrte! Ich lese auch auf Ihrer Stirne Ruhe und Heiterkeit, selbst Ihre Thranen verwischten diese Zuge nicht, sie scheinen mit Ihrem Wesen eingewebt zu seyn. Sie sind also glucklich, meine Elisa! Und Zufriedenheit des Weisen wird vielleicht bald meines Sohnes Eigenthum! Und dieses fur Sie Beyde zu erlangen, hatte ich gerne die Ruhe meines Alters aufgeopfert, und neue Beschwerden, neue Trubsale unternommen!

E l i s a . (Umarmt sie mit Lebhaftigkeit.) O, noch einmal wieder meine Mutter! Durch Ihre Liebe meine Mutter! Ja, Sie sehen mich glucklich! Zwar ist Ihr Sohn noch von allen Sterblichen mir der Theuerste, und wird es immer seyn; allein ich erfulle meine Pflichten, und mein Herz hegt die Empfindungen der Gattinn und Mutter.

F . v . B . Beyde Nahmen verehren Sie immer, sie sind die ersten Titel des Weibes! Weil Sie ihren Werth recht erkannten, blieben Sie tugendhaft, und wurden glucklich in einer Lage, in welcher die meisten Weiber sich entweder dem Laster oder der Verzweiflung in die Arme werfen.

E l i s a . (Druckt Carln an ihren Busen.) Ach, die kennen nicht Muttergefuhl!

F r . v . B . Meine Elisa, mogen Sie eine gluckliche Mutter werden! (Sie nimmt Carln und kusst ihn.) Und du, der wurdige Sohn des wurdigsten Weibes!

Nun stand Elisa auf; ihre Trennung von der wurdigen Frau wurde ihr schwer; auch Henriette vergoss Thranen am Busen der Frau von Birkenstein. Sie druckte Beyde in ihre Arme. Ich werde es nie vergessen, sagte sie, als sie nun sich von ihr losgerissen, dass Sie Beyde am Abend meines Lebens mir manche Stunde erheiterten!

E l i s a . (Mit einem Seufzer.) Ach ich verbitterte Ihnen so viele!

F r . v . B . Nein Elisa, das ewige Verhangniss that es! Menschen mussen wir dieses nicht zurechnen.

Elisa und Henriette ergriffen nun noch einmal ihre Hand, druckten sie, und eilten fort. Sie kamen vor Harbergs Wohnung vorbey. O wie viele Erinnerungen wurden da wieder bey Elisa'n lebhaft! Ich mochte gerne wissen, sagte sie zu Henrietten, wie es dem guten Manne gehet? Komm mit mir hinein!

Harberg sass mit seinem Weibe und mit seinen Kindern am Tische beym Nachtessen. Freudig erschrack er, als er Elisa'n erblickte: Ach gnadige Frau, sind Sie einmal wieder hier gewesen? Ach wie wird sich unsere gnadige Frau gefreut haben!

E l i s a . Auch ich habe mich gefreuet, einmal wieder in Birkenstein zu seyn. Wie ist es ihm denn immer gegangen, lieber Harberg?

H a r b . Gott, und unserm guten jungen Herrn sey Dank, ich habe nicht Noth gelitten! Wir leben zufrieden! meine Hanne und ich. Aber es betrubt uns oft, dass unsere gute gnadige Frau immer so traurig ist. Ach es ist ganz anders! seitdem Sie und der junge Herr nicht mehr hier sind!

E l i s a . Wie so, lieber Harberg? Herr von Birkenstein war ja nur eine so kurze Zeit hier, und ich habe nie einmal die Gelegenheit gehabt, Euch meine Bereitwilligkeit, Euch zu dienen, zu beweisen.

H a r b . Wir freueten uns doch, Sie zu sehen. Freylich wir haben noch unsere gute Herrschaft behalten; aber die armen Bauern in Hohnauschloss Ach, die trauern noch immer, dass Sie nicht mehr da sind!

E l i s a . Ich konnte ihnen auch nicht viel helfen, als ich noch zu Hause war.

H a r b . O, liebe gnadige Frau, eine kleine Unterstutzung ist fur einen Armen immer viel! Doch wer weiss, wie es uns noch gehen wird? Man sagt, der junge Herr wird gar nicht wieder ins Land kommen. Wie er hier war, da freueten wir uns immer in ihm! Ich habe oft die alten Bauern weinen sehen, wenn er so recht freundlich und herzlich mit ihnen gesprochen hatte. Gottlob! sagten sie denn, unsere Kinder werden es so gut haben als wir! Aber wenn nun unsere gute Mutter stirbt; ach, dann verlieren wir alles mit ihr!

Harbergen stand eine Thrane im Auge, und auch Elisa war sehr geruhrt; sie nahm von Harberg und seinem Weibe Abschied, und druckte dem kleinen Madchen, ihrer Pathe, ein Goldstuck in die Hand, und ging eilig hinaus; allein das Kind zeigte das Geld gleich seiner Mutter. Beyde Aeltern folgten nun Elisa'n; aufrichtige, ungekunstelte Danksagungen stromten von ihren Lippen. Vor der Thur sass die Warterinn mit Carln; Harberg erblickte ihn.

H a r b . Ach, gnadige Frau, ist das Ihr Kind? O, erlauben Sie mir, den kleinen Junker einen Augenblick auf den Arm zu nehmen!

E l i s a . I, ja, guter Harberg.

H a r b . (Nimmt Carln auf den Arm und kusst ihn.) Hanne, weisst du wohl noch, wie der junge Herr und die gnadige Frau bey unserm Madchen Gevatter standen, da sagte ich dir noch am selben Abend: Ihre Kinder wollen wir einst recht lieben und ehren, und Gut und Blut fur sie lassen.... Ach, da dachte ich, es wurde anders kommen! Doch, wie Gott gewollt hat! Die Kinder unsers jungen Herrn werde ich vielleicht nimmermehr sehen; aber zwischen Ihnen Beyden machten wir keinen Unterschied, und so bin ich doch so glucklich gewesen, und habe Ihren Junker auf meinem Arme gehabt. (er kusst ihn noch einmal.) Alle Tage will ich zu Gott beten, dass er moge gross und glucklich werden, und Sie recht viel Freude an ihm erleben!

E l i s a . (Sehr geruhrt). Der gutige Vater erfulle auch dieses an seinen Kindern! Lehre er sie meinen Namen, Harberg, und wenn sie in Mangel gerathen, oder etwas wunschen, zu dem ich ihnen helfen konnte, so sage er ihnen, sie sollen zu mir kommen, ich hatte ihren Aeltern versprochen, ihre Mutter zu seyn! Elisa ging, und Thranen des Danks folgten ihr. Allein Harberg hatte mit der Vergangenheit auch ihren Schmerz zuruckgerufen; sie war stark gewesen, als sie Frau von Birkenstein verliess, weil sie in Herrmann den nutzlichen Staatsburger, den Menschenfreund erblickte; allein Harberg hatte ihr Herrmann, ihren Geliebten wieder vorgestellt, die Gegenwart verschwand, und ihre Einbildungskraft verlohr sich in den Vorstellungen der Vergangenheit. Menschenliebe, machtiger in ihr, als jedes andere Gefuhl, verdrangte in Hohnauschloss wieder jede andere Empfindung in Elisa'n; sie erinnerte sich, was ihr Harberg von den Bauern in Hohnauschloss gesagt hatte, und ihre ersten Worte waren, seitdem sie Birkenstein verlassen hatte: Henriette, ich muss suchen Einigen dieser armen Einwohner zu helfen. Sie ging nun zu einer jeden Familie, fragte nach ihren Bedurfnissen, nach den Beschwerden, die sie hatten, gab den Armen Geld, versprach ihnen, dass sie ihre Fursprache anwenden wollte, ihnen Erleichterung zu verschaffen, sie trostete sie, bewies ihnen, dass durch Unterwurfigkeit und Geduld sie die Harte ihres Schicksals mildern konnten. Sie schienen die Beschwerden nicht mehr zu empfinden, als Elisa mit ihnen sprach, und sie hatte an diesem Abend in den Wohnungen von Hohnauschloss Zufriedenheit verbreitet.

Caroline war hart, selbst Armuth konnte bey ihr nicht Anspruch auf Schonung machen, und ihre unfreundliche Miene entfernte von ihr den Unglucklichen, der es nicht wagte, ihr seine Noth zu klagen. Wallenheim war nicht genug mit dem Zustande der armen Einwohner bekannt; es war also keiner, der sie gegen Carolinens Harte schutzte, keiner, der ihrem Mangel abhalf. Elisa unterrichtete ihre Mutter von den Beschwerden und Unterdruckungen, die sie litten, und bat sie, ihnen beyzustehen; die Baroninn von Hohnau versprach es ihr, und vergnugter verliess am andern Tage Elisa Hohnauschloss; denn sie nahm das Bewusstseyn mit, auch hier Gutes gestiftet zu haben.

Sie begleitete Henrietten nach Felsingburg, und blieb einige Tage in Wallenthal. Henriette wollte auch, wie ihre Freundinn, Wohlthaterinn der Menschen werden. Zwar war ihr Vermogen nur eingeschrankt; allein dem wahren Menschenfreunde bleiben Krafte und Hulfsquellen genug, seinen Mitbrudern beyzustehen. Sie schlug ihrem Felsing, welcher immer die wohlthatigen Anstalten Elisa's bewundert hatte, vor, zwey Hauser nach eben dem Plane erbauen zu lassen; allein diess sollte erst in den beyden folgenden Jahren geschehen, weil die Ausgabe fur sie mit Einemmale, zu gross gewesen ware; auch war die Zahl der Greise und der Kinder, die sie versorgen wurden, nur auf funfe gesetzt. Mehrere zu unterhalten, erlaubte ihnen ihr Vermogen nicht; und nur Sparsamkeit und weise Anwendung des Geldes setzten sie in den Stand, mehr Gutes zu wirken, als karge und verschwenderische Reiche, wenn sie Jahrhunderte durchlebt haben.

Elisa war nun wieder in B... Unverandert blieb ihre Art zu handeln, unverandert ihre Sanftmuth, ihre Gefalligkeit, ihr Wohlwollen. Die Geschafte ihrer Haushaltung, die Besorgung aller hauslichen Angelegenheiten, die Erziehung ihres Sohnes, die Erwerbung hoherer Kenntnisse, die Ausbildung ihres Verstandes, die Uebung ihrer Talente, dieses waren ihre Beschaftigungen; zu allen hatte sie Zeit, und stets war sie bereit, ihren Gatten, so oft er es verlangte, in Gesellschaft oder zu Lustpartien zu begleiten, oder in ihrem Hause Gesellschaft zu sehen. Wallenheim fand immer in ihr die muntere Gesellschafterinn, deren Bestreben es war, ihn aufzuheitern, ihn zu ergotzen; aber sie war auch seine Rathgeberinn, seine Freundinn. Ernsthaft, scharfsinnig und klug, wenn er von Geschaften mit ihr sprach, liebevoll und sanft, wenn er verdriesslich war, oder eine Unannehmlichkeit erfahren hatte, und scherzhaft, wenn seine Seele Aufheiterung gebrauchte. Innere Zufriedenheit, Ruhe und Heiterkeit waren mit der Tugend in ihr vereiniget; sie war glucklich, weil sie ihres eigenen Beyfalls versichert war; sie war froh, weil sie Freude um sich verbreitete. Die Ruhe, die Heiterkeit ihrer Seele gab ihrem Wesen eine Annehmlichkeit, welche ein jeder empfand; sie wurde in allen Gesellschaften geliebt und gesucht. Man liebte sie, ohne es zu wissen, und sie zog alle Herzen an sich, ohne es selbst zu ahnden. Hoflichkeit, Bescheidenheit und Gute waren in Gesellschaft die Hauptzuge, von denen sie sich nie entfernte. Immer lobte Elisa Anderer Tugenden, und entschuldigte Anderer Fehler: immer war sie bereit, einem Jeden zu dienen, und stets sahe man sie in Gesellschaft den untersten Platz einnehmen. Auch nannte man sie allgemein die liebenswurdige Frau von Wallenheim, und manches junge Madchen, dessen Herz noch unverdorben war, wurde von ihrer sanften Tugend eingenommen, und beschloss, ihrem Beyspiel zu folgen. Wenn Elisa dieses merkte, so suchte sie mit denen, welche sie zu lieben oder zu bewundern schienen, in Verbindung zu kommen; sie bat sie oft zu sich, und erfullte in ihrer Gegenwart ihre Pflichten; aber auch stets bemuhete sie sich, ihren jungen Freundinnen Vergnugungen zu verschaffen; durch sie wollte sie ihnen die Tugend annehmungs- und liebenswurdig machen. Des Sommers veranstaltete sie daher fast immer Lustfahrten auf dem Lande, Spatziergange, Wasserfahrten, und Frohlichkeit und muntrer Scherz herrschte dann unter ihnen. Im Hause waren Musik, witzige und kluge Unterhaltungen, kleine gewahlte Gesellschaften, und angenehme Lekture ihre Unterhaltungen. Langeweile war aus ihren Zirkeln verbannt, und Elisa liess ihre Freundinnen empfinden, dass wahre Freuden, wahrer Genuss des Lebens, nur mit Unschuld verbunden ist. Sie fuhlten es, dass bey ihr die Freude und die Tugend Hand in Hand gingen, und sie gewohnten sich, sie immer vereiniget zu denken. Sie fuhlten sich besser und froher, wenn sie mit Elisa'n den Tag durchlebt hatten. So bildete sie ihren Geschmack und ihr Herz; ihr Beyspiel und eine nahere Bekanntschaft mit ihr, bewahrte manches Madchen vor Ausschweifung und Thorheit.

Stets bestrebte sich noch Elisa, ihren Wirkungskreis zu erweitern; nie glaubte sie, dem Nutzen, welchen sie stiften konnte, Granzen setzen zu konnen. Horte sie von einem Unglucklichen, so eilte sie zu ihm, und bemuhete sich, seine Leiden zu vermindern. Anderer Wunsche zu gewahren, Anderer Bedurfnisse zu befriedigen, ruhige Ergebung, aufrichtige Liebe zum Guten in Andern zu befordern, dieses waren ihre Bemuhungen, und waren selten fruchtlos, weil sie immer die besten Maassregeln ergriff. Unter diesen Beschaftigungen verlebte sie jeden ihrer Tage.

Carl war zwey Jahre alt, da wurde Elisa zum zweytenmahle Mutter, und Mutter einer Tochter; sie nannte sie Henriette. Auch Frau von Felsing war einige Monathe zuvor niedergekommen; sie hatte einen Sohn, und Felsing hatte ihn Heinrich genannt.

Carl und Henriette machten nun Elisa's sussestes Vergnugen; ihrer Erziehung widmete sie alle ihre Sorgfalt. Als Carl vier Jahr alt war, sagte einst an einem Morgen Wallenheim zu seiner Gattinn: Ich bin entschlossen, Carln in eine offentliche ErziehungsAnstalt zu bringen; die Erziehung der Sohne im vaterlichen Hause taugt selten etwas.

E l i s a . (Erschrocken.) Jetzt schon wollen Sie ihn aus dem Hause bringen?

W a l l e n h . Warum nicht? Je fruher in der Erziehung der Anfang gemacht wird, desto leichter wird sie nachgehends, und desto besser ist ihr Erfolg.

E l i s a . Sie haben Recht. Und ich habe mich bemuhet, seit der Geburt meines Sohnes diesem Grundsatze gemass zu handeln. Aber konnten wir ihn nicht noch ferner in unserm Hause erziehen?

W a l l e n h . Unter ihrer Aufsicht allein?

E l i s a . Nein, Wallenheim; ich besitze nicht alle die Kenntnisse, die er einst wird haben mussen, und ich allein kann seine Erziehung nicht vollbringen. Allein wir wollen einen geschickten Erzieher nehmen, und gemeinschaftlich an seiner Erziehung arbeiten.

W a l l e n h . Sie erzeigen den Hofmeistern viel Ehre, wenn Sie sie Erzieher nennen. Dieses ist eben das, was sie nie sind, und aus eben der Ursache bin ich entschlossen, nie Einen zu nehmen.

E l i s a . Es ist der Aeltern Schuld, wenn sie dieses nicht sind; wir wollen ihn dazu bilden. O, Wallenheim, wie kann man sich wundern, dass die Hofmeister nicht Erzieher sind, da die Aeltern selbst es nicht sind? Man betrachte das Betragen der Aeltern gegen ihre Kinder, und gegen denjenigen, denen sie ihre Erziehung anvertrauet haben, wie zwecklos, wie planlos! Der Erzieher sollte der erste Freund der Aeltern seyn; er ist ja ihr Gehulfe bey der moralischen Bildung ihrer Kinder, eben bey dem, was eigentlich sie zu Menschen macht; er theilt ja mit ihnen ihre Muhe fur ihr Wohl; ein Zweck, ein Plan, ein Interesse, so viel es seyn konnte, sollte sie verbinden. Man sollte durch Liebe, durch Achtung, durch das Versprechen, ihn Lebenslang zu besolden, ihn zum Mitglied der Familie machen. Dann, Wallenheim, dann wurden sich auch Erzieher finden. Die meisten, welche es jetzt sind, werden, indess sie eine Stelle bekommen, Hofmeister, um sich ihren Unterhalt zu verschaffen, und werden auch in den meisten Hausern als die ersten Bedienten behandelt. Sie sind jung, sie haben nie uber Erziehung nachgedacht, selten daruber gelesen; sie konnten nicht ein eignes Studium daraus machen, weil sie wussten, dass ihnen dieses nie ihren Unterhalt verschaffen wurde. Allein, man lasse auch die Erzieher hoffen, dass durch ihre Geschicklichkeit in diesem Fache, sie sich ansehnliche Versorgungen versprechen konnen; man versicherte ihnen, als Erziehern, Besoldungen auf Lebenslang; man mache ihnen dieses Geschafte angenehm; man mache den edlen Wunsch in ihnen rege, Menschen bilden zu wollen; man zolle Dank und Ehrfurcht dem Manne, der ihn zu erfullen strebet; und gewiss, Viele wurden sich ganz dem Erziehungsgeschafte widmen. Doch jetzt bleibt allen Hofmeistern keine andere Aussicht ubrig, als durch ihre eigenen Bemuhungen sich eine Stelle zu verschaffen; da sie in den meisten Hausern auf einen unangenehmen Fuss stehen, so suchen sie diese bald zu erlangen; daher der oftere Wechsel der Hofmeister, der immer der Erziehung nachtheilig ist; daher ihre wenige Anhanglichkeit an dieses Geschafte, und an ihre Zoglinge. Doch, Wallenheim, da wir diese Fehler einsehen, so konnen wir sie vermeiden. Lassen Sie uns einen Mann von Kenntnissen und von guter Auffuhrung suchen, und wo moglich, lassen Sie uns einen jungen Mann nehmen. Ein junger Mann wird sich eher leiten lassen, er wird mehr fur sein Geschaft erwarmt werden, er wird sich noch nicht Ruhe und Bequemlichkeit wunschen, und folglich noch nicht so bald an eine Versorgung denken, besonders wenn wir ihn durch Liebe und Zutrauen an uns gefesselt haben, und seine Lage ihm angenehm machen. Wenn wir diesen gefunden haben, o so lassen Sie von seinem ersten Eintritt in unser Haus, vollige Gleichheit unter uns eingefuhrt seyn, damit wir seinen Charakter und seine Meynungen uber Erziehung kennen lernen; lassen Sie uns ihm unsere Begriffe daruber mittheilen, und gemeinschaftlich einen Erziehungsplan entwerfen, nach unsern vereinigten Einsichten den besten, und ihn gemeinschaftlich ausfuhren.

W a l l e n h . Zu allem diesen habe ich nicht Zeit; dieser schone Plan wird also wohl mussen unausgefuhrt bleiben.

E l i s a . O, so vertrauen Sie mir das Geschaft! Es wird mir zu wichtig seyn, als dass ich es je vernachlassigen sollte! Glauoen Sie denn, Wallenheim, dass Fremde mit mehrerer Aufmerksamkeit uber Ihren Sohn wachen werden, als ich, seine Mutter? Glauben Sie, dass ihre Bemuhungen fur seine Erziehung ernstlicher seyn werden, als die meinigen? Doch vielleicht konnte es mir noch an hinlanglicher Kenntniss fehlen; allein auch die will ich suchen zu erlangen. Sie sollen den Entwurf zu seiner Erziehung beurtheilen, so viel Zeit werden Sie ja wohl haben? Er soll mit dem ubereinstimmen, was hieruber am besten gesagt und geschrieben worden ist, und vorzuglich, er soll dem Charakter meines Sohnes angemessen seyn. Versuchen Sie es doch nur! Ueberlegen Sie doch nur meine Grunde!

W a l l e n h . Welche haben Sie denn gegen die Erziehung ausser dem Hause?

E l i s a . Beyspiele haben mir so oft gezeigt, dass sie von allen die schlechteste ist; denn sie wird gewiss immer am meisten vernachlassiget. Die Kinder sind ja fast nur in den offentlichen Lehrstunden unter Aufsicht; auf ihre Handlungen wird nicht gemerkt; man sucht nicht Begierde nach Kenntnissen in ihnen zu erregen, und die Bildung ihres Herzens wird ganzlich unterlassen.

W a l l e n h . Allein sie lernen Menschen- und Weltkenntniss; sie lernen mit Menschen umgehen, und die Regeln der Vorsicht praktisch ausfuhren.

E l i s a . Sollte man in der Privaterziehung nicht auch diesen Vortheil erlangen konnen, wenn man Proben veranstaltete, welche die Kinder Erfahrung lehrten? und gesetzt, man erreichte dieses nicht ganz in dem Grade, sollte der kluge, einsichtsvolle, mit festen Grundsatzen begabte Jungling, wenn er in die Welt tritt, nicht bald lernen, den Regeln der Klugheit und der Vorsicht gemass zu handeln? Man lehre ihn beobachten, und er wird bald die Menschen und die Welt kennen lernen; und seine Beobachtungen werden fur ihn von doppeltem Nuzzen seyn, da er sie nicht unter fremder Leitung, sondern mit dem recht angewandten Gebrauche seiner reifern Vernunft anstellte.

W a l l e n h . Um eben dieser kluge, einsichtsvolle Jungling zu werden, will ich ihn in eine offentliche Erziehungs-Anstalt bringen.

E l i s a . Und dieser Zweck wird da vielleicht am ersten verfehlt. Wie kann man uber den Vorzug, den die Privaterziehung vor der offentlichen hat, noch einige Zweifel haben? Man wendet ja auf die erste weit mehr Sorgfalt? Kennt man den Lehrer, dessen PrivatAufsicht man in einer offentlichen Erziehungs-Anstalt die Kinder ubergiebt? Weiss man, ob er sich ihre Erziehung angelegen seyn lasst? Kann man ihn beobachten? Nein, man setzt sich ausser Stand, die Erziehung seines Kindes selbst zu ordnen, das Fehlerhafte davon zu entdecken, und ihm abzuhelfen. Man weiss vielmehr, dass das Kind meistens sich selbst uberlassen ist, dass es mit so vielen die Bemuhungen des Lehrers theile, dass es diesem unmoglich ist, seine Beschaftigungen und seine Aufmerksamkeit nur einem zu widmen; man muss es also auf das Ohngefahr ankommen lassen, ob das Kind zum guten oder zum schlechten Menschen, zum nutzlichen Burger, oder zum ausschweifenden Thoren gebildet werde. Allein wenn wir unsern Sohn im Hause behalten, so konnen wir ja alle Sorgfalt auf seine Erziehung wenden; er bleibt unter bestandiger Aufsicht. Und wenn auch Sie, lieber Wallenheim, diesem Geschafte keine Zeit widmen konnen, so werden doch die Bemuhungen zweyer, die, eines geschickten Erziehers, (denn diesen hoffe ich durch die Mittel, die ich ihnen gesagt habe, zu erhalten) und die meinigen, fruchtbarer seyn, als der getheilte Unterricht eines Lehrers, den kein so starkes Interesse belebt. Wird man wohl in einer offentlichen Erziehungs-Anstalt so die Handlungen meines Kindes beobachten, so seine Neigungen ausspahen, und ihnen die edle Richtung geben, wie ich beflissen seyn werde, es zu thun? Glauben Sie mir, Wallenheim, Aeltern sind die besten Erzieher, wenn sie es aufrichtig seyn wollen, und zu diesem Geschafte die erforderlichen Einsichten besitzen! Ich zittere fur Carln, wenn man nicht sucht, seinem Charakter Festigkeit zu geben. Vielleicht wird es kein Anderer bemerken, dass in seinem Charakter eine Leichtigkeit ist, welche zur Schwache wird. Ich, die ich ihn immer beobachte, habe dieses nur zu oft wahrgenommen. Er beharrt nie auf einem einmahl genommenen Entschluss; augenblicklich geht er durch Anderer Zureden, durch den Anblick anderer Gegenstande, von dem, was er thun wollte, ab. Diese Schwache kann ihn einst, mit den besten Eigenschaften, zu den grossten Fehlern, selbst Verbrechen verleiten. Auch hatte ich schon auf Mittel gedacht, ihm Festigkeit zu geben. Ich wollte, wenn er erst selbst Schlusse machen konnte, Proben veranstalten, durch welche er den Schaden seiner Nachgiebigkeit selbst empfinden sollte; dieses oft und auf verschiedene Art wiederholt, wurde gewiss endlich Festigkeit in ihm hervorbringen. Und dieses Alles wird in einer offentlichen Erziehungsanstalt verabsaumt. Da wird an keine Bildung des Charakters gedacht, keine Mittel gebraucht, durch welche moralische Eigenschaften in den Seelen der Zoglinge haften. Und Carl kann ja in unserm Hause eben den Unterricht geniessen, welcher in den offentlichen Erziehungs-Anstalten ertheilt wird; wir konnten ihm Lehrer halten, welche ihn in denjenigen Kenntnissen unterrichteten, die sein Lehrer nicht besitzt. O, Wallenheim! Nie drang ich in Sie, mir eine Bitte zu willfahren Aber diesesmahl es betrifft das Wohl meines Sohnes lassen Sie ihn mir im Hause!

W a l l e n h . Elisa, Sie sollten wissen, dass ich nie von einem einmahl genommenen Entschluss abgehe. Carl soll ausser dem Hause erzogen werden.

E l i s a . Lieber Wallenheim, ich bitte Sie ja nur, meine Grunde zu prufen. Carl ist noch so jung, und erhalt jetzt dadurch noch keinen Vortheil, wenn er auch in die beste Erziehungs-Anstalt gebracht wurde. Sein Alter hingegen erfordert noch so viel Sorgfalt, ist noch so vielen Unfallen ausgesetzt, dass nur alterliche Zartlichkeit diese von ihm wenden, und jene ihm widmen konnen. Versuchen Sie also den Plan, den ich zu seiner Erziehung entworfen habe; lassen Sie ihn bis in sein zwolftes Jahr unter unserer Aufsicht in unserm Hause erziehen, und glauben Sie dann noch, dass die Erziehung ausser dem Hause besser ist, nun so werden doch die Jahre seiner Kindheit auch nicht fur ihn verlohren gegangen seyn, und die offentliche Erziehung wird dann vielleicht von mehrerm Nutzen fur ihn seyn; jetzt kann sie ihm in jedem Betracht nur schadlich werden. Entreissen Sie ihn also nicht der mutterlichen Sorgfalt, um ihn Handen anzuvertrauen, welche vielleicht nicht wissen, wie sie das Kind behandeln sollen, und nicht gewohnt sind, den Mangeln dieses Alters ihre Aufmerksamkeit zu weihen.

W a l l e n h . Elisa, ich verlange keine Widerrede mehr; ich habe Ihnen nicht meinen Willen bekannt gemacht, um Widerspruche zu horen.

E l i s a . Ach, verlangten Sie mein Gluck, mein Leben von mir, Sie sollten sie nicht von mir horen! All in es gilt das Gluck meines Sohns Auch mir gebot die Natur, es zu befordern; sie machte mich zu seiner ersten Versorgerinn, und ich fuhle es, dass ihm kein Anderer meine Stelle ersetzen konnte. Auch kann ich mir selbst bezeugen, dass ich bisher die Mutterpflichten gegen ihn treu erfullte, und dieses Bewusstseyn lasst mich hoffen, dass ich immer im Stande seyn wurde, es zu thun. Verzeihen Sie mir also, Wallenheim, meine Einwendungen, da ich sehe, dass Sie im Begriff sind, von einem Ohngefahr die moralische Bildung, und mithin das Gluck Ihres Sohnes abhangen zu lassen, indem ich glaube, Mittel anwenden zu konnen, ihm dieses zu versichern. Und ich bitte Sie ja nur, die Ausfuhrung Ihres Entschlusses auf einige Jahre zu verzogern. Nehmen Sie doch Rucksicht auf Carls Alter; wie leicht kann er krank werden, und vielleicht wenig Pflege alsdenn bekommen. Der Mangel an Aufsicht (denn ein offentlicher Lehrer kann sich unmoglich viel mit einem Kinde von seinem Alter beschaftigen) kann ihm Gebrechen, Schaden zuziehen, und ihn vielleicht dem Tode nahe bringen, selbst ins Grab ihn sturzen O, Carl! ersparen Sie sich Vorwurfe, welche diese Handlung vielleicht fur die Zukunft Ihnen bereitet, und mir die Angst, bestandig in der Ungewissheit uber den Zustand meines Sohnes zu seyn!

W a l l e n h . Ihre Beredsamkeit ist diesesmahl umsonst! Sagen Sie mir kein Wort mehr, sondern suchen Sie sich in Absicht Carls zu beruhigen; ich werde schon gehorige Sorge fur ihn tragen, und bemuhen Sie sich, die Trennung von ihm gelassen zu ertragen!

E l i s a . (Sie unterdruckt eine Thrane.) Wallenheim, o dann gewahren Sie mir nur eine Bitte! Erlauben Sie mir zum wenigsten, Sie und Carln zu begleiten, damit ich selbst die Personen sehe und kennen lerne, deren Aufsicht mein Carl anvertraut wird, um, wo moglich, ihnen meine Liebe, meine Sorgfalt einzuflossen, und eine Mutter dort bey der Liebe zu ihren Kindern zu beschworen, mutterliche Sorgfalt fur meinen Carl zu haben!

W a l l e n h . Dieses Alles wird nicht nothig seyn; ich bin Carls Vater, und werde wohl selbst gehorige Maassregeln ergreifen konnen, damit er gut gehalten werde. Auch wurden Sie wohl noch wollen Henrietten, ihre Warterinn und die Mamsell mitnehmen, und mit solchem Gefolge liebe ich nicht zu reisen. Setzen Sie also Carln nur in den Stand, in einigen Tagen mit mir wegzureisen, ohne sich wider meinen Willen zu meiner Gesellschafterinn aufzudringen.

Er verliess hierauf das Zimmer; Elisa war sehr geruhrt; sie druckte ihren Sohn mit inniger Wehmuth an ihre Brust. O, mein Carl! rief sie aus, du sollst nicht langer an dem mutterlichen Busen ruhen! Wallenheim, ich ertrug Alles; aber dass du mich meines Kindes beraubest, dass du mich ausser Stand setzest, an seiner Erziehung, an seinem Glucke zu arbeiten, dieses zu ertragen, dazu gehort eine hohere Kraft! (Eine Pause.) allein er ist Gatte und Vater, und auch hier ist es meine Pflicht, geduldig seinem Willen ergeben zu seyn. Nein, ich will nicht murren, nicht mit ihm zurnen, sondern jedes sanfte Mittel, jede vernunftige Vorstellung noch anwenden, um ihn von seinem Entschlusse abzubringen. Ich will seinen Zorn gelassen ertragen; ich spreche ja fur das Wohl meines Kindes, und zu dem Vater desselben. Und reisst er dich doch aus meinen Armen! O, dann, Vernunft, mache mich stark, auch dann meine Pflicht nicht zu vergessen! Standhaftigkeit, Festigkeit und Geduld, bleibe auch dann unveranderlich in mir! Kann ich Carln auch nicht selbst erziehen, so will ich doch Alles anwenden, ihn mit der Zeit gute Grundsatze einzuflossen! (Sie druckt Carln wieder mit Heftigkeit an ihre Brust.) O, mein Kind, mogest du edel und gut werden! Ach, Wallenheim, dass du mich dieses nicht bewirken lassen willst!

Elisa trocknete indess ihre Thranen wieder, und erwartete Wallenheim mit heiterer Miene; allein alle ihre Versuche, ihn zu bewegen, Carln nicht aus dem Hause zu bringen, waren vergebens; er beharrte auf seinem Entschlusse. Elisa verbarg zwar vor ihm ihre Thranen; allein es war ihr doch unmoglich, so heiter zu seyn, als sie gewohnlich zu seyn pflegte. Indess schien Wallenheim ihre Traurigkeit nicht zu bemerken, sondern reisste mit Carln am vierten Tage, nachdem er Elisa'n seinen Vorsatz entdeckt harte, ab, und brachte ihn nach D**. Diese Trennung von ihrem Sohne war Elisa'n sehr schmerzhaft; allein ihr Betragen gegen Wallenheim blieb dasselbe, blieb gleich sanft und freundlich. Sie reiste nach Wallenthal, um in den Umarmungen der Freundschaft Erleichterung ihres Kummers zu suchen. Felsing und Henriette lebten einig und glucklich; Henriette hatte sich ihre Freundinn zum Muster genommen; sie besass ihre sanften Tugenden, und Elisa's liebevolle Seele athmete nur Freude, wenn sie das Gluck ihrer Freunde sahe.

Zum Drittenmahle wurde Elisa Mutter. In Wallenthal war es, wo sie, ein Jahr nach Carls Entfernung aus dem Hause, niederkam, und einen Knaben zur Welt brachte. Er war acht Tage alt, und man hatte noch keinen Namen fur ihn bestimmt. Wie wollen wir denn unsern Knaben nennen? fragte Wallenheim seine Gattinn, als er mit Henrietten an einem Morgen an ihrem Bette sass.

E l i s a . Er mag Herrmann heissen! Sehen Sie Wallenheim, seine grosse Augen, wie offen sein Blick einst werden wird! O, gewiss, ein susses Vorgefuhl sagt es mir, er wird ein biederer Junge werden, und dieser Name ihm am angemessensten seyn!

W a l l e n h . (Lachelnd.) Nun, er mag ihn erhalten; denn Sie scheinen sich viel von dem Namen zu versprechen.

Auch Elisa lachelte, und bald darauf ging Wallenheim hinaus.

H e n r . (Nachdem Wallenheim das Zimmer verlassen hat.) Elisa! So soll Dein Sohn Dich denn in jedem Augenblick an Deinen Geliebten erinnern?

E l i s a . Nenne ihn nicht mehr so, Henriette; als Mutter dreyer Kinder bin ich nun wohl ganz Wallenheims Gattinn. Herrmanns Andenken kann mich nicht mehr schmerzen, kann keine andere Empfindungen, als die Empfindungen inniger Achtung und Freundschaft in mir erregen. Gern hore ich jetzt von ihm, gern spreche ich von ihm. Wenn ich an ihn und an seine Liebe denke, so ist mir, als sahe ich in ein schones Land zuruck, wo ich einst weilte und wo ich einen Begleiter fand, der dort meinen Weg mit Blumen bestreuete. Ich erinnere mich des Entzuckens, das ich empfand, und mein Herz liebt noch den Urheber desselben; allein das Entzucken ist voruber, und mit ihm das lebhafte Gefuhl fur den, der es erzeugte. Warum sollte ich meinen Sohn nicht Herrmann nennen, da dieser Name mir Erinnerung meiner Freuden, meiner Leiden, und ich darf auch sagen, meiner Standhaftigkeit ist? Ich denke mir Herrmann nicht mehr als meinen Geliebten, nicht mehr, wie er auf dem Berge in Birkenstein mir seine Liebe erklarte, nicht, wie er beym Abschiede verzweiflungsvoll mich an seine Brust druckte; nein, ich denke ihn mir als den edeln Mann, den nutzlichen Staatsburger, den warmen Menschenfreund, und mit immer erneuerter Thatigkeit wird mich diese Vorstellung beleben, meinen Sohn dazu zu bilden! Wenn ich ihn nennen werde, werde ich in ihm den edelsten Mann, den liebenswurdigsten Sterblichen erblicken, und alle meine Bemuhungen sollen dahin gehen, dass er es werde.

H e n r . (Lachelnd.) Ich erkenne Dich so ganz wieder Elisa! Noch immer ist Dein Gefuhl fur jedes Gute und Edle schwarmerisch.

E l i s a . O, Henriette, in der Liebe schwarmt man immer, so auch in der Liebe zur Tugend! Doch hute man sich, so viel man kann, vor dieser Schwarmerey! Leicht kann man durch sie die wahre Tugend verkennen, und empfindsame Hirngespinnste an ihre Stelle setzen. Wer wahrhaft warmes Gefuhl fur Tugend hat, der lasse auch in den Augenblicken der Begeisterung die kalte, prufende Vernunft seine Fuhrerinn seyn.

Herrmann wurde nun, ohne dass sie es selbst ahndete, seiner Mutter, und bald auch seines Vaters Liebling; allein der Knabe rechtfertigte diesen Vorzug. Er war erst einige Jahre alt, und man bemerkte schon ihn ihm ein gutes fuhlendes Herz, und jede Anlage zum grossen Geiste. Mit Entzucken druckte ihn oft Elisa an ihre Brust, und sagte dann: O, er wird Dir ahnlich seyn, Herrmann! mein Sohn, mein Herrmann, ich werde dich verehren, wie ihn!

Es waren nun sechs Jahre, dass Elisa in Wallenthal die zehn Kinder angenommen hatte. Sie waren alle sechszehn Jahre alt, und ein jedes hatte gelernt, durch seiner Hande Arbeit sich seinen Unterhalt zu verschaffen. Sie sollten nun eingesegnet werden, und dann das Erziehungshaus verlassen. Elisa reiste zu der Zeit nach Wallenthal, und wohnte der Einsegnung bey. Nach dieser Feyerlichkeit bestellte sie sie auf das Schloss; sie empfieng sie auf dem Hofe; geruhrt naherten sich ihr die Junglinge und Madchen. O, unsere Wohlthaterinn! riefen alle, und fielen vor ihr nieder.

E l i s a . Steht auf, meine Kinder, und setzt Euch hier neben mich. (Alle gehorchten, und setzten sich auf die Banke, welche Elisa fur sie hatte hinstellen lassen. Sie fahrt fort.) Wir werden uns vielleicht nun nicht mehr oft sehen; es ist vielleicht heute das Letztemal, dass wir hier alle versammelt sind, und glaubt mir, meine Kinder, die Trennung von Euch geht mir nahe; denn Euer Wohl liegt mir am Herzen! Doch sie ist nothwendig. Ihr seyd nun in einem Alter, in welchem Ihr Euch selbst Euren Unterhalt erwerben konnt, und es ist meine Sorge gewesen, Euch in den Stand zu setzen, dieses thun zu konnen. Nun ist es Eure Pflicht, fur Euch selbst zu sorgen. O, meine Kinder, Ihr nahmt heute die Verbindlichkeit auf Euch, gute Menschen zu seyn; vergesst dieses nie, wenn Ihr wollt, dass es Euch wohl gehen soll! Seyd treu in Eurem Dienste, arbeitsam, geduldig und liebreich gegen Eure Nebenmenschen; dann werden Eure Herrschaften Euch lieben und Eure Treue belohnen, und diejenigen, mit denen Ihr umgeht, Euch gerne Gefalligkeiten erweisen. Lebt aber auch ordentlich und eingezogen; denn eine liederliche Lebensart sturzt in Ungluck, Krankheit und Laster, und seyd versichert, dass, wenn Ihr Euch gut auffuhrt, Ihr immer in mir eine Mutter finden werdet, die bereit seyn wird, Euch zu helfen. Kommt nur zu mir, wenn Ihr in Mangel oder in Elend gerathet, selbst wenn die geringste Widerwartigkeit Euch trifft, ich werde Euch unterstutzen. Alles, was ich fur Euch that, geschahe in der Absicht, Euch glucklich zu machen, und es wurde mich sehr kranken, wenn Ihr durch eine schlechte Auffuhrung selbst Euer Gluck zerstortet. O, meine lieben Kinder, versprecht mir, dass Ihr mir nie diesen Gram machen wollt!

Alle weinten, und fielen wieder zu Elisa's Fussen, die nachsten umfassten ihre Kniee. O, gnadige Frau, o, unsere liebreiche Mutter! nimmer! nimmer!

E l i s a . Wenn das ist, meine Kinder, so werde ich Euch ruhiger von hier ziehen sehen; und solltet Ihr auch einmahl einen Fehltritt begehen, so verliert doch nicht Euer Zutrauen zu mir, kommt auch dann noch zu mir, auch dann werde ich Euch aufnehmen, Euch zurecht weisen; denn nie werde ich aufhoren, Euch zu lieben! Sollten jetzt einige von Euch seyn, welche noch keinen Dienst haben, oder noch kein Mittel wissen, sich ihren Unterhalt zu erwerben; so konnen sie, bis sie einen Dienst bekommen, hier in Wallenthal auf dem Schlosse bleiben, und indess fur uns arbeiten.

Nun ging Elisa zu einem jeden, richtete ihn auf, druckte ihm die Hand und gab einem jeden zwey Thaler. Dank strahlte aus aller Augen, und ein Jeder versprach es sich selbst, seiner Wohlthaterinn wurdig zu bleiben. Elisa las es in ihren Herzen, sie sahe ihren Vorsatz, er erfullte sie mit der reinsten Freude. Ich habe sie dem Laster und dem Elende entrissen, sprach sie zu sich selbst, ich habe sie zu Menschen gebildet, ich habe an ihrem Glucke gearbeitet! Diese Vorstellungen stromten Wonnegefuhl und das seligste Entzucken in ihr Herz. Sie vergoss Thranen der seligsten Empfindung, der Freude uber sich selbst, Menschen begluckt zu haben; voll dieses Gefuhls, eilte sie in ihr Zimmer, warf sich auf ihre Kniee, und erhob ihr schones Auge, aus welchem reine Verehrung der Gottheit und warme Menschenliebe blickten. Dank Dir, gutige Vorsicht, rief sie aus, Du lehrtest mich die edelsten Freuden kennen! Durch Deine Leitung wurde meine Seele gefuhlvoll und liebend! O, dass ich nie gleichgultig gegen Menschenwohl werde! dass ich nie erkalte in dem thatigen Eifer, es ;u befordern! Dir, erste und wohlthatige Quelle alles Daseyns, erneuere ich das Gelubde, mein ganzes Leben hindurch Menschengluck zu befordern! Und dass jeder Blick gen Himmel mich dessen erinnere, oder mit Vorwurfen mich strafe, wenn ich kalt in seiner Erfullung werde!

Nun ging Elisa wieder hinunter; ihr Blick schien der Blick eines Engels, und uber ihrem ganzen Wesen lag holde Milde verbreitet. Auch schlugen alle Herzen voll Liebe fur sie. Es waren auf dem Hofe viele Einwohner des Dorfs versammelt, und alle sagten unter einander: O, wie schon ist unsere gnadige Frau! Wie gutig sieht sie aus! O, wir wollen immer Alles thun, was sie verlangt, galt es auch unser Leben; denn sie ist ja immer bemuht, uns zufrieden zu machen!

Elisa hatte fur alle Kinder, welche an diesem Tage eingesegnet worden waren, eine Mahlzeit bereiten lassen; sie liess nun auf dem Hofe einen Tisch decken, und sie mussten sich an denselben setzen. Frohlichkeit herrschte bey diesem Mahle, und Elisa genoss mit Entzucken den Anblick unschuldiger, jugendlicher Freude. Der kleinen Henriette trug sie auf, zu Allen zu gehen, zu fragen, was sie verlangten, zu sehen, was sie wunschten, und es ihnen dann zu bringen; sie wollte sie jung gewohnen, Vergnugen in Dienstleistungen, und in der Austheilung von Geschenken zu finden. Die folgenden Tage war Elisa beschaftiget, zehn andere Kinder anzunehmen, welche die Stelle der Erstern ersetzten, und reiste dann wieder zuruck nach B...

In dieser Zeit starb Elisa's Mutter, und sie erbte nun ein ziemlich ansehnliches Vermogen; allein gleich einfach blieb sie in ihrer Kleidung, und in ihrer Lebensart; gleich aufmerksam in der Besorgung ihrer Wirthschaft und allen ihren hauslichen Angelegenheiten. Wallenheim hatte indessen schon einen grossen Theil seines Vermogens im Spiele durchgebracht, und Elisa's Bemuhungen, ihn von dieser Leidenschaft zu heilen, waren vergebens. Auch wollte er nun, dass mehr Prunk in seinem Hause herrschen sollte; er nahm noch einige Bedienten an, und fing wieder an, viel Gesellschaft in seinem Hause zu sehen, in welchem alles auf einen sehr glanzenden Fuss eingerichtet werden musste. Oft reiste er allein nach Wallenthal, gab dort grosse Jagden, und verspielte dort ansehnliche Summen. Ungern erfullte Elisa, in Absicht des Aufwandes, den er fuhren wollte, seinen Willen. Sie machte Vorstellungen dagegen; allein er antwortete ihr: ich will es so, Elisa! Es ist von meinem Vermogen. Sie schwieg dann, und bestrebte sich, in Allem, was er wunschte, ihm gefallig zu seyn, und so viel es seyn konnte, mit den wenigsten Kosten diesen Aufwand zu fuhren. Sie erhielt auch von ihm, dass er fur Herrmann, als dieser funf Jahr alt war, einen Erzieher ins Haus nahm. Schon seit einigen Jahren hatte sie gesucht, mit vielen jungen Mannern bekannt zu werden, welche sich dem Erziehungsgeschafte widmen wollten. Jetzt fiel ihre Wahl auf einen jungen Mann, welcher mit edlen Gesinnungen und einem biedern Herzen nutzliche und grundliche Kenntnisse verband. Zwar besass er wenig Weltkenntniss; auch hatte er wenige Begriffe uber Erziehung, und es fehlte ihm an Bildung in seinem aussern Wesen; allein Elisa hoffte, dass er dieses alles durch Erfahrung erlangen wurde; doch nur in dem Umgange mit ihr konnte dieses geschehen: denn sie wurde, ohne dass er es wusste, seine Lehrerinn. Sie theilte ihm ihre Begriffe uber Erziehung mit, machte ihn aufmerksam auf den Charakter und die Anlagen ihres Sohnes, sagte ihm, welches die beste Art seyn wurde, ihn zu behandeln. Nach einem Jahr war Waldin (so hiess der Lehrer des jungen Wallenheims) fahig, im eigentlichen Sinne des Worts, Erzieher zu seyn. Unaufhorlich beobachtete er seinen Zogling, nicht ein Gedanke, nicht ein Verlangen des Kindes entging seiner Aufmerksamkeit, und jedes seiner eignen Worte und Handlungen hatte Herrmanns Erziehung zum Zwecke. Elisa's hofliches, vertrauliches und liebreiches Betragen gegen ihn, hatte verursacht, dass sein ausseres Wesen jene feine Politur bekam, welche man nur beym Weltmann antrifft, und welche doch der Erzieher stets haben sollte. Verehrung ihrer Tugenden und Liebe gegen Herrmann, als den Gegenstand seiner Bemuhungen, und das Wesen, welches durch ihn seine moralische Bildung erhalten sollte, fesselte ihn an die Wallenheimsche Familie, und machten ihm seine Stelle angenehm. Einst, als Elisa lange mit ihm uber ihre Kinder, uber den Erziehungsplan, den sie gemeinschaftlich entworfen, und gemeinschaftlich ausfuhrten, gesprochen hatte, sagte sie ihm endlich: Herr Waldin, Ihnen werde ich vielleicht kunftig das susseste Gluck meines Lebens verdanken, womit werde ich dieses vergelten konnen? Sie opfern der Erziehung meines Sohns Ihre Jugend und die Vergnugungen derselben, und ich werde Ihnen nichts geben konnen als meinen Dank?

W a l d i n . Der Dank der Edelsten Ihres Geschlechts ist viel werth, gnadige Frau, und doch wird er nur eine meiner geringsten Belohnungen seyn! Lassen Sie mich Herrmann zum Mann bilden, und ich darf sagen, mein Gefuhl wird dem Ihrigen gleich kommen, es wird in sich seine Belohnung fuhren!

E l i s a . Es wird noch erhabener seyn, Herr Waldin. Alles, was ich thue, heisst Muttergefuhl mir, und Mutterfreuden werden mich belohnen; aber Ihre Bemuhungen sind eben so uneigennutzig, als sie gross sind!

W a l d i n . Und rein wird meine Freude einst seyn! O, gnadige Frau, Sie nur konnen die Gedanken und alle die seligen Empfindungen begreifen, welche in seinem Gefolge sind! Den Gedanken: ich habe einen Menschen gebildet, ich habe ihn zum nutzlichen Mitgliede der Gesellschaft gemacht, ohne irgend ein anderes Interesse als das, Gutes thun zu wollen, ohne irgend einen andern Antrieb als den, meine Pflicht und den erhabensten Beruf zu erfullen! Alles Gute, welches dieser Mensch thut, fallt mir, als dem ersten Urheber desselben, zu! Wenn er seine Mitburger begluckt, und sie ihn segnen, so segnen sie mich! Wenn er glucklich durch seine Tugend ist, so ist er es durch mich, und ich zehnfach durch ihn! Ich arbeitete an dem Glucke der wurdigsten Mutter; jede Freudenthrane, welche sie uber ihren Sohn vergiesst, stromt Segen auf mich herab.

In diesem Augenblicke kam Herrmann angelaufen; er warf sich auf den Schooss seiner Mutter, und schrie in einem freudigen Tone: Liebe Mutter, ich bin recht vergnugt!

E l i s a . Das freuet mich, mein Herrmann; aber was macht Dich denn so vergnugt?

H e r r m . Ich gieng vor die Thure, liebe Mutter, eben als Sie mir die Kirschen und das Brod gegeben hatten, und da sass ein kleiner Junge; er weinte so sehr, und ich fragte ihn weswegen? Er sagte mir, ihn hungerte sehr, und seine Aeltern konnten ihm heute den ganzen Tag nichts zu essen geben; da gab ich ihm meine Kirschen und das Brod. Ich war zwar auch hungrig, und ich hatte mich sehr auf die Kirschen gefreuet; aber ich dachte nicht mehr daran. Ich habe ihm auch gesagt, er sollte auf den Abend wieder kommen, ich wollte ihm mein Abendbrod geben; ich kann ja morgen essen, und des Nachts fuhle ich den Hunger nicht. O da war er recht vergnugt, als ich das sagte; er sprang und rennte freudig weg, und das machte mich auch lustig!

Bey diesen Worten hupfte der Knabe aufs neue. Elisa blickte auf Waldin; inniger Dank war ihr Blick, und eine Thrane der Freude rollte uber ihre Wange; sie nahm ihren Sohn in ihre Arme. Waldin verstand den Blick; ihn ganz will ich verdienen, sprach er zu sich selbst, und fest haftete der Vorsatz in seiner Seele.

E l i s a . (welche noch immer Herrmannen auf ihrem Schoosse halt.) Jedesmahl, mein lieber Herrmann, wenn du den Armen etwas geben, oder etwas thun wirst, was ihnen Freude macht, wirst du so vergnugt seyn.

H e r r m . Jedesmahl, liebe Mutter? Und Sie werden mich dann auch immer lieben wie jetzt?

E l i s a . Gewiss, Herrmann, ich werde dich jedesmahl mehr lieben.

H e r r m . O wenn doch recht oft kleine Jungen kamen, welche hungerten, ich wollte ihnen immer geben, was ich hatte!

E l i s a . Weisst Du kein Mittel, Herrmann, wodurch dieses geschehen konnte?

H e r r m . Keins, Mutter. (Es sinnt nach.) Doch etwas fallt mir ein, ich konnte, wenn ich spatzieren ginge, die kleinen Jungen, welche traurig und schlecht angezogen sind, fragen, ob sie hungrig sind? und dann sie mit mir nehmen.

E l i s a . Ja, das geht an. Aber sage mir, sagte der kleine Knabe, mit dem du heute sprachest, dass er oft hungere?

H e r r m . Das habe ich ihn nicht gefragt. Doch ich weiss schon, was ich thun werde, ich werde ihm sagen, dass jedesmahl, wenn er hungere, er zu mir komme, und dann wird er sich jedesmahl so freuen, als heute.

E l i s a . Thue das, Herrmann, er soll dann jedesmahl neben dir mit uns am Tische essen.

Herrmann fallt seiner Mutter freudig um den Hals. Neben mir? und ich werde auch essen? O, das ist herrlich! (Nach einigem Besinnen.) Doch, liebe Mutter, er hat nur so ein schlechtes Kleid an, es ist so schmutzig und so zerrissen.

E l i s a . Der arme Knabe, wie mag ihn im Winter frieren?

H e r r m . Ach ja! und dann kann er so nicht mit uns am Tische essen.

E l i s a . Warum nicht, Herrmann? Dein Kleid ist oft schmutzig, und das deines Vaters und das Meinige sind stets rein; wenn wir dich nun mit dem beschmutzten Kleide nicht wollten an den Tisch nehmen?

H e r r m . O liebe Mutter, das ware hart! Ich kann oft nicht dafur, dass mein Kleid beschmutzt wird; es geschieht auf den Spatziergangen, und wenn ich im Garten arbeite, ohne dass ich es weiss.

E l i s a . Der arme Knabe kann noch weniger dafur, dass seine Aeltern ihm kein gutes Kleid kaufen konnen.

H e r r m . Nein, gewiss nicht.

E l i s a . Ist denn nun sein Kleid ein Hinderniss, dass er nicht mit uns essen kann?

H e r r m . (Beschamt.) Nein, liebe Mutter. (Er wird nachdenkend, nach einer Pause.) Aber, wenn er doch nun fur den Winter ein andres Kleid hatte, damit er nicht zu frieren brauchte?

E l i s a . Und gewiss haben auch seine Aeltern nicht einmahl Holz, um einheitzen zu konnen?

Herrmann, der bisher noch immer im Nachdenken versunken war, springt freudig auf, und klatscht mit den Handen. O, liebe Mutter, mir ist etwas eingefallen; o, er wird nun nicht so frieren!

E l i s a . Wie wirst du dem abhelfen konnen?

H e r r m . Ich will ihm eins von meinen Kleidern geben. O, wie vergnugt er seyn wird, wie er springen wird!

Er lauft freudig fort. Waldin geht ihm nach, ihn zu beobachten. Elisa mit freudigem Entzucken: Herrmann, dein Geist ruht auf ihm! Er wird einst edel seyn, wie Du, und ich werde einst noch in meinem Sohne Dich lieben!

Auf diese Art beschaftigte Elisa sich mit ihren Kindern; taglich wuchs ihre Zartlichkeit gegen sie, und vorzuglich gegen Herrmann. Carl besuchte seine Aeltern alle Jahre, und jedesmahl vermehrten sich Elisa's Besorgnisse um ihn. Zwar besass er innere Gute; allein sein Charakter blieb schwankend. Er liebte das Gute, und liess zum Bosen sich hinreissen; seine Leidenschaften waren heftig, und sein Verstand trage, unfahig zum ernsten Denken, unfahig, jene unter die Herrschaft der Vernunft zu bringen. Oft erneuerte Elisa die Versuche, Wallenheim zu bewegen, Carln wieder in ihr Haus zuruckzunehmen; allein jedesmahl erhielt sie eine abschlagliche Antwort. Sie trauerte im Stillen daruber, ohne weiter ihrem Gatten Vorwurfe zu machen. Doch noch einen empfindlichern Schmerz bereitete ihr Wallenheim. Einst als er einen grossen Verlust im Spiele erlitten hatte, beredete ihn einer seiner Freunde, ihn zur Redoute zu begleiten, um sich zu zerstreuen. Gleichgultig, wohin er seine Schritte wendet, missmuthig und murrisch folget er seinem Freunde, und setzt auf der Redoute sich gedankenvoll in einen Winkel; eine weibliche Stimme weckt ihn aus seinem Nachdenken: Gehen Sie, liebe Wilhelmine, hohlen Sie mich hier wieder ab, ich bin so mude, dass ich hier einige Augenblicke ruhen will! Dieses waren die Worte, welche an seiner Seite erschallten; er wendet sich um, und erblickt neben sich eine weibliche Figur, welche in diesem Augenblicke die Maske abnimmt, und dadurch Wallenheim auf einige Augenblicke stutzen macht. Noch nie hatte Schonheit auf ihn Eindruck gemacht; allein Rosalie war eins von den Geschopfen, auf welche die Natur ihre liebsten Zuge druckte: sanfter Zauber war ihr Blick, Liebe lachelte um ihren Mund, Grazie war in jeder ihrer Bewegungen; ein schwarzer Mantel schlang sich in weiten Falten um ihren schlanken Leib, ohne die Schonheiten ihres Korpers zu verhullen; durch ihn sahe man den schonsten Busen sich bewegen, auf welchem sanft ihre braunen Locken spielten. Kaum sass sie, so wendete sie sich zu Wallenheim; ihre Unterhaltung war angenehm, sie schwatzte den Missmuth aus seiner Seele; er vergass seinen Verlust, und er fuhlte, dass er dieses Vergessen seiner schonen Nachbarinn zu verdanken hatte. Bald vergass er jeden andern Gegenstand, und in dem ganzen Zirkel erblickte er nur die schone Rosalie; sie bot alle Kunste der feinsten Coquetterie auf, ihn immer mehr an sich zu ziehen; schon berauscht er sich in ihren Blicken, schon zittert Wollust in seinen Adern, als er seinen Arm um ihren halbentblossten Korper schlingt. So fuhrt ihn Rosalie weg in ihre Wohnung; hier lasst sie ihn nicht geniessen, sie giebt ihm aber den Vorschmack von dem, was Genuss ihm gewahren wurde; sie erregt sein Verlangen, reizt seine Begierden, und windet sich dann aus seinen Armen. Er muss sie verlassen, ohne dass einmahl seine Hand auf ihrem klopfenden Busen geruhet habe, und doch zitternd vor Verlangen nach ihrem Besitze. Er kehrte am andern Tage zu ihr zuruck, und mit starken Zugen lasst ihn Rosalie aus dem Becher der Freude und der Wollust trinken; doch lasst sie ihn denselben nicht ausleeren. Immer weiss sie den Freuden, welche in ihre Arme ihn locken, einen neuen Reiz zu geben, bis dass sie um ihn die Kette der Liebe und Wollust geschlungen hat, aus welcher er sich nicht mehr winden kann. Rosalie beherrscht ihn nun ganz; grosse Summen empfangt sie von ihm, die sie wieder verschwendet; Pracht und Ueberfluss muss in ihrem Hause herrschen, und jedem ihrer Wunsche bestrebt sich Wallenheim zuvorzukommen. Schon sechs Monathe dauerte seine Leidenschaft zu Rosalien, und Elisa ahndete nichts von der Untreue ihres Gatten, als er einst nach Wallenthal gereiset war, und bey seiner Zuruckkunft seinen Bedienten vorausschickte, welcher Elisan sagte, dass er seinen Herrn am Thore verlassen habe, welcher ihm unverzuglich folgen wurde. Elisa wollte die Ankunft ihres Gatten erwarten, und nicht eher zu Bette gehen; allein schon war Ludwig, (Wallenheims Bedienter) eine Stunde zuruck, und Wallenheim kam noch nicht. Elisa liess Ludwig noch einmahl kommen; im angstlichen Tone sagte sie zu ihm: Ludwig, mein Mann kommt ja nicht? Wenn ihm nur kein Unfall begegnet ist?

L u d w i g . Ihr Gnaden, er war dicht am Thore, es kann ihm unmoglich mehr etwas zugestossen seyn.

E l i s a . O, es muss doch seyn! Warum wurde er aussen bleiben? Er war ja diesen Abend nicht versagt? Und er selbst sagte mir, dass er ihm gesagt habe, er wurde gleich ihm folgen! Gott! wenn er nur nicht gesturzt ist, es ist so dunkel! ...

L u d w i g . Ich bitte um Verzeihung, Ihr Gnaden, es ist heller Mondschein.

E l i s a . O, es ware doch moglich! Ich kann unmoglich langer ruhig seyn! Reite er wieder bis an den Ort hin, wo er ihn verlassen hat, Ludwig, ziehe er Erkundigungen von ihm ein, und bringe er mir bald Nachricht von ihm.

Ludwig erfullte ihren Befehl; allein er kam zuruck, ohne ihr eine befriedigende Antwort zu bringen, er hatte nichts von seinem Herrn gehort. Elisa's Unruhe stieg nun immer hoher. Sie lief alle Augenblicke an das Fenster, um ihn um so eher zu erblicken; allein der Wachter rief zwolfe, und Wallenheim kam nicht; er rief eins, und Wallenheim war noch nicht da. Endlich hort Elisa das Traben eines Pferdes: O, das ist er! ruft sie froh, und eilt hinaus. Er war es; doch wild und zerstort war seine Miene. Elisa empfangt ihn an der Treppe, und umarmt ihn freudig. O, Wallenheim, wie froh bin ich, dass ich Sie sehe! Ich dachte, ein Unfall ware Ihnen begegnet, ich konnte mir Ihr langes Aussenbleiben nicht erklaren!

W a l l e n h . (Kalt, erwiedert ihre Umarmung nicht.) Es ware naturlicher gewesen, wenn Sie geglaubt hatten, Einer meiner Bekannten ware mir begegnet, und ich hatte mit ihm diese Zeit zugebracht, wie denn dieses wirklich der Fall ist.

E l i s a . (Lachelnd.) O, wer kann immer der geschaftigen Einbildungskraft Einhalt thun, wenn Besorgnisse uber einen theuren Gegenstand in uns erregt sind!

W a l l e n h . (Im vorigen Tone) Es thut mir leid, dass Sie meinetwegen, und ohne Noth diese Besorgnisse gehabt haben. Ersparen Sie sich dieselben in der Zukunft! Ich liebe es ohne diess nicht, ausgespahet zu werden, und von jedem meiner Schritte Rechenschaft geben zu mussen.

Er wandte sich hierauf weg, und ging in sein Zimmer; auch Elisa ging in das Ihrige, und gab ihren Thranen ungehindert Lauf. Am andern Morgen erwachte sie fruh; sie hatte leise das Fenster geoffnet, und stand an demselben, die Morgenluft einzuathmen. An der einen Seite ihres Schlafgemachs war das Zimmer ihrer Kammerjungfer; auch dort waren die Fenster offen. Elisa hort Ludwig hineintreten. Friederike ruft ihm entgegen. Geh er sachte, Ludwig, die gnadige Frau schlaft noch, sie ist gestern Abend spat zu Bette gegangen.

L u d w . Unsere gute, gnadige Frau! Sie jammerte mich gestern recht! Wie bekummert sie war! O, hatte ich ihr nur die Augen offnen durfen! Doch aus Liebe zu ihr mochte ich es ihr nicht sagen.

F r i e d e r . Was meynt er, Ludwig?

L u d w . Sie wissen also nicht, Mamsell Friederike, was in der ganzen Nachbarschaft schon langst von unserm Herrn bekannt ist?

F r i e d e r . Ich habe wohl was sprechen horen, doch nichts Bestimmtes. Ich bekummere mich um dergleichen Geschwatze nicht; der gnadigen Frau darf ich von keinem Menschen, am wenigsten von unserm Herrn etwas erzahlen. Sie hat mir gleich gesagt, sie hasse das Klatschen, sie wolle mir alle meine Fehler verzeihen; allein merke sie diesen an mir, so entliesse sie mich ihrer Dienste.

L u d w . Die rechtschaffene Frau! Und eine solche Buhldirne muss ihr bey unserm Herrn den Rang ablaufen! Ich argere mich jedesmahl, wenn ich mit ihm zu ihr gehen, oder ihr die prachtigsten Sachen hintragen muss. Auch glaubte ich es gestern gleich, dass er bey ihr seyn wurde, und die Versicherung davon erhielt ich jetzt von ihrem Bedienten, der so eben einen Brief von ihr brachte.

F r i e d e r . So vornehm ist sie also?

L u d w . Durch unsern Herrn geworden. Allein ein gemeines Madchen war sie nicht. Sie heisst Mamsell Werner; sie ist eines Mahlers Tochter, und ist viel mit ihrem Vater gereist, der vor zwey Jahren gestorben ist, worauf sie diese Lebensart angefangen hat. Allein jetzt, glaube ich, gehort sie nur unserm Herrn allein, der sie stets seine schone Rosalie nennt, und bis zum Sterben in sie verliebt ist. Den geringsten ihrer Wunsche erfullt er, ihr Wille leitet seine Handlungen; in ihrem Hause ist es so prachtig, als in dem Unsrigen, und sie kleidet sich kostbarer, als unsere gnadige Frau. Ich weiss auch, dass er schon ein Paarmahl Geld geborgt hat, um es ihr zu schicken. Und Sie sollten sehen, welche Aufmerksamkeit er ihr bezeigt, welche Zartlichkeit er gegen sie hat! Als er neulich in Wallenthal gewesen war, stieg er auch bey ihr ab; ich folgte ihm, sie kam ihm entgegen, er schlug seinen Arm um sie, druckte sie lange an seine Brust, und sagte endlich: O, meine Rosalie, ich habe nicht gelebt die Tage, da ich Dich nicht gesehen habe! Schmeichler, antwortete sie, verlangst Du nun etwa doppelte Entschadigung? Ja, ja, sagte er, lass sie mich nur hier suchen! Bey diesen Worten griff er ihr in den Busen, und als fuhret der Brautigam zum Erstenmahle die Braut ins hochzeitliche Bette, so ging er mit ihr hinein. Doch schon ist sie, das ist wahr! Sie hat ein Paar schwarze Augen, so voll Feuer, und doch so voll Sanftmuth, einen so niedlichen Mund, so schones Haar, welches auf einem so weissen Nacken, und auf einem so schonen Busen, der nur immer halb bedeckt ist, spielt. Allein unsere gnadige Frau ist doch auch schon, mir kommt sie immer wie ein Engel vor; es geht Einem durchs Herz, wenn sie einen ansieht und anlachelt. Und unser Herr Wenn er nur noch der Buhldirne uberdrussig wurde! Allein er ist noch eben so vernarrt in sie, als er es vor sechs Monathen war.

Nicht ein Wort dieses Gesprachs blieb von Elisa'n ungehort; ihr selbst unbemerkt, rollten Thranen von ihren Wangen. Sie machte das Fenster wieder leise zu, um nicht gehort zu werden, und an demselben Tage schrieb sie folgenden Brief an Henrietten. "Meine Henriette!

Jahre verflossen mir in ruhiger Heiterkeit; glucklich in meinen Kindern, ahndete ich keinen andern Schmerz, als ihren Verlust. Noch gestern glaubte ich nicht, dass ich heute Thranen gekrankter Liebe vergiessen wurde Doch, was klage ich? O, Henriette! wir werden unbillig, wenn wir lange glucklich sind! Wir fordern dann, dass kein Wolkchen den heitern Himmel truben soll. Doch ich will es nicht seyn, ich will auch jetzt meine Empfindungen unterdrucken Henriette, Wallenheim liebt, liebt eine Buhlerinn, und diese ist jetzt seine Maitresse. Ein Zufall machte, dass ich heute eine Unterredung zwischen Friedriken und Ludwigen horte, welche mich hiervon unterrichtete. Ich gestehe Dir, Schmerz war meine erste Empfindung; ich vergoss einen Strom von Thranen. Zwolf Jahre eines traulichen Umgangs, zwolf Jahre durch Ein Interesse verbunden, zwolf Jahre er und die Beforderung seines Glucks und seiner Zufriedenheit der Gegenstand meiner Bemuhungen, und die Triebfeder meiner Handlungen, haben mir Wallenheim endlich theuer gemacht; ich liebe ihn jetzt, und es krankt mich, dass eine Andere seinem Herzen naher war als ich. Ich weinte lange O, Henriette, es waren bittere Thranen, welche ich vergoss. Seit langer Zeit wieder hatte mir Wallenheim oft ubel begegnet; allein ich hatte es fur eine seiner gewohnlichen Launen gehalten, und jede Empfindlichkeit daruber unterdruckt. Jetzt glaubte ich, dass seine Liebe ihm Abneigung gegen mich eingeflosst hatte, und dieser Gedanke war mir schrecklich! Ich wollte indess meine Thranen vor ihm verbergen, es war am Morgen, und wir fruhstucken stets zusammen, nachdem Wallenheim aufgestanden ist. Ich horte schon seine Stimme, er war gestern von Wallenthal zuruckgekommen, und erst spat in der Nacht zu Hause gekommen, weil er so lange bey seiner schonen Rosalie, (wie er sie nennt) gewesen war; ich hatte ihn erwartet, weil sein langes Aussenbleiben mich besorgt machte, und er hatte mir hieruber Vorwurfe gemacht. Ich erkannte, dass das Bewusstseyn seiner Schuld diese veranlasst hatte, und ich verzieh ihm. Nein, ich will ihn nicht von mir entfernen! sagte ich zu mir selbst, und suchte meine gewohnliche Heiterkeit wieder anzunehmen. Ich erwahnte des vorigen Tages nicht; ich unterhielt ihn, ich war lustig, er still und missmuthig; ich holte heute beym Fruhstucke unsere Kinder, er sahe sie und mich mit Ruhrung, an, er kusste sie herzlich, und kusste auch mich beym Weggehen. Noch hasst er mich nicht, sagte ich mir, und nun prufte ich mich, ob ich etwa nachlassig in dem Bestreben, ihm zu gefallen, gewesen ware? Ich konnte mir nichts vorwerfen; allein ich kann unwissentlich gefehlt haben. Das Madchen soll schon seyn, Wallenheim kannte die Liebe noch nicht, Verlangen hatte ihn nie in meine Arme gefuhrt, Wollust konnte ich ihm nicht mittheilen; denn ich empfand sie nicht in den seinigen. Und vielleicht ist dieses alles nur eine vorubergehende Leidenschaft, ein Rausch der Wollust, der wieder aufhoren wird. Dem sey wie ihm wolle, ich bin entschlossen, die grosste Aufmerksamkeit auf mich zu haben, um mein Betragen gegen ihn nicht zu verandern. Ich werde ihm nie uber seine Neigung etwas sagen, er soll nie mich murrisch oder verdriesslich sehen; durch mich soll er in keiner seiner Handlungen, in keinem seiner Schritte eingeschrankt werden; nie will ich als Ausspaherinn vor ihm erscheinen, und kein Blick, kein Wort, keine Bewegung soll mich verrathen, dass ich das Geheimniss seines Herzens weiss. Vor einem Jeden will ich dieses verbergen. Ich will weiter nicht nachforschen, ich will nichts mehr zu erfahren suchen. Die Empfindungen sind unwillkuhrlich, und wehe dem Weibe, welches durch Zwang den Gatten erhalten will! Nein, Wallenheim! Ich werde Dir keine Fesseln anlegen! Die der Liebe banden uns nicht, so wollte es das Geschick! Auch glaubte ich immer, Henriette, dass der Mann nie fuhlen musste, dass er als Gatte weniger frey ist; die Ehe muss nicht das Grab seiner Vergnugungen seyn. Die Manner werden durch Coquetterie, durch den Reitz der Neuheit zu den Weibern hingezogen, und das Weib muss durch Annehmlichkeit, durch eine bestandige Aufmerksamkeit, dem Gatten zu gefallen, jene Eindrucke zu schwachen suchen, welche Andere zuweilen auf ihn machen. Sie darf nicht Bestandigkeit von ihm erwarten, sie muss ihn nicht einschranken, sie muss ihn glucklich machen, und er wird sie immer lieben. Dieses war mein Bestreben, seit dem Augenblicke, da ich Wallenheims Gattinn wurde; ich verdoppelte es, als mir Wallenheim theuer wurde; allein Wallenheim liebt mich nicht O, gewiss, ohne Eifersucht hatte ich ihn unbestandig gesehen, ich ertrug seine Gleichgultigkeit; aber dass ein anderes Weib sein Zutrauen, seine Liebe besitzt, dass ich ihm jetzt weniger bin, als ihm seine Buhlerinn ist O, Henriette! dieses schmerzt mich; denn gern hatte ich seine Liebe verdienen mogen! Allein Vorwurfe werde ich ihm nie machen. Nein, mit jedem Morgen will ich mir zurufen: Durch Liebe musst du ihn wieder zu gewinnen suchen! und gewiss, nicht Langeweile, nicht Unzufriedenheit uber mich, soll ihn Rosalien suchen lassen! Ich fuhle mich jetzt ruhiger, da ich mein Betragen gegen ihn bestimmt habe; ich suche Wallenheims Gluck, und ich bin froh, dass ich zum wenigsten nichts thue, es zu zerstoren. Ich fuhle, dass ich seine Liebe verdient hatte, und dieses Gefuhl giebt mir noch Zufriedenheit, selbst wenn ich Thranen vergiesse. Doch, Henriette, ich habe noch mehr Besorgnisse: Ich furchte, Rosalie kostet Wallenheim viel, und ich muthmasse, dass er seit kurzem grosse Summen im Spiele verlohren hat. Ich weiss, dass seine Angelegenheiten in grosser Unordnung sind; ich habe auch schon mit ihm deshalb gesprochen; allein er antwortet mir: Ich sollte mich nicht darum bekummern, er wusste schon, wie es mit seinen Sachen stande, und er wusste auch, welche Maassregeln er ergreifen musste. Ich habe geschwiegen, ich sage nun nichts mehr; allein ich will mich noch mehr einschranken, ich will meine Ausgaben berechnen, es werden noch viele seyn, welche nicht nothwendig sind; diese will ich ausstreichen. Wallenheim und meine Kinder sollen in ihren Vergnugungen nicht eingeschrankt, die Unglucklichen nicht meiner Hulfe beraubt werden; dieses verbietet mir Menschenpflicht, und mein Herz wurde sich dagegen strauben; allein mir will ich Alles entziehen, was nicht unbedingte Nothwendigkeit fordert. O, Henriette, ich fuhle, dass ich eine hohere Wollust empfinden werde, wenn ich dem Nothleidenden die Summe geben werde, welche fur meine Gemachlichkeit, fur mein Vergnugen bestimmt war Nein, ich darf nicht sagen, dass ich ein Opfer thue, ein hoheres Gluck bereite ich mir!

Nun ist es schon ein Jahr, meine Henriette, dass ich Dich nicht gesehen habe! Sehnlich wunschte ich einmahl wieder nach Wallenthal reisen zu konnen; allein ich darf es jetzt wohl nicht hoffen. Es sind vier Wochen, dass ich Wallenheim mein Verlangen ausserte; allein er antwortete mir, dass seine Geschafte ihm nicht erlauben wurden, diesen Sommer einige Wochen von B ... abwesend zu seyn. Er will sich nicht von Rosalien trennen, und ich will nicht ohne ihn hinreisen; heftiger wurde sonst seine Liebe zu ihr, da nichts ihr das Gegengewicht halten wurde; allein ich will alle meine Bemuhungen anwenden, ihn zu bewegen, mit mir nach Wallenthal zu reisen. Sein Aufenthalt dort wurde ihn vielleicht eher zu mir zuruckbringen. Abwesenheit wurde ihr Bild schwachen, landliche Stille seine von Leidenschaft berauschte Seele wieder in Ruhe einwiegen, und die naturlichen Empfindungen der Gatten-und Vaterliebe, im Schoosse der Natur, vielleicht starker wieder erregt werden. O, ich kann noch nicht die Hoffnung aufgeben, einmahl wieder seine Liebe zu gewinnen! Noch sind ihm seine Kinder nicht gleichgultig, Herrmann wird ihm taglich theurer. O, Henriette, wenn Du den Knaben siehest, wirst Du Dich mit mir uber ihn freuen! Der Keim jeder Tugend scheint in des Knabens Seele zu seyn. Taglich ruft er mir Birkensteins Bild zuruck; wie die seinige, ist seine Stirne offen; edel, wie der seinige, ist sein Blick, und schon sehe ich mannliches Feuer in seinen Augen funkeln. Doch auch meine Henriette wird ein liebenswurdiges Geschopf; sie ist so sanft, so gehorsam, so fleissig, so aufmerksam, meinen Willen zu erfullen; ihre kleine Seele findet schon ein Wohlgefallen darinn, Andern Freuden zu schaffen; sie fuhlt schon Anderer Leiden, und ist die Trosterinn unserer Leute. Wenn Herrmanns Wildheit ihn zu Fehlern verleitet, so entschuldiget sie sie, und verbirgt sie vor uns. O, Henriette! ich darf hoffen, dass ihre Seele einst mit der meinigen ubereinstimmen wird! Wenn ich nicht eine gluckliche Gattinn bin, so werde ich doch vielleicht eine gluckliche Mutter werden! Und welches Recht habe ich denn, alle die Gluckseeligkeiten zu besitzen, welche einzeln unter uns Erdenkindern vertheilt sind? Nein, ich will jedes Leiden willig ertragen, und dankbar jedes Guten mich freuen, welches mir zu Theile wird! O, mir ward ja so viel! Ich kenne ja, von meiner Kindheit an, die susse Empfindung der Freundschaft! Noch heute habe Dank dafur, meine Henriette; denn noch heute empfand ich recht lebhaft, wie suss, wie beruhigend es ist, in dem Busen der Freundschaft alle Empfindungen der Freude und des Kummers ausschutten zu konnen!" An eben dem Tage, als Henriette diesen Brief empfieng, erhielt Felsing folgenden von Wallenheim: "Ich soll Dir schreiben, Felsing? Du beschwerst Dich, dass Du nichts mehr von mir hortest? Ich lasse Deine Briefe unbeantwortet, ich reise nach Wallenthal, und komme nicht zu Dir? Alles wahr! Doch, Felsing, ich kann mich jetzt nicht mit mir selbst beschaftigen, viel weniger mit Gegenstanden ausser mir! Ich kann nicht denken, Alles ist Leidenschaft in mir! Ich lebe nur in dem Anschauen, in den Umarmungen eines Weibes, und bin wuthend, wenn ich an ihrem Busen mich gesattigt habe! Ich rase uber meine Leidenschaft, und bin nur glucklich in ihrer Befriedigung! Ich verehre mein Weib, und hasse sie wegen ihrer Vollkommenheit! In diesem Zustande, was soll ich Dir sagen, Felsing? Unwiderstehlich hingezogen zu Rosalien, zu dem schonsten Weibe, das ich je sahe, mache ich mir unaufhorlich Vorwurfe, dass ich die Vortrefflichste aller Weiber hintergehe! Ihr, die ihr Leben anwendet, mich vergnugt und glucklich zu machen, lohne ich mit Untreue und Undank, und doch kann, doch mag ich Rosalien nicht entsagen! Seit ich sie kenne, weiss ich, was Liebe ist! Ein ungluckliches Verhangniss wollte, dass ich mein Weib nie lieben konnte, ob sie gleich so schon, so liebevoll ist. Ich bewundere sie; ich kann sagen, ich verehre sie wie eine Gottheit; denn wer kann sie taglich sehen, taglich ihre Handlungen beobachten, und nicht glauben, die Tugend sey herabgestiegen, und habe ihre Gestalt angenommen, und doch Ja, Felsing, mein Leben opferte ich Elisa'n auf; allein mit Rosalien mochte ich es zubringen, an ihrer Seite mochte ich meine Tage verleben Solltest Du sie kennen, diese Rosalie, solltest Du nur einmal ihre Zauberkraft empfinden! Doch, ich spreche wie ein Jungling Elisa's Umgang hatte mein Herz zu weichen Gefuhlen gestimmt; ich hatte jene vorige Rauhigkeit verlohren; ich war fahig zu lieben In diesem Zustande fand ich einst an meiner Seite ein Weib das Meisterstuck der Natur! Ihre Stimme war Gesang ich war schwermuthig, sie schwatzte den Missmuth aus meiner Seele mein Herz offnete sich neuen Gefuhlen ich umschlang sie, ihr Hauch war Liebe, und mein ganzes Wesen ward es nun! Sechs Monathe sind es jetzt schon, dass ich in Rosaliens Besitze glucklich und unglucklich bin! Bey ihr bin ich glucklich, ich vergesse alles Uebrige, ich lebe nur in ihr, ich empfinde nur durch sie! Allein kehre ich zu Elisa'n zuruck, dann liegt das Bewusstseyn meiner Schuld schwer auf mir. Wenn sie mit ihrer himmlischen Sanftmuth mich empfangt, wenn sie lachelnd mir meine Kinder zufuhrt, wenn munterer Scherz von ihren Lippen stromt, der, als ich noch nichts liebte, so oft mich erheiterte O, Felsing! dann ist es, als wenn eine Stimme mir zurief: Du bist ein Unmensch! Ich werde wuthend, und lasse gegen Elisa'n den Zorn uber mich selbst aus! Ihre Liebkosungen erwiedere ich mit Kalte, ihre Sanftmuth mit Unwillen. Noch diese Nacht O, wie habe ich das arme Weib gekrankt! Ich war in Wallenthal gewesen, und flog zuruck in Rosaliens Arme. Zwey Tage hatte ich sie nicht gesehen, zwey Tage nicht an ihrem Busen geruhet, heiss war mein Empfang, zartlich der Ihrige; ich schwelgte an ihrer Seite die halbe Nacht hindurch; noch berauscht von ihren Kussen, riss ich mich von ihr los, und ritt nach Hause. Mein Weib empfieng mich; dieses war ein Donnerschlag fur mich; ich glaubte, sie stande da, mir mein Gluck vorzuwerfen, und ich begegnete ihr hart Wie gewohnlich, machte sie mir keine Vorwurfe, und klagte nicht; allein Kummer war heute uber allen ihren Zugen verbreitet, ob sie gleich sich bestrebte, heiter zu seyn. Sollte sie die Ursache meines Aussenbleibens erfahren haben? Dieses beunruhiget mich, Felsing. O, durch mich wurde Elisa aller Freuden der Jugend und der Liebe beraubt; ich bestreuete den Pfad ihres Lebens mit Dornen! Muss ich nun noch durch Untreue ihre ubrigen Tage verbittern? Dieses waren meine Betrachtungen, als ich sie heute sahe, Felsing, und ich war sehr geruhrt. Gewiss, ich werde es nicht bemerken konnen, ob sie meine Liebe zu Rosalien weiss, denn ich bin uberzeugt, ihr Betragen gegen mich wird unverandert bleiben. Noch nie sprach ihr Mund gegen mich einen Vorwurf aus, und diese himmlische Sanftmuth, diese bestandige Aufmerksamkeit, mir zu gefallen, und jedes Missvergnugen von mir zu entfernen, macht mich jetzt noch unglucklicher; denn es vergrossert meine Schuld. Jetzt denke ich oft: warum konnte ich doch nicht Elisa'n lieben, wie ich Rosalien liebe? Wie glucklich ware ich gewesen! Letzt kam ich einmahl an einem Morgen von Rosalien, ich hatte die Nacht in ihren Armen geruhet, ich hatte auf ihrem Busen gespielt ganz hatte ich den Becher der Liebe und Wollust geleert, den die schonste Tochter der Freude mir dargeboten hatte. Die Vorstellung genossener Freuden umschwebte mich noch, als ich zuruckkam; in ihnen verloren und zerstreut, offnete ich das Schlafzimmer meiner Frau, statt der Thur des meinigen Ich weiss nicht, welche Wirkung in diesem Augenblick ihr Anblick auf mich machte Die Vorhange ihres Bettes waren zuruckgeschlagen, ihre Hand war entblosst, ihr Busentuch hatte sich geoffnet sie schien mir so schon ich naherte mich ihr ihr Hauch war so leise, ihre Miene so ruhig, so heiter; selbst schlafend lachelte ihr Mund, ihr Busen hob sich so sanft sie schien mir das Bild der Unschuld Ich weiss nicht, welche Gefuhle sich in mir drangten Ich fiel vor ihr nieder Ach, ich hatte sie oft in meinen Armen gehabt, und hatte nichts empfunden! Zum Erstenmale erkannte ich, welcher Freuden ich hatte geniessen konnen! In der That, vor meiner Bekanntschaft mit Rosalien, war mir mein Weib seit einiger Zeit theuer geworden, und ich glaube, auch sie fing an mich zu lieben; denn heisser wurden ihre Kusse, und immer druckte ich sie oft an meine Brust; allein ein Kuss von Rosalien machte mich kalt gegen Elisa's Umarmungen. O, Felsing, hatte ich doch Elisa'n schon lange vor meiner Verheyrathung gekannt, hatte sie mich doch da schon empfinden lehren konnen! Ich hatte erkannt, welche Seligkeit es seyn musste, von einem solchen Weibe geliebt zu werden! Jetzt ist diese Erkenntniss zu spat, sie macht mich missmuthig, oft wuthend! Ich mag dem Gedanken nicht nachhangen, und doch drangt er sich oft mir unwillkuhrlich auf! Vorzuglich wenn ich von Rosalien komme, und dort glucklich gewesen bin, und dann wider meinen Willen die stillen Tugenden meines Weibes verehren muss. Darum meide ich jetzt ihren Anblick, und bin missmuthig, wenn ich bey ihr bin, und nur selten gelingt es ihr jetzt, mich aufzuheitern; ich fliehe dann zu Rosalien, in ihren Armen liegt Vergessenheit meiner Sorgen. Ich habe jetzt noch mehrere, diese wird Elisa mit mir theilen Lebe wohl, Felsing! Fast mochte ich errothen, wie ein Knabe, dass ich Dich nur von Weibern unterhalten habe. Als ich ein Jungling war, erwahnte ich ihrer nicht, und jetzt Doch ich mochte den Mann sehen, der Elisa'n nicht bewundern, und Rosalien nicht lieben wurde!

P. S. Zeige diesen Brief nicht Deiner Gattinn."

Ihrem Vorsatze treu, anderte Elisa nicht ihr Betragen gegen ihren Gatten. Gleich blieb ihre Liebe, ihre Gefalligkeit, ihre Geduld. Selbst ihre Traurigkeit verbarg sie vor ihm. Oft prufte sie sich, ob auch ihr Betragen noch untadelhaft ware, und ermunterte sich zur Ausubung ihrer Pflichten gegen ihren Gatten. Noch bereitwilliger verzieh sie ihm jetzt Aeusserungen des Zorns oder des Missmuths; denn sie schrieb sie seiner Leidenschaft zu Rosalien zu. So verflossen noch sechs Monate, als an einem Morgen, da Wallenheim abwesend war, ein Madchen einen Brief an ihn brachte, und ihn Elisa'n, welche ihr begegnete, mit den Worten gab: Der Herr mochte ihn doch ja gleich erbrechen; denn er ware von der aussersten Wichtigkeit. Schnell lief das Madchen wieder weg, ohne dass Elisa sie fragen konnte, von wem der Brief ware. Elisa, welche sich nie erlaubte, offene Briefe, welche ihr Gatte in ihrem Zimmer vergass, zu lesen, stand unschlussig da, ob sie diesen Brief eroffnen sollte. Wallenheim war nach Wallenthal gereist; er hatte ihr nicht gesagt, wenn er zuruckkommen wurde, und vielleicht betraf dieser Brief eine Sache, welche keinen Aufschub litt. Wenn er vielleicht gar von einem Glaubiger ware, sprach Elisa zu sich selbst, und ich konnte Wallenheim eine Unannehmlichkeit ersparen? Diese Betrachtung bewog sie, das Siegel zu erbrechen; sie las folgenden Inhalt: "Eilen Sie zu meiner Rettung, Wallenheim! Zwar muss ich mich schuldig erkennen; Ich habe meinem unglucklichen Hange zur Verschwendung nicht genug widerstanden! Aber Mann Warum warest Du auch so koniglich in Deinen Geschenken, als Du in Deiner Liebe zartlich bist? O, Du verwohntest mich! Meine Bucher- und Gemahldesammlung, welche ich vor einigen Monaten kaufte, ist noch nicht bezahlt, ich borgte das Geld dazu; ich wollte die Summe von Ihnen nicht fordern, da Sie mich mit Geschenken uberhaufen, und ich glaubte, sie nach und nach abtragen zu konnen. Im Taumel der Freuden, die Deine Liebe mir schafft, vergass ich, dass ich Schuldnerinn war. Ich konnte und wollte den hundert Kleinigkeiten nicht entsagen, wodurch ich Dir gefalle, und welche nur ihren Werth durch Deinen Beyfall erhalten; ich konnte meine Vergnugungen nicht einschranken; denn sie sind die Deinigen, und Wallenheim, die Bedingung war, dass ich nach drey Monathen den vierten Theil meiner Schuld bezahlen sollte. Viere sind verflossen, ich habe noch nichts bezahlt. Mein Glaubiger fordert nun die ganze Summe, es sind 3000 Thaler; er drohet mir mit Gesangnissstrafe, wenn ich sie nicht in dreyen Tagen schaffe. Der vorige Besitzer meiner Bucher- und Gemahldesammlung ist nicht mehr hier; er wurde sie vielleicht wieder annehmen, und einen andern Kaufer finde ich nicht so bald. Konnte ich auch die Gemahlde verkaufen, Wallenheim, vor welchen Du und ich so oft Arm in Arm geschlungen standen, und .... O welche Erinnerungen erwachen da in meiner Seele! In diesem Augenblicke sitze ich vor dem Gemahlde des .... wie er mit zauberischen Zugen die Gottinn der Liebe schildert, als sie den Trojanischen Konigssohn bewog, ihr der Schonheit Preiss zu geben. Ach Du verglichest einst meine Gestalt mit der Ihrigen, da sank ich, von sussen Gefuhlen uberwaltigt, in Deine Arme; mir schwand jedes Bewusstseyn, ich fuhlte nur noch Deine zitternden Lippen auf meinem Busen, ich warf noch einen Blick auf die Gottinn, ich fuhlte Dein Herz an dem meinigen schlagen, und ..... Doch wohin leitet mich meine Phantasie? Sie sollte mir einen Kerker zeigen, wenn Wallenheim mich verlasst! Schon habe ich Dich gestern den ganzen Tag nicht gesehen; dieses erfullte mich schon mit Bangigkeit. Sollte mein Gluck nur so kurze Zeit gedauert haben? Schon wieder einen Brief von meinem Peiniger: in einigen Stunden will er mir einen Polizeydiener schicken O, Wallenheim! komm zu mir! Der Anblick wird Deine Rosalie wieder beruhigen!" Besturzt stand Elisa nach Lesung des Briefes. Thranen rollten von ihren Wangen. Wie zartlich wird sie geliebt! sprach sie. Sie machte den Brief wieder zu, und legte ihn in Wallenheims Zimmer. Er soll ihn erhalten, sprach sie, nachdem Rosalie schon wird gerettet seyn. Elisa furchtete, dass Wallenheim nicht mehr die Summe besitzen mochte, welche Rosalie verlangte; sie wusste aber auch, dass er sie ihr dennoch schaffen wurde, und sie besorgte, dass er in Schulden gerathen mochte. Sie beschloss also, ihre Juwelen zu verkaufen, deren Werth sich auf drey tausend Thaler belief; denn von ihrem Vermogen konnte sie an baarem Gelde diese Summe nicht sobald erhalten; auch wollte sie sie nicht aufnehmen. Ich darf die Juwelen zu meinem Gebrauche bestimmen; sie sind ein Zierrath, den ich entbehren kann; durch sie entreisse ich Wallenheim einer Verlegenheit, und verhindere, dass er noch eine grossere Summe verliert. Dieses waren in diesem Augenblicke Elisa's Betrachtungen. Sie nahm die Juwelen, und fuhr zu zwey Juwelierern. Beyde schatzten ihren Werth auf 3000 Thaler; allein baares Geld konnten sie ihr sogleich nicht geben, und Elisa wollte, dass Rosalie die Summe vor Wallenheims Zuruckkunft erhalten sollte. Allein Wallenheim war an demselben Morgen von Wallenthal zuruck, und bey Rosalien angekommen, als diese eben den Brief an ihn weggesandt hatte. Beyde befanden sich in grosser Verlegenheit. Wallenheim gestand Rosalien, dass er genorhiget ware, die Summe aufzunehmen, und dass seine Angelegenheiten jetzt in der grossten Unordnung waren, und Rosalie machte sich heimlich Vorwurfe, dass sie die Schuld dieser Zerruttung seiner Vermogensumstande ware; denn sie hatte einen ansehnlichen Theil desselben verschwendet. Diessmahl hatten Scherz und Freude sie verlassen; ihre Unterhaltung war ernst, und Unmuth las man auf ihren Gesichtern. Plotzlich erblickt Wallenheim seinen Wagen vor der Thur, und seine Frau in demselben.

W a l l e n h . (wird blass.) Himmel! da ist mein Weib! Was bedeutet das?

R o s a l i e . (erschrocken.) Ihre Frau? Ich zittere! Ihr ist gewiss der ungluckliche Brief in die Hande gerathen, den ich Ihnen am Morgen schrieb?

W a l l e n h . Wie! ware das moglich? sie eroffnet meine Briefe nie! Doch welche Absicht es auch sey, welche sie hierher leitet, sie kann nicht anders als gut seyn. Sie kennen das Weib nicht, alle ihre Handlungen sind die eines hohern Wesens.

In diesem Augenblicke kam ein Bedienter herein, und meldete Rosalien eine Unbekannte, welche sie bitten liess, ihr eine Unterredung einer halben Stunde zu gewahren.

R o s a l i e . Ich kann sie nicht annehmen!

W a l l e n h . Nehmen Sie sie an, Rosalie, ich bin Burge, dass Sie keine Beleidigungen zu befurchten haben, und ich wurde es auch zu rachen wissen!

R o s a l i e . (zum Bedienten.) Nun, so fuhre er die Dame in mein Zimmer! (Der Bediente geht hinaus) Aber wo bleiben Sie, Wallenheim?

W a l l e n h . Ich werde hier in dieses Kabinet gehen.

R o s a l i e . O, entfernen Sie sich nur nicht weiter! Gott! was wird das fur eine Unterredung seyn!

W a l l e n h . (kusst sie.) Werden Sie nicht muthlos, Rosalie, die Liebe wird Ihnen beystehen! Er ging hinaus, und Elisa trat in das Zimmer.

E l i s a . (Nachdem sie eine Verbeugung gemacht hat.) Verzeihen Sie, Mademoiselle, mein Besuch ist vielleicht unbescheiden, allein eine wichtige Angelegenheit fuhrt mich zu Ihnen.

R o s a l i e . (Verwirrt. Sie ist dieses wahrend der ganzen Unterredung.) Gnadige Frau, in der That kann ich nicht begreifen, wodurch ich die Ehre Ihres Besuchs erhalte, da ich nicht die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu seyn?

E l i s a . Ich fuhle es, ich bin zudringlich, ich muss um Ihre Nachsicht bitten! Der Titel einer Unbekannten, und meinen Namen kann ich Ihnen nicht entdekken, giebt mir keinen Anspruch, von Ihnen gehort zu werden, wenn Sie mir dieses nicht aus Gute gewahren.

R o s a l i e . Gnadige Frau, Sie setzen mich in Erstaunen

E l i s a . (Einfallend.) Ich werfe mir Ihre Verwirrung vor ... allein, (Sie ergreift ihre Hand.) konnen Sie einer Unbekannten eine Bitte gewahren?

R o s a l i e . Ich kann es nicht versprechen, wenn ich nicht ihren Inhalt weiss.

E l i s a . Mademoiselle, unwillkuhrlich, und durch einen Zufall, bin ich die Inhaberinn eines Ihrer Geheimnisse geworden. Werden Sie nicht unwillig daruber! Ich bin benachrichtiget worden, dass Sie dreytausend Thaler schuldig sind, und dass Sie diese gleich bezahlen sollen; ich wusste, dass Sie sie schleunig verlangten, und dieses bewog mich, Ihnen meine Juwelen anzubieten, deren Werth sich auf diese Summe belauft. (Sie zog bey diesen Worten das Kastchen mit den Juwelen aus ihrer Tasche.) Ich hoffe von Ihrer Grossmuth, dass Sie sie nicht ausschlagen werden. Ich kann sie entbehren; doch wollen Sie sie nicht annehmen, so betrachten Sie sie als eine Schuld, welche Sie abtragen konnen, sobald es Ihre Umstande erlauben. Nur eine Bitte wage ich hinzu zu setzen: sagen Sie keinem Menschen, auch dem Herrn von Wallenheim nicht, dass Sie diese Juwelen erhalten haben!

R o s a l i e . (besturzt.) Wissen Sie meine Verbindung mit Ihrem Gatten?

E l i s a . Er liebt Sie. Ich wunschte stets sein Gluck, o, mochte er es doch finden, selbst in den Armen einer Andern! Ich kann nur bedauern, dass ein ungluckliches Verhangniss es ihn fern von mir suchen liess, ohne ihm andere Fesseln anlegen zu wollen, als die der Liebe! (mit immer steigender Warme; sie ergreift Rosaliens Hand.) Werden Sie ihm also, was ich seinem Herzen nicht werden konnte, vergelten Sie ihm wieder Liebe, lassen Sie sie aber nicht bloss in sinnlichen Freuden bestehen, sondern lehren Sie ihn auch das Gluck kennen, welches zwey Wesen in der Uebereinstimmung ihrer Seelen finden; dass er mit Entzucken fuhlen mag, dass ein Wesen mit ihm verbunden ist, welches jedes Gefuhl mit ihm theilt; dass er in dieser Empfindung jede Zufriedenheit, jede Freude des Lebens finden mag! O, darum seyn Sie ihm Geliebte und Freundinn! (stockend.) Aber entziehen Sie ihn nicht ganz einer Gattinn, die ihn liebt, und die ihre Ruhe der seinigen aufopfern will (mit erstickten Thranen.) Entziehen Sie meinen Kindern nicht ihren Vater: dann soll Ihnen in der Stunde meines Todes meine Dank noch werden!

(Sie will das Zimmer verlassen, Wallenheim eilt aus dem Kabinet, und wirft sich zu ihren Fussen.)

W a l l e n h . Elisa! edles, grossmuthiges Weib!

E l i s a . (besturzt, nach einer Pause.) Wallenheim, Sie hier? Und in welcher Stellung? O, stehen Sie auf!

W a l l e n h . (immer zu ihren Fussen,) Ich will Ihre Verzeihung erflehen! O, Elisa! mein Herz ist nicht ganz ohne Gefuhl! Ich kann den Adel Ihrer Seele empfinden, und in diesem Augenblicke fuhle ich keinen andern Schmerz, als dass ich Ihnen keine so erhabene, so uneigennutzige Liebe erwiedern kann, und dass Sie diesen Mangel empfinden werden!

E l i s a . (geruhrt, umarmt ihn, und hebt ihn auf.) Wallenheim, Sie werden mir stets so theuer seyn, als jetzt, und kann ich einst Ihre Liebe erhalten, so wird diese mich zum glucklichsten Weibe machen!

(Thranen glanzen in Wallenheims Auge, er kusst mit Inbrunst Elisa's Hand.)

R o s a l i e . (nahert sich Elisa'n.) Gnadige Frau, mit dem Bewusstseyn meiner Schuld hatte ich vom ersten Augenblicke an nicht Ihren Anblick ertragen konnen, wenn Ihre holdselige Gute mir nicht Muth eingeflosst hatte. Ich flehe nicht um Ihre Verzeihung, es ist unter Ihrer grossen Seele, solche zu ertheilen, Sie konnten nicht zurnen. Ich habe die Tugend in ihrer ganzen Grosse gesehen, und in ihr meine eigne Niedrigkeit erblickt. Mich wieder uber mich selbst erheben, und die Wollust fliehen, soll von heute an das Bestreben meines Lebens werden. Ich verlasse morgen B .... Nehmen Sie aber Ihre Juwelen zuruck, gnadige Frau, Sie sehen, dass, wenn ich alle diese Sachen verkaufe, die nur Bedurfnisse des Luxus sind, und mir unnothig werden, ich meine Schuld bezahlen kann. Ich opfere diese Sachen auch nur meinem eignen Stolze; denn sie wurden mir unaufhorlich zurufen: Wir sind der Lohn deiner Schande!

E l i s a . Wohl Ihnen, Rosalie, Ihre Seele ist unverdorben geblieben! Sie war von der Natur zur Tugend bestimmt; nur jugendlicher Leichtann und Uebereilung konnten Sie auf Abwege fuhren. Es ist schon, in der Bluthe der Jugend und Schonheit, von ihnen zuruckzukommen! Allein, (sie ergreift Rosaliens Hand.) Sie sollen der Tugend nicht Ihre Gemachlichkeit opfern, Ihre Ruckkehr zu ihr soll Ihnen durch Entbehrung des Angenehmen nicht schmerzhaft werden, Sie sollen nicht in Mangel gerathen; Ihre Phantasie konnte Ihnen sonst Ihre vorige Lage mit verschonerten Farben wieder vorstellen, und sie Sie zuruckwunschen lassen. Sie sollen empfinden, dass man im Schoosse der Tugend jedes Gute doppelt geniesst. Behalten Sie also von Ihren Sachen, was Nothwendigkeit Ihnen nicht heischt, zu verkaufen, und (sie wendet sich gegen Wallenheim.) Wallenheim, Sie erlauben mir doch, Rosalien meine Juwelen, als ein Geschenk anzubieten?

W a l l e n h . Sie allein konnen nur uber alles, was Sie besitzen, gebieten, und ich kann nur Sie bewundern!

E l i s a . (Errothet, und mit dem ganzen Ausdruck der Liebe blickt sie auf Wallenheim, zu Rosalien.) Um der Tugend willen also, schone Rosalie, nehmen Sie mein Geschenk an!

R o s a l i e . O, gnadige Frau! wollen Sie denn nur

allein so grossmuthig seyn?

E l i s a . Rosalie, in Ihrer gegenwartigen Lage ist

es eben so grossmuthig mein Geschenk anzunehmen.

R o s a l i e . Ich sehe es, es ware Beleidigung, Sie

glauben zu lassen, ich hatte Sie missverstanden! (Sie nimmt die Juwelen, und fuhrt Elisa'n in ihr Kabinet vor ein Gemahlde, auf welchem die Tugend geschildert ist, welche dem Titus eine Krone reicht, auf welcher die Worte stehn: I c h m a c h e u n s t e r b l i c h .)

Alles, was Sie hier sehen, nehme ich als ein Ge

schenk von Ihnen an; aber von Allem soll dieses mir das Theuerste seyn. Ich werde es ansehen, als hatten Sie es mir gegeben, um mich zur Tugend zu ermuntern. Es soll gerade uber meinem Bette hangen, und an jedem Morgen wird es bey meinem Erwachen das Erste seyn, was ich erblicken werde: ich werde in der Tugend Ihre Zuge zu erkennen glauben, und mich dann erinnern, dass ich Ihnen gelobte, zu ihr zuruckzukehren.

E l i s a . Welche feine Zuge des Schonen liegen in

Ihrer Seele, Rosalie! sie sind Ihrer aussern Bildung gleich. Seyn Sie unverzagt; einmahl zur Tugend zuruckgekehrt, werden Sie ihre Anhangerinn bleiben; da Sie sie jetzt schon verehren, werden Sie sie lieben, wenn Sie sie naher kennen werden! (Sie umarmt sie.) Leben Sie wohl! Meine besten Wunsche werden Sie begleiten.

Elisa verliess nun das Zimmer. Wallenheim ergriff Rosaliens Hand, druckte sie an seine Lippen, und rief; Leben Sie wohl, Rosalie! Nach meiner Gattinn werden Sie mir stets unter allen Weibern das Liebste seyn! Rosalie sprach nicht, sie vergoss Thranen, Thranen des Danks, der Bewunderung, der Reue und der Demuthigung. Wallenheim folgte seiner Gattinn sprachlos sass er an ihrer Seite, Vorwurfe waren in ihm erwacht, er trauerte, dass er der Nachsicht seiner Gattinn bedurfte, und dieses Gefuhl demuthigte ihn, und machte ihn niedergeschlagen. Elisa las es in seiner Seele, sie wollte jeden Schmerz von ihm entfernen, sie wollte ihn wieder mit sich selbst aussohnen. Sie suchte seine Aufmerksamkeit auf andere Gegenstande zu richten, sie bewies ihm so viel Liebe, so viel Achtung; in ihrem ganzen Wesen war eine ungezwungene Heiterkeit, sie bestrebte sich, ihm zu zeigen, dass sie glucklich sey. Er fuhlte das Edle ihres Betragens, er war geruhrt. So langten sie in ihrer Wohnung an. Wallenheim begleitete seine Gattinn in ihr Zimmer; hier druckte er sie in seine Arme, und in seinem Auge glanzte eine Thrane. Die sanfte, gefuhlvolle Elisa weinte Thranen des sussesten Gefuhls. O Wallenheim, sagte sie, indem sie ihren Kopf auf seine Schulter lehnte, wie glucklich werde ich nun seyn! Wallenheim vermochte nicht zu sprechen, er druckte nur ihre Hand, und sagte zu sich selbst: wie konnte ich doch das Weib nicht lieben? Nun kamen Henriette und Herrmann herein, und in diesem Augenblicke machte ihr Anblick Wallenheim seine Gattinn noch theurer.

W a l l e n h . (Zu seiner Gattinn, nachdem die Kinder wieder hinausgegangen sind.) Elisa, ich bedarf Ihre Nachsicht noch weit mehr! meine Vermogensumstande sind in der grossten Zerruttung, ich habe Schulden, ich habe Spekulationen gemacht, bey welchen ich ansehnliche Summen verlohren habe, ich furchte, mir bleibt nichts mehr ubrig.

E l i s a . Ich besitze ja noch mein ganzes Vermogen, theurer Wallenheim. Lassen Sie uns morgen Ihre Angelegenheiten untersuchen, ich werde Ihre Schulden bezahlen, und bleibt uns nicht viel ubrig, so wollen wir nach Wallenthal ziehen; unser Aufenthalt dort wird weniger kostbar seyn, als in B...

W a l l e n h . Elisa! Weib! Ich raubte Dir die Freuden Deiner Jugend. Ich streuete Gram auf den Pfad Deines Lebens; und nun soll ich Dich auch noch Deines Eigenthums berauben? Nun sollst Du in die Einsamkeit fliehen, mit dem Manne, den Da nicht lieben kannst? Nun sollst Du bussen fur meine Schuld?

E l i s a . Nicht doch, lieber Wallenheim! Das Vergangene ist nicht mehr. Ich hatte auch Freuden an Ihrer Seite. Wie oft waren wir froh, wenn unsere Kinder um uns spielten! Da unser Erstgebohrner zum Erstenmahle in meinem Schoosse ruhete, o, da umarmten Sie mich mit der innigen Zartlichkeit des Gattin und des Vaters! Seitdem wuchs meine Liebe zu Ihnen, und ich darf sagen Ihre Achtung zu mir und ich war glucklich. Ich war glucklich, wenn ich Ihren Beyfall, glucklich, wenn ich Sie zufrieden sahe, glucklich, wenn Sie mit Liebe auf mich und meine Kinder blickten; und dieses dankte ich Ihnen! Der truben Stunden wollen wir vergessen, sie zogen ja bald voruber. Sollte ich denn nun mein Interesse von dem Ihrigen trennen? Sie und ich konnen es nicht, Wallenheim; es ist zu genau verbunden. Lassen Sie uns also gemeinschaftlich an der Wiederherstellung unsers Vermogens arbeiten! Ich gebe Ihnen ja nichts, wenn Sie mit meinem Gelde Ihre Schulden bezahlen, es ist ja Ihr Eigenthum, ich genoss ja des Ihrigen. Und konnen Sie glauben, dass ich unglucklich in Wallenthal seyn werde? Ich liebe das Land, Sie und meine Kinder begleiten mich, und mit ihnen meine sussesten Freuden. Nur eine Besorgniss wurde ich kennen, das ware, Sie unglucklich zu sehen. Doch nein, auch Sie, mein Wallenheim, werden das Susse der hauslichen Freuden empfinden, wenn Sie sie kennen werden. Sie sind mit den rauschenden Vergnugungen bekannt, o, lassen Sie mich Sie mit dem stillen Vergnugen des hauslichen Glucks bekannt machen! Es soll in Wallenthal das Unsrige werden. Es wird es seyn, wenn inniger vereiniget wir unser gemeinschaftliches Bestes zu erreichen streben, und gegenseitig jeden Verdruss von einander entfernen, und dann an jedem Abend mit der innern Ueberzeugung, unsere Pflichten erfullt zu haben, uns in der Mitte unserer Kinder befinden, welche wir zu nutzlichen Menschen erziehen, und deren Anblick die susseste Freude in uns erwekken wird; wenn wir fortfahren, unsern unglucklichen Mitbrudern beyzustehen: wenn wir, obgleich nicht mehr reich, doch nicht aufhoren, die Greise zu unterstutzen, und die Kinder des Elendes zu erziehen. O, dann wird jede Gabe, welche wir den Unglucklichen reichen, zehnfache Wonne auf uns stromen; denn bisher gaben wir nur von unserm Ueberfluss, jetzt opfern wir vielleicht einige unserer Bequemlichkeiten, allein edle Selbstzufriedenheit wird uns lohnen, und der Seegen der Unglucklichen uns Freudenthranen erpressen! Manche Stunden schenken wir dann auch der Freundschaft. Ihr Felsing und meine Henriette, werden uns unsere Einsamkeit noch susser machen; mit ihnen geniessen wir die Annehmlichkeiten der Natur. Alles ist Genuss fur eine zufriedne Seele. Ein landliches Mahl auf dem grunen Rasen, an der Seite unserer Freunde, von unsern Kindern umringt, wird ein Fest fur uns seyn. Unsere Spatziergange, mein Wallenheim, werden Ihnen suss werden, wenn Sie erst ein lebhafteres Gefuhl fur die Natur haben werden! Die Freude soll uns immer begleiten, ich werde dafur sorgen, sie bey uns zu erhalten. Abwechslung soll in unsern Beschaftigungen, in unsern Vergnugungen seyn, und so konnen wir der Langeweile Trotz bieten. Eine Reihe zufriedener, im Genusse der Freundschaft und der Liebe durchlebter Tage, wird unser Leben nun seyn (Sie ergreift Wallenheims Hand.) O, mein Wallenheim! diese Aussicht ist nicht so trube!

Aus Wallenheims Augen sturzten Thranen, er umarmte mit Heftigkeit seine Gattinn: Elisa! Elisa! Der Mann, der sie verdient hatte, ware der glucklichste Sterbliche gewesen! Nach diesen Worten flohe er aus dem Zimmer.

Elisa eilte nun, den Zustand von Wallenheims Vermogen zu untersuchen; alle Glaubiger mussten sich melden, und Elisa fand, dass ihr ganzes Vermogen zur Bezahlung der Schuld erfordert wurde. Sie gab es hin, ohne Klagen, ohne Murren; sie vermied es, mit Wallenheim uber seine Angelegenheiten zu sprechen, und nachdem sie in Richtigkeit gebracht waren, ging sie zu ihm, brachte ihm alle Papiere, welche sie hieruber hatte, und gab sie ihm mit den Worten: Wallenthal bleibt uns. Wallenheim antwortete nicht, er umarmte seine Gattinn, und benetzte sie mit seinen Thranen. Schon seit einiger Zeit hatte Wallenheim den Dienst verlassen, und seinen Abschied genommen, um unabhangiger zu seyn. Er konnte also B.... verlassen. Dieses geschahe bald. Nicht ganz gleichgultig verliess Elisa B..., sie musste dem Umgange einiger Personen entsagen, welche ihr theuer waren. Zwar hatte sie ungern in der grossen Welt gelebt; allein kleine Gesellschaften einiger von ihr gewahlten Freunde, deren sie ofters gehabt hatte, in der Zeit, dass Wallenheim Rosalien liebte; Schauspiele und Musik hatten ihr manches Vergnugen gewahrt. Sie furchtete nicht die Langeweile, allein sie liebte die Unterhaltungen des Geistes, und sie wusste, dass bey einem bestandigen Aufenthalte auf dem Lande, und bey ihrer eingeschrankten Lage, man deren viele entbehren muss. Indess verbarg sie ihre Empfindungen vor ihrem Gatten, und war nur aufmerksam, ihn zu erheitern, und zu zerstreuen.

Es war in den ersten Tagen des Marzmonaths, als Wallenheim mit seiner Familie aus B... reiste. Schon hatte die Natur ihr weisses Gewand abgelegt, freundlicher blickte aus Osten die Sonne, und schien den Sterblichen wieder neue Freuden zuzulacheln. Es war uber ein Jahr, dass Elisa nicht in Wallenthal gewesen war, uber ein Jahr, dass sie der landlichen Freuden nicht genossen hatte, und sie vergass, als sie die ersten Spuren des herannahernden Fruhlings sahe, alle traurige Empfindungen, welche sie bey ihrer Abreise aus B... gehabt hatte, und uberliess sich der Freude, welche sie stets im Schoosse der Natur empfunden hatte. Sobald sie in Wallenthal waren, war ihr erstes Bestreben, ihre innere Wirthschaft so viel als moglich einzuschranken, ohne dieses jedoch Wallenheim empfinden zu lassen. Er entbehrte keine seiner vorigen Bequemlichkeiten; zwar herrschte an seinem Tische nicht mehr der Ueberfluss, aber doch noch immer Zierlichkeit. Elisa wurde eine eifrige Landwirthinn, und widmete sich diesen Beschaftigungen, wiewohl nur einige Stunden des Tages, ob sie gleich die ganze Wirthschaft, selbst die Feldwirthschaft bestellte; allein in der Folge bewog sie Wallenheim, sich mit derselben zu beschaftigen. Bisher hatte Elisa von weiblichen Arbeiten nur so viel gethan, als zu ihrem Vergnugen gereichte; um aber nicht in ihren Wohlthaten gegen Ungluckliche eingeschrankt zu seyn, hatte sie alle ihre weibliche Bediente, ein einziges Madchen ausgenommen, verabschiedet; sie verrichtete also nun selbst alle Handarbeiten, und nahere fur ihren Gatten, fur sich und ihre Kinder. Es waren bereits sechs Jahre, dass Elisa zum Zweytenmahle Kinder in dem Erziehungshause angenommen hatte; sie sollten es nun verlassen, und andere ihre Stelle ersetzen, und sie verfertigte zum Theil selbst die Kleidungsstucke, welche sie bey ihrer Ankunft erhielten. So fuhr sie fort, Gutes zu stiften, und ihren Mitmenschen nutzlich zu seyn, ob sie gleich nicht mehr reich war. Indess vernachlassigte sie bey allen diesen Beschaftigungen doch Henriettens Erziehung nicht. Henriette war stets bey ihr; sie budete ihren Geist und ihr Herz; sie unterrichtete sie in der Musik und in fremden Sprachen. Zu diesem allen hatte Elisa Zeit, denn sie liebte ihre Pflichten, und hatte sich stets daran gewohnt, sie zu erfullen. Die Eintheilung ihres Tages war: Sie stand um funf Uhr auf, und las bis um sieben; um diese Zeit war Wallenheim aufgestanden, dann ging sie zu ihm und fruhstuckte mit ihm. Nach dem Fruhstucke kam Henriette zu ihr, welche dann angekleidet seyn musste; sie musste nun in ihrer Mutter Zimmer schreiben, entweder Briefe oder Auszuge und Aufsatze machen; wahrend dem war Elisa mit den Anordnungen ihrer Wirthschaft beschaftiget; gemeiniglich dauerte dieses anderthalb Stunden, dann setzte sie sich auf, und kleidete sich an; dieses beschaftigte sie nur eine Stunde, indess ertheilte sie Henrietten Unterricht im Rechnen, alsdann sahe sie das, was sie geschrieben hatte, nach, womit sie gewohnlich um eilf Uhr fertig war; dann gab sie Henrietten eine Stunde entweder in der englischen, oder in der italianischen Sprache; da Waldin beyde Sprachen nicht konnte, so wohnte auch Herrmann dieser Stunde bey. Um zwolf Uhr musste Henriette ihrer Mutter aus der Geschichte vorlesen, und Elisa unterhielt sich mit ihr uber das Gelesene, machte Anmerkungen daruber, horte die ihrer Tochter, und bemuhete sich, dass Henriette auf diese Art deutliche und wahre Begriffe erhielt. Dieses dauerte bis halb zwey; wahrend dieser ganzen Zeit war Elisa mit ihrer Handarbeit beschaftiget. Um halb zwey musste Henriette entweder zu ihrem Bruder gehen, und den Unterricht, welchen er in der Geographie erhielt, mit ihm theilen, oder sie musste sich auf dem Klavier oder auf der Harfe uben. Elisa fuhr dann mit ihrer Beschaftigung fort, indem sie sich mit ihrem Gatten unterhielt, der um diese Zeit gewohnlich in ihr Zimmer kam. Um zwey Uhr setzten sie sich zur Mittagsmahlzeit, welche eine Stunde dauerte. Nach Tische pflegte Elisa noch mit ihrem Gatten zu plaudern, mit ihm umher zu gehen, oder einige Anordnungen in der Wirthschaft zu machen. Henriette ging dann mit ihrem Bruder spatzieren, oder spielte mit ihm, oder arbeitete mit ihm im Garten, immer unter der Aufsicht ihrer Erzieherinn und Herrn Waldins, welcher auf diesen Spatziergangen seinen Zoglingen, in der Form eines Gesprachs, Unterricht in der Naturgeschichte ertheilte. Um vier Uhr ging sie wieder zu ihrer Mutter, welche ihr eine Stunde auf dem Klavier oder auf der Harfe gab, und sie singen liess. Um funf Uhr musste sie ihr wieder vorlesen, und die Bucher, welche Elisa dazu wahlte, dienten ihr zum Unterricht und zur Unterhaltung: wie am Morgen machte sie dann wieder Anmerkungen, und unterhielt sich mit ihrer Tochter uber das Gelesene. Wenn das Wetter nicht erlaubte spatzieren zu gehen, so musste Henriette sich auch eine Stunde mit Handarbeiten beschaftigen; sie konnte diejenigen wahlen, zu welchen sie an diesem Tage die meiste Lust hatte, und gewohnlich wunschte sie eben die Arbeit zu machen, mit welcher sie ihre Mutter beschaftiget sahe. Um sieben Uhr kam auch Herrmann zu seiner Mutter, und er und Henriette konnten sich nun die Zeit vertreiben, wie sie wollten. War es schon Wetter, so ging Elisa mit ihrem Gatten, ihren Kindern, Herrn Waldin und Henriettens Erzieherinn spatzieren; sie bestrebte sich dann Wallenheim die Zeit zu vertreiben. Oft stellte sie kleine Lustpartieen an, landliche Feste im Walde, Wasserfahrten, oder gab am Sonntage den Bauern ein Fest, manchmahl nur den Kindern; besuchte zuweilen mit ihrem Gatten und Kindern die Greise und das Erziehungshaus. Durch ihre Bemuhungen herrschte Frohlichkeit an solchen Festen; sie waren einfach, allein Heiterkeit, Scherz und Freyheit gaben ihnen Anmuth, und Wallenheim empfand in ihrem Genuss wirkliches Vergnugen. Wenn Elisa die Abende in ihrem Zimmer zubrachte, so suchte sie Wallenheim durch ihre Unterhaltung und durch Musik, welche er liebte, die Zeit zu verkurzen. Mit jedem Tage wurde sie ihrem Gatten theurer, er fand sich glucklich in ihrem Besitze. Er war nicht mehr der murrische, unzufriedene, in sich verschlossene Mann; nein, seine Seele war jeder Empfindung offen, und jedes Genusses fahiger, den Freundschaft, Liebe und die Natur den Sterblichen bereiten. Wie naturlich also, dass seine finstre Laune wich, jemehr er mit den wahren Freuden des Lebens bekannt wurde, und sie empfand. Elisa weinte Freudenthranen, wenn sie ihren Gatten glucklich sahe; sie selbst war nie so glucklich gewesen. Wallenheims Liebe, sein Dank, die Uebereinstimmung, in der sie mit ihm lebte, lohnte ihr jetzt fur ihre Tugenden. Nun genoss sie das Gluck einer zufriedenen Ehe, und dieses war um so grosser fur sie, da sie nur allein dessen Schopferinn war, und sie es durch so viele Aufopferungen, durch so manche trube durchlebte Stunde errungen hatte. Fur ihre liebende Seele war es hochste Seligkeit, dass eben ihr Gluck auch das ihres Gatten machte. Sie theilte ihrer Henriette oft ihre frohe Empfindungen mit, und sagte ihr dann: Nein, Henriette; Tugend ist kein Verdienst; denn ihr Lohn ist uberschwenglich gross! O, ein Tag, wie jetzt alle meine Tage sind, wiegt ein Leben voll Muhseligkeiten auf! Doch, was sage ich? Sind mit der Tugend auch Muhseligkeiten verbunden? Nein, sie macht selbst die schwerste Pflicht leicht, und lohnt uns dann noch mit den seligsten Empfindungen, und mit der reinsten Zufriedenheit! Wallenheim war nun mit seiner Familie funf Monathe in Wallenthal, als an einem Abende Elisa allein vor der Thure auf dem Hofe sass. Sie horte das Traben eines Rosses, schlug die Augen auf, und erblickte einen Mann, den ihr Herz augenblicklich erkannte; sie flog ihm entgegen, und umarmte ihn mit der ganzen Unbefangenheit ihres Herzens. Schweigend schloss sie Birkenstein in seine Arme, er fuhlte sein Herz klopfen, und er empfand, dass dreyzehn Jahre Abwesenheit das Andenken seiner Liebe noch nicht erloschen hatte.

E l i s a . (Nach einer Pause.) Willkommen, Birkenstein, willkommen mir! O, wie sehr freue ich mich, Sie zu sehen!

B i r k . (Kusst Elisan die Hand.) Indem ich in mein Vaterland zuruckkehre, konnte ich nicht unterlassen, derjenigen zuerst meine Aufwartung zu machen, deren Andenken ich stets verehrt habe.

E l i s a . Sie kehren also zuruck zu Ihrer Mutter? Ich habe lange nichts von ihr gehort.

B i r k . (Indem eine Thrane in seinem Auge glanzt.) Ihr Tod ruft mich zuruck.

E l i s a . (Mit Ruhrung.) Sie ist todt? O, wurdige Frau! Mochtest Du doch noch jenseits des Grabes diese Empfindungen kindlicher Liebe erblicken konnen, welche fur Dich mein Herz so warm, so innig hegte!

B i r k . Dank Ihnen, Elisa, fur diese Thranen, wel

che Sie dem Andenken der bessten Mutter weihn.

Mit stiller Wehmuth gingen Herrmann und Elisa,

Hand in Hand den Hof herauf, bis an die Stelle, wo Elisa gesessen hatte. Elisa fuhlte, dass ihre Lage in der jetzigen Stimmung ihrer Seele gefahrlich war; sie unterbrach das Schweigen, welches so empfindungsvoll war.

E l i s a . Birkenstein, werden sie nun wieder Ihr

Vaterland verlassen?

B i r k . Meine guten Bauern in Birkenstein glau

ben, durch nichts uber den Verlust meiner Mutter getrostet werden zu konnen, als wenn ich bey ihnen wohne. Sie haben die ersten Anspruche auf meine Beschutzung, auf meine Sorgfalt, und ich darf sie ihnen nicht versagen.

E l i s a . Sie sind gewohnt, Gluckliche zu machen,

Sie werden in dieser edlen Bemuhung fortfahren!

B i r k . Bisher erfullte ich nur meine Pflichten; dem

Staate, der mich unterhielt, war ich meine Dienste schuldig, und um seine Wohlfarth zu befordern, suchte ich seine Einwohner der Armuth zu entreissen.

In diesem Augenblicke kam Henriette zu ihrer Mut

ter gelaufen; sie stutzte, als sie einen Fremden erblickte.

B i r k . Ihre Tochter, Elisa? O, lassen Sie mich sie

an mein Herz drucken! (Er umarmt Henrietten; nach einer Pause.) Nennen noch mehr solcher holdseligen Geschopfe Sie Mutter?

E l i s a . Ich habe noch zwey Sohne, der Aelteste ist nicht in unserm Hause, der zweyte, v. Birkenstein, das ist ein lieber Knabe!

Sie erblickte ihn in der Ferne, und rief ihm zu: Herrmann, Herrmann, komm her! und errothete, als sie diesen Namen aussprach. Birkenstein bemerkte es; er freuete sich, dass sie ihrem Sohne den Namen gegeben hatte, von dem er glauben konnte, dass er einst ihr theuer war; seine Blicke sagten ihr dieses, und ihre Verwirrung stieg hoher. Endlich kam Herrmann angelaufen. Als er Birkenstein sahe, sagte er zu Elisa'n: Liebe Mutter, diesen Mann habe ich noch nicht bey uns gesehen?

E l i s a . Es ist ein alter Bekannter von mir, Herrmann, der bisher weit von hier gewesen ist.

H e r r m . (reicht Birkenstein mit naiver Gutherzigkeit die Hand.) Wenn sie ein Freund meiner Mutter sind, so bin ich Ihnen auch gut!

B i r k . (schliesst ihn in seine Arme.) Liebenswurdiger Knabe! Sey immer so offen wie jetzt! O, Elisa! Diese Kinder sagen mir, Sie werden eine gluckliche Mutter werden.

E l i s a . (geruhrt.) Es ist das Einzige, was ich von der gutigen Vorsicht erbitte; jede ihrer Fugungen sind mir willkommen, mogen meine Kinder nur gut und glucklich werden! Es ist mein Bestreben, dass sie das Erste werden, ich weiss, dass man das Zweyte dann ist.

Die Kinder haben sich indess entfernt; Herrmann ergreift Elisa's Hand: Gefuhlvolles Weib! Und wie erhaben in jedem Deiner Gefuhle! O, dieser Knabe! Er ist der Abdruck Deiner Seele, seine Zuge sind so edel, und doch so sanft das Feuer, das in seinen Augen gluhet.

E l i s a . Herrmann, kein so feuriges Lob, ich bin jetzt Gattinn.

B i r k . O, ich verehre diesen Titel in Ihnen! Und, meine Elisa, doch auch eine gluckliche Gattinn?

E l i s a . (Mit Ernst.) Ja, Birkenstein, Wallenheim liebt mich.

B i r k . Elisa, ich wollte Sie nicht beleidigen! Leidenschaft lodert nicht mehr in mir; allein warme, innige Freundschaft, diese erlauben Sie mir doch, fur Sie zu fuhlen?

E l i s a . (reicht ihm lachelnd die Hand.) O, nie horte ich auf, diese fur Sie zu hegen! Ich hatte nicht einmahl den Gedanken ertragen konnen, dass ich Ihnen gleichgultig geworden ware! O, Birkenstein, zu einer hohern Empfindung, als die brausende Leidenschaft des Junglings ist, konnen wir uns erheben! Freundschaft, uneigennutzige Freundschaft und wahre Hochachtung wird und soll uns vereinigen.

B i r k . (lasst seinen Kopf auf ihre Hand sinken.) Diese Versicherung fehlte mir noch zu meinem Glukke; nun bleibt mir kein Wunsch mehr ubrig.

(Jetzt sahe Elisa Wallenheim kommen, sie stand auf, und ging ihm mit Herrmann entgegen.)

E l i s a . Lieber Wallenheim, ich stelle Ihnen hier den Herrn von Birkenstein vor, einen Mann, den ich freudig willkommen hiess, weil ich ihm schon seit vielen Jahren den Titel eines Freundes ertheilte, den er, hoffe ich, auch von Ihnen erhalten wird?

W a l l e n h . (verlegen und kalt.) Ich freue mich, mein Herr, die Ehre zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen.

B i r k . (offen, und mit edlem Anstande.) Verbannen Sie jedes Misstrauen, mein Herr! Es ist wahr, ich liebte sonst Ihre Gattinn; allein meine Liebe zu Ihr entfernte mich von Ihr. Ich kehre jetzt zuruck, weil Verehrung Ihrer Tugenden das einzige Gefuhl ist, welches ich jetzt fur Sie hege, und indem ich nach Wallenthal kam, wollte ich nicht minder mich um Ihre Freundschaft bewerben, als Ihre Gattinn um die Ihrige bitten.

W a l l e n h . Ich sehe es, dass solch ein Mann von meiner Gattinn geliebt werden musste.

E l i s a . (umarmt Wallenheim.) Lassen Sie uns doch vom Vergangenen nicht mehr reden. Birkenstein, Wallenheim, Sie sind mir Beyde theuer, und dieses muss Sie vereinigen, dieses muss Sie zu Freunden machen.

B i r k . (reicht Wallenheim die Hand.) Wollen wir nicht den Willen derjenigen erfullen, die wir Beyde verehren?

W a l l e n h . (umarmt Birkenstein.) Der Freund meiner Elisa kann nicht anders als auch der Meinige seyn!

Birkenstein wollte nun Wallenheim und seine Gattinn verlassen, aber Beyde baten ihn in Wallenthal die Nacht zu bleiben, und er willigte ein. Sie setzten sich zum Abendessen. Elisa war heiter wie immer, sie suchte alles, was die Vergangenheit hatte zuruckrufen konnen, zu vermeiden; ihre Unbefangenheit, ihr munterer Scherz hob jede Verlegenheit zwischen ihrem Gatten und Birkenstein auf; indess war doch Wallenheim ernst, und auf Herrmanns Zugen lag eine sanfte Ruhrung verbreitet. Seine Blicke folgten jeder Bewegung Elisa's, und oft entfuhr ihm ein Seufzer, wenn er ihre liebevolle Aufmerksamkeit fur ihren Gatten, ihre zartliche Sorgfalt fur ihre Kinder sahe. Unter vertraulichen Gesprachen blieben sie spat bis in die Nacht zusammen. Wallenheim begleitete Birkenstein in sein Zimmer. Elisa blieb gedankenvoll, als sie das ihrige verlassen hatten. Endlich fuhlte sie eine Thrane ihre Wangen hinabrollen. Gott! rief sie aus, hatte mich dieses Wiedersehen zu tief geruhrt? Ware ich noch nicht stark genug in der Tugend, um dem Zauber der Liebe zu widerstehen? O, ich muss mich prufen! Ich muss den Empfindungen dieses Tages nachspuren! So hatte mich denn nur Abwesenheit vor einem Vergehen bewahrt? So ware sie denn jetzt noch nothig, jetzt, da ich Wallenheim liebe? (Nach einer Pause, im erhabensten Tone.) Nein, Herrmann konnte an jedem Tage mir zur Seite seyn, ich wurde mich bewachen, so wie heute wurde ich an jedem Abend mein Herz befragen, und dann ware es unmoglich, dass eine warmere Empfindung als Freundschaft sich darein einschliche. Wahr ist es, Herrmann ist mir sehr theuer; aber an der Seite meines Gatten furchte ich ihn nicht! Ich empfand heute keine Unruhe, ich empfand ja Freude, sie beysammen zu sehen O, dieser Freude will ich mich uberlassen; denn ich fuhle es, sie ist unschuldig! Aber Wallenheim war heute unruhig O, ich muss gehen, ihn zu beruhigen!

Elisa fand ihren Gatten im tiefen Nachdenken; sie flog an seinen Hals. Mein Wallenheim, Birkensteins Besuch hat doch Ihre Ruhe nicht gestort? Gewiss, er wurde sich dieses vorwerfen, wenn er es glauben konnte, und mich wurde der Gedanke schmerzen! Ja, wenn ich auch einst Birkenstein liebte, so fuhle ich doch jetzt zu gut, dass ich Ihre Gattinn bin, und er mir nur Freund ist!

W a l l e n h . (druckt Elisa'n an seine Brust.) Bestes, edles Weib! Dieser Mann ist ganz Ihrer Liebe wurdig!

E l i s a . Ja, Wallenheim, er ist edel, und ich schatze ihn, ich liebe ihn als den theuersten meiner Freunde. Aber jene Liebe unserer Jugendjahre (lachelnd.) o, die ist langst erloschen, und wird nicht wieder angefacht!

W a l l e n h . Es war nicht dieses, was ich furchtete. Der einzige Gedanke, der mich beunruhigte, war dieser, dass Sie vielleicht aufs neue bereuen konnten ....

E l i s a . (scherzhaft.) O, weg mit diesen Grillen! Ich stelle mich sonst morgen verliebt in Birkenstein; denn gestraft mussten Sie doch fur diesen Gedanken werden.

W a l l e n h . Er hat also keine Wirklichkeit?

E l i s a . (mit Ernst.) Sehen Sie mich an, Wallenheim! Lesen Sie je Unwahrheiten in diesen Blicken?

W a l l e n h . Nein!

E l i s a . Nun dann, wenn diese Augen nie Ihnen logen, so werden sie die Wahrheit meiner Worte bestatigen: dass noch nicht der entfernteste Gedanke von dem, was Sie besorgten, in mir aufgestiegen war.

W a l l e n h . (umarmt Elisa'n mit Herzlichkeit.) Nun, meine Elisa, bin ich Deinem Birkenstein noch einmahl so gut!

In der That empfieng Wallenheim am andern Morgen Birkenstein mit einer weit offenern und heiterern Miene, als er am vorigen Tage gehabt hatte. Elisa war hieruber sehr vergnugt, und empfieng Birkenstein mit noch mehrerer Herzlichkeit. Wallenheim wollte seiner Gattinn beweisen, wie entfernt er von jeder Eifersucht sey, und verliess sie und Herrmann bald nach dem Fruhstucke. Einige Stunden flohen ihnen nun in traulicher Unterhaltung, in welchen Beyde sich glucklich fuhlten. Birkenstein sagte endlich Elisa, Unschuld giebt doch jeder Empfindung Werth! O, wenn wir in jenen Jahren der Leidenschaft nachgegeben hatten, wurden wir wohl jetzt so vertraut, so zufrieden, Hand in Hand zusammen sitzen?

B i r k . Ja, meine susse Elisa, der Tugend Werth lehrt uns erst eigene Erfahrung! Wohl der Jugend, wenn sie sich entschliesst, sich selbst davon zu uberzeugen! Man mache es sich nur zum Gesetze, sich nie von dem, was Recht ist, zu entfernen, und die schwersten Opfer werden uns dann belohnt, so wenig wir auch in jenen Augenblicken Schadloshaltung fur moglich halten. Als das Schicksal mich von Ihnen riss, als ich Birkenstein verliess, da betrachtete ich die ganze Welt nur als eine Wuste, in welcher jede Freude fur mich erstorben war. Ich war uberzeugt, ich wurde mein ganzes Leben hindurch elend seyn, ich wurde ihn immer fuhlen, den nagenden Schmerz, der mir fast alle Denkkraft raubte. Indess gewohnt, den Gesetzen des Guten zu folgen, war ich stark genug, mir ihren Anblick zu versagen, welcher mir doch das einzige fur mich ubrig gebliebene Gluck zu seyn schien. Ich sagte mir es nicht; allein das Bewusstseyn blieb mir, dass ich doch noch nutzlich seyn konnte, und so suchte ich Dienste ausser meinem Vaterlande. Jeder Ort war mir gleich, ich fuhlte nur meinen Schmerz, ich kam zuerst nach D ...., und blieb dort. Fleiss, und einige gute Anschlage, welche ich gab, machten, dass man mich bald auszeichnete, und in eine hohere Sphare setzte. Anstrengung in meinen Geschaften hatte das Wuthende meines Schmerzes und meiner Leidenschaft gedampft; ich war wieder des Denkens fahig; ich sahe, dass ich fur Menschenwohl arbeiten konnte, und dieses war der erste Trost, welchen meine leidende Seele erhielt. Ich ergab mich nun mit Eifer diesem Geschafte, ich fuhlte Linderung, ich empfand oft Freude, aber eben so oft vergoss ich auch noch Thranen des bittersten Schmerzes. Wenn die Unschuld, deren Rechte ich vertheidiget, und welche ich ihren Unterdruckern entrissen hatte, mir Dank stammelte, und vor mir Freudenthranen vergoss, o, dann sagte ich mir, ich ware glucklich, wenn ich mit Elisa'n meine Empfindungen theilen konnte; der Beyfall einer Welt ist mir nichts, wenn ich nicht den ihrigen in ihren Blicken lesen kann! So achtete ich auch den meinigen nicht, empfand noch nicht jene edle Selbstzufriedenheit, die Triebfeder grosser Thaten. Ich fuhlte endlich, dass, um mich des Guten freuen zu konnen, was ich that, um nicht bloss maschinenmassig meine Pflichten zu erfullen, ich nicht allein gut handeln, sondern auch weise werden, auch meine Leidenschaft bekampfen musste; jetzt entzog ich mich jedes Gedankens an Sie, suchte Zerstreuungen, spurte der innern Verwaltung des Staats nach, entdeckte ihre Mangel, machte Plane zu deren Verbesserung, uberreichte sie dem Fursten, unterhielt mich mit ihm uber die Mittel, seinen Unterthanen aufzuhelfen, und seinen Staat bluhender zu machen. Je ernstlicher ich meine Leidenschaft bekampfte, je mehr ich mich jeder Erinnerung meiner Liebe entzog, desto mehr fuhlte ich innere Starke, desto mehr erwachte Thatigkeit in meiner Seele. Bisher hatte ich nur einzelne gute Handlungen verrichtet; jetzt bekamen meine Handlungen und Geschafte, Zweck und Verbindung. Ich wurde erster Geheimerrath in D ..., allenthalben richtete ich meine Blicke, und half, wo ich helfen konnte. Nun genoss ich meines eignen Beyfalls, ich genoss des Glucks und des Wohlstandes vieler Einwohner. Nun erst erfuhr ich, dass Tugend belohnt; die hochste Zufriedenheit war nun mein; die edelsten Freuden durchdrangen oft mein Herz. Ihr Bild, meine Elisa, erschien mir jetzt in einem sanften Schimmer, es zerstorte nicht mehr meine Gluckseligkeit; nein, es erhohete sie. Zwar dachte ich oft, an Elisa's Seite ware ich doppelt glucklich gewesen. Allein ware sie mein geworden, ohne ihrer Mutter Einwilligung; so hatten wir Beyde wider unsere Pflicht gehandelt, und wir waren Beyde unglucklich geworden! Allein mit dieser? Doch dieses war unmoglich! Alle Begebenheiten sind unabanderlich in die Kette der Dinge gereihet, und Tugend ist es eben, wenn man, selbst bey den widrigsten derselben, nicht aufhort, seine Pflichten zu erfullen.

E l i s a . (druckt Herrmanns Hand, eine Thrane glanzt in ihrem Auge.) O, wir hielten das Gelubde, welches wir einst im Feuer unserer Liebe thaten, stets auf der Tugend Pfad zu wandeln! und wir wurden glucklich! Vereiniget, Herrmann, ware dieses vielleicht nicht gewesen.

Herrmanns Kopf sank auf Elisa's Hand, sie blieben einige Augenblicke in dieser Stellung. Endlich sagte Elisa: Auch ich, Herrmann, suchte in einer kleinen Sphare fur Menschenwohl zu arbeiten: Kommen Sie! ich will Sie zu meinen angenommenen Kindern, und zu meinen Greisen fuhren, vielleicht konnen Sie noch einige Verbesserungen in meinen Einrichtungen treffen.

Herrmann folgte Elisa'n: sie gieng mit ihm in das Erziehungshaus, und in das Pflegehaus der Greise. Er bewunderte, wie mit so vieler Einfachheit sie fur das Gluck so vieler Menschen arbeitete. Diese Kinder bekamen durch Sie einen Platz in der burgerlichen Gesellschaft, und am Rande des Grabes fand hier der Ungluckliche noch Unterstutzung; und dieses waren keine vorubergehenden Wohlthaten, nein, ein ganzes Menschenleben hindurch wurden hier Menschen begluckt. Und dieses geschahe so ganz ohne alles Geprange. O, Tugend, fuhr Herrmann fort, als er aus dem Pflegehause der Greise ging, hier strahlst Du in Deinem wahren Glanze, erhaben und einfach! Hier sollte eine Welt niederfallen, und Dich verehren!

Herrmann hatte Elisa's Hand auf diesem Wege ofter und inniger gedruckt; eine Thrane hatte er aus seinem Auge getrocknet, als sie sich bey den Greisen befanden! Elisa's Gute und zartliche Sorgfalt fur sie, der Greise Dank, Liebe und tiefe Verehrung gegen sie, ihre emporgehobenen Blicke und Hande, um fur Elisa'n den Segen des Himmels herabzuflehen, war fur Herrmann ein ruhrender Auftritt gewesen, und schweigend ging er an Elisa's Seite zuruck.

Elisa hatte ihm gesagt, dass Henriette unweit von Wallenthal wohne, und er beschloss, sie zu besuchen. Nach geendigter Mittagsmahlzeit, nahm Herrmann von Wallenheim und seiner Gattinn Abschied. Er schloss Elisa'n in seine Arme, und fuhlte eine Thrane seine Wangen hinabrollen, und sahe auch die Ihrige in ihrem seelenvollen Auge; fest druckte er den jungen Herrmann an seine Brust, der zu ihm sagte, Lieber, fremder Mann, besuche uns doch bald wieder! Herrmann lachelte, kusste ihn noch einmahl, und eilte hinaus. Wallenheim begleitete ihn, Herrmann umarmte ihn noch einmahl. Ich scheide doch als Ihr Freund von Ihnen?

W a l l e n h . (druckt ihm die Hand.) Ja, Birkenstein, mein Weib ist zu tugendhaft, Sie zu edel, als dass Ihr Besuch Besorgnisse in mir erweckt hatte, Ich habe Sie kennen gelernt, und liebe Sie.

B i r k . Ich danke Ihnen, Wallenheim, fur dieses edle Vertrauen! Nie werde ich es missbrauchen, ich fuhle mich stark genug, den Anblick Ihres Weibes zu ertragen, und doch nur in vielen Jahren sehen wir uns wieder!

Nun schwang er sich auf sein Pferd, und eilte fort. Elisa sahe ihm nach, und trocknete ihre Augen. Herrmann erblickte bald den Thurm von Felsingburg; er liess sich bey Henrietten melden. Birkenstein? fragte sie staunend, und schon sahe sie ihn den Hof heraufkommen. Sie ging ihm entgegen: Staunen und Freude, Sie zu sehen, Birkenstein, machen mich fast unfahig, Sie zu begrussen!

B i r k . (Kusst ihr die Hand.) Welch ein susses Vergnugen ist mir dieses, mir schmeicheln zu konnen, dass ich noch unter die Zahl Ihrer Freunde gehore?

H e n r . (Lachelnd.) Sie trauen also der Abwesenheit nicht viel?

B i r k . So nicht, gnadige Frau! Bey Gott, ich fuhle es, es giebt Verbindungen, welche durch nichts geschwacht werden, und so war auch die Unsrige!

(Jetzt begleitete Birkenstein Henrietten in ihr Zimmer, Felsing war abwesend; doch erwartete ihn Henriette am Abend.)

B i r k . (Nach einer Pause.) Ich komme von Wallenthal!

H e n r . O, hatte ich doch dem ersten Augenblicke Ihres Wiedersehens mit Elisa'n beywohnen konnen!

B i r k . Wir freueten uns Beyde, unsere Beyder Herzen schlugen heftiger. O gnadige Frau, Junglingsfeuer rollt nicht mehr in meinen Adern; allein warmer schied ich doch von ihr, als ich bey meiner Ankunft war.

H e n r . Sie lieben sie noch?

B i r k . Ueberzeugt, dass ich nur warme, innige Freundschaft fur sie empfand, kam ich nach Wallenthal. Ihr Anblick rufte in mir die Scenen der Vergangenheit zuruck, ich umarmte meine vorige Geliebte; aber dieser Name konnte nur auf einen Augenblick mein Herz erschuttern, ich war gewohnt, sie mir als Wallenheims Gattinn zu denken; allein Elisa'n sehen, ihre Tugenden bewundern, sie geliebt zu haben, und nur ihr Freund bleiben nein, Henriette, das vermag ich noch nicht! Welche sanfte Gefalligkeit hat sie gegen ihren Gatten, wie geflissen war sie, durch ihr Betragen ihm jeden Verdacht gegen sich und mich zu benehmen! Ihr Lacheln, jede ihrer Mienen spricht ihm Liebe, und doch mir so zugethan, so unverstellt, so offen in ihrem Betragen gegen mich. Indem sie nur jedes Verlangen ihres Gatten aus seinen Augen zu lesen schien, um diesem zuvorzukommen, indem sie uns auf die angenehmste Art unterhielt, wendete sie doch eine bestandige Aufmerksamkeit auf ihre Kinder; Keins ihrer Worte entging ihnen, und ich sahe, dass Elisa in keinem Augenblicke aufhorte, ihre Erzieherinn zu seyn. Und welche Ordnung herrscht in ihrem Hause! Fruh am andern Morgen hatte sie schon ihr Hauswesen bestellt, und ich fand sie angekleidet. Allein, wenn Elisa in dem Zirkel ihrer Familie bewunderungswurdig ist, wie vielmehr ist sie es nicht, wenn man sie als Wohlthaterinn ihrer Gegend betrachtet; wenn man ihr in das Erziehungshaus und in das Pflegehaus der Greise folgt; wenn man mit den Bauern in Wallenthal spricht, welche sich glucklich preisen, und bey denen man mehr gesunde Vernunft antrift, als in dieser Classe bey den Einwohnern einer ganzen Provinz zusammengenommen. O konnte ich doch ihr ganzes Geschlecht nach Wallenthal rufen, ihnen Elisa'n zeigen, wie wirklich gross und erhaben sie durch ihre Tugenden ist! Weiber! ihr wollt Alle glanzen! Mochtet ihr doch Alle die Mittel erwahlen, durch welche Elisa das Erste der Weiber wurde! Wahrlich! wenn schon Silberlocken eure Stirne zierten, wurden wir euch doch noch Dank, Verehrung und Liebe zollen!

H e n r . Und Sie sahen sie nur einen Tag, Birkenstein? Wenn man ihr aber in jedem Auftritte ihres Lebens folgt, wie viel grosser erscheint sie dann! Der erste Augenblick, in welchem Wallenheim sie in seine Arme empfing, war fur sie abscheulich, und doch von diesem Augenblicke an, versagte sie sich jeden Gedanken an Sie. Der rauheste, der murrischste Mann, den ich je sahe, war Wallenheim, ihre Sanftmuth schuf ihn um, sie zwang ihm, sie zu lieben; es war kein Opfer, welches sie ihm nicht brachte, keine unwurdige Behandlung von ihm, welche sie nicht geduldig ertrug. Sein Herz offnete sich endlich dem Gefuhl, und sie machte ihn glucklich. Er hat ihr Vermogen verschwendet, ein nur kargliches Einkommen bleibt ihnen ubrig, und Elisa versagt sich jede Bequemlichkeit, um ihren Gatten nicht die Verringerung ihres Vermogens empfinden zu lassen, welche er verursachte. Sie verbirgt dieses vor ihm, damit er sich keine Vorwurfe mache. Sie arbeitet oft in der Nacht; denn bey Tage widmet sie ihre Stunden dem Unterrichte ihrer Tochter, und die Abende der Unterhaltung ihres Gatten; sie macht sich's zum Geschaft, ihm die Zeit angenehm zu vertreiben. Noch ist sie eben so reich in ihren Wohlthaten, und in ganz Wallenthal empfindet nur sie den Verlust ihres Vermogens. Dieses Alles, Birkenstein, wussten Sie noch nicht, und, sollte man glauben, dass diese Tugenden noch einer Erhohung fahig sind? Und doch erhohet sie Elisa noch durch ihr Betragen. Ihre Seele ist so erhaben, und doch, welche Leichtigkeit, welche Gefalligkeit in ihrem Wesen! Alle ihre Handlungen fuhren in sich das innere Geprage der Tugend; allein es erscheint in ihnen so viel Einfachheit, dass man es kaum fuhlt, dass Elisa so erhaben ist uber Alles, was sie umgiebt. Man fuhlt sich zur Bewunderung hingerissen, nein, zur Liebe! den Elisa sucht sich einem Jeden gleich zu stellen, und will nicht uber Andere erhaben scheinen. Und diese Bescheidenheit ist bey ihr nicht erkunstelt, nein, sie ist uberzeugt, sie erfullt nur ihre Pflichten, und ist weit entfernt, sich den Werth beyzulegen, den der Beobachter ihrer Handlungen ihr zugestehen muss. Und dann eine bestandige Aufmerksamkeit, Andern Vergnugen zu machen, welche sich auf das geringste Individuum erstreckt, wirft auf ihr ganzes Wesen eine Liebenswurdigkeit, welcher man nicht zu widerstehen vermag, und man empfindet, dass Elisa auch das angenehmste der Weiber ist; und fast mochte ich sagen, auch die Glucklichste! Ruhe und Heiterkeit liegen auf ihren Zugen verbreitet, und sie sind das Bild ihrer Seele. Zwar ging sie durch so manchen unangenehmen Auftritt des Lebens; allein diese blieben unverandert in ihr. Ich sahe oft ihr Auge trube; allein nie horte ich sie klagen uber das Geschick. Immer fand ich Elisa'n noch heiter, wenn auch Schmerz ihre Seele niederbeugte; denn sie ist uberzeugt, dass jede Begebenheit eine nothwendige Folge vorhergegangener Ursachen ist, und so bleibt sie ruhig, auch bey den Widerwartigkeiten des Lebens. Sie hort auch dann nicht auf, thatig im Guten zu seyn, und sie findet Trost in dem Bewusstseyn, dass sie ihre Pflichten erfullt. So bleibt sie sich stets gleich, stets wirksam, die Uebel, die sie treffen, fur Andere unschadlich zu machen, und so ist sie fahiger, jedes Ungemach zu ertragen.

B i r k . Wie vortrefflich schildern Sie Ihre Freundinn, Henriette! Und wie nahe mussen Sie selbst dem Bilde kommen, dem Sie so aufrichtig ihre Verehrung zollen!

H e n r . Die innigste Freundschaft vereinigte uns ja stets; schon in unsern Fruhlings-Tagen machte mich der Gedanke stolz, dass die, welche ich so sehr liebte, sich vielleicht einst dem Gipfel weiblicher Vollkommenheit nahern wurde.

B i r k . O, Henriette, welche Tage rufen Sie zuruck! Doch, meine Elisa ware nicht das Muster weiblicher Tugend geworden, ware sie nicht die Gattinn des Mannes geworden, vor dem sie Widerwillen empfand.

H e n r . (Nach einer Pause.) Also ersetzte noch kein Weib Elisa's Stelle in Ihrem Herzen?

B i r k . Keins, und wird es nie; denn Elisa ist einzig. Zwar sahe ich manches liebenswurdige Weib; allein Elisa's Bild, ob ich gleich nicht mehr liebte, entfernte doch jede andere Liebe von meinem Herzen. Sie war die Erste, die dieses Gefuhl mich kennen lehrte, und das in seiner ganzen Reinheit. Elisa vereinigte Alles: Verstand, Reitze, Tugend, Liebenswurdigkeit, und nur die hochste Liebe konnte man fur sie empfinden. Nie wird eine zweyte Liebe in meinem Herzen Platz finden, und der Gedanke erregt mir Widerwillen, mein Schicksal mit einem Weibe zu vereinigen, welches ich nicht so lieben konnte, als ich noch jetzt Elisa'n liebe. Mich dunkt, ich wurde das einzige Band zerreissen, welches uns jetzt noch verbindet. Elisa, obgleich schon langst meine Leidenschaft zu ihr aufgehort hat, ist doch noch immer der Gegenstand meiner liebsten Gedanken und Empfindungen, und dann durfte sie es nicht mehr seyn; und ich kann mir nicht das Vergnugen rauben, an sie zu denken; ich kann nicht undankbar gegen ein Weib werden das mich vielleicht allein lieben wurde, und dem ich diese Liebe nicht erwiedern konnte!

H e n r . Aber, Birkenstein, furchten Sie nicht, einst eine Leere in Ihren Herzen zu finden, wenn kein Gegenstand es fesselt, keiner Ihre liebende Seele erfullt?

B i r k . Nein, Henriette! Die Unglucklichen sollen mich fesseln! Die, deren Loos ich verbesserte, meine Seele erfullen! Ich werde fur sie arbeiten, ich werde suchen, frohe Menschen um mich zu versammeln, und ich werde glucklich seyn! Ich werde Elisa's wohlthatige Anstalten nachahmen, ich werde Menschen erziehen, und auch in Birkenstein soll, wie in Wallenthal, das dahin sinkende Alter Unterstutzung finden. Wie viel Gegenstande, Henriette, welche mein Herz erfullen werden! und dann, Elisa und ihre Kinder Elisa, welche mir immer theuer seyn wird, und in deren Gesellschaft ich kunftig manche Stunde verleben will! Wundern Sie sich nicht uber diesen Vorsatz, Henriette, jetzt reise ich weg, und komme in vielen Jahren erst wieder! Zwar traue ich mir Tugend genug zu, um nicht das Weib eines Andern zu verfuhren, und ich weiss, das Elisa vor dem Gedanken zuruckbeben wurde, einen Andern, als ihren Gatten, zu lieben Allein wenn ich sie sehen kann, ohne dass ich aufhore, ein ehrlicher Mann zu seyn, so kann ich sie nicht sehen, ohne dass ich sie liebe, und auch ihr Herz wurde oft unwillkuhrlich bey meinem Anblick starker klopfen; dieses will ich ihr und mir ersparen! Wir bekampften Beyde unsere Leidenschaft, wir siegten, der Kampf soll nicht erneuert werden! Allein, Henriette, wenn kalter das Blut in meinen Adern rollt, dann will ich ein Mitglied der Wallenheimischen Familie, dann will ich Elisa's Bruder werden! Hier in Stadtchen R... kauf ich mir dann ein Haus, und verlebe hier sechs Monathe des Jahrs; denn meine Bauern in Birkenstein verlasse ich nie ganz. Elisa's Kinder sollen dann die Meinigen werden, wenn Herrmann, dieser Knabe, aus dessen Blicken der Mutter liebevolle Seele strahlt, und der mir noch theurer ist, durch den Namen, den er von ihr erhielt, und durch den sie ein Denkmahl ihrer Liebe stiftete, wenn er der mutterlichen Leitung entwachsen ist, dann will ich sein Fuhrer werden, dann will ich ihn zum Manne bliden, und ihn ihr dann wieder geben! O, Henriette! wie kann ich eine Leere furchten? Elisa's Freund, ihr Bruder, ihre Kinder die Meinigen, und einige Sterbliche, an deren Gluck ich arbeiten und die ich lieben werde!

H e n r . (geruhrt.) Herrmann! Elisa! Mochten doch eure Namen in den Annalen der Tugend aufgeschrieben werden!

H e r r m . (druckt Henriettens Hand.) Ja, Henriette, wunschte ich, dass er je unvergesslich wurde, so ware es dort!

Herrmann und Henriette schwiegen, und dieses Schweigen war feyerlich und ernst; ein Wagen, der daher rollte, weckte sie aus ihrem Nachdenken, und Felsing trat herein. Herrmann und Felsing wurden Freund, und erst am andern Tage schied Herrmann von ihm und seiner Gattinn. Viel sprachen Elisa und Henriette bey ihrem Wiedersehen von ihrem Freunde; allein Henriette sahe bald, dass Elisa uber ihr Herz gewacht, und jede aufkeimende Empfindung darin unterdruckt hatte. In der That suchte Elisa, seitdem Herrmann in Wallenthal gewesen war, ihrem Gatten noch mehr Liebe zu beweisen. Er sahe diese Bemuhung, schatzte sein Weib um so mehr, und Beyde waren glucklich.

Es war ein Jahr, dass sie nun in Wallenthal waren, da wurde Herrmann krank; man fing bald an, fur sein Leben besorgt zu seyn. Elisa zitterte, sie verliess sein Bette nicht, ihre Augen fullten sich mit Thranen, wenn sie auf ihren Sohn blickte, und doch wollte sie sie vor ihrem Gatten verbergen, der trostlos ihr zur Seite sass. Wallenheims ganzes Herz hieng an dem Knaben, sein Anblick hatte ihn stets mit Freuden erfullt, auf allen seinen Spatziergangen war er sein Begleiter gewesen, und oft hatte ein Lacheln, ein kindischer Einfall des Knaben, des Vaters Unmuth zerstreuet. O, Elisa, sprach er zu seiner Gattinn, wenn mir Herrmann entrissen wird, dann wird mein ganzes Leben ode und freudenleer werden. Wie viel versprach ich mir nicht von dem Knaben! Er war Ihr Ebenbild! Er sollte die Freude meines Alters werden! Ach, er war ja jetzt schon die Freude meines Leben!

Elisa weinte, sie umarmte ihren Gatten. Lassen sie uns stark seyn, Wallenheim! Wir durfen ihm nicht unterliegen, dem Schmerze! Wir mussen (hier stockte ihre Stimme, und ihre Thranen flossen haufiger) wir mussen fur unsere andern Kinder leben!

Wallenheims Thranen verdoppelten sich, er verliess das Zimmer; da sank Elisa auf ihre Kniee, sie nahm des Knaben Hand, ihr Kopf sank auf dieselbe: O, Herrmann, mein Sohn, bald wirst du nicht mehr seyn! Im stummen Schmerze blieb sie liegen. Endlich stand sie auf, blickte gen Himmel, umarmte dann Herrmann: Ach, seitdem er lebt, hat er mein Herz mit Freude erfullt! so manchen sussen Augenblick gewahrte er mir! Dank dir, mein Sohn! Dank Dir, gutige Vorsicht, die mich acht Jahre durch ihn eine gluckliche Mutter seyn liess! Ich will sie nicht vergessen, diese Jahre der Freude! Noch jetzt will ich mit Dankbarkeit mich ihrer erinnern! Jetzt, wo ich ihn verliere, auf ewig verliere! (sie bricht aufs neue in Thranen aus.) O, mein Herz ist zerrissen! Aber meine Standhaftigkeit soll mich nicht verlassen! Dir, gutige Vorsicht, opfere ich meine Leiden, opfere ich den Schmerz, der jetzt in meinem Busen wuhlt Beym Eintritte in die Welt, harrten meiner Leiden und Freuden! Ich will sie tragen die Leiden, ich genoss ja die Freuden! (sie wirft sich wieder auf Herrmanns Bette.) O, Herrmann, mein Sohn, du wirst nicht mehr seyn! Aber, Elisa, deine Pflichten horen nicht auf! Dein Gatte, deine ubrigen Kinder leben, du musst an ihrem Glucke arbeiten! Dazu berief dich die Natur! Und ehe sie mich nicht zuruckruft, vom Schauplatze des Lebens, eher darf ich nicht aufhoren zu wirken! Dazu muss ich stark seyn! (sie fallt nieder auf ihre Kniee, und hebt die Hande gen Himmel.) Ja, ich will es seyn! Ich will mit ruhiger Ergebung das grosste der Leiden tragen ich will ihn bekampfen, den Schmerz ich muss Wallenheim trosten O, Wallenheim! Du sollst nicht zu gleicher Zeit deine Gattinn und deinen Sohn verliehren!

Nun stand Elisa auf, und setzte sich wieder neben ihrem Herrmann; er war schon seit zwey Tagen ohne Empfindung. Sie nahm ihn oft in ihre Arme, weinte; aber eben so oft blickte sie empor zum Himmel, und rief aus: Du wirst mich starken, grosses Wesen!

Wallenheim kam wieder herein; es war schon Abend, Elisa bat ihn zu Bette zu gehen. Meine Elisa, sprach er, soll ich nicht mit Ihnen diese traurigen Stunden theilen? Wollen Sie allein jene bange Bekummerniss uber sich nehmen, allein ihn mit unermudeter Sorgfalt bewachen, und ich soll ruhen?

E l i s a . Ja, mein Wallenheim, suchen Sie auf einige Stunden zu ruhen. Unser Sohn stirbt noch nicht! Noch ist der Faden seines Lebens nicht durchschnitten! Vielleicht! doch gehen Sie jetzt, Ihre Gegenwart hier wurde mich noch mit mehrerer Besorgniss erfullen, ich wurde auch fur Sie zittern!

Wallenheim umarmte sie, weinte, und verliess das Zimmer. Elisa glaubte, dass Herrmann in dieser Nacht sterben wurde, und sie wollte nicht, dass Wallenheim diesem traurigen Auftritte beywohnen sollte. Wallenheim ging zu Bette, von Gram und Thranen abgemattet, schlossen sich seine Augen. Er war eine Stunde weg, da horte Elisa ihren Sohn leise rocheln; das Rocheln nahm zu, sie sah mit unverwandtem Blick auf ihn, ihr Busen hob sich hoch und heftig, Schmerz wuthete in ihrem Innern. Jetzt drangt sich das letzte Rocheln aus Herrmanns Brust, seine Seele entfliehet, seine Augen sind auf ewig geschlossen! Elisa sinkt auf den todten Leichnam, sie heftet ihre Lippen auf die entseelten Lippen ihres Kindes, hier bleibt sie eine halbe Stunde liegen; man will sie wegbringen. O, lasst mich, ruft sie aus, meinen Schmerz auf seinen Lippen aushauchen! Dieses war der einzige heftige Ausbruch ihres Schmerzes. Nach einer halben Stunde stand sie auf, und ging in ihr Zimmer. Nun flossen ihre Thranen; allein sie war ruhig. Oft richtete sie ihre Blicke gen Himmel, und einigemahl rief sie aus: Grosser Urheber alles Seyns, Du wolltest es so!

Wallenheim hatte einige Stunden geschlafen; allein schon lange hatten ihn bange Besorgnisse geweckt. Indess herrschte eine Stille im ganzen Hause, und diese liess ihn nichts Boses ahnden. Endlich klingelt er; da trat Elisa herein, warf sich in seine Arme, und rief aus: O, mein Wallenheim! er ist nicht mehr! Ach, wir verbanden uns, Freude und Leid zu tragen!

W a l l e n h . Herrmann? Elisa! Herrmann?

Elisa weinte. Auf ewig, auf ewig Dich verlohren? rief Wallenheim.

E l i s a . (druckt Wallenheim an ihren Busen.) Mein Wallenheim, mein Gatte, lass uns stark seyn!

Lange weinten nun Beyde; endlich sagte Elisa! Trocknen Sie Ihre Thranen, Geliebtester, kommen Sie, beym entseelten Korper meines Sohns wollen wir Standhaftigkeit schworen!

W a l l e n h . Elisa, Du bist ein Weib, Du bist Mutter, und Du kannst?

E l i s a . Ach, Wallenheim! mein Herz ist zerrissen; aber ich habe gelernt Leiden zu tragen!

Sie gingen nun zu dem Leichnam ihres Sohnes. Beyde knieeten vor demselben: O, mein Sohn! mein Sohn! rief Elisa, entrissen meinem Herzen! Ach, es blutet! Tief im Innern nagte der Schmerz! Aber einst kniete ich so, wie jetzt, vor der Leiche meines Vaters, und da schwur ich der Tugend! Es ist ja auch Tugend, standhaft zu seyn! Ich will es seyn, (Sie steht auf und ergreift Wallenheims Hand.) Wallenheim, lass uns weinen um unsern Sohn; lange werden meine Thranen noch fliessen; aber dass der Schmerz uns nicht unsere Pflichten versaumen lasse.

Nun riss sie ihn mit sich fort, ging zu Henrietten, trostete sie. Bald kam Felsing mit seiner Gattinn. Mit inniger Theilnehmung umarmte Henriette ihre Freundinn. Komm auf einige Tage mit deinem Gatten und Henrietten nach Felsingburg, sprach sie zu ihr, Waldin und Felsing werden alles besorgen!

Die Scenen des Kummers, die Zurustungen trauriger Obliegenheiten zu vermeiden, ist Pflicht, wenn man sich ihrer entziehen darf. Dieses wusste Elisa, und sie folgte ihrer Freundinn. Die Beerdigung ihres geliebten Sohnes wurde nun Felsings und Waldins Geschaft, und nach sechs Tagen kehrte die Wallenheimsche Familie nach Wallenthal zuruck. Wallenheim und seine Gattinn setzten ihrem Sohne kein Denkmahl; sie wussten, er wurde in ihren Herzen fortleben; aber sie wollten durch keinen sinnlichen Gegenstand ihrem Schmerze Nahrung geben.

Jene Unthatigkeit, welcher man sich im Schmerze so gern ergiebt, vermied Elisa jetzt. Zuruck in Wallenthal, fing sie auch ihre Beschafftigungen wieder an. Zwar unterbrachen ihre Thranen sie oft; allein sie gestattete es sich nicht, sich dem Schmerze zu ergeben; weinend setzte sie ihre Beschafftigungen fort, und zwang so ihre Aufmerksamkeit, sich auf andere Gegenstande zu richten. Sie las viel, und bewog auch Wallenheim viel zu lesen; sie wahlte ernste Bucher, welchen sie ihre Aufmerksamkeit widmen musste. So sehr sie auch um ihren Herrmann trauerte, so bemuhete sie sich doch, Wallenheim zu trosten. Sie verliess ihn in den ersten Tagen fast gar nicht, sie vermischten ihre Thranen; aber mitten unter denselben bestrebte sich Elisa, seine Gedanken von seinem Sohne abzuziehen, ihm das Gesetz der Nothwendigkeit in seiner ganzen Starke vorzustellen, und ihm diejenige Ergebung einzuflossen, welche der Weise, selbst bey den hartesten Schlagen des Schicksals, noch behalt; welche zwar den Schmerz empfinden lasst, aber Verzweiflung entfernt.

Gleich nach Herrmanns Tode hatten Wallenheim und seine Gattinn Carln kommen lassen. Die Natur erwachte jetzt aufs neue aus ihrem Schlummer; das grune Gewand der Erde ging wieder aus ihrem Schoosse hervor; aber die bluhende, lachende Natur goss neue Traurigkeit in Wallenheims und seiner Gattinn Herzen. Ach, sagte Elisa, Alles bluhet, und mein Herrmann ist dahin! Doch bald erinnerte sich Elisa, dass sie so oft Trost im Schoosse der Natur gefunden hatte, dass ihre Freuden nie ersterben, sie besuchte also den Wald, den Garten, die grunen Felder wieder, und so schmerzhaft ihr auch im Anfange die wiederkehrende Freude der Natur gewesen war, so goss sie doch bald wieder Ruhe in ihr Herz; es war zu empfindungsvoll, als dass es hatte fuhllos gegen die allgemeine Freude bleiben konnen. Auch Wallenheim bewog sie, sie auf ihren Spatziergangen zu begleiten, und ihre Kinder folgten ihnen dann. Es war an einem sanften Fruhlingstage, als Elisa zum Erstenmahle nach Herrmanns Tode mit ihrem Gatten spatzieren ging. Sie gingen durch den Tannenwald auf eine Anhohe, von welcher man auf der einen Seite uber den dunkeln Wald hinblickte, und auf der andern erstreckten sich grune Auen, in einer dem Auge unerreichbaren Lange. Sie setzten sich; Henriette hascht einen Schmetterling, sieht ihn an, und fangt an zu weinen. Ach, Mutter! sonst haschte Herrmann die Schmetterlinge, und half mir Krauter suchen! Ach, ich kann es immer noch nicht vergessen, jedesmahl dass ich spatzieren gehe!

W a l l e n h . (nimmt Henrietten wehmuthig in seine Arme) Armes Madchen! (er weint.)

Ja, Elisa, jeder Baum im Tannenwalde hat mich an den Knaben erinnert! Wenn ich mit ihm auf die Jagd ging, und er dann vergnugt an meiner Seite hupfte, mir die Vogel zeigte, und unter dem Baume lauschte, o, dann habe ich mich so oft uber des Knaben Munterkeit gefreuet! Gefreuet, wenn ich so viel Zuge seines guten Herzens, so manchen Beweis seines lebhaften Verstandes sahe! O, Elisa! ich kann Ihnen nicht sagen, wie jetzt Alles so ode, so freudenleer um mich ist!

E l i s a . (druckt Wallenheim die Hand und trocknet ihre Augen; nach einer Pause.) Meine Wallenheim, blicken Sie um sich, die Natur ist noch immer schon! Zwar ein grosser Theil unsers Glucks, unserer Freuden ist uns entrissen; aber viel bleibt uns noch ubrig! Unsere Kinder werden wieder lustig werden, sie werden, hoffe ich, gut werden, und uns noch manche Freude gewahren! Wir werden noch manchmahl hier der sanften Freuden der Natur geniessen! Sehen Sie das lachende Grun, horen Sie das frohe Zwitschern der Vogel! O lassen Sie Ihr Herz die Uebereinstimmung, die Harmonie der Natur empfinden, und wenn wir dann um unsern Herrmann weinen, so lassen Sie uns auch empfinden, dass in der Schopfung doch noch Freuden fur uns sind!

W a l l e n h . (umarmt Elisa'n.) Sanftes, liebevolles Weib! Ja, ich fuhle mich getrostet, ich fuhle mich starker, wenn ich bey Ihnen bin!

Auf diese Art bestrebte sich Elisa, immer Wallenheims Gram zu mindern, und dem Ihrigen das Bittere desselben zu benehmen. Zwar trauerte sie lange um ihren Herrmann; allein ihr Gram war eine sanfte Schwermuth, mit derjenigen ruhigen Heiterkeit vereiniget, welche Elisa'n fast nie verliess.

Jahre verflossen nun, ohne dass der Wallenheimischen Familie etwas Merkwurdiges begegnete. Henriette war der Gegenstand der Zartlichkeit ihrer Aeltern geworden; allein Elisa hatte uber ihre Liebe zu ihr gewacht, und hatte mit den Jahren ihre Sorgfalt fur ihre Erziehung verdoppelt; und schon erkannte man in Henrietten die Tugenden ihrer Mutter. Herr Waldin war in Wallenthal geblieben, bis dass er einen Dienst bekommen hatte, welchen er durch Elisa's Bemuhungen erhielt. Als er weg war, erhielt Henriette allein ihren Unterricht von ihrer Mutter, welche sich taglich um mehrere Kenntnisse bewarb, um den Verstand ihrer Tochter gehorig zu bilden. Uebrigens blieb Elisa sich gleich; der Jugend Bluthe war von ihr geschwunden, aber nicht der Reiz derselben; in keine ernstern Falten zog sich ihre Stirne; eben das ruhige, sanfte Lacheln thronte noch auf ihren Lippen, und eben derselbe liebevolle Blick, der einst Herrmann zuerst die Liebe kennen lehrte, begleitete noch jede ihrer Handlungen, und jedes ihrer Worte. Unaufhorlich blieb sie beschaftiget, die Summe des Glucks zu vermehren, und nachdem die Zeit und ihre Bemuhungen den Schmerz uber Herrmanns Tod getilgt hatten, rief sie die Freude zuruck an ihre Seite, und verbreitete sie wieder uber Alles, was sie umgab, uber ganz Wallenthal, soweit es dem Menschen moglich ist, und nur selten sahe man dort einen kummer- oder unmuthsvollen Blick. In seinem funfzehnten Jahre war Carl in den Militairdienst getreten; oft schon hatte Elisa bittere Thranen um ihn vergossen. Sein Charakter hatte keine Festigkeit bekommen, seine Leidenschaften, welche heftig waren, keine gehorige Richtung. Sie hatte Wallenheim oft ihre Besorgnisse mitgetheilt, ohne ihm indess Vorwurfe zu machen; allein er wollte aus falscher Schaam es nie gestehen, dass sein Weib Recht habe, und nie hatte sie ihn bewegen konnen, in Absicht Carls andere Massregeln zu nehmen. Er war nun vier Jahre beym Regimente, und uberliess sich jetzt, da er sich frey glaubte, seinen Leidenschaften ohne Einschrankung. Das Spiel war fast seine einzige Beschaftigung, und die Stunden, welche er fern vom Spieltische zubrachte, verlebte er in den Armen feiler Buhlerinnen. Er war zwanzig Meilen von Wallenthal entfernt; allein Elisa liess ihn beobachten, sie war von jeder seiner Handlungen unterrichtet; aber sie verschwieg ihrem Gatten seine Auffuhrung, um ihm die Vorwurfe, welche er sich machen konnte, zu ersparen, und auch, weil sie besorgte, dass er vielleicht, um ihn zu bessern, falsche Massregeln ergreifen konnte. Sie wollte einige Zeit seine Leidenschaften ausbrausen lassen; sie glaubte, dass, wenn ein Jungling eine schlechte Erziehung bekommen hatte, und seinen Leidenschaften nicht schon vor ihrem Erwachen ein Zugel angelegt worden ware, sie einem reissenden Strome glichen, der alle Damme durchbricht, welche man ihm entgegensetzt; dass folglich in der ersten Hitze derselben jedes Mittel zur Besserung vergebens sey, und sie wollte diese nicht eher anwenden, als bis er einige Zeit seine Leidenschaften befriediget haben wurde. Doch jetzt naherte er sich dem zwanzigsten Jahre; nun, glaubte sie, ware es Zeit, ihn von seinen Ausschweifungen zuruckzubringen, sonst bliebe er Lebenslang ein Spieler und ein Wollustling. Sie beschloss, selbst nach S... zu reisen, wo er in Garnison stand. Sie sagte ihrem Gatten, dass Carl sich von heftigen Leidenschaften hinreissen liesse, und dass sie hoffte, dass, ware sie einige Zeit in S..., sie vielleicht Gelegenheit haben wurde, kraftige Massregeln zu seiner Besserung anzuwenden. Eine zwanzigjahrige Erfahrung hatte Wallenheim zu sehr von der Klugheit und Vorsicht seiner Gattinn uberzeugt, als dass er jetzt nur einen Augenblick hatte zweifeln konnen, dass Elisa nicht ganz so handeln wurde, als Zeit und Umstande es erforderten. Er war gewohnt, sie in allen Fallen die besten Massregeln ergreifen zu sehen, und schon seit langer Zeit schrankte er sie in keiner ihrer Handlungen mehr ein, und Elisa gebrauchte diese Freyheit nur, ihn und ihre Kinder zu beglucken. Reisen Sie, theure Elisa, sprach er, es wird der besten Mutter aufbehalten seyn, den Sohn zuruckzubringen, den des Vaters Fehler auf Irrwege leitete!

Und Elisa reiste.

Sie trat in S.... in einem Gasthofe ab; sie verbarg ihren Namen; viel horte sie von ihrem Sohn sprechen; er hatte zweytausend Thaler Schulden in S...., und taglich fand man bey ihm eine Versammlung von Spielern und Freudenmadchen. Inzwischen erzahlte man sich auch Zuge seines guten Herzens: Der junge Wallenheim, horte Elisa einige Manner sagen, kann nur der Verfuhrung nicht widerstehen; es ist zu viel Schwache in seinem Charakter; ich weiss, dass er oft die besten Vorsatze nimmt, allein sie schwinden im andern Augenblicke, sobald einer seiner Freunde zu ihm sagt: komm mit mir zum Pharotische.

Aus allen diesen Reden schopfte Elisa Hoffnung. Er ist noch nicht ganz verdorben! sagte sie zu sich selbst. Sie erfuhr, dass am andern Tage wieder eine Versammlung seiner Spielgesellen bey ihm seyn wurde. Sie bat die Wirthin, bey welcher Carl wohnte, ihr fur ein gutes Trinkgeld zu erlauben, wahrend der Zeit, dass bey dem jungen Wallenheim Gesellschaft ware, sich in dem Zimmer neben dem Seinigen aufzuhalten. Die Frau gestattete ihr dieses, und Elisa ging am Nachmittage dahin. Bald hort sie das wilde Jauchzen, die uppige Frohlichkeit Carls und seiner Gesellschafter; sie unterscheidet unter ihnen zwey weibliche Stimmen, welche ihn zum Spiele ermunterten: Mache Wallenheim, dass du gewinnst, riefen sie ihm zu, allein wir bekommen die Halfte des Gewinnstes, aber dafur sollst du auch eine gottliche Nacht haben! O, ihr werdet sie wohl sehr menschlich machen, antwortete Einer aus der Gesellschaft, und ein wildes Gelachter erscholl. Doch jetzt horte Elisa, dass man sich um den Pharotisch versammelte, und nach einer halben Stunde horte sie Carln ausrufen: Der Teufel! schon hundert Louisd'or weg! Da offnete sie plotzlich die Thur, und trat in das Zimmer. Wie vom Blitze geruhrt, stand Carl da; Elisa schwieg. Teufel! rief ihm einer seiner Cameraden zu, was machst du, Wallenheim? Das Weib sieht ja nicht so schrecklich aus, um dir ein solch Herrjemines Gesicht abzujagen?

W a l l e n h . Schweig! es ist meine Mutter!

Nun wurde die Besturzung unter Carls Gesellschaftern allgemein; alle schwiegen.

E l i s a . (nahert sich ihm einige Schritte.) Carl, und du heissest mich nicht einmahl willkommen?

C a r l . (bedeckt sein Gesicht mit seinen Handen.) O! meine Mutter!

E l i s a . Carl! wenn die kindliche Liebe nicht in dir spricht, so spricht doch die mutterliche Liebe desto lauter in meinem Herzen! Komm in meine Arme, ich habe dich in so langer Zeit nicht gesehen.

C a r l . (sturzt sich schluchzend in Elisa's Arme.) O, meine Mutter! darf ich Sie umarmen?

E l i s a . Bist du denn mein Sohn nicht mehr? Carl! lass mir die Hoffnung, dass der Knabe, den ich unter meinem Herzen trug, nicht ganz aufhoren kann, mein Sohn zu seyn!

C a r l . Meine Mutter! Was kann ich Ihnen sagen? Ich kann mich nicht rechtfertigen, alles spricht hier gegen mich.

E l i s a . Lass diese Zeugen deiner Handlungen in der Zukunft aufhoren, und ich werde sie vergessen!

C a r l . Ach, Mutter! ich fuhle es, ich muss ein schlechter Mensch seyn, dass ich solch ein Wustling wurde, und solche vortreffliche Mutter habe!

E l i s a . Genug, mein Sohn, von dem Vergangenen. Lass mich hoffen, dass du dich in der Zukunft meiner Leitung uberlassen wirst, und ich werde auch durch dich eine gluckliche Mutter werden.

C a r l . Mutter, wenn der Eindruck Ihrer Gute nicht fest in meiner Seele haftete, so musste ich jede Empfindung verlieren, und aufhoren ein Mensch zu seyn!

E l i s a . (hebt Carln auf, und umarmt ihn.) Dank dir, mein Carl, fur die sussen Hoffnungen, mit welchen du mich belebest. O, wenn du weise und gut seyn wirst, dann, dann drucke ich dich noch mit mehrerm Entzucken an mein Herz, als am Tage deiner Geburt!

Carl weinte am Halse seiner Mutter. Carl, sagte endlich Elisa, du vergissest deine Gesellschafter.

Carl wurde verwirrt; er kehrte zum Spieltische zuruck, um welchen Alle noch versammelt standen: Meine Freunde, sprach er, ihr musst mich heute verlassen. Verzeiht, dass meiner Mutter Ankunft mir nicht langer erlaubt, mit euch zu seyn!

Aber unser Geld, Wallenheim? flusterten ihm Einige leise zu.

C a r l . Ich werde es euch zustellen! jetzt habe ich es nicht.

B a r o n v o n T . . . (Der wildeste von Carls Gesellschaftern.) O, deine Mutter wird dich zum Heiligen machen, und dann wirst du eine Spielschuld nicht bezahlen, gieb sie nur lieber gleich!

C a r l . Aber T..., ich habe sie nicht!

B. v. T... Na, Bruder, dann komme ich morgen fruh wieder: denn langer warte ich nicht!

E l i s a . (hat indess ihre Uhr abgemacht, und reicht sie dem B. von. T...) Mein Herr, diese Uhr wird den Werth der Summe ausmachen, welche mein Sohn Ihnen schuldig ist!

C a r l . O, meine Mutter!

B a r o n v o n T . . . (verwirrt.) Ich kann warten, meine gnadige Frau!

E l i s a . Einmahl muss die Schuld doch bezahlt werden.

C a r l . Aber, liebe Mutter, Ihre Uhr!

E l i s a . Ich bin nicht reich, Carl!

C a r l , (schlagt sich verzweiflungsvoll vor die Stirn.) O, ich Elender!

E l i s a . (zum Baron von T...) Ich bitte Sie, mein Herr, nehmen Sie die Uhr! Mir bleibt kein anderes Mittel, meines Sohnes Schuld abzutragen.

B a r o n v o n T . . . (nimmt die Uhr geruhrt.)

Alle entfernten sich, indem sie sich ehrerbietig gegen Elisa'n verneigten. Die beyden Freudenmadchen blieben. Mit frecher Geberde stellten sie sich an ein Fenster, und sprachen zusammen. Elisa that, als bemerkte sie sie nicht, und Carls Verwirrung stieg immer hoher; endlich nahert er sich ihnen: Wollen Sie mich nicht auch jetzt verlassen? sprach er.

Nach erhaltener Bezahlung, Herr von Wallenheim, war Beyder Antwort.

C a r l . Aber, Madchen, ihr seyd ja noch fur diese Nacht frey. Warum sollte ich euch bezahlen, da ich euch nicht von weiterm Verdienste abhalte?

D i e E i n e . Herr von Wallenheim, wir kamen unter der Bedingung, dass Sie jeder von uns funf Louisd'or geben wurden. Sie wissen, wir gehen nicht zu einem jeden.

C a r l . Aber, Madchen, ich habe euch nicht gebraucht!

D i e A n d e r e . (laut lachend.) Darum bleiben wir auch hier, um uns unser Geld noch zu verdienen.

D i e E r s t e . Und genug, Herr von Wallenheim, wir geben nicht ohne Bezahlung.

C a r l . (hitzig.) O, der unverschamten Geschopfe!

D i e V o r i g e . Keine Beschimpfungen, Herr von Wallenheim! Auch wir werden uns Recht verschaffen konnen; entweder bezahlen Sie uns, oder wir verklagen Sie morgen. Baron von T... ist Zeuge Ihrer Versprechungen gewesen, auf ihn berufen wir uns!

C a r l . (fur sich.) Was soll ich anfangen? (er wirft sich seiner Mutter zu Fussen.) O, meine Mutter, befreyen Sie mich!

E l i s a . (geht zu den beyden Madchen, und giebt jeder funf Louisd'ors. Beyde entfernen sich augenblicklich.)

E l i s a . (nachdem sie hinausgegangen sind.) Dieses sind also die Freuden, Carl, denen du deine Ruhe, dein Gluck, deine Ehre opferst? Denn ein Mann von Ehre wird die Drohungen einer offentlichen Buhldirne als einen Schimpf ansehen, den er nicht ertragen kann; ein Mann von Ehre wird nicht anderer Geld entwenden; denn Schulden machen, die man nicht bezahlen kann, ist doch wohl so gut als Raub? Und diese Freuden erkaufst du mit den Thranen deiner Aeltern? Armer Jungling, wie wenig musst du mit den wahren Freuden des Lebens bekannt seyn, um diesen ein so grosses Opfer zu bringen!

Carl lag noch auf seinen Knieen und weinte. Scham, Reue und Liebe zu seiner Mutter waren die Empfindungen, welche in seinem Herzen abwechselten. Elisa uberliess ihn diesen Gefuhlen; sie schwieg. Ein starkes Anpochen an der Thur riss Carln aus denselben. Er steht auf, offnet die Thur. Funf seiner Glaubiger stehen vor ihm; er erschrickt. Gut, junger Herr, fangt der Eine von ihnen an, dass wir ihre Mutter noch bey ihnen finden; Sie werden uns doch erlauben, mit ihr unsere Sache abzumachen?

Carl richtet seinen Blick furchtsam auf seine Mutter; er hatte gewunscht in die Erde sinken zu konnen. Nun traten die Herren herein, und zogen Rechnungen und Schuldverschreibungen heraus. Was ist das, Carl, fragte Elisa? Nichts, gnadige Frau, antwortete jener Mann, welcher schon zuvor gesprochen hatte, als Rechnungen und Schuldverschreibungen, welche sich auf zweytausend Thaler belaufen, welche Ihr Herr Sohn uns schuldig ist.

E l i s a . (erschrocken.) Gott! zweytausend Thaler? Wo soll ich die hernehmen?

D e r G l a u b i g e r . Gnadige Frau, richten Sie es ein, wie Sie konnen; nur soviel sage ich Ihnen, wenn wir nicht bezahlt werden, oder Sie uns nicht Burge fur die Bezahlung sind, so lassen wir den jungen Herrn nicht aus der Stadt.

E l i s a . Meine Herrn, hier sind funfhundert Thaler, in jedem der drey folgenden Jahre sollen Sie eine gleiche Summe erhalten, und im Vierten die Zinsen des Capitals. (Sie setzt sich hin und schreibt.) Hier haben Sie das schriftliche Versprechen und hier das Geld! (Sie zahlt auf einen Tisch hundert Louisdo'r.)

Die Glaubiger nahmen nun mit vielen Complimenten von Elisa'n Abschied. Sobald sie das Zimmer verlassen haben, bricht Elisa in Thranen aus.

C a r l . Meine Mutter, Sie weinen? O, ich Unglucklicher!

E l i s a . Mein Herz ist zerrissen. Wozu habe ich mich anheischig machen mussen? Meinen Vergnugungen habe ich kein Geld bestimmt, ich kann also das Geld, deine Schulden zu bezahlen, nicht mir entziehen; denn ich habe keine andere Ausgaben fur mich, als die, welche unbedingte Nothwendigkeit fordern. Und das Wenige, welches ich zur Annehmlichkeit deines Vaters und deiner Schwester bestimme, soll ich ihnen entziehen? O, ich werde die Klagen des Vaters uber den Sohn horen mussen, der ihm nichts ubrig liess, als das blosse Stuck Brod! Ich werde meine susse Henriette in den Jahren der Freude sehen, und ihr jedes Mittel zum Vergnugen entziehen mussen! Doch schwerer noch wird es meinem Herzen werden, dem Unglucklichen jede Hulfe zu versagen! Die Summe, welche ich den Armen gab, ist die einzige, uber welche ich bestimmen kann, das Einzige, welches ich besitze. Armer, hulfloser Greis, wenn du nun vor meiner Thur vorbeyschleichest, darf ich dir nicht mehr ein Labsal reichen! Ich muss deine Thranen sehen, und darf sie nicht trocknen! Ich darf dich nicht unterstutzen, ungluckliche Mutter, wenn du mich um ein Stuck Brod ansprichst, deine Kinder zu unterhalten! Ich werde euch sehen, meine bedrangten Bruder, euer Elend empfinden, und euch nicht helfen konnen! Carl! dieses schmerzt mich! O, gern opferte ich dir alles, was ich besasse, musste ich dir nur nicht Pflichten gegen meine unglucklichen Mitmenschen aufopfern!

C a r l . (wieder zu den Fussen seiner Mutter.) Meine Mutter! O, wie gross ist meine Schuld! Ich fuhle es, Sie konnen mich nicht mehr lieben!

E l i s a . (Mit sanfter, ruhrender Stimme, indem sie ihn umarmt.) Du bist mein Sohn!

Carl weinte noch einige Zeit in ihren Armen; endlich sprach Elisa zu ihm: Ich wunschte, dass du mich begleitetest! Du bist in langer Zeit nicht in Wallenthal gewesen, siehe zu, dass du auf drey Monathe Urlaub bekommst.

Carl erhielt diesen Urlaub. Elisa kehrte am Abend in den Gasthof zuruck, und sagte ihm, dass sie ihn am andern Morgen erwarte, um mit ihm abzureisen. Carl kam am andern Morgen; er fand seine Mutter schon angekleidet; allein er sahe weder eine Kutsche, noch Pferde. Haben Sie die Postpferde schon bestellt? fragte er nach einiger Zeit.

E l i s a . Ich habe kein Geld mehr, und ich mag meine Schulden nicht vermehren. Ich werde zu Fusse gehen, du kannst ja reiten!

C a r l . Meine Mutter! Sie, zu Fusse gehen, von hier bis Wallenthal; es sind ja zwanzig Meilen!

E l i s a . Ich kann es nicht andern, Carl. Freylich wird es langsam gehen; allein in sieben Tagen denke ich hinzukommen.

C a r l . Meine Mutter, alle die Muhseligkeiten einer solchen Reise wollen Sie ertragen? O, ich bitte Sie, borgen Sie die Summe, welche zu Ihrer Reise erforderlich ist, und ziehen Sie es mir von meinem Taschengelde ab!

E l i s a . Nein, mein Sohn, ich will deinen Bedurfnissen nichts entziehen. Lass mich zu Fusse gehen, du wirst sehen, ich werde es schon aushalten konnen.

Carl schwieg, er machte sich Vorwurfe, und verabscheuete seine vorige Auffuhrung. Elisa hatte nun alles zur Abreise bereitet; ein Bedienter hatte sie begleitet; sie versprach ihm, den Weg, den er mit ihr machen musste, zu belohnen. Sie wollte durch dieses Mittel Carln lange seine Schuld empfinden lassen. Sie machten sich nun auf den Weg, Carl ging beschamt durch die Strassen; es demuthigte ihn, dass man seine Mutter und ihn in diesem geringen Aufzuge sahe. Er war auf dem ganzen Wege traurig und niedergeschlagen; oft weinte er, wenn er seine Mutter vor Hitze und Durst ganz abgemattet sahe, und sie dann ermudet auf den Rasen sank, und nur nach einigen Stunden wieder Krafte sammeln konnte, um ihren Weg fortzusetzen; aber liebevoll sprach ihm dann Elisa Trost ein; sie machte ihm nie Vorwurfe, sie klagte nie, ob sie gleich viel Unbequemlichkeiten auf dieser Reise zu ertragen hatte. Sie waren an jedem Tage drey Meilen gegangen, und am Siebenten langten sie endlich in Wallenthal an. Man hatte sie nicht kommen horen; sie traten in das Zimmer. Hier fand Elisa, ausser ihrem Gatten und ihrer Tochter, Birkenstein und Felsing mit seiner Gattinn und seinem Sohne.

Wallenheim eilt Elisa'n entgegen, und schliesst sie in seine Arme. Aber, theure Elisa, wir haben kein Gerausch gehort, sind Sie denn nicht gefahren?

E l i s a . Nein, Wallenheim!

W a l l e n h . (verwundert.) Warum nicht?

E l i s a . Ich konnte nicht.

Wallenheim sieht sie voller Verwunderung an, und erblickt Carln, welcher verwirrt an der Thur stehen geblieben ist. Elisa wendet sich um. Wallenheim, ich habe Ihnen unsern Sohn mitgebracht. Carl warum begrussest du nicht deinen Vater?

Carl nahert sich beschamt und verwirrt; Wallenheim empfangt ihn kalt; Henriette hat sich indess in die Arme ihrer Mutter geworfen. Alle nahern sich nun Elisa'n und bewillkommen sie.

B i r k e n s t e i n . Elisa, Sie sehen mich hier unter der Zahl ihrer Freunde, und gewiss nicht als einen der Letzten, der sich freuet, Sie zu sehen!

E l i s a . Birkenstein, Sie konnen glauben, dass meine Verwunderung, Sie hier zu sehen, mir nicht unangenehm ist.

B i r k . (Druckt Elisa'n die Hand.) Unsere Herzen verstanden sich ja immer, sie sind gewiss auch einstimmig im sussen Tone der Freundschaft!

Elisa erwiederte den Druck der Hand.

B i r k . Ich bin jetzt Ihr Nachbar. Ich habe mir ein Haus im Stadtchen R... gekauft, und von nun an verlebe ich hier die Halfte des Jahrs.

E l i s a . O welch ein herrlicher Einfall! Nun werde ich also stets im Kreise aller meiner Lieben seyn!

B i r k . Konnten Sie denn glauben, dass ich mich stets Ihres Umgangs, Ihrer Freundschaft entziehen wurde? Nein, Elisa! Jetzt konnen wir uns ohne Gefahr sehen, und jetzt wollen wir uns ruhig im Genusse unserer Freundschaft freuen.

E l i s a . Dank Ihnen, Birkenstein, dass Sie durch Ihren Aufenthalt hier noch die Summe meines Glucks vermehren werden!

B i r k . O, um diese Worte aus dem Munde des verehrungswurdigsten Weibes zu horen, lohnte es der Muhe, Leidenschaften zu bekampfen, und weise zu werden!

Froh brachten Wallenheim und seine Gattinn mit ihren Freunden den Abend zu. Zwar war Elisa ausserordentlich ermudet; allein dieses blieb unbemerkt, weil sie es nicht scheinen wollte. Carl war der Einzige, welcher sahe, wie viel Anstrengung seine Mutter anwendete, um nicht der Mudigkeit zu unterliegen. Sein Herz dankte ihr dafur, und immer fester haftete darin der Vorsatz, seine Mutter, welche so vieles fur ihn that, nie wieder zu kranken. Er blieb an diesem ganzen Abend traurig; ihn dunkte, ein Jeder kenne seine Schuld, und er lase Verachtung in eines Jeden Blicke. Tief schlug ihn dieses nieder, und nur beschamt und furchtsam blickte er umher. Elisa suchte ihn Muth zu machen; immer redete sie ihn liebevoll an, und noch mehr ruhrte dieses den Jungling. Gern ware er zu den Fussen seiner Mutter gesturzt, um dort seine Schuld abzubussen.

Ein ganz anderes Betragen hatte der junge Felsing; er war seit vier Jahren vom vaterlichen Hause entfernt, und seit einem Jahre auf der Universitat in G ...; jetzt war er wahrend der Ferien nach Felsingburg gekommen, und wollte zwey Monathe dort bleiben. Seine Bildung war angenehm, und in seinem aussern Anstande vereinigte er mit dem Feuer der Jugend sanften Ernst. Mit Eifer und Fleiss ergab er sich den Studien, und diese Neigung entfernte ihn von Ausschweifungen. Mit trefflichen Anlagen war er auf der Schule unter die Aufsicht eines geschickten Mannes gekommen, welcher seiner Seele eine edle Bildung gab, und seine Leidenschaften auf das Schone und Erhabene lenkte, und Heinrich von Felsing war ein Jungling, von dem man erwarten konnte, dass er als Mann die schonsten Fruchte tragen wurde. Erst seit zwey Tagen war er in Felsingburg, und die ihn zartlich liebende Henriette, welche glaubte, dass Elisa in Wallenthal zuruck seyn wurde, wollte mit ihr ihre Freude uber ihn theilen, und darum fand Elisa sie dort bey ihrer Ankunft. Heinrich gewann schon am ersten Abend Elisa's Achtung; er war bescheiden, und doch nicht blode; wenn er sprach, so geschahe es nie in einem entscheidenden Tone. Sein Scherz war witzig und fein, und seine Urtheile der schlichten Vernunft gemass; zuvorkommend war er gegen Carln; er bemerkte, dass er traurig war, und suchte ihn zu zerstreuen. Carl, dessen Herz durch die Stimmung, in welcher er heute war, mehr als sonst noch, jedem Eindrucke offen war, gewann den jungen Felsing lieb, und bald wurden Heinrich und Carl vertraute Freunde. Elisa sahe diese Freundschaft gern; sie glaubte, dass Carl durch die Unterhaltung seines Freundes zum Guten geneigter werden wurde; sie selbst sprach mit Heinrichen uber diesen Gegenstand, und bat ihn, Carln das Gute in einem Lichte vorzustellen, welches ihn es lieben mache; allein sie glaubte, dass jede Muhe, welche sie bis jetzt zu seiner Besserung angewandt hatte, vergeblich seyn wurde, wenn sie ihn nicht Liebe zur Beschaftigung einflosste, und in ihm Gefuhl fur das wahre Schone erregte. Sie fing also an, ihm den Geschmack zum Lesen einzuflossen; dann bildete sie seine Begriffe, erweiterte sie, machte ihn empfanglich fur jede Naturscene. Hatte Carl einen frohlichen Tag in der Gesellschaft seiner Aeltern und seines Freundes durchlebt, so machte ihn Elisa darauf aufmerksam, liess ihn seine jetzigen Gefuhle mit seinen vorigen vergleichen, und Carl fand sich itzt glucklicher. Fast taglich veranstaltete sie ein neues landliches Vergnugen, wo Scherz und Freude herrschten, um Carln den Genuss der einfachen Freuden der Natur annehmlich zu machen; und wenn er dann zuweilen im Kreise munterer Junglinge und Madchen war, und froher Scherz von eines Jeden Lippe floss, und sie auf dem Rasen mit jugendlichen Spielen und Tanzen die Stunden hinweg gaukelten, dann liess sie ihn in das Zimmer kommen, setzte ihn an einen L'Hombre- oder Pharotisch; allein der Glanz des Goldes konnte Carln nicht mehr den Reiz des Vergnugens ersetzen. Oft blickte er mit Verlangen nach dem Fenster, wenn er draussen das frohliche Jauchzen und Lachen seiner Gesellschafter horte, und das Spiel wurde ihm zuwider, weil er ihm manche vergnugte Stunde aufopfern musste. In allem diesem arbeitete Elisa gemeinschaftlich mit dem jungen Felsing. Es schien nicht, als hatte sie die Absicht, Carln zu bessern; er horte von ihr keine Vorwurfe mehr; keine langweiligen Ermahnungen scheuchten ihn aus der Gesellschaft seiner Mutter; nein, an der hand der Freundschaft leitete ihn Elisa auf den Weg, auf welchem sie wunschte, dass er fortgehen sollte; nur zuweilen liess sie ihn, in Absicht ihrer, die Folgen seiner Schuld empfinden. Es traf sich einigemahl, dass er bey ihr war, und dass ein Unglucklicher, welche alle wussten, dass sie in Wallenthal Unterstutzung zu erwarten hatten, Elisa'n um eine Gabe ansprach; dann wendete sich Elisa weg, ging fort, und Carl sahe eine Thrane in ihrem Auge. Dieses war ein Dolchstich fur ihn. Einen Strom von Thranen vergoss er dann, und war sein Freund Felsing gegenwartig, so warf er sich in seine Arme, machte sich Vorwurfe, und Felsing ergriff diese Gelegenheit, jeden Vorsatz zum Guten in ihm zu befestigen. Es blieb Elisa'n nun noch ubrig, so viel als moglich zu verhuten, dass Carl nicht wieder unter seine vorigen Gesellschafter geriethe. Sie schrieb also an den General des Regiments, bey welchem Carl war, um ihn zu bitten, dass er ihn nach einer andern Garnison versetzen mochte, und dieser bewilligte ihr Verlangen. Elisa war nun ruhig in Absicht ihres Sohns. Es waren beynahe zwey Monathe verflossen, seitdem Carl in Wallenthal war, und viel hatte die Bildung seines Herzens und seines Verstandes in dieser Zeit gewonnen. Seine Grundsatze waren fester, seine Begriffe von den wahren Gutern des Lebens richtiger, und die Gewohnheit war in ihm entstanden, in seinen Handlungen den Gesetzen der Vernunft zu folgen. Elisa konnte also hoffen, dass Leidenschaften ihn nicht mehr zu solchen grossen Fehlern hinreissen wurden; allein dass sie ganz ihre Macht uber ihn verlieren wurden, dieses erwartete sie nicht, weil sie den Menschen kannte, und nicht vergass, was doch so viele Aeltern thun, dass ihr Sohn nur ein zwanzigjahriger Jungling war, und dass Weisheit in diesem Alter noch nicht ausgeubt, nur erst erlernt werden muss.

Doch fast eben so sehr als Carl beschafftigte ietzt Henriette ihre Aufmerksamkeit. Henriette und Felsing hatten sich oft gesehen, und Elisa bemerkte, dass Henriette freudiger aufblickte, wenn Felsing in die Stube trat; dass sie roth wurde, wenn man von ihm sprach; dass ihre Blicke mit Vergnugen auf ihm verweilten, und dass Henriette in Felsings Abwesenheit nicht mehr so frohlich, so heiter als ehedem, ja sogar unruhig war, wenn sie ihn erwartete. Aber auch in Heinrichs Augen glanzte ein hoheres Feuer, wenn er mit Henrietten sprach, und es blieb Elisa'n nicht unbemerkt, dass ein sanfter Handedruck oft seine Begrussung war. Mit doppelter Aufmerksamkeit beobachtete Elisa ihre Tochter, ohne sie dieses merken zu lassen, und beschafftigte sie mehr als sonst, um sie jetzt nicht den Spielen der Einbildungskraft zu uberlassen, welche bald jene aufkeimende Liebe zur lodernden Flamme werden lasst. Elisa theilte Wallenheim ihre Beobachtungen mit. Wird Felsing ein redlicher Mann, sprach er, und hat etwas gelernt, so kann er unsere Tochter heyrathen; Liebe wird sie vereinigen. Elisa wunschte das Gluck ihrer Tochter; ihre geliebte Henriette, wunschte sie, mochte nur der Liebe Sussigkeit, nicht auch ihre Bitterkeit empfinden, und darum sahe sie ihre Liebe zu Felsing nicht gern, weil, um lebenslangliche Fesseln zu tragen, er noch zu jung war. Indess sagte sie ihr nichts, um sie nicht misstrauisch gegen sich zu machen.

Es war nun am Tage vor Heinrichs Abreise. Wallenheim war mit seiner Familie zwey Tage in Felsingburg gewesen, und er und Elisa baten beym Abschiede Felsing und seine Gattinn, den letzten Tag von Heinrichs Aufenthalte in Felsingburg, in Wallenthal zuzubringen. Henriette kam, wie gewohnlich, nach dem Fruhstucke schon angekleidet zu ihrer Mutter. Schwermuth lag in ihren Zugen, ihr Blick war trube, und ihre Augen roth vom Weinen. Elisa that, als merkte sie dieses nicht, war noch liebevoller gegen sie, und umarmte sie mit inniger Zartlichkeit. Henriette, welche in dieser Stunde stets ihrer Mutter aus philosophischen Schriften etwas vorlas, wobey Elisa fortfuhr, ihre Begriffe zu bilden und zu erweitern, ergriff auch heute ein Buch; allein sie war zerstreut, ihre Stimme zitterte, sie horte nicht ihre Mutter, wenn diese sprach, und antwortete ihr nicht.

E l i s a . Henriette, du bist heute vielleicht zum Lesen nicht aufgelegt. Du bist nicht wohl. Lege das Buch weg, meine Tochter; du musst dir keinen Zwang auflegen!

H e n r i e t t e . (Macht das Buch zu, errothet, und schlagt die Augen nieder.)

E l i s a . Komm zu mir, meine Henriette, setze dich hier neben mich. Du bist seit einiger Zeit nicht mehr so frohlich als sonst, und dieses thut mir wehe! Das Gluck meiner Kinder ist mein einziger Wunsch; alle meine Handlungen zielen dahin, und es schmerzt mich, dass ich diesen Zweck versehle!

H e n r . (Wirft sich weinend in die Arme ihrer Mutter.) O, meine gutige, meine liebe Mutter!

E l i s a . Besitze ich dein Zutrauen nicht? Ich wurde doch so gern Alles thun, um die Ursache deines Missvergnugens aufzuheben?

H e n r i e t t e . Meine Mutter, ich hatte Ihnen schon lange alles gesagt, wenn ich nur recht gewusst hatte, was eigentlich in meinem Herzen vorginge; allein ... (Henriette errothet, und wird verwirrt.)

E l i s a . Liebe Henriette, ich errathe dich. Gieb mir die Hand, meine Tochter, errothe nicht. Es ist das erste, das seligste Gefuhl, welches die Natur in unsere Herzen legte, wir mussen es nur gehorig leiten, und dieses zu thun, versprich mir, meinen Beystand anzunehmen.

H e n r . O, meine Mutter, leiten Sie mich! Gern, gern folge ich Ihnen, musste ich auch meine Liebe zu Heinrichen aufgeben. Wenn Sie es wollten, so wusste ich, es ware gut.

E l i s a . Dieses ist der seligste Augenblick meines Lebens! In meiner Kinder Herzen versprach ich mir den Lohn fur jede meiner Handlungen, und Dank dir, meine Henriette, du hast meine Erwartung nicht betrogen! Du wolltest mir deine Liebe aufopfern? Ich weiss, was dieses deinem Herzen kosten wurde. Und meine sorgfaltigsten Bemuhungen fur dein Gluck sollen mich deines unbeschrankten Vertrauens immer wurdiger machen!

H e n r . (Kusst ihrer Mutter geruhrt die Hand.)

E l i s a . Jetzt lass uns von deinen Angelegenheiten sprechen. Gestand dir Felsing seine Liebe?

H e n r . Meine Mutter, ich will Ihnen Alles, Alles sagen, was zwischen uns vorgegangen ist. Ich hatte bisher auf meine Empfindungen nicht gemerkt; ohne es zu wissen, empfand ich Vergnugen in Felsings Gesellschaft. Felsing war so zuvorkommend gegen mich, er suchte mir immer Gefalligkeiten zu erzeigen, oder mir Vergnugen zu machen; sein Ton war so sanft, wenn er mit mir sprach; seine Worte hatten so das Geprage der Innigkeit und Herzlichkeit, dass ich immer geruhrt war, wenn ich einige Stunden mit ihm verplaudert hatte. Gestern auf unserm Spatziergange redete er mit mir von seiner Abreise; das machte mich traurig. Als wir zuruckkamen, setzten Sie sich, liebe Mutter, mit Felsings und meinem Vater auf den grossen Rasenplatz vor dem Hause. Herrn von Birkenstein sahe ich mit meinem Bruder und Heinrichen im Garten den Laubengang hinunter gehen. Unwillkuhrlich entfernte ich mich von Ihnen, liebe Mutter, und ging auf die entgegengesetzte Seite des Gartens. Ich kam an die kleine Grotte, neben dem Teiche, dessen Ufer die schonen Castanienbaume beschatteten; ich setzte mich da, die Sonne war untergegangen, stille und traurig war Alles um mich. Ich dachte nur an Felsings Abreise; mein Herz war so beklommen, dass ich endlich in Thranen ausbrach. Mich dunkte, nun hore jedes Vergnugen fur mich auf; dieser Garten, den ich so oft an Felsings Hand froh durchstrichen hatte, verlohr nun seinen Reitz fur mich. Alles wird nun ode seyn, sprach ich zu mir selbst, und meine Thranen verdoppelten sich. Dieses machte mich endlich aufmerksam auf mich selbst. War ich denn nicht auch vergnugt, fragte ich mich, ehe Felsing hierher kam? Und werde ich eben so traurig bey Carls Abreise seyn? Nein; und Carl ist doch mein Bruder, und ich liebe ihn so sehr! ... Ach, Mutter! da suhlte ich, dass ich eine vorzugliche Neigung fur Felsing empfand, und ich machte mir Vorwurfe, dass ich dieses nicht eher bemerkt, und Ihnen entdeckt hatte. Ich war noch in diesen Betrachtungen versunken, als ich Jemand kommen horte; ich wandte mich um, es war Felsing. Ich erschrack, ich zitterte; er kam eilig zu mir: Henriette, sagte er, wollen Sie mir Ihre Gesellschaft den letzten Abend entziehen, an welchem ich mit Ihnen seyn kann? Er sprach diese Worte in einem wehmuthigen Tone, und seine Stimme zitterte. Ich war sehr verrwirrt; er setzte sich neben mich, mein Herz schlug gewaltig. O, Henriette, hub er aufs neue an, wie glucklich ware ich, wenn ich Felsingburg mit der Hoffnung verlassen konnte, dass ich einst alle kunftigen Tage meines Lebens an Ihrer Seite verleben wurde? Er blickte mir bey diesen Worten ins Gesicht: eine Thrane entfiel mir; er sahe es, und schlug seinen Arm um meinen Leib. Mit Heftigkeit druckte er mich an seine Brust, und zum Erstenmahle druckte er seine Lippen auf die Meinigen. O, Henriette! rief er aus, wenn Liebe Liebe versteht? O, meine susse Freundinn, dann darf ich hoffen ... Er schwieg, ich schlug die Augen nieder; endlich wand ich mich aus seinen Armen. Horen Sie, Felsing, sprach ich, es ist wahr, ich glaube, ich liebe Sie. Der Schmerz uber Ihre nahe Abreise hat mich uber meine Empfindungen belehrt, und warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? Ich glaube, dass es das Gluck meines Lebens machen wurde, wenn ich mich einst als Ihre Gattin sahe. Hier errothete ich, und er druckte mir sanft die Hand. Doch, fuhr ich fort, unsere Aeltern mussen unsere Liebe billigen. Wir mussen uns ihnen entdecken, und bis dahin kein Wort mehr von unserer Liebe; was sie uber uns beschliessen, dem unterwerfe ich mich. Sie kennen die Gute, die Tugend, die Klugheit meiner Mutter; was sie will, ist gewiss das Beste fur mich. Nun standen wir auf, Heinrich ergriff meine Hand, und sprach in einem feyerlichen Tone: Henriette, diese Worte, uber welche vielleicht mancher Jungling klagen wurde, machen Sie mir noch verehrungswurdiger! Ich werde mich bestreben, Sie durch Tugend zu verdienen, und dann glaube ich, dass ich ruhig den Ausspruch Ihrer verehrungswurdigen Mutter erwarten kann. Wir beschlossen nun, dass er heute seinen Aeltern seine Liebe entdecken, und auch Sie mit derselben bekannt machen sollte. Und nun (in einem angstlichen Tone) meine Mutter, entscheiden Sie!

E l i s a . Sey ruhig, liebe Henriette, du wirst stets Gebieterinn uber dich selbst bleiben, nur du kannst uber dich bestimmen! Aeltern haben bloss das Recht, ihren Kindern das Beste vorzustellen, ihnen die Mittel zu zeigen, durch welche sie glucklich werden konnen, die Wahl, welche sie ergreifen wollen, muss ihnen uberlassen seyn. Hier hort das Recht der Aeltern auf; der Menschheit heilige Rechte nehmen ihren Anfang, und der Mensch muss es dem Menschen uberlassen, welche Mittel zur Erreichung seines Glucks er nach seinen Empfindungen und Vorstellungen fur die besten halt, und ihn diese ergreifen lassen. Ich will dir also meine Gedanken uber eine Verbindung mit dir und Heinrichen mittheilen, und dann, meine Henriette, kann nicht ich, sondern du musst entscheiden. Heinrich ist jetzt achtzehn Jahr, nur wenige Monathe ist er alter als du. Er wird noch ein Jahr in G ... bleiben, dann wird er in B ... angestellt werden, und vor seinem zwey und zwanzigsten Jahre gebe ich es nicht zu, dass er dich heyrathet. Du, meine Henriette, bist dann vollkommen fahig, Gattinn, Mutter und Hausfrau zu werden; allein Heinrich ist dann noch immer der brausende Jungling, in der ganzen Starke seiner Leidenschaften. Erwarte es nicht, dass du ihn fesseln wirst! Wenn er dir treu bleibt, und wie kannst du dir dieses fur gewiss von einem achtzehnjahrigen Jungling versprechen? so hort er auf es zu seyn, wenn er dein Gatte ist. Alles reitzt dann noch seine Sinne, Alles erweckt seine Begierde. Du, meine Henriette, naherst dich dann dem Alter, wo des Frauenzimmers erste Bluthe schon voruber ist, und doch musst du deinem jugendlichen Ehemanne jetzt reitzender erscheinen, als in den ersten Tagen eurer Liebe. Um den Mann zu fesseln, muss das Weib sich nur bestreben, seine Achtung zu erlangen, und seine Liebe zu erhalten; allein des Junglings Gattinn muss bey diesem noch seine Begierden erwecken. Du musst der ersten Jugend frohen Leichtsinn annehmen! Zu gleicher Zeit musst du seinem Herzen theuer seyn, seine Sinne reitzen, und seine Vernunft muss dir Beyfall geben! Erwage dieses recht, Henriette! Dieses ist wahrlich nicht so leicht! Jetzt sturzt sich manches junge Madchen in die Arme des Junglings, wahnt sich Ewigkeiten des Glucks, ohne eine von den Eigenschaften zu besitzen, welche den Grund zu demselben legen konnten. Junglingsliebe ist nicht der Grundstein desselben, sondern Weiber-Klugheit, Weiber-Tugend. Wenn du Heinrichs Gattinn wirst, so muss es in den ersten Jahren deiner Ehe eine deiner Hauptbemuhungen seyn, dass du in Heinrichs Liebe fur dich immer einen hohen Grad von Feuer und Lebhaftigkeit unterhaltst. Die Vergnugungen, welche er in deinem Umgange geniesst, mussen daher stets abwechselnd seyn, und ihm neu scheinen, und es wird eine wichtige Angelegenheit fur dich seyn, ihm Vergnugungen zu verschaffen, und ihm die Zeit zu vertreiben. Ich sehe es daher gern dass ihr in B .. seyn werdet, auf das Land sollten junge Eheleute, wenn der Ehemann in Heinrichs Alter ist, nie gehen. Einformigkeit todtet die Liebe, Mannichfaltigkeit unterhalt sie. Dieses ist ein wahrer Satz, er wird uns oft gesagt; aber, leider! beherzigen ihn unsere jungen Weiber nicht sehr. Du, meine Henriette, wirst, hoffe ich, ihn in Ausubung bringen, dass Heinrich nie die Zeit lang werde, wenn er bey dir ist. Du musst die Gefahrtinn seines jugendlichen Frohsinns werden der Frohlichkeit und dem Scherze musst du tausend verschiedene Gestalten geben, und sie dich stets umgeben lassen. In deiner ganzen Figur musst du einen Reitz zu unterhalten suchen, und wenn Heinrich in andern Armen geschwarmt hat, so muss er doch stets mit Wollust in die Deinigen zuruckkehren. Dieses ist die grosse Kunst, von welcher kein Madchen sich etwas traumt, von welcher unsere Mutter uns nichts vorsagen, und welche doch so nothwendig ist, wenn besonders, wie jetzt gebrauchlich ist, nicht Manner, sondern Junglinge heyrathen. Darum, meine Henriette, wenn du Heinrichs Gattinn bist, ergreife jedes Mittel, welches dir jene, den Weibern naturliche, Coquetterie und eine genaue Kenntniss seines Geschmacks und seiner Neigungen, an die Hand geben, um seiner Liebe, so weit es der Natur der Sache nach moglich ist, stets neue Lebhaftigkeit zu geben. Verschaffe ihm Vergnugungen, und dieses oft, und dass er dich als die Schopferinn derselben erblicke. Doch bey diesem allem, Henriette, wiederhole ich dir, dein Gatte wird nicht bestandig seyn. Allein nie mussen deine Blicke, dein Betragen, deine Worte, ihm den geringsten Verdacht verrathen; nie musst du ihn einzuschranken suchen, nie dein Betragen gegen ihn verandern und unfreundlich werden! Nein, gieb ihm immer die uberzeugendsten Beweise deiner Liebe; in deinen Blicken, in deinen Worten, in deinen Handlungen athme stets Liebe gegen ihn; arbeite in jedem Augenblicke deines Lebens an seinem Glucke, an seiner Zufriedenheit; dann wirst du stets seinem Herzen theuer seyn. Wo einmahl gegenseitige Liebe statt fand, da wird Liebe immer Liebe erwiedern, und dann kannst du ohne Furcht ihn in Anderer Armen erblicken, in welche Sinnlichkeit ihn leitete; wenn er den Gegenstand seiner heissen Begierden mit mehrerm Entzucken an sein Herz druckt, so wird er doch dich mit mehrerer Innigkeit an dasselbe drucken.

Vergisst sich Heinrich in deiner Gegenwart, lasst er sich in deiner Gegenwart durch Schonheit, Annehmlichkeit oder Sinnlichkeit zu diesem oder jenem Weibe hinreissen, und giebt ihr durch sein Betragen den Eindruck zu erkennen, den sie auf ihn gemacht hat; so thue, als sahest du dieses nicht. Dein Ton, deine Laune, deine aussere Stimmung mussen dieselben bleiben; ohne den Schein davon zu haben, wetteifere in Annehmlichkeiten mit deiner Nebenbuhlerinn, und besonders hute dich, weder offentlich, noch allein mit deinem Gatten, ihm dann weniger Achtung, oder mehrere Gleichgultigkeit zu bezeigen. Und bey dem allem, Henriette, kann dir sein Herz entrissen werden. Der Eindruck, den man auf den Jungling macht, ist nicht dauernd: Oft die Sinnlichkeit befriediget, und die Liebe verfliegt. Es ist nicht das Alter, in dem der Mann geschickt ist, Gatte und Vater zu werden, und die vielen Heyrathen, welche jetzt von Junglingen geschlossen werden, mussen das Sittenverderbniss vergrossern, und die unglucklichen Ehen vermehren. Wird in dem Alter, in welchem der Jungling nur geniessen will, und von einem Vergnugen zum andern eilet, er sich lebenslangliche Fesseln anlegen, und sich den hauslichen Sorgen unterziehen? Nein, er heyrathet, weil er in das Madchen verliebt ist, welches er vielleicht nach einem oder zwey Jahren in eine andere eben so sehr seyn wird; allein einschranken wird er sich nicht, er wird seinen Vergnugungen eben so gut nachgehen, und seine hauslichen Angelegenheiten wird er nach seiner jedesmaligen Laune oder seinem Eigensinne anordnen, unbekummert, ob zum Nutzen oder Schaden derselben: und gleichgultig wird er in der Folge gegen hausliche Freuden werden, da er sie eher kennen lernte, als er ihren Genuss zu schatzen wusste.

O, wie viel anders ist es, wenn der Mann heyrathet, bey dem mit den Junglings-Jahren auch die JunglingsLeidenschaften aufgehort haben! Seine Gattinn ist nicht bloss der Gegenstand, der nur seine Begierden befriedigen soll; nein, er sieht zugleich in ihr seine Gesellschafterinn, seine Freundinn. Er hat jedes Vergnugen genossen, jetzt will er der Ruhe geniessen, und sie soll sie ihm versussen. Bleibend wird der Eindruck seyn, den das Weib seiner Liebe auf sein Herz gemacht hat, wenn sie diese zu erhalten weiss. Nicht wilder Ungestum wird ihn in der Anordnung seiner hauslichen Angelegenheiten leiten; sondern weise, mit seiner Gattinn wohl uberlegte, Maassregeln wird er ergreifen, und Beyde werden an ihrem gegenseitigen Glucke, an dem Glucke ihrer Familie mit vereinigten Kraften arbeiten. Dieses, meine Henriette, ist die Lage, in welcher ich dich gewunscht hatte; doch Liebe ruft dich in die Arme des Junglings. Grossere und mehrere Pflichten werden dir zu Theil, ungewisser dein Gluck, deine Ruhe! Heftig sind die Leidenschaften des Junglings, du musst sie leiten, du musst die Fuhrerinn werden, an deren Hand Heinrich in fernen Jahren Gluck und Ehre findet. Wie viel Klugheit, wie viel Geschicklichkeit sind erforderlich, um die Leidenschaften und Neigungen des Junglings so zu leiten, dass seine Handlungen seinem wahren Interesse entsprechen! Bestrebe dich, sobald du Heinrichs Gattinn bist, dieses aus einem richtigen Gesichtspunkte zu betrachten, und dieses sey das Ziel, zu welchem du ihn leitest. Allein, Henriette, in deinem Aeussern musse nichts Herschsuchtiges seyn, nicht den Schein einer geringsten Ueberlegenheit mussest du uber ihn annehmen. Vernunft und Sanftmuth sind die einzigen Mittel, durch welche du ihn leiten kannst. Bestrebe dich, sein Vertrauen, und vorzuglich seine Achtung zu erlangen, damit Heinrich uberzeugt werde, dass in jeder deiner Handlungen Vernunft deine Fuhrerinn ist; dann kannst du ihn sicher ihre Stimme horen lassen, und er wird selbst dich zu seiner Rathgeberinn erwahlen. Widersprich ihm nie in den ersten Aufwallungen seiner Leidenschaft, verhindere nur, dass in wichtigen Fallen er dann nicht handelt!

Die Leitung eurer hauslichen Angelegenheiten musst du allein ubernehmen; genau musst du, wenn du Heinrichs Gattinn bist, dich mit den seinigen bekannt machen; allein wider seinen Willen unternimm nichts! Bestrebe dich nur, dass jede Anordnung, welche du triffst, so und nicht anders am besten ist; dann wird Heinrich deine Maassregeln billigen, und du uberhebest ihn der kleinen hauslichen Sorgen, welche dem Junglinge den Ehestand zuwider machen, woraus bald Gleichgultigkeit oder Abneigung gegen seine Gattinn, als die Ursache derselben, entspringt, und jedes hausliche Gluck untergrabt. Allein, mehr als der Mann, hat der Jungling Launen und Eigensinn; diesen gieb nach, und bestrebe dich nur, so viel als moglich, sie unschadlich zu machen!

Kannst du dieses alles erfullen, Henriette? Nun, so werde Felsings Gattinn! Doch auch jetzt uberlass dich nicht ganz deiner Liebe! Heinrich sahe erst wenig Madchen, jetzt erst hat sich sein Herz den Empfindungen der Liebe geoffnet, er sahe dich zuerst, und er liebte dich. Ob aber in deiner Abwesenheit ein anderes Madchen nicht eine eben so starke Liebe in ihm anzunden kann? Dieses kann er dir selbst nicht versprechen, so feurig, so aufrichtig auch jetzt seine Versicherungen seyn mogen; denn sehr wenige Menschen sind in ihrem Entstehen Herr uber ihre Empfindungen, und am wenigsten der Jungling.

H e n r . Meine Mutter, Heinrich ist kein gewohnlicher Jungling! Sie kennen seine edeln Grundsatze. Uebereinstimmung erzeugte unsere Liebe, und ich darf hoffen, dass er mich immer mehr als jedes andere Madchen lieben wird! Doch, meine Mutter, der Tugend, so wie der Nothwendigkeit, werde ich immer meine Leidenschaft opfern konnen, und Sie und ich wollen uber mein Herz wachen, dass sie nicht zu stark werde. Und meine Pflichten einst als Heinrichs Gattinn? O, meine Mutter, ich erkenne ihren ganzen Umfang! Doch, Sie werden mich leiten durch Ihre Lehren; durch Ihr Beyspiel werde ich die Eigenschaften erlangen, welche mir noch fehlen!

Bey diesen Worten sank Henriette in die Arme ihrer Mutter, und in demselben Augenblicke traten Wallenheim, Felsing, seine Gattinn und Heinrich herein. Henriette erschrack! Kommen Sie, Felsing, sprach Elisa, Sie lieben meine Tochter? (zu Felsing und seiner Gattinn.) Henriette, Felsing, billigen Sie seine Liebe?

H e n r . Deine Tochter die Meinige nennen zu konnen? O, Elisa, wie sehr wird dieses ein Gluck erhohen!

E l i s a . Nun dann, Felsing, so empfangen Sie sie; mein Gatte williget in Ihre Verbindung! Aber in diesem Augenblicke, wichtig und feyerlich fur mich, fur meine Henriette, fur Sie, lege ich Ihnen die Verbindlichkeit auf, sie glucklich zu machen! Ich habe ihr die Gefahren einer Verbindung mit einem Junglinge vorgestellt, sie will sich ihnen aussetzen, sie will ihre Ruhe Ihrem Glucke aufopfern! Prufen Sie sich jetzt, ob Sie ihr stets diese Liebe erwiedern konnen? Sie sind jung; nach dem Besitze Ihrer Gattinn werden Sie vielleicht anders denken, als jetzt. Sie werden es vielleicht bereuen, so jung Ihrer Freyheit und so manchem Vergnugen entsagt zu haben, welches fur Sie, als Ehemann, als Hausvater aufhort! Wenn dieses ist? O, so entsagen Sie meiner Tochter! Nahren Sie keine Liebe in Ihrem Herzen, welche sie unglucklich machen konnte; oder furchten Sie zugleich die Vorwurfe einer Mutter, welche, indem sie Ihnen ihre Tochter giebt, Ihnen die Sorge fur ihr Gluck ubertragt.

H e i n r i c h . Gnadige Frau, ich sagte gestern zu Henrietten, ich wollte sie durch Tugend verdienen; dieses bleibt noch mein Vorsatz! Nach einigen Jahren thun Sie den Ausspruch uber mich! Und wenn ich einmahl den Pfad der Tugend betreten habe, sollte ich ihn verlassen, wenn ich im Besitze des liebenswurdigsten Weibes seyn werde?

E l i s a . (lachelnd.) Schone Junglings-Phrasen! Doch, (sie wendet sich gegen Wallenheim.) Wallenheim, unsere Tochter ist frey. Sie mag entscheiden!

Heinrich und Henriette blickten sich an, und warfen sich zu gleicher Zeit in Elisa's Arme, indem sie ausriefen: O, meine Mutter, wir wollen stets gut seyn! Wir wollen Ihnen Freude machen, durch unsere Liebe, durch das Bestreben, uns gegenseitig glucklich zu machen!

Elisa umarmte sie Beyde: auch Wallenheim schloss seine Tochter in seine Arme; und geruhrt druckte Henriette den Sohn an ihr Herz. Die sussen Namen: Vater, Mutter, Tochter, Sohn, erschollen aus jedem Munde, und Beyder Aeltern fuhlten ihre Freundschaft durch die Liebe ihrer Kinder verstarkt.

Auch Birkenstein kam an diesem Tage nach Wallenthal; er theilte mit ihnen das Gluck seiner jungen Freunde, und versprach Elisa'n, Heinrichs Bildung zu vollenden. Das erste Jahr, dass er in B... seyn wird, sprach Birkenstein, werde ich mit ihm dort zubringen. Ich werde seine Leidenschaften leiten, jedes Schone und Erhabene werde ich ihm als wunschenswerth vorstellen, und seine Neigungen darauf richten; ich werde ihn lehren Menschen kennen, und ihn gewohnen, selbst in der Hitze der Leidenschaft auf die Stimme der Vernunft zu horen, und ihr zu folgen. Kurz, mein Bestreben soll seyn, dass Heinrich einst nicht nur edel denkt, sondern stets gut handelt; und schon wird der Abend meines Lebens seyn, wenn ich dazu beytragen kann, Sie einst in Ihrer Tochter glucklich zu machen!

Elisa dankte ihrem edeln Freunde. Vergnugt verlebte dieser Zirkel guter und glucklicher Menschen nun diesen Tag. Heinrich und Henriette dachten nicht an den Abschied, sie empfanden nur ihr gegenwartiges Gluck, und genossen des kunftigen. Doch sie kam, die Abschiedsstunde; allein fruhzeitig hatte Elisa ihrer Tochter Standhaftigkeit eingeflosst, und Henriette zeigte sich ihrer Mutter wurdig bey der Trennung von ihrem Freunde. Thranen rollten zwar von ihren Wangen; allein sie flossen ohne Heftigkeit, und nach einigen Tagen hatte Henriette ganz ihre vorige Heiterkeit wieder. Elisa fuhr fort, sie sehr zu beschaftigen, und zu verhindern, dass Heinrich nicht stets der Gegenstand ihrer Gedanken sey; sie liess sie jetzt selten allein, und ging ofterer, als sie bisher gethan hatte, mit ihr in Gesellschaft. Doch eben so sehr bestrebte sie sich, Henrietten die Eigenschaften zu geben, welche sie als Heinrichs Gattinn von ihr forderte. Sie bildete ihren Geschmack, ertheilte ihr einige Kenntnisse in den schonen Kunsten und in der schonen Litteratur, weil sie glaubte, dass Henriette eine angenehme Unterhaltung dadurch bekommen wurde, und dass, wenn man sucht, dem Verstande Grazie und Feinheit zu geben, dieses sich auch auf das aussere Wesen ergiesst, und dem Weibe Annehmlichkeit giebt. Allein auch Menschen- und Weltkenntniss fand Elisa fur nothig, dass sie ihre Tochter erlangte. Sie bat also ihren Gatten, dass er einen Winter in B .. mit ihr und ihrer Tochter zubringen mochte. Hier suchte sie die Gesellschaften, welche von den klugsten und artigsten Weibern B... s besucht wurden, und hier bildete sie ihre Tochter zum liebenswurdigsten, angenehmsten Madchen. Allein indem Henriette in ihrem Wesen die Politur der feinen Welt annahm, blieb sie doch ungekunstelt und naturlich. Die Natur schien bey ihr durch die Grazien geschmuckt zu seyn. Doch Henriette sollte nicht nur das reizende, das angenehme, sondern auch das gute, das vernunftige Weib seyn. Von ihrer Jugend an hatte Elisa ihre Begriffe, ihre Grundsatze gebildet; jetzt gab sie ihr Gelegenheit zu handeln, machte sie darauf aufmerksam, wenn sie fehlte, und flosste ihr Beharrlichkeit im Guten ein. Aber auch die Besorgung aller hauslichen Geschafte ubertrug jetzt Elisa ihrer Tochter; sie liess sie in das Detail jeder wirthschaftlichen Angelegenheit gehen, und Henriette erlangte auch bald in diesem Fache alle Vollkommenheiten einer guten Hausfrau.

Elisa war glucklich in diesen Beschaftigungen, die guten Eigenschaften ihrer Tochter wurden mit jedem Tage erweitert, und durch sie Elisa's Gluck erhohet. Ihr mutterliches Herz kannte jetzt nur Freuden; auch in ihrem Sohne wurden ihre Bemuhungen um sein Gluck ihr belohnt. Carl hatte seinen Ausschweifungen auf immer entsagt; er naherte sich keinem Spieltische, ohne an die Aufopferungen zu denken, welche seine Mutter seiner Leidenschaft zum Spiele gemacht hatte, und diese Erinnerung trieb ihn weg vom Spiel. Er hatte in Wallenthal das Gute kennen und lieben gelernt, und jetzt bestrebte er sich, es zu befolgen. Er kam nach einem Jahre zuruck nach Wallenthal; die Freudenthranen seiner Mutter flossen uber seine Wangen, und der Jungling fuhlte, dass Tugend auch glucklich macht. Aber auch ihr zweyter Sohn, wie Elisa Heinrichen nannte, stromte Freude in ihr Herz. Birkenstein war auf ein Jahr sein Fuhrer gewesen, und er versicherte Elisa'n von seiner guten Auffuhrung, und seiner edeln Denkungsart. Oft sagte sie entzuckt zu Wallenheim: Ich werde meine Kinder glucklich sehen! Und die sussesten Thranen flossen dann von ihren Wangen.

So flossen die Tage ihres Lebens jetzt froh und glucklich dahin. Immer noch beschaftiget, Gutes zu thun, und nutzlich zu seyn, in der Mitte aller derer, welche sie liebte, und von welchen sie angebetet wurde, genoss Elisa eines Glucks, welches ihr doppelt suss war, da es nicht das Werk des Zufalls war, sondern sie es sich durch Tugend errungen hatte, und Tugend ihr den Genuss erhohete.

Jetzt hatte Heinrich sein zwey und zwanzigstes Jahr erreicht; er eilte nach Felsingburg. Henriette errothete, als sie ihn jetzt wieder sahe. Elisa lachelte, und der Hochzeittag wurde festgesetzt. Auch Carl war nach Wallenthal gekommen, und Alles athmete Freude. Da wurde Elisa krank, und nach drey Tagen erklarte der Arzt, dass die Symptomen der Krankheit gefahrlich waren, und dass er ihre Wiederherstellung bezweifelte. Schrecken verbreitete sich auf allen Gesichtern. Felsing, seine Gattinn, Heinrich, Birkenstein blieben Tag und Nacht in Wallenthal, und alle verliessen kaum auf einen Augenblick Elisa's Bette. Elisa war ruhig, ohne Furcht fuhlte sie die Abnahme ihrer Krafte. Zwar fullten sich ihre Augen mit Thranen, wenn sie alle ihre Lieben um ihr Bette sahe, welche sie nun bald verlassen wurde; allein auch jetzt noch blieb sie standhaft, und bekampfte ihren Schmerz. Der Tod, sprach sie zu ihren Freunden, wird mir nur schwer, weil ich euch verlassen muss. Um die Zukunft bin ich unbekummert. Zwar habe ich keine Gewissheit uber die Unsterblichkeit unserer Seele; allein ich habe immer geglaubt, dass etwas in uns ist, welches fortdauert. auch wenn die jetzige Organisation unsers Wesens aufhort. Doch dem sey wie ihm wolle, sterben ist ewiges Gesetz der Natur! Ich dachte mir oft die Zerstorung meines Wesens, und ich bin dazu bereit.1 Ich habe mein Leben nicht unnutz zugebracht, ich habe zum Glucke einiger meiner Mitbruder beygetragen, ich habe mich stets bestrebt, meine Pflichten zu erfullen, und dieses macht jetzt meine Beruhigung, meine Freude. Mein kunftiges Schicksal sey welches es wolle, ich sterbe mit dem Bewusstseyn, dass ich mitwirkte, die Summe des Guten zu vermehren, und meine Bestimmung als Mensch erfullte, Und dieses Bewusstseyn? O, meine Freunde! es giebt ein unaussprechlich susses Gefuhl, welches selbst die Annaherung des Todes nicht zerstort, und uber dessen Schrecken uns siegen lasst! Die Trennung von Euch ist jetzt der einzige Schmerz, den ich empfinde und euer Gram um meinen Verlust, meine einzige Bekummerniss! Doch, meine Freunde! euch bleibt noch immer viel zum frohen Genusse des Lebens, wenn ich auch nicht mehr unter euch wandle! Seyd stark, und uberwindet euern Schmerz! Mein Wallenheim, die Liebe deiner Kinder wird dir meinen Verlust ersetzen! Carl, Henriette, ich machte es zur Hauptbeschaftigung meines Lebens, an euers Vaters Glucke zu arbeiten, euch ubertrage ich dieses nun! Es ist die letzte Bitte eurer Mutter! Trostet euern Vater! Ersetzt ihm meine Sorgfalt, meine Liebe fur ihn! O, meine guten Kinder! Ich sehe es, ihr werdet es thun, und ich sterbe freudiger! Komm her, meine Henriette, komm her, mein Carl! (hier fullten sich ihre Augen mit Thranen, sie umarmte Beyde.) O, ihr waret meinem Herzen so theuer! Doch auch euch kann ich ruhig verlassen! Ich kann nichts mehr zu eurem Glucke beytragen; ihr allein habt es jetzt in euern Handen; ihr kennt die Mittel dazu, wendet sie an, meine Kinder, und susser Friede wird immer in euern Herzen wohnen! Dich erwarten nun bald neue Pflichten, neue susse Empfindungen, meine Henriette! Ich sehe dich schon im Geiste in den Armen deines Gatten, und dann darfst du meinem Andenken nur die ruhigen Thranen der Wehmuth widmen! Keine anderen Thranen, meine Freunde, mussen auf mein Grab fallen! Kommen Sie auch hierher, Heinrich! Sie sind edel, ich bin unbesorgt um meiner Tochter Gluck! Und du, Henriette, du wirst ihre Mutter, ersetze ihr meine mutterliche Sorgfalt! Und nun Dank Ihnen Allen, meine Freunde, die Sie mein Leben versussten! Henriette, Birkenstein, Felsing, Ihre Freundschaft erhob mein Leben zum hochsten Gipfel der Wonne, und meine letzten Empfindungen sind Dank und Liebe gegen Sie!

Elisa reichte einem Jeden nach der Reihe die Hand; ein holdseliges Lacheln begleitete ihre letzten Worte; man ehrte ihre Ruhe, und ein Jeder verbarg im Innern seines Herzens den Schmerz uber den Verlust des holdseligsten Weibes.

Jetzt, am Rande des Grabes schon, war Elisa doch noch beschafftiget, Gutes zu wirken, selbst nach ihrem Tode noch. Sie vermachte eine Summe fur die Stiftungen der Kinder und Greise in Wallenthal, welche von den Zinsen derselben, auf eben die Art wie bisher, unterhalten werden sollten, und trug Henrietten die Aufsicht uber dieselben auf. Die Greise, die Kinder aus dem Erziehungshause, die Einwohner Wallenthals, viele der Unglucklichen, welchen sie geholfen hatte, Alle kamen auf das Schloss, und wollten noch einmahl ihre Wohlthaterinn sehen. Elisa sprach mit ihnen, dankte ihnen fur ihre Liebe, und zeigte ihnen, dass Tugend, auch in den letzten schrecklichen Augenblicken, nicht aufhore, glucklich zu seyn. So entschlief sie, unter den Segnungen derer, die sie umgaben, ruhig und sanft, wie sie stets im Leben gewesen war, und ihre Miene war noch nach ihrem Tode der Ausdruck des sanften Friedens, der bis zu ihrem letzten Athemzuge in ihrem Herzen gewohnt hatte.

Henriette bewies jetzt die Vortrefflichkeit der Lehren ihrer Mutter. Sie weinte; allein ruhig war ihr Schmerz, und aufrichtig bekampfte sie ihn, ob sie gleich ihre Mutter anbetete. Nur Wallenheim fiel in eine dustre Schwermuth; nichts konnte ihn aus derselben reissen. Meine Freunde, sprach er, ihr Alle kennt nicht die Grosse meines Verlustes! Was Elisa mir war, kann nur ich empfinden. Nur ich sahe sie in jedem Augenblicke ihres Lebens, und fand sie immer gross! Nur ich weiss, wie fest sie an jedem Guten und an ihren Pflichten hieng, wie unablassig sie bemuhet war, Gluck um sich zu verbreiten, und besonders mich glucklich zu machen! Sie schuf in mir Gefuhle, mein Weib machte mich zum Menschen! Sie lehrte mich die Guter des Lebens kennen und geniessen! In ihren Kindern hat sie ihre Tugenden fortgepflanzt, sie konnen glucklich werden, wie sie war. Nur ich bleibe einsam zuruck, ich lebte nur durch sie, meine Gefuhle sterben mit ihr!

Und Lebenslang trauerte Wallenheim um sein Weib.

Lange beweinte sie Birkenstein, weil sie bis zu ihrem Tode der Inbegriff seiner warmsten, seiner innigsten Empfindungen gewesen war. Aber langer dauerte das Gute, welches Elisa gewirkt hatte. Sie hatte in den niedrigen Klassen viele Menschen besser, und folglich glucklicher gemacht. Sie hatte durch ihr Beyspiel viele Weiber uber ihre Pflichten aufgeklart, und sie zur Nachahmung angereizt. Sie hatte durch die vortreffliche Erziehung, welche sie Henrietten gab, ihre Tugenden in ihr erblich gemacht, welche diese fortzupflanzen sich bestrebte, und so, wie ihre Mutter, Gluck um sich verbreitete. Lange blieb ihr Andenken unvergesslich, und ihr Name Antrieb zur Tugend. Und Elisa zeigte allen Weibern, dass des Weibes schonster Ruhm T u g e n d sey, und dass durch sie das Weib in jeder Sphare Gutes wirken, und selbst Generationen beglucken kann.

Fussnoten

1 Ueber die Einwurfe, die man mir wegen dieser Stelle gemacht hat, habe ich mich in der Verrede erklart.