1795_Huber_041 Topic 1

Therese Huber

Die Familie Seldorf

Eine Geschichte

Erster Theil

Im Fruhling des Jahres 1784. kam zu Saumur in der ehemaligen Provinz Poitou, ein altlicher Mann an, der, nach seiner Kleidung zu urtheilen, ein Seeoffizier von ansehnlichem Rang seyn musste. Er war von seinen Kindern begleitet: einem Sohn und einer Tochter von neun bis dreyzehn Jahren, und einer zweiten Tochter, die noch in der fruhesten Kindheit war. Die Kinder trugen tiefe Trauer um ihre vor kurzem verstorbene Mutter, aber weiter konnte die Neugier der Wirthsleute in dem wenig besuchten Gasthofe anfangs nichts erfahren; denn die beiden Bedienten des Fremden, ein junger Bursche aus der Gegend von Saumur selbst, der zufallig ganz kurze Zeit vorher nach Paris gewandert war, um dort Dienste zu suchen, und eine Kinderwarterin, waren nur gerade vor der Abreise des Fremden aus der Hauptstadt von ihm angenommen worden, und wussten wenig mehr von ihrem neuen Herrn, als dass er seinem Namen nach zu urtheilen er hiess Seldorf kein geborner Franzos seyn musste, im amerikanischen Kriege gedient hatte, und mit einem zerschmetterten Arm zurukgekommen ware. Er ausserte indessen bald, dass er sich einige Zeit in der Stadt aufzuhalten gedachte; und sobald er seinen Kindern, fur welche er die groste Sorgsamkeit zu haben schien, alle Bequemlichkeiten verschafft hatte, die bei der Beschaffenheit des Hauses zu erlangen waren, erkundigte er sich bei dem Wirth, ob in diesem Strich nicht irgend ein gut gelegenes Landgut, von massigem Umfang, zu kaufen seyn sollte. Es fand sich, dass dieser durch einen kleinen Weinhandel mit mehrern Herrschaften in Verbindung stand, und Leute in der Stadt kannte, die mit Auftragen zu dergleichen Geschaften versehen waren. Seldorf nahm auf den folgenden Tag Abrede mit ihm, einige Gange zu diesen Leuten zu thun, und kehrte hierauf zu seinen Kindern zuruk. Er fand Sara, seine Aelteste, ein sanftes Geschopf von neun Jahren, neben der Kinderwarterin knieen, und ihr Schwesterchen, das ein heftiges Fieber zu haben schien, liebkosend trosten, indess der Knabe an einem Fenster stand, und mit grossen ernsten Augen auf die Gruppe blikte. Seldorf naherte sich der Kleinen, legte seine Hand an ihre gluhenden Wangen, sah in ihre truben Augen, und sagte zu Sara: Gutes Kind, deine Schwester wird nun gesund werden, diese Luft ist heilsam Sara sah freundlich zum Vater auf, der mit Besturzung wahrnahm, dass ihr Gesicht von Thranen benezt war. Was hast du? rief er, und zog sie zu sich. Antoinette ist ja nicht so krank, sie soll leben, und wir wollen sie pflegen, und fur sie sorgen O Vater, das ist's nicht! wenn sie auch sturbe ich denke wohl, Vater, der Tod ist nicht das Betrubteste; aber so lange sie lebt, mussen wir ihr wohlthun, und sie lieb haben und Theodor Ungedultig hatte dieser der Schwester zugehort, er eilte nun zu ihr Sara, rief er dringend, du hast Unrecht, ich will Antoinetten wohlthun, ich mochte jeden Schmerz fur sie leiden; du weisst ob es wahr ist, was du mir vorwarfst, was du nun dem Vater sagen willst Seldorf unterbrach den sturmischen Knaben, drukte beide Kinder an seine Brust, und wollte sich eben nach der Entstehung ihres Zwistes erkundigen, als die kleine Kranke von dem Schooss ihrer Warterin herabglitschte, und mit zitternden Schritten zu ihm schlich, seine Kniee mit beiden Armen umfasste, und indem sie bittend zu ihm hinaufsah, einige susse Worte lispelte. Seldorfs Gesicht uberflog eine gluhende Rothe, sein Blik wurde finstrer, er bukte sich aber nach dem Kinde, dessen Kopf matt auf seine Kniee gesunken war. Theodor nahm es auf seine Arme, sah auf den Vater, sah auf die lachelnde Kleine, und wollte sie lebhaft an sich drukken, als sie schmerzhaft ausschrie: Ach mein Hals! und nach einer breiten Binde grif, die sie bis an das Kinn verhullte. Des Knaben Thranen stokten, er gab das Kind eiligst der Warterin, und ohne den mindesten Ausdruk von Theilnahme gegen das wimmernde Geschopf, warf er sich seinem Vater um den Hals. Vater, rief er, Sara findet mich hart gegen Antoinette, weil ich nicht weil mein Herz mir es unmoglich macht weil wir Knaben wohl helfen mogen, aber nicht klagen und trosten konnen. Ach Theodor, unterbrach ihn Sara, wie ich die Blattern hatte, konntest du da nicht klagen und trosten? Habe ich da nicht oft gebeten: Bruder, weine nicht! wie ich blind war, und deine Thranen so kuhl auf meine brennenden Hande fielen? Sara, quale mich nicht, denn ich habe recht. Du bist alter, du bist meine liebe Herzensschwester gewesen, lange eh der Vater uns allein liess, dich liebte ich ja, eh du nur mit mir sprechen konntest Seldorf wollte nun den zartlichen Streit, dem er geruhrt und nachdenkend zugehort hatte, endigen. Liebreich stellte er Theodor'n vor, wie selten es in der Macht des guten Mannes stande, den Leiden seiner Mitgeschopfe abzuhelfen, und wie lindernd fur den Leidenden Theilnahme und sanfte Trostungen waren. Wahrend dass Beschamung und Hartnakkigkeit in des Knaben Seele noch kampften, wendete sich der Vater zu Sara, und sagte: Mein Kind, Theodor will nicht hart seyn gegen das arme Geschopf, das weisst du; von der Art, wie er euch beide liebt, kannst du nicht urtheilen, meine Sara. Wenn du einst alter bist, wirst du lernen, dass es weibisch ware, wenn Knaben und Manner liebten und trosteten, wie es deinem Geschlecht wohl ansteht, es zu thun.

Sara verstand ihres Vaters Worte kaum zur Halfte, denn sie war sehr jung und einfach; aber eben dieser Einfalt pragte sich der Sinn dieser Worte, fur welchen die Natur das weibliche Herz so empfanglich gemacht hat, tief ein, und mit demselben Achtung fur den Unterschied zwischen ihrem Gefuhl und dem, was ihr Vater als Eigenschaft des Mannes zu bestimmen schien, liebende Behutsamkeit, in den beiden Geschopfen, die sie so innig ehrte, diesen Unterschied nicht zu beleidigen.

Es kam Seldorf darauf an, unverzuglich einen landlichen Aufenthalt zu finden, und er hatte hiezu blos die Muhe der Wahl, denn in der Hauptstadt waren eine Menge Gutbesitzer ungedultig, einen Theil ihres vaterlichen Erbes in fremde Hande zu bringen, um in dem glanzenden Wirbel, wo sie sich wie Strohhalme im Weltmeer umtrieben, sich einen Augenblik langer eine lugenhafte Wichtigkeit zu geben. Er entschied sich fur ein artiges Landhaus, von welchem ein kleines Dorf und ziemlich ansehnliche Landereien abhiengen, das die reizendste Lage hatte, und von allem Gerausch und Ueberfall von Mussiggang so entfernt war, wie es in einer Provinz seyn konnte, wo es Ritterguter, alte Schlosser mit Thurmen und Graben und allen feudalischen Ehrenzeichen in zahlloser Menge gab. Das Haus war zulezt von der verwitweten Grafin ** bewohnt gewesen, die es als Witwensiz besessen hatte, und nach deren Tode es ihres Mannes altestem Sohne aus seiner ersten Ehe zugefallen war. Diese arme Dame, welche durch verschiedne Umstande sehr wider ihren Willen vom Hof entfernt gehalten wurde, hatte alle Laster, aus welchen die Bewohner jener erhabenen Sphare die Fesseln schmieden, mit denen sie lachelnd sich selbst geisseln, unter die Einwohner dieser Gegend gebracht. Zu alt, zu beschrankt in ihren Gluksumstanden, und zu verlebt, um einen Zirkel von Menschen ihres Standes um sich zu versammeln, hatte sie Neid, Intrigue, Raubsucht, Hass, und alle Wurkungen, die es in dem Menschen hat, wenn er nicht allen Menschen anzugehoren glaubt, in die taglich wurksamen Verhaltnisse des hauslichen und landlichen Lebens ubergetragen, ihre Unterthanen gedrukt, ihre Nachbarn verscheucht, ihr Gesinde verschlechtert. Nach ihrem Tode sahen sich die Unterthanen mit dumpfer Gleichgultigkeit in eines neuen Herrn Gewalt kommen, indess mancher unter ihnen weinen mochte, wenn er aus Noth gezwungen war, sein leztes Pferd einem andern Eigenthumer zu uberlassen. Dass sein Pferd es besser oder schlimmer haben konnte, wusste er, da er selbst viele Jahre lang sein schwarzes Brod zwischen diesem Thiere und seinen nakten Kindern getheilt hatte; aber dass die Bauern jemals von einem Herrn besser als von dem andern waren behandelt worden, hatte ihm sein alter Vater nie erzahlt. Seit vielen Menschenaltern ohne Genuss von sicherm Eigenthum, von Liebe oder Dank, sahen sie fuhllos die lachelnde Sonne ihre Fluren bescheinen; die Trauben die sie rothete, die Saaten die sie reifte, gehorten nicht ihnen; sie kannten ihre Wurkung nur von dem Schweiss der bittern Muhe her, der ihre erniedrigte Stirne benezte. Nie horte man sie von dem Segen ihrer Arbeit sprechen; wenn sie nach einem schwulen Tag finster vor ihren Hutten sassen, erzahlten sie sich hochstens von dem Hagelwetter, dessen Verwustungen ihnen Brod und Obdach nahmen. Ungluklich fuhlten sie sich nicht, denn es fiel ihnen nicht ein, sich mit Gluklicheren zu vergleichen; hatten sie das gekonnt, hatten sie gar sich mit ihren prassenden Herren zu vergleichen gewagt, es ware schon der erste, gefahrliche Schritt zum Erwachen aus ihrer Dumpfheit gewesen. Die seelentodtende Erniedrigung dieser armen Menschen bestand gerade darinn, jenes Geschlecht, das sie von allen Anspruchen der Menschheit ausschloss, fur erhabener als sich selbst zu halten; und erwachte je ein Funken von Ehrgeiz in ihnen, so befriedigten ihn glanzendere Zeichen ihrer Dienstbarkeit.

So waren die Einwohner dieser Gegend, und die paar hundert Menschen beschaffen, uber welche Seldorf nun zu gebieten hatte. Dieser Mann hatte fruh denken gelernt, er hatte fruh seinen Geist bereichert; aber in der Einsamkeit erzogen, hatte er den Menschen nur in seinem eigenen Herzen studiert, und das Ideal, was er hier fand, leitete ihn auf einen Pfad, wo er ohne Gefahrten blieb. Nirgends begegnete ihm in der Wurklichkeit die hohe Tugend, nach welcher er strebte, die er allein seiner wurdig hielt. Oft glaubte sein warmes Herz ihre Spur gefunden zu haben, er verfolgte sie eifrig, und immer sah er sein schones Bild in Luft zerfliessen. Doch riss ihn keine Erfahrung von seinen Schwarmereien los, bei jeder ward ihm vielmehr sein Ideal theurer, bei jeder strahlte dessen Glorie heller, und bedekte neues Dunkel den Pfad seines Lebens. Er sehnte sich nach Mitgefuhl, und wachte zu streng uber sich selbst, um die Einsamkeit seines Herzens seiner Vortreflichkeit zuzuschreiben. Indessen sah er sich oft mit Beifall umringt, wenn er sich kleiner Antriebe bewusst war, und oft ergieng uber ihn das strengste Gericht, wenn seine schone Seele im Gefuhl ihres Adels gluhte. Mistrauen gegen den Schein der Tugend musste also mit Geringschazung fremden Urtheils in ihm entstehen. Bey einem kaltern Herzen ware er ein Menschenverachter geworden. Aber Seldorf konnte sich nur von den Einzelnen losreissen, unter denen ihn so viele betrogen und verkannten, um das ganze Geschlecht mit desto innigerem Wohlwollen zu umfassen.

Verschiedne Umstande verschafften ihm schon in fruher Jugend, ob er gleich in Deutschland geboren, und seine Eltern von der namlichen Nation waren, eine Stelle im Dienst des koniglichen Seewesens in Frankreich. Dies war keine Gelegenheit fur ihn, Menschen nach seinem Bild zu finden; was ihn umgab, war vielmehr Unrecht, Druk, und Vergessenheit aller Pflichten. Sein Herz litt unendlich dabei, und da er sich eben so fruchtlos nach Gluk als nach Tugend umsah, fieng er an, beide weniger fur den Lohn, als fur den Leitstern des menschlichen Geschlechts zu halten. Seine schonsten Jahre waren in uberspanntem Streben und truber Ergebung verflossen, als der siebenjahrige Krieg ausbrach, der fur Frankreichs Ehre und Wohlstand so verderblich war, in welchem schamlose Intrigue, Privatinteresse und Weiberlaune Leben und Gut der Nation in die Hande spottender Feinde lieferten. Seldorf fuhlte alle diese Abscheulichkeiten bei seinem Dienst zehnfach bitter; die wenigen redlichen Seeoffiziere sahen mit Zahneknirschen, wie sie und ihre brave Mannschaft durch die Pflichtlosigkeit der Obern dem Hohngelachter der Fremden preisgegeben waren. Wo indessen der Muth der Seeleute nicht durch die Ungeschiklichkeit oder Verratherei ihrer Anfuhrer fruchtlos gemacht wurde, behaupteten sie ihre Ehre; und einige durch Tapferkeit und Klugheit geglukte Unternehmungen brachten Seldorf fruher in seinem Dienst empor, wie er als Auslander und Burgerlicher unter andern Umstanden je hatte erwarten konnen. Die Thatigkeit, zu welcher er dadurch immer mehr Anlass bekam, hatte den wohlthatigsten Einfluss auf seinen Geist; statt mussiger Spekulation, sah er nun Wurklichkeit um sich her, und wenn er auch dabei auf Gestalten stiess, die gegen die Bilder seiner ehemaligen Betrachtungen ihm sehr verzerrt vorkamen, so traf er auch freundliche, anziehende Gruppen, die durch ihre menschlichen Unvollkommenheiten Zutrauen, und durch manche einzelne Zuge Ahnungen hoher Tugend erwekten. In der erzwungnen Achtung seiner unwurdigen Obern schien ihm die zertretene Menschheit einigermassen geracht, und ihr richtiges Verhaltniss schien ihm in der zutraulichen Liebe seiner muthigen, sorglosen Untergebenen zum Theil wieder hergestellt. Sein Herz erweiterte sich, denn er fuhlte die mangelhafte Wurklichkeit beglukkender als seine vollkommnen Ideale.

Der Zustand, in welchen das arme Frankreich immer tiefer versank, sezte den guten Seldorf, als er nach beendigtem Kriege in das burgerliche Leben zurukkehrte, zwar in Gefahr, den kleinen Vorrath von Lebenslust, den er aufgesammelt hatte, wieder einzubussen. Allein jene unbestimmten Triebe seiner Jugend waren nun verraucht, des Mannes ruhiger Sinn begnugte sich mit den gewohnlichen Hulfsquellen des gesellschaftlichen Lebens; er wollte sich nun auf immer vor Schwarmerei schuzzen, und beschloss, so nah er auch seinem Herbst war, mit noch ganz neuem Herzen eine Gattin zu suchen.

Das weibliche Geschlecht war ihm bisher unbekannt geblieben. Der Begrif von weiblicher Tugend und weiblichem Adel war seinem Ideengang uberhaupt angemessen. Das einzige Weib, das er je kannte, seine Mutter rechtfertigte diesen Begrif; ihr Andenken heiligte bei ihm ihr ganzes Geschlecht, und machte es ihm so ehrwurdig, dass er die einzigen weiblichen Geschopfe, die er in seinem Dienst und durch den Umgang mit seinen Kameraden zu sehen Gelegenheit gehabt, nie mit diesem Geschlecht in die mindeste Verbindung gebracht hatte.

Der Zufall fuhrte ihm ein Madchen zu, die er zu seinem Weibe machte, nachdem er sie schon durch alle Bande der Dankbarkeit an sich gefesselt hatte. Leidenschaftlich lieben konnte der vierzigjahrige Mann wohl nicht mehr, aber mit dem vollsten Zutrauen sein ganzes Gluk aus den Handen eines reizenden Weibes erwarten, die ihm mehr wie das Leben zu verdanken hatte, das konnte er mit mehr Einmischung seiner ganzen Seele als manche heftige Leidenschaft erfordert. Er ward auch gluklich, und zwei Kinder, Theodor und Sara, schienen ihn auf immer an die Fehler, Leiden und Genusse der gebrechlichen Menschheit zu knupfen, als die unergrundliche Staatskunst des franzosischen Hofs seine Unterthanen nach Amerika schikte, um dem kuhnen Volke eines andern Welttheils ein Gut erkampfen zu helfen, das bei ihnen Majestatsverbrechen geheissen hatte. Seldorf konnte bei seinem Gefuhl und seiner Denkungsart dem Ruf seines Monarchen fur Freiheit und Volksgluk zu streiten, nicht als blosser Miethling folgen. Erstaunt durch einen Dienst, wie der seinige, aufgefordert zu seyn, fur die Sache der Menschheit zu fechten, flog er auf seinen Posten, und die Freude seiner Seeleute jauchzte ihm entgegen. Das wohlgemute Volk hatte unter Seldorf gesiegt, und sein Blut vergossen aus gewohntem Gehorsam, die wenigsten darunter bekummerten sich ernsthaft um das Wesen und den Grund des Kampfes; indessen trieben sich manche unbestimmte Begriffe und Sagen von den Thaten und dem Vorhaben der neuen Bundsgenossen jenseit des Oceans in den leichtfassenden Kopfen dieser Nation umher, und ob es schon verworren genug darum aussah, so gibt es doch einen Ton, der rein angeschlagen in jedem denkenden Wesen wiedertont Freiheit heisst er, und der Lerche kuhner Flug im Duft der Morgenrothe verkundet ihn der ganzen Schopfung wie das geopferte Leben von Tausenden ihn in das Ohr der Tirannei ruft.

Fur Seldorf war dieser Krieg ein wichtiges, ernstes Schauspiel. Er hielt sich lange in den amerikanischen Hafen auf, und folgte mit spahendem Blik der Schopfung der Freiheit um ihn her. Jezt sah er die Menschheit in einem neuen und wohlthatigen Lichte, er verglich die Bewohner jenes Landes mit dem braven, empfanglichen Volke, unter welchem er seit seiner Kindheit lebte, dachte den Abgrund von Elend, worinn es verschmachtete, und wenn mancher schwarzlokkiger Knabe mit kindischem Muth den oft gehorten Ruf von Freiheit und Eigenthum nachrief, sah er seines Theodors unterdruktes Verdienst an den Stufen des Throns zertreten. Er selbst war mit seinem kleinen Haufen fast immer des Sieges gewiss gewesen, aber was vermochte die edelmuthige Tapferkeit eines Seldorfs gegen die Machinationen des Eigennuzzes und der treulosen Selbstsucht? Im lezten Jahre des Kriegs zerschmetterte ihm eine Kugel die rechte Schulter, lange verzweifelte man an seinem Leben, und unter den unsaglichen Schmerzen seiner Krankheit musste er uber sich selbst lacheln, wenn in den Handen des Wundarztes ihn der Gedanke starkte, fur die Sache der Freiheit zum Kruppel zu werden, er, der als Soldling eines Konigs in einer fremden Sache sein Blut vergoss!

Seldorf war nun zu ferneren Kriegsdiensten unfahig, und eilte nach Frankreich zuruk, versohnter mit dem Schiksal der Menschen, denn er hatte in jenem Lande den Keim ihrer Veredlung und ihres Gluks gesehen, und alle Freuden des Gatten und Vaters in seiner Heimath erwartend. Wie viel gluklicher ware der Arme gewesen, wenn die Kugel, die seine Schulter zerschmetterte, sein gutes Herz mit allen seinen Hoffnungen und Aussichten getroffen hatte! Er kam zuruk, und Zerruttung seines hauslichen Friedens und Schande war der Lohn seines Vertrauens und seiner Wunden. Seine Gattin machte ihn zum drittenmale zum Vater, und brach in schuldvolle Thranen aus, als er das Kind mit bitterm Zahneknirschen aus den Handen der Wehmutter empfieng. Nach kurzer Zeit trennte sie der Tod, und in dem finstern, thranenlosen Blik, den er ihrem Sarg nachschikte, las man die ewige Scheidung zwischen ihm und den Freuden des Lebens. Sogleich nach diesem Vorfall schafte er alle seine Bedienten ab, brach mit seinen wenigen Bekannten und verliess die Hauptstadt, welche der Schauplaz dieser Begebenheiten gewesen war. Seldorf erschien seinen neuen Nachbarn und seinen Unterthanen bald als ein Wesen ganz andrer Art, wie die leztverstorbene Gutsbesizzerin. Jede seiner Einrichtungen, jedes Tagewerk bewies, dass er um so eifriger darauf bedacht war, alles um sich her zu begluken, je ferner jedes frohe Gefuhl von seinem eignen Herzen war. Keiner, der ihm nahte, konnte seinen Willen verkennen, aber aller Dank, der ihm wurde, konnte ihm nicht den schonsten Lohn seiner Tugend geben; er konnte Wohlthaten austheilen, aber Freude geben konnte der freudenlose Mann nie. Mit treuer Sorgsamkeit wachte er fur seine Kinder, und pflanzte den reinsten Enthusiasmus fur alles Edle und Gute in ihren Herzen, innig verehrten sie in ihm das Vorbild seiner Lehren; aber das theilnehmende Lacheln seines gramvollen Gesichts verscheuchte ihre jugendliche Frohlichkeit. Mit weiser Menschlichkeit zog er seine Unterthanen aus Armuth und Elend, lehrte sie zuerst nach den Annehmlichkeiten des Lebens trachten, indem er es ihnen moglich machte, sie zu erlangen. Wenn aber ein schoner Sommerabend das Landvolk zu lustigen Spielen versammelt hatte, und er unerwartet erschien, verstummte die Freude vor dem truben Blik ihres Schopfers.

Sara und Theodor lebten von dem ersten Augenblik ihres landlichen Aufenthalts ein neues Leben. Die ersten ohne deutliches Bewusstseyn verflossenen Jahre ihrer Kindheit hatten eben keinen Eindruk weiter in ihrem Gedachtniss zurukgelassen, als dass sie die lange Abwesenheit ihres Vaters mit einem dunkeln Gefuhl von ehemaligem Gluk verglichen. Theodor, vier Jahre alter wie seine Schwester, hatte sich gluhende Bilder von den Gefahren und Thaten des geliebten Vaters gemahlt, und von dem Entzuken des Wiedersehens. Unablassig hatte er in seine Mutter gedrungen, dass sie ihm von Amerika erzahlte, und das Wort Freistaat durchdrang ihn mit Ehrfurcht, seitdem er wusste, dass dafur seines Vaters Blut geflossen war. Nach des Vaters lang ersehnter Rukkehr lag ein schweres Schiksal auf der ganzen Familie, der Kinder unschuldiger Sinn entzifferte es nicht, aber jungen Vogeln gleich, die unter einer finstern drukenden Gewitterwolke leise mit gebukten Kopfchen an der Erde wegfliegen, war, ihnen selbst unbewusst, alle Freude gelahmt, und ihr heiterstes Geschwaz lispelte kaum horbar dahin wie Gespenstermahrchen. In Theodors lebhaftem Geist schienen manchmal wohl befremdliche Gedanken zu dammern, aber kindlich begnugte er sich, seines Vaters Gram zu theilen, ohne tiefer in dessen Ursachen einzudringen. Seit sie indessen das Land bewohnten, war dieser Zauber gehoben; des Vaters Gesicht blieb zwar von Kummer umwolkt, aber die neue Lebensweise, Seldorfs unablassiges Bemuhen, ihnen jeden Genuss zu verschaffen, alles gab ihnen das Gluk der Jugend zuruk. Sein liebstes Geschaft war, die Kinder eines durch das andre zu bilden; Lage und Karakter hatten sie einander so genahert, dass der Unterschied ihrer Jahre verschwunden war. Theodor gewohnte sich, Sara gleichsam als die Stellvertreterin ihres ganzen Geschlechts anzusehen, und achtungswurdiger konnte es ihm nie erscheinen als in ihr. Sara glaubte in ihrem Bruder das Urbild alles Schonen, das der theure Vater als Ziel der Vervollkommnung schilderte, zu erkennen. Bei so empfanglichen Herzen, und der Abgeschiedenheit, worinn sie lebten, musste sich bald Enthusiasmus in diese Gefuhle mischen. Oft sagte Seldorf zu seinem Sohn: Willst du ein Mann werden, so lerne die Weiber ehren. Nur wenn sie uns begluken, sind sie liebenswurdig; nur wenn wir sie ehren, konnen sie uns begluken. Die Natur sezte die Vollkommenheit beider Geschlechter in der grossten gegenseitigen Abhangigkeit, indem sie ihr die grosste Verschiedenheit gab. Der feste, treue, eiserne Mann kann nur der sanftesten Weiblichkeit huldigen; Schwachlinge lieben Amazonen. Damit aber das Weib diesen Zauber ihres Geschlechtes besize, muss ihr Herz kindlich bleiben, wie gebildet auch ihr Verstand sey; und unsre Achtung allein kann das Zutrauen hervorbringen, welches diese Kindlichkeit erhalt. Fuhlt das Weib nicht diesen Lohn seiner Liebenswurdigkeit, so sucht es sich von uns unabhangig zu machen, und dann wird es verachtlich. Die Natur, die uns starker machte als sie, vertragt diese Unabhangigkeit nicht; alsdann erniedrigen wir sie dafur, gewaltsam oder listig, zu unsern Sklavinnen, und pflanzen auch alle Laster des Sklavensinnes in ihre entartete Brust. Aus Handen, die wir nicht achten, konnen wir den Lohn nicht mehr empfangen, der nachst unserm Selbstgefuhl der reinste Antrieb zur Tugend ist, und alle einfachen Bande des geselligen Lebens losen sich auf.

Alle Lehren, die Seldorf seinen Kindern gab, athmeten diese Grundsaze. Nach ihrem mehr oder weniger gebildeten Alter veranderte sich zwar die Einkleidung, aber der Sinn blieb derselbe. Er bedachte nicht, wie viel bittere Erfahrungen er einst in der wurklichen Welt zwei einsamen, liebevollen Geschopfen zubereitete, die er mit abgezognen Begriffen uber Wesen ausrustete, welche alle in tausend und aber tausend Abanderungen irgend einen Zug dieses Bildes darstellen, aber demselben nie gleichen wurden. Seine Absicht war indessen berechnet und schon. Er selbst war auf seiner Laufbahn an einen Abgrund von Ungluk gerathen, er hatte sich fur Menschen geopfert, die sein Herz zerrissen hatten, und sein hoher Begriff von der Menschheit hatte sein eignes Selbst vom Untergang errettet, hatte ihm Muth gegeben, bei einer vollig zerstorten Existenz Schopfer fremder Glukseligkeit zu werden. Die burgerliche Gesellschaft und ihre Verhaltnisse waren ihm verhasst, er dachte mit Schaudern daran, seine Kinder in diesem schaalen Chaos kaltherziger Leidenschaft und geistloser Vernunftanstrengung zurukzulassen; da er aber keine Einsiedler aus ihnen machen wollte, so sollten sie in den Stand gesezt werden, sich einst ihren Weg selbst zu bahnen. Die einzige Sicherheit, die er ihnen gegen alle Gefahren geben zu konnen glaubte, war der hochste Begriff von ihrer moralischen Bestimmung; hatten sie den, so konnten sie unter so vielen entarteten Mitgeschopfen wohl ungluklich, aber nie ihnen gleich werden. Das Landleben und die sanfte Luft schienen anfangs Sara's Wunsche fur Antoinetten, die leztgeborne Tochter von Seldorfs Weib, zu begunstigen, sie bekam Krafte, und erwiederte die Liebe ihrer altern Schwester mit der ruhrendsten Zartlichkeit. Indess Theodor bei dem Vater lernte, oder ihn in seinen landwirthschaftlichen Geschaften begleitete, war Antoinette bestandig um Sara, liess sich allerley kleine Spiele und Arbeiten von ihr weisen, oder ward von ihr, mit susser Sorgfalt fur ihre Gesundheit, im Garten und auf den Wiesen umher geleitet. Kamen der Vater und der Bruder zuruk, so brachte die gute Sara ihren Pflegling der Warterin wieder, denn es that ihrem weichen Herzen zu weh, ihren Vater bei dem Anblik und den Liebkosungen des kleinen Geschopfes finster werden zu sehen. Anfangs, und so lange Antoinette krank war, hielt sie das fur Schmerz uber ihr vieles Leiden; nun war sie aber gesund, und wenn Sara ihrem Vater erzahlte, dass ihr Schwesterchen hubsch laufen, und schwazen, und sonst allerlei niedliche Dinge konnte, und er sie dann mit erzwungner Freundlichkeit anhorte, oder mit truben Augen umarmte, und finster abbrach, strengte sie ihren liebenden Sinn an, um die Ursache dieses Unwillens zu ergrunden. Naturlich erwachte dann in ihr das Andenken der Mutter, um derentwillen sie ihren Vater oft betrubt sah. So geschah es einmal, da er ihre kindische Freude uber ihr Schwesterchen kalt zurukzustossen schien, dass sie furchtsam fragte: Vater ist es denn Antoinettens Schuld, dass die Mutter starb? Seldorf trat heftig zuruk, und gieng mit sich selbst kampfend im Zimmer umher. Das gute Madchen glaubte es nun errathen zu haben, und ergrif weinend des Vaters Hand: Zurne nicht, verzeih ihr! Sie ist so allein, weil du sie nicht magst bringe sie dann her, gute Sara, ich will sie mogen, ich will ihr verzeihen weiter liess ihn seine Bewegung nicht sprechen, und weiter hatte auch Sara nichts gehort, denn sie war schon hinaus geeilt, um ihrer Schwester ein Gluk zu verschaffen, das sie fur das schonste, wunschenswertheste hielt. Die Kleine spielte im Garten unter den Blumen, und folgte Sara's freudigem Ruf, zum Vater zu kommen, mit furchtsamen Schritten; denn sie war seiner Gegenwart fast entwohnt, und liebte ihn nur aus Sara's Lehren, wie die unbekannte Gottheit ihres kleinen Herzens. Seldorf empfieng sie tief geruhrt, mit offnen Armen, und Antoinette blikte scheu bei den Thranen und Liebkosungen des Vaters. Ihre schonen, wenn gleich matten Augen, suchten kindisch staunend auf Sara's Gesicht eine Erklarung dieses Auftritts; indess, wie sie ihre kleine Mama so frohlich sah, ward sie auch munter und wakker, suchte die schonsten Blumen aus ihrem Korbchen, und stekte sie dem Vater erst in die Hand, dann gar an die Brust, eilte geschaftig hin und her, und holte alle ihre kleinen Arbeiten, und zeigte sie ihm mit einem sanften, um Beifall bittenden Blik; und wenn ihr Wunsch gewahrt wurde, rief sie: das hat mich alles Sara gelehrt, das hat mir meine Sara geschenkt; Sara erzahlt mir auch viel schone Geschichten, soll ich dir eine erzahlen, lieber Vater? Es war deutlich, dass Seldorfs Herz bei diesem ganzen Auftritt von tausend Empfindungen zerrissen wurde; aber je langer er Saras inniger Theilnahme an der liebenden Geschaftigkeit dieses Kindes zusah, und je vertraulicher die arme Kleine, in der Bemuhung ihm zu gefallen, wurde: je sanfter schien sein Schmerz zu werden. Ja, erzahle mir deine schonste Geschichte, die dich Sara zulezt lehrte, die erzahle mir. Nun Vater, da war einmal ein Mann, der war sehr gut, so gut wie du, und hatte auch ein hubsches Haus, und Garten, und allerlei Schones; und da kam einmal eine arme Frau zu ihm mit einem kleinen Kinde; das war ein Madchen, und Sara sagt, es ware ganz klein gewesen, und hatte noch nicht gekonnt allein gehen, und essen, und um nichts bitten. Die Frau bat den guten Mann, dass er ihr doch ein Stubchen gabe, und ihrem Nettchen eine Suppe, die bosen Menschen hatten ihr alles genommen. Und das that auch der gute Mann, und die Frau bekam auch ein Stubchen, und durfte in dem schonen Hause wohnen. Einmal, da musste der gute Mann ausgehen, weit weg, dass er erst spat am Abend wieder kommen konnte, und da gab er der armen Frau alle Schlussel, und sagte: sieh hubsch auf das Haus, dass die Diebe nicht hineinkommen, und Vater, das habe ich vergessen: der Mann hatte zwei Kinder, dass es war, wie bei uns, eine grosse Schwester, und einen Bruder wie Theodor Liebe Sara, nicht wahr, der Bruder in der Geschichte, der war wie unser Bruder, aber aber er hatte das arme kleine Madchen lieb, ob sie gleich nur von einer armen Frau war der kleinen Erzahlerin standen die Augen voll Thranen. Seldorf sagte: liebe Kleine, Theodor liebt dich auch, erzahle du nur! nun, der Mann gieng fort? Ja, sagte Antoinette, und blikte auf Theodorn, dessen flammendes Gesicht schon langst abwechselnd Strenge und Ruhrung ausgedrukt hatte ja, er gieng fort, und die Frau legte sich zu Bett, und liess das Licht brennen, und auf einmal da war grosses Feuer in der Stube, und das ganze Haus brannte, und wie der gute Mann wiederkam, da sah er sein Haus brennen, und da rief er: ach meine Kinder! da kamen ihm die Kinder halb nakkend entgegen, aber die arme Frau war todt vom Rauche, und die Kleine hatte uberall Weh vom Feuer, und des guten Mannes Gesicht war auch verbrannt, dass seine Augen finster wurden, und er nie mehr die Sonne sah, und die Blumen, und seine Kinder nicht mehr sah; er nahm aber doch das gute kleine Madchen auf seine Arme, und sagte: du armes Madchen, deine Mutter hat mich zum Bettler gemacht, und es wird nicht mehr hell um mich seyn, denn meine Augen sind finster; aber ich will dich lieb haben, und dich nicht verlassen die Kleine erzahlte schon lange mit stokkender Stimme, die lezten Worte lispelte sie an Seldorfs Brust gelehnt, die sich gewaltsam hob bei dem kindischen Geschwaz. Theodor war still zum Vater getreten; wie aber die Kleine verstummte, und der Vater mit inniger Ruhrung ihre Stirn kusste, schlug er seine Arme um sie, und drukte sie schweigend an sein Herz; dann sprang er zu Sara, die stumm auf ihre Arbeit niedersah, indess grosse Tropfen uber ihre gluhenden Wangen rollten, und umarmte sie sturmisch. Ob das Geschichtchen weiter gieng, das kindische Nachplauderei, und eben so kindische Divinationsgabe in den Kopfchen der Erfinderin und der Erzahlerin zusammengesezt hatten, wissen wir nicht; aber das Bundniss schien von nun an besiegelt, und Seldorfs Schwermuth hatte eine weit sanftere Schattirung erhalten. Mit wehmuthiger Sorgfalt beschaftigte er sich mit dem Kinde, dessen unendlich empfangliches Gefuhl und vorzeitig reifer Geist ihn oft uberraschten, wenn er gleich wusste, dass diese Erscheinung bei Kindern, die von ihrer Geburt an ein krankliches Daseyn fortschleppen, als eine traurige Art von Ersaz fur ihr verkummertes Leben, nichts seltnes ist. Antoinette genoss die kaum erwachte Liebe ihres Vaters nur kurze Zeit, plozlich stand sie in der Zunahme ihrer Krafte still, und eine schnelle Auszehrung fuhrte sie in ihr fruhes Grab. Das verloschende Leben des zarten Geschopfes schien von leisen Ahnungen jener Welt umgeben; fast schon entkorpert, schien ihr Geist hinter den dichten Schleier zu blikken, und oft war in den kindischen Bildern, die sie ihren neuen Gefuhlen anpasste, ein Sinn, der Seldorfs ganze Seele traf. Eines Abends hielt er sie auf seinen Knieen, und das Kind schwazte in matten Traumen von den Freuden, die es sich in jener Welt versprache. Der Vater suchte sie von dem Begriff vom Tod abzulenken Nein, nein, Vater! Ich will gern sterben, im Himmel ist es schon, noch schoner als im Garten, wenn es Fruhling ist, und die Baume bluhen, und die Vogel singen im Himmel ist immer Fruhling, Vater! Sie schwieg erschopft, aber plozlich fuhr sie auf: Vater, ist die Mutter nicht im Himmel? Ja, Antoinette. Nun Vater, so gieb mir einen Kuss fur die Mutter, den will ich ihr bringen bis du kommst. Sie legte ihre Arme um seinen Hals, drukte krampfhaft ihr Gesicht an seinen Mund, und ihr Kopf fiel leblos auf seine Brust herab. O bringe ihr ihn, bringe ihr ihn, und meine Verzeihung fur mein vergiftetes Leben! rief Seldorf, wie er den Tod auf ihrem starren Gesicht las. Sanft kusste er noch einmal die Lippen, die ihr leztes Leben in Liebe ausgehaucht hatten, und ubergab sie dem Grabe. Dicht an Seldorfs Landereien granzte ein schones Freigut, dessen Eigenthumer, ein Anwald aus Saumur, es bisher nur sehr selten auf einige Tage besucht hatte, um Pachtgeschafte zu berichtigen. Berthier dies war sein Name hatte von Jugend auf die Rechte erlernt. Seinem geraden Verstand, seinem wohlwollenden Herzen war das Labirinth alter Irrthumer, verjahrter Misbrauche, willkuhrlicher Deutungen, niedertrachtiger Bemantelungen, eigenmachtigen Zwanges, das sein Gewerb ihn taglich durchzuwandern zwang, schon fruh ein Grauel; er hatte sich versucht gefunden, die ganze Rechtswissenschaft aufzugeben, und in dem kleinen Erbtheil seiner Vater das Feld zu bauen, als ihm, ziemlich in den ersten Zeiten seiner Amtsfuhrung, das Gluk wiederfuhr, einzig durch gewissenhafte Aufmerksamkeit in seinen Geschaften einen abscheulichen Betrug zu entdeken, der eine ganze Familie durch einen Rechtshandel in's Elend gesturzt haben wurde. Er nahm alle seine Krafte zusammen, um den unterdrukten Theil zu vertheidigen; der machtige Gegner sah dass er mit einem gefahrlichen Mann zu thun hatte, und versuchte Bestechung. Berthier wies ihn ohne Prunk von sich, verfolgte seinen Weg mit unerschroknem Eifer, und verschafte der gerechten Sache den Sieg.

Der ganze Handel hatte nichts ausserordentliches; selbst der verlierende Theil war durch andere Geschafte seiner glorreichen Laufbahn zu zerstreut, um sich lange dabei aufzuhalten, dass ihm eine kluge Maasregel, seine Einkunfte zu vermehren, unter so vielen mislungen war, und dass sein gelindes Mittel, dem naturlichen Gang der Gerechtigkeit etwas nachzuhelfen, diesmal bei Herrn Berthier nicht besser angeschlagen hatte. Auf Berthier war aber die Wurkung dieses Vorfalls daurender; er hatte bis jezt nur das Widersinnige, das Emporende der gerichtlichen Formen und der sogenannten Geseze empfunden, jezt erkannte er, wie wohlthatig, gerade im Verhaltniss mit der Mangelhaftigkeit dieser Einrichtungen, ein redlicher Mann in seinen Geschaften seyn konnte. Je mehr er furchten konnte, dass seine Kollegen manche Gelegenheit, Vertheidiger des Rechts zu seyn, entschlupfen liessen, desto tiefer fuhlte er den Beruf, selbst jede zu ergreifen. Der Dank der geretteten Familie, das Gefuhl, durch einfache Redlichkeit dem Einfluss des gefurchteten Grafen von ** die Wage gehalten zu haben, entschied seine Bestimmung; er blieb auf der angefangnen Laufbahn, und hatte in der Zeit, von welcher hier die Rede ist, seinem Amte nah an sechzig Jahre vorgestanden. Nie hatte ihn sein Entschluss gereut; Gelegenheiten, die Unschuld zu beschuzen, boten sich oft dar, und er liess sie nie unbenuzt. Stand es auch nicht immer in seiner Macht, Ungerechtigkeit zu verhindern, so blieb er sich doch bewusst, nie ein Werkzeug der Unterdrukung gewesen zu seyn.

Von Jahr zu Jahr sah er indessen die Misbrauche zunehmen; in spaterem Alter ward es dem braven Mann oft schwerer, den Zwang seines Amtes mit seinem Gewissen zu vereinigen; aber der Gedanke, wie viel schadlicher als sein gezwungnes Erdulden der bose Wille manches andern seyn mochte, hielt ihn noch aufrecht. Endlich ereignete sich bei einem Rechtshandel, in welchen eines von den ersten Hauptern im Konigreich verwikelt war, der Fall, dass ein hoherer Befehl dem Gerichtshof von Saumur andeutete, gegen den Vater einer zahlreichen Familie, dessen Unschuld sonnenklar war, die Galeerenstrafe zu erkennen; zwei seiner hofnungsvollen Sohne wurden zugleich mit Schimpf von ihren Regimentern hinweggejagt. Berthier bot seinen Collegen an, sich aufzuopfern und den Widerspruch allein uber sich zu nehmen; die passivste Rolle von ihrer Seite hatte alsdann hingereicht einen Frevel zu verhuten, der so ungereimt als abscheulich war; allein er fand nichts als bestochene Gewissen und verhartete Herzen, man verwies ihn zur Ruhe, und drohte mit ernster Ahndung seiner Kuhnheit. Nein, sagte der acht und siebenzigjahrige Greis, meine Verdammniss soll wenigstens an jenem Tag meinen armen Konig nicht belasten; thut was Ihr nicht lassen konnt, ich will ruhig sterben! Er legte sein Amt nieder, und bezog mit seinem Enkel, dem lezten Zweig einer zahlreichen Familie, die ihm der Tod nach und nach geraubt hatte, sein vaterliches Erbtheil in Seldorfs Nachbarschaft. Roger war der Trost und der Liebling des alten Mannes, der ihn erzogen, und seine unerschutterliche Redlichkeit, seine stille Wurksamkeit, seine heitre Fahigkeit zu geniessen auf den Jungling ubergetragen hatte. Sein Unterricht bestand in Beispiel, in bestandigem Hinweisen auf die Wurklichkeit, und der Lohn, den er dem wilden Knaben und nachher dem feurigen Jungling anbot, in dem Bewusstseyn erfullter Pflicht. Bei seiner naturlichen Anlage zum Guten, war Rogers ganze Jugend eine Reihe praktischer Tugenden, die er in der Einfalt seines Herzens fur eben so wenig ausserordentlich hielt als Essen und Trinken, und die ihm auch eben so unentbehrlich waren. Seine Leidenschaften, seine Thorheiten, die Wallungen seines heissen Bluts waren, bei seinem frohen Streben nach dem Besten, nur ein herzliches Band, das ihn mit Nachsicht gegen andrer Schwachen und dem Bewusstseyn, selbst Duldung zu bedurfen, an alle Menschen knupfte. Ward die Welt um ihn her der ungebandigten Kraft des jungen Mannes zu schaal, stemmte er sich gegen einen Zwang, welcher der Tugend selbst so oft eine Hulle aufdringt, gegen Vorurtheile, die noch ofter dem Laster Weihrauch streuen, so sagte ihm der freundliche Grossvater in der wortreichen Sprache seines Alters: "Lieber Sohn, ein Mensch allein baut kein Haus, es mussen viele daran arbeiten, und der Bursche der die Steine im Schurz herbeischleppt, hat auch ein Verdienst dabei, so gut wie der Baumeister, welcher den sinnreichen Riss angab. Wollte jeder Arbeiter nur das Ganze ausfuhren, und an die einzelne Theile keine Muhe wenden, wollte er das schone Gebaude errichtet sehen, und doch von Schutt und Leim, von mismuthigen Aufsehern und groben oder ungeschikten Mitgesellen nichts wissen, so kame nie ein Haus zu Stande. So ist's mit dem Guten das wir thun, es geht dessen kein Staubchen verloren, jeder schone Gedanke deines edeln Geistes gehort mit zur Schonheit der ganzen Schopfung. Alles schon und am besten machen kann das Menschengeschlecht nie, noch weniger ein einzelner Mensch; und in dieser Zeit, in diesem Lande, wo die lezten Bande der Gesellschaft vom Laster gelost werden" Schnell verlosch hier der glanzende Blik des alten Mannes; er kehrte von dem schaudernden Bild des Jahrhunderts wieder zu der Lehre zuruk, die er dem aufbluhenden Enkel gab. "Aber glaube mir, Sohn, jede Bemuhung etwas Gutes zu thun pflanzt dir dein verheissenes Paradies, sie ist ein Stein zum Gebaude; und siehst du es auch nie fertig, so kannst du doch einst zu deinem Enkel sagen, wie ich zu dir: ich hinderte den Bau niemals!" Dieses menschlich weise Geschwaz war fur Rogers gutes Herz mehr gemacht, als fur seinen gewaltigen Sinn. Wenn er um in der Allegorie seines Grossvaters zu bleiben so manchen tauglichen Stein herbeischleppen sah, den der Baumeister verwarf, oder ein schlechter Arbeiter verkleisterte, ja wenn er alle Augenblike wahrnahm, das Gebaude konnte nach der Anlage unmoglich bestehen, sondern musste krumm und schief und der Welt zum Spott ausfallen, bis es endlich gar uber die saubern Kunstler zusammensturzte; so ward es ihm heiss vor der Stirne, er sann und mass seine Krafte, und fragte furchtsam den freundlichen Ahnherrn: ob es nicht besser seyn mochte, die ganze Gaukelbude umzureissen? Lachelnd uber den Feuereifer des Junglings sagte dieser: Und wenn der Schutt nun da lage, wo wohnte man dann, und wer halfe dir wiederbauen? Vater, die Natur gab jedem Geschopf die Freiheit sich seine Wohnung zu wahlen, und sendet nur Sonne, Thau und Regen, damit es habe was es zu seinem Gedeihen braucht; warum sollte der Mensch nicht frei leben, wie sein Sinn ihn leitet? Und was braucht er andre Geseze, als die ihn sein bestes Gedeihen lehren? Roger, mein Sohn! antwortete Berthier mit Ernst, fehlte dir je die Freiheit rechtschaffen zu seyn? Von der Tugend fuhrt nur Ein Scheideweg in's Grab; und kein Missbrauch der Menschen versagte jemals der Seele die Wahl zwischen Rechtthun oder Sterben, und ich hier nahm er seine Muze zwischen seine gefalteten Hande, und beugte sein weisses Haupt Dank sei es meinem gnadigen Gott, ich entgieng acht und siebenzig Jahre der furchtbaren Wahl. Tief geruhrt drukte der wakere Jungling des ehrwurdigen Greises Hande an seinen Mund, und lenkte heiter in seinen stillen Lebensgang wieder ein.

So lohnend das Gefuhl erfullter Pflichten fur den alten Berthier war, so mochte er Rogern doch nicht zu eben der dornenvollen Bahn anfuhren, die er durchwandert hatte; er hatte ihm vielmehr immer das Landleben als die einzige noch ubrige Freistatte eines unabhangigen Gemuths; und den Akerbau als diejenige Beschaftigung, die den Menschen zum nuzlichsten Burger macht, geschildert. Er hatte ihn einige Reisen machen lassen, um an Ort und Stelle praktische Kenntnisse zu erwerben, und als ihn der oben erwahnte Vorfall in seinem Amte von Saumur vertrieb, freute er sich, seinen Liebling in den Wurkungskreis, den er fur so wohlthatig hielt, selbst einzufuhren. Es waren nun seit Antoinettens Tod einige Jahre verflossen, und hatten das Band zwischen Sara und Theodor immer fester geknupft. Der Bruder glaubte die kleine Abgeschiedne zu versuhnen, indem er seiner ubrig gebliebnen Schwester alle Liebe widmete, die er Antoinettens Liebe bedurfendem Herzen versagt hatte; und Sara vereinigte den ganzen Schaz ihres innigen Zutrauens, ihrer sorgenden schwarmerischen Herzlichkeit, den ihr armes Pflegkind sonst getheilt hatte, auf ihren theuern Theodor. Einsam und friedlich floss ihnen die Zeit dahin, und ihr thatiger Geist, ihre empfangliche Fantasie fullte den Mangel an Begebenheiten, bei welchem sie ihre erste Jugend verlebten, uberflussig aus. Mit wehmuthiger Freude sah Seldorf diese beiden Geschopfe, in denen alle seine Pflichten, alle seine Bande an das Leben vereinigt waren, wachsen und sich vervollkommnen. Sonst war der Schimmer von Heiterkeit, der sich in der lezten Zeit vor Antoinettens Tod uber ihn verbreitet hatte, mit ihr wieder verschwunden; ihr Grab verschloss zwar den lezten, erbitternden Zeugen seines Ungluks, aber die stumme Todte konnte nicht wie die lachelnde Leidende sein vergiftetes Herz mit der Vergangenheit aussohnen.

In dieser Stimmung fand der Besuch des neuen Nachbars die Seldorfsche Familie. Das Gerucht, das in der ziemlich menschenleeren Gegend von ihr verbreitet war, konnte Berthier keinen Aufschluss weiter geben, und liess ihn hochstens etwa auf einen in Ungnade gefallenen oder verarmten Grossen rathen. Zu bekannt mit dieser Art Menschen, um etwas vortrefliches zu erwarten, und viel zu brav, um unberechtigt das Bose vorauszusezen, gieng er, in Begleitung seines Enkels, aus blosser althergebrachter Hoflichkeit zu Seldorfs. Solche Menschen waren aber fruh genug uber einander verstandigt. Der Anblik von Seldorfs Kindern, die einfache und stille Gute in dem Betragen des Vaters gegen sie, Theodors lebhafte Bereitwilligkeit den Eindruk zu empfangen, den Rogers Bekanntschaft auf ihn machte, Sara's schuchterne Hoflichkeit gegen den Jungling, ihre kindlich-ehrerbietige Freundlichkeit gegen den braven Alten alles flosste diesem gar bald Achtung und Zutrauen ein. Freimuthig empfahl er seinen Roger Seldorfs Gute, und forderte die beiden jungen Manner auf, nahere Bekanntschaft mit einander zu machen, um wo moglich Freunde und Gespielen zu werden. Sara errothete in diesem Augenblik, und mit einem dunkeln Gefuhl von Eifersucht trat sie naher zu Theodor, welcher, Rogers Hand drukend, ihn voll Eifer bat, den Gedanken, den sein Grossvater angab, nicht fahren zu lassen.

Berthiers Gesprach, in welchem Wohlwollen, gesunder Verstand, tiefe Empfindung und Erfahrung die Stelle des Welttons so reichlich ersezten, hatten auf Seldorf, der seit Jahren schon den Umgang der Menschen floh, einen ausserordentlichen Eindruk gemacht. Es war ihm bei den Menschen, mit welchen er bis dahin von Zeit zu Zeit gezwungner Weise zu thun gehabt hatte, sehr leicht geworden, seiner Abgeschiedenheit getreu zu bleiben: aber dieses graue Haupt, dieser heitre Blik der so theilnehmend auf ihm ruhte, die Herzlichkeit mit welcher der Alte ein Band zwischen ihren Kindern zu knupfen bemuht war, erwekten das lang unterdrukte Bedurfniss der Mittheilung wieder in seinem Herzen, und verleiteten ihn, aus seinem einsamen Lebensgang herauszugehen. Wie der arme Verodete zum erstenmal seinen alten Nachbar aufsuchte, straubte sich seine angewohnte Schwermuth dagegen, und er suchte sich selbst zu uberreden, als ob er blos vermeiden wollte, dem Greis durch Vernachlassigung wehzuthun. Einige Tage darauf dachte er mit Ruhrung an seinen freien und lebhaften Geist bei seinem hohen Alter wer weiss, wie lange dieses reine Flammchen noch lodert? so fragte er sich selbst, und betrat unwillkuhrlich den Weg nach seines Nachbars Haus. Endlich suchte er ihn willig auf, und uberliess sich dem Gefuhl, in Gegenwart eines Weisen, der am Scheideweg des Lebens stand, seine trostlose Fassung auf Augenblike zur ruhigen Ergebung werden zu sehen.

Oft fand er den Greis, mit einem alten Schriftsteller in der Hand, in der Abendsonne sizend; vor ihnen liefen dann die jungen Leute auf einem Wiesenplan umher, und kampften und rangen zusammen; Sara sass mit ihrer Arbeit, und sah den Spielen zu, oder war geschaftig um den Grosvater, (denn bald gaben sie und ihr Bruder dem alten Berthier diesen Namen,) und verband bei den kleinen Diensten, die sie ihm zu leisten beflissen war, alle madchenhafte Liebenswurdigkeit mit der ruhrenden Ehrerbietung, welche das hohe Alter jungen unverdorbnen Herzen unfehlbar einflosst. Manchmal horten auch die Junglinge zu, wenn der Alte mit Entzuken von der Vorwelt sprach, die er in seinen Griechen und Romern studierte. Sein Auge blizte dann unter den weissen Wimpern hervor, und troz des bleichenden Alters farbten sich seine Wangen. Das ist, sagte er, die einzige Abschweifung von der Wurklichkeit, die ich mir je erlaubt habe. Manchmal sah ich es in der Welt so bunt hergehen, dass ich mich selbst kaum mehr von den Menschen um mich her zu unterscheiden vermochte; wenn es aber nach einem Jahre von Arbeit einmal eine Feierzeit gab, und ich mich mit meinem Plutarch in meinem Kammerchen einschloss, da gewann ich mich wieder lieb, und dachte zu meinem Trost: deine Schuld ist's ja nicht, wenn du kein Brutus, kein Cato, kein Mark Aurel geworden bist; vom Weibe geboren wie jene Helden, strebe ihnen nach, so weit deine Krafte dich fuhren! Freilich ist sie vorbei, die Zeit wo es solche Menschen gab Nach alter Sitte wagte es Roger selten, sich in die Gesprache seines Grosvaters zu mischen, wenn dieser seine Worte nicht gerade an ihn richtete; indessen riss ihn hier seine Theilnahme hin, er unterbrach lebhaft: Warum sollte es aber keine solchen Manner mehr geben, da sie noch vom Weibe geboren werden wie damals? Warum lehren wir unsre Jugend durch Beispiele, die wir nicht nachahmen konnen? Warum nahren wir unsre Seele mit Idealen, die unser Zeitalter zu Undingen macht, die uns selbst zu verachtlichen Misgeburten herabwurdigen? Warum, mein Sohn? warum wachst dieser Baum er wies hier auf einen gezognen Pfirsichbaum nicht so machtig und stark wie die Eiche, unter welcher du mir eine Bank bauen willst? Weil er verkunstelt ist, Vater, weil er nicht in seinem angebohrnen Erdreich steht, weil seine Zweige gefesselt und gezwungen sind, Fruchte zu tragen, die unsre Gierde erzwingt, der einfachen Ordnung der Natur zum Troz. Der Baum muss sich biegen und schneiden, und aus seiner Muttererde reissen lassen, weil er sich nur leidend verhalten kann; allein der Mensch .... siehst du, Vater! das Bild passt nicht; denn der Mensch kann wollen wohl, sagte der Alte ernst und bedeutend; so sorge dass nie ein Baum verstummelt werde um deinen Uebermuth zu befriedigen, wache uber dich, dass du nie durch Wort und Beispiel einen Menschen verhinderst, jenen grossen Mustern zu folgen; aber vergiss nie, dass du allein nicht allen verstummelten Stammen ihren naturlichen Wuchs zurukgeben kannst; vergiss nicht, dass Brutus in sein Schwert fiel, weil er allein wollte wozu die Welt verdorben war. Roger schwieg erschuttert, da neben einem Namen, vor welchem der alte Berthier sein Haupt ehrerbietig zu neigen pflegte, der seinige erwahnt wurde, er fuhlte es, als hatte er einen Frevel begangen, und unterbrach mit keinem Laut die Stille, wahrend deren alle Augen auf dem begeisterten Greis ruhten: Sara war die erste, die mit schmeichelnder Stimme das Gesprach wieder belebte.

Der Geist dieses alten Mannes, der bis zur aussersten Spannung aller Krafte ausdauerte, und so wie der Widerstand noch machtiger wurde als diese Krafte, in die heiterste Ergebung ubergieng, war, obschon das Widerspiel von Seldorfs Geist, doch das Vorbild der hochsten menschlichen Weisheit fur Seldorfs unbefangne Vernunft. Oft verglich er die wehmuthige Stille, mit welcher er auf sein vorfruhes Grab zuschlich, und den Siegerschritt, mit welchem Berthier dem Lohne jenseits entgegeneilte. Auch dieser hatte Betrug statt Wahrheit gefunden, hatte der Bosheit weichen mussen, und stand nun verkannt am Rande des Grabes; aber ihm war nicht Undank geworden fur Liebe Hier tonte laut die Stimme des alten Grams aus seinem armen Herzen, er wandte seinen Blik von Berthiers grauem Scheitel, und rief seiner Kinder Bild hervor, um damit seine Sehnsucht nach dem Tod zu bekampfen. Theodors Lebensweise hatte sich durch diese neue Nachbarschaft sehr verandert. So entfernt auch jede Spur von Menschenverachtung von seinem Gemuth und seines Vaters Grundsazen war, so hielten ihn doch seine Sitten, sein fruh verfeinertes Gefuhl von den Kindern der rohen durftigen Landleute, und das Lokale seiner Lage von jedem andern vertraulichen Umgang zuruk. Seine Knabenjahre waren ohne Gefahrten verflossen, und als Jungling vermisste er oft einen Theilnehmer an seinen Zeitvertreiben; denn einen Freund hatte ihm seine lebhafte Zartlichkeit fur Sara bis jezt ganz entbehrlich gemacht. Roger war zwar einige Jahre alter wie er; aber die Einfachheit seines ganzen Wesens, seine ungleich weniger wissenschaftliche Erziehung, seine offene Art machten diesen Unterschied unmerklich. Seldorf fuhlte den Vortheil, welchen sein Sohn fur seine Bildung von der Gesellschaft dieses wakern Junglings ziehen konnte; er suchte sie durch Beschaftigung und Zeitvertreib an einander zu knupfen. Konnte Theodor bei den Haushaltsarbeiten seines Freundes auch seinen Eifer fur Feld und Wiese und Weinberge nicht theilen, so horchte er ihm doch aufmerksam zu, und half ihm mit lustigem Fleiss. Roger nahm dagegen an manchem Unterricht Theil, den Theodor von seinem Vater empfieng. Er lernte zeichnen und fechten mit ihm, ob er sich gleich anfangs gegen das lezte geweigert hatte. In meinem Stande brauche ich es nicht, sagte er mit einem trozigen Wesen, indem er, gewiss unwillkuhrlich, auf Seldorfs Ludwigskreuz blikte. Seldorf, der ihn errieth, fragte lachelnd: nun, warum denn nicht so gut wie Steine schleudern, und Armbrustschiessen? Es soll Ihren Arm stark machen, und mit keiner dieser Kunste werden weder Sie noch Theodor je in Friedenszeit irgend wen aus der Welt befordern. Roger lernte mit treuem Fleiss, hielt fest was er einmal gefasst hatte, blieb aber unaufhorlich hinter Theodors Schnelligkeit zuruk, ohne darum jedoch sich irre machen zu lassen. Theodor machte hingegen, ohne die mindeste Anstrengung, die schnellsten Vorschritte, und benuzte alle Vortheile seines gewandten Korpers mit der zierlichsten Leichtigkeit; galt es aber einen starren Widerstand, so machte ihn seine unmassige Lebhaftigkeit aller kaltblutigen Gegenwehr unfahig. In andern Uebungen, beim Kampfen, Ringen, und in allen Spielen, die Krafte und Festigkeit erfordern, war Roger immer Sieger, wenn er nicht absichtlich Blossen gab. Ward Seldorf dies gewahr, so rief er ihm wohl zu, und ermahnte ihn, redlich mit seinem Gegner zu verfahren, und dann fehlte es selten, dass Theodor nicht bald am Boden gelegen hatte; wenn er sich aber wieder aufgerafft hatte, schuttelte er freundlich seines biedern Ueberwinders Hand.

So verlebten sie ungetrubt heitre Tage; Sara theilte jede Freude ihres Bruders, wohnte seinen Lehrstunden bei, und ermunterte ihn durch ihren eifersuchtigen Beifall. Roger diente ihr bei diesem zarten, zu lauter uberspannten Empfindungen, zum Umgang mit lauter Idealen erzognen Geschopfe nur zur Folie; sie liess zwar seinem treuen Sinn, seinem kuhnen Muth, seinem kindlichen Herzen volle Gerechtigkeit wiederfahren; aber gegen Theodors in gluhende Leidenschaft ubergehende Gefuhle schien ihr das arme Naturkind nichts als ein froher, auf gut Gluk loslebender Junge. Wurde sie von den beiden Junglingen aufgerufen, bei ihren Spielen zu entscheiden, und Billigkeit nothigte sie, fur Rogern den Ausspruch zu thun, so sah sie deutlich, dass seine Geschiklichkeit ihn freute und nicht ihr Ausspruch; hatte hingegen Theodor den Sieg behalten, so war sein Gefuhl nur Dank gegen sie, dass sie ihm den Preis zuerkannt hatte, und schmeichelnde Liebe, als sei er ihn ihrem Herzen, und nicht seinem Verdienst schuldig. Waren die beiden jungen Leute durch Feld und Wald gestreift, so brachte ihr Roger einen ungeheuern Strauss von allen moglichen Feldblumen, und legte ihr, treuherzig uberzeugt, seinem guten Wort konnte die gute Statte nicht fehlen, den ganzen Plunder auf den Nahtisch, so dass er von allen Seiten auf den Boden fiel. Aber Theodor zog eine einzelne Waldrose aus dem Busen, und stekte sie in ihr braunes Haar, und sie hatte kaum Zeit, dem armen Roger zu danken, der indessen seinen Krauterkram geduldig auflas, und ihr anbot, ihn in's Wasser zu stellen. Erhohte aber auch jeder Tag der Schwarmerin schwesterliche Liebe, so nahm sie doch mit der ihr eignen Innigkeit den Eindruk von Rogers unverkennbaren Tugenden auf. Theodor hatte zu viel Edelmuth, um ihn nicht nach seinem vollen Werthe zu schazen; stolz auf seinen Freund erzahlte er der Schwester jede seiner im Stillen, und doch so offen, ohne prunkvolle Verhehlung gethanen schonen Thaten. Einmal hatten die drei jungen Leute einen etwas weiten Spaziergang gemacht. Bei ihrer Rukkehr kamen sie an einer einzelnen armlichen Hutte voruber, wo sie klagende Stimmen mitten unter einem heftigen Zank tonen horten. Die beiden Junglinge traten mit dem Gedanken, vielleicht helfen oder schuzen zu konnen, hinein, und fanden in einer fast ganz ledigen Stube ein Weib, dem Anschein nach schon in der Unempfindlichkeit, die dem Tod oft vorhergeht, auf dem Stroh liegend; ihr Mann hielt ein neugebohrnes, aus Hunger schreiendes Kind auf seinem Arm, und suchte mit geschwachter, klagender Stimme einen Frohnvogt zu erweichen, der eben gekommen war, um zur Tilgung des rukstandigen Zehnten seine Kuh in's Amt abfuhren zu lassen. Theodor fuhr uber die barbarische Harte auf, und kam mit dem Gerichtsdiener in einen heftigen Wortwechsel uber die Strafbarkeit des Schuldners, von welcher dieser, wie naturlich, uberzeugt war; Roger liess sich von dem Manne seine Lage erklaren: er war durch Miswachs in Schulden gerathen; voriges Vierteljahr hatte man ihm seinen Pflug und sein Rind genommen; mit der Kuh allein konnte er nichts anfangen, da lag nun das Feld brach, und er hatte die nachste Ernte eingebusst; seine Frau war in's Kindbett gekommen, und lag jezt den siebzehnten Tag im hizigen Fieber; da konnte er nicht einmal wilde Krauter zum Gemus sammeln; diese einzige Kuh musste ihn, und das unglukliche Weib, und das umsonst nach der Mutterbrust schreiende Kind nahren; endlich konnte er sein Weib auch nicht mehr verlassen, um die Kuh auf die Weide zu fuhren, denn eines Tages da er abwesend gewesen war, hatte die Arme in ihrer Raserei das Kind gegen die Mauer geschleudert; nun nahm man ihm auch diese Kuh, um das ablaufende Vierteljahr zu bezahlen Ein neues Wimmern des elenden Kindes unterbrach den verzweifelnden Vater. Ach, rief er, und schwang das kleine Geschopf gegen die Mauer, hatte dich die arme Mutter nur hingerichtet! Gott hatte ihr verziehen, und ich brauchte dich doch nicht verschmachten zu sehen Nein, es soll nicht verschmachten! rief Roger voll Eifer, und hielt unwillkuhrlich das Kind mit beiden Handen auf; Ihm soll geholfen werden! Jezt hatte Theodor den Gerichtsfrohn befriedigt, und die Kuh wurde dem Bauern gelassen. Theodor zitterte bei der wiederholten Erzahlung seines Elends, und schuttete alles Geld, das er bei sich hatte, in seine Hande aus; der Mann war betaubt uber diesen schnellen Glukswechsel, sein armer Verstand hatte keinen Dank fur so ausserordentliche Wohlthaten: in trauriger Einfalt betete er lateinische Segensspruche gegen seine Erretter her.

Sara, welche uber die lange Abwesenheit ihrer Gefahrten besorgt zu werden anfieng, und jezt die tiefste Stille in der Hutte zu horen glaubte, wagte sich endlich bis an die Stubenthure. Roger erblikte sie, legte schnell das Kind, das er noch hielt, auf das Strohlager, und vertrat ihr, eh sie hereinkommen konnte den Weg; rasch rief er: nein Fraulein, hier haben Sie nichts zu thun; das wird mir schon schwer mit anzusehen, Sie sollen deswegen doch helfen. Warum soll sie nicht sehen? rief Theodor, dessen Einbildungskraft mit jedem Augenblik lichter in Flammen stand, warum nicht sehen, Berthier? Halten Sie Sara fur zu empfindsam, um menschlich zu seyn? Hier sieh den Raub des grausamsten Eigennuzes, des tiefsten Elends Zugleich riss er Sara an das Bett der Wochnerin, die todtenbleich, mit starren, weit offenen Augen und zukendem Mund dalag; das Kind strekte winselnd gelbbraune Hande, an denen eine zusammengeschrumpfte Haut klebte, aus etlichen zerrissenen Lumpen; der Vater stand, durch Theodors fur ihn ganz unverstandliche Heftigkeit scheu geworden, in einem Winkel, das Bild des Elends, mit langem Bart und struppigen Haaren, die um ein hagres, fast blodsinniges Gesicht hiengen. Sara hatte das menschliche Ungluk nie in dieser scheusslichen Gestalt erblikt, sie wankte und ward bleich; Theodors Feuereifer bemerkte es nicht, sondern erzahlte ihr sturmend den eben vorgefallnen Auftritt. Roger fasste das zitternde Madchen am Arm, machte ihre Hand von ihrem Bruder los, und fuhrte sie hinaus. Diese Kaltblutigkeit stach zu sehr gegen Theodors Heftigkeit ab; bald hatte dieser Abend den schonen Bund der Jugend und Herzensgute zerrissen. Theodor gieng in seinem Ungestum so weit, seinen Freund der Unempfindlichkeit und der Lassigkeit im Helfen, bei dem ganzen Vorgang zu beschuldigen. Roger schien tief gekrankt; aber um Sara's willen, die sichtbarlich litt, vermied er jede Erklarung bis zu ihrer Rukkehr. In diesem Streit, sagte er schonend, kann das Fraulein nicht entscheiden; und wenn ihr Wohlbefinden mich uberweist, dass ich zu weichlich gegen sie verfuhr, so will ich gern von ihr verurtheilt werden. Sara fuhlte seine Gute, und eben so lebhaft, aber mit bitterm Kummer, Theodors beleidigendes Unrecht. So bald sie zu Haus ankamen, trennte sich Roger von ihnen; und so fruh es noch am Tag war, so bedurfte es doch des ganzen Abends, damit Theodors wallendes Blut, und noch mehr seine falsche Scham sich legte. Endlich erkannte er mit Reue, wie irrig er Leidenschaft mit Gefuhl verwechselt, wie knabenmassig er neben seinem biedern, langmuthigen Freund gestanden hatte. Er eilte am andern Tag nach Rogers Wohnung, wo er aber den Alten allein bei seinem Fruhstuk fand; von Rogern wusste dieser nichts: er musste wohl irgend etwas vorhaben, denn er ware gestern erhizt und tiefsinnig gewesen, hatte bis tief in die Nacht geschrieben, um einen von ihm erhaltenen Auftrag zu besorgen, und ware nun seit Tages Anbruch aus dem Haus. Unbefriedigt kehrte Theodor zuruk, und brachte, unfahig zu jedem Geschaft, einen truben Tag zu, bis ihm gegen Abend seine Schwester anlag, sie wieder nach der Hutte zu begleiten, wohin sie Wasche fur Mutter und Kind, und Speise fur das ganze Haus mitnehmen liess. Auch diese liebe Mildthatigkeit erschien ihm wie ein Vorwurf; er hatte aus Leidenschaft das Verdienstloseste gethan, er hatte Geld gegeben, und sich seitdem nur mit seinem bosen Bewusstseyn geschleppt. Stillschweigend langten die beiden Geschwister bei der Hutte an. Sie fanden die Kranke zwar matt, aber wieder vollig bei sich selbst, auf einem neuen reinlichen Strohsak, in eine warme wollene Deke gehullt; das Kind war in grobe, aber saubere Windeln gewikelt, und am Feuerheerd stand ein altliches Bauerweib von Seldorfs Gut, das der Familie ein Abendbrod bereitete. Erstaunt uber diese wohlthatige Veranderung, fragte Sara ahndend, wo sie herruhrte? Mit einer ehrerbietigen Verbeugung erzahlte die Warterin, dass ihr Herr Roger Berthier gestern am fruhen Abend Geld gegeben hatte, um sogleich alles Nothige im nachsten Stadtchen zu kaufen, und heute mit Tages Anbruch das Eingekaufte, und einen Korb voll Esswaaren zu diesen Leuten zu bringen; er hatte sie gemiethet, da zu bleiben, bis die Kranke selbst wieder ihrer Arbeit vorstehen konnte. Theodor schlug bei dieser Erzahlung errothend die Augen nieder; Sara vergass auf einen Augenblik ihres armen Bruders Beschamung, um ihr warmes Herz ganz der Freude uber Rogers stille thatige Menschenliebe zu uberlassen. War er schon selbst hier? fragte sie geruhrt. Ei ja wohl, antwortete die Bauerin mit einer neuen Verbeugung; wohl ist er hier, seit Tages Anbruch; er kam mit einem Gespann Ochsen und dem Knecht, und er bereitet und pflugt die Brachfelder des armen Nikolas zur Nachernte. Sie sezte schwazhaft eine Menge Umstande hinzu, die Rogers Weisheit, in der Art wie er den Bedurfnissen des armen Nikolas aushalf, noch mehr in's Licht stellten. Geld hatte er ihm noch nicht gegeben, er hatte ihn um nichts aus seinem Kreis genommen, sondern mit praktischer Kenntniss dessen was ihm in seinem Stand am meisten noththun mochte, ihm die Mittel verschaft, durch Fleiss und Thatigkeit sich wieder aufzuhelfen. Herr Roger, schloss sie, ist noch im Felde, und fuhrt die Ochsen Theodor kampfte mit Scham und Liebe fur den einfachen stolzen Berthier, der mit dem Bewusstseyn seines Willens und seiner Fahigkeit zu helfen, gestern so still bei seiner Heftigkeit geblieben war, und sich heute so empfindlich an ihm rachte. Seine Schwester sah Thranen in seinen schonen Augen, sie zog ihn gegen die Thure, schlang den Arm um seinen Hals, und sagte bittend und leise: Komm zu ihm, wir konnen ihm gewiss noch etwas helfen. Fort eilten sie, dem Felde zu, das ihnen die Bauerin angedeutet hatte, und fanden dort Roger, der mit gluhendem Angesicht und schweisbedekter Stirn, in blossen Hemdermeln, seine Thiere fuhrte. Der Knecht breitete Dunger aus, und seitwarts unter einem grossen Kastanienbaum stand ein Topf mit Milch und schwarzes Brod zur Labung fur beide. Wie Roger die beiden erblikte, liess er sein Gespann stehen, lief froh auf sie zu, und fragte nach Saras Gesundheit, nach dem Grosvater, dem er heute auf den ganzen Tag davongelaufen war aber ich habe auch recht geschaft, der Grosvater wird sich selbst freuen und uns helfen, denn es ist noch langst nicht alles in Stand; Abends wollte ich zu Ihnen kommen, Fraulein, und Sie und Herrn Seldorf um Rath und Hulfe bitten. Mit seinem sorglos heitern Gesicht, und seinen feurigen Augen, die bald auf Sara, bald auf die Furchen, bald auf die unsaubre Beschaftigung des Knechts umherblikten, hatte er noch eine Weile fortgeschwazt; allein Theodor fiel ihm um den Hals, und sein Stillschweigen, sein redendes Gesicht legten jezt das Gestandniss ab, das Roger gestern so schmerzlich entbehrt hatte, ob ihm gleich nur eben in diesem Augenblik von gutherzigem Leichtsinn das alles wieder entfallen war. Theodors Beschamung ergrif ihn sehr lebhaft, Thranen standen in den spiegelreinen Augen, die er jezt geruhrt auf seinen Freund heftete. Guter Theodor, sagte er, es ist mir lieb dass Sie mich nun verstehen; wurklich, wurklich ich wollte das schon gestern was ich heute that, vom ersten Augenblik wollte ich; aber ich dachte nur wie ich's einrichten sollte, und wenn ich denke, wissen Sie ja dass ich oft herzlich stumm bin. Dagegen fuhr er wieder voll Lustigkeit fort dagegen schwaze ich wieder tausendmal ohne zu denken. Aber dass Sie so gut sind wahrlich der Tag war mir recht trub, aber wie ich das Fraulein sah, hatte ich alles vergessen; ich hatte vielleicht nie wieder daran gedacht. Theodor war uber Rogers kindlichen Sinn entzukt; zum erstenmal horte er ihn mit dieser vertraulichen Herzlichkeit sprechen. Schon oft hatte ihm der Eigensinn im Weg gestanden, mit welchem der storrische Bursche nach Jahrelanger Freundschaft noch auf einem gewissen Ceremoniel in Ton und Betragen beharrte; jezt nannte ihn Roger zum erstenmal seinen Theodor, nannte ihn so, mit einer Innigkeit als hatte es ihm lange gefehlt; Theodors verfeinertes Gefuhl fasste in idealischen Zugen auf, was Roger aus blossem gutmuthigen Instinkt that, und sich selbst des Kampfes bewusst, den seine gestrige Heftigkeit ihn gekostet hatte, bewunderte er Rogern, weil er in seiner freudigen Versohnung einen noch hoheren Grad von Selbstbesiegung zu finden glaubte, als er uber sich gewonnen hatte. Aber wurklich that er dem wakern Jungling zu viel und zu wenig Ehre. Gestern hatte Roger Theodors Unart ertragen, weil ihn sein Sinnen auf das heutige Unternehmen zerstreute, und Saras bleiches Gesicht ihn entwafnete. Wie er heim gekommen war, hatte ihm alles leid gethan was vorgefallen war; und am meisten sezte es ihn in Verlegenheit, gegen Theodorn so hohnend vernunftig abgestochen zu haben. Bei seiner heutigen Arbeit hatte er sich in manchem Augenblik vor der ersten Zusammenkunft mit seinem Freund gefurchtet; was er ohne seine Theilnahme gethan, schien ihm heimlich gethan zu seyn. Wie er aber Theodorn und Sara auf sich zukommen sah, behielt die Freude uber alles was ihm geglukt war, und der Wunsch, durch ihre Hulfe noch mehr auszufuhren, in diesem Gemisch von Empfindungen die Oberhand; er dachte an keinen Groll mehr, wo er Liebe und Freude fuhlte.

Sara hatte dieser Scene stillschweigend, aber mit inniger Theilnahme zugesehen. Sie war nun gegen funfzehn Jahr alt, aber ihre ganzliche Abgeschiedenheit von der Welt, ihr in lauter Fantasien schwebender Geist hatte sie, wie gebildet sie auch in mancher Ruksicht durch Erziehung und naturliche Anlage war, sehr kindlich erhalten. Sie war sich ihres Herzens nur in ihrer Liebe fur Theodorn bewusst; und dass sie ein Weib, und dass er ein Mann war, wusste sie nur weil sie seine Schwester hiess. Alles was ihr der Vater sonst uber diesen Gegenstand gesagt haben mochte, hatte sich auf eine abentheuerliche Weise an die ubrigen Traume ihrer reichen Einbildungskraft gereiht, ohne mit ihren Sinnen je in Verbindung zu kommen. Indessen hatte Rogers gestriges Betragen einen Eindruk auf sie gemacht, den seine heutige Versohnung mit ihrem Bruder noch verstarkte; neue Ideen entwikelten sich in ihrem Kopf, die sie von ihm entfernten und zu ihm anzogen, die ihr Herz erwarmten und es scheu machten. Ihr Gefuhl verstand zum erstenmal des Vaters oft wiederholte Lehren von der Hulfsbedurftigkeit des Weibes, und der Pflicht des Mannes, sie zu schuzen, und wie nahe die Natur sie durch ihre ganz verschiedne Bestimmung mit einander verbunden hatte. Sie war noch mit ihren schwarmischen Ahnungen beschaftigt, als Rogers einfacher Sinn das Empfindsame dieses Auftritts beendigte. Er fuhrte die jungen Leute unter den Kastanienbaum, rief dem Knecht zu, Feierabend zu machen, weil das Vieh mude ware, theilte das schwarze Brod und die Milch bruderlich mit ihm, und erschopft von der Arbeit speisste er, zu Saras Fussen hingestrekt, seine Portion, als ware er zu nichts anderm in der Welt. Es war vielleicht ein Gluk, dass diese wurklich patriarchalische Einfalt Saras neue Gefuhle wieder mit der Wurklichkeit verband; aber leider schlug es diesmal zu Rogers Nachtheil aus. Sein Betragen gegen den armen Nikolas war so schon wie vorher, seine Grossmuth gegen Theodor wurde um nichts vermindert; aber mitten durch alle die hohen zarten Gefuhle, die ihr liebes Herz durchwandert war, und die sie nun auch eben so gluhend in unserm achten Naturkind vorausgesezt hatte, einen Napf Milch und ein derbes Stuk Brod aufessen, und gar kein Hehl haben, dass es aus Hunger geschahe es schadete dem braven Roger nun just nicht bei ihr, aber es trug dazu bei, der neuen Schopfung in ihrem Herzen Theodorn zum Abgott unterzuschieben. Wie reizend lag dieser neben seinem Freund, sein schones Gesicht auf einen Arm gestuzt, seine redenden Augen auf ihn gerichtet, seine ganze Gestalt durch die spielenden Schatten der breiten Kastanienblatter in den Strahlen der rothlichen Abendsonne, mit zauberischem Lichte umgossen! Rogers unseliger Milchnapf entschied vielleicht das Schiksal ihres Herzens! Es erschien nun ein Zeitpunkt, in welchem vieles zusammentraf, um Seldorf in der einfachen Stille, mit der er die Zeit hatte fortschreiten sehen, aufzustoren. Die Welt war ihm seit langer Zeit so verhasst, gegen alles was ausser dem kleinen Zirkel vorgieng, in welchen sich sein Herz gebannt hatte, war er mit so viel Harte bepanzert, dass er die grossen Bewegungen, welche die franzosische Nation damals zu erschuttern anfiengen, mit erzwungner Verachtung fur lauter Komodie und Kinderspiel erklarte. Am allgemeinen Gluk wie an dem seinigen verzweifelnd, erbitterte ihn jeder Versuch, der dahin abzuzweken schien, weil er eine neue Fehlschlagung fur sein Herz dahinter furchtete fur ein Herz, das freilich immer nur zu bereit war, diesen schonsten Traum wieder von vorn zu traumen. Der alte Berthier sah diese Zeiten aus einem sehr verschiednen Gesichtspunkt; seine lange Erfahrung hatte manchen Gedanken in ihm entwikelt, der seit dem Anfang des Jahres 1789 zur Ahnung wurde. Je langer, je mehr schien neue Jugend seinen Geist zu beleben. Manche Stunde, die er sonst bei seinen unsterblichen Helden der Vorzeit vertraumt hatte, widmete er jezt den ernstesten Gesprachen mit seinem Enkel, bildete seinen Geist, und erweiterte seine Begriffe von den Rechten und Anspruchen der Menschen um ihn her. Jezt gestand er die Nothwendigkeit einer Verbesserung, und suchte ihm den einzigen Leitfaden in einer Zukunft, die er hell vor sich sah, wenn gleich ihre mannigfaltigen Abscheulichkeiten vor seinem Sinn vorubergiengen, in die Hand zu geben. Sammle fruh, sagte er, einen Reichthum an gutem Gewissen; denn es wird eine Zeit kommen, wo es dem, der das einzige Nothwendige will, schwer werden muss, seinen Handlungen vor sich selbst das Zeugniss der Gerechtigkeit zu erhalten, und unmoglich vor den Menschen. Wehe dir, wenn dein Sinn dann nicht mehr rein und fest ist, um dich der Wahrheit zu opfern!

Aber Seldorfs trubes Auge war nicht fahig, mit diesem freien Blik benuzter Erfahrung in die Zukunft zu dringen. Anfangs wies er jedes Gesprach uber diesen Gegenstand mit einer Abneigung von sich, wie sie ein matter Kranker in der Zwischenzeit der Leiden gegen jede aussere Anregung empfindet. Als die Umstande ernster, und die Deutungen auf die Zukunft heller wurden, mischte sich eine Art von bitterm Spott hinein; denn Berthiers warme Freude, uber ein Volk dessen Verderbniss er so lange studirt hatte, den Augenblik der Wiedergeburt aufgehen zu sehen, und sein muthiger Entschluss, um dieser Wiedergeburt willen auch das Furchterlichste nicht zu scheuen, mahnten den Ungluklichen blos, dass sein Feuer erloschen, seine Kraft gelahmt war. Manchmal ergriff es wohl sein angebohren Gefuhl fur Wahrheit und Recht; er gedachte des amerikanischen Kriegs, wie er damals fur fremdes Gluk willig geblutet, und unter der zur Freiheit heranwachsenden Jugend disseits des Meeres sich wehmuthig seines zur Dienstbarkeit gebornen Lieblings erinnert hatte. Die ernsten Worte: Vaterland und Mitburger, die fur den, welcher sie gebrauchen darf, alle Pflichten des Mannes und allen Lohn der Tugend enthalten, drangen auf Augenblike in Seldorfs zerschlagnes Herz, wie eine geistige Arznei in die Adern des unvermeidlich Sterbenden: noch einmal klopfen die Pulse, noch einmal strahlt Leben im gebrochnen Auge, noch einmal ergreift er die Hand der weinenden Gattin, aber die kunstliche Warme durchdringt das schon erstarrte Blut nicht mehr, die Kalte des Todes kehrt zuruk, und die Hand des getauschten Weibes, welche den Druk der Zartlichkeit erwartete, entwindet sich schmerzlich und schaudernd dem Todeskrampf. Seldorf musste von der Summe von Gluk, die er zu ahnen verfuhrt ward, zu den einzelnen Quellen sich wenden, aus welchen es fliessen sollte; und da scheiterten seine Hofnungen. Unter den Menschen, die sich jezt zu den Rettern der Nation aufwarfen, waren auch die Namen derer, die sein Leben vergiftet, und seine Wohlfahrt zerstort hatten. Bitter lachend sagte er zu seinem glaubensvollen Freunde: also im Grossen sollen diese Menschen das Gute wollen, das sie einzeln auf tausend Wegen verhinderten? Also dieser ***, welcher Menschengluk vor sich niedertrat, wie das ungezahmte Ross die Halmen des Feldes wo es einbricht, dieser soll nun nach dem Wohl des Volkes streben? Umsonst ermahnte ihn Berthier, die Werkzeuge vom Endzwek der Arbeit, und den Plan der Schopfung von der Entwiklung des Chaos zu unterscheiden. Nein, nicht Chaos, menschenliebender Schwarmer! rief Seldorf; mit dem Chaos ist schaffende Kraft und Keim verbunden, und davon ruht nichts im Schoosse des Tods. Kein Chaos kann sich hier entwikeln, es ist das Reich der Verwesung, das in ekelhafte Gahrung gerath. Die scheussliche Masse walzt sich, schaumt und wogt eine Weile, und sinkt dann in sich zusammen, ein todtes Meer, dessen Dunste jedes lebendige Geschopf vergiften, hinabziehen was an seine Ufer nur streift. Armer Greis, hinunter in dein Grab eh das Gift dich ergreift! Erwache dort von deinen gutgemeinten Traumen; das Erwachen diesseits wurde zu schreklich seyn.

Thau und Fruhlingssonne konnen neues Leben in den vom Bliz zerschmetterten Eichbaum rufen; auf dem eingesturzten Felsen keimen nach Jahren Moose, und endlich grunende Krauter Oede ohne Hofnung neuer Jugend ist nur im Herzen des Armen, der einmal den Glauben an Gluk und Menschen verlor. Das Auge seines Geistes ist erloschen, er blikt nur um sich, um Finsterniss zu entdeken, und kennt selbst die Tugend nur um uber sie zu weinen. O ware Seldorf damals gestorben! dort ware er erwacht, um dankbar uber seinen Irrthum zu lacheln; hier sank er, ihn fruchtlos erkennend in's Grab.

Am meisten litten Theodor und Sara bei Seldorfs zunehmender Vereinzelung. Ihr junges Gemuth konnte seinen traurigen Bildern nicht folgen; und Rogers Denkart, die ihrem Alter weit angemessner war, und die sie zu ehren gewohnt waren, weil sie zum Theil immer ein Ausfluss von dem Geist seines Grosvaters schien, leitete besonders Theodorn auf einen Weg, den er nicht lange mit dem Beifall seines Vaters wandeln konnte. Von jeher hatte Seldorfs truber Sinn ihn zum Freund und Vertrauten seiner Kinder unfahig gemacht; er war ihre Gottheit, sie riefen ihn an, sie brachten ihm Opfer und Dank; aber mit seinem innern Selbst nie vertraut, suchten sie ausser ihm, wenn sie des Tausches von Gedanken und Empfindungen bedurften. Ihre Zartlichkeit selbst hatte sie zurukgehalten, vor seinen Augen jemals mehr als die mattesten Strahlen ihres feurigen Geistes schiessen zu lassen, weil sie seine Ruhrung, und die finstere, ihnen unbekannten Erinnerungen, die so oft in seiner Seele angeregt werden konnten; weil sie sogar den Enthusiasmus seiner Tugend scheuten, die in einem einfacheren kindlicheren Gewand ihre jungen Seelen gewonnen haben wurde. Und wenn es ja Augenblike gab, wo sie diese Schuchternheit vergassen, wenn Theodor, von irgend einer Leidenschaft uberrascht, seinen ganzen Ungestum, oder Sara ihre granzenlos schwarmende Herzlichkeit verrieth, dann war der Vater betroffen uber den Ausbruch von Gefuhlen, die er nicht kannte ob sie sich gleich nie verlaugneten; und der irrende, und doch so wohlmeinende Mann behandelte als Fehltritt, was er als entstehendes Vertrauen mit Sorgfalt hatte pflegen sollen. So ward er seinen Kindern immer fremder; er fuhlte es bitter, aber zu ungluklich um die rechte Hulfe zu schaffen, legte er sein gekranktes Vaterherz mit zu dem Gewicht seines Grams.

Dieses Verhaltniss begann nun, das Leben seiner Lieblinge mit eisernen Banden an das Ungluk zu schmieden. In Theodors feuriger Seele mahlte sich die Zukunft, welche aus dem damaligen Zeitpunkt entstehen sollte, mit aller der Vollkommenheit, die reiner Wille zum Guten und ungeprufte Erfahrung jedem Gegenstand, nach welchem die Hofnung eines Junglings strebt, so leicht zuschreiben. Unbekannt mit den geheimen Faden, woran das Thun seiner Zeitgenossen hieng, sah er in allen Menschen, die jezt offentlich glanzten, nur die Zuge, die sie durch Wort und Rede in's Licht stellten, und hielt sie treuherzig fur Erloser der Nation. Seinem hochfahrenden Geist, seinem unruhigen Gemuth war es angemessner, der Menge das Gluk mit uberlegner Weisheit auszutheilen, als die Menge so zu stellen, dass jeder mit einfacher Kenntniss sein Gluk selbst erlangen konnte. Seine Lage, die ihn bisher zum Freund weniger Auserlesenen, und zum Wohlthater aller andern Geschopfe um sich her gemacht hatte, bereitete ihn dazu ein Anhanger jenes Systems zu werden, nach welchem Freiheit und Aufklarung ein Gut ist, woran zwar die ganze Nation theilnehmen soll, dessen inneres Heiligthum aber im Busen einer Anzahl von Erwahlten niedergelegt, das Vorrecht gewisser erhabner Tugenden bleiben muss. Die Geschichtsbucher aller Nationen schienen ihm diese Meinung zu bestatigen. Gluhend im ubermuthigen Gefuhle, einer der Erwahlten zu werden, sah er nicht dass die treueste Darstellung des Geschichtsschreibers nur das Gemalde von Wurkungen tausend und aber tausend vorhergegangner Ursachen seyn kann. Man mag die Quelle, die man verfolgt, noch so sehr von Sand und Strauchwerk saubern, ihre erste Entstehung findet man doch nicht, und umsonst forscht man nach dem Ursprung der Thautropfen welche den Boden befeuchteten, umsonst nach den inneren Schichten des Hugels den sie durchdrangen, um hier als Quelle zu rieseln: eben so unbefriedigend ist die Arbeit des Geschichtsschreibers, und nie kann er uns die Vergleichung mit dem gegenwartigen Augenblik gewahren. In Theodors Kopf, der voll kuhner Resultate der Vergangenheit war, fand sich wenig Plaz fur die anscheinend geringfugigen und oft widrigen Zuge der Wurklichkeit. Er ausserte zuweilen seine Ideen gegen seinen Vater, aber die kalte Verachtung, mit welcher dieser seine glanzenden Luftschlosser zerstorte, stiess ihn zuruk ohne ihn zu belehren, und seine innere Heftigkeit wurde durch das Gefuhl von Unterdrukung vermehrt. Weiblich und schuchtern, entgieng Sara durch ihr Stillschweigen dem Unwillen des Vaters; aber desto inniger theilte sie des Bruders Traume und seinen Kummer, zwischen seines Vaters Liebe und seiner Meinung, die ihm schon anfieng eine Religion zu werden, wahlen zu mussen. Naturlich fuhrte dies alles die jungen Leute naher zusammen. Wenn die arme Sara einen peinlichen Tag lang ihres Bruders Unruhe und ihres Vaters niederschlagenden Trubsinn ertragen hatte, horte sie gern zu, wenn sich die beiden Junglinge stritten, und da ihr Zwek der namliche war, einander voll Herzlichkeit ihre Begriffe aufklarten. Streit war denn freilich auch zwischen ihnen: Roger hatte nie einem Gozen geopfert, als der Tugend; er hatte nie einen Sterblichen vergottert, denn den heiligsten, den er kannte, seinen Grosvater, kannte er fur einen Menschen. Fruh hatte er mit andern gelebt, genossen, gearbeitet, und alle seine Anspruche unterstuzten nicht Vorzuge, sondern Billigkeit und Kraft, die seinem Wunsch und Willen nach, allen Menschen gemein seyn sollten. Zum Ausspenden des Heils fuhlte er in sich keinen Beruf, und er emporte Theodorn, indem er sein Heiligthum der Freiheit ein neugestaltes Gerust der Selbstsucht nannte. Freiheit erkampfen und Freiheit bewahren, war sein einfacher Begrif; und es war sein einziger Glaube, dass diese Freiheit allen gleich seyn musste, wie die Luft die uns umgiebt, wovon jeder so viel einathmet als seine Lungen bedurfen. Wurden die Thoren hizig, und es fehlte dem Sohn der Natur an Waffen gegen die sturmische Beredsamkeit und den Ideenreichthum seines Freundes, so legte Sara sanft ihre Hand auf seinen Mund, und sagte: aber, lieber Wilder, Theodors Auserwahlte wollen ja nur eben das, jeder soll haben was ihm dient Rogers Stimme konnte ihre donnernden Tone nicht mehr finden; ohne die Hand zu kussen, die ihm so unbefangen schmeichelte, nahm er sie von seinem Mund, und sagte in einem Ton der mehr wie Handkuss war: Aber so wollen sie Gotter seyn, mein Fraulein, und solche Gotter waren es ja, die uns die Fesseln schmieden wollten, die zu losen noch Strome von Blut fliessen werden. Umsonst war dieser Saz ein neuer Gegenstand des Streits fur Theodor. Die Stimme, welche ihn aussprach, konnte nicht mehr streiten; Roger sezte sich neben Sara, sah in ihr liebes Gesicht, und liess Theodors Eifer allein austoben. Der Zwang den Seldorfs Missbilligung seinem Sohn auflegte, die Ungewissheit die durch Rogers Widerspruch und des alten Berthiers Meinung in ihm entstand, noch mehr aber sein unruhiger Geist, dem nur ein Schauplaz fehlte, um den Ehrgeiz zu seiner Leidenschaft zu machen, alle diese Umstande erwekten nach und nach den Wunsch in ihm, sich dem Mittelpunkt aller Begebenheiten zu nahern. Voll Selbstvertrauen, hofte er dass ein kurzer Aufenthalt in Paris alle seine Begriffe berichtigen wurde; denn sein Wille war lauter, er wollte Wahrheit, wenn er gleich nicht fuhlte dass er nur das von der Wahrheit auffasste, was seine Meinung bestatigte. Er entdekte diesen Wunsch seiner Schwester und seinem Freunde, indem er diesem zugleich anlag ihn zu begleiten. Sara schauderte vor dem Gedanken ihren Bruder zu verlieren; sie hatte nie in die Zukunft geblikt, ihrem Herzen hatten bis jezt die Gegenstande genugt, denen ihre Sorgfalt gewidmet war; allvertrauend auf die Liebe derer, die sie umgaben, hatte sie nie an eine Aenderung in ihrer Lage gedacht, und nur instinktmasig regten fremde oder neue Gegenstande sie an, als sollten sie ihr das Gluk schmalern, in dessen Besiz sie war. So war ihr Rogers Dazwischenkunft erst lange lastig gewesen, sie ehrte zwar gleich seine unverkennbar treue Seele, aber er storte den stillen Gang ihres Wesens; und wenn er Theodorn von ihr abzog, mit ihm etwas trieb, woran sie keinen Theil nehmen konnte, oder lustig mit ihm war wenn sie es eben gern anders gehabt hatte, so dachte sie wohl an ihre arme Antoinette, und meinte in ihrem Herzen, so mochte es wohl Theodorn mit seinem Schwesterchen gegangen seyn wie ihr mit Rogern. Die kindliche Verwechselung kam dem braven Roger zu gute, denn unwillkuhrlich gonnte sie ihm Theodors Liebe und Aufmerksamkeit um desto williger, als sie sich dunkel bewusst war, eben so wurde sie es damals an ihres Bruders Stelle gegen Antoinetten gemacht haben. Nach und nach verwischte sich dieses kleine Missverhaltniss, und wer jezt die jungen Leute zusammen gesehen hatte, ware in Versuchung gewesen, Theodorn und Sara fur ein Paar Liebende, und Rogern fur Sara's alteren Bruder zuhalten, so liebte und ehrte sie ihn, so zutrauensvoll wunschte sie ihren Theodor immer unter seinem Schuz. Wie dieser nunmehr den Wunsch, ja fast den Entschluss ausserte, die Hauptstadt zu besuchen, war seine Bitte, dass Roger ihn begleiten mochte, ihr einziger Trost. Roger horte alle seine Grunde, alle seine Plane ernsthaft und aufmerksam an; aber er stellte ihm dringend vor, dass Pflicht und Grundsaze ihm verboten, von dem alten Berthier zu gehen. Hier, sagte er, konnen wir durch Beispiel und Ermahnung viel nuzen, bis unsre Mitburger uns Gelegenheit geben, noch thatiger fur sie zu wurken. Dort wurden wir uns in dem Wirbel verlieren, ohne zu wissen wohin er uns fuhrte. Hier ist es mir leicht, die Wahrheit zu unterscheiden, und treu alle meine Gedanken auf sie zu richten; dort aber ist sie jezt mit so glanzenden und vielfarbigen Wolken umgeben, dass ich jung und unerfahren wie ich bin irre an ihr werden und gegen mein eignes Gewissen handeln konnte. Lassen Sie uns hier bleiben, mein Freund; glauben Sie mir, wir brauchen den Begebenheiten nicht entgegen zu gehen, sie werden uns schon ereilen und wie schon, wenn wir sie dann zusammen bestehen, wenn wir fur ein Gut kampfen, nach welchem wir beide mit innigem Eifer trachten, wenn wir es auch zuweilen aus einem verschiednen Gesichtspunkt beurtheilen! Bis unsre Mitburger uns rufen, ist dieses Haus Ihr Posten; Ihr Vater, Ihre Schwester sind Ihr anvertrautes Gut; und ich wenigstens ich gehe nicht von meinem alten Vater, bis die einzige Macht, der ich gehorche, es gebietet. Rogers Zureden war vergeblich, vergeblich der Ernst mit welchem der alte Berthier dem Jungling manche Wahrheit zeigte, manche Aussicht erofnete; Theodor hatte diesen Weg einmal erwahlt, den jeder Widerspruch ihm nur glanzender mahlte. Alles was Sara noch uber ihn vermochte, war dass er die Einwilligung des Vaters suchen wurde. Aber wie bitter musste sie diesen Sieg ihres kindlichen Gehorsams bereuen! Seit geraumer Zeit wurden durch einen stillschweigenden Vertrag zwischen Seldorf und seinen Kindern alle Gesprache uber die Meinung, worinn sie von einander abwichen, vermieden. Die arme Sara suchte angstlich andre Gegenstande zur gemeinschaftlichen Unterredung; und nach ihrem heitern Geschwaz, nach der geistreichen Leichtigkeit, mit welcher sie von allem ablenkte, was Theodor aus Unbiegsamkeit oder Unbesonnenheit vorbringen mochte, hatte ein Fremder das gute weiche Geschopf fur sorglos und ruhig gehalten. Seldorf tauschte sich daruber nicht, er liebte sie um so zartlicher, liess sich aber leicht verleiten, der Wurkung, die diese betrugerische Stille auf seinen Sohn haben konnte, nicht weiter nachzudenken. Wie ihm jezt Theodor sein Anliegen nach der Hauptstadt zu reisen vortrug, traf es ihn daher viel unvorbereiteter als es billig gesollt hatte, seine ganze Bitterkeit erwachte, und sein krankes Gemuth schilderte ihm die nachgebende Behutsamkeit, mit welcher der Jungling bis jezt geschwiegen hatte, als tukischen Betrug. Diese Ungerechtigkeit fuhrte Theodorn viel weiter als er je hatte gehen wollen. Er hatte kindlich gebeten, sich belehren zu durfen durch diese Reise; hingerissen von seinem gekrankten Gefuhl, forderte er nun vom Gangelband losgelassen zu werden. Kaum waren ihm die Worte entfahren, so erblasste der unglukliche Vater; eine Weile blikte er ihm starr in's Gesicht, und sagte dann langsam: Ha, deiner Mutter Geist ist machtig in dir! Weiter liess ihn Sara nicht sprechen, sie lag zu seinen Fussen, und rief: Vater, Vater! Antoinettens lezter Kuss versohnte ja der Mutter Geist Theodor kniete still und erschuttert neben der Schwester, und hielt die Hande seines Vaters, der sich gewaltsam von ihm wandte. Lange konnte indessen Seldorf den Thranen seiner Kinder, und dem Gefuhl seines Unrechts nicht widerstehen, er verzieh Theodorn, aber unter der Bedingung dass er nie wieder an die Reise denken durfte.

Theodors schlecht unterdrukte Sehnsucht nach einem grosseren Wurkungskreis, und Sara's immer mehr sich entwikelndes Gefuhl, dass ihre Liebe und ihre Innigkeit nicht genugten um den Bruder zu fesseln, verbannten indessen die vorige unbefangne Frohlichkeit aus diesem kleinen Zirkel. Sara fuhlte sich zwar durch Rogers Gleichmuth, durch seine nie sich verlaugnende Freundschaft beruhigter uber den Einfluss, den Theodors Sinnesart auf seine zukunftige Ruhe haben konnte; aber ihr selbst fehlte eine Stuze, die ihr die Heiterkeit gegeben hatte, welche sie taglich fur andre aufwandte; und dabei war in ihrem Innern etwas, das sie, ihr selbst unbewusst, immer mehr von Roger entfernte, je herzlicher der brave Jungling fur ihre Ruhe und ihre Wunsche sorgte. In diesem Zustand von unsicherer Schwermuth kam sie eines Tages von einem einsamen Spaziergang zuruk, und wollte von einem kleinen Geholze durch Berthiers Weinberge nach ihrem Landhaus gehen. Von dem Geholze bis zu dem engen Wege zwischen den Weinbergen lag eine Trift, wo die Heerde eben weidete. Der Hirt hatte sich entfernt, und der Stier war, von einigen muthwilligen Knaben gehezt, durch das Gehege auf den Weg gerathen, uber welchen Sara jezt kam. Das Thier erblikte sie, hielt sie fur den ihn angreifenden Feind, und verfolgte sie mit wutendem Ungestum. Umsonst schrie Sara um Hulfe, niemand war in der Nahe; sie flog mehr als sie lief, und von der Angst verblendet eilte sie in den engen Fusspfad, wo von jeder Seite mannshohe Mauern die Weinberge stuzten. Der Stier folgte ihr auf dem Fuss; ihre erschopfte Brust, der steinige Boden, das Schnaufen des wutenden Stieres, alles machte ihr jeden Schritt, den sie that, als den lezten fuhlen dessen sie fahig ware. Jezt strauchelt sie wurklich, und sturzt mit einem lezten schwachen Schrei zu Boden; Sara war verloren Doch im namlichen Augenblik sprang Roger etwas hoher am Weg die Mauer herab, flog neben Sara voruber auf den Stier zu, der mit gesenkten Hornern und gestraubtem Haar nur noch einige Schritte von dem Madchen entfernt war, fasste ihn an beiden Hornern, und indem er seine ganze Starke auf einen Arm legte, sturzte er ihn damit seitwarts auf den Ruken.1

Schnell eilt er zu Sara zuruk, die noch am Boden liegt, fasst sie in seine Arme, und geht einige dreissig Schritte bis an eine niedrige Stelle der Mauer, uber welche er in seines Grosvaters Baumgarten springt, eh das um sich schlagende Thier wieder aufrecht steht. Er hatte im Weinberg gearbeitet, als ihn Sara's Geschrei aufmerksam machte, er begriff nicht sogleich von welcher Seite es kame, aber der Trieb zu helfen hatte ihn den einzigen Weg zu ihrer Rettung gefuhrt. Jezt hielt er sie noch in seinen Armen, und rief einige Leute, die sich ihm naherten, um Hulfe fur sie. Sie war nicht ohnmachtig, aber ein konvulsivisches Zittern und Schluchzen schien sie gegen alles, was um sie her vorgieng, fuhllos zu machen. Bang und erwartend redete ihr der Jungling, sich seiner eignen Worte unbewusst, mit den zartlichsten Ausdruken zu, als sie endlich in Thranen ausbrach, und ihr Gesicht an seine Schulter verbarg. Sara, liebste Sara, hier sind Sie ja sicher! rief er mit dem innigsten Ton, und drukte sie mit beiden Armen an sich. Waren es diese Worte, oder die erleichternden Thranen, die jezt ihr Bewusstseyn zurukriefen, Sara wand sich schnell aus seinen Armen, warf einen scheuen Blik auf ihn, und sturzte auf ihren Bruder zu, der sich eben mit raschen Schritten, voll Schreken uber die Gefahr seiner Schwester, ihnen naherte.

Der tiefgeruhrte Dank des Vaters, Theodors feurige Anerkennung, dass sein Freund ihm sein liebstes gerettet hatte, Sara's sanfte Thranen, selbst des ehrwurdigen Greises einfaches: Gott segne meinen wakern Jungen! nichts konnte Rogern von nun an befriedigen. Ein Schleier war von seinen Augen gefallen, er hatte mit den Worten: Sara, hier sind Sie ja sicher! eine Empfindung in seine Seele gerufen, der seit Jahren schon ihre Statte bereitet war. Er liebte, und war sich es nun bewusst. Zum erstenmal irrte er in wachen Traumen auf einsamen Wegen, und nie war ihm die Schopfung so lebendig, nie lachte ihm so die ganze Natur. Ihm tonte aus jedem Luftchen seine Stimme: liebe Sara! in's Ohr, und das Gekrachz jedes Raben schien ihm Harmonie; musste er den Forst umgehen und die Baume messen, so drukte er einen Baum in die Arme, und horte: liebe Sara, hier sind Sie ja sicher! Gluklicher hatte nie die Liebe einen Menschen gemacht, und nie verkehrter. Statt Sara aufzusuchen, war ihm der erste Eindruk genug; um mit diesem allein zu seyn, gieng er allen Menschen aus dem Weg, und es brauchte einige Tage, eh seine reifere Vernunft sein Kinderherz lehrte, mehr zu wunschen. Hatte sie doch diesmal sich ihrer Rechte entaussert! Sobald sie ihre Stimme hatte vernehmen lassen, verschwanden Rogers Traume und sein Gluk. Er wunschte, und musste seine Wunsche berechnen, und die Folge war Mistrauen und Furcht. Er gieng nun die ganze Vergangenheit durch, ob sie seine Zukunft zu begunstigen schiene; aber leider sah er uberall nur Gleichgultigkeit in Sara's Betragen. Ihm schien es, als hatte er sie immer geliebt; Eindruke, die er langst verwischt glaubte, standen wieder hell vor seiner Seele; er dachte an Seldorfs geheimnissvolles Schiksal, an seine ununterbrochne Zurukhaltung, und auch von dieser Seite fuhlte er wenig Hofnung. Endlich gelangte er doch zu dem Entschluss, den er ohne die zauberische Wurkung eines so neuen Gefuhls auf sein kindliches Herz, viel fruher hatte fassen konnen: er beschloss, um Gegenliebe zu werben. Ob sie ihm versagt werden konnte? Wie an einem scheusslichen Gespenst, floh er an diesem Gedanken vorbei, und eilte nach Seldorfs Wohnung, die er nun nach zwei Tagen zum erstenmal betrat.

Der Augenblik, welcher Rogern einen so hellen Aufschluss uber sein Herz gegeben hatte, war auch fur Sara nicht unbeobachtet vorubergegangen, und er hatte Begriffe bei ihr entwikelt, deren Dunkelheit bisher so wohlthatig fur sie gewesen war. Ein Madchen, das mehr mit der Welt bekannt gewesen ware, hatte Rogers Betragen, ihren Einfluss auf seine frohe Stimmung, ihre Gewalt uber seine lebhafte Aufwallungen fruher verstanden. Aber der guten Sara fehlte sogar jeder Vergleichungspunkt zum Urtheilen, sie sah ihn nur in ihrer und ihres Bruders Gesellschaft; und fanden sie sich ja einmal mit andern Menschen, so mass sie den Antheil, den sie an seiner Aufmerksamkeit hatte, nach ihrer Achtung fur ihn, und fuhlte keinen Vorzug darinn. Seitdem ihres Vaters traurige Strenge gegen Theodors Denkungsart die Kinder unvermerkt zu einem heimlichen Bund gegen ihn verleitet hatte, war eine Vertraulichkeit in ihr Verhaltniss gekommen, durch welche Rogers bruderliche Herzlichkeit sich allmahlig in Liebe verwandelt hatte, wahrend dass Sara in dem namlichen Verhaltniss ihre Unbefangenheit gegen ihn verlor. Es bedurfte eines Zufalls wie jenen, wo Rogers warmes Blut seinem Herzen das Rathsel loste, um Sara den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe zu erklaren. Die Stunde war nun gekommen, und sie entriss ihr ihren treuesten Freund, ihren Jugendgefahrten, den Schuzgeist ihres Theodors. Sie fieng an, den Mann zu verabscheuen, der sie zuerst die Liebe kennen lehrte, ohne ihr Liebe einzuflossen; ihre Sinne emporten sich gegen den Mann, der sie belebt hatte, ohne ihnen zu gefallen. Das reine unschuldige Geschopf litt unter allen diesen neuen Empfindungen. Tausendmal dachte sie ihre Gefahr, und ihre Rettung, und ihren Dank; wenn sie aber Rogers liebegluhenden Blik, und die Heftigkeit zurukrief, mit welcher er sie an seine Brust drukte, so hatte sie sein Bild aus ihrem Gedachtniss vertilgen, und nur ihre Dankbarkeit behalten mogen. Sie furchtete seinen nachsten Anblik, und warf sich vor, ihm nicht freudig entgegenzusehen, da er so edel, und selbst um seiner Liebe willen so edel war; denn wusste sie nicht jezt, wie lange schon seine Freundschaft Liebe war? und musste sie nicht erkennen, wie ehrend der Ausbruch seiner Leidenschaft fur sie war? Sie war einfach genug, um ohne Selbstbetrug die mogliche Zukunft, die seine Liebe ihr bereiten konnte, zu berechnen; aber sie blieb erstaunt stehen bei dem Widerwillen, mit welchem ihr Herz das Bild des hauslichen Gluks von sich stiess, wo Roger die Hauptrolle an ihrer Seite spielte. Bei diesen widersprechenden Empfindungen mussten ihre Aeusserungen eben so ungleich seyn. So oft von ihrer Gefahr Erwahnung geschah, gab sie ihre Dankbarkeit fur ihren Retter mit desto mehr Eifer zu erkennen, als es ihr dunkte, ein jeder, der davon sprache, blikte in ihr Herz, und sahe ihren Undank gegen seine Liebe. Sass sie still in ihr Sinnen vertieft, und man nannte seinen Namen, so errothete sie, und fuhr auf, als ware davon die Rede wie er sie in seine Arme gedrukt. Man war so wenig gewohnt, Rogern so lange abwesend zu sehen, dass ihn Theodor zweimal aufsuchte; da er ihn aber immer in der heitersten Laune von der Welt, aus allen Kraften arbeitend fand, und vom alten Berthier horte, dass er seit zwei Tagen es so triebe, als wollte er die Arbeit aller vier Jahrszeiten in acht Tagen vollenden: so nannte er ihn einen narrischen Menschen, gerade jezt so viel zu schaffen, da Sara wegen der Folgen ihres Schrekens das Zimmer hute, und er ihr wohl Gesellschaft leisten konnte.

Als Roger endlich wieder bei seinen jungen Freunden erschien, empfieng ihn Sara mit dem festen Vorsaz, durch ihr Betragen ihre Entdekung und ihr widerspenstiges Herz zu verbergen. Doch dieses Herz war so weich, so innig in allen seinen Gefuhlen, dass sie bei Rogers erstem Anblik mehr wie das that; sie vergass alles, und eilte ihrem Retter mit glanzendem Auge entgegen, und mit einer Stimme, in welcher ein Reichthum von Liebe war, der den gleichgultigsten erwarmt hatte, die aber der junge Mann sich kaum enthalten konnte, kniend zu vernehmen, dankte sie ihm, und warf ihm vor dass er so spat kame seine Errettete zu sehen. Armer, armer Roger, um die Ahnung des hochsten Gluks zu behalten, hattest du dieses Gluk nicht sollen zu achten scheinen! Hingerissen von ihrer Gute, uberliess sich nun sein einfaches Herz seinem Gefuhl, seinem Genuss der Liebe; so wie es aber mit Zutrauen sich ihrem Herzen nahte, stieg ihr Widerwillen wieder auf, und ward mit jedem Augenblik, wo sie den Freund so sorglos geehrt hatte, heftiger gegen den Liebhaber. Von nun an war der Friede ihrer Seele geflohen; denn sie, die nur in Andrer Glukseligkeit lebte, sie sah wie sie das Wohl des Mannes zerstorte, der in der kleinen Welt ihres Herzens eine so wichtige Stelle einnahm; sie sah immer mehr, wie Theodor durch die Gewalt, welche die grossen Angelegenheiten der Zeit uber ihn gewannen, von ihr abgezogen wurde; und ihr Vater, der ungeachtet ihrer Bemuhungen Frieden zu erhalten, seinen mit jedem Tag zunehmenden Enthusiasmus bemerkte, sezte ihm allenthalben despotische Unterdrukung oder bittre Kalte entgegen. Wie oft, wenn sie sich nicht hatte erwehren konnen, Rogers herzliches Bemuhen ihr zu gefallen, blos mit entfremdender Freundlichkeit zu beantworten, beweinte sie die Zeit, wo sie mit offnem Blik ihm entgegen gieng, und ihm ihre Unruhe und Sorgen klagte, ihn bat ihres Theodors Eifer zu mildern, und endlich, durch seine herzliche Munterkeit erwekt, ihre Sorgen vergass!

Bei Rogers volliger Unbekanntschaft mit dem weiblichen Herzen, und einem Karakter, der keiner traurigen Voraussezungen fahig war, brauchte es einige Zeit, eh er aus seinem frohen Traum erwachte. Geliebt glaubte er sich zwar nie, aber um den Lohn seiner Liebe zu ringen hatte er lange Muth und Beharrlichkeit. Ein gerechtes Selbstgefuhl und die Erfahrung einer Reihe von Jahren uberzeugten ihn von Sara's Achtung; ob aber jezt ihre zunehmende Zurukhaltung, ihre ungleiche Stimmung, die von wehmutiger Gute zu zurukstossender Lustigkeit wechselnd ubergieng, madchenhafte Laune oder Abneigung sei, daruber lag seine Liebe mit seiner Vernunft noch im Streit. Endlich musste er doch wahrnehmen, dass Sara ihren Kummer vor ihm verbarg, seinen Trost als einen Anspruch auf ihre Liebe von sich stiess, und ihn in den Fallen, wo sie ihn sonst als ihre Stuze aufgesucht hatte, gerade am sorgfaltigsten zu meiden schien. Dieser bittern Prufung unterlag seine Hofnung. Er hatte so innig, er hatte nur einmal geliebt; denn was er in unversehrter Jugendkraft je bei andern Madchen empfunden hatte, war durch Sara's Bild langst verwischt, oder bis zur Unkenntlichkeit geheiligt. Wie in den Fruhlingstagen ein lauer Regen aus allen Keimen bluhendes Leben hervorruft, so hatte diese Liebe die lezte Hand an die Schopfung seiner Jugend gelegt, und eine Welt von Seligkeit in ihm entwikelt. Das alles war nun zerstort, er sah sein Herz verschmaht, und hatte mit Sara's Vertrauen und Freundschaft alles verloren, was ihm so lange die Liebe ersezte, und was ihn jezt allein doch wie armlich fur sein verlangendes Herz! fur Liebe entschadigen konnte. Innig trauernd, aber voll weiser Gute beobachtete der alte Berthier seinen zerstorten Lebensgang; wenn er mit immer neuer Fehlschlagung von Seldorf zurukkam, fragte ihn der Greis wohl mit stiller Besorgniss: Roger, warum gluht dein Gesicht? wie kannst du so finster und stumm seyn? Hatte er den ganzen Tag eifrig gearbeitet, und alle seine Geschafte mit angestrengtem Muth vollendet, und sass dann tiefsinnig neben dem Vater, so strich ihm dieser sanft mit der Hand uber die Stirn, und sagte mit einem Ton, der, aus Besorgnis wie Vorwurf zu klingen, zitterte: sonst warst du heiter nach erfullter Pflicht! Oft war der junge Mann im Begrif, seine graue Erfahrung um Waffen gegen eine Leidenschaft zu bitten, die seinen mannlichen Stolz zu sturzen drohte; aber er schamte sich, einem Mann, der stets nur fur andre gelebt hatte, eine Empfindung zu gestehen, die ihn von allem ausser sich selbst abzog. Oft wollte er Theodorn zu seinem Vertrauten machen, und in seiner Brust das Gelubde, mit seiner Leidenschaft zu kampfen, niederlegen; aber sein Stolz furchtete in ihm einen Fursprecher bei Sara, und in einem geheimeren Winkel seines Herzens lauerte noch eine andre Furcht: an einem Bruder, der stets die Wunsche seiner Schwester getheilt hatte, einen Verbundeten ihrer Abneigung zu finden.

In diesem Zeitpunkt, der so leicht den braven jungen Mann zu einem verfehlten Daseyn hingerissen hatte, wurden die Wolken sichtbarer, welche sich uber die Angelegenheiten des Staates thurmten. Aus dem scheinbaren Frieden zwischen unvertraglichen Parteien drohten schon ziemlich sichre Anzeichen der kunftigen Verwirrung, und in allem was gethan wurde, um ihren Ausbruch zu verschieben, lag blos die Vorbedeutung, wie viel furchterlicher er darum seyn wurde. Hauptsachlich uber die vorgehabte Reise des Konigs nach Saint-Cloud, und uber die Bewegungen durch welche sie verhindert ward, begannen in der damaligen Zeit auch in den Provinzen die Meinungen, die Vorurtheile, die Leidenschaften, die kuhnen Vorgriffe, fur welche so viel Bluts fliessen sollte, schon gegen einander zu gahren. Aber mit bitterm Schmerz sah Berthier, wie tief Rogers Herz verwundet seyn musste; denn still und kaum geruhrt empfieng der Jungling die wichtigsten Nachrichten, und kalt horte er den ernsten Weissagungen des Grosvaters zu. Jezt blikte der ehrwurdige Greis in des Junglings verfinstertes Gesicht: Roger, es kommt die Zeit, wo du deinem Vaterland deine Krafte, deine Tugenden als ein Kapital vorschiessest, fur welches dich vielleicht das Gluk deiner Kinder erst lohnt das Gluk meiner Kinder! wiederholte Roger halb vernehmlich; fur mein Gluk ware die Rechnung also doch geschlossen Berthiers erste Bewegung war ein Blik, in welchem Zorn und Unwille blizten; er schlug ihn bald nieder, und sagte nach einer Stille, in welcher Rogers Seele mit Schaam und Kummer kampfte, mit einer Stimme, die in jeder andern Brust zum Schrei des Schmerzens geworden ware: wohl mir, dass ich dem Grabe so nah bin, denn ich werde nicht sehen wie meine Enkel vor ihrem Vater errothen! Zitternd sezte er nach einem kurzen Schweigen hinzu: Solltest du denn wurklich verloren seyn, fur Tugend und Vaterland verloren? Langer hielt es Roger nicht aus, er sturzte zu Berthiers Fussen, und rief ausser Athem von dem Streit in seinem Innern: Nein Vater, ich bin nicht verloren, dein Sohn gehort dem Vaterland; dem soll er allein angehoren, hore meinen Schwur, und verzeih meinen Irrthum; ich opfre dem Vaterland Kraft und Tugend bis in den Tod, wenn gleich nie das Gluk meiner Kinder mich belohnen wird! Schworst du, Roger? schworst du das? Ist dein Schwur dir heilig, so scheide ich muthig von hinnen, denn du sezest mein Leben fort, und nahe an ein Jahrhundert fortdauerndes Dulden von Unterdrukung wird durch deinen Kampf um Freiheit gelohnt. Waren die Wunsche deiner Liebe dir wichtiger als die Forderungen deiner Nation, so hatte ich umsonst gelebt. Berthiers lezte Worte hatten Rogers Stolz aufgerufen; er sammelte genug Unbefangenheit, um seinem alten Vater die Lage seines Herzens und die Fehlschlagung seiner Hofnungen zu gestehen. Voll Gute sagte ihm der wurdige Greis, dass nicht seine Wunsche allein betrogen waren, dass auch er durch Sara's Abneigung eine Tochter verlore, die er sich lange ausersehen, auf welche sein Blik schon gefallen ware, noch ehe die Umstande seine Plane begunstigt hatten: ein braver Burger soll Gatte und Vater seyn, und gegen dieses reizende Madchen waren diese Pflichten doppelt suss gewesen! Gieb sie auf; sie ist zu jung, oder sie misversteht die Stimme der Natur, indem sie dich flieht, seit du mit allen Anspruchen deines Geschlechts dich ihr nahest. Gieb sie auf; du bist jung und unverdorben, du kannst in spateren Jahren noch lieben. Roger, wie deine Grosmutter mir ihre Hand gab, war ich zwolf Jahre alter als du; und hatte ich nicht damals geliebt, so wurde ich jezt dich nicht verstanden, und dir nicht verziehen haben. Und ich, im Druk des Unrechts aufgewachsen, liebte doch noch so spat; wie viel langer muss nicht eines freien Mannes Herz jung bleiben! Sind mir doch unsre Junglinge immer verhasst gewesen, mit ihren fruh weisen oder verbrauchten Herzen Rogern war bei diesem freundlichen Geschwaz seines Grosvaters nicht anders zu Muthe, wie einem, der sich in der dringenden Gefahr sahe blind zu werden, und dem man zur Aufheiterung von der Pracht des kunftigen Fruhlings vorsprache. In der nachsten einsamen Stunde suchte er einen Entschluss festzuhalten, und gieng nach Seldorfs Haus.

Er fand die beiden Geschwister in einem eifrigen Gesprach, dessen Inhalt, nach Sara's verweinten Augen zu urtheilen, sehr angreifend fur sie gewesen seyn musste: aber bei Rogers Eintritt suchte sie ihren Kummer zu verbergen, und verliess nach wenigen Augenbliken das Zimmer. Rogern gab der Zwang, den er ihr auflegte, einen Stich in's Herz; indessen zog sein Freund jezt seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, indem er ihm mit der grossten Entschlossenheit verkundigte, er wolle das vaterliche Haus verlassen. Ich muss, sagte er, vor jedem Burschen im Dorfe errothen, der frei mit seinen Kameraden sprechen darf; und mancher Jungling in meinem Alter wurde schon mit dem Vertrauen seiner Mitburger beehrt. Ich muss es von mir scheuchen, weil mein Vater mich in Fesseln halt. Glaubst du, ich hatte die unsichern, zurukhaltenden Blike nicht bemerkt, mit welchen deine Freunde und Bruder, die neulich von Saumur kamen, mich ansahen? Bedurfte es nicht der wiederholten Erklarungen deines Vaters, um einige Offenheit in ihr Betragen zu bringen? Roger wusste seiner Heftigkeit keine Grunde entgegen zu sezen, und fuhlte das Peinliche von Theodors Lage zu lebhaft, um ihm in diesem Stuk zu widersprechen; er suchte ihn nur an den ungewissen Erfolg einer Flucht, und an den allzusichern Kummer seines Vaters zu mahnen. Ueber Theodors Gesicht ergoss sich bei dieser Vorstellung eine hohere Rothe, er gieng unruhig im Zimmer umher; und indem er Sara, die eben wieder hereintrat, bei der Hand ergriff, und sie zu Roger fuhrte: Ihr sollt ihn trosten, rief er, Ihr sollt ihn fuhlen machen, dass ich hier unnuz vergluhe, und ehrlos veralte. Sara verstand den Sinn dieser Worte nur halb; als aber Theodor fast gewaltsam Rogers Hand und die ihrige zusammendrukte, erwachte ihre gewohnliche Zurukhaltung, und sie sagte mit matter Stimme: O Bruder, folge dem Rath deines Freundes; der Trost den du deinem Vater zugedacht hast, mochte ihm nachher gebrechen. Zugleich zog sie ihre Hand weg, und sezte sich an ihren Arbeitstisch. Vielleicht hatte ihr das Zweideutige in der lebhaften Aeusserung ihres Bruders diese Antwort eingegeben, die einen sehr bittern Sinn fur Roger enthalten konnte. Im ersten Augenblik fuhlte er seinen Stolz so heftig beleidigt, dass er sich abwandte, um seine Bewegung zu verbergen; als er aber wieder auf Sara blikte, und ihrem reuigen thranenvollen Auge begegnete, stand die Nothwendigkeit, seinen Entschluss auszufuhren, wieder lebhaft vor ihm, er machte sich von Theodorn, der ihn noch immer hielt, los, und gieng mit einer gewaltsamen Aeusserung seines Muths auf Sara zu. Sein hochklopfendes Herz versagte ihm anfangs die Stimme, und erst wie er einige Augenblike gesprochen hatte, ward seine Brust freier. Sara, sagte er, und ergrif eine ihrer Hande, lassen Sie uns unsern ehemaligen Frieden wieder finden; geben Sie mir fur das unaussprechliche Gluk, dem ich von heute an entsage, das Vertrauen zuruk, das ich noch heute verdiene. Ich will wieder Ihr Freund, Ihr Rathgeber seyn, und kann es besser wie sonst; denn wahrlich, wahrlich, das Gelubde, das ich hier ablege, muss mich weiser machen, oder es wurde mir den Verstand kosten. Sie konnen mich nicht lieben, Sie konnen es so wenig, dass Sie Sie Engel an Gute! hart und ungerecht daruber wurden, dass Sie ein reines treues Herz, ein Herz das noch jezt, da es alles verloren hat, Ihnen seine schonsten Freuden verdankt, grausam zerrissen haben. Sara hatte bei Rogers ersten Worten erschroken aufgeblikt, und ihm nachher angstlich zugehort, bis sie jezt mit einem Strom von Thranen ihn unterbrach: Nein, mein armer theurer Freund, ich war nicht grausam, ich war bang und gequalt! Nie sah ich Ihr Auge trub, ohne dass mein Herz die bittersten Qualen litt; ich litt mehr als Sie, denn ich that Unrecht, wider Willen Unrecht Ja wider Willen, unterbrach sie Roger, das weiss ich, das fuhlte ich, und sonst ware meine Liebe erloschen. Nun aber, Sara, lassen Sie uns Schwur gegen Schwur tauschen. Um mich zu retten, um Ihr weiches Herz vor Reue zu schuzen, lassen Sie nun diesen furchterlichen Zeitpunkt vergessen seyn, lassen Sie mich wieder in die Rechte eintreten, die ich an jenem Abend verlor Sara verstand ihn wohl, und schlug errothend die Augen nieder. Roger sah sie ernst und geruhrt an, und fuhr fort: Meine Wunsche werden ersterben, da ich von heute an meine Vernunft uberzeugt habe, dass Sie ihnen niemals Nahrung gewahren konnen. Aber dieses Herz, das Sie zu verwerfen genothigt sind, wird nie fur eine andre gluhen, nie denn wenn ich auch jezt geheilt bin, so werde ich nicht mehr so jung, nicht mehr des Ungluks so ungewohnt seyn; ich werde nie mehr so kindlich hoffen, wie ich that, eh Sie mich hofnungslos machten. Wenn Sie einst fur einen andern fuhlen werden Seine Stimme stokte, er suchte sich zu fassen, und Theodor, der erstaunt und theilnehmend zugehort hatte, trat jezt zu seinem Freund, und schloss ihn schweigend in die Arme. Sara's Thranen versiegten; zu wahr und zu weich um jezt sprechen zu konnen, entzog sie Rogern ihre Hand, und verbarg damit ihr Gesicht. Roger machte sich sanft von seinem Freunde los, kniete vor ihr nieder, und sprach gesammelt weiter: Wenn Sie einst fur einen andern fuhlen werden, was Sie mir versagen mussen, wenn die treueste, anmassungsloseste Freundschaft Sie versohnt hat, so lassen Sie mich, der ich fur Ihr Wohl zittre, Ihren Vertrauten, Ihren Beschuzer seyn. Hier siegte endlich der Schmerz, er verbarg seine Thranen an Sara's Schooss. Die tiefe Stille, die jezt auf einige Augenblike erfolgte, und wahrend deren Rogers redliches Herz eifrig bemuht war, sich mit der Heiligkeit seines Entsagens zu durchdringen, ward von der guten Schwarmerin Sara unterbrochen. Sie hatte endlich Worte fur ihr uberstromendes Gefuhl gefunden; begeistert von der Hofnung, den alten Frieden wiederkehren zu sehen, begeistert von Bewunderung uber Rogers edle mannliche Einfalt, schloss sie ihre Arme um den Hals des Junglings, der noch immer an ihrer Seite kniete, kusste mit Engelsreinheit seine offene Stirn, und rief: Ich schwore alles, alles! Sie sollen mein Freund und mein Fuhrer seyn, danke ihm, Theodor, danke ihm; er hat mir sehr wohl gethan Sie bemuhte sich umsonst, mehr zu sagen; sie faltete nun ihre Hande, und hob ihre schonen Augen zum Himmel auf: der Sinn ihres Gebets war Dank gegen Gott, dass er die bittre Qual, Unrecht zu thun, von ihrem Herzen genommen hatte. Roger stand betaubt auf, und lehnte sich an seinen jungen Freund; Sara wusste nicht dass ihr unschuldiger Kuss dem armen Scheidenden das Eden, dem er entsagen musste, noch einmal in seinem ganzen Glanz gezeigt hatte. Theodor sagte halb laut zu ihm: verzeih mir! Ich hatte dir und dem guten Madchen manche peinliche Stunde ersparen konnen, wenn mich mein unruhiger Kopf nicht blind und taub gegen alles um mich her gemacht hatte. Jezt ist mir alles klar: halte dein Versprechen, sei ihr Beschuzer, ihr Freund. Er hielt seine Hand, auf seinem Gesicht kampften Wehmuth und Zartlichkeit und Harte, er umarmte Rogern, drukte Sara an sein Herz, und eilte aus dem Zimmer. Man muss das Gemisch von Kraft und von Unverdorbenheit bedenken, die in Roger vereinigt war, um zu begreifen, wie er in dem einsamen Gesprach, welches jezt erfolgte, seinem Entschluss selbst in seinem Innern getreu blieb. Sara war in einer Spannung, deren nur ihre Unschuld ihr Kinderherz fahig machte. Dies bewurkte einen Ausbruch von Vertrauen, in welchem sie Rogern alles mittheilte, was sie seit Monaten ihm entzogen; die feierlichsten Gefuhle neben dem liebenswurdigsten Geschwaz; Thranen im schwarmerischen Auge bei der Erwahnung irgend eines bittern Abends, den sie durch ihres armen Vaters missverstehende Harte gehabt hatte, und muthwilliges Lacheln auf den noch benezten Wangen, indem sie von ihrer lezten Expedition mit einer Brut junger Huner erzahlte. So verflossen ein Paar Stunden, als Seldorf dem in seiner Art einzigen Tete-a-tete ein Ende machte; er trat herein, heitrer als er seit langer Zeit geschienen hatte, und schlug Rogern vor, den Abend bei seinem Grosvater zuzubringen. Sara hupfte froh auf, eilte ihre Hausgeschafte abzuthun, kam zuruk mit einem Korbchen voll von einer Art Gebaknes, das, wie sie wusste, der alte Berthier sehr gern zum Weine ass das ist fur unsern guten alten Vater, sagte sie leise, indem sie es Rogern zeigte, und zugleich seinen Arm ergrif. Seldorf fragte beim Fortgehen nach seinem Sohn, es hiess dass er vor einer Stunde ausgeritten ware. Berthier empfieng seine Nachbarn mit der treuherzigsten Freude, sah aber Rogern mit einem fragenden, besorgten Blike an, als ihm Sara mit einer Unbefangenheit, die er lange bei ihr vermisst hatte, die Hand kusste. Sie fieng indessen mit der namlichen Heiterkeit bald an, die beiden Alten in ein Gesprach uber ihre Landwirthschaft hineinzuschwazen, und trieb dann hauslich wie ehemals ihr Wesen mit Anordnung des Vesperbrods, wobei Roger ihr helfen musste. Ihr ganzes Thun hatte einen wunderbaren Ausdruk von begeisterter Gute und Innigkeit, es war die zarteste Weiblichkeit mit der Sorglosigkeit eines Kindes verbunden. Roger, hingerissen von ihrem Zauber, stimmte in ihr Wesen, und die schwermuthige Wolke auf dem frohesten Gesicht, das die Natur je bildete, gab ihm neben Sara den Ausdruk der Sehnsucht. Berthier wurde irre an den beiden jungen Leuten; Sara, der seine beobachtenden Blike nicht entgiengen, benuzte einen Augenblik da ihr Vater entfernt war, und indem sie Rogern bat, ihr eine Flasche aufpropfen zu helfen, warf sie mit einer reizenden Hast dem alten Mann die Worte hin: er ist mein Bruder geworden, wir waren alle im Irrthum. Aber so ungestraft lief die kleine Kekheit nicht ab, denn Sara musste sich nun uber Berthiers Hand beugen, um ihre Rothe zu verbergen; und zu furchtsam ihre Augen zu troknen, fielen ein Paar Thranen auf die Hand des alten Mannes, der geruhrt und betroffen das Geheimniss der jungen Leute jezt ahnete.

Bei einbrechendem Abend fieng man an, nach Theodor zu fragen; da man aber sein weites Umherschweifen gewohnt war, so beunruhigte sich weiter niemand. Nur Roger ward nachdenkend, und gieng gegen das Ende der Abendmahlzeit aus dem Zimmer. Nach einer kleinen Stunde kam er zuruk, mit einem Gesicht in welchem sich Wehmuth und Sorge mahlten; er uberreichte Seldorf einen Zettel, indem er mit zitternder Stimme sagte: ich wurde Sie durch Schonung und Umschweife zu beleidigen glauben. Was ist es? rief Sara, und sprang erblassend von ihrem Stuhle auf. Theodor ist auf dem Weg nach Paris, antwortete Roger. Sara warf beide Arme um ihres Vaters Hals, und verbarg mit dem bittenden Ausruf: Verzeihung, mein Vater, Verzeihung! ihr Gesicht an seiner Brust. Seldorf hatte das Papier gelesen, legte es vor sich hin, und machte sich unfreundlich aus den Armen der weinenden Sara los, so dass sie an seiner Seite auf die Knie sank, und ihren Kopf auf seinen Schoos legte, und das furchterliche Schweigen ihres Vaters nur durch ihr Schluchzen unterbrach. Anfangs arbeiteten auf Seldorfs Gesicht die heftigsten Leidenschaften; Zorn, Schmerz, Bitterkeit wechselten darinn ab; nach und nach schien tiefer Gram seine Zuge zu versteinern; und wie selbst der alte Berthier eine Thrane abwischte, welche das Leiden des ungluklichen Vaters ihm entriss, fragte Seldorf mit eiskaltem Ton: Herr Roger, als Mann von Ehre sagen Sie mir, wussten Sie von Theodors Verratherei? Die Hand auf das Herz, und mit einem Blik, dessen Himmelsklarheit den Unglaubigsten uberzeugt hatte, antwortete Roger: bei meines Vaters grauem Haar, bei meinem Vaterland schwore ich, ich habe ihn sechs Monate von diesem Schritt abgehalten, und wusste von dessen Ausfuhrung nichts. Gut, fuhr Seldorf fort, ich hatte mich auch nicht gern von allen betrogen gesehen. Sara, dich weiss ich unschuldig, der Unglukliche schreibt es, und du konntest mich nicht betrugen hier wollte sein Auge nass werden, er drangte die Thrane zuruk. Er richtete Sara's Kopf empor, und sprach weiter: ich will Theodorn nicht verstossen, den unseligen jungen Menschen wird die Strafe des Undanks mehr druken, wie mich mein Kummer. Mein wurdiger junger Freund, schreiben Sie ihm nein, weiter nichts als er sollte Wort halten, und uns alles berichten was er thate. Schreiben Sie ihm, da er vor dem Anblik meines Grams geborgen ware, sollte er wenigstens, was er auch thun mochte, aufrichtig gegen mich seyn. Er stand nun auf, nahm ruhig von Berthier Abschied, und sagte ihm mit einem matten Handedruck; ich hatte einen heitern Abend; es thut mir leid dass den guten Kindern hier indem er auf Sara und Roger zeigte ihr froher Muth so gestort wurde. Berthier, welcher zu weise war, um jezt trosten zu wollen, liess ihn fortgehen: sein ehrwurdiges Gesicht bezeugte ohnehin seine Theilnahme. Roger begleitete sie, und erzahlte unterwegs, auf Seldorfs Frage, wie er zu dem Billet gekommen? dass ihn einige Worte, welche Theodorn diesen Nachmittag bei einem Streit uber sein Vorhaben, nach Paris zu gehen, entfahren waren, wegen seines langen Aussenbleibens beunruhigt hatten, dass er im Dorfe nach ihm gefragt hatte, und dem Boten begegnet ware, welcher Theodors Brief aus Saumur gebracht hatte. Vor Seldorfs Haus bat er Sara heimlich, einige an ihn gerichtete Worte ihres Bruders ohne Vorwissen des Vaters zu lesen. Sara fand folgendes:

"Die Hohe der Empfindung, auf welche Ihr mannlicher Edelmuth und Sara's wiederkehrendes Gluk mich gespannt haben, geben mir die nothige Stimmung um einen Schritt zu thun, vor welchem ich um meines Vaters willen zitterte. Ich verlasse euch; ersezt ihm seinen Sohn, bis er gewiss seiner wurdig wiederkehrt." Mit furchterlichem Zwange hatte Seldorf sein Herz gehalten, er eilte jezt wankend auf sein Zimmer, wo selbst Sara's bange Thranen um ihres Bruders Schiksal ihn nicht aus seiner Dumpfheit rissen. Der einzige Gedanke, durch welchen Sara, wenn sie ihn in seinem Herzen hatte lesen konnen, sich uberzeugt haben wurde, dass ihr Vater nicht gegen alles Gefuhl erstorben ware, uberraschte ihn durch eine sinnliche Tauschung, wie er thranenlos den Kopf auf sein Kussen legte. Es schmiegte sich so kuhl an sein brennendes Gesicht; indem er sich dichter hineindrukte, dachte er mit ruhiger Sehnsucht: ware es doch das kuhle Grab! und schlief ermattet ein. Der folgende Tag und viele andere kamen und verflossen, und Seldorfs Stille blieb sich gleich; er sprach von Theodor, ofters und ruhig, mit der Absicht seine Tochter zu uberzeugen, dass kein Groll und keine Bitterkeit in seinem Herzen verborgen waren. Wenn aber ein Fremder in das Zimmer trat, oder der Anblik irgend eines neuen Gegenstandes ihn uberraschte, fuhr er zusammen, und gerieth uber die gleichgultigsten Dinge in eine kranke Heftigkeit. In dieser Zeit schien Antoinettens Andenken sich lebhaft in ihm zu erneuern; er erinnerte Sara an manchen kleinen Umstand ihres Lebens, und eines Abends, da er mit einer Handvoll Blumen nach Hause kam, die er tiefsinnig auf seinen Tisch legte, und ihn Sara fragte, woher die Blumen waren? antwortete er: vom Grabe des einzigen Wesens, das mir Liebe um Liebe gegeben hat. Sara war bei diesen Worten von Wehmut durchdrungen, und schwur weinend, ihm ewig Liebe um Liebe zu geben. Mit einem matten Lacheln fuhr er sanft uber ihre nassen Wangen, und sagte: um dessen sicher zu seyn, musste ich ja auch von deinem Grabe Blumen pfluken; so theuer soll ich doch meine Ueberzeugung nicht kaufen?

Theodors Briefe enthielten anfangs nichts, wie schwarmerische Beschreibungen von allen den zeitlichen Helden der ersten Konstitution; bald aber begann er, uber die wichtigen Verbindungen, in welche er sich einliesse, geheimnissvolle Winke zu geben. Mit zitternder Hand empfieng nun Seldorf jeden Brief, der von seinem Sohne kam, und legte ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, still vor seine Tochter hin; aber zu dem alten Berthier, der ihn dringend bat, seinen Sohn wenigstens vor den Fallstriken des Hofs zu warnen, sagte er kalt: da wo er wandelt, dringt meine Stimme nicht mehr hin; diese Blatter hier legte er seine kalte abgezehrte Hand auf Theodors Briefe sollen mir nur den Augenblik andeuten, wo jede Hofnung zur Rukkehr verschwunden seyn wird. Das Gift des unheilbaren Grams nagte an seinem Innern; immer nach Tauschung ringend und immer getauscht, hatte es seinem reizbaren Gehirn an einem Faden gefehlt, um von seinem lezten Ungluk zu einer neuen Hofnung uberzugehen; ohne Muth, diesen Faden zu suchen, machte er seinen Kummer zu seinem erkohrnen Liebling, und es bedurfte nur eines heftigen Sturms, um die wankende Hulle zu zerstieben.

Sara's Versohnung mit Rogern war ihre einzige Stuze in dem traurigen Zeitpunkt, der auf ihres Bruders Entweichung folgte. Heiliger wie dieser edle junge Mann seine Versprechungen hielt, beobachtete nie ein Gottgeweihter seine Gelubde, die doch kaum der Natur mehr widersprechen konnen, wie Rogers neue Verbindlichkeiten seinem Herzen. Sein Geist war durch das Ungluk seiner Liebe um viele Jahre gereift, er hatte ernste Pflichten und harte Entsagungen vor sich, und dieser Wechsel seines Schiksals gab ihm eine Liebenswurdigkeit, die ihm wurklich ehemals gefehlt hatte. Seine fast rohe Lustigkeit milderte sich zur wohlwollenden Heiterkeit, und seine Gradheit, die in den feinen Zirkeln den Namen Zudringlichkeit erhalten hatte, bildete sich in eine edle Freimuthigkeit um. Sara zog ihn bei allen ihren Sorgen zu Rathe; er half ihr in ihren Geschaften, die durch Seldorfs zunehmende Schwermuth und Theodors Abwesenheit, da diese beide sonst der Landwirthschaft vorgestanden hatten, sich sehr haufen mussten, und dieses ganze Verhaltniss befestigte naturlicher Weise Rogers Fesseln. Sara empfand den Werth seines Opfers, ihr Dank war nicht Liebe, und konnte nun nimmermehr Liebe werden; aber es war ein seelenvolles Gefuhl, und um so spannender, als es sich auf einen Betrug der Fantasie grundete. Kummer um ihren Vater, Furcht bei Theodors unsicherm Schiksal, bange Erwartung bei der Entscheidung, welche nun uber das Vaterland schwebte alles in ihr und um sie riss sie uber die gewohnliche Hohe weiblicher Empfindungen empor; in dieser Lage lohnte sie Rogern mit unbedingtem Vertrauen und der kindlichsten Herzlichkeit, aber ihm standen noch hartere Prufungen bevor, die zwar nie seine Treue, wohl aber seine Krafte besiegten. Der ganze Landstrich von la Rochelle bis zur Loire, alles was zu den ehemaligen Provinzen Bretagne, Poitou, Anjou und Touraine gehorte, war schon in verschiednen Zeitpunkten der franzosischen Geschichte ein Schauplaz burgerlicher Unruhen, blinden Eifers, und derjenigen hartnakigen Anhanglichkeit fur Meinungen gewesen, die gewohnlicher Weise aus dem Zusammentreffen von Kraft, Rohheit und Unwissenheit entsteht. Die namlichen Ursachen, welche zur Zeit der Religionskriege diese Stimmung der Gemuther in dieser Gegend hervorbrachten, fanden auch jezt statt. Mit korperlicher Kraft ausgerustet, unter einem Himmelsstrich, wo die Natur es freundlich zum Lebensgenuss einlud, war dieses Volk durch die Verfassung weniger gequalt als beschrankt; alle Fesseln des Geistes und der burgerlichen Existenz erbten von Vater auf Kinder fort; heute wie vor hundert Jahren baute der Landmann, in armliche Lumpen gehullt, an seiner leimernen Hutte den kleinen Flek, dessen Ertrag ihm keine Freude machte, weil ihm das Gefuhl des sichern Besizes fehlte, das allein in dem Menschen schaffende Krafte erwekt. Gleichgultig sah er viele Meilen weite Streken des schonsten Landes unbearbeitet liegen, indem sein Aker nicht hinreichte, seine Kinder mit schwarzem Brod zu sattigen; jedes Wechsels zum Besseren ungewohnt, kam auch kein Plan von Verbesserung in sein dumpfes Gehirn. Die einzige Leidenschaft dieser Menschen war ihre Religion, denn die Drohung mit der Holle, und das freche Versprechen ihrer Priester, sie mit dem Gott zu versohnen, aus dessen Barmherzigkeit die Sunder ihren ausschliessenden Handel machten, trieben sie in einem ihnen angemessenen, engen Krais von Furcht und sinnlosem Hinbruten bei ihren armlichen Genussen umher. Ihre lebendige Gottheit auf Erden mussten ihre Gutsherren seyn, denn ob sie gleich ihre Spur ofter durch Druk und Elend als durch Wohlthat erkannten, so mussten diese blinden Geschopfe dennoch durch die Wurkung ihrer Allgewalt an sie gefesselt werden. Diesen Druk und diese Gewalt stellte das ganze Land gleichsam sinnbildlich dar: zahllose Schlosser und Rittersize, die von ihren Hohen herab die finstern Hutten der Armuth beherrschten; grosse Forsten in welche der halbnakte Bauer das ubermuthige Wild zuruktrieb, das ihm, troz seiner Wachen in den kalten Fruhlingsnachten, die junge Saat verwustete; unabsehliche Heiden, deren todte Stille die Herrschaft ihres machtigen Besizers wurdig ehrte. Der Hauch der Tirannei verzehrte den Geist des Fleisses in dem Landmann, wie der Sudwind den befruchtenden Thau auf dem ewig todten Sand im heissen Afrika. Doch klage man den Genius der Menschheit, der uber jene jezt mit Blut gedungten Streken weint, nicht an, dass er etwa keinem der vorgezognen Sterblichen, unter welche sie getheilt waren, den Wunsch zu begluken eingegeben hatte. Nicht alle waren Tirannen, aber alle konnten die Mittel, selbst zum Begluken, nur despotisch gebrauchen; sie mussten ihren Unterthanen befehlen, weniger arm, weniger dumm, weniger gedrukt zu seyn, und der wohlthatige Strahl, den sie ausgehen liessen, diente weit mehr dazu, sie im Gefuhl ihrer Gewalt zu bestatigen, als den Unterthanen eine Ahnung ihrer Rechte zu geben.

Diesem Volk stand ein furchterlicher Uebergang bevor, um zur Freiheit zu gelangen. Der Altar dieser Gottheit liess sich nicht unter den Mauern zakiger Ritterthurme erbauen; er sollte auf dem Schutte der landlichen Hutten errichtet werden, von den blutigen Schatten der ehemaligen Bewohner umschwebt, von Wittwen und Waisen bedient seyn, und in einen Trauerschleier gehullt, sollte die erhabne Gottin den dargebrachten Weihrauch empfangen.

Die ersten Jahre der Revolution hatten hier weniger Einfluss, als in den meisten andern Gegenden von Frankreich. Das Volk gebrauchte seine Rechte hochstens wie Vergunstigungen, und empfieng nicht Licht genug, um die neuen Vortheile als sein unbestreitbares Eigenthum anzusehen. Der Widersezungsgeist der adlichen Herrschaften, welcher mit jeder Faser ihres Daseyns verbunden, auch nur mit ihrem Daseyn aufhoren konnte, vermehrte in dem Fortgang der Zeit die Verwirrung in den Begriffen und den Erwartungen des Volks. Die alte Zuchtruthe war zerbrochen, aber die neue Ordnung wurde nicht gelehrt; die alten Gozen waren dem Volke genommen, aber die neue Gottheit wurde ihm nicht gepredigt: der Adel schmeichelte ihm, die Priester gossen das Gift ihres Hasses in seine Seele so war der verklommene Sinn dieser verscheuchten Menschen bald zu einer fanatischen Heftigkeit gereizt, und das duldende Hausthier zum Tiger umgebildet.

Der Augenblik, in welchem Adel und Geistlichkeit die Geburt ihrer Herrschsucht und ihrer Rachbegierde an das Licht bringen wollten, nahte heran; mancher Edelmann, der seit der Revolution in bestandigem Umherschweifen das Feuer der Zwietracht uberall angefacht hatte, zog sich jezt auf seinen Landsiz zuruk, und erwartete in geschikt benuzter Ruhe das Zeichen zum Handeln. Wahrend dass diese Menschen pralerisch und listig Volksliebe und Menschlichkeit zur Schau trugen, und auf diese Weise das unwissende Volk verleiteten, die Wohlthaten der Freiheit mit ihrer eignen vaterlichen Denkart zu verwechseln, und fur jene demnach unverbesserlich blind zu bleiben, deuteten die Priester auf eine unglukschwangere Zukunft, umlagerten das Bett der Sterbenden mit Besorgnissen uber das Schiksal der Zurukbleibenden, verlasen in den Lehrstunden der Katechumenen die Geschichten der Martirer und der Gefahren, welche die streitende Kirche bestanden hatte, und forderten am Altar die schaudernden Kommunikanten auf, ihr Leben fur ihren Glauben zu opfern, und wie der Heiland, den ihre sundenbeflekte Hand austheilte, sich selbst zur Besiegelung der Wahrheit hinzugeben.

Unter den Adlichen, die um diese Zeit in ihre Stammguter zurukkehrten, war L***, der Sohn eines alten Hauses, dessen Ahnen seit Jahrhunderten in C** bei Mortagne ihren Siz hatten. Ob die Natur in diesem jungen Mann einen Satan unter der Form eines Helden verbarg, oder ob in ihm das Schiksal eine Engelsseele zwang sich mit Werken der Finsterniss zu belasten, oder ob er einer von den Menschen war, die in einem gewohnlichen Gang der Dinge ubersehen und unbemerkt, von ausserordentlichen Umstanden fortgetrieben bald kuhn, bald schwach, bald frevelnd erscheinen das wird vielleicht in einem Zeitpunkt, wo so mancher Goze in Staub zerfallt, und der Nachruhm selbst von dem Machtspruch der Leidenschaft abzuhangen scheint, nie entschieden werden. Wahrend der kurzen Zeit da sein Name genannt ward, war L*** in den Augen von mehreren Tausenden Feldherr, Heiliger, Wunderthater selbst nach seinem Tode; aber weder seine Apotheose, noch die Fluche, die von einer andern Seite seinen Schatten verfolgen, deken die geheimen Triebfedern seiner Thaten auf.

***, Seldorfs Landgut lag auf dem halben Weg von Saumur nach Mortagne, in einer Gegend, wo sehr haufige Zusammenkunfte des Adels gehalten wurden. Die nachsten Schlosser um *** gehorten Verwandten und Freunden von L***, und uberdem hatte L*** ein besonders Interesse diesen Flek scharf zu beobachten, weil Seldorfs Unentschiedenheit in Ruksicht auf die eingefuhrten Neuerungen, und Berthiers bekannter kuhner Eifer fur die Sache des Volks ihm bei seinen politischen Planen nicht gleichgultig seyn konnten. Den ersten, welcher ehemals Herr uber einige hundert streitbare Manner gewesen war, bei denen es ihm auch jezt nicht an Einfluss fehlte, in seinen Bund zu ziehen, uber den andern, der ein Menschenalter lang der Vertheidiger der Unterdrukten gewesen war, ein wachsames Auge zu behalten, gehorte allerdings mit zu den tief angelegten Vorbereitungen, von denen seine nachmalige Wurksamkeit gezeugt hat.

Seine ersten Bemuhungen, Seldorfs Bekanntschaft zu erlangen, waren in die Zeit von Theodors Entweichung gefallen; er hatte sich daher leicht beschieden, dass er in diesem traurigen Augenblik, als ein Fremder, nicht den vertrauten Zutritt finden wurde, den er suchte, und er versparte seinen Besuch auf eine gelegnere Zeit. Er hatte sich schon mehrere Wochen in C** und der umliegenden Gegend aufgehalten, als er an einem schonen Fruhlingsmorgen, auf einem einsamen Spazierritt von einem Schlosse jenseits des Flusschens Layon nach Chollet, einen angenehmen Seitenweg einschlug, den er, da ihm mehr daran lag, jeden Winkel des Landes kennen zu lernen, als schnell an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen, gern verfolgte. Dieser Weg fuhrte ihn durch ein enges Thal in eine kleine Ebene, wo er durch eine Pflanzung bluhender Obstbaume auf dem schonsten Wiesenplan bis an eine kleine Gartenpforte kam, die ihm die Aussicht in eine reizende landliche Anlage nicht benahm, hinter welcher in einiger Entfernung unter hohen Nussbaumen ein Kirchthurm hervorragte. Die unendliche Schonheit des Morgens, der Gedeihen und Leben in die ganze Schopfung hauchte, die strahlende Sonne, welche schmeichelnd mit dem West eiferte, die Thautropfen von den jungen Bluten zu kussen, das Rieseln einer nahen Quelle, alles lud L*** ein, sein Pferd an den nachsten Baum zu binden, und die angelehnte Pforte zu ofnen. Er wendete sich nach der Seite, wo er das Wasser gehort hatte, und gelangte bald an einen hohen dunkeln Bogengang von Geisblatt, bei dessen Ausgang eine Reihe Wasserrohre im Schatten von alten Akazia's sich in ein steinernes Beken ergoss. Sein eilfertiger Gang ward aber hier durch den Anblik eines jungen Madchens gehemmt, die neben dem Wasser stand, und eine Menge Krauter und Blumen auf dem Rand des Bekens ausbreitete. War es der Zauber des Morgens, der Sara's Liebenswurdigkeit erhohte denn L*** war in Seldorfs Garten gerathen, und sie war es, die frische Blumen zum Aufpuz fur ihres Vaters Zimmer sammelte oder machte das Romantische des Orts, des Augenbliks L***s Seele fur jeden Eindruk von Schonheit empfanglicher, oder scheint ein reizendes Weib immer das Meisterstuk der Schopfung: genug L*** vergass jezt seine Neugier und seine Nebenabsicht, in der Gegend zu spahen, und war blos in Anschauen verloren. Die Blute der reinsten Gesundheit, welche bei ihrer schlanken Gestalt nur den Ausdruk der Jugend und Unschuld hatte, ein seelenvolles Gesicht, in welchem ein lachelnder Mund mit dem schwermuthigen Blik des grossen schwarzen Auges so anziehend-seltsam abstach, der ernste Eifer, mit welchem sie ihre kindliche Beschaftigung trieb, und die Blumen so denkend und theilnehmend ansah, als verstunden sie ihre Meinung das ganze reizende Schauspiel fesselte L*** an seinen Plaz, bis Sara nach beendigter Arbeit das Korbchen, in welchem sie ihre Blumen geordnet hatte, aufnahm, noch einen lachelnden vergnugten Blik darauf warf, und ihren Arm hoch aufstreifte, um sie mit frischem Wasser zu besprengen. Jezt trat L*** naher hinzu, und mit einer Entschuldigung wegen des ungewohnlichen Wegs, auf welchem er sich verirrt hatte, erzahlte er mit ungezwungner Hoflichkeit, durch welches Ohngefahr er hieher gerathen ware. So unbefangen und verbindlich die Art war, mit welcher Sara seine Anrede erwiederte, so sah er doch jezt den Augenblik kommen, wo er wieder nach der kleinen Pforte zurukgemusst hatte, als Roger sich naherte, und noch hinter dem Gebusch rief: Sind Sie fertig, Fraulein? Ihr Vater fragt nach Ihnen. Sara sezte lebhaft einen grossen Strohhut auf, ergrif ihr Blumenkorbchen, und sagte: das ist gut, lieber Roger, dass Sie kommen; hier ist ein Herr, den ich nicht zum Fruhstuk einladen konnte, jezt thun Sie es Roger trat naher, und die beiden Manner, welche sich schon ofters bei offentlichen Versammlungen gesehen hatten, erkannten sich sogleich; der Anblik wurkte aber verschieden auf beide. Bei Roger war es das sonderbare schnelle Gefuhl, hier wie in den Volksversammlungen und allenthalben in einem Menschen wie L*** einem Gegner zu begegnen, der zwar gefahrlich war, den er aber den unerschutterlichen Willen hatte, endlich zu besiegen: dieses Gefuhl giebt allen wahren Republikanern, wenn sie friedlich mit Anhangern der Gegenpartei zusammentreffen, die namliche Fassung, die brave Offiziere von zwei feindlichen Armeen haben, wenn sie durch ein Ohngefahr ausser dem Schlachtfeld auf einander stossen. Hier kam noch die jedem unverdorbnen Herzen heilige Ehrfurcht fur die Geseze der Gastfreiheit hinzu; Roger wiederholte also dem Fremden Sara's Anerbietung, zwar mit einer ernsten und eher trozigen Art, zugleich aber mit der anstandigsten Hoflichkeit. In L***s Herzen zu lesen wurde schwerer gewesen seyn, doch schien es von Sara's Bild zu eingenommen, um in diesem Augenblik so sehr auf seiner Hut zu seyn, als es dem Karakter dieses Mannes angemessen war. Er sagte, nachdem Sara mit einer leichten Verbeugung davon gegangen war, mehr spottisch wie gefasst: Sie haben eine liebenswurdige Schwester, Herr Berthier? Roger berichtigte seinen Irrthum, und forderte ihn auf, Sara's Einladung zu folgen. Die Entdekung war L*** doppelt erfreulich, da ihm nun ein Ohngefahr dasselbe Haus erofnete, in welches er so lange vergeblich einen Zugang gesucht hatte. Roger kehrte mit ihm an die Pforte zuruk, um das Pferd in den Hof zu fuhren, und begleitete ihn sodann nach dem Haus, indem er ihm unterwegs von Seldorfs schwacher Gesundheit erzahlte, die ihn seit einiger Zeit genothigt hatte, allen Umgang ausser dem Hause aufzugeben. L*** hatte sich jezt vollig gesammelt, und ob ihm schon, nachdem er Sara erblikt, die Vertraulichkeit in welcher er den jungen Berthier hier festgesezt sah, nicht sonderlich gefiel, so herrschte doch in seinem Kopf eher die Neugierde, das eigentliche Verhaltniss zwischen Leuten zu erforschen, die nach allem was er von Seldorf wusste, durch etwas anders als ihre politischen Meinungen verbunden seyn mussten. Je langer er Rogern, dessen offentlichen Karakter er schon ehrte, so hauslich und doch anmassungslos von der Familie sprechen horte, zu welcher sie giengen, desto ungeduldiger ward er, ihn noch einmal mit Sara beisammen zu sehen, und desto unwillkuhrlicher schmiegte er sich wieder in alles Gefallige hinein, was Natur, Erziehung, Bildung ihm in so reichem Maasse verliehen hatten, und womit er jezt, von seinem guten Geist oder einem blutdurstigen Damon geleitet, aller Herzen anzog. Bald darauf, nachdem ein Fruhstuk aufgetragen worden war, kam Sara zu ihnen; sie dankte Rogern vertraulich, dass er so gut fur ihren Gast gesorgt hatte, und versicherte L*** mit einer schmeichelhaften Wendung, sein Besuch sei doppelt angenehm, weil er ihren Vater gerade heute muntrer und gesunder finde, als er seit langer Zeit gewesen wurklich, denken Sie! sagte sie zu Roger, er will herunterkommen, und diesen Herrn selbst begrussen.

Dieses zuvorkommende Betragen stimmte freilich mit seinem gewohnlichen Gange nicht uberein. War es aber die Lebhaftigkeit, mit welcher seine unerfahrne Sara von dem unvermutheten Besuch sprach; oder war es die Erinnerung dass Roger entschieden gegen L***'s Familie gesprochen hatte, und bei einigen Veranlassungen schon offentlich gegen sie aufgetreten war, und uberraschte ihn sein zartes Gefuhl, ohngeachtet seiner angewohnten Apathie, mit der Furcht dass die beiden Manner allein zusammen nicht taugen mochten; oder war es ein dunkler Gedanke an seinen Sohn, der in jedem seiner Briefe genauer mit Menschen von der Art dieses L*** verwikelt schien: genug, Seldorf verfugte sich zu dem Fremden, dessen Besuch sich bis gegen die Mittagszeit verlangerte. Dieser Proteus umstrikte Seldorf mit aller Liebenswurdigkeit des geschmeidigsten Geists; fein genug, um da, wo er von andern abgieng blos originell zu scheinen, wurde er anziehender indem er andrer Meinungen widersprach, und wenn sein Gesicht auch nicht der Spiegel seiner Seele war, so war es doch die vollkommenste Pantomime eines Geistes, der sich in alles, was zur Empfindung gehorte, hineinstudiert hatte. Sara's Unerfahrenheit war ihm sehr behulflich, sich von einer interessanten Seite zu zeigen; indem sie bei Erwahnung ihres Bruders sich ganz ihrem Gefuhl, ganz dem Ausdruk der Besorgnisse ihres liebenden Herzens uberliess, erfuhr er so viel er zu wissen brauchte, von Theodors anfanglicher Vereinzelung in Paris, und von einem anscheinend unbedeutenden Zufall, der ihn seitdem mit verschiednen Menschen von seiner Partei in Verbindung gebracht hatte. L*** war mit dem Geist des Zeitpunkts zu vertraut, um hier etwa den Beschuzer spielen zu wollen; er wunschte vielmehr der guten Sache, die er aber nicht naher bestimmte, Gluk, wenn Junglinge wie Theodor so lebhaft dafur fuhlten; er sprach mit einem idealisirenden Enthusiasmus von der Vereinigung aller Patrioten, die sich um ihren guten Konig drangen mussten, um eigennuzigen Feinden des Volks den Zugang zu seinem edeln Herzen unmoglich zu machen dieser Ton fand in Sara's schwarmerischer Seele einen harmonischen Wiederhall; das Bild von patriarchalischem Gluk, das L*** aufstellte, passte besser zu der kindlichen Stimmung ihres noch nie betrognen Gemuths, als das dunkle Gewirr von Aufopferung, Streit und Tod, welches in Berthiers Gesprachen mit Theodor immer am meisten hervorgestochen hatte. Seldorfs Denkungsart, sein Widerwille, Gutes zu erwarten, blieb sich gleich; die Weichheit seines Karakters widerstand indessen der Versuchung nicht, an L*** eine Ausnahme unter seiner Klasse zu machen, und sich fur sein Gesprach um so lebhafter zu interessiren, als er die Namen mehrerer von den Menschen, in deren Arme sich Theodor jezt geworfen hatte, mit eifrigem Lob nannte, das er mit Anfuhrung mancher schonen That, mancher Aufopferung von ihrer Seite bewahrte. Roger hatte sich bald nach Seldorfs Ankunft entfernt, und der kleine Zirkel hatte die anrukende Mittagstunde vielleicht nicht bemerkt, wenn man Sara nicht herausgerufen hatte. Sie fand Rogern reisefertig; ich muss fort, sagte er innig und geruhrt, aussern Sie davon nichts gegen Ihren Gast Sara, fuhr er errothend fort, und ergrif ihre Hand, ich muss Sie bitten, so ungeziemend es scheinen mag: verhindern Sie Ihren Vater, diesen Mann in sein Haus zu ziehen Sara stuzte Nein, nein, bei meinem Schwur, nicht deswegen! er drukte ihre Hand an sein Herz: Um Ihres Hauses, um Ihrer Sicherheit willen Sara erschrak, und hielt seine Hand fester; er sprach weiter: Es ist jezt Bewegung im Lande; ich muss es meines Schwester anvertrauen, damit sie mich nicht misverstehe. Adieu Sara! Fort eilte er, und Sara gieng tiefsinnig in das Zimmer zuruk. Ihre Unbefangenheit war durch die mogliche Auslegung von Rogers ersten Worten gestort, L*** war nun kein gleichgultiger Fremder mehr, sondern ein Mann, der sie verleitet haben konnte, ihren braven Freund miszuverstehen. Die dunkle Nachricht, die ihr Roger gegeben hatte, trug noch mehr dazu bei, ihre Empfindung zu reizen, und wie sie in das Gesellschaftszimmer zurukkam, blieb der Ausdruk von Zweifel und Ruhrung in ihrem Wesen L***'s scharfem Blik nicht verborgen. Er wollte jezt Abschied nehmen, die Sonne prallte um diese Zeit brennend von dem Hofpflaster zuruk, Seldorf konnte ihn unmoglich jezt gehen lassen, er nothigte ihn zum Mittagsessen zu bleiben, und fuhrte ihn in seine Bibliothek, wahrend dass Sara froh war, sich bei ihren Hausgeschaften wieder sammeln zu konnen vielleicht auch schon froh, sie fur L*** vermehrt zu sehen.

Nachmittags kamen verschiedne Bauern in den Hof, welche mit widersprechenden, abentheuerlichen Umstanden erzahlten, dass in **, einer benachbarten Commune vom Distrikt Mauleon, Unruhen ausgebrochen waren, und ein Theil des Volks zu den Waffen gegriffen hatte. Sara erblasste bei dieser Nachricht, und stand in Begrif, Rogers Ermahnung zur Diskretion zu vergessen; aber L*** zerstreute den widrigen Eindruk dieser Storung, die ihn selbst anfangs nicht ganz vorbereitet getroffen hatte, mit der meisterhaftesten Gegenwart des Geistes. Auf einem Spaziergang im Dorfe bestatigte sich ein Theil jener Nachrichten, und die Gesellschaft vernahm jezt sogar ziemlich deutlich den Schall der Sturmgloke gegen Mauleon hin. L*** nahm davon Gelegenheit, schneller wegzugehen, indem seine Pflicht ihn aufforderte, die Sache selbst naher zu besichtigen. Er sprach dabei mit der mannlichsten Ruhe von der moglichen Gefahr, wunschte Seldorf Gluk, von anerkannt guten Patrioten umgeben zu seyn, und bestieg unter den schmeichelhaftesten Dankesbezeugungen sein Pferd, nachdem er Seldorf um Erlaubniss gebeten hatte, ihm in den nachsten Tagen von der wahren Beschaffenheit jener kleinen Gahrungen Nachricht zu bringen.

Seldorf war von einem so ungewohnten Tag ermattet, seine traurige Stimmung kehrte mit der Stille zuruk, und er eilte in sein einsames Zimmer. Sara war von mehr wie einer Empfindung angegriffen, aber unbekannt mit sich selbst, suchte sie den Grund ihrer Unruhe ausser ihrem Herzen, und gieng zu dem alten Berthier, um ihn wegen seines Sohnes Reise zu befragen. Doch es sollte heute keine freundliche Hand der armen Sara aus dem Labirinth zurukwinken, in welchem sie sich zu verstriken anfieng. Berthiers Haus war voll Manner aus der umliegenden Gegend, welche von dem Larmgeschrei herbeigefuhrt zusammen berathschlagten. Auf Sara's wiederholte Bitte verliess der alte Berthier einen Augenblik die Versammlung, um sie zu sprechen; aber die Gegenstande der Berathschlagung, sie mochten nun der Wahrheit getreu oder vergrossert seyn, hatten diesmal die Sanftmuth des braven Greises gestort. Er entwarf einige so emporende Zuge von den Verrathereien, mit welchen man das Volk umspinne, von der hollischen Falschheit, die man anwende es zu verfuhren, dass Sara zitternd rief: wo ist Roger? Gegen C** wo der Siz des Verraths ist Nein, nein! L*** war den ganzen Tag hier; er liebt das Volk, er liebt das Vaterland Urtheilen Sie von den Gesinnungen eines Menschen, der im Schoos der Gastfreiheit seine Ranke schmiedet! Ich weiss dass er bei Ihrem Vater war, dort indem er auf das Zimmer zeigte, wo die Manner versammelt waren, burgte ich eben mit meinem Leben fur die Treue Ihres Vaters, die jedem redlichen Burger verdachtig wird, weil er, der jedem aus unserer Mitte den Zutritt versagt, einem L*** seinen Schmerz uber Theodors glanzende Laufbahn anvertraut Sara verstummte; sie stand erst im Begrif, L*** statt ihres Vaters zu vertheidigen; beschamt uber ihre Verwirrung, erschroken uber die Gefahr, welche drohend herannahte, hullte sie sich in ihren Stolz, und antwortete mit so vieler Kalte, dass der Greis im Unwillen von ihr gieng. Sie kehrte nun schwermuthiger, als sie gekommen war, nach ihrem Haus zuruk. Noch niemals hatte sie sich so einsam und trostlos gefuhlt, noch niemals hatte die Arme eines freundlichen Herzens, um Hofnung und Ruhe darinn zu schopfen, so schmerzlich bedurft. Aber Theodor war fern, und von ihm erhielt sie seit langer zeit nichts mehr, als ehrsuchtig schwarmerische Deklamationen; Roger hatte diesen Morgen ihr Vertrauen zurukgeschrekt, der wehmuthigernste Blik, mit welchem er ihre Hand an sein Herz drukte, hatte die Furcht ihn zu betruben erwekt; und diese Furcht, und des alten Berthiers unvorsichtiger Eifer warfen ein Interesse auf L***, als die erste Ursache ihres Kummers, das er vielleicht ohnedem nicht gehabt haben wurde. L*** schien so edel, er hatte so mannlich gefasst von der Gefahr, so menschlich und schonend von dem verfuhrten Volke gesprochen: er konnte nicht falsch seyn, er war das Opfer der Vorurtheile, der argwohnischen Stimmung von Menschen, die sie lange geliebt und geehrt hatte, die aber jezt hart, ungestum, ja anmassend gegen sie verfuhren. So brachte sie einen Theil der Nacht schlaflos zu; noch war es dunkel, als sie im Grunde des Thals den Himmel mit einer Flammenrothe uberzogen sah, und ihr Ohr den Ton einer fernen Sturmgloke vernahm, der vom Morgenwind herbeigefuhrt wurde. Zum erstenmal dachte sie das Bild der Verwustung, der Gefahr in einer so furchterlichen Nahe, sie dachte verwirrt an Roger, an L***, sie bildete sich ein, sie gegen einander fechten zu sehen. Ihr Schreken nahm zu, als sie unter ihrem Fenster von einzelnen Mannern, die uber den Weg eilten, und leise und angstlich mit einander sprachen, die Worte zu horen glaubte: man mordet das Volk Ein Fieberfrost ergrif das einsame Madchen, sie sah nichts als Zerstorung und Tod vor ihren Augen, indess doch die Natur um sie her Frieden und Ruhe athmete. Endlich erloschen die Flammenstreifen im Morgenroth, und der schaudervolle Glokenton ward von dem tausendstimmigen Gesang der Vogel, die den anbrechenden Tag begrussten, in der Luft verdrangt. Jezt legte sie sich erschopft nieder; aber der leichte Schlummer, der ihre Augen dekte, verschwand bald bei dem Geheul einiger Bauerweiber, deren Manner entweder zufallig oder durch Anstiftung in dem Distrikt von Mauleon gewesen waren, an dem Zusammenlauf des gestrigen Tages Theil genommen hatten, und nun gar ubel zugerichtet nach Hause gebracht wurden. Seldorfs Wohlthatigkeit war so bekannt, dass ihm der traurige Parteigeist das Recht, die Zuflucht der Bedrangten zu seyn, noch nicht genommen hatte. Sara fand ihn schon mitten unter einem Trupp von Landleuten, die ihm eine schaudervolle Beschreibung von den Begebenheiten des vorigen Tages machten. Sie waren, sagten sie, auf einem Viehmarkt in ** gewesen, und hatten sich durch Trinken und Neugierde aufhalten lassen, bis der Larm ausgebrochen war. Wo er entstanden, woher die Bewafneten gekommen, wer sie angefuhrt, wusste niemand zu sagen; aber nach den Uebertreibungen dieser armen verstorten Leute, welche Rauberei, Verwustung, Mordbrennerei als die Fruchte der neuen Ordnung der Dinge anzusehen begannen, war gestern eine grosse Anzahl von Dorfern verheert, und viel Blut vergossen worden. Seldorf horte mit Abscheu zu, und sagte in einem vorwurfsvollen Ton zu Sara: Burgerkrieg ist also die Folge aller dieser Glukseeligkeitsplane! Ware doch L*** hier, und horte wie sein Patriotenbund sich realisirt Sara schlug ihre thranenschweren Augen bei diesem Namen nieder; die Bauern fiengen ihn auf, und riefen einstimmig: Er hat das Land gerettet; er und Herr Roger Berthier flogen von Haufen zu Haufen, sie drangen bis zu den Aufruhrern, und sprachen von Gesez und Treue; sie stellten sich als Brustwehr vor die erschroknen Weiber und Greise, sie sammelten die Nationalgarden, die nicht wussten wohin die Sturmgloke sie rief; in dem Augenblik da wir aus dem Getummel entkamen, verfolgten sie den Feind diese Worte hatten eine Wunderkraft fur Sara's zerschlagnes Herz; sie durfte nun bei L***'s Namen aufbliken, er wurde mit Rogern zugleich als Vertheidiger der guten Sache genannt; sie dachte mit Entzuken, wie gern sie dem alten Berthier verzeihen wollte, nun sie so gewiss wusste dass er Unrecht hatte, und die Verwustung verlor einen grossen Theil ihres Schreklichen, da Roger und der Mann, dessen Unschuld ihr so theuer zu werden anfieng, dagegen kampften. In der Folge des Tages liefen beruhigendere Nachrichten ein; die Aufruhrer waren in die Walder gefluchtet, die Nationalgarden standen allenthalben unter den Waffen, und im ganzen Distrikt herrschte die groste Ruhe. Gegen Abend sprengte ein Reuter in den Hof; es war L***, der sogleich in das Zimmer trat, und sich mit der einfachsten Freimuthigkeit gegen Seldorf entschuldigte, dass er sich schon die Rechte eines alten Bekannten anmaasste. Er sprach von dem gestrigen Vorfall, verringerte das Ungluk und die Gefahr, versicherte dass es weit mehr eine zufallige Zwistigkeit unter den Bauern als eine Parteisache gewesen ware, dass nur der wohlmeinende Eifer einiger Patrioten es fur ernsthafter angesehen, und durch ubereilte Anstalten zum Widerstand die Erbitterung vermehrt hatte. Er erwahnte Rogers mit vieler Achtung, und lobte seine Wachsamkeit, die ihn so fruh zur Hulfe, selbst eines fremden Departements angetrieben hatte. Sara fuhlte sich seit L***'s Eintritt von einem gewissen stillen Frieden umgeben, durch welchen ihr Herz nur wohlthatigen Empfindungen offen war; sie uberliess sich dieser, und genoss nach dem gestrigen bangen Abend und der traurig durchwachten Nacht, desto inniger ein Paar heitre Stunden in der Gesellschaft dieses Mannes, dessen Liebenswurdigkeit und geschikte Wendungen selbst ihren Vater von seinen traurigen Gedanken uber die Lage des Landes zu zerstreuen schienen. Seitdem schlich der Geist der Zwietracht eine Zeitlang nur still und dumpf in der Gegend umher, und zeigte sich blos hie und da in stillschweigenden Verhohnungen des Gesezes, in Nekereien gegen die Obrigkeiten, in ungeziemenden Festen auf den Schlossern und Rittersizen. Roger blieb abwesend; der Auftrag einer Gesellschaft von Volksfreunden entfernte ihn lange von seiner Heimath, und die Vereinzelung, worinn sich die gute Sara befand, machte ihr L***'s Besuche, die er alle Wochen einigemal wiederholte, um so werther. Sie hatte dabei den Kummer, den alten Berthier von seinem ungerechten Vorurtheil gegen den neuen Freund ihres Vaters nicht zurukbringen zu konnen, und Seldorf selbst entfernte sich mehr von jenem, weil ihm die Erinnerungen an politische Gegenstande leicht verhasst wurden, und L***'s gefallige, biegsame, unerschopfliche Unterhaltung ihm wohlthatiger war als Berthiers zunehmender Eifer. L*** war zu fein, um nicht alle Vortheile dieser Umstande bei Sara zu benuzen. Ueber den Plaz, welchen Roger in ihrem Herzen einnahm, hatte er sich bald beruhigende Aufklarung verschaft; ihre unbefangne Herzlichkeit, und das ehrerbietige, anspruchlose Betragen, mit welchem Roger diese erwiederte, uberzeugten L*** dass von ihrer Seite wenigstens, vielleicht Enthusiasmus, aber nicht Liebe im Spiel ware. Ihm kam wenig darauf an, Rogern zu verstehen; denn sobald er ihn nicht als Nebenbuhler furchtete, warf er ihn unter die grosse Anzahl derer, die er zu Werkzeugen oder Opfern ausersehen hatte. Ob das was ihm Sara vom ersten Augenblik einflosste; ob uberhaupt was er fur sie empfand, Liebe war, lasst sich nicht so genau bestimmen. Vielleicht liebte ein L*** ein Madchen wie Sara, ohngefahr wie ein Nero den grossten Enthusiasmus, den reinsten Geschmak fur Musik haben konnte. Vielleicht auch dass es Menschen giebt, die zu allem Edeln geschaffen, und durch gewaltsame Umstande von ihrer Bestimmung abgeleitet, in Einem Gefuhl ihres Herzens, das mit keiner von den verstimmten Saiten desselben in Zusammenhang ist, die Urschonheit ihrer Natur wiederfinden, und dieses Gefuhl mit desto gluhenderem Eifer pflegen, weil es das einzige ist, das ihnen die Ahnung des verloschnen Gotterfunkens zuruk giebt. Eine solche Liebe muss um so heftiger und kuhner seyn, als sie gegen alles Bose in dem Gemuth, dessen sie sich bemeistert, unaufhorlich ankampft. Im Ganzen aber war es L***'s Schiksal, allenthalben von Trug umhullt vor der Nachwelt zu stehen, und auch seine Liebe fur Sara, mit seinen politischen Verhaltnissen verbunden, tragt noch mehr dazu bei, ihn unverstandlich zu machen. In der Legende wenigstens, die unter seinen fanatischen Mitstreitern ihn uberlebt haben mag, wird das betrogne Madchen nicht mit unter den Wundern gezahlt seyn, die er verrichtet hat.

Sara musste fur jedes des Schonen empfangliche Herz ein Studium des Schonen seyn. L*** sah sie ihrem Haushalt mit einer Thatigkeit, mit einer Einsicht vorstehen, als beschranke sich darauf der ganze Kreis ihrer Bestimmung; er sah sie ihren Vater verpflegen, zerstreuen, aufheitern, mit ihm weinen, und alles was sie umgab, alles, selbst ihre Liebe, so wie sie entstand und zunahm, zu seinem Wohl anwenden; er sah sie unter den Landleuten, ihr wohlthatiges Herz oder der Zufall mochte sie zusammenbringen, mit einer Gute die zu holdselig war um blos Liebe zur Gleichheit auszudruken, in alle ihre Sorgen und Freuden eingehen. Der Genuss eines schonen Abends, der Anblik einer lachenden Gegend ofnete zuweilen ihr Herz einer kindlichen Heiterkeit, in welcher jede Blume, jeder grunende Baum, jeder zwitschernde Vogel der Gespiele ihrer Freude wurde; hupfend eilte sie dann an L***'s Arm durch die Wiese, pflukte ubermuthig die schonsten Blumen, um den Weisdorn am Saum des Geholzes mit Kranzen zu behangen, und jauchzte vor Frohlichkeit, wenn die lusternen Ziegen sie abweideten. Dann gieng sie wieder ernst und in sich gekehrt, und sah den aufsteigenden Mond; der Duft der Blumen, der Gesang der Vogel, das ferne Leuchten der Wetterstrahlen schien ihr eine Feier der Natur, und sie stand einfach, rein und innig wie ihre erste Priesterin in der jungen Schopfung. Entzukte sie L*** durch die holde Vertraulichkeit, mit welcher sie in ihrer frohlichen Stimmung ihn zum Werkzeug des unschuldigsten Scherzes gebrauchte, so durchdrang ihn der Blik voll Hoheit, und die Ahnung von inniger Liebe, womit sie ihm ihren Arm entzog, um einsam vorauszugehen in den Augenbliken ihrer feierlichen Schwarmerei. Sein uberlegner Geist wurde unwillkuhrlich angezogen, in Gesprachen und gesellschaftlicher Unterhaltung, der Lehrer, der Bildner dieser unerfahrnen schonen Seele zu seyn; sein mannliches Wesen, sein kaltes Blut mussten ihm tausendfache Gelegenheiten geben, sie bei ihrer ubereilten Kuhnheit, bei ihrer oft alles Aeussere vergessenden Empfindung, so verschmolzen wie dies alles in ihr mit weiblicher Schuchternheit war, im Zaum zu halten. Die Lage der Sachen, die Gahrung unter dem Volt, die Zudringlichkeit der Priester, deren sich Seldorf nicht ganz erwehren konnte, der Kummer uber ihren geliebten Bruder, dessen Briefe immer unverstandlicher und seltner wurden: alles fuhrte sie auf einen Weg, der mit jedem Tag enger und abschussiger wurde, und sie mit jedem Tag unbedingter in L***'s Gewalt lieferte. Sie sah nie eine Ursache, auf ihrer Hut zu seyn, denn nie brachte dieser Mann ihr Herz mit ihrem Verstand in Widerspruch; sie sah in allem seinem Reden und Thun nichts als Muth, Offenheit, Patriotismus, Wunsch alles Gute, und alle guten Burger zu Einem Endzwek zu vereinigen und zu benuzen. Sie war blos Madchen, blos fuhlendes Geschopf, und die Zeiten hatten damals ihre schrekliche Reife noch nicht erlangt, da es bei weitem noch nicht hinreichen sollte, ein menschlicher wohlmeinender Mann zu seyn, um kein Verrather zu scheinen. Verschiedenheit in Meinungen war damals noch kein Hochverrath, und fuhrte noch nicht zum Verbrechen. Bei den schwachen Ausbruchen zwischen den Parteien, die hie und da, vielleicht auf Anstiften der Royalisten, vielleicht wider ihre Absicht, aber doch gewiss unter ihrem Schuz vorfielen, war L*** bald muthiger Vertheidiger seines Systems, bald Friedensstifter, immer aber ein Muster von Billigkeit. Alle Unzufriednen versammelten sich um ihn, aber er schien sie immer zur Ruhe, zum Guten zu lenken, und sein Wort bandigte ihre feindselige Wuth. Einfach bis zur Beschranktheit in seinem Schloss, glich es eher einem Hospiz, wo jeder Durftige Pflege und Azung, jeder verirrte Wanderer Obdach und Schirm fand; und sezte er gestarkt seinen Weg fort, so dachte er sich fortan C** als den Ort, wo im Drang der Noth eine Zuflucht vor Hulflosigkeit ihm offen stehen wurde. Bei einem seiner Besuche ward Sara eine Unruhe an ihm gewahr, die ihr Herz, das schon so innig an ihm hieng, mit Besorgniss erfullte; umsonst aber forschte sie mit schuchterner Freundlichkeit, woher seine Laune entstunde: ohne sie zu befriedigen, fesselte sein Stillschweigen das weiche Madchen durch die susse Abhangigkeit der Liebe. Bald nachher gelangte die Nachricht von der Flucht des ungluklichen Ludwigs in die entferntesten Gegenden, und erfullte alle Gemuther mit Schreken, Hass, oder ubermuthiger Freude. Jede Schenke war jezt eine Schule des Aufruhrs, wo bald ein feiger, herrschsuchtiger Priester die getreuen Diener des koniglichen Hauses aufbot, bald ein kuhner Patriot oder ein feiler Emissar Konigshass, Freiheit und Rache predigte. Es blieb nicht bei mussigem Geschwaz; die Nachricht von der gluklich gelungenen Flucht ward zwar widerrufen, aber die losgelassenen wilden Leidenschaften liessen sich nicht so leicht an die Kette des Gehorsams zurukfuhren. Zahlreiche Haufen von Menschen, welche durch die neuen Einrichtungen ihres ehrlichen oder unehrlichen Broderwerbs beraubt waren, rotteten sich zusammen, uberfielen die als patriotisch bekannten Communen, und plunderten oder mishandelten die Einwohner, wo keine zeitigen Widerstandsanstalten sie abschrekten. Die ganze benachbarte Gegend stand unter Waffen, die Nachrichten aus der Hauptstadt lauteten verworren und drohend; alle Sicherheitsmassregeln die von dem Siz der Herrschaft aus verordnet wurden, verloren ihre Kraft, indem sie hier mit niedertrachtiger Kriecherei gegen die Vornehmen, und despotischer Harte gegen das Volk, dort mit unvorsichtiger Vergunstigung gegen das lezte, und leidenschaftlichem Uebermuth gegen die Gutsbesizer vollstrekt wurden. Oft begaben sich die Municipalitatsbeamten mit angstlicher Demuth auf die Schlosser, um die von der Nationalversammlung anbefohlne Auslieferung aller Waffen zu betreiben. Man empfieng sie mit einem Schmaus, wo die herablassende Gute der Herrschaft ihre ehrwurdige Sendung erniedrigte, und sie kehrten, unter tiefen Verbeugungen, mit etlichen Jagdflinten zuruk, die ihnen ein Lakai nicht ohne einige Persiflagen auslieferte, indess in den unterirdischen Gewolben des Schlosses Tausende von Patronen verfertigt wurden, und die Gewehre angehauft lagen. Im Distrikt von Saumur hingegen war ein Freund des alten Berthier an der Spize der Municipalitatsbeamten, welche die Auslieferung der Waffen besorgten; und dieser sezte seinen Auftrag mit der Unerschrokenheit, welche das Bewusstseyn der Gesezmassigkeit immer geben sollte, aber auch mit der Harte lang erwarteter Rache durch. Der Mann hatte nichts von Berthiers menschlichweiser Gute, er hatte nur seinen kuhnen Geist; alles was ihm sein Freund von Seldorfs Ungluk, von seiner unschadlichen Einsamkeit gesagt hatte, verloschte den Eindruk nicht von dem Kaltsinn, mit welchem Seldorf jeden sturmischen Patrioten aufnahm; und der Nahme seines Sohnes, der jezt unter den Anhangern des Hofs genannt wurde, und dem man in dem kleinen Zirkel seiner Bekannten mehr Antheil an der Entweichung des Konigs zuschrieb, als er je gehabt hatte, fuhrte den Mann, der zum kalten und passiven Handhaber des Gesezes bestellt war, mit dem einseitigen beleidigenden Vorurtheil des Argwohns in Seldorfs Haus, als auf seiner Runde dieses die Reihe traf.

Seit jenem Abend, an welchem Sara uber L***'s Betragen unruhig gewesen war, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Alle furchterlichen, abentheuerlichen Nachrichten, die sie seitdem vernommen hatte, alle Besorgnisse wegen der Zukunft hatte sie allein ertragen und bekampft; die Sehnsucht nach dem Gegenstand ihrer Zartlichkeit, und die Bangigkeit uber sein Schiksal zerrissen zugleich ihr Herz, und erschwerten mehr wie jemals ihre Bemuhungen, die Bitterkeit ihres Vaters zu besanftigen. Sie sann umsonst, was in einem Augenblik wo Gefahr von allen Seiten her drohte, ihren Freund entfernt halten konnte, unter dessen Augen sie sich geborgen dunkte, wie das Kind in der Mutter Armen. Die schrekliche Erzahlung, die sich von dem Tag des Marsfeldes verbreitete, sezte ihrer Einbildungskraft von neuem zu; jede laute Stimme unten im Dorf, jedes ferne Getos schien ihr Tumult und Mord zu verkunden. Ruhig wie ein abgeschiedner Geist von dem Leben im Staube spricht, wenn er in einer sturmischen Mitternachtsstunde seinen zurukgelassnen Freunden erscheint, hatte sich indessen Seldorf mit Sara in ein Gesprach uber ihre Kinderjahre, und uber das Gluk, das sein Vaterherz sich von ihrer Jugend versprochen hatte, vertieft. Mit grausamer Kalte zerriess er sein eignes Gefuhl, und erzahlte wie er gehoft hatte, diesen Theil des Hauses sollte Theodor einst mit seinem Weibe bewohnen, dort wurde Sara sein Alter pflegen; er sprach weiter, wie er manchen Baum gepflanzt hatte, um mit seinen Enkeln unter dessen Schatten zu spielen, und wie dort jenes Feld nur mit einer leichten Heke umzaunt ware, weil er, wenn die Wirthschaft grosser geworden ware, des Nachbars Grundstuke dazu gekauft haben wurde. Sara horte bang diesem hofnungslosen Herzahlen nie genossenen Glukes zu, und suchte, mit einem Herzen das fast von Wehmuth brach, seine Traume an die Zukunft zu knupfen. Seldorf hielt inne, und liess sie allein sprechen; ermuntert durch sein Stillschweigen, glaubte das gute Madchen, uber des Vaters finstern Damon zu siegen, als Seldorf langsam den Kopf schuttelte, und mit seinem matten erstorbnen Tone sagte: Du wirst bald vergebens meine Spur und meiner Traume Denkmaler hier suchen Diese Worte durchfuhren Sara mit einem Schauder, und unvermogend zu sprechen, verfolgte sie mit thranenschwerem Blik seinen wankenden Schritt, mit welchem er unter den Baumen verschwand. Sie sass lange in tiefem Gram versunken, als sie plozlich von einem Wortwechsel, und von der Stimme ihres Vaters erwekt wurde, welcher mit einer Heftigkeit und Starke, die ihr ganz unbegreiflich waren, sich zu verantworten schien. Sie eilte auf das Haus zu, und fand die Municipalitatskommission, deren Anfuhrer mit Seldorf im Streit begriffen war. Ungluklicher Weise fiel die Scene auf einem mit Baumen bepflanzten Plaze vor dem Hause vor, und hatte einen Haufen von Menschen zu Zeugen, die zum Theil nicht aus den besten Absichten den Kommissarien auf allen Tritten folgten. Seldorf hatte die ganze Zumuthung als einen Eingrif in das Eigenthumsrecht jedes Hausherrn angesehen, und die erste Anrede mit mehr Stolz als Gleichgultigkeit beantwortet. Uebrigens weit entfernt sich zu widersezen, befahl er alles Gewehr herbeizubringen; und ohne den unzeitigen Eifer von Berthiers Freund hatte die Sache hier endigen konnen; dieser konnte sich aber nicht enthalten, einige sehr beissende Anmerkungen uber die Zierlichkeit der wenigen Jagdflinten, die man ihm vorlegte, zu machen; muhsam an sich haltend, sagte Seldorf: um einem jungen Menschen auf der Jagd zu dienen, nahme man keine Musketen, und einen andern Gebrauch hatten diese Gewehre nie gehabt, denn sie gehorten seinem Sohn. Der unglukliche Name, und der Zusammenhang in welchem er hier vorkam, vermehrten die Bitterkeit des Kommissairs; bald erfolgte die Beschuldigung, es musste anders Gewehr im Haus verborgen seyn, und wie Sara herbei eilte, drang die Kommission in das Haus um es zu durchsuchen. Von Schreken ausser sich rief Sara um Hulfe, und hielt ihren Vater, der vor Wuth mit den Zahnen knirschend eines der vor ihm liegenden Jagdmesser mit seiner linken Hand aufnehmen wollte. Das umstehende Volk ward unruhig, ein Theil aus Schreken uber den Auftritt, ein Theil aus boshafter Freude am Unfug; hie und da wollte ein bestochner Taugenichts es aufhezen, die Abgeordneten der Nation zu vertheidigen, und war so frech zu versichern, dass eine aufgehaufte Rustkammer im Schloss verborgen sei. Um das Ungluk zu vollenden, eilten einige Bedienten des Hauses, die im Feld gearbeitet hatten, mit den ersten besten Waffen herbei, und stellten sich neben ihren Herrn; der Auftritt hatte nun wahrscheinlich eine blutige Wendung genommen, wenn nicht der alte Berthier auf den ersten Larm, der zu ihm gelangte, herzugeeilt ware, und mit der ihm eignen Geradheit die Hize der Kommissairs gemildert hatte. Er liess sie ihre Nachsuchungen fortsezen, fuhrte sie sogar in alle ihm bekannte Winkel des Hauses, und forderte sie endlich ernsthaft auf, vor dem namlichen Haufen, der die Beschuldigung angehort, Seldorf auch Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Zu einem solchen Schritt hatte aber Berthiers Freund nicht Biegsamkeit genug. Seldorfs heftige Aeusserungen schienen ihm so gefahrlich wie verborgne Waffen, und er kehrte mit einer sehr unuberlegten Ermahnung zu Seldorf zuruk. Dieser hatte in seiner kranken Hize Berthiers Dazwischenkunft, und sein Betragen gegen die Kommissarien, wovon die erschroknen Hausbedienten, welche Zeugen dabei waren, ihm einseitige und falsche Berichte hinterbrachten, ganz misverstanden; zu stolz um gegen den andern noch ein Wort zu verlieren, warf er mit ausbrechender Bitterkeit dem wohlmeinenden Alten sein treuloses Betragen vor, und nannte mit einer hohnenden Anwendung diese Misbrauche eine Geburt der neuen Freiheit. Der patriotische Kommissair schaumte; der alte Mann war uber Seldorfs Unvorsichtigkeit und Gefahr zu betroffen, um sich bei der personlichen Beleidigung aufzuhalten er wandte sich zu den Kommissairs, und sagte fast ruhig: der Mann ist krank; lasst ihn, ich burge fur ihn. Hierauf legte er seine Hand auf Sara's Schulter. Ich habe Rogers Stelle vertreten wollen, sagte er, suchen Sie mich wenn Sie mich brauchen. Er zog die Kommissairs mit sich fort; und jezt gelang es endlich dem armen geangsteten Madchen, ihren Vater zu bereden, dass er auf sein Zimmer gieng.

Der heftigen Aufwallung folgte eine so grimmige Bitterkeit, dass Sara es nicht wagen durfte, ihn allein zu lassen. Mit bangem Herzen duldete sie sein Schelten, seine Ungerechtigkeit, seinen Groll, und nahm zugleich mit unbeschreiblicher Angst wahr, dass bei einbrechender Dunkelheit Haufen von Mannern um das Haus schlichen, und von der Dorfschenke lautes Geschrei herschallte. Der Vater, welcher in seinem Unmuth ihren innern Kampf nicht bemerkte, und ihr sogar uber ihre Ruhe Vorwurfe machte, nahm ihr endlich zornig ein Buch aus der Hand, in welchem sie, um Fassung zu finden, einige Minuten gelesen hatte: Du bist gluklich, sagte er; die erdichteten Leiden deiner Bucherhelden trosten dich uber die Schmach deines Vaters aber schnell legte er das offne Buch, das er von Sara's Thranen uberflossen fand, vor sich hin, und blikte erschroken auf seine Tochter, die von Weinen erstikt und sprachlos vor ihm stand. Einige Augenblike stuzte er den Kopf auf beide Arme, dann stand er auf, fasste die Hande seiner Tochter, drukte sie an seine Lippen, und rief: verzeih, Sara! verzeih meinem wachsenden Elend! welches fuhlende Herz denkt sich nicht das Ende dieses Auftritts? Fast gluklich durch das Uebermaas seines Ungluks, weil er ein lebhaftes Gefuhl fur die Wurklichkeit darinn wiedergefunden hatte, schikte Seldorf sein geliebtes Kind fruh auf ihr Zimmer; und sie war so mude von Schmerz, dass sie die Nachricht einer Magd, das Dorf sei voll von fremden Mannern, die auf der Strasse herumschwarmten, kaum horte. Eh sie sich zur Ruhe legte, dachte sie noch einmal an Berthiers Worte: er hatte Rogers Stelle vertreten wollen. Ware er hier! seufzte sie leise und mit noch sehnlicherem, aber furchtsamerem Wunsche seufzte sie noch einmal: ware er hier! und hatte L***'s Bild vor der Seele.

Kaum hatte der erste Schlaf sich ihrer bemachtigt, als sie durch ein dumpfes Getose erwekt aufsprang. Plozlich wurde ihre Thure aufgerissen, und ihr Vater trat mit L*** herein: eile, rief er; wir mussen uns retten, die Ungeheuer sind schon nahe. Sara erblasste, fragte, warf ihren Mantel um, und fast getragen von L*** verliess sie das Haus. Gleich darauf schien ein tobender Larm anzugehen, sie sah Fakeln, horte Schusse fallen, und kam halb entseelt bei einer Chaise an, welche von einem Haufen von Bewafneten bewacht wurde, denen L*** sie und ihren Vater ubergab, sich sodann auf ein Pferd schwang, und in der dunkeln Nacht verschwand.

Sie fuhren einige Meilen, und hielten endlich bei einem abgelegenen zierlichen Hause still, wo jedoch keine Anstalt zu ihrem Empfang gemacht war; ihre Begleiter selbst schienen hier eben so fremd und verwundert als sie, und verlohren sich bald nach ihrer Ankunft. Sara's Empfindungen waren zu widersprechend, als dass ihre Fassung so bald hatte zurukkehren konnen. Der furchterlichste Augenblik ihres Lebens, das sicherste Ungluk hatte etwas susses fur sie, weil sie sich wieder unter L***'s Schuz gefuhlt hatte. Indessen war das Herz, das so innig liebte, nicht abgestumpft fur das Gefuhl dieses Ungluks; ihr erstes deutliches Bewusstseyn war der Anblik ihres Vaters, der mit finstrer Stirn und gluhenden Wangen heftig auf und nieder gieng; sie ergrif seine Hand: Vater, rief sie, ich bin nicht muthlos; verzeih diesen unwillkuhrlichen Schreken, der mich betaubte. Sage, wo sind wir? was drohte, was rettete uns? Drohen? antwortete Seldorf, und hielt in seinem raschen Schritt einen Augenblik inne, um seine von unnaturlichem Feuer blizenden Augen auf sie zu heften; die Menschen, die mich seit sieben Jahren Vater nannten, wollten den Vater im Schlaf ermorden Und L***? rief Sara zitternd. Ist ihr Helfershelfer oder mein Schuzgeist, murmelte er, und riss sich los, um seinen Gang fortzusezen.

Ihr Herz stand still, sie sezte sich an ein Fenster durch die Luft rauschte ein heftiger Gewittersturm, einzelne Blize erleuchteten eine ihr ganz fremde Gegend, und zeigten ihr Reiter und Manner, die an den Mauern der Hofgebaude hielten. Endlich horte sie, nachdem das Wetter einen Augenblik nachgelassen, eine grosse Pforte ofnen, es entstand ein verwirrtes Getummel von Menschen und Rossen, aber ein Bliz, der bald darauf folgte, liess sie nichts wahrnehmen als eine todte Leere uber dem ganzen Hof. Seldorf hatte sich auf einen Lehnsessel gestrekt, und war endlich nach unnaturlicher Spannung seiner Nerven in einen betaubten Schlummer gefallen. Rund umher ward es immer stiller, der Morgen brach an, Sara horte in der Ferne das Gebell der Dorfhunde, das Geklirr vorbeifahrender Akersleute. Sie konnte nun die Lage des Hauses unterscheiden, es war am Eingang eines Waldes, und nur mit Stallen umgeben; nach und nach vernahm sie dass man darinn munter wurde, sie horte einige Thuren auf und zuschlagen, sah Vieh aus den Stallen treiben endlich erschienen einige Reiter mit Jagdflinten bewaffnet, L*** war an ihrer Spize, sie sprengten in den Hof, bald eilten sie die Treppe herauf. Sara's Herz schlug ungestum. Mitschuldiger oder Schuzengel o ihr Herz hatte langst gewahlt, aber die Ungewissheit ihres Vaters scheuchte die reine Aeusserung ihres Kindersinnes grausam zuruk. Seldorf blieb in seinem matten Schlummer versunken; aber bei L***'s Eintritt war aus Sara's Herzen alles andre verschwunden, unwillkuhrlich blos von der Nahe ihres Schuzgeistes ergriffen, lief sie, so unbefangen als trate ihr Bruder herein, auf ihn zu ihre Hand lag in der seinigen, und wie er reden wollte, deutete sie mit der Heiterkeit eines Engels auf ihren schlafenden Vater. L*** verstand sie, fuhrte sie in das Vorzimmer, wo seine Begleiter im Hintergrund um einen Tisch mit Trinkgerath und Speisen sassen, und sezte sich neben ihr nieder.

Deutlich genug ist der Gang, den Sara's Herz genommen hatte, und die Stimmung in welcher sie sich jezt befand. Aber konnte es einen Bosewicht geben, der nicht wider Willen alle Seligkeit der Tugend geahnet hatte, indem das unschuldigste, reinste Geschopf das Bild der hochsten Tugend in ihm verehrte? Und wurklich war es nicht die Seele eines Bosewichts, die sich auf L***'s schonem Gesicht mahlte, wie er des entzukten Madchens Dankesthranen fliessen sah, wie er ihre Fragen beantwortete, wie er die schuldlose Unbefangenheit, mit welcher sie seine Hand an ihre Lippen drukte, so ehrfurchtsvoll und geruhrt zu empfinden schien. Sara erhielt nun die Auflosung des Rathsels, die ihr zerstorter Kopf so lange umsonst gesucht hatte. Der gestrige unglukliche Auftritt hatte bestochenen Aufruhrstiftern den abscheulichen Gedanken eingegeben, das gegen Seldorf entstandene Mistrauen zu reizen, und unter dem heiligen Vorwand des Patriotismus, sein Betragen als eine offenbare Auflehnung gegen die constituirten Autoritaten vorzustellen. Wie es schien, waren andre Bosewichter von demselben Schlag aus einem benachbarten Departement herubergekommen, und hatten eine Handvoll rustiger unzufriedner Burschen mit in das Komplott gezogen, indem sie ihnen vorgespiegelt hatten, es sei Pflicht gegen das Vaterland, einem so gefahrlichen Mann seine Mittel zur Contrerevolution zu nehmen, und man wolle das Haus blos von den darinn verstekten Waffen reinigen, damit der Befehl der Gesezgeber doch vollstrekt wurde, indem die dazu bestellte Kommission durch Gewalt zum Abzug genothigt worden ware. Einige von L***'s Jagern waren noch spat im Wirthshaus bei Seldorfs Gut gewesen, hatten etwas von jenem Vorhaben abnehmen konnen, und waren geeilt, es ihrem Herrn zu hinterbringen, der erst gestern von einer Geschaftsreise in dem Schloss eines benachbarten Freundes angelangt war. L*** erkannte die Gefahr des Augenbliks, Anstalten zur Gegenwehr waren nicht mehr zu treffen, und diese lagen ohnehin der Obrigkeit des Orts ob; er konnte also blos fur Seldorfs personliche Rettung sorgen. Er bat den Freund, bei welchem er war, um eine Kalesche und um Begleiter, und eilte nach Seldorfs Schloss, dessen Vorderseite schon von den Bosewichtern umzingelt war. Er erinnerte sich der Gartenpforte, durch welche er zuerst eingetreten war, brach hier durch, wekte Seldorf, der, von seinen Leuten verrathen oder verlassen, unbesorgt schlief, und uberzeugte den ungluklichen Mann bald von der Nichtigkeit eines Versuchs, den Rasenden ihr Unrecht vorzustellen. Das Haus, in welches er sie bringen lassen, war ein Jagdhaus, das einem seiner Freunde zugehorte, und zu keinem andern Gebrauch, als einzelnen Landfesten, oder hochstens einem Nachtlager bei Jagdpartien bestimmt war. Er versicherte Sara, das Ganze sahe noch viel zufalliger aus als es wurklich ware, weil die Leute im Haus nicht einmal etwas von ihrer nachtlichen Ankunft erfahren hatten, sondern sie erst jezt in seiner Gesellschaft angelangt glaubten; seine Freunde hatten alles allein besorgt, daher ruhrte auch der Mangel an allen Bequemlichkeiten die Nacht uber Wie? unterbrach ihn Sara, die Menge von Reitern, die diese Nacht den Hof anfullten, die Zeichen, die ich durch den Gewittersturm vernahm, konnten den Hausleuten unbekannt bleiben? Eine unmerkliche Veranderung gieng hier in L***'s Gesicht vor, er sah fest in Sara's Auge: was Reiter, liebes Fraulein? Meine Freunde blieben doch nicht so lange hier Nein, Ihre Freunde liessen uns ja allein, sie verloren sich in dem Augenblik da wir ankamen; wir blieben ja unbegreiflich einsam in diesem Hause; aber der ganze Hof war voll von Menschen, die scheu und heimlich ihren Pferden schmeichelten, dass sie still blieben, und ihre Waffen fest zusammen fassten damit sie nicht klirrten. Ach L***! diese Nacht, diese Reiter! Sie mussen mir verzeihen, wenn ich Verrath furchte sobald mein Schuzgeist fern ist Sie blikte ihn so bittend mit gefaltenen Handen an, als furchtete sie, sein Ohr mochte es horen, wie laut in diesem Augenblik die Worte ihres Vaters in ihrem Herzen wiederhallten. Gute Sara! sagte L*** voll Gute und Ruhe; armes banges Madchen, werfen Sie die Schreken Ihrer Einbildungskraft von sich, fuhlen Sie wie gefahrlich diese Furcht vor Verrath selbst in Ihrem schonen Herzen ist! Meine Freunde konnen sich des Gewitters wegen verweilt haben; ich hatte sie so ernstlich gebeten, Ihnen Ihren Vater allein zu uberlassen, dass sie alles gethan haben werden, damit das Haus nicht wach wurde. Sie wissen, wie wenig eine Zuflucht bei dem Vicomte *** dazu gemacht war, die Rasenden, die Ihnen drohten, zu besanftigen O so lassen Sie uns dies Haus verlassen! rief Sara erschroken; guter L***, unser Schuzengel, unser Retter! lassen Sie meinen Vater in sein Haus zurukkehren; die Menschen werden ihn ja nun in Ruhe lassen, sie haben sich ja nun uberzeugt, wie grausam falsch ihr Verdacht war. Sie weinte uber die neue Gefahr ihres Vaters, L*** fasste ihre beiden Hande, die sie gegen ihn aufhob: Meine Freundin, meine theure wurdige Freundin, ich will, ich kann Sie trosten und schuzen, aber ich fordere auch Muth.... ich habe noch nicht auserzahlt. Sie mussen Ihren Vater, mit der Ihnen eignen, liebenswurdigen Schonung vorbereiten .... zu einem langeren Aufenthalt hier oder an einem andern Ort, uber welchen wir einig werden mussen, uberreden .... sanftes, gutes Kind, Sie mussen es uber sich nehmen, ihm die Trennung von seiner ehemaligen Wohnung vorzuschlagen. Nie, niemals! das kann ich nicht, rief Sara; dort, sagte er noch gestern, wollte er leben und sterben; es wird bei seinem Erwachen sein erster Gedanke seyn, dahin zurukzugehen Er kann nicht, Sara! Seine Wohnung liegt in Asche, die Verwustung hat alles ergriffen: soll der alte Mann die rauchenden Trummer erblicken? Das unglukliche Madchen blieb versteinert, ihre aufgehobnen Hande sanken langsam auf ihren Schoos herab, auf ihrem bleichen Gesicht kampften Ergebung und Schreken; mit einem Strom von Thranen rief sie endlich leise aus: rauchende Trummer! Armer alter Mann, du selbst solltest noch vergebens die Spur deines Daseyns suchen? L*** verstand die Veranlassung dieser Worte nicht; aber dieses Gesicht, von welchem der Kummer so plozlich die Farbe der Jugend verwischt hatte, und das in seinem unaussprechlichen Schmerz doch so nahe an kindlichste Ergebung granzte, benahm ihm auf einen Augenblik die Fahigkeit, sie zu trosten. Seine Augen ruhten auf ihr, bis sie von Thranen verfinstert sich abwandten, er stand von seinem Siz auf, und gieng mit langsamen leisen Schritten vor Sara's Stuhle auf und ab. Sie weinte einige Augenblike sanft und still, horchte dann auf, und winkte L*** zu sich; sie stand auf, und indem sie auf das innere Zimmer zugieng, sagte sie mit ruhrender Fassung zu ihm: Jezt habe ich Muth! Mein Vater ist, glaube ich, aufgewacht, stehen Sie uns mit Ihrem Rathe bei. Sie fanden den armen Seldorf wurklich von seinem tiefen Schlaf erwacht, aber in einer Mattigkeit, welche die Erinnerung des vorhergehenden Abends sehr geschwacht zu haben schien; sein Wesen drukte mehr Verwunderung uber die Neuheit der Scene aus, und ein schwaches Lacheln von Freude, wie Sara vor ihm hinkniete, und seine Hande an ihre Brust drukend, nach seinem Befinden frug. Er erblikte jezt auch L***, und schien in dem Augenblik von einem unwillkuhrlichen Schauder uberfahren; die vergangne Nacht trat aus ihrer Finsterniss hervor, er fragte nach der Zeit, nach der Lage der Sachen; und Sara nahm mit einer Fassung, mit einer Leichtigkeit, durch welche sie sich aufzusparen schien, um nur in den Ausdruk ihrer Liebe ihre ganze Seele zu legen, das Wort, liess sich fur's erste in eine Erzahlung von der Entstehung des Aufruhrs ein, zog ihren Freund, der ihre Absicht schnell begrif und ihr beistand, mit in's Gesprach, und war geflissentlich so weitlauftig, dass sie Zeit gewann ihren Vater ein Fruhstuk einnehmen zu lassen, fur welches L*** gesorgt hatte. Ihre unglaubliche Empfanglichkeit machte dass sie den gewaltsamen Kampf, wo ihr Muth eben gesiegt hatte, in der Ruhe des Augenbliks vergass. Die heiterste Luft fachelte durch die offenen Fenster ihr heisses Gesicht, das Gerausch einer landlichen Wirthschaft zauberte ein seltsames Gefuhl von hauslichen Freuden in ihr hervor, die Gegenwart ihres Geliebten, der mit zartlicher Bangigkeit vor dem Ausgang seine Blike kaum von ihr verwandte, und ihr in dem fremden Aufenthalt hundert kleine Dienste leistete, wiegte sie tauschend in die anfangs erzwungne Stimmung ein; kurz alles riss das uberspannte Geschopf zu einer Heiterkeit hin, die unter diesen Umstanden zu sonderbar war, um von Seldorf ganz unbemerkt zu bleiben. Er blikte sie ein Paarmal halb fragend an; diese Blike und L***'s zartliche Geschaftigkeit riefen durch eine ganz entgegengesezte Ideenverbindung jenen Abend in ihr zuruk, wo der alte Berthier ihr und Rogern so ungewiss zusah, wo Theodor aus dem vaterlichen Hause entwich, und wo der erste Pfeil ihres armen Vaters nun fast verblutetes Herz traf. An jenem Abend, so qualend er war, ahnete sie noch keine so finstre Zukunft! Und alles, alles, was sie damals liebend qualte, war nun dahin Theodor, Roger! beide fern und entfremdet! Und jenes Haus, jene Garten! L***, der allen Bewegungen ihrer Seele folgte, und diese Wolke vor ihren Geist treten sah, wekte sie aus dem Trubsinn, in welchen sie verfiel, durch eine zufallige Frage, die zwar ziemlich gleichgultig war, aber der Wohllaut der Liebe in seinem Ton erinnerte sie dass sie jezt ein Gefuhl gewonnen, das sie an jenem Abend, welchen sie im Begrif stand fur den lezten ihres Gluks zu halten, noch nicht gehabt hatte sie dachte nicht weiter, sonst hatte sie sich uber diesen Leichtsinn Vorwurfe gemacht; aber sie fuhlte sich gestarkt, und glaubte sich eine Heldin, da sie doch nur liebte.

Bei dem Fortgang des Gesprachs zeigte es sich, dass die furchterliche Nachricht, welche Seldorf von der Verwustung seines Schlosses erhielt, ihn nichts weniger, als unerwartet traf. Seine Bitterkeit hatte das Schreklichste schon vorausgesezt, und er bat mit einer Ruhe, die Sara's Herz durchbohrte, man mochte nur Erkundigungen einziehen, ob gar nichts gerettet ware, nicht etwa soviel, dass er mit seinem Kinde irgendwo auf dem Lande unterkommen konnte, bis er Mittel gefunden hatte, einen Theil des kleinen Kapitals, das er in Paris stehen hatte, einzunehmen. Es war dein Erbtheil, mein Kind, sagte er, indem er sich gegen Sara wandte; du wirst es als eine Erleichterung in deinem Ungluk fuhlen, deinen Vater mit deinem Vermogen zu ernahren. Sie dankte ihm voll Wehmuth, und beschaftigte sich nun ernsthaft mit L***, einen Aufenthalt fur die Zukunft ausfindig zu machen. Er erbot sich sogleich, nach seines Freundes Schloss zurukzukehren, um von da aus die etwa geretteten Trummer von Seldorfs Habseligkeiten an sich zu ziehen, und Berthiers Rath uber die Vergutung des Schadens einzuholen. Der an Leib und Seele kranke Mann liess bei Berthiers Namen die erste Spur von Leidenschaft wieder bliken, nachdem er den Brand seiner Wohnung, die Verwustung seines Jahre lang gepflegten Gartens mit todter Resignation erfahren hatte, entzundete Bitterkeit wieder das erste Funkchen Feuer in diesem Herzen, das sonst nur der Liebe offen war. Er verbat sich heftig jede Gemeinschaft mit Berthier, und erzahlte L*** mit leidenschaftlicher Verblendung den traurigen Auftritt, in welchem er den redlichen Greis so unbillig verkannt hatte. L*** las in Sara's Blik, wie unendlich sie litt, und wie herzlich sie auf Berthiers Hulfe traute, aber Seldorfs ungluklicher Zustand vertrug keinen Widerspruch.

Noch am Abend desselben Tags eilte L*** nach der Brandstatte, und fand wurklich alles verwustet. Die Rasenden hatten den Wink heuchlerischer Anstifter nur zu gut befolgt. Wehe dem Menschen, der diese Werkzeuge der Holle zur Vollstrekung seiner Plane braucht! Er giebt die Fakel der Rache in die Hand des Unverstandes, und jedes Unheil, das daraus entsteht, lastet auf der Seele des Frechen, der bei menschlichem Beginnen Gottes Allmacht nachaffen, und die Leidenschaften der Menschen gebrauchen wollte, wie Thau, Gewittersturm und Sonnenschein, um das Saatkorn zu pflegen, das er ausersah. Wehe ihm, wenn es ihm gelang die Menschheit abzulegen, und fuhllos uber dem Schauplaz seines Handelns zu schweben; aber zehnfach Wehe, wenn der Anblik ihm noch Thranen entlokt, denn von dem ausgedorrten Boden, worauf sie fallen, konnen sie nimmer die Vergangenheit abwaschen! Das freundliche Haus, wo man ihn sonst so gastfrei aufnahm, die bluhende Natur umher, alles war eine gestaltlose, grause Masse von Schutt und Verwustung. Die Mauern, die gestern noch mit schuzendem Epheu umwunden unter den hohen Linden hervorblikten, standen jezt schwarz und halb eingesturzt neben den abgebrannten Stammen. Der schattige Gang nach dem Garten war vom niedergerissenen Gestrauch versperrt; den Bogengang, durch welchen er zuerst hier eingetreten war, fand er von Zweigen entblosst, und an der niedergesturzten Brunnensaule sammelte sich das Wasser in einen schmuzigen Pfuhl. L*** wandelte schaudernd unter den Ruinen umher; aus seinem Gesicht leuchtete nicht die Seele, welche in Sara's Herzen Ruhe, Vertrauen und Hofnung gezaubert hatte. Er sah duster und scheu, wie ein Morder, der noch einmal an den Leichnamen seiner Erschlagnen vorbei muss: ein Luftchen, dessen Wehen ihr blutiges Haar bewegt, erstarrt sein Herz und ein Schauder, dass ihm die Stimme versagte, ergrif L***, da Sara's Hundchen winselnd aus einer verfallenen Thure kroch, und den alten Hausfreund erkennend, mit einer zerbrochnen Pfote zu ihm hinkte, und seine Fusse lekte. Er nahm das arme Thier schnell auf den Arm, und eilte nach Berthiers Wohnung. Der Alte empfieng ihn weniger unbefangen als mit Fassung und Wurde. Er wusste zu L***'s Erstaunen die Art von Seldorfs Rettung und seinen Aufenthalt; er gieng sogleich mit ihm in die naheren Umstande seines Verlustes, und in die Moglichkeiten ein, seine Landereien zu retten. L*** vermochte nicht den tiefen Eindruk zu verbergen, welchen die Brandstatte in ihm hervorgebracht hatte; da liess der Greis seinen himmelklaren Blik auf ihm ruhen, als hatte er den Faden zu seinen innersten Gedanken, und mehr ernst wie bedeutend sagte er: Auf dem Wege wo wir wandeln, werden wir noch manche Brandstatte vorbeigehen, und manche Verwustung lenken. Flammend sah ihm L*** in's Auge, und sprach: Alter Mann, geh neben mir, der Brandstatten werden weniger seyn Berthier nahm seine Muze ab, und legte seine Hand auf sein schneeweisses Haupt: Junger Mann, dieser Kopf wusste fast neunzig Jahre allein frei zu seyn. Geh deinen Weg; wir kennen uns nun. Nach einer tiefen Stille von einigen Sekunden nahmen beide das Gesprach uber Seldorfs Angelegenheiten wieder auf, und Berthier erbot sich unter einem angenommenen Namen Seldorfs Guter zu verwalten. Die Sache wurde bei der Commune abgethan, deren Mitglieder allen Verdacht auf ihren ungluklichen Mitburger von sich ablehnten; und L*** hatte die Freude seiner Sara denn dass sie sein Eigenthum war und seyn musste, das sagte ihm jeder Augenblik, den er mit ihr gelebt hatte seiner Sara Zukunft vor Mangel zu schuzen. Er kam auch wegen eines Aufenthalts uberein, den man Seldorf in demselben Distrikt, wo er immer gelebt hatte, verschaffen sollte, und aus welchem er, sobald es seine Gesundheit erlaubte, sein Gut wieder besorgen, und dem Aufbau eines neuen Wohnhauses vorstehen konnte.

Den armen wiedergefundenen Hund gab L*** seiner Pflegerin zuruk, er war ein Geschenk von Roger, er entkam aus der Verwustung ihres Hauses, er war von der geliebtesten Hand gerettet worden welche Anspruche an ihr fantastisches Gefuhl! Die kleine Familie wurde nach wenigen Tagen bei Varnier, dem ehemaligen Pachter eines adlichen Hauses, welcher durch den Lauf der Revolution und durch ansehnliche Schuldforderungen an seine Herrschaft ein unabhangiger Eigenthumer geworden war, auf eine bequeme Weise untergebracht. Seldorf bestand auf eine strenge Einschrankung, ohne welche er sich bei seiner mistrauischen, einsamen Laune nie ohne Zwang und Verbindlichkeiten gefuhlt hatte. Sara sah sich in ein kleines Hauschen verbannt; aber sie ersezte ihrem Vater alles, was ihm an Bequemlichkeit abgieng, und ihr ersezte die Liebe alle Freuden der Vergangenheit, wie sie das Andenken aller Schreken derselben versusste. Seldorfs Gesundheit war so zerruttet, dass sich kurz nach seinem Einzug in die neue Wohnung ein zehrendes Fieber bei ihm einstellte, welches seine Leidenschaften, aber freilich auch alle Kraft seiner Seele ausser Thatigkeit sezte. Jede aussere Beruhrung war ihm schmerzhaft, und die abgestorbne Mattigkeit seiner Tage wechselte nur mit der kranken Lebhaftigkeit einiger Abendstunden ab, wo die Fieberhize alle Bilder seines Gehirns aufregte, ohne dass sie bei seinem erschopften Korper zu etwas mehrerem als Fantasien wurden. Sara pflegte ihn bei seiner Schwache, und in den Zwischenraumen ihrer Thatigkeit suchte sie seine Einbildungskraft auf beruhigende Gegenstande zu lenken. Wie ein guter Engel wachte sie an seinem Lager uber seine Traume; L***'s Beifall und seine kurzen Besuche waren ihr Lohn, ihre Erholung. Ihr Verhaltniss, der Zwang, den ihr ihres Vaters Krankheit auflegte, selbst der Reiz des Geheimnisses, wozu sie aus Schonung bei vielen ihrer Handlungen genothigt war, stifteten den innigsten Bund zwischen dem Geliebten und ihr. Es war nie ein Gestandniss vorgefallen, man hatte sich nie erklart, man hatte sich nie etwas versprochen; aber im reinsten Einverstandniss, das Geist und Herz zwischen einem Weib und Mann hervorbringen konnen, nannte sie ihn Freund, und verbarg sich nicht aus falscher Scham, dass er mehr wie das, dass er Herr ihrer Liebe und ihrer Sinne war. Ihr reines Herz erschrak nicht davor, sich nach dem Mann zu sehnen, den sie zuerst, einzig, und auf ewig liebte. Dass er sie zu seinem Weib machen wollte, hatte er ihr nie gesagt; dass er sie aber wie seine Gattin ehrte, nahm ihr Verstand wahr, und dass sie nur die Seine und nie eines Andern seyn konnte, wusste ihr Gewissen. Von aller Gemeinschaft mit dem Wohnplaz ihrer Jugendjahre getrennt, eingeschrankt und einsam, duldete sie in stillem sanftem Frieden manches Leiden, und vergass die finstre Zukunft uber dem Trost, den die Gegenwart ihr darbot.

Seit der ungluklichen Begebenheit, welche Seldorf aus seiner Heimath vertrieben hatte, waren mehrere Wochen verflossen, und er hatte immer vergeblich auf Antwort von seinem Wechsler in Paris, bei welchem die fur Sara's Erbtheil bestimmte Summe niedergelegt war, gewartet. Etwas Papiergeld, das er auf L***'s Erinnerung bei seiner Flucht gerettet, und einige Juwelen hatten ihm bis jezt die Mittel zu seiner Einrichtung und seinem Unterhalt verschaft; endlich fieng er aber an unruhig zu werden, und wendete sich an einen alten Bekannten in der Hauptstadt, um einen Aufschluss uber das Stillschweigen zu erhalten. Sara bemerkte, dass ihr Vater nach bald einlaufender Antwort sichtbar finsterer wurde, und sie theilte ihrem Freund ihre schweren Ahnungen uber den Gegenstand von ihres Vaters Sorgen mit. Sich vor Mangel zu furchten, kam der einfachen Seele nie ein; sie erbat und empfieng mit kindlicher Bescheidenheit L***'s Unterstuzung, und glaubte, ihre Pflicht gebote ihr den kleinen Betrug, durch welchen sie ohne sein Vorwissen ihres Vaters Kasse schonte. Aber immer dichter wurde die Wolke, die seine Mattigkeit in Unruhe, seine kranke Heiterkeit in heftige Fiebertraume verwandelt hatte; nachdem wieder einige Wochen so vorubergegangen waren, brachte ihm Sara einst, mit bangem Zittern vor dessen Inhalt, ein Paket das mit der Pariser Post einlief. Seldorf hielt es lange in der Hand, besah das Siegel und die Aufschrift, und legte es endlich auf den Tisch vor sich hin. Mit unruhiger Erwartung machte sich Sara einige Geschafte im Zimmer, und fragte endlich furchtsam: willst du nicht lesen, ehe ich dir dein Abendbrod bringe? Nein, meine Liebe! antwortete Seldorf; es kann viele Briefe enthalten, es kann mich storen, und ich habe Lust heiter zu seyn. Komm, seze dich zu mir; wir wollen nach dem Abendessen die Briefe ansehen. Sara wusste nicht, ob sie sich uber diese Fassung freuen, oder darum noch banger seyn sollte; sie fasste aber mit herzlicher Theilnahme seine Absicht auf, und suchte ihm den Abend durch ihre Heiterkeit angenehm zu machen, so deutlich sie auch wahrnahm, dass er, so oft sein Auge auf die Briefe fiel, gegen eine unwillkuhrliche Furcht arbeitete.

Er betrog sich selbst durch eine lange und muhsam fortgesezte Unterredung, und erbrach endlich mit einer geflissentlichen Zerstreuung die Briefe, die er im Gesprach mit den Augen durchzulaufen anfieng. Sara's Herz klopfte, da sie seine Stimme immer ungleicher, seine Reden immer unzusammenhangender werden horte; endlich dekte Todtenblasse sein Gesicht, er las schweigend fort, athmete tief, schlug sich mit dem zusammengelegten Papier vor die Stirn, und stiess einige unverstandliche, abgebrochne Reden aus, worunter Sara nur die Worte unterschied: Weib, Weib! Geht die Rache aus deinem Grab hervor? Sara bat umsonst, bedekte umsonst seine Hande mit ihren Kussen, suchte umsonst die unseligen Papiere vor ihm zu verbergen; er stiess sie matt zuruk, und rief endlich mit erzwungner Festigkeit: ich will lesen! Er las, dachte nach, rief: Nie! nie! .... dieses verhasste Geschlecht! Das Blatt fiel ihm aus den Handen: Ungluklicher! .... Sara du bist eine Bettlerin. Dein Bruder hat dir dein Eigenthum gestohlen Ich verzeihe ihm, mein Vater! Ich will arbeiten; es soll mir nie fehlen, es soll dich nie schmerzen, und ihn nicht reuen. Hore nur dein Kind, und verschliesse mir dein Herz nicht Es war unmoglich, dem dringenden sanften Flehen zu widerstehen; es war dem gebrochnen Herzen des armen Seldorf unmoglich, den Trost ganz von sich zu stossen, den ihm sein weinendes Kind in der Fulle ihrer Liebe bot. Sara, sagte er nach langem Kampfe mit sich selbst, dein Bruder zwingt mich, den Schleier zu zerreissen, mit dem ich von jeher meine Vergangenheit umhullte, und sie nach meinem Tod auf ewig zu vertilgen hofte. Nicht meine Schande habe ich vor euch geheim gehalten, sonst hatte jedes Zeichen eurer kindlichen Ehrfurcht mein Gewissen emport; aber mein Ungluk sollte euch unbekannt bleiben, die Welt sollte euern jungen Herzen nicht als das Grab meiner Seligkeit, die Menschen nicht als die Morder meiner Ruhe erscheinen. Von Tauschung zu Tauschung verfuhrt, fuhle ich schon lange dass die lezte nur im Grabe verschwinden wird. Mag es dann aber noch einmal Tauschung seyn! Mit Schande sollst du mein Elend nicht kronen, thoriger Bube! Du sollst deinem Vater, du sollst der Natur, oder deinen unsinnigen Entwurfen entsagen Seine truben Augen gluhten, indem er dies sprach, und er hob drohend seinen zitternden Arm auf, als stunde Theodor vor ihm. Er reichte nun seiner Tochter einen langen Brief ihres Bruders hin, und befahl ihr, ohne eine einzige Frage an ihn zu thun, denselben zu lesen; er wurde ihr nachher durch die Erzahlung seiner fruheren Geschichte die Ursache seiner Bewegung erklaren. Opfre mir diese Nacht deinen Schlaf, sagte er, und zeigte auf seine Uhr, nach welcher es fast Mitternacht war; ich muss eilen ihn zu retten, wenn er noch zu retten ist; ich muss eilen, eh diese lezte gespannte Kraft niedersinkt Er drukte Sara's Hand an seine brennende Stirn; sie las.

Dieser Brief, der im Original, ausser einer Menge uberflussiger Details, viel politisches Raisonnement, und dunkle Hindeutungen auf die verworrnen Plane enthielt, zu denen Theodors fantastische Grundsaze und hochfliegende Erwartungen sich so leicht misbrauchen liessen, kann hier nur theilweise geliefert werden. Die hauptsachlichen Plane aller Parteien in der grosen, noch unentschiednen Sache des Menschengeschlechts sind bekannt genug; und um die Verirrungen und das Elend einiger unbekannten Ungluklichen aus der zahllosen Menge derer, die in den lezten funf Jahren litten, zu bemitleiden, braucht man die verworrnen Faden der Ehrsucht und der Falschheit nicht zu verfolgen. Theodors Ungluk und Fehltritte entstanden nicht aus seiner Lage in der Hauptstadt, er brachte den Keim dazu in seinem Herzen mit; und er hatte des Grafen von Vieilleroche Schwiegersohn oder Chabots Schwager seyn mogen, er ware doch nie in der Einfalt des Geistes gewandelt.

Theodor an seinen Vater.

"Ihr lezter Brief, mein geliebter Vater, und noch mehr die Erkundigung, die Sie durch Herrn von Montgrand meinetwegen haben einziehen lassen, uberzeugen mich von meiner Pflicht, Ihnen so weit es heiligere Pflichten zulassen, das Geheimniss meiner Lage zu entdeken. Da Sie mich zur Wahrheit und Offenheit aufzogen, so mussen Sie fuhlen wie schwer die Nothwendigkeit, bis jezt zu schweigen, mich drukte, und wie wichtig meine Grunde dazu seyn mussten. Sollte ich mich Ihnen nicht ganz verstandlich machen, sollte mir Ihr Beifall fehlen, so beschwore ich Sie, theilen Sie wenigstens die hohe Ruhe meines Bewusstseyns, meiner Ueberzeugung und meinem Konig mein Leben geweiht, und vielleicht sogar meine Pflichten zum Opfer gebracht zu haben. Lesen Sie die folgenden Blatter, und urtheilen Sie selbst.

Ich verliess meine Heimath mit dem unbestimmten Verlangen, eine Richtschnur meiner Handlungen, einen festen Punkt fur meine Grundsaze, einen Wurkungskreis fur meine Krafte zu finden. Ihr ewig verehrter Wille war es nicht, mir durch Ihre Erfahrungen fortzuhelfen; aber Sie hatten mir den Gehorsam zu werth gemacht, als dass ich mich einer Herrschaft, deren Weisheit ich anerkannte, hatte entziehen liebe fur Freiheit und Gleichheit verlezte zu oft mein verfeinertes Gefuhl fur das Schone und Erhabne, als dass nicht immer gewisse Ahnungen in mir gelegen hatten, die nur einer gluklichen Entwikelung durch den Zufall bedurften, um mich meinen ganzen Beruf als Vertheidiger eines beleidigten, edeln Konigs fuhlen zu lassen.

Von diesem unerwarteten Zufall, der mir eine wurdige Laufbahn ofnete, bin ich Ihnen, mein theuerster Vater, Rechenschaft schuldig. Ich langte in Paris an, ohne alle Bekanntschaft, ohne alle Lokalkenntniss; ich folgte dem Strom des grossen Haufens, der bald hier bald dort hintrieb, besuchte offentliche Oerter, beobachtete die Vorubergehenden, und fieng schon an, mich in diesem Gewuhl einsamer als in einer Wuste zu fuhlen. Die verschiednen Meinungen, die ich um mich her aussern horte, waren wie Irrlichter, welche den Wandrer verwirren, indem sie ihm mehrere Ziele auf einmal zeigen. Eines Abends stiess ich in den Elisaischen Feldern auf eine Gruppe von Leuten, die, um einen Mann versammelt, heftig gegen ihn stritten, und ihn mit den leidenschaftlichen Ausdruken belegte, welche die getreuen Anhanger unsers guten Konigs seit einiger Zeit von der Wuth des Pobels leiden mussen. Er ward beschuldigt, Botschafter der Emigrirten zu seyn, verfangliche Briefe zu bestellen, und dergleichen mehr; im Vorbeigehen sah ich ihn seine Roktaschen umkehren, wahrscheinlich zum Beweis dass er keine Papiere bei sich truge; der Mann ward alsdann von dem Haufen fortgefuhrt, und ich verfolgte meinen Weg. Kurz darauf da ich funfzehn bis zwanzig Schritte weiter durch das Gras gegangen war, sah ich etwas farbiges zu meinen Fussen liegen: es war ein kleines buntes Sakchen, worinn ich etwas rundes, wie eine Geldmunze, fuhlte. Neben mir war eine Allee von hohen Baumen, in welcher nur wenige Fusganger wandelten; ich sezte mich hier auf eine Bank, um die verschlungene Schnur des Sakchens aufzulosen, weil ich es fur erlaubt hielt, den Sparpfenning eines Schulknaben, wofur ich es hielt, in naheren Augenschein zu nehmen. Ich zog eine Munze von der Grosse eines drei Livresstuks, mit dem Bildniss der heiligen Jungfrau heraus, und ein kleines Blatt Pergament, worauf ein mit einem Pfeil durchbohrtes Herz gemahlt war. Der abentheuerliche Fund beschaftigte mich noch, als ein Mann, den ich schon ein Paarmal hatte vorbeigehen sehen, sich neben mich sezte; ich schob meinen Hut auf die Seite, um ihm Plaz zu machen; indem er aber blos seine Knieschleife band, sagte er mir in's Ohr: "um Gottes willen, es geht auf Leben und Tod!" stand auf, und gieng mit einer leichten Verbeugung hinweg. Anfangs ergrif mich der leise Zuruf; als ich aber den Mann so sorglos seinen Gang fortsezen sah, hielt ich ihn fur verwirrt, und suchte mein Beutelchen, um den symbolischen Schaz, aus welchem ich nicht klug werden konnte, wieder hineinzusteken. Da ich es nicht gleich wieder fand, grif ich mit der Hand zwischen der Bank und dem daranstossenden Baumstamm, weil ich es mit meinem Hut heruntergefallen glaubte; ich zog es wurklich da hervor, und fand zugleich einen Brief, der, obschon zugesiegelt, ohne Adresse war. Jezt klopfte mein Herz, denn ich konnte mich nicht enthalten, den Inhalt des Beutels, den Ausruf des Unbekannten, und diesen Brief in Verbindung zu bringen. Ich stekte meinen doppelten Fund schnell ein, und eilte nach Haus, um mit mir selbst zu berathschlagen, was Klugheit und Ehre mir unter diesen Umstanden gebieten mochten. Bald ward es mir klar, dass ich den Brief ofnen durfte und musste. Ich that es, und fand ein Blatt, das wie der Inhalt zeigte an denjenigen gerichtet war, welcher die Munze und die kleine Miniatur besasse; und aus einigen Umstanden musste ich vermuthen, dass der Mann, den ich einige Minuten vorher vom Volk hatte mishandeln sehen, der Besizer dieser Erkennungszeichen war, und vermuthlich Geschiklichkeit genug gehabt hatte, sie beizeiten von sich in das hohe Gras zu werfen; der Unbekannte aber mochte mich, weil der Zufall sie mir in die Hande gespielt hatte, und er bei jenem Auftritt nicht gegenwartig gewesen war, fur den namlichen gehalten haben, dem er den Auftrag hatte, den Brief zuzusteken, und der besser darauf vorbereitet seyn musste, als er mich, nach meiner unvorsichtigen Art mit dem gefahrlichen Geheimniss umzugehen, wurklich fand. Den ubrigen Inhalt des Blattes muss ich verschweigen; durch den Zufall, der dasselbe und ein Paar andre dabei gelegne Schriften in meine Gewalt brachte, fand ich mich so gluklich, Personen zu retten, denen ich meine jezige Wurksamkeit zu verdanken habe."

Hier folgte eine weitlauftige Zergliederung des royalistischen Systems, dem Theodor mit der treuen Ergebung eines Sully, und der Blindheit eines jungen Ehrgeizigen anhieng. Seine ganze Erzahlung, sein ganzes Raisonnement bewies deutlich dass bei manchen von den wichtigsten Anhangern dieser Partei selbst eben so viel Schwarmerei als Ehrgeiz im Spiele war; sonst hatten sie nicht so ungepruft den Talenten eines Junglings vertraut, der ohne Erfahrung und Menschenkenntniss leicht jedem geschikteren Menschenangler in die Hande fallen konnte. Mit Theodor gelang es ihnen indessen vollig, er ergab sich ihnen mit Ehre und Gewissen; und die heilige Genovefa glaubte kein gottgefalligeres Werk zu thun, indem sie ihre Schiffer so theuer bezahlte, als der verblendete Jungling, indem er, bald Spion bald Verrather uber die Granzen reiste, in den Provinzen umherstrich, und das Feuer verbreiten half, das zu loschen nun schon Strome von Blut nicht hingereicht haben. Ein Wort des kunstreichsten aller Weiber, ein Blik von ihr, in welchem wo es nothig war eine Thrane des Dankes glanzte, ihre ruhrenden Aufforderungen im Namen ihrer reizenden Kinder, entzundeten in diesem, wie in manchem starkeren und reiferen Kopf eine Begeisterung, die gluhender war, als die himmlischen Visionen um derentwillen mancher Martirer sich in den Scheiterhaufen sturzte. Nachdem die Flucht des Konigs mislungen war, arbeitete man unermudlich an andern Entwurfen. Theodor erhielt Auftrage nach **, und dort hatte die unverbesserliche Thorheit der ** ihm bald die Augen geofnet, indem sie seinen, nun fast zur Hohe der Sphare, in welche er sich verloren hatte, emporgewachsenen Stolz beleidigte. Die ** achteten eines Abgeordneten wenig, der ohne glanzende Titel mit aller Warme eines redlichen Dieners die Vortheile seines Herrn sich angelegen seyn liess; und er hatte auf dem Schauplaz des Grauels einer gewissen Anstekung nicht entgehen konnen, die gegen die bei Zeiten gerettete Glaubensreinheit der ** und ihres Gefolges genug anstiess, um ihn in ** bei einem Haare in den Ruf eines **** zu bringen. Die Nebenabsichten mancher seiner Helden erschienen ihm bei der hohnischen Behandlung, die er erfuhr, in einem weniger trugenden Lichte, und er stuzte vor der Aussicht, die vor ihm zu dammern anfieng. Ungluklicher Weise ausserte er die Betrachtungen, die in ihm aufstiegen, ohne alles Hehl gegen seine Obern, und sie erschraken, einen Menschen, dem so wichtige Geheimnisse anvertraut waren, am Rand eines Abwegs zu sehen. Er ward sogleich zurukgerufen, und durch einen neuen Zauber gefesselt. Sein ganzes Wesen und seine Kenntniss der deutschen Sprache, die er seinem Vater zu verdanken hatte, machten ihn fur Geschafte an deutschen Hofen vorzuglich geschikt: es sollte ihm jezt ein solches aufgetragen werden, dessen Wichtigkeit einen Vertrauten zu fordern schien, der mit den unaufloslichsten Banden an den Hof gefesselt ware. In dieser Ruksicht verstand sich der Graf Vieilleroche zu dem Opfer, Theodorn als seinen Schwiegersohn anzunehmen.

So verlieren diese Menschen den einfachen Faden der Glukseligkeit immer unwiederbringlicher im Labirinth des Lebens! Wie hatte jene Zeit sich verandert, da Seldorfs Familie ihre Freuden und ihre Pflichten noch in dem kleinen Kreis ihrer landlichen Heimath beschrankte; da sie das Bewusstseyn hatte, durch Liebe und Gute mit der Menschheit abgerechnet zu haben; da Theodor an Rogers Arm zur heitern Sara eilte, und Seldorfs still leidendes Gesicht von dem Lacheln der Hofnung erhellt wurde! Jezt keimte uber dem Schutt von Seldorfs Haus das Gras langsam empor, weil Hofnungslosigkeit die Hand des Eigners gelahmt hielt; Sara weinte am Krankenlager des vom Kummer entstellten Vaters, und hinter ihrem schonsten, trostendsten Gefuhl lauerte ihre kunftige Holle; Roger lenkte mit wundem Herzen alles Feuer seines Willens und die feste Redlichkeit seiner Grundsaze auf ein blutiges unsichres Ziel; und Theodor wurde das blinde Werkzeug des selbstsuchtigen Stolzes und der Unterdrukung, er dunkte sich uber die Schwachen der Menschheit erhaben, indem er aus kaltherzigem Ehrgeiz der hirnlosen Erbin eines grossen Namens seine Hand gab, indem er einem Geschopf ohne Tugend und Weiblichkeit zuschwor, nie einer andern zu gehoren. Wir wollen ihn selbst horen die Tauschungen auseinander sezen, in welche er sich wiegte.

"Der erste Vorschlag dieser Heirath uberraschte mein eigennuziges Herz. Ich hatte das Fraulein Vieilleroche bei einigen Gelegenheiten gesehen; und von dem Augenblik, da ich sie mir als meine Gattin dachte, drangte sich Sara's Bild neben sie, und mit allen Reizen der weiblichen Tugend umstrahlt, schien ihr Vestalinnenblik mich zu fragen: ist dieses das Ideal, das deine Sara verdrangen darf? Mit Schauder sah ich die mir bestimmte Braut neben diesem heiligen Bilde; wenn es meinem Auge gelungen war, durch die Verstellung der Kunst bis zu ihrem wahren Gesicht zu dringen, so scheuchte mich ihr kalter, unstater, Lebhaftigkeit nachaffender Blik, und die blasse Wange, und der erschlafte, nichts sagende Mund, auf welchem leeres Lacheln und die Harte des Stolzes abwechseln O mein Vater, hatte ich fur dieses Weib mein Herz neu und meine Sinne rein erhalten in meiner gluhenden Jugend? Ich zerfleische wieder mein innerstes Gefuhl, indem ich Ihnen die Grosse meines Opfers schildre. Um mir aber einen Schwiegervater, eine ganze Familie zu verbinden, deren Ehre und Sicherheit es ihr nun zur Pflicht auflegen, mir in meinen Unternehmungen beizustehen, um die Stuzen des besten Konigs, der erhabensten Frau fester zu grunden, siegte ich uber mein widerspenstiges Herz. Ich schied auf ewig von allen Anspruchen auf hausliches Gluk Vater! moge Sara Ihnen bald mit einem wurdigen Gatten die Schwiegertochter ersezen, die Ihrem Herzen ewig fremd seyn wird! Es war eine Zeit, wo ich ihn zu wissen glaubte, den Mann, mit welchem ich den Namen Ihres Sohnes zu theilen gewunscht hatte; jezt musste ich zittern, wenn mich meine angebetete Schwester zwange, in meinem Bruder einen Rebellen zu erkennen.

Ich kann mich uber so manche, zum Theil ausserst peinliche Schritte, zu denen mich meine Lage und meine Ueberzeugung zwingt, nicht deutlicher erklaren. Verzeihen Sie Ihrem Sohn die lezte Schwache, die er sich erlaubt: Ihnen zu sagen, dass es schwere Pflichten sind, die mir geboten, so manche Neigung zu erstiken, so manches schone Gefuhl meines Herzens zu ewigem Schweigen zu verdammen, so manchen lange geehrten Grundsaz beyseite zu stellen, und mir fur diese eiserne Zeit so zu sagen ein neues Gewissen zu machen Die Weichheit, welche diese Klagen verrath, ist nicht in meinen Handlungen; ich gehe muthig auf meiner Bahn fort. Sturzen wir die Rotte von Elenden und Schwarmern, die sich zwischen das betrogne Volk und dessen gutigen Vater gelagert hat, so ist mein Loos das schonste, hochste! Und sinke ich fruher an den Stufen des erschutterten Throns, so entschadigt mich ein Blik des vortreflichsten Konigs, den er meiner Treue nicht versagen wird.

Ihr Wechsler wird Ihnen berichten, dass er das Kapital, welches er von Ihnen in Handen hatte, auf meine Veranstaltung als Darlehn ausgeliefert hat, wo es fur das Herz eines treuen Burgers die reichsten Zinsen tragt. Ich weiss, dass mein Vater diesen Lohn seiner geleisteten Dienste willig dem Wohl des Vaterlandes aufopfern wird. Durch eine glukliche Wendung der Dinge werden Sie mehr wie entschadigt, und meine edle Schwester beklagt es sicher nicht, dass sie ihrem Bruder dazu verhalf seinem Herrn zu dienen. Ihr Wechsler, welcher der guten Sache ganz ergeben ist, hat keine Schwierigkeit gemacht, meine Ordre als gultig anzuerkennen. Die Sicherheiten fur die Wiedererstattung sind zu heilig, um mich langer daruber auszubreiten." Wie dunkel, unverstandlich und schmerzlich der Inhalt dieses Briefes fur Sara seyn musste, wird man leicht begreifen, wenn man die reine Einfalt ihres Herzens, die grosmuthige, sich selbst immer vergessende Schwarmerei ihres Geistes, und jenes noch nie erschutterte Vertrauen auf die Gegenstande ihrer Liebe in Erwagung zieht. Das Raisonnement ihres Bruders schien ihr matt und schief, seine Handlungsweise falsch und knechtisch, und doch traf sie allenthalben Spuren seines Herzens; sie sann lange nach, und je mehr sie sann, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken, bis sie sich endlich in dem angstigenden Bilde verloren, als sahe sie ihren Bruder von fremden, widrigen Gestalten fortgezogen, neben einem grausenvollen Abgrund hinsturmen. Vater, er hatte nie aus unsern Armen gesollt, rief sie endlich mit hochathmender Brust, und einer Bangigkeit als sahe sie ihn sturzen; Roger sagte es wohl, und ich weinte umsonst! O Theodor, wenn ich dein Ungluk doch wenigstens verstunde, wenn ich nicht scheu davor erschrake wie vor einer bosen That! Sage mir, Vater, thut er recht? Kann er sich ein neues Gewissen haben machen mussen? Ein neues Herz, Theodor, kannst du dir nicht machen; und dein neues Gewissen wird dein treues schones Herz zermalmen. So weinte und klagte sie neben ihrem Vater, der mit festem gesammeltem Ernst ihren weiblichen, jugendlichen Schmerz austoben liess. Wie sie stiller ihr Haupt auf seinen Schoos lehnte, redete er sie mit einer Stimme an, die seine gewaltsame Bemuhung, ohne Leidenschaft, ja wenn er es vermochte, ohne Empfindung zu sprechen, ausdrukte; es war der entkraftete Nachhall des Schmerzens in der Ruhe dieser Stimme, und wo sein Gefuhl ihn zu uberwaltigen drohte, ein allmahliges Verstummen, worauf sein Ton kalt und hohl, wie die eherne Stimme des Todes wieder anhob.

Er erzahlte ihr seine Jugendgeschichte, bis zu dem erst spat bei ihm entstandenen Wunsch, in die Verhaltnisse des ehelichen Lebens zu treten. Um aus Liebe zu wahlen, war seine Vernunft zu lange an die Oberherrschaft gewohnt; um ohne alle Leidenschaft, blos aus kalter Achtung sich zu entschliessen, war sein Herz zu gefuhlvoll. Die Ungewissheit, welche die Folge einer solchen Stimmung war, dauerte eine Weile fort; denn die meisten Madchen, unter denen er sich umsah, fand er ohne allen Karakter, so lange keine Leidenschaft sie anregte, und selbstsuchtig, falsch gegen sich selbst, sobald ein unmittelbares Interesse auf dem Spiel war. Der Gegenstand seiner zartlichsten Freundschaft war unterdessen ein junger armer Edelmann aus der Provinz, der mit Muth, Einsicht und Menschlichkeit unter ihm gedient, und zu dessen Bildung er jede Gelegenheit benuzt hatte. Einst kam Seldorf nach einer ziemlich langen Abwesenheit nach Brest zuruk, wo sich sein junger Freund unterdessen aufgehalten hatte, und er bemerkte bald eine Veranderung in seinem Betragen, die ihn anfangs fur seine Sitten, bald aber fur seinen innern Frieden besorgt machten. Zutraulich und Zutrauen erwartend sprach er ihm zu, und bat ihn um die Entdekung der Ursache seiner ungewohnlichen Stimmung. Der junge Mann schien heftig geruhrt, blieb lange unentschlossen, und sagte ihm endlich, dass sein Geheimniss nicht sein ausschliessliches Eigenthum ware, und dass es jezt sein schwerster Kummer sei, sich ihm nicht offenbaren zu durfen. Seldorf kannte seinen offenen und einfachen Karakter, er drang also nicht weiter in ihn, sondern beschwor ihn blos, sich die Gewalt uber sein Geheimniss zu verschaffen. Die zwei folgenden Tage besuchte er einige Bekannte auf dem Land; am dritten erfuhr er auf dem Heimweg dass ihn sein Freund an mehreren Orten, wo er ihn vermuthet, angstlich gesucht hatte; und wie er des Abends in sein Haus trat, fand er die officielle Meldung, dass der Lieutenant ** sich heute geschlagen hatte, und im Zweikampf todtlich verwundet worden ware. Seldorf forschte nach seinem Aufenthalt, man hatte ihn in ein abgelegnes Haus geschaft; es war schon Nacht da Seldorf in sein Zimmer trat, der Verwundete lag in todtlicher Mattigkeit auf einem Bett; seine Rettung war unmoglich, und bei der ersten Wallung musste sein Leben entfliehen. Ein Schimmer von Freude glanzte auf dem Gesicht des Sterbenden, er winkte den Anwesenden, um mit Seldorf allein zu seyn, und sagte eilig, als wollte er dem Tod zuvorkommen: Mein Vertrauter konnen Sie nicht mehr seyn, wohl aber mein Retter vor Verzweiflung im Tode. Die Tochter des *** hat mir ihre Liebe geschenkt, ich betete sie an, ich vergass meine Lage .... sie musste mein Weib werden, damit ihre Ehre gesichert Hier horte ich, sagte Seldorf, einen leisen schnellen Schritt sich der Thure nahern, ich legte mechanisch den Finger auf den Mund meines ungluklichen Freundes, die Leute im Vorzimmer schienen sich zu bewegen, die Thure ofnete sich, und ein verschleiertes Weib flog auf das Bette zu: Neben deiner Leiche soll meine Schande kund werden, rief sie wild ** hatte meine Hand mit einer von den seinigen gefasst, er nahm jezt mit der andern die rechte der Verschleierten, die sie gegen ihn ausstrekte, richtete sich auf, und sagte mit festerer Stimme: Sie ist rein wie Schnee, sie ist meine Wittwe; Seldorf, um die Unschuld zu erhalten, seyn Sie so ihr Retter Er legte ihre Rechte in die meine, drukte sie fest zusammen, beugte sich uber beide ..... ein Strom von Blut quoll aus seiner Wunde; er war todt! Nach einer Weile fieng Seldorf leise und ausdrukslos wieder an: das Madchen war schwanger, und der Vater gab sie mir, weil er nicht hart genug war sie in's Kloster zu steken, und ich sie ohne Aussteuer nahm; denn der Mann hatte drei Sohne, und war so arm wie adlich. Eure Mutter empfieng meine Hand, als das heilige Vermachtniss ihres ersten Gemahls, mit dem Schmerz und dem Dank der ihr zukam. Ich war sehr gluklich; ein Gefuhl lebhaft wie die Liebe, und nicht trugend wie sie, verband mich mit einem jungen, reizenden, fur jedes Schone empfanglichen Weibe, deren moralisches und burgerliches Daseyn mein Werk war. Wir verreissten nach unsrer Hochzeit; ein ungluklicher Zufall machte mich an dem Krankenbett eurer Mutter es beweinen, nicht der Vater von meines edeln ** Waise geworden zu seyn. Theodors und deine Geburt erhohten nach und nach das Gluk meiner Ehe. Einsam auf einem kleinen Landgut, das ich an den Bretagner Kusten gekauft hatte, verlebte ich die Zeit, die mein Dienst mir ubrig liess, in dem sussesten Frieden. Deine Mutter war junger noch wie ihr Alter, sie schien durch den schreklichen Tod ihres ersten Gemahls von jeder heftigen Leidenschaft geheilt, und sie behielt bei der abgesonderten Lebensart, die wir fuhrten, ein Geprag von kindlicher Einfalt, das mein weiches Herz entzukte. Ich hatte ihrem Gluk mehr wie mein Leben geopfert; es gab Stunden wo ich in ihren innersten Gefuhlen zu lesen glaubte, und ich sagte zu ihr: du bist jung wie ein Kind; wenn dein Herz, das gewiss mehr erstarrt als kalt ist, sich einst erwarmen sollte, lass mich dieses liebe Herz dann lenken Der amerikanische Krieg brach aus, ich gieng an meinen Posten, und stand treulich einem Volke bei, das nicht wie deine Landsleute durch Verbrechen sich zur Tugend und zum Gluk aufschwingen wollte. Zwei Bruder deiner Mutter fielen bei Gibraltar; ihr Vater hatte troz seines Standes noch so viel menschliches Gefuhl, seinen Schwiegersohn zu schazen, und ihm das Gluk seiner Tochter anzurechnen. Er rief sie jezt zu sich nach Paris, um ihn zu trosten, sie musste aber bald ihm die Augen zudruken, und sie blieb in der Hauptstadt, in den Handen ihrer Schwagerin und einiger andrer Weiber dieses Standes. Nach funf Jahren kam ich zuruk, mit festerem Glauben an Menschenwerth und Menschengluk als ich je gehabt hatte, stolz, meinem sanften Weibe diesen gelahmten Arm zu zeigen ich sehnte mich, meinem Theodor zu sagen: Dieses Blut floss der Freiheit. Ich kam zu meiner Gattin, und fand Kalte, Verlegenheit, kunstliche Liebkosungen, ich fand sie fur mich verloren ich bat sie innig, vaterlich ja vaterlich! Ich sagte: du bist schon, jung, du bliebst allein kannst du in dem veralteten, verstummelten Freund den Gatten nicht mehr lieben, so sprich Erinnere dich, dass ich um deines Glukes willen deine Hand erbat, und dir nun Jahrelang das meinige danke. Es gelang mir nicht, ihr Herz zurukzufuhren; sie betheuerte, dass ich sie misverstunde. Ein streitiges Dienstgeschaft, das mir der unsinnige Hochmuth meines Gegners, eines der schamlosesten Weichlinge im Seedienst, zur Ehrensache machte, indem er alle mussigen Hoflinge aus seiner Familie gegen mich aufhezte, gab mir so viel ausser dem Haus zu thun, dass ich deine Mutter wenig sah, und noch nicht Zeit gehabt hatte, in ihre Vergnugungen und Bekanntschaften, die mir sehr zahlreich schienen, naher einzugehen Seldorf wurde hier unruhig, er suchte sich zu fassen, fieng ein Paarmal wieder an, und fuhr endlich fort, als eilte er bei einem grasslichen Gegenstand voruber: Einen Abend schien sie mir befangner als jemals; ich wiederholte meine herzlichen Bitten um Vertrauen, meine Betheurungen dass ich sie als vollig frei ansahe. Sie nahm eine hinreissend liebenswurdige Wehmut in ihren Antworten an, wiegte mich in Zartlichkeit und Hofnung ein; und ich uberredete mich, seit meiner Rukkehr zum erstenmal in ihren Armen, nicht sie, sondern die Gegenstande um sie her hatten sich verandert. Mit der frohen Erwartung, bald in unsre Einsamkeit zurukzukehren, trennte ich mich von ihr, um nach Mitternacht auf mein Zimmer zu gehen, das ich am folgenden Morgen sehr fruh wieder verliess, weil mich Geschafte aus dem Haus riefen. Ich war sonst nie so zeitig zu ihr gegangen, weil wir, da wir noch bei ihrer Schwagerin wohnten, von der Lebensart dieser Frau abhiengen; diesen Morgen ..... Er athmete tief, seine Lippen zitterten, er blikte endlich streng auf Sara's bang horchendes Gesicht: Ehre deines Vaters Schwache, sie war auch der Keim seiner Tugend. Ich gieng durch den Garten, von welchem eine kleine Treppe in ihr Zimmer fuhrte .... ich trat ein, sie rief erschroken ..... der Elende, der ihr Bett theilte, war der Graf Vieilleroche, meines Feindes alterer Bruder, der Vater von Theodors Braut!

Sara that einen lauten achzenden Schrei, und bedekte ihr Gesicht mit beiden Handen. Seldorf fuhr fort:

Ich musste vor der Welt meine Schande entdeken, oder sie ewig auf meinem Herzen tragen. Die Unglukliche gab mir ihr Schiksal in die Hande, und ich legte die Last dieses Bewusstseyns auf mein Herz. Nach wenigen Tagen ward ich krank, die Unglukliche umschlang meine Knie sie war es! sie war schwanger Antoinette

Seine Zahne schlugen wie im Fieberfrost zusammen, Sara lag mit ihrem Kopf auf seinen Knien, und schluchzte: Genug, genug! Lass dich versohnen, sie ruhen im Grabe Eine lange todte Stille folgte jezt, wahrend deren Seldorfs Schmerz in kalte Erstarrung ubergieng: sein Gedachtniss erleuchtete die Vergangenheit, wie der Mond ein Schlachtfeld erhellt, unempfindlich gegen die Schreken die aus der Finsterniss hervorgehen. Mit unverruktem Blik sah er vor sich hin, und sprach mit eintoniger Kalte weiter:

Ich traf sogleich alle Anstalten, um das Haus meiner Schwagerin zu verlassen, ich untersagte meinem ungluklichen Weib allen Umgang mit den Menschen, die sie bisher gesehen hatte; Fremde hielten mich fur einen Sonderling, die Familie meines Gegners sah es als Hass an, der Elende, der sein Leben von mir erbettelt hatte, ward troziger. Er hatte die Frechheit, in der Sache seines Bruders mit mir zu sprechen, er unterliess indessen die Vorsicht nicht, es vor Zeugen zu thun. Die Verachtung die ich ihm bewies, und fur welche er mir innerlich Rache schwor, ohne den Muth zu haben seine Empfindlichkeit zu aussern, brachte alle meine Gegner noch mehr auf; man erregte eine schandliche Kabale gegen mich, und ich sah mich auf dem Punkt, schimpflich meines Dienstes entsezt zu werden. Seit dem lezten Gestandniss meiner Frau hatte ich sie nicht wieder allein gesprochen; mein verirrtes zerstortes Gefuhl weidete sich an dem bittern Possenspiel von ehelichem Frieden, das ich vor den Hausbedienten und den wenigen Fremden, die wir sehen mussten, spielte; in der Stunde, wo ich die Nachricht meiner unvermeidlichen offentlichen Entehrung erhielt, drang ich in ihre Einsamkeit, um sie mit dem Fortgang ihres Verbrechens bekannt zu machen. Ihr verschlossnes Gesicht ward bei meinen Worten noch finstrer, sie zeigte mir einen Dolch, den sie gegen ihre Brust hielt: Du kannst mir das Leben nur bis zu einem gewissen Punkt aufzwingen, uber den hinaus bist du mein Morder! Erniedrigt und beschamt verliess ich sie. Den Tag wo meine Sache entschieden werden sollte, langte eine Gesandschaft von allen Subalternen der Flotte an; meine braven Kameraden drohten mit unwiderlegbaren Anklagen gegen alle Oberen, man zitterte vor den Folgen; die redlichen Seemanner fuhrten mich in den Gerichtssaal, und empfiengen die abgedrungne Gerechtigkeit, die ich erhielt, mit einem Freudengeschrei, das in meinem verwusteten Herzen ode verhallte. Sie begleiteten mich bis in mein Haus, verlangten mein Weib zu sehen, und ein grauer Seeoffizier kusste ihr im Namen aller meiner Kameraden die Hand, weil sie durch einen heimlich von ihr nach Brest abgesandten Expressen erfahren hatten, in welcher Gefahr sich ihr Waffenbruder befand. Wie sie mit sanfter Wurde ihnen dankte, meiner mit einer ehrerbietigen, feierlichen Bewunderung gedachte, und dann in ihr Zimmer zurukgieng, fuhlte ich mich nahe daran, durch den Zwang, den ich mir anthat, den Verstand zu verlieren. Ich nahm nun meinen Abschied, den die Vorstellungen, welche der Konig dagegen machte, und der laut ausgedrukte Schmerz aller meiner Kameraden ehrenvoll machten. Von dem Zeitpunkt bis zu ihrem Tod lebten wir wie zwei verdammte Geister, die um dasselbe Grab zu wandeln verurtheilt waren. Unaufloslich zusammen an die Vorstellung der Vergangenheit geschmiedet, schauderten wir auseinander, so oft eure kindische Unbefangenheit oder irgend ein Zufall uns erinnerte dass es eine Gegenwart gab. Ich hasste sie nicht, wahrlich nicht! aber ihr furchterliches Verstummen liess mich nie uber den Abgrund, der uns trennte, einen Weg entdeken. Antoinette ward geboren. Der Keim des Todes, den sie bei ihrer Geburt mitbrachte, von dem schwarzesten Gram genahrt, endigte eurer Mutter Leben. Ihr schimpfliches Leiden, das sie mit unveranderter Fassung ertrug, beugte mich endlich bis zum wehmuthigsten Schmerz. Vierzehn Tage pflegte ich sie mit schonender Sorgfalt, ich wachte und weinte an ihrem Lager wie der herannahende Tod ihr Auge schon verdunkelte, und keine Bitte etwas uber ihr entsezliches Stillschweigen vermochte, drukte ich ihr Kind an meine Brust, und sagte: Du verkennst mich bis in's Grab, aber diese Verlassene soll mir deine Grausamkeit mit Liebe ersezen! Sie richtete sich in die Hohe, ihr brechendes Auge sah mich mit wilder Starrheit an, und sie sprach: Eigennuz und Herrschsucht waren die Quelle deiner Wohlthaten: ich sollte dein Geschopf seyn, und das Gluk, das ich nicht aus deinen Handen nahm, wurde mir zum Verbrechen; deine Sklavin hat dich betrogen, und ihre unendliche Verdammniss bewies dir, dass sie den Werth ihres Herrn kannte .... ich verzeihe dir mein Elend, diese hier folgt mir nach sie ergrif das Kind, zog es auf ihren Schoos, und hielt es fest, bis der Tod nach wenigen Minuten ihre Hand erschlafte. Ich habe sie nie verstanden; ein undurchdringliches Dunkel verhullt den Weg, auf welchem sie in's Verderben wandelte. Zwolf Jahre lebte ich nur um ihres Glukes willen, und ihr sterbender Mund beschuldigte mich, ihr Despot gewesen zu seyn. Ihr seid Zeugen meines ubrigen Lebens gewesen; Antoinette hat ihr nun gesagt, ob ich Wort hielt. Schreib deinem Bruder, Sara, ich befohle ihm sogleich zu uns zu eilen; die Verbindung mit der Tochter jenes Verworfenen ware unnaturlich und schandlich, aber sage ihm auch noch, dass keine Verbindung, von welcher Art sie seyn mag, mit irgend einem aus dem verhassten Stande, um dessen Gunst er so schimpflich buhlt, je meinen Segen haben wird; sage ihm, dass er dem Namen meines Sohnes, oder dem Bundniss mit diesen Menschen entsagen soll. Hore, Sara, hore diese Worte, und mache, dass dein Bruder sie fuhle. Meine lezte Kraft ist mit dieser Nacht von mir gewichen, rede mir nie von dem, was sie dir entdekte, nuze es fur deine Zukunft, und ehre mein kunftiges Stillschweigen.

Seldorf zeigte nun auf die anbrechende Morgendammerung, und hiess ihr, sich zur Ruhe begeben. Sie verliess ihn gern, denn ihr Geist erlag beinahe unter der Menge von Eindruken, die er heute empfangen hatte. Wie sie aber ihr Zimmer verschlossen hatte, und sich allein sah, und die Entdekungen dieser Nacht einzeln vor ihrer Fantasie vorubergiengen, da erschien ihr die Welt in einem neuen feindseligen Lichte, und es fieng ihr an vor der Stille um sie her zu schaudern. Dass es Bosheit unter den Menschen gabe, war bisher fast nur durch Tradition auf sie gekommen; denn das Schreklichste, was sie von ihnen erlitten hatte, die Verwustung der vaterlichen Wohnung, hatte kaum einen andern Eindruk bei ihr zurukgelassen, als wenn das Feuer des Himmels ihre Heimath vertilgt hatte: die Menge der Frevelnden, und die Vielseitigkeit der Veranlassung verwischten die Bitterkeit gegen jeden unbekannten Einzelnen aus ihrem Herzen. Sie hatte Zeitlebens nur geliebt, nur vertraut; und alle Verhaltnisse, die ausserlich den ihrigen glichen, hielt sie fur innig und beglukend wie die ihren, so lange sie das Gegentheil nicht wusste: alsdann aber schienen ihr die tadelhaftesten Menschen nur ungluklich, und Unglukliche konnte sie nur beweinen, und zu trosten wunschen. Jezt zum erstenmal trat die Larve des Betrugs, der Sunde, der Leidenschaft vor ihr jungfrauliches Auge, das noch keine Luge erkannt hatte; und ihr war zu Muthe, wie einem Kind, das in den Armen der Mutter eingeschlafen, unter fremden Menschen erwachte. Das Zutrauen der Unschuld war dahin, in ihrem noch durch keinen Argwohn entheiligten Herzen war ein Schauder vor der Menschheit aufgeregt denn die Menschen hatten ihre Mutter vernichtet, hatten ihren Vater betrogen, sie wollten ihr jezt ihren Theodor entreissen. Aber ihr Vater blieb ihr, und L***, und Roger und auch Berthiers graues Haupt war von keinem Betrug belastet Sie fuhlte ihr Herz gluhen in Liebe, sie hatte diese alle um sich versammeln, sie ewig um sich bannen mogen, wie auf einem Schiff, das der Sturm umherschleudert und die Wellen peitschen, die Menschen die sich lieben, sich naher zusammendrangen, und das Geheul der Winde sie weniger schrekt, wenn sie mit den Augen den kleinen Haufen uberzahlen, und keiner fehlt. Sara hatte gern die ganze Welt vergessen, wenn nicht Theodor ihr noch angehangen hatte. Sie gieng eifrig daran, ihm den Befehl ihres Vaters so unausweichlich als moglich zu verkundigen; und wenn er dann zurukkehrte dann schwarmte das holde Geschopf sich eine rukkehrende Jugendzeit vor; das Schloss ward aufgebaut, der Garten bluhte wieder; mit den beiden Freunden ihrer Kindheit verbunden wandelte L*** aber auf einmal vor Schreken erstarrt liess ihre Hand die Feder fallen, wie sie des Vaters Schwur niederschrieb, nie einer Verbindung mit jenem Stande seinen Segen zu geben. Er hatte zweimal mit so furchtbarem Nachdruk gerufen: hore es, Sara, hore es, und mache, dass dein Bruder es fuhle Wollte er auch sie treffen, da er Theodors Urtheil sprach? Von allen Seiten geangstet, mit erschopfter Kraft und verweintem Auge gieng sie an ihre Hausgeschafte, und sehnte sich, des Denkens mude, nach der Stunde, wo der Anblik ihres Freundes allen Kummer hinwegzaubern wurde. Arme Sara, du ahnetest nicht, welch ein giftiger Thau nun schon auf die Bluthe deiner Liebe gefallen war!

Der Augenblik erschien, und sie eilte L*** entgegen, wie am stillen Gestade jenseits die muden Sterblichen auf den Quell der Vergessenheit zuwandeln. Aber zwischen sie und den Geliebten hatte sich des Vaters Geheimniss und des Vaters Schwur gestellt, und verstimmte den reinen Ton der Liebe, eh er von Herz zu Herz gelangte. Bei jeder Thrane, die ihr Auge fullte, bei jeder truben Ansicht der Dinge, auf welcher ihre gluhende Fantasie ruhte, bei der bangen Traurigkeit selbst, mit welcher sie die sussen Bande zwischen ihr und ihrem Freunde fester anzog, fuhlte L***, dass in ihrem Geist etwas vorgegangen war, was ihm unbekannt blieb. So oft Sara mit gewohntem zartlichem Hingeben sich an ihn zu lehnen im Begrif stand, so oft er mit Wort und Blik die Geliebte ansprach, schallten Seldorfs Worte in ihr armes Herz, und schrekten Trost und Zartlichkeit zuruk. Der Ausdruk von Fehlschlagung oder Unruhe in L***'s redendem Gesicht uberwaltigte wohl jene Phantome, und ihre Zartlichkeit ward durch wehmuthige Reue erhoht, bis eine neue Frage, eine neue Anregung die traurigen Bilder wieder hervorrief. Manche Zusammenkunft verstrich in dieser gefahrlichen Stimmung, wo Furchtsamkeit, und Schmerz den Geliebten zu storen, Neugierde, Unruhe, und endlich Eifersucht in der Seele des Mannes die Harmonie des Gefuhls in Ungleichheit wandelt, und die Leidenschaft bis zur verderblichsten Spannung reizt. Diesen Zeitpunkt in Sara's Schiksal mag jedes Weib, welche diese Blatter liest, mit der Kenntniss, die sie von ihrem eignen Herzen und ihrem Geschlechte hat, erganzen; die Erzahlung muss hier mangelhaft bleiben. Weib oder Madchen, die du deine Wurde anders als im Zulacheln der bunten Menge erkennen lerntest, fuhle die bittre Angst der reinen schuldlosen Sara, als sie in einem Augenblik ungerechten Vorwurfs und Zornes in L***'s Arme gesunken war, und der Unsinnige das kostbarste Pfand ihrer Reue raubte! Nein, ihr guter Engel weinte nicht in dieser ungluksschwangern Stunde, er weinte nicht aber er blikte ernst und wehmutig auf den schweren Pfad, den nun seine Schwesterseele zu dem Ziel der Verschonerung zu wandeln hatte. Auch Sara weinte nicht, wie L*** zu ihren Fussen lag, wollusttrunken ihre Knie umfasste, und er rief: du bist mein, du bist mein! Sie weinte nicht, aber erschuttert von dem Taumel der eben verflossenen Stunde, die zwischen der Vergangenheit und allen Bildern der Zukunft eine ewige Scheidewand niedersenkte, mit dem Blik des Schrekens, als wollte sie in mitternachtlicher Dunkelheit eine Erscheinung festhalten, taub gegen seine freudejauchzende Stimme, fuhllos gegen die feurigen Kusse, mit denen er ihre Hande bedekte, riss sie sich von dem Rasen auf, gieng langsam und staunend unter dem abgefallnen Laube der hohen Ulme umher, die sie verhullt und verrathen hatte, und blieb endlich vor L*** stehen, der auf den Boden hingelehnt ihr mit lachelndem Siegerblik zusah. Ist es moglich? rief die Unglukliche mit hohler Stimme und fest verschlungnen Armen Ist es moglich? wiederholte sie, und verhullte ihr Gesicht, indem sie von neuem auf und niedergieng. L*** erhaschte einen Zipfel ihrer Kleidung, den er lebhaft kusste, eh ihr rascher Schritt sie dahin riss. Sie gieng, und kehrte zuruk, faltete die Hande, kniete einen Augenblik, stand auf, und trat noch einmal zu L***, der bei dem Anblik ihrer zunehmenden Heftigkeit ihr entgegengegangen war. Sie legte ihre kalte zitternde Hand auf seine Schulter, und sagte mit dem Ton der kaltesten Verzweiflung: wusstest du, was du ubernahmst, wie du der Gottheit die Zugel meines Schiksals entrissest? Weisst du, dass jede Folge dieser Stunde auf deiner Seele lastet? Sara! rief er sanft und drukte ihre Hand an seine Lippen Sara, mein susses Weib, rief er und drukte sie fest an mein Herz; was du sagst ist wahr, und erfullt mich mit einer Freude, die unaussprechlich ist Bei dem Worte Weib war die Arme zusammengefahren: Nein, nicht Weib! Nie, nie! Er sah sie forschend und streng an: Warum nicht mein Weib? Frage die Natur um uns her, die Zeugin unsrer Seligkeit war, frage dein Gewissen und die Rechte der Menschheit, ob du nicht mein Weib bist? Die wilde Verzweiflung, welche jedes andre Gefuhl in ihrem Herzen erstikt hatte, konnte diesen Waffen nicht widerstehen; ihr Haupt sank auf L***'s Schulter, und unter den stillen Thranen, die sie weinte, kehrte die Warme des Lebens wieder in ihre erstarrten Hande, in ihr erblasstes Gesicht zuruk. In Sara's Lage, deren vollige Hulflosigkeit sie entweder vernichten oder zum Kinderglauben zurukfuhren musste, konnte diese Spannung nicht dauern; L*** kannte das Herz, das sich ihm so unbedingt ergeben hatte, zu gut, um nicht zu wissen, wohin er ihren dumpfen Schmerz zu leiten hatte. Eine Viertelstunde reichte nun hin, um ihn hinter Seldorfs Geheimniss, und seinen Schwur, der Veranlassung zu Sara's Schwache und ewig verschlossner Rukkehr, kommen zu lassen. Er schwazte mit der sussesten Beredsamkeit ihre Zweifel und Sorgen hinweg. Bald als Gatte mit sanften Befehlen, bald bittend und eindringend wie ein weiserer Freund, bald dankend und eine Zukunft voll Gluk in rosenfarbner Ferne hinmahlend, wie ein siegender Liebhaber: so fuhrte er das schone reine Herz durch jedes Gefuhl weiblicher Zartlichkeit zu einer Stimmung ruhiger Ergebung, die bald in lachelnden Frieden ubergieng. Das Geschehene war unwiderruflich, die Zukunft bis zu Seldorfs Tod unabanderlich; aber ihr Fall hatte ihr weder Tugend noch Selbstachtung gekostet, er hatte sie unaufloslich mit L*** verbunden, und schien ihn unaussprechlich beglukt zu haben. Durch Unerfahrenheit und Unschuld in Irrthum gewiegt, und von L*** sorgsam darinn erhalten, begann nun eine Existenz fur dieses liebende Geschopf, die sich mit jedem Tag mehr von der gewohnlichen Wurklichkeit entfernte. Geheimniss und Betrug mussten sie von jezt an umgeben, aber rein und unerniedrigt wie sie war, mischte dieser bittre Druk in ihre sonst heitre Stimmung eine Art von Wehmuth, die jeder ihrer Handlungen den Ausdruk der innigsten Zartlichkeit gab. Der Gedanke, dass ihr diese Last erst mit ihres Vaters Tod genommen werden konnte, machte ihr sein ubriges Leben unendlich theuer; denn ihr grosmuthiges Herz litt dabei, auf den Namen von L***'s Gattin erst dann Anspruch machen zu durfen, wenn Seldorfs theurer Mund sie nicht mehr Tochter nennen wurde. Ihre ganze Welt war nun auf ihn und L*** beschrankt, Theodor schien verloren; bei Rogers Andenken klopfte ein banges Gefuhl in ihrer Brust, das vielleicht eine Mahnung an ihre Vernunft hatte hervorrufen konnen, und diese hatte sie jezt unter die Gewalt der Liebe gefangen genommen. Sie hielt sein Bild von sich entfernt, bewahrte aber ihre Zartlichkeit fur ihn wie ein heilig vertrautes Gut, das selbst L*** nicht angreifen durfte. Durch L***'s Liebe beglukt, mit tausend kleinen Diensten fur ihn beschaftigt denn sein Einfluss auf den Mann, der die kleine Familie aufgenommen hatte, und ihres Vaters Krankheit gaben ihr ausser seinem Zimmer die vollkommenste Freiheit schien es als versuhnte sie durch die Thatigkeit in ihren hauslichen Pflichten, durch die Engelsgute, mit welcher sie den Vater pflegte, das durch kein Gesez geheiligte Gluk ihrer Liebe. Und hatte man sie mit L*** gesehen, geehrt von ihm als hatte der laute Ruf des Stolzes sie ihm zur Gattin gegeben, mit dem Ausdruk der reinsten Unschuld jede stille Freude, jedes keiner Beschreibung fahige Gluk gegenseitiger Achtung und Liebe geniessend; man hatte in jedem sanften Lacheln ihres Gesichts den Lohn der Tugend zu lesen geglaubt.

Nach einigen Wochen fuhlte sich Sara krankeln; L*** beobachtete sie mit halb muthwilliger halb entzukter Sorgfalt, und wie er bangen Zweifel auf ihrem blassen Gesichte las, schmeichelte er ihre Furcht in frohe Gewissheit. Sara, willst du nicht fur deines Geliebten Kind, fur deines Geliebten hochste Seligkeit leiden? Bei diesem Zuruf kampfte ein holdes Lacheln mit den Thranen der errothenden Sara. Keine Angst ihrer angstlichen Besorgnisse konnte der Vaterfreude des unbegreiflichen Mannes widerstehen. Klagst du, so sagte er, noch mehr mein zu seyn, als du schon warest? Furchtest du dich davor, mit der Mutterwurde mehr Anspruche auf Achtung wieder zu gewinnen, als du in deiner Madchenehre verlorst? O meine Sara, o meine reizende Mutter, deines muden Vaters Geist wird heiter und vom Irrthum entfesselt auf seinen bluhenden Enkel herablacheln! Lass ihn auskampfen und dann ruhen, versusse seine lezten Tage, und zieh durch keinen Unglauben, durch keine kurzsichtige Reue mir und dir Kummer zu.

Sie litt und lachelte in ihre Leiden, sie sorgte und richtete ihr Auge gen Himmel, wo L***'s allgegenwartiges Bild ihr neue Tauschung herabwinkte. Dieser wunderbare beseligende Traum hatte nun vom October bis zu Anfang des neuen Jahrs (1792.) gedauert, als L*** ihr mit mannlicher Fassung verkundigte, dass ihnen eine Trennung auf eine unbestimmte Zeit bevorstunde. Er hatte ihr zwar nie mit ungetrubtem Gluk geschmeichelt, er hatte sie vielmehr oft mit liebendem Ernst auf unerwartete Wendungen ihres Schiksals vorbereitet, welche die gespannte Lage der offentlichen Angelegenheiten nach sich ziehen konnte; aber doch empfieng sie diese Nachricht mit einer so heftigen Besturzung dass L*** erschrak; er fasste die Arme, die vor Zittern fast niedersank, in seinen Armen auf, sezte sie auf einen Sessel nieder, stand einige Augenblike mit einer gewissen Wildheit im Blik vor ihr dann wandte er sich ab, schlug sich vor die verfinsterte Stirn, und sturzte zu ihren Fussen: Weib! Weib! wenn es wahr ist, dass dein Elend mich einst verdammen musste, so erwarte mit Zuversicht, dass ich dich begluke Sie zwang sich zu einer Fassung, die sie behielt, bis sie seine angebetete Gestalt aus den Augen verlor. Dass er bald wiederkehren oder ihr zur rechten Zeit seinen Aufenthalt melden wurde, war alles was sie von ihm erfuhr; durch die Liebe zur Sklavin von L***'s Willen gemacht, horte sie mit einem stillen Seufzer, dass er aus Ursachen, die mit seiner ihr nie von ihm offenbarten politischen Lage zusammenhiengen, ihr nur selten schreiben wurde, und trostete sich mit seiner dringenden Bitte, ihm alles was in ihrem Herzen vorgienge zu melden. Die Aerzte gaben ubrigens ihrem Vater keine Hofnung, dass er den nachsten Fruhling uberleben konnte, und ohne dass sie sich es selbst deutlich erklarte, sah sie in diesem Zeitpunkt der Auflosung ihres Schiksals entgegen. Aber mit jeder Stunde, die nach L***'s Abreise verfloss, erlosch allmahlig der Zauber, der ein trugerisches Licht auf ihren dunkeln Pfad geworfen hatte. Wie Rezia nach des Einsiedlers Tod ihr Paradies in eine Wuste umgewandelt fand, weil die schaffende Kraft der Natur mit seinem lezten Hauch entflohen war, so war jeder Gegenstand, der sonst der guten Sara Trost und Freude darbot, in eine Quelle von Schmerz und Kummer umgeschaffen. Gegen ihres Vaters langsame Leiden hatte sie keine Aufheiterung mehr in L***'s freundlichem Beifall fur ihre Pflege; jeder seiner erstorbnen Blike, die sich oft fragend auf ihr blasses verweintes Gesicht hefteten, flosste ihr Entsezen ein, und die ganze Natur um sie her, in das unfreundliche Gewand des Winters gehullt, dunkte ihr der verwustete Schauplaz ihrer entflohenen Freuden. So von den Folgen ihrer Irrthumer getroffen, ohne dass ihre reine Unschuld sie als Strafe ansehen konnte, gewohnte sich diese unerfahrne gluhende Seele bald, sie als Martirerthum der Liebe hinzunehmen, und glaubend und lachelnd im Schmerz zu dem Preis ihrer Leiden aufzubliken. Freuden der Gegenwart konnte sie nicht mehr traumen, aber bei jeder neuen Wunde ihres Herzens erhohte ihre Fantasie den Lohn ihres Duldens.

Ein Brief von Theodor, der um diese Zeit anlangte, befestigte L***'s Allmacht uber seine Geliebte, indem er ihren Kummer vermehrte. Der verblendete Jungling hatte gewahlt zwischen Vaterland und Konig, zwischen seines Vaters Segen und dem Phantom des Ehrgeizes; und er ruhmte sich das Opfer seiner Pflicht zu seyn, indem er seinem Vater verkundigte, er habe keinen Sohn mehr. Wir konnen seinen verschlungnen Pfaden nun nicht weiter folgen; wo wir ihm aber fortan auch wieder begegnen, wird es in Falschheit und Unheil seyn. Seldorf las den Brief, faltete seine Hande, schien einen Augenblik zu beten, und liess sich dann alle Briefe seines Sohnes geben, aus denen er ein Paket machte, es mit einem schwarzen Siegel verschloss, und neben Antoinettens Todtenschein legte. Sara, welche die traurige Entwikelung von ihres Bruders Schiksal errieth, warf ihre Arme schweigend um des Vaters Hals; ihre Thranen benezten ihre Augen, die sie flehend gen Himmel hob auch Seldorfs Blike waren nass, als er sie nach einigen Augenbliken auf seine Tochter richtete; aber er sagte ruhig, indem er ihre Hande zwischen die seinigen drukte: wir finden ihn einst wieder! du warst bestimmt, mir alles zu ersezen Er umarmte sie zartlich, und sezte nach einer Weile hinzu: dein Loos mag schwer seyn, aber es ist schon! Sein Geist hatte lange schon das Bild des nie wiedergebenden Todes mit Theodors Ungehorsam verwechselt; und er schien jezt seine Entweichung und seine Fortschritte in der Thorheit so zu fuhlen, wie ein zartlicher Vater die unheilbare Krankheit eines geliebten Kindes betrachtet: der Tod endet sie, und Hofnung und Schmerz verlieren sich in genugsame Ergebung. Opferte der langsam Hinscheidende sein zerrissenes Vaterherz der eisernen Nothwendigkeit, so legte Sara den bittern Gram uber ihres Bruders Schiksal am Altar der Liebe nieder; Seldorf fuhlte sich zu nah am Grabe, um sich noch der Verzweiflung zu uberlassen, Sara vertraute der ihr so sicher dunkenden Zukunft zu heilig, um sie nicht auch mit diesem Schmerz erkaufen zu wollen.

An einem truben Wintertage harrte einst Sara sehnsuchtsvoll der Stunde, wo sie in ihrem einsamen Zimmer ihr Herz in Glauben und Hofnung wurde starken konnen. Seldorf war kranker wie gewohnlich, und seine matten Augen, die auf Sara ruhten, fullten sich unwillkuhrlich mit Thranen. Er hatte sich uber ihre Lage, wie uber sein ganzes Schiksal, eine Art von Philosophie gemacht, mit welcher er in gesunden Tagen freilich nicht ausgekommen ware; er glaubte sie keines Fehltritts fahig, und wusste dass sie ihr Brod gewinnen konnte, selbst wenn die Einkunfte seiner Landereien, die er, nachdem er seinen Sohn verloren, ihr zugesichert hatte, ihr entrissen wurden. Fest uberzeugt, dass Ungluk das allgemeine Loos besserer Menschen ware, hatte er ubrigens andern Hofnungen fur sie entsagt. Wie er sie aber jezt vor sich sah, das Bild der thatigen Gute und des heitern Ertragens, reizend in dem Ausdruk von Ermattung auf ihrem Gesicht und in ihrer ganzen Gestalt, wie ihn die einsame Stille, von welcher er sich umgeben sah, an die noch grossere Einsamkeit mahnte, in welcher sie nach seinem Tod seyn wurde, fuhlte er seine Brust beklemmt, und er hatte in diesem Augenblik von Rukkehr zu den Sorgen des Erdenlebens, einen gleichgultigen Fremden anrufen konnen: schuze mein verlassnes Kind! In dieser wehmuthigen Stimmung hatten Vater und Tochter einen grossen Theil des Abends zugebracht, als sie plozlich einen Reiter in den Hof sprengen horten, der lebhaft nach Seldorf fragte; und noch hatte Sara nicht Zeit gehabt an das Fenster zu gehen, als die Thure aufflog, und Roger zu ihren Fussen sturzte. Meine Schwester, meine geliebte langentbehrte Schwester! rief er entzukt und umarmte ihre Knie, blikte dann zu ihr hinauf, und that einen neuen freudigen Ausruf. Sara's erste Bewegung war eher Schreken; sie sass athemlos auf ihrem Stuhl, bis endlich Thranen aus ihren Augen quollen, und sie ihre Hand auf seine Schulter legte Guter Roger! seufzte sie, aber Weinen erstikte ihre Stimme, und des jungen Mannes ungestumme Freude schwieg nun um ihre Wehmuth zu schonen. In diesem Augenblik nahm er Seldorfs Gegenwart erst wahr, der erstaunt und betroffen dem Auftritt zusah. Die edle Freimuthigkeit, die Rogern eigen war, verwischte bald den Ausdruk von Verwirrung, der sich bei dem Anblik des Vaters uber sein Gesicht verbreitet hatte; er eilte zu ihm, drukte ehrerbietig seine Hand, und sagte, indem er sie fort hielt und naher zu ihm trat, mit halb leiser Stimme: Ich glaubte Ihre Tochter allein, aber seyn Sie versichert dass ich mit dem Bewusstseyn Ihrer Gegenwart eben so wenig Herr meiner ersten Freude gewesen ware. Vielleicht hatte Roger immer in Seldorfs Herz einen Plaz besessen, dem er seine jezige Aufnahme zu danken hatte, vielleicht waren es auch die truben Betrachtungen des heutigen Tages, die, dem alten Mann selbst unbewusst dazu beitrugen, ihm Rogers Rukkehr erfreulich zu machen; gewiss war die matte Freude des Ungluklichen, und seine stillen Thranen, indem er den edeln guten Roger den ubrigen Abend sprechen horte, der unbefangnen Dienstfertigkeit mit welcher er ihn behandelte, und seiner innigen Zartlichkeit gegen Sara zusah, gewiss waren sie das ruhrendste Zeugniss seines Wohlgefallens an der Zurukkunft des jungen Freundes. Roger erwahnte bald seines Grosvaters, von dem er, sagte er, einen Auftrag hatte; Sara wollte das Gesprach angstlich ablenken Nein, sagte Roger mit bittendem Ernst, diese Schonung ist falsch; Ihr guter Vater muss die Beruhigung haben, seinen alten Freund zu lieben. Er gieng nun, troz Sara's banger Mine und Seldorfs finsterm Gesicht, mit so viel Klarheit und Delikatesse an die Erorterung dieses Misverstandnisses, dass die Falten von Seldorfs Stirne wichen, und er, Rogers Hand fassend, zu ihm sagte: Ich hatte keinen Hass, aber da wohin ich wandle ist es besser zu lieben; sagen Sie ihm das, sagen Sie ihm aber dass ich zu mude bin, dass ich schon zu sehr von allen diesen Dingen getrennt bin um ihn wieder zu sehen Nein, Herr von Seldorf, nahm Roger das Wort; dann hatte ich meinen Auftrag ubel ausgerichtet. So weit zwang mich schon Gerechtigkeit allein zu sprechen, jezt horen Sie auch meine Bitte. Die ganze Gemeinde von ** (dem Ort wo Seldorfs Schloss gelegen hatte) ist von Ihrem Ungluk, zu welchem vielleicht einige aus ihrer Mitte mit beitrugen, aufrichtig und innig geruhrt; sie bittet Sie, morgen nach dem Gottesdienst eine Gesandtschaft anzunehmen, durch welche Sie eingeladen werden sollen, zu Ihren Mitburgern zurukzukehren. Die Jahrszeit verbietet, die Arbeit an Ihrem Wohnhaus vorzunehmen; aber die Gemeinde hat einen Vertrag mit meinem Grosvater gemacht, dem zufolge er Ihnen und Ihrer Tochter einen Theil seines Wohnhauses, mit allen Bedurfnissen versehen, einsweilen abtritt O Roger, rief Sara, dieser Trost, diese Gerechtigkeit ist Ihr Werk; Sie lenkten diese wilden blinden Menschen Nein Liebe, sie brauchten das nicht, sie brauchten nur den Ausdruk fur das was sie dachten, sie brauchten nur jemanden der ihre Art zu fuhlen genug kannte, um ihnen ihre eignen Begriffe zu entwikeln Der edle junge Mann glaubte das vielleicht selbst was er da sagte, indessen war er es doch gewesen, der, vor wenig Tagen erst bei seinem Grosvater angekommen, nachdem er alle Erkundigungen wegen jenes ihm schon langst im Allgemeinen bekannten Ungluks seines alten Freundes eingezogen, der versammelten Gemeinde mit eindringender Freimuthigkeit die Abscheulichkeit dieses Frevels und das Unrecht, das sie hatten, es nicht wieder gut zu machen, vorgestellt hatte. Er gab ihnen die handgreiflichsten Beweise von Seldorfs Unschuld, und benachrichtigte sie sogar, dass er bei seiner neulichen Anwesenheit in Paris auf das Zuverlassigste in Erfahrung gebracht, Seldorf habe seinen Sohn wegen der von ihm ergriffenen Partei verstossen und enterbt. Sein kuhner Eifer und der anerkannte Ruf seiner Denkart verschaften ihm den Sieg sowohl uber den Eigensinn der meisten und ihren Widerwillen Unrecht zu verguten, als uber die schleichende Bosheit in dem eigentlich thatigen Theil der Commune. So war die Entschliessung, Seldorf zurukzurufen und zu entschadigen, bewurkt werden; allein der Zustand des armen Kranken liess jezt in der Mitte des Winters keine Veranderung seines Aufenthalts zu, und die Abgeordneten der Gemeinde, arme starre Kerls, in welchen selbst diese schone Handlung von Billigkeit keinen Funken eigentlicher Begeisterung entzundete, wurden betroffen wie sie ihren ehemaligen Herrn in einem ausgeweissten, mit schlechtem Gerath versehenen Stubchen, abgezehrt und mit erloschnem Blik in seinem Sessel zurukgelegt erblikten. Der Aelteste hatte sich vielleicht auf eine ordentliche Anrede eingerichtet, aber das Gefuhl, das ihn uberraschte, that ihm bessere Dienste als es sein Gedachtniss je gekonnt hatte; er trat zu Seldorf, ergrif seine durre matte Hand, und rief in seiner rauhen Mundart: Verzeiht uns um der heiligen Jungfrau willen! Dies war das Signal fur die beiden andern, welche, die Hande uber den abgezognen Hut gefaltet eben den Ausruf thaten. Seldorfs Herz verlor die Fahigkeit zu hassen taglich mehr mit der Kraft des Lebens; er hatte sich indessen, eh die Manner hereintraten, mit einigen Entwurfen, ihnen Strenge, Wurde wenigstens zu zeigen, beschaftigt; so wie aber die Bauern in diesem Augenblik nur ihren ungluklichen Herrn in ihm sahen, so erblikte er auch in ihnen nur den Ausdruk des Mitleidens und der Reue; er antwortete mit geruhrter gebrochner Stimme: Ich verzeihe euch, haltet mein Andenken in Ehren, und schuzt diese hier indem er auf Sara zeigte, die an seiner Seite stand. Der Auftritt griff ihn so an, dass man aus Schonung fur ihn bald ein Ende machen musste.

Es wahrte einige Tage nach Rogers Ankunft, eh er eine Gelegenheit fand oder suchte, allein mit Sara zu seyn. Sie vermied es und sehnte sich darnach, und in dieser widersprechenden Empfindung litt ihr Herz weit mehr bei seiner Abwesenheit, als wenn seine unbefangne Innigkeit bei seinen Besuchen ihr den Trost seiner Theilnehmung verschafte, und sie zugleich von dem schmerzlichen Geheimniss zerstreute. Schon lange eh er zurukkehrte, war sie gesonnen gewesen ihm alles zu offenbaren; und es gehort zu dem Unbegreiflichen in L***'s Karakter, dass er ihr die Erlaubniss gegeben hatte, ihn zum Vertrauten zu machen. Der Ausgang hat unentschieden gelassen, ob er in seiner Liebe von allen Grundsazen seines ubrigen Lebens abgieng, und hier sich blos nach der Anerkennung von Rogers und seiner Geliebten Edelmuth bestimmte, oder ob es eine Komplikation von Unredlichkeit war, zu welcher diese Vertraulichkeit ihm einen Faden an die Hand geben sollte. Roger beobachtete indessen Sara mit ununterbrochner Aufmerksamkeit, und ihr Herz schlug angstlich, wenn seine Blike immer truber und nachdenkender auf ihr ruhten. So oft er bis jezt da gewesen war, hatten Seldorfs Angelegenheiten, die der arme Mann bei seiner zunehmenden Schwache und seinem wachsenden Vertrauen ihm ganz ubertrug, die meiste Zeit hingenommen. Einst fand sich indessen Seldorf so matt, dass er allein zu seyn verlangte, und seinen jungen Geschaftsfuhrer bat, nach einer Stunde wieder heimzukommen. Roger warf einen lebhaften Blik auf Sara, liess ihn aber schnell wieder sinken, da er sie errothen sah, und sie verlegen anfieng einen Vorwand zu suchen, um unterdessen bei ihrem Vater zu bleiben. Seldorf verhinderte es, und Roger zitterte, wie er mit ihr in ihr kleines Zimmer trat. Sein erster scheuer Blik fiel auf L***'s Bild, das unter dem Spiegel hieng er fuhlte seine Brust beengt, und wandte sein Auge schweifend auf andre Gegenstande. Noch dauerte dieser fur Sara unendlich qualvolle Augenblik, als ihr Hund an der Kammerthure larmte, und wie sie ihm geofnet wurde, ungeachtet seines Pfotchens, das nicht recht hatte geheilt werden konnen, vor Freuden bellend auf Rogern zusturzte, an ihn hinansprang, ihm die Hande lekte, und ihn so, wie er ehemals zu thun gewohnt war, an dem Rokzipfel zu Sara hinzog, die tief erschuttert sich niedergesezt hatte. Anfangs streichelte Roger den Hund, indem uber sein verbranntes Gesicht eine Thrane floss; als aber das arme Thier, dessen gluklich eingeschranktes Gedachtniss die langst verflossene Zeit freudig an die gegenwartige knupfte, ihn zu Sara hinzog, und das geliebte Madchen den Hund aufhob und mit einer vielsagenden Heftigkeit an ihre Brust drukte, da sank er ihr zu Fussen, und rief: Sara, ich weiss alles alles! Ich bin der Alte, und will nur Ihr Gluk. Fruher konnte, durfte ich ja nicht wissen, aber ich hatte ja nie geliebt, meine Schwester, wenn ich nicht errathen hatte Er stokte, und verbarg sein Gesicht, auf welchem Anstrengung und mannlicher Schmerz abwechselten. Scham, Dankbarkeit, und vielleicht Reue, die sich aber gewiss nur als Sorge fur die Zukunft zeigte, kampften in Sara's Seele. Sie hatte sich nach dem Augenblik der Mittheilung gesehnt, sie hatte vor dem der Entdekung geschaudert und doch hatte sie diese nie so schreklich gedacht, wie sie jezt in Rogers Mund klang, aus welchem doch Liebe und Schonung sprachen. Ihre Thranen horten auf zu fliessen: alles wissen Sie? Alles, Roger? frug sie wild und athemlos. Alles, antwortete er, indem er aufstand, und sich mit edler Festigkeit gegen L***'s Bild wandte; meine Schwester wird dieses Mannes Weib Roger, ich bin es; heiliger Gott, ich bin es! Sagen Sie so Roger schauderte zusammen, er legte beide Hande vor seine Augen als blendete ihn ein plozliches Licht; aber bald wieder seiner machtig, ergrif er ihre Hand und sprach: Sie sind sein Weib und die Mutter seines Kindes! vertraut mir, und lohnt mir so diese furchterliche Stunde. Sara hatte sich mit einem Schrei in seine Arme geworfen, sie weinte sanft; er hielt sie mit abwarts gekehrtem Gesicht, er hielt sie, als hatte er gefurchtet, zwei Herzen neben einander klopfen zu fuhlen, zwischen welche Tugend und Sittlichkeit sich nun auf ewig gelagert hatten. Wie sie sich beide einigermassen gefasst hatten, gestand er ihr, dass er genug geahnet hatte, dass seine sorgende Freundschaft deutlich genug auf ihrem Gesicht gelesen hatte, um auf alles vorbereitet zu seyn, dass ihm aber ihr Gestandniss demohngeachtet schreklicher als sein erster Gedanke gewesen ware, nicht aus Ruksicht auf ihn, nicht als sei ihm irgend eine Hofnung zerstort; er habe keine, als sie auf einem Wege, dessen Dunkelheit ihm noch unerleuchtbar schiene, zu fuhren und zu leiten. Hier wachte Sara's Vertrauen auf ihr Schiksal wieder auf, alle Bilder der Vergangenheit glanzten ihr wieder im hellsten Schimmer, und der Schluss dieser Stunde und viele, die darauf folgten, weihten den treuen Freund in dem Heiligthum ihrer Liebe und ihrer Sorgen ein. Der einfache Roger konnte der Schwarmerin nicht folgen in allen Schattierungen ihres Gefuhls; die Strahlen ihrer gluhenden Phantasie erleuchteten zwar auch seine Seele, doch nur mit stiller Klarheit, wie die Sonne auf einem spiegelhellen Wasserbeken von den ebenen Wellen wiederglanzt, indess sie auf dem in Schaum zerstiebenden Staubbach alle Farben des Regenbogens mahlt. Oft zerriss es sein Innerstes, selbst ewig verstossen, so lieben zu sehen; aber er hatte seine Pflicht als Mann und Freund fest ergriffen, und widerstand jeder Versuchung, treulos gegen diese Pflicht und das geliebte, verlassne Geschopf zu seyn. Verlassen! denn je langer er ihr zuhorte, je mehr er die Wurklichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit mit L***'s Thun, mit seinen seltenen, dunkeln, despotischen Briefen verglich, desto banger ward es ihm fur Sara's Schiksal. Sie verschloss ihre Augen vor jedem aufsteigenden Zweifel, und sog aus der Ruhe, die Rogers Nahe und die Gewissheit seines Schuzes ihr gaben, neuen Glauben an den Mann, den sie allein liebte, dem sie allein anzugehoren sich so heilig bewusst war.

Seldorf gewohnte sich schnell, den Jugendfreund seiner Kinder um sich zu sehen; er schien unmuthig an den Tagen, wo Roger nicht da gewesen war, und wusste er ihn neben sich, wenn er in dem leichten Schlummer lag, in welchen jeder Versuch zu denken ihn einwiegte, so schien er ruhiger zu athmen, und erwachte oft mit einem wehmuthig freundlichen Blik auf den jungen Mann. So nah am Grabe mit Entschlussen und Thaten unvermischt, verloren seine Urtheile und Meinungen viel von ihrer Bitterkeit; und mit vaterlichem Wohlgefallen ruhte oft sein Auge auf Rogers blizendem Blik, wenn dieser von dem grosten Schwur durchdrungen, so entfernt er auch von der leichten Pralerei war, ihn bis zum Verbrechen erfullen zu wollen, doch mit unerschutterlicher einfacher Treue kein grosseres Verbrechen zu begreifen schien, als ihn nicht zu erfullen. Seldorf erkannte, dass sein ehemaliger Ekel an der Menschheit und ihrem verworrnen Treiben in denen, die ihn uberlebten, schimpflicher Verrath an ihren Zeitgenossen seyn wurde; und so matt er nur Rogers: bis in den Tod! segnen konnte, so war es klar, dass er noch Leben zu fuhlen gewunscht hatte, um mit einzustimmen: bis in den Tod! Der Winter verstrich unter dieser Lebensweise, und Seldorf nahm wohl wahr, dass die nahe Fruhlingssonne, die in der ganzen Schopfung das Lebendige vom Erstorbenen scheidet, auch ihm seinen Plaz im Grabe anweisen wurde. Wenn er seinen Stuhl an das Fenster schieben liess, und im Obstgarten neben den todten Blattern einzelne grune Halme hervorkeimen sah, dachte er bang, sehnend, kummervoll an das Grab. Nachdem er gegen das Ende vom Februar einige Tage sehr schlecht zugebracht hatte, bemerkten einst beide junge Leute, dass er sich in seinem Geist sehr lebhaft beschaftigte, und bald seine Tochter unruhig ansah, bald finster nachzudenken schien; er sprach weniger abgespannt, aber unzusammenhangend, wie jezt alle seine Ideen waren, von der Bekanntschaft mit L***, und sezte seine Tochter dadurch einer grausamen Folter aus; dann frug er nach dem alten Berthier, und wunschte, die Jahrszeit mochte es ihm moglich machen, noch einmal zu ihm zu kommen. Roger, welcher fur Sara litt, ergrif eifrig diesen Gegenstand, um das Gesprach zu verandern, und versicherte die Luft heute so sanft gefunden zu haben, dass sein Grosvater gewiss diese kleine Reise nachstens wurde unternehmen durfen. Seldorf schien uber diese Aussicht sehr erfreut, als ein neuer Anfall von Gichtschmerzen seine Gedanken wieder von allem Aeusseren abzog. Es war Vormittags; Roger hatte im Begrif gestanden, nach Haus zurukzureiten; er blieb aber bis zum Abend, um Sara bei ihrem Vater hulfreiche Hand zu leisten. Seldorf empfieng seine Dienste mit Dank, und drukte einmal in der Todesangst des Schmerzens die Hande der beiden jungen Leute zusammen an seine Brust. Endlich legte sich der Anfall, und Roger wollte nach der ersten ruhigen halben Stunde fortgehen, als Seldorf seine Hand fasste, um ihn zurukzuhalten. Er ergrif auch Sara's Hand, und, einige Minuten ausser Stand zu sprechen, drukte er sie bald an seine Lippen, bald sah er, mit einem bittenden Lacheln auf seinem von Schmerz erschlaften Gesicht, zu ihr hinauf. In Sara's Seele dammerte eine schrekliche Ahnung, die anstatt sie zur Fassung vorzubereiten, ihre Phantasie erhizte, bis ihre Gefuhle in einer unnaturlichen Spannung unter einander anstiessen. Roger stand unbefangen, und mit der Aufmerksamkeit eines Sohnes, der jedem Wort des kranken Vaters entgegen horcht, in gebukter Stellung beim Lager seines alten Freundes, als Seldorf endlich, obschon sehr matt, doch gesammelt anhob: Sara, dich allein hat mir das Schiksal nicht geraubt, du allein beweisest mir, dass mein langes muhseliges Leben nicht ein blosses Spiel wechselnder Truggestalten war, Sara, du kannst mir ein Pfand geben, dass die Gottheit mich nicht dem Elend ausschliessend weihte ... meine Sara, du kannst das lezte schwindende Bild des Lebens mir wohlthatig erleuchten er hielt mit seinem Gefuhl kampfend inne, und naherte die Hande der beiden jungen Leute Dieser junge Mann ware mir mehr als Sohn geworden ... mehr! denn der Unglukliche, den ich Sohn nannte, wenn dieser ihm einst auf dem Schlachtfeld begegnen sollte, so darf sein Arm nicht zaudern, und er sage ihm noch: diesen Streich fuhre ich fur deines Vaters Nachkommenschaft! .... Ob du ihn liebst, weiss ich nicht; er liebt dich! .... du wirst dann nicht verlassen seyn, und ich werde heiter sterben Er legte ihre Hande zusammen, und blikte wieder fast flehend auf Sara. Diese hatte erstarrt auf des Vaters Worte gehort, wie aber Rogers Hand die ihrige beruhrte, riss sie sich los, bedekte mit beiden Handen ihr Gesicht, und rief durchdringend: Nie! nie! Roger stand wie von einem Wetterstral getroffen; erst durch Sara's Heftigkeit ward er zu sich selbst gebracht, kusste fast weinend die Hande des Kranken, der besturzt seine Tochter ansah, und wie von einem plozlichen Lichte erhellt, wandte er sich gegen Sara: Meine geliebte Schwester, geben Sie ihm diese Beruhigung, geben Sie mir dieses Recht, Sie zu schuzen Des ungluklichen Madchens Begriffe verwirrten sich; der Anblik des sterbenden Vaters, Rogers dringende Bitte brachten die Empfindung von Zwang, ja von Betrug hervor; sie riss sich von neuem von Roger los, und rief schaudernd: du! auch du! L***'s Weib .... bald Mutter Sara, unterbrach sie Roger angstlich, fassen Sie Muth; Sie mussen einen Beschuzer, Ihr theures Kind muss einen Vater haben, und L*** wird mir diese Wurde gonnen Sara, die mit Todesangst ihre Hande rang, warf jezt einen Blik auf ihren Vater er lag in Zukungen. Das schrekliche unvorbereitete Gestandniss seiner Tochter hatte seine gebrechliche Maschine zerstort, ein Schlagfluss riss an dem lezten zahen Faden des Lebens man eilte herbei, schafte Hulfe Sara stand sinnlos neben seinem Bette, und folgte mit stierem Blik dem Wechsel von Erstarrung und Leben auf ihres Vaters Gesicht. Einen Augenblik schien sein Bewusstseyn zurukzukehren, er richtete seinen Blik auf Roger, dann auf Sara, und ein Paar grosse schwere Tropfen rannen aus seinen gebrochenen Augen, die er sogleich wieder schloss. Dieser Anblik uberwaltigte das unglukliche Madchen, sie sank ohnmachtig in Rogers Arme; bei dem Gerausch, welches dadurch unter den Anwesenden entstand, schlug Seldorf die Augen noch einmal auf, und sie fielen auf die Gruppe, wie Roger, beide Arme um Sara geschlungen, sie fest an sein Herz drukte ein mattes Feuer schien noch in seinem Blik zu flimmern, ein schwaches Lacheln spielte um seine Wangen; er legte sein Haupt seitwarts, und entschlief.

Fussnoten

1 Dieses Kunststuk sieht riesenmassiger aus, als es wurklich ist. In den Geburgen des Jura, und an vielen Orten, wo die Heerden in der guten Jahrszeit von den Dorfern entfernt sind, ist es bekannt genug. Da der Stier sehr ungelenk, und in einem solchen Augenblik von Wuth betaubt ist, so kommt es darauf an, alle Kraft in den ersten Anlauf zu sezen, und dem Thier das Gleichgewicht zu nehmen, ehe es auf seinen vier Fussen den Angrif gemacht hat.

Zweiter Theil

Lange noch lag Sara ohne Bewusstseyn in den Armen ihres jungen Freundes; denn Roger besorgte, dass ihre ausbrechende Verzweiflung bei ihrem Erwachen die entfliehende Seele des ungluklichen Vaters aufhalten mochte. Eine grauenvolle Stille folgte auf das unruhige Gerausch der Hulfsleistungen um den Sterbenden. Zwei Weiber aus dem Hause, die ihn aufrecht gehalten hatten, drukten ihm nun kalt und methodisch den Mund zu. Sie flusterten gegen einander: er ist ohne den Segen der Kirche gestorben. Heilige Jungfrau! rief die eine, und warf ein Tuch hin, mit welchem sie eben den lachelnden Todten bedeken wollte; heilige Jungfrau, erbarme dich! wir wollen beten Die beiden Weiber sanken neben dem Bett auf die Knie; Roger schauderte, da er diese neue Veranlassung zur Pein fur Saras zerstortes Herz entstehen sah. Er fasste sie auf, und trug sie aus dem Zimmer. Diese Vorsicht war sehr nothwendig, denn ihr Erwachen war so furchterlich, dass ihr Geheimniss und die Geschichte der lezten Augenblike ihres Vaters durch ihre Reden bekannt geworden waren. Rogers Gegenwart schien ihr Abscheu einzuflossen: sie rechnete ihm ihres Vaters Tod zu, weil er ihm zu dem Plan einer unnaturlichen Verbindung die Hand geboten hatte. Bei aller dieser Verwirrung ihres Geistes war keine Heftigkeit, sondern eine kalte, feste, finstere Verzweiflung, die taub gegen Gute und Vernunft, nur fur die Eingebungen ihrer zerrutteten Fantasie Gehor hatte. Roger litt unendlich, aber es gelang ihm durch sein einfach mannliches Wesen, ihr zu widerstehen. Er behandelte sie wie ein Kind, liess sie nicht aus dem Zimmer, besorgte alle Anstalten zu Seldorfs Begrabniss, und schrieb seinem Grosvater den traurigen Vorfall, der seinen alten Freund so schnell hinweggeraft hatte. Er bat ihn zugleich um Rath wegen Sara's; "denn ich gestehe dir, Vater so drukte er sich aus dass ich keine Gewalt mehr uber mein Herz habe, seitdem ich sie durch L***'s Verrath frei, und bei allem was sie umgiebt, ohne unsre Stuze, unendlich verlassen weiss. Selbst das Beste zu wahlen, bin ich in diesem Augenblik nicht fahig; eile, Vater, mir jetzt beizustehen, da ich noch keinen Entschluss in mir aufkommen liess."

Der alte Berthier hatte kaum Zeit gehabt, diesen Brief zu lesen, als er sich ohngeachtet der rauhen Winternacht auf den Weg machte, und mit Tages Anbruch bei dem Pachterhof anlangte. Er befreite Rogern von der peinlichsten Lage. Sara hatte gegen Morgen mit grosser Heftigkeit verlangt, zu ihrem todten Vater gelassen zu werden, und auf Rogers sanftes Verweigern, das sich vorzuglich auf die Besorgniss grundete, die Umstehenden mochten aus den Ausdruken ihres Schmerzes mehr errathen, als zu ihrer Sicherheit dienlich ware, sezte sie ihm die Herrschaft der Verzweiflung entgegen. Er gewann es zwar uber sich, als Mann mit ihr zu sprechen; er beschwor sie bei ihrer Pflicht als Tochter, und bald als Mutter, ihm zu gehorchen; aber unfahig, sie langer mit Grunden zu bestreiten, war er gezwungen gewesen, sie in ihrem Zimmer einzuschliessen, und er erwartete nun neben dem Leichnam des Entschlafnen die Antwort seines Grosvaters. Wie froh ward er uberrascht, als er den edeln Greis selbst ankommen sah! Dieser stand einige Augenblike mit gefalteten Handen bei der Leiche, und was aus seinem gen Himmel gerichteten Blik leuchtete, war Gewissheit des Daseyns jenseits, in welchem Seldorf jezt den Endzwek seiner Leiden erkannte. Er legte seine Rechte auf die kalte Stirne des Todten so sanft schliefst du nie! sagte er, indem eine Thrane seinen Blik verdunkelte. Roger erzahlte ihm nun alles; der Alte horte sehr ernst zu, und sass noch lange darauf in tiefem Nachdenken: bald blikte er auf Rogers von Wachen und Unruhe gluhendes Gesicht, bald schien er mit sich selbst zu sprechen. Roger, sagte er endlich, meine Tochter soll Sara von diesem Augenblike seyn; ob sie dein Weib wird, hangt von ihr ab; aber ich verspreche dir meinen Segen dazu. Du musstest Rath fordern, ich aber gabe dir ein schlechtes Beispiel, wenn ich dir Vorurtheil und Menschenfurcht neben den Tugenden des Patrioten anpriese. Fuhre mich jezt zu ihr! Sie fanden Sara sehr eifrig schreibend; wie sie Berthier sah, fuhr sie vor Schreken zusammen, und sah Roger forschend und mit stolzem Unwillen an. Dieser kam ihren Gedanken zuvor: ja Sara, der Vater kennt alle Ihre Anspruche auf unsre Liebe, auf unsre Schonung, er weiss, dass Ihr Vater mir ein Gluk zudachte, das ich nie ertrozen will, das aber ewig das Ziel meiner Hofnungen bleibt. Sara gerieth bei diesen Worten in die heftigste Bewegung. Wissen Sie auch, rief sie mit dem Ausdruk der Verzweiflung, dass er daran Schuld ist, dass mein Vater mir fluchend aus der Welt schied; und jezt gebraucht er Gewalt, um mich von seinem Leichnam zu trennen. Berthier ergriff ihre Hand, und fuhrte sie stillschweigend in das Zimmer des Todten. Sara! sagte er ernst und feierlich, indem er das Tuch von dem Lager hinwegzog; dieses lachelnde Gesicht fluchte seinem Kinde nicht im Tod! Die Hofnung Ihres Gluks begleitete ihn vor Gott; hier an seinem Sterbebett geloben Sie mir Gehorsam und Sanftheit, die ihn ehren. Das arme Madchen war bei diesem Anblik, wie von einem Lichtstrahl getroffen, zu Boden gesunken. Sie blieb einige Minuten unbeweglich, dann stand sie auf, legte ihre kalten Hande in Berthiers Hand, und fragte mit hohler erloschner Stimme: Versichern Sie mir das? er fluchte nicht? Und Sie indem sie sich zu Roger wandte Sie hatten ja wohl kaltes Blut um zu horen! Er fluchte nicht? Nein Sara, er starb mit einem heitern Gedanken. Sie hob Hande und Augen gen Himmel, kusste des Vaters Stirne und Hande, seufzte, als brache ihr Herz: Gute Nacht, Vater, gute Nacht o gute Nacht! rief sie noch einmal, indem sie die gefalteten Hande an ihr Herz drukte, und gieng in ihr Zimmer, wohin ihr die beiden Berthiers folgten. Sie sezte sich noch einen Augenblik zum Schreiben nieder; aber der alte Berthier erinnerte sie, ihr Gepak zu besorgen, weil er sie sogleich nach ihres Vaters Begrabniss mit sich fort in sein Haus nehmen wurde, wo sie sich ganz als sein Kind, als Mitherrschaft ansehen sollte. Ich weiss, dass dies Ihres Vaters Wunsch war, und dass nur die lezten Vorfalle seines Lebens ihn verleiteten, falsche Wege dazu zu suchen; Sie konnen meine Tochter seyn, ohne sein Weib zu werden indem er auf seinen Enkel deutete obschon Sie es auf keine ehrendere Art fur Sie, auf keine beglukendere fur mich seyn konnten. Sie sah finster und unentschlossen auf Roger; sie nahm das Papier, an welchem sie so eben geschrieben hatte, vom Tisch, und sagte: Gehorsam, Liebe, Ehrfurcht bin ich Ihnen schuldig, und giebt es ein Mittel, mir das Leben zu erleichtern, bis mein Schuzgeist erscheint, so ist es, dass dieser junge Mensch es mir moglich mache, ihn wieder zu lieben, wie ich seit der ersten Bildung meines Herzens ihn liebte. In diesem Blatte habe ich ihn darum gebeten, ich habe ihm den Weg dazu gezeigt. Da Roger! Sie gewahren mir dieses, oder reissen sich auf ewig aus meinem Herzen. Sie gieng nun mit scheinbarer Ruhe an das Einpaken ihres Gerathes, und trieb das verschlossne Wesen ihres Schmerzens so weit, dass sie neben des Vaters Leiche aufraumte; nur bemerkte man eine zitternde Thatigkeit in ihren Bewegungen, und wenn sie sich einen Augenblik vergass, flossen einzelne grosse Tropfen aus ihren starren todten Augen. Sie kam ein paarmal in ihr Zimmer zuruk, wo sie den alten Berthier, wegen der Anstalten zur Beerdigung, und andrer Angelegenheiten, die mit dem plozlichen Todesfall zusammenhiengen, mit verschiednen Leuten im Gesprach begriffen fand; Rogern sah sie aber nicht, bis sie an einem Fenster vorbeikam, wo sie ihn unter den Baumen erblikte; er gieng in der heftigsten Bewegung auf und nieder; sie stand im Begrif, weich zu werden, aber sie entfernte sich, und hob einen Augenblik die Deke von des Vaters Gesicht, woruber ihr starrer Muth zurukkehrte.

Es war jezt Mittag, und sie kam mit den beiden Berthiers wieder zusammen. Sie schien bei Rogers Anblik zu leiden; der Alte bemerkte es, und nahm das Wort: Sara, mein Sohn hat mir Ihre Bitte mitgetheilt. Er soll durch einen feierlichen Schwur Ihrer Hand entsagen, damit Sie seine Grossmuth, seine Aufopferungen ohne Verdacht annehmen, damit Sie die Veranlassung zu Ihres Vaters Tod verschmerzen. So lange sie L***'s sind, wird er keine Anspruche auf Sie machen; werden Sie frei, so haben Sie das Recht, ihn auszuschlagen, aber nicht seinem Willen Einhalt zu thun. Roger schwort nicht. Nein Sara, rief der junge Mann innig, indem er ihre Hand fasste, nein! ich schwore nicht, aber ich schweige wie das Grab. Sara liess ihren Blik ungeruhrt auf ihm ruhen: Auch so! Trage, was darauf folgt, ich wollte es gut machen. Mehr sagte sie nicht, sondern fieng bald darauf an, von Geschaften zu sprechen. Gegen den Abend ward der Leichnam nach dem nachsten Kirchhof gebracht, Roger folgte ihm, und Berthier stieg sogleich mit Sara in seinen Wagen, um nach *** zu fahren. Es war nothig, Sara zu entfernen; denn in dem Augenblik, wo der Sarg aus dem Hause gebracht wurde, schien ihr Leben in Gefahr zu seyn. Wer ein Wesen, das ihm theuer war, sterben sah, wird uber diese menschliche Tauschung nicht lacheln. Das lezte Rocheln des Hinscheidenden ist schreklich, aber mit der ersten Schaufel Erde, die auf den Sarg rollt, fallt erst die furchtbare Scheidewand zwischen uns und der Geisterwelt ganz nieder. So lange er da lag, lachelnd und sanft im ewigen Schlummer, sagte sich Sara leise im innersten Herzen: er war versohnt! Wie aber der schwarze Sarg ihn verhullte und dahin fuhr, verschwand das Bild des Lachelns vor ihrem Blik; sie sah ihn in finstrer Erde wie einige Minuten vor seinem Tod, da die stummen Thranen aus den erstarrten Augen flossen wehe, wenn man auf das Geisterleben warten muss, um versohnt zu seyn mit dem in Verzweiflung gestorbenen. Tage und Wochen vergiengen, ehe Sara's Fassung zurukkam. Wie viel Roger damals von L*** wusste, ist unbekannt. Er konnte wahrend seiner langen Abwesenheit von ihm gehort haben, indessen war es nicht in seinem Wesen, Erkundigungen einzuziehen, und er beruhrte den Gegenstand nie. Ueberhaupt mag der Leser von hier an einige Luken finden; denn Menschen, die in der Einfalt ihres Thuns von der Gewalt allgemeinerer Schiksale fortgerissen werden, beobachten die kleineren verborgnen Faden ihrer Geschichte gar wenig, und konnen dem Frager selten andre Erklarungen uber eine Begebenheit geben, als deren Folgen. Fur ein theilnehmendes erfahrnes Herz aber wird diese Geschichte immer Zusammenhang genug haben, um die Gefuhle der Menschen, die darinn handeln, zu begreifen. Sara verfolgte Rogers Aeusserungen mit mistrauischer Aufmerksamkeit; und so oft sie abzunehmen glaubte, dass er ihre Verbindung mit L*** fur unverlezt hielt, so oft naherte sie sich in ihrem Betragen wieder ihrer alten Innigkeit und Unbefangenheit.

Ihre Schwangerschaft war nicht langer zu verbergen; auch befahl ihr der alte Berthier, sich mit bescheidner Sittsamkeit jeder Bemuhung der Art zu enthalten: in meinem Hause, sagte er, sind Sie geehrt, und so viel die Meinung der Welt sie noch angeht, sind Sie ihr schuldig, sie durch Erfullung der Mutterpflichten zu versohnen, nachdem Sie als Madchen sie beleidigt haben. In der Gegend herrschte so viel Mistrauen, Unruhe, Gahrung, dass es kein blos gesellschaftliches Urtheil mehr gab; jeder noch so kleine Vorfall ward in die politischen Meinungen verflochten, und diese wurden mit aller hamischen Kleinlichkeit, Verlaumdungs- und Verkezerungssucht behandelt, welche Priester und ihre Kreaturen einer Sache geben konnen, sobald sie wichtigeren Planen damit dienen. Unter dieser Partei, welche die starkere war, wurde Berthiers Grosmuth gegen Sara so feindselig ausgelegt, als moglich: Roger sollte das Madchen verfuhrt haben, aus Kummer war der Vater gestorben, und jezt hielt sie Berthier als seines Enkels Buhldirne in seinem Haus. Die Meinung der entgegengesezten Partei war durch die unvorsichtige oder boshafte Geschwazigkeit des Pachters, bei welchem Seldorf nach der Zerstorung seines Guts gewohnt hatte, entstanden, und sie enthielt mehr Wahrheit. In dieser argwohnte man Sara's geheime Verbindung mit L***, und dazu gehorte ohnehin wenig Scharfsinn, da Sara bei ihrer naturlichen edeln Unbefangenheit, bei dem Bewusstseyn ihrer innerer Wurde nie zu verhehlen gelernt hatte, bis ihre wurkliche Schuld den Bliken neugieriger Landleute schon in ihren verweinten Augen deutlich werden musste. Man machte Berthier ein Verbrechen gegen das Vaterland daraus, die Geliebte, Vermahlte, oder Misbrauchte eines L*** zu beherbergen, und die Unzufriedenheit gieng so weit, dass er von verschiednen seiner Bruder daruber zur Rede gestellt wurde. Er antwortete mit aller Festigkeit der Tugend, und verschafte sich, vor unmittelbaren Anklagen Ruhe, indem er in einer Versammlung fragte, ob einer von ihnen das Kind des offenbarsten Feindes vom Vaterland hulflos von sich stossen wurde wenn es ihn um Schuz anflehte? Und diese sagte er, ist das Kind meines ungluklichen Freundes; sie wird Mutter eines Geschopfes das ich dem Gemeinwesen erhalte; sie hat keinen Fleken auf sich, als dem Wort eines Menschen, den sie fur redlich hielt, getraut zu haben. Sollen sie und ihr Kind deswegen der Schande und der Sunde blosgestellt werden? soll ich deswegen meinen Freund im Grabe verrathen? Ihr hattet eure Pflichten schlecht erlernt, wenn Menschenliebe davon ausgeschlossen ware, und Ihr hattet mich schlecht gekannt, wenn Ihr Menschenfurcht mit zu meinen Schwachen gerechnet hattet. Seldorfs Waise bleibt mein Kind, solange sie von ihrem Verfuhrer getrennt bleibt; fordert er sie als sein Weib zuruk, so scheide ich von der Gattin unsers Feindes. Bis dahin troze ich der Verlaumdung Die rohen Menschen schwiegen geruhrt, und die Bosheit ergrimmte, diese Wurde nicht zu ihrer Maske nuzen zu konnen.

Der Fruhling hatte jezt die Natur neu belebt, und Sara schlich am spaten Abend oft in den Trummern von ihres Vaters ehemaligem Wohnort umher. Garten und Feld waren durch Berthiers Sorgfalt so weit hergestellt, dass ihr Ertrag Sara immer vor dem dringendsten Mangel schuzen konnte; aber die sonst so wohl erhaltenen Gange, die schattigen Lauben lagen noch danieder. Wie trub und bang stieg die Vergangenheit in Sara's Seele auf, da ihr Irrgang sie zum erstenmal wieder bis an die eingesturzte Brunnensaule brachte! dort hatte sie Ihn zum erstenmal gesehen und alles war zerstort, wie die Statte dieses heiligen Andenkens! Jene Sara mit leichtem schwebendem Gang, frisch und hold wie die Blumen, die sie trug, rein und hell ihr Blik wie der Krystall des Wassers, vor welchem sie stand, sanft und ruhig ihr Herz wie die Fruhlingsluft, die in den Zweigen umher spielte und nun! Matt und muhsam schlich die immer noch holde Gestalt durch das wildverwachsene Gestrauch, umwolkt und zutrauenslos suchte ihr Blik die verwusteten Spuren der Vergangenheit. Sie sass erschopft auf dem eingefallnen Brunnenbeken nieder, und betete fur L***. Sie hatte um ihn beten mogen, denn seit Monaten hofte sie umsonst auf Nachricht von ihm, forderte ihn umsonst auf, seinem Weibe, seinem Kinde beizustehen. Nur einmal nach dem Tod ihres Vaters hatte sie einen kurzen Brief von ihm erhalten, in welchem er ihren Aufenthalt bei Berthiers billigte, und sie mit dem ganzen Gewicht seiner Allmacht beschwor, sich still zu verhalten, jezt nicht von ihm zu fordern, dass er sich offentlich ihrer annahme, und ihren Glauben an eine Liebe nicht wanken zu lassen, die nicht von Vorurtheilen und gewohnlichen Grundsazen, nicht von dem fruheren oder spateren Anfang ihres Glukes abhienge. Er schikte ihr zugleich eine ansehnliche Summe, die sie mit einem sehr gemischten Gefuhl von unaussprechlichem Kummer uber sein hartnakiges Zogern, und von Freude, noch sein Eigenthum, noch in seiner Abhangigkeit zu seyn, empfieng. Seitdem war aber eine lange Zeit verflossen, sie sah nunmehr den entscheidenden Augenblik heranruken, der jedes Weib so wunderbar dem Tode nahert, und zugleich mit so unzerstorbaren Banden an das Leben bindet. Einsam musste sie dem Schreken dieser Stunde entgegengehen, einsam das verwaisste Geschopf empfangen, das seines Vaters Lacheln nicht in diesem Daseyn begrusste. Und wenn diese Stunde ihr Leben endigte sie weinte sanfter bei dieser Vorstellung, dachte sich Ruhe im stillen Grabe, und ihr Kind in Rogers treuer Hand wiederum aber bei dem Bilde des Grabes that sich ihres Vaters Sarg vor ihrem Blike auf, sie sah seine stummen Thranen, sein sterbendes starres Gesicht Schaudernd rief sie: dann verzeihst du mir dort! Und der Tod blieb ihr der liebste Gedanke, und sie wandelte ruhiger dahin, gleich als hatte sie einen Weg durch das Labyrinth des Lebens gefunden.

In diese schwermuthigen Traumereien wiegte sie sich bis gegen die Mitte des Junius; sie war gluklicher dabei, und empfanglicher fur Rogers edle Sorgfalt, fur Berthiers vaterliche Gute. Eine neue Erscheinung in L***'s Liebe storte diese Stille und Rogers Hofnungen, so bescheiden er sie in die treueste Bruderliebe hullte. Es langte eine Kiste von Saumur an, in welcher Sara ein vollstandiges Kinderzeug, einfach und anspruchlos, aber mit der sorgfaltigsten Sauberkeit verfertigt fand. Jedes Stuk war mit den beiden Anfangsbuchstaben von L***'s Namen bezeichnet, ein Zettel lag dabei, der nur diese Worte enthielt:

"Wann wird die Zeit kommen, wo ich heiligere Pflichten erfullen, und sussere Freuden geniessen soll, als ein Befehl an eine Naherin mir verschaft? Gesegnet sey die holde Mutter mit ihrem Kinde!"

Dahin war Sara's ruhiger Schmerz und ihre stille Ergebung; neue Hofnung, Freude, und Zuversicht traten an die Stelle, und wechselten mit Sehnsucht und Unruhe von neuem ab. Roger hatte mit vaterlicher Sorgfalt der Geburt ihres Kindes entgegengesehen, er hatte sich darauf gefreut, es mit seiner Liebe zu empfangen, er hatte den Grosvater beredet, Sara manches Kindergerath zu schenken, das mit altvaterischer Haushaltigkeit sauber in Schranken verwahrt stand, und von Berthiers jungstem Enkel her, der vor vielen Jahren gestorben war, fur Rogers kunftige Wirthschaft aufgehoben wurde. Mit wahrer mannlicher Zuchtigkeit hatte er gesucht, Sara die Schaam zu ersparen, die diese Sorgfalt, wenn sie von ihm herzuruhren schiene, bei ihr erregen konnte; aber er genoss eine wehmuthige Freude, sie durch alle diese kleinen Mittel an sich zu fesseln, und in seine Familie zu verflechten: Berthier nannte sie seine Tochter, ihr Kind sollte die feinen Kragen haben, die seine Mutter genaht hatte, und den silbereingefassten Wolfszahn umgehangen bekommen, an welchem schone silberne Denkmunzen von Ludwigs des Vierzehnten Siegen gereiht waren, der von Vater auf Sohn schon uber ein Jahrhundert in der Familie fortgeerbt hatte. Roger, der gluhende Patriot, der wilde Jungling, war einfach genug geblieben, um diesen Dingen noch einen ehrwurdigen Werth beizumessen. Das war aber vorbei, seitdem jene unglukliche Kiste anlangte. Verworfen waren die gestikten Hemdchen, die altvaterischen Spizen, und das ganze Gerathe; mit liebenswurdiger Weiblichkeit ordnete Sara die kleine Wirthschaft ihres kunftigen Kindes, die sie des Vaters Zartlichkeit zu verdanken hatte. Es war eine Kleinigkeit, aber sie zerstorte die Tauschung des guten jungen Mannes. Er gieng Sara schwermuthig aus dem Wege, um nicht Zeuge ihrer Zufriedenheit zu seyn, sie suchte sie zu verschliessen, weil sie fuhlte, dass er litt; aber mit einem einzigen Gedanken beschaftigt, gelang ihre Bemuhung nur schlecht.

Die entscheidende Stunde kam endlich, und liess Sara das ganze Ungluk ihrer Lage empfinden. Unter allen Schmerzen, welche das strenge Gesez der Natur einer Mutter auflegt, bei der Angst, die selbst unter den rohesten Volkern alle Begriffe von Qual zu erschopfen scheint, vermisste sie den Mann, fur welchen, durch welchen sie litt. Bei dem Bewusstseyn ihrer innern Reinheit, wurden die Thranen, die der korperliche Schmerz ihr auspresste, doch zu bittern Zeugen ihres Kummers und ihrer Schaam, als die Frau, welche ihr beistand, von ihren Leiden geruhrt, ausrief: es ist nicht recht gethan, dass der Vater nicht wenigstens dabei ist, sie zu trosten! Diese einfache, ungeschikte Bemerkung machte das Gefuhl, das die arme Leidende unterdruken wollte, in laute Worte ausbrechen; sie rang ihre matten Hande, und rief durchdringend um Kraft, diese Stunde zu uberstehen. Ware es moglich, das Gefuhl eines Menschen ganz und unverandert in die Seele eines andern ubergehen zu lassen, ware es moglich, dem leichtsinnigen oder boshaften Verfuhrer, dem durch romanhafte Schwarmerei oder unstatthafte Vernunftelei selbst zuerst Verleiteten, den Zustand von unaussprechlichem Verlassenseyn, in welchem eine unglukliche Geliebte in dieser Stunde leidet, zu schildern; es wurde vielleicht keines Mannes Herz dem Schreken widerstehen, Schopfer dieser Qual zu seyn.

Roger war abwesend, wie Sara von den Schmerzen uberfallen ward, und er kam erst spat nach Haus. Seit vielen Monaten hatte er sich auf diesen Augenblik gefasst gemacht; als er aber nun herbeigekommen war, als er denken musste: Leben oder Tod wurde jezt uber sie entscheiden, da konnte er sich kaum enthalten, den Gesezen des Anstandes, des Stolzes, der Stimme seiner Vernunft zu trozen, und zu ihr zu eilen. Er wachte neben ihrem Zimmer, fragte bang einen jeden, der heraustrat, und wie der Schmerz ihr den ersten Schrei auspresste, sturzte er erblasst in seines Grosvaters Schlafgemach, und rief: sie stirbt, Vater, sie stirbt! Der gute Alte war auf: Nein, nein, sagte er, indem er nicht ohne Zittern nach Sara's Zimmer eilte, es ist keine Gefahr; ich bin unterrichtet, aber ich will sie sehen. Der alte Mann erschien dem leidenden Geschopf wie ein wohlthatiger Engel, er fragte mit inniger Theilnahme nach ihrem Zustand, bat sie vaterlich, nicht aus falscher Schaam seinen Trost von sich zu stossen, und lehnte ihren Kopf an seine Brust. Ein holdes Madchen war der Lohn von Sara's Schmerzen, aber die Mutter war anfangs zu schwach zur Freude; Berthier blikte das Kind geruhrt an, und gieng zu seinem Sohn heraus, der in der heftigsten Unruhe seiner wartete: Sara hat uns eine Tochter gegeben, sagte er ihm freundlich, sie ist ausser Gefahr, sie wird uns erhalten. Roger war entzukt, er bat, er flehte sie sehen zu durfen. Endlich brachte man ihm das Kind. Er schauderte bei dessen Anblik: das Kind eines gluklichen, eines unwurdigen Nebenbuhlers aber Sara's Kind, ein verlassenes, von seiner Geburt bestohlnes Geschopf, ein Geschopf, das einst ein heiliges Band zwischen ihm und Sara knupfen konnte! Er nahm es auf seine Arme, und gieng tiefsinnig in das Zimmer der Mutter, die nun zu sehen war. Sie war noch so matt, dass sie im halben Schlummer dalag, und die Gegenstande kaum unterschied. Roger kniete, das Kind im Arm, neben ihrem Bette, und sah, zitternd von Liebe, Schaam und Unruhe, auf das blasse Gesicht, das noch Spuren des wutenden Schmerzens hatte. Sie ofnete endlich die Augen, blikte ihn lange halbverwundert an, bis ihr Herz nach und nach erwachte, und sie ihre Arme matt nach dem Kinde ausstrekte. Er reichte es ihr hin, und sie fuhlte seine Thranen auf ihrer Hand; sie hatte die Krafte nicht das Kind zu halten, es sank auf ihren Schooss, und sie machte eine Bewegung, es in Rogers Arme zurukzugeben, indem sie die eine Hand des jungen Mannes muhsam zu ihrem Munde fuhrte, und mit einem dankbaren Blik kusste. War es Bedurfniss ihres armen Herzens, sich von Liebe umgeben zu sehen, welches sich jezt, da ihr Geist in diesem Zustand von Erschopfung gewissermassen schlummerte, nur deutlicher ausserte, oder war sie geruhrt von der unerschutterlichen Liebe des jungen Mannes, oder fuhlte sie nunmehr als Mutter ihre Rechte auf L*** so gegrundet, dass sie von ihrer Strenge nachlassen durfte genug, Rogers Gegenwart schien ihr wohlzuthun, und wenn sie nach einem halben Stundchen leichten Schlafs erwachte, legte sie mit einem wehmuthigen Lacheln ihre Hand auf seinen Arm, als wollte sie ihn an dieser Stelle festhalten.

Nach drei Tagen hatten Jugend und Pflege die holde Mutter so weit hergestellt, dass sie ihrem Kind die Brust reichte. Bescheiden entfernte sich Roger in diesen Augenbliken, aber eines Tages uberraschte er sie, und war durch einen Zufall verhindert, das Zimmer sogleich zu verlassen. Bis jezt hatte Sara als Mutter zu laut zu seinem Herzen, zu seiner Theilnahme geredet, als dass eigennuzigere Gefuhle in ihm hatten aufkommen konnen; und einfach und redlich, wie er war, hatte seine Fantasie seine Sinne selten verfuhrt. Aber der Anblik dieses geliebten reizenden Weibes, die mit dem Ausdruk der reinsten Unschuld, mit stiller heiterer Mutterliebe, ihr Kind an den schonsten, bis jezt seinen Augen immer verhullt gebliebenen Busen drukte, deren zurukgebliebne Mattigkeit, deren unbefangnes Vertieftseyn in ihre Beschaftigung ihrer Stellung einen wollustigeren Reiz gab, wie die studierteste Kunst es je vermocht hatte dieser Anblik erregte in Rogers Blut einen Aufruhr, den er nicht bemeistern konnte. Nachdem er eine Minute lang seine flammenden Blike auf sie geheftet hatte, sturzte er zu ihren Fussen, umfasste Mutter und Kind, drukte sein gluhendes Gesicht an dieses Heiligthum, das sein Auge noch nie erreicht hatte, riss sich endlich mit convulsivischer Heftigkeit los, und eilte athemlos fort. Sara blieb erstaunt, erschroken zuruk. Ihre Achtung, ihr langer schwesterlicher Umgang mit ihm wollte sie uberreden, er ware vielleicht krank, oder er musste vielleicht fort, und dies ware sein Abschied gewesen; aber die Gluth seiner Wangen und ihr innerer Schreken widersprachen der Tauschung, es war ihr, als hatte sie ihn verloren, und sie zitterte ihn wiederzusehen, nach ihm zu fragen. Sie warf sich vor, gefehlt zu haben, sie bat L*** mit Thranen ihr Vergehen ab, und weinte um Rogers Schuld, die ihre Ruhe vernichtete. Der unglukliche Jungling hatte von dem Augenblik an Hollenqual gelitten. Er konnte an Sara nicht mehr denken, als mit wallendem Blut, mit unbandigen Wunschen. Seine Grundsaze, seine Entschlusse blieben fest, aber seine Einbildungskraft hatte ihm das Weib, das er seit funf Jahren mit ubernaturlicher Entsagung liebte, in die Arme geliefert, sie verschlang ihre Reize mit rasendem Feuer, und er fuhlte sich ohnmachtig in dem Kampf gegen seine verirrten Sinne. Ihr Name, der Anblik ihres Halstuchs, das am Gartenzaun troknete, der Befehl, den sein Vater ihm am Abend dieses Tages gab, Sara's Nachtlicht anzuzunden alles fuhrte eine Reihe der ausschweifendsten Bilder in seinem Gehirn vorbei, durch welche sein moralisches Gefuhl vielleicht vergiftet, und er zu herabwurdigenden Verirrungen getrieben worden ware, wenn ein Zufall ihn nicht aus diesem Zustand gerissen hatte.

Vor Sara's Gegenwart zitternd, und doch mit unwiderstehlicher Gewalt zu ihr gezogen, empfand er eine Marter, die endlich eine Ahnung von Hass gegen den Gegenstand seiner Liebe selbst hervorbrachte. Er war treu und schuldlos, und doch zerstorte sie sein Daseyn. Er hatte sie nur einen Augenblik besizen, halten dann ermorden mogen, denn seine Vernunft war betaubt. Sonst durfte er seinen Vater um Rath, um Hulfe bitten, jezt errothete er zum erstenmal vor sich selbst. Roger war dieser Demuthigung nicht gewohnt, er musste sie enden: er nahm den folgenden Tag von seinem Vater Abschied, um nach Saumur zu gehen, und dort sich zu zerstreuen. Er konnte sich nicht entschliessen, Sara zu betruben, und abzureisen, ohne sie zu sehen. Sie war verlegen bei seinem Eintritt; als er ihr aber stotternd sagte: Sara, ich muss fort, muss mich wiederfinden, muss wieder fahig werden in Ihrer Nahe zu seyn; jezt ist's unmoglich! da sah sie ihn wehmuthig an, Thranen erstikten bald ihre Stimme; er gluhte, und wollte fort, als furchtete er, sie mochte so wie sonst ihm die Hand zum Abschied reichen, oder ihren Kopf an seine Schulter lehnen. Aber sie kniete nieder, benezte seine Hand mit Thranen, und sprach leise: Ja es ist besser, Segen geleite Deine Schritte, kehre ruhig wieder. Er horte nichts mehr, er riss sich los, eilte nach der Thure, warf noch einen Blik auf die Kniende, und verschwand. Als er in Saumur ankam, erfuhr er, dass das Departement eben versammelt ware, um aus der Nationalgarde die Deputirten zu dem Bundesfest des vierzehnten Julius in Paris zu erwahlen. Dies schien ihm ein Wink des Schiksals, er eilte sich unter die Bewerber zu stellen, und da man eifrig bedacht war, nur die warmsten Patrioten zu dieser Sendung zu gebrauchen, so ward er mit Freuden angenommen. So fand er sich denn auf eine unbestimmte Zeit erlosst von der Gefahr, die ihm zu Hause drohte; der neue Gang, den seine Gedanken nahmen, die Anstalten zur Reise wurkten wohlthatig auf seine Fantasie; seine Vernunft erhielt wieder ihre Oberherrschaft, aber es blieb mit dem Gedanken an Sara eine Schwermuth in ihm zuruk, die keine Zeit zu heilen versprach. Sie hatte seit Jahren sein Gluk in ihrer Hand, sie war die Gottheit seines einfachen Herzens gewesen, das kindlich einen grossen Theil seiner angebornen Tugenden ihr zuschrieb und jezt hatte sie ihn fast dem Laster in die Arme gesturzt, er hatte gefuhlt, dass er, um die Gahrung seines Bluts zu tilgen, zu niedrigen Ausschweifungen hatte schreiten konnen, und rettete ihn auch jezt die Festigkeit seines Verstandes, so schauderte er desto mehr vor dem Gedanken, herzlosen Taumel der Sinne als Entschadigung fur die reinste Liebe zu ergreifen. Er gieng noch auf einige Tage nach *** zuruk, um von seinem Grosvater zu dieser langen Abwesenheit Abschied zu nehmen. Naturlich musste er Sara wiedersehen, seine Schwermuth vermehrte sich bei diesem Anblik; das Gefuhl, ungeliebt zu lieben, war in seiner Seele haftend geworden, und die Hofnung, den Abgott seines Herzens gluklich zu sehen, diese einzige Entschadigung fur seine unerwiederte Liebe, schwand immer mehr dahin, je verblendeter Sara fur L*** schien, und je unerklarlicher dieses Mannes Betragen wurde. Der Streit seiner Empfindungen brachte eine Verschlossenheit in ihm hervor, die sich durch finstre Kalte ausserte, und Sara mit banger Ungewissheit erfullte. Sie konnte sich nicht verbergen, dass seine Abwesenheit, durch solche vortheilhafte Umstande veranlasst, in diesem Augenblik sie beruhigte; aber ausserst peinlich war es ihr, so von ihm zu scheiden, den Schmerz der Trennung nicht durch sanftes Vertrauen lindern, das Gefuhl ihrer Dankbarkeit und ihres Unrechts gegen ihn nicht vor seinen Augen ergiessen zu durfen. Er sah sie wenig, und wenn er bei ihr war, und Fassung genug erkampfen konnte, um uber ihre Lage zu sprechen, geschah es mit einem kalten ernsten Wesen, das sein Herz zusammenpresste. Ihr Stolz hielt sie aufrecht; sie hielt in solchen Augenbliken ihre thranenschweren Augen auf ihre Arbeit geheftet, und suchte Gleichgultigkeit in ihre zitternde Stimme zu legen. Roger glaubte, dass seine unglukliche Verirrung ihr bei langerem Nachdenken beleidigend geschienen hatte, und diese vermeinte Unbilligkeit mischte noch etwas Bitterkeit in den Zwang seines Wesens. So erhielt sich das Misverstandniss, und stieg immer hoher, bis an den Tag, der zur Abreise bestimmt war. Roger sass finster und tiefsinnig neben Sara und seinem alten Vater, dessen Stolz auf die Sendung, die sein edler Enkel erhalten hatte, durch den Anblik seiner vernichteten Heiterkeit sehr getrubt ward. Man fragte Roger, ob sein Pferd nun gesattelt werden sollte; Sara fuhr erschroken zusammen, und bukte sich tiefer auf ihr Nahzeug; Roger athmete hoch auf, und liess sich zweimal wiederholen, was man von ihm wollte, ohne die Antwort zu vernehmen. Dann stand er auf, und gieng mit angstlicher Heftigkeit durch das Zimmer umher; der alte Berthier gab endlich mit erzwungner Gleichgultigkeit den Befehl, das Pferd zu satteln, sein truber Blik folgte den unstaten, nach Fassung kampfenden Schritten seines Lieblings. Rogers Stimmung war sehr gewaltsam, alle Gefuhle seines Herzens, seine feurigsten Wunsche und seine redlichsten Entschlusse stritten noch einmal gegen einander in diesem bangen Augenblik; er rechnete darauf, seinen Verdacht gegen L*** in Paris aufzuklaren oder zu bestatigen, dann aber wurde er dann an Sara's zunehmendem Widerwillen einen schlimmeren Feind als L***'s Anspruch zu bekampfen haben? Und wenn er L*** Unrecht thate, wenn er nur darum mehr erfuhre, um sich zu uberzeugen, dass seine Leidenschaft gegen Geseze und Moglichkeit strebte? er ward in diesem unruhigen Kampf durch das Erwachen von Sara's Kind unterbrochen, das nach seiner Mutter weinte. Sara verstand sein Verlangen, unwillkuhrlich rief es ihr jenen traurigen Ausbruch von Rogers Heftigkeit zuruk, und sie beugte sich verlegen uber die Wiege, um durch ihre Stimme die Kleine zu besanftigen. Diese liess sich betrugen, und schlummerte lachelnd wieder ein. Mechanisch war Roger der Mutter bis zum Kinde nachgefolgt, und stand nun fast gedankenlos bei dem kleinen holden Geschopf. Vielleicht war es der Ausdruk von Ruhe auf dem sanften Gesicht des Kindes, vielleicht wurkte die bange Stille, die in dem Zimmer herrschte, auf sein gespanntes Gehirn, vielleicht nahmen ihm selbst unbewusst seine Gedanken einen sanfteren Gang: kaum hatte er einige Sekunden auf das Kind geblikt, so wurden seine Augen nass, und wie jezt der Knecht unter dem Fenster rief, dass alles bereit ware, sturzte er lautweinend neben dem Bettchen auf die Knie, drukte das Kind an sich, und rief in der Bitterkeit seines Schmerzens: er wird sie nie so innig lieben nie so unaussprechlich wie ich! Sara konnte sich nicht mehr halten, sie eilte zu ihm, sie wollte ihm mit der sussen Beredsamkeit der gekrankten Liebe, des unwillkuhrlich schuldigen Gewissens beweisen, dass sie ihn nie zartlicher lieben konnte, wie sie ihn als Schwester liebte, dass er nie sie mehr begluken konnte, wie er sie als Bruder beglukte. Dieser Zauber konnte Rogers Herz noch treffen, aber sein Verstand war nicht mehr zu verblenden; er sah jezt die Unmoglichkeit eines Bundes, wie der, welchen er mit Sara geknupft hatte. Dennoch nahm ihre in diesem Augenblik ausbrechende Herzlichkeit diesem Abschied den qualenden Zwang, den die bisherige Verstimmung zwischen ihnen hervorgebracht hatte. Er antwortete ihr sanft und fest, dass nur eine spate unbestimmte Zukunft ihm die Wahrheit dessen, was sie jezt so kuhn versicherte, darthun konnte, dass alles, was er bis dahin seinem Gram entgegenzusezen hatte, die Liebe fur das Vaterland ware, das ihn riefe und alles, Sara, was Sie fur mich thun konnen, ist fur meine Tugend zu beten, die Ihr Bild nicht mehr aufrecht halt! Der alte Berthier hatte Sara's schwarmerische Aeusserungen unwillig angehort, und sein redendes Gesicht war bei Rogers mannlichem Ernst heitrer und stolzer geworden, bis diese lezten Worte ihm wieder bewiesen, dass mehr Verzweiflung als Entschlossenheit aus Rogers Munde sprach. Nicht so, rief er streng, beten muss sie, dass deinem Herzen der Friede wiederkehre; deine Tugend gehort nicht ihr, und nicht dein eigen. Sie gehort wie dein Leben dem Vaterland, das dich zu seinem Streiter weihte: wehe, wenn ein so eigennuziges Gefuhl, wie das, welches jezt in deinem Busen kampft, seine edelsten Sohne entnervte, wenn unsre Weiber sie von ihren heiligsten Pflichten abwendeten, anstatt sich ihrer Macht fur diesen einzig grossen Zwek zu bedienen! Roger unterbrach ihn ehrerbietig und ruhig: Nein Vater, so entlass deinen Sohn nicht! so lass mich nicht eine Bahn betreten, die mich erst spat wieder in deine Arme fuhrt! Theilte ich dein Zutrauen auf meine Tugend nicht, so hatte ich den Augenblik nicht uberlebt, wo ich das Jahre lang gehegte Traumbild meiner bruderlichen Liebe zerstort sah. Gonne mir aber jezt den Genuss meines Schmerzens, das Vaterland soll nicht dabei verlieren, und einen andern Ersaz fur mein ewig verlornes Gluk, einen andern als diesen Genuss Vater, dring mir ihn nicht auf, jezt in dieser bittern Stunde nicht!

Er gieng, und sein Abschied hinterliess einen traurigen Eindruk bei den Zurukgebliebnen. Sara's weiches schwarmerisches Herz konnte dem Gedanken, der sie so lange unablassig beschaftigt hatte, L***'s Gluk und Rogers Frieden zu verbinden, nicht entsagen. Roger hatte ihr moralisches Daseyn verdoppelt, indem er fast von der ersten Bildung ihres Gefuhles an, ihr Geschopf, ihr Eigenthum, und sie die Meisterin seines Schiksals gewesen war. Seit sie zuerst wusste, was Liebe sey, wusste sie sich von ihm geliebt; er hatte nie gewankt, sie hatte sich nie geandert, sie hatte ihm stets jede Empfindung im vollsten Maasse gewahrt, ausser der einzigen, welche die Natur ihr fur ihn versagt hatte. Ohne seine Liebe und ihren wehmutigen Dank hatte sie niemals eine Zukunft sich als moglich gedacht und jezt zerriss Roger diesen muhsam unter stetem Kampf erhaltenen Bund, warf ihren Einfluss, ihre Macht von sich, wollte kein Gluk mehr von ihr empfangen. Ach sie wusste, dass sie ihn nie ganz beglukt hatte, wusste, dass ihn doch keine andre je begluken wurde! Der bittre Gedanke, ihn Jahre lang um den Genuss seines Daseyns betrogen zu haben, stritt mit der Krankung, dass er seine Fesseln zu zerbrechen vermochte; und weibliche Schwarmerei mahlte ihr seinen mannlichen Entschluss als Undankbarkeit vor. Des alten Berthiers Misfallen an der Wurkung einer Verbindung, zu welcher er in seinem einfachen Sinne selbst die Hand geboten hatte, war nicht dazu behulflich, den verschlossnen Gram der armen Schwarmerin zur ruhigen Anerkennung des Vernunftigsten und Besten zurukzubringen. Er war edel und wahr, und hatte sich in Rogers Stelle versezt; so um Sara zu leben, sie so zu beschuzen, unter solchen Bedingungen die Zukunft abzuwarten, das musste Roger wunschen, und das gewahrte er ihm. Aber er hatte sich mit seinem abgekuhlten Blut, mit seinem Bewusstseyn, die Rechnung uber seines Herzens Gluk nun schon langst mit dem Schiksal abgeschlossen zu haben, in Rogers Stelle versezt, und auf diese Weise die unausbleibliche Gefahr, der sich der junge Mann aussezte, ubersehen. Rogers Wille blieb immer gleich grosmuthig und uneigennuzig, aber es musste ein Augenblik kommen, wo Natur und Liebe diesem Willen eine andre Richtung gaben, als die sein wohlmeinender Grosvater sich gedacht hatte. Es war also ungerecht von dem redlichen Alten, Sara des ubeln Ausschlags zu beschuldigen, und uber sie, die Rogern niemals ihre Liebe verheissen hatte, zu zurnen, dass es ihn nun ungluklich machte, ihre Liebe zu entbehren. Auch der Gang der offentlichen Angelegenheiten, der sich immer mehr verwikelte, trug dazu bei, den alten Berthier von der unschuldig irrenden Sara zu entfernen. Die Parteien wurden immer heftiger; und alles, was zu L***'s Anhang gehorte, wendete allen Einfluss, alle List und Dreistigkeit an, um die Begriffe des Volks zu verwirren, und jeder wahren Nachricht oder richtigen Vorstellung den Eingang zu versperren. Man befleissigte sich, die rohesten, wildesten und bestechlichsten Menschen aus Berthiers Bunde zu den schlimmsten Bubenstuken zu verleiten oder aufzuhezen, um diese nachher, als eine Folge ihrer Grundsaze, dem Volke vor die Augen zu stellen. Berthier, welcher von allen geheimen Kunstgriffen dieser Art unterrichtet war, oder ihren Zusammenhang mit dem grossen System der Revolutionsfeinde wenigstens errieth, konnte sich bei aller seiner weisen Billigkeit nicht enthalten, die arme Sara einigermassen mit in die Verdammniss der L***schen Rotte zu ziehen; unter seiner nie zu trubenden Gute drang doch oft die heimliche Misbilligung ihrer Gefuhle, und der Wurkung, die sie auf seines Enkels Gluk hatten, hervor. Endlich ereignete sich ein an sich kleiner Vorfall, der Sara's Schiksal schneller entwikelte. Ein kleiner Theil vom Volke hatte den vierzehnten Julius mit bruderlichem Entzuken gefeiert, fur manche war er ein Tag wuster Frohlichkeit, aber bei weitem die meisten Einwohner jenes Landstrichs sahen ihn mit blindem Mistrauen an, als einen neuen Schritt zur Emporung und Gottlosigkeit. Die Priester thaten alles mogliche, um diese Meinung zu rechtfertigen, und sie mischten unter die hier und da angestellten Feste nur zu gut zum Unheil abgerichtete Aufhezer, die alles anwandten, um die freudige Begeisterung in Unordnung und Ausschweifung zu verwandeln. Das Land war voll von unbeeidigten Priestern; in einem Granzort des Distrikts von ** gerieth einer von diesen, der in die Schenke einkehrte, unter verschiedne dort versammelte, patriotisch gesinnte Bauern. Sie liessen sich anfangs nur mit einigen Stichelreden gegen ihn aus; wie er diese aber mit schaumender Priesterwuth aufnahm, uberhauften sie ihn mit bittern Vorwurfen wegen seines verweigerten Eides. Der hochmuthige Pfaffe war unfahig, sich in Zeit und Umstande zu fugen, sondern donnerte einen Bannstrahl uber den andern gegen die Frevler heraus. Er kam gerade von ***, einer zu L***'s Gutern gehorigen Einsiedlerkapelle, die mit einem wunderthatigen Heiligenbilde prangte. Der folgende Tag war zur Feier dieses Heiligen, welche durch ausserordentliche Ablassspenden begangen wurde, bestimmt; und Stolz und Unverstand gaben dem Priester ein, die betrunknen Bauern um ihn her zu bedrohen, dass ihnen, statt der Fursprache des heiligen Fulgentius, dessen Fluch werden wurde. Die bis dahin unerhorte Frechheit, dem Zorn eines Priesters zu trozen, erhizte die Trinker in ihrem Fortschritt so weit, dass sie sich vermassen, der Heilige sollte ihnen nicht allein morgen die Absolution nicht versagen, sondern sie ihnen sogar noch heute, vor des hochwurdigen Herrn Augen, hier an Ort und Stelle geben. Sogleich theilte sich der tolle Haufen; eine Halfte bewachte den wutenden Pfaffen, die andre eilte durch die hinter dem Hause gelegnen Weinberge und Baumstuke in den nachsten Wald, wo eine halbe Stunde entfernt der Heilige seine Kapelle hatte. Der Einsiedler war beschaftigt, mit einigen hiezu von einem benachbarten Kloster gekommenen Monchen, die geweihte Statte mit Blumen und Wachskerzen fur die nahe Feier zu schmuken, als die wilde Rotte hereinsturmte, und mit tobendem Geschrei die erschroknen Klausner auseinander trieb. Der Einsiedler mochte schon Unglaubige aller Art gesehen haben; er liess sich von diesen nicht irre machen, sondern eilte, die Kerzen am Altar auszuloschen, und stellte sich in die immer zunehmende trube Dammerung vor seinen Heiligen, in dessen Namen er den Verruchten mit lauten Fluchen die augenblikliche Rache des Himmels verhiess. Die Scene war grauenvoll genug, um geubteren Freveln einigen Schreken einzujagen: eine alte gothische Kapelle, deren dustres Gemauer von dem rothen Lichtstrahl der ewigen Lampe nur bei ihrem Aufflakern uberschossen wurde; die Lampe selbst hieng neben einem halb eingefallnen Bogen von Laubwerk und Blumen, die sie malerisch mit blutigem Schimmer umgoss, indem sie zugleich zwei grosse weisse Heiligenbilder, die den von Flittergold blizenden Altar unterstuzten, etwas erleuchtete; unter dem Laubbogen stand der Einsiedler, eine lange, fast entkorperte Figur, mit kahlem Schedel und dichtem weissen Bart, die mit Grabesstimme die Qualen der Verdammten, die Blize der rachenden Gottheit auf die Entweiher des Heiligthums herabrief, und dumpf schallte jeder Fluch aus dem nahen Gruftgewolbe zuruk. Die berauschten Bildersturmer waren schon durch die Finsterniss des Orts, in welchen sie aus der blendenden Abendsonne traten, uberrascht; seine feuchte Kuhle mochte auch auf ihr brausendes Gehirn wurken sie hielten einen Augenblik in ihren Sturmen inne, und nun waren sie verloren; denn die schrekenden Bilder, die ihnen der Wachter des Heiligen vorgehalten hatte, frischten leicht ahnliche und bekannte in ihrem Gedachtniss auf, und gleich den Sclaven, welche der Anblik der Geisel zum Gehorsam zurukbrachte, verwischten bei ihnen die Moderkuhle, der Weihrauchsdampf und die Monchskutte den jungen Freiheitstaumel; sie sanken zahneklappernd vor dem fluchenden Priester nieder, und murmelten ihr Bussgebet. Aber ihrer Zerknirschung war noch ein weiterer Spielraum aufbewahrt, denn ehe noch die erflehte Absolution aus des Einsiedlers doppeltzungigem Munde tonte, kam ein Haufe bewafneter Bauern, um die Verbrecher zu fangen. Der Wirth der Schenke, in welcher sich der ganze Unfug entspann, hatte gerichtlichen Beistand aufgefordert, und einige Bauern waren dem gefangenen, von ihnen in Freiheit gesezten Priester, der den Heiligen so unvorsichtig compromittirt hatte, nach dem Schauplaz des kezerischen Komplotts gefolgt. Die umgesturzten Betstuhle und das herabgerissne Altartuch verkundigten die Unthat der Frevler so deutlich wie ihr Zittern und Zagen; sie wurden gefangen genommen, und nach ** gebracht. Der alteste und wutendste unter ihnen, der jezt furchtsamer als die ubrigen schien, machte ein Paar Versuche zu entspringen, und wie ihm diese mislangen, suchte er dem Priester einige Worte insgeheim zu sagen. Nach einer kurzen Unterredung mit dem Bildersturmer fieng der, man weiss nicht wie, versohnte Diener der Kirche von weitem an, darauf einzuleiten, dass der Mensch im Grunde einige Nachsicht verdiente, er sey fremd in dem Dorfe, und sey nur von ohngefahr unter die Zechbruder gerathen; aber den ehrlichen Bauern, welche sich zu Rittern des heiligen Fulgentius aufgeworfen hatten, lag der Heilige mehr am Herzen als der Pfaffe, und die ubrigen Gefangnen brachen in laute Schimpfreden gegen ihren Mitschuldigen aus, versicherten, er sey ihr Anstifter und Verfuhrer gewesen, ja einer, der niedergeschlagner war als alle andere, sagte endlich, nun er ihn zum zweitenmal verfuhrt hatte, sollte er auch seinen Theil an der Strafe haben; auf das Zureden dieses namlichen Menschen ware er schon im lezten Sommer mitgezogen, wie sie des braven ehrlichen Gutsherrn Schloss zerstort hatten. Seitdem, sezte der Bauer bleich und zitternd hinzu, bin ich aus Angst zum Soffer geworden, denn alle Heiligen haben mich verlassen, und mir keine Ruhe gegonnt, ob uns gleich der selige Herr durch die Aeltesten sagen liess, er habe uns vergeben; und wie uns der heilige Klausner verfluchte, war mir's, als stohnte der arme selige Herr: Amen aus dem Gruftgewolbe heraus. Diese Entdekung diente dem Verbrecher nicht zur Empfehlung; und wie am folgenden Morgen bei dem Verhor herauskam, dieser Mensch sey der Sohn des Verwalters in C**, L***'s Schloss, und ein Vertrauter des dortigen Kapellans, verbreitete sich bei dem hellsehenden und braven Theil der Commune ein allgemeines Kopfschutteln. Es trafen so viele bedenkliche Zeugnisse gegen den Menschen zusammen, dass seine Sache sehr weitlauftige Aussichten gab, als ganz unerwartet, es sey von Ohngefahr oder auf Veranlassung, L*** selbst in C** ankam. Seine Erscheinung flosste dem zahlreicheren Theil der Partei, welche bei des Bildersturmers Process interessirt war, Troz, dem andern aber die Art von Bitterkeit ein, welche die Erwartung einer Ungerechtigkeit, die zu hintertreiben man zu schwach ist, so leicht geben kann. Kaum aber hatte sich L*** die Sache, die ihm ganz fremd schien, berichten lassen, und mit den Richtern gesprochen, so erhielt der Beklagte sein Todesurtheil als Mordbrenner und Aufruhrer, und wurde in der moglich kurzesten Frist hingerichtet. Der Elende schien wutend, er wollte zu dem anwesenden Volke reden, allein sein zitternder Mund brachte nur die wiederholten Worte vor: Ihr seyd betrogen, ich bin geopfert Der Geistliche, der ihn begleitete, schwang das Crucifix und betete lauter, bis die Todesmarter des Sterbenden Bemuhung zu sprechen zum Gewinsel machte.

Sara erhielt die erste Nachricht von L***'s Ankunft in der Gegend durch den alten Berthier. In der Art, wie er sie ihr mittheilte, hatte sie seine ganze Gutherzigkeit lesen konnen, wenn sie nicht schon ein gewisses Mistrauen gegen ihn in ihrer Seele hatte Wurzel fassen lassen. Das hochst zweideutige Licht, in welchem L*** von neuem erschien, brachte den rechtschaffnen Alten auf, und erfullte ihn mit bittern Sorgen uber den Gang der Zukunft; aber in dem namlichen Grad, wie er L*** misbilligte, beklagte er Sara's Schiksal. Er hatte sie so lange geliebt, und nicht, weil sie seine Liebe weniger verdiente, war er jezt unzufrieden mit ihr, sondern weil sie nicht fur seinen Roger so liebenswurdig war. Er sagte ihr fast storrig, um nicht betrubt zu scheinen, L*** sey angekommen, und eben zur rechten Zeit, um einem Eindruk vorzubeugen, der seinem Hause nicht zur Ehre gereiche; er erzahlte ihr sodann, was sich am Abend des Bundesfestes ereignet hatte, und wie man erstaunt gewesen war, in dem Anfuhrer der Unruhstifter einen Menschen zu finden, der, wie die ganze Gegend um C** wusste, zu L***'s Hauswesen gehorte. Bedenklich sezte er hinzu: Sara, der Vater Ihres Kindes soll unter meinem Dache geehrt werden, den Mann, von welchem Sie Ihr Gluk erwarten, hoffe ich rechtschaffen und gut zu finden; aber aus Schonung fur Ihren alten Pflegvater, gehen Sie vorsichtig zu Werke! Bis ich nicht uberfuhren kann, habe ich keinen Verdacht; aber sehen Sie um sich, wie seine Genossen unsern armen Brudern Zutrauen und Gewissensruhe rauben diesen mussen Sie es verzeihen, wenn sie nicht so nachsichtig sind.

Man seze sich an Sara's Stelle, um von ihren Empfindungen bei diesen Worten zu urtheilen. Sie, die dennoch Entehrte, so rein ihr Herz sich fuhlte, so zartlich ihre Freunde sie schonten, sie, die Einsame, Verwaisste, durch Mistrauen Vereinzelte, sie sah nun auf einmal den lang ersehnten Augenblik vor sich; ihres Schiksals Gebieter, ihr Gatte, ihres Kindes Vater war da; jeder Augenblik konnte ihn in ihre Arme fuhren sie horte halb erstarrt Berthiers Rede an, horte anfangs nur die Nachricht von L***'s Ankunft, dann fuhlte sie einen Augenblik blos den Schmerz des Tadels, der wieder auf ihn fiel; dann erinnerte sie sich, wie es damals war, da ihr Haus verbrannt wurde, wie ihr Vater damals auch auf L*** gezurnt, und sich hernach doch seiner Fuhrung uberlassen hatte. Alles stritt und walzte sich in ihrem Kopfe: Unwille uber den redlichen alten Berthier, Liebe, Angst, Ungeduld, und endlich weibliche, mutterliche Zartlichkeit, die uber alles siegte. Lachelnd und mit perlenden Thranen eilte sie zu ihrem Kinde, weinte laut, schwazte der Kleinen vom Vater, kleidete sie, war von ihrem Liebreiz uberzeugt, und schmukte sie von neuem, und schmukte sich selbst, und neue Thranen und Schaamrothe uberflossen ihr Gesicht, wie sie ihr Halstuch um den mutterlichen Busen schlang. Wollust, und inniger Schmerz, und zuchtige Furcht, ob das Weib ihm so reizend scheinen mochte wie das Madchen, kampften in ihrer Seele. Endlich fiel ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Greis, der unruhig aus- und eingieng, und sie zuweilen tiefsinnig ansah. Sie ergriff seine Hande: jezt kein Mistrauen! Vater, nach so langem Leiden, lassen Sie mir einen Augenblik Kindergluk o ich werde allein die Weise gewesen seyn, denn ich glaubte der Liebe! sezte sie begeistert hinzu, und hob die nassen schonen Augen zum Himmel, mit der Zuversicht einer Martirerin, welcher die gottliche Glorie entgegenstrahlt. Der Alte horte ihr ernst zu: Gott gebe es, meine Tochter! und indem er ihr sanft die triumphirende Stirne kusste, fuhr er leise, wie zu sich selbst sprechend, fort: Konnte ich allein fallen, fur dich und ihn! Er schwieg erschuttert, und eilte von ihr. Aber die Stunden vergiengen, der Abend brach ein, und L*** kam nicht. Mehrmals erwachte die Kleine, und weinte, und Sara angstigte sich, er mochte nun gerade jezt kommen, da sie weinte; schnell reichte sie ihr die reizende Brust, und gluhte bei dem Gedanken, dass er jezt hereintreten, und das Kind an ihrem Busen finden konnte. Endlich wandelte sich die zarte Gluth der Liebe auf ihren Wangen in ein tieferes Roth, indem ihr Herz von peinlicher Erwartung hoch aufklopfte; bei jedem neuen Schlag der Dorfuhr, nachdem sie schon bang die Sonne hinter die Hugel sinken gesehen hatte, zog es sich krampfhaft zusammen; jedes ferne Gerausch machte sie stuzen, sie lauschte, und zurnte innerlich, so oft einer der Hausgenossen in das Zimmer trat, und doch sang sie selbst sich mit unsichrer Stimme etwas vor, um die bleierne Zeit zu betrugen. Aber auch ihre Stimme verstummte in der immer zunehmendenden Stille; die Dunkelheit liess sie auf den Weg hin, und den Hugel hinauf nichts mehr erbliken, mit truben Augen und eiskalten Handen fasste sie ihren Stuhl an, und rukte ihn weit weg vom Fenster an das Bett ihres Kindes. Sie furchtete sich vor dem Augenblik, da der alte Berthier zu ihr zu kommen pflegte, denn sie musste dann ruhig scheinen, und sprechen doch plozlich horte sie einen Knecht im Hofe reden, und auf die Treppe zugehen bald war es ihr, als ob ein ruhiger leiser Schritt sich ihrer Thure nahte sie zitterte die Thure gieng auf, und L*** stand im Zimmer. Nach einem fluchtigen Blik auf die Gegenstande umher, die sparlich erleuchtet waren, weil die herzliche Mutter einen Lichtschirm gegen die Wiege gekehrt hatte, flog er auf sie zu; von Entzuken uberwaltigt, vermochte sie es kaum, ihm ein Paar Schritte entgegenzuwandern, und er empfieng sie in seine Arme. O sie hatte diese Stunde noch ungetrubt geniessen konnen! noch war ihr Gewissen rein von Unrecht, noch hatte keine wilde Leidenschaft ihr Inneres verwustet! Hatte dieser Mann die Stimme der Menschheit und Natur noch horen konnen, so ware diese Stunde die erste von Sara's Gluk gewesen. Reizender als je, rein, treu, und ehrwurdig neben dem Zeugen ihrer Schwache, lag jezt das holde Weib in seinen Armen; sie erwartete alle ihre Seligkeit von seiner Hand, er hatte alle Verantwortung ihres Glukes auf sich genommen, da er sie zu seinem Eigenthum machte warum erwiederte sein Blik, sein Kuss, selbst sein Entzuken nicht das kindliche Zutrauen der wonnetrunknen Sara? Die Natur siegte zwar einen Augenblik, wie die von Freude zitternde Mutter ihm das schlafende Kind hinreichte, wie es ruhig athmend das Kopfchen an seine Brust sinken liess, und im Vaterarm fortschlummerte, wie Sara aufrief: O es zeigt mir, dass diese Brust mir noch treu ist! Klopfte sie nicht fur mich, es wurde erschroken aufwachen. Sie schmiegte sich nun an ihn, ihr Auge blizte unter Thranen, ihr kindliches Gemuth liebkosste ihn lange spielend, und in ihre eigne Freude vertieft, ohne den Ausdruk seines Gesichts auszulegen. Endlich musste sie seinen unruhigen Blik, seine ungleiche Stimme, sein ofteres Verstummen wahrnehmen; sie musste fuhlen, dass er uber diesen seligen Augenblik hinaus dachte. Sie fragte, und ihr susser Ton, der Reiz ihres ganzen Wesens riss ihn wieder zur Heiterkeit hin; er wollte antworten, und dann verwirrte er sich wieder in seinen eignen dunkeln Gedanken. Sie erfuhr endlich so viel, dass er von unangenehmen Geschaften verfolgt, alles abgebrochen habe, um sich uber ihre Lage zu beruhigen, ehe ein neuer Strom von Begebenheiten ihn auf noch langere Zeit von ihr fortrisse. Diese lezten Worte durchschauderten das zartliche Weib; sie hielt ihn mit beiden Handen fest, als wollte sie ihn der ganzen Welt streitig machen, und betheuerte, keine Wendung der Umstande, keine Burgerpflicht sollte sie mehr von ihm entfernen. Die Furcht vor einer neuen Trennung uberwand ihre zartlich stolze Schaam, mit dem feierlichsten Ernst forderte sie L*** auf, sie nun in den Besiz des Rechtes, an seiner Seite zu leben, einzusezen. Deine Treue, sezte sie mit dem Ausdruk der innigsten Liebe hinzu, will ich nicht binden, die sichert mir dieses Herz zu, das jezt an deinem schlagt; aber jener schlummernde Engel fordert einen Vater, der ihn vor der Welt anerkenne! Er wird seine Mutter nach ihrem Gatten fragen. Ein Strom von heissen Thranen uberfloss ihre Wangen, die von Schaamrothe gluhten; L*** drukte sie an seine Brust, und der wechselnde Ausdruk seines Gesichts bewies, dass er nach Fassung kampfte. Er konnte ihr endlich zureden, Leidenschaft und Ueberredung ergossen sich von seinen Lippen, aber sein zweideutiger Blik lud zu keinem Glauben ein, und in seinem ganzen Wesen war mehr Spannung als theilnehmender Schmerz. Er stellte ihr vor, wie unmoglich bei seinem jezigen Unternehmen die offentliche Verkundigung der heiligen Verpflichtung ware, die seine Liebe und ihr Werth, auch ohne ihr Kind, ohne dieses theure Pfand seines Glukes und ihres Vertrauens, ihm auflegten; wie pflichtwidrig er als Staatsburger handeln wurde, wenn er, um ihre zartlichen Besorgnisse zu heben, sich zu dem Dienst seines Vaterlands unfahig machte, indem er durch die Wahl seiner Gattin seiner Partei Mistrauen einflosste. Er verwirrte nun Sara's banges Gemuth durch ein scheussliches Gemalde, das er ihr von den Absichten der Bundesbruder ihres alten Freundes entwarf, und er wusste kunstlich seiner Sache den schonen Schmuk der Freiheit und der Vaterlandsliebe anzulegen. Berthier sprach er von allen bosen Absichten frei, er nannte ihn einen edeln Schwarmer, der um einige Menschenalter zu spat lebte. Seine reine Romertugend, sagte er, wird von den Bosewichtern, die ihn umgeben, gemisbraucht, und er wird endlich ihr Opfer seyn; denn ihnen ist Redlichkeit ein Grauel, sie rechnen ihm den Schuz, den er dir und meinem Kinde gewahrt, zum Verbrechen an, und wenn ich es nicht uber dich vermag, dass du mir ohne Bedingung folgst, so kannst du uber den alten Mann die blutige Rache seiner eignen Rotte ziehen. Die Arme war nun in ein Meer von Zweifeln gesturzt, die zu losen ihre Erfahrung nicht hinreichte; und in dieser bangen Stimmung musste L*** sie fur diesen Abend verlassen. Es ward ihm schwer: oft wollte er gehen, und seine Unruhe und ihr Schmerz fuhrten ihn zuruk; er kniete lange vor ihr, wahrend dass ihre Thranen auf ihr lachelndes Kind herabfielen, das auf ihrem Schoosse spielte; Liebe und finstre Unentschlossenheit wechselten in ihm, und umsonst rief ihn Sara's holde Stimme zum unbefangnen Genuss dieses Augenblikes auf, der ihn zwar fesselte, aber nicht erheiterte. Nach seinem Abschied suchte sich Sara zu sammeln, er hatte ihr versprochen den folgenden Abend wieder zu kommen, und sie wunschte, seine Plane dann mit frohem Herzen annehmen, oder widerlegen zu konnen. Sie musste ihm folgen, ohne in den Augen der Welt sein Weib zu seyn, oder sie musste bleiben, und ihren ehrwurdigen Pflegvater in Gefahr sezen; denn jezt reihte sie L***'s Wink, und des alten Mannes lezte Worte zusammen, und zitterte fur des Greises Sicherheit. Diesen Abend that Berthier keine Frage an sie; er blikte ihr gutig forschend, aber schweigend in's Auge, das sie bei diesem Blik, in welchem der ganze Friede der menschenfreundlichsten Tugend glanzte, wehmuthig niederschlug. Den andern Tag bat er sie, ihrem alten Freund ihre Freude mitzutheilen, wenn sie froh ware, und ihren Schmerz nicht zu verhehlen, wenn der Besuch ihres Gatten sie betrubt hatte. Dieser Ton, dieser Ausdruk erwekte das Zutrauen der unentschlossnen Sara, sie entdekte ihm ihre Zweifel und ihre Besorgnisse, verschwieg aber aus Schonung oder Vorsicht, und weil die Sache ihr in diesem umfassenderen Gesichtspunkt nicht am Herzen lag, das abschrekende Gemalde, das ihr L*** von Berthiers Partei gemacht hatte. Wie sie mit ihrer Erzahlung zu Ende war, schwor der Alte mit bittrer Heftigkeit, dass er sie nie anders, als wie L***'s anerkannte Gattin aus seinem Hause lassen wurde ja, mein Leben, rief er, mag ihr Opfer werden, denn er mag der Helfershelfer mehr haben, die meine eignen Bruder, die diese ehrlichen Landleute, welche mich zehn Jahre lang liebten und achteten, gegen mich aufhezen; aber so lange diese Augen sind, soll meines Rogers Liebe nicht seine Beute seyn. Nein Sara, er hat die Rechte deines Gatten, oder gar keine; und dann mache ich die meinen geltend. Ich will ihn heute selbst sprechen. Diese Erklarung konnte die verscheuchte Sara nicht beruhigen, sie sah dem Gesprach der beiden Manner mit Angst entgegen, und hatte keine Klarheit in ihre Seele bringen konnen. Die bittre Herabwurdigung, mit welcher Berthier von dem Abgott ihres Herzens sprach, flosste ihr von neuem eine geheime Entfernung gegen den Greis ein; sie bereute es, ihm nicht alles verschwiegen zu haben, sie warf sich das Vertrauen, das sie ihm gezeigt hatte, als einen Verrath an L*** vor, und eilte bei seiner Ankunft seine Verzeihung zu erhalten. Er war heute froher, und dem Gluk des Wiedersehens offner. Anfangs schien er uber Berthiers Absicht, mit ihm zu sprechen, verlegen; bald aber schalt er Sara lachend uber die Ehrensache, die sie ihm angestiftet hatte, und versicherte ihr, wenn ihr Herz ihm genug traute, um als treue Gattin ihm zu folgen, eh eine mussige Caremonie es ihr zur Pflicht machte, so stunde er dafur, auch des alten Mannes Einwilligung zu erhalten. Sara seufzte, blikte auf den verfuhrerischen Mann, aus welchem heute Leben und frohe Zuversicht sprach, und wahnte in seinem unstaten Auge nichts als Liebe zu lesen.

Der alte Berthier liess L*** bitten, auf sein Zimmer zu kommen; so kurz ihre Unterredung war, so empfand Sara dennoch die peinlichste Unruhe, bis sie beide zusammen hereintreten sah. Sie richtete ihre Augen fragend auf L***, der mit erhiztem, aber freudigem Gesicht ihre Hand ergriff; ehe er noch sprechen konnte, kam Berthier ihm zuvor, Unwille und tiefe Traurigkeit lag in seinen Zugen. Sara, sagte er, dieser Mann hat mich uberzeugt, dass meine Anspruche den seinigen nachstehen mussen; er hat mich uberzeugt, dass nur das wurkliche Eintreffen dessen, was ich furchte, mich berechtigen konnte, Sie von dem Vater Ihres Kindes zu trennen. Also nichts mehr davon! Ich kann seine Rechte nicht schmalern, wenn Ihr Wille sie heiligt; ziehen Sie mit ihm er richtete seine truben Augen gen Himmel: Verzeih mir, ungluklicher Vater, dass ich hier meine Verpflichtung aufhoren lasse! Aber noch einmal wende ich mein vaterliches Ansehen an, horen Sie mich, Sara Ihnen, mein Herr, fuhr er fort, indem er sich gegen L*** wandte, kann, was ich sagen werde, gleichgultig seyn, sobald Sie rechtschaffen sind; wo nicht, so ware es unrecht, es blos hinter Ihrem Ruken zu sagen. Der Mann, Sara, dessen unzusammenhangenden Grunden, gegen Sitte und Gesez zu handeln, Sie nachgeben, ist der Feind seines Vaterlands und der Verrather seines Volks; wer die Sache der Freiheit verrath, wird sich nicht scheuen, die hulflose Unschuld aufzuopfern! Suchen Sie sich vor Verzweiflung zu schuzen, wenn der Erfolg meinen Argwohn rechtfertigt. So kunstvoll er ist, kann er Sie nie erniedrigen, solange Sie nur von ihm betrogen, und nie seine Mitschuldige sind. Gott erhalte Ihr Gewissen rein! Herr von L***, ob Sie mich Ihrer Politik oder Ihrer Rache opfern, gilt mir gleich; ungewarnt sollte sie nicht aus meiner Pflege Mit diesen Worten, indem er noch einen festen ruhigen Blik auf L*** heftete, entfernte sich der Greis. Sara blieb, ein Bild des Entsezens, wie angezaubert stehen; des grausamen Alten Beschuldigungen umwolkten die reine Glorie nicht, in welcher L*** ihrem liebenden Herzen erschien; aber furchterlich ergriff es sie, den Mann, den sie uber alles ehrte, so hartnakig verfolgt und angefeindet zu sehen. L*** fuhrte schnell den gefahrlichen Schwindel ihrer Gedanken vorbei, der doch endlich in Zweifel an ihm hatte ubergehen konnen; er nahm sein Kind in seine Arme, und fragte sie ernst und eindringend: mein Weib, sagt dir nicht Pflicht und Natur, dass du mir mehr vertrauen musst, als dem traurigen Parteigeist dieses kuhnen Alten? Ich betrog dich noch nie, und werde dich nie betrugen; misverstand deine ehrwurdige Unerfahrenheit auch zuweilen meine Worte, so war dir meine Liebe doch immer deutlich, und von dieser erwartest du ja dein Gluk, nicht von dem Einfluss meiner ausseren Lage, nicht von den politischen Verhaltnissen, die Berthier so hinterlistig auszulegen sucht. Sara musste in diesem Augenblik dem Gluk ihres Lebens, dem Glauben an seine Redlichkeit entsagen, oder mehr wie je hingegeben, in ihm alle ihre Erwartungen von Frieden und Seligkeit vereinigen konnte sie da wohl anstehen? In dem lezten Zeitpunkt von ihres Vaters Leben, und seit seinem Tode hatte Einsamkeit, Liebe, Kummer, sie gegen alle Unterschiede der Parteien und gegen ihre Absichten sehr gleichgultig gemacht. Die Sache der Freiheit und der Gleichheit konnte zwar nicht anders als ihr theuer bleiben, allein war L*** denn ein Bundsgenosse der Gegner dieser Sache? Bei dieser Frage war es ihr jezt unmoglich zu verweilen, sie wollte nichts als sich aus der hulflosen Ungewissheit retten, in welcher ihre Trennung von dem Geliebten sie hielt, sie wollte dem Manne gehoren, fur welchen sie Rogers Liebe, Berthiers Vertrauen verloren hatte ach und einen noch theuerern Kaufpreis durfte sie sich um ihrer Ruhe willen nicht nennen, aber der Gedanke an die Todesstunde ihres Vaters rief ihr diesen doch unzahligemal zu Diesem Mann, der ihr nun alles war, wollte sie gehoren, und Vertrauen auf ihn konnte sie allein begluken. L*** wusste diesen fantastischen, gleich weichen und starren Sinn zu behandeln: durch ein Spiel der Empfindung beruhigte er ihren Verstand, und durch Ermahnungen an ihren Verstand fesselte er wiederum ihr weiblich schuchternes Herz. Kaum war einiger Zusammenhang in ihre Unterredung gekommen, so sprach er ernst und fast gebieterisch uber die Pflicht, welche jezt mehr wie jemals den Weibern oblage, sich vor leidenschaftlichen Meinungen uber offentliche Vorfalle zu huten. Er ausserte den entschiedensten Widerwillen gegen allen politischen Geist an Weibern; er bat sie, niemals, was auch geschehen mochte, den zartlichen Gatten mit dem Geschaftsmann zu verwechseln; er stellte ihr mit den reizendsten Farben der Liebe und Schmeichelei das Gluk vor, sich bei ihr auszuruhen, zu erholen, an ihrer Seite Mensch zu seyn, wenn er allenthalben nur das Gespenst der Politik vor Augen gehabt hatte. Sara fuhlte nicht das Einseitige seines Raisonnements, sie fuhlte nur die Wonne der hauslichen Scenen, die L*** ihr schilderte, sie ergab sich mit gluhendem Herzen in den Willen ihres Gebieters, und hatte nie eine Ausubung der Herrschaft gekannt, die so suss gewesen ware als die Anerkennung dieses Gesezes.

Zwischen Berthier und Sara war in der darauf folgenden Zeit von L*** nicht mehr die Rede; doch nahm in den wenigen Tagen, die dieser noch in der Gegend zubrachte, wahrend deren der Process des Kirchenschanders geendigt wurde, des Alten Unmuth sichtbar zu. Sara hatte von L*** alle nothigen Mittel und Anweisungen bekommen, um sich unterdessen zu ihrer Abreise zu bereiten. Ihr Herz war bei diesen Veranstaltungen zwischen Unruhe, Sehnsucht und Kummer getheilt. Sie getraute sich nicht mehr, in der Gegend umherzugehen; bei jedem Denkmal ihrer fruheren Jugend beklemmte ahnungsvoller Schmerz ihren Busen. Oft stieg sie bis auf den Hugel, der zwischen Berthiers Haus und dem Gut ihres Vaters lag, und blikte auf die Trummer ihrer ehemaligen Wohnung; dann sah sie rechter Hand uber die Wiese hin, wo Roger sie von dem wutenden Stier rettete, dann irrte ihr Auge in die Ferne, und uberall traf es auf Spuren ihres verschwundnen Glukes. Wenn sie nun traumte, welche Zukunft ihr Vater fur sie gewunscht, erwartet hatte, und dem Pfad hinabfolgte, auf welchem sie nun wandelte, so schienen ihr alle Faden zwischen der Vergangenheit und der Zukunft abgeschnitten, sie schien sich ein ganz verschiednes Geschopf von der Sara, die in den Schatten jener Ulmen aufbluhte, und es war ihr, als erblikte sie ihr zitterndes wandelndes Bild in den spielenden Wellen eines Stroms: jezt wirft die Welle einen Theil der Gestalt zuruk, ein andrer fliesst dahin, das Auge will den Umriss verfolgen, und verliert sich in den schwimmenden Zugen, immer ist die Gestalt dieselbe, nie ist sie es ganz. Trub und mit schwerem Herzen kehrte sie dann zuruk, und gieng sie durch den Garten, so erkannte sie uberall Rogers liebende Sorgfalt, hier eine Rosenheke, die er fur sie angelegt hatte, dort einen Mandelbaum, von dem er ihr Fruchte brach. So irrte sie einst bis in einen kleinen Schoppen, wo er eine ganze Schreinerwerkstatt hatte. Als Kinder hatten sie oft hier gesessen; die Bruder, wie Theodor und Roger damals hiessen, zimmerten dort Laubengelander, Nelkenstabchen, und allerlei Spielereien; sie brachte ihnen in der Schurze ihr Vesperbrod, Obst und Semmeln, und Theodor suchte ungestumm ihren Vorrath durch, indess Roger ihr geschaftig seine Arbeit zeigte. Spaterhin erhielt sie von Roger manches Geschenk seiner Geschiklichkeit, Nahkastchen, Fussschemel, Blumenkisten. In diese Erinnerungen vertieft, sezte sie sich auf der Hobelbank nieder, und ihr Blik fiel auf den oberen Theil eines kleinen Rollwagens, der unter den Spanen verborgen stekte; sie sah zugleich auf einem Tisch vor sich ein Brett, auf welchem ein Wagenrad abgezeichnet war, und Rogers Taschenbuch liegen, aus dem er seinen Bleistift genommen hatte, der noch auf dem Brete lag. Roger hatte einen ihrer fluchtigen Wunsche, einen kleinen Wagen fur ihr Kind zu haben, aufgefasst, er war fast damit fertig geworden heisse Thranen sturzten aus ihren Augen, bei diesem neuen Beweis seiner stillen innigen Sehnsucht, ihr Freude zu machen. Sie horte seine verzweifelnde Stimme, als er in der Abschiedsstunde rief: nie, nie wird er sie lieben wie ich! sie erschrak, nahm das Taschenbuch zu sich, und eilte von diesem Ort hinweg, wo vorwurfsvolle Geister sie zu umschweben schienen. Aus den zulezt geschriebnen Aufzeichnungen im Taschenbuch sah sie, dass dieser Wagen ihn noch an dem unseligen Tage beschaftigt hatte, welcher seinen Entschluss sich zu entfernen veranlasste.

Wenige Tage nach L***'s Abreise kam eine ehrbare Frau, seine ehemalige Amme, die seitdem in der Familie gedient hatte, und holte am fruhen Morgen Sara mit ihrem Kinde ab. Sie war davon benachrichtigt gewesen, und hatte den Abend vorher von Berthier Abschied nehmen wollen; aber der Greis sagte zitternd: Schone mein Alter! Vor vier und zwanzig Jahren nahm mir der Tod mein leztes Kind, ich dachte, nur er wurde dich mir nehmen. Er schloss sich in sein Zimmer ein, wo Sara die ganze Nacht Licht sah. Sie stieg von Schmerz betaubt in den Wagen; wie der Knecht die Hofpforte hinter ihr zuschloss, schien ihr die eherne Pforte der unwiederbringlichen Vergangenheit in ihren Angeln zu klirren, sie schlug die gefalteten Hande uber ihre Augen zusammen, und schluchzte halb von Sinnen: Auch dieses um deinetwillen! Sie sah die Gipfel ihrer vaterlandischen Hugel vor ihren Bliken verschwinden, und es war ihr, wie einem armen Verwiesenen, dem jenseits des Weltmeers eine Existenz angewiesen wird. Das Mutterland ist verodet fur ihn, er war dort auf der Menschen Geheiss burgerlich todt, eh die Natur seine Laufbahn abgeschnitten hatte; die weite See stellt sich zwischen ihn und den Schauplaz seines ehemaligen Daseyns, aber weder seine sturmenden Wogen noch seine platschernden Wellen waschen das Bild der zerstorten Vergangenheit aus, sein Geist umirrt ewig die verbotne Statte, wo er lebte, litt, und genoss. Je fremder fur Sara die Gegenstande um sie her wurden, desto unmoglicher wurde es ihr, ihr Kind aus ihren Armen zu geben; ihre Begleiterin stellte ihr umsonst vor, wie sehr sie sich ermudete, sie beobachtete das Weib mit scheuer Aufmerksamkeit, und wunschte allein weinen zu konnen. Marton hatte nichts Widriges, und sie behandelte ihre neue Herrschaft mit aller Ehrerbietung; aber sie war die erste fremde Person, bei welcher Sara die Verlegenheit empfand, sie von ihrer ganzen Lage unterrichtet zu glauben, und der gleichgultige Gehorsam gegen ihres Herrn Befehl war die Triebfeder ihres Betragens, keine Theilnahme an Sara, an ihrem Kinde. Beim Eintritt in Paris nahm Sara's Beklemmung zu: hier war also ihre Bestimmung, hier ihrer Liebe Lohn und Gluk ihr aufbewahrt; in diesem gerauschvollen Labirinth sollte sie L*** finden, ihn begluken, unter Tausenden verloren nur ihm leben; hier, um sie, neben ihr vielleicht musste Roger seyn, aber sie konnte nicht erwarten ihn zu sehen; hieher konnte auch Theodor zurukkommen, und keines von ihnen beiden wurde wissen, wie nahe sie einander waren!

An der Barriere wurden sie von einem bescheiden gekleideten Bedienten empfangen, der sie in die Gegend der Honore-Strasse begleitete, wo Sara in einem ungeheuer grossen Hause eine zwar einfach, aber sehr zierlich eingerichtete Wohnung fand. Der Bediente uberreichte ihr bei ihrem Eintritt einen Zettel von L***, der das zartlichste Willkommen enthielt, und ihr seinen Besuch fur den Abend versprach. Sara's Gedanken verwirrten sich in der Neuheit ihrer Lage. Sie hatte noch nie in einer Stadt ubernachtet, sie hatte nur einmal in Saumur einer Nonneneinkleidung beigewohnt, und war aus dem Klostersaale wieder in den Wagen gestiegen; sie war gewohnt, mit allen Menschen, die sie umgaben, wie mit ihrer Familie zu leben, in aller herzlichen Einfalt, Theilnahme und Gastfreiheit patriarchalischer Sitten; Liebe oder Hulfsbedurftigkeit war das Band zwischen ihr und allen Wesen ausser ihr gewesen, von allen hatte sie empfangen, oder ihnen gegeben. Als Kind hatte ihr der Nachbar uber den Steg geholfen, als aufbluhendes Madchen hatte sie den Hochzeitstrauss fur eine Tochter gepflukt, bei deren erstem Kinde Theodor, kurz ehe er aus dem vaterlichen Hause entwich, Taufzeuge geworden war. Jede Hutte im Dorfe hatte sie neu erbauen, veralten, oder ausbessern sehen; bei manchem Baum, von welchem sie ihrem Vater Fruchte brach, erinnerte sie sich, Antoinetten abgewehrt zu haben, dass sie ihn nicht mit ihren schwachen Handchen schuttelte Wo war sie jezt? Dieser ganze weite Hauserhaufen, dieses zahllose Volk umher, dieses Gewuhl auf den Strassen, das in der einbrechenden Dammerung dahin wogte, alle diese fremden Gestalten, die ihr ungeubtes Auge doch immer mit ehemals gekannten zu vergleichen versucht war Bald glaubte sie Roger an dem festen schnellen Gang eines jungen Nationalgarden zu erkennen, dann bemerkte sie eine zierliche leichte Figur, die auf einem raschen Pferde daher eilte: so ritt Theodor, so schien die Schnelligkeit seines Rosses der uber alle seine Bewegungen verbreiteten Ungeduld noch nicht Genuge zu thun. Die Nacht verhullte ihr nun die Gegenstande, ihr Kind schlief, Marton, die mit L***'s verstorbner Mutter mehrmals in der Hauptstadt gewesen war, hatte, nachdem sie ausgepakt, tausend Fragen an den Bedienten zu thun, und plauderte mit ihm im Vorzimmer. Sara fieng an, sich angstlich einsam zu fuhlen: sie war, mitten unter Menschen, wie auf einer wusten Insel, und bei ihrer Unkunde des Bodens, bei ihrer furchtsamen Fremdheit, in ihrem Zimmer sichrer eingesperrt als in einem Gefangniss. So oft sie jemanden an dem Haus klopfen horte, erschrak sie; denn L*** konnte es noch nicht seyn, und jedes neue fremde Geschopf unter Einem Dache mit ihr, angstigte und storte sie. Sie horte indess, wie sie uber das Vorzimmer gieng, eine weibliche Stimme zu einem Kinde sprechen, das ihr auch in einem herzlichen Ton antwortete, und dies war der erste beruhigende Laut, den ihr Ohr vernahm: sie wusste doch ein weibliches Geschopf in der Nahe, das auch Mutter war, das also wenigstens Ein ubereinstimmendes Verhaltniss mit ihr hatte. Noch vor dem erwarteten Augenblik riss sie L***'s Ankunft aus der bangen Einsamkeit; er umfasste sie mit Entzuken und Dank, er fragte mit der zartlichsten Besorgniss nach allen Umstanden ihrer Reise, nach seinem Kinde, detaillirte ihr die Einrichtung ihres Hauswesens, das Einkommen, welches er ihr bestimmte, gieng mit einer burgerlichen Einfachheit in alle Kleinigkeiten ihrer Lage, in die Bedurfnisse ihres Kindes ein, und schien blos zartlicher Gatte und Vater. Er schloss die Schranke auf, die Sara noch nicht beruhrt hatte, liess lachend in einem derselben einiges Silbergerath, das er mitgebracht hatte, aufheben, und ubergab ihr ein Verzeichniss des Leinenzeugs, das sie finden wurde Sara, sagte er, ich hatte dich aus deiner ehrwurdigen Sitteneinfalt reissen konnen, ich hatte dir, ohne den Namen meiner Gattin, den mit diesem Namen verbundnen Glanz und Luxus geben konnen; aber so wurde ich dich wie eine Maitresse behandelt, und mein ganzes Gluk zerstort haben. In dieser Lage fand ich dich, betete ich dich an, in dieser Lage vertrautest du mir, lehrtest mich die Freuden der Menschheit kennen; in dieser Lage bist du mein burgerliches Weib, und von Geschaften, von Sorgen ermudet, fliehe ich zu dir Er schien tiefsinnig zu werden, und drukte sein Gesicht in ihre Hande. Konnte ich wahrhaft, ungetheilt hier mein Leben geniessen! sezte er halb in sich gekehrt, halb zerstreut hinzu. Sara war von diesen lezten Worten geruhrt und sich selbst vielleicht unbewusst aufgeschrekt. Wahrhaft, ungetheilt? wiederholte sie mit einer Art von Aengstlichkeit. Seine Liebkosungen zerstreuten ihre Unruhe, und die wenigen Worte, mit denen er sich uber seine sonstige Lage ausliess, legten ihr wie gewohnlich Stillschweigen auf, indem sie von neuem ihre Besorgnisse wegen endlichen Ausgangs so geheimnissvoller Geschafte bei ihr erregten. L*** bat sie, mit niemanden im Hause Umgang zu haben, er forderte mit zartlicher Zuversicht und mannlichem Ernst von ihr, sich niemanden anzuvertrauen, weil die traurige Ungewissheit ihrer ausseren Lage, sie sonst aussezen wurde, da hingegen bei einer volligen Eingezogenheit es selbst der frechsten Neugierde der Nachbarn nicht einfallen wurde, in einer so eingeschrankten Lebensart etwas anders als eine Offiziersfrau, oder die Gattin irgend eines Deputirten zu vermuthen. Marton unterbrach ihr Gesprach mit der Nachricht, dass das Abendessen bereit sei, und fragte Sara zugleich nach dem Gedek; freudig errothend wies ihr diese L***'s Geschenk an, worauf er sie in ein kleines Zimmer fuhrte, dessen Fenster auf einen langen Hof gieng, welcher mit bewohnten Gebauden rings umgeben war. Heute, meine Liebe, hat Marton unsern Geschmak zu errathen gesucht, sagte L*** mit heiterer Vertraulichkeit, indem er sich mit ihr zu der einfachen Mahlzeit niedersezte; aber fortan ubernimmst du deine Wirthschaft, und wenn deine Mittage einsam sind, so denkst du, dass dein burgerlicher Freund alle Abende wenigstens um acht Uhr nach Hause eilt. Ihr Abendessen war ein wahres Hochzeitmahl, durch Zartlichkeit, Neuheit des Verhaltnisses, und Ahnung einer seligen Zukunft in Sara's entzuktem Herzen; und doch glich es, durch Einfachheit und beschrankten Genuss, dem stillen Beisammenseyn eines lang vertrauten hauslichen Paares. Gegen zehn Uhr erwachte die Kleine; ehe Sara aufstehen konnte, eilte L*** hin, brachte sie der Mutter heruber, und wie diese sich mit ihr entfernen wollte, rief er mit feurigen Augen, und einer von Liebe und Sehnsucht gedampften Stimme: o meine Sara, lass mir, der ich so viel entbehre, jeden moglichen Genuss, jede susse Tauschung! Ich sah mein Kind noch nie an der Brust meines Weibs Er hatte sie an ihren Siz zurukgefuhrt, er zog mit Bliken, die eben so viel Ehrfurcht als Liebe ausdrukten, einige Nadeln aus ihrem Halstuch, und begnugte sich dann, ihre Hand an seine zitternden Lippen zu druken, indess sie das kleine Geschopf umschlang, das seinem Vater bald gierig den schonen Busen entzog. Sara vermochte keine Worte zu finden, bei allen den neuentzukenden Empfindungen, in welche sie der Zauber, den L*** um sich her zu verbreiten wusste, versenkt hatte; stumm beugte sie ihr holdes Gesicht zu dem Geliebten herunter, und ihr nasses Auge blikte dankend gen Himmel, und schien ihres Vaters Geist zum Zeugen einer so reinen Glukseligkeit aufzurufen. L*** verliess sie nach zehn Uhr in Sehnsucht, Dankbarkeit und freudiger Hofnung auf den morgenden Tag; er verliess sie in einer Stimmung, deren stiller, inniger, und doch an Wehmuth granzender Friede das weiche, schwarmerische Herz des guten Weibs vollig von allen ehemaligen Banden losriss, und sie ihm unbedingt ubergab.

So verlebte sie eine Reihe von Tagen, deren Genuss sie verdiente, und die nur reinen Seelen, wie die ihrige damals war, aufbewahrt seyn sollten. Ihr Kind, ihr kleines Hauswesen beschaftigte sie den Morgen, den ubrigen Tag brachte sie mit ihrer Handarbeit, oder mit Buchern zu, an denen ihr Geliebter es ihr nicht fehlen liess; und sobald die Abendlufte es gestatteten, fuhr sie mit Marton bis in's Freie, wo sie dann zu Fuss umherirrte, bis zu dem immer ersehnten Augenblik, da sie nach Haus eilte, um den Abgott ihres Herzens zu empfangen. Die truben Wolken, die sie oft auf seiner Stirne sah, zerstreute ihre unerschopfliche Liebe, und sie wusste ihm Dank fur den geheimen Schauder, der ihn meistens befiel, wenn sie in hingegebner Innigkeit von dem Zeitpunkt sprach, wo kein trauriges politisches Verhaltniss ihm mehr eine doppelte Art von Existenz, in dem offentlichen Leben und in seinem hauslichen, aufzwingen wurde denn so wenig Stunden er nur bei ihr zubringen konnte, so nannte er ihre Wohnung doch immer seine Heimath wenn sein Auge bei diesen Aeusserungen von ihr abglitt, und umherirrte, als suchte es einen festen Blik, verbarg sie zartlich ihr Gesicht an seiner Brust, und bat ihn, die unersattliche Begierde nach Gluk ihr zu verzeihen: denn mehr Seligkeit, sagte sie, zu geniessen, als du mir jezt schenkst, mein Geliebter, ist kaum moglich; es kann deren mehr geben, dennoch aber wurde ich bei jedem Wechsel erzittern. Wenn ich dich umfasse; wenn du mir zusprichst, wenn du unser Kind liebkosest, so mochte ich in jedem solchen Augenblik mein ganzes Leben zusammendrangen; es konnte nicht schoner verfliessen L*** schien sich bei diesen Worten zu erheitern: Mochtest du immer so denken, mein Weib! mochte nie das Streben nach einem andern Gluke uns vernichten!

Sie hatte ihn gleich bei ihrer Ankunft nach Theodor gefragt, und erfahren, dass er seit seiner Heirath im Ausland ware; von Roger hatte L*** zuerst mit ihr gesprochen, er hatte das Opfer von ihr verlangt, ihn nicht zu sehen Unter andern Umstanden musste er unser Bruder seyn, sagte er mit edler Warme, aber als Berthiers Glaubensgenossen wurde ich ihn jezt vermeiden, wenn auch die Art seines hiesigen Aufenthalts, unter einem Schwarm junger Leute, welche der offentlichen Ruhe im Weg stehen, seinen Besuch bei meinem Weibe nicht ohnehin unstatthaft machte. Sara fuhlte das Gewicht dieser Grunde, und freute sich, dass Paris so gross ware, einer solchen Entfremdung das Unnaturliche zu benehmen. Eines Abends in den ersten Tagen des Augusts 1792. wurde sie durch muntere und in zahlreichem Chor gesungene patriotische Lieder aufmerksam gemacht, welche aus einem oberen Stock ihres Hauses heruber schallten. Es waren ihr bekannte Weisen, die Roger oft gesungen hatte, und der harmonische Zusammenklang einer Menge jugendlicher Stimmen vermehrte den lebhaften, halb wehmuthigen Eindruk, den einfache Musik immer auf sie machte. L*** traf sie uber diesem Genuss, den sie ihm zu theilen geben wollte. Aber nachdem er einige Augenblike aufgehorcht hatte, rief er mit Heftigkeit dem Bedienten, und befahl ihm in Erfahrung zu ziehen, wer diese Leute waren. Der Bescheid lautete, dass es der Burger sei, der den oberen Theil des Hauses bewohne, welcher heute einige Landsleute aus seiner Provinz bewirthe, die sich unter den Foderirten befinden Ich habe nicht gewusst, sezte der Mensch mit sichtbarer Verlegenheit hinzu, dass die Leute oben aus Saumur sind, noch dass sie dergleichen Gesellschaften halten. L*** befahl ihm mit einer Harte, die fur Sara sehr unverstandlich war, den folgenden Morgen zu ihm zu kommen, weil er ihm Auftrage zu geben habe. Da die gute Sara furchtete, dieser Mensch, welcher viel Anhanglichkeit fur sie zeigte, mochte bei der Gelegenheit Verdruss haben, so suchte sie L*** scherzend von der Geringfugigkeit dieses Zufalls zu uberzeugen; sie sahe wohl ein, dass es unziemlich fur sie seyn mochte, in einem Hause zu wohnen, wo junge Leute tranken, dies ware ja aber nur ein Familienfest Und vielleicht ist Roger dabei, sezte sie geruhrt hinzu; da wird alles ehrbar zugehen. Mir war's wurklich, als horte ich seine Stimme bei dem hubschen Liedchen Sie war hier liebkosend um L*** beschaftigt, streichelte seine Stirne, und kusste seine Augen, um sich von ein Paar hellen Thranen zu zerstreuen, die sie bei Rogers Erwahnung in den ihrigen merkte, und die troz ihrer Bemuhung auf L**'s Gesicht fielen. Meine arglose Sara, meine unschuldige Taube, rief L*** bewegt; du weisst nichts, du ahnest nichts! Meine Arme sind deine Welt, und du ahnest nicht, wie ich sorge, dich sicher in diesen liebenden Armen zu erhalten. Die Stadt ist in einer Lage! die Gemuther sind in einer Stimmung! Mein Weib, ich habe dieses Haus unter Tausenden ausgesucht, damit nichts, keine Gefahr, keine Anregung dieses bedenklichen Augenbliks dir zu nahe kame; und jezt sehe ich mich betrogen Erschrik nicht, meine Theure; vertraue mir! Ich werde alle Gefahr von dir wenden. So gleichgultig wie ihr der Vorgang an sich schien, so machte er doch einen tiefen Eindruk auf Sara's Gemuth, und sie fragte L*** dringend, wie lange diese Sorgen noch dauern mochten? wenn er endlich die Menschen als Freunde, nicht als lauter Verschworne betrachten wurde? Aber er liebte diesen Gegenstand nicht, und er suchte Sara durch allgemeine Beruhigungen davon abzuziehen.

Das spate Auseinandergehen der Gaste, und eine kleine Unpasslichkeit ihres Kindes, hielten Sara diesen Abend noch lange, nachdem L*** sich entfernt hatte, in ihrem Esszimmer auf, dem einzigen, das auf den Hof gieng. Wie es still zu werden anfieng, bemerkte sie eine weibliche Stimme, die mit dem Ausdruk der tiefsten Schwermuth die Lieder wiederholte, welche die muntre Gesellschaft vorher so lustig gesungen hatte. Der Kontrast zwischen einer gedampften, unendlich sanften Stimme, welche manchmal von Thranen zu stoken schien, und dem kuhnen Geist ihrer Lieder, hatte etwas so auffallendes als ruhrendes. Sara sah hinaus, und erblikte zur Seite im Erdgeschoss, durch die Fenster, aus welchen die Stimme kam, eine weibliche Gestalt, die eben von einem niedrigen Stuhl aufstand, und eine kleine Lampe in die Hand nahm, mit welcher sie emsig in alle Winkel des Zimmers zu leuchten schien. Wie sie noch damit beschaftigt war, trat eine andere weibliche Person in das Zimmer, und sprach ihr freundlich zu: Nanny, was machst du wieder? Suche nicht, arme Nanny; komm zu Bett, es ist spat. Ach er ist nirgends, nirgends! rief die erste mit einem durchdringenden Schmerzenston, und liess sich geduldig aus dem Zimmer fuhren. In der stillen Sommernacht, welche jeden Ton horbar machte, konnte Sara den Auftritt genau beobachten, und sie ward sehr begierig zu wissen, wer die beiden Weiber waren. Marton konnte ihr indessen keinen andern Bescheid geben, als dass sie erst seit etlichen Tagen da wohnten, Schwestern zu seyn schienen, und vermuthlich sei die eine davon verrukt; wenigstens habe man sie in den wenigen Tagen meistens weinen und auf den Knien liegen sehen. Sara gab noch ein Paar Abende auf diese Nachbarinnen Acht, und bemerkte dasselbe, sah die wahrscheinlich vorrukte Kleine, horte sie singen, worauf sie dann mit der Lampe allenthalben umhersuchte, bis die Schwester sie fortfuhrte.

Von dem Eindruk dieser sonderbaren Erscheinung zerstreute sie L***'s Stimmung in diesen Tagen. Er war sehr tiefsinnig, und schien mit seinen Gedanken oft ganz abwesend zu seyn. Zuweilen umarmte er Sara mit einer schmerzvollen Heftigkeit, die ihr Innerstes bewegte. Sie fuhlte die Veranderung um so lebhafter, als in den wenigen Wochen, die sie in Paris zugebracht hatte, ihre stille Eintracht noch durch nichts gestort worden war; jeder kleine Umstand hatte ihre Liebe erhoht, und L*** hatte in der Entfaltung von Sara's Geist, welchen jezt kein Zwang mehr drukte, in der unerschopflichen Zartlichkeit dieses kindlichen Geschopfs, den hochsten Genuss zu finden geschienen. Am Morgen des neunten Augusts kam er, zum erstenmal in dieser Tageszeit, zu Sara, die uber die unvermuthete Erscheinung innig erfreut und dennoch erschrekt, ihn um die Ursache des ungewohnlichen Besuches fragte. Er sagte ihr, seine Pflicht wurde ihn den Abend und die ganze Nacht abrufen, er hatte indessen nicht so vollig entbehren wollen, und da er seine stille Abendstunde einbussen wurde, bate er sie wenigstens um ein Fruhstuk. Er schien gespannt munter, und liess nur vorubergehend fallen, man furchtete einige Unruhe in der Stadt, die Wachen im Schloss waren verdoppelt, und er wurde die ganze Nacht dort seyn. Fahr heute Abend nicht aus, Liebe; sezte er hinzu, und halte morgen fruh deine Zimmer verschlossen, bis du von mir horst. Sara war ausserst angstlich, er lachte aber ihre Besorgnisse hinweg, und sprach voll Zuversicht von einer nahen Veranderung zum Besten in den offentlichen Angelegenheiten, die auch auf ihr Schiksal wurde Einfluss haben konnen. Sara entgieng es nicht, dass seine Munterkeit von manchen widersprechenden Empfindungen durchkreuzt wurde, und sie suchte muhsam ihre Angst zu zerstreuen. Sie hielt ihn unter tausend Vorwanden auf, er gab ihrer Bemuhung zartlich nach, beschaftigte sich lange mit seinem Kinde, und nahm endlich den herzlichsten Abschied, indem er zugleich sein Moglichstes zu thun versprach, um den folgenden Morgen wiederzukommen.

Sara brachte nun den Tag in der bangen Erwartung gewaltsamer Auftritte hin. Sie sah mehrere Haufen von bewafneten Foderirten uber die Strasse ziehen, horte auch von fern das Rasseln von schwerem Geschuz uber dem Pflaster; aber noch schien alles friedlich, und sogar eher festlich zu seyn. Wie gegen die einbrechende Nacht alles um sie her in die tiefste Stille versunken war, wobei der wilde Gesang einzelner Bewafneter desto schauderhafter abstach gegen die burgerliche Ruhe in den Hausern, sezte sie sich neben das Bett ihres Kindes, und horchte auf jeden Ton, der von der Seite des Schlosses herrschallte. Gegen eilf Uhr ward die Strasse lebhafter; stillschweigend, aber mit schnellen Schritten fiengen zahlreiche Gruppen an, gegen den Ludwigsplaz zuzueilen, und Sara suchte sich damit, dass alle hinstromten, niemand aber von dort zurukkame, zu beruhigen. Sie sah zahlreiche Abtheilungen von der Nationalgarde diesen Weg nehmen, und glaubte nun den Pallast vor jeder Gefahr gesichert, da brave Burger ihn beschuzen wurden. Plozlich riss sie der Ton der ersten Sturmgloke aus dieser Zuversicht; ihr Herz stockte, ihr Athem selbst hielt inne, sie strengte sich an, diesem furchtbaren ihr noch unbekannten Klang einen Sinn zu geben, als ein leiser Nachtwind von dem Innern der unermesslichen Stadt herwehte, und einen ahnlichen Ton nach dem andern mit sich fuhrte. Bald lebte die Luft von dem verworrenen und schnellen durcheinander Lauten der vielen Gloken, durch die Krenzwege schmetterte die Larmtrommel, alle Fenster wurden erleuchtet, und furchtsam sah man die friedliebenden Bewohner der Hauser herausbliken, indess die junge Manner und die armeren Miethsleute der Bodenkammern, die in diesem Aufruhr auf ein unentgeldliches Schauspiel rechneten, dem Ludwigsplaze zueilten. Sara rief nach Marton und Thomas, sie bat den leztern zitternd, sich nach der Ursache dieses Auflaufs zu erkundigen, zu seinem Herrn zu eilen. Der junge Mensch war blass und traurig, er antwortete, sein Herr hatte ihm verboten sie zu verlassen, bis Nachrichten von ihm eingegangen waren. Der Larm nahm uberhand, fern uber der Stadt hin farbte ein blasses Roth den grauenden Himmel, und eine schaurige Luft vermehrte den Fieberfrost von Angst, welche Sara immer heftiger ergriff. Sie horte jezt das laut wiederholte Losungsgeschrei der Menge: Es lebe die Nation! Nieder mit dem Konig. Der Konig! rief Sara, und sturzte nach der Thure; dein Herr vertheidigt den Konig, rette ihn, eile zu ihm. Thomas schuttelte schweigend den Kopf; ausser sich schrie sie: Zeige mir den Weg! und riss ihn mit sich fort. Er bat sie flehend, ruhig zu bleiben: ich muss, sagte er, Gewalt brauchen, um Sie von allem heftigen Thun abzuhalten; und Gott weiss, wie mich das schmerzt, wenn ich bedenke, was in diesem Augenblike alles geschehen kann. Du wusstest was geschehen konnte, und erwartest du denn deinen Herrn nicht? Sara stiess ihn von der Thure, sie erschopfte sich, um ihren Zwek zu erreichen; Thomas kniete endlich vor der Thure hin, und rief wehmuthig: gnadige Frau, dort wird Blut vergossen, dort konnen Sie nicht helfen. In dem namlichen Augenblik tonte zufallig ein schallendes Geschrei die Strasse herauf. Desswegen muss ich hin! rief Sara, indem sie mit einer lezten Anstrengung ihrer Krafte die Thure aufriss. Thomas fiel von der gewaltsamen Bewegung die sie machte, nieder; aber indem sie uber ihn weg eilen wollte, rief er noch einmal flehend: Und Ihr Kind, gnadige Frau? Sara stand betroffen still, und kehrte mit gerungenen Handen in das Zimmer zuruk. Sie sezte sich wieder neben die Wiege, und hob ihre troknen, von Angst und Wachen geschwollenen Augen zum Himmel auf, den sie um Fassung und Muth anzuflehen schien. Sie sah, dass der junge Mensch sein Gesicht mit seinem Schnupftuch bedekte: Thomas, sagte sie, was soll diese schrekliche Nacht? warum musste dein Herr sich dieser Gefahr aussezen? Gnadige Frau, antwortete er mit niedergeschlagnem Wesen, ich weiss zu wenig, um Ihnen Auskunft zu geben. Die Menschen, die mich beredet haben, bei meinem Herrn Dienste zu suchen, mogen es auf ihrer Seele haben, wenn nicht alles, was sie thun recht ist; aber allwissend schienen sie zu seyn, und selbst jezt, indem ich mit Ihnen spreche, bereiten sie mir vielleicht die Strafe meines Verraths. Ich sollte ihnen alles hinterbringen, was mein Herr vornahme; mein gutgemeinter Eifer, uns alle frei und gleich zu sehen, hatte sie wohl hoffen gemacht, dass mir jedes Mittel dazu gut ware. Ich dachte auch, ich konnte ihnen ja wohl sagen, was mein Herr so vor meinen Augen thate; sie verlangten, dass ich ihm nachforschen, nachgehen sollte, wenn er sich dessen nicht versahe, da ward mir bang, den Handel eingegangen zu seyn, und ich war froh wie ich zu der gnadigen Frau kam. Nun mogen sie mich aber als einen Abtrunnigen ansehen, und Gott weiss, was mir bevorsteht, wenn sie heute die Oberhand behalten. Bis dahin hatte Sara in der dumpfen fast gedankenlosen Stille zugehort, die oft auf einen heftigen Ausbruch von Leidenschaft folgt; bei den lezten Worten fuhr sie auf: Wer soll die Oberhand haben? Wer kann unterliegen? Aber starres Entsezen ergriff sie, da ein tausendstimmiges Geschrei auf der Strasse erschallte: Sie morden sie alle! Thomas riss die Fenster auf; das Volk rannte gegen einander: alle Schweizer! alle nieder nieder! rief es mit heulendem Ungestum. Heiliger Gott, wie sich die armen Menschen wehren! seufzte Thomas mit zusammengeschlagnen Handen. Sara hatte in dem ersten Schreken uber dieses neue Geschrei ihr schlafendes Kind aus der Wiege gerissen, und hielt es jezt fest an ihr Herz gedrukt; ein furchterliches Getummel gerade unter ihren Fenstern rief sie dahin. Sie sah zwei Schweizer, die sich durch das Volk drangten, und ihre Uniformen herabrissen, eine Anzahl Menschen umringte sie, in der Absicht, sie zu retten, indess andere in einem grosseren Kreis um sie wutheten, und schrien; plozlich riss ein Burger seinen grauen Ueberrok ab, und warf ihn einem von den Ungluklichen uber, der nun gegen die Thure von Sara's Haus floh. Hilf, guter Thomas, hilf ihm! rief Sara mit innigem Mitleid. Thomas flog herab, riss die Thure auf, und der verkleidete Schweizer sturzte athemlos herein, und durch das Vorhaus in den Hof, die mitleidigen Burger hatten seinem armen Kameraden den namlichen Dienst leisten wollen: aber von dem Mordgeschrei seiner Verfolger, die den um ihn geschlossnen Kreis durchbrechen wollten, betaubt, stiess er den ihm angebotnen Kittel eines Taglohners von sich, und drangte sich in der Uniformsweste selbst seinen Feinden entgegen, um seinem entflohenen Waffenbruder nachzueilen. Die aufgebrachte Menge brach mit ihm zugleich in das Haus, er eilte die Treppe hinauf, sturzte in Sara's Zimmer, zu ihren Fussen Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! rief er in seiner Mundart, und umfasste Sara's Knie. Aber einige von seinen Verfolgern hatten ihn schon ergriffen, und hauten ihn vor Sara's Augen nieder. Im namlichen Augenblik zitterte die Luft von dem Abbrennen der ersten Kanonen in den Tuilerien. Man mordet das Volk! rief der Haufen in der Strasse. Lautes Geheul mischte sich in den Larm, alles drangte sich nach dem Ludwigsplaz, die Morder des ungluklichen Schweizers horchten am Fenster auf die wiederholten Schusse, und eilten die Treppe herab. In stummer Betaubung stand Sara, ihr Kind im Arm, der Blutende zu ihren Fussen. Des armen Fremden leztes Rocheln rief sie jezt zu sich, sie trat entsezt zuruk, der Sterbende strekte die Hand krampfhaft nach ihr aus, und verschied. Die Strasse war jezt einen Augenblik leer, man horte nur ein fernes Summen von Menschenstimmen, und nach jedem neuen Schuss ein dumpfes Geschrei. Mord vor ihren Augen, Tod und Verderben um sie her, und alles was sie liebte im Mittelpunkt dieses Verderbens ihr Gehirn brannte, sie dachte sich L*** unter den Handen dieser Unmenschen, die den wehrlosen Schweizer zu ihren Fussen niedergemezelt hatten. Sie wikelte ihr Kind in ihren Morgenmantel, und rief Marton, die sie noch im Nebenzimmer glaubte, ihr zu folgen. Sie rief umsonst, Marton war fort, auch Thomas fand sich nirgends, das Haus war leer, todtenstill sie konnte es in der furchterlichen Stille nicht aushalten, sie gieng, eilte die Strasse hinauf; L*** war ihr einziger Gedanke!

So schritt sie fast ohne Besinnung fort, jedes lebendige Geschopf, das sie sah, floh vor ihr her, kein freundliches Wesen kam ihr entgegen sie zurukzufuhren. Auf dem Ludwigsplaz begegneten ihr einzelne Gruppen von Menschen, die Verwundete trugen, und mit bitterm Lachen ihnen den Trost zuriefen, der Schauplaz ihres Todes sollte bald ein Steinhaufen seyn. Wie von bosen Geistern getrieben, suchte Sara den Eingang des Schlosses, wo man ihr einmal bei einer Spazierfahrt eine Reihe Fenster gezeigt hatte, die man ihr die Gallerie des Konigs nannte. Dort musste sie hin, denn dort musste L*** seyn! Sie drangte sich in den ersten Hof, mit einer Hand wehrte sie alle Umstehenden von ihrem Kinde ab, das sie fest an sich drukte; man machte ihr Plaz, aber je naher sie dem Hauptgebaude kam, desto gedrangter standen die Haufen. Endlich trieb ein Trupp sie vor sich her in einen kleinen Hof, man schrie wuthend um sie: "die Ritter vom Dolch sind dort im Hinterhalt!" Sie konnte nicht zuruk, ob sie gleich Schuss auf Schuss um sich her, wahrscheinlich aus den Fenstern, fallen horte. Endlich erblikt sie einen Eingang in das Schloss, und will nun voran; aber wie ward ihr, als L***, in einen grossen blauen Ueberrok gehullt, zwei gespannte Pistolen in der Hand, ihr entgegen sturzte! Funfzehn bis zwanzig Manner, mit Dolchen oder Pistolen bewafnet, folgten ihm, und L*** schrie wild: Feuer! Stosst nieder! "Es ist ein Weib dabei!" rief einer von den Mannern, und warf sich vor den andrangenden Haufen. L***! schrie Sara; halt ein, halt ein! Die Unglukliche sturzte auf ihn zu, das bewafnete Volk ihr nach, und umringte sie; L***, nur auf Vertheidigung der Seinen bedacht, verblendet, vielleicht gar wahnend, dass Sara's wilde Bewegung ein Angriff auf ihn ware, schoss sein Gewehr los, und zerschmetterte die Schulter seines ungluklichen Kindes, das Sara mit ihren Armen umschlungen hielt. Mit einem lauten Schrei sank sie nieder, die Kampfenden wurden sie unter ihren Fussen zertreten haben, wenn nicht ein Paar Manner, in diesem wutenden Getummel noch menschlich, sie aufgerafft, und von dieser Stelle, die nun mit Blut und Leichen bedekt wurde, hinweggeschleppt hatten. Sie war ohne Besinnung, aber nicht ohnmachtig; krampfhaft hielt sie ihr blutendes Kind im Arm; und wie die Manner sie auf der Terrasse der Feuillans in das Gras legten, behielt sie es noch immer an sich gedrukt. Neben ihr lag ein Knabe von sieben Jahren, dem das Gehirn zerschmettert war, und ein noch viel jungeres Madchen, das ohne sichtbare Beschadigung, in der Brust verlezt, schon sterbend sich strekte; die Mutter dieser beiden Kinder kniete vor ihnen; beide Hande uber ihrem Schooss gefaltet, blass, unbeweglich, ohne Thranen, ohne einen Seufzer; nur wenn der Todeskrampf dem Madchen noch einen rochelnden Athemzug auspresste, hob sich die Brust der Mutter gewaltsam empor, dann wandte sie die Augen auf den Knaben, der gestaltlos da lag, ihr Blik schauderte vor dem furchterlichen Anblik zuruk, und ruhte wieder in todter Stille auf der Tochter. Um die jammervolle Gruppe her trieb sich der zahllose Haufen; Verwundete, Todte wurden vorbei gefuhrt, Fliehende verfolgt, neue Bewafnete drangten sich vorwarts; von fern donnerte das Geschuz, und wirbelnd stieg schon aus dem Schlosse Feuer und Rauch empor. Bei den Weibern standen Leute, die fur sie auf Hulfe zu warten schienen, endlich langte auch wurklich eine Tragbahre an, auf welche man die beiden todten Kinder legte; und in diesem Augenblik nahte sich ein junger Mensch, der mit zerstortem Gesicht schon einigemal vorbeigelaufen war. Es war Thomas, welcher unter den eindringenden Mannern, die bis in Sara's Zimmer den Schweizer verfolgt hatten, einige seiner alten Bekannten erkannt, und einen Augenblik seinem Schreken nachgebend, sich aus dem Hause gefluchtet hatte; als er zurukkehrte, war Sara schon entflohen, und von Furcht und Reue, um seiner Sicherheit willen sie in diesem Augenblik verlassen zu haben, getrieben, hatte er jezt schon lange in der Gegend des Schlosses nach ihr umhergespaht. Wie er die Kinder aufheben sah, eilte er herbei; und erkannte Sara, die sich aufgerichtet hatte, und mit starrem, halb gleichgultigem halb fragendem Blike um sich herum blikte, wie ein Todtgeglaubter, der im Grabgewolbe erwachte. Meine Herrschaft, meine arme Herrschaft! rief er und sturzte zu ihren Fussen; rettet sie! bringt sie fort! Sie ist verwundet Sie war es nicht, aber ihres Kindes Blut hatte ihren Hals und ihre Kleidung gefarbt. Sie stand matt vom Boden auf, sah die Umstehenden mit einem Blike an, der das Gefuhl des tiefsten, unerwartetsten und eben darum unwiderstehlichsten Schmerzens ausdrukte. "Er hat es selbst getodtet!" sagte sie leise und doch durchdringend, indem sie ihnen ihr winselndes Kind hinreichte. Man verstand den Sinn dieser Worte nicht, aber bei ihrem Anblik schien Mitleid die Stelle des Schrekens bei den Zuschauern einzunehmen, und ihnen auf die grossen Abscheulichkeiten, von denen sie Zeugen gewesen waren, wohlzuthun. In einen weissen Mantel gehullt, den halb offnen Busen von dem Blut ihres Kindes gefarbt, ohne Haube, ihre Schultern von ihren schonen Haaren bedekt, stand sie da, und obgleich keine Klage aus ihrem Munde, keine Thrane aus ihren Augen floss, forderte doch ihr hulfloser Schmerz die Menschlichkeit zum Beistand, oder selbst zur Rache auf. Thomas wollte ihr Kind nehmen, sie stiess ihn heftig zuruk; er nahm ehrerbietig ihren Arm, sie liess sich still wegfuhren. Ein Burger gieng auf der andern Seite. Thomas sagte ihm ihre Wohnung, er sah die Bahre mit den beiden Kindern, und die unglukliche Mutter den namlichen Weg nehmen. Der Zug schritt langsam fort, und wurde durch den Zulauf des Volkes oft unterbrochen; die beiden kinderlosen Mutter schienen ohne besondere Anstrengung, aber auch ohne Besinnung dahin zu wandeln. Endlich langte man vor dem Hause an, Thomas erstaunte, die Frau mit den beiden Kindern ebenfalls hineinfuhren zu sehen, und er erkannte jezt in ihr die Gattin des Burgers, bei welchem sich vor wenigen Tagen die Foderirten versammelt hatten, und die Kinder waren die namlichen, deren Geschwaz mit ihrer Mutter auf die arme Sara am Abend ihrer Ankunft einen trostenden Eindruk gemacht hatte. Thomas uberliess seine Herrschaft einen Augenblik der Obhut seines unbekannten Begleiters, und eilte die Treppe hinauf, um die Zimmer zu ofnen. Der erste Gegenstand, der ihm hier in die Augen fiel, war der Leichnam des Schweizers, der noch auf der Stelle, wo er ermordet worden war, in seinem Blute lag. Er schauderte zuruk, besann sich, wohin er die gebeugte Mutter wohl bringen konnte, um ihr diesen Anblik zu ersparen er war schon unten, da erblikte er die Schwester des armen Geschopfs, dessen ruhrendem Gesang er in der Nacht oft aufmerksam zugehort hatte; sie ofnete eben vorsichtig ihre Thure; er bat sie, Sara einsweilen zu beherbergen. Sie schien es anfangs verweigern zu wollen; wie sie aber Sara stumm und fuhllos an einem Pfeiler gelehnt stehen sah, trat sie mit dem einfachsten Ausdruk von Theilnahme zu ihr, und fragte ihre Begleiter, ob sie verwundet ware. Thomas erzahlte ihr mit wenigen Worten, wie er seine Herrschaft auf der Terrasse gefunden hatte, und wie ihr Kind mit den Kindern der Burgerin im obern Stok ein gleiches Schiksal gehabt haben musste. Hier schien die erste Warme von Gefuhl bei Sara wiederzukehren, eine schwache Rothe farbte ihr Gesicht, ihre Zuge arbeiteten sich gewaltsam aus der starren Ausdrukslosigkeit hervor, und sie brach unter lautem Schluchzen in die Worte aus: O nein, nein! der Vater hat sie nicht selbst ermordet. Diese Thranen schienen die Krisis ihres bisherigen Zustandes zu machen, jezt erst zeigte sie, dass sie sich bewusst ware, ihr Kind in ihren Armen zu halten, willig folgte sie der Nachbarin, die sie in ihre Wohnung fuhrte, jedoch unter dem Beding, dass Thomas nicht mit gienge, sondern in den Zimmern seiner Herrschaft bliebe. Auch litt Sara, dass sie die Kleine entkleidete, indess sie selbst, zitternd und zukend bei jeder Bewegung, welche die Frau mit dem Kinde vornahm, ihre fragenden Blike auf sie heftete. Es lebt, es lebt! rief die Frau wiederholt; es ist vom Bluten erschopft, jezt will ich es nur erleichtern, nur thun, was fur's erste nothig seyn mag! dann hole ich den Wundarzt. Wie sie die zerschmetterte Schulter entblosste, schauderte sie, und dekte sie schnell zu; denn die arme Sara hatte durch die Art wie sie das Kind gehalten und gedrukt hatte, die Wunde in einen schreklichen Zustand gesezt, und sie wollte der Mutter diesen Anblik ersparen. Sie wies sie nun an, ihr aus diesem oder jenen Winkel des Zimmers allerlei was das Kind brauchte herbeizuschaffen, weil sie es gern in seiner jezigen Lage erhalten wollte, um ihm nicht von neuem wehzuthun, aber Sara war unfahig sie zu horen, sie zu verstehen; ihr Gesicht verrieth Anstrengung, aber ihre Bemuhung zu denken wekte nun ihr erstarrtes Gedachtniss, und fuhrte das Gefuhl ihres Ungluks nach und nach vor ihre Seele. Sie ward immer unruhiger, gieng finster und mit schweren Seufzern im Zimmer umher; die gute Frau, die so bald sie ihren Zustand wahrgenommen hatte, behutsam aufgestanden war, um das Kind auf das Bett zu legen, und selbst nach den Dingen, die sie verlangt hatte, zu gehen, rief ihr freundlich dringend zu: wenigstens ruhren Sie es nicht an! da kniete sie nieder, ohne zu antworten, kusste leise die Zipfel des Kussens, worauf das Kind lag, seufzte tief, und fieng von neuem an, wie in einem schreklichen Traum umherzugehen. Die Frau brachte das Kind wieder so weit in's Leben, dass es ein Paar Loffel voll Milch schlukte; bei diesem Anblik uberflossen heisse Thranen Sara's Gesicht, ein zukendes Lacheln schwebte um ihren blassen Mund, sie kusste die Hande, die Kleider der Nachbarin, ihre eigne Hand, und legte sie sachte auf die Deke des Kindes, das sie zu beunruhigen furchtete.

Jezt entfernte sich Frau Thirion so hiess die Nach

barin auf einige Augenblike, kam aber bald mit ihrer Schwester zuruk, der sie zuzureden schien, indem sie noch im Hereintreten zu ihr sagte: Sie ist krank, liebe Nanette, du must recht vorsichtig seyn, und ja das Kind nicht anruhren. Wie Nanettens Blike auf das Kind gefallen waren, schien sie angstlich zu werden; sie hielt die Schwester beim Arm zuruk, und mit scheuer verwirrter Mine sagte sie: das Kind ist blutig traumt die Frau auch? Nein, meine Liebe, nein! Ich habe dir ja gesagt, dass die arme Mutter in's Gefecht gerathen war; du hast ja den ganzen Morgen schiessen gehort denke doch nur an das was du jezt siehst; bleib bei der Frau so lange ich aus bin, und wenn der Bruder und der Schwager kommen sollten, so sage ihnen, dass die Frau unsre Hulfe braucht. Sie gieng nun, den Wundarzt zu holen. Sara blieb mit Nanni allein, sie schien aber nicht auf sie zu merken, sondern versank in immer tiefere Finsterniss des Schmerzens. Anfangs sah ihr Nanni von weitem zu, bald trat sie theilnehmend neben sie, und sagte ein Paarmal mit wehmuthig trostendem Tone: Arme Liebe! O diese Traume sind furchterlich. Da Sara sie nicht horte, wandte sich ihre Aufmerksamkeit auf das Kind, an dessen Bett sie sich sezte. Sie erblikte die Schaale mit Milch, gab der Kleinen einige Loffel voll, machte sich behutsam allerlei um sie her zu schaffen, wobei sie leise sang, und wie das halb entseelte Geschopfchen wieder ohne Bewegung da lag, erhob sie ihre Stimme lauter, weil sie es im Einschlafen glaubte, und Sara's Ohr ward plozlich von den ruhrenden Worten des bekannten Wiegenlieds getroffen:

Deux victimes infortunees

Se doivent de tendres secours;

Je veillerai sur tes jeunes annees,

Tu auras soin de mes vieux jours!

Sie heftete jezt den ersten Blik auf Nanni: eine lange magre Gestalt, mit grossen Augen, deren verwirrter umherirrender Blik sich nur fixirte, wenn er ein Paar fliessende schwere Thranen zurukhalten zu wollen schien; ein Mund, der ehemals gewiss schon war, jezt aber immer aussah, als verhielte er den Schrei des Schmerzens, und den bei den ungleichsten Veranlassungen ein zukendes Lacheln bewegte, womit der ubrige Ausdruk des Gesichts nie ubereinstimmte; schone schwarze Haare fielen auf ihre Stirne, ihr Anzug war armlich, reinlich, burgerlich, aber vernachlassigt; nichts wie die Stimme schien an ihr noch unzertrummert, denn Gang und Bewegung drukten traumende Verwirrung aus. Sie sang, ein Strikzeug in der Hand haltend, mit starrem thranenvollem Auge, als wenn sie bei einem sehr ernsten Geschaft begriffen ware. Sara's armes Gemuth war durch die ihr bekannten Worte tief zerrissen, denn sie hatte dieses Lied oft an der Wiege ihres Kindes gesungen, und so uberzeugt wie sie von L***'s Treue war, sich dennoch selten der Thranen dabei enthalten konnen. Jezt horte sie eine ferne Ahnung ihres Ungluks in einem fremden Munde, es kam ihr vor wie die Stimme des Schiksals; und indem sie ihre eine Hand auf Nanni's Schulter, die andre auf ihr eignes Herz legte, rief sie angstlich: nein, er konnte er konnte es nicht seyn, nein, es ist nicht moglich! Nanni besann sich eine Weile, und sagte dann: nein, Liebe, er war es auch nicht; aber das machte es nicht besser, denn seine schone Stirne tragt doch nun das entehrende Zeichen o da kommt er! still, still! Er darf mich nie davon sprechen horen. Sie lief an die Thure, und zwei Manner traten herein, ein altlicher, rechtlicher, mit einer ernsten Phisiognomie, in Nationalgardenkleidung, und ein jungerer, der den Ausdruk der finstersten Ueberspannung auf seinem mit schwarzen Haaren umfangnen Gesicht trug. Nanni! rief dieser, unsre Rache beginnt. Er erblikte Sara und stutzte. Der andre fragte, wer die junge Fremde ware? Nanni fuhrte ihn zum Kinde, und sagte mit ihrem verwirrten Lacheln und wilden Blik: Sieh, es ist gerade wie Henriot; aber die Schwester sagt, es werde nicht so lange schlafen. Der Auftritt ware vielleicht noch unverstandlicher fur alle Theile geworden, wenn Frau Thirion nicht jezt mit dem Wundarzt zurukgekommen ware. Wie sie die Manner erblikte, fiel sie dem alteren lebhaft um den Hals: Gott sei Dank, dass du wieder da bist! darauf reichte sie dem andern die Hand, und sagte noch einmal: Ihr seid mir erhalten! Ich habe es aber verdient, denn ich hatte Muth gehabt, wenn man euch auch blutend wiedergebracht hatte. Braves Weib! war alles was ihr Gatte (denn das war der altere) ihr antwortete. Sie unterrichtete ihn nun mit wenigen Worten von der Veranlassung zu Sara's Anwesenheit, und stand alsdann dem Wundarzt in der Verpflegung des Kindes bei, dessen Zustand dieser fur nicht ganz hofnungslos ansah. Sara hieng an seinem Munde, und schien wieder aufzuleben. Sie fragte jezt nach ihrer Wohnung, nach Thomas, nach Marton. Ihre gutherzige Wirthin berichtete ihr, dass jene nach den traurigen Begebenheiten des Morgens erst in Ordnung gebracht wurde, und dass ihre Leute damit beschaftigt waren. Mit jedem Augenblik wurde Sara wieder fahiger, die Gegenwart an die Vergangenheit zu reichen, sie bat dass man Thomas rufen mochte, und Frau Thirion erfullte jezt ihren Wunsch, nachdem sie ihres Mannes Einwilligung erhalten hatte. Thomas kam, und zeigte bei dem Anblik seiner Herrschaft die lebhafteste Ruhrung; Sara trat beiseite mit ihm, kampfte gegen ihren Schmerz, bis sie die Frage herausbrachte: er schikte nicht? Nein, war die traurige Antwort. Sara zitterte, besann sich, zeigte ihm das Kind, und sagte: geh zu ihm, sag ihm das. Sie konnte nichts mehr sagen; der arme Bursche machte eine bejahende Verbeugung, und wollte gehn. Sara hielt ihn beim Arm zuruk, suchte lange nach Worten, endlich fragte sie: sind sie alle ermordet? Lebhaft erwiederte Thomas: die ganze Familie unversehrt! Alle unter dem Schuz der Nation, keines ja beruhrt! Sara schien einen Augenblik heitrer: eile, eile! rief sie; und Thomas gieng.

Es war gegen Abend, die Hausfrau trieb ihre Geschafte, und bereitete den Mannern, welche den ganzen Tag unter den Waffen gewesen waren, ein kleines Mahl. Diese sassen indess am Heerd, und wahrend dass Frau Thirion im Hin- und Hergehen ihrem Mann die Vorgange des Tages abfragte, blikte Joseph, ihr Bruder, finster in das Feuer. Sara blieb neben ihrem Kinde, angstlich auf Thomas Rukkehr harrend; Nanni sass in ihrer stillen Zerstreuung, und arbeitete. Wenn Joseph von Zeit zu Zeit in die Stube kam, richteten sich ihre Augen mit einem seelenvolleren Blike auf ihn, und ihr Lacheln ward bedrukender; er hingegen schien dann finster hinauszugehen. Einmal sezte er sich hin, einige Papiere in einem Tischkasten zu suchen; Nanni legte ihre Arbeit aus der Hand, stellte sich neben ihn, und winkte Sara gleichsam verstohlen, indem sie die Haare von seiner Stirne strich, und sie lebhaft kusste. Der junge Mann fuhr bei dieser Liebkosung auf, rief heftig ein Paar unverstandliche Worte, und sturzte, seine Papiere zusammenraffend, mit verbissnen Zahnen hinaus. Nanni seufzte, schuttelte den Kopf, und nahm ihre Arbeit wieder. Sara war nicht fahig, diese kleinen Bewegungen zu deuten, ob sie gleich mechanisch darauf merkte: ihr Korper fieng an, einer Erschutterung, die gegen vier und zwanzig Stunden anhielt, zu unterliegen, ihre Nerven wurden von einem brennenden Fieber gespannt. Die Veranderungen in ihrem Aussehen entgieng der Frau Thirion nicht, sie fuhlte ihre gluhenden Hande und Wangen, sie bat sie freundlich, sich auf dem Bett niederzulegen. Wie Sara sich heftig weigerte, fragte sie mit bescheidner Theilnehmung: kann ich denn niemand zu Ihnen rufen? kennen Sie keinen Menschen? Nein, nein! rief Sara in der schreklichsten Bewegung, und bedekte ihr Gesicht mit den Handen. Die Frau beruhigte sie, sagte ihr, sie wollte zusehen, ob ihre Zimmer fertig waren, und sie dann mit dem Bedienten hinaufbringen; Sara horte kaum etwas mehr, jeder Augenblik vermehrte ihr Uebel. Auch war Marton nirgends zu finden, und Thomas kehrte nicht wieder. Wie die Nacht vollends einbrach, brachten sie die guten Menschen selbst auf ihr Zimmer; die Manner mussten wieder unter die Waffen, und Frau Thirion machte Anstalt mit Nanni bei Sara und ihrem Kinde zu wachen. Die Angst und die Starke des Fiebers uberwanden Sara's bisherigen Entschluss, sich niemanden anzuvertrauen. Sie fragte tausendmal nach Thomas, und bat endlich Frau Thirion flehend, ihn aufsuchen zu lassen. Und wo das? Sara nannte ihr L***'s Wohnung. Es war fast zehn Uhr, der Weg war lang, aber die gute Frau schien ihre Angst zu theilen, sie ubernahm selbst Sara's Auftrag, und gieng, nachdem sie ihrer Schwester auf das dringendste eingescharft hatte, sie nicht zu beunruhigen, und sie sorgsam zu pflegen. Nanni that Anfangs auch punktlich darnach; aber Sara, deren Gehirn in der bangen Stille, welche diese Nacht hindurch in Paris herrschte, noch mehr erhizt wurde, fieng selbst an, mit ihr zu sprechen, bat sie zu singen, und fragte sie nachher, ob Joseph ihr Gatte oder ihr Bruder ware? Gatte? wiederholte Nanni lachelnd, und schwieg. Sara glaubte, sie hatte sich nicht deutlich genug ausgedrukt, und sie fragte wieder, ob der dessen Stirne sie gekusst hatte, ihr Mann ware? Nanni schien unruhig zu werden, und sagte, wie halb im Vertrauen: Nein, nein! Ich weiss nicht wo er ist, Joseph will ihn ja ermorden. Wen? rief Sara erschroken und theilnehmend. Die Unglukliche gab noch viele unverstandliche Antworten, aus denen nur deutlich war, dass ihr armer verwirrter Kopf Sara fur ganz unterrichtet von ihrem Schiksal hielt. Sara fand eine ihrer bangen Stimmung angemessene Zerstreuung in dieser Unterhaltung, und sie machte, indem sie theilnehmend darinn fortfuhr, die arme Nanni immer zutraulicher. Auf die Frage, ob sie schon lange in der Hauptstadt ware? antwortete sie traurig: Fast seitdem ich nicht aufwachen kann! Weil dieser Begrif von Schlafen und Traumen es hauptsachlich war, der alle ihre Gedanken zu verwirren schien, so fragte Sara sie freundlich um die Ursache dieses langen Schlafs. Sie wissen es also gar nicht mehr, wie ich aus Hunger einschlief in der kleinen Hutte im Wald? Und mein Henriot wekte mich immer, weil er auch hungerte, und schrie; und endlich traumte ich, Henriot musste ja doch sterben, weil ich kein Brod hatte, und Joseph gar nicht wiederkam; und da schnitt ich meinen armen Henriot in seinen kleinen Hals, bis er auch schlief; und wie ich denn da neben ihm sass, und mich am Feuer warmte, kam Joseph wieder, und rief: da bringe ich zu essen, meine Nanni! und hatte ein ganzes Reh, und das blutete wie mein Henriot; aber wie er den sah, war er sehr bose und hernach mussten wir alle im Keller wohnen, und der arme Joseph stiess sich vor die Stirn, wie er meinen Henriot wieder aus der Erde graben wollte; davon hat er noch das Mal, das ich heute kusste; aber im Traum halte ich's immer fur ein Brandmal, das ihm der grausame Graf hatte aufdruken lassen, weil er das Reh schoss und er wollte doch sein Kind damit vom Hungertodt retten! Nanni hatte hochst abgebrochen geredet, als suchte sie blos furchterliche Erscheinungen, die an ihrem Blik vorubergiengen, zu beschreiben und zu nennen; jezt schien sie vor Angst dem Erstiken nahe, und ihr Zustand ruhrte Sara so innig, dass sie einen Augenblik ihre eigne Lage weniger empfand, und auf Nanni's kalte Hande weinte. Nanni fuhlte ihre Thranen, besah ihre Hand, und sagte schluchzend: Seitdem kann ich nicht weinen! Martha sagt oft, wenn Henriot endlich aufwachte, wurde ich vor Freude weinen. Es wahrt aber so lange! sezte sie sehnsuchtsvoll hinzu, konnte ich nur sein Bett finden! wie ich ihn zulezt schlafen legte, stand es dort da! Sie stand auf, nahm das Licht, suchte im ganzen Zimmer umher; endlich kam sie wieder zu Sara, und rief hofnungslos: O es ist nirgends nirgends zu finden!

Sara hatte jezt eine Art von Aufschluss uber das traurige Geschaft, bei welchem sie das arme Geschopf einige Zeit vorher schon belauscht hatte; aber folgendes ist die zusammenhangende Geschichte ihres Ungluks, die sie nur zerstukelt erfuhr. Armand, der Vater der drei Geschwister, war Pachter auf einem grossen Theil der Guter des Grafen von**, die in dem jezigen Departement der Charente lagen. Er hatte Gelegenheit gehabt, in fruheren Jahren einige Bildung zu erhalten, er hatte ein wohlhabendes Madchen geheirathet, stand also besser als die meisten Landbauern seiner Gegend, und gab seinen Kindern eine sorgsame Erziehung. Martha, die alteste, heirathete einen Seemann, mit welchem sie nach la Rochelle zog; Joseph folgte dem Gewerb seines Vaters, und die zartlichste Bruderliebe verband ihn mit Nanni, der jungsten, einem damals blendend schonen Madchen, deren schwarmerisches Gefuhl keinen andern Gegenstand hatte, als ihren Bruder. Den Grafen von ** nothigten seine Verschwendungen, sich fur eine gewisse Zeit auf seine Guter zurukzuziehn; hier warf er ein gnadiges Auge auf Nanni, bei der er sich in diesen Umstanden einen ganz angenehmen Zeitvertreib versprach. Bei den ehrwurdigen Grundsatzen von Tugend und Pflicht, die sie von ihrem Vater uberkommen hatte, konnte er sie weder von diesem kaufen, noch sie selbst, ohne ihr Herz in das Spiel zu ziehen, verfuhren. Aber Nanni war fur ihren Stand zu gebildet, und der Elende war in diesen Kunsten ein Meister; ihr Herz empfieng also die ersten Eindruke der Liebe mit unbefangenem Zutrauen. Schwure und Versprechen von seiner Seite, Unerfahrenheit und gluhende Jugend von der ihrigen, bereiteten ihren Fall. Der alte Armand schopfte Verdacht, und forderte seinen Abschied, um, wie er noch hofte, sein Kind einer Beschimpfung zu entziehen, fur welche kein Gesez ihn rachte. Eh sein Gesuch bewilligt war, nahm ihn ein Schlagfluss hinweg; in der Betaubung des ersten Schmerzens entdekte Nanni ihrem Bruder ihren Zustand; dieser reizte durch stolzen Ungestumm die Rache des vornehmen Verfuhrers; der Graf machte Chikanen uber die Pachtrechnungen des Vaters, die er doch selbst aus Unordnung, seit vielen Jahren zu berichtigen sich geweigert hatte; und die Kinder wurden fast des ganzen vaterlichen Nachlasses beraubt, und aus dem Pachthof gestossen. Martha war mit ihrem Manne, wegen einer kleinen Handelsspekulation, nach England gereist; die Familie ihrer vor vielen Jahren verstorbnen Mutter war ihnen fremd geworden kurz, manche unglukliche Zufalle trafen so zusammen, dass ihnen in der harten Jahrszeit keine Zuflucht ubrig blieb, als die Hutte eines alten Jagers, welche in der Gegend von Saint Hyppolite mitten im Walde lag. Joseph fuhlte die Schmach die dem Andenken seines Vaters, das Unrecht, das seiner Schwester angethan war, in einem so hohen Grade, dass er auf die abentheuerlichsten Anschlage verfiel, um sich an dem Grafen personlich zu rachen. Einsamkeit und halbe Ausbildung hatten seinen Kopf zu uberspannten Begriffen gestimmt; er wollte in Seedienste gehen, und hofte sich durch die schnellen Fortschritte seiner Geschiklichkeit so weit zu bringen, dass ihm der Morder seiner Ehre im Zweykampf wurde Rechenschaft geben mussen. Nanni's Verzweiflung, und ihre vollig hulflose Lage vermochten ihn, die Ausfuhrung seines Plans bis auf das Fruhjahr zu verschieben. Sie gebahr einen Knaben, bei dessen ersterm Weinen Joseph einen feierlichen Schwur, sich und ihn zu rachen, ablegte; und seine Bitterkeit hatte bei der grausen Abgeschiedenheit seiner Wohnung, bei dem bestandigen Kampf gegen herannahendes hochstes Elend, nur zu viel Nahrung. Indessen theilte der alte Jager sein tagliches Brod redlich mit ihnen, und Joseph half es ihm auf der Jagd verdienen; aber auch diese Stutze wurde ihnen bald entrissen, der Alte kam in einer rauhen Winternacht, wahrscheinlich, weil er nicht nuchtern aus Saint Hyppolite zurukkehrte, im Schnee um. Von Gram und Mangel an Hulfe ermattet, lag Nanni seit ihrer Niederkunft krank; Joseph gieng umsonst in die benachbarten Dorfer, um Arbeit zu finden; wegen der eben sehr harten Witterung brauchte man keine Taglohner, und als Knecht sich zu verdingen, erlaubte ihm der Zustand seiner Schwester nicht. Ihr Jammer stieg auf's hochste, Nanni's Kopf fieng an zu leiden, sie gab sich alles Ungluk Schuld, und wunschte sich und ihrem kleinen Henriot den Tod. Der Hunger, den sie ofters litt, wurkte noch mehr auf ihr Gehirn, und an einem unseligen Tage, dem dritten dass Joseph gefastet hatte, und wo Nanni das lezte trokne Brod ass, ohne dass ihr schmachtendes Kind Nahrung an ihrem Busen fand, gieng Joseph mit der Flinte in den Wald, um, was auch daraus werden mochte, Speise zu finden; das Ohngefahr brachte ihn in ein Gehege, das zu den Gutern des Grafen von ** gehorte, er erlegte dort ein Reh, sah sich entdekt; da ihm aber die Schlupfwinkel von der Jagdgranze an bekannt waren, gelangte er gluklich bis zur Hutte. Bitter triumphirend wirft er die Beute vor Nanni's Fusse, die er an dem Heerd vor einem grossen Feuer sizend findet. Sie winkt ihm verwirrt, still zu seyn die Vernunft der Armen war unterlegen; was ihre eigentliche Absicht gewesen war, konnte man nicht errathen, ihr blutendes Kind zeugte blos von ihrer That. Sie hatte ihm die Kehle abgeschnitten, und glaubte nun, dass es schliefe. Der unglukliche Bruder schaudert ein naturlicher Sicherheitstrieb giebt ihm ein, den kleinen Leichnam vor der Hutte zu vergraben, indess Nanni in ruhiger Abwesenheit des Geistes sich schlafen legt. Kaum war er mit dem traurigen Geschaft zu Ende, so sah er die Hutte von Menschen umringt; man war dem Wilddieb auf die Spur gefolgt, und er wurde nun auf dasselbe Gut, wo sein Vater ehrenvoll gelebt hatte, in's Gefangniss geschleppt. Nanni ware vor Hunger und Raserei gestorben, hatte sich ihrer nicht einer von den Haschern erbarmt, dem sie in guten Tagen, in ihres Vaters Haus, manches Glas Wein gereicht hatte. Dieser nahm sie zu sich, bis er bald darauf Gelegenheit fand, sie nach la Rochelle zu ihrer Schwester zu schiken, die eben nach einem vortheilhaft beendigten Handel aus England zurukgekommen war. So oft Nanni auch von ihrem schlafenden Kinde sprach, so liess doch ihre unverkennbare Verstandesverwirrung, und die Stumpfsinnigkeit, vielleicht sogar die Gutherzigkeit derer, die sie umgaben, keinen Argwohn aufkommen; und ihre Schwester benuzte diese Fantasie, deren Grund ihr freilich bald klar werden musste, um sie in der Unwissenheit oder Vergessenheit der noch furchterlicheren Wahrheit zu erhalten. Man liess sie dabei, ihr Kind schliefe, und sein Tod habe ihr getraumt; alles, was nachher sie schmerzhaft beruhrte, oder die Erinnerung des Geschehenen wieder in ihr weken konnte, reihte sie an diese Idee, und gab es sich fur Traum aus. Ihren armen, durch sein Schiksal ergrimmten Bruder hatten Gram und Elend in den wenigen Monaten so entstellt, dass er bei seinem Eintritt in's Gefangniss, auf sein Verlangen vor den Grafen gelassen wurde, ohne dass man ihn fur den Sohn des lezten Pachters erkannt hatte. So wie er vor ihm stand, warf er ihm mit wutender Bitterkeit vor, der Morder seines eignen Kindes zu seyn, und drohte ihm, dass fruh oder spat keine Macht auf Erden ihn vor der gerechten Strafe schuzen sollte. Der kleinmuthige Wollustling schauderte, als er von dem blutigen Auftritt horte, aber er schaumte uber die Kuhnheit des jungen Menschen, und er bewies ihm honisch, wie er sich durch das Gestandniss von Nanni's Verbrechen in seine Gewalt gegeben hatte; die Reihe zu drohen ware an ihm, sagte er, und er ruhmte sich seiner Milde, wenn er ihn und seine Schwester nicht einer weit schreklicheren Ahndung uberlieferte, als seine Wilddieberei nach sich ziehen wurde. Bei diesem niedertrachtigen Misbrauch der Macht vergass der Unglukliche seiner wehrlosen Lage, unsinnig fiel er den Grafen an, der vielleicht ein Opfer seiner Wuth geworden ware, wenn man ihm auf sein Geschrei nicht zur Hulfe geeilt ware. Seine Sache war nun sehr verschlimmert, der Gang des Rechtshandels blieb indessen unbekannt, wie so manches Werk der Finsterniss in jenen Zeiten; allein der Richterspruch verurtheilte ihn, auf der Stirne gebrandmarkt zu werden, und zu vierjahriger Galeerenstrafe. Thirion, Marthens Gemahl, sah sich nun in seiner Frau, durch die schandende Strafe die ihr Bruder erlitt, selbst entehrt; aber zu redlich und edel, um es den ungluklichen Schwestern entgelten zu lassen, verliess er la Rochelle, und trat in der Hauptstadt einen Spezereihandel an. Der Kummer seiner Frau, Nanni's Wahnsinn, der zwar sanft blieb, aber fur unheilbar erkannt wurde, das furchterliche Schiksal seines Schwagers, den er sehr geliebt hatte, ein von seinem fruh getriebnen Seeleben sich herschreibender Hang zur Freiheit alles traf zusammen, um ihn an der grossen Revolution, welche ein Jahr nach dem Ungluk, das seine Familie betroffen hatte, ausbrach, einen schwarmerischen Antheil nehmen zu lassen. Er hatte sich ein Bild von Freiheit und Gleichheit gemacht, das seinen Begriffen angemessen war; diese Vortheile seinem Vaterland zu verschaffen, war sein Ziel, und er verfolgte es mit einer Starrheit, die bei jedem Schritte, uber die Mittel es zu erreichen, gleichgultiger werden musste. Anfangs schien ihm jedes Opfer zur Suhne fur Nanni's zerruttete Vernunft, fur des redlichen Josephs gebrandmarkte Stirne zu fallen; bald wog er jedes gegen die Tausende ab, die der rankevolle Widerstand der Feinde der Freiheit vernichtete; endlich lieferte er selbst die Ungluklichen unter das Beil, weil er bei jedem hofte, dieser wurde die Zahl der Ruhestorer schliessen! Im Fruhjahr 1791 hatte Joseph seine schandliche Strafe auf der Galeere abgebusst. Mit einem durch und durch vergifteten Herzen, mit einem Gehirn, das die Langeweile, und die heisse Sonne des mittellandischen Meeres ausgetroknet hatte, das unter seinen Mitgefangnen die verzerrtesten Zuge der alten Sklaverei, der durch den Misbrauch der Geseze erniedrigten Menschenwurde, der abscheulichsten Unsittlichkeit aufgefasst hatte, durchbettelte er Frankreich. Menschen hatten ihn, den Unschuldigen, gebrandmarkt, und jezt scheuchte dieses Zeichen die Menschen von ihm, als hatte Gottes Finger es seiner Stirne aufgedrukt. Mit gluhendem Freiheitssinn, und durstend nach Recht betrat er den Boden, der nun der Freiheit und Gleichheit geweiht seyn sollte, und dennoch flohen seine Bruder die Gemeinschaft mit ihm. In einem andern Zeitpunkt ware er ein gemeiner Morder geworden, um sich an dem Menschengeschlecht zu rachen; jezt gerieth er bald unter Menschen, von denen er die trostende Nachricht erhielt, dass die Revolution noch nicht vollendet ware; er gelobte in ihrer Mitte, erst bei dem Blut des lezten aus der verfluchten Caste, die sein Leben vergiftet hatte, seinen Dolch abzutroknen, und sie liessen ihn seine emporte Leidenschaft in die grosse Masse niederlegen, aus welcher die Wunder und die Grauel des ausgehenden Jahrhunderts hervorgahren sollten. Seitdem war er blosses Werkzeug des Todes, er hatte keinen Gedanken mehr als Rache; aber von dem Augenblik an, da sich das Gefuhl der ersten Blutschuld in seinem Herzen niederliess, hatte er fest beschlossen, die lezte, die er als die endliche Grundung der Freiheit erkennen wurde, mit seinem eignen Tode zu versiegeln. Zufallig erfuhr er seines Schwagers Aufenthalt in Paris, und suchte ihn sogleich auf. Welch ein Wiedersehen fur Nanni, und die gute einfache Marthe! Ihm war der jungsten fortwahrende Verstandeszerruttung unbekannt, und die Heftigkeit, mit welcher er von seinem vierjahrigen Elend sprach, die wiederholten Schwure, dass Nanni's Verfuhrer seiner Rache nicht entgehen wurde, die Verzweiflung, in welcher er mit der Stirne gegen die Wand stiess, als Nanni, um sie freundlich zu kussen, die Haare daran heraufstrich, und zum erstenmal die eingebrannten Lilien erblikte das alles trug dazu bei, Nanni's Zustand seitdem um vieles schlimmer zu machen. Und so hatte sie, bis zu diesem Augenblik, der Sara's und dieser ungluklichen Familie Schiksale auf eine Weile in einander verwikelte, ihr trubes Daseyn fortgeschleppt.

Marthe kam mit der Nachricht zuruk, dass Thomas, eine halbe Stunde eh sie nach ihm gefragt hatte, in Verhaft genommen, und nach den Gefangnissen der Abtei gebracht worden ware: ich habe, sezte sie hinzu, aus Besorgniss fur den guten Menschen mich nach seinem Herrn erkundigt, aber diesen hat seit gestern niemand gesehen, das ganze Haus ist in der aussersten Angst, und die Grafin hat Wache vor ihrer Thure Sara erstarrte, und fragte Athemlos: wer? wer hat Wache? die Grafin L***, antwortete Marthe, und sezte mit ahnender Schonung hinzu: seine Mutter oder Schwester. O nein, nein! rief Sara, und wollte aus dem Bett sturzen aber diesem neuen Schreken, der entsezlichen Ungewissheit, die nun bei ihr begann, erlagen ihre Krafte, und sie sank steif und leblos in Marthens Arme. Ihr zwischen Todesschwache und Fieberfantasie abwechselnder Zustand war mehrere Tage verzweifelt, und die gute Marthe musste alle ihre Thatigkeit anwenden, um sich unter ihrer und ihres Kindes Pflege, und der Sorge fur ihren eignen Haushalt zu theilen. Erst nach vierzehn Tagen kehrte ihr Bewusstseyn zuruk; als sie aus dem langen Schlummer erwachte, in welchem ihr Geist gelegen hatte, erkannte sie wohl, dass das Kind ihrer Liebe, dieser Zeuge ihres nunmehr vernichteten Glukes, dem Grabe entgegen schmachtete. Die arme Kleine hatte vielleicht die Gefahr ihrer Wunde uberstanden, wenn nicht die Veranderung ihrer Nahrung, da Angst und Krankheit Sara's mutterliche Brust schnell ausgetroknet hatten, und selbst die Milch, die sie noch in der schreklichen Nacht des zehnten Augusts die Unvorsichtigkeit gehabt hatte, ihr zu reichen, ihre Safte verderbt hatten. Der Zustand ihres Kindes, und das furchterliche Rathsel ihrer eignen Lage gaben Sara's Nerven bald eine solche Spannung, dass ihre Krafte wie durch ein Wunder aufzuleben schienen. Sobald sie sich stark genug fuhlte, schlich sie sich, Marthens sorgende Wachsamkeit betrugend, aus dem Hause, und fand Mittel, sich bis nach L***'s Wohnung hinzufragen. Sie wollte selbst unverzogert den lezten Zug aus dem Kelch des Ungluks thun. Sie fragte nach dem Herrn des Hauses, und mit zweideutig verlegnem Wesen sagte man ihr, er sei abwesend. Sie forderte nun, die Grafin zu sprechen: sie fuhlte ihren Mund troken, wie sie eine Person ihres Geschlechts bei L***'s Namen nannte. Sie musste lange im Vorzimmer warten, alles um sie her verkundigte Luxus und grossen Ton; ein jeder, der vorubergieng, blikte auf sie, wie auf eine Bittende, Untergeordnete und sie war in L***'s Haus! Ihr Zustand war unbeschreiblich. Sie wusste nicht, was ihr bevorstand, nicht was sie thun wurde, nicht ob sie es wurklich ausdachte, dass sie im nachsten Augenblik vor L***'s Gemahlin stehen wurde. So oft die Thure der inneren Zimmer aufgieng, fuhlte sie ihr Herz zusammengezogen, und so oft sie in ihrer Erwartung getauscht war, hob sich ihre gepresste Brust freier, um gleich nachher desto schmerzlicher wieder zu stoken. Endlich wurde sie von einem zierlich gekleideten Kammermadchen abgerufen, und durch ein glanzendes Zimmer in ein Kabinet gefuhrt, wo die Grafin sie erwartete. Nicht zitternd, aber von Spannung fast erstarrt, trat sie herein, warf einen Blik auf die Grafin, und mit einem lauten Schrei, ihr Gesicht mit beiden Handen bedekend, sank sie auf den Boden ein junges Weib hatte vor ihr gestanden, schon, stolz, kalt und neugierig auf die Unbekannte blikend, nachlassig einen Spizenmantel zusammenziehend, der ihre nahe Hofnung, Mutter zu werden, darum nur reizender entdekte.

Sara ward aufgehoben, man sezte sie in einen Sessel, reichte ihr Salz, Riechflaschchen; die Grafin selbst trat naher zu ihr, und ermahnte sie herablassend, sich nicht zu furchten, sondern frei zu ihr zu sprechen. Sara war nicht ohnmachtig; was in ihrer Seele vorgieng, war unaussprechlich eine plozliche Umschaffung ihres moralischen Wesens! der Geist der Liebe entschwebte ihrem betaubten Gehirn, und der Damon des Verderbens zog in dieses Herz ein, wo bis heute nur sanfte und wohlwollende Gefuhle gewohnt hatten. Die Schopfung eines feindseligen Schiksals war in ihr vollendet, seufzend entfloh ihr guter Engel, und irrte einsam umher, bis die gelauterte Seele wieder zu ihm kehrte. Sie wies mit volligem Bewusstseyn die Hulfsleistungen von sich, und trat nun vor die Grafin mit einer Hoheit, einer Kalte, die jeden, welcher dieses holde Gesicht ehemals kannte, mit Schauder erfullt hatte. Mit kalter fester Hand ergrif sie beide Hande der erschroknen Frau, und fragte mit ehern hohler Stimme: Sind Sie L***'s Gemahlin? Ohne den Eindruk, den die Sonderbarkeit des Augenbliks auf die Grafin machte, wurde sie auf eine so befremdende Art schwerlich eine eigentliche Antwort ertheilt haben; und auch jezt drukte sich der Stolz des Weibes und der Frau von Stande bei ihr aus ernsthaft zuruktretend erwiederte sie: mich dunkt, mein Anblik und alles was Sie umgiebt, macht die Frage unnothig. Sara's Augenbraunen zogen sich finster zusammen: "Als seine Wittwe sehen Sie mich wieder!" sagte sie, in dem vorigen Tone und gieng langsam aus dem Zimmer.

Bei ihrer Ruckkehr fand sie Nanni vor ihrer Schwester kniend, um den Kopf des Kindes zu halten, das in heftigen Zukungen auf Marthens Schooss lag. Mit freundlicher Angst suchte diese den schreklichen Anblik vor Sara zu verbergen, und bat sie, sich zu schonen, da der unvorsichtige Ausgang ihr vielleicht schon geschadet haben konnte. Er that gut! sagte Sara mit ihrer Grabesstimme, und stellte sich vor das Kind, das sie mit starren Augen betrachtete. Sollte es wohl sterben? fragte sie nun. Hoffentlich; antwortete Marthe, mit einer Stimme, die von Thranen erstikt wurde. Nun, dann ist's auch so recht! sprach Sara, und blieb stehen. Martha erstaunte: das Kind lag neun Stunden in diesem Zustand, Nanni sang Todtenmetten und flocht Rosmarinkranze, Sara gieng in starrer Fuhllosigkeit im Zimmer umher, sah zuweilen finster auf das Kind, und gieng wieder umher. Die Kleine hauchte ihren lezten Athem aus; Sara wartete eine Weile, stand betaubt, hielt ihr Herz mit beiden Handen fest, und rief schaudervoll: nun er! Und dann dann! Wild klopfte sie in die Hande, und schlug ihre blizenden Augen aufwarts.

Dieses Betragen fiel Marthens weichem und gesundem Gefuhl so auf, dass Sara's Zustand ihr sehr bang zu machen anfieng. Sie bat sie, diesen Abend zu ihnen herunter zu kommen. Sara willigte hastig ein. Die verschlossne Thatigkeit, mit welcher sie alle ihre Geschafte verrichtete, der harte schneidende Ton ihrer Antworten auf alle Fragen die man an sie that jede ihrer Bewegungen zeugte von der schreklichen Veranderung, die in ihr vorgieng. Gegen das Nachtessen kam Thirion mit einem Mann, den sie nicht kannte, nach Hause. Er fragte hastig nach seinem Schwager, mit welchem er, sogleich nach dessen Eintritt, eine kurze, aber wie es schien leidenschaftliche Unterredung hatte. Bald trat er zu den Weibern, und indem er sich mit seinem finstern Wesen an Sara wandte, Burgerin! sagte er; wenn Sie das scheuen, was Rache und Recht hier zu sprechen haben mogen, so erlauben Sie meiner Frau, Sie auf Ihr Zimmer zu fuhren. Ich kenne Ihre Meinungen nicht, und schone Ihr Geschlecht. Sara hatte die Manner mit einem wilden, forschenden Blik betrachtet: Rache und Recht kennt und braucht auch das Weib, antwortete sie kalt; Rache und Recht geben mir allein noch Denkkraft ich bleibe bei euch! Eine hohe uberfliegende Rothe vertilgte die angeborne Zartheit von ihren Zugen; kuhn blikte ihr Auge; von ihrer Stirne fielen die dunkeln Loken zuruk, indem sie ihr Haupt erhob, und den Arm drohend strekte, als fasste er einen Dolch. Die Manner standen betroffen. Thirion runzelte finstrer die Stirn: ein neues Opfer der Verrather! rief er aus. Was willst du aber unter uns? sezte er hinzu, indem er sich wieder zu ihr wandte; du bist Mutter. Sara schauderte: Ich war Mutter! Und am Tag der Rache schoss der Vater meines Kindes die Kugel ab, die des zarten Geschopfes Leben zerstorte. Ich hielt mich fur seine Gattin, und nun habe ich das Weib gesehen, die seinen Namen fuhrt, vor welcher er mich verbarg, wie eine Verbrecherin. Sie schwieg, als stiege eine blutige Erscheinung vor ihr auf. Sie sah im Geiste ihres Vaters Schloss brennen, sie sah ihren Vater vor sich stehen, wie er in jener furchterlichen Nacht L*** den Helfershelfer seiner Feinde nannte, sie sah ihn, wie bei eben diesem Namen der Tod ihn ergriff; sie sah den alten Berthier, wie er weissagend ausrief: wer sein Vaterland verrath, wird auch die Unschuld verrathen! O hatte nur hier ihr treuloses Gedachtniss nicht geschwiegen! hatte es ihr auch zurukgerufen, wie er damals sagte: so lange du nur sein Opfer, nicht seine Mitschuldige bist, wirst du nicht erliegen! Aber das Schiksal riss sie gewaltsam fort; zerstort hatte das erlittne Unrecht jedes weiche Gefuhl ihrer Seele, und aus der Vergessenheit traten nur die Bilder wieder vor ihren Geist, die ihren Geist, die ihre Rache erhizen, ihr Herz vergiften konnten. Morgen, fieng sie von neuem an, und schuttelte ihr finsteres Haupt, als wollte sie es aus den schwarzen Bildern erheben; morgen empfangt die Erde mein Kind, und L*** ist dann nichts mehr als mein Verderber. L***? rief der Mann, der mit Thirion hereingekommen war, und fasste sie noch scharfer in's Auge; waren Sie Sara Seldorf? Seldorf? Ja, Seldorf, sagte sie, hiess der Mann, in dessen friedliche Hutte der Verderber sich einschlich, dessen friedliche Hutte seine grausame Rotte verbrannte; der Martirer, den sein Kind aus Liebe fur den Verfuhrer in das Grab sturzte. Unmenschlich betrogen, unmenschlich im Innern meines Herzens vergiftet, ruft mich das Schiksal zur Rache! Sara Seldorf ist nicht mehr; abgerissen von den Menschen durch Treulosigkeit und Verrath, will sie in Rache das zehrende Feuer loschen, das in ihr brennt. Joseph hatte ihr staunend zugehort; wie sie jezt, von ihrer Heftigkeit erschopft, inne hielt, strekte er seine Arme nach Nanni aus, die furchtsam zur Seite stand, und Sara anstarrte: Arme Wahnsinnige, rief er, einen Tropfen dieses Rachgefuhls in dein kindlich Herz, und du warest dem Bewusstseyn wiedergegeben! Nanni warf sich ihm schluchzend um den Hals: sie war so gut und so schon, sagte sie leise, wie ihr Kind noch weinte; jezt schlaft es so sanft, und sie macht mich furchtsam mit ihrer Stimme! Liesse sie es doch schlafen, bis es uberall hell wird! der Fremde nahm jezt das Wort: Sara, Sie haben einen Freund, der vorgestern nach der Granze aufbrach. Roger Berthier glaubte Sie in dem Haus seines Vaters wohl aufbewahrt; warum entwichen Sie aus dieser Freistatt? Die Entdekung, dass dieser Mann Rogern kannte, ihren Namen kannte, die Art seiner Anrede hatte sie etwas erschuttert; aber bei dem Vorwurf, der in seinen lezten Worten lag, erwiederte sie stolz: das Weib glaubte dem Gatten zu folgen! Und Sara wusste Berthiers Enkel in ihrer Nahe, und liess ihn im Irrthum, sie sei unter den Augen seines Vaters? Er wachte fur Sie, und nur hohere Pflichten hielten ihn ab, selbst zu Ihnen zu eilen, und Ihnen L***'s Verbrechen zu offenbaren. Er schrieb, und angstigte sich bei Ihrem, bei seines Vaters Stillschweigen. Er eilte endlich mit seinen Waffenbrudern gegen den Feind, und seine lezten Worte trugen mir auf, jede Gelegenheit nach seinem Departement zu benuzen, L***'s Schritte zu beobachten sie ist frei, sagte er, und ich komme ihrer wurdiger zuruk! Und Sie waren es, die der Verrather hier in diesem Hause, unter meinen Augen, verborgen hielt? Sara horte finster zu: In diesem Hause unter Ihren Augen? So waren es wohl Ihre Kinder, die an jenem Tag mit dem meinen bluteten? Und mein unglukliches Weib stirbt in diesem Augenblik vor Gram! Sara stand in dusterm Nachdenken; deine jauchzende Stimme rief Rache auf unsre Feinde, du bist gegangen sie zu erfullen; dein Loos ist schon ich gehe hier dem meinigen nach! Rogers Freund! sprach sie weiter, indem Schwermuth einen Augenblik die Wildheit ihres Ausdruks milderte, nehmen Sie mich zur Gefahrtin Ihrer Rache. Er zog hin, fur das Vaterland zu streiten; mein Arm soll hier Unschuld und Menschheit rachen. Rachen durch Blut und Tod! rief Joseph, und bot ihr die Rechte. Du streitest fur Jene? fragte Sara, auf die zitternde Nanni deutend. Fur jene Wahnsinnige, fur den Geist des gemordeten Knaben, der mich nachtlich aufruft, fur die Tausende, die litten wie sie, die verschmachteten wie er, fur ein ehrenvolles Grab, in welchem diese geschandete Stirn einst ruhe! Er schlug hier wutend mit der andern Hand gegen sein Haupt, und Sara legte die ihrige in die ihr dargebotne Rechte. Nanni verbarg schreiend ihr Gesicht, die Manner blikten finster in den unnaturlichen, blutigen Bund da trat Martha weinend in die Thure, und rief: Nachbar Raimond, euer Weib will euch ihren lezten Segen geben. Sie erfuhr euern Beschluss, abzureisen; und der Jammer brach ihr krankes Herz. Eilt, wenn Ihr sie noch sehen wollt. Raimond seufzte schwer, und folgte der guten Martha. Kommt, rief diese noch im Fortgehen; sie stirbt wie eine Heilige. Nehmt ihren Segen, Ihr konnt dessen noch bedurfen. Jedes Bild des Todes war jezt Sara willkommen; sie gieng mit den ubrigen in das obere Stokwerk, wo die Frau, von einer Nachbarin unterstuzt, auf einem Lehnstuhl sass. Der Ausdruk ihres Gesichts war Begeisterung, eine schwache Rothe wechselte mit der Blasse des Todes ab, sie winkte ihren Mann zu sich, der sie herzlich an seine Brust drukte. Der Gott, der meine Kinder zu sich nahm, sprach sie, hat dich von jedem Bande befreien wollen, das dich an Menschen knupfte, er wusste was du littest, von mir zu gehen, und er ruft mich, dass ich dich dort erwarten moge. Geh hin im Dienst des Vaterlands, als dessen stumme hulflose Opfer deine Kinder fielen; verzeih mir, dass die Bande meines Lebens nicht so stark waren wie meine Liebe und mein Muth. Strafe das Verbrechen, rette die Freiheit dort winkt sie mir dort erwarte ich meinen siegreichen Gatten! Sie hatte mit Anstrengung, mit sichtbarer Spannung gesprochen, ihr verklartes Auge war gen Himmel gerichtet; sie drukte mit einer Hand das Haupt ihres halbknienden Gatten an ihre Brust, mit der andern zeigte sie in die Hohe jezt sank sie zuruk, ihr Gesicht entstellte sich. Da rief die fromme Marthe, auf Joseph und ihren Mann deutend; auch diese segne, muthige Marterin! Segne sie, dass sie recht thun in ihrer Rache, und dich wiederfinden mogen vor Gottes Thron! Unwillkuhrlich sanken die Umstehenden auf die Knie; die Scheidende strekte beide Arme muhsam aus, und liess sie erstarrt sinken. Alles schwieg, und der Augenblik wo dieses Opfer der Mutterliebe in das Land des Friedens eingieng, besiegelte die blutigen Entschlusse in den Herzen der Ueberlebenden.

Sara war von nun an in einen Strom gerathen, der sie unaufhaltsam mit sich fortriss. Raimond ware noch das einzige menschliche Geschopf gewesen, von dem ihr in diesem Augenblik Rettung hatte kommen konnen, aber es war zu spat, und ihn selbst hatte der namliche Strom schon gefasst. So waren alle Zufalle gegen sie verschworen gewesen. Roger hatte, in der Meinung dass Sara noch bei seinem Grossvater seyn musste, alle Entdekungen, die er in Ruksicht auf L*** gemacht hatte, nach seiner Heimath berichtet; und da der Briefwechsel zwischen den Patrioten jenes Departements und der Hauptstadt damals aufgehalten wurde, so erhielt er keine Nachricht von seinem Grosvater, und Sara's Abreise aus dem Hause des alten Berthier blieb ihm unbekannt. Von einem neuen Ankommling aus Saumur hatte er erst die Vorfalle bei der Bundesfeier des vierzehnten Julius, und L***'s Anwesenheit in der dortigen Gegend erfahren; mit jeder Falschheit unbekannt, und zu allem geheimen Nachforschen zu unbiegsam, war es ihm bis jezt nicht in den Sinn gekommen, L*** nachzuspuren: zufrieden, die Nachricht seiner Heirath eingezogen zu haben, mit welcher er Sara zu retten hofte, hatte er ihn voll Verachtung ganz aus den Augen gelassen. Roger konnte der Tirannei und dem Tode trozen, er konnte fur seine gerechte Sache eine Welt zum Kampfe herausfordern, er konnte den Verbrecher mit eigner Hand schlachten; aber ihm nachgehen, ihn lange ausforschen konnte der einfache Jungling nicht nicht um des Vaterlandes willen, wie viel weniger also um seiner selbst willen! So konnte Sara wohl vor ihm verborgen bleiben, ob er es gleich wurklich gewesen war, dessen Stimme sie bei dem Fest, das Raimond seinen Landsleuten gab, in ihrer Nahe gehort hatte. Seitdem er indessen wusste, dass L*** sie bei seinem lezten Aufenthalt in der Gegend von Saumur gesehen haben musste, war er unruhiger geworden, und furchtete mit brennender Eifersucht, was wurklich geschehen war. Er bewachte nun L***, und fand ihn taglich uberall, und blikte ihm uberall mit der offenen Verachtung in's Auge, die seine Redlichkeit dem Verrath zugeschworen hatte. Suchte er ihn auf, so war es seine Absicht, ihn auszuforschen; hatte er ihn gefunden, so schien es ihm, als konnte der Verrather ihm doch nicht entgehen, und das Ausforschen war bald rein vergessen. Auch hielt es bei L***'s Behutsamkeit, selbst fur ein geubteres Auge, schwer ihn zu errathen; und uberdem trat nun der entscheidende zehnte August ein, durch welchen L*** ausser Stand gesezt seyn musste, Sara weiter zu verfolgen, und Roger genothigt war, Paris zu verlassen. Noch immer ohne Nachrichten von seiner Heimath, wagte er es aber vor seiner Abreise, sich seinem Landsmann Raimond zu entdeken, einem feurigen Kopf und warmen Freund der Volksklasse, die er als Arzt in einem Stadthospital von Jugend auf beobachtet hatte. Er bat ihn, auf welche Art es immer gehen mochte, seinem Vater Nachrichten von ihm zukommen, und Sara von dem was L*** betrafe, unterrichten zu lassen. Wie Raimond diese zuerst sah, hatte er den Vorsaz, sie von dem schreklichen Pfade, auf welchem er sie traf, zurukzureissen; er wollte sie seinem Weibe zufuhren, deren Tod er nicht so nah glaubte. Allein in eben der Stunde, wo er diesen Plan entworfen hatte, starb sie; und ihr Tod schien seinem gespannten Gehirn ein Zuruf, Sara ihrem Schiksal folgen zu lassen. Sein Weib, seine unschuldigen Kinder waren durch einen traurigen Zufall unter den Opfern des zehnten Augusts gewesen; die lezten Worte dieses sterbenden Weibes, die ihn zehn Jahre mit seltner Innigkeit geliebt, ihm in mancher drukenden Lage das schonste hausliche Gluk gewahrt hatte, schienen ihm ein Spruch der Weihe, der seine Laufbahn bestimmte und Sara war verlassen wie er, sie war zehnfach elender wie er: warum konnte sie das Schiksal nicht zur Racherin ihres Geschlechts ersehen haben? Er folgte der unerklarlichen Gewalt, welche die ungeheure Menschenmasse von Paris damals in unsichtbaren Banden gefesselt hielt, und einen Theil zu Anstiftern der entsezlichsten Grauel, einen andern zu Werkzeugen des Mords, und die ganze zahllose Menge zu stummen und geduldigen Zeugen der schaudervollen Grausamkeit machte. Wenn der Gesichtspunkt einmal verrukt ist, aus welchem man die Menschen gewohnlich betrachtet, wenn die Moralitat der Handlungen durch ausserordentliche Umstande einmal unsicher geworden ist, konnen Grundsaze der friedlichen Ruhe nicht mehr uber die Frevler richten. Gesez und Recht mogen sie ergreifen; aber die Menschen mussen mit heiligem Schauder auf sie bliken, als stunde das Zeichen Kains auf ihrer Stirne, oder wie die mildere Vorwelt jene Ungluklichen betrachtete, die von den Unrechtstrafenden Gottern in die Gewalt der Erinnyen gegeben waren.

Auf diese Weise war der lezte warnende Zuruf durch Rogers Namen, wie ihn Raimond vor ihr aussprach, in Sara's betaubten Ohren verhallt, und er hatte nur neuen Durst nach Rache erwekt. In den wenigen Stunden, die sie nach diesen gewaltsamen Auftritten allein zubrachte, schritt sie, wie von bosen Geistern getrieben, umher, und durchdachte ihr durch L*** zerruttetes Schiksal; und je scharfer sie sann, desto klarer erkannte sie seinen tief angelegten Plan, sie zu hintergehen, verstand die berechnete Zweideutigkeit seiner Aeusserungen, die ihn sogar vor dem Vorwurf schuzen sollten, dass er sie hatte betrugen wollen. In ihr unbegranztes Zutrauen eingewiegt, durch ihre Unkunde des Bosen sicher gemacht, durch den Werth der Opfer von der Grose, der Allmacht ihres Gozen immer mehr durchdrungen, hatte sie ihren Vater betrogen, ihre jungfrauliche Wurde verloren, Rogers Treue von sich gestossen, Berthiers Fursorge verschmaht und endlich den einzigen Lohn ihrer Leiden, ihr geliebtes Kind, dem Tod in die Arme geworfen. Von diesen Betrachtungen, die ihr Gehirn versengten, rief sie Joseph zu den Versammlungen seiner Gefahrten ab, wo sie allgemeine Schmach, allgemeines Elend um Rache schreien horte; und so loste sich ihr ganzes Wesen in Hass und Wuth.

In diesen hollischen Zusammenkunften wurde ein Theil der Grauel verabredet, welche die ersten Tage des Septembers 1792. auf ewig zu den schwarzesten machen, die jemal die Jahrbucher der Freiheit geschandet haben. Sara ward bald in den Schrekensgeheimnissen eingeweiht, insoweit wenigstens Rache und blinder Fanatismus dabei mitwurkten; denn die noch verhassteren, geheimen Triebfedern der Politik, der Herrschsucht, des Eigennuzes entgiengen ihrem leidenschaftlichen Blik. Wenn indessen noch etwas ihr einen geheimen Schauder vor dem Pfad einflosste, auf welchem sie wandelte, so war es die Gemeinschaft mit einigen Weibern, die sie bei jenen Berathschlagungen antraf. Diese entarteten Geschopfe hatten Mord und Aufruhr zu ihrem Gewerbe gemacht, weil sie nur darinn erlangten, was der Mensch von der Wiege an bis zum Grabe sucht: einen Plaz im gesellschaftlichen Daseyn. Wenn sie aber Sara als ihres gleichen ansahen, und diese sie im stolzen Grimm von sich schleuderte, so sehnte sie sich um so schreklicher nach den Opfern der reinen Rache, zu welcher die Herabwurdigung ihres Geschlechts, selbst in diesen Furien, sie aufzufordern schien. Seitdem ihr Wille und ihre Krafte zurukgekehrt waren, hatte sie vorzuglich gestrebt, L***'s Aufenthalt zu erforschen, und so blutig ihre Absicht war, so fuhlte sie sich doch noch so menschlich, ihm der ihren Glauben an Tugend, Liebe und Treue vernichtet hatte, nur das Leben rauben zu wollen. Sie verschloss anfangs ihren Plan in ihrem innersten Herzen, aber noch war dieses Herz an Wuth und Rache nicht gewohnt; die feindseligen wilden Gefuhle pressten es qualend zusammen, und schrekten ihren Geist mit den entsezlichsten Bildern, bis die Menschen, mit welchen der Zufall sie in Verbindung gebracht hatte, sie aus diesem unbestimmten Zustand emporrissen. Joseph erbot sich zum Gehulfen ihrer Rache, und sie trug ihm auf, L***'s Schlupfwinkel ausfindig zu machen. Treu und eifrig befolgte er ihre Befehle, denn ein dunkles Gefuhl fesselte ihn an das unglukliche Weib. Liebe war dieses Gefuhl nicht: bei dem vollig zermalmten Streben nach andrer Achtung, unter welchem dieses Schlachtopfer gemissbrauchter Geseze seit Jahren schon achzte, war Liebe unmoglich. Aber er hatte immer zartlich an Schwester Nanni gehangen, er war um Nanni's willen vernichtet, und nun schien ihm Sara wie ein hoheres Wesen in seine Rache einzuwurken; sein Wille ward dem ihrigen dienstbar, und ob er gleich nicht lieben konnte, so fesselte ihn doch auch die Macht der Schonheit an sie denn schon stand Sara noch im schreklichen Abgrund, unter den Verworfnen gross und furchtbar, wie Medea, wenn sie von den Unterirdischen umringt, Befehle ertheilte, die ihre eigne Gottheit entheiligten, und ihr menschliches Herz mit Jammer erfullten.

Am Morgen des zweiten Septembers erschien Joseph vor ihr, und rief ihr frohlokend zu, der Verrather sei gefunden, und fur sie und das Volk falle er noch heute zum gerechten Opfer; er sei im Karmeliterkloster unter einer Menge andrer Gefangnen, und, wie sie alle, der schreklichen Volksrache preis gegeben. Jezt erst vernahm Sara bestimmt und zusammenhangend den Plan dieses Tages. Sie schauderte vor der furchterlichen That, die sie nicht mehr abscheulich nannte; aber der Gedanke dass er, den sein Verbrechen ihr zugeeignet hatte, fallen sollte ohne die Hand, die ihn trafe, zu kennen, ohne es um diese Hand verdient zu haben, fullte sie mit Eifersucht und Unmuth. Lange walzten sich die wildesten Fantasien in ihrem Gehirn dort wo er war, konnte sie ihn nicht befreien, retten wollte sie ihn nicht, und selbst dass er zum Tode bestimmt war, milderte ihr unbewusst das entsezliche des Mords, den ihre Seele dachte. Sie sah ihn vor sich in seinem ganzen Zauber, sie horte die Stimme, die sie in den Abgrund des Elends gezogen hatte, und liebte ihn noch einmal, um ihn zu ihrem eignen Opfer zu ersehen. Nein, rief sie gluhend und zitternd vor dem schreklichen Entschluss, nein, so sollst du nicht fallen, grosster, unmenschlicher Verrather! das Herz, fur das ich meine Seligkeit verkaufte das Herz ist mein, und meine Hand muss es durchbohren. O, ich weiss ja was Mord ist! ich sah jenen Ungluklichen bluten, und vergieng nicht; und damals glaubte ich mich geliebt damals war ich Weib, Mutter. Sie verstummte, von dem unnaturlichen Streit zwischen dieser Erinnerung und ihrem Vorsaz uberwaltigt. Sie nahm nun mit ihrem finstern Ungluksgesellen Abrede; er musste um das Gefangniss herumschleichen, seine hollischen Gehulfen hatten bei jedem Posten Aufpasser; und gegen Mittag wusste er genau das Gemach, worin L*** festsass, die Zahl seiner Mitgefangnen, seine Kleidung selbst. Er beschrieb der gierig horchenden Sara jeden Umstand; und wie der abscheuliche Zeitpunkt erschien, war sie an der Spize einer Rotte, die in jene Wohnung des Schrekens eindrang. Um sie her jauchzte der blutdurstige Haufen, jauchzte convulsivisch aus ihm selbst die sich straubende Menschheit, und wollte das Aechzen der Erschlagenen, durch die er seinen Weg bahnte, uberjauchzen. Mit jedem Schritt in der entweihten Freistatt des Gesezes ersann die Verzweiflung des Verbrechens neue Grauel, um sich gegen die eben begangenen zu betauben. Fluche, wildes Geschrei, schallendes Gelachter tobten um Sara, die schweigend mit gezuktem Dolch, im Ausdruk des bittersten Grimms vor ihnen hergieng und immer starrer ward ihr Grimm durch die Abscheulichkeiten, die ihre Sinne besturmten und abstumpften, und hielt ihre schaudernde Seele zusammen. Vor ihr sturzten die Ungluklichen, Erbarmen flehend, nieder; hoch stand sie mit erhabnem Angesicht unter dem walzenden wogenden Gewuhl der Mordenden und der Sterbenden, liess ihr Auge kalt uber die Erschlagnen hingleiten, und spahte nur nach ihrem Opfer. Jezt drangten sich die Henker gegen seine Thure, deren Eingang die arme Schlachtopfer zu erschweren gesucht hatten; die schwachen Bollwerke sturzen ein, sie fliegt auf, die Gefangnen innerhalb treten in einem halben Zirkel zusammen, entschlossen ihr Leben theuer zu verkaufen in ihrer Mitte steht L***. Sara, mit fliegendem Haar, das weisse Gewand vom Blut der Erschlagnen, uber welche sie schritt, beflekt, hebt den Arm, hebt das Eisen, das sie fur diesen Augenblik rein bewahrt harte. Du bist mein, ruft sie, nur ich darf dich richten! und sturzt auf ihn zu. Sara, Sara! erschallt plozlich eine bekannte Stimme aus dem Mordgewuhl um sie her es ist Theodors Stimme! Nur diese, nur die Stimme der Natur vermochte noch in dem durch Rache verwilderten Herzen wiederzutonen; bei der leisen unerwarteten Anregung brach die Kraft ihrer gespannten Nerven: und Sara sank sinnlos unter den Geschlachteten nieder.

Joseph hatte sich nicht von seiner Heldin entfernt; wohin er sich auch in seinem blutigen Geschaft wandte, hatte er sich immer wieder gegen die Seite hingedrangt, wo sie furchterlich und bewegungslos stand; jezt horte er ihre dumpfe, erschutternde Stimme ihres Verderbers Todesurtheil rufen, und in eben dem Nu sah er sie sturzen. Er eilte zu ihr, riss sie auf vom blutigen Boden, und dem Unmenschen fluchend, den sie, wie er glaubte, nicht fruh genug ereilt hatte, trug er sie von dem abscheulichen Schauplaz hinweg. Erst spat kam Sara in einem Hof des Gefangnisses wieder zu sich. Ihr erster Laut rief ihren Bruder. Sie fragte ungestumm, mit irrendem Blik, ob ihr Bruder gerettet sei? Erstaunt und verwirrt fordert Joseph Erklarung, sie weiss ihm keine zu geben, rafft sich auf, fliegt durch die schaudernden Zuschauer, durch die brullenden Morder, dringt wieder in das Gefangniss, findet Blut, Leichen, Gewinsel aber ihr Opfer und ihr Retter von der Blutschuld waren nicht unter den Todten, nicht unter den Sterbenden. War es eine Tauschung gewesen? War es des Bruders Geist gewesen, der sich zwischen sie und noch grossere Grauel stellte? war sein zerrissner Leichnam so entstellt, dass sie ihn nicht unterscheiden konnte? oder hatte er sie gerettet? Zitternd, L*** zu erkennen, und ihren Bruder umsonst zu suchen, blikt sie unter den Todten umher. Nur Theodors Stimme im Ohr, ruft sie sich selbst zu: Sara, Sara! als wurde der Ruf jenes Echo erwecken umsonst, die Todten bleiben stumm!

Um der Menschheit willen, deren Genius damals sein weinend Angesicht verhullte, um unsers Mitgefuhls willen bei den fruheren Leiden der noch schuldlosen Sara, lasst mich schweigen, wo ich keine Worte habe, fur die Finsterniss ihrer Seele, fur den Wechsel von Wuth und Schmerz, in welchem sie ein unnaturliches Daseyn hinschleppte. In ihren wilden, dustern Stunden gab Martha schonend auf sie Acht, und trostete Nanni, die vor Weinen vergieng, uber den Traum der Ungluklichen, der ihren Geist mit so blutigen Bildern gefangen hielt. War sie ruhiger, so nahte sie sich ihr mit freundlicher Furchtsamkeit, sang ihr vor, und schmeichelte ihr bittend, bis sie einen Augenblik Ruhe oder Nahrung genoss. Raimond und Thirion waren nun nach der Granze gewandert, und Joseph blieb allein bei den Weibern zuruk. Aber er lebte ganz in seinem fanatischen Taumel, und nur Sara's Interesse mochte ihn auf Augenblike herausreissen. Seit jenem entsezlichen Tage war es ihr einziges Bestreben gewesen, Nachricht zu erhalten, ob L*** gefallen sei, und ob Theodor noch lebe. Es gelang endlich Joseph durch seine unermudeten Nachforschungen, ihr ein Mittel anzuzeigen, wie sie dies erfahren konnte; und sie wusste sich bei einem von den Mannern, welche die achten Septemberlisten besassen, Eingang zu verschaffen. Ihre Stimmung, ihre Sprache, ihr ganzes Wesen fiel auf; man erkannte in ihr einen Stoff, den man einst fur gewisse Plane wurde benutzen konnen; ihre Bitte wurde gewahrt, und es ergab sich aus den geheimen Registern, dass Theodor wurklich mit L*** auf der Liste der zum Tod bestimmten Gefangenen gestanden hatte, dass aber jener allein unter den wurklich Ermordeten gewesen seyn musste. L*** war, wie durch unsichtbare Geister, gerettet worden, und es fand sich bald, dass seine Existenz jenen revolutionnairen Staatsmannern nicht viel weniger zu schaffen machte, als der ungluklichen Sara. Sie horte dort, dass ihr Verderber eben so treulos an seinem Vaterland gehandelt hatte, wie an seiner Geliebten in dem neuen Kreis von Begriffen und Verbindungen, in welchen sie bei dieser Veranlassung gerieth, schraubte sich ihr Geist, der angefangen hatte, in eine vielleicht heilsame Dumpfheit zu versinken, zu einem neuen Fieber auf, das sie immer weiter von ihrer Bestimmung entfernte.

Nun schwindelte sie eine Weile auf den Hohen des Berges fort; und wahrlich, sie war unter den Handlungen des Mords am zweiten September der Menschheit naher gewesen, als unter diesen politischen Rechenkunstlern, die in dieser Zeit besonders anfiengen, ihr Zerstorungssystem zu grunden. Schon damals horte sie uber die blutigen Zwangsmittel, uber das Reich des Schrekens, uber die Proskriptionen, uber alle die Plagen, welche spaterhin vom Berge herab auf das unglukliche Frankreich gehauft wurden, beratschlagen. Auch sie ward, mit so vielen andern, verfuhrt, die heilige Freiheit fur ihre zum Theil zufalligen Symbole und Formeln aufzuopfern; auch sie trug das ihrige bei, sie in die Hande ihrer abgesagtesten Feinde zu liefern, die unter der Larve von Beschuzern, mehr mit Nebenbuhlern als mit Gegnern um den Preis der Unterdrukung und der Tirannei kampften. Sie traf auf dieser Laufbahn wiederum mit Wesen ihres Geschlechts zusammen; nur waren es hier meistens feine, zierliche, verkehrte Geschopfe, die in die kalte Raserei dieses oder jenes Demagogen einstimmten, weil sie uberhaupt eines Gozen bedurften, der sie aus Dankbarkeit an dem Weihrauch des blinden Haufens theilnehmen liesse. Wenn aber ein solches Weib die Deklamationen, die Sophismen, die Phrasen, auf welchen ihr Freund seine Herrschaft uber das getauschte Volk, uber Gut und Leben jedes Burgers grundete, im sinnund herzlosen Eifer nachplapperte wie verschieden war davon Sara's leidenschaftliche, aber immer wahre und innige Stimmung, ihr in den traurigsten Verirrungen immer nach sittlichen Beziehungen, nach sittlichem Zusammenhang strebender Geist, die edle und reine Glut, mit welcher sie fur die Wahrheiten entbrannte, die von der unseligen List der Heuchelei mit dem verderblichsten Irrthum vermischt wurden! So zeichnete ihr angeborner Werth sie auch unter den Abarten ihres Geschlechts aus, mit denen ihr feindseliges Schiksal sie in die unwurdige Gemeinschaft gebracht hatte; aber die nothwendige Rache der beleidigten Weiblichkeit blieb darum bei ihr nicht aus. Wie jeder Tag ihren Kopf mit neuen politischen Tollheiten fullte, so starb jeden Tag eine Faser ihres Herzens ab; selbst die Erinnerung, Tochter, Geliebte, Weib, Mutter gewesen zu seyn, ausserte sich endlich nur in heftigeren Ausbruchen des Parteigeists auf den Tribunen der Volksgesellschaften, in den Salen der Sektionsversammlungen denn dorthin drangte sich jezt jene Sara, deren Stimme ehemals aus madchenhafter Schaam lieblich zitterte, wenn sie einem fremden Knecht einen Auftrag ihres Vaters ausrichtete, dort stand sie jezt, und sturmte ihrer Partei wilden Beifall zu, oder hohnte kek die schwacheren Gegner.

Der grosse Streit uber das Schiksal Ludwigs beschaftigte jezt die Stellvertreter des Volks; und Sara, die am zehnten August seinetwegen gezittert hatte, weil L*** fur ihn stritt, sah nun dem Augenblik seines Todes ungeduldig entgegen, weil L*** auch um seinetwillen sie verrathen hatte, weil Theodor um seinetwillen seinem Vater entsagt, und vor den Augen seiner ungluklichen Schwester das Loos der Volksverrather getheilt hatte, weil seine falschen treulosen Vertheidiger die Wiege ihrer Kindheit zerstort, das Alter ihres Vaters unter Armuth und Gram gebeugt hatten. Hochst erbitternd vermischte sich bei ihr das Gefuhl ihres Schiksals mit jener Angelegenheit, deren Wichtigkeit selbst ihr wundes Herz beleidigte, und sie mit unmuthigen Zweifeln an Vorsehung und Wurde der Menschheit erfullte. Tiefer konnte ihr moralisches Wesen nicht sinken, trauriger konnte der Abglanz der Gottheit auf ihrem schonen Gesicht nicht verloschen, als in dieser Zeit, wo ihre Zuge entweder von todter Abspannung, oder zwekloser Unruhe, Hass und Hohn entstellt wurden. Ihrer zerrutteten Seele fehlte nur noch ein Stoss, um den gespannten Faden ihrer Vernunft zu zerreissen, und diesen Stoss fuhrte das Schiksal herbei.

Das Todesurtheil uber den Konig war gesprochen: kalte, menschenfeindliche Neugierde trieb sie an, sich als Nationalgarde verkleidet zu dem Dienst im Tempel zu drangen, um seine lezten Stunden zu beobachten. Die heldenmuthige Fassung, die einfache Gute, welche das ferne Europa an diesem Schlachtopfer der Politik bewundert hat, schrumpften vor ihrem bittern Hass zur elenden Alltaglichkeit zusammen. Am Tage seiner Hinrichtung stand sie unter den weiblichen Zeugen dieses schreklichen Schauspiels, und lachte bitter auf, dass, um diesen Menschen zu todten, eine ganze Stadt im Auflauf, ein Heer unter den Waffen war und vor ihren Augen war Theodor gemordet worden, ohne dass die Ruhestatte seines Leichnams zu finden gewesen war! Sie befand sich nahe genug am Richtplaz, um die Heiligsprechung des ungluklichen Konigs durch den Priester, der ihn begleitete, zu vernehmen. Heilig! murmelte sie knirschend was ist der Gottheit heilig? was ist es den Menschen? Sie tauchte ihr Schnupftuch in das herabrinnende Blut: Im Blut eines noch Heiligeren will ich dich wieder rein waschen! rief sie, an L*** denkend. Ihr Kopf fieng an, so vieler Wuth zu erliegen; ermudet drangte sie sich aus dem Gewuhl heraus, und eilte ohne bestimmten Endzwek durch einige entfernte Strassen, wo eine bange, feierliche Stille herrschte. Sie sank endlich erschopft auf einer steinernen Bank, an der Thure eines burgerlichen Hauses nieder. Gedankenlos sass sie in anscheinender Ruhe, als der ungewohnte Ton von Kinderstimmen in ihr Ohr drang. Sie blikte auf, und sah einen Knaben und ein Madchen von sieben bis neun Jahr vor dem Hause spielen. Der Knabe hatte sich eine Nationalfahne gemacht, die er hoch emporschwang, und ein Kriegslied dazu sang; das Madchen baute mit Steinen am Boden. Wie der Knabe ein Paarmal das Refrain seines Liedes gesungen hatte, welches Triumph uber den Tod des Tirannen ausdrukte, sah das Madchen, das altere von den beiden Kindern, auf, und sagte mit einem sanft traurigen Wesen: Henri, es ist nicht recht, dass du so jauchzest, da die Mutter weint, und der Vater so ernst von uns gieng. Ach, sprach der Bube leichthin, ich singe das Siegeslied uber den Fall des Tirannen, das die Burger gestern beim Trinken sangen. Lieber Henri, weisst du nicht, wie der Vater neulich sagte: bei einem todten Feind jauchzt nur der Feige? Er ist ja nun todt! Lass auch dein hassliches Jauchzen. Der Knabe war naher zu seiner Schwester getreten, und sah sie nun fragend an: wer ist todt? der Tirann, von welchem du singst der arme Konig! wie die Trommel so fern tonte, ward er ja gekopft der arme Konig! spottete Henri nach; man sieht wohl, dass du eine Aristokratin bist. Henri! sagte das Madchen, errothend vor Zorn, und warf ihre Steinchen zusammen; das ist nicht recht von dir, dass du mich schimpfest. Dass der Konig todt ist, geht mich nichts an; aber die Mutter sagt, wenn er denn auch ein Verrather gewesen ware, seine Kinder waren doch arme Waisen, und wir sollten Gott bitten, dass ihr Ungluk das Heil des Volks grunden mochte und Henri, sprach sie in Thranen ausbrechend, die Mutter sagt, mit Hass im Herzen konnte man Gott um nichts bitten. Henri nahm angstlich ihre Hande, bat, versicherte, er wollte ja dem kleinen Kapet nichts thun, er wolle ja Gott fur ihn bitten; die Kleine liess sich lange nicht versohnen. Endlich ward aber doch aus ihrem Streit ein kindliches Geschwaz, indem die Schwester ihrem Henri von dem Jammer einer Familie erzahlte, wo der Vater vor kurzem hingerichtet worden ware. Sie sagte, nun musste der kleine Kapet auch so weinen, wie die Kinder dieses armen Mannes, und sezte sie schluchzend hinzu wenn nun unser Vater auch so fortgerissen und gerichtet wurde? der Knabe richtete sich schnell auf; sein offenes Auge blizte unter Thranen: O nie, nie! er ist ein Patriot er kann im Kriege fallen; aber dann weinen wir nicht, dann starb er fur die Freiheit. Die Kleine schuttelte den Kopf, und weinte still fort. Der Uebergang, den dieses kindische Gemisch von naturlichem Gefuhl und nachbetendem Heroismus in Sara's Wesen hervorbrachte, war nur bei der dumpfen Abspannung moglich, zu welcher ihre Nerven gesunken waren. Sie war aufgestanden, und hatte sich dem Madchen genahert, ihr selbst unbewusst fullten Thranen der Theilnahme an ihrem Kummer ihre Augen, sie streichelte des Kindes Wangen das weiche Geschopf weinte, durch fremdes Mitleid geruhrt, noch heftiger; und von einem Anblik, dessen sie so entwohnt war, hingerissen, sass jezt Sara neben ihr, trostete sie, rief den Bruder herbei, und versohnte ihn mit der Schwester, die ihn wiederum um Vergebung bat, als ware ihre Heftigkeit weit schlimmer gewesen, wie das Wort, durch welches er sie erregt hatte. Wahrend dieses Gesprachs trat ein noch ziemlich junges Weib, mit einem Saugling im Arm aus dem Hause. Es war die Mutter dieser Kinder; wie sie eine Fremde mit ihren Kindern beschaftigt sah, gieng sie naher hinzu ohne alle Erklarung entstand nun ganz naturlich zwischen diesen Menschen ein scheinbarer Einklang von Empfindungen. Sara's Thranen waren eine wohlthatige Erschlaffung ihres gepeinigten Gehirns, die guten Kinder, die sie zuerst veranlasst hatten, weinten jezt aus blinder Theilnahme mit, und bei ihrer Mutter brauchte es keiner grossen Anregung, um ihre Traurigkeit zu erneuern sie drukte den Schmerz aus, den so manches stille Herz in dieser unermesslichen Stadt heute so tief empfand; eben den Schmerz glaubte sie auch in Sara's Thranen zu lesen, und fuhlte sich dadurch zu der schonen Fremden hingezogen. Der Saugling schmiegte sich unterdessen schmeichelnd an die Mutter, und wie diese sich nicht mit ihm abgab, bog er sich zu der Fremden, spielte mit einem Bande an ihrer Kleidung, blikte mit heitern Kinderaugen an ihr hinauf, und legte seine kleinen Hande lachelnd an ihr Gesicht, als wollte er ihr beweisen, was er thue sei Zutrauen und Liebe.

Hier zersprang die harte Rinde, die sich um Sara's Herz gebildet hatte. Im Gewuhl der Menschen war sie des Anbliks der Menschheit entwohnt worden: hier lachte sie ihr zum erstenmal wieder in ihrem reinsten, sanftesten Abdruk entgegen das war ihres Kindes ruhrender Blik, so beruhrte seine schwache schmeichelnde Hand ihre Wangen! Ihr Herz brach fast unter dem gewaltsamen Zustromen so fremdgewordner Empfindungen. Schluchzend, tief athmend riss sie das Kind an sich, drukte es gegen ihre Brust, vergass sich und die Vergangenheit in dem dunkeln Bewusstseyn, wieder einmal Weib zu seyn. Die Mutter sah ihr befremdet, aber geruhrt zu, als der Knabe aufsprang, und frohlich rief: der Vater! der Vater kommt! indem er einem Nationalgarden entgegen lief, der im Hintergrunde der Strasse sich von seinem Haufen trennte, und auf sie zukam. Das Weib liess den Saugling in Sara's Armen, und gieng zu ihrem Mann, der seinen Kindern liebkosend an der Thure stehen blieb. Du musstest ihn morden sehen! sagte sie schmerzlich, indem sie sich an ihn lehnte. Er richtete sie auf, reichte ihr sein Gewehr, seine Patrontasche, und sagte ernst und gutig: Liebes Weib, du folgtest sonst meinem Rath, du hieltest mich fur den Weiseren; willst du dich in dem wichtigsten Zeitpunkt unsers Lebens von andern stimmen lassen? Sie weinte ungestummer bei dieser Zurechtweisung, und nachdem er ihr eine Weile vergebens zugesprochen hatte, schien er noch ein leztes Mittel versuchen zu wollen, indem er herzlich nach dem jungsten Kinde fragte, und heiter und sanft ihren Arm nahm, um mit ihr hineinzugehen und es zu sehen. Nun zeigte sie es ihm in Sara's Armen: Sieh, da ist es bei einer guten fremden Frau; die kost ihm schon lange, und weint die magst du nur auch trosten! der Mann betrachtete jezt Sara, und wie diese sich aufrichtete, stuzte er, sein Gesicht drukte sogar Schreken aus; er blieb stehen, und fragte leise: wie kommt dieses Weib zu euch? die Kinder erzahlten nun schwazhaft, wie sie sich zu ihnen gesezt, wie sie so herzlich mit der Kleinen geweint hatte, und am Schluss ihrer lebhaften, verwirrten Erzahlung naherten sie sich Sara, und wollten sie zum Vater fuhren. Aber dieser hatte unterdessen seine Frau beiseite gezogen, und kaum hatte sie ausgehort, was er ihr mit einem ziemlich heftigen und leidenschaftlichen Ausdruk zu sagen schien, so sturzte sie pfeilschnell auf Sara zu, riss ihr den Saugling vom Arm Furie, rief sie erbost, wolltest du auch des Kindes Blut trinken? Geh, und vergifte meine armen Kinder, mein Haus nicht mit deiner Gegenwart. Sara wankte; die beiden alteren Kinder prallten erschroken zuruk; der Saugling hieng schreiend an der Mutter, die ihn heftig an sich drukte da trat der Mann hinzu, nahm den Knaben und das Madchen bei der Hand, und sagte missbilligend zu seinem Weibe: ist sie nicht elend genug durch unsern Abschen vor ihr? Geht hinein, lasst sie armes Weib, was machte dich so unmenschlich? rief er noch, indem er einen traurigen Blik auf sie warf, und in das Haus eilte. Die Thure ward verschlossen, Sara blieb allein! man floh sie also, als ware ihr Anblik vergiftend; der Mann hatte also ihre Thaten genannt, und durch diese erschien sie diesen schmeichelnden Kindern, diesem weichen Weibe, wie ein Ungeheuer! Sara betrog sich nicht; der Mann hatte bei der Hinrichtung seinen Posten in ihrer Nahe gehabt, er hatte sie unter ihren abscheulichen Gefahrtinnen erblikt, und sie nach ihrer Handlung wohl mit denselben verwechseln konnen nun fand er schaudernd seinen Saugling an dem Busen des Weibes, die ihr blutiges Schnupftuch an eben diesem Busen verbarg!

Von diesem Augenblik an war Sara vernichtet; sie fuhlte sich gebrandmarkt, ausgestossen von den Menschen, unfahig ihr Antliz aufzuheben vor ihnen; aber diese, die sie von sich gestossen hatten, konnte sie nicht hassen hassen konnte ihr einmal erweichtes Herz nicht mehr! Sie warf sich in unaussprechlicher, dumpfer Verzweiflung auf die Bank. Die Nacht brach ein, und vermehrte noch mit ihrem Dunkel das Grauen ihrer Seele. Sie irrte, an diese Gegend wie gebannt, umher schaudernd vor der Rukkehr nach Haus, wo Joseph und seine Gesellen versammelt waren, schaudernd vor der Stille ihrer Zimmer, wo sie die Bilder der Vergangenheit mit kalter Bitterkeit abzuwehren, nicht mehr die Kraft in sich fuhlte, und mehr noch schaudernd vor den gewohnlichen Tummelplatzen der wutenden Parteien. Unter dem Gewuhl von qualenden Vorstellungen, mahlte sich dann und wann des Sauglings Lacheln, mit ihres Kindes Bilde verschmolzen, vor ihren Augen; sie fuhlte seinen sanften Athem an ihrem Hals, sie sah seinen hellen Blik, das fremde Kind und L***'s Tochter wurden Eins in ihrer Fantasie und sie weinte endlich laut nach ihrem Kinde, das Grab ihres Kindes schien ihr endlich der einzige Flek in der ungeheuern Stadt, der sie gastfrei aufnehmen wurde. Sie eilte durch die Strassen, und suchte den Kirchhof, wo sie so oft die Bitterkeit ihres Herzens auf dem Erdhugel, der das unschuldige Schlachtopfer dekte, genahrt hatte; und von Finsterniss umflossen, sank sie endlich sinnlos, und von Jammer erstarrt, dort nieder.

Es mochte schon tief in der Nacht seyn, als ein neuer Zufluss von Leben die Wurkung der Winterkalte, des feuchten Bodens und ihrer todtlichen Erschopfung uberwand, und sie aus diesem schreklichen Zustand erwekte. Der Himmel war mit finsterm Gewolke bedekt, dessen zerrissene Massen nur selten eine trugerische Dammerung auf die Gegenstande umher fallen liessen. Anfangs sezte sich Sara, ganz unbewusst wo sie war, auf das Fussgestell eines alten Grabmals, und starrte das schwarze Gebaude vor sich an, das sie erst nach einigem Nachsinnen fur eine Kirche erkannte. Jezt flimmerten ein Paar Sterne uber dem gothischen Dach, und in dem dunkeln Gewirr von Gestalt und Chaos, das vor ihren Augen schwamm, unterschied sie einige morsche Denkmaler des Todes. O mein Kind! seufzte sie mit sterbender Stimme, und warf sich, den Schauplaz nunmehr ganz erkennend, mit ausgebreiteten Armen uber den kleinen, versunknen Hugel. Sie drukte ihren zerfleischten Busen jezt schweigend an die kalte Erde, und suchte ihre irrenden Begriffe wieder zur Verzweiflung zu sammeln. Plozlich aber vernahm sie hinter sich ein leises Gemurmel von Stimmen, erst achtete sie dessen nicht; doch bald mit den zischenden Luften in den Mauerzaken der Kirche, bald mit dem Grachzen der Nachtvogel vermengt, erregten die Menschenstimmen Entsezen in ihrer Seele. Auf ihre Knie gestuzt, beugte sie sich, um einen aufgerichteten Grabstein, nach der Gegend hin, wo die Tone herkamen. Eine fluchtige Helle erleuchtete den Theil des Kirchhofs, wo ihr Auge umherspahte ein grosses weisses Kreuz erhob sich dort am Eingang eines Gruftgewolbes; an dessen Fuss knieten zwei Gestalten, aus eben dem Steine gebildet, die von trubem Lichte umflossen, bald von dem Schatten eines sich bewegenden Menschen bedekt wurden, bald durch das Vorubergleiten des Schattens wiederum ganz hell erschienen. Sara unterschied endlich zwei Manner, deren einer an dem Eingang der Gruft gelehnt, der andre frei neben ihm stand; sie schienen sich leise zu unterhalten eine neue Wolke entzog sie Sara's Blik, doch waren sie nur wenige Schritte von ihr entfernt, und gespannter horchte sie nun auf. Der eine fieng an, lauter zu murmeln, die Stimme des andern schien von Seufzern erstikt; doch jezt schwieg jener, und Sara horte den andern im Ton des unaufhaltbaren Schmerzens rufen: O meine verlorne Schwester! Ihres Bruders Namen sturzte uber ihre Lippen, aber er ward zu einem unverstandlichem Schrei; sie raffte sich auf, eilte uber die Grabhugel der Erscheinung zu es fiel ein Schuss, und von Ueberraschung und Schwache niedergeworfen, sank sie wieder zwischen den Grabern hin.

Eine von den zahlreichen Wachen des Viertels war auf den Schuss herbeigeeilt; man sprengte die Thure des Kirchhofs, die wahrend Sara's Ohnmacht am Abend geschlossen worden war, man durchsuchte alle Winkel, und fand nur Sara, ohne alles Bewusstseyn bei den Grabern liegend; die Kugel war neben ihr in einen Stein gefahren, aber es liess sich keine Spur dessen, der sie abgeschossen hatte, entdeken. Nach vielen Bemuhungen brachte man Sara in das Leben zuruk, aber ihr Verstand kehrte nicht wieder. Sie war in eine trube, stumpfsinnige Raserei gefallen, wahrend deren sie kein Zeichen von Erinnerung gab, ausser einem zerreissend wehmutigen Lacheln bei dem Anblik kleiner Kinder, und einem angstlichen Zittern bei dem Ton der Trommel, welches wahrscheinlich der Wurkung beizumessen war, das dieses schmetternde Instrument am 21. Januar auf ihre Nerven gehabt hatte. Horte sie einen Schuss, so rief sie oft: Theodor, Theodor! und fuhr uber ihre eigne Stimme zusammen; schien sich besinnen zu wollen, und versank wieder in ihre Dumpfheit. Da in dieser Gegend der Stadt niemand sie gekannt hatte, und sie selbst nicht im Stande gewesen war, die geringste Nachweisung zu geben, hatte sie die ersten Tage unter der Aufsicht und Pflege der dortigen Sektionspolizei zugebracht; allein die treue Martha hatte sie nicht lange in fremden Handen gelassen. Vom ersten Morgen nach der unseligen Nacht, wo sie umsonst auf Sara's Rukkehr gewartet hatte, war sie in ihren Nachforschungen mit dem angstlichsten Eifer fortgegangen, bis das Gerucht jenes abentheuerlichen Zufalls ihr die Sektion ausfindig machen half, in welcher Sara aufgehoben war. Mit den gehorigen Beweisen versehen reklamirte sie die Unglukliche, als ihre Pflegbefohlne und ihre Freundin; man ubergab ihr das verlassne Geschopf, und sie fuhrte sie in Nanni's Arme, der das Schiksal Vernunft genug gelassen hatte, um uber die Rasende zu weinen. Der erste Ton, den Sara bei rukkehrendem Bewusstseyn unterschied, war ein Schrei der Freude, der in ihr dumpfes Ohr schallte, sie wusste nicht woher, sie wusste nicht aus wessen Munde. Ihr Auge ofnete sich, oder es fuhrte zum erstenmal wieder das aufgefasste Bild ihrem lange gelahmten Geiste zu, und sie sah sich in einem ihr unbekannten, kleinen Zimmer, das von einem halben Lichte, wie der Strahl der Abendsonne, erleuchtet wurde. In dessen feurigstem Schimmer standen, Arm in Arm vest verschlungen, ein junges weibliches Geschopf, das sie nicht kannte, und ein junger Mann in Soldatenkleidung. Ihr Kopf schwindelte, wie in einem Traum, und sie hielt ihre Augen eine Weile wieder geschlossen. Du lebst, du lebst! horte sie nun ein Paarmal, bald lauter, bald erstikter rufen. Sie schlug die matten Augen von neuem auf, und sah jezt das junge Weib neben dem Mann auf den Knien, mit aufgehobnen und gefalteten Handen, mit einem von Freudenthranen bedekten Gesicht; sie schien stumm, und doch mit sich bewegenden Lippen, zu beten. Der ruhrende Anblik riss gewaltsam an Sara's schwachem Gehirn; nicht Theilnahme denn noch war ihre Seele ein blosser Spiegel, in welchem diese Gestalten sich abbildeten, ohne einen Begrif hervorzubringen sondern blos die aussere Anregung ehemaliger Eindruke, mochte Thranen in ihr Auge ziehen wollen; aber zu ausgetroknet, um Thranen zu liefern brannte ihr feuchtes Auge, und tiefe Seufzer drangten sich in ihrer Brust. Jezt sah sie eine alte Bauerin, die wahrscheinlich neben ihrem Bett gestanden hatte, vor sie treten, und erstaunt sich gegen das zartliche Paar wenden. Babet, sie lebt! rief sie. Sie rief umsonst; Babet kniete, stand auf, umarmte wieder den jungen Mann, betete wieder, weinte und lachte wechselsweise. Die Alte beugte sich uber Sara, die unfahig zu sprechen, ihr die Hand auf den Arm zu legen suchte; wahrscheinlich war es eine fragende Bewegung, aber ihre Kraften reichten dazu nicht hin, und ihre Hand sank nieder Babet, sie blikt sanft und lebt! rief noch einmal die Alte, und holte das Madchen beim Arm herbei. Babet schien sich jezt zu sammeln, blikte anfangs noch zerstreut auf Sara, dann trat sie, ohne den jungen Mann loszulassen, naher. Ware es moglich? Arme Sara ja gewiss, sie lebt! Mathieu, du bringst allen Leben mit. Bei diesen abgebrochenen frohen Worten nahm sie leise Sara's Hand, und schien ihr Leben fuhlen, ja sogar behorchen zu wollen; denn sie legte ihr Ohr an Sara's Mund. Diese machte einen neuen Versuch zu sprechen, und sagte kaum horbar: wo ist Martha? Martha, antwortete Babet traurig, und weinend umfasste sie wieder den Fremden: O die arme Martha! Mathieu, unsre arme Baase, unser armer Vater! die Alte hatte Arznei geholt, die sie jezt Sara brachte, indem sie zugleich verdrusslich zu Babet sagte: Junge Frau, eure Freude ist gut und erlaubt, aber Ihr wisst doch, dass der Arzt auf Leben und Tod befohlen hat, sie ruhig zu erhalten, wenn sie wieder zu sich kame. Babet horte sie an, sah zartlich auf Mathieu, dann auf Sara, deren schwachen Kopf die Unruhe grausam anstrengte. Geht in den Garten mit dem Liebsten, fuhr die Alte fort, und lasst mich mit ihr allein, bis Ihr uber die erste Freude weg seid. Babet schien unentschlossen, und beugte sich zu Sara, die noch einmal, und angstlicher, nach Marthen fragte. Marthe grusst Sie, sagte nun Babet verwirrt; sie hat mir vieles an Sie aufgetragen; Sie sind in guten Handen. Der junge Mann sprach halb leise mit ihr, und zog sie ungeduldig fort; das alte Mutterchen blieb bald mit Sara allein, deren Zustand in diesem Augenblik unbeschreiblich war. Sie fuhlte sich wie aus einem tiefen Schlafe erwacht, konnte aber durchaus nicht urtheilen, wie lange sie geschlafen hatte. Das erste Bild, das aus der Vergangenheit wieder vor ihr aufstieg, war die Nacht vom 21. Januar, aber es war nur Bild, nicht Gefuhl, nicht Gedanke, und da sie, indem es vor ihr stand, nahe an ihrem Bett grune Ranken erblikte, die in das Fenster sich bogen, und Sommerluft fuhlte, so stellte sich dieses Lokale neben dem Lokalen jener Winternacht, und machte sie unsicher, welches von beiden Traum ware. Sie wollte die Alte fragen, aber das erstemal sagte ihr diese mit feierlichem Wesen: im Namen des gutigen Gottes, der euch das Leben so wunderbar wiedergiebt, schweiget! Euch wird besser werden. Und so oft sie wieder versuchen wollte, mit ihr zu sprechen, legte das Mutterchen ihr freundlich den Finger auf den Mund, und schuttelte mit dem Kopf. Sie reichte ihr aber sorgsam in sehr kleinen Zwischenraumen ein Arzneimittel, und schien sie jedesmal mit grosserem Wohlgefallen anzubliken. Sara schwieg endlich, und suchte zu denken. Ausser dem lezten Augenblik vor ihrer Verstandesverwirrung, war ihr alles wie ein wogendes Meer bald Bilder der Kindheit, bald des Vaters, Rogers, L***'s Bild; aber alle schwanden so leise, so im Nebel voruber, dass sie manches festzuhalten suchte, um sich zu besinnen, ob es schreklich ware. Nach und nach reihten sich die abgerissnen Vorstellungen zusammen; sie war sich der grausamsten Augenblike bewusst, aber wie nun uberstandner Leiden; sie dachte die Todten, ihren Vater, ihr Kind, Theodorn hier zog sich ihre Brust banger zusammen, aber wie ein Kind, das die Erinnerung an ein Gespenstermahrchen entfernt, um sich nicht im Finstern zu furchten, wich sie diesem schreklichen Andenken aus, und spann neue Faden aus ihrer Vergangenheit zusammen. So lag sie eine ganze Weile, bis es dunkel ward. Der Mond schien in das Zimmer, die Alte brummte ein Paarmal vor sich hin, uber die jungen Leute, die so lange ausblieben, getraute sich aber nicht, von der Bettseite wegzugehen. Endlich hielt ein Pferd vor dem Haus, ein Mann trat in's Zimmer ach der Burger Doktor! gieng ihm die Alte entgegen; Wunder, Wunder! sie lebt; und so mir Gott helfe, sie ist vernunftig! Nun gut, liebe Frau; daran zweifelte ich ja nie, fiel der Doktor mit einer freundlichen Stimme ein, aber denkt ein andermal besser an das, was ich euch sagte, und holt mir jezt Licht, damit ich meine Kranke sehe die Alte schaffte Licht, der Arzt nahte sich Sara, betrachtete sie aufmerksam, fuhlte ihren Puls, und fand ihn heftig bewegt. Sara hatte in dem gutmuthigsten Zuruf der Alten eine schrekliche Aufklarung uber ihren Zustand erhalten; sie wusste jezt was ihr Schlaf gewesen war, konnte jezt den kalten Reif auf ihres Kindes Grabe, und die sanfte Sommerluft, die hier durch das Fenster hauchte, zusammen reimen. Ich hatte den Verstand verloren? sagte sie zu dem Arzt. Der Mann sprach sehr leutselig mit ihr, und suchte anfangs nur dahinter zu kommen, wie weit sie wieder bei sich ware; je mehr er sich aber von der Rukkehr ihrer Vernunft uberzeugte, desto mannlicher aufrichtend behandelte er sie. Er sagte ihr endlich selbst, dass sie furchterliche Ungluksfalle zu beweinen hatte; aber, sezte er hinzu, Ihr wunderbar wiedergekehrter Verstand, Ihr neugeschenktes Leben fordern Sie auf, die Vergangenheit zu uberwinden, und das konnen Sie nur durch Ruhe, und durch Massigung Ihres Gefuhls, bis Ihr Korper wieder Krafte gesammelt hat So freundlich und trostend sprach er ihr noch einige Augenblike zu, und wandte sich dann gegen die Alte, die er nach Babet fragte. Sogleich fieng sie an, mit lebhafter Treuherzigkeit ihm zu erzahlen, wie nichts auf der Welt, wenn es nicht der Zustand gewesen ware, in welchem das arme Weib auf Sara deutend gelegen hatte, sie hatte abhalten konnen, um die jungen Leute zu seyn, denn denkt nur, Burger, Mathieu ist zuruk! Er ist mit der lezten Abtheilung der Mainzer Garnison angekommen, und ist frisch und gesund, und wird nun nach der Vendee marschiren. Indem trat Babet selbst mit ihrem Manne herein; diese vier Menschen bildeten nun eine einfach hausliche Gruppe, Babet hatte ihre herzliche Freude uber die Achtung, mit welcher der Doktor ihren Helden behandelte, der ihm seine Fragen uber den Feldzug mit vielem Anstand beantwortete. Sie blieb neben Sara, und schien halb verlegen halb furchtsam, sie unterhalten zu wollen, und war doch nur mit ihrem Mathieu beschaftigt. So hielt sie denn Sara's Hande, und erzahlte mit neuen Freudenthranen: er war vier Monate eingesperrt; sieben Monate habe ich nicht gewusst, ob er noch lebte, oder schon langst unter freiem Himmel schlummerte ach es fielen so viele arme Burger! es weinen so viel unglukliche Weiber! und heller flossen der guten Babet Thranen, bei dem Gedanken, dass auch sie dieses Loos hatte treffen konnen. Plozlich erinnerte sich Sara, dass Roger auch in der Gefahr ware, aus welcher Mathieu nur eben zurukkehrte lebt Roger? fragte sie, ohne zu uberlegen, ob auch hier jemand Rogern kennte. Roger? wiederholte Babet befremdet, und blikte fragend auf ihren Mann; Mathieu hat ihn vielleicht gekannt wer ist Roger, liebe Sara? Hier erwachte neues Bewusstseyn in der Ungluklichen, und neues Gefuhl ihrer Lage. Sie erkannte sich nun unter Fremden, und diese Entdekung, denn das war es fur ihren Geist, erschrekte sie, wie ein Kind, das sich plozlich allein sahe. Wo ist Marthe? Nanni? wo sind sie? wo ist Joseph? fragte sie verwirrt, und machte eine angestrengte Bewegung, sich aufzurichten. Sie hatte so laut gefragt, dass der Arzt sich erschroken gegen das Bett wandte, und ihr von neuem zusprach, sich nicht durch Angst und Unruhe zu schaden. Aber sie fuhr fort, mit Ungestum nach ihren alten Bekannten zu fragen, und wo sie ware, und wer Babet ware? der Arzt besann sich einen Augenblik; dann sezte er sich zu ihrem Bett, und hob freundlich an: Liebes Kind, Babet ist Marthens Nichte durch ihren Mann; Martha liebte Sie zartlich und wie sie starb denn es soll Ihnen nicht langer verhehlt seyn, Martha ist ihrem guten Mann, der als braver Soldat fiel, nachgefolgt! Und bei ihrem Tode ubertrug sie ihrer Nichte und dieser redlichen alten Frau die Sorge fur Sie! Nanni und Joseph waren ihr schon vorausgegangen; ihnen allen folgte Ihre brave Freundin willig nach, denn sie wusste, dass Sara in guten Handen blieb. Sara hatte ihn still angehort also todt? alle todt? Ja mein gutes Kind, antwortete der menschenfreundliche Arzt, bang auf den Eindruk lauschend, welchen diese traurigen Nachrichten auf die erschopfte Maschine machen wurden. Sie blieb ruhig, ja sie war nun viel ruhiger als vorher; ausser dass sie ein Paarmal die Lippen bewegte, wie eine Person, die mit sich selbst beschaftigt ihre Gedanken in einzelnen Worten ausbrechen lasst, schwieg sie den ubrigen Abend ganz still, und blieb es auch die folgenden Tage, wahrend deren ihre Krafte so zunahmen, dass sie bald von ihrem Lager aufstehen und anfangen konnte, sich in der warmen Sonne zu erquiken. Nach vier bis sechs Wochen war ihre Gesundheit fester, als sie jemals gewesen war, und ihr Geist hatte sich so erholt, dass man ihr nach und nach alles, was sich in jenem schreklichen Zeitpunkt zugetragen hatte, beibringen konnte.

Bald nachdem Martha ihre unglukliche Freundin wieder unter ihre Pflege bekommen hatte, war Thirion's Schwestersohn, der junge Mathieu, auf seinem Durchmarsch mit einer Abtheilung neuer Kriegsvolker von den westlichen Seeufern, zu ihr gekommen. Die herzliche Aufnahme, die er hier fand, und seine eigne Unruhe, bewogen ihn, der guten Frau anzuvertrauen, dass ein Madchen, als Kriegskamerad verkleidet, ihn begleitete, und dass die Gefahren, denen die Ehre und das Leben dieses geliebten Madchens, jeden Augenblik ausgesezt waren, ihn Tag und Nacht verfolgten und qualten. Seine Babet war eine arme Waise, die Mathieus Mutter, ihre weitlauftige Verwandte, erzogen hatte; sie liebten sich von fruher Jugend, aber der Eigensinn seiner Eltern hatte sich einer Verbindung zwischen dem wohlhabenden Mathieu und der armen Babet entgegengesezt. Von jugendlichem Eifer fur das Vaterland zu streiten, begeistert, ware er schon als Freiwilliger an die Granzen geflogen, wenn ihn Babets verlassner Zustand nicht zurukgehalten hatte; als aber jezt der Befehl des Konvents ihn rief, hatte Babet, die muthige zartliche Babet, weder zurukbleiben, noch durch eine schleunige Heirath, in welche die Eltern unter diesen Umstanden vielleicht gewilligt hatten, um ihren einzigen Sohn bei sich zu behalten, ihren Geliebten entehren wollen. Sie entschloss sich, an seiner Seite zu fechten, seine Lorbeern zu theilen, oder neben ihm zu fallen. Mathieu liebte zu zartlich, Patriotismus und Bewunderung von Babets Muth spannten seine Einbildungskraft zu hoch, als dass er sogleich alles Bedenkliche dieses Vorhabens ubersehen hatte: er liess sie voll Entzuken den Marsch an seiner Seite antreten. Noch aber hatten sie Paris nicht erreicht, so fuhlte er, was durch die Nahe des Madchens und durch ihre Verkleidung, seinem Muth und seiner Liebe drohte. Der redliche junge Mann zitterte, so oft bei den Waffenubungen die Kameraden uber die schwachen Glieder des kleinen Andre lachten; er fuhlte seine Brustschmerzen, wenn sie im Eifer zu lernen, das schwere Gewehr gegen ihren zarten Busen stiess; schlaflos lag er neben ihr auf der Streu, gepeinigt, dass er neben ihr lag, und noch mehr, dass zehn bis zwolf andere junge Bursche sie umgaben; tranken sie unter einander, so gab jeder Tropfen, den sie schlurfen musste, jeder ausgelassne Scherz der wilden Kameraden, jede ihrer Spottereien uber den jungferlichen Andre, ihm einen Stich in's Herz. Wie er zu seiner Baase Martha kam, hatte er Gelegenheit, ihre sanfte hausliche Sorgfalt fur Nanni, deren von Jammer vergiftetes Leben in einer langsamen Auszehrung erlosch, ihren ruhrenden Kummer uber Josephs immer mehr verwildernde Fantasie zu beobachten und noch entgieng ihm ein Theil ihres Verdienstes, denn sie verbarg Sara vor seinen Bliken, weil diese in der damaligen Zeit zu heftig erschuttert war, um unter Menschen zu erscheinen. Was er aber sah, flosste ihm den Wunsch ein, seine muthige, treue Geliebte in den Handen dieser vortreflichen Frau zu lassen. Er fuhrte Babet zu ihr; seine Bitten, seine Schwure, und vorzuglich die Angst, die das arme Madchen schon jezt unter dem larmenden Haufen seiner Kameraden ausgestanden hatte, erschutterten ihren Entschluss. Marthens Vorschlag, nur als Mathieu's rechtmassiges Weib zurukzubleiben, besiegte vollends ihre Schwarmerei; das Band ihrer Ehe ward von dem Gesez geknupft, und Mathieu zog allein mit seinen Waffenbrudern an den Rhein. Babet theilte nun die menschenfreundlichen Geschafte ihrer Baase, und besonders ihre Sorge fur Sara, deren trauriger Zustand sie um so lebhafter interessirte als die Gattung ihres Ungluks und der wilde Heroismus ihrer Rache mit der kuhnen Begeisterung ihrer eignen Liebe in einiger Beruhrung standen. Sie ward in kurzem der treuen Martha, uber deren Haupt jedes hausliche Ungluk zusammenschlug, eine unentbehrliche Gehulfin. Seit zwei Monaten hatte die gute Frau nicht die mindeste Nachricht von ihrem Gatten; doch wusste sie ihn am Rhein, und sein lezter Brief war aus einer kleinen Festung in der dortigen Gegend gewesen. Die anfangs sehr ubertriebnen Geruchte von dem Unfall, der die republikanischen Truppen am 2. December in Frankfurt betroffen hatte, und von dem mannichfaltigen Verrath, der sie dort der Wuth des Feindes preisgegeben haben sollte, hatten sie zwar erschrekt; indessen hatte sie nach allen Erkundigungen, die sie einzog, geschlossen, dass die Garnison jener kleinen Festung bis dahin nicht gewechselt hatte. Die grosse Unordnung, die in allen Kriegsgebieten herrschte, schnitt alle bestimmten und regelmassigen Nachrichten aus der Gegend ab, und Marthens sanftes Herz uberredete sich in frommer Ergebung, dass ihr Mann in Mainz eingeschlossen seyn mochte. Gegen Ende des Winters trat eines Abends ein verstummelter Kriegskamerad, der vom Rheine kam, in Marthens traurige Wohnung. Er fand sie mit Babet bei dem Krankenlager ihrer Schwester Nanni, die dem Tod sanft entgegen lachelte; denn in dem Verhaltniss wie ihre Lebenskraft verlosch, kehrte die Helle ihres Geistes zuruk, die Wurklichkeit schied sich von ihren schauderhaften Traumen, und ihre Sehnsucht nach dem Grabe mehrte sich mit jedem deutlich gewordnen Bilde der furchterlichen Vergangenheit. Der Soldat kundigte ihnen seinen Namen an, und schien vorauszusezen, dass sie diesen kannten: es war mir nicht genug, sagte er zu Marthen, blos geschrieben zu haben; ich bin vom Hospital zu Landau hieher geeilt, um auch bei meiner Rukkehr in mein Vaterland, meines braven Kameraden lezten Auftrag selbst auszurichten, Martha erblasste: heiliger Gott, was macht mein Thirion? Der Soldat ward betreten; sein Brief war nicht angekommen. Gute Frau, sagte er bewegt, hatte ich das gewusst, ich ware vorsichtiger gewesen. Thirion fiel in Frankfurt, unter den Sabelhieben der wutenden Hessen. Ich hatte ihn wenig gekannt; wenn wir uns aber Abends auf der Wache manchmal trafen, sah ich ihn immer traurig sizen, wahrend dass unsre frohen Landsleute schwarmten; und gerade so wars mir auch um's Herz, denn wie er an euch dachte, so war ich bei meinem Weibe und vier lieben Kindern. Das machte uns bekannter; und wie an dem abscheulichen Morgen unsre braven Krieger von ihren elenden Anfuhrern verrathen, umherirrten, begegnete ich ihm auf der Strasse, focht mit ihm aber ohne Gewehr, mit dem blossen Sabel bewafnet, ohne Anfuhrung und Befehle, von den feindseeligen Einwohnern umgeben, fielen meine Landsleute euer guter Mann sturzte verstummelt an meiner Seite, mein armes Weib! rief er, und wie er den lezten Hieb auf dem Kopf empfieng, achzte er mir noch zu: Grusst meine Martha Nanni blikte mit glanzendem Auge zum Himmel, als erkennte sie dort des Bruders Geist; Babet lag schluchzend neben dem Bett auf den Knien, und betete angstvoll, dass Mathieu noch leben mochte; Martha sass mit gefalteten Handen, ein Bild des Kummers und der Ergebung: still rannen ihre Thranen an den kalten Wangen herab, nur bei dem lezten Gruss des blutenden Gatten seufzte sie krampfhaft auf; der Krieger selbst hielt die Hand uber den Augen, nur die elende Sara sass dumpf nachsinnend in einem Winkel des Zimmers, und horte nichts von dem schmerzvollen Bericht. Ich entkam, fuhr Thirions Kriegsgefahrte fort; kurz darauf schlugen wir uns im Felde gegen die Deutschen, da nahm eine Kanonenkugel meinen Fuss mit weg, ich wurde geheilt; sobald ich meine Kruke fuhren konnte, eilte ich hieher. Nun habe ich seinen lezten Willen erfullt. Gott troste euch! Ware euer Mann im Felde gefallen, ich sagte euch: sein Tod war schon; aber so auf der Schlachtbank! Gott troste euch, und gebe uns treue Anfuhrer! Geduldig werden noch Tausende fallen wie er, Tausende verstummelt zu ihren Weibern heimkehren wie ich, um unsre Freiheit zu sichern, aber so geopfert, so verrathen zu werden. Er warf noch einen Blik auf die traurige Gruppe, und indem er gieng, sagte er fur sich: Gutes Weib, wenn du dieses sahest, du wurdest nicht uber mein abgeschossenes Bein jammern. Noch schwerere Prufungen standen der guten Seele bevor. Die furchterlichen Scenen, in denen ihr Bruder verwikelt gewesen war, hatte sein ohnehin so schwarzes Blut in einem so unnaturlichen Grad erhizt, dass er in einen Zustand von Raserei verfiel, der alle Umstehenden mit Entsezen erfullte. Die Schreknisse der Septembertage verfolgten ihn wie Furien, und peitschten sein belastetes Gewissen. Erstarrt und schweigend sahen die Nachbarn und Freunde den Ausbruchen seiner Wuth zu, und flusterten dann unter einander von der Rache des erzurnten Himmels, welche mehrere von den verfuhrten Werkzeugen jene Abscheulichkeiten auf eine ahnliche Weise ergriffen hatte, und wenn sie die satanischen Verfuhrer noch im hohen Geprange geheuchelter Tugend und Vaterlandsliebe daherfahren sahen, so ahndete ihr gestarkter Glaube an Vorsehung auch fur diese eine richtende Zukunft, oder schauderte vor der Holle, die troz der eisernen Stirne schon jezt in dem finstern Abgrund ihres Herzens lauern mochte. Bang erwekte das Angstgeschrei des ungluklichen Bruders die arme Nanni aus dem matten Schlummer, der sie in dieser lezten Zeit umhullt hatte, bis Joseph endlich unter den rachenden Dolchen der Erschlagnen, die sein brennendes Gehirn ihm vormahlte, sich windend, den gemarteten Geist aufgab. Nanni folgte ihm bald nach, sanft hinuberschlummernd, und in ihrem innern Bewusstseyn nun hell uberzeugt, dass sie bald mit ihrem Henriot von allen schreklichen Traumen erwachen wurde. Unter der Witwe Trauer und des jungen Weibes angstlicher Furcht vor gleichem Ungluk, unter der Pflege ihrer armen Freundin, die nun der einzige Gegenstand von Marthens und Babets Sorgfalt war, und den Handarbeiten mit welchen sie sich bei ihren eingeschrankten Umstanden forthalfen, gieng der Winter dahin. In dieser ganzen Zeit schien Sara nur selten auf einen fluchtigen Augenblik ihre Freunde zu kennen; sie sass meistens stumm und fast bewegungslos, und man wurde sie fur ein steinernes Bild angesehen haben, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein leichter Schauder uber ihre Glieder geschlichen ware. In lichteren Zwischenraumen arbeitete sie maschinenmassig und gedankenlos neben den beiden Weibern; Nanni's Abwesenheit bemerkte sie gar nicht; wenn sie die Weiber viel weinen sah, schien sie sich besinnen zu wollen, fuhr mit der Hand uber ihre troknen Augen, und besah sie dann mit geistloser Verwunderung. Nach der politischen Revolution, die im Mai und Junius des Jahres 1793. ein nach Freiheit durstendes, heldenmuthig um Freiheit kampfendes, und nur durch die Zauberformeln der Freiheir zu unterjochendes Volk, der eisernen blutigen Herrschaft des finstersten, frechsten, unbegreiflichsten aller Tirannen zufuhrte nach dieser Revolution gerieth Martha an einem Morgen wo einige ausgezeichnete Patrioten von der gesturzten Partei hingerichtet wurde, durch ein Geschaft in die Gegend des blutigen Schauplazes. Die Sache fur welche ihr Gatte gefallen war, fur welche der Gemahl ihrer geliebten Babet stritt, war ihr zu theuer geblieben, als dass ihr der Gang der offentlichen Angelegenheiten, so weit ihr stiller einfacher Sinn ihn zu verfolgen wusste, hatte gleichgultig seyn konnen; und der Fall der milderen Partei hatte sie tief bekummert. Durch ein trauriges Ohngefahr verspatete sie sich, und fand sich unversehens in den wilden Haufen verwikelt, der zum Richtplaz stromte; blass und zitternd eilte sie, sich durchzudrangen und ihren Rukweg zu suchen, aber ihre Verwirrung diente ihr schlecht, sie stiess auf den Zug, der die Verurtheilten begleitete, und ausser sich von Schreken und Angst, ward sie wieder nach dem Richtplaz fortgerissen. Ihr Abscheu verrathendes Wesen zog die Aufmerksamkeit einiger elenden Spionen der blutgierigen Anstifter dieses Schauspiels an; ihre rechtliche Kleidung, ihr Anstand liess nicht vermuthen, dass sie den emporenden Anblik aufgesucht hatte; mit boshaftem Muthwillen umringte man sie, versperrte ihr den Ausgang, und die weiche, gute Martha musste halb entseelt der Todesscene beiwohnen. Wie diese muthigen Opfer des Schiksals sich ihrem lezten Augenblik nahten, und indem sie mit lauter Stimme den Gesang der Freiheit anstimmten, ihre Unschuld besiegelten, und durch den lezten Gedanken ihrer fliehenden Seele tausend neue Junger der Freiheit aufriefen, da konnte Martha nicht mehr widerstehen; sie fiel bei der heiligen Hymne ohne Bewusstseyn den Umstehenden in die Arme. Man brachte sie fort, einige von den schadenfrohen verworfenen Buben folgten ihr nach, um jede ihrer Bewegungen zu bewachen. Ihre ersten Worte als sie wieder zu sich kam, die bittern Thranen, die sie jenen Martirern weinte, deren Blut eben geflossen war denn als Martirer, als triumphirende Martirer waren sie ihr erschienen gaben Stof genug, den grausamen Muthwillen zu uben. Man warf ihr honisch ihren Schmerz vor, man schwazte von Verrath, von Aristokratismus, und wie sie mit dem Stolz der Unschuld antwortete, fuhrte man sie vor den nachsten revolutionairen Sektionsausschuss. Dort ward sie vom Unwillen und von der Erbitterung uber die abscheuliche Behandlung endlich zu der unuberlegt trozigen Behauptung hingerissen, dass sie nicht einmal zu tadeln seyn wurde, wenn sie alle die elenden Beschuldigungen verdiente, denn vor dem zehnten August hatte man keine Opfer mit dem Gesang der Freiheit auf den sterbenden Lippen fallen gesehen. Schweigen deke Marthens Grab, und das Grab der vielen Unschuldigen, aus deren Blut Frankreichs Gluk entspriessen moge! Die Freiheit, die Tugend des kommenden Geschlechts sei der Lohn ihres Todes Martha sah ihre traurige Wohnung, ihre verlassnen Freundinnen nicht wieder; das richtende Eisen leitete sie zu ihrem Gatten, zu ihrer erlossten Nanni, und einst zu Josephs gelauterten Geist. Nun war Babet allein, schreklich allein, denn seit den lezten Niederlagen am Rhein horte sie nichts von Mathieu, und nebst Sara's fast lebloser Gestalt waren nur die Geister ihrer Verwandten ihre tagliche Gesellschaft. Auch musste sie sich immer mehr einschranken, denn gewissenhaft sparte sie fur Sara die kleine Summe, die Martha theils bei ihr vorgefunden, theils aus dem Verkauf ihres Silbers, ihres Gerathes, und einiger Kostbarkeiten die sie besass, gelosst hatte. So lange Martha gelebt hatte, war nie die Rede davon gewesen, Sara nach ihrer Provinz zurukzuschiken; jezt wusste Babet kaum Berthiers Namen, und es war ihr bekannt, dass die Rebellen in dem Lande hausten, wo dieser lezte Freund der verlassnen Sara wohnen musste; ubrigens hatte sie, so gut wie Martha, Sara's fruhere Geschichte immer nur sehr unvollkommen gewusst, aus Raimonds Reden, und aus ihren Handlungen, denn erzahlt hatte sie nie etwas willig trug sie also die durch namenloses Elend geheiligte Unglukliche. Der Zufall erleichterte ihr indessen diese Last: eine wohlhabende Landmannsfrau aus einem benachbarten Dorfe, deren Sohn ehemals in Thirions Wurzladen gedient hatte, wollte bei ihrer Anwesenheit in der Stadt Marthen besuchen; von der Lage des jungen Weibes, von Marthens Tod geruhrt, nahm die gutherzige Alte jene nebst Sara zu sich auf das Land, raumte ihnen ein Stubchen ein, und schafte Babet Arbeit. Sara, die seit ihrer Krankheit in einem kleinen engen Quartier in einem Winkel von Paris eingesperrt gewesen war, schien in der Landluft aufzuleben, aber dieses neue Erwachen ihrer Geister war ihrem zerrutteten Gehirn gefahrlicher als die todte Dumpfheit, in welcher sie bisher gelegen hatte. Eine heftige Unruhe fieng an, sie umherzutreiben; so wie sie vorher zu halben Tagen sinnlos hinstarrte, so irrte sie nun mehrere Stunden nach einander durch den Garten, durch das Feld, rastlos wie von einem unsichtbaren Feind getrieben, ohne Klage, von innerem Feuer still gluhend. Babet sprach ihr umsonst zu, sie schien niemanden zu verstehen; schloss man sie aber ein, so erstikte sie fast vor Angst, und glich einem Vogel, der in ein Zimmer verlaufen, jedes helle Flekchen fur freie Luft ansieht, und sich das arme Kopfchen gegen die Glasscheiben zerschlagt. Sie rannte dann unablassig im Zimmer umher, mass die Fenster mit ihren Augen, suchte den Ausgang an jeder Leiste des Getafels. So wie man sie herausliess, ward sie ruhiger, wandte ihren troknen Mund gegen die Gegend wo die Luft herwehte, und schien sie mit ihren aufgeborstenen Lippen zu trinken. Einmal begegnete sie einem Bataillon Freiwillige, die nach der Hauptstadt zogen; sie sezte ihren Weg bei der hohen Mittagsonne fast neben ihnen fort, und schien sie nicht zu bemerken; wie sie aber bei ihrem Einzug in das Dorf ihre Trommeln zu ruhren anfiengen, that die arme Sara einen furchterlichen Schrei, und sturzte durch die Strassen, Theodors und ihres Kindes Namen wechselten in ihrem Munde ab, sie rief nach dem Grabe ihres Kindes, glaubte allenthalben es zu finden, und in diesem Zustand von wilder Heftigkeit ward sie nach Haus gebracht. Der Anfall liess ein Fieber zuruk, dessen Krisis der Todesschlaf war, aus welchem sie bei Mathieu's Ankunft erwachte, und worauf ihre Vernunft so wunderbar wiederhergestellt ward. Sara's Geist war nun geheilt, aber ihr Herz war gebrochen, ihr gesellschaftliches Daseyn zerstort kein Band fesselte sie mehr an die Menschen; Babet selbst war fur sie fast eine Fremde, und seitdem sie alles, was wahrend ihrer Krankheit vorgefallen war, erfahren hatte, war sie in verschlossner Verzweiflung unaufhorlich bloss damit beschaftigt, das traurige Schiksal von Thirions Familie mit an die schwarzen Faden des ihrigen zu spinnen. Aber mit dieser dustern Unthatigkeit war ihr Verhangniss noch nicht erfullt, und die Umstande sturzten sie bald in einen neuen Strom von Begebenheiten.

Mathieu hatte sein junges Weib von neuem verlassen mussen; ihre Liebe war so feurig wie ehemals, wahrend einer angstlichen Trennung hatte sie sich zu kuhneren Schritten fur die Zukunft vorbereitet, der Schuz, dessen sie damals genoss, war ihr noch dazu durch das Schiksal entrissen, und das treue Weib zitterte nicht mehr vor den Gefahren, welche das entflohne Madchen bedroht hatten fest beschloss also Babet, ihrem Gatten in den neuen Kriegen zu folgen. Die Geister waren damals zu einer solchen Hohe gespannt, dass alle Begriffe von Gesez und Pflicht von dem Gesichtspunkt jedes einzelnen abhiengen, und nie kampften wohl so verschiedne Gefuhle in den Herzen braver Streiter, als bei dem schreklichen Burgerkrieg, zu welchem Mathieu mit seinen vom Rhein zurukkehrenden Waffenbrudern berufen war. Tief trauernd ergriffen so manche gute, fur Freiheit gluhende Burger das Schwert, um ihre Bruder selbst der Freiheit zu opfern; aber mit innerem unaussprechlichem Grimm betrachteten sie oft das Blut der theuern Opfer, das an ihren Schwertern klebte, wie sie wahrnehmen mussten, dass man sie zu Werkzeugen der Grausamkeit, des Verraths, der satanischen Selbstsucht, der tiefsten Greuel gebrauchte. Doch stritten sie muthig fort, unwandelbar auf das Ziel blikend, und kaum der zehnte Theil der tapfern Schaar kehrte spaterhin von dem Grabe ihrer Landsleute, von den rauchenden Brandstatten zuruk, um unmuthig fur den traurigen Ruhm, verirrte Unglukliche geschlachtet zu haben, das dumpfe, zweideutige Zujauchzen der unterdrukten Nation zu empfangen! Als sie dahin zogen, waren sie indessen weit entfernt, die wahre Beschaffenheit der Dinge in jenem Fabellande zu kennen, und bei einer Unternehmung, wo es, wie mancher sich gern uberredete, blos darauf ankommen wurde, durch den Muth und durch alle ubrigen Tugenden der Freiheit, einen von tukischen Priestern und stolzen Grossen erregten Hauszwist beizulegen, fand Mathieu ungleich weniger Bedenklichkeiten, seine Babet mitzunehmen, als auf einen Feldzug gegen fremde Feinde. Er hatte sich daher gleich bei seinem Abmarsch von ihr begleiten lassen, wenn ihr gutes Herz und seine Menschlichkeit es ihnen damals erlaubt hatten, die noch sehr schwache Sara allein zurukzulassen. Auch bis sie nicht vollkommen genesen war, konnte es Babet nicht uber sich gewinnen, sie mit ihrem Entschluss bekannt zu machen, den sie ohnehin der guten Alten, von welcher sie so gastfrei aufgenommen worden war, verschweigen musste. Nunmehr aber, wie sie ihr endlich ihr Vorhaben entdekte, forschte sie schonend, was ihre eignen Plane waren. Sara hatte seit der Rukkehr ihrer Vernunft schon oft in die Zukunft geblikt; aber diese stand finster, wesenlos, wie ein weiter oder Raum vor ihrem truben Auge; keine Gestalt der Vergangenheit schwebte neben ihr dahin, keine winkte ihr dort, sie alle dekte das Grab sie alle, denn jene Stimme, die auf dem Kirchhof ihren Verstand zerstort hatte, hielt sie jezt fur eine Erscheinung sie alle, denn an Roger zu denken, war die einzige lebendige, schmerzhafte Seite ihres Herzens, die einzige die kaum horbar nach Hofnung tonte, und vor der Hofnung schauderte die vom Schiksal zertretene zuruk! Endlich aber stieg Berthiers ehrwurdige Gestalt in der leeren Ferne auf erst kaum sichtbar in dem Entsezen vor der Erinnerung an glukliche Tage zerfliessend, doch bald hatte sie sich klarer ausgebildet, und jezt jezt horte Sara jene Worte des tugendhaften Greises wieder: So lange du nicht seine Mitschuldige bist, wirst du nicht ganz erliegen! Schuldig, zehnfach schuldig war sie durch unbandige Leidenschaft, durch den hochsten Grad des menschlichen Ungluks, durch die Zerstorung aller weiblichen Verhaltnisse; aber Seine Mitschuldige war sie nie geworden, nie treulos an ihm, nie Verratherin am Vaterland und wiewohl sie mit tiefem Gram sich todt fuhlte fur diesen grossen Namen, todt fur jedes hohe Gefuhl, so sehnte sie sich doch aus der oden Verlassenheit nach einem angewiesenen Pfad durch ein unglukliches Daseyn, das sie nicht enden durfte, nachdem es die Natur so sorgsam erhalten hatte. Sich in Berthiers Arme zu retten, ward erst zum Gedanken bei ihr, dann zum Entschluss, und endlich zum wehmuthigen Bedurfniss. Babet war sehr damit einverstanden, bis sie sich erschroken besann, dass die Rebellen hauptsachlich in jener Gegend ihre Fortschritte gemacht hatten. Allein sie rieth ihr umsonst an, zu warten bis die Ihrigen es dort wieder sicher gemacht haben wurden; Sara bestand auf ihren Entschluss, wie ein matter Pilger eigensinnig lieber auf hartem Fels unter dem Schuz der Gestrauche ruht, als sich der Gefahr aussezt, wahrend des kurzen Wegs zur nachsten Herberge zu verschmachten. Wenn er lebt, sagte sie, so nimmt er die mude Unglukliche auf, und ich diene ihm wo er auch leben mag und ist er dahin, so kann ich ja dort dem Tod mich entgegen sehnen wie hier, so habe ich meine Pflicht gethan, und noch einmal versucht, mein Elend zu lindern. Sie kamen uberein, die Reise zusammen anzutreten; wenige Tage vor der dazu bestimmten Zeit erhielt Babet einen Brief von ihrem Mann, worinn er ihr meldete, dass sein Haufen gegen Saumur rukte, und sie bat, ihren Weg ebenfalls dahin zu nehmen. Diese Nachricht war den beiden Freundinnen sehr willkommen, Babet versprach nun, bis *** mit Sara zu gehen, und dort, bei dem alten Berthier, ihre Verwandlung in einen Streiter des Vaterlands vorzunehmen. Die gute Alte erfuhr von dem Zwek der Reise nur was Sara betraf, und das billigte sie von ganzem Herzen; auch konnte sie es nicht tadeln, dass Babet sie begleiten und bei ihr bleiben wollte, um ihrem Mathieu naher zu seyn.

Mit unaussprechlich wehmuthigem Gefuhl betrat nun Sara denselben Weg zuruk, den sie im vorigen Jahre nach Paris gekommen war. Oft erkannte sie deutlich, dass ihr Gehirn schon durch Wahnsinn gegangen seyn musste, um nicht von allen Erinnerungen, die diese Reise aufregte, zerruttet zu werden. Sie wandelte wie ein Geist neben ihrer treuen Gefahrtin; schweigend, ohne Thranen, sanft und ernst liess sie ihren Blik auf manchem Gegenstand haften, der ihr kleine Scenen aus jenem Zeitpunkt zurukrief hier hatte sie mit ihrem Kinde ubernachtet, dort bei jenem heiter gelegnen Pachthaus hatte sie sich frische Milch fur die Kleine geben lassen; dort hatte eine freundliche Wirthin es an ihrer Brust schlafen sehen, und das schone Kind und die zartliche junge Mutter gesegnet. Aber bald kamen sie an Staten, wo der gegenwartige Jammer die Bilder entflohner Seligkeit verdrangte sie eilten grausend uber Schlachtfelder, und umsonst fragte sie in den zerstorten Dorfern nach einem Bissen Brod, umsonst in den mit Blut durchstromten Strassen verodeter Stadte nach einer Herberge. Bleiche Gesichter, Tone der Verzweiflung, finstre Blike schrekten sie von Ort zu Ort. Ueberall wo sie rasteten, von Bildern des Elends, von furchterlichen Erzahlungen empfangen, eilten sie nach Saumur, wie verscheuchte Vogel, die verspatet dem drohenden Nordwind entfliehen wollen, und von Schneefloken verfolgt, uber ode Felder und entlaubte Haine flattern.

Menschenalter werden verfliessen, eh sich die schaudervollen Spuren jener Verwustung verlieren, und das gegenwartige Geschlecht wird aussterben, ohne dass Glaube an Freiheit, Treue und Frieden in den durch alle Schreknisse gefolterten Seelen der elenden Einwohner sich niederlasse. Der Strich, wo Sara's ehemalige Heimath lag, war seit dem Anfang des Vendeekriegs gerade am unausgeseztesten und grausamsten mitgenommen worden. Saumur selbst war wechselsweise der Royalisten und der Patrioten Grab gewesen; jezt bei der Ankunft der beiden Freundinnen besezten es die Patrioten, obgleich nur mit sehr wenigen Truppen. Hier wollte Sara mit ihrer Gefahrtin ausruhen, um neue Krafte zu ihrer traurigen Wanderschaft zu sammeln, und aus der Gegend, nach welcher sie hinwollten, Erkundigungen einzuziehen. Hier, in einem kleinen abgelegenen Haus denn das allgemeine Mistrauen, der gegenseitige Verfolgungsgeist machte ihnen die behutsamste Entfernung von allem was sie mit Menschen zusammenbringen konnte, zur Nothwendigkeit hier horte Sara zum erstenmale wieder, gleich einer dunkeln Geistersage, L***'s Namen. Vertieft in finstre Betrachtungen uber ihr eignes Schiksal, das so furchterlich mit der Verwustung um sie her einstimmte, war sie lange nur mit halbem Ohr gegenwartig, wie die armen Leute, bei denen sie eingekehrt war, von den Leiden, von den Abscheulichkeiten erzahlten, die seit mehreren Monaten sie der Reihe nach belagerten. Sie sah zu einem Fenster hinaus, uber die Stadtmauer weg, auf die Hugel, die im vorigen Jahr ihr die lezte Aussicht auf ihre Heimath entzogen, und erblikte von fern schon Schutthaufen, wo damals freundliche Dorfer, unter Eichen und Kastanienbaumen verstekt, ihr auf jedem Schritt die Wiege ihrer Kindheit vormahlten. Endlich ward sie aber durch Babets unruhige Blike aufmerksam gemacht, und noch mehr durch die Hofnungen, welche ihre Wirthsleute, eine heimlich royalistische Familie, durch ihr eignes Geschwaz erhizt, immer weniger verstekt ausserten, bis sie endlich mit der lebhaftesten Schwarmerei von einem der Anfuhrer ihrer Partei wie von einem Halbgott sprachen, der zum Erloser der unterdrukten Glaubigen gesandt ware. Noch war sein Name nicht ausgesprochen; Babet war nur betroffen, unter diese Partei gerathen zu seyn, und Sara beobachtete mit schmerzlichem Mitleiden den finstern Fanatismus, die unterdrukte Wuth, die nagende Furcht vor Elend, in den Worten dieser Ungluklichen. Je mehr Theilnehmung sie bei Sara zu bemerken glaubten, desto naher rukten sie zu ihr, und erzahlten ihr, oder zischelten, wo sie sich geheimnissvoller dunkten, jedoch immer noch horbar, unter sich, von den Wundern der Heiligen zum Besten ihrer Sache, von ihrer festen Zuversicht, dass der grosse Held sie endlich retten wurde, und mit dunkeln Winken gaben sie zu verstehen, dass sie alle fur die Sache der Kirche Erschlagenen lebendig wieder in ihre Heimath einziehen zu sehen erwarteten. Hat man euch schon gesagt, fragte jezt der Sohn vom Haus, ein achtzehnjahriger Jungling, dessen plumpe starre Zuge durch rohe Begeisterung ein zukendes Leben erhielten hat man euch gesagt, wie in den Trummern von C** jeden Abend eine feurige Kugel auf dem Gewolbe niedersinkt, wo man seine Gattin und sein Kind ermordet hat, und wie in der stillen Mitternacht eine Gestalt, die einem frommen Einsiedler gleicht, auf dem Stein, wo sie fielen, eine Messe liest? Oft wollten die Ruchlosen ihn storen, aber nie konnten sie durch den unsichtbaren Kreis dringen, den die Heiligen um die geweihte Statte ziehen. Der fromme Schwarmer schwieg schon lange, schon lange lauschten die andern mit Ehrfurcht noch auf den Nachhall der schon hundertmal gehorten Erzahlung: Sara sass zwischen Erstaunen, Unwillen, und dem leisen Aufbrausen erstikter Rachgier getheilt, wie sie in dem Helden, dem Erloser des Volks, dem Halbgott, ihren Verderber erkannte. Denn war noch daran zu zweifeln? Er hatte ein ganzes Volk zu seinen Fussen wer wusste besser als er, Herzen zu gewinnen? Und in C** war es ja gewesen, wo die wilden Krieger Sara's Schmach an seinem Weibe, an seinem Kinde geracht hatten. Nun fieng ein andrer aus der kleinen Gemeinde an: wo des holden Knableins Blut floss, da sprang ein klarer Wasserquell hervor, aber zu der Stunde wo der Geist die heilige Messe sagt, stromt jedesmal helles Blut daraus in den Forellenbach am Fusse des Felsen. Als er ihren Tod erfuhr, gelobte er, ihnen dort eine Kapelle zu bauen; und der heilige Vater will sie in den Kalender sezen, denn wie lezthin die Katholischen sagten, die sich uber den Fluss stahlen, so soll ein Tropfen von dem fliessenden Blut aus der Quelle, Wunden und schwere Krankheiten heilen. Krampfhaft zog es Sara's mutterlichen Busen zusammen, da sie L** und sein Kind, und ein andres als das Kind ihrer Liebe nennen horte, da sie vernahm, wie der vielseitige schwarze Betruger die Wunder der Religion zur Verherrlichung dieses Kindes aufgeboten hatte, wie er das Blut dieses Sohnes rachen wollte, er, der Morder ihres Kindes! Sie hatte sich beinahe verrathen, indem sie heftig fragte: und wo ist dieser Held? warum vertheidigte er nicht sein Kind, seinen Heerd? Etwas befremdet antwortete man ihr, dass er damals gegen die Seeseite mit seinen Haufen gestanden, und durch die frommen Priester wohl gewusst hatte, wie sein Weib und sein Sohn zum Besten des Volks fallen mussten.

In einer unaussprechlichen Verwirrung von Gefuhlen, begab sich Sara mit ihrer Freundin auf ihre Kammer, und nun fachte die ungebildete, feurige Babet ihre Leidenschaft durch ihre ungestumme Theilnahme noch an. Ihr kriegerischer Geliebter hatte sie Priesterlist und Aberglauben als die schandlichsten Fesseln, welche ihre Nation gedrukt hatten, betrachten gelehrt; und alles was eben von L*** erzahlt worden war, beschuldigte ihn, sich mit der frechsten Heuchelei dieser Kunstgriffe zu bedienen. Heftig rief sie: er opfert ein ganzes Volk, wie er das Weib, das ihn anbetete, geopfert hat! Sara blieb schweigend und in sich gekehrt; das Licht in welchem L*** ihr jezt erschienen war, erfullte ihre Seele mit so viel Abscheu, dass ihr ganzes Schiksal ihr um so schreklicher vorkam, je tiefer der Goze sank, zu dessen Opfer sie geworden war. Sie fuhlte sich immer mehr vom Menschengeschlecht geschieden, sie fuhlte sich immer mehr ein Spiel des grausamsten Zufalls; unsicher, welche neue unerwartete Wunden ihr der nachste Augenblik schlagen wurde, sah sie ihm unthatig entgegen, und sezte Babet durch ihre finstre Ruhe in Erstaunen. So viel sie durch ihre behutsame Erkundigungen herausgebracht hatte, war der Strich Landes, welcher bis *** vor ihnen lag, und von da bis **, ein Raub der grausamsten Verheerung. Seit einigen Wochen vollzogen hollische Ungeheuer den unseligen Beschluss, die Schlupfwinkel der Rebellen zu zerstoren, an jedem menschlichen Wohnplaz, wo ihr Durst nach Unheil sich lezen konnte, und so hielten sie die furchterliche Nachlese von Greueln und Unthaten, wo die Rebellen schon ihre blinde Wuth gestillt hatten. Sara schmeichelte sich, dass Berthiers bekannte Freiheitsliebe sein Haus vor den Strafgerichten dieser Partei geschuzt haben wurde ja, sie die an der Vorsehung verzweifelte, glaubte sogar, noch instinktmasig, so weit an Menschlichkeit, dass sie hofte, sein ehrwurdiges graues Haupt wurde selbst den Fanatismus der Rebellen entwafnet haben. Auf jeden Fall folgte sie dem Trieb, der sie dahin rief, und wich jeder Moglichkeit, sich auch hier getauscht zu finden, furchtsam aus. Ungeduldig, sich von Menschen zu entfernen, deren Religion Verrath an ihren Gegnern zur Pflicht machte, verliessen sie Saumur schon am folgenden Tag, und nahten bald der Gegend, wo Sara, wie ehmals ein von den Gottern Verfolgter im delphischen Tempel, aus Berthiers Mund die Weisung fur ihr kunftiges Leben erwartete. Kaum bezeichneten ihr noch Hugel und Felsen den wohl bekannten Weg, denn alles was Menschenhand zerstoren kann, lag zertrummert am Boden. Verbrannt strekten die Baume des Walds ihre Zweige empor, oder lagen in Asche zerfallen uber dem Weg, oder bedekten mit ihren zerschlagnen Aesten halb verscharrte Leichname. Rauchende Brandstatten sagten ihnen, wo ehemals Dorfer gestanden hatten, und stiessen sie irgendwo noch auf eine bewohnte Hutte, so scheuchte der Anblik von Menschen die elenden Bewohner heraus. Die Felder lagen zerstampft von den wilden Rossen, zerzaust das Getraide von den Wagenradern, die Weinberge von Kugeln aufgewuhlt. Schwerer und schwerer wurde Sara's Herz. Endlich nahm man sie wenige Stunden von *** in einem Stadtchen auf, von welchem Sara sich erinnerte, dass Berthiers Geschafte ihn sonst ofters hinriefen. Sie merkte bald, dass ihre Wirthsleute und der ganze Ort dem Betrug der Priester entgangen waren, und bei allem Jammer uber das granzenlose Elend, es dennoch der Knechtschaft vorzogen, mit welcher ihnen der Sieg der Katholiken gedroht haben wurde. Hier konnte also Sara nach dem Schiksal von *** fragen. Sie hatte unterwegs genug gesehen, um in der schaudervollen Beschreibung, die man ihr von dem Schiksal dieser Commune machte, keinen neuen Zug zu finden; aber sie ward dadurch zur Verfinsterung des lezten Strahls, der ihrem Pfad leuchtete, vorbereitet sie erwartete nun Berthiers Tod, denn wie konnte der achtzigjahrige Greis diese Greuel wohl uberlebt haben? Mit unglaublicher Schnelligkeit wog sie gegen einander ab, was sie jezt noch seyn konnte, und was mit ihr werden mochte, wenn die Hofnung verschwande, die sie hieher gefuhrt hatte. Zum erstenmal, seitdem sie den Entschluss gefasst hatte, sich in Berthiers Arme zu werfen, erklarte sie sich selbst, dass ein dunkles Verlangen in ihr auf Ruhe, weibliche Bestimmung auf ein Wesen, das sie mit Liebe umfasste, hindeutete. Lebte Berthier, so war sie noch einmal Weib, Tochter Arme, arme Sara! Im tiefsten Winkel ihrer zerrissnen Brust sprach eine ode, furchtsame ach eine nach menschlichem Daseyn sich sehnende Stimme Rogers Namen schaudernd vor der Ahnung von Gluk wandte sie sich wieder zu den guten Leuten, die indess ihr Gesprach mit Babet fortgesezt hatten; und wie der gemarterte Kranke, sein Uebel dem Messer darbietet, und vom nachsten Augenblik Genesung oder Tod erwartet, fragte sie: uberlebte der ehrwurdige Berthier das Ungluk seiner Landsleute? Berthier? Ihr kanntet ihn? Er fiel ein fruhes Opfer der Rasenden die von C** hersturmten; bei seinen weissen Haaren haben sie ihn in die Kirche geschleift, und dort ermordet, weil er einige Tage vorher eben da zwei wutende Priester ergriffen hatte, die sich am Altar vor dem tausendfach von ihnen beleidigten Gesez retten wollten. Er war der Vater des Volks! Er warnte uns oft vor den Ranken, mit denen man uns umstrikte, er lebte nur fur uns, seitdem sein Sohn in das Feld gezogen war, seitdem eine Pflegtochter, die er zartlich liebte, ihn verlassen hatte Ja, fiel der Wirth, ein Alter mit redlichem Gesicht, dem Sprechenden in's Wort; wie ich bei der lezten Ernte dort war, fragte ich nach dem guten alten Herrn, der sonst sein Nachbar gewesen war, und da erzahlten mir die Leute vieles von seiner Tochter, die der Burger Berthier so gut wie an Kindesstatt angenommen hatte, und wie ich mit ihm sprach, sagte er: Gott hat mir sie genommen, dass ich gar keine Freude mehr auf Erden hatte als unsre Freiheit! nun, dort wird er sie haben, denn jeder, der nach ihm gemordet wurde, und jeder, der fur die Freiheit starb, wird es ihm dort sagen, wir thun und leiden alles, um sie unsern Kindern zuzusichern Der Alte hatte in einfacher Begeisterung gesprochen, und ein matter Strahl von Hofnung goss Leben auf die bleichen, von Schreken entstellten Gesichter um ihn her; aber Sara horte nichts; wie er die Frage ausgesprochen hatte: kanntet Ihr ihn? hatte sie sich matt auf einen Stuhl niedergesezt Der lezte Lichtstrahl war geschwunden, und sie fand sich in besinnungslosem Dunkel.

Die treue Babet sah die ganze Hulflosigkeit ihrer Freundin; doch glaubte sie, dass Sara in Berthiers Sohn, dessen man eben erwahnt hatte, noch einen Schuz haben konnte, und sie forschte begierig nach ihm. Schon nach dem Foderationsfest, hiess es, sey der brave Roger nach den Granzen gegangen die lezten Nachrichten von ihm hatte man aus Mainz gehabt. Bei dem Namen Roger spann Babet in ihrem Kopf einen luftigen Plan fur ihre verlassne Sara, denn eben diesen Namen erinnerte sie sich von der armen, nur erst aus dem Todesschlummer Erwachten gehort zu haben, und seitdem hatte Sara manche Frage wegen des Schiksals der Foderirten bei der Armee gethan. Roger war in Mainz gewesen, ihr jugendlich hoffendes Herz zweifelte nicht, dass er die Belagerung uberlebt hatte, und mit seinen Waffenbrudern in der Vendee seyn musste schon uberredete sie sich, er konne gar Mathieu's Zeltkamerad seyn, denn Berthiers Sohn war edel und brav, und mit allen solchen Mannern war ihr Mathieu bekannt. Sara war verwaist, ohne Schuz, ohne Zuflucht auf Erden, ohne Zukunft was wurde aus ihr in dem verheerten Lande, wenn ihre Freundin, ihrem Entschluss treu, zu dem Haufen ihres Mannes stiess? Und der Entschluss war bei jeder eingeascherten Hutte, bei jedem trauernden Gesichte ihr als heilige Pflicht erschienen aber Sara sollte ihn theilen, sollte, ausgeschlossen von jeder Bestimmung, diese ergreifen. Mit lebhafter Freude uber diese Ideen wekte sie Sara aus ihrer gedankenlosen Starrheit, sezte ihr alles was sie gedacht hatte sturmisch aus einander, und drang heftig in sie, ihrem gefahrlichen Umherirren ein Ziel zu sezen, und mit ihr zur Armee zu gehen. Sara war auf den Punkt gekommen, wo bei Neulingen im Ungluk tobende Verzweiflung anfangt, das von den Schlagen des Schiksals gestahlte Haupt hingegen, mit kalter Geringschazung der Gefahr, jedem Winke des Zufalls folgt. Hatte ihr Babet einen Dolch gereicht, und gesagt: hier endet deine Verpflichtung zu leben! sie wurde ihn eben so gleichgultig in ihr Herz gedrukt haben, als sie jezt diesen Vorschlag anhorte, und antwortete: auch das, wenn dieser Arm es vermag!

Babet sorgte nun fur alles was zu der Verwandlung erforderlich war, und nach zwei Tagen standen sie und Sara, unter dem Namen Andre und Verrier, bei derjenigen Abtheilung der Armee, mit welcher das Corps der Mainzer Garnison, wo Mathieu diente, kombinirt war. Nach der ersten Feier, der ersten ruhrenden Freude des Wiedersehens, befragte Babet ihren Mann auf das genaueste wegen Rogers; aber Mathieu hatte nie etwas von ihm gehort, er konnte in Mainz gewesen seyn, aber schwerlich wahrend der Belagerung; ubrigens war er selbst bei dem geschlagenen Corps von einigen Tausenden gewesen, das sich erst kurz vor der Blokade in die Festung geworfen hatte, und dennoch konnte Roger schon langst vorher zu andern Unternehmungen gebraucht worden seyn. Sara hatte bei Babets froher Gewissheit, dass sie Rogern unter ihres Mannes Kameraden finden wurden, den Wiederwillen empfunden, den jede Hofnung ihr einflosste. Mathieu's Antworten veranderten keinen ihrer Zuge, nur wie sie Babets betrubte, und uber die Fehlschlagung halb unwillige Mine sah, schlich ein trubes Lacheln uber ihr kaltes Gesicht: lass die Todten ruhen, gute Babet, sagte sie sanft; je mehrere mir schon voran sind, desto eher darf ich den langen Zug beschliessen! Da ihr Entschluss von Babets heitern Erwartungen unabhangig gewesen war, so anderte diese Tauschung nichts daran. Von dem Geheimniss ihres Geschlechts war ausser Mathieu und Babet niemand unterrichtet; auch ward es ohnedem durch die Vorfalle des Kriegs gesichert, die sie auf lange Zeit von den zartlichen Eheleuten trennten, und sie sah ihre treue Babet nur wieder, um auch an ihr den Willen ihres alten Schiksals zu erkennen.

Kaum hatte Sara Zeit gehabt, sich mit den unentbehrlichsten Handgriffen ihrer neuen Lebensart bekannt zu machen, als das unerhorte Waffengluk der Royalisten die republikanische Armee zwang, das ganze sudliche Ufer der Loire zu raumen, und nach den blutigsten Niederlagen eine neue Anstrengung der Nation abzuwarten, um dem uberall sich vervielfaltigenden Feinde die Spize zu bieten. Sara kampfte nicht fur ihr Leben, sie kannte also keine Furcht; die Namen Freiheit, Vaterland, schallten dumpf und bedeutungslos, wie aus Grabern, aus ihrer verodeten Brust zuruk sie kannte also eben so wenig die Uebereilung der Schwarmerei. Sie gieng ruhig in den Streit, betrachtete den Tod in allen seinen Zugen, und wenn er sich ihr nahte, hatte sie ihm seine Schwache so abgesehen, dass sie ihn wie einen verrathenen Ueberfall von sich schuttelte. Ihre Kameraden nannten sie anfangs den finstern Jungfernknecht, weil ihr schweigender Ernst bei ihrer unter Mannskleidern sehr jugendlich und zart scheinenden Gestalt, ihren Spott erregte. Aber nach dem ersten Gefecht sagten sie ihren Offizieren, dieser Knabe musse schon in Mutterleibe gefochten haben; er sehe den Kugeln nach als spielte er Federball. Und nun hiess Sara bald der tapfre Verrier; die schwarmenden Junglinge bei der Armee verhiessen ihm Unsterblichkeit in den Jahrbuchern der Republik, und wenn er fiele, eine Stelle im Pantheon, und sie ward nach einem der blutigsten Tage, auf dem Schlachtfeld selbst, von ihren Kameraden zum Rang ihres Kapitains erhoben.

Ohne dass sie sich dessen bewusst war, da sie jeden hellen Gedanken in die innersten Tiefen ihres Herzens zurukdrangte, hatte sich Sara doch wohl bei ihrem unnaturlichen Entschluss die Waffen zu tragen, L*** als ihren Gegner gedacht; es war nicht so wohl der Wunsch, ihn Arm gegen Arm, Schwert gegen Schwert, vor sich zu haben, als ein dustres Verlangen, in seinem Anblik ihre Seele wieder aufleben zu fuhlen, wenn es gleich zur Rache, oder zur Verzweiflung ware sie ahnete in diesem Augenblik einen Ausweg aus dem unbestimmten Stillstand ihrer Gefuhle. Auch wusste sie diesen sonderbaren Menschen, dessen Karakter, ja dessen Daseyn selbst immer etwas fabelhaftes behalten hat, sehr oft in ihrer Nahe. Unzahlige male horte sie seinen Namen von den Ungluklichen, die unter ihren Streichen fielen, inbrunstig anrufen; und wo die Haufen der Patrioten flohen, war er fast immer Anfuhrer der Feinde. Oft drang sie, Verderben verbreitend, ungestummer vorwarts, weil sie dort sein weisses Ross sich baumen zu sehen meinte; aber immer war es, als entzoge ihn eine Wolke ihrem Blik, sobald sie sich ihm naherte; und dann mischte sich ein Tropfen Wildheit in ihr kaltes Blut, und nicht mehr wie ein Todesengel, der mit hoheren Befehlen gerustet, die Sterblichen vernichtet, sondern mit der schreklichen Feindseeligkeit, die Menschenleben gegen eignes Elend aufwiegt, todtete sie L*** in jedem bewafneten Gegner, und indem sie so uber Leichen schritt, wie der Fuss des gleichgultigen Wanderers in welken Blattern rauscht, hatte sie oft sich selbst gleichsam nur durch ein Wunder erhalten. Ihr war jedes Elend, jede Verirrung beschieden, die den Menschen nur treffen konnen; aber mit der schreklichen Genugthuung, die ihr trauriger Wahn verfolgte, wollte das Schiksal sie doch verschonen, und L***'s bleiche, blutige Gestalt sollte nicht mit unter den Erscheinungen seyn, die ihre Fantasie marterten. In der Schlacht bei Laval, wo L*** den Sieg, den er erfocht, mit todtlichen Wunden erkaufte, ward sie gleich bei'm ersten Angrif von dem Schlag eines mit Eisen beschlagenen Stoks niedergeworfen, und sie ware den Feinden in die Hande gefallen, wenn ihre Leute nicht das ausserste gewagt hatten, um ihren tapfern Kapitain zu retten. Man schleppte sie vom Schlachtfeld hinweg, und wie sie wieder zu sich kam, fand sie sich unter den Handen des Wundarztes im Hospital zu Angers. Das eiserne Ende des Stoks hatte ihre linke Schulter gestreift, und den Hintertheil des Kopfs so heftig verlezt, dass der Wundarzt anfangs mit schreklichen Operationen drohte, welche aber, da ihr Blut so kalt und ruhig wie ihr erstorbner Geist dahinfloss, entbehrlich wurden. Wie ihr Bewusstseyn zurukkehrte, und sie zugleich den Schmerz an ihrer Schulter empfand, erschrekte sie der Gedanke, dass diese Verlezung entdekt werden, und bei dem Verband den sie nothwendig machen wurde, ihr Geschlecht an den Tag kommen mochte. Sie hatte den Muth, uber vierzehn Tage lang eine Quetschung, die ihren linken Arm lahmte, und die Schulter bis zur Brust hinab mit gestoktem Blut schwarzte, fur sich im Stillen zu ertragen. Das einzige Mittel, das Zufall und List ihr zu erhalten moglich machten, Salz und kaltes Wasser, durfte sie sogar nur verstohlen anwenden, und sie musste sich das frische Wasser, wonach ihr Fieberdurst so heiss verlangte, entziehen, um ihr darein getauchtes Schnupftuch, mit etwas Salz, das sie unter allerlei Vorwanden sich verschafte, des Nachts auf ihre Quetschung zu legen, die durch den heftigsten Schmerz in Eiterung uberzugehen drohte.

Jedes neue Leiden schien ihr ein Schritt zu dem Ziel ihrer Laufbahn. Still und lauschend auf die Annaherung des freundlichen Genius, der endlich die Fakel ihres Lebens umsturzen wurde, lag sie da in unsaglichen Schmerzen, und studierte die mannigfaltigen Wendungen des Todes in ihren Ungluksgefahrten um sie her. Wenn ihre Gedanken in die Vergangenheit schweiften, so lachelte sie, wie alle ihre Hofnungen, alle ihre Entwurfe, sie mochten Gutes oder Boses zum Ziel haben, gescheitert waren. Sie gieng alle Erwartungen ihres Lebens durch, von den gutherzig frohen Aussichten, die ihr Antoinettens Kindheit gegeben hatte, bis zu dem Tag, da wilder Durst nach L***'s Blut sie in das Gefangniss vom Karmeliterkloster getrieben hatte, bis zu der lezten Schlacht, von deren Ausgang, so wie von L***'s kurz darauf in Fougeres erfolgten Tod, sie unterrichtet war; und sie fand uberall nur Fehlschlagen, Blindheit, Leitung eines feindlichen Geschiks. L***'s Tod schien ihr der lezte Auftritt des Schauspiels, und sie sehnte sich nur noch nach der Gewissheit, dass auch Roger ihr vorausgegangen ware; den Mangel an Nachricht hinuber fuhlte sie wie einen lastigen Aufenthalt im Augenblik der Abreise. Zur Bitterkeit war sie ihrem Ende zu nahe, und zu sehr Weib, um ohne Liebe zu sterben, versohnte sie sich in ihrem Innern mit der Gottheit, um jenseits mit Liebe zu beginnen. Aber nicht der Tod sollte den Vorhang vor ihren Augen hinwegziehen, ihr Erdenleben selbst sollte den Nebel des Irrthums, der ihre Seele verdunkelte, noch zerstreuen sie genas, und eilte, das neu erhaltene Daseyn, fur welches sie keine bessere Bestimmung kannte, wiederum auf das Spiel zu sezen.

Ihre Compagnie war mit unter den Truppen, welche in der neuen Vendee zusammengezogen wurden, um die tapfre Gegenwehr von Granville, und den Abzug der Royalisten, nach ihrem vereitelten Angrif auf diesen wichtigen Plaz, zu benuzen. Auf dem Marsch dahin horte Sara manche Umstande von L*** und seinem Tode erzahlen; seitdem sie aber selbst sich auf dem Krankenlager so friedlich mit dem Tod besprochen hatte, war keine Rache mehr in ihrem Herzen sie gonnte auch ihm Ruhe im Grab, und es war ihr oft, als ware ein Art Schleier uber seinen Verbrechen gefallen, da ihn und sein Kind, und ihren hingeschiednen Engel, und alle, alle, dasselbe Element nun beherbergte. So zu einer Art von sanfter Melancholie gestimmt, und von den sehr beschwerlichen Marschen ermudet, bezog sie ihr Quartier in der Gegend von Avranches, mit einer Sehnsucht nach Starke und Heiterkeit des Geistes fur den folgenden Tag, von welcher sie sich keinen Grund anzugeben wusste. Sie legte sich sogleich zur Ruhe, und blieb ungestort bis nach Sonnenuntergang, da ein Befehl vom General anlangte, um Mitternacht einen wichtigen Posten in der Nahe des Feindes zu besezen, und die Nacht dort zu kampiren. Gleich darauf sturmte eine Anzahl junger Leute von ihrer Compagnie, mit larmendem Gelachter, und dabei einer gewissen Indignation in ihren Zugen, zu ihr herein, und sie hatte Muhe, einen Augenblik Stillschweigen zu erhalten, wahrend dessen sie ihnen den eben angekommenen Befehl mittheilen konnte. Kapitain, sagte ein junger Mensch, der im Hospital neben ihr verwundet gelegen hatte, und spater wie sie wieder hergestellt, mit sanfter Gute von ihr gepflegt wurde, wofur er mit herzlicher Dankbarkeit an ihr hieng Kapitain, weisst du, dass wir nicht mehr mit Menschen, nicht mehr mit Rebellen, mit Verrathern streiten? Weisst du, dass Protheus L***, mit dem wir, als er Held, Prophet, und sogar halber Pfaffe war, schon so viele Noth hatten, nun auch als Heiliger gegen uns steht? Da haben sie eben eine ganze Heerde solcher Unsinnigen in die Ewigkeit geschikt; die haben sich alle darauf todtschlagen lassen, in drei Tagen hatten sie die Ehre uns wiederzusehen, die Ueberreste ihres grossen Helden brauchten nur ihre Leichname zu beruhren, so strome neues Leben in sie, wie bei'm Schall der Posaune. Und kurz und gut, L*** thut Wunder, und unsre Kameraden balgen sich nun wer weiss wie lange, um seinen Sarg zu erobern, den die Wahnsinnigen mit sich herum schleppen, und mit unerhorter Wuth vertheidigen. Jezt sprachen alle auf einmal, und von der lacherlichen Seite des Gegenstands zu der wichtigeren ubergehend, legten sie einander gegenseitig den Schwur ab, dieses Pfaffenblendwerk bis morgen zu zerstoren, oder in dem Versuch zu sterben Kapitain, rief der erste; du horst den Schwur! du fuhrst uns, und wir dringen vor; man sagt ohnehin, diesmal werde es Sieg gelten oder Tod Tod oder den schandlichen Heiligen! tobten sie alle, und Sara stand betaubt und starr, und empfieng fast ohne Bewusstseyn den Schwur in ihre kalte Hand. Nun liess sie der tolle Haufen mit ihrem aufgeregten Herzen allein also nicht einmal im Grabe sollte das feindselige Verhaltniss enden? Dem sie lebend, Schwert gegen Schwert, Arm gegen Arm zu begegnen gewunscht hatte, vor dessen Sarg schauderte sie jezt zuruk. Umsonst rief sie ihre Vernunft auf, dies Gefuhl zu bekampfen; als die Zeit heranrukte, war die Sehnsucht, morgen nicht wieder zu kehren, die einzige klare Empfindung ihrer zerissenen Seele geblieben.

Die Nacht war trub und regnigt, feuchte Wolken zogen vom Winde getrieben uber die Flur, und nur selten loderten die Wachtfeuer matt aus dem Nebel auf. Verrier lagerte sich bei einer Grube, in welcher einige Bundel Rebstoke brannten, um ihn herum standen oder lagen mehrere seiner Kameraden, hinter ihm im Finstern waren deren zwei, die vertraulich zusammen zischelten. Nach einer Stunde trat der eine an das Feuer, das er schurte, und bat Verrier und die Umliegenden, ihm und seinem Kameraden ein Plazchen zum Warmen zu raumen. Indem er Verrier anredete, schien er zu stuzen, und sprach bei'm Niedersizen leise und lebhaft mit dem andern; dieser wandte sich plozlich gegen Sara, die aber nicht Acht auf ihn gab, bis der junge Soldat vor sie trat, und ehrerbietig fragte: Burger betraten wir nicht vor drei Monaten zusammen diese ruhmliche, gefahrliche Laufbahn? Sara erkannte ihre treue Babet; mit der freudigsten Bewegung, die sie seit dem lezten Rocheln ihres Kindes gefuhlt hatte, reichte sie ihr die Hand, und gieng mit ihr in die Verschanzung, wohin ihnen Mathieu, der neben Babet gesessen hatte, sogleich folgte. Sara hatte nichts zu sprechen; Babets herzliche Freude, ihres Mannes redlichen Glukwunsch uber ihren ehrenvollen Dienst erwiederte sie blos mit der Frage: liebt Ihr euch noch? Die beiden drukten sich die Hande Wenn man so oft in Gefahr ist, mit einander zu sterben! rief Mathieu Wenn er so oft sich vor mich stellt, den Tod statt meiner zu empfangen! sagte Babet Sara seufzte tief; sie wurden gestort auf Morgen! sagte Sara, und gab Babet ihre Hand. Morgen Abend sage ich dir noch einmal was du jezt hortest, oder unser Tod hat es dir wiederholt! antwortete Babet, und umschlang ihren Geliebten.

Kalt und sturmisch brach nun der Morgen an. Die Truppen versammelten sich, und erhielten das Zeichen zum Angrif des feindlichen Tages. Der gestrige Schwur schien von dem ganzen Heer abgelegt, mit einer so hartnakigen Tapferkeit trozte man der unerhorten Gegenwehr des Feindes! Sara's kleiner Haufen stampfte den Boden, denn sie standen weit hinter dem ersten Angrif zuruk; und nur der furchtlose Tod der vorderen Reihen trostete sie mit der Hofnung, dass es auch fur sie noch siegen oder sterben! gelten wurde. Durch den Rauch unterschied Sara in einer kleinen Entfernung Mathieu und Babet, die ihrem Blik begegnete, und ihr freundlich zunikten. Jezt erhielten sie den Befehl vorzuruken, Sara sah die Beiden, Aug an Auge hangend, den ersten Schrit thun, im nachsten Augenblik riss eine Kugel sie beide nieder Babet wankte, Mathieu umschlang sie, sie sturzten, die Reihe schloss sich, und schritt uber sie fort, dem gleichen Schiksal entgegen.

Auch noch diese! tonte es schmerzlich in Sara's Brust; und sie fuhrte nun die Ihrigen vorwarts, und es war ihr, als habe nun ihre Stunde geschlagen: Tod drohte ihr von allen Seiten, Tod verbreitete sie nach allen Seiten. Bald waren die Vortheile der neueren Kriegskunst hier unnuz, Mann gegen Mann focht auf Leben und Tod den schreklichen Kampf aus. Plozlich erblikte Sara das grosse weisse Panier nahe vor sich, und durch den dunner werdenden Haufen der Feinde ein schwarzes Gerust mit wallenden Floren die Martirerkrone zu den Fussen des Gekreuzigten auf dem hohen Sarg! Sie that einen lauten Schrei; eine Reihe von Leiden verschwand aus ihrem Gedachtniss; Sieg oder Tod! rief begeistert das unglukliche Weib, und sturzte fort, den Leichnam des Geliebten zu erobern. Sieg oder Tod! ubertaubte es das Geheul des Schmerzes und der Wuth und den Sarg umwehten dreifarbige Fahnen, und Sara hielt betaubt das herabgerissene weisse Panier.

Die Rebellen, mit ihrem Heiligthum aller ihrer Kraft beraubt, flohen von allen Seiten, und mit unaussprechlichem Schmerz belastet, folgte Sara dem Triumphzug ihrer Siegsgefahrten, finster lachelnd, dass sie noch hatte zweifeln konnen, ob ihr widersinniges Schiksal sie zwingen wurde, seiner Leiche zu folgen. Den folgenden Tag wurde der Sarg, mit vielen erbeuteten Fahnen, Reliquien, Heiligenbildern, auf dem behaupteten Schlachtfeld verbrannt. Der tapfre Haufe, dem man den Sieg verdankte, schloss den nachsten Kreis um den Holzstoss, und Sara's zitternde Stimme erstarb in dem rauschenden Hymnus der Menge, da sie die lezten Ueberreste dessen der ihr alles gewesen war, der sie dem Gluk und der Menschheit entrissen hatte, in rothlichen Flammen emporlodern sah. Nun lernte sie sich nach und nach wie einen abgeschiednen Geist betrachten, den ein wunderbarer Gotterspruch verurtheilte, auf dieser Erde die Schuld seiner Menschheit zu bussen. Hatte sie noch ein Gluk zu verlieren gehabt, so wurde sie es lachelnd hingegeben haben; denn sie fand den Schmerz ihres Herzens nun so kindisch! Es war ja zum Schmerz geschaffen! Diesen Ideengang hatte sie schwerlich ohne einen Rukfall in ihren Wahnsinn ertragen, wenn nicht alle Umstande, die sie umgaben, sie so vollig aus ihrer ursprunglichen Bestimmung gerissen hatten. Nun gieng sie jeden Tag mit einer Art von Neugierde Scenen des Elends entgegen, und im Elend fand die Arme eine geheime Labung fur ihr Herz. Sie hatte den Abscheulichkeiten, die man verubte, wie dem Spiel hoherer Wesen mit dem verirrten Geschlechte der Menschen zugesehen. Sie hatte geschlachtet, wie ihre blutbelasteten Gefahrten, wo ein unumganglicher Befehl sprach, ihr emportes Herz bitter verhohnend, und sich als willenloses, blindes Werkzeug betrachtend; sie hatte gerettet, so oft ihr gegen den unbewehrten flehenden Feind freie Hand gelassen war. Man gonnte jezt den Truppen, welche die meisten Muhseligkeiten bestanden hatten, so weit es die Umstande gestatteten, einige Ruhe, indem man sie vom Mittelpunkt des Kriegs hinweg, in jene abgelegnere Gegenden zog, wo die ungluklichen Feinde, von ihren Sammelplazen abgeschnitten, von allen Hulfsmitteln entblosst, in den oden Waldern und Morasten wie wilde Thiere gejagt wurden. Der tausendfache Jammer, den diese abscheulichen Maasregeln hervorbrachten, bot Sara tausend Veranlassungen, zu helfen und zu retten. Oft gieng sie, mit einigen Kriegsgefahrten, die zu menschlich fuhlten, um unbarmherzigen Feindeshass mit Tapferkeit zu verwechseln, in feuchten kalten Nachten auf die Menschenjagd; und sie brachten halb verhungerte Kinder, Jungfrauen und Weiber, als ehrenvolle Beute zuruk, und ubergaben sie in dieser oder jener kleinen Stadt den mitleidigen Burgern, die sie mit reiner Menschlichkeit aufnahmen, pflegten, verbargen, keinen Verrath von Geschopfen befurchtend, an welchen sie Bruderpflichten erfullten. Wenn die Ungluklichen, mit Speise erquikt, ihre Retter segneten, wenn die zitternden Madchen ihren Dank auf den Handen der geruhrten Krieger weinten, wenn die hulflosen Kinder, in Sara's Mantel gehullt, an ihrem, unter der Verkleidung, von mutterlichen Erinnerungen klopfenden Busen erwarmt, ihre kleinen Arme um ihren Hals schlugen, und bis ein schuzendes Dach erreicht war, oft an ihrer Schulter einschliefen da konnte Sara wohl zu Augenbliken ihres Schiksals vergessen, oder mit feierlicher Ruhrung in den Wegen selbst, die es sie zu diesem Genuss gefuhrt hatte, einen wunderbaren und hohen Sinn ahnen. Der schone Bund blieb unentdekt, der wohlthatige Ungehorsam ungestraft Bosheit entgeht dem Verrath nicht, Mitschuldige selbst werden Verrather; aber selbst der Bosewicht verrath die Tugend selten, wenn sie nur seinen Vortheil nicht schmalert.

Sara's militairische Bestimmung fuhrte sie auf einige Zeit nach Nantes. Im Mittelpunkt dieser grossen, jezt von den Feinden nicht mehr beunruhigten Stadt, giengen damals Greuel vor, die ihr, welche seit Monaten in den blutigsten Scenen des Burgerkriegs lebte, bisher unbekannt gewesen waren. Sie sah mit ihren tapfern Gefahrten einige von den unmenschlichen Gerichten, an denen ein grosser Theil von Europa vielleicht noch zweifeln wurde, wenn nicht seitdem die Revolution selbst diese Unthaten vor ihr Tribunal gezogen hatte. Wahrend ihres Aufenthalts in Nantes erhielt man die Nachricht, dass in der Gegend von C** sich wieder einzelne Rotten von Rebellen sehen liessen, denen verschiedne zerstorte Schlosser, und unter andern auch dieses Stammschloss ihres beruhmten Anfuhrers, zum Schlupfwinkel dienten. Eine Anzahl Truppen, wozu auch Verriers Haufen gehorte, wurde beordnet uber die Loire zu gehen, um die disseits befindlichen Kriegsvolker zu verstarken. Die armen Menschen, welche durch die unerbittliche Grausamkeit ihrer Gegner und ihr rettungsloses Elend jezt mehr wie durch die Anhanglichkeit an ihre Partei, bei dem Aufruhr erhalten wurden, waren in der unwirthbaren Jahrszeit bald bezwungen und aufgetrieben. Nur C** blieb ubrig, das man in der ganzen Gegend noch immer fur einen Sammelplaz der Rebellen hielt; unter Menschen, denen das Abentheuerlichste immer das Glaublichste war, trug man sich noch mit manchen Sagen, die mehr oder weniger mit den schauderhaften Mahrchen zusammenstimmten, welche Sara vor einigen Monaten in Saumur gehort hatte. Die Nahe dieser Ruinen hatte fur Sara etwas ahnungsvolles, dem sie mit Wohlgefallen nachhieng als ihr Glaube an Gluk und Menschheit noch bluhte, waren diese schwarzen Steinhaufen das unbekannte Eden, in welches ihre Traume sie zu versezen pflegten; dort als L***'s Gattin zu leben, dort sein Kind zu erziehen, diese Ueberbleibsel alter Tugenden und Vorurtheile mit den sanften Farben der Freiheit, der Gleichheit, und der allgemeinen Glukseligkeit zu verjungen, war damals so oft die frohe Aussicht ihres liebevollen Herzens. Jezt keimten Moose aus den umgesturzten Trummern, und Geister der Erschlagenen waren ihre einzigen Bewohner! Sara's Schiksal, das sie mit unbarmherzigem gleichem Schritt der Erfullung zufuhrte, liess den Auftrag, diese verdachtigen Ruinen zu untersuchen, auf sie fallen; ein kleiner Haufen wurde mit ihr beordnet und zog nach dem Schloss, dessen weitlauftiger Bezirk auf jeder zuganglichen Stelle, jedoch ohne allen Erfolg, durchstrichen wurde. Man fand in keinem der noch vorhandnen Gemacher, in keinem der vielen Gewolbe, die mindeste Spur irgend eines lebendigen Wesens nichts als ausgebrannte Mauern uber der Erde, Moder und Verwesung und verschuttete Leichname unter derselben. Sara schritt bei dieser Nachforschung vor den andern her, selbst einer der nachtlichen Erscheinungen gleichend, von welchen die sie begleitenden Landleute ohne Unterlass erzahlten. In einem der Hofe, am Eingang eines verfallenen Thurms, der dicht am Abhang eines Felsen gebaut war, fuhrten sie die Bauern vor einen grossen Stein, der vom Gesimse der Warte herabgefallen schien hier, sagten sie, erschlug man seine Gattin und sein Kind; und nun erfolgte fast die namliche Litanei von Zeichen und Wundern, mit welcher ihre frommen Wirthsleute in Saumur sie unterhalten hatten. Hier war es, wo jede Mitternacht die feurige Kugel niedersank, und mit einem dumpfen Donner zerfloss; dieser Stein war es, wo die Quelle entspringen, wo jede Nacht der Eremit Messe lesen sollte. Unwillkuhrliches Entsezen ergrif Sara an dieser Stelle; aber halb aus Wohlgefallen an den schreklichen Bildern, die hier sie umgaben, halb weil es ihre Pflicht war, jede Vorsicht zu gebrauchen, beschloss sie, einige Nachte mit den Ihrigen in diesen Ruinen zu wachen. Ihre ungeduldigen Landsleute bequemten sich ziemlich ungern, die harten Winternachte in diesen unwirthbaren Trummern zuzubringen; und wie die ersten vier und zwanzig Stunden verstrichen waren, ohne dass man das mindeste wahrnahm, lagen sie ihrem Kapitain an, sie nach dem nachsten Fleken zurukgehen zu lassen. Selbst von der Unnothigkeit eines langern Aufenthalts uberzeugt, gab Sara ihre Einwilligung. War es aber eine dunkle Ahnung, dass ihr Geschaft hier doch noch nicht vollbracht seyn mochte, oder war es Liebe zum Wunderbaren, die in uns wachst, je mehr unser Weg von der gewohnliche Bahn abweicht, oder hieng sie bloss jener bei unwiderruflich Ungluklichen so naturlichen Freude an Grabern und Gegenstanden des Jammers nach genug sie that einigen von den jungern Mannern, die auf ihren menschlichen Zugen in die Walder disseits der Loire ihre Begleiter gewesen waren, den Vorschlag, noch eine Nacht mit ihr auf dem Schlosse zu wachen; er wurde frohlich genehmigt, und Sara brach mit einem sonderbaren heitern Muth, und zugleich mit einem unerklarlichen Schauder, dahin auf. Wenigstens wusste sie, dass mit ihren heutigen Gefahrten Rache und Muthwillen gegen den wehrlosen Feind das Unternehmen nicht befleken wurde. Sie lagerten sich ihrer zwanzig, einige Stunden nach Sonnenuntergang, in einem Gemauer am Eingang des ersten Vorhofs, dessen Thorgewolbe so verschuttet war, dass man nicht anders als von der entgegengesezten Seite, oder uber eine der Breschen, in das Innere des Schlosses dringen konnte. Dieser Ort mochte ehemals die Wohnung des Thorwarters gewesen seyn, und er war von allen Gebauden des Schlosses noch der unversehrteste. Hier hatten sie uber die Schutthaufen hin die Aussicht auf den Thurm, wo der fabelhafte Stein lag, und naher vor sich auf den Eingang eines Gewolbes, in dessen Tiefe ein verfallner Brunnen war, der am Fuss des Felsen in das Thal floss. Verriers Begleiter so wenig eine so grosse Anzahl Menschen durch feinere Gefuhle ganz zusammenhangen konnten hatten doch schon alle das Gluk des Wohlthuns, und den Stolz der Tapferkeit geschmekt, sie hatten zusammen dem Tode getrozt und das Leben von Unschuldigen gerettet, in beiden Fallen ihren braven Kapitain an ihrer Spize: sie hatten also einen menschlicheren, aber auch strengeren Begrif von ihrer Pflicht als Krieger und Patrioten. Selten war ihnen eine so stille Nachtwache geworden wie die heutige, und wohl niemals hatten die Umstande sie so feierlich gestimmt. Es war eine wunderbar milde Nacht fur die Jahrszeit; mit Sternen ubersaet, flimmerte der Himmel durch einen leichten Nebelflor; die Luft wehte stossweise, als bemuhte sie sich umsonst, den verhullenden Schleier durchzureissen. Tiefes odes Schweigen umgab die treuen Kriegsgefahrten, sie horten jedes Gewurm in dem Gemauer neben ihnen, sie vernahmen das Rollen jedes Steines, der vom Regen losgeweicht bei den leichten Windstossen von den morschen Massen herabbrach. Sara stand am Eingang des Gebaudes, ihr Blik irrte unablassig auf dem oden Schauplaz umher, und ruhte nur von Zeit zu Zeit auf der Gegend des Thurms, bei'm Opferaltar ihrer ehemaligen Feinde. Immer weicher und sanfter ward ihr Herz, die lezten Spuren von Bitterkeit schienen sich an dieser Statte zu verlieren; sie fuhlte sich nur in dem allgemeinen Strudel der menschlichen Schiksale mit fortgerissen, und hatte sie so bei dem blutigen Felsstuk gestanden, sie hatte mit der Versohnung Thranen ihn rein gewaschen!

Mitternacht mochte sich jezt nahen. Zwar verkundete sie keine Gloke aus den verwusteten Dorfern rings umher, diese verstummten langst; statt dem Landmann ihr stundliches: Gedenke an den Tod zuzurufen, schleuderten sie jezt, in Kanonen und Morser umgestaltet, Vernichtung in seine friedliche Hutte aber einzelner Hahnenruf tonte durch die Stille, und heller flimmerten die Sterne in ihrer nachtlichen Hohe. Jezt horte Sara zu ihrer Linken ein dumpfes Gerausch, wie aus der Tiefe des Brunnenkellers. Sie zog leise einen ihrer Gefahrten zu sich, um mit ihm zu lauschen. Bald sahen sie aus dem Bergschlund eine Gestalt in Eremitenkleidung hervorschleichen, eine schwere Last auf dem Haupte, die sie tief keuchend zu tragen schien. Ein Schauder uberlief alle, ihr Anfuhrer nahm die Stellung eines Menschen, der einen Angrif erwartet; mechanisch wollte ihre physische Kraft ihr aushelfen, da ihr Geist erstarrte. Die Erscheinung wandelte uber den Hof, schien uber dem Schutt zu schweben, und schon glaubten sie die Zuschauer verschwunden, als sie im andern innern Hof wieder hervortrat, und gegen den Stein wankte. Hier hob sie ihre Last vom Haupte, und verbarg sich einen Augenblik im Innern des Thurms. Bald kam sie wieder heraus, und bukte sich neben dem Felsstuk, wo in dem Augenblik ein blutig feuriger Schein aufstieg, der, in einen schwarzen Rauch aufgelost, die Gegenstande mit Nebel umzog. Dorthin! flusterten die Krieger sich jezt leise zu, und schlugen Feuer, um Fakeln, die sie mitgebracht hatten, anzuzunden. Sara wies ihnen ihre Posten an, und rief ihnen feierlich zu: Tod den Verrathern, und Schuz den Hulflosen! Schuz den Hulflosen, antworteten alle, und unerbittliche Strenge den Rebellen! Sie folgten ihrem Kapitain, der einige von ihnen am Eingang des Brunnenlochs stellte, und die andern um eine enge Hole, die sie jezt, nachdem der rothe Schein vor dem Fakellicht erloschen war, an der Stelle des Steins entdekten. Sara stieg durch die Oefnung hinab, die sich bald erweiterte, und sie fand sich in einem Gewolbe, das von einer Lampe erhellt war, und worinn eine Menge Waffen aufgehauft lagen. Hier sammelten sich sechs von ihren Begleitern; allein indem sie sich nach einem weiteren Ausgang umsahen, horten sie zuerst ein Gemurmel, dann ein durchdringendes Geschrei, worauf plozlich hinter den Waffenhaufen einige Menschen hervordrangen, die mit verzweifelter Wuth auf sie sturzten. Sie fochten wie Geister; ohne einen Laut von sich zu geben, hieben sie vor sich zu: (Schiessgewehr schienen sie nicht zu haben, und in dem Handgemenge, zu welchem der enge Raum zwang, ward es auch Verriers Haufen unnuz) eben so stumm empfiengen sie ihre Wunden, und sturzten zu Boden. Doch aus dem Innern des Gewolbes tonte Jammergeheul, Gewinsel, und wenn ein Augenblik von Stille dazwischenkam, konnte man die klagende Stimme eines Kindes unterscheiden, die aber jedesmal von lauterem Geheul bedekt wurde, so oft neue Gespenster aus dem Dunkel hervortraten, die Gefallnen zu ersezen. Sara und ihre Gefahrten hatten bei dem sonst so unverhaltnissmassigen Kampf diesen Vortheil, dass sie mit dem Gesicht gegen die Seite standen, von welcher der Angrif sich bestandig erneuerte, und so wegen des Mangels am Plaz, der ihren Feinden in dem Hinterhalt ubrig war, aus welchem sie hervortraten, deren nie mehr als eine hochstens ihnen gleiche Anzahl abzuwehren hatten. Vier Republikaner waren indess gefallen, allein andre, die auf ihres Anfuhrers Ruf hinunterstiegen, hatten die Reihe erganzt. Das Geschrei in der Hole ward jezt schwacher, und obwohl noch einige Feinde fielen, drangen deren keine mehr an ihre Stelle. Sara wollte nun das traurige Gefecht enden, sie wich im Mittelpunkt zuruk gegen den Eingang; einer von den Feinden, der am heftigsten, und immer an der Spize gefochten hatte, den die andern mit ihren Leibern zu deken schienen, drang ihr nach; die Feinde gewannen Raum, aber Sara's List gelang, ihre Leute umzingelten die Unvorsichtigen am Eingang ihrer Hole, und bald waren sie niedergeworfen und entwafnet. Ihr Anfuhrer allein stand noch unbezwungen, allein kaum sah er, dass seine Gefahrten keinen Widerstand mehr thun konnten, so senkte er sein Schwert, und naherte sich Sara mit einem Anstand, der keinen der Sieger uber seine Absichten in Zweifel liess. Mein Leben ist verwurkt, sagte er mit einer mannlichen Ruhe; ich konnte es zwar noch theuer verkaufen, aber auf euren Blutgerusten kann es jenen Ungluklichen er deutete auf das Innere der Hole, die Verriers Leute besezt hielten mehr nuzen, als wenn ich es hier opfre. Er griff nach Verriers Hand: Kommen Sie; wenn Sie kein Ungeheuer sind, so wird es mir gelingen. Und meine Abgeordneten nannten mir ja den tapfern Verrier, den mit seinem Haufen die Ungluklichen an der Loire und Mayenne segnen

Sara's innerstes Herz war aufgeregt, seitdem der Fremde seine Stimme erhoben hatte; unfahig die Worte zu vernehmen, horte sie nur diesen Ton, den ein tausendfaches Echo in ihrer bebenden Brust wiederholte, und der ihr doch unbekannt war. Sie folgte ihm mechanisch in die innere Hole. Diese war schwach erleuchtet, aber bald erhellten sie die Fakeln von Verriers Leuten so gut, dass man alle Gegenstande unterscheiden konnte. Ein junges schones Weib lag, wie es schien, todt auf einem Lager hingestrekt. Ein bluhender Knabe, dessen himmelblaues Auge in Thranen schwamm, hob den Kopf von dem Schooss der Todten auf, und lief, wie er den Fremden erblikte, mit offnen Armen auf ihn zu, und lallte klagend: Theodor, die Mutter! die Mutter! Sara fuhr zusammen, wie von einem Blizstrahl getroffen, fasste den Fremden in's Auge, der sich gebukt hatte, um das Kind aufzunehmen, und dessen Gesicht jezt von der niedrig hangenden Lampe erleuchtet ward Theodor! rief sie, wankte, und fiel ihren herbei eilenden Begleitern in die Arme.

Der Fremde sezte verwundert das Kind nieder, und sah den Soldaten zu, die einander zuriefen, es sey die Luft im Gewolbe, von der er erstike, und ihren Kapitain gegen die Oefnung fuhren wollten Nein, sagte einer aus dem Haufen, er kann verwundet seyn Und sogleich riss man Sara's Kleid auf, und entbloste ihre Brust, und alle, die sie umgaben, riefen mit dem Ausdruk des unbeschreiblichsten Erstaunens: Es ist ein Weib! Verrier ein Weib! wiederholten die ferner Stehenden, und der Fremde trat mit ihnen herbei. Sara lag, auf die Knie eines ihrer Soldaten gestuzt, am Boden; ihr Arm war durch das Herabziehen ihrer Kleidung ganz unbedekt, ihr Busen offen und weiss wie Schnee, ihr Gesicht zwar von der Sonne und der Luft geschwarzt, aber noch so schon, von so feinem schwarzen Haare beschattet, das bei der zurukgebognen Stellung ihres Kopfes ihre edle Stirne bliken liess Der Fremde starrte sie an, rief mit dem Ausdruk des Entsezens: Sara, meine Schwester! und sturzte zu ihren Fussen.

Verriers Gefahrten standen betaubt; das ohnmachtige Weib, das sich jezt langsam aus dem Todesschlaf erhob, war ihr tapfrer Kapitain, und war dieses Rebellen Schwester! Aber in ihren rauhen Sitten vergassen sie Spott und Verwunderung, und stiessen nur mit Abscheu den Verrather von ihrem Kameraden zuruk. Sara war jezt erwacht, sie raffte sich langsam auf, machte sich von ihnen los, und schloss schweigend, doch nicht mit dem Verstummen der Freude, sondern mit jenem furchterlichen Schweigen, da der erschopfte Geist seine lezten Krafte aufbietet, den wiedergefundenen Bruder in ihre Arme. Der Knabe hatte den kurzen Augenblik angstlich zugesehen, jezt klammerte er seine beiden Arme um die ungluklichen Geschwister: sein kleines gepresstes Herz hofte Trost und Hulfe, wo er den Ausdruk der Liebe erblikte. Unter Sara's Gefahrten entstand ein unruhiges Murren; der alteste, ein redliches, rauhes Gesicht, zog sie von ihrem Bruder hinweg: Kapitain, sagte er trozig, bis du deine Autoritat bei unserm Chef niedergelegt hast, sind wir Dir Gehorsam schuldig, so wenig dein Geschlecht sich mit dieser Autoritat reimt; vergissest Du aber Deine Waffenbruder uber diesen Rebellen, so bin ich der nachste, meine Kameraden von Verlezung des Gesezes zurukzuhalten Sara entfernte sich einige Schritte von Theodor, und ubersah mit einem Blik, der nach Fassung rang, den ganzen Schauplaz sie hielt eine Minute schaudernd die Hand uber die Augen, versuchte zu sprechen, und wandte sich endlich mit einer Stimme, deren hohler, gewaltsam angestrengter Ton in den Winkeln des schwarzen Gewolbes wie die lezten Worte eines Sterbenden verhallte, gegen die Umstehenden: Nein, Bruder und Freunde, wenn ich so gluklich war, euch oft zum Sieg, immer zur Befolgung der Geseze und zur Ausubung der Menschlichkeit anzufuhren, so ward ich selbst von Grundsazen geleitet, die auch in diesem Augenblik, da mich der grausamste Schlag des Schiksals trift, mich noch wurdig machen, zum leztenmal Gehorsam von euch zu fordern Sie hielt inne; uber sich selbst erhaben, in reiner Begeisterung stand sie da; ihr Auge blizte, wie sie wieder anhob, war ihre Stimme fest; ihr schoner, noch halb entblosster Busen klopfte hoch, und indem er bewies, dass sie ein Weib war, loste sich der Schauder, den ihr Wesen erregte, in stiller Bewunderung auf ihre Kriegsgefahrten fuhlten diesen Zauber, und traten ehrerbietig zuruk. Dieser Mann ist mein Bruder, sagte sie; seit drei Jahren trennte ihn sein trauriger Irrthum von mir, vom vaterlichen Haus. Ich glaubte ihn nach dem zehnten August fur jeden Irrthum bestraft er lebt, und meine und eure Pflicht ubergibt ihn jezt dem Gesez, mit allen, die unserm Schwert entgiengen. Dieses Kind Hier unterbrach sie sich, und ergriff die Hand des Knaben: Bruder, sage dort deiner Gattin, ich werde ihm Mutter seyn; sage ihr, dieses Kind allein mache mich diese Stunde uberstehen Theodor schien von ihr zu gleicher Begeisterung emporgehoben; er horte ihr ruhig zu, und wie sie geendet hatte, sagte er geruhrt: Ja ich erkenne den Gang unsers Schiksals! Nur auf diesen blutigen Wegen sollten wir uns wieder treffen, aber unsre Seelen sind ewig vereint Ja empfange diesen holden Knaben von meiner Hand; doch nicht, wie du glaubst, hangt er mit dem Fluche zusammen, der schon bei unsrer Geburt, der vor uns schon uber unsern Vater ausgesprochen ward. Jene Erblasste, die der Schreken uber euern Sieg todtete, war nicht mein Weib; mein Weib hat nie Ungluk und Gefahr mit mir getheilt Er nahm den Knaben in die Hohe, und legte ihn in Sara's Arme: Weihe L***'s Sohn dem Vaterland, gegen das wir Rasende stritten! Diese Rache sparte dir das Schiksal auf, zum Ersaz fur grausame Leiden, zur Bussung deines furchterlichen Ungluks!

Sara hielt den Knaben, der sie und alles umher angstlich anstaunte, und jezt vom Arme des Unbekannten sich zur todten Mutter hinbog Sara hielt ihn fester, ja heftiger, sie zitterte unter dem Sturm, der ihre Seele zerriss. Endlich hatte sie den Sturm uberstanden; sie kniete, den Knaben im Arm, im Kreis der erstaunten Gefahrten: Ja, ich folge deinem Ruf, unbegreifliches Schiksal! Hier vor dieser Entselten, vor dem Bruder, vor diesen allen, die mit ihm dem Tode geweiht sind, hier in eure Hande, meine Mitburger, lege ich den Schwur ab: Des Knaben Tugenden sollen einst seines Vaters Verbrechen versohnen! Sie stand auf, eine schone Verwandlung schien in ihrem ganzen Wesen vorzugehen: ehemals hatte ihr finsterer Blik, der ausdrukslos dumpfe Ton ihrer Stimme, ihre trozig feste Stellung, jeden Verdacht, den ihre zarte Haut, ihre sanft herabfallenden Schultern, ihre schnell erschopfte Brust erregen konnten, abgeleitet; jezt stand sie unverkennbar ein weiches, unglukliches Weib, wehmuthig zukte der Mund, der so lange das Gefuhl wegtrozte, unverhalten drangten sich grosse Thranen aus dem nun milderen Auge mit einer schmerzvollen Stimme, die tief in den Herzen der Anwesenden erklang, mit einem Arm das Kind fest an ihren Busen drukend, mit der andern Hand den Hut herabnehmend, und den Sabel von der Seite losgurtend, wandte sie sich zu dem Mann, der sie vorher so storrisch angeredet hatte, und indem sie ihm beides ubergab: Braver Mann, sagte sie, du brauchtest dich deines Kapitains nie zu schamen! Nun fuhre mich zu unserm Chef, dass ich ihm Rechenschaft von dieser Nacht ablege, erst aber verordne, was unterdessen mit deinen Gefangenen geschehen soll. Und ihr, Kameraden noch einmal lasst mich euch so nennen Ihr werdet alle fur mich zeugen, damit man mir dieses Kind nicht entreisse. Lebt wohl dienet dem Vaterland sichert unsre Freiheit Sie hob ihre schonen Augen gen Himmel, hielt das Kind in ihren Armen empor: Freiheit! Fur die mein Blut floss, fur die ich so vieles fliessen sah zum erstenmal mir wahrhaft heilig und theuer, um dieses verwaissten Geschopfs willen! Theodor schien sein Schiksal, seine Zukunft vergessen zu haben, er stand, sein Auge entzukt auf Sara geheftet er sah in ihr dasselbe Wesen wieder, in welchem er seit seiner ersten Jugend das Ideal des Weibes angebetet hatte. Die Krieger drangten sich, die meisten mit nassem Blik, zu Sara, jeder schwor ihr Achtung und Liebe, jeder schwor, das Kind zu vertheidigen und zu erhalten; jeder bat sie wehmuthig, ihm zu verzeihen, wenn seine Pflicht ihm gegen ihren Bruder nicht ein Gleiches erlaubte.

Die Gefangenen wurden versammelt und abgefuhrt, die Todten wurden verscharrt; und auf Sara's Bitte begrub man L***'s unglukliche Wittwe in dem namlichen Gewolbe, wo sie ihr angstvolles Ende gefunden hatte. Sara stand neben der Leiche, bedekte das blasse Gesicht der Entseelten, und gedachte ihrer eignen ahnungsvollen Worte: Als seine Wittwe sehen Sie mich wieder!

Auf dem Weg von den Ruinen zu dem Hauptquartier wetteiferten Sara's ehemalige Gefahrten, den kleinen Hyppolit seiner Pflegmutter abzunehmen; keinem fiel ein ungeziemender Scherz ein, sie schienen ihre ganze Achtung fur Verrier, den braven Soldaten, auf Sara, das unglukliche Weib, ubergetragen zu haben. Diese gieng matt, als ware mit der Entdekung ihres Geschlechts dessen ganze Schwache zurukgekehrt, neben ihrem Bruder; und mit Bliken und Minen, die wohl bezeugten, dass er sich vom Leben hienieden schon losgerissen hatte, winkte ihr Theodor Muth und Liebe zu. Wenn von Zeit zu Zeit der Zug anhielt, nahte sie sich ihm, und kusste das Ende der Strike, die ihn mit seinen Ungluksgefahrten zusammenfesselten. Als sie gegen Mittag ankamen, war ihnen ihr nachtliches Abentheuer, auf hunderderterlei Art erzahlt, schon vorausgeflogen; Sara verlor keine Zeit, um sich einen weiblichen Anzug zu verschaffen, und in diesem, ihren Pflegsohn auf dem Arm, begab sie sich sogleich zu ihrem General. Sie gab ihm mit bescheidnem Wesen, und einem Errothen, das auf ihren durch den Kriegsdienst verharteten Zugen den vollen Ausdruk der Weiblichkeit wiederherstellte, Rechenschaft von den Grunden, die sie bewogen hatten, die neueren Dekrete zu umgehen, durch welche ihr Geschlecht von der unnaturlichen Laufbahn des Kriegs ausgeschlossen war; sie gab ihm Rechenschaft von ihrer hulflosen Lage, von ihrer Verzweiflung uber Berthiers Tod, als sie diesen Entschluss ergriff; sie nannte ihm die Gefechte, an denen sie, seit ihrer Aufnahme unter den Truppen, theilgenommen hatte, und forderte dann mit edelm Stolz das Zeugniss ihrer Waffenbruder auf, ob sie nicht stets als ihr Kamerad, ohne einen Schatten von Verdacht auf ihr Geschlecht, von ihnen geliebt und geehrt worden ware? Einstimmig lautete dieses Zeugniss, und das reinste herzlichste Lob aus dem Munde aller. Der junge Mensch, der neben ihr im Hospital gelegen, den sie gepflegt und nie verlassen hatte, sezte unter hervorsturzenden Thranen hinzu: nur der kleinste Theil von uns ist ubrig geblieben, seitdem sie uns anfuhrt, die meisten liegen im Felde verscharrt; aber ich war immer an ihrer Seite, ich sah sie mit dem Tode kampfen, und weder Muth noch Ehrbarkeit verliessen sie je der General gab ihr einen ruhmlichen Abschied; doch ehe sie gieng, sagte sie noch mit erstikter Stimme, und die Hand auf ihr bebendes Herz gelegt: Ich hore, dass mein Bruder morgen fruh zum Tode gefuhrt wird ob ich einen Versuch machte, den Rebellen zu retten, werden diese redlichen Burger mir bezeugen! Vergonne mir, den sterbenden Bruder zu trosten! Es ward ihr bewilligt.

Theodor und Sara brachten die ganze Nacht mit einander zu. Der Inhalt ihres Gesprachs ist leicht zu errathen. Wenn ein verunglukter Reisender mit seinem Weibe, seinen Kindern, mit allem, was ihm theuer ist, an eine wuste, unwirthbare Kuste geworfen wurde, wenn er, die ersten Tage noch von Hofnung belebt, die Geliebten in das wilde Land hineinfuhrte, dann sie mit Bedurfnissen umringt sahe, und umsonst nach Hulfe umher irrte, so wurde bei dem ersten Gegenstand seiner Sorge, der dem Verhangniss unterlage, sein ganzes Wesen sich emporen doch bei dem zweiten wafnet er sich mit furchterlichem Muthe, und jezt verliert er sie nach und nach alle, durch den grausamen Hunger, oder zerrissen von wilden Thieren, oder vergluhend von der Schlangen giftigem Biss da blikt er auf die ubrigen, schaudert nur vor der Dauer des Kampfes zwischen ihrem Leben und dem unvermeidlichen Tod endlich sizt er neben dem lezten Sterbenden, mude harrend, wie eine Mutter auf den Schlaf ihres Sauglings, um selbst zur Ruhe zu gehen! So vergiengen erst seine Hofnungen, dann seine Wunsche, dann auch sein Groll gegen das Ungluk Er lauscht auf den nahen Tod, wie er den lezten Geliebten aus seinen Armen windet jezt ist auch dieser dahin, und auf seinem Grabhugel schlummert er den ersten Schlaf. Einem solchen Schlaf entgegen sehend, erzahlte Sara ihrem Bruder, oder horte abgebrochen die Hauptzuge seiner Geschichte, von seiner Flucht bis zu diesem schroklichen Wiedersehen. Es war ein Gewebe von Irrthum und Schwarmerei, die, von Bosheit und Eigennuz gemisbraucht, den edeln Jungling zu einem Pfade hinrissen, wo er, von seinem reinen Selbstgefuhl verlassen, den Muth verlor, seiner Eitelkeit zum Troz, zur Wahrheit zurukzukehren. Sein Vater hatte ihn um eines Weibes willen verstossen, die seinem Herzen wie seinem Geiste ewig fremd blieb; und kaum hatte er ihr seine Freiheit geopfert, so suchte sie in einer fernen Hauptstadt des Auslandes ungestorte Befriedigungen ihres Leichtsinns und ihres Stolzes. Ohngefahr zu eben der Zeit, wie Sara nach Paris kam, kehrte er in sein beleidigtes Vaterland zuruk. Hier arbeitete er, durch Verrath und Intrigue an seine Partei gefesselt, gleich einem nachtlichen Rauber, auf dunkeln und verborgnen Wegen fur Menschen, die er endlich verachten gelernt hatte, fur eine Sache, deren Gute ihm taglich zweifelhafter wurde. Seine Liebe fur Sara war indessen nicht mit seinen ubrigen Tugenden ein Raub des Partheigeists geworden, und er horte auf seine Erkundigungen mit unaussprechlichem Schmerz den Ruin seines Vaters, seinen Tod, und Sara's Schiksal, das er nach verfalschten Geruchten als ganz schimpflich kennen lernte, indem sie aus dem Haus ihres Beschuzers, des ehrwurdigen Berthier, entwichen seyn sollte, um Rogern zu folgen. Von L***'s Einfluss auf das Ungluk seiner Familie hatte er keine Ahnung; und als die Geschafte ihrer Parthei sie zusammenbrachten, erlag auch Theodor dem Zauber dieses Mannes, dessen unbegreiflicher Geist in seinen Planen mit dem Bruder vielleicht einen Ersaz fur seinen Verrath an der Schwester bezwekte. So lebten Theodor und Sara mehrere Wochen einander nahe, und oft reichte der grausame L*** dieser eine Hand, die jener in der Stunde vorher gedrukt hatte, und verhinderte sie, eines durch des andern Hulfe und Schuz, vielleicht wieder in den Schooss der Tugend zu kehren. Am zehnten August hatte Theodor an L***'s Seite gefochten, und er war es gewesen, der ohne Sara zu erkennen, blos aus mechanischer Menschlichkeit, ihm zugerufen hatte: es ist ein Weib! Bei dem Tode von Sara's Liebling hatten in diesem Augenblik von allgemeinem Aufruhr, wo nichts als Selbstvertheidigung handeln konnte, beide nicht mehr Schuld gehabt, und beide hatten eben so wenig darum gewusst, als die Kugel selbst, die in des Kindes Schulter gefahren war. Sie wollten sich nachher durch einen ihnen bekannten Schlupfwinkel im Schlosse retten, aber sie verliessen ihn zu fruh, und wurden ergriffen. Selbst unter den Mordern am 2. September war ihre Parthei nicht unwurksam, und es waren Mittel verabredet, um sie wahrend des Getummels entkommen zu lassen. Doch hatten sie im geltenden Augenblik diese Mittel beinahe versaumt, so erschuttert waren sie von Sara's furchterlicher Erscheinung gewesen. L*** hatte sich zuerst gefasst, und ihm verdankte Theodor sein Leben. Lange in den vergessenen Kreuzgangen eines Klosters verstekt, trachtete Theodor nur darnach, von seiner verlornen Schwester etwas zu erfahren, und L*** bahnte sich den Weg nach dem neuen Schauplaz, auf welchem er bald darauf eine so glanzende und abentheuerliche Rolle spielte. Sie hatten Verbindungen nach aussen, und ein Grabgewolbe im nachsten Kirchhof diente zu ihren geheimen Zusammenkunften mit ihren Vertrauten, die sich des Abends in den Kirchhof verschliessen liessen, wahrend dass sie durch einen unterirdischen Weg, dessen Ausgang, in einer von den Nischen der Gruft, mit einem Sarg bedekt war, an den verabredeten Plaz gelangten. Am Abend des 21. Januars hinterbrachte einer von jenen Unterhandlern Theodorn die Umstande dieses wichtigen Tags; eben derselbe hatte auch Sara's Aufenthalt, ihre damaligen Verbindungen entdekt, und war Augenzeuge ihrer unnaturlichen Wuth bei dem Blutgeruste des Konigs gewesen. Bei diesem schmerzlichen Bericht vergass Theodor alle Vorsicht, er brach in laute Klagen aus und es war wurklich wieder seine Stimme gewesen, welche Sara's gepeinigtes Gehirn vollends zerrissen hatte. In der ersten Besturzung uber ihren Schrei und ihr Herbeisturzen schoss er blindlings eine Pistole gegen den vermeinten Feind ab; sein kuhlerer Gesellschafter riss ihn fort, und ihr Schlupfwinkel war schon langst wieder unter dem nachgezognen Sarge verborgen, ehe man in dem Gewolbe nachsuchte. Bald darauf entwich er gluklich mit L*** an die Ufer der Loire. Die beiden Geschwister waren bestimmt, ihren Pfad bis zum Ausgang im grausesten Dunkel zu suchen; wenn indessen alles, was Sara erfuhr, unmittelbarer ihr Herz besturmte, so blieb sie doch, selbst in Verirrung und Raserei, sich und ihrem Gefuhle treuer Theodor hingegen hatte seinen Antrieb und seinen Lohn immer ausser sich gesucht, und war so das Spiel der Listigeren, die ihn umgaben, geworden, bis er, mit sich selbst unzufrieden, mistrauisch gegen seine Sache, seinen Unmuth mit einem trugerischen System von Grundsazen dampfte, nach welchem der moralische Mensch, von dem handelnden getrennt, bei der Kenntniss der Wahrheit im Irrthum beharren durfte, wenn die Umstande es erforderten. Mit diesem Widerspruch in seinem Inneren, der seine Selbstachtung todtete und seinen Muth lahmte, war er L*** in die Vendee gefolgt; doch musste er sogleich mit geheimen Auftragen seiner Partei nach England, und kam erst kurz, nachdem die katholische Armee uber die Loire gegangen war, wieder in diese Gegenden. Hier ward er bald, wie die meisten Menschen von solchen Anlagen und in solchen Verhaltnissen, vom Betrognen zum Betruger. Nachdem er lange fur Konig und Gesez geschwarmt, sein Gewissen, sein Gluk dafur geopfert hatte, warb er um andre fur den Glauben, den er selbst verloren hatte, und kein Mittel war ihm zu emporend oder zu verachtlich. Sein stolzer Geist, sein aufgeklarter Verstand fugte sich in jede Mummerei der Priester; sein weiches Herz panzerte sich gegen alle Unmenschlichkeiten, die um ihn her vorgiengen, die er selbst vollstrekte, und die den schroklichen Wetteifer von Grausamkeit unter Mitburgern und Brudern einfuhrten. In den seltenen Augenbliken, wo der Sturm einer solchen Wurksamkeit ihm Freiheit liess, sich mit sich selbst zu beschaftigen, versank er entweder in die finsterste Verzweiflung, oder spannte sich zu einer unnaturlichen Hohe, auf welcher er sich dunkte die Wage des Schiksals selbst zu halten, und dem Menschengeschlechte Elend, das zum Heil fuhre, zuzuwagen. Er focht bei Laval an L***'s Seite, und rettete ihn mit Gefahr seines Lebens, als er nach seinen empfangnen Wunden im Begrif war, den Feinden in die Hande zu fallen. L*** zog siegend, aber auch sterbend in Fougeres ein. Wie er seinen Tod fuhlte, der ihn mitten in seinen Planen, auf dem Gipfel seines Gluks uberraschte, machte er seine Verordnungen mit der Kalte, mit der Ruhe eines Hausvaters, der sich zu einer kleinen Abwesenheit rustet. Nachdem er fur die Angelegenheiten seines Heeres, fur die Sicherheit seiner Vertrauten, so weit es in seiner Macht stand, gesorgt hatte, schloss er sich mit Theodorn ein, der seinem nahen Tod, halb mit Schreken, halb mit der Art von Spannung entgegen sah, welche der Ehrgeizige bei dem erloschenden Ruhm eines andern immer fuhlt, auch wenn er nie sein Nebenbuhler gewesen ist. Der Sterbende schien sich jezt seinen Gefuhlen zu uberlassen; er drukte lange seines Freundes Hande, und schien ihn mehr in seine weiche Stimmung ziehen, als Starke bei ihm finden zu wollen. Nach einer feierlichen Vorbereitung, mit einem Wesen, in welchem ein mehr geubter Menschenkenner als Theodor vielleicht Zwang und innern Kampf erkannt haben wurde, entdekte er ihm, dass seine Gattin und sein Kind noch lebten; dass er das Gerucht ihres Todes selbst genahrt hatte, um sie sichrer zu verbergen; dass sie ihren Aufenthalt im Gewolbe des alten Schlosses von C** seit den Niederlagen der Seinigen jenseits der Loire, nicht verlassen hatten; dass eine langsame Krankheit, die dem Leben seiner Gattin drohte, ihr Entweichen nach England, selbst wenn es bei der Wachsamkeit des Feindes rathsam gewesen ware, unmoglich gemacht haben wurde Sie verdiente ein besseres Loos! sezte er, in tieferen Ernst versinkend, hinzu. Ich verband mich im Ausland mit ihr, weil ich ihre Familie brauchte. Ihre verachtlichen Verwandten hatten sie mit sich in das Ausland geschleppt; das junge furchtsame Madchen gab ihre Hand mit Vergnugen einem Manne, bei welchem sie ihre ganze ehemalige Existenz wieder zu erhalten hofte. Ich habe ihr Zutrauen mit Betrug gelohnt; denn mein Ziel Er legte seine Hand auf die tiefe Wunde unter seiner Brust, und schwieg einen Augenblik. Er fuhr fort: die sanfte Seele ward fluchtig, verfolgt sie trostete sich mit dem Sohn, den sie mir gebahr. Sie klagte nie, und schmachtet nun, in einem ehemaligen Kerker verborgen, seit sieben Monaten dem Tode entgegen. Einige bewahrte Diener meines Hauses pflegen sie, bringen ihr die nothigsten Bedurfnisse, und sie entgeht der Mordlust des Feindes nur, weil man ihr lebendiges Grab von Geistern bewohnt glaubt. Wie wird aber die Unglukliche widerstehen, wenn das Gerucht meines Todes zu ihr dringt? Und wird es nicht den Muth der Getreuen, die stundlich ihr Leben fur sie aussezen vollends niederschlagen? Wird dann mein Sohn, werden sie nicht vielleicht beide in die Gewalt der Feinde fallen? Theodor! Ich begehre Ihren Schuz fur die Meinigen Indem Sie diese Verbindlichkeit ubernehmen, mussen Sie freilich fur jezt Ihren Ehrgeiz der Menschlichkeit aufopfern aber nicht Mitleid allein, nicht Freundschaft, wie Sie Betrogner wahnen, fordert Sie auf eine hohere Tugend, die den Menschen zum Helden, die ihn uber sich selbst erhebt! Theodor! Ihr argster Feind, der Zerstorer Ihrer Familie der Verfuhrer, der Verderber Ihrer Sara, bittet Sie, sein Weib und sein Kind zu retten Theodor riss seine Hande los, die der Verwundete hielt, und stand mit rollendem Auge, Entsezen in jedem Zug, erstarrt vor dem Bett. L*** lehnte sich erschuttert zuruk, und sagte mit bebenden Lippen: Sterbend musste freilich Ihr Feind seyn, um Ihrem rachenden Arm zu entgehen! Theodor ballte seine Hande krampfhaft zusammen, und wie er sein Seitengewehr, an das er heftig stiess, klirren horte, sturzte er beide Arme verschlingend an das andere Ende des Zimmers, als furchte er sich, es wider Willen zu entblossen. Mit einer Stimme, an deren Erschopfung und Anstrengung fast nur sein korperlicher Zustand Schuld zu seyn schien, mit beinahe trokner Kurze, ohne Erklarung, ohne Beschonigung wie ohne Uebertreibung, erzahlte nun L*** die Geschichte seiner Verbindung mit der ungluklichen Sara. Oefter von den Ausbruchen des unbeschreiblichen wutenden Jammers bei seinem Zuhorer unterbrochen, als von seiner eignen Schwache oder Bewegung, hielt er jedesmal inne, bis jene voruber waren, und Theodor wieder bereit stand, den Giftbecher vollends auszuschlurfen. Sara's Schiksal war ihm bis zu der schroklichen Krankheit bekannt, in welche sie nach dem 21. Januar verfallen war. Von dieser hatte Theodor nichts gewusst; das Bild seiner wahnsinnigen Schwester ergriff ihn mit einer solchen Gewalt, dass er den Kopf auf beide Hande gestuzt, selbst der Wuth vergessend, laut weinte da fuhr ein leichtes Zuken uber L***'s Gesicht: hatte ich nun versaumt, die Tauschung uber mein Leben hinaus zu verlangern, und ich sturbe in diesem Augenblik, so konnte die Welt denken, ich ware nicht selig gestorben! Gut dass die Priester schon da waren und um des Besten unsrer Angelegenheiten willen wirst Du mich nicht verrathen, Theodor Bitter lachend murmelte er noch: Heiliger L***! Bitt fur uns Theodor widerstand kaum dem wieder erwachten Zorn; er knirschte: Heuchlerischer kalter Bosewicht! Eine fluchtige Rothe ergoss sich auf einen Augenblik uber die Wangen des Kranken; dann hob er sein bleiches Haupt: Nein, Theodor! Ich liebte sie! Gewaltsam schien er sich nun zu spannen: Hore, Theodor! Vielleicht sind die Geheimnisse dieser Brust noch ein Vermachtniss, mit welchem ich an Deinem vergifteten Leben etwas wieder gut machen kann Er wollte sich sammeln, um fortzufahren; es ist zu vermuthen, dass in diesem Augenblik Wahrheit aus seinem Herzen und uber seine Lippen gekommen ware; aber das Schiksal wollte das Rathsel dieses Geistes unaufgelost lassen. Die heftige Bewegung brachte innerlich eine Krisis hervor, die seine Sprache hemmte. Er griff matt nach Theodors Hand, die ihm dieser schaudernd entzog. Ein unmerkliches Lacheln, das Resignation seyn konnte, schwebte um seinen blassen Mund; er faltete die ausgestrekte Hand wieder in die andre. Eine kurze Pause erfolgte; Verklarung und Verdammniss schienen jezt auf dem Gesicht des Sterbenden in einander verschmolzen. Zu schwach, um sich zu erheben, wandte er langsam den Kopf gegen einen Tisch an der andern Seite seines Betts. Fast ohne seine Lage zu verandern, und als belebte die entfliehende Seele zum leztenmale noch leise die aussersten Spizen seiner Glieder, nahm er eine Feder, schrieb ein Paar Worte auf einem Blatt Papier, winkte Theodorn, es zu holen Theodor stand mechanisch auf er las die bebende Schrift: Mein Weib und mein Kind! Durchdrungen suchte er L***'s Blik Sein Kopf war wieder gegen die vorige Seite gekehrt; Theodor bog sich uber ihn L*** hatte sein leztes Wunder gethan, und war verschieden.

Theodor verliess die Armee, und stahl sich durch tausend Gefahren bis zu den Trummern von C**, wo die ihm von L*** anvertrauten Zeichen ihm den Eingang in das Gewolbe ofneten. Hier fand er ein Paar Geschopfe, die den innern Grimm, mit welchem er an diese menschenfreundliche Handlung gieng, bald in sanftes Mitleid umschmolzen. Auf dem Krankenlager lechzte L***'s schone, junge Gemahlin nach Trost und Erquikung. Im ersten Schreken uber die Nachricht von der todtlichen Verwundung ihres Herrn waren die Hausbedienten, unter deren Schuz er sie gelassen hatte, aus einander geflohen, bis auf drei, welche nur mit den abwechselndsten Kunstgriffen einen kummerlichen Unterhalt herbeischaften. An Geld fehlte es ihnen zwar nicht, L*** hatte einen Theil seiner Schaze und Kostbarkeiten in diesen Gewolben vergraben; aber der geringste Umstand, ein Becher, ein silbernes Geschirr, ein Geldstuk selbst, konnte sie verrathen, und ausserdem war die umliegende Gegend so verwustet, dass man mit Tonnen Goldes keine Erquikung fur die arme zarte Kranke auftreiben konnte. Die grobsten Gemuse, oft rohe Kastanien, wozu nur selten ein Stuk Brod kam, erhielten jezt diese Frau, die, zu solcher Weichlichkeit gewohnt, so wenig mit Schmerz und Noth bekannt gewesen war, dass sie bei der sanftesten Anlage kaum jemals etwas dem Mitleiden ahnliches gefuhlt hatte. Ihr Knabe allein hielt sie aufrecht, und war zugleich der Gegenstand ihres peinlichsten Kummers; neben ihm durchweinte sie die langen Winterabende, indess er unbesorgt schlummerte, denn er wusste diesen Kerker, in welchem die erste Entwikelung seiner kindischen Seele vor sich gegangen war, mit nichts besserem zu vergleichen, und seine fruheren Erinnerungen hatten sich hier so verwischt, dass er, als man ihn an jenem schroklichen Tag heraustrug, von der Sonne geblendet, fragte, was das fur ein grosses Licht ware? Wenn aber seine arme Mutter ihre elenden Gefahrten herbeischleichen horte, erstarrt, ermudet, und oft von der angstlichen Wanderschaft, wo jeder Schritt ihnen mit Entdekung und Tod drohte, nichts zurukbringend als Schrekensposten, da troknete sie ihre muden Augen, und sammelte sich zu neuem Schmerz und neuer Geduld. Ein Zufall verbesserte indessen ihre Lage. Ein ehemaliger Pachter ihres Gemahls, ein Mann der seine Habe fur die Sache der Freiheit zugesezt hatte, und fur einen der festesten Patrioten galt, erkannte eines Abends einen von den drei Getreuen, der, um Lebensmittel zu suchen, in seine halb abgebrannte Hutte gekommen war. Der Unglukliche glaubte sich verloren, machte aber dem Mann eine so ruhrende Beschreibung von dem Elend der Grafin, von dem Liebreiz des Knaben, dass dieser, von Mitleid hingerissen, der Retter dieser bedrangten Familie ward. Er war die nachtliche Erscheinung im Eremitenkleid, welche den Wahn des Landvolks veranlasste; so oft er Lebensmittel zusammenbringen konnte, stieg er durch einen fast verschutteten heimlichen Fusspfad, neben der am Fuss des Berges fliessenden Quelle, den Brunnenkeller herauf, und gelangte auf dem muhseligsten Weg mitten in den Schlosshof; ein Stein, den er in dem Innern des Thurms durch das Luftloch des Verliesses herunter warf, war das Zeichen seiner Ankunft, worauf man ihm die verrammelte Hole ofnete. Noch mehr Hulfe aber schafte nun Theodors sinnreicher Muth in einer Gegend, die ihm von Jugend auf bekannt war, und seitdem das arme Weib in dieser Einode schmachtete, war er das erste menschliche Geschopf, das, anstatt sie mit Klagen zu qualen, die ihrigen vernehmen konnte. Indem er aber ihr Elend milderte, sezte er auch ihre Sicherheit aus: er zog mehrere herumirrende Fluchtlinge von seiner Partei an sich, und sein unruhiger Kopf machte nach und nach diese Zuflucht der Unschuld zu einem neuen Tummelplaz politischer Plane, die ihn und die Unglukliche, die er beschuzen wollte, verdarben, indem sie Unvorsichtigkeiten veranlassten, welche die Aufmerksamkeit der Gegenpartei erwekten. Schon mehrere Tage vor dem Ueberfall befand sich die Grafin sehr schlecht, sie sprach oft mit Theodor von ihrem nahen Ende, von dem Traum ihres jungen Lebens, von dem schroklichen Wechsel, der sie nun hinraffte. Sie erwahnte mit tiefem Gefuhl, aber ohne Bitterkeit, wie wenig ihr Gemahl fur sie gewesen ware Und jung, wie ich war, sezte sie hinzu, hatte ich ihn doch zu meinem Abgott gemacht, und die Herrschaft uber mein reines Herz hatte ihn sicher mehr beglukt, als der blutige Zepter, mit welchem er stumpfsinnige Elende lenkte! Sie hatte ein Paarmal geaussert, dass sie wohl nicht die Einzige gewesen seyn mochte, welche das Loos des Ungluks aus ihres Gatten Hand empfangen hatte. Am lezten Abend erklarte sie sich hieruber noch deutlicher: Ich habe, sagte sie wehmuthig lachelnd, einmal eine Erscheinung gehabt die aber einen solchen Eindruk auf mich gemacht hat, dass ich nachher, wie ich so viel Ungluk erfuhr, dass ich es in die kurzen Jahre meines Lebens gar nicht hineindrangen konnte, immer von dieser Erscheinung an rechnete. Sie erzahlte nun den kurzen Besuch, den sie von einer Unbekannten gehabt hatte; wie erschuttert sie gewesen ware; wie sie geforscht hatte, etwas von der Ungluklichen zu erfahren; wie einer von den Bedienten endlich herausgebracht hatte, es sey ein junges Madchen, die sein Herr unterhalte, sie sey Mutter gewesen, aber ihr Kind sey todt, und was aus ihr selbst geworden sey, wisse man nicht; wie sie dies geruhrt hatte, indem sie damals eben ihren Sohn geboren hatte; und wie sie, seitdem sie einsam und verlassen in diesem Gewolbe lebte, oft an das Madchen gedacht, und gemeint hatte, wenn sie damals aufzufinden gewesen ware, sie hatten zusammen weinen und leiden wollen Im Gluk, sagte sie, ware ich vielleicht ihre Feindin gewesen, aber wir waren ja beide verlassen, beide so ungluklich, und ich hatte ja doch meinen Sohn, und war Gattin Das Madchen sah so ruhrend aus! Seit Sie da sind, fuhr sie gegen Theodor fort, denke ich noch ofter daran sie sah Ihnen, glaube ich, ahnlich, besonders wenn Sie wild reden das arme Madchen! Als seine Wittwe wollte sie mich wiedersehen da ware es nun Zeit! So schwazte die arme, liebende Seele ihre wenig entwikelten Gefuhle her, und sah nicht, welchen Eindruk sie auf Theodor machte, der seine unglukliche Schwester in diesem Bilde erkannte, aber zu viel Schonung gegen die Kranke hatte, um ihr sein nahes Verhaltniss mit dieser Erscheinung zu entdeken. Als das Gewolbe besturmt wurde, suchte sie eine Zeitlang ihren Sohn zu trosten und zu beruhigen; bald aber losten Schrecken und Angst die abgenuzten Faden auf, die sie noch an das Leben hielten; und sie war verschieden, ehe noch die Sieger in das Behaltniss gedrungen waren, das ihr so lange schon zum Grabe gedient hatte. Sie war eben achtzehn Jahre da sie starb: still und unschadlich hatte ihre schone Jugend gebluht; man hatte sie keinen Gebrauch ihrer angebornen Gute gelehrt, die Menschen um sie her wussten diesen Funken der Gottheit nicht zu schazen so konnte sie, um wohlzuthun, nichts als lieben, um zu geniessen, nichts als lachen und scherzen. Ihre Liebe ward von den kalten abgestorbnen Seelen, mit denen ihr Stand sie verband, zurukgewiesen, von ihrem Gemahl nie angenommen; und Scherz und Lachen wandelte sich fruh in Elend, Noth und Angst. Ihr Leben glich einer kleinen Lampe, die in einem menschenleeren Raume brennt und erloscht; sie leuchtete niemand, und ihr Erloschen wird von niemand bemerkt. Mogen so manche, deren Schiksal wie das ihrige anfieng, nie ein so trauriges Ende erfahren!

Der Morgen brach an, welcher Theodor und seine Gefahrten zum Tode rief. Seine Fassung war wehmuthig. Er musste sich selbst sagen, dass er seit dem erstenmal, da sein treuer Roger ihn warnte, bis zu diesem Augenblik, immer die Wahl zwischen dem Besseren und Schlimmeren gehabt hatte; sein Geist war erstorben, sein Herz ausgegluht, nur seine Liebe fur Sara erleuchtete, gleich dem Abendroth an einem sturmischen Tag, dessen Morgen doch heiter anbrach, noch einmal sein finsteres Daseyn; er heftete auf sie seine schweren Augen, und schloss sie gern auf ewig. In Sara waltete eine uber das Schiksal erhabene Ruhe; sie hielt des Bruders kalte Hande, drukte sie an ihr Herz, an ihre Lippen, und in dem sinnenden Blik ihres ernsten Auges schienen Ahnungen eines freieren, reineren Daseyns zu liegen. Wie die Wachen den Ungluklichen abholten, schauderte sie auf; er stand sprachlos, zeigte auf den sanft schlummernden Hyppolit dann rief er muhsam: ohne ihn risse ich Dich mit mir fort! Ohne ihn folgte ich Dir! sprach sie zitternd, umarmte den Bruder, wandte sich gegen die Soldaten, und sagte mit gebrochnem Ton und gefalteten Handen: Fasst ihn scharf in's Auge es ist meine lezte Bitte! Jezt erstikten die Thranen ihre Stimme, und Theodor ward fortgefuhrt. Sara's Betragen im Kriegsdienst, gegen ihren Bruder, gegen den verwaisten Knaben hatte ihre Obern, und alle, die in der Gegend von ihr horten, so gewonnen, dass es ihr an Unterstuzung nicht fehlte, die sie, an ihren Pflegsohn denkend, ohne Widerwillen annahm. Sie sann indessen darauf, sich in eine Einsamkeit zurukzuziehen, wo sie, fern von Menschen, fern von dem Gerausch der Waffen denn beides presste ihr Herz zusammen sich nach und nach wieder an das Leben gewohnen konnte, dessen Last zu tragen sie nun so feierlich verpflichtet war. Der herannahende Fruhling bestarkte sie in einem Plane, den sie in ihrem Innern seit jenem Augenblik entworfen hatte, da sie neben Hyppolits erblasster Mutter ihren Bruder dem Tode uberantworten, und sich selbst zum Leben verurtheilen musste. Das kleine Gebaude in den Ruinen von C**, wo sie mit ihren Kriegsgefahrten eine Nacht im Hinterhalt gelegen hatte, liess sich mit einer kleinen Ausbesserung bewohnbar machen; unter diesen grausenvollen Trummern vermuthete man keines lebendigen Geschopfes Aufenthalt, und sie fand da Nahrung fur ihren Schmerz, reine Luft fur ihren Zogling, und den ungestorten Anblik der sich aus der Verwustung hervorarbeitenden Natur, von den hohen Felsen in die Thaler herab. Ein Bauer, bei welchem sie in der damaligen Zeit im Quartier gelegen hatte, war durch ihr sanftes Betragen, durch die menschliche, regelmassige Auffuhrung ihrer Untergebnen, fur sie eingenommen worden, und hatte den Auftritt im Schloss, und was darauf erfolgt war, mit herzlicher Theilnehmung gehort. Sara hatte auch zu ihm Zutrauen gefasst, und sie theilte ihm ihren Wunsch mit, sich in den Ruinen einzurichten. Ein Geheimniss wollte sie daraus nicht machen; aber um kunftig ungestorter zu seyn, bat sie ihn, nur seinen Sohn zum Gehulfen bei der Arbeit zu nehmen, und so ward die kleine Wohnung bald zu Stande gebracht, ohne dass die Nachbarschaft es ahnete. Eine kleine Kuche, welche das Vorhaus zugleich vorstellte, und eine einzige Kammer, woraus das ganze Gebaude bestand, war in wenigen Tagen vom Schutt gereinigt, mit Fenstern versehen, und so viel Gerathe hineingebracht, wie Sara und ihr Pflegsohn brauchten. Eine wunderbar stille Empfindung war es fur Sara, als sie zum erstenmal neben ihrem brennenden Heerd die Nacht erwartete. Es war eine Nacht wie jene schrokliche, da sie Theodorn fand, um ihn auf ewig zu verlieren; eben so flimmerten die Sterne im Nebel Sie stellte sich einen Augenblik vor die Thure, blikte nach jenem Thurm; sie hatte nun den Kelch des Leidens geleert, keine Erwartung mehr wie war sie so ruhig! Indessen erwachte der Knabe in der anstossenden Kammer, und lallte schmeichelnd: Sara, willt Du nicht schlafen gehen? Sara's Herz zerschmolz in Wehmuth; es war ihr, als riefen mit dieser Stimme alle Geister, die sie jezt eben umschwebten: Sara, Sara! komm in das Grab und doch lokte sie diese Stimme in das Leben, knupfte sie an das Leben durch alle Bande des Mitleids und der Grossmuth.

Neben der Hutte war eine kleine Pforte, die in einen Zwinger gieng, wo ehemals Jagdhunde und Kaninchen gehalten wurden. Diesen reinigte Sara von Steinen und Schutt, und mit den ersten Fruhlingsregen keimten da Gemuse heraus, und wilde Blumen, die sie fur ihren Kleinen sorgfaltig pflegte. Von Zeit zu Zeit besuchte sie ihr Vertrauter, der alte Bauer, und freute sich uber ihren Fleiss, uber das frohe Wesen des Knaben; und wenn er ihr bleiches ernstes Gesicht ansah, auf welchem das freundliche Lacheln so wehmuthig zukte, sprach er ihr zu: Junge Frau, wem Gott solch Gedeihen giebt in dem, was er unternimmt, wie der Knabe wachst und der Sallat draussen aus dem steinigen Boden keimt wahrlich, der muss nicht so trostlos drein sehen! Gott, der Keime aus den Trummern ruft, kann auch wehe Herzen heilen Sara drukte ihm die Hand Ergebung und Ausharren sind sich also immer gleich! Diesen Sinn hatten Berthiers weise Lehren, und die treue Einfalt dieses Mannes athmete eben diesen Sinn Der Alte half ihr von dem Theil des Schlosshofs, der an ihre Hutte stiess, die Mauersteine wegraumen, und bald bekleidete er sich mit jungem Gras, auf welchem Hyppolit, dessen Schritt nun fester wurde, in der warmen Sonne spielte.

Es kamen jezt Stunden, wo Sara's Herz mit der Natur um sie her einstimmte Keime, die den grausen Trummern entsprossten! Sie unterdrukte nicht, wie ehemals, jeden Wunsch nach Heiterkeit, sie verdrangte nicht mehr jedes Bild der gluklichen Jugend mit dem Andenken ihres schwarzen Schiksals. Ihre wohlthatigsten Stunden waren die, wo sie berechnete, wie viel zerstorender das Elend gewesen seyn wurde, dem sie entgangen war, als das, welches sie wurklich erfahren hatte. Wenn der Knabe auf ihrem Schoosse scherzte, wenn er an ihrem Busen einschlief, wenn er schmeichelnd sie Mutter, gute Mutter! nannte; so hob sich ihr Auge gen Himmel, und suchte dort ein Wesen, dem sie danken mochte, dass nicht, so wie sie einst darauf ausgegangen war, seines Vaters Blut an ihren Handen klebte. Jede ihrer Sorgen fur ihn besanftigte jezt ihr Herz; hatte damals der Zufall ihre Rache begunstigt, so war jede seiner Liebkosungen nunmehr ein Dolch in ihr Gewissen!

Wenn sie indessen nach ihrem Tagewerk ausruhte, der Mond am Himmel aufstieg, oder die zahllosen Sterne hinter den verfallnen Thurmen hervorfunkelten, und ihr Herz die stille Feier ihrer Verstorbnen begann, da schwebte, seitdem die Ahnung des Friedens bei ihr wieder eingezogen war, manchmal der leise Gedanke vor ihr, dass in der Reihe der geliebten Todten noch ein Name fehlte Roger war nicht zurukgekehrt, und ob er todt sey, hatte niemand ihr zu sagen gewusst! Je ruhiger ihr Herz, je weiblicher ihr Thun wurde, desto schmerzlicher dachte sie, dass er, allein von allen ubrig, vielleicht noch in den Schreken des Krieges lebte, und nie erfahren wurde, wie sie gelitten, und wie sie gebusst hatte. Dabei schauderte sie vor der Moglichkeit, ihn je wiederzusehen; es war eine Kluft zwischen ihnen entstanden, die ihr von allen menschlichen Wesen nun losgerissenes Herz nicht mehr auszufullen wusste. Wie sie ihn gekannt hatte, in einfacher Tugend und weichem, reinem Kindersinn fortwandelnd, ubte er seine mannliche Kraft nur in Augenbliken, wo er eine Leidenschaft zu bekampfen hatte; sein Herz glich der milden Sonnenwarme und das ihrige, war es nicht ein ausbrennender Vulkan? Sie fuhlte, welches Misverhaltniss dieser Unterschied zwischen dem Weib und dem Mann stiften musste. Alle Harmonie war gestort, alle Gleichheit; Roger konnte in ihr nur ihr Ungluk ehren und sie wollte und konnte nun keinem menschlichen Wesen mehr nahen, das sie ehemals gekannt hatte, das denken musste: wie gluklich war sie einst! Sie konnte nur Hippolits Liebe ertragen, denn sein Lallen sagte ihr blos: wie gut bist du jezt!

Eines Abends arbeitete sie in dem kleinen Garten im Zwinger, und da ihr der Bube uberall im Wege war, geschaftig die Pflanzen ausrupfte, die sie eben sorgsam gesezt hatte, schikte sie ihn in den Schlosshof, um da seinen Unfug zu treiben. Nach einer kleinen Weile horte sie ihn zusammenhangend reden, und mit mutterlicher Freude uber den kleinen Schwazer, wollte sie sehen, welchen Stein oder welche Pflanze seine kindische Fantasie belebt, und zum Spielkameraden umgeschaffen hatte. Sie gieng an die Pforte, und erblikte das Kind zwischen den Knieen eines Soldaten, der auf der Bank vor der Thure ihrer Hutte sass. Sara konnte des Mannes Gesicht nicht sehen, weil die Abendsonne sie blendete, und er ihr halb den Ruken zukehrte; doch unterschied sie, dass der Knabe mit ihm spielte, und der Fremde das Kind freundlich liebkoste, indem er mit der Hand auf einen Haufen Steine zeigte, die es zusammengetragen hatte. Hyppolit holte jezt muhsam einen grossen Stein, den er dem Soldaten zu halten gab; dieser fasste den Stein mit einer Hand an nein, rief der Kleine, und zog an seiner andern Hand; mit beiden Handen! dann will ich klopfen Ich kann nicht, mein Kind, sagte der Fremde, die andre ist todt Todt? fragte Hyppolit, und machte grosse Augen; die Hand todt, und Du nicht todt? Sie ist im Kriege abgeschossen Armer Mann! sprach der Knabe klagend, und streichelte leise den ausgestopften Aermel soll heilen, die Mutter soll ein Pflaster geben; ich war auch recht krank am Kopfe von einem grossen Stein, da hat mich die Mutter geheilt Und wird die Mutter denn mir Pflaster geben? fragte der Fremde. Wenn Du weh hast? rief der Kleine, und zog ihn am Aermel gegen die Pforte des Zwingers, wo er jezt die Mutter erblikte. Bei der Annaherung eines Fremden, des ersten in dieser wilden Einsamkeit, war ihre erste Bewegung Schreken; doch konnte sie ihren Hyppolit nicht allein lassen, da er sie suchte; sie trat also aus der Thure, und sah den Mann aufstehen, und seinen Stok und das Kind in einer Hand haltend, auf sie zukommen. Der Fremde stuzte bei dem ersten Anblik, kam aber sogleich naher, liess den Knaben stehen, und zog mit der einzigen Hand seinen Hut ab Gute Burgerin, sagte er mit einem heitern Ton, Ihr Kleiner versprach mir ein Pflaster fur meinen abgeschossenen Arm; wollen Sie mir einen Trunk Wasser geben fur meine herzliche Mudigkeit? Die Art, die Stimme des Mannes hatten etwas, das Sara auffiel; selbst sein Rok, dieser Rok, den sie so lange getragen hatte, ruhrte sie Gern, antwortete sie freundlich, mochte ich doch auch fur meinen Knaben Wort halten konnen! Wie sie sprach, fuhr der Fremde erschroken zusammen; sie bemerkte es nicht, und gieng neben ihm weiter auf die Hutte zu Das sind ehrwurdige Andenken, Burger Soldat! sagte sie; und wo Ihr hinkommt, findet Ihr gewiss tausend Arme, die sich beeifern, Euch den Verlust des Eurigen zu ersezen Sie traten jezt in den Schatten der Hutte; der Fremde schwieg, und fasste Sara scharfer in's Auge, sein Gesicht schien zu gluhen, er warf bald auf sie bald auf den Knaben unruhige Blike sie liess das alles gut seyn, und gieng hinein. Als sie zurukkam mit Wein und Brod, und es ihm auf die Bank sezte, und zugleich fragte, wie er auf eine so abgelegne Hohe gerathen ware? naherte er sich ausserst bewegt Vielleicht von meinem guten Engel geleitet, sagte er; ich kann nicht begreifen und doch! die Stimme, der Gang! Sara Seldorf! Roger kann doch keine andre fur Sie ansehen Ein Schleier fiel von Sara's Augen, und ohngeachtet der tiefen Narbe uber seiner Stirne, der Nath uber die linke Wange, die seinen ehemals schonen Mund entstellte, erkannte sie jezt alle seine Zuge, und wankte, zwischen der Freude und dem Schreken einer solchen Ueberraschung getheilt, zuruk Meine Schwester! rief Roger, und fasste sie in seine Arme, fuhrte sie auf die Bank, lehnte ihren Kopf an seine Brust, und weinte und jauchzte vor Entzuken Aber Sara wand sich aus seinen Armen, sie stand auf, sah ihn mit einem Blik voll unaussprechlicher Wehmuth an Schwester! wiederholte sie schaudernd o, eine arme verirrte, durch Ungluk bis an den Rand des Verbrechens gefuhrte Schwester Nein, meine theure, ewig geliebte Schwester o ich Kind! ich Kind! da wandle ich zum Grabe meines Grosvaters, und bitte Gott um Muth, es zu erbliken, und die abgebrannte Hutte wieder zu bauen, und statt der niedergeworfnen Baume wieder andre zu pflanzen; und Gott schikt Dich mir entgegen, die ich so lange schon unter den Todten glaubte Unter den Todten, fiel Sara ein, die Hand feierlich auf die Brust gelegt ja, todt fur das Gluk, fur die Menschheit Sara, antwortete der redliche Mann lachelnd, und zog das Kind zu sich; Sara, Mutter! und todt fur die Menschheit, die hier so schon aufbluht? Eine schwache Rothe uber seinen Irrthum ward bald von bittern Thranen uber die Erinnerung an ihr Kind, das ihn veranlasste, hinweggewaschen Dies ist L***'s, nicht mein Sohn, sagte sie; mein Kind, und alles was mein war, alles, was ich liebte und was mich liebte, liegt im Grabe die Sara, die Ihre Schwester war, ist unter den Todten der Schmerz erstikte ihre Worte die Sara, sprach Roger, die noch so fuhlt, so weint, ist meine Schwester nie, so lange dieses Auge Thranen, so lange dieser Korper Leben hat, kannst Du aufhoren, es zu seyn! Und selbst dann wie ich Sie todt glaubte, Sara, seit drei Monaten, dass ich diese schrokliche Gewissheit hatte, war meine Liebe im Grabe, so wie sie nun wieder auf Erden ist Er schwieg, Sara's Hand haltend; dann das Kind ungewiss betrachtend, dann mit glanzendem Auge, mit einem Ausdruk von verklarter Freude, vor welchem seine grasslichen Narben zu schwinden schienen, in das ferne Thal hinblikend armes Land! rief er aus; arme Menschen! So viel Seligkeit wohnte in diesen Trummern, so viel Heldenmuth! Er drukte das Kind an sich, sah es nachdenkend an, spielte mit seinem blonden Haar, das es dem Vater so ahnlich machte, und blikte nach Sara's dunkeln Loken, die sich unter dem grossen Tuch, das ihren Kopf verhullte, hervordrangten. Der frohe Fantast schien etwas angenehmes in dieser Vergleichung zu finden; er nahm den Knaben in die Hohe, und herzte ihn man sah es ihm an, dass er einen Arm zu wenig hatte, um alles, was er fuhlte, in seine Gebehrden zu legen. L***'s Sohn! wiederholte er leise, und nicht meiner Sara Kind und doch in ihrem Schuze! In sprachlosem Schmerz, von ihren Erinnerungen uberwaltigt, hatte Sara den wunderbar kindlichen Menschen betrachtet; jeder Ausdruk seines unzerstorbar heitern Sinnes machte sie schaudern sie konnte es nun nicht langer ertragen. O diese furchterliche Freude! rief sie aus; Mann mit dem Kinderherzen, weisst Du, was seit dem Abend Deines Abschieds mit mir ward? Alles, alles, meine Schwester, bis zu Ihrer Krankheit bei der alten Bauersfrau dort, sagte man, waren Sie gestorben Ihr ganzes Ungluk weiss ich, die ganze Gute des Schiksals, das meine Sara vor einer Reue schuzte, die meine treue Liebe selbst nicht zu heilen gewusst hatte O Sara, wie der brave Kriegskamerad, der Marthen die Kundschaft von ihres Mannes Tod gebracht hatte, mit den Worten schloss: und in der Bauerhutte starb sie wie ich nun meine Liebe ewig vergraben wusste mit Dir, da war es mein erster heitrer Gedanke: sie kann dort ohne Schreken erwachen sie blieb rein von Mord!

Wurklich wusste er durch jenen Soldaten, der seiner Pension wegen nach Paris zurukgekommen war, und dort alles, was Marthen und ihr Haus betraf, so weit es den Nachbarn bekannt war, erfragt hatte, ziemlich die Hauptzuge von Sara's Geschichte, bis zu ihrer Abreise nach dem Dorf, und das ubrige war in den dienstfertigen Berichten, die der ehrliche Mann eingezogen hatte, wahrscheinlich genug erganzt worden. Rogers Ruhrung war jezt unbeschreiblich, als ihm Sara nach und nach, in mehreren Tagen, ihr Schiksal, von ihrer Abreise in die Provinz bis zu diesem Augenblik, erzahlte. Oft musste sie inne halten, weil er ausser sich vor Schmerz bei der Schilderung ihrer Leiden, die sie ihm so kalt, mit so abgestorbnem Tone machte, sie nicht mehr horte, sondern auf dem Rasenplaz so heftig auf- und abgieng, dass der kleine Hyppolit sein Spiel verliess, und sich bittend an ihn klammerte, und wenn er ihn ungestumm von sich wies, weinend zur Mutter lief. Mit stillen Thranen, mit verhaltenen Seufzern lehnte sie dann ihr Gesicht an ihn, bis er sich wieder gefasst hatte, und sie leise, mit ruhiger Stimme, weiter erzahlte. Zuweilen musste er sie unterbrechen, weil der Zwang, in dem sie ihre Gefuhle hielt, sie bis zu Verzukungen angriff. So war es, wie sie an dem Augenblik war, wo sie bei L***'s Todtenbahre gestanden hatte Roger war diesen Tag spat gekommen, es war schon Abend, als sie zu sprechen anfieng starr hiengen die schweren Tropfen in ihrem Auge, aber die Natur durchbrach den gewaltsamen Zwang, und ein heftiges Erstiken hemmte ihre Stimme. Roger legte ihr seine Hand auf den Mund, holte ihr schweigend einen Trunk Wasser, sah sie ruhiger werden, kusste den Knaben, und indem er noch einmal wehmuthig auf Sara blikte, gieng er stumm hinweg. Wie sie zu dem Gefecht im Gewolbe, zu der Erkennung ihres Bruders kam, war es ganz anders er kniete vor Sara, weinte, verbarg sein Gesicht, kusste ihre Hande, rief, als wollte er das taube Grab erbitten: o Theodor, mein Bruder! Gespiele meiner Jugend Und wie Sara's Geschichte sich ihrem Ende nahte, und ihre Stimme leiser aus ihrer schweren Brust athmete, und ihre Thranen unverhaltner flossen, da lag er still vor ihr, blikte sie schweigend an; sie sprach fort, ohne Stoken, aber langsam und abgesezt, ruhte mit dem nassen Auge auf Rogers Stirne, fuhr sanft mit ihrer Hand uber sein redendes Gesicht und nun verstummte die bange Geschichte, nur leises Schluchzen vernahm man noch, ihr Kopf sank matt auf seine Schulter; der Kleine sah sie an, kam herbei, lehnte sich klagend an Sara's Schooss, und Roger, der Sara nicht beruhrt hatte, zog ihn an sich, und schloss jezt sie und ihn zugleich in seinen Arm.

Seine Schiksale waren so einfach wie sein Herz und sein Sinn, und doch erzahlte er langer daran, als wenn sie mit tausend Abentheuern angefullt gewesen waren; denn er verflocht damit jeden schonen Zug seiner Kameraden, jede Scene des Elends und der Verwustung, die sein Gefuhl zerrissen hatte, die Geschichte jedes Ungluklichen, dem er zu helfen Gelegenheit gehabt hatte. Sprach er von den Siegen der Feinde, so blizte in seinen Augen ein Feuer, das ihnen noch jezt Rache zu drohen schien; war es ein Triumph seiner Landsleute, dann dehnte sich seine Brust, und er schien es dem Weltall zuzujauchzen: so kampft man fur Freiheit und Vaterland! Er hatte auf seiner kriegerischen Laufbahn zu allen diesen wechselnden Gefuhlen Veranlassung genug gehabt; denn seit er an die Granzen gegangen war, hatte er, ausser einigen Wochen, die er zweimal im Hospital zubrachte, um von den schroklichen Wunden uber seiner Stirne und an seinem Munde geheilt zu werden, immer im Angesicht des Feindes gestanden, und sein gut Geschik liess ihn dem Vaterland dienen, bis bei dem Entsaz von Landau die Grenzen befreit waren. Dort zerschmetterte eine Kugel seinen rechten Arm, er rief noch einmal seinen sturmenden Gefahrten zu: Landau oder Tod! und sank heulend von Schmerz unter die stampfenden Rosse. Zerquetscht, unkenntlich raffte ihn ein mitleidiger Landmann auf und mit einem Arm weniger, mit einem von dem Hufschlag der Pferde steif gebliebenem Knie, das Lied der Freiheit laut singend, verliess er erst nach mehrern Wochen das Strasburger Hospital. In Paris erhielt er von den Reprasentanten des Volks die Belohnung der Tapferkeit, aber weder dort noch in seinem verwusteten Geburtsland fand er mehr seine Geliebten, um mit ihnen sich der erworbnen Ehre zu freuen; und so irrte er eine Weile ziemlich ohne Zwek umher, bis ihn der Zufall, und das sehr gemischte Interesse, das die Trummer von L***'s Schloss fur ihn haben mussten, auf einer einsamen Wanderung, vor Sara's Hutte fuhrten.

Gleich vom ersten Tag an, da er hier sein ganzes Gluk, seine Jugend, seine Freude am Leben wiedergefunden hatte, gab er fur jezt jedes andre Vorhaben auf, und miethete sich in einem benachbarten Dorfe ein, wo er den Tag uber, so weit es bei dem Verlust seines Arms angieng, sich mit dem Feldbau beschaftigte, und hauptsachlich durch seinen Rath, seine Aufmunterung, und seine wesentliche Hulfe, den muthlosen Landmann anfeuerte, den Schutt wegzuraumen, die Hutten wieder aufzubauen, die Felder von neuem zu besaen; und Abends stieg er dann auf die Ruinen, und so oft er zurukkehrte, hatte seine treue Liebe die Luke zwischen dem Abschied und dem Wiedersehen mehr ausgefullt, und bald fehlte ihm nur der segnende Blik seines Ahnherrn, um den ganzen Schauplaz seiner frohen Jugend unter C**'s schwarzen Trummern hinzuzaubern. Das scheue, ernste, vom Ungluk gebeugte Weib erschien ihm noch als seine Sara, nur ihr Kind war erwachsener er sah es nicht mehr an ihrer schonen Brust, er konnte schon ihre mutterlichen Sorgen theilen. Dass er nur fur Sara leben wurde, dass sie sein gehorte, wo sie lebte, wie sie ihn nennte, wohin sie sich verbarge das wusste er vom ersten Wiedersehen an, daran zweifelte er nie; aber dass er sie noch immer am liebsten als sein Weib, in seiner Hutte, an seinem Heerde sich denken musste, das erfuhr er erst nach und nach, wie er im verwusteten Dorfe die Hutten wieder aufsteigen, die Felder wieder sich beleben sah, wie er, von allem, was sie that und litt, unterrichtet, nicht ein einzigesmal sich mehr fragte: wird sie mir alles, alles noch ersezen konnen? Nun fieng er an, sich nach dem Boden zu sehnen, wo sein Vater gelebt hatte, wo sein Schatten durch Wohlthun versohnt, der Schauplaz seines schroklichen Todes neu erschaffen werden musste, um den Zeugen vielleicht den Mitschuldigen seiner Ermordung die Sonne wieder lieb zu machen. Sollte er aber ohne Sara dort leben und wurken? Ungluk und Leidenschaft hatten freilich ihre Jugend gewelkt, und gaben ihr Jahre voraus; aber er war der Weisere durch die ungetrubt gebliebne Einfachheit seines Geistes nicht mehr angstlich und mit der Ungewissheit der Liebe, sondern mit dem ruhigen Zutrauen einer unbefangnen Seele, betrat er einst den Weg zu Sara's Wohnung, in der Absicht, der treuen Freundin sein ganzes Herz aufzuschliessen.

Es war ein schwuler Sommerabend; schwarze Wolken hiengen uber den alten Thurmen; scheu und von der schweren Luft gedrukt, flogen die Vogel unter die Mauersteine und Vorsprunge; nur die Schwalbe durchschnitt noch in niedrigen Zirkeln am Boden die brennende Luft. Sara war heute schwermuthiger wie sonst, es war der Jahrestag ihres Abschieds von Berthiers Haus. So schwer, wie die Luft auf der stillen Landschaft, lag damals die Ahnung ihres Schiksals auf ihr! Sie sah in das Thal hinab, sah die Felder grunen, die Aeste an den Baumen von ihren Fruchten sich beugen; und die finstern Wolken anstigten sie, als wurden sie allgemeine Vernichtung bringen. Immer tiefer in traurige Erinnerungen versinkend, wollte sie sich losreissen, und gieng, den Knaben an der Hand, gegen die Seite des Schlosses, von welcher Roger kommen musste. In kurzem erhob sich ein heftiger Sturm, und sie stieg, um sich vor den grossen Regentropfen zu schuzen, und von ihrer Stimmung hingerissen, in das Gewolbe hinab, welches L***'s Gemahlin zur Grabstatte diente. Indess sie am Eingang des innern Gewolbes sass, die zunehmende Finsterniss beobachtete, und die kindischen Fragen des Knaben, den die neuen Gegenstande beschaftigten, langsam beantwortete, gerieth dieser auch auf die Erhohung uber dem Grabe seiner Mutter, und fragte neugierig, wer den kleinen Berg dahin gebracht hatte? Sara hatte ihm von dem Schiksal seiner ungluklichen Eltern schon oft so viel erzahlt, als sein kindischer Verstand begreifen konnte; aber dieses Grab hatte sie ihm, aus milder Schonung, noch nie gezeigt. Die unbesorgte Frage des Knaben, der, unter Ruinen und in der Einsamkeit erzogen, so furchtlos in diesen dunkeln Holen spielte, ergriff ihr Herz Unter diesem Hugel schlaft Deine gute Mutter, antwortete sie sanft weinend. Und der Vater? fragte er weiter, und blikte forschend in der Hole umher. Der Vater der Schmerz erstikte ihre Stimme; sie sah im Geist den traurigen Holzstoss, horte das Knistern der Flamme und den Gesang der Kriegsgefahrten der Vater ruht weit von hier, Du wirst sein leztes Bett nie finden Willst Du denn auch hier schlafen? fragte nun Hyppolit, und lehnte sich, mit frohen Augen sie ansehend, an ihren Schooss Ich auch; Du sollst mir hier mein Bett machen Der Kleine klopfte hupfend in die Hande, und meinte, dann wolle er ihr auch Blumen auf ihr Bett werfen, wie gestern Abends, und bei ihr singen wie heute fruh In dem Augenblik trat Roger an den Eingang der Hole, und rief Sara's Namen. Er war heraufgestiegen, hatte sie uberall gesucht, hatte ein Gefuhl von Schreken in den einsamen Mauern gefunden, die uberall nur seine Stimme und den fernen Donner wiederhallten, und er hatte von neuem erfahren, wie verodet ohne Sara die Schopfung fur ihn war. Endlich wollte er noch in dem Gewolbe nachsehen, das er allein schon ofters besucht, von welchem er aber Sara immer entfernt gehalten hatte. Sein heitrer Muth war schon bei dem angstlichen Suchen gefallen; und wie er ihre sanfte Stimme: hier bin ich, mein Freund! aus der Gruft herauftonen horte, schien es ihm, seiner Vernunft zum Troz, eine Vorbedeutung fehlgeschlagner Wunsche. Sara, sprach er, indem er sich naherte: welch ein Aufenthalt! bei dem drohenden Wetter, mit dem frohen Kinde lassen Sie uns eh der Regen zunimmt Aber sie bat ihn, zu bleiben, um hier die Wurkung des Gewitters zu sehen, und sie machte ihm neben sich auf den Steinen Plaz. Mit einer Ergiessung ihrer dustern Fantasie zeigte sie ihm, wie alles um sie her Tod und Vernichtung predige, sprach von dem Andenken, das mit dem heutigen Tag verknupft ware, von der Reihe Leiden, die sie seit jener Reise zahlte. So verschieden die Gefuhle, mit welchen Roger gekommen war, von dem Auftritt waren, der ihn hier empfieng, so fuhlte sich doch der starke Mann unwillkuhrlich in ihren Schmerz gezogen, und es hatte ihm eine unstatthafte Harte geschienen, jezt Sara's tiefen, so naturlich veranlassten Kummer, mit seinen Wunschen, seinen Vorschlagen zu unterbrechen. Von diesem schaudervollen Ort hatte er sie gern hinweggefuhrt, aber schon heulte der Sturm, und der Regen schlug gegen die Mauern, so dass er sie und ihr Kind auszusezen furchtete. Sie hatte geschwiegen, und betrachtete den Wiederschein der Blize auf der schwarzen Mauer Wie sie nun alle, alle ruhen wie diese! fieng sie langsam wieder an, und deutete auf das Grab in zwei Jahren alle! Alle fuhllos dem Schmerz, unzuganglich dem Elend Meine Schwester! Vielleicht nicht unzuganglich dem Trost, uns neben einander, uns eines dem andern zur Stuze dienen zu sehen Erst mein Kind das susse Leben! Schon damals glaubte ich kaum, dass meine Mutterliebe hinreichte, meine Schuld zu versohnen Und Sara, versohnst Du hier nicht uberschwanglich? Er zeigte auf den Knaben, der bei dem Schein der Blize spielte Was ich kannte, zog ich in den Strudel meines Schiksals! Weder Unschuld noch Unwurdigkeit schuzten sie mussten alle fallen, damit ich allein stehen bliebe, ein warnendes Denkmal meines Elends Der Donner rollte langsam uber sie hin, ihre Stimme klang hohl und kalt; Roger ergriff ihre Hand, um zu reden, aber sie sprach fort, die Hand des Freundes bei jeder Pause an die bebenden Lippen fuhrend, und er, der ihre einzelnen schweren Thranen fuhlte, verstummte vor Mitleid. So mussten die redlichen Manner dahin Thirion, der keine Freude an meiner Raserei hatte und Raimond, mein lezter guter Engel, der Rogers Namen sprach und der furchterliche Joseph Ein geheimer Schauder. schien sie bei diesem Namen zu ergreifen Die arme Nanni, die treue redliche Martha! O wie sinnreich hat doch das Schiksal mir jede Art von Wunden versezt! Meine theilnehmende Babet, ihr Gatte und dann der Mann, dem die Erde nicht einmal ein Grab gegonnt hat! Ein heftiger Donnerschlag, mit einem rothen Blize begleitet, trieb jezt den erschroknen Hyppolit auf Rogers Schooss, der, ihn streichelnd, auf sein leises Geschwaz nicht Acht gab; die Unterbrechung, welche dadurch einen Augenblik entstand, gab ihm aber Zeit, sich zu ermannen. Er reichte Sara seine Hand wieder, die er zurukgezogen hatte, um das Kind aufzunehmen, und sprach innig geruhrt: sie ruhen nun alle, meine Sara; auch unser Theodor auch der sanfte Weise, der so fruh, so oft uns zum Gluk einsegnete O Dein Vater! Und heller flossen Sara's Thranen Sieh, meine Schwester, und was er wunschte was auch Dein sterbender Vater wunschte es kann noch geschehen! Er drukte ihre beiden Hande an seinen Mund. Sie schien zu ahnen, sie wollte ihre Hande losmachen. Er hielt sie, und fuhr mit sanft bittendem Tone fort: Sara, wir wollen seine Hutte wieder aufbauen! Wir wollen seine Baume wieder pflanzen um seine Ruhestatte ein Paradies schaffen! Sie riss ihre Hande aus den seinigen, und bedekte ihr Angesicht: O nie, nie! rief sie schaudernd Dein reines Kinderherz neben mir, der von Geistern umringten?

Roger verstummte. So weit vom Frieden entfernt, hatte er sich sie nicht gedacht! Hyppolit legte ihm jezt seinen Arm um den Hals, damit er auf sein Geschwaz horen sollte Dort, dort wo meine Mutter schlaft, sagte er schmeichelnd Was dort? fragte Roger erschroken, und blikte hin. Dort mache ich Sara ihr leztes Bett Roger schauderte; der Sturm heulte in den Mauern, ein heller Bliz erleuchtete das Gewolbe, und laut schluchzend sank Roger zu Sara's Fussen.