Adolph Freiherr von Knigge
Die Reise
nach Braunschweig
Ein comischer Roman
Vorrede
Der kleine Roman, den man hier dem Drucke ubergiebt, ist, in Stunden der Erholung von ernsthaften Geschaften, geschrieben, um das Gefuhl der heftigen corperlichen Leiden, wovon der Verfasser seit mehr als Jahres Frist unaufhorlich gepeinigt wird, durch unschuldigen Scherz zu mildern, geschrieben, um, bey Sorgen mancher Art, durch leichten Witz, sich in harmloser Stimmung zu erhalten. Er macht also auch keinen Anspruch auf die Musse solcher Leser, die tiefsinnige philosophische Betrachtungen und uberraschend feine Blicke in die Natur des menschlichen Herzens in solchen Romanen zu finden hoffen.
Der Verfasser hat bis jetzt in seine Schriften ahnlicher Art, die Behandlung wichtigrer Gegenstande einzuflechten und die Sitten der sogenannten hohern Menschenclassen zu schildern gesucht; hier versteigt er sich nicht so hoch und widmet daher diese Arbeit auch nur solchen Lesern, denen es darum zu thun ist, ihre Augen einmal von Hofen, Fursten, Staatshandeln und gelehrten Kampfplatzen ab, auf landliche Scenen und lachende Bilder gelenkt wissen zu wollen.
Das ist alles, was der Verfasser von diesem Buchlein zu sagen weiss, um den Gesichtspunct anzuzeigen, aus welchem er beurtheilt zu werden wunscht.
Bremen, um Ostern 1792.
Erstes Capitel
Eine landliche Gesellschaft rustet sich zu einer
Reise, um merkwurdige Dinge zu sehn.
"Das mag possirlich aussehn, Herr Pastor!" sagte der Amtmann Waumann zu dem geistlichen Herrn, der, mit dem andern Zeitungsblatte in der Hand, ihm gegenuber sass. "Das mag possirlich aussehn, wenn so ein Mann in der Luft herumfahrt und einen Ball unter dem Hintern hat." "Nicht unter dem salva venia Hintern, excusiren Sie!" erwiederte der Pastor Schottenius, "der Musjo Blanchard sitzt in einem Schiffchen, welches an dem, mit kunstlicher Luft gefullten grossen Ballon befestigt ist." "Was Teufel!" fiel ihm hier der Forster Dornbusch in die Rede, "wie macht es aber der Hexenkerl, dass er damit herumkutschirt? Das kann nicht mit rechten Dingen zugehn." Nun liess sich Ehren Schottenius auf eine weitlaufige Beschreibung der Luft-Kutschier-Maschinen ein, und bewies zuerst, dass es auf keine Weise sundlich sey, Versuche von der Art zu machen, wie wohl manche aberglaubische Leute meinen mogten. Vielmehr diene die Erforschung der Natur und deren Krafte zur Verherrlichung des Schopfers "wie ich dies" fugte er hinzu "in meinen, nun bald im Drucke erscheinenden Predigten, zum oftern bewiesen habe." Dies war der Refrain, welchen er, in der gewohnlichen Unterhaltung, jedem Satze, den er vortrug, anzuknupfen pflegte. Er hatte namlich eine Sammlung von 57, schreibe sieben und funfzig Stuck Predigten fertig liegen, die er herauszugeben langst beschlossen hatte, und es gab wenig Gegenstande unter dem Monde und wenig Wahrheiten und Vermuthungen, uber welche er nicht in diesen Kanzel-Reden Gelegenheit genommen hatte, seine unmassgebliche Meinung zu sagen. Ehren Schottenius war in der That ein aufgeklarter Geistlicher Es giebt bose Menschen, welche behaupten, das sey eine contradictio in adjecto, oder vielmehr, ein Prediger handle sehr inconsequent, wenn er die Aufklarung befordre; allein unser Herr Pastor wiederlegte durch sein Beyspiel diese Ketzerey. Nur mussen wir uns uber den richtigen Begriff des Worts Aufklarung verstehn. Er war kein Mann, der das Gegentheil von dem glaubte und lehrte, als worauf er geschworen hatte und wofur er sich besolden liess. Er nahm nicht das Lampchen der Aufklarung in die Hand, um in dem Alterthums-Cabinette speculativer Raritaten und dogmatischer Geheimnisse aufzuraumen; sondern er verwaltete die ihm uber diesen Schatz anvertrauete Aufsicht, nach Anweisung seiner Obern und so, wie die mehrsten Bibliothekare in und ausser Klostern die Aufsicht uber die Sammlungen seltner Handschriften zu fuhren pflegen; denn er bewahrte sie vor nagenden Mausen und vor verbleichenden Sonnenstrahlen, ruhrte jedoch nicht anders daran, als wenn er an hohen Festtagen einmal den Staub davon abkehren musste, damit man doch den besuchenden Fremden zeigen konnte, dass sie noch da waren. Seine Aufklarung aber bestand darinn, dass er nicht alle andren menschlichen Kenntnisse auf den einzigen Stamm der Orthodoxie propfen wollte, sondern mit Vergnugen von neuen Entdeckungen in allen Gebiethen der Wissenschaften und Kunste reden horte, ohne sich darum zu bekummern, ob der Schlussel dazu schon in den mosaischen Geschichtsbuchern zu finden ware, oder nicht. Er empfahl in seinen Predigten, neben der reinsten christlichen Moral, eine edle Wissbegierde und Empfanglichkeit fur alles nutzliche Gute und rief oft mit Paulus aus: "prufet alles, und das Gute behaltet!" Diese vernunftige Stimmung hatte er dadurch erlangt, dass er einige Jahre in dem Hause eines Edelmannes in Halberstadt als Kinderlehrer zugebracht, und dort Gelegenheit gehabt hatte, mit Mannern von grossen Einsichten umzugehn. Freylich hatte er sich nachher auf dem Lande wieder, wie man zu sagen pflegt, ein wenig verlegen; aber immer noch unterschied er sich vortheilhaft unter seinen Amtsbrudern weit umher. Allein die innere Uberzeugung dieses Vorzugs gab ihm auch wohl zuweilen eine etwas zu hohe Meinung von sich selber, so dass er niemand lieber reden horte, als den Pastor Schottenius; und man hatte versucht werden mogen, zu glauben, er habe nur den seinem Stande sonst vorgeworfenen geistlichen Hochmuth gegen eine Art gelehrtem Stolze vertauscht. Diese Meinung konnte uns nun bewegen, einige scharfsinnige Bemerkungen uber die Quellen mancher menschlichen Tugenden zu machen. Wir wurden dann zum Beyspiel finden, dass, wenn mancher grosse Mann durch seine Popularitat und Herablassung gegen kleine Leute sich beliebt macht, er eigentlich nur deswegen sich so wenig herausnimmt, damit er die uberwiegende Stimme des Volks vor sich gewinne; dass also seine Ruhmsucht sich hinter dieser angenommenen Demuth versteckt, oder dass er stolz genug ist, zu glauben, er konne sich nie etwas vergeben durch Herablassung gegen Leute, denen es nicht einfallen durfte, mit ihm verglichen zu werden; wir wurden ferner finden, dass man einen bescheidnen Gelehrten nicht arger anfuhren kann, als wenn man ihm nicht lebhaft genug wiederspricht, sobald er von dem geringen Werthe seiner Schriften redet; wir wurden endlich finden, dass mancher Edelmann nur deswegen der Abschaffung des Adels, womit man in Frankreich den Anfang gemacht hat, das Wort redet, weil er sich bewusst zu seyn meint, seine unleugbaren innern Verdienste wurden ihn noch immer uber Andre erheben, wenn auch alle aussere Rucksichten von Stand und Geburth wegfielen. Allein wir, der Autor, haben uns nun einmal vorgenommen, die scharfsinnigen Bemerkungen in unserm Buchlein eben nicht zu haufen, sondern dieselben dem geehrten Leser selber zu uberlassen, so sehr wir auch ratione honorarii dabey gewinnen konnten. Also fahren wir in der Erzahlung dessen fort, was in des Herrn Amtmanns Waumann Hause in Biesterberg vorgieng.
Hier war es namlich, wo die drey Herrn, welche wir redend eingefuhrt haben, den 6ten August 1788, Nachmittags, mit einem geselligen Pfeifchen im Munde, versammelt sassen und die eben angekommnen Zeitungsblatter durchliefen. Folgender Artickel veranlasste das obige Gesprach:
Braunschweig, den 2ten August, 1788. Den zehnten dieses Monats wird der beruhmte Luftschiffer, Herr Blanchard mit einem grossen und schonen Ballon aus unsrer Stadt in die Hohe fahren. Der Zusammenfluss der Fremden, welche dieses bewundernswurdige Schauspiel herbeylockt, wird an diesem Tage ausserordentlich seyn, indem schon jetzt in denen, mit Messleuten angefullten Gasthofen fast kein Zimmer mehr leer ist.
Nachdem der Pastor Schottenius nun deutlich auseinandergesetzt hatte, was fur eine Bewandtniss es mit solchen Luft-Fuhrwerken hatte, erschallte aus einer Ecke des Zimmers eine Stimme, welche rief: "o Papa! lassen Sie uns doch hinreisen, nach Braunschweig und das Ding mit ansehn!" Diese Stimme kam von sonst niemand, als dem jungen Herrn Valentin Waumann, dem eheleiblichen Sohne des Herrn Amtmanns her. Dieser liebenswurdige Jungling hatte damals sein Alter gebracht auf circa drey und zwanzig Jahre, war ein breitschultriger Junggeselle, in der christlichen Religion auferzogen und nachher der edeln Landwirthschaft zugethan und gewidmet, welcher er sich auch so eifrig ergab, dass sein Herr Vater die Absicht hegte, ihm ein benachbartes Vorwerk, das er mit gepachtet hatte, nebst dem Inventario an Kuhen, Schweinen, Pferden, instrumentis rusticis und einer fur ihn ausgesuchten Gattinn, nachstens zu ubergeben. Musjo Valentin war nie uber die Grenzen des Amts Biesterberg hinausgekommen, obgleich der Amtmann oft versprochen hatte, einmal, bevor der junge Herr sich in den Stand der heiligen Ehe begabe, mit ihm eine Fahrt von einigen Tagereisen zu machen, um in Hildesheim, Braunschweig, Hannover und andern schonen Stadten in der Nachbarschaft, die Welt mit ihren Merkwurdigkeiten zu sehn. Als der junge Herr nun, wie gesagt, in der Ecke sass, wo er sich beschaftigte, neue Kerbholzer fur die Dienstleute zu schnitzeln und er dort von den Zeichen und Wundern horte, welche in Braunschweig in wenigen Tagen geschehn sollten, erinnerte er seinen Papa an das Versprechen der Reise. Die Frau Amtmanninn deren Liebling dies einzige Sohnchen war, unterstutzte sein Gesuch; und so wurde dann kurz und gut beschlossen, am nachstkunftigen Sonnabende, als dem Tage vor der grossen Luft-Begebenheit, die Reise nach Braunschweig, geliebt' es Gott, zu unternehmen.
"Potz Element", rief der Forster aus, "Herr Amtmann! da reise ich mit; ja! so thue ich, und von da fahre ich auf dem Ruckwege die Paar Meilen weiter uber Gosslar, wo ich doch hin muss, um meine Grete aus der Penschon abzuholen. Sie verstehen mir Herr Amtmann! und daruber wird denn Musche Valentin auch nicht bose werden, denke ich so, ha, ha! Und unser Herr Pastor muss auch mit, und muss uns seine halbe Schase thun, denn weil ich sonst mant immer reite; so habe ich keine eigne Carrethe, und so aber, so fahren wir in zwey Kutschen; und was der Herr Pastor verzehrt, das bezahle ich, ja! das thue ich."
Ehren Schottenius war leicht zu bereden, diesen Vorschlag anzunehmen; der Candidat Krebs aus Mollenthal hatte sich ohnehin die Erlaubniss erbeten, am nachsten Sonntage in Biesterberg predigen zu durfen, und ausser dem Vergnugen der Reise gab diese kostenfreye Lustfarth dem Pastor noch Gelegenheit, einen langst gehegten Vorsatz auszufuhren, namlich den, sich in Braunschweig nach einem Verleger fur seine sieben und funfzig Predigten umzusehn. Es kam nur noch auf eine Kleinigkeit an, auf die Einwilligung der Frau Pastorinn; da indessen diese selbst gegenwartig war und, neben der Frau Amtmanninn sitzend, eben die funfte Tasse Caffee, auf vielfaltiges Bitten, sich hatte wohlschmecken lassen; so liess sich die Sache bald auf's Reine bringen. "Ja! was meinst Du zu dem Vorschlage, mein Schatz;" sprach der Pastor und sah nach den kleinen schwarzen Auglein seiner Gebietherinn, ob sie zurnten, oder lachelten. "I nun; da Du mit so guter Gelegenheit umsonst hinkommst; warum nicht?" So war's denn richtig; alles wurde gehorig verabredet, und bald nachher trennte sich die Gesellschaft.
Zweytes Capitel
Die Abentheuer des ersten Tages auf der Reise.
Die liebe Sonne hatte am Neunten des Augusts kaum den ersten Blick in das enge Thal geworfen, in welchem, an eine kleine Anhohe gelehnt, das Dorf Biesterberg mit seinen schonen Amtsgebauden, lag; die Hahne auf den Bauerhofen weckten nun krahend ihre Damen aus dem Schlafe; der Schulmeister stand, im Camisol ohne Ermeln, unten im Thurm und zog gahnend die Betglocke; die Knechte schlichen schwerfallig aus den Stallen hervor und klopften die Lunzen an den Erndte-Wagen zurecht; die Hirten bliesen in ihr Horn und gaben durch Klatschen das Zeichen, worauf die Magde, mit blossen Beinen und mit aufgeraften Reisern in den Handen, das Vieh von den Hofen hinunter trieben Da war schon im Amthause, auf dem Pfarrhofe und in des Forsters Wohnung alles auf den Beinen. Des Herrn Amtmanns ehrwurdiger Reisewagen stand geschmiert und bepackt vor der Thur; der Gartner Caspar burstete an dem gelben geblumten Plusche, womit er ausgeschlagen war, und die Haushalterinn steckte Butterbrode und eine gebratne Rehkeule in die Seiten-Tasche. Oben an dem Fenster des Eckzimmers stand der alte Herr, reisefertig angekleidet, in Stiefeln mit Stiefel-Manschetten, und umgurtet mit einem Hirschfanger; Musjo Valentin war unter den Handen seiner Mutter, die ihm die schwarze Halskrause umband, und die blaue mohrne Weste, welche zu enge geworden war, hinten aufschnitt. Er sah stattlich aus, der junge Herr, in seinem perlfarbnen Rocke; die Haare weiss eingepudert, hinten in einen langen dunnen Zopf gebunden. "Spann an, Conrad!" rief dann der Amtmann zum Fenster heraus seinem Kutscher zu, der schon in der grauen Livree mit grunem Kragen, worauf eine silberne Tresse prangte, um die Kutsche herumgieng. "Spann an! aber ich wette, an dem Pastor liegt es wieder; der wird zu lange geschlafen haben." Ungerechte Beschuldigung! Ehren Schottenius gieng schon seit langer als einer Stunde, vom Kopfe bis zu den Fussen schwarz und vollstandig angekleidet, bis auf die Perucke nach, die er noch nicht gegen die weisse Nachtmutze vertauscht hatte, mit einer Pfeife Tabac vor seinem Hause auf und nieder; Vor seiner, in der That sehr demuthigen grunen halben Chaise, die mit einem Rucksitze versehn war, standen schon die vom Forster geschickten Nachbars-Pferde angespannt. Nun kam auch Dieser, nachdem er seinen Schnapps genommen hatte, herbey; die geistliche Perucke wurde aufgesetzt, der blaue Uberrock angezogen; man gieng nach dem Amthause; das wackelnde Fuhrwerk folgte nach und rasselte auf dem Steinpflaster; alles im Dorfe kam an die Fenster. Im Amtshofe waren indessen die vier schwarzbraunen Wallachen angeschirrt worden. Man nahm Abschied, stieg ein, "Nun fahrt zu, in Gottes Namen!" rief der Pastor; Man liess ihn mit dem Forster in ihrem Fuhrwerke voraus; und so gieng es denn auf dem Wege nach Hildesheim fort.
Unter den Eigenschaften, durch welche man sich in dieser Welt beliebt und geachtet machen kann, behauptet die, ein angenehmer, muntrer Gesellschafter zu seyn, keinen geringen Platz; Sie wird sogar oft hoher geschatzt, als manche achte Tugend, oder ersetzt wenigstens den Mangel derselben. Nirgends aber ist man mit angenehmer Unterhaltung und muntrer Laune willkommner, als auf Reisen seinen Gefahrten. Nun aber besassen die vier Personen, welche wir so eben des Wegs nach Hildesheim zu spedirt haben, von jener geselligen Eigenschaft herzlich wenig; daher war denn auch die Unterhaltung in den anderthalb Kutschen so eintonig, dass ich mich ausser Stand sehe, etwas daraus mitzutheilen, das den Leser interessieren konnte. Der Forster klagte daruber, dass die Taschen seines geistlichen Nachbars zu dick waren, und dass dies ihm den Raum beengte. Unrecht hatte er nicht; denn in der linken Uberrocks-Tasche war von der Frau Pastorinn die mitzunehmende reine Wasche auf einige Tage gesteckt worden, und in der andern wohnte das Manuskript der bewussten Predigten. Der Forster ruhete daher nicht eher, als bis die Taschen ausgeleert und die darinn beherbergten Sachen in den Sitz-Kasten gelegt waren. Hierauf setzte er sich in eine Lage, die wenigstens fur ihn bequemer, als fur seinen Nachbar war (aber er bezahlte ja auch fur Diesen) und fieng dann an, den einschlafernden Wurkungen des genossenen Schnapses nachzugeben, wobey er, so oft der Wagen einen Stoss bekam, mit seinem sinkenden Haupte in die Perucke des geduldigen Pastors gerieth, der dies Ungemach, bey dem Genusse eines Pfeifchens und allerley Meditationen, ohne Murren ertrug. In den zweyten Wagen las der Herr Amtmann seinem Sohne Collegia uber den Zustand der Felder, durch welche sie fuhren, wusste alle Dorfer mit Namen zu nennen, von welchen man in einiger Entfernung die Thurmspitzen wahrnahm; und Musjo Valentin, der indess die Witterung von den Butterbroden und dem Braten bekommen hatte, zog sein Taschenmesser hervor, fieng an, sich vorzulegen, und antwortete seinem Vater nur eintonig und mit vollen Backen.
So gieng die Zeit hin, bis gegen Mittag, da die Gesellschaft in ein Dorf, eine Meile von Hildesheim kam, wo man dann Anstalt machte, Pferde und Menschen mit einem ordentlichen Futter zu versehn, weil man da wohlfeiler zu zehren hoffte, als in der bischoflichen Residenz. Man fragte die Wirthinn, was sie auf den Tisch liefern konnte und bekam Anweisung auf eine Bier-Suppe und ein grosses Stuck frisch gekochtes Pockel-Fleisch; Der Herr Amtmann aber vergrosserte diesen Kuchenzettel durch Bestellung eines dikken Pfannekuchens. Indess nun zu diesem letztern Anstalt gemacht wurde, woruber wohl eine Stunde verstrich, weil die Pfanne nicht sogleich zu finden war, indem der Knecht dieselbe gebraucht hatte, um darinn einen warmen Umschlag fur eines der Pferde zu bereiten, entstand in der Schlafkammer des Wirths ein furchterlicher Lerm und Zank. Der Herr Pastor glaubte Beruf zu haben, zu versuchen, ob er hier nicht das Amt eines Friedensstifters ubernehmen konnte, und gieng in das Zimmer. Er fand den Hausherrn ausserst ergrimmt uber sein Eheweib, welches, um das geraucherte Rindfleisch, das den angekommenen Gasten vorgesetzt werden sollte, warm zu halten, ihres Mannes ledernes Beinkleid daruber gedeckt hatte. Er hatte es eben anziehn wollen und nun fand er es ausgespannt und rauchend.
Man kann sich leicht vorstellen, dass alle diese Zubereitungen zu dem bestellten Gastmahle unsern Reisenden nicht viel Apetit erweckten. Sobald daher die Rosse gefuttert waren, liess man wieder anspannen, und die Gesellschaft fuhr fort nach Hildesheim, wo sie in dem beruhmten Gasthofe des Herrn Lauenstein abtrat, den sie im Schlafrocke, eine Pfeife in der Hand und eine graue Mutze auf dem Haupte, im Vorplatze spazierend antrafen. Da man noch zeitig genug zu dem auf folgenden Nachmittag angekundigten grossen aerostatischen Schauspiele in Braunschweig seyn konnte, wenn man Sonntags fruh aus Hildesheim fuhr, und das Mittags-Essen in Peina einnahm; so beschloss man, bis zum andern Morgen in jener merkwurdigen Stadt zu verziehn; Die Pferde wurden zuruckgeschickt, weil sie in der Erndte nothig waren, und man bestellte sich Postpferde.
Ein teutscher Original-Roman und ein teutsches Original-Schauspiel sind sehr geschmacklos, wenn nicht darinn von Mahlzeiten die Rede ist, und je weniger oft der Autor selbst zu verzehren hat, desto herrlicher lasst er die Personen seiner Schopfung speisen und tranken. Ich hoffe daher, meine Leser werden mir's nicht ungnadig aufnehmen, dass ich mit unter sehr viel von den Magen-Angelegenheiten meiner Reisenden rede. Wir wollen ihnen nun noch in Hildesheim etwas Gebacknes zum Caffee reichen lassen, um sie fur die schlechte Mittags-Tafel zu entschadigen, und dann mogen sie es aushalten, bis zum Abende, und sich unterdessen ein wenig in der Stadt umsehn. Wurklich thaten sie das, giengen in den Dom, und von da in andere Kirchen und Kloster, begafften die Hauser, die ihrer Meinung nach schon gebauet waren, deuteten mit den Fingern auf alles, was ihnen merkwurdig vorkam, zogen vor jedem wohl gekleideten Manne die Hute ab, und blieben voll Verwunderung stehn und sahen hinterdrein, wenn ihnen ein schmutziger Capuziner oder ein andrer Monch begegnete.
Ermudet von dem ungewohnten stadtischen Steinpflaster, kehrten sie zuruck in das Wirthshaus, und traten in das allgemeine Gastzimmer, dessen Fenster nach dem Hofe hinausgehen. Der Herr Amtmann forderte eine Bouteille Bier und Pfeifen; aber kaum hatten sie die Thur geofnet, als ihnen ein so furchterlicher Lerm entgegen tobte, dass sie zuruckprallten, und gar nicht den Muth gehabt haben wurden, einzutreten, wenn ihnen nicht ein Mann mit einer Bassstimme zugerufen hatte: "Nur naher Messioss! es ist halt eine kleine Probe; Wenn Sie beywohnen wollen, viel Ehre! Sie mogen unser Publicum vorstellen; Setzen Sie Sich da hinter den Tisch!" Der Mann war ein kleiner, dikker Knirps von etwa funfzig Jahren, dunkelbraunen Angesichts, mit rollenden, etwas roth gefutterten Augen und ganz dunnen schwarzen Haaren. Er trug einen hellgrunen Rock, jetzt zum Frack eingerichtet, doch also, dass man noch an den verschiednen Nuancen der Farbe sehn konnte, wie er sich schon oft nach den Launen der Mode hatte hudeln lassen mussen, und wie er zuweilen mit langen, zuweilen mit kurzen Schossen, dann mit grossen, und dann wieder mit kleinen Aufschlagen war versehn worden. Jetzt war er mit etwas geziert, das man einst am Hofe des Herzogs von Wurtenberg und nachher, so oft es auf andern Kleidern gesessen, eine aufgeheftete Stickerey, tour appliquee genannt hatte. Unsre Gaste waren durch das Gerausch, welches in dem Zimmer herrschte, worinn sich, ausser dem kleinen Herrn, noch viel Personen beyderley Geschlechts befanden, und durch einen fremden Anblick so betaubt, dass sie sich nur gleich auf die, ihnen angewiesenen Platze hinsetzten, da dann der Dialog unter allen gegenwartigen Menschen folgendermassen fortgieng.
Ein ziemlich altes Frauenzimmer: "Ein Verbrechen! und mein Gewissen schweigt? und befiehlt mir zu beharren? Was ist ein Staatsverbrechen?"
Der alte Herr: "Wenn Du 'mein Gewissen' sagst, musst Du den Zeigefinger auf die Herzgrube legen, aber nicht zu tief, sonst zeigt es den Magen an. Ich weiss nicht, Ihr Leute habt noch immer keinen Begriff von achter Gesticulation. Nun wird gelautet; Wer lautet?"
Ein junger Mensch: "Ich!" (Er nimt ein Bierglas vom Tische und schlagt mit der Tobacspfeife daran)
Ein Andrer: "Was lautet man?"
Die Frau: "Es ist Mittag."
Der Forster: (vor sich) "Es mag den Teufel seyn! Es ist meiner Six! bald sieben Uhr."
Der Andre: "Diese Glocke lautet Euch kein gutes Zeichen."
Die Frau: (angstlich) "Ich ahnde es; ich weiss es; mir wird so bange Albrecht."
Der dicke Herr: "Lauter, lauter!"
Die Frau: (brullt) "Albrecht! und Du verliessest mich!"
Der dicke Herr: "Bravo."
Musjo Valentin: (leise)"Papa! die Menschen sind toll; Lassen Sie uns machen, dass wir fortkommen!"
Der Amtmann: (leise) "Herr Pastor! was bedeutet das?"
Der Pastor: (leise zum Amtmanne) "Ich glaube, es sind Mimi, Histriones, Commodianten-Volk."
Der Andre: "Entschliesset Euch!".
Die Frau: "Ich bin ja entschlossen; hab's Euch ja oft gesagt, hab nie gewankt."
Der dicke Herr: "Nun kommt der neunte Auftritt."
Ein Dritter: (tritt hervor) "Es ist Zeit!"
Der Andre: "Hort Ihr's?"
Die Frau: "Gott, was soll mir geschehn? Wo ist Zenger? o Albrecht!"
Der Dritte: "Soll ich!"
Der Andre: "Ja!"
Ein Vierter: (kommt hinter dem Ofen hervor) "Herr Canzler! wisst Ihr, wie Schurken und Verrathern mitgefahren wird?"
Valentin: (leise) "Papa! Sie schimpfen."
Der Andre: "Wozu diese Frage?"
Der Vierte: "Weil Ihr's an Euch selbst bald erfahren sollt. Folgt mir, gnadige Frau!"
Der Amtmann: (leise) "Es ist Eine von der Noblesse."
Der dicke Herr: (ruttelt den auf dem Schenktische stehenden Messer-Korb und trommelt auf dem Tische) "Das war das Waffengetose und Trommeln; Nun spricht Tuchsenhauser."
Der Andre: "Verwegner! Agnes soll da bleiben, auf des Herzogs Befehl."
Der Amtmann: "Excusiren Sie; hier hat niemand zu befehlen, als der Furst Bischoff."
Der Vierte: (zieht ein Messer hervor) "Verrather! das gilt mehr, als Dein Herzog." (Will die Frau fortreissen)
Der dicke Herr: "Bravo!" (Er giebt ein Zeichen, durch Klopfen an der Thur; Mit einmal sturzen der Hausknecht, ein Taglohner und noch einige Andre, mit Knutteln bewafnet herein. Es kommt zum Kampfe)
Der Forster: (der, als ein reitender Forster, nie anders, als mit Stiefeln und Sporen und bewafnet mit einer Peitsche erschien) "Nein! das ist zu arg. Willst loslassen, Du Sackermenter! Ist das erlaubt, uber ein Weibsmensch herzufallen."
Und nun fuhr der Forster hinter dem Tische hervor und Freylich konnte der gute Mann, der in seinem Leben kein ordentliches Schauspiel gesehn hatte, nicht wohl wissen, dass, was er da horte, eine Stelle aus dem grossen Original-Trauerspiele Agnes Bernauer (oder unteutsch zu reden: Bernauerinn) war. Der reisende Schauspiel-Director, Herr Stenge, war namlich mit seiner zusammengeraften Gesellschaft Tages zuvor in Hildesheim angekommen, woselbst er die Erlaubniss erhalten hatte, zum Besten der Moralitat und zur Beforderung des guten Geschmacks, so lange Vorstellungen von unsern National-Meisterstucken zu geben, bis die ehrlichen Burger und Handwerksleute nichts mehr zu versetzen haben wurden, um vierzehn Vagabonden zu futtern. Bessere Schauspieler-Gesellschaften hatten ihr Auskommen in Hildesheim nicht gefunden; und so war denn doch zu hoffen, dass Madchen und Junglinge in romanhafter, schwarmerischer Stimmung und den Kunsten der edlen Buhlerey wenigstens nicht ganz hinter der Jugend andrer Stadte zuruckbleiben wurden. Des Herrn Stenge sogenannte Schauspieler-Gesellschaft hatte ubrigens noch das eigne Verdienst, dass sie eine wahre Mustercharte von allen teutschen Provinzial-Dialecten war; doch fuhrten die mehrsten Mitglieder die sanfte bayerische Mundart. Da das Brauhaus, worinn der Schauplatz errichtet werden sollte, noch nicht in Ordnung war, und man am Montage das eben genannte Trauerspiel mit allem Pomp geben wollte, hatte der Directeur, welcher mit seiner leider! schon ein wenig bejahrten Frau Liebsten in dem Gasthofe des Herrn Lauenstein sein Quartier genommen hatte, einen Theil seiner Gesellschaft zu sich bestellt, um einige Scenen aus dem vierten Acte zu probiren. Es war nicht moglich, alles so vollkommen und tauschend darzustellen, als es am Montage auf der Buhne erscheinen sollte; denn da waren die edle Schuster- und die Schneider-Zunft und einige Peruckenmacher eingeladen worden, die Personen des Magistrats von Straubingen, der Fursten und Ritter auf dem Thurniere, der Richter, Knechte, Wachen u.d.gl. vorzustellen, welche Rollen sonst in Berlin und andern Stadten wohl mit Musketiers besetzt zu werden pflegen. Heute hatte man den Hausknecht und ein Paar andre Lummel, die grade im Hause waren, abgerichtet, auf ein zu gebendes Zeichen in das Zimmer zu sturzen, wenn Tore mit den Kriegsknechten erscheinen musste. Dem Forster war das Ding zu bunt; Er verstand es nicht, woruber der Streit herkam; als man aber uber die altliche Dame, welche Agnes vorstellte, herfiel, hielt er's fur Pflicht, der schwachern Parthey beyzustehn. Also fuhr er, wie wir schon gesagt haben, hinter dem Tische hervor und arbeitete mit seiner Peitsche auf die Kriegsknechte los. Der dicke Herr Stenge hielt den Mann im grunen Rocke, fur einen Spassvogel, der den Kampf tauschender darzustellen suchte, und rief einmal uber das andre aus: "bravo! bravo!" Aber nicht also der Hausknecht und Consorten. Man hatte ihnen, als man sie zu dieser Vorstellung instruirte, nicht gesagt, dass sie ernstlich Schlage bekommen sollten. Da die Sache nun diese Wendung nahm, gefiel ihnen das sehr ubel; und weil doch Jeder sich gern seiner Haut wehrt, wenn er kann; so blieben sie unserm armen Dornbusch nichts schuldig. Wenn es aber nach dem vortreflichen alten Spruche, ein Trost ist, Gefahrten im Unglucke zu haben; so wurde dieser Trost auch dem Forster zu Theil; denn als die Kriegsknechte glaubten, der Grunrock gehore mit zu der Parthey Derer, welche sie anzugreifen befehligt waren, und er die Sache so ernstlich behandelte; meinten sie auch ein Recht zu haben, sich wegen der empfangnen Hiebe an den Ubrigen zu rachen. In Kurzem war daher die ganze Gesellschaft in zwey Partheyen getheilt: hier tummelten sich zwey auf der Erde herum; dort hatte sich ein Paar in die Haare gefasst; Agnes Bernauer vergass die Ohnmacht, die in ihrer Rolle stand und schrie laut; ihr Gatte, der Principal, versuchte es, die Kampfer aus einander zu reissen, indess der Pastor, der Amtmann und sein Sohn klaglich und angstlich um Hulfe riefen. Endlich horte Herr Lauenstein, der Wirth, dass der Lerm grosser war, als zu einer blossen Probe unumganglich nothig schien. Er kam also mit seinen ubrigen Hausgenossen herbey. Es wurde ein Waffen-Stillstand gemacht; dann kam es zu Erlauterungen; der Principal versicherte: er freue sich, bey dieser Gelegenheit die Bekanntschaft des Herrn Forsters Dornbusch und seiner Gefahrten gemacht zu haben, und Dieser schloss mit der Sentenz: "Der Teufel hole solche Commodien!"
Indessen versaumte Herr Stenge nichts, sobald die ubrigen Schauspieler, die nicht in demselben Hause wohnten, fort waren, die gute Meinung der Manner aus Biesterberg vor sich zu gewinnen. Er konnte gar nicht aufhoren, seine Betrubniss uber das unangenehme Misverstandniss zu erkennen zu geben; Er kramte dabey so viel herrliche, aus Dramen und Trauerspielen zusammengeflickte Grundsatze aus, sprach so eifrig von den Anstalten, die er getroffen hatte, um unter den Mitgliedern seiner Gesellschaft die strengste Sittlichkeit zu erhalten, und von seinen Beeiferungen, durch gute Auswahl der aufzufuhrenden Stucke, Warme fur Tugend und Religion zu verbreiten, dass selbst Ehren Schottenius sich geneigt fuhlte, den Herrn Stenge und die Frau Gemahlinn fur sehr vortrefliche Personen zu halten. An der Abend-Tafel, bey welcher der Herr Amtmann Waumann unter andern ein Paar mitgenommne Flaschen voll alten Franzweins producirte, der im vorigen Jahre in Bremen war componirt worden, ofneten sich nun vollends die Gemuther; und als unsre Reisenden, nicht gewohnt, langer als bis zehn Uhr ausser Bette zu bleiben, in die ihnen angewiesenen Zimmer giengen, indess Herr Stenge noch unten blieb, schieden sie Alle mit Handeschutteln und viel verbindlichen Ausserungen aus einander.
Drittes Capitel
Der zweyte Tag fangt mit einem neuen Sturme an.
Fortsetzung der Reise bis Peina.
Es war vier Uhr des Morgens, und noch lag in der bischoflichen Residenz alles, Mann, Weib und Kind, in tiefer Stille versunken; die gnadigen und hochwurdigen Domherrn ruheten aus in den Armen des Schlafs von erhabnen Meditationen und sammelten neue Starke zu ihrem Leben, voll frommer Aufopferung; Monch und Nonne, versteht sich, jede einzeln, weideten ihren, aus dem ertodteten Fleische zum Himmel emporstrebenden Geist in den seligen Gefilden des Paradieses, und der ehrliche Burgersmann schlief sanft, um Krafte zu sammeln, zu seinen, nicht so eintraglichen, aber doch nicht minder nutzlichen Geschaften. Da qualte den Amtmann Waumann ein furchterlicher Traum, wie er noch keinen je getraumt hatte. Wir, der Autor, konnten diesen Traum des Breitern hier erzahlen und fuglich einen halben Bogen damit anfullen sind doch schon manche Bande in allen Formaten geschrieben, die nichts als Traume enthalten! allein diesmal wollen wir uns begnugen zu sagen, dass dieses Traums Haupt-Gegenstand der einzige Waumannsche Leibes-Erbe, unser liebenswurdiger Valentin war, und zwar in dem Augenblicke der grossten Gefahr, darinn eine fromme ChristenSeele nur schweben kann, namlich in den Klauen des leidigen Satanas und seiner Grossmutter. Es dunkte den Amtmann, das Winseln seines Eingebohrnen abwechselnd mit dem Gebrulle des hollischen Schwefelpfuhl-Principals zu vernehmen. Geschworen hatte er darauf, dass es kein blosser Traum ware, der vor seiner Phantasie schwebte und nichts glich seinem Schrekken, als er sich nun wirklich ganzlich erwacht fuhlte, den geliebten Sohn nicht mehr neben sich im Bette sah, wo er doch des Abends zuvor seinen Platz genommen hatte, sondern als die valentinschen Klagetone in einiger Entfernung vernehmlich und unverkennbar zu seinen Ohren drangen: "Papa! Papa! ach! sie knebeln mich; sie thun mir den Tod an." Der Amtmann sprang sogleich von seinem Lager auf, fuhr schnell in seine Beinkleider, ergriff den zweyschneidigen Hirschfanger und riss die Thur auf, durch welche seines Erben Geschrey gedrungen war.
Um die Leser, deren Ungeduld, wie wir, der Autor, das gar nicht anders vermuthen durfen, auf's hochste gespannt seyn wird, nicht langer aufzuhalten, wollen wir den ganzen traurigen Vorgang erzahlen, der diese Scene des Schreckens veranlasste. In des hochgeehrten Herrn Lauenstein Gasthofe kommt man, vermittelst einer kleinen Treppe, die, vermuthlich aus Mangel des gehorigen Lichts, ein wenig dunkel ist, zu einem, mit einem Alcoven versehenen Zimmer. Uber demselben ist ein Appartement von ahnlicher Art, zu welchem man vermoge der Fortsetzung jener Treppe gelangt. Die ubrigen Fremden-Zimmer liegen nach andern Seiten des Hauses hin, und in diese entlegne Wohnungen hatte man den Prediger und den Forster einquartiert. Der Theater-Principal war nebst Gattinn, wie bekannt, fruher angekommen und hatte daher Besitz von dem untersten jener Alcoven-Zimmer genommen; dem Amtmanne und seinem Sohne hingegen war das im obersten Stockwerke angewiesen worden. Wir haben erzahlt, dass die Gesellschaft aus Biesterberg Abends fruher als die Priester der Thalia zu Bette giengen. Herr Stenge liebte, wie das zuweilen der Fall bey solchen Kunstlern ist, die starken, begeisternden Getranke, und da sein Schutz-Patron, sanctus Apollo, ihm keinen Nectar lieferte, pflegte er sich bescheiden mit Kummel-Aquavit oder dergleichen zu behelfen. Des Amtmanns alter Franzwein hatte seinen Durst vermehrt; Er liess sich also noch Brandtewein vom Wirthe geben, schickte seine Frau zu Bette, nahm seine Rolle als Kaiser Ernst in Agnes Bernauer vor sich, fieng an trinkend zu studieren und studierend zu trinken; Nach und nach wurde sein kaiserliches Haupt schwerer; Ein kleines Geschaft, dem sich Monarchen und Bauern zu gewissen Zeiten nicht entziehn konnen, rief ihn in den Hof; Er taumelte irrend herum, gerieth endlich in einen leer stehenden Pferdestall, stolperte, fiel auf das Stroh hin der Genius des Hauses Bayern wachte uber ihn; er schlief sanft ein, sanfter, als sonst wohl Kaiser und Konige schlafen. Moral: Man kann wohl je zuweilen auf Stroh sanfter, wie auf Eider-Daunen ruhn.
Unterdessen hatten die Zauberkrafte der ungewohnten Stadt-Kuche eine sonderbare Umwalzung (Revolution) in den Verdauungs-Werkzeugen des Musjo Valentin Waumann bewurkt; Er konnte nicht einschlafen vor Kneipen und Reissen Wie, wenn der Professor Aloisius Hoffmann in Wien nach unweisem Genusse der gewurzten Speisen der Aufklarung, seinen, an Wasser-Suppen, Fastenspeisen und Klosterkost gewohnten Magen in dem unsaubern heimlichen Gemache der Wiener Zeitschrift zu entladen sucht, so sehnte sich unser liebenswurdiger Jungling nach einer ahnlichen Anstalt fur seine Bedurfnisse. Er schlich weg von der Seite seines fest schlafenden Erzeugers, irrte im Hause umher, fand endlich das quasi hoffmannsche Institut, und kehrte, doch nicht verachtet und verspottet wie der Professor, nach seiner Schlafstelle zuruck. Allein unglucklicherweise gerieth er in das untre Zimmer, und weil dies vollkommen wie das obre eingerichtet war, wurde ihm sein Irrthum nicht merklich, sondern er gieng dem Alcoven zu, legte sich behende neben Madam Stenge hin, und schlief ein.
Also schlief er; die Dame schlief; der Herr Amtmann schlief; der Theater-Furst schlief; folglich wurde bis zu der Morgenstunde niemand der Verwechselung gewahr. Dann aber waren die Dunste des gestrigen Rausches bey dem Herrn Stenge verflogen; Er erhob sich von seinem Lager, erstieg sein Zimmer und fand was wir wissen.
Als der Amtmann den Schauplatz der Gewaltthatigkeit erreichte, hatte eben der Principal den einzigen waumannschen Erben mit einer Hand an der Gurgel ergriffen, indem er ihm mit der andern ein TaschenPistol auf die Brust hielt und dabey furchterlich declamirte: "Rauber, Ehrenschander!" rief er aus, "Du sollst mir den Frevel theuer bezahlen. Und Du, unkeusches Weib! die Du mein Ehebette befleckest; hast Du vergessen, dass Dein Leben mein Werk ist, dass ich Dir alles aufopferte, dass ich hasse, wie ich liebe?1 Was hindert mich, dass ich jeden Eurer Othemzuge in banges Seufzen, Euer verliebtes Girren in Heulen und Zahnklappern verwandle." "Hat sich was zu klappern", rief der Forster, der indess, wie alles, was sonst noch im Hause lebte und webte, herbeygekommen war. "Hat sich was zu klappern! das alte Mensch hat ja keinen Zahn mehr im Rachen. Und nun sage mir gleich, Du vermaledeyter Pritschmeister! was Dir der junge Mensch da gethan hat! Oder ist das wieder einer von Deinen Commodien-Spassen, wobey ehrliche Leute Schlage kriegen? Ich rathe Dir's, bleib uns mit Deinem Hocuspocus vom Leibe, oder Du sollst sehn, dass der Forster Dornbusch auch Commodie spielen kann."
Weit entfernt, sich durch diese Drohungen schrekken zu lassen, erhob vielmehr Herr Stenge nur noch lauter seine Principal-Stimme. Von der andern Seite trat seine Eheliebste mit den heiligsten Betheurungen ihrer Unschuld hervor. Ein Gegenstand, den sie in dreissig Jahren nicht Gelegenheit zu vertheidigen gefunden hatte! Sie schwor bey den Lichtern des Firmaments, sie habe fest geschlafen und gar nicht geahndet, dass ein Verfuhrer den Platz ihres Mannes bey ihr eingenommen hatte. "Wodurch, schandlicher Bosewicht", schrie sie, "habe ich Deine Frechheit ermuntert, dass Du einen so hollischen Anschlag auf meine Tugend wagen durftest?" "Darum also", fiel ihr wieder Herr Stenge in die Rede, "habt ihr mich mit Euren betaubenden Getranken in einen Zustand versetzt, in welchem ich meiner Sinne nicht machtig war?" Kurz! Beyde spielten ihre Rollen so gut und der dicke Herr war ein zu alter Practicus, als dass er nicht auf den ersten Blick hatte wahrnehmen sollen, was fur Vortheil sich aus dieser Verwirrung ziehn liess. Der Amtmann und seine Gefahrten standen in der That wie bezaubert da und wussten nicht, was sie anfangen sollten. Alles sprach gegen Musjo Valentin; das Factum war nicht zu leugnen; das Ehepaar drohete mit gerichtlicher Klage; der Wirth glaubte gleichfalls sein Haus beschimpft. Welch ein Aufsehn, wenn Herr Stenge die Gesellschaft in Verhaft nehmen liess! Freylich wurde sich die Sache vor Gericht aufgeklart haben; aber der Schimpf. Und die Kutschen standen schon bespannt vor der Thur; Es war keine Zeit zu verliehren, wenn man des Herrn Blanchards Himmelfarth sehn wollte. Was sollte man also thun!
Von der ganzen Gesellschaft war unstreitig der Pastor Schottenius der Vernunftigste. Er merkte bald, dass dem Ubel durch einen Aderlass, den der Herr Amtmann seinem Geldbeutel verordnen wurde, abgeholfen werden konnte. Es bedurfte nicht viel Feinheit, um die Gauner-Familie zu bewegen, hierzu die Hande zu biethen. Mit einer Anweisung auf dreissig Reichsthaler, die Herr Lauenstein, welcher den Beamten kannte, bezahlte, wurde die Sache ins Reine gebracht; unsre Freunde reisten ab, verschworen sich, ihr Lebenlang an Hildesheim zu denken, und kamen bald ohne weitern Unfall in Peina an.
Viertes Capitel
Begebenheiten in Peina; Tisch-Gesprache; Kuchen,
in des Pastors Unsterblichkeit gehullt; Die
Gesellschaft trennt sich.
Wir sehen es denen Damen und Herrn an, welche dieses unser, wie wir uns schmeicheln, sehr unterhaltende Werk lesen, dass sie, bey der Uberschrift dieses Capitels, uber die Tisch-Gesprache die Kopfe schutteln. Sie mogten die Reisenden nun gern sogleich weiter fortgeschafft wissen, in der Hofnung, dass es da wieder allerley lustige Abentheuer absetzen wurde; die Gesprache hingegen werden ihnen, wie sie furchten, Langeweile machen. Allein Sie irren Sich gewaltig, wenn Sie glauben, dass wir, der Autor, uns darum bekummern werden. Das musste doch wahrlich mit andern Dingen zugehn, wenn man uns vorschreiben durfte, auf welche Weise wir unsre Geschichte erzahlen sollten, und wenn es uns verwehrt seyn durfte, auch einmal unsre Personen mit einander uber Gegenstande raisonniren zu lassen, uber welche wir unsre Meinung zu sagen einen Trieb fuhlen. Ist doch das die einzige schickliche Gelegenheit, die wir in diesem Buche finden konnen, unsre philosophischen und andern wissenschaftlichen Kenntnisse, die, ohne uns zu ruhmen, nicht zu verachten sind, auszukramen!
Diesmal aber ist der Autor sehr unschuldig daran, dass seine Reisende sich so lange in Peina aufhalten. Der Zufluss von Fremden, die aus allen Gegenden zu der blanchardschen Hannswursterey nach Braunschweig reisten, war so unbeschreiblich gross, dass nicht jedermann sogleich Postpferde erhalten konnte. Unsre Freunde aus Biesterberg waren unter der Anzahl Derer, die sich mussten vertrosten lassen, bis ein Paar Gespanne zuruckgekommen seyn wurden Bey solchen Gelegenheiten pflegen denn auch vornehme Herrschaften schneller bedient zu werden, obgleich sie gewohnlich nicht besser bezahlen, wie Andre Sie konnten noch von Glucke sagen; Ein Hollander, der viel Meilen Weges deswegen gereist war, musste sich gefallen lassen, statt des Herrn Blanchards Bekanntschaft, mit der des Herrn Postmeisters in Peina vorlieb zu nehmen; ihnen hingegen versprach man doch, sie zur rechten Zeit nach Braunschweig zu liefern. Und da sie nun einmal ein Paar Stunden in Peina aushalten mussen und sie da in einer grossen Gesellschaft von andern Reisenden an der Mittags-Tafel sitzen, muss ich doch entweder erzahlen, was sie gegessen, oder was sie gesprochen haben. Das Erste wurde sehr kurz zusammen zu fassen seyn, wie Jeder weiss, der einmal im Posthause in Peina getafelt hat; folglich, es hilft nichts davor, werde ich nicht umhinkonnen, mit den Tisch-Gesprachen aufzuwarten.
Des Herrn Amtmanns respectabler Bauch und sein mit Gold eingefasster blauer Rock hatten ihm, vermoge einer stillschweigenden Convention, den obersten Platz am Tische verschafft; Musjo Valentin liess sich gleich neben ihm nieder, band die Serviette um den Hals und grinzte freundlich in die Suppen-Schale. Dem Vater zur andern Seite sass, in sehr zierlicher Reise-Kleidung, ein Mann mit einer ProtectionsMine, den unsre Freunde so obenhin fur einen Regierungs, Hof- oder Cammerrath hielten. Hier neben nahm der Forster Platz; dann der Pastor. Mit cavaliersmassigem, leichten Anstande warf sich dann ein junger Herr auf den nachsten Stuhl, trillerte, mezza voce, das Fragment eines kleinen Liedes, und rumpfte die Nase uber die, wie es schien, ihm zu gemeine Kost. Der Rest der Gesellschaft bestand aus unbedeutenden Personen, die kein Wort redeten, als wenn sie Wein forderten und sich durch nichts, als ihren vortreflichen Apetit bemerklich machten.
Der Amtmann: "Nach Ihnen, mein hochgeehrtester Herr!"
Der wichtige Mann: "Ohne Umstande! Ich bin nicht fur Complimente. Apropos! wie fallt in ihren Gegenden die Erndte aus? Sie haben wohl selbst Landhaushalt?"
Der Amtmann: "Ich habe die Ehre als Amtmann in Seiner **** Diensten zu stehn und habe eine grosse Pachtung. Ey nun! mit der diesjahrigen Erndte ist es "
Der wichtige Mann: "Grosse Pachtung? Das hore ich immer ungern. Freylich werdet Ihr Herren reich dabey lauter kleine Fursten! Aber das Land, das Land!"
Der junge Herr: (zu dem Pastor) "Wie heisst der beste, grosse Gasthof in Braunschweig?"
Pastor: "Excusiren Sie! Ich kann nicht dienen. Es ist das erstemal, dass ich mit den "
Forster: "Ich logiere mant immer im goldnen Engel; Da ist gute Wartung fur Menschen und Vieh."
Einer von den Andern: "Meine Herrn! ich nehme mir die Ehre, auf gutes Wohlseyn!"
Alle: "Danke ergebenst! Obligirt! Gleichfalls!"
Der wichtige Mann: "Bey unserm Collegio sind wir jetzt daruber aus, die Amter zu vereinzeln und die Landereyen an Bauern auszuthun. Wir sehen den Nutzen davon ein; Wir wollen den Profit mehrern Familien gonnen; Wir haben daruber jetzt gewisse Grundsatze angenommen, wobey unser Land besser fahren wird."
Der junge Herr: "Mich soll wundern, wie man mich in Braunschweig behandeln wird; Ich finde viel Bekannte da Und ob ich den Herzog verandert finde Der Kaiser wird es kaum glauben, wenn ich ihm bey meiner Ruckkunft sage, wie weit man noch in Hannover zuruck ist. (Unsere Freunde machten grosse Augen) Sind Sie ein Liebhaber von Music, Herr Pastor?"
Pastor: "Ich habe ehemals ein wenig Harfe gespielt und gesungen; aber die Amtsgeschafte lassen mir jetzt wenig Musse zum blossen Zeitvertreibe ubrig."
Der junge Herr: "Zeitvertreib? Ich bitte Sie! Kann etwas edler seyn, als die Tonkunst? Was wurkt mehr auf Herz und Empfindungen? Kann ein Mensch ein gutes Gemuth haben und kein Freund von Music, und kann ein grosser Musiker wohl je ein Bosewicht seyn? An dem Vortrage eines einzigen Adagio will ich horen, ob ein Virtuose edler Gefuhle fahig ist oder nicht."
Pastor: "Erlauben Sie, mein Herr! Ich habe das ehemals auch wohl gedacht, habe mich aber nachher uberzeugt, dass das alles nur ein Werk mechanischer Ubung ist. Weich macht die Music, das ist gewiss; aber nicht jede sanfte, wollustige Empfindung ist darum Empfindung edler Art. Die Music hat keine bestimmte Sprache; sie regt luxuriose Gefuhle auf, ohne ihnen eine geordnete Richtung zu geben. Das Herz wird dadurch empfanglich, hier zum Wohlwollen, zur Freundschaft, dort zur Sinnlichkeit und zu grober Wollust. Die Menschen sind sehr geneigt, verschiedne Begriffe zu verwechseln, die man mit denselben Worten ausdruckt. Wir sagen von einem sanguinischen Weichlinge, der uber Roman-Helden Thranen vergiesst: er habe Gefuhl, und dasselbe sagen wir von dem Manne, dessen Herz sich fur grosse Gegenstande warm und thatig interessirt; allein vergessen wir nicht, dass Jener darum doch ein Erz-Schurke seyn konne; der wahrhaftig tugendhafte, zu erhabnen Thaten und grossmuthigen Aufopferungen fahige Mann hingegen sich durch die Gewalt seiner Vernunft uber die Leidenschaften auszeichnen musse. Kurz! die Tugend besteht nicht in dunkeln Gefuhlen, wie ich dies in einer Predigt, die bald im Drucke erscheinen wird, weitlauftig auseinander gesetzt habe. Was ich eben behauptete, wird ja auch durch die Erfahrung bestattigt. Findet man nicht die verworfensten, schlechtesten Leute und die kaum Menschensinn haben unter den geschicktesten Virtuosen?"
(Hier stand der junge Herr einen Augenblick auf und gieng hinaus)
Der Amtmann: (zu dem wichtigen Manne) "Um Vergebung! kennen Dieselben den Herrn, der da von Music sprach und der, wie es scheint, mit furstlichen Personen in genauen Verhaltnissen stehn muss?"
Der wichtige Mann: "Ob ich den Schuft kenne? Wie wollte ich nicht! Das ist ein reisender Flotenspieler; Ein luderlicher Hund, der, als ich in herrschaftlichen Angelegenheiten in Wetzlar war, dort ein ehrliches Burgers-Madchen verfuhrte und mit ihr durchgieng. Hernach ist er einmal Comodiant gewesen; Jetzt steht er in Wien bey der Capelle eines Fursten. Sie haben Recht gehabt, dass Sie ihm die Wahrheit gesagt haben, Herr Pastor! aber das muss man gestehn, der Kerl spielt, wie ein Engel. Solche Pfeifer und Geiger glauben, dass sie die wichtigsten Leute im Staate sind, und dass sie uns eine Gnade erzeigen, wenn sie uns die Thaler aus dem Beutel dudeln. Aber auf unser voriges Gesprach zuruck zu kommen, Herr Amtmann! Sie schuttelten den Kopf, als ich von Vertheilung der Amts-Landereyen sprach.-"
Der Amtmann: "Ich bekenne, dass ich nicht davor bin. Sie werden vielleicht glauben, mein hochgeehrtester Herr!, dass ich aus Eigennutz rede; aber das ist gewiss nicht der Fall. Sie belieben zu sagen, die Beamten wurden reich bey den grossen Pachtungen; allein das hangt davon ab, wie der Contract gemacht ist. Und ware das auch! Was wurde aus unsern Staaten werden, wenn es keine reiche Leute darinn gabe? Wer sollte in Zeiten der Theurung und des Mangels den Armen Brod und Arbeit geben, ihnen Vorschusse thun? Der Bauer sammelt nicht; Kommen nun Misjahre, so ist die Noth allgemein. Der wohlhabende Beamte hingegen ist in solchen Calamitaten der allgemeine Cassirer. Sie sagen, wenn die Landereyen vertheilt wurden, lebten mehrere Familien davon. Allein ziehen denn nicht von dem reichen Manne eben so viel Familien ihren Unterhalt? Dem Wucher der Capitalisten und der ubermassigen Bereicherung aber kann ja die Landes-Regierung Einhalt thun."
Unser Herr Amtmann wollte seine cameralistische Abhandlung eben fortsetzen, als dem wichtigen Manne gemeldet wurde, dass der Wagen, in welchem er mit zwey von den stummen Personen abreisen sollte, fertig vor der Thur stunde. Er gieng also von dannen; und kaum hatte er die Thur hinter sich zugezogen, als der Virtuose in ein lautes Gelachter ausbrach: "Nun bey meiner Seele!" rief er, "das nenn' ich einen Windbeutel! Thut der Kerl nicht so dick, als wenn er ein Minister ware! Aber wir kennen uns; Ich habe ihn gesehn, als er in Wetzlar, zur Zeit der Visitation, Bedienter bey den ***schen Gesandten war. Er hat mir und dem Cammerrichter manches Glas Wein eingeschenkt, wenn wir bey dem Gesandten speisten. Jetzt ist er Scribent bey der Cammer in ***."
Den Herrn Amtmann reuete nun seine ubergrosse Hoflichkeit und seine landlichen Gefahrten machten in der Stille ihre Bemerkungen uber die Wahrheit des Satzes, dass in der grossen Welt, in welcher sie so fremd waren, der Schein gewaltig betroge. Indessen war ein Gespann Pferde zuruck gekommen; Man konnte also die Halfte unsrer Freunde nach Braunschweig spediren. Es war nicht rathsam, langer zu warten, weil jeden Augenblick neue Fremde ankamen, welche die Pferde wegnahmen. "So will ich denn", sprach Herr Waumann, "mit Valentin vorausfahren. Sobald ein anders Gespann kommt, folgen Sie nach, und im goldnen Engel finden wir uns wieder."
"Ich sehe", sagte der Virtuose, "dass der Herr Amtmann einen Platz leer haben. Wollen Sie so gutig seyn, mich mitzunehmen; so gewinne ich Zeit; meine Equipage kann nachkommen. Ich wollte gern heute noch, ehe der Lerm losgeht, den Prinzen *** sprechen, der mich erwartet."
So etwas abzuschlagen, dazu hatte der Herr Amtmann keinen Muth; also nahm er den musicalischen Reisenden mit. "Mein Vetter, der Forster da oben bezahlt fur mich", sagte der Virtuose dem Kufer leise in das Ohr, als er hinunter kam, und damit stieg er schnell ein, und sie fuhren ab.
"Wir wollen", sprach der Pastor, "dies Stuck Kuchen mitnehmen; Es muss doch bezahlt werden. Aufwarter! hat er nicht ein Stuck Papier?" Der Aufwarter gieng hinaus, kam bald wieder und brachte einen halben Bogen, klein beschrieben. "Ach! was ist das?", rief Ehren Schottenius, "das ist ja meine Hand. Wo hat Er das Papier gefunden? Ach, Du meine Gute! das ist meine schonste Predigt. Wie ist Er an dies Blatt gekommen?"
O Ihr unsichtbaren Machte! Schutzgeister, Engel und Teufel, Heilige und Verdammte, Genien, Damonen! oder wie Ihr heissen moget, die Ihr Eure Nasen in das Gewebe unsrer Schicksale steckt; sprechet, was haben die armen Reisenden aus Biesterberg verbrochen, dass Ihr ihnen so ubel mitspielet? War es Euch nicht genug, dass der dienstfertige Forster Dornbusch fur seine gute Absicht, Agnes Bernauer aus den groben Handen des Hausknechts zu erlosen, mancherley Streiche leiden musste, dass der unschuldige Valentin Waumann, als ein Ehebrecher angeklagt, mit TodesGefahr bedroht wurde, und dass sein wurdiger Erzeuger sich gezwungen sah, aus seinem Seckel seinen einzigen Leibes-Erben von dem zwiefachen Schimpfe loszukaufen. Muss nun noch die Unsterblichkeit, die sich Ehren Schottenius in der Schulbuchhandlung in Braunschweig schwarz auf weiss wollte geben lassen, ein Spiel loser Buben werden? Denn dass Du es nur wissest, geneigter Leser! folgendermassen war es mit der unglucklichen Predigt zugegangen: Die schonen Beschreibungen und Kupferstiche, welche des beruhmten Herrn Blanchards Wind-Reise vorstellten und wodurch die curiosen Liebhaber brodloser Kunste herbeygelockt werden sollten, hatten die muntre Jugend in Peina bewogen, die Nachahmung der Luftballe seit einiger Zeit zum Haupt-Gegenstande ihrer unschuldigen Spiele zu machen. Drey lustige Knaben, die ihr Wesen in dem Hofe des Herrn Postmeisters trieben, wiegten sich eine Zeitlang in der leer stehenden halben Kutsche des Pastors Ehren Schottenius. Ihre Neugier trieb sie endlich auch, in den Bock- und in den Sitzkasten hinein zu blicken. Da fanden sie dann in letzterm unglucklicherweise das Manuscript unsers armen Pastors; und weil sie keinen Begriff von der Wichtigkeit dieser Papiere hatten, erklarten sie das ganze Bundel fur eine res nullius, nahmen einige Hefte davon, holten Scheere, Nadeln und Zwirn herbey, begannen, von den Wahrheiten des Christenthums wegzuschneiden, was nicht zu der Form eines Luftballs passte, wie der Doctor Bahrdt von den Kirchensystemen wegschneidet, was ihm nicht rund genug ist, und fiengen dann an, die Stucke zusammen zu nahen, um die Nachahmung einer aerostatischen Maschine zu Stande zu bringen. Der Aufwarter, welcher Papier suchte, nahm den Knaben eines von den Blattern weg, brachte es dem Pastor, wie wir gehort haben, und in welche Klagelieder dann der ehrwurdige Herr bey dem Anblicke dieses Fragments ausbrach, das wollen wir aus Schonung gegen den geneigten Leser verschweigen. Unsre Erzahlungen werden je zuweilen ruhrend seyn; aber erschuttern wollen wir nicht. Auch konnen wir Ihnen zumTroste sagen, dass der geistliche Herr noch fruh genug in den Hof kam, um den grossten Theil des Manuscripts zu retten. Es war eigentlich nur Eine Predigt ganz, und von einer andern die Nutz-Anwendung verlohren gegangen. Ein ertraglicher Schaden! Geht doch so manche Predigt ganz, und von den mehrsten die Anwendung verlohren! Da das zweyte Gespann Pferde noch immer nicht zuruckgekommen war und Ehren Schottenius die beyden Seiten der Schluss-Vermahnung noch im Kopfe hatte; liess er sich geschwind einen Bogen reines Papier geben, schrieb sie wieder auf, und hatte doch nun sechs und funfzig Predigten vollstandig. Was in der sieben und funfzigsten gestanden hatte, war freylich im eigentlichsten Sinne, in den Wind geredet.
Wir lassen den geistlichen Herrn schreiben und begleiten unsern Amtmann auf seiner Reise nach Braunschweig.
Funftes Capitel
Was dem Herrn Amtmanne und seinem Sohne nach
der Trennung von ihren Gefahrten begegnet.
Der reisende Virtuose, den wir mit unsern beyden Freunden haben nach Braunschweig abfahren lassen, war, wie leider! die mehrsten Menschen, die sich dieser Lebensart widmen, ein Erz-Taugenichts, der von den Schwachen andrer Leute lebte. Wenn er in einer Stadt die mussigen Music-Liebhaber durch sein Talent und die manntollen Weiber durch seine seelenlose Figur bezaubert hatte, nistete er sich auf eine Zeitlang ein und blieb dort, bis irgend ein verubtes Bubenstuck ihn nothigte, bey Nacht und Nebel fortzugehn, da ihm dann gewohnlich die Fluche betrogner Glaubiger, mit Undank gelohnter Wohlthater und verfuhrter Madchen nachfolgten. Dann trat er zwolf Meilen von da unter anderm Namen auf, hiess in St. Petersburg Monsieur Dubois, in Berlin Signor Carino, in Hamburg Herr Zarowsky und in Wien Herr Leuthammer; erschien bald in gestickten Fracks, mit zwey Uhren, bald im zerrissnen Uberrocke, als blinder Passagier auf dem Postwagen. Sein Herumtreiben unter Menschen aus allen Standen hatte ihm eine gewisse Wendung, einen Anstrich von Feinheit und Welt gegeben, obgleich er im Grunde ausserst leer und unwissend war. In dem Augenblicke, da wir ihn hier haben auftreten lassen, war er ohne einen Heller Geld zu Fusse nach Peina gekommen, in der Zuversicht, die ihn, wie wir gesehn haben, auch nicht trog, dass er, bey der Menge von Fremden, die itzt nach Braunschweig strohmten, leicht einen gutwilligen Mann finden wurde, der ihn dahin mitnahme, wo er ein Concert zu geben, oder sonst einen Fang zu thun hoffte. Unsre Landleute aus Biesterberg waren grade die Menschen, deren er bedurfte. Dass er beym Abfahren dem Forster, den er fur seinen Vetter ausgab, die Sorgfalt uberliess, seine Zeche zu bezahlen, war nur ein kleines Probestuck seiner Kunst, im Vorbeygehn; von seinen ReiseGefahrten aber hoffte er grossere Vortheile zu ziehn.
Sobald nun die Kutsche das holprichte Steinpflaster in Peina verlassen hatte, fieng Herr Carino an, mit sanfter Stimme und bescheidnem, ehrerbiethigem Wesen, seine Gesellschafter zu unterhalten.
"Der junge Herr", sprach er, "sind wohl noch nie in Braunschweig gewesen. Das Gewuhle von Menschen wird jetzt ungeheuer gross darinn seyn. Man muss sich da im Gedrange gewaltig in Acht nehmen, dass man nicht bestohlen oder sonst gemisshandelt werde. Ich will wohl rathen, Uhr und Geldbeutel im Gasthofe zuruckzulassen. Wir wollen uns dann immer nahe zusammenhalten, und wenn mein hochgeehrtester Herr Amtmann mir Dero Herrn Sohn anvertraun wollen, will ich schon auf's Beste fur den jungen Herrn sorgen."
Dies Anerbiethen konnte nicht anders als ausserst dankbar angenommen werden; die ubrige Frist bis zur Ankunft in Braunschweig verwendete Herr Carino, sich vollends in dem Zutraun des alten Herrn festzusetzen und ihm mit angenehmen Erzahlungen die Zeit zu vertreiben.
Im goldnen Engel fanden unsre Reisenden einen solchen Zusammenfluss von Fremden aus allen Gegenden, dass sie nur mit genauer Noth noch ein kleines Zimmer unter dem Dach eingeraumt bekommen konnten, wo sie ihre wenigen Packereyen absetzen liessen.
"Dass Dich der Tausend!" rief plotzlich der Herr Amtmann Waumann, als ihm auf der Treppe ein dikker Herr in einem braunen Rocke mit gelben Knopfen und einer rothen Weste mit Gold besetzt begegnete. "Alter Freund! wie treffen wir uns hier an?" Es war der Licentiat Bocksleder aus Schoppenstedt, sein Universitats-Freund, den auch die Neugier hierher getrieben. Und dann hatten sie sich tausend Dinge zu erzahlen. "Und weisst Du denn, Herr Bruder Amtmann! dass meine Frau auch mit hier ist und ihr Vater, der Kaufmann Pfeffer? Du musst mir gleich mit zu ihnen. Wir logiren nicht hier im Hause, sondern im Prinzen Eugen; ich suchte nur hier jemand auf. Wir haben noch uber zwey Stunden Zeit, ehe der Ball aufsteigt. Mit dem Anfullen geht auch sehr viel Zeit weg. Und Platz finden wir immer. Lass uns das Spectakel ausser dem Thore jenseit des Grabens ansehn; in der Schanze ist das Gedrange zu gross, und warum sollte man noch Geld dafur ausgeben?"
Der Amtmann machte einige Einwendung in Rucksicht auf seinen Sohn, und, wenn er Den auch mitnehmen wollte, hauptsachlich wegen der andern beyden Gefahrten, die noch von Peina nachkommen wurden; allein Herr Carino erboth sich, dem jungen Herrn nicht von der Seite zu gehn, mit ihm und, sobald der Pastor und der Forster da seyn wurden, auch mit Diesen nach der Contre-Escarpe zu folgen. "Dort, werthester Herr Amtmann!", sagte er, "werden wir Sie schon finden; und wenn auch nicht; so treffen wir doch, sobald alles vorbey ist, gegen Abend hier wieder zusammen. Lassen Sie Sich ja nicht von Ihrer angenehmen Gesellschaft abhalten!" Der Vorschlag wurde angenommen, und der Amtmann gieng mit seinem Freunde.
"Sie sind, meiner Six! ein netter Mann, Herr Carino!" sprach Musjo Valentin, als er mit dem Virtuosen allein war. "Ich habe Ihnen recht lieb. Sie sprechen so artig, dass man gern zuhort. Ihr Gesprach ist gleichsam, wie das Wirthshaus-Bier; Man wird immer durstiger darnach, jemehr man davon geniesst." "Und Ihr Witz", erwiederte Herr Carino, "ist wie das Marz-Bier; Er ist auch noch in kunftigem Sommer gut, ohne schaal zu werden."
Hier wurde ihre Unterhaltung durch die Ankunft eines Bothen aus Peina unterbrochen, den der Hausknecht hereinfuhrte und der nach dem Herrn Amtmann Waumann fragte. Er brachte einen Brief an denselben, und da zu vermuthen war, dass der Inhalt vielleicht wichtig und von der Art seyn konnte, dass man eilig etwas darauf antworten oder thun musste, Papa Waumann aber nicht herbeygeholt werden konnte, ubrigens auch der Brief wohl keine Geheimnisse zu enthalten schien, indem er nur mit einer Oblate versiegelt war; rieth Herr Carino, denselben zu erbrechen, welches auch geschahe Er lautete, wie folgt:
Werthgeschatzter Herr Amtmann!
Ein ausserst unerwarteter Vorfall, dessen Erzahlung sich nicht wohl der Feder anvertraun lasst, nothigt den Herrn Forster, seinen Reiseplan zu verandern und von hier sogleich nach Goslar zu fahren. Erwarten Ew. Wohlgebohren uns also nicht in Braunschweig! Ich gestehe, dass es mir ein wenig nahegeht, das merkwurdige Experiment des Monsieur Blanchard nicht mit ansehn zu konnen. Auch wegen der Edition meiner Predigten ware ich gern in Braunschweig gewesen. Allein, was ist zu thun? Mundlich ein Mehreres! Wir hoffen, so Gott will, gegen Ende der Woche wieder in Biesterberg einzutreffen. Ich empfehle mich gehorsamst Peina, im Posthause, Sonntags Mittags, in Eil.
Johann Gottlieb Schottenius
Musjo Valentin pflegte sich eben nicht den Kopf zu zerbrechen uber die Grund-Ursachen, wurkenden Ursachen und andern Ursachen der Dinge; also steckte er den Brief in die Tasche und begnugte sich, seinem Gefahrten zu erzahlen! der Forster habe eine Nichte in Gosslar, die Grete hiesse und die sie ihm, dem jungen Herrn Waumann, gern zur Frau geben wollten, die er aber nicht leiden mogte, weil sie ihm zu stadtisch und zu gelehrt ware. Er furchtete sich recht davor, sagte er, dass der Forster sie nun mitbringen, und dass man ihm dann gewaltig zusetzen wurde, Hochzeit zu machen.
Indess dies vorgieng, sahen sie nach und nach Schaaren von Menschen zu dem grossen Schauspiele hinziehn, und selbst aus dem goldnen Engel lief alles fort, was Beine hatte.
"Nun ist es Zeit", sprach Herr Carino, "dass wir uns auch zurusten. Allein bey solchen Gelegenheiten thut man wohl, durch seine Kleidung ein wenig hervorzuleuchten, damit man vom Pobel mit Achtung behandelt werde. Vermuthlich haben Sie noch einen bessern Rock im Coffer. Hurtig, den angezogen! Ich habe einen Kamm bey mir; da will ich Ihnen in Eil ein wenig die Haare zurecht kammen."
Valentin zog Rock und Weste aus, offnete den Coffer, holte ein grunes Rockchen mit goldnen Knopflochern hervor. "Legen Sie dagegen Uhr und Geldbeutel hinein! Und wenn Sie nun noch einmal an einen gewissen Ort gehen wollen", fuhr Herr Carino fort, "so machen Sie geschwind! Ich will indess alles in den Coffer verschliessen. Es giebt bose Menschen; man muss vorsichtig seyn."
Herr Valentin lief, im Hemde, wie er war, an den Ort, den man nicht gern nennt; Signor Carino schlich nach, verriegelte, als Jener sass, die Thur von aussen, kehrte in das Zimmer zuruck, packte Geld, Uhr, und was er in der Eil aufraffen konnte, zusammen, flog die Treppe hinunter, verlohr sich in den Haufen und wird sich wohl in diesem unserm Buchlein gar nicht wiederfinden.
Sechstes Capitel
Fragment einer Predigt. Unvermuthete
Zusammenkunft in Peina. Wie mag das
zusammenhangen?
Der Ort, wo wir, als ein gewissenhafter Geschichtschreiber den hoffnungsvollsten Jungling leider! haben einsperren lassen mussen, ist freilich kein angenehmer Aufenthalt fur ihn; allein da wir ihn doch nun vorerst noch nicht von da erlosen konnen, fuhlen wir, so sehr wir uns auch fur ihn interessiren, dennoch keinen Beruf, ihm dort Gesellschaft zu leisten, sondern kehren vielmehr nach Peina zuruck, um zu sehn, was aus unsern andern beyden Freunden geworden ist.
Wir haben gehort, dass der Herr Pastor sich angelegen seyn liess, die Lucke wieder auszufullen, welche bose Buben in eine seiner schonsten Predigten gemacht hatten; der Forster Dornbusch warf sich indess in einen alten Lehnsessel hin, streckte die Beine vorwarts, schlug die Arme in einander, schloss seine Augen, fieng an zu gahnen und schlief ein. Was konnen wir nun besseres thun, als dass wir, ohne Einen von Beyden zu stohren, leise hinter Ehren Schottenii Stuhl treten und, was er zu Papier bringt, heimlich in unsre Schreibtafel eintragen? Hoho! meine Damen und Herrn! schweigen Sie ja still! Sie konnen froh seyn, dass ich Ihnen nicht alle sechs und funfzig Predigten als Beylage zu diesem Romane aufdringe. Sie kommen noch wohlfeil davon; und, die Wahrheit zu gestehn, es ware fur die Mehrsten von Ihnen uberhaupt nutzlicher, wenn Sie mehr Predigten und weniger Romane lasen. Schlimm genug, dass, wenn man Euch einmal wichtige Wahrheiten an das Herz legen will, man die bunte Jacke anziehn muss! Und dann mag man sich ja wohl in Acht nehmen, dass man bey ernsthaften Gegenstanden nicht zu lange verweile, sonst blattert Ihr, statt zu lesen. Die Marchen und Possen sucht Ihr auf, und das, um dessentwillen das Buch geschrieben ist, uberschlagt Ihr. "Ja! Ihro Gnaden lesen nur, um amusirt zu seyn; von Dero Pflichten sind Sie vollkommen informirt." tant mieux! aber ich sehe doch noch keine Fruchte davon. Doch wir gerathen in Arger und das schadet unsrer Gesundheit; also weiter in den Text!
Fragment einer Predigt uber die Bewegungsgrunde
zur Tugend, welche aus eignem und fremdem
Beyfalle hergenommen werden.
Die Tugend also blos um ihrer selbst willen zu lieben und auszuuben, ohne den geringsten Eigennutz, ja! mit schweren Aufopferungen, dazu gehort schon grosse Starke der Seele. Aus blosser Liebe zu Gott edel zu handeln, das setzt schon ein Herz voll Warme fur Religion voraus. Naher liegen dem sinnlichen Menschen die Bewegungsgrunde, die aus dem Beyfalle der Menschen und den daraus zu erwartenden Folgen hergeleitet sind. So verstockt, so schamlos ist kein Bosewicht, so frech keine Verirrte, dass sie nicht wunschen sollten, entweder auf andre Menschen vortheilhafte Eindrucke zu machen, oder wenigstens sich selbst innerlich, wegen irgend einer vorzuglichen Eigenschaft, loben zu konnen. Sie erklaren lieber die Tugend fur ein Hirngespinst, als dass sie bekennen sollten, sie hatten nichts von dem, was sie an Andern schatzenswerth finden mussen. Durfen sie keinen Anspruch auf Zuneigung und Liebe machen, so uberreden sie sich, andre Leute seyen eben so unfahig, wohlwollende Empfindungen zu hegen, als einzuflossen. Konnen sie sich nicht geachtet machen, so wollen sie wenigstens gefurchtet seyn. Und mislingt jeder Plan, irgend eine Art von Aufmerksamkeit und Theilnehmung zu erwecken, so mogten sie sich gern so sehr uber alle Menschen erhaben glauben, dass niemand als sie, Richter uber ihre Handlungen seyn konnte. Dann schaffen sie sich Tugenden von eigner Erfindung; Ihre Schwachen selbst, ja ihre Laster, erheben sie zu diesem Range. Sie schmucken die Gegenstande, zu welchen ihre strafbaren Neigungen und Begierden sie hinziehen, mit den reizendsten Farben aus, um ihre Anhanglichkeit daran zu rechtfertigen, und suchen hingegen Vorzuge herabzuwurdigen, gegen welche sie ihre Augen verblendet haben. Wer aber so tief gefallen ist, dass fremder und eigner Beyfall ihm gar nichts mehr werth sind; der ist der schrecklichsten Verzweiflung nahe, fur Den fleht vergebens sein guter Engel um Barmherzigkeit vom liebreichen Vater im Himmel.
Beyde aber, der innere Beyfall des Herzens und die Meinung andrer Menschen von unserm Werthe konnen die wurksamsten Triebfedern zu Erlangung hoherer Vollkommenheit werden; beyde konnen wohlthatig auf unsre Besserung wurken, uns in jeder Art Tugend befestigen, zu jeder, auch noch so muhsamen Pflicht-Erfullung ermuntern; Nur mussen Beyde zu gleichen Schritten gehn, keine dieser Rucksichten der andern aufgeopfert werden. Wer sich sclavisch abhangig von dem Urtheile des Volks macht, wird bald alle Eigenheit des Characters verliehren; "Stellet Euch nicht dieser Welt gleich," ruft uns die gottliche Stimme zu, das heisst: folget nicht ohne Auswahl jedem guten und bosen Beyspiele. Wer, wenig bekummert um den Beyfall seines Gewissens, in allem die herrschenden Sitten nachahmt, wird, um sich dem lasterhaften Haufen gefallig zu machen, auch die herrschenden Sunden annehmen; Er wird ein Schmeichler verderbter Grossen, ein unsichrer Freund seyn, und nie die susse Wonne schmecken, welche das innere Bewusstseyn gewahrt, ohne Menschenfurcht, grade und redlich, nach Pflicht und Gewissen gehandelt zu haben eine Wonne, ach! die allein ruhig machen und wahren Seelen-Frieden geben kann.
Eben so gefahrlich aber ist es auch, ohne alle Rucksicht auf fremden Beyfall, keinen andern Richter, als sein eignes Ich, anzuerkennen. Das fuhrt zu der gefahrlichsten Sicherheit, zum Eigendunkel, zum Selbstbetruge. Da sehen wir dann uns selbst nur in dem Lichte, das die Leidenschaften auf unsre Handlungen werfen, und messen das Verdienst Andrer nach dem Massstabe der Ahnlichkeit ab, die sie mit uns haben. Wir schaffen uns Grundsatze, die unsren Begierden schmeicheln, finden eine Entschuldigung fur jede, auch von jedermann getadelte Handlung, wenn nur unser eingeschlafertes Gewissen ruhig dabey bleibt. Wir verachten alle Regeln des Anstandes und der Ubereinkunft, die doch dem Menschen, welcher in der burgerlichen Gesellschaft lebt, unverletzliche Pflichten auflegen. Wir opfern unserm Eigendunkel und unsrer Sinnlichkeit Ehrgefuhl, Schaam, Dankbarkeit auf, und zerreissen alle Bande des Bluts und der Freundschaft. Der treue Rathgeber scheint uns ein beschwerlicher Schwatzer; der strenge Warner ein rauher, ungefalliger Mann. Wir fliehen ihn, verschliessen ihm unser Herz und eilen in die Arme des Niedertrachtigen, der unsre Leidenschaften schmeichelt. Jede Tugend scheint uns entbehrlich, wenn sie Aufopferung kostet, als wenn es eine Tugend ohne Aufopferung gabe! Statt den Kampf gegen die Sinnlichkeit zu kampfen, wo Ruhe und Seligkeit mit Herzens-Wunden erkauft werden mussen, finden wir es bequemer, mit unserm Gewissen in Unterhandlungen zu treten; und der Vergleich ist bald geschlossen, wenn Klager, Beklagter und Richter nur Eine Person sind.
O! wie manche gute Seele ist durch zu grosse Sicherheit gefallen. Zu spate Reue, allgemeine Verachtung, Elend und Jammer sind dann "Ho ho! was Teufel ist nun wieder los?" rief der Forster und sprang vom Stuhle auf, als ihn der Hausknecht, der ungestum in die Thur trat, aus seinem Mittags-Schlafe weckte. "Ich wollte nur sagen," antwortete der Hausknecht, "dass die Pferde nun gleich kommen werden. Die Mamsel und der Officier, die im Zimmer hier neben an logiren, wollen auch fort, sobald er nur wieder zuruckkommt." "Was fur eine Mamsell?" sprach der Pastor- Wir wollen in des Hausknechts Namen antworten.
In der Nacht vom Sonnabende zum Sonntage kam in Peina im Posthause eine kleine Callesche an, in welcher ein osterreichscher Officier mit einem schonen jungen Frauenzimmer sass. Auf die Frage: ob sie gleich weiter wollten, antworteten sie: nein! sie mussten vielmehr hier die Ankunft eines Fremden erwarten. Das Frauenzimmer legte sich zu Bette; der Officier wunschte ihr, mehr ehrerbiethig, als vertraulich, eine gute Nacht, und liess sich eine andre Cammer anweisen. Am folgenden Tage (das heisst an eben dem, an welchem unsre Freunde das Mittagsmahl in Peina hielten) lief der Officier selbst und schickte auch einigemal vor das Thor hinaus, das nach Hannover fuhrt. Daselbst liegt ein Wirthshaus, welches, wenn ich nicht irre, die Eulenburg heisst; Dort liess er sich nach einem Fremden erkundigen und bitten, dass man es ihm sogleich melden mogte, wenn er angekommen seyn wurde. Ubrigens hielt sich das Parchen sehr still in dem Zimmer des Posthauses, und schien dem Anblicke so vieler Fremden, welche an diesem Tage da einkehrten, auszuweichen. Endlich, als der Pastor Schottenius eben mit seiner Predigt beschaftigt war, kam ein Knabe aus der Eulenburg gelaufen und brachte dem Officier ein Briefchen. "O Gottlob!" rief der Officier und umarmte das Frauenzimmer, "Er ist da! Er ist da! Nun geht alles nach Wunsche. Ich will hin; Lass Dir die Zeit nicht lange wahren, meine Meta! Wir werden uns so mancherley zu erzahlen haben. Sobald ich mich aber losreissen kann, eile ich zuruck, bringe ihn mit, oder hole Dich ab. Adieu, mein Engel!" Und damit griff er nach Hut, Stock und Degen, und fort, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus, nach der Eulenburg Das war's, was der Hausknecht erzahlte.
"Es ist angespannt", sagte ein andrer Aufwarter, der in das Zimmer trat; der Pastor raffte seine Papiere zusammen, und der Forster fragte nach der Zeche. "Der Herr Amtmann", sprach er, "hat mir aufgetragen, fur ihn und seinen Sohn mitzubezahlen" "Ich weiss es", erwiederte der Aufwarter, "und auch fur Ihren Herrn Vetter". "Was fur ein Vetter?" "Der Musicus!" "Hole der Teufel, den Kerl! Ich kenne den verfluchten Dudelsack gar nicht". "Ey! er reist ja mit dem Herrn Amtmanne". Doch kurz! von dieser unbedeutenden Sache! der Forster, der nicht geizig war und viel Ehrgefuhl besass, zahlte freylich nicht ohne Schimpfen und Fluchen; und nun wollten sie fort; allein als sie aus ihrem Zimmer traten, ofnete zufallig das Frauenzimmer eben auch die Thur des ihrigen. "Was, zum Teufel!", schrie der Forster, "Grete! Du bist es? Da soll ja das Wetter hineinschlagen! Wo kommst Du her?" Und damit drang er in ihre Stube, schlug die Thur hinter sich zu, und liess den Pastor verwundert draussen stehn.
Sehr laut und sturmisch gieng es nun in dem Zimmer her; Nur einzelne Worte konnte Ehren Schottenius Anfangs verstehn; Dann sagte der Forster: "Nur keine Speranzien gemacht! das sag' ich Dir; das hilft hier alles nichts; und mit den Ohnmachten wollen wir auch schon fertig werden. Kurz und gut! Du musst gleich fort mit mir. Nach Gosslar will ich Dich zuruckfuhren; Da magst Du Deine Sache ins Reine bringen, und habe ich Unrecht, so ist die Justitz da. Wollen doch sehn, ob ein unmundiges Madchen mit einem Kerl davonlaufen darf. Und ich rathe Dir, nur hier im Hause kein Aufsehn zu machen; Du hast nichts als den Schimpf davon, denn mit musst Du; davor hilft nichts." Herr Dornbusch sturzte dann zum Zimmer hinaus, bat den Pastor, den Brief zu schreiben, den wir gelesen haben; Es wurde ein Bothe fortgeschickt, alles in grosster Eil. Jungfer Grete sehnte sich vergebens nach der Zuruckkunft ihres Retters; Er kam nicht und sie musste sich, gebadet in Thranen, die einen Stein hatten erweichen mogen, von ihrem grausamen Oheime in den Wagen heben lassen. Fort nach Gosslar gieng die Reise.
Siebentes Capitel
Der Herr Amtmann geht, den beruhmten Luftschiffer auffliegen zu sehn, und trifft bey seiner Zuruckkunft den jungen Herrn in einem klaglichen Zustande an. Ein grosseres Gewuhl von Menschenkindern, versicherte der Herr Amtmann auf seine Ehre und Reputation, habe er in seinem Leben noch nirgends gesehn, als das hier, durch welches er sich mit seinen Freunden hindurchdrangen musste, um vor das Thor auf den Platz zu kommen, der einer Schanze gegenuber lag, aus welcher Herr Blanchard in die Hohe stieg. Wir sind bey manchen andern Kenntnissen, die wir besitzen, und die, ohne uns zu ruhmen, ein artiges ensemble ausmachen, beym ersten Unterrichte in der Fortification, wie im Hebraischen, sehr vernachlassigt worden, lieber Gott! man kann ja auch nicht alles wissen meinen aber, wollen es jedoch nicht gewiss behaupten, dass dieser Platz zu demjenigen Theile der Festungswerke gehorte, den man die Contre-Escarpe nennt. Genug, es war ein grosser gruner Platz am Stadtgraben. Doch, so weit sind wir noch nicht. Beym Gedrange im Thore verlohr die Frau Licentiatinn Bocksleder ihre Haube; ein Pfund Pferdehaare, in einen Wulst gebunden, womit der Boden der Mutze, faute de mieux, ausgefullt war, fiel auf die Erde; der Herr Amtmann, welcher die Dame fuhrte, wollte das Bundel aufheben, ein Schuhknecht trat ihm auf die Hand. Dem kleinen David Bocksleder, einem Kinde von zehn Jahren, das eben erst die Blattern uberstanden und noch viel rothe Flecke im Gesichte hatte, riss ein Chor-Schuler aus Muthwillen den falschen Haarzopf aus. Ein lustiger Student aus Helmstadt, der den alten Licentiaten einmal in Schoppenstadt gesehn hatte und dem dieser wurdige Mann nicht sehr gefiel, steckte ihm einen Stock zwischen die Beine, woruber er sturzte. Allein durch alle diese kleinen Ungemachlichkeiten des Lebens arbeitete sich dennoch die Gesellschaft hindurch und kam glucklich auf den Platz in der nun ja! in der Contre-Escarpe an. Die Sonne brannte heiss auf die Schadel; Die wollnen Perucken sitzen warmer als die von Haaren (das kann man uns auf unser Wort glauben, obgleich wir keine tragen), also litt der alte Herr Bocksleder sehr viel von der Hitze. "Es ist teufelmassig heiss", sprach er, "Wenn wir hier lange stehn mussen, so schmelze ich wie Butter zusammen, oder crepire vor Durst." "Es dauert wenigstens noch eine Stunde", sagte ein dicker Mann, der mit aufgeknopfter Weste und einem glanzenden, braunen Gesichte, als ware es laquirt gewesen, neben ihm stand. "Es dauert wenigstens noch eine Stunde, ehe der Hof von der Tafel aufsteht und herkommt. Dann erst wird mit der Fullung der Anfang gemacht." "Wenn nur ein Wirthshaus in der Nahe ware!" seufzte der Licentiat. "Deren giebt es hier genug", antwortete der dicke Mann. Wurklich waren rings umher einzelne Garten- und andre Hauser gelegen, in welchen achter teutscher Pontac, lubeckscher Franzwein und dergleichen verzapft wurde und unsre Gesellschaft trat in eines von diesen.
Fur einen Physiognomiker, fur einen Menschen-Beobachter und fur einen Maler ware es ein herrliches Fest gewesen, die Gesellschaft zu sehn, welche hier, theils in den kleinen Zimmern, theils im Vorplatze, im Hofe und im Garten, in einzelne Gruppen vertheilt, ihr Wesen trieb, indess der grune Platz, an welchen das Haus stiess und von dem wir geredet haben, einem bunten Gemalde von der Speisung der funftausend Mann glich, wie man es hie und da in Dorf-Kirchen antrifft. Unsre Gaste aber waren weder GesichterLeser, noch Seelen-Spaher, noch Kunstler; also blieb ihr ganzes Augenmerk auf ein Winkelchen gerichtet, wo sie in Ruhe ihren Durst loschen konnten, und das wies man ihnen in einer Hinterstube unter dem Dache an; denn alle andren Zimmer waren gepropft voll. Indessen fehlte es auch hier nicht an Gesellschaft; Zwey Tische fanden sie umringt von Personen beyderley Geschlechts, an einem dritten war noch Raum fur sie; der Student aus Helmstadt, dessen wir vorhin erwahnt haben, ein junger Gelehrter, der mit demselben noch auf der Universitat gewesen war, jetzt aber in Gandersheim privatisirte und ein Landchyrurgus aus *** in Sachsen, hatten die eine Seite eingenommen; unsre Leute setzten sich ihnen gegenuber.
Wir fuhlen einen unwiederstehlichen Trieb, ein Bruchstuck aus dem Gesprache dieser interessanten Gesellschaft hier abdrucken zu lassen, und da wir uns nun einmal in Besitz gesetzt haben, solchen Trieben, unter angehoffter hoher Approbation, zu folgen; so wollen wir mit diesem Dialoge andienen, erlauben ubrigens den Rezensenten, sobald wir von unserm Herrn Verleger das Honorarium werden eingestrichen haben, uber die Weitschweifigkeit unsrer Erzahlung Ach und Weh zu schreyen.
Der junge Gelehrte: "Nun, wahrlich! Es bedarf doch herzlich wenig, um der Menschen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn. Da sind mehr als zehntausend Thoren aus allen Ecken zusammengelaufen, um einen andern Narren einen Bockssprung in die Luft machen zu sehn."
Der Student: "Aber Herr Bruder! Du hast Dich doch auch eingestellt."
Gelehrter: "Meinst Du, ich wurde deswegen auch nur eine Meile reisen? Originale aller Art zu beobachten, darum bin ich hergekommen. Blanchard habe ich in Frankfurth und in Hamburg aufsteigen gesehn. Vermuthlich wird er sich hier wieder ein Document von furstlichen und adelichen Personen ausfertigen lassen, dass er so viel tausend Toisen hoch uber der Erde geschwebt hat von Menschen, die, indem sie das schreiben, nicht einmal wissen, was eine Toise ist. Wie sich der Kerl nur einbilden kann, dass er mit einem solchen Zeugnisse bey Gelehrten und Mannern von Kenntnissen sich Credit verschaffen werde!"
(Die geneigten Leser werden es nicht ungutig aufnehmen, dass der junge Herr auf die Authoritat von Fursten und Edelleuten in wissenschaftlichen Dingen nicht viel halt. Theils hat er wohl nicht ganz Unrecht, theils ist es jetzt unter den jungen Gelehrten so eingefuhrt, dass sie alles tadeln, was die hohern Stande sagen und thun, ausser wenn sie ihre Schriften loben. Doch geht dieser Widerwillen nicht so weit, dass besagte Gelehrte nicht, wo sichs thun lasst, von Fursten und Edelleuten Schutz und Wohlthaten vorliebnehmen sollten.)
Gelehrter: "Der Augenschein kann jeden verstandigen Menschen uberzeugen, dass seine Angaben um mehr als zwey Drittel ubertrieben sind. Noch nie hat er sich bis zu der Hohe irgend eines betrachtlichen Berges erhoben. Betrachte man nur die romischen Zahlen auf dem Zifferblatte eines massig hohen Thurms! Sie sind mehrentheils uber sechs Fuss lang und scheinen, wenn man unten steht, keine Spanne zu messen. Wie fast unsichtbar klein musste nun nicht ein Ball erscheinen, dessen Durchschnitt ungefehr nur sechsmal grosser ist als die Lange jener Zahlen, wenn er wurklich zu einer so erstaunlichen Hohe emporstiege! und nun vollends der kleine, geputzte Franzose mit seinem blauen Wamschen und seinem Federbusche! Wie wurde der dem Auge verschwinden!"
Student: "Kann seyn! kann seyn! Wir wollen sehn. Nun, Herr Licentiat! Sie gehen doch diesen Abend in die Comodie?"
Licentiat: "Ich denke wohl "
Landchirurgus: "Ach! was ist an so einer Comodie? Horen Sie! ich habe in Stuttgard die grossen Opern gesehn. Da kamen Pferde und Wagen auf das Theater Das war noch der Muhe werth."
Gelehrter: "O ja! so eine italienische Oper ist, wenn man die gesunde Menschen-Vernunft nur zu Hause lasst, gar unterhaltend zu sehn. Wenn da die Capaunen auf Triumphwagen von Papp sitzen, in Reifrocken und seidenen Strumpfen aus der Schlacht kommen, mit ihren Stimmen durch die Nase, im schneidensten Discant Reden voll Heldenmuth an die verkleideten Mousquetiers absingen, welche das romische oder griechische Heer vorstellen; Wenn die Opferpriester in Stiefeletten und Kleb-Locken Processionen anstellen, wobey sie Tritt halten wie auf der Parade, Mutzen von Silberpapier auf den Kopfen und mit Goldschaum beschmierte holzerne Opfer-Gefasse in den Handen tragen; Wenn Schlachten geliefert werden, in welchen Jeder nur auf sein eigenes Schild hauet und Mauern niedergerissen, die von Papier gemacht sind; Wenn der Drachen-Wagen, in dem Medea fahrt, mit schwarzen Stricken am Himmel festgebunden ist und Apollo, wenn er auf dem bretternen Parnasse sitzt, mit seiner Flachs-Perucke den Staub von den gemalten Wolken abfegt Ja! es ist wahr; das ist gross, herrlich, ruhrend. Pfui! schamen sollten wir uns, dass wir ein ernsthaftes Volk an den Anblick solcher kindischen Vorstellungen gewohnen!"
Amtmann: "Ey, ey! man kann doch aber nicht auf dem Theater alles so "
Gelehrter: "Was man nicht mit einiger Tauschung darstellen kann, das muss man lieber gar nicht, als auf so alberne Weise, darstellen. In einem Fingerhute kann man nicht baden und auf unsern armseligen kleinen Theatern kann man keine Schlachten liefern. Sie haben vermuthlich meine neue Abhandlung uber die ernsthafte Oper gelesen?"
Amtmann: "Um Vergebung! darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe "
Gelehrter: "Ich bin der Dichter Klingelzieher; Nun werden Sie schon wissen, wo Sie zu Hause sind. Nicht wahr, das dachten Sie nicht, dass der Mann jetzt an Ihrer Seite sasse, der Ihnen vielleicht zuweilen mit seinen Liedern eine genussvolle Stunde gemacht hat? Es weiss auch noch niemand in Braunschweig, dass ich hier bin; ich bin eigentlich gekommen, um einmal mit den hiesigen Gelehrten eine Zusammenkunft zu halten."
Amtmann: "Ich bin in der That sehr erfreuet, die Ehre zu haben obgleich ich gestehn muss, dass ich bis jetzt noch nichts von dem, was aus Dero Feder geflossen "
Gelehrter: (verachtlich) "Der Herr Amtmann lesen wohl nicht viel?"
Amtmann: "O! zu dienen, ja. Freylich im Fache der Belletters, da ist es nun so etwas. Kohlers Gedichte habe ich indessen noch kurzlich wieder gelesen und neulich fiel mir auch ein kleiner Tractat in die Hande, betitelt: Die Leiden des jungen Herrn Werther."
Licentiat: "Bruder Amtmann! die Scharteke kenne ich; das ist nichts fur uns. Aber apropos! Ich muss Dir doch meines altesten Sohns dissertationem inauguralem, de feudis oblatis schicken. Sie ist sehr grundlich abgefasst. Er hat darinn hauptsachlich "
Student: "o weh!"
Landchirurgus: "Es ist in der That erstaunlich, was fur eine Menge von neuen Entdeckungen jetzt in allen Theilen der Wissenschaften gemacht werden, besonders aber in der Natur-Geschichte, Chemie, Wundarzneykunst und uberhaupt im medicinischen Fache. So hat man zum Beyspiel jetzt gefunden, dass zwar die gewohnliche China-Rinde in periodischen Gesichtsschmerzen, Durchfallen, Fiebern, Brand, Lungensucht und so ferner, herrliche Dienste leistet, dass aber die rothe Rinde der rohrichten weit vorzuziehn ist und noch uberdies sichrer und ohne Leibschmerzen wurkt. Die Hirnwuth hielt man fur unheilbar; Ich selbst habe an einem gewissen unglucklichen Professor Hoffmann in Wien vergebens alle Mittel angewendet; es schlug nichts bey ihm an. Nur kurzlich erst hat man "
So weit war der Landchirurgus in seiner medicinischen Abhandlung gekommen, als plotzlich von allen Seiten her ein Geschrey erscholl: "Se heft en wedder! Sie haben ihn wieder! Sie haben ihn wieder!" Die ganze Gesellschaft sturzte nun aus dem Hinterzimmer heraus "Wen haben sie wieder", fragte Jeder, "Wen?" "I! den Musche Blanchard; Se heft en wedder."
O! dass ich berufen bin, in diesem Buchlein, das nur guten Humor erwecken und die Gemuther der Leser erheitern sollte, hier das Bild getauschter Hofnungen aufzustellen! Aber das Schicksal, das sich gegen die Helden meiner Geschichte verschworen zu haben scheint, (Im Vorbeygehen zu sagen! dies Werk hat das ganz Eigne, dass nicht etwa nur eine einzelne Person der Gegenstand ist, auf den sich das Interesse zusammendrangt, sondern dass die Schicksale der ganzen Gesellschaft aus Biesterberg, wie wir sie im ersten Capitel auftreten liessen, das Thema sind, welches wir in demselben durchfuhren. Ein Plan, dessen, wie wir hoffen, auch diejenigen Kunstrichter, welchen wir die Rezension nicht selbst einschicken, mit gebuhrendem Lobe gedenken werden) das Schicksal will es also und ich muss meinen Beruf erfullen.
So manche Meile war der Amtmann mit seinen Gefahrten gereist, um den beruhmten Blanchard aufsteigen zu sehen; So manche Wiederwartigkeit hatte er von dem Augenblick an, da er auf dem Amtshofe einstieg, bis zu dem Momente, wo er nun die Nachricht erwartete, dass der Luftball gefullt ware, uberwunden; Seinen hofnungsvollen Erben glaubte er der besten Aufsicht ubergeben zu haben, glaubte, er stunde jetzt mit ofnem Munde unter dem Haufen der Gaffenden; und ach! er sass in diesem Augenblick eingekerkert und wo? Das ahndete sein treues Vaterherz nicht. Noch ruhiger war er uber sein eignes Schicksal. Voll Erwartung sturzte er zum Hause hinaus und hoffte nun den Luftwagen uber seinen Scheitel daherfahren zu sehn, und Herr Blanchard war schon vor einer Stunde aufgestiegen; Sie hatten ihn wieder; er hatte sich fern von der Stadt niedergelassen. Die Nachricht, die unsern Freunden der dicke lackirte Mann gegeben hatte, war falsch gewesen. Schon als sie in das Hinterzimmer traten, war der Franzose mit seiner Fullung fertig gewesen und fuhr ab. Unbegreiflich, dass der Herr Amtmann den Lerm des Volks und die Canonenschusse nicht gehort hatte! Aber da machte er bey seinem Eintritte der Gesellschaft so viele Kratzfusse; daruber war der Moment vergangen. Nachher herrschte eine grosse Stille, denn jedermann verfolgte den Ball mit seinen Augen. Viele liefen der Gegend zu, wo sie glaubten, dass er sich niederlassen wurde, bis endlich, als die Nachricht erscholl, dass er nun wurklich gelandet sey, ein neuer Lerm und der Ausruf: "Se heft en wedder!" unsern Beamten aus seiner Ruhe weckte aber da war's zu spat.
Vergebens wurde ich es versuchen, die verschiednen Ausbruche des Mismuths und der Verzweiflung zu schildern, denen einige Personen, welche in dem unglucklichen Hinterzimmer das schonste aller Schauspiele versaumt hatten, sich uberliessen. Andre zogen sich den Unfall weniger zu Herzen. Der Dichter Klingelzieher lachte aus vollem Halse er hatte nun Stoff zu einem neuen Epigramme. Die Licentiatinn schimpfte auf ihren Mann los (die einzige Art, wie sie sich uber jeden Unfall des Lebens zu trosten pflegte!) "Nun es hat nicht seyn sollen", sprach der Amtmann mit trauriger Mine, "Mir ist es nur lieb, dass mein Valentin und die andern Beyden, die doch auch indess von Peina werden angekommen seyn, diese Merkwurdigkeit in Augenschein genommen haben, um davon zu Hause erzahlen zu konnen." Da sich indessen keine Hofnung fassen liess, die treuen Gefahrten aus Biesterberg in dem Gewuhle von Menschen hier zu finden, so dachte der alte Herr Waumann jetzt nur an seinen Ruckzug, um verabredetermassen im goldnen Engel sie wieder anzutreffen. Um neuen Wiederwartigkeiten in dem Gedrange bey dem Eintritte in die Stadt auszuweichen, beschloss unsre Gesellschaft, durch die Contre-Escarpe nach einem andern Thore hin zu gehn, wo sie vermuthlich weniger Volk finden wurden. Allein zum Ungluck waren die mehrsten Zuschauer auf denselben Einfall gerathen, so dass hier der Zusammenfluss noch grosser war, als vorhin beym Herausgehn. Sich wieder zuruck durch alle diese Erdensohne hindurch zu arbeiten, das liess sich nicht wohl thun; Nun musste man aber, um das nachste Thor zu erreichen, sich uber eine Art von Teiche oder Graben setzen lassen; Einige tausend Menschen standen am Ufer und harrten auf den Fahrmann; es war aber unglucklicherweise nur ein einziger Nachen zum Uberfahren da; also gieng es langsam.
Wie hiess doch der Fluss, von welchem die verdammten Heiden fabulirten, dass ein gewisser Charon die Seelen der Verstorbnen da hinuber in die elisaischen Gefilde transportiren musste? Ohrfeigen habe ich von meinem Informator bekommen, dessen erinnere ich mich noch, als ich bey dieser Stelle im Ovidius nicht Achtung gab; aber wie der Fluss heisst, dessen besinne ich mich nicht mehr. Genug! grade wie diese Wasser-Reise in jene Welt abgebildet zu werden pflegt, so sah es hier aus. So oft der Charon eine Anzahl Pilger hinuber geschafft hatte und nun wieder diesseits landete, war das Herzudrangen der Ungeduldigen so gross, dass wurklich Passagiers, die nicht, wie Charons Gaste nur Seelen, sondern zum Theil dicke, mit braunschweigscher Mumme wohl ausgemastete Corper waren, Gefahr liefen. Schon war der Licentiat Bocksleder nebst seiner sanften Gemahlinn und dem lieben Kleinen im Nachen; da wollte der Amtmann sich nicht von seinem Freunde trennen; Er drangte sich durch den Haufen, wagte einen Sprung und hier fallt mir aus Wehmuth die Feder aus der Hand. Wenden wir unsre Blicke nach einer andern Seite!
Herr Carino war kaum mit seiner Beute zum Hause hinaus, als der wackre Jungling, den er an dem bewussten Orte eingesperrt hatte, nicht ahnend, welch' ein Unfall ihm begegnet war, die Thur des Cabinets ergriff, sie ofnen wollte, aber verriegelt fand. Vergebens wendete er alle Kraft seiner starken Arme an, Holz und Eisen zu sprengen; die Thur wich nicht. Vergebens rief er, schrie er, brullte er endlich; niemand horte seine Stimme. Wie Hercules, als er das Hemd der nun! wie hiess denn das Nickel? ha! Dejanira ja! das Hemd der Dejanira auf seinem Leichname kleben hatte, so gebehrdete sich Musjo Valentin, so durchschnitt er mit seiner heulenden Stimme die mephitische Luft, von welcher der Leidende jetzt umgeben war alles umsonst! Als endlich die Krafte zu sinken anfiengen und die Muskeln, welche seine Lunge ausdehnten (oder liegen da keine Muskeln? Ich weiss es nicht so eigentlich), herabgespannt waren; da gieng sein Gebrulle in Winseln, Klagen und Seufzen uber, und seinen Augen entquollen salzige Thranen. Ich bitte meine hochgeehrtesten Leser dieser Schilderung einige Aufmerksamkeit zu widmen. Sie werden dann finden, dass ich ohne mich zu ruhmen, nicht ganz ungeubt in poetischen Malereyen bin, dass ich das Crescendo und Diminuendo gut anzubringen weiss, und dass mein Ausdruck wenigstens eben so edel und kraftvoll ist, als der unsrer mehrsten Romanen- und Comodienschreiber.
Der Schmerz kann nur auf einen gewissen Grad steigen, wie wir Philosophen das wissen, und dann bricht die Welle und es erfolgt wenigstens auf einige Zeit ein Stillstand. Nachdem der junge Herr Waumann lange genug getobt und gejammert hatte, fand er in der Vorrathscammer seiner Vernunft den Trost, dass doch sein Ungemach nicht ewig dauren konne. Er setzte sich also so bequem, wie sich's thun liess, nieder; seine Augenlieder, vom Weinen mude, sanken er schlief ein. Was konnte er auch bessers thun? Zwar lagen ihm zur Seite wohl ein Paar Blatter von der frankfurthischen gelehrten Zeitung, die ein Reisender da, nebst einigen Maculatur-Bogen von dem Romane Nettchen Rosenfarb hatte liegen lassen; aber Herr Valentin las nicht gern und wer kann denn auch in einem solchen Zustande mit Aufmerksamkeit lesen? Lassen wir ihn nun noch ein Weilchen schlafen! Es ist hohe Zeit, dass wir uns nach seinem theuren Herrn Vater umsehen. Der Himmel weiss, wir haben jetzt alle Hande voll zu thun; Man kann nicht aller Orten zugleich gegenwartig seyn; indessen ist es doch leichter zu verantworten, einen Menschen auf dem Abtritte eingesperrt, als jemand, der nicht schwimmen kann, im Wasser liegen zu lassen. Und schwimmen konnte der Herr Amtmann nicht; Er wurde aber sogleich herausgezogen, und als er am jenseitigen Ufer gehorig abgetropfelt war, brachte der Arger uber diesen Vorfall und uber das laute Lachen der zahllosen Zuschauer seine durch die Kalte des Wassers erstarrten Glieder und betaubten Lebensgeister wieder so lebhaft in den Gang, dass wir weiter keine schadlichen Folgen fur seine Gesundheit zu befurchten brauchen. Er eilte nun nach dem Gasthofe zuruck, um seinen blauen, mit Golde besetzten Rock auszuziehen und trocknen zu lassen.
Welcher neue Kummer ihn aber hier erwartete, das wissen wir. Indessen fand er seinen geliebten Sohn schon aus der Gefangenschaft erlost. Er war kurz zuvor erwacht, hatte seine Klagetone auf's Neue angestimmt und dazu ein so vollstimmiges Accompagnement mit den Fausten an der Thur gemacht, dass endlich von den Hausgenossen, welche indess heimgekommen waren, Einer ihn gehort und befreyet hatte. Vater und Sohn klagten sich gegenseitig ihr Leid es war eine herzbrechende Scene. Zum Gluck war der Werth dessen, was Herr Carino mitgenommen hatte, nicht gross; allein lag nicht in der ganzen Verkettung ihrer Unglucksfalle schon Ursache genug zur Traurigkeit? Doch uberliessen Beyde sich derselben nicht bis zur Verzweiflung; Vielmehr sorgte der Herr Amtmann fur seine werthe Gesundheit, zog die nassen Kleidungsstucke aus, legte sich zu Bette, bestellte ein gutes Abend-Essen und unter anderm eine erquickende Wein-Suppe; Valentin liess sich's vor seines Vaters Bette wohlschmecken, und gieng dann auch schlafen. Wir wunschen ihnen eine angenehme Ruhe.
Achtes Capitel
Geschichte des Fremden, der in der Eulenburg vor
Peina abgetreten war.
"So sehen meine Augen Dich endlich wieder, mein theurer, geliebter Louis!" rief der Fremde in der Eulenburg dem osterreichschen Officier entgegen, als Dieser zu ihm in das Zimmer trat und in seine Arme eilte. "Mein Wohlthater! mehr als Vater! Wie viel Dank!" stammelte der Officier. "O rede nicht von Dank!" "Wie sollte ich nicht?" "Komm an mein Herz!" Und so gieng es noch ein Weilchen fort, in abgebrochnen Worten. Ein ruhrender Auftritt! Der Hausknecht, welcher dem Officier die Thur ofnete, hat ihn uns beschrieben, und wenn wir unsern Verleger hatten bewegen konnen, Kupferstiche zu diesem unserm Romane verfertigen zu lassen; so hatte die Darstellung dieser Zusammenkunft eines der schonsten Blatter liefern mussen. Vielleicht lasst er sich noch bewegen, der sechsten oder siebenten Auflage einige Bilderchen beyzufugen; bis dahin mag die jetzige Generation der Leser sich die ganze Geschichte mit dem Pinsel ihrer Phantasie vormalen.
Nachdem diese ersten Entzuckungen voruber waren, reichte der fremde alte Herr dem Officier einen schriftlichen Aufsatz dar: "Hier, mein Lieber!" sprach er, "habe ich die Haupt-Begebenheiten meines Lebens, in welche auch die Geschichte Deiner Jugendjahre mit einverwebt ist, zu Papier gebracht. Langst wollte ich Dir diesen Aufsatz schicken; nur die jetzt erfullte Hofnung, Dich selbst wieder zu umarmen, hielt mich davon ab. Ich kann ihm ja dann alles mundlich erzahlen, sprach' ich zu mir selber. Nun aber, da ich wieder bey Dir bin, denke ich doch, es sey besser, ich lasse Dich das schriftlich lesen, weil es einmal aufgezeichnet ist; vielleicht konnte ich ausserdem manches vergessen. Lies es in mussigen Augenblicken durch, und lass uns jetzt die Freude des Wiedersehens recht geniessen!"
Der Officier umarmte nochmals den alten Herrn und steckte das Papier in die Tasche. Da aber die Leser vielleicht ungeduldig werden konnten, bis er es wieder hervorholt, wollen wir hier eine Abschrift dieses Aufsatzes mittheilen.
Geschichte des fremden Herrn in der Eulenburg
Mein Vater war ein redlicher und geschickter Schullehrer in Blankenburg am Harze. Freylich war man damals in der Padagogic noch weit zuruck; Man hatte noch nicht die Entdeckung gemacht, dass man der Jugend die ernsthaftesten, wichtigsten wissenschaftlichen Kenntnisse, selbst von philosophischer Art, durch Kartenspiel und sonst auf tandelnde Weise beybringen konne. Man hielt bey dem Unterrichte sehr viel auf Ubung des Gedachtnisses durch Auswendiglernen, besonders in den Jahren, wo man so leicht auffasst und so viel Stunden ubrig hat, die man nicht besser anwenden kann, als damit, dass man in dem Magazine fur die ganze ubrige Lebenszeit die rohen Materialien aufhaufe, welche die reifere Vernunft in der Folge ordnet, auswahlt und zum herrlichen Genusse fur das Alter bearbeitet. Indessen gestehe ich gern, dass, wenn irgend etwas, was man lernt, unnutz seyn kann, mein Vater seine Schuler manches unnutze Wort lernen liess. Ubrigens fuhlte er schwer die Last seines undankbaren Berufs. Geringe Besoldung, schwere, vielleicht oft ganzlich verlohrne Arbeit vom fruhen Morgen bis in die Nacht, und manche Demuthigung von Seiten andrer, weniger nutzlicher, aber darum nicht weniger ubermuthiger Stande. Er war daher fest entschlossen, seine beyden Sohne (denn ich hatte, oder vielmehr habe noch einen jungern Bruder) eine andre Laufbahn antreten zu lassen. Der Eine sollte zu Hause, in Blankenburg selbst, die Jagerey lernen mein Grossvater war Oberforster gewesen ich aber wurde der Kaufmannschaft gewidmet und desfalls zu einem Verwandten nach Nurnberg geschickt.
Wir hatten kaum beyde ein Paar Jahre in dieser neuen Lebensart zugebracht, als mein Vater starb und gar kein Vermogen hinterliess. Dies war grade zu der Zeit des siebenjahrigen Krieges; Es wurde im Braunschweigschen ein Jagercorps errichtet und mein Bruder nahm Dienste in demselben. Was mich betrifft, so wollte mir das ruhige Leben am Comtoir-Pulte auch gar nicht gefallen; von allen Seiten her ertonte nichts als Kriegesgeschrey; das machte mir dann Lust, mein Heil bey den Waffen zu suchen. An einem schonen Morgen packte ich meine kleinen Habseligkeiten zusammen, gieng fort aus Nurnberg und liess mich bey dem Freycorps des franzosischen Obersten Fischer anwerben.
Es schien, als wenn das Gluck meinen raschen Schritt begunstigen wollte; gleich im ersten Feldzuge wurde ich Unterofficier und in dem darauf folgenden, wo ich Gelegenheit hatte, bey einigen Vorfallen Muth und Gegenwart des Geistes zu zeigen, Officier. Hierzu kam noch, dass ich ein paarmal sehr reiche Beute machte, jedoch unter Umstanden, die, ich darf es mit gutem Gewissen behaupten, meinem Herzen nicht zur Schande gereichten, denn ich hasste das Plundern und alle die Grausamkeiten, welche unsre Leute sich zuweilen erlaubten. Einst es war im Winter, und wir hatten Ruhe von den Feinden war ich mit dem Major von Hoym und dem Hauptmanne Faber nach einem Nonnenkloster geritten, welches eben keine strenge Clausur hatte, am wenigsten jetzt, im Kriege, wo man es so genau nicht nehmen durfte, sondern muntre Gesellschaft ganz gern sah und sich sogar gefallen liess, zuweilen ein Tanzchen mit Officiers zu machen. Dort lernte ich ein Fraulein von Weissenbaum kennen, ein liebenswurdiges, edles Geschopf, das der Eigennutz ihrer Familie, wider ihre Neigung, zu dem Klosterzwange verurtheilet hatte. Bey wiederholten Besuchen fuhlten wir uns zu einander hingezogen, gestanden uns gegenseitige Liebe, und ohne uns, die wir Beyde kein Vermogen hatten, um die Zukunft zu bekummern, verabredeten wir, dass ich sie entfuhren sollte. Mein Freund, der Hauptmann Faber, eine gute, dienstfertige, lustige Seele (Er lebt jetzt als Schlosshauptmann am Hofe des Fursten von NassauSaarbruck) leistete mir, bey Ausfuhrung dieses Plans, treue Dienste. Ich nahm meine Geliebte hinter mir auf mein Ross und brachte sie glucklich nach Fritzlar, wo uns niemand kannte und wo ein Geistlicher das Petschaft des priesterlichen Segens auf unsre Verbindung druckte. Acht Tage nach unsrer Hochzeit mussten wir marschieren und meine Frau folgte mir bey der Bagage der Armee nach Einbeck, wo wir den Rest des Winters zubrachten. Mein Herz schlug mir voll Verlangen, meine Vaterstadt wiederzusehn, da ich ihr jetzt so viel naher war; aber der Dienst litt es nicht. Das Fruhjahr kam heran und wir zogen uns zuruck nach Hessen; allein zu meinem Unglucke fiel meine liebe Frau in eine schwere Krankheit, und da sie sich noch obendrein im vierten Monate schwanger befand, war es durchaus unmoglich, sie fortzubringen.
In dieser Verlegenheit bat ich unsern commandirenden General um Erlaubniss, an meinen Bruder, der bey der feindlichen Armee war, schreiben zu durfen. Die braunschweigischen Jager standen nicht weit von uns; also hielt es nicht schwer, den Brief sicher in meines Bruders Hande zu liefern, der mir auch sogleich freundschaftlich antwortete. Ich bat ihn namlich und beschwor ihn bey den Banden des Blutes, sich meines verlassenen Weibes anzunehmen, bis ich Anstalten zu ihrer Wieder-Vereinigung mit mir treffen konnte, und er versprach, alles zu thun, was in seinen Kraften stunde und sich von einem zartlichen Bruder erwarten liesse. Auch hielt er Wort; Sobald die dortige Gegend wieder in den Handen der alliirten Armee war, eilte er nach Einbeck, besuchte meine kranke Gattinn, gab sich ihr zu erkennen, both ihr seine Hulfe an und empfahl sie, als er mit der Armee fortmusste, einem geschickten und redlichen Arzte, wollte auch Geld fur sie dort lassen, dessen sie jedoch nicht bedurfte, weil ich sie damit versehn hatte.
Mein gutes Weib krankelte noch fort, bis zur Zeit ihrer Entbindung, so dass man es nicht wagen durfte, sie von Einbeck wegzufuhren. Endlich brachte sie einen Knaben zur Welt; allein das schwachliche Kind starb gleich nach seiner Geburt; die Mutter hingegen wurde durch die treue Sorgfalt ihres Arztes gerettet, erhielt nach und nach ihre Krafte und endlich ihre vollige Gesundheit wieder. Sobald sie im Stande war zu reisen, dachte ich ernstlich darauf, sie zu mir kommen zu lassen. Es war im Jahre 1762; die franzosische Armee hielt sich nur mit Muhe noch in Hessen, und weil ich sie also bey mir nicht sicher glaubte, liess ich sie nach Strassburg bringen, wohin auch ich, gleich nach dem bald darauf erfolgten Frieden, in ihre Arme eilte.
Allein der Frieden, welcher Trost und Ruhe in so manches Herz senkte, war fur mich eine Quelle peinlicher Sorgen. Ich wurde reducirt; Das Wenige, was ich durch Beute gesammelt hatte, konnte nicht lange vorhalten, einen grossen Theil davon hatte meine Frau schon in Einbeck zusetzen mussen; Was fur traurige Aussichten hatte ich daher nicht fur die Zukunft? Da indessen doch ein Entschluss gefasst werden musste, folgte ich dem Rath eines Freundes, zog nach Worms und legte dort eine kleine Schule an, in welcher wir, mein Weib und ich, Kindern von beyden Geschlechtern Unterricht im Schreiben, Rechnen und in weiblichen Arbeiten gaben.
Der Erwerb war kummerlich, den uns dort unser treuer Fleiss verschaffte. Wer nicht die Gabe hat, durch Schleichwege und Unverschamtheit sich hervorzudrangen, der bedarf, um nicht zu verhungern, aller Orten, besonders aber in Reichsstadten, machtiger Vorsprecher, wenn er fortkommen will, und mich kannte niemand in Worms. Die Hauser der Reichen waren uns verschlossen; nur in den niedern Classen fanden wir Eltern, die uns ihre Kinder anvertraueten, nicht aus Zuversicht zu unsrer Geschicklichkeit, sondern weil wir nicht so viel Geld bezahlt nahmen, wie Andre. Unser Umgang aber schrankte sich auf ein Paar Nachbar-Hauser ein, in welchen nicht weniger Armuth wie bey uns herrschte. Ich erinnere mich unter andern, dass uns zuweilen an Sonntagen eine Frau besuchte, deren Mann aus Verzweiflung sich dem Trunk ergeben hatte. Wenn nun das arme Weib zu uns kam, pflegte sie das Wenige, was sie noch an silbernen Loffeln und dergleichen ubrig hatte, in die Tasche zu stecken, aus Furcht, dass ihr Mann es unterdessen versetzen, und das Geld im Wirthshause verzehren mogte.
Drey Jahre hindurch hielten wir es in Worms aus; dann hatte ich das Gluck, durch einen sehr rechtschaffnen Kaufmann, einen gewissen Herrn Schuler, Empfehlung an den Grafen *** in *** zu erhalten, der eines Privat-Secretairs bedurfte. Mein Gesuch fand einige Schwierigkeit, weil er lieber einen unverheyratheten Mann angenommen hatte; doch erhielt ich die Stelle und erwarb mir bald das Zutraun meines guten Herrn.
Der Graf *** war in der That ein sehr edler Mann. Wenn es irgend einen Menschen auf der Welt giebt, der fahig ist, ohne allen Egoismus, ohne Eigennutz und ohne Eitelkeit, das Gute, bloss aus reiner Liebe zum Guten selbst, zu thun, so war er es gewiss. Man hielt ihn fur hartherzig, rauh und geizig; aber wie wenig kannte man sein Herz! Seine jetzige Gemahlinn selbst (Er war zum zweytenmal verheyrathet) suchte ihn in den Ruf zu bringen, als wenn gar nicht mit ihm auszukommen ware, als wenn er auch die unschuldigsten Freuden den Personen seiner Familie nicht gonnte, und uber die geringsten Kleinigkeiten in Zorn geriethe und tobte. Die Wahrheit war, dass sie durch diese Vorwurfe ihn zwingen wollte, zu Schritten zu schweigen, zu welchen kein ehrliebender Mann schweigen darf; dass Alle, die ihn umgaben, seine beyspiellose Milde auf die unverantwortlichste Art mit Fussen traten; und wenn sie ihm lange genug das Maass des Verdrusses voll gegeben hatten, ohne dass er murrte, sondern sich nur innerlich gramte, endlich aber, wenn sie noch ein Quentlein in das Gefass warfen, die Wagschale seiner Geduld in die Hohe schnellte; dann schrie das Weib, dann hiess es: "mein Gott! uber eine solche Kleinigkeit fahrt der Mann auf; Man kann es ihm nie recht machen." Und wenn alle seine Hausgenossen seine Nachsicht und die uneingeschrankte Freyheit, die er ihnen liess, misbrauchten, und er sich dann betrogen, seine Ehre und seinen guten Namen auf dem Spiele stehn sah; dann gab er wohl etwas strengere Policey-Gesetze in seinem Hause, aber dann entstand auch allgemeines Murren uber seine Harte; dann hiess es: eine solche Behandlung reize erst recht zu verbothnen Handlungen.
Eben so ungerecht wie die Beschuldigung der Harte war die des Geizes, welche man dem Grafen machte. Er hatte aber die Grille, durchaus nicht gestatten zu wollen, dass die Welt seine wohlthatigen Handlungen erfuhre und ihn desfalls lobte. Ich aber, der das Gluck hatte, sein Vertraun zu gewinnen, bin Zeuge gewesen von so edeln, grossmuthigen Thaten, die gewiss damals Keiner ahndete, die erst nach seinem Tode, durch seine hinterlassenen Briefe offenbar wurden; von schweren Aufopferungen die ihn manchen herben Kampf kosteten, den er aber in der Stille kampfte. Ich habe gesehn, mit welcher Verleugnung er es zuweilen ertrug, wenn er gerade da am bittersten getadelt wurde, wo er am grossten gehandelt hatte; wie er heimlich an der Wohlfarth Derer arbeitete, die ihn mehr als einmal bubisch geneckt, verfolgt und mit dem schwarzesten Undanke belohnt hatten; wie er nagenden, unverschuldeten Kummer und Leiden aller Art mit Geduld ertrug und nie auf Andre walzte, immer in sich selbst Trost und und Hulfe suchte. Wer ihn um Vorsprache oder Hulfe ansprach, den wies er mehrentheils und zuweilen mit Rauhigkeit zuruck; mir aber und zwey andern Vertraueten trug er auf, Hulfsbedurftige aufzusuchen; und wenn er dann, durch Geld oder unermudete Thatigkeit, das Gute gewurkt und den Unglucklichen gerettet hatte, dann wusste er das Verdienst der Handlung auf einen Dritten zu schieben, Diesen Dank und Ehre einerndten zu lassen. Glaubte ein Geholfner auf die Spur seines unbekannten Wohlthaters gekommen zu seyn, kam zu ihm und stammelte Dank; so fuhr ihm der Graf mit solchem Ungestum an, dass er sich geirrt zu haben glaubte und das gute Wort bereuete, dass er an diesem unfreundlichen Manne verschwendet hatte.
Eine grosse Eigenschaft fehlte indessen dem Grafen, eine Eigenschaft, die allen seinen Tugenden hatte die Crone aufsetzen konnen, namlich mannliche Entschlossenheit und Festigkeit gegen Andre ich sage: gegen Andre, denn wie strenge er gegen sich selber war, habe ich vorhin erwahnt. Er, den sein unwurdiges Weib als einen Starrkopf und Tyrannen abschilderte, war das Spielwerk eben dieses Weibes, liess sich von ihr auf alle Weise hintergehn und bey der Nase fuhren. Machte sie mit ihrem Anhange es ihm gar zu bunt, so tobte er wohl nach seiner Art ein wenig; allein wenn dann die Heuchlerinn die unschuldige Gekrankte, von Gram Niedergebeugte spielte, glaubte er, sich ubereilt zu haben und that und litt alles, sein vermeintliches Unrecht wieder gut zu machen. Der verstellten Reue wiederstand seine Weichherzigkeit nun vollends gar nicht; Derselbe Schelm konnte ihn zehnmal anfuhren und eine einzige anscheinend herzliche Bitte konnte ihn in den wichtigsten, uberdachtesten Vorsatzen wanken machen.
Ich sah bald mit Wehmuth und Abscheu, welchen schandlichen Misbrauch die Grafinn von dieser zu sanften Gemuthsart ihres Gemahls machte. Die ganze Stadt wusste, dass sie auf seinen Namen Schulden machte, und dass sie ein Liebes-Verstandniss mit einem elenden Comodianten unterhielt die ganze Stadt wusste das, sah das mit Verachtung; nur der Graf sah nichts, erfuhr nichts. Oft war ich in Versuchung, ihm die Augen zu ofnen; auch erwartete die Grafinn, die wohl fuhlte, welche Empfindungen mir ihre Auffuhrung einflosste, nichts anders von mir. Indessen, wenn ich bedachte, wie diese Entdeckung meinem armen Herrn das Herz brechen wurde, so verschob ich's von einer Zeit zur andern; Die Vorsehung aber, die nie zugiebt, dass Schandthaten unentdeckt bleiben und die Bosheit triumphiere, brachte diese Handel, ohne meine Mitwurkung an's Licht. Der Graf kam einst unerwartet zu Hause, ertappte seine Gemahlinn an der Seite ihres niedertrachtigen Buhlen und nun offenbarte sich das ganze Gewebe ihrer Abscheulichkeiten. Aber ach! dieser Schlag war zu hart fur meinen guten, gefuhlvollen Herrn. Der Kummer warf ihn auf das Krankenbette; er litt nicht lange und verschied in meinen Armen.
Fur mich war der Verlust dieses einzigen Wohlthaters eine erschreckliche Begebenheit. Die Grafinn hasste mich, und ware das auch nicht der Fall gewesen, so hatte sie mir doch kein Brod geben konnen. Sie selbst hatte die oconomischen Umstande ihres Gemahls in die grosste Verwirrung gebracht. Ihre Schulden uberstiegen das baare Vermogen, welches sie erben konnte; die Guter aber waren Lehn und fielen, da der Graf keine Kinder hinterliess, an den Landesherrn zuruck. Die ausserste Armuth war nun ihr Erbtheil, und in diesem Zustande, den sie sich selbst bereitet hat, schmachtet sie noch, von niemand bedauert und, um so mehr, da sie jetzt hasslich ist, von jedermann verlassen.
Ich war also ohne Brod, denn bereichert hatte ich mich nicht, obgleich es mir nicht an Gelegenheit gefehlt hatte, etwas zu gewinnen, wenn ich weniger gewissenhaft gewesen ware. Es war im Winter, am Ende des Jahres 1769 und meine Frau, die in sieben Jahren keine Kinder gehabt hatte, war eben von einem gesunden kleinen Madchen entbunden worden. Die Aussichten Waren trube; aber Gott half. Meines verstorbenen Herrn Freunde, in denen das Zutraun, welches er mir bezeugt hatte, eine gute Meinung von mir erweckte, verschafften mir eine kleine Stelle bey der furstlichen Canzelley. Voll Hofnung und Zuversicht und mit heiterm Gemuthe arbeitete ich nun in meinem neuen Berufe, wurde nicht von druckenden Nahrungssorgen gepeinigt, genoss hausliche Freuden und war noch glucklich genug, auch gegen Andre wohlthatig handeln zu konnen, wie Du jetzt horen wirst.
Neuntes Capitel
Fortsetzung dieser Geschichte. Sonderbare
Entdeckung. Der Fremde und der Officier finden im
Posthause nicht, was sie suchen.
Unter den Hulfsbedurftigen, deren sich mein guter Graf so wohlthatig angenommen hatte, befand sich auch eine interessante Familie, welche meiner Sorgfalt anvertrauet war und deren Umgang mir so viel reine Freuden gewahrte, dass ich, wenn auch der Beystand, den ich ihr in meines Herrn Namen leisten musste, mich nicht zu ihnen rief, doch manche Stunde nebst meiner Frau bey diesen guten Menschen zubrachte. Er und sie waren in Frankreich geboren und hatten einst glucklichere Tage erlebt, wovon ich die Geschichte besonders aufgezeichnet habe und Dir mittheilen will. Durch die schwarzeste Cabale und eine Reyhe von Wiederwartigkeiten aus ihrem Vaterlande vertrieben, hatte Er kein Mittel unversucht gelassen, was einem Manne von Ehre und Erziehung anstandig seyn kann, um in Teutschland fur sich und die Seinigen Brod zu erwerben. Hatte er dem Beyspiele so Vieler unter seinen leichtfussigen Landesleuten folgen und mit erborgten Titeln und gestohlnem Gelde an irgend einem teutschen Hofe als Chevalier oder Marquis auftreten wollen, so wurde er seine Familie nicht nur mit Brod sondern auch mit Pasteten haben speisen konnen; Er hatte sich dann etwa mit einem Paar tausend Gulden Besoldung zum directeur des plaisirs Seiner Durchlaucht ernennen lassen und Madam, welche jung und hubsch war, hatte diese Plaisirs vermehrt. Allein, wie gesagt, er war ein Mann von Ehre und Rechtschaffenheit. Seiner Sprache war er machtig. Ein seltenes Phanomen bey einem Franzosen! Er hatte sie studiert; folglich schien ihm eine Stelle als Lehrer derselben, die grade bey den Edelknaben in *** erledigt war, die anstandigste Art, seinen Unterhalt zu verdienen. Mein wurdiger Graf ***, bey welchem er sich desfalls meldete, prufte ihn und setzte ihn an. Allein der arme Mann war schwachlich Sorgen und Kummer hatten so lange an seinem Herzen genagt, bis es endlich brach. Zwey Jahre vor des Grafen Tode verliess er die Welt, in welcher er so wenig frohe Stunden erlebt hatte; Seine trostlose Witwe, die selbst krankelte, sah sich nun nebst dem kleinen vierjahrigen Knaben verlassen und blickte vor sich hin in eine traurige Zukunft.
Die hohen Preise aller Lebens-Bedurfnisse in den Stadten stehen in gar keinem Verhaltnisse mit dem Lohne, den man fur gemeine, nutzliche weibliche Hand-Arbeiten hingiebt, indess Der, welcher fur Luxus und Uppigkeit wurkt, reichlich bezahlt wird. Ein ehrliches Frauenzimmer, welches sich bloss mit Hemder nahen und Strumpfe stricken beschaftigen will, kann, wenn sie dabey ihren eignen kleinen Haushalt zu bestreiten hat, oder sonst einmal ein Paar Stunden im Tage, oder ein Paar Tage in der Woche ausfallen, wenn es zum Beyspiel an Arbeit fehlt, unmoglich mit diesem Erwerbe auskommen. Putzmacherinnen verdienen freylich schweres Geld; allein diese Lebensart schien der edlen Frau niedrig und zweydeutig; und so litt sie dann, da sie noch obendrein selten ganz gesund war, Mangel. Das wohlthatig ausspahende Auge meines lieben Grafen entdeckte bald ihre Lage und ich bekam Auftrag, zu Hulfe zu eilen. Dies geschah auf eine Weise, die ihr Zartgefuhl nicht beleidigen konnte und ich hatte die Freude, zu sehn, wie das gute Weib sich nach und nach aufheiterte; mit ihrer Gesundheit wurde es jedoch immer mislicher. Schon hatte sie seit einem Monate das Bette nicht verlassen konnen, als der Verlust unsers gemeinschaftlichen Wohlthaters ihr den Rest gab. Einst schickte sie zu mir und liess mich dringend bitten, sie sogleich zu besuchen. Ich fand sie sehr schwach; alle Anzeigen des nahen Todes waren da. Ihr Sohn Du mein Louis! Du sassest weinend auf ihrem Bette; Eine Deiner Hande hielt sie zitternd in den ihrigen. Als ich eintrat, bestrebte sie sich, ihre truben, halb schon gebrochnen Augen freundlich aufzuschlagen; Ein sehnlicher Wunsch, eine dringende Bitte, schien ihr Herz zu pressen; aber die matten Lippen versagten ihr den Dienst, sich durch Worte zu erklaren. Sie winkte ihrer Warterinn und diese brachte mir ein Packchen mit Briefschaften, begleitet von einem Aufsatze, von ihrer Hand geschrieben, und an mich gerichtet. Sobald sie diese Papiere in meiner Verwahrung sah, schob sie mir Deine Hand, mein lieber Louis! hin, faltete dann die ihrigen es schien als wenn sie dieselben dankbar zum Himmel emporheben wollte. Dann schloss sie die Augen, fiel in einen Schlummer und erwachte nicht wieder.
Nachdem ich die nothigen Bestellungen wegen der Beerdigung Deiner lieben Mutter gemacht hatte, nahm ich Dich an meine rechte Hand, das Packlein mit Briefschaften unter den andern Arm; und so verliess ich das Haus und fuhrte Dich in meine Wohnung.
"Gott hat uns noch ein Kind beschehrt", sprach ich zu meiner Frau, als sie mir in der Thur entgegen kam, "Gott hat uns noch ein Kind beschehrt und seinen Segen wird er uns auch dazu beschehren; Dieser kleine Kostganger soll ihn uns in das Haus bringen." Und nun erzahlte ich dem guten Weibe, was vorgegangen war. Sie buckte sich zu Dir nieder, blickte Dir in's Gesicht, streichelte Dir die Backen, gab Dir einen mutterlichen Kuss, nahm Dir Dein Hutchen ab; und von dem Augenblicke an warst Du unser Kind und theiltest unsre Liebe und Sorgfalt mit der kleinen Margaretha.
Sobald ich Deine Mutter hatte zur Erde bestatten lassen (die Unkosten davon bestritt ich aus dem Verkaufe ihres wenigen Hausraths) fieng ich an, die Briefschaften zu untersuchen, welche sie mir eingehandigt hatte. Es waren Documente, welche Deine gegrundeten Anspruche auf ein betrachtliches Vermogen in Frankreich bewiesen, das man Deinem Vater auf die unrechtmassigste Weise vorenthalten hatte. In dem Aufsatze von Deiner Mutter Hand, der bey den Acten lag, beschwor sie mich, als ihren einzigen Freund, Dich nicht zu verlassen, sondern Dich an Kindes Statt anzunehmen, demnachst aber, wenn es meine Umstande irgend erlaubten, selbst, oder durch einen sichern Mann, Deine Rechte in Frankreich auszufechten, welches mir unter der jetzigen Regierung gewiss nicht wurde fehlen konnen. "Ey nun! und wenn auch nicht", rief ich aus, "denn mit Processen ist es immer eine misliche Sache; so wird die Vorsehung dem Knaben sonst helfen. Wenn er gesund, redlich und fleissig ist; muss sich auch schon in Teutschland ein Stuck Brod fur ihn finden."
Ich fieng nun an, Deinem Unterrichte alle Stunden zu widmen, die mir meine Nahrungs-Geschafte ubrigliessen. Das Schicksal begunstigte meine Beharrlichkeit; Dein heller Kopf und Deine gute Gemuthsart unterstutzten meine Bemuhungen und, gleich als hattest Du neuen Segen in meine Hutte gebracht, schien sich alles unter meinen und meines wackern Weibes Handen zu verdoppeln.
Allein der Allweise hatte mich zu einem Werkzeuge ausersehn, um Dich in eine bessere Lage zu versetzen, wie die war, die den Pflegesohn eines armen Zollschreibers erwartet hatte. Ich fieng schon an, Deinen Process in Frankreich ganz zu vergessen; die Papiere lagen bestaubt in einem Winkel, als neue Unglucksfalle mich unsanft aus dieser Ruhe aufweckten, um mir die Freude zu bereiten, die ich heute schmekke. Meine wurdige Gattinn starb; Du warst damals zehn Jahre alt und meine Tochter hatte noch nicht den vierten Sommer erlebt. Fest entschlossen, nicht wieder zu heyrathen, wenn ich auch ein Madchen gefunden hatte, dass meine Armuth mit mir hatte theilen wollen, und dabey uberzeugt, dass ein Vater, bey aller Sorgfalt, dennoch nicht im Stande ist, der ersten Erziehung eines weiblichen Geschopfs gehorig vorzustehn, war ich in der That sehr verlegen, was ich mit meiner kleinen Margaretha anfangen sollte.
Indessen hatte ich, seit dem Frieden, welcher dem siebenjahrigen Kriege ein Ende machte, nicht aufgehort, mit meinem Bruder in Briefwechsel zu stehn, obgleich unsre Umstande uns keine personliche Zusammenkunft erlauben wollten. Er war, wie ich, reducirt worden, hatte aber das Gluck gehabt, eine eintragliche Forsters-Bedienung und dabey eine reiche Frau zu erhalten. Als ich ihm nun den Tod meines lieben Weibes und die Verlegenheit, darinn ich in Ansehung meines Kindes war, meldete, erboth er sich grossmuthig, das kleine Madchen zu sich zu nehmen, da es doch schien, als wenn seine Frau ihn nicht zum Vater machen wollte. Mit dankbarer Freude nahm ich dies an und schickte die Kleine, begleitet von einer treuen alten Magd, auf der Post zu diesem redlichen Bruder. Nun warst Du, lieber Louis! meine einzige hausliche Gesellschaft, und ich verwendete allen Fleiss auf Deine Bildung, als der Tod des alten Fursten auf einmal mich um meine kleine Bedienung brachte. Das System des Erbprinzen war, wie es fast immer der Fall ist, das Gegentheil von dem zu thun, was sein Herr Vater gethan hatte. Es wurde also auch mit dem Zollwesen eine Umkehrung vorgenommen, manche Besoldungen wurden eingezogen, und unter diesen war auch die meinige.
Mitten aus dieser truben Aussicht, die mich beynahe zur Verzweiflung gebracht hatte, liess die weise Vorsehung einen neuen Strahl von Hofnung fur mich hervorleuchten. Ich hatte wahrend des Krieges in ***, wo ich einige Wochen in Quartier lag, einen Mann kennen gelernt, der sich meine ganze Hochachtung und Liebe erworben hatte. Damals war er Schiffs-Capitain, und hatte schon mehrmals die Reise nach Ostindien gemacht. Diese Lebensart pflegt sonst zuweilen dem Character Rauhigkeit zu geben; und nicht selten sind solche Manner Prahler und verschrobne Kopfe. Eine merkwurdige Ausnahme davon machte Der, von dem ich rede. Er war ein grader, unbestechlicher redlicher Mann, ein gefuhlvoller, dienstfertiger, grossmuthiger Menschenfreund und dennoch, wo auf ehrliche Weise etwas zu erwerben war, ein achtsamer, speculativer Kaufmann; dabey ein heller und gebildeter Kopf und im Umgange unterhaltend, gefallig und duldend. Der langen Seereisen mude, hatte er in seiner Vaterstadt einen Handel im Grossen angefangen, und war zugleich kaiserlicher Consul.
Grade zu der Zeit, als ich meine Bedienung verlohr, reiste er durch***; er war in einem Bade gewesen, und nun auf dem Ruckwege nach Hause begriffen. Mein guter Genius liess mich ihm auf einem offentlichen Spatziergange begegnen, wo ich kummervoll auf und nieder gieng; Du, mein Lieber! sprangst munter vor mir her. Vielleicht erinnerst Du Dich noch dieses Tages, denn was uns in dem zarten Alter begegnet, das pflegt sich dem Gedachtnisse, welches dann noch nicht mit so viel Bildern aller Art angefullt ist, tief einzupragen.
Es war fur ihn und mich eine angenehme Uberraschung, uns hier wiederzusehn; Er befragte mich theilnehmend um meine Lage; eine Thrane, die in meinem Auge zitterte, sagte ihm einen Theil dessen, was ich auf dem Herzen hatte, und da bey ihm Ungluck ahnden, und retten wollen immer eins war, ergriff er mich stillschweigend bey der Hand, und fuhrte mich in den Gasthof, wo er abgetreten war.
Sobald ich ihm meine Geschichte erzahlt hatte, war auch sein Plan gemacht. "Den Jungen nehme ich mit mir", sprach er, "das ist ein feiner Knabe, den wir schon durch die Welt bringen wollen. Mein Freund, der Obrist von *** in **schen Diensten, schlagt mir's nicht ab, wenn ich ihn bitte, dass er ihn als Fahnenjunker bey seinem Regimente ansetze. Das er unter guter Aufsicht sey, dafur soll gesorgt werden, und wenn er einmal Officier wird, wollen wir auch schon zu der Equipage und dem Zuschusse Rath schaffen. Ihnen aber, mein Freund! kann ich grade jetzt zu einer Stelle auf einem Schiffe, dass nach dem Cap und von da nach Indien geht, verhelfen. Die Stelle wird Anfangs klein seyn, aber ich gebe Ihnen gute Addressen mit, und Sie konnen, wenn Sie, wie ich nicht zweifle, der Instruction folgen, die ich Ihnen aufschreiben werde, es dort bald zu etwas Hoherm bringen."
Mich von Dir zu trennen, mein Lieber! das kam mir freylich hart an; allein, wenn ich dann wieder uberlegte, wie wenig ich fur Dich thun konnte, der ich arm und verlassen war, wie viel Du bey dem Tausche gewannst, und welchen sichern Handen ich Dich anvertrauete, so trostete mich das, und was meine Person betraf, so war mir jeder Winkel des Erdbodens, wo ich Brod fande, gleich willkommen.
Ich legte nun die mir von Deiner Mutter anvertraueten Schriften versiegelt in die Hande unsers grossmuthigen Wohlthaters nieder, da ich noch kein Mittel vor mir sah, Gebrauch davon zu machen. Der redliche Consul reiste mit Dir ab, und ich, nachdem ich meine geringen Habseligkeiten verkauft hatte, blieb grade nur noch so lange, bis er mir meine Empfehlungsschreiben und einen Vorschuss von Reisegeld geschickt hatte, da ich dann nach Holland abgieng.
Der Gedanke, dass ich meine einzige Tochter nun vielleicht nie wiedersehn sollte, machte mir den Abschied von meinem Vaterlande schwerer, als ich bey dem ersten Vorschlage meines Freundes geglaubt hatte; Wenigstens wollte ich aber dem Kinde in der Folge die Unannehmlichkeit, fur das Schicksal seines Vaters besorgt zu seyn, und den Schmerz uber eine so weite Entfernung von ihm, ersparen. Desfalls bat ich meinen Bruder, als ich ihm meinen Entschluss, nach Indien zu gehn, meldete, er mogte niemand hiervon etwas entdecken, sondern jedermann und selbst meiner kleinen Margaretha sagen, ich sey gestorben. "Wenn mich", sprach ich zu mir selber, "die Vorsehung einst glucklich wieder aus jenem Welttheile zuruckfuhrt; wird die freudige Uberraschung meiner Tochter, Den wieder zu sehn, der ihr das Leben gegeben hat, um desto grosser seyn." Und diesen frohen Augenblick hoffe ich nun bald zu erleben.
Meine Reise nach Holland und von da nach Indien gieng so glucklich als moglich von Statten, und die Empfehlungen meines redlichen Beschutzers waren dort von solchem Gewichte, dass ich sogleich, als Aufseher uber zwey Waaren-Lager, in Thatigkeit gesetzt und versorgt wurde. Meine Lage war also uber Erwartung angenehm; das Clima hatte den wohlthatigsten Einfluss auf meine Gesundheit; die Nachrichten, die ich durch den Consul von Deinem Schicksale erhielt, obgleich nur in allgemeinen Ausdrucken abgefasst, waren sehr erfreulich; auch mein Bruder meldete mir, dass die kleine Margaretha ein gesundes, hubsches und gutes Madchen sey und so war ich dann zufrieden, heiter, und dankte dem gutigen Schopfer in meinem Herzen.
Auf diese Weise verfloss mir eine lange Reyhe von Jahren, ohne die geringste Wiederwartigkeit. Unter den Kaufleuten, deren Geschafte ich zu besorgen hatte, war vorzuglich Einer mir sehr gewogen, und vertrauete mir die wichtigsten Dinge an, nachdem ich mir bald eine Fertigkeit in dem Mechanischen dieser Arbeiten und die nothigen Sprach-Kenntnisse erworben hatte. Endlich, als dieser gute Mann anfieng schwachlich zu werden, rief er mich einmal zu sich, und sagte mir ungefehr folgendes: "Sie haben mir bis jetzt so redlich und eifrig gedient, dass ich nicht ruhig wurde sterben konnen, wenn ich nicht vorher Ihre Treue auf eine Weise belohnt hatte, die dem grossen Vermogen angemessen ist, das mir Gott gegeben und das er unter Ihren Handen hat gedeyen lassen. Nun konnte ich Ihnen hier wohl zu einer reichen Frau verhelfen, oder Sie sonst ansassig machen; allein ich meine bemerkt zu haben, dass Sie nicht geneigt sind, Sich wieder zu verheyrathen, und dass Sie Sich uberhaupt nach Ihrem Vaterlande zurucksehnen. Diesen Wunsch zu befriedigen, dazu fordern mich Dankbarkeit und Freundschaft auf. Ungern trenne ich mich von Ihnen Doch, meine irdische Laufbahn wird nun wohl bald vollendet seyn. Und ware das auch nicht, so wurde ich mir's doch zum Verbrechen machen, wenn mir mein Privat-Vortheil naher am Herzen lage, als Ihre Gluckseligkeit. Nehmen Sie daher diese Summe als ein freundschaftliches Geschenk an! Ich kann sie entbehren; sie ist mir eine Kleinigkeit, und Sie konnen in Teutschland damit viel ausrichten. Reisen Sie sobald dahin ab, als Sie es gut finden, nehmen meine besten Wunsche mit, und gedenken zuweilen eines Mannes, dem Sie, ausser den oconomischen Dienstleistungen, auch noch durch ihre Bekanntschaft den Vortheil gewahrt haben, dass er nun eine bessere Meinung von dem Menschengeschlechte mit aus dieser Welt nimt, wie die war, welche ihm bis jetzt so manche traurige Erfahrungen eingeflosst hatten."
Ich erstarrte fast vor Uberraschung, als ich die Papiere auseinanderschlug, die er mir eingehandigt hatte, und nun fand, dass es Banco-Noten, zwanzigtausend Ducaten an Werth, waren. Meine Empfindungen der Dankbarkeit konnte ich nur unvollkommen ausdrucken; Der edle Greis verstand aber auch meine stumme Sprache, und fuhlte sich vielleicht so glucklich, wie ich mich.
Vor zwey Jahren nun liess ich mich nach Holland einschiffen. Mit dem Briefe, den ich Dir damals schrieb, und in welchem ich Dir die Freude, Dich wieder zu sehn, zu erkennen gab, liess ich zugleich einen andern an unsern Consul, den ersten Schopfer meines Glucks, abgehn. Ich gab ihm von allem Nachricht und bat ihn, mir sogleich das Paquet, welches Deine Forderungen in Frankreich betraf, nach Amsterdam zu schicken. Nur meinem Bruder meldete ich weder die Veranderung meiner Umstande, noch meine Ruckkehr nach Europa; Ich wollte ihn auf angenehme Weise uberraschen, und das ist auch noch mein Vorsatz.
Sobald ich in Amsterdam in dem Besitze Deiner Documente war, las ich alles sorgfaltig durch, was Dein Vater aufgezeichnet hatte, und besann mich dann nicht lange, sondern reiste sogleich nach Paris. Ich will Dich nicht mit dem weitlauftigen Berichte von den Schwierigkeiten aufhalten, die ich dort fand, Deine gegrundete Forderung in's Reine zu bringen; aus den Acten selbst wirst Du das sehn. Genug! dass mich der Himmel das Gluck hat erleben lassen, Dir ein Vermogen von wenigstens funfzehntausend Livres jahrlicher Renten in Sicherheit zu bringen. Jetzt habe ich weiter keinen Wunsch mehr in dieser Welt, als den, an meiner Tochter so viel Freude zu erleben, wie mir die vortheilhaften Zeugnisse meines Bruders von ihr zu versprechen scheinen, und sie dann glucklich verheyrathet zu sehn. Ich eile nach Biesterberg, um dort diese mir so theuren Menschen zu umarmen.
Wie? nach Biesterberg? Herr Autor? Ey! nun ja, mein hochgeehrtester Leser! stellen Sie Sich doch nicht so uberrascht, gleich als hatten Sie es nicht langst gemerkt, dass der Bruder, welchen unser Fremder sucht, kein andrer, als der Herr Forster Dornbusch, und dass die jetzt von ihrem Herrn Oncle wieder nach Gosslar gefuhrte Jungfer Margaretha das oft erwahnte Tochterlein ist! Dies Zusammentreffen hat ubrigens, so viel ich es einsehe, nichts Unwahrscheinliches, und ich bitte Sie, mir einen teutschen oder andern Roman zu nennen, in welchem nicht viel unglaublichere Begebenheiten vorkamen. Ubrigens muss ich zur Erlauterung dieser ganzen Geschichte nur noch einige Worte hinzufugen.
Der osterreichsche Officier wusste freylich, dass seine Geliebte Margaretha Dornbusch hiess; dass sein Pflegevater denselben Familien-Namen fuhrte, war ihm auch nicht unbekannt; allein da das Frauenzimmer gar nicht ahnden konnte, dass ihr Vater in Ostindien lebte, sondern vielmehr oft erzahlt hatte, es sey derselbe langst in Teutschland gestorben, Monsieur de Previllier aber (denn so hiess der Officier) sich's aus den Zeiten seiner Kindheit nicht mehr erinnerte, dass sein Pflegevater zuweilen eines Bruders Erwahnung gethan hatte, ja! da ihm das Andenken an die jungere Gefahrtinn seiner ersten Jugend beynahe ganzlich aus dem Gedachtnisse gekommen war, konnte er unmoglich wissen, dass seine ehemalige Gespielinn und die jetzige Dame seines Herzens eine und dieselbe Person ware. Jetzt aber (denn der Ostindier theilte ihm wenigstens den Haupt-Inhalt der Geschichte, welche dieser Aufsatz enthielt, mundlich mit) machte er eine Entdeckung, die ihn mit der lebhaftesten Freude erfullte. Er nahm sich aber vor, den alten Herrn Dornbusch damit zu uberraschen. Sobald sich's daher schicklicherweise thun liess, bat er ihn, mit ihm nach dem Posthause zu gehn, wo er ihm in der Person seines Reisegefahrten zu einer sehr interessanten Bekanntschaft zu verhelfen versprach; Sie giengen hin, sobald der Alte sein Mittags-Essen verzehrt hatte.
"Um Gotteswillen!" rief der Hauptmann Previllier und sturzte in das Zimmer, in welchem er den Ostindier ein Weilchen allein gelassen hatte, um indess die bewusste Person zu holen. "Was fange ich an? Sie ist fort, Sie ist fort!" "Wer ist fort?" "Wie konnen Sie fragen? Ihre Tochter, meine Geliebte, meine Braut ist fort. Der Forster Dornbusch hat sie mit Gewalt in den Wagen gehoben und ist mit ihr wieder nach Gosslar gefahren." "Du bist von Sinnen, Louis! Wie soll meine Tochter, wie soll mein Bruder hierherkommen?" "O! verliehren wir keine Zeit mit Erzahlungen! ich beschwore Sie. Lassen Sie uns nacheilen! Unterwegens sollen Sie alles erfahren; jetzt nur geschwind angespannt!" "Aber mein Wagen, meine Packereyen, mein Bedienter; alles ist draussen im Wirthshause." "Ich will hinschicken; Morgen konnen wir wieder hier seyn; Nur geschwind, dass wir sie noch einholen!"
Der alte Herr sah wohl, das hier nichts zu thun ware, als dem ungestumen Menschen zu folgen. Sobald daher des Officiers kleine Callesche angespannt war, setzte er sich mit ihm hinein, und fort gieng die Reise nach Gosslar.
Zehntes Capitel
Etwas von dem jungen Frauenzimmer. Sie entwischt. Wir haben den Forster, in Gesellschaft des Pastors Ehren Schottenii, mit dem jungen Frauenzimmer eben so eilig aus Peina fortgeschafft, wie jetzt die beyden Herrn, welche ihnen nachreisen, ohne es zu Erlauterungen unter allen diesen Leuten kommen zu lassen. Damit nun unsre Geschichtschreiber-Schulden sich nicht gar zu sehr haufen und wir, wenn endlich alles sich zum Ziele neigt, nicht gar zu viel aus altern Zeiten nachzuholen haben mogen, was der Leser noch nicht weiss, wollen wir, wahrend diese funf Personen auf der Reise sind, der Herr Amtmann aber und sein Erbe, im sussen Schlafe, der muden Natur balsamischen Labsale, sich erquicken, eine kleine Skizze von dem kurzen Lebenslaufe der Jungfer Margaretha Dornbusch entwerfen.
Sobald der Forster in Biesterberg das ihm von seinem Bruder anvertrauete kostbare Unterpfand in Besitz genommen hatte, beschloss er, das kleine Madchen wie seine eigne Tochter zu behandeln. Er selbst hatte mit seiner ehrlichen Hausfrau keine Kinder erzeugt, aber ein ansehnliches Vermogen erheyrathet, so dass er an Margarethens Erziehung, wenn er und sie auch nicht mit den nothigen padagogischen Gaben ausgerustet waren, doch genug verwenden konnten, um das Kind durch Andre zu einem feinen Frauenzimmer bilden zu lassen.
Der Forster war ein biedrer, aber freylich ganzlich uncultivirter Mann. Sein Handwerk verstand er aus dem Grunde, in der politischen, literarischen und galanten Welt hingegen war er ein Fremdling. Ausser einigen Andachtsbuchern, in denen er Morgens und Abends seine bestimmte Seitenzahl gewissenhaft las, wie man das an den braunen Flecken unten auf dem Rande, wo der geleckte Finger beym Umwenden seinen Stempel hingedruckt hatte, sehn konnte, sodann ausser einer alten Chronic, an welcher die vordersten Blatter fehlten und den Zeitungen, die ihm der Herr Amtmann mittheilte, hatte er sich nie mit Lesen abgegeben, und seit dem Frieden, da er seine jetzige Bedienung antrat, war er des Herumschweifens mude, liebte die Ruhe, kam nur ausserst selten in die benachbarten Stadte, und war daher auf alle Weise in einer gewissen Art von Cultur sehr zuruckgeblieben. Dagegen hatte er einige andre kleine, unbedeutende Tugenden, die in dieser Welt wenig gelten, und wobey auch in der That nichts herauskommt. So hielt er zum Beyspiel immer strenge und redlich Wort, theilte gern seinen Bissen mit dem Nothleidenden, ohne nur einmal zu ahnden, dass dies etwas anders, als gemeine Christenpflicht ware und nahm sich jedes Gedruckten und Verlassenen an, wenn er dazu im Stande war, wie wir denn gesehn haben, dass er sich zu seinem grossen Schaden, in die bayerischen Handel mischte, als Agnese Bernauer sich im Gedrange befand.
Die kleine Grete wuchs unter der mutterlichen Sorgfalt der Frau Forsterinn auf, versprach einst ein hubsches, reizendes Frauenzimmer zu werden, und war der Augapfel ihrer Pflegeeltern; Ehren Schottenius aber machte sich's zum Geschafte, ihren Geist zu bilden, jedoch ohne die Bestimmung ihres Geschlechts und ihres kunftigen Standes denn zu einer braven Landfrau schien sie ihm einst ausersehn aus den Augen zu verliehren. Neben dem Unterrichte in den Wahrheiten der christlichen Religion, in der Form des lutherischen Kirchen-Systems, lehrte er sie eine leserliche Hand und einen wohlgesetzten Brief schreiben, erklarte ihr ein wenig die Landcharte und das Firmamentswesen, die vier Species der Rechenkunst und die Bilderchen aus Raffs Naturgeschichte. So erreichte sie das vierzehnte Jahr, da sie dann, in einem neuen schwarzen seidenen Kleide, mit rothen Schleufen und einem grossen Blumenstrausse, mit den ubrigen Kindern aus dem Dorfe confirmirt wurde, wobey samtliche Eltern Thranen vergossen.
In dieser Zeit erweckte der Erzvater der neumodischen Aufklarung, Satanas, der die ganze Welt verfuhrt, den Geist eines padagogischen Ehepaars, das sich kurzlich in Gosslar niedergelassen hatte, und nun durch die Posaune verschiedner Zeitungsschreiber allen Volkern verkundigen liess:
Es haben Herr und Madam Deckelschall aus der Schweiz geburthig, sich entschlossen, sowohl zum Besten der Menschheit uberhaupt, als insbesondere zur Gemachlichkeit derjenigen Eltern, welche auf dem Lande wohnten und folglich nicht Gelegenheit hatten, ihren Kindern zu Hause denjenigen Grad der Bildung zu geben, welchen man jetzt in der feinern Welt fordert, in der Reichsstadt Gosslar am Harze eine Pensions-Anstalt fur junge Frauenzimmer zu errichten. Daselbst geben sie fur den sehr massigen Preis von *** jahrlich, ihren Zoglingen Kost, Wohnung und Unterricht im Franzosischen und Italienischen, in der Music und allen andern, dem weiblichen Geschlechte nothigen Wissenschaften, Kenntnissen, Kunsten, Hand-Arbeiten, in feiner Lebensart und der Gabe, die besten classischen Schriftsteller mit Geschmack, Gefuhl und Nutzen zu lesen.
Dem guten Forster Dornbusch gieng plotzlich ein Licht auf, als er diesen Artikel in der Zeitung las. Es hatte seine Richtigkeit, dass Gretchen von den hier verzeichneten schonen Sachen noch wenig oder gar nichts verstand; Da nun diese Kenntnisse, wie es doch offenbar gedruckt da zu lesen war, einem wohl erzognen Frauenzimmer unentbehrlich waren, Gretchen aber, es koste was es wolle, ein wohl erzognes Frauenzimmer werden sollte, entschloss er sich kurz und gut, seine Nichte nach Gosslar zu bringen; Ehren Schottenius ausserte einige Zweifel, meinete, man musse sich wohl zuvor genauer nach diesen Leuten erkundigen; allein bey Menschen von des ehrlichen Dornbusch' Cultur hat das, was gedruckt ist, ein grosses Gewicht; Sein ganzer Glaube an erhabnere Wahrheiten beruhete auf keinem viel dauerhaftern Grunde; also blieb es bey dem Vorsatze und die Nichte wurde nach Gosslar gefahren.
Jetzt muss ich die Leser ein wenig genauer mit dem Herrn Deckelschall und seiner Frau Gemahlinn bekanntmachen. Er war auf Universitaten gewesen, mithin ein Gelehrter; Nur auf solche langweiligen Dinge, die man Brod-Wissenschaften nennt, hatte er nicht Lust gehabt sich zu legen, und da man ohne diese in der burgerlichen Gesellschaft nicht fortkommt; war er auf alle Einrichtungen in der jetzigen Welt und auf alle Staats-Verfassungen nicht wohl zu sprechen. Nach manchen vereitelten Versuchen, dennoch irgend ein Amtchen zu erwischen (welches ihn denn ohne Zweifel mit den Regierungen versohnt haben wurde), beschloss er endlich, Hofmeister junger Herrn zu werden. Er brachte ein Paar Grafen-Sohne, die man ihm anvertrauete, so weit, dass der Eine, dem er, wie er es fur Pflicht hielt, seinen Ekel gegen allen burgerlichen Zwang und alle wissenschaftliche Pedanterey mitgetheilt hatte, durchaus keinem Fursten dienen wollte, sondern, zum grossten Kummer seines nicht so aufgeklarten Vaters, in seinem zwanzigsten Jahre als Musen-Almanachs-Dichter und Music-Liebhaber privatisirte; Der Andre aber, den er, um ihm den Adelstolz aus dem Kopfe zu bringen, uberzeugt hatte, dass aller Unterschied der Stande eine Grille ware, aus seiner Eltern Hause nebst dem Garderoben-Madchen davonlief und auf einem grossen transportablen National-Theater in den Rollen des Licentiaten Frank und des goldonischen Lugners den Schneidern und Schustern in Speyer, Worms und den benachbarten Stadten ungemein gefiel.
In einem von diesen Hausern wurde Herr Deckelschall mit seiner jetzigen Ehefrau bekannt. Sie war Gesellschafterinn und Vorleserinn der Frau Grafinn. Ihre Herzen sympathisirten; Herr Deckelschall spielte ein wenig Clavier; sie sang ein wenig. Was bedarf es mehr, um vereint mit einander glucklich zu leben? An baarem Vermogen fehlte es freylich Beyden; sie besass jedoch funfhundert Reichsthaler an Schaustucken und Harz-Gulden; Es ist himmelschreyend, dass man in dieser Welt durchaus Geld haben oder irgend eine nutzliche Arbeit verstehn muss, um auszukommen. Indess verlasst der Himmel zwey liebende Seelen nicht, die mit einander Duetten singen konnen, und in dieser Hofnung heyratheten sich unsre guten Leute. Nach der Hochzeit uberlegte man dann, wovon man leben wollte und, da man sich sogleich auf nichts besinnen konnte, zog man vorerst zu gastfreyen Verwandten, nach Gosslar.
Hatte Herr Deckelschall nicht eine so sehr unleserliche Hand geschrieben, so wurde er gewiss sich am liebsten als Copist fortgeholfen haben, weil er gehort hatte, dass Hans Rousseau mit Notenschreiben seinen Unterhalt erworben hatte; allein seine Buchstaben waren von der Art, dass man sie eben so wohl fur arabisch, als fur teutsch ansehn konnte. Da es nun mit dem Abschreiben nicht gehn wollte, beschloss er, Autor zu werden. Er schrieb einen Roman, und nachher eine Schmahschrift gegen einen Rezensenten, der diesen Roman ein elendes Product genannt hatte. Beyde Bucher fanden keinen Abgang, und er konnte keinen Verleger mehr finden. Madam besass wurklich einige nutzliche Talente; sie verstand die Kunst, allerley seidene Zeuge zu farben und russische Talchlichter zu giessen; Aber das schien ihnen Beyden eine kleinliche, elende Art von Erwerb, und so entschlossen sie sich dann, ein Erziehungs-Institut anzulegen. Ein Menschenfreund, der, wie die mehrsten Menschenfreunde, kein guter Wirth war, lieh ihnen eine Summe Geldes; Dafur wurden Hausrath und Bucher angeschafft, in welchen das stand, was sie zu lehren versprachen; und damit gieng's los sie hatten in Monats Frist sechs junge Madchen bey einander.
Die Operation hatte treflichen Fortgang; den Eltern wurden vierteljahrlich angenehme Berichte eingeschickt, und die Eltern schickten vierteljahrlich angenehme Louisd'ors was wollte man mehr? Herr Dekkelschall errichtete nebenher eine Lese-Gesellschaft und einen gelehrten Clubb, welchen alle Honoratiores in Gosslar besuchten, um dort eine Pfeife Tabac zu rauchen.
Margaretha Dornbusch kam als ein unerfahrnes, aber an Hauslichkeit, Fleiss und Sittsamkeit gewohntes, hubsches, junges Madchen in dies Haus. Dabey war ihr naturlich guter Verstand durch den Pastor Schottenius, wie wir gehort haben, ein bischen ausstaffirt worden, wenigstens in so weit, dass sie einigen Geschmack an Buchern und wissenschaftlichen Dingen fand; ja! wir durfen nicht verschweigen, dass der Herr Pastor ihr Gellerts Schriften zu lesen gegeben, dass er dabey die Unvorsichtigkeit begangen hatte, ihr auch den Theil derselben zu schicken, in welchem die Geschichte der schwedischen Grafinn stand, und dass dadurch in ihr die erste Lust zur Roman-Lecture war erregt worden. Diese Lust nahm in Gosslar ansehnlich zu. Unter viel andern padagogischen Gaben, welche dem Erzieher-Paare in Gosslar fehlten, war auch die, ihre jungen Frauenzimmer in bestandiger nutzlicher Thatigkeit und einer heitern, ruhigen Gemuths-Stimmung zu erhalten. Sie haben Recht Madam! ja, ich weiss es, das ist grade das einzige Haupt-Geheimniss in der weiblichen Erziehung. Nun denn! dies einzige Haupt-Geheimniss besassen sie nicht. Wir haben aber gehort, dass Herr Deckelschall sich eine Lese-Bibliothek angeschafft hatte und was fur eine Bibliothek? Romanen und Schauspiele, wie des Sandes am Meere, besonders Ritter-Geschichten und dergleichen. Dieser ganze Schatz von Literatur nun war den jungen Frauenzimmern preissgegeben und eben aus diesem Magazine sollten sie die in der Ankundigung versprochne Gabe, die besten classischen Schriften mit Geschmack, Gefuhl und Nutzen zu lesen schopfen.
Jungfer Margarethe gieng mit Riesenschritten auf dieser Bahn der Cultur fort, und schon begann ihr, die nur in der Ideenwelt sich herumtummelte, die Alltagswelt niedrig und ekelhaft zu werden, als ein Gegenstand in derselben sie wieder mit dem wurklich lebenden Menschengeschlechte aussohnte. Welcher Gegenstand das war, ist leicht zu errathen; es war kein andrer, als unser Freund, der Hauptmann Previllier. Dieser gute Mann stand als osterreichschen Officier in Gosslar auf Werbung und war Mitglied des von dem Herrn Deckelschall gestifteten Gelehrten-Clubbs. Dies literarische Institut gab ihm zugleich Gelegenheit, genauere Bekanntschaft mit dem Padagogen zu machen, welche sich denn bald auch auf die weiblichen Zoglinge ausdehnte. Er brachte manche AbendStunde in diesem Cirkel zu.
Der Capitain war kein solcher susser Geck, der sich selbst und allen hubschen Madchen weiss macht, er sey verliebt in sie; auch war er kein ausschweifender Jungling, der, wie ein Wolf um die friedlichen Heerden herum geschlichen ware, ein Schafchen zu fangen, das sich sorglos von dem Haufen getrennt hatte; aber er war ein gefuhlvoller, junger Mann; Margaretha Dornbusch gefiel ihm und wir verdenken es ihm gar nicht.
Indessen hatte der Herr Forster seit langer Zeit den Plan in seinem Kopfe herumgedreht, seine Nichte an den einzigen Erben des wohlhabenden Herrn Amtmanns Waumann zu verheyrathen. Sein Gretchen glucklich an den Mann gebracht zu sehn, das war Tag und Nacht sein einziger Wunsch. Die Haupt-Erfordernisse des Ehestandes waren bey ihm: eine gute Versorgung und ein gesunder Leib; Beydes hatte Musjo Valentin aufzuweisen. Von der nothigen Seelen-Sympathie, die, wenigstens in den ersten vier Wochen, so viel Seligkeit in den Ehestand bringt, und von dem Einflusse des Mondenscheins auf dies Wonnegefuhl, liess der arme Mann sich gar nichts traumen. "Dat hab' ich mir so ausgedacht", sprach er zum Herrn Amtmann. "Meine Grete kriegt auch mal einen hubschen Thaler Geld, wenn ich und meine Frau sterben. Wenn aber der Herr Amtmann was anders mit Musche Valentin vorhaben, so soll mein Vorschlag niks gelten, und wir bleiben doch mans gute Freunde." Allein der Herr Amtmann fand den Vorschlag sehr annehmlich, und der Handel war unter den Eltern bald geschlossen.
Wahrend dieser Verabredungen kam im OsterFeste das junge Frauenzimmer zum Besuche nach Biesterberg. Jedermann fand sie verandert; Leib und Seele waren anders aufgestutzt; allein sie blieb noch immer das gute, unschuldige Madchen; weiter als bis auf die Oberflache hatte sich die Reform nicht erstreckt. Der Name Margaretha klang ihr zu grob; sie hatte sich Meta getauft der Forster schuttelte den Kopf. Sie beklagte in Elegien alle Huhner und Tauben, die geschlachtet wurden, obgleich sie tapfer davon mitspeiste, wenn sie auf den Tisch kamen. Doch diese und ahnliche kleine Thorheiten abgerechnet, war sie, wie gesagt, gottlob! noch unverderbt, und Ehren Schottenius, dessen Gutmuthigkeit und christliche Liebe grosser wie seine practische Menschenkenntniss waren, fand sogar: sie habe in Gosslar so etwas in ihrem Thun und Lassen angenommen, welches der angenehmen Gesichtsbildung, so der liebe Gott ihr gegeben, neue Annehmlichkeit verleyhe, wofur man dem Schopfer nicht genug danken konne. An dem Herrn Deckelschall und seiner Gattin lag es indessen nicht, dass es mit Kopf und Herz nicht arger aussah.
Wahrend ihrer Abwesenheit von Gosslar erhielt der Hauptmann einen Brief von seinem ehemaligen Pflegevater aus Paris und darinn, doch nur mit kurzen Worten, die Nachricht, dass er so glucklich gewesen ware, ihm zu dem Besitze eines ansehnlichen Vermogens zu verhelfen, und dass er ihn bald personlich zu umarmen hoffte. Jetzt erst konnte Previllier ernstlich daran denken, sich eine Gehulfinn zu wahlen; und er nahm sich vor, gleich nach Margarethens Zuruckkunft, seinen formlichen Antrag zu thun. Dies geschahe; das junge Madchen fuhlte in dem, was die Frauenzimmer ihr Herz zu nennen pflegen, und uber dessen eigentlichen Sitz bey diesem Geschlechte die Weltweisen noch nicht ganz einig sind, Empfindungen, die dem wackern Officier das Wort redeten; und so sank sie denn schmachtend und schamhaft in seine Arme. Auch diese Scene musste sich, in Kupfer gestochen, vortreflich ausnehmen; Es ist unbegreiflich, dass mein Herr Verleger in der Verstocktheit seines Herzens dafur keinen Sinn hat; aber wir werden ihm kein Manuskript wieder geben, wenn er sich weigert, Bilderchen dazu verfertigen zu lassen. Und doch riskirt der Mann nichts bey unsern Schriften; Sie gehen reissend ab, weil sie lustig zu lesen sind, nicht viel Kopfbrechens kosten und nicht ubermassig lehrreich sind. Er ist ein ruinirter Mann, wenn wir ihm unsre Protection entziehen.
Der Hauptmann erbat sich nun von seiner Schonen die Erlaubniss, auch bey dem Herrn Forster schriftlich die Bewerbung um ihre Hand anbringen zu durfen, und sie wiedersetzte sich diesem Vorhaben um so weniger, da der Oheim ihr nie etwas von dem Plane, sie an den jungen Waumann zu verheyrathen, erofnet hatte. Allein der Erfolg fiel ganz anders aus, als man erwartete; Der alte Dornbusch konnte sich mit dem Gedanken nicht gemein machen, seine schone Hofnung auf die Verwandschaft mit dem Hause des Herrn Amtmanns aufzugeben, seine Nichte so weit von sich zu lassen und sie noch obendrein einem Kriegsmanne zu geben, der vielleicht heute oder morgen nach Croatien in Garnison, oder gar in's Feld ziehn musste. Es erfolgten daher auf wiederholte Bittschreiben, wiederholte abschlagige Antworten; bald nachher das Verboth, den Werbe-Officier gar nicht mehr zu sehn, und endlich der Befehl, sich bereit zu halten, in wenigen Tagen nach Biesterberg abgeholt zu werden.
Nun qualificirte sich die Sache zu einer RomanScene, und es liess sich gar nicht mehr andern, man musste Anstalt zur Entfuhrung machen. Dennoch wurde, wie man sicher behaupten darf, unser redlicher Previllier noch vorher einen gelindern Weg versucht, und mundlich den alten Forster zu uberreden getrachtet haben; Allein er bekam grade zu der Zeit abermals einen Brief von seinem ostindischen Wohlthater, welcher ihm seine Ankunft in Teutschland meldete, und den Hauptmann bat, ihm einen Ort namhaft zu machen, wo sie sich zuerst sprechen konnten. Hierzu schlug Previllier Peina vor, und seine Absicht war, seinem zweyten Vater daselbst seine Geliebte zu zeigen, und ihn dann zu bereden, mit ihnen nach Biesterberg zu reisen, um dort alles anzuwenden, den Forster zu bereden. Die Anstalten zur Entweichung wurden mit nothiger Vorsicht gemacht; hatte man deren aber auch weniger angewendet; so wurde doch das Padagogen-Parchen schwerlich der Flucht ein Hinderniss in den Weg gelegt haben, denn ubertrieben angstliche Aufsicht uber die jungen Frauenzimmer war ihr Fehler nicht. Ubrigens wissen die Leser, was den beyden Liebenden in Peina wiederfuhr, und ich konnte nun getrost in der Erzahlung dessen fortfahren, was der Jungfer Margaretha begegnete, nachdem ihr Oheim sie auffieng, und mit Gewalt wieder nach Gosslar zuruckbrachte; Allein ich muss mich erst einer Bemerkung uber diesen ganzen Vorfall entledigen, und dann einige moralische Satze aus dieser Geschichte ziehn, zum Beweise, dass doch im Grunde kein Buch so geringe ist, in welchem nicht einiger Stoff zur Erbauung fur lehrbegierige Leser zu finden ware.
Die Bemerkung ist folgende: Hatten wir diese interessante Geschichte ganzlich erfunden, oder, wie man zu sagen pflegt, aus den Fingern gesogen gegen welchen Verdacht wir jedoch feyerlich protestiren , so wurden wir vielleicht, zur Warnung und zur Lehre fur andre, eben so romanhaft gestimmte Frauenzimmer, die Person des Entfuhrers, den Herrn Hauptmann Previllier, als einen Erz-Bosewicht geschildert und das entlaufene Jungferchen tausendfach Noth und Elend, als die Folge dieser Verirrung, haben erleben lassen. Verdient hatte es das Madchen und ich hatte da Stellen anbringen konnen, bey welchen selbst dem Setzer dieser Bogen Thranen uber die Backen getraufelt waren; aber Wahrheit bleibt Wahrheit. Diesmal gluckte es nun freylich mit der Entfuhrung, denn der Officier war ein Biedermann; aber hatte er nicht eben so wohl ein Schuft seyn konnen? Und wie hatte es dann mit ihr ausgesehn? Mademoiselle! Was meinen Sie dazu?
Und das fuhrt mich nun zu den moralischen Lehren, die sich, sowohl bey des Herrn Deckelschalls und seines Weibes, als bey der holden Meta Geschichte anbringen lassen und worauf ich fleissig Acht zu geben bitte; denn je seltner einen Autor das Moralisiren anwandelt, um desto grossern Anspruch darf er ja wohl auf die Aufmerksamkeit der Leser machen; also
Erstlich: Wer in dieser Welt fortkommen will, der thut wohl, wenn er so irgend etwas lernt, womit man im burgerlichen Leben Brod verdienen kann, es musste denn seyn, dass sein Magen so geschaffen ware, dass er vom Schimpfen auf die verkehrten Welt-Einrichtungen satt wurde;
Zweytens: Wer heyrathen will, thut nicht ubel, wenn er vor der Hochzeit uberlegt, wovon er nebst Frau Gemahlinn leben wolle; wobey er nicht gar zu viel auf die Gastfreundschaft seiner Verwandten und die Hulfe der Menschenfreunde rechnen darf.
Drittens: Menschen, die zu sonst nichts in der Welt brauchbar sind, sollen keine Erziehungs-Institute anlegen, noch uberhaupt sich mit Bildung Andrer abgeben, was fur Beyspiele man auch vom Gegentheile anfuhren mogte.
Viertens: Fur junge Leute sind alle Romane gefahrlich, ausser, versteht sich, die, welche wir geschrieben haben und, will's Gott, noch schreiben werden, wenn wir immer Verleger finden, die sich von uns ankornen lassen;
Funftens: Man vertraue einen Huhner-Hund, der abgerichtet werden soll, unmassgeblich niemand an, den man nicht selbst gepruft hat, ob er das Ding auch verstehe. Item dieselbe Regel ist zu beobachten, wenn man sein Kind einem Fremden zur Erziehung ubergeben will;
Sechstens: Wer seiner Tochter einen Mann anheyrathen will, kann allenfalls gelegentlich, bevor er die Sache ganzlich in Richtigkeit bringt, das Madel fragen, ob sie den Kerl auch leiden mag; Sonst giebt's zuweilen Ungluck;
Siebentes: Mit dem Entfuhren ist es eine misliche Sache und nimt nicht selten ein lamentables Ende.
Diese sieben Moralien scheinen beym ersten Anblicke ganz gemein und gleichsam trivial; allein nicht nur ist das bey allen moralischen Satzen der Fall, namlich, dass sie bekannt genug sind, ohne dass man deswegen darnach handelt, theils gehoren diese sieben Stucke wurklich zu den auserlesensten und haben viel in recessu, zu Teutsch: im Ruckhalte; Endlich auch gewinnen solche alten Moralien durch eine feine, angenehme Einkleidung neuen Reiz, und darinn haben wir, ohne uns zu ruhmen, unsre Starke. Nun weiter!
Warum grade der Herr Forster sich entschloss, mit seiner Nichte wieder nach Gosslar und nicht vielmehr nach Biesterberg zu reisen, das soll Euch, meine werthesten Zuhorer! in dieser Stunde mit wenig Worten auseinandergesetzt werden. Er war ein Mann, der gern alles in's Klare gebracht sah und der es nicht leiden konnte, dass auf seiner oder der Seinigen Ehre eine Makel haften bliebe. Gretchen war heimlich aus Gosslar entwischt; offentlich musste sie sich also wieder da zeigen, ehe die Sache ruchtbar wurde; dort musste zugleich die Untersuchung angestellt werden, ob sie auch durch ihre ubrige Auffuhrung sich und ihre Familie beschimpft und welche Rolle bey dieser ganzen Liebesgeschichte Herr und Madam Deckelschall gespielt hatten. Uber das alles sollte ihm dann der Magistrat in Gosslar ein Attestat schwarz auf weiss ausfertigen, zu seiner Rechtfertigung bey dem Herrn Amtmann Waumann.
Man kann sich leicht vorstellen, dass die Gesprache, welche unsre drey Reisenden unterwegens fuhrten, nicht von der lustigsten Art waren; die holde Meta klagte und betheuerte, sie werde keinem andern Manne die Hand geben, als ihrem Hauptmanne; der Forster fluchte und appellirte an die Obrigkeit; der Pastor aber kam je zuweilen mit einem von unsern sieben moralischen Satzen angezogen, den er dann nach seiner Weise ausfuhrte und hinzusetzte: "Diese wichtige Wahrheit habe ich in einer von meinen Predigten, die ich drucken zu lassen die Absicht hatte, weitlauftiger auseinandergesetzt."
Auf diese Weise kamen sie in Steinbruggen an, welches ungefehr in der Mitte zwischen Peina und Gosslar liegt; es wurde hier angehalten und der Forster fuhlte Beruf, sich mit einem vollstandigen Fruhstucke zu laben. Wahrend diese Beschaftigung seine ganze Aufmerksamkeit fesselte, gieng Meta aus dem Zimmer, ofnete eine Thur, welche in den kleinen Garten des Wirthshauses fuhrte und gieng in demselben kummervoll auf und nieder. Plotzlich erwachte in ihr der Gedanke: Wie? wenn Du hier Deinen Hutern entwischtest, in einem benachbarten Dorfe bey gefuhlsvollen Leuten Schutz suchtest, Dich dort versteckt hieltest, und indess an den Geliebten schriebst, dass er dann kame, Dich abzuholen? Dieser Plan hatte etwas so Romanhaftes; sie konnte unmoglich der Versuchung wiederstehn, ihn auszufuhren. Dass ihr Brief gewiss den Hauptmann verfehlen musste, der doch wohl nicht, nachdem er sie verlohren, ruhig in Peina sitzen geblieben seyn wurde, das und sehr viel andre Dinge uberlegte sie nicht. Der Garten hatte eine Hinterthur, die hinaus auf das Feld fuhrte; diese Thur stand offen. Das Feld war mit Hecken eingefasst, hinter welche man sich verstecken, oder vielmehr unbemerkt langs denselben fortlaufen konnte, bis man ein Waldchen erreichte, oder an eine Strasse geriethe, welche nach einer andern Richtung hinfuhrte; auch lagen einige Dorfer in der Nahe kurz! sie meinte, das Ungefehr werde sie schon einen sichern Weg leiten, ehe man etwas von ihrer Flucht gewahrwurde; also lief sie fort, quer uber das Feld hin, den Hecken zu, zwischen welchen sie wurklich einen hohlen Weg fand, welchen sie verfolgte und das Ubrige werden wir einst erfahren kehren wir in das Wirthshaus zuruck!
Eine gute halbe Stunde beschaftigte den Forster das Fruhstuck, und der Pastor rauchte dabey sein Pfeifchen; als endlich Jener seine Nichte vermisste. "Sie ist vorhin in den Garten gegangen, wie ich gesehn habe", sagte Ehren Schottenius, "aber es wird nun auch wohl Zeit seyn, dass wir uns weiter auf den Weg machen. Ich will die Jungfer rufen". Er gieng; aber fort war sie, war nirgends zu finden. Wir lassen die beyden Herrn, die Wirthinn, den Hausknecht und die Magd sie aufsuchen und knupfen indess einen Faden unsrer Geschichte wieder an, den wir lange genug haben liegen lassen.
Eilftes Capitel
Der Herr Amtmann beschliesst, noch einen Tag in
Braunschweig zu verweilen und besucht nebst
seinem Sohne das Schauspiel.
Etwas Dramaturgisches.
Der Herr Amtmann Waumann und sein liebenswurdiger Sohn hatten nun im sanften Schlafe ihre muden Glieder erquickt und ihr erlittenes Ungemach vergessen. "Sey gutes Muths, Valentinchen!" sagte der Amtmann. "Dass wir den Luftschiffer nicht gesehn haben, das ist freylich unangenehm; aber dafur wollen wir heute in die Comodie gehn. Mein kaltes Bad ist mir auch so ubel nicht bekommen, und der Diebstahl lasst sich noch verschmerzen. Ich hatte dem Kerl nicht trauen sollen; Alle Musicanten taugen nichts; das lerne Du von mir! Fruh oder spat wird man von so einem Vagabonden immer angefuhrt. Aber wenn mir der Lumpenhund einmal in das Amt Biesterberg kommt, so soll er seinem Galgen nicht entwischen."
Aus dieser Erklarung des Herrn Amtmanns erhellt, dass in Biesterberg die peinliche Halsgerichts-Ordnung der Nurnberger eingefuhrt war, nach welcher man niemand eher hangen lassen darf, als bis man ihn hat. "Aber Papa!" rief der junge Herr, "Ich kann mich nun nicht sehn lassen; mein gruner Sonntags-Rock ist mit fort." "Thut nichts", erwiederte der Amtmann, "der graue ist gut genug und so bald wir nach Hause kommen, soll Dir der Meister Bugelbock ein anders Kleid machen."
Vater und Sohn kleideten sich nun an, giengen nach dem Gasthofe zum Prinzen Eugen und fanden dort ihre Freunde schon vollig gerustet am Fenster stehn, wo sie sich an dem ungewohnten Anblicke der Vorubergehenden und Fahrenden seit sechs Uhr Morgens ergotzt hatten. "Das hatte ich Dir voraussagen wollen, Bruder Amtmann!" sprach der Licentiat, "dass der Kerl Dich anfuhren wurde." "Ich wollte Du hattest mir's vorausgesagt", erwiederte Herr Waumann, "Doch, lass uns nicht mehr daran denken, sondern uns jetzt ein wenig in der Stadt umsehn!" Und damit begaben sie sich auf den Weg, der Amtmann, sein Sohn, Herr Bocksleder, nebst Gattinn und Kind und der Kaufmann Pfeffer aus Schoppenstadt. Der Zug gieng durch die Hauptstrassen der Stadt, nach dem Messhause zu; Dann besahen sie die Kunstkammer, spatzierten im Schlossgarten umher, sahen die Parade aufziehn und schleppten sich dann ermudet in den Prinzen Eugen zuruck, wo der Licentiat fur sie samtlich das Essen bestellt hatte.
"Aber diesen Abend gehen wir doch Alle, so wie wir hier sind, in die Comodie?" sprach der Amtmann, als bey dem Braten seine Lebensgeister sich wieder ein wenig gesammelt hatten. "Das versteht sich", erwiederte der Licentiat. "Seit meinem zwolften Jahre habe ich dergleichen nicht gesehn. Damals spielte ich selbst mit; Es war in Hildesheim, auf der Schule. Wie stellten Jonas im Wallfische vor und die Geschichte von Judith und Holofernes."
Nun begann Herr Bocksleder die Beschreibung dieser geistlichen Schauspiele, womit ich jedoch dem Leser nicht zur Last fallen will. Eine angenehme Nachricht, die der Aufwarter verkundigte, unterbrach dies Gesprach; Er meldete namlich, dass heute vor dem Schauspiele noch ein Luftball mit einem lebendigen Hunde aufsteigen und nach der Abend-Tafel Mascarade im Opernhause seyn wurde. Das alles nun wollten unsre Freunde geniessen und es wurde dazu sogleich Anstalt gemacht. Ausser ihnen sassen noch an demselben Tische (denn man speiste in einem allgemeinen Gastzimmer) nebst verschiedenen unbekannten Gasten, der mehrmals erwahnte Student aus Helmstadt und der grosse Dichter Klingelzieher. Diese beyden jungen Herrn hatten ihre Freude daran, unsre Landleute, ohne dass sie es merkten, zum Gegenstande ihres Witzes zu machen. Als daher von MascaradenKleidern die Rede war, die ein Jude welcher draussen stand, der Gesellschaft zu liefern versprochen hatte, versicherten die Spassvogel, es sey gar keine Freude dabey, nur im Domino oder Tabareau dort zu erscheinen, sondern je auffallender die Verkleidung sey, um desto weniger werde man merken, dass sie vom Lande und dass ihnen solche Vergnugungen fremd seyen. Nur mussten sie ihre Rollen studieren und sich dem Charakter gemass betragen, dessen Gewand sie trugen. Der Jude wurde gestimmt, die nothigen Sachen herbeyzuschaffen und folgendes Costum verabredet. Die Frau Licentiatinn Bocksleder sollte eine weisse Nonne vorstellen, ihren Sohn, wie Amor gekleidet, an ihre Hand nehmen und von ihrem Gemahle, in Gestalt des leidigen Satanas, mit Hornern versehn, gefuhrt werden; Der Amtmann Waumann wurde bewogen, Weiber-Kleider anzulegen und zwar als Gottinn der Nacht aufzutreten, in einem schwarzen Gewande, mit Sternen von Gold-Papier benaht, wovon Musjo Valentin, wie Arlekin gekleidet, ihm den Schlepp nachtragen sollte. Herr Klingelzieher begnugte sich mit einem Zauberers-Gewande und der Student wahlte eine Matrosen-Maske. Ubrigens wurden den leichtglaubigen Leuten ihre Rollen so vorgeschrieben, dass es an den beyden Spassvogeln nicht lag, wenn die Gesellschaft diesen Abend nicht von Knaben und Pobel preisgemacht wurde.
Indess ruckte die Zeit heran, wo man den vierfussigen Luftschiffer auffliegen sehn sollte; Man gieng hin, staunte dies merkwurdige Wunderwerk an und eilte von da in das Schauspiel.
Der junge Herr Waumann, ungewohnt, anders wie in der Kirche, eine so grosse Versammlung in einem Hause auf Banken und Buhnen sitzend zu erblicken, nahm aus Gewohnheit seinen Hut vor's Gesicht, als wollte er sein Gebet verrichten. Sobald aber nun die edle Musica anhob und der Vorhang in die Hohe gezogen wurde; Potz Fickerment! wie riss er da die Augen auf!
"Aber Papa!" rief er aus, als er sich ein wenig von seiner ersten Uberraschung erholt hatte, "thun denn die Leute nichts als singen und sprechen gar nicht? Und man versteht ja nicht Ein Wort davon." "Ja, siehst Du, mein Sohnchen!" erwiederte der Vater, "das nennt man eine italienische Oper. Ich wollte indessen, wir waren gestern darinn gewesen; da haben sie teutsch gespielt; aber da war der verdammte Vorfall, dass ich im Wasser gelegen hatte."
Das welsche Singewerk fieng endlich an, unsern Leuten Langeweile zu machen; und da es ohnehin mit den Vorbereitungen zur Mummerey nicht so schnell gehn konnte, beschloss die ganze Gesellschaft, welche sich im Parterre nahe bey einander gehalten hatte, nach dem Wirthshause zuruckzukehren.
"Ich glaube", sagte Herr Klingelzieher, "Sie wurden gestern eben so wenig, wie heute, von dem verstanden haben, was auf dem Theater gesprochen wurde; denn, obgleich das, was sie redeten, fur teutsch gelten sollte; so waren doch ein Paar Personen darunter, deren oberlandischer Provinzial-Dialect immer noch zu rathen ubrig liess, ob man seine Muttersprache, oder eine fremde Mundart horte. Besonders zeichnet sich bey dieser Gesellschaft Ein Parchen aus; Die Frau arbeitet sich im Tragischen herum und Er macht den Buffo in den Singespielen, die aus dem Italienischen ubersetzt sind; allein er verwandelt diesen Buffo in einen plumpen teutschen Hanswurst, singt einen Bass, den er aus dem Unterleibe hervorholt und setzt vor jeden Lautbuchstaben noch ein u, zum Beyspiel: 'uals uich nuoch uein klueiner Knuabe wuar', statt: als ich noch ein kleiner Knabe war. Von der Dame habe ich mir eine Rede gemerkt, die ich Ihnen doch mittheilen will: 'U ich Unklickliche! Tass mich toch nie tie Sohne peschinnen hatt! Und tu unkeratner Sonn! Kannst tu ketultig zusenn, tass teine Muhter wie eine pissente Sinterinn ta schtehn muss?'"
Herr Klingelzieher declamirte noch viel uber die Unverschamheit solcher Leute, die, aus dem niedrigsten Pobel entsprungen, ohne Menschen, Welt- und Sprach-Kenntnisse, ohne Sitten, ohne Gefuhl, ohne Grundsatze, es wagten, auf die Buhne zu treten, in dem Character von Personen aufzutreten, mit deren Gleichen sie nie den entferntesten Umgang hatten haben konnen, und dennoch darauf Anspruch zu machen, auf den Geschmack zu wurken, den Ton anzugeben, Moralitat zu befordern und fur achtungswerthe Manner von Wichtigkeit und Bedeutung im Staate zu gelten. Solches Lumpengesindel, setzte er hinzu, das sich's nicht einfallen lassen sollte, dem geringsten Tagelohner den Rang streitig zu machen!
Ein alter Mann, dem Ansehn nach ein gewesener Officier, welcher bey seiner Flasche Wein in der Ecke sass, nahm nun das Wort: "Mein Herr!" sagte er, "was mich betrifft, so muss ich gestehn, dass ich mich wundre, wenn ich hore, dass wir hie und da in Teutschland noch leidliche Schauspiele haben. Im Ganzen ist die Sache zwar uberhaupt eben nicht der Muhe werth, dass man viel davon rede; aber wenn man doch einmal ernsthaft uber diesen Gegenstand nachdenken will, so mogte ich wohl fragen, wie es unsre Theater-Dichter und Schauspieler anfangen sollten, ihren Geschmack zu veredeln, sich zu bilden, und wer ihnen die Anstrengung lohnen wurde? Herrscht wohl auf zehn Meilen Weges in Teutschland einerley Geschmack und bleibt dieser Geschmack sich wohl zehn Jahre hindurch gleich? Weiss unter hundert Menschen Einer, was er eigentlich von einem guten Schauspiele fordern soll? Nein! er weiss nur, dass er etwas Neues sehn will, so ein Hin- und Her-Reden und Wurken durch einander, bey welchem zuweilen ein unerwarteter Zug ihn uberraschen, oder ein lustiger Einfall ihm das Zwergfell erschuttern, oder eine einzelne ruhrende Situation ihn aus seinem Phlegma aufwecken soll. Um die Haltung des Ganzen bekummert er sich wenig und ware diese in einem Stucke meisterhaft und es fehlte dagegen an Verwirrung, an Buntschackigkeit, oder das Stuck ware nicht neu mehr; so wurde ich doch keinem Directeur, dem seine Casse am Herzen lage, rathen, dergleichen Stucke oft zu geben. Denn fur den Genuss des Erhabnen in der Kunst, ein Genuss, der fur einen achten Kenner, je ofter er ein Meisterwerk sieht, um desto grosser wird dafur hat das Gros des Publicums nirgends in Teutschland mehr Sinn, sondern will nur immer neue Spielwerke sehn. Ich sage, es hat keinen Sinn mehr dafur; aber hat es ihn je gehabt? ja! wenigstens in einigen Gegenden von Teutschland, zu Lessings Zeiten, zur Zeit der grossen hamburgischen Entreprise. Auch findet man noch in Hamburg kleine Haufen von Mannern, neben denen unser Einer so gern im Parterre steht, wenn der edle, unnachahmliche, als Mensch und Kunstler, als Freund und Gesellschafter gleich verehrungswurdige Schroder, unfahig dem falschen, frivolen Geschmacke zu schmeicheln, die alten ein- und auslandischen Meisterwerke hervorholt, gegen welche unsre neuern Kotzebuiana u.s.w. so erbarmlich abstechen. "
Klingelzieher: "Wie? des Herrn von Kotzebue Stucke lassen Sie nicht gelten?"
Officier: "Davon nachher; Lassen Sie mich jetzt nur mein Bild im Allgemeinen ausmalen! Lesen Sie die Verzeichnisse der Stucke, die in den grossten Stadten Teutschlands in den letzten Jahren sind aufgefuhrt worden, und Sie werden daruber erstaunen, wie weit man noch in manchen Gegenden unsers Vaterlandes zuruck ist und wie weit man in andern schon wieder hinabsinkt! Die mehrsten Directionen mussen sich doch leider! nach den Forderungen ihres Publikums richten; und wo das nicht der Fall ist, wo der Hof die Stimme fuhrt ja! da sieht es denn freylich noch klaglicher aus. Ich machte im vorigen Winter eine kleine Reise. In einer nicht unbetrachtlichen Stadt, wo damals ein Theater war, wurde das elende Stuck: Die Englander in America zweymal begehrt, da hingegen Die Erbschleicher gar nicht gefielen und Gothens Geschwister das herzige Stuck, so voll Grosse und Einfalt! langweilig gefunden wurde. In einer benachbarten Residenz waren drey Vorstellungen der elenden Farce: Der Teufel ist los gestopft voll; die herrliche Oper Cora fand gar keinen Beyfall. Der Schauspieler, welcher hier ausgepfiffen wird, gilt dort fur einen grossen Kunstler und die Sprache, welche man an der Donau fur achtes, saubres Teutsch verkauft, halt man an der Elbe fur unverstandliche Beschworungs-Formeln boser Geister.
Was mussen die Folgen von diesem allen in Rucksicht auf Dichter und Kunstler seyn? Sie sind leicht an den Fingern abzuzahlen; ich will nur beym Dichter stehn bleiben. Wer etwas besseres in der Welt treiben kann, der widmet seine Talente keiner so undankbaren Arbeit. An fleissiger Ausfeilung theatralischer Producte ist gar nicht zu denken; Wer will sich die Muhe geben, wenn er weiss, dass nach einigen Jahren seine Waare aus der Mode gekommen seyn wird? Alles kommt nur darauf an, wahrend dieser ephemerischen Existenz, so viel Aufsehn als moglich zu erregen, und das wird am sichersten bewurkt, je abentheuerlicher die Compositionen sind, die man an den Tag fordert. Da flickt man denn Charactere zusammen, von ungeheurer Schopfung, Situationen, bey deren Anblicke man nicht weiss, ob man lachen, heulen, mit den Zahnen klappern, vomiren oder purgiren soll und Verwicklungen, die nur das Messer einer verzweifelnden Phantasie losen kann. Das alles wird auf einander gehauft, durch einander gepoltert und das bewundern wir; den Fieber-Kranken, der so etwas in die Welt faselt, lobpreisen, posaunen wir aus; der eitle Thor glaubt sich an der Spitze der Unsterblichen aller Zeitalter und rast immer arger darauf los, vernachlassigt die wurklichen Talente, die in ihm wohnen und die eine weise Critic ausgebildet haben wurde. Nach einer kurzen Reyhe von Jahren hat das Publicum diesen Rausch ausgeschlafen, kann nicht begreifen, wie es so blind hat seyn konnen, und racht seine eigne Thorheit an dem armen Schriftsteller, den es, ungerecht gegen seine guten Anlagen, jetzt um so heftiger schmaht und Seiner spottet, je mehr es ihn vorhin erhoben hatte."
Klingelzieher: "Nun! und unter diese unbedeutende Mode-Schriftsteller zahlen Sie auch den Herrn von Kotzebue?"
Officier: "Ihn mehr, als irgend einen Andern. Einzelne Scenen in den theatralischen Producten dieses Schnellschreibers verrathen seltene Anlagen; aber in keinem seiner Stucke findet man Ordnung, Plan, Einheit, Wurde und Consequenz des sittlichen Zwecks nicht einmal zu erwahnen.2 Zum Beweise, dass ich das nicht so in den Wind hinein rede, will ich, wenn Sie's erlauben, von den Schauspielen des Herrn von Kotzebue eines zergliedern, und zwar eines, das vielleicht von allen am mehrsten allgemeinen Beyfall gefunden hat, wovon sogar Ein Rezensent und Dramaturg dem andern das Lob nachgeleyert hat, ich meine Die Indianer in England".
Klingelzieher: "Wahrlich! ein schones Stuck!"
Officier: "Wir wollen sehn. Ich hoffe, Sie werden kein Urtheil fallen, ohne Grunde erwogen zu haben.
Zuerst lassen Sie uns doch von dem Zwecke reden, den der Verfasser vor Augen hatte, als er dies Stuck zu schreiben begann! Konnen Sie Sich einen solchen einfachen Hauptzweck denken? Ich kann es nicht. Und doch darf man von jedem Kunstwerke mit Recht verlangen, dass es ein bestimmtes Ganze ausmache. Das fuhlen selbst schlechte Kupferstecher, und um ihre steifen Compositionen von Dorfern und Flussen und Menschen und Ziegen und Hundlein nicht mit dem leeren Titel Landschaften abfertigen zu lassen, setzen sie irgend etwas darunter, was Inhalt hineinbringen soll, zum Beyspiel: La tranquillite villageoise, oder: Le dimanche a la campagne u.s.f. Dass bey einem Schauspiele eine einfache Handlung zum Grunde liegen musse, daran hat noch niemand gezweifelt, der die Sache versteht; und ich darf hinzusetzen: nicht selten ist ein Schauspiel um desto vorzuglicher, je einfacher, mit wenig Worten sich dieser Hauptzweck, auf welchen die ganze Handlung und alles Wurken der handelnden Personen hinausgeht, ausdrucken lasst. Auf welchen Punct aber concentrirt sich in den Indianern in England das ganze ungetheilte Interesse? Wer ist die Haupt-Person? Welcher moralische Satz, welche Lehre, welche Wahrheit, welche Warnung soll hier anschaulich gemacht werden? kurz! welchen Haupt-Eindruck soll der Zuschauer mit nach Hause nehmen, wenn der Vorhang gefallen ist?
So viel uber den Zweck, oder vielmehr uber den Mangel an Zweck! Nun zu den einzelnen handelnden Personen und deren Charactern! Eine eben so unbestrittene Regel bey einem guten Schauspiele, als die vorige, ist die: dass alle auftretenden Personen an die Handlung geknupft seyn sollen, dass sie zum Ganzen nicht nur mitwurken, sondern zu dieser Wurkung nothwendig, unentbehrlich seyn mussen. Alles ubrige nennt man Flick-Rollen, die von der Armuth des Dichters zeugen. Leider! ist nun freylich in diesem Stucke uberhaupt gar keine eigentliche Handlung; aber angenommen, dass man das bischen Thatigkeit, worinn die Personen gesetzt werden, also nennen mogte; so konnte fuglich das Ganze seine Endschaft erreichen, ohne den Herrn Musaffery, ohne den Visitator, ohne den Bootsknecht, ohne die beyden Notarien, wenigstens ohne Einen derselben, ohne den kleinen Knaben, allenfalls ohne die alberne Mistriss Smith, ja! ohne den alten Herrn Smith, der auf seinem Stuhle herausgefahren wird, um zu horen und zu sehn und, wenn ihn der Dichter wieder fort haben will, geschimpft oder gestossen wird, da er dann anfangt zu fluchen oder zu klagen und sich wieder fortrollen lasst.
Verzeichnet sind fast alle Charactere. Gurlis liebenswurdige Naivetat hat ein Kunstrichter so meisterhaft geschildert gefunden und Andre haben es ihm nachgelallt. Lassen Sie uns doch, ohne uns um diese Authoritat zu bekummern, untersuchen, was fur ein Werk der Schopfung diese Gurli ist! Eine alberne Gans zu malen, die von den Dingen dieser Welt nichts weiss, gern einen Mann haben will, lacht, wenn ihr etwas ungewohnliches aufstosst, weint, wenn sie an etwas Unangenehmes denkt, sich zu freundlichen Gesichtern hingezogen fuhlt und unfreundliche Menschen nicht leiden mag ist es Kunst, so ein Geschopf zu malen? Allein dies Bild konnte interessant werden, wenn man das rohe Kind der Schopfung in Lagen versetzt sahe, wo es, aus innerer Gute der menschlichen Natur, eben so gross und edel handelte, wie die fein cultivirte Liddy; aber nichts von dem! Doch, was noch mehr ist, dieser ganze Character ist ein Hirngespinnst. Denken Sie Sich, wenn Sie konnen, ein mannbares und noch obendrein manntolles Madchen, das, unter Wilden erzogen, wo keine falsche Delicatesse den Schleyer uber gewisse naturliche Dinge wirft, noch nicht wissen soll, was ein Mannchen und was ein Weibchen ist, und dass Mann und Frau zum Heyrathen nothig sind! Ein Madchen, das lange genug in England gewesen ist, um Schreiben gelernt zu haben und, indem es zwey Notarien, die beyden Bruder Smith, Miss Liddy und den alten Musaffery, theils nach der Reyhe, theils auf einmal heyrathen will, zeigt, dass es noch nicht weiss, dass, so wenig in Grossbrittanien, wie vielleicht in irgend einem Lande des Erdbodens, Vielmannerey erlaubt ist! Eine schone Naivetat!
Fazir ist ein Wilder aus Bengalen und winselt und empfindelt, wie ein Siegwart. Kaberdars Charakter ist gar nicht ausgemalt; Musaffery eben so wenig.
Von dem alten Smith erfahrt man nur so viel, dass er ein gutherziger, schwacher, unbedeutender Sterblicher ist.
Robert, Liddy und Jack sind die einzigen Personen, die Physiognomie haben.
Samuel und der Visitator haben Originalitat, aber sie sind so offenbar von teutscher Schopfung, dass wohl schwerlich in ganz Grossbrittanien zwey solcher Charactere werden gefunden werden.
Wenn sich ein teutsches Fraulein mit allen albernen Pratensionen des Adelstolzes an einen englischen Kaufmann verheyrathete, so wurde diese Thorheit doch gewiss in dem ersten Jahre ihres Aufenthalts in Grossbrittanien schon von ihr weichen; Nichts kann ihr dort Nahrung geben; Man wird sie nicht einmal verstehn. Die ganze Art der Zusammenlebung, die offentliche personliche Achtung, deren ein Kaufmann daselbst in viel grosserm Maasse, wie ein kleiner teutscher Edelmann, geniesst; das alles wird ihr die Grillen von ihren Ahnen bald vertreiben. Wie unnaturlich also, dass Mistriss Smith nach zwanzig bis dreissig Jahren noch den Versuch wagt, diese Narrheit geltend zu machen! 3
Die Notarien-Scene ist ausserst comisch; aber sie ist ein hors d'oeuvre und gehort nicht dem Herrn von Kotzebue, sondern dem alten Vater Moliere.
Wer Schauspiele schreibt, soll doch auch die Sitten des Landes studieren, in welches er seine Scenen versetzt; auch das vergisst der Herr von Kotzebue in der Eil, mit welcher er schreibt. Herr Smith heisst Sir John, folglich ist er Baronet, denn kein Andrer fuhrt in England vor seinem Taufnamen den Titel Sir. Er selbst aber sagt, er sey von burgerlicher Abkunft. Aber sey er Baronet; so kann, bey seinen Lebzeiten, es doch sein Sohn nicht auch seyn; allein auch Dieser nennt sich selbst Sir Samuel Smith.
In England wird niemand zehntausend Pfund lieber in baarem Gelde als in Banco-Noten haben wollen, wie Herr Samuel.
In England wird gar kein Knaster verkauft und doch will Herr Smith Knaster rauchen.
Mysore ist nie von einem Nabob regiert worden.
Dies alles soll nur beweisen, wie wenig dieser Schriftsteller an seinen Werken feilt; und hiervon zeugen noch andre Stellen. Der alte Smith klagt, die Frau habe ihm nicht einmal eine Kanne Porter geben wollen und doch verschenkt er nachher ein ganzes Fass voll starken Biers an den Bootsknecht.
Im ersten Auftritte theilt Herr Smith vier Segen aus; Im neunten Auftritte des zweyten Aufzuges abermals zwey; Im dreyzehnten bittet Liddy um ein dito und erhalt ihn von der Mutter; Im sechsten Auftritte des dritten Aufzugs segnet Kaberdar; Im vierzehnten segnet wiederum Herr Smith und im funfzehnten nochmals der Nabob Kaberdar. Das sind viel christliche und heidnische Segen!"
Der alte Officier war in so gutem Zuge, seine dramaturgischen Kenntnisse auszukramen, dass er vermuthlich noch in einer Stunde nicht wurde aufgehort haben, wenn nicht Einer aus der Gesellschaft, dem diese Abhandlung vielleicht eben so viel Langeweile verursachte als meinen Lesern, die Bemerkung gemacht hatte, dass es wohl Zeit seyn wurde, sich zur Mascarade auszurusten. Man nahm also Abschied von ihm, gieng hinauf in des Licentiaten Zimmer, wo die bestellten Ball-Kleider in Bereitschaft lagen, steckte sich in dies abgeschmackte Costum, zur grossen Freude der beyden jungen Spottvogel, und gieng dann in diesem Aufzuge mit einander zu Fusse den Bohlweg hinauf, dem Opernhause zu.
Der Officier stand in der Thur des Gast-Zimmers, als sie die Treppe herunter kamen. "Aber, wie mogen Sie", sprach er, "Ihre Zeit mit einer so elenden Unterhaltung verderben? Was fur Vergnugen kann ein verstandiger Mann daran finden, sich in einem Gewuhle von Menschen herumzutreiben, die, ausstaffirt, wie die Narren im Tollhause, sich zwecklos durch einander herumtreiben und drangen; wo eigentlich getanzt werden sollte, und doch niemand, der gern ohne blaue Flecke und Beulen nach Hause gehn will, tanzen mag; wo man verkleidet hingeht, ohne sich seinen Bekannten unkenntlich zu machen, indess die Unbekannten sich, auch ohne Maske, fremd bleiben wurden?"
Vermuthlich wurde der alte Critiker eine eben so lange Abhandlung uber die Mascaraden, als uber die Schauspiele, zu Tage gefordert haben, wenn nicht unsre Freunde die Unterredung kurz abgebrochen und ihren Weg fortgesetzt hatten. Sie schlichen sich daher vor ihm vorbey und giengen.
Zwolftes Capitel
Was der Herr Hauptmann Previllier dem alten
Dornbusch unterwegens erzahlt. Zusammenkunft in
Steinbruggen.
Dem Herrn Dornbusch kam die Entdeckung, dass seine Tochter und sein Bruder noch vor zwey Stunden mit ihm zugleich in Peina gewesen waren, wie ein Traum vor. Der Officier fieng an, ihm das ganze Rathsel aufzulosen, sobald sie im Wagen sassen, und die Freude des alten Mannes, so gute Nachrichten von den Seinigen zu erhalten, war jetzt unbeschreiblich. Gern hatte Herr Previllier diese angenehmen Empfindungen in vollem Masse mit ihm getheilt, wenn nicht die Unruhe uber den Verlust seiner Geliebten jeden frohlichen Gedanken von ihm verscheucht hatte.
Doch, da der Forster und der geistliche Herr kaum vor anderthalb Stunden erst mit dem jungen Frauenzimmer abgefahren waren, schien es mehr als wahrscheinlich, dass sie das Fuhrwerk noch disseits Gosslar einholen wurden und dann horte ja die Gewalt des Oheims uber die Nichte auf und er konnte die Schone aus der Hand ihres Vaters empfangen. Diese Hofnung erheiterte ihn wieder, und da sein Pflegevater nur kurze, summarische Nachrichten von seinen erlebten Schicksalen nach Ostindien bekommen hatte, vertrieb er, auf das Bitten des alten Herrn, ihm unterwegens die Zeit durch genauere Erzahlung dieser Begebenheiten, die wir denn auch den Lesern in seinen eignen Worten mittheilen wollen.
"Der redliche Consul, dem Sie mich anvertrauet hatten, handelte von dem Augenblicke an, da ich ihm war ubergeben worden, wie ein leiblicher Vater an mir und mein Zutraun und meine Liebe zu ihm wuchsen mit jedem Tage. Er schwatzte nicht viel von zartlichen Empfindungen und hatte uberhaupt in seinem Aussern nicht jene unteutsche Geschmeidigkeit, wodurch Menschen von geringerm innern Werthe so gern die gute Meinung Derer, die sie furchten, zu erschleichen pflegen; aber achte Feinheit des Gefuhls, die, bey reellen Veranlassungen, aus seinem wohlwollenden Herzen hervorblickte, thatige Hulfe, ohne viel Wortprunk, vereinigt mit unbestochner Wahrheitsliebe und Wurde des Characters waren die Grundzuge des seinigen. Sobald er mich nun ausgerustet und meinetwegen Antwort von seinem Freunde, dem Obristen erhalten hatte, schickte er mich, begleitet von einem treuen Mohren, der sein Bedienter war, mit dem Postwagen nach ***. Daselbst trat ich in einem Gasthofe ab, kleidete mich sauber an, steckte das Empfehlungsschreiben des Consuls in die Tasche und wanderte hin zu meinem Obristen.
Ich muss, ehe ich in meiner Erzahlung fortfahre, Ihnen hier ein schwaches Bild von diesem wurdigen Kriegsmanne entwerfen. Er war in seinem ausseren Betragen rauh, doch von Herzen bieder, sprach sehr wenig, mehrentheils nur in abgebrochenen Satzen; aber alles, was er sagte, hatte Kraft, Originalitat und nicht selten einen Anstrich von eigenthumlichem Witze. Jeden solchen Kernspruch pflegte er dann damit zu beschliessen, dass er ein Paar Noten hinterher sang: 'Ich bin', sprach er, 'nun einmal so; tuh hu; und wer mich so nicht leiden mag, der kann mich laufen lassen; thu hu.' Nachst dem Soldaten schatzte er den redlichen Handwerker am hochsten, hoher wie die Menschen aus andern Classen. Gelehrte konnte er gar nicht ausstehn. Sie hatten, behauptete er, fast samtlich ihre grade, gesunde Vernunft wegstudiert; Alles sey bey ihnen auswendig gelernter Kram; Ihre ganze Weisheit sey an einen langen gekauften Bindfaden (Er zielte damit auf den Systemsgeist) gereyht. Ruhrte man nun das eine Ende an, sagte er, so polterte einem immer der ganze Plunder uber den Leib und immer derselbe Plunder, man mogte das vorderste oder das hinterste Ende ergreifen. Strenge waren seine Begriffe von Gerechtigkeit und deswegen verzieh er nicht leicht vorsetzliche Beleidigungen, wenn er nicht ungeheuchelte Reue wahrnahm; besonders da, wo nicht sowohl seine Person, als die Tugend selbst war gekrankt worden. Nicht arger konnte er entrustet werden, als wenn er darauf zu reden kam, dass gewisse Stande andre nutzlichere MenschenClassen geringschatzten. Einem Sattler, der lange fur ihn gearbeitet hatte, entzog er seine Kundschaft, so bald er erfuhr, dass er seinen Sohn kein Handwerk lernen lassen, sondern ihn auf Universitaten schicken wollte.
So war der Mann beschaffen, von dem ich mein kunftiges Gluck erwarten sollte. Als ich bey ihm angemeldet wurde, liess er mir zuerst meinen Brief abfordern, und nachdem er ihn gelesen hatte, musste ich zu ihm hinaufkommen. Er nickte wiederholt freundlich mit dem Kopfe, ohne ein Wort zu reden, als ich mich ihm naherte; dann stand er auf, ergriff mich bey den Schultern und drehete mich dreymal herum. Als er nun den kleinen Haarbeutel gewahrwurde, den ich, um mich recht herauszuputzen, eingebunden hatte, fieng er laut an zu lachen und rief aus: 'hah! ein junk franzosch Marquis! kann niks teutsch parlier; tuh hu.' Dieser seltsame Empfang verbluffte mich so, dass mir die Thranen in die Augen traten; Das that dem guten Manne weh; Er streichelte mir daher die Backen und sagte liebevoll: 'Nur getrost, mein Jungelchen! Ich will Dich bey mir behalten und einen rechtlichen Kerl aus Dir machen, und der Haarbeutel soll verauctionirt werden; tuh hu.' Noch an demselben Tage wurde dann der RegimentsSchneider geholt, um mir das Maass zu nehmen; und sechs und dreyssig Stunden nachher stand ich als wohl bestallter Fahnenjunker da. 'So lasse ich's gelten; tuh hu!' sang der Obrist und behandelte mich von nun an wie sein eignes Kind. Ich bekam ein Zimmerchen angewiesen, speiste an seinem Tische, lernte das Exerciren, bekam Unterricht im Rechnen und Schreiben, dann auch in den mathematischen Wissenschaften; im Franzosischen, im Reiten und Fechten und noch obendrein gab mir der grossmuthige Mann Taschengeld, und erst nachher habe ich erfahren, dass er von dem Consul keine Entschadigung dafur annahm. Aller dieser Wohlthaten ungeachtet redete er selten ein einziges Wort mit mir; aber auf seinem Gesichte konnte ich es lesen, ob er von meinem Fleisse und meiner Auffuhrung mehr oder weniger zufrieden war.
Der Haushalt meines Obristen bestand, ausser ihm und seinem Sohne, dem Fahndrich, einem Erz-Taugenichts, der ihm viel heimlichen Kummer machte, aus einem alten tauben Koche, einer einaugichten Soldaten-Witwe, welche die Betten bereiten und das Haus rein halten musste, einer dicken plumpen KuchenMagd, zwey Bedienten, die zugleich Soldaten waren, und einem Reitknechte. Der alte Obrist hatte seine Augen aller Orten und eine grossere Ordnung und Punctlichkeit, wie in seinem Hause herrschte, konnte man sich kaum denken. Das Gesinde liebte und furchtete ihn, war treu, fleissig, hauslich und einig unter einander. Des Sonntags, wenn der Herr im Clubb war, holte der Koch eine schmutzige Violine vom Hacken herunter, wo sie hieng, fiddelte den Dessauer Marsch, oder einige Tanze, die zu Georg des Andern Zeiten in Hannover, wo er seine Kunst gelernt hatte, Mode gewesen waren, und die Bedienten spielten im DamBrette, wozu sie die Steine selbst geschnitzelt hatten. So gieng alles, Jahr aus, Jahr ein, seinen ruhigen, friedlichen Gang fort. Der Obrist war gastfrey, doch nur gegen die Officiers seines Regiments, gieng selten aus, und las, wenn er allein war, alte und neuere historische Bucher.
Ich habe eben gesagt, der Obrist hatte uberall in seinem Hause die Augen gehabt; Nur uber Einen Gegenstand schien er blind, und der war die Auffuhrung seines Sohns, des Fahndrichs. Das einzige Kind, die Verlassenschaft einer fruh verlohrnen, geliebten Gattinn. Das war es, was sich zu Rechtfertigung dieser Schwache sagen liess. Der junge Mensch fuhrte nicht nur ein ausschweifendes Leben, sondern belog und bestahl auch seinen wurdigen Vater, der ihm doch keine Bitte versagte; ja! er ruhmte sich dessen laut. Sein Character und sein Wandel waren aber auch auf seinen bleichen, schlaffen Wangen, in seinen matten Augen und aus seinen unsichern, irrenden Blicken zu lesen. Mannern war dieser Mensch unertraglich, aber und leider! habe ich nachher in der Welt oft diese Bemerkung zu wiederholen Gelegenheit gehabt, den mehrsten gewohnlichen Weibern gefiel der Unverschamte besser, als ein bluhender, tugendhafter, bescheidner Jungling. Ich fuhlte mich bey dem ersten Anblicke von ihm zuruckgestossen und seine Abneigung gegen mich war nicht geringer, sobald er sah, dass ich mich nicht nach seinem Muster bilden, mit ihm nicht gemeinschaftliche Sache machen wollte. Allein er war der Einzige im Hause, der mir abgeneigt war; alle Andre liebten mich, und mein Wohlthater zeigte mir taglich mehr vaterliche Zuneigung, obgleich der Fahndrich keine Gelegenheit versaumte, mich bey ihm anzuschwarzen.
Oft war ich in Versuchung, dem Obristen die Betrugereyen seines Sohns zu entdecken; Dankbarkeit schien mich dazu aufzurufen; aber Vorsichtigkeit hielt mich zuruck. Indessen begegnete ich dem Bosewichte, selbst in des Vaters Gegenwart, mit der Verachtung, welche er verdiente; und so gerecht war der alte Mann, dass er mir, dieses seines Lieblings wegen, nie sein Wohlwollen entzog.
Ich war beynahe noch ein Knabe, als der Obrist mich dem Herzoge, seinem Herrn, zum Fahndrich vorschlug und, als mein Patent ausgefertigt war, mir eine grossere Summe Geldes schenkte, wie ich zu meiner Equipirung bedurfte. Allein die Gluckseligkeit, die ich an der Seite eines so guten Cheffs und edeln Wohlthaters genoss, dauerte nicht lange; Der alte Herzog, dessen Jugend-Freund er war, starb und der neue Herr warf, wie es zu geschehn pflegt, alles uber den Haufen, was sein Vater eingerichtet hatte. Er war ein harter, gefuhlloser, hochmuthiger, unwissender und misstrauischer Mensch. Mit dem Militair wurde eine grosse Veranderung vorgenommen; die Officiers wurden aus einem Regimente in das andre versetzt, ohne Rucksicht darauf zu nehmen, wie Wenige von diesen schlecht bezahlten Leuten im Stande waren, die Unkosten einer solchen Veranderung zu bestreiten; ja! es war ihm Ursache genug, jemand an einen andern Ort hin zu verpflanzen, wenn er merkte, dass Dieser gern da geblieben ware, wo er war.
Mein redlicher Obrist erhielt ein anders Regiment; sein Sohn aber und ich blieben in der bisherigen Garnison und bekamen einen andern Cheff. Dieser war ganz ein Mann nach des Herzogs Wunsche; strenge, pedantisch, ein Camaschen-Held, der von unten auf gedient hatte und seine Untergebnen wie Sclaven behandelte. Ich hatte nun von meiner geringen Gage leben mussen, wenn mein grossmuthiger Beschutzer mir nicht von Zeit zu Zeit ansehnliche Zuschusse geschickt hatte; allein meine Lage war darum nicht weniger unangenehm, denn mein neuer Obrist konnte mich nicht leiden, hatte immer etwas an mir auszusetzen und neckte mich unaufhorlich.
In der Stadt wohnte eine verwitwete Ritmeisterinn von Seebach nebst ihrer Tochter, einem liebenswurdigen, sanften und tugendhaften Madchen. Ich hatte Umgang in dem Hause, wurde von Mutter und Tochter gern gesehn und wurde, ware ich nicht so arm gewesen, gewiss Plan auf ihren Besitz gemacht haben; so aber lehrten mich Vernunft und Pflicht, mich in den Granzen der Hochachtung und Freundschaft halten und jede andre Neigung unterdrucken. Der Fahndrich aber, mein geschworner Feind, hatte ein Auge auf das Fraulein, so wenig sie ihn auch leiden konnte; und da alle seine Antrage verworfen wurden, glaubte er, ich stunde seinem Glucke im Wege. Eines Abends, als ich grade bey der Frau von Seebach war, kam er betrunken herein und betrug sich so ungezogen, dass ich endlich die Geduld verlohr und ihm Stillschweigen auflegte. Dem jungen Herrn schwoll der Kamm, er stiess Beleidigungen gegen mich aus; die Hitze uberwaltigte mich; ich warf ihn zur Thur hinaus, und er gieng drohend weg. Nachdem ich den Damen meine Entschuldigungen gemacht hatte, blieb ich noch eine Stunde lang bey ihnen und wollte dann nach Hause, wo ich eine Ausforderung von meinem Feinde erwartete. Es war in der Dammerung eines Herbst-Abends; Ich mogte ungefehr zwolf Hauser vorbey gegangen seyn und wollte nun in eine enge Gasse einbeugen, als ich von dem Bosewichte und einem andern eben so schlechten Menschen, die sich an der Ecke versteckt gehalten hatten, meuchelmorderischerweise angegriffen wurde. Sie sturmten mit blossem Degen auf mich ein und ich hatte kaum Zeit, den meinigen zu ziehn, mich an eine Wand zu stellen, um den Rucken frey zu haben und mich in Vertheydigungsstand zu setzen. Bey dem ersten Anfalle hatte Einer von den Schurken nach mir gestossen, mich aber nur leicht in den linken Arm verwundet. Jetzt drangen sie Beyde ungestum auf mich ein. Anfangs vertheydigte ich mich nur; da ich aber voraussah, dass ich auf diese Weise leicht ihr Opfer werden konnte, suchte ich wenigstens mir Einen vom Halse zu schaffen. Ich fiel also unerwartet aus, als mir der Fahndrich grade Blosse gab und wollte ihn etwa durch einen Stich in den Arm wehrlos machen; allein ich traf in den Leib; Er sturzte und der Andre entfloh.
Es fiel gleich nach der That zentnerschwer auf mein Herz, dass mein ungluckliches Verhangniss mich gezwungen hatte, an dem Sohne meines Wohlthaters vielleicht zum Morder zu werden; Ich eilte ihm zu Hulfe; Er war nur ohnmachtig, erholte sich bald wieder und war noch stark genug, sich von mir nach seinem Quartiere fuhren zu lassen. Dort verschaffte ich ihm einen Wundarzt, welcher gleich nach der ersten Untersuchung versicherte, dass gar kein edler Theil verletzt und durchaus keine Lebensgefahr da sey.
Ich wurde also uber die Folgen, welche dieser Vorfall fur mich, der ich nur Nothwehr geubt hatte, haben konnte, sehr ruhig gewesen seyn, wenn ich weniger die schandliche Denkungsart meines Gegners und seines Beschutzers, des Obristen, gekannt hatte. Dieser Letztere war jetzt mehr als jemals mein Feind. Er hatte kurzlich einen Unterofficier, bloss deswegen, weil er ihn in der neuen Mondirung angetroffen hatte, die er eigentlich nur auf der Parade tragen sollte, so gefuchtelt, dass der arme Mann davon gestorben war.4 Ich hatte mich nicht enthalten konnen, uber diese Greuelthat laut zu reden, und das hatte der Obrist wiedererfahren. Jetzt war die Gelegenheit da, mich seinen Hass fuhlen zu lassen, und diese Gelegenheit liess er nicht entwischen. Die ganze Sache wurde so verdreht und die Art der Untersuchung so unregelmassig vorgenommen, dass ich, ohne ordentliches Verhor, zu einem Festungs-Arreste auf ein halbes Jahr verurtheilt wurde.
Was war zu thun? ich musste der Gewalt nachgeben. Da mir's indessen erlaubt war, aus meiner Gefangenschaft Briefe fortzuschicken, so schrieb ich nicht nur an meinen wurdigen alten Obristen, um ihn um Verzeyhung zu bitten, sondern meldete auch meinem guten Consul den Vorfall und meinen Entschluss, gleich nach meiner Befreyung den ***schen Dienst zu verlassen und anderswo mein Gluck zu suchen.
Der bayrische Successions-Krieg, welcher grade in dieser Zeit ausbrach, gab mir einen ehrenvollen Vorwand, meinen Abschied zu fordern, indem ich den Herzog bat, mich zu entlassen, damit ich bey der osterreichschen Armee ein Paar Feldzuge mitmachen und die militairischen Kenntnisse, welche ich in seinem Dienste zu erlangen das Gluck gehabt hatte, practisch ausuben lernen konnte. Der Abschied wurde mir nicht versagt; Wieder die Gewohnheit junger Officiers hatte ich mir von den Geschenken meines Wohlthaters eine Casse von einem Paar hundert Thalern gesammelt; Der Consul vermehrte diese Summe auf die grossmuthigste Weise und schickte mir zugleich Empfehlungsschreiben an zwey osterreichsche Generals; und so war ich denn im Stande, meine Reise zur kaiserlichen Armee anzutreten.
Allein ich hatte vorher noch eine Pflicht zu erfullen; ich musste dem wurdigen Obristen meine Dankbarkeit darbringen und mich bey ihm rechtfertigen, wenn auch ihm meine Auffuhrung vielleicht aus einem falschen Gesichtspuncte war vorgestellt worden. Beydes glaubte ich am besten schriftlich thun zu konnen; doch schonte ich dabey, so viel sichs irgend thun liess, seines Sohns.
Ich konnte die Antwort nicht abwarten, habe auch seit der Zeit nie wieder eine Zeile von dem edeln Manne gelesen, denn er starb wenig Monate nachher am Schlagflusse.
Da ich vorher an den grossen, guten Kaiser Joseph geschrieben und von ihm die Zusicherung erhalten hatte, als Capitain bey einem der neu errichteten FreyCorps angesetzt zu werden, in so fern ich eine gewisse Anzahl Recruten lieferte; so machte ich dazu Anstalt, brachte bald in den Rheingegenden einen Theil dieser Mannschaft zusammen, bezahlte fur die Fehlenden eine bestimmte Summe, und gieng dann zur Armee.
Die kraftigen Empfehlungsbriefe des Consuls und ein Paar gluckliche Vorfalle, die mir Gelegenheit gaben, Diensteifer und einigen Muth zu zeigen, erwarben mir die Achtung meiner Cameraden und die Zufriedenheit meiner Vorgesetzten. Der Krieg dauerte zum Glucke der Volker nicht lange; die Freycorps giengen dann auseinander; allein ich erhielt die Versprechung, in ein regulaires Regiment eingesetzt zu werden. Um diese Sache nun thatiger betreiben zu konnen, gieng ich gleich nach dem Frieden nach Wien. Dort brachte ich beynahe ein halbes Jahr sehr vergnugt zu und machte manche recht interessante Bekanntschaft. Wichtiger wie alles Ubrige war mir das Gluck, den liebenswurdigen Fursten in der Nahe bewundern zu konnen, der ohne Prunk, aus wahrer Warme fur das Gute, so thatig war, Gluck und Wahrheit zu verbreiten; der gegen so unendliche Schwierigkeiten, die ihm Dummheit und Bosheit in den Weg legten, muthig ankampfte, kein Gift, keinen Dolch und keine spitzige Feder furchtete, weil er wusste, dass die Vorsehung wahre Grosse schutzt, und dass man nur dann Ursache hat, sich zu furchten und das Licht zu scheuen, wenn man sich selber nicht trauen, sich selber nicht respectiren darf; und der, wenn er eben so glucklich gewesen ware, als er gut und eifrig war, von der spaten Nachwelt noch mit Bewundrung angestaunt werden wurde.
Meine Hofnung, wieder in Thatigkeit zu kommen, wurde bald erfullt; man setzte mich in meinem vorigen Range im ***schen Regimente an und bald nachher bekam ich den Befehl, nach Gosslar auf Werbung zu gehn.
Sie wissen, bester Vater!, dass ich dort die Bekanntschaft Ihrer liebenswurdigen Tochter machte und was weiter vorgefallen ist; Mogten wir nun nur den Zweck erreichen, sie bald wieder einzuholen! Dann ist es in Ihren Handen, mein Gluck, dessen erster Schopfer Sie gewesen sind, vollkommen zu machen."
Wahrend der Hauptmann Previllier diese seine Geschichte erzahlte, blickten sie Beyde oft zum Wagen hinaus, um zu entdecken, ob sich nicht ein Fuhrwerk vor ihnen sehn liesse. Sie fragten Jeden, der ihnen begegnete und erfuhren endlich, dass die bewusste halbe Kutsche ungefehr eine Stunde fruher denselben Weg genommen hatte. Diese Nachricht erhielten sie kurz vor Steinbruggen und als sie dahin kamen, sahen sie den Wagen in einem Hofe stehn. Ihre Freude war unbeschreiblich; sie sprangen aus der Callesche aber alles im Wirthshause lief durch einander diese Verwirrung prophezeyete ihnen nichts Gutes. Der Forster rennte wie unsinnig herum und fluchte wie ein Hesse. Sein Bruder fiel ihm um den Hals er wusste nicht, wie ihm geschahe "Bruder! lieber, theurer Bruder! Aber wo ist sie? Wo ist meine Margaretha?" "Wo sie ist? der Teufel hat sie geholt, das Wettermadchen! Aber finden muss ich sie und sollte ich die halbe Welt durchrennen."
So standen die Sachen in Steinbruggen Allein es ist Zeit, dass wir wieder zu der Demoiselle zuruckkehren, die wir auf freyer Heerstrasse allein gelassen haben. Wir sind zu galant, um ihr nicht bald zu Hulfe zu eilen.
Dreyzehntes Capitel
Jungfer Margaretha Dornbusch begiebt sich in den
Schutz einer alten christlichen Dame und setzt sich
neuen Gefahrlichkeiten aus.
Ja! nicht etwa auf ofner, freyer Heerstrasse nur, nein! was noch arger ist, in einem hohlen Wege haben wir unser Frauenzimmer gelassen. Wie mancherley Gefahren konnte nicht das wehrlose, schwache Geschopf hier ausgesetzt seyn; Uns treten die Thranen in die Augen, wenn wir alles erwagen, was dem armen Madchen da hatte begegnen konnen. "O!" wurde hier ein Schriftsteller ausrufen, dem es um die moralische Besserung seiner Leserinnen zu thun ware. Darauf aber haben wir, im Vorbeygehn zu sagen, es gar nicht angelegt, sondern nur auf Belustigung und Honorarium. "O!" wurde er sagen, "Ihr leichtsinnigen Kinderchen! wohin kann nicht eine einzige Ubereilung fuhren! Da spiegelt euch nun an dem Beyspiele der Jungfer Margaretha Dornbusch, die Ihr jetzt wie eine Landlauferinn an Hecken und Buschen und in hohlen Wegen herumirren sehet, und lasset mir das vermaledeyete Roman-Lesen unterwegens, wodurch Ihr Euch nur Thorheiten in den Kopf setzt!"
Doch wir wollen uns bey den Ausrufungen nicht aufhalten, sondern schlecht weg erzahlen, was unsrer Schonen begegnete. Sie mogte ungefehr ein Paar hundert Schritte in besagtem hohlen Wege angstlich eilig fortgerennt seyn, als sie auf eine andere Strasse stiess, welche dies Defile durchkreuzte, zugleich auf derselben eine Kutsche erblickte, die, von drey Pferden gezogen, langsam daher wackelte, und ihr schon ziemlich nahe war. Der Kasten dieses Fuhrwerks sahe fur sein Alter noch ganz reputirlich aus, war ein wenig gross und der Untertheil bauchartig ausgeschweift. Mit gelben Nageln sahe man an den beyden Thuren die Buchstaben v.B. angebracht; Ein kleiner, mit Seehundfell uberzogener Koffer war hinten aufgebunden und ein Bettler, der gern mit Gelegenheit reisen wollte, hatte sich diesen zum Sitze gewahlt. Ausserdem befanden sich noch zwey Korbe und eine Schachtel an dem Bock mit Stricken befestigt; der Fuhrmann aber, in einem so genannten Futterhemde, mit einer kleinen Tabacs-Pfeife im Munde, gieng neben den drey Gaulen her, die der Autor als ein wenig zu mager schildern musste, wenn er nicht aus gewissen Ursachen, die Parthey magerer Geschopfe nahme. Der Zug gieng langsam und bedachtlich und unsre Demoiselle hatte volle Musse, sich auf den Schritt vorzubereiten, den sie zu thun Willens war, ehe die Kutsche den Platz erreichte, wo die Strasse den hohlen Weg durchschnitt.
Ein nicht ganz lieblicher und nicht sehr harmonischer, zweystimmiger weiblicher Gesang, von einem gramlichen Alt und einem durchdringenden Nasen-Sopran in Octaven vorgetragen, schallte aus der Kutsche heraus, deren disseitiges Fenster geofnet war. Der Fuhrmann brummte, so oft er die Pfeife aus dem Munde nahm, um auszuspucken, im Basse die letzte Note nach; Ubrigens war es die Melodie des Abendliedes: Nun sich der Tag geendet hat.
"Ich bitte Sie um Gotteswillen, meine werthesten Frauenzimmer!" rief Margaretha und unterbrach dadurch das andachtige Lallen, "Ich bitte Sie, gonnen Sie mir einen Sitz in Ihrer Kutsche! Wo Sie auch hinreisen; Ich verlange nichts als Ihren Schutz bis zur nachsten Stadt. Ich will Ihnen auf keine Weise beschwerlich seyn. Nur einen sichern Platz gonnen Sie mir bis dahin!" "Halt still, Nicolaus!" sprach bedachtlich, doch laut, eine alte Dame, indem sie ihre Brille von der Nase nahm, ein Probe-Flickchen von braunem Camelot als ein Zeichen in das Gesangbuch legte, welches sie zuschlug, dann das kupfrigte Gesicht zum Schlage hinausstreckte und ziemlich unfreundlich fragte: "Was will Sie, Jungfer?" Meta wiederholte ihre Bitte und erzahlte ihre Geschichte. Allein man merke wohl, ihre Geschichte war es; doch nicht die, welche ihr begegnet war, sondern die sie erfunden hatte; Es war ein Mixtum compositum von Wahrheit und Nothluge. Von grausamen Verwandten und einer verhassten Heyrath, wozu man sie arme Wayse zwingen wollte, kam etwas darinn vor; nur der Officier, von welchem sie Rettung erwartete, sobald sie an ihn schreiben wurde, wurde aus einem Liebhaber, in einen wurdigen Vetter umgeschaffen. Ich hoffe, diese geringe Abweichung von der Wahrheit soll unser junges Frauenzimmer in den Augen der Leser nicht herabsetzen; wenigstens werde ich die Leserinnen, die jungern namlich, auf meiner Seite haben.
Die alte Dame schuttelte wahrend dieser Erzahlung bedachtlich ihr Kopfchen und sagte dann: "Nun! Sie darf einsteigen. Ich reise, so Gott will, nach Braunschweig. Dahin mag Sie mitfahren. Aber dort muss Sie sehn, wie Sie unterkommt, denn ich kann mich nicht mit fremden Leuten behangen." Der Wagen wurde geofnet und Meta ubersah jetzt die ganze Gesellschaft, in welche sie eingefuhrt werden sollte; denn der untere Theil der Kutsche verbarg noch, gleich dem Bauche des trojanischen Pferdes, mehr lebendige Wesen, als von Aussen sichtbar waren. Der alten Dame gegenuber sass ein junges, schwarzaugichtes Cammermadchen, mit einer Hauben-Schachtel auf dem Schosse; An der Seite ihrer Gebietherinn hatte ein garstiger grauer Kater Platz genommen; Ein bejahrter, engebrustiger Mops lag zu den Fussen und neben ihm ein kleiner weiss und braun gefleckter so genannter Spion-Hund; unter dem Himmel der Kutsche aber war, zwischen einigen in Tuchern aufgehangten Hauben, auch ein kleines Vogelbauer befestigt, in welchem ein CanarienMannlein sein Wesen trieb. Es fand sich grade neben dem Cammermadchen noch Platz genug fur Margaretha Dornbusch, um, wenn sie keinen grossen Anspruch auf Raum fur ihre Beine machte, ziemlich bequem zu sitzen.
Jetzt halte ich es fur meine Pflicht, die Leser genauer mit den Personen bekannt zu machen, unter welche wir die Jungfer Dornbusch gefuhrt haben, und dann soll uns nichts abhalten, sie ihre Reise fortsetzen zu lassen. Das Fraulein von Brumbei5 war Stiftsdame in ***. Da die Natur, bey Entwerfung des Plans zu ihrer sterblichen Hulle, sich ein wenig verzeichnet und ihre gnadigen Eltern kein baares Vermogen hinterlassen hatten; so ergriff sie die Parthey, die Luste dieser Welt und die zeitlichen Guter zu verachten und sich nach den himlischen zu sehnen, auf welche sie sich durch fleissiges Beten und Singen ein Recht zu erwerben trachtete. Je alter sie wurde, desto warmer eiferte sie fur Keuschheit und Tugend und Margaretha hatte den Schutz, den sie ihr angedeyen liess, grosstentheils der Versicherung zu danken, dass sie dem Ehestande aus dem Wege gelaufen ware. Weil aber der Geist des schwachen Menschen nur gar zu oft vom Fleische niedergedruckt wird; hatte sich das Fraulein nach und nach gewohnt, jenem durch den Genuss eines reinen abgezogenen Kirschwassers einen hohern Schwung zu geben und wurklich duftete unsrer Meta, als sie zu ihr in den Wagen stieg, der susse Geruch dieser Panacae entgegen. Nun aber hatte es sich begeben, dass Beelzebub, welcher den Frommen immerdar auflaurt, einst den Augenblick genutzt, als das Fraulein von Brumbei von der besagten Kirsch-Essenz fast viel genossen und dadurch das Fleisch so getodtet hatte, dass alle Achtsamkeit auf den Gebrauch ihrer irdischen Gliedmassen dahin war. Es hatte sich begeben, sage ich, dass in einer solchen Stunde Beelzebub sie verleitete, die kleine Treppe in ihren Keller hinabzusteigen; ihr Fuss war ausgeglitten, sie war hinabgesturzt und hatte sich die linke Hufte verrenkt. Der Stifts-Chirurgus wendete alle Krafte seiner Kunst an, den Schaden zu heilen, nachdem die warmen Umschlage, welche das schwarzaugichte Cammermadchen ohne Unterlass auflegen musste, nicht helfen wollten alles vergebens! Dann nahm sie ihre Zuflucht zu dem Scharfrichter in Gosslar, aber mit keinem glucklichern Erfolge. Sie hatte auch einen ganzen Sommer hindurch das Bad bey Verden gebraucht, ohne Besserung zu spuren; worauf sie sich endlich entschloss, nach Braunschweig zu reisen und sich einem Wundarzte anzuvertraun, von dessen Geschicklichkeit bey allerley Vorfallen ihr ein junger Cavallerie-Officier viel Gutes gesagt hatte. Auf dieser Reise war sie jetzt begriffen.
Sobald Margaretha Platz im Wagen genommen hatte und der Fuhrmann die Pferde antrieb, weiter zu schleichen, fieng zuerst das alte Fraulein an, mit ihren Augen das junge Frauenzimmer zu mustern, wobey sie aus einer kleinen silbernen Tabacs-Dose eine Prise nahm. Dann liess sie ihrer Neugier den Zugel schiessen und setzte Meta durch eine Menge Fragen in einige Verlegenheit; doch half sich Diese mit aller weiblichen Kunst heraus. Hierauf kam die Reyhe an die nutzliche Moral, welche sich aus solchen Begebenheiten ziehn lasst und da hatte sie nun ein weites Feld, gegen die Falschheit der Manner, gegen den Leichtsinn der heutigen Jugend und zum Lobe der Sittsamkeit und Keuschheit zu eifern. Der Canarien-Vogel oben im Bauer pfiff zwischendurch sein Liedchen und machte ein wahres Melodrama aus dieser Declamation. Endlich fieng sie an, uber Magenschmerzen zu klagen und holte aus der Kutschen-Tasche ein Flaschgen voll Kirschengeist hervor; und als sie sich damit gelabt hatte, wurden die Gesangbucher wieder aufgeschlagen und Meta musste sich's gefallen lassen, die noch ubrigen Strophen des Abendliedes mitzusingen.
Der Tag neigte sich nun wurklich zum Ende es war, wie wir wissen, der Sonntag, an welchem Blanchard in Braunschweig aufstieg. Diese Stadt zu erreichen war heute nicht moglich; Es hatte aber das Fraulein von Brumbei, in einem seitwarts von der Strasse gelegenen Dorfe, einen alten Bekannten, den Pastor Reimers, bey welchem sie sich ein Nachtlager erbeten hatte und der sie nebst ihrem Gefolge gastfreundschaftlich aufnahm. Da Dieser nur zwey Betten liefern konnte, musste Meta das eine derselben mit der Cammerjungfer theilen. Susanna war ein muntres Madchen; Sie hatte vormals in Braunschweig gedient und dort allerley kleine Liebes-Abentheuer bestanden. Die bose Welt pflegt solche unschuldige Verirrungen zuweilen lieblos zu beurtheilen; das war auch Susannen begegnet; arge Lasterzungen hatten ihren Ruf zweydeutig zu machen gesucht; sie war von der Dame, bey welcher sie gedient hatte, nicht auf die ehrenvollste Weise verabschiedet worden und hierauf aus Verzweiflung auf's Land gegangen, da sie dann endlich Gelegenheit gefunden hatte, durch den vorhin erwahnten Cavallerie-Officier dem alten Fraulein empfohlen zu werden. Ihr Verlangen, das liebe Braunschweig wiederzusehn, gab ihr kraftige Grunde ein, ihre Herrschaft in dem Vorsatze, nach dieser Stadt zu reisen, zu bestarken, und niemand war froher wie sie, als diese Reise zu Stande kam.
Nichts ist leichter gestiftet und leichter getrennt, als die Freundschaft und Vertraulichkeit unter jungen Madchen. Kaum war Susanna mit der Jungfer Dornbusch allein in ihrem Cammerlein (die alte Dame pflegte sich, mit schwerem Haupte, fruh zu Bette zu legen) als sie zuerst begann, ihrem Spotte uber das fromme Fraulein freyen Lauf zu lassen; dann entlockte sie Margarethen das Geheimnis ihrer Herzens-Angelegenheit und gewann bald, durch die Theilnahme, welche sie ihr bezeugte, ihr ganzes Zutraun. Wir haben einmal in einem hubschen Buche gelesen, dass junge Frauenzimmer vor allen Andern Ursache haben in der Wahl ihrer Vertraueten vorsichtig zu seyn; dass so Manche bloss dadurch fallen, dass sie sich solchen Personen in die Hande liefern und Denen tausend gute Eigenschaften zutrauen, welche ihren Leidenschaften schmeicheln. Der Autor jenes Werks hatte dies gar artig auseinandergesetzt; ich kann aber das Buch jetzt nicht wieder auffinden, sonst schriebe ich die Stelle ganz ab; Doch vielleicht nehmen die Leserinnen Gelegenheit, aus der Geschichte unserer Freundinn selbst, sich die nothigen Lehren herauszuziehn; wir fahren also in unsrer Erzahlung fort.
Am Montage gieng die Reise weiter und unsre Damen erreichten vor Mittag noch die Stadt Braunschweig. Susanna hatte indess beym Ankleiden ihrer Herrschaft Gelegenheit gefunden, derselben die neue Freundinn so warm zu empfehlen, dass jetzt schon nicht mehr die Rede davon war, sich eher von Margarethen zu trennen, bis diese von ihrem vorgeblichen Vetter wurde abgeholt werden.
Das Fraulein von Brumbei hatte sich, auf Empfehlung ihrer Zofe, die ihr ganzes Zutraun besass, ein Paar kleine Zimmer in dem Hause des Schusters Wollner, unfern dem Opernhause, fur die Zeit ihres Aufenthalts in Braunschweig gemiethet. Dieser Schuster war ein andachtiger Heuchler, der sehr viel von der reinen Lehre und dem innern Lichte redete, seines Amtsbruders Jacob Bohms Schriften las, Betstunden fur Personen beyderley Geschlechts in seinem Hause hielt, ubrigens aber ein Erz-Schurke war und auf Pfander liehe. Ich bitte die geneigten Leserinnen nun nochmals zu uberlegen, welche schreckliche Folgen die erste Ubereilung der Jungfer Dornbusch fur sie hatte haben konnen, da wir sie jetzt von solchen Menschen umgeben sehn mussen.
Sobald die Gesellschaft Besitz von ihrer Wohnung genommen hatte, setzte sich Meta hin und schrieb dem Freunde ihrer Seele einen zartlichen Brief. Sie urtheilte nicht ohne Wahrscheinlichkeit, es werde der Hauptmann, sobald er in Peina im Posthause erfahren hatte, wohin der Forster mit ihr gereist sey, auch seinen Weg nach Gosslar genommen haben, wohin er, als Werbe-Officier, ohnehin in wenig Tagen zuruckkehren musste. In jedem Falle also schien es ihr am sichersten, dahin ihren Brief mit der Post zu schicken. Hatte sie das fruher uberlegt; so hatte sie in der That nicht nothig gehabt, zu entlaufen, denn sie konnte sich doch leicht einbilden, dass Previllier nicht lange saumen wurde, ihr nachzureisen und dann war, an der Seite dieses braven Kriegsmannes, von der Gewalt des Oheims nicht viel zu furchten. Allein die Idee der Flucht war romanhafter, und folglich wurde sie vorgezogen.
Der Brief war nun fort, und da sie, bis Antwort oder der Liebhaber selbst kommen wurde, sicher und unentdeckt in Braunschweig bleiben konnte; fieng sie an sich zu erheitern und an dem ungewohnten Anblikke der Volks-Menge, die zur Messzeit die Strassen von Braunschweig anfullt, ihre Augen zu weiden. Susanne aber nutzte diese muntre Stimmung, stand neben ihr am Fenster und machte ihr reizende Schilderungen von den Annehmlichkeiten dieser grossen Stadt.
So kam der Abend herbey ein schoner, heitrer Sommer-Abend. Die alte Dame hatte, aus Freude uber ihre gluckliche Ankunft, ihrer gewohnlichen Portion Herzstarkung ein Paar Glaser Ratafia hinzugefugt; Das pflegt denn den Schlaf zu befordern; und so war sie schon um acht Uhr zu Bette gegangen. "Es ware Sunde", sagte Susanne zu ihrer neuen Freundinn, "wenn man sich bey dem herrlichen Wetter im Zimmer einsperren wollte. Wenigstens sollten wir doch vor der Hausthur ein wenig auf- und abgehn." Margaretha Dornbusch liess sich den Vorschlag gefallen; sie schlenderten Arm in Arm langst dem Opernhause und auf dem benachbarten Kirchhofe hin und her. Nun wurde, wie die Leser wissen, an diesem Montage Mascarade im Opernhause gegeben; Susanne wusste das, denn sie hatte schon, wahrend unsre Freundinn schrieb, allerley Besuche gehabt, Leute verschickt und Verabredungen genommen.
Jetzt fieng sie an, Margarethen, die dergleichen Festen nie beygewohnt hatte, eine reizende Schilderung von dem Vergnugen zu machen, das man auf einem solchen Balle schmeckte. "Ich habe einen guten Einfall, meine Liebe!" setzte sie hinzu, "Wir konnten uns leicht, als Fledermause maskirt, auf eine Stunde hinschleichen. Niemand kennt uns; Wir gehn da miteinander durch das Gewuhl von verkleideten Menschen umher, Arm in Arm, wie wir hier gehen. Es wird Sie aufheitern, da Sie doch noch nie keine Mascarade gesehn haben; meine Alte erfahrt nichts davon; unsre Wirthsleute sind gute Menschen, und ehe es Bettgehn-Zeit ist, sind wir wieder zu Hause."
Margarethen wollte Anfangs dieser Plan nicht gefallen; er kam ihr zu kuhn vor; allein die Sache schien ja so unschuldig; sie war in einer so ruhigen Stimmung, worauf die angenehme Abend-Luft, das Gefuhl einer nie genossenen Freyheit, der Anblick der schonen, lebhaften Strassen und die Hofnung, vielleicht morgen schon den Freund ihres Herzens in ihre Arme eilen zu sehn, vortheilhaft wurkten; ihre Neugier, ein ihr so fremdes Schauspiel kennen zu lernen, wurde immer auf's Neue gereitzt, so oft sie, in Kutschen, Porte-Chaisen und zu Fusse einen frischen Transport von verkleideten Personen beyderley Geschlechts in das nahgelegene Opernhaus eintreten sah und kurz! sie gab dem Vorschlage Gehor und entschloss sich, den Spass in der Nahe anzusehn.
Hier mein Herr! liegen zwei Louisd'or; nehmen Sie dies Geld und lassen mir dafur mit dem Postwagen einen Philosophen kommen, der mir auf bescheidnere Art diesen und ahnliche Wiederspruche im weiblichen Character erklare! Ein zuchtiges, junges Madchen, das noch vor vier und zwanzig Stunden voll Verzweiflung war, uber die gewaltsame Trennung von dem einzigen geliebten Gegenstande, da sie nun unter fremden Leuten herumirren muss, fern von allem, was ihr theuer und werth ist, rennt jetzt leichtsinnig mit einer zweydeutigen Unbekannten in das Getummel vermummter Freuden-Kinder; Ein Frauenzimmer, das so viel Bucher uber Menschenkenntniss gelesen und aus Romanen gelernt hat, sich entfuhren zu lassen, ahndet nicht, dass sie einer verdachtigen Rathgeberinn in die Hande gefallen ist, da sie doch gewiss zwanzigmal in ihren Buchern die traurigen Folgen ahnlicher leichtsinniger Schritte geschildert gefunden? Sollen wir hier lauter gegen die schadlichen Wurkungen einer ubel gewahlten Lecture, oder gegen die Inconsequenzen des schonen Geschlechts declamiren? Es giebt strenge Moralisten, welche behaupten, die Ursache, warum auch die feinste Menschenkunde oft bey Beobachtung des weiblichen Characters scheitre, liege darinn, dass die Frauenzimmer eigentlich gar keinen Character hatten, sondern unaufhorlich von unzusammenhangenden Launen und Grillen regiert wurden. Es sey eben so wenig moglich, vorauszusagen, auf welche Weise ein Weib sich in der folgenden Viertelstunde bey diesem oder jenem Vorfalle betragen mogte, wie es, selbst dem geschicktesten Tanzmeister moglich sei, zu bestimmen, was fur Schritte ein herumspringender wilder Indianer machen wurde. Wir halten das fur baare Verlaumdung und glauben vielmehr, es liege die Schuld nur daran, dass theils dies Geschlecht die feinern Ubergange ihrer Leidenschaften, wodurch ihre Handlungen motivirt werden, sorgfaltiger verborgen hielte, theils das Spiel dieser Ubergange in ihnen schneller als in uns vorgienge. Aber wo gerathen wir hin? Bleiben wir bey der Klinge!
Die beyden Frauenzimmer vermummten sich also, en Chauve-fouris, schlichen nach dem Opernsaale hin und mischten sich unter den Haufen der Masken. Sie hatten sich kaum einmal von dem Eingange bis zum Ende des Theaters gedrangt, als ein mannlicher Domino sogleich die schwarzaugichte Cammerjungfer erkannte, auf sie zueilte, ihr die Hand druckte und ausrief: "Ey, Susannchen! wie kommst Du hierher?" "Um Gotteswillen!" sagte Margaretha, "wer ist das?" Es war ein Vetter. Aber bald kamen der Vettern so Viele und unter Diesen Manche, die nicht die bescheidenste Sprache fuhrten. "Wie fuhrt dich der Teufel wieder nach Braunschweig, Du Wettermadchen?" sprach der Eine. "Bey meiner Seele! da ist unsre kleine runde Hexe", sprach der Andre und lachte laut auf. "Und wen hast Du denn da bey Dir?" erschallte die dritte Stimme. "Das ist gewiss neue Waare vom Lande!"
Nun erst fieng unsre arme Meta an, zu argwohnen, dass sie einen ubereilten Schritt gethan hatte, dass sie nicht in die beste Gesellschaft gerathen ware und nun wurde ihr Herzchen schwer und traurig. Indess hatte sich der Cirkel der alten Bekannten um Susannen und ihre Begleiterinn vermehrt; man fieng an, sich allerley freye Reden gegen sie zu erlauben und zwey junge Herrn drangen mit Ungestum darauf, dass sie mit ihnen in eine von den Logen gehn sollten.
Margaretha gerieth in die ausserste Verlegenheit und war im Begriff laut zu schreyen, als ein Mann in einem schwarzen Tabareau, der schon eine Zeitlang beyde Madchen beobachtet und hauptsachlich seine Aufmerksamkeit auf Margarethens Schuhschnallen (oder waren es Bandschleufen?) geheftet hatte, die ihm bekannt vorkamen, begleitet von einer andern Person, sich mit Gewalt durch den Haufen drangte "Bey Gott! sie ist es", rief er aus und schloss Meta in seine Arme. Rathen Sie nicht langer, hochgeehrteste Leser! Es war kein Andrer, wie der Hauptmann Previllier; und wie der hierherkam, das sollen Sie bald erfahren. Lassen Sie mich nur erst Othem schopfen!
Vierzehntes Capitel
Auf der Mascarade in Braunschweig fuhrt der
Himmel die Seinigen wunderlich zusammen.
Wir haben die Gesellschaft in Steinbruggen in dem Augenblicke verlassen, als der alte Dornbusch seinen Bruder, den Forster, nach einer so langjahrigen Entfernung, wieder umarmte, die Freude der beyden Bruder aber sowohl, als die des Pastors Schottenius und des Hauptmanns Previllier durch die Flucht des lieben jungen Frauenzimmers sehr gemindert wurde. Ich habe mich bey Schilderung dieser Zusammenkunft nicht lange verweilt; in allen Romanen und Schauspielen konnen Sie dergleichen Wiederfindungs-Scenen beschrieben finden. Zudem konnte man sich nicht dabey aufhalten; es war keine Zeit zu verliehren, um, wo moglich, Margarethen wiederaufzufinden. Die offenstehende Hinterthur des Gartens, in welchem sie spatzieren gegangen war, liess keinen Zweifel ubrig, dass sie da hinaus entflohen ware; unsre vier Reisenden liefen desfalls von dort aus nach verschiedenen Richtungen in das weite Feld hinein, blickten um sich her, so weit sie konnten, und fragten jeden Bauer, der ihnen auf diesen Wegen aufstiess, ob ihm kein Frauenzimmer begegnet ware! Der Forster, als ein guter Waidmann, nahm noch andre Merkzeichen zu Hulfe; Er bemuhete sich namlich, die Fahrte von den hohen weiblichen Absatzen aufzuspuren und dies gelang ihm. Sobald er auf der Spur war, pfiff er auf der Hand und versammelte dadurch seine Gesellschafter wieder um sich. Nun giengen Alle den Fusstritten nach und kamen dann an den vorhin beschriebenen Kreutzweg aber fort war hier die Spur.
Indessen werden die Leser sich noch eines sichern Bettlers erinnern, der auf dem Reise-Koffer des Frauleins von Brumbei Platz genommen. Er hatte sich die Erlaubniss dazu von dem Fuhrmanne durch Bitten und einem kleinen Rest Rauchtabac erkauft, zu welchem er, ich weiss nicht wie? gekommen war. Als aber durch Margaretha Dornbusch die Gesellschaft im Wagen und folglich die Last der drey magern Pferde vermehrt wurde, der Tabac auch schon langst verbraucht war, fuhlte unser Kutscher nicht langer Beruf, den fremden Gast bey der Bagage zu dulden, sondern zwang ihn, abzusteigen. Der Bettler fand sich christlich in sein Schicksal; bevor er aber seinen Weg zu Fuss fortsetzte, lagerte er sich in das Gras hin, zog ein Stuck schwarzes Brod und einen Kase aus seinem Sacke und hielt ofne Tafel, unter Gottes freyem Himmel. Vornehme Leute pflegen schnell zu essen, ohne Zweifel, weil sie mit ihren, dem Besten der Menschheit gewidmeten Stunden sparsam umgehen; (Wir selbst, der Autor, haben uns gewohnt, sehr geschwind zu speisen; vermuthlich aus Begierde, vornehm zu thun, welche Begierde uns der beruhmte Professor Tolpelius Hoffmann kurzlich abgelauert hat; Man lese das dritte Stuck seiner wohl geschriebnen Zeitschrift.) Gemeine Menschen hingegen nehmen sich gewohnlich alle Musse zu diesem Geschafte das ist ja auch der einzige Genuss, bey welchem es ihnen vergonnt ist, die schweren Muhseligkeiten ihres Lebens zu vergessen. Der Bettler speiste noch, als die vier Fremden an diesen Platz kamen; Sie fragten also auch ihn, ob er kein weibliches Geschopf hier wahrgenommen hatte und erfuhren, dass Margaretha zu der alten Dame in die Kutsche gestiegen und mit ihr auf dem Wege nach Braunschweig fortgefahren ware. Jetzt wurde Anstalt zum Nachsetzen gemacht; allein durch die Langsamkeit der Postknechte vergieng noch so viel Zeit, dass das Frauenzimmer-Fuhrwerk nun einen Vorsprung von wenigstens einer Stunde gewonnen hatte. Da es jedoch mit den drey Pferden gar nicht schnell gieng; so wurden die vier Herren sie gewiss eingehohlt haben, hatte nicht, wie im vorigen Capitel ist erzahlt worden, das alte Fraulein, von der Strasse ab, den Weg nach dem Dorfe zu genommen, wo sie bey dem Pastor Reimers das Nachtlager bestellt hatte. Des Sonntags trifft man wenig Leute im Felde an; unsre Freunde konnten daher niemand finden, der ihnen uber diesen Punct Aufklarung gegeben hatte; und als sie nun immer weiter fuhren und endlich ein Dorf erreichten, zeigte sich's, dass niemand eine solche Stifts-Damen-Kutsche wollte gesehn haben.
Verschwunden konnte sie indessen nicht seyn; unsre Gesellschaft wusste, dass die Dame nach Braunschweig hatte reisen wollen: folglich schien es ihnen am zweckmassigsten, diesen Weg zu verfolgen.
Ich erzahle den Lesern nichts von den Gesprachen, welche die Herrn unterwegens fuhrten. Der alte Dornbusch war ein zu verstandiger Mann, um, wenn eine Sache nicht mehr zu andern war, hintennach lange daruber zu moralisiren; er machte also seinem Bruder um so weniger Vorwurfe uber sein Betragen gegen Margarethen, da er die gute Absicht desselben, dem Madchen einen reichen Mann zu geben, nicht miskennen konnte. Der Forster, von seiner Seite, war sehr zufrieden von der personlichen Bekanntschaft des Hauptmanns, der Pastor aber konnte nicht ganz seine Neugier unterdrucken, etwas von den Familien-Umstanden desselben zu erfahren, da denn der alte Dornbusch sich bewogen fand, die Haupt-Umstande aus den Papieren, welche ihm bey Fuhrung des Processes in Paris zum Leitfaden gedient hatten, zu erzahlen wie folget.
Nein, meine hochgeehrtesten Leser! wir wollen es dabey bewenden lassen, die Episoden nehmen sonst kein Ende. Was kann Ihnen damit gedient seyn, genauere Nachricht von dem Geschlechte der Previlliers zu erhalten? Sind doch die Leute samtlich tod, deren Schicksale wir da erzahlen mussten bleiben wir bey den Lebendigen! Die einbrechende Nacht bewog die Reisenden, in einem einzeln gelegenen Wirthshause zu ubernachten; am andern Tage kamen sie in Braunschweig an.
Das erste Geschaft des Hauptmanns wurde nun, zu erforschen, ob die Frauenzimmer gestern oder heute in das Thor einpassirt waren; allein wie konnte, bey der Menge von Equipagen, die jetzt ein- und ausfuhren, der wachthabende Officier davon Rechenschaft geben? Es wurde also in allen Wirthshausern Nachfrage angestellt; allein auch da war kein Trost zu holen. Der Abend kam heran, ohne dass man etwas von Margarethen erfuhr.
Jetzt erst fiel es der Gesellschaft ein, dass der Amtmann Waumann nebst seinem Sohne vermuthlich noch in Braunschweig seyn musste. Man wusste, dass er im goldnen Engel abgetreten war, gieng dahin, erfuhr, dass er im Prinzen Eugen gespeist hatte, suchte ihn auch da auf und erhielt die Nachricht: er sey zur Mascarade gegangen. Sprechen musste man den Amtmann doch, um ihm von der veranderten Lage der Sache Nachricht zu geben; Es war zu vermuthen, dass er vielleicht erst gegen Morgen zu Hause kommen und dann gleich fortreisen wurde; ein guter Genius gab daher dem Hauptmanne den Gedanken ein, einen Tabareau zu miethen, einen Augenblick auf den Ball zu gehn und Waumann, Vater und Sohn, dort aufzusuchen. Der alte Dornbusch begleitete seinen Pflegesohn.
Hier war es nun, wo auf einmal, sehr unerwartet, Previllier seine Geliebte antraf und mit der Ausrufung: "Bey Gott! sie ist es" in seine Arme schloss.
Eine Mascarade ist nicht der Ort zu zartlichen Scenen von feinerer Art; Ohne daher sich die Zeit zu weitlauftigen Erlauterungen zu nehmen, ja! ohne einmal Margarethen zu sagen, dass der Mann, welchen sie an der Seite ihres Freundes erblickte, ihr Vater ware, bat Previllier sie nur, sogleich mit ihm das Getummel zu verlassen. Jungfer Susanna hatte sich weislich im Gedrange verlohren, sobald der Capitain seine Meta erkannt hatte; und schon war man im Begriff, aus dem Saale zu gehn, als, zur grossten Verwundrung, unsrer Freunde, von einer Menge Stimmen laut die Worte erschallten: "Guten Abend, Herr Amtmann Waumann! Guten Abend!" Wie dies zugieng, soll jetzt erzahlt werden; ich bilde mir etwas darauf ein, dass keiner meiner hochgeehrtesten Leser es errathen kann.
Die beyden jungen schonen Geister, welche die Gesellschaft aus dem Prinzen Eugen verleitet hatten, die Mascarade zu besuchen, hofften christlich, diese Menschen sollten durch ihre alberne Verkleidung so viel Aufsehn erregen, dass sie preisgemacht wurden; allein es fiel anders aus, niemand bekummerte sich um die geschmacklosen Masken. Um nun ihres Zwecks nicht zu verfehlen, nahmen sie zu andern losen Streichen ihre Zuflucht. Der Licentiat Bocksleder war so enge in seine Beelzebubs-Haut eingezwangt, dass er, bey dem Gedrange der grossen Menge Leute, beynahe ohnmachtig wurde, ehe die Gesellschaft zweymal den Saal auf- und abspatziert war. Der Student schlug ihm daher vor, in ein Nebenzimmer zu gehn, wo Punsch geschenkt wurde; Er that es, seine Familie gieng mit ihm; der Student hatte sich mit einem Manna-Tranklein versehn, welches er ihm auf listige Weise mit dem Punsch eingab; Wir hoffen, es soll ihm nicht ubel bekommen, finden aber fur gut, ihn zu verlassen, ehe die Arzeney anfangt zu wurken. Vermuthlich wird er, nicht mit den angenehmsten Empfindungen, nach Hause geschlichen und am folgenden Tage nach Schoppenstadt zuruckgereist seyn. Musjo Valentin war bald des verabredeten Schlepptrager-Amts mude; Er fieng also an, auf seine eigne Hand im Saale umherzuwandeln; Nun hatte denn der Dichter Klingelzieher den Herrn Amtmann allein an seiner Seite und um sich fur die Langeweile bezahlt zu machen, welche ihm diese Gesellschaft verursachte, fuhrte er ein Schelmenstuck aus, worauf er sich vorbereitet hatte. Er heftete namlich ein Blatt Papier an den Rucken seines Gefahrten, worauf mit grossen Buchstaben geschrieben stand: "Guten Abend, Herr Amtmann Waumann!" Es war naturlich, dass Die, welche unmittelbar hinter ihnen standen und giengen, diese Worte laut herlasen. Anfangs nun, als der gute Amtmann seinen Namen nennen horte, wunderte es ihn zwar, woher es kame, dass man ihn hier erkannte; doch glaubte er den guten Abend erwiedern zu mussen. Allein kaum drehte er sich um "einen schonen guten Abend!" zuruckzugeben; so erschallte nun von der andern Seite das: "Guten Abend, Herr Amtmann!" Bald war ein grosser Cirkel von Kindern und Spassvogeln um ihn versammelt; Herr Klingelzieher hatte sich unsichtbar gemacht und in dem Augenblicke der grossten Verlegenheit, worinn der Amtmann fortgetrieben von einem Haufen guten Abend wunschender Leute sich befand, kam er an den Platz, wo Margaretha, der Hauptmann Previllier und der alte Dornbusch standen. Sobald Diese sahen, worauf es ankam, naherten sie sich ihm, rissen ihm den Zettel ab, gaben sich zu erkennen und baten ihn, mit ihnen nach Hause zu fahren. Der junge Herr wurde aufgesucht; man verliess die Mascarade und begab sich in den hotel d'Angleterre, wo sie den Pastor und den Forster antrafen.
Funfzehntes Capitel
Abreise von Braunschweig. Neue Irrung, die bey
dieser Gelegenheit vorgeht.
Wir trauen es dem feinen Geschmacke der Leser dieses Werks zu, dass sie gewiss die Kunst werden bewundert haben, mit welcher der Autor alle Haupt-Personen seines Drama, gleichsam zum funften Act, in Braunschweig zusammenzufuhren gewusst hat. Jetzt scheint nichts zu fehlen, als dass der Hauptmann Previllier mit seiner Meta Hochzeit mache; Ehren Schottenius konnte die Trauung verrichten und bey dieser Gelegenheit seine acht und funfzigste Rede halten und der Dichter Klingelzieher allenfalls fur die Gebuhr ein Carmen darauf verfertigen; die Waumanns-Familie aber liesse man mit langer Nase abziehn. Allein da erhalten wir, zu unserm grossen Schrecken, so eben einen Brief von dem Herrn Verleger, worinn derselbe meldet, es komme diejenige Bogenzahl beym Drucke nicht heraus, fur welche er das Honorarium vorgeschossen, so dass uns dies in die Nothwendigkeit setzt, entweder einen Theil des Geldes wiederherauszugeben, oder aber noch einmal sorgfaltig unsre gesammelten Documente und Nachrichten durchzublattern, um zu sehn, ob sich darinn nicht noch Stof zu einigen Seiten findet. Und siehe da! uns ist geholfen. Wir durfen nur ein Paar kleine Anecdoten aus der Geschichte des Amtmanns und seines Sohnes, die grade in diesen Zeitpunct fallen, mit hier anreyhen, wodurch zugleich den sonderbaren Begebenheiten, welche diesen Personen auf ihrer Reise begegnet sind, die Crone aufgesetzt wird.
Von den ubrigen Personen haben wir wenig mehr zu sagen; Dass Margarethe sich ganz gewaltig daruber freute, ihren Vater lebendig vor sich zu sehen; dass Dieser in ihre Verbindung mit dem Hauptmanne einwilligte; dass der Forster froh war, die Sache eine so gute Wendung nehmen zu sehn, und dass der Herr Pastor Gottes reichen Segen und alles erspriessliche Wohlergehn dazu wunschte; das versteht sich nun wohl von selber. Der Herr Amtmann Waumann hingegen schien das Ding Anfangs ein wenig krumm nehmen zu wollen, besonders als er etwas von den ostindischen Geldern witterte, die das Jungferchen einst erben wurde; Indessen sah er bald ein, dass in via juris die Sache gegen Vater und Tochter nicht wurde durchzusetzen seyn. Gern hatte er sich nun wenigstens ein rundes Summchen Schmerzen-Geld bezahlen lassen; aber der Pastor redete ihm liebreich zu, diesen Wunsch nicht einmal laut zu erofnen. Da ubrigens Herr Valentin, aus Ursachen, die sich noch in diesem Buche entwickeln werden, sich gewaltig froh bezeugte, dieser Heyrath aus dem Wege zu kommen; wurde endlich sein Vater ganz beruhigt und stattete dem hochverehrten Brautpaare seine gehorsamste Gratulation ab.
Nun wurden die nothigen Verabredungen, sowohl wegen der Ruckreise, als wegen der kunftigen Einrichtungen genommen. Herr Waumann hatte Pferde bestellt, um fruh Morgens um vier Uhr nach Biesterberg zuruckzukehren; Die ubrige Gesellschaft aber hielt es fur anstandig, erst auf einige Tage nach Gosslar zu fahren, um dort, wo Meta kunftig, so lange die Werbung dauerte, mit ihrem Gatten wohnen sollte, den bosen Leuten das Maul uber ihre Flucht zu stopfen. Dann aber sollte die Hochzeit in des ehrlichen Forsters Heymath gefeyert werden. Der alte Dornbusch liess sich den Plan gefallen, ein zwey Meilen von Biesterberg gelegenes adeliches Gut zu kaufen und den Rest seines Lebens in der Nahe seines Bruders hinzubringen. Der Amtmann unternahm es, den Handel zu schliessen und rechnete dabey auf ein Paar Procentchen. Nach diesen Verabredungen schied die Gesellschaft aus einander und empfahl sich gegenseitig bis auf Wiedersehn.
Es war nahe an drey Uhr nach Mitternacht, als die beyden muthwilligen jungen Gelehrten vom Balle nach Hause kamen; sie waren, wie der Amtmann, im goldnen Engel abgetreten. Nun schien es ihnen nicht mehr der Muhe werth, sich zu Bette zu legen; folglich beschlossen sie, den Morgen bey einer Pfeife Tabac zu erwarten.
Schon fiengen Langeweile und Mudigkeit an, sie diesen Vorsatz bereuen zu lassen, als ein Postknecht mit vier Pferden, bestimmt, die beyden Waumanner in der schonen Amtskutsche bis Peina zu fuhren, mehr Lebhaftigkeit in das Haus brachte. Er stiess in sein Horn; Hausknecht und Magde kamen nach und nach auf die Beine; der Amtmann wurde geweckt; das Feuer zum Caffee angelegt; die Kutsche hervorgeholt und geschmiert. Dann stieg der Wagenmeister zu dem Herrn Amtmann hinauf, liess sich das Geld bezahlen und sagte, als er fortgieng, zum Postillon: "Es ist alles richtig gemacht."
"Ich habe einen narrischen Einfall, Bruder Klingelzieher!" sprach der Student. "Der Postknecht weiss nicht, wen er fahren soll; Wie ware es, wenn wir, statt des Amtmanns, einstiegen?"
Gedacht; gethan! Die Kutsche stand angespannt vor der Thur; der Koffer war aufgebunden; Herr Waumann und sein Erbe beschaftigten sich noch in ihrem abgelegenen Zimmer mit dem Fruhstucke; da kamen die beyden Genies, in ihre Uberrocke eingehullt, schnell aus der Thur des goldnen Engels getreten und stiegen ein: "Fahr zu, Schwager!" riefen sie. Fort rasselte der alte Reisekasten, ehe jemand im Hause etwas davon gewahr wurde.
Als der Postillon vor das Petri Thor kam, liess er seine Pferde noch eine kleine Strecke lang einen schnellen Trott laufen; dann hielt er sie zum Schritte an, holte seine Pfeife aus der Tasche hervor, und indem er sie stopfte und sorglos vor sich hinsah, ofneten die jungen Herrn leise eine Kutschen-Thur, stiegen aus, sprangen, ohne von ihm bemerkt zu werden, in einen Garten und liessen das Fuhrwerk leer weiter fahren.
"Jetzt wird es wohl Zeit seyn, mein Sohnchen!" sagte der Amtmann, bezahlte seine Zeche und schritt die Treppe hinab. "Wo ist denn unsre Kutsche?" fragte er den Hausknecht. Der Hausknecht wusste keinen Bescheid zu geben; niemand wusste zu sagen, was mit dem Fuhrwerke vorgegangen ware. Endlich, nach vielfachen Erkundigungen, erfuhr man, diese Equipage sey mit zwey Herrn besetzt, langst schon aus dem Thore gefahren. "So ist es doch, als wenn mir auf dieser unglucklichen Reise alles verkehrt gehn soll!" rief der Amtmann aus, nahm einen kleinen ofnen Wagen von der Post und fuhr nach.
Sechzehntes Capitel
Ruckkunft nach Biesterberg. Hochzeiten und
Kindtaufe. Schluss dieser Geschichte.
Der Postillon fuhr mit seiner leeren Kutsche unbekummert auf dem Wege nach Vechelde und weiter fort. Die Stille, welche in derselben herrschte, schrieb er auf Rechnung des Schlafs, wozu vermuthlich die fruhe Tagszeit die Herrn wurde eingeladen haben. So kam er nach Peina und hielt vor dem Posthause still; Der Aufwarter, welcher den Wagen kannte, ofnete den Schlag: "Wo ist denn der Herr Amtmann?" fragte er. "Is he nich drinn?" erwiederte der Postillon, "so hat en de Duwel hahlt; denn innestegen is he, self Ander; dat heb eck seyen." 6Was war zu thun? Fort war er!
Nach Peina hatte der Herr Amtmann seine eignen Pferde bestellt, um ihn da abzuholen; der Kutscher stand eben vor der Thur und nichts glich seiner Besturzung, als man weder Vater noch Sohn im Wagen fand. Wohl eine Stunde vergieng unter Berathschlagungen was anzufangen seyn mogte, um die Verlohrnen wiederzufinden, und endlich war der Kutscher im Begriff, sich zu Pferde zu setzen und sie auf der braunschweigschen Strasse zu suchen, als die beyden Herrn in ihrem offnen Wagelchen angefahren kamen.
Nicht in der angenehmsten Laune nahm nun der Amtmann seine weitre Reise nach Hause vor und ziemlich entschlossen, dass es vorerst die letzte seyn sollte, wozu er sich bereden lassen wurde. Doch welchen Verdruss vergisst man nicht in den Armen einer zartlichen Gattinn? Eine liebevolle Bewillkommung von der Frau Amtmanninn, mehr bedurfte der gute Herr nicht, um wieder froh zu werden.
"Nur Einen Druck der Hand; nur sanfte Blicke!"
Aber auch dieser Trost sollte ihm diesmal versagt werden. Es giebt Perioden im menschlichen Leben, wo das ganze Heer der bosen, hollischen Geister mit vollen Backen alle Gewitter-Wolken des Schicksals zusammen zu blasen scheint, um dem Lieblinge des Himmels auf der Reise durch diese Welt den Muth zu benehmen. Diese Allegorie gefallt mir ungemein; ich wollte, ich hatte sie nicht hierher geschrieben, so konnte ich sie einem unsrer neuen Trauerspiel-Fabricanten verkaufen, denen es oft so schwer zu werden scheint, eine Sprache zu fuhren, die man nicht redet.
Schon das schien dem Amtmanne sehr verdachtig, dass ihm niemand in der Thur seines Hauses entgegen kam; alle Domestiken waren oben um die Frau Gemahlinn versammelt, deren heulende Stimme, wie ein Nordwind bey Hagelwetter, durch die Luft tobte. Voll banger Ahndung schlich er die Treppe hinauf und liess seinen Eingebohrnen, den Liebling der Mutter, vorausschreiten. Allein wie erschrak er, als dieser sonst so geliebte Jungling von der zurnenden Dame mit ungezahlten Maulschellen empfangen wurde und dann eine ganze Legion von herben Schimpfreden auf Vater und Sohn losbrach! Seine Ohren horten Dinge, woruber er den vereitelten Zweck seiner Reise, die Geld-Erpressungen des Herrn Stenge, den Diebstahl des Flotenspielers und den Muthwillen der helmstadtschen Gelehrten vergass. Fassen wir uns, um die Sache im Zusammenhange vorzutragen!
Wir haben gehort, dass Musjo Valentin stets Abscheu gegen seine Verbindung mit der Jungfer Margaretha Dornbusch bezeugt hatte. Dieser Wiederwillen lag weder in einer Kalte des Temperaments, noch in einer gewissen unerklarbaren Antipathie nein! das zarte Herz des Junglings war von andern sanften Banden gefesselt. Auf dem Amtshofe diente als Kuchenmagd eine kleine, runde Anna Cathrina, zum Ungluck fur des edlen Junglings Freyheit, mit einem StumpfNaschen, acht teutschen rothen Haaren und zartlichen, in's Grunliche spielenden Auglein von der Natur beschenkt. Sie sehn und sie lieben war bey Valentin, der damals kaum achtzehn Sommer durchschwitzt hatte, als sie in den Dienst trat sie sehn und sie lieben war eins. Nun! grausam war sie eben nicht und so fern von Ziererey, dass sie den bloden Schafer sogar aufmunterte, seine dunkeln Gefuhle zu berichtigen. Da sie aber einen Bruder hatte, welcher als Dragoner dem Vaterlande diente und uber die Ehre seiner Schwester wachte; hatte sie Diesem die Zusage gethan, dem Sohne des Herrn Amtmanns nicht eher den Minnesold zu geben, bis derselbe ihr ein bundig verfasstes EheVersprechen ausgefertigt haben wurde. Dies wurde nun ohne Schwierigkeit erlangt; Von dieser Zeit an lebten sie in paradisischer Vertraulichkeit mit einander und niemand im Hause ahndete etwas von ihrem Umgange. Ja! Anna Catharina hatte sogar bis zu dem letzten Augenblicke die ausserlich sichtbar werdenden Folgen dieses Bundnisses vor den Augen des neugierigen Publicums zu verbergen gewusst, um nachher mit desto grosserm Aufsehn hervorzutreten. Hierzu hatte sie den Zeitpunct der Reise ihres Geliebten nach Braunschweig genutzt und Dienstags Abends um funf Uhr einen gesunden kleinen Waumann zur Welt gebracht. Diese an sich sehr naturliche Begebenheit machte grosses Aufsehn im Amthause. Madam Waumann rennte, mit funkelnden Furien-Augen, in die Cammer der von ihrer Burde entledigten Kuchenmagd; allein da fand sie, als Wachter beym Wochenbette, den entschlossenen Kriegesmann stehn, welcher seine theure Schwester gegen alle Gewaltthatigkeiten schutzte und mit dem Ehe-Versprechen in der Hand, der Amtmanninn die Rechte der neuen Mutter, in die waumannsche Familie aufgenommen zu werden, demonstrirte. Die alte Dame sturzte wuthend hinaus, berief dann ihr ganzes Haus zusammen, uberschuttete Jeden einzeln mit Vorwurfen, und in diesem Augenblicke erschienen Vater und Sohn vor ihrem Angesichte.
Nachdem der erste Ungestum voruber war, wurde beschlossen, sich mit dem Dragoner in Tractaten einzulassen; Man both ihm eine ansehnliche Summe Geldes; aber priesterliche Trauung war der einzige Schluss-Reim, der ihm zu entlocken war; und da der gewissenhafte junge Herr, mit Thranen in den Augen, erklarte, er werde nie ablassen von seiner Anna Catharina, sah der Herr Amtmann wohl ein, dass man der eisernen Nothwendigkeit nachgeben musste.
Im Grunde liess sich hier nicht viel von Missheyrath reden; Einer ahnlichen Begebenheit hatte Valentin sein Daseyn zu danken; Madam Waumann diente einst als Garderoben-Madchen auf dem adlichen Gute, wo der Herr Amtmann Verwalter war. Also kurz! denn wir eilen nun zum Schlusse: Sobald Ehren Schottenius nach Biesterberg zuruckkam, wurden Hochzeit und Kindtaufe gefeyert. Der junge Herr Waumann nahm die ihm von seinem Vater abgetretene Pachtung an und lebt jetzt mit seiner Frau, welche die Haushaltung recht gut versteht, vergnugt und glucklich; die Frau Amtmanninn ist versohnt und hat noch im vorigen Jahre bey ihren Kindern Gevatterinn Stelle vertreten.
Der alte Dornbusch ist Besitzer eines hubschen Guts, das er gekauft hat und findet Geschmack an Garten-Anlagen, wozu ihm sein Bruder allerley HolzArten liefert. Von Zeit zu Zeit kommt der Hauptmann Previllier mit seiner schonen Gattinn, die ihm frohe Tage macht, von Gosslar nach Biesterberg. Der Pastor Schottenius hat einige Hofnung, dass mein Herr Verleger in der nachsten Messe die Herausgabe seiner sechs und funfzig Predigten besorgen wird. Von den Schicksalen der ubrigen Neben-Personen haben wir nichts weiter in Erfahrung bringen konnen. Die Haupt-Lehre aber, die man aus diesem Werklein ziehn mag, sey die: dass wenn ein Autor nur Leute findet, die ein solches Buch verlegen und lesen wollen, er leicht mit der Beschreibung einer dreytagigen Reise sechzehn gedruckte Bogen anfullen kann.
Fussnoten
1 Eine Stelle aus dem Duodrama Medea. 2 Hier ist ein Anachronismus; ich weiss es wohl. Damals, im Jahre 1788, waren die wenigsten von den Schauspielen des Herrn von Kotzebue, die nachher einiges Aufsehn gemacht haben, schon erschienen. Ich denke aber, die Leser werden es mir verzeyhn, wenn ich, um im Allgemeinen meine Meinung uber diesen Gegenstand zu sagen, Beyspiele anfuhre, die noch in frischem Andenken sind. 3 Kurzlich hat der Herr von Kotzebue, der mit Recht so oft die Thorheiten des Adels lacherlich zu machen sucht, auf einmal eine Vertheydigung des Erb-Adels in die wienerische Zeitschrift einrucken lassen. Vermuthlich ist der ganze Aufsatz Ironie. Wie sollte auch ein Mann von seinen Talenten sich auf einmal so tief gesunken fuhlen, dass er sich im Ernst zum Mitarbeiter eines solchen Schufts, wie Aloisius Hoffmann ist, machen wollte? 4 Diese Anecdote ist wahr wahr, zur Schande des Bosewichts, eines Obristen von die Finger jucken mich, den Kerl zu nennen der vor einigen Jahren diese That begangen und zur Schande des Fursten; und niemand murren darf; nicht wahr, da ist kein Despotismus; da ist das Volk durch die Propaganda aufgehetzt, wenn es endlich ein wenig unruhig wird? 5 Wir wissen nicht, ob der fur die reine Lehre so eifrige Prediger Brumbei, welcher sich kurzlich bey der Inquisition gegen den Ketzer Schulz in ganz Teutschland so beruhmt gemacht hat, ein Sprossling jener adelichen Familie ist. 6 "Ist er nicht darinnen; so hat ihn der Teufel geholt denn eingestiegen ist er, mit noch Einem, das habe ich gesehn."
Adolph Freiherr von Knigge
Schriften
Uber den Umgang mit Menschen
Erstdruck: Hannover (Schmidt) 1788. Hier
nach der 3., erweiterten Auflage, 1790.
Manifest
Erstdruck: Wien 1795. [Der wirkliche Verlags
ort ist vermutlich Braunschweig.]
Ueber Eigennutz und Undank
Erstdruck: Leipzig (Jacobaer) 1796.