1795_Goethe_028 Topic 1

Johann Wolfgang Goethe

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie erwartete Marianen, ihre schone Gebieterin, die heute im Nachspiele, als junger Offizier gekleidet, das Publikum entzuckte, mit grosserer Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur ein massiges Abendessen vorzusetzen hatte; diesmal sollte sie mit einem Paket uberrascht werden, das Norberg, ein junger reicher Kaufmann, mit der Post geschickt hatte, um zu zeigen, dass er auch in der Entfernung seiner Geliebten gedenke.

Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Ratgeberin, Unterhandlerin und Haushalterin im Besitz des Rechtes, die Siegel zu eroffnen, und auch diesen Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen, als ihr die Gunst des freigebigen Liebhabers mehr als selbst Marianen am Herzen lag. Zu ihrer grossten Freude hatte sie in dem Paket ein feines Stuck Nesseltuch und die neuesten Bander fur Marianen, fur sich aber ein Stuck Kattun, Halstucher und ein Rollchen Geld gefunden. Mit welcher Neigung, welcher Dankbarkeit erinnerte sie sich des abwesenden Norbergs! Wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bei Marianen seiner im besten zu gedenken, sie zu erinnern, was sie ihm schuldig sei und was er von ihrer Treue hoffen und erwarten musse.

Das Nesseltuch, durch die Farbe der halb aufgerollten Bander belebt, lag wie ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stellung der Lichter erhohte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und ihr entgegeneilte. Aber wie sehr verwundert trat sie zuruck, als das weibliche Offizierchen, ohne auf die Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbeidrangte, mit ungewohnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den feierlich angezundeten Lichtern keinen Blick gonnte.

"Was hast du, Liebchen?" rief die Alte verwundert aus. "Um 's Himmels willen, Tochterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem konnen sie sein, als von deinem zartlichsten Freunde? Norberg schickt dir das Stuck Mousselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er scheint mir eifriger und freigebiger als jemals."

Die Alte kehrte sich um und wollte die Gaben, womit er auch sie bedacht, vorweisen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend, mit Leidenschaft ausrief: "Fort! Fort! Heute will ich nichts von allem diesen horen; ich habe dir gehorcht, du hast es gewollt, es sei so! Wenn Norberg zuruckkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein, mache mit mir, was du willst, aber bis dahin will ich mein sein, und hattest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und den ich liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft uberlassen, als wenn sie ewig dauern sollte."

Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorstellungen und Grunden; doch da sie in fernerem Wortwechsel heftig und bitter ward, sprang Mariane auf sie los und fasste sie bei der Brust. Die Alte lachte uberlaut. "Ich werde sorgen mussen", rief sie aus, "dass sie wieder bald in lange Kleider kommt, wenn ich meines Lebens sicher sein will. Fort, zieht Euch aus! Ich hoffe, das Madchen wird mir abbitten, was mir der fluchtige Junker Leids zugefugt hat; herunter mit dem Rock und immer so fort alles herunter! es ist eine unbequeme Tracht, und fur Euch gefahrlich, wie ich merke. Die Achselbander begeistern Euch."

Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Mariane riss sich los. "Nicht so geschwind!" rief sie aus, "ich habe noch heute Besuch zu erwarten."

"Das ist nicht gut", versetzte die Alte. "Doch nicht den jungen, zartlichen, unbefiederten Kaufmannssohn?" "Eben den", versetzte Mariane.

"Es scheint, als wenn die Grossmut Eure herrschende Leidenschaft werden wollte", erwiderte die Alte spottend; "Ihr nehmt Euch der Unmundigen, der Unvermogenden mit grossem Eifer an. Es muss reizend sein, als uneigennutzige Geberin angebetet zu werden."

"Spotte, wie du willst. Ich lieb' ihn! ich lieb' ihn! Mit welchem Entzucken sprech' ich zum erstenmal diese Worte aus! Das ist diese Leidenschaft, die ich so oft vorgestellt habe, von der ich keinen Begriff hatte. Ja, ich will mich ihm um den Hals werfen! ich will ihn fassen, als wenn ich ihn ewig halten wollte. Ich will ihm meine ganze Liebe zeigen, seine Liebe in ihrem ganzen Umfang geniessen!"

"Massigt Euch!" sagte die Alte gelassen, "massigt Euch! Ich muss Eure Freude durch ein Wort unterbrechen: Norberg kommt! In vierzehn Tagen kommt er! Hier ist sein Brief, der die Geschenke begleitet hat."

"Und wenn mir die Morgensonne meinen Freund rauben sollte, will ich mir's verbergen. Vierzehn Tage! Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen, was kann da nicht vorfallen, was kann sich da nicht andern!"

Wilhelm trat herein. Mit welcher Lebhaftigkeit flog sie ihm entgegen! mit welchem Entzucken umschlang er die rote Uniform! druckte er das weisse Atlaswestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu beschreiben, wem geziemt es, die Seligkeit zweier Liebenden auszusprechen! Die Alte ging murrend beiseite, wir entfernen uns mit ihr und lassen die zu Glucklichen allein.

Zweites Kapitel

Als Wilhelm seine Mutter des andern Morgens begrusste, eroffnete sie ihm, dass der Vater sehr verdriesslich sei und ihm den taglichen Besuch des Schauspiels nachstens untersagen werde. "Wenn ich gleich selbst", fuhr sie fort, "manchmal gern ins Theater gehe, so mochte ich es doch oft verwunschen, da meine hausliche Ruhe durch deine unmassige Leidenschaft zu diesem Vergnugen gestort wird. Der Vater wiederholt immer, wozu es nur nutze sei, wie man seine Zeit nur so verderben konne."

"Ich habe es auch schon von ihm horen mussen", versetzte Wilhelm, "und habe ihm vielleicht zu hastig geantwortet; aber um 's Himmels willen, Mutter! ist denn alles unnutz, was uns nicht unmittelbar Geld in den Beutel bringt, was uns nicht den allernachsten Besitz verschafft? Hatten wir in dem alten Hause nicht Raum genug? und war es notig, ein neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jahrlich einen ansehnlichen Teil seines Handelsgewinnes zur Verschonerung der Zimmer? Diese seidenen Tapeten, diese englischen Mobilien, sind sie nicht auch unnutz? Konnten wir uns nicht mit geringeren begnugen? Wenigstens bekenne ich, dass mir diese gestreiften Wande, diese hundertmal wiederholten Blumen, Schnorkel, Korbchen und Figuren einen durchaus unangenehmen Eindruck machen. Sie kommen mir hochstens vor wie unser Theatervorhang. Aber wie anders ist's, vor diesem zu sitzen! Wenn man noch so lange warten muss, so weiss man doch, er wird in die Hohe gehen, und wir werden die mannigfaltigsten Gegenstande sehen, die uns unterhalten, aufklaren und erheben."

"Mach' es nur massig", sagte die Mutter, "der Vater will auch abends unterhalten sein; und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende trag' ich, wenn er verdriesslich wird, die Schuld. Wie oft musste ich mir das verwunschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor zwolf Jahren zum heiligen Christ gab, und das euch zuerst Geschmack am Schauspiele beibrachte."

"Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich Ihre Liebe und Vorsorge nicht gereuen! Es waren die ersten vergnugten Augenblicke, die ich in dem neuen leeren Hause genoss; ich sehe es diesen Augenblick noch vor mir, ich weiss, wie sonderbar es mir vorkam, als man uns, nach Empfang der gewohnlichen Christgeschenke, vor einer Ture niedersitzen hiess, die aus einem andern Zimmer hereinging. Sie eroffnete sich; allein nicht wie sonst zum Hin- und Wider laufen, der Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit ausgefullt. Es baute sich ein Portal in die Hohe, das von einem mystischen Vorhang verdeckt war. Erst standen wir alle von ferne, und wie unsere Neugierde grosser ward, um zu sehen, was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der halb durchsichtigen Hulle verbergen mochte, wies man jedem sein Stuhlchen an und gebot uns, in Geduld zu warten.

So sass nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der Vorhang rollte in die Hohe und zeigte eine hochrot gemalte Aussicht in den Tempel. Der Hohepriester Samuel erschien mit Jonathan, und ihre wechselnden wunderlichen Stimmen kamen mir hochst ehrwurdig vor. Kurz darauf betrat Saul die Szene, in grosser Verlegenheit uber die Impertinenz des schwerlotigen Kriegers, der ihn und die Seinigen herausgefordert hatte. Wie wohl ward es mir daher, als der zwerggestaltete Sohn Isai mit Schaferstab, Hirtentasche und Schleuder hervorhupfte und sprach: 'Grossmachtigster Konig und Herr Herr! es entfalle keinem der Mut um deswillen; wenn Ihro Majestat mir erlauben wollen, so will ich hingehen und mit dem gewaltigen Riesen in den Streit treten.' Der erste Akt war geendet und die Zuschauer hochst begierig, zu sehen, was nun weiter vorgehen sollte; jedes wunschte, die Musik mochte nur bald aufhoren. Endlich ging der Vorhang wieder in die Hohe. David weihte das Fleisch des Ungeheuers den Vogeln unter dem Himmel und den Tieren auf dem Felde; der Philister sprach Hohn, stampfte viel mit beiden Fussen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie dann nachher die Jungfrauen sangen: 'Saul hat tausend geschlagen, David aber zehntausend!', der Kopf des Riesen vor dem kleinen Uberwinder hergetragen wurde, und er die schone Konigstochter zur Gemahlin erhielt, verdross es mich doch bei aller Freude, dass der Glucksprinz so zwergmassig gebildet sei. Denn nach der Idee vom grossen Goliath und kleinen David hatte man nicht verfehlt, beide recht charakteristisch zu machen. Ich bitte Sie, wo sind die Puppen hingekommen? Ich habe versprochen, sie einem Freunde zu zeigen, dem ich viel Vergnugen machte, indem ich ihn neulich von diesem Kinderspiel unterhielt."

"Es wundert mich nicht, dass du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst; denn du nahmst gleich den grossten Anteil daran. Ich weiss, wie du mir das Buchlein entwendetest und das ganze Stuck auswendig lerntest; ich wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David von Wachs machtest, sie beide gegeneinander perorieren liessest, dem Riesen endlich einen Stoss gabst und sein unformliches Haupt auf einer grossen Stecknadel mit wachsernem Griff dem kleinen David in die Hand klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche mutterliche Freude uber dein gutes Gedachtnis und deine pathetische Rede, dass ich mir sogleich vornahm, dir die holzerne Truppe nun selbst zu ubergeben. Ich dachte damals nicht, dass es mir so manche verdriessliche Stunde machen sollte."

"Lassen Sie sich's nicht gereuen", versetzte Wilhelm, "denn es haben uns diese Scherze manche vergnugte Stunde gemacht."

Und mit diesem erbat er sich die Schlussel, eilte, fand die Puppen und war einen Augenblick in jene Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt schienen, wo er sie durch die Lebhaftigkeit seiner Stimme, durch die Bewegung seiner Hande zu beleben glaubte. Er nahm sie mit auf seine Stube und verwahrte sie sorgfaltig.

Drittes Kapitel

Wenn die erste Liebe, wie ich allgemein behaupten hore, das Schonste ist, was ein Herz fruher oder spater empfinden kann, so mussen wir unsern Helden dreifach glucklich preisen, dass ihm gegonnt ward, die Wonne dieser einzigen Augenblicke in ihrem ganzen Umfange zu geniessen. Nur wenig Menschen werden so vorzuglich begunstigt, indes die meisten von ihren fruhern Empfindungen nur durch eine harte Schule gefuhrt werden, in welcher sie, nach einem kummerlichen Genuss, gezwungen sind, ihren besten Wunschen entsagen und das, was ihnen als hochste Gluckseligkeit vorschwebte, fur immer entbehren zu lernen.

Auf den Flugeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu dem reizenden Madchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre Neigung gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person, die er so sehr liebte, ja verehrte; denn sie war ihm zuerst in dem gunstigen Lichte theatralischer Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur Buhne verband sich mit der ersten Liebe zu einem weiblichen Geschopfe. Seine Jugend liess ihn reiche Freuden geniessen, die von einer lebhaften Dichtung erhoht und erhalten wurden. Auch der Zustand seiner Geliebten gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen Empfindungen sehr zu Hulfe kam; die Furcht, ihr Geliebter mochte ihre ubrigen Verhaltnisse vor der Zeit entdecken, verbreitete uber sie einen liebenswurdigen Anschein von Sorge und Scham, ihre Leidenschaft fur ihn war lebhaft, selbst ihre Unruhe schien ihre Zartlichkeit zu vermehren; sie war das lieblichste Geschopf in seinen Armen.

Als er aus dem ersten Taumel der Freude erwachte und auf sein Leben und seine Verhaltnis se zuruckblickte, erschien ihm alles neu, seine Pflichten heiliger, seine Liebhabereien lebhafter, seine Kenntnisse deutlicher, seine Talente kraftiger, seine Vorsatze entschiedener. Es ward ihm daher leicht, eine Einrichtung zu treffen, um den Vorwurfen seines Vaters zu entgehen, seine Mutter zu beruhigen und Marianens Liebe ungestort zu geniessen. Er verrichtete des Tags seine Geschafte punktlich, entsagte gewohnlich dem Schauspiel, war abends bei Tische unterhaltend und schlich, wenn alles zu Bette war, in seinen Mantel gehullt, sachte zu dem Garten hinaus und eilte, alle Lindors und Leanders im Busen, unaufhaltsam zu seiner Geliebten.

"Was bringen Sie?" fragte Mariane, als er eines Abends ein Bundel hervorwies, das die Alte, in Hoffnung angenehmer Geschenke, sehr aufmerksam betrachtete. "Sie werden es nicht erraten", versetzte Wilhelm.

Wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich Barbara, als die aufgebundene Serviette einen verworrenen Haufen spannenlanger Puppen sehen liess. Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen Drahte auseinander zu wickeln und jede Figur einzeln vorzuzeigen bemuht war. Die Alte schlich verdriesslich beiseite.

Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwei Liebende zu unterhalten, und so vergnugten sich unsere Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine Truppe wurde gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht. Konig Saul im schwarzen Samtrocke mit der goldenen Krone wollte Marianen gar nicht gefallen; er sehe ihr, sagte sie, zu steif und pedantisch aus. Desto besser behagte ihr Jonathan, sein glattes Kinn, sein gelb und rotes Kleid und der Turban. Auch wusste sie ihn gar artig am Drahte hin und her zu drehen, liess ihn Reverenzen machen und Liebeserklarungen hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm das Brustschildchen anpries und erzahlte, dass der Schillertaft des Leibrocks von einem alten Kleide der Grossmutter genommen sei. David war ihr zu klein und Goliath zu gross; sie hielt sich an ihren Jonathan. Sie wusste ihm so artig zu tun und zuletzt ihre Liebkosungen von der Puppe auf unsern Freund heruberzutragen, dass auch diesmal wieder ein geringes Spiel die Einleitung glucklicher Stunden ward.

Aus der Sussigkeit ihrer zartlichen Traume wurden sie durch einen Larm geweckt, welcher auf der Strasse entstand. Mariane rief der Alten, die, nach ihrer Gewohnheit noch fleissig, die veranderlichen Materialien der Theatergarderobe zum Gebrauch des nachsten Stuckes anzupassen beschaftigt war. Sie gab die Auskunft, dass eben eine Gesellschaft lustiger Gesellen aus dem Italienerkeller nebenan heraustaumle, wo sie bei frischen Austern, die eben angekommen, des Champagners nicht geschont hatten.

"Schade", sagte Mariane, "dass es uns nicht fruher eingefallen ist, wir hatten uns auch was zugute tun sollen."

"Es ist wohl noch Zeit", versetzte Wilhelm und reichte der Alten einen Louisdor hin, "verschafft Sie uns, was wir wunschen, so soll Sie's mitgeniessen."

Die Alte war behend und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter Tisch mit einer wohlgeordneten Kollation vor den Liebenden. Die Alte musste sich dazusetzen; man ass, trank und liess sich's wohl sein.

In solchen Fallen fehlt es nie an Unterhaltung. Mariane nahm ihren Jonathan wieder vor, und die Alte wusste das Gesprach auf Wilhelms Lieblingsmaterie zu wenden. "Sie haben uns schon einmal", sagte sie, "von der ersten Auffuhrung eines Puppenspiels am Weihnachtsabend unterhalten; es war lustig zu horen. Sie wurden eben unterbrochen, als das Ballett angehen sollte. Nun kennen wir das herrliche Personal, das jene grossen Wirkungen hervorbrachte."

"Ja", sagte Mariane, "erzahle uns weiter, wie war dir's zumute?"

"Es ist eine schone Empfindung, liebe Mariane", versetzte Wilhelm, "wenn wir uns alter Zeiten und alter unschadlicher Irrtumer erinnern, besonders wenn es in einem Augenblicke geschieht, da wir eine Hohe glucklich erreicht haben, von welcher wir uns umsehen und den zuruckgelegten Weg uberschauen konnen. Es ist so angenehm selbstzufrieden sich mancher Hindernisse zu erinnern, die wir oft mit einem peinlichen Gefuhle fur unuberwindlich hielten, und dasjenige, was wir jetzt, entwickelt, sind, mit dem zu vergleichen, was wir damals, unentwickelt, waren. Aber unaussprechlich glucklich fuhl' ich mich jetzt, da ich in diesem Augenblicke mit dir von dem Vergangnen rede, weil ich zugleich vorwarts in das reizende Land schaue, das wir zusammen Hand in Hand durchwandern konnen."

"Wie war es mit dem Ballett?" fiel die Alte ein. "Ich furchte, es ist nicht alles abgelaufen, wie es sollte."

"O ja", versetzte Wilhelm, "sehr gut! Von jenen wunderlichen Sprungen der Mohren und Mohrinnen, Schafer und Schaferinnen, Zwerge und Zwerginnen ist mir eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes Leben geblieben. Nun fiel der Vorhang, die Ture schloss sich, und die ganze kleine Gesellschaft eilte wie betrunken und taumelnd zu Bette; ich weiss aber wohl, dass ich nicht einschlafen konnte, dass ich noch etwas erzahlt haben wollte, dass ich noch viele Fragen tat, und dass ich nur ungern die Warterin entliess, die uns zur Ruhe gebracht hatte.

Den andern Morgen war leider das magische Geruste wieder verschwunden, der mystische Schleier weggehoben, man ging durch jene Ture wieder frei aus einer Stube in die andere, und so viel Abenteuer hatten keine Spur zuruckgelassen. Meine Geschwister liefen mit ihren Spielsachen auf und ab, ich allein schlich hin und her; es schien mir unmoglich, dass da nur zwo Turpfosten sein sollten, wo gestern so viel Zauberei gewesen war. Ach, wer eine verlorne Liebe sucht, kann nicht unglucklicher sein, als ich mir damals schien."

Ein freudetrunkner Blick, den er auf Marianen warf, uberzeugte sie, dass er nicht furchtete, jemals in diesen Fall kommen zu konnen.

Viertes Kapitel

"Mein einziger Wunsch war nunmehr", fuhr Wilhelm fort, "eine zweite Auffuhrung des Stucks zu sehen. Ich lag der Mutter an, und diese suchte zu einer gelegenen Stunde den Vater zu bereden; allein ihre Muhe war vergebens. Er behauptete, nur ein seltenes Vergnugen konne bei den Menschen einen Wert haben; Kinder und Alte wussten nicht zu schatzen, was ihnen Gutes taglich begegnete.

Wir hatten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten mussen, hatte nicht der Erbauer und heimliche Direktor des Schauspiels selbst Lust gefuhlt, die Vorstellung zu wiederholen und dabei in einem Nachspiele einen ganz frisch fertig gewordenen Hanswurst zu produzieren.

Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen Talenten begabt, besonders in mechanischen Arbeiten geschickt, der dem Vater wahrend des Bauens viele wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm reichlich beschenkt worden war, wollte sich am Christfeste der kleinen Familie dankbar erzeigen und machte dem Hause seines Gonners ein Geschenk mit diesem ganz eingerichteten Theater, das er ehemals in mussigen Stunden zusammengebaut, geschnitzt und gemalt hatte. Er war es, der mit Hulfe eines Bedienten selbst die Puppen regierte und mit verstellter Stimme die verschiedenen Rollen hersagte Ihm ward nicht schwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus Gefalligkeit zugestand, was er seinen Kindern aus Uberzeugung abgeschlagen hatte. Genug, das Theater ward wieder aufgestellt, einige Nachbarskinder gebeten und das Stuck wiederholt.

Hatte ich das erste Mal die Freude der Uberraschung und des Staunens, so war zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens gross. Wie das zugehe, war jetzt mein Anliegen. Dass die Puppen nicht selbst redeten, hatte ich mir schon das erste Mal gesagt; dass sie sich nicht von selbst bewegten, vermutete ich auch, aber warum das alles doch so hubsch war, und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten und sich bewegten, und wo die Lichter und die Leute sein mochten, diese Ratsel beunruhigten mich um desto mehr, je mehr ich wunschte, zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine Hande verdeckt im Spiel zu haben und als Zuschauer die Freude der Illusion zu geniessen.

Das Stuck war zu Ende, man machte Vorbereitungen zum Nachspiel, die Zuschauer waren aufgestanden und schwatzten durcheinander. Ich drangte mich naher an die Ture und horte inwendig am Klappern, dass man mit Aufraumen beschaftigt sei. Ich hub den untern Teppich auf und guckte zwischen dem Gestelle durch. Meine Mutter bemerkte es und zog mich zuruck; allein ich hatte doch so viel gesehen, dass man Freunde und Feinde, Saul und Goliath und wie sie alle heissen mochten, in einen Schiebkasten packte, und so erhielt meine halbbefriedigte Neugierde frische Nahrung. Dabei hatte ich zu meinem grossten Erstaunen den Lieutenant im Heiligtume sehr geschaftig erblickt. Nunmehr konnte mich der Hanswurst, so sehr er mit seinen Absatzen klapperte, nicht unterhalten. Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach dieser Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher. Nachdem ich etwas erfahren hatte, kam es mir erst vor, als ob ich gar nichts wisse, und ich hatte recht; denn es fehlte mir der Zusammenhang, und darauf kommt doch eigentlich alles an."

Funftes Kapitel

"Die Kinder haben", fuhr Wilhelm fort, "in wohleingerichteten und geordneten Hausern eine Empfindung, wie ungefahr Ratten und Mause haben mogen: sie sind aufmerksam auf alle Ritzen und Locher, wo sie zu einem verbotenen Naschwerk gelangen konnen; sie geniessen es mit einer solchen verstohlnen wollustigen Furcht, die einen grossen Teil des kindischen Glucks ausmacht.

Ich war vor allen meinen Geschwistern aufmerksam, wenn irgendein Schlussel steckenblieb. Je grosser die Ehrfurcht war, die ich fur die verschlossenen Turen in meinem Herzen herumtrug, an denen ich wochen- und monatelang vorbeigehen musste, und in die ich nur manchmal, wenn die Mutter das Heiligtum offnete, um etwas herauszuholen, einen verstohlnen Blick tat, desto schneller war ich, einen Augenblick zu benutzen, den mich die Nachlassigkeit der Wirtschafterinnen manchmal treffen liess.

Unter allen Turen war, wie man leicht erachten kann, die Ture der Speisekammer diejenige, auf die meine Sinne am scharfsten gerichtet waren. Wenig ahnungsvolle Freuden des Lebens glichen der Empfindung, wenn mich meine Mutter manchmal hineinrief, um ihr etwas heraustragen zu helfen, und ich dann einige gedorrte Pflaumen entweder ihrer Gute oder meiner List zu danken hatte. Die aufgehauften Schatze ubereinander umfingen meine Einbildungskraft mit ihrer Fulle, und selbst der wunderliche Geruch, den so mancherlei Spezereien durcheinander aushauchten, hatte so eine leckere Wirkung auf mich, dass ich niemals versaumte, sooft ich in der Nahe war, mich wenigstens an der eroffneten Atmosphare zu weiden. Dieser merkwurdige Schlussel blieb eines Sonntagmorgens, da die Mutter von dem Gelaute ubereilt ward, und das ganze Haus in einer tiefen Sabbatstille lag, stecken. Kaum hatte ich es bemerkt, als ich etlichemal sachte an der Wand hin und her ging, mich endlich still und fein andrangte, die Ture offnete und mich mit einem Schritt in der Nahe so vieler langgewunschter Gluckseligkeit fuhlte. Ich besah Kasten, Sacke, Schachteln, Buchsen, Glaser mit einem schnellen zweifelnden Blicke, was ich wahlen und nehmen sollte, griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen, versah mich mit einigen getrockneten Apfeln und nahm genugsam noch eine eingemachte Pomeranzenschale dazu; mit welcher Beute ich meinen Weg wieder ruckwarts glitschen wollte, als mir ein paar nebeneinanderstehende Kasten in die Augen fielen, aus deren einem Drahte, oben mit Hakchen versehen, durch den ubel verschlossenen Schieber heraushingen. Ahnungsvoll fiel ich daruber her; und mit welcher uberirdischen Empfindung entdeckte ich, dass darin meine Helden- und Freudenwelt aufeinandergepackt sei! Ich wollte die obersten aufheben, betrachten, die untersten hervorziehen; allein gar bald verwirrte ich die leichten Drahte, kam daruber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da die Kochin in der benachbarten Kuche einige Bewegungen machte, dass ich alles, so gut ich konnte, zusammendruckte, den Kasten zuschob, nur ein geschriebenes Buchelchen, worin die Komodie von David und Goliath aufgezeichnet war, das obenauf gelegen hatte, zu mir steckte und mich mit dieser Beute leise die Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete.

Von der Zeit an wandte ich alle verstohlenen einsamen Stunden darauf, mein Schauspiel wiederholt zu lesen, es auswendig zu lernen und mir in Gedanken vorzustellen, wie herrlich es sein musste, wenn ich auch die Gestalten dazu mit meinen Fingern beleben konnte. Ich ward daruber in meinen Gedanken selbst zum David und Goliath. In allen Winkeln des Bodens, der Stalle, des Gartens, unter allerlei Umstanden studierte ich das Stuck ganz in mich ein, ergriff alle Rollen und lernte sie auswendig, nur dass ich mich meist an den Platz der Haupthelden zu setzen pflegte und die ubrigen wie Trabanten nur im Gedachtnisse mitlaufen liess. So lagen mir die grossmutigen Reden Davids, mit denen er den ubermutigen Riesen Goliath herausforderte, Tag und Nacht im Sinne; ich murmelte sie oft vor mich hin, niemand gab acht darauf als der Vater, der manchmal einen solchen Ausruf bemerkte und bei sich selbst das gute Gedachtnis seines Knaben pries, der von so wenigem Zuhoren so mancherlei habe behalten konnen.

Hierdurch ward ich immer verwegener und rezitierte eines Abends das Stuck zum grossten Teile vor meiner Mutter, indem ich mir einige Wachsklumpchen zu Schauspielern bereitete. Sie merkte auf, drang in mich, und ich gestand.

Glucklicherweise fiel diese Entdeckung in die Zeit, da der Lieutenant selbst den Wunsch geaussert hatte, mich in diese Geheimnisse einweihen zu durfen. Meine Mutter gab ihm sogleich Nachricht von dem unerwarteten Talente ihres Sohnes, und er wusste nun einzuleiten, dass man ihm ein paar Zimmer im obersten Stocke, die gewohnlich leer standen, uberliess, in deren einem wieder die Zuschauer sitzen, in dem andern die Schauspieler sein, und das Proszenium abermals die Offnung der Ture ausfullen sollte. Der Vater hatte seinem Freunde das alles zu veranstalten erlaubt, er selbst schien nur durch die Finger zu sehen, nach dem Grundsatze, man musse den Kindern nicht merken lassen, wie lieb man sie habe, sie griffen immer zu weit um sich; er meinte, man musse bei ihren Freuden ernst scheinen, und sie ihnen manchmal verderben, damit ihre Zufriedenheit sie nicht ubermassig und ubermutig mache."

Sechstes Kapitel

"Der Lieutenant schlug nunmehr das Theater auf und besorgte das ubrige. Ich merkte wohl, dass er die Woche mehrmals zu ungewohnlicher Zeit ins Haus kam, und vermutete die Absicht. Meine Begierde wuchs unglaublich, da ich wohl fuhlte, dass ich vor Sonnabends keinen Teil an dem, was zubereitet wurde, nehmen durfte. Endlich erschien der gewunschte Tag. Abends um funf Uhr kam mein Fuhrer und nahm mich mit hinauf. Zitternd vor Freude trat ich hinein und erblickte auf beiden Seiten des Gestelles die herabhangenden Puppen in der Ordnung, wie sie auftreten sollten; ich betrachtete sie sorgfaltig, stieg auf den Tritt, der mich uber das Theater erhub, so dass ich nun uber der kleinen Welt schwebte. Ich sah nicht ohne Ehrfurcht zwischen die Brettchen hinunter, weil die Erinnerung, welche herrliche Wirkung das Ganze von aussen tue, und das Gefuhl, in welche Geheimnisse ich eingeweiht sei, mich umfassten. Wir machten einen Versuch, und es ging gut.

Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen war, hielten wir uns trefflich, ausser dass ich in dem Feuer der Aktion meinen Jonathan fallen liess und genotigt war, mit der Hand hinunterzugreifen und ihn zu holen: ein Zufall, der die Illusion sehr unterbrach, ein grosses Gelachter verursachte und mich unsaglich krankte. Auch schien dieses Versehn dem Vater sehr willkommen zu sein, der das grosse Vergnugen, sein Sohnchen so fahig zu sehen, wohlbedachtig nicht an den Tag gab, nach geendigtem Stucke sich gleich an die Fehler hing und sagte, es ware recht artig gewesen, wenn nur dies oder das nicht versagt hatte.

Mich krankte das innig, ich ward traurig fur den Abend, hatte aber am kommenden Morgen allen Verdruss schon wieder verschlafen und war in dem Gedanken selig, dass ich, ausser jenem Ungluck, trefflich gespielt habe. Dazu kam der Beifall der Zuschauer, welche durchaus behaupteten, obgleich der Lieutenant in Absicht der groben und feinen Stimme sehr viel getan habe, so peroriere er doch meist zu affektiert und steif; dagegen spreche der neue Anfanger seinen David und Jonathan vortrefflich; besonders lobte die Mutter den freimutigen Ausdruck, wie ich den Goliath herausgefordert und dem Konige den bescheidenen Sieger vorgestellt habe.

Nun blieb zu meiner grossten Freude das Theater aufgeschlagen, und da der Fruhling herbeikam und man ohne Feuer bestehen konnte, lag ich in meinen Frei- und Spielstunden in der Kammer und liess die Puppen wacker durcheinander spielen. Oft lud ich meine Geschwister und Kameraden hinauf; wenn sie aber auch nicht kommen wollten, war ich allein oben. Meine Einbildungskraft brutete uber der kleinen Welt, die gar bald eine andere Gestalt gewann.

Ich hatte kaum das erste Stuck, wozu Theater und Schauspieler geschaffen und gestempelt waren, etlichemal aufgefuhrt, als es mir schon keine Freude mehr machte. Dagegen waren mir unter den Buchern des Grossvaters die 'Deutsche Schaubuhne' und verschiedene italienisch-deutsche Opern in die Hande gekommen, in die ich mich sehr vertiefte und jedesmal nur erst vorne die Personen uberrechnete, und dann sogleich ohne weiteres zur Auffuhrung des Stuckes schritt. Da musste nun Konig Saul in seinem schwarzen Samtkleide den Chaumigrem, Cato und Darius spielen, wobei zu bemerken ist, dass die Stucke niemals ganz, sondern meistenteils nur die funften Akte, wo es an ein Totstechen ging, aufgefuhrt wurden.

Auch war es naturlich, dass mich die Oper mit ihren mannigfaltigen Veranderungen und Abenteuern mehr als alles anziehen musste. Ich fand darin sturmische Meere, Gotter, die in Wolken herabkommen, und, was mich vorzuglich glucklich machte, Blitze und Donner. Ich half mir mit Pappe, Farbe und Papier, wusste gar trefflich Nacht zu machen, der Blitz war furchterlich anzusehen, nur der Donner gelang nicht immer; doch das hatte so viel nicht zu sagen. Auch fand sich in den Opern mehr Gelegenheit, meinen David und Goliath anzubringen, welches im regelmassigen Drama gar nicht angehen wollte. Ich fuhlte taglich mehr Anhanglichkeit fur das enge Platzchen, wo ich so manche Freude genoss; und ich gestehe, dass der Geruch, den die Puppen aus der Speisekammer an sich gezogen hatten, nicht wenig dazu beitrug.

Die Dekorationen meines Theaters waren nunmehr in ziemlicher Vollkommenheit; denn dass ich von Jugend auf ein Geschick gehabt hatte, mit dem Zirkel umzugehen, Pappe auszuschneiden und Bilder zu illuminieren, kam mir jetzt wohl zustatten. Um desto weher tat es mir, wenn mich gar oft das Personal an Ausfuhrung grosser Sachen hinderte.

Meine Schwestern, indem sie ihre Puppen aus- und ankleideten, erregten in mir den Gedanken, meinen Helden auch nach und nach bewegliche Kleider zu verschaffen. Man trennte ihnen die Lappchen vom Leibe, setzte sie, so gut man konnte, zusammen, sparte sich etwas Geld, kaufte neues Band und Flittern, bettelte sich manches Stuckchen Taft zusammen und schaffte nach und nach eine Theatergarderobe an, in welcher besonders die Reifrocke fur die Damen nicht vergessen waren.

Die Truppe war nun wirklich mit Kleidern fur das grosste Stuck versehen, und man hatte denken sollen, es wurde nun erst recht eine Auffuhrung der andern folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern ofter zu gehen pflegt: sie fassen weite Plane, machen grosse Anstalten, auch wohl einige Versuche, und es bleibt alles zusammen liegen. Dieses Fehlers muss ich mich auch anklagen. Die grosste Freude lag bei mir in der Erfindung und in der Beschaftigung der Einbildungskraft. Dies oder jenes Stuck interessierte mich um irgendeiner Szene willen, und ich liess gleich wieder neue Kleider dazu machen. Uber solchen Anstalten waren die ursprunglichen Kleidungsstucke meiner Helden in Unordnung geraten und verschleppt worden, dass also nicht einmal das erste grosse Stuck mehr aufgefuhrt werden konnte. Ich uberliess mich meiner Phantasie, probierte und bereitete ewig, baute tausend Luftschlosser und spurte nicht, dass ich den Grund des kleinen Gebaudes zerstort hatte."

Wahrend dieser Erzahlung hatte Mariane alle ihre Freundlichkeit gegen Wilhelm aufgeboten, um ihre Schlafrigkeit zu verbergen. So scherzhaft die Begebenheit von einer Seite schien, so war sie ihr doch zu einfach, und die Betrachtungen dabei zu ernsthaft. Sie setzte zartlich ihren Fuss auf den Fuss des Geliebten und gab ihm scheinbare Zeichen ihrer Aufmerksamkeit und ihres Beifalls. Sie trank aus seinem Glase, und Wilhelm war uberzeugt, es sei kein Wort seiner Geschichte auf die Erde gefallen. Nach einer kleinen Pause rief er aus: "Es ist nun an dir, Mariane, mir auch deine ersten jugendlichen Freuden mitzuteilen. Noch waren wir immer zu sehr mit dem Gegenwartigen beschaftigt, als dass wir uns wechselseitig um unsere vorige Lebensweise hatten bekummern konnen. Sage mir: unter welchen Umstanden bist du erzogen? Welche sind die ersten lebhaften Eindrucke, deren du dich erinnerst?"

Diese Fragen wurden Marianen in grosse Verlegenheit gesetzt haben, wenn ihr die Alte nicht sogleich zu Hulfe gekommen ware. "Glauben Sie denn", sagte das kluge Weib, "dass wir auf das, was uns fruher begegnet, so aufmerksam sind, dass wir so artige Begebenheiten zu erzahlen haben, und, wenn wir sie zu erzahlen hatten, dass wir der Sache auch ein solches Geschick zu geben wussten?"

"Als wenn es dessen bedurfte!" rief Wilhelm aus. "Ich liebe dieses zartliche, gute, liebliche Geschopf so sehr, dass mich jeder Augenblick meines Lebens verdriesst, den ich ohne sie zugebracht habe. Lass mich wenigstens durch die Einbildungskraft teil an deinem vergangenen Leben nehmen! Erzahle mir alles, ich will dir alles erzahlen. Wir wollen uns womoglich tauschen und jene fur die Liebe verlornen Zeiten wieder zu gewinnen suchen."

"Wenn Sie so eifrig darauf bestehen, konnen wir Sie wohl befriedigen", sagte die Alte. "Erzahlen Sie uns erst, wie Ihre Liebhaberei zum Schauspiele nach und nach gewachsen sei, wie Sie sich geubt, wie Sie so glucklich zugenommen haben, dass Sie nunmehr fur einen guten Schauspieler gelten konnen? Es hat Ihnen dabei gewiss nicht an lustigen Begebenheiten gemangelt. Es ist nicht der Muhe wert, dass wir uns zur Ruhe legen, ich habe noch eine Flasche in Reserve; und wer weiss, ob wir bald wieder so ruhig und zufrieden zusammensitzen?"

Mariane schaute mit einem traurigen Blick nach ihr auf, den Wilhelm nicht bemerkte und in seiner Erzahlung fortfuhr.

Siebentes Kapitel

"Die Zerstreuungen der Jugend, da meine Gespannschaft sich zu vermehren anfing, taten dem einsamen, stillen Vergnugen Eintrag. Ich war wechselsweise bald Jager, bald Soldat, bald Reiter, wie es unsre Spiele mit sich brachten; doch hatte ich immer darin einen kleinen Vorzug vor den andern, dass ich imstande war, ihnen die notigen Geratschaften schicklich auszubilden. So waren die Schwerter meistens aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein geheimer Instinkt liess mich nicht ruhen, bis ich unsre Miliz ins Antike umgeschaffen hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen Buschen geschmuckt, Schilde, sogar Harnische wurden gemacht, Arbeiten, bei denen die Bedienten im Hause, die etwa Schneider waren, und die Nahterinnen manche Nadel zerbrachen.

Einen Teil meiner jungen Gesellen sah ich nun wohlgerustet; die ubrigen wurden auch nach und nach, doch geringer ausstaffiert, und es kam ein stattliches Korps zusammen. Wir marschierten in Hofen und Garten, schlugen uns brav auf die Schilde und auf die Kopfe; es gab manche Misshelligkeit, die aber bald beigelegt war.

Dieses Spiel, das die andern sehr unterhielt, war kaum etlichemal getrieben worden, als es mich schon nicht mehr befriedigte. Der Anblick so vieler gerusteten Gestalten musste in mir notwendig die Ritterideen aufreizen, die seit einiger Zeit, da ich in das Lesen alter Romane gefallen war, meinen Kopf anfullten.

'Das befreite Jerusalem', davon mir Koppens Ubersetzung in die Hande fiel, gab meinen herumschweifenden Gedanken endlich eine bestimmte Richtung. Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht lesen; es waren aber Stellen, die ich auswendig wusste, deren Bilder mich umschwebten. Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Tun und Lassen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fulle ihres Daseins taten mehr Wirkung auf den Geist, der sich zu entwikkeln anfing, als die gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete.

Aber hundert und hundertmal, wenn ich abends auf dem Altan, der zwischen den Giebeln des Hauses angebracht ist, spazierte, uber die Gegend hinsah und von der hinabgewichenen Sonne ein zitternder Schein am Horizont heraufdammerte, die Sterne hervortraten, aus allen Winkeln und Tiefen die Nacht hervordrang und der klingende Ton der Grillen durch die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir die Geschichte des traurigen Zweikampfs zwischen Tankred und Chlorinden vor.

So sehr ich, wie billig, von der Partei der Christen war, stand ich doch der heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei, als sie unternahm, den grossen Turm der Belagerer anzuzunden. Und wie nun Tankred dem vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter der dustern Hulle der Streit beginnt, und sie gewaltig kampfen ich konnte nie die Worte aussprechen:

'Allein das Lebensmass Chlorindens ist nun voll,

Und ihre Stunde kommt, in der sie sterben soll!',

dass mir nicht die Tranen in die Augen kamen, die reichlich flossen, wie der ungluckliche Liebhaber ihr das Schwert in die Brust stosst, der Sinkenden den Helm lost, sie erkennt und zur Taufe bebend das Wasser holt.

Aber wie ging mir das Herz uber, wenn in dem bezauberten Walde Tankredens Schwert den Baum trifft, Blut nach dem Hiebe fliesst, und eine Stimme ihm in die Ohren tont, dass er auch hier Chlorinden verwunde, dass er vom Schicksal bestimmt sei, das, was er liebt, uberall unwissend zu verletzen!

Es bemachtigte sich die Geschichte meiner Einbildungskraft so, dass sich mir, was ich von dem Gedichte gelesen hatte, dunkel zu einem Ganzen in der Seele bildete, von dem ich dergestalt eingenommen war, dass ich es auf irgendeine Weise vorzustellen gedachte. Ich wollte Tankreden und Reinalden spielen und fand dazu zwei Rustungen ganz bereit, die ich schon gefertiget hatte. Die eine, von dunkelgrauem Papier mit Schuppen, sollte den ernsten Tankred, die andere, von Silber- und Goldpapier, den glanzenden Reinald zieren. In der Lebhaftigkeit meiner Vorstellung erzahlte ich alles meinen Gespannen, die davon ganz entzuckt wurden und nur nicht wohl begreifen konnten, dass das alles aufgefuhrt, und zwar von ihnen aufgefuhrt werden sollte.

Diesen Zweifeln half ich mit vieler Leichtigkeit ab. Ich disponierte gleich uber ein paar Zimmer in eines benachbarten Gespielen Haus, ohne zu berechnen, dass die alte Tante sie nimmermehr hergeben wurde; ebenso war es mit dem Theater, wovon ich auch keine bestimmte Idee hatte, ausser dass man es auf Balken setzen, die Kulissen von geteilten spanischen Wanden hinstellen und zum Grund ein grosses Tuch nehmen musse. Woher aber die Materialien und Geratschaften kommen sollten, hatte ich nicht bedacht.

Fur den Wald fanden wir eine gute Auskunft: wir gaben einem alten Bedienten aus einem der Hauser, der nun Forster geworden war, gute Worte, dass er uns junge Birken und Fichten schaffen mochte, die auch wirklich geschwinder, als wir hoffen konnten, herbeigebracht wurden. Nun aber fand man sich in grosser Verlegenheit, wie man das Stuck, eh' die Baume verdorrten, zustande bringen konne. Da war guter Rat teuer, es fehlte an Platz, am Theater, an Vorhangen. Die spanischen Wande waren das einzige, was wir hatten.

In dieser Verlegenheit gingen wir wieder den Lieutenant an, dem wir eine weitlaufige Beschreibung von der Herrlichkeit machten, die es geben sollte. So wenig er uns begriff, so behulflich war er, schob in eine kleine Stube, was sich von Tischen im Hause und der Nachbarschaft nur finden wollte, aneinander, stellte die Wande darauf, machte eine hintere Aussicht von grunen Vorhangen; die Baume wurden auch gleich mit in die Reihe gestellt.

Indessen war es Abend geworden, man hatte die Lichter angezundet, die Magde und Kinder sassen auf ihren Platzen, das Stuck sollte angehn, die ganze Heldenschar war angezogen; nun spurte aber jeder zum erstenmal, dass er nicht wisse, was er zu sagen habe. In der Hitze der Erfindung, da ich ganz von meinem Gegenstande durchdrungen war, hatte ich vergessen, dass doch jeder wissen musse, was und wo er es zu sagen habe, und in der Lebhaftigkeit der Ausfuhrung war es den ubrigen auch nicht eingefallen; sie glaubten, sie wurden sich leicht als Helden darstellen, leicht so handeln und reden konnen wie die Personen, in deren Welt ich sie versetzt hatte. Sie standen alle erstaunt, fragten sich einander, was zuerst kommen sollte? und ich, der ich mich als Tankred vorne an gedacht hatte, fing, allein auftretend, einige Verse aus dem Heldengedichte herzusagen an. Weil aber die Stelle gar zu bald ins Erzahlende uberging, und ich in meiner eignen Rede endlich als dritte Person vorkam, auch der Gottfried, von dem die Sprache war, nicht herauskommen wollte, so musste ich unter grossem Gelachter meiner Zuschauer eben wieder abziehen, ein Unfall, der mich tief in der Seele krankte. Verungluckt war die Expedition; die Zuschauer sassen da und wollten etwas sehen. Gekleidet waren wir; ich raffte mich zusammen und entschloss mich kurz und gut, David und Goliath zu spielen. Einige der Gesellschaft hatten ehemals das Puppenspiel mit mir aufgefuhrt, alle hatten es oft gesehen; man teilte die Rollen aus, es versprach jeder sein Bestes zu tun, und ein kleiner drolliger Junge malte sich einen schwarzen Bart, um wenn ja eine Lucke einfallen sollte, sie als Hanswurst mit einer Posse auszufullen, eine Anstalt, die ich, als dem Ernste des Stuckes zuwider, sehr ungern geschehen liess. Doch schwur ich mir, wenn ich nur einmal aus dieser Verlegenheit gerettet ware, mich nie, als mit der grossten Uberlegung, an die Vorstellung eines Stucks zu wagen."

Achtes Kapitel

Mariane, vom Schlaf uberwaltigt, lehnte sich an ihren Geliebten, der sie fest an sich druckte und in seiner Erzahlung fortfuhr, indes die Alte den Uberrest des Weins mit gutem Bedachte genoss.

"Die Verlegenheit", sagte er, "in der ich mich mit meinen Freunden befunden hatte, indem wir ein Stuck, das nicht existierte, zu spielen unternahmen, war bald vergessen. Meiner Leidenschaft, jeden Roman, den ich las, jede Geschichte, die man mich lehrte, in einem Schauspiele darzustellen, konnte selbst der unbiegsamste Stoff nicht widerstehen. Ich war vollig uberzeugt, dass alles, was in der Erzahlung ergotzte, vorgestellt eine viel grossere Wirkung tun musse; alles sollte vor meinen Augen, alles auf der Buhne vorgehen. Wenn uns in der Schule die Weltgeschichte vorgetragen wurde, zeichnete ich mir sorgfaltig aus, wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder vergiftet wurde, und meine Einbildungskraft sah uber Exposition und Verwicklung hinweg und eilte dem interessanten funften Akte zu. So fing ich auch wirklich an, einige Stucke von hinten hervor zu schreiben, ohne dass ich auch nur bei einem einzigen bis zum Anfange gekommen ware.

Zu gleicher Zeit las ich, teils aus eignem Antrieb, teils auf Veranlassung meiner guten Freunde, welche in den Geschmack gekommen waren, Schauspiele aufzufuhren, einen ganzen Wust theatralischer Produktionen durch, wie sie der Zufall mir in die Hande fuhrte. Ich war in den glucklichen Jahren, wo uns noch alles gefallt, wo wir in der Menge und Abwechslung unsre Befriedigung finden. Leider aber ward mein Urteil noch auf eine andere Weise bestochen. Die Stucke gefielen mir besonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige, die ich nicht in dieser angenehmen Tauschung durchlas; und meine lebhafte Vorstellungskraft, da ich mich in alle Rollen denken konnte, verfuhrte mich, zu glauben, dass ich auch alle darstellen wurde; gewohnlich wahlte ich daher bei der Austeilung diejenigen, welche sich gar nicht fur mich schickten, und, wenn es nur einigermassen angehn wollte, wohl gar ein paar Rollen.

Kinder wissen beim Spiele aus allem alles zu machen: ein Stab wird zur Flinte, ein Stuckchen Holz zum Degen, jedes Bundelchen zur Puppe und jeder Winkel zur Hutte. In diesem Sinne entwickelte sich unser Privattheater. Bei der volligen Unkenntnis unserer Krafte unternahmen wir alles, bemerkten kein qui pro quo und waren uberzeugt, jeder musse uns dafur nehmen, wofur wir uns gaben. Leider ging alles einen so gemeinen Gang, dass mir nicht einmal eine merkwurdige Albernheit zu erzahlen ubrigbleibt. Erst spielten wir die wenigen Stucke durch, in welchen nur Mannspersonen auftreten; dann verkleideten wir einige aus unserm Mittel und zogen zuletzt die Schwestern mit ins Spiel. In einigen Hausern hielt man es fur eine nutzliche Beschaftigung und lud Gesellschaften darauf. Unser Artillerielieutenant verliess uns auch hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen und gehen, deklamieren und gestikulieren sollten; allein er erntete fur seine Bemuhung meistens wenig Dank, indem wir die theatralischen Kunste schon besser als er zu verstehen glaubten.

Wir verfielen gar bald auf das Trauerspiel; denn wir hatten oft sagen horen und glaubten selbst, es sei leichter, eine Tragodie zu schreiben und vorzustellen, als im Lustspiele vollkommen zu sein. Auch fuhlten wir uns beim ersten tragischen Versuche ganz in unserm Elemente; wir suchten uns der Hohe des Standes, der Vortrefflichkeit der Charaktere durch Steifheit und Affektation zu nahern und dunkten uns durchaus nicht wenig; allein vollkommen glucklich waren wir nur, wenn wir recht rasen, mit den Fussen stampfen und uns wohl gar vor Wut und Verzweiflung auf die Erde werfen durften.

Knaben und Madchen waren in diesen Spielen nicht lange beisammen, als die Natur sich zu regen und die Gesellschaft sich in verschiedene kleine Liebesgeschichten zu teilen anfing, da denn meistenteils Komodie in der Komodie gespielt wurde. Die glucklichen Paare druckten sich hinter den Theaterwanden die Hande auf das zartlichste; sie verschwammen in Gluckseligkeit, wenn sie einander, so bebandert und aufgeschmuckt, recht idealisch vorkamen, indes gegenuber die unglucklichen Nebenbuhler sich vor Neid verzehrten und mit Trotz und Schadenfreude allerlei Unheil anrichteten.

Diese Spiele, obgleich ohne Verstand unternommen und ohne Anleitung durchgefuhrt, waren doch nicht ohne Nutzen fur uns. Wir ubten unser Gedachtnis und unsern Korper und erlangten mehr Geschmeidigkeit im Sprechen und Betragen, als man sonst in so fruhen Jahren gewinnen kann. Fur mich aber war jene Zeit besonders Epoche, mein Geist richtete sich ganz nach dem Theater, und ich fand kein grosser Gluck, als Schauspiele zu lesen, zu schreiben und zu spielen.

Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort; man hatte mich dem Handelsstand gewidmet und zu unserm Nachbar auf das Comptoir getan; aber eben zu selbiger Zeit entfernte sich mein Geist nur gewaltsamer von allem, was ich fur ein niedriges Geschaft halten musste. Der Buhne wollte ich meine ganze Tatigkeit widmen, auf ihr mein Gluck und meine Zufriedenheit finden.

Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das sich unter meinen Papieren finden muss, in welchem die Muse der tragischen Dichtkunst und eine andere Frauengestalt, in der ich das Gewerbe personifiziert hatte, sich um meine werte Person recht wacker zanken. Die Erfindung ist gemein, und ich erinnere mich nicht, ob die Verse etwas taugen; aber ihr sollt es sehen, um der Furcht, des Abscheues, der Liebe und der Leidenschaft willen, die darin herrschen. Wie angstlich hatte ich die alte Hausmutter geschildert mit dem Rocken im Gurtel, mit Schlusseln an der Seite, Brillen auf der Nase, immer fleissig, immer in Unruhe, zankisch und haushaltisch, kleinlich und beschwerlich! Wie kummerlich beschrieb ich den Zustand dessen, der sich unter ihrer Rute bucken und sein knechtisches Tagewerk im Schweisse des Angesichtes verdienen sollte!

Wie anders trat jene dagegen auf! Welche Erscheinung ward sie dem bekummerten Herzen! Herrlich gebildet, in ihrem Wesen und Betragen als eine Tochter der Freiheit anzusehen. Das Gefuhl ihrer selbst gab ihr Wurde und Stolz; ihre Kleider ziemten ihr, sie umhullten jedes Glied, ohne es zu zwangen, und die reichlichen Falten des Stoffes wiederholten wie ein tausendfaches Echo die reizenden Bewegungen der Gottlichen. Welch ein Kontrast! Und auf welche Seite sich mein Herz wandte, kannst du leicht denken. Auch war nichts vergessen, um meine Muse kenntlich zu machen. Kronen und Dolche, Ketten und Masken, wie sie mir meine Vorganger uberliefert hatten, waren ihr auch hier zugeteilt. Der Wettstreit war heftig, die Reden beider Personen kontrastierten gehorig, da man im vierzehnten Jahre gewohnlich das Schwarze und Weisse recht nah aneinander zu malen pflegt. Die Alte redete, wie es einer Person geziemt, die eine Stecknadel aufhebt, und jene wie eine, die Konigreiche verschenkt. Die warnenden Drohungen der Alten wurden verschmaht; ich sah die mir versprochenen Reichtumer schon mit dem Rucken an; enterbt und nackt ubergab ich mich der Muse, die mir ihren goldnen Schleier zuwarf und meine Blosse bedeckte.

Hatte ich denken konnen, o meine Geliebte", rief er aus, indem er Marianen fest an sich druckte, "dass eine ganz andere, eine lieblichere Gottheit kommen, mich in meinem Vorsatz starken, mich auf meinem Wege begleiten wurde, welch eine schonere Wendung wurde mein Gedicht genommen haben, wie interessant wurde nicht der Schluss desselben geworden sein! Doch es ist kein Gedicht, es ist Wahrheit und Leben, was ich in deinen Armen finde; lass uns das susse Gluck mit Bewusstsein geniessen!"

Durch den Druck seines Armes, durch die Lebhaftigkeit seiner erhohten Stimme war Mariane erwacht und verbarg durch Liebkosungen ihre Verlegenheit; denn sie hatte auch nicht ein Wort von dem letzten Teile seiner Erzahlung vernommen, und es ist zu wunschen, dass unser Held fur seine Lieblingsgeschichten aufmerksamere Zuhorer kunftig finden moge.

Neuntes Kapitel

So brachte Wilhelm seine Nachte im Genusse vertraulicher Liebe, seine Tage in Erwartung neuer seliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als ihn Verlangen und Hoffnung zu Marianen hinzog, fuhlte er sich wie neu belebt, er fuhlte, dass er ein anderer Mensch zu werden beginne; nun war er mit ihr vereinigt, die Befriedigung seiner Wunsche ward eine reizende Gewohnheit. Sein Herz strebte, den Gegenstand seiner Leidenschaft zu veredeln, sein Geist, das geliebte Madchen mit sich emporzuheben. In der kleinsten Abwesenheit ergriff ihn ihr Andenken. War sie ihm sonst notwendig gewesen, sowar sie ihm jetzt unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menschheit an sie geknupft war. Seine reine Seele fuhlte, dass sie die Halfte, mehr als die Halfte seiner selbst sei. Er war dankbar und hingegeben ohne Grenzen.

Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang tauschen; sie teilte die Empfindung seines lebhaften Glucks mit ihm. Ach! wenn nur nicht manchmal die kalte Hand des Vorwurfs ihr uber das Herz gefahren ware! Selbst an dem Busen Wilhelms war sie nicht sicher davor, selbst unter den Flugeln seiner Liebe. Und wenn sie nun gar wieder allein war und aus den Wolken, in denen seine Leidenschaft sie emportrug, in das Bewusstsein ihres Zustandes herabsank, dann war sie zu bedauern. Denn Leichtsinn kam ihr zu Hulfe, solange sie in niedriger Verworrenheit lebte, sich uber ihre Verhaltnisse betrog oder vielmehr sie nicht kannte; da erschienen ihr die Vorfalle, denen sie ausgesetzt war, nur einzeln: Vergnugen und Verdruss losten sich ab, Demutigung wurde durch Eitelkeit, und Mangel oft durch augenblicklichen Uberfluss vergutet; sie konnte Not und Gewohnheit sich als Gesetz und Rechtfertigung anfuhren, und so lange liessen sich alle unangenehmen Empfindungen von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage abschutteln. Nun aber hatte das arme Madchen sich Augenblicke in eine bessere Welt hinubergeruckt gefuhlt, hatte, wie von oben herab, aus Licht und Freude ins Ode, Verworfene ihres Lebens hinuntergesehen, hatte gefuhlt, welche elende Kreatur ein Weib ist, das mit dem Verlangen nicht zugleich Liebe und Ehrfurcht einflosst, und fand sich ausserlich und innerlich um nichts gebessert. Sie hatte nichts, was sie aufrichten konnte. Wenn sie in sich blickte und suchte, war es in ihrem Geiste leer, und ihr Herz hatte keinen Widerhalt. Je trauriger dieser Zustand war, desto heftiger schloss sich ihre Neigung an den Geliebten fest; ja, die Leidenschaft wuchs mit jedem Tage, wie die Gefahr, ihn zu verlieren, mit jedem Tage naher ruckte.

Dagegen schwebte Wilhelm glucklich in hoheren Regionen, ihm war auch eine neue Welt aufgegangen, aber reich an herrlichen Aussichten. Kaum liess das Ubermass der ersten Freude nach, so stellte sich das hell vor seine Seele, was ihn bisher dunkel durchwuhlt hatte. "Sie ist dein! Sie hat sich dir hingegeben! Sie, das geliebte, gesuchte, angebetete Geschopf, dir auf Treu und Glauben hingegeben; aber sie hat sich keinem Undankbaren uberlassen." Wo er stand und ging, redete er mit sich selbst; sein Herz floss bestandig uber, und er sagte sich in einer Fulle von prachtigen Worten die erhabensten Gesinnungen vor. Er glaubte den hellen Wink des Schicksals zu verstehen, das ihm durch Marianen die Hand reichte, sich aus dem stockenden, schleppenden burgerlichen Leben herauszureissen, aus dem er schon so lange sich zu retten gewunscht hatte. Seines Vaters Haus, die Seinigen zu verlassen, schien ihm etwas Leichtes. Er war jung und neu in der Welt, und sein Mut, in ihren Weiten nach Gluck und Befriedigung zu rennen, durch die Liebe erhoht. Seine Bestimmung zum Theater war ihm nunmehr klar; das hohe Ziel, das er sich vorgesteckt sah, schien ihm naher, indem er an Marianens Hand hinstrebte, und in selbstgefalliger Bescheidenheit erblickte er in sich den trefflichen Schauspieler, den Schopfer eines kunftigen Nationaltheaters, nach dem er so vielfaltig hatte seufzen horen. Alles, was in den innersten Winkeln seiner Seele bisher geschlummert hatte, wurde rege. Er bildete aus den vielerlei Ideen mit Farben der Liebe ein Gemalde auf Nebelgrund, dessen Gestalten freilich sehr ineinander flossen; dafur aber auch das Ganze eine desto reizendere Wirkung tat.

Zehntes Kapitel

Er sass nun zu Hause, kramte unter seinen Papieren und rustete sich zur Abreise. Was nach seiner bisherigen Bestimmung schmeckte, ward beiseitegelegt; er wollte bei seiner Wanderung in die Welt auch von jeder unangenehmen Erinnerung frei sein. Nur Werke des Geschmacks, Dichter und Kritiker, wurden als bekannte Freunde unter die Erwahlten gestellt; und da er bisher die Kunstrichter sehr wenig genutzt hatte, so erneuerte sich seine Begierde nach Belehrung, als er seine Bucher wieder durchsah und fand, dass die theoretischen Schriften noch meist unaufgeschnitten waren. Er hatte sich, in der volligen Uberzeugung von der Notwendigkeit solcher Werke, viele davon angeschafft, und mit dem besten Willen in keines auch nur bis in die Halfte sich hineinlesen konnen.

Dagegen hatte er sich desto eifriger an Beispiele gehalten, und in allen Arten, die ihm bekannt worden waren, selbst Versuche gemacht.

Werner trat herein, und als er seinen Freund mit den bekannten Heften beschaftigt sah, rief er aus: "Bist du schon wieder uber diesen Papieren? Ich wette, du hast nicht die Absicht, eins oder das andere zu vollenden! Du siehst sie durch und wieder durch und beginnst allenfalls etwas Neues."

"Zu vollenden ist nicht die Sache des Schulers, es ist genug, wenn er sich ubt."

"Aber doch fertig macht, so gut er kann."

"Und doch liesse sich wohl die Frage aufwerfen, ob man nicht eben gute Hoffnung von einem jungen Menschen fassen konne, der bald gewahr wird, wenn er etwas Ungeschicktes unternommen hat, in der Arbeit nicht fortfahrt und an etwas, das niemals einen Wert haben kann, weder Muhe noch Zeit verschwenden mag."

"Ich weiss wohl, es war nie deine Sache, etwas zustande zu bringen, du warst immer mude, eh' es zur Halfte kam. Da du noch Direktor unsers Puppenspiels warst, wie oft wurden neue Kleider fur die Zwerggesellschaft gemacht, neue Dekorationen ausgeschnitten! Bald sollte dieses, bald jenes Trauerspiel aufgefuhrt werden, und hochstens gabst du einmal den funften Akt, wo alles recht bunt durcheinander ging und die Leute sich erstachen."

"Wenn du von jenen Zeiten sprechen willst: wer war denn schuld, dass wir die Kleider, die unsern Puppen angepasst und auf den Leib festgenaht waren, heruntertrennen liessen und den Aufwand einer weitlaufigen und unnutzen Garderobe machten? Warst du's nicht, der immer ein neues Stuck Band zu verhandeln hatte, der meine Liebhaberei anzufeuern und zu nutzen wusste?"

Werner lachte und rief aus: "Ich erinnere mich immer noch mit Freuden, dass ich von euren theatralischen Feldzugen Vorteil zog wie Lieferanten vom Kriege. Als ihr euch zur Befreiung Jerusalems rustetet, machte ich auch einen schonen Profit, wie ehemals die Venezianer im ahnlichen Falle. Ich finde nichts vernunftiger in der Welt, als von den Torheiten anderer Vorteil zu ziehen."

"Ich weiss nicht, ob es nicht ein edleres Vergnugen ware, die Menschen von ihren Torheiten zu heilen."

"Wie ich sie kenne, mochte das wohl ein eitles Bestreben sein. Es gehort schon etwas dazu, wenn ein einziger Mensch klug und reich werden soll, und meistens wird er es auf Unkosten der andern."

"Es fallt mir eben recht der 'Jungling am Scheidewege' in die Hande", versetzte Wilhelm, indem er ein Heft aus den ubrigen Papieren herauszog; "das ist doch fertig geworden, es mag ubrigens sein, wie es will."

"Leg' es beiseite, wirf es ins Feuer!" versetzte Werner. "Die Erfindung ist nicht im geringsten lobenswurdig; schon vormals argerte mich diese Komposition genug und zog dir den Unwillen des Vaters zu. Es mogen ganz artige Verse sein; aber die Vorstellungsart ist grundfalsch. Ich erinnere mich noch deines personifizierten Gewerbes, deiner zusammengeschrumpften erbarmlichen Sibylle. Du magst das Bild in irgendeinem elenden Kramladen aufgeschnappt haben. Von der Handlung hattest du damals keinen Begriff; ich wusste nicht, wessen Geist ausgebreiteter ware, ausgebreiteter sein musste als der Geist eines echten Handelsmannes. Welchen Uberblick verschafft uns nicht die Ordnung, in der wir unsere Geschafte fuhren! Sie lasst uns jederzeit das Ganze uberschauen, ohne dass wir notig hatten, uns durch das Einzelne verwirren zu lassen. Welche Vorteile gewahrt die doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es ist eine der schonsten Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder gute Haushalter sollte sie in seiner Wirtschaft einfuhren."

"Verzeih mir", sagte Wilhelm lachelnd, "du fangst von der Form an, als wenn das die Sache ware; gewohnlich vergesst ihr aber auch uber eurem Addieren und Bilancieren das eigentliche Fazit des Lebens."

"Leider siehst du nicht, mein Freund, wie Form und Sache hier nur eins ist, eins ohne das andere nicht bestehen konnte. Ordnung und Klarheit vermehrt die Lust zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der ubel haushalt, befindet sich in der Dunkelheit sehr wohl; er mag die Posten nicht gerne zusammenrechnen, die er schuldig ist. Dagegen kann einem guten Wirte nichts angenehmer sein, als sich alle Tage die Summe seines wachsenden Glucks zu ziehen. Selbst ein Unfall, wenn er ihn verdriesslich uberrascht, erschreckt ihn nicht; denn er weiss sogleich, was fur erworbene Vorteile er auf die andere Waagschale zu legen hat. Ich bin uberzeugt, mein lieber Freund, wenn du nur einmal einen rechten Geschmack an unsern Geschaften finden konntest, so wurdest du dich uberzeugen, dass manche Fahigkeiten des Geistes auch dabei ihr freies Spiel haben konnen."

"Es ist moglich, dass mich die Reise, die ich vorhabe, auf andere Gedanken bringt."

"O gewiss! Glaube mir, es fehlt dir nur der Anblick einer grossen Tatigkeit, um dich auf immer zu dem Unsern zu machen; und wenn du zuruckkommst, wirst du dich gern zu denen gesellen, die durch alle Arten von Spedition und Spekulation einen Teil des Geldes und Wohlbefindens, das in der Welt seinen notwendigen Kreislauf fuhrt, an sich zu reissen wissen. Wirf einen Blick auf die naturlichen und kunstlichen Produkte aller Weltteile, betrachte, wie sie wechselsweise zur Notdurft geworden sind! Welch eine angenehme, geistreiche Sorgfalt ist es, alles, was in dem Augenblicke am meisten gesucht wird und doch bald fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsichtig in Vorrat zu setzen und den Vorteil jedes Augenblickes dieser grossen Zirkulation zu geniessen! Dies ist, dunkt mich, was jedem, der Kopf hat, eine grosse Freude machen wird."

Wilhelm schien nicht abgeneigt, und Werner fuhr fort: "Besuche nur erst ein paar grosse Handelsstadte, ein paar Hafen, und du wirst gewiss mit fortgerissen werden. Wenn du siehst, wie viele Menschen beschaftiget sind; wenn du siehst, wo so manches herkommt, wo es hingeht, so wirst du es gewiss auch mit Vergnugen durch deine Hande gehen sehen. Die geringste Ware siehst du im Zusammenhange mit dem ganzen Handel, und eben darum haltst du nichts fur gering, weil alles die Zirkulation vermehrt, von welcher dein Leben seine Nahrung zieht."

Werner, der seinen richtigen Verstand in dem Umgange mit Wilhelm ausbildete, hatte sich gewohnt, auch an sein Gewerbe, an seine Geschafte mit Erhebung der Seele zu denken, und glaubte immer, dass er es mit mehrerem Rechte tue als sein sonst verstandiger und geschatzter Freund, der, wie es ihm schien, auf das Unreellste von der Welt einen so grossen Wert und das Gewicht seiner ganzen Seele legte. Manchmal dachte er, es konne gar nicht fehlen, dieser falsche Enthusiasmus musse zu uberwaltigen und ein so guter Mensch auf den rechten Weg zu bringen sein. In dieser Hoffnung fuhr er fort: "Es haben die Grossen dieser Welt sich der Erde bemachtiget, sie leben in Herrlichkeit und Uberfluss. Der kleinste Raum unsers Weltteils ist schon in Besitz genommen, jeder Besitz befestigt, Amter und andere burgerliche Geschafte tragen wenig ein; wo gibt es nun noch einen rechtmassigeren Erwerb, eine billigere Eroberung als den Handel? Haben die Fursten dieser Welt die Flusse, die Wege, die Hafen in ihrer Gewalt und nehmen von dem, was durch- und vorbeigeht, einen starken Gewinn: sollen wir nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen und durch unsere Tatigkeit auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die teils das Bedurfnis, teils der Ubermut den Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir versichern, wenn du nur deine dichterische Einbildungskraft anwenden wolltest, so konntest du meine Gottin als eine unuberwindliche Siegerin der deinigen kuhn entgegenstellen. Sie fuhrt freilich lieber den Olzweig als das Schwert; Dolch und Ketten kennt sie gar nicht; aber Kronen teilet sie auch ihren Lieblingen aus, die, es sei ohne Verachtung jener gesagt, von echtem, aus der Quelle geschopftem Golde und von Perlen glanzen, die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre immer geschaftigen Diener geholt hat."

Wilhelmen verdross dieser Ausfall ein wenig, doch verbarg er seine Empfindlichkeit; denn er erinnerte sich, dass Werner auch seine Apostrophen mit Gelassenheit anzuhoren pflegte. Ubrigens war er billig genug, um gerne zu sehen, wenn jeder von seinem Handwerk aufs beste dachte; nur musste man ihm das seinige, dem er sich mit Leidenschaft gewidmet hatte, unangefochten lassen.

"Und dir", rief Werner aus, "der du an menschlichen Dingen so herzlichen Anteil nimmst, was wird es dir fur ein Schauspiel sein, wenn du das Gluck, das mutige Unternehmungen begleitet, vor deinen Augen den Menschen wirst gewahrt sehen! Was ist reizender als der Anblick eines Schiffes, das von einer glucklichen Fahrt wieder anlangt, das von einem reichen Fange fruhzeitig zuruckkehrt! Nicht der Verwandte, der Bekannte, der Teilnehmer allein, ein jeder fremde Zuschauer wird hingerissen, wenn er die Freude sieht, mit welcher der eingesperrte Schiffer ans Land springt, noch ehe sein Fahrzeug es ganz beruhrt, sich wieder frei fuhlt und nunmehr das, was er dem falschen Wasser entzogen, der getreuen Erde anvertrauen kann. Nicht in Zahlen allein, mein Freund, erscheint uns der Gewinn; das Gluck ist die Gottin der lebendigen Menschen, und um ihre Gunst wahrhaft zu empfinden, muss man leben und Menschen sehen, die sich recht lebendig bemuhen und recht sinnlich geniessen."

Eilftes Kapitel

Es ist nun Zeit, dass wir auch die Vater unsrer beiden Freunde naher kennenlernen: ein paar Manner von sehr verschiedener Denkungsart, deren Gesinnungen aber darin ubereinkamen, dass sie den Handel fur das edelste Geschaft hielten und beide hochst aufmerksam auf jeden Vorteil waren, den ihnen irgendeine Spekulation bringen konnte. Der alte Meister hatte gleich nach dem Tode seines Vaters eine kostbare Sammlung von Gemalden, Zeichnungen, Kupferstichen und Antiquitaten ins Geld gesetzt, sein Haus nach dem neuesten Geschmacke von Grund aus aufgebaut und mobliert und sein ubriges Vermogen auf alle mogliche Weise gelten gemacht. Einen ansehnlichen Teil davon hat er dem alten Werner in die Handlung gegeben, der als ein tatiger Handelsmann beruhmt war, und dessen Spekulationen gewohnlich durch das Gluck begunstigt wurden. Nichts wunschte aber der alte Meister so sehr, als seinem Sohne Eigenschaften zu geben, die ihm selbst fehlten, und seinen Kindern Guter zu hinterlassen, auf deren Besitz er den grossten Wert legte. Zwar empfand er eine besondere Neigung zum Prachtigen, zu dem, was in die Augen fallt, das aber auch zugleich einen innern Wert und eine Dauer haben sollte. In seinem Hause musste alles solid und massiv sein, der Vorrat reichlich, das Silbergeschirr schwer, das Tafelservice kostbar; dagegen waren die Gaste selten, denn eine jede Mahlzeit ward ein Fest, das sowohl wegen der Kosten als wegen der Unbequemlichkeit nicht oft wiederholt werden konnte. Sein Haushalt ging einen gelassenen und einformigen Schritt, und alles, was sich darin bewegte und erneuerte, war gerade das, was niemanden einigen Genuss gab.

Ein ganz entgegengesetztes Leben fuhrte der alte Werner in einem dunkeln und finstern Hause. Hatte er seine Geschafte in der engen Schreibstube am uralten Pulte vollendet, so wollte er gut essen und womoglich noch besser trinken; auch konnte er das Gute nicht allein geniessen: neben seiner Familie musste er seine Freunde, alle Fremden, die nur mit seinem Hause in einiger Verbindung standen, immer bei Tische sehen; seine Stuhle waren uralt, aber er lud taglich jemanden ein, darauf zu sitzen. Die guten Speisen zogen die Aufmerksamkeit der Gaste auf sich, und niemand bemerkte, dass sie in gemeinem Geschirr aufgetragen wurden. Sein Keller hielt nicht viel Wein, aber der ausgetrunkene ward gewohnlich durch einen bessern ersetzt.

So lebten die beiden Vater, welche ofter zusammenkamen, sich wegen gemeinschaftlicher Geschafte beratschlagten und eben heute die Versendung Wilhelms in Handelsangelegenheiten beschlossen.

"Er mag sich in der Welt umsehen", sagte der alte Meister, "und zugleich unsre Geschafte an fremden Orten betreiben; man kann einem jungen Menschen keine grossere Wohltat erweisen, als wenn man ihn zeitig in die Bestimmung seines Lebens einweiht. Ihr Sohn ist von seiner Expedition so glucklich zuruckgekommen, hat seine Geschafte so gut zu machen gewusst, dass ich recht neugierig bin, wie sich der meinige betragt; ich furchte, er wird mehr Lehrgeld geben als der Ihrige."

Der alte Meister, welcher von seinem Sohne und dessen Fahigkeiten einen grossen Begriff hatte, sagte diese Worte in Hoffnung, dass sein Freund ihm widersprechen und die vortrefflichen Gaben des jungen Mannes herausstreichen sollte. Allein hierin betrog er sich; der alte Werner, der in praktischen Dingen niemanden traute als dem, den er gepruft hatte, versetzte gelassen: "Man muss alles versuchen; wir konnen ihn ebendenselben Weg schicken, wir geben ihm eine Vorschrift, wornach er sich richtet; es sind verschiedene Schulden einzukassieren, alte Bekanntschaften zu erneuern, neue zu machen. Er kann auch die Spekulation, mit der ich Sie neulich unterhielt, befordern helfen; denn ohne genaue Nachrichten an Ort und Stelle zu sammeln, lasst sich dabei wenig tun."

"Er mag sich vorbereiten", versetzte der alte Meister, "und so bald als moglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd fur ihn her, das sich zu dieser Expedition schickt?"

"Wir werden nicht weit darnach suchen. Ein Kramer in H..., der uns noch einiges schuldig, aber sonst ein guter Mann ist, hat mir eins an Zahlungs Statt angeboten; mein Sohn kennt es, es soll ein recht brauchbares Tier sein."

"Er mag es selbst holen, mag mit dem Postwagen hinuberfahren, so ist er ubermorgen beizeiten wieder da; man macht ihm indessen den Mantelsack und die Briefe zurechte, und so kann er zu Anfang der kunftigen Woche aufbrechen."

Wilhelm wurde gerufen, und man machte ihm den Entschluss bekannt. Wer war froher als er, da er die Mittel zu seinem Vorhaben in seinen Handen sah, da ihm die Gelegenheit ohne sein Mitwirken zubereitet worden! So gross war seine Leidenschaft, so rein seine Uberzeugung, er handle vollkommen recht, sich dem Drucke seines bisherigen Lebens zu entziehen und einer neuen, edlern Bahn zu folgen, dass sein Gewissen sich nicht im mindesten regte, keine Sorge in ihm entstand, ja dass er vielmehr diesen Betrug fur heilig hielt. Er war gewiss, dass ihn Eltern und Verwandte in der Folge fur diesen Schritt preisen und segnen sollten, er erkannte den Wink eines leitenden Schicksals an diesen zusammentreffenden Umstanden.

Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis zur Stunde, in der er seine Geliebte wiedersehen sollte! Er sass auf seinem Zimmer und uberdachte seinen Reiseplan, wie ein kunstlicher Dieb oder Zauberer in der Gefangenschaft manchmal die Fusse aus den festgeschlossenen Ketten herauszieht, um die Uberzeugung bei sich zu nahren, dass seine Rettung moglich, ja noch naher sei, als kurzsichtige Wachter glauben.

Endlich schlug die nachtliche Stunde; er entfernte sich aus seinem Hause, schuttelte allen Druck ab und wandelte durch die stillen Gassen. Auf dem grossen Platze hub er seine Hande gen Himmel, fuhlte alles hinter und unter sich; er hatte sich von allem losgemacht. Nun dachte er sich in den Armen seiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem blendenden Theatergeruste; er schwebte in einer Fulle von Hoffnungen, und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des Nachtwachters, dass er noch auf dieser Erde wandle.

Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, und wie schon! wie lieblich! In dem neuen weissen Neglige empfing sie ihn; er glaubte sie noch nie so reizend gesehen zu haben. So weihte sie das Geschenk des abwesenden Liebhabers in den Armen des gegenwartigen ein, und mit wahrer Leidenschaft verschwendete sie den ganzen Reichtum ihrer Liebkosungen, welche ihr die Natur eingab, welche die Kunst sie gelehrt hatte, an ihren Liebling; und man frage, ob er sich glucklich, ob er sich selig fuhlte.

Er entdeckte ihr, was vorangegangen war, und liess ihr im allgemeinen seinen Plan, seine Wunsche sehen. Er wolle unterzukommen suchen, sie alsdann abholen, er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versagen. Das arme Madchen aber schwieg, verbarg ihre Tranen und druckte den Freund an ihre Brust, der, ob er gleich ihr Verstummen auf das gunstigste auslegte, doch eine Antwort gewunscht hatte, besonders da er sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freundlichste fragte, ob er sich denn nicht Vater glauben durfe. Aber auch darauf antwortete sie nur mit einem Seufzer, einem Kusse.

Zwolftes Kapitel

Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer Betrubnis; sie fand sich sehr allein, mochte den Tag nicht sehen, blieb im Bette und weinte. Die Alte setzte sich zu ihr, suchte ihr einzureden, sie zu trosten; aber es gelang ihr nicht, das verwundete Herz so schnell zu heilen. Nun war der Augenblick nahe, dem das arme Madchen wie dem letzten ihres Lebens entgegengesehen hatte. Konnte man sich auch in einer angstlichern Lage fuhlen? Ihr Geliebter entfernte sich, ein unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, und das grosste Unheil stand bevor, wenn beide, wie es leicht moglich war, einmal zusammentreffen sollten.

"Beruhige dich, Liebchen", rief die Alte, "verweine mir deine schonen Augen nicht! Ist es denn ein so grosses Ungluck, zwei Liebhaber zu besitzen? Und wenn du auch deine Zartlichkeit nur dem einen schenken kannst, so sei wenigstens dankbar gegen den andern, der nach der Art, wie er fur dich sorgt, gewiss dein Freund genannt zu werden verdient."

"Es ahnte meinem Geliebten", versetzte Mariane dagegen mit Tranen, "dass uns eine Trennung bevorstehe; ein Traum hat ihm entdeckt, was wir ihm so sorgfaltig zu verbergen suchen. Er schlief so ruhig an meiner Seite. Auf einmal hore ich ihn angstliche, unvernehmliche Tone stammeln. Mir wird bange, und ich wecke ihn auf. Ach! mit welcher Liebe, mit welcher Zartlichkeit, mit welchem Feuer umarmt er mich! 'O Mariane!' rief er aus 'welchem schrecklichen Zustande hast du mich entrissen! Wie soll ich dir danken, dass du mich aus dieser Holle befreit hast? Mir traumte', fuhr er fort, 'ich befande mich, entfernt von dir, in einer unbekannten Gegend; aber dein Bild schwebte mir vor; ich sah dich auf einem schonen Hugel, die Sonne beschien den ganzen Platz; wie reizend kamst du mir vor! Aber es wahrte nicht lange, so sah ich dein Bild hinuntergleiten, immer hinuntergleiten; ich streckte meine Arme nach dir aus, sie reichten nicht durch die Ferne. Immer sank dein Bild und naherte sich einem grossen See, der am Fusse des Hugels weit ausgebreitet lag, eher ein Sumpf als ein See. Auf einmal gab dir ein Mann die Hand; er schien dich hin auffuhren zu wollen, aber leitete dich seitwarts und schien dich nach sich zu ziehen. Ich rief, da ich dich nicht erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte ich gehen, so schien der Boden mich festzuhalten; konnt' ich gehen, so hinderte mich das Wasser, und sogar mein Schreien erstickte in der beklemmten Brust.' So erzahlte der Arme, indem er sich von seinem Schrecken an meinem Busen erholte und sich glucklich pries, einen furchterlichen Traum durch die seligste Wirklichkeit verdrangt zu sehen."

Die Alte suchte so viel moglich durch ihre Prose die Poesie ihrer Freundin ins Gebiet des gemeinen Lebens herunterzulocken, und bediente sich dabei der guten Art, welche Vogelstellern zu gelingen pflegt, indem sie durch ein Pfeifchen die Tone derjenigen nachzuahmen suchen, welche sie bald und haufig in ihrem Garne zu sehen wunschen. Sie lobte Wilhelmen, ruhmte seine Gestalt, seine Augen, seine Liebe. Das arme Madchen horte ihr gerne zu, stand auf, liess sich ankleiden und schien ruhiger. "Mein Kind, mein Liebchen", fuhr die Alte schmeichelnd fort, "ich will dich nicht betruben, nicht beleidigen, ich denke dir nicht dein Gluck zu rauben. Darfst du meine Absicht verkennen, und hast du vergessen, dass ich jederzeit mehr fur dich als fur mich gesorgt habe? Sag' mir nur, was du willst; wir wollen schon sehen, wie wir es ausfuhren."

"Was kann ich wollen?" versetzte Mariane; "ich bin elend, auf mein ganzes Leben elend; ich liebe ihn, der mich liebt, sehe, dass ich mich von ihm trennen muss, und weiss nicht, wie ich es uberleben kann. Norberg kommt, dem wir unsere ganze Existenz schuldig sind, den wir nicht entbehren konnen. Wilhelm ist sehr eingeschrankt, er kann nichts fur mich tun."

"Ja, er ist unglucklicherweise von jenen Liebhabern, die nichts als ihr Herz bringen, und eben diese haben die meisten Pratensionen." "Spotte nicht! Der Ungluckliche denkt sein Haus zu verlassen, auf das Theater zu gehen, mir seine Hand anzubieten." "Leere Hande haben wir schon viere." "Ich habe keine Wahl", fuhr Mariane fort, "entscheide du! Stosse mich da oder dort hin, nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag' ich ein Pfand im Busen, das uns noch mehr aneinander fesseln sollte; das bedenke und entscheide: wen soll ich lassen? wem soll ich folgen?" Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: "Dass doch die Jugend immer zwischen den Extremen schwankt! Ich finde nichts naturlicher, als alles zu verbinden, was uns Vergnugen und Vorteil bringt. Liebst du den einen, so mag der andere bezahlen; es kommt nur darauf an, dass wir klug genug sind, sie beide auseinander zu halten." "Mache, was du willst, ich kann nichts denken; aber folgen will ich." "Wir haben den Vorteil, dass wir den Eigensinn des Direktors, der auf die Sitten seiner Truppe stolz ist, vorschutzen konnen. Beide Liebhaber sind schon gewohnt, heimlich und vorsichtig zu Werke zu gehen. Fur Stunde und Gelegenheit will ich sorgen; nur musst du hernach die Rolle spielen, die ich dir vorschreibe. Wer weiss, welcher Umstand uns hilft. Kame Norberg nur jetzt, da Wilhelm entfernt ist! Wer wehrt dir, in den Armen des einen an den andern zu denken? Ich wunsche dir zu einem Sohne Gluck; er soll einen reichen Vater haben." Mariane war durch diese Vorstellungen nur fur kurze Zeit gebessert. Sie konnte ihren Zustand nicht in Harmonie mit ihrer Empfindung, ihrer Uberzeugung bringen; sie wunschte diese schmerzlichen Verhaltnisse zu vergessen, und tausend kleine Umstande mussten sie jeden Augenblick daran erinnern.

Dreizehntes Kapitel

Wilhelm hatte indessen die kleine Reise vollendet und uberreichte, da er seinen Handelsfreund nicht zu Hause fand, das Empfehlungsschreiben der Gattin des Abwesenden. Aber auch diese gab ihm auf seine Fragen wenig Bescheid; sie war in einer heftigen Gemutsbewegung und das ganze Haus in grosser Verwirrung.

Es wahrte jedoch nicht lange, so vertraute sie ihm (und es war auch nicht zu verheimlichen), dass ihre Stieftochter mit einem Schauspieler davongegangen sei, mit einem Menschen, der sich von einer kleinen Gesellschaft vor kurzem losgemacht, sich im Orte aufgehalten und im Franzosischen Unterricht gegeben habe. Der Vater, ausser sich vor Schmerz und Verdruss, sei ins Amt gelaufen, um die Fluchtigen verfolgen zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, schmahte den Liebhaber, so dass an beiden nichts Lobenswurdiges ubrigblieb, beklagte mit vielen Worten die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, und setzte Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der sich und sein heimliches Vorhaben durch diese Sibylle gleichsam mit prophetischem Geiste voraus getadelt und gestraft fuhlte. Noch starkern und innigern Anteil musste er aber an den Schmerzen des Vaters nehmen, der aus dem Amte zuruckkam, mit stiller Trauer und halben Worten seine Expedition der Frau erzahlte und, indem er nach eingesehenem Briefe das Pferd Wilhelmen vorfuhren liess, seine Zerstreuung und Verwirrung nicht verbergen konnte.

Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen und sich aus einem Hause zu entfernen, in welchem ihm unter den gegebenen Umstanden unmoglich wohl werden konnte; allein der gute Mann wollte den Sohn eines Hauses, dem er so viel schuldig war, nicht unbewirtet und ohne ihn eine Nacht unter seinem Dache behalten zu haben, entlassen.

Unser Freund hatte ein trauriges Abendessen eingenommen, eine unruhige Nacht ausgestanden und eilte fruhmorgens, so bald als moglich sich von Leuten zu entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren Erzahlungen und Ausserungen auf das empfindlichste gequalt hatten.

Er ritt langsam und nachdenkend die Strasse hin, als er auf einmal eine Anzahl bewaffneter Leute durchs Feld kommen sah, die er an ihren weiten und langen Rocken, grossen Aufschlagen, unformlichen Huten und plumpen Gewehren, an ihrem treuherzigen Gange und dem bequemen Tragen ihres Korpers sogleich fur ein Kommando Landmiliz erkannte. Unter einer alten Eiche hielten sie stille, setzten ihre Flinten nieder und lagerten sich bequem auf dem Rasen, um eine Pfeife zu rauchen. Wilhelm verweilte bei ihnen und liess sich mit einem jungen Menschen, der zu Pferde herbeikam, in ein Gesprach ein. Er musste die Geschichte der beiden Entflohenen, die ihm nur zu sehr bekannt war, leider noch einmal, und zwar mit Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den Eltern sonderlich gunstig waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, dass man hierher gekommen sei, die jungen Leute wirklich in Empfang zu nehmen, die in dem benachbarten Stadtchen eingeholt und angehalten worden waren. Nach einiger Zeit sah man von ferne einen Wagen herbeikommen, der von einer Burgerwache mehr lacherlich als furchterlich umgeben war. Ein unformlicher Stadtschreiber ritt voraus und komplimentierte mit dem gegenseitigen Aktuarius (denn das war der junge Mann, mit dem Wilhelm gesprochen hatte) an der Grenze mit grosser Gewissenhaftigkeit und wunderlichen Gebarden, wie es etwa Geist und Zauberer, der eine inner-, der andere ausserhalb des Kreises, bei gefahrlichen nachtlichen Operationen tun mogen.

Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war indes auf den Bauerwagen gerichtet, und man betrachtete die armen Verirrten nicht ohne Mitleiden, die auf ein paar Bundeln Stroh beieinander sassen, sich zartlich anblickten und die Umstehenden kaum zu bemerken schienen. Zufalligerweise hatte man sich genotigt gesehen, sie von dem letzten Dorfe auf eine so unschickliche Art fortzubringen, indem die alte Kutsche, in welcher man die Schone transportierte, zerbrochen war. Sie erbat sich bei dieser Gelegenheit die Gesellschaft ihres Freundes, den man, in der Uberzeugung, er sei auf einem kapitalen Verbrechen betroffen, bis dahin mit Ketten beschwert nebenher gehen lassen. Diese Ketten trugen denn freilich nicht wenig bei, den Anblick der zartlichen Gruppe interessanter zu machen, besonders weil der junge Mann sie mit vielem Anstand bewegte, indem er wiederholt seiner Geliebten die Hande kusste.

"Wir sind sehr unglucklich!" rief sie den Umstehenden zu; "aber nicht so schuldig, wie wir scheinen. So belohnen grausame Menschen treue Liebe, und Eltern, die das Gluck ihrer Kinder ganzlich vernachlassigen, reissen sie mit Ungestum aus den Armen der Freude, die sich ihrer nach langen, truben Tagen bemachtigte!"

Indes die Umstehenden auf verschiedene Weise ihre Teilnahme zu erkennen gaben, hatten die Gerichte ihre Zeremonien absolviert; der Wagen ging weiter, und Wilhelm, der an dem Schicksal der Verliebten grossen Teil nahm, eilte auf dem Fusspfade voraus, um mit dem Amtmanne, noch ehe der Zug ankame, Bekanntschaft zu machen. Er erreichte aber kaum das Amthaus, wo alles in Bewegung und zum Empfang der Fluchtlinge bereit war, als ihn der Aktuarius einholte und durch eine umstandliche Erzahlung, wie alles gegangen, besonders aber durch ein weitlaufiges Lob seines Pferdes, das er erst gestern vom Juden getauscht, jedes andere Gesprach verhinderte.

Schon hatte man das ungluckliche Paar aussen am Garten, der durch eine kleine Pforte mit dem Amthause zusammenhing, abgesetzt und sie in der Stille hineingefuhrt. Der Aktuarius nahm uber diese schonende Behandlung von Wilhelmen ein aufrichtiges Lob an, ob er gleich eigentlich dadurch nur das vor dem Amthause versammelte Volk necken und ihm das angenehme Schauspiel einer gedemutigten Mitburgerin entziehen wollte.

Der Amtmann, der von solchen ausserordentlichen Fallen kein sonderlicher Liebhaber war, weil er meistenteils dabei einen und den andern Fehler machte, und fur den besten Willen gewohnlich von furstlicher Regierung mit einem zu derben Verweise belohnt wurde, ging mit schweren Schritten nach der Amtsstube, wohin ihm der Aktuarius, Wilhelm und einige angesehene Burger folgten.

Zuerst ward die Schone vorgefuhrt, die, ohne Frechheit, gelassen und mit Bewusstsein ihrer selbst hereintrat. Die Art, wie sie gekleidet war und sich uberhaupt betrug, zeigte, dass sie ein Madchen sei, die etwas auf sich halte. Sie fing auch, ohne gefragt zu werden, uber ihren Zustand nicht unschicklich zu reden an.

Der Aktuarius gebot ihr zu schweigen und hielt seine Feder uber dem gebrochenen Blatte. Der Amtmann setzte sich in Fassung, sah ihn an, rausperte sich und fragte das arme Kind, wie ihr Name heisse und wie alt sie sei?

"Ich bitte Sie, mein Herr", versetzte sie, "es muss mir gar wunderbar vorkommen, dass Sie mich um meinen Namen und mein Alter fragen, da Sie sehr gut wissen, wie ich heisse, und dass ich so alt wie Ihr altester Sohn bin. Was Sie von mir wissen wollen, und was Sie wissen mussen, will ich gern ohne Umschweife sagen.

Seit meines Vaters zweiter Heirat werde ich zu Hause nicht zum besten gehalten. Ich hatte einige hubsche Partien tun konnen, wenn nicht meine Stiefmutter aus Furcht vor der Ausstattung sie zu vereiteln gewusst hatte. Nun habe ich den jungen Melina kennen lernen, ich habe ihn lieben mussen, und da wir die Hindernisse voraussahen, die unserer Verbindung im Wege standen, entschlossen wir uns, miteinander in der weiten Welt ein Gluck zu suchen, das uns zu Hause nicht gewahrt schien. Ich habe nichts mitgenommen, als was mein eigen war; wir sind nicht als Diebe und Rauber entflohen, und mein Geliebter verdient nicht, dass er mit Ketten und Banden belegt herumgeschleppt werde. Der Furst ist gerecht, er wird diese Harte nicht billigen. Wenn wir strafbar sind, so sind wir es nicht auf diese Weise."

Der alte Amtmann kam hieruber doppelt und dreifach in Verlegenheit. Die gnadigsten Ausputzer summten ihm schon um den Kopf, und die gelaufige Rede des Madchens hatte ihm den Entwurf des Protokolls ganzlich zerruttet. Das Ubel wurde noch grosser, als sie bei wiederholten ordentlichen Fragen sich nicht weiter einlassen wollte, sondern sich auf das, was sie eben gesagt, standhaft berief.

"Ich bin keine Verbrecherin", sagte sie. "Man hat mich auf Strohbundeln zur Schande hierher gefuhrt; es ist eine hohere Gerechtigkeit, die uns wieder zu Ehren bringen soll."

Der Aktuarius hatte indessen immer ihre Worte nachgeschrieben und flusterte dem Amtmanne zu, er solle nur weitergehen; ein formliches Protokoll wurde sich nachher schon verfassen lassen.

Der Alte nahm wieder Mut und fing nun an, nach den sussen Geheimnissen der Liebe mit durren Worten und in hergebrachten trockenen Formeln sich zu erkundigen.

Wilhelmen stieg die Rote ins Gesicht, und die Wangen der artigen Verbrecherin belebten sich gleichfalls durch die reizende Farbe der Schamhaftigkeit. Sie schwieg und stockte, bis die Verlegenheit selbst zuletzt ihren Mut zu erhohen schien.

"Sein Sie versichert", rief sie aus, "dass ich stark genug sein wurde, die Wahrheit zu bekennen, wenn ich auch gegen mich selbst sprechen musste; sollte ich nun zaudern und stocken, da sie mir Ehre macht? Ja, ich habe ihn von dem Augenblick an, da ich seiner Neigung und seiner Treue gewiss war, als meinen Ehemann angesehen; ich habe ihm alles gerne gegonnt, was die Liebe fordert, und was ein uberzeugtes Herz nicht versagen kann. Machen Sie nun mit mir, was Sie wollen. Wenn ich einen Augenblick zu gestehen zauderte, so war die Furcht, dass mein Bekenntnis fur meinen Geliebten schlimme Folgen haben konnte, allein daran Ursache."

Wilhelm fasste, als er ihr Gestandnis horte, einen hohen Begriff von den Gesinnungen des Madchens, indes sie die Gerichtspersonen fur eine freche Dirne erkannten und die gegenwartigen Burger Gott dankten, dass dergleichen Falle in ihren Familien entweder nicht vorgekommen oder nicht bekannt geworden waren.

Wilhelm versetzte seine Mariane in diesem Augenblicke vor den Richterstuhl, legte ihr noch schonere Worte in den Mund, liess ihre Aufrichtigkeit noch herzlicher und ihr Bekenntnis noch edler werden. Die heftigste Leidenschaft, bei den Liebenden zu helfen, bemachtigte sich seiner. Er verbarg sie nicht und bat den zaudernden Amtmann heimlich, er mochte doch der Sache ein Ende machen, es sei ja alles so klar als moglich und bedurfe keiner weiteren Untersuchung.

Dieses half so viel, dass man das Madchen abtreten, dafur aber den jungen Menschen, nachdem man ihm vor der Ture die Fesseln abgenommen hatte, hereinkommen liess. Dieser schien uber sein Schicksal mehr nachdenkend. Seine Antworten waren gesetzter, und wenn er von einer Seite weniger heroische Freimutigkeit zeigte, so empfahl er sich hingegen durch Bestimmtheit und Ordnung seiner Aussage.

Da auch dieses Verhor geendiget war, welches mit dem vorigen in allem ubereinstimmte, nur dass er, um das Madchen zu schonen, hartnackig leugnete, was sie selbst schon bekannt hatte, liess man auch sie endlich wieder vortreten, und es entstand zwischen beiden eine Szene, welche ihnen das Herz unsers Freundes ganzlich zu eigen machte.

Was nur in Romanen und Komodien vorzugehen pflegt, sah er hier in einer unangenehmen Gerichtsstube vor seinen Augen: den Streit wechselseitiger Grossmut, die Starke der Liebe im Ungluck.

"Ist es denn also wahr", sagte er bei sich selber, "dass die schuchterne Zartlichkeit, die vor dem Auge der Sonne und der Menschen sich verbirgt, und nur in abgesonderter Einsamkeit, in tiefem Geheimnisse zu geniessen wagt, wenn sie durch einen feindseligen Zufall hervorgeschleppt wird, sich alsdann mutiger, starker, tapferer zeigt als andere brausende und grosstuende Leidenschaften?"

Zu seinem Troste beschloss sich die ganze Handlung noch ziemlich bald. Sie wurden beide in leidliche Verwahrung genommen, und wenn es moglich gewesen ware, so hatte er noch diesen Abend das Frauenzimmer zu ihren Eltern hinubergebracht. Denn er setzte sich fest vor, hier ein Mittelsmann zu werden und die gluckliche und anstandige Verbindung beider Liebenden zu befordern.

Er erbat sich von dem Amtmann die Erlaubnis, mit Melina allein zu reden, welche ihm denn auch ohne Schwierigkeit verstattet wurde.

Vierzehntes Kapitel

Das Gesprach der beiden neuen Bekannten wurde gar bald vertraut und lebhaft. Denn als Wilhelm dem niedergeschlagenen Jungling sein Verhaltnis zu den Eltern des Frauenzimmers entdeckte, sich zum Mittler anbot und selbst die besten Hoffnungen zeigte, erheiterte sich das traurige und sorgenvolle Gemut des Gefangenen, er fuhlte sich schon wieder befreit, mit seinen Schwiegereltern versohnt, und es war nun von kunftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.

"Daruber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein", versetzte Wilhelm; "denn Sie scheinen mir beiderseits von der Natur bestimmt, in dem Stande, den Sie gewahlt haben, Ihr Gluck zu machen. Eine angenehme Gestalt, eine wohlklingende Stimme, ein gefuhlvolles Herz! Konnen Schauspieler besser ausgestattet sein? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen dienen, so wird es mir viel Freude machen."

"Ich danke Ihnen von Herzen", versetzte der andere; "aber ich werde wohl schwerlich davon Gebrauch machen konnen, denn ich denke womoglich nicht auf das Theater zuruckzukehren."

"Daran tun Sie sehr ubel", sagte Wilhelm nach einer Pause, in welcher er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, denn er dachte nicht anders, als dass der Schauspieler, sobald er mit seiner jungen Gattin befreit worden, das Theater aufsuchen werde. Es schien ihm ebenso naturlich und notwendig, als dass der Frosch das Wasser sucht. Nicht einen Augenblick hatte er daran gezweifelt, und musste nun zu seinem Erstaunen das Gegenteil erfahren.

"Ja", versetzte der andere, "ich habe mir vorgenommen, nicht wieder auf das Theater zuruckzukehren, vielmehr eine burgerliche Bedienung, sie sei auch welche sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann."

"Das ist ein sonderbarer Entschluss, den ich nicht billigen kann; denn ohne besondere Ursache ist es niemals ratsam, die Lebensart, die man ergriffen hat, zu verandern, und uberdies wusste ich keinen Stand, der so viel Annehmlichkeiten, so viel reizende Aussichten darbote, als den eines Schauspielers."

"Man sieht, dass Sie keiner gewesen sind", versetzte jener.

Darauf sagte Wilhelm: "Mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem Zustande zufrieden, in dem er sich befindet! Er wunscht sich immer den seines Nachsten, aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnt."

"Indes bleibt doch ein Unterschied", versetzte Melina, "zwischen dem Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so handeln. Ist wohl irgendein Stuckchen Brot kummerlicher, unsicherer und muhseliger in der Welt? Beinahe ware es ebenso gut, vor den Turen zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mitgenossen und der Parteilichkeit des Direktors, von der veranderlichen Laune des Publikums auszustehen! Wahrhaftig, man muss ein Fell haben wie ein Bar, der in Gesellschaft von Affen und Hunden an der Kette herumgefuhrt und geprugelt wird, um bei dem Tone eines Dudelsacks vor Kindern und Pobel zu tanzen."

Wilhelm dachte allerlei bei sich selbst, was er jedoch dem guten Menschen nicht ins Gesicht sagen wollte. Er ging also nur von ferne mit dem Gesprach um ihn herum. Jener liess sich desto aufrichtiger und weitlaufiger heraus. "Tate es nicht not", sagte er, "dass ein Direktor jedem Stadtrate zu Fussen fiele, um nur die Erlaubnis zu haben, vier Wochen zwischen der Messe ein paar Groschen mehr an einem Orte zirkulieren zu lassen. Ich habe den unsrigen, der soweit ein guter Mann war, oft bedauert, wenn er mir gleich anderer Zeit Ursache zu Missvergnugen gab. Ein guter Akteur steigert ihn, die schlechten kann er nicht loswerden; und wenn er seine Einnahme einigermassen der Ausgabe gleichsetzen will, so ist es dem Publikum gleich zuviel, das Haus steht leer, und man muss, um nur nicht gar zugrunde zu gehen, mit Schaden und Kummer spielen. Nein, mein Herr! da Sie sich unsrer, wie Sie sagen, annehmen mogen, so bitte ich Sie, sprechen Sie auf das ernstlichste mit den Eltern meiner Geliebten! Man versorge mich hier, man gebe mir einen kleinen Schreiber- oder Einnehmerdienst, und ich will mich glucklich schatzen."

Nachdem sie noch einige Worte gewechselt hatten, schied Wilhelm mit dem Versprechen, morgen ganz fruh die Eltern anzugehen und zu sehen, was er ausrichten konne. Kaum war er allein, so musste er sich in folgenden Ausrufungen Luft machen: "Unglucklicher Melina, nicht in deinem Stande, sondern in dir liegt das Armselige, uber das du nicht Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf ein Handwerk, eine Kunst oder irgendeine Lebensart ergriffe, musste nicht wie du seinen Zustand unertraglich finden? Wer mit einem Talente zu einem Talente geboren ist, findet in demselben sein schonstes Dasein! Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlichkeit! Nur der innere Trieb, die Lust, die Liebe helfen uns Hindernisse uberwinden, Wege bahnen und uns aus dem engen Kreise, worin sich andere kummerlich abangstigen, emporheben. Dir sind die Bretter nichts als Bretter und die Rollen, was einem Schulknaben sein Pensum ist. Die Zuschauer siehst du an, wie sie sich selbst an Werkeltagen vorkommen. Dir konnte es also freilich einerlei sein, hinter einem Pult uber liniierten Buchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und Reste herauszustochern. Du fuhlst nicht das zusammenbrennende, zusammentreffende Ganze, das allein durch den Geist erfunden, begriffen und ausgefuhrt wird; du fuhlst nicht, dass in den Menschen ein besserer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhalt, wenn er nicht geregt wird, von der Asche taglicher Bedurfnisse und Gleichgultigkeit tiefer bedeckt und doch so spat und fast nie erstickt wird. Du fuhlst in deiner Seele keine Kraft, ihn aufzublasen, in deinem eigenen Herzen keinen Reichtum, um dem erweckten Nahrung zu geben. Der Hunger treibt dich, die Unbequemlichkeiten sind dir zuwider, und es ist dir verborgen, dass in jedem Stande diese Feinde lauern, die nur mit Freudigkeit und Gleichmut zu uberwinden sind. Du tust wohl, dich in jene Grenzen einer gemeinen Stelle zu sehnen; denn welche wurdest du wohl ausfullen, die Geist und Mut verlangt! Gib einem Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geistlichen deine Gesinnungen, und mit ebensoviel Recht wird er sich uber das Kummerliche seines Standes beschweren konnen. Ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben, die von allem Lebensgefuhl so ganz verlassen waren, dass sie das ganze Leben und Wesen der Sterblichen fur ein Nichts, fur ein kummervolles und staubgleiches Dasein erklart haben? Regten sich lebendig in deiner Seele die Gestalten wirkender Menschen, warmte deine Brust ein teilnehmendes Feuer, verbreitete sich uber deine ganze Gestalt die Stimmung, die aus dem Innersten kommt, waren die Tone deiner Kehle, die Worte deiner Lippen lieblich anzuhoren, fuhltest du dich genug in dir selbst, so wurdest du dir gewiss Ort und Gelegenheit aufsuchen, dich in andern fuhlen zu konnen."

Unter solchen Worten und Gedanken hatte sich unser Freund ausgekleidet und stieg mit einem Gefuhle des innigsten Behagens zu Bette. Ein ganzer Roman, was er an der Stelle des Unwurdigen morgenden Tages tun wurde, entwickelte sich in seiner Seele, angenehme Phantasien begleiteten ihn in das Reich des Schlafes sanft hinuber und uberliessen ihn dort ihren Geschwistern, den Traumen, die ihn mit offenen Armen aufnahmen und das ruhende Haupt unsres Freundes mit dem Vorbilde des Himmels umgaben.

Am fruhen Morgen war er schon wieder erwacht und dachte seiner vorstehenden Unterhandlung nach. Er kehrte in das Haus der verlassenen Eltern zuruck, wo man ihn mit Verwunderung aufnahm. Er trug sein Anbringen bescheiden vor und fand gar bald mehr und weniger Schwierigkeiten, als er vermutet hatte. Geschehen war es einmal, und wenngleich ausserordentlich strenge und harte Leute sich gegen das Vergangene und Nichtzuandernde mit Gewalt zu setzen und das Ubel dadurch zu vermehren pflegen, so hat dagegen das Geschehene auf die Gemuter der meisten eine unwiderstehliche Gewalt, und was unmoglich schien, nimmt sogleich, als es geschehen ist, neben dem Gemeinen seinen Platz ein. Es war also bald ausgemacht, dass der Herr Melina die Tochter heiraten sollte; dagegen sollte sie wegen ihrer Unart kein Heiratsgut mitnehmen und versprechen, das Vermachtnis einer Tante noch einige Jahre gegen geringe Interessen in des Vaters Handen zu lassen. Der zweite Punkt wegen einer burgerlichen Versorgung fand schon grossere Schwierigkeiten. Man wollte das ungeratene Kind nicht vor Augen sehen, man wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menschen mit einer so angesehenen Familie, welche sogar mit einem Superintendenten verwandt war, sich durch die Gegenwart nicht bestandig aufrucken lassen; man konnte ebensowenig hoffen, dass die furstlichen Kollegien ihm eine Stelle anvertrauen wurden. Beide Eltern waren gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr eifrig dafur sprach, weil er dem Menschen, den er geringschatzte, die Ruckkehr auf das Theater nicht gonnte und uberzeugt war, dass er eines solchen Gluckes nicht wert sei, konnte mit allen seinen Argumenten nichts ausrichten. Hatte er die geheimen Triebfedern gekannt, so wurde er sich die Muhe gar nicht gegeben haben, die Eltern uberreden zu wollen. Denn der Vater, der seine Tochter gerne bei sich behalten hatte, hasste den jungen Menschen, weil seine Frau selbst ein Auge auf ihn geworfen hatte, und diese konnte in ihrer Stieftochter eine gluckliche Nebenbuhlerin nicht vor Augen leiden. Und so musste Melina wider seinen Willen mit seiner jungen Braut, die schon grossere Lust bezeigte, die Welt zu sehen und sich der Welt sehen zu lassen, nach einigen Tagen abreisen, um bei irgendeiner Gesellschaft ein Unterkommen zu finden.

Funfzehntes Kapitel

Gluckliche Jugend! Gluckliche Zeiten des ersten Liebesbedurfnisses! Der Mensch ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergotzt, die Unkosten des Gespraches allein tragt und mit der Unterhaltung wohl zufrieden ist, wenn der unsichtbare Gegenpart auch nur die letzten Silben der ausgerufenen Worte wiederholt.

So war Wilhelm in den fruhen, besonders aber in den spatern Zeiten seiner Leidenschaft fur Marianen, als er den ganzen Reichtum seines Gefuhls auf sie hinubertrug und sich dabei als einen Bettler ansah, der von ihren Almosen lebte. Und wie uns eine Gegend reizender, ja allein reizend vorkommt, wenn sie von der Sonne beschienen wird, so war auch alles in seinen Augen verschonert und verherrlicht, was sie umgab, was sie beruhrte.

Wie oft stand er auf dem Theater hinter den Wanden, wozu er sich das Privilegium von dem Direktor erbeten hatte! Dann war freilich die perspektivische Magie verschwunden, aber die viel machtigere Zauberei der Liebe fing erst an zu wirken. Stundenlang konnte er am schmutzigen Lichtwagen stehen, den Qualm der Unschlittlampen einziehen, nach der Geliebten hinausblicken und, wenn sie wieder hereintrat und ihn freundlich ansah, sich in Wonne verloren dicht an dem Balken- und Lattengerippe in einen paradiesischen Zustand versetzt fuhlen. Die ausgestopften Lammchen, die Wasserfalle von Zindel, die pappenen Rosenstocke und die einseitigen Strohhutten erregten in ihm liebliche dichterische Bilder uralter Schaferwelt. Sogar die in der Nahe hasslich erscheinenden Tanzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil sie auf einem Brette mit seiner Vielgeliebten standen. Und so ist es gewiss, dass Liebe, welche Rosenlauben, Myrtenwaldchen und Mondschein erst beleben muss, auch sogar Hobelspanen und Papierschnitzeln einen Anschein belebter Naturen geben kann. Sie ist eine so starke Wurze, dass selbst schale uns ekle Bruhen davon schmackhaft werden.

Solch einer Wurze bedurft' es freilich, um jenen Zustand leidlich, ja in der Folge angenehm zu machen, in welchem er gewohnlich ihre Stube, ja gelegentlich sie selbst antraf.

In einem feinen Burgerhause erzogen, war Ordnung und Reinlichkeit das Element, worin er atmete, und indem er von seines Vaters Prunkliebe einen Teil geerbt hatte, wusste er in den Knabenjahren sein Zimmer, das er als ein kleines Reich ansah, stattlich auszustaffieren. Seine Bettvorhange waren in grosse Falten aufgezogen und mit Quasten befestigt, wie man Thronen vorzustellen pflegt; er hatte sich einen Teppich in die Mitte des Zimmers und einen feinern auf den Tisch anzuschaffen gewusst, seine Bucher und Geratschaften legte und stellte er fast mechanisch so, dass ein niederlandischer Maler gute Gruppen zu seinen Stilleben hatte herausnehmen konnen. Eine weisse Mutze hatte er wie einen Turban zurechtgebunden und die Armel seines Schlafrocks nach orientalischem Kostume kurz stutzen lassen. Doch gab er hiervon die Ursache an, dass die langen, weiten Armel ihn im Schreiben hinderten. Wenn er abends ganz allein war und nicht mehr furchten durfte gestort zu werden, trug er gewohnlich eine seidene Scharpe um den Leib, und er soll manchmal einen Dolch, den er sich aus einer alten Rustkammer zugeeignet, in den Gurtel gesteckt und so die ihm zugeteilten tragischen Rollen memoriert und probiert, ja in eben dem Sinne sein Gebet knieend auf dem Teppich verrichtet haben.

Wie glucklich pries er daher in fruheren Zeiten den Schauspieler, den er im Besitz so mancher majestatischen Kleider, Rustungen und Waffen und in steter Ubung eines edlen Betragens sah, dessen Geist einen Spiegel des Herrlichsten und Prachtigsten, was die Welt an Verhaltnissen, Gesinnungen und Leidenschaften hervorgebracht, darzustellen schien. Ebenso dachte sich Wilhelm auch das hausliche Leben eines Schauspielers als eine Reihe von wurdigen Handlungen und Beschaftigungen, davon die Erscheinung auf dem Theater die ausserste Spitze sei, etwa wie ein Silber, das vom Lauterfeuer lange herumgetrieben worden, endlich farbigschon vor den Augen des Arbeiters erscheint und ihm zugleich andeutet, dass das Metall nunmehr von allen fremden Zusatzen gereiniget sei.

Wie sehr stutzte er daher anfangs, wenn er sich bei seiner Geliebten befand und durch den glucklichen Nebel, der ihn umgab, nebenaus auf Tisch, Stuhle und Boden sah. Die Trummer eines augenblicklichen, leichten und falschen Putzes lagen, wie das glanzende Kleid eines abgeschuppten Fisches, zerstreut in wilder Unordnung durcheinander. Die Werkzeuge menschlicher Reinlichkeit, als Kamme, Seife, Tucher, waren mit den Spuren ihrer Bestimmung gleichfalls nicht versteckt. Musikrollen und Schuhe, Wasche und italienische Blumen, Etuis, Haarnadeln, Schminktopfchen und Bander, Bucher und Strohhute, keines verschmahte die Nachbarschaft des andern, alle waren durch ein gemeinschaftliches Element, durch Puder und Staub, vereinigt. Jedoch da Wilhelm in ihrer Gegenwart wenig von allem andern bemerkte, ja vielmehr ihm alles, was ihr gehorte, sie beruhrt hatte, lieb werden musste, so fand er zuletzt in dieser verworrenen Wirtschaft einen Reiz, den er in seiner stattlichen Prunkwohnung niemals empfunden hatte. Es war ihm wenn er hier ihre Schnurbrust wegnahm, um zum Klavier zu kommen, dort ihre Rocke aufs Bette legte, um sich setzen zu konnen, wenn sie selbst mit unbefangener Freimutigkeit manches Naturliche, das man sonst gegen einen andern aus Anstand zu verheimlichen pflegte, vor ihm nicht zu verbergen suchte es war ihm, sag' ich, als wenn er ihr mit jedem Augenblicke naher wurde, als wenn eine Gemeinschaft zwischen ihnen durch unsichtbare Bande befestigt wurde.

Nicht ebenso leicht konnte er die Auffuhrung der ubrigen Schauspieler, die er bei seinen ersten Besuchen manchmal bei ihr antraf, mit seinen Begriffen vereinigen. Geschaftig im Mussiggange, schienen sie an ihren Beruf und Zweck am wenigsten zu denken; uber den poetischen Wert eines Stuckes horte er sie niemals reden und weder richtig noch unrichtig daruber urteilen; es war immer nur die Frage: "Was wird das Stuck machen? Ist es ein Zugstuck? Wie lange wird es spielen? Wie oft kann es wohl gegeben werden?" und was Fragen und Bemerkungen dieser Art mehr waren. Dann ging es gewohnlich auf den Direktor los, dass er mit der Gage zu karg und besonders gegen den einen und den andern ungerecht sei, dann auf das Publikum, dass es mit seinem Beifall selten den rechten Mann belohne, dass das deutsche Theater sich taglich verbessere, dass der Schauspieler nach seinen Verdiensten immer mehr geehrt werde und nicht genug geehrt werden konne. Dann sprach man viel von Kaffeehausern und Weingarten, und was daselbst vorgefallen, wieviel irgendein Kamerad Schulden habe und Abzug leiden musse, von Disproportion der wochentlichen Gage, von Kabalen einer Gegenpartei, wobei denn doch zuletzt die grosse und verdiente Aufmerksamkeit des Publikums wieder in Betracht kam und der Einfluss des Theaters auf die Bildung einer Nation und der Welt nicht vergessen wurde.

All diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche unruhige Stunde gemacht hatten, kamen ihm gegenwartig wieder ins Gedachtnis, als ihn sein Pferd langsam nach Hause trug und er die verschiedenen Vorfalle, die ihm begegnet waren, uberlegte. Die Bewegung, welche durch die Flucht eines Madchens in eine gute Burgerfamilie, ja in ein ganzes Stadtchen gekommen war, hatte er mit Augen gesehen; die Szenen auf der Landstrasse und im Amthause, die Gesinnungen Melinas und was sonst noch vorgegangen war, stellten sich ihm wieder dar und brachten seinen lebhaften, vordringenden Geist in eine Art von sorglicher Unruhe, die er nicht lange ertrug, sondern seinem Pferde die Sporen gab und nach der Stadt zueilte.

Allein auch auf diesem Wege rannte er nur neuen Unannehmlichkeiten entgegen. Werner, sein Freund und vermutlicher Schwager, wartete auf ihn, um ein ernsthaftes, bedeutendes und unerwartetes Gesprach mit ihm anzufangen.

Werner war einer von den gepruften, in ihrem Dasein bestimmten Leuten, die man gewohnlich kalte Leute zu nennen pflegt, weil sie bei Anlassen weder schnell noch sichtlich auflodern; auch war sein Umgang mit Wilhelmen ein anhaltender Zwist, wodurch sich ihre Liebe aber nur desto fester knupfte; denn ungeachtet ihrer verschiedenen Denkungsart fand jeder seine Rechnung bei dem andern. Werner tat sich darauf etwas zugute, dass er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich ausschweifenden Geist Wilhelms mitunter Zugel und Gebiss anzulegen schien, und Wilhelm fuhlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er seinen bedachtlichen Freund in warmer Aufwallung mit sich fortnahm. So ubte sich einer an dem andern, sie wurden gewohnt, sich taglich zu sehen, und man hatte sagen sollen, das Verlangen, einander zu finden, sich miteinander zu besprechen, sei durch die Unmoglichkeit, einander verstandlich zu werden, vermehrt worden. Im Grunde aber gingen sie doch, weil sie beide gute Menschen waren, nebeneinander miteinander nach einem Ziel und konnten niemals begreifen, warum denn keiner den andern auf seine Gesinnung reduzieren konne.

Werner bemerkte seit einiger Zeit, dass Wilhelms Besuche seltener wurden, dass er in Lieblingsmaterien kurz und zerstreut abbrach, dass er sich nicht mehr in lebhafte Ausbildung seltsamer Vorstellungen vertiefte, an welcher sich freilich ein freies, in der Gegenwart des Freundes Ruhe und Zufriedenheit findendes Gemut am sichersten erkennen lasst. Der punktliche und bedachtige Werner suchte anfangs den Fehler in seinem eigenen Betragen, bis ihn einige Stadtgesprache auf die rechte Spur brachten, und einige Unvorsichtigkeiten Wilhelms ihn der Gewissheit naher fuhrten. Er liess sich auf eine Untersuchung ein und entdeckte gar bald, dass Wilhelm vor einiger Zeit eine Schauspielerin offentlich besucht, mit ihr auf dem Theater gesprochen und sie nach Hause gebracht habe; er ware trostlos gewesen, wenn ihm auch die nachtlichen Zusammenkunfte bekannt geworden waren; denn er horte, dass Mariane ein verfuhrerisches Madchen sei, die seinen Freund wahrscheinlich ums Geld bringe und sich noch nebenher von dem unwurdigsten Liebhaber unterhalten lasse.

Sobald er seinen Verdacht soviel moglich zur Gewissheit erhoben, beschloss er einen Angriff auf Wilhelmen und war mit allen Anstalten vollig in Bereitschaft, als dieser eben verdriesslich und verstimmt von seiner Reise zuruckkam.

Werner trug ihm noch denselbigen Abend alles, was er wusste, erst gelassen, dann mit dem dringenden Ernste einer wohldenkenden Freundschaft vor, liess keinen Zug unbestimmt und gab seinem Freunde alle die Bitterkeiten zu kosten, die ruhige Menschen an Liebende mit tugendhafter Schadenfreude so freigebig auszuspenden pflegen. Aber wie man sich denken kann, richtete er wenig aus. Wilhelm versetzte mit inniger Bewegung, doch mit grosser Sicherheit: "Du kennst das Madchen nicht! Der Schein ist vielleicht nicht zu ihrem Vorteil, aber ich bin ihrer Treue und Tugend so gewiss als meiner Liebe."

Werner beharrte auf seiner Anklage und erbot sich zu Beweisen und Zeugen. Wilhelm verwarf sie und entfernte sich von seinem Freunde verdriesslich und erschuttert, wie einer, dem ein ungeschickter Zahnarzt einen schadhaften festsitzenden Zahn gefasst und vergebens daran geruckt hat.

Hochst unbehaglich fand sich Wilhelm, das schone Bild Marianens erst durch die Grillen der Reise, dann durch Werners Unfreundlichkeit in seiner Seele getrubt und beinahe entstellt zu sehen. Er griff zum sichersten Mittel, ihm die vollige Klarheit und Schonheit wiederherzustellen, indem er nachts auf den gewohnlichen Wegen zu ihr hineilte. Sie empfing ihn mit lebhafter Freude; denn er war bei seiner Ankunft vorbeigeritten, sie hatte ihn diese Nacht erwartet, und es lasst sich denken, dass alle Zweifel bald aus seinem Herzen vertrieben wurden. Ja, ihre Zartlichkeit schloss sein ganzes Vertrauen wieder auf, und er erzahlte ihr, wie sehr sich das Publikum, wie sehr sich sein Freund an ihr versundiget.

Mancherlei lebhafte Gesprache fuhrten sie auf die ersten Zeiten ihrer Bekanntschaft, deren Erinnerung eine der schonsten Unterhaltungen zweier Liebenden bleibt. Die ersten Schritte, die uns in den Irrgarten der Liebe bringen, sind so angenehm, die ersten Aussichten so reizend, dass man sie gar zu gern in sein Gedachtnis zuruckruft. Jeder Teil sucht einen Vorzug vor dem andern zu behalten, er habe fruher uneigennutziger geliebt, und jedes wunscht in diesem Wettstreit lieber uberwunden zu werden als zu uberwinden.

Wilhelm wiederholte Marianen, was sie schon so oft gehort hatte, dass sie bald seine Aufmerksamkeit von dem Schauspiel ab und auf sich allein gezogen habe, dass ihre Gestalt, ihr Spiel, ihre Stimme ihn gefesselt; wie er zuletzt nur die Stucke, in denen sie gespielt, besucht habe, wie er endlich aufs Theater geschlichen sei, oft, ohne von ihr bemerkt zu werden, neben ihr gestanden habe; dann sprach er mit Entzukken von dem glucklichen Abende, an dem er eine Gelegenheit gefunden, ihr eine Gefalligkeit zu erzeigen und ein Gesprach einzuleiten.

Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, dass sie ihn so lange nicht bemerkt hatte; sie behauptete, ihn schon auf dem Spaziergange gesehen zu haben, und bezeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er am selbigen Tage angehabt; sie behauptete, dass er ihr damals vor allen andern gefallen, und dass sie seine Bekanntschaft gewunscht habe.

Wie gern glaubte Wilhelm das alles! wie gern liess er sich uberreden, dass sie zu ihm, als er sich ihr genahert, durch einen unwiderstehlichen Zug hingefuhrt worden, dass sie absichtlich zwischen die Kulissen neben ihn getreten sei, um ihn naher zu sehen und Bekanntschaft mit ihm zu machen, und dass sie zuletzt, da seine Zuruckhaltung und Blodigkeit nicht zu uberwinden gewesen, ihm selbst Gelegenheit gegeben und ihn gleichsam genotigt habe, ein Glas Limonade herbeizuholen.

Unter diesem liebevollen Wettstreit, den sie durch alle kleinen Umstande ihres kurzen Romans verfolgten, vergingen ihnen die Stunden sehr schnell, und Wilhelm verliess vollig beruhigt seine Geliebte, mit dem festen Vorsatze, sein Vorhaben unverzuglich ins Werk zu richten.

Sechzehntes Kapitel

Was zu seiner Abreise notig war, hatten Vater und Mutter besorgt; nur einige Kleinigkeiten, die an der Equipage fehlten, verzogerten seinen Aufbruch um einige Tage. Wilhelm benutzte diese Zeit, um an Marianen einen Brief zu schreiben, wodurch er die Angelegenheit endlich zur Sprache bringen wollte, uber welche sie sich mit ihm zu unterhalten bisher immer vermieden hatte. Folgendermassen lautete der Brief:

"Unter der lieben Hulle der Nacht, die mich sonst in Deinen Armen bedeckte, sitze ich und denke und schreibe an Dich, und was ich sinne und treibe, ist nur um Deinetwillen. O Mariane! mir, dem glucklichsten unter den Mannern, ist wie einem Brautigam, der ahnungsvoll, welch eine neue Welt sich in ihm und durch ihn entwickeln wird, auf den festlichen Teppichen steht und wahrend der heiligen Zeremonien sich gedankenvoll lustern vor die geheimnisreichen Vorhange versetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegensauselt.

Ich habe uber mich gewonnen, Dich in einigen Tagen nicht zu sehen; es war leicht in Hoffnung einer solchen Entschadigung, ewig mit Dir zu sein, ganz der Deinige zu bleiben! Soll ich wiederholen, was ich wunsche? Und doch ist es notig; denn es scheint, als habest Du mich bisher nicht verstanden.

Wie oft habe ich mit leisen Tonen der Treue, die, weil sie alles zu halten wunscht, wenig zu sagen wagt an Deinem Herzen geforscht nach dem Verlangen einer ewigen Verbindung. Verstanden hast Du mich gewiss, den in Deinem Herzen muss der Wunsch keimen; vernommen hast Du mich in jedem Kusse, in der anschmiegenden Ruhe jener glucklichen Abende. Da lernt' ich Deine Bescheidenheit kennen, und wie vermehrte sich meine Liebe! Wo eine andere sich kunstlich betragen hatte, um durch uberflussigen Sonnenschein einen Entschluss in dem Herzen ihres Liebhabers zur Reife zu bringen, eine Erklarung hervorzulocken und ein Versprechen zu befestigen, eben da ziehst Du Dich zuruck, schliesst die halbgeoffnete Brust Deines Geliebten wieder zu und suchst durch eine anscheinende Gleichgultigkeit Deine Beistimmung zu verbergen; aber ich verstehe Dich! Welch ein Elender musste ich sein, wenn ich an diesen Zeichen die reine, uneigennutzige, nur fur den Freund besorgte Liebe nicht erkennen wollte! Vertraue mir und sei ruhig! Wir gehoren einander an, und keins von beiden verlasst oder verliert etwas, wenn wir fureinander leben.

Nimm sie hin, diese Hand! feierlich noch dies uberflussige Zeichen! Alle Freuden der Liebe haben wir empfunden, aber es sind neue Seligkeiten in dem bestatigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie? Sorge nicht! Das Schicksal sorgt fur die Liebe, und um so gewisser, da Liebe genugsam ist.

Mein Herz hat schon lange meiner Eltern Haus verlassen; es ist bei Dir, wie mein Geist auf der Buhne schwebt. O meine Geliebte! Ist wohl einem Menschen so gewahrt, seine Wunsche zu verbinden, wie mir? Kein Schlaf kommt in meine Augen, und wie eine ewige Morgenrote steigt Deine Liebe und Dein Gluck vor mir auf und ab.

Kaum dass ich mich halte, nicht auffahre, zu Dir hinrenne und mir Deine Einwilligung erzwinge, und gleich morgen fruhe weiter in die Welt nach meinem Ziele hinstrebe. Nein, ich will mich bezwingen! Ich will nicht unbesonnen torichte, verwegene Schritte tun; mein Plan ist entworfen, und ich will ihn ruhig ausfuhren.

Ich bin mit Direktor Serlo bekannt, meine Reise geht gerade zu ihm, er hat vor einem Jahre oft seinen Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit und Freude am Theater gewunscht, und ich werde ihm gewiss willkommen sein; denn bei Eurer Truppe mochte ich aus mehr als einer Ursache nicht eintreten; auch spielt Serlo so weit von hier, dass ich anfangs meinen Schritt verbergen kann. Einen leidlichen Unterhalt finde ich da gleich; ich sehe mich in dem Publiko um, lerne die Gesellschaft kennen und hole Dich nach.

Mariane, Du siehst, was ich uber mich gewinnen kann, um Dich gewiss zu haben; denn Dich so lange nicht zu sehen, Dich in der weiten Welt zu wissen! recht lebhaft darf ich mir's nicht denken. Wenn ich mir dann aber wieder Deine Liebe vorstelle, die mich vor allem sichert, wenn Du meine Bitte nicht verschmahst, ehe wir scheiden, und Du mir Deine Hand vor dem Priester reichst, so werde ich ruhig gehen. Es ist nur eine Formel unter uns, aber eine so schone Formel, der Segen des Himmels zu dem Segen der Erde. In der Nachbarschaft, im Ritterschaftlichen, geht es leicht und heimlich an.

Fur den Anfang habe ich Geld genug; wir wollen teilen, es wird fur uns beide hinreichen; ehe das verzehrt ist, wird der Himmel weiterhelfen.

Ja, Liebste, es ist mir gar nicht bange. Was mit so viel Frohlichkeit begonnen wird, muss ein gluckliches Ende erreichen. Ich habe nie gezweifelt, dass man sein Fortkommen in der Welt finden konne, wenn es einem Ernst ist, und fuhle Mut genug fur zwei, ja fur mehrere einen reichlichen Unterhalt zu gewinnen. 'Die Welt ist undankbar', sagen viele; ich habe noch nicht gefunden, dass sie undankbar sei, wenn man auf die rechte Art etwas fur sie zu tun weiss. Mir gluht die ganze Seele bei dem Gedanken, endlich einmal aufzutreten und den Menschen in das Herz hineinzureden, was sie sich so lange zu horen sehnten. Wie tausendmal ist es freilich mir, der ich von der Herrlichkeit des Theaters so eingenommen bin, bang durch die Seele gegangen, wenn ich die Elendesten gesehen habe sich einbilden, sie konnten uns ein grosses, treffliches Wort ans Herz reden! Ein Ton, der durch die Fistel gezwungen wird, klingt viel besser und reiner; es ist unerhort, wie sich diese Burschen in ihrer groben Ungeschicklichkeit versundigen.

Das Theater hat oft einen Streit mit der Kanzel gehabt; sie sollten, dunkt mich, nicht miteinander hadern. Wie sehr ware zu wunschen, dass an beiden Orten nur durch edle Menschen Gott und Natur verherrlicht wurden! Es sind keine Traume, meine Liebste! Wie ich an Deinem Herzen habe fuhlen konnen, dass Du in Liebe bist, so ergreife ich auch den glanzenden Gedanken und sage ich will's nicht aussagen, aber hoffen will ich, dass wir einst als ein Paar gute Geister den Menschen erscheinen werden, ihre Herzen aufzuschliessen, ihre Gemuter zu beruhren und ihnen himmlische Genusse zu bereiten, so gewiss mir an Deinem Busen Freuden gewahrt waren, die immer himmlisch genennt werden mussen, weil wir uns in jenen Augenblicken aus uns selbst geruckt, uber uns selbst erhaben fuhlen.

Ich kann nicht schliessen; ich habe schon zu viel gesagt und weiss nicht, ob ich Dir schon alles gesagt habe, alles, was Dich angeht; denn die Bewegung des Rades, das sich in meinem Herzen dreht, sind keine Worte vermogend auszudrucken.

Nimm dieses Blatt indes, meine Liebe! ich habe es wieder durchgelesen und finde, dass ich von vorne anfangen sollte; doch enthalt es alles, was Du zu wissen notig hast, was Dir Vorbereitung ist, wenn ich bald mit Frohlichkeit der sussen Liebe an Deinen Busen zuruckkehre. Ich komme mir vor wie ein Gefangener, der in einem Kerker lauschend seine Fesseln abfeilt. Ich sage gute Nacht meinen sorglos schlafenden Eltern! Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! Fur diesmal schliess' ich; die Augen sind mir zwei-, dreimal zugefallen; es ist schon tief in der Nacht."

Siebzehntes Kapitel

Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, seinen Brief schon gefaltet in der Tasche, sich zu Marianen hinsehnte; auch war es kaum duster geworden, als er sich wider seine Gewohnheit nach ihrer Wohnung hinschlich. Sein Plan war, sich auf die Nacht anzumelden, seine Geliebte auf kurze Zeit wieder zu verlassen, ihr, eh' er wegging, den Brief in die Hand zu drucken und bei seiner Ruckkehr in tiefer Nacht ihre Antwort, ihre Einwilligung zu erhalten oder durch die Macht seiner Liebkosungen zu erzwingen. Er flog in ihre Arme und konnte sich an ihrem Busen kaum wieder fassen. Die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen verbarg ihm anfangs, dass sie nicht wie sonst mit Herzlichkeit antwortete; doch konnte sie einen angstlichen Zustand nicht lange verbergen; sie schutzte eine Krankheit, eine Unpasslichkeit vor; sie beklagte sich uber Kopfweh, sie wollte sich auf den Vorschlag, dass er heute nacht wiederkommen wolle, nicht einlassen. Er ahnte nichts Boses, drang nicht weiter in sie, fuhlte aber, dass es nicht die Stunde sei, ihr seinen Brief zu ubergeben. Er behielt ihn bei sich, und da verschiedene ihrer Bewegungen und Reden ihn auf eine hofliche Weise wegzugehen notigten, ergriff er im Taumel seiner ungenugsamen Liebe eines ihrer Halstucher, steckte es in die Tasche und verliess wider Willen ihre Lippen und ihre Ture. Er schlich nach Hause, konnte aber auch da nicht lange bleiben, kleidete sich um und suchte wieder die freie Luft.

Als er einige Strassen auf und ab gegangen war, begegnete ihm ein Unbekannter, der nach einem gewissen Gasthofe fragte. Wilhelm erbot sich, ihm das Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte sich nach dem Namen der Strasse, nach den Besitzern verschiedener grosser Gebaude, vor denen sie vorbeigingen, sodann nach einigen Polizeieinrichtungen der Stadt, und sie waren in einem ganz interessanten Gesprache begriffen, als sie am Tore des Wirtshauses ankamen. Der Fremde notigte seinen Fuhrer, hineinzutreten und ein Glas Punsch mit ihm zu trinken; zugleich gab er seinen Namen an und seinen Geburtsort, auch die Geschafte, die ihn hierher gebracht hatten, und ersuchte Wilhelmen um ein gleiches Vertrauen. Dieser verschwieg ebensowenig seinen Namen als seine Wohnung.

"Sind Sie nicht ein Enkel des alten Meisters, der die schone Kunstsammlung besass?" fragte der Fremde.

"Ja, ich bin's. Ich war zehn Jahre, als der Grossvater starb, und es schmerzte mich lebhaft, diese schonen Sachen verkaufen zu sehen."

"Ihr Vater hat eine grosse Summe Geldes dafur erhalten."

"Sie wissen also davon?"

"O ja, ich habe diesen Schatz noch in Ihrem Hause gesehen. Ihr Grossvater war nicht bloss ein Sammler, er verstand sich auf die Kunst, er war in einer fruhern glucklichen Zeit in Italien gewesen und hatte Schatze von dort mitgebracht, welche jetzt um keinen Preis mehr zu haben waren. Er besass treffliche Gemalde von den besten Meistern; man traute kaum seinen Augen, wenn man seine Handzeichnungen durchsah; unter seinen Marmorn waren einige unschatzbare Fragmente; von Bronzen besass er eine sehr instruktive Suite; so hatte er auch seine Munzen fur Kunst und Geschichte zweckmassig gesammelt; seine wenigen geschnittenen Steine verdienten alles Lob; auch war das Ganze gut aufgestellt, wenngleich die Zimmer und Sale des alten Hauses nicht symmetrisch gebaut waren."

"Sie konnen denken, was wir Kinder verloren, als alle die Sachen heruntergenommen und eingepackt wurden. Es waren die ersten traurigen Zeiten meines Lebens. Ich weiss noch, wie leer uns die Zimmer vorkamen, als wir die Gegenstande nach und nach verschwinden sahen, die uns von Jugend auf unterhalten hatten, und die wir ebenso unveranderlich hielten als das Haus und die Stadt selbst."

"Wenn ich nicht irre, so gab Ihr Vater das geloste Kapital in die Handlung eines Nachbarn, mit dem er eine Art Gesellschaftshandel einging?"

"Ganz richtig! und ihre gesellschaftlichen Spekulationen sind ihnen wohl gegluckt; sie haben in diesen zwolf Jahren ihr Vermogen sehr vermehrt und sind beide nur desto heftiger auf den Erwerb gestellt; auch hat der alte Werner einen Sohn, der sich viel besser zu diesem Handwerke schickt als ich."

"Es tut mir leid, dass dieser Ort eine solche Zierde verloren hat, als das Kabinett Ihres Grossvaters war. Ich sah es noch kurz vorher, ehe es verkauft wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, dass der Kauf zustande kam. Ein reicher Edelmann, ein grosser Liebhaber, der aber bei so einem wichtigen Handel sich nicht allein auf sein eigen Urteil verliess, hatte mich hierher geschickt und verlangte meinen Rat. Sechs Tage besah ich das Kabinett, und am siebenten riet ich meinem Freunde, die ganze geforderte Summe ohne Anstand zu bezahlen. Sie waren als ein munterer Knabe oft um mich herum. Sie erklarten mir die Gegenstande der Gemalde und wussten uberhaupt das Kabinett recht gut auszulegen."

"Ich erinnere mich einer solchen Person, aber in Ihnen hatte ich sie nicht wiedererkannt."

"Es ist auch schon eine geraume Zeit, und wir verandern uns doch mehr oder weniger. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, ein Lieblingsbild darunter, von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten."

"Ganz richtig! es stellte die Geschichte vor, wie der kranke Konigssohn sich uber die Braut seines Vaters in Liebe verzehrt."

"Es war eben nicht das beste Gemalde, nicht gut zusammengesetzt, von keiner sonderlichen Farbe und die Ausfuhrung durchaus manieriert."

"Das verstand ich nicht und versteh' es noch nicht; der Gegenstand ist es, der mich an einem Gemalde reizt, nicht die Kunst."

"Da schien Ihr Grossvater anders zu denken; denn der grosste Teil seiner Sammlung bestand aus trefflichen Sachen, in denen man immer das Verdienst ihres Meisters bewunderte, sie mochten vorstellen, was sie wollten; auch hing dieses Bild in dem aussersten Vorsaale, zum Zeichen, dass er es wenig schatzte."

"Da war es eben, wo wir Kinder immer spielen durften, und wo dieses Bild einen unausloschlichen Eindruck auf mich machte, den mir selbst Ihre Kritik, die ich ubrigens verehre, nicht ausloschen konnte, wenn wir auch jetzt vor dem Bilde stunden. Wie jammerte mich, wie jammert mich noch ein Jungling, der die sussen Triebe, das schonste Erbteil, das uns die Natur gab, in sich verschliessen und das Feuer, das ihn und andere erwarmen und beleben sollte, in seinem Busen verbergen muss, so dass sein Innerstes unter ungeheuren Schmerzen verzehrt wird! Wie bedaure ich die Ungluckliche, die sich einem andern widmen soll, wenn ihr Herz schon den wurdigen Gegenstand eines wahren und reinen Verlangens gefunden hat!"

"Diese Gefuhle sind freilich sehr weit von jenen Betrachtungen entfernt, unter denen ein Kunstliebhaber die Werke grosser Meister anzusehen pflegt; wahrscheinlich wurde Ihnen aber, wenn das Kabinett ein Eigentum Ihres Hauses geblieben ware, nach und nach der Sinn fur die Werke selbst aufgegangen sein, so dass Sie nicht immer nur sich selbst und Ihre Neigung in den Kunstwerken gesehen hatten."

"Gewiss tat mir der Verkauf des Kabinetts gleich sehr leid, und ich habe es auch in reifern Jahren ofters vermisst; wenn ich aber bedenke, dass es gleichsam so sein musste, um eine Liebhaberei, um ein Talent in mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben wirken sollten, als jene leblosen Bilder je getan hatten, so bescheide ich mich dann gern und verehre das Schicksal, das mein Bestes und eines jeden Bestes einzuleiten weiss."

"Leider hore ich schon wieder das Wort Schicksal von einem jungen Manne aussprechen, der sich eben in einem Alter befindet, wo man gewohnlich seinen lebhaften Neigungen den Willen hoherer Wesen unterzuschieben pflegt."

"So glauben Sie kein Schicksal? Keine Macht, die uber uns waltet und alles zu unserm Besten lenkt?"

"Es ist hier die Rede nicht von einem Glauben, noch der Ort, auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich sind, einigermassen denkbar zu machen suche; hier ist nur die Frage, welche Vorstellungsart zu unserm Besten gereicht. Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiss sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufallige weiss sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschutterlich steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewohnt, in dem Notwendigen etwas Willkurliches finden zu wollen, der dem Zufalligen eine Art von Vernunft zuschreiben mochte, welcher zu folgen sogar eine Religion sei. Heisst das etwas weiter, als seinem eignen Verstande entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns ein, fromm zu sein, indem wir ohne Uberlegung hinschlendern, uns durch angenehme Zufalle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines solchen schwankenden Lebens den Namen einer gottlichen Fuhrung geben."

"Waren Sie niemals in dem Falle, dass ein kleiner Umstand Sie veranlasste, einen gewissen Weg einzuschlagen, auf welchem bald eine gefallige Gelegenheit Ihnen entgegenkam und eine Reihe von unerwarteten Vorfallen Sie endlich ans Ziel brachte, das Sie selbst noch kaum ins Auge gefasst hatten? Sollte das nicht Ergebenheit in das Schicksal, Zutrauen zu einer solchen Leitung einflossen?"

"Mit diesen Gesinnungen konnte kein Madchen ihre Tugend, niemand sein Geld im Beutel behalten; denn es gibt Anlasse genug, beides loszuwerden. Ich kann mich nur uber den Menschen freuen, der weiss, was ihm und andern nutze ist, und seine Willkur zu beschranken arbeitet. Jeder hat sein eigen Gluck unter den Handen, wie der Kunstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allem; nur die Fahigkeit dazu wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfaltig ausgeubt sein."

Dieses und mehreres wurde noch unter ihnen abgehandelt; endlich trennten sie sich, ohne dass sie einander sonderlich uberzeugt zu haben schienen, doch bestimmten sie auf den folgenden Tag einen Ort der Zusammenkunft.

Wilhelm ging noch einige Strassen auf und nieder; er horte Klarinetten, Waldhorner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durchreisende Spielleute machten eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit ihnen, und um ein Stuck Geld folgten sie ihm zu Marianens Wohnung. Hohe Baume zierten den Platz vor ihrem Hause, darunter stellte er seine Sanger; er selbst ruhte auf einer Bank in einiger Entfernung und uberliess sich ganz den schwebenden Tonen, die in der labenden Nacht um ihn sauselten. Unter den holden Sternen hingestreckt war ihm sein Dasein wie ein goldner Traum. "Sie hort auch diese Floten", sagte er in seinem Herzen; "sie fuhlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht wohlklingend macht; auch in der Entfernung sind wir durch diese Melodien zusammengebunden, wie in jeder Entfernung durch die feinste Stimmung der Liebe. Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei Magnetuhren: was in der einen sich regt, muss auch die andere mitbewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Moglichkeit fuhlen, mich von ihr zu trennen? und doch, ich werde fern von ihr sein, werde einen Heilort fur unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir haben.

Wie oft ist mir's geschehen, dass ich, abwesend von ihr, in Gedanken an sie verloren, ein Buch, ein Kleid oder sonst etwas beruhrte und glaubte, ihre Hand zu fuhlen, so ganz war ich mit ihrer Gegenwart umkleidet. Und jener Augenblicke mich zu erinnern, die das Licht des Tages wie das Auge des kalten Zuschauers fliehen, die zu geniessen Gotter den schmerzlosen Zustand der reinen Seligkeit zu verlassen sich entschliessen durften! Mich zu erinnern? Als wenn man den Rausch des Taumelkelchs in der Erinnerung erneuern konnte, der unsere Sinne, von himmlischen Banden umstrickt, aus aller ihrer Fassung reisst! Und ihre Gestalt " Er verlor sich im Andenken an sie, seine Ruhe ging in Verlangen uber, er umfasste einen Baum, kuhlte seine heisse Wange an der Rinde, und die Winde der Nacht saugten begierig den Hauch auf, der aus dem reinen Busen bewegt hervordrang. Er fuhlte nach dem Halstuch, das er von ihr mitgenommen hatte; es war vergessen, es steckte im vorigen Kleide. Seine Lippen lechzten, seine Glieder zitterten vor Verlangen.

Die Musik horte auf, und es war ihm, als war' er aus dem Elemente gefallen, in dem seine Empfindungen bisher emporgetragen wurden. Seine Unruhe vermehrte sich, da seine Gefuhle nicht mehr von den sanften Tonen genahrt und gelindert wurden. Er setzte sich auf ihre Schwelle nieder und war schon mehr beruhigt. Er kusste den messingenen Ring, womit man an ihre Ture pochte, er kusste die Schwelle, uber die ihre Fusse aus und ein gingen, und erwarmte sie durch das Feuer seiner Brust. Dann sass er wieder eine Weile stille und dachte sie hinter ihren Vorhangen, im weissen Nachtkleide mit dem roten Band um den Kopf in susser Ruhe und dachte sich selbst so nahe zu ihr hin, dass ihm vorkam, sie musste nun von ihm traumen. Seine Gedanken waren lieblich wie die Geister der Dammerung; Ruhe und Verlangen wechselten in ihm; die Liebe lief mit schaudernder Hand tausendfaltig uber alle Saiten seiner Seele; es war, als wenn der Gesang der Spharen uber ihm stille stunde, um die leisen Melodien seines Herzens zu belauschen.

Hatte er den Hauptschlussel bei sich gehabt, der ihm sonst Marianens Ture offnete, er wurde sich nicht gehalten haben, wurde ins Heiligtum der Liebe eingedrungen sein. Doch er entfernte sich langsam, schwankte halb traumend unter den Baumen hin, wollte nach Hause und ward immer wieder umgewendet; endlich, als er's uber sich vermochte, ging und an der Ecke noch einmal zurucksah, kam es ihm vor, als wenn Marianens Ture sich offnete und eine dunkle Gestalt sich herausbewegte. Er war zu weit, um deutlich zu sehen, und eh' er sich fasste und recht aufsah, hatte sich die Erscheinung schon in der Nacht verloren; nur ganz weit glaubte er sie wieder an einem weissen Hause vorbeistreifen zu sehen. Er stund und blinzte, und ehe er sich ermannte und nacheilte, war das Phantom verschwunden. Wohin sollte er ihm folgen? Welche Strasse hatte den Menschen aufgenommen, wenn es einer war?

Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem Winkel erhellte, gleich darauf mit geblendeten Augen die vorigen Gestalten, den Zusammenhang der Pfade in der Finsternis vergebens sucht, so war's vor seinen Augen, so war's in seinem Herzen. Und wie ein Gespenst der Mitternacht, das ungeheure Schrecken erzeugt, in folgenden Augenblicken der Fassung fur ein Kind des Schreckens gehalten wird, und die furchterliche Erscheinung Zweifel ohne Ende in der Seele zurucklasst, so war auch Wilhelm in der grossten Unruhe, als er, an einen Eckstein gelehnt, die Helle des Morgens und das Geschrei der Hahne nicht achtete, bis die fruhen Gewerbe lebendig zu werden anfingen und ihn nach Hause trieben.

Er hatte, wie er zuruckkam, das unerwartete Blendwerk mit den triftigsten Grunden beinahe aus der Seele vertrieben; doch die schone Stimmung der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine Erscheinung zuruckdachte, war auch dahin. Sein Herz zu letzen, ein Siegel seinem wiederkehrenden Glauben aufzudrucken, nahm er das Halstuch aus der vorigen Tasche. Das Rauschen eines Zettels, der herausfiel, zog ihm das Tuch von den Lippen; er hob auf und las:

"So hab' ich Dich lieb, kleiner Narre! was war Dir auch gestern? Heute nacht komm' ich zu Dir. Ich glaube wohl, dass Dir's leid tut, von hier wegzugehen; aber habe Geduld; auf die Messe komm' ich Dir nach. Hore, tu mir nicht wieder die schwarzgrunbraune Jacke an, Du siehst drin aus wie die Hexe von Endor. Hab' ich Dir nicht das weisse Neglige darum geschickt, dass ich ein weisses Schafchen in meinen Armen haben will? Schick' mir Deine Zettel immer durch die alte Sibylle; die hat der Teufel selbst zur Iris bestellt."

Zweites Buch

Erstes Kapitel

Jeder, der mit lebhaften Kraften vor unsern Augen eine Absicht zu erreichen strebt, kann, wir mogen seinen Zweck loben oder tadeln, sich unsre Teilnahme versprechen; sobald aber die Sache entschieden ist, wenden wir unser Auge sogleich von ihm weg; alles, was geendigt, was abgetan daliegt, kann unsre Aufmerksamkeit keineswegs fesseln, besonders wenn wir schon fruhe der Unternehmung einen ubeln Ausgang prophezeit haben.

Deswegen sollen unsre Leser nicht umstandlich mit dem Jammer und der Not unsers verungluckten Freundes, in die er geriet, als er seine Hoffnungen und Wunsche auf eine so unerwartete Weise zerstort sah, unterhalten werden. Wir uberspringen vielmehr einige Jahre und suchen ihn erst da wieder auf, wo wir ihn in einer Art von Tatigkeit und Genuss zu finden hoffen, wenn wir vorher nur kurzlich so viel, als zum Zusammenhang der Geschichte notig ist, vorgetragen haben.

Die Pest oder ein boses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen Korper, den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der arme Wilhelm unvermutet von einem unglucklichen Schicksale uberwaltigt, dass in einem Augenblicke sein ganzes Wesen zerruttet war. Wie wenn von ungefahr unter der Zurustung ein Feuerwerk in Brand gerat, und die kunstlich gebohrten und gefullten Hulsen, die, nach einem gewissen Plane geordnet und abgebrannt, prachtig abwechselnde Feuerbilder in die Luft zeichnen sollten, nunmehr unordentlich und gefahrlich durcheinander zischen und sausen, so gingen auch jetzt in seinem Busen Gluck und Hoffnung, Wollust und Freuden, Wirkliches und Getraumtes auf einmal scheiternd durcheinander. In solchen wusten Augenblicken erstarrt der Freund, der zur Rettung hinzueilt, und dem, den es trifft, ist es eine Wohltat, dass ihn die Sinne verlassen.

Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vorsatz erneuerten Schmerzes folgten darauf; doch sind auch diese fur eine Gnade der Natur zu achten. In solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte noch nicht ganz verloren; seine Schmerzen waren unermudet erneuerte Versuche, das Gluck, das ihm aus der Seele entfloh, noch festzuhalten, die Moglichkeit desselben in der Vorstellung wieder zu erhaschen, seinen auf immer abgeschiedenen Freuden ein kurzes Nachleben zu verschaffen. Wie man einen Korper, solange die Verwesung dauert, nicht ganz tot nennen kann, solange die Krafte, die vergebens nach ihren alten Bestimmungen zu wirken suchen, an der Zerstorung der Teile, die sie sonst belebten, sich abarbeiten; nur dann, wenn sich alles aneinander aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in gleichgultigen Staub zerlegt sehen, dann entsteht das erbarmliche, leere Gefahr des Todes in uns, nur durch den Atem des Ewiglebenden zu erquicken.

In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gemute war viel zu zerreissen, zu zerstoren, zu ertoten, und die schnellheilende Kraft der Jugend gab selbst der Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der Streich hatte sein ganzes Dasein an der Wurzel getroffen. Werner, aus Not sein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer verhassten Leidenschaft, dem Ungeheuer, ins innerste Leben zu dringen. Die Gelegenheit war so glucklich, das Zeugnis so bei der Hand, und wieviel Geschichten und Erzahlungen wusst' er nicht zu nutzen. Er trieb's mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor Schritt, liess dem Freunde nicht das Labsal des mindesten augenblicklichen Betruges, vertrat ihm jeden Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der Verzweiflung hatte retten konnen, dass die Natur, die ihren Liebling nicht wollte zugrunde gehen lassen, ihn mit Krankheit anfiel, um ihm von der andern Seite Luft zu machen.

Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzneien, der Uberspannung und der Mattigkeit, dabei die Bemuhungen der Familie, die Liebe der Mitgebornen, die durch Mangel und Bedurfnisse sich erst recht fuhlbar macht, waren so viele Zerstreuungen eines veranderten Zustandes und eine kummerliche Unterhaltung. Erst als er wieder besser wurde, das heisst, als seine Krafte erschopft waren, sah Wilhelm mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines durren Elendes hinab, wie man in den ausgebrannten hohlen Becher eines Vulkans hinunterblickt.

Nunmehr machte er sich selbst die bittersten Vorwurfe, dass er nach so grossem Verlust noch einen schmerzenlosen, ruhigen, gleichgultigen Augenblick haben konne. Er verachtete sein eigen Herz und sehnte sich nach dem Labsal des Jammers und der Tranen.

Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle Szenen des vergangenen Glucks. Mit der grossten Lebhaftigkeit malte er sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur moglichsten Hohe hinaufgearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein voriger Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien, sah er ruckwarts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter und erzwang von der Natur die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausamkeit zerriss er sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingehullten Kraften ist, weiss nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt, als wollte sie dem Verlornen dadurch noch erst einen rechten Wert geben. Auch war er so uberzeugt, dass dieser Verlust der einzige, der erste und letzte sei, den er in seinem Leben empfinden konne, dass er jeden Trost verabscheute, der ihm diese Leiden als endlich vorzustellen unternahm.

Zweites Kapitel

Gewohnt, auf diese Weise sich selbst zu qualen, griff er nun auch das ubrige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die grossten Freuden und Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler, mit hamischer Kritik von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten nichts als eine geistlose Nachahmung einiger hergebrachter Formen ohne inneren Wert; er wollte darin nur steife Schulexerzitien erkennen, denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit und Begeisterung fehle. In seinen Gedichten fand er nur ein monotones Silbenmass, in welchem, durch einen armseligen Reim zusammengehalten, ganz gemeine Gedanken und Empfindungen sich hinschleppten; und so benahm er sich auch jede Aussicht, jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls hatte wieder aufrichten konnen.

Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, dass er nicht fruher die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmassung zum Grunde gelegen. Seine Figur, sein Gang, seine Bewegung und Deklamation mussten herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug, jedes Verdienst, das ihn uber das Gemeine emporgehoben hatte, entscheidend ab und vermehrte seine stumme Verzweiflung dadurch auf den hochsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe eines Weibes zu entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von dem Umgange der Musen sich loszureissen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer unwurdig zu erklaren und auf den schonsten und nachsten Beifall, der unsrer Person, unserm Betragen, unsrer Stimme offentlich gegeben wird, Verzicht zu tun.

So hatte sich denn unser Freund vollig resigniert und sich zugleich mit grossem Eifer den Handelsgeschaften gewidmet. Zum Erstaunen seines Freundes und zur grossten Zufriedenheit seines Vaters war niemand auf dem Comptoir und der Borse, im Laden und Gewolbe tatiger als er; Korrespondenz und Rechnungen und was ihm aufgetragen wurde, besorgte und verrichtete er mit grosstem Fleiss und Eifer. Freilich nicht mit dem heitern Fleisse, der zugleich dem Geschaftigen Belohnung ist, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge verrichten, sondern mit dem stillen Fleisse der Pflicht, der den besten Vorsatz zum Grunde hat, der durch Uberzeugung genahrt und durch ein inneres Selbstgefuhl belohnt wird, der aber doch oft, selbst dann, wenn ihm das schonste Bewusstsein die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer kaum zu ersticken vermag.

Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und sich uberzeugt, dass jene harte Prufung vom Schicksale zu seinem Besten veranstaltet worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich beizeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt dass andere spater und schwerer die Missgriffe bussen, wozu sie ein jugendlicher Dunkel verleitet hat. Denn gewohnlich wehrt sich der Mensch so lange, als er kann, dem Toren, den er im Busen hegt, einen Hauptirrtum zu bekennen und eine Wahrheit einzugestehen, die ihn zur Verzweiflung bringt.

So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so war doch einige Zeit notig, um ihn von seinem Unglucke vollig zu uberzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des poetischen Hervorbringens und der personlichen Darstellung mit triftigen Grunden so ganz in sich vernichtet, dass er Mut fasste, alle Spuren seiner Torheit, alles, was ihn irgend noch daran erinnern konnte, vollig auszuloschen. Er hatte daher an einem kuhlen Abende ein Kaminfeuer angezundet und holte ein Reliquienkastchen hervor, in welchem sich hunderterlei Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden Augenblicken von Marianen erhalten oder derselben geraubt hatte. Jede vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch frisch in ihren Haaren bluhte; jedes Zettelchen an die gluckliche Stunde, wozu sie ihn dadurch einlud; jede Schleife an den lieblichen Ruheplatz seines Hauptes, ihren schonen Busen. Musste nicht auf diese Weise jede Empfindung, die er schon lange getotet glaubte, sich wieder zu bewegen anfangen? Musste nicht die Leidenschaft, uber die er, abgeschieden von seiner Geliebten, Herr geworden war, in der Gegenwart dieser Kleinigkeiten wieder machtig werden? Denn wir merken erst, wie traurig und unangenehm ein truber Tag ist, wenn ein einziger durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer heitern Stunde darstellt.

Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligtumer nacheinander in Rauch und Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt er zaudernd inne und hatte noch eine Perlenschnur und ein flornes Halstuch ubrig, als er sich entschloss, mit den dichterischen Versuchen seiner Jugend das abnehmende Feuer wieder aufzufrischen.

Bis jetzt hatte er alles sorgfaltig aufgehoben, was ihm von der fruhsten Entwicklung seines Geistes an aus der Feder geflossen war. Noch lagen seine Schriften in Bundel gebunden auf dem Boden des Koffers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf seiner Flucht mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders eroffnete er sie jetzt, als er sie damals zusammenband!

Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umstanden geschrieben und gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht antrifft, sondern wieder zu uns zuruckgebracht wird, nach einiger Zeit eroffnen, uberfallt uns eine sonderbare Empfindung, indem wir unser eignes Siegel erbrechen und uns mit unserm veranderten Selbst wie mit einer dritten Person unterhalten. Ein ahnliches Gefuhl ergriff mit Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paket eroffnete und die zerteilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam aufloderten, als Werner hereintrat, sich uber die lebhafte Flamme verwunderte und fragte, was hier vorgehe?

"Ich gebe einen Beweis", sagte Wilhelm, "dass es mir Ernst sei, ein Handwerk aufzugeben, wozu ich nicht geboren ward"; und mit diesen Worten warf er das zweite Paket in das Feuer. Werner wollte ihn abhalten, allein es war geschehen.

"Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem kommst", sagte dieser. "Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich sind, gar vernichtet werden?"

"Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren soll; weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der Kunst enthalten und sich vor jeder Verfuhrung dazu ernstlich in acht nehmen sollte. Denn freilich regt sich in jedem Menschen ein gewisses unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber dieses Verlangen beweist gar nicht, dass auch die Kraft in uns wohne, mit dem, was wir unternehmen, zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben an, wie sie jedesmal, sooft Seiltanzer in der Stadt gewesen, auf allen Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis ein anderer Reiz sie wieder zu einem ahnlichen Spiele hinzieht. Hast du es nicht in dem Zirkel unserer Freunde bemerkt? Sooft sich ein Virtuose horen lasst, finden sich immer einige, die sogleich dasselbe Instrument zu lernen anfangen. Wie viele irren auf diesem Wege herum! Glucklich, wer den Fehlschluss von seinen Wunschen auf seine Krafte bald gewahr wird!"

Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konnte nicht ohne Bewegung die Argumente, mit denen er sich selbst so oft gequalt hatte, gegen seinen Freund wiederholen. Werner behauptete, es sei nicht vernunftig, ein Talent, zu dem man nur einigermassen Neigung und Geschick habe, deswegen, weil man es niemals in der grossten Vollkommenheit ausuben werde, ganz aufzugeben. Es finde sich ja so manche leere Zeit, die man dadurch ausfullen und nach und nach etwas hervorbringen konne, wodurch wir uns und andern ein Vergnugen bereiten.

Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm sogleich ein und sagte mit grosser Lebhaftigkeit:

"Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, dass ein Werk, dessen erste Vorstellung die ganze Seele fullen muss, in unterbrochenen, zusammengegeizten Stunden konne hervorgebracht werden! Nein, der Dichter muss ganz sich, ganz in seinen geliebten Gegenstanden leben. Er, der vom Himmel innerlich auf das kostlichste begabt ist, der einen sich immer selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muss auch von aussen ungestort mit seinen Schatzen in der stillen Gluckseligkeit leben, die ein Reicher vergebens mit aufgehauften Gutern um sich hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach Gluck und Vergnugen rennen! Ihre Wunsche, ihre Muhe, ihr Geld jagen rastlos, und wonach? nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat, nach dem Genuss der Welt, nach dem Mitgefuhl seiner selbst in andern, nach einem harmonischen Zusammensein mit vielen oft unvereinbaren Dingen.

Was beunruhiget die Menschen, als dass sie ihre Begriffe nicht mit den Sachen verbinden konnen, dass der Genuss sich ihnen unter den Handen wegstiehlt, dass das Gewunschte zu spat kommt, und dass alles Erreichte und Erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung tut, welche die Begierde uns in der Ferne ahnen lasst. Gleichsam wie einen Gott hat das Schicksal den Dichter uber dieses alles hinubergesetzt. Er sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche sich zwecklos bewegen, er sieht die unaufloslichen Ratsel der Missverstandnisse, denen oft nur ein einsilbiges Wort zur Entwicklung fehlt, unsaglich verderbliche Verwirrungen verursachen. Er fuhlt das Traurige und das Freudige jedes Menschenschicksals mit. Wenn der Weltmensch in einer abzehrenden Melancholie uber den grossen Verlust seine Tage hinschleicht oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale entgegengeht, so schreitet die empfangliche, leichtbewegliche Seele des Dichters wie die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen Ubergangen stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund seines Herzens wachst die schone Blume der Weisheit hervor, und wenn die andern wachend traumen und von ungeheuren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen geangstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als Wachender, und das Seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Gotter und der Menschen. Wie! willst du, dass er zu einem kummerlichen Gewerbe heruntersteige? Er, der wie ein Vogel gebaut ist, um die Welt zu uberschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten und seine Nahrung von Knospen und Fruchten, einen Zweig mit dem andern leicht verwechselnd, zu nehmen, er sollte zugleich wie der Stier am Pfluge ziehen, wie der Hund sich auf eine Fahrte gewohnen oder vielleicht gar, an die Kette geschlossen, einen Meierhof durch sein Bellen sichern?"

Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehort. "Wenn nur auch die Menschen", fiel er ihm ein, "wie die Vogel gemacht waren und, ohne dass sie spinnen und weben, holdselige Tage in bestandigem Genuss zubringen konnten! Wenn sie nur auch bei Ankunft des Winters sich so leicht in ferne Gegenden begaben, dem Mangel auszuweichen und sich vor dem Froste zu sichern!"

"So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwurdige mehr erkannt ward", rief Wilhelm aus, "und so sollten sie immer leben. Genugsam in ihrem Innersten ausgestattet, bedurften sie wenig von aussen; die Gabe, schone Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen in sussen, sich an jeden Gegenstand anschmiegenden Worten und Melodien mitzuteilen, bezauberte von jeher die Welt und war fur den Begabten ein reichliches Erbteil. An den Konige Hofen, an den Tischen der Reichen, vor den Turen der Verliebten horchte man auf sie, indem sich das Ohr und die Seele fur alles andere verschloss, wie man sich selig preist und entzuckt stille steht, wenn aus den Gebuschen, durch die man wandelt, die Stimme der Nachtigall gewaltig ruhrend hervordringt! Sie fanden eine gastfreie Welt, und ihr niedrig scheinender Stand erhohte sie nur desto mehr. Der Held lauschte ihren Gesangen, und der Uberwinder der Welt huldigte einem Dichter, weil er fuhlte, dass ohne diesen sein ungeheures Dasein nur wie ein Sturmwind voruberfahren wurde; der Liebende wunschte sein Verlangen und seinen Genuss so tausendfach und so harmonisch zu fuhlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern verstand; und selbst der Reiche konnte seine Besitztumer, seine Abgotter, nicht mit eigenen Augen so kostbar sehen, als sie ihm vom Glanz des allen Wert fuhlenden und erhohenden Geistes beleuchtet erschienen. Ja, wer hat, wenn du willst, Gotter gebildet, uns zu ihnen erhoben, sie zu uns herniedergebracht, als der Dichter?"

"Mein Freund", versetzte Werner nach einigem Nachdenken, "ich habe schon oft bedauert, dass du das, was du so lebhaft fuhlst, mit Gewalt aus deiner Seele zu verbannen strebst. Ich musste mich sehr irren, wenn du nicht besser tatest, dir selbst einigermassen nachzugeben, als dich durch die Widerspruche eines so harten Entsagens aufzureiben und dir mit der einen unschuldigen Freude den Genuss aller ubrigen zu entziehen."

"Darf ich dir's gestehen, mein Freund", versetzte der andre, "und wirst du mich nicht lacherlich finden, wenn ich dir bekenne, dass jene Bilder mich noch immer verfolgen, so sehr ich sie fliehe, und dass, wenn ich mein Herz untersuche, alle fruhen Wunsche fest, ja noch fester als sonst darin haften? Doch was bleibt mir Unglucklichem gegenwartig ubrig? Ach, wer mir vorausgesagt hatte, dass die Arme meines Geistes so bald zerschmettert werden sollten, mit denen ich ins Unendliche griff, und mit denen ich doch gewiss ein Grosses zu umfassen hoffte, wer mir das vorausgesagt hatte, wurde mich zur Verzweiflung gebracht haben. Und noch jetzt, da das Gericht uber mich ergangen ist, jetzt, da ich die verloren habe, die anstatt einer Gottheit mich zu meinen Wunschen hinuberfuhren sollte, was bleibt mir ubrig, als mich den bittersten Schmerzen zu uberlassen? O mein Bruder", fuhr er fort, "ich leugne nicht, sie war mir bei meinen heimlichen Anschlagen der Kloben, an dem eine Strickleiter befestigt ist: gefahrlich hoffend schwebt der Abenteurer in der Luft, das Eisen bricht, und er liegt zerschmettert am Fusse seiner Wunsche. Es ist auch nun fur mich kein Trost, keine Hoffnung mehr! Ich werde", rief er aus, indem er aufsprang, "von diesen ungluckseligen Papieren keines ubriglassen." Er fasste abermals ein paar Hefte an, riss sie auf und warf sie ins Feuer. Werner wollte ihn abhalten, aber vergebens. "Lass mich!" rief Wilhelm, "was sollen diese elenden Blatter? Fur mich sind sie weder Stufe noch Aufmunterung mehr. Sollen sie ubrigbleiben, um mich bis ans Ende meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht einmal der Welt zum Gespotte dienen, anstatt Mitleiden und Schauer zu erregen? Weh' uber mich und mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die Klagen der Dichter, der aus Not weise gewordenen Traurigen. Wie lange hielt ich mich fur unzerstorbar, fur unverwundlich, und ach! nun seh' ich, dass ein tiefer fruher Schade nicht wieder auswachsen, sich nicht wieder herstellen kann; ich fuhle, dass ich ihn mit ins Grab nehmen muss. Nein! keinen Tag des Lebens soll der Schmerz vor mir weichen, der mich noch zuletzt umbringt, und auch ihr Andenken soll bei mir bleiben, mit mir leben und sterben, das Andenken der Unwurdigen ach, mein Freund! wenn ich vom Herzen reden soll der gewiss nicht ganz Unwurdigen! Ihr Stand, ihre Schicksale haben sie tausendmal bei mir entschuldigt. Ich bin zu grausam gewesen, du hast mich in deine Kalte, in deine Harte unbarmherzig eingeweiht, meine zerrutteten Sinne gefangengehalten und mich verhindert, das fur sie und fur ich zu tun, was ich uns beiden schuldig war. Wer weiss, in welchen Zustand ich sie versetzt habe, und erst nach und nach fallt mir's aufs Gewissen, in welcher Verzweiflung, in welcher Hulflosigkeit ich sie verliess! War's nicht moglich, dass sie sich entschuldigen konnte? War's nicht moglich? Wieviel Missverstandnisse konnen die Welt verwirren, wieviel Umstande konnen dem grossten Fehler Vergebung erflehen! Wie oft denke ich mir sie, in der Stille fur sich sitzend, auf ihren Ellenbogen gestutzt. 'Das ist', sagt sie 'die Treue, die Liebe, die er mir zuschwur! Mit diesem unsanften Schlag das schone Leben zu endigen, das uns verband!'" Er brach in einen Strom von Tranen aus, indem er sich mit dem Gesichte auf den Tisch warf und die ubriggebliebenen Papiere benetzte.

Werner stand in der grossten Verlegenheit dabei. Er hatte sich dieses rasche Auflodern der Leidenschaft nicht vermutet. Etlichemal wollte er seinem Freunde in die Rede fallen, etlichemal das Gesprach woanders hinlenken: vergebens! er widerstand dem Strome nicht. Auch hier ubernahm die ausdauernde Freundschaft wieder ihr Amt. Er liess den heftigsten Anfall des Schmerzens voruber, indem er durch seine stille Gegenwart eine aufrichtige, reine Teilnehmung am besten sehen liess, und so blieben sie diesen Abend: Wilhelm ins stille Nachgefuhl des Schmerzens versenkt, und der andere erschreckt durch den neuen Ausbruch einer Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten Rat und eifriges Zureden uberwaltigt zu haben glaubte.

Drittes Kapitel

Nach solchen Ruckfallen pflegte Wilhelm meist nur desto eifriger sich den Geschaften und der Tatigkeit zu widmen, und es war der beste Weg, dem Labyrinthe, das ihn wieder anzulocken suchte, zu entfliehen. Seine gute Art, sich gegen Fremde zu betragen, seine Leichtigkeit, fast in allen lebenden Sprachen Korrespondenz zu fuhren, gaben seinem Vater und dessen Handelsfreunde immer mehr Hoffnung und trosteten sie uber die Krankheit, deren Ursache ihnen nicht bekannt geworden war, und uber die Pause, die ihren Plan unterbrochen hatte. Man beschloss Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden ihn auf seinem Pferde, den Mantelsack hinter sich, erheitert durch freie Luft und Bewegung, dem Gebirge sich nahern, wo er einige Auftrage ausrichten sollte.

Er durchstrich langsam Taler und Berge mit der Empfindung des grossten Vergnugens. Uberhangende Felsen, rauschende Wasserbache, bewachsene Wande, tiefe Grunde sah er hier zum erstenmal, und doch hatten seine fruhsten Jugendtraume schon in solchen Gegenden geschwebt. Er fuhlte sich bei diesem Anblicke wieder verjungt; all erduldeten Schmerzen waren aus seiner Seele weggewaschen, und mit volliger Heiterkeit sagte er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten, besonders aus dem "Pastor fido", vor, die an diesen einsamen Platzen scharenweis seinem Gedachtnisse zuflossen. Auch erinnerte er sich mancher Stellen aus seinen eigenen Liedern, die er mit einer besonderen Zufriedenheit rezitierte. Er belebte die Welt, die vor ihm lag, mit allen Gestalten der Vergangenheit, und jeder Schritt in die Zukunft war ihm voll Ahnung wichtiger Handlungen und merkwurdiger Begebenheiten.

Mehrere Menschen, die aufeinander folgend hinter ihm herkamen, an ihm mit einem Grusse vorbeigingen und den Weg ins Gebirge durch steile Fusspfade eilig fortsetzten, unterbrachen einigemal seine stille Unterhaltung, ohne dass er jedoch aufmerksam auf sie geworden ware. Endlich gesellte sich ein gesprachiger Gefahrte zu ihm und erzahlte die Ursache der starken Pilgerschaft.

"Zu Hochdorf", sagte er, "wird heute abend eine Komodie gegeben, wozu sich die ganze Nachbarschaft versammelt."

"Wie!" rief Wilhelm, "in diesen einsamen Gebirgen, zwischen diesen undurchdringlichen Waldern hat die Schauspielkunst einen Weg gefunden und sich einen Tempel aufgebaut? und ich muss zu ihrem Feste wallfahrten?"

"Sie werden sich noch mehr wundern", sagte der andere, "wenn Sie horen, durch wen das Stuck aufgefuhrt wird. Es ist eine grosse Fabrik in dem Orte, die viel Leute ernahrt. Der Unternehmer, der sozusagen von aller menschlichen Gesellschaft entfernt lebt, weiss seine Arbeiter im Winter nicht besser zu beschaftigen, als dass er sie veranlasst hat, Komodie zu spielen. Er leidet keine Karten unter ihnen und wunscht sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. So bringen sie die langen Abende zu, und heute, da des Alten Geburtstag ist, geben sie ihm zu Ehren eine besondere Festlichkeit."

Wilhelm kam zu Hochdorf an, wo er ubernachten sollte, und stieg bei der Fabrik ab, deren Unternehmer auch als Schuldner auf seiner Liste stand.

Als er seinen Namen nannte, rief der Alte verwundert aus: "Ei, mein Herr, sind Sie der Sohn des braven Mannes, dem ich so viel Dank und bis jetzt noch Geld schuldig bin? Ihr Herr Vater hat so viel Geduld mit mir gehabt, dass ich ein Bosewicht sein musste, wenn ich nicht eilig und frohlich bezahlte. Sie kommen eben zur rechten Zeit, um zu sehen, dass es mir Ernst ist."

Er rief seine Frau herbei, welche ebenso erfreut war, den jungen Mann zu sehen; sie versicherte, dass er seinem Vater gleiche, und bedauerte, dass sie ihn wegen der vielen Fremden die Nacht nicht beherbergen konne.

Das Geschaft war klar und bald berichtigt; Wilhelm steckte ein Rollchen Geld in die Tasche und wunschte, dass seine ubrigen Geschafte auch so leicht gehen mochten.

Die Stunde des Schauspiels kam heran, man erwartete nur noch den Oberforstmeister, der endlich auch anlangte, mit einigen Jagern eintrat und mit der grossten Verehrung empfangen wurde.

Die Gesellschaft wurde nunmehr ins Schauspielhaus gefuhrt, wozu man eine Scheune eingerichtet hatte, die gleich am Garten lag. Haus und Theater waren ohne sonderlichen Geschmack munter und artig angelegt. Einer von den Malern, die auf der Fabrik arbeiteten, hatte bei dem Theater in der Residenz gehandlangt und hatte nun Wald, Strasse und Zimmer, freilich etwas roh, hingestellt. Das Stuck hatten sie von einer herumziehenden Truppe geborgt und nach ihrer eigenen Weise zurechtgeschnitten. So wie es war, unterhielt es. Die Intrige, dass zwei Liebhaber ein Madchen ihrem Vormunde und wechselsweise sich selbst entreissen wollen, brachte allerlei interessante Situationen hervor. Es war das erste Stuck, das unser Freund nach einer so langen Zeit wieder sah; er machte mancherlei Betrachtungen. Es war voller Handlung, aber ohne Schilderung wahrer Charaktere. Es gefiel und ergotzte. So sind die Anfange aller Schauspielkunst. Der rohe Mensch ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht; der gebildete will empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz ausgebildeten angenehm.

Den Schauspielern hatte er hie und da gerne nachgeholfen; denn es fehlte nur wenig, so hatten sie um vieles besser sein konnen.

In seinen stillen Betrachtungen storte ihn der Tabaksdampf, der immer starker und starker wurde. Der Oberforstmeister hatte bald nach Anfang des Stuckes seine Pfeife angezundet und nach und nach nahmen sich mehrere diese Freiheit heraus. Auch machten die grossen Hunde dieses Herrn schlimme Auftritte. Man hatte sie zwar ausgesperrt; allein sie fanden bald den Weg zur Hinterture herein, liefen auf das Theater, rannten wider die Akteurs und gesellten sich endlich durch einen Sprung uber das Orchester zu ihrem Herrn, der den ersten Platz im Parterre eingenommen hatte.

Zum Nachspiel ward ein Opfer dargebracht. Ein Portrat, das den Alten in seinem Brautigamskleide vorstellte, stand auf einem Altar, mit Kranzen behangen. Alle Schauspieler huldigten ihm in demutvollen Stellungen. Das jungste Kind trat, weiss gekleidet, hervor und hielt eine Rede in Versen, wodurch die ganze Familie und sogar der Oberforstmeister, der sich dabei an seine Kinder erinnerte, zu Tranen bewegt wurde. So endigte sich das Stuck, und Wilhelm konnte nicht umhin, das Theater zu besteigen, die Aktricen in der Nahe zu besehen, sie wegen ihres Spiels zu loben und ihnen auf die Zukunft einen Rat zu geben.

Die ubrigen Geschafte unseres Freundes, die er nach und nach in grossern und kleinern Gebirgsorten verrichtete, liefen nicht alle so glucklich, noch so vergnugt ab. Manche Schuldner baten um Aufschub, manche waren unhoflich, manche leugneten. Nach seinem Auftrage sollte er einige verklagen; er musste einen Advokaten aufsuchen, diesen instruieren, sich vor Gericht stellen, und was dergleichen verdriessliche Geschafte noch mehr waren.

Ebenso schlimm erging es ihm, wenn man ihm eine Ehre erzeigen wollte. Nur wenige Leute fand er, die ihn einigermassen unterrichten konnten, wenige, mit denen er in ein nutzliches Handelsverhaltnis zu kommen hoffte. Da nun auch unglucklicherweise Regentage einfielen, und eine Reise zu Pferd in diesen Gegenden mit unertraglichen Beschwerden verknupft war, so dankte er dem Himmel, als er sich dem flachen Lande wieder naherte und am Fusse des Gebirges in einer schonen und fruchtbaren Ebene, an einem sanften Flusse, im Sonnenscheine ein heiteres Landstadtchen liegen sah, in welchem er zwar keine Geschafte hatte, aber eben deswegen sich entschloss, ein paar Tage daselbst zu verweilen, um sich und seinem Pferde, das von dem schlimmen Wege sehr gelitten hatte, einige Erholung zu verschaffen.

Viertes Kapitel

Als er in einem Wirtshause auf dem Markte abtrat, ging es darin sehr lustig, wenigstens sehr lebhaft zu. Eine grosse Gesellschaft Seiltanzer, Springer und Gaukler, die einen starken Mann bei sich hatten, waren mit Weib und Kindern eingezogen und machten, indem sie sich auf eine offentliche Erscheinung bereiteten, einen Unfug uber den andern. Bald stritten sie mit dem Wirte, bald unter sich selbst; und wenn ihr Zank unleidlich war, so waren die Ausserungen ihres Vergnugens ganz und gar unertraglich. Unschlussig, ob er gehen oder bleiben sollte, stand er unter dem Tore und sah den Arbeitern zu, die auf dem Platze ein Gerust aufzuschlagen anfingen.

Ein Madchen, das Rosen und andere Blumen herumtrug, bot ihm ihren Korb dar, und er kaufte sich einen schonen Strauss, den er mit Liebhaberei anders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster eines an der Seite des Platzes stehenden andern Gasthauses sich auftat und ein wohlgebildetes Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte ungeachtet der Entfernung bemerken, dass eine angenehme Heiterkeit ihr Gesicht belebte. Ihre blonden Haare fielen nachlassig aufgelost um ihren Nacken; sie schien sich nach dem Fremden umzusehen. Einige Zeit darauf trat ein Knabe, der eine Frisierschurze umgegurtet und ein weisses Jackchen anhatte, aus der Ture jenes Hauses, ging auf Wilhelmen zu, begrusste ihn und sagte: "Das Frauenzimmer am Fenster lasst Sie fragen, ob Sie ihr nicht einen Teil der schonen Blumen abtreten wollen?" "Sie stehn ihr alle zu Diensten", versetzte Wilhelm, indem er dem leichten Boten das Bouquet uberreichte und zugleich der Schonen ein Kompliment machte, welches sie mit einem freundlichen Gegengruss erwiderte und sich vom Fenster zuruckzog.

Nachdenkend uber dieses artige Abenteuer ging er nach seinem Zimmer die Treppe hinauf, als ein junges Geschopf ihm entgegensprang, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit geschlitzten spanischen Armeln, knappe, lange Beinkleider mit Puffen standen dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und Zopfen um den Kopf gekrauselt und gewunden. Er sah die Gestalt mit Verwunderung an und konnte nicht mit sich einig werden, ob er sie fur einen Knaben oder fur ein Madchen erklaren sollte. Doch entschied er sich bald fur das letzte und hielt sie auf, da sie bei ihm vorbeikam, bot ihr einen guten Tag und fragte sie, wem sie angehore, ob er schon leicht sehen konnte, dass sie ein Glied der springenden und tanzenden Gesellschaft sein musse. Mit einem scharfen schwarzen Seitenblick sah sie ihn an, indem sie sich von ihm losmachte und in die Kuche lief, ohne zu antworten.

Als er die Treppe hinaufkam, fand er auf dem weiten Vorsaale zwei Mannspersonen, die sich im Fechten ubten, oder vielmehr ihre Geschicklichkeit aneinander zu versuchen schienen. Der eine war offenbar von der Gesellschaft, die sich im Hause befand, der andere hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm sah ihnen zu und hatte Ursache, sie beide zu bewundern, und als nicht lange darauf der schwarzbartige nervige Streiter den Kampfplatz verliess, bot der andere mit vieler Artigkeit Wilhelm das Papier an.

"Wenn Sie einen Schuler", versetzte dieser, "in die Lehre nehmen wollen, so bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige Gange zu wagen." Sie fochten zusammen, und obgleich der Fremde dem Ankommling weit uberlegen war, so war er doch hoflich genug, zu versichern, dass alles nur auf Ubung ankomme; und wirklich hatte Wilhelm auch gezeigt, dass er fruher von einem guten und grundlichen deutschen Fechtmeister unterrichtet worden war.

Ihre Unterhaltung ward durch das Getose unterbrochen, mit welchem die bunte Gesellschaft aus dem Wirtshause auszog, um die Stadt von ihrem Schauspiel zu benachrichtigen und auf ihre Kunste begierig zu machen. Einem Tambour folgte der Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine Tanzerin auf einem ahnlichen Gerippe, die ein Kind vor sich hielt, das mit Bandern und Flintern wohl herausgeputzt war. Darauf kam die ubrige Truppe zu Fuss, wovon einige auf ihren Schultern Kinder in abenteuerlichen Stellungen leicht und bequem dahertrugen, unter denen die junge, schwarzkopfige, dustere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit aufs neue erregte.

Pagliasso lief unter der andringenden Menge drollig hin und her und teilte mit sehr begreiflichen Spassen, indem er bald ein Madchen kusste, bald einen Knaben pritschte, seine Zettel aus und erweckte unter dem Volke eine unuberwindliche Begierde, ihn naher kennenzulernen.

In den gedruckten Anzeigen waren die mannigfaltigen Kunste der Gesellschaft, besonders eines Monsieur Narziss und der Demoiselle Landrinette, herausgestrichen, welche beide als Hauptpersonen die Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu enthalten, sich dadurch ein vornehmeres Ansehn zu geben und grossere Neugier zu erwecken.

Wahrend des Zuges hatte sich auch die schone Nachbarin wieder am Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei seinem Gesellschafter nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelm zu ihr hinuber zu begleiten. "Ich und das Frauenzimmer", sagte er lachelnd, "sind ein paar Trummer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem hier scheiterte. Die Anmut des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier zu bleiben und unsre wenige gesammelte Barschaft in Ruhe zu verzehren, indes ein Freund ausgezogen ist, ein Unterkommen fur sich und uns zu suchen."

Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten

zu Philinens Ture, wo er ihn einen Augenblick stehen liess, um in einem benachbarten Laden Zuckerwerk zu holen. "Sie werden mir es gewiss danken", sagte er, indem er zuruckkam, "dass ich Ihnen diese artige Bekanntschaft verschaffe."

Das Frauenzimmer kam ihnen auf einem Paar

leichten Pantoffelchen mit hohen Absatzen aus der Stube entgegengetreten. Sie hatte eine schwarze Mantille uber ein weisses Neglige geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein hausliches und bequemes Ansehen gab; ihr kurzes Rockchen liess die niedlichsten Fusse von der Welt sehen.

"Sein Sie mir willkommen!" rief sie Wilhelmen zu,

"und nehmen Sie meinen Dank fur die schonen Blumen." Sie fuhrte ihn mit der einen Hand ins Zimmer, indem sie mit der andern den Strauss an die Brust druckte. Als sie sich niedergesetzt hatten und in gleichgultigen Gesprachen begriffen waren, denen sie eine reizende Wendung zu geben wusste, schuttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in den Schoss, von denen sie sogleich zu naschen anfing. "Sehn Sie, welch ein Kind dieser junge Mensch ist!" rief sie aus; "er wird Sie uberreden wollen, dass ich eine grosse Freundin von solchen Naschereien sei, und er ist's, der nicht leben kann, ohne irgend etwas Leckeres zu geniessen."

"Lassen Sie uns nur gestehn", versetzte Laertes, "dass wir hierin wie in mehrerem einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel", sagte er, "es ist heute ein sehr schoner Tag; ich dachte, wir fuhren spazieren und nahmen unser Mittagsmahl auf der Muhle." "Recht gern", sagte Philine, "wir mussen unserm neuen Bekannten eine kleine Veranderung machen." Laertes sprang fort, denn er ging niemals, und Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare, die von der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. "Das konnen Sie hier!" sagte sie, rief ihren kleinen Diener, notigte Wilhelmen auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren Pudermantel anzulegen und sich in ihrer Gegenwart frisieren zu lassen. "Man muss ja keine Zeit versaumen", sagte sie; "man weiss nicht, wie lange man beisammen bleibt."

Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich nicht zum besten, raufte Wilhelmen und schien so bald nicht fertig werden zu wollen. Philine verwies ihm einigemal seine Unart, stiess ihn endlich ungeduldig hinweg und jagte ihn zur Tur hinaus. Nun ubernahm sie selbst die Bemuhung und krauselte die Haare unsres Freundes mit grosser Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie gleich auch nicht zu eilen schien und bald dieses, bald jenes an ihrer Arbeit auszusetzen hatte, indem sie nicht vermeiden konnte, mit ihren Knien die seinigen zu beruhren und Strauss und Busen so nahe an seine Lippen zu bringen, dass er mehr als einmal in Versuchung gesetzt ward, einen Kuss darauf zu drucken.

Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermesser seine Stirn gereinigt hatte, sagte sie zu ihm: "Stecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabei." Es war ein artiges Messer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte die freundlichen Worte: "Gedenkt mein!" Wilhelm steckte es zu sich, dankte ihr und bat um die Erlaubnis, ihr ein kleines Gegengeschenk machen zu durfen.

Nun war man fertig geworden. Laertes hatte die Kutsche gebracht, und nun begann eine sehr lustige Fahrt. Philine warf jedem Armen, der sie anbettelte, etwas zum Schlage hinaus, indem sie ihm zugleich ein munteres und freundliches Wort zurief.

Sie waren kaum auf der Muhle angekommen und hatten ein Essen bestellt, als eine Musik vor dem Hause sich horen liess. Es waren Bergleute, die zu Zither und Triangel mit lebhaften und grellen Stimmen verschiedene artige Lieder vortrugen. Es dauerte nicht lange, so hatte eine herbeistromende Menge einen Kreis um sie geschlossen, und die Gesellschaft nickte ihnen ihren Beifall aus den Fenstern zu. Als sie diese Aufmerksamkeit gesehen, erweiterten sie ihren Kreis und schienen sich zu ihrem wichtigsten Stuckchen vorzubereiten. Nach einer Pause trat ein Bergmann mit einer Hacke hervor und stellte, indes die andern eine ernsthafte Melodie spielten, die Handlung des Schurfens vor.

Es wahrte nicht lange, so trat ein Bauer aus der Menge und gab jenem pantomimisch drohend zu verstehen, dass er sich von hier hinwegbegeben solle. Die Gesellschaft war daruber verwundert und erkannte erst den in einen Bauer verkleideten Bergmann, als er den Mund auftat und in einer Art von Rezitativ den andern schalt, dass er wage, auf seinem Acker zu hantieren. Jener kam nicht aus der Fassung, sondern fing an, den Landmann zu belehren, dass er recht habe, hier einzuschlagen, und gab ihm dabei die ersten Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der die fremde Terminologie nicht verstand, tat allerlei alberne Fragen, woruber die Zuschauer, die sich kluger fuhlten, ein herzliches Gelachter aufschlugen. Der Bergmann suchte ihn zu berichten und bewies ihm den Vorteil, der zuletzt auch auf ihn fliesse, wenn die unterirdischen Schatze des Landes herausgewuhlt wurden. Der Bauer, der jenem zuerst mit Schlagen gedroht hatte, liess sich nach und nach besanftigen, und sie schieden als gute Freunde voneinander; besonders aber zog sich der Bergmann auf die honorabelste Art aus diesem Streite.

"Wir haben", sagte Wilhelm bei Tische, "an die

sem kleinen Dialog das lebhafteste Beispiel, wie nutzlich allen Standen das Theater sein konnte, wie vielen Vorteil der Staat selbst daraus ziehen musste, wenn man die Handlungen, Gewerbe und Unternehmungen der Menschen von ihrer guten, lobenswurdigen Seite und in dem Gesichtspunkte auf das Theater brachte, aus welchem sie der Staat selbst ehren und schutzen muss. Jetzt stellen wir nur die lacherliche Seite der Menschen dar; der Lustspieldichter ist gleichsam nur ein hamischer Kontrolleur, der auf die Fehler seiner Mitburger uberall ein wachsames Auge hat und froh zu sein scheint, wenn er ihnen eins anhangen kann. Sollte es nicht eine angenehme und wurdige Arbeit fur einen Staatsmann sein, den naturlichen, wechselseitigen Einfluss aller Stande zu uberschauen und einen Dichter, der Humor genug hatte, bei seinen Arbeiten zu leiten? Ich bin uberzeugt, es konnten auf diesem Wege manche sehr unterhaltende, zugleich nutzliche und lustige Stucke ersonnen werden."

"Soviel ich", sagte Laertes, "uberall, wo ich her

umgeschwarmt bin, habe bemerken konnen, weiss man nur zu verbieten, zu hindern und abzulehnen, selten aber zu gebieten, zu befordern und zu belohnen. Man lasst alles in der Welt gehn, bis es schadlich wird; dann zurnt man und schlagt drein."

"Lasst mir den Staat und die Staatsleute weg", sagte Philine, "ich kann mir sie nicht anders als in Perucken vorstellen, und eine Perucke, es mag sie aufhaben, wer da will, erregt in meinen Fingern eine krampfhafte Bewegung; ich mochte sie gleich dem ehrwurdigen Herrn herunternehmen, in der Stube herumspringen und den Kahlkopf auslachen."

Mit einigen lebhaften Gesangen, welche sie sehr schon vortrug, schnitt Philine das Gesprach ab und trieb zu einer schnellen Ruckfahrt, damit man die Kunste der Seiltanzer am Abende zu sehen nicht versaumen mochte. Drollig bis zur Ausgelassenheit, setzte sie ihre Freigebigkeit gegen die Armen auf dem Heimwege fort, indem sie zuletzt, da ihr und ihren Reisegefahrten das Geld ausging, einem Madchen ihren Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage hinauswarf.

Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, weil man, wie sie sagte, aus ihren Fenstern das offentliche Schauspiel besser als im andern Wirtshause sehen konne.

Als sie ankamen, fanden sie das Gerust aufgeschlagen und den Hintergrund mit aufgehangten Teppichen geziert. Die Schwungbretter waren schon gelegt, das Schlappseil an die Pfosten befestigt, und das straffe Seil uber die Bocke gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk gefullt und die Fenster mit Zuschauern einiger Art besetzt.

Pagliass bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten, woruber die Zuschauer immer zu lachen pflegten, zur Aufmerksamkeit und guten Laune vor. Einige Kinder, deren Korper die seltsamsten Verrenkungen darstellten, erregten bald Verwunderung, bald Grausen, und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens nicht enthalten, als er das Kind, an dem er beim ersten Anblicke teilgenommen, mit einiger Muhe die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. Doch bald erregten die lustigen Springer ein lebhaftes Vergnugen, wenn sie erst einzeln, dann hintereinander und zuletzt alle zusammen sich vorwarts und ruckwarts in der Luft uberschlugen. Ein lautes Handeklatschen und Jauchzen erscholl aus der ganzen Versammlung.

Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen ganz andern Gegenstand gewendet. Die Kinder, eins nach dem andern, mussten das Seil betreten, und zwar die Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre Ubungen das Schauspiel verlangerten und die Schwierigkeit der Kunst ins Licht setzten. Es zeigten sich auch einige Manner und erwachsene Frauenspersonen mit ziemlicher Geschicklichkeit; allein es war noch nicht Monsieur Narziss, noch nicht Demoiselle Landrinette.

Endlich traten auch diese aus einer Art von Zelt hinter aufgespannten roten Vorhangen hervor und erfullten durch ihre angenehme Gestalt und zierlichen Putz die bisher glucklich genahrte Hoffnung der Zuschauer. Er, ein munteres Burschchen von mittlerer Grosse, schwarzen Augen und einem starken Haarzopf; sie, nicht minder wohl und kraftig gebildet; beide zeigten sich nacheinander auf dem Seile mit leichten Bewegungen, Sprungen und seltsamen Posituren. Ihre Leichtigkeit, seine Verwegenheit, die Genauigkeit, womit beide ihre Kunststucke ausfuhrten, erhohten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnugen. Der Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden Bemuhungen der andern um sie gaben ihnen das Ansehn, als wenn sie Herr und Meister der ganzen Truppe waren, und jedermann hielt sie des Ranges wert.

Die Begeisterung des Volkes teilte sich den Zuschauern an den Fenstern mit, die Damen sahen unverwandt nach Narzissen, die Herren nach Landrinetten. Das Volk jauchzte, und das feinere Publikum enthielt sich nicht des Klatschens; kaum dass man noch uber Pagliassen lachte. Wenige nur schlichen sich weg, als einige von der Truppe, um Geld zu sammeln, sich mit zinnernen Tellern durch die Menge drangten.

"Sie haben ihre Sache, dunkt mich, gut gemacht" sagte Wilhelm zu Philinen, die bei ihm am Fenster lag, "ich bewundere ihren Verstand, womit sie auch geringe Kunststuckchen, nach und nach und zur rechten Zeit angebracht, gelten zu machen wussten, und wie sie aus der Ungeschicklichkeit ihrer Kinder und aus der Virtuositat ihrer Besten ein Ganzes zusammenarbeiteten, das erst unsre Aufmerksamkeit erregte und dann uns auf das angenehmste unterhielt."

Das Volk hatte sich nach und nach verlaufen, und der Platz war leer geworden, indes Philine und Laertes uber die Gestalt und die Geschicklichkeit Narzissens und Landrinettens in Streit gerieten und sich wechselseitig neckten. Wilhelm sah das wunderbare Kind auf der Strasse bei andern spielenden Kindern stehen, machte Philinen darauf aufmerksam, die sogleich nach ihrer lebhaften Art dem Kinde rief und winkte und, da es nicht kommen wollte, singend die Treppe hinunter klapperte und es herauffuhrte.

"Hier ist das Ratsel", rief sie, als sie das Kind zur Ture hereinzog. Es blieb am Eingange stehen, eben als wenn es gleich wieder hinausschlupfen wollte, legte die rechte Hand vor die Brust, die linke vor die Stirn und buckte sich tief. "Furchte dich nicht, liebe Kleine", sagte Wilhelm, indem er auf sie losging. Sie sah ihn mit unsicherm Blick an und trat einige Schritte naher.

"Wie nennest du dich?" fragte er. "Sie heissen mich Mignon." "Wieviel Jahre hast du?" "Es hat sie niemand gezahlt." "Wer war dein Vater?" "Der grosse Teufel ist tot."

"Nun, das ist wunderlich genug!" rief Philine aus. Man fragte sie noch einiges; sie brachte ihre Antworten in einem gebrochenen Deutsch und mit einer sonderbar feierlichen Art vor; dabei legte sie jedesmal die Hande an Brust und Haupt und neigte sich tief.

Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens angezogen. Er schatzte sie zwolf bis dreizehn Jahre; ihr Korper war gut gebaut, nur dass ihre Glieder einen starkern Wuchs versprachen oder einen zuruckgehaltenen ankundigten. Ihre Bildung war nicht regelmassig, aber auffallend; ihre Stirne geheimnisvoll, ihre Nase ausserordentlich schon, und der Mund, ob er schon fur ihr Alter zu sehr geschlossen schien, und sie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch immer treuherzig und reizend genug. Ihre braunliche Gesichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt pragte sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und vergass der Gegenwartigen uber seinen Betrachtungen. Philine weckte ihn aus seinem Halbtraume, indem sie dem Kinde etwas ubriggebliebenes Zuckerwerk reichte und ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Es machte seinen Buckling wie oben und fuhr blitzschnell zur Ture hinaus.

Als die Zeit nunmehr herbeikam, dass unsre neuen Bekannten sich fur diesen Abend trennen sollten, redeten sie vorher noch eine Spazierfahrt auf den morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem andern Orte, auf einem benachbarten Jagerhause, ihr Mittagmahl einnehmen. Wilhelm sprach diesen Abend noch manches zu Philinens Lobe, worauf Laertes nur kurz und leichtsinnig antwortete.

Den andern Morgen, als sie sich abermals eine Stunde im Fechten geubt hatten, gingen sie nach Philinens Gasthofe, vor welchem sie die bestellte Kutsche schon hatten anfahren sehen. Aber wie verwundert war Wilhelm, als die Kutsche verschwunden, und wie noch mehr, als Philine nicht zu Hause anzutreffen war. Sie hatte sich, so erzahlte man, mit ein paar Fremden, die diesen Morgen angekommen waren, in den Wagen gesetzt und war mit ihnen davongefahren. Unser Freund, der sich in ihrer Gesellschaft eine angenehme Unterhaltung versprochen hatte, konnte seinen Verdruss nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes und rief: "So gefallt sie mir! Das sieht ihr ganz ahnlich! Lassen Sie uns nur gerade nach dem Jagdhause gehen; sie mag sein, wo sie will, wir wollen ihretwegen unsere Promenade nicht versaumen."

Als Wilhelm unterwegs diese Inkonsequenz des Betragens zu tadeln fortfuhr, sagte Laertes: "Ich kann nicht inkonsequent finden, wenn jemand seinem Charakter treu bleibt. Wenn sie sich etwas vornimmt oder jemanden etwas verspricht, so geschieht es nur unter der stillschweigenden Bedingung, dass es ihr auch bequem sein werde, den Vorsatz auszufuhren oder ihr Versprechen zu halten. Sie verschenkt gern, aber man muss immer bereit sein, ihr das Geschenkte wiederzugeben."

"Dies ist ein seltsamer Charakter", versetzte Wilhelm.

"Nichts weniger als seltsam, nur dass sie keine Heuchlerin ist. Ich liebe sie deswegen, ja ich bin ihr Freund, weil sie mir das Geschlecht so rein darstellt, das ich zu hassen so viel Ursache habe. Sie ist mir die wahre Eva, die Stammmutter des weiblichen Geschlechts: so sind alle, nur wollen sie es nicht Wort haben."

Unter mancherlei Gesprachen, in welchen Laertes seinen Hass gegen das weibliche Geschlecht sehr lebhaft ausdruckte, ohne jedoch die Ursache davon anzugeben, waren sie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm sehr verstimmt eintrat, weil die Ausserungen des Laertes ihm die Erinnerung an sein Verhaltnis zu Marianen wieder lebendig gemacht hatten. Sie fanden nicht weit von einer beschatteten Quelle, unter herrlichen alten Baumen, Philinen allein an einem steinernen Tische sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges Liedchen entgegen, und als Laertes nach ihrer Gesellschaft fragte, rief sie aus: "Ich habe sie schon angefuhrt; ich habe sie zum besten gehabt, wie sie es verdienten. Schon unterwegs setzte ich ihre Freigebigkeit auf die Probe, und da ich bemerkte, dass sie von den kargen Naschern waren, nahm ich mir gleich vor, sie zu bestrafen. Nach unsrer Ankunft fragten sie den Kellner, was zu haben sei, der mit der gewohnlichen Gelaufigkeit seiner Zunge alles was da war und mehr als da war hererzahlte. Ich sah ihre Verlegenheit, sie blickten einander an, stotterten und fragten nach dem Preise. 'Was bedenken Sie sich lange', rief ich aus, 'die Tafel ist das Geschaft eines Frauenzimmers, lassen Sie mich dafur sorgen!' Ich fing darauf an, ein unsinniges Mittagmahl zu bestellen, wozu noch manches durch Boten aus der Nachbarschaft geholt werden sollte. Der Kellner, den ich durch ein paar schiefe Mauler zum Vertrauten gemacht hatte, half mir endlich, und so haben wir sie durch die Vorstellung eines herrlichen Gastmahls dergestalt geangstigt, dass sie sich kurz und gut zu einem Spaziergange in den Wald entschlossen, von dem sie wohl schwerlich zuruckkommen werden. Ich habe eine Viertelstunde auf meine eigene Hand gelacht und werde lachen, sooft ich an die Gesichter denke." Bei Tische erinnerte sich Laertes an ahnliche Falle; sie kamen in den Gang, lustige Geschichten, Missverstandnisse und Prellereien zu erzahlen.

Ein junger Mann von ihrer Bekanntschaft aus der Stadt kam mit einem Buche durch den Wald geschlichen, setzte sich zu ihnen und ruhmte den schonen Platz. Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf die Bewegung der Zweige, auf die einfallenden Lichter und auf den Gesang der Vogel aufmerksam. Philine sang ein Liedchen vom Kuckuck, welches dem Ankommling nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald.

"Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturszenen horen sollte", rief Philine aus, als er weg war; "es ist nichts unertraglicher, als sich das Vergnugen vorrechnen zu lassen, das man geniesst. Wenn schon Wetter ist, geht man spazieren, wie man tanzt, wenn aufgespielt wird. Wer mag aber nur einen Augenblick an die Musik, wer an schones Wetter denken? Der Tanzer interessiert uns, nicht die Violine, und in ein Paar schone schwarze Augen zu sehen, tut einem Paar blauen Augen gar zu wohl. Was sollen dagegen Quellen und Brunnen und alte morsche Linden!" Sie sah, indem sie so sprach, Wilhelmen, der ihr gegenuber sass, mit einem Blick in die Augen, dem er nicht wehren konnte, wenigstens bis an die Ture seines Herzens vorzudringen.

"Sie haben recht", versetzte er mit einiger Verlegenheit, "der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz allein interessieren. Alles andere, was uns umgibt, ist entweder nur Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. Je mehr wir uns dabei aufhalten, je mehr wir darauf merken und teil daran nehmen, desto schwacher wird das Gefuhl unsers eignen Wertes und das Gefuhl der Gesellschaft. Die Menschen, die einen grossen Wert auf Garten, Gebaude, Kleider, Schmuck oder irgendein Besitztum legen, sind weniger gesellig und gefallig; sie verlieren die Menschen aus den Augen, welche zu erfreuen und zu versammeln nur sehr wenigen gluckt. Sehn wir es nicht auch auf dem Theater? Ein guter Schauspieler macht uns bald eine elende, unschickliche Dekoration vergessen, dahingegen das schonste Theater den Mangel an guten Schauspielern erst recht fuhlbar macht."

Nach Tische setzte Philine sich in das beschattete hohe Gras. Ihre beiden Freunde mussten ihr Blumen in Menge herbeischaffen. Sie wand sich einen vollen Kranz und setzte ihn auf; sie sah unglaublich reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem andern hin; auch den flocht sie, indem sich beide Manner neben sie setzten. Als er unter allerlei Scherz und Anspielungen fertig geworden war, druckte sie ihn Wilhelmen mit der grossten Anmut aufs Haupt und ruckte ihn mehr als einmal anders, bis er recht zu sitzen schien. "Und ich werde, wie es scheint, leer ausgehen", versetzte Laertes.

"Mit nichten", versetzte Philine. "Ihr sollt Euch keineswegs beklagen." Sie nahm ihren Kranz vom Haupte und setzte ihn Laertes auf.

"Waren wir Nebenbuhler", sagte dieser, "so wurden wir sehr heftig streiten konnen, welchen von beiden du am meisten begunstigst."

"Da wart ihr rechte Toren", versetzte sie, indem sie sich zu ihm hinuberbog und ihm den Mund zum Kuss reichte, sich aber sogleich umwendete, ihren Arm um Wilhelmen schlang und einen lebhaften Kuss auf seine Lippen druckte. "Welcher schmeckt am besten?" fragte sie neckisch.

"Wunderlich!" rief Laertes. "Es scheint, als wenn so etwas niemals nach Wermut schmecken konne."

"So wenig", sagte Philine, "als irgendeine Gabe, die jemand ohne Neid und Eigensinn geniesst. Nun hatte ich", rief sie aus, "noch Lust, eine Stunde zu tanzen, und dann mussen wir wohl wieder nach unsern Springern sehen."

Man ging nach dem Hause und fand Musik daselbst. Philine, die eine gute Tanzerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war nicht ungeschickt, allein es fehlte ihm an einer kunstlichen Ubung. Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn zu unterrichten.

Man verspatete sich. Die Seiltanzer hatten ihre Kunste schon zu produzieren angefangen. Auf dem Platze hatten sich viele Zuschauer eingefunden, doch war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein Getummel merkwurdig, das eine grosse Anzahl Menschen nach dem Tore des Gasthofes, in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezogen hatte. Wilhelm sprang hinuber, um zu sehen, was es sei, und mit Entsetzen erblickte er, als er sich durchs Volk drangte, den Herrn der Seiltanzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus dem Hause zu schleppen bemuht war und mit einem Peitschenstiel unbarmherzig auf den kleinen Korper losschlug.

Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und fasste ihn bei der Brust. "Lass das Kind los!" schrie er wie ein Rasender, "oder einer von uns bleibt hier auf der Stelle!" Er fasste zugleich den Kerl mit einer Gewalt, die nur der Zorn geben kann, bei der Kehle, dass dieser zu ersticken glaubte, das Kind losliess und sich gegen den Angreifenden zu verteidigen suchte. Einige Leute, die mit dem Kinde Mitleiden fuhlten, aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, fielen dem Seiltanzer sogleich in die Arme, entwaffneten ihn und drohten ihm mit vielen Schimpfreden. Dieser, der sich jetzt nur auf die Waffen seines Mundes reduziert sah, fing grasslich zu drohen und zu fluchen an: die faule, unnutze Kreatur wolle ihre Schuldigkeit nicht tun; sie verweigere den Eiertanz zu tanzen, den er dem Publiko versprochen habe; er wolle sie totschlagen, und es solle ihn niemand daran hindern. Er suchte sich loszumachen, um das Kind, das sich unter der Menge verkrochen hatte, aufzusuchen. Wilhelm hielt ihn zuruck und rief: "Du sollst nicht eher dieses Geschopf weder sehen noch beruhren, bis du vor Gericht Rechenschaft gibst, wo du es gestohlen hast; ich werde dich aufs Ausserste treiben, du sollst mir nicht entgehen." Diese Rede, welche Wilhelm in der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen Gefuhl oder, wenn man will, aus Inspiration ausgesprochen hatte, brachte den wutenden Menschen auf einmal zur Ruhe. Er rief: "Was hab' ich mit der unnutzen Kreatur zu schaffen! Zahlen Sie mir, was mich ihre Kleider kosten, und Sie mogen sie behalten; wir wollen diesen Abend noch einig werden." Er eilte darauf, die unterbrochene Vorstellung fortzusetzen und die Unruhe des Publikums durch einige bedeutende Kunststucke zu befriedigen.

Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden war, nach dem Kinde, das sich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf den Dachern der benachbarten Hauser gesehen haben. Nachdem man es allerorten gesucht hatte, musste man sich beruhigen und abwarten, ob es nicht von selber wieder herbeikommen wolle.

Indes war Narziss nach Hause gekommen, welchen Wilhelm uber die Schicksale und die Herkunft des Kindes befragte. Dieser wusste nichts davon, denn er war nicht lange bei der Gesellschaft, erzahlte dagegen mit grosser Leichtigkeit und vielem Leichtsinne seine eigenen Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem grossen Beifall Gluck wunschte, dessen er sich zu erfreuen hatte, ausserte er sich sehr gleichgultig daruber. "Wir sind gewohnt", sagte er, "dass man uber uns lacht und unsre Kunste bewundert; aber wir werden durch den ausserordentlichen Beifall um nichts gebessert. Der Entrepreneur zahlt uns und mag sehen, wie er zurechte kommt." Er beurlaubte sich darauf und wollte sich eilig entfernen.

Auf die Frage, wo er so schnell hinwolle, lachelte der junge Mensch und gestand, dass seine Figur und Talente ihm einen solidern Beifall zugezogen, als der des grossen Publikums sei. Er habe von einigen Frauenzimmern Botschaft erhalten, die sehr eifrig verlangten, ihn naher kennen zu lernen, und er furchte, mit den Besuchen, die er abzulegen habe, vor Mitternacht kaum fertig zu werden. Er fuhr fort, mit der grossten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu erzahlen, und hatte die Namen, Strassen und Hauser angezeigt, wenn nicht Wilhelm eine solche Indiskretion abgelehnt und ihn hoflich entlassen hatte.

Laertes hatte indessen Landrinetten unterhalten und versicherte, sie sei vollkommen wurdig, ein Weib zu sein und zu bleiben.

Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur wegen des Kindes an, das unserm Freunde fur dreissig Taler uberlassen wurde, gegen welche der schwarzbartige heftige Italiener seine Anspruche vollig abtrat, von der Herkunft des Kindes aber weiter nichts bekennen wollte, als dass er solches nach dem Tode seines Bruders, den man wegen seiner ausserordentlichen Geschicklichkeit den grossen Teufel genannt, zu sich genommen habe.

Der andere Morgen ging meist mit Aufsuchen des Kindes hin. Vergebens durchkroch man alle Winkel des Hauses und der Nachbarschaft; es war verschwunden, und man furchtete, es mochte in ein Wasser gesprungen sein, oder sich sonst ein Leids angetan haben.

Philinens Reize konnten die Unruhe unsers Freundes nicht ableiten. Er brachte einen traurigen, nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da Springer und Tanzer alle ihre Krafte aufboten, um sich dem Publiko aufs beste zu empfehlen, konnte sein Gemut nicht erheitert und zerstreut werden.

Durch den Zulauf aus benachbarten Ortschaften hatte die Anzahl der Menschen ausserordentlich zugenommen, und so walzte sich auch der Schneeball des Beifalls zu einer ungeheuren Grosse. Der Sprung uber die Degen und durch das Fass mit papiernen Boden machte eine grosse Sensation. Der starke Mann liess zum allgemeinen Grausen, Entsetzen und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den Fussen auf ein paar auseinander geschobene Stuhle legte, auf seinen hohlschwebenden Leib einen Amboss heben und auf demselben von einigen wackern Schmiedegesellen ein Hufeisen fertig schmieden.

Auch war die sogenannte Herkulesstarke, da eine Reihe Manner, auf den Schultern einer ersten Reihe stehend, abermals Frauen und Junglinge tragt, so dass zuletzt eine lebendige Pyramide entsteht, deren Spitze ein Kind, auf den Kopf gestellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in diesen Gegenden noch nie gesehen worden und endigte wurdig das ganze Schauspiel. Narziss und Landrinette liessen sich in Tragsesseln auf den Schultern der ubrigen durch die vornehmsten Strassen der Stadt unter lautem Freudengeschrei des Volkes tragen. Man warf ihnen Bander, Blumenstrausse und seidene Tucher zu und drangte sich, sie ins Gesicht zu fassen. Jedermann schien glucklich zu sein, sie anzusehn und von ihnen eines Blickes gewurdigt zu werden.

"Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja welcher Mensch uberhaupt wurde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wunsche sehen, wenn er durch irgend ein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen Eindruck hervorbrachte? Welche kostliche Empfindung musste es sein, wenn man gute, edle, der Menschheit wurdige Gefuhle ebenso schnell durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entzucken unter dem Volke erregen konnte, als diese Leute durch ihre korperliche Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgefuhl alles Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glucks und Unglucks, der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit entzunden, erschuttern und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte und reine Bewegung setzen konnte!" So sprach unser Freund, und da weder Philine noch Laertes gestimmt schienen, einen solchen Diskurs fortzusetzen, unterhielt er sich allein mit diesen Lieblingsbetrachtungen, als er bis spat in die Nacht um die Stadt spazierte und seinen alten Wunsch, das Gute, Edle, Grosse durch das Schauspiel zu versinnlichen, wieder einmal mit aller Lebhaftigkeit und aller Freiheit einer losgebundenen Einbildungskraft verfolgte.

Funftes Kapitel

Des andern Tages, als die Seiltanzer mit grossem Gerausch abgezogen waren, fand sich Mignon sogleich wieder ein und trat hinzu, als Wilhelm und Laertes ihre Fechtubungen auf dem Saale fortsetzten. "Wo hast du gesteckt?" fragte Wilhelm freundlich, "du hast uns viel Sorge gemacht." Das Kind antwortete nichts und sah ihn an. "Du bist nun unser", rief Laertes, "wir haben dich gekauft." "Was hast du bezahlt?" fragte das Kind ganz trocken. "Hundert Dukaten", versetzte Laertes; "wenn du sie wiedergibst, kannst du frei sein." "Das ist wohl viel?" fragte das Kind. "O ja, du magst dich nur gut auffuhren." "Ich will dienen", versetzte sie.

Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was der Kellner den beiden Freunden fur Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages nicht mehr, dass er ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst tun und machte auch ihre Geschafte, zwar langsam und mitunter unbehulflich, doch genau und mit grosser Sorgfalt.

Sie stellte sich oft an ein Gefass mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit so grosser Emsigkeit und Heftigkeit, dass sie sich fast die Backen aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, dass sie die Schminke von ihren Wangen auf alle Weise loszuwerden suche und uber dem Eifer, womit sie es tat, die Rote, die sie durchs Reiben hervorgebracht hatte, fur die hartnackigste Schminke halte. Man bedeutete sie, und sie liess ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe gekommen war, zeigte sich eine schone braune, obgleich nur von wenigem Rot erhohte Gesichtsfarbe.

Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die geheimnisvolle Gegenwart des Kindes mehr, als er sich selbst gestehen durfte, unterhalten, brachte Wilhelm verschiedene Tage in dieser sonderbaren Gesellschaft zu und rechtfertigte sich bei sich selbst durch eine fleissige Ubung in der Fecht und Tanzkunst, wozu er so leicht nicht wieder Gelegenheit zu finden glaubte.

Nicht wenig verwundert und gewissermassen erfreut war er, als er eines Tages Herrn und Frau Melina ankommen sah, welche gleich nach dem ersten frohen Gruss sich nach der Direktrice und den ubrigen Schauspielern erkundigten und mit grossem Schrecken vernahmen, dass jene sich schon lange entfernt habe, und diese bis auf wenige zerstreut seien.

Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir wissen, Wilhelm behulflich gewesen, an einigen Orten nach Engagement umgesehen, keines gefunden und war endlich in dieses Stadtchen gewiesen worden, wo einige Personen, die ihnen unterwegs begegneten, ein gutes Theater gesehen haben wollten.

Philinen wollte Madame Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes, als sie Bekanntschaft machten, keinesweges gefallen. Sie wunschten die neuen Ankommlinge gleich wieder los zu sein, und Wilhelm konnte ihnen keine gunstigen Gesinnungen beibringen, ob er ihnen gleich wiederholt versicherte, dass es recht gute Leute seien.

Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drei Abenteurer durch die Erweiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestort; denn Melina fing im Wirtshause (er hatte in ebendemselben, in welchem Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quengeln an. Er wollte fur weniges Geld besseres Quartier, reichlichere Mahlzeit und promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten Wirt und Kellner verdriessliche Gesichter, und wenn die andern, um froh zu leben, sich alles gefallen liessen und nur geschwind bezahlten, um nicht langer an das zu denken, was schon verzehrt war, so musste die Mahlzeit, die Melina regelmassig sogleich berichtigte, jederzeit von vorn wieder durchgenommen werden, so dass Philine ihn ohne Umstande ein wiederkauendes Tier nannte.

Noch verhasster war Madame Melina dem lustigen Madchen. Diese junge Frau war nicht ohne Bildung, doch fehlte es ihr ganzlich an Geist und Seele. Sie deklamierte nicht ubel und wollte immer deklamieren; allein man merkte bald, dass es nur eine Wortdeklamation war, die auf einzelnen Stellen lastete und die Empfindung des Ganzen nicht ausdruckte. Bei diesem allen war sie nicht leicht jemanden, besonders Mannern, unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejenigen, die mit ihr umgingen, gewohnlich einen schonen Verstand zu: denn sie war, was ich mit einem Worte eine Anempfinderin nennen mochte; sie wusste einem Freunde, um dessen Achtung ihr zu tun war, mit einer besonderen Aufmerksamkeit zu schmeicheln, in seine Ideen so lange als moglich einzugehen, sobald sie aber ganz uber ihren Horizont waren, mit Ekstase eine solche neue Erscheinung aufzunehmen. Sie verstand zu sprechen und zu schweigen und, ob sie gleich kein tuckisches Gemut hatte, mit grosser Vorsicht aufzupassen, wo des andern schwache Seite sein mochte.

Sechstes Kapitel

Melina hatte sich indessen nach den Trummern der vorigen Direktion genau erkundigt. Sowohl Dekorationen als Garderobe waren an einige Handelsleute versetzt, und ein Notarius hatte den Auftrag von der Direktrice erhalten, unter gewissen Bedingungen, wenn sich Liebhaber fanden, in den Verkauf aus freier Hand zu willigen. Melina wollte die Sachen besehen und zog Wilhelmen mit sich. Dieser empfand, als man ihnen die Zimmer eroffnete, eine gewisse Neigung dazu, die er sich jedoch selbst nicht gestand. In so einem schlechten Zustande auch die geklecksten Dekorationen waren, so wenig scheinbar auch turkische und heidnische Kleider, alte Karikaturrocke fur Manner und Frauen, Kutten fur Zauberer, Juden und Pfaffen sein mochten, so konnt' er sich doch der Empfindung nicht erwehren, dass er die glucklichsten Augenblicke seines Lebens in der Nahe eines ahnlichen Trodelkrams gefunden hatte. Hatte Melina in sein Herz sehen konnen, so wurde er ihm eifriger zugesetzt haben, eine Summe Geldes auf die Befreiung, Aufstellung und neue Belebung dieser zerstreuten Glieder zu einem schonen Ganzen herzugeben. "Welch ein glucklicher Mensch", rief Melina aus, "konnte ich sein, wenn ich nur zweihundert Taler besasse, um zum Anfange den Besitz dieser ersten theatralischen Bedurfnisse zu erlangen. Wie bald wollt' ich ein kleines Schauspiel beisammen haben, das uns in dieser Stadt, in dieser Gegend gewiss sogleich ernahren sollte." Wilhelm schwieg, und beide verliessen nachdenklich die wieder eingesperrten Schatze.

Melina hatte von dieser Zeit an keinen andern Diskurs als Projekte und Vorschlage, wie man ein Theater einrichten und dabei seinen Vorteil finden konnte. Er suchte Philinen und Laertes zu interessieren, und man tat Wilhelmen Vorschlage, Geld herzuschiessen und Sicherheit dagegen anzunehmen. Diesem fiel aber erst bei dieser Gelegenheit recht auf, dass er hier so lange nicht hatte verweilen sollen; er entschuldigte sich und wollte Anstalten machen, seine Reise fortzusetzen.

Indessen war ihm Mignons Gestalt und Wesen immer reizender geworden. In alle seinem Tun und Lassen hatte das Kind etwas Sonderbares. Es ging die Treppe weder auf noch ab, sondern sprang; es stieg auf den Gelandern der Gange weg, und eh' man sich's versah, sass es oben auf dem Schranke und blieb eine Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, dass es fur jeden eine besondere Art von Gruss hatte. Ihn grusste sie seit einiger Zeit mit uber die Brust geschlagenen Armen. Manche Tage war sie ganz stumm, zuzeiten antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen, immer sonderbar, doch so, dass man nicht unterscheiden konnte, ob es Witz oder Unkenntnis der Sprache war, indem sie ein gebrochenes, mit Franzosisch und Italienisch durchflochtenes Deutsch sprach. In seinem Dienste war das Kind unermudet und fruh mit der Sonne auf; es verlor sich dagegen abends zeitig, schlief in einer Kammer auf der nackten Erde und war durch nichts zu bewegen, ein Bette oder einen Strohsack anzunehmen. Er fand sie oft, dass sie sich wusch. Auch ihre Kleider waren reinlich, obgleich alles fast doppelt und dreifach an ihr geflickt war. Man sagte Wilhelmen auch, dass sie alle Morgen ganz fruh in die Messe gehe, wohin er ihr einmal folgte und sie in der Ecke der Kirche mit dem Rosenkranze knien und andachtig beten sah. Sie bemerkte ihn nicht; er ging nach Hause, machte sich vielerlei Gedanken uber diese Gestalt und konnte sich bei ihr nichts Bestimmtes denken.

Neues Andringen Melinas um eine Summe Geldes zur Auslosung der mehrerwahnten Theatergeratschaften bestimmte Wilhelmen noch mehr, an seine Abreise zu denken. Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm gehort hatten, noch mit dem heutigen Posttage schreiben; er fing auch wirklich einen Brief an Wernern an und war mit Erzahlung seiner Abenteuer, wobei er, ohne es selbst zu bemerken, sich mehrmal von der Wahrheit entfernt hatte, schon ziemlich weit gekommen, als er zu seinem Verdruss auf der hintern Seite des Briefblatts schon einige Verse geschrieben fand, die er fur Madame Melina aus seiner Schreibtafel zu kopieren angefangen hatte. Unwillig zerriss er das Blatt und verschob die Wiederholung seines Bekenntnisses auf den nachsten Posttag.

Siebentes Kapitel

Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, und Philine, die auf jedes Pferd, das vorbeikam, auf jeden Wagen, der anfuhr, ausserst aufmerksam war, rief mit grosser Lebhaftigkeit: "Unser Pedant! Da kommt unser allerliebster Pedant! Wen mag er bei sich haben?" Sie rief und winkte zum Fenster hinaus, und der Wagen hielt stille.

Ein kummerlich armer Teufel, den man an seinem verschabten, graulich-braunen Rocke und an seinen ubelkonditionierten Unterkleidern fur einen Magister, wie sie auf Akademien zu vermodern pflegen, hatte halten sollen, stieg aus dem Wagen und entblosste, indem er, Philinen zu grussen, den Hut abtat, eine ubelgepuderte, aber ubrigens sehr steife Perucke, und Philine warf ihm hundert Kusshande zu.

So wie sie ihre Gluckseligkeit fand, einen Teil der Manner zu lieben und ihre Liebe zu geniessen, so war das Vergnugen nicht viel geringer, das sie sich so oft als moglich gab, die ubrigen, die sie eben in diesem Augenblicke nicht liebte, auf eine sehr leichtfertige Weise zum besten zu haben.

Uber den Larm, womit sie diesen alten Freund empfing, vergass man auf die ubrigen zu achten, die ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die zwei Frauenzimmer und einen altlichen Mann, der mit ihnen hereintrat, zu kennen. Auch entdeckte sich's bald, dass er sie alle drei vor einigen Jahren bei der Gesellschaft, die in seiner Vaterstadt spielte, mehrmals gesehen hatte. Die Tochter waren seit der Zeit herangewachsen; der Alte aber hatte sich wenig verandert. Dieser spielte gewohnlich die gutmutigen polternden Alten, wovon das deutsche Theater nicht leer wird, und die man auch im gemeinen Leben nicht selten antrifft. Denn da es der Charakter unsrer Landsleute ist, das Gute ohne viel Prunk zu tun und zu leisten, so denken sie selten daran, dass es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zierlichkeit und Anmut zu tun, und verfallen vielmehr, von einem Geiste des Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein murrisches Wesen ihre liebste Tugend im Kontraste darzustellen.

Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie so oft und ausschliesslich, dass er daruber eine ahnliche Art sich zu betragen im gemeinen Leben angenommen hatte.

Wilhelm geriet in grosse Bewegung, sobald er ihn erkannte; denn er erinnerte sich, wie oft er diesen Mann neben seiner geliebten Mariane auf dem Theater gesehen hatte; er horte ihn noch schelten, er horte ihre schmeichelnde Stimme, mit der sie seinem rauhen Wesen in manchen Rollen zu begegnen hatte.

Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankommlinge, ob ein Unterkommen auswarts zu finden und zu hoffen sei, ward leider mit Nein beantwortet, und man musste vernehmen, dass die Gesellschaften, bei denen man sich erkundigt, besetzt und einige davon sogar in Sorgen seien, wegen des bevorstehenden Krieges auseinandergehen zu mussen. Der polternde Alte hatte mit seinen Tochtern, aus Verdruss und Liebe zur Abwechslung, ein vorteilhaftes Engagement aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er unterwegs traf, einen Wagen gemietet, um hierher zu kommen, wo denn auch, wie sie fanden, guter Rat teuer war.

Die Zeit, in welcher sich die ubrigen uber ihre Angelegenheiten sehr lebhaft unterhielten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er wunschte den Alten allein zu sprechen, wunschte und furchtete, von Marianen zu horen, und befand sich in der grossten Unruhe.

Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer konnten ihn nicht aus seinem Traume reissen; aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn aufmerksam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen aufzuwarten pflegte, sich aber diesmal lebhaft widersetzte, als er den Tisch decken und Essen herbeischaffen sollte. "Ich habe mich verpflichtet", rief er aus, "Ihnen zu dienen, aber nicht allen Menschen aufzuwarten." Sie gerieten daruber in einen heftigen Streit. Philine bestand darauf, er habe seine Schuldigkeit zu tun, und als er sich hartnackig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umstande, er konnte gehen, wohin er wolle.

"Glauben Sie etwa, dass ich mich nicht von Ihnen entfernen konne?" rief er aus, ging trotzig weg, machte seinen Bundel zusammen und eilte sogleich zum Hause hinaus. "Geh, Mignon", sagte Philine, "und schaff' uns, was wir brauchen! sag' es dem Kellner und hilf aufwarten!"

Mignon trat vor Wilhelm hin und fragte in ihrer lakonischen Art: "Soll ich? darf ich?" und Wilhelm versetzte: "Tu, mein Kind, was Mademoiselle dir sagt."

Das Kind besorgte alles und wartete den ganzen Abend mit grosser Sorgfalt den Gasten auf. Nach Tisch suchte Wilhelm mit dem Alten einen Spaziergang allein zu machen; es gelang ihm, und nach mancherlei Fragen, wie es ihm bisher gegangen, wendete sich das Gesprach auf die ehemalige Gesellschaft, und Wilhelm wagte zuletzt nach Marianen zu fragen.

"Sagen Sie mir nichts von dem abscheulichen Geschopf!" rief der Alte, "ich habe verschworen, nicht mehr an sie zu denken." Wilhelm erschrak uber diese Ausserung, war aber noch in grosserer Verlegenheit, als der Alte fortfuhr, auf ihre Leichtfertigkeit und Liederlichkeit zu schmalen. Wie gern hatte unser Freund das Gesprach abgebrochen! Allein er musste nun einmal die polternden Ergiessungen des wunderlichen Mannes aushalten.

"Ich schame mich", fuhr dieser fort, "dass ich ihr so geneigt war. Doch hatten Sie das Madchen naher gekannt, Sie wurden mich gewiss entschuldigen. Sie war so artig, naturlich und gut, so gefallig und in jedem Sinne leidlich. Nie hatt' ich mir vorgestellt, dass Frechheit und Undank die Hauptzuge ihres Charakters sein sollten."

Schon hatte sich Wilhelm gefasst gemacht, das Schlimmste von ihr zu horen, als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, dass der Ton des Alten milder wurde, seine Rede endlich stockte und er ein Schnupftuch aus der Tasche nahm, um die Tranen zu trocknen, die zuletzt seine Rede unterbrachen.

"Was ist Ihnen?" rief Wilhelm aus. "Was gibt Ihren Empfindungen auf einmal eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht; ich nehme an dem Schicksale dieses Madchens mehr Anteil, als Sie glauben; nur lassen Sie mich alles wissen."

"Ich habe wenig zu sagen", versetzte der Alte, indem er wieder in seinen ernstlichen, verdriesslichen Ton uberging. "Ich werde es ihr nie vergeben, was ich um sie geduldet habe. Sie hatte", fuhr er fort, "immer ein gewisses Zutrauen zu mir; ich liebte sie wie meine Tochter und hatte, da meine Frau noch lebte, den Entschluss gefasst, sie zu mir zu nehmen und sie aus den Handen des Alten zu retten, von deren Anleitung ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau starb, das Projekt zerschlug sich.

Gegen das Ende des Aufenthalts in Ihrer Vaterstadt, es sind nicht gar drei Jahre, merkte ich ihr eine sichtbare Traurigkeit an; ich fragte sie, aber sie wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. Sie fuhr mit mir in einem Wagen, und ich bemerkte, was sie mir auch bald gestand, dass sie guter Hoffnung sei, und in der grossten Furcht schwebe, von unserm Direktor verstossen zu werden. Auch dauerte es nur kurze Zeit, so machte er die Entdeckung, kundigte ihr den Kontrakt, der ohnedies nur auf sechs Wochen stand, sogleich auf, zahlte, was sie zu fordern hatte, und liess sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in einem kleinen Stadtchen in einem schlechten Wirtshause zuruck.

Der Henker hole alle liederlichen Dirnen!" rief der Alte mit Verdruss, "und besonders diese, die mir so manche Stunde meines Lebens verdorben hat. Was soll ich lange erzahlen, wie ich mich ihrer angenommen, was ich fur sie getan, was ich an sie gehangt, wie ich auch in der Abwesenheit fur sie gesorgt habe. Ich wollte lieber mein Geld in den Teich werfen, und meine Zeit hinbringen, raudige Hunde zu erziehen, als nur jemals wieder auf so ein Geschopf die mindeste Aufmerksamkeit wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe, Nachricht von einigen Orten ihres Aufenthalts und zuletzt kein Wort mehr, nicht einmal Dank fur das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen geschickt hatte. O, die Verstellung und der Leichtsinn der Weiber ist so recht zusammengepaart, um ihnen ein bequemes Leben und einem ehrlichen Kerl manche verdriessliche Stunde zu schaffen!"

Achtes Kapitel

Man denke sich Wilhelms Zustand, als er von dieser Unterredung nach Hause kam. Alle seine alten Wunden waren wieder aufgerissen, und das Gefuhl, dass sie seiner Liebe nicht ganz unwurdig gewesen, wieder lebhaft geworden; denn in dem Interesse des Alten, in dem Lobe, das er ihr wider Willen geben musste, war unserm Freunde ihre ganze Liebenswurdigkeit wieder erschienen; ja selbst die heftige Anklage des leidenschaftlichen Mannes enthielt nichts, was sie vor Wilhelms Augen hatte herabsetzen konnen. Denn dieser bekannte sich selbst als Mitschuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schweigen zuletzt schien ihm nicht tadelhaft; er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken daruber, sah sie als Wochnerin, als Mutter in der Welt ohne Hulfe herumirren, wahrscheinlich mit seinem eigenen Kinde herumirren, Vorstellungen, welche das schmerzlichste Gefuhl in ihm erregten.

Mignon hatte auf ihn gewartet und leuchtete ihm die Treppe hinauf. Als sie das Licht niedergesetzt hatte, bat sie ihn, zu erlauben, dass sie ihm heute abend mit einem Kunststucke aufwarten durfe. Er hatte es lieber verbeten, besonders da er nicht wusste, was es werden sollte. Allein er konnte diesem guten Geschopfe nichts abschlagen. Nach einer kurzen Zeit trat sie wieder herein. Sie trug einen Teppich unter dem Arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm liess sie gewahren. Sie brachte darauf vier Lichter, stellte eins auf jeden Zipfel des Teppichs. Ein Korbchen mit Eiern, das sie darauf holte, machte die Absicht deutlicher. Kunstlich abgemessen schritt sie nunmehr auf dem Teppich hin und her, und legte in gewissen Massen die Eier auseinander; dann rief sie einen Menschen herein, der im Hause aufwartete und die Violine spielte. Er trat mit seinem Instrumente in die Ecke; sie verband sich die Augen, gab das Zeichen und fing zugleich mit der Musik, wie ein aufgezogenes Raderwerk, ihre Bewegungen an, indem sie Takt und Melodie mit dem Schlage der Kastagnetten begleitete.

Behende, leicht, rasch, genau fuhrte sie den Tanz. Sie trat so scharf und so sicher zwischen die Eier hinein, bei den Eiern nieder, dass man jeden Augenblick dachte, sie musse eins zertreten oder bei schnellen Wendungen das andre fortschleudern. Mit nichten! Sie beruhrte keines, ob sie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und weiten, ja sogar mit Sprungen und zuletzt halb knieend sich durch die Reihen durchwand.

Unaufhaltsam wie ein Uhrwerk lief sie ihren Weg, und die sonderbare Musik gab dem immer wieder von vorne anfangenden und losrauschenden Tanze bei jeder Wiederholung einen neuen Stoss. Wilhelm war von dem sonderbaren Schauspiele ganz hingerissen; er vergass seiner Sorgen, folgte jeder Bewegung der geliebten Kreatur, und war verwundert, wie in diesem Tanze sich ihr Charakter vorzuglich entwickelte.

Streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen mehr feierlich als angenehm zeigte sie sich. Er empfand, was er schon fur Mignon gefuhlt, in diesem Augenblicke auf einmal. Er sehnte sich, dieses verlassene Wesen an Kindesstatt seinem Herzen einzuverleiben, es in seine Arme zu nehmen und mit der Liebe eines Vaters Freude des Lebens in ihm zu erwecken.

Der Tanz ging zu Ende; sie rollte die Eier mit den Fussen sachte zusammen auf ein Haufchen, liess keines zuruck, beschadigte keines und stellte sich dazu, indem sie die Binde von den Augen nahm und ihr Kunststuck mit einem Bucklinge endigte.

Wilhelm dankte ihr, dass sie ihm den Tanz, den er zu sehen gewunscht, so artig und unvermutet vorgetragen habe. Er streichelte sie und bedauerte, dass sie sich's habe so sauer werden lassen. Er versprach ihr ein neues Kleid, worauf sie heftig antwortete: "Deine Farbe!" Auch das versprach er ihr, ob er gleich nicht deutlich wusste, was sie darunter meine. Sie nahm die Eier zusammen, den Teppich unter den Arm, fragte, ob er noch etwas zu befehlen habe, und schwang sich zur Tur hinaus.

Von dem Musikus erfuhr er, dass sie sich seit einiger Zeit viele Muhe gegeben, ihm den Tanz, welches der bekannte Fandango war, so lange vorzusingen, bis er ihn habe spielen konnen. Auch habe sie ihm fur seine Bemuhungen etwas Geld angeboten, das er aber nicht nehmen wollen.

Neuntes Kapitel

Nach einer unruhigen Nacht, die unser Freund teils wachend, teils von schweren Traumen geangstigt zubrachte, in denen er Marianen bald in aller Schonheit, bald in kummerlicher Gestalt, jetzt mit einem Kinde auf dem Arm, bald desselben beraubt sah, war der Morgen kaum angebrochen, als Mignon schon mit einem Schneider hereintrat. Sie brachte graues Tuch und blauen Taffet und erklarte nach ihrer Art, dass sie ein neues Westchen und Schifferhosen, wie sie solche an den Knaben in der Stadt gesehen, mit blauen Aufschlagen und Bandern haben wolle.

Wilhelm hatte seit dem Verlust Marianens alle muntern Farben abgelegt. Er hatte sich an das Grau, an die Kleidung der Schatten, gewohnt, und nur etwa ein himmelblaues Futter oder ein kleiner Kragen von dieser Farbe belebte einigermassen jene stille Kleidung. Mignon, begierig, seine Farbe zu tragen, trieb den Schneider, der in kurzem die Arbeit zu liefern versprach.

Die Tanz- und Fechtstunden, die unser Freund heute mit Laertes nahm, wollten nicht zum besten glucken. Auch wurden sie bald durch Melinas Ankunft unterbrochen, der umstandlich zeigte, wie jetzt eine kleine Gesellschaft beisammen sei, mit welcher man schon Stucke genug auffuhren konne. Er erneuerte seinen Antrag, dass Wilhelm einiges Geld zum Etablissement vorstrecken solle, wobei dieser abermals seine Unentschlossenheit zeigte.

Philine und die Madchen kamen bald hierauf mit Lachen und Larmen herein. Sie hatten sich abermals eine Spazierfahrt ausgedacht; denn Veranderung des Orts und der Gegenstande war eine Lust, nach der sie sich immer sehnten. Taglich an einem andern Orte zu essen, war ihr hochster Wunsch. Diesmal sollte es eine Wasserfahrt werden.

Das Schiff, womit sie die Krummungen des angenehmen Flusses hinunterfahren wollten, war schon durch den Pedanten bestellt. Philine trieb, die Gesellschaft zauderte nicht und war bald eingeschifft.

"Was fangen wir nun an?" fragte Philine, indem sich alle auf die Banke niedergelassen hatten.

"Das kurzeste ware", versetzte Laertes, "wir extemporierten ein Stuck. Nehme jeder eine Rolle, die seinem Charakter am angemessensten ist, und wir wollen sehen, wie es uns gelingt."

"Furtrefflich!" sagte Wilhelm, "denn in einer Gesellschaft, in der man sich nicht verstellt, in welcher jedes nur seinem Sinne folgt, kann Anmut und Zufriedenheit nicht lange wohnen, und wo man sich immer verstellt, dahin kommen sie gar nicht. Es ist also nicht ubel getan, wir geben uns die Verstellung gleich von Anfang zu und sind nachher unter der Maske so aufrichtig, als wir wollen."

"Ja", sagte Laertes, "deswegen geht sich's so angenehm mit Weibern um, die sich niemals in ihrer naturlichen Gestalt sehen lassen."

"Das macht", versetzte Madame Melina, "dass sie nicht so eitel sind wie die Manner, welche sich einbilden, sie seien schon immer liebenswurdig genug, wie sie die Natur hervorgebracht hat."

Indessen war man zwischen angenehmen Buschen und Hugeln, zwischen Garten und Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer, besonders aber Madame Melina, druckten ihr Entzucken uber die Gegend aus. Letztre fing sogar an, ein artiges Gedicht von der beschreibenden Gattung uber eine ahnliche Naturszene feierlich herzusagen; allein Philine unterbrach sie und schlug ein Gesetz vor, dass sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstand zu sprechen; sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporierten Komodie mit Eifer durch. Der polternde Alte sollte einen pensionierten Offizier, Laertes einen vazierenden Fechtmeister, der Pedant einen Juden vorstellen, sie selbst wolle eine Tirolerin machen und uberliess den ubrigen, sich ihre Rollen zu wahlen. Man sollte fingieren, als ob sie eine Gesellschaft weltfremder Menschen seien, die soeben auf einem Marktschiffe zusammenkomme.

Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen an, und eine allgemeine Heiterkeit verbreitete sich.

Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer stille hielt, um mit Erlaubnis der Gesellschaft noch jemand einzunehmen, der am Ufer stand und gewinkt hatte.

"Das ist eben noch, was wir brauchten", rief Philine, "ein blinder Passagier fehlte noch der Reisegesellschaft."

Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, den man an seiner Kleidung und seiner ehrwurdigen Miene wohl fur einen Geistlichen hatte nehmen konnen. Er begrusste die Gesellschaft, die ihm nach ihrer Weise dankte und ihn bald mit ihrem Scherz bekannt machte. Er nahm darauf die Rolle eines Landgeistlichen an, die er zur Verwunderung aller auf das artigste durchsetzte, indem er bald ermahnte, bald Historchen erzahlte, einige schwache Seiten blicken liess und sich doch im Respekt zu erhalten wusste.

Indessen hatte jeder, der nur ein einziges Mal aus seinem Charakter herausgegangen war, ein Pfand geben mussen. Philine hatte sie mit grosser Sorgfalt gesammelt und besonders den geistlichen Herrn mit vielen Kussen bei der kunftigen Einlosung bedroht, ob er gleich selbst nie in Strafe genommen ward. Melina dagegen war vollig ausgeplundert. Hemdenknopfe und Schnallen und alles, was Bewegliches an seinem Leibe war, hatte Philine zu sich genommen; denn er wollte einen reisenden Englander vorstellen und konnte auf keine Weise in seine Rolle hineinkommen.

Die Zeit war indes auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine Einbildungskraft und seinen Witz aufs moglichste angestrengt, und jedes seine Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffiert. So kam man an dem Ort an, wo man sich den Tag uber aufhalten wollte, und Wilhelm geriet mit dem Geistlichen, wie wir ihn seinem Aussehn und seiner Rolle nach nennen wollen, auf dem Spaziergange bald in ein interessantes Gesprach.

"Ich finde diese Ubung", sagte der Unbekannte, "unter Schauspielern, ja in Gesellschaft von Freunden und Bekannten sehr nutzlich. Es ist die beste Art, die Menschen aus sich heraus- und durch einen Umweg wieder in sich hineinzufuhren. Es sollte bei jeder Truppe eingefuhrt sein, dass sie sich manchmal auf diese Weise uben musste, und das Publikum wurde gewiss dabei gewinnen, wenn alle Monate ein nicht geschriebenes Stuck aufgefuhrt wurde, worauf sich freilich die Schauspieler in mehreren Proben mussten vorbereitet haben."

"Man durfte sich", versetzte Wilhelm, "ein extemporiertes Stuck nicht als ein solches denken, das aus dem Stegreife sogleich komponiert wurde, sondern als ein solches, wovon zwar Plan, Handlung und Szeneneinteilung gegeben waren, dessen Ausfuhrung aber dem Schauspieler uberlassen bliebe."

"Ganz richtig", sagte der Unbekannte, "und eben was diese Ausfuhrung betrifft, wurde ein solches Stuck, sobald die Schauspieler nur einmal im Gang waren, ausserordentlich gewinnen. Nicht die Ausfuhrung durch Worte, denn durch diese muss freilich der uberlegende Schriftsteller seine Arbeit zieren, sondern die Ausfuhrung durch Gebarden und Mienen, Ausrufungen und was dazu gehort, kurz das stumme, halblaute Spiel, welches nach und nach bei uns ganz verlorenzugehen scheint. Es sind wohl Schauspieler in Deutschland, deren Korper das zeigt, was sie denken und fuhlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch Winke, durch zarte, anmutige Bewegungen des Korpers eine Rede vorzubereiten, und die Pausen des Gesprachs durch eine gefallige Pantomime mit dem Ganzen zu verbinden wissen, aber eine Ubung, die einem glucklichen Naturell zu Hulfe kame und es lehrte, mit dem Schriftsteller zu wetteifern, ist nicht so im Gange, als es zum Troste derer, die das Theater besuchen, wohl zu wunschen ware."

"Sollte aber nicht", versetzte Wilhelm, "ein gluckliches Naturell als das Erste und Letzte einen Schauspieler wie jeden andern Kunstler, ja vielleicht wie jeden Menschen, allein zu einem so hochaufgesteckten Ziele bringen?"

"Das Erste und Letzte, Anfang und Ende mochte es wohl sein und bleiben; aber in der Mitte durfte dem Kunstler manches fehlen, wenn nicht Bildung das erste aus ihm macht, was er sein soll, und zwar fruhe Bildung; denn vielleicht ist derjenige, dem man Genie zuschreibt, ubler dran als der, der nur gewohnliche Fahigkeiten besitzt; denn jener kann leichter verbildet und viel heftiger auf falsche Wege gestossen werden als dieser."

"Aber", versetzte Wilhelm, "wird das Genie sich nicht selbst retten, die Wunden, die es sich geschlagen, selbst heilen?"

"Mitnichten", versetzte der andere, "oder wenigstens nur notdurftig; denn niemand glaube die ersten Eindrucke der Jugend uberwinden zu konnen. Ist er in einer loblichen Freiheit, umgeben von schonen und edlen Gegenstanden, in dem Umgange mit guten Menschen aufgewachsen, haben ihn seine Meister das gelehrt, was er zuerst wissen musste, um das ubrige leichter zu begreifen, hat er gelernt, was er nie zu verlernen braucht, wurden seine ersten Handlungen so geleitet, dass er das Gute kunftig leichter und bequemer vollbringen kann, ohne sich irgend etwas abgewohnen zu mussen, so wird dieser Mensch ein reineres, vollkommneres und glucklicheres Leben fuhren als ein anderer, der seine ersten Jugendkrafte im Widerstand und im Irrtum zugesetzt hat. Es wird so viel von Erziehung gesprochen und geschrieben, und ich sehe nur wenig Menschen, die den einfachen, aber grossen Begriff, der alles andere in sich schliesst, fassen und in die Ausfuhrung ubertragen konnen."

"Das mag wohl wahr sein", sagte Wilhelm, "denn jeder Mensch ist beschrankt genug, den andern zu seinem Ebenbild erziehen zu wollen. Glucklich sind diejenigen daher, deren sich das Schicksal annimmt, das jeden nach seiner Weise erzieht."

"Das Schicksal", versetzte lachelnd der andere, "ist ein vornehmer, aber teurer Hofmeister. Ich wurde mich immer lieber an die Vernunft eines menschlichen Meisters halten. Das Schicksal, fur dessen Weisheit ich alle Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch den es wirkt, ein sehr ungelenkes Organ haben. Denn selten scheint dieser genau und rein auszufuhren, was jenes beschlossen hatte."

"Sie scheinen einen sehr sonderbaren Gedanken auszusprechen", versetzte Wilhelm.

"Mitnichten! Das meiste, was in der Welt begegnet, rechtfertigt meine Meinung. Zeigen viele Begebenheiten im Anfange nicht einen grossen Sinn, und gehen die meisten nicht auf etwas Albernes hinaus?"

"Sie wollen scherzen."

"Und ist es nicht", fuhr der andere fort, "mit dem, was einzelnen Menschen begegnet, ebenso? Gesetzt, das Schicksal hatte einen zu einem guten Schauspieler bestimmt (und warum sollt' es uns nicht auch mit guten Schauspielern versorgen?), unglucklicherweise fuhrte der Zufall aber den jungen Mann in ein Puppenspiel, wo er sich fruh nicht enthalten konnte, an etwas Abgeschmacktem teilzunehmen etwas Albernes leidlich, wohl gar interessant zu finden, und so die jugendlichen Eindrucke, welche nie verloschen, denen wir eine gewisse Anhanglichkeit nie entziehen konnen, von einer falschen Seite zu empfangen."

"Wie kommen Sie aufs Puppenspiel?" fiel ihm Wilhelm mit einiger Besturzung ein.

"Es war nur ein willkurliches Beispiel; wenn es Ihnen nicht gefallt, so nehmen wir ein andres. Gesetzt, das Schicksal hatte einen zu einem grossen Maler bestimmt, und dem Zufall beliebte es, seine Jugend in schmutzige Hutten, Stalle und Scheunen zu verstossen, glauben Sie, dass ein solcher Mann sich jemals zur Reinlichkeit, zum Adel, zur Freiheit der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm Sinn er das Unreine in seiner Jugend angefasst und nach seiner Art veredelt hat, desto gewaltsamer wird es sich in der Folge seines Lebens an ihm rachen, indem es sich, inzwischen dass er es zu uberwinden suchte, mit ihm aufs innigste verbunden hat. Wer fruh in schlechter, unbedeutender Gesellschaft gelebt hat, wird sich, wenn er auch spater eine bessere haben kann, immer nach jener zurucksehnen, deren Eindruck ihm zugleich mit der Erinnerung jugendlicher, nur selten zu wiederholender Freuden geblieben ist."

Man kann denken, dass unter diesem Gesprach sich nach und nach die ubrige Gesellschaft entfernt hatte. Besonders war Philine gleich vom Anfang auf die Seite getreten. Man kam durch einen Seitenweg zu ihnen zuruck. Philine brachte die Pfander hervor, welche auf allerlei Weise gelost werden mussten, wobei der Fremde sich durch die artigsten Erfindungen und durch eine ungezwungene Teilnahme der ganzen Gesellschaft und besonders den Frauenzimmern sehr empfahl, und so flossen die Stunden des Tages unter Scherzen, Singen, Kussen und allerlei Neckereien auf das angenehmste vorbei.

Zehntes Kapitel

Als sie sich wieder nach Hause begeben wollten, sahen sie sich nach ihrem Geistlichen um; allein er war verschwunden und an keinem Orte zu finden.

"Es ist nicht artig von dem Manne, der sonst viel Lebensart zu haben scheint", sagte Madame Melina, "eine Gesellschaft, die ihn so freundlich aufgenommen, ohne Abschied zu verlassen."

"Ich habe mich die ganze Zeit her schon besonnen", sagte Laertes, "wo ich diesen sonderbaren Mann schon ehemals mochte gesehen haben. Ich war eben im Begriff, ihn beim Abschiede daruber zu befragen."

"Mir ging es ebenso", versetzte Wilhelm, "und ich hatte ihn gewiss nicht entlassen, bis er uns etwas Naheres von seinen Umstanden entdeckt hatte. Ich musste mich sehr irren, wenn ich ihn nicht schon irgendwo gesprochen hatte."

"Und doch konntet ihr euch", sagte Philine, "darin wirklich irren. Dieser Mann hat eigentlich nur das falsche Ansehen eines Bekannten, weil er aussieht wie ein Mensch und nicht wie Hans oder Kunz."

"Was soll das heissen?" sagte Laertes. "Sehen wir nicht auch aus wie Menschen?"

"Ich weiss, was ich sage", versetzte Philine, "und wenn ihr mich nicht begreift, so lasst's gut sein. Ich werde nicht am Ende noch gar meine Worte auslegen sollen."

Zwei Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt des Laertes, der sie bestellt hatte. Philine nahm neben Madame Melina, Wilhelmen gegenuber, Platz, und die ubrigen richteten sich ein, so gut sie konnten. Laertes selbst ritt auf Wilhelms Pferde, das auch mit herausgekommen war, nach der Stadt zuruck.

Philine sass kaum in dem Wagen, als sie artige Lieder zu singen und das Gesprach auf Geschichten zu lenken wusste, von denen sie behauptete, dass sie mit Gluck dramatisch behandelt werden konnten. Durch diese kluge Wendung hatte sie gar bald ihren jungen Freund in seine beste Laune gesetzt, und er komponierte aus dem Reichtum seines lebendigen Bildervorrats sogleich ein ganzes Schauspiel mit allen seinen Akten, Szenen, Charakteren und Verwicklungen. Man fand fur gut, einige Arien und Gesange einzuflechten; man dichtete sie, und Philine, die in alles einging, passte ihnen gleich bekannte Melodien an und sang sie aus dem Stegreife.

Sie hatte eben heute ihren schonen, sehr schonen Tag; sie wusste mit allerlei Neckereien unsern Freund zu beleben; es ward ihm wohl, wie es ihm lange nicht gewesen war.

Seitdem ihn jene grausame Entdeckung von der Seite Marianens gerissen hatte, war er dem Gelubde treu geblieben, sich vor der zusammenschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu huten, das treulose Geschlecht zu meiden, seine Schmerzen, seine Neigung, seine sussen Wunsche in seinem Busen zu verschliessen. Die Gewissenhaftigkeit, womit er dies Gelubde beobachtete, gab seinem ganzen Wesen eine geheime Nahrung, und da sein Herz nicht ohne Teilnehmung bleiben konnte, so ward eine liebevolle Mitteilung nun zum Bedurfnisse. Er ging wieder wie von dem ersten Jugendnebel begleitet umher, seine Augen fassten jeden reizenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war sein Urteil uber eine liebenswurdige Gestalt schonender gewesen. Wie gefahrlich ihm in einer solchen Lage das verwegene Madchen werden musste, lasst sich leider nur zu gut einsehen.

Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zimmer schon alles zum Empfang bereit, die Stuhle zu einer Vorlesung zurechte gestellt und den Tisch in die Mitte gesetzt, auf welchem der Punschnapf seinen Platz nehmen sollte.

Die deutschen Ritterstucke waren damals eben neu und hatten die Aufmerksamkeit und Neigung des Publikums an sich gezogen. Der alte Polterer hatte eines dieser Art mitgebracht, und die Vorlesung war beschlossen worden. Man setzte sich nieder. Wilhelm bemachtigte sich des Exemplars und fing zu lesen an.

Die geharnischten Ritter, die alten Burgen, die Treuherzigkeit, Rechtlichkeit und Redlichkeit, besonders aber die Unabhangigkeit der handelnden Personen wurden mit grossem Beifall aufgenommen. Der Vorleser tat sein moglichstes, und die Gesellschaft kam ausser sich. Zwischen dem zweiten und dritten Akt kam der Punsch in einem grossen Napfe, und da in dem Stucke selbst sehr viel getrunken und angestossen wurde, so war nichts naturlicher, als dass die Gesellschaft bei jedem solchen Falle sich lebhaft an den Platz der Helden versetzte, gleichfalls anklingte und die Gunstlinge unter den handelnden Personen hoch leben liess.

Jedermann war von dem Feuer des edelsten Nationalgeistes entzundet. Wie sehr gefiel es dieser deutschen Gesellschaft, sich ihrem Charakter gemass auf eignem Grund und Boden poetisch zu ergotzen! Besonders taten die Gewolbe und Keller, die verfallenen Schlosser, das Moos und die hohlen Baume, uber alles aber die nachtlichen Zigeunerszenen und das heimliche Gericht eine ganz unglaubliche Wirkung. Jeder Schauspieler sah nun, wie er bald in Helm und Harnisch, jede Schauspielerin, wie sie mit einem grossen stehenden Kragen ihre Deutschheit vor dem Publiko produzieren werde. Jeder wollte sich sogleich einen Namen aus dem Stucke oder aus der deutschen Geschichte zueignen, und Madame Melina beteuerte, Sohn oder Tochter, wozu sie Hoffnung hatte, nicht anders als Adelbert oder Mechthilde taufen zu lassen.

Gegen den funften Akt ward der Beifall larmender und lauter, ja zuletzt, als der Held wirklich seinem Unterdrucker entging und der Tyrann gestraft wurde, war das Entzucken so gross, dass man schwur, man habe nie so gluckliche Stunden gehabt. Melina, den der Trank begeistert hatte, war der Lauteste, und da der zweite Punschnapf geleert war und Mitternacht herannahte, schwur Laertes hoch und teuer, es sei kein Mensch wurdig, an diese Glaser jemals wieder eine Lippe zu setzen, und warf mit dieser Beteurung sein Glas hinter sich und durch die Scheiben auf die Gasse hinaus. Die ubrigen folgten seinem Beispiele, und ungeachtet der Protestationen des herbeieilenden Wirtes wurde der Punschnapf selbst, der nach einem solchen Feste durch unheiliges Getrank nicht wieder entweiht werden sollte, in tausend Stucke geschlagen. Philine, der man ihren Rausch am wenigsten ansah, indes die beiden Madchen nicht in den anstandigsten Stellungen auf dem Kanapee lagen, reizte die andern mit Schadenfreude zum Larm. Madame Melina rezitierte einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im Rausche nicht sehr liebenswurdig war, fing an, auf die schlechte Bereitung des Punsches zu schelten, versicherte, dass er ein Fest ganz anders einzurichten verstehe, und ward zuletzt, als Laertes Stillschweigen gebot, immer grober und lauter, so dass dieser, ohne sich lange zu bedenken, ihm die Scherben des Napfes an den Kopf warf und dadurch den Larm nicht wenig vermehrte.

Indessen war die Scharwache herbeigekommen und verlangte, ins Haus eingelassen zu werden. Wilhelm, vom Lesen sehr erhitzt, ob er gleich nur wenig getrunken, hatte genug zu tun, um mit Beihulfe des Wirts die Leute durch Geld und gute Worte zu befriedigen und die Glieder der Gesellschaft in ihren misslichen Umstanden nach Hause zu schaffen. Er warf sich, als er zuruckkam, vom Schlafe uberwaltigt, voller Unmut, unausgekleidet aufs Bett, und nichts glich der unangenehmen Empfindung, als er des andern Morgens die Augen aufschlug und mit dusterm Blick auf die Verwustungen des vergangenen Tages, den Unrat und die bosen Wirkungen hinsah, die ein geistreiches, lebhaftes und wohlgemeintes Dichterwerk hervorgebracht hatte.

Eilftes Kapitel

Nach einem kurzen Bedenken rief er sogleich den Wirt herbei und liess sowohl den Schaden als auch die Zeche auf seine Rechnung schreiben. Zugleich vernahm er nicht ohne Verdruss, dass sein Pferd von Laertes gestern bei dem Hereinreiten dergestalt angegriffen worden, dass es wahrscheinlich, wie man zu sagen pflegt, verschlagen habe, und dass der Schmied wenig Hoffnung zu seinem Aufkommen gebe.

Ein Gruss von Philinen, den sie ihm aus ihrem Fenster zuwinkte, versetzte ihn dagegen wieder in einen heitern Zustand, und er ging sogleich in den nachsten Laden, um ihr ein kleines Geschenk, das er ihr gegen das Pudermesser noch schuldig war, zu kaufen, und wir mussen bekennen, er hielt sich nicht in den Grenzen eines proportionierten Gegengeschenks. Er kaufte ihr nicht allein ein Paar sehr niedliche Ohrringe, sondern nahm dazu noch einen Hut und Halstuch und einige andere Kleinigkeiten, die er sie den ersten Tag hatte verschwenderisch wegwerfen sehen.

Madame Melina, die ihn eben, als er seine Gaben uberreichte, zu beobachten kam, suchte noch vor Tische eine Gelegenheit, ihn sehr ernstlich uber die Empfindung fur dieses Madchen zur Rede zu setzen, und er war um so erstaunter, als er nichts weniger denn diese Vorwurfe zu verdienen glaubte. Er schwur hoch und teuer, dass es ihm keineswegs eingefallen sei, sich an diese Person, deren ganzen Wandel er wohl kenne, zu wenden; er entschuldigte sich, so gut er konnte, uber sein freundliches und artiges Betragen gegen sie, befriedigte aber Madame Melina auf keine Weise; vielmehr ward diese immer verdriesslicher, da sie bemerken musste, dass die Schmeichelei, wodurch sie sich eine Art von Neigung unsers Freundes erworben hatte, nicht hinreiche, diesen Besitz gegen die Angriffe einer lebhaften, jungern und von der Natur glucklicher begabten Person zu verteidigen.

Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu Tische kamen, bei sehr ublem Humor, und er fing schon an, ihn uber Kleinigkeiten auszulassen, als der Wirt hereintrat und einen Harfenspieler anmeldete. "Sie werden", sagte er, "gewiss Vergnugen an der Musik und an den Gesangen dieses Mannes finden; es kann sich niemand, der ihn hort, enthalten, ihn zu bewundern und ihm etwas weniges mitzuteilen."

"Lassen Sie ihn weg", versetzte Melina, "ich bin nichts weniger als gestimmt, einen Leiermann zu horen, und wir haben allenfalls Sanger unter uns, die gern etwas verdienten." Er begleitete diese Worte mit einem tuckischen Seitenblicke, den er auf Philinen warf. Sie verstand ihn und war gleich bereit, zu seinem Verdruss, den angemeldeten Sanger zu beschutzen. Sie wendete sich zu Wilhelmen und sagte: "Sollen wir den Mann nicht horen, sollen wir nichts tun, um uns aus der erbarmlichen Langenweile zu retten?"

Melina wollte ihr antworten, und der Streit ware lebhafter geworden, wenn nicht Wilhelm den im Augenblick hereintretenden Mann begrusst und ihn herbeigewinkt hatte.

Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in Erstaunen, und er hatte schon von einem Stuhle Besitz genommen, ehe jemand ihn zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte. Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haaren umkranzt, grosse blaue Augen blickten sanft unter langen weissen Augenbrauen hervor. An eine wohlgebildete Nase schloss sich ein langer weisser Bart an, ohne die gefallige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelbraunes Gewand umhullte den schlanken Korper vom Halse bis zu den Fussen; und so fing er auf der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu praludieren an.

Die angenehmen Tone, die er aus dem Instrumente hervorlockte, erheiterten gar bald die Gesellschaft.

"Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter", sagte Philine.

"Gebt uns etwas, das Herz und Geist zugleich mit den Sinnen ergotze", sagte Wilhelm. "Das Instrument sollte nur die Stimme begleiten; denn Melodien, Gange und Laufe ohne Worte und Sinn scheinen mir Schmetterlingen oder schonen bunten Vogeln ahnlich zu sein, die in der Luft vor unsern Augen herumschweben, die wir allenfalls haschen und uns zueignen mochten; da sich der Gesang dagegen wie ein Genius gen Himmel hebt und das bessere Ich in uns ihn zu begleiten anreizt."

Der Alte sah Wilhelmen an, alsdann in die Hohe, tat einige Griffe auf der Harfe und begann sein Lied. Es enthielt ein Lob auf den Gesang, pries das Gluck der Sanger und ermahnte die Menschen, sie zu ehren. Er trug das Lied mit so viel Leben und Wahrheit vor, dass es schien, als hatte er es in diesem Augenblicke und bei diesem Anlasse gedichtet. Wilhelm enthielt sich kaum, ihm um den Hals zu fallen; nur die Furcht, ein lautes Gelachter zu erregen, zog ihn auf seinen Stuhl zuruck; denn die ubrigen machten schon halblaut einige alberne Anmerkungen und stritten, ob es ein Pfaffe oder ein Jude sei.

Als man nach dem Verfasser des Liedes fragte, gab er keine bestimmte Antwort; nur versicherte er, dass er reich an Gesangen sei, und wunsche nur, dass sie gefallen mochten. Der grosste Teil der Gesellschaft war frohlich und freudig, ja selbst Melina nach seiner Art offen geworden, und indem man untereinander schwatzte und scherzte, fing der Alte das Lob des geselligen Lebens auf das geistreichste zu singen an. Er pries Einigkeit und Gefalligkeit mit einschmeichelnden Tonen. Auf einmal ward sein Gesang trocken, rauh und verworren, als er gehassige Verschlossenheit, kurzsinnige Feindschaft und gefahrlichen Zwiespalt bedauerte, und gern warf jede Seele diese unbequemen Fesseln ab, als er, auf den Fittichen einer vordringenden Melodie getragen, die Friedensstifter pries und das Gluck der Seelen, die sich wiederfinden, sang.

Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: "Wer du auch seist, der du als ein hulfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und belebenden Stimme zu uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank! Fuhle, dass wir alle dich bewundern, und vertrau' uns, wenn du etwas bedarfst!"

Der Alte schwieg, liess erst seine Finger uber die Saiten schleichen, dann griff er sie starker an und sang:

"Was hor' ich draussen vor dem Tor,

Was auf der Brucke schallen?

Lasst den Gesang zu unserm Ohr

Im Saale widerhallen!"

Der Konig sprach's, der Page lief,

Der Knabe kam, der Konig rief:

"Bring' ihn herein, den Alten."

"Gegrusset seid, ihr hohen Herrn,

Gegrusst ihr, schone Damen!

Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!

Wer kennet ihre Namen?

Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit

Schliesst, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,

Sich staunend zu ergotzen."

Der Sanger druckt' die Augen ein

Und schlug die vollen Tone;

Der Ritter schaute mutig drein,

Und in den Schoss die Schone.

Der Konig, dem das Lied gefiel,

Liess ihm zum Lohne fur sein Spiel

Eine goldne Kette holen.

"Die goldne Kette gib mir nicht,

Die Kette gib den Rittern,

Vor deren kuhnem Angesicht

Der Feinde Lanzen splittern.

Gib sie dem Kanzler, den du hast,

Und lass ihn noch die goldne Last

Zu andern Lasten tragen.

Ich singe, wie der Vogel singt,

Der in den Zweigen wohnet.

Das Lied, das aus der Kehle dringt,

Ist Lohn, der reichlich lohnet;

Doch darf ich bitten, bitt' ich eins,

Lass einen Trunk des besten Weins

In reinem Glase bringen."

Er setzt' es an, er trank es aus:

"O Trank der sussen Labe!

O! dreimal hochbeglucktes Haus,

Wo das ist kleine Gabe!

Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,

Und danket Gott so warm, als ich

Fur diesen Trunk euch danke."

Da der Sanger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das fur ihn eingeschenkt dastand, ergriff, und es mit freundlicher Miene, sich gegen seine Wohltater wendend, austrank, entstand eine allgemeine Freude in der Versammlung. Man klatschte und rief ihm zu, es moge dieses Glas zu seiner Gesundheit, zur Starkung seiner alten Glieder gereichen. Er sang noch einige Romanzen und erregte immer mehr Munterkeit in der Gesellschaft.

"Kannst du die Melodie, Alter", rief Philine, "der Schafer putzte sich zum Tanz?"

"O ja", versetzte er; "wenn Sie das Lied singen und auffuhren wollen, an mir soll es nicht fehlen."

Philine stand auf und hielt sich fertig. Der Alte begann die Melodie, und sie sang ein Lied, das wir unsern Lesern nicht mitteilen konnen, weil sie es vielleicht abgeschmackt oder wohl gar unanstandig finden konnten.

Inzwischen hatte die Gesellschaft, die immer heiterer geworden war, noch manche Flasche Wein ausgetrunken und fing an, sehr laut zu werden. Da aber unserm Freunde die bosen Folgen ihrer Lust noch in frischem Andenken schwebten, suchte er abzubrechen, steckte dem Alten fur seine Bemuhung eine reichliche Belohnung in die Hand, die andern taten auch etwas, man liess ihn abtreten und ruhen und versprach sich auf den Abend eine wiederholte Freude von seiner Geschicklichkeit.

Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen: "Ich kann zwar in Ihrem Leibgesange weder ein dichterisches noch sittliches Verdienst finden; doch wenn Sie mit eben der Naivetat, Eigenheit und Zierlichkeit etwas Schickliches auf dem Theater jemals ausfuhren, so wird Ihnen allgemeiner lebhafter Beifall gewiss zuteil werden."

"Ja", sagte Philine, "es musste eine recht angenehme Empfindung sein, sich am Eise zu warmen."

"Uberhaupt", sagte Wilhelm, "wie sehr beschamt dieser Mann manchen Schauspieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramatische Ausdruck seiner Romanzen war? Gewiss, es lebte mehr Darstellung in seinem Gesang als in unsern steifen Personen auf der Buhne; man sollte die Auffuhrung mancher Stucke eher fur eine Erzahlung halten und diesen musikalischen Erzahlungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben."

"Sie sind ungerecht!" versetzte Laertes. "Ich gebe mich weder fur einen grossen Schauspieler noch Sanger; aber das weiss ich, dass, wenn die Musik die Bewegungen des Korpers leitet, ihnen Leben gibt und ihnen zugleich das Mass vorschreibt, wenn Deklamation und Ausdruck schon von dem Kompositeur auf mich ubertragen werden, so bin ich ein ganz anderer Mensch, als wenn ich im prosaischen Drama das alles erst erschaffen und Takt und Deklamation mir erst erfinden soll, worin mich noch dazu jeder Mitspielende storen kann."

"So viel weiss ich", sagte Melina, "dass uns dieser Mann in einem Punkte gewiss beschamt, und zwar in einem Hauptpunkte. Die Starke seiner Talente zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir vielleicht bald in Verlegenheit sein werden, wo wir eine Mahlzeit hernehmen, bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm zu teilen. Er weiss uns das Geld, das wir anwenden konnten, um uns in einige Verfassung zu setzen, durch ein Liedchen aus der Tasche zu locken. Es scheint so angenehm zu sein, das Geld zu verschleudern, womit man sich und andern eine Existenz verschaffen konnte."

Das Gesprach bekam durch diese Bemerkung nicht die angenehmste Wendung. Wilhelm, auf den der Vorwurf eigentlich gerichtet war, antwortete mit einiger Leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht der grossten Feinheit befliss, brachte zuletzt seine Beschwerden mit ziemlich trocknen Worten vor. "Es sind nun schon vierzehn Tage", sagte er, "dass wir das hier verpfandete Theater und die Garderobe besehen haben, und beides konnten wir fur eine sehr leidliche Summe haben. Sie machten mir damals Hoffnung, dass Sie mir so viel kreditieren wurden, und bis jetzt habe ich noch nicht gesehen, dass Sie die Sache weiter bedacht oder sich einem Entschluss genahert hatten. Griffen Sie damals zu, so waren wir jetzt im Gange. Ihre Absicht, zu verreisen, haben Sie auch noch nicht ausgefuhrt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit uber auch nicht gespart zu haben; wenigstens gibt es Personen, die immer Gelegenheit zu verschaffen wissen, dass es geschwinder weggehe."

Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern Freund. Er versetzte einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit, und ergriff, da die Gesellschaft aufstund und sich zerstreute, die Ture, indem er nicht undeutlich zu erkennen gab, dass er sich nicht lange mehr bei so unfreundlichen und undankbaren Menschen aufhalten wolle. Er eilte verdriesslich hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor dem Tore seines Gasthofs stand, und bemerkte nicht, dass er halb aus Lust, halb aus Verdruss mehr als gewohnlich getrunken hatte.

Zwolftes Kapitel

Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherlei Gedanken, sitzend und vor sich hinsehend zugebracht hatte, schlenderte Philine singend zur Hausture heraus, setzte sich zu ihm, ja man durfte beinahe sagen, auf ihn, so nahe ruckte sie an ihn heran, lehnte sich auf seine Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er mochte ja bleiben und sie nicht in der Gesellschaft allein lassen, in der sie vor langer Weile sterben musste; sie konne nicht mehr mit Melina unter einem Dache ausdauern und habe sich deswegen heruberquartiert.

Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, dass er langer weder bleiben konne noch durfe. Sie liess mit Bitten nicht ab, ja unvermutet schlang sie ihren Arm um seinen Hals und kusste ihn mit dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens.

"Sind Sie toll, Philine?" rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen suchte, "die offentliche Strasse zum Zeugen solcher Liebkosungen zu machen, die ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich kann nicht und ich werde nicht bleiben."

"Und ich werde dich festhalten", sagte sie, "und ich werde dich hier auf offentlicher Strasse so lange kussen, bis du mir versprichst, was ich wunsche. Ich lache mich zu Tode", fuhr sie fort; "nach dieser Vertraulichkeit halten mich die Leute gewiss fur deine Frau von vier Wochen, und die Ehemanner, die eine so anmutige Szene sehen, werden mich ihren Weibern als ein Muster einer kindlich unbefangenen Zartlichkeit anpreisen."

Eben gingen einige Leute vorbei, und sie liebkoste ihn auf das anmutigste, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie den Leuten Gesichter im Rucken und trieb voll Ubermut allerhand Ungezogenheiten, bis er zuletzt versprechen musste, noch heute und morgen und ubermorgen zu bleiben.

"Sie sind ein rechter Stock!" sagte sie darauf, indem sie von ihm abliess, "und ich eine Torin, dass ich so viel Freundlichkeit an Sie verschwende." Sie stand verdriesslich auf und ging einige Schritte; dann kehrte sie lachend zuruck und rief: "Ich glaube eben, dass ich darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen Strickstrumpf holen, dass ich etwas zu tun habe. Bleibe ja, damit ich den steinernen Mann auf der steinernen Bank wiederfinde."

Diesmal tat sie ihm Unrecht; denn so sehr er sich von ihr zu enthalten strebte, so wurde er doch in diesem Augenblicke, hatte er sich mit ihr in einer einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich nicht unerwidert gelassen haben.

Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen Blick zugeworfen, in das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr Betragen einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne selbst recht zu wissen, warum, von der Bank, um ihr nachzugehen.

Er war eben im Begriff, in die Ture zu treten, als Melina herbeikam, ihn bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart ausgesprochenen Ausdrucke um Verzeihung bat. "Sie nehmen mir nicht ubel", fuhr er fort, "wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich befinde, mich vielleicht zu angstlich bezeige; aber die Sorge fur eine Frau, vielleicht bald fur ein Kind, verhindert mich von einem Tag zum andern, ruhig zu leben und meine Zeit mit dem Genuss angenehmer Empfindungen hinzubringen, wie Ihnen noch erlaubt ist. Uberdenken Sie, und wenn es Ihnen moglich ist, so setzen Sie mich in den Besitz der theatralischen Geratschaften, die sich hier vorfinden. Ich werde nicht lange Ihr Schuldner und Ihnen dafur ewig dankbar bleiben."

Wilhelm, der sich ungern auf der Schwelle aufgehalten sah, uber die ihn eine unwiderstehliche Neigung in diesem Augenblicke zu Philinen hinuberzog, sagte mit einer uberraschten Zerstreuung und eilfertigen Gutmutigkeit: "Wenn ich Sie dadurch glucklich und zufrieden machen kann, so will ich mich nicht langer bedenken. Gehn Sie hin, machen Sie alles richtig. Ich bin bereit, noch diesen Abend oder morgen fruh das Geld zu zahlen." Er gab hierauf Melinan die Hand zur Bestatigung seines Versprechens und war sehr zufrieden, als er ihn eilig uber die Strasse weggehen sah; leider aber wurde er von seinem Eindringen ins Haus zum zweitenmal und auf eine unangenehmere Weise zuruckgehalten.

Ein junger Mensch mit einem Bundel auf dem Rukken kam eilig die Strasse her und trat zu Wilhelmen, der ihn gleich fur Friedrichen erkannte.

"Da bin ich wieder!" rief er aus, indem er seine grossen blauen Augen freudig umher und hinauf an alle Fenster gehen liess; "wo ist Mamsell? Der Henker mag es langer in der Welt aushalten, ohne sie zu sehen!"

Der Wirt, der eben dazugetreten war, versetzte: "Sie ist oben", und mit wenigen Sprungen war er die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb auf der Schwelle wie eingewurzelt stehen. Er hatte in den ersten Augenblicken den Jungen bei den Haaren ruckwarts die Treppe herunterreissen mogen; dann hemmte der heftige Krampf einer gewaltsamen Eifersucht auf einmal den Lauf seiner Lebensgeister und seiner Ideen, und da er sich nach und nach von seiner Erstarrung erholte, uberfiel ihn eine Unruhe, ein Unbehagen, dergleichen er in seinem Leben noch nicht empfunden hatte.

Er ging auf seine Stube und fand Mignon mit Schreiben beschaftigt. Das Kind hatte sich eine Zeit her mit grossem Fleisse bemuht, alles, was es auswendig wusste, zu schreiben, und hatte seinem Herrn und Freund das Geschriebene zu korrigieren gegeben. Sie war unermudet und fasste gut; aber die Buchstaben blieben ungleich und die Linien krumm. Auch hier schien ihr Korper dem Geist zu widersprechen. Wilhelm, dem die Aufmerksamkeit des Kindes, wenn er ruhigen Sinnes war, grosse Freude machte, achtete diesmal wenig auf das, was sie ihm zeigte; sie fuhlte es und betrubte sich daruber nur desto mehr, als sie glaubte, diesmal ihre Sache recht gut gemacht zu haben.

Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den Gangen des Hauses auf und ab und bald wieder an die Hausture. Ein Reiter sprengte vor, der ein gutes Ansehn hatte, und der bei gesetzten Jahren noch viel Munterkeit verriet. Der Wirt eilte ihm entgegen, reichte ihm als einem bekannten Freunde die Hand und rief: "Ei, Herr Stallmeister, sieht man Sie auch einmal wieder!"

"Ich will nur hier futtern", versetzte der Fremde, "ich muss gleich hinuber auf das Gut, um in der Geschwindigkeit allerlei einrichten zu lassen. Der Graf kommt morgen mit seiner Gemahlin, sie werden sich eine Zeitlang druben aufhalten, um den Prinzen von *** auf das beste zu bewirten, der in dieser Gegend wahrscheinlich sein Hauptquartier aufschlagt." "Es ist schade, dass Sie nicht bei uns bleiben konnen", versetzte der Wirt; "wir haben gute Gesellschaft." Der Reitknecht, der nachsprengte, nahm dem Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der Ture mit dem Wirt unterhielt und Wilhelmen von der Seite ansah. Dieser, da er merkte, dass von ihm die Rede sei, begab sich weg und ging einige Strassen auf und ab.

Dreizehntes Kapitel

In der verdriesslichen Unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein, den Alten aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bosen Geister zu verscheuchen hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an ein schlechtes Wirtshaus in einem entfernten Winkel des Stadtchens und in demselben die Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der susse Harfenklang aus einer Kammer entgegenschallte. Es waren herzruhrende, klagende Tone, von einem traurigen, angstlichen Gesange begleitet. Wilhelm schlich an die Ture, und da der gute Alte eine Art von Phantasie vortrug und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend immer wiederholte, konnte der Horcher nach einer kurzen Aufmerksamkeit ungefahr folgendes verstehen:

Wer nie sein Brot mit Tranen ass,

Wer nie die kummervollen Nachte

Auf seinem Bette weinend sass,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen

Machte.

Ihr fuhrt ins Leben uns hinein,

Ihr lasst den Armen schuldig werden,

Dann uberlasst ihr ihn der Pein,

Denn alle Schuld racht sich auf Erden.

Die wehmutige, herzliche Klage drang tief in die Seele des Horers. Es schien ihm, als ob der Alte manchmal von Tranen gehindert wurde, fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die Stimme leise in gebrochenen Lauten darein mischte. Wilhelm stand an dem Pfosten, seine Seele war tief geruhrt, die Trauer des Unbekannten schloss sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefuhl und konnte und wollte die Tranen nicht zuruckhalten, die des Alten herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen hervorlockte. Alle Schmerzen, die seine Seele druckten, losten sich zu gleicher Zeit auf, er uberliess sich ihnen ganz, stiess die Kammerture auf und stand vor dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrat dieser armseligen Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genotigt gewesen.

"Was hast du mir fur Empfindungen rege gemacht, guter Alter!" rief er aus: "alles, was in meinem Herzen stockte, hast du losgelost; lass dich nicht storen, sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst, einen Freund glucklich zu machen." Der Alte wollte aufstehen und etwas reden, Wilhelm verhinderte ihn daran; denn er hatte zu Mittage bemerkt, dass der Mann ungern sprach; er setzte sich vielmehr zu ihm auf den Strohsack nieder.

Der Alte trocknete seine Tranen und fragte mit einem freundlichen Lacheln: "Wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen diesen Abend wieder aufwarten."

"Wir sind hier ruhiger", versetzte Wilhelm, "singe mir, was du willst, was zu deiner Lage passt, und tue nur, als ob ich gar nicht hier ware. Es scheint mir, als ob du heute nicht irren konntest. Ich finde dich sehr glucklich, dass du dich in der Einsamkeit so angenehm beschaftigen und unterhalten kannst und, da du uberall ein Fremdling bist, in deinem Herzen die angenehmste Bekanntschaft findest."

Der Alte blickte auf seine Saiten, und nachdem er sanft praludiert hatte, stimmte er an und sang:

Wer sich der Einsamkeit ergibt,

Ach! der ist bald allein;

Ein jeder lebt, ein jeder liebt,

Und lasst ihn seiner Pein.

Ja! lasst mich meiner Qual!

Und kann ich nur einmal

Recht einsam sein,

Dann bin ich nicht allein.

Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,

Ob seine Freundin allein?

So uberschleicht bei Tag und Nacht

Mich Einsamen die Pein,

Mich Einsamen die Qual.

Ach werd' ich erst einmal

Einsam im Grabe sein,

Da lasst sie mich allein!

Wir wurden zu weitlaufig werden und doch die Anmut der seltsamen Unterredung nicht ausdrucken konnen, die unser Freund mit dem abenteuerlichen Fremden hielt. Auf alles, was der Jungling zu ihm sagte, antwortete der Alte mit der reinsten Ubereinstimmung durch Anklange, die alle verwandten Empfindungen rege machten und der Einbildungskraft ein weites Feld eroffneten.

Wer einer Versammlung frommer Menschen, die sich, abgesondert von der Kirche, reiner, herzlicher und geistreicher zu erbauen glauben, beigewohnt hat, wird sich auch einen Begriff von der gegenwartigen Szene machen konnen; er wird sich erinnern, wie der Liturg seinen Worten den Vers eines Gesanges anzupassen weiss, der die Seele dahin erhebt, wohin der Redner wunscht, dass sie ihren Flug nehmen moge, wie bald darauf ein anderer aus der Gemeinde, in einer anderen Melodie, den Vers eines andern Liedes hinzufugt, und an diesen wieder ein Dritter einen dritten anknupft, wodurch die verwandten Ideen der Lieder, aus denen sie entlehnt sind, zwar erregt werden, jede Stelle aber durch die neue Verbindung neu und individuell wird, als wenn sie in dem Augenblicke erfunden worden ware; wodurch denn aus einem bekannten Kreise von Ideen, aus bekannten Liedern und Spruchen, fur diese besondere Gesellschaft, fur diesen Augenblick ein eigenes Ganzes entsteht, durch dessen Genuss sie belebt, gestarkt und erquickt wird. So erbaute der Alte seinen Gast, indem er durch bekannte und unbekannte Lieder und Stellen nahe und ferne Gefuhle, wachende und schlummernde, angenehme und schmerzliche Empfindungen in eine Zirkulation brachte, von der in dem gegenwartigen Zustande unsers Freundes das Beste zu hoffen war.

Vierzehntes Kapitel

Denn wirklich fing er auf dem Ruckwege uber seine Lage lebhafter, als bisher geschehen, zu denken an und war mit dem Vorsatze, sich aus derselben herauszureissen, nach Hause gelangt, als ihm der Wirt sogleich im Vertrauen eroffnete, dass Mademoiselle Philine an dem Stallmeister des Grafen eine Eroberung gemacht habe, der, nachdem er seinen Auftrag auf dem Gute ausgerichtet, in hochster Eile zuruckgekommen sei und ein gutes Abendessen oben auf ihrem Zimmer mit ihr verzehre.

In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; sie gingen zusammen auf Wilhelms Zimmer, wo dieser, wiewohl mit einigem Zaudern, seinem Versprechen Genuge leistete, dreihundert Taler auf Wechsel an Melina auszahlte, welche dieser sogleich dem Notarius ubergab und dagegen das Dokument uber den geschlossenen Kauf der ganzen theatralischen Geratschaft erhielt, welche ihm morgen fruh ubergeben werden sollte.

Kaum waren sie auseinander gegangen, als Wilhelm ein entsetzliches Geschrei in dem Hause vernahm. Er horte eine jugendliche Stimme, die, zornig und drohend, durch ein unmassiges Weinen und Heulen durchbrach. Er horte diese Wehklage von oben herunter, an seiner Stube vorbei, nach dem Hausplatze eilen.

Als die Neugierde unsern Freund herunterlockte, fand er Friedrichen in einer Art von Raserei. Der Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte mit geballten Fausten und stellte sich ganz ungebardig vor Zorn und Verdruss, Mignon stand gegenuber und sah mit Verwunderung zu, und der Wirt erklarte einigermassen diese Erscheinung.

Der Knabe sei nach seiner Ruckkunft, da ihn Philine gut aufgenommen, zufrieden, lustig und munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis zur Zeit, da der Stallmeister mit Philinen Bekanntschaft gemacht. Nun habe das Mittelding zwischen Kind und Jungling angefangen, seinen Verdruss zu zeigen, die Turen zuzuschlagen und auf und nieder zu rennen. Philine habe ihm befohlen, heute abend bei Tische aufzuwarten, woruber er nur noch murrischer und trotziger geworden; endlich habe er eine Schussel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu setzen, zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich nahe zusammen gesessen, hineingeworfen, worauf ihm der Stallmeister ein paar tuchtige Ohrfeigen gegeben und ihn zur Ture hinausgeschmissen. Er, der Wirt, habe darauf die beiden Personen saubern helfen, deren Kleider sehr ubel zugerichtet gewesen.

Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache vernahm, fing er laut zu lachen an, indem ihm noch immer die Tranen an den Backen herunterliefen. Er freute sich einige Zeit herzlich, bis ihm der Schimpf, den ihm der Starkere angetan, wieder einfiel, da er denn von neuem zu heulen und zu drohen anfing.

Wilhelm stand nachdenklich und beschamt vor dieser Szene. Er sah sein eignes Innerstes, mit starken und ubertriebenen Zugen dargestellt; auch er war von einer unuberwindlichen Eifersucht entzundet; auch er, wenn ihn der Wohlstand nicht zuruckgehalten hatte, wurde gern seine wilde Laune befriedigt, gern mit tuckischer Schadenfreude den geliebten Gegenstand verletzt und seinen Nebenbuhler ausgefordert haben; er hatte die Menschen, die nur zu seinem Verdrusse da zu sein schienen, vertilgen mogen.

Laertes, der auch herbeigekommen war und die Geschichte vernommen hatte, bestarkte schelmisch den aufgebrachten Knaben, als dieser beteuerte und schwur, der Stallmeister musse ihm Satisfaktion geben, er habe noch keine Beleidigung auf sich sitzen lassen; weigere sich der Stallmeister, so werde er sich zu rachen wissen.

Laertes war hier grade in seinem Fache. Er ging ernsthaft hinauf, den Stallmeister im Namen des Knaben herauszufordern.

"Das ist lustig", sagte dieser; "einen solchen Spass hatte ich mir heut abend kaum vorgestellt." Sie gingen hinunter, und Philine folgte ihnen. "Mein Sohn", sagte der Stallmeister zu Friedrichen, "du bist ein braver Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur da die Ungleichheit unsrer Jahre und Krafte die Sache ohnehin etwas abenteuerlich macht, so schlage ich statt anderer Waffen ein paar Rapiere vor; wir wollen die Knopfe mit Kreide bestreichen, und wer dem andern den ersten oder die meisten Stosse auf den Rock zeichnet, soll fur den Uberwinder gehalten und von dem andern mit dem besten Weine, der in der Stadt zu haben ist, traktiert werden."

Laertes entschied, dass dieser Vorschlag angenommen werden konnte; Friedrich gehorchte ihm als seinem Lehrmeister. Die Rapiere kamen herbei, Philine setzte sich hin, strickte und sah beiden Kampfern mit grosser Gemutsruhe zu.

Der Stallmeister, der sehr gut focht, war gefallig genug, seinen Gegner zu schonen und sich einige Kreidenflecke auf den Rock bringen zu lassen, worauf sie sich umarmten und Wein herbeigeschafft wurde. Der Stallmeister wollte Friedrichs Herkunft und seine Geschichte wissen, der denn ein Marchen erzahlte, das er schon oft wiederholt hatte, und mit dem wir ein andermal unsre Leser bekannt zu machen gedenken.

In Wilhelms Seele vollendete indessen dieser Zweikampf die Darstellung seiner eigenen Gefuhle; denn er konnte sich nicht leugnen, dass er das Rapier, ja lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister zu fuhren wunschte, wenn er schon einsah, dass ihm dieser in der Fechtkunst weit uberlegen sei. Doch wurdigte er Philinen nicht eines Blicks, hutete sich vor jeder Ausserung, die seine Empfindung hatte verraten konnen, und eilte, nachdem er einigemal auf die Gesundheit der Kampfer Bescheid getan, auf sein Zimmer, wo sich tausend unangenehme Gedanken auf ihn zudrangten.

Er erinnerte sich der Zeit, in der sein Geist durch ein unbedingtes hoffnungsreiches Streben emporgehoben wurde, wo er in dem lebhaftesten Genusse aller Art wie in einem Elemente schwamm. Es ward ihm deutlich, wie er letzt in ein unbestimmtes Schlendern geraten war, in welchem er nur noch schlurfend kostete, was er sonst mit vollen Zugen eingesogen hatte; aber deutlich konnte er nicht sehen, welches unuberwindliche Bedurfnis ihm die Natur zum Gesetz gemacht hatte, und wie sehr dieses Bedurfnis durch Umstande nur gereizt, halb befriedigt und irregefuhrt worden war.

Es darf also niemand wundern, wenn er bei Betrachtung seines Zustandes, und indem er sich aus demselben herauszudenken arbeitete, in die grosste Verwirrung geriet. Es war nicht genug, dass er durch seine Freundschaft zu Laertes, durch seine Neigung zu Philinen, durch seinen Anteil an Mignon langer als billig an einem Orte und in einer Gesellschaft festgehalten wurde, in welcher er seine Lieblingsneigung hegen, gleichsam verstohlen seine Wunsche befriedigen und, ohne sich einen Zweck vorzusetzen, seinen alten Traumen nachschleichen konnte. Aus diesen Verhaltnissen sich loszureissen und gleich zu scheiden, glaubte er Kraft genug zu besitzen. Nun hatte er aber vor wenigen Augenblicken sich mit Melina in ein Geldgeschaft eingelassen, er hatte den ratselhaften Alten kennen lernen, welchen zu entziffern er eine unbeschreibliche Begierde fuhlte. Allein auch dadurch sich nicht zuruckhalten zu lassen, war er nach lang hin und hergeworfenen Gedanken entschlossen, oder glaubte wenigstens entschlossen zu sein. "Ich muss fort", rief er aus, "ich will fort!" Er warf sich in einen Sessel und war sehr bewegt. Mignon trat herein und fragte, ob sie ihn aufwickeln durfe? Sie kam still; es schmerzte sie tief, dass er sie heute so kurz abgefertigt hatte.

Nichts ist ruhrender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genahrt, eine Treue, die sich im Verborgenen befestigt hat, endlich dem, der ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt und ihm offenbar wird. Die lange und streng verschlossene Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht empfanglicher sein.

Sie stand vor ihm und sah seine Unruhe. "Herr!" rief sie aus, "wenn du unglucklich bist, was soll Mignon werden?" "Liebes Geschopf", sagte er, indem er ihre Hande nahm, "du bist auch mit unter meinen Schmerzen. Ich muss fort." Sie sah ihm in die Augen, die von verhaltenen Tranen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor ihm nieder. Er behielt ihre Hande, sie legte ihr Haupt auf seine Kniee und war ganz still. Er spielte mit ihren Haaren und war freundlich. Sie blieb lange ruhig. Endlich fuhlte er an ihr eine Art Zucken, das ganz sachte anfing und sich, durch alle Glieder wachsend, verbreitete. "Was ist dir, Mignon?" rief er aus, "was ist dir?" Sie richtete ihr Kopfchen auf und sah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit einer Gebarde, welche Schmerzen verbeisst. Er hob sie auf, und sie fiel auf seinen Schoss; er druckte sie an sich und kusste sie. Sie antwortete durch keinen Handedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt ihr Herz fest, und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen Bewegungen des Korpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch sogleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein grasslicher Anblick! "Mein Kind!" rief er aus, indem er sie aufhob und fest umarmte, "mein Kind, was ist dir?" Die Zuckung dauerte fort, die vom Herzen sich den schlotternden Gliedern mitteilte; sie hing nur in seinen Armen. Er schloss sie an sein Herz und benetzte sie mit seinen Tranen. Auf einmal schien sie wieder angespannt, wie eins, das den hochsten korperlichen Schmerz ertragt; und bald mit einer neuen Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich ihm, wie ein Ressort, das zuschlagt, um den Hals, indem in ihrem Innersten wie ein gewaltiger Riss geschah, und in dem Augenblicke floss ein Strom von Tranen aus ihren geschlossenen Augen in seinen Busen. Er hielt sie fest. Sie weinte, und keine Zunge spricht die Gewalt dieser Tranen aus. Ihre langen Haare waren aufgegangen und hingen von der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von Tranen unaufhaltsam dahinzuschmelzen. Ihre starren Glieder wurden gelinde, es ergoss sich ihr Innerstes, und in der Verirrung des Augenblickes furchtete Wilhelm, sie werde in seinen Armen zerschmelzen, und er nichts von ihr ubrigbehalten. Er hielt sie nur fester und fester. "Mein Kind!" rief er aus, "mein Kind! Du bist ja mein! Wenn dich das Wort trosten kann. Du bist mein! Ich werde dich behalten, dich nicht verlassen!" Ihre Tranen flossen noch immer. Endlich richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glanzte von ihrem Gesichte. "Mein Vater!" rief sie, "du willst mich nicht verlassen! willst mein Vater sein! Ich bin dein Kind!"

Sanft fing vor der Ture die Harfe an zu klingen; der Alte brachte seine herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind immer fester in Armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten Gluckes genoss.

Drittes Buch

Erstes Kapitel

Kennst du das Land, wo die Zitronen bluhn,

Im dunkeln Laub die Goldorangen gluhn,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,

Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin

Mocht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? auf Saulen ruht sein Dach,

Es glanzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:

Was hat man dir, du armes Kind, getan?

Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin

Mocht' ich mit dir, o mein Beschutzer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,

In Hohlen wohnt der Drachen alte Brut,

Es sturzt der Fels und uber ihn die Flut:

Kennst du ihn wohl?

Dahin! Dahin

Geht unser Weg; o Vater, lass uns ziehn!

Als Wilhelm des Morgens sich nach Mignon im Hause umsah, fand er sie nicht, horte aber, dass sie fruh mit Melina ausgegangen sei, welcher sich, um die Garderobe und die ubrigen Theatergeratschaften zu ubernehmen, beizeiten aufgemacht hatte.

Nach Verlauf einiger Stunden horte Wilhelm Musik vor seiner Ture. Er glaubte anfanglich, der Harfenspieler sei schon wieder zugegen; allein er unterschied bald die Tone einer Zither, und die Stimme, welche zu singen anfing, war Mignons Stimme. Wilhelm offnete die Ture, das Kind trat herein und sang das Lied, das wir soeben aufgezeichnet haben.

Melodie und Ausdruck gefielen unserem Freunde besonders, ob er gleich die Worte nicht alle verstehen konnte. Er liess sich die Strophen wiederholen und erklaren, schrieb sie auf und ubersetzte sie ins Deutsche. Aber die Originalitat der Wendungen konnte er nur von ferne nachahmen. Die kindliche Unschuld des Ausdrucks verschwand, indem die gebrochene Sprache ubereinstimmend und das Unzusammenhangende verbunden ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts verglichen werden.

Sie fing jeden Vers feierlich und prachtig an, als ob sie auf etwas Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vortragen wollte. Bei der dritten Zeile ward der Gesang dumpfer und dusterer; das "Kennst du es wohl?" druckte sie geheimnisvoll und bedachtig aus; in dem "Dahin! Dahin!" lag eine unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr "Lass uns ziehn!" wusste sie bei jeder Wiederholung dergestalt zu modifizieren, dass es bald bittend und dringend, bald treibend und vielversprechend war.

Nachdem sie das Lied zum zweitenmal geendigt hatte, hielt sie einen Augenblick inne, sah Wilhelmen scharf an und fragte: "Kennst du das Land?" "Es muss wohl Italien gemeint sein", versetzte Wilhelm; "woher hast du das Liedchen?" "Italien!" sagte Mignon bedeutend; "gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier." "Bist du schon dort gewesen, liebe Kleine?" fragte Wilhelm. Das Kind war still und nichts weiter aus ihm zu bringen.

Melina, der hereinkam, besah die Zither und freute sich, dass sie schon so hubsch zurechtgemacht sei. Das Instrument war ein Inventarienstuck der alten Garderobe. Mignon hatte sich's diesen Morgen ausgebeten, der Harfenspieler bezog es sogleich, und das Kind entwickelte bei dieser Gelegenheit ein Talent, das man an ihm bisher noch nicht kannte.

Melina hatte schon die Garderobe mit allem Zubehor ubernommen; einige Glieder des Stadtrats versprachen ihm gleich die Erlaubnis, einige Zeit im Orte zu spielen. Mit frohem Herzen und erheitertem Gesicht kam er nunmehr wieder zuruck. Er schien ein ganz anderer Mensch zu sein; denn er war sanft, hoflich gegen jedermann, ja zuvorkommend und einnehmend. Er wunschte sich Gluck, dass er nunmehr seine Freunde, die bisher verlegen und mussig gewesen, werde beschaftigen und auf eine Zeitlang engagieren konnen, wobei er zugleich bedauerte, dass er freilich zum Anfange nicht imstande sei, die vortrefflichen Subjekte, die das Gluck ihm zugefuhrt, nach ihren Fahigkeiten und Talenten zu belohnen, da er seine Schuld einem so grossmutigen Freunde, als Wilhelm sich gezeigt habe, vor allen Dingen abtragen musse.

"Ich kann Ihnen nicht ausdrucken", sagte Melina zu ihm, "welche Freundschaft Sie mir erzeigen, indem Sie mir zur Direktion eines Theaters verhelfen. Denn als ich Sie antraf, befand ich mich in einer sehr wunderlichen Lage. Sie erinnern sich, wie lebhaft ich Ihnen bei unsrer ersten Bekanntschaft meine Abneigung gegen das Theater sehen liess, und doch musste ich mich, sobald ich verheiratet war, aus Liebe zu meiner Frau, welche sich viel Freude und Beifall versprach, nach einem Engagement umsehen. Ich fand keins, wenigstens kein bestandiges, dagegen aber glucklicherweise einige Geschaftsmanner, die eben in ausserordentlichen Fallen jemanden brauchen konnten, der mit der Feder umzugehen wusste, Franzosisch verstand und im Rechnen nicht ganz unerfahren war. So ging es mir eine Zeitlang recht gut, ich ward leidlich bezahlt, schaffte mir manches an, und meine Verhaltnisse machten mir keine Schande. Allein die ausserordentlichen Auftrage meiner Gonner gingen zu Ende, an eine dauerhafte Versorgung war nicht zu denken, und meine Frau verlangte nur desto eifriger nach dem Theater, leider zu einer Zeit, wo ihre Umstande nicht die vorteilhaftesten sind, um sich dem Publikum mit Ehren darzustellen. Nun, hoffe ich, soll die Anstalt, die ich durch Ihre Hulfe einrichten werde, fur mich und die Meinigen ein guter Anfang sein, und ich verdanke Ihnen mein kunftiges Gluck, es werde auch, wie es wolle."

Wilhelm horte diese Ausserungen mit Zufriedenheit an, und die samtlichen Schauspieler waren gleichfalls mit den Erklarungen des neuen Direktors so ziemlich zufrieden, freuten sich heimlich, dass sich so schnell ein Engagement zeige, und waren geneigt, fur den Anfang mit einer geringen Gage vorlieb zu nehmen, weil die meisten dasjenige, was ihnen so unvermutet angeboten wurde, als einen Zuschuss ansahen, auf den sie vor kurzem noch nicht Rechnung machen konnten. Melina war im Begriff, diese Disposition zu benutzen, suchte auf eine geschickte Weise jeden besonders zu sprechen und hatte bald den einen auf diese, den andern auf eine andere Weise zu bereden gewusst, dass sie die Kontrakte geschwind abzuschliessen geneigt waren, uber das neue Verhaltnis kaum nachdachten und sich schon gesichert glaubten, mit sechswochentlicher Aufkundigung wieder loskommen zu konnen.

Nun sollten die Bedingungen in gehorige Form gebracht werden, und Melina dachte schon an die Stukke, mit denen er zuerst das Publikum anlocken wollte, als ein Kurier dem Stallmeister die Ankunft der Herrschaft verkundigte, und dieser die untergelegten Pferde vorzufuhren befahl.

Bald darauf fuhr der hochbepackte Wagen, von dessen Bocke zwei Bedienten heruntersprangen, vor dem Gasthause vor, und Philine war nach ihrer Art am ersten bei der Hand und stellte sich unter die Ture.

"Wer ist Sie?" fragte die Grafin im Hereintreten.

"Eine Schauspielerin, Ihro Exzellenz zu dienen", war die Antwort, indem der Schalk mit einem gar frommen Gesichte und demutigen Gebarden sich neigte und der Dame den Rock kusste.

Der Graf, der noch einige Personen umherstehen sah, die sich gleichfalls fur Schauspieler ausgaben, erkundigte sich nach der Starke der Gesellschaft, nach dem letzten Orte ihres Aufenthalts und ihrem Direktor. "Wenn es Franzosen waren", sagte er zu seiner Gemahlin, "konnten wir dem Prinzen eine unerwartete Freude machen und ihm bei uns seine Lieblingsunterhaltung verschaffen."

"Es kame darauf an", versetzte die Grafin, "ob wir nicht diese Leute, wenn sie schon unglucklicherweise nur Deutsche sind, auf dem Schloss, solange der Furst bei uns bleibt, spielen liessen. Sie haben doch wohl einige Geschicklichkeit. Eine grosse Sozietat lasst sich am besten durch ein Theater unterhalten, und der Baron wurde sie schon zustutzen."

Unter diesen Worten gingen sie die Treppe hinauf, und Melina prasentierte sich oben als Direktor. "Ruf' Er Seine Leute zusammen", sagte der Graf, "und stell' Er sie mir vor, damit ich sehe, was an ihnen ist. Ich will auch zugleich die Liste von den Stucken sehen, die sie allenfalls auffuhren konnten."

Melina eilte mit einem tiefen Bucklinge aus dem Zimmer und kam bald mit den Schauspielern zuruck. Sie druckten sich vor- und hintereinander, die einen prasentierten sich schlecht, aus grosser Begierde zu gefallen, und die andern nicht besser, weil sie sich leichtsinnig darstellten. Philine bezeigte der Grafin, die ausserordentlich gnadig und freundlich war, alle Ehrfurcht; der Graf musterte indes die ubrigen. Er fragte einen jeden nach seinem Fache und ausserte gegen Melina, dass man streng auf Facher halten musse, welchen Ausspruch dieser in der grossten Devotion aufnahm.

Der Graf bemerkte sodann einem jeden, worauf er besonders zu studieren, was er an seiner Figur und Stellung zu bessern habe, zeigte ihnen einleuchtend, woran es den Deutschen immer fehle, und liess so ausserordentliche Kenntnisse sehen, dass alle in der grossten Demut vor so einem erleuchteten Kenner und erlauchten Beschutzer standen und kaum Atem zu holen sich getrauten.

"Wer ist der Mensch dort in der Ecke?" fragte der Graf, indem er nach einem Subjekte sah, das ihm noch nicht vorgestellt worden war, und eine hagre Figur nahte sich in einem abgetragenen, auf dem Ellbogen mit Fleckchen besetzten Rocke, eine kummerliche Perucke bedeckte das Haupt des demutigen Klienten.

Dieser Mensch, den wir schon aus dem vorigen Buche als Philinens Liebling kennen, pflegte gewohnlich Pedanten, Magister und Poeten zu spielen und meistens die Rolle zu ubernehmen, wenn jemand Schlage kriegen oder begossen werden sollte. Er hatte sich gewisse kriechende, lacherliche, furchtsame Bucklinge angewohnt, und seine stockende Sprache, die zu seinen Rollen passte, machte die Zuschauer lachen, so dass er immer noch als ein brauchbares Glied der Gesellschaft angesehen wurde, besonders da er ubrigens sehr dienstfertig und gefallig war. Er nahte sich auf seine Weise dem Grafen, neigte sich vor demselben und beantwortete jede Frage auf die Art, wie er sich in seinen Rollen auf dem Theater zu gebarden pflegte. Der Graf sah ihn mit gefalliger Aufmerksamkeit und mit Uberlegung eine Zeitlang an; alsdann rief er, indem er sich zu der Grafin wendete: "Mein Kind, betrachte mir diesen Mann genau! ich hafte dafur, das ist ein grosser Schauspieler oder kann es werden." Der Mensch machte von ganzem Herzen einen albernen Buckling, so dass der Graf laut uber ihn lachen musste und ausrief: "Er macht seine Sachen exzellent! Ich wette, dieser Mensch kann spielen, was er will, und es ist schade, dass man ihn bisher zu nichts Besserm gebraucht hat."

Ein so ausserordentlicher Vorzug war fur die ubrigen sehr krankend, nur Melina empfand nichts davon, er gab vielmehr dem Grafen vollkommen recht und versetzte mit ehrfurchtsvoller Miene: "Ach ja, es hat wohl ihm und mehreren von uns nur ein solcher Kenner und eine solche Aufmunterung gefehlt, wie wir sie gegenwartig an Ew. Exzellenz gefunden haben."

"Ist das die samtliche Gesellschaft?" fragte der Graf.

"Es sind einige Glieder abwesend", versetzte der kluge Melina, "und uberhaupt konnten wir, wenn wir nur Unterstutzung fanden, sehr bald aus der Nachbarschaft vollzahlig sein."

Indessen sagte Philine zur Grafin: "Es ist noch ein recht hubscher junger Mann oben, der sich gewiss bald zum ersten Liebhaber qualifizieren wurde."

"Warum lasst er sich nicht sehen?" versetzte die Grafin.

"Ich will ihn holen", rief Philine und eilte zur Ture hinaus.

Sie fand Wilhelmen noch mit Mignon beschaftigt und beredete ihn, mit herunterzugehen. Er folgte ihr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn die Neugier; denn da er von vornehmen Personen horte, war er voll Verlangen, sie naher kennen zu lernen. Er trat ins Zimmer, und seine Augen begegneten sogleich den Augen der Grafin, die auf ihn gerichtet waren. Philine zog ihn zu der Dame, indes der Graf sich mit den ubrigen beschaftigte. Wilhelm neigte sich und gab auf verschiedene Fragen, welche die reizende Dame an ihn tat, nicht ohne Verwirrung Antwort. Ihre Schonheit, Jugend, Anmut, Zierlichkeit und feines Betragen machten den angenehmsten Eindruck auf ihn, um so mehr, da ihre Reden und Gebarden mit einer gewissen Schamhaftigkeit, ja man durfte sagen Verlegenheit begleitet waren. Auch dem Grafen ward er vorgestellt, der aber wenig acht auf ihn hatte, sondern zu seiner Gemahlin ans Fenster trat und sie um etwas zu fragen schien. Man konnte bemerken, dass ihre Meinung auf das lebhafteste mit der seinigen ubereinstimmte, ja dass sie ihn eifrig zu bitten und ihn in seiner Gesinnung zu bestarken schien.

Er kehrte sich bald darauf zu der Gesellschaft und sagte: "Ich kann mich gegenwartig nicht aufhalten, aber ich will einen Freund zu euch schicken, und wenn ihr billige Bedingungen macht, und euch recht viel Muhe geben wollt, so bin ich nicht abgeneigt, euch auf dem Schlosse spielen zu lassen."

Alle bezeigten ihre grosse Freude daruber, und besonders kusste Philine mit der grossten Lebhaftigkeit der Grafin die Hande.

"Sieht Sie, Kleine", sagte die Dame, indem sie dem leichtfertigen Madchen die Backen klopfte, "sieht Sie, mein Kind, da kommt Sie wieder zu mir, ich will schon mein Versprechen halten, Sie muss sich nur besser anziehen." Philine entschuldigte sich, dass sie wenig auf ihre Garderobe zu verwenden habe, und sogleich befahl die Grafin ihren Kammerfrauen, einen englischen Hut und ein seidnes Halstuch, die leicht auszupacken waren, heraufzugeben. Nun putzte die Grafin selbst Philinen an, die fortfuhr, sich mit einer scheinheiligen, unschuldigen Miene gar artig zu gebarden und zu betragen.

Der Graf bot seiner Gemahlin die Hand und fuhrte sie hinunter. Sie grusste die ganze Gesellschaft im Vorbeigehen freundlich und kehrte sich nochmals gegen Wilhelmen um, indem sie mit der huldreichsten Miene zu ihm sagte: "Wir sehen uns bald wieder."

So gluckliche Aussichten belebten die ganze Gesellschaft; jeder liess nunmehr seinen Hoffnungen, Wunschen und Einbildungen freien Lauf, sprach von den Rollen, die er spielen, von dem Beifall, den er erhalten wollte. Melina uberlegte, wie er noch geschwind durch einige Vorstellungen den Einwohnern des Stadtchens etwas Geld abnehmen und zugleich die Gesellschaft in Atem setzen konne, indes andere in die Kuche gingen, um ein besseres Mittagsessen zu bestellen, als man sonst einzunehmen gewohnt war.

Zweites Kapitel

Nach einigen Tagen kam der Baron, und Melina empfing ihn nicht ohne Furcht. Der Graf hatte ihn als einen Kenner angekundigt, und es war zu besorgen, er werde gar bald die schwache Seite des kleinen Haufens entdecken und einsehen, dass er keine formierte Truppe vor sich habe, indem sie kaum ein Stuck gehorig besetzen konnten; allein sowohl der Direktor als die samtlichen Glieder waren bald aus aller Sorge, da sie an dem Baron einen Mann fanden, der mit dem grossten Enthusiasmus das vaterlandische Theater betrachtete, dem ein jeder Schauspieler und jede Gesellschaft willkommen und erfreulich war. Er begrusste sie alle mit Feierlichkeit, pries sich glucklich, eine deutsche Buhne so unvermutet anzutreffen, mit ihr in Verbindung zu kommen und die vaterlandischen Musen in das Schloss seines Verwandten einzufuhren. Er brachte bald darauf ein Heft aus der Tasche, in welchem Melina die Punkte des Kontraktes zu erblikken hoffte; allein es war ganz etwas anderes. Der Baron bat sie, ein Drama, das er selbst verfertigt, und das er von ihnen gespielt zu sehen wunschte, mit Aufmerksamkeit anzuhoren. Willig schlossen sie einen Kreis und waren erfreut, mit so geringen Kosten sich in der Gunst eines so notwendigen Mannes befestigen zu konnen, obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes ubermassig lange Zeit befurchtete. Auch war es wirklich so; das Stuck war in funf Akten geschrieben und von der Art, die gar kein Ende nimmt.

Der Held war ein vornehmer, tugendhafter, grossmutiger und dabei verkannter und verfolgter Mann, der aber denn doch zuletzt den Sieg uber seine Feinde davontrug, uber welche sodann die strengste poetische Gerechtigkeit ausgeubt worden ware, wenn er ihnen nicht auf der Stelle verziehen hatte.

Indem dieses Stuck vorgetragen wurde, hatte jeder Zuhorer Raum genug, an sich selbst zu denken und ganz sachte aus der Demut, zu der er sich noch vor kurzem geneigt fuhlte, zu einer glucklichen Selbstgefalligkeit emporzusteigen und von da aus die anmutigsten Aussichten in die Zukunft zu uberschauen. Diejenigen, die keine ihnen angemessene Rolle in dem Stuck fanden, erklarten es bei sich fur schlecht und hielten den Baron fur einen unglucklichen Autor, dagegen die andern eine Stelle, bei der sie beklatscht zu werden hofften, mit dem grossten Lobe zur moglichsten Zufriedenheit des Verfassers verfolgten.

Mit dem Okonomischen waren sie geschwind fertig. Melina wusste zu seinem Vorteil mit dem Baron den Kontrakt abzuschliessen und ihn vor den ubrigen Schauspielern geheimzuhalten.

Uber Wilhelmen sprach Melina den Baron im Vorbeigehen und versicherte, dass er sich sehr gut zum Theaterdichter qualifiziere und zum Schauspieler selbst keine ublen Anlagen habe. Der Baron machte sogleich mit ihm als einem Kollegen Bekanntschaft, und Wilhelm produzierte einige kleine Stucke, die nebst wenigen Reliquien an jenem Tage, als er den grossten Teil seiner Arbeiten in Feuer aufgehen liess, durch einen Zufall gerettet wurden. Der Baron lobte sowohl die Stucke als den Vortrag, nahm als bekannt an, dass er mit hinuber auf das Schloss kommen wurde, versprach bei seinem Abschiede allen die beste Aufnahme, bequeme Wohnung, gutes Essen, Beifall und Geschenke, und Melina setzte noch die Versicherung eines bestimmten Taschengeldes hinzu.

Man kann denken, in welche gute Stimmung durch diesen Besuch die Gesellschaft gesetzt war, indem sie statt eines angstlichen und niedrigen Zustandes auf einmal Ehre und Behagen vor sich sah. Sie machten sich schon zum voraus auf jene Rechnung lustig, und jedes hielt fur unschicklich, nur noch irgendeinen Groschen Geld in der Tasche zu behalten.

Wilhelm ging indessen mit sich zu Rate, ob er die Gesellschaft auf das Schloss begleiten solle, und fand in mehr als einem Sinne ratlich, dahin zu gehen. Melina hoffte bei diesem vorteilhaften Engagement seine Schuld wenigstens zum Teil abtragen zu konnen, und unser Freund, der auf Menschenkenntnis ausging, wollte die Gelegenheit nicht versaumen, die grosse Welt naher kennen zu lernen, in der er viele Aufschlusse uber das Leben, uber sich selbst und die Kunst zu erlangen hoffte. Dabei durfte er sich nicht gestehen, wie sehr er wunsche, der schonen Grafin wieder naher zu kommen. Er suchte sich vielmehr im allgemeinen zu uberzeugen, welchen grossen Vorteil ihm die nahere Kenntnis der vornehmen und reichen Welt bringen wurde. Er machte seine Betrachtungen uber den Grafen, die Grafin, den Baron, uber die Sicherheit, Bequemlichkeit und Anmut ihres Betragens, und rief, als er allein war, mit Entzucken aus:

"Dreimal glucklich sind diejenigen zu preisen, die ihre Geburt sogleich uber die untern Stufen der Menschheit hinaushebt, die durch jene Verhaltnisse, in welchen sich manche gute Menschen die ganze Zeit ihres Lebens abangstigen, nicht durchzugehen, auch nicht einmal darin als Gaste zu verweilen brauchen. Allgemein und richtig muss ihr Blick auf dem hoheren Standpunkte werden, leicht ein jeder Schritt ihres Lebens! Sie sind von Geburt an gleichsam in ein Schiff gesetzt, um bei der Uberfahrt, die wir alle machen mussen, sich des gunstigen Windes zu bedienen und den widrigen abzuwarten, anstatt dass andere, nur fur ihre Person schwimmend, sich abarbeiten, vom gunstigen Winde wenig Vorteil geniessen und im Sturme mit bald erschopften Kraften untergehen. Welche Bequemlichkeit, welche Leichtigkeit gibt ein angebornes Vermogen! und wie sicher bluhet ein Handel, der auf ein gutes Kapital gegrundet ist, so dass nicht jeder misslungene Versuch sogleich in Untatigkeit versetzt! Wer kann den Wert und Unwert irdischer Dinge besser kennen, als der sie zu geniessen von Jugend auf im Falle war, und wer kann seinen Geist fruher auf das Notwendige, das Nutzliche, das Wahre leiten, als der sich von so vielen Irrtumern in einem Alter uberzeugen muss, wo es ihm noch an Kraften nicht gebricht, ein neues Leben anzufangen!"

So rief unser Freund allen denenjenigen Gluck zu, die sich in den hoheren Regionen befinden; aber auch denen, die sich einem solchen Kreise nahern, aus diesen Quellen schopfen konnen, und pries seinen Genius, der Anstalt machte, auch ihn diese Stufen hinanzufuhren.

Indessen musste Melina, nachdem er lange sich den Kopf zerbrochen, wie er nach dem Verlangen des Grafen und nach seiner eigenen Uberzeugung die Gesellschaft in Facher einteilen und einem jeden seine bestimmte Mitwirkung ubertragen wollte, zuletzt, da es an die Ausfuhrung kam, sehr zufrieden sein, wenn er bei einem so geringen Personal die Schauspieler willig fand, sich nach Moglichkeit in diese oder jene Rollen zu schicken. Doch ubernahm gewohnlich Laertes die Liebhaber, Philine die Kammermadchen, die beiden jungen Frauenzimmer teilten sich in die naiven und zartlichen Liebhaberinnen, der alte Polterer ward am besten gespielt. Melina selbst glaubte als Chevalier auftreten zu durfen, Madame Melina musste zu ihrem grossten Verdruss in das Fach der jungen Frauen, ja sogar der zartlichen Mutter ubergehen, und weil in den neuern Stucken nicht leicht mehr ein Pedant oder Poet, wenn er auch vorkommen sollte, lacherlich gemacht wird, so musste der bekannte Gunstling des Grafen nunmehr die Prasidenten und Minister spielen, weil diese gewohnlich als Bosewichter vorgestellt und im funften Akte ubel behandelt werden. Ebenso steckte Melina mit Vergnugen als Kammerjunker oder Kammerherr die Grobheiten ein, welche ihm von biedern deutschen Mannern hergebrachtermassen in mehreren beliebten Stucken aufgedrungen wurden, weil er sich doch bei dieser Gelegenheit artig herausputzen konnte und das Air eines Hofmannes, das er vollkommen zu besitzen glaubte, anzunehmen die Erlaubnis hatte.

Es dauerte nicht lange, so kamen von verschiedenen Gegenden mehrere Schauspieler herbeigeflossen, welche ohne sonderliche Prufung angenommen, aber auch ohne sonderliche Bedingungen festgehalten wurden.

Wilhelm, den Melina vergebens einigemal zu einer Liebhaberrolle zu bereden suchte, nahm sich der Sache mit vielem guten Willen an, ohne dass unser neuer Direktor seine Bemuhungen im mindesten anerkannte; vielmehr glaubte dieser mit seiner Wurde auch alle notige Einsicht uberkommen zu haben; besonders war das Streichen eine seiner angenehmsten Beschaftigungen, wodurch er ein jedes Stuck auf das gehorige Zeitmass herunterzusetzen wusste, ohne irgendeine andere Rucksicht zu nehmen. Er hatte viel Zuspruch, das Publikum war sehr zufrieden, und die geschmackvollsten Einwohner des Stadtchens behaupteten, dass das Theater in der Residenz keineswegs so gut als das ihre bestellt sei.

Drittes Kapitel

Endlich kam die Zeit herbei, dass man sich zur Uberfahrt schicken, die Kutschen und Wagen erwarten sollte, die unsere ganze Truppe nach dem Schlosse des Grafen hinuberzufuhren bestellt waren. Schon zum voraus fielen grosse Streitigkeiten vor, wer mit dem andern fahren, wie man sitzen sollte. Die Ordnung und Einteilung ward endlich nur mit Muhe ausgemacht und festgesetzt, doch leider ohne Wirkung. Zur bestimmten Stunde kamen weniger Wagen, als man erwartet hatte, und man musste sich einrichten. Der Baron, der zu Pferde nicht lange hinterdrein folgte, gab zur Ursache an, dass im Schlosse alles in grosser Bewegung sei, weil nicht allein der Furst einige Tage fruher eintreffen werde, als man geglaubt, sondern weil auch unerwarteter Besuch schon gegenwartig angelangt sei; der Platz gehe sehr zusammen, sie wurden auch deswegen nicht so gut logieren, als man es ihnen vorher bestimmt habe, welches ihm ausserordentlich leid tue.

Man teilte sich in die Wagen, so gut es gehen wollte, und da leidlich Wetter und das Schloss nur einige Stunden entfernt war, machten sich die Lustigsten lieber zu Fusse auf den Weg, als dass sie die Ruckkehr der Kutschen hatten abwarten sollen. Die Karawane zog mit Freudengeschrei aus, zum erstenmal ohne Sorgen, wie der Wirt zu bezahlen sei. Das Schloss des Grafen stand ihnen wie ein Feengebaude vor der Seele, sie waren die glucklichsten und frohlichsten Menschen von der Welt, und jeder knupfte unterwegs an diesen Tag, nach seiner Art zu denken, eine Reihe von Gluck, Ehre und Wohlstand.

Ein starker Regen, der unerwartet einfiel, konnte sie nicht aus diesen angenehmen Empfindungen reissen; da er aber immer anhaltender und starker wurde, spurten viele von ihnen eine ziemliche Unbequemlichkeit. Die Nacht kam herbei, und erwunschter konnte ihnen nichts erscheinen, als der durch alle Stockwerke erleuchtete Palast des Grafen, der ihnen von einem Hugel entgegenglanzte, so dass sie die Fenster zahlen konnten.

Als sie naher kamen, fanden sie auch alle Fenster der Seitengebaude erhellet. Ein jeder dachte bei sich, welches wohl sein Zimmer werden mochte, und die meisten begnugten sich bescheiden mit einer Stube in der Mansarde oder den Flugeln.

Nun fuhren sie durch das Dorf und am Wirtshause vorbei. Wilhelm liess halten, um dort abzusteigen; allein der Wirt versicherte, dass er ihm nicht den geringsten Raum anweisen konne. Der Herr Graf habe, weil unvermutete Gaste angekommen, sogleich das ganze Wirtshaus besprochen, an allen Zimmern stehe schon seit gestern mit Kreide deutlich angeschrieben, wer darin wohnen solle. Wider seinen Willen musste also unser Freund mit der ubrigen Gesellschaft zum Schlosshofe hineinfahren.

Um die Kuchenfeuer in einem Seitengebaude sahen sie geschaftige Koche sich hin und her bewegen und waren durch diesen Anblick schon erquickt; eilig kamen Bediente mit Lichtern auf die Treppe des Hauptgebaudes gesprungen, und das Herz der guten Wanderer quoll uber diesen Aussichten auf. Wie sehr verwunderten sie sich dagegen, als sich dieser Empfang in ein entsetzliches Fluchen aufloste! Die Bedienten schimpften auf die Fuhrleute, dass sie hier hereingefahren seien; sie sollten umwenden, rief man, und wieder hinaus nach dem alten Schlosse zu, hier sei kein Raum fur diese Gaste! Einem so unfreundlichen und unerwarteten Bescheide fugten sie noch allerlei Spottereien hinzu und lachten sich untereinander aus, dass sie durch diesen Irrtum in den Regen gesprengt worden. Es goss noch immer, keine Sterne standen am Himmel, und nun wurde die Gesellschaft durch einen holperichten Weg zwischen zwei Mauern in das alte hintere Schloss gezogen, welches unbewohnt dastand, seit der Vater des Grafen das vordere gebaut hatte. Teils im Hofe, teils unter einem langen gewolbten Torwege hielten die Wagen still, und die Fuhrleute, Anspanner aus dem Dorfe, spannten aus und ritten ihrer Wege.

Da niemand zum Empfange der Gesellschaft sich zeigte, stiegen sie aus, riefen, suchten; vergebens! Alles blieb finster und stille. Der Wind blies durch das hohle Tor, und grauerlich waren die alten Turme und Hofe, wovon sie kaum die Gestalten in der Finsternis unterschieden. Sie froren und schauerten, die Frauen furchteten sich, die Kinder fingen an zu weinen, ihre Ungeduld vermehrte sich mit jedem Augenblicke, und ein so schneller Gluckswechsel, auf den niemand vorbereitet war, brachte sie alle ganz und gar aus der Fassung.

Da sie jeden Augenblick erwarteten, dass jemand kommen und ihnen aufschliessen werde, da bald Regen, bald Sturm sie tauschte und sie mehr als einmal den Tritt des erwunschten Schlossvogts zu horen glaubten, blieben sie eine lange Zeit unmutig und untatig, es fiel keinem ein, in das neue Schloss zu gehen und dort mitleidige Seelen um Hulfe anzurufen. Sie konnten nicht begreifen, wo ihr Freund, der Baron, geblieben sei, und waren in einer hochst beschwerlichen Lage.

Endlich kamen wirklich Menschen an, und man erkannte an ihren Stimmen jene Fussganger, die auf dem Wege hinter den Fahrenden zuruckgeblieben waren. Sie erzahlten, dass der Baron mit dem Pferde gesturzt sei, sich am Fusse stark beschadigt habe, und dass man auch sie, da sie im Schlosse nachgefragt, mit Ungestum hierher gewiesen habe.

Die ganze Gesellschaft war in der grossten Verlegenheit; man ratschlagte, was man tun sollte, und konnte keinen Entschluss fassen. Endlich sah man von weitem eine Laterne kommen und holte frischen Atem; allein die Hoffnung einer baldigen Erlosung verschwand auch wieder, indem die Erscheinung naher kam und deutlich ward. Ein Reitknecht leuchtete dem bekannten Stallmeister des Grafen vor, und dieser erkundigte sich, als er naher kam, sehr eifrig nach Mademoiselle Philinen. Sie war kaum aus dem ubrigen Haufen hervorgetreten, als er ihr sehr dringend anbot, sie in das neue Schloss zu fuhren, wo ein Platzchen fur sie bei den Kammerjungfern der Grafin bereitet sei. Sie besann sich nicht lange, das Anerbieten dankbar zu ergreifen, fasste ihn bei dem Arme und wollte, da sie den andern ihren Koffer empfohlen, mit ihm forteilen; allein man trat ihnen in den Weg, fragte, bat, beschwor den Stallmeister, dass er endlich, um nur mit seiner Schonen loszukommen, alles versprach und versicherte, in kurzem solle das Schloss eroffnet und sie auf das beste einquartiert werden. Bald darauf sahen sie den Schein seiner Laterne verschwinden und hofften lange vergebens auf das neue Licht, das ihnen endlich nach vielem Warten, Schelten und Schmahen erschien und sie mit einigem Troste und Hoffnung belebte.

Ein alter Hausknecht eroffnete die Ture des alten Gebaudes, in das sie mit Gewalt eindrangen. Ein jeder sorgte nun fur seine Sachen, sie abzupacken, sie hereinzuschaffen. Das meiste war, wie die Personen selbst, tuchtig durchweicht. Bei dem einen Lichte ging alles sehr langsam. Im Gebaude stiess man sich, stolperte, fiel. Man bat um mehr Lichter, man bat um Feuerung. Der einsilbige Hausknecht liess mit genauer Not seine Laterne da, ging und kam nicht wieder.

Nun fing man an, das Haus zu durchsuchen; die Turen aller Zimmer waren offen; grosse Ofen, gewirkte Tapeten, eingelegte Fussboden waren von seiner vorigen Pracht noch ubrig, von anderm Hausgerate aber nichts zu finden, kein Tisch, kein Stuhl, kein Spiegel, kaum einige ungeheure leere Bettstellen, alles Schmuckes und alles Notwendigen beraubt. Die nassen Koffer und Mantelsacke wurden zu Sitzen gewahlt, ein Teil der muden Wandrer bequemte sich auf dem Fussboden. Wilhelm hatte sich auf einige Stufen gesetzt, Mignon lag auf seinen Knien; das Kind war unruhig, und auf seine Frage, was ihm fehlte, antwortete es: "Mich hungert!" Er fand nichts bei sich, um das Verlangen des Kindes zu stillen, die ubrige Gesellschaft hatte jeden Vorrat auch aufgezehrt, und er musste die arme Kreatur ohne Erquickung lassen. Er blieb bei dem ganzen Vorfall untatig, still in sich gekehrt; denn er war sehr verdriesslich und grimmig, dass er nicht auf seinem Sinne bestanden und bei dem Wirtshause abgestiegen sei, wenn er auch auf dem obersten Boden hatte sein Lager nehmen sollen.

Die ubrigen gebardeten sich jeder nach seiner Art. Einige hatten einen Haufen altes Geholz in einen ungeheuren Kamin des Saals geschafft und zundeten mit grossem Jauchzen den Scheiterhaufen an. Unglucklicherweise ward auch diese Hoffnung, sich zu trocknen und zu warmen, auf das schrecklichste getauscht, denn dieser Kamin stand nur zur Zierde da und war von oben herein vermauert; der Dampf trat schnell zuruck und erfullte auf einmal die Zimmer; das durre Holz schlug prasselnd in Flammen auf, und auch die Flamme ward herausgetrieben; der Zug, der durch die zerbrochenen Fensterscheiben drang, gab ihr eine unstate Richtung; man furchtete, das Schloss anzuzunden, musste das Feuer auseinander ziehen, austreten, dampfen; der Rauch vermehrte sich, der Zustand wurde unertraglicher, man kam der Verzweiflung nahe.

Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes Zimmer gewichen, wohin ihm bald Mignon folgte und einen wohl gekleideten Bedienten, der eine hohe, hellbrennende, doppelt erleuchtete Laterne trug, hereinfuhrte; dieser wendete sich an Wilhelmen, und indem er ihm auf einem schon porzellanenen Teller Konfekt und Fruchte uberreichte, sagte er: "Dies schickt Ihnen das junge Frauenzimmer von druben mit der Bitte, zur Gesellschaft zu kommen. Sie lasst sagen", setzte der Bediente mit einer leichtfertigen Miene hinzu, "es gehe ihr sehr wohl, und sie wunsche ihre Zufriedenheit mit ihren Freunden zu teilen."

Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen Antrag, denn er hatte Philinen seit dem Abenteuer der steinernen Bank mit entschiedener Verachtung begegnet und war so fest entschlossen, keine Gemeinschaft mehr mit ihr zu machen, dass er im Begriff stand, die susse Gabe wieder zuruckzuschicken, als ein bittender Blick Mignons ihn vermochte, sie anzunehmen und im Namen des Kindes dafur zu danken; die Einladung schlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, einige Sorge fur die angekommene Gesellschaft zu haben, und erkundigte sich nach dem Baron. Dieser lag zu Bette, hatte aber schon, soviel der Bediente zu sagen wusste, einem andern Auftrag gegeben, fur die elend Beherbergten zu sorgen.

Der Bediente ging und hinterliess Wilhelmen eins von seinen Lichtern, das dieser in Ermangelung eines Leuchters auf das Fenstergesims kleben musste, und nun wenigstens bei seinen Betrachtungen die vier Wande des Zimmers erhellt sah. Denn es wahrte noch lange, ehe die Anstalten rege wurden, die unsere Gaste zur Ruhe bringen sollten. Nach und nach kamen Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann einige Stuhle, eine Stunde darauf Deckbetten, dann Kissen, alles wohl durchnetzt, und es war schon weit uber Mitternacht, als endlich Strohsacke und Matratzen herbeigeschafft wurden, die, wenn man sie zuerst gehabt hatte, hochst willkommen gewesen waren.

In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen und Trinken angelangt, das ohne viel Kritik genossen wurde, ob es gleich einem sehr unordentlichen Abhub ahnlich sah und von der Achtung, die man fur die Gaste hatte, kein sonderliches Zeugnis ablegte.

Viertes Kapitel

Durch die Unart und den Ubermut einiger leichtfertigen Gesellen vermehrte sich die Unruhe und das Ubel der Nacht, indem sie sich einander neckten, aufweckten und sich wechselsweise allerlei Streiche spielten. Der andere Morgen brach an, unter lauten Klagen uber ihren Freund, den Baron, dass er sie so getauscht und ihnen ein ganz anderes Bild von der Ordnung und Bequemlichkeit, in die sie kommen wurden, gemacht habe. Doch zur Verwunderung und Trost erschien in aller Fruhe der Graf selbst mit einigen Bedienten und erkundigte sich nach ihren Umstanden. Er war sehr entrustet, als er horte, wie ubel es ihnen ergangen, und der Baron, der gefuhrt herbeihinkte, verklagte den Haushofmeister, wie befehlswidrig er sich bei dieser Gelegenheit gezeigt, und glaubte, ihm ein rechtes Bad angerichtet zu haben.

Der Graf befahl sogleich, dass alles in seiner Gegenwart zur moglichsten Bequemlichkeit der Gaste geordnet werden solle. Darauf kamen einige Offiziere, die von den Aktricen sogleich Kundschaft nahmen, und der Graf liess sich die ganze Gesellschaft vorstellen, redete einen jeden bei seinem Namen an und mischte einige Scherze in die Unterredung, dass alle uber einen so gnadigen Herrn ganz entzuckt waren. Endlich musste Wilhelm auch an die Reihe, an den sich Mignon anhing. Wilhelm entschuldigte sich, so gut er konnte, uber seine Freiheit, der Graf hingegen schien seine Gegenwart als bekannt anzunehmen.

Ein Herr, der neben dem Grafen stand, den man fur einen Offizier hielt, ob er gleich keine Uniform anhatte, sprach besonders mit unserm Freunde und zeichnete sich vor allen andern aus. Grosse hellblaue Augen leuchteten unter einer hohen Stirne hervor, nachlassig waren seine blonden Haare aufgeschlagen, und seine mittlere Statur zeigte ein sehr wackres, festes und bestimmtes Wesen. Seine Fragen waren lebhaft, und er schien sich auf alles zu verstehen, wonach er fragte.

Wilhelm erkundigte sich nach diesem Manne bei dem Baron, der aber nicht viel Gutes von ihm zu sagen wusste. Er habe den Charakter als Major, sei eigentlich der Gunstling des Prinzen, versehe dessen geheimste Geschafte und werde fur dessen rechten Arm gehalten, ja man habe Ursache zu glauben, er sei sein naturlicher Sohn. In Frankreich, England, Italien sei er mit Gesandtschaften gewesen, er werde uberall sehr distinguiert, und das mache ihn einbildisch; er wahne, die deutsche Literatur aus dem Grunde zu kennen, und erlaube sich allerlei schale Spottereien gegen dieselbe. Er, der Baron, vermeide alle Unterredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl tun, sich auch von ihm entfernt zu halten, denn am Ende gebe er jedermann etwas ab. Man nenne ihn Jarno, wisse aber nicht recht, was man aus dem Namen machen solle.

Wilhelm hatte darauf nichts zu sagen, denn er empfand gegen den Fremden, ob er gleich etwas Kaltes und Abstossendes hatte, eine gewisse Neigung.

Die Gesellschaft wurde in dem Schlosse eingeteilt, und Melina befahl sehr strenge, sie sollten sich nunmehr ordentlich halten, die Frauen sollten besonders wohnen, und jeder nur auf seine Rollen, auf die Kunst sein Augenmerk und seine Neigung richten. Er schlug Vorschriften und Gesetze, die aus vielen Punkten bestanden, an alle Turen. Die Summe der Strafgelder war bestimmt, die ein jeder Ubertreter in die gemeine Buchse entrichten sollte.

Diese Verordnungen wurden wenig geachtet. Junge Offiziere gingen aus und ein, spassten nicht eben auf das feinste mit den Aktricen, hatten die Akteure zum besten und vernichteten die ganze kleine Polizeiverordnung, noch ehe sie Wurzel fassen konnte. Man jagte sich durch die Zimmer, verkleidete sich, verstekkte sich. Melina, der anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerlei Mutwillen auf das Ausserste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen liess, um den Platz zu sehen, wo das Theater aufgerichtet werden sollte, ward das Ubel nur immer arger. Die jungen Herren ersannen sich allerlei platte Spasse, durch Hulfe einiger Akteure wurden sie noch plumper, und es schien, als wenn das ganze alte Schloss vom wutenden Heere besessen sei; auch endigte der Unfug nicht eher, als bis man zur Tafel ging.

Der Graf hatte Melinan in einen grossen Saal gefuhrt, der noch zum alten Schlosse gehorte, durch eine Galerie mit dem neuen verbunden war, und worin ein kleines Theater sehr wohl aufgestellt werden konnte. Daselbst zeigte der einsichtsvolle Hausherr, wie er alles wolle eingerichtet haben.

Nun war die Arbeit in grosser Eile vorgenommen, das Theatergeruste aufgeschlagen und ausgeziert, was man von Dekorationen in dem Gepacke hatte und brauchen konnte, angewendet, und das ubrige mit Hulfe einiger geschickten Leute des Grafen verfertiget. Wilhelm griff selbst mit an, half die Perspektive bestimmen, die Umrisse abschnuren, und war hochst beschaftigt, dass es nicht unschicklich werden sollte. Der Graf, der ofters dazu kam, war sehr zufrieden damit, zeigte, wie sie das, was sie wirklich taten, eigentlich machen sollten, und liess dabei ungemeine Kenntnisse jeder Kunst sehen.

Nun fing das Probieren recht ernstlich an, wozu sie auch Raum und Musse genug gehabt hatten, wenn sie nicht von den vielen anwesenden Fremden immer gestort worden waren. Denn es kamen taglich neue Gaste an, und ein jeder wollte die Gesellschaft in Augenschein nehmen.

Funftes Kapitel

Der Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten, dass er der Grafin noch besonders vorgestellt werden sollte. "Ich habe", sagte er, "dieser vortrefflichen Dame so viel von Ihren geistreichen und empfindungsvollen Stucken erzahlt, dass sie nicht erwarten kann, Sie zu sprechen und sich eins und das andere vorlesen zu lassen. Halten Sie sich ja gefasst, auf den ersten Wink hinuberzukommen, denn bei dem nachsten ruhigen Morgen werden Sie gewiss gerufen werden." Er bezeichnete ihm darauf das Nachspiel, welches er zuerst vorlesen sollte, wodurch er sich ganz besonders empfehlen wurde. Die Dame bedaure gar sehr, dass er zu einer solchen unruhigen Zeit eingetroffen sei und sich mit der ubrigen Gesellschaft in dem alten Schlosse schlecht behelfen musse.

Mit grosser Sorgfalt nahm darauf Wilhelm das Stuck vor, womit er seinen Eintritt in die grosse Welt machen sollte. "Du hast", sagte er, "bisher im stillen fur dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden Beifall erhalten; du hast eine Zeitlang ganz an deinem Talente verzweifelt, und du musst immer noch in Sorgen sein, ob du denn auch auf dem rechten Wege bist, und ob du so viel Talent als Neigung zum Theater hast. Vor den Ohren solcher geubten Kenner, im Kabinette, wo keine Illusion stattfindet, ist der Versuch weit gefahrlicher als anderwarts, und ich mochte doch auch nicht gerne zuruckbleiben, diesen Genuss an meine vorigen Freuden knupfen und die Hoffnung auf die Zukunft erweitern."

Er nahm darauf einige Stucke durch, las sie mit der grossten Aufmerksamkeit, korrigierte hier und da, rezitierte sie sich laut vor, um auch in Sprache und Ausdruck recht gewandt zu sein, und steckte dasjenige, welches er am meisten geubt, womit er die grosste Ehre einzulegen glaubte, in die Tasche, als er an einem Morgen hinuber vor die Grafin gefordert wurde.

Der Baron hatte ihm versichert, sie wurde allein mit einer guten Freundin sein. Als er in das Zimmer trat, kam die Baronesse von C... ihm mit vieler Freundlichkeit entgegen, freute sich, seine Bekanntschaft zu machen, und prasentierte ihn der Grafin, die sich eben frisieren liess und ihn mit freundlichen Worten und Blicken empfing, neben deren Stuhl er aber leider Philinen knien und allerlei Torheiten machen sah. "Das schone Kind", sagte die Baronesse, "hat uns verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene Liedchen, damit wir nichts davon verlieren."

Wilhelm horte das Stuckchen mit grosser Geduld an, indem er die Entfernung des Friseurs wunschte, ehe er seine Vorlesung anfangen wollte. Man bot ihm eine Tasse Schokolade an, wozu ihm die Baronesse selbst den Zwieback reichte. Dessen ungeachtet schmeckte ihm das Fruhstuck nicht, denn er wunschte zu lebhaft, der schonen Grafin irgend etwas vorzutragen, was sie interessieren, wodurch er ihr gefallen konnte. Auch Philine war ihm nur zu sehr im Wege, die ihm als Zuhorerin oft schon unbequem gewesen war. Er sah mit Schmerzen dem Friseur auf die Hande und hoffte in jedem Augenblicke mehr auf die Vollendung des Baues.

Indessen war der Graf hereingetreten und erzahlte von den heut zu erwartenden Gasten, von der Einteilung des Tages und was sonst etwa Hausliches vorkommen mochte. Da er hinausging, liessen einige Offiziere bei der Grafin um die Erlaubnis bitten, ihr, weil sie noch vor Tafel wegreiten mussten, aufwarten zu durfen. Der Kammerdiener war indessen fertig geworden, und sie liess die Herren hereinkommen.

Die Baronesse gab sich inzwischen Muhe, unsern Freund zu unterhalten und ihm viele Achtung zu bezeigen, die er mit Ehrfurcht, obgleich etwas zerstreut, aufnahm. Er fuhlte manchmal nach dem Manuskripte in der Tasche, hoffte auf jeden Augenblick, und fast wollte seine Geduld reissen, als ein Galanteriehandler hereingelassen wurde, der seine Pappen, Kasten, Schachteln unbarmherzig eine nach der andern eroffnete und jede Sorte seiner Waren mit einer diesem Geschlechte eigenen Zudringlichkeit vorwies.

Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Baronesse sah Wilhelmen an und sprach leise mit der Grafin, er bemerkte es, ohne die Absicht zu verstehen, die ihm endlich zu Hause klar wurde, als er sich nach einer angstlich und vergebens durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein schones englisches Portefeuille in der Tasche. Die Baronesse hatte es ihm heimlich beizustecken gewusst, und gleich darauf folgte der Grafin kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste uberbrachte, ohne recht deutlich zu sagen, woher sie komme.

Sechstes Kapitel

Das Gemisch der Empfindungen von Verdruss und Dankbarkeit verdarb ihm den ganzen Rest des Tages, bis er gegen Abend wieder Beschaftigung fand, indem Melina ihm eroffnete, der Graf habe von einem Vorspiele gesprochen, das dem Prinzen zu Ehren den Tag seiner Ankunft aufgefuhrt werden sollte. Er wolle darin die Eigenschaften dieses grossen Helden und Menschenfreundes personifizieret haben. Diese Tugenden sollten miteinander auftreten, sein Lob verkundigen und zuletzt seine Buste mit Blumen- und Lorbeerkranzen umwinden, wobei sein verzogener Name mit dem Furstenhute durchscheinend glanzen sollte. Der Graf habe ihm aufgegeben, fur die Versifikation und ubrige Einrichtung dieses Stuckes zu sorgen, und er hoffe, dass ihm Wilhelm, dem es etwas Leichtes sei, hierin gerne beistehen werde.

"Wie!" rief dieser verdriesslich aus, "haben wir nichts als Portrate, verzogene Namen und allegorische Figuren, um einen Fursten zu ehren, der nach meiner Meinung ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es einem vernunftigen Manne schmeicheln, sich in effigie aufgestellt und seinen Namen auf geoltem Papiere schimmern zu sehen! Ich furchte sehr, die Allegorien wurden, besonders bei unserer Garderobe, zu manchen Zweideutigkeiten und Spassen Anlass geben. Wollen Sie das Stuck machen oder machen lassen, so kann ich nichts dawider haben, nur bitte ich, dass ich damit verschont bleibe."

Melina entschuldigte sich, es sei nur die ungefahre Angabe des Herrn Grafen, der ihnen ubrigens ganz uberlasse, wie sie das Stuck arrangieren wollten. "Herzlich gerne", versetzte Wilhelm, "trage ich etwas zum Vergnugen dieser vortrefflichen Herrschaft bei, und meine Muse hat noch kein so angenehmes Geschafte gehabt, als zum Lob eines Fursten, der so viel Verehrung verdient, auch nur stammelnd sich horen zu lassen. Ich will der Sache nachdenken; vielleicht gelingt es mir, unsre kleine Truppe so zu stellen, dass wir doch wenigstens einigen Effekt machen."

Von diesem Augenblicke sann Wilhelm eifrig dem Auftrage nach. Ehe er einschlief, hatte er alles schon ziemlich geordnet, und den andern Morgen bei fruher Zeit war der Plan fertig, die Szenen entworfen, ja schon einige der vornehmsten Stellen und Gesange in Verse und zu Papiere gebracht.

Wilhelm eilte morgens gleich den Baron wegen gewisser Umstande zu sprechen und legte ihm seinen Plan vor. Diesem gefiel er sehr wohl, doch bezeigte er einige Verwunderung. Denn er hatte den Grafen gestern abend von einem ganz andern Stucke sprechen horen, welches nach seiner Angabe in Verse gebracht werden sollte.

"Es ist mir nicht wahrscheinlich", versetzte Wilhelm, "dass es die Absicht des Herrn Grafen gewesen sei, gerade das Stuck, so wie er es Melinan angegeben, fertigen zu lassen; wenn ich nicht irre, so wollte er uns bloss durch einen Fingerzeig auf den rechten Weg weisen. Der Liebhaber und Kenner zeigt dem Kunstler an, was er wunscht, und uberlasst ihm alsdann die Sorge, das Werk hervorzubringen."

"Mit nichten", versetzte der Baron; "der Herr Graf verlasst sich darauf, dass das Stuck so und nicht anders, wie er es angegeben, aufgefuhrt werde. Das Ihrige hat freilich eine entfernte Ahnlichkeit mit seiner Idee, und wenn wir es durchsetzen und ihn von seinen ersten Gedanken abbringen wollen, so mussen wir es durch die Damen bewirken. Vorzuglich weiss die Baronesse dergleichen Operationen meisterhaft anzulegen; es wird die Frage sein, ob ihr der Plan so gefallt, dass sie sich der Sache annehmen mag, und dann wird es gewiss gehen."

"Wir brauchen ohnedies die Hulfe der Damen", sagte Wilhelm, "denn es mochte unser Personal und unsere Garderobe zu der Ausfuhrung nicht hinreichen. Ich habe auf einige hubsche Kinder gerechnet, die im Hause hin und wider laufen, und die dem Kammerdiener und dem Haushofmeister zugehoren."

Darauf ersuchte er den Baron, die Damen mit seinem Plane bekannt zu machen. Dieser kam bald zuruck und brachte die Nachricht, sie wollten ihn selbst sprechen. Heute abend, wenn die Herren sich zum Spiele setzten, das ohnedies wegen der Ankunft eines gewissen Generals ernsthafter werden wurde als gewohnlich, wollten sie sich unter dem Vorwande einer Unpasslichkeit in ihr Zimmer zuruckziehen, er sollte durch die geheime Treppe eingefuhrt werden und konne alsdann seine Sache auf das beste vortragen. Diese Art von Geheimnis gebe der Angelegenheit nunmehr einen doppelten Reiz, und die Baronesse besonders freue sich wie ein Kind auf dieses Rendezvous, und mehr noch darauf, dass es heimlich und geschickt gegen den Willen des Grafen unternommen werden sollte. Gegen Abend, um die bestimmte Zeit, ward Wilhelm abgeholt und mit Vorsicht hinaufgefuhrt. Die Art, mit der ihm die Baronesse in einem kleinen Kabinette entgegenkam, erinnerte ihn einen Augenblick an vorige gluckliche Zeiten. Sie brachte ihn in das Zimmer der Grafin, und nun ging es an ein Fragen, an ein Untersuchen. Er legte seinen Plan mit der moglichsten Warme und Lebhaftigkeit vor, so dass die Damen dafur ganz eingenommen wurden, und unsere Leser werden erlauben, dass wir sie auch in der Kurze damit bekannt machen. In einer landlichen Szene sollten Kinder das Stuck mit einem Tanze eroffnen, der jenes Spiel vorstellte, wo eins herumgehen und dem andern einen Platz abgewinnen muss. Darauf sollten sie mit andern Scherzen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden Reihentanze ein frohliches Lied singen. Darauf sollte der Harfner mit Mignon herbeikommen, Neugierde erregen und mehrere Landleute herbeilokken; der Alte sollte verschiedene Lieder zum Lobe des Friedens, der Ruhe, der Freude singen, und Mignon darauf den Eiertanz tanzen.

In dieser unschuldigen Freude werden sie durch eine kriegerische Musik gestort, und die Gesellschaft von einem Trupp Soldaten uberfallen. Die Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden uberwunden, die Madchen fliehen und werden eingeholt. Es scheint alles im Getummel zugrunde zu gehen, als eine Person, uber deren Bestimmung der Dichter noch ungewiss war, herbeikommt und durch die Nachricht, dass der Heerfuhrer nicht weit sei, die Ruhe wiederherstellt. Hier wird der Charakter des Helden mit den schonsten Zugen geschildert, mitten unter den Waffen Sicherheit versprochen, dem Ubermut und der Gewalttatigkeit Schranken gesetzt. Es wird ein allgemeines Fest zu Ehren des grossmutigen Heerfuhrers begangen.

Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden, nur behaupteten sie, es musse notwendig etwas Allegorisches in dem Stucke sein, um es dem Herrn Grafen angenehm zu machen. Der Baron tat den Vorschlag, den Anfuhrer der Soldaten als den Genius der Zwietracht und der Gewalttatigkeit zu bezeichnen; zuletzt aber musse Minerva herbeikommen, ihm Fesseln anzulegen, Nachricht von der Ankunft des Helden zu geben und dessen Lob zu preisen. Die Baronesse ubernahm das Geschaft, den Grafen zu uberzeugen, dass der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger Veranderung, ausgefuhrt worden sei; dabei verlangte sie ausdrucklich, dass am Ende des Stucks notwendig die Buste, der verzogene Namen und der Furstenhut erscheinen mussten, weil sonst alle Unterhandlung vergeblich sein wurde.

Wilhelm, der sich schon im Geiste vorgestellt hatte, wie fein er seinen Helden aus dem Munde der Minerva preisen wollte, gab nur nach langem. Widerstande in diesem Punkte nach, allein er fuhlte sich auf eine sehr angenehme Weise gezwungen. Die schonen Augen der Grafin und ihr liebenswurdiges Betragen hatten ihn gar leicht bewogen, auch auf die schonste und angenehmste Erfindung, auf die so erwunschte Einheit einer Komposition und auf alle schicklichen Details Verzicht zu tun und gegen sein poetisches Gewissen zu handeln. Ebenso stand auch seinem burgerlichen Gewissen ein harter Kampf bevor, indem bei bestimmterer Austeilung der Rollen die Damen ausdrucklich darauf bestanden, dass er mitspielen musse.

Laertes hatte zu seinem Teil jenen gewalttatigen Kriegsgott erhalten. Wilhelm sollte den Anfuhrer der Landleute vorstellen, der einige sehr artige und gefuhlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich eine Zeitlang gestraubt, musste er sich endlich doch ergeben; besonders fand er keine Entschuldigung, da die Baronesse ihm vorstellte, die Schaubuhne hier auf dem Schlosse sei ohnedem nur als ein Gesellschaftstheater anzusehen, auf dem sie gern, wenn man nur eine schickliche Einleitung machen konnte, mitzuspielen wunschte. Darauf entliessen die Damen unsern Freund mit vieler Freundlichkeit. Die Baronesse versicherte ihm, dass er ein unvergleichlicher Mensch sei, und begleitete ihn bis an die kleine Treppe, wo sie ihm mit einem Handedruck gute Nacht gab.

Siebentes Kapitel

Befeuert durch den aufrichtigen Anteil, den die Frauenzimmer an der Sache nahmen, ward der Plan, der ihm durch die Erzahlung gegenwartiger geworden war, ganz lebendig. Er brachte den grossten Teil der Nacht und den andern Morgen mit der sorgfaltigsten Versifikation des Dialogs und der Lieder zu.

Er war so ziemlich fertig, als er in das neue Schloss gerufen wurde, wo er horte, dass die Herrschaft, die eben fruhstuckte, ihn sprechen wollte. Er trat in den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn sie ihm einen guten Morgen bieten wollte, lispelte sie heimlich zu ihm: "Sagen Sie nichts von Ihrem Stucke, als was Sie gefragt werden."

"Ich hore," rief ihm der Graf zu, "Sie sind recht fleissig und arbeiten an meinem Vorspiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich billige, dass Sie eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke beizeiten darauf, wie die Gottin zu kleiden ist, damit man nicht gegen das Kostum verstosst. Ich lasse deswegen aus meiner Bibliothek alle Bucher herbeibringen, worin sich das Bild derselben befindet."

In eben dem Augenblicke traten einige Bedienten mit grossen Korben voll Bucher allerlei Formats in den Saal.

Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, Gemmen und Munzen, alle Arten mythologischer Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen vortreffliches Gedachtnis stellte ihm alle Minerven vor, die etwa noch auf Titelkupfern, Vignetten oder sonst vorkommen mochten. Es musste deshalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek herbeigeschafft werden, so dass der Graf zuletzt in einem Haufen von Buchern sass. Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus: "Ich wollte wetten, dass nun keine Minerva mehr in der ganzen Bibliothek sei, und es mochte wohl das erstemal vorkommen, dass eine Buchersammlung so ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgottin entbehren muss."

Die ganze Gesellschaft freute sich uber den Einfall, und besonders Jarno, der den Grafen immer mehr Bucher herbeizuschaffen gereizt hatte, lachte ganz unmassig.

"Nunmehr", sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelm wendete, "ist es eine Hauptsache, welche Gottin meinen Sie? Minerva oder Pallas? Die Gottin des Krieges oder der Kunste?"

"Sollte es nicht am schicklichsten sein, Ew. Exzellenz", versetzte Wilhelm, "wenn man hieruber sich nicht bestimmt ausdruckte und sie, eben weil sie in der Mythologie eine doppelte Person spielt, auch hier in doppelter Qualitat erscheinen liesse. Sie meldet einen Krieger an, aber nur, um das Volk zu beruhigen; sie preist einen Helden, indem sie seine Menschlichkeit erhebt; sie uberwindet die Gewalttatigkeit und stellt die Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her."

Die Baronesse, der es bange wurde, Wilhelm mochte sich verraten, schob geschwinde den Leibschneider der Grafin dazwischen, der seine Meinung abgeben musste, wie ein solcher antiker Rock auf das beste gefertiget werden konnte. Dieser Mann, in Maskenarbeiten erfahren, wusste die Sache sehr leicht zu machen, und da Madame Melina ungeachtet ihrer hohen Schwangerschaft die Rolle der himmlischen Jungfrau ubernommen hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Mass zu nehmen, und die Grafin bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden sollten.

Auf eine geschickte Weise wusste die Baronesse Wilhelmen wieder beiseitezuschaffen und liess ihn bald darauf wissen, sie habe die ubrigen Sachen auch besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musikus, der des Grafen Hauskapelle dirigierte, damit dieser teils die notwendigen Stucke komponieren, teils schickliche Melodien aus dem Musikvorrate dazu aussuchen sollte. Nunmehr ging alles nach Wunsche, der Graf fragte dem Stucke nicht weiter nach, sondern war hauptsachlich mit der transparenten Dekoration beschaftigt, welche am Ende des Stuckes die Zuschauer uberraschen sollte. Seine Erfindung und die Geschicklichkeit seines Konditors brachten zusammen wirklich eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte er die grossten Feierlichkeiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und Zeichnungen mitgebracht, und wusste, was dazu gehorte, mit vielem Geschmacke anzugeben.

Unterdessen endigte Wilhelm sein Stuck, gab einem jeden seine Rolle, ubernahm die seinige, und der Musikus, der sich zugleich sehr gut auf den Tanz verstand, richtete das Ballett ein, und so ging alles zum besten.

Nur ein unerwartetes Hindernis legte sich in den Weg, das ihm eine bose Lucke zu machen drohte. Er hatte sich den grossten Effekt von Mignons Eiertanze versprochen, und wie erstaunt war er daher, als das Kind ihm mit seiner gewohnlichen Trockenheit abschlug, zu tanzen, versicherte, es sei nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Theater gehen. Er suchte es durch allerlei Zureden zu bewegen und liess nicht eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm zu Fussen fiel und rief: "Lieber Vater! bleib auch du von den Brettern!" Er merkte nicht auf diesen Wink und sann, wie er durch eine andere Wendung die Szene interessant machen wollte.

Philine, die eins von den Landmadchen machte und in dem Reihentanz die einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte, freute sich recht ausgelassen darauf. Ubrigens ging es ihr vollkommen nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Grafin, die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafur taglich etwas geschenkt bekam; ein Kleid zu diesem Stucke wurde auch fur sie zurechte gemacht; und weil sie von einer leichten nachahmenden Natur war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der Damen so viel gemerkt, als sich fur sie schickte, und war in kurzer Zeit voll Lebensart und guten Betragens geworden. Die Sorgfalt des Stallmeisters nahm mehr zu als ab, und da die Offiziere auch stark auf sie eindrangen, und sie sich in einem so reichlichen Elemente befand, fiel es ihr ein, auch einmal die Sprode zu spielen und auf eine geschickte Weise sich in einem gewissen vornehmen Ansehen zu uben. Kalt und fein, wie sie war, kannte sie in acht Tagen die Schwachen des ganzen Hauses, dass, wenn sie absichtlich hatte verfahren konnen, sie gar leicht ihr Gluck wurde gemacht haben. Allein auch hier bediente sie sich ihres Vorteils nur, um sich zu belustigen, um sich einen guten Tag zu machen und impertinent zu sein, wo sie merkte, dass es ohne Gefahr geschehen konnte.

Die Rollen waren gelernt, eine Hauptprobe des Stucks ward befohlen, der Graf wollte dabei sein, und seine Gemahlin fing an zu sorgen, wie er es aufnehmen mochte. Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, und man zeigte, je naher die Stunde herbeiruckte, immer mehr Verlegenheit, denn es war doch eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen ubriggeblieben. Jarno, der eben hereintrat, wurde in das Geheimnis gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, seine guten Dienste den Damen anzubieten. "Es ware gar schlimm", sagte er, "gnadige Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein heraushelfen wollten; doch auf alle Falle will ich im Hinterhalte liegen bleiben." Die Baronesse erzahlte hierauf, wie sie bisher dem Grafen das ganze Stuck, aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung erzahlt habe, dass er also auf jedes Einzelne vorbereitet sei, nur stehe er freilich in Gedanken, das Ganze werde mit seiner Idee zusammentreffen. "Ich will mich", sagte sie, "heute abend in der Probe zu ihm setzen und ihn zu zerstreuen suchen. Den Konditor habe ich auch schon vorgehabt, dass er ja die Dekorationen am Ende recht schon macht, dabei aber doch etwas Geringes fehlen lasst."

"Ich wusste einen Hof", versetzte Jarno, "wo wir so tatige und kluge Freunde brauchten, als Sie sind. Will es heute abend mit Ihren Kunsten nicht mehr fort, so winken Sie mir, und ich will den Grafen herausholen und ihn nicht eher wieder hineinlassen, bis Minerva auftritt und von der Illumination bald Sukkurs zu hoffen ist. Ich habe ihm schon seit einigen Tagen etwas zu eroffnen, das seinen Vetter betrifft, und das ich noch immer aus Ursachen aufgeschoben habe. Es wird ihm auch das eine Distraktion geben, und zwar nicht die angenehmste."

Einige Geschafte hinderten den Grafen, beim Anfange der Probe zu sein, dann unterhielt ihn die Baronesse. Jarnos Hulfe war gar nicht notig. Denn indem der Graf genug zurechtzuweisen, zu verbessern und anzuordnen hatte, vergass er sich ganz und gar daruber, und da Frau Melina zuletzt nach seinem Sinne sprach, und die Illumination gut ausfiel, bezeigte er sich vollkommen zufrieden. Erst als alles vorbei war und man zum Spiele ging, schien ihm der Unterschied aufzufallen, und er fing an nachzudenken, ob denn das Stuck auch wirklich von seiner Erfindung sei? Auf einen Wink fiel nun Jarno aus seinem Hinterhalte hervor, der Abend verging, die Nachricht, dass der Prinz wirklich komme, bestatigte sich, man ritt einigemal aus, die Avantgarde in der Nachbarschaft kampieren zu sehen, das Haus war voll Larmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht immer zum besten von den unwilligen Bedienten versorgt wurden, mussten, ohne dass jemand sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in Erwartungen und Ubungen zubringen.

Achtes Kapitel

Endlich war der Prinz angekommen; die Generalitat, die Stabsoffiziere und das ubrige Gefolge, das zu gleicher Zeit eintraf, die vielen Menschen, die teils zum Besuche, teils geschaftswegen einsprachen, machten das Schloss einem Bienenstocke ahnlich, der eben schwarmen will. Jedermann drangte sich herbei, den vortrefflichen Fursten zu sehen, und jedermann bewunderte seine Leutseligkeit und Herablassung, jedermann erstaunte, in dem Helden und Heerfuhrer zugleich den gefalligsten Hofmann zu erblicken.

Alle Hausgenossen mussten nach Ordre des Grafen bei der Ankunft des Fursten auf ihrem Posten sein, kein Schauspieler durfte sich blicken lassen, weil der Prinz mit den vorbereiteten Feierlichkeiten uberrascht werden sollte. Und so schien er auch des Abends, als man ihn in den grossen wohlerleuchteten und mit gewirkten Tapeten des vorigen Jahrhunderts ausgezierten Saal fuhrte, ganz und gar nicht auf ein Schauspiel, viel weniger auf ein Vorspiel zu seinem Lobe vorbereitet zu sein. Alles lief auf das beste ab, und die Truppe musste nach vollendeter Vorstellung herbei und sich dem Prinzen zeigen, der jeden auf die freundlichste Weise etwas zu fragen, jedem auf die gefalligste Art etwas zu sagen wusste. Wilhelm als Autor musste besonders vortreten, und ihm ward gleichfalls sein Teil Beifall zugespendet.

Nach dem Vorspiele fragte niemand sonderlich, in einigen Tagen war es, als wenn nichts dergleichen ware aufgefuhrt worden, ausser dass Jarno mit Wilhelmen gelegentlich davon sprach und es sehr verstandig lobte; nur setzte er hinzu: "Es ist schade, dass Sie mit hohlen Nussen um hohle Nusse spielen." Mehrere Tage lag Wilhelmen dieser Ausdruck im Sinne, er wusste nicht, wie er ihn auslegen, noch was er daraus nehmen sollte.

Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so gut, als sie es nach ihren Kraften vermochte, und tat das mogliche, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen. Ein unverdienter Beifall munterte sie auf, und in ihrem alten Schlosse glaubten sie nun wirklich, eigentlich um ihretwillen drange sich die grosse Versammlung herbei, nach ihren Vorstellungen ziehe sich die Menge der Fremden, und sie seien der Mittelpunkt, um den und um deswillen sich alles drehe und bewege.

Wilhelm allein bemerkte zu seinem grossen Verdrusse gerade das Gegenteil. Denn obgleich der Prinz die ersten Vorstellungen von Anfange bis zu Ende, auf seinem Sessel sitzend, mit der grossten Gewissenhaftigkeit abwartete, so schien er sich doch nach und nach auf eine gute Weise davon zu dispensieren. Gerade diejenigen, welche Wilhelm im Gesprache als die Verstandigsten gefunden hatte, Jarno an ihrer Spitze, brachten nur fluchtige Augenblicke im Theatersaale zu, ubrigens sassen sie im Vorzimmer, spielten oder schienen sich von Geschaften zu unterhalten.

Wilhelmen verdross gar sehr, bei seinen anhaltenden Bemuhungen des erwunschtesten Beifalls zu entbehren. Bei der Auswahl der Stucke, der Abschrift der Rollen, den haufigen Proben, und was sonst nur immer vorkommen konnte, ging er Melinan eifrig zur Hand, der ihn denn auch, seine eigene Unzulanglichkeit im stillen fuhlend, zuletzt gewahren liess. Die Rollen memorierte Wilhelm mit Fleiss und trug sie mit Warme und Lebhaftigkeit und mit so viel Anstand vor, als die wenige Bildung erlaubte, die er sich selbst gegeben hatte.

Die fortgesetzte Teilnahme des Barons benahm indes der ubrigen Gesellschaft jeden Zweifel, indem er sie versicherte, dass sie die grossten Effekte hervorbringe, besonders indem sie eins seiner eigenen Stukke auffuhrte, nur bedauerte er, dass der Prinz eine ausschliessliche Neigung fur das franzosische Theater habe, dass ein Teil seiner Leute hingegen, worunter sich Jarno besonders auszeichnete, den Ungeheuern der englischen Buhne einen leidenschaftlichen Vorzug gebe.

War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler nicht auf das beste bemerkt und bewundert, so waren dagegen ihre Personen den Zuschauern und Zuschauerinnen nicht vollig gleichgultig. Wir haben schon oben angezeigt, dass die Schauspielerinnen gleich von Anfang die Aufmerksamkeit junger Offiziere erregten; allein sie waren in der Folge glucklicher und machten wichtigere Eroberungen. Doch wir schweigen davon und bemerken nur, dass Wilhelm der Grafin von Tag zu Tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille Neigung gegen sie aufzukeimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, die Augen nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein gegen sie gerichtet zu spielen und zu rezitieren. Sich wechselseitig anzusehen, war ihnen ein unaussprechliches Vergnugen, dem sich ihre harmlosen Seelen ganz uberliessen, ohne lebhaftere Wunsche zu nahren oder fur irgendeine Folge besorgt zu sein.

Wie uber einen Fluss hinuber, der sie scheidet, zwei feindliche Vorposten sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg zu denken, in welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so wechselte die Grafin mit Wilhelm bedeutende Blicke uber die ungeheure Kluft der Geburt und des Standes hinuber, und jedes glaubte an seiner Seite, sicher seinen Empfindungen nachhangen zu durfen.

Die Baronesse hatte sich indessen den Laertes ausgesucht, der ihr als ein wackerer, munterer Jungling besonders gefiel, und der, so sehr Weiberfeind er war, doch ein vorbeigehendes Abenteuer nicht verschmahete, und wirklich diesmal wider Willen durch die Leutseligkeit und das einnehmende Wesen der Baronesse gefesselt worden ware, hatte ihm der Baron zufallig nicht einen guten oder, wenn man will, einen schlimmen Dienst erzeigt, indem er ihn mit den Gesinnungen dieser Dame naher bekannt machte.

Denn als Laertes sie einst laut ruhmte und sie allen andern ihres Geschlechts vorzog, versetzte der Baron scherzend: "Ich merke schon, wie die Sachen stehen, unsre liebe Freundin hat wieder einen fur ihre Stalle gewonnen." Dieses ungluckliche Gleichnis, das nur zu klar auf die gefahrlichen Liebkosungen einer Circe deutete, verdross Laertes uber die Massen, und er konnte dem Baron nicht ohne Argernis zuhoren, der ohne Barmherzigkeit fortfuhr:

"Jeder Fremde glaubt, dass er der erste sei, dem ein so angenehmes Betragen gelte; aber er irrt gewaltig, denn wir alle sind einmal auf diesem Wege herumgefuhrt worden; Mann, Jungling oder Knabe, er sei, wer er sei, muss sich eine Zeitlang ihr ergeben, ihr anhangen und sich mit Sehnsucht um sie bemuhen."

Den Glucklichen, der eben, in die Garten einer Zauberin hineintretend, von allen Seligkeiten eines kunstlichen Fruhlings empfangen wird, kann nichts unangenehmer uberraschen, als wenn ihm, dessen Ohr ganz auf den Gesang der Nachtigall lauscht, irgendein verwandelter Vorfahr unvermutet entgegengrunzt.

Laertes schamte sich nach dieser Entdeckung recht von Herzen, dass ihn seine Eitelkeit nochmals verleitet habe, von irgendeiner Frau auch im mindesten gut zu denken. Er vernachlassigte sie nunmehr vollig, hielt sich zu dem Stallmeister, mit dem er fleissig focht und auf die Jagd ging, bei Proben und Vorstellungen aber sich betrug, als wenn dies bloss eine Nebensache ware.

Der Graf und die Grafin liessen manchmal morgens einige von der Gesellschaft rufen, da jeder denn immer Philinens unverdientes Gluck zu beneiden Ursache fand. Der Graf hatte seinen Liebling, den Pedanten, oft stundenlang bei seiner Toilette. Dieser Mensch ward nach und nach bekleidet und bis auf Uhr und Dose equipiert und ausgestattet.

Auch wurde die Gesellschaft manchmal samt und sonders nach Tafel vor die hohen Herrschaften gefordert. Sie schatzten sich es zur grossten Ehre und bemerkten es nicht, dass man zu ebenderselben Zeit durch Jager und Bediente eine Anzahl Hunde hereinbringen und Pferde im Schlosshofe vorfuhren liess.

Man hatte Wilhelmen gesagt, dass er ja gelegentlich des Prinzen Liebling, Racine, loben und dadurch auch von sich eine gute Meinung erwecken solle. Er fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit, da er auch mit vorgefordert worden war, und der Prinz ihn fragte, ob er auch fleissig die grossen franzosischen Theaterschriftsteller lese, darauf ihm denn Wilhelm mit einem sehr lebhaften Ja antwortete. Er bemerkte nicht, dass der Furst, ohne seine Antwort abzuwarten, schon im Begriff war, sich weg und zu jemand andern zu wenden, er fasste ihn vielmehr sogleich und trat ihm beinah in den Weg, indem er fortfuhr: er schatze das franzosische Theater sehr hoch und lese die Werke der grossen Meister mit Entzucken; besonders habe er zu wahrer Freude gehort, dass der Furst den grossen Talenten eines Racine vollige Gerechtigkeit widerfahren lasse. "Ich kann es mir vorstellen", fuhr er fort, "wie vornehme und erhabene Personen einen Dichter schatzen mussen, der die Zustande ihrer hoheren Verhaltnisse so vortrefflich und richtig schildert. Corneille hat, wenn ich so sagen darf, grosse Menschen dargestellt, und Racine vornehme Personen. Ich kann mir, wenn ich seine Stucke lese, immer den Dichter denken, der an einem glanzenden Hofe lebt, einen grossen Konig vor Augen hat, mit den Besten umgeht und in die Geheimnisse der Menschheit dringt, wie sie sich hinter kostbar gewirkten Tapeten verbergen. Wenn ich seinen Britannicus, seine Berenice studiere, so kommt es mir wirklich vor, ich sei am Hofe, sei in das Grosse und Kleine dieser Wohnungen der irdischen Gotter geweiht, und ich sehe durch die Augen eines feinfuhlenden Franzosen Konige, die eine ganze Nation anbetet, Hofleute, die von viel Tausenden beneidet werden, in ihrer naturlichen Gestalt mit ihren Fehlern und Schmerzen. Die Anekdote, dass Racine sich zu Tode gegramt habe, weil Ludwig der Vierzehnte ihn nicht mehr angesehen, ihn seine Unzufriedenheit fuhlen lassen, ist mir ein Schlussel zu allen seinen Werken, und es ist unmoglich, dass ein Dichter von so grossen Talenten, dessen Leben und Tod an den Augen eines Konigs hangt, nicht auch Stucke schreiben solle, die des Beifalls eines Konigs und eines Fursten wert seien."

Jarno war herbeigetreten und horte unserem Freunde mit Verwunderung zu; der Furst, der nicht geantwortet und nur mit einem gefalligen Blicke seinen Beifall gezeigt hatte, wandte sich seitwarts, obgleich Wilhelm, dem es noch unbekannt war, dass es nicht anstandig sei, unter solchen Umstanden einen Diskurs fortzusetzen und eine Materie erschopfen zu wollen, noch gerne mehr gesprochen und dem Fursten gezeigt hatte, dass er nicht ohne Nutzen und Gefuhl seinen Lieblingsdichter gelesen.

"Haben Sie denn niemals", sagte Jarno, indem er ihn beiseitenahm, "ein Stuck von Shakespearen gesehen?"

"Nein", versetzte Wilhelm; "denn seit der Zeit, dass sie in Deutschland bekannter geworden sind, bin ich mit dem Theater unbekannt worden, und ich weiss nicht, ob ich mich freuen soll, dass sich zufallig eine alte jugendliche Liebhaberei und Beschaftigung gegenwartig wieder erneuerte. Indessen hat mich alles, was ich von jenen Stucken gehort, nicht neugierig gemacht, solche seltsame Ungeheuer naher kennen zu lernen, die uber alle Wahrscheinlichkeit, allen Wohlstand hinauszuschreiten scheinen."

"Ich will Ihnen denn doch raten", versetzte jener, "einen Versuch zu machen; es kann nichts schaden, wenn man auch das Seltsame mit eigenen Augen sieht. Ich will Ihnen ein paar Teile borgen, und Sie konnen Ihre Zeit nicht besser anwenden, als wenn Sie sich gleich von allem losmachen und in der Einsamkeit Ihrer alten Wohnung in die Zauberlaterne dieser unbekannten Welt sehen. Es ist sundlich, dass Sie Ihre Stunden verderben, diese Affen menschlicher auszuputzen und diese Hunde tanzen zu lehren. Nur eins bedinge ich mir aus, dass Sie sich an die Form nicht stossen; das Ubrige kann ich Ihrem richtigen Gefuhle uberlassen."

Die Pferde standen vor der Tur, und Jarno setzte sich mit einigen Kavalieren auf, um sich mit der Jagd zu erlustigen. Wilhelm sah ihm traurig nach. Er hatte gern mit diesem Manne noch vieles gesprochen, der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche Art, neue Ideen gab, Ideen, deren er bedurfte.

Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner Krafte, Fahigkeiten und Begriffe nahert, in eine Verlegenheit, aus der ihm ein guter Freund leicht helfen konnte. Er gleicht einem Wanderer, der nicht weit von der Herberge ins Wasser fallt; griffe jemand sogleich zu, risse ihn ans Land, so ware es um einmal nass werden getan, anstatt dass er sich auch wohl selbst, aber am jenseitigen Ufer, heraushilft und einen beschwerlichen weiten Umweg nach seinem bestimmten Ziele zu machen hat.

Wilhelm fing an zu wittern, dass es in der Welt anders zugehe, als er es sich gedacht. Er sah das wichtige und bedeutungsvolle Leben der Vornehmen und Grossen in der Nahe und verwunderte sich, wie einen leichten Anstand sie ihm zu geben wussten. Ein Heer auf dem Marsche, ein furstlicher Held an seiner Spitze, so viele mitwirkende Krieger, so viele zudringende Verehrer erhohten seine Einbildungskraft. In dieser Stimmung erhielt er die versprochenen Bucher, und in kurzem, wie man es vermuten kann, ergriff ihn der Strom jenes grossen Genius und fuhrte ihn einem unubersehlichen Meere zu, worin er sich gar bald vollig vergass und verlor.

Neuntes Kapitel

Das Verhaltnis des Barons zu den Schauspielern hatte seit ihrem Aufenthalte im Schlosse verschiedene Veranderungen erlitten. Im Anfange gereichte es zu beiderseitiger Zufriedenheit; denn indem der Baron das erste Mal in seinem Leben eines seiner Stucke, mit denen er ein Gesellschaftstheater schon belebt hatte, in den Handen wirklicher Schauspieler und auf dem Wege zu einer anstandigen Vorstellung sah, war er von dem besten Humor, bewies sich freigebig und kaufte bei jedem Galanteriehandler, deren sich manche einstellten, kleine Geschenke fur die Schauspielerinnen und wusste den Schauspielern manche Bouteille Champagner extra zu verschaffen; dagegen gaben sie sich auch mit seinen Stucken alle Muhe, und Wilhelm sparte keinen Fleiss, die herrlichen Reden des vortrefflichen Helden, dessen Rolle ihm zugefallen war, auf das genaueste zu memorieren.

Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige Misshelligkeiten eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons fur gewisse Schauspieler wurde von Tag zu Tag merklicher, und notwendig musste dies die ubrigen verdriessen. Er erhob seine Gunstlinge ganz ausschliesslich und brachte dadurch Eifersucht und Uneinigkeit unter die Gesellschaft. Melina, der sich bei streitigen Fallen ohnehin nicht zu helfen wusste, befand sich in einem sehr unangenehmen Zustande. Die Gepriesenen nahmen das Lob an, ohne sonderlich dankbar zu sein, und die Zuruckgesetzten liessen auf allerlei Weise ihren Verdruss spuren und wussten ihrem erst hochverehrten Gonner den Aufenthalt unter ihnen auf eine oder die andere Weise unangenehm zu machen; ja es war ihrer Schadenfreude keine geringe Nahrung, als ein gewisses Gedicht, dessen Verfasser man nicht kannte, im Schlosse viel Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich immer, doch auf eine ziemlich feine Weise, uber den Umgang des Barons mit den Komodianten aufgehalten, man hatte allerlei Geschichten auf ihn gebracht, gewisse Vorfalle ausgeputzt und ihnen eine lustige und interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzahlen, es entstehe eine Art von Handwerksneid zwischen ihm und einigen Schauspielern, die sich auch einbildeten, Schriftsteller zu sein, und auf diese Sage grundet sich das Gedicht, von welchem wir sprachen, und welches lautete, wie folgt:

Ich armer Teufel, Herr Baron,

Beneide Sie um Ihren Stand,

Um Ihren Platz so nah am Thron,

Und um manch schon Stuck Ackerland,

Um Ihres Vaters festes Schloss,

Um seine Wildbahn und Geschoss.

Mich armen Teufel, Herr Baron,

Beneiden Sie, so wie es scheint,

Weil die Natur vom Knaben schon

Mit mir es mutterlich gemeint.

Ich ward mit leichtem Mut und Kopf

Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.

Nun dacht' ich, lieber Herr Baron,

Wir liessen's beide, wie wir sind:

Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,

Und ich blieb' meiner Mutter Kind.

Wir leben ohne Neid und Hass,

Begehren nicht des andern Titel,

Sie keinen Platz auf dem Parnass,

Und keinen ich in dem Kapitel.

Die Stimmen uber dieses Gedicht, das in einigen fast unleserlichen Abschriften sich in verschiedenen Handen befand, waren sehr geteilt, auf den Verfasser aber wusste niemand zu mutmassen, und als man mit einiger Schadenfreude sich daruber zu ergotzen anfing, erklarte sich Wilhelm sehr dagegen.

"Wir Deutschen", rief er aus, "verdienten, dass unsere Musen in der Verachtung blieben, in der sie so lange geschmachtet haben, da wir nicht Manner vom Stande zu schatzen wissen, die sich mit unserer Literatur auf irgendeine Weise abgeben mogen. Geburt, Stand und Vermogen stehen in keinem Widerspruch mit Genie und Geschmack, das haben uns fremde Nationen gelehrt, welche unter ihren besten Kopfen eine grosse Anzahl Edelleute zahlen. War es bisher in Deutschland ein Wunder, wenn ein Mann von Geburt sich den Wissenschaften widmete, wurden bisher nur wenige beruhmte Namen durch ihre Neigung zu Kunst und Wissenschaft noch beruhmter; stiegen dagegen manche aus der Dunkelheit hervor und traten wie unbekannte Sterne an den Horizont, so wird das nicht immer so sein, und wenn ich mich nicht sehr irre, so ist die erste Klasse der Nation auf dem Wege, sich ihrer Vorteile auch zur Erringung des schonsten Kranzes der Musen in Zukunft zu bedienen. Es ist mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht allein den Burger oft uber den Edelmann, der die Musen zu schatzen weiss, spotten, sondern auch Personen von Stande selbst mit unuberlegter Laune und niemals zu billigender Schadenfreude ihresgleichen von einem Wege abschrecken sehe, auf dem einen jeden Ehre und Zufriedenheit erwartet."

Es schien die letzte Ausserung gegen den Grafen gerichtet zu sein, von welchem Wilhelm gehort hatte, dass er das Gedicht wirklich gut finde. Freilich war diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron zu scherzen pflegte, ein solcher Anlass sehr erwunscht, seinen Verwandten auf alle Weise zu plagen. Jedermann hatte seine eigenen Mutmassungen, wer der Verfasser des Gedichtes sein konnte, und der Graf, der sich nicht gern im Scharfsinn von jemand ubertroffen sah, fiel auf einen Gedanken, den er sogleich zu beschworen bereit war: das Gedicht konnte sich nur von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner Bursche sei, und an dem er schon lange so etwas poetisches Genie gemerkt habe. Um sich ein rechtes Vergnugen zu machen, liess er deswegen an einem Morgen diesen Schauspieler rufen, der ihm in Gegenwart der Grafin, der Baronesse und Jarnos das Gedicht nach seiner Art vorlesen musste und dafur Lob, Beifall und ein Geschenk einerntete und die Frage des Grafen, ob er nicht sonst noch einige Gedichte von fruheren Zeiten besitze, mit Klugheit abzulehnen wusste. So kam der Pedant zum Rufe eines Dichters, eines Witzlings und in den Augen derer, die dem Baron gunstig waren, eines Pasquillanten und schlechten Menschen. Von der Zeit an applaudierte ihm der Graf nur immer mehr, er mochte seine Rolle spielen, wie er wollte, so dass der arme Mensch zuletzt aufgeblasen, ja beinahe verruckt wurde und darauf sann, gleich Philinen ein Zimmer im Schlosse zu beziehen.

Ware dieser Plan sogleich zu vollfuhren gewesen, so mochte er einen grossen Unfall vermieden haben. Denn als er eines Abends spat nach dem alten Schlosse ging und in dem dunkeln, engen Wege herumtappte, ward er auf einmal angefallen, von einigen Personen festgehalten, indessen andere auf ihn wacker losschlugen und ihn im Finstern so zerdraschen, dass er beinahe liegenblieb und nur mit Muhe zu seinen Kameraden hinaufkroch, die, so sehr sie sich entrustet stellten, uber diesen Unfall ihre heimliche Freude fuhlten und sich kaum des Lachens erwehren konnten, als sie ihn so wohl durchwalkt und seinen neuen braunen Rock uber und uber weiss, als wenn er mit Mullern Handel gehabt, bestaubt und befleckt sahen.

Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das grosste Verbrechen, qualifizierte sie zu einem beleidigten Burgfrieden und liess durch seinen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen. Der weissbestaubte Rock sollte eine Hauptanzeige geben. Alles, was nur irgend mit Puder und Mehl im Schlosse zu schaffen haben konnte, wurde mit in die Untersuchung gezogen; jedoch vergebens.

Der Baron versicherte bei seiner Ehre feierlich: jene Art zu scherzen habe ihm freilich sehr missfallen, und das Betragen des Herrn Grafen sei nicht das freundschaftlichste gewesen, aber er habe sich daruber hinauszusetzen gewusst, und an dem Unfall, der dem Poeten oder Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle, begegnet, habe er nicht den mindesten Anteil.

Die ubrigen Bewegungen der Fremden und die Unruhe des Hauses brachten bald die ganze Sache in Vergessenheit, und der ungluckliche Gunstling musste das Vergnugen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu haben, teuer bezahlen.

Unsere Truppe, die regelmassig alle Abende fortspielte und im ganzen sehr wohl gehalten wurde, fing nun an, je besser es ihr ging, desto grossere Anforderungen zu machen. In kurzer Zeit war ihnen Essen, Trinken, Aufwartung, Wohnung zu gering, und sie lagen ihrem Beschutzer, dem Baron, an, dass er fur sie besser sorgen und ihnen zu dem Genusse und der Bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, doch endlich verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter, und die Bemuhungen ihres Freundes, ihnen genugzutun, immer fruchtloser.

Wilhelm kam indessen, ausser in Proben und Spielstunden, wenig mehr zum Vorscheine. In einem der hintersten Zimmer verschlossen, wozu nur Mignon und dem Harfner der Zutritt gerne verstattet wurde, lebte und webte er in der shakespearischen Welt, so dass er ausser sich nichts kannte noch empfand.

Man erzahlt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure Menge allerlei geistiger Gestalten in ihre Stube herbeiziehen. Die Beschworungen sind so kraftig, dass sich bald der Raum des Zimmers ausfullt, und die Geister, bis an den kleinen gezogenen Kreis hinangedrangt, um denselben und uber dem Haupte des Meisters in ewig drehender Verwandlung sich bewegend vermehren. Jeder Winkel ist vollgepfropft und jedes Gesims besetzt. Eier dehnen sich aus, und Riesengestalten ziehen sich in Pilze zusammen. Unglucklicherweise hat der Schwarzkunstler das Wort vergessen, womit er diese Geisterflut wieder zur Ebbe bringen konnte. So sass Wilhelm, und mit unbekannter Bewegung wurden tausend Empfindungen und Fahigkeiten in ihm rege, von denen er keinen Begriff und keine Ahnung gehabt hatte. Nichts konnte ihn aus diesem Zustande reissen, und er war sehr unzufrieden, wenn irgend jemand zu kommen Gelegenheit nahm, um ihn von dem, was auswarts vorging, zu unterhalten.

So merkte er kaum auf, als man ihm die Nachricht brachte, es sollte in dem Schlosshofe eine Exekution vorgehen und ein Knabe gestaupt werden, der sich eines nachtlichen Einbruchs verdachtig gemacht habe und, da er den Rock eines Peruckenmachers trage, wahrscheinlich mit unter den Meuchlern gewesen sei. Der Knabe leugne zwar auf das hartnackigste, und man konne ihn deswegen nicht formlich bestrafen, wolle ihm aber als einem Vagabunden einen Denkzettel geben und ihn weiterschicken, weil er einige Tage in der Gegend herumgeschwarmt sei, sich des Nachts in den Muhlen aufgehalten, endlich eine Leiter an eine Gartenmauer angelehnt habe und herubergestiegen sei.

Wilhelm fand an dem ganzen Handel nichts sonderlich merkwurdig, als Mignon hastig hereinkam und ihm versicherte, der Gefangene sei Friedrich, der sich seit den Handeln mit dem Stallmeister von der Gesellschaft und aus unsern Augen verloren hatte.

Wilhelm, den der Knabe interessierte, machte sich eilends auf und fand im Schlosshofe schon Zurustungen. Denn der Graf liebte die Feierlichkeit auch in dergleichen Fallen. Der Knabe wurde herbeigebracht: Wilhelm trat dazwischen und bat, dass man innehalten mochte, indem er den Knaben kenne und vorher erst verschiedenes seinetwegen anzubringen habe. Er hatte Muhe, mit seinen Vorstellungen durchzudringen, und erhielt endlich die Erlaubnis, mit dem Delinquenten allein zu sprechen. Dieser versicherte, von dem Uberfall, bei dem ein Akteur sollte gemisshandelt worden sein, wisse er gar nichts. Er sei nur um das Schloss herumgestreift und des Nachts hereingeschlichen, um Philinen aufzusuchen, deren Schlafzimmer er ausgekundschaftet gehabt und es auch gewiss wurde getroffen haben, wenn er nicht unterwegs aufgefangen worden ware.

Wilhelm, der zur Ehre der Gesellschaft das Verhaltnis nicht gerne entdecken wollte, eilte zu dem Stallmeister und bat ihn, nach seiner Kenntnis der Person und des Hauses diese Angelegenheit zu vermitteln und den Knaben zu befreien.

Dieser launige Mann erdachte unter Wilhelms Beistand eine kleine Geschichte, dass der Knabe zur Truppe gehort habe, von ihr entlaufen sei, doch wieder gewunscht, sich bei ihr einzufinden und aufgenommen zu werden. Er habe deswegen die Absicht gehabt, bei Nachtzeit einige seiner Gonner aufzusuchen und sich ihnen zu empfehlen. Man bezeugte ubrigens, dass er sich sonst gut aufgefuhrt, die Damen mischten sich darein, und er ward entlassen.

Wilhelm nahm ihn auf, und er war nunmehr die dritte Person der wunderbaren Familie, die Wilhelm seit einiger Zeit als seine eigene ansah. Der Alte und Mignon nahmen den Wiederkehrenden freundlich auf, und alle drei verbanden sich nunmehr, ihrem Freunde und Beschutzer aufmerksam zu dienen und ihm etwas Angenehmes zu erzeigen.

Zehntes Kapitel

Philine wusste sich nun taglich besser bei den Damen einzuschmeicheln. Wenn sie zusammen allein waren, leitete sie meistenteils das Gesprach auf die Manner, welche kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der letzte, mit dem man sich beschaftigte. Dem klugen Madchen blieb es nicht verborgen, dass er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Grafin gemacht habe; sie erzahlte daher von ihm, was sie wusste und nicht wusste; hutete sich aber, irgend etwas vorzubringen, das man zu seinem Nachteil hatte deuten konnen, und ruhmte dagegen seinen Edelmut, seine Freigebigkeit und besonders seine Sittsamkeit im Betragen gegen das weibliche Geschlecht. Alle ubrigen Fragen, die an sie geschahen, beantwortete sie mit Klugheit, und als die Baronesse die zunehmende Neigung ihrer schonen Freundin bemerkte, war auch ihr diese Entdeckung sehr willkommen. Denn ihre Verhaltnisse zu mehreren Mannern, besonders in den letzten Tagen zu Jarno, blieben der Grafin nicht verborgen, deren reine Seele einen solchen Leichtsinn nicht ohne Missbilligung und ohne sanften Tadel bemerken konnte.

Auf diese Weise hatte die Baronesse sowohl als Philine jede ein besonderes Interesse, unsern Freund der Grafin naher zu bringen, und Philine hoffte noch uberdies bei Gelegenheit wieder fur sich zu arbeiten und die verlorne Gunst des jungen Mannes sich womoglich wieder zu erwerben.

Eines Tags, als der Graf mit der ubrigen Gesellschaft auf die Jagd geritten war und man die Herren erst den andern Morgen zuruckerwartete, ersann sich die Baronesse einen Scherz, der vollig in ihrer Art war; denn sie liebte die Verkleidungen und kam, um die Gesellschaft zu uberraschen, bald als Bauernmadchen, bald als Page, bald als Jagerbursche zum Vorschein. Sie gab sich dadurch das Ansehn einer kleinen Fee, die uberall, und gerade da, wo man sie am wenigsten vermutet, gegenwartig ist. Nichts glich ihrer Freude, wenn sie unerkannt eine Zeitlang die Gesellschaft bedient oder sonst unter ihr gewandelt hatte, und sie sich zuletzt auf eine scherzhafte Weise zu entdecken wusste.

Gegen Abend liess sie Wilhelmen auf ihr Zimmer fordern, und da sie eben noch etwas zu tun hatte, sollte Philine ihn vorbereiten.

Er kam und fand nicht ohne Verwunderung statt der gnadigen Frauen das leichtfertige Madchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen anstandigen Freimutigkeit, in der sie sich bisher geubt hatte, und notigte ihn dadurch gleichfalls zur Hoflichkeit.

Zuerst scherzte sie im allgemeinen uber das gute Gluck, das ihn verfolge, und ihn auch, wie sie wohl merke, gegenwartig hierher gebracht habe; sodann warf sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor, womit er sie bisher gequalt habe, schalt und beschuldigte sich selbst, gestand, dass sie sonst wohl so seine Begegnung verdient, machte eine so aufrichtige Beschreibung ihres Zustandes, den sie den vorigen nannte, und setzte hinzu, dass sie sich selbst verachten musse, wenn sie nicht fahig ware, sich zu andern und sich seiner Freundschaft wert zu machen.

Wilhelm war uber diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntnis der Welt, um zu wissen, dass eben ganz leichtsinnige und der Besserung unfahige Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit grosser Freimutigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich nicht die mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege zuruckzutreten, auf den eine ubermachtige Natur sie hinreisst. Er konnte daher nicht unfreundlich gegen die zierliche Sunderin bleiben; er liess sich mit ihr in ein Gesprach ein und vernahm von ihr den Vorschlag zu einer sonderbaren Verkleidung, womit man die schone Grafin zu uberraschen gedachte.

Er fand dabei einiges Bedenken, das er Philinen nicht verhehlte; allein die Baronesse, welche in dem Augenblick hereintrat, liess ihm keine Zeit zu Zweifeln ubrig, sie zog ihn vielmehr mit sich fort, indem sie versicherte, es sei eben die rechte Stunde.

Es war dunkel geworden, und sie fuhrte ihn in die Garderobe des Grafen, liess ihn seinen Rock ausziehen und in den seidnen Schlafrock des Grafen hineinschlupfen, setzte ihm darauf die Mutze mit dem roten Bande auf, fuhrte ihn ins Kabinett und hiess ihn sich in den grossen Sessel setzen und ein Buch nehmen, zundete die Argantische Lampe selbst an, die vor ihm stand, und unterrichtete ihn, was er zu tun, und was er fur eine Rolle zu spielen habe.

Man werde, sagte sie, der Grafin die unvermutete Ankunft ihres Gemahls und seine uble Laune ankundigen; sie werde kommen, einigemal im Zimmer auf und ab gehn, sich alsdann auf die Lehne des Sessels setzen, ihren Arm auf seine Schultern legen und einige Worte sprechen. Er solle seine Ehemannsrolle so lange und so gut als moglich spielen; wenn er sich aber endlich entdecken musste, so solle er hubsch artig und galant sein.

Wilhelm sass nun unruhig genug in dieser wunderlichen Maske; der Vorschlag hatte ihn uberrascht, und die Ausfuhrung eilte der Uberlegung zuvor. Schon war die Baronesse wieder zum Zimmer hinaus, als er erst bemerkte, wie gefahrlich der Posten war, den er eingenommen hatte. Er leugnete sich nicht, dass die Schonheit, die Jugend, die Anmut der Grafin einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten; allein da er seiner Natur nach von aller leeren Galanterie weit entfernt war, und ihm seine Grundsatze einen Gedanken an ernsthaftere Unternehmungen nicht erlaubten, so war er wirklich in diesem Augenblick in nicht geringer Verlegenheit. Die Furcht, der Grafin zu missfallen, oder ihr mehr als billig zu gefallen, war gleich gross bei ihm.

Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte sich wieder vor seiner Einbildungskraft. Mariane erschien ihm im weissen Morgenkleide und flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswurdigkeit, ihre schonen Haare und ihr einschmeichelndes Betragen waren durch ihre neueste Gegenwart wieder wirksam geworden; doch alles trat wie hinter den Flor der Entfernung zuruck, wenn er sich die edle, bluhende Grafin dachte, deren Arm er in wenig Minuten an seinem Halse fuhlen sollte, deren unschuldige Liebkosungen er zu erwidern aufgefordert war.

Die sonderbare Art, wie er aus dieser Verlegenheit sollte gezogen werden, ahnete er freilich nicht. Denn wie gross war sein Erstaunen, ja sein Schrecken, als hinter ihm die Ture sich auftat und er bei dem ersten verstohlenen Blick in den Spiegel den Grafen ganz deutlich erblickte, der mit einem Lichte in der Hand hereintrat. Sein Zweifel, was er zu tun habe, ob er sitzenbleiben oder aufstehen, fliehen, bekennen, leugnen oder um Vergebung bitten solle, dauerte nur einige Augenblicke. Der Graf, der unbeweglich in der Ture stehengeblieben war, trat zuruck und machte sie sachte zu. In dem Moment sprang die Baronesse zur Seitenture herein, loschte die Lampe aus, riss Wilhelmen vom Stuhle und zog ihn nach sich in das Kabinett. Geschwind warf er den Schlafrock ab, der sogleich wieder seinen gewohnlichen Platz erhielt. Die Baronesse nahm Wilhelms Rock uber den Arm und eilte mit ihm durch einige Stuben, Gange und Verschlage in ihr Zimmer, wo Wilhelm, nachdem sie sich erholt hatte, von ihr vernahm, sie sei zu der Grafin gekommen, um ihr die erdichtete Nachricht von der Ankunft des Grafen zu bringen. "Ich weiss es schon", sagte die Grafin, "was mag wohl begegnet sein? Ich habe ihn soeben zum Seitentor hereinreiten sehen." Erschrokken sei die Baronesse sogleich auf des Grafen Zimmer gelaufen, um ihn abzuholen.

"Unglucklicherweise sind Sie zu spat gekommen!" rief Wilhelm aus; "der Graf war vorhin im Zimmer und hat mich sitzen sehen."

"Hat er Sie erkannt?"

"Ich weiss es nicht. Er sah mich im Spiegel, so wie ich ihn, und eh' ich wusste, ob es ein Gespenst oder er selbst war, trat er schon wieder zuruck und druckte die Ture hinter sich zu."

Die Verlegenheit der Baronesse vermehrte sich, als ein Bedienter sie zu rufen kam und anzeigte, der Graf befinde sich bei seiner Gemahlin. Mit schwerem Herzen ging sie hin und fand den Grafen zwar still und in sich gekehrt, aber in seinen Ausserungen milder und freundlicher als gewohnlich. Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Man sprach von den Vorfallen der Jagd und den Ursachen seiner fruheren Zuruckkunft. Das Gesprach ging bald aus. Der Graf ward stille, und besonders musste der Baronesse auffallen, als er nach Wilhelmen fragte und den Wunsch ausserte, man mochte ihn rufen lassen, damit er etwas vorlese.

Wilhelm, der sich im Zimmer der Baronesse wieder angekleidet und einigermassen erholt hatte, kam nicht ohne Sorgen auf den Befehl herbei. Der Graf gab ihm ein Buch, aus welchem er eine abenteuerliche Novelle nicht ohne Beklemmung vorlas. Sein Ton hatte etwas Unsicheres, Zitterndes, das glucklicherweise dem Inhalt der Geschichte gemass war. Der Graf gab einigemal freundliche Zeichen des Beifalls und lobte den besondern Ausdruck der Vorlesung, da er zuletzt unsern Freund entliess.

Eilftes Kapitel

Wilhelm hatte kaum einige Stucke Shakespeares gelesen, als ihre Wirkung auf ihn so stark wurde, dass er weiter fortzufahren nicht imstande war. Seine ganze Seele geriet in Bewegung. Er suchte Gelegenheit, mit Jarno zu sprechen, und konnte ihm nicht genug fur die verschaffte Freude danken.

"Ich habe es wohl vorausgesehen", sagte dieser, "dass Sie gegen die Trefflichkeiten des ausserordentlichsten und wunderbarsten aller Schriftsteller nicht unempfindlich bleiben wurden."

"Ja", rief Wilhelm aus, "ich erinnere mich nicht, dass ein Buch, ein Mensch oder irgendeine Begebenheit des Lebens so grosse Wirkungen auf mich hervorgebracht hatte als die kostlichen Stucke, die ich durch Ihre Gutigkeit habe kennen lernen. Sie scheinen ein Werk eines himmlischen Genius zu sein, der sich den Menschen nahert, um sie mit sich selbst auf die gelindeste Weise bekannt zu machen. Es sind keine Gedichte! Man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren Buchern des Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegtesten Lebens saust und sie mit Gewalt rasch hin und wider blattert. Ich bin uber die Starke und Zartheit uber die Gewalt und Ruhe so erstaunt und ausser aller Fassung gebracht, dass ich nur mit Sehnsucht auf die Zeit warte, da ich mich in einem Zustande befinden werde, weiterzulesen."

"Bravo", sagte Jarno, indem er unserm Freunde die Hand reichte und sie ihm druckte, "so wollte ich es haben! und die Folgen, die ich hoffe, werden gewiss auch nicht ausbleiben."

"Ich wunschte", versetzte Wilhelm, "dass ich Ihnen alles, was gegenwartig in mir vorgeht, entdecken konnte. Alle Vorgefuhle, die ich jemals uber Menschheit und ihre Schicksale gehabt, die mich von Jugend auf, mir selbst unbemerkt, begleiteten, finde ich in Shakespeares Stucken erfullt und entwickelt. Es scheint, als wenn er uns alle Ratsel offenbarte, ohne dass man doch sagen kann: 'hier oder da ist das Wort der Auflosung'. Seine Menschen scheinen naturliche Menschen zu sein, und sie sind es doch nicht. Diese geheimnisvollsten und zusammengesetztesten Geschopfe der Natur handeln vor uns in seinen Stucken, als wenn sie Uhren waren, deren Zifferblatt und Gehause man von Kristall gebildet hatte, sie zeigen nach ihrer Bestimmung den Lauf der Stunden an, und man kann zugleich das Rader- und Federwerk erkennen, das sie treibt. Diese wenigen Blicke, die ich in Shakespeares Welt getan, reizen mich mehr als irgend etwas andres, in der wirklichen Welt schnellere Fortschritte vorwarts zu tun, mich in die Flut der Schicksale zu mischen, die uber sie verhangt sind, und dereinst, wenn es mir glucken sollte, aus dem grossen Meere der wahren Natur wenige Becher zu schopfen und sie von der Schaubuhne dem lechzenden Publikum meines Vaterlandes auszuspenden."

"Wie freut mich die Gemutsverfassung, in der ich Sie sehe", versetzte Jarno und legte dem bewegten Jungling die Hand auf die Schulter. "Lassen Sie den Vorsatz nicht fahren, in ein tatiges Leben uberzugehen, und eilen Sie, die guten Jahre, die Ihnen gegonnt sind, wacker zu nutzen. Kann ich Ihnen behulflich sein, so geschieht es von ganzem Herzen. Noch habe ich nicht gefragt, wie Sie in diese Gesellschaft gekommen sind, fur die Sie weder geboren noch erzogen sein konnen. So viel hoffe ich und sehe ich, dass Sie sich heraussehnen. Ich weiss nichts von Ihrer Herkunft, von Ihren hauslichen Umstanden; uberlegen Sie, was Sie mir vertrauen wollen. So viel kann ich Ihnen nur sagen, die Zeiten des Krieges, in denen wir leben, konnen schnelle Wechsel des Gluckes hervorbringen; mogen Sie Ihre Krafte und Talente unserm Dienste widmen, Muhe und, wenn es not tut, Gefahr nicht scheuen, so habe ich eben jetzo eine Gelegenheit, Sie an einen Platz zu stellen, den eine Zeitlang bekleidet zu haben Sie in der Folge nicht gereuen wird." Wilhelm konnte seinen Dank nicht genug ausdrucken und war willig, seinem Freunde und Beschutzer die ganze Geschichte seines Lebens zu erzahlen.

Sie hatten sich unter diesem Gesprache weit in den Park verloren und waren auf die Landstrasse, welche durch denselben ging, gekommen. Jarno stand einen Augenblick still und sagte: "Bedenken Sie meinen Vorschlag, entschliessen Sie sich, geben Sie mir in einigen Tagen Antwort und schenken Sie mir Ihr Vertrauen. Ich versichre Sie, es ist mir bisher unbegreiflich gewesen, wie Sie sich mit solchem Volke haben gemein machen konnen. Ich hab' es oft mit Ekel und Verdruss gesehen, wie Sie, um nur einigermassen leben zu konnen, Ihr Herz an einen herumziehenden Bankelsanger und an ein albernes, zwitterhaftes Geschopf hangen mussten."

Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Offizier zu Pferde eilends herankam, dem ein Reitknecht mit einem Handpferd folgte. Jarno rief ihm einen lebhaften Gruss zu. Der Offizier sprang vom Pferde, beide umarmten sich und unterhielten sich miteinander, indem Wilhelm, besturzt uber die letzten Worte seines kriegerischen Freundes, in sich gekehrt an der Seite stand. Jarno durchblatterte einige Papiere, die ihm der Ankommende uberreicht hatte; dieser aber ging auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und rief mit Emphase: "Ich treffe Sie in einer wurdigen Gesellschaft; folgen Sie dem Rate Ihres Freundes, und erfullen Sie dadurch zugleich die Wunsche eines Unbekannten, der herzlichen Teil an Ihnen nimmt." Er sprach's, umarmte Wilhelmen, druckte ihn mit Lebhaftigkeit an seine Brust. Zu gleicher Zeit trat Jarno herbei und sagte zu dem Fremden: "Es ist am besten, ich reite gleich mit Ihnen hinein, so konnen Sie die notigen Ordres erhalten, und Sie reiten noch vor Nacht wieder fort." Beide schwangen sich darauf zu Pferde und uberliessen unsern verwunderten Freund seinen eigenen Betrachtungen.

Die letzten Worte Jarnos klangen noch in seinen Ohren. Ihm war unertraglich, das Paar menschlicher Wesen, das ihm unschuldigerweise seine Neigung abgewonnen hatte, durch einen Mann, den er so sehr verehrte, so tief heruntergesetzt zu sehen. Die sonderbare Umarmung des Offiziers, den er nicht kannte, machte wenig Eindruck auf ihn, sie beschaftigte seine Neugierde und Einbildungskraft einen Augenblick; aber Jarnos Reden hatten sein Herz getroffen; er war tief verwundet, und nun brach er auf seinem Ruckwege gegen sich selbst in Vorwurfe aus, dass er nur einen Augenblick die hartherzige Kalte Jarnos, die ihm aus den Augen heraussehe und aus allen seinen Gebarden spreche, habe verkennen und vergessen mogen. "Nein", rief er aus, "du bildest dir nur ein, du abgestorbener Weltmann, dass du ein Freund sein konntest! Alles, was du mir anbieten magst, ist der Empfindung nicht wert, die mich an diese Unglucklichen bindet. Welch ein Gluck, dass ich noch beizeiten entdecke, was ich von dir zu erwarten hatte!"

Er schloss Mignon, die ihm entgegenkam, in die Arme und rief aus: "Nein, uns soll nichts trennen, du gutes kleines Geschopf! Die scheinbare Klugheit der Welt soll mich nicht vermogen, dich zu verlassen, noch zu vergessen, was ich dir schuldig bin."

Das Kind, dessen heftige Liebkosungen er sonst abzulehnen pflegte, erfreute sich dieses unerwarteten Ausdrucks der Zartlichkeit und hing sich so fest an ihn, dass er es nur mit Muhe zuletzt loswerden konnte.

Seit dieser Zeit gab er mehr auf Jarnos Handlungen acht, die ihm nicht alle lobenswurdig schienen; ja, es kam wohl manches vor, das ihm durchaus missfiel. So hatte er zum Beispiel starken Verdacht, das Gedicht auf den Baron, welches der arme Pedant so teuer hatte bezahlen mussen, sei Jarnos Arbeit. Da nun dieser in Wilhelms Gegenwart uber den Vorfall gescherzt hatte, glaubte unser Freund hierin das Zeichen eines hochst verdorbenen Herzens zu erkennen; denn was konnte boshafter sein, als einen Unschuldigen, dessen Leiden man verursacht, zu verspotten und weder an Genugtuung noch Entschadigung zu denken! Gern hatte Wilhelm sie selbst veranlasst, denn er war durch einen sehr sonderbaren Zufall den Tatern jener nachtlichen Misshandlung auf die Spur gekommen.

Man hatte ihm bisher immer zu verbergen gewusst, dass einige junge Offiziere im unteren Saale des alten Schlosses mit einem Teile der Schauspieler und Schauspielerinnen ganze Nachte auf eine lustige Weise zubrachten. Eines Morgens, als er nach seiner Gewohnheit fruh aufgestanden, kam er von ungefahr in das Zimmer und fand die jungen Herren, die eine hochst sonderbare Toilette zu machen im Begriff stunden. Sie hatten in einen Napf mit Wasser Kreide eingerieben und trugen den Teig mit einer Burste auf ihre Westen und Beinkleider, ohne sie auszuziehen, und stellten also die Reinlichkeit ihrer Garderobe auf das schnellste wieder her. Unserm Freunde, der sich uber diese Handgriffe wunderte, fiel der weiss bestaubte und befleckte Rock des Pedanten ein; der Verdacht wurde um soviel starker, als er erfuhr, dass einige Verwandte des Barons sich unter der Gesellschaft befanden.

Um diesem Verdacht naher auf die Spur zu kommen, suchte er die jungen Herren mit einem kleinen Fruhstucke zu beschaftigen. Sie waren sehr lebhaft und erzahlten viele lustige Geschichten. Der eine besonders, der eine Zeitlang auf Werbung gestanden, wusste nicht genug die List und Tatigkeit seines Hauptmanns zu ruhmen, der alle Arten von Menschen an sich zu ziehen und jeden nach seiner Art zu uberlisten verstand. Umstandlich erzahlte er, wie junge Leute von gutem Hause und sorgfaltiger Erziehung durch allerlei Vorspiegelungen einer anstandigen Versorgung betrogen worden, und lachte herzlich uber die Gimpel, denen es im Anfange so wohlgetan habe, sich von einem angesehenen, tapferen, klugen und freigebigen Offizier geschatzt und hervorgezogen zu sehen.

Wie segnete Wilhelm seinen Genius, der ihm so unvermutet den Abgrund zeigte, dessen Rande er sich unschuldigerweise genahert hatte! Er sah nun in Jarno nichts als den Werber; die Umarmung des fremden Offiziers war ihm leicht erklarlich. Er verabscheute die Gesinnungen dieser Manner und vermied von dem Augenblicke mit irgend jemand, der eine Uniform trug, zusammenzukommen, und so ware ihm die Nachricht, dass die Armee weiter vorwartsrucke, sehr angenehm gewesen, wenn er nicht zugleich hatte furchten mussen, aus der Nahe seiner schonen Freundin, vielleicht auf immer, verbannt zu werden.

Zwolftes Kapitel

Inzwischen hatte die Baronesse mehrere Tage, von Sorgen und einer unbefriedigten Neugierde gepeinigt, zugebracht. Denn das Betragen des Grafen seit jenem Abenteuer war ihr ein volliges Ratsel. Er war ganz aus seiner Manier herausgegangen; von seinen gewohnlichen Scherzen horte man keinen. Seine Forderungen an die Gesellschaft und an die Bedienten hatten sehr nachgelassen. Von Pedanterie und gebieterischem Wesen merkte man wenig, vielmehr war er still und in sich gekehrt; jedoch schien er heiter und wirklich ein anderer Mensch zu sein. Bei Vorlesungen, zu denen er zuweilen Anlass gab, wahlte er ernsthafte, oft religiose Bucher, und die Baronesse lebte in bestandiger Furcht, es machte hinter dieser anscheinenden Ruhe sich ein geheimer Groll verbergen, ein stiller Vorsatz, den Frevel, den er so zufallig entdeckt, zu rachen. Sie entschloss sich daher, Jarno zu ihrem Vertrauten zu machen, und sie konnte es um so mehr, als sie mit ihm in einem Verhaltnisse stand, in dem man sich sonst wenig zu verbergen pflegt. Jarno war seit kurzer Zeit ihr entschiedener Freund; doch waren sie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden vor der larmenden Welt, die sie umgab, zu verbergen. Nur den Augen der Grafin war dieser neue Roman nicht entgangen, und hochst wahrscheinlich suchte die Baronesse ihre Freundin gleichfalls zu beschaftigen, um den stillen Vorwurfen zu entgehen, welche sie denn doch manchmal von jener edlen Seele zu erdulden hatte.

Kaum hatte die Baronesse ihrem Freunde die Geschichte erzahlt, als er lachend ausrief: "Da glaubt der Alte gewiss, sich selbst gesehen zu haben! er furchtet, dass ihm diese Erscheinung Ungluck, ja vielleicht gar den Tod bedeute, und nun ist er zahm geworden wie alle die Halbmenschen, wenn sie an die Auflosung denken, welcher niemand entgangen ist, noch entgehen wird. Nur stille! da ich hoffe, dass er noch lange leben soll, so wollen wir ihn bei dieser Gelegenheit wenigstens so formieren, dass er seiner Frau und seinen Hausgenossen nicht mehr zur Last sein soll."

Sie fingen nun, sobald es nur schicklich war, in Gegenwart des Grafen an, von Ahnungen, Erscheinungen und dergleichen zu sprechen. Jarno spielte den Zweifler, seine Freundin gleichfalls, und sie trieben es so weit, dass der Graf endlich Jarno beiseitenahm, ihm seine Freigeisterei verwies und ihn durch sein eignes Beispiel von der Moglichkeit und Wirklichkeit solcher Geschichten zu uberzeugen suchte. Jarno spielte den Betroffenen, Zweifelnden und endlich den Uberzeugten, machte sich aber gleich darauf in stiller Nacht mit seiner Freundin desto lustiger uber den schwachen Weltmann, der nun auf einmal von seinen Unarten durch einen Popanz bekehrt worden, und der nur noch deswegen zu loben sei, weil er mit so vieler Fassung ein bevorstehendes Ungluck, ja vielleicht gar den Tod erwarte.

"Auf die naturlichste Folge, welche diese Erscheinung hatte haben konnen, mochte er doch wohl nicht gefasst sein!" rief die Baronesse mit ihrer gewohnlichen Munterkeit, zu der sie, sobald ihr eine Sorge vom Herzen genommen war, gleich wieder ubergehen konnte. Jarno ward reichlich belohnt, und man schmiedete neue Anschlage, den Grafen noch mehr kirre zu machen und die Neigung der Grafin zu Wilhelm noch mehr zu reizen und zu bestarken.

In dieser Absicht erzahlte man der Grafin die ganze Geschichte, die sich zwar anfangs unwillig daruber zeigte, aber seit der Zeit nachdenklicher ward und in ruhigen Augenblicken jene Szene, die ihr zubereitet war, zu bedenken, zu verfolgen und auszumalen schien.

Die Anstalten, welche nunmehr von allen Seiten getroffen wurden, liessen keinen Zweifel mehr ubrig, dass die Armeen bald vorwartsrucken und der Prinz zugleich sein Hauptquartier verandern wurde; ja es hiess, dass der Graf zugleich auch das Gut verlassen und wieder nach der Stadt zuruckkehren werde. Unsere Schauspieler konnten sich also leicht die Nativitat stellen; doch nur der einzige Melina nahm seine Massregeln darnach, die andern suchten nur noch von dem Augenblicke soviel als moglich das Vergnuglichste zu erhaschen.

Wilhelm war indessen auf eine eigene Weise beschaftigt. Die Grafin hatte von ihm die Abschrift seiner Stucke verlangt, und er sah diesen Wunsch der liebenswurdigen Frau als die schonste Belohnung an.

Ein junger Autor, der sich noch nicht gedruckt gesehn, wendet in einem solchen Falle die grosste Aufmerksamkeit auf eine reinliche und zierliche Abschrift seiner Werke. Es ist gleichsam das goldne Zeitalter der Autorschaft; man sieht sich in jene Jahrhunderte versetzt, in denen die Presse noch nicht die Welt mit so viel unnutzen Schriften uberschwemmt hatte, wo nur wurdige Geistesprodukte abgeschrieben und von den edelsten Menschen verwahrt wurden, und wie leicht begeht man alsdann den Fehlschluss, dass ein sorgfaltig abgezirkeltes Manuskript auch ein wurdiges Geistesprodukt sei, wert, von einem Kenner und Beschutzer besessen und aufgestellt zu werden.

Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in kurzem abgehen sollte, noch ein grosses Gastmahl angestellt. Viele Damen aus der Nachbarschaft waren geladen, und die Grafin hatte sich beizeiten angezogen. Sie hatte diesen Tag ein reicheres Kleid angelegt, als sie sonst zu tun gewohnt war. Frisur und Aufsatz waren gesuchter, sie war mit allen ihren Juwelen geschmuckt. Ebenso hatte die Baronesse das mogliche getan, um sich mit Pracht und Geschmack anzukleiden.

Philine, als sie merkte, dass den beiden Damen in Erwartung ihrer Gaste die Zeit zu lang wurde, schlug vor, Wilhelmen kommen zu lassen, der sein fertiges Manuskript zu uberreichen und noch einige Kleinigkeiten vorzulesen wunsche. Er kam und erstaunte im Hereintreten uber die Gestalt, uber die Anmut der Grafin, die durch ihren Putz nur sichtbarer geworden waren. Er las nach dem Befehle der Damen, allein so zerstreut und schlecht, dass, wenn die Zuhorerinnen nicht so nachsichtig gewesen waren, sie ihn gar bald wurden entlassen haben.

Sooft er die Grafin anblickte, schien es ihm, als wenn ein elektrischer Funke sich vor seinen Augen zeigte; er wusste zuletzt nicht mehr, wo er Atem zu seiner Rezitation hernehmen solle. Die schone Dame hatte ihm immer gefallen; aber jetzt schien es ihm, als ob er nie etwas Vollkommneres gesehen hatte, und von den tausenderlei Gedanken, die sich in seiner Seele kreuzten, mochte ungefahr folgendes der Inhalt sein:

"Wie toricht lehnen sich doch so viele Dichter und sogenannte gefuhlvolle Menschen gegen Putz und Pracht auf und verlangen nur in einfachen, der Natur angemessenen Kleidern die Frauen alles Standes zu sehen. Sie schelten den Putz, ohne zu bedenken, dass es der arme Putz nicht ist, der uns missfallt, wenn wir eine hassliche oder minder schone Person reich und sonderbar gekleidet erblicken; aber ich wollte alle Kenner der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie wunschten, etwas von diesen Falten, von diesen Bandern und Spitzen, von diesen Puffen, Locken und leuchtenden Steinen wegzunehmen? Wurden sie nicht furchten den angenehmen Eindruck zu storen, der ihnen hier so willig und naturlich entgegenkommt? Ja 'naturlich' darf ich wohl sagen! Wenn Minerva ganz gerustet aus dem Haupte des Jupiter entsprang, so scheinet diese Gottin in ihrem vollen Putze aus irgendeiner Blume mit leichtem Fusse hervorgetreten zu sein."

Er sah sie oft im Lesen an, als wenn er diesen Eindruck sich auf ewig einpragen wollte, und las einigemal falsch, ohne daruber in Verwirrung zu geraten, ob er gleich sonst uber die Verwechselung eines Wortes oder Buchstabens als uber einen leidigen Schandfleck einer ganzen Vorlesung verzweifeln konnte.

Ein falscher Larm, als wenn die Gaste angefahren kamen, machte der Vorstellung ein Ende; die Baronesse ging weg, und die Grafin, im Begriff, ihren Schreibtisch zuzumachen, der noch offenstand, ergriff ein Ringkastchen und steckte noch einige Ringe an die Finger. "Wir werden uns bald trennen", sagte sie, indem sie ihre Augen auf das Kastchen heftete. "Nehmen Sie ein Andenken von einer guten Freundin, die nichts lebhafter wunscht, als dass es Ihnen wohl gehen moge." Sie nahm darauf einen Ring heraus, der unter einem Kristall ein schon von Haaren geflochtenes Schild zeigte und mit Steinen besetzt war. Sie uberreichte ihn Wilhelmen, der, als er ihn annahm, nichts zu sagen und nichts zu tun wusste, sondern wie eingewurzelt in den Boden dastand. Die Grafin schloss den Schreibtisch zu und setzte sich auf ihren Sofa.

"Und ich soll leer ausgehen", sagte Philine, indem sie zur rechten Hand der Grafin niederkniete; "seht nur den Menschen, der zur Unzeit so viele Worte im Munde fuhrt und jetzt nicht einmal eine armselige Danksagung herstammeln kann. Frisch, mein Herr, tun Sie wenigstens pantomimisch Ihre Schuldigkeit, und wenn Sie heute selbst nichts zu erfinden wissen, so ahmen Sie mir wenigstens nach!"

Philine ergriff die rechte Hand der Grafin und kusste sie mit Lebhaftigkeit. Wilhelm sturzte auf seine Kniee, fasste die linke und druckte sie an seine Lippen. Die Grafin schien verlegen, aber ohne Widerwillen.

"Ach!" rief Philine aus, "so viel Schmuck hab' ich wohl schon gesehen, aber noch nie eine Dame, so wurdig, ihn zu tragen. Welche Armbander! aber auch welche Hand! Welcher Halsschmuck! aber auch welche Brust!"

"Stille, Schmeichlerin", rief die Grafin.

"Stellt denn das den Herrn Grafen vor?" sagte Philine, indem sie auf ein reiches Medaillon deutete, das die Grafin an kostbaren Ketten an der linken Seite trug.

"Er ist als Brautigam gemalt", versetzte die Grafin.

"War er denn damals so jung?" fragte Philine; "Sie sind ja nur erst, wie ich weiss, wenige Jahre verheiratet."

"Diese Jugend kommt auf die Rechnung des Malers", versetzte die Grafin.

"Es ist ein schoner Mann", sagte Philine. "Doch sollte wohl niemals", fuhr sie fort, indem sie die Hand auf das Herz der Grafin legte, "in diese verborgene Kapsel sich ein ander Bild eingeschlichen haben?"

"Du bist sehr verwegen, Philine!" rief sie aus; "ich habe dich verzogen. Lass mich so etwas nicht zum zweiten mal horen."

"Wenn Sie zurnen, bin ich unglucklich", rief Philine, sprang auf und eilte zur Ture hinaus.

Wilhelm hielt die schonste Hand noch in seinen Handen. Er sah unverwandt auf das Armschloss, das zu seiner grossten Verwunderung die Anfangsbuchstaben seiner Namen in brillantenen Zugen sehen liess.

"Besitz' ich", fragte er bescheiden, "in dem kostbaren Ringe denn wirklich Ihre Haare?"

"Ja", versetzte sie mit halber Stimme; dann nahm sie sich zusammen und sagte, indem sie ihm die Hand druckte: "Stehen Sie auf, und leben Sie wohl!"

"Hier steht mein Name", rief er aus, "durch den sonderbarsten Zufall!" Er zeigte auf das Armschloss.

"Wie?" rief die Grafin; "es ist die Chiffer einer Freundin!"

"Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens. Vergessen Sie meiner nicht. Ihr Bild steht unausloschlich in meinem Herzen. Leben Sie wohl, lassen Sie mich fliehen!"

Er kusste ihre Hand und wollte aufstehn; aber wie im Traum das Seltsamste aus dem Seltsamsten sich entwickelnd uns uberrascht, so hielt er, ohne zu wissen, wie es geschah, die Grafin in seinen Armen, ihre Lippen ruhten auf den seinigen und ihre wechselseitigen lebhaften Kusse gewahrten ihnen eine Seligkeit, die wir nur aus dem ersten aufbrausenen Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der Liebe schlurfen.

Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter, und der zerdruckten Locken und Bander ward nicht gedacht. Sie hatte ihren Arm um ihn geschlungen; er umfasste sie mit Lebhaftigkeit und druckte sie wiederholend an seine Brust. O dass ein solcher Augenblick nicht Ewigkeiten wahren kann, und wehe dem neidischen Geschick, das auch unsern Freunden diese kurzen Augenblicke unterbrach!

Wie erschrak Wilhelm, wie betaubt fuhr er aus einem glucklichen Traume auf, als die Grafin sich auf einmal mit einem Schrei von ihm losriss und mit der Hand nach ihrem Herzen fuhr.

Er stand betaubt vor ihr da; sie hielt die andere Hand vor die Augen und rief nach einer Pause: "Entfernen Sie sich, eilen Sie!"

Er stand noch immer.

"Verlassen Sie mich", rief sie, und indem sie die Hand von den Augen nahm und ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke ansah, setzte sie mit der lieblichsten Stimme hinzu: "Fliehen Sie mich, wenn Sie mich lieben!"

Wilhelm war aus dem Zimmer und wieder auf seiner Stube, eh' er wusste, wo er sich befand.

Die Unglucklichen! Welche sonderbare Warnung des Zufalls oder der Schickung riss sie auseinander?

Viertes Buch

Erstes Kapitel

Laertes stand nachdenklich am Fenster und blickte, auf seinen Arm gestutzt, in das Feld hinaus. Philine schlich uber den grossen Saal herbei, lehnte sich auf den Freund und verspottete sein ernsthaftes Ansehen.

"Lache nur nicht", versetzte er, "es ist abscheulich, wie die Zeit vergeht, wie alles sich verandert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier stand vor kurzem noch ein schones Lager, wie lustig sahen die Zelte aus! wie lebhaft ging es darin zu! wie sorgfaltig bewachte man den ganzen Bezirk! und nun ist alles auf einmal verschwunden. Nur kurze Zeit werden das zertretene Stroh und die eingegrabenen Kochlocher noch eine Spur zeigen; dann wird alles bald umgepflugt sein, und die Gegenwart so vieler tausend rustiger Menschen in dieser Gegend wird nur noch in den Kopfen einiger alten Leute spuken."

Philine fing an zu singen und zog ihren Freund zu einem Tanze in den Saal. "Lass uns", rief sie "da wir der Zeit nicht nachlaufen konnen, wenn sie voruber ist, sie wenigstens als eine schone Gottin, indem sie bei uns vorbeizieht, frohlich und zierlich verehren."

Sie hatten kaum einige Wendungen gemacht, als Madame Melina durch den Saal ging. Philine war boshaft genug, sie gleichfalls zum Tanze einzuladen und sie dadurch an die Missgestalt zu erinnern, in welche sie durch ihre Schwangerschaft versetzt war.

"Wenn ich nur", sagte Philine hinter ihrem Rukken, "keine Frau mehr guter Hoffnung sehen sollte!"

"Sie hofft doch", sagte Laertes.

"Aber es kleidet sie so hasslich. Hast du die vordere Wackelfalte des verkurzten Rocks gesehen, die immer vorausspaziert, wenn sie sich bewegt? Sie hat gar keine Art noch Geschick, sich nur ein bisschen zu mustern und ihren Zustand zu verbergen."

"Lass nur", sagte Laertes, "die Zeit wird ihr schon zu Hulfe kommen."

"Es ware doch immer hubscher", rief Philine, "wenn man die Kinder von den Baumen schuttelte."

Der Baron trat herein und sagte ihnen etwas Freundliches im Namen des Grafen und der Grafin, die ganz fruh abgereist waren, und machte ihnen einige Geschenke. Er ging darauf zu Wilhelmen, der sich im Nebenzimmer mit Mignon beschaftigte. Das Kind hatte sich sehr freundlich und zutatig bezeigt, nach Wilhelms Eltern, Geschwistern und Verwandten gefragt und ihn dadurch an seine Pflicht erinnert, den Seinigen von sich eine Nachricht zu geben.

Der Baron brachte ihm nebst einem Abschiedsgrusse von den Herrschaften die Versicherung, wie sehr der Graf mit ihm, seinem Spiele, seinen poetischen Arbeiten und seinen theatralischen Bemuhungen zufrieden gewesen sei. Er zog darauf zum Beweis dieser Gesinnung einen Beutel hervor, durch dessen schones Gewebe die reizende Farbe neuer Goldstucke durchschimmerte; Wilhelm trat zuruck und weigerte sich, ihn anzunehmen.

"Sehen Sie", fuhr der Baron fort, "diese Gabe als einen Ersatz fur Ihre Zeit, als eine Erkenntlichkeit fur Ihre Muhe, nicht als eine Belohnung Ihres Talents an. Wenn uns dieses einen guten Namen und die Neigung der Menschen verschafft, so ist billig, dass wir durch Fleiss und Anstrengung zugleich die Mittel erwerben, unsre Bedurfnisse zu befriedigen, da wir doch einmal nicht ganz Geist sind. Waren wir in der Stadt, wo alles zu finden ist, so hatte man diese kleine Summe in eine Uhr, einen Ring oder sonst etwas verwandelt; nun gebe ich aber den Zauberstab unmittelbar in Ihre Hande; schaffen Sie sich ein Kleinod dafur, das Ihnen am liebsten und am dienlichsten ist, und verwahren Sie es zu unserm Andenken. Dabei halten Sie ja den Beutel in Ehren. Die Damen haben ihn selbst gestrickt, und ihre Absicht war, durch das Gefass dem Inhalt die annehmlichste Form zu geben."

"Vergeben Sie", versetzte Wilhelm, "meiner Verlegenheit und meinen Zweifeln, dieses Geschenk anzunehmen. Es vernichtet gleichsam das wenige, was ich getan habe, und hindert das freie Spiel einer glucklichen Erinnerung. Geld ist eine schone Sache, wo etwas abgetan werden soll, und ich wunschte nicht in dem Andenken Ihres Hauses so ganz abgetan zu sein."

"Das ist nicht der Fall", versetzte der Baron; "aber indem Sie selbst zart empfinden, werden Sie nicht verlangen, dass der Graf sich vollig als Ihren Schuldner denken soll, ein Mann, der seinen grossten Ehrgeiz darein setzt, aufmerksam und gerecht zu sein. Ihm ist nicht entgangen, welche Muhe Sie sich gegeben, und wie Sie seinen Absichten ganz Ihre Zeit gewidmet haben, ja er weiss, dass Sie, um gewisse Anstalten zu beschleunigen, Ihr eignes Geld nicht schonten. Wie will ich wieder vor ihm erscheinen, wenn ich ihn nicht versichern kann, dass seine Erkenntlichkeit Ihnen Vergnugen gemacht hat."

"Wenn ich nur an mich selbst denken, wenn ich nur meinen eigenen Empfindungen folgen durfte", versetzte Wilhelm, "wurde ich mich, ungeachtet aller Grunde, hartnackig weigern, diese Gabe, so schon und ehrenvoll sie ist, anzunehmen; aber ich leugne nicht, dass sie mich in dem Augenblicke, in dem sie mich in Verlegenheit setzt, aus einer Verlegenheit reisst, in der ich mich bisher gegen die Meinigen befand, und die mir manchen stillen Kummer verursachte. Ich habe sowohl mit dem Gelde als mit der Zeit, von denen ich Rechenschaft zu geben habe, nicht zum besten hausgehalten; nun wird es mir durch den Edelmut des Herrn Grafen moglich, den Meinigen getrost von dem Glucke Nachricht zu geben, zu dem mich dieser sonderbare Seitenweg gefuhrt hat. Ich opfre die Delikatesse, die uns wie ein zartes Gewissen bei solchen Gelegenheiten warnt, einer hohern Pflicht auf, und um meinem Vater mutig unter die Augen treten zu konnen, steh' ich beschamt vor den Ihrigen."

"Es ist sonderbar", versetzte der Baron, "welch ein wunderlich Bedenken man sich macht, Geld von Freunden und Gonnern anzunehmen, von denen man jede andere Gabe mit Dank und Freude empfangen wurde. Die menschliche Natur hat mehr ahnliche Eigenschaften, solche Skrupel gern zu erzeugen und sorgfaltig zu nahren."

"Ist es nicht das namliche mit allen Ehrenpunkten?" fragte Wilhelm.

"Ach ja", versetzte der Baron, "und andern Vorurteilen. Wir wollen sie nicht ausjaten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit auszuraufen. Aber mich freut immer, wenn einzelne Personen fuhlen, uber was man sich hinaussetzen kann und soll, und ich denke mit Vergnugen an die Geschichte des geistreichen Dichters, der fur ein Hoftheater einige Stucke verfertigte, welche den ganzen Beifall des Monarchen erhielten. 'Ich muss ihn ansehnlich belohnen', sagte der grossmutige Furst; 'man forsche an ihm, ob ihm irgendein Kleinod Vergnugen macht, oder ob er nicht verschmaht, Geld anzunehmen.' Nach seiner scherzhaften Art antwortete der Dichter dem abgeordneten Hofmann: 'Ich danke lebhaft fur die gnadigen Gesinnungen, und da der Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe ich nicht ein, warum ich mich schamen sollte, Geld von ihm anzunehmen.'"

Der Baron hatte kaum das Zimmer verlassen, als Wilhelm eifrig die Barschaft zahlte, die ihm so unvermutet und, wie er glaubte, so unverdient zugekommen war. Es schien, als ob ihm der Wert und die Wurde des Goldes, die uns in spatern Jahren erst fuhlbar werden, ahnungsweise zum erstenmal entgegenblickten, als die schonen blinkenden Stucke aus dem zierlichen Beutel hervorrollten. Er machte seine Rechnung und fand, dass er, besonders da Melina den Vorschuss sogleich wieder zu bezahlen versprochen hatte, ebensoviel, ja noch mehr in Kassa habe als an jenem Tage, da Philine ihm den ersten Strauss abfordern liess. Mit heimlicher Zufriedenheit blickte er auf sein Talent, mit einem kleinen Stolze auf das Gluck, das ihn geleitet und begleitet hatte. Er ergriff nunmehr mit Zuversicht die Feder, um einen Brief zu schreiben, der auf einmal die Familie aus aller Verlegenheit und sein bisheriges Betragen in das beste Licht setzen sollte. Er vermied eine eigentliche Erzahlung und liess nur in bedeutenden und mystischen Ausdrucken dasjenige, was ihm begegnet sein konnte, erraten. Der gute Zustand seiner Kasse, der Erwerb, den er seinem Talent schuldig war, die Gunst der Grossen, die Neigung der Frauen, die Bekanntschaft in einem weiten Kreise, die Ausbildung seiner korperlichen und geistigen Anlagen, die Hoffnung fur die Zukunft bildeten ein solches wunderliches Luftgemalde, dass Fata Morgana selbst es nicht seltsamer hatte durcheinander wirken konnen.

In dieser glucklichen Exaltation fuhr er fort, nachdem der Brief geschlossen war, ein langes Selbstgesprach zu unterhalten, in welchem er den Inhalt des Schreibens rekapitulierte, und sich eine tatige und wurdige Zukunft ausmalte. Das Beispiel so vieler edlen Krieger hatte ihn angefeuert, die Shakespearische Dichtung hatte ihm eine neue Welt eroffnet, und von den Lippen der schonen Grafin hatte er ein unaussprechliches Feuer in sich gesogen. Das alles konnte, das sollte nicht ohne Wirkung bleiben.

Der Stallmeister kam und fragte, ob sie mit Einpakken fertig seien. Leider hatte ausser Melina noch niemand daran gedacht. Nun sollte man eilig aufbrechen. Der Graf hatte versprochen, die ganze Gesellschaft einige Tagereisen weit transportieren zu lassen, die Pferde waren eben bereit und konnten nicht lange entbehrt werden. Wilhelm fragte nach seinem Koffer; Madame Melina hatte sich ihn zunutze gemacht; er verlangte nach seinem Gelde, Herr Melina hatte es ganz unten in den Koffer mit grosser Sorgfalt gepackt. Philine sagte: "Ich habe in dem meinigen noch Platz", nahm Wilhelms Kleider und befahl Mignon, das ubrige nachzubringen. Wilhelm musste es, nicht ohne Widerwillen, geschehen lassen.

Indem man aufpackte und alles zubereitete, sagte Melina: "Es ist mir verdriesslich, dass wir wie Seiltanzer und Marktschreier reisen; ich wunschte, dass Mignon Weiberkleider anzoge, und dass der Harfenspieler sich noch geschwinde den Bart scheren liesse." Mignon hielt sich fest an Wilhelm und sagte mit grosser Lebhaftigkeit: "Ich bin ein Knabe: ich will kein Madchen sein!" Der Alte schwieg, und Philine machte bei dieser Gelegenheit uber die Eigenheit des Grafen, ihres Beschutzers, einige lustige Anmerkungen. "Wenn der Harfner seinen Bart abschneidet", sagte sie, "so mag er ihn nur sorgfaltig auf Band nahen und bewahren, dass er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er dem Grafen irgendwo in der Welt begegnet; denn dieser Bart allein hat ihm die Gnade dieses Herrn verschafft."

Als man in sie drang und eine Erklarung dieser sonderbaren Ausserung verlangte, liess sie sich folgendergestalt vernehmen: "Der Graf glaubt, dass es zur Illusion sehr viel beitrage, wenn der Schauspieler auch im gemeinen Leben seine Rolle fortspielt und seinen Charakter souteniert; deswegen war er dem Pedanten so gunstig, und er fand, es sei recht gescheit, dass der Harfner seinen falschen Bart nicht allein abends auf dem Theater, sondern auch bestandig bei Tage trage, und freute sich sehr uber das naturliche Aussehen der Maskerade."

Als die andern uber diesen Irrtum und uber die sonderbaren Meinungen des Grafen spotteten, ging der Harfner mit Wilhelm beiseite, nahm von ihm Abschied und bat mit Tranen, ihn ja sogleich zu entlassen. Wilhelm redete ihm zu und versicherte, dass er ihn gegen jedermann schutzen werde, dass ihm niemand ein Haar krummen, viel weniger ohne seinen Willen abschneiden solle.

Der Alte war sehr bewegt, und in seinen Augen gluhte ein sonderbares Feuer. "Nicht dieser Anlass treibt mich hinweg", rief er aus; "schon lange mache ich mir stille Vorwurfe, dass ich um Sie bleibe. Ich sollte nirgends verweilen, denn das Ungluck ereilt mich und beschadigt die, die sich zu mir gesellen. Furchten Sie alles, wenn Sie mich nicht entlassen, aber fragen Sie mich nicht, ich gehore nicht mir zu, ich kann nicht bleiben."

"Wem gehorst du an? Wer kann eine solche Gewalt uber dich ausuben?"

"Mein Herr, lassen Sie mir mein schaudervolles Geheimnis, und geben Sie mich los! Die Rache, die mich verfolgt, ist nicht des irdischen Richters; ich gehore einem unerbittlichen Schicksale; ich kann nicht bleiben und ich darf nicht!"

"In diesem Zustande, in dem ich dich sehe, werde ich dich gewiss nicht lassen."

"Es ist Hochverrat an Ihnen, mein Wohltater, wenn ich zaudre. Ich bin sicher bei Ihnen, aber Sie sind in Gefahr. Sie wissen nicht, wen Sie in Ihrer Nahe hegen. Ich bin schuldig, aber unglucklicher als schuldig. Meine Gegenwart verscheucht das Gluck, und die gute Tat wird ohnmachtig, wenn ich dazu trete. Fluchtig und unstat sollt' ich sein, dass mein unglucklicher Genius mich nicht einholet, der mich nur langsam verfolgt und nur dann sich merken lasst, wenn ich mein Haupt niederlegen und ruhen will. Dankbarer kann ich mich nicht bezeigen, als wenn ich Sie verlasse."

"Sonderbarer Mensch! du kannst mir das Vertrauen in dich so wenig nehmen als die Hoffnung, dich glucklich zu sehen. Ich will in die Geheimnisse deines Aberglaubens nicht eindringen; aber wenn du ja in Ahnung wunderbarer Verknupfungen und Vorbedeutungen lebst, so sage ich dir zu deinem Trost und zu deiner Aufmunterung: geselle dich zu meinem Glukke, und wir wollen sehen, welcher Genius der starkste ist, dein schwarzer oder mein weisser!"

Wilhelm ergriff diese Gelegenheit, um ihm noch mancherlei Trostliches zu sagen; denn er hatte schon seit einiger Zeit in seinem wunderbaren Begleiter einen Menschen zu sehen geglaubt, der durch Zufall oder Schickung eine grosse Schuld auf sich geladen hat und nun die Erinnerung derselben immer mit sich fortschleppt. Noch vor einigen Tagen hatte Wilhelm seinen Gesang behorcht und folgende Zeilen wohl bemerkt:

Ihm farbt der Morgensonne Licht

Den reinen Horizont mit Flammen,

Und uber seinem schuld'gen Haupte bricht

Das schone Bild der ganzen Welt zusammen.

Der Alte mochte nun sagen, was er wollte, so hatte Wilhelm immer ein starker Argument, wusste alles zum besten zu kehren und zu wenden, wusste so brav, so herzlich und trostlich zu sprechen, dass der Alte selbst wieder aufzuleben und seinen Grillen zu entsagen schien.

Zweites Kapitel

Melina hatte Hoffnung, in einer kleinen, aber wohlhabenden Stadt mit seiner Gesellschaft unterzukommen. Schon befanden sie sich an dem Orte, wohin sie die Pferde des Grafen gebracht hatten, und sahen sich nach andern Wagen und Pferden um, mit denen sie weiter zu kommen hofften. Melina hatte den Transport ubernommen und zeigte sich, nach seiner Gewohnheit, ubrigens sehr karg. Dagegen hatte Wilhelm die schonen Dukaten der Grafin in der Tasche, auf deren frohliche Verwendung er das grosste Recht zu haben glaubte, und sehr leicht vergass er, dass er sie in der stattlichen Bilanz, die er den Seinigen zuschickte, schon sehr ruhmredig aufgefuhrt hatte.

Sein Freund Shakespeare, den er mit grosser Freude auch als seinen Paten anerkannte, und sich nur um so lieber Wilhelm nennen liess, hatte ihm einen Prinzen bekannt gemacht, der sich unter geringer, ja sogar schlechter Gesellschaft eine Zeitlang aufhalt und, ungeachtet seiner edlen Natur, an der Roheit, Unschicklichkeit und Albernheit solcher ganz sinnlichen Bursche sich ergotzt. Hochst willkommen war ihm das Ideal, womit er seinen gegenwartigen Zustand vergleichen konnte, und der Selbstbetrug, wozu er eine fast unuberwindliche Neigung spurte, ward ihm dadurch ausserordentlich erleichtert.

Er fing nun an, uber seine Kleidung nachzudenken. Er fand, dass ein Westchen, uber das man im Notfall einen kurzen Mantel wurfe, fur einen Wanderer eine sehr angemessene Tracht sei. Lange gestrickte Beinkleider und ein Paar Schnurstiefeln schienen die wahre Tracht eines Fussgangers. Dann verschaffte er sich eine schone seidne Scharpe, die er zuerst unter dem Vorwande, den Leib warm zu halten, umband; dagegen befreite er seinen Hals von der Knechtschaft einer Binde und liess sich einige Streifen Nesseltuch ans Hemde heften, die aber etwas breit gerieten und das vollige Ansehen eines antiken Kragens erhielten. Das schone seidne Halstuch, das gerettete Andenken Marianens, lag nur locker geknupft unter der nesseltuchnen Krause. Ein runder Hut mit einem bunten Bande und einer grossen Feder machte die Maskerade vollkommen.

Die Frauen beteuerten, diese Tracht lasse ihm vorzuglich gut. Philine stellte sich ganz bezaubert daruber und bat sich seine schonen Haare aus, die er, um dem naturlichen Ideal nur desto naher zu kommen, unbarmherzig abgeschnitten hatte. Sie empfahl sich dadurch nicht ubel, und unser Freund, der durch seine Freigebigkeit sich das Recht erworben hatte, auf Prinz Harrys Manier mit den ubrigen umzugehen, kam bald selbst in den Geschmack, einige tolle Streiche anzugeben und zu befordern. Man focht, man tanzte, man erfand allerlei Spiele, und in der Frohlichkeit des Herzens genoss man des leidlichen Weins, den man angetroffen hatte, in starkem Masse, und Philine lauerte in der Unordnung dieser Lebensart dem sproden Helden auf, fur den sein guter Genius Sorge tragen moge.

Eine vorzugliche Unterhaltung, mit der sich die Gesellschaft besonders ergotzte, bestand in einem extemporierten Spiel, in welchem sie ihre bisherigen Gonner und Wohltater nachahmten und durchzogen. Einige unter ihnen hatten sich sehr gut die Eigenheiten des aussern Anstandes verschiedner vornehmer Personen gemerkt, und die Nachbildung derselben ward von der ubrigen Gesellschaft mit dem grossten Beifall aufgenommen, und als Philine aus dem geheimen Archiv ihrer Erfahrungen einige besondere Liebeserklarungen, die an sie geschehen waren, vorbrachte, wusste man sich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu lassen.

Wilhelm schalt ihre Undankbarkeit; allein man setzte ihm entgegen, dass sie das, was sie dort erhalten, genugsam abverdient, und dass uberhaupt das Betragen gegen so verdienstvolle Leute, wie sie sich zu sein ruhmten, nicht das beste gewesen sei. Nun beschwerte man sich, mit wie wenig Achtung man ihnen begegnet, wie sehr man sie zuruckgesetzt habe. Das Spotten, Necken und Nachahmen ging wieder an, und man ward immer bitterer und ungerechter.

"Ich wunschte", sagte Wilhelm darauf, "dass durch eure Ausserungen weder Neid noch Eigenliebe durchschiene, und dass ihr jene Personen und ihre Verhaltnisse aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtet. Es ist eine eigene Sache, schon durch die Geburt auf einen erhabenen Platz in der menschlichen Gesellschaft gesetzt zu sein. Wem ererbte Reichtumer eine vollkommene Leichtigkeit des Daseins verschafft haben, wer sich, wenn ich mich so ausdrucken darf, von allem Beiwesen der Menschheit von Jugend auf reichlich umgeben findet, gewohnt sich meist, diese Guter als das Erste und Grosste zu betrachten, und der Wert einer von der Natur schon ausgestatteten Menschheit wird ihm nicht so deutlich. Das Betragen der Vornehmen gegen Geringere und auch untereinander ist nach aussern Vorzugen abgemessen; sie erlauben jedem, seinen Titel, seinen Rang, seine Kleider und Equipage, nur nicht seine Verdienste geltend zu machen."

Diesen Worten gab die Gesellschaft einen unmassigen Beifall. Man fand abscheulich, dass der Mann von Verdienst immer zuruckstehen musse, und dass in der grossen Welt keine Spur von naturlichem und herzlichem Umgang zu finden sei. Sie kamen besonders uber diesen Punkt aus dem Hundertsten ins Tausendste.

"Scheltet sie nicht daruber", rief Wilhelm aus, "bedauert sie vielmehr! Denn von jenem Gluck, das wir als das hochste erkennen, das aus dem innern Reichtum der Natur fliesst, haben sie selten eine erhohte Empfindung. Nur uns Armen, die wir wenig oder nichts besitzen, ist es gegonnt, das Gluck der Freundschaft in reichem Masse zu geniessen. Wir konnen unsre Geliebten weder durch Gnade erheben, noch durch Gunst befordern, noch durch Gedanken beglukken. Wir haben nichts als uns selbst. Dieses ganze Selbst mussen wir hingeben und, wenn es einigen Wert haben soll, dem Freunde das Gut auf ewig versichern. Welch ein Genuss, welch ein Gluck fur den Geber und Empfanger! In welchen seligen Zustand versetzt uns die Treue! sie gibt dem vorubergehenden Menschenleben eine himmlische Gewissheit; sie macht das Hauptkapital unsers Reichtums aus."

Mignon hatte sich ihm unter diesen Worten genahert, schlang ihre zarten Arme um ihn und blieb mit dem Kopfchen an seine Brust gelehnt stehen. Er legte die Hand auf des Kindes Haupt und fuhr fort: "Wie leicht wird es einem Grossen, die Gemuter zu gewinnen! wie leicht eignet er sich die Herzen zu! Ein gefalliges, bequemes, nur einigermassen menschliches Betragen tut Wunder, und wie viele Mittel hat er, die einmal erworbenen Geister festzuhalten! Uns kommt alles seltener, wird alles schwerer, und wie naturlich ist es, dass wir auf das, was wir erwerben und leisten, einen grossern Wert legen. Welche ruhrenden Beispiele von treuen Dienern, die sich fur ihre Herren aufopferten! Wie schon hat uns Shakespeare solche geschildert! Die Treue ist in diesem Falle ein Bestreben einer edlen Seele, einem Grossern gleich zu werden. Durch fortdauernde Anhanglichkeit und Liebe wird der Diener seinem Herrn gleich, der ihn sonst nur als einen bezahlten Sklaven anzusehen berechtigt ist. Ja, diese Tugenden sind nur fur den geringen Stand; er kann sie nicht entbehren, und sie kleiden ihn schon. Wer sich leicht loskaufen kann, wird so leicht versucht, sich auch der Erkenntlichkeit zu uberheben. Ja, in diesem Sinne glaube ich behaupten zu konnen, dass ein Grosser wohl Freunde haben, aber nicht Freund sein konne."

Mignon druckte sich immer fester an ihn.

"Nun gut", versetzte einer aus der Gesellschaft, "wir brauchen ihre Freundschaft nicht und haben sie niemals verlangt. Nur sollten sie sich besser auf Kunste verstehen, die sie doch beschutzen wollen. Wenn wir am besten gespielt haben, hat uns niemand zugehort: alles war lauter Parteilichkeit. Wem man gunstig war, der gefiel, und man war dem nicht gunstig, der zu gefallen verdiente. Es war nicht erlaubt, wie oft das Alberne und Abgeschmackte Aufmerksamkeit und Beifall auf sich zog."

"Wenn ich abrechne", versetzte Wilhelm, "was Schadenfreude und Ironie gewesen sein mag, so denk' ich, es geht in der Kunst wie in der Liebe. Wie will der Weltmann bei seinem zerstreuten Leben die Innigkeit erhalten, in der ein Kunstler bleiben muss, wenn er etwas Vollkommenes hervorzubringen denkt, und die selbst demjenigen nicht fremd sein darf, der einen solchen Anteil am Werke nehmen will, wie der Kunstler ihn wunscht und hofft.

Glaubt mir, meine Freunde, es ist mit den Talenten wie mit der Tugend: man muss sie um ihrer selbst willen lieben oder sie ganz aufgeben. Und doch werden sie beide nicht anders erkannt und belohnt, als wenn man sie, gleich einem gefahrlichen Geheimnis, im Verborgenen uben kann."

"Unterdessen, bis ein Kenner uns auffindet, kann man Hungers sterben", rief einer aus der Ecke.

"Nicht eben sogleich", versetzte Wilhelm. "Ich habe gesehen, solange einer lebt und sich ruhrt, findet er immer seine Nahrung, und wenn sie auch gleich nicht die reichlichste ist. Und woruber habt ihr euch denn zu beschweren? Sind wir nicht ganz unvermutet, eben da es mit uns am schlimmsten aussah, gut aufgenommen und bewirtet worden? Und jetzt, da es uns noch an nichts gebricht, fallt es uns denn ein, etwas zu unserer Ubung zu tun und nur einigermassen weiter zu streben? Wir treiben fremde Dinge und entfernen, den Schulkindern ahnlich, alles, was uns nur an unsre Lektion erinnern konnte."

"Wahrhaftig", sagte Philine, "es ist unverantwortlich! Lasst uns ein Stuck wahlen; wir wollen es auf der Stelle spielen. Jeder muss sein moglichstes tun, als wenn er vor dem grossten Auditorium stunde."

Man uberlegte nicht lange; das Stuck ward bestimmt. Es war eines derer, die damals in Deutschland grossen Beifall fanden und nun verschollen sind. Einige pfiffen eine Symphonie, jeder besann sich schnell auf seine Rolle, man fing an und spielte mit der grossten Aufmerksamkeit das Stuck durch, und wirklich uber Erwartung gut. Man applaudierte sich wechselseitig; man hatte sich selten so wohl gehalten.

Als sie fertig waren, empfanden sie alle ein ausnehmendes Vergnugen, teils uber ihre wohlzugebrachte Zeit, teils weil jeder besonders mit sich zufrieden sein konnte. Wilhelm liess sich weitlaufig zu ihrem Lobe heraus, und ihre Unterhaltung war heiter und frohlich.

"Ihr solltet sehen", rief unser Freund, "wie weit wir kommen mussten, wenn wir unsere Ubungen auf diese Art fortsetzten und nicht bloss auf Auswendiglernen, Probieren und Spielen uns mechanisch pflicht- und handwerksmassig einschrankten. Wieviel mehr Lob verdienen die Tonkunstler, wie sehr ergetzen sie sich, wie genau sind sie, wenn sie gemeinschaftlich ihre Ubungen vornehmen! Wie sind sie bemuht, ihre Instrumente Ubereinzustimmen, wie genau halten sie Takt, wie zart wissen sie die Starke und Schwache des Tons auszudrucken! Keinem fallt es ein, sich bei dem Solo eines andern durch ein vorlautes Akkompagnieren Ehre zu machen. Jeder sucht in dem Geist und Sinne des Komponisten zu spielen, und jeder das, was ihm aufgetragen ist, es mag viel oder wenig sein, gut auszudrucken. Sollten wir nicht ebenso genau und ebenso geistreich zu Werke gehen, da wir eine Kunst treiben, die noch viel zarter als jede Art von Musik ist, da wir die gewohnlichsten und seltensten Ausserungen der Menschheit geschmackvoll und ergetzend darzustellen berufen sind? Kann etwas abscheulicher sein, als in den Proben zu sudeln und sich bei der Vorstellung auf die Laune und gut Gluck zu verlassen? Wir sollten unser grosstes Gluck und Vergnugen darein setzen, miteinander ubereinzustimmen, um uns wechselsweise zu gefallen, und auch nur insofern den Beifall des Publikums zu schatzen, als wir ihn uns gleichsam untereinander schon selbst garantiert hatten. Warum ist der Kapellmeister seines Orchesters gewisser als der Direktor seines Schauspiels? Weil dort jeder sich seines Missgriffs, der das aussere Ohr beleidigt, schamen muss; aber wie selten hab' ich einen Schauspieler verzeihliche und unverzeihliche Missgriffe, durch die das innere Ohr so schnode beleidigt wird, anerkennen und sich ihrer schamen sehen! Ich wunschte nur, dass das Theater so schmal ware, als der Draht eines Seiltanzers, damit sich kein Ungeschickter hinaufwagte, anstatt dass jetzo ein jeder sich Fahigkeit genug fuhlt, darauf zu paradieren."

Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, indem jeder uberzeugt war, dass nicht von ihm die Rede sein konne, da er sich noch vor kurzem nebst den ubrigen so gut gehalten. Man kam vielmehr uberein, dass man in dem Sinne, wie man angefangen, auf dieser Reise und kunftig, wenn man zusammenbliebe, eine gesellige Bearbeitung wolle obwalten lassen. Man fand nur, dass, weil dieses eine Sache der guten Laune und des freien Willens sei, so musse sich eigentlich kein Direktor darein mischen. Man nahm als ausgemacht an, dass unter guten Menschen die republikanische Form die beste sei; man behauptete, das Amt eines Direktors musse herumgehen; er musse von allen gewahlt werden und eine Art von kleinem Senat ihm jederzeit beigesetzt bleiben. Sie waren so von diesem Gedanken eingenommen, dass sie wunschten, ihn gleich ins Werk zu richten.

"Ich habe nichts dagegen", sagte Melina, "wenn ihr auf der Reise einen solchen Versuch machen wollt; ich suspendiere meine Direktorschaft gern, bis wir wieder an Ort und Stelle kommen." Er hoffte, dabei zu sparen und manche Ausgaben der kleinen Republik oder dem Interimsdirektor aufzuwalzen. Nun ging man sehr lebhaft zu Rate, wie man die Form des neuen Staates aufs beste einrichten wolle.

"Es ist ein wanderndes Reich", sagte Laertes; "wir werden wenigstens keine Grenzstreitigkeiten haben."

Man schritt sogleich zur Sache und erwahlte Wilhelmen zum ersten Direktor. Der Senat ward bestellt, die Frauen erhielten Sitz und Stimme, man schlug Gesetze vor, man verwarf, man genehmigte. Die Zeit ging unvermerkt unter diesem Spiele voruber, und weil man sie angenehm zubrachte, glaubte man auch wirklich etwas Nutzliches getan und durch die neue Form eine neue Aussicht fur die vaterlandische Buhne eroffnet zu haben.

Drittes Kapitel

Wilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesellschaft in so guter Disposition sah, sich auch mit ihr uber das dichterische Verdienst der Stucke unterhalten zu konnen. "Es ist nicht genug", sagte er zu ihnen, als sie des andern Tages wieder zusammenkamen, "dass der Schauspieler ein Stuck nur so obenhin ansehe, dasselbe nach dem ersten Eindruck beurteile und ohne Prufung seinen Gefallen oder Missfallen daran zu erkennen gebe. Dies ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der geruhrt und unterhalten sein, aber eigentlich nicht urteilen will. Der Schauspieler dagegen soll von dem Stukke und von den Ursachen seines Lobes und Tadels Rechenschaft geben konnen, und wie will er das, wenn er nicht in den Sinn seines Autors, wenn er nicht in die Absichten desselben einzudringen versteht? Ich habe den Fehler, ein Stuck aus einer Rolle zu beurteilen, eine Rolle nur an sich und nicht im Zusammenhange mit dem Stuck zu betrachten, an mir selbst in diesen Tagen so lebhaft bemerkt, dass ich euch das Beispiel erzahlen will, wenn ihr mir ein geneigtes Gehor gonnen wollt.

Ihr kennt Shakespeares unvergleichlichen Hamlet aus einer Vorlesung, die euch schon auf dem Schlosse das grosste Vergnugen machte. Wir setzten uns vor, das Stuck zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen, was ich tat, die Rolle des Prinzen ubernommen; ich glaubte sie zu studieren, indem ich anfing, die starksten Stellen, die Selbstgesprache und jene Auftritte zu memorieren, in denen Kraft der Seele, Erhebung des Geistes und Lebhaftigkeit freien Spielraum haben, wo das bewegte Gemut sich in einem gefuhlvollen Ausdrucke zeigen kann.

Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen wenn ich die Last der tiefen Schwermut gleichsam selbst auf mich nahme und unter diesem Druck meinem Vorbilde durch das seltsame Labyrinth so mancher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorierte ich, und so ubte ich mich und glaubte nach und nach mit meinem Helden zu einer Person zu werden.

Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmoglich, zu einer Ubersicht zu gelangen. Nun ging ich das Stuck in einer ununterbrochenen Folge durch, und auch da wollte mir leider manches nicht passen. Bald schienen sich die Charaktere, bald der Ausdruck zu widersprechen, und ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze Rolle mit allen Abweichungen und Schattierungen vortragen konnte. In diesen Irrgangen bemuhte ich mich lange vergebens, bis ich mich endlich auf einem ganz besondern Wege meinem Ziele zu nahern hoffte.

Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Charakter Hamlets in fruher Zeit vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhangig von dieser traurigen Begebenheit, unabhangig von den nachfolgenden schrecklichen Ereignissen dieser interessante Jungling gewesen war, und was er ohne sie vielleicht geworden ware.

Zart und edel entsprossen, wuchs die konigliche Blume unter den unmittelbaren Einflussen der Majestat hervor; der Begriff des Rechts und der furstlichen Wurde, das Gefuhl des Guten und Anstandigen mit dem Bewusstsein der Hohe seiner Geburt entwickelten sich zugleich in ihm. Er war ein Furst, ein geborner Furst, und wunschte zu regieren nur damit der Gute ungehindert gut sein mochte. Angenehm von Gestalt, gesittet von Natur, gefallig von Herzen aus, sollte er das Muster der Jugend sein und die Freude der Welt werden.

Ohne irgendeine hervorstechende Leidenschaft war seine Liebe zu Ophelien ein stilles Vorgefuhl susser Bedurfnisse, sein Eifer zu ritterlichen Ubungen war nicht ganz original, vielmehr musste diese Lust durch das Lob, das man dem Dritten beilegte, gescharft und erhoht werden; rein fuhlend, kannte er die Redlichen und wusste die Ruhe zu schatzen, die ein aufrichtiges Gemut an dem offenen Busen eines Freundes geniesst. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in Kunsten und Wissenschaften das Gute und Schone erkennen und wurdigen gelernt; das Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Hass aufkeimen konnte, so war es nur ebensoviel, als notig ist, um bewegliche und falsche Hoflinge zu verachten und spottisch mit ihnen zu spielen. Er war gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen einfach, weder im Mussiggange behaglich, noch allzubegierig nach Beschaftigung. Ein akademisches Hinschlendern schien er auch bei Hofe fortzusetzen. Er besass mehr Frohlichkeit der Laune als des Herzens, war ein guter Gesellschafter, nachgiebig, bescheiden, besorgt, und konnte eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber niemals konnte er sich mit dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten, des Guten, des Anstandigen uberschritt.

Wenn wir das Stuck wieder zusammen lesen werden, konnt ihr beurteilen, ob ich auf dem rechten Wege bin. Wenigstens hoffe ich meine Meinung durchaus mit Stellen belegen zu konnen."

Man gab der Schilderung lauten Beifall; man glaubte vorauszusehen, dass sich nun die Handelsweise Hamlets gar gut werde erklaren lassen; man freute sich uber diese Art, in den Geist des Schriftstellers einzudringen. Jeder nahm sich vor, auch irgendein Stuck auf diese Art zu studieren und den Sinn des Verfassers zu entwickeln.

Viertes Kapitel

Nur einige Tage musste die Gesellschaft an dem Orte liegenbleiben, und sogleich zeigten sich fur verschiedene Glieder derselben nicht unangenehme Abenteuer, besonders aber ward Laertes von einer Dame angereizt, die in der Nachbarschaft ein Gut hatte, gegen die er sich aber ausserst kalt, ja unartig betrug und daruber von Philinen viele Spottereien erdulden musste. Sie ergriff die Gelegenheit, unserm Freund die ungluckliche Liebesgeschichte zu erzahlen, uber die der arme Jungling dem ganzen weiblichen Geschlechte feind geworden war. "Wer wird ihm ubelnehmen", rief sie aus, "dass er ein Geschlecht hasst, das ihm so ubel mitgespielt hat und ihm alle Ubel, die sonst Manner von Weibern zu befurchten haben, in einem sehr konzentrierten Tranke zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen vierundzwanzig Stunden war er Liebhaber, Brautigam, Ehmann, Hahnrei, Patient und Witwer! Ich wusste nicht, wie man's einem arger machen wollte."

Laertes lief halb lachend, halb verdriesslich zur Stube hinaus, und Philine fing in ihrer allerliebsten Art die Geschichte zu erzahlen an, wie Laertes als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bei einer Theatergesellschaft eingetroffen, ein schones vierzehnjahriges Madchen gefunden, die eben mit ihrem Vater, der sich mit dem Direktor entzweiet, abzureisen willens gewesen. Er habe sich aus dem Stegreife sterblich verliebt, dem Vater alle moglichen Vorstellungen getan, zu bleiben, und endlich versprochen, das Madchen zu heiraten. Nach einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sei er getraut worden, habe eine gluckliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf habe ihn seine Frau des andern Morgens, als er in der Probe gewesen, nach Standesgebuhr mit einem Hornerschreck beehrt; weil er aber aus allzugrosser Zartlichkeit viel zu fruh nach Hause geeilt, habe er leider einen altern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, habe mit unsinniger Leidenschaft dreingeschlagen, Liebhaber und Vater herausgefordert und sei mit einer leidlichen Wunde davongekommen. Vater und Tochter seien darauf noch in der Nacht abgereist, und er sei leider auf eine doppelte Weise verwundet zuruckgeblieben. Sein Ungluck habe ihn zu dem schlechtesten Feldscher von der Welt gefuhrt, und der Arme sei leider mit schwarzen Zahnen und triefenden Augen aus diesem Abenteuer geschieden. Er sei zu bedauern, weil er ubrigens der bravste Junge sei, den Gottes Erdboden truge. "Besonders", sagte sie, "tut es mir leid, dass der arme Narr nun die Weiber hasst: denn wer die Weiber hasst, wie kann der leben?"

Melina unterbrach sie mit der Nachricht, dass alles zum Transport vollig bereit sei, und dass sie morgen fruh abfahren konnten. Er uberreichte ihnen eine Disposition, wie sie fahren sollten.

"Wenn mich ein guter Freund auf den Schoss nimmt" sagte Philine, "so bin ich zufrieden, dass wir eng und erbarmlich sitzen; ubrigens ist mir alles einerlei."

"Es tut nichts", sagte Laertes, der auch herbeikam.

"Es ist verdriesslich!" sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand fur sein Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine andere Einteilung ward gemacht, und man freute sich, bequem abreisen zu konnen, als die bedenkliche Nachricht einlief, dass auf dem Wege, den sie nehmen wollten, sich ein Freikorps sehen lasse, von dem man nicht viel Gutes erwartete.

An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie gleich nur schwankend und zweideutig war. Nach der Stellung der Armeen schien es unmoglich, dass ein feindliches Korps sich habe durchschleichen, oder dass ein freundliches so weit habe zuruckbleiben konnen. Jedermann war eifrig, unserer Gesellschaft die Gefahr, die auf sie wartete, recht gefahrlich zu beschreiben und ihr einen andern Weg anzuraten.

Die meisten waren daruber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach der neuen republikanischen Form die samtlichen Glieder des Staats zusammengerufen wurden, um uber diesen ausserordentlichen Fall zu beratschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, dass man das Ubel vermeiden und am Orte bleiben, oder ihm ausweichen und einen andern Weg erwahlen musse.

Nur Wilhelm, von Furcht nicht eingenommen, hielt fur schimpflich, einen Plan, in den man mit so viel Uberlegung eingegangen war, nunmehr auf ein blosses Gerucht aufzugeben. Er sprach ihnen Mut ein, und seine Grunde waren mannlich und uberzeugend.

"Noch", sagte er, "ist es nichts als ein Gerucht, und wie viele dergleichen entstehen im Kriege! Verstandige Leute sagen, dass der Fall hochst unwahrscheinlich, ja beinah unmoglich sei. Sollten wir uns in einer so wichtigen Sache bloss durch ein so ungewisses Gerede bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr Graf angegeben hat, auf die unser Pass lautet, ist die kurzeste, und wir finden auf selbiger den besten Weg. Sie fuhrt uns nach der Stadt, wo ihr Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche schlimmen Wege verwikkelt er uns, wie weit fuhrt er uns ab! Konnen wir Hoffnung haben, uns in der spaten Jahrszeit wieder herauszufinden, und was fur Zeit und Geld werden wir indessen versplittern!" Er sagte noch viel und trug die Sache von so mancherlei vorteilhaften Seiten vor, dass ihre Furcht sich verringerte und ihr Mut zunahm. Er wusste ihnen so viel von der Mannszucht der regelmassigen Truppen vorzusagen und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so nichtswurdig zu schildern und selbst die Gefahr so lieblich und lustig darzustellen, dass alle Gemuter aufgeheitert wurden.

Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite und versicherte, dass er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Polterer fand wenigstens einige ubereinstimmende Ausdrucke in seiner Manier, Philine lachte sie alle zusammen aus, und da Madame Melina, die, ihrer hohen Schwangerschaft ungeachtet, ihre naturliche Herzhaftigkeit nicht verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand, so konnte Melina, der denn freilich auf dem nachsten Wege, auf den er akkordiert hatte, viel zu sparen hoffte, nicht widerstehen, und man willigte in den Vorschlag von ganzem Herzen.

Nun fing man an, sich auf alle Falle zur Verteidigung einzurichten. Man kaufte grosse Hirschfanger und hing sie an wohlgestickten Riemen uber die Schultern. Wilhelm steckte noch uberdies ein Paar Terzerole in den Gurtel; Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bei sich, und man machte sich mit einer hohen Freudigkeit auf den Weg.

Den zweiten Tag schlugen die Fuhrleute, die der Gegend wohl kundig waren, vor: sie wollten auf einem waldigen Bergplatze Mittagsruhe halten, weil das Dorf weit abgelegen sei und man bei guten Tagen gern diesen Weg nahme.

Die Witterung war schon, und jedermann stimmte leicht in den Vorschlag ein. Wilhelm eilte zu Fuss durch das Gebirge voraus, und uber seine sonderbare Gestalt musste jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. Er eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den Wald hinauf, Laertes pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen liessen sich in den Wagen fortschleppen. Mignon lief gleichfalls nebenher, stolz auf den Hirschfanger, den man ihr, als die Gesellschaft sich bewaffnete, nicht abschlagen konnte. Um ihren Hut hatte sie die Perlenschnur gewunden, die Wilhelm von Marianens Reliquien ubrigbehalten hatte. Friedrich der Blonde trug die Flinte des Laertes, der Harfner hatte das friedlichste Ansehen. Sein langes Kleid war in den Gurtel gesteckt, und so ging er freier. Er stutzte sich auf einen knotigen Stab, sein Instrument war bei den Wagen zuruckgeblieben.

Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwerlichkeit die Hohe erstiegen, erkannten sie sogleich den angezeigten Platz an den schonen Buchen, die ihn umgaben und bedeckten. Eine grosse, sanft abhangige Waldwiese lud zum Bleiben ein; eine eingefasste Quelle bot die lieblichste Erquickung dar, und es zeigte sich an der andern Seite durch Schluchten und Waldrucken eine ferne, schone und hoffnungsvolle Aussicht. Da lagen Dorfer und Muhlen in den Grunden, Stadtchen in der Ebene, und neue, in der Ferne eintretende Berge machten die Aussicht noch hoffnungsvoller, indem sie nur wie eine sanfte Beschrankung hereintraten.

Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der Gegend, ruhten im Schatten aus, machten ein Feuer an und erwarteten geschaftig, singend, die ubrige Gesellschaft, welche nach und nach herbeikam und den Platz, das schone Wetter, die unaussprechlich schone Gegend mit einem Munde begrusste.

Funftes Kapitel

Hatte man oft zwischen vier Wanden gute und frohliche Stunden zusammen genossen, so war man naturlich noch viel aufgeweckter hier, wo die Freiheit des Himmels und die Schonheit der Gegend jedes Gemut zu reinigen schien. Alle fuhlten sich einander naher, alle wunschten in einem so angenehmen Aufenthalt ihr ganzes Leben hinzubringen. Man beneidete die Jager, Kohler und Holzhauer, Leute, die ihr Beruf in diesen glucklichen Wohnplatzen festhalt; uber alles aber pries man die reizende Wirtschaft eines Zigeunerhaufens. Man beneidete die wunderlichen Gesellen, die in seligem Mussiggange alle abenteuerlichen Reize der Natur zu geniessen berechtigt sind; man freute sich, ihnen einigermassen ahnlich zu sein.

Indessen hatten die Frauen angefangen, Erdapfel zu sieden und die mitgebrachten Speisen auszupacken und zu bereiten. Einige Topfe standen beim Feuer, gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter den Baumen und Buschen. Ihre seltsamen Kleidungen und die mancherlei Waffen gaben ihr ein fremdes Ansehen. Die Pferde wurden beiseite gefuttert, und wenn man die Kutschen hatte verstecken wollen, so ware der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion romantisch gewesen.

Wilhelm genoss ein nie gefuhltes Vergnugen. Er konnte hier eine wandernde Kolonie und sich als Anfuhrer derselben denken. In diesem Sinne unterhielt er sich mit einem jeden und bildete den Wahn des Moments so poetisch als moglich aus. Die Gefuhle der Gesellschaft erhohten sich; man ass, trank und jubilierte und bekannte wiederholt, niemals schonere Augenblicke erlebt zu haben.

Nicht lange hatte das Vergnugen zugenommen, als bei den jungen Leuten die Tatigkeit erwachte. Wilhelm und Laertes griffen zu den Papieren und fingen diesmal in theatralischer Absicht ihre Ubungen an. Sie wollten den Zweikampf darstellen, in welchem Hamlet und sein Gegner ein so tragisches Ende nehmen. Beide Freunde waren uberzeugt, dass man in dieser wichtigen Szene nicht, wie es wohl auf Theatern zu geschehen pflegt, nur ungeschickt hin und wider stossen durfe: sie hofften ein Muster darzustellen, wie man bei der Auffuhrung auch dem Kenner der Fechtkunst ein wurdiges Schauspiel zu geben habe. Man schloss einen Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und Einsicht, das Interesse der Zuschauer wuchs mit jedem Gange.

Auf einmal aber fiel im nachsten Busche ein Schuss, und gleich darauf noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.

Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsre Helden warfen die Papiere weg, griffen nach den Pistolen, eilten den Raubern entgegen und forderten unter lebhaften Drohungen Rechenschaft des Unternehmens.

Als man ihnen lakonisch mit ein paar Musketenschussen antwortete, druckte Wilhelm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen erstiegen hatte und die Stricke des Gepackes auseinanderschnitt. Wohlgetroffen sturzte er sogleich herunter; Laertes hatte auch nicht fehlgeschossen, und beide Freunde zogen beherzt ihre Seitengewehre, als ein Teil der rauberischen Bande mit Fluchen und Gebrull auf sie losbrach, einige Schusse auf sie tat und sich mit blinkenden Sabeln ihrer Kuhnheit entgegensetzte. Unsre jungen Helden hielten sich tapfer; sie riefen ihren ubrigen Gesellen zu und munterten sie zu einer allgemeinen Verteidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den Anblick des Lichtes und das Bewusstsein dessen, was vorging. Von einem Schuss, der ihn zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete, von einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete und fast bis auf die Hirnschale durchdrang, betaubt, fiel er nieder und musste das ungluckliche Ende des Uberfalls nur erst in der Folge aus der Erzahlung vernehmen.

Als er die Augen wieder aufschlug, befand er sich in der wunderbarsten Lage. Das erste, was ihm durch die Dammerung, die noch vor seinen Augen lag, entgegenblickte, war das Gesicht Philinens, das sich uber das seine heruberneigte. Er fuhlte sich schwach, und da er, um sich emporzurichten, eine Bewegung machte, fand er sich in Philinens Schoss, in den er auch wieder zurucksank. Sie sass auf dem Rasen, hatte den Kopf des vor ihr ausgestreckten Junglings leise an sich gedruckt und ihm in ihren Armen, soviel sie konnte, ein sanftes Lager bereitet. Mignon kniete mit zerstreuten blutigen Haaren an seinen Fussen und umfasste sie mit vielen Tranen.

Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte er mit gebrochener Stimme, wo er sich befinde, was ihm und den andern begegnet sei? Philine bat ihn, ruhig zu bleiben; die ubrigen, sagte sie, seien alle in Sicherheit und niemand als er und Laertes verwundet. Weiter wollte sie nichts erzahlen und bat ihn instandig, er mochte sich ruhig halten, weil seine Wunden nur schlecht und in der Eile verbunden seien. Er reichte Mignon die Hand und erkundigte sich nach der Ursache der blutigen Locken des Kindes, das er auch verwundet glaubte.

Um ihn zu beruhigen, erzahlte Philine: dieses gutherzige Geschopf, da es seinen Freund verwundet geschen, habe sich in der Geschwindigkeit auf nichts besonnen, um das Blut zu stillen, es habe seine eigenen Haare, die um den Kopf geflogen, genommen, um die Wunden zu stopfen, habe aber bald von dem vergeblichen Unternehmen abstehen mussen. Nachher verband man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte dazu ihr Halstuch hergegeben.

Wilhelm bemerkte, dass Philine mit dem Rucken gegen ihren Koffer sass, der noch ganz wohl verschlossen und unbeschadigt aussah. Er fragte, ob die andern auch so glucklich gewesen, ihre Habseligkeiten zu retten? Sie antwortete mit Achselzucken und einem Blick auf die Wiese, wo zerbrochene Kasten, zerschlagene Koffer, zerschnittene Mantelsacke und eine Menge kleiner Geratschaften zerstreut hin und wieder lagen. Kein Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die wunderliche Gruppe fand sich in dieser Einsamkeit allein.

Wilhelm erfuhr nun immer mehr, als er wissen wollte: die ubrigen Manner, die allenfalls noch Widerstand hatten tun konnen, waren gleich in Schrekken gesetzt und bald uberwaltigt; ein Teil floh, ein Teil sah mit Entsetzen dem Unfalle zu. Die Fuhrleute, die sich noch wegen ihrer Pferde am hartnackigsten gehalten hatten, wurden niedergeworfen und gebunden, und in kurzem war alles rein ausgeplundert und weggeschleppt. Die beangstigten Reisenden fingen, sobald die Sorge fur ihr Leben voruber war, ihren Verlust zu bejammern an, eilten mit moglichster Geschwindigkeit dem benachbarten Dorfe zu, fuhrten den leichtverwundeten Laertes mit sich und brachten nur wenige Trummer ihrer Besitztumer davon. Der Harfner hatte sein beschadigtes Instrument an einen Baum gelehnt und war mit nach dem Orte geeilt, einen Wundarzt aufzusuchen und seinem fur tot zuruckgelassenen Wohltater nach Moglichkeit beizuspringen.

Sechstes Kapitel

Unsere drei verungluckten Abenteurer blieben indes noch eine Zeitlang in ihrer seltsamen Lage, niemand eilte ihnen zu Hulfe. Der Abend kam herbei, die Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgultigkeit fing an in Unruhe uberzugehen, Mignon lief hin und wider, und die Ungeduld des Kindes nahm mit jedem Augenblicke zu. Endlich, da ihnen ihr Wunsch gewahrt ward und Menschen sich ihnen naherten, uberfiel sie ein neuer Schrecken. Sie horten ganz deutlich einen Trupp Pferde in dem Wege heraufkommen, den auch sie zuruckgelegt hatten, und furchteten, dass abermals eine Gesellschaft ungebetener Gaste diesen Waldplatz besuchen mochte, um Nachlese zu halten.

Wie angenehm wurden sie dagegen uberrascht, als ihnen aus den Buschen, auf einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Gesichte kam, die von einem altlichen Herrn und einigen Kavalieren begleitet wurde; Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Husaren folgten nach.

Philine, die zu dieser Erscheinung grosse Augen machte, war eben im Begriff zu rufen und die schone Amazone um Hulfe anzuflehen, als diese schon erstaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete, sogleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stille hielt. Sie erkundigte sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen Lage in dem Schosse der leichtfertigen Samariterin ihr hochst sonderbar vorzukommen schien.

"Ist es Ihr Mann?" fragte sie Philinen. "Es ist nur ein guter Freund", versetzte diese mit einem Ton, der Wilhelmen hochst zuwider war. Er hatte seine Augen auf die sanften, hohen, stillen, teilnehmenden Gesichtszuge der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres noch Liebenswurdigeres gesehen zu haben. Ein weiter Mannsuberrock verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die Einflusse der kuhlen Abendluft von einem ihrer Gesellschafter geborgt.

Die Ritter waren indes auch naher gekommen; einige stiegen ab, die Dame tat ein Gleiches und fragte mit menschenfreundlicher Teilnehmung nach allen Umstanden des Unfalls, der die Reisenden betroffen hatte, besonders aber nach den Wunden des hingestreckten Junglings. Darauf wandte sie sich schnell um und ging mit einem alten Herrn seitwarts nach den Wagen, welche langsam den Berg heraufkamen und auf dem Waldplatze stille hielten.

Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche gestanden und sich mit den Ankommenden unterhalten hatte, stieg ein Mann von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten Helden fuhrte. An dem Kastchen, das er in der Hand hatte, und an der ledernen Tasche mit Instrumenten erkannte man ihn bald fur einen Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als einnehmend, doch seine Hand leicht und seine Hulfe willkommen.

Er untersuchte genau, erklarte, keine Wunde sei gefahrlich, er wolle sie auf der Stelle verbinden, alsdann konne man den Kranken in das nachste Dorf bringen.

Die Besorgnisse der jungen Dame schienen sich zu vermehren. "Sehen Sie nur", sagte sie, nachdem sie einigemal hin und her gegangen war und den alten Herrn wieder herbeifuhrte, "sehen Sie, wie man ihn zugerichtet hat! Und leidet er nicht um unsertwillen?" Wilhelm horte diese Worte und verstand sie nicht. Sie ging unruhig hin und wider; es schien, als konnte sie sich nicht von dem Anblick des Verwundeten losreissen, und als furchtete sie zugleich den Wohlstand zu verletzen, wenn sie stehenbliebe, zu der Zeit, da man ihn, wiewohl mit Muhe, zu entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt eben den linken Armel auf, als der alte Herr hinzutrat und ihr mit einem ernsthaften Tone die Notwendigkeit, ihre Reise fortzusetzen, vorstellte. Wilhelm hatte seine Augen auf sie gerichtet und war von ihren Blicken so eingenommen, dass er kaum fuhlte, was mit ihm vorging.

Philine war indessen aufgestanden, um der gnadigen Dame die Hand zu kussen. Als sie nebeneinander standen, glaubte unser Freund nie einen solchen Abstand gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie in einem so ungunstigen Lichte erschienen. Sie sollte, wie es ihm vorkam, sich jener edlen Natur nicht nahen, noch weniger sie beruhren.

Die Dame fragte Philinen verschiedenes, aber leise. Endlich kehrte sie sich zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabei stand, und sagte: "Lieber Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freigebig sein?" Sie zog sogleich den Uberrock aus, und ihre Absicht, ihn dem Verwundeten und Unbekleideten hinzugeben, war nicht zu verkennen.

Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher festgehalten hatte, war nun, als der Uberrock fiel, von ihrer schonen Gestalt uberrascht. Sie trat naher herzu und legte den Rock sanft uber ihn. In diesem Augenblicke, da er den Mund offnen und einige Worte des Dankes stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck ihrer Gegenwart so sonderbar auf seine schon angegriffenen Sinne, dass es ihm auf einmal vorkam, als sei ihr Haupt mit Strahlen umgeben, und uber ihr ganzes Bild verbreite sich nach und nach ein glanzendes Licht. Der Chirurgus beruhrte ihn eben unsanfter, indem er die Kugel, welche in der Wunde stak, herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand vor den Augen des Hinsinkenden; er verlor alles Bewusstsein, und als er wieder zu sich kam, waren Reiter und Wagen, die Schone samt ihren Begleitern verschwunden.

Siebentes Kapitel

Nachdem unser Freund verbunden und angekleidet war, eilte der Chirurgus weg, eben als der Harfenspieler mit einer Anzahl Bauern heraufkam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen Asten und eingeflochtenem Reisig eine Trage, luden den Verwundeten darauf und brachten ihn unter Anfuhrung eines reitenden Jagers, den die Herrschaft zuruckgelassen hatte, sachte den Berg hinunter. Der Harfner, still und in sich gekehrt, trug sein beschadigtes Instrument, einige Leute schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem Bundel nach, Mignon sprang bald voraus, bald zur Seite durch Busch und Wald und blickte sehnlich nach ihrem kranken Beschutzer hinuber.

Dieser lag, in seinen warmen Uberrock gehullt, ruhig auf der Bahre. Eine elektrische Warme schien aus der feinen Wolle in seinen Korper uberzugehen; genug, er fuhlte sich in die behaglichste Empfindung versetzt. Die schone Besitzerin des Kleides hatte machtig auf ihn gewirkt. Er sah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelste Gestalt, von Strahlen umgeben, vor sich stehen, und seine Seele eilte der Verschwundenen durch Felsen und Walder auf dem Fusse nach.

Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe vor dem Wirtshause an, in welchem sich die ubrige Gesellschaft befand und verzweiflungsvoll den unersetzlichen Verlust beklagte. Die einzige kleine Stube des Hauses war von Menschen vollgepfropft: einige lagen auf der Streue, andere hatten die Banke eingenommen, einige sich hinter den Ofen gedruckt, und Frau Melina erwartete in einer benachbarten Kammer angstlich ihre Niederkunft. Der Schrecken hatte sie beschleunigt, und unter dem Beistande der Wirtin, einer jungen, unerfahrenen Frau, konnte man wenig Gutes erwarten.

Als die neuen Ankommlinge hereingelassen zu werden verlangten, entstand ein allgemeines Murren. Man behauptete nun, dass man allein auf Wilhelms Rat, unter seiner besonderen Anfuhrung diesen gefahrlichen Weg unternommen und sich diesem Unfall ausgesetzt habe. Man warf die Schuld des ubeln Ausgangs auf ihn, widersetzte sich an der Ture seinem Eintritt und behauptete, er musse anderswo unterzukommen suchen. Philinen begegnete man noch schnoder; der Harfenspieler und Mignon mussten auch das Ihrige leiden.

Nicht lange horte der Jager, dem die Vorsorge fur die Verlassenen von seiner schonen Herrschaft ernstlich anbefohlen war, dem Streite mit Geduld zu; er fuhr mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los, gebot ihnen, zusammenzurucken und den Ankommenden Platz zu machen. Man fing an, sich zu bequemen. Er bereitete Wilhelmen einen Platz auf einem Tische, den er in eine Ecke schob; Philine liess ihren Koffer danebenstellen und setzte sich drauf. Jeder druckte sich, so gut er konnte, und der Jager begab sich weg, um zu sehen, ob er nicht ein bequemeres Quartier fur das Ehepaar ausmachen konne.

Kaum war er fort, als der Unwille wieder laut zu werden anfing, und ein Vorwurf den andern drangte. Jedermann erzahlte und erhohte seinen Verlust, man schalt die Verwegenheit, durch die man so vieles eingebusst, man verhehlte sogar die Schadenfreude nicht, die man uber die Wunden unseres Freundes empfand, man verhohnte Philinen und wollte ihr die Art und Weise, wie sie ihren Koffer gerettet, zum Verbrechen machen. Aus allerlei Anzuglichkeiten und Stichelreden hatte man schliessen sollen, sie habe sich wahrend der Plunderung und Niederlage um die Gunst des Anfuhrers der Bande bemuht und habe ihn, wer weiss durch welche Kunste und Gefalligkeiten, vermocht, ihren Koffer freizugeben. Man wollte sie eine ganze Weile vermisst haben. Sie antwortete nichts und klapperte nur mit den grossen Schlossern ihres Koffers, um ihre Neider recht von seiner Gegenwart zu uberzeugen und die Verzweiflung des Haufens durch ihr eigenes Gluck zu vermehren.

Achtes Kapitel

Wilhelm, ob er gleich durch den starken Verlust des Blutes schwach und nach der Erscheinung jenes hulfreichen Engels mild und sanft geworden war, konnte sich doch zuletzt des Verdrusses uber die harten und ungerechten Reden nicht enthalten, welche bei seinem Stillschweigen von der unzufriednen Gesellschaft immer erneuert wurden. Endlich fuhlte er sich gestarkt genug, um sich aufzurichten und ihnen die Unart vorzustellen, mit der sie ihren Freund und Fuhrer beunruhigten. Er hob sein verbundenes Haupt in die Hohe und fing, indem er sich mit einiger Muhe stutzte und gegen die Wand lehnte, folgendergestalt zu reden an:

"Ich vergebe dem Schmerze, den jeder uber seinen Verlust empfindet, dass ihr mich in einem Augenblikke beleidigt, wo ihr mich beklagen solltet, dass ihr mir widersteht und mich von euch stosst, das erstemal, da ich Hulfe von euch erwarten konnte. Fur die Dienste, die ich euch erzeigte, fur die Gefalligkeiten, die ich euch erwies, habe ich mich durch euren Dank, durch euer freundschaftliches Betragen bisher genugsam belohnt gefunden; verleitet mich nicht, zwingt mein Gemut nicht, zuruckzugehen und zu uberdenken, was ich fur euch getan habe; diese Berechnung wurde mir nur peinlich werden. Der Zufall hat mich zu euch gefuhrt, Umstande und eine heimliche Neigung haben mich bei euch gehalten. Ich nahm an euren Arbeiten, an euren Vergnugungen teil; meine wenigen Kenntnisse waren zu eurem Dienste. Gebt ihr mir jetzt auf eine bittre Weise den Unfall schuld, der uns betroffen hat, so erinnert ihr euch nicht, dass der erste Vorschlag, diesen Weg zu nehmen, von fremden Leuten kam, von euch allen gepruft und so gut von jedem als von mir gebilligt worden ist. Ware unsre Reise glucklich vollbracht, so wurde sich jeder wegen des guten Einfalls loben, dass er diesen Weg angeraten, dass er ihn vorgezogen; er wurde sich unsrer Uberlegungen und seines ausgeubten Stimmrechts mit Freuden erinnern; jetzo macht ihr mich allein verantwortlich, ihr zwingt mir eine Schuld auf, die ich willig ubernehmen wollte, wenn mich das reinste Bewusstsein nicht freisprache, ja wenn ich mich nicht auf euch selbst berufen konnte. Habt ihr gegen mich etwas zu sagen, so bringt es ordentlich vor, und ich werde mich zu verteidigen wissen; habt ihr nichts Gegrundetes anzugeben, so schweigt und qualt mich nicht, jetzt, da ich der Ruhe so ausserst bedurftig bin."

Statt aller Antwort fingen die Madchen an, abermals zu weinen und ihren Verlust umstandlich zu erzahlen; Melina war ganz ausser Fassung: denn er hatte freilich am meisten, und mehr, als wir denken konnen, eingebusst. Wie ein Rasender stolperte er in dem engen Raum hin und her, stiess den Kopf wider die Wand, fluchte und schalt auf das unziemlichste; und da nun gar zu gleicher Zeit die Wirtin aus der Kammer trat mit der Nachricht, dass seine Frau mit einem toten Kinde niedergekommen, erlaubte er sich die heftigsten Ausbruche, und einstimmig mit ihm heulte, schrie, brummte und larmte alles durcheinander.

Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Teilnehmung an ihrem Zustande und von Verdruss uber ihre niedrige Gesinnung bis in sein Innerstes bewegt war, fuhlte unerachtet der Schwache seines Korpers die ganze Kraft seiner Seele lebendig. "Fast", rief er aus, "muss ich euch verachten, so beklagenswert ihr auch sein mogt. Kein Ungluck berechtigt uns, einen Unschuldigen mit Vorwurfen zu beladen; habe ich teil an diesem falschen Schritte, so busse ich auch mein Teil. Ich liege verwundet hier, und wenn die Gesellschaft verloren hat, so verliere ich das meiste. Was an Garderobe geraubt worden, was an Dekorationen zugrunde gegangen, war mein: denn Sie, Herr Melina, haben mich noch nicht bezahlt, und ich spreche Sie von dieser Forderung hiemit vollig frei."

"Sie haben gut schenken", rief Melina, "was niemand wiedersehen wird. Ihr Geld lag in meiner Frau Koffer, und es ist Ihre Schuld, dass es Ihnen verlorengeht. Aber, o! wenn das alles ware!" Er fing aufs neue zu stampfen, zu schimpfen und zu schreien an. Jedermann erinnerte sich der schonen Kleider aus der Garderobe des Grafen, der Schnallen, Uhren, Dosen, Hute, welche Melina von dem Kammerdiener so glucklich gehandelt hatte. Jedem fielen seine eigenen, obgleich viel geringeren Schatze dabei wieder ins Gedachtnis; man blickte mit Verdruss auf Philinens Koffer, man gab Wilhelmen zu verstehen, er habe wahrlich nicht ubel getan, sich mit dieser Schonen zu assoziieren und durch ihr Gluck auch seine Habseligkeiten zu retten.

"Glaubt ihr denn", rief er endlich aus, "dass ich etwas Eignes haben werde, solange ihr darbt, und ist es wohl das erste Mal, dass ich in der Not mit euch redlich teile? Man offne den Koffer, und was mein ist, will ich zum offentlichen Bedurfnis niederlegen."

"Es ist mein Koffer", sagte Philine, "und ich werde ihn nicht eher aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre paar Fittiche, die ich Ihnen aufgehoben, konnen wenig betragen, und wenn sie an die redlichsten Juden verkauft werden. Denken Sie an sich, was Ihre Heilung kosten, was Ihnen in einem fremden Lande begegnen kann."

"Sie werden mir, Philine", versetzte Wilhelm, "nichts vorenthalten, was mein ist, und das wenige wird uns aus der ersten Verlegenheit retten. Allein der Mensch besitzt noch manches, womit er seinen Freunden beistehen kann, das eben nicht klingende Munze zu sein braucht. Alles, was in mir ist, soll diesen Unglucklichen gewidmet sein, die gewiss, wenn sie wieder zu sich selbst kommen, ihr gegenwartiges Betragen bereuen werden. Ja", fuhr er fort, "ich fuhle, dass ihr bedurft, und was ich vermag, will ich euch leisten; schenkt mir euer Vertrauen aufs neue, beruhigt euch fur diesen Augenblick, nehmet an, was ich euch verspreche! Wer will die Zusage im Namen aller von mir empfangen?"

Hier streckte er seine Hand aus und rief: "Ich verspreche, dass ich nicht eher von euch weichen, euch nicht eher verlassen will, als bis ein jeder seinen Verlust doppelt und dreifach ersetzt sieht, bis ihr den Zustand, in dem ihr euch, durch wessen Schuld es wolle, befindet, vollig vergessen und mit einem glucklichern vertauscht habt."

Er hielt seine Hand noch immer ausgestreckt, und niemand wollte sie fassen. "Ich versprech' es noch einmal", rief er aus, indem er auf sein Kissen zurucksank. Alle blieben stille; sie waren beschamt, aber nicht getrostet, und Philine, auf ihrem Koffer sitzend, knackte Nusse auf, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte.

Neuntes Kapitel

Der Jager kam mit einigen Leuten zuruck und machte Anstalt, den Verwundeten wegzuschaffen. Er hatte den Pfarrer des Orts beredet, das Ehepaar aufzunehmen; Philinens Koffer ward fortgetragen, und sie folgte mit naturlichem Anstand. Mignon lief voraus, und da der Kranke im Pfarrhaus ankam, ward ihm ein weites Ehebette, das schon lange Zeit als Gast- und Ehrenbette bereitstand, eingegeben. Hier bemerkte man erst, dass die Wunde aufgegangen war und stark geblutet hatte. Man musste fur einen neuen Verband sorgen. Der Kranke verfiel in ein Fieber, Philine wartete ihn treulich, und als die Mudigkeit sie ubermeisterte, loste sie der Harfenspieler ab; Mignon war mit dem festen Vorsatz, zu wachen, in einer Ecke eingeschlafen.

Des Morgens, als Wilhelm sich ein wenig erholt hatte, erfuhr er von dem Jager, dass die Herrschaft, die ihnen gestern zu Hulfe gekommen sei, vor kurzem ihre Guter verlassen habe, um den Kriegsbewegungen auszuweichen und sich bis zum Frieden in einer ruhigern Gegend aufzuhalten. Er nannte den altlichen Herrn und seine Nichte, zeigte den Ort an, wohin sie sich zuerst begeben, erklarte Wilhelmen, wie das Fraulein ihm eingebunden, fur die Verlassenen Sorge zu tragen.

Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften Danksagungen, in welche sich Wilhelm gegen den Jager ergoss, machte eine umstandliche Beschreibung der Wunden, versicherte, dass sie leicht heilen wurden, wenn der Patient sich ruhig hielte und sich abwartete.

Nachdem der Jager weggeritten war, erzahlte Philine, dass er ihr einen Beutel mit zwanzig Louisdorn zuruckgelassen, dass er dem Geistlichen ein Douceur fur die Wohnung gegeben und die Kurkosten fur den Chirurgus bei ihm niedergelegt habe. Sie gelte durchaus fur Wilhelms Frau, introduziere sich ein fur allemal bei ihm in dieser Qualitat und werde nicht zugeben, dass er sich nach einer andern Wartung umsehe.

"Philine", sagte Wilhelm, "ich bin Ihnen bei dem Unfall, der uns begegnet ist, schon manchen Dank schuldig geworden, und ich wunschte nicht, meine Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin unruhig, solange Sie um mich sind: denn ich weiss nichts, womit ich Ihnen die Muhe vergelten kann. Geben Sie mir meine Sachen, die Sie in Ihrem Koffer gerettet haben, heraus, schliessen Sie sich an die ubrige Gesellschaft an, suchen Sie ein ander Quartier, nehmen Sie meinen Dank und die goldne Uhr als eine kleine Erkenntlichkeit; nur verlassen Sie mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr, als Sie glauben."

Sie lachte ihm ins Gesicht, als er geendigt hatte. "Du bist ein Tor", sagte sie, "du wirst nicht klug werden. Ich weiss besser, was dir gut ist; ich werde bleiben, ich werde mich nicht von der Stelle ruhren. Auf den Dank der Manner habe ich niemals gerechnet, also auch auf deinen nicht; und wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an?"

Sie blieb und hatte sich bald bei dem Pfarrer und seiner Familie eingeschmeichelt, indem sie immer lustig war, jedem etwas zu schenken, jedem nach dem Sinne zu reden wusste und dabei immer tat, was sie wollte. Wilhelm befand sich nicht ubel; der Chirurgus, ein unwissender, aber nicht ungeschickter Mensch, liess die Natur walten, und so war der Patient bald auf dem Wege der Besserung. Sehnlich wunschte dieser, sich wiederhergestellt zu sehen, um seine Plane, seine Wunsche eifrig verfolgen zu konnen.

Unaufhorlich rief er sich jene Begebenheit zuruck, welche einen unausloschlichen Eindruck auf sein Gemut gemacht hatte. Er sah die schone Amazone reitend aus den Buschen hervorkommen, sie naherte sich ihm, stieg ab, ging hin und wider und bemuhte sich um seinetwillen. Er sah das umhullende Kleid von ihren Schultern fallen; ihr Gesicht, ihre Gestalt glanzend verschwinden. Alle seine Jugendtraume knupften sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle, heldenmutige Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm fiel der kranke Konigssohn wieder ein, an dessen Lager die schone, teilnehmende Prinzessin mit stiller Bescheidenheit herantritt.

"Sollten nicht", sagte er manchmal im stillen zu sich selbst, "uns in der Jugend wie im Schlafe die Bilder zukunftiger Schicksale umschweben und unserm unbefangenen Auge ahnungsvoll sichtbar werden? Sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird, nicht schon von der Hand des Schicksals ausgestreut, sollte nicht ein Vorgenuss der Fruchte, die wir einst zu brechen hoffen, moglich sein?"

Sein Krankenlager gab ihm Zeit, jene Szene tausendmal zu wiederholen. Tausendmal rief er den Klang jener sussen Stimme zuruck, und wie beneidete er Philinen, die jene hulfreiche Hand gekusst hatte. Oft kam ihm die Geschichte wie ein Traum vor, und er wurde sie fur ein Marchen gehalten haben, wenn nicht das Kleid zuruckgeblieben ware, das ihm die Gewissheit der Erscheinung versicherte.

Mit der grossten Sorgfalt fur dieses Gewand war das lebhafteste Verlangen verbunden, sich damit zu bekleiden. Sobald er aufstand, warf er es uber, und befurchtete den ganzen Tag, es mochte durch einen Flecken oder auf sonst eine Weise beschadigt werden.

Zehntes Kapitel

Laertes besuchte seinen Freund. Er war bei jener lebhaften Szene im Wirtshause nicht gegenwartig gewesen, denn er lag in einer obern Kammer. Uber seinen Verlust war er sehr getrostet, und half sich mit seinem gewohnlichen "Was tut's?" Er erzahlte verschiedene lacherliche Zuge von der Gesellschaft; besonders gab er Frau Melina schuld, sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur deswegen, weil sie nicht das altdeutsche Vergnugen haben konne, eine Mechtilde taufen zu lassen. Was ihren Mann betreffe, so offenbare sich's nun, dass er viel Geld bei sich gehabt und auch schon damals des Vorschusses, den er Wilhelmen abgelockt, keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr mit dem nachsten Postwagen abgehn und werde von Wilhelmen ein Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Direktor Serlo, verlangen, bei dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert, nun unterzukommen hoffe.

Mignon war einige Tage sehr still gewesen, und als man in sie drang, gestand sie endlich, dass ihr rechter Arm verrenkt sei. "Das hast du deiner Verwegenheit zu danken", sagte Philine und erzahlte, wie das Kind im Gefechte seinen Hirschfanger gezogen und, als es seinen Freund in Gefahr gesehen, wacker auf die Freibeuter zugehauen habe. Endlich sei es beim Arme ergriffen und auf die Seite geschleudert worden. Man schalt auf sie, dass sie das Ubel nicht eher entdeckt habe, doch merkte man wohl, dass sie sich vor dem Chirurgus gescheut, der sie bisher immer fur einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das Ubel zu heben, und sie musste den Arm in der Binde tragen. Hieruber war sie aufs neue empfindlich, weil sie den besten Teil der Pflege und Wartung ihres Freundes Philinen uberlassen musste, und die angenehme Sunderin zeigte sich nur um desto tatiger und aufmerksamer.

Eines Morgens, als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer sonderbaren Nahe. Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des Schlafs ganz an die hintere Seite gerutscht. Philine lag quer uber den vordern Teil hingestreckt; sie schien auf dem Bette sitzend und lesend eingeschlafen zu sein. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen; sie war zuruck und mit dem Kopf nah an seine Brust gesunken, uber die sich ihre blonden aufgelosten Haare in Wellen ausbreiteten. Die Unordnung des Schlafs erhohte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize; eine Lindische lachelnde Ruhe schwebte uber ihrem Gesichte. Er sah sie eine Zeitlang an und schien sich selbst uber das Vergnugen zu tadeln, womit er sie ansah, und wir wissen nicht, ob er seinen Zustand segnete oder tadelte, der ihm Ruhe und Massigung zur Pflicht machte. Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu regen anfing. Er schloss die Augen sachte zu, doch konnte er nicht unterlassen, zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich wieder zurechtputzte und wegging, nach dem Fruhstuck zu fragen.

Nach und nach hatten sich nun die samtlichen Schauspieler bei Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld, mehr oder weniger unartig und ungestum, gefordert und immer mit Widerwillen Philinens erhalten. Vergebens stellte sie ihrem Freunde vor, dass der Jager auch diesen Leuten eine ansehnliche Summe zuruckgelassen, dass man ihn nur zum besten habe. Vielmehr kamen sie daruber in einen lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr ein fur allemal, dass sie sich gleichfalls an die ubrige Gesellschaft anschliessen und ihr Gluck bei Serlo versuchen sollte.

Nur einige Augenblicke verliess sie ihr Gleichmut; dann erholte sie sich schnell wieder und rief: "Wenn ich nur meinen Blonden wieder hatte, so wollt' ich mich um euch alle nichts kummern." Sie meinte Friedrichen, der sich vom Waldplatze verloren und nicht wieder gezeigt hatte.

Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht ans Bette, dass Philine in der Nacht abgereist sei; im Nebenzimmer habe sie alles, was ihm gehore, sehr ordentlich zusammengelegt. Er empfand ihre Abwesenheit; er hatte an ihr eine treue Warterin, eine muntere Gesellschafterin verloren, er war nicht mehr gewohnt, allein zu sein. Allein Mignon fullte die Lucke bald wieder aus.

Seitdem jene leichtfertige Schone in ihren freundlichen Bemuhungen den Verwundeten umgab, hatte sich die Kleine nach und nach zuruckgezogen und war stille fur sich geblieben; nun aber, da sie wieder freies Feld gewann, trat sie mit Aufmerksamkeit und Liebe hervor, war eifrig, ihm zu dienen, und munter, ihn zu unterhalten.

Eilftes Kapitel

Mit lebhaften Schritten nahete er sich der Besserung; er hoffte nun in wenig Tagen seine Reise antreten zu konnen. Er wollte nicht etwa planlos ein schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmassige Schritte sollten kunftig seine Bahn bezeichnen. Zuerst wollte er die hulfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine Dankbarkeit an den Tag zu legen, alsdann zu seinem Freunde, dem Direktor, eilen, um fur die verungluckte Gesellschaft auf das beste zu sorgen, und zugleich die Handelsfreunde, an die er mit Adressen versehen war, besuchen und die ihm aufgetragnen Geschafte verrichten. Er machte sich Hoffnung, dass ihm das Gluck wie vorher auch kunftig beistehen und ihm Gelegenheit verschaffen werde, durch eine gluckliche Spekulation den Verlust zu ersetzen und die Lucke seiner Kasse wieder auszufullen.

Das Verlangen, seine Retterin wiederzusehen, wuchs mit jedem Tage. Um seine Reiseroute zu bestimmen, ging er mit dem Geistlichen zu Rate, der schone geographische und statistische Kenntnisse hatte und eine artige Bucher- und Kartensammlung besass. Man suchte nach dem Orte, den die edle Familie wahrend des Kriegs zu ihrem Sitz erwahlt hatte, man suchte Nachrichten von ihr selbst auf; allein der Ort war in keiner Geographie, auf keiner Karte zu finden, und die genealogischen Handbucher sagten nichts von einer solchen Familie.

Wilhelm wurde unruhig, und als er seine Bekummernis laut werden liess, entdeckte ihm der Harfenspieler, er habe Ursache zu glauben, dass der Jager, es sei, aus welcher Ursache es wolle, den wahren Namen verschwiegen habe.

Wilhelm, der nun einmal sich in der Nahe der Schonen glaubte, hoffte einige Nachricht von ihr zu erhalten, wenn er den Harfenspieler abschickte; aber auch diese Hoffnung ward getauscht. So sehr der Alte sich auch erkundigte, konnte er doch auf keine Spur kommen. In jenen Tagen waren verschiedene lebhafte Bewegungen und unvorgesehene Durchmarsche in diesen Gegenden vorgefallen; niemand hatte auf die reisende Gesellschaft besonders achtgegeben, so dass der ausgesendete Bote, um nicht fur einen judischen Spion angesehn zu werden, wieder zuruckgehen und ohne Olblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen musste. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er den Auftrag auszurichten gesucht, und war bemuht, allen Verdacht einer Nachlassigkeit von sich zu entfernen. Er suchte auf alle Weise Wilhelms Betrubnis zu lindern, besann sich auf alles, was er von dem Jager erfahren hatte, und brachte mancherlei Mutmassungen vor, wobei denn endlich ein Umstand vorkam, woraus Wilhelm einige ratselhafte Worte der schonen Verschwundenen deuten konnte.

Die rauberische Bande namlich hatte nicht der wandernden Truppe, sondern jener Herrschaft aufgepasst, bei der sie mit Recht vieles Geld und Kostbarkeiten vermutete, und von deren Zug sie genaue Nachricht musste gehabt haben. Man wusste nicht, ob man die Tat einem Freikorps, ob man sie Marodeurs oder Raubern zuschreiben sollte. Genug, zum Glucke der vornehmen und reichen Karawane waren die Geringen und Armen zuerst auf den Platz gekommen und hatten das Schicksal erduldet, das jenen zubereitet war. Darauf bezogen sich die Worte der jungen Dame, deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun vergnugt und glucklich sein konnte, dass ein vorsichtiger Genius ihn zum Opfer bestimmt hatte, eine vollkommene Sterbliche zu retten, so war er dagegen nahe an der Verzweiflung, da ihm, sie wiederzufinden, sie wiederzusehen, wenigstens fur den Augenblick alle Hoffnung verschwunden war.

Was diese sonderbare Bewegung in ihm vermehrte, war die Ahnlichkeit, die er zwischen der Grafin und der schonen Unbekannten entdeckt zu haben glaubte. Sie glichen sich, wie sich Schwestern gleichen mogen, deren keine die jungere noch die altere genannt werden darf, denn sie scheinen Zwillinge zu sein.

Die Erinnerung an die liebenswurdige Grafin war ihm unendlich suss. Er rief sich ihr Bild nur allzugern wieder ins Gedachtnis. Aber nun trat die Gestalt der edlen Amazone gleich dazwischen, eine Erscheinung verwandelte sich in die andere, ohne dass er imstande gewesen ware, diese oder jene festzuhalten.

Wie wunderbar musste ihm daher die Ahnlichkeit ihrer Handschriften sein! denn er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Grafin in seiner Schreibtafel, und in dem Uberrock hatte er ein Zettelchen gefunden, worin man sich mit viel zartlicher Sorgfalt nach dem Befinden eines Oheims erkundigte.

Wilhelm war uberzeugt, dass seine Retterin dieses Billett geschrieben, dass es auf der Reise in einem Wirtshause aus einem Zimmer in das andere geschickt und von dem Oheim in die Tasche gesteckt worden sei. Er hielt beide Handschriften gegeneinander, und wenn die zierlich gestellten Buchstaben der Grafin ihm sonst so sehr gefallen hatten, so fand er in den ahnlichen, aber freieren Zugen der Unbekannten eine unaussprechlich fliessende Harmonie. Das Billett enthielt nichts, und schon die Zuge schienen ihn, so wie ehemals die Gegenwart der Schonen, zu erheben.

Er verfiel in eine traumende Sehnsucht, und wie einstimmend mit seinen Empfindungen war das Lied, das eben in dieser Stunde Mignon und der Harfner als ein unregelmassiges Duett mit dem herzlichsten Ausdrucke sangen:

Nur wer die Sehnsucht kennt,

Weiss, was ich leide!

Allein und abgetrennt

Von aller Freude,

Seh' ich ans Firmament

Nach jener Seite.

Ach! der mich liebt und kennt,

Ist in der Weite.

Es schwindelt mir, es brennt

Mein Eingeweide.

Nur wer die Sehnsucht kennt,

Weiss, was ich leide!

Zwolftes Kapitel

Die sanften Lockungen des lieben Schutzgeistes, anstatt unsern Freund auf irgendeinen Weg zu fuhren, nahrten und vermehrten die Unruhe, die er vorher empfunden hatte. Eine heimliche Glut schlich in seinen Adern; bestimmte und unbestimmte Gegenstande wechselten in seiner Seele und erregten ein endloses Verlangen. Bald wunschte er sich ein Ross, bald Flugel, und indem es ihm unmoglich schien, bleiben zu konnen, sah er sich erst um, wohin er denn eigentlich begehre.

Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar verworren; er wunschte die seltsamen Knoten aufgelost oder zerschnitten zu sehen. Oft, wenn er ein Pferd traben oder einen Wagen rollen horte, schaute er eilig zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es wurde jemand sein, der ihn aufsuchte und, ware es auch nur durch Zufall, ihm Nachricht, Gewissheit und Freude brachte. Er erzahlte sich Geschichten vor, wie sein Freund Werner in diese Gegend kommen und ihn uberraschen konnte, dass Mariane vielleicht erscheinen durfte. Der Ton eines jeden Posthorns setzte ihn in Bewegung. Melina sollte von seinem Schicksale Nachricht geben, vorzuglich aber sollte der Jager wiederkommen und ihn zu jener angebeteten Schonheit einladen.

Von allem diesem geschah leider nichts, und er musste zuletzt wieder mit sich allein bleiben, und indem er das Vergangene wieder durchnahm, ward ihm ein Umstand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete, immer widriger und unertraglicher. Es war seine verungluckte Heerfuhrerschaft, an die er ohne Verdruss nicht denken konnte. Denn ob er gleich am Abend jenes bosen Tages sich vor der Gesellschaft so ziemlich herausgeredet hatte, so konnte er sich doch selbst seine Schuld nicht verleugnen. Er schrieb sich vielmehr in hypochondrischen Augenblicken den ganzen Vorfall allein zu.

Die Eigenliebe lasst uns sowohl unsre Tugenden als unsre Fehler viel bedeutender, als sie sind, erscheinen. Er hatte das Vertrauen auf sich rege gemacht, den Willen der ubrigen gelenkt und war, von Unerfahrenheit und Kuhnheit geleitet, vorangegangen; es ergriff sie eine Gefahr, der sie nicht gewachsen waren. Laute und stille Vorwurfe verfolgten ihn, und wenn er der irregefuhrten Gesellschaft nach dem empfindlichen Verluste zugesagt hatte, sie nicht zu verlassen, bis er ihnen das Verlorne mit Wucher ersetzt hatte, so hatte er sich uber eine neue Verwegenheit zu schelten, womit er ein allgemein ausgeteiltes Ubel auf seine Schultern zu nehmen sich vermass. Bald verwies er sich, dass er durch Aufspannung und Drang des Augenblicks ein solches Versprechen getan hatte; bald fuhlte er wieder, dass jenes gutmutige Hinreichen seiner Hand, die niemand anzunehmen wurdigte, nur eine leichte Formlichkeit sei gegen das Gelubde, das sein Herz getan hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohltatig und nutzlich zu sein, und fand alle Ursache, seine Reise zu Serlo zu beschleunigen. Er packte nunmehr seine Sachen zusammen und eilte, ohne seine vollige Genesung abzuwarten, ohne auf den Rat des Pastors und Wundarztes zu horen, in der wunderbaren Gesellschaft Mignons und des Alten, der Untatigkeit zu entfliehen, in der ihn sein Schicksal abermals nur zu lange gehalten hatte.

Dreizehntes Kapitel

Serlo empfing ihn mit offenen Armen und rief ihm entgegen: "Seh' ich Sie? Erkenn' ich Sie wieder? Sie haben sich wenig oder nicht geandert. Ist Ihre Liebe zur edelsten Kunst noch immer so stark und lebendig? So sehr erfreu' ich mich uber Ihre Ankunft, dass ich selbst das Misstrauen nicht mehr fuhle, das Ihre letzten Briefe bei mir erregt haben."

Wilhelm bat betroffen um eine nahere Erklarung.

"Sie haben sich", versetzte Serlo, "gegen mich nicht wie ein alter Freund betragen; Sie haben mich wie einen grossen Herrn behandelt, dem man mit gutem Gewissen unbrauchbare Leute empfehlen darf. Unser Schicksal hangt von der Meinung des Publikums ab, und ich furchte, dass Ihr Herr Melina mit den Seinigen schwerlich bei uns wohl aufgenommen werden durfte."

Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunsten sprechen, aber Serlo fing an, eine so unbarmherzige Schilderung von ihnen zu machen, dass unser Freund sehr zufrieden war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat, das Gesprach unterbrach und ihm sogleich als Schwester Aurelia von seinem Freunde vorgestellt ward. Sie empfing ihn auf das freundschaftlichste, und ihre Unterhaltung war so angenehm, dass er nicht einmal einen entschiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, der ihrem geistreichen Gesicht noch ein besonderes Interesse gab.

Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm wieder in seinem Elemente. Bei seinen Gesprachen hatte er sonst nur notdurftig gefallige Zuhorer gefunden, da er gegenwartig mit Kunstlern und Kennern zu sprechen das Gluck hatte, die ihn nicht allein vollkommen verstanden, sondern die auch sein Gesprach belehrend erwiderten. Mit welcher Geschwindigkeit ging man die neuesten Stucke durch! Mit welcher Sicherheit beurteilte man sie! Wie wusste man das Urteil des Publikums zu prufen und zu schatzen! In welcher Geschwindigkeit klarte man einander auf!

Nun musste sich bei Wilhelms Vorliebe fur Shakespearen das Gesprach notwendig auf diesen Schriftsteller lenken. Er zeigte die lebhafteste Hoffnung auf die Epoche, welche diese vortrefflichen Stucke in Deutschland machen mussten, und bald brachte er seinen "Hamlet" vor, der ihn so sehr beschaftigt hatte.

Serlo versicherte, dass er das Stuck langst, wenn es nur moglich gewesen ware, gegeben hatte, dass er gern die Rolle des Polonius ubernehmen wolle. Dann setzte er mit Lacheln hinzu: "Und Ophelien finden sich wohl auch, wenn wir nur erst den Prinzen haben."

Wilhelm bemerkte nicht, dass Aurelien dieser Scherz des Bruders zu missfallen schien; er ward vielmehr nach seiner Art weitlaufig und lehrreich, in welchem Sinne er den Hamlet gespielt haben wolle. Er legte ihnen die Resultate umstandlich dar, mit welchen wir ihn oben beschaftigt gesehn, und gab sich alle Muhe, seine Meinung annehmlich zu machen, so viel Zweifel auch Serlo gegen seine Hypothese erregte. "Nun gut", sagte dieser zuletzt, "wir geben Ihnen alles zu; was wollen Sie weiter daraus erklaren?"

"Vieles, alles", versetzte Wilhelm. "Denken Sie sich einen Prinzen, wie ich ihn geschildert habe, dessen Vater unvermutet stirbt. Ehrgeiz und Herrschsucht sind nicht die Leidenschaften, die ihn beleben; er hatte sich's gefallen lassen, Sohn eines Konigs zu sein; aber nun ist er erst genotigt, auf den Abstand aufmerksamer zu werden, der den Konig vom Untertanen scheidet. Das Recht zur Krone war nicht erblich, und doch hatte ein langeres Leben seines Vaters die Anspruche seines einzigen Sohnes mehr befestigt und die Hoffnung zur Krone gesichert. Dagegen sieht er sich nun durch seinen Oheim, ungeachtet scheinbarer Versprechungen, vielleicht auf immer ausgeschlossen; er fuhlt sich nun so arm an Gnade, an Gutern und fremd in dem, was er von Jugend auf als sein Eigentum betrachten konnte. Hier nimmt sein Gemut die erste traurige Richtung. Er fuhlt, dass er nicht mehr, ja nicht so viel ist als jeder Edelmann; er gibt sich fur einen Diener eines jeden, er ist nicht hoflich, nicht herablassend, nein, herabgesunken und bedurftig.

Nach seinem vorigen Zustande blickt er nur wie nach einem verschwundnen Traume. Vergebens, dass sein Oheim ihn aufmuntern, ihm seine Lage aus einem andern Gesichtspunkte zeigen will; die Empfindung seines Nichts verlasst ihn nie.

Der zweite Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, beugte noch mehr. Es ist die Heirat seiner Mutter. Ihm, einem treuen und zartlichen Sohne, blieb, da sein Vater starb, eine Mutter noch ubrig; er hoffte, in Gesellschaft seiner hinterlassenen edlen Mutter die Heldengestalt jenes grossen Abgeschiedenen zu verehren; aber auch seine Mutter verliert er, und es ist schlimmer, als wenn sie ihm der Tod geraubt hatte. Das zuverlassige Bild, das sich ein wohlgeratenes Kind so gern von seinen Eltern macht, verschwindet; bei dem Toten ist keine Hulfe, und an der Lebendigen kein Halt. Sie ist auch ein Weib, und unter dem allgemeinen Geschlechtsnamen Gebrechlichkeit ist auch sie begriffen.

Nun erst fuhlt er sich recht gebeugt, nun erst verwaist, und kein Gluck der Welt kann ihm wieder ersetzen, was er verloren hat. Nicht traurig, nicht nachdenklich von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken zur schweren Burde. So sehen wir ihn auftreten. Ich glaube nicht, dass ich etwas in das Stuck hineinlege oder einen Zug ubertreibe."

Serlo sah seine Schwester an und sagte: "Habe ich dir ein falsches Bild von unserm Freunde gemacht? Er fangt gut an und wird uns noch manches vorerzahlen und viel uberreden." Wilhelm schwur hoch und teuer, dass er nicht uberreden, sondern uberzeugen wolle, und bat nur noch um einen Augenblick Geduld.

"Denken Sie sich", rief er aus, "diesen Jungling, diesen Furstensohn recht lebhaft, vergegenwartigen Sie sich seine Lage, und dann beobachten Sie ihn, wenn er erfahrt, die Gestalt seines Vaters erscheine; stehen Sie ihm bei in der schrecklichen Nacht, wenn der ehrwurdige Geist selbst vor ihm auftritt. Ein ungeheures Entsetzen ergreift ihn; er redet die Wundergestalt an, sieht sie winken, folgt und hort. Die schreckliche Anklage wider seinen Oheim ertont in seinen Ohren, Aufforderung zur Rache und die dringende, wiederholte Bitte 'Erinnere dich meiner!'

Und da der Geist verschwunden ist, wen sehen wir vor uns stehen? Einen jungen Helden, der nach Rache schnaubt? Einen gebornen Fursten, der sich glucklich fuhlt, gegen den Usurpator seiner Krone aufgefordert zu werden? Nein! Staunen und Trubsinn uberfallt den Einsamen; er wird bitter gegen die lachelnden Bosewichter, schwort, den Abgeschiedenen nicht zu vergessen, und schliesst mit dem bedeutenden Seufzer: 'Die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, dass ich geboren ward, sie wieder einzurichten.'

In diesen Worten, dunkt mich, liegt der Schlussel zu Hamlets ganzem Betragen, und mir ist deutlich, dass Shakespeare habe schildern wollen: eine grosse Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist. Und in diesem Sinne find' ich das Stuck durchgangig gearbeitet. Hier wird ein Eichbaum in ein kostliches Gefass gepflanzt, das nur liebliche Blumen in seinen Schoss hatte aufnehmen sollen; die Wurzeln dehnen sich aus, das Gefass wird zernichtet.

Ein schones, reines, edles, hochst moralisches Wesen, ohne die sinnliche Starke, die den Helden macht, geht unter einer Last zugrunde, die es weder tragen noch abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm heilig, diese zu schwer. Das Unmogliche wird von ihm gefordert, nicht das Unmogliche an sich, sondern das, was ihm unmoglich ist. Wie er sich windet, dreht, angstigt, vor- und zurucktritt, immer erinnert wird, sich immer erinnert und zuletzt fast seinen Zweck aus dem Sinne verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden."

Vierzehntes Kapitel

Verschiedene Personen traten herein, die das Gesprach unterbrachen. Es waren Virtuosen, die sich bei Serlo gewohnlich einmal die Woche zu einem kleinen Konzerte versammelten. Er liebte die Musik sehr und behauptete, dass ein Schauspieler ohne diese Liebe niemals zu einem deutlichen Begriff und Gefuhl seiner eigenen Kunst gelangen konne. So wie man viel leichter und anstandiger agiere, wenn die Gebarden durch eine Melodie begleitet und geleitet werden, so musse der Schauspieler sich auch seine prosaische Rolle gleichsam im Sinne komponieren, dass er sie nicht etwa eintonig nach seiner individuellen Art und Weise hinsudele, sondern sie in gehoriger Abwechslung nach Takt und Mass behandle.

Aurelie schien an allem, was vorging, wenig Anteil zu nehmen, vielmehr fuhrte sie zuletzt unsern Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie ans Fenster trat und den gestirnten Himmel anschaute, sagte sie zu ihm: "Sie sind uns manches uber Hamlet schuldig geblieben; ich will zwar nicht voreilig sein und wunsche, dass mein Bruder auch mit anhoren moge, was Sie uns noch zu sagen haben, doch lassen Sie mich Ihre Gedanken uber Ophelien horen!"

"Von ihr lasst sich nicht viel sagen", versetzte Wilhelm, "denn nur mit wenig Meisterzugen ist ihr Charakter vollendet. Ihr ganzes Wesen schwebt in reifer, susser Sinnlichkeit. Ihre Neigung zu dem Prinzen, auf dessen Hand sie Anspruch machen darf, fliesst so aus der Quelle, das gute Herz uberlasst sich so ganz seinem Verlangen, dass Vater und Bruder beide furchten, beide geradezu und unbescheiden warnen. Der Wohlstand, wie der leichte Flor auf ihrem Busen, kann die Bewegung ihres Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verrater dieser leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille Bescheidenheit atmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme Gottin Gelegenheit das Baumchen schutteln, so wurde die Frucht sogleich herabfallen."

"Und nun", sagte Aurelie, "wenn sie sich verlassen sieht, verstossen und verschmaht, wenn in der Seele ihres wahnsinnigen Geliebten sich das Hochste zum Tiefsten umwendet und er ihr statt des sussen Bechers der Liebe den bittern Kelch der Leiden hinreicht."

"Ihr Herz bricht", rief Wilhelm aus, "das ganze Gerust ihres Daseins ruckt aus seinen Fugen, der Tod ihres Vaters sturmt herein, und das schone Gebaude sturzt vollig zusammen."

Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit welchem Ausdruck Aurelie die letzten Worte aussprach. Nur auf das Kunstwerk, dessen Zusammenhang und Vollkommenheit gerichtet, ahnte er nicht, dass seine Freundin eine ganz andere Wirkung empfand, nicht, dass ein eigner tiefer Schmerz durch diese dramatischen Schattenbilder in ihr lebhaft erregt ward.

Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt, von ihren Armen unterstutzt, und ihre Augen, die sich mit Tranen fullten, gen Himmel gewendet. Endlich hielt sie nicht langer ihren verborgnen Schmerz zuruck; sie fasste des Freundes beide Hande und rief, indem er erstaunt vor ihr stand: "Verzeihen Sie, verzeihen Sie einem geangstigten Herzen! die Gesellschaft schnurt und presst mich zusammen; vor meinem unbarmherzigen Bruder muss ich mich zu verbergen suchen; nun hat Ihre Gegenwart alle Bande aufgelost. Mein Freund!" fuhr sie fort, "seit einem Augenblicke sind wir erst bekannt, und schon werden Sie mein Vertrauter." Sie konnte die Worte kaum aussprechen und sank an seine Schulter. "Denken Sie nicht ubler von mir", sagte sie schluchzend, "dass ich mich Ihnen so schnell eroffne, dass Sie mich so schwach sehen. Seien Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene es." Er redete ihr auf das herzlichste zu; umsonst! ihre Tranen flossen und erstickten ihre Worte.

In diesem Augenblicke trat Serlo sehr unwillkommen herein und sehr unerwartet Philine, die er bei der Hand hielt. "Hier ist Ihr Freund", sagte er zu ihr; "er wird sich freun, Sie zu begrussen."

"Wie!" rief Wilhelm erstaunt, "muss ich Sie hier sehen?"

Mit einem bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hiess ihn willkommen, ruhmte Serlos Gute, der sie ohne ihr Verdienst bloss in Hoffnung, dass sie sich bilden werde, unter seine treffliche Truppe aufgenommen habe. Sie tat dabei gegen Wilhelmen freundlich, doch aus einer ehrerbietigen Entfernung.

Diese Verstellung wahrte aber nicht langer, als die beiden zugegen waren. Denn als Aurelie ihren Schmerz zu verbergen wegging und Serlo abgerufen ward, sah Philine erst recht genau nach den Turen, ob beide auch gewiss fort seien; dann hupfte sie wie toricht in der Stube herum, setzte sich an die Erde und wollte vor Kichern und Lachen ersticken. Dann sprang sie auf, schmeichelte unserm Freunde und freute sich uber alle Massen, dass sie so klug gewesen sei, vorauszugehen, das Terrain zu rekognoszieren und sich einzunisten.

"Hier geht es bunt zu", sagte sie, "gerade so, wie mir's recht ist. Aurelie hat einen unglucklichen Liebeshandel mit einem Edelmanne gehabt, der ein prachtiger Mensch sein muss, und den ich selbst wohl einmal sehen mochte. Er hat ihr ein Andenken hinterlassen, oder ich musste mich sehr irren. Es lauft da ein Knabe herum, ungefahr von drei Jahren, schon wie die Sonne; der Papa mag allerliebst sein. Ich kann sonst die Kinder nicht leiden, aber dieser Junge freut mich. Ich habe ihr nachgerechnet. Der Tod ihres Mannes, die neue Bekanntschaft, das Alter des Kindes, alles trifft zusammen.

Nun ist der Freund seiner Wege gegangen; seit einem Jahre sieht er sie nicht mehr. Sie ist daruber ausser sich und untrostlich. Die Narrin! Der Bruder hat unter der Truppe eine Tanzerin, mit der er schontut, ein Aktrischen, mit der er vertraut ist, in der Stadt noch einige Frauen, denen er aufwartet, und nun steh ich auch auf der Liste. Der Narr! Vom ubrigen Volke sollst du morgen horen. Und nun noch ein Wortchen von Philinen, die du kennst; die Erznarrin ist in dich verliebt." Sie schwur, dass es wahr sei, und beteuerte, dass es ein rechter Spass sei. Sie bat Wilhelmen instandig, er mochte sich in Aurelien verlieben, dann werde die Hetze erst recht angehen. "Sie lauft ihrem Ungetreuen, du ihr, ich dir und der Bruder mir nach. Wenn das nicht eine Lust auf ein halbes Jahr gibt, so will ich an der ersten Episode sterben, die sich zu diesem vierfach verschlungenen Romane hinzuwirft." Sie bat ihn, er mochte ihr den Handel nicht verderben und ihr so viel Achtung bezeigen, als sie durch ihr offentliches Betragen verdienen wolle.

Funfzehntes Kapitel

Den nachsten Morgen gedachte Wilhelm Madame Melina zu besuchen; er fand sie nicht zu Hause, fragte nach den ubrigen Gliedern der wandernden Gesellschaft und erfuhr, Philine habe sie zum Fruhstuck eingeladen. Aus Neugier eilte er hin und traf sie alle sehr aufgeraumt und getrostet. Das kluge Geschopf hatte sie versammelt, sie mit Schokolade bewirtet und ihnen zu verstehen gegeben, noch sei nicht alle Aussicht versperrt; sie hoffe durch ihren Einfluss den Direktor zu uberzeugen, wie vorteilhaft es ihm sei, so geschickte Leute in seine Gesellschaft aufzunehmen. Sie horten ihr aufmerksam zu, schlurften eine Tasse nach der andern hinunter, fanden das Madchen gar nicht ubel und nahmen sich vor, das Beste von ihr zu reden.

"Glauben Sie denn", sagte Wilhelm, der mit Philinen allein geblieben war, "dass Serlo sich noch entschliessen werde, unsre Gefahrten zu behalten?" "Mit nichten" versetzte Philine, "es ist mir auch gar nichts daran gelegen, ich wollte, sie waren je eher je lieber fort! Den einzigen Laertes wunscht' ich zu behalten; die ubrigen wollen wir schon nach und nach beiseitebringen."

Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verstehen, dass sie gewiss uberzeugt sei, er werde nunmehr sein Talent nicht langer vergraben, sondern unter Direktion eines Serlo aufs Theater gehen. Sie konnte die Ordnung, den Geschmack, den Geist, der hier herrsche, nicht genug ruhmen, sie sprach so schmeichelnd zu unserm Freunde, so schmeichelhaft von seinen Talenten, dass sein Herz und seine Einbildungskraft sich ebensosehr diesem Vorschlag naherten, als sein Verstand und seine Vernunft sich davon entfernten. Er verbarg seine Neigung vor sich selbst und vor Philinen und brachte einen unruhigen Tag zu, an dem er sich nicht entschliessen konnte, zu seinen Handelskorrespondenten zu gehen und die Briefe, die dort fur ihn liegen mochten, abzuholen. Denn ob er sich gleich die Unruhe der Seinigen diese Zeit uber vorstellen konnte, so scheute er sich doch, ihre Sorgen und Vorwurfe umstandlich zu erfahren, um so mehr, da er sich einen grossen und reinen Genuss diesen Abend von der Auffuhrung eines neuen Stucks versprach.

Serlo hatte sich geweigert, ihn bei der Probe zuzulassen. "Sie mussen uns", sagte er, "erst von der besten Seite kennenlernen, eh' wir zugeben, dass Sie uns in die Karte sehen."

Mit der grossten Zufriedenheit wohnte aber auch unser Freund den Abend darauf der Vorstellung bei. Es war das erste Mal, dass er ein Theater in solcher Vollkommenheit sah. Man traute samtlichen Schauspielern furtreffliche Gaben, gluckliche Anlagen und einen hohen klaren Begriff von ihrer Kunst zu, und doch waren sie einander nicht gleich; aber sie hielten und trugen sich wechselsweise, feuerten einander an und waren in ihrem ganzen Spiele sehr bestimmt und genau. Man fuhlte bald, dass Serlo die Seele des Ganzen war, und er zeichnete sich sehr zu seinem Vorteil aus. Eine heitere Laune, eine gemassigte Lebhaftigkeit, ein bestimmtes Gefuhl des Schicklichen bei einer grossen Gabe der Nachahmung musste man an ihm, wie er aufs Theater trat, wie er den Mund offnete, bewundern. Die innere Behaglichkeit seines Daseins schien sich uber alle Zuhorer auszubreiten, und die geistreiche Art, mit der er die feinsten Schattierungen der Rollen leicht und gefallig ausdruckte, erweckte um soviel mehr Freude, als er die Kunst zu verbergen wusste, die er sich durch eine anhaltende Ubung eigen gemacht hatte.

Seine Schwester Aurelie blieb nicht hinter ihm und erhielt noch grosseren Beifall, indem sie die Gemuter der Menschen ruhrte, die er zu erheitern und zu erfreuen so sehr imstande war.

Nach einigen Tagen, die auf eine angenehme Weise zugebracht wurden, verlangte Aurelie nach unserm Freund. Er eilte zu ihr und fand sie auf dem Kanapee liegen; sie schien an Kopfweh zu leiden, und ihr ganzes Wesen konnte eine fieberhafte Bewegung nicht verbergen. Ihr Auge erheiterte sich, als sie den Hereintretenden ansah. "Vergeben Sie!" rief sie ihm entgegen; "das Zutrauen, das Sie mir einflossten, hat mich schwach gemacht. Bisher konnt' ich mich mit meinen Schmerzen im stillen unterhalten, ja sie gaben mir Starke und Trost; nun haben Sie, ich weiss nicht, wie es zugegangen ist, die Bande der Verschwiegenheit gelost, und Sie werden nun selbst wider Willen teil an dem Kampfe nehmen, den ich gegen mich selbst streite."

Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er versicherte, dass ihr Bild und ihre Schmerzen ihm bestandig vor der Seele geschwebt, dass er sie um Vertrauen bitte, dass er sich ihr zum Freund widme.

Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem Knaben angezogen, der vor ihr auf der Erde sass und allerlei Spielwerk durcheinander warf. Er mochte, wie Philine schon angegeben, ungefahr drei Jahre alt sein, und Wilhelm verstand nun erst, warum das leichtfertige, in ihren Ausdrucken selten erhabene Madchen den Knaben der Sonne verglichen. Denn um die offenen Augen und das volle Gesicht krauselten sich die schonsten goldnen Locken, an einer blendend weissen Stirne zeigten sich zarte, dunkle, sanftgebogene Augenbrauen, und die lebhafte Farbe der Gesundheit glanzte auf seinen Wangen. "Setzen Sie sich zu mir", sagte Aurelie: "Sie sehen das gluckliche Kind mit Verwunderung an; gewiss, ich habe es mit Freuden auf meine Arme genommen, ich bewahre es mit Sorgfalt; nur kann ich auch recht an ihm den Grad meiner Schmerzen erkennen, denn sie lassen mich den Wert einer solchen Gabe nur selten empfinden.

Erlauben Sie mir", fuhr sie fort, "dass ich nun auch von mir und meinem Schicksale rede; denn es ist mir sehr daran gelegen, dass Sie mich nicht verkennen. Ich glaubte einige gelassene Augenblicke zu haben, darum liess ich Sie rufen; Sie sind nun da, und ich habe meinen Faden verloren.

'Ein verlassnes Geschopf mehr in der Welt!' werden Sie sagen. Sie sind ein Mann und denken: 'Wie gebardet sie sich bei einem notwendigen Ubel, das gewisser als der Tod uber einem Weibe schwebt, bei der Untreue eines Mannes, die Torin!' O mein Freund, ware mein Schicksal gemein, ich wollte gern gemeines Ubel ertragen; aber es ist so ausserordentlich; warum kann ich's Ihnen nicht im Spiegel zeigen, warum nicht jemand auftragen, es Ihnen zu erzahlen! O ware, ware ich verfuhrt, uberrascht und dann verlassen, dann wurde in der Verzweiflung noch Trost sein; aber ich bin weit schlimmer daran, ich habe mich selbst hintergangen, mich selbst wider Wissen betrogen, das ist's, was ich mir niemals verzeihen kann."

"Bei edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind", versetzte der Freund, "konnen Sie nicht ganz unglucklich sein."

"Und wissen Sie, wem ich meine Gesinnung schuldig bin?" fragte Aurelie; "der allerschlechtesten Erziehung, durch die jemals ein Madchen hatte verderbt werden sollen, dem schlimmsten Beispiele, um Sinne und Neigung zu verfuhren.

Nach dem fruhzeitigen Tode meiner Mutter bracht' ich die schonsten Jahre der Entwicklung bei einer Tante zu, die sich zum Gesetz machte, die Gesetze der Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings uberliess sie sich einer jeden Neigung, sie mochte uber den Gegenstand gebieten oder sein Sklav' sein, wenn sie nur im wilden Genuss ihrer selbst vergessen konnte.

Was mussten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen Blick der Unschuld uns fur Begriffe von dem mannlichen Geschlechte machen? Wie dumpf, dreist, ungeschickt war jeder, den sie herbeireizte; wie satt, ubermutig, leer und abgeschmackt dagegen, sobald er seiner Wunsche Befriedigung gefunden hatte. So hab' ich diese Frau jahrelang unter dem Gebote der schlechtesten Menschen erniedrigt gesehen; was fur Begegnungen musste sie erdulden, und mit welcher Stirne wusste sie sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit welcher Art diese schandlichen Fesseln zu tragen!

So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein hasste ich's, da ich zu bemerken schien, dass selbst leidliche Manner im Verhaltnis gegen das unsrige jedem guten Gefuhl zu entsagen schienen, zu dem sie die Natur sonst noch mochte fahig gemacht haben.

Leider musst' ich auch bei solchen Gelegenheiten viel traurige Erfahrungen uber mein eigen Geschlecht machen, und wahrhaftig, als Madchen von sechzehn Jahren war ich kluger, als ich jetzt bin, jetzt, da ich mich selbst kaum verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir jung sind, so klug, um immer torichter zu werden!"

Der Knabe machte Larm, Aurelie ward ungeduldig und klingelte. Ein altes Weib kam herein, ihn wegzuholen. "Hast du noch immer Zahnweh?" sagte Aurelie zu der Alten, die das Gesicht verbunden hatte. "Fast unleidliches" versetzte diese mit dumpfer Stimme, hob den Knaben auf, der gerne mitzugehen schien, und brachte ihn weg.

Kaum war das Kind beiseite, als Aurelie bitterlich zu weinen anfing. "Ich kann nichts als jammern und klagen", rief sie aus, "und ich schame mich, wie ein armer Wurm vor Ihnen zu liegen. Meine Besonnenheit ist schon weg, und ich kann nicht mehr erzahlen." Sie stockte und schwieg. Ihr Freund, der nichts Allgemeines sagen wollte und nichts Besonderes zu sagen wusste, druckte ihre Hand und sah sie eine Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf, das er vor sich auf dem Tischchen liegen fand; es waren Shakespeares Werke und "Hamlet" aufgeschlagen.

Serlo, der eben zur Tur hereinkam, nach dem Befinden seiner Schwester fragte, schaute in das Buch, das unser Freund in der Hand hielt, und rief aus: "Find' ich Sie wieder uber Ihrem Hamlet? Eben recht! Es sind mir gar manche Zweifel aufgestossen, die das kanonische Ansehen, das Sie dem Stucke so gerne geben mochten, sehr zu vermindern scheinen. Haben doch die Englander selbst bekannt, dass das Hauptinteresse sich mit dem dritten Akt schlosse, dass die zwei letzten Akte nur kummerlich das Ganze zusammenhielten, und es ist doch wahr, das Stuck will gegen das Ende weder gehen noch rucken."

"Es ist sehr moglich", sagte Wilhelm, "dass einige Glieder einer Nation, die so viel Meisterstucke aufzuweisen hat, durch Vorurteile und Beschranktheit auf falsche Urteile geleitet werden; aber das kann uns nicht hindern, mit eigenen Augen zu sehen und gerecht zu sein. Ich bin weit entfernt, den Plan dieses Stucks zu tadeln, ich glaube vielmehr, dass kein grosserer ersonnen worden sei; ja, er ist nicht ersonnen, es ist so."

"Wie wollen Sie das auslegen?" fragte Serlo.

"Ich will nichts auslegen", versetzte Wilhelm, "ich will Ihnen nur vorstellen, was ich mir denke."

Aurelie hob sich von ihrem Kissen auf, stutzte sich auf ihre Hand und sah unsern Freund an, der mit der grossten Versicherung, dass er recht habe, also zu reden fortfuhr: "Es gefallt uns so wohl, es schmeichelt so sehr, wenn wir einen Helden sehen, der durch sich selbst handelt, der liebt und hasst, wenn es ihm sein Herz gebietet, der unternimmt und ausfuhrt, alle Hindernisse abwendet und zu einem grossen Zwecke gelangt. Geschichtsschreiber und Dichter mochten uns gerne uberreden, dass ein so stolzes Los dem Menschen fallen konne. Hier werden wir anders belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stuck ist planvoll. Hier wird nicht etwa nach einer starr und eigensinnig durchgefuhrten Idee von Rache ein Bosewicht bestraft; nein, es geschieht eine ungeheure Tat, sie walzt sich in ihren Folgen fort, reisst Unschuldige mit; der Verbrecher scheint dem Abgrunde, der ihm bestimmt ist, ausweichen zu wollen und sturzt hinein, eben da, wo er seinen Weg glucklich auszulaufen gedenkt. Denn das ist die Eigenschaft der Greueltat, dass sie auch Boses uber den Unschuldigen, wie der guten Handlung, dass sie viele Vorteile auch uber den Unverdienten ausbreitet, ohne dass der Urheber von beiden oft weder bestraft noch belohnt wird. Hier in unserm Stucke, wie wunderbar! Das Fegefeuer sendet seinen Geist und fordert Rache, aber vergebens. Alle Umstande kommen zusammen und treiben die Rache, vergebens! Weder Irdischen noch Unterirdischen kann gelingen, was dem Schicksal allein vorbehalten ist. Die Gerichtsstunde kommt. Der Bose fallt mit dem Guten. Ein Geschlecht wird weggemaht, und das andere sprosst auf."

Nach einer Pause, in der sie einander ansahen, nahm Serlo das Wort: "Sie machen der Vorsehung kein sonderlich Kompliment, indem Sie den Dichter erheben, und dann scheinen Sie mir wieder zu Ehren Ihres Dichters, wie andere zu Ehren der Vorsehung, ihm Endzweck und Plane unterzuschieben, an die er nicht gedacht hat."

Sechzehntes Kapitel

"Lassen Sie mich", sagte Aurelie, "nun auch eine Frage tun. Ich habe Opheliens Rolle wieder angesehen, ich bin zufrieden damit und getraue mir, sie unter gewissen Umstanden zu spielen. Aber sagen Sie mir, hatte der Dichter seiner Wahnsinnigen nicht andere Liedchen unterlegen sollen? Konnte man nicht Fragmente aus melancholischen Balladen wahlen? Was sollen Zweideutigkeiten und lusterne Albernheiten in dem Munde dieses edlen Madchens?"

"Beste Freundin", versetzte Wilhelm, "ich kann auch hier nicht ein Jota nachgeben. Auch in diesen Sonderbarkeiten, auch in dieser anscheinenden Unschicklichkeit liegt ein grosser Sinn. Wissen wir doch gleich zu Anfange des Stucks, womit das Gemut des guten Kindes beschaftigt ist. Stille lebte sie vor sich hin, aber kaum verbarg sie ihre Sehnsucht, ihre Wunsche. Heimlich klangen die Tone der Lusternheit in ihre Seele, und wie oft mag sie versucht haben, gleich einer unvorsichtigen Warterin, ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu singen mit Liedchen, die sie nur mehr wach halten mussten. Zuletzt, da ihr jede Gewalt uber sich selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge schwebt, wird diese Zunge ihre Verraterin, und in der Unschuld des Wahnsinns ergotzt sie sich vor Konig und Konigin an dem Nachklange ihrer geliebten losen Lieder: vom Madchen, das gewonnen ward; vom Madchen, das zum Knaben schleicht, und so weiter."

Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal eine wunderbare Szene vor seinen Augen entstand, die er sich auf keine Weise erklaren konnte.

Serlo war einigemal in der Stube auf und ab gegangen, ohne dass er irgendeine Absicht merken liess. Auf einmal trat er an Aureliens Putztisch, griff schnell nach etwas, das darauf lag, und eilte mit seiner Beute der Ture zu. Aurelie bemerkte kaum seine Handlung, als sie auffuhr, sich ihm in den Weg warf, ihn mit unglaublicher Leidenschaft angriff und geschickt genug war, ein Ende des geraubten Gegenstandes zu fassen. Sie rangen und balgten sich sehr hartnackig, drehten und wanden sich sehr lebhaft miteinander herum; er lachte, sie ereiferte sich, und als Wilhelm hinzu eilte, sie auseinander zu bringen und zu besanftigen, sah er auf einmal Aurelien mit einem blossen Dolch in der Hand auf die Seite springen, indem Serlo die Scheide, die ihm zuruckgeblieben war, verdriesslich auf den Boden warf. Wilhelm trat erstaunt zuruck, und seine stumme Verwunderung schien nach der Ursache zu fragen, warum ein so sonderbarer Streit uber einen so wunderbaren Hausrat habe unter ihnen entstehen konnen.

"Sie sollen", sprach Serlo, "Schiedsrichter zwischen uns beiden sein. Was hat sie mit dem scharfen Stahle zu tun? Lassen Sie sich ihn zeigen. Dieser Dolch ziemt keiner Schauspielerin; spitz und scharf wie Nadel und Messer! Zu was diese Posse? Heftig, wie sie ist, tut sie sich noch einmal von ungefahr ein Leides. Ich habe einen innerlichen Hass gegen solche Sonderbarkeiten: ein ernstlicher Gedanke dieser Art ist toll, und ein so gefahrliches Spielwerk abgeschmackt."

"Ich habe ihn wieder!" rief Aurelie, indem sie die blanke Klinge in die Hohe hielt; "ich will meinen treuen Freund nun besser verwahren. Verzeih mir", rief sie aus, indem sie den Stahl kusste, "dass ich dich so vernachlassigt habe!"

Serlo schien im Ernste bose zu werden. "Nimm es, wie du willst, Bruder", fuhr sie fort; "kannst du denn wissen, ob mir nicht etwa unter dieser Form ein kostlicher Talisman beschert ist; ob ich nicht Hulfe und Rat zur schlimmsten Zeit bei ihm finde; muss denn alles schadlich sein, was gefahrlich aussieht?"

"Dergleichen Reden, in denen kein Sinn ist, konnen mich toll machen!" sagte Serlo und verliess mit heimlichem Grimme das Zimmer. Aurelie verwahrte den Dolch sorgfaltig in der Scheide und steckte ihn zu sich. "Lassen Sie uns das Gesprach fortsetzen, das der ungluckliche Bruder gestort hat", fiel sie ein, als Wilhelm einige Fragen uber den sonderbaren Streit vorbrachte.

"Ich muss Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten lassen", fuhr sie fort; "ich will die Absicht des Dichters nicht verkennen; nur kann ich sie mehr bedauern als mit ihr empfinden. Nun aber erlauben Sie mir eine Betrachtung, zu der Sie mir in der kurzen Zeit oft Gelegenheit gegeben haben. Mit Bewunderung bemerke ich an Ihnen den tiefen und richtigen Blick, mit dem Sie Dichtung und besonders dramatische Dichtung beurteilen; die tiefsten Abgrunde der Erfindung sind Ihnen nicht verborgen, und die feinsten Zuge der Ausfuhrung sind Ihnen bemerkbar. Ohne die Gegenstande jemals in der Natur erblickt zu haben, erkennen Sie die Wahrheit im Bilde; es scheint eine Vorempfindung der ganzen Welt in Ihnen zu liegen, welche durch die harmonische Beruhrung der Dichtkunst erregt und entwickelt wird. Denn wahrhaftig", fuhr sie fort, "von aussen kommt nichts in Sie hinein; ich habe nicht leicht jemanden gesehen, der die Menschen, mit denen er lebt, so wenig kennt, so von Grund aus verkennt wie Sie. Erlauben Sie mir, es zu sagen: wenn man Sie Ihren Shakespeare erklaren hort, glaubt man, Sie kamen eben aus dem Rate der Gotter und hatten zugehort, wie man sich daselbst beredet, Menschen zu bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten umgehen, seh' ich in Ihnen gleichsam das erste, grossgeborne Kind der Schopfung das mit sonderlicher Verwunderung und erbaulicher Gutmutigkeit Lowen und Affen, Schafe und Elefanten anstaunt und sie treuherzig als seinesgleichen anspricht, weil sie eben auch da sind und sich bewegen."

"Die Ahnung meines schulerhaften Wesens, werte Freundin", versetzte er, "ist mir ofters lastig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir uber die Welt zu mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von Jugend auf die Augen meines Geistes mehr nach innen als nach aussen gerichtet, und da ist es sehr naturlich, dass ich den Menschen bis auf einen gewissen Grad habe kennen lernen, ohne die Menschen im mindesten zu verstehen und zu begreifen."

"Gewiss", sagte Aurelie, "ich hatte Sie anfangs in Verdacht, als wollten Sie uns zum besten haben, da Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder zugeschickt haben, so manches Gute sagten, wenn ich Ihre Briefe mit den Verdiensten dieser Menschen zusammenhielt."

Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie sein mochte, und so gern ihr Freund diesen Mangel bei sich gestand, fuhrte doch etwas Druckendes, ja sogar Beleidigendes mit sich, dass er still ward und sich zusammennahm, teils um keine Empfindlichkeit merken zu lassen, teils in seinem Busen nach der Wahrheit dieses Vorwurfs zu forschen.

"Sie durfen nicht daruber betreten sein", fuhr Aurelie fort; "zum Lichte des Verstandes konnen wir immer gelangen; aber die Fulle des Herzens kann uns niemand geben. Sind Sie zum Kunstler bestimmt, so konnen Sie diese Dunkelheit und Unschuld nicht lange genug bewahren; sie ist die schone Hulle uber der jungen Knospe; Unglucks genug, wenn wir zu fruh herausgetrieben werden. Gewiss, es ist gut, wenn wir die nicht immer kennen, fur die wir arbeiten.

O! ich war auch einmal in diesem glucklichen Zustande, als ich mit dem hochsten Begriff von mir selbst und meiner Nation die Buhne betrat. Was waren die Deutschen nicht in meiner Einbildung, was konnten sie nicht sein! Zu dieser Nation sprach ich, uber die mich ein kleines Gerust erhob, von welcher mich eine Reihe Lampen trennte, deren Glanz und Dampf mich hinderte, die Gegenstande vor mir genau zu unterscheiden. Wie willkommen war mir der Klang des Beifalls, der aus der Menge herauftonte; wie dankbar nahm ich das Geschenk an, das mir einstimmig von so vielen Handen dargebracht wurde! Lange wiegte ich mich so hin; wie ich wirkte, wirkte die Menge wieder auf mich zuruck; ich war mit meinem Publikum in dem besten Vernehmen; ich glaubte eine vollkommene Harmonie zu fuhlen und jederzeit die Edelsten und Besten der Nation vor mir zu sehen.

Unglucklicherweise war es nicht die Schauspielerin allein, deren Naturell und Kunst die Theaterfreunde interessierte; sie machten auch Anspruche an das junge, lebhafte Madchen Sie gaben mir nicht undeutlich zu verstehen, dass meine Pflicht sei, die Empfindungen, die ich in ihnen rege gemacht, auch personlich mit ihnen zu teilen. Leider war das nicht meine Sache; ich wunschte ihre Gemuter zu erheben, aber an das, was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den mindesten Anspruch; und nun wurden mir alle Stande, Alter und Charaktere, einer um den andern, zur Last, und nichts war mir verdriesslicher, als dass ich mich nicht wie ein anderes ehrliches Madchen in mein Zimmer verschliessen und so mir manche Muhe ersparen konnte.

Die Manner zeigten sich meist, wie ich sie bei meiner Tante zu sehen gewohnt war, und sie wurden mir auch diesmal nur wieder Abscheu erregt haben, wenn mich nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten unterhalten hatten. Da ich nicht vermeiden konnte, sie bald auf dem Theater, bald an offentlichen Orten, bald zu Hause zu sehen, nahm ich mir vor, sie alle auszulauern, und mein Bruder half mir wacker dazu. Und wenn Sie denken, dass vom beweglichen Ladendiener und dem eingebildeten Kaufmannssohn bis zum gewandten, abwiegenden Weltmann, dem kuhnen Soldaten und dem raschen Prinzen alle nach und nach bei mir vor beigegangen sind, und jeder nach seiner Art seinen Roman anzuknupfen gedachte, so werden Sie mir verzeihen, wenn ich mir einbildete, mit meiner Nation ziemlich bekannt zu sein.

Den phantastisch aufgestutzten Studenten, den demutigstolz verlegenen Gelehrten, den schwankfussigen genugsamen Domherrn, den steifen aufmerksamen Geschaftsmann, den derben Landbaron, den freundlich glatt-platten Hofmann, den jungen aus der Bahn schreitenden Geistlichen, den gelassenen sowie den schnellen und tatig spekulierenden Kaufmann, alle habe ich in Bewegung gesehen, und beim Himmel! wenige fanden sich darunter, die mir nur ein gemeines Interesse einzuflossen imstande gewesen waren; vielmehr war es mir ausserst verdriesslich, den Beifall der Toren im einzelnen mit Beschwerlichkeit und langer Weile einzukassieren, der mir im ganzen so wohl behagt hatte, den ich mir im grossen so gerne zueignete.

Wenn ich uber mein Spiel ein vernunftiges Kompliment erwartete, wenn ich hoffte, sie sollten einen Autor loben, den ich hochschatzte, so machten sie eine alberne Anmerkung uber die andere und nannten ein abgeschmacktes Stuck, in welchem sie wunschten mich spielen zu sehen. Wenn ich in der Gesellschaft herumhorchte, ob nicht etwa ein edler, geistreicher, witziger Zug nachklange und zur rechten Zeit wieder zum Vorschein kame, konnte ich selten eine Spur vernehmen. Ein Fehler, der vorgekommen war, wenn ein Schauspieler sich versprach oder irgendeinen Provinzialism horen liess, das waren die wichtigen Punkte, an denen sie sich festhielten, von denen sie nicht loskommen konnten. Ich wusste zuletzt nicht, wohin ich mich wenden sollte; sie dunkten sich zu klug, sich unterhalten zu lassen, und sie glaubten mich wundersam zu unterhalten, wenn sie an mir herumtatschelten. Ich fing an, sie alle von Herzen zu verachten, und es war mir eben, als wenn die ganze Nation sich recht vorsatzlich bei mir durch ihre Abgesandten habe prostituieren wollen. Sie kam mir im ganzen so linkisch vor, so ubel erzogen, so schlecht unterrichtet, so leer von gefalligem Wesen, so geschmacklos. Oft rief ich aus: 'Es kann doch kein Deutscher einen Schuh zuschnallen, der es nicht von einer fremden Nation gelernt hat!'

Sie sehen, wie verblendet, wie hypochondrisch ungerecht ich war, und je langer es wahrte, desto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich hatte mich umbringen konnen; allein ich verfiel auf ein Extrem: ich verheiratete mich, oder vielmehr ich liess mich verheiraten. Mein Bruder, der das Theater ubernommen hatte, wunschte sehr, einen Gehulfen zu haben. Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann, der mir nicht zuwider war, dem alles mangelte, was mein Bruder besass, Genie, Leben, Geist und rasches Wesen, an dem sich aber auch alles fand, was jenem abging: Liebe zur Ordnung, Fleiss, eine kostliche Gabe hauszuhalten und mit Gelde umzugehen.

Er ist mein Mann geworden, ohne dass ich weiss, wie; wir haben zusammen gelebt, ohne dass ich recht weiss, warum. Genug, unsre Sachen gingen gut. Wir nahmen viel ein, davon war die Tatigkeit meines Bruders Ursache; wir kamen gut aus, und das war das Verdienst meines Mannes. Ich dachte nicht mehr an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich nichts zu teilen, und den Begriff von Nation hatte ich verloren. Wenn ich auftrat, tat ich's, um zu leben; ich offnete den Mund nur, weil ich nicht schweigen durfte, weil ich doch herausgekommen war, um zu reden.

Doch, dass ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz in die Absicht meines Bruders ergeben; ihm war um Beifall und Geld zu tun; denn, unter uns, er hort sich gerne loben und braucht viel. Ich spielte nun nicht mehr nach meinem Gefuhl, nach meiner Uberzeugung, sondern wie er mich anwies, und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte, war ich zufrieden. Er richtete sich nach allen Schwachen des Publikums; es ging Geld ein, er konnte nach seiner Willkur leben, und wir hatten gute Tage mit ihm.

Ich war indessen in einen handwerksmassigen Schlendrian gefallen. Ich zog meine Tage ohne Freude und Anteil hin, meine Ehe war kinderlos und dauerte nur kurze Zeit. Mein Mann ward krank, seine Krafte nahmen sichtbar ab, die Sorge fur ihn unterbrach meine allgemeine Gleichgultigkeit. In diesen Tagen machte ich eine Bekanntschaft, mit der ein neues Leben fur mich anfing, ein neues und schnelleres, denn es wird bald zu Ende sein."

Sie schwieg eine Zeitlang stille, dann fuhr sie fort: "Auf einmal stockt meine geschwatzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht weiter aufzutun. Lassen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie sollen nicht weggehen, ohne ausfuhrlich all mein Ungluck zu wissen. Rufen Sie doch indessen Mignon herein und horen, was sie will!"

Das Kind war wahrend Aureliens Erzahlung einigemal im Zimmer gewesen. Da man bei seinem Eintritt leiser sprach, war es wieder weggeschlichen, sass auf dem Saale still und wartete. Als man sie wieder hereinkommen liess, brachte sie ein Buch mit, das man bald an Form und Einband fur einen kleinen geographischen Atlas erkannte. Sie hatte bei dem Pfarrer unterwegs mit grosser Verwunderung die ersten Landkarten gesehen, ihn viel daruber gefragt und sich, soweit es gehen wollte, unterrichtet. Ihr Verlangen, etwas zu lernen, schien durch diese neue Kenntnis noch viel lebhafter zu werden. Sie bat Wilhelmen instandig, ihr das Buch zu kaufen. Sie habe dem Bildermann ihre grossen silbernen Schnallen dafur eingesetzt und wolle sie, weil es heute abend so spat geworden, morgen fruh wieder einlosen. Es ward ihr bewilligt, und sie fing nun an, dasjenige, was sie wusste, teils herzusagen, teils nach ihrer Art die wunderlichsten Fragen zu tun. Man konnte auch hier wieder bemerken, dass bei einer grossen Anstrengung sie nur schwer und muhsam begriff. So war auch ihre Handschrift, mit der sie sich viele Muhe gab. Sie sprach noch immer sehr gebrochen deutsch, und nur wenn sie den Mund zum Singen auftat, wenn sie die Zither ruhrte, schien sie sich des einzigen Organs zu bedienen, wodurch sie ihr Innerstes auf schliessen und mitteilen konnte.

Wir mussen, da wir gegenwartig von ihr sprechen, auch der Verlegenheit gedenken, in die sie seit einiger Zeit unsern Freund ofters versetzte. Wenn sie kam oder ging, guten Morgen oder gute Nacht sagte, schloss sie ihn so fest in ihre Arme und kusste ihn mit solcher Inbrunst, dass ihm die Heftigkeit dieser aufkeimenden Natur oft angst und bange machte. Die zukkende Lebhaftigkeit schien sich in ihrem Betragen taglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte sich in einer rastlosen Stille. Sie konnte nicht sein, ohne einen Bindfaden in den Handen zu drehen, ein Tuch zu kneten, Papier oder Holzchen zu kauen. Jedes ihrer Spiele schien nur eine innere heftige Erschutterung abzuleiten. Das einzige, was ihr einige Heiterkeit zu geben schien, war die Nahe des kleinen Felix, mit dem sie sich sehr artig abzugeben wusste.

Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde uber einen Gegenstand, der ihr so sehr am Herzen lag, endlich zu erklaren, ward uber die Beharrlichkeit der Kleinen diesmal ungeduldig und gab ihr zu verstehen, dass sie sich wegbegeben sollte, und man musste sie endlich, da alles nicht helfen wollte, ausdrucklich und wider ihren Willen fortschicken.

"Jetzt oder niemals", sagte Aurelie, "muss ich Ihnen den Rest meiner Geschichte erzahlen. Ware mein zartlich geliebter, ungerechter Freund nur wenige Meilen von hier, ich wurde sagen: 'Setzen Sie sich zu Pferde, suchen Sie auf irgendeine Weise Bekanntschaft mit ihm, und wenn Sie zuruckkehren, so haben Sie mir gewiss verziehen und bedauern mich von Herzen.' Jetzt kann ich Ihnen nur mit Worten sagen, wie liebenswurdig er war, und wie sehr ich ihn liebte.

Eben zu der kritischen Zeit, da ich fur die Tage meines Mannes besorgt sein musste, lernt' ich ihn kennen. Er war eben aus Amerika zuruckgekommen, wo er in Gesellschaft einiger Franzosen mit vieler Distinktion unter den Fahnen der Vereinigten Staaten gedient hatte.

Er begegnete mir mit einem gelassnen Anstande, mit einer offnen Gutmutigkeit, sprach uber mich selbst, meine Lage, mein Spiel, wie ein alter Bekannter, so teilnehmend und so deutlich, dass ich mich zum erstenmal freuen konnte, meine Existenz in einem andern Wesen so klar wiederzuerkennen. Seine Urteile waren richtig, ohne absprechend, treffend, ohne lieblos zu sein. Er zeigte keine Harte, und sein Mutwille war zugleich gefallig. Er schien des guten Glucks bei Frauen gewohnt zu sein, das machte mich aufmerksam; er war keinesweges schmeichelnd und andringend, das machte mich sorglos.

In der Stadt ging er mit wenigen um, war meist zu Pferde, besuchte seine vielen Bekannten in der Gegend und besorgte die Geschafte seines Hauses. Kam er zuruck, so stieg er bei mir ab, behandelte meinen immer krankern Mann mit warmer Sorge, schaffte dem Leidenden durch einen geschickten Arzt Linderung, und wie er an allem, was mich betraf, teilnahm, liess er mich auch an seinem Schicksale teilnehmen. Er erzahlte mir die Geschichte seiner Kampagne, seiner unuberwindlichen Neigung zum Soldatenstande, seine Familienverhaltnisse; er vertraute mir seine gegenwartigen Beschaftigungen. Genug, er hatte nichts Geheimes vor mir; er entwickelte mir sein Innerstes, liess mich in die verborgensten Winkel seiner Seele sehen; ich lernte seine Fahigkeiten, seine Leidenschaften kennen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eines herzlichen, geistreichen Umgangs genoss. Ich war von ihm angezogen, von ihm hingerissen, eh' ich uber mich selbst Betrachtungen anstellen konnte.

Inzwischen verlor ich meinen Mann, ungefahr wie ich ihn genommen hatte. Die Last der theatralischen Geschafte fiel nun ganz auf mich. Mein Bruder, unverbesserlich auf dem Theater, war in der Haushaltung niemals nutze; ich besorgte alles und studierte dabei neue Rollen fleissiger als jemals. Ich spielte wieder wie vor alters, ja mit ganz anderer Kraft und neuem Leben, zwar durch ihn und um seinetwillen, doch nicht immer gelang es mir zum besten, wenn ich meinen edlen Freund im Schauspiel wusste; aber einigemal behorchte er mich, und wie angenehm mich sein unvermuteter Beifall uberraschte, konnen Sie denken.

Gewiss, ich bin ein seltsames Geschopf. Bei jeder Rolle, die ich spielte, war es mir eigentlich nur immer zumute, als wenn ich ihn lobte und zu seinen Ehren sprache; denn das war die Stimmung meines Herzens, die Worte mochten ubrigens sein, wie sie wollten. Wusst' ich ihn unter den Zuhorern, so getraute ich mich nicht, mit der ganzen Gewalt zu sprechen, eben als wenn ich ihm meine Liebe, mein Lob nicht geradezu ins Gesicht aufdringen wollte; war er abwesend, dann hatte ich freies Spiel, ich tat mein Bestes mit einer gewissen Ruhe, mit einer unbeschreiblichen Zufriedenheit. Der Beifall freute mich wieder, und wenn ich dem Publikum Vergnugen machte, hatte ich immer zugleich hinunterrufen mogen: 'Das seid ihr ihm schuldig!'

Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhaltnis zum Publikum, zur ganzen Nation verandert. Sie erschien mir auf einmal wieder in dem vorteilhaftesten Lichte, und ich erstaunte recht uber meine bisherige Verblendung.

'Wie unverstandig', sagt' ich oft zu mir selbst, 'war es, als du ehemals auf eine Nation schaltest, eben weil es eine Nation ist. Mussen denn, konnen denn einzelne Menschen so interessant sein? Keinesweges! Es fragt sich, ob unter der grossen Masse eine Menge von Anlagen, Kraften und Fahigkeiten verteilt sei, die durch gunstige Umstande entwickelt, durch vorzugliche Menschen zu einem gemeinsamen Endzwecke geleitet werden konnen.' Ich freute mich nun, so wenig hervorstechende Originalitat unter meinen Landsleuten zu finden; ich freute mich, dass sie eine Richtung von aussen anzunehmen nicht verschmahten; ich freute mich, einen Anfuhrer gefunden zu haben.

Lothar lassen Sie mich meinen Freund mit seinem geliebten Vornamen nennen hatte mir immer die Deutschen von der Seite der Tapferkeit vorgestellt und mir gezeigt, dass keine bravere Nation in der Welt sei, wenn sie recht gefuhrt werde, und ich schamte mich, an die erste Eigenschaft eines Volkes niemals gedacht zu haben. Ihm war die Geschichte bekannt, und mit den meisten verdienstvollen Mannern seines Zeitalters stand er in Verhaltnissen. So jung er war, hatte er ein Auge auf die hervorkeimende hoffnungsvolle Jugend seines Vaterlandes, auf die stillen Arbeiten in so vielen Fachern beschaftigter und tatiger Manner. Er liess mich einen Uberblick uber Deutschland tun, was es sei, und was es sein konne, und ich schamte mich, eine Nation nach der verworrenen Menge beurteilt zu haben, die sich in eine Theatergarderobe drangen mag. Er machte mir's zur Pflicht, auch in meinem Fache wahr, geistreich und belebend zu sein. Nun schien ich mir selbst inspiriert, sooft ich auf das Theater trat. Mittelmassige Stellen wurden zu Gold in meinem Munde, und hatte mir damals ein Dichter zweckmassig beigestanden, ich hatte die wunderbarsten Wirkungen hervorgebracht.

So lebte die junge Witwe monatelang fort. Er konnte mich nicht entbehren, und ich war hochst unglucklich, wenn er aussen blieb. Er zeigte mir die Briefe seiner Verwandten, seiner vortrefflichen Schwester. Er nahm an den kleinsten Umstanden meiner Verhaltnisse teil; inniger, vollkommener ist keine Einigkeit zu denken. Der Name der Liebe ward nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging und nun, mein Freund, ist es hohe Zeit, dass Sie auch gehen."

Siebzehntes Kapitel

Wilhelm konnte nun nicht langer den Besuch bei seinen Handelsfreunden aufschieben. Er ging nicht ohne Verlegenheit dahin, denn er wusste, dass er Briefe von den Seinigen daselbst antreffen werde. Er furchtete sich vor den Vorwurfen, die sie enthalten mussten; wahrscheinlich hatte man auch dem Handelshause Nachricht von der Verlegenheit gegeben, in der man sich seinetwegen befand. Er scheute sich nach so vielen ritterlichen Abenteuern vor dem schulerhaften Ansehen, in dem er erscheinen wurde, und nahm sich vor, recht trotzig zu tun und auf diese Weise seine Verlegenheit zu verbergen.

Allein zu seiner grossen Verwunderung und Zufriedenheit ging alles sehr gut und leidlich ab. In dem grossen, lebhaften und beschaftigten Comptoir hatte man kaum Zeit, seine Briefe aufzusuchen; seines langern Aussenbleibens ward nur im Vorbeigehn gedacht. Und als er die Briefe seines Vaters und seines Freundes Werner eroffnete, fand er sie samtlich sehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in Hoffnung eines weitlaufigen Journals, dessen Fuhrung er dem Sohne beim Abschiede sorgfaltig empfohlen, und wozu er ihm ein tabellarisches Schema mitgegeben, schien uber das Stillschweigen der ersten Zeit ziemlich beruhigt, so wie er sich nur uber das Ratselhafte des ersten und einzigen, vom Schlosse des Grafen noch abgesandten Briefes beschwerte. Werner scherzte nur auf seine Art, erzahlte lustige Stadtgeschichten und bat sich Nachricht von Freunden und Bekannten aus, die Wilhelm nunmehr in der grossen Handelsstadt haufig wurde kennen lernen. Unser Freund, der ausserordentlich erfreut war, um einen so wohlfeilen Preis loszukommen, antwortete sogleich in einigen sehr muntern Briefen und versprach dem Vater ein ausfuhrliches Reisejournal mit allen verlangten geographischen, statistischen und merkantilischen Bemerkungen. Er hatte vieles auf der Reise gesehen und hoffte daraus ein leidliches Heft zusammenschreiben zu konnen. Er merkte nicht, dass er beinah in eben dem Falle war, in dem er sich befand, als er, um ein Schauspiel, das weder geschrieben, noch weniger memoriert war, aufzufuhren, Lichter angezundet und Zuschauer herbeigerufen hatte. Als er daher wirklich anfing, an seine Komposition zu gehen, ward er leider gewahr, dass er von Empfindungen und Gedanken, von manchen Erfahrungen des Herzens und Geistes sprechen und erzahlen konnte, nur nicht von aussern Gegenstanden, denen er, wie er nun merkte, nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

In dieser Verlegenheit kamen die Kenntnisse seines Freundes Laertes ihm gut zustatten. Die Gewohnheit hatte beide jungen Leute, so unahnlich sie sich waren, zusammen verbunden, und jener war bei allen seinen Fehlern, mit seinen Sonderbarkeiten wirklich ein interessanter Mensch. Mit einer heitern, glucklichen Sinnlichkeit begabt, hatte er alt werden konnen, ohne uber seinen Zustand irgend nachzudenken. Nun hatte ihm aber sein Ungluck und seine Krankheit das reine Gefuhl der Jugend geraubt und ihm dagegen einen Blick auf die Verganglichkeit, auf das Zerstuckelte unsers Daseins eroffnet. Daraus war eine launichte, rhapsodische Art, uber die Gegenstande zu denken, oder vielmehr ihre unmittelbaren Eindrucke zu aussern, entstanden. Er war nicht gern allein, trieb sich auf allen Kaffeehausern, an allen Wirtstischen herum, und wenn er ja zu Hause blieb, waren Reisebeschreibungen seine liebste, ja seine einzige Lekture. Diese konnte er nun, da er eine grosse Leihbibliothek fand, nach Wunsch befriedigen, und bald spukte die halbe Welt in seinem guten Gedachtnisse.

Wie leicht konnte er daher seinem Freunde Mut einsprechen, als dieser ihm den volligen Mangel an Vorrat zu der von ihm so feierlich versprochenen Relation entdeckte. "Da wollen wir ein Kunststuck machen", sagte jener, "das seinesgleichen nicht haben soll.

Ist nicht Deutschland von einem Ende zum andern durchreist, durchkreuzt, durchzogen, durchkrochen und durchflogen? Und hat nicht jeder deutsche Reisende den herrlichen Vorteil, sich seine grossen und kleinen Ausgaben vom Publikum wiedererstatten zu lassen? Gib mir nur deine Reiseroute, ehe du zu uns kamst; das andere weiss ich. Die Quellen und Hulfsmittel zu deinem Werke will ich dir aufsuchen; an Quadratmeilen, die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die nicht gezahlt ist, mussen wir's nicht fehlen lassen. Die Einkunfte der Lander nehmen wir aus Taschenbuchern und Tabellen, die, wie bekannt, die zuverlassigsten Dokumente sind. Darauf grunden wir unsre politischen Rasonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen soll's nicht fehlen. Ein paar Fursten beschreiben wir als wahre Vater des Vaterlandes, damit man uns desto eher glaubt, wenn wir einigen andern etwas anhangen; und wenn wir nicht geradezu durch den Wohnort einiger beruhmten Leute durchreisen, so begegnen wir ihnen in einem Wirtshause, lassen sie uns im Vertrauen das albernste Zeug sagen. Besonders vergessen wir nicht, eine Liebesgeschichte mit irgendeinem naiven Madchen auf das anmutigste einzuflechten, und es soll ein Werk geben, das nicht allein Vater und Mutter mit Entzucken erfullen soll, sondern das dir auch jeder Buchhandler mit Vergnugen bezahlt."

Man schritt zum Werke, und beide Freunde hatten viel Lust an ihrer Arbeit, indes Wilhelm abends im Schauspiel und in dem Umgange mit Serlo und Aurelien die grosste Zufriedenheit fand und seine Ideen, die nur zu lange sich in einem engen Kreise herumgedreht hatten, taglich weiter ausbreitete.

Achtzehntes Kapitel

Nicht ohne das grosste Interesse vernahm er stuckweise den Lebenslauf Serlos; denn es war nicht die Art dieses seltnen Mannes, vertraulich zu sein und uber irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. Er war, man darf sagen, auf dem Theater geboren und gesaugt. Schon als stummes Kind musste er durch seine blosse Gegenwart die Zuschauer ruhren, weil auch schon damals die Verfasser diese naturlichen und unschuldigen Hulfsmittel kannten, und sein erstes "Vater" und "Mutter" brachte in beliebten Stucken ihm schon den grossten Beifall zuwege, ehe er wusste, was das Handeklatschen bedeutete. Als Amor kam er zitternd mehr als einmal im Flugwerke herunter, entwickelte sich als Harlekin aus dem Ei und machte als kleiner Essenkehrer schon fruh die artigsten Streiche.

Leider musste er den Beifall, den er an glanzenden Abenden erhielt, in den Zwischenzeiten sehr teuer bezahlen. Sein Vater, uberzeugt, dass nur durch Schlage die Aufmerksamkeit der Kinder erregt und festgehalten werden konne, prugelte ihn beim Einstudieren einer jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind ungeschickt war, sondern damit es sich desto gewisser und anhaltender geschickt zeigen moge. So gab man ehemals, indem ein Grenzstein gesetzt wurde, den umstehenden Kindern tuchtige Ohrfeigen, und die altesten Leute erinnern sich noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran und zeigte ausserordentliche Fahigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des Korpers und dabei eine grosse Biegsamkeit sowohl in seiner Vorstellungsart als in Handlungen und Gebarden. Seine Nachahmungsgabe uberstieg allen Glauben. Schon als Knabe ahmte er Personen nach, so dass man sie zu sehen glaubte, ob sie ihm schon an Gestalt, Alter und Wesen vollig unahnlich und untereinander verschieden waren. Dabei fehlte es ihm nicht an der Gabe, sich in die Welt zu schicken, und sobald er sich einigermassen seiner Krafte bewusst war, fand er nichts naturlicher, als seinem Vater zu entfliehen, der, wie die Vernunft des Knaben zunahm und seine Geschicklichkeit sich vermehrte, ihnen noch durch harte Begegnung nachzuhelfen fur notig fand.

Wie glucklich fuhlte sich der lose Knabe nun in der freien Welt, da ihm seine Eulenspiegelspossen uberall eine gute Aufnahme verschafften! Sein guter Stern fuhrte ihn zuerst in der Fastnachtszeit in ein Kloster, wo er, weil eben der Pater, der die Umgange zu besorgen und durch geistliche Maskeraden die christliche Gemeinde zu ergotzen hatte, gestorben war, als ein hulfreicher Schutzengel auftrat. Auch ubernahm er sogleich die Rolle Gabriels in der Verkundigung und missfiel dem hubschen Madchen nicht, die als Maria seinen obligeanten Gruss mit ausserlicher Demut und innerlichem Stolze sehr zierlich aufnahm. Er spielte darauf sukzessive in den Mysterien die wichtigsten Rollen und wusste sich nicht wenig, da er endlich gar als Heiland der Welt verspottet, geschlagen und ans Kreuz geheftet wurde.

Einige Kriegsknechte mochten bei dieser Gelegenheit ihre Rollen gar zu naturlich spielen; daher er sie, um sich auf die schicklichste Weise an ihnen zu rachen, bei Gelegenheit des Jungsten Gerichts in die prachtigsten Kleider von Kaisern und Konigen steckte und ihnen in dem Augenblicke, da sie, mit ihren Rollen sehr wohl zufrieden, auch in dem Himmel allen andern vorauszugehen den Schritt nahmen, unvermutet in Teufelsgestalt begegnete und sie mit der Ofengabel, zur herzlichsten Erbauung samtlicher Zuschauer und Bettler, weidlich durchdrosch und unbarmherzig zuruck in die Grube sturzte, wo sie sich von einem hervordringenden Feuer aufs ubelste empfangen sahen.

Er war klug genug, einzusehen, dass die gekronten Haupter sein freches Unternehmen nicht wohl vermerken und selbst vor seinem privilegierten Anklagerund Schergenamte keinen Respekt haben wurden; er machte sich daher, noch ehe das tausendjahrige Reich anging, in aller Stille davon und ward in einer benachbarten Stadt von einer Gesellschaft, die man damals "Kinder der Freude" nannte, mit offnen Armen aufgenommen. Es waren verstandige, geistreiche, lebhafte Menschen, die wohleinsahen, dass die Summe unsrer Existenz, durch Vernunft dividiert, niemals rein aufgehe, sondern dass immer ein wunderlicher Bruch ubrigbleibe. Diesen hinderlichen und, wenn er sich in die ganze Masse verteilt, gefahrlichen Bruch suchten sie zu bestimmten Zeiten vorsatzlich loszuwerden. Sie waren einen Tag der Woche recht ausfuhrlich Narren und straften an demselben wechselseitig durch allegorische Vorstellungen, was sie wahrend der ubrigen Tage an sich und andern Narrisches bemerkt hatten. War diese Art gleich roher als eine Folge von Ausbildung, in welcher der sittliche Mensch sich taglich zu bemerken, zu warnen und zu strafen pflegt, so war sie doch lustiger und sicherer; denn indem man einen gewissen Schossnarren nicht verleugnete, so traktierte man ihn auch nur fur das, was er war, anstatt dass er auf dem andern Wege durch Hulfe des Selbstbetrugs oft im Hause zur Herrschaft gelangt und die Vernunft zur heimlichen Knechtschaft zwingt, die sich einbildet, ihn lange verjagt zu haben. Die Narrenmaske ging in der Gesellschaft herum, und jedem war erlaubt, sie an seinem Tage mit eigenen oder fremden Attributen charakteristisch auszuzieren. In der Karnevalszeit nahm man sich die grosste Freiheit und wetteiferte mit der Bemuhung der Geistlichen, das Volk zu unterhalten und anzuziehen. Die feierlichen und allegorischen Aufzuge von Tugenden und Lastern, Kunsten und Wissenschaften, Weltteilen und Jahrszeiten versinnlichten dem Volke eine Menge Begriffe und gaben ihm Ideen entfernter Gegenstande, und so waren diese Scherze nicht ohne Nutzen, da von einer andern Seite die geistlichen Mummereien nur einen abgeschmackten Aberglauben noch mehr befestigten.

Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in seinem Elemente; eigentliche Erfindungskraft hatte er nicht, dagegen aber das grosste Geschick, was er vor sich fand zu nutzen, zurechtzustellen und scheinbar zu machen. Seine Einfalle, seine Nachahmungsgabe, ja sein beissender Witz, den er wenigstens einen Tag in der Woche vollig frei, selbst gegen seine Wohltater, uben durfte, machte ihn der ganzen Gesellschaft wert, ja unentbehrlich.

Doch trieb ihn seine Unruhe bald aus dieser vorteilhaften Lage in andere Gegenden seines Vaterlandes, wo er wieder eine neue Schule durchzugehen hatte. Er kam in den gebildeten, aber auch bildlosen Teil von Deutschland, wo es zur Verehrung des Guten und Schonen zwar nicht an Wahrheit, aber oft an Geist gebricht; er konnte mit seinen Masken nichts mehr ausrichten; er musste suchen, auf Herz und Gemut zu wirken. Nur kurze Zeit hielt er sich bei kleinen und grossen Gesellschaften auf und merkte bei dieser Gelegenheit samtlichen Stucken und Schauspielern ihre Eigenheiten ab. Die Monotonie, die damals auf dem deutschen Theater herrschte, den albernen Fall und Klang der Alexandriner, den geschraubtplatten Dialog, die Trockenheit und Gemeinheit der unmittelbaren Sittenprediger hatte er bald gefasst und zugleich bemerkt, was ruhrte und gefiel.

Nicht eine Rolle der gangbaren Stucke, sondern die ganzen Stucke blieben leicht in seinem Gedachtnis und zugleich der eigentumliche Ton des Schauspielers, der sie mit Beifall vorgetragen hatte. Nun kam er zufalligerweise auf seinen Streifereien, da ihm das Geld vollig ausgegangen war, zu dem Einfall, allein ganze Stucke besonders auf Edelhofen und in Dorfern vorzustellen und sich dadurch uberall sogleich Unterhalt und Nachtquartier zu verschaffen. In jeder Schenke, jedem Zimmer und Garten war sein Theater gleich aufgeschlagen; mit einem schelmischen Ernst und anscheinendem Enthusiasmus wusste er die Einbildungskraft seiner Zuschauer zu gewinnen, ihre Sinne zu tauschen und vor ihren offenen Augen einen alten Schrank zu einer Burg und einen Facher zum Dolche umzuschaffen. Seine Jugendwarme ersetzte den Mangel eines tiefen Gefuhls; seine Heftigkeit schien Starke, und seine Schmeichelei Zartlichkeit. Diejenigen, die das Theater schon kannten, erinnerte er an alles, was sie gesehen und gehort hatten, und in den ubrigen erregte er eine Ahnung von etwas Wunderbarem und den Wunsch, naher damit bekannt zu werden. Was an einem Orte Wirkung tat, verfehlte er nicht am andern zu wiederholen und hatte die herzlichste Schadenfreude, wenn er alle Menschen auf gleiche Weise aus dem Stegreife zum besten haben konnte.

Bei seinem lebhaften, freien und durch nichts gehinderten Geist verbesserte er sich, indem er Rollen und Stucke oft wiederholte, sehr geschwind. Bald rezitierte und spielte er dem Sinne gemasser als die Muster, die er anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf diesem Wege kam er nach und nach dazu, naturlich zu spielen und doch immer verstellt zu sein. Er schien hingerissen und lauerte auf den Effekt, und sein grosster Stolz war, die Menschen stufenweise in Bewegung zu setzen. Selbst das tolle Handwerk, das er trieb, notigte ihn bald, mit einer gewissen Massigung zu verfahren, und so lernte er, teils gezwungen, teils aus Instinkt, das, wovon so wenig Schauspieler einen Begriff zu haben scheinen: mit Organ und Gebarden okonomisch zu sein.

So wusste er selbst rohe und unfreundliche Menschen zu bandigen und fur sich zu interessieren. Da er uberall mit Nahrung und Obdach zufrieden war, jedes Geschenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja manchmal gar das Geld, wenn er dessen nach seiner Meinung genug hatte, ausschlug, so schickte man ihn mit Empfehlungsschreiben einander zu, und so wanderte er eine ganze Zeit von einem Edelhofe zum andern, wo er manches Vergnugen erregte, manches genoss und nicht ohne die angenehmsten und artigsten Abenteuer blieb.

Bei der innerlichen Kalte seines Gemutes liebte er eigentlich niemand; bei der Klarheit seines Blicks konnte er niemand achten, denn er sah nur immer die aussern Eigenheiten der Menschen und trug sie in seine mimische Sammlung ein. Dabei aber war seine Selbstigkeit ausserst beleidigt, wenn er nicht jedem gefiel, und wenn er nicht uberall Beifall erregte. Wie dieser zu erlangen sei, darauf hatte er nach und nach so genau achtgegeben und hatte seinen Sinn so gescharft, dass er nicht allein bei seinen Darstellungen, sondern auch im gemeinen Leben nicht mehr anders als schmeicheln konnte. Und so arbeitete seine Gemutsart, sein Talent und seine Lebensart dergestalt wechselsweise gegeneinander, dass er sich unvermerkt zu einem vollkommnen Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine seltsam scheinende, aber ganz naturliche Wirkung und Gegenwirkung stieg durch Einsicht und Ubung seine Rezitation, Deklamation und sein Gebardenspiel zu einer hohen Stufe von Wahrheit, Freiheit und Offenheit, indem er im Leben und Umgang immer heimlicher, kunstlicher, ja verstellt und angstlich zu werden schien.

Von seinen Schicksalen und Abenteuern sprechen

wir vielleicht an einem andern Orte und bemerken hier nur so viel, dass er in spatern Zeiten, da er schon ein gemachter Mann, im Besitz von entschiedenem Namen und in einer sehr guten, obgleich nicht festen Lage war, sich angewohnt hatte, im Gesprach auf eine feine Weise teils ironisch, teils spottisch den Sophisten zu machen und dadurch fast jede ernsthafte Unterhaltung zu zerstoren. Besonders gebrauchte er diese Manier gegen Wilhelm, sobald dieser, wie es ihm oft begegnete, ein allgemeines theoretisches Gesprach anzuknupfen Lust hatte. Dessenungeachtet waren sie sehr gern beisammen, indem durch ihre beiderseitige Denkart die Unterhaltung lebhaft werden musste. Wilhelm wunschte alles aus den Begriffen, die er gefasst hatte, zu entwickeln und wollte die Kunst in einem Zusammenhange behandelt haben. Er wollte ausgesprochene Regeln festsetzen, bestimmen, was recht, schon und gut sei, und was Beifall verdiene; genug, er behandelte alles auf das ernstlichste. Serlo hingegen nahm die Sache sehr leicht, und indem er niemals direkt auf eine Frage antwortete, wusste er durch eine Geschichte oder einen Schwank die artigste und vergnuglichste Erlauterung beizubringen und die Gesellschaft zu unterrichten, indem er sie erheiterte.

Neunzehntes Kapitel

Indem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme Stunden zubrachte, befanden sich Melina und die ubrigen in einer desto verdriesslichern Lage. Sie erschienen unserm Freunde manchmal wie bose Geister und machten ihm nicht bloss durch ihre Gegenwart, sondern auch oft durch flamische Gesichter und bittre Reden einen verdriesslichen Augenblick. Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen, geschweige, dass er ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hatte, und hatte dessenungeachtet nach und nach ihre samtlichen Fahigkeiten kennen gelernt. Sooft sich Schauspieler bei ihm gesellig versammelten, hatte er die Gewohnheit, lesen zu lassen und manchmal selbst mitzulesen. Er nahm Stucke vor, die noch gegeben werden sollten, die lange nicht gegeben waren, und zwar meistens nur teilweise. So liess er auch nach einer ersten Auffuhrung Stellen, bei denen er etwas zu erinnern hatte, wiederholen, vermehrte dadurch die Einsicht der Schauspieler und verstarkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu treffen. Und wie ein geringer, aber richtiger Verstand mehr als ein verworrenes und ungelautertes Genie zur Zufriedenheit anderer wirken kann, so erhub er mittelmassige Talente durch die deutliche Einsicht, die er ihnen unmerklich verschaffte, zu einer bewundernswurdigen Fahigkeit. Nicht wenig trug dazu bei, dass er auch Gedichte lesen liess und in ihnen das Gefuhl jenes Reizes erhielt, den ein wohlvorgetragener Rhythmus in unsrer Seele erregt, anstatt dass man bei andern Gesellschaften schon anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen, wozu einem jeden der Schnabel gewachsen war.

Bei solchen Gelegenheiten hatte er auch die samtlichen angekommenen Schauspieler kennen lernen, das, was sie waren, und was sie werden konnten, beurteilt und sich in der Stille vorgenommen, von ihren Talenten bei einer Revolution, die seiner Gesellschaft drohete, sogleich Vorteil zu ziehen. Er liess die Sache eine Weile auf sich beruhen, lehnte alle Interzessionen Wilhelms fur sie mit Achselzucken ab, bis er seine Zeit ersah und seinem jungen Freunde ganz unerwartet den Vorschlag tat, er solle doch selbst bei ihm aufs Theater gehen, und unter dieser Bedingung wolle er auch die ubrigen engagieren.

"Die Leute mussen also doch so unbrauchbar nicht sein, wie Sie mir solche bisher geschildert haben", versetzte ihm Wilhelm, "wenn sie jetzt auf einmal zusammen angenommen werden konnen, und ich dachte, ihre Talente mussten auch ohne mich dieselbigen bleiben."

Serlo eroffnete ihm darauf unter dem Siegel der Verschwiegenheit seine Lage: wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bei der Erneuerung des Kontrakts zu steigern, und wie er nicht gesinnt sei, ihm nachzugeben, besonders da die Gunst des Publikums gegen ihn so gross nicht mehr sei. Liesse er diesen gehen, so wurde sein ganzer Anhang ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft einige gute, aber auch einige mittelmassige Glieder verlore. Hierauf zeigte er Wilhelmen, was er dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und selbst an Frau Melina zu gewinnen hoffe. Ja, er versprach dem armen Pedanten als Juden, Minister und uberhaupt als Bosewicht einen entschiedenen Beifall zu verschaffen.

Wilhelm stutzte und vernahm den Vortrag nicht ohne Unruhe, und nur um etwas zu sagen, versetzte er, nachdem er tief Atem geholt hatte: "Sie sprechen auf eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, was Sie an uns finden und von uns hoffen; wie sieht es denn aber mit den schwachen Seiten aus, die Ihrem Scharfsinne gewiss nicht entgangen sind?"

"Die wollen wir bald durch Fleiss, Ubung und Nachdenken zu starken Seiten machen", versetzte Serlo. "Es ist unter euch allen, die ihr denn doch nur Naturalisten und Pfuscher seid, keiner, der nicht mehr oder weniger Hoffnung von sich gabe; denn soviel ich alle beurteilen kann, so ist kein einziger Stock darunter, und Stocke allein sind die Unverbesserlichen, sie mogen nun aus Eigendunkel, Dummheit oder Hypochondrie ungelenk und unbiegsam sein."

Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedingungen dar, die er machen konne und wolle, bat Wilhelmen um schleunige Entscheidung und verliess ihn in nicht geringer Unruhe.

Bei der wunderlichen und gleichsam nur zum Scherz unternommenen Arbeit jener fingierten Reisebeschreibung, die er mit Laertes zusammensetzte, war er auf die Zustande und das tagliche Leben der wirklichen Welt aufmerksamer geworden, als er sonst gewesen war. Er begriff jetzt selbst erst die Absicht des Vaters, als er ihm die Fuhrung des Journals so lebhaft empfohlen. Er fuhlte zum ersten Male, wie angenehm und nutzlich es sein konne, sich zur Mittelsperson so vieler Gewerbe und Bedurfnisse zu machen und bis in die tiefsten Gebirge und Walder des festen Landes Leben und Tatigkeit verbreiten zu helfen. Die lebhafte Handelsstadt, in der er sich befand, gab ihm bei der Unruhe des Laertes, der ihn uberall mit herumschleppte, den anschaulichsten Begriff eines grossen Mittelpunktes, woher alles ausfliesst, und wohin alles zuruckkehrt, und es war das erste Mal, dass sein Geist im Anschauen dieser Art von Tatigkeit sich wirklich ergotzte. In diesem Zustande hatte ihm Serlo den Antrag getan und seine Wunsche, seine Neigung, sein Zutrauen auf ein angeborenes Talent und seine Verpflichtung gegen die hulflose Gesellschaft wieder rege gemacht.

"Da steh' ich nun", sagte er zu sich selbst, "abermals am Scheidewege zwischen den beiden Frauen, die mir in meiner Jugend erschienen. Die eine sieht nicht mehr so kummerlich aus wie damals, und die andere nicht so prachtig. Der einen wie der andern zu folgen, fuhlst du eine Art von innerm Beruf, und von beiden Seiten sind die aussern Anlasse stark genug; es scheint dir unmoglich, dich zu entscheiden; du wunschest, dass irgendein Ubergewicht von aussen deine Wahl bestimmen moge, und doch, wenn du dich recht untersuchst, so sind es nur aussere Umstande, die dir eine Neigung zu Gewerb, Erwerb und Besitz einflossen, aber dein innerstes Bedurfnis erzeugt und nahrt den Wunsch, die Anlagen, die in dir zum Guten und Schonen ruhen mogen, sie seien korperlich oder geistig, immer mehr zu entwickeln und auszubilden. Und muss ich nicht das Schicksal verehren, das mich ohne mein Zutun hierher an das Ziel aller meiner Wunsche fuhrt? Geschieht nicht alles, was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt, nun zufallig ohne mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch scheint mit nichts vertrauter zu sein als mit seinen Hoffnungen und Wunschen, die er lange im Herzen nahrt und bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun begegnen, wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, erkennt er sie nicht und weicht vor ihnen zuruck. Alles, was ich mir vor jener unglucklichen Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur traumen liess, steht vor mir und bietet sich mir selbst an. Hierher wollte ich fluchten und bin sachte hergeleitet worden; bei Serlo wollte ich unterzukommen suchen, er sucht nun mich und bietet mir Bedingungen an, die ich als Anfanger nie erwarten konnte. War es denn bloss Liebe zu Marianen, die mich ans Theater fesselte? oder war es Liebe zur Kunst, die mich an das Madchen festknupfte? War jene Aussicht, jener Ausweg nach der Buhne bloss einem unordentlichen, unruhigen Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen wunschte, das ihm die Verhaltnisse der burgerlichen Welt nicht gestatteten, oder war es alles anders, reiner, wurdiger? Und was sollte dich bewegen konnen, deine damaligen Gesinnungen zu andern? Hast du nicht vielmehr bisher selbst unwissend deinen Plan verfolgt? Ist nicht der letzte Schritt noch mehr zu billigen, da keine Nebenabsichten dabei im Spiele sind, und da du zugleich ein feierlich gegebenes Wort halten und dich auf eine edle Weise von einer schweren Schuld befreien kannst?"

Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft sich bewegte, wechselte nun auf das lebhafteste gegeneinander ab. Dass er seine Mignon behalten konne, dass er den Harfner nicht zu verstossen brauche, war kein kleines Gewicht auf der Waagschale, und doch schwankte sie noch hin und wider, als er seine Freundin Aurelie gewohnterweise zu besuchen ging.

Zwanzigstes Kapitel

Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie schien stille. "Glauben Sie noch morgen spielen zu konnen?" fragte er. "O ja", versetzte sie lebhaft; "Sie wissen, daran hindert mich nichts. Wenn ich nur ein Mittel wusste, den Beifall unsers Parterres von mir abzulehnen! sie meinen es gut und werden mich noch umbringen. Vorgestern dacht' ich, das Herz musste mir reissen! Sonst konnt' ich es wohl leiden, wenn ich mir selbst gefiel; wenn ich lange studiert und mich vorbereitet hatte, dann freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen, nun sei es gelungen, von allen Enden widertonte. Jetzo sag' ich nicht, was ich will, nicht, wie ich's will; ich werde hingerissen; ich verwirre mich, und mein Spiel macht einen weit grossern Eindruck. Der Beifall wird lauter, und ich denke: 'Wusstet ihr, was euch entzuckt! Die dunkeln, heftigen, unbestimmten Anklange ruhren euch, zwingen euch Bewunderung ab, und ihr fuhlt nicht, dass es die Schmerzenstone der Unglucklichen sind, der ihr euer Wohlwollen geschenkt habt.'

Heute fruh hab' ich gelernt, jetzt wiederholt und versucht. Ich bin mude, zerbrochen, und morgen geht es wieder von vorn an. Morgen abend soll gespielt werden. So schlepp' ich mich hin und her; es ist mir langweilig, aufzustehen, und verdriesslich, zu Bette zu gehen. Alles macht einen ewigen Zirkel in mir. Dann treten die leidigen Trostungen vor mir auf, dann werf' ich sie weg und verwunsche sie. Ich will mich nicht ergeben, nicht der Notwendigkeit ergeben warum soll das notwendig sein, was mich zugrunde richtet? Konnte es nicht auch anders sein? Ich muss es eben bezahlen, dass ich eine Deutsche bin: es ist der Charakter der Deutschen, dass sie uber allem schwer werden, dass alles uber ihnen schwer wird."

"O, meine Freundin", fiel Wilhelm ein, "konnten Sie doch aufhoren, selbst den Dolch zu scharfen, mit dem Sie sich unablassig verwunden! Bleibt Ihnen denn nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre Gesundheit, sind Ihre Talente nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr Verschulden verloren haben, mussen Sie denn alles ubrige hinterdrein werfen? Ist das auch notwendig?"

Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: "Ich weiss es wohl, dass es Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was hatte ich nicht tun konnen! tun sollen! Nun ist alles rein zu nichts geworden. Ich bin ein armes, verliebtes Geschopf, nichts als verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott, ich bin ein armes Geschopf!"

Sie versank in sich, und nach einer kurzen Pause rief sie heftig aus: "Ihr seid gewohnt, dass sich euch alles an den Hals wirft. Nein, ihr konnt es nicht fuhlen, kein Mann ist imstande, den Wert eines Weibes zu fuhlen, das sich zu ehren weiss! Bei allen heiligen Engeln, bei allen Bildern der Seligkeit, die sich ein reines, gutmutiges Herz erschafft, es ist nichts Himmlischeres als ein weibliches Wesen, das sich dem geliebten Manne hingibt! Wir sind kalt, stolz, hoch, klar, klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heissen, und alle diese Vorzuge legen wir euch zu Fussen, sobald wir lieben, sobald wir hoffen, Gegenliebe zu erwerben. O wie hab' ich mein ganzes Dasein so mit Wissen und Willen weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln, absichtlich verzweifeln. Es soll kein Blutstropfen in mir sein, der nicht gestraft wird, keine Faser, die ich nicht peinigen will. Lacheln Sie nur, lachen Sie nur uber den theatralischen Aufwand von Leidenschaft!"

Fern war von unserm Freunde jede Anwandlung des Lachens. Der entsetzliche halb naturliche, halb erzwungene Zustand seiner Freundin peinigte ihn nur zu sehr. Er empfand die Foltern der unglucklichen Anspannung mit: sein Gehirn zerruttete sich, und sein Blut war in einer fieberhaften Bewegung.

Sie war aufgestanden und ging in der Stube hin und wider. "Ich sage mir alles vor", rief sie aus, "warum ich ihn nicht lieben sollte. Ich weiss auch, dass er es nicht wert ist; ich wende mein Gemut ab, dahin und dorthin, beschaftige mich, wie es nur gehen will. Bald nehm' ich eine Rolle vor, wenn ich sie auch nicht zu spielen habe; ich ube die alten, die ich durch und durch kenne, fleissiger und fleissiger ins einzelne und ube und ube mein Freund, mein Vertrauter, welche entsetzliche Arbeit ist es, sich mit Gewalt von sich selbst zu entfernen! Mein Verstand leidet, mein Gehirn ist so angespannt; und mich vom Wahnsinne zu retten, uberlass' ich mich wieder dem Gefuhle, dass ich ihn liebe. Ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn!" rief sie unter tausend Tranen, "ich liebe ihn, und so will ich sterben."

Er fasste sie bei der Hand und bat sie auf das instandigste, sich nicht selbst aufzureiben. "O", sagte er, "wie sonderbar ist es, dass dem Menschen nicht allein so manches Unmogliche, sondern auch so manches Mogliche versagt ist. Sie waren nicht bestimmt, ein treues Herz zu finden, das Ihre ganze Gluckseligkeit wurde gemacht haben. Ich war dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine Ungluckliche festzuknupfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr zu Boden zog, ja vielleicht gar zerbrach."

Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen vertraut und konnte sich also jetzt darauf beziehen. Sie sah ihm starr in die Augen und fragte: "Konnen Sie sagen, dass Sie noch niemals ein Weib betrogen, dass Sie keiner mit leichtsinniger Galanterie, mit frevelhafter Beteurung, mit herzlockenden Schwuren ihre Gunst abzuschmeicheln gesucht?"

"Das kann ich", versetzte Wilhelm, "und zwar ohne Ruhmredigkeit; denn mein Leben war sehr einfach, und ich bin selten in die Versuchung geraten, zu versuchen. Und welche Warnung, meine schone, meine edle Freundin, ist mir der traurige Zustand, in den ich Sie versetzt sehe! Nehmen Sie ein Gelubde von mir, das meinem Herzen ganz angemessen ist, das durch die Ruhrung, die Sie mir einflossten, sich bei mir zur Sprache und Form bestimmt und durch diesen Augenblick geheiligt wird: Jeder fluchtigen Neigung will ich widerstehen und selbst die ernstlichsten in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschopf soll ein Bekenntnis der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht mein ganzes Leben widmen kann!"

Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgultigkeit an und entfernte sich, als er ihr die Hand reichte, um einige Schritte. "Es ist nichts daran gelegen!" rief sie; "so viel Weibertranen mehr oder weniger, die See wird darum doch nicht wachsen. Doch", fuhr sie fort, "unter Tausenden eine gerettet, das ist doch etwas, unter Tausenden einen Redlichen gefunden, das ist anzunehmen! Wissen Sie auch, was Sie versprechen?"

"Ich weiss es", versetzte Wilhelm lachelnd und hielt seine Hand hin.

"Ich nehm' es an", versetzte sie und machte eine Bewegung mit ihrer Rechten, so dass er glaubte, sie wurde die seine fassen; aber schnell fuhr sie in die Tasche, riss den Dolch blitzgeschwind heraus und fuhr mit Spitze und Schneide ihm rasch uber die Hand weg. Er zog sie schnell zuruck, aber schon lief das Blut herunter.

"Man muss euch Manner scharf zeichnen, wenn ihr merken sollt!" rief sie mit einer wilden Heiterkeit aus, die bald in eine hastige Geschaftigkeit uberging. Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte seine Hand damit, um das erste hervordringende Blut zu stillen. "Verzeihen Sie einer Halbwahnsinnigen", rief sie aus, "und lassen Sie sich diese Tropfen Bluts nicht reuen. Ich bin versohnt, ich bin wieder bei mir selber. Auf meinen Knieen will ich Abbitte tun, lassen Sie mir den Trost, Sie zu heilen."

Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Leinwand und einiges Gerat, stillte das Blut und besah die Wunde sorgfaltig. Der Schnitt ging durch den Ballen gerade unter dem Daumen teilte die Lebenslinie und lief gegen den kleinen Finger aus. Sie verband ihn still und mit einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich gekehrt. Er fragte einigemal: "Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen?" "Still", erwiderte sie, indem sie den Finger auf den Mund legte; "still!"

Funftes Buch

Erstes Kapitel

So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten Wunden abermals eine frische dritte, die ihm nicht wenig unbequem war. Aurelie wollte nicht zugeben, dass er sich eines Wundarztes bediente; sie selbst verband ihn unter allerlei wunderlichen Reden, Zeremonien und Spruchen und setzte ihn dadurch in eine sehr peinliche Lage. Doch nicht er allein, sondern alle Personen, die sich in ihrer Nahe befanden, litten durch ihre Unruhe und Sonderbarkeit; niemand aber mehr als der kleine Felix. Das lebhafte Kind war unter einem solchen Druck hochst ungeduldig und zeigte sich immer unartiger, je mehr sie es tadelte und zurechtwies.

Der Knabe gefiel sich in gewissen Eigenheiten, die man auch Unarten zu nennen pflegt, und die sie ihm keineswegs nachzusehen gedachte. Er trank zum Beispiel lieber aus der Flasche als aus dem Glase, und offenbar schmeckten ihm die Speisen aus der Schussel besser als von dem Teller. Eine solche Unschicklichkeit wurde nicht ubersehen, und wenn er nun gar die Ture aufliess oder zuschlug und, wenn ihm etwas befohlen wurde, entweder nicht von der Stelle wich oder ungestum davonrannte, so musste er eine grosse Lektion anhoren, ohne dass er darauf je einige Besserung hatte spuren lassen. Vielmehr schien die Neigung zu Aurelien sich taglich mehr zu verlieren; in seinem Tone war nichts Zartliches, wenn er sie Mutter nannte, er hing vielmehr leidenschaftlich an der alten Amme, die ihm denn freilich allen Willen liess.

Aber auch diese war seit einiger Zeit so krank geworden, dass man sie aus dem Hause in ein stilles Quartier bringen musste, und Felix hatte sich ganz allein gesehen, ware nicht Mignon auch ihm als ein liebevoller Schutzgeist erschienen. Auf das artigste unterhielten sich beide Kinder miteinander; sie lehrte ihm kleine Lieder, und er, der ein sehr gutes Gedachtnis hatte, rezitierte sie oft zur Verwunderung der Zuhorer. Auch wollte sie ihm die Landkarten erklaren, mit denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie jedoch nicht mit der besten Methode verfuhr. Denn eigentlich schien sie bei den Landern kein besonderes Interesse zu haben, als ob sie kalt oder warm seien. Von den Weltpolen, von dem schrecklichen Eise daselbst und von der zunehmenden Warme, je mehr man sich von ihnen entfernte, wusste sie sehr gut Rechenschaft zu geben. Wenn jemand reiste, fragte sie nur, ob er nach Norden oder nach Suden gehe, und bemuhte sich, die Wege auf ihren kleinen Karten aufzufinden. Besonders wenn Wilhelm von Reisen sprach, war sie sehr aufmerksam und schien sich immer zu betruben, sobald das Gesprach auf eine andere Materie uberging. So wenig man sie bereden konnte, eine Rolle zu ubernehmen, oder auch nur, wenn gespielt wurde, auf das Theater zu gehen, so gern und fleissig lernte sie Oden und Lieder auswendig und erregte, wenn sie ein solches Gedicht, gewohnlich von der ernsten und feierlichen Art, oft unvermutet wie aus dem Stegreife deklamierte, bei jedermann Erstaunen.

Serlo, der auf jede Spur eines aufkeimenden Talentes zu achten gewohnt war, suchte sie aufzumuntern; am meisten aber empfahl sie sich ihm durch einen sehr artigen, mannigfaltigen und manchmal selbst muntern Gesang, und auf eben diesem Wege hatte sich der Harfenspieler seine Gunst erworben.

Serlo, ohne selbst Genie zur Musik zu haben oder irgendein Instrument zu spielen, wusste ihren hohen Wert zu schatzen; er suchte sich so oft als moglich diesen Genuss, der mit keinem andern verglichen werden kann, zu verschaffen. Er hatte wochentlich einmal Konzert, und nun hatte sich ihm durch Mignon, den Harfenspieler und Laertes, der auf der Violine nicht ungeschickt war, eine wunderliche kleine Hauskapelle gebildet.

Er pflegte zu sagen: "Der Mensch ist so geneigt, sich mit dem Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen die Eindrucke des Schonen und Vollkommnen ab, dass man die Fahigkeit, es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. Denn einen solchen Genuss kann niemand ganz entbehren, und nur die Ungewohntheit, etwas Gutes zu geniessen, ist Ursache, dass viele Menschen schon am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergnugen finden. Man sollte", sagte er, "alle Tage wenigstens ein kleines Lied horen, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemalde sehen und, wenn es moglich zu machen ware, einige vernunftige Worte sprechen."

Bei diesen Gesinnungen, die Serlo gewissermassen naturlich waren, konnte es den Personen, die ihn umgaben, nicht an angenehmer Unterhaltung fehlen. Mitten in diesem vergnuglichen Zustande brachte man Wilhelmen eines Tags einen schwarzgesiegelten Brief. Werners Petschaft deutete auf eine traurige Nachricht, und er erschrak nicht wenig, als er den Tod seines Vaters nur mit einigen Worten angezeigt fand. Nach einer unerwarteten kurzen Krankheit war er aus der Welt gegangen und hatte seine hauslichen Angelegenheiten in der besten Ordnung hinterlassen.

Diese unvermutete Nachricht traf Wilhelmen im Innersten. Er fuhlte tief, wie unempfindlich man oft Freunde und Verwandte, solange sie sich mit uns des irdischen Aufenthaltes erfreuen, vernachlassigt und nur dann erst die Versaumnis bereut, wenn das schone Verhaltnis wenigstens fur diesmal aufgehoben ist. Auch konnte der Schmerz uber das zeitige Absterben des braven Mannes nur durch das Gefuhl gelindert werden, dass er auf der Welt wenig geliebt, und durch die Uberzeugung, dass er wenig genossen habe.

Wilhelms Gedanken wandten sich nun bald auf seine eigenen Verhaltnisse, und er fuhlte sich nicht wenig beunruhigt. Der Mensch kann in keine gefahrlichere Lage versetzt werden, als wenn durch aussere Umstande eine grosse Veranderung seines Zustandes bewirkt wird, ohne dass seine Art zu empfinden und zu denken darauf vorbereitet ist. Es gibt alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht nur ein desto grosserer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, dass er zu dem neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.

Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er mit sich selbst noch nicht einig werden konnte. Seine Gesinnungen waren edel, seine Absichten lauter, und seine Vorsatze schienen nicht verwerflich. Das alles durfte er sich mit einigem Zutrauen selbst bekennen; allein er hatte Gelegenheit genug gehabt, zu bemerken, dass es ihm an Erfahrung fehle, und er legte daher auf die Erfahrung anderer und auf die Resultate, die sie daraus mit Uberzeugung ableiteten, einen ubermassigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was ihm fehlte, glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles Denkwurdige, was ihm in Buchern und im Gesprach vorkommen mochte, zu erhalten und zu sammeln unternahme. Er schrieb daher fremde und eigene Meinungen und Ideen, ja ganze Gesprache, die ihm interessant waren, auf und hielt leider auf diese Weise das Falsche so gut als das Wahre fest, blieb viel zu lange an einer Idee, ja man mochte sagen an einer Sentenz hangen, und verliess dabei seine naturliche Denk- und Handelsweise indem er oft fremden Lichtern als Leitsternen folgte. Aureliens Bitterkeit und seines Freundes Laertes kalte Verachtung der Menschen bestachen ofter, als billig war, sein Urteil; niemand aber war ihm gefahrlicher gewesen als Jarno, ein Mann, dessen heller Verstand von gegenwartigen Dingen ein richtiges, strenges Urteil fallte, dabei aber den Fehler hatte, dass er diese einzelnen Urteile mit einer Art von Allgemeinheit aussprach, da doch die Ausspruche des Verstandes eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmtesten Falle gelten und schon unrichtig werden, wenn man sie auf den nachsten anwendet.

So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst einig zu werden strebte, immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser Verwirrung ward es seinen Leidenschaften um so leichter, alle Zurustungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und ihn uber das, was er zu tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.

Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich hatte er auch taglich immer mehr Ursache, an eine andere Einrichtung seines Schauspiels zu denken. Er musste entweder seine alten Kontrakte erneuern, wozu er keine grosse Lust hatte, indem mehrere Mitglieder, die sich fur unentbehrlich hielten, taglich unleidlicher wurden; oder er musste, wohin auch sein Wunsch ging, der Gesellschaft eine ganz neue Gestalt geben.

Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er Aurelien und Philinen auf; und die ubrigen Gesellen, die sich nach Engagement sehnten, liessen unserm Freunde gleichfalls keine Ruhe, so dass er mit ziemlicher Verlegenheit an einem Scheidewege stand. Wer hatte gedacht, dass ein Brief von Wernern, der ganz im entgegengesetzten Sinne geschrieben war, ihn endlich zu einer Entschliessung hindrangen sollte. Wir lassen nur den Eingang weg und geben ubrigens das Schreiben mit weniger Veranderung.

Zweites Kapitel

" So war es und so muss es denn auch wohl recht sein, dass jeder bei jeder Gelegenheit seinem Gewerbe nachgeht und seine Tatigkeit zeigt. Der gute Alte war kaum verschieden, als auch in der nachsten Viertelstunde schon nichts mehr nach seinem Sinne im Hause geschah. Freunde, Bekannte und Verwandte drangten sich zu, besonders aber alle Menschenarten, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu gewinnen haben. Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; die einen holten Wein und Kuchen, die andern tranken und assen; niemanden sah ich aber ernsthafter beschaftigt als die Weiber, indem sie die Trauer aussuchten.

Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn ich bei dieser Gelegenheit auch an meinen Vorteil dachte, mich Deiner Schwester so hulfreich und tatig als moglich zeigte und ihr, sobald es nur einigermassen schicklich war, begreiflich machte, dass es nunmehr unsre Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die unsre Vater aus allzugrosser Umstandlichkeit bisher verzogert hatten.

Nun musst Du aber ja nicht denken, dass es uns eingefallen sei, das grosse leere Haus in Besitz zu nehmen. Wir sind bescheidner und vernunftiger; unsern Plan sollst Du horen. Deine Schwester zieht nach der Heirat gleich in unser Haus heruber, und sogar auch Deine Mutter mit.

'Wie ist das moglich?' wirst Du sagen 'ihr habt ja selbst in dem Neste kaum Platz.' Das ist eben die Kunst, mein Freund! Die geschickte Einrichtung macht alles moglich, und Du glaubst nicht, wieviel Platz man findet, wenn man wenig Raum braucht. Das grosse Haus verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute Gelegenheit darbietet; das daraus geloste Geld soll hundertfaltige Zinsen tragen.

Ich hoffe, Du bist damit einverstanden, und wunsche, dass Du nichts von den unfruchtbaren Liebhabereien Deines Vaters und Grossvaters geerbt haben mogest. Dieser setzte seine hochste Gluckseligkeit in eine Anzahl unscheinbarer Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl sagen niemand, mit ihm geniessen konnte; jener lebte in einer kostbaren Einrichtung, die er niemand mit sich geniessen liess. Wir wollen es anders machen, und ich hoffe Deine Beistimmung.

Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen Hause keinen Platz als den an meinem Schreibpulte, und noch seh' ich nicht ab, wo man kunftig eine Wiege hinsetzen will; aber dafur ist der Raum ausser dem Hause desto grosser. Die Kaffeehauser und Klubs fur den Mann, die Spaziergange und Spazierfahrten fur die Frau und die schonen Lustorter auf dem Lande fur beide. Dabei ist der grosste Vorteil, dass auch unser runder Tisch ganz besetzt ist und es dem Vater unmoglich wird, Freunde zu sehen, die sich nur desto leichtfertiger uber ihn aufhalten, je mehr er sich Muhe gegeben hat, sie zu bewirten.

Nur nichts Uberflussiges im Hause! nur nicht zu viel Mobeln, Geratschaften, nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und dann auf eine vernunftige Weise jeden Tag getan, was dir beliebt. Nur keine Garderobe, immer das Neueste und Beste auf dem Leibe; der Mann mag seinen Rock abtragen und die Frau den ihrigen vertrodeln, sobald er nur einigermassen aus der Mode kommt. Es ist mir nichts unertraglicher, als so ein alter Kram von Besitztum. Wenn man mir den kostbarsten Edelstein schenken wollte, mit der Bedingung, ihn taglich am Finger zu tragen, ich wurde ihn nicht annehmen; denn wie lasst sich bei einem toten Kapital nur irgendeine Freude denken? Das ist also mein lustiges Glaubensbekenntnis: seine Geschafte verrichtet, Geld geschafft, sich mit den Seinigen lustig gemacht und um die ubrige Welt sich nicht mehr bekummert, als insofern man sie nutzen kann.

Nun wirst Du aber sagen: 'Wie ist denn in eurem saubern Plane an mich gedacht? Wo soll ich unterkommen, wenn ihr mir das vaterliche Haus verkauft, und in dem eurigen nicht der mindeste Raum ubrigbleibt?'

Das ist freilich der Hauptpunkt, Bruderchen, und auf den werde ich Dir gleich dienen konnen, wenn ich Dir vorher das gebuhrende Lob uber Deine vortrefflich angewendete Zeit werde entrichtet haben.

Sage nur, wie hast Du es angefangen, in so wenigen Wochen ein Kenner aller nutzlichen und interessanten Gegenstande zu werden? So viel Fahigkeiten ich an Dir kenne, hatte ich Dir doch solche Aufmerksamkeit und solchen Fleiss nicht zugetraut. Dein Tagebuch hat uns uberzeugt, mit welchem Nutzen Du die Reise gemacht hast; die Beschreibung der Eisen- und Kupferhammer ist vortrefflich und zeigt von vieler Einsicht in die Sache. Ich habe sie ehemals auch besucht; aber meine Relation, wenn ich sie dagegen halte, sieht sehr stumpermassig aus. Der ganze Brief uber die Leinwandfabrikation ist lehrreich und die Anmerkung uber die Konkurrenz sehr treffend. An einigen Orten hast Du Fehler in der Addition gemacht, die jedoch sehr verzeihlich sind.

Was aber mich und meinen Vater am meisten und hochsten freut, sind Deine grundlichen Einsichten in die Bewirtschaftung und besonders in die Verbesserung der Feldguter. Wir haben Hoffnung, ein grosses Gut, das in Sequestration liegt, in einer sehr fruchtbaren Gegend zu erkaufen. Wir wenden das Geld, das wir aus dem vaterlichen Hause losen, dazu an; ein Teil wird geborgt, und ein Teil kann stehenbleiben; und wir rechnen auf Dich, dass Du dahin ziehst, den Verbesserungen vorstehst, und so kann, um nicht zu viel zu sagen, das Gut in einigen Jahren um ein Drittel an Wert steigen; man verkauft es wieder, sucht ein grosseres, verbessert und handelt wieder, und dazu bist Du der Mann. Unsere Federn sollen indes zu Hause nicht mussig sein, und wir wollen uns bald in einen beneidenswerten Zustand versetzen.

Jetzt lebe wohl! Geniesse das Leben auf der Reise und ziehe hin, wo Du es vergnuglich und nutzlich findest. Vor dem ersten halben Jahre bedurfen wir Deiner nicht; Du kannst Dich also nach Belieben in der Welt umsehen, denn die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. Lebe wohl, ich freue mich, so nahe mit Dir verbunden, auch nunmehr im Geist der Tatigkeit mit Dir vereint zu werden."

So gut dieser Brief geschrieben war, und so viel okonomische Weisheit er enthalten mochte, missfiel er doch Wilhelmen auf mehr als eine Weise. Das Lob, das er uber seine fingierten statistischen, technologischen und ruralischen Kenntnisse erhielt, war ihm ein stiller Vorwurf, und das Ideal, das ihm sein Schwager vom Gluck des burgerlichen Lebens vorzeichnete, reizte ihn keineswegs; vielmehr ward er durch einen heimlichen Geist des Widerspruchs mit Heftigkeit auf die entgegengesetzte Seite getrieben. Er uberzeugte sich, dass er nur auf dem Theater die Bildung, die er sich zu geben wunschte, vollenden konne, und schien in seinem Entschlusse nur desto mehr bestarkt zu werden, je lebhafter Werner, ohne es zu wissen, sein Gegner geworden war. Er fasste darauf alle seine Argumente zusammen und bestatigte bei sich seine Meinung nur um desto mehr, je mehr er Ursache zu haben glaubte, sie dem klugen Werner in einem gunstigen Lichte darzustellen, und auf diese Weise entstand eine Antwort, die wir gleichfalls einrucken.

Drittes Kapitel

"Dein Brief ist so wohl geschrieben und so gescheit und klug gedacht, dass sich nichts mehr dazusetzen lasst. Du wirst mir aber verzeihen, wenn ich sage, dass man gerade das Gegenteil davon meinen, behaupten und tun, und doch auch recht haben kann. Deine Art zu sein und zu denken geht auf einen unbeschrankten Besitz und auf eine leichte, lustige Art zu geniessen hinaus, und ich brauche Dir kaum zu sagen, dass ich daran nichts, was mich reizte, finden kann.

Zuerst muss ich Dir leider bekennen, dass mein Tagebuch aus Not, um meinem Vater gefallig zu sein, mit Hulfe eines Freundes aus mehreren Buchern zusammengeschrieben ist, und dass ich wohl die darin enthaltenen Sachen und noch mehrere dieser Art weiss, aber keinesweges verstehe, noch mich damit abgeben mag. Was hilft es mir, gutes Eisen zu fabrizieren, wenn mein eigenes Inneres voller Schlacken ist? und was, ein Landgut in Ordnung zu bringen, wenn ich mit mir selber uneins bin?

Dass ich Dir's mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht. Noch hege ich eben diese Gesinnungen, nur dass mir die Mittel, die mir es moglich machen werden, etwas deutlicher sind. Ich habe mehr Welt gesehen, als Du glaubst, und sie besser benutzt, als Du denkst. Schenke deswegen dem, was ich sage, einige Aufmerksamkeit, wenn es gleich nicht ganz nach Deinem Sinne sein sollte.

Ware ich ein Edelmann, so ware unser Streit bald abgetan; da ich aber nur ein Burger bin, so muss ich einen eigenen Weg nehmen, und ich wunsche, dass Du mich verstehen mogest. Ich weiss nicht, wie es in fremden Landern ist, aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf, personelle Ausbildung moglich. Ein Burger kann sich Verdienst erwerben und zur hochsten Not seinen Geist ausbilden; seine Personlichkeit geht aber verloren, er mag sich stellen, wie er will. Indem es dem Edelmann, der mit den Vornehmsten umgeht, zur Pflicht wird, sich selbst einen vornehmen Anstand zu geben, indem dieser Anstand, da ihm weder Tur noch Tor verschlossen ist, zu einem freien Anstand wird, da er mit seiner Figur, mit seiner Person, es sei bei Hofe oder bei der Armee, bezahlen muss, so hat er Ursache, etwas auf sie zu halten und zu zeigen, dass er etwas auf sie halt. Eine gewisse feierliche Grazie bei gewohnlichen Dingen, eine Art von leichtsinniger Zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen kleidet ihn wohl, weil er sehen lasst, dass er uberall im Gleichgewicht steht. Er ist eine offentliche Person, und je ausgebildeter seine Bewegungen, je sonorer seine Stimme, je gehaltner und gemessener sein ganzes Wesen ist, desto vollkommner ist er. Wenn er gegen Hohe und Niedre, gegen Freunde und Verwandte immer ebenderselbe bleibt, so ist nichts an ihm auszusetzen, man darf ihn nicht anders wunschen. Er sei kalt, aber verstandig; verstellt, aber klug. Wenn er sich ausserlich in jedem Momente seines Lebens zu beherrschen weiss, so hat niemand eine weitere Forderung an ihn zu machen, und alles ubrige, was er an und um sich hat, Fahigkeit, Talent, Reichtum, alles scheinen nur Zugaben zu sein.

Nun denke Dir irgendeinen Burger, der an jene Vorzuge nur einigen Anspruch zu machen gedachte; durchaus muss es ihm misslingen, und er musste desto unglucklicher werden, je mehr sein Naturell ihm zu jener Art zu sein Fahigkeit und Trieb gegeben hatte.

Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man aus ihm Konige oder konigahnliche Figuren erschaffen kann, so darf er uberall mit einem stillen Bewusstsein vor seinesgleichen treten; er darf uberall vorwarts dringen, anstatt dass dem Burger nichts besser ansteht, als das reine, stille Gefuhl der Grenzlinie, die ihm gezogen ist. Er darf nicht fragen 'Was bist du?', sondern nur 'Was hast du? welche Einsicht, welche Kenntnis, welche Fahigkeit, wieviel Vermogen?' Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner Person alles gibt, so gibt der Burger durch seine Personlichkeit nichts und soll nichts geben. Jener darf und soll scheinen; dieser soll nur sein, und was er scheinen will, ist lacherlich oder abgeschmackt. Jener soll tun und wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll einzelne Fahigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt, dass in seinem Wesen keine Harmonie sei noch sein durfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles ubrige vernachlassigen muss.

An diesem Unterschiede ist nicht etwa die Anmassung der Edelleute und die Nachgiebigkeit der Burger, sondern die Verfassung der Gesellschaft selbst schuld; ob sich daran einmal etwas andern wird und was sich andern wird, bekummert mich wenig; genug, ich habe, wie die Sachen jetzt stehen, an mich selbst zu denken, und wie ich mich selbst und das, was mir ein unerlassliches Bedurfnis ist, rette und erreiche.

Ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen Ausbildung meiner Natur, die mir meine Geburt versagt, eine unwiderstehliche Neigung. Ich habe, seit ich Dich verlassen, durch Leibesubung viel gewonnen; ich habe viel von meiner gewohnlichen Verlegenheit abgelegt und stelle mich so ziemlich dar. Ebenso habe ich meine Sprache und Stimme ausgebildet, und ich darf ohne Eitelkeit sagen, dass ich in Gesellschaften nicht missfalle. Nun leugne ich Dir nicht, dass mein Trieb taglich unuberwindlicher wird, eine offentliche Person zu sein, und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kommt meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung steht, und das Bedurfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden, damit ich nach und nach auch bei dem Genuss, den ich nicht entbehren kann, nur das Gute wirklich fur gut und das Schone fur schon halte. Du siehst wohl, dass das alles fur mich nur auf dem Theater zu finden ist, und dass ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch ruhren und ausbilden kann. Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch so gut personlich in seinem Glanz als in den obern Klassen; Geist und Korper mussen bei jeder Bemuhung gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein und scheinen konnen als irgend anderswo. Suche ich daneben noch Beschaftigungen, so gibt es dort mechanische Qualereien genug, und ich kann meiner Geduld tagliche Ubung verschaffen.

Disputiere mit mir nicht daruber; denn eh' Du mir schreibst, ist der Schritt schon geschehen. Wegen der herrschenden Vorurteile will ich meinen Namen verandern, weil ich mich ohnehin schame, als Meister aufzutreten. Lebewohl. Unser Vermogen ist in so guter Hand, dass ich mich darum gar nicht bekummere; was ich brauche, verlange ich gelegentlich von Dir; es wird nicht viel sein, denn ich hoffe, dass mich meine Kunst auch nahren soll."

Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm auf der Stelle Wort hielt und zu Serlos und der ubrigen grossen Verwunderung sich auf einmal erklarte, dass er sich zum Schauspieler widme und einen Kontrakt auf billige Bedingungen eingehen wolle. Man war hieruber bald einig, denn Serlo hatte schon fruher sich so erklart, dass Wilhelm und die ubrigen damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die ganze verungluckte Gesellschaft, mit der wir uns so lange unterhalten haben, ward auf einmal angenommen, ohne dass jedoch, ausser etwa Laertes, sich einer gegen Wilhelmen dankbar erzeigt hatte. Wie sie ohne Zutrauen gefordert hatten, so empfingen sie ohne Dank. Die meisten wollten lieber ihre Anstellung dem Einflusse Philinens zuschreiben, und richteten ihre Danksagungen an sie. Indessen wurden die ausgefertigten Kontrakte unterschrieben, und durch eine unerklarliche Verknupfung von Ideen entstand vor Wilhelms Einbildungskraft in dem Augenblicke, als er seinen fingierten Namen unterzeichnete, das Bild jenes Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schoss gelegen. Auf einem Schimmel kam die liebenswurdige Amazone aus den Buschen, nahte sich ihm und stieg ab. Ihr menschenfreundliches Bemuhen hiess sie gehen und kommen; endlich stand sie vor ihm. Das Kleid fiel von ihren Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt fing an zu glanzen, und sie verschwand. So schrieb er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne zu wissen, was er tat, und fuhlte erst, nachdem er unterzeichnet hatte, dass Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand leise wegzuziehen versucht hatte.

Viertes Kapitel

Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich aufs Theater begab, war von Serlo nicht ohne Einschrankung zugestanden worden. Jener verlangte, dass "Hamlet" ganz und unzerstuckt aufgefuhrt werden sollte, und dieser liess sich das wunderliche Begehren insofern gefallen, als es moglich sein wurde. Nun hatten sie hieruber bisher manchen Streit gehabt, denn was moglich oder nicht moglich sei, und was man von dem Stuck weglassen konne, ohne es zu zerstukken, daruber waren beide sehr verschiedener Meinung.

Wilhelm befand sich noch in den glucklichen Zeiten, da man nicht begreifen kann, dass an einem geliebten Madchen, an einem verehrten Schriftsteller irgend etwas mangelhaft sein konne. Unsere Empfindung von ihnen ist so ganz, so mit sich selbst ubereinstimmend, dass wir uns auch in ihnen eine solche vollkommene Harmonie denken mussen. Serlo hingegen sonderte gern und beinah zu viel; sein scharfer Verstand wollte in einem Kunstwerke gewohnlich nur ein mehr oder weniger unvollkommenes Ganze erkennen. Er glaubte, so wie man die Stucke finde, habe man wenig Ursache, mit ihnen so gar bedachtig umzugehen, und so musste auch Shakespeare, so musste besonders "Hamlet" vieles leiden.

Wilhelm wollte gar nicht horen, wenn jener von der Absonderung der Spreu von dem Weizen sprach. "Es ist nicht Spreu und Weizen durcheinander", rief dieser, "es ist ein Stamm, Aste, Zweige, Blatter, Knospen, Bluten und Fruchte. Ist nicht eins mit dem andern und durch das andere?" Jener behauptete, man bringe nicht den ganzen Stamm auf den Tisch; der Kunstler musse goldene Apfel in silbernen Schalen seinen Gasten reichen. Sie erschopften sich in Gleichnissen, und ihre Meinungen schienen sich immer weiter voneinander zu entfernen.

Gar verzweifeln wollte unser Freund, als Serlo ihm einst nach langem Streit das einfache Mittel anriet, sich kurz zu resolvieren, die Feder zu ergreifen und in dem Trauerspiele, was eben nicht gehen wolle noch konne, abzustreichen, mehrere Personen in eine zu drangen, und wenn er mit dieser Art noch nicht bekannt genug sei oder noch nicht Herz genug dazu habe, so solle er ihm die Arbeit uberlassen, und er wolle bald fertig sein.

"Das ist nicht unserer Abrede gemass", versetzte Wilhelm. "Wie konnen Sie bei so viel Geschmack so leichtsinnig sein?"

"Mein Freund", rief Serlo aus, "Sie werden es auch schon werden! Ich kenne das Abscheuliche dieser Manier nur zu wohl, die vielleicht noch auf keinem Theater in der Welt stattgefunden hat. Aber wo ist auch eins so verwahrlost als das unsere? Zu dieser ekelhaften Verstummelung zwingen uns die Autoren, und das Publikum erlaubt sie. Wieviel Stucke haben wir denn, die nicht uber das Mass des Personals, der Dekorationen und Theatermechanik, der Zeit, des Dialogs und der physischen Krafte des Akteurs hinausschritten? und doch sollen wir spielen, und immer spielen, und immer neu spielen. Sollen wir uns dabei nicht unsers Vorteils bedienen, da wir mit zerstuckelten Werken eben soviel ausrichten als mit ganzen? Setzt uns das Publikum doch selbst in den Vorteil! Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige Menschen aller neuern Nationen, haben Gefuhl fur ein asthetisches Ganze; sie loben und tadeln nur stellenweise; sie entzucken sich nur stellenweise; und fur wen ist das ein grosseres Gluck als fur den Schauspieler, da das Theater immer nur ein gestoppeltes und gestuckeltes Wesen bleibt."

"Ist!" versetzte Wilhelm; "aber muss es denn auch so bleiben, muss denn alles bleiben, was ist? Uberzeugen Sie mich ja nicht, dass Sie recht haben; denn keine Macht in der Welt wurde mich bewegen konnen, einen Kontrakt zu halten, den ich nur im grobsten Irrtum geschlossen hatte."

Serlo gab der Sache eine lustige Wendung und ersuchte Wilhelmen, ihre oftern Gesprache uber "Hamlet" nochmals zu bedenken und selbst die Mittel zu einer glucklichen Bearbeitung zu ersinnen.

Nach einigen Tagen, die er in der Einsamkeit zugebracht hatte, kam Wilhelm mit frohem Blicke zuruck. "Ich musste mich sehr irren", rief er aus, "wenn ich nicht gefunden hatte, wie dem Ganzen zu helfen ist; ja, ich bin uberzeugt, dass Shakespeare es selbst so wurde gemacht haben, wenn sein Genie nicht auf die Hauptsache so sehr gerichtet und nicht vielleicht durch die Novellen, nach denen er arbeitete, verfuhrt worden ware."

"Lassen Sie horen", sagte Serlo, indem er sich gravitatisch aufs Kanapee setzte; "ich werde ruhig aufhorchen, aber auch desto strenger richten."

Wilhelm versetzte: "Mir ist nicht bange; horen Sie nur. Ich unterscheide nach der genauesten Untersuchung, nach der reiflichsten Uberlegung in der Komposition dieses Stucks zweierlei: das erste sind die grossen innern Verhaltnisse der Personen und der Begebenheiten, die machtigen Wirkungen, die aus den Charakteren und Handlungen der Hauptfiguren entstehen, und diese sind einzeln vortrefflich, und die Folge, in der sie aufgestellt sind, unverbesserlich. Sie konnen durch keine Art von Behandlung zerstort, ja kaum verunstaltet werden. Diese sind's, die jedermann zu sehen verlangt, die niemand anzutasten wagt, die sich tief in die Seele eindrucken, und die man, wie ich hore, beinahe alle auf das deutsche Theater gebracht hat. Nur hat man, wie ich glaube, darin gefehlt, dass man das zweite, was bei diesem Stuck zu bemerken ist, ich meine die aussern Verhaltnisse der Personen, wodurch sie von einem Orte zum andern gebracht oder auf diese und jene Weise durch gewisse zufallige Begebenheiten verbunden werden, fur allzu unbedeutend angesehen, nur im Vorbeigehn davon gesprochen oder sie gar weggelassen hat. Freilich sind diese Faden nur dunn und lose, aber sie gehen doch durchs ganze Stuck und halten zusammen, was sonst auseinanderfiele, auch wirklich auseinanderfallt, wenn man sie wegschneidet und ein ubriges getan zu haben glaubt, dass man die Enden stehenlasst.

Zu diesen aussern Verhaltnissen zahle ich die Unruhen in Norwegen, den Krieg mit dem jungen Fortinbras, die Gesandtschaft an den alten Oheim, den geschlichteten Zwist, den Zug des jungen Fortinbras nach Polen und seine Ruckkehr am Ende; ingleichen die Ruckkehr des Horatio von Wittenberg, die Lust Hamlets dahin zu gehen, die Reise des Laertes nach Frankreich, seine Ruckkunft, die Verschickung Hamlets nach England, seine Gefangenschaft beim Seerauber, der Tod der beiden Hofleute auf den Uriasbrief: alles dieses sind Umstande und Begebenheiten, die einen Roman weit und breit machen konnen, die aber der Einheit dieses Stucks, in dem besonders der Held keinen Plan hat, auf das ausserste schaden und hochst fehlerhaft sind."

"So hore ich Sie einmal gerne!" rief Serlo.

"Fallen Sie mir nicht ein", versetzte Wilhelm, "Sie mochten mich nicht immer loben. Diese Fehler sind wie fluchtige Stutzen eines Gebaudes, die man nicht wegnehmen darf, ohne vorher eine feste Mauer unterzuziehen. Mein Vorschlag ist also, an jenen ersten grossen Situationen gar nicht zu ruhren, sondern sie sowohl im ganzen als einzelnen moglichst zu schonen, aber diese aussern, einzelnen, zerstreuten und zerstreuenden Motive alle auf einmal wegzuwerfen und ihnen ein einziges zu substituieren."

"Und das ware?" fragte Serlo, indem er sich aus seiner ruhigen Stellung aufhob.

"Es liegt auch schon im Stucke", erwiderte Wilhelm, "nur mache ich den rechten Gebrauch davon. Es sind die Unruhen in Norwegen. Hier haben Sie meinen Plan zur Prufung.

Nach dem Tode des alten Hamlet werden die ersteroberten Norweger unruhig. Der dortige Statthalter schickt seinen Sohn Horatio, einen alten Schulfreund Hamlets, der aber an Tapferkeit und Lebensklugheit allen andern vorgelaufen ist, nach Danemark, auf die Ausrustung der Flotte zu dringen, welche unter dem neuen, der Schwelgerei ergebenen Konig nur saumselig vonstatten geht. Horatio kennt den alten Konig, denn er hat seinen letzten Schlachten beigewohnt, hat bei ihm in Gunsten gestanden, und die erste Geisterszene wird dadurch nicht verlieren. Der neue Konig gibt sodann dem Horatio Audienz und schickt den Laertes nach Norwegen mit der Nachricht, dass die Flotte bald anlanden werde, indes Horatio den Auftrag erhalt, die Rustung derselben zu beschleunigen; dagegen will die Mutter nicht einwilligen, dass Hamlet, wie er wunschte, mit Horatio zur See gehe."

"Gott sei Dank!" rief Serlo, "so werden wir auch Wittenberg und die hohe Schule los, die mir immer ein leidiger Anstoss war. Ich finde Ihren Gedanken recht gut: denn ausser den zwei einzigen fernen Bildern, Norwegen und der Flotte, braucht der Zuschauer sich nichts zu denken; das ubrige sieht er alles, das ubrige geht alles vor, anstatt dass sonst seine Einbildungskraft in der ganzen Welt herumgejagt wurde."

"Sie sehen leicht", versetzte Wilhelm, "wie ich nunmehr auch das ubrige zusammenhalten kann. Wenn Hamlet dem Horatio die Missetat seines Stiefvaters entdeckt, so rat ihm dieser, mit nach Norwegen zu gehen, sich der Armee zu versichern und mit gewaffneter Hand zuruckzukehren. Da Hamlet dem Konig und der Konigin zu gefahrlich wird, haben sie kein naheres Mittel, ihn loszuwerden, als ihn nach der Flotte zu schicken und ihm Rosenkranz und Guldenstern zu Beobachtern mitzugeben; und da indes Laertes zuruckkommt, soll dieser bis zum Meuchelmord erhitzte Jungling ihm nachgeschickt werden. Die Flotte bleibt wegen ungunstigen Windes liegen; Hamlet kehrt nochmals zuruck, seine Wanderung uber den Kirchhof kann vielleicht glucklich motiviert werden; sein Zusammentreffen mit Laertes in Opheliens Grabe ist ein grosser, unentbehrlicher Moment. Hierauf mag der Konig bedenken, dass es besser sei, Hamlet auf der Stelle loszuwerden; das Fest der Abreise, der scheinbaren Versohnung mit Laertes wird nun feierlich begangen, wobei man Ritterspiele halt und auch Hamlet und Laertes fechten. Ohne die vier Leichen kann ich das Stuck nicht schliessen; es darf niemand ubrigbleiben. Hamlet gibt, da nun das Wahlrecht des Volks wieder eintritt, seine Stimme sterbend dem Horatio."

"Nur geschwind", versetzte Serlo, "setzen Sie sich hin und arbeiten das Stuck aus; die Idee hat vollig meinen Beifall; nur dass die Lust nicht verraucht!"

Funftes Kapitel

Wilhelm hatte sich schon lange mit einer Ubersetzung Hamlets abgegeben; er hatte sich dabei der geistvollen Wielandschen Arbeit bedient, durch die er uberhaupt Shakespearen zuerst kennen lernte. Was in derselben ausgelassen war, fugte er hinzu, und so war er im Besitz eines vollstandigen Exemplars in dem Augenblicke, da er mit Serlo uber die Behandlung so ziemlich einig geworden war. Er fing nun an, nach seinem Plane auszuheben und einzuschieben, zu trennen und zu verbinden, zu verandern und oft wiederherzustellen, denn so zufrieden er auch mit seiner Idee war, so schien ihm doch bei der Ausfuhrung immer, dass das Original nur verdorben werde.

Sobald er fertig war, las er es Serlo und der ubrigen Gesellschaft vor. Sie bezeugten sich sehr zufrieden damit; besonders machte Serlo manche gunstige Bemerkung.

"Sie haben", sagte er unter andern, "sehr richtig empfunden, dass aussere Umstande dieses Stuck begleiten, aber einfacher sein mussen, als sie uns der grosse Dichter gegeben hat. Was ausser dem Theater vorgeht, was der Zuschauer nicht sieht, was er sich vorstellen muss, ist wie ein Hintergrund, vor dem die spielenden Figuren sich bewegen. Die grosse, einfache Aussicht auf die Flotte und Norwegen wird dem Stukke sehr gut tun; nahme man sie ganz weg, so ist es nur eine Familienszene, und der grosse Begriff, dass hier ein ganzes konigliches Haus durch innere Verbrechen und Ungeschicklichkeiten zugrunde geht, wird nicht in seiner ganzen Wurde dargestellt. Bliebe aber jener Hintergrund selbst mannigfaltig, beweglich, konfus, so tate er dem Eindrucke der Figuren Schaden."

Wilhelm nahm nun wieder die Partie Shakespeares und zeigte, dass er fur Insulaner geschrieben habe, fur Englander, die selbst im Hintergrunde nur Schiffe und Seereisen, die Kuste von Frankreich und Kaper zu sehen gewohnt sind, und dass, was jenen etwas ganz Gewohnliches sei, uns schon zerstreue und verwirre.

Serlo musste nachgeben, und beide stimmten darin uberein, dass, da das Stuck nun einmal auf das deutsche Theater solle, dieser ernstere, einfachere Hintergrund fur unsre Vorstellungsart am besten passen werde.

Die Rollen hatte man schon fruher ausgeteilt; den Polonius ubernahm Serlo, Aurelie Ophelien; Laertes war durch seinen Namen schon bezeichnet; ein junger, untersetzter, muntrer, neuangekommener Jungling erhielt die Rolle des Horatio; nur wegen des Konigs und des Geistes war man in einiger Verlegenheit. Fur beide Rollen war nur der alte Polterer da. Serlo schlug den Pedanten zum Konige vor, wogegen Wilhelm aber aufs ausserste protestierte. Man konnte sich nicht entschliessen.

Ferner hatte Wilhelm in seinem Stucke die beiden Rollen von Rosenkranz und Guldenstern stehen lassen. "Warum haben Sie diese nicht in eine verbunden?" fragte Serlo; "diese Abbreviatur ist doch so leicht gemacht."

"Gott bewahre mich vor solchen Verkurzungen, die zugleich Sinn und Wirkung aufheben!" versetzte Wilhelm. "Das, was diese beiden Menschen sind und tun, kann nicht durch einen vorgestellt werden. In solchen Kleinigkeiten zeigt sich Shakespeares Grosse. Dieses leise Auftreten, dieses Schmiegen und Biegen, dies Jasagen, Streicheln und Schmeicheln, diese Behendigkeit, dies Schwanzeln, diese Allheit und Leerheit, diese rechtliche Schurkerei, diese Unfahigkeit, wie kann sie durch einen Menschen ausgedruckt werden? Es sollten ihrer wenigstens ein Dutzend sein, wenn man sie haben konnte; denn sie sind bloss in Gesellschaft etwas, sie sind die Gesellschaft, und Shakespeare war sehr bescheiden und weise, dass er nur zwei solche Reprasentanten auftreten liess. Uberdies brauche ich sie in meiner Bearbeitung als ein Paar, das mit dem einen, guten, trefflichen Horatio kontrastiert."

"Ich verstehe Sie", sagte Serlo, "und wir konnen uns helfen. Den einen geben wir Elmiren (so nannte man die alteste Tochter des Polterers); es kann nicht schaden, wenn sie gut aussehen, und ich will die Puppen putzen und dressieren, dass es eine Lust sein soll."

Philine freute sich ausserordentlich, dass sie die Herzogin in der kleinen Komodie spielen sollte. "Das will ich so naturlich machen", rief sie aus, "wie man in der Geschwindigkeit einen Zweiten heiratet, nachdem man den Ersten ganz ausserordentlich geliebt hat. Ich hoffe, mir den grossten Beifall zu erwerben, und jeder Mann soll wunschen, der Dritte zu werden."

Aurelie machte ein verdriessliches Gesicht bei diesen Ausserungen; ihr Widerwillen gegen Philinen nahm mit jedem Tage zu.

"Es ist recht schade", sagte Serlo, "dass wir kein Ballett haben; sonst sollten Sie mir mit Ihrem ersten und zweiten Manne ein Pas de deux tanzen, und der Alte sollte nach dem Takt einschlafen, und Ihre Fusschen und Wadchen wurden sich dort hinten auf dem Kindertheater ganz aller liebst ausnehmen."

"Von meinen Wadchen wissen Sie ja wohl nicht viel", versetzte sie schnippisch, "und was meine Fusschen betrifft", rief sie, indem sie schnell unter den Tisch reichte, ihre Pantoffelchen heraufholte und nebeneinander vor Serlo hinstellte: "hier sind die Stelzchen, und ich gebe Ihnen auf, niedlichere zu finden."

"Es war Ernst!" sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe betrachtete. Gewiss, man konnte nicht leicht etwas Artigers sehen.

Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von der Grafin zum Geschenk erhalten, einer Dame, deren schoner Fuss beruhmt war.

"Ein reizender Gegenstand!" rief Serlo; "das Herz hupft mir, wenn ich sie ansehe."

"Welche Verzuckungen!" sagte Philine.

"Es geht nichts uber ein Paar Pantoffelchen von so feiner, schoner Arbeit", rief Serlo; "doch ist ihr Klang noch reizender als ihr Anblick." Er hub sie auf und liess sie einigemal hintereinander wechselsweise auf den Tisch fallen.

"Was soll das heissen? Nur wieder her damit!" rief Philine.

"Darf ich sagen", versetzte er mit verstellter Bescheidenheit und schalkhaftem Ernst, "wir andern Junggesellen, die wir nachts meist allein sind und uns doch wie andre Menschen furchten und im Dunkeln uns nach Gesellschaft sehnen, besonders in Wirtshausern und fremden Orten, wo es nicht ganz geheuer ist, wir finden es gar trostlich, wenn ein gutherziges Kind uns Gesellschaft und Beistand leisten will. Es ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, man schaudert, die Ture tut sich auf, man erkennt ein liebes pisperndes Stimmchen, es schleicht was herbei, die Vorhange rauschen, klipp! klapp! die Pantoffeln fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. Ach der liebe, der einzige Klang, wenn die Absatzchen auf den Boden aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je feiner klingt's. Man spreche mir von Philomelen, von rauschenden Bachen, vom Sauseln der Winde und von allem, was je georgelt und gepfiffen worden ist, ich halte mich an das Klipp! Klapp! Klipp! Klapp! ist das schonste Thema zu einem Rondeau, das man immer wieder von vorne zu horen wunscht."

Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den Handen und sagte: "Wie ich sie krumm getreten habe! Sie sind mir viel zu weit." Dann spielte sie damit und rieb die Sohlen gegeneinander. "Was das heiss wird!" rief sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die Wange hielt, dann wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte. Er war gutmutig genug, nach der Warme zu fuhlen, und "Klipp! Klapp!" rief sie, indem sie ihm einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, dass er schreiend die Hand zuruckzog. "Ich will euch lehren bei meinen Pantoffeln was anders denken!" sagte Philine lachend.

"Und ich will dich lehren alte Leute wie Kinder anfuhren!" rief Serlo dagegen, sprang auf, fasste sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen Kuss, deren jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar kunstlich abzwingen liess. Uber dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und wickelten sich um die Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand mit Verdruss auf.

Sechstes Kapitel

Obgleich bei der neuen Bearbeitung Hamlets manche Personen weggefallen waren, so blieb die Anzahl derselben doch immer noch gross genug, und fast wollte die Gesellschaft nicht hinreichen.

"Wenn das so fortgeht", sagte Serlo, "wird unser Souffleur auch noch aus dem Loche hervorsteigen mussen, unter uns wandeln und zur Person werden."

"Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert", versetzte Wilhelm.

"Ich glaube nicht, dass es einen vollkommenern Einhelfer gibt", sagte Serlo. "Kein Zuschauer wird ihn jemals horen; wir auf dem Theater verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich zulispelt. Er fuhlt, welchen Teil seiner Rolle der Schauspieler vollkommen innehat, und ahnet von weitem, wenn ihn das Gedachtnis verlassen will. In einigen Fallen, da ich die Rolle kaum uberlesen konnte, da er sie mir Wort vor Wort vorsagte, spielte ich sie mit Gluck; nur hat er Sonderbarkeiten, die jeden andern unbrauchbar machen wurden: er nimmt so herzlichen Anteil an den Stucken, dass er pathetische Stellen nicht eben deklamiert, aber doch affektvoll rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr als einmal irregemacht."

"So wie er mich", sagte Aurelie, "mit einer andern Sonderbarkeit einst an einer sehr gefahrlichen Stelle steckenliess."

"Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit moglich?" fragte Wilhelm.

"Er wird", versetzte Aurelie, "bei gewissen Stellen so geruhrt, dass er heisse Tranen weint und einige Augenblicke ganz aus der Fassung kommt; und es sind eigentlich nicht die sogenannten ruhrenden Stellen, die ihn in diesen Zustand versetzen; es sind, wenn ich mich so ausdrucke, die schonen Stellen, aus welchen der reine Geist des Dichters gleichsam aus hellen, offenen Augen hervorsieht, Stellen, bei denen wir andern uns nur hochstens freuen, und woruber viele Tausende wegsehen."

"Und warum erscheint er mit dieser zarten Seele nicht auf dem Theater?"

"Ein heiseres Organ und ein steifes Betragen schliessen ihn von der Buhne, und seine hypochondrische Natur von der Gesellschaft aus", versetzte Serlo. "Wieviel Muhe habe ich mir gegeben, ihn an mich zu gewohnen! aber vergebens. Er liest vortrefflich, wie ich nicht wieder habe lesen horen; niemand halt wie er die zarte Grenzlinie zwischen Deklamation und affektvoller Rezitation."

"Gefunden!" rief Wilhelm, "gefunden! Welch eine gluckliche Entdeckung! Nun haben wir den Schauspieler, der uns die Stelle vom rauhen Pyrrhus rezitieren soll."

"Man muss so viel Leidenschaft haben wie Sie", versetzte Serlo, "um alles zu seinem Endzwecke zu nutzen."

"Gewiss, ich war in der grossten Sorge", rief Wilhelm, "dass vielleicht diese Stelle wegbleiben musste, und das ganze Stuck wurde dadurch gelahmt werden."

"Das kann ich doch nicht einsehen", versetzte Aurelie.

"Ich hoffe, Sie werden bald meiner Meinung sein", sagte Wilhelm. "Shakespeare fuhrt die ankommenden Schauspieler zu einem doppelten Endzweck herein. Erst macht der Mann, der den Tod des Priamus mit so viel eigner Ruhrung deklamiert, tiefen Eindruck auf den Prinzen selbst; er scharft das Gewissen des jungen, schwankenden Mannes: und so wird diese Szene das Praludium zu jener, in welcher das kleine Schauspiel so grosse Wirkung auf den Konig tut. Hamlet fuhlt sich durch den Schauspieler beschamt, der an fremden, an fingierten Leiden so grossen Teil nimmt; und der Gedanke, auf eben die Weise einen Versuch auf das Gewissen seines Stiefvaters zu machen, wird dadurch bei ihm sogleich erregt. Welch ein herrlicher Monolog ist's, der den zweiten Akt schliesst! Wie freue ich mich darauf, ihn zu rezitieren:

'O! welch ein Schurke, welch ein niedriger Sklave bin ich! Ist es nicht ungeheuer, dass dieser Schauspieler hier nur durch Erdichtung, durch einen Traum von Leidenschaft, seine Seele so nach seinem Willen zwingt, dass ihre Wirkung sein ganzes Gesicht entfarbt: Tranen im Auge! Verwirrung im Betragen! Gebrochene Stimme! Sein ganzes Wesen von einem Gefuhl durchdrungen! und das alles um nichts! um Hekuba! Was ist Hekuba fur ihn oder er fur Hekuba, dass er um sie weinen sollte?'"

"Wenn wir nur unsern Mann auf das Theater bringen konnen!" sagte Aurelie.

"Wir mussen", versetzte Serlo, "ihn nach und nach hineinfuhren. Bei den Proben mag er die Stelle lesen, und wir sagen, dass wir einen Schauspieler, der sie spielen soll, erwarten, und so sehen wir, wie wir ihm naherkommen."

Nachdem sie daruber einig waren, wendete sich das Gesprach auf den Geist. Wilhelm konnte sich nicht entschliessen, die Rolle des lebenden Konigs dem Pedanten zu uberlassen, damit der Polterer den Geist spielen konne, und meinte vielmehr, dass man noch einige Zeit warten sollte, indem sich doch noch einige Schauspieler gemeldet hatten, und sich unter ihnen der rechte Mann finden konnte.

Man kann sich daher denken, wie verwundert Wilhelm war, als er unter der Adresse seines Theaternamens abends folgendes Billett mit wunderbaren Zugen versiegelt auf seinem Tische fand:

"Du bist, o sonderbarer Jungling, wir wissen es, in grosser Verlegenheit. Du findest kaum Menschen zu deinem Hamlet, geschweige Geister. Dein Eifer verdient ein Wunder; Wunder konnen wir nicht tun, aber etwas Wunderbares soll geschehen. Hast du Vertrauen, so soll zur rechten Stunde der Geist erscheinen! Habe Mut und bleibe gefasst! Es bedarf keiner Antwort; dein Entschluss wird uns bekannt werden."

Mit diesem seltsamen Blatte eilte er zu Serlo zuruck, der es las und wieder las und endlich mit bedenklicher Miene versicherte, die Sache sei von Wichtigkeit; man musse wohl uberlegen, ob man es wagen durfe und konne. Sie sprachen vieles hin und wider; Aurelie war still und lachelte von Zeit zu Zeit, und als nach einigen Tagen wieder davon die Rede war, gab sie nicht undeutlich zu verstehen, dass sie es fur einen Scherz von Serlo halte. Sie bat Wilhelmen, vollig ausser Sorge zu sein und den Geist geduldig zu erwarten.

Uberhaupt war Serlo von dem besten Humor; denn die abgehenden Schauspieler gaben sich alle mogliche Muhe, gut zu spielen, damit man sie ja recht vermissen sollte, und von der Neugierde auf die neue Gesellschaft konnte er auch die beste Einnahme erwarten.

Sogar hatte der Umgang Wilhelms auf ihn einigen Einfluss gehabt. Er fing an, mehr uber Kunst zu sprechen, denn er war am Ende doch ein Deutscher, und diese Nation gibt sich gern Rechenschaft von dem, was sie tut. Wilhelm schrieb sich manche solche Unterredung auf, und wir werden, da die Erzahlung hier nicht so oft unterbrochen werden darf, denjenigen unsrer Leser, die sich dafur interessieren, solche dramaturgische Versuche bei einer andern Gelegenheit vorlegen.

Besonders war Serlo eines Abends sehr lustig, als er von der Rolle des Polonius sprach, wie er sie zu fassen gedachte. "Ich verspreche", sagte er, "diesmal einen recht wurdigen Mann zum besten zu geben; ich werde die gehorige Ruhe und Sicherheit, Leerheit und Bedeutsamkeit, Annehmlichkeit und geschmackloses Wesen, Freiheit und Aufpassen, treuherzige Schalkheit und erlogene Wahrheit da, wo sie hingehoren, recht zierlich aufstellen. Ich will einen solchen grauen, redlichen, ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm aufs allerhoflichste vorstellen und vortragen, und dazu sollen mir die etwas rohen und groben Pinselstriche unsers Autors gute Dienste leisten. Ich will reden wie ein Buch, wenn ich mich vorbereitet habe, und wie ein Tor, wenn ich bei guter Laune bin. Ich werde abgeschmackt sein, um jedem nach dem Maule zu reden, und immer so fein, es nicht zu merken, wenn mich die Leute zum besten haben. Nicht leicht habe ich eine Rolle mit solcher Lust und Schallheit ubernommen."

"Wenn ich nur auch von der meinigen so viel hoffen konnte", sagte Aurelie. "Ich habe weder Jugend noch Weichheit genug, um mich in diesen Charakter zu finden. Nur eins weiss ich leider: das Gefuhl, das Ophelien den Kopf verruckt, wird mich nicht verlassen."

"Wir wollen es ja nicht so genau nehmen", sagte Wilhelm; "denn eigentlich hat mein Wunsch, den Hamlet zu spielen, mich bei allem Studium des Stucks aufs ausserste irregefuhrt. Je mehr ich mich in die Rolle studiere, desto mehr sehe ich, dass in meiner ganzen Gestalt kein Zug der Physiognomie ist, wie Shakespeare seinen Hamlet aufstellt. Wenn ich es recht uberlege, wie genau in der Rolle alles zusammenhangt, so getraue ich mir kaum, eine leidliche Wirkung hervorzubringen."

"Sie treten mit grosser Gewissenhaftigkeit in Ihre Laufbahn", versetzte Serlo. "Der Schauspieler schickt sich in die Rolle, wie er kann, und die Rolle richtet sich nach ihm, wie sie muss. Wie hat aber Shakespeare seinen Hamlet vorgezeichnet? Ist er Ihnen denn so ganz unahnlich?"

"Zuvorderst ist Hamlet blond", erwiderte Wilhelm.

"Das heiss' ich weit gesucht", sagte Aurelie. "Woher schliessen Sie das?"

"Als Dane, als Nordlander ist er blond von Hause aus und hat blaue Augen."

"Sollte Shakespeare daran gedacht haben?"

"Bestimmt find' ich es nicht ausgedruckt, aber in Verbindung mit andern Stellen scheint es mir unwidersprechlich. Ihm wird das Fechten sauer, der Schweiss lauft ihm vom Gesichte, und die Konigin spricht 'Er ist fett, lasst ihn zu Atem kommen.' Kann man sich ihn da anders als blond und wohlbehaglich vorstellen? denn braune Leute sind in ihrer Jugend selten in diesem Falle. Passt nicht auch seine schwankende Melancholie, seine weiche Trauer, seine tatige Unentschlossenheit besser zu einer solchen Gestalt, als wenn Sie sich einen schlanken, braunlockigen Jungling denken, von dem man mehr Entschlossenheit und Behendigkeit erwartet?"

"Sie verderben mir die Imagination", rief Aurelie, "weg mit Ihrem fetten Hamlet! stellen Sie uns ja nicht Ihren wohlbeleibten Prinzen vor! Geben Sie uns lieber irgendein Quiproquo, das uns reizt, das uns ruhrt. Die Intention des Autors liegt uns nicht so nahe als unser Vergnugen, und wir verlangen einen Reiz, der uns homogen ist."

Siebentes Kapitel

Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den Vorzug verdiene? Serlo versicherte, es sei ein vergeblicher, missverstandener Streit; beide konnten in ihrer Art vortrefflich sein, nur mussten sie sich in den Grenzen ihrer Gattung halten.

"Ich bin selbst noch nicht ganz im klaren daruber", versetzte Wilhelm.

"Wer ist es auch?" sagte Serlo, "und doch ware es der Muhe wert, dass man der Sache naher kame."

Sie sprachen viel heruber und hinuber, und endlich war folgendes ungefahr das Resultat ihrer Unterhaltung:

Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche Natur und Handlung. Der Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloss in der aussern Form, nicht darin, dass die Personen in dem einen sprechen und dass in dem andern gewohnlich von ihnen erzahlt wird. Leider viele Dramen sind nur dialogierte Romane, und es ware nicht unmoglich, ein Drama in Briefen zu schreiben.

Im Roman sollen vorzuglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt werden; im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muss langsam gehen, und die Gesinnungen der Hauptfigur mussen, es sei auf welche Weise es wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwicklung aufhalten. Das Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur muss sich nach dem Ende drangen und nur aufgehalten werden. Der Romanheld muss leidend, wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem dramatischen verlangt man Wirkung und Tat. Grandison, Clarisse, Pamela, der Landpriester von Wakefield, Tom Jones selbst sind, wo nicht leidende, doch retardierende Personen, und alle Begebenheiten werden gewissermassen nach ihren Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt der Held nichts nach sich, alles widersteht ihm, und er raumt und ruckt die Hindernisse aus dem Wege oder unterliegt ihnen.

So vereinigte man sich auch daruber, dass man dem Zufall im Roman gar wohl sein Spiel erlauben konne, dass er aber immer durch die Gesinnungen der Personen gelenkt und geleitet werden musse; dass hingegen das Schicksal, das die Menschen, ohne ihr Zutun, durch unzusammenhangende aussere Umstande zu einer unvorgesehenen Katastrophe hindrangt, nur im Drama statthabe; dass der Zufall wohl pathetische, niemals aber tragische Situationen hervorbringen durfe; das Schicksal hingegen musse immer furchterlich sein und werde im hochsten Sinne tragisch, wenn es schuldige und unschuldige, voneinander unabhangige Taten in eine ungluckliche Verknupfung bringt.

Diese Betrachtungen fuhrten wieder auf den wunderlichen Hamlet und auf die Eigenheiten dieses Stucks. Der Held, sagte man, hat eigentlich auch nur Gesinnungen; es sind nur Begebenheiten, die zu ihm stossen, und deswegen hat das Stuck etwas von dem Gedehnten des Romans; weil aber das Schicksal den Plan gezeichnet hat, weil das Stuck von einer furchterlichen Tat ausgeht, und der Held immer vorwarts zu einer furchterlichen Tat gedrangt wird, so ist es im hochsten Sinne tragisch und leidet keinen andern als einen tragischen Ausgang.

Nun sollte Leseprobe gehalten werden, welche Wilhelm eigentlich als ein Fest ansah. Er hatte die Rollen vorher kollationiert, dass also von dieser Seite kein Anstoss sein konnte. Die samtlichen Schauspieler waren mit dem Stucke bekannt, und er suchte sie nur, ehe sie anfingen, von der Wichtigkeit einer Leseprobe zu uberzeugen. Wie man von jedem Musikus verlange, dass er bis auf einen gewissen Grad vom Blatte spielen konne, so solle auch jeder Schauspieler, ja jeder wohlerzogene Mensch sich uben, vom Blatte zu lesen, einem Drama, einem Gedicht, einer Erzahlung sogleich ihren Charakter abzugewinnen und sie mit Fertigkeit vorzutragen. Alles Memorieren helfe nichts, wenn der Schauspieler nicht vorher in den Geist und Sinn des guten Schriftstellers eingedrungen sei; der Buchstabe konne nichts wirken.

Serlo versicherte, dass er jeder andern Probe, ja der Hauptprobe nachsehen wolle, sobald der Leseprobe ihr Recht widerfahren sei: "denn gewohnlich", sagte er, "ist nichts lustiger, als wenn Schauspieler von Studieren sprechen; es kommt mir ebenso vor, als wenn die Freimaurer von Arbeiten reden."

Die Probe lief nach Wunsch ab, und man kann sagen, dass der Ruhm und die gute Einnahme der Gesellschaft sich auf diese wenigen wohlangewandten Stunden grundete.

"Sie haben wohl getan, mein Freund", sagte Serlo, nachdem sie wieder allein waren, "dass Sie unsern Mitarbeitern so ernstlich zusprachen, wenn ich gleich furchte, dass sie Ihre Wunsche schwerlich erfullen werden."

"Wieso?" versetzte Wilhelm.

"Ich habe gefunden", sagte Serlo, "dass, so leicht man der Menschen Imagination in Bewegung setzen kann, so gern sie sich Marchen erzahlen lassen, ebenso selten ist es, eine Art von produktiver Imagination bei ihnen zu finden. Bei den Schauspielern ist dieses sehr auffallend. Jeder ist sehr wohl zufrieden, eine schone, lobenswurdige, brillante Rolle zu ubernehmen; selten aber tut einer mehr, als sich mit Selbstgefalligkeit an die Stelle des Helden setzen, ohne sich im mindesten zu bekummern, ob ihn auch jemand dafur halten werde. Aber mit Lebhaftigkeit zu umfassen, was sich der Autor beim Stuck gedacht hat, was man von seiner Individualitat hingeben musse, um einer Rolle genugzutun, wie man durch eigene Uberzeugung, man sei ein ganz anderer Mensch, den Zuschauer gleichfalls zur Uberzeugung hinreisse, wie man, durch eine innere Wahrheit der Darstellungskraft, diese Bretter in Tempel, diese Pappen in Walder verwandelt, ist wenigen gegeben. Diese innere Starke des Geistes, wodurch ganz allein der Zuschauer getauscht wird, diese erlogene Wahrheit, die ganz allein Wirkung hervorbringt, wodurch ganz allein die Illusion erzielt wird, wer hat davon einen Begriff?

Lassen Sie uns daher ja nicht zu sehr auf Geist und Empfindung dringen! Das sicherste Mittel ist, wenn wir unsern Freunden mit Gelassenheit zuerst den Sinn des Buchstabens erklaren und ihnen den Verstand eroffnen. Wer Anlage hat, eilt alsdann selbst dem geistreichen und empfindungsvollen Ausdrucke entgegen, und wer sie nicht hat, wird wenigstens niemals ganz falsch spielen und rezitieren. Ich habe aber bei Schauspielern, so wie uberhaupt, keine schlimmere Anmassung gefunden, als wenn jemand Anspruche an Geist macht, solange ihm der Buchstabe noch nicht deutlich und gelaufig ist."

Achtes Kapitel

Wilhelm kam zur ersten Theaterprobe sehr zeitig und fand sich auf den Brettern allein. Das Lokal uberraschte ihn und gab ihm die wunderbarsten Erinnerungen. Die Wald- und Dorfdekoration stand genau so wie auf der Buhne seiner Vaterstadt, auch bei einer Probe, als ihm an jenem Morgen Mariane lebhaft ihre Liebe bekannte und ihm die erste gluckliche Nacht zusagte. Die Bauernhauser glichen sich auf dem Theater wie auf dem Lande, die wahre Morgensonne beschien, durch einen halb offenen Fensterladen hereinfallend, einen Teil der Bank, die neben der Ture schlecht befestigt war, nur leider schien sie nicht wie damals auf Marianens Schoss und Busen. Er setzte sich nieder, dachte dieser wunderbaren Ubereinstimmung nach und glaubte zu ahnen, dass er sie vielleicht auf diesem Platze bald wiedersehen werde. Ach, und es war weiter nichts, als dass ein Nachspiel, zu welchem diese Dekoration gehorte, damals auf dem deutschen Theater sehr oft gegeben wurde.

In diesen Betrachtungen storten ihn die ubrigen ankommenden Schauspieler, mit denen zugleich zwei Theater- und Garderobenfreunde hereintraten und Wilhelmen mit Enthusiasmus begrussten. Der eine war gewissermassen an Madame Melina attachiert; der andere aber ein ganz reiner Freund der Schauspielkunst, und beide von der Art, wie sich jede gute Gesellschaft Freunde wunschen sollte. Man wusste nicht zu sagen, ob sie das Theater mehr kannten oder liebten. Sie liebten es zu sehr, um es recht zu kennen; sie kannten es genug, um das Gute zu schatzen und das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung war ihnen das Mittelmassige nicht unertraglich, und der herrliche Genuss, mit dem sie das Gute vor und nach kosteten, war uber allen Ausdruck. Das Mechanische machte ihnen Freude, das Geistige entzuckte sie, und ihre Neigung war so gross, dass auch eine zerstuckelte Probe sie in eine Art von Illusion versetzte. Die Mangel schienen ihnen jederzeit in die Ferne zu treten, das Gute beruhrte sie wie ein naher Gegenstand. Kurz, sie waren Liebhaber, wie sie sich der Kunstler in seinem Fache wunscht. Ihre liebste Wanderung war von den Kulissen ins Parterre, vom Parterre in die Kulissen, ihr angenehmster Aufenthalt in der Garderobe, ihre emsigste Beschaftigung, an der Stellung, Kleidung, Rezitation und Deklamation der Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr lebhaftestes Gesprach uber den Effekt, den man hervorgebracht hatte, und ihre bestandigste Bemuhung, den Schauspieler aufmerksam, tatig und genau zu erhalten, ihm etwas zugute oder zuliebe zu tun und ohne Verschwendung der Gesellschaft manchen Genuss zu verschaffen. Sie hatten sich beide das ausschliessliche Recht verschafft, bei Proben und Auffuhrungen auf dem Theater zu erscheinen. Sie waren, was die Auffuhrung Hamlets betraf, mit Wilhelmen nicht bei allen Stellen einig; hie und da gab er nach, meistens aber behauptete er seine Meinung, und im ganzen diente diese Unterhaltung sehr zur Bildung seines Geschmacks. Er liess die beiden Freunde sehen, wie sehr er sie schatzte, und sie dagegen weissagten nichts weniger von diesen vereinten Bemuhungen als eine neue Epoche furs deutsche Theater.

Die Gegenwart dieser beiden Manner war bei den Proben sehr nutzlich. Besonders uberzeugten sie unsre Schauspieler, dass man bei der Probe Stellung und Aktion, wie man sie bei der Auffuhrung zu zeigen gedenke, immerfort mit der Rede verbinden und alles zusammen durch Gewohnheit mechanisch vereinigen musse. Besonders mit den Handen solle man ja bei der Probe einer Tragodie keine gemeine Bewegungen vornehmen; ein tragischer Schauspieler, der in der Probe Tabak schnupft, mache sie immer bange; denn hochst wahrscheinlich werde er an einer solchen Stelle bei der Auffuhrung die Prise vermissen. Ja, sie hielten dafur, dass niemand in Stiefeln probieren solle, wenn die Rolle in Schuhen zu spielen sei. Nichts aber, versicherten sie, schmerze sie mehr, als wenn die Frauenzimmer in den Proben ihre Hande in die Rockfalten versteckten.

Ausserdem ward durch das Zureden dieser Manner noch etwas Gutes bewirkt, dass namlich alle Mannspersonen exerzieren lernten. "Da so viele Militarrollen vorkommen", sagten sie, "sieht nichts betrubter aus, als Menschen, die nicht die mindeste Dressur zeigen, in Hauptmanns- und Majorsuniform auf dem Theater herumschwanken zu sehen."

Wilhelm und Laertes waren die ersten, die sich der Padagogik eines Unteroffiziers unterwarfen, und setzten dabei ihre Fechtubungen mit grosser Anstrengung fort.

So viel Muhe gaben sich beide Manner mit der Ausbildung einer Gesellschaft, die sich so glucklich zusammengefunden hatte. Sie sorgten fur die kunftige Zufriedenheit des Publikums, indes sich dieses uber ihre entschiedene Liebhaberei gelegentlich aufhielt. Man wusste nicht, wieviel Ursache man hatte, ihnen dankbar zu sein, besonders da sie nicht versaumten, den Schauspielern oft den Hauptpunkt einzuscharfen, dass es namlich ihre Pflicht sei, laut und vernehmlich zu sprechen. Sie fanden hierbei mehr Widerstand und Unwillen, als sie anfangs gedacht hatten. Die meisten wollten so gehort sein, wie sie sprachen, und wenige bemuhten sich, so zu sprechen, dass man sie horen konnte. Einige schoben den Fehler aufs Gebaude, andere sagten, man konne doch nicht schreien, wenn man naturlich, heimlich oder zartlich zu sprechen habe.

Unsre Theaterfreunde, die eine unsagliche Geduld hatten, suchten auf alle Weise diese Verwirrung zu losen, diesem Eigensinne beizukommen. Sie sparten weder Grunde noch Schmeicheleien und erreichten zuletzt doch ihren Endzweck, wobei ihnen das gute Beispiel Wilhelms besonders zustatten kam. Er bat sich aus, dass sie sich bei den Proben in die entferntesten Ecken setzten und, sobald sie ihn nicht vollkommen verstunden, mit dem Schlussel auf die Bank pochen mochten. Er artikulierte gut, sprach gemassigt aus, steigerte den Ton stufenweise und uberschrie sich nicht in den heftigsten Stellen. Die pochenden Schlussel horte man bei jeder Probe weniger; nach und nach liessen sich die andern dieselbe Operation gefallen, und man konnte hoffen, dass das Stuck endlich in allen Winkeln des Hauses von jedermann wurde verstanden werden.

Man sieht aus diesem Beispiel, wie gern die Menschen ihren Zweck nur auf eigene Weise erreichen mochten, wieviel Not man hat, ihnen begreiflich zu machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und wie schwer es ist, denjenigen, der etwas zu leisten wunscht, zur Erkenntnis der ersten Bedingungen zu bringen, unter denen sein Vorhaben allein moglich wird.

Neuntes Kapitel

Man fuhr nun fort, die notigen Anstalten zu Dekorationen und Kleidern, und was sonst erforderlich war, zu machen. Uber einige Szenen und Stellen hatte Wilhelm besondere Grillen, denen Serlo nachgab, teils in Rucksicht auf den Kontrakt, teils aus Uberzeugung, und weil er hoffte, Wilhelmen durch diese Gefalligkeit zu gewinnen und in der Folge desto mehr nach seinen Absichten zu lenken.

So sollte zum Beispiel Konig und Konigin bei der ersten Audienz auf dem Throne sitzend erscheinen, die Hofleute an den Seiten und Hamlet unbedeutend unter ihnen stehen. "Hamlet", sagte er, "muss sich ruhig verhalten; seine schwarze Kleidung unterscheidet ihn schon genug. Er muss sich eher verbergen als zum Vorschein kommen. Nur dann, wenn die Audienz geendigt ist, wenn der Konig mit ihm als Sohn spricht, dann mag er herbeitreten und die Szene ihren Gang gehen."

Noch eine Hauptschwierigkeit machten die beiden Gemalde, auf die sich Hamlet in der Szene mit seiner Mutter so heftig bezieht. "Mir sollen", sagte Wilhelm, "in Lebensgrosse beide im Grunde des Zimmers neben der Hauptture sichtbar sein, und zwar muss der alte Konig in volliger Rustung, wie der Geist, auf eben der Seite hangen, wo dieser hervortritt. Ich wunsche, dass die Figur mit der rechten Hand eine befehlende Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam uber die Schulter sehe, damit sie dem Geiste vollig gleiche in dem Augenblicke, da dieser zur Ture hinausgeht. Es wird eine sehr grosse Wirkung tun, wenn in diesem Augenblick Hamlet nach dem Geiste und die Konigin nach dem Bilde sieht. Der Stiefvater mag dann im koniglichen Ornat, doch unscheinbarer als jener, vorgestellt werden."

So gab es noch verschiedene Punkte, von denen wir zu sprechen vielleicht Gelegenheit haben.

"Sind Sie auch unerbittlich, dass Hamlet am Ende sterben muss?" fragte Serlo.

"Wie kann ich ihn am Leben erhalten", sagte Wilhelm, "da ihn das ganze Stuck zu Tode druckt? Wir haben ja schon so weitlaufig daruber gesprochen."

"Aber das Publikum wunscht ihn lebendig."

"Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist's unmoglich. Wir wunschen auch, dass ein braver nutzlicher Mann, der an einer chronischen Krankheit stirbt, noch langer leben moge. Die Familie weint und beschwort den Arzt, der ihn nicht halten kann: und so wenig als dieser einer Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag, so wenig konnen wir einer anerkannten Kunstnotwendigkeit gebieten. Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht die, die sie haben sollen."

"Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen."

"Gewissermassen; aber ein grosses Publikum verdient, dass man es achte, dass man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will, behandle. Man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gefuhl und Geschmack fur das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem Vergnugen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es kunftig aufzuklaren; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den man nutzt, zu verewigen."

So handelten sie noch manches ab, das sich besonders auf die Frage bezog, was man noch etwa an dem Stucke verandern durfe, und was unberuhrt bleiben musse. Wir lassen uns hierauf nicht weiter ein, sondern legen vielleicht kunftig die neue Bearbeitung Hamlets selbst demjenigen Teile unsrer Leser vor, der sich etwa dafur interessieren konnte.

Zehntes Kapitel

Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte ubermassig lange gedauert. Serlo und Wilhelm fanden noch manches zu besorgen; denn ungeachtet der vielen Zeit, die man zur Vorbereitung verwendet hatte, waren doch sehr notwendige Anstalten bis auf den letzten Augenblick verschoben worden.

So waren zum Beispiel die Gemalde der beiden Konige noch nicht fertig, und die Szene zwischen Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so grossen Effekt hoffte, sah noch sehr mager aus, indem weder der Geist noch sein gemaltes Ebenbild dabei gegenwartig war. Serlo scherzte bei dieser Gelegenheit und sagte: "Wir waren doch im Grunde recht ubel angefuhrt, wenn der Geist ausbliebe, die Wache wirklich mit der Luft fechten und unser Souffleur aus der Kulisse den Vortrag des Geistes supplieren musste."

"Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch unsern Unglauben verscheuchen", versetzte Wilhelm; "er kommt gewiss zur rechten Zeit und wird uns so gut als die Zuschauer uberraschen."

"Gewiss", rief Serlo, "ich werde froh sein, wenn das Stuck morgen gegeben ist; es macht uns mehr Umstande, als ich geglaubt habe."

"Aber niemand in der Welt wird froher sein als ich, wenn das Stuck morgen gespielt ist", versetzte Philine, "so wenig mich meine Rolle druckt. Denn immer und ewig von einer Sache reden zu horen, wobei doch nichts weiter herauskommt als eine Reprasentation, die, wie so viele hundert andere, vergessen werden wird, dazu will meine Geduld nicht hinreichen. Macht doch in Gottes Namen nicht so viel Umstande! Die Gaste, die vom Tische aufstehen, haben nachher an jedem Gerichte was auszusetzen; ja, wenn man sie zu Hause reden hort, so ist es ihnen kaum begreiflich, wie sie eine solche Not haben ausstehen konnen."

"Lassen Sie mich Ihr Gleichnis zu meinem Vorteile brauchen, schones Kind", versetzte Wilhelm. "Bedenken Sie, was Natur und Kunst, was Handel, Gewerke und Gewerbe zusammen schaffen mussen, bis ein Gastmahl gegeben werden kann. Wieviel Jahre muss der Hirsch im Walde, der Fisch im Fluss oder Meere zubringen, bis er unsre Tafel zu besetzen wurdig ist, und was hat die Hausfrau, die Kochin nicht alles in der Kuche zu tun! Mit welcher Nachlassigkeit schlurft man die Sorge des entferntesten Winzers, des Schiffers, des Kellermeisters beim Nachtische hinunter, als musse es nur so sein! Und sollten deswegen alle diese Menschen nicht arbeiten, nicht schaffen und bereiten, sollte der Hausherr das alles nicht sorgfaltig zusammenbringen und zusammenhalten, weil am Ende der Genuss nur vorubergehend ist? Aber kein Genuss ist vorubergehend; denn der Eindruck, den er zurucklasst, ist bleibend, und was man mit Fleiss und Anstrengung tut, teilt dem Zuschauer selbst eine verborgene Kraft mit, von der man nicht wissen kann, wie weit sie wirkt."

"Mir ist alles einerlei", versetzte Philine, "nur muss ich auch diesmal erfahren, dass Manner immer im Widerspruch mit sich selbst sind. Bei all eurer Gewissenhaftigkeit, den grossen Autor nicht verstummeln zu wollen, lasst ihr doch den schonsten Gedanken aus dem Stucke."

"Den schonsten?" rief Wilhelm.

"Gewiss den schonsten, auf den sich Hamlet selbst was zugute tut."

"Und der ware?" rief Serlo.

"Wenn Sie eine Perucke aufhatten", versetzte Philine, "wurde ich sie Ihnen ganz sauberlich abnehmen; denn es scheint notig, dass man Ihnen das Verstandnis eroffne."

Die andern dachten nach, und die Unterhaltung stockte. Man war aufgestanden, es war schon spat, man schien auseinandergehen zu wollen. Als man so unentschlossen dastand, fing Philine ein Liedchen, auf eine sehr zierliche und gefallige Melodie, zu singen an.

Singet nicht in Trauertonen

Von der Einsamkeit der Nacht!

Nein, sie ist, o holde Schonen,

Zur Geselligkeit gemacht.

Wie das Weib dem Mann gegeben

Als die schonste Halfte war,

Ist die Nacht das halbe Leben,

Und die schonste Halfte zwar.

Konnt ihr euch des Tages freuen,

Der nur Freuden unterbricht?

Er ist gut, sich zu zerstreuen;

Zu was anderm taugt er nicht.

Aber wenn in nacht'ger Stunde

Susser Lampe Dammrung fliesst,

Und vom Mund zum nahen Munde

Scherz und Liebe sich ergiesst;

Wenn der rasche, lose Knabe,

Der sonst wild und feurig eilt,

Oft bei einer kleinen Gabe

Unter leichten Spielen weilt;

Wenn die Nachtigall Verliebten

Liebevoll ein Liedchen singt,

Das Gefangnen und Betrubten

Nur wie Ach und Wehe klingt:

Mit wie leichtem Herzensregen

Horchet ihr der Glocke nicht,

Die mit zwolf bedacht'gen Schlagen

Ruh' und Sicherheit verspricht!

Darum an dem langen Tage

Merke dir es, liebe Brust:

Jeder Tag hat seine Plage,

Und die Nacht hat ihre Lust.

Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie geendigt hatte, und Serlo rief ihr ein lautes Bravo zu. Sie sprang zur Tur hinaus und eilte mit Gelachter fort. Man horte sie die Treppe hinunter singen und mit den Absatzen klappern.

Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie blieb vor Wilhelmen, der ihr eine gute Nacht wunschte, noch einige Augenblicke stehen und sagte:

"Wie sie mir zuwider ist! recht meinem innern Wesen zuwider! bis auf die kleinsten Zufalligkeiten. Die rechte braune Augenwimper bei den blonden Haaren, die der Bruder so reizend findet, mag ich gar nicht ansehn, und die Schramme auf der Stirne hat mir so was Widriges, so was Niedriges, dass ich immer zehn Schritte von ihr zurucktreten mochte. Sie erzahlte neulich als einen Scherz, ihr Vater habe ihr in ihrer Kindheit einen Teller an den Kopf geworfen, davon sie noch das Zeichen trage. Wohl ist sie recht an Augen und Stirne gezeichnet, dass man sich vor ihr huten moge."

Wilhelm antwortete nichts, und Aurelie schien mit mehr Unwillen fortzufahren:

"Es ist mir beinahe unmoglich, ein freundliches, hofliches Wort mit ihr zu reden, so sehr hasse ich sie; und doch ist sie so anschmiegend. Ich wollte, wir waren sie los. Auch Sie, mein Freund, haben eine gewisse Gefalligkeit gegen dieses Geschopf, ein Betragen, das mich in der Seele krankt, eine Aufmerksamkeit, die an Achtung grenzt, und die sie, bei Gott, nicht verdient!"

"Wie sie ist, bin ich ihr Dank schuldig", versetzte Wilhelm; "ihre Auffuhrung ist zu tadeln, ihrem Charakter muss ich Gerechtigkeit widerfahren lassen."

"Charakter!" rief Aurelie; "glauben Sie, dass so eine Kreatur einen Charakter hat? O ihr Manner, daran erkenne ich euch! Solcher Frauen seid ihr wert!"

"Sollten Sie mich in Verdacht haben, meine Freundin?" versetzte Wilhelm. "Ich will von jeder Minute Rechenschaft geben, die ich mit ihr zugebracht habe."

"Nun, nun", sagte Aurelie, "es ist spat, wir wollen nicht streiten. Alle wie einer, einer wie alle! Gute Nacht, mein Freund! gute Nacht, mein feiner Paradiesvogel!"

Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme.

"Ein andermal", versetzte Aurelie, "ein andermal. Man sagt, sie hatten keine Fusse, sie schwebten in der Luft und nahrten sich vom Ather. Es ist aber ein Marchen", fuhr sie fort, "eine poetische Fiktion. Gute Nacht, lasst Euch was Schones traumen, wenn Ihr Gluck habt."

Sie ging in ihr Zimmer und liess ihn allein; er eilte auf das seinige.

Halb unwillig ging er auf und nieder. Der scherzende, aber entschiedene Ton Aureliens hatte ihn beleidigt: er fuhlte tief, wie unrecht sie ihm tat. Philine konnte er nicht widrig, nicht unhold begegnen; sie hatte nichts gegen ihn verbrochen, und dann fuhlte er sich so fern von jeder Neigung zu ihr, dass er recht stolz und standhaft vor sich selbst bestehen konnte.

Eben war er im Begriff sich auszuziehen, nach seinem Lager zu gehen und die Vorhange aufzuschlagen, als er zu seiner grossten Verwunderung ein Paar Frauenpantoffeln vor dem Bett erblickte; der eine stand, der andere lag. Es waren Philinens Pantoffeln, die er nur zu gut erkannte; er glaubte auch eine Unordnung an den Vorhangen zu sehen, ja es schien, als bewegten sie sich; er stand und sah mit unverwandten Augen hin.

Eine neue Gemutsbewegung, die er fur Verdruss hielt, versetzte ihm den Atem; und nach einer kurzen Pause, in der er sich erholt hatte, rief er gefasst:

"Stehen Sie auf, Philine! Was soll das heissen? Wo ist Ihre Klugheit, Ihr gutes Betragen? Sollen wir morgen das Marchen des Hauses werden?"

Es ruhrte sich nichts.

"Ich scherze nicht", fuhr er fort, "diese Neckereien sind bei mir ubel angewandt."

Kein Laut! Keine Bewegung!

Entschlossen und unmutig ging er endlich auf das Bett zu und riss die Vorhange voneinander. "Stehen Sie auf", sagte er, "wenn ich Ihnen nicht das Zimmer diese Nacht uberlassen soll."

Mit grossem Erstaunen fand er sein Bette leer, die Kissen und Decken in schonster Ruhe. Er sah sich um, suchte nach, suchte alles durch und fand keine Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, den Schranken war nichts zu sehen; er suchte emsiger und emsiger; ja, ein boshafter Zuschauer hatte glauben mogen, er suche, um zu finden.

Kein Schlaf stellte sich ein; er setzte die Pantoffeln auf seinen Tisch, ging auf und nieder, blieb manchmal bei dem Tische stehen, und ein schelmischer Genius, der ihn belauschte, will versichern, er habe sich einen grossen Teil der Nacht mit den allerliebsten Stelzchen beschaftigt; er habe sie mit einem gewissen Interesse angesehen, behandelt, damit gespielt und sich erst gegen Morgen in seinen Kleidern aufs Bette geworfen, wo er unter den seltsamsten Phantasien einschlummerte. Und wirklich schlief er noch, als Serlo hereintrat und rief: "Wo sind Sie? Noch im Bette? Unmoglich! Ich suche Sie auf dem Theater, wo noch so mancherlei zu tun ist."

Eilftes Kapitel

Vor- und Nachmittag verflossen eilig. Das Haus war schon voll, und Wilhelm eilte, sich anzuziehen. Nicht mit der Behaglichkeit, mit der er die Maske zum erstenmal anprobierte, konnte er sie gegenwartig anlegen; er zog sich an, um fertig zu werden. Als er zu den Frauen ins Versammlungszimmer kam, beriefen sie ihn einstimmig, dass nichts recht sitze; der schone Federbusch sei verschoben, die Schnalle passe nicht; man fing wieder an aufzutrennen, zu nahen, zusammenzustecken. Die Symphonie ging an, Philine hatte etwas gegen die Krause einzuwenden, Aurelie viel an dem Mantel auszusetzen. "Lasst mich, ihr Kinder!" rief er, "diese Nachlassigkeit wird mich erst recht zum Hamlet machen." Die Frauen liessen ihn nicht los und fuhren fort zu putzen. Die Symphonie hatte aufgehort, und das Stuck war angegangen. Er besah sich im Spiegel, druckte den Hut tiefer ins Gesicht und erneuerte die Schminke.

In diesem Augenblick sturzte jemand herein und rief: "Der Geist! der Geist!"

Wilhelm hatte den ganzen Tag nicht Zeit gehabt, an die Hauptsorge zu denken, ob der Geist auch kommen werde. Nun war sie ganz weggenommen, und man hatte die wunderlichste Gastrolle zu erwarten. Der Theatermeister kam und fragte uber dieses und jenes; Wilhelm hatte nicht Zeit, sich nach dem Gespenst umzusehen, und eilte nur, sich am Throne einzufinden, wo Konig und Konigin schon von ihrem Hofe umgeben in aller Herrlichkeit glanzten; er horte nur noch die letzten Worte des Horatio, der uber die Erscheinung des Geistes ganz verwirrt sprach und fast seine Rolle vergessen zu haben schien.

Der Zwischenvorhang ging in die Hohe, und er sah das volle Haus vor sich. Nachdem Horatio seine Rede gehalten und vom Konige abgefertigt war, drangte er sich an Hamlet, und als ob er sich ihm, dem Prinzen, prasentiere, sagte er: "Der Teufel steckt in dem Harnische! Er hat uns alle in Furcht gejagt."

In der Zwischenzeit sah man nur zwei grosse Manner in weissen Manteln und Kapuzen in den Kulissen stehen, und Wilhelm, dem in der Zerstreuung, Unruhe und Verlegenheit der erste Monolog, wie er glaubte, missgluckt war, trat, ob ihn gleich ein lebhafter Beifall beim Abgehen begleitete, in der schauerlichen dramatischen Winternacht wirklich recht unbehaglich auf. Doch nahm er sich zusammen und sprach die so zweckmassig angebrachte Stelle uber das Schmausen und Trinken der Nordlander mit der gehorigen Gleichgultigkeit, vergass, so wie die Zuschauer, daruber des Geistes und erschrak wirklich, als Horatio ausrief: "Seht her, es kommt!" Er fuhr mit Heftigkeit herum, und die edle grosse Gestalt, der leise, unhorbare Tritt, die leichte Bewegung in der schwerscheinenden Rustung machten einen so starken Eindruck auf ihn, dass er wie versteinert dastand und nur mit halber Stimme: "Ihr Engel und himmlischen Geister, beschutzt uns!" ausrufen konnte. Er starrte ihn an, holte einigemal Atem und brachte die Anrede an den Geist so verwirrt, zerstuckt und gezwungen vor, dass die grosste Kunst sie nicht so trefflich hatte ausdrukken konnen.

Seine Ubersetzung dieser Stelle kam ihm sehr zustatten. Er hatte sich nahe an das Original gehalten, dessen Wortstellung ihm die Verfassung eines uberraschten, erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gemuts einzig auszudrucken schien.

"Sei du ein guter Geist, sei ein verdammter Kobold, bringe Dufte des Himmels mit dir oder Dampfe der Holle, sei Gutes oder Boses dein Beginnen, du kommst in einer so wurdigen Gestalt, ja ich rede mit dir, ich nenne dich Hamlet, Konig, Vater, o antworte mir!"

Man spurte im Publiko die grosste Wirkung. Der Geist winkte, der Prinz folgte ihm unter dem lautesten Beifall.

Das Theater verwandelte sich, und als sie auf den entfernten Platz kamen, hielt der Geist unvermutet inne und wandte sich um; dadurch kam ihm Hamlet etwas zu nahe zu stehen. Mit Verlangen und Neugierde sah Wilhelm sogleich zwischen das niedergelassene Visier hinein, konnte aber nur tiefliegende Augen neben einer wohlgebildeten Nase erblicken. Furchtsam ausspahend stand er vor ihm; allein als die ersten Tone aus dem Helme hervordrangen, als eine wohlklingende, nur ein wenig rauhe Stimme sich in den Worten horen liess: "Ich bin der Geist deines Vaters", trat Wilhelm einige Schritte schaudernd zuruck, und das ganze Publikum schauderte. Die Stimme schien jedermann bekannt, und Wilhelm glaubte eine Ahnlichkeit mit der Stimme seines Vaters zu bemerken. Diese wunderbaren Empfindungen und Erinnerungen, die Neugierde, den seltsamen Freund zu entdecken, und die Sorge, ihn zu beleidigen, selbst die Unschicklichkeit, ihm als Schauspieler in dieser Situation zu nahe zu treten, bewegten Wilhelmen nach entgegengesetzten Seiten. Er veranderte wahrend der langen Erzahlung des Geistes seine Stellung so oft, schien so unbestimmt und verlegen, so aufmerksam und so zerstreut, dass sein Spiel eine allgemeine Bewunderung, so wie der Geist ein allgemeines Entsetzen erregte. Dieser sprach mehr mit einem tiefen Gefuhl des Verdrusses als des Jammers, aber eines geistigen, langsamen und unubersehlichen Verdrusses. Es war der Missmut einer grossen Seele, die von allem Irdischen getrennt ist und doch unendlichen Leiden unterliegt. Zuletzt versank der Geist, aber auf eine sonderbare Art: denn ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor, der wie ein Dampf aus der Versenkung zu steigen schien, legte sich uber ihn weg und zog sich mit ihm hinunter.

Nun kamen Hamlets Freunde zuruck und schwuren auf das Schwert. Da war der alte Maulwurf so geschaftig unter der Erde, dass er ihnen, wo sie auch stehen mochten, immer unter den Fussen rief: "Schwort!" und sie, als ob der Boden unter ihnen brennte, schnell von einem Ort zum andern eilten. Auch erschien da, wo sie standen, jedesmal eine kleine Flamme aus dem Boden, vermehrte die Wirkung und hinterliess bei allen Zuschauern den tiefsten Eindruck.

Nun ging das Stuck unaufhaltsam seinen Gang fort, nichts missgluckte, alles geriet; das Publikum bezeigte seine Zufriedenheit; die Lust und der Mut der Schauspieler schien mit jeder Szene zuzunehmen.

Zwolftes Kapitel

Der Vorhang fiel, und der lebhafteste Beifall erscholl aus allen Ecken und Enden. Die vier furstlichen Leichen sprangen behend in die Hohe und umarmten sich vor Freuden. Polonius und Ophelia kamen auch aus ihren Grabern hervor und horten noch mit lebhaftem Vergnugen, wie Horatio, als er zum Ankundigen heraustrat, auf das heftigste beklatscht wurde. Man wollte ihn zu keiner Anzeige eines andern Stuckes lassen, sondern begehrte mit Ungestum die Wiederholung des heutigen.

"Nun haben wir gewonnen", rief Serlo, "aber auch heute abend kein vernunftig Wort mehr! Alles kommt auf den ersten Eindruck an. Man soll ja keinem Schauspieler ubelnehmen, wenn er bei seinen Debuts vorsichtig und eigensinnig ist."

Der Kassier kam und uberreichte ihm eine schwere Kasse. "Wir haben gut debutiert", rief er aus, "und das Vorurteil wird uns zustatten kommen. Wo ist denn nun das versprochene Abendessen? Wir durfen es uns heute schmecken lassen."

Sie hatten ausgemacht, dass sie in ihren Theaterkleidern beisammen bleiben und sich selbst ein Fest feiern wollten. Wilhelm hatte unternommen, das Lokal, und Madame Melina, das Essen zu besorgen.

Ein Zimmer, worin man sonst zu malen pflegte, war aufs beste gesaubert, mit allerlei Dekorationen umstellt und so herausgeputzt worden, dass es halb einem Garten, halb einem Saulengange ahnlich sah. Beim Hereintreten wurde die Gesellschaft von dem Glanz vieler Lichter geblendet, die einen feierlichen Schein durch den Dampf des sussesten Raucherwerks, das man nicht gespart hatte, uber eine wohlgeschmuckte und bestellte Tafel verbreiteten. Mit Ausrufungen lobte man die Anstalten und nahm wirklich mit Anstand Platz; es schien, als wenn eine konigliche Familie im Geisterreiche zusammenkame. Wilhelm sass zwischen Aurelien und Madame Melina, Serlo zwischen Philinen und Elmiren; niemand war mit sich selbst noch mit seinem Platz unzufrieden.

Die beiden Theaterfreunde, die sich gleichfalls eingefunden hatten, vermehrten das Gluck der Gesellschaft. Sie waren einigemal wahrend der Vorstellung auf die Buhne gekommen und konnten nicht genug von ihrer eignen und von des Publikums Zufriedenheit sprechen; nunmehr ging's aber ans Besondere; jedes ward fur seinen Teil reichlich belohnt.

Mit einer unglaublichen Lebhaftigkeit ward ein Verdienst nach dem andern, eine Stelle nach der andern herausgehoben. Dem Souffleur, der bescheiden am Ende der Tafel sass, ward ein grosses Lob uber seinen rauhen Pyrrhus; die Fechtubung Hamlets und Laertes' konnte man nicht genug erheben; Opheliens Trauer war uber allen Ausdruck schon und erhaben; von Polonius' Spiel durfte man gar nicht sprechen; jeder Gegenwartige horte sein Lob in dem andern und durch ihn.

Aber auch der abwesende Geist nahm seinen Teil Lob und Bewunderung hinweg. Er hatte die Rolle mit einem sehr glucklichen Organ und in einem grossen Sinne gesprochen, und man wunderte sich am meisten, dass er von allem, was bei der Gesellschaft vorgegangen war, unterrichtet schien. Er glich vollig dem gemalten Bilde, als wenn er dem Kunstler gestanden hatte, und die Theaterfreunde konnten nicht genug ruhmen, wie schauerlich er ausgesehen habe, als er unfern von dem Gemalde hervorgetreten und vor seinem Ebenbilde vorbeigeschritten sei. Wahrheit und Irrtum habe sich dabei so sonderbar vermischt, und man habe wirklich sich uberzeugt, dass die Konigin die eine Gestalt nicht sehe. Madame Melina ward bei dieser Gelegenheit sehr gelobt, dass sie bei dieser Stelle in die Hohe nach dem Bilde gestarrt, indes Hamlet nieder auf den Geist gewiesen.

Man erkundigte sich, wie das Gespenst habe herein schleichen konnen, und erfuhr vom Theatermeister, dass zu einer hintern Ture, die sonst immer mit Dekorationen verstellt sei, diesen Abend aber, weil man den gotischen Saal gebraucht, frei geworden, zwei grosse Figuren in weissen Manteln und Kapuzen hereingekommen, die man voneinander nicht unterscheiden konnen, und so seien sie nach geendigtem dritten Akt wahrscheinlich auch wieder hinausgegangen.

Serlo lobte besonders an ihm, dass er nicht so schneidermassig gejammert und sogar am Ende eine Stelle, die einem so grossen Helden besser zieme, seinen Sohn zu befeuern, angebracht habe. Wilhelm hatte sie im Gedachtnis behalten und versprach, sie ins Manuskript nachzutragen.

Man hatte in der Freude des Gastmahls nicht bemerkt, dass die Kinder und der Harfenspieler fehlten; bald aber machten sie eine sehr angenehme Erscheinung. Denn sie traten zusammen herein, sehr abenteuerlich ausgeputzt; Felix schlug den Triangel, Mignon das Tamburin, und der Alte hatte die schwere Harfe umgehangen und spielte sie, indem er sie vor sich trug. Sie zogen um den Tisch und sangen allerlei Lieder. Man gab ihnen zu essen, und die Gaste glaubten den Kindern eine Wohltat zu erzeigen, wenn sie ihnen so viel sussen Wein gaben, als sie nur trinken wollten; denn die Gesellschaft selbst hatte die kostlichen Flaschen nicht geschont, welche diesen Abend als ein Geschenk der Theaterfreunde in einigen Korben angekommen waren. Die Kinder sprangen und sangen fort, und besonders war Mignon ausgelassen, wie man sie niemals gesehen. Sie schlug das Tamburin mit aller moglichen Zierlichkeit und Lebhaftigkeit, indem sie bald mit druckendem Finger auf dem Felle schnell hin und her schnurrte, bald mit dem Rucken der Hand, bald mit den Knocheln darauf pochte, ja mit abwechselnden Rhythmen das Pergament bald wider die Knie, bald wider den Kopf schlug, bald schuttelnd die Schellen allein klingen liess, und so aus dem einfachsten Instrumente gar verschiedene Tone hervorlockte. Nachdem sie lange gelarmt hatten, setzten sie sich in einen Lehnsessel, der gerade Wilhelmen gegenuber am Tische leer geblieben war.

"Bleibt von dem Sessel weg!" rief Serlo, "er steht vermutlich fur den Geist da; wenn er kommt, kann's euch ubel gehen."

"Ich furchte ihn nicht", rief Mignon, "kommt er, so stehen wir auf. Es ist mein Oheim, er tut mir nichts zuleide." Diese Rede verstand niemand, als wer wusste, dass sie ihren vermeintlichen Vater den 'grossen Teufel' genannt hatte.

Die Gesellschaft sah einander an und ward noch mehr in dem Verdacht bestarkt, dass Serlo um die Erscheinung des Geistes wisse. Man schwatzte und trank, und die Madchen sahen von Zeit zu Zeit furchtsam nach der Ture.

Die Kinder, die, in dem grossen Sessel sitzend, nur wie Pulcinellpuppen aus dem Kasten uber den Tisch hervorragten, fingen an, auf diese Weise ein Stuck aufzufuhren. Mignon machte den schnarrenden Ton sehr artig nach, und sie stiessen zuletzt die Kopfe dergestalt zusammen und auf die Tischkante, wie es eigentlich nur Holzpuppen aushalten konnen. Mignon ward bis zur Wut lustig, und die Gesellschaft, so sehr sie anfangs uber den Scherz gelacht hatte, musste zuletzt Einhalt tun. Aber wenig half das Zureden, denn nun sprang sie auf und raste, die Schellentrommel in der Hand, um den Tisch herum. Ihre Haare flogen, und indem sie den Kopf zuruck und alle ihre Glieder gleichsam in die Luft warf, schien sie einer Manade ahnlich, deren wilde und beinah unmogliche Stellungen uns auf alten Monumenten noch oft in Erstaunen setzen.

Durch das Talent der Kinder und ihren Larm aufgereizt, suchte jedermann zur Unterhaltung der Gesellschaft etwas beizutragen. Die Frauenzimmer sangen einige Kanons, Laertes liess eine Nachtigall horen, und der Pedant gab ein Konzert pianissimo auf der Maultrommel. Indessen spielten die Nachbarn und Nachbarinnen allerlei Spiele, wobei sich die Hande begegnen und vermischen, und es fehlte manchem Paare nicht am Ausdruck einer hoffnungsvollen Zartlichkeit. Madame Melina besonders schien eine lebhafte Neigung zu Wilhelmen nicht zu verhehlen. Es war spat in der Nacht, und Aurelie, die fast allein noch Herrschaft uber sich behalten hatte, ermahnte die ubrigen, indem sie aufstand, auseinanderzugehen.

Serlo gab noch zum Abschied ein Feuerwerk, indem er mit dem Munde auf eine fast unbegreifliche Weise den Ton der Raketen, Schwarmer und Feuerrader nachzuahmen wusste. Man durfte die Augen nur zumachen, so war die Tauschung vollkommen. Indessen war jedermann aufgestanden, und man reichte den Frauenzimmern den Arm, sie nach Hause zu fuhren. Wilhelm ging zuletzt mit Aurelien. Auf der Treppe begegnete ihnen der Theatermeister und sagte: "Hier ist der Schleier, worin der Geist verschwand. Er ist an der Versenkung hangengeblieben, und wir haben ihn eben gefunden." "Eine wunderbare Reliquie!" rief Wilhelm und nahm ihn ab.

In dem Augenblicke fuhlte er sich am linken Arme ergriffen und zugleich einen sehr heftigen Schmerz. Mignon hatte sich versteckt gehabt, hatte ihn angefasst und ihn in den Arm gebissen. Sie fuhr an ihm die Treppe hinunter und verschwand.

Als die Gesellschaft in die freie Luft kam, merkte fast jedes, dass man fur diesen Abend des Guten zu viel genossen hatte. Ohne Abschied zu nehmen, verlor man sich auseinander.

Wilhelm hatte kaum seine Stube erreicht, als er seine Kleider abwarf und nach ausgeloschtem Licht ins Bett eilte. Der Schlaf wollte sogleich sich seiner bemeistern; allein ein Gerausch, das in seiner Stube hinter dem Ofen zu entstehen schien, machte ihn aufmerksam. Eben schwebte vor seiner erhitzten Phantasie das Bild des geharnischten Konigs; er richtete sich auf, das Gespenst anzureden, als er sich von zarten Armen umschlungen, seinen Mund mit lebhaften Kussen verschlossen und eine Brust an der seinen fuhlte, die er wegzustossen nicht Mut hatte.

Dreizehntes Kapitel

Wilhelm fuhr des andern Morgens mit einer unbehaglichen Empfindung in die Hohe und fand sein Bett leer. Von dem nicht vollig ausgeschlafenen Rausche war ihm der Kopf duster, und die Erinnerung an den unbekannten nachtlichen Besuch machte ihn unruhig. Sein erster Verdacht fiel auf Philinen, und doch schien der liebliche Korper, den er in seine Arme geschlossen hatte, nicht der ihrige gewesen zu sein. Unter lebhaften Liebkosungen war unser Freund an der Seite dieses seltsamen, stummen Besuches eingeschlafen, und nun war weiter keine Spur mehr davon zu entdecken. Er sprang auf, und indem er sich anzog, fand er seine Tur, die er sonst zu verriegeln pflegte, nur angelehnt und wusste sich nicht zu erinnern, ob er sie gestern abend zugeschlossen hatte.

Am wunderbarsten aber erschien ihm der Schleier des Geistes, den er auf seinem Bette fand. Er hatte ihn mit heraufgebracht und wahrscheinlich selbst dahin geworfen. Es war ein grauer Flor, an dessen Saum er eine Schrift mit schwarzen Buchstaben gestickt sah. Er entfaltete sie und las die Worte: "Zum ersten- und letztenmal! Flieh! Jungling, flieh!" Er war betroffen und wusste nicht, was er sagen sollte.

In eben dem Augenblick trat Mignon herein und brachte ihm das Fruhstuck. Wilhelm erstaunte uber den Anblick des Kindes, ja man kann sagen, er erschrak. Sie schien diese Nacht grosser geworden zu sein; sie trat mit einem hohen, edlen Anstand vor ihn hin und sah ihm sehr ernsthaft in die Augen, so dass er den Blick nicht ertragen konnte. Sie ruhrte ihn nicht an, wie sonst, da sie gewohnlich ihm die Hand druckte, seine Wange, seinen Mund, seinen Arm oder seine Schulter kusste, sondern ging, nachdem sie seine Sachen in Ordnung gebracht, stillschweigend wieder fort.

Die Zeit einer angesetzten Leseprobe kam nun herbei; man versammelte sich, und alle waren durch das gestrige Fest verstimmt. Wilhelm nahm sich zusammen, so gut er konnte, um nicht gleich anfangs gegen seine so lebhaft gepredigten Grundsatze zu verstossen. Seine grosse Ubung half ihm durch; denn Ubung und Gewohnheit mussen in jeder Kunst die Lucken ausfullen, welche Genie und Laune so oft lassen wurden.

Eigentlich aber konnte man bei dieser Gelegenheit die Bemerkung recht wahr finden, dass man keinen Zustand, der langer dauern, ja der eigentlich ein Beruf, eine Lebensweise werden soll, mit einer Feierlichkeit anfangen durfe. Man feire nur, was glucklich vollendet ist; alle Zeremonien zum Anfange erschopfen Lust und Krafte, die das Streben hervorbringen und uns bei einer fortgesetzten Muhe beistehen sollen. Unter allen Festen ist das Hochzeitsfest das unschicklichste; keines sollte mehr in Stille, Demut und Hoffnung begangen werden als dieses.

So schlich der Tag nun weiter, und Wilhelmen war noch keiner jemals so alltaglich vorgekommen. Statt der gewohnlichen Unterhaltung abends fing man zu gahnen an; das Interesse an Hamlet war erschopft, und man fand eher unbequem, dass er des folgenden Tages zum zweitenmal vorgestellt werden sollte. Wilhelm zeigte den Schleier des Geistes vor; man musste daraus schliessen, dass er nicht wiederkommen werde. Serlo war besonders dieser Meinung; er schien mit den Ratschlagen der wunderbaren Gestalt sehr vertraut zu sein; dagegen liessen sich aber die Worte "Flieh! Jungling, flieh!" nicht erklaren. Wie konnte Serlo mit jemanden einstimmen, der den vorzuglichsten Schauspieler seiner Gesellschaft zu entfernen die Absicht zu haben schien.

Notwendig war es nunmehr, die Rolle des Geistes dem Polterer und die Rolle des Konigs dem Pedanten zu geben. Beide erklarten, dass sie schon einstudiert seien, und es war kein Wunder, denn bei den vielen Proben und der weitlaufigen Behandlung dieses Stucks waren alle so damit bekannt geworden, dass sie samtlich gar leicht mit den Rollen hatten wechseln konnen. Doch probierte man einiges in der Geschwindigkeit, und als man spat genug auseinanderging, flusterte Philine beim Abschiede Wilhelmen leise zu: "Ich muss meine Pantoffeln holen; du schiebst doch den Riegel nicht vor?" Diese Worte setzten ihn, als er auf seine Stube kam, in ziemliche Verlegenheit; denn die Vermutung, dass der Gast der vorigen Nacht Philine gewesen, ward dadurch bestarkt, und wir sind auch genotigt, uns zu dieser Meinung zu schlagen, besonders da wir die Ursachen, welche ihn hieruber zweifelhaft machten und ihm einen andern, sonderbaren Argwohn einflossen mussten, nicht entdecken konnen. Er ging unruhig einigemal in seinem Zimmer auf und ab, und hatte wirklich den Riegel noch nicht vorgeschoben.

Auf einmal sturzte Mignon in das Zimmer, fasste ihn an und rief: "Meister! Rette das Haus! Es brennt!" Wilhelm sprang vor die Ture, und ein gewaltiger Rauch drangte sich die obere Treppe herunter ihm entgegen. Auf der Gasse horte man schon das Feuergeschrei, und der Harfenspieler kam, sein Instrument in der Hand, durch den Rauch atemlos die Treppe herunter. Aurelie sturzte aus ihrem Zimmer und warf den kleinen Felix in Wilhelms Arme.

"Retten Sie das Kind!" rief sie; "wir wollen nach dem ubrigen greifen."

Wilhelm, der die Gefahr nicht fur so gross hielt, gedachte zuerst nach dem Ursprunge des Brandes hinzudringen, um ihn vielleicht noch im Anfange zu erstikken. Er gab dem Alten das Kind und befahl ihm, die steinerne Wendeltreppe hinunter, die durch ein kleines Gartengewolbe in den Garten fuhrte, zu eilen und mit den Kindern im Freien zu bleiben. Mignon nahm ein Licht, ihm zu leuchten. Wilhelm bat darauf Aurelien, ihre Sachen auf eben diesem Wege zu retten. Er selbst drang durch den Rauch hinauf; aber vergebens setzte er sich der Gefahr aus. Die Flamme schien von dem benachbarten Hause heruberzudringen und hatte schon das Holzwerk des Bodens und eine leichte Treppe gefasst; andre, die zur Rettung herbeieilten, litten wie er vom Qualm und Feuer. Doch sprach er ihnen Mut ein und rief nach Wasser; er beschwor sie, der Flamme nur Schritt vor Schritt zu weichen, und versprach, bei ihnen zu bleiben. In diesem Augenblick sprang Mignon herauf und rief: "Meister! Rette deinen Felix! Der Alte ist rasend! der Alte bringt ihn um!" Wilhelm sprang, ohne sich zu besinnen, die Treppe hinab, und Mignon folgte ihm an den Fersen.

Auf den letzten Stufen, die ins Gartengewolbe fuhrten, blieb er mit Entsetzen stehen. Grosse Bundel Stroh und Reisholz, die man daselbst aufgehauft hatte, brannten mit heller Flamme; Felix lag am Boden und schrie; der Alte stand mit niedergesenktem Haupte seitwarts an der Wand. "Was machst du, Unglucklicher?" rief Wilhelm. Der Alte schwieg, Mignon hatte den Felix aufgehoben und schleppte mit Muhe den Knaben in den Garten, indes Wilhelm das Feuer auseinanderzuzerren und zu dampfen strebte, aber dadurch nur die Gewalt und Lebhaftigkeit der Flamme vermehrte. Endlich musste er mit verbrannten Augenwimpern und Haaren auch in den Garten fliehen, indem er den Alten mit durch die Flamme riss, der ihm mit versengtem Barte unwillig folgte.

Wilhelm eilte sogleich, die Kinder im Garten zu suchen. Auf der Schwelle eines entfernten Lusthauschens fand er sie, und Mignon tat ihr moglichstes, den Kleinen zu beruhigen. Wilhelm nahm ihn auf den Schoss, fragte ihn, befuhlte ihn und konnte nichts Zusammenhangendes aus beiden Kindern herausbringen.

Indessen hatte das Feuer gewaltsam mehrere Hauser ergriffen und erhellte die ganze Gegend. Wilhelm besah das Kind beim roten Schein der Flamme; er konnte keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule wahrnehmen. Er betastete es uberall, es gab kein Zeichen von Schmerz von sich, es beruhigte sich vielmehr nach und nach und fing an, sich uber die Flamme zu verwundern, ja sich uber die schonen, der Ordnung nach wie eine Illumination brennenden Sparren und Gebalke zu erfreuen.

Wilhelm dachte nicht an die Kleider und was er sonst verloren haben konnte; er fuhlte stark, wie wert ihm diese beiden menschlichen Geschopfe seien, die er einer so grossen Gefahr entronnen sah. Er druckte den Kleinen mit einer ganz neuen Empfindung an sein Herz und wollte auch Mignon mit freudiger Zartlichkeit umarmen, die es aber sanft ablehnte, ihn bei der Hand nahm und sie festhielt.

"Meister", sagte sie (noch niemals, als diesen Abend, hatte sie ihm diesen Namen gegeben, denn anfangs pflegte sie ihn Herr und nachher Vater zu nennen), "Meister! wir sind einer grossen Gefahr entronnen, dein Felix war am Tode."

Durch viele Fragen erfuhr endlich Wilhelm, dass der Harfenspieler, als sie in das Gewolbe gekommen, ihr das Licht aus der Hand gerissen und das Stroh sogleich angezundet habe. Darauf habe er den Felix niedergesetzt, mit wunderlichen Gebarden die Hande auf des Kindes Kopf gelegt und ein Messer gezogen, als wenn er ihn opfern wollte. Sie sei zugesprungen und habe ihm das Messer aus der Hand gerissen; sie habe geschrieen, und einer vom Hause, der einige Sachen nach dem Garten zu gerettet, sei ihr zu Hulfe gekommen, der musse aber in der Verwirrung wieder weggegangen sein und den Alten und das Kind allein gelassen haben.

Zwei bis drei Hauser standen in vollen Flammen. In den Garten hatte sich niemand retten konnen wegen des Brandes im Gartengewolbe. Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, weniger wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht, die Kinder zu verlassen, und sah das Ungluck sich immer vergrossern.

Er brachte einige Stunden in einer banglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schosse eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die ausgebrannten Gebaude sturzten zusammen, der Morgen kam herbei, die Kinder fingen an zu frieren, und ihm selbst ward in seiner leichten Kleidung der fallende Tau fast unertraglich. Er fuhrte sie zu den Trummern des zusammengesturzten Gebaudes, und sie fanden neben einem Kohlen und Aschenhaufen eine sehr behagliche Warme.

Der anbrechende Tag brachte nun alle Freunde und Bekannte nach und nach zusammen. Jedermann hatte sich gerettet, niemand hatte viel verloren.

Wilhelms Koffer fand sich auch wieder, und Serlo trieb, als es gegen zehn Uhr ging, zur Probe von "Hamlet", wenigstens einiger Szenen, die mit neuen Schauspielern besetzt waren. Er hatte darauf noch einige Debatten mit der Polizei. Die Geistlichkeit verlangte, dass nach einem solchen Strafgerichte Gottes das Schauspielhaus geschlossen bleiben sollte, und Serlo behauptete, dass teils zum Ersatz dessen, was er diese Nacht verloren, teils zur Aufheiterung der erschreckten Gemuter die Auffuhrung eines interessanten Stuckes mehr als jemals am Platze sei. Diese letzte Meinung drang durch, und das Haus war gefullt. Die Schauspieler spielten mit seltenem Feuer und mit mehr leidenschaftlicher Freiheit als das erste Mal. Die Zuschauer, deren Gefuhl durch die schreckliche nachtliche Szene erhoht und durch die Langeweile eines zerstreuten und verdorbenen Tages noch mehr auf eine interessante Unterhaltung gespannt war, hatten mehr Empfanglichkeit fur das Ausserordentliche. Der grosste Teil waren neue, durch den Ruf des Stucks herbeigezogene Zuschauer, die keine Vergleichung mit dem ersten Abend anstellen konnten. Der Polterer spielte ganz im Sinne des unbekannten Geistes, und der Pedant hatte seinem Vorganger gleichfalls gut aufgepasst; daneben kam ihm seine Erbarmlichkeit sehr zustatten, dass ihm Hamlet wirklich nicht unrecht tat, wenn er ihn trotz seines Purpurmantels und Hermelinkragens einen zusammengeflickten Lumpenkonig schalt.

Sonderbarer als er war vielleicht niemand zum Throne gelangt; und obgleich die ubrigen, besonders aber Philine, sich uber seine neue Wurde ausserst lustig machten, so liess er doch merken, dass der Graf, als ein grosser Kenner, das und noch viel mehr von ihm beim ersten Anblick vorausgesagt habe; dagegen ermahnte ihn Philine zur Demut und versicherte: sie werde ihm gelegentlich die Rockarmel pudern, damit er sich jener unglucklichen Nacht im Schlosse erinnern und die Krone mit Bescheidenheit tragen moge.

Vierzehntes Kapitel

Man hatte sich in der Geschwindigkeit nach Quartieren umgesehen, und die Gesellschaft war dadurch sehr zerstreut worden. Wilhelm hatte das Lusthaus in dem Garten, bei dem er die Nacht zugebracht, liebgewonnen; er erhielt leicht die Schlussel dazu und richtete sich daselbst ein; da aber Aurelie in ihrer neuen Wohnung sehr eng war, musste er den Felix bei sich behalten, und Mignon wollte den Knaben nicht verlassen.

Die Kinder hatten ein artiges Zimmer in dem ersten Stocke eingenommen, Wilhelm hatte sich in dem untern Saale eingerichtet. Die Kinder schliefen, aber er konnte keine Ruhe finden.

Neben dem anmutigen Garten, den der eben aufgegangene Vollmond herrlich erleuchtete, standen die traurigen Ruinen, von denen hier und da noch Dampf aufstieg; die Luft war angenehm und die Nacht ausserordentlich schon. Philine hatte beim Herausgehen aus dem Theater ihn mit dem Ellenbogen angestrichen und ihm einige Worte zugelispelt, die er aber nicht verstanden hatte. Er war verwirrt und verdriesslich und wusste nicht, was er erwarten oder tun sollte. Philine hatte ihn einige Tage gemieden und ihm nur diesen Abend wieder ein Zeichen gegeben. Leider war nun die Ture verbrannt, die er nicht zuschliessen sollte, und die Pantoffelchen waren in Rauch aufgegangen. Wie die Schone in den Garten kommen wollte, wenn es ihre Absicht war, wusste er nicht. Er wunschte sie nicht zu sehen, und doch hatte er sich gar zu gern mit ihr erklaren mogen.

Was ihm aber noch schwerer auf dem Herzen lag, war das Schicksal des Harfenspielers, den man nicht wiedergesehen hatte. Wilhelm furchtete, man wurde ihn beim Aufraumen tot unter dem Schutte finden. Wilhelm hatte gegen jedermann den Verdacht verborgen, den er hegte, dass der Alte schuld an dem Brande sei. Denn er kam ihm zuerst von dem brennenden und rauchenden Boden entgegen, und die Verzweiflung im Gartengewolbe schien die Folge eines solchen unglucklichen Ereignisses zu sein. Doch war es bei der Untersuchung, welche die Polizei sogleich anstellte, wahrscheinlich geworden, dass nicht in dem Hause, wo sie wohnten, sondern in dem dritten davon der Brand entstanden sei, der sich auch sogleich unter den Dachern weggeschlichen hatte.

Wilhelm uberlegte das alles in einer Laube sitzend, als er in einem nahen Gange jemanden schleichen horte. An dem traurigen Gesange, der sogleich angestimmt ward, erkannte er den Harfenspieler. Das Lied, das er sehr wohl verstehen konnte, enthielt den Trost eines Unglucklichen, der sich dem Wahnsinne ganz nahe fuhlt. Leider hat Wilhelm davon nur die letzte Strophe behalten.

An die Turen will ich schleichen,

Still und sittsam will ich stehn,

Fromme Hand wird Nahrung reichen,

Und ich werde weiter gehn.

Jeder wird sich glucklich scheinen,

Wenn mein Bild vor ihm erscheint,

Eine Trane wird er weinen

Und ich weiss nicht, was er weint.

Unter diesen Worten war er an die Gartenture gekommen, die nach einer entlegenen Strasse ging; er wollte, da er sie verschlossen fand, an den Spalieren ubersteigen; allein Wilhelm hielt ihn zuruck und redete ihn freundlich an. Der Alte bat ihn, aufzuschliessen, weil er fliehen wolle und musse. Wilhelm stellte ihm vor, dass er wohl aus dem Garten, aber nicht aus der Stadt konne, und zeigte ihm, wie sehr er sich durch einen solchen Schritt verdachtig mache; allein vergebens! Der Alte bestand auf seinem Sinne. Wilhelm gab nicht nach und drangte ihn endlich halb mit Gewalt ins Gartenhaus, schloss sich daselbst mit ihm ein und fuhrte ein wunderbares Gesprach mit ihm, das wir aber, um unsere Leser nicht mit unzusammenhangenden Ideen und banglichen Empfindungen zu qualen, lieber verschweigen als ausfuhrlich mitteilen.

Funfzehntes Kapitel

Aus der grossen Verlegenheit, worin sich Wilhelm befand, was er mit dem unglucklichen Alten beginnen sollte, der so deutliche Spuren des Wahnsinns zeigte, riss ihn Laertes noch am selbigen Morgen. Dieser, der nach seiner alten Gewohnheit uberall zu sein pflegte, hatte auf dem Kaffeehaus einen Mann gesehen, der vor einiger Zeit die heftigsten Anfalle von Melancholie erduldete. Man hatte ihn einem Landgeistlichen anvertraut, der sich ein besonders Geschaft daraus machte, dergleichen Leute zu behandeln. Auch diesmal war es ihm gelungen; noch war er in der Stadt, und die Familie des Wiederhergestellten erzeigte ihm grosse Ehre.

Wilhelm eilte sogleich, den Mann aufzusuchen, vertraute ihm den Fall und ward mit ihm einig. Man wusste unter gewissen Vorwanden ihm den Alten zu ubergeben. Die Scheidung schmerzte Wilhelmen tief, und nur die Hoffnung, ihn wiederhergestellt zu sehen, konnte sie ihm einigermassen ertraglich machen; so sehr war er gewohnt, den Mann um sich zu sehen und seine geistreichen und herzlichen Tone zu vernehmen. Die Harfe war mit verbrannt; man suchte eine andere, die man ihm auf die Reise mitgab.

Auch hatte das Feuer die kleine Garderobe Mignons verzehrt, und als man ihr wieder etwas Neues schaffen wollte, tat Aurelie den Vorschlag, dass man sie doch endlich als Madchen kleiden solle.

"Nun gar nicht!" rief Mignon aus und bestand mit grosser Lebhaftigkeit auf ihrer alten Tracht, worin man ihr denn auch willfahren musste.

Die Gesellschaft hatte nicht viel Zeit, sich zu besinnen; die Vorstellungen gingen ihren Gang.

Wilhelm horchte oft ins Publikum, und nur selten kam ihm eine Stimme entgegen, wie er sie zu horen wunschte, ja ofters vernahm er, was ihn betrubte oder verdross. So erzahlte zum Beispiel gleich nach der ersten Auffuhrung Hamlets ein junger Mensch mit grosser Lebhaftigkeit, wie zufrieden er an jenem Abend im Schauspielhause gewesen. Wilhelm lauschte und horte zu seiner grossen Beschamung, dass der junge Mann zum Verdruss seiner Hintermanner den Hut aufbehalten und ihn hartnackig das ganze Stuck hindurch nicht abgetan hatte, welcher Heldentat er sich mit dem grossten Vergnugen erinnerte.

Ein anderer versicherte, Wilhelm habe die Rolle des Laertes sehr gut gespielt; hingegen mit dem Schauspieler, der den Hamlet unternommen, konne man nicht ebenso zufrieden sein. Diese Verwechslung war nicht ganz unnaturlich, denn Wilhelm und Laertes glichen sich, wiewohl in einem sehr entfernten Sinne.

Ein dritter lobte sein Spiel, besonders in der Szene mit der Mutter, aufs lebhafteste und bedauerte nur, dass eben in diesem feurigen Augenblick ein weisses Band unter der Weste hervorgesehen habe, wodurch die Illusion ausserst gestort worden sei.

In dem Innern der Gesellschaft gingen indessen allerlei Veranderungen vor. Philine hatte seit jenem Abend nach dem Brande Wilhelmen auch nicht das geringste Zeichen einer Annaherung gegeben. Sie hatte, wie es schien vorsatzlich, ein entfernteres Quartier gemietet, vertrug sich mit Elmiren und kam seltener zu Serlo, womit Aurelie wohl zufrieden war. Serlo, der ihr immer gewogen blieb, besuchte sie manchmal, besonders da er Elmiren bei ihr zu finden hoffte, und nahm eines Abends Wilhelmen mit sich. Beide waren im Hereintreten sehr verwundert, als sie Philinen in dem zweiten Zimmer in den Armen eines jungen Offiziers sahen, der eine rote Uniform und weisse Unterkleider anhatte, dessen abgewendetes Gesicht sie aber nicht sehen konnten. Philine kam ihren besuchenden Freunden in das Vorzimmer entgegen und verschloss das andere. "Sie uberraschen mich bei einem wunderbaren Abenteuer!" rief sie aus.

"So wunderbar ist es nicht", sagte Serlo; "lassen Sie uns den hubschen, jungen, beneidenswerten Freund sehen; Sie haben uns ohnedem schon so zugestutzt, dass wir eifersuchtig sein durfen."

"Ich muss Ihnen diesen Verdacht noch eine Zeitlang lassen", sagte Philine scherzend; "doch kann ich Sie versichern, dass es nur eine gute Freundin ist, die sich einige Tage unbekannt bei mir aufhalten will. Sie sollen ihre Schicksale kunftig erfahren, ja vielleicht das interessante Madchen selbst kennen lernen, und ich werde wahrscheinlich alsdann Ursache haben, meine Bescheidenheit und Nachsicht zu uben; denn ich furchte, die Herren werden uber ihre neue Bekanntschaft ihre alte Freundin vergessen."

Wilhelm stand versteinert da; denn gleich beim ersten Anblick hatte ihn die rote Uniform an den so sehr geliebten Rock Marianens erinnert; es war ihre Gestalt, es waren ihre blonden Haare, nur schien ihm der gegenwartige Offizier etwas grosser zu sein.

"Um des Himmels willen!" rief er aus, "lassen Sie uns mehr von Ihrer Freundin wissen, lassen Sie uns das verkleidete Madchen sehen! Wir sind nun einmal Teilnehmer des Geheimnisses; wir wollen versprechen, wir wollen schworen, aber lassen Sie uns das Madchen sehen!"

"O, wie er in Feuer ist!" rief Philine, "nur gelassen, nur geduldig, heute wird einmal nichts draus."

"So lassen Sie uns nur ihren Namen wissen!" rief Wilhelm.

"Das ware alsdann ein schones Geheimnis", versetzte Philine.

"Wenigstens nur den Vornamen."

"Wenn Sie ihn raten, meinetwegen. Dreimal durfen Sie raten, aber nicht ofter; Sie konnten mich sonst durch den ganzen Kalender durchfuhren."

"Gut", sagte Wilhelm, "Cecilie also?"

"Nichts von Cecilien!"

"Henriette?"

"Keineswegs! Nehmen Sie sich in acht! Ihre Neugierde wird ausschlafen mussen."

Wilhelm zauderte und zitterte; er wollte seinen Mund auftun, aber die Sprache versagte ihm. "Mariane?" stammelte er endlich, "Mariane!"

"Bravo!" rief Philine, "getroffen!" indem sie sich nach ihrer Gewohnheit auf dem Absatze herumdrehte.

Wilhelm konnte kein Wort hervorbringen, und Serlo, der seine Gemutsbewegung nicht bemerkte, fuhr fort in Philinen zu dringen, dass sie die Ture offnen sollte.

Wie verwundert waren daher beide, als Wilhelm auf einmal heftig ihre Neckerei unterbrach, sich Philinen zu Fussen warf und sie mit dem lebhaftesten Ausdrucke der Leidenschaft bat und beschwor. "Lassen Sie mich das Madchen sehen", rief er aus, "sie ist mein, es ist meine Mariane! Sie, nach der ich mich alle Tage meines Lebens gesehnt habe, sie, die mir noch immer statt aller andern Weiber in der Welt ist! Gehen Sie wenigstens nur zu ihr hinein, sagen Sie ihr, dass ich hier bin, dass der Mensch hier ist, der seine erste Liebe und das ganze Gluck seiner Jugend an sie knupfte. Er will sich rechtfertigen, dass er sie unfreundlich verliess, er will sie um Verzeihung bitten, er will ihr vergeben, was sie auch gegen ihn gefehlt haben mag, er will sogar keine Anspruche an sie mehr machen, wenn er sie nur noch einmal sehen kann, wenn er nur sehen kann, dass sie lebt und glucklich ist!"

Philine schuttelte den Kopf und sagte: "Mein Freund, reden Sie leise! Betrugen wir uns nicht; und ist das Frauenzimmer wirklich Ihre Freundin, so mussen wir sie schonen; denn sie vermutet keinesweges, Sie hier zu sehen. Ganz andere Angelegenheiten fuhren sie hierher, und das wissen Sie doch, man mochte oft lieber ein Gespenst als einen alten Liebhaber zur unrechten Zeit vor Augen sehen. Ich will sie fragen, ich will sie vorbereiten, und wir wollen uberlegen, was zu tun ist. Ich schreibe Ihnen morgen ein Billett, zu welcher Stunde Sie kommen sollen, oder ob Sie kommen durfen; gehorchen Sie mir punktlich, denn ich schwore, niemand soll gegen meinen und meiner Freundin Willen dieses liebenswurdige Geschopf mit Augen sehen. Meine Turen werde ich besser verschlossen halten, und mit Axt und Beil werden Sie mich nicht besuchen wollen."

Wilhelm beschwor sie, Serlo redete ihr zu; vergebens! Beide Freunde mussten zuletzt nachgeben, das Zimmer und das Haus raumen.

Welche unruhige Nacht Wilhelm zubrachte, wird sich jedermann denken. Wie langsam die Stunden des Tages dahinzogen, in denen er Philinens Billett erwartete, lasst sich begreifen. Unglucklicherweise musste er selbigen Abendspielen; er hatte niemals eine grossere Pein ausgestanden. Nach geendigtem Stucke eilte er zu Philinen, ohne nur zu fragen, ob er eingeladen worden. Er fand ihre Ture verschlossen, und die Hausleute sagten: Mademoiselle sei heute fruh mit einem jungen Offizier weggefahren; sie habe zwar gesagt, dass sie in einigen Tagen wiederkomme, man glaube es aber nicht, weil sie alles bezahlt und ihre Sachen mitgenommen habe.

Wilhelm war ausser sich uber diese Nachricht. Er eilte zu Laertes und schlug ihm vor, ihr nachzusetzen und, es koste, was es wolle, uber ihren Begleiter Gewissheit zu erlangen. Laertes dagegen verwies seinem Freunde seine Leidenschaft und Leichtglaubigkeit. "Ich will wetten", sagte er, "es ist niemand anders als Friedrich. Der Junge ist von gutem Hause, ich weiss es recht wohl; er ist unsinnig in das Madchen verliebt und hat wahrscheinlich seinen Verwandten so viel Geld abgelockt, dass er wieder eine Zeitlang mit ihr leben kann."

Durch diese Einwendungen ward Wilhelm nicht uberzeugt, doch zweifelhaft. Laertes stellte ihm vor, wie unwahrscheinlich das Marchen sei, das Philine ihnen vorgespiegelt hatte, wie Figur und Haar sehr gut auf Friedrichen passe, wie sie bei zwolf Stunden Vorsprung so leicht nicht einzuholen sein wurden, und hauptsachlich, wie Serlo keinen von ihnen beiden beim Schauspiele entbehren konne.

Durch all diese Grunde wurde Wilhelm endlich nur so weit gebracht, dass er Verzicht darauf tat, selbst nachzusetzen. Laertes wusste noch in selbiger Nacht einen tuchtigen Mann zu schaffen, dem man den Auftrag geben konnte. Es war ein gesetzter Mann, der mehreren Herrschaften auf Reisen als Kurier und Fuhrer gedient hatte und eben jetzt ohne Beschaftigung stille lag. Man gab ihm Geld, man unterrichtete ihn von der ganzen Sache, mit dem Auftrage, dass er die Fluchtlinge aufsuchen und einholen, sie alsdann nicht aus den Augen lassen und die Freunde sogleich, wo und wie er sie fande, benachrichtigen solle. Er setzte sich in derselbigen Stunde zu Pferde und ritt dem zweideutigen Paare nach, und Wilhelm war durch diese Anstalt wenigstens einigermassen beruhigt.

Sechzehntes Kapitel

Die Entfernung Philinens machte keine auffallende Sensation weder auf dem Theater noch im Publiko. Es war ihr mit allem wenig Ernst; die Frauen hassten sie durchgangig, und die Manner hatten sie lieber unter vier Augen als auf dem Theater gesehen, und so war ihr schones und fur die Buhne selbst gluckliches Talent verloren. Die ubrigen Glieder der Gesellschaft gaben sich desto mehr Muhe; Madame Melina besonders tat sich durch Fleiss und Aufmerksamkeit sehr hervor. Sie merkte wie sonst Wilhelmen seine Grundsatze ab, richtete sich nach seiner Theorie und seinem Beispiel und hatte zeither ein ich weiss nicht was in ihrem Wesen, das sie interessanter machte. Sie erlangte bald ein richtiges Spiel und gewann den naturlichen Ton der Unterhaltung vollkommen und den der Empfindung bis auf einen gewissen Grad. Sie wusste sich in Serlos Launen zu schicken und befliss sich des Singens ihm zu Gefallen, worin sie auch bald so weit kam, als man dessen zur geselligen Unterhaltung bedarf.

Durch einige neu angenommene Schauspieler ward die Gesellschaft noch vollstandiger, und indem Wilhelm und Serlo jeder in seiner Art wirkte, jener bei jedem Stucke auf den Sinn und Ton des Ganzen drang, dieser die einzelnen Teile gewissenhaft durcharbeitete, belebte ein lobenswurdiger Eifer auch die Schauspieler, und das Publikum nahm an ihnen einen lebhaften Anteil.

"Wir sind auf einem guten Wege", sagte Serlo einst, "und wenn wir so fortfahren, wird das Publikum auch bald auf dem rechten sein. Man kann die Menschen sehr leicht durch tolle und ungeschickte Darstellungen irremachen; aber man lege ihnen das Vernunftige und Schickliche auf eine interessante Weise vor, so werden sie gewiss darnach greifen.

Was unserm Theater hauptsachlich fehlt, und warum weder Schauspieler noch Zuschauer zur Besinnung kommen, ist, dass es darauf im ganzen zu bunt aussieht, und dass man nirgends eine Grenze hat, woran man sein Urteil anlehnen konnte. Es scheint mir kein Vorteil zu sein, dass wir unser Theater gleichsam zu einem unendlichen Naturschauplatze ausgeweitet haben; doch kann jetzt weder Direktor noch Schauspieler sich in die Enge ziehen, bis vielleicht der Geschmack der Nation in der Folge den rechten Kreis selbst bezeichnet. Eine jede gute Sozietat existiert nur unter gewissen Bedingungen, so auch ein gutes Theater. Gewisse Manieren und Redensarten, gewisse Gegenstande und Arten des Betragens mussen ausgeschlossen sein. Man wird nicht armer, wenn man sein Hauswesen zusammenzieht."

Sie waren hieruber mehr oder weniger einig und uneinig. Wilhelm und die meisten waren auf der Seite des englischen, Serlo und einige auf der Seite des franzosischen Theaters.

Man ward einig, in leeren Stunden, deren ein Schauspieler leider so viele hat, in Gesellschaft die beruhmtesten Schauspiele beider Theater durchzugehen und das Beste und Nachahmenswerte derselben zu bemerken. Man machte auch wirklich einen Anfang mit einigen franzosischen Stucken. Aurelie entfernte sich jedesmal, sobald die Vorlesung anging. Anfangs hielt man sie fur krank; einst aber fragte sie Wilhelm daruber, dem es aufgefallen war.

"Ich werde bei keiner solchen Vorlesung gegenwartig sein" sagte sie, "denn wie soll ich horen und urteilen, wenn mir das Herz zerrissen ist? Ich hasse die franzosische Sprache von ganzer Seele."

"Wie kann man einer Sprache feind sein", rief Wilhelm aus, "der man den grossten Teil seiner Bildung schuldig ist, und der wir noch viel schuldig werden mussen, ehe unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?"

"Es ist kein Vorurteil!" versetzte Aurelie; "ein unglucklicher Eindruck, eine verhasste Erinnerung an meinen treulosen Freund hat mir die Lust an dieser schonen und ausgebildeten Sprache geraubt. Wie ich sie jetzt von ganzem Herzen hasse! Wahrend der Zeit unserer freundschaftlichen Verbindung schrieb er deutsch, und welch ein herzliches, wahres, kraftiges Deutsch! Nun, da er mich los sein wollte, fing er an, franzosisch zu schreiben, das vorher manchmal nur im Scherze geschehen war. Ich fuhlte, ich merkte, was es bedeuten sollte. Was er in seiner Muttersprache zu sagen errotete, konnte er nun mit gutem Gewissen hinschreiben. Zu Reservationen, Halbheiten und Lugen ist es eine treffliche Sprache; sie ist eine perfide Sprache! ich finde, Gott sei Dank! kein deutsches Wort, um perfid in seinem ganzen Umfange auszudrucken. Unser armseliges treulos ist ein unschuldiges Kind dagegen. Perfid ist treulos mit Genuss, mit Ubermut und Schadenfreude. O, die Ausbildung einer Nation ist zu beneiden, die so feine Schattierungen in einem Worte auszudrucken weiss! Franzosisch ist recht die Sprache der Welt, wert, die allgemeine Sprache zu sein, damit sie sich nur alle untereinander recht betrugen und belugen konnen! Seine franzosischen Briefe liessen sich noch immer gut genug lesen. Wenn man sich's einbilden wollte, klangen sie warm und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen, waren es Phrasen, vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle Freude an der ganzen Sprache, an der franzosischen Literatur, selbst an dem schonen und kostlichen Ausdruck edler Seelen in dieser Mundart verdorben; mich schaudert, wenn ich ein franzosisches Wort hore!"

Auf diese Weise konnte sie stundenlang fortfahren, ihren Unmut zu zeigen und jede andere Unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen. Serlo machte fruher oder spater ihren launischen Ausserungen mit einiger Bitterkeit ein Ende; aber gewohnlich war fur diesen Abend das Gesprach zerstort.

Uberhaupt ist es leider der Fall, dass alles, was durch mehrere zusammentreffende Menschen und Umstande hervorgebracht werden soll, keine lange Zeit sich vollkommen erhalten kann. Von einer Theatergesellschaft so gut wie von einem Reiche, von einem Zirkel Freunde so gut wie von einer Armee lasst sich gewohnlich der Moment angeben, wenn sie auf der hochsten Stufe ihrer Vollkommenheit, ihrer Ubereinstimmung, ihrer Zufriedenheit und Tatigkeit standen; oft aber verandert sich schnell das Personal, neue Glieder treten hinzu, die Personen passen nicht mehr zu den Umstanden, die Umstande nicht mehr zu den Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden war, fallt nunmehr bald auseinander. So konnte man sagen, dass Serlos Gesellschaft eine Zeitlang so vollkommen war, als irgendeine deutsche sich hatte ruhmen konnen. Die meisten Schauspieler standen an ihrem Platze; alle hatten genug zu tun, und alle taten gern, was zu tun war. Ihre personlichen Verhaltnisse waren leidlich, und jedes schien in seiner Kunst viel zu versprechen, weil jedes die ersten Schritte mit Feuer und Munterkeit tat. Bald aber entdeckte sich, dass ein Teil doch nur Automaten waren, die nur das erreichen konnten, wohin man ohne Gefuhl gelangen kann, und bald mischten sich die Leidenschaften dazwischen, die gewohnlich jeder guten Einrichtung im Wege stehen und alles so leicht auseinanderzerren, was vernunftige und wohldenkende Menschen zusammenzuhalten wunschen.

Philinens Abgang war nicht so unbedeutend, als man anfangs glaubte. Sie hatte mit grosser Geschicklichkeit Serlo zu unterhalten und die ubrigen mehr oder weniger zu reizen gewusst. Sie ertrug Aureliens Heftigkeit mit grosser Geduld, und ihr eigenstes Geschaft war, Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine Art Bindungsmittel furs Ganze, und ihr Verlust musste bald fuhlbar werden.

Serlo konnte ohne eine kleine Liebschaft nicht leben. Elmire, die in weniger Zeit herangewachsen und, man konnte beinahe sagen, schon geworden war, hatte schon lange seine Aufmerksamkeit erregt, und Philine war klug genug, diese Leidenschaft, die sie merkte, zu begunstigen. "Man muss sich", pflegte sie zu sagen, "beizeiten aufs Kuppeln legen; es bleibt uns doch weiter nichts ubrig, wenn wir alt werden." Dadurch hatten sich Serlo und Elmire dergestalt genahert, dass sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und der kleine Roman interessierte sie beide um so mehr, als sie ihn vor dem Alten, der uber eine solche Unregelmassigkeit keinen Scherz verstanden hatte, geheimzuhalten alle Ursache hatten. Elmirens Schwester war mit im Verstandnis, und Serlo musste beiden Madchen daher vieles nachsehen. Eine ihrer grossten Untugenden war eine unmassige Nascherei, ja, wenn man will, eine unleidliche Gefrassigkeit, worin sie Philinen keinesweges glichen, die da durch einen neuen Schein von Liebenswurdigkeit erhielt, dass sie gleichsam nur von der Luft lebte, sehr wenig ass und nur den Schaum eines Champagnerglases mit der grossten Zierlichkeit wegschlurfte.

Nun aber musste Serlo, wenn er seinen Schonen gefallen wollte, das Fruhstuck mit dem Mittagessen verbinden und an dieses durch ein Vesperbrot das Abendessen anknupfen. Dabei hatte Serlo einen Plan, dessen Ausfuhrung ihn beunruhigte. Er glaubte eine gewisse Neigung zwischen Wilhelmen und Aurelien zu entdecken und wunschte sehr, dass sie ernstlich werden machte. Er hoffte den ganzen mechanischen Teil der Theaterwirtschaft Wilhelmen aufzuburden und an ihm wie an seinem ersten Schwager ein treues und fleissiges Werkzeug zu finden. Schon hatte er ihm nach und nach den grossten Teil der Besorgung unmerklich ubertragen, Aurelie fuhrte die Kasse, und Serlo lebte wieder wie in fruheren Zeiten ganz nach seinem Sinne. Doch war etwas, was sowohl ihn als seine Schwester heimlich krankte.

Das Publikum hat eine eigene Art, gegen offentliche Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren: es fangt nach und nach an, gleichgultig gegen sie zu werden, und begunstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht an jene ubertriebene Forderungen und lasst sich von diesen alles gefallen.

Serlo und Aurelie hatten Gelegenheit genug, hieruber Betrachtungen anzustellen. Die neuen Ankommlinge, besonders die jungen und wohlgebildeten, hatten alle Aufmerksamkeit, allen Beifall auf sich gezogen, und beide Geschwister mussten die meiste Zeit nach ihren eifrigsten Bemuhungen ohne den willkommenen Klang der zusammenschlagenden Hande abtreten. Freilich kamen dazu noch besondere Ursachen. Aureliens Stolz war auffallend, und von ihrer Verachtung des Publikums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte zwar jedermann im einzelnen, aber seine spitzen Reden uber das Ganze waren doch auch ofters herumgetragen und wiederholt worden. Die neuen Glieder hingegen waren teils fremd und unbekannt, teils jung, liebenswurdig und hulfsbedurftig und hatten also auch samtlich Gonner gefunden.

Nun gab es auch bald innerliche Unruhen und manches Missvergnugen; denn kaum bemerkte man, dass Wilhelm die Beschaftigung eines Regisseurs ubernommen hatte, so fingen die meisten Schauspieler um desto mehr an, unartig zu werden, als er nach seiner Weise etwas mehr Ordnung und Genauigkeit in das Ganze zu bringen wunschte und besonders darauf bestand, dass alles Mechanische vor allen Dingen punktlich und ordentlich gehen solle.

In kurzer Zeit war das ganze Verhaltnis, das wirklich eine Zeitlang beinahe idealisch gehalten hatte, so gemein, als man es nur irgend bei einem herumreisenden Theater finden mag. Und leider in dem Augenblicke, als Wilhelm durch Muhe, Fleiss und Anstrengung sich mit allen Erfordernissen des Metiers bekannt gemacht und seine Person sowohl als seine Geschaftigkeit vollkommen dazu gebildet hatte, schien es ihm endlich in truben Stunden, dass dieses Handwerk weniger als irgendein anders den notigen Aufwand von Zeit und Kraften verdiene. Das Geschaft war lastig und die Belohnung gering. Er hatte jedes andere lieber ubernommen, bei dem man doch, wenn es vorbei ist, der Ruhe des Geistes geniessen kann, als dieses, wo man nach uberstandenen mechanischen Muhseligkeiten noch durch die hochste Anstrengung des Geistes und der Empfindung erst das Ziel seiner Tatigkeit erreichen soll. Er musste die Klagen Aureliens uber die Verschwendung des Bruders horen, er musste die Winke Serlos missverstehen, wenn dieser ihn zu einer Heirat mit der Schwester von ferne zu leiten suchte. Er hatte dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das tiefste druckte, indem der nach dem zweideutigen Offizier fortgeschickte Bote nicht zuruckkam, auch nichts von sich horen liess, und unser Freund daher seine Mariane zum zweitenmal verloren zu haben furchten musste.

Zu eben der Zeit fiel eine allgemeine Trauer ein, wodurch man genotigt ward, das Theater auf einige Wochen zu schliessen. Er ergriff diese Zwischenzeit, um jenen Geistlichen zu besuchen, bei welchem der Harfenspieler in der Kost war. Er fand ihn in einer angenehmen Gegend, und das erste, was er in dem Pfarrhofe erblickte, war der Alte, der einem Knaben auf seinem Instrumente Lektion gab. Er bezeugte viel Freude, Wilhelmen wiederzusehen, stand auf und reichte ihm die Hand und sagte: "Sie sehen, dass ich in der Welt doch noch zu etwas nutze bin; Sie erlauben, dass ich fortfahre, denn die Stunden sind eingeteilt."

Der Geistliche begrusste Wilhelmen auf das freundlichste und erzahlte ihm, dass der Alte sich schon recht gut anlasse, und dass man Hoffnung zu seiner volligen Genesung habe.

Ihr Gesprach fiel naturlich auf die Methode, Wahnsinnige zu kurieren.

"Ausser dem Physischen", sagte der Geistliche, "das uns oft unuberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt und woruber ich einen denkenden Arzt zu Rate ziehe, finde ich die Mittel, vom Wahnsinne zu heilen, sehr einfach. Es sind ebendieselben, wodurch man gesunde Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man errege ihre Selbsttatigkeit, man gewohne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen Begriff, dass sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, dass das ausserordentliche Talent, das grosste Gluck und das hochste Ungluck nur kleine Abweichungen von dem Gewohnlichen sind, so wird sich kein Wahnsinn einschleichen, und, wenn er da ist, nach und nach wieder verschwinden. Ich habe des alten Mannes Stunden eingeteilt, er unterrichtet einige Kinder auf der Harfe, er hilft im Garten arbeiten und ist schon viel heiterer. Er wunscht von dem Kohle zu geniessen, den er pflanzt, und wunscht meinen Sohn, dem er die Harfe auf den Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der Knabe ja auch brauchen konne. Als Geistlicher suchte ich ihm uber seine wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein tatiges Leben fuhrt so viele Ereignisse herbei, dass er bald fuhlen muss, dass jede Art von Zweifel nur durch Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe sachte zu Werke; wenn ich ihm aber noch seinen Bart und seine Kutte wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen; denn es bringt uns nichts naher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern auszeichnen, und nichts erhalt so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen Sinne mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer Erziehung und in unsern burgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten!"

Wilhelm verweilte bei diesem vernunftigen Manne einige Tage und erfuhr die interessantesten Geschichten, nicht allein von verruckten Menschen, sondern auch von solchen, die man fur klug, ja fur weise zu halten pflegt, und deren Eigentumlichkeiten nahe an den Wahnsinn grenzen.

Dreifach belebt aber ward die Unterhaltung, als der Medikus eintrat, der den Geistlichen, seinen Freund, ofters zu besuchen und ihm bei seinen menschenfreundlichen Bemuhungen beizustehen pflegte. Es war ein altlicher Mann, der bei einer schwachlichen Gesundheit viele Jahre in Ausubung der edelsten Pflichten zugebracht hatte. Er war ein grosser Freund vom Landleben und konnte fast nicht anders als in freier Luft sein; dabei war er ausserst gesellig und tatig und hatte seit vielen Jahren eine besondere Neigung, mit allen Landgeistlichen Freundschaft zu stiften. Jedem, an dem er eine nutzliche Beschaftigung kannte, suchte er auf alle Weise beizustehen; andern, die noch unbestimmt waren, suchte er eine Liebhaberei einzureden; und da er zugleich mit den Edelleuten, Amtmannern und Gerichtshaltern in Verbindung stand, so hatte er in Zeit von zwanzig Jahren sehr viel im stillen zur Kultur mancher Zweige der Landwirtschaft beigetragen und alles, was dem Felde, Tieren und Menschen erspriesslich ist, in Bewegung gebracht und so die wahrste Aufklarung befordert. Fur den Menschen, sagte er, sei nur das eine ein Ungluck, wenn sich irgendeine Idee bei ihm festsetze, die keinen Einfluss ins tatige Leben habe oder ihn wohl gar vom tatigen Leben abziehe. "Ich habe", sagte er, "gegenwartig einen solchen Fall an einem vornehmen und reichen Ehepaar, wo mir bis jetzt noch alle Kunst missgluckt ist; fast gehort der Fall in Ihr Fach, lieber Pastor, und dieser junge Mann wird ihn nicht weitererzahlen.

In der Abwesenheit eines vornehmen Mannes verkleidete man mit einem nicht ganz lobenswurdigen Scherze einen jungen Menschen in die Hauskleidung dieses Herrn. Seine Gemahlin sollte dadurch angefuhrt werden, und ob man mir es gleich nur als eine Posse erzahlt hat, so furchte ich doch sehr, man hatte die Absicht, die edle, liebenswurdige Dame vom rechten Wege abzuleiten. Der Gemahl kommt unvermutet zuruck, tritt in sein Zimmer, glaubt sich selbst zu sehen und fallt von der Zeit an in eine Melancholie, in der er die Uberzeugung nahrt, dass er bald sterben werde.

Er uberlasst sich Personen, die ihm mit religiosen Ideen schmeicheln, und ich sehe nicht, wie er abzuhalten ist, mit seiner Gemahlin unter die Herrenhuter zu gehen und den grossten Teil seines Vermogens, da er keine Kinder hat, seinen Verwandten zu entziehen."

"Mit seiner Gemahlin?" rief Wilhelm, den diese Erzahlung nicht wenig erschreckt hatte, ungestum aus.

Und leider, versetzte der Arzt, der in Wilhelms Ausrufung nur eine menschenfreundliche Teilnahme zu horen glaubte, "ist diese Dame mit einem noch tiefern Kummer behaftet, der ihr eine Entfernung von der Welt nicht widerlich macht. Eben dieser junge Mensch nimmt Abschied von ihr, sie ist nicht vorsichtig genug, eine aufkeimende Neigung zu verbergen; er wird kuhn, schliesst sie in seine Arme und druckt ihr das grosse mit Brillanten besetzte Portrat ihres Gemahls gewaltsam wider die Brust. Sie empfindet einen heftigen Schmerz, der nach und nach vergeht, erst eine kleine Rote und dann keine Spur zurucklasst. Ich bin als Mensch uberzeugt, dass sie sich nichts weiter vorzuwerfen hat, ich bin als Arzt gewiss, dass dieser Druck keine ublen Folgen haben werde, aber sie lasst sich nicht ausreden, es sei eine Verhartung da, und wenn man ihr durch das Gefuhl den Wahn benehmen will, so behauptet sie, nur in diesem Augenblick sei nichts zu fuhlen; sie hat sich fest eingebildet, es werde dieses Ubel mit einem Krebsschaden sich endigen, und so ist ihre Jugend, ihre Liebenswurdigkeit fur sie und andere vollig verloren."

"Ich Ungluckseliger", rief Wilhelm, indem er sich vor die Stirne schlug und aus der Gesellschaft ins Feld lief. Er hatte sich noch nie in einem solchen Zustande befunden.

Der Arzt und der Geistliche, uber diese seltsame Entdeckung hochlich erstaunt, hatten abends genug mit ihm zu tun, als er zuruckkam und bei dem umstandlichern Bekenntnis dieser Begebenheit sich aufs lebhafteste anklagte. Beide Manner nahmen den grossten Anteil an ihm, besonders da er ihnen seine ubrige Lage nun auch mit schwarzen Farben der augenblicklichen Stimmung malte.

Den andern Tag liess sich der Arzt nicht lange bitten, mit ihm nach der Stadt zu gehen, um ihm Gesellschaft zu leisten, um Aurelien, die ihr Freund in bedenklichen Umstanden zuruckgelassen hatte, womoglich Hulfe zu verschaffen.

Sie fanden sie auch wirklich schlimmer, als sie vermuteten. Sie hatte eine Art von uberspringendem Fieber, dem um so weniger beizukommen war, als sie die Anfalle nach ihrer Art vorsatzlich unterhielt und verstarkte. Der Fremde war nicht als Arzt eingefuhrt und betrug sich sehr gefallig und klug. Man sprach uber den Zustand ihres Korpers und Geistes, und der neue Freund erzahlte manche Geschichten, wie Personen, ungeachtet einer solchen Kranklichkeit, ein hohes Alter erreichen konnten; nichts aber sei schadlicher in solchen Fallen, als eine vorsatzliche Erneuerung leidenschaftlicher Empfindungen. Besonders verbarg er nicht, dass er diejenigen Personen sehr glucklich gefunden habe, die bei einer nicht ganz herzustellenden kranklichen Anlage wahrhaft religiose Gesinnungen bei sich zu nahren bestimmt gewesen waren. Er sagte das auf eine sehr bescheidene Weise und gleichsam historisch und versprach dabei seinen neuen Freunden eine sehr interessante Lekture an einem Manuskript zu verschaffen, das er aus den Handen einer nunmehr abgeschiedenen vortrefflichen Freundin erhalten habe.

"Es ist mir unendlich wert", sagte er, "und ich vertraue Ihnen das Original selbst an. Nur der Titel ist von meiner Hand: 'Bekenntnisse einer schonen Seele'."

Uber diatetische und medizinische Behandlung der unglucklichen aufgespannten Aurelie vertraute der Arzt Wilhelmen noch seinen besten Rat, versprach zu schreiben und womoglich selbst wiederzukommen.

Inzwischen hatte sich in Wilhelms Abwesenheit eine Veranderung vorbereitet, die er nicht vermuten konnte. Wilhelm hatte wahrend der Zeit seiner Regie das ganze Geschaft mit einer gewissen Freiheit und Liberalitat behandelt, vorzuglich auf die Sache gesehen und besonders bei Kleidungen, Dekorationen und Requisiten alles reichlich und anstandig angeschafft, auch, um den guten Willen der Leute zu erhalten, ihrem Eigennutze geschmeichelt, da er ihnen durch edlere Motive nicht beikommen konnte; und er fand sich hierzu um so mehr berechtigt, als Serlo selbst keine Anspruche machte, ein genauer Wirt zu sein, den Glanz seines Theaters gerne loben horte und zufrieden war, wenn Aurelie, welche die ganze Haushaltung fuhrte, nach Abzug aller Kosten versicherte, dass sie keine Schulden habe, und noch so viel hergab, als notig war, die Schulden abzutragen, die Serlo unterdessen durch ausserordentliche Freigebigkeit gegen seine Schonen und sonst etwa auf sich geladen haben mochte.

Melina, der indessen die Garderobe besorgte, hatte, kalt und heimtuckisch, wie er war, der Sache im stillen zugesehen und wusste, bei der Entfernung Wilhelms und bei der zunehmenden Krankheit Aureliens, Serlo fuhlbar zu machen, dass man eigentlich mehr einnehmen, weniger ausgeben und entweder etwas zurucklegen oder doch am Ende nach Willkur noch lustiger leben konne. Serlo horte das gern, und Melina wagte sich mit seinem Plane hervor.

"Ich will", sagte er, "nicht behaupten, dass einer von den Schauspielern gegenwartig zu viel Gage hat: es sind verdienstvolle Leute, und sie wurden an jedem Orte willkommen sein; allein fur die Einnahme, die sie uns verschaffen, erhalten sie doch zu viel. Mein Vorschlag ware, eine Oper einzurichten, und was das Schauspiel betrifft, so muss ich Ihnen sagen, Sie sind der Mann, allein ein ganzes Schauspiel auszumachen. Mussen Sie jetzt nicht selbst erfahren, dass man Ihre Verdienste verkennt. Nicht weil Ihre Mitspieler vortrefflich, sondern weil sie gut sind, lasst man Ihrem ausserordentlichen Talente keine Gerechtigkeit mehr widerfahren.

Stellen Sie sich, wie wohl sonst geschehen ist, nur allein hin, suchen Sie mittelmassige, ja, ich darf sagen, schlechte Leute fur geringe Gage an sich zu ziehen, stutzen Sie das Volk, wie Sie es so sehr verstehen, im Mechanischen zu, wenden Sie das ubrige an die Oper, und Sie werden sehen, dass Sie mit derselben Muhe und mit denselben Kosten mehr Zufriedenheit erregen und ungleich mehr Geld als bisher gewinnen werden."

Serlo war zu sehr geschmeichelt, als dass seine Einwendungen einige Starke hatten haben sollen. Er gestand Melinan gern zu, dass er bei seiner Liebhaberei zur Musik langst so etwas gewunscht habe; doch sehe er freilich ein, dass die Neigung des Publikums dadurch noch mehr auf Abwege geleitet, und dass bei so einer Vermischung eines Theaters, das nicht recht Oper, nicht recht Schauspiel sei, notwendig der Uberrest von Geschmack an einem bestimmten und ausfuhrlichen Kunstwerke sich vollig verlieren musse.

Melina scherzte nicht ganz fein uber Wilhelms pedantische Ideale dieser Art, uber Anmassung, das Publikum zu bilden, statt sich von ihm bilden zu lassen, und beide vereinigten sich mit grosser Uberzeugung, dass man nur Geld einnehmen, reich werden oder sich lustig machen solle, und verbargen sich kaum, dass sie nur jener Personen los zu sein wunschten, die ihrem Plane im Wege standen. Melina bedauerte, dass die schwachliche Gesundheit Aureliens ihr kein langes Leben verspreche, dachte aber gerade das Gegenteil. Serlo schien zu beklagen, dass Wilhelm nicht Sanger sei, und gab dadurch zu verstehen, dass er ihn fur bald entbehrlich halte. Melina trat mit einem ganzen Register von Ersparnissen, die zu machen seien, hervor, und Serlo sah in ihm seinen ersten Schwager dreifach ersetzt. Sie fuhlten wohl, dass sie sich uber diese Unterredung das Geheimnis zuzusagen hatten, wurden dadurch nur noch mehr aneinander geknupft und nahmen Gelegenheit, insgeheim uber alles, was vorkam, sich zu besprechen, was Aurelie und Wilhelm unternahmen, zu tadeln und ihr neues Projekt in Gedanken immer mehr auszuarbeiten.

So verschwiegen auch beide uber ihren Plan sein mochten, und so wenig sie durch Worte sich verrieten, so waren sie doch nicht politisch genug, in dem Betragen ihre Gesinnungen zu verbergen. Melina widersetzte sich Wilhelmen in manchen Fallen, die in seinem Kreise lagen, und Serlo, er niemals glimpflich mit seiner Schwester umgegangen war, ward nur bitterer, je mehr ihre Kranklichkeit zunahm, und je mehr sie bei ihren ungleichen, leidenschaftlichen Launen Schonung verdient hatte.

Zu eben dieser Zeit nahm man "Emilie Galotti" vor. Dieses Stuck war sehr glucklich besetzt, und alle konnten in dem beschrankten Kreise dieses Trauerspiels die ganze Mannigfaltigkeit ihres Spieles zeigen. Serlo war als Marinelli an seinem Platze, Odoardo ward sehr gut vorgetragen, Madame Melina spielte die Mutter mit vieler Einsicht, Elmire zeichnete sich in der Rolle Emiliens zu ihrem Vorteil aus, Laertes trat als Appiani mit vielem Anstand auf, und Wilhelm hatte ein Studium von mehreren Monaten auf die Rolle des Prinzen verwendet. Bei dieser Gelegenheit hatte er, sowohl mit sich selbst als mit Serlo und Aurelien, die Frage oft abgehandelt, welch ein Unterschied sich zwischen einem edlen und vornehmen Betragen zeige, und inwiefern jenes in diesem, dieses aber nicht in jenem enthalten zu sein brauche.

Serlo, der selbst als Marinelli den Hofmann rein, ohne Karikatur vorstellte, ausserte uber diesen Punkt manchen guten Gedanken. "Der vornehme Anstand", sagte er, "ist schwer nachzuahmen, weil er eigentlich negativ ist und eine lange anhaltende Ubung voraussetzt. Denn man soll nicht etwa in seinem Benehmen etwas darstellen, das Wurde anzeigt; denn leicht fallt man dadurch in ein formliches, stolzes Wesen; man soll vielmehr nur alles vermeiden, was unwurdig, was gemein ist, man soll sich nie vergessen, immer auf sich und andere achthaben, sich nichts vergeben, andern nicht zu viel, nicht zu wenig tun, durch nichts geruhrt scheinen, durch nichts bewegt werden, sich niemals ubereilen, sich in jedem Momente zu fassen wissen und so ausseres Gleichgewicht erhalten, innerlich mag es sturmen, wie es will. Der edle Mensch kann sich in Momenten vernachlassigen, der vornehme nie. Dieser ist wie ein sehr wohlgekleideter Mann: er wird sich nirgends anlehnen, und jedermann wird sich huten, an ihn zu streichen; er unterscheidet sich vor andern, und doch darf er nicht allein stehenbleiben; denn wie in jeder Kunst, also auch in dieser soll zuletzt das Schwerste mit Leichtigkeit ausgefuhrt werden: so soll der Vornehme, ungeachtet aller Absonderung, immer mit andern verbunden scheinen, nirgends steif, uberall gewandt sein, immer als der Erste erscheinen und sich nie als ein solcher aufdringen.

Man sieht also, dass man, um vornehm zu scheinen, wirklich vornehm sein musse; man sieht, warum Frauen im Durchschnitt sich eher dieses Ansehen geben konnen als Manner, warum Hofleute und Soldaten am schnellsten zu diesem Anstande gelangen."

Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, allein Serlo half ihm wieder auf, indem er ihm uber das Einzelne die feinsten Bemerkungen mitteilte und ihn dergestalt ausstattete, dass er bei der Auffuhrung, wenigstens in den Augen der Menge, einen recht feinen Prinzen darstellte.

Serlo hatte versprochen, ihm nach der Vorstellung die Bemerkungen mitzuteilen, die er noch allenfalls uber ihn machen wurde; allein ein unangenehmer Streit zwischen Bruder und Schwester hinderte jede kritische Unterhaltung. Aurelie hatte die Rolle der Orsina auf eine Weise gespielt, wie man sie wohl niemals wieder sehen wird. Sie war mit der Rolle uberhaupt sehr bekannt und hatte sie in den Proben gleichgultig behandelt; bei der Auffuhrung selbst aber zog sie, mochte man sagen, alle Schleusen ihres individuellen Kummers auf, und es ward dadurch eine Darstellung, wie sie sich kein Dichter in dem ersten Feuer der Empfindung hatte denken konnen. Ein unmassiger Beifall des Publikums belohnte ihre schmerzlichen Bemuhungen, aber sie lag auch halb ohnmachtig in einem Sessel, als man sie nach der Auffuhrung aufsuchte.

Serlo hatte schon uber ihr ubertriebenes Spiel, wie er es nannte, und uber die Entblossung ihres innersten Herzens vor dem Publikum, das doch mehr oder weniger mit jener fatalen Geschichte bekannt war, seinen Unwillen zu erkennen gegeben und, wie er es im Zorn zu tun pflegte, mit den Zahnen geknirscht und mit den Fussen gestampft. "Lasst sie!" sagte er, als er sie von den ubrigen umgeben in dem Sessel fand, "sie wird noch ehstens ganz nackt auf das Theater treten, und dann wird erst der Beifall recht vollkommen sein."

"Undankbarer!" rief sie aus, "Unmenschlicher! Man wird mich bald nackt dahin tragen, wo kein Beifall mehr zu unsern Ohren kommt!" Mit diesen Worten sprang sie auf und eilte nach der Ture. Die Magd hatte versaumt, ihr den Mantel zu bringen, die Portechaise war nicht da; es hatte geregnet, und ein sehr rauher Wind zog durch die Strassen. Man redete ihr vergebens zu, denn sie war ubermassig erhitzt; sie ging vorsatzlich langsam und lobte die Kuhlung, die sie recht begierig einzusaugen schien. Kaum war sie zu Hause, als sie vor Heiserkeit kaum ein Wort mehr sprechen konnte; sie gestand aber nicht, dass sie im Nacken und den Rucken hinab eine vollige Steifigkeit fuhlte. Nicht lange, so uberfiel sie eine Art von Lahmung der Zunge, so dass sie ein Wort furs andere sprach; man brachte sie zu Bette, durch haufig angewandte Mittel legte sich ein Ubel, indem sich das andere zeigte. Das Fieber ward stark und ihr Zustand gefahrlich.

Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. Sie liess Wilhelm rufen und ubergab ihm einen Brief. "Dieses Blatt", sagte sie, "wartet schon lange auf diesen Augenblick. Ich fuhle, dass das Ende meines Lebens bald herannaht; versprechen Sie mir, dass Sie es selbst abgeben und dass Sie durch wenige Worte meine Leiden an dem Ungetreuen rachen wollen. Er ist nicht fuhllos, und wenigstens soll ihn mein Tod einen Augenblick schmerzen."

Wilhelm ubernahm den Brief, indem er sie jedoch trostete und den Gedanken des Todes von ihr entfernen wollte.

"Nein", versetzte sie, "benehmen Sie mir nicht meine nachste Hoffnung. Ich habe ihn lange erwartet und will ihn freudig in die Arme schliessen."

Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene Manuskript an. Sie ersuchte Wilhelmen, ihr daraus vorzulesen, und die Wirkung, die es tat, wird der Leser am besten beurteilen konnen, wenn er sich mit dem folgenden Buche bekannt gemacht hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer armen Freundin ward auf einmal gelindert. Sie nahm den Brief zuruck und schrieb einen andern, wie es schien, in sehr sanfter Stimmung; auch forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er irgend durch die Nachricht ihres Todes betrubt werden sollte, zu trosten, ihn zu versichern, dass sie ihm verziehen habe, und dass sie ihm alles Gluck wunsche.

Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen Ideen zu beschaftigen, die sie sich aus dem Manuskript eigen zu machen suchte, woraus ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen musste. Die Abnahme ihrer Krafte war nicht sichtbar, und unvermutet fand sie Wilhelm eines Morgens tot, als er sie besuchen wollte.

Bei der Achtung, die er fur sie gehabt, und bei der Gewohnheit, mit ihr zu leben, war ihm ihr Verlust sehr schmerzlich. Sie war die einzige Person, die es eigentlich gut mit ihm meinte, und die Kalte Serlos in der letzten Zeit hatte er nur allzusehr gefuhlt. Er eilte daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten, und wunschte sich auf einige Zeit zu entfernen. Von der andern Seite war fur Melina diese Abreise sehr erwunscht; denn dieser hatte sich bei der so weitlaufigen Korrespondenz, die er unterhielt, gleich mit einem Sanger und einer Sangerin eingelassen, die das Publikum einstweilen durch Zwischenspiele zur kunftigen Oper vorbereiten sollten. Der Verlust Aureliens und Wilhelms Entfernung sollten auf diese Weise in der ersten Zeit ubertragen werden, und unser Freund war mit allem zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf einige Wochen erleichterte.

Er hatte sich eine sonderbar wichtige Idee von seinem Auftrage gemacht. Der Tod seiner Freundin hatte ihn tiefgeruhrt, und da er sie so fruhzeitig von dem Schauplatze abtreten sah, musste er notwendig gegen den, der ihr Leben verkurzt und dieses kurze Leben ihr so qualvoll gemacht, feindselig gesinnt sein.

Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden nahm er sich doch vor, bei Uberreichung des Briefs ein strenges Gericht uber den ungetreuen Freund ergehen zu lassen, und da er sich nicht einer zufalligen Stimmung vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in der Ausarbeitung pathetischer als billig ward. Nachdem er sich vollig von der guten Komposition seines Aufsatzes uberzeugt hatte, machte er, indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner Abreise. Mignon war beim Einpacken gegenwartig und fragte ihn, ob er nach Suden oder nach Norden reise; und als sie das letzte von ihm erfuhr, sagte sie: "So will ich dich hier wieder erwarten." Sie bat ihn um die Perlenschnur Marianens, die er dem lieben Geschopf nicht versagen konnte; das Halstuch hatte sie schon. Dagegen steckte sie ihm den Schleier des Geistes in den Mantelsack, ob er ihr gleich sagte, dass ihm dieser Flor zu keinem Gebrauch sei.

Melina ubernahm die Regie, und seine Frau versprach, auf die Kinder ein mutterliches Auge zu haben, von denen sich Wilhelm ungern losriss. Felix war sehr lustig beim Abschied, und als man ihn fragte, was er wolle mitgebracht habe, sagte er: "Hore! bringe mir einen Vater mit." Mignon nahm den Scheidenden bei der Hand, und indem sie, auf die Zehen gehoben, ihm einen treuherzigen und lebhaften Kuss, doch ohne Zartlichkeit, auf die Lippen druckte, sagte sie: "Meister! vergiss uns nicht und komm bald wieder."

Und so lassen wir unsern Freund unter tausend Gedanken und Empfindungen seine Reise antreten und zeichnen hier noch zum Schlusse ein Gedicht auf, das Mignon mit grossem Ausdruck einigemal rezitiert hatte, und das wir fruher mitzuteilen durch den Drang so mancher sonderbaren Ereignisse verhindert wurden.

Heiss mich nicht reden, heiss mich schweigen,

Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;

Ich mochte dir mein ganzes Innre zeigen,

Allein das Schicksal will es nicht.

Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf

Die finstre Nacht, und sie muss sich erhellen;

Der harte Fels schliesst seinen Busen auf,

Missgonnt der Erde nicht die tiefverborgnen

Quellen.

Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh',

Dort kann die Brust in Klagen sich ergiessen;

Allein ein Schwur druckt mir die Lippen zu,

Und nur ein Gott vermag sie aufzuschliessen.

Sechstes Buch

Bekenntnisse einer schonen Seele

Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weiss mich aber von dieser Zeit so wenig zu erinnern als von dem Tage meiner Geburt. Mit dem Anfange des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz, und in dem Augenblick war meine Seele ganz Empfindung und Gedachtnis. Die kleinsten Umstande dieses Zufalls stehn mir noch vor Augen, als hatte er sich gestern ereignet.

Wahrend des neunmonatlichen Krankenlagers, das ich mit Geduld aushielt, ward, so wie mich dunkt, der Grund zu meiner ganzen Denkart gelegt, indem meinem Geiste die ersten Hulfsmittel gereicht wurden, sich nach seiner eigenen Art zu entwickeln.

Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens. In dem heftigsten Husten und abmattenden Fieber war ich stille wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Luft hatte, wollte ich etwas Angenehmes fuhlen, und da mir aller ubrige Genuss versagt war, suchte ich mich durch Augen und Ohren schadlos zu halten. Man brachte mir Puppenwerk und Bilderbucher, und wer Sitz an meinem Bette haben wollte, musste mir etwas erzahlen.

Von meiner Mutter horte ich die biblischen Geschichten gern an; der Vater unterhielt mich mit Gegenstanden der Natur. Er besass ein artiges Kabinett. Davon brachte er gelegentlich eine Schublade nach der andern herunter, zeigte mir die Dinge und erklarte sie mir nach der Wahrheit. Getrocknete Pflanzen und Insekten und manche Arten von anatomischen Praparaten, Menschenhaut, Knochen, Mumien und dergleichen kamen auf das Krankenbette der Kleinen; Vogel und Tiere, die er auf der Jagd erlegte, wurden mir vorgezeigt, ehe sie nach der Kuche gingen; und damit doch auch der Furst der Welt eine Stimme in dieser Versammlung behielte, erzahlte mir die Tante Liebesgeschichten und Feenmarchen. Alles ward angenommen, und alles fasste Wurzel. Ich hatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren Wesen unterhielt; ich weiss noch einige Verse, die ich der Mutter damals in die Feder diktierte.

Oft erzahlte ich dem Vater wieder, was ich von ihm gelernt hatte. Ich nahm nicht leicht eine Arznei, ohne zu fragen: "Wo wachsen die Dinge, aus denen sie gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heissen sie?" Aber die Erzahlungen meiner Tante waren auch nicht auf einen Stein gefallen. Ich dachte mich in schone Kleider und begegnete den aller liebsten Prinzen, die nicht ruhen noch rasten konnten, bis sie wussten, wer die unbekannte Schone war. Ein ahnliches Abenteuer mit einem reizenden kleinen Engel, der in weissem Gewand und goldnen Flugeln sich sehr um mich bemuhte, setzte ich so lange fort, dass meine Einbildungskraft sein Bild fast bis zur Erscheinung erhohte.

Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war mir aus der Kindheit nichts Wildes ubriggeblieben. Ich konnte nicht einmal mit Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebe erwiderten. Hunde, Katzen und Vogel, dergleichen mein Vater von allen Arten ernahrte, vergnugten mich sehr; aber was hatte ich nicht gegeben, ein Geschopf zu besitzen, das in einem der Marchen meiner Tante eine sehr wichtige Rolle spielte. Es war ein Schafchen, das von einem Bauermadchen in dem Walde aufgefangen und ernahrt worden war; aber in diesem artigen Tiere stak ein verwunschter Prinz, der sich endlich wieder als schoner Jungling zeigte und seine Wohltaterin durch seine Hand belohnte. So ein Schafchen hatte ich gar zu gerne besessen!

Nun wollte sich aber keines finden, und da alles neben mir so ganz naturlich zuging, musste mir nach und nach die Hoffnung auf einen so kostlichen Besitz fast vergehen. Unterdessen trostete ich mich, indem ich solche Bucher las, in denen wunderbare Begebenheiten beschrieben wurden. Unter allen war mir der "Christliche deutsche Herkules" der liebste; die andachtige Liebesgeschichte war ganz nach meinem Sinne. Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr grausame Dinge, so betete er erst, eh' er ihr zu Hulfe eilte, und die Gebete standen ausfuhrlich im Buche. Wie wohl gefiel mir das! Mein Hang zu dem Unsichtbaren, den ich immer auf eine dunkle Weise fuhlte, ward dadurch nur vermehrt; denn ein fur allemal sollte Gott auch mein Vertrauter sein.

Als ich weiter heranwuchs, las ich, der Himmel weiss was, alles durcheinander; aber die "Romische Oktavia" behielt vor allen den Preis. Die Verfolgungen der ersten Christen, in einen Roman gekleidet, erregten bei mir das lebhafteste Interesse.

Nun fing die Mutter an, uber das stete Lesen zu schmalen; der Vater nahm ihr zuliebe mir einen Tag die Bucher aus der Hand und gab sie mir den andern wieder. Sie war klug genug, zu bemerken, dass hier nichts auszurichten war, und drang nur darauf, dass auch die Bibel ebenso fleissig gelesen wurde. Auch dazu liess ich mich nicht treiben, und ich las die heiligen Bucher mit vielem Anteil. Dabei war meine Mutter immer sorgfaltig, dass keine verfuhrerischen Bucher in meine Hande kamen, und ich selbst wurde jede schandliche Schrift aus der Hand geworfen haben; denn meine Prinzen und Prinzessinnen waren alle ausserst tugendhaft, und ich wusste ubrigens von der naturlichen Geschichte des menschlichen Geschlechts mehr, als ich merken liess, und hatte es meistens aus der Bibel gelernt. Bedenkliche Stellen hielt ich mit Worten und Dingen, die mir vor Augen kamen, zusammen und brachte bei meiner Wissbegierde und Kombinationsgabe die Wahrheit glucklich heraus. Hatte ich von Hexen gehort, so hatte ich auch mit der Hexerei bekannt werden mussen.

Meiner Mutter und dieser Wissbegierde hatte ich es zu danken, dass ich bei dem heftigen Hang zu Buchern doch kochen lernte; aber dabei war etwas zu sehen. Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden, war fur mich ein Fest. Dem Vater brachte ich die Eingeweide, und er redete mit mir daruber wie mit einem jungen Studenten und pflegte mich oft mit inniger Freude seinen missratenen Sohn zu nennen.

Nun war das zwolfte Jahr zuruckgelegt. Ich lernte Franzosisch, Tanzen und Zeichnen und erhielt den gewohnlichen Religionsunterricht. Bei dem letzten wurden manche Empfindungen und Gedanken rege, aber nichts, was sich auf meinen Zustand bezogen hatte. Ich horte gern von Gott reden, ich war stolz darauf, besser als meinesgleichen von ihm reden zu konnen; ich las nun mit Eifer manche Bucher, die mich in den Stand setzten, von Religion zu schwatzen, aber nie fiel es mir ein, zu denken, wie es denn mit mir stehe, ob meine Seele auch so gestaltet sei, ob sie einem Spiegel gleiche, von dem die ewige Sonne widerglanzen konnte; das hatte ich ein fur allemal schon vorausgesetzt.

Franzosisch lernte ich mit vieler Begierde. Mein Sprachmeister war ein wackerer Mann. Er war nicht ein leichtsinniger Empiriker, nicht ein trockner Grammatiker; er hatte Wissenschaften, er hatte die Welt gesehen. Zugleich mit dem Sprachunterrichte sattigte er meine Wissbegierde auf mancherlei Weise. Ich liebte ihn so sehr, dass ich seine Ankunft immer mit Herzklopfen erwartete. Das Zeichnen fiel mir nicht schwer, und ich wurde es weiter gebracht haben, wenn mein Meister Kopf und Kenntnisse gehabt hatte; er hatte aber nur Hande und Ubung.

Tanzen war anfangs nur meine geringste Freude; mein Korper war zu empfindlich, und ich lernte nur in der Gesellschaft meiner Schwester. Durch den Einfall unsers Tanzmeisters, allen seinen Schulern und Schulerinnen einen Ball zu geben, ward aber die Lust zu dieser Ubung ganz anders belebt.

Unter vielen Knaben und Madchen zeichneten sich zwei Sohne des Hofmarschalls aus: der jungste so alt wie ich, der andere zwei Jahr alter, Kinder von einer solchen Schonheit, dass sie nach dem allgemeinen Gestandnis alles ubertrafen, was man je von schonen Kindern gesehen hatte. Auch ich hatte sie kaum erblickt, so sah ich niemand mehr vom ganzen Haufen. In dem Augenblicke tanzte ich mit Aufmerksamkeit und wunschte schon tanzen. Wie es kam, dass auch diese Knaben unter allen andern mich vorzuglich bemerkten? Genug, in der ersten Stunde waren wir die besten Freunde, und die kleine Lustbarkeit ging noch nicht zu Ende, so hatten wir schon ausgemacht, wo wir uns nachstens wieder sehen wollten. Eine grosse Freude fur mich! Aber ganz entzuckt war ich, als beide den andern Morgen, jeder in einem galanten Billett, das mit einem Blumenstrauss begleitet war, sich nach meinem Befinden erkundigten. So fuhlte ich nie mehr, wie ich da fuhlte! Artigkeiten wurden mit Artigkeiten, Briefchen mit Briefchen erwidert. Kirche und Promenaden wurden von nun an zu Rendezvous; unsre jungen Bekannten luden uns schon jederzeit zusammen ein, wir aber waren schlau genug, die Sache dergestalt zu verdecken, dass die Eltern nicht mehr davon einsahen, als wir fur gut hielten.

Nun hatte ich auf einmal zwei Liebhaber bekommen. Ich war fur keinen entschieden; sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste zusammen. Auf einmal ward der altere sehr krank; ich war selbst schon oft sehr krank gewesen und wusste den Leidenden durch Ubersendung mancher Artigkeit und fur einen Kranken schicklicher Leckerbissen zu erfreuen, dass seine Eltern die Aufmerksamkeit dankbar erkannten, der Bitte des lieben Sohns Gehor gaben und mich samt meinen Schwestern, sobald er nur das Bette verlassen hatte, zu ihm einluden. Die Zartlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, und von dem Tage an war ich fur ihn entschieden. Er warnte mich gleich, vor seinem Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu verbergen, und die Eifersucht des Jungeren machte den Roman vollkommen. Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust vernichtete er unsre Freude und vermehrte dadurch die Leidenschaft, die er zu zerstoren suchte.

Nun hatte ich denn wirklich das gewunschte Schafchen gefunden, und diese Leidenschaft hatte, wie sonst eine Krankheit, die Wirkung auf mich, dass sie mich still machte und mich von der schwarmenden Freude zuruckzog. Ich war einsam und geruhrt, und Gott fiel mir wieder ein. Er blieb mein Vertrauter, und ich weiss wohl, mit welchen Tranen ich fur den Knaben, der fortkrankelte, zu beten anhielt.

Soviel Kindisches in dem Vorgang war, soviel trug er zur Bildung meines Herzens bei. Unserm franzosischen Sprachmeister mussten wir taglich statt der sonst gewohnlichen Ubersetzung Briefe von unsrer eignen Erfindung schreiben. Ich brachte meine Liebesgeschichte unter dem Namen Phyllis und Damon zu Markte. Der Alte sah bald durch, und um mich treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar sehr. Ich wurde immer kuhner, ging offenherzig heraus und war bis ins Detail der Wahrheit getreu. Ich weiss nicht mehr, bei welcher Stelle er einst Gelegenheit nahm, zu sagen: "Wie das artig, wie das naturlich ist! Aber die gute Phyllis mag sich in acht nehmen, es kann bald ernsthaft werden."

Mich verdross, dass er die Sache nicht schon fur ernsthaft hielt, und fragte ihn pikiert, was er unter ernsthaft verstehe? Er liess sich nicht zweimal fragen und erklarte sich so deutlich, dass ich meinen Schrekken kaum verbergen konnte. Doch da sich gleich darauf bei mir der Verdruss einstellte, und ich ihm ubelnahm, dass er solche Gedanken hegen konne, fasste ich mich, wollte meine Schone rechtfertigen und sagte mit feuerroten Wangen: "Aber, mein Herr, Phyllis ist ein ehrbares Madchen!"

Nun war er boshaft genug, mich mit meiner ehrbaren Heldin aufzuziehen und, indem wir franzosisch sprachen, mit dem "honnete" zu spielen, um die Ehrbarkeit der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzufuhren. Ich fuhlte das Lacherliche und war ausserst verwirrt. Er, der mich nicht furchtsam machen wollte, brach ab, brachte aber das Gesprach bei andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn. Schauspiele und kleine Geschichten, die ich bei ihm las und ubersetzte, gaben ihm oft Anlass, zu zeigen, was fur ein schwacher Schutz die sogenannte Tugend gegen die Aufforderungen eines Affekts sei. Ich widersprach nicht mehr, argerte mich aber immer heimlich, und seine Anmerkungen wurden mir zur Last.

Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und nach aus aller Verbindung. Die Schikanen des Jungeren hatten unsern Umgang zerrissen. Nicht lange Zeit darauf starben beide bluhende Junglinge. Es tat mir weh, aber bald waren sie vergessen.

Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund und fing an, die Welt zu sehen. Der Erbprinz vermahlte sich und trat bald darauf nach dem Tode seines Vaters die Regierung an. Hof und Stadt waren in lebhafter Bewegung. Nun hatte meine Neugierde mancherlei Nahrung. Nun gab es Komodien, Balle und was sich daran anschliesst, und ob uns gleich die Eltern soviel als moglich zuruckhielten, so musste man doch bei Hof, wo ich eingefuhrt war, erscheinen. Die Fremden stromten herbei, in allen Hausern war grosse Welt, an uns selbst waren einige Kavaliere empfohlen und andre introduziert, und bei meinem Oheim waren alle Nationen anzutreffen.

Mein ehrlicher Mentor fuhr fort, mich auf eine bescheidene und doch treffende Weise zu warnen, und ich nahm es ihm immer heimlich ubel. Ich war keinesweges von der Wahrheit seiner Behauptung uberzeugt, und vielleicht hatte ich auch damals recht, vielleicht hatte er unrecht, die Frauen unter allen Umstanden fur so schwach zu halten; aber er redete zugleich so zudringlich, dass mir einst bange wurde, er mochte recht haben, da ich denn sehr lebhaft zu ihm sagte: "Weil die Gefahr so gross und das menschliche Herz so schwach ist, so will ich Gott bitten, dass er mich bewahre."

Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte meinen Vorsatz; aber es war bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; diesmal war es nur ein leeres Wort, denn die Empfindungen fur den Unsichtbaren waren bei mir fast ganz verloschen. Der grosse Schwarm, mit dem ich umgeben war, zerstreute mich und riss mich wie ein starker Strom mit fort. Es waren die leersten Jahre meines Lebens. Tagelang von nichts zu reden, keinen gesunden Gedanken zu haben und nur zu schwarmen, das war meine Sache. Nicht einmal der geliebten Bucher wurde gedacht. Die Leute, mit denen ich umgeben war, hatten keine Ahnung von Wissenschaften; es waren deutsche Hofleute, und diese Klasse hatte damals nicht die mindeste Kultur.

Ein solcher Umgang, sollte man denken, hatte mich an den Rand des Verderbens fuhren mussen. Ich lebte in sinnlicher Munterkeit nur so hin, ich sammelte mich nicht, ich betete nicht, ich dachte nicht an mich noch an Gott; aber ich seh' es als eine Fuhrung an, dass mir keiner von den vielen schonen, reichen und wohlgekleideten Mannern gefiel. Sie waren liederlich und versteckten es nicht, das schreckte mich zuruck; ihr Gesprach zierten sie mit Zweideutigkeiten, das beleidigte mich, und ich hielt mich kalt gegen sie; ihre Unart uberstieg manchmal allen Glauben, und ich erlaubte mir, grob zu sein.

Uberdies hatte mir mein Alter einmal vertraulich eroffnet, dass mit den meisten dieser leidigen Bursche nicht allein die Tugend, sondern auch die Gesundheit eines Madchens in Gefahr sei. Nun graute mir erst vor ihnen, und ich war schon besorgt, wenn mir einer auf irgendeine Weise zu nahe kam. Ich hutete mich vor Glasern und Tassen wie vor dem Stuhle, von dem einer aufgestanden war. Auf diese Weise war ich moralisch und physisch sehr isoliert, und alle die Artigkeiten, die sie mir sagten, nahm ich stolz fur schuldigen Weihrauch auf.

Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, zeichnete sich ein junger Mann besonders aus, den wir im Scherz Narziss nannten. Er hatte sich in der diplomatischen Laufbahn guten Ruf erworben und hoffte bei verschiedenen Veranderungen, die an unserm neuen Hofe vorgingen, vorteilhaft placiert zu werden. Er ward mit meinem Vater bald bekannt, und seine Kenntnisse und sein Betragen offneten ihm den Weg in eine geschlossene Gesellschaft der wurdigsten Manner. Mein Vater sprach viel zu seinem Lobe, und seine schone Gestalt hatte noch mehr Eindruck gemacht, wenn sein ganzes Wesen nicht eine Art von Selbstgefalligkeit gezeigt hatte. Ich hatte ihn gesehen, dachte gut von ihm, aber wir hatten uns nie gesprochen.

Auf einem grossen Balle, auf dem er sich auch befand, tanzten wir eine Menuett zusammen; auch das ging ohne nahere Bekanntschaft ab. Als die heftigen Tanze angingen, die ich meinem Vater zuliebe, der fur meine Gesundheit besorgt war, zu vermeiden pflegte, begab ich mich in ein Nebenzimmer und unterhielt mich mit altern Freundinnen die sich zum Spiele gesetzt hatten.

Narziss, der eine Weile mit herumgesprungen war, kam auch einmal in das Zimmer, in dem ich mich befand, und fing, nachdem er sich von einem Nasenbluten, das ihn beim Tanzen uberfiel, erholt hatte, mit mir uber mancherlei zu sprechen an. Binnen einer halben Stunde war der Diskurs so interessant, ob sich gleich keine Spur von Zartlichkeit drein mischte, dass wir nun beide das Tanzen nicht mehr vertragen konnten. Wir wurden bald von den andern daruber geneckt, ohne dass wir uns dadurch irremachen liessen. Den andern Abend konnten wir unser Gesprach wieder anknupfen und schonten unsre Gesundheit sehr.

Nun war die Bekanntschaft gemacht. Narziss wartete mir und meinen Schwestern auf, und nun fing ich erst wieder an, gewahr zu werden, was ich alles wusste, woruber ich gedacht, was ich empfunden hatte, und woruber ich mich im Gesprache auszudrukken verstand. Mein neuer Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte ausser dem historischen und politischen Fache, das er ganz ubersah, sehr ausgebreitete literarische Kenntnisse, und ihm blieb nichts Neues, besonders was in Frankreich herauskam, unbekannt. Er brachte und sendete mir manch angenehmes Buch, doch das musste geheimer als ein verbotenes Liebesverstandnis gehalten werden. Man hatte die gelehrten Weiber lacherlich gemacht, und man wollte auch die unterrichteten nicht leiden, wahrscheinlich weil man fur unhoflich hielt, so viel unwissende Manner beschamen zu lassen. Selbst mein Vater, dem diese neue Gelegenheit, meinen Geist auszubilden, sehr erwunscht war, verlangte ausdrucklich, dass dieses literarische Kommerz ein Geheimnis bleiben sollte.

So wahrte unser Umgang beinahe Jahr und Tag, und ich konnte nicht sagen, dass Narziss auf irgendeine Weise Liebe oder Zartlichkeit gegen mich geaussert hatte. Er blieb artig und verbindlich, aber zeigte keinen Affekt; vielmehr schien der Reiz meiner jungsten Schwester, die damals ausserordentlich schon war, ihn nicht gleichgultig zu lassen. Er gab ihr im Scherze allerlei freundliche Namen aus fremden Sprachen, deren mehrere er sehr gut sprach, und deren eigentumliche Redensarten er gern ins deutsche Gesprach mischte. Sie erwiderte seine Artigkeiten nicht sonderlich; sie war von einem andern Fadchen gebunden, und da sie uberhaupt sehr rasch und er empfindlich war, so wurden sie nicht selten uber Kleinigkeiten uneins. Mit der Mutter und den Tanten wusste er sich gut zu halten, und so war er nach und nach ein Glied der Familie geworden.

Wer weiss, wie lange wir noch auf diese Weise fortgelebt hatten, waren durch einen sonderbaren Zufall unsere Verhaltnisse nicht auf einmal verandert worden. Ich ward mit meinen Schwestern in ein gewisses Haus gebeten, wohin ich nicht gerne ging. Die Gesellschaft war zu gemischt, und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom plattsten Schlage mit ein. Diesmal war Narziss auch mit geladen, und um seinetwillen war ich geneigt, hinzugehen; denn ich war doch gewiss, jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten konnte. Schon bei Tafel hatten wir manches auszustehen, denn einige Manner hatten stark getrunken; nach Tische sollten und mussten Pfander gespielt werden. Es ging dabei sehr rauschend und lebhaft zu. Narziss hatte ein Pfand zu losen; man gab ihm auf, der ganzen Gesellschaft etwas ins Ohr zu sagen, das jedermann angenehm ware. Er mochte sich bei meiner Nachbarin, der Frau eines Hauptmanns, zu lange verweilen. Auf einmal gab ihm dieser eine Ohrfeige, dass mir, die ich gleich daran sass, der Puder in die Augen flog. Als ich die Augen ausgewischt und mich vom Schrecken einigermassen erholt hatte, sah ich beide Manner mit blossen Degen. Narziss blutete, und der andere, ausser sich von Wein, Zorn und Eifersucht, konnte kaum von der ganzen ubrigen Gesellschaft zuruckgehalten werden. Ich nahm Narzissen beim Arm und fuhrte ihn zur Ture hinaus eine Treppe hinauf in ein ander Zimmer, und weil ich meinen Freund vor seinem tollen Gegner nicht sicher glaubte, riegelte ich die Ture sogleich zu.

Wir hielten beide die Wunde nicht fur ernsthaft, denn wir sahen nur einen leichten Hieb uber die Hand; bald aber wurden wir einen Strom von Blut, der den Rucken herunterfloss, gewahr, und es zeigte sich eine grosse Wunde auf dem Kopfe. Nun ward mir bange. Ich eilte auf den Vorplatz um nach Hulfe zu schicken, konnte aber niemand ansichtig werden, denn alles war unten geblieben, den rasenden Menschen zu bandigen. Endlich kam eine Tochter des Hauses heraufgesprungen, und ihre Munterkeit angstigte mich nicht wenig, da sie sich uber den tollen Spektakel und uber die verfluchte Komodie fast zu Tode lachen wollte. Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie, nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst einen zu holen.

Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um die Hand und ein Handtuch, das an der Ture hing, um den Kopf. Er blutete noch immer heftig; der Verwundete erblasste und schien in Ohnmacht zu sinken. Niemand war in der Nahe, der mir hatte beistehen konnen; ich nahm ihn sehr ungezwungen in den Arm und suchte ihn durch Streicheln und Schmeicheln aufzumuntern. Es schien die Wirkung eines geistigen Heilmittels zu tun; er blieb bei sich, aber sass totenbleich da.

Nun kam endlich die tatige Hausfrau, und wie erschrak sie, als sie den Freund in dieser Gestalt in meinen Armen liegen und uns alle beide mit Blut uberstromt sah, denn niemand hatte sich vorgestellt, dass Narziss verwundet sei, alle meinten, ich habe ihn glucklich hinausgebracht.

Nun war Wein, wohlriechendes Wasser, und was nur erquicken und erfrischen konnte, im Uberfluss da, nun kam auch der Wundarzt, und ich hatte wohl abtreten konnen; allein Narziss hielt mich fest bei der Hand, und ich ware, ohne gehalten zu werden, stehengeblieben. Ich fuhr wahrend des Verbandes fort, ihn mit Wein anzustreichen, und achtete es wenig, dass die ganze Gesellschaft nunmehr umherstand. Der Wundarzt hatte geendigt, der Verwundete nahm einen stummen verbindlichen Abschied von mir und wurde nach Hause getragen.

Nun fuhrte mich die Hausfrau in ihr Schlafzimmer; sie musste mich ganz auskleiden, und ich darf nicht verschweigen, dass ich, da man sein Blut von meinem Korper abwusch, zum erstenmal zufallig im Spiegel gewahr wurde, dass ich mich auch ohne Hulle fur schon halten durfte. Ich konnte keines meiner Kleidungsstucke wieder anziehn, und da die Personen im Hause alle kleiner oder starker waren als ich, so kam ich in einer seltsamen Verkleidung zum grossten Erstaunen meiner Eltern nach Hause. Sie waren uber mein Schrecken, uber die Wunden des Freundes, uber den Unsinn des Hauptmanns, uber den ganzen Vorfall ausserst verdriesslich. Wenig fehlte, so hatte mein Vater selbst, seinen Freund auf der Stelle zu rachen, den Hauptmann herausgefordert. Er schalt die anwesenden Herren, dass sie ein solches meuchlerisches Beginnen nicht auf der Stelle geahndet; denn es war nur zu offenbar, dass der Hauptmann sogleich, nachdem er geschlagen, den Degen gezogen und Narzissen von hinten verwundet habe; der Hieb uber die Hand war erst gefuhrt worden, als Narziss selbst zum Degen griff. Ich war unbeschreiblich alteriert und affiziert, oder wie soll ich es ausdrucken; der Affekt, der im tiefsten Grunde des Herzens ruhte, war auf einmal losgebrochen wie eine Flamme, welche Luft bekommt. Und wenn Lust und Freude sehr geschickt sind, die Liebe zuerst zu erzeugen und im stillen zu nahren, so wird sie, die von Natur herzhaft ist, durch den Schrecken am leichtesten angetrieben, sich zu entscheiden und zu klaren. Man gab dem Tochterchen Arznei ein und legte es zu Bette. Mit dem fruhsten Morgen eilte mein Vater zu dem verwundeten Freund, der an einem starken Wundfieber recht krank darniederlag.

Mein Vater sagte mir wenig von dem, was er mit ihm geredet hatte, und suchte mich wegen der Folgen, die dieser Vorfall haben konnte, zu beruhigen. Es war die Rede, ob man sich mit einer Abbitte begnugen konne, ob die Sache gerichtlich werden musse, und was dergleichen mehr war. Ich kannte meinen Vater zu wohl, als dass ich ihm geglaubt hatte, dass er diese Sache ohne Zweikampf geendigt zu sehen wunschte; allein ich blieb still, denn ich hatte von meinem Vater fruh gelernt, dass Weiber in solche Handel sich nicht zu mischen hatten. Ubrigens schien es nicht, als wenn zwischen den beiden Freunden etwas vorgefallen ware, das mich betroffen hatte; doch bald vertraute mein Vater den Inhalt seiner weitern Unterredung meiner Mutter. Narziss, sagte er, sei ausserst geruhrt von meinem geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich fur meinen ewigen Schuldner erklart, bezeigt, er verlange kein Gluck, wenn er es nicht mit mir teilen sollte, er habe sich die Erlaubnis ausgebeten, ihn als Vater ansehen zu durfen. Mama sagte mir das alles treulich wieder, hangte aber die wohlmeinende Erinnerung daran, auf so etwas, das in der ersten Bewegung gesagt worden, durfe man so sehr nicht achten. "Ja freilich", antwortete ich mit angenommener Kalte, und fuhlte der Himmel weiss was und wieviel dabei.

Narziss blieb zwei Monate krank, konnte wegen der Wunde an der rechten Hand nicht einmal schreiben, bezeigte mir aber inzwischen sein Andenken durch die verbindlichste Aufmerksamkeit. Alle diese mehr als gewohnlichen Hoflichkeiten hielt ich mit dem, was ich von der Mutter erfahren hatte, zusammen, und bestandig war mein Kopf voller Grillen. Die ganze Stadt unterhielt sich von der Begebenheit. Man sprach mit mir davon in einem besondern Tone, man zog Folgerungen daraus, die, so sehr ich sie abzulehnen suchte, mir immer sehr nahe gingen. Was vorher Tandelei und Gewohnheit gewesen war, ward nun Ernst und Neigung. Die Unruhe, in der ich lebte, war um so heftiger, je sorgfaltiger ich sie vor allen Menschen zu verbergen suchte. Der Gedanke, ihn zu verlieren, erschreckte mich, und die Moglichkeit einer nahern Verbindung machte mich zittern. Der Gedanke des Ehestandes hat fur ein halbkluges Madchen gewiss etwas Schreckhaftes.

Durch diese heftigen Erschutterungen ward ich wieder an mich selbst erinnert. Die bunten Bilder eines zerstreuten Lebens, die mir sonst Tag und Nacht vor Augen schwebten, waren auf einmal weggeblasen. Meine Seele fing wieder an, sich zu regen; allein die sehr unterbrochene Bekanntschaft mit dem unsichtbaren Freunde war so leicht nicht wieder hergestellt. Wir blieben noch immer in ziemlicher Entfernung; es war wieder etwas, aber gegen sonst ein grosser Unterschied.

Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war voruber, ohne dass ich etwas davon erfahren hatte, und die offentliche Meinung war in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder auf dem Schauplatze erschien. Vor allen Dingen liess er sich mit verbundenem Haupt und eingewickelter Hand in unser Haus tragen. Wie klopfte mir das Herz bei diesem Besuche! Die ganze Familie war gegenwartig; es blieb auf beiden Seiten nur bei allgemeinen Danksagungen und Hoflichkeiten, doch fand er Gelegenheit, mir einige geheime Zeichen seiner Zartlichkeit zu geben, wodurch meine Unruhe nur zu sehr vermehrt ward. Nachdem er sich vollig wieder erholt, besuchte er uns den ganzen Winter auf eben dem Fuss wie ehemals, und bei allen leisen Zeichen von Empfindung und Liebe, die er mir gab, blieb alles unerortert.

Auf diese Weise ward ich in steter Ubung gehalten. Ich konnte mich keinem Menschen vertrauen, und von Gott war ich zu weit entfernt. Ich hatte diesen wahrend vier wilder Jahre ganz vergessen; nun dachte ich dann und wann wieder an ihn, aber die Bekanntschaft war erkaltet; es waren nur Zeremonienvisiten, die ich ihm machte, und da ich uberdies, wenn ich vor ihm erschien, immer schone Kleider anlegte, meine Tugend, Ehrbarkeit und Vorzuge, die ich vor andern zu haben glaubte, ihm mit Zufriedenheit vorwies, so schien er mich in dem Schmucke gar nicht zu bemerken.

Ein Hofling wurde, wenn sein Furst, von dem er sein Gluck erwartet, sich so gegen ihn betruge, sehr beunruhigt werden; mir aber war nicht ubel dabei zumute. Ich hatte, was ich brauchte, Gesundheit und Bequemlichkeit; wollte sich Gott mein Andenken gefallen lassen, so war es gut, wo nicht, so glaubte ich doch meine Schuldigkeit getan zu haben.

So dachte ich freilich damals nicht von mir; aber es war doch die wahrhafte Gestalt meiner Seele. Meine Gesinnungen zu andern und zu reinigen, waren aber auch schon Anstalten gemacht.

Der Fruhling kam heran, und Narziss besuchte mich unangemeldet zu einer Zeit, da ich ganz allein zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber und fragte mich, ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle, wohlbesoldete Stelle erhielte, auch dereinst meine Hand schenken wollte.

Man hatte ihn zwar in unsre Dienste genommen; allein anfangs hielt man ihn, weil man sich vor seinem Ehrgeiz furchtete, mehr zuruck, als dass man ihn schnell emporgehoben hatte, und liess ihn, weil er eignes Vermogen hatte, bei einer kleinen Besoldung.

Bei aller meiner Neigung zu ihm wusste ich, dass er der Mann nicht war, mit dem man ganz gerade handeln konnte. Ich nahm mich daher zusammen und verwies ihn an meinen Vater, an dessen Einwilligung er nicht zu zweifeln schien und mit mir erst auf der Stelle einig sein wollte. Endlich sagte ich ja, indem ich die Beistimmung meiner Eltern zur notwendigen Bedingung machte. Er sprach alsdann mit beiden formlich; sie zeigten ihre Zufriedenheit, man gab sich das Wort auf den bald zu hoffenden Fall, dass man ihn weiter avancieren werde. Schwestern und Tanten wurden davon benachrichtigt und ihnen das Geheimnis auf das strengste anbefohlen.

Nun war aus einem Liebhaber ein Brautigam geworden. Die Verschiedenheit zwischen beiden zeigte sich sehr gross. Konnte jemand die Liebhaber aller wohldenkenden Madchen in Brautigame verwandeln, so ware es eine grosse Wohltat fur unser Geschlecht, selbst wenn auf dieses Verhaltnis keine Ehe erfolgen sollte. Die Liebe zwischen beiden Personen nimmt dadurch nicht ab, aber sie wird vernunftiger. Unzahlige kleine Torheiten, alle Koketterien und Launen fallen gleich hinweg. Aussert uns der Brautigam, dass wir ihm in einer Morgenhaube besser als in dem schonsten Aufsatze gefallen, dann wird einem wohldenkenden Madchen gewiss die Frisur gleichgultig, und es ist nichts naturlicher, als dass er auch solid denkt und lieber sich eine Hausfrau, als der Welt eine Putzdocke zu bilden wunscht. Und so geht es durch alle Facher durch.

Hat ein solches Madchen dabei das Gluck, dass ihr Brautigam Verstand und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde Lander geben konnen. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er ihr gibt, sondern sie sucht sich auch auf diesem Wege so immer weiter zu bringen. Die Liebe macht vieles Unmogliche moglich, und endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so notige und anstandige Unterwerfung sogleich an; der Brautigam herrscht nicht wie der Ehemann; er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er wunscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet.

So hat mich die Erfahrung gelehrt, was ich nicht um vieles missen mochte. Ich war glucklich, wahrhaft glucklich, wie man es in der Welt sein kann, das heisst auf kurze Zeit.

Ein Sommer ging unter diesen stillen Freuden hin. Narziss gab mir nicht die mindeste Gelegenheit zu Beschwerden; er ward mir immer lieber, meine ganze Seele hing an ihm, das wusste er wohl und wusste es zu schatzen. Inzwischen entspann sich aus anscheinenden Kleinigkeiten etwas, das unserm Verhaltnisse nach und nach schadlich wurde.

Narziss ging als Brautigam mit mir um, und nie wagte er es, das von mir zu begehren, was uns noch verboten war. Allein uber die Grenzen der Tugend und Sittsamkeit waren wir sehr verschiedener Meinung. Ich wollte sicher gehen und erlaubte durchaus keine Freiheit, als welche allenfalls die ganze Welt hatte wissen durfen. Er, an Naschereien gewohnt, fand diese Diat sehr streng, hier setzte es nun bestandigen Widerspruch; er lobte mein Verhalten und suchte meinen Entschluss zu untergraben.

Mir fiel das ernsthaft meines alten Sprachmeisters wieder ein, und zugleich das Hulfsmittel, das ich damals dagegen angegeben hatte.

Mit Gott war ich wieder ein wenig bekannter geworden. Er hatte mir so einen lieben Brautigam gegeben, und dafur wusste ich ihm Dank. Die irdische Liebe selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in Bewegung, und meine Beschaftigung mit Gott widersprach ihr nicht. Ganz naturlich klagte ich ihm, was mich bange machte, und bemerkte nicht, dass ich selbst das, was mich bange machte, wunschte und begehrte. Ich kam mir sehr stark vor und betete nicht etwa: "Bewahre mich vor Versuchung!", uber die Versuchung war ich meinen Gedanken nach weit hinaus. In diesem losen Flitterschmuck eigner Tugend erschien ich dreist vor Gott; er stiess mich nicht weg, auf die geringste Bewegung zu ihm hinterliess er einen sanften Eindruck in meiner Seele, und dieser Eindruck bewegte mich, ihn immer wieder aufzusuchen.

Die ganze Welt war mir ausser Narzissen tot, nichts hatte ausser ihm Reiz fur mich. Selbst meine Liebe zum Putz hatte nur den Zweck, ihm zu gefallen; wusste ich, dass er mich nicht sah, so konnte ich keine Sorgfalt darauf wenden. Ich tanzte gern; wenn er aber nicht dabei war; so schien mir, als wenn ich die Bewegung nicht vertragen konnte. Auf ein brillantes Fest, bei dem er nicht zugegen war, konnte ich mir weder etwas Neues anschaffen, noch das Alte der Mode gemass aufstutzen. Einer war mir so lieb als der andere, doch mochte ich lieber sagen, einer so lastig als der andere. Ich glaubte meinen Abend recht gut zugebracht zu haben, wenn ich mir mit altern Personen ein Spiel ausmachen konnte, wozu ich sonst nicht die mindeste Lust hatte, und wenn ein alter guter Freund mich etwa scherzhaft daruber aufzog, lachelte ich vielleicht das erstemal den ganzen Abend. So ging es mit Promenaden und allen gesellschaftlichen Vergnugungen, die sich nur denken lassen.

Ich hatt' ihn einzig mir erkoren;

Ich schien mir nur fur ihn geboren,

Begehrte nichts als seine Gunst.

So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und die vollige Einsamkeit war mir meistens lieber. Allein mein geschaftiger Geist konnte weder schlafen noch traumen; ich fuhlte und dachte und erlangte nach und nach eine Fertigkeit, von meinen Empfindungen und Gedanken mit Gott zu reden. Da entwickelten sich Empfindungen anderer Art in meiner Seele, die jenen nicht widersprachen. Denn meine Liebe zu Narziss war dem ganzen Schopfungsplane gemass und stiess nirgend gegen meine Pflichten an. Sie widersprachen sich nicht und waren doch unendlich verschieden. Narziss war das einzige Bild, das mir vorschwebte, auf das sich meine ganze Liebe bezog; aber das andere Gefuhl bezog sich auf kein Bild und war unaussprechlich angenehm. Ich habe es nicht mehr und kann es mir nicht mehr geben.

Mein Geliebter, der sonst alle meine Geheimnisse wusste, erfuhr nichts hiervon. Ich merkte bald, dass er anders dachte; er gab mir ofters Schriften, die alles, was man Zusammenhang mit dem Unsichtbaren heissen kann, mit leichten und schweren Waffen bestritten. Ich las die Bucher, weil sie von ihm kamen, und wusste am Ende kein Wort von allem dem, was darin gestanden hatte.

Uber Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch nicht ohne Widerspruch ab; er machte es wie alle Manner, spottete uber gelehrte Frauen und bildete unaufhorlich an mir. Uber alle Gegenstande, die Rechtsgelehrsamkeit ausgenommen, pflegte er mit mir zu sprechen, und indem er mir Schriften von allerlei Art bestandig zubrachte, wiederholte er oft die bedenkliche Lehre, dass ein Frauenzimmer sein Wissen heimlicher halten musse als der Calvinist seinen Glauben im katholischen Lande; und indem ich wirklich auf eine ganz naturliche Weise vor der Welt mich nicht kluger und unterrichteter als sonst zu zeigen pflegte, war er der erste, der gelegentlich der Eitelkeit nicht widerstehen konnte, von meinen Vorzugen zu sprechen.

Ein beruhmter und damals wegen seines Einflusses, seiner Talente und seines Geistes sehr geschatzter Weltmann fand an unserm Hofe grossen Beifall. Er zeichnete Narzissen besonders aus und hatte ihn bestandig um sich. Sie stritten auch uber die Tugend der Frauen. Narziss vertraute mir weitlaufig ihre Unterredung; ich blieb mit meinen Anmerkungen nicht dahinten, und mein Freund verlangte von mir einen schriftlichen Aufsatz. Ich schrieb ziemlich gelaufig Franzosisch; ich hatte bei meinem Alten einen guten Grund gelegt. Die Korrespondenz mit meinem Freunde war in dieser Sprache gefuhrt, und eine feinere Bildung konnte man uberhaupt damals nur aus franzosischen Buchern nehmen. Mein Aufsatz hatte dem Grafen gefallen; ich musste einige kleine Lieder hergeben, die ich vor kurzem gedichtet hatte. Genug, Narziss schien sich auf seine Geliebte ohne Ruckhalt etwas zugute zu tun, und die Geschichte endigte zu seiner grossen Zufriedenheit mit einer geistreichen Epistel in franzosischen Versen, die ihm der Graf bei seiner Abreise zusandte, worin ihres freundschaftlichen Streites gedacht war, und mein Freund am Ende glucklich gepriesen wurde, dass er nach so manchen Zweifeln und Irrtumern in den Armen einer reizenden und tugendhaften Gattin, was Tugend sei, am sichersten erfahren wurde.

Dieses Gedicht ward mir vor allen und dann aber auch fast jedermann gezeigt, und jeder dachte dabei, was er wollte. So ging es in mehreren Fallen, und so mussten alle Fremden, die er schatzte, in unserm Hause bekannt werden.

Eine grafliche Familie hielt sich wegen unsres geschickten Arztes eine Zeitlang hier auf. Auch in diesem Hause war Narziss wie ein Sohn gehalten; er fuhrte mich daselbst ein, man fand bei diesen wurdigen Personen eine angenehme Unterhaltung fur Geist und Herz, und selbst die gewohnlichen Zeitvertreibe der Gesellschaft schienen in diesem Hause nicht so leer wie anderwarts. Jedermann wusste, wie wir zusammen standen; man behandelte uns, wie es die Umstande mit sich brachten, und liess das Hauptverhaltnis unberuhrt. Ich erwahne dieser einen Bekanntschaft, weil sie in der Folge meines Lebens manchen Einfluss auf mich hatte.

Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, und mit ihm war auch unser Fruhling dahin. Der Sommer kam, und alles wurde ernsthafter und heisser.

Durch einige unerwartete Todesfalle waren Amter erledigt, auf die Narziss Anspruch machen konnte. Der Augenblick war nahe, in dem sich mein ganzes Schicksal entscheiden sollte, und indes Narziss und alle Freunde sich bei Hofe die moglichste Muhe gaben, gewisse Eindrucke, die ihm ungunstig waren, zu vertilgen und ihm den erwunschten Platz zu verschaffen, wendete ich mich mit meinem Anliegen zu dem unsichtbaren Freunde. Ich ward so freundlich aufgenommen, dass ich gern wiederkam. Ganz frei gestand ich meinen Wunsch, Narziss mochte zu der Stelle gelangen; allein meine Bitte war nicht ungestum, und ich forderte nicht, dass es um meines Gebets willen geschehen sollte.

Die Stelle ward durch einen viel geringeren Konkurrenten besetzt. Ich erschrak heftig uber die Zeitung und eilte in mein Zimmer, das ich fest hinter mir zumachte. Der erste Schmerz loste sich in Tranen auf; der nachste Gedanke war: "Es ist aber doch nicht von ungefahr geschehen", und sogleich folgte die Entschliessung, es mir recht wohl gefallen zu lassen, weil auch dieses anscheinende Ubel zu meinem wahren Besten gereichen wurde. Nun drangen die sanftesten Empfindungen, die alle Wolken des Kummers zerteilten herbei; ich fuhlte, dass sich mit dieser Hulfe alles ausstehn liess. Ich ging heiter zu Tische, zum Erstaunen meiner Hausgenossen.

Narziss hatte weniger Kraft als ich, und ich musste ihn trosten. Auch in seiner Familie begegneten ihm Widerwartigkeiten, die ihn sehr druckten, und bei dem wahren Vertrauen, das unter uns statthatte, vertraute er mir alles. Seine Negoziationen, in fremde Dienste zu gehen, waren auch nicht glucklicher; alles fuhlte ich tief um seinet- und meinetwillen, und alles trug ich zuletzt an den Ort, wo mein Anliegen so wohl aufgenommen wurde.

Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto ofter suchte ich sie zu erneuern und den Trost immer da, wo ich ihn so oft gefunden hatte; allein ich fand ihn nicht immer, es war mir wie einem, der sich an der Sonne warmen will, und dem etwas im Wege steht, das Schatten macht. "Was ist das?" fragte ich mich selbst. Ich spurte der Sache eifrig nach und bemerkte deutlich, dass alles von der Beschaffenheit meiner Seele abhing; wenn die nicht ganz in der geradesten Richtung zu Gott gekehrt war, so blieb ich kalt; ich fuhlte seine Ruckwirkung nicht und konnte seine Antwort nicht vernehmen. Nun war die zweite Frage: "Was verhindert diese Richtung?" Hier war ich in einem weiten Feld und verwickelte mich in eine Untersuchung, die beinahe das ganze zweite Jahr meiner Liebesgeschichte fortdauerte. Ich hatte sie fruher endigen konnen, denn ich kam bald auf die Spur; aber ich wollte es nicht gestehen und suchte tausend Ausfluchte.

Ich fand sehr bald, dass die gerade Richtung meiner

Seele durch torichte Zerstreuung und Beschaftigung mit unwurdigen Sachen gestort werde; das Wie und Wo war mir bald klar genug. Nun aber wie herauskommen in einer Welt, wo alles gleichgultig oder toll ist? Gern hatte ich die Sache an ihren Ort gestellt sein lassen und hatte auf Geratewohl hingelebt wie andere Leute auch, die ich ganz wohlauf sah; allein ich durfte nicht, mein Inneres widersprach mir zu oft. Wollte ich mich der Gesellschaft entziehen und meine Verhaltnisse verandern, so konnte ich nicht. Ich war nun einmal in einen Kreis hineingesperrt; gewisse Verbindungen konnte ich nicht loswerden, und in der mir so angelegenen Sache drangten und hauften sich die Fatalitaten. Ich legte mich oft mit Tranen zu Bette und stand nach einer schlaflosen Nacht auch wieder so auf; ich bedurfte einer kraftigen Unterstutzung, und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der Schellenkappe herumlief.

Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder Hand

lungen; Tanzen und Spielen wurden am ersten in Untersuchung genommen. Nie ist etwas fur oder gegen diese Dinge geredet, gedacht oder geschrieben worden, das ich nicht aufsuchte, besprach, las, erwog, vermehrte, verwarf und mich unerhort herumplagte. Unterliess ich diese Dinge, so war ich gewiss, Narzissen zu beleidigen; denn er furchtete sich ausserst vor dem Lacherlichen, das uns der Anschein angstlicher Gewissenhaftigkeit vor der Welt gibt. Weil ich nun das, was ich fur Torheit, fur schadliche Torheit hielt, nicht einmal aus Geschmack, sondern bloss um seinetwillen tat, so wurde mir alles entsetzlich schwer.

Ohne unangenehme Weitlaufigkeiten und Wiederholungen wurde ich die Bemuhungen nicht darstellen konnen, welche ich anwendete, um jene Handlungen, die mich nun einmal zerstreuten und meinen innern Frieden storten, so zu verrichten, dass dabei mein Herz fur die Einwirkungen des unsichtbaren Wesens offen bliebe, und wie schmerzlich ich empfinden musste, dass der Streit auf diese Weise nicht beigelegt werden konne. Denn sobald ich mich in das Gewand der Torheit kleidete, blieb es nicht bloss bei der Maske, sondern die Narrheit durchdrang mich sogleich durch und durch.

Darf ich hier das Gesetz einer bloss historischen Darstellung uberschreiten und einige Betrachtungen uber dasjenige machen, was in mir vorging? Was konnte das sein, das meinen Geschmack und meine Sinnesart so anderte, dass ich im zweiundzwanzigsten Jahre, ja fruher, kein Vergnugen an Dingen fand, die Leute von diesem Alter unschuldig belustigen konnen? Warum waren sie mir nicht unschuldig? Ich darf wohl antworten: eben weil sie mir nicht unschuldig waren, weil ich nicht, wie andre meinesgleichen, unbekannt mit meiner Seele war. Nein, ich wusste aus Erfahrungen, die ich ungesucht erlangt hatte, dass es hohere Empfindungen gebe, die uns ein Vergnugen wahrhaftig gewahrten, das man vergebens bei Lustbarkeiten sucht, und dass in diesen hohern Freuden zugleich ein geheimer Schatz zur Starkung im Ungluck aufbewahrt sei.

Aber die geselligen Vergnugungen und Zerstreuungen der Jugend mussten doch notwendig einen starken Reiz fur mich haben, weil es mir nicht moglich war, sie zu tun, als tate ich sie nicht. Wie manches konnte ich jetzt mit grosser Kalte tun, wenn ich nur wollte, was mich damals irremachte, ja Meister uber mich zu werden drohte. Hier konnte kein Mittelweg gehalten werden: ich musste entweder die reizenden Vergnugungen oder die erquickenden innerlichen Empfindungen entbehren.

Aber schon war der Streit in meiner Seele ohne mein eigentliches Bewusstsein entschieden. Wenn auch etwas in mir war, das sich nach den sinnlichen Freuden hinsehnte, so konnte ich sie doch nicht mehr geniessen. Wer den Wein noch so sehr liebt, dem wird alle Lust zum Trinken vergehen, wenn er sich bei vollen Fassern in einem Keller befande, in welchem die verdorbene Luft ihn zu ersticken drohte. Reine Luft ist mehr als Wein, das fuhlte ich nur zu lebhaft, und es hatte gleich von Anfang an wenig Uberlegung bei mir gekostet, das Gute dem Reizenden vorzuziehen, wenn mich die Furcht, Narzissens Gunst zu verlieren, nicht abgehalten hatte. Aber da ich endlich nach tausendfaltigem Streit, nach immer wiederholter Betrachtung auch scharfe Blicke auf das Band warf, das mich an ihm festhielt, entdeckte ich, dass es nur schwach war, dass es sich zerreissen lasse. Ich erkannte auf einmal, dass es nur eine Glasglocke sei, die mich in den luftleeren Raum sperrte; nur noch so viel Kraft, sie entzwei zu schlagen, und du bist gerettet!

Gedacht, gewagt. Ich zog die Maske ab und handelte jedesmal, wie mir's ums Herz war. Narzissen hatte ich immer zartlich lieb; aber das Thermometer, das vorher im heissen Wasser gestanden, hing nun an der naturlichen Luft; es konnte nicht hoher steigen, als die Atmosphare warm war.

Unglucklicherweise erkaltete sie sich sehr. Narziss fing an, sich zuruckzuziehen und fremd zu tun; das stand ihm frei; aber mein Thermometer fiel, sowie er sich zuruckzog. Meine Familie bemerkte es, man befragte mich, man wollte sich verwundern. Ich erklarte mit mannlichem Trotz, dass ich mich bisher genug aufgeopfert habe, dass ich bereit sei, noch ferner und bis ans Ende meines Lebens alle Widerwartigkeiten mit ihm zu teilen; dass ich aber fur meine Handlungen vollige Freiheit verlange, dass mein Tun und Lassen von meiner Uberzeugung abhangen musse; dass ich zwar niemals eigensinnig auf meiner Meinung beharren, vielmehr jede Grunde gerne anhoren wolle, aber da es mein eignes Gluck betreffe, musse die Entscheidung von mir abhangen, und keine Art von Zwang wurde ich dulden. So wenig das Rasonnement des grossten Arztes mich bewegen wurde, eine sonst vielleicht ganz gesunde und von vielen sehr geliebte Speise zu mir zu nehmen, sobald mir meine Erfahrung bewiese, dass sie mir jederzeit schadlich sei, wie ich den Gebrauch des Kaffees zum Beispiel anfuhren konnte, so wenig und noch viel weniger wurde ich mir irgendeine Handlung, die mich verwirrte, als fur mich moralisch zutraglich aufdemonstrieren lassen.

Da ich mich so lange im stillen vorbereitet hatte, so waren mir die Debatten hieruber eher angenehm als verdriesslich. Ich machte meinem Herzen Luft und fuhlte den ganzen Wert meines Entschlusses. Ich wich nicht ein Haar breit, und wem ich nicht kindlichen Respekt schuldig war, der wurde derb abgefertigt. In meinem Hause siegte ich bald. Meine Mutter hatte von Jugend auf ahnliche Gesinnungen, nur waren sie bei ihr nicht zur Reife gediehen; keine Not hatte sie gedrangt und den Mut, ihre Uberzeugung durchzusetzen, erhoht. Sie freute sich, durch mich ihre stillen Wunsche erfullt zu sehen. Die jungere Schwester schien sich an mich anzuschliessen; die zweite war aufmerksam und still. Die Tante hatte am meisten einzuwenden. Die Grunde, die sie vorbrachte, schienen ihr unwiderleglich, und waren es auch, weil sie ganz gemein waren. Ich war endlich genotigt, ihr zu zeigen, dass sie in keinem Sinne eine Stimme in dieser Sache habe, und sie liess nur selten merken, dass sie auf ihrem Sinne verharre. Auch war sie die einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah und ganz ohne Empfindung blieb. Ich tue ihr nicht zu viel, wenn ich sage, dass sie kein Gemut und die eingeschranktesten Begriffe hatte.

Der Vater benahm sich ganz seiner Denkart gemass. Er sprach weniges, aber ofter mit mir uber die Sache, und seine Grunde waren verstandig, und als seine Grunde unwiderleglich; nur das tiefe Gefuhl meines Rechts gab mir Starke, gegen ihn zu disputieren. Aber bald veranderten sich die Szenen; ich musste an sein Herz Anspruch machen. Gedrangt von seinem Verstande, brach ich in die affektvollsten Vorstellungen aus. Ich liess meiner Zunge und meinen Tranen freien Lauf. Ich zeigte ihm, wie sehr ich Narzissen liebte, und welchen Zwang ich mir seit zwei Jahren angetan hatte, wie gewiss ich sei, dass ich recht handle, dass ich bereit sei, diese Gewissheit mit dem Verlust des geliebten Brautigams und anscheinenden Glucks, ja, wenn es notig ware, mit Hab und Gut zu versiegeln, dass ich lieber mein Vaterland, Eltern und Freunde verlassen und mein Brot in der Fremde verdienen, als gegen meine Einsichten handeln wolle. Er verbarg seine Ruhrung, schwieg einige Zeit stille und erklarte sich endlich offentlich fur mich.

Narziss vermied seit jener Zeit unser Haus, und nun gab mein Vater die wochentliche Gesellschaft auf, in der sich dieser befand. Die Sache machte Aufsehn bei Hofe und in der Stadt. Man sprach daruber, wie gewohnlich in solchen Fallen, an denen das Publikum heftigen Teil zu nehmen pflegt, weil es verwohnt ist, auf die Entschliessungen schwacher Gemuter einigen Einfluss zu haben. Ich kannte die Welt genug und wusste, dass man oft von den Personen uber das getadelt wird, wozu man sich durch sie hat bereden lassen, und auch ohne das wurden mir bei meiner innern Verfassung alle solche vorubergehende Meinungen weniger als nichts gewesen sein.

Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung zu Narzissen nachzuhangen. Er war mir unsichtbar geworden, und mein Herz hatte sich nicht gegen ihn geandert. Ich liebte ihn zartlich, gleichsam auf das neue und viel gesetzter als vorher. Wollte er meine Uberzeugung nicht storen, so war ich die Seine; ohne diese Bedingung hatte ich ein Konigreich mit ihm ausgeschlagen. Mehrere Monate lang trug ich diese Empfindungen und Gedanken mit mir herum, und da ich mich endlich still und stark genug fuhlte, um ruhig und gesetzt zu Werke zu gehen, so schrieb ich ihm ein hofliches, nicht zartliches Billett und fragte ihn, warum er nicht mehr zu mir komme.

Da ich seine Art kannte, sich selbst in geringern Dingen nicht gern zu erklaren, sondern stillschweigend zu tun, was ihm gut deuchte, so drang ich gegenwartig mit Vorsatz in ihn. Ich erhielt eine lange und, wie mir schien, abgeschmackte Antwort in einem weitlaufigen Stil und unbedeutenden Phrasen: dass er ohne bessere Stellen sich nicht einrichten und mir seine Hand anbieten konne, dass ich am besten wisse, wie hinderlich es ihm bisher gegangen, dass er glaube, ein so lang fortgesetzter fruchtloser Umgang konne meiner Renommee schaden, ich wurde ihm erlauben, sich in der bisherigen Entfernung zu halten; sobald er imstande ware, mich glucklich zu machen, wurde ihm das Wort, das er mir gegeben, heilig sein.

Ich antwortete ihm auf der Stelle: da die Sache aller Welt bekannt sei, moge es zu spat sein, meine Renommee zu menagieren, und fur diese waren mir mein Gewissen und meine Unschuld die sichersten Burgen; ihm aber gabe ich hiermit sein Wort ohne Bedenken zuruck und wunschte, dass er dabei sein Gluck finden mochte. In eben der Stunde erhielt ich eine kurze Antwort, die im Wesentlichen mit der ersten vollig gleichlautend war. Er blieb dabei, dass er nach erhaltener Stelle bei mir anfragen wurde, ob ich sein Gluck mit ihm teilen wollte.

Mir hiess das nun so viel als nichts gesagt. Ich erklarte meinen Verwandten und Bekannten, die Sache sei abgetan, und sie war es auch wirklich. Denn als er neun Monate hernach auf das erwunschteste befordert wurde, liess er mir seine Hand nochmals antragen, freilich mit der Bedingung, dass ich als Gattin eines Mannes, der ein Haus machen musste, meine Gesinnungen wurde zu andern haben. Ich dankte hoflich und eilte mit Herz und Sinn von dieser Geschichte weg, wie man sich aus dem Schauspielhause heraussehnt, wenn der Vorhang gefallen ist. Und da er kurze Zeit darauf, wie es ihm nun sehr leicht war, eine reiche und ansehnliche Partie gefunden hatte, und ich ihn nach seiner Art glucklich wusste, so war meine Beruhigung ganz vollkommen.

Ich darf nicht mit Stillschweigen ubergehen, dass einigemal, noch eh' er eine Bedienung erhielt, auch nachher ansehnliche Heiratsantrage an mich getan wurden, die ich aber ganz ohne Bedenken ausschlug, so sehr Vater und Mutter mehr Nachgiebigkeit von meiner Seite gewunscht hatten.

Nun schien mir nach einem sturmischen Marz und April das schonste Maiwetter beschert zu sein. Ich genoss bei einer guten Gesundheit eine unbeschreibliche Gemutsruhe; ich mochte mich umsehn, wie ich wollte, so hatte ich bei meinem Verluste noch gewonnen. Jung und voll Empfindung, wie ich war, deuchte mir die Schopfung tausendmal schoner als vorher, da ich Gesellschaften und Spiele haben musste, damit mir die Weile in dem schonen Garten nicht zu lang wurde. Da ich mich einmal meiner Frommigkeit nicht schamte, so hatte ich Herz, meine Liebe zu Kunsten und Wissenschaften nicht zu verbergen. Ich zeichnete, malte, las und fand Menschen genug, die mich unterstutzten; statt der grossen Welt, die ich verlassen hatte oder vielmehr die mich verliess, bildete sich eine kleinere um mich her, die weit reicher und unterhaltender war. Ich hatte eine Neigung zum gesellschaftlichen Leben, und ich leugne nicht, dass mir, als ich meine altern Bekanntschaften aufgab, vor der Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich hinlanglich, ja vielleicht zu sehr entschadigt. Meine Bekanntschaften wurden erst recht weitlaufig, nicht nur mit Einheimischen, deren Gesinnungen mit den meinigen ubereinstimmten, sondern auch mit Fremden. Meine Geschichte war ruchtbar geworden, und es waren viele Menschen neugierig, das Madchen zu sehen, die Gott mehr schatzte als ihren Brautigam. Es war damals uberhaupt eine gewisse religiose Stimmung in Deutschland bemerkbar. In mehreren furstlichen und graflichen Hausern war eine Sorge fur das Heil der Seele lebendig. Es fehlte nicht an Edelleuten, die gleiche Aufmerksamkeit hegten, und die in den geringern Standen war durchaus diese Gesinnung verbreitet.

Die grafliche Familie, deren ich oben erwahnt, zog mich nun naher an sich. Sie hatte sich indessen verstarkt, indem sich einige Verwandte in die Stadt gewendet hatten. Diese schatzbaren Personen suchten meinen Umgang wie ich den ihrigen. Sie hatten grosse Verwandtschaft, und ich lernte in diesem Hause einen grossen Teil der Fursten, Grafen und Herren des Reichs kennen. Meine Gesinnungen waren niemanden ein Geheimnis, und man mochte sie ehren oder auch nur schonen, so erlangte ich doch meinen Zweck und blieb ohne Anfechtung.

Noch auf eine andere Weise sollte ich wieder in die Welt gefuhrt werden. Zu eben der Zeit verweilte ein Stiefbruder meines Vaters, der uns sonst nur im Vorbeigehn besucht hatte, langer bei uns. Er hatte die Dienste seines Hofes, wo er geehrt und von Einfluss war, nur deswegen verlassen, weil nicht alles nach seinem Sinne ging. Sein Verstand war richtig und sein Charakter streng, und er war darin meinem Vater sehr ahnlich; nur hatte dieser dabei einen gewissen Grad von Weichheit, wodurch ihm leichter ward, in Geschaften nachzugeben und etwas gegen seine Uberzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu lassen, und den Unwillen daruber alsdann entweder in der Stille fur sich oder vertraulich mit seiner Familie zu verkochen. Mein Oheim war um vieles junger, und seine Selbstandigkeit ward durch seine aussern Umstande nicht wenig bestatigt. Er hatte eine sehr reiche Mutter gehabt, und hatte von ihren nahen und fernen Verwandten noch ein grosses Vermogen zu hoffen; er bedurfte keines fremden Zuschusses, anstatt dass mein Vater bei seinem massigen Vermogen durch Besoldung an den Dienst fest geknupft war.

Noch unbiegsamer war mein Oheim durch hausliches Ungluck geworden. Er hatte eine liebenswurdige Frau und einen hoffnungsvollen Sohn fruh verloren, und er schien von der Zeit an alles von sich entfernen zu wollen, was nicht von seinem Willen abhing.

In der Familie sagte man sich gelegentlich mit einiger Selbstgefalligkeit in die Ohren, dass er wahrscheinlich nicht wieder heiraten werde, und dass wir Kinder uns schon als Erben seines grossen Vermogens ansehen konnten. Ich achtete nicht weiter darauf; allein das Betragen der ubrigen ward nach diesen Hoffnungen nicht wenig gestimmt. Bei der Festigkeit seines Charakters hatte er sich gewohnt, in der Unterredung niemand zu widersprechen, vielmehr die Meinung eines jeden freundlich anzuhoren und die Art, wie sich jeder eine Sache dachte, noch selbst durch Argumente und Beispiele zu erheben. Wer ihn nicht kannte, glaubte stets mit ihm einerlei Meinung zu sein; denn er hatte einen uberwiegenden Verstand und konnte sich in alle Vorstellungsarten versetzen. Mit mir ging es ihm nicht so glucklich, denn hier war von Empfindungen die Rede, von denen er gar keine Ahnung hatte, und so schonend, teilnehmend und verstandig er mit mir uber meine Gesinnungen sprach, so war es mir doch auffallend, dass er von dem, worin der Grund aller meiner Handlungen lag, offenbar keinen Begriff hatte.

So geheim er ubrigens war, entdeckte sich doch der Endzweck seines ungewohnlichen Aufenthalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie man endlich bemerken konnte, sich unter uns die jungste Schwester ausersehen, um sie nach seinem Sinne zu verheiraten und glucklich zu machen; und gewiss, sie konnte nach ihren korperlichen und geistigen Gaben, besonders wenn sich ein ansehnliches Vermogen noch mit auf die Schale legte, auf die ersten Partien Anspruch machen. Seine Gesinnungen gegen mich gab er gleichfalls pantomimisch zu erkennen, indem er mir den Platz einer Stiftsdame verschaffte, wovon ich sehr bald auch die Einkunfte zog.

Meine Schwester war mit seiner Fursorge nicht so zufrieden und nicht so dankbar wie ich. Sie entdeckte mir eine Herzensangelegenheit, die sie bisher sehr weislich verborgen hatte; denn sie furchtete wohl, was auch wirklich geschah, dass ich ihr auf alle mogliche Weise die Verbindung mit einem Manne, der ihr nicht hatte gefallen sollen, widerraten wurde. Ich tat mein moglichstes, und es gelang mir. Die Absichten des Oheims waren zu ernsthaft und zu deutlich, und die Aussicht fur meine Schwester bei ihrem Weltsinne zu reizend, als dass sie nicht eine Neigung, die ihr Verstand selbst missbilligte, aufzugeben Kraft hatte haben sollen.

Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims nicht mehr wie bisher auswich, so war der Grund zu seinem Plane bald gelegt. Sie ward Hofdame an einem benachbarten Hofe, wo er sie einer Freundin, die als Oberhofmeisterin in grossem Ansehn stand, zur Aufsicht und Ausbildung ubergeben konnte. Ich begleitete sie zu dem Ort ihres neuen Aufenthaltes. Wir konnten beide mit der Aufnahme, die wir erfuhren, sehr zufrieden sein, und manchmal musste ich uber die Person, die ich nun als Stiftsdame, als junge und fromme Stiftsdame, in der Welt spielte, heimlich lacheln.

In fruhern Zeiten wurde ein solches Verhaltnis mich sehr verwirrt, ja mir vielleicht den Kopf verruckt haben; nun aber war ich bei allem, was mich umgab, sehr gelassen. Ich liess mich in grosser Stille ein paar Stunden frisieren, putzte mich und dachte nichts dabei, als dass ich in meinem Verhaltnisse diese Galalivree anzuziehen schuldig sei. In den angefullten Salen sprach ich mit allen und jeden, ohne dass mir irgendeine Gestalt oder ein Wesen einen starken Eindruck zuruckgelassen hatte. Wenn ich wieder nach Hause kam, waren mude Beine meist alles Gefuhl, was ich mit zuruckbrachte. Meinem Verstande nutzten die vielen Menschen, die ich sah; und als Muster aller menschlichen Tugenden, eines guten und edlen Betragens lernte ich einige Frauen, besonders die Oberhofmeisterin, kennen, unter der meine Schwester sich zu bilden das Gluck hatte.

Doch fuhlte ich bei meiner Ruckkunft nicht so gluckliche korperliche Folgen von dieser Reise. Bei der grossten Enthaltsamkeit und der genauesten Diat war ich doch nicht wie sonst Herr von meiner Zeit und meinen Kraften. Nahrung, Bewegung, Aufstehn und Schlafengehn, Ankleiden und Ausfahren hing nicht, wie zu Hause, von meinem Willen und meinem Empfinden ab. Im Laufe des geselligen Kreises darf man nicht stocken, ohne unhoflich zu sein, und alles, was notig war, leistete ich gern, weil ich es fur Pflicht hielt, weil ich wusste, dass es bald vorubergehen wurde, und weil ich mich gesunder als jemals fuhlte. Dessenungeachtet musste dieses fremde, unruhige Leben auf mich starker, als ich fuhlte, gewirkt haben. Denn kaum war ich zu Hause angekommen und hatte meine Eltern mit einer befriedigenden Erzahlung erfreut, so uberfiel mich ein Blutsturz, der, ob er gleich nicht gefahrlich war und schnell voruberging, doch lange Zeit eine merkliche Schwachheit hinterliess.

Hier hatte ich nun wieder eine neue Lektion aufzusagen. Ich tat es freudig. Nichts fesselte mich an die Welt, und ich war uberzeugt, dass ich hier das Rechte niemals finden wurde, und so war ich in dem heitersten und ruhigsten Zustande und ward, indem ich Verzicht aufs Leben getan hatte, beim Leben erhalten.

Eine neue Prufung hatte ich auszustehen, da meine Mutter mit einer druckenden Beschwerde uberfallen wurde, die sie noch funf Jahre trug, ehe sie die Schuld der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche Ubung. Oft wenn ihr die Bangigkeit zu stark wurde, liess sie uns des Nachts alle vor ihr Bette rufen, um wenigstens durch unsre Gegenwart zerstreut, wo nicht gebessert zu werden. Schwerer, ja kaum zu tragen war der Druck, als mein Vater auch elend zu werden anfing. Von Jugend auf hatte er ofters heftige Kopfschmerzen, die aber aufs langste nur sechsunddreissig Stunden anhielten. Nun aber wurden sie bleibend, und wenn sie auf einen hohen Grad stiegen, so zerriss der Jammer mir das Herz. Bei diesen Sturmen fuhlte ich meine korperliche Schwache am meisten, weil sie mich hinderte, meine heiligsten, liebsten Pflichten zu erfullen, oder mir doch ihre Ausubung ausserst beschwerlich machte.

Nun konnte ich mich prufen, ob auf dem Wege, den ich eingeschlagen, Wahrheit oder Phantasie sei, ob ich vielleicht nur nach andern gedacht, oder ob der Gegenstand meines Glaubens eine Realitat habe, und zu meiner grossten Unterstutzung fand ich immer das letztere. Die gerade Richtung meines Herzens zu Gott, den Umgang mit den "beloved ones" hatte ich gesucht und gefunden, und das war, was mir alles erleichterte. Wie der Wanderer in den Schatten, so eilte meine Seele nach diesem Schutzort, wenn mich alles von aussen druckte, und kam niemals leer zuruck.

In der neuern Zeit haben einige Verfechter der Religion, die mehr Eifer als Gefuhl fur dieselbe zu haben scheinen, ihre Mitglaubigen aufgefordert, Beispiele von wirklichen Gebetserhorungen bekannt zu machen, wahrscheinlich weil sie sich Brief und Siegel wunschten, um ihren Gegnern recht diplomatisch und juristisch zu Leibe zu gehen. Wie unbekannt muss ihnen das wahre Gefuhl sein, und wie wenig echte Erfahrungen mogen sie selbst gemacht haben!

Ich darf sagen, ich kam nie leer zuruck, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und darf ich nicht mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem kritischen Augenblicke fur mich war, so matt, so unbedeutend, unwahrscheinlich wurde die Erzahlung werden, wenn ich einzelne Falle anfuhren wollte. Wie glucklich war ich, dass tausend kleine Vorgange zusammen, so gewiss als das Atemholen Zeichen meines Lebens ist, mir bewiesen, dass ich nicht ohne Gott auf der Welt sei! Er war mir nahe, ich war vor ihm. Das ist's, was ich mit geflissentlicher Vermeidung aller theologischen Systemsprache mit grosster Wahrheit sagen kann.

Wie sehr wunschte ich, dass ich mich auch damals ganz ohne System befunden hatte; aber wer kommt fruh zu dem Glucke, sich seines eignen Selbsts, ohne fremde Formen, in reinem Zusammenhang bewusst zu sein? Mir war es Ernst mit meiner Seligkeit. Bescheiden vertraute ich fremdem Ansehn; ich ergab mich vollig dem Hallischen Bekehrungssystem, und mein ganzes Wesen wollte auf keine Wege hineinpassen.

Nach diesem Lehrplan muss die Veranderung des Herzens mit einem tiefen Schrecken uber die Sunde anfangen; das Herz muss in dieser Not bald mehr, bald weniger die verschuldete Strafe erkennen und den Vorschmack der Holle kosten, der die Lust der Sunde verbittert. Endlich muss man eine sehr merkliche Versicherung der Gnade fuhlen, die aber im Fortgange sich oft versteckt und mit Ernst wieder gesucht werden muss.

Das alles traf bei mir weder nahe noch ferne zu. Wenn ich Gott aufrichtig suchte, so liess er sich finden und hielt mir von vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah hintennach wohl ein, wo ich unwurdig gewesen, und wusste auch, wo ich es noch war; aber die Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen Augenblick ist mir eine Furcht vor der Holle angekommen, ja die Idee eines bosen Geistes und eines Straf- und Qualortes nach dem Tode konnte keinesweges in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen und der Liebe gegen den Unsichtbaren zugeschlossen war, schon so unglucklich, dass eine Holle und aussere Strafen mir eher fur sie eine Linderung zu versprechen, als eine Scharfung der Strafe zu drohen schienen. Ich durfte nur Menschen auf dieser Welt ansehen, die gehassigen Gefuhlen in ihrem Busen Raum geben, die sich gegen das Gute von irgendeiner Art verstocken und sich und andern das Schlechte aufdringen wollen, die lieber bei Tage die Augen zuschliessen, um nur behaupten zu konnen, die Sonne gebe keinen Schein von sich wie uber allen Ausdruck schienen mir diese Menschen elend! Wer hatte eine Holle schaffen konnen, um ihren Zustand zu verschlimmern!

Diese Gemutsbeschaffenheit blieb mir, einen Tag wie den andern, zehn Jahre lang. Sie erhielt sich durch viele Proben, auch am schmerzhaften Sterbebette meiner geliebten Mutter. Ich war offen genug, um bei dieser Gelegenheit meine heitere Gemutsverfassung frommen, aber ganz schulgerechten Leuten nicht zu verbergen, und ich musste daruber manchen freundschaftlichen Verweis erdulden. Man meinte mir eben zur rechten Zeit vorzustellen, welchen Ernst man anzuwenden hatte, um in gesunden Tagen einen guten Grund zu legen.

An Ernst wollte ich es auch nicht fehlen lassen. Ich liess mich fur den Augenblick uberzeugen und ware um mein Leben gern traurig und voll Schrecken gewesen. Wie verwundert war ich aber, da es ein fur allemal nicht moglich war! Wenn ich an Gott dachte, war ich heiter und vergnugt; auch bei meiner lieben Mutter schmerzensvollem Ende graute mir vor dem Tode nicht. Doch lernte ich vieles und ganz andere Sachen, als meine unberufenen Lehrmeister glaubten, in diesen grossen Stunden.

Nach und nach ward ich an den Einsichten so mancher hochberuhmten Leute zweifelhaft und bewahrte meine Gesinnungen in der Stille. Eine gewisse Freundin, der ich erst zu viel eingeraumt hatte, wollte sich immer in meine Angelegenheiten mengen; auch von dieser war ich genotigt mich loszumachen, und einst sagte ich ihr ganz entschieden, sie solle ohne Muhe bleiben, ich brauche ihren Rat nicht; ich kenne meinen Gott und wolle ihn ganz allein zum Fuhrer haben. Sie fand sich sehr beleidigt, und ich glaube, sie hat mir's nie ganz verziehen.

Dieser Entschluss, mich dem Rate und der Einwirkung meiner Freunde in geistlichen Sachen zu entziehen, hatte die Folge, dass ich auch in ausserlichen Verhaltnissen meinen eigenen Weg zu gehen Mut gewann. Ohne den Beistand meines treuen unsichtbaren Fuhrers hatte es mir ubel geraten konnen, und noch muss ich uber diese weise und gluckliche Leitung erstaunen. Niemand wusste eigentlich, worauf es bei mir ankam, und ich wusste es selbst nicht.

Das Ding, das noch nie erklarte bose Ding, das uns von dem Wesen trennt, dem wir das Leben verdanken, von dem Wesen, aus dem alles, was Leben genannt werden soll, sich unterhalten muss, das Ding, das man Sunde nennt, kannte ich noch gar nicht.

In dem Umgange mit dem unsichtbaren Freunde fuhlte ich den sussesten Genuss aller meiner Lebenskrafte. Das Verlangen, dieses Gluck immer zu geniessen, war so gross, dass ich gern unterliess, was diesen Umgang storte, und hierin war die Erfahrung mein bester Lehrmeister. Allein es ging mir wie Kranken, die keine Arznei haben und sich mit der Diat zu helfen suchen. Es tut etwas, aber nicht lange genug.

In der Einsamkeit konnte ich nicht immer bleiben, ob ich gleich in ihr das beste Mittel gegen die mir so eigene Zerstreuung der Gedanken fand. Kam ich nachher in Getummel, so machte es einen desto grossern Eindruck auf mich. Mein eigentlichster Vorteil bestand darin, dass die Liebe zur Stille herrschend war und ich mich am Ende immer dahin zuruckzog. Ich erkannte, wie in einer Art von Dammerung, mein Elend und meine Schwache, und ich suchte mir dadurch zu helfen, dass ich mich schonte, dass ich mich nicht aussetzte.

Sieben Jahre lang hatte ich meine diatetische Vorsicht ausgeubt. Ich hielt mich nicht fur schlimm und fand meinen Zustand wunschenswert. Ohne sonderbare Umstande und Verhaltnisse ware ich auf dieser Stufe stehengeblieben, und ich kam nur auf einem sonderbaren Wege weiter. Gegen den Rat aller meiner Freunde knupfte ich ein neues Verhaltnis an. Ihre Einwendungen machten mich anfangs stutzig. Sogleich wandte ich mich an meinen unsichtbaren Fuhrer, und da dieser es mir vergonnte, ging ich ohne Bedenken auf meinem Wege fort.

Ein Mann von Geist, Herz und Talenten hatte sich in der Nachbarschaft angekauft. Unter den Fremden, die ich kennen lernte, war auch er und seine Familie. Wir stimmten in unsern Sitten, Hausverfassungen und Gewohnheiten sehr uberein und konnten uns daher bald aneinander anschliessen.

Philo, so will ich ihn nennen, war schon in gewissen Jahren und meinem Vater, dessen Krafte abzunehmen anfingen, in gewissen Geschaften von der grossten Beihulfe. Er ward bald der innige Freund unsers Hauses, und da er, wie er sagte, an mir eine Person fand, die nicht das Ausschweifende und Leere der grossen Welt und nicht das Trockene und Angstliche der Stillen im Lande habe, so waren wir bald vertraute Freunde. Er war mir sehr angenehm und sehr brauchbar.

Ob ich gleich nicht die mindeste Anlage noch Neigung hatte, mich in weltliche Geschafte zu mischen und irgendeinen Einfluss zu suchen, so horte ich doch gerne davon und wusste gern, was in der Nahe und Ferne vorging. Von weltlichen Dingen liebte ich mir eine gefuhllose Deutlichkeit zu verschaffen; Empfindung, Innigkeit, Neigung bewahrte ich fur meinen Gott, fur die Meinigen und fur meine Freunde.

Diese letzten waren, wenn ich so sagen darf, auf meine neue Verbindung mit Philo eifersuchtig und hatten dabei von mehr als einer Seite recht, wenn sie mich hieruber warnten. Ich litt viel in der Stille, denn ich konnte selbst ihre Einwendungen nicht ganz fur leer oder eigennutzig halten. Ich war von jeher gewohnt, meine Einsichten unterzuordnen, und doch wollte diesmal meine Uberzeugung nicht nach. Ich flehte zu meinem Gott, auch hier mich zu warnen, zu hindern, zu leiten, und da mich hierauf mein Herz nicht abmahnte, so ging ich meinen Pfad getrost fort.

Philo hatte im ganzen eine entfernte Ahnlichkeit mit Narzissen; nur hatte eine fromme Erziehung sein Gefuhl mehr zusammengehalten und belebt. Er hatte weniger Eitelkeit, mehr Charakter, und wenn jener in weltlichen Geschaften fein, genau, anhaltend und unermudlich war, so war dieser klar, scharf, schnell und arbeitete mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Durch ihn erfuhr ich die innersten Verhaltnisse fast aller der vornehmen Personen, deren Ausseres ich in der Gesellschaft hatte kennen lernen, und ich war froh, von meiner Warte dem Getummel von weiten zuzusehen. Philo konnte mir nichts mehr verhehlen; er vertraute mir nach und nach seine aussern und innern Verbindungen. Ich furchtete fur ihn, denn ich sah gewisse Umstande und Verwickelungen voraus, und das Ubel kam schneller, als ich vermutet hatte; denn er hatte mit gewissen Bekenntnissen immer zuruckgehalten, und auch zuletzt entdeckte er mir nur so viel, dass ich das Schlimmste vermuten konnte.

Welche Wirkung hatte das auf mein Herz! Ich gelangte zu Erfahrungen, die mir ganz neu waren. Ich sah mit unbeschreiblicher Wehmut einen Agathon, der, in den Hainen von Delphi erzogen, das Lehrgeld noch schuldig war und es nun mit schweren ruckstandigen Zinsen abzahlte, und dieser Agathon war mein genau verbundener Freund. Meine Teilnahme war lebhaft und vollkommen; ich litt mit ihm, und wir befanden uns beide in dem sonderbarsten Zustande.

Nachdem ich mich lange mit seiner Gemutsverfassung beschaftigt hatte, wendete sich meine Betrachtung auf mich selbst. Der Gedanke "Du bist nicht besser als er" stieg wie eine kleine Wolke vor mir auf, breitete sich nach und nach aus und verfinsterte meine ganze Seele.

Nun dachte ich nicht mehr bloss: "Du bist nicht besser als er"; ich fuhlte es und fuhlte es so, dass ich es nicht noch einmal fuhlen mochte; und es war kein schneller Ubergang. Mehr als ein Jahr musste ich empfinden, dass, wenn mich eine unsichtbare Hand nicht umschrankt hatte, ich ein Girard, ein Cartouche, ein Damiens und welches Ungeheuer man nennen will, hatte werden konnen; die Anlage dazu fuhlte ich deutlich in meinem Herzen. Gott, welche Entdeckung!

Hatte ich nun bisher die Wirklichkeit der Sunde in mir durch die Erfahrung nicht einmal auf das leiseste gewahr werden konnen, so war mir jetzt die Moglichkeit derselben in der Ahnung aufs schrecklichste deutlich geworden, und doch kannte ich das Ubel nicht, ich furchtete es nur; ich fuhlte, dass ich schuldig sein konnte, und hatte mich nicht anzuklagen.

So tief ich uberzeugt war, dass eine solche Geistesbeschaffenheit, wofur ich die meinige anerkennen musste, sich nicht zu einer Vereinigung mit dem hochsten Wesen, die ich nach dem Tode hoffte, schicken konne, so wenig furchtete ich, in eine solche Trennung zu geraten. Bei allem Bosen, das ich in mir entdeckte, hatte ich Ihn lieb und hasste, was ich fuhlte, ja ich wunschte es noch ernstlicher zu hassen, und mein ganzer Wunsch war, von dieser Krankheit und dieser Anlage zur Krankheit erlost zu werden, und ich war gewiss, dass mir der grosse Arzt seine Hulfe nicht versagen wurde.

Die einzige Frage war: Was heilt diesen Schaden? Tugendubungen? An die konnte ich nicht einmal denken; denn zehn Jahre hatte ich schon mehr als nur blosse Tugend geubt, und die nun erkannten Greuel hatten dabei tief in meiner Seele verborgen gelegen. Hatten sie nicht auch wie bei David losbrechen konnen, als er Bathseba erblickte, und war er nicht auch ein Freund Gottes, und war ich nicht im Innersten uberzeugt, dass Gott mein Freund sei?

Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schwache der Menschheit sein? Mussen wir uns nun gefallen lassen, dass wir irgendeinmal die Herrschaft unsrer Neigung empfinden, und bleibt uns bei dem besten Willen nichts andres ubrig, als den Fall, den wir getan, zu verabscheuen und bei einer ahnlichen Gelegenheit wieder zu fallen?

Aus der Sittenlehre konnte ich keinen Trost schopfen. Weder ihre Strenge, wodurch sie unsre Neigung meistern will, noch ihre Gefalligkeit, mit der sie unsre Neigungen zu Tugenden machen mochte, konnte mir genugen. Die Grundbegriffe, die mir der Umgang mit dem unsichtbaren Freunde eingeflosst hatte, hatten fur mich schon einen viel entschiedenern Wert.

Indem ich einst die Lieder studierte, welche David nach jener hasslichen Katastrophe gedichtet hatte, war mir sehr auffallend, dass er das in ihm wohnende Bose schon in dem Stoff, woraus er geworden war, erblickte, dass er aber entsundigt sein wollte, und dass er auf das dringendste um ein reines Herz flehte.

Wie nun aber dazu zu gelangen? Die Antwort aus den symbolischen Buchern wusste ich wohl: es war mir auch eine Bibelwahrheit, dass das Blut Jesu Christi uns von allen Sunden reinige. Nun aber bemerkte ich erst, dass ich diesen so oft wiederholten Spruch noch nie verstanden hatte. Die Fragen: Was heisst das? Wie soll das zugehen? arbeiteten Tag und Nacht in mir sich durch. Endlich glaubte ich bei einem Schimmer zu sehen, dass das, was ich suchte, in der Menschwerdung des ewigen Worts, durch das alles und auch wir erschaffen sind, zu suchen sei. Dass der Uranfangliche sich in die Tiefen, in denen wir stekken, die er durchschaut und umfasst, einstmals als Bewohner begeben habe, durch unser Verhaltnis von Stufe zu Stufe, von der Empfangnis und Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen sei, dass er durch diesen sonderbaren Umweg wieder zu den lichten Hohen aufgestiegen, wo wir auch wohnen sollten, um glucklich zu sein: das ward mir wie in einer dammernden Ferne offenbart.

O, warum mussen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauchen, die nur aussere Zustande anzeigen! Wo ist vor ihm etwas Hohes oder Tiefes, etwas Dunkles oder Helles? Wir nur haben ein Oben und Unten, einen Tag und eine Nacht. Und eben darum ist er uns ahnlich geworden, weil wir sonst keinen Teil an ihm haben konnten.

Wie konnen wir aber an dieser unschatzbaren Wohltat teilnehmen? "Durch den Glauben"; antwortet uns die Schrift. Was ist denn Glauben?! Die Erzahlung einer Begebenheit fur wahr halten, was kann mir das helfen? Ich muss mir ihre Wirkungen, ihre Folgen zueignen konnen. Dieser zu eignende Glaube muss ein eigener, dem naturlichen Menschen ungewohnlicher Zustand des Gemuts sein.

"Nun, Allmachtiger! so schenke mir Glauben!" flehte ich einst in dem grossten Druck des Herzens. Ich lehnte mich auf einen kleinen Tisch, an dem ich sass, und verbarg mein betrantes Gesicht in meinen Handen. Hier war ich in der Lage, in der man sein muss, wenn Gott auf unser Gebet achten soll, und in der man selten ist.

Ja, wer nur schildern konnte, was ich da fuhlte! Ein Zug brachte meine Seele nach dem Kreuze hin, an dem Jesus einst erblasste; ein Zug war es, ich kann es nicht anders nennen, demjenigen vollig gleich, wodurch unsre Seele zu einem abwesenden Geliebten gefuhrt wird, ein Zunahen, das vermutlich viel wesentlicher und wahrhafter ist, als wir vermuten. So nahte meine Seele dem Menschgewordnen und am Kreuz Gestorbenen, und in dem Augenblicke wusste ich, was Glauben war.

Das ist Glauben! sagte ich und sprang wie halb erschreckt in die Hohe. Ich suchte nun meiner Empfindung, meines Anschauens gewiss zu werden, und in kurzem war ich uberzeugt, dass mein Geist eine Fahigkeit sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm ganz neu war.

Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne Phantasie, ohne Bild, und gaben doch eben die Gewissheit eines Gegenstandes, auf den sie sich bezogen, als die Einbildungskraft, indem sie uns die Zuge eines abwesenden Geliebten vormalt.

Als das erste Entzucken voruber war, bemerkte ich, dass mir dieser Zustand der Seele schon vorher bekannt gewesen; allein ich hatte ihn nie in dieser Starke empfunden. Ich hatte ihn niemals festhalten, nie zu eigen behalten konnen. Ich glaube uberhaupt, dass jede Menschenseele ein und das andere Mal davon etwas empfunden hat. Ohne Zweifel ist er das, was einem jeden lehrt, dass ein Gott ist.

Mit dieser mich ehemals von Zeit zu Zeit nur anwandelnden Kraft war ich bisher sehr zufrieden gewesen, und ware mir nicht durch sonderbare Schickung seit Jahr und Tag die unerwartete Plage widerfahren, ware nicht dabei mein Konnen und Vermogen bei mir selbst ausser allen Kredit gekommen, so ware ich vielleicht mit jenem Zustande immer zufrieden geblieben.

Nun hatte ich aber seit jenem grossen Augenblicke Flugel bekommen. Ich konnte mich uber das, was mich vorher bedrohete, aufschwingen, wie ein Vogel singend uber den schnellsten Strom ohne Muhe fliegt, vor welchem das Hundchen angstlich bellend stehenbleibt.

Meine Freude war unbeschreiblich, und ob ich gleich niemand etwas davon entdeckte, so merkten doch die Meinigen eine ungewohnliche Heiterkeit an mir, ohne begreifen zu konnen, was die Ursache meines Vergnugens ware. Hatte ich doch immer geschwiegen und die reine Stimmung in meiner Seele zu erhalten gesucht! Hatte ich mich doch nicht durch Umstande verleiten lassen, mit meinem Geheimnisse hervorzutreten! dann hatte ich mir abermals einen grossen Umweg ersparen konnen.

Da in meinem vorhergehenden zehnjahrigen Christenlauf diese notwendige Kraft nicht in meiner Seele war, so hatte ich mich in dem Fall anderer redlichen Leute auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, dass ich die Phantasie immer mit Bildern erfullte, die einen Bezug auf Gott hatten, und auch dieses ist schon wahrhaft nutzlich, denn schadliche Bilder und ihre bosen Folgen werden dadurch abgehalten. Sodann ergreift unsre Seele oft ein und das andere von den geistigen Bildern und schwingt sich ein wenig damit in die Hohe, wie ein junger Vogel von einem Zweige auf den andern flattert. Solange man nichts Besseres hat, ist doch diese Ubung nicht ganz zu verwerfen.

Auf Gott zielende Bilder und Eindrucke verschaffen uns kirchliche Anstalten, Glocken, Orgeln und Gesange und besonders die Vortrage unsrer Lehrer. Auf sie war ich ganz unsaglich begierig; keine Witterung, keine korperliche Schwache hielt mich ab, die Kirchen zu besuchen, und nur das sonntagige Gelaute konnte mir auf meinem Krankenlager einige Ungeduld verursachen. Unsern Oberhofprediger, der ein trefflicher Mann war, horte ich mit grosser Neigung auch seine Kollegen waren mir wert, und ich wusste die goldnen Apfel des gottlichen Wortes auch aus irdenen Schalen unter gemeinem Obste herauszufinden. Den offentlichen Ubungen wurden alle moglichen Privaterbauungen, wie man sie nennt, hinzugefugt, und auch dadurch nur Phantasie und feinere Sinnlichkeit genahrt. Ich war so an diesen Gang gewohnt, ich respektierte ihn so sehr, dass mir auch jetzt nichts Hoheres einfiel. Denn meine Seele hat nur Fuhlhorner und keine Augen; sie tastet nur und sieht nicht; ach! dass sie Augen bekame und schauen durfte!

Auch jetzt ging ich voll Verlangen in die Predigten; aber ach, wie geschah mir! Ich fand das nicht mehr, was ich sonst gefunden. Diese Prediger stumpften sich die Zahne an den Schalen ab, indessen ich den Kern genoss. Ich musste ihrer nun bald mude werden; aber mich an den allein zu halten, den ich doch zu finden wusste, dazu war ich zu verwohnt. Bilder wollte ich haben, aussere Eindrucke bedurfte ich, und glaubte ein reines, geistiges Bedurfnis zu fuhlen.

Philos Eltern hatten mit der herrnhutischen Gemeinde in Verbindung gestanden; in seiner Bibliothek fanden sich noch viele Schriften des Grafen. Er hatte mir einigemal sehr klar und billig daruber gesprochen und mich ersucht, einige dieser Schriften durchzublattern, und ware es auch nur, um ein psychologisches Phanomen kennen zu lernen. Ich hielt den Grafen fur einen gar zu argen Ketzer; so liess ich auch das Ebersdorfer Gesangbuch bei mir liegen, das mir der Freund in ahnlicher Absicht gleichsam aufgedrungen hatte.

In dem volligen Mangel aller ausseren Ermunterungsmittel ergriff ich wie von ungefahr das gedachte Gesangbuch und fand zu meinem Erstaunen wirklich Lieder darin, die freilich unter sehr seltsamen Formen, auf dasjenige zu deuten schienen, was ich fuhlte, die Originalitat und Naivetat der Ausdrucke zog mich an. Eigene Empfindungen schienen auf eine eigene Weise ausgedruckt; keine Schulterminologie erinnerte an etwas Steifes oder Gemeines. Ich ward uberzeugt, die Leute fuhlten, was ich fuhlte, und ich fand mich nun sehr glucklich, ein solches Verschen ins Gedachtnis zu fassen und mich einige Tage damit zu tragen.

Seit jenem Augenblick, in welchem mir das Wahre geschenkt worden war, verflossen auf diese Weise ungefahr drei Monate. Endlich fasste ich den Entschluss, meinem Freunde Philo alles zu entdecken und ihn um die Mitteilung jener Schriften zu bitten, auf die ich nun uber die Massen neugierig geworden war. Ich tat es auch wirklich, ungeachtet mir ein Etwas im Herzen ernstlich davon abriet.

Ich erzahlte Philo die ganze Geschichte umstandlich, und da er selbst darin eine Hauptperson war, da meine Erzahlung auch fur ihn die strengste Busspredigt enthielt, war er ausserst betroffen und geruhrt. Er zerfloss in Tranen. Ich freute mich und glaubte, auch bei ihm sei eine vollige Sinnesanderung bewirkt worden.

Er versorgte mich mit allen Schriften, die ich nur verlangte, und nun hatte ich uberflussige Nahrung fur meine Einbildungskraft. Ich machte grosse Fortschritte in der Zinzendorfischen Art, zu denken und zu sprechen. Man glaube nicht, dass ich die Art und Weise des Grafen nicht auch gegenwartig zu schatzen wisse; ich lasse ihm gern Gerechtigkeit widerfahren: er ist kein leerer Phantast; er spricht von grossen Wahrheiten meist in einem kuhnen Fluge der Einbildungskraft, und die ihn geschmaht haben, wussten seine Eigenschaften weder zu schatzen noch zu unterscheiden.

Ich gewann ihn unbeschreiblich lieb. Ware ich mein eigner Herr gewesen, so hatte ich gewiss Vaterland und Freunde verlassen, ware zu ihm gezogen; unfehlbar hatten wir uns verstanden, und schwerlich hatten wir uns lange vertragen.

Dank sei meinem Genius, der mich damals in meiner hauslichen Verfassung so eingeschrankt hielt! Es war schon eine grosse Reise, wenn ich nur in den Hausgarten gehen konnte. Die Pflege meines alten und schwachlichen Vaters machte mir Arbeit genug, und in den Ergotzungsstunden war die edle Phantasie mein Zeitvertreib. Der einzige Mensch, den ich sah, war Philo, den mein Vater sehr liebte, dessen offnes Verhaltnis zu mir aber durch die letzte Erklarung einigermassen gelitten hatte. Bei ihm war die Ruhrung nicht tief gedrungen, und da ihm einige Versuche, in meiner Sprache zu reden, nicht gelungen waren, so vermied er diese Materie um so leichter, als er durch seine ausgebreiteten Kenntnisse immer neue Gegenstande des Gesprachs herbeizufuhren wusste.

Ich war also eine herrnhutische Schwester auf meine eigene Hand und hatte diese neue Wendung meines Gemuts und meiner Neigungen besonders vor dem Oberhofprediger zu verbergen, den ich als meinen Beichtvater zu schatzen sehr Ursache hatte, und dessen grosse Verdienste auch gegenwartig durch seine ausserste Abneigung gegen die herrnhutische Gemeinde in meinen Augen nicht geschmalert wurden. Leider sollte dieser wurdige Mann an mir und andern viele Betrubnis erleben!

Er hatte vor mehreren Jahren auswarts einen Kavalier als einen redlichen frommen Mann kennen lernen und war mit ihm, als einem, der Gott ernstlich suchte, in einem ununterbrochenen Briefwechsel geblieben. Wie schmerzhaft war es daher fur seinen geistlichen Fuhrer, als dieser Kavalier sich in der Folge mit der herrnhutischen Gemeinde einliess und sich lange unter den Brudern aufhielt! wie angenehm dagegen, als sein Freund sich mit den Brudern wieder entzweite, in seiner Nahe zu wohnen sich entschloss und sich seiner Leitung aufs neue vollig zu uberlassen schien!

Nun wurde der Neuangekommene gleichsam im Triumph allen besonders geliebten Schafchen des Oberhirten vorgestellt. Nur in unser Haus ward er nicht eingefuhrt, weil mein Vater niemand mehr zu sehen pflegte. Der Kavalier fand grosse Approbation; er hatte das Gesittete des Hofs und das Einnehmende der Gemeinde, dabei viel schone naturliche Eigenschaften, und ward bald der grosse Heilige fur alle, die ihn kennen lernten, woruber sich sein geistlicher Gonner ausserst freute. Leider war jener nur uber aussere Umstande mit der Gemeinde brouilliert und im Herzen noch ganz Herrnhuter. Er hing zwar wirklich an der Realitat der Sache; allein auch ihm war das Tandelwerk, das der Graf darum gehangt hatte, hochst angemessen. Er war an jene Vorstellungs- und Redensarten nun einmal gewohnt, und wenn er sich nunmehr vor seinem alten Freunde sorgfaltig verbergen musste, so war es ihm desto notwendiger, sobald er ein Haufchen vertrauter Personen um sich erblickte, mit seinen Verschen, Litaneien und Bilderchen hervorzurucken, und er fand, wie man denken kann, grossen Beifall.

Ich wusste von der ganzen Sache nichts und tandelte auf meine eigene Art fort. Lange Zeit blieben wir uns unbekannt.

Einst besuchte ich in einer freien Stunde eine kranke Freundin. Ich traf mehrere Bekannte dort an und merkte bald, dass ich sie in einer Unterredung gestort hatte. Ich liess mir nichts merken, erblickte aber zu meiner grossen Verwunderung an der Wand einige herrnhutische Bilder in zierlichen Rahmen. Ich fasste geschwinde, was in der Zeit, da ich nicht im Hause gewesen, vorgegangen sein mochte, und bewillkommte diese neue Erscheinung mit einigen angemessenen Versen.

Man denke sich das Erstaunen meiner Freundinnen. Wir erklarten uns und waren auf der Stelle einig und vertraut.

Ich suchte nun ofter Gelegenheit auszugehn. Leider fand ich sie nur alle drei bis vier Wochen, ward mit dem adeligen Apostel und nach und nach mit der ganzen heimlichen Gemeinde bekannt. Ich besuchte, wenn ich konnte, ihre Versammlungen, und bei meinem geselligen Sinn war es mir unendlich angenehm, das von andern zu vernehmen und andern mitzuteilen, was ich nur bisher in und mit mir selbst ausgearbeitet hatte.

Ich war nicht so eingenommen, dass ich nicht bemerkt hatte, wie nur wenige den Sinn der zarten Worte und Ausdrucke fuhlten, und wie sie dadurch auch nicht mehr als ehemals durch die kirchlich symbolische Sprache gefordert waren. Dessenungeachtet ging ich mit ihnen fort und liess mich nicht irremachen. Ich dachte, dass ich nicht zur Untersuchung und Herzensprufung berufen sei. War ich doch auch durch manche unschuldige Ubung zum Bessern vorbereitet worden. Ich nahm meinen Teil hinweg, drang, wo ich zur Rede kam, auf den Sinn, der bei so zarten Gegenstanden eher durch Worte versteckt als angedeutet wird, und liess ubrigens mit stiller Vertraglichkeit einen jeden nach seiner Art gewahren.

Auf diese ruhigen Zeiten des heimlichen gesellschaftlichen Genusses folgten bald die Sturme offentlicher Streitigkeiten und Widerwartigkeiten, die am Hofe und in der Stadt grosse Bewegungen erregten und, ich mochte beinahe sagen, manches Skandal verursachten. Der Zeitpunkt war gekommen, in welchem unser Oberhofprediger, dieser grosse Widersacher der herrnhutischen Gemeinde, zu seiner gesegneten Demutigung entdecken sollte, dass seine besten und sonst anhanglichsten Zuhorer sich samtlich auf die Seite der Gemeinde neigten. Er war ausserst gekrankt, vergass im ersten Augenblicke alle Massigung und konnte in der Folge sich nicht, selbst wenn er gewollt hatte, zuruckziehn. Es gab heftige Debatten, bei denen ich glucklicherweise nicht genannt wurde, da ich nur ein zufalliges Mitglied der so sehr verhassten Zusammenkunfte war, und unser eifriger Fuhrer meinen Vater und meinen Freund in burgerlichen Angelegenheiten nicht entbehren konnte. Ich erhielt meine Neutralitat mit stiller Zufriedenheit; denn mich von solchen Empfindungen und Gegenstanden selbst mit wohlwollenden Menschen zu unterhalten, war mir schon verdriesslich, wenn sie den tiefsten Sinn nicht fassen konnten und nur auf der Oberflache verweilten. Nun aber gar uber das mit Widersachern zu streiten, woruber man sich kaum mit Freunden verstand, schien mir unnutz, ja verderblich. Denn bald konnte ich bemerken, dass liebevolle, edle Menschen, die in diesem Falle ihr Herz von Widerwillen und Hass nicht rein halten konnten, gar bald zur Ungerechtigkeit ubergingen und, um eine aussere Form zu verteidigen, ihr bestes Innerste beinahe zerstorten.

So sehr auch der wurdige Mann in diesem Fall unrecht haben machte, und so sehr man mich auch gegen ihn aufzubringen suchte, konnte ich ihm doch niemals eine herzliche Achtung versagen. Ich kannte ihn genau; ich konnte mich in seine Art, diese Sachen anzusehen, mit Billigkeit versetzen. Ich hatte niemals einen Menschen ohne Schwache gesehen, nur ist sie auffallender bei vorzuglichen Menschen. Wir wunschen und wollen nun ein fur allemal, dass die, die so sehr privilegiert sind, auch gar keinen Tribut, keine Abgaben zahlen sollen. Ich ehrte ihn als einen vorzuglichen Mann und hoffte den Einfluss meiner stillen Neutralitat, wo nicht zu einem Frieden, doch zu einem Waffenstillstand zu nutzen. Ich weiss nicht, was ich bewirkt hatte; Gott fasste die Sache kurzer und nahm ihn zu sich. Bei seiner Bahre weinten alle, die noch kurz vorher um Worte mit ihm gestritten hatten. Seine Rechtschaffenheit, seine Gottesfurcht hatte niemals jemand bezweifelt.

Auch ich musste um diese Zeit das Puppenwerk aus den Handen legen, das mir durch diese Streitigkeiten gewissermassen in einem andern Lichte erschienen war. Der Oheim hatte seine Plane auf meine Schwester in der Stille durchgefuhrt. Er stellte ihr einen jungen Mann von Stande und Vermogen als ihren Brautigam vor und zeigte sich in einer reichlichen Aussteuer, wie man es von ihm erwarten konnte. Mein Vater willigte mit Freuden ein; die Schwester war frei und vorbereitet und veranderte gerne ihren Stand. Die Hochzeit wurde auf des Oheims Schloss ausgerichtet, Familie und Freunde waren eingeladen, und wir kamen alle mit heiterm Geiste.

Zum erstenmal in meinem Leben erregte mir der Eintritt in ein Haus Bewunderung. Ich hatte wohl oft von des Oheims Geschmack, von seinem italienischen Baumeister, von seinen Sammlungen und seiner Bibliothek reden horen; ich verglich aber das alles mit dem, was ich schon gesehen hatte, und machte mir ein sehr buntes Bild davon in Gedanken. Wie verwundert war ich daher uber den ernsten und harmonischen Eindruck, den ich beim Eintritt in das Haus empfand, und der sich in jedem Saal und Zimmer verstarkte! Hatte Pracht und Zierat mich sonst nur zerstreut, so fuhlte ich mich hier gesammelt und auf mich selbst zuruckgefuhrt. Auch in allen Anstalten zu Feierlichkeiten und Festen erregten Pracht und Wurde ein stilles Gefallen, und es war mir ebenso unbegreiflich, dass ein Mensch das alles hatte erfinden und anordnen konnen, als dass mehrere sich vereinigen konnten, um in einem so grossen Sinne zusammenzuwirken. Und bei dem allen schienen der Wirt und die Seinigen so naturlich; es war keine Spur von Steifheit noch von leerem Zeremoniell zu bemerken.

Die Trauung selbst ward unvermutet auf eine herzliche Art eingeleitet; eine vortreffliche Vokalmusik uberraschte uns, und der Geistliche wusste dieser Zeremonie alle Feierlichkeit der Wahrheit zu geben. Ich stand neben Philo, und statt mir Gluck zu wunschen, sagte er mit einem tiefen Seufzer: "Als ich die Schwester sah die Hand hingeben, war mir's, als ob man mich mit siedheissem Wasser begossen hatte." "Warum?" fragte ich. "Es ist mir allezeit so, wenn ich eine Kopulation ansehe", versetzte er. Ich lachte uber ihn und habe nachher oft genug an seine Worte zu denken gehabt.

Die Heiterkeit der Gesellschaft, worunter viel junge Leute waren, schien noch einmal so glanzend, indem alles, was uns umgab, wurdig und ernsthaft war. Aller Hausrat, Tafelzeug, Service und Tischaufsatze stimmten zu dem Ganzen, und wenn mir sonst die Baumeister mit den Konditoren aus einer Schule entsprungen zu sein schienen, so war hier Konditor und Tafeldekker bei dem Architekten in die Schule gegangen.

Da man mehrere Tage zusammenblieb, hatte der geistreiche und verstandige Wirt fur die Unterhaltung der Gesellschaft auf das mannigfaltigste gesorgt. Ich wiederholte hier nicht die traurige Erfahrung, die ich so oft in meinem Leben gehabt hatte, wie ubel eine grosse gemischte Gesellschaft sich befinde, die, sich selbst uberlassen, zu den allgemeinsten und schalsten Zeitvertreiben greifen muss, damit ja eher die guten als die schlechten Subjekte Mangel der Unterhaltung fuhlen.

Ganz anders hatte es der Oheim veranstaltet. Er hatte zwei bis drei Marschalle, wenn ich sie so nennen darf, bestellt; der eine hatte fur die Freuden der jungen Welt zu sorgen: Tanze, Spazierfahrten, kleine Spiele waren von seiner Erfindung und standen unter seiner Direktion, und da junge Leute gern im Freien leben und die Einflusse der Luft nicht scheuen, so war ihnen der Garten und der grosse Gartensaal ubergeben, an den zu diesem Endzwecke noch einige Galerien und Pavillons angebauet waren, zwar nur von Brettern und Leinwand, aber in so edlen Verhaltnissen, dass man nur an Stein und Marmor dabei erinnert ward.

Wie selten ist eine Fete, wobei derjenige, der die Gaste zusammenberuft, auch die Schuldigkeit empfindet, fur ihre Bedurfnisse und Bequemlichkeiten auf alle Weise zu sorgen!

Jagd und Spielpartien, kurze Promenaden, Gelegenheiten zu vertraulichen einsamen Gesprachen waren fur die altern Personen bereitet, und derjenige, der am fruhsten zu Bette ging, war auch gewiss am weitesten von allem Larm einquartiert.

Durch diese gute Ordnung schien der Raum, in dem wir uns befanden, eine kleine Welt zu sein, und doch, wenn man es bei nahem betrachtete, war das Schloss nicht gross, und man wurde ohne genaue Kenntnis desselben und ohne den Geist des Wirtes wohl schwerlich so viele Leute darin beherbergt und jeden nach seiner Art bewirtet haben.

So angenehm uns der Anblick eines wohlgestalteten Menschen ist, so angenehm ist uns eine ganze Einrichtung, aus der uns die Gegenwart eines verstandigen, vernunftigen Wesens fuhlbar wird. Schon in ein reinliches Haus zu kommen, ist eine Freude, wenn es auch sonst geschmacklos gebauet und verziert ist; denn es zeigt uns die Gegenwart wenigstens von einer Seite gebildeter Menschen. Wie doppelt angenehm ist es uns also, wenn aus einer menschlichen Wohnung uns der Geist einer hohern, obgleich auch nur sinnlichen Kultur entgegenspricht.

Mit vieler Lebhaftigkeit ward mir dieses auf dem Schlosse meines Oheims anschaulich. Ich hatte vieles von Kunst gehort und gelesen; Philo selbst war ein grosser Liebhaber von Gemalden und hatte eine schone Sammlung; auch ich selbst hatte viel gezeichnet; aber teils war ich zu sehr mit meinen Empfindungen beschaftigt und trachtete nur das eine, was not ist, erst recht ins reine zu bringen, teils schienen doch alle die Sachen, die ich gesehen hatte, mich wie die ubrigen weltlichen Dinge zu zerstreuen. Nun war ich zum erstenmal durch etwas Ausserliches auf mich selbst zuruckgefuhrt, und ich lernte den Unterschied zwischen dem naturlichen vortrefflichen Gesang der Nachtigall und einem vierstimmigen Halleluja aus gefuhlvollen Menschenkehlen zu meiner grossten Verwunderung erst kennen.

Ich verbarg meine Freude uber diese neue Anschauung meinem Oheim nicht, der, wenn alles andere in sein Teil gegangen war, sich mit mir besonders zu unterhalten pflegte. Er sprach mit grosser Bescheidenheit von dem, was er besass und hervorgebracht hatte, mit grosser Sicherheit von dem Sinne, in dem es gesammelt und aufgestellt worden war, und ich konnte wohl merken, dass er mit Schonung fur mich redete, indem er nach seiner alten Art das Gute, wovon er Herr und Meister zu sein glaubte, demjenigen unterzuordnen schien, was nach seiner Uberzeugung das Rechte und Beste war.

"Wenn wir uns", sagte er einmal, "als moglich denken konnen, dass der Schopfer der Welt selbst die Gestalt seiner Kreatur angenommen und auf ihre Art und Weise sich eine Zeitlang auf der Welt befunden habe, so muss uns dieses Geschopf schon unendlich vollkommen erscheinen, weil sich der Schopfer so innig damit vereinigen konnte. Es muss also in dem Begriff des Menschen kein Widerspruch mit dem Begriff der Gottheit liegen, und wenn wir auch oft eine gewisse Unahnlichkeit und Entfernung von ihr empfinden, so ist es doch um desto mehr unsre Schuldigkeit, nicht immer wie der Advokat des bosen Geistes nur auf die Blossen und Schwachen unserer Natur zu sehen, sondern eher alle Vollkommenheiten aufzusuchen, wodurch wir die Anspruche unsrer Gottahnlichkeit bestatigen konnen."

Ich lachelte und versetzte: "Beschamen Sie mich nicht zu sehr, lieber Oheim, durch die Gefalligkeit, in meiner Sprache zu reden! Das, was Sie mir zu sagen haben, ist fur mich von so grosser Wichtigkeit, dass ich es in Ihrer eigensten Sprache zu horen wunschte, und ich will alsdann, was ich mir davon nicht ganz zueignen kann, schon zu ubersetzen suchen."

"Ich werde", sagte er darauf, "auch auf meine eigenste Weise ohne Veranderung des Tons fortfahren konnen. Des Menschen grosstes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstande soviel als moglich bestimmt und sich so wenig als moglich von ihnen bestimmen lasst. Das ganze Weltwesen liegt vor uns wie ein grosser Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufalligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der grossten Okonomie, Zweckmassigkeit und Festigkeit zusammenstellt. Alles ausser uns ist nur Element, ja, ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in uns liegt diese schopferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen und rasten lasst, bis wir es ausser uns oder an uns auf eine oder die andere Weise dargestellt haben. Sie, liebe Nichte, haben vielleicht das beste Teil erwahlt; Sie haben Ihr sittliches Wesen, Ihre tiefe, liebevolle Natur mit sich selbst und mit dem hochsten Wesen ubereinstimmend zu machen gesucht, indes wir andern wohl auch nicht zu tadeln sind, wenn wir den sinnlichen Menschen in seinem Umfange zu kennen und tatig in Einheit zu bringen suchen."

Durch solche Gesprache wurden wir nach und nach vertrauter, und ich erlangte von ihm, dass er mit mir ohne Kondeszendenz wie mit sich selbst sprach. "Glauben Sie nicht", sagte der Oheim zu mir, "dass ich Ihnen schmeichle, wenn ich Ihre Art zu denken und zu handeln lobe. Ich verehre den Menschen, der deutlich weiss, was er will, unablassig vorschreitet, die Mittel zu seinem Zwecke kennt und sie zu ergreifen und zu brauchen weiss; inwiefern sein Zweck gross oder klein sei, Lob oder Tadel verdiene, das kommt bei mir erst nachher in Betrachtung. Glauben Sie mir, meine Liebe, der grosste Teil des Unheils und dessen, was man bos in der Welt nennt, ensteht bloss, weil die Menschen zu nachlassig sind, ihre Zwecke recht kennen zu lernen und, wenn sie solche kennen, ernsthaft darauf loszuarbeiten. Sie kommen mir vor wie Leute, die den Begriff haben, es konne und musse ein Turm gebauet werden, und die doch an den Grund nicht mehr Steine und Arbeit verwenden, als man allenfalls einer Hutte unterschluge. Hatten Sie, meine Freundin, deren hochstes Bedurfnis war, mit Ihrer innern sittlichen Natur ins reine zu kommen, anstatt der grossen und kuhnen Aufopferungen, sich zwischen Ihrer Familie, einem Brautigam, vielleicht einem Gemahl nur so hin beholfen, Sie wurden, in einem ewigen Widerspruch mit sich selbst, niemals einen zufriedenen Augenblick genossen haben."

"Sie brauchen," versetzte ich hier, "das Wort Aufopferung, und ich habe manchmal gedacht, wie wir einer hohern Absicht, gleichsam wie einer Gottheit, das Geringere zum Opfer darbringen, ob es uns schon am Herzen liegt, wie man ein geliebtes Schaf fur die Gesundheit eines verehrten Vaters gern und willig zum Altar fuhren wurde."

"Was es auch sei", versetzte er, "der Verstand oder die Empfindung, das uns eins fur das andere hingeben, eins vor dem andern wahlen heisst, so ist Entschiedenheit und Folge nach meiner Meinung das Verehrungswurdigste am Menschen. Man kann die Ware und das Geld nicht zugleich haben; und der ist ebenso ubel dran, dem es immer nach der Ware gelustet, ohne dass er das Herz hat, das Geld hinzugeben, als der, den der Kauf reut, wenn er die Ware in Handen hat. Aber ich bin weit entfernt, die Menschen deshalb zu tadeln; denn sie sind eigentlich nicht schuld, sondern die verwickelte Lage, in der sie sich befinden und in der sie sich nicht zu regieren wissen. So werden Sie zum Beispiel im Durchschnitt weniger uble Wirte auf dem Lande als in den Stadten finden, und wieder in kleinen Stadten weniger als in grossen; und warum? Der Mensch ist zu einer beschrankten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewohnt sich, die Mittel zu benutzen, die ihm gleich zur Hand sind; sobald er aber ins Weite kommt, weiss er weder, was er will, noch was er soll, und es ist ganz einerlei, ob er durch die Menge der Gegenstande zerstreut oder ob er durch die Hohe und Wurde derselben ausser sich gesetzt werde. Es ist immer sein Ungluck, wenn er veranlasst wird, nach etwas zu streben, mit dem er sich durch eine regelmalssige Selbsttatigkeit nicht verbinden kann.

Furwahr", fuhr er fort, "ohne Ernst ist in der Welt nichts moglich, und unter denen, die wir gebildete Menschen nennen, ist eigentlich wenig Ernst zu finden; sie gehen, ich mochte sagen, gegen Arbeiten und Geschafte, gegen Kunste, ja gegen Vergnugungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke, man lebt, wie man ein Pack Zeitungen liest, nur damit man sie loswerde, und es fallt mir dabei jener junge Englander in Rom ein, der abends in einer Gesellschaft sehr zufrieden erzahlte, dass er doch heute sechs Kirchen und zwei Galerien beiseitegebracht habe. Man will mancherlei wissen und kennen, und gerade das, was einen am wenigsten angeht, und man bemerkt nicht, dass kein Hunger dadurch gestillt wird, wenn man nach der Luft schnappt. Wenn ich einen Menschen kennen lerne, frage ich sogleich, womit beschaftigt er sich? und wie? und in welcher Folge? und mit der Beantwortung der Frage ist auch mein Interesse an ihm auf zeitlebens entschieden."

"Sie sind, lieber Oheim", versetzte ich darauf, "vielleicht zu strenge und entziehen manchem guten Menschen, dem Sie nutzlich sein konnten, Ihre hulfreiche Hand."

"Ist es dem zu verdenken", antwortete er, "der so lange vergebens an ihnen und um sie gearbeitet hat? Wie sehr leidet man nicht in der Jugend von Menschen, die uns zu einer angenehmen Lustpartie einzuladen glauben, wenn sie uns in die Gesellschaft der Danaiden oder des Sisyphus zu bringen versprechen. Gott sei Dank, ich habe mich von ihnen losgemacht, und wenn einer unglucklicherweise in meinen Kreis kommt, suche ich ihn auf die hoflichste Art hinauszukomplimentieren; denn gerade von diesen Leuten hort man die bittersten Klagen uber den verworrenen Lauf der Welthandel, uber die Seichtigkeit der Wissenschaften, uber den Leichtsinn der Kunstler, uber die Leerheit der Dichter und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten, dass eben sie selbst und die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das Buch nicht lesen wurden, das geschrieben ware, wie sie es fordern, dass ihnen die echte Dichtung fremd sei, und dass selbst ein gutes Kunstwerk nur durch Vorurteil ihren Beifall erlangen konne. Doch lassen Sie uns abbrechen, es ist hier keine Zeit zu schelten noch zu klagen."

Er leitete meine Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Gemalde, die an der Wand aufgehangt waren; mein Auge hielt sich an die, deren Anblick reizend oder deren Gegenstand bedeutend war; er liess es eine Weile geschoben, dann sagte er: "Gonnen Sie nun auch dem Genius, der diese Werke hervorgebracht hat, einige Aufmerksamkeit. Gute Gemuter sehen so gerne den Finger Gottes in der Natur; warum sollte man nicht auch der Hand seines Nachahmers einige Betrachtung schenken?" Er machte mich sodann auf unscheinbare Bilder aufmerksam und suchte mir begreiflich zu machen, dass eigentlich die Geschichte der Kunst allein uns den Begriff von dem Wert und der Wurde eines Kunstwerks geben konne, dass man erst die beschwerlichen Stufen des Mechanismus und des Handwerks, an denen der fahige Mensch sich jahrhundertelang hinaufarbeitet, kennen musse, um zu begreifen, wie es moglich sei, dass das Genie auf dem Gipfel, bei dessen blossem Anblick uns schwindelt, sich frei und frohlich bewege.

Er hatte in diesem Sinne eine schone Reihe zusammengebracht, und ich konnte mich nicht enthalten, als er mir sie auslegte, die moralische Bildung hier wie im Gleichnisse vor mir zu sehen. Als ich ihm meine Gedanken ausserte, versetzte er: "Sie haben vollkommen recht, und wir sehen daraus, dass man nicht wohl tut, der sittlichen Bildung einsam, in sich selbst verschlossen nachzuhangen; vielmehr wird man finden, dass derjenige, dessen Geist nach einer moralischen Kultur strebt, alle Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit auszubilden, damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Hohe herabzugleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen Phantasie ubergibt und in den Fall kommt, seine edlere Natur durch Vergnugen an geschmacklosen Tandeleien, wo nicht an etwas Schlimmerem herabzuwurdigen."

Ich hatte ihn nicht im Verdacht, dass er auf mich ziele, aber ich fuhlte mich getroffen, wenn ich zuruckdachte, dass unter den Liedern, die mich erbauet hatten, manches abgeschmackte mochte gewesen sein, und dass die Bildchen, die sich an meine geistlichen Ideen anschlossen, wohl schwerlich vor den Augen des Oheims wurden Gnade gefunden haben.

Philo hatte sich indessen ofters in der Bibliothek aufgehalten und fuhrte mich nunmehr auch in selbiger ein. Wir bewunderten die Auswahl und dabei die Menge der Bucher. Sie waren in jedem Sinne gesammelt; denn es waren beinahe auch nur solche darin zu finden, die uns zur deutlichen Erkenntnis fuhren oder uns zur rechten Ordnung anweisen, die uns entweder rechte Materialien geben oder uns von der Einheit unsers Geistes uberzeugen.

Ich hatte in meinem Leben unsaglich gelesen, und in gewissen Fachern war mir fast kein Buch unbekannt; um desto angenehmer war mir's, hier von der Ubersicht des Ganzen zu sprechen und Lucken zu bemerken, wo ich sonst nur eine beschrankte Verwirrung oder eine unendliche Ausdehnung gesehen hatte.

Zugleich machten wir die Bekanntschaft eines sehr interessanten stillen Mannes. Er war Arzt und Naturforscher und schien mehr zu den Penaten als zu den Bewohnern des Hauses zu gehoren. Er zeigte uns das Naturalienkabinett, das wie die Bibliothek in verschlossenen Glasschranken zugleich die Wande der Zimmer verzierte und den Raum veredelte, ohne ihn zu verengen. Hier erinnerte ich mich mit Freuden meiner Jugend und zeigte meinem Vater mehrere Gegenstande, die er ehemals auf das Krankenbette seines kaum in die Welt blickenden Kindes gebracht hatte. Dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei folgenden Unterredungen, dass er sich mir in Absicht auf religiose Gesinnungen nahere, lobte dabei den Oheim ausserordentlich wegen seiner Toleranz und Schatzung von allem, was den Wert und die Einheit der menschlichen Natur anzeige und befordere, nur verlange er freilich von allen andern Menschen ein Gleiches und pflege nichts so sehr als individuellen Dunkel und ausschliessende Beschranktheit zu verdammen oder zu fliehen.

Seit der Trauung meiner Schwester sah dem Oheim die Freude aus den Augen, und er sprach verschiedenemal mit mir uber das, was er fur sie und ihre Kinder zu tun denke. Er hatte schone Guter, die er selbst bewirtschaftete und die er in dem besten Zustande seinen Neffen zu ubergeben hoffte. Wegen des kleinen Gutes, auf dem wir uns befanden, schien er besondere Gedanken zu hegen: "Ich werde es", sagte er, "nur einer Person uberlassen, die zu kennen, zu schatzen und zu geniessen weiss, was es enthalt, und die einsieht, wie sehr ein Reicher und Vornehmer besonders in Deutschland Ursache habe, etwas Mustermassiges aufzustellen."

Schon war der grosste Teil der Gaste nach und nach verflogen; wir bereiteten uns zum Abschied und glaubten die letzte Szene der Feierlichkeit erlebt zu haben, als wir aufs neue durch seine Aufmerksamkeit, uns ein wurdiges Vergnugen zu machen, uberrascht wurden. Wir hatten ihm das Entzucken nicht verbergen konnen, das wir fuhlten, als bei meiner Schwester Trauung ein Chor Menschenstimmen sich ohne alle Begleitung irgendeines Instruments horen liess. Wir legten es ihm nahe genug, uns das Vergnugen noch einmal zu verschaffen; er schien nicht darauf zu merken. Wie uberrascht waren wir daher als er eines Abends zu uns sagte: "Die Tanzmusik hat sich entfernt; die jungen, fluchtigen Freunde haben uns verlassen; das Ehepaar selbst sieht schon ernsthafter aus als vor einigen Tagen, und in einer solchen Epoche voneinander zu scheiden, da wir uns vielleicht nie, wenigstens anders wiedersehen, regt uns zu einer feierlichen Stimmung, die ich nicht edler nahren kann als durch eine Musik, deren Wiederholung Sie schon fruher zu wunschen schienen."

Er liess durch das indes verstarkte und im stillen noch mehr geubte Chor uns vier- und achtstimmige Gesange vortragen, die uns, ich darf wohl sagen, wirklich einen Vorschmack der Seligkeit gaben. Ich hatte bisher nur den frommen Gesang gekannt, in welchem gute Seelen oft mit heiserer Kehle, wie die Waldvogelein, Gott zu loben glauben, weil sie sich selbst eine angenehme Empfindung machen; dann die eitle Musik der Konzerte, in denen man allenfalls zur Bewunderung eines Talents, selten aber auch nur zu einem vorubergehenden Vergnugen hingerissen wird. Nun vernahm ich eine Musik, aus dem tiefsten Sinne der trefflichsten menschlichen Naturen entsprungen, die durch bestimmte und geubte Organe in harmonischer Einheit wieder zum tiefsten, besten Sinne des Menschen sprach und ihn wirklich in diesem Augenblicke seine Gottahnlichkeit lebhaft empfinden liess. Alles waren lateinische geistliche Gesange, die sich wie Juwelen in dem goldnen Ringe einer gesitteten weltlichen Gesellschaft ausnahmen und mich, ohne Anforderung einer sogenannten Erbauung, auf das geistigste erhoben und glucklich machten.

Bei unserer Abreise wurden wir alle auf das edelste beschenkt. Mir uberreichte er das Ordenskreuz meines Stiftes, kunstmassiger und schoner gearbeitet und emailliert, als man es sonst zu sehen gewohnt war. Es hing an einem grossen Brillanten, wodurch es zugleich an das Band befestigt wurde, und den er als den edelsten Stein einer Naturaliensammlung anzusehen bat.

Meine Schwester zog nun mit ihrem Gemahl auf seine Guter, wir andern kehrten alle nach unsern Wohnungen zuruck und schienen uns, was unsere aussern Umstande anbetraf, in ein ganz gemeines Leben zuruckgekehrt zu sein. Wir waren wie aus einem Feenschloss auf die platte Erde gesetzt und mussten uns wieder nach unsrer Weise benehmen und behelfen.

Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht hatte, liessen einen schonen Eindruck bei mir zuruck; doch blieb er nicht lange in seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu unterhalten und zu erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von seinen besten und gefalligsten Kunstwerken zusandte und, wenn ich sie lange genug genossen hatte, wieder mit andern vertauschte.

Ich war zu sehr gewohnt, mich mit mir selbst zu beschaftigen, die Angelegenheiten meines Herzens und meines Gemutes in Ordnung zu bringen und mich davon mit ahnlich gesinnten Personen zu unterhalten, als dass ich mit Aufmerksamkeit ein Kunstwerk hatte betrachten sollen, ohne bald auf mich selbst zuruckzukehren. Ich war gewohnt, ein Gemalde und einen Kupferstich nur anzusehen wie die Buchstaben eines Buchs. Ein schoner Druck gefallt wohl; aber wer wird ein Buch des Druckes wegen in die Hand nehmen? So sollte mir auch eine bildliche Darstellung etwas sagen, sie sollte mich belehren, ruhren, bessern; und der Oheim mochte in seinen Briefen, mit denen er seine Kunstwerke erlauterte, reden, was er wollte, so blieb es mit mir doch immer beim alten.

Doch mehr als meine eigene Natur zogen mich aussere Begebenheiten, die Veranderungen in meiner Familie, von solchen Betrachtungen, ja eine Weile von mir selbst ab; ich musste dulden und wirken, mehr, als meine schwachen Krafte zu ertragen schienen.

Meine ledige Schwester war bisher mein rechter Arm gewesen; gesund, stark und unbeschreiblich gutig, hatte sie die Besorgung der Haushaltung uber sich genommen, wie mich die personliche Pflege des alten Vaters beschaftigte. Es uberfallt sie ein Katarrh, woraus eine Brustkrankheit wird, und in drei Wochen liegt sie auf der Bahre; ihr Tod schlug mir Wunden, deren Narben ich jetzt noch nicht gerne ansehe.

Ich lag krank zu Bette, ehe sie noch beerdiget war; der alte Schaden auf meiner Brust schien aufzuwachen, ich hustete heftig und war so heiser, dass ich keinen lauten Ton hervorbringen konnte.

Die verheiratete Schwester kam vor Schrecken und Betrubnis zu fruh in die Wochen. Mein alter Vater furchtete, seine Kinder und die Hoffnung seiner Nachkommenschaft auf einmal zu verlieren; seine gerechten Tranen vermehrten meinen Jammer; ich flehte zu Gott um Herstellung einer leidlichen Gesundheit und bat ihn nur, mein Leben bis nach dem Tode des Vaters zu fristen. Ich genas und war nach meiner Art wohl, konnte wieder meine Pflichten, obgleich nur auf eine kummerliche Weise, erfullen.

Meine Schwester ward wieder guter Hoffnung. Mancherlei Sorgen, die in solchen Fallen der Mutter anvertraut werden, wurden mir mitgeteilt; sie lebte nicht ganz glucklich mit ihrem Manne, das sollte dem Vater verborgen bleiben; ich musste Schiedsrichter sein und konnte es um so eher, da mein Schwager Zutrauen zu mir hatte und beide wirklich gute Menschen waren, nur dass beide, anstatt einander nachzusehen, miteinander rechteten und aus Begierde, vollig miteinander uberein zu leben, niemals einig werden konnten. Nun lernte ich auch die weltlichen Dinge mit Ernst angreifen und das ausuben, was ich sonst nur gesungen hatte.

Meine Schwester gebar einen Sohn; die Unpasslichkeit meines Vaters verhinderte ihn nicht, zu ihr zu reisen. Beim Anblick des Kindes war er unglaublich heiter und froh, und bei der Taufe erschien er mir gegen seine Art wie begeistert, ja ich mochte sagen, als ein Genius mit zwei Gesichtern. Mit dem einen blickte er freudig vorwarts in jene Regionen, in die er bald einzugehen hoffte, mit dem andern auf das neue, hoffnungsvolle irdische Leben, das in dem Knaben entsprungen war, der von ihm abstammte. Er ward nicht mude, auf dem Ruckwege mich von dem Kinde zu unterhalten, von seiner Gestalt, seiner Gesundheit und dem Wunsche, dass die Anlagen dieses neuen Weltburgers glucklich ausgebildet werden mochten. Seine Betrachtungen hieruber dauerten fort, als wir zu Hause anlangten, und erst nach einigen Tagen bemerkte man eine Art Fieber, das sich nach Tisch, ohne Frost, durch eine etwas ermattende Hitze ausserte. Er legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des Morgens aus und versah treulich seine Amtsgeschafte, bis ihn endlich anhaltende ernsthafte Symptome davon abhielten.

Nie werde ich die Ruhe des Geistes, die Klarheit und Deutlichkeit vergessen, womit er die Angelegenheiten seines Hauses, die Besorgung seines Begrabnisses, als wie das Geschaft eines andern, mit der grossten Ordnung vornahm.

Mit einer Heiterkeit, die ihm sonst nicht eigen war und die bis zu einer lebhaften Freude stieg, sagte er zu mir: "Wo ist die Todesfurcht hingekommen, die ich sonst noch wohl empfand? Sollt' ich zu sterben scheuen? Ich habe einen gnadigen Gott, das Grab erweckt mir kein Grauen, ich habe ein ewiges Leben."

Mir die Umstande seines Todes zuruckzurufen, der bald darauf erfolgte, ist in meiner Einsamkeit eine meiner angenehmsten Unterhaltungen, und die sichtbaren Wirkungen einer hohern Kraft dabei wird mir niemand wegrasonieren.

Der Tod meines lieben Vaters veranderte meine bisherige Lebensart. Aus dem strengsten Gehorsam, aus der grossten Einschrankung kam ich in die grosste Freiheit, und ich genoss ihrer wie eine Speise, die man lange entbehrt hat. Sonst war ich selten zwei Stunden ausser dem Hause; nun verlebte ich kaum einen Tag in meinem Zimmer. Meine Freunde, bei denen ich sonst nur abgerissene Besuche machen konnte, wollten sich meines anhaltenden Umgangs so wie ich mich des ihrigen erfreuen; ofters wurde ich zu Tische geladen, Spazierfahrten und kleine Lustreisen kamen hinzu, und ich blieb nirgends zuruck. Als aber der Zirkel durchlaufen war, sah ich, dass das unschatzbare Gluck der Freiheit nicht darin besteht, dass man alles tut, was man tun mag, und wozu uns die Umstande einladen, sondern dass man das ohne Hindernis und Ruckhalt, auf dem geraden Wege tun kann, was man fur recht und schicklich halt, und ich war alt genug, in diesem Falle ohne Lehrgeld zu der schonen Uberzeugung zu gelangen.

Was ich mir nicht versagen konnte, war, so bald als nur moglich den Umgang mit den Gliedern der herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und fester zu knupfen, und ich eilte, eine ihrer nachsten Einrichtungen zu besuchen; aber auch da fand ich keinesweges, was ich mir vorgestellt hatte. Ich war ehrlich genug, meine Meinung merken zu lassen, und man suchte mir hinwieder beizubringen, diese Verfassung sei gar nichts gegen eine ordentlich eingerichtete Gemeine. Ich konnte mir das gefallen lassen; doch hatte nach meiner Uberzeugung der wahre Geist aus einer kleinen so gut als aus einer grossen Anstalt hervorblicken sollen.

Einer ihrer Bischofe, der gegenwartig war, ein unmittelbarer Schuler des Grafen, beschaftigte sich viel mit mir; er sprach vollkommen Englisch, und weil ich es ein wenig verstand, meinte er, es sei ein Wink, dass wir zusammengehorten; ich meinte es aber ganz und gar nicht, sein Umgang konnte mir nicht im geringsten gefallen. Er war ein Messerschmied, ein geborener Mahre; seine Art zu denken konnte das Handwerksmassige nicht verleugnen. Besser verstand ich mich mit dem Herrn von L*, der Major in franzosischen Diensten gewesen war; aber zu der Untertanigkeit, die er gegen seine Vorgesetzten bezeigte, fuhlte ich mich niemals fahig; ja es war mir, als wenn man mir eine Ohrfeige gabe, wenn ich die Majorin und andere, mehr oder weniger an gesehene Frauen dem Bischof die Hand kussen sah. Indessen wurde doch eine Reise nach Holland verabredet, die aber, und gewiss zu meinem Besten, niemals zustande kam.

Meine Schwester war mit einer Tochter niedergekommen, und nun war die Reihe an uns Frauen, zufrieden zu sein und zu denken, wie sie dereinst uns ahnlich erzogen werden sollte. Mein Schwager war dagegen sehr unzufrieden, als in dem Jahr darauf abermals eine Tochter erfolgte; er wunschte bei seinen grossen Gutern Knaben um sich zu sehen, die ihm einst in der Verwaltung beistehen konnten.

Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit still, und bei einer ruhigen Lebensart ziemlich im Gleichgewicht; ich furchtete den Tod nicht, ja ich wunschte zu sterben, aber ich fuhlte in der Stille, dass mir Gott Zeit gebe, meine Seele zu untersuchen und ihm immer naher zu kommen. In den vielen schlaflosen Nachten habe ich besonders etwas empfunden, das ich eben nicht deutlich beschreiben kann.

Es war, als wenn meine Seele ohne Gesellschaft des Korpers dachte; sie sah den Korper selbst als ein ihr fremdes Wesen an, wie man etwa ein Kleid ansieht. Sie stellte sich mit einer ausserordentlichen Lebhaftigkeit die vergangenen Zeiten und Begebenheiten vor und fuhlte daraus, was folgen werde. Alle diese Zeiten sind dahin; was folgt, wird auch dahingehen, der Korper wird wie ein Kleid zerreissen, aber Ich, das wohlbekannte Ich, Ich bin.

Diesem grossen, erhabenen und trostlichen Gefuhle so wenig als nur moglich nachzuhangen, lehrte mich ein edler Freund, der sich mir immer naher verband; es war der Arzt, den ich in dem Hause meines Oheims hatte kennen lernen, und der sich von der Verfassung meines Korpers und meines Geistes sehr gut unterrichtet hatte; er zeigte mir, wie sehr diese Empfindungen, wenn wir sie unabhangig von aussern Gegenstanden in uns nahren, uns gewissermassen aushohlen und den Grund unseres Daseins untergraben. "Tatig zu sein", sagte er, "ist des Menschen erste Bestimmung, und alle Zwischenzeiten, in denen er auszuruhen genotigt ist, sollte er anwenden, eine deutliche Erkenntnis der ausserlichen Dinge zu erlangen, die ihm in der Folge abermals seine Tatigkeit erleichtert."

Da der Freund meine Gewohnheit kannte, meinen eigenen Korper als einen aussern Gegenstand anzusehn, und da er wusste dass ich meine Konstitution, mein Ubel und die medizinischen Hulfsmittel ziemlich kannte, und ich wirklich durch anhaltende eigene und fremde Leiden ein halber Arzt geworden war, so leitete er meine Aufmerksamkeit von der Kenntnis des menschlichen Korpers und der Spezereien auf die ubrigen nachbarlichen Gegenstande der Schopfung und fuhrte mich wie im Paradiese umher, und nur zuletzt, wenn ich mein Gleichnis fortsetzen darf, liess er mich den in der Abendkuhle im Garten wandelnden Schopfer aus der Entfernung ahnen.

Wie gerne sah ich nunmehr Gott in der Natur, da ich ihn mit solcher Gewissheit im Herzen trug, wie interessant war mir das Werk seiner Hande, und wie dankbar war ich, dass er mich mit dem Atem seines Mundes hatte beleben wollen!

Wir hofften aufs neue mit meiner Schwester auf einen Knaben, dem mein Schwager so sehnlich entgegensah, und dessen Geburt er leider nicht erlebte. Der wackere Mann starb an den Folgen eines unglucklichen Sturzes vom Pferde, und meine Schwester folgte ihm, nachdem sie der Welt einen schonen Knaben gegeben hatte. Ihre vier hinterlassenen Kinder konnte ich nur mit Wehmut ansehn. So manche gesunde Person war vor mir, der Kranken, hingegangen; sollte ich nicht vielleicht von diesen hoffnungsvollen Bluten manche abfallen sehen? Ich kannte die Welt genug, um zu wissen, unter wie vielen Gefahren ein Kind, besonders in dem hoheren Stande, heraufwachst, und es schien mir, als wenn sie seit der Zeit meiner Jugend sich fur die gegenwartige Welt noch vermehrt hatten. Ich fuhlte, dass ich bei meiner Schwache wenig oder nichts fur die Kinder zu tun imstande sei; um desto erwunschter war mir des Oheims Entschluss, der naturlich aus seiner Denkungsart entsprang, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erziehung dieser liebenswurdigen Geschopfe zu verwenden. Und gewiss, sie verdienten es in jedem Sinne, sie waren wohlgebildet und versprachen bei ihrer grossen Verschiedenheit samtlich gutartige und verstandige Menschen zu werden.

Seitdem mein guter Arzt mich aufmerksam gemacht hatte, betrachtete ich gern die Familienahnlichkeit in Kindern und Verwandten. Mein Vater hatte sorgfaltig die Bilder seiner Vorfahren aufbewahrt, sich selbst und seine Kinder von leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine Mutter und ihre Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten die Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir sie oft untereinander verglichen hatten, so suchten wir nun bei den Kindern die Ahnlichkeiten des Aussern und Innern wieder auf. Der alteste Sohn meiner Schwester schien seinem Grossvater vaterlicher Seite zu gleichen, von dem ein jugendliches Bild sehr gut gemalt in der Sammlung unseres Oheims aufgestellt war; auch liebte er wie jener, der sich immer als ein braver Offizier gezeigt hatte, nichts so sehr als das Gewehr, womit er sich immer, sooft er mich besuchte, beschaftigte. Denn mein Vater hatte einen sehr schonen Gewehrschrank hinterlassen, und der Kleine hatte nicht eher Ruhe, bis ich ihm ein Paar Pistolen und eine Jagdflinte schenkte, und bis er herausgebracht hatte, wie ein deutsches Schloss aufzuziehen sei. Ubrigens war er in seinen Handlungen und seinem ganzen Wesen nichts weniger als rauh, sondern vielmehr sanft und verstandig.

Die alteste Tochter hatte meine ganze Neigung gefesselt, und es mochte wohl daher kommen, weil sie mir ahnlich sah, und weil sie sich von allen vieren am meisten zu mir hielt. Aber ich kann wohl sagen, je genauer ich sie beobachtete, da sie heranwuchs, desto mehr beschamte sie mich, und ich konnte das Kind nicht ohne Verwunderung, ja ich darf beinahe sagen, nicht ohne Verehrung ansehn. Man sah nicht leicht eine edlere Gestalt, ein ruhiger Gemut und eine immer gleiche, auf keinen Gegenstand eingeschrankte Tatigkeit. Sie war keinen Augenblick ihres Lebens unbeschaftigt, und jedes Geschaft ward unter ihren Handen zur wurdigen Handlung. Alles schien ihr gleich, wenn sie nur das verrichten konnte, was in der Zeit und am Platz war, und ebenso konnte sie ruhig, ohne Ungeduld, bleiben, wenn sich nichts zu tun fand. Diese Tatigkeit ohne Bedurfnis einer Beschaftigung habe ich in meinem Leben nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend auf ihr Betragen gegen Notleidende und Hulfsbedurftige. Ich gestehe gern, dass ich niemals das Talent hatte, mir aus der Wohltatigkeit ein Geschaft zu machen; ich war nicht karg gegen Arme, ja ich gab oft in meinem Verhaltnisse zu viel dahin, aber gewissermassen kaufte ich mich nur los, und es musste mir jemand angeboren sein, wenn er mir meine Sorgfalt abgewinnen wollte. Gerade das Gegenteil lobte ich an meiner Nichte. Ich habe sie niemals einem Armen Geld geben sehen, und was sie von mir zu diesem Endzweck erhielt, verwandelte sie immer erst in das nachste Bedurfnis. Niemals erschien sie mir liebenswurdiger, als wenn sie meine Kleider und Wascheschranke plunderte; immer fand sie etwas, das ich nicht trug und nicht brauchte, und diese alten Sachen zusammenzuschneiden und sie irgendeinem zerlumpten Kinde anzupassen, war ihre grosste Gluckseligkeit.

Die Gesinnungen ihrer Schwester zeigten sich schon anders; sie hatte vieles von der Mutter, versprach schon fruhe sehr zierlich und reizend zu werden, und scheint ihr Versprechen halten zu wollen; sie ist sehr mit ihrem Aussern beschaftigt und wusste sich von fruher Zeit an auf eine in die Augen fallende Weise zu putzen und zu tragen. Ich erinnere mich noch immer, mit welchem Entzucken sie sich als ein kleines Kind im Spiegel besah, als ich ihr die schonen Perlen, die mir meine Mutter hinterlassen hatte, und die sie von ungefahr bei mir fand, umbinden musste.

Wenn ich diese verschiedenen Neigungen betrachtete, war es mir angenehm zu denken, wie meine Besitzungen nach meinem Tode unter sie zerfallen und durch sie wieder lebendig werden wurden. Ich sah die Jagdflinten meines Vaters schon wieder auf dem Rukken des Neffen im Felde herumwandeln und aus seiner Jagdtasche schon wieder Huhner herausfallen; ich sah meine samtliche Garderobe bei der Osterkonfirmation, lauter kleinen Madchen angepasst, aus der Kirche herauskommen und mit meinen besten Stoffen ein sittsames Burgermadchen an ihrem Brauttage geschmuckt; denn zu Ausstattung solcher Kinder und ehrbarer armer Madchen hatte Natalie eine besondere Neigung, ob sie gleich, wie ich hier bemerken muss, selbst keine Art von Liebe und, wenn ich so sagen darf, kein Bedurfnis einer Anhanglichkeit an ein sichtbares oder unsichtbares Wesen, wie es sich bei mir in meiner Jugend so lebhaft gezeigt hatte, auf irgend eine Weise merken liess.

Wenn ich nun dachte, dass die Jungste an ebendemselben Tage meine Perlen und Juwelen nach Hofe tragen werde, so sah ich mit Ruhe meine Besitzungen wie meinen Korper den Elementen wiedergegeben.

Die Kinder wuchsen heran und sind zu meiner Zufriedenheit gesunde, schone und wackre Geschopfe. Ich ertrage es mit Geduld, dass der Oheim sie von mir entfernt halt, und sehe sie, wenn sie in der Nahe oder auch wohl gar in der Stadt sind, selten.

Ein wunderbarer Mann, den man fur einen franzosischen Geistlichen halt, ohne dass man recht von seiner Herkunft unterrichtet ist, hat die Aufsicht uber die samtlichen Kinder welche an verschiedenen Orten erzogen werden und bald hier, bald da in der Kost sind.

Ich konnte anfangs keinen Plan in dieser Erziehung sehn, bis mir mein Arzt zuletzt eroffnete, der Oheim habe sich durch den Abbe uberzeugen lassen, dass, wenn man an der Erziehung des Menschen etwas tun wolle, musse man sehen, wohin seine Neigungen und Wunsche gehen, sodann musse man ihn in die Lage versetzen, jene so bald als moglich zu befriedigen, diese so bald als moglich zu erreichen, damit der Mensch, wenn er sich geirrt habe, fruh genug seinen Irrtum gewahr werde und, wenn er das getroffen hat, was fur ihn passt, desto eifriger daran halte und sich desto emsiger fortbilde. Ich wunsche, dass dieser sonderbare Versuch gelingen moge; bei so guten Naturen ist es vielleicht moglich.

Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, dass sie alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange mit sich selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde fuhren konne. Ja, es verdriesst mich oft von dem Oheim, dass er mich deshalb fur die Kinder fur gefahrlich halt. Im Praktischen ist doch kein Mensch tolerant! Denn wer auch versichert, dass er jedem seine Art und Wesen gerne lassen wolle, sucht doch immer diejenigen von der Tatigkeit auszuschliessen, die nicht so denken wie er.

Diese Art, die Kinder von mir zu entfernen, betrubt mich desto mehr, je mehr ich von der Realitat meines Glaubens uberzeugt sein kann. Warum sollte er nicht einen gottlichen Ursprung, nicht einen wirklichen Gegenstand haben, da er sich im Praktischen so wirksam erweist? Werden wir durchs Praktische doch unseres eigenen Daseins selbst erst recht gewiss, warum sollten wir uns nicht auch auf eben dem Wege von jenem Wesen uberzeugen konnen, das uns zu allem Guten die Hand reicht?

Dass ich immer vorwarts, nie ruckwarts gehe, dass meine Handlungen immer mehr der Idee ahnlich werden, die ich mir von der Vollkommenheit gemacht habe, dass ich taglich mehr Leichtigkeit fuhle, das zu tun, was ich fur recht halte, selbst bei der Schwache meines Korpers, der mir so manchen Dienst versagt: lasst sich das alles aus der menschlichen Natur, deren Verderben ich so tief eingesehen habe, erklaren? Fur mich nun einmal nicht.

Ich erinnere mich kaum eines Gebotes, nichts erscheint mir in Gestalt eines Gesetzes, es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht fuhret; ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiss so wenig von Einschrankung als von Reue. Gott sei Dank, dass ich erkenne, wem ich dieses Gluck schuldig bin und dass ich an diese Vorzuge nur mit Demut denken darf. Denn niemals werde ich in Gefahr kommen, auf mein eignes Konnen und Vermogen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe, welch Ungeheuer so in jedem menschlichen Busen, wenn eine hohere Kraft uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nahren konne.

Siebentes Buch

Erstes Kapitel

Der Fruhling war in seiner volligen Herrlichkeit erschienen; ein fruhzeitiges Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, ging sturmisch an den Bergen nieder, der Regen zog nach dem Lande, die Sonne trat wieder in ihrem Glanze hervor, und auf dem grauen Grunde erschien der herrliche Bogen. Wilhelm ritt ihm entgegen und sah ihn mit Wehmut an. "Ach!" sagte er zu sich selbst, "erscheinen uns denn eben die schonsten Farben des Lebens nur auf dunklem Grunde? Und mussen Tropfen fallen, wenn wir entzuckt werden sollen? Ein heiterer Tag ist wie ein grauer, wenn wir ihn ungeruhrt ansehen, und was kann uns ruhren, als die stille Hoffnung, dass die angeborne Neigung unsers Herzens nicht ohne Gegenstand bleiben werde? Uns ruhrt die Erzahlung jeder guten Tat, uns ruhrt das Anschauen jedes harmonischen Gegenstandes; wir fuhlen dabei, dass wir nicht ganz in der Fremde sind, wir wahnen einer Heimat naher zu sein, nach der unser Bestes, Innerstes ungeduldig hinstrebt."

Inzwischen hatte ihn ein Fussganger eingeholt, der sich zu ihm gesellte, mit starkem Schritte neben dem Pferde blieb und nach einigen gleichgultigen Reden zu dem Reiter sagte: "Wenn ich mich nicht irre, so muss ich Sie irgendwo schon gesehen haben."

"Ich erinnere mich Ihrer auch", versetzte Wilhelm; "haben wir nicht zusammen eine lustige Wasserfahrt gemacht?" "Ganz recht!" erwiderte der andere.

Wilhelm betrachtete ihn genauer und sagte nach einigem Stillschweigen: "Ich weiss nicht, was fur eine Veranderung mit Ihnen vorgegangen sein mag; damals hielt ich Sie fur einen lutherischen Landgeistlichen, und jetzt sehen Sie mir eher einem katholischen ahnlich."

"Heute betrugen Sie sich wenigstens nicht", sagte der andere, indem er den Hut abnahm und die Tonsur sehen liess. "Wo ist denn Ihre Gesellschaft hingekommen? Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?"

"Langer als billig; denn leider wenn ich an jene Zeit zuruckdenke, die ich mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches Leere zu sehen; es ist mir nichts davon ubriggeblieben."

"Darin irren Sie sich; alles, was uns begegnet, lasst Spuren zuruck, alles tragt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist gefahrlich, sich davon Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden dabei entweder stolz und lassig oder niedergeschlagen und kleinmutig, und eins ist fur die Folge so hinderlich als das andere. Das Sicherste bleibt immer, nur das Nachste zu tun, was vor uns liegt, und das ist jetzt", fuhr er mit einem Lacheln fort, "dass wir eilen, ins Quartier zu kommen."

Wilhelm fragte, wie weit noch der Weg nach Lotharios Gut sei, der andere versetzte, dass es hinter dem Berge liege. "Vielleicht treffe ich Sie dort an", fuhr er fort, "ich habe nur in der Nachbarschaft noch etwas zu besorgen. Leben Sie so lange wohl!" Und mit diesen Worten ging er einen steilen Pfad, der schneller uber den Berg hinuberzufuhren schien.

"Jawohl hat er recht!" sagte Wilhelm vor sich, indem er weiter ritt; "an das Nachste soll man denken, und fur mich ist wohl jetzt nichts Naheres als der traurige Auftrag, den ich ausrichten soll. Lass sehen, ob ich die Rede noch ganz im Gedachtnis habe, die den grausamen Freund beschamen soll!"

Er fing darauf an, sich dieses Kunstwerk vorzusagen; es fehlte ihm auch nicht eine Silbe, und je mehr ihm sein Gedachtnis zustatten kam, desto mehr wuchs seine Leidenschaft und sein Mut. Aureliens Leiden und Tod waren lebhaft vor seiner Seele gegenwartig.

"Geist meiner Freundin!" rief er aus, "umschwebe mich! und wenn es dir moglich ist, so gib mir ein Zeichen, dass du besanftigt, dass du versohnt seist!"

Unter diesen Worten und Gedanken war er auf die Hohe des Berges gekommen und sah an dessen Abhang an der andern Seite ein wunderliches Gebaude liegen, das er sogleich fur Lotharios Wohnung hielt. Ein altes unregelmassiges Schloss mit einigen Turmen und Giebeln schien die erste Anlage dazu gewesen zu sein; allein noch unregelmassiger waren die neuen Angebaude, die, teils nah, teils in einiger Entfernung davon errichtet, mit dem Hauptgebaude durch Galerien und bedeckte Gange zusammenhingen. Alle aussere Symmetrie, jedes architektonische Ansehn schien dem Bedurfnis der innern Bequemlichkeit aufgeopfert zu sein. Keine Spur von Wall und Graben war zu sehen, ebensowenig als von kunstlichen Garten und grossen Alleen. Ein Gemuse- und Baumgarten drang bis an die Hauser hinan, und kleine nutzbare Garten waren selbst in den Zwischenraumen angelegt. Ein heiteres Dorfchen lag in einiger Entfernung, Garten und Felder schienen durchaus in dem besten Zustande.

In seine eignen leidenschaftlichen Betrachtungen vertieft, ritt Wilhelm weiter, ohne viel uber das, was er sah, nachzudenken, stellte sein Pferd in einem Gasthofe ein und eilte nicht ohne Bedenken nach dem Schlosse zu.

Ein alter Bedienter empfing ihn an der Ture und berichtete ihm mit vieler Gutmutigkeit, dass er heute wohl schwerlich vor den Herren kommen werde; der Herr habe viel Briefe zu schreiben und schon einige seiner Geschaftsleute abweisen lassen. Wilhelm ward dringender, und endlich musste der Alte nachgeben und ihn melden. Er kam zuruck und fuhrte Wilhelmen in einen grossen alten Saal. Dort ersuchte er ihn, sich zu gedulden, weil der Herr vielleicht noch eine Zeitlang ausbleiben werde. Wilhelm ging unruhig auf und ab und warf einige Blicke auf die Ritter und Frauen, deren alte Abbildungen an der Wand umher hingen; er wiederholte den Anfang seiner Rede, und sie schien ihm in Gegenwart dieser Harnische und Kragen erst recht am Platz. Sooft er etwas rauschen horte, setzte er sich in Positur, um seinen Gegner mit Wurde zu empfangen, ihm erst den Brief zu uberreichen und ihn dann mit den Waffen des Vorwurfs anzufallen.

Mehrmals war er schon getauscht worden und sing wirklich an verdriesslich und verstimmt zu werden, als endlich aus einer Seitentur ein wohlgebildeter Mann in Stiefeln und einem schlichten Uberrocke heraustrat. "Was bringen Sie mir Gutes?" sagte er mit freundlicher Stimme zu Wilhelmen; "verzeihen Sie, dass ich Sie habe warten lassen."

Er faltete, indem er dieses sprach, einen Brief, den er in der Hand hielt. Wilhelm, nicht ohne Verlegenheit, uberreichte ihm das Blatt Aureliens und sagte: "Ich bringe die letzten Worte einer Freundin, die Sie nicht ohne Ruhrung lesen werden."

Lothario nahm den Brief und ging sogleich in das Zimmer zuruck, wo er, wie Wilhelm recht gut durch die offene Ture sehen konnte, erst noch einige Briefe siegelte und uberschrieb dann Aureliens Brief eroffnete und las. Er schien das Blatt einigemal durchgelesen zu haben, und Wilhelm, obgleich seinem Gefuhl nach die pathetische Rede zu dem naturlichen Empfang nicht recht passen wollte, nahm sich doch zusammen, ging auf die Schwelle los und wollte seinen Spruch beginnen, als eine Tapetenture des Kabinetts sich offnete und der Geistliche hereintrat.

"Ich erhalte die wunderlichste Depesche von der Welt" rief Lothario ihm entgegen; "verzeihn Sie mir", fuhr er fort, indem er sich gegen Wilhelmen wandte, "wenn ich in diesem Augenblicke nicht gestimmt bin, mich mit Ihnen weiter zu unterhalten. Sie bleiben heute nacht bei uns! und Sie sorgen fur unsern Gast, Abbe, dass ihm nichts abgeht."

Mit diesen Worten machte er eine Verbeugung gegen Wilhelmen; der Geistliche nahm unsern Freund bei der Hand, der nicht ohne Widerstreben folgte.

Stillschweigend gingen sie durch wunderliche Gange und kamen in ein gar artiges Zimmer. Der Geistliche fuhrte ihn ein und verliess ihn ohne weitere Entschuldigung. Bald darauf erschien ein munterer Knabe, der sich bei Wilhelmen als seine Bedienung ankundigte und das Abendessen brachte, bei der Aufwartung von der Ordnung des Hauses, wie man zu fruhstucken, zu speisen, zu arbeiten und sich zu vergnugen pflegte, manches erzahlte und besonders zu Lotharios Ruhm gar vieles vorbrachte.

So angenehm auch der Knabe war, so suchte ihn Wilhelm doch bald loszuwerden. Er wunschte allein zu sein, denn er fuhlte sich in seiner Lage ausserst gedruckt und beklommen. Er machte sich Vorwurfe, seinen Vorsatz so schlecht vollfuhrt, seinen Auftrag nur halb ausgerichtet zu haben. Bald nahm er sich vor, den andern Morgen das Versaumte nachzuholen, bald ward er gewahr, dass Lotharios Gegenwart ihn zu ganz andern Gefuhlen stimmte. Das Haus, worin er sich befand, kam ihm auch so wunderbar vor; er wusste sich in seine Lage nicht zu finden. Er wollte sich ausziehen und offnete seinen Mantelsack; mit seinen Nachtsachen brachte er zugleich den Schleier des Geistes hervor, den Mignon eingepackt hatte. Der Anblick vermehrte seine traurige Stimmung. "Flieh! Jungling, flieh!" rief er aus. "Was soll das mystische Wort heissen? was fliehen? wohin fliehen? Weit besser hatte der Geist mir zugerufen 'Kehre in dich selbst zuruck!'" Er betrachtete die englischen Kupfer, die an der Wand in Rahmen hingen; gleichgultig sah er uber die meisten hinweg; endlich fand er auf dem einen ein unglucklich strandendes Schiff vorgestellt: ein Vater mit seinen schonen Tochtern erwartete den Tod von den hereindringenden Wellen. Das eine Frauenzimmer schien Ahnlichkeit mit jener Amazone zu haben, ein unaussprechliches Mitleiden ergriff unsern Freund, er fuhlte ein unwiderstehliches Bedurfnis, seinem Herzen Luft zu machen, Tranen drangen aus seinem Auge, und er konnte sich nicht wieder erholen, bis ihn der Schlaf uberwaltigte.

Sonderbare Traumbilder erschienen ihm gegen Morgen. Er fand sich in einem Garten, den er als Knabe ofters besucht hatte, und sah mit Vergnugen die bekannten Alleen Hecken und Blumenbeete wieder; Mariane begegnete ihm, er sprach liebevoll mit ihr und ohne Erinnerung irgendeines vergangenen Missverhaltnisses. Gleich darauf trat sein Vater zu ihnen, im Hauskleide, und mit vertraulicher Miene, die ihm selten war, hiess er den Sohn zwei Stuhle aus dem Gartenhause holen, nahm Marianen bei der Hand und fuhrte sie nach einer Laube.

Wilhelm eilte nach dem Gartensaale, fand ihn aber ganz leer, nur sah er Aurelien an dem entgegengesetzten Fenster stehen; er ging, sie anzureden, allein sie blieb unverwandt, und ob er sich gleich neben sie stellte, konnte er doch ihr Gesicht nicht sehen. Er blickte zum Fenster hinaus und sah in einem fremden Garten viele Menschen beisammen, von denen er einige sogleich erkannte. Frau Melina sass unter einem Baum und spielte mit einer Rose, die sie in der Hand hielt; Laertes stand neben ihr und zahlte Gold aus einer Hand in die andere. Mignon und Felix lagen im Grase, jene ausgestreckt auf dem Rucken, dieser auf dem Gesichte. Philine trat hervor und klatschte uber den Kindern in die Hande, Mignon blieb unbeweglich, Felix sprang auf und floh vor Philinen. Erst lachte er im Laufen, als Philine ihn verfolgte; dann schrie er angstlich, als der Harfenspieler mit grossen, langsamen Schritten ihm nachging. Das Kind lief gerade auf einen Teich los; Wilhelm eilte ihm nach, aber zu spat, das Kind lag im Wasser! Wilhelm stand wie eingewurzelt. Nun sah er die schone Amazone an der andern Seite des Teichs, sie streckte ihre rechte Hand gegen das Kind aus und ging am Ufer hin, das Kind durchstrich das Wasser in gerader Richtung auf den Finger zu und folgte ihr nach, wie sie ging, endlich reichte sie ihm ihre Hand und zog es aus dem Teiche. Wilhelm war indessen naher gekommen, das Kind brannte uber und uber, und es fielen feurige Tropfen von ihm herab. Wilhelm war noch besorgter, doch die Amazone nahm schnell einen weissen Schleier vom Haupte und bedeckte das Kind damit. Das Feuer war sogleich geloscht. Als sie den Schleier aufhob, sprangen zwei Knaben hervor, die zusammen mutwillig hin und her spielten, als Wilhelm mit der Amazone Hand in Hand durch den Garten ging und in der Entfernung seinen Vater und Marianen in einer Allee spazieren sah, die mit hohen Baumen den ganzen Garten zu umgeben schien. Er richtete seinen Weg auf beide zu und machte mit seiner schonen Begleiterin den Durchschnitt des Gartens, als auf einmal der blonde Friedrich ihnen in den Weg trat und sie mit grossem Gelachter und allerlei Possen aufhielt. Sie wollten demungeachtet ihren Weg weiter fortsetzen; da eilte er weg und lief auf jenes entfernte Paar zu; der Vater und Mariane schienen vor ihm zu fliehen, er lief nur desto schneller, und Wilhelm sah jene fast im Fluge durch die Allee hinschweben. Natur und Neigung forderten ihn auf, jenen zu Hulfe zu kommen, aber die Hand der Amazone hielt ihn zuruck. Wie gern liess er sich halten! Mit dieser gemischten Empfindung wachte er auf und fand sein Zimmer schon von der hellen Sonne erleuchtet.

Zweites Kapitel

Der Knabe lud Wilhelmen zum Fruhstuck ein; dieser fand den Abbe schon im Saale; Lothario, hiess es, sei ausgeritten; der Abbe war nicht sehr gesprachig und schien eher nachdenklich zu sein; er fragte nach Aureliens Tode und horte mit Teilnahme der Erzahlung Wilhelms zu. "Ach!" rief er aus, "wem es lebhaft und gegenwartig ist, welche unendliche Operationen Natur und Kunst machen mussen, bis ein gebildeter Mensch dasteht, wer selbst soviel als moglich an der Bildung seiner Mitburger teilnimmt, der mochte verzweifeln, wenn er sieht, wie freventlich sich oft der Mensch zerstort und so oft in den Fall kommt, mit oder ohne Schuld zerstort zu werden. Wenn ich das bedenke, so scheint mir das Leben selbst eine so zufallige Gabe, dass ich jeden loben mochte, der sie nicht hoher als billig schatzt."

Er hatte kaum ausgesprochen, als die Ture mit Heftigkeit sich aufriss, ein junges Frauenzimmer hereinsturzte und den alten Bedienten, der sich ihr in den Weg stellte, zuruckstiess. Sie eilte gerade auf den Abbe zu und konnte, indem sie ihn beim Arm fasste, vor Weinen und Schluchzen kaum die wenigen Worte hervorbringen: "Wo ist er? Wo habt ihr ihn? Es ist eine entsetzliche Verraterei! Gesteht nur! Ich weiss, was vorgeht! Ich will ihm nach! Ich will wissen, wo er ist."

"Beruhigen Sie sich, mein Kind", sagte der Abbe mit angenommener Gelassenheit, "kommen Sie auf Ihr Zimmer, Sie sollen alles erfahren, nur mussen Sie horen konnen, wenn ich Ihnen erzahlen soll." Er bot ihr die Hand an, im Sinne, sie wegzufuhren. "Ich werde nicht auf mein Zimmer gehen", rief sie aus, "ich hasse die Wande, zwischen denen ihr mich schon so lange gefangenhaltet! und doch habe ich alles erfahren, der Obrist hat ihn herausgefordert, er ist hinausgeritten, seinen Gegner aufzusuchen, und vielleicht jetzt eben in diesem Augenblicke es war mir etlichemal, als horte ich schiessen. Lassen Sie anspannen und fahren Sie mit mir, oder ich fulle das Haus, das ganze Dorf mit meinem Geschrei."

Sie eilte unter den heftigsten Tranen nach dem Fenster, der Abbe hielt sie zuruck und suchte vergebens, sie zu besanftigen.

Man horte einen Wagen fahren, sie riss das Fenster auf: "Er ist tot!" rief sie, "da bringen sie ihn." "Er steigt aus!" sagte der Abbe. "Sie sehen, er lebt." "Er ist verwundet", versetzte sie heftig, "sonst kam' er zu Pferde! Sie fuhren ihn! Er ist gefahrlich verwundet!" Sie rannte zur Ture hinaus und die Treppe hinunter, der Abbe eilte ihr nach, und Wilhelm folgte ihnen; er sah, wie die Schone ihrem heraufkommenden Geliebten begegnete.

Lothario lehnte sich auf seinen Begleiter, welchen Wilhelm sogleich fur seinen alten Gonner Jarno erkannte, sprach dem trostlosen Frauenzimmer gar liebreich und freundlich zu, und indem er sich auf sie stutzte, kam er die Treppe langsam herauf; er grusste Wilhelmen und ward in sein Kabinett gefuhrt.

Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und trat zu Wilhelmen. "Sie sind, wie es scheint", sagte er, "pradestiniert, uberall Schauspieler und Theater zu finden; wir sind eben in einem Drama begriffen, das nicht ganz lustig ist."

"Ich freue mich", versetzte Wilhelm, "Sie in diesem sonderbaren Augenblicke wiederzufinden; ich bin verwundert, erschrocken, und Ihre Gegenwart macht mich gleich ruhig und gefasst. Sagen Sie mir, hat es Gefahr? Ist der Baron schwer verwundet?" "Ich glaube nicht", versetzte Jarno.

Nach einiger Zeit trat der junge Wundarzt aus dem Zimmer. "Nun, was sagen Sie?" rief ihm Jarno entgegen. "Dass es sehr gefahrlich steht", versetzte dieser und steckte einige Instrumente in seine lederne Tasche zusammen.

Wilhelm betrachtete das Band, das von der Tasche herunterhing, er glaubte es zu kennen. Lebhafte, widersprechende Farben, ein seltsames Muster, Gold und Silber in wunderlichen Figuren, zeichneten dieses Band vor allen Bandern der Welt aus. Wilhelm war uberzeugt, die Instrumententasche des alten Chirurgus vor sich zu sehen, der ihn in jenem Walde verbunden hatte, und die Hoffnung, nach so langer Zeit wieder eine Spur seiner Amazone zu finden, schlug wie eine Flamme durch sein ganzes Wesen.

"Wo haben Sie die Tasche her?" rief er aus. "Wem gehorte sie vor Ihnen? Ich bitte, sagen Sie mir's." "Ich habe sie in einer Auktion gekauft", versetzte jener, "was kummert's mich, wem sie gehorte?" Mit diesen Worten entfernte er sich, und Jarno sagte: "Wenn diesem jungen Menschen nur ein wahres Wort aus dem Munde ginge!" "So hat er also diese Tasche nicht erstanden?" versetzte Wilhelm. "So wenig, als es Gefahr mit Lothario hat", antwortete Jarno.

Wilhelm stand in ein vielfaches Nachdenken versenkt, als Jarno ihn fragte, wie es ihm zeither gegangen sei? Wilhelm erzahlte seine Geschichte im allgemeinen, und als er zuletzt von Aureliens Tod und seiner Botschaft gesprochen hatte, rief jener aus: "Es ist doch sonderbar, sehr sonderbar!"

Der Abbe trat aus dem Zimmer, winkte Jarno zu, an seiner Statt hineinzugehen, und sagte zu Wilhelmen: "Der Baron lasst Sie ersuchen, hier zu bleiben, einige Tage die Gesellschaft zu vermehren und zu seiner Unterhaltung unter diesen Umstanden beizutragen. Haben Sie notig, etwas an die Ihrigen zu bestellen, so soll Ihr Brief gleich besorgt werden, und damit Sie diese wunderbare Begebenheit verstehen, von der Sie Augenzeuge sind, muss ich Ihnen erzahlen, was eigentlich kein Geheimnis ist. Der Baron hatte ein kleines Abenteuer mit einer Dame, das mehr Aufsehen machte, als billig war, weil sie den Triumph, ihn einer Nebenbuhlerin entrissen zu haben, allzu lebhaft geniessen wollte. Leider fand er nach einiger Zeit bei ihr nicht die namliche Unterhaltung, er vermied sie; allein bei ihrer heftigen Gemutsart war es ihr unmoglich, ihr Schicksal mit gesetztem Mute zu tragen. Bei einem Balle gab es einen offentlichen Bruch, sie glaubte sich ausserst beleidigt und wunschte geracht zu werden; kein Ritter fand sich, der sich ihrer angenommen hatte, bis endlich ihr Mann, von dem sie sich lange getrennt hatte, die Sache erfuhr und sich ihrer annahm, den Baron herausforderte und heute verwundete; doch ist der Obrist, wie ich hore, noch schlimmer dabei gefahren."

Von diesem Augenblicke an ward unser Freund im Hause, als gehore er zur Familie, behandelt.

Drittes Kapitel

Man hatte einigemal dem Kranken vorgelesen; Wilhelm leistete diesen kleinen Dienst mit Freuden; Lydie kam nicht vom Bette hinweg, ihre Sorgfalt fur den Verwundeten verschlang alle ihre ubrige Aufmerksamkeit, aber heute schien auch Lothario zerstreut, ja er bat, dass man nicht weiter lesen mochte.

"Ich fuhle heute so lebhaft", sagte er, "wie toricht der Mensch seine Zeit verstreichen lasst! Wie manches habe ich mir vorgenommen, wie manches durchdacht, und wie zaudert man nicht bei seinen besten Vorsatzen! Ich habe die Vorschlage uber die Veranderungen gelesen, die ich auf meinen Gutern machen will, und ich kann sagen, ich freue mich vorzuglich dieserwegen, dass die Kugel keinen gefahrlichern Weg genommen hat."

Lydie sah ihn zartlich, ja mit Tranen in den Augen an, als wollte sie fragen, ob denn sie, ob seine Freunde nicht auch Anteil an der Lebensfreude fordern konnten. Jarno dagegen versetzte: "Veranderungen, wie Sie vorhaben, werden billig erst von allen Seiten uberlegt, bis man sich dazu entschliesst."

"Lange Uberlegungen", versetzte Lothario, "zeigen gewohnlich, dass man den Punkt nicht im Auge hat, von dem die Rede ist, ubereilte Handlungen, dass man ihn gar nicht kennt. Ich ubersehe sehr deutlich, dass ich in vielen Stucken bei der Wirtschaft meiner Guter die Dienste meiner Landleute nicht entbehren kann, und dass ich auf gewissen Rechten strack und streng halten muss; ich sehe aber auch, dass andere Befugnisse mir zwar vorteilhaft, aber nicht ganz unentbehrlich sind, so dass ich davon meinen Leuten auch was gonnen kann. Man verliert nicht immer, wenn man entbehrt. Nutze ich nicht meine Guter weit besser als mein Vater? Werde ich meine Einkunfte nicht noch hoher treiben? Und soll ich diesen wachsenden Vorteil allein geniessen? Soll ich dem, der mit mir und fur mich arbeitet, nicht auch in dem Seinigen Vorteile gonnen, die uns erweiterte Kenntnisse, die uns eine vorruckende Zeit darbietet?"

"Der Mensch ist nun einmal so!" rief Jarno, "und ich tadle mich nicht, wenn ich mich auch in dieser Eigenheit ertappe; der Mensch begehrt alles an sich zu reissen, um nur nach Belieben damit schalten und walten zu konnen; das Geld, das er nicht selbst ausgibt, scheint ihm selten wohl angewendet."

"O ja!" versetzte Lothario, "wir konnten manches vom Kapital entbehren, wenn wir mit den Interessen weniger willkurlich umgingen."

"Das einzige, was ich zu erinnern habe", sagte Jarno, "und warum ich nicht raten kann, dass Sie eben jetzt diese Veranderungen machen, wodurch Sie wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, dass Sie selbst noch Schulden haben, deren Abzahlung Sie einengt. Ich wurde raten, Ihren Plan aufzuschieben, bis Sie vollig im reinen waren."

"Und indessen einer Kugel oder einem Dachziegel zu uberlassen, ob er die Resultate meines Lebens und meiner Tatigkeit auf immer vernichten wollte! O, mein Freund!" fuhr Lothario fort, "das ist ein Hauptfehler gebildeter Menschen, dass sie alles an eine Idee, wenig oder nichts an einen Gegenstand wenden mogen. Wozu habe ich Schulden gemacht? Warum habe ich mich mit meinem Oheim entzweit, meine Geschwister so lange sich selbst uberlassen, als um einer Idee willen? In Amerika glaubte ich zu wirken, uber dem Meere glaubte ich nutzlich und notwendig zu sein; war eine Handlung nicht mit tausend Gefahren umgeben, so schien sie mir nicht bedeutend, nicht wurdig. Wie anders seh' ich jetzt die Dinge, und wie ist mir das Nachste so wert, so teuer geworden!"

"Ich erinnere mich wohl des Briefes", versetzte Jarno, "den ich noch uber das Meer erhielt. Sie schrieben mir: 'Ich werde zuruckkehren und in meinem Hause, in meinem Baumgarten, mitten unter den Meinigen sagen: Hier oder nirgend ist Amerika!'"

"Ja, mein Freund, und ich wiederhole noch immer dasselbe, und doch schelte ich mich zugleich, dass ich hier nicht so tatig wie dort bin. Zu einer gewissen gleichen, fortdauernden Gegenwart brauchen wir nur Verstand, und wir werden auch nur zu Verstand, so dass wir das Ausserordentliche, was jeder gleichgultige Tag von uns fordert, nicht mehr sehen und, wenn wir es erkennen, doch tausend Entschuldigungen finden, es nicht zu tun. Ein verstandiger Mensch ist viel fur sich, aber furs Ganze ist er wenig."

"Wir wollen", sagte Jarno, "dem Verstande nicht zu nahe treten und bekennen, dass das Ausserordentliche, was geschieht, meistens toricht ist."

"Ja, und zwar eben deswegen, weil die Menschen das Ausserordentliche ausser der Ordnung tun. So gibt mein Schwager sein Vermogen, insofern er es veraussern kann, der Brudergemeinde und glaubt seiner Seele Heil dadurch zu befordern; hatte er einen geringen Teil seiner Einkunfte aufgeopfert, so hatte er viel gluckliche Menschen machen und sich und ihnen einen Himmel auf Erden schaffen konnen. Selten sind unsere Aufopferungen tatig, wir tun gleich Verzicht auf das, was wir weggeben. Nicht entschlossen, sondern verzweifelt entsagen wir dem, was wir besitzen. Diese Tage, ich gesteh' es, schwebt mir der Graf immer vor Augen, und ich bin fest entschlossen, das aus Uberzeugung zu tun, wozu ihn ein angstlicher Wahn treibt; ich will meine Genesung nicht abwarten. Hier sind die Papiere, sie durfen nur ins reine gebracht werden. Nehmen Sie den Gerichtshalter dazu, unser Gast hilft Ihnen auch, Sie wissen so gut als ich, worauf es ankommt, und ich will hier genesend oder sterbend dabei bleiben und ausrufen: Hier oder nirgend ist Herrnhut!"

Als Lydie ihren Freund von Sterben reden horte, sturzte sie vor seinem Bette nieder, hing an seinen Armen und weinte bitterlich. Der Wundarzt kam herein, Jarno gab Wilhelmen die Papiere und notigte Lydien, sich zu entfernen.

"Um 's Himmels willen!" rief Wilhelm, als sie in dem Saal allein waren, "was ist das mit dem Grafen? Welch ein Graf ist das, der sich unter die Brudergemeinde begibt?"

"Den Sie sehr wohl kennen", versetzte Jarno. "Sie sind das Gespenst, das ihn in die Arme der Frommigkeit jagt, Sie sind der Bosewicht, der sein artiges Weib in einen Zustand versetzt, in dem sie ertraglich findet, ihrem Manne zu folgen."

"Und sie ist Lotharios Schwester?" rief Wilhelm.

"Nicht anders."

"Und Lothario weiss ?"

"Alles."

"O lassen Sie mich fliehen!" rief Wilhelm aus; "wie kann ich vor ihm stehen? Was kann er sagen?"

"Dass niemand einen Stein gegen den andern aufheben soll, und dass niemand lange Reden komponieren soll, um die Leute zu beschamen, er musste sie denn vor dem Spiegel halten wollen."

"Auch das wissen Sie?"

"Wie manches andere", versetzte Jarno lachelnd; "doch diesmal", fuhr er fort, "werde ich Sie so leicht nicht wie das vorige Mal loslassen, und vor meinem Werbesold haben Sie sich auch nicht mehr zu furchten. Ich bin kein Soldat mehr, und auch als Soldat hatte ich Ihnen diesen Argwohn nicht einflossen sollen. Seit der Zeit, dass ich Sie nicht gesehen habe, hat sich vieles geandert. Nach dem Tode meines Fursten, meines einzigen Freundes und Wohltaters, habe ich mich aus der Welt und aus allen weltlichen Verhaltnissen herausgerissen. Ich beforderte gern, was vernunftig war, verschwieg nicht, wenn ich etwas abgeschmackt fand, und man hatte immer von meinem unruhigen Kopf und von meinem bosen Maule zu reden. Das Menschenpack furchtet sich vor nichts mehr als vor dem Verstande; vor der Dummheit sollten sie sich furchten, wenn sie begriffen, was furchterlich ist; aber jener ist unbequem, und man muss ihn beiseiteschaffen, diese ist nur verderblich, und das kann man abwarten. Doch es mag hingehen, ich habe zu leben, und von meinem Plane sollen Sie weiter horen. Sie sollen teil daran nehmen, wenn Sie mogen; aber sagen Sie mir, wie ist es Ihnen ergangen? Ich sehe, ich fuhle Ihnen an, auch Sie haben sich verandert. Wie steht's mit Ihrer alten Grille, etwas Schones und Gutes in Gesellschaft von Zigeunern hervorzubringen?"

"Ich bin gestraft genug!" rief Wilhelm aus; "erinnern Sie mich nicht, woher ich komme und wohin ich gehe. Man spricht viel vom Theater, aber wer nicht selbst darauf war, kann sich keine Vorstellung davon machen. Wie vollig diese Menschen mit sich selbst unbekannt sind, wie sie ihr Geschaft ohne Nachdenken treiben, wie ihre Anforderungen ohne Grenzen sind, davon hat man keinen Begriff. Nicht allein will jeder der Erste, sondern auch der einzige sein, jeder mochte gern alle ubrigen ausschliessen und sieht nicht, dass er mit ihnen zusammen kaum etwas leistet; jeder dunkt sich wunder original zu sein und ist unfahig, sich in etwas zu finden, was ausser dem Schlendrian ist; dabei eine immerwahrende Unruhe nach etwas Neuem. Mit welcher Heftigkeit wirken sie gegeneinander! und nur die kleinlichste Eigenliebe, der beschrankteste Eigennutz macht, dass sie sich miteinander verbinden. Vom wechselseitigen Betragen ist gar die Rede nicht; ein ewiges Misstrauen wird durch heimliche Tucke und schandliche Reden unterhalten; wer nicht liederlich lebt, lebt albern. Jeder macht Anspruch auf die unbedingteste Achtung, jeder ist empfindlich gegen den mindesten Tadel. Das hat er selbst alles schon besser gewusst! Und warum hat er denn immer das Gegenteil getan? Immer bedurftig und immer ohne Zutrauen, scheint es, als wenn sie sich vor nichts so sehr furchteten als vor Vernunft und gutem Geschmack, und nichts so sehr zu erhalten suchten als das Majestatsrecht ihrer personlichen Willkur."

Wilhelm holte Atem, um seine Litanei noch weiter fortzusetzen, als ein unmassiges Gelachter Jarnos ihn unterbrach. "Die armen Schauspieler!" rief er aus, warf sich in einen Sessel und lachte fort, "die armen, guten Schauspieler! Wissen Sie denn, mein Freund", fuhr er fort, nachdem er sich einigermassen wieder erholt hatte, "dass Sie nicht das Theater, sondern die Welt beschrieben haben, und dass ich Ihnen aus allen Standen genug Figuren und Handlungen zu Ihren harten Pinselstrichen finden wollte? Verzeihen Sie mir, ich muss wieder lachen, dass Sie glaubten, diese schonen Qualitaten seien nur auf die Bretter gebannt."

Wilhelm fasste sich, denn wirklich hatte ihn das unbandige und unzeitige Gelachter Jarnos verdrossen. "Sie konnen", sagte er, "Ihren Menschenhass nicht ganz verbergen, wenn Sie behaupten, dass diese Fehler allgemein seien."

"Und es zeugt von Ihrer Unbekanntschaft mit der Welt, wenn Sie die Erscheinungen dem Theater so hoch anrechnen. Wahrhaftig, ich verzeihe dem Schauspieler jeden Fehler, der aus dem Selbstbetrug und aus der Begierde zu gefallen entspringt; denn wenn er sich und andern nicht etwas scheint, so ist er nichts. Zum Schein ist er berufen, er muss den augenblicklichen Beifall hoch schatzen, denn er erhalt keinen andern Lohn; er muss zu glanzen suchen, denn deswegen steht er da."

"Sie erlauben", versetzte Wilhelm, "dass ich von meiner Seite wenigstens lachele. Nie hatte ich geglaubt, dass Sie so billig, so nachsichtig sein konnten."

"Nein, bei Gott! dies ist mein volliger, wohlbedachter Ernst. Alle Fehler des Menschen verzeih' ich dem Schauspieler, keine Fehler des Schauspielers verzeih' ich dem Menschen. Lassen Sie mich meine Klaglieder hieruber nicht anstimmen, sie wurden heftiger klingen als die Ihrigen."

Der Chirurgus kam aus dem Kabinett, und auf Befragen, wie sich der Kranke befinde, sagte er mit lebhafter Freundlichkeit: "Recht sehr wohl, ich hoffe ihn bald vollig wiederhergestellt zu sehen." Sogleich eilte er zum Saal hinaus und erwartete Wilhelms Frage nicht, der schon den Mund offnete, sich nochmals und dringender nach der Brieftasche zu erkundigen. Das Verlangen, von seiner Amazone etwas zu erfahren, gab ihm Vertrauen zu Jarno; er entdeckte ihm seinen Fall und bat ihn um seine Beihulfe. "Sie wissen so viel", sagte er, "sollten Sie nicht auch das erfahren konnen?"

Jarno war einen Augenblick nachdenkend, dann sagte er zu seinem jungen Freunde: "Seien Sie ruhig, und lassen Sie sich weiter nichts merken, wir wollen der Schonen schon auf die Spur kommen. Jetzt beunruhigt mich nur Lotharios Zustand, die Sache steht gefahrlich, das sagt mir die Freundlichkeit und der gute Trost des Wundarztes. Ich hatte Lydien schon gerne weggeschafft, denn sie nutzt hier gar nichts; aber ich weiss nicht, wie ich es anfangen soll. Heute abend, hoff' ich, soll unser alter Medikus kommen, und dann wollen wir weiter ratschlagen."

Viertes Kapitel

Der Medikus kam; es war der gute, alte, kleine Arzt, den wir schon kennen, und dem wir die Mitteilung des interessanten Manuskripts verdanken. Er besuchte vor allen Dingen den Verwundeten und schien mit dessen Befinden keinesweges zufrieden. Dann hatte er mit Jarno eine lange Unterredung, doch liessen sie nichts merken, als sie abends zu Tische kamen.

Wilhelm begrusste ihn aufs freundlichste und erkundigte sich nach seinem Harfenspieler. "Wir haben noch Hoffnung, den Unglucklichen zurechte zu bringen", versetzte der Arzt. "Dieser Mensch war eine traurige Zugabe zu Ihrem eingeschrankten und wunderlichen Leben", sagte Jarno. "Wie ist es ihm weiter ergangen? Lassen Sie mich es wissen."

Nachdem man Jarnos Neugierde befriediget hatte, fuhr der Arzt fort: "Nie habe ich ein Gemut in einer so sonderbaren Lage gesehen. Seit vielen Jahren hat er an nichts, was ausser ihm war, den mindesten Anteil genommen, ja fast auf nichts gemerkt; bloss in sich gekehrt, betrachtete er sein hohles, leeres Ich, das ihm als ein unermesslicher Abgrund erschien. Wie ruhrend war es, wenn er von diesem traurigen Zustande sprach 'Ich sehe nichts vor mir, nichts hinter mir', rief er aus 'als eine unendliche Nacht, in der ich mich in der schrecklichsten Einsamkeit befinde; kein Gefuhl bleibt mir, als das Gefuhl meiner Schuld, die doch auch nur wie ein entferntes unformliches Gespenst sich ruckwarts sehen lasst. Doch da ist keine Hohe, keine Tiefe, kein Vor und Zuruck, kein Wort druckt diesen immer gleichen Zustand aus. Manchmal ruf' ich in der Not dieser Gleichgultigkeit: Ewig! ewig! mit Heftigkeit aus, und dieses seltsame, unbegreifliche Wort ist hell und klar gegen die Finsternis meines Zustandes. Kein Strahl einer Gottheit erscheint mir in dieser Nacht, ich weine meine Tranen alle mir selbst und um mich selbst. Nichts ist mir grausamer als Freundschaft und Liebe; denn sie allein locken mir den Wunsch ab, dass die Erscheinungen, die mich umgeben, wirklich sein mochten. Aber auch diese beiden Gespenster sind nur aus dem Abgrunde gestiegen, um mich zu angstigen, und um mir zuletzt auch das teure Bewusstsein dieses ungeheuren Daseins zu rauben.'

Sie sollten ihn horen", fuhr der Arzt fort, "wenn er in vertraulichen Stunden auf diese Weise sein Herz erleichtert; mit der grossten Ruhrung habe ich ihm einigemal zugehort. Wenn sich ihm etwas aufdringt, das ihn notigt, einen Augenblick zu gestehen, eine Zeit sei vergangen, so scheint er wie erstaunt, und dann verwirft er wieder die Veranderung an den Dingen als eine Erscheinung der Erscheinungen. Eines Abends sang er ein Lied uber seine grauen Haare; wir sassen alle um ihn her und weinten."

"O schaffen Sie es mir!" rief Wilhelm aus.

"Haben Sie denn aber", fragte Jarno, "nichts entdeckt von dem, was er sein Verbrechen nennt, nicht die Ursache seiner sonderbaren Tracht, sein Betragen beim Brande, seine Wut gegen das Kind?"

"Nur durch Mutmassungen konnen wir seinem Schicksale naherkommen; ihn unmittelbar zu fragen, wurde gegen unsere Grundsatze sein. Da wir wohl merken, dass er katholisch erzogen ist, haben wir geglaubt, ihm durch eine Beichte Linderung zu verschaffen; aber er entfernt sich auf eine sonderbare Weise jedesmal, wenn wir ihn dem Geistlichen naher zu bringen suchen. Dass ich aber Ihren Wunsch, etwas von ihm zu wissen, nicht ganz unbefriedigt lasse, will ich Ihnen wenigstens unsere Vermutungen entdecken. Er hat seine Jugend in dem geistlichen Stande zugebracht; daher scheint er sein langes Gewand und seinen Bart erhalten zu wollen. Die Freuden der Liebe blieben ihm die grosste Zeit seines Lebens unbekannt. Erst spat mag eine Verirrung mit einem sehr nahe verwandten Frauenzimmer, es mag ihr Tod, der einem unglucklichen Geschopfe das Dasein gab, sein Gehirn vollig zerruttet haben.

Sein grosster Wahn ist, dass er uberall Ungluck bringe, und dass ihm der Tod durch einen unschuldigen Knaben bevorstehe. Erst furchtete er sich vor Mignon, eh' er wusste, dass es ein Madchen war; nun angstigte ihn Felix, und da er das Leben bei alle seinem Elend unendlich liebt, scheint seine Abneigung gegen das Kind daher entstanden zu sein."

"Was haben Sie denn zu seiner Besserung fur Hoffnung?" fragte Wilhelm.

"Es geht langsam vorwarts", versetzte der Arzt, "aber doch nicht zuruck. Seine bestimmten Beschaftigungen treibt er fort, und wir haben ihn gewohnt, die Zeitungen zu lesen, die er jetzt immer mit grosser Begierde erwartet."

"Ich bin auf seine Lieder neugierig", sagte Jarno.

"Davon werde ich Ihnen verschiedene geben konnen", sagte der Arzt. "Der alteste Sohn des Geistlichen, der seinem Vater die Predigten nachzuschreiben gewohnt ist, hat manche Strophe, ohne von dem Alten bemerkt zu werden, aufgezeichnet und mehrere Lieder nach und nach zusammengesetzt."

Den andern Morgen kam Jarno zu Wilhelmen und sagte ihm: "Sie mussen uns einen Gefallen tun; Lydie muss einige Zeit entfernt werden; ihre heftige und, ich darf wohl sagen, unbequeme Liebe und Leidenschaft hindert des Barons Genesung. Seine Wunde verlangt Ruhe und Gelassenheit, ob sie gleich bei seiner guten Natur nicht gefahrlich ist. Sie haben gesehen, wie ihn Lydie mit sturmischer Sorgfalt, unbezwinglicher Angst und nie versiegenden Tranen qualt, und genug", setzte er nach einer Pause mit einem Lacheln hinzu, "der Medikus verlangt ausdrucklich, dass sie das Haus auf einige Zeit verlassen solle. Wir haben ihr eingebildet, eine sehr gute Freundin halte sich in der Nahe auf, verlange sie zu sehen und erwarte sie jeden Augenblick. Sie hat sich bereden lassen, zu dem Gerichtshalter zu fahren, der nur zwei Stunden von hier wohnt. Dieser ist unterrichtet und wird herzlich bedauern, dass Fraulein Therese soeben weggefahren sei; er wird wahrscheinlich machen, dass man sie noch einholen konne, Lydie wird ihr nacheilen, und wenn das Gluck gut ist, wird sie von einem Orte zum andern gefuhrt werden. Zuletzt, wenn sie drauf besteht, wieder umzukehren, darf man ihr nicht widersprechen; man muss die Nacht zu Hulfe nehmen, der Kutscher ist ein gescheiter Kerl, mit dem man noch Abrede nehmen muss. Sie setzen sich zu ihr in den Wagen, unterhalten sie und dirigieren das Abenteuer."

"Sie geben mir einen sonderbaren und bedenklichen Auftrag", versetzte Wilhelm: "wie angstlich ist die Gegenwart einer gekrankten treuen Liebe! und ich soll selbst dazu das Werkzeug sein? Es ist das erstemal in meinem Leben, dass ich jemanden auf diese Weise hintergehe; denn ich habe immer geglaubt, dass es uns zu weit fuhren konne, wenn wir einmal um des Guten und Nutzlichen willen zu betrugen anfangen."

"Konnen wir doch Kinder nicht anders erziehen als auf diese Weise", versetzte Jarno.

"Bei Kindern mochte es noch hingehen", sagte Wilhelm, "indem wir sie so zartlich lieben und offenbar ubersehen; aber bei unsersgleichen, fur die uns nicht immer das Herz so laut um Schonung anruft, mochte es oft gefahrlich werden. Doch glauben Sie nicht", fuhr er nach einem kurzen Nachdenken fort, "dass ich deswegen diesen Auftrag ablehne. Bei der Ehrfurcht, die mir Ihr Verstand einflosst, bei der Neigung, die ich fur Ihren trefflichen Freund fuhle, bei dem lebhaften Wunsch, seine Genesung, durch welche Mittel sie auch moglich sei, zu befordern, mag ich mich gerne selbst vergessen. Es ist nicht genug, dass man sein Leben fur einen Freund wagen konne, man muss auch im Notfall seine Uberzeugung fur ihn verleugnen. Unsere liebste Leidenschaft, unsere besten Wunsche sind wir fur ihn aufzuopfern schuldig. Ich ubernehme den Auftrag, ob ich gleich schon die Qual voraussehe, die ich von Lydiens Tranen, von ihrer Verzweiflung werde zu erdulden haben."

"Dagegen erwartet Sie auch keine geringe Belohnung", versetzte Jarno, "indem Sie Fraulein Theresen kennen lernen, ein Frauenzimmer, wie es ihrer wenige gibt; sie beschamt hundert Manner, und ich mochte sie eine wahre Amazone nennen, wenn andere nur als artige Hermaphroditen in dieser zweideutigen Kleidung herumgehen."

Wilhelm war betroffen, er hoffte in Theresen seine Amazone wiederzufinden, um so mehr als Jarno, von dem er einige Auskunft verlangte, kurz abbrach und sich entfernte.

Die neue nahe Hoffnung, jene verehrte und geliebte Gestalt wiederzusehen, brachte in ihm die sonderbarsten Bewegungen hervor. Er hielt nunmehr den Auftrag, der ihm gegeben worden war, fur ein Werk einer ausdrucklichen Schickung, und der Gedanke, dass er ein armes Madchen von dem Gegenstande ihrer aufrichtigsten und heftigsten Liebe hinterlistig zu entfernen im Begriff war, erschien ihm nur im Vorubergehen, wie der Schatten eines Vogels uber die erleuchtete Erde wegfliegt.

Der Wagen stand vor der Ture, Lydie zauderte einen Augenblick, hineinzusteigen. "Grusst Euren Herrn nochmals", sagte sie zu dem alten Bedienten, "vor Abend bin ich wieder zuruck." Tranen standen ihr im Auge, als sie im Fortfahren sich nochmals umwendete. Sie kehrte sich darauf zu Wilhelmen, nahm sich zusammen und sagte: "Sie werden an Fraulein Theresen eine sehr interessante Person finden. Mich wundert, wie sie in diese Gegend kommt; denn Sie werden wohl wissen, dass sie und der Baron sich heftig liebten. Ungeachtet der Entfernung war Lothario oft bei ihr; ich war damals um sie, es schien, als ob sie nur fureinander leben wurden. Auf einmal aber zerschlug sich's, ohne dass ein Mensch begreifen konnte, warum. Er hatte mich kennen lernen, und ich leugne nicht, dass ich Theresen herzlich beneidete, dass ich meine Neigung zu ihm kaum verbarg, und dass ich ihn nicht zuruckstiess, als er auf einmal mich statt Theresen zu wahlen schien. Sie betrug sich gegen mich, wie ich es nicht besser wunschen konnte, ob es gleich beinahe scheinen musste, als hatte ich ihr einen so werten Liebhaber geraubt. Aber auch wieviel tausend Tranen und Schmerzen hat mich diese Liebe schon gekostet! Erst sahen wir uns nur zuweilen am dritten Orte verstohlen, aber lange konnte ich das Leben nicht ertragen; nur in seiner Gegenwart war ich glucklich, ganz glucklich! Fern von ihm hatte ich kein trocknes Auge, keinen ruhigen Pulsschlag. Einst verzog er mehrere Tage, ich war in Verzweiflung, machte mich auf den Weg und uberraschte ihn hier. Er nahm mich liebevoll auf, und ware nicht dieser ungluckselige Handel dazwischengekommen, so hatte ich ein himmlisches Leben gefuhrt; und was ich ausgestanden habe, seitdem er in Gefahr ist, seitdem er leidet, sag' ich nicht, und noch in diesem Augenblicke mache ich mir lebhafte Vorwurfe, dass ich mich nur einen Tag von ihm habe entfernen konnen."

Wilhelm wollte sich eben naher nach Theresen erkundigen, als sie bei dem Gerichtshalter vorfuhren, der an den Wagen kam und von Herzen bedauerte, dass Fraulein Therese schon abgefahren sei. Er bot den Reisenden ein Fruhstuck an, sagte aber zugleich, der Wagen wurde noch im nachsten Dorfe einzuholen sein. Man entschloss sich, nachzufahren, und der Kutscher saumte nicht; man hatte schon einige Dorfer zuruckgelegt und niemand angetroffen. Lydie bestand nun darauf, man solle umkehren; der Kutscher fuhr zu, als verstunde er es nicht. Endlich verlangte sie es mit grosster Heftigkeit; Wilhelm rief ihm zu und gab ihm das verabredete Zeichen. Der Kutscher erwiderte: "Wir haben nicht notig, denselben Weg zuruckzufahren; ich weiss einen nahern, der zugleich viel bequemer ist." Er fuhr nun seitwarts durch einen Wald und uber lange Triften weg. Endlich, da kein bekannter Gegenstand zum Vorschein kam, gestand der Kutscher, er sei unglucklicherweise irregefahren, wolle sich aber bald wieder zurechtfinden, indem er dort ein Dorf sehe. Die Nacht kam herbei, und der Kutscher machte seine Sache so geschickt, dass er uberall fragte und nirgends die Antwort abwartete. So fuhr man die ganze Nacht, Lydie schloss kein Auge; bei Mondschein fand sie uberall Ahnlichkeiten, und immer verschwanden sie wieder. Morgens schienen ihr die Gegenstande bekannt, aber desto unerwarteter. Der Wagen hielt vor einem kleinen, artig gebauten Landhause stille; ein Frauenzimmer trat aus der Ture und offnete den Schlag. Lydie sah sie starr an, sah sich um, sah sie wieder an und lag ohnmachtig in Wilhelms Armen.

Funftes Kapitel

Wilhelm ward in ein Mansardzimmerchen gefuhrt; das Haus war neu und so klein, als es beinah nur moglich war ausserst reinlich und ordentlich. In Theresen, die ihn und Lydien an der Kutsche empfangen hatte, fand er seine Amazone nicht; es war ein anderes, ein himmelweit von ihr unterschiedenes Wesen. Wohlgebaut, ohne gross zu sein, bewegte sie sich mit viel Lebhaftigkeit, und ihren hellen, blauen, offnen Augen schien nichts verborgen zu bleiben, was vorging.

Sie trat in Wilhelms Stube und fragte, ob er etwas bedurfe? "Verzeihen Sie", sagte sie, "dass ich Sie in ein Zimmer logierte, das der Olgeruch noch unangenehm macht; mein kleines Haus ist eben fertig geworden, und Sie weihen dieses Stubchen ein, das meinen Gasten bestimmt ist. Waren Sie nur bei einem angenehmeren Anlass hier! Die arme Lydie wird uns keine guten Tage machen, und uberhaupt mussen Sie vorliebnehmen; meine Kochin ist mir eben zur ganz unrechten Zeit aus dem Dienste gelaufen, und ein Knecht hat sich die Hand zerquetscht. Es tate not, ich verrichtete alles selbst, und am Ende, wenn man sich darauf einrichtete, musste es auch gehen. Man ist mit niemand mehr geplagt als mit den Dienstboten; es will niemand dienen, nicht einmal sich selbst."

Sie sagte noch manches uber verschiedene Gegenstande, uberhaupt schien sie gern zu sprechen. Wilhelm fragte nach Lydien, ob er das gute Madchen nicht sehen und sich bei ihr entschuldigen konnte.

"Das wird jetzt nicht bei ihr wirken", versetzte Therese, "die Zeit entschuldigt, wie sie trostet. Worte sind in beiden Fallen von wenig Kraft. Lydie will Sie nicht sehen. 'Lassen Sie mir ihn ja nicht vor die Augen kommen', rief sie, als ich sie verliess 'ich mochte an der Menschheit verzweifeln! So ein ehrlich Gesicht, so ein offnes Betragen und diese heimliche Tucke!' Lothario ist ganz bei ihr entschuldigt; auch sagt er in einem Briefe an das gute Madchen: 'Meine Freunde beredeten mich, meine Freunde notigten mich!' Zu diesen rechnet Lydie Sie auch und verdammt Sie mit den ubrigen."

"Sie erzeigt mir zu viel Ehre, indem sie mich schilt", versetzte Wilhelm; "ich darf an die Freundschaft dieses trefflichen Mannes noch keinen Anspruch machen und bin diesmal nur ein unschuldiges Werkzeug. Ich will meine Handlung nicht loben; genug, ich konnte sie tun! Es war von der Gesundheit, es war von dem Leben eines Mannes die Rede, den ich hoher schatzen muss als irgend jemand, den ich vorher kannte. O welch ein Mann ist das, Fraulein! und welche Menschen umgeben ihn! In dieser Gesellschaft hab' ich, so darf ich wohl sagen, zum erstenmal ein Gesprach gefuhrt, zum erstenmal kam mir der eigenste Sinn meiner Worte aus dem Munde eines andern reichhaltiger, voller und in einem grossern Umfang wieder entgegen; was ich ahnete, ward mir klar, und was ich meinte, lernte ich anschauen. Leider ward dieser Genuss erst durch allerlei Sorgen und Grillen, dann durch den unangenehmen Auftrag unterbrochen. Ich ubernahm ihn mit Ergebung; denn ich hielt fur Schuldigkeit, selbst mit Aufopferung meines Gefuhls diesem trefflichen Kreise von Menschen meinen Einstand abzutragen."

Therese hatte unter diesen Worten ihren Gast sehr freundlich angesehen. "O, wie suss ist es", rief sie aus, "seine eigne Uberzeugung aus einem fremden Munde zu horen! Wie werden wir erst recht wir selbst, wenn uns ein anderer vollkommen recht gibt. Auch ich denke uber Lothario vollkommen wie Sie; nicht jedermann lasst ihm Gerechtigkeit widerfahren; dafur schwarmen aber auch alle die fur ihn, die ihn naher kennen, und das schmerzliche Gefuhl, das sich in meinem Herzen zu seinem Andenken mischt, kann mich nicht abhalten, taglich an ihn zu denken." Ein Seufzer erweiterte ihre Brust, indem sie dieses sagte, und in ihrem rechten Auge blinkte eine schone Trane. "Glauben Sie nicht", fuhr sie fort, "dass ich so weich, so leicht zu ruhren bin! Es ist nur das Auge, das weint. Ich hatte eine kleine Warze am untern Augenlid, man hat mir sie glucklich abgebunden, aber das Auge ist seit der Zeit immer schwach geblieben, der geringste Anlass drangt mir eine Trane hervor. Hier sass das Warzchen, Sie sehen keine Spur mehr davon."

Er sah keine Spur, aber er sah ihr ins Auge, es war klar, wie Kristall, er glaubte bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen.

"Wir haben", sagte sie, "nun das Losungswort unserer Verbindung ausgesprochen; lassen Sie uns so bald als moglich miteinander vollig bekannt werden. Die Geschichte des Menschen ist sein Charakter. Ich will Ihnen erzahlen, wie es mir ergangen ist; schenken Sie mir ein gleiches Vertrauen, und lassen Sie uns auch in der Ferne verbunden bleiben. Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flusse und Stadte darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns ubereinstimmt mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten."

Sie eilte fort und versprach, ihn bald zum Spaziergange abzuholen. Ihre Gegenwart hatte sehr angenehm auf ihn gewirkt; er wunschte ihr Verhaltnis zu Lothario zu erfahren. Er ward gerufen, sie kam ihm aus ihrem Zimmer entgegen.

Als sie die enge und beinah steile Treppe einzeln hinuntergehen mussten, sagte sie: "Das konnte alles weiter und breiter sein, wenn ich auf das Anerbieten Ihres grossmutigen Freundes hatte horen wollen, doch um seiner wert zu bleiben, muss ich das an mir erhalten, was mich ihm so wert machte. Wo ist der Verwalter?" fragte sie, indem sie die Treppe vollig herunterkam. "Sie mussen nicht denken", fuhr sie fort, "dass ich so reich bin, um einen Verwalter zu brauchen; die wenigen Acker meines Freigutchens kann ich wohl selbst bestellen. Der Verwalter gehort meinem neuen Nachbar, der das schone Gut gekauft hat, das ich in- und auswendig kenne; der gute alte Mann liegt krank am Podagra, seine Leute sind in dieser Gegend neu, und ich helfe ihnen gerne sich einrichten."

Sie machten einen Spaziergang durch Acker, Wiesen und einige Baumgarten. Therese bedeutete den Verwalter in allem, sie konnte ihm von jeder Kleinigkeit Rechenschaft geben, und Wilhelm hatte Ursache genug, sich uber ihre Kenntnis, ihre Bestimmtheit und uber die Gewandtheit, wie sie in jedem Falle Mittel anzugeben wusste; zu verwundern. Sie hielt sich nirgends auf, eilte immer zu den bedeutenden Punkten, und so war die Sache bald abgetan. "Grusst Euren Herrn", sagte sie, als sie den Mann verabschiedete; "ich werde ihn so bald als moglich besuchen und wunsche vollkommene Besserung. Da konnte ich nun auch", sagte sie mit Lacheln, als er weg war, "bald reich und vielhabend werden; denn mein guter Nachbar ware nicht abgeneigt, mir seine Hand zu geben."

"Der Alte mit dem Podagra?" rief Wilhelm; "ich wusste nicht, wie Sie in Ihren Jahren zu so einem verzweifelten Entschluss kommen konnten?" "Ich bin auch gar nicht versucht!" versetzte Therese. "Wohlhabend ist jeder, der dem, was er besitzt, vorzustehen weiss; vielhabend zu sein, ist eine lastige Sache, wenn man es nicht versteht."

Wilhelm zeigte seine Verwunderung uber ihre Wirtschaftskenntnisse. "Entschiedene Neigung, fruhe Gelegenheit, ausserer Antrieb und eine fortgesetzte Beschaftigung in einer nutzlichen Sache machen in der Welt noch viel mehr moglich", versetzte Therese, "und wenn Sie erst erfahren werden, was mich dazu belebt hat, so werden Sie sich uber das sonderbar scheinende Talent nicht mehr wundern."

Sie liess ihn, als sie zu Hause anlangten, in ihrem kleinen Garten, in welchem er sich kaum herumdrehen konnte; So eng waren die Wege, und so reichlich war alles bepflanzt. Er musste lacheln, als er uber den Hof zuruckkehrte, denn da lag das Brennholz so akkurat gesagt, gespalten und geschrankt, als wenn es ein Teil des Gebaudes ware und immer so liegenbleiben sollte. Rein standen alle Gefasse an ihren Platzen, das Hauschen war weiss und rot angestrichen und lustig anzusehen. Was das Handwerk hervorbringen kann, das keine schonen Verhaltnisse kennt, aber fur Bedurfnis, Dauer und Heiterkeit arbeitet, schien auf dem Platze vereinigt zu sein. Man brachte ihm das Essen auf sein Zimmer, und er hatte Zeit genug, Betrachtungen anzustellen. Besonders fiel ihm auf, dass er nun wieder eine so interessante Person kennen lernte, die mit Lothario in einem nahen Verhaltnisse gestanden hatte. "Billig ist es", sagte er zu sich selbst, "dass so ein trefflicher Mann auch treffliche Weiberseelen an sich ziehe! Wie weit verbreitet sich die Wirkung der Mannlichkeit und Wurde! Wenn nur andere nicht so sehr dabei zu kurz kamen! Ja, gestehe dir nur deine Furcht! Wenn du dereinst deine Amazone wieder antriffst, diese Gestalt aller Gestalten, du findest sie, trotz aller deiner Hoffnungen und Traume, zu deiner Beschamung und Demutigung doch noch am Ende als seine Braut."

Sechstes Kapitel

Wilhelm hatte einen unruhigen Nachmittag nicht ganz ohne Langeweile zugebracht, als sich gegen Abend seine Tur offnete und ein junger artiger Jagerbursche mit einem Grusse hereintrat. "Wollen wir nun spazierengehen?" sagte der junge Mensch, und in dem Augenblicke erkannte Wilhelm Theresen an ihren schonen Augen.

"Verzeihn Sie mir diese Maskerade", fing sie an, "denn leider ist es jetzt nur Maskerade. Doch da ich Ihnen einmal von der Zeit erzahlen soll, in der ich mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch jene Tage auf alle Weise vergegenwartigen. Kommen Sie! selbst der Platz, an dem wir so oft von unsern Jagden und Spaziergangen ausruhten, soll dazu beitragen."

Sie gingen, und auf dem Wege sagte Therese zu ihrem Begleiter: "Es ist nicht billig, dass Sie mich allein reden lassen; schon wissen Sie genug von mir, und ich weiss noch nicht das mindeste von Ihnen; erzahlen Sie mir indessen etwas von sich, damit ich Mut bekomme, Ihnen auch meine Geschichte und meine Verhaltnisse vorzulegen." "Leider hab' ich", versetzte Wilhelm, "nichts zu erzahlen als Irrtumer auf Irrtumer, Verirrungen auf Verirrungen, und ich wusste nicht, wem ich die Verworrenheiten, in denen ich mich befand und befinde, lieber verbergen mochte als Ihnen. Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, Ihr ganzes Wesen und Ihr Betragen zeigt mir, dass Sie sich Ihres vergangenen Lebens freuen konnen, dass Sie auf einem schonen, reinen Wege in einer sichern Folge gegangen sind, dass Sie keine Zeit verloren, dass Sie sich nichts vorzuwerfen haben."

Therese lachelte und versetzte: "Wir mussen abwarten, ob Sie auch noch so denken, wenn Sie meine Geschichte horen." Sie gingen weiter, und unter einigen allgemeinen Gesprachen fragte ihn Therese: "Sind Sie frei?" "Ich glaube es zu sein", versetzte er, "aber ich wunsche es nicht." "Gut!" sagte sie, "das deutet auf einen komplizierten Roman und zeigt mir, dass Sie auch etwas zu erzahlen haben."

Unter diesen Worten stiegen sie den Hugel hinan und lagerten sich bei einer grossen Eiche, die ihren Schatten weit umher verbreitete. "Hier", sagte Therese, "unter diesem deutschen Baume will ich Ihnen die Geschichte eines deutschen Madchens erzahlen; horen Sie mich geduldig an.

Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann dieser Provinz, ein heiterer, klarer, tatiger, wackrer Mann, ein zartlicher Vater, ein redlicher Freund, ein trefflicher Wirt, an dem ich nur den einzigen Fehler kannte, dass er gegen eine Frau zu nachsichtig war, die ihn nicht zu schatzen wusste. Leider muss ich das von meiner eigenen Mutter sagen! Ihr Wesen war dem seinigen ganz entgegengesetzt. Sie war rasch, unbestandig, ohne Neigung weder fur ihr Haus noch fur mich, ihr einziges Kind; verschwenderisch, aber schon, geistreich, voller Talente, das Entzucken eines Zirkels, den sie um sich zu versammeln wusste. Freilich war ihre Gesellschaft niemals gross, oder blieb es nicht lange. Dieser Zirkel bestand meist aus Mannern, denn keine Frau befand sich wohl neben ihr, und noch weniger konnte sie das Verdienst irgendeines Weibes dulden. Ich glich meinem Vater an Gestalt und Gesinnungen. Wie eine junge Ente gleich das Wasser sucht, so waren von der ersten Jugend an die Kuche, die Vorratskammer, die Scheunen und Boden mein Element. Die Ordnung und Reinlichkeit des Hauses schien, selbst da ich noch spielte, mein einziger Instinkt, mein einziges Augenmerk zu sein. Mein Vater freute sich daruber und gab meinem kindischen Bestreben stufenweise die zweckmassigsten Beschaftigungen; meine Mutter dagegen liebte mich nicht und verhehlte es keinen Augenblick.

Ich wuchs heran, mit den Jahren vermehrte sich meine Tatigkeit und die Liebe meines Vaters zu mir. Wenn wir allein waren, auf die Felder gingen, wenn ich ihm die Rechnungen durchsehen half, dann konnte ich ihm recht anfuhlen, wie glucklich er war. Wenn ich ihm in die Augen sah, so war es, als wenn ich in mich selbst hineinsahe; denn eben die Augen waren es, die mich ihm vollkommen ahnlich machten. Aber nicht eben den Mut, nicht eben den Ausdruck behielt er in der Gegenwart meiner Mutter; er entschuldigte mich gelind, wenn sie mich heftig und ungerecht tadelte; er nahm sich meiner an, nicht als wenn er mich beschutzen, sondern als wenn er meine guten Eigenschaften nur entschuldigen konnte. So setzte er auch keiner von ihren Neigungen Hindernisse entgegen; sie fing an, mit grosster Leidenschaft sich auf das Schauspiel zu werfen, ein Theater ward erbaut, an Mannern fehlte es nicht von allen Altern und Gestalten, die sich mit ihr auf der Buhne darstellten, an Frauen hingegen mangelte es oft. Lydie, ein artiges Madchen, das mit mir erzogen worden war, und das gleich in ihrer ersten Jugend reizend zu werden versprach, musste die zweiten Rollen ubernehmen, und eine alte Kammerfrau die Mutter und Tanten vorstellen, indes meine Mutter sich die ersten Liebhaberinnen, Heldinnen und Schaferinnen aller Art vorbehielt. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie lacherlich mir es vorkam, wenn die Menschen, die ich alle recht gut kannte, sich verkleidet hatten, da droben standen und fur etwas anders, als sie waren, gehalten sein wollten. Ich sah immer nur meine Mutter und Lydien, diesen Baron und jenen Sekretar, sie mochten nun als Fursten und Grafen oder als Bauern erscheinen, und ich konnte nicht begreifen, wie sie mir zumuten wollten, zu glauben, dass es ihnen wohl oder wehe sei, dass sie verliebt oder gleichgultig, geizig oder freigebig seien, da ich doch meist von dem Gegenteile genau unterrichtet war. Deswegen blieb ich auch sehr selten unter den Zuschauern; ich putzte ihnen immer die Lichter, damit ich nur etwas zu tun hatte, besorgte das Abendessen und hatte des andern Morgens, wenn sie noch lange schliefen, schon ihre Garderobe in Ordnung gebracht, die sie des Abends gewohnlich ubereinandergeworfen zuruckliessen.

Meiner Mutter schien diese Tatigkeit ganz recht zu sein, aber ihre Neigung konnte ich nicht erwerben, sie verachtete mich, und ich weiss noch recht gut, dass sie mehr als einmal mit Bitterkeit wiederholte 'Wenn die Mutter so ungewiss sein konnte als der Vater, so wurde man wohl schwerlich diese Magd fur meine Tochter halten.' Ich leugnete nicht, dass ihr Betragen mich nach und nach ganz von ihr entfernte, ich betrachtete ihre Handlungen wie die Handlungen einer fremden Person, und da ich gewohnt war, wie ein Falke das Gesinde zu beobachten, denn, im Vorbeigehen gesagt, darauf beruht eigentlich der Grund aller Haushaltung, so fielen mir naturlich auch die Verhaltnisse meiner Mutter und ihrer Gesellschaft auf. Es liess sich wohl bemerken, dass sie nicht alle Manner mit ebendenselben Augen ansah; ich gab scharfer acht und bemerkte bald, dass Lydie Vertraute war und bei dieser Gelegenheit selbst mit einer Leidenschaft bekannter wurde, die sie von ihrer ersten Jugend an so oft vorgestellt hatte. Ich wusste alle ihre Zusammenkunfte, aber ich schwieg und sagte meinem Vater nichts, den ich zu betruben furchtete; endlich aber ward ich dazu genotigt. Manches konnten sie nicht unternehmen, ohne das Gesinde zu bestechen. Dieses fing an, mir zu trotzen, die Anordnungen meines Vaters zu vernachlassigen und meine Befehle nicht zu vollziehen; die Unordnungen, die daraus entstanden, waren mir unertraglich, ich entdeckte, ich klagte alles meinem Vater.

Er horte mich gelassen an. 'Gutes Kind!' sagte er zuletzt mit Lacheln, 'ich weiss alles; sei ruhig, ertrag es mit Geduld, denn es ist nur um deinetwillen, dass ich es leide.'

Ich war nicht ruhig, ich hatte keine Geduld. Ich schalt meinen Vater im stillen; denn ich glaubte nicht, dass er um irgendeiner Ursache willen so etwas zu dulden brauche; ich bestand auf der Ordnung, und ich war entschlossen, die Sache aufs Ausserste kommen zu lassen.

Meine Mutter war reich von sich, verzehrte aber doch mehr, als sie sollte, und dies gab, wie ich wohl merkte, manche Erklarung zwischen meinen Eltern. Lange war der Sache nicht geholfen, bis die Leidenschaften meiner Mutter selbst eine Art von Entwicklung hervorbrachten.

Der erste Liebhaber ward auf eine eklatante Weise ungetreu; das Haus, die Gegend, ihre Verhaltnisse waren ihr zuwider. Sie wollte auf ein anderes Gut ziehen, da war es ihr zu einsam; sie wollte nach der Stadt, da galt sie nicht genug. Ich weiss nicht, was alles zwischen ihr und meinem Vater vorging; genug, er entschloss sich endlich unter Bedingungen, die ich nicht erfuhr, in eine Reise, die sie nach dem sudlichen Frankreich tun wollte, einzuwilligen.

Wir waren nun frei und lebten wie im Himmel; ja ich glaube, dass mein Vater nichts verloren hat, wenn er ihre Gegenwart auch schon mit einer ansehnlichen Summe abkaufte. Alles unnutze Gesinde ward abgeschafft, und das Gluck schien unsere Ordnung zu begunstigen; wir hatten einige sehr gute Jahre, alles gelang nach Wunsch. Aber leider dauerte dieser frohe Zustand nicht lange; ganz unvermutet ward mein Vater von einem Schlagflusse befallen, der ihm die rechte Seite lahmte und den reinen Gebrauch der Sprache benahm. Man musste alles erraten, was er verlangte; denn er brachte nie das Wort hervor, das er im Sinne hatte. Sehr angstlich waren mir daher manche Augenblicke, in denen er mit mir ausdrucklich allein sein wollte; er deutete mit heftiger Gebarde, dass jedermann sich entfernen sollte, und wenn wir uns allein sahen, war er nicht imstande, das rechte Wort hervorzubringen. Seine Ungeduld stieg aufs Ausserste, und sein Zustand betrubte mich im innersten Herzen. So viel schien mir gewiss, dass er mir etwas zu vertrauen hatte, das mich besonders anging. Welches Verlangen fuhlt' ich nicht, es zu erfahren! Sonst konnt' ich ihm alles an den Augen ansehen; aber jetzt war es vergebens! Selbst seine Augen sprachen nicht mehr. Nur so viel war mir deutlich: er wollte nichts, er begehrte nichts, er strebte nur, mir etwas zu entdecken, das ich leider nicht erfuhr. Sein Ubel wiederholte sich, er ward bald darauf ganz untatig und unfahig; und nicht lange, so war er tat.

Ich weiss nicht, wie sich bei mir der Gedanke festgesetzt hatte, dass er irgendwo einen Schatz niedergelegt habe, den er mir nach seinem Tode lieber als meiner Mutter gonnen wollte; ich suchte schon bei seinen Lebzeiten nach, allein ich fand nichts; nach seinem Tode ward alles versiegelt. Ich schrieb meiner Mutter und bot ihr an, als Verwalter im Hause zu bleiben; sie schlug es aus, und ich musste das Gut raumen. Es kam ein wechselseitiges Testament zum Vorschein, wodurch sie im Besitz und Genuss von allem und ich, wenigstens ihre ganze Lebenszeit uber, von ihr abhangig blieb. Nun glaubte ich erst recht die Winke meines Vaters zu verstehn; ich bedauerte ihn, dass er so schwach gewesen war, auch nach seinem Tode ungerecht gegen mich zu sein. Denn einige meiner Freunde wollten sogar behaupten, es sei beinah nicht besser, als ob er mich enterbt hatte, und verlangten, ich sollte das Testament angreifen, wozu ich mich aber nicht entschliessen konnte. Ich verehrte das Andenken meines Vaters zu sehr; ich vertraute dem Schicksal, ich vertraute mir selbst.

Ich hatte mit einer Dame in der Nachbarschaft, die grosse Guter besass, immer in gutem Verhaltnisse gestanden; sie nahm mich mit Vergnugen auf, und es ward mir leicht, bald ihrer Haushaltung vorzustehn. Sie lebte sehr regelmassig und liebte die Ordnung in allem, und ich half ihr treulich in dem Kampf mit Verwalter und Gesinde. Ich bin weder geizig noch missgunstig, aber wir Weiber bestehn uberhaupt viel ernsthafter als selbst ein Mann darauf, dass nichts verschleudert werde. Jeder Unterschleif ist uns unertraglich; wir wollen, dass jeder nur geniesse, insofern er dazu berechtigt ist.

Nun war ich wieder in meinem Elemente und trauerte still uber den Tod meines Vaters. Meine Beschutzerin war mit mir zufrieden, nur ein kleiner Umstand storte meine Ruhe. Lydie kam zuruck; meine Mutter war grausam genug, das arme Madchen abzustossen, nachdem sie aus dem Grunde verdorben war. Sie hatte bei meiner Mutter gelernt, Leidenschaften als Bestimmung anzusehen, sie war gewohnt, sich in nichts zu massigen. Als sie unvermutet wieder erschien, nahm meine Wohltaterin auch sie auf; sie wollte mir an die Hand gehen und konnte sich in nichts schicken.

Um diese Zeit kamen die Verwandten und kunftigen Erben meiner Dame oft ins Haus und belustigten sich mit der Jagd. Auch Lothario war manchmal mit ihnen; ich bemerkte gar bald, wie sehr er sich vor allen andern auszeichnete, jedoch ohne die mindeste Beziehung auf mich selbst. Er war gegen alle hoflich, und bald schien Lydie seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hatte immer zu tun und war selten bei der Gesellschaft; in seiner Gegenwart sprach ich weniger als gewohnlich, denn ich will nicht leugnen, dass eine lebhafte Unterhaltung von jeher mir die Wurze des Lebens war. Ich sprach mit meinem Vater gern viel uber alles, was begegnete. Was man nicht bespricht, bedenkt man nicht recht. Keinem Menschen hatte ich jemals lieber zugehort als Lothario, wenn er von seinen Reisen, von seinen Feldzugen erzahlte. Die Welt lag ihm so klar, so offen da wie mir die Gegend, in der ich gewirtschaftet hatte. Ich horte nicht etwa die wunderlichen Schicksale des Abenteurers, die ubertriebenen Halbwahrheiten eines beschrankten Reisenden, der immer nur seine Person an die Stelle des Landes setzt, wovon er uns ein Bild zu geben verspricht; er erzahlte nicht, er fuhrte uns an die Orte selbst; ich habe nicht leicht ein so reines Vergnugen empfunden.

Aber unaussprechlich war meine Zufriedenheit, als ich ihn eines Abends uber die Frauen reden horte. Das Gesprach machte sich ganz naturlich; einige Damen aus der Nachbarschaft hatten uns besucht und uber die Bildung der Frauen die gewohnlichen Gesprache gefuhrt. Man sei ungerecht gegen unser Geschlecht, hiess es, die Manner wollten alle hohere Kultur fur sich behalten, man wolle uns zu keinen Wissenschaften zulassen, man verlange, dass wir nur Tandelpuppen und Haushalterinnen sein sollten. Lothario sprach wenig zu all diesem; als aber die Gesellschaft kleiner ward, sagte er auch hieruber offen seine Meinung 'Es ist sonderbar', rief er aus 'dass man es dem Manne verargt, der eine Frau an die hochste Stelle setzen will, die sie einzunehmen fahig ist; und welche ist hoher als das Regiment des Hauses? Wenn der Mann sich mit aussern Verhaltnissen qualt, wenn er die Besitztumer herbeischaffen und beschutzen muss, wenn er sogar an der Staatsverwaltung Anteil nimmt, uberall von Umstanden abhangt und, ich mochte sagen, nichts regiert, indem er zu regieren glaubt, immer nur politisch sein muss, wo er gern vernunftig ware, versteckt, wo er offen, falsch, wo er redlich zu sein wunschte; wenn er um des Zieles willen, das er nie erreicht, das schonste Ziel, die Harmonie mit sich selbst, in jedem Augenblicke aufgeben muss: indessen herrscht eine vernunftige Hausfrau im Innern wirklich und macht einer ganzen Familie jede Tatigkeit, jede Zufriedenheit moglich. Was ist das hochste Gluck des Menschen, als dass wir das ausfuhren, was wir als recht und gut einsehen? dass wir wirklich Herren uber die Mittel zu unsern Zwecken sind? Und wo sollen, wo konnen unsere nachsten Zwecke liegen, als innerhalb des Hauses? Alle immer wiederkehrenden unentbehrlichen Bedurfnisse, wo erwarten wir, wo fordern wir sie, als da, wo wir aufstehn und uns niederlegen, wo Kuche und Keller und jede Art von Vorrat fur uns und die Unsrigen immer bereit sein soll? Welche regelmassige Tatigkeit wird erfordert, um diese immer wiederkehrende Ordnung in einer unverruckten, lebendigen Folge durchzufuhren! Wie wenig Mannern ist es gegeben, gleichsam als ein Gestirn regelmassig wiederzukehren und dem Tage so wie der Nacht vorzustehn, sich ihre hauslichen Werkzeuge zu bilden, zu pflanzen und zu ernten, zu verwahren und auszuspenden und den Kreis immer mit Ruhe, Liebe und Zweckmassigkeit zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese innere Herrschaft ergriffen, so macht sie den Mann, den sie liebt, erst allein dadurch zum Herrn; ihre Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse, und ihre Tatigkeit weiss sie alle zu benutzen. So ist sie von niemand abhangig und verschafft ihrem Manne die wahre Unabhangigkeit, die hausliche, die innere; das, was er besitzt, sieht er gesichert, das, was er erwirbt, gut benutzt, und so kann er sein Gemut nach grossen Gegenstanden wenden und, wenn das Gluck gut ist, das dem Staate sein, was seiner Gattin zu Hause so wohl ansteht.'

Er machte darauf eine Beschreibung, wie er sich eine Frau wunsche. Ich ward rot; denn er beschrieb mich, wie ich leibte und lebte. Ich genoss im stillen meinen Triumph, um so mehr, da ich aus allen Umstanden sah, dass er mich personlich nicht gemeint hatte, dass er mich eigentlich nicht kannte. Ich erinnere mich keiner angenehmern Empfindung in meinem ganzen Leben, als dass ein Mann, den ich so sehr schatzte, nicht meiner Person, sondern meiner innersten Natur den Vorzug gab. Welche Belohnung fuhlte ich! Welche Aufmunterung war mir geworden!

Als sie weg waren, sagte meine wurdige Freundin lachelnd zu mir: 'Schade, dass die Manner oft denken und reden, was sie doch nicht zur Ausfuhrung kommen lassen, sonst ware eine treffliche Partie fur meine liebe Therese geradezu gefunden.' Ich scherzte uber ihre Ausserung und fugte hinzu, dass zwar der Verstand der Manner sich nach Haushalterinnen umsehe, dass aber ihr Herz und ihre Einbildungskraft sich nach andern Eigenschaften sehne, und dass wir Haushalterinnen eigentlich gegen die liebenswurdigen und reizenden Madchen keinen Wettstreit aushalten konnen. Diese Worte sagte ich Lydien zu Gehor; denn sie verbarg nicht, dass Lothario grossen Eindruck auf sie gemacht habe, und auch er schien bei jedem neuen Besuche immer aufmerksamer auf sie zu werden. Sie war arm, sie war nicht von Stande, sie konnte an keine Heirat mit ihm denken; aber sie konnte der Wonne nicht widerstehen, zu reizen und gereizt zu werden. Ich hatte nie geliebt und liebte auch jetzt nicht; allein ob es mir schon unendlich angenehm war, zu sehen, wohin meine Natur von einem so verehrten Manne gestellt und gerechnet werde, will ich doch nicht leugnen, dass ich damit nicht ganz zufrieden war. Ich wunschte nun auch, dass er mich kennen, dass er personlich Anteil an mir nehmen mochte. Es entstand bei mir dieser Wunsch ohne irgendeinen bestimmten Gedanken, was darauf folgen konnte.

Der grosste Dienst, den ich meiner Wohltaterin leistete, war, dass ich die schonen Waldungen ihrer Guter in Ordnung zu bringen suchte. In diesen kostlichen Besitzungen, deren grossen Wert Zeit und Umstande immer vermehren, ging es leider nur immer nach dem alten Schlendrian fort, nirgends war Plan und Ordnung, und des Stehlens und des Unterschleifs kein Ende. Manche Berge standen ode, und einen gleichen Wuchs hatten nur noch die altesten Schlage. Ich beging alles selbst mit einem geschickten Forstmann, ich liess die Waldungen messen, ich liess schlagen, saen, pflanzen, und in kurzer Zeit war alles im Gange. Ich hatte mir, um leichter zu Pferde fortzukommen und auch zu Fusse nirgends gehindert zu sein, Mannskleider machen lassen, ich war an vielen Orten, und man furchtete mich uberall.

Ich horte, dass die Gesellschaft junger Freunde mit Lothario wieder ein Jagen angestellt hatte; zum erstenmal in meinem Leben fiel mir's ein, zu scheinen, oder, dass ich mir nicht unrecht tue, in den Augen des trefflichen Mannes fur das zu gelten, was ich war. Ich zog meine Mannskleider an, nahm die Flinte auf den Rucken und ging mit unserm Jager hinaus, um die Gesellschaft an der Grenze zu erwarten. Sie kam, Lothario kannte mich nicht gleich; einer von den Neffen meiner Wohltaterin stellte mich ihm als geschickten Forstmann vor, scherzte uber meine Jugend und trieb sein Spiel zu meinem Lobe so lange, bis endlich Lothario mich erkannte. Der Neffe sekundierte meine Absicht, als wenn wir es abgeredet hatten. Umstandlich erzahlte er und dankbar, was ich fur die Guter der Tante und also auch fur ihn getan hatte.

Lothario horte mit Aufmerksamkeit zu, unterhielt sich mit mir, fragte nach allen Verhaltnissen der Guter und der Gegend, und ich war froh, meine Kenntnisse vor ihm ausbreiten zu konnen; ich bestand in meinem Examen sehr gut, ich legte ihm einige Vorschlage zu gewissen Verbesserungen zur Prufung vor, er billigte sie, erzahlte mir ahnliche Beispiele und verstarkte meine Grunde durch den Zusammenhang, den er ihnen gab. Meine Zufriedenheit wuchs mit jedem Augenblick. Aber glucklicherweise wollte ich nur gekannt, wollte nicht geliebt sein: denn wir kamen nach Hause, und ich bemerkte mehr als sonst, dass die Aufmerksamkeit, die er Lydien bezeigte, eine heimliche Neigung zu verraten schien. Ich hatte meinen Endzweck erreicht und war doch nicht ruhig; er zeigte von dem Tage an eine wahre Achtung und ein schones Vertrauen gegen mich, er redete mich in Gesellschaft gewohnlich an, fragte mich um meine Meinung und schien besonders in Haushaltungssachen das Zutrauen zu mir zu haben, als wenn ich alles wisse. Seine Teilnahme munterte mich ausserordentlich auf; sogar wenn von allgemeiner Landesokonomie und von Finanzen die Rede war, zog er mich ins Gesprach, und ich suchte in seiner Abwesenheit mehr Kenntnisse von der Provinz, ja von dem ganzen Lande zu erlangen. Es ward mir leicht, denn es wiederholte sich nur im grossen, was ich im kleinen so genau wusste und kannte.

Er kam von dieser Zeit an ofter in unser Haus. Es

ward, ich kann wohl sagen, von allem gesprochen, aber gewissermassen ward unser Gesprach zuletzt immer okonomisch, wenn auch nur im uneigentlichen Sinne. Was der Mensch durch konsequente Anwendung seiner Krafte, seiner Zeit, seines Geldes, selbst durch gering scheinende Mittel fur ungeheure Wirkungen hervorbringen konne, daruber ward viel gesprochen.

Ich widerstand der Neigung nicht, die mich zu ihm zog, und ich fuhlte leider nur zu bald, wie sehr, wie herzlich, wie rein und aufrichtig meine Liebe war, da ich immer mehr zu bemerken glaubte, dass seine oftern Besuche Lydien und nicht mir galten. Sie wenigstens war auf das lebhafteste davon uberzeugt; sie machte mich zu ihrer Vertrauten, und dadurch fand ich mich noch einigermassen getrostet. Das, was sie so sehr zu ihrem Vorteil auslegte, fand ich keinesweges bedeutend; von der Absicht einer ernsthaften, dauernden Verbindung zeigte sich keine Spur, um so deutlicher sah ich den Hang des leidenschaftlichen Madchens, um jeden Preis die Seinige zu werden.

So standen die Sachen, als mich die Frau vom Hause mit einem unvermuteten Antrag uberraschte. 'Lothario', sagte sie 'bietet Ihnen seine Hand an und wunscht Sie in seinem Leben immer zur Seite zu haben.' Sie verbreitete sich uber meine Eigenschaften und sagte mir, was ich so gerne anhorte: dass Lothario uberzeugt sei, in mir die Person gefunden zu haben, die er so lange gewunscht hatte.

Das hochste Gluck war nun freilich fur mich erreicht: ein Mann verlangte mich, den ich so sehr schatzte, bei dem und mit dem ich eine vollige, freie, ausgebreitete, nutzliche Wirkung meiner angeborenen Neigung, meines durch Ubung erworbenen Talents vor mir sah; die Summe meines ganzen Daseins schien sich ins Unendliche vermehrt zu haben. Ich gab meine Einwilligung, er kam selbst, er sprach mit mir allein, er reichte mir seine Hand, er sah mir in die Augen, er umarmte mich und druckte einen Kuss auf meine Lippen. Es war der erste und letzte. Er vertraute mir seine ganze Lage, was ihn sein amerikanischer Feldzug gekostet, welche Schulden er auf seine Guter geladen, wie er sich mit seinem Grossoheim einigermassen daruber entzweit habe, wie dieser wurdige Mann fur ihn zu sorgen denke, aber freilich auf seine eigene Art: er wolle ihm eine reiche Frau geben, da einem wohldenkenden Manne doch nur mit einer haushaltischen gedient sei; er hoffe durch seine Schwester den Alten zu bereden. Er legte mir den Zustand seines Vermogens, seine Plane, seine Aussichten vor und erbat sich meine Mitwirkung. Nur bis zur Einwilligung seines Oheims sollte es ein Geheimnis bleiben.

Kaum hatte er sich entfernt, so fragte mich Lydie, ob er etwa von ihr gesprochen habe. Ich sagte nein und machte ihr Langeweile mit Erzahlung von okonomischen Gegenstanden. Sie war unruhig, misslaunig, und sein Betragen, als er wiederkam, verbesserte ihren Zustand nicht.

Doch ich sehe, dass die Sonne sich zu ihrem Untergange neigt! Es ist Ihr Gluck, mein Freund, Sie hatten sonst die Geschichte, die ich mir so gerne selbst erzahle, mit allen ihren kleinen Umstanden durchhoren mussen. Lassen Sie mich eilen! wir nahen einer Epoche, bei der nicht gut zu verweilen ist.

Lothario machte mich mit seiner trefflichen Schwester bekannt, und diese wusste mich auf eine schickliche Weise beim Oheim einzufuhren; ich gewann den Alten, er willigte in unsere Wunsche und ich kehrte mit einer glucklichen Nachricht zu meiner Wohltaterin zuruck. Die Sache war im Hause nun kein Geheimnis mehr, Lydie erfuhr sie, sie glaubte etwas Unmogliches zu vernehmen. Als sie endlich daran nicht mehr zweifeln konnte, verschwand sie auf einmal, und man wusste nicht, wohin sie sich verloren hatte.

Der Tag unserer Verbindung nahte heran; ich hatte ihn schon oft um sein Bildnis gebeten, und ich erinnerte ihn, eben als er wegreiten wollte, nochmals an sein Versprechen. 'Sie haben vergessen', sagte er, 'mir das Gehause zu geben, wohinein Sie es gepasst wunschen.' Es war so: Ich hatte ein Geschenk von einer Freundin, das ich sehr wert hielt. Von ihren Haaren war ein verzogener Name unter dem aussern Glase befestigt, inwendig blieb ein leeres Elfenbein, worauf eben ihr Bild gemalt werden sollte, als sie mir unglucklicherweise durch den Tod entrissen wurde. Lotharios Neigung begluckte mich in dem Augenblikke, da ihr Verlust mir noch sehr schmerzhaft war, und ich wunschte die Lucke, die sie mir in ihrem Geschenk zuruckgelassen hatte, durch das Bild meines Freundes auszufullen.

Ich eile nach meinem Zimmer, hole mein Schmuckkastchen und eroffne es in seiner Gegenwart; kaum sieht er hinein, so erblickt er ein Medaillon mit dem Bilde eines Frauenzimmers, er nimmt es in die Hand, betrachtet es mit Aufmerksamkeit und fragt hastig 'Wen soll dies Portrat vorstellen?' 'Meine Mutter', versetzte ich. 'Hatt' ich doch geschworen', rief er aus 'es sei das Portrat einer Frau von Saint Alban, die ich vor einigen Jahren in der Schweiz antraf.' 'Es ist einerlei Person', versetzte ich lachelnd 'und Sie haben also Ihre Schwiegermutter, ohne es zu wissen, kennen gelernt. Saint Alban ist der romantische Name, unter dem meine Mutter reist; sie befindet sich unter demselben noch gegenwartig in Frankreich.'

'Ich bin der unglucklichste aller Menschen!' rief er aus, indem er das Bild in das Kastchen zuruckwarf, seine Augen mit der Hand bedeckte und sogleich das Zimmer verliess. Er warf sich auf sein Pferd, ich lief auf den Balkon und rief ihm nach; er kehrte sich um, warf mir eine Hand zu, entfernte sich eilig und ich habe ihn nicht wieder gesehen."

Die Sonne ging unter, Therese sah mit unverwandtem Blicke in die Glut, und ihre beiden schonen Augen fullten sich mit Tranen.

Therese schwieg und legte auf ihres neuen Freundes Hande ihre Hand; er kusste sie mit Teilnehmung, sie trocknete ihre Tranen und stand auf. "Lassen Sie uns zuruckgehen", sagte sie, "und fur die Unsrigen sorgen!"

Das Gesprach auf dem Wege war nicht lebhaft; sie kamen zur Gartenture herein und sahen Lydien auf einer Bank sitzen; sie stand auf, wich ihnen aus und begab sich ins Haus zuruck; sie hatte ein Papier in der Hand, und zwei kleine Madchen waren bei ihr. "Ich sehe", sagte Therese, "sie tragt ihren einzigen Trost, den Brief Lotharios, noch immer bei sich. Ihr Freund verspricht ihr, dass sie gleich, sobald er sich wohl befindet, wieder an seiner Seite leben soll; er bittet sie, so lange ruhig bei mir zu verweilen. An diesen Worten hangt sie, mit diesen Zeilen trostet sie sich, aber seine Freunde sind ubel bei ihr angeschrieben."

Indessen waren die beiden Kinder herangekommen, begrussten Theresen und gaben ihr Rechenschaft von allem, was in ihrer Abwesenheit im Hause vorgegangen war. "Sie sehen hier noch einen Teil meiner Beschaftigung", sagte Therese. "Ich habe mit Lotharios trefflicher Schwester einen Bund gemacht; wir erziehen eine Anzahl Kinder gemeinschaftlich: ich bilde die lebhaften und dienstfertigen Haushalterinnen, und sie ubernimmt diejenigen, an denen sich ein ruhigeres und feineres Talent zeigt; denn es ist billig, dass man auf jede Weise fur das Gluck der Manner und der Haushaltung sorge. Wenn Sie meine edle Freundin kennen lernen, so werden Sie ein neues Leben anfangen: ihre Schonheit, ihre Gute macht sie der Anbetung einer ganzen Welt wurdig." Wilhelm getraute sich nicht zu sagen, dass er leider die schone Grafin schon kenne, und dass ihn sein vorubergehendes Verhaltnis zu ihr auf ewig schmerzen werde; er war sehr zufrieden, dass Therese das Gesprach nicht fortsetzte, und dass ihre Geschafte sie in das Haus zuruckzugehen notigten. Er befand sich nun allein, und die letzte Nachricht, dass die junge schone Grafin auch schon genotigt sei, durch Wohltatigkeit den Mangel an eignem Gluck zu ersetzen, machte ihn ausserst traurig; er fuhlte, dass es bei ihr nur eine Notwendigkeit war, sich zu zerstreuen und an die Stelle eines frohen Lebensgenusses die Hoffnung fremder Gluckseligkeit zu setzen. Er pries Theresen glucklich, dass selbst bei jener unerwarteten traurigen Veranderung keine Veranderung in ihr selbst vorzugehen brauchte. "Wie glucklich ist der uber alles", rief er aus, "der, um sich mit dem Schicksal in Einigkeit zu setzen, nicht sein ganzes vorhergehendes Leben wegzuwerfen braucht!"

Therese kam auf sein Zimmer und bat um Verzeihung, dass sie ihn store. "Hier in dem Wandschrank", sagte sie, "steht meine ganze Bibliothek; es sind eher Bucher, die ich nicht wegwerfe, als die ich aufhebe. Lydie verlangt ein geistliches Buch, es findet sich wohl auch eins und das andere darunter. Die Menschen, die das ganze Jahr weltlich sind, bilden sich ein, sie mussten zur Zeit der Not geistlich sein; sie sehen alles Gute und Sittliche wie eine Arznei an, die man mit Widerwillen zu sich nimmt, wenn man sich schlecht befindet; sie sehen in einem Geistlichen, einem Sittenlehrer nur einen Arzt, den man nicht geschwind genug aus dem Hause loswerden kann; ich aber gestehe gern, ich habe vom Sittlichen den Begriff als von einer Diat, die eben dadurch nur Diat ist, wenn ich sie zur Lebensregel mache, wenn ich sie das ganze Jahr nicht ausser Augen lasse."

Sie suchten unter den Buchern und fanden einige sogenannte Erbauungsschriften. "Die Zuflucht zu diesen Buchern", sagte Therese, "hat Lydie von meiner Mutter gelernt: Schauspiele und Romane waren ihr Leben, solange der Liebhaber treu blieb; seine Entfernung brachte sogleich diese Bucher wieder in Kredit. Ich kann uberhaupt nicht begreifen", fuhr sie fort, "wie man hat glauben konnen, dass Gott durch Bucher und Geschichten zu uns spreche. Wem die Welt nicht unmittelbar eroffnet, was sie fur ein Verhaltnis zu ihm hat, wem sein Herz nicht sagt, was er sich und andern schuldig ist, der wird es wohl schwerlich aus Buchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, unsern Irrtumern Namen zu geben."

Sie liess Wilhelmen allein, und er brachte seinen Abend mit Revision der kleinen Bibliothek zu; sie war wirklich bloss durch Zufall zusammengekommen.

Therese blieb die wenigen Tage, die Wilhelm bei ihr verweilte, sich immer gleich; sie erzahlte ihm die Folgen ihrer Begebenheit in verschiedenen Absatzen sehr umstandlich. Ihrem Gedachtnis war Tag und Stunde, Platz und Name gegenwartig, und wir ziehen, was unsern Lesern zu wissen notig ist, hier ins Kurze zusammen.

Die Ursache von Lotharios rascher Entfernung liess sich leider leicht erklaren: er war Theresens Mutter auf ihrer Reise begegnet, ihre Reize zogen ihn an, sie war nicht karg gegen ihn, und nun entfernte ihn dieses ungluckliche, schnell vorubergegangene Abenteuer von der Verbindung mit einem Frauenzimmer, das die Natur selbst fur ihn gebildet zu haben schien. Therese blieb in dem reinen Kreise ihrer Beschaftigung und ihrer Pflicht. Man erfuhr, dass Lydie sich heimlich in der Nachbarschaft aufgehalten habe. Sie war glucklich, als die Heirat, obgleich aus unbekannten Ursachen, nicht vollzogen wurde, sie suchte sich Lothario zu nahern, und es schien, dass er mehr aus Verzweiflung als aus Neigung, mehr uberrascht als mit Uberlegung, mehr aus langer Weile als aus Vorsatz ihren Wunschen begegnet sei.

Therese war ruhig daruber, sie machte keine weitern Anspruche auf ihn, und selbst wenn er ihr Gatte gewesen ware, hatte sie vielleicht Mut genug gehabt, ein solches Verhaltnis zu ertragen, wenn es nur ihre hausliche Ordnung nicht gestort hatte; wenigstens ausserte sie oft, dass eine Frau, die das Hauswesen recht zusammenhalte, ihrem Manne jede kleine Phantasie nachsehen und von seiner Ruckkehr jederzeit gewiss sein konne.

Theresens Mutter hatte bald die Angelegenheit ihres Vermogens in Unordnung gebracht; ihre Tochter musste es entgelten, denn sie erhielt wenig von ihr; die alte Dame, Theresens Beschutzerin, starb, hinterliess ihr das kleine Freigut und ein artiges Kapital zum Vermachtnis. Therese wusste sich sogleich in den engen Kreis zu finden, Lothario bot ihr ein besseres Besitztum an, Jarno machte den Unterhandler: sie schlug es aus. "Ich will", sagte sie, "im kleinen zeigen, dass ich wert war, das Grosse mit ihm zu teilen aber das behalte ich mir vor, dass, wenn der Zufall mich um meiner oder anderer willen in Verlegenheit setzt, ich zuerst zu meinem werten Freund ohne Bedenken die Zuflucht nehmen konne."

Nichts bleibt weniger verborgen und ungenutzt als zweckmassige Tatigkeit. Kaum hatte sie sich auf ihrem kleinen Gute eingerichtet, so suchten die Nachbarn schon ihre nahere Bekanntschaft und ihren Rat, und der neue Besitzer der angrenzenden Guter gab nicht undeutlich zu verstehen, dass es nur auf sie ankomme, ob sie seine Hand annehmen und Erbe des grossten Teils seines Vermogens werden wolle. Sie hatte schon gegen Wilhelmen dieses Verhaltnisses erwahnt und scherzte gelegentlich uber Heiraten und Missheiraten mit ihm.

"Es gibt", sagte sie, "den Menschen nichts mehr zu reden, als wenn einmal eine Heirat geschieht, die sie nach ihrer Art eine Missheirat nennen konnen. Und doch sind die Missheiraten viel gewohnlicher als die Heiraten; denn es sieht leider nach einer kurzen Zeit mit den meisten Verbindungen gar misslich aus. Die Vermischung der Stande durch Heiraten verdienen nur insofern Missheiraten genannt zu werden, als der eine Teil an der angebornen, angewohnten und gleichsam notwendig gewordenen Existenz des andern keinen Teil nehmen kann. Die verschiedenen Klassen haben verschiedene Lebensweisen, die sie nicht miteinander teilen noch verwechseln konnen, und das ist's, warum Verbindungen dieser Art besser nicht geschlossen werden; aber Ausnahmen und recht gluckliche Ausnahmen sind moglich. So ist die Heirat eines jungen Madchens mit einem bejahrten Manne immer misslich, und doch habe ich sie recht gut ausschlagen sehen. Fur mich kenne ich nur eine Missheirat, wenn ich feiern und reprasentieren musste; ich wollte lieber jedem ehrbaren Pachterssohn aus der Nachbarschaft meine Hand geben."

Wilhelm gedachte nunmehr zuruckzukehren und bat seine neue Freundin, ihm noch ein Abschiedswort bei Lydien zu verschaffen. Das leidenschaftliche Madchen liess sich bewegen, er sagte ihr einige freundliche Worte, sie versetzte: "Den ersten Schmerz hab' ich uberwunden, Lothario wird mir ewig teuer sein; aber seine Freunde kenne ich, es ist mir leid, dass er so umgeben ist. Der Abbe ware fahig, wegen einer Grille die Menschen in Not zu lassen, oder sie gar hineinzusturzen; der Arzt mochte gern alles ins gleiche bringen; Jarno hat kein Gemut und Sie wenigstens keinen Charakter! Fahren Sie nur so fort, und lassen Sie sich als Werkzeug dieser drei Menschen brauchen, man wird Ihnen noch manche Exekution auftragen. Lange mir ist es recht wohl bekannt war ihnen meine Gegenwart zuwider, ich hatte ihr Geheimnis nicht entdeckt, aber ich hatte beobachtet, dass sie ein Geheimnis verbargen. Wozu diese verschlossenen Zimmer? diese wunderlichen Gange? Warum kann niemand zu dem grossen Turm gelangen? Warum verbannten sie mich, so oft sie nur konnten, in meine Stube? Ich will gestehen, dass Eifersucht zuerst mich auf diese Entdeckung brachte, ich furchtete, eine gluckliche Nebenbuhlerin sei irgendwo versteckt. Nun glaube ich das nicht mehr, ich bin uberzeugt, dass Lothario mich liebt, dass er es redlich mit mir meint; aber ebenso gewiss bin ich uberzeugt, dass er von seinen kunstlichen und falschen Freunden betrogen wird. Wenn Sie sich um ihn verdient machen wollen, wenn Ihnen verziehen werden soll, was Sie an mir verbrochen haben, so befreien Sie ihn aus den Handen dieser Menschen. Doch was hoffe ich! Uberreichen Sie ihm diesen Brief, wiederholen Sie, was er enthalt: dass ich ihn ewig lieben werde, dass ich mich auf sein Wort verlasse. Ach!" rief sie aus, indem sie aufstand und am Halse Theresens weinte, "er ist von meinen Feinden umgeben, sie werden ihn zu bereden suchen, dass ich ihm nichts aufgeopfert habe; o! der beste Mann mag gerne horen, dass er jedes Opfer wert ist, ohne dafur dankbar sein zu durfen."

Wilhelms Abschied von Theresen war heiterer; sie wunschte ihn bald wiederzusehen. "Sie kennen mich ganz!" sagte sie, "Sie haben mich immer reden lassen; es ist das nachste Mal Ihre Pflicht, meine Aufrichtigkeit zu erwidern."

Auf seiner Ruckreise hatte er Zeit genug, diese neue helle Erscheinung lebhaft in der Erinnerung zu betrachten. Welch ein Zutrauen hatte sie ihm eingeflosst! Er dachte an Mignon und Felix, wie glucklich die Kinder unter einer solchen Aufsicht werden konnten; dann dachte er an sich selbst und fuhlte, welche Wonne es sein musse, in der Nahe eines so ganz klaren menschlichen Wesens zu leben. Als er sich o dem Schloss naherte, fiel ihm der Turm mit den vielen Gangen und Seitengebauden mehr als sonst auf; er nahm sich vor, bei der nachsten Gelegenheit Jarno oder den Abbe daruber zur Rede zu stellen.

Siebentes Kapitel

Als Wilhelm nach dem Schlosse kam, fand er den edlen Lothario auf dem Wege der volligen Besserung; der Arzt und der Abbe waren nicht zugegen, Jarno allein war geblieben. In kurzer Zeit ritt der Genesende schon wieder aus, bald allein, bald mit seinen Freunden. Sein Gesprach war ernsthaft und gefallig, seine Unterhaltung belehrend und erquickend; oft bemerkte man Spuren einer zarten Fuhlbarkeit, ob er sie gleich zu verbergen suchte und, wenn sie sich wider seinen Willen zeigte, beinah zu missbilligen schien.

So war er eines Abends still bei Tische, ob er gleich heiter aussah.

"Sie haben heute gewiss ein Abenteuer gehabt", sagte endlich Jarno, "und zwar ein angenehmes."

"Wie Sie sich auf Ihre Leute verstehen!" versetzte Lothario. "Ja, es ist mir ein sehr angenehmes Abenteuer begegnet. Zu einer andern Zeit hatte ich es vielleicht nicht so reizend gefunden als diesmal, da es mich so empfanglich antraf. Ich ritt gegen Abend jenseits des Wassers durch die Dorfer, einen Weg, den ich oft genug in fruheren Jahren besucht hatte. Mein korperliches Leiden muss mich murber gemacht haben, als ich selbst glaubte; ich fuhlte mich weich und bei wieder auflebenden Kraften wie neugeboren. Alle Gegenstande erschienen mir in eben dem Lichte, wie ich sie in fruhern Jahren gesehen hatte, alle so lieblich, so anmutig, so reizend, wie sie mir lange nicht erschienen sind. Ich merkte wohl, dass es Schwachheit war, ich liess mir sie aber ganz wohlgefallen, ritt sachte hin, und es wurde mir ganz begreiflich, wie Menschen eine Krankheit liebgewinnen konnen, welche uns zu sussen Empfindungen stimmt. Sie wissen vielleicht, was mich ehemals so oft diesen Weg fuhrte?"

"Wenn ich mich recht erinnere", versetzte Jarno, "So war es ein kleiner Liebeshandel, der sich mit der Tochter eines Pachters entsponnen hatte."

"Man durfte es wohl einen grossen nennen", versetzte Lothario, "denn wir hatten uns beide sehr lieb, recht im Ernste und auch ziemlich lange. Zufalligerweise traf heute alles zusammen, mir die ersten Zeiten unserer Liebe recht lebhaft darzustellen. Die Knaben schuttelten eben wieder Maikafer von den Baumen, und das Laub der Eschen war eben nicht weiter als an dem Tage, da ich sie zum erstenmal sah. Nun war es lange, dass ich Margareten nicht gesehen habe, denn sie ist weit weg verheiratet, nur horte ich zufallig, sie sei mit ihren Kindern vor wenigen Wochen gekommen, ihren Vater zu besuchen."

"So war ja wohl dieser Spazierritt nicht so ganz zufallig?"

"Ich leugne nicht", sagte Lothario, "dass ich sie anzutreffen wunschte. Als ich nicht weit von dem Wohnhaus war, sah ich ihren Vater vor der Ture sitzen; ein Kind von ungefahr einem Jahre stand bei ihm. Als ich mich naherte, sah eine Frauensperson schnell oben zum Fenster heraus, und als ich gegen die Ture kam, horte ich jemand die Treppe herunterspringen. Ich dachte gewiss, sie sei es, und, ich will's nur gestehen, ich schmeichelte mir, sie habe mich erkannt, und sie komme mir eilig entgegen. Aber wie beschamt war ich, als sie zur Ture heraussprang, das Kind, dem die Pferde naher kamen, anfasste und in das Haus hineintrug. Es war mir eine unangenehme Empfindung, und nur wurde meine Eitelkeit ein wenig getrostet, als ich, wie sie hinwegeilte, an ihrem Nacken und an dem freistehenden Ohr eine merkliche Rote zu sehen glaubte.

Ich hielt still und sprach mit dem Vater und schielte indessen an den Fenstern herum, ob sie sich nicht hier oder da blicken liesse; allein ich bemerkte keine Spur von ihr. Fragen wollt' ich auch nicht, und so ritt ich vorbei. Mein Verdruss wurde durch Verwunderung einigermassen gemildert: denn ob ich gleich kaum das Gesicht gesehen hatte, so schien sie mir fast gar nicht verandert, und zehn Jahre sind doch eine Zeit! ja, sie schien mir junger, ebenso schlank, ebenso leicht auf den Fussen, der Hals womoglich noch zierlicher als vorher, ihre Wange ebenso leicht der liebenswurdigen Rote empfanglich, dabei Mutter von sechs Kindern, vielleicht noch von mehrern. Es passte diese Erscheinung so gut in die ubrige Zauberwelt, die mich umgab, dass ich um so mehr mit einem verjungten Gefuhl weiterritt und an dem nachsten Walde erst umkehrte, als die Sonne im Untergehen war. So sehr mich auch der fallende Tau an die Vorschrift des Arztes erinnerte, und es wohl ratlicher gewesen ware, gerade nach Hause zu kehren, so nahm ich doch wieder meinen Weg nach der Seite des Pachthofs zuruck. Ich bemerkte, dass ein weibliches Geschopf in dem Garten auf und nieder ging, der mit einer leichten Hecke umzogen ist. Ich ritt auf dem Fusspfade nach der Hecke zu, und ich fand mich eben nicht weit von der Person, nach der ich verlangte.

Ob mir gleich die Abendsonne in den Augen lag, sah ich doch, dass sie sich am Zaune beschaftigte, der sie nur leicht bedeckte. Ich glaubte meine alte Geliebte zu erkennen. Da ich an sie kam, hielt ich still, nicht ohne Regung des Herzens. Einige hohe Zweige wilder Rosen, die eine leise Luft hin und her wehte, machten mir ihre Gestalt undeutlich. Ich redete sie an und fragte, wie sie lebe. Sie antwortete mir mit halber Stimme 'Ganz wohl.' Indes bemerkte ich, dass ein Kind hinter dem Zaune beschaftigt war, Blumen auszureissen, und nahm die Gelegenheit, sie zu fragen wo denn ihre ubrigen Kinder seien 'Es ist nicht mein Kind', sagte sie 'das ware fruh!' und in diesem Augenblick schickte sich's, dass ich durch die Zweige ihr Gesicht genau sehen konnte, und ich wusste nicht, was ich zu der Erscheinung sagen sollte. Es war meine Geliebte und war es nicht. Fast junger, fast schoner, als ich sie vor zehn Jahren gekannt hatte. 'Sind Sie denn nicht die Tochter des Pachters?' fragte ich halb verwirrt 'Nein', sagte sie 'ich bin ihre Muhme.'

'Aber Sie gleichen einander so ausserordentlich', versetzte ich.

'Das sagt jedermann, der sie vor zehen Jahren gekannt hat.'

Ich fuhr fort, sie verschiedenes zu fragen; mein Irrtum war mir angenehm, ob ich ihn gleich schon entdeckt hatte. Ich konnte mich von dem lebendigen Bilde voriger Gluckseligkeit, das vor mir stand, nicht losreissen. Das Kind hatte sich indessen von ihr entfernt und war, Blumen zu suchen, nach dem Teiche gegangen. Sie nahm Abschied und eilte dem Kinde nach.

Indessen hatte ich doch erfahren, dass meine alte Geliebte noch wirklich in dem Hause ihres Vaters sei, und indem ich ritt, beschaftigte ich mich mit Mutmassungen, ob sie selbst oder die Muhme das Kind vor den Pferden gesichert habe. Ich wiederholte mir die ganze Geschichte mehrmals im Sinne, und ich wusste nicht leicht, dass irgend etwas angenehmer auf mich gewirkt hatte. Aber ich fuhle wohl, ich bin noch krank, und wir wollen den Doktor bitten, dass er uns von dem Uberreste dieser Stimmung erlose."

Es pflegt in vertraulichen Bekenntnissen anmutiger Liebesbegebenheiten wie mit Gespenstergeschichten zu gehen: ist nur erst eine erzahlt, so fliessen die ubrigen von selbst zu.

Unsere kleine Gesellschaft fand in der Ruckerinnerung vergangener Zeiten manchen Stoff dieser Art. Lothario hatte am meisten zu erzahlen. Jarnos Geschichten trugen alle einen eigenen Charakter, und was Wilhelm zu gestehen hatte, wissen wir schon. Indessen war ihm bange, dass man ihn an die Geschichte mit der Grafin erinnern mochte; allein niemand dachte derselben auch nur auf die entfernteste Weise.

"Es ist wahr", sagte Lothario, "angenehmer kann keine Empfindung in der Welt sein, als wenn das Herz nach einer gleichgultigen Pause sich der Liebe zu einem neuen Gegenstande wieder offnet, und doch wollt' ich diesem Gluck fur mein Leben entsagt haben, wenn mich das Schicksal mit Theresen hatte verbinden wollen. Man ist nicht immer Jungling, und man sollte nicht immer Kind sein. Dem Manne, der die Welt kennt, der weiss, was er darin zu tun, was er von ihr zu hoffen hat, was kann ihm erwunschter sein, als eine Gattin zu finden, die uberall mit ihm wirkt, und die ihm alles vorzubereiten weiss, deren Tatigkeit dasjenige aufnimmt, was die seinige liegen lassen muss, deren Geschaftigkeit sich nach allen Seiten verbreitet, wenn die seinige nur einen geraden Weg fortgehen darf. Welchen Himmel hatte ich mir mit Theresen getraumt! nicht den Himmel eines schwarmerischen Glucks, sondern eines sichern Lebens auf der Erde: Ordnung im Gluck, Mut im Ungluck, Sorge fur das Geringste und eine Seele, fahig, das Grosste zu fassen und wieder fahren zu lassen. O! ich sah in ihr gar wohl die Anlagen, deren Entwickelung wir bewundern, wenn wir in der Geschichte Frauen sehen, die uns weit vorzuglicher als alle Manner erscheinen: diese Klarheit uber die Umstande, diese Gewandtheit in allen Fallen, diese Sicherheit im einzelnen, wodurch das Ganze sich immer so gut befindet, ohne dass sie jemals daran zu denken scheinen. Sie konnen wohl", fuhr er fort, indem er sich lachelnd gegen Wilhelmen wendete, "mir verzeihen, wenn Therese mich Aurelien entfuhrte; mit jener konnte ich ein heitres Leben hoffen, da bei dieser auch nicht an eine gluckliche Stunde zu denken war."

"Ich leugne nicht", versetzte Wilhelm, "dass ich mit grosser Bitterkeit im Herzen gegen Sie hierher gekommen bin, und dass ich mir vorgenommen hatte, Ihr Betragen gegen Aurelien sehr streng zu tadeln."

"Auch verdient es Tadel", sagte Lothario, "ich hatte meine Freundschaft zu ihr nicht mit dem Gefuhl der Liebe verwechseln sollen, ich hatte nicht an die Stelle der Achtung, die sie verdiente, eine Neigung eindrangen sollen, die sie weder erregen noch erhalten konnte. Ach! sie war nicht liebenswurdig, wenn sie liebte, und das ist das grosste Ungluck, das einem Weibe begegnen kann."

"Es sei drum", erwiderte Wilhelm, "wir konnen nicht immer das Tadelnswerte vermeiden, nicht vermeiden, dass unsere Gesinnungen und Handlungen auf eine sonderbare Weise von ihrer naturlichen und guten Richtung abgelenkt werden; aber gewisse Pflichten sollten wir niemals aus den Augen setzen. Die Asche der Freundin ruhe sanft! wir wollen, ohne uns zu schelten und sie zu tadeln, mitleidig Blumen auf ihr Grab streuen. Aber bei dem Grabe, in welchem die ungluckliche Mutter ruht, lassen Sie mich fragen, warum Sie sich des Kindes nicht annehmen? eines Sohnes, dessen sich jedermann erfreuen wurde, und den Sie ganz und gar zu vernachlassigen scheinen. Wie konnen Sie bei Ihren reinen und zarten Gefuhlen das Herz eines Vaters ganzlich verleugnen? Sie haben diese ganze Zeit noch mit keiner Silbe an das kostliche Geschopf gedacht, von dessen Anmut so viel zu erzahlen ware."

"Von wem reden Sie?" versetzte Lothario, "ich verstehe Sie nicht."

"Von wem anders, als von Ihrem Sohne, dem Sohne Aureliens, dem schonen Kinde, dem zu seinem Glucke nichts fehlt, als dass ein zartlicher Vater sich seiner annimmt?"

"Sie irren sehr, mein Freund", rief Lothario: "Aurelie hatte keinen Sohn, am wenigsten von mir, ich weiss von keinem Kinde, sonst wurde ich mich dessen mit Freuden annehmen; aber auch im gegenwartigen Falle will ich gern das kleine Geschopf als eine Verlassenschaft von ihr ansehen und fur seine Erziehung sorgen. Hat sie sich denn irgend etwas merken lassen, dass der Knabe ihr, dass er mir zugehore?"

"Nicht, dass ich mich erinnere, ein ausdruckliches Wort von ihr gehort zu haben, es war einmal so angenommen, und ich habe nicht einen Augenblick daran gezweifelt."

"Ich kann", fiel Jarno ein, "einigen Aufschluss hieruber geben. Ein altes Weib, das Sie oft mussen gesehen haben, brachte das Kind zu Aurelien, sie nahm es mit Leidenschaft auf und hoffte ihre Leiden durch seine Gegenwart zu lindern; auch hat es ihr manchen vergnugten Augenblick gemacht."

Wilhelm war durch diese Entdeckung sehr unruhig geworden, er gedachte der guten Mignon neben dem schonen Felix auf das lebhafteste, er zeigte seinen Wunsch, die beiden Kinder aus der Lage, in der sie sich befanden, herauszuziehen.

"Wir wollen damit bald fertig sein", versetzte Lothario. "Das wunderliche Madchen ubergeben wir Theresen, sie kann unmoglich in bessere Hande geraten, und was den Knaben betrifft, den, dacht' ich, nahmen Sie selbst zu sich; denn was sogar die Frauen an uns ungebildet zurucklassen, das bilden die Kinder aus, wenn wir uns mit ihnen abgeben."

"Uberhaupt dachte ich", versetzte Jarno, "Sie entsagten kurz und gut dem Theater, zu dem Sie doch einmal kein Talent haben."

Wilhelm war betroffen; er musste sich zusammennehmen, denn Jarnos harte Worte hatten seine Eigenliebe nicht wenig verletzt. "Wenn Sie mich davon uberzeugen", versetzte er mit gezwungenem Lacheln, "so werden Sie mir einen Dienst erweisen, ob es gleich nur ein trauriger Dienst ist, wenn man uns aus einem Lieblingstraume aufschuttelt."

"Ohne viel weiter daruber zu reden", versetzte Jarno, "mochte ich Sie nur antreiben, erst die Kinder zu holen; das ubrige wird sich schon geben."

"Ich bin bereit dazu", versetzte Wilhelm; "ich bin unruhig und neugierig, ob ich nicht von dem Schicksal des Knaben etwas Naheres entdecken kann; ich verlange das Madchen wiederzusehen, das sich mit so vieler Eigenheit an mich angeschlossen hat."

Man ward einig, dass er bald abreisen sollte.

Den andern Tag hatte er sich dazu vorbereitet, das Pferd war gesattelt, nur wollte er noch von Lothario Abschied nehmen. Als die Esszeit herbeikam, setzte man sich wie gewohnlich zu Tische, ohne auf den Hausherrn zu warten; er kam erst spat und setzte sich zu ihnen.

"Ich wollte wetten", sagte Jarno, "Sie haben heute Ihr zartliches Herz wieder auf die Probe gestellt, Sie haben der Begierde nicht widerstehen konnen, Ihre ehemalige Geliebte wiederzusehen."

"Erraten!" versetzte Lothario.

"Lassen Sie uns horen!" sagte Jarno, "wie ist es abgelaufen? Ich bin ausserst neugierig."

"Ich leugne nicht", versetzte Lothario, "dass mir das Abenteuer mehr als billig auf dem Herzen lag; ich fasste daher den Entschluss, nochmals hinzureiten und die Person wirklich zu sehen, deren verjungtes Bild mir eine so angenehme Illusion gemacht hatte. Ich stieg schon in einiger Entfernung vom Hause ab und liess die Pferde beiseitefuhren, um die Kinder nicht zu storen, die vor dem Tore spielten. Ich ging in das Haus, und von ungefahr kam sie mir entgegen, denn sie war es selbst, und ich erkannte sie ungeachtet der grossen Veranderung wieder. Sie war starker geworden und schien grosser zu sein; ihre Anmut blickte durch ein gesetztes Wesen hindurch, und ihre Munterkeit war in ein stilles Nachdenken ubergegangen. Ihr Kopf, den sie sonst so leicht und frei trug, hing ein wenig gesenkt, und leise Falten waren uber ihre Stirne gezogen.

Sie schlug die Augen nieder, als sie mich sah, aber keine Rote verkundigte eine innere Bewegung des Herzens. Ich reichte ihr die Hand, sie gab mir die ihrige; ich fragte nach ihrem Manne, er war abwesend, nach ihren Kindern, sie trat an die Ture und rief sie herbei, alle kamen und versammelten sich um sie. Es ist nichts reizender, als eine Mutter zu sehen mit einem Kinde auf dem Arme, und nichts ehrwurdiger, als eine Mutter unter vielen Kindern. Ich fragte nach den Namen der Kleinen, um doch nur etwas zu sagen; sie bat mich, hineinzutreten und auf ihren Vater zu warten. Ich nahm es an; sie fuhrte mich in die Stube, wo ich beinahe noch alles auf dem alten Platze fand, und sonderbar! die schone Muhme, ihr Ebenbild, sass auf eben dem Schemmel hinter dem Spinnrocken, wo ich meine Geliebte in eben der Gestalt so oft gefunden hatte. Ein kleines Madchen, das seiner Mutter vollkommen glich, war uns nachgefolgt, und so stand ich in der sonderbarsten Gegenwart zwischen der Vergangenheit und Zukunft, wie in einem Orangenwalde, wo in einem kleinen Bezirk Bluten und Fruchte stufenweis nebeneinander leben. Die Muhme ging hinaus, einige Erfrischung zu holen, ich gab dem ehemals so geliebten Geschopfe die Hand und sagte zu ihr: 'Ich habe eine rechte Freude, Sie wiederzusehen.' 'Sie sind sehr gut, mir das zu sagen', versetzte sie 'aber auch ich kann Ihnen versichern, dass ich eine unaussprechliche Freude habe. Wie oft habe ich mir gewunscht, Sie nur noch einmal in meinem Leben wiederzusehen! ich habe es in Augenblicken gewunscht, die ich fur meine letzten hielt.' Sie sagte das mit einer gesetzten Stimme, ohne Ruhrung, mit jener Naturlichkeit, die mich ehemals so sehr an ihr entzuckte. Die Muhme kam wieder, ihr Vater dazu und ich uberlasse euch zu denken, mit welchem Herzen ich blieb, und mit welchem ich mich entfernte."

Achtes Kapitel

Wilhelm hatte auf seinem Wege nach der Stadt die edlen weiblichen Geschopfe, die er kannte und von denen er gehort hatte, im Sinne; ihre sonderbaren Schicksale, die wenig Erfreuliches enthielten, waren ihm schmerzlich gegenwartig. "Ach!" rief er aus, "arme Mariane! was werde ich noch von dir erfahren mussen? Und dich, herrliche Amazone, edler Schutzgeist, dem ich so viel schuldig bin, dem ich uberall zu begegnen hoffe, und den ich leider nirgends finde, in welchen traurigen Umstanden treff' ich dich vielleicht, wenn du mir einst wieder begegnest!"

In der Stadt war niemand von seinen Bekannten zu Hause; er eilte auf das Theater, er glaubte sie in der Probe zu finden; alles war still, das Haus schien leer, doch sah er einen Laden offen. Als er auf die Buhne kam, fand er Aureliens alte Dienerin beschaftigt, Leinwand zu einer neuen Dekoration zusammenzunahen; es fiel nur so viel Licht herein, als notig war, ihre Arbeit zu erhellen. Felix und Mignon sassen neben ihr auf der Erde; beide hielten ein Buch, und indem Mignon laut las, sagte ihr Felix alle Worte nach, als wenn er die Buchstaben kennte, als wenn er auch zu lesen verstunde.

Die Kinder sprangen auf und begrussten den Ankommenden, er umarmte sie aufs zartlichste und fuhrte sie naher zu der Alten. "Bist du es", sagte er zu ihr mit Ernst, "die dieses Kind Aurelien zugefuhrt hatte?" Sie sah von ihrer Arbeit auf und wendete ihr Gesicht zu ihm; er sah sie in vollem Lichte, erschrak, trat einige Schritte zuruck; es war die alte Barbara.

"Wo ist Mariane?" rief er aus. "Weit von hier", versetzte die Alte.

"Und Felix? ..."

"Ist der Sohn dieses unglucklichen, nur allzu zartlich liebenden Madchens. Mochten Sie niemals empfinden, was Sie uns gekostet haben, mochte der Schatz, den ich Ihnen uberliefere, Sie so glucklich machen, als er uns unglucklich gemacht hat!"

Sie stand auf, um wegzugehen, Wilhelm hielt sie fest. "Ich denke Ihnen nicht zu entlaufen", sagte sie, "lassen Sie mich ein Dokument holen, das Sie erfreuen und schmerzen wird." Sie entfernte sich, und Wilhelm sah den Knaben mit einer angstlichen Freude an; er durfte sich das Kind noch nicht zueignen. "Er ist dein", rief Mignon, "er ist dein", und druckte das Kind an Wilhelms Kniee.

Die Alte kam und uberreichte ihm einen Brief. "Hier sind Marianens letzte Worte", sagte sie.

"Sie ist tot!" rief er aus.

"Tot!" sagte die Alte; "mochte ich Ihnen doch alle Vorwurfe ersparen konnen!"

Uberrascht und verwirrt erbrach Wilhelm den Brief; er hatte aber kaum die ersten Worte gelesen, als ihn ein bittrer Schmerz ergriff; er liess den Brief fallen, sturzte auf eine Rasenbank und blieb eine Zeitlang liegen. Mignon bemuhte sich um ihn. Indessen hatte Felix den Brief aufgehoben und zerrte seine Gespielin so lange, bis diese nachgab und zu ihm kniete und ihm vorlas. Felix wiederholte die Worte, und Wilhelm war genotigt, sie zweimal zu horen. "Wenn dieses Blatt jemals zu Dir kommt, so bedaure Deine ungluckliche Geliebte, Deine Liebe hat ihr den Tod gegeben. Der Knabe, dessen Geburt ich nur wenige Tage uberlebe, ist Dein; ich sterbe Dir treu, so sehr der Schein auch gegen mich sprechen mag; mit Dir verlor ich alles, was mich an das Leben fesselte. Ich sterbe zufrieden, da man mir versichert, das Kind sei gesund und werde leben. Hore die alte Barbara, verzeih ihr, leb' wohl und vergiss mich nicht."

Welch ein schmerzlicher und noch zu seinem Troste halb ratselhafter Brief! dessen Inhalt ihm erst recht fuhlbar ward, da ihn die Kinder stockend und stammelnd vortrugen und wiederholten.

"Da haben Sie es nun!" rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich erholt hatte; "danken Sie dem Himmel, dass nach dem Verluste eines so guten Madchens Ihnen noch ein so vortreffliches Kind ubrigbleibt. Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn Sie vernehmen, wie das gute Madchen Ihnen bis ans Ende treu geblieben, wie unglucklich sie geworden ist, und was sie Ihnen alles aufgeopfert hat."

"Lass mich den Becher des Jammers und der Freuden" rief Wilhelm aus, "auf einmal trinken! Uberzeuge mich, ja uberrede mich nur, dass sie ein gutes Madchen war, dass sie meine Achtung wie meine Liebe verdiente, und uberlass mich dann meinen Schmerzen uber ihren unersetzlichen Verlust!"

"Es ist jetzt nicht Zeit", versetzte die Alte, "ich habe zu tun und wunsche nicht, dass man uns beisammen fande. Lassen Sie es ein Geheimnis sein, dass Felix Ihnen angehort; ich hatte uber meine bisherige Verstellung zu viel Vorwurfe von der Gesellschaft zu erwarten. Mignon verrat uns nicht, sie ist gut und verschwiegen."

"Ich wusste es lange und sagte nichts", versetzte Mignon. "Wie ist es moglich?" rief die Alte. "Woher?" fiel Wilhelm ein.

"Der Geist hat mir's gesagt."

"Wie? wo?"

"Im Gewolbe, da der Alte das Messer zog, rief mir's zu 'Rufe seinen Vater!' und da fielst du mir ein."

"Wer rief denn?"

"Ich weiss nicht, im Herzen, im Kopfe, ich war so angst, ich zitterte, ich betete, da rief's, und ich verstand's."

Wilhelm druckte sie an sein Herz, empfahl ihr Felix und entfernte sich. Er bemerkte erst zuletzt, dass sie viel blasser und magerer geworden war, als er sie verlassen hatte. Madame Melina fand er von seinen Bekannten zuerst; sie begrusste ihn aufs freundlichste. "O! dass Sie doch alles", rief sie aus, "bei uns finden mochten, wie Sie wunschten!"

"Ich zweifle daran", sagte Wilhelm, "und erwarte es nicht. Gestehen Sie es nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu konnen."

"Warum sind Sie auch weggegangen?" versetzte die Freundin.

"Man kann die Erfahrung nicht fruh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir denken allein den Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer Abwesenheit muss, bilden wir uns ein, Leben, Nahrung und Atem stocken, und die Lucke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie fullt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht fur etwas Besseres, doch fur etwas Angenehmeres."

"Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht in Anschlag?"

"Auch unsere Freunde tun wohl, wenn sie sich bald finden, wenn sie sich sagen 'Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was du kannst, sei tatig und gefallig und lass dir die Gegenwart heiter sein!'"

Bei naherer Erkundigung fand Wilhelm, was er vermutet hatte: die Oper war eingerichtet und zog die ganze Aufmerksamkeit des Publikums an sich. Seine Rollen waren inzwischen durch Laertes und Horatio besetzt worden, und beide lockten den Zuschauern einen weit lebhafteren Beifall ab, als er jemals hatte erlangen konnen.

Laertes trat herein, und Madame Melina rief aus: "Sehn Sie hier diesen glucklichen Menschen, der bald ein Kapitalist oder Gott weiss was werden wird!" Wilhelm umarmte ihn und fuhlte ein vortrefflich feines Tuch an seinem Rocke; seine ubrige Kleidung war einfach, aber alles vom besten Zeuge.

"Losen Sie mir das Ratsel!" rief Wilhelm aus.

"Es ist noch Zeit genug", versetzte Laertes, "um zu erfahren, dass mir mein Hin- und Herlaufen nunmehr bezahlt wird, dass ein Patron eines grossen Handelshauses von meiner Unruhe, meinen Kenntnissen und Bekanntschaften Vorteil zieht und mir einen Teil davon ablasst; ich wollte viel drum geben, wenn ich mir dabei auch Zutrauen gegen die Weiber ermakeln konnte; denn es ist eine hubsche Nichte im Hause, und ich merke wohl, wenn ich wollte, konnte ich bald ein gemachter Mann sein."

"Sie wissen wohl noch nicht" sagte Madame Melina, "dass sich indessen auch unter uns eine Heirat gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der schonen Elmire offentlich getraut, da der Vater ihre heimliche Vertraulichkeit nicht gutheissen wollte."

So unterhielten sie sich uber manches, was sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatte, und er konnte gar wohl bemerken, dass er dem Geist und dem Sinne der Gesellschaft nach wirklich langst verabschiedet war.

Mit Ungeduld erwartete er die Alte, die ihm tief in der Nacht ihren sonderbaren Besuch angekundigt hatte. Sie wollte kommen, wenn alles schlief, und verlangte solche Vorbereitungen, eben als wenn das jungste Madchen sich zu einem Geliebten schleichen wollte. Er las indes Marianens Brief wohl hundertmal durch, las mit unaussprechlichem Entzucken das Wort Treue von ihrer geliebten Hand und mit Entsetzen die Ankundigung ihres Todes, dessen Annaherung sie nicht zu furchten schien.

Mitternacht war vorbei, als etwas an der halboffenen Ture rauschte und die Alte mit einem Korbchen hereintrat. "Ich soll Euch", sagte sie, "die Geschichte unserer Leiden erzahlen, und ich muss erwarten, dass Ihr ungeruhrt dabei sitzt, dass Ihr nur, um Eure Neugierde zu befriedigen, mich so sorgsam erwartet, und dass Ihr Euch jetzt wie damals in Eure kalte Eigenliebe hullet, wenn uns das Herz bricht. Aber seht her! so brachte ich an jenem glucklichen Abend die Champagnerflasche hervor, so stellte ich drei Glaser auf den Tisch, und so fingt Ihr an, uns mit gutmutigen Kindergeschichten zu tauschen und einzuschlafern, wie ich Euch jetzt mit traurigen Wahrheiten aufklaren und wach erhalten muss."

Wilhelm wusste nicht, was er sagen sollte, als die Alte wirklich den Stopsel springen liess und die drei Glaser vollschenkte.

"Trinkt!" rief sie, nachdem sie ihr schaumendes Glas schnell ausgeleert hatte, "trinkt, eh' der Geist verraucht! Dieses dritte Glas soll zum Andenken meiner unglucklichen Freundin ungenossen verschaumen. Wie rot waren ihre Lippen, als sie Euch damals Bescheid tat! Ach! und nun auf ewig verblasst und erstarrt!"

"Sibylle! Furie!" rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und mit der Faust auf den Tisch schlug, "welch ein boser Geist besitzt und treibt dich? Fur wen haltst du mich, dass du denkst, die einfachste Geschichte von Marianens Tod und Leiden werde mich nicht empfindlich genug kranken, dass du noch solche hollische Kunstgriffe brauchst, um meine Marter zu scharfen? Geht deine unersattliche Vollerei so weit, dass du beim Totenmahle schwelgen musst, so trink und rede! Ich habe dich von jeher verabscheut, und noch kann ich mir Marianen nicht unschuldig denken, wenn ich dich, ihre Gesellschafterin, nur ansehe."

"Gemach, mein Herr!" versetzte die Alte, "Sie werden mich nicht aus meiner Fassung bringen. Sie sind uns noch sehr verschuldet, und von einem Schuldner lasst man sich nicht ubel begegnen. Aber Sie haben recht, auch meine einfachste Erzahlung ist Strafe genug fur Sie. So horen Sie denn den Kampf und den Sieg Marianens, um die Ihrige zu bleiben."

"Die Meinige?" rief Wilhelm aus, "welch ein Marchen willst du beginnen?"

"Unterbrechen Sie mich nicht", fiel sie ein, "horen Sie mich, und dann glauben Sie, was Sie wollen, es ist ohnedies jetzt ganz einerlei. Haben Sie nicht am letzten Abend, als Sie bei uns waren, ein Billett gefunden und mitgenommen?"

"Ich fand das Blatt erst, als ich es mitgenommen hatte; es war in das Halstuch verwickelt, das ich aus inbrunstiger Liebe ergriff und zu mir steckte."

"Was enthielt das Papier?"

"Die Aussichten eines verdriesslichen Liebhabers, in der nachsten Nacht besser als gestern aufgenommen zu werden. Und dass man ihm Wort gehalten hat, habe ich mit eignen Augen gesehen, denn er schlich fruh vor Tage aus eurem Hause hinweg."

"Sie konnen ihn gesehen haben; aber was bei uns vorging, wie traurig Mariane diese Nacht, wie verdriesslich ich sie zubrachte, das werden Sie erst jetzt erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder leugnen noch beschonigen, dass ich Marianen beredete, sich einem gewissen Norberg zu ergeben; sie folgte, ja ich kann sagen, sie gehorchte mir mit Widerwillen. Er war reich, er schien verliebt, und ich hoffte, er werde bestandig sein. Gleich darauf musste er eine Reise machen, und Mariane lernte Sie kennen. Was hatte ich da nicht auszustehen! was zu hindern! was zu erdulden 'O!' rief sie manchmal, 'hattest du meiner Jugend, meiner Unschuld nur noch vier Wochen geschont, so hatte ich einen wurdigen Gegenstand meiner Liebe gefunden, ich ware seiner wurdig gewesen, und die Liebe hatte das mit einem ruhigen Bewusstsein geben durfen, was ich jetzt wider Willen verkauft habe.' Sie uberliess sich ganz ihrer Neigung, und ich darf nicht fragen, ob Sie glucklich waren. Ich hatte eine uneingeschrankte Gewalt uber ihren Verstand, denn ich kannte alle Mittel, ihre kleinen Neigungen zu befriedigen; ich hatte keine Macht uber ihr Herz, denn niemals billigte sie, was ich fur sie tat, wozu ich sie bewegte, wenn ihr Herz widersprach; nur der unbezwinglichen Not gab sie nach, und die Not erschien ihr bald sehr druckend. In den ersten Zeiten ihrer Jugend hatte es ihr an nichts gemangelt; ihre Familie verlor durch eine Verwickelung von Umstanden ihr Vermogen, das arme Madchen war an mancherlei Bedurfnisse gewohnt, und ihrem kleinen Gemut waren gewisse gute Grundsatze eingepragt, die sie unruhig machten, ohne ihr viel zu helfen. Sie hatte nicht die mindeste Gewandtheit in weltlichen Dingen, sie war unschuldig im eigentlichen Sinne; sie hatte keinen Begriff, dass man kaufen konne, ohne zu bezahlen; vor nichts war ihr mehr bange, als wenn sie schuldig war; sie hatte immer lieber gegeben als genommen, und nur eine solche Lage machte es moglich, dass sie genotigt ward, sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden loszuwerden."

"Und hattest du", fuhr Wilhelm auf, "sie nicht retten konnen?"

"O ja", versetzte die Alte, "mit Hunger und Not, mit Kummer und Entbehrung, und darauf war ich niemals eingerichtet."

"Abscheuliche, niedertrachtige Kupplerin! so hast du das ungluckliche Geschopf geopfert? so hast du sie deiner Kehle, deinem unersattlichen Heisshunger hingegeben?"

"Ihr tatet besser, Euch zu massigen und mit Schimpfreden innezuhalten", versetzte die Alte. "Wenn Ihr schimpfen wollt, so geht in Eure grossen vornehmen Hauser, da werdet Ihr Mutter finden, die recht angstlich besorgt sind, wie sie fur ein liebenswurdiges, himmlisches Madchen den allerabscheulichsten Menschen auffinden wollen, wenn er nur zugleich der reichste ist. Seht das arme Geschopf vor seinem Schicksale zittern und beben und nirgends Trost finden, als bis ihr irgendeine erfahrne Freundin begreiflich macht, dass sie durch den Ehestand das Recht erwerbe, uber ihr Herz und ihre Person nach Gefallen disponieren zu konnen."

"Schweig!" rief Wilhelm; "glaubst du denn, dass ein Verbrechen durch das andere entschuldigt werden konne? Erzahle, ohne weitere Anmerkungen zu machen!"

"So horen Sie, ohne mich zu tadeln! Mariane ward wider meinen Willen die Ihre. Bei diesem Abenteuer habe ich mir wenigstens nichts vorzuwerfen. Norberg kam zuruck, er eilte, Marianen zu sehen, die ihn kalt und verdriesslich aufnahm und ihm nicht einen Kuss erlaubte. Ich brauchte meine ganze Kunst, um ihr Betragen zu entschuldigen; ich liess ihn merken, dass ein Beichtvater ihr das Gewissen gescharft habe, und dass man ein Gewissen, solange es spricht, respektieren musse. Ich brachte ihn dahin, dass er ging, und versprach, mein Bestes zu tun. Er war reich und roh, aber er hatte einen Grund von Gutmutigkeit und liebte Marianen auf das ausserste. Er versprach mir Geduld, und ich arbeitete desto lebhafter, um ihn nicht zu sehr zu prufen. Ich hatte mit Marianen einen harten Stand; ich uberredete sie, ja ich kann sagen, ich zwang sie endlich durch die Drohung, dass ich sie verlassen wurde, an ihren Liebhaber zu schreiben und ihn auf die Nacht einzuladen. Sie kamen und rafften zufalligerweise seine Antwort in dem Halstuch auf. Ihre unvermutete Gegenwart hatte mir ein boses Spiel gemacht. Kaum waren Sie weg, so ging die Qual von neuem an; sie schwur, dass sie Ihnen nicht untreu werden konne, und war so leidenschaftlich, so ausser sich, dass sie mir ein herzliches Mitleid ablockte. Ich versprach ihr endlich, dass ich auch diese Nacht Norbergen beruhigen und ihn unter allerlei Vorwanden entfernen wollte; ich bat sie, zu Bette zu gehen, allein sie schien mir nicht zu trauen: sie blieb angezogen und schlief zuletzt, bewegt und ausgeweint, wie sie war, in ihren Kleidern ein.

Norberg kam; ich suchte ihn abzuhalten, ich stellte ihm ihre Gewissensbisse, ihre Reue mit den schwarzesten Farben vor; er wunschte sie nur zu sehen, und ich ging in das Zimmer, um sie vorzubereiten; er schritt mir nach, und wir traten beide zu gleicher Zeit vor ihr Bette. Sie erwachte, sprang mit Wut auf und entriss sich unsern Armen; sie beschwur und bat, sie flehte, drohte und versicherte, dass sie nicht nachgeben wurde. Sie war unvorsichtig genug, uber ihre wahre Leidenschaft einige Worte fallen zu lassen, die der arme Norberg im geistlichen Sinne deuten musste. Endlich verliess er sie, und sie schloss sich ein. Ich behielt ihn noch lange bei mir und sprach mit ihm uber ihren Zustand, dass sie guter Hoffnung sei, und dass man das arme Madchen schonen musse. Er fuhlte sich so stolz auf seine Vaterschaft, er freute sich so sehr auf einen Knaben, dass er alles einging, was sie von ihm verlangte, und dass er versprach, lieber einige Zeit zu verreisen, als seine Geliebte zu angstigen und ihr durch diese Gemutsbewegungen zu schaden. Mit diesen Gesinnungen schlich er morgens fruh von mir weg, und Sie, mein Herr, wenn Sie Schildwache gestanden haben, so hatte es zu Ihrer Gluckseligkeit nichts weiter bedurft, als in den Busen Ihres Nebenbuhlers zu sehen, den Sie so begunstigt, so glucklich hielten, und dessen Erscheinung Sie zur Verzweiflung brachte."

"Redest du wahr?" sagte Wilhelm.

"So wahr", sagte die Alte, "als ich noch hoffe, Sie zur Verzweiflung zu bringen.

Ja, gewiss Sie wurden verzweifeln, wenn ich Ihnen das Bild unsers nachsten Morgens recht lebhaft darstellen konnte. Wie heiter wachte sie auf! wie freundlich rief sie mich herein! wie lebhaft dankte sie mir! wie herzlich druckte sie mich an ihren Busen! 'Nun', sagte sie, indem sie lachelnd vor den Spiegel trat 'darf ich mich wieder an mir selbst, mich an meiner Gestalt freuen, da ich wieder mir, da ich meinem einzig geliebten Freund angehore. Wie ist es so suss, uberwunden zu haben! welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem Herzen zu folgen! Wie dank' ich dir, dass du dich meiner angenommen, dass du deine Klugheit, deinen Verstand auch einmal zu meinem Vorteil angewendet hast! Steh mir bei und ersinne, was mich ganz glucklich machen kann!'

Ich gab ihr nach, ich wollte sie nicht reizen, ich schmeichelte ihrer Hoffnung, und sie liebkoste mich auf das anmutigste. Entfernte sie sich einen Augenblick vom Fenster, so musste ich Wache stehen; denn Sie sollten nun ein fur allemal vorbeigehen, man wollte Sie wenigstens sehen; so ging der ganze Tag unruhig hin. Nachts zur gewohnlichen Stunde erwarteten wir Sie ganz gewiss. Ich passte schon an der Treppe, die Zeit ward mir lang, ich ging wieder zu ihr hinein. Ich fand sie zu meiner Verwunderung in ihrer Offizierstracht, sie sah unglaublich heiter und reizend aus 'Verdien' ich nicht', sagte sie, 'heute in Mannstracht zu erscheinen? Habe ich mich nicht brav gehalten? Mein Geliebter soll mich heute wie das erstemal sehen, ich will ihn so zartlich und mit mehr Freiheit an mein Herz drucken als damals: denn bin ich jetzt nicht viel mehr die Seine als damals, da mich ein edler Entschluss noch nicht frei gemacht hatte? Aber', fugte sie nach einigem Nachdenken hinzu, 'noch hab' ich nicht ganz gewonnen, noch muss ich erst das Ausserste wagen, um seiner wert, um seines Besitzes gewiss zu sein; ich muss ihm alles entdecken, meinen ganzen Zustand offenbaren und ihm alsdann uberlassen, ob er mich behalten oder verstossen will. Diese Szene bereite ich ihm, bereite ich mir zu; und ware sein Gefuhl mich zu verstossen fahig, so wurde ich alsdann ganz wieder mir selbst angehoren, ich wurde in meiner Strafe meinen Trost finden und alles erdulden, was das Schicksal mir auferlegen wollte.'

Mit diesen Gesinnungen, mit diesen Hoffnungen, mein Herr, erwartete Sie das liebenswurdige Madchen; Sie kamen nicht. O! wie soll ich den Zustand des Wartens und Hoffens beschreiben? Ich sehe dich noch vor mir, mit welcher Liebe, mit welcher Inbrunst du von dem Manne sprachst, dessen Grausamkeit du noch nicht erfahren hattest!"

"Gute, liebe Barbara", rief Wilhelm, indem er aufsprang und die Alte bei der Hand fasste, "es ist nun genug der Verstellung, genug der Vorbereitung! Dein gleichgultiger, dein ruhiger, dein zufriedener Ton hat dich verraten. Gib mir Marianen wieder! sie lebt, sie ist in der Nahe. Nicht umsonst hast du diese spate, einsame Stunde zu deinem Besuche gewahlt, nicht umsonst hast du mich durch diese entzuckende Erzahlung vorbereitet. Wo hast du sie? Wo verbirgst du sie? Ich glaube dir alles, ich verspreche dir alles zu glauben, wenn du mir sie zeigst, wenn du sie meinen Armen wiedergibst. Ihren Schatten habe ich schon im Fluge gesehen, lass mich sie wieder in meine Arme fassen! Ich will vor ihr auf den Knien liegen, ich will sie um Vergebung bitten, ich will ihr zu ihrem Kampfe, zu ihrem Siege uber sich und dich Gluck wunschen, ich will ihr meinen Felix zufuhren. Komm! Wo hast du sie versteckt? Lass sie, lass mich nicht langer in Ungewissheit. Dein Endzweck ist erreicht. Wo hast du sie verborgen? Komm, dass ich sie mit diesem Licht beleuchte! dass ich wieder ihr holdes Angesicht sehe!"

Er hatte die Alte vom Stuhl aufgezogen, sie sah ihn starr an, die Tranen sturzten ihr aus den Augen, und ein ungeheurer Schmerz ergriff sie. "Welch ein unglucklicher Irrtum", rief sie aus, "lasst Sie noch einen Augenblick hoffen!" "Ja, ich habe sie verborgen, aber unter die Erde, weder das Licht der Sonne noch eine vertrauliche Kerze wird ihr holdes Angesicht jemals wieder erleuchten. Fuhren Sie den guten Felix an ihr Grab und sagen Sie ihm, da liegt deine Mutter, die dein Vater ungehort verdammt hat. Das liebe Herz schlagt nicht mehr vor Ungeduld, Sie zu sehen, nicht etwa in einer benachbarten Kammer wartet sie auf den Ausgang meiner Erzahlung oder meines Marchens; die dunkle Kammer hat sie aufgenommen, wohin kein Brautigam folgt, woraus man keinem Geliebten entgegengeht."

Sie warf sich auf die Erde an einem Stuhle nieder und weinte bitterlich; Wilhelm war zum erstenmal vollig uberzeugt, dass Mariane tot sei; er befand sich in einem traurigen Zustande. Die Alte richtete sich auf. "Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen", rief sie und warf ein Paket auf den Tisch. "Hier diese Briefschaften mogen vollig Ihre Grausamkeit beschamen; lesen Sie diese Blatter mit trocknen Augen durch, wenn es Ihnen moglich ist." Sie schlich leise fort, und Wilhelm hatte diese Nacht das Herz nicht, die Brieftasche zu offnen, er hatte sie selbst Marianen geschenkt, er wusste, dass sie jedes Blattchen, das sie von ihm erhalten hatte, sorgfaltig darin aufhob. Den andern Morgen vermochte er es uber sich; er loste das Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen, mit Bleistift von seiner eigenen Hand geschrieben, entgegen und riefen ihm jede Situation von dem ersten Tage ihrer anmutigen Bekanntschaft bis zu dem letzten ihrer grausamen Trennung wieder herbei. Allein nicht ohne die lebhaftesten Schmerzen durchlas er eine kleine Sammlung von Billetten, die an ihn geschrieben waren, und die, wie er aus dem Inhalt sah, von Wernern waren zuruckgewiesen worden. "Keines meiner Blatter hat bis zu Dir durchdringen konnen; mein Bitten und Flehen hat Dich nicht erreicht; hast Du selbst diese grausamen Befehle gegeben? Soll ich Dich nie wiedersehen? Noch einmal versuch' ich es, ich bitte Dich: komm, o komm! ich verlange Dich nicht zu behalten, wenn ich Dich nur noch einmal an mein Herz drucken kann." "Wenn ich sonst bei Dir sass, Deine Hande hielt, Dir in die Augen sah und mit vollem Herzen der Liebe und des Zutrauens zu Dir sagte 'Lieber, lieber, guter Mann!', das hortest Du so gern, ich musst' es Dir so oft wiederholen, ich wiederhole es noch einmal: Lieber, lieber, guter Mann! sei gut, wie Du warst, komm und lass mich nicht in meinem Elende verderben!" "Du haltst mich fur schuldig, ich bin es auch, aber nicht, wie Du denkst. Komm, damit ich nur den einzigen Trost habe, von Dir ganz gekannt zu sein, es gehe mir nachher, wie es wolle." "Nicht um meinetwillen allein, auch um Dein selbst willen fleh' ich Dich an, zu kommen. Ich fuhle die unertraglichen Schmerzen, die Du leidest, indem Du mich fliehst; komm, dass unsere Trennung weniger grausam werde! Ich war vielleicht nie Deiner wurdig, als eben in dem Augenblick, da Du mich in ein grenzenloses Elend zuruckstossest." "Bei allem, was heilig ist, bei allem, was ein menschliches Herz ruhren kann, ruf' ich Dich an! Es ist um eine Seele, es ist um ein Leben zu tun, um zwei Leben, von denen Dir eins ewig teuer sein muss. Dein Argwohn wird auch das nicht glauben, und doch werde ich es in der Stunde des Todes aussprechen: das Kind, das ich unter dem Herzen trage, ist Dein. Seitdem ich Dich liebe, hat kein anderer mir auch nur die Hand gedruckt; dass Deine Liebe, dass Deine Rechtschaffenheit die Gefahrten meiner Jugend gewesen waren!" "Du willst mich nicht horen? so muss ich denn zuletzt wohl verstummen, aber diese Blatter sollen nicht untergehen, vielleicht konnen sie noch zu Dir sprechen, wenn das Leichentuch schon meine Lippe bedeckt, und wenn die Stimme Deiner Reue nicht mehr zu meinem Ohre reichen kann. Durch mein trauriges Leben bis an den letzten Augenblick wird das mein einziger Trost sein: dass ich ohne Schuld gegen Dich war, wenn ich mich auch nicht unschuldig nennen durfte." Wilhelm konnte nicht weiter; er uberliess sich ganz seinem Schmerz, aber noch mehr war er bedrangt, als Laertes hereintrat, dem er seine Empfindungen zu verbergen suchte. Dieser brachte einen Beutel mit Dukaten hervor, zahlte und rechnete und versicherte Wilhelmen, es sei nichts Schoneres in der Welt, als wenn man eben auf dem Wege sei, reich zu werden; es konne uns auch alsdann nichts storen oder abhalten. Wilhelm erinnerte sich seines Traums und lachelte; aber zugleich gedachte er auch mit Schaudern, dass in jenem Traumgesichte Mariane ihn verlassen, um seinem verstorbenen Vater zu folgen, und dass beide zuletzt wie Geister schwebend sich um den Garten bewegt hatten.

Laertes riss ihn aus seinem Nachdenken und fuhrte ihn auf ein Kaffeehaus, wo sich sogleich mehrere Personen um ihn versammelten, die ihn sonst gern auf dem Theater gesehen hatten; sie freuten sich seiner Gegenwart, bedauerten aber, dass er, wie sie horten, die Buhne verlassen wolle; sie sprachen so bestimmt und vernunftig von ihm und seinem Spiele, von dem Grade seines Talents, von ihren Hoffnungen, dass Wilhelm nicht ohne Ruhrung zuletzt ausrief: "O wie unendlich wert ware mir diese Teilnahme vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und wie erfreuend! Niemals hatte ich mein Gemut so ganz von der Buhne abgewendet, und niemals ware ich so weit gekommen, am Publiko zu verzweifeln."

"Dazu sollte es uberhaupt nicht kommen", sagte ein altlicher Mann, der hervortrat; "das Publikum ist gross, wahrer Verstand und wahres Gefuhl sind nicht so selten, als man glaubt; nur muss der Kunstler niemals einen unbedingten Beifall fur das, was er hervorbringt, verlangen; denn eben der unbedingte ist am wenigsten wert, und den bedingten wollen die Herren nicht gerne. Ich weiss wohl, im Leben wie in der Kunst muss man mit sich zu Rate gehen, wenn man etwas tun und hervorbringen soll; wenn es aber getan und vollendet ist, so darf man mit Aufmerksamkeit nur viele horen, und man kann sich mit einiger Ubung aus diesen vielen Stimmen gar bald ein ganzes Urteil zusammensetzen; denn diejenigen, die uns die Muhe ersparen konnten, halten sich meist stille genug."

"Das sollten sie eben nicht!" sagte Wilhelm. "Ich habe so oft gehort, dass Menschen, die selbst uber gute Werke schwiegen, doch beklagten und bedauerten, dass geschwiegen wird."

"So wollen wir heute laut werden", rief ein junger Mann, "Sie mussen mit uns speisen, und wir wollen alles einholen, was wir Ihnen und manchmal der guten Aurelie schuldig geblieben sind."

Wilhelm lehnte die Einladung ab und begab sich zu Madame Melina, die er wegen der Kinder sprechen wollte, indem er sie von ihr wegzunehmen gedachte.

Das Geheimnis der Alten war nicht zum besten bei ihm verwahrt. Er verriet sich, als er den schonen Felix wieder ansichtig ward. "O, mein Kind!" rief er aus, "mein liebes Kind!" Er hub ihn auf und druckte ihn an sein Herz. "Vater! was hast du mir mitgebracht?" rief das Kind. Mignon sah beide an, als wenn sie warnen wollte, sich nicht zu verraten.

"Was ist das fur eine neue Erscheinung?" sagte Madame Melina. Man suchte die Kinder beiseitezubringen, und Wilhelm, der der Alten das strengste Geheimnis nicht schuldig zu sein glaubte, entdeckte seiner Freundin das ganze Verhaltnis. Madame Melina sah ihn lachelnd an. "O! uber die leichtglaubigen Manner!" rief sie aus; "wenn nur etwas auf ihrem Wege ist, so kann man es ihnen sehr leicht aufburden aber dafur sehen sie sich auch ein andermal weder rechts noch links um und wissen nichts zu schatzen, als was sie vorher mit dem Stempel einer willkurlichen Leidenschaft bezeichnet haben." Sie konnte einen Seufzer nicht unterdrucken, und wenn Wilhelm nicht ganz blind gewesen ware, so hatte er eine nie ganz besiegte Neigung in ihrem Betragen erkennen mussen.

Er sprach nunmehr mit ihr von den Kindern, wie er Felix bei sich zu behalten und Mignon auf das Land zu tun gedachte. Frau Melina, ob sie sich gleich ungerne von beiden zugleich trennte, fand doch den Vorschlag gut, ja notwendig. Felix verwilderte bei ihr, und Mignon schien einer freien Luft und anderer Verhaltnisse zu bedurfen; das gute Kind war kranklich und konnte sich nicht erholen.

"Lassen Sie sich nicht irren", fuhr Madame Melina fort, "dass ich einige Zweifel, ob Ihnen der Knabe wirklich zugehore, leichtsinnig geaussert habe. Der Alten ist freilich wenig zu trauen; doch wer Unwahrheit zu seinem Nutzen ersinnt, kann auch einmal wahr reden, wenn ihm die Wahrheiten nutzlich scheinen. Aurelien hatte die Alte vorgespiegelt, Felix sei ein Sohn Lotharios, und die Eigenheit haben wir Weiber, dass wir die Kinder unserer Liebhaber recht herzlich lieben, wenn wir schon die Mutter nicht kennen oder sie von Herzen hassen." Felix kam hereingesprungen, sie druckte ihn an sich, mit einer Lebhaftigkeit die ihr sonst nicht gewohnlich war.

Wilhelm eilte nach Hause und bestellte die Alte, die ihn jedoch nicht eher als in der Dammerung, zu besuchen versprach; er empfing sie verdriesslich und sagte zu ihr: "Es ist nichts Schandlichers in der Welt, als sich auf Lugen und Marchen einzurichten! Schon hast du viel Boses damit gestiftet, und jetzt, da dein Wort das Gluck meines Lebens entscheiden konnte, jetzt steh' ich zweifelhaft und wage nicht, das Kind in meine Arme zu schliessen, dessen ungetrubter Besitz mich ausserst glucklich machen wurde. Ich kann dich, schandliche Kreatur, nicht ohne Hass und Verachtung ansehen."

"Euer Betragen kommt mir, wenn ich aufrichtig reden soll", versetzte die Alte, "ganz unertraglich vor. Und wenn's nun Euer Sohn nicht ware, so ist es das schonste, angenehmste Kind von der Welt, das man gern fur jeden Preis kaufen mochte, um es nur immer um sich zu haben. Ist es nicht wert, dass Ihr Euch seiner annehmt? Verdiene ich fur meine Sorgfalt, fur meine Muhe mit ihm nicht einen kleinen Unterhalt fur mein kunftiges Leben? O ihr Herren, denen nichts abgeht, ihr habt gut von Wahrheit und Geradheit reden; aber wie eine arme Kreatur, deren geringstem Bedurfnis nichts entgegenkommt, die in ihren Verlegenheiten keinen Freund, keinen Rat, keine Hulfe sieht, wie die sich durch die selbstischen Menschen durchdrukken und im stillen darben muss davon wurde manches zu sagen sein, wenn ihr horen wolltet und konntet. Haben Sie Marianens Briefe gelesen? Es sind dieselben, die sie zu jener unglucklichen Zeit schrieb. Vergebens suchte ich mich Ihnen zu nahern, vergebens Ihnen diese Blatter zuzustellen; Ihr grausamer Schwager hatte Sie so umlagert, dass alle List und Klugheit vergebens war, und zuletzt, als er mir und Marianen mit dem Gefangnis drohte, musste ich wohl alle Hoffnung aufgeben. Trifft nicht alles mit dem uberein, was ich erzahlt habe? Und setzt nicht Norbergs Brief die ganze Geschichte ausser allen Zweifel?"

"Was fur ein Brief?" fragte Wilhelm.

"Haben Sie ihn nicht in der Brieftasche gefunden?" fragte die Alte.

"Ich habe noch nicht alles durchlesen."

"Geben Sie nur die Brieftasche her! auf dieses Dokument kommt alles an. Norbergs ungluckliches Billett hat die traurige Verwirrung gemacht, ein anderes von seiner Hand mag auch den Knoten losen, insofern am Faden noch etwas gelegen ist." Sie nahm ein Blatt aus der Brieftasche, Wilhelm erkannte jene verhasste Hand, er nahm sich zusammen und las:

"Sag' mir nur, Madchen, wie vermagst Du das uber mich? Hatt' ich doch nicht geglaubt, dass eine Gottin selbst mich zum seufzenden Liebhaber umschaffen konnte. Anstatt mir mit offenen Armen entgegenzueilen, ziehst Du Dich zuruck; man hatte es wahrhaftig fur Abscheu nehmen konnen, wie Du Dich betrugst. Ist's erlaubt, dass ich die Nacht mit der alten Barbara auf einem Koffer in einer Kammer zubringen musste? Und mein geliebtes Madchen war nur zwei Turen davon. Es ist zu toll, sag' ich Dir! Ich habe versprochen, Dir einige Bedenkzeit zu lassen, nicht gleich in Dich zu dringen, und ich mochte rasend werden uber jede verlorne Viertelstunde. Habe ich Dir nicht geschenkt, was ich wusste und konnte? Zweifelst Du noch an meiner Liebe? Was willst Du haben? sag' es mir! Es soll Dir an nichts fehlen. Ich wollte, der Pfaffe musste verstummen und verblinden, der Dir solches Zeug in den Kopf gesetzt hat. Musstest Du auch gerade an so einen kommen! Es gibt so viele, die jungen Leuten etwas nachzusehen wissen. Genug, ich sage Dir, es muss anders werden, in ein paar Tagen muss ich Antwort wissen; denn ich gehe bald wieder weg, und wenn Du nicht wieder freundlich und gefallig bist, so sollst Du mich nicht wiedersehen..."

In dieser Art ging der Brief noch lange fort, drehte sich zu Wilhelms schmerzlicher Zufriedenheit immer um denselben Punkt herum und zeugte fur die Wahrheit der Geschichte, die er von Barbara vernommen hatte. Ein zweites Blatt bewies deutlich, dass Mariane auch in der Folge nicht nachgegeben hatte, und Wilhelm vernahm aus diesen und mehreren Papieren nicht ohne tiefen Schmerz die Geschichte des unglucklichen Madchens bis zur Stunde ihres Todes.

Die Alte hatte den rohen Menschen nach und nach zahm gemacht, indem sie ihm den Tod Marianens meldete und ihm den Glauben liess, als wenn Felix sein Sohn sei; er hatte ihr einigemal Geld geschickt, das sie aber fur sich behielt, da sie Aurelien die Sorge fur des Kindes Erziehung aufgeschwatzt hatte. Aber leider dauerte dieser heimliche Erwerb nicht lange. Norberg hatte durch ein wildes Leben den grossten Teil seines Vermogens verzehrt und wiederholte Liebesgeschichten sein Herz gegen seinen ersten, eingebildeten Sohn verhartet.

So wahrscheinlich das alles lautete, und so schon es zusammentraf, traute Wilhelm doch noch nicht, sich der Freude zu uberlassen; er schien sich vor einem Geschenke zu furchten, das ihm ein boser Genius darreichte.

"Ihre Zweifelsucht", sagte die Alte, die seine Gemutsstimmung erriet, "kann nur die Zeit heilen. Sehen Sie das Kind als ein fremdes an, und geben Sie desto genauer auf ihn acht, bemerken Sie seine Gaben, seine Natur, seine Fahigkeiten, und wenn Sie nicht nach und nach sich selbst wiedererkennen, so mussen Sie schlechte Augen haben. Denn das versichere ich Sie, wenn ich ein Mann ware, mir sollte niemand ein Kind unterschieben; aber es ist ein Gluck fur die Weiber, dass die Manner in diesen Fallen nicht so scharfsichtig sind."

Nach allem diesen setzte sich Wilhelm mit der Alten auseinander; er wollte den Felix mit sich nehmen, sie wollte Mignon zu Theresen bringen und hernach eine kleine Pension, die er ihr versprach, wo sie wollte, verzehren.

Er liess Mignon rufen, um sie auf diese Veranderung vorzubereiten. "Meister", sagte sie, "behalte mich bei dir! es wird mir wohl tun und weh."

Er stellte ihr vor, dass sie nun herangewachsen sei, und dass doch etwas fur ihre weitere Bildung getan werden musse. "Ich bin gebildet genug", versetzte sie, "um zu lieben und zu trauern."

Er machte sie auf ihre Gesundheit aufmerksam, dass sie eine anhaltende Sorgfalt und die Leitung eines geschickten Arztes bedurfe. "Warum soll man fur mich sorgen", sagte sie, "da so viel zu sorgen ist?"

Nachdem er sich viele Muhe gegeben, sie zu uberzeugen, dass er sie jetzt nicht mit sich nehmen konne, dass er sie zu Personen bringen wolle, wo er sie ofters sehen werde, schien sie von alledem nichts gehort zu haben. "Du willst mich nicht bei dir?" sagte sie. "Vielleicht ist es besser, schicke mich zum alten Harfenspieler! der arme Mann ist so allein."

Wilhelm suchte ihr begreiflich zu machen, dass der Alte gut aufgehoben sei. "Ich sehne mich jede Stunde nach ihm", versetzte das Kind.

"Ich habe aber nicht bemerkt", sagte Wilhelm, "dass du ihm so geneigt seist, als er noch mit uns lebte."

"Ich furchtete mich vor ihm, wenn er wachte; ich konnte nur seine Augen nicht sehen; aber wenn er schlief, setzte ich mich gern zu ihm, ich wehrte ihm die Fliegen und konnte mich nicht satt an ihm sehen. O! er hat mir in schrecklichen Augenblicken beigestanden, es weiss niemand, was ich ihm schuldig bin. Hatt' ich nur den Weg gewusst, ich ware schon zu ihm gelaufen."

Wilhelm stellte ihr die Umstande weitlaufig vor und sagte: sie sei so ein vernunftiges Kind, sie mochte doch auch diesmal seinen Wunschen folgen. "Die Vernunft ist grausam", versetzte sie, "das Herz ist besser. Ich will hingehen, wohin du willst, aber lass mir deinen Felix!"

Nach vielem Hin- und Widerreden war sie immer auf ihrem Sinne geblieben, und Wilhelm musste sich zuletzt entschliessen, die beiden Kinder der Alten zu ubergeben und sie zusammen an Fraulein Therese zu schicken. Es ward ihm das um so leichter, als er sich noch immer furchtete, den schonen Felix sich als seinen Sohn zuzueignen. Er nahm ihn auf den Arm und trug ihn herum; das Kind mochte gern vor den Spiegel gehoben sein, und ohne sich es zu gestehen, trug Wilhelm ihn gern vor den Spiegel und suchte dort Ahnlichkeiten zwischen sich und dem Kinde auszuspahen. Ward es ihm dann einen Augenblick recht wahrscheinlich, so druckte er den Knaben an seine Brust, aber auf einmal, erschreckt durch den Gedanken, dass er sich betrugen konne, setzte er das Kind nieder und liess es hinlaufen. "O!" rief er aus, "wenn ich mir dieses unschatzbare Gut zueignen konnte, und es wurde mir dann entrissen, so ware ich der unglucklichste aller Menschen"

Die Kinder waren weggefahren, und Wilhelm wollte nun seinen formlichen Abschied vom Theater nehmen, als er fuhlte, dass er schon abgeschieden sei und nur zu gehen brauchte. Mariane war nicht mehr, seine zwei Schutzgeister hatten sich entfernt, und seine Gedanken eilten ihnen nach. Der schone Knabe schwebte wie eine reizende ungewisse Erscheinung vor seiner Einbildungskraft, er sah ihn an Theresens Hand durch Felder und Walder laufen, in der freien Luft und neben einer freien und heitern Begleiterin sich bilden; Therese war ihm noch viel werter geworden, seitdem er das Kind in ihrer Gesellschaft dachte. Selbst als Zuschauer im Theater erinnerte er sich ihrer mit Lacheln; beinahe war er in ihrem Falle, die Vorstellungen machten ihm keine Illusion mehr.

Serlo und Melina waren ausserst hoflich gegen ihn, sobald sie merkten, dass er an seinen vorigen Platz keinen weitern Anspruch machte. Ein Teil des Publikums wunschte ihn nochmals auftreten zu sehen; es ware ihm unmoglich gewesen, und bei der Gesellschaft wunschte es niemand als allenfalls Frau Melina.

Er nahm nun wirklich Abschied von dieser Freundin, er war geruhrt und sagte: "Wenn doch der Mensch sich nicht vermessen wollte, irgend etwas fur die Zukunft zu versprechen! Das Geringste vermag er nicht zu halten, geschweige wenn sein Vorsatz von Bedeutung ist. Wie schame ich mich, wenn ich denke, was ich Ihnen allen zusammen in jener unglucklichen Nacht versprach, da wir beraubt, krank, verletzt und verwundet in eine elende Schenke zusammengedrangt waren. Wie erhohte damals das Ungluck meinen Mut, und welchen Schatz glaubte ich in meinem guten Willen zu finden; nun ist aus allem dem nichts, gar nichts geworden! Ich verlasse Sie als Ihr Schuldner, und mein Gluck ist, dass man mein Versprechen nicht mehr achtete, als es wert war, und dass niemand mich jemals deshalb gemahnt hat."

"Sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst!" versetzte Frau Melina; "wenn niemand erkennt, was Sie fur uns getan hatten, so werde ich es nicht verkennen; denn unser ganzer Zustand ware vollig anders, wenn wir Sie nicht besessen hatten. Geht es doch unsern Vorsatzen wie unsern Wunschen: sie sehen sich gar nicht mehr ahnlich, wenn sie ausgefuhrt, wenn sie erfullt sind, und wir glauben nichts getan, nichts erlangt zu haben."

"Sie werden", versetzte Wilhelm, "durch Ihre freundschaftliche Auslegung mein Gewissen nicht beruhigen, und ich werde mir immer als Ihr Schuldner vorkommen."

"Es ist auch wohl moglich, dass Sie es sind", versetzte Madame Melina, "nur nicht auf die Art, wie Sie es denken. Wir rechnen uns zur Schande, ein Versprechen nicht zu erfullen, das wir mit dem Munde getan haben. O, mein Freund, ein guter Mensch verspricht durch seine Gegenwart nur immer zu viel! Das Vertrauen, das er hervorlockt, die Neigung, die er einflosst, die Hoffnungen, die er erregt, sind unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, ohne es zu wissen. Leben Sie wohl! Wenn unsere ausseren Umstande sich unter Ihrer Leitung recht glucklich hergestellt haben, so entsteht in meinem Innern durch Ihren Abschied eine Lucke, die sich so leicht nicht wieder ausfullen wird."

Wilhelm schrieb vor seiner Abreise aus der Stadt noch einen weitlaufigen Brief an Wernern. Sie hatten zwar einige Briefe gewechselt, aber weil sie nicht einig werden konnten, horten sie zuletzt auf zu schreiben. Nun hatte sich Wilhelm wieder genahert; er war im Begriff, dasjenige zu tun, was jener so sehr wunschte, er konnte sagen: "Ich verlasse das Theater und verbinde mich mit Mannern, deren Umgang mich in jedem Sinne zu einer reinen und sichern Tatigkeit fuhren muss." Er erkundigte sich nach seinem Vermogen, und es schien ihm nunmehr sonderbar, dass er so lange sich nicht darum bekummert hatte. Er wusste nicht, dass es die Art aller der Menschen sei, denen an ihrer innern Bildung viel gelegen ist, dass sie die ausseren Verhaltnisse ganz und gar vernachlassigen. Wilhelm hatte sich in diesem Falle befunden; er schien nunmehr zum erstenmal zu merken, dass er ausserer Hulfsmittel bedurfe, um nachhaltig zu wirken. Er reiste fort mit einem ganz andern Sinn als das erste Mal; die Aussichten, die sich ihm zeigten, waren reizend, und er hoffte auf seinem Wege etwas Frohes zu erleben.

Neuntes Kapitel

Als er nach Lotharios Gut zuruckkam, fand er eine grosse Veranderung. Jarno kam ihm entgegen mit der Nachricht, dass der Oheim gestorben, dass Lothario hingegangen sei, die hinterlassenen Guter in Besitz zu nehmen. "Sie kommen eben zur rechten Zeit", sagte er, "um mir und dem Abbe beizustehen. Lothario hat uns den Handel um wichtige Guter in unserer Nachbarschaft aufgetragen; es war schon lange vorbereitet, und nun finden wir Geld und Kredit eben zur rechten Stunde. Das einzige war dabei bedenklich, dass ein auswartiges Handelshaus auch schon auf dieselben Guter Absicht hatte; nun sind wir kurz und gut entschlossen, mit jenem gemeine Sache zu machen, denn sonst hatten wir uns ohne Not und Vernunft hinaufgetrieben. Wir haben, so scheint es, mit einem klugen Manne zu tun. Nun machen wir Calculs und Anschlage; auch muss okonomisch uberlegt werden, wie wir die Guter teilen konnen, so dass jeder ein schones Besitztum erhalt." Es wurden Wilhelmen die Papiere vorgelegt, man besah die Felder, Wiesen, Schlosser, und obgleich Jarno und der Abbe die Sache sehr gut zu verstehen schienen, so wunschte Wilhelm doch, dass Fraulein Therese von der Gesellschaft sein mochte.

Sie brachten mehrere Tage mit diesen Arbeiten zu, und Wilhelm hatte kaum Zeit, seine Abenteuer und seine zweifelhafte Vaterschaft den Freunden zu erzahlen, die eine ihm so wichtige Begebenheit gleichgultig und leichtsinnig behandelten.

Er hatte bemerkt, dass sie manchmal in vertrauten Gesprachen bei Tische und auf Spaziergangen auf einmal innehielten, ihren Worten eine andere Wendung gaben und dadurch wenigstens anzeigten, dass sie unter sich manches anzutun hatten, das ihm verborgen sei. Er erinnerte sich an das, was Lydie gesagt hatte, und glaubte um so mehr daran, als eine ganze Seite des Schlosses vor ihm immer unzuganglich gewesen war. Zu gewissen Galerien und besonders zu dem alten Turm, den er von aussen recht gut kannte, hatte er bisher vergebens Weg und Eingang gesucht.

Eines Abends sagte Jarno zu ihm: "Wir konnen Sie nun so sicher als den Unsern ansehen, dass es unbillig ware, wenn wir Sie nicht tiefer in unsere Geheimnisse einfuhrten. Es ist gut, dass der Mensch, der erst in die Welt tritt, viel von sich halte, dass er sich viele Vorzuge zu erwerben denke, dass er alles moglich zu machen suche; aber wenn seine Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn er sich in einer grossern Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmassigen Tatigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selber kennen; denn das Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Sie sollen bald erfahren, welch eine kleine Welt sich in Ihrer Nahe befindet, und wie gut Sie in dieser kleinen Welt gekannt sind; morgen fruh vor Sonnenaufgang sein Sie angezogen und bereit!"

Jarno kam zur bestimmten Stunde und fuhrte ihn durch bekannte und unbekannte Zimmer des Schlosses, dann durch einige Galerien, und sie gelangten endlich vor eine grosse alte Ture, die stark mit Eisen beschlagen war. Jarno pochte, die Ture tat sich ein wenig auf, so dass ein Mensch hineinschlupfen konnte. Jarno schob Wilhelmen hinein, ohne ihm zu folgen. Dieser fand sich in einem dunkeln und engen Behaltnisse, es war finster um ihn, und als er einen Schritt vorwarts gehen wollte, stiess er schon wider. Eine nicht ganz unbekannte Stimme rief ihm zu: "Tritt herein!" und nun bemerkte er erst, dass die Seiten des Raums, in dem er sich befand, nur mit Teppichen behangen waren, durch welche ein schwaches Licht hindurchschimmerte. "Tritt herein!" rief es nochmals; er hob den Teppich auf und trat hinein.

Der Saal, in dem er sich nunmehr befand, schien ehemals eine Kapelle gewesen zu sein; anstatt des Altars stand ein grosser Tisch auf einigen Stufen, mit einem grunen Teppich behangen, daruber schien ein zugezogener Vorhang ein Gemalde zu bedecken; an den Seiten waren schon gearbeitete Schranke mit feinen Drahtgittern verschlossen, wie man sie in Bibliotheken zu sehen pflegt, nur sah er anstatt der Bucher viele Rollen aufgestellt. Niemand befand sich in dem Saal; die aufgehende Sonne fiel durch die farbigen Fenster Wilhelmen gerade entgegen und begrusste ihn freundlich.

"Setze dich!" rief eine Stimme, die von dem Altar herzu tonen schien. Wilhelm setzte sich auf einen kleinen Armstuhl, der wider den Verschlag des Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen Zimmer, er musste sich darein ergeben, ob ihn schon die Morgensonne blendete; der Sessel stand fest, er konnte nur die Hand vor die Augen halten.

Indem eroffnete sich mit einem kleinen Gerausche der Vorhang uber dem Altar und zeigte innerhalb eines Rahmens eine leere, dunkle Offnung. Es trat ein Mann hervor in gewohnlicher Kleidung, der ihn begrusste und zu ihm sagte: "Sollten Sie mich nicht wiedererkennen? Sollten Sie unter andern Dingen, die Sie wissen mochten, nicht auch zu erfahren wunschen, wo die Kunstsammlung Ihres Grossvaters sich gegenwartig befindet? Erinnern Sie sich des Gemaldes nicht mehr, das Ihnen so reizend war? Wo mag der kranke Konigssohn wohl jetzo schmachten?" Wilhelm erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht sich mit ihm im Gasthause unterhalten hatte. "Vielleicht", fuhr dieser fort, "konnen wir jetzt uber Schicksal und Charakter eher einig werden."

Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch zusammenzog. "Sonderbar!" sagte er bei sich selbst, "sollten zufallige Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir Schicksal nennen, sollte es bloss Zufall sein? Wo mag sich meines Grossvaters Sammlung befinden? und warum erinnert man mich in diesen feierlichen Augenblicken daran?"

Er hatte nicht Zeit, weiter zu denken, denn der Vorhang offnete sich wieder, und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich fur den Landgeistlichen erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft jene Wasserfahrt gemacht hatte; er glich dem Abbe, ob er gleich nicht dieselbe Person schien. Mit einem heitern Gesichte und einem wurdigen Ausdruck fing der Mann an: "Nicht vor Irrtum zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlurfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, halt lange damit haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glucks, aber wer ihn ganz erschopft, der muss ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist." Der Vorhang schloss sich abermals, und Wilhelm hatte Zeit, nachzudenken. "Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen", sagte er zu sich selbst, "als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat, dass ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, dass ich mir einbildete, ein Talent erwerben zu konnen, zu dem ich nicht die geringste Anlage hatte!"

Der Vorhang riss sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte nur im Vorbeigehen: "Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man Zutrauen haben kann!" Der Vorhang schloss sich, und Wilhelm brauchte sich nicht lange zu besinnen, um diesen Offizier fur denjenigen zu erkennen, der ihn in des Grafen Park umarmt hatte und schuld gewesen war, dass er Jarno fur einen Werber hielt. Wie dieser hierher gekommen und wer er sei, war Wilhelmen vollig ein Ratsel. "Wenn so viele Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wussten, was darauf zu tun sei, warum fuhrten sie dich nicht strenger? warum nicht ernster? warum begunstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon wegzufuhren?"

"Rechte nicht mit uns!" rief eine Stimme; "du bist gerettet, und auf dem Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine zuruckwunschen, kein glucklicheres Schicksal kann einem Menschen werden." Der Vorhang riss sich voneinander, und in voller Rustung stand der alte Konig von Danemark in dem Raume. "Ich bin der Geist deines Vaters", sagte das Bildnis, "und scheide getrost, da meine Wunsche fur dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfullt sind. Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene fuhren gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl und gedenke mein, wenn du geniessest, was ich dir vorbereitet habe!"

Wilhelm war ausserst betroffen, er glaubte die Stimme seines Vaters zu horen, und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die Gegenwart und die Erinnerung in der verworrensten Lage.

Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbe hervortrat und sich hinter den grunen Tisch stellte. "Treten Sie herbei!" rief er seinem verwunderten Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan. Auf dem Teppiche lag eine kleine Rolle. "Hier ist Ihr Lehrbrief", sagte der Abbe, "beherzigen Sie ihn, er ist von wichtigem Inhalt." Wilhelm nahm ihn auf, offnete ihn und las:

Lehrbrief

Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die Gelegenheit fluchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst uberrascht ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird das Treffliche gefunden, seltner geschatzt. Die Hohe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Kunstler braucht sie ganz. Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun und redet selten oder spat. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist, wie gebackenes Brot, schmackhaft und sattigend fur einen Tag; aber Mehl kann man nicht saen, und die Saatfruchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Hochste. Die Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiss, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewusst. Wer bloss mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwatz halt den Schuler zuruck, und ihre beharrliche Mittelmassigkeit angstigt die Besten. Des echten Kunstlers Lehre schliesst den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat. Der echte Schuler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nahert sich dem Meister. "Genug!" rief der Abbe, "das ubrige zu seiner Zeit. Jetzt sehen Sie sich in jenen Schranken um."

Wilhelm ging hin und las die Aufschriften der Rollen. Er fand mit Verwunderung Lotharios Lehrjahre, Jarnos Lehrjahre und seine eigenen Lehrjahre daselbst aufgestellt, unter vielen andern, deren Namen ihm unbekannt waren.

"Darf ich hoffen, in die Rollen einen Blick zu werfen?"

"Es ist fur Sie nunmehr in diesem Zimmer nichts verschlossen."

"Darf ich eine Frage tun?"

"Ohne Bedenken! und Sie konnen entscheidende Antwort erwarten, wenn es eine Angelegenheit betrifft, die Ihnen zunachst am Herzen liegt und am Herzen liegen soll."

"Gut denn! Ihr sonderbaren und weisen Menschen, deren Blick in so viel Geheimnisse dringt, konnt ihr mir sagen, ob Felix wirklich mein Sohn sei?"

"Heil Ihnen uber diese Frage!" rief der Abbe, indem er vor Freuden die Hande zusammenschlug: "Felix ist Ihr Sohn! Bei dem Heiligsten, was unter uns verborgen liegt, schwor' ich Ihnen, Felix ist Ihr Sohn! und der Gesinnung nach war seine abgeschiedne Mutter Ihrer nicht unwert. Empfangen Sie das liebliche Kind aus unserer Hand, kehren Sie sich um, und wagen Sie es, glucklich zu sein!"

Wilhelm horte ein Gerausch hinter sich, er kehrte sich um und sah ein Kindergesicht schalkhaft durch die Teppiche des Eingangs hervorgucken, es war Felix. Der Knabe versteckte sich sogleich scherzend, als er gesehen wurde. "Komm hervor!" rief der Abbe. Er kam gelaufen, sein Vater sturzte ihm entgegen, nahm ihn in die Arme und druckte ihn an sein Herz. "Ja, ich fuhl's", rief er aus, "du bist mein! Welche Gabe des Himmels habe ich meinen Freunden zu verdanken! Wo kommst du her, mein Kind, gerade in diesem Augenblick?"

"Fragen Sie nicht!" sagte der Abbe. "Heil dir, junger Mann! deine Lehrjahre sind voruber; die Natur hat dich losgesprochen."

Achtes Buch

Erstes Kapitel

Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm folgte ihm mit Entzucken, der schonste Morgen zeigte jeden Gegenstand mit neuen Reizen, und Wilhelm genoss den heitersten Augenblick. Felix war neu in der freien und herrlichen Welt, und sein Vater nicht viel bekannter mit den Gegenstanden, nach denen der Kleine wiederholt und unermudet fragte. Sie gesellten sich endlich zum Gartner, der die Namen und den Gebrauch mancher Pflanzen hererzahlen musste; Wilhelm sah die Natur durch ein neues Organ, und die Neugierde, die Wissbegierde des Kindes liessen ihn erst fuhlen, welch ein schwaches Interesse er an den Dingen ausser sich genommen hatte, wie wenig er kannte und wusste. An diesem Tage, dem vergnugtesten seines Lebens, schien auch seine eigne Bildung erst anzufangen; er fuhlte die Notwendigkeit, sich zu belehren, indem er zu lehren aufgefordert ward.

Jarno und der Abbe hatten sich nicht wieder sehen lassen; abends kamen sie und brachten einen Fremden mit. Wilhelm ging ihm mit Erstaunen entgegen, er traute seinen Augen nicht, es war Werner, der gleichfalls einen Augenblick anstand, ihn anzuerkennen. Beide umarmten sich aufs zartlichste, und beide konnten nicht verbergen, dass sie sich wechselsweise verandert fanden. Werner behauptete, sein Freund sei grosser, starker, gerader, in seinem Wesen gebildeter und in seinem Betragen angenehmer geworden. "Etwas von seiner alten Treuherzigkeit vermiss' ich", setzte er hinzu. "Sie wird sich auch schon wieder zeigen, wenn wir uns nur von der ersten Verwunderung erholt haben", sagte Wilhelm.

Es fehlte viel, dass Werner einen gleich vorteilhaften Eindruck auf Wilhelmen gemacht hatte. Der gute Mann schien eher zuruck als vorwarts gegangen zu sein. Er war viel magerer als ehemals, sein spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase langer zu sein, seine Stirn und sein Scheitel waren von Haaren entblosst, seine Stimme hell, heftig und schreiend, und seine eingedruckte Brust, seine vorfallenden Schultern, seine farblosen Wangen liessen keinen Zweifel ubrig, dass ein arbeitsamer Hypochondrist gegenwartig sei.

Wilhelm war bescheiden genug, um sich uber diese grosse Veranderung sehr massig zu erklaren, da der andere hingegen seiner freundschaftlichen Freude volligen Lauf liess. "Wahrhaftig!" rief er aus, "wenn du deine Zeit schlecht angewendet und, wie ich vermute, nichts gewonnen hast, so bist du doch indessen ein Personchen geworden; das sein Gluck machen kann und muss; verschlendere und verschleudere nur auch das nicht wieder! du sollst mir mit dieser Figur eine reiche und schone Erbin erkaufen." "Du wirst doch", versetzte Wilhelm lachelnd, "deinen Charakter nicht verleugnen! kaum findest du nach langer Zeit deinen Freund wieder, so siehst du ihn schon als eine Ware, als einen Gegenstand deiner Spekulation an, mit dem sich etwas gewinnen lasst."

Jarno und der Abbe schienen uber diese Erkennung keinesweges verwundert und liessen beide Freunde sich nach Belieben uber das Vergangene und Gegenwartige ausbreiten. Werner ging um seinen Freund herum, drehte ihn hin und her, so dass er ihn fast verlegen machte. "Nein! nein!" rief er aus, "so was ist mir noch nicht vorgekommen, und doch weiss ich wohl, dass ich mich nicht betruge. Deine Augen sind tiefer, deine Stirne ist breiter, deine Nase feiner und dein Mund liebreicher geworden. Seht nur einmal, wie er steht! wie das alles passt und zusammenhangt! Wie doch das Faulenzen gedeihet! Ich armer Teufel dagegen" er besah sich im Spiegel , "wenn ich diese Zeit her nicht recht viel Geld gewonnen hatte, so ware doch auch gar nichts an mir."

Werner hatte Wilhelms letzten Brief nicht empfangen; ihre Handlung war das fremde Haus, mit welchem Lothario die Guter in Gemeinschaft zu kaufen die Absicht hatte. Dieses Geschaft fuhrte Wernern hierher; er hatte keine Gedanken, Wilhelmen auf seinem Wege zu finden. Der Gerichtshalter kam, die Papiere wurden vorgelegt, und Werner fand die Vorschlage billig. "Wenn Sie es mit diesem jungen Manne, wie es scheint, gut meinen", sagte er, "so sorgen Sie selbst dafur, dass unser Teil nicht verkurzt werde; es soll von meinem Freunde abhangen, ob er das Gut annehmen und einen Teil seines Vermogens daran wenden will." Jarno und der Abbe versicherten, dass es dieser Erinnerung nicht bedurfe. Man hatte die Sache kaum im allgemeinen verhandelt, als Werner sich nach einer Partie L'hombre sehnte, wozu sich denn auch gleich der Abbe und Jarno mit hinsetzten; er war es nun einmal so gewohnt, er konnte des Abends ohne Spiel nicht leben.

Als die beiden Freunde nach Tische allein waren, befragten sie sich sehr lebhaft uber alles, was sie sich mitzuteilen wunschten. Wilhelm ruhmte seine Lage und das Gluck seiner Aufnahme unter so trefflichen Menschen. Werner dagegen schuttelte den Kopf und sagte: "Man sollte doch auch nichts glauben, als was man mit Augen sieht! Mehr als ein dienstfertiger Freund hat mir versichert, du lebtest mit einem liederlichen jungen Edelmann, fuhrtest ihm Schauspielerinnen zu, halfest ihm sein Geld durchbringen und seiest schuld, dass er mit seinen samtlichen Anverwandten gespannt sei." "Es wurde mich um meinet und um der guten Menschen willen verdriessen, dass wir so verkannt werden", versetzte Wilhelm, "wenn mich nicht meine theatralische Laufhahn mit jeder ublen Nachrede versohnt hatte. Wie sollten die Menschen unsere Handlungen beurteilen, die ihnen nur einzeln und abgerissen erscheinen, wovon sie das wenigste sehen, weil Gutes und Boses im Verborgenen geschieht, und eine gleichgultige Erscheinung meistens nur an den Tag kommt. Bringt man ihnen doch Schauspieler und Schauspielerinnen auf erhohte Bretter, zundet von allen Seiten Licht an, das ganze Werk ist in wenig Stunden abgeschlossen, und doch weiss selten jemand eigentlich, was er daraus machen soll."

Nun ging es an ein Fragen nach der Familie, nach den Jugendfreunden und der Vaterstadt. Werner erzahlte mit grosser Hast alles, was sich verandert hatte, und was noch bestand und geschah. "Die Frauen im Hause", sagte er, "sind vergnugt und glucklich, es fehlt nie an Geld. Die eine Halfte der Zeit bringen sie zu, sich zu putzen, und die andere Halfte, sich geputzt sehen zu lassen. Haushalterisch sind sie so viel, als billig ist. Meine Kinder lassen sich zu gescheiten Jungen an. Ich sehe sie im Geiste schon sitzen und schreiben, und rechnen, laufen, handeln und trodeln; einem jeden soll so bald als moglich ein eignes Gewerbe eingerichtet werden, und was unser Vermogen betrifft, daran sollst du deine Lust sehen. Wenn wir mit den Gutern in Ordnung sind, musst du gleich mit nach Hause, denn es sieht doch aus, als wenn du mit einiger Vernunft in die menschlichen Unternehmungen eingreifen konntest. Deine neuen Freunde sollen gepriesen sein, da sie dich auf den rechten Weg gebracht haben. Ich bin ein narrischer Teufel und merke erst, wie lieb ich dich habe, da ich mich nicht satt an dir sehen kann, dass du so wohl und so gut aussiehst. Das ist doch eine andere Gestalt als das Portrat, das du einmal an deine Schwester schicktest, und woruber im Hause grosser Streit war. Mutter und Tochter fanden den jungen Herrn allerliebst, mit offnem Halse, halbfreier Brust, grosser Krause, herumhangendem Haar, rundem Hut, kurzem Westchen und schlotternden langen Hosen, indessen ich behauptete, das Kostum sei nur zwei Finger breit vom Hanswurst. Nun siehst du doch aus wie ein Mensch, nur fehlt der Zopf, in den ich deine Haare einzubinden bitte, sonst halt man dich denn doch einmal unterweges als Juden an und fordert Zoll und Geleite von dir."

Felix war indessen in die Stube gekommen und hatte sich, als man auf ihn nicht achtete, aufs Kanapee gelegt und war eingeschlafen. "Was ist das fur ein Wurm?" fragte Werner. Wilhelm hatte in dem Augenblicke den Mut nicht, die Wahrheit zu sagen, noch Lust, eine doch immer zweideutige Geschichte einem Manne zu erzahlen, der von Natur nichts weniger als glaubig war.

Die ganze Gesellschaft begab sich nunmehr auf die Guter, um sie zu besehen und den Handel abzuschliessen. Wilhelm liess seinen Felix nicht von der Seite und freute sich um des Knaben willen recht lebhaft des Besitzes, dem man entgegensah. Die Lusternheit des Kindes nach den Kirschen und Beeren, die bald reif werden sollten, erinnerte ihn an die Zeit seiner Jugend und an die vielfache Pflicht des Vaters, den Seinigen den Genuss vorzubereiten, zu verschaffen und zu erhalten. Mit welchem Interesse betrachtete er die Baumschulen und die Gebaude! Wie lebhaft sann er darauf, das Vernachlassigte wiederherzustellen und das Verfallene zu erneuern! Er sah die Welt nicht mehr wie ein Zugvogel an, ein Gebaude nicht mehr fur eine geschwind zusammengestellte Laube, die vertrocknet, ehe man sie verlasst. Alles, was er anzulegen gedachte, sollte dem Knaben entgegenwachsen, und alles, was er herstellte, sollte eine Dauer auf einige Geschlechter haben. In diesem Sinne waren seine Lehrjahre geendigt, und mit dem Gefuhl des Vaters hatte er auch alle Tugenden eines Burgers erworben. Er fuhlte es, und seiner Freude konnte nichts gleichen. "O, der unnotigen Strenge der Moral!" rief er aus, "da die Natur uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen. O, der seltsamen Anforderungen der burgerlichen Gesellschaft, die uns erst verwirrt und missleitet und dann mehr als die Natur selbst von uns fordert! Wehe jeder Art von Bildung, welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung zerstort und uns auf das Ende hinweist, anstatt uns auf dem Wege zu beglucken!"

So manches er auch in seinem Leben schon gesehen hatte, so schien ihm doch die menschliche Natur erst durch die Beobachtung des Kindes deutlich zu werden. Das Theater war ihm, wie die Welt, nur als eine Menge ausgeschutteter Wurfel vorgekommen, deren jeder einzeln auf seiner Oberflache bald mehr, bald weniger bedeutet, und die allenfalls zusammengezahlt eine Summe machen. Hier im Kinde lag ihm, konnte man sagen, ein einzelner Wurfel vor, auf dessen vielfachen Seiten der Wert und der Unwert der menschlichen Natur so deutlich eingegraben war.

Das Verlangen des Kindes nach Unterscheidung wuchs mit jedem Tage. Da es einmal erfahren hatte, dass die Dinge Namen haben, so wollte es auch den Namen von allem horen; es glaubte nicht anders, sein Vater musse alles wissen, qualte ihn oft mit Fragen und gab ihm Anlass, sich nach Gegenstanden zu erkundigen, denen er sonst wenig Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Auch der angeborene Trieb, die Herkunft und das Ende der Dinge zu erfahren, zeigte sich fruhe bei dem Knaben. Wenn er fragte, wo der Wind herkomme und wo die Flamme hinkomme, war dem Vater seine eigene Beschrankung erst recht lebendig; er wunschte zu erfahren, wie weit sich der Mensch mit seinen Gedanken wagen, und wovon er hoffen durfe sich und andern jemals Rechenschaft zu geben. Die Heftigkeit des Kindes, wenn es irgendeinem lebendigen Wesen Unrecht geschehen sah, erfreute den Vater hochlich, als das Zeichen eines trefflichen Gemuts. Das Kind schlug heftig nach dem Kuchenmadchen, das einige Tauben abgeschnitten hatte. Dieser schone Begriff wurde denn freilich bald wieder zerstort, als er den Knaben fand, der ohne Barmherzigkeit Frosche totschlug und Schmetterlinge zerrupfte. Es erinnerte ihn dieser Zug an so viele Menschen, die hochst gerecht erscheinen, wenn sie ohne Leidenschaft sind und die Handlungen anderer beobachten.

Dieses angenehme Gefuhl, dass der Knabe so einen schonen und wahren Einfluss auf sein Dasein habe, ward einen Augenblick gestort, als Wilhelm in kurzem bemerkte, dass wirklich der Knabe mehr ihn als er den Knaben erziehe. Er hatte an dem Kinde nichts auszusetzen, er war nicht imstande, ihm eine Richtung zu geben, die es nicht selbst nahm, und sogar die Unarten, gegen die Aurelie so viel gearbeitet hatte, waren, so schien es, nach dem Tode dieser Freundin alle wieder in ihre alten Rechte getreten. Noch machte das Kind die Ture niemals hinter sich zu, noch wollte er seinen Teller nicht abessen, und sein Behagen war niemals grosser, als wenn man ihm nachsah, dass er den Bissen unmittelbar aus der Schussel nehmen, das volle Glas stehenlassen und aus der Flasche trinken konnte. So war er auch ganz allerliebst, wenn er sich mit einem Buche in die Ecke setzte und sehr ernsthaft sagte: "Ich muss das gelehrte Zeug studieren!", ob er gleich die Buchstaben noch lange weder unterscheiden konnte noch wollte.

Bedachte nun Wilhelm, wie wenig er bisher fur das Kind getan hatte, wie wenig er zu tun fahig sei, so entstand eine Unruhe in ihm, die sein ganzes Gluck aufzuwiegen imstande war. "Sind wir Manner denn", sagte er zu sich, "so selbstisch geboren, dass wir unmoglich fur ein Wesen ausser uns Sorge tragen konnen? Bin ich mit dem Knaben nicht eben auf dem Wege, auf dem ich mit Mignon war? Ich zog das liebe Kind an, seine Gegenwart ergotzte mich, und dabei hab' ich es aufs grausamste vernachlassigt. Was tat ich zu seiner Bildung, nach der es so sehr strebte? Nichts! Ich uberliess es sich selbst und allen Zufalligkeiten, denen es in einer ungebildeten Gesellschaft nur ausgesetzt sein konnte; und dann fur diesen Knaben, der dir so merkwurdig war, ehe er dir so wert sein konnte, hat dich denn dein Herz geheissen auch nur jemals das geringste fur ihn zu tun? Es ist nicht mehr Zeit, dass du deine eigenen Jahre und die Jahre anderer vergeudest; nimm dich zusammen und denke, was du fur dich und die guten Geschopfe zu tun hast, welche Natur und Neigung so fest an dich knupfte."

Eigentlich war dieses Selbstgesprach nur eine Einleitung, sich zu bekennen, dass er schon gedacht, gesorgt, gesucht und gewahlt hatte; er konnte nicht langer zogern, sich es selbst zugestehen. Nach oft vergebens wiederholtem Schmerz uber den Verlust Marianens fuhlte er nur zu deutlich, dass er eine Mutter fur den Knaben suchen musse, und dass er sie nicht sichrer als in Theresen finden werde. Er kannte dieses vortreffliche Frauenzimmer ganz. Eine solche Gattin und Gehulfin schien die einzige zu sein, der man sich und die Seinen anvertrauen konnte. Ihre edle Neigung zu Lothario machte ihm keine Bedenklichkeit. Sie waren durch ein sonderbares Schicksal auf ewig getrennt, Therese hielt sich fur frei und hatte von einer Heirat zwar mit Gleichgultigkeit, doch als von einer Sache gesprochen, die sich von selbst versteht.

Nachdem er lange mit sich zu Rate gegangen war, nahm er sich vor, ihr von sich zu sagen, soviel er nur wusste. Sie sollte ihn kennen lernen, wie er sie kannte, und er fing nun an, seine eigene Geschichte durchzudenken; sie schien ihm an Begebenheiten so leer und im ganzen jedes Bekenntnis so wenig zu seinem Vorteil, dass er mehr als einmal von dem Vorsatz abzustehn im Begriff war. Endlich entschloss er sich, die Rolle seiner Lehrjahre aus dem Turme von Jarno zu verlangen; dieser sagte: "Es ist eben zur rechten Zeit", und Wilhelm erhielt sie.

Es ist eine schauderhafte Empfindung, wenn ein edler Mensch mit Bewusstsein auf dem Punkte steht, wo er uber sich selbst aufgeklart werden soll. Alle Ubergange sind Krisen, und ist eine Krise nicht Krankheit? Wie ungern tritt man nach einer Krankheit vor den Spiegel! Die Besserung fuhlt man, und man sieht nur die Wirkung des vergangenen Ubels. Wilhelm war indessen vorbereitet genug, die Umstande hatten schon lebhaft zu ihm gesprochen, seine Freunde hatten ihn eben nicht geschont, und wenn er gleich das Pergament mit einiger Hast aufrollte, so ward er doch immer ruhiger, je weiter er las. Er fand die umstandliche Geschichte seines Lebens in grossen, scharfen Zugen geschildert; weder einzelne Begebenheiten, noch beschrankte Empfindungen verwirrten seinen Blick, allgemeine liebevolle Betrachtungen gaben ihm Fingerzeige, ohne ihn zu beschamen, und er sah zum erstenmal sein Bild ausser sich, zwar nicht, wie im Spiegel, ein zweites Selbst, sondern wie im Portrat ein anderes Selbst: man bekennt sich zwar nicht zu allen Zugen, aber man freut sich, dass ein denkender Geist uns so hat fassen, ein grosses Talent uns so hat darstellen wollen, dass ein Bild von dem, was wir waren, noch besteht, und dass es langer als wir selbst dauern kann.

Wilhelm beschaftigte sich nunmehr, indem alle Umstande durch dies Manuskript in sein Gedachtnis zuruckkamen, die Geschichte seines Lebens fur Theresen aufzusetzen, und er schamte sich fast, dass er gegen ihre grossen Tugenden nichts aufzustellen hatte, was eine zweckmassige Tatigkeit beweisen konnte. So umstandlich er in dem Aufsatze war, so kurz fasste er sich in dem Briefe, den er an sie schrieb; er bat sie um ihre Freundschaft, um ihre Liebe, wenn's moglich ware; er bot ihr seine Hand an und bat sie um baldige Entscheidung.

Nach einigem innerlichen Streit, ob er diese wichtige Sache noch erst mit seinen Freunden, mit Jarno und dem Abbe, beraten solle, entschied er sich, zu schweigen. Er war zu fest entschlossen, die Sache war fur ihn zu wichtig, als dass er sie noch hatte dem Urteil des vernunftigsten und besten Mannes unterwerfen mogen; ja, sogar brauchte er die Vorsicht, seinen Brief auf der nachsten Post selbst zu bestellen. Vielleicht hatte ihm der Gedanke, dass er in so vielen Umstanden seines Lebens, in denen er frei und im Verborgenen zu handeln glaubte, beobachtet, ja sogar geleitet worden war, wie ihm aus der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, einer Art von unangenehmer Empfindung gegeben, und nun wollte er, wenigstens zu Theresens Herzen, rein vom Herzen reden und ihrer Entschliessung und Entscheidung sein Schicksal schuldig sein, und so machte er sich kein Gewissen, seine Wachter und Aufseher in diesem wichtigen Punkte wenigstens zu umgehen.

Zweites Kapitel

Kaum war der Brief abgesendet, als Lothario zuruckkam. Jedermann freuete sich, die vorbereiteten wichtigen Geschafte abgeschlossen und bald geendigt zu sehen, und Wilhelm erwartete mit Verlangen, wie so viele Faden teils neu geknupft, teils aufgelost und nun sein eignes Verhaltnis auf die Zukunft bestimmt werden sollte. Lothario begrusste sie alle aufs beste; er war vollig wiederhergestellt und heiter, er hatte das Ansehen eines Mannes, der weiss, was er tun soll, und dem in allem, was er tun will, nichts im Wege steht.

Wilhelm konnte ihm seinen herzlichen Gruss nicht zuruckgeben. "Dies ist", musste er zu sich selbst sagen, "der Freund, der Geliebte, der Brautigam Theresens, an dessen Statt du dich einzudrangen denkst. Glaubst du denn jemals einen solchen Eindruck auszuloschen oder zu verbannen?" Ware der Brief noch nicht fort gewesen, er hatte vielleicht nicht gewagt, ihn abzusenden. Glucklicherweise war der Wurf schon getan, vielleicht war Therese schon entschieden, nur die Entfernung deckte noch eine gluckliche Vollendung mit ihrem Schleier. Gewinn und Verlust mussten sich bald entscheiden. Er suchte sich durch alle diese Betrachtungen zu beruhigen, und doch waren die Bewegungen seines Herzens beinahe fieberhaft. Nur wenig Aufmerksamkeit konnte er auf das wichtige Geschaft wenden, woran gewissermassen das Schicksal seines ganzen Vermogens hing. Ach! wie unbedeutend erscheint dem Menschen in leidenschaftlichen Augenblicken alles, was ihn umgibt, alles, was ihm angehort!

Zu seinem Glucke behandelte Lothario die Sache gross, und Werner mit Leichtigkeit. Dieser hatte bei seiner heftigen Begierde zum Erwerb eine lebhafte Freude uber den schonen Besitz, der ihm oder vielmehr seinem Freunde werden sollte. Lothario von seiner Seite schien ganz andere Betrachtungen zu machen. "Ich kann mich nicht sowohl uber einen Besitz freuen", sagte er, "als uber die Rechtmassigkeit desselben."

"Nun, beim Himmel!" rief Werner, "wird denn dieser unser Besitz nicht rechtmassig genug?"

"Nicht ganz!" versetzte Lothario.

"Geben wir denn nicht unser bares Geld dafur?"

"Recht gut!" sagte Lothario; "auch werden Sie dasjenige, was ich zu erinnern habe, vielleicht fur einen leeren Skrupel halten. Mir kommt kein Besitz ganz rechtmassig, ganz rein vor, als der dem Staate seinen schuldigen Teil abtragt."

"Wie?" sagte Werner, "so wollten Sie also lieber, dass unsere frei gekauften Guter steuerbar waren?"

"Ja", versetzte Lothario, "bis auf einen gewissen Grad; denn durch diese Gleichheit mit allen ubrigen Besitzungen entsteht ganz allein die Sicherheit des Besitzes. Was hat der Bauer in den neuern Zeiten, wo so viele Begriffe schwankend werden, fur einen Hauptanlass, den Besitz des Edelmanns fur weniger gegrundet anzusehen als den seinigen? Nur den, dass jener nicht belastet ist und auf ihn lastet."

"Wie wird es aber mit den Zinsen unseres Kapitals aussehen?" versetzte Werner.

"Um nichts schlimmer", sagte Lothario, "wenn uns der Staat gegen eine billige regelmassige Abgabe das Lehns-Hokuspokus erlassen und uns mit unsern Gutern nach Belieben zu schalten erlauben wollte, dass wir sie nicht in so grossen Massen zusammenhalten mussten, dass wir sie unter unsere Kinder gleicher verteilen konnten, um alle in eine lebhafte freie Tatigkeit zu versetzen, statt ihnen nur die beschrankten und beschrankenden Vorrechte zu hinterlassen, welche zu geniessen wir immer die Geister unserer Vorfahren hervorrufen mussen. Wieviel glucklicher waren Manner und Frauen, wenn sie mit freien Augen umhersehen und bald ein wurdiges Madchen, bald einen trefflichen Jungling ohne andere Rucksichten durch ihre Wahl erheben konnten. Der Staat wurde mehr, vielleicht bessere Burger haben und nicht so oft um Kopfe und Hande verlegen sein."

"Ich kann Sie versichern", sagte Werner, "dass ich in meinem Leben nie an den Staat gedacht habe; meine Abgaben, Zolle und Geleite habe ich nur so bezahlt, weil es einmal hergebracht ist."

"Nun", sagte Lothario, "ich hoffe Sie noch zum guten Patrioten zu machen; denn wie der nur ein guter Vater ist, der bei Tische erst seinen Kindern vorlegt, so ist der nur ein guter Burger, der vor allen andern Ausgaben das, was er dem Staate zu entrichten hat, zurucklegt."

Durch solche allgemeine Betrachtungen wurden ihre besondern Geschafte nicht aufgehalten, vielmehr beschleunigt. Als sie ziemlich damit zustande waren, sagte Lothario zu Wilhelmen: "Ich muss Sie nun an einen Ort schicken, wo Sie notiger sind als hier: meine Schwester lasst Sie ersuchen, so bald als moglich zu ihr zu kommen; die arme Mignon scheint sich zu verzehren, und man glaubt, Ihre Gegenwart konnte vielleicht noch dem Ubel Einhalt tun. Meine Schwester schickte mir dieses Billett noch nach, woraus Sie sehen konnen, wieviel ihr daran gelegen ist." Lothario uberreichte ihm ein Blattchen. Wilhelm, der schon in der grossten Verlegenheit zugehort hatte, erkannte sogleich an diesen fluchtigen Bleistiftzugen die Hand der Grafin und wusste nicht, was er antworten sollte.

"Nehmen Sie Felix mit", sagte Lothario, "damit die Kinder sich untereinander aufheitern. Sie mussten morgen fruh beizeiten weg; der Wagen meiner Schwester, in welchem meine Leute hergefahren sind, ist noch hier, ich gebe Ihnen Pferde bis auf halben Weg, dann nehmen Sie Post. Leben Sie recht wohl und richten viele Grusse von mir aus. Sagen Sie dabei meiner Schwester, ich werde sie bald wiedersehen, und sie soll sich uberhaupt auf einige Gaste vorbereiten. Der Freund unseres Grossoheims, der Marchese Cipriani, ist auf dem Wege, hierher zu kommen; er hoffte, den alten Mann noch am Leben anzutreffen, und sie wollten sich zusammen an der Erinnerung fruherer Verhaltnisse ergetzen und sich ihrer gemeinsamen Kunstliebhaberei erfreuen. Der Marchese war viel junger als mein Oheim und verdankte ihm den besten Teil seiner Bildung; wir mussen alles aufbieten, um einigermassen die Lucke auszufullen, die er finden wird, und das wird am besten durch eine grossere Gesellschaft geschehen."

Lothario ging darauf mit dem Abbe in sein Zimmer, Jarno war vorher weggeritten; Wilhelm eilte auf seine Stube, er hatte niemand, dem er sich vertrauen, niemand, durch den er einen Schritt, vor dem er sich so sehr furchtete, hatte abwenden konnen. Der kleine Diener kam und ersuchte ihn, einzupacken, weil sie noch diese Nacht aufbinden wollten, um mit Anbruch des Tages wegzufahren. Wilhelm wusste nicht, was er tun sollte; endlich rief er aus: "Du willst nur machen, dass du aus diesem Hause kommst; unterweges uberlegst du, was zu tun ist, und bleibst allenfalls auf der Halfte des Weges liegen, schickst einen Boten zuruck, schreibst, was du dir nicht zu sagen getraust, und dann mag werden, was will." Ungeachtet dieses Entschlusses brachte er eine schlaflose Nacht zu; nur ein Blick auf den so schon ruhenden Felix gab ihm einige Erquickung. "O!" rief er aus, "wer weiss, was noch fur Prufungen auf mich warten, wer weiss, wie sehr mich begangene Fehler noch qualen, wie oft mir gute und vernunftige Plane fur die Zukunft misslingen sollen! Aber diesen Schatz, den ich einmal besitze, erhalte mir, du erbittliches oder unerbittliches Schicksal! Ware es moglich, dass dieser beste Teil von mir selbst vor mir zerstort, dass dieses Herz von meinem Herzen gerissen werden konnte, so lebe wohl, Verstand und Vernunft, lebe wohl, jede Sorgfalt und Vorsicht, verschwinde, du Trieb zur Erhaltung! Alles, was uns vom Tiere unterscheidet, verliere sich! und wenn es nicht erlaubt ist, seine traurigen Tage freiwillig zu endigen, so hebe ein fruhzeitiger Wahnsinn das Bewusstsein auf, ehe der Tod, der es auf immer zerstort, die lange Nacht herbeifuhrt!"

Er fasste den Knaben in seine Arme, kusste ihn, druckte ihn an sich und benetzte ihn mit reichlichen Tranen. Das Kind wachte auf; sein helles Auge, sein freundlicher Blick ruhrten den Vater aufs innigste. "Welche Szene steht mir bevor", rief er aus, "wenn ich dich der schonen unglucklichen Grafin vorstellen soll wenn sie dich an ihren Busen druckt, den dein Vater so tief verletzt hat! Muss ich nicht furchten, sie stosst dich wieder von sich mit einem Schrei sobald deine Beruhrung ihren wahren oder eingebildeten Schmerz erneuert!"

Der Kutscher liess ihm nicht Zeit, weiter zu denken oder zu wahlen, er notigte ihn vor Tage in den Wagen; nun wickelte er seinen Felix wohl ein, der Morgen war kalt, aber heiter, das Kind sah zum erstenmal in seinem Leben die Sonne aufgehn. Sein Erstaunen uber den ersten feurigen Blick, uber die wachsende Gewalt des Lichts, seine Freude und seine wunderlichen Bemerkungen erfreuten den Vater und liessen ihn einen Blick in das Herz tun, vor welchem die Sonne wie uber einem reinen stillen See emporsteigt und schwebt.

In einer kleinen Stadt spannte der Kutscher aus und ritt zuruck. Wilhelm nahm sogleich ein Zimmer in Besitz und fragte sich nun, ob er bleiben oder vorwarts gehen solle. In dieser Unentschlossenheit wagte er das Blattchen wieder hervorzunehmen, das er bisher nochmals anzusehen nicht getraut hatte; es enthielt folgende Worte: "Schicke mir Deinen jungen Freund ja bald! Mignon hat sich diese beiden letzten Tage eher verschlimmert. So traurig diese Gelegenheit ist, so soll mich's doch freuen, ihn kennen zu lernen."

Die letzten Worte hatte Wilhelm beim ersten Blick nicht bemerkt. Er erschrak daruber und war sogleich entschieden, dass er nicht gehen wollte. "Wie?" rief er aus, "Lothario, der das Verhaltnis weiss, hat ihr nicht eroffnet, wer ich bin? Sie erwartet nicht mit gesetztem Gemut einen Bekannten, den sie lieber nicht wiedersahe, sie erwartet einen Fremden, und ich trete hinein! Ich sehe sie zuruckschaudern, ich sehe sie erroten! Nein, es ist mir unmoglich, dieser Szene entgegenzugehen." Soeben wurden die Pferde herausgefuhrt und eingespannt; Wilhelm war entschlossen, abzupacken und hier zu bleiben. Er war in der grossten Bewegung. Als er ein Madchen zur Treppe heraufkommen horte, die ihm anzeigen wollte, dass alles fertig sei, sann er geschwind auf eine Ursache, die ihn hier zu bleiben notigte, und seine Augen ruhten ohne Aufmerksamkeit auf dem Billett, das er in der Hand hielt. "Um Gottes willen!" rief er aus, "was ist das? das ist nicht die Hand der Grafin, es ist die Hand der Amazone!"

Das Madchen trat herein, bat ihn, herunterzukommen, und fuhrte Felix mit sich fort. "Ist es moglich?" rief er aus, "ist es wahr? was soll ich tun? bleiben und abwarten und aufklaren? oder eilen? eilen und mich einer Entwicklung entgegensturzen? Du bist auf dem Wege zu ihr, und kannst zaudern? Diesen Abend sollst du sie sehen, und willst dich freiwillig ins Gefangnis einsperren? Es ist ihre Hand, ja sie ist's! diese Hand beruft dich, ihr Wagen ist angespannt, dich zu ihr zu fuhren, nun lost sich das Ratsel: Lothario hat zwei Schwestern. Er weiss mein Verhaltnis zu der einen; wieviel ich der andern schuldig bin, ist ihm unbekannt. Auch sie weiss nicht, dass der verwundete Vagabund, der ihr, wo nicht sein Leben, doch seine Gesundheit verdankt, in dem Hause ihres Bruders so unverdient gutig aufgenommen worden ist."

Felix, der sich unten im Wagen schaukelte, rief: "Vater, komm! o komm! sieh die schonen Wolken, die schonen Farben!" "Ja, ich komme", rief Wilhelm, indem er die Treppe hinuntersprang, "und alle Erscheinungen des Himmels, die du gutes Kind noch sehr bewunderst, sind nichts gegen den Anblick, den ich erwarte."

Im Wagen sitzend rief er nun alle Verhaltnisse in sein Gedachtnis zuruck. "So ist also auch diese Natalie die Freundin Theresens! welch eine Entdeckung, welche Hoffnung und welche Aussichten! Wie seltsam, dass die Furcht, von der einen Schwester reden zu horen, mir das Dasein der andern ganz und gar verbergen konnte!" Mit welcher Freude sah er seinen Felix an; er hoffte fur den Knaben wie fur sich die beste Aufnahme.

Der Abend kam heran, die Sonne war untergegangen, der Weg nicht der beste, der Postillon fuhr langsam, Felix war eingeschlafen, und neue Sorgen und Zweifel stiegen in dem Busen unseres Freundes auf. "Von welchem Wahn, von welchen Einfallen wirst du beherrscht!" sagte er zu sich selbst, "eine ungewisse Ahnlichkeit der Handschrift macht dich auf einmal sicher und gibt dir Gelegenheit, das wunderbarste Marchen auszudenken." Er nahm das Billett wieder vor, und bei dem abgehenden Tageslicht glaubte er wieder die Handschrift der Grafin zu erkennen; seine Augen wollten im einzelnen nicht wiederfinden, was ihm sein Herz im ganzen auf einmal gesagt hatte. "So ziehen dich denn doch diese Pferde zu einer schrecklichen Szene! Wer weiss, ob sie dich nicht in wenig Stunden schon wieder zuruckfuhren werden? Und wenn du sie nur noch allein antrafest! Aber vielleicht ist ihr Gemahl gegenwartig, vielleicht die Baronesse! Wie verandert werde ich sie finden! Werde ich vor ihr auf den Fussen stehen konnen?"

Nur eine schwache Hoffnung, dass er seiner Amazone entgegengehe, konnte manchmal durch die truben Vorstellungen durchblicken. Es war Nacht geworden, der Wagen rasselte in einen Hof hinein und hielt still; ein Bedienter mit einer Wachsfackel trat aus einem prachtigen Portal hervor und kam die breiten Stufen hinunter bis an den Wagen. "Sie werden schon lange erwartet", sagte er, indem er das Leder aufschlug. Wilhelm, nachdem er ausgestiegen war, nahm den schlafenden Felix auf den Arm, und der erste Bediente rief zu einem zweiten, der mit einem Lichte in der Ture stand: "Fuhre den Herrn gleich zur Baronesse."

Blitzschnell fuhr Wilhelmen durch die Seele: "Welch ein Gluck! Es sei vorsatzlich oder zufallig, die Baronesse ist hier! ich soll sie zuerst sehen! wahrscheinlich schlaft die Grafin schon! Ihr guten Geister, helft, dass der Augenblick der grossten Verlegenheit leidlich vorubergehe!"

Er trat in das Haus und fand sich an dem ernsthaftesten, seinem Gefuhle nach dem heiligsten Orte, den er je betreten hatte. Eine herabhangende blendende Laterne erleuchtete eine breite, sanfte Treppe, die ihm entgegenstand und sich oben beim Umwenden in zwei Teile teilte. Marmorne Statuen und Busten standen auf Piedestalen und in Nischen geordnet; einige schienen ihm bekannt. Jugendeindrucke verloschen nicht, auch in ihren kleinsten Teilen. Er erkannte eine Muse, die seinem Grossvater gehort hatte, zwar nicht an ihrer Gestalt und an ihrem Wert, doch an einem restaurierten Arme und an den neueingesetzten Stucken des Gewandes. Es war, als wenn er ein Marchen erlebte. Das Kind ward ihm schwer; er zauderte auf den Stufen und kniete nieder, als ob er es bequemer fassen wollte. Eigentlich aber bedurfte er einer augenblicklichen Erholung. Er konnte kaum sich wieder aufheben. Der vorleuchtende Diener wollte ihm das Kind abnehmen, er konnte es nicht von sich lassen. Darauf trat er in den Vorsaal, und zu seinem noch grossern Erstaunen erblickte er das wohlbekannte Bild vom kranken Konigssohn an der Wand. Er hatte kaum Zeit, einen Blick darauf zu werfen, der Bediente notigte ihn durch ein paar Zimmer in ein Kabinett. Dort hinter einem Lichtschirme, der sie beschattete, sass ein Frauenzimmer und las. "O dass sie es ware!" sagte er zu sich selbst in diesem entscheidenden Augenblick. Er setzte das Kind nieder, das aufzuwachen schien, und dachte sich der Dame zu nahern, aber das Kind sank schlaftrunken zusammen, das Frauenzimmer stand auf und kam ihm entgegen. Die Amazone war's! Er konnte sich nicht halten, sturzte auf seine Knie und rief aus: "Sie ist's!" Er fasste ihre Hand und kusste sie mit unendlichem Entzucken. Das Kind lag zwischen ihnen beiden auf dem Teppich und schlief sanft.

Felix ward auf das Kanapee gebracht, Natalie setzte sich zu ihm, sie hiess Wilhelmen auf den Sessel sitzen, der zunachst dabei stand. Sie bot ihm einige Erfrischungen an, die er ausschlug, indem er nur beschaftigt war, sich zu versichern, dass sie es sei, und ihre durch den Lichtschirm beschatteten Zuge genau wiederzusehen und sicher wiederzuerkennen. Sie erzahlte ihm von Mignons Krankheit im allgemeinen, dass das Kind von wenigen tiefen Empfindungen nach und nach aufgezehrt werde, dass es bei seiner grossen Reizbarkeit, die es verberge, von einem Krampf an seinem armen Herzen oft heftig und gefahrlich leide, dass dieses erste Organ des Lebens bei unvermuteten Gemutsbewegungen manchmal plotzlich stille stehe, und keine Spur der heilsamen Lebensregung in dem Busen des guten Kindes gefuhlt werden konne. Sei dieser angstliche Krampf vorbei, so aussere sich die Kraft der Natur wieder in gewaltsamen Pulsen und angstige das Kind nunmehr durch Ubermass, wie es vorher durch Mangel gelitten habe.

Wilhelm erinnerte sich einer solchen krampfhaften Szene, und Natalie bezog sich auf den Arzt, der weiter mit ihm uber die Sache sprechen und die Ursache, warum man den Freund und Wohltater des Kindes gegenwartig herbeigerufen, umstandlicher vorlegen wurde. "Eine sonderbare Veranderung", fuhr Natalie fort, "werden Sie an ihr finden; sie geht nunmehr in Frauenkleidern, vor denen sie sonst einen so grossen Abscheu zu haben schien."

"Wie haben Sie das erreicht?" fragte Wilhelm.

"Wenn es wunschenswert war, so sind wir es nur dem Zufall schuldig. Horen Sie, wie es zugegangen ist. Sie wissen vielleicht, dass ich immer eine Anzahl junger Madchen um mich habe, deren Gesinnungen ich, indem sie neben mir aufwachsen, zum Guten und Rechten zu bilden wunsche. Aus meinem Munde horen sie nichts, als was ich selber fur wahr halte, doch kann ich und will ich nicht hindern, dass sie nicht auch von andern manches vernehmen, was als Irrtum, als Vorurteil in der Welt gang und gabe ist. Fragen sie mich daruber, so suche ich, soviel nur moglich ist, jene fremden ungehorigen Begriffe irgendwo an einen richtigen anzuknupfen, um sie dadurch, wo nicht nutzlich, doch unschadlich zu machen. Schon seit einiger Zeit hatten meine Madchen aus dem Munde der Bauerkinder gar manches von Engeln, vom Knechte Ruprecht, vom heiligen Christe vernommen, die zu gewissen Zeiten in Person erscheinen, gute Kinder beschenken und unartige bestrafen sollten. Sie hatten eine Vermutung, dass es verkleidete Personen sein mussten, worin ich sie denn auch bestarkte und, ohne mich viel auf Deutungen einzulassen, mir vornahm, ihnen bei der ersten Gelegenheit ein solches Schauspiel zu geben. Es fand sich eben, dass der Geburtstag von Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut betragen hatten, nahe war; ich versprach, dass ihnen diesmal ein Engel die kleinen Geschenke bringen sollte, die sie wohl verdient hatten. Sie waren ausserst gespannt auf diese Erscheinung. Ich hatte mir Mignon zu dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten Tage in ein langes, leichtes, weisses Gewand anstandig gekleidet. Es fehlte nicht an einem goldenen Gurtel um die Brust und an einem gleichen Diadem in den Haaren. Anfangs wollte ich die Flugel weglassen, doch bestanden die Frauenzimmer, die sie anputzten, auf ein Paar grosser goldner Schwingen, an denen sie recht ihre Kunst zeigen wollten. So trat, mit einer Lilie in der einen Hand und mit einem Korbchen in der andern, die wundersame Erscheinung in die Mitte der Madchen und uberraschte mich selbst. 'Da kommt der Engel', sagte ich. Die Kinder traten alle wie zuruck; endlich riefen sie aus: 'Es ist Mignon!' und getrauten sich doch nicht, dem wundersamen Bilde naher zu treten.

'Hier sind eure Gaben', sagte sie und reichte das Korbchen hin. Man versammelte sich um sie, man betrachtete, man befuhlte, man befragte sie.

'Bist du ein Engel?' fragte das eine Kind.

'Ich wollte, ich war' es', versetzte Mignon.

'Warum tragst du eine Lilie?'

'So rein und offen sollte mein Herz sein, dann war' ich glucklich.'

'Wie ist's mit den Flugeln? lass sie sehen!'

'Sie stellen schonere vor, die noch nicht entfaltet sind.'

Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige, leichte Frage. Als die Neugierde der kleinen Gesellschaft befriedigt war und der Eindruck dieser Erscheinung stumpf zu werden anfing, wollte man sie wieder auskleiden. Sie verwehrte es, nahm ihre Zither, setzte sich hier auf diesen hohen Schreibtisch hinauf und sang ein Lied mit unglaublicher Anmut.

So lasst mich scheinen, bis ich werde,

Zieht mir das weisse Kleid nicht aus!

Ich eile von der schonen Erde

Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh' ich eine kleine Stille,

Dann offnet sich der frische Blick,

Ich lasse dann die reine Hulle,

Den Gurtel und den Kranz zuruck.

Und jene himmlischen Gestalten,

Sie fragen nicht nach Mann und Weib,

Und keine Kleider, keine Falten

Umgeben den verklarten Leib.

Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Muhe,

Doch fuhlt' ich tiefen Schmerz genung;

Vor Kummer altert' ich zu fruhe,

Macht mich auf ewig wieder jung!

Ich entschloss mich sogleich", fuhr Natalie fort, "ihr das Kleid zu lassen, und ihr noch einige der Art anzuschaffen in denen sie nun auch geht, und in denen, wie es mir scheint, ihr Wesen einen ganz andern Ausdruck hat."

Da es schon spat war, entliess Natalie den Ankommling, der nicht ohne einige Bangigkeit sich von ihr trennte. "Ist sie verheiratet oder nicht?" dachte er bei sich selbst. Er hatte gefurchtet, sooft sich etwas regte, eine Ture mochte sich auftun und der Gemahl hereintreten. Der Bediente, der ihn in sein Zimmer einliess, entfernte sich schneller, als er Mut gefasst hatte, nach diesem Verhaltnis zu fragen. Die Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach, und er beschaftigte sich das Bild der Amazone mit dem Bilde seiner neuen gegenwartigen Freundin zu vergleichen. Sie wollten noch nicht miteinander zusammenfliessen; jenes hatte er sich gleichsam geschaffen, und dieses schien fast ihn umschaffen zu wollen.

Drittes Kapitel

Den andern Morgen, da noch alles still und ruhig war, ging er, sich im Hause umzusehen. Es war die reinste, schonste, wurdigste Baukunst, die er gesehen hatte. "Ist doch wahre Kunst", rief er aus, "wie gute Gesellschaft: sie notigt uns auf die angenehmste Weise, das Mass zu erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist." Unglaublich angenehm war der Eindruck, den die Statuen und Busten seines Grossvaters auf ihn machten. Mit Verlangen eilte er dem Bilde vom kranken Konigssohn entgegen, und noch immer fand er es reizend und ruhrend. Der Bediente offnete ihm verschiedene andere Zimmer; er fand eine Bibliothek, eine Naturaliensammlung, ein physikalisches Kabinett. Er fuhlte sich so fremd vor allen diesen Gegenstanden. Felix war indessen erwacht und ihm nachgesprungen; der Gedanke, wie und wann er Theresens Brief erhalten werde, machte ihm Sorge; er furchtete sich vor dem Anblick Mignons, gewissermassen vor dem Anblick Nataliens. Wie ungleich war sein gegenwartiger Zustand mit jenen Augenblicken, als er den Brief an Theresen gesiegelt hatte, und mit frohem Mut sich ganz einem so edlen Wesen hingab.

Natalie liess ihn zum Fruhstuck einladen. Er trat in ein Zimmer, in welchem verschiedene reinlich gekleidete Madchen, alle, wie es schien, unter zehn Jahren, einen Tisch zurechte machten, indem eine altliche Person verschiedene Arten von Getranken hereinbrachte.

Wilhelm beschaute ein Bild, das uber dem Kanapee hing, mit Aufmerksamkeit; er musste es fur das Bild Nataliens erkennen, so wenig es ihm genugtun wollte. Natalie trat herein, und die Ahnlichkeit schien ganz zu verschwinden. Zu seinem Troste hatte es ein Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches an der Brust Nataliens.

"Ich habe das Portrat hier angesehen", sagte er zu ihr, "und mich verwundert, wie ein Maler zugleich so wahr und so falsch sein kann. Das Bild gleicht Ihnen im allgemeinen recht sehr gut, und doch sind es weder Ihre Zuge noch Ihr Charakter."

"Es ist vielmehr zu verwundern", versetzte Natalie, "dass es so viel Ahnlichkeit hat; denn es ist gar mein Bild nicht; es ist das Bild einer Tante, die mir noch in ihrem Alter glich, da ich erst ein Kind war. Es ist gemalt, als sie ungefahr meine Jahre hatte, und beim ersten Anblick glaubt jedermann mich zu sehen. Sie hatten diese treffliche Person kennen sollen. Ich bin ihr so viel schuldig. Eine sehr schwache Gesundheit, vielleicht zu viel Beschaftigung mit sich selbst, und dabei eine sittliche und religiose Angstlichkeit liessen sie das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umstanden hatte werden konnen. Sie war ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir besonders leuchtete."

"Ware es moglich", versetzte Wilhelm, der sich einen Augenblick besonnen hatte, indem nun auf einmal so viellerlei Umstande ihm zusammentreffend erschienen, "ware es moglich, dass jene schone, herrliche Seele, deren stille Bekenntnisse auch mir mitgeteilt worden sind, Ihre Tante sei?"

"Sie haben das Heft gelesen?" fragte Natalie.

"Ja!" versetzte Wilhelm, "mit der grossten Teilnahme und nicht ohne Wirkung auf mein ganzes Leben. Was mir am meisten aus dieser Schrift entgegenleuchtete, war, ich mochte so sagen, die Reinlichkeit des Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie umgab, diese Selbstandigkeit ihrer Natur und die Unmoglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht harmonisch war."

"So sind Sie", versetzte Natalie, "billiger, ja ich darf wohl sagen, gerechter gegen diese schone Natur als manche anderen, denen man auch dieses Manuskript mitgeteilt hat. Jeder gebildete Mensch weiss, wie sehr er an sich und andern mit einer gewissen Roheit zu kampfen hat, wieviel ihn seine Bildung kostet, und wie sehr er doch in gewissen Fallen nur an sich selbst denkt und vergisst, was er andern schuldig ist. Wie oft macht der gute Mensch sich Vorwurfe, dass er nicht zart genug gehandelt habe; und doch, wenn nun eine schone Natur sich allzu zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich uberbildet, fur diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht in der Welt zu sein. Dennoch sind die Menschen dieser Art ausser uns, was die Ideale im Innern sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum Nachstreben. Man lacht uber die Reinlichkeit der Hollanderinnen, aber ware Freundin Therese, was sie ist, wenn ihr nicht eine ahnliche Idee in ihrem Hauswesen immer vorschwebte?"

"So finde ich also", rief Wilhelm aus, "in Theresens Freundin jene Natalie vor mir, an welcher das Herz jener kostlichen Verwandten hing, jene Natalie, die von Jugend an so teilnehmend, so liebevoll und hulfreich war! Nur aus einem solchen Geschlecht konnte eine solche Natur entstehen! Welch eine Aussicht eroffnet sich vor mir, da ich auf einmal Ihre Voreltern und den ganzen Kreis, dem Sie angehoren, uberschaue!"

"Ja!" versetzte Natalie, "Sie konnten in einem gewissen Sinne nicht besser von uns unterrichtet sein, als durch den Aufsatz unserer Tante; freilich hat ihre Neigung zu mir sie zu viel Gutes von dem Kinde sagen lassen. Wenn man von einem Kinde redet, spricht man niemals den Gegenstand, immer nur seine Hoffnungen aus."

Wilhelm hatte indessen schnell uberdacht, dass er nun auch von Lotharios Herkunft und fruher Jugend unterrichtet sei; die schone Grafin erschien ihm als Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals; auch er war diesen Perlen so nahe gewesen, als ihre zarten, liebevollen Lippen sich zu den seinigen herunterneigten; er suchte diese schonen Erinnerungen durch andere Gedanken zu entfernen. Er lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft hatte. "So bin ich denn", rief er aus, "in dem Hause des wurdigen Oheims! Es ist kein Haus, es ist ein Tempel, und Sie sind die wurdige Priesterin, ja der Genius selbst; ich werde mich des Eindrucks von gestern abend zeitlebens erinnern, als ich hereintrat und die alten Kunstbilder der fruhsten Jugend wieder vor mir standen. Ich erinnerte mich der mitleidigen Marmorbilder in Mignons Lied; aber diese Bilder hatten uber mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit hohem Ernst an und schlossen meine fruheste Zeit unmittelbar an diesen Augenblick. Diesen unsern alten Familienschatz, diese Lebensfreude meines Grossvaters, finde ich hier zwischen so vielen andern wurdigen Kunstwerken aufgestellt, und mich, den die Natur zum Liebling dieses guten alten Mannes gemacht hatte, mich Unwurdigen, finde ich nun auch hier, o Gott! in welchen Verbindungen, in welcher Gesellschaft!"

Die weibliche Jugend hatte nach und nach das Zimmer verlassen, um ihren kleinen Beschaftigungen nachzugehn. Wilhelm, der mit Natalien allein geblieben war, musste ihr seine letzten Worte deutlicher erklaren. Die Entdeckung, dass ein schatzbarer Teil der aufgestellten Kunstwerke seinem Grossvater angehort hatte, gab eine sehr heitere, gesellige Stimmung. So wie er durch jenes Manuskript mit dem Hause bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam in seinem Erbteile wieder. Nun wunschte er Mignon zu sehen; die Freundin bat ihn, sich noch so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in die Nachbarschaft gerufen worden, wieder zuruckkame. Man kann leicht denken, dass er derselbe kleine tatige Mann war, den wir schon kennen, und dessen auch die 'Bekenntnisse einer schonen Seele' erwahnten.

"Da ich mich", fuhr Wilhelm fort, "mitten in jenem Familienkreis befinde, so ist ja wohl der Abbe, dessen jene Schrift erwahnt, auch der wunderbare, unerklarliche Mann, den ich in dem Hause Ihres Bruders nach den seltsamsten Ereignissen wiedergefunden habe? Vielleicht geben Sie mir einige nahere Aufschlusse uber ihn?"

Natalie versetzte: "Uber ihn ware vieles zu sagen; wovon ich am genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluss, den er auf unsere Erziehung gehabt hat. Er war, wenigstens eine Zeitlang, uberzeugt, dass die Erziehung sich nur an die Neigung anschliessen musse; wie er jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: das Erste und Letzte am Menschen sei Tatigkeit, und man konne nichts tun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe 'Man gibt zu', pflegte er zu sagen, 'dass Poeten geboren werden, man gibt es bei allen Kunsten zu, weil man muss, und weil jene Wirkungen der menschlichen Natur kaum scheinbar nachgeafft werden konnen; aber wenn man es genau betrachtet, so wird jede, auch nur die geringste Fahigkeit uns angeboren, und es gibt keine unbestimmte Fahigkeit. Nur unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die Menschen ungewiss; sie erregt Wunsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach Gegenstanden, die so oft mit der Natur, die sich nach ihnen bemuht, nicht ubereinstimmen. Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege irregehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich selbst oder durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer Natur gemass ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt dass diese jeden Augenblick in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschutteln und sich einer unbedingten Freiheit zu ubergeben.'"

"Es ist sonderbar", sagte Wilhelm, "dass dieser merkwurdige Mann auch an mir teilgenommen und mich, wie es scheint, nach seiner Weise, wo nicht geleitet, doch wenigstens eine Zeitlang in meinen Irrtumern gestarkt hat. Wie er es kunftig verantworten will, dass er in Verbindung mit mehreren mich gleichsam zum besten hatte, muss ich wohl mit Geduld erwarten."

"Ich habe mich nicht uber diese Grille, wenn sie eine ist, zu beklagen", sagte Natalie, "denn ich bin freilich unter meinen Geschwistern am besten dabei gefahren. Auch seh' ich nicht, wie mein Bruder Lothario hatte schoner ausgebildet werden konnen; nur hatte vielleicht meine gute Schwester, die Grafin, anders behandelt werden sollen, vielleicht hatte man ihrer Natur etwas mehr Ernst und Starke einflossen konnen. Was aus Bruder Friedrich werden soll, lasst sich gar nicht denken; ich furchte, er wird das Opfer dieser padagogischen Versuche werden."

"Sie haben noch einen Bruder?" rief Wilhelm.

"Ja!" versetzte Natalie, "und zwar eine sehr lustige, leichtfertige Natur, und da man ihn nicht abgehalten hatte, in der Welt herumzufahren, so weiss ich nicht, was aus diesem losen, lockern Wesen werden soll. Ich habe ihn seit langer Zeit nicht gesehen. Das einzige beruhigt mich, dass der Abbe und uberhaupt die Gesellschaft meines Bruders jederzeit unterrichtet sind, wo er sich aufhalt und was er treibt."

Wilhelm war eben im Begriff, Nataliens Gedanken sowohl uber diese Paradoxen zu erforschen, als auch uber die geheimnisvolle Gesellschaft von ihr Aufschlusse zu begehren, als der Medikus hereintrat und nach dem ersten Willkommen sogleich von Mignons Zustande zu sprechen anfing.

Natalie, die darauf den Felix bei der Hand nahm, sagte, sie wolle ihn zu Mignon fuhren und das Kind auf die Erscheinung seines Freundes vorbereiten.

Der Arzt war nunmehr mit Wilhelm allein und fuhr fort: "Ich habe Ihnen wunderbare Dinge zu erzahlen, die Sie kaum vermuten. Natalie lasst uns Raum, damit wir freier von Dingen sprechen konnen, die, ob ich sie gleich nur durch sie selbst erfahren konnte, doch in ihrer Gegenwart so frei nicht abgehandelt werden durften. Die sonderbare Natur des guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah nur aus einer tiefen Sehnsucht; das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen, und das Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, mochte ich fast sagen, das einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine unendliche Ferne, beide Gegenstande liegen unerreichbar vor diesem einzigen Gemut. Sie mag in der Gegend von Mailand zu Hause sein, und ist in sehr fruher Jugend durch eine Gesellschaft Seiltanzer ihren Eltern entfuhrt worden. Naheres kann man von ihr nicht erfahren, teils weil sie zu jung war, um Ort und Namen genau angeben zu konnen, besonders aber weil sie einen Schwur getan hat, keinem lebendigen Menschen ihre Wohnung und Herkunft naher zu bezeichnen. Denn eben jene Leute, die sie in der Irre fanden, und denen sie ihre Wohnung so genau beschrieb, mit so dringenden Bitten, sie nach Hause zu fuhren, nahmen sie nur desto eiliger mit sich fort und scherzten nachts in der Herberge, da sie glaubten, das Kind schlafe schon, uber den guten Fang und beteuerten, dass es den Weg zuruck nicht wieder finden sollte. Da uberfiel das arme Geschopf eine grassliche Verzweiflung, in der ihm zuletzt die Mutter Gottes erschien und es versicherte, dass sie sich seiner annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen Eid, dass sie kunftig niemand mehr vertrauen, niemand ihre Geschichte erzahlen und in der Hoffnung einer unmittelbaren gottlichen Hulfe leben und sterben wolle. Selbst dieses, was ich Ihnen erzahle, hat sie Natalien nicht ausdrucklich vertraut; unsere werte Freundin hat es aus einzelnen Ausserungen, aus Liedern und kindlichen Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie verschweigen wollen, zusammengereiht."

Wilhelm konnte sich nunmehr manches Lied, manches Wort dieses guten Kindes erklaren. Er bat seinen Freund aufs dringendste, ihm ja nichts vorzuenthalten, was ihm von den sonderbaren Gesangen und Bekenntnissen des einzigen Wesens bekannt worden sei.

"O!" sagte der Arzt, "bereiten Sie sich auf ein sonderbares Bekenntnis, auf eine Geschichte, an der Sie, ohne sich zu erinnern, viel Anteil haben, die, wie ich furchte, fur Tod und Leben dieses guten Geschopfs entscheidend ist."

"Lassen Sie mich horen", versetzte Wilhelm, "ich bin ausserst ungeduldig."

"Erinnern Sie sich", sagte der Arzt, "eines geheimen nachtlichen weiblichen Besuchs nach der Auffuhrung des 'Hamlets'?"

"Ja, ich erinnere mich dessen wohl!" rief Wilhelm beschamt, "aber ich glaubte nicht, in diesem Augenblick daran erinnert zu werden."

"Wissen Sie, wer es war?"

"Nein! Sie erschrecken mich! um 's Himmels willen, doch nicht Mignon? wer war's? sagen Sie mir's!"

"Ich weiss es selbst nicht."

"Also nicht Mignon?"

"Nein, gewiss nicht! aber Mignon war im Begriff, sich zu Ihnen zu schleichen, und musste aus einem Winkel mit Entsetzen sehen, dass eine Nebenbuhlerin ihr zuvorkam."

"Eine Nebenbuhlerin!" rief Wilhelm aus, "reden Sie weiter! Sie verwirren mich ganz und gar."

"Sein Sie froh", sagte der Arzt, "dass Sie diese Resultate so schnell von mir erfahren konnen. Natalie und ich, die wir doch nur einen entferntern Anteil nehmen, wir waren genug gequalt, bis wir den verworrenen Zustand dieses guten Wesens, dem wir zu helfen wunschten, nur so deutlich einsehen konnten. Durch leichtsinnige Reden Philinens und der andern Madchen, durch ein gewisses Liedchen aufmerksam gemacht, war ihr der Gedanke so reizend geworden, eine Nacht bei dem Geliebten zuzubringen, ohne dass sie dabei etwas weiter als eine vertrauliche, gluckliche Ruhe zu denken wusste. Die Neigung fur Sie, mein Freund, war in dem guten Herzen schon lebhaft und gewaltsam, in Ihren Armen hatte das gute Kind schon von manchem Schmerz ausgeruht, sie wunschte sich nun dieses Gluck in seiner ganzen Fulle. Bald nahm sie sich vor, Sie freundlich darum zu bitten, bald hielt sie ein heimlicher Schauder wieder davon zuruck. Endlich gab ihr der lustige Abend und die Stimmung des haufig genossenen Weins den Mut, das Wagestuck zu versuchen und sich jene Nacht bei Ihnen einzuschleichen. Schon war sie vorausgelaufen, um sich in der unverschlossenen Stube zu verbergen, allein als sie eben die Treppe hinaufgekommen war, horte sie ein Gerausch; sie verbarg sich und sah ein weisses weibliches Wesen in Ihr Zimmer schleichen. Sie kamen selbst bald darauf, und sie horte den grossen Riegel zuschieben.

Mignon empfand unerhorte Qual, alle die heftigen Empfindungen einer leidenschaftlichen Eifersucht mischten sich zu dem unerkannten Verlangen einer dunkeln Begierde und griffen die halbentwickelte Natur gewaltsam an. Ihr Herz, das bisher vor Sehnsucht und Erwartung lebhaft geschlagen hatte, fing auf einmal an zu stocken und druckte wie eine bleierne Last ihren Busen, sie konnte nicht zu Atem kommen, sie wusste sich nicht zu helfen, sie horte die Harfe des Alten, eilte zu ihm unter das Dach und brachte die Nacht zu seinen Fussen unter entsetzlichen Zuckungen hin."

Der Arzt hielt einen Augenblick inne, und da Wilhelm stille schwieg, fuhr er fort: "Natalie hat mir versichert, es habe sie in ihrem Leben nichts so erschreckt und angegriffen als der Zustand des Kindes bei dieser Erzahlung; ja unsere edle Freundin machte sich Vorwurfe, dass sie durch ihre Fragen und Anleitungen diese Bekenntnisse hervorgelockt und durch die Erinnerung die lebhaften Schmerzen des guten Madchens so grausam erneuert habe.

'Das gute Geschopf', so erzahlte mir Natalie, 'war kaum auf diesem Punkte seiner Erzahlung oder vielmehr seiner Antworten auf meine steigenden Fragen, als es auf einmal vor mir niedersturzte und mit der Hand am Busen uber den wiederkehrenden Schmerz jener schrecklichen Nacht sich beklagte. Es wand sich wie ein Wurm an der Erde, und ich musste alle meine Fassung zusammennehmen, um die Mittel, die mir fur Geist und Korper unter diesen Umstanden bekannt waren, zu denken und anzuwenden.'"

"Sie setzen mich in eine bangliche Lage", rief Wilhelm, "indem Sie mich eben im Augenblicke, da ich das liebe Geschopf wiedersehen soll, mein vielfaches Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fuhlen lassen. Soll ich sie sehen, warum nehmen Sie mir den Mut, ihr mit Freiheit entgegenzutreten? Und soll ich Ihnen gestehen: da ihr Gemut so gestimmt ist, so seh' ich nicht ein, was meine Gegenwart helfen soll? Sind Sie als Arzt uberzeugt, dass jene doppelte Sehnsucht ihre Natur so weit untergraben hat, dass sie sich vom Leben abzuscheiden droht, warum soll ich durch meine Gegenwart ihre Schmerzen erneuern und vielleicht ihr Ende beschleunigen?"

"Mein Freund", versetzte der Arzt, "wo wir nicht helfen konnen, sind wir doch schuldig zu lindern, und wie sehr die Gegenwart eines geliebten Gegenstandes der Einbildungskraft ihre zerstorende Gewalt nimmt und die Sehnsucht in ein ruhiges Schauen verwandelt, davon habe ich die wichtigsten Beispiele. Alles mit Mass und Ziel! Denn ebenso kann die Gegenwart eine verloschende Leidenschaft wieder anfachen. Sehen Sie das gute Kind, betragen Sie sich freundlich, und lassen Sie uns abwarten, was daraus entsteht."

Natalie kam eben zuruck und verlangte, dass Wilhelm ihr zu Mignon folgen sollte. "Sie scheint mit Felix ganz glucklich zu sein und wird den Freund, hoffe ich, gut empfangen." Wilhelm folgte nicht ohne einiges Widerstreben; er war tief geruhrt von dem, was er vernommen hatte, und furchtete eine leidenschaftliche Szene. Als er hereintrat, ergab sich gerade das Gegenteil.

Mignon im langen weissen Frauengewande, teils mit lockigen, teils aufgebundenen, reichen, braunen Haaren, sass, hatte Felix auf dem Schosse und druckte ihn an ihr Herz; sie sah vollig aus wie ein abgeschiedner Geist, und der Knabe wie das Leben selbst; es schien, als wenn Himmel und Erde sich umarmten. Sie reichte Wilhelmen lachelnd die Hand und sagte: "Ich danke dir, dass du mir das Kind wiederbringst; sie hatten ihn, Gott weiss wie, entfuhrt, und ich konnte nicht leben zeither. Solange mein Herz auf der Erde noch etwas bedarf, soll dieser die Lucke ausfullen."

Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen hatte, versetzte die Gesellschaft in grosse Zufriedenheit. Der Arzt verlangte, dass Wilhelm sie ofters sehen, und dass man sie sowohl korperlich als geistig im Gleichgewicht erhalten sollte. Er selbst entfernte sich und versprach, in kurzer Zeit wiederzukommen.

Wilhelm konnte nun Natalien in ihrem Kreise beobachten: man hatte sich nichts Besseres gewunscht, als neben ihr zu leben. Ihre Gegenwart hatte den reinsten Einfluss auf junge Madchen und Frauenzimmer von verschiedenem Alter, die teils in ihrem Hause wohnten, teils aus der Nachbarschaft sie mehr oder weniger zu besuchen kamen.

"Der Gang Ihres Lebens", sagte Wilhelm einmal zu ihr, "ist wohl immer sehr gleich gewesen? denn die Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen als Kind macht, scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu passen. Sie haben sich, man fuhlt es Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren nie genotigt, einen Schritt zuruck zu tun."

"Das bin ich meinem Oheim und dem Abbe schuldig", versetzte Natalie, "die meine Eigenheiten so gut zu beurteilen wussten. Ich erinnere mich von Jugend an kaum eines lebhaftern Eindrucks, als dass ich uberall die Bedurfnisse der Menschen sah und ein unuberwindliches Verlangen empfand, sie auszugleichen. Das Kind, das noch nicht auf seinen Fussen stehen konnte, der Alte, der sich nicht mehr auf den seinigen erhielt, das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern, die Unfahigkeit einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille Verlangen nach einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert kleinen notwendigen Fahigkeiten, diese uberall zu entdecken, schien mein Auge von der Natur bestimmt. Ich sah, worauf mich niemand aufmerksam gemacht hatte; ich schien aber auch nur geboren, um das zu sehen. Die Reize der leblosen Natur, fur die so viele Menschen ausserst empfanglich sind, hatten keine Wirkung auf mich, beinah noch weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und ist es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedurfnis in der Welt darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hulfe aufzufinden.

Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir die uberflussigen Kleider ein, die ich in den Schranken der Meinigen hatte hangen sehen; sah ich Kinder, die sich ohne Sorgfalt und ohne Pflege verzehrten, so erinnerte ich mich dieser oder jener Frau, der ich bei Reichtum und Bequemlichkeit Langeweile abgemerkt hatte; sah ich viele Menschen in einem engen Raume eingesperrt, so dachte ich, sie mussten in die grossen Zimmer mancher Hauser und Palaste einquartiert werden. Diese Art, zu sehen, war bei mir ganz naturlich ohne die mindeste Reflexion, so dass ich daruber als Kind das wunderlichste Zeug von der Welt machte und mehr als einmal durch die sonderbarsten Antrage die Menschen in Verlegenheit setzte. Noch eine Eigenheit war es, dass ich das Geld nur mit Muhe und spat als ein Mittel, die Bedurfnisse zu befriedigen, ansehen konnte; alle meine Wohltaten bestanden in Naturalien, und ich weiss, dass oft genug uber mich gelacht worden ist. Nur der Abbe schien mich zu verstehen, er kam mir uberall entgegen, er machte mich mit mir selbst, mit diesen Wunschen und Neigungen bekannt und lehrte mich sie zweckmassig befriedigen."

"Haben Sie denn", fragte Wilhelm, "bei der Erziehung Ihrer kleinen weiblichen Welt auch die Grundsatze jener sonderbaren Manner angenommen? lassen Sie denn auch jede Natur sich selbst ausbilden? lassen Sie denn auch die Ihrigen suchen und irren, Missgriffe tun, sich glucklich am Ziele finden oder unglucklich in die Irre verlieren?"

"Nein!" sagte Natalie, "diese Art, mit Menschen zu handeln, wurde ganz gegen meine Gesinnungen sein. Wer nicht im Augenblick hilft, scheint mir nie zu helfen, wer nicht im Augenblicke Rat gibt, nie zu raten. Ebenso notig scheint es mir, gewisse Gesetze auszusprechen und den Kindern einzuscharfen, die dem Leben einen gewissen Halt geben. Ja, ich mochte beinah behaupten, es sei besser, nach Regeln zu irren, als zu irren, wenn uns die Willkur unserer Natur hin und her treibt, und wie ich die Menschen sehe, scheint mir in ihrer Natur immer eine Lucke zu bleiben, die nur durch ein entschieden ausgesprochenes Gesetz ausgefullt werden kann."

"So ist also Ihre Handlungsweise", sagte Wilhelm, "vollig von jener verschieden, welche unsere Freunde beobachten?"

"Ja!" versetzte Natalie, "Sie konnen aber hieraus die unglaubliche Toleranz jener Manner sehen, dass sie eben auch mich auf meinem Wege gerade deswegen, weil es mein Weg ist, keinesweges storen, sondern mir in allem, was ich nur wunschen kann, entgegenkommen."

Einen umstandlichern Bericht, wie Natalie mit ihren Kindern verfuhr, versparen wir auf eine andere Gelegenheit.

Mignon verlangte oft in der Gesellschaft zu sein, und man vergonnte es ihr um so lieber, als sie sich nach und nach wieder an Wilhelmen zu gewohnen, ihr Herz gegen ihn aufzuschliessen und uberhaupt heiterer und lebenslustiger zu werden schien. Sie hing sich beim Spazierengehen, da sie leicht mude ward, gern an seinen Arm. "Nun", sagte sie, "Mignon klettert und springt nicht mehr, und doch fuhlt sie noch immer die Begierde, uber die Gipfel der Berge wegzuspazieren, von einem Hause aufs andere, von einem Baume auf den andern zu schreiten. Wie beneidenswert sind die Vogel, besonders wenn sie so artig und vertraulich ihre Nester bauen!"

Es ward nun bald zur Gewohnheit, dass Mignon ihren Freund mehr als einmal in den Garten lud. War dieser beschaftigt oder nicht zu finden, so musste Felix die Stelle vertreten, und wenn das gute Madchen in manchen Augenblicken ganz von der Erde los schien, so hielt sie sich in andern gleichsam wieder fest an Vater und Sohn und schien eine Trennung von diesen mehr als alles zu furchten.

Natalie schien nachdenklich. "Wir haben gewunscht, durch Ihre Gegenwart", sagte sie, "das arme gute Herz wieder aufzuschliessen; ob wir wohlgetan haben, weiss ich nicht." Sie schwieg und schien zu erwarten, dass Wilhelm etwas sagen sollte. Auch fiel ihm ein, dass durch seine Verbindung mit Theresen Mignon unter den gegenwartigen Umstanden aufs ausserste gekrankt werden musse; allein er getraute sich in seiner Ungewissheit nicht von diesem Vorhaben zu sprechen, er vermutete nicht, dass Natalie davon unterrichtet sei.

Ebensowenig konnte er mit Freiheit des Geistes die Unterredung verfolgen, wenn seine edle Freundin von ihrer Schwester sprach, ihre guten Eigenschaften ruhmte und ihren Zustand bedauerte. Er war nicht wenig verlegen, als Natalie ihm ankundigte, dass er die Grafin bald hier sehen werde. "Ihr Gemahl", sagte sie, "hat nun keinen andern Sinn, als den abgeschiedenen Grafen in der Gemeinde zu ersetzen, durch Einsicht und Tatigkeit diese grosse Anstalt zu unterstutzen und weiter aufzubauen. Er kommt mit ihr zu uns, um eine Art von Abschied zu nehmen; er wird nachher die verschiedenen Orte besuchen, wo die Gemeinde sich niedergelassen hat; man scheint ihn nach seinen Wunschen zu behandeln, und fast glaub' ich, er wagt mit meiner armen Schwester eine Reise nach Amerika, um ja seinem Vorganger recht ahnlich zu werden; und da er einmal schon beinah uberzeugt ist, dass ihm nicht viel fehle, ein Heiliger zu sein, so mag ihm der Wunsch manchmal vor der Seele schweben, womoglich zuletzt auch noch als Martyrer zu glanzen."

Viertes Kapitel

Oft genug hatte man bisher von Fraulein Therese gesprochen, oft genug ihrer im Vorbeigehen erwahnt, und fast jedesmal war Wilhelm im Begriff, seiner neuen Freundin zu bekennen, dass er jenem trefflichen Frauenzimmer sein Herz und seine Hand angeboten habe. Ein gewisses Gefuhl, das er sich nicht erklaren konnte, hielt ihn zuruck; er zauderte so lange, bis endlich Natalie selbst mit dem himmlischen, bescheidnen, heitern Lacheln, das man an ihr zu sehen gewohnt war, zu ihm sagte: "So muss ich denn doch zuletzt das Stillschweigen brechen und mich in Ihr Vertrauen gewaltsam eindrangen! Warum machen Sie mir ein Geheimnis, mein Freund, aus einer Angelegenheit, die Ihnen so wichtig ist und die mich selbst so nahe angeht? Sie haben meiner Freundin Ihre Hand angeboten; ich mische mich nicht ohne Beruf in diese Sache, hier ist meine Legitimation! hier ist der Brief, den sie Ihnen schreibt, den sie durch mich Ihnen sendet."

"Einen Brief von Theresen!" rief er aus.

"Ja, mein Herr! und Ihr Schicksal ist entschieden, Sie sind glucklich. Lassen Sie mich Ihnen und meiner Freundin Gluck wunschen."

Wilhelm verstummte und sah vor sich hin. Natalie sah ihn an; sie bemerkte, dass er blass ward. "Ihre Freude ist stark", fuhr sie fort, "sie nimmt die Gestalt des Schreckens an, sie raubt Ihnen die Sprache. Mein Anteil ist darum nicht weniger herzlich, weil er mich noch zum Worte kommen lasst. Ich hoffe, Sie werden dankbar sein, denn ich darf Ihnen sagen, mein Einfluss auf Theresens Entschliessung war nicht gering; sie fragte mich um Rat, und sonderbarerweise waren Sie eben hier, ich konnte die wenigen Zweifel, die meine Freundin noch hegte, glucklich besiegen, die Boten gingen lebhaft hin und wider; hier ist ihr Entschluss! hier ist die Entwicklung! Und nun sollen Sie alle ihre Briefe lesen, Sie sollen in das schone Herz Ihrer Braut einen freien, reinen Blick tun."

Wilhelm entfaltete das Blatt, das sie ihm unversiegelt uberreichte; es enthielt die freundlichen Worte:

"Ich bin die Ihre, wie ich bin und wie Sie mich kennen. Ich nenne Sie den Meinen, wie Sie sind und wie ich Sie kenne. Was an uns selbst, was an unsern Verhaltnissen der Ehestand verandert, werden wir durch Vernunft, frohen Mut und guten Willen zu ubertragen wissen. Da uns keine Leidenschaft, sondern Neigung und Zutrauen zusammenfuhrt, so wagen wir weniger als tausend andere. Sie verzeihen mir gewiss, wenn ich mich manchmal meines alten Freundes herzlich erinnere; dafur will ich Ihren Sohn als Mutter an meinen Busen drucken. Wollen Sie mein kleines Haus sogleich mit mir teilen, so sind Sie Herr und Meister, indessen wird der Gutskauf abgeschlossen. Ich wunschte, dass dort keine neue Einrichtung ohne mich gemacht wurde, um sogleich zu zeigen, dass ich das Zutrauen verdiene, das Sie mir schenken. Leben Sie wohl, lieber, lieber Freund! geliebter Brautigam, verehrter Gatte! Therese druckt Sie an ihre Brust mit Hoffnung und Lebensfreude. Meine Freundin wird Ihnen mehr, wird Ihnen alles sagen."

Wilhelm, dem dieses Blatt seine Therese wieder vollig vergegenwartigt hatte, war auch wieder vollig zu sich selbst gekommen. Unter dem Lesen wechselten die schnellsten Gedanken in seiner Seele. Mit Entsetzen fand er lebhafte Spuren einer Neigung gegen Natalien in seinem Herzen; er schalt sich, er erklarte jeden Gedanken der Art fur Unsinn, er stellte sich Theresen in ihrer ganzen Vollkommenheit vor, er las den Brief wieder, er ward heiter, oder vielmehr er erholte sich so weit, dass er heiter scheinen konnte. Natalie legte ihm die gewechselten Briefe vor, aus denen wir einige Stellen ausziehen wollen.

Nachdem Therese ihren Brautigam nach ihrer Art geschildert hatte, fuhr sie fort: "So stelle ich mir den Mann vor, der mir jetzt seine Hand anbietet. Wie er von sich selbst denkt, wirst Du kunftig aus den Papieren sehen, in welchen er sich mir ganz offen beschreibt; ich bin uberzeugt, dass ich mit ihm glucklich sein werde." "Was den Stand betrifft, so weisst Du, wie ich von jeher druber gedacht habe. Einige Menschen fuhlen die Missverhaltnisse der aussern Zustande furchterlich und konnen sie nicht ubertragen. Ich will niemanden uberzeugen, so wie ich nach meiner Uberzeugung handeln will. Ich denke kein Beispiel zu geben, wie ich doch nicht ohne Beispiel handle. Mich angstigen nur die innern Missverhaltnisse, ein Gefass, das sich zu dem, was es enthalten soll, nicht schickt; viel Prunk und wenig Genuss, Reichtum und Geiz, Adel und Roheit, Jugend und Pedanterei, Bedurfnis und Zeremonien, diese Verhaltnisse waren's, die mich vernichten konnten, die Welt mag sie stempeln und schatzen, wie sie will." "Wenn ich hoffe, dass wir zusammenpassen werden, so grunde ich meinen Anspruch vorzuglich darauf, dass er Dir, liebe Natalie, die ich so unendlich schatze und verehre, dass er Dir ahnlich ist. Ja, er hat von Dir das edle Suchen und Streben nach dem Bessern, wodurch wir das Gute, das wir zu finden glauben, selbst hervorbringen. Wie oft habe ich Dich nicht im stillen getadelt, dass Du diesen oder jenen Menschen anders behandeltest, dass Du in diesem oder jenem Fall Dich anders betrugst, als ich wurde getan haben, und doch zeigte der Ausgang meist, dass Du recht hattest. 'Wenn wir', sagtest Du, 'die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als waren sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.' Ich kann weder so sehen noch handeln, das weiss ich recht gut. Einsicht, Ordnung, Zucht, Befehl, das ist meine Sache. Ich erinnere mich noch wohl, was Jarno sagte: 'Therese dressiert ihre Zoglinge, Natalie bildet sie.' Ja, er ging so weit, dass er mir einst die drei schonen Eigenschaften: Glaube, Liebe und Hoffnung vollig absprach. 'Statt des Glaubens', sagte er, 'hat sie die Einsicht, statt der Liebe die Beharrlichkeit und statt der Hoffnung das Zutrauen.' Auch will ich Dir gerne gestehen, eh' ich Dich kannte, kannte ich nichts Hoheres in der Welt als Klarheit und Klugheit; nur Deine Gegenwart hat mich uberzeugt, belebt, uberwunden, und Deiner schonen hohen Seele tret' ich gerne den Rang ab. Auch meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn; seine Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nicht finden; aber nicht das leere Suchen, sondern das wunderbare gutmutige Suchen begabt ihn, erwahnt, man konne ihm das geben, was nur von ihm kommen kann. So, meine Liebe, schadet mir auch diesmal meine Klarheit nichts; ich kenne meinen Gatten besser, als er sich selbst kennt, und ich achte ihn nur um desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich ubersehe ihn nicht, und alle meine Einsicht reicht nicht hin, zu ahnen, was er wirken kann. Wenn ich an ihn denke, vermischt sich sein Bild immer mit dem Deinigen, und ich weiss nicht, wie ich es wert bin, zwei solchen Menschen anzugehoren. Aber ich will es wert sein dadurch, dass ich meine Pflicht tue, dadurch, dass ich erfulle, was man von mir erwarten und hoffen kann." "Ob ich Lotharios gedenke? Lebhaft und taglich. Ihn kann ich in der Gesellschaft, die mich im Geiste umgibt, nicht einen Augenblick missen. O, wie bedaure ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler mit mir verwandt ist, dass die Natur ihn Dir so nahe gewollt hat! Wahrlich, ein Wesen wie Du ware seiner mehr wert als ich. Dir konnt' ich, Dir musst' ich ihn abtreten. Lass uns ihm sein, was nur moglich ist, bis er eine wurdige Gattin findet, und auch dann lass uns zusammen sein und zusammen bleiben." "Was werden nun aber unsre Freunde sagen?" begann Natalie. "Ihr Bruder weiss nichts davon?" "Nein! so wenig als die Ihrigen, die Sache ist diesmal nur unter uns Weibern verhandelt worden. Ich weiss nicht, was Lydie Theresen fur Grillen in den Kopf gesetzt hat; sie scheint dem Abbe und Jarno zu misstrauen. Lydie hat ihr gegen gewisse geheime Verbindungen und Plane, von denen ich wohl im allgemeinen weiss, in die ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens einigen Argwohn eingeflosst, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens wollte sie niemand als mir einigen Einfluss verstatten. Mit meinem Bruder war sie schon fruher ubereingekommen, dass sie sich wechselsweise ihre Heirat nur melden, sich daruber nicht zu Rate ziehen wollten."

Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, sie lud Wilhelmen ein, einige Worte dazuzusetzen, Therese hatte sie darum gebeten. Man wollte eben siegeln, als Jarno sich unvermutet anmelden liess. Aufs freundlichste ward er empfangen, auch schien er sehr munter und scherzhaft und konnte endlich nicht unterlassen zu sagen: "Eigentlich komme ich hierher, um Ihnen eine sehr wunderbare, doch angenehme Nachricht zu bringen, sie betrifft unsere Therese. Sie haben uns manchmal getadelt, schone Natalie, dass wir uns um so vieles bekummern; nun aber sehen Sie, wie gut es ist, uberall seine Spione zu haben. Raten Sie, und lassen Sie uns einmal Ihre Sagazitat sehen!"

Die Selbstgefalligkeit, womit er diese Worte aussprach, die schalkhafte Miene, womit er Wilhelmen und Natalien ansah, uberzeugten beide, dass ihr Geheimnis entdeckt sei. Natalie antwortete lachelnd: "Wir sind viel kunstlicher, als Sie denken, wir haben die Auflosung des Ratsels, noch ehe es uns aufgegeben wurde, schon zu Papier gebracht."

Sie uberreichte ihm mit diesen Worten den Brief an Lothario und war zufrieden, der kleinen Uberraschung und Beschamung, die man ihnen zugedacht hatte, auf diese Weise zu begegnen. Jarno nahm das Blatt mit einiger Verwunderung, uberlief es nur, staunte, liess es aus der Hand sinken und sah sie beide mit grossen Augen, mit einem Ausdruck der Uberraschung, ja des Entsetzens an, den man auf seinem Gesichte nicht gewohnt war. Er sagte kein Wort.

Wilhelm und Natalie waren nicht wenig betroffen. Jarno ging in der Stube auf und ab. "Was soll ich sagen?" rief er aus, "oder soll ich's sagen? Es kann kein Geheimnis bleiben, die Verwirrung ist nicht zu vermeiden. Also denn Geheimnis gegen Geheimnis! Uberraschung gegen Uberraschung! Therese ist nicht die Tochter ihrer Mutter! das Hindernis ist gehoben: ich komme hierher, Sie zu bitten, das edle Madchen zu einer Verbindung mit Lothario vorzubereiten."

Jarno sah die Besturzung der beiden Freunde, welche die Augen zur Erde niederschlugen. "Dieser Fall ist einer von denen", sagte er, "die sich in Gesellschaft am schlechtesten ertragen lassen. Was jedes dabei zu denken hat, denkt es am besten in der Einsamkeit; ich wenigstens erbitte mir auf eine Stunde Urlaub." Er eilte in den Garten, Wilhelm folgte ihm mechanisch, aber in der Ferne.

Nach Verlauf einer Stunde fanden sie sich wieder zusammen. Wilhelm nahm das Wort und sagte: "Sonst, da ich ohne Zweck und Plan leicht, ja leichtfertig lebte, kamen mir Freundschaft, Liebe, Neigung, Zutrauen mit offenen Armen entgegen, ja sie drangten sich zu mir; jetzt, da es Ernst wird, scheint das Schicksal mit mir einen andern Weg zu nehmen. Der Entschluss, Theresen meine Hand anzubieten, ist vielleicht der erste, der ganz rein aus mir selbst kommt. Mit Uberlegung machte ich meinen Plan, meine Vernunft war vollig damit einig, und durch die Zusage des trefflichen Madchens wurden alle meine Hoffnungen erfullt. Nun druckt das sonderbarste Geschick meine ausgestreckte Hand nieder. Therese reicht mir die ihrige von ferne, wie im Traume, ich kann sie nicht fassen, und das schone Bild verlasst mich auf ewig. So lebe denn wohl, du schones Bild! und ihr Bilder der reichsten Gluckseligkeit, die ihr euch darum her versammelt!"

Er schwieg einen Augenblick still, sah vor sich hin, und Jarno wollte reden. "Lassen Sie mich noch etwas sagen", fiel Wilhelm ihm ein; "denn um mein ganzes Geschick wird ja doch diesmal das Los geworfen. In diesem Augenblick kommt mir der Eindruck zu Hulfe, den Lotharios Gegenwart beim ersten Anblick mir einpragte, und der mir bestandig geblieben ist. Dieser Mann verdient jede Art von Neigung und Freundschaft, und ohne Aufopferung lasst sich keine Freundschaft denken. Um seinetwillen war es mir leicht, ein ungluckliches Madchen zu betoren, um seinetwillen soll mir moglich werden, der wurdigsten Braut zu entsagen. Gehen Sie hin, erzahlen Sie ihm die sonderbare Geschichte, und sagen Sie ihm, wozu ich bereit bin."

Jarno versetzte hierauf: "In solchen Fallen, halte ich dafur, ist schon alles getan, wenn man sich nur nicht ubereilt. Lassen Sie uns keinen Schritt ohne Lotharios Einwilligung tun! Ich will zu ihm, erwarten Sie meine Zuruckkunft oder seine Briefe ruhig."

Er ritt weg und hinterliess die beiden Freunde in der grossten Wehmut. Sie hatten Zeit, sich diese Begebenheit auf mehr als eine Weise zu wiederholen und ihre Bemerkungen daruber zu machen. Nun fiel es ihnen erst auf, dass sie diese wunderbare Erklarung so gerade von Jarno angenommen und sich nicht um die nahern Umstande erkundigt hatten. Ja Wilhelm wollte sogar einigen Zweifel hegen; aber aufs hochste stieg ihr Erstaunen, ja ihre Verwirrung, als den andern Tag ein Bote von Theresen ankam, der folgenden sonderbaren Brief an Natalien mitbrachte:

"So seltsam es auch scheinen mag, so muss ich doch meinem vorigen Briefe sogleich noch einen nachsenden und Dich ersuchen, mir meinen Brautigam eilig zu schicken. Er soll mein Gatte werden, was man auch fur Plane macht, mir ihn zu rauben. Gib ihm inliegenden Brief! Nur vor keinem Zeugen, es mag gegenwartig sein, wer will."

Der Brief an Wilhelmen enthielt folgendes: "Was werden Sie von Ihrer Therese denken, wenn sie auf einmal leidenschaftlich auf eine Verbindung dringt, die der ruhigste Verstand nur eingeleitet zu haben schien? Lassen Sie sich durch nichts abhalten, gleich nach dem Empfang des Briefes abzureisen! Kommen Sie, lieber, lieber Freund, nun dreifach Geliebter, da man mir Ihren Besitz rauben oder wenigstens erschweren will!"

"Was ist zu tun?" rief Wilhelm aus, als er diesen Brief gelesen hatte.

"Noch in keinem Fall", versetzte Natalie nach einigem Nachdenken, "hat mein Herz und mein Verstand so geschwiegen als in diesem; ich wusste nichts zu tun, so wie ich nichts zu raten weiss."

"Ware es moglich", rief Wilhelm mit Heftigkeit aus, "dass Lothario selbst nichts davon wusste oder, wenn er davon weiss, dass er mit uns das Spiel versteckter Plane ware? Hat Jarno, indem er unsern Brief gesehen, das Marchen aus dem Stegreife erfunden? Wurde er uns was anders gesagt haben, wenn wir nicht zu voreilig gewesen waren? Was kann man wollen? Was fur Absichten kann man haben? Was kann Therese fur einen Plan meinen? Ja, es lasst sich nicht leugnen, Lothario ist von geheimen Wirkungen und Verbindungen umgeben, ich habe selbst erfahren, dass man tatig ist, dass man sich in einem gewissen Sinne um die Handlungen, um die Schicksale mehrerer Menschen bekummert und sie zu leiten weiss. Von den Endzwecken dieser Geheimnisse verstehe ich nichts, aber diese neueste Absicht, mir Theresen zu entreissen, sehe ich nur allzu deutlich. Auf einer Seite malt man mir das mogliche Gluck Lotharios, vielleicht nur zum Scheine, vor, auf der andern sehe ich meine Geliebte, meine verehrte Braut, die mich an ihr Herz ruft. Was soll ich tun? Was soll ich unterlassen?"

"Nur ein wenig Geduld!" sagte Natalie, "nur eine kurze Bedenkzeit! In dieser sonderbaren Verknupfung weiss ich nur so viel: dass wir das, was unwiederbringlich ist, nicht ubereilen sollen. Gegen ein Marchen, gegen einen kunstlichen Plan stehen Beharrlichkeit und Klugheit uns bei; es muss sich bald aufklaren, ob die Sache wahr oder ob sie erfunden ist. Hat mein Bruder wirklich Hoffnung, sich mit Theresen zu verbinden, so ware es grausam, ihm ein Gluck auf ewig zu entreissen in dem Augenblicke, da es ihm so freundlich erscheint. Lassen Sie uns nur abwarten, ob er etwas davon weiss, ob er selbst glaubt, ob er selbst hofft."

Diesen Grunden ihres Rats kam glucklicherweise ein Brief von Lothario zu Hulfe: "Ich schicke Jarno nicht wieder zuruck", schrieb er; "von meiner Hand eine Zeile ist Dir mehr als die umstandlichsten Worte eines Boten. Ich bin gewiss, dass Therese nicht die Tochter ihrer Mutter ist, und ich kann die Hoffnung, sie zu besitzen, nicht aufgeben, bis sie auch uberzeugt ist, und alsdann zwischen mir und dem Freunde mit ruhiger Uberlegung entscheidet. Lass ihn, ich bitte Dich, nicht von Deiner Seite! das Gluck, das Leben eines Bruders hangt davon ab. Ich verspreche Dir, diese Ungewissheit soll nicht lange dauern."

"Sie sehen, wie die Sache steht", sagte sie freundlich zu Wilhelmen; "geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht aus dem Hause zu gehen!"

"Ich gebe es!" rief er aus, indem er ihr die Hand reichte; "ich will dieses Haus wider Ihren Willen nicht verlassen. Ich danke Gott und meinem guten Geist, dass ich diesmal geleitet werde, und zwar von Ihnen."

Natalie schrieb Theresen den ganzen Verlauf und erklarte, dass sie ihren Freund nicht von sich lassen werde; sie schickte zugleich Lotharios Brief mit.

Therese antwortete: "Ich bin nicht wenig verwundert, dass Lothario selbst uberzeugt ist; denn gegen seine Schwester wird er sich nicht auf diesen Grad verstellen. Ich bin verdriesslich, sehr verdriesslich. Es ist besser, ich sage nichts weiter. Am besten ist's, ich komme zu Dir, wenn ich nur erst die arme Lydie untergebracht habe, mit der man grausam umgeht. Ich furchte, wir sind alle betrogen und werden so betrogen, um nie ins klare zu kommen. Wenn der Freund meinen Sinn hatte, so entschlupfte er Dir doch und wurfe sich an das Herz seiner Therese, die ihm dann niemand entreissen sollte; aber ich furchte, ich soll ihn verlieren und Lothario nicht wiedergewinnen. Diesem entreisst man Lydien, indem man ihm die Hoffnung, mich besitzen zu konnen, von weitem zeigt. Ich will nichts weiter sagen, die Verwirrung wird noch grosser werden. Ob nicht indessen die schonsten Verhaltnisse so verschoben, so untergraben und zerruttet werden, dass auch dann, wenn alles im klaren sein wird, doch nicht wieder zu helfen ist, mag die Zeit lehren. Reisst sich mein Freund nicht los, so komme ich in wenigen Tagen, um ihn bei Dir aufzusuchen und festzuhalten. Du wunderst Dich, wie diese Leidenschaft sich Deiner Therese bemachtigt hat. Es ist keine Leidenschaft, es ist Uberzeugung, dass, da Lothario nicht mein werden konnte, dieser neue Freund das Gluck meines Lebens machen wird. Sag' ihm das im Namen des kleinen Knaben, der mit ihm unter der Eiche sass und sich seiner Teilnahme freute! Sag' ihm das im Namen Theresens, die seinem Antrage mit einer herzlichen Offenheit entgegenkam! Mein erster Traum, wie ich mit Lothario leben wurde, ist weit von meiner Seele weggeruckt; der Traum, wie ich mit meinem neuen Freund zu leben gedachte, steht noch ganz gegenwartig vor mir. Achtet man mich so wenig, dass man glaubt, es sei so was Leichtes, diesen mit jenem aus dem Stegreife wieder umzutauschen?"

"Ich verlasse mich auf Sie", sagte Natalie zu Wilhelmen, indem sie ihm den Brief Theresens gab, "Sie entfliehen mir nicht. Bedenken Sie, dass Sie das Gluck meines Lebens in Ihrer Hand haben! Mein Dasein ist mit dem Dasein meines Bruders so innig verbunden und verwurzelt, dass er keine Schmerzen fuhlen kann, die ich nicht empfinde, keine Freude, die nicht auch mein Gluck macht. Ja, ich kann wohl sagen, dass ich allein durch ihn empfunden habe, dass das Herz geruhrt und erhoben, dass auf der Welt Freude, Liebe und ein Gefuhl sein kann, das uber alles Bedurfnis hinaus befriedigt."

Sie hielt inne, Wilhelm nahm ihre Hand und rief: "O fahren Sie fort! es ist die rechte Zeit zu einem wahren wechselseitigen Vertrauen; wir haben nie notiger gehabt, uns genauer zu kennen."

"Ja, mein Freund!" sagte sie lachelnd, mit ihrer ruhigen, sanften, unbeschreiblichen Hoheit, "es ist vielleicht nicht ausser der Zeit, wenn ich Ihnen sage, dass alles, was uns so manches Buch, was uns die Welt als Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als ein Marchen erschienen sei."

"Sie haben nicht geliebt?" rief Wilhelm aus.

"Nie oder immer!" versetzte Natalie.

Funftes Kapitel

Sie waren unter diesem Gesprach im Garten auf und ab gegangen, Natalie hatte verschiedene Blumen von seltsamer Gestalt gebrochen, die Wilhelmen vollig unbekannt waren und nach deren Namen er fragte.

"Sie vermuten wohl nicht", sagte Natalie, "fur wen ich diesen Strauss pflucke? Er ist fur meinen Oheim bestimmt, dem wir einen Besuch machen wollen. Die Sonne scheint eben so lebhaft nach dem Saale der Vergangenheit, ich muss Sie diesen Augenblick hineinfuhren, und ich gehe niemals hin, ohne einige von den Blumen, die mein Oheim besonders begunstigte, mitzubringen. Er war ein sonderbarer Mann und der eigensten Eindrucke fahig. Fur gewisse Pflanzen und Tiere, fur gewisse Menschen und Gegenden, ja sogar zu einigen Steinarten hatte er eine entschiedene Neigung, die selten erklarlich war. 'Wenn ich nicht', pflegte er oft zu sagen, 'mir von Jugend auf so sehr widerstanden hatte, wenn ich nicht gestrebt hatte, meinen Verstand ins Weite und Allgemeine auszubilden, so ware ich der beschrankteste und unertraglichste Mensch geworden; denn nichts ist unertraglicher als abgeschnittene Eigenheit an demjenigen, von dem man eine reine, gehorige Tatigkeit fordern kann.' Und doch musste er selbst gestehen, dass ihm gleichsam Leben und Atem ausgehen wurde, wenn er sich nicht von Zeit zu Zeit nachsahe und sich erlaubte, das mit Leidenschaft zu geniessen, was er eben nicht immer loben und entschuldigen konnte. 'Meine Schuld ist es nicht', sagte er, 'wenn ich meine Triebe und meine Vernunft nicht vollig habe in Einstimmung bringen konnen.' Bei solchen Gelegenheiten pflegte er meist uber mich zu scherzen und zu sagen: 'Natalien kann man bei Leibesleben selig preisen, da ihre Natur nichts fordert, als was die Welt wunscht und braucht.'"

Unter diesen Worten waren sie wieder in das Hauptgebaude gelangt. Sie fuhrte ihn durch einen geraumigen Gang auf eine Ture zu, vor der zwei Sphinxe von Granit lagen. Die Ture selbst war auf agyptische Weise oben ein wenig enger als unten, und ihre ehernen Flugel bereiteten zu einem ernsthaften, ja zu einem schauerlichen Anblick vor. Wie angenehm ward man daher uberrascht, als diese Erwartung sich in die reinste Heiterkeit aufloste, indem man in einen Saal trat, in welchem Kunst und Leben jede Erinnerung an Tod und Grab aufhoben. In die Wande waren verhaltnismassige Bogen vertieft, in denen grossere Sarkophagen standen; in den Pfeilern dazwischen sah man kleinere Offnungen, mit Aschenkastchen und Gefassen geschmuckt; die ubrigen Flachen der Wande und des Gewolbes sah man regelmassig abgeteilt und zwischen heitern und mannigfaltigen Einfassungen, Kranzen und Zieraten heitere und bedeutende Gestalten in Feldern von verschiedener Grosse gemalt. Die architektonischen Glieder waren mit dem schonen gelben Marmor, der ins Rotliche hinuberblickt, bekleidet, hellblaue Streifen von einer glucklichen chemischen Komposition ahmten den Lasurstein nach und gaben, indem sie gleichsam in einem Gegensatz das Auge befriedigten, dem Ganzen Einheit und Verbindung. Alle diese Pracht und Zierde stellte sich in reinen architektonischen Verhaltnissen dar, und so schien jeder, der hineintrat, uber sich selbst erhoben zu sein, indem er durch die zusammentreffende Kunst erst erfuhr, was der Mensch sei und was er sein konne.

Der Ture gegenuber sah man auf einem prachtigen Sarkophagen das Marmorbild eines wurdigen Mannes, an ein Polster gelehnt. Er hielt eine Rolle vor sich und schien mit stiller Aufmerksamkeit darauf zu blikken. Sie war so gerichtet, dass man die Worte, die sie enthielt, bequem lesen konnte. Es stand darauf: "Gedenke zu leben."

Natalie, indem sie einen verwelkten Strauss wegnahm, legte den frischen vor das Bild des Oheims; denn er selbst war in der Figur vorgestellt, und Wilhelm glaubte, sich noch der Zuge des alten Herrn zu erinnern, den er damals im Walde gesehen hatte. "Hier brachten wir manche Stunde zu", sagte Natalie, "bis dieser Saal fertig war. In seinen letzten Jahren hatte er einige geschickte Kunstler an sich gezogen, und seine beste Unterhaltung war, die Zeichnungen und Kartone zu diesen Gemalden aussinnen und bestimmen zu helfen."

Wilhelm konnte sich nicht genug der Gegenstande freuen, die ihn umgaben. "Welch ein Leben", rief er aus, "in diesem Saale der Vergangenheit! man konnte ihn ebensogut den Saal der Gegenwart und der Zukunft nennen. So war alles und so wird alles sein! Nichts ist verganglich, als der eine der geniesst und zuschaut. Hier dieses Bild der Mutter, die ihr Kind ans Herz druckt, wird viele Generationen glucklicher Mutter uberleben. Nach Jahrhunderten vielleicht erfreut sich ein Vater dieses bartigen Mannes, der seinen Ernst ablegt und sich mit seinem Sohne neckt. So verschamt wird durch alle Zeiten die Braut sitzen und bei ihren stillen Wunschen noch bedurfen, dass man sie troste, dass man ihr zurede; so ungeduldig wird der Brautigam auf der Schwelle horchen, ob er hereintreten darf."

Wilhelms Augen schweiften auf unzahlige Bilder umher. Vom ersten frohen Triebe der Kindheit, jedes Glied im Spiele nur zu brauchen und zu uben, bis zum ruhigen abgeschiedenen Ernste des Weisen konnte man in schoner, lebendiger Folge sehen, wie der Mensch keine angeborne Neigung und Fahigkeit besitzt, ohne sie zu brauchen und zu nutzen. Von dem ersten zarten Selbstgefuhl, wenn das Madchen verweilt, den Krug aus dem klaren Wasser wieder heraufzuheben, und indessen ihr Bild gefallig betrachtet, bis zu jenen hohen Feierlichkeiten, wenn Konige und Volker zu Zeugen ihrer Verbindungen die Gotter am Altare anrufen, zeigte sich alles bedeutend und kraftig.

Es war eine Welt, es war ein Himmel, der den Beschauenden an dieser Statte umgab, und ausser den Gedanken, welche jene gebildeten Gestalten erregten, ausser den Empfindungen, welche sie einflossten, schien noch etwas andres gegenwartig zu sein, wovon der ganze Mensch sich angegriffen fuhlte. Auch Wilhelm bemerkte es, ohne sich davon Rechenschaft geben zu konnen. "Was ist das", rief er aus, "das, unabhangig von aller Bedeutung, frei von allem Mitgefuhl, das uns menschliche Begebenheiten und Schicksale einflossen, so stark und zugleich so anmutig auf mich zu wirken vermag? Es spricht aus dem Ganzen, es spricht aus jedem Teile mich an, ohne dass ich jenes begreifen, ohne dass ich diese mir besonders zueignen konnte! Welchen Zauber ahn' ich in diesen Flachen, diesen Linien, diesen Hohen und Breiten, diesen Massen und Farben! Was ist es, das diese Figuren, auch nur obenhin betrachtet, schon als Zierat so erfreulich macht? Ja, ich fuhle, man konnte hier verweilen, ruhen, alles mit den Augen fassen, sich glucklich finden und ganz etwas andres fuhlen und denken als das, was vor Augen steht."

Und gewiss, konnten wir beschreiben, wie glucklich alles eingeteilt war, wie an Ort und Stelle durch Verbindung oder Gegensatz, durch Einfarbigkeit oder Buntheit alles bestimmt, so und nicht anders erschien, als es erscheinen sollte, und eine so vollkommene als deutliche Wirkung hervorbrachte, so wurden wir den Leser an einen Ort versetzen, von dem er sich so bald nicht zu entfernen wunschte.

Vier grosse marmorne Kandelaber standen in den Ecken des Saals, vier kleinere in der Mitte um einen sehr schon gearbeiteten Sarkophag, der seiner Grosse nach eine junge Person von mittlerer Gestalt konnte enthalten haben.

Natalie blieb bei diesem Monumente stehen, und indem sie die Hand darauf legte, sagte sie: "Mein guter Oheim hatte grosse Vorliebe zu diesem Werke des Altertums. Er sagte manchmal: 'Nicht allein die ersten Bluten fallen ab, die ihr da oben in jenen kleinen Raumen verwahren konnt, sondern auch Fruchte, die, am Zweige hangend, uns noch lange die schonste Hoffnung geben, indes ein heimlicher Wurm ihre fruhere Reife und ihre Zerstorung vorbereitet.' Ich furchte", fuhr sie fort, "er hat auf das liebe Madchen geweissagt, das sich unserer Pflege nach und nach zu entziehen und zu dieser ruhigen Wohnung zu neigen scheint."

Als sie im Begriff waren, wegzugehn, sagte Natalie: "Ich muss Sie noch auf etwas aufmerksam machen. Bemerken Sie diese halbrunden Offnungen in der Hohe auf beiden Seiten! Hier konnen die Chore der Sanger verborgen stehen, und diese ehrnen Zieraten unter dem Gesimse dienen, die Teppiche zu befestigen, die nach der Verordnung meines Oheims bei jeder Bestattung aufgehangt werden sollen. Er konnte nicht ohne Musik, besonders nicht ohne Gesang leben und hatte dabei die Eigenheit, dass er die Sanger nicht sehen wollte. Er pflegte zu sagen: 'Das Theater verwohnt uns gar zu sehr, die Musik dient dort nur gleichsam dem Auge, sie begleitet die Bewegungen, nicht die Empfindungen. Bei Oratorien und Konzerten stort uns immer die Gestalt des Musikus; die wahre Musik ist allein furs Ohr; eine schone Stimme ist das allgemeinste, was sich denken lasst, und indem das eingeschrankte Individuum, das sie hervorbringt, sich vors Auge stellt, zerstort es den reinen Effekt jener Allgemeinheit. Ich will jeden sehen, mit dem ich reden soll, denn es ist ein einzelner Mensch, dessen Gestalt und Charakter die Rede wert oder unwert macht; hingegen wer mir singt, soll unsichtbar sein, seine Gestalt soll mich nicht bestechen oder irremachen. Hier spricht nur ein Organ zum Organe, nicht der Geist zum Geiste, nicht eine tausendfaltige Welt zum Auge, nicht ein Himmel zum Menschen.' Ebenso wollte er auch bei instrumentalmusiken die Orchester soviel als moglich versteckt haben, weil man durch die mechanischen Bemuhungen und durch die notdurftigen, immer seltsamen Gebarden der Instrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt werde. Er pflegte daher eine Musik nicht anders als mit zugeschlossenen Augen anzuhoren, um sein ganzes Dasein auf den einzigen reinen Genuss des Ohrs zu konzentrieren."

Sie wollten eben den Saal verlassen, als sie die Kinder in dem Gange heftig laufen und den Felix rufen horten: "Nein ich! nein ich!"

Mignon warf sich zuerst zur geoffneten Ture herein; sie war ausser Atem und konnte kein Wort sagen; Felix, noch in einiger Entfernung, rief: "Mutter Therese ist da!" Die Kinder hatten, so schien es, die Nachricht zu uberbringen einen Wettlauf angestellt. Mignon lag in Nataliens Armen, ihr Herz pochte gewaltsam.

"Boses Kind", sagte Natalie, "ist dir nicht alle heftige Bewegung untersagt? Sieh, wie dein Herz schlagt?"

"Lass es brechen!" sagte Mignon mit einem tiefen Seufzer. "Es schlagt schon zu lange."

Man hatte sich von dieser Verwirrung, von dieser Art von Besturzung kaum erholt, als Therese hereintrat. Sie flog auf Natalien zu, umarmte sie und das gute Kind. Dann wendete sie sich zu Wilhelmen, sah ihn mit ihren klaren Augen an und sagte: "Nun, mein Freund, wie steht es, Sie haben sich doch nicht irremachen lassen?" Er tat einen Schritt gegen sie, sie sprang auf ihn zu und hing an seinem Halse. "O meine Therese!" rief er aus.

"Mein Freund! mein Geliebter! mein Gatte! Ja, auf ewig die Deine!" rief sie unter den lebhaftesten Kussen.

Felix zog sie am Rocke und rief: "Mutter Therese, ich bin auch da!" Natalie stand und sah vor sich hin; Mignon fuhr auf einmal mit der linken Hand nach dem Herzen, und indem sie den rechten Arm heftig ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens Fussen fur tot nieder.

Der Schrecken war gross; keine Bewegung des Herzens noch des Pulses war zu spuren. Wilhelm nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig hinauf, der schlotternde Korper hing uber seine Schultern. Die Gegenwart des Arztes gab wenig Trost; er und der junge Wundarzt, den wir schon kennen, bemuhten sich vergebens. Das liebe Geschopf war nicht ins Leben zuruckzurufen.

Natalie winkte Theresen. Diese nahm ihren Freund bei der Hand und fuhrte ihn aus dem Zimmer. Er war stumm und ohne Sprache und hatte den Mut nicht, ihren Augen zu begegnen. So sass er neben ihr auf dem Kanapee, auf dem er Natalie zuerst angetroffen hatte. Er dachte mit grosser Schnelle eine Reihe von Schicksalen durch, oder vielmehr er dachte nicht, er liess das auf seine Seele wirken, was er nicht entfernen konnte. Es gibt Augenblicke des Lebens, in welchen die Begebenheiten gleich geflugelten Weberschiffchen vor uns sich hin und wider bewegen und unaufhaltsam ein Gewebe vollenden, das wir mehr oder weniger selbst gesponnen und angelegt haben. "Mein Freund!" sagte Therese, "mein Geliebter!" indem sie das Stillschweigen unterbrach und ihn bei der Hand nahm, "lass uns diesen Augenblick fest zusammenhalten, wie wir noch ofters vielleicht in ahnlichen Fallen werden zu tun haben. Dies sind die Ereignisse welche zu ertragen man zu zweien in der Welt sein muss. Bedenke, mein Freund, fuhle, dass du nicht allein bist, zeige, dass du deine Therese liebst, zuerst dadurch, dass du deine Schmerzen ihr mitteilst!" Sie umarmte ihn und schloss ihn sanft an ihren Busen; er fasste sie in seine Arme und druckte sie mit Heftigkeit an sich. "Das arme Kind", rief er aus, "suchte in traurigen Augenblicken Schutz und Zuflucht an meinem unsichern Busen; lass die Sicherheit des deinigen mir in dieser schrecklichen Stunde zugute kommen!" Sie hielten sich fest umschlossen, er fuhlte ihr Herz an seinem Busen schlagen, aber in seinem Geiste war es ode und leer; nur die Bilder Mignons und Nataliens schwebten wie Schatten vor seiner Einbildungskraft.

Natalie trat herein. "Gib uns deinen Segen!" rief Therese, "lass uns in diesem traurigen Augenblicke vor dir verbunden sein." Wilhelm hatte sein Gesicht an Theresens Halse verborgen; er war glucklich genug, weinen zu konnen. Er horte Natalien nicht kommen, er sah sie nicht, nur bei dem Klang ihrer Stimme verdoppelten sich seine Tranen. "Was Gott zusammenfugt, will ich nicht scheiden", sagte Natalie lachelnd, "aber verbinden kann ich euch nicht, und kann nicht loben, dass Schmerz und Neigung die Erinnerung an meinen Bruder vollig aus euren Herzen zu verbannen scheint." Wilhelm riss sich bei diesen Worten aus den Armen Theresens. "Wo wollen Sie hin?" riefen beide Frauen. "Lassen Sie mich das Kind sehen", rief er aus, "das ich getotet habe! Das Ungluck, das wir mit Augen sehen, ist geringer, als wenn unsere Einbildungskraft das Ubel gewaltsam in unser Gemut einsenkt; lassen Sie uns den abgeschiedenen Engel sehen! Seine heitere Miene wird uns sagen, dass ihm wohl ist!" Da die Freundinnen den bewegten Jungling nicht abhalten konnten, folgten sie ihm, aber der gute Arzt, der mit dem Chirurgus ihnen entgegenkam, hielt sie ab, sich der Verblichenen zu nahern, und sagte: "Halten Sie sich von diesem traurigen Gegenstande entfernt, und erlauben Sie mir, dass ich den Resten dieses sonderbaren Wesens, soviel meine Kunst vermag, einige Dauer gebe. Ich will die schone Kunst, einen Korper nicht allein zu balsamieren, sondern ihm auch ein lebendiges Ansehn zu erhalten, bei diesem geliebten Geschopfe sogleich anwenden. Da ich ihren Tod voraussah, habe ich alle Anstalten gemacht, und mit diesem Gehulfen hier soll mir's gelingen. Erlauben Sie mir nur noch einige Tage Zeit, und verlangen Sie das liebe Kind nicht wieder zu sehen, bis wir es in den Saal der Vergangenheit gebracht haben."

Der junge Chirurgus hatte jene merkwurdige Instrumententasche wieder in Handen. "Von wem kann er sie wohl haben?" fragte Wilhelm den Arzt. "Ich kenne sie sehr gut", versetzte Natalie, "er hat sie von seinem Vater, der Sie damals im Walde verband."

"O, so habe ich mich nicht geirrt", rief Wilhelm, "ich erkannte das Band sogleich. Treten Sie mir es ab! Es brachte mich zuerst wieder auf die Spur von meiner Wohltaterin. Wieviel Wohl und Wehe uberdauert nicht ein solches lebloses Wesen! Bei wieviel Schmerzen war dies Band nicht schon gegenwartig, und seine Faden halten noch immer! Wie vieler Menschen letzten Augenblick hat es schon begleitet, und seine Farben sind noch nicht verblichen! Es war gegenwartig in einem der schonsten Augenblicke meines Lebens, da ich verwundet auf der Erde lag und Ihre hulfreiche Gestalt vor mir erschien, als das Kind mit blutigen Haaren, mit der zartlichsten Sorgfalt fur mein Leben besorgt war, dessen fruhzeitigen Tod wir nun beweinen."

Die Freunde hatten nicht lange Zeit, sich uber diese traurige Begebenheit zu unterhalten und Fraulein Theresen uber das Kind und uber die wahrscheinliche Ursache seines unerwarteten Todes aufzuklaren; denn es wurden Fremde gemeldet, die, als sie sich zeigten, keinesweges fremd waren. Lothario, Jarno, der Abbe traten herein. Natalie ging ihrem Bruder entgegen; unter den ubrigen entstand ein augenblickliches Stillschweigen. Therese sagte lachelnd zu Lothario: "Sie glaubten wohl kaum mich hier zu finden; wenigstens ist es eben nicht ratlich, dass wir uns in diesem Augenblick aufsuchen; indessen sein Sie mir nach einer so langen Abwesenheit herzlich gegrusst!"

Lothario reichte ihr die Hand und versetzte: "Wenn wir einmal leiden und entbehren sollen, so mag es immerhin auch in der Gegenwart des geliebten, wunschenswerten Gutes geschehen. Ich verlange keinen Einfluss auf Ihre Entschliessung, und mein Vertrauen auf Ihr Herz, auf Ihren Verstand und reinen Sinn ist noch immer so gross, dass ich Ihnen mein Schicksal und das Schicksal meines Freundes gerne in die Hand lege."

Das Gesprach wendete sich sogleich zu allgemeinen, ja, man darf sagen, zu unbedeutenden Gegenstanden. Die Gesellschaft trennte sich bald zum Spazierengehen in einzelne Paare. Natalie war mit Lothario, Therese mit dem Abbe gegangen, und Wilhelm war mit Jarno auf dem Schlosse geblieben.

Die Erscheinung der drei Freunde in dem Augenblick, da Wilhelmen ein schwerer Schmerz auf der Brust lag, hatte, statt ihn zu zerstreuen, seine Laune gereizt und verschlimmert; er war verdriesslich und argwohnisch und konnte und wollte es nicht verhehlen, als Jarno ihn uber sein murrisches Stillschweigen zur Rede setzte. "Was braucht's da weiter?" rief Wilhelm aus. "Lothario kommt mit seinen Beistanden, und es ware wunderbar, wenn jene geheimnisvollen Machte des Turms, die immer so geschaftig sind, jetzt nicht auf uns wirken und, ich weiss nicht, was fur einen seltsamen Zweck mit und an uns ausfuhren sollten. Soviel ich diese heiligen Manner kenne, scheint es jeder zeit ihre lobliche Absicht, das Verbundene zu trennen und das Getrennte zu verbinden. Was daraus fur ein Gewebe entstehen kann, mag wohl unsern unheiligen Augen ewig ein Ratsel bleiben."

"Sie sind verdriesslich und bitter", sagte Jarno, "das ist recht schon und gut. Wenn Sie nur erst einmal recht bose werden, wird es noch besser sein."

"Dazu kann auch Rat werden", versetzte Wilhelm, "und ich furchte sehr, dass man Lust hat, meine angeborne und angebildete Geduld diesmal aufs ausserste zu reizen."

"So mochte ich Ihnen denn doch", sagte Jarno, "indessen, bis wir sehen, wo unsere Geschichten hinaus wollen, etwas von dem Turme erzahlen, gegen den Sie ein so grosses Misstrauen zu hegen scheinen."

"Es steht bei Ihnen", versetzte Wilhelm, "wenn Sie es auf meine Zerstreuung hin wagen wollen. Mein Gemut ist so vielfach beschaftigt, dass ich nicht weiss, ob es an diesen wurdigen Abenteuern den schuldigen Teil nehmen kann."

"Ich lasse mich", sagte Jarno, "durch Ihre angenehme Stimmung nicht abschrecken, Sie uber diesen Punkt aufzuklaren. Sie halten mich fur einen gescheiten Kerl, und Sie sollen mich auch noch fur einen ehrlichen halten, und, was mehr ist, diesmal hab' ich Auftrag." "Ich wunschte", versetzte Wilhelm, "Sie sprachen aus eigener Bewegung und aus gutem Willen, mich aufzuklaren; und da ich Sie nicht ohne Misstrauen horen kann, warum soll ich Sie anhoren?"

"Wenn ich jetzt nichts Besseres zu tun habe", sagte Jarno, "als Marchen zu erzahlen, so haben Sie ja auch wohl Zeit, ihnen einige Aufmerksamkeit zu widmen; vielleicht sind Sie dazu geneigter, wenn ich Ihnen gleich anfangs sage: alles, was Sie im Turme gesehen haben, sind eigentlich nur noch Reliquien von einem jugendlichen Unternehmen, bei dem es anfangs den meisten Eingeweihten grosser Ernst war, und uber das nun alle gelegentlich nur lacheln."

"Also mit diesen wurdigen Zeichen und Worten spielt man nur", rief Wilhelm aus, "man fuhrt uns mit Feierlichkeit an einen Ort, der uns Ehrfurcht einflosst, man lasst uns die wunderlichsten Erscheinungen sehen, man gibt uns Rollen voll herrlicher, geheimnisreicher Spruche, davon wir freilich das wenigste verstehn, man eroffnet uns, dass wir bisher Lehrlinge waren, man spricht uns los, und wir sind so klug wie vorher." "Haben Sie das Pergament nicht bei der Hand?" fragte Jarno, "es enthalt viel Gutes, denn jene allgemeinen Spruche sind nicht aus der Luft gegriffen; freilich scheinen sie demjenigen leer und dunkel, der sich keiner Erfahrung dabei erinnert. Geben Sie mir den sogenannten Lehrbrief doch, wenn er in der Nahe ist." "Gewiss, ganz nah", versetzte Wilhelm, "so ein Amulett sollte man immer auf der Brust tragen." "Nun", sagte Jarno lachelnd, "wer weiss, ob der Inhalt nicht einmal in Ihrem Kopf und Herzen Platz findet."

Jarno blickte hinein und uberlief die erste Halfte mit den Augen. "Diese", sagte er, "bezieht sich auf die Ausbildung des Kunstsinnes, wovon andere sprechen mogen; die zweite handelt vom Leben, und da bin ich besser zu Hause."

Er fing darauf an, Stellen zu lesen, sprach dazwischen und knupfte Anmerkungen und Erzahlungen mit ein. "Die Neigung der Jugend zum Geheimnis, zu Zeremonien und grossen Worten ist ausserordentlich und oft ein Zeichen einer gewissen Tiefe des Charakters. Man will in diesen Jahren sein ganzes Wesen, wenn auch nur dunkel und unbestimmt, ergriffen und beruhrt fuhlen. Der Jungling, der vieles ahnet, glaubt in einem Geheimnisse viel zu finden, in ein Geheimnis viel legen und durch dasselbe wirken zu mussen. In diesen Gesinnungen bestarkte der Abbe eine junge Gesellschaft teils nach seinen Grundsatzen, teils aus Neigung und Gewohnheit, da er wohl ehemals mit einer Gesellschaft in Verbindung stand, die selbst viel im Verborgenen gewirkt haben mochte. Ich konnte mich am wenigsten in dieses Wesen finden. Ich war alter als die andern, ich hatte von Jugend auf klar gesehen und wunschte in allen Dingen nichts als Klarheit; ich hatte kein ander Interesse, als die Welt zu kennen, wie sie war, und steckte mit dieser Liebhaberei die ubrigen besten Gefahrten an, und fast hatte daruber unsere ganze Bildung eine falsche Richtung genommen; denn wir fingen an, nur die Fehler der andern und ihre Beschrankung zu sehen und uns selbst fur treffliche Wesen zu halten. Der Abbe kam uns zu Hulfe und lehrte uns, dass man die Menschen nicht beobachten musse, ohne sich fur ihre Bildung zu interessieren, und dass man sich selbst eigentlich nur in der Tatigkeit zu beobachten und zu erlauschen imstande sei. Er riet uns, jene ersten Formen der Gesellschaft beizubehalten; es blieb daher etwas Gesetzliches in unsern Zusammenkunften, man sah wohl die ersten mystischen Eindrucke auf die Einrichtung des Ganzen, nachher nahm es, wie durch ein Gleichnis, die Gestalt eines Handwerks an, das sich bis zur Kunst erhob. Daher kamen die Benennungen von Lehrlingen, Gehulfen und Meistern. Wir wollten mit eignen Augen sehen und uns ein eigenes Archiv unserer Weltkenntnis bilden; daher entstanden die vielen Konfessionen, die wir teils selbst schrieben, teils wozu wir andere veranlassten, und aus denen nachher die Lehrjahre zusammengesetzt wurden. Nicht allen Menschen ist es eigentlich um ihre Bildung zu tun; viele wunschen nur so ein Hausmittel zum Wohlbefinden, Rezepte zum Reichtum und zu jeder Art von Gluckseligkeit. Alle diese, die nicht auf ihre Fusse gestellt sein wollten, wurden mit Mystifikationen und anderm Hokuspokus teils aufgehalten, teils beiseitegebracht. Wir sprachen nach unserer Art nur diejenigen los, die lebhaft fuhlten und deutlich bekannten, wozu sie geboren seien, und die sich genug geubt hatten, um mit einer gewissen Frohlichkeit und Leichtigkeit ihren Weg zu verfolgen."

"So haben Sie sich mit mir sehr ubereilt", versetzte Wilhelm, "denn was ich kann, will oder soll, weiss ich gerade seit jenem Augenblick am allerwenigsten." "Wir sind ohne Schuld in diese Verwirrung geraten, das gute Gluck mag uns wieder heraushelfen; indessen horen Sie nur: 'Derjenige, an dem viel zu entwikkeln ist, wird spater uber sich und die Welt aufgeklart. Es sind nur wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fahig sind. Der Sinn erweitert, aber lahmt; die Tat belebt, aber beschrankt.'"

"Ich bitte Sie", fiel Wilhelm ein, "lesen Sie mir von diesen wunderlichen Worten nichts mehr! Diese Phrasen haben mich schon verwirrt genug gemacht." "So will ich bei der Erzahlung bleiben", sagte Jarno, indem er die Rolle halb zuwickelte und nur manchmal einen Blick hinein tat. "Ich selbst habe der Gesellschaft und den Menschen am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist mir unertraglich, zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche macht, einem Irrenden muss ich gleich zurufen, und wenn es ein Nachtwandler ware, den ich in Gefahr sahe, geradenweges den Hals zu brechen. Daruber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbe, der behauptet, der Irrtum konne nur durch das Irren geheilt werden. Auch uber Sie haben wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und es will schon etwas heissen, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie mussen mir nachsagen, dass ich Ihnen, wo ich Sie antraf, die reine Wahrheit sagte." "Sie haben mich wenig geschont", sagte Wilhelm, "und Sie scheinen Ihren Grundsatzen treu zu bleiben." "Was ist denn da zu schonen", versetzte Jarno, "wenn ein junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung nimmt?" "Verzeihen Sie", sagte Wilhelm, "Sie haben mir streng genug alle Fahigkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, dass, ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch unmoglich bei mir selbst dazu fur ganz unfahig erklaren." "Und bei mir", sagte Jarno, "ist es doch so rein entschieden, dass, wer sich nur selbst spielen kann, kein Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient nicht diesen Namen. So haben Sie z.B. den Hamlet und einige andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre Gestalt und die Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das ware nun fur ein Liebhabertheater und fur einen jeden gut genug, der keinen andern Weg vor sich sahe 'Man soll sich", fuhr Jarno fort, indem er auf die Rolle sah, "vor einem Talente huten, das man in Vollkommenheit auszuuben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kraften, die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.'"

"Lesen Sie nichts!" sagte Wilhelm "ich bitte Sie instandig, sprechen Sie fort, erzahlen Sie mir, klaren Sie mich auf! Und so hat also der Abbe mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist herbeischaffte?" "Ja, denn er versicherte, dass es der einzige Weg sei Sie zu heilen, wenn Sie heilbar waren." "Und darum liess er mir den Schleier zuruck und hiess mich fliehen?" "Ja, er hoffte sogar, mit der Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebusst sein. Sie wurden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach der Vorstellung daruber." "Und Sie haben mich also spielen sehen?" "O gewiss!" "Und wer stellte denn den Geist vor?" "Das kann ich selbst nicht sagen, entweder der Abbe oder sein Zwillingsbruder, doch glaub' ich dieser, denn er ist um ein weniges grosser." "Sie haben also auch Geheimnisse untereinander?" "Freunde konnen und mussen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein Geheimnis."

"Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klaren Sie mich uber den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin, und dem ich so viel Vorwurfe zu machen habe."

"Was ihn uns so schatzbar macht", versetzte Jarno, "was ihm gewissermassen die Herrschaft uber uns alle erhalt, ist der freie scharfe Blick, den ihm die Natur uber alle Krafte, die im Menschen nur wohnen, und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden lasst, gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorzuglichen, sind nur beschrankt; jeder schatzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur die begunstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz entgegengesetzt wirkt der Abbe, er hat Sinn fur alles, Lust an allem, es zu erkennen und zu befordern. Da muss ich doch wieder in die Rolle sehen!" fuhr Jarno fort: "'Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Krafte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstoren suchen, halt sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur hochsten Ausubung der geistigsten Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten Ausserung des Redners und Sangers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren Anstalten, wodurch Lander erhalten und erobert werden, vom leichtesten Wohlwollen und der fluchtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten Gefuhl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit mehr liegt im Menschen und muss ausgebildet werden; aber nicht in einem, sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muss entwickelt werden. Wenn einer nur das Schone, der andere nur das Nutzliche befordert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das Nutzliche befordert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und alle konnen's nicht entbehren; das Schone muss befordert werden, denn wenige stellen's dar und viele bedurfen's.'"

"Halten Sie inne!" rief Wilhelm, "ich habe das alles gelesen." "Nur noch einige Zeilen!" versetzte Jarno. "Hier find' ich den Abbe ganz wieder: 'Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.'" "Und ich verstehe es auch nicht", versetzte Wilhelm. "Sie werden uber diesen Text den Abbe noch oft genug horen, und so lassen Sie uns nur immer recht deutlich sehen und festhalten, was an uns ist, und was wir an uns ausbilden konnen; lassen Sie uns gegen die andern gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schatzen wissen." "Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich fuhle, sie sind ein schlechtes Heilmittel fur ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie von mir erwarten, und wie und auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen." "Jeden Verdacht, ich versichere Sie, werden Sie uns kunftig abbitten. Es ist Ihre Sache, zu prufen und zu wahlen, und die unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch ist nicht eher glucklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an den Abbe; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt. Lernen Sie zum Beispiel Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein Uberblick und seine Tatigkeit unzertrennlich miteinander verbunden sind, wie er immer im Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit fortreisst. Er fuhrt, wo er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus dagegen: es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser seinen hellen Blick nur auf die nachsten Dinge, er verschafft mehr die Mittel zur Tatigkeit, als dass er die Tatigkeit hervorbrachte und belebte; sein Handeln sieht einem guten Wirtschaften vollkommen ahnlich, seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden in seinem Kreis befordert; sein Wissen ist ein bestandiges Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht konnte Lothario in einem Tage zerstoren, woran dieser jahrelang gebaut hat; aber vielleicht teilt auch Lothario in einem Augenblick andern die Kraft mit, das Zerstorte hundertfaltig wiederherzustellen." "Es ist ein trauriges Geschaft", sagte Wilhelm, "wenn man uber die reinen Vorzuge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewissheit bewegt ist." "Ruhig und vernunftig zu betrachten, ist zu keiner Zeit schadlich, und indem wir uns gewohnen, uber die Vorzuge anderer zu denken, stellen sich die unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede falsche Tatigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von uns aufgegeben. Befreien Sie womoglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller Angstlichkeit! Dort kommt der Abbe, sein Sie ja freundlich gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen, ich wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er uberhaupt gern ein wenig das Schicksal spielt, so lasst er auch nicht von der Liebhaberei, manchmal eine Heirat zu stiften."

Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdriessliche Stimmung durch alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war, fand hochst undelikat, dass sein Freund gerade in diesem Augenblick eines solchen Verhaltnisses erwahnte, und sagte, zwar lachelnd, doch nicht ohne Bitterkeit: "Ich dachte, man uberliesse die Liebhaberei, Heiraten zu stiften, Personen, die sich lieb haben."

Sechstes Kapitel

Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde sahen sich genotigt, das Gesprach abzubrechen. Nicht lange, so ward ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotharios eigene Hande ubergeben wollte; der Mann ward vorgefuhrt, er sah rustig und tuchtig aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm glaubte ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den er damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte, und der nicht wieder zuruckgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als Lothario, der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast verdriesslich fragte: "Wie heisst Sein Herr?"

"Das ist unter allen Fragen", versetzte der Kurier mit Bescheidenheit, "auf die ich am wenigsten zu antworten weiss; ich hoffe, der Brief wird das Notige vermelden; mundlich ist mir nichts aufgetragen."

"Es sei, wie ihm sei", versetzte Lothario mit Lacheln, "da Sein Herr das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenfussig zu schreiben, so soll er uns willkommen sein." "Er wird nicht lange auf sich warten lassen", versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.

"Vernehmet nur", sagte Lothario, "die tolle, abgeschmackte Botschaft: 'Da unter allen Gasten', so schreibt der Unbekannte 'ein guter Humor der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich denselben als Reisegefahrten bestandig mit mir herumfahre, so bin ich uberzeugt, der Besuch, den ich Ew. Gnaden und Liebden zugedacht habe, wird nicht ubel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich, mit der samtlichen hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und gelegentlich mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter, Graf von Schnekkenfuss.'"

"Das ist eine neue Familie", sagte der Abbe.

"Es mag ein Vikariatsgraf sein", versetzte Jarno.

"Das Geheimnis ist leicht zu erraten", sagte Natalie; "ich wette, es ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem Besuche droht."

"Getroffen! schone und weise Schwester!" rief jemand aus einem nahen Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor; Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies enthalten. "Wie?" rief er, "unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?" Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: "Wahrlich, weniger erstaunt war' ich gewesen, die beruhmten Pyramiden, die doch in Agypten so fest stehen, oder das Grab des Konigs Mausolus, das, wie man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten meines Oheims zu finden, als Euch, meinen alten Freund und vielfachen Wohltater. Seid mir besonders und schonstens gegrusst!"

Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und gekusst hatte, sprang er wieder auf Wilhelmen los und rief: "Haltet mir ihn ja warm, diesen Helden, Heerfuhrer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja, ich darf wohl sagen, mit der Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine tuchtige Tracht Schlage erspart. Er ist grossmutig wie Scipio, freigebig wie Alexander, gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu hassen. Nicht etwa, dass er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte, welches, wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein Madchen entfuhren, gute und treue Diener nach, damit ihr Fuss an keinen Stein stosse."

In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne dass jemand ihm Einhalt zu tun imstande gewesen ware, und da niemand in dieser Art ihm erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. "Verwundert euch nicht", rief er aus, "uber meine grosse Belesenheit in heiligen und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen Kenntnissen gelangt bin." Man wollte von ihm wissen, wie es ihm gehe, wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittenspruchen und alten Geschichten nicht zur deutlichen Erklarung gelangen.

Natalie sagte leise zu Theresen: "Seine Art von Lustigkeit tut mir wehe; ich wollte wetten, dass ihm dabei nicht wohl ist."

Da Friedrich ausser einigen Spassen, die ihm Jarno erwiderte, keinen Anklang fur seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: "Es bleibt mir nichts ubrig, als mit der ernsthaften Familie auch ernsthaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen Umstanden sogleich meine samtliche Sundenlast schwer auf die Seele fallt, so will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte entschliessen, wovon ihr aber, meine werten Herren und Damen, nichts vernehmen sollt. Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein darnach zu fragen einige Ursache hat. Waret Ihr nicht neugierig, zu wissen", fuhr er gegen Wilhelmen fort, "wie und wo? wer? wann und warum? wie sieht's mit der Konjugation des griechischen Verbi Phileo, Philoh? und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes aus?"

Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, fuhrte ihn fort, indem er ihn auf alle Weise druckte und kusste.

Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: Gedenke mein! "Ihr hebt Eure werten Sachen gut auf!" sagte er: "wahrlich, das ist Philinens Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schonen Madchens fleissig dabei gedacht, und ich versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt hatte, so wurde ich Euch nicht ohne Neid ansehen."

"Reden Sie nichts mehr von diesem Geschopfe!" versetzte Wilhelm. "Ich leugne nicht, dass ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange nicht loswerden konnte, aber das war auch alles."

"Pfui! schamt Euch", rief Friedrich, "wer wird eine Geliebte verleugnen? und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur wunschen konnte. Es verging kein Tag, dass Ihr dem Madchen nicht etwas schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiss. Es blieb mir nichts ubrig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem roten Offizierchen ist es denn auch endlich gegluckt."

"Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen, und mit dem sie wegreiste?"

"Ja", versetzte Friedrich, "den Sie fur Marianen hielten. Wir haben genug uber den Irrtum gelacht."

"Welche Grausamkeit!" rief Wilhelm, "mich in einer solchen Ungewissheit zu lassen."

"Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in Dienste zu nehmen!" versetzte Friedrich. "Es ist ein tuchtiger Kerl und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das Madchen lieb' ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie's ganz eigens angetan, dass ich mich ganz nahezu in einem mythologischen Falle befinde und alle Tage befurchte, verwandelt zu werden."

"Sagen Sie mir nur", fragte Wilhelm, "wo haben Sie Ihre ausgebreitete Gelehrsamkeit her? Ich hore mit Verwunderung der seltsamen Manier zu, die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und Fabeln zu sprechen."

"Auf die lustigste Weise", sagte Friedrich, "bin ich gelehrt, und zwar sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter das alte Schloss eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiose, aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in Folio, Gottfrieds Chronik, zwei Bande Theatrum Europaeum, die Acerra Philologica, Gryphii Schriften und noch einige minder wichtige Bucher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten, manchmal lange Weile, wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahen, ward unsere Weile noch langer. Endlich hatte Philine den herrlichen Einfall, die samtlichen Bucher auf einem grossen Tisch aufzuschlagen, wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo man fur unschicklich halt, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder wohl gar grundlich erortern zu wollen; wir glaubten in lebhafter Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zu Wort kommen lasst. Diese Unterhaltung geben wir uns regelmassig alle Tage und werden dadurch nach und nach so gelehrt, dass wir uns selbst daruber verwundern. Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art, uns zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach einer alten verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen ist. Schnell dreht sie das andere herum und fangt aus einem Buche zu lesen an, und kaum ist wieder der Sand im untern Glase, so beginnt das andere schon wieder seinen Spruch, und so studieren wir wirklich auf wahrhaft akademische Weise, nur dass wir kurzere Stunden haben und unsere Studien ausserst mannigfaltig sind."

"Diese Tollheit begreife ich wohl", sagte Wilhelm, "wenn einmal so ein lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich."

"Das ist", rief Friedrich, "neben das Gluck und das Ungluck: Philine darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist guter Hoffnung. Unformlicher und lacherlicher ist nichts in der Welt als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufalligerweise vor den Spiegel. 'Pfui Teufel!' sagte sie und wendete das Gesicht ab, 'die leibhaftige Frau Melina! das garstige Bild! Man sieht doch ganz niedertrachtig aus!'"

"Ich muss gestehen", versetzte Wilhelm lachelnd, "dass es ziemlich komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen."

"Es ist ein recht narrischer Streich", sagte Friedrich, "dass ich noch zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, und die Zeit trifft auch. Anfangs machte mich der verwunschte Besuch, den sie Euch nach dem 'Hamlet' abgestattet hatte, ein wenig irre."

"Was fur ein Besuch?"

"Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen haben? Das allerliebste fuhlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr's noch nicht wisst, war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen, so muss man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht uberhaupt nur auf der Uberzeugung; ich bin uberzeugt, und also bin ich Vater. Da seht Ihr, dass ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiss. Und wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode lacht, so kann es, wo nicht ein nutzlicher, doch angenehmer Weltburger werden."

Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen Gegenstanden unterhielten, hatte die ubrige Gesellschaft ein ernsthaftes Gesprach angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm sich entfernt, als der Abbe die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal fuhrte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.

"Wir haben", sagte er, "im allgemeinen behauptet, dass Fraulein Therese nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist notig, dass wir uns hieruber auch nun im einzelnen erklaren. Hier ist die Geschichte, die ich sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.

Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Ungluck, dass die Kinder, zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen, und bei dem dritten die Arzte der Mutter beinahe den Tod verkundigten und ihn bei einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war genotigt, sich zu entschliessen, man wollte das Eheband nicht aufheben, man befand sich, burgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in der Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Reprasentation, in den Freuden der Eitelkeit eine Art von Entschadigung fur das Muttergluck, das ihr versagt war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit nach, als er Neigung zu einem Frauenzimmer fasste, welche die ganze Haushaltung versah, eine schone Gestalt und einen sehr soliden Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung selbst die Hande, nach welcher das gute Madchen sich Theresens Vater uberliess, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau vom Hause fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher bezeigte.

Nach einiger Zeit erklarte sie sich guter Hoffnung, und die beiden Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen Anlassen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** wunschte das Kind seiner Geliebten als sein rechtmassiges im Hause einzufuhren, und Frau von ***, verdriesslich, dass durch die Indiskretion ihres Arztes ihr Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch ein untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch eine solche Nachgiebigkeit ein Ubergewicht im Hause zu erhalten, das sie unter den ubrigen Umstanden zu verlieren furchtete. Sie war zuruckhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und wusste, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erklarung zu erleichtern. Sie machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und so entstand das Testament, worin so wenig fur das Kind gesorgt zu sein schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen, tatigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und Ubereilung seines abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung sehr gut, Therese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet, indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward, indem sie sich zu fruh wieder herauswagte, starb und den guten Mann trostlos hinterliess.

Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht sie hatte vor den Augen der Welt ein liebenswurdiges Kind, mit dem sie ubertrieben paradierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren Verhaltnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah, und deren Einfluss sie, fur die Zukunft wenigstens, heimlich furchtete; sie uberhaufte das Kind mit Zartlichkeit und wusste ihren Gemahl in vertraulichen Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem Verlust dergestalt an sich zu ziehen, dass er sich ihr, man kann es wohl sagen, ganz ergab, sein Gluck und das Gluck seines Kindes in ihre Hande legte und kaum kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermassen nur durch seine erwachsene Tochter, wieder Herr im Hause ward. Das war, schone Therese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so gern entdeckt hatte, das ist's, was ich Ihnen jetzt, eben da der junge Freund, der durch die sonderbarste Verknupfung von der Welt Ihr Brautigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umstandlich vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen, was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie lange ich schon dieser Entdekkung auf der Spur war, und wie ich doch erst jetzt zur Gewissheit kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem Freund etwas von der Moglichkeit des Glucks zu sagen, da es ihn zu tief gekrankt haben wurde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male verschwunden ware. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen; denn ich gestehe gern, dass ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten Madchen keineswegs begunstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit Theresen wieder entgegensah."

Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben ihre Papiere nach einigen Tagen zuruck, ohne derselben weiter zu erwahnen.

Man hatte Mittel genug in der Nahe, die Gesellschaft wenn sie beisammen war, zu beschaftigen; auch bot die Gegend so manche Reize dar, dass man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde, zu Wagen oder zu Fusse umsah. Jarno richtete bei einer solchen Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor, schien aber weiter keine Entschliessung von ihm zu verlangen.

"In diesem hochst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde", sagte Wilhelm darauf, "brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiss mit einem reinen Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde konnen jede Art von Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine Anspruche an Theresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine formliche Entlassung. O! es bedarf, mein Freund, keines grossen Bedenkens, mich zu entschliessen. Schon diese Tage hab' ich gefuhlt, dass Therese Muhe hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit mit der sie mich zuerst hier begrusste, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr ich habe sie nie besessen."

"Solche Falle mochten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen und Erwarten aufklaren", versetzte Jarno, "als durch vieles Reden, wodurch immer eine Art von Verlegenheit und Garung entsteht."

"Ich dachte vielmehr", sagte Wilhelm, "dass gerade dieser Fall der ruhigsten und der reinsten Entscheidung fahig sei. Man hat mir so oft den Vorwurf des Zauderns und der Ungewissheit gemacht; warum will man jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler den man an mir tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum so viel Muhe, uns zu bilden, um uns fuhlen zu lassen, dass sie sich nicht bilden mag? Ja, gonnen Sie mir recht bald das heitere Gefuhl, ein Missverhaltnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen von der Welt geraten bin."

Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von dieser Sache horte, noch auch eine weitere Veranderung an seinen Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr bloss allgemein und gleichgultig.

Siebentes Kapitel

Einst sassen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann: "Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit abmerken."

"Ich bin es", versetzte der Freund, "und ich sehe ein wichtiges Geschaft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt notwendig angegriffen werden muss. Sie wissen schon etwas im allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff, nach Amerika uberzuschiffen."

"Nach Amerika?" versetzte Wilhelm lachelnd; "ein solches Abenteuer hatte ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, dass Sie mich zum Gefahrten ausersehen wurden."

"Wenn Sie unsern Plan ganz kennen", versetzte Jarno, "So werden Sie ihm einen bessern Namen geben und vielleicht fur ihn eingenommen werden. Horen Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den Welthandeln bekannt sein, um zu bemerken, dass uns grosse Veranderungen bevorstehn, und dass die Besitztumer beinahe nirgends mehr recht sicher sind."

"Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welthandeln", fiel Wilhelm ein, "und habe mich erst vor kurzem um meine Besitztumer bekummert. Vielleicht hatte ich wohl getan, sie mir noch langer aus dem Sinne zu schlagen, da ich bemerken muss, dass die Sorge fur ihre Erhaltung so hypochondrisch macht."

"Horen Sie mich aus!" sagte Jarno, "die Sorge geziemt dem Alter, damit die Jugend eine Zeitlang sorglos sein konne. Das Gleichgewicht in den menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegensatze hergestellt werden. Es ist gegenwartig nicht weniger als ratlich, nur an einem Orte zu besitzen, nur einem Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht daruber zu fuhren; wir haben uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm alten Turm soll eine Sozietat ausgehen, die sich in alle Teile der Welt ausbreiten, in die man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren uns untereinander unsere Existenz, auf den einzigen Fall, dass eine Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitztumern vollig vertriebe. Ich gehe nun hinuber nach Amerika, um die guten Verhaltnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen Aufenthalt gemacht hat. Der Abbe will nach Russland gehn, und Sie sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschliessen wollen, ob Sie Lothario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen wollen. Ich dachte, Sie wahlten das letzte; denn eine grosse Reise zu tun, ist fur einen jungen Mann ausserst nutzlich."

Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: "Der Antrag ist aller Uberlegung wert; denn mein Wahlspruch wird doch nachstens sein: 'Je weiter weg, desto besser.' Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane naher bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt herruhren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich unuberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen."

"Davon sich die meisten nur dadurch heben werden", versetzte Jarno, "dass unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus dem allein der gesellige Sinn entstehen kann."

Friedrich, der bisher nur zugehort hatte, versetzte darauf: "Und wenn ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit."

Jarno schuttelte den Kopf.

"Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?" fuhr Friedrich fort. "Bei einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die bring' ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch. Und dann wusste ich noch ein gutes junges Madchen, das hierhuben nicht mehr am Platz ist, die susse, reizende Lydie. Wo soll das arme Kind mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht gelegentlich in die Tiefe des Meeres werfen kann, und wenn sich nicht ein braver Mann ihrer annimmt? Ich dachte, mein Jugendfreund, da Ihr doch im Gange seid, Verlassene zu trosten, Ihr entschlosst Euch, jeder nahme sein Madchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn."

Dieser Antrag verdross Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe: "Weiss ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich uberhaupt im Werben nicht glucklich zu sein scheine, so mochte ich einen solchen Versuch nicht machen."

Natalie sagte darauf: "Bruder Friedrich, du glaubst, weil du fur dich so leichtsinnig handelst, auch fur andere gelte deine Gesinnung. Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehore, das nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit einem hochst vernunftigen und reinen Charakter wie Theresens war ein Wagestuck dieser Art zu raten."

"Was Wagestuck!" rief Friedrich. "In der Liebe ist alles Wagestuck. Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es ist alles nur ein Wagestuck, und der Zufall tut alles."

"Ich habe immer gesehen", versetzte Natalie, "dass unsere Grundsatze nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir hangen unsern Fehlern gar zu gern das Gewand eines gultigen Gesetzes um. Gib nur acht, welchen Weg dich die Schone noch fuhren wird, die dich auf eine so gewaltsame Weise angezogen hat und festhalt."

"Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege", versetzte Friedrich, "rauf dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer weiss, wie viel andere. Uberhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede ist, solltest du dich gar nicht drein mischen. Ich glaube, du heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst dich alsdann nach deiner gewohnten Gutherzigkeit auch als Supplement irgendeiner Existenz hin. Also lass uns nur jetzt mit diesem Seelenverkaufer da unsern Handel schliessen und uber unsere Reisegesellschaft einig werden."

"Sie kommen mit Ihren Vorschlagen zu spat", sagte Jarno, "fur Lydien ist gesorgt."

"Und wie?" fragte Friedrich.

"Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten", versetzte Jarno.

"Alter Herr", sagte Friedrich, "da macht Ihr einen Streich, zu dem man, wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva, und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene Pradikate finden konnte."

"Ich muss aufrichtig gestehen", versetzte Natalie, "es ist ein gefahrlicher Versuch, sich ein Madchen zuzueignen, in dem Augenblicke, da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt."

"Ich habe es gewagt", versetzte Jarno, "sie wird unter einer gewissen Bedingung mein. Und, glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts schatzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fahig ist. Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an. Die Liebe, mit der ein anderer geliebt wird, ist mir beinahe reizender als die mit der ich geliebt werden konnte; ich sehe die Kraft, die Gewalt eines schonen Herzens, ohne dass die Eigenliebe mir den reinen Anblick trubt."

"Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?" versetzte Natalie.

Jarno nickte lachelnd; Natalie schuttelte den Kopf und sagte, indem sie aufstand: "Ich weiss bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll, aber mich sollt ihr gewiss nicht irremachen."

Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der Hand hereintrat und zu ihr sagte: "Bleiben Sie! ich habe hier einen Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der Freund Ihres verstorbenen Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten, muss in diesen Tagen hier sein. Er schreibt mir, dass ihm doch die deutsche Sprache nicht so gelaufig sei, als er geglaubt, dass er eines Gesellschafters bedurfe, der sie vollkommen nebst einigem andern besitze; da er mehr wunsche in wissenschaftliche als politische Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher unentbehrlich. Ich wusste niemand geschickter dazu als unsern jungen Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem unterrichtet, und es wird fur ihn selbst ein grosser Vorteil sein, in so guter Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umstanden Deutschland zu sehen. Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Massstab fur fremde Lander. Was sagen Sie, meine Freunde? was sagen Sie, Natalie?"

Niemand wusste gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn, indem er ohnehin nicht so gleich aufbrechen wurde; Natalie schwieg, und Friedrich fuhrte verschiedene Spruchworter uber den Nutzen des Reisens an.

Wilhelm war uber diesen neuen Vorschlag im Herzen so entrustet, dass er es kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn baldmoglichst loszuwerden, nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste war, man liess sie so offenbar, so ganz ohne Schonung sehen. Auch der Verdacht, den Lydie bei ihm erregt, alles, was er selbst erfahren hatte, wurde wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig, und die naturliche Art, wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm auch nur eine kunstliche Darstellung zu sein.

Er nahm sich zusammen und antwortete: "Dieser Antrag verdient allerdings eine reifliche Uberlegung."

"Eine geschwinde Entschliessung mochte notig sein", versetzte der Abbe.

"Dazu bin ich jetzt nicht gefasst", antwortete Wilhelm. "Wir konnen die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammenpassen. Eine Hauptbedingung aber muss man zum voraus eingehen, dass ich meinen Felix mitnehmen und ihn uberall mit hinfuhren darf."

"Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden", versetzte der Abbe.

"Und ich sehe nicht", rief Wilhelm aus, "warum ich mir von irgendeinem Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen? und warum ich, wenn ich einmal mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft brauche?"

"Weil ein junger Mensch", versetzte der Abbe mit einem gewissen imponierenden Ernste, "immer Ursache hat, sich anzuschliessen."

Wilhelm, der wohl merkte, dass er langer an sich zu halten nicht imstande sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch einigermassen gelindert ward, liess sich hierauf mit einiger Hast vernehmen: "Man vergonne mir nur noch kurze Bedenkzeit, und ich vermute, es wird sich geschwind entscheiden, ob ich Ursache habe, mich weiter anzuschliessen, oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit mir unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden loszureissen, die mir eine ewige elende Gefangenschaft drohen."

So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gemut. Ein Blick auf Natalien beruhigte ihn einigermassen, indem sich in diesem leidenschaftlichen Augenblick ihre Gestalt und ihr Wert nur desto tiefer bei ihm eindruckten.

"Ja", sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, "gestehe dir nur, du liebst sie, und du fuhlst wieder, was es heisse, wenn der Mensch mit allen Kraften lieben kann. So liebte ich Marianen und ward so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen und musste sie verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie nicht lieben; ich verehrte Theresen, und die vaterliche Liebe nahm die Gestalt einer Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen zusammentreffen, die den Menschen glucklich machen sollten, jetzt bist du genotigt zu fliehen! Ach, warum muss sich zu diesen Empfindungen, zu diesen Erkenntnissen das unuberwindliche Verlangen des Besitzes gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese Uberzeugungen jede andere Art von Gluckseligkeit vollig zugrunde? Werde ich kunftig der Sonne und der Welt, der Gesellschaft oder irgendeines Glucksgutes geniessen? wirst du nicht immer zu dir sagen: 'Natalie ist nicht da!' und doch wird leider Natalie dir immer gegenwartig sein. Schliessest du die Augen, so wird sie sich dir darstellen; offnest du sie, so wird sie vor allen Gegenstanden hinschweben wie die Erscheinung, die ein blendendes Bild im Auge zurucklasst. War nicht schon fruher die schnell vorubergegangene Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer gegenwartig? Und du hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht. Nun, da du sie kennst, da du ihr so nahe warst, da sie so vielen Anteil an dir gezeigt hat, nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gemut gepragt als ihr Bild jemals in deine Sinne. Angstlich ist es, immer zu suchen, aber viel angstlicher, gefunden zu haben und verlassen zu mussen. Wornach soll ich in der Welt nun weiter fragen? wornach soll ich mich weiter umsehen? welche Gegend, welche Stadt verwahrt einen Schatz, der diesem gleich ist? und ich soll reisen, um nur immer das Geringere zu finden? Ist denn das Leben bloss wie eine Rennbahn, wo man sogleich schnell wieder umkehren muss, wenn man das ausserste Ende erreicht hat? Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein festes, unverruckbares Ziel da, von dem man sich ebenso schnell mit raschen Pferden wieder entfernen muss, als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt dass jeder andere, der nach irdischen Waren strebt, sie in den verschiedenen Himmelsgegenden oder wohl gar auf der Messe und dem Jahrmarkt anschaffen kann.

Komm, lieber Knabe!" rief er seinem Sohn entgegen, der eben dahergesprungen kam, "sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die grossere Lucke auszufullen. Beschaftige mein Herz, beschaftige meinen Geist mit deiner Schonheit, deiner Liebenswurdigkeit, deiner Wissbegierde und deinen Fahigkeiten!"

Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschaftigt, der Vater suchte es ihm besser, ordentlicher, zweckmassiger einzurichten; aber in dem Augenblicke verlor auch das Kind die Lust daran. "Du bist ein wahrer Mensch!" rief Wilhelm aus; "komm, mein Sohn! komm, mein Bruder, lass uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir konnen!"

Sein Entschluss, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und sich an den Gegenstanden der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester Vorsatz. Er schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe und schickte Friedrichs Kurier mit dem gescharften Auftrage weg, bald wiederzukommen. So sehr er gegen die ubrigen Freunde auch verstimmt war, so rein blieb sein Verhaltnis zu Natalien. Er vertraute ihr seine Absicht; auch sie nahm fur bekannt an, dass er gehen konne und musse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichgultigkeit an ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart vollkommen. Sie riet ihm, verschiedene Stadte zu besuchen, um dort einige ihrer Freunde und Freundinnen kennen zu lernen. Der Kurier kam zuruck, brachte, was Wilhelm verlangt hatte, obgleich Werner mit diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein schien. "Meine Hoffnung, dass Du vernunftig werden wurdest", schrieb dieser, "ist nun wieder eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift Ihr nun alle zusammen herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem Beistande Du mir Hoffnung machtest? Auch die ubrigen Freunde sind nicht gegenwartig; dem Gerichtshalter und mir ist das ganze Geschaft aufgewalzt. Ein Gluck, dass er eben ein so guter Rechtsmann ist, als ich ein Finanzmann bin, und dass wir beide etwas zu schleppen gewohnt sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen Dir verziehen sein, da doch ohne sie unser Verhaltnis in dieser Gegend nicht hatte so gut werden konnen."

Was das Aussere betraf, hatte er nun immer abreisen konnen, allein sein Gemut war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein fur allemal Mignons Korper nicht zeigen, als bei den Exequien, welche der Abbe zu halten gedachte, zu welcher Feierlichkeit noch nicht alles bereit war. Auch war der Arzt durch einen sonderbaren Brief des Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den Harfenspieler, von dessen Schicksalen Wilhelm naher unterrichtet sein wollte.

In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele oder des Korpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und her. Die Gegenwart der alten bekannten Kunstwerke zog ihn an und stiess ihn ab. Er konnte nichts, was ihn umgab, weder ergreifen noch lassen, alles erinnerte ihn an alles; er ubersah den ganzen Ring seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und schien sich auf ewig nicht schliessen zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, dass auch er von einem ruhigen und grundlichen Besitz des Wunschenswerten in der Welt teils ausgeschlossen, teils desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt werden sollte. Er verlor sich so weit in diesen sonderbaren und traurigen Betrachtungen, dass er sich selbst manchmal wie ein Geist vorkam und, selbst wenn er die Dinge ausser sich befuhlte und betastete, sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch wirklich lebe und da sei.

Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, dass er alles das Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig verlassen musse, nur seine Tranen gaben ihm das Gefuhl seines Daseins wieder. Vergebens rief er sich den glucklichen Zustand, in dem er sich doch eigentlich befand, vors Gedachtnis. "So ist denn alles nichts", rief er aus, "wenn das eine fehlt, das dem Menschen alles ubrige wert ist!"

Der Abbe verkundigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. "Sie sind zwar, wie es scheint", sagte er zu Wilhelmen, "mit Ihrem Knaben allein abzureisen entschlossen, lernen Sie jedoch wenigstens diesen Mann kennen, der Ihnen wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle Falle nutzlich sein kann." Der Marchese erschien; es war ein Mann noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefalligen lombardischen Figuren. Er hatte als Jungling mit dem Oheim, der schon um vieles alter war, bei der Armee, dann in Geschaften Bekanntschaft gemacht; sie hatten nachher einen grossen Teil von Italien zusammen durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand, waren zum grossen Teil in seiner Gegenwart und unter manchen glucklichen Umstanden, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft und angeschafft worden.

Der Italiener hat uberhaupt ein tieferes Gefuhl fur die hohe Wurde der Kunst als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt, will Kunstler, Meister und Professor heissen, und bekennt wenigstens durch diese Titelsucht, dass es nicht genug sei, nur etwas durch Uberlieferung zu erhaschen oder durch Ubung irgendeine Gewandtheit zu erlangen; er gesteht, dass jeder vielmehr uber das, was er tut, auch fahig sein solle zu denken, Grundsatze aufzustellen und die Ursachen, warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu machen.

Der Fremde ward geruhrt, so schone Besitztumer ohne den Besitzer wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu horen. Sie gingen die verschiedenen Werke durch und fanden eine grosse Behaglichkeit, sich einander verstandlich machen zu konnen. Der Marchese und der Abbe fuhrten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres Oheims versetzt fuhlte, wusste sich sehr gut in ihre Meinungen und Gesinnungen zu finden; Wilhelm musste sich's in theatralische Terminologie ubersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man hatte Not, Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno war selten zugegen.

Bei der Betrachtung, dass vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit so selten seien, sagte der Marchese: "Es lasst sich nicht leicht denken und ubersehen, was die Umstande fur den Kunstler tun mussen, und dann sind bei dem grossten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer die Forderungen unendlich, die er an sich selbst zu machen hat, unsaglich der Fleiss, der zu seiner Ausbildung notig ist. Wenn nun die Umstande wenig fur ihn tun, wenn er bemerkt, dass die Welt sehr leicht zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gefalligen, behaglichen Schein begehrt, so ware es zu verwundern, wenn nicht Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelmassigen festhielten; es ware seltsam, wenn er nicht lieber fur Modewaren Geld und Lob eintauschen, als den rechten Weg wahlen sollte, der ihn mehr oder weniger zu einem kummerlichen Martyrertum fuhrt. Deswegen bieten die Kunstler unserer Zeit nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist nur angedeutet, und man findet nirgends Grund noch Ausfuhrung. Man darf aber auch nur eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche gepriesen und welche vernachlassigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und fur die Zukunft wenig Hoffnung."

"Ja", versetzte der Abbe, "und so bilden sich Liebhaber und Kunstler wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten Genuss; das Kunstwerk soll ihm ungefahr wie ein Naturwerk behagen, und die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu geniessen, bildeten sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile uber ein Kunstwerk wie uber eine Speise. Sie begreifen nicht, was fur einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der Mensch in sich selbst bewirken muss, wenn er sich uberhaupt bilden will; deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich anmasst, uber das Ganze abzusprechen."

"Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich", sagte Jarno, der eben hinzutrat.

"Auch ist es schwer", versetzte der Abbe, "sich in der Kurze bestimmt hieruber zu erklaren. Ich sage nur so viel: sobald der Mensch an mannigfaltige Tatigkeit oder mannigfaltigen Genuss Anspruch macht, so muss er auch fahig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam unabhangig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner ganzen Menschheit tun oder geniessen will, wer alles ausser sich zu einer solchen Art von Genuss verknupfen will, der wird seine Zeit nur mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es, was so naturlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemalde an und fur sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu vernehmen, den Schauspieler im Schauspieler zu bewundern, sich eines Gebaudes um seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu erfreuen! Nun sieht man aber meist die Menschen entschiedene Werke der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton ware. Nach ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebaude sich ausdehnen oder zusammenziehen, ein Gemalde soll lehren, ein Schauspiel bessern, und alles soll alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst keine Gestalt geben konnen, so arbeiten sie, den Gegenstanden ihre Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu sie auch gehoren. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, ausser dem Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert."

"Ich verstehe Sie", versetzte Jarno, "oder vielmehr ich sehe wohl ein, wie das, was Sie sagen, mit den Grundsatzen zusammenhangt, an denen Sie so festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen unmoglich so genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich bei den grossten Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres armseligsten Bedurfnisses erinnern, ihr Gewissen und ihre Moral mit in die Oper nehmen, ihre Liebe und Hass vor einem Saulengange nicht ablegen, und das Beste und Grosste, was ihnen von aussen gebracht werden kann, in ihrer Vorstellungsart erst moglichst verkleinern mussen, um es mit ihrem kummerlichen Wesen nur einigermassen verbinden zu konnen."

Achtes Kapitel

Am Abend lud der Abbe zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft begab sich in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das sonderbarste erhellt und ausgeschmuckt. Mit himmelblauen Teppichen waren die Wande fast von oben bis unten bekleidet, so dass nur Sockel und Fries hervorschienen. Auf den vier Kandelabern in den Ecken brannten grosse Wachsfackeln, und so nach Verhaltnis auf den vier kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen vier Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur, die auf dem Sarkophag ruhte, mit breiten Fachern von Straussenfedern Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare Chore fingen mit holdem Gesang an zu fragen: "Wen bringt ihr uns zur stillen Gesellschaft?" Die vier Kinder antworteten mit lieblicher Stimme: "Einen muden Gespielen bringen wir euch; lasst ihn unter euch ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst wieder aufweckt."

CHOR

"Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Madchen nach! Nur das Alter nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!"

KNABEN

"Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben! lasst uns auch bleiben, lasst uns weinen, weinen an seinem Sarge!"

CHOR

"Seht die machtigen Flugel doch an! seht das leichte, reine Gewand! wie blinkt die goldene Binde vom Haupt! seht die schone, die wurdige Ruh'!"

KNABEN

"Ach! die Flugel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen kranzten ihr Haupt, blickte sie hold und freundlich nach uns."

CHOR

"Schaut mit den Augen des Geistes hinan! in euch lebe die bildende Kraft, die das Schonste, das Hochste hinauf, uber die Sterne das Leben tragt."

KNABEN

"Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Garten wandelt sie nicht, sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Lasst uns weinen, wir lassen sie hier! lasst uns weinen und bei ihr bleiben!"

CHOR

"Kinder! kehret ins Leben zuruck! Eure Tranen trockne die frische Luft, die um das schlangelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen."

KNABEN

"Auf! wir kehren ins Leben zuruck. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust, bis der Abend uns Ruhe bringt, und der nachtliche Schlaf uns erquickt."

CHOR

"Kinder! eilet ins Leben hinan! In der Schonheit reinem Gewande begegn' euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der Unsterblichkeit!" Die Knaben waren schon fern, der Abbe stand von seinem Sessel auf und trat hinter den Sarg. "Es ist die Verordnung", sagte er, "des Mannes, der diese stille Wohnung bereitet hat, dass jeder neue Ankommling mit Feierlichkeit empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses Hauses, dem Errichter dieser Statte, haben wir zuerst einen jungen Fremdling hierher gebracht, und so fasst schon dieser kleine Raum zwei ganz verschiedene Opfer der strengen, willkurlichen und unerbittlichen Todesgottin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins Leben ein, die Tage sind gezahlt, die uns zum Anblicke des Lichts reif machen, aber fur die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schwachste Lebensfaden zieht sich in unerwartete Lange, und den starksten zerschneidet gewaltsam die Schere einer Parze, die sich in Widerspruchen zu gefallen scheint. Von dem Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen. Noch ist uns unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht, und die Zahl seiner Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes verschlossenes Herz liess uns seine innersten Angelegenheiten kaum erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts offenbar, als die Liebe zu dem Manne, der es aus den Handen eines Barbaren rettete. Diese zartliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme zu sein, die das Ol ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des Arztes konnte das schone Leben nicht erhalten, die sorgfaltigste Freundschaft vermochte nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den scheidenden Geist nicht zu fesseln vermochte, so hat sie alle ihre Mittel angewandt, den Korper zu erhalten und ihn der Verganglichkeit zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern gedrungen und farbt nun an der Stelle des Bluts die so fruh verblichenen Wangen. Treten Sie naher, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst und Sorgfalt!"

Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und bewunderten diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand, durfte er nicht denken, und jeder Gedanke schien seine Empfindung zerstoren zu wollen.

Die Rede war um des Marchese willen franzosisch gesprochen worden. Dieser trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: "Mit einem heiligen Vertrauen war auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz bestandig zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich ausserlich zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft ausserte sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben nach den Gebrauchen der Kirche dieses marmorne Behaltnis und die wenige Erde geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit welcher Inbrunst kusste sie in ihren letzten Augenblicken das Bild des Gekreuzigten, das auf ihren zarten Armen mit vielen hundert Punkten sehr zierlich abgebildet steht!" Er streifte zugleich, indem er das sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von verschiedenen Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf der weissen Haut.

Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der Nahe. "O Gott!" rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine Hande gen Himmel hob, "armes Kind! Ungluckliche Nichte! Finde ich dich hier wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir schon lange Verzicht getan hatten, diesen guten lieben Korper, den wir lange im See einen Raub der Fische glaubten, hier wieder zu finden, zwar tot, aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so herrlich durch ihr Ausseres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird, die dich zu deiner Ruhestatte begleiten. Und wenn ich werde reden konnen", sagte er mit gebrochener Stimme, "werde ich ihnen danken."

Die Tranen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den Druck einer Feder versenkte der Abbe den Korper in die Tiefe des Marmors. Vier Junglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter den Teppichen hervor, hoben den schweren, schon verzierten Deckel auf den Sarg und fingen zugleich ihren Gesang an.

DIE JUNGLINGE.

"Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schone Gebild der Vergangenheit! hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zuruck! nehmet den heiligen Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit." Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand von der Gesellschaft vernahm die starkenden Worte, jedes war zu sehr mit den wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen beschaftigt. Der Abbe und Natalie fuhrten den Marchese, Wilhelmen Therese und Lothario hinaus, und erst als der Gesang ihnen vollig verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich wunschten sie sich in jenes Element wieder zuruck.

Neuntes Kapitel

Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und lange Gesprache mit dem Abbe. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft beisammen war, ofters Musik; man sorgte gern dafur, weil jedermann zufrieden war, des Gesprachs uberhoben zu sein. So lebte man einige Zeit fort, als man bemerkte, dass er Anstalt zur Abreise mache. Eines Tages sagte er zu Wilhelmen: "Ich verlange nicht die Reste des guten Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zuruck, wo es geliebt und gelitten hat, aber seine Freunde mussen mir versprechen, mich in seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme Geschopf geboren und erzogen wurde; sie mussen die Saulen und Statuen sehen, von denen ihm noch eine dunkle Idee ubriggeblieben ist.

Ich will Sie in die Buchten fuhren, wo sie so gern die Steinchen zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit einer Familie nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen reise ich weg. Ich habe dem Abbe die ganze Geschichte vertraut, er wird sie Ihnen wiedererzahlen; er konnte mir verzeihen, wenn mein Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein Dritter die Begebenheiten mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zuruck; bei jeder kleinen Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge fur meine arme Nichte wieder erinnern."

Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Grafin uberrascht. Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald einen Stuhl reichte. Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie verandert ihre Gestalt! Wilhelm durfte kaum auf sie hinblicken; sie begrusste ihn mit Freundlichkeit, und einige allgemeine Worte konnten ihre Gesinnung und Empfindungen nicht verbergen. Der Marchese war beizeiten zu Bette gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine Lust, sich zu trennen; der Abbe brachte ein Manuskript hervor. "Ich habe", sagte er, "sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir anvertraut wurde, zu Papier gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll, das ist beim Aufzeichnen einzelner Umstande merkwurdiger Begebenheiten." Man unterrichtete die Grafin, wovon die Rede sei, und der Abbe las:

"Meinen Vater", sagte der Marchese, "muss ich, so viel Welt ich auch gesehen habe, immer fur einen der wunderbarsten Menschen halten. Sein Charakter war edel und gerade, seine Ideen weit, und man darf sagen gross; er war streng gegen sich selbst; in allen seinen Planen fand man eine unbestechliche Folge, an allen seinen Handlungen eine ununterbrochene Schrittmassigkeit. So gut sich daher von einer Seite mit ihm umgehen und ein Geschaft verhandeln liess, so wenig konnte er um eben dieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom Staate, von seinen Nachbarn, von Kindern und Gesinde die Beobachtung aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine massigsten Forderungen wurden ubertrieben durch seine Strenge, und er konnte nie zum Genuss gelangen, weil nichts auf die Weise entstand, wie er sich's gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen Palast bauete, einen Garten anlegte, ein grosses neues Gut in der schonsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm uberzeugt gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu dulden. In seinem Ausserlichen beobachtete er die grosste Wurde; wenn er scherzte, zeigte er nur die Uberlegenheit seines Verstandes; es war ihm unertraglich, getadelt zu werden, und ich habe ihn nur einmal in meinem Leben ganz ausser aller Fassung gesehen, da er horte, dass man von einer seiner Anstalten wie von etwas Lacherlichem sprach. In eben diesem Geiste hatte er uber seine Kinder und sein Vermogen disponiert. Mein altester Bruder ward als ein Mann erzogen, der kunftig grosse Guter zu hoffen hatte; ich sollte den geistlichen Stand ergreifen, und der Jungste Soldat werden. Ich war lebhaft, feurig, tatig, schnell, zu allen korperlichen Ubungen geschickt. Der Jungste schien zu einer Art von schwarmerischer Ruhe geneigter, den Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst ergeben. Nur nach dem hartsten Kampf, nach der volligen Uberzeugung der Unmoglichkeit gab der Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, dass wir unsern Beruf umtauschen durften, und ob er gleich jeden von uns beiden zufrieden sah, so konnte er sich doch nicht drein finden und versicherte, dass nichts Gutes daraus entstehen werde. Je alter er ward, desto abgeschnittener fuhlte er sich von aller Gesellschaft. Er lebte zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter Freund, der unter den Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau verloren und eine Tochter mitgebracht hatte, die ungefahr zehn Jahre alt war, blieb sein einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein artiges Gut in der Nachbarschaft, sah meinen Vater zu bestimmten Tagen und Stunden der Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte. Er widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt vollig an ihn gewohnte und ihn als den einzigen ertraglichen Gesellschafter duldete. Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, dass dieser Mann von unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit nicht umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine Guter, seine Tochter konnte eine schone Mitgift erwarten. Das Madchen wuchs heran und war von sonderbarer Schonheit; mein alterer Bruder scherzte oft mit mir, dass ich mich um sie bewerben sollte.

Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem sonderbarsten Zustande zugebracht; er uberliess sich ganz dem Genuss einer heiligen Schwarmerei, jenen halb geistigen, halb physischen Empfindungen, die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht und leeres Elend versinken liessen. Bei meines Vaters Lebzeiten war an keine Veranderung zu denken, und was hatte man wunschen oder vorschlagen sollen? Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleissig; sein Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles ertraglicher, denn die Vernunft hatte gesiegt. Allein je sichrer sie ihm vollige Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der Natur versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, dass wir ihn von seinen Gelubden befreien sollten; er gab zu verstehen, dass seine Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.

Mein alterer Bruder hatte zu viel durch die Harte unseres Vaters gelitten, als dass er ungeruhrt bei dem Zustande des jungsten hatte bleiben konnen. Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie, einem alten wurdigen Manne, entdeckten ihm die doppelte Absicht unseres Bruders und baten ihn, die Sache einzuleiten und zu befordern. Wider seine Gewohnheit zogerte er, und als endlich unser Bruder in uns drang, und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter empfahlen, musste er sich entschliessen, uns die sonderbare Geschichte zu entdecken.

Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter; Neigung und Sinnlichkeit hatten den Mann in spateren Jahren nochmals uberwaltigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu sein scheint; uber einen ahnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht gleichfalls dem Lacherlichen auszusetzen, beschloss, diese spate gesetzmassige Frucht der Liebe mit eben der Sorgfalt zu verheimlichen, als man sonst die fruhern zufalligen Fruchte der Neigung zu verbergen pflegt. Unsere Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde aufs Land gebracht, und der alte Hausfreund, der nebst dem Beichtvater allein um das Geheimnis wusste, liess sich leicht bereden, sie fur seine Tochter auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen, im aussersten Fall das Geheimnis entdecken zu durfen. Der Vater war gestorben, das zarte Madchen lebte unter der Aufsicht einer alten Frau; wir wussten, dass Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr eingefuhrt hatten, und da er uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu trennen, um das neue zu knupfen, so war es notig, ihn so bald als moglich von der Gefahr zu unterrichten, in der er schwebte.

Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. 'Spart eure unwahrscheinlichen Marchen', rief er aus 'fur Kinder und leichtglaubige Toren! mir werdet ihr Speraten nicht vom Herzen reissen, sie ist mein. Verleugnet sogleich euer schreckliches Gespenst, das mich nur vergebens angstigen wurde. Sperata ist nicht meine Schwester, sie ist mein Weib!' Er beschrieb uns mit Entzucken, wie ihn das himmlische Madchen aus dem Zustande der unnaturlichen Absonderung von den Menschen in das wahre Leben gefuhrt, wie beide Gemuter gleich beiden Kehlen zusammen stimmten, und wie er alle seine Leiden und Verirrungen segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis dahin entfernt gehalten, und weil er nun ganz und gar sich dem liebenswurdigsten Madchen ergeben konne. Wir entsetzten uns uber die Entdeckung, uns jammerte sein Zustand, wir wussten uns nicht zu helfen, er versicherte uns mit Heftigkeit, dass Sperata ein Kind von ihm im Busen trage. Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber dadurch ward das Ubel nur schlimmer. Die Verhaltnisse der Natur und der Religion, der sittlichen Rechte und der burgerlichen Gesetze wurden von meinem Bruder aufs heftigste durchgefochten. Nichts schien ihm heilig als das Verhaltnis zu Sperata, nichts schien ihm wurdig als der Name Vater und Gattin. 'Diese allein', rief er aus 'sind der Natur gemass, alles andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht edle Volker, die eine Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure Gotter nicht', rief er aus, 'ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr uns betoren, uns von dem Wege der Natur abfuhren und die edelsten Triebe durch schandlichen Zwang zu Verbrechen entstellen wollt. Zur grossten Verwirrung des Geistes, zum schandlichsten Missbrauche des Korpers notigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig begrabt.

Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der hochsten, sussesten Fulle der Schwarmerei bis zu den furchterlichen Wusten der Ohnmacht, der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den hochsten Ahnungen uberirdischer Wesen bis zu dem volligsten Unglauben, dem Unglauben an mir selbst. Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des am Rande schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken, und mein ganzes Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. Nun, da mich die gutige Natur durch ihre grossten Gaben, durch die Liebe, wieder geheilt hat, da ich an dem Busen eines himmlischen Madchens wieder fuhle, dass ich bin, dass sie ist, dass wir eins sind, dass aus dieser lebendigen Verbindung ein Drittes entstehen und uns entgegenlacheln soll, nun eroffnet ihr die Flammen eurer Hollen, eurer Fegefeuer, die nur eine kranke Einbildungskraft versengen konnen, und stellt sie dem lebhaften, wahren, unzerstorlichen Genuss der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns unter jenen Zypressen, die ihre ernsthaften Gipfel gen Himmel wenden, besucht uns an jenen Spalieren, wo die Zitronen und Pomeranzen neben uns bluhn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht, und dann wagt es, uns mit euren truben, grauen, von Menschen gesponnenen Netzen zu angstigen!'

So bestand er lange Zeit auf einem hartnackigen Unglauben unserer Erzahlung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten, da sie ihm der Beichtvater selbstversicherte, liess er sich doch dadurch nicht irremachen, vielmehr rief er aus: 'Fragt nicht den Widerhall eurer Kreuzgange, nicht euer vermodertes Pergament, nicht eure verschrankten Grillen und Verordnungen, fragt die Natur und euer Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, sie wird euch mit dem strengsten Finger zeigen, woruber sie ewig und unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt nicht Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die Blume, die beide gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld, und ihre geschwisterliche Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur verabscheut, so spricht sie es laut aus; das Geschopf, das nicht sein soll, kann nicht werden, das Geschopf, das falsch lebt, wird fruh zerstort. Unfruchtbarkeit, kummerliches Dasein, fruhzeitiges Zerfallen, das sind ihre Fruchte, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur durch unmittelbare Folgen straft sie. Da! seht um euch her, und was verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der Stille des Klosters und im Gerausche der Welt sind tausend Handlungen geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen Mussiggang so gut als uberstrengte Arbeit, auf Willkur und Uberfluss wie auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen nieder, zur Massigkeit ruft sie, wahr sind alle ihre Verhaltnisse und ruhig alle ihre Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu sein. Sperata ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie behalten kann, wie ich glucklich werden kann, das ist eure Sorge! Jetzt gleich geh' ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen.'

Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr uberzusetzen; wir hielten ihn ab und baten ihn, dass er keinen Schritt tun mochte, der die schrecklichsten Folgen haben konnte. Er solle uberlegen, dass er nicht in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, sondern in einer Verfassung lebe, deren Gesetze und Verhaltnisse die Unbezwinglichkeit eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir mussten dem Beichtvater versprechen, dass wir den Bruder nicht aus den Augen, noch weniger aus dem Schlosse lassen wollten; darauf ging er weg und versprach, in einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen hatten, traf ein; der Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber sein Herz war weich; die fruhern Eindrucke der Religion wurden lebhaft, und die entsetzlichsten Zweifel bemachtigten sich seiner. Er brachte zwei furchterliche Tage und Nachte zu; der Beichtvater kam ihm wieder zu Hulfe, umsonst! Der ungebundene freie Verstand sprach ihn los; sein Gefuhl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erklarten ihn fur einen Verbrecher.

Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem Tische, worin er uns erklarte, dass er, da wir ihn mit Gewalt gefangenhielten, berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen; er entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe mit ihr zu entkommen, er sei auf alles gefasst, wenn man sie trennen wolle.

Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu sein. Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die Schiffer, anstatt ihn uberzusetzen, fuhrten ihn in sein Kloster. Ermudet von einem vierzigstundigen Wachen, schlief er ein, sobald ihn der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte nicht fruher, als bis er sich in den Handen seiner geistlichen Bruder sah; er erholte sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich zuschlagen horte.

Schmerzlich geruhrt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorwurfe; allein dieser ehrwurdige Mann wusste uns bald mit den Grunden des Wundarztes zu uberreden, dass unser Mitleid fur den armen Kranken todlich sei. Er handle nicht aus eigner Willkur, sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen Rates. Die Absicht war, alles offentliche Argernis zu vermeiden und den traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen Kirchenzucht zu verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht erfahren, dass ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward einem Geistlichen anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand vertraut hatte. Man wusste ihre Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie war als Mutter in dem kleinen Geschopfe ganz glucklich. So wie die meisten unserer Madchen konnte sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen; sie gab daher dem Pater Auftrage, was er ihrem Geliebten sagen sollte. Dieser glaubte den frommen Betrug einer saugenden Mutter schuldig zu sein, er brachte ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals sah, ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat sie, fur sich und das Kind zu sorgen und wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.

Sperata war von Natur zur Religiositat geneigt. Ihr Zustand, ihre Einsamkeit vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um sie nach und nach auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das Kind entwohnt, kaum glaubte er ihren Korper stark genug, die angstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er an, das Vergehen ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich einem Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art Sunde gegen die Natur, als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren Gedanken, ihre Reue jener Reue gleich zu machen, die sie empfunden haben wurde, wenn sie das wahre Verhaltnis ihres Fehltritts erfahren hatte. Er brachte dadurch so viel Jammer und Kummer in ihr Gemut, er erhohte die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr vor ihr, er zeigte ihr die schrecklichen Folgen fur das Heil aller Seelen, wenn man in solchen Fallen nachgeben und die Straffalligen durch eine rechtmassige Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es sei einen solchen Fehler in der Zeit abzubussen und dafur dereinst die Krone der Herrlichkeit zu erwerben, dass sie endlich wie eine arme Sunderin ihren Nacken dem Beil willig darreichte und instandig bat, dass man sie auf ewig von unserm Bruder entfernen mochte. Als man so viel von ihr erlangt hatte, liess man ihr, doch unter einer gewissen Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in dem Kloster zu sein, je nachdem sie es fur gut hielte.

Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte sehr fruh laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang bald sehr artig und lernte die Zither gleichsam von sich selbst. Nur mit Worten konnte es sich nicht ausdrucken, und es schien das Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu liegen. Die arme Mutter fuhlte indessen ein trauriges Verhaltnis zu dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre Vorstellungsart so verwirrt, dass sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den seltsamsten Zustanden befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher und straffalliger zu werden; das oft wiederholte Gleichnis des Geistlichen vom Inzest hatte sich so tief bei ihr eingepragt, dass sie einen solchen Abscheu empfand, als wenn ihr das Verhaltnis selbst bekannt gewesen ware. Der Beichtvater dunkte sich nicht wenig uber das Kunststuck, wodurch er das Herz eines unglucklichen Geschopfes zerriss. Jammerlich war es anzusehen, wie die Mutterliebe, die uber das Dasein des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt war, mit dem schrecklichen Gedanken stritt, dass dieses Kind nicht da sein sollte. Bald stritten diese beiden Gefuhle zusammen, bald war der Abscheu uber die Liebe gewaltig.

Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte, zeigte sich bald seine besondere Lust zum Klettern. Die hochsten Gipfel zu ersteigen, auf den Randern der Schiffe wegzulaufen und den Seiltanzern, die sich manchmal in dem Orte sehen liessen, die wunderlichsten Kunststukke nachzumachen, war ein naturlicher Trieb.

Um das alles leichter zu uben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider zu wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeeltern hochst unanstandig und unzulassig gehalten wurde, so liessen wir ihr doch soviel als moglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und Sprunge fuhrten sie manchmal weit; sie verirrte sich, sie blieb aus und kam immer wieder. Meistenteils, wenn sie zuruckkehrte, setzte sie sich unter die Saulen des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft; man suchte sie nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf den Stufen auszuruhen, dann lief sie in den grossen Saal, besah die Statuen, und wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach Hause.

Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getauscht und unsere Nachsicht bestraft. Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser schwimmen, nicht weit von dem Ort, wo ein Giessbach sich in den See sturzte. Man vermutete, dass es bei seinem Klettern zwischen den Felsen verungluckt sei; bei allem Nachforschen konnte man den Korper nicht finden.

Durch das unvorsichtige Geschwatz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr Sperata bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab nicht undeutlich zu verstehen, sie freue sich, dass Gott das arme Geschopf zu sich genommen und so bewahrt habe, ein grosseres Ungluck zu erdulden oder zu stiften.

Bei dieser Gelegenheit kamen alle Marchen zur Sprache, die man von unsern Wassern zu erzahlen pflegt. Es hiess: der See musse alle Jahre ein unschuldiges Kind haben; er leide keinen toten Korper und werfe ihn fruh oder spat ans Ufer, ja sogar das letzte Knochelchen, wenn es zu Grunde gesunken sei, musse wieder heraus. Man erzahlte die Geschichte einer untrostlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken sei, und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur wenigstens die Gebeine zum Begrabnis zu gonnen; der nachste Sturm habe den Schadel, der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und nachdem alles beisammen gewesen, habe sie samtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen, aber, o Wunder! als sie in den Tempel getreten, sei das Paket immer schwerer geworden, und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars gelegt, habe das Kind zu schreien angefangen und sich zu jedermanns Erstaunen aus dem Tuche losgemacht; nur ein Knochelchen des kleinen Fingers an der rechten Hand habe gefehlt, welches denn die Mutter nachher noch sorgfaltig aufgesucht und gefunden, das denn auch noch zum Gedachtnis unter andern Reliquien in der Kirche aufgehoben werde.

Auf die arme Mutter machten diese Geschichten grossen Eindruck; ihre Einbildungskraft fuhlte einen neuen Schwung und begunstigte die Empfindung ihres Herzens. Sie nahm an, dass das Kind nunmehr fur sich und seine Eltern abgebusst habe, dass Fluch und Strafe, die bisher auf ihnen geruht, nunmehr ganzlich gehoben sei; dass es nur darauf ankomme, die Gebeine des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom zu bringen, so wurde das Kind auf den Stufen des grossen Altars der Peterskirche wieder, mit seiner schonen frischen Haut umgeben, vor dem Volke dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und Mutter schauen, und der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner Heiligen uberzeugt, werde unter dem lauten Zuruf des Volks den Eltern die Sunde vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.

Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen, glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es musste zum Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.

So war sie auch des Tages unermudet an den Stellen, wo das kiesichte Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein Korbchen alle Knochen, die sie fand. Niemand durfte ihr sagen, dass es Tierknochen seien; die grossen begrub sie, die kleinen hub sie auf. In dieser Beschaftigung lebte sie unablassig fort. Der Geistliche, der durch die unerlassliche Ausubung seiner Pflicht ihren Zustand verursacht hatte, nahm sich auch ihrer nun aus allen Kraften an. Durch seinen Einfluss ward sie in der Gegend fur eine Entzuckte, nicht fur eine Verruckte gehalten; man stand mit gefalteten Handen, wenn sie vorbeiging, und die Kinder kussten ihr die Hand.

Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die Schuld, die sie bei der unglucklichen Verbindung beider Personen gehabt haben mochte, nur unter der Bedingung erlassen, dass sie unablassig treu ihr ganzes kunftiges Leben die Ungluckliche begleiten solle, und sie hat mit einer bewundernswurdigen Geduld und Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausgeubt.

Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren; weder die Arzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns erlauben, vor ihm zu erscheinen; allein um uns zu uberzeugen, dass es ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir ihn, so oft wir wollten, in dem Garten, in den Kreuzgangen, ja durch ein Fenster an der Decke seines Zimmers belauschen.

Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich ubergehe, war er in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe des Korpers geraten. Er sass fast niemals, als wenn er seine Harfe nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens mit Gesang begleitete. Ubrigens war er immer in Bewegung und in allem ausserst lenksam und folgsam; denn alle seine Leidenschaften schienen sich in der einzigen Furcht des Todes aufgelost zu haben. Man konnte ihn zu allem in der Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefahrlichen Krankheit oder mit dem Tode drohte.

Ausser dieser Sonderbarkeit, dass er unermudet im Kloster hin und her ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, dass es noch besser sein wurde, uber Berg und Taler so zu wandeln, sprach er auch von einer Erscheinung, die ihn gewohnlich angstigte. Er behauptete namlich, dass bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der Nacht ein schoner Knabe unten an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken Messer drohe. Man versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete, auch da, und zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im Hinterhalt. Sein Auf und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte sich nachher, dass er in der Zeit ofter als sonst an dem Fenster gestanden und uber den See hinubergesehen habe.

Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von der beschrankten Beschaftigung nach und nach aufgerieben zu werden, und unser Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre ubrigen Gebeine die Knochen eines Kinderskeletts mischen, um dadurch ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch war zweifelhaft, doch schien wenigstens so viel dabei gewonnen, dass man sie, wenn alle Teile beisammen waren, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu einer Reise nach Rom Hoffnung machen konnte.

Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr anvertrauten kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche Wonne verbreitete sich uber die arme Kranke, als die Teile sich nach und nach zusammenfanden und man diejenigen bezeichnen konnte, die noch fehlten. Sie hatte mit grosser Sorgfalt jeden Teil, wo er hingehorte, mit Faden und Bandern befestigt; sie hatte, wie man die Korper der Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die Zwischenraume ausgefullt.

So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige der ausseren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief, und der Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die verehrten Reste aus dem Kastchen weg, das in der Schlafkammer stand, um dem Arzte zu zeigen, wie sich die gute Kranke beschaftige. Kurz darauf horte man sie aus dem Bette springen, sie hob das Tuch auf und fand das Kastchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie; man kam und horte ihr freudiges, inbrunstiges Gebet. 'Ja! es ist wahr', rief sie aus 'es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine Freunde, mit mir! Ich habe das gute, schone Geschopf wieder lebendig gesehen. Es stand auf und warf den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete das Zimmer, seine Schonheit war verklart, es konnte den Boden nicht betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es emporgehoben und konnte mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich und zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und bald folgen, ich fuhl' es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen meines Wiederauferstandenen hat mir einen Vorgeschmack der himmlischen Freude gegeben.'

Von der Zeit an war ihr ganzes Gemut mit den heitersten Aussichten beschaftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre Aufmerksamkeit mehr, sie genoss nur wenige Speisen, und ihr Geist machte sich nach und nach von den Banden des Korpers los. Auch fand man sie zuletzt unvermutet erblasst und ohne Empfindung; sie offnete die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.

Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und das ehrwurdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoss, verwandelte sich nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, dass man sie sogleich fur selig, ja fur heilig halten musse.

Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drangten sich viele Menschen mit unglaublicher Heftigkeit hinzu; man wollte ihre Hand, man wollte wenigstens ihr Kleid beruhren. In dieser leidenschaftlichen Erhohung fuhlten verschiedene Kranke die Ubel nicht, von denen sie sonst gequalt wurden; sie hielten sich fur geheilt, sie bekannten's, sie priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war genotigt, den Korper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte Gelegenheit, seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich; die Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiosen Gefuhlen gestimmt sind, drangen aus ihren Talern herbei; die Andacht, die Wunder, die Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischoflichen Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst einschranken und nach und nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur Ausfuhrung gebracht werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig und gegen jeden Unglaubigen bereit, in Tatlichkeiten auszubrechen. 'Wandelte nicht auch', riefen sie 'der heilige Borromaus unter unsern Vorfahren? Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man nicht durch jenes grosse Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine geistige Grosse sinnlich vergegenwartigen wollen? Leben die Seinigen nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem glaubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?'

Als der Korper nach einigen Tagen keine Zeichen der Faulnis von sich gab und eher weisser und gleichsam durchsichtig ward, erhohte sich das Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht erklaren und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, horte wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.

Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die ubrige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts aufzumerken pflegte, und sein Verhaltnis niemanden bekannt war. Diesmal schien er aber mit grosser Genauigkeit gehort zu haben; er fuhrte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, dass niemals jemand hat begreifen konnen, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man erfuhr nachher, dass er sich mit einer Anzahl Wallfahrer ubersetzen lassen, und dass er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm wahrnahmen, nur um die grosste Sorgfalt gebeten, dass das Schiff nicht umschlagen mochte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine ungluckliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenige Andachtige knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin sass zu ihren Haupten, er trat hinzu und grusste sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin befande. 'Ihr seht es', versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre Hand. Erschreckt von der Kalte, liess er sie sogleich wieder fahren, er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: 'Ich kann jetzt nicht bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich will aber zur rechten Zeit schon wieder da sein; sag' ihr das, wenn sie aufwacht!'

So ging er hinweg, wir wurden nur spat von diesem Vorgang benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber vergebens! Wie er sich durch Berge und Taler durchgearbeitet haben mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in Graubunden eine Spur von ihm wieder, allein zu spat, und sie verlor sich bald. Wir vermuteten, dass er nach Deutschland sei, allein der Krieg hatte solche schwache Fusstapfen ganzlich verwischt."

Zehntes Kapitel

Der Abbe horte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tranen zugehort. Die Grafin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf und verliess mit Natalien das Zimmer. Die ubrigen schwiegen, und der Abbe sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer zweifelt wohl einen Augenblick daran, dass Augustin und unser Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu uberlegen, was wir tun, sowohl um des unglucklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat ware, nichts zu ubereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben von dort zuruckerwarten, fur Nachrichten bringt."

Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: "Eine andere Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit. Der Marchese ist unglaublich geruhrt uber die Gastfreundschaft, die seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde, gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umstandlich, ja wiederholt erzahlen mussen, und er zeigte seine lebhafteste Dankbarkeit. 'Der junge Mann', sagte er 'hat ausgeschlagen, mit mir zu reisen, ehe er das Verhaltnis kannte, das unter uns besteht. Ich bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen Laune er etwa nicht gewiss ware; ich bin sein Verbundener, wenn Sie wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zurucklassen wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schonen Bande werden, das uns nur desto fester aneinander knupft. Uber die Verbindlichkeit, die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nutzlich, er kehre mit mir zuruck, mein alterer Bruder wird ihn mit Freuden empfangen, er verschmahe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht; denn nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das Vermogen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns zuruckgefallen, und wir wollen dem Wohltater unserer Nichte gewiss das nicht vorenthalten, was er verdient hat.'"

Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals hier so einen schonen Fall, dass uneigennutziges Wohltun die hochsten und schonsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie einem schonen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz mehr als einmal an sich gezogen hat."

"Ich uberlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Fuhrung", sagte Wilhelm; "es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu streben. Was ich festzuhalten wunschte, muss ich fahrenlassen, und eine unverdiente Wohltat drangt sich mir auf."

Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los. "Ich uberlasse Ihnen ganz", sagte er zu dem Abbe, "was Sie uber mich beschliessen; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so bin ich zufrieden, uberall hinzugehn und alles, was man fur recht halt, zu unternehmen."

Auf diese Erklarung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle, sagte er, den Marchese abreisen lassen, Wilhelm solle die Nachricht des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man uberlegt habe, was zu tun sei, konne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den Marchese unter einem Vorwand, dass die Einrichtungen des jungen Freundes zur Reise ihn nicht abhalten mussten, die Merkwurdigkeiten der Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die Geschenke, die er zuruckliess, und die aus Juwelen, geschnittenen Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis gaben.

Wilhelm war nun auch vollig reisefertig, und man war um so mehr verlegen, dass keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man befurchtete, dem armen Harfenspieler mochte ein Ungluck begegnet sein, zu eben der Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen bessern Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat, dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war, und den niemand kannte. Beide Ankommlinge schwiegen eine Zeitlang still; endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und sagte: "Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?" Es war die Stimme des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur ubriggeblieben zu sein. Er war in der gewohnlichen Tracht eines Reisenden, reinlich und anstandig gekleidet, sein Bart war verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn eigentlich ganz unkenntlich machte, war, dass an seinem bedeutenden Gesichte die Zuge des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und betrug sich sehr vernunftig, und wusste nicht, wie bekannt er der Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. "Sie werden Geduld mit einem Menschen haben", fuhr er mit grosser Gelassenheit fort, "der, so erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich schuldig, dass ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft erscheinen kann."

Man hiess ihn willkommen, und der Arzt veranlasste sogleich einen Spaziergang, um das Gesprach abzubrechen und ins Gleichgultige zu lenken.

Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklarung: "Die Genesung dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall gegluckt. Wir hatten ihn lange nach unserer Uberzeugung moralisch und physisch behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein die Todesfurcht war noch immer gross bei ihm, und seinen Bart und sein langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; ubrigens nahm er mehr teil an den weltlichen Dingen, und seine Gesange schienen wie seine Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu nahern. Sie wissen, welch ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam, ich fand unsern Mann ganz verandert, er hatte freiwillig seinen Bart hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form zuzuschneiden, er verlangte gewohnliche Kleider und schien auf einmal ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache dieser Verwandlung zu ergrunden, und wagten doch nicht, uns mit ihm selbst daruber einzulassen; endlich entdeckten wir zufallig die sonderbare Bewandtnis. Ein Glas flussiges Opium fehlte in der Hausapotheke des Geistlichen, man hielt fur notig, die strengste Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat dieser Mann auf und gestand, dass er es besitze; man fragte ihn, ob er davon genommen habe? er sagt 'Nein!', fuhr aber fort: 'Ich danke diesem Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hangt von euch ab, mir dieses Flaschchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in meinen alten Zustand wieder zuruckfallen sehen. Das Gefuhl, dass es wunschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Moglichkeit, sogleich die grossen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die Schmerzen zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, mich durch die Nahe des Todes wieder in das Leben zuruckgedrangt. Sorgt nicht', sagte er 'dass ich Gebrauch davon mache, sondern entschliesst euch, als Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die Unabhangigkeit vom Leben zugesteht, erst vom Leben recht abhangig zu machen.' Nach reiflicher Uberlegung drangen wir nicht weiter in ihn, und er fuhrt nun in einem festen geschliffenen Glasflaschchen dieses Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich."

Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war, und man beschloss, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu lassen, und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufuhren.

Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese vollenden. Schien es moglich, Augustinen eine Neigung zu seinem Vaterlande wieder einzuflossen, so wollte man seinen Verwandten den Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zufuhren.

Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es im Anfang wunderbar schien, dass Augustin sich freute, als er vernahm, wie sein alter Freund und Wohltater sich sogleich wieder entfernen sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen Gemutsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix hatte, nicht uberwinden und wunschte den Knaben je eher je lieber entfernt zu sehen.

Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, dass man sie im Schloss und in den Seitengebauden kaum alle unterbringen konnte, um so mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gaste die Einrichtung gemacht hatte. Man fruhstuckte, man speiste zusammen und hatte sich gern beredet, man lebe in einer vergnuglichen Ubereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gemuter sich gewissermassen auseinander sehnten. Therese war manchmal mit Lothario, noch ofter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon alle Landwirte und Landwirtinnen kennen lernen; es war ihr Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, dass man mit Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in einem ewigen Gefalligkeitswechsel stehen musse. Von einer Verbindung zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein, die beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt oftere Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war uberall, wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie zusammen sein mussten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik, um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.

Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen entgegen, und als der Ankommende fragte, was er fur Gesellschaft finde, so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: "Sie finden den ganzen Adel der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat nur noch an einem Grafen gefehlt." So ging man die Treppe hinauf, und Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. "Mylord!" sagte der Graf zu ihm auf franzosisch, nachdem er ihn einen Augenblick betrachtet hatte, "ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft unvermutet zu erneuern; denn ich musste mich sehr irren, wenn ich Sie nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben." "Ich hatte das Gluck, Ew. Exzellenz damals aufzuwarten", versetzte Wilhelm, "nur erzeigen Sie mir zu viel Ehre, wenn Sie mich fur einen Englander und zwar vom ersten Range halten, ich bin ein Deutscher, und" "zwar ein sehr braver junger Mann", fiel Jarno sogleich ein. Der Graf sah Wilhelmen lachelnd an und wollte eben etwas erwidern, als die ubrige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs freundlichste begrusste. Man entschuldigte sich, dass man ihm nicht sogleich ein anstandiges Zimmer anweisen konne, und versprach den notigen Raum ungesaumt zu verschaffen.

"Ei ei!" sagte er lachelnd, "ich sehe wohl, dass man dem Zufalle uberlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und Einrichtung, wie viel ist da nicht moglich! Jetzt bitte ich euch, ruhrt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh' ich wohl, gibt es eine grosse Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das soll niemand um meinetwillen womoglich auch nur eine Stunde. Sie waren Zeuge", sagte er zu Jarno, "und auch Sie, Mister", indem er sich zu Wilhelmen wandte, "wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwartig einquartiert ist, ich will einen Dislokationsplan machen, dass mit der wenigsten Bemuhung jedermann eine geraumige Wohnung finde, und dass noch Platz fur einen Gast bleiben soll, der sich zufalligerweise bei uns einstellen konnte."

Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle notigen Notizen und hatte nach seiner Art den grossten Spass, wenn er den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald einen grossen Triumph. Die Einrichtung war fertig, er liess in seiner Gegenwart die Namen uber alle Turen schreiben, und man konnte nicht leugnen, dass mit wenig Umstanden und Veranderungen der Zweck vollig erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet, dass die Personen, die in dem gegenwartigen Augenblick ein Interesse aneinander nahmen, zusammen wohnten.

Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: "Helfen Sie mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen, und der ein Deutscher sein soll." Jarno schwieg still, denn er wusste recht gut, dass der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort abzuwarten, in seiner Rede fort: "Sie hatten mir ihn damals vorgestellt und im Name des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich dafur, dass sein Vater ein Englander ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut alles berechnen, das seit dreissig Jahren in deutschen Adern herumfliesst! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Fallen nichts aufbinden." Darauf erzahlte er noch verschiedenes, was damals mit Wilhelmen auf seinem Schloss vorgegangen sein sollte, wozu Jarno gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen mit einem jungen Englander in des Prinzen Gefolge mehr als einmal verwechselte. Der gute Herr hatte in fruhern Zeiten ein vortreffliches Gedachtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich der geringsten Umstande seiner Jugend erinnern zu konnen; nun bestimmte er aber mit eben der Gewissheit wunderbare Kombinationen und Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwache seines Gedachtnisses seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. Ubrigens war er sehr mild und gefallig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht gunstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, dass man etwas Nutzliches zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die er, wo nicht mitspielte, doch mit grosser Sorgfalt dirigierte, und da man sich uber seine Herablassung verwunderte, sagte er, es sei die Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne, dass er in gleichgultigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.

Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen banglichen und verdriesslichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten. Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? und musste nicht die Gesellschaft glauben, dass, weil beide viel miteinander umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und ungluckliche Konfidenz gemacht habe?

Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als gewohnlich, als Augustin auf einmal zur Ture, die er aufriss, mit grasslicher Gebarde hereinsturzte; sein Angesicht war blass, sein Auge wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine Ruckkehr des Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest. Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er: "Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!"

Sie liessen ihn los, er eilte zur Ture hinaus, und voll Entsetzen drangte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte, Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von weitem zurief: "Was hast du angefangen?"

"Lieber Vater!" rief Felix, "ich habe nicht aus der Flasche, ich habe aus dem Glase getrunken, ich war so durstig."

Augustin schlug die Hande zusammen, rief: "Er ist verloren!" drangte sich durch die Umstehenden und eilte davon.

Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine Karaffine darneben, die uber die Halfte leer war; der Arzt kam, er erfuhr, was man wusste, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte Flaschchen, worin sich das flussige Opium befunden hatte, leer auf dem Tische liegen; er liess Essig herbeischaffen und rief alle Mittel seiner Kunst zu Hulfe.

Natalie liess den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemuhte sich angstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen und einige Aufklarungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der ungluckliche Vater vergebens bemuht und fand, als er zuruckkam, auf allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die starkste Beimischung von Opium, das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr krank, es bat den Vater, dass man ihm nur nichts mehr einschutten, dass man es nur nicht mehr qualen mochte. Lothario hatte seine Leute ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf die Spur zu kommen. Natalie sass bei dem Kinde, es fluchtete auf ihren Schoss und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein Stuckchen Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man musse das Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen lassen, sagte er; es sei alles Ratliche geschehen, er wolle das Mogliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Hande auf das Kind, blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung. Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur Ture hinaus.

Kurz darauf verliess auch der Graf das Zimmer.

"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "dass sich auch nicht die geringste Spur eines gefahrlichen Zustandes am Kinde zeigt. Auch nur mit einem Schluck muss es eine ungeheure Dosis Opium zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."

Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, dass man Augustin auf dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten. Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Korper die Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau untersucht, der Schnitt war in die Luftrohre gegangen, auf einen starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch liess sich bald bemerken, dass noch Leben, dass noch Hoffnung ubrig sei. Der Arzt brachte den Korper in die rechte Lage, fugte die getrennten Teile zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos und sorgenvoll voruber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. Wilhelm sass vor ihr auf einem Schemel; er hatte die Fusse des Knaben auf seinem Schosse, Kopf und Brust lagen auf dem ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an. Lothario und Jarno sassen am andern Ende des Zimmers und fuhrten ein sehr bedeutendes Gesprach, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten nicht zu sehr bedrangten, unsern Lesern hier mitteilen wurden. Der Knabe schlief sanft, erwachte am fruhen Morgen ganz heiter, sprang auf und verlangte ein Butterbrot.

Sobald Augustin sich einigermassen erholt hatte, suchte man einige Aufklarung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Muhe und nur nach und nach, dass, als er bei der unglucklichen Dislokation des Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun uberzeugt, dass er nicht langer leben durfe; sogleich habe er seine gewohnliche Zuflucht zum Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschuttet und habe doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu sehen, bei seiner Zuruckkunft habe er das Kind gefunden, eben beschaftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder voll zu giessen.

Man bat den Unglucklichen, ruhig zu sein, er fasste Wilhelmen krampfhaft bei der Hand: "Ach!" sagte er, "warum habe ich dich nicht langst verlassen! ich wusste wohl, dass ich den Knaben toten wurde, und er mich." "Der Knabe lebt!" sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam zugehort hatte, fragte Augustinen, ob alles Getranke vergiftet gewesen? "Nein!" versetzte er, "nur das Glas." "So hat durch den glucklichsten Zufall", rief der Arzt, "das Kind aus der Flasche getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand gefuhrt, dass es nicht nach dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!" "Nein! nein!" rief Wilhelm mit einem Schrei, indem er die Hande vor die Augen hielt, "wie furchterlich ist diese Aussage! Ausdrucklich sagte das Kind, dass es nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Handen wegsterben." Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind liebkoste: "Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und nicht aus dem Glase?" Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzahlte Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bemuhte sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde zu erfahren, es weinte nur heftiger und so lange, bis es einschlief.

Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit seiner Warter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still aufgelost und sich verblutet. Natalie ging mit dem Kinde spazieren, es war munter wie in seinen glucklichsten Tagen. "Du bist doch gut", sagte Felix zu ihr, "du zankst nicht, du schlagst mich nicht, ich will dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter Aurelie schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff, der Vater sah so bos aus ich dachte, er wurde mich schlagen."

Mit beflugelten Schritten eilte Natalie zu dem Schlosse, Wilhelm kam ihr, noch voller Sorgen, entgegen. "Glucklicher Vater!" rief sie laut, indem sie das Kind aufhob und es ihm in die Arme warf, "da hast du deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, seine Unart hat ihn gerettet."

Man erzahlte den glucklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit lachelnder, stiller, bescheidner Gewissheit zuhorte, mit der man den Irrtum guter Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf alles, konnte diesmal eine solche hohe Selbstgenugsamkeit nicht erklaren, bis er endlich nach manchen Umschweifen erfuhr: der Graf sei uberzeugt, das Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es aber durch sein Gebet und durch das Auflegen seiner Hande wunderbar am Leben erhalten. Nun beschloss er auch sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie gewohnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede fasste die schone Grafin Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der Schwester losliess, druckte alle vier Hande zusammen, kehrte sich schnell um und stieg in den Wagen.

So viel schreckliche und wunderbare Begebenheiten, die sich eine uber die andere drangten, zu einer ungewohnten Lebensart notigten und alles in Unordnung und Verwirrung setzten, hatten eine Art von fieberhafter Schwingung in das Haus gebracht. Die Stunden des Schlafens und Wachens, des Essens, Trinkens und geselligen Zusammenseins waren verruckt und umgekehrt. Ausser Theresen war niemand in seinem Gleise geblieben; die Manner suchten durch geistige Getranke ihre gute Laune wiederherzustellen, und indem sie sich eine kunstliche Stimmung gaben, entfernten sie die naturliche, die allein uns wahre Heiterkeit und Tatigkeit gewahrt.

Wilhelm war durch die heftigsten Leidenschaften bewegt und zerruttet, die unvermuteten und schreckhaften Anfalle hatten sein Innerstes ganz aus aller Fassung gebracht, einer Leidenschaft zu widerstehn, die sich des Herzens so gewaltsam bemachtigt hatte. Felix war ihm wiedergegeben, und doch schien ihm alles zu fehlen; die Briefe von Wernern mit den Anweisungen waren da, ihm mangelte nichts zu seiner Reise, als der Mut, sich zu entfernen. Alles drangte ihn zu dieser Reise. Er konnte vermuten, dass Lothario und Therese nur auf seine Entfernung warteten, um sich trauen zu lassen. Jarno war wider seine Gewohnheit still, und man hatte beinahe sagen konnen, er habe etwas von seiner gewohnlichen Heiterkeit verloren. Glucklicherweise half der Arzt unserm Freunde einigermassen aus der Verlegenheit, indem er ihn fur krank erklarte und ihm Arznei gab.

Die Gesellschaft kam immer abends zusammen,

und Friedrich, der ausgelassene Mensch, der gewohnlich mehr Wein als billig trank, bemachtigte sich des Gesprachs und brachte nach seiner Art mit hundert Zitaten und eulenspiegelhaften Anspielungen die Gesellschaft zum Lachen, und setzte sie auch nicht selten in Verlegenheit, indem er laut zu denken sich erlaubte.

An die Krankheit seines Freundes schien er gar

nicht zu glauben. Einst, als sie alle beisammen waren, rief er aus: "Wie nennt Ihr das Ubel, Doktor, das unsern Freund angefallen hat? Passt hier keiner von den dreitausend Namen, mit denen Ihr Eure Unwissenheit ausputzt? An ahnlichen Beispielen wenigstens hat es nicht gefehlt. Es kommt", fuhr er mit einem emphatischen Tone fort, "ein solcher Kasus in der agyptischen oder babylonischen Geschichte vor."

Die Gesellschaft sah einander an und lachelte.

"Wie hiess der Konig?" rief er aus und hielt einen

Augenblick inne. "Wenn Ihr mir nicht einhelfen wollt", fuhr er fort, "so werde ich mir selbst zu helfen wissen." Er riss die Turflugel auf und wies nach dem grossen Bilde im Vorsaal. "Wie heisst der Ziegenbart mit der Krone dort, der sich am Fusse des Bettes um seinen kranken Sohn abharmt? Wie heisst die Schone, die hereintritt und in ihren sittsamen Schelmenaugen Gift und Gegengift zugleich fuhrt? Wie heisst der Pfuscher von Arzt, dem erst in diesem Augenblicke ein Licht aufgeht, der das erste Mal in seinem Leben Gelegenheit findet, ein vernunftiges Rezept zu verordnen, eine Arznei zu reichen, die aus dem Grunde kuriert, und die ebenso wohlschmeckend als heilsam ist?"

In diesem Tone fuhr er fort zu schwadronieren. Die Gesellschaft nahm sich so gut als moglich zusammen und verbarg ihre Verlegenheit hinter einem gezwungenen Lacheln. Eine leichte Rote uberzog Nataliens Wangen und verriet die Bewegungen ihres Herzens. Glucklicherweise ging sie mit Jarno auf und nieder; als sie an die Ture kam, schritt sie mit einer klugen Bewegung hinaus, einigemal in dem Vorsaale hin und wider und ging sodann auf ihr Zimmer.

Die Gesellschaft war still. Friedrich fing an zu tanzen und zu singen.

"O, ihr werdet Wunder sehn!

Was geschehn ist, ist geschehn,

Was gesagt ist, ist gesagt.

Eh' es tagt,

Sollt ihr Wunder sehn."

Therese war Natalien nachgegangen, Friedrich zog den Arzt vor das grosse Gemalde, hielt eine lacherliche Lobrede auf die Medizin und schlich davon.

Lothario hatte bisher in einer Fenstervertiefung gestanden und sah, ohne sich zu ruhren, in den Garten hinunter. Wilhelm war in der schrecklichsten Lage. Selbst da er sich nun mit seinem Freunde allein sah, blieb er eine Zeitlang still; er uberlief mit fluchtigem Blick seine Geschichte und sah zu letzt mit Schaudern auf seinen gegenwartigen Zustand; endlich sprang er auf und rief: "Bin ich schuld an dem, was vorgeht, an dem, was mir und Ihnen begegnet, so strafen Sie mich! Zu meinen ubrigen Leiden entziehen Sie mir Ihre Freundschaft, und lassen Sie mich ohne Trost in die weite Welt hinausgehen, in der ich mich lange hatte verlieren sollen. Sehen Sie aber in mir das Opfer einer grausamen zufalligen Verwicklung, aus der ich mich herauszuwinden unfahig war, so geben Sie mir die Versicherung Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft auf eine Reise mit, die ich nicht langer verschieben darf. Es wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen werde sagen konnen, was diese Tage in mir vorgegangen ist. Vielleicht leide ich eben jetzt diese Strafe, weil ich mich Ihnen nicht fruh genug entdeckte, weil ich gezaudert habe, mich Ihnen ganz zu zeigen, wie ich bin; Sie hatten mir beigestanden, Sie hatten mir zur rechten Zeit losgeholfen. Aber und abermal gehen mir die Augen uber mich selbst auf, immer zu spat und immer umsonst. Wie sehr verdiente ich die Strafrede Jarnos! Wie glaubte ich, sie gefasst zu haben, wie hoffte ich, sie zu nutzen, ein neues Leben zu gewinnen! Konnte ich's? Sollte ich's? Vergebens klagen wir Menschen uns selbst, vergebens das Schicksal an! Wir sind elend und zum Elend bestimmt, und ist es nicht vollig einerlei, ob eigene Schuld, hoherer Einfluss oder Zufall, Tugend oder Laster, Weisheit oder Wahnsinn uns ins Verderben sturzen? Leben Sie wohl! ich werde keinen Augenblick langer in dem Hause verweilen, in welchem ich das Gastrecht wider meinen Willen so schrecklich verletzt habe. Die Indiskretion Ihres Bruders ist unverzeihlich, sie treibt mein Ungluck auf den hochsten Grad, sie macht mich verzweifeln."

"Und wenn nun", versetzte Lothario, indem er ihn bei der Hand nahm, "Ihre Verbindung mit meiner Schwester die geheime Bedingung ware, unter welcher sich Therese entschlossen hat, mir ihre Hand zu geben? Eine solche Entschadigung hat Ihnen das edle Madchen zugedacht; sie schwur, dass dieses doppelte Paar an einem Tage zum Altare gehen sollte. 'Sein Verstand hat mich gewahlt', sagte sie, 'sein Herz fordert Natalien, und mein Verstand wird seinem Herzen zu Hulfe kommen.' Wir wurden einig, Natalien und Sie zu beobachten, wir machten den Abbe zu unserm Vertrauten, dem wir versprechen mussten, keinen Schritt zu dieser Verbindung zu tun, sondern alles seinen Gang gehen zu lassen. Wir haben es getan. Die Natur hat gewirkt, und der tolle Bruder hat nur die reife Frucht abgeschuttelt. Lassen Sie uns, da wir einmal so wunderbar zusammengekommen, nicht ein gemeines Leben fuhren; lassen Sie uns zusammen auf eine wurdige Weise tatig sein! Unglaublich ist es, was ein gebildeter Mensch fur sich und andere tun kann, wenn er, ohne herrschen zu wollen, das Gemut hat, Vormund von vielen zu sein, sie leitet, dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun mochten, und sie zu ihren Zwecken fuhrt, die sie meist recht gut im Auge haben und nur die Wege dazu verfehlen. Lassen Sie uns hierauf einen Bund schliessen! Es ist keine Schwarmerei, es ist eine Idee, die recht gut ausfuhrbar ist, und die ofters, nur nicht immer mit klarem Bewusstsein, von guten Menschen ausgefuhrt wird. Meine Schwester Natalie ist hiervon ein lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer die Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schonen Seele vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen andern, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu der Zeit, als unser guter Arzt jenes Manuskript so rubrizierte, die schonste Natur war, die wir in unserm Kreise kannten. Indes hat Natalie sich entwickelt, und die Menschheit freut sich einer solchen Erscheinung."

Er wollte weiterreden, aber Friedrich sprang mit grossem Geschrei herein. "Welch einen Kranz verdien' ich?" rief er aus, "und wie werdet ihr mich belohnen? Myrten, Lorbeer, Efeu, Eichenlaub, das frischeste, das ihr finden konnt, windet zusammen; so viel Verdienste habt ihr in mir zu kronen. Natalie ist dein! Ich bin der Zauberer, der diesen Schatz gehoben hat."

"Er schwarmt", sagte Wilhelm, "und ich gehe."

"Hast du Auftrag?" sagte der Baron, indem er Wilhelmen festhielt.

"Aus eigner Macht und Gewalt", versetzte Friedrich, "auch von Gottes Gnaden, wenn ihr wollt; so war ich Freiersmann, so bin ich jetzt Gesandter, ich habe an der Ture gehorcht, sie hat sich ganz dem Abbe entdeckt."

"Unverschamter!" sagte Lothario, "wer heisst dich horchen."

"Wer heisst sie sich einschliessen!" versetzte Friedrich; "ich horte alles ganz genau, Natalie war sehr bewegt. In der Nacht, da das Kind so krank schien und halb auf ihrem Schosse ruhte, als du trostlos vor ihr sassest und die geliebte Burde mit ihr teiltest, tat sie das Gelubde, wenn das Kind sturbe, dir ihre Liebe zu bekennen, und dir selbst die Hand anzubieten; jetzt, da das Kind lebt, warum soll sie ihre Gesinnung verandern? Was man einmal so verspricht, halt man unter jeder Bedingung. Nun wird der Pfaffe kommen und wunder denken, was er fur Neuigkeiten bringt."

Der Abbe trat ins Zimmer. "Wir wissen alles", rief Friedrich ihm entgegen, "macht es kurz, denn Ihr kommt bloss um der Formalitat willen, zu weiter nichts werden die Herren verlangt."

"Er hat gehorcht", sagte der Baron. "Wie ungezogen!" rief der Abbe.

"Nun geschwind!" versetzte Friedrich, "wie sieht's mit den Zeremonien aus? Die lassen sich an den Fingern herzahlen, Ihr musst reisen, die Einladung des Marchese kommt Euch herrlich zustatten. Seid Ihr nur einmal uber die Alpen, so findet sich zu Hause alles, die Menschen wissen's Euch Dank, wenn Ihr etwas Wunderliches unternehmt, Ihr verschafft ihnen eine Unterhaltung, die sie nicht zu bezahlen brauchen. Es ist eben, als wenn Ihr eine Freiredoute gabt; es konnen alle Stande daran teilnehmen."

"Ihr habt Euch freilich mit solchen Volksfesten schon sehr ums Publikum verdient gemacht", versetzte der Abbe, "und ich komme, so scheint es, heute nicht mehr zum Wort."

"Ist nicht alles, wie ich's sage", versetzte Friedrich, "so belehrt uns eines Bessern! Kommt heruber, kommt heruber! wir mussen sie sehen und uns freuen."

Lothario umarmte seinen Freund und fuhrte ihn zu der Schwester, sie kam mit Theresen ihm entgegen, alles schwieg.

"Nicht gezaudert!" rief Friedrich. "In zwei Tagen konnt ihr reisefertig sein. Wie meint Ihr, Freund", fuhr er fort, indem er sich zu Wilhelmen wendete, "als wir Bekanntschaft machten, als ich Euch den schonen Strauss abforderte, wer konnte denken, dass Ihr jemals eine solche Blume aus meiner Hand empfangen wurdet?"

"Erinnern Sie mich nicht in diesem Augenblicke des hochsten Glucks an jene Zeiten!"

"Deren Ihr Euch nicht schamen solltet, so wenig man sich seiner Abkunft zu schamen hat. Die Zeiten waren gut, und ich muss lachen, wenn ich dich ansehe: du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Konigreich fand."

"Ich kenne den Wert eines Konigreichs nicht", versetzte Wilhelm, "aber ich weiss, dass ich ein Gluck erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit nichts in der Welt vertauschen mochte."