Adolph Freiherr von Knigge
Josephs von Wurmbrand,
kaiserlich abyssinischen Exministers,
jetzigen Notarii caesarii publici
in der Reichsstadt Bopfingen,
politisches Glaubensbekenntnis,
mit Hinsicht auf die franzosische Revolution
und deren Folgen
Vorrede
Als ich anfing, dies Buch zu schreiben, da hatte ich, wie man aus der folgenden Einleitung sehen wird, von der wienerischen Zeitschrift nur noch erst die Ankundigung gelesen, die der Herausgeber derselben in dem "Hamburgischen Korrespondenten" hatte einrucken lassen und worin er die Unverschamtheit beging, des Kaisers Majestat als Mitarbeiter seines elenden Journals anzugeben. Kurz nachher erschien das erste Stuck jener Zeitschrift, und da ich in demselben einige Manner, fur welche ich Achtung hege, auf bubische Weise gelastert fand, so erklarte ich mich daruber im dritten Abschnitte. Gleich darauf kam Hoffmanns zweites Heft an das Licht; darin stand nun eine schandliche Luge von mir, und das verleitete mich, nicht nur in offentlichen Blattern, sondern auch an einigen Stellen in diesem Buche uber Aloysius Hoffmann und sein Journal mehr Worte zu verlieren, als diese unwurdigen Gegenstande wert sind der Leser wird das gutigst verzeihn.
Indessen bestarkte mich doch die Erfahrung, dass man jetzt solche Versuche gegen freimutige, wahrheitliebende Schriftsteller wagt, um sie verdachtig zu machen, in dem Vorsatze, nichts mehr uber politische Gegenstande zu schreiben, ohne meinen Namen davorzusetzen; allein da die Form dieses Werks nicht mehr gestattete, dass ich dies auf dem Titelblatte tun konnte, beschloss ich, eine Vorrede mit meiner Unterschrift hinzuzufugen.
Meine Absicht dabei ist, das Publikum zu uberzeugen, dass ich mir bewusst bin, meine Grundsatze sind von der Art, dass ich mich ihrer nicht zu schamen brauche und dass es noch Gegenden in Teutschland gibt, in welchen eine weise Regierung dem Schriftsteller die Freiheit gestattet, uber Gegenstande, die der ganzen Menschheit wichtig sind, unbefangen, aber bescheiden seine Meinung zu sagen.
Ich bin Dank sei der gutigen Vorsehung dafur! , ich bin in einem Lande einheimisch, wo Wahrheit sich nicht zu verstecken braucht, wo der gutigste Monarch und die, denen er das Ruder des Staats anvertrauet hat, keiner Zwangsmittel und uberhaupt keiner kunstlichen Anstalten bedurfen, um Aufruhr und Emporung zu hindern. Wenn ich also zuweilen ein wenig heftig gegen Beschrankung der naturlichen Freiheit eifre, so redet nicht Leidenschaft aus mir. Dies kann noch weniger der Fall sein, wenn ich von den ungerechten Anmassungen der Edelleute und Priester rede. In diesen nordlichen Gegenden kennen wir den Despotismus aller Art, gottlob! nicht aus eigner traurigen Erfahrung; aber ich habe ehemals Gelegenheit gehabt, seine Greuel in der Nahe zu sehn; und das hat Eindrucke in mir zuruckgelassen, die meinen Schilderungen einen Anstrich von Bitterkeit geben, welche nicht in meinem Herzen ist.
Ubrigens hoffe ich, dass selbst die, welche mich zuweilen beschuldigen, ich sei zu parteiisch fur eine demokratische Verfassung, wenn sie dies Buch einiger Aufmerksamkeit bis an das Ende wurdigen wollen, finden werden, dass ich uber diese Gegenstande nachgedacht habe, dass ich nicht zu den Enrages gehore, dass ich vielmehr glaube, man konne ruhig und froh leben in jedem Lande, die Regierungsform moge auch sein, welche sie wolle, wenn nur eine weise Gesetzgebung alle Stande gegeneinander vor Misshandlung sichert, und dass ich behaupte, wir haben in Teutschland keine Revolution weder zu befurchten noch zu wunschen Ursache, wenn nur die verschiednen Regierungen, statt die Aufklarung zu hindern, mit ihr Hand in Hand fortrucken und die Mittel, Ordnung zu erhalten, mit der Stimmung des Zeitalters in ein richtiges Verhaltnis setzen.
Bremen, im Februar 1792
Adolph Freiherr Knigge
Einleitung
Es ist nun ein Jahr verflossen, seit mein Herr Vetter, der Advokat Benjamin Noldmann in Goslar, ehemaliger Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre am kaiserlichen Hofe in Gondar, seine "Geschichte der Aufklarung in Abyssinien" herausgab. Hatte er mich um Rat gefragt, so wurde ich ihn davon abgemahnt haben, und ich erschrak nicht wenig, als mir das Buch zu Gesichte kam. Nicht dass ich glaubte, ein Gentilhomme de la Chambre durfe nicht auch einmal ein historisch-philosophisch-politisches Werk herausgeben (hat doch der Gentilhomme ordinaire de la Chambre, Herr von Voltaire, deren viele in die Welt geschickt), allein ich kannte meinen Herrn Vetter zu gut, als dass ich nicht hatte ahnden sollen, er werde schwerlich unterlassen konnen, mit zuviel Feuer seine republikanischen Ketzereien auszukramen und andre ein wenig kuhne Satze einzumischen, die ihm leicht missgedeutet und gefahrliche Folgen fur ihn haben konnten; denn da die beiden grossten Machte des Erdbodens, Dummheit und Bosheit, in allen Winkeln der Welt ihre Residenten und Agenten haben, welche jeden frei denkenden und frei redenden Mann als einen Aufruhrer verdachtig machen, so ist es ein kitzliger Punkt, diesen sich blosszustellen. Desfalls nun legte ich mich auf Kundschaft, um zu erfahren, welchen Eindruck jenes Buch auf das Publikum gemacht hatte; und da bestatigte sich denn wenigstens ein Teil dessen, was ich befurchtet hatte. Verschiedne geistliche Herrn fanden sich hauptsachlich dadurch beleidigt, dass darin von ihrem Stande und der edeln Dogmatik nicht mit der gehorigen Schonung ware gesprochen worden; Edelleute meinten, Herr Noldmann mochte nur aus Neid sich gegen den erblichen Adel erklaren, weil er selbst das Ungluck hatte, von burgerlicher Abkunft zu sein; Rechtsgelehrte sagten, Herr Noldmann musse wohl ein schlechter Jurist sein, weil er mit Geringschatzung von der erhabensten und eintraglichsten aller Wissenschaften redete; verschiedne Arzte warfen ihm Undankbarkeit gegen die wohltatige und zuverlassige Heilkunde vor kurz, wenn auch jeder heimlich alles so ziemlich der gesunden Vernunft gemass fand, was mein Herr Vetter uber Menschenrechte und burgerliche Einrichtungen gesagt hatte, so liess er doch das nicht gelten, was seinen besondern Stand anging. Nun nahm ich mir gleich damals vor, ein paar Bogen wenigstens zu Verteidigung der politischen Grundsatze des Herrn Noldmanns zu schreiben. Ich wollte darin ungefahr folgende Satze ausfuhren: "In der 'Geschichte der Aufklarung von Abyssinien' sind Missbrauche in den Staatsverfassungen gerugt, deren, mehr oder weniger, in jedem Lande angetroffen werden. Das Bild der Ausartung der burgerlichen Gesellschaften und ihres Widerspruchs mit den ersten Zwekken des Sozietatsvertrags ist zwar mit sehr starken Farben ausgemalt, aber nicht, als hatte der Verfasser dadurch zu erkennen geben wollen, dass alle diese Missbrauche in allen Staaten herrschend waren, sondern nur, um aufmerksam zu machen auf die furchterlichen Folgen, die notwendig entstehn mussen, wenn man sich immer weiter von den ursprunglichen, heiligen Rechten der Natur entfernt, zu zeigen, wie tief der raffinierte Despotismus mit allen seinen Ressorts, an der Hand des Luxus und der Sittenlosigkeit, die Volker herabwurdigen kann; wie dann aber selbst seine schimmernde Blute den Samen zu einer neuen Sprosse tragt, welche hervorschiesst, bald ihn selbst unterdruckt und weit umher Wurzel fasst; wie die lange Zeit hindurch misshandelten Volker, wenn ihr Elend und der Druck aufs hochste gestiegen sind und sie, bei einer andern Ordnung oder Unordnung der Dinge, nichts verlieren, aber vielleicht alles gewinnen konnen, die Augen offnen, an der eignen Fackel des Despotismus, namlich an der Aufklarung, welche die feinere Kultur herbeigefuhrt hat, ihr Licht anzunden und damit endlich ihren armseligen Zustand beleuchten; wie hierauf vergebens alle Mittel angewendet werden, den Starkern, dessen Namen Legio heisst, wenn er es einsehn gelernt hat, dass er der Starkere ist, wieder unter das Joch des schwachern Einzelnen zuruckzubringen, und welche gewaltsame Umkehrungen, welche blutige Kampfe alsdann da erfolgen mussen, wo, wenn alle umsturzen helfen, jeder auf seine eigne Weise und zu seinem eignem Vorteile wieder aufbauen will. Heisst das Aufruhr predigen, wenn man ein solches Bild entwirft, damit man die Regierer der Volker warne, es dahin nicht durch eigne Schuld kommen zu lassen? wenn man ihnen begreiflich macht, dass es jetzt grade noch Zeit ist, die Saiten herunterzustimmen, wenn sie nicht reissen sollen? Nie ist dem Herrn Noldmann eingefallen, den Reformator zu spielen und alle Staaten nach dem neuen Systeme seines abyssinischen Prinzen ummodeln zu wollen; aber ein Ideal wollte er aufstellen, von einer nach den Grundsatzen der reinsten Vernunft und naturlichen Billigkeit errichteten Verbindung der Menschen zu einem Staatskorper. Es kommt hier nicht auf die Moglichkeit der Ausfuhrung, der Erreichung eines solchen Ideals, sondern darauf kommt es an, dass man, durch Betrachtung desselben, sich uberzeuge, wie weit man sich von demselben entfernt hat, damit man, bei Grundung einer neuen Konstitution, einen Massstab habe, wonach man bestimmen moge, welche Schritte man zuruck tun muss, um dem Ideale nahezukommen. Uber solche der ganzen Menschheit wichtige Gegenstande kann nie genug nachgedacht, gesagt und geschrieben werden. Ubrigens kann man ein sehr ruhiger Burger sein und dennoch manches in seinem Vaterlande anders wunschen, als es ist, sich auch daruber gelegentlich deutlich herauslassen. Man kann gegen Missbrauche in dogmatischen und gottesdienstlichen Sachen eifern und dennoch nicht nur sehr warm fur Religion sein, sondern auch, ohne Heuchelei, die kirchlichen Gebrauche mitmachen, weil sie nun einmal so eingefuhrt sind. Man kann wunschen, dass alle geheime Verbindungen aufgehoben wurden, und dennoch die Freimaurerlogen, die nun einmal da sind, besuchen und darin Gutes wirken. Man kann behaupten, dass, wenn man einen neuen Staat zu errichten hatte, man in demselben keine Schauspiele dulden wollte, und dennoch in dem Staate, darin man lebt, sich des Schauspiels annehmen. Man kann mit Enthusiasmus die Gluckseligkeit einer republikanischen Verfassung erheben und dennoch ein sehr gehorsamer Untertan seines Monarchen sein. Man kann die Torheiten und Tucken der Menschen rugen und dennoch die Menschen herzlich lieben und seine eignen Fehler nicht misskennen kurz, der philosophische Schriftsteller muss uber alles rasonieren durfen; Rasonnements sind aber weder Gesetze noch Glaubensartikel, noch Fehdebriefe."
Diese und ahnliche Satze wollte ich zu Verteidigung meines Herrn Vetters dem geneigten Leser an das Herz legen, als mir die Ankundigung einer periodischen Schrift vor Augen kam, die nun bald in Wien hervortreten wird und in welcher man die neumodischen Philosophen entlarven, abfertigen und das Publikum vor diesen abscheulichen Volksaufruhrern warnen will. Nun lasst es sich gar nicht denken, dass, bei der Aufklarung und Denkfreiheit, welche jetzt im ganzen teutschen Reiche herrschen, einige niedrige, sklavische Schmeichler es wagen sollten, um fur sich Pensionen und andre Vorteile zu erringen, dem politischen, theologischen und philosophischen Despotismus und der Verfinsterung das Wort zu reden, die guten Fursten, die auf halbem Wege sind, ihren Volkern statt der eisernen, sproden Ketten der willkurlichen Gewalt die sanften und dauerhaften Bande der Gesetze, der Liebe und der Achtung anzulegen, misstrauisch gegen die freimutigen, edeln Manner zu machen, die den Mut haben, ihnen, zu ihrem Heile, die Wahrheit zu sagen. Es lasst sich nicht denken, dass die Unternehmer jener periodischen Schrift boshafte Dummkopfe waren, welche sich verschworen hatten, jeden helldenkenden Mann, dessen Licht ihnen etwa zu sehr in die Augen schimmerte, bei dem Volke verdachtig zu machen, ihn zum Schweigen zu notigen oder gar ihm Verfolgung im burgerlichen Leben zuzuziehn. Es lasst sich nicht denken, dass namenlose, unberuhmte Leute die Unverschamtheit haben wurden, auf eigne Autoritat, ein philosophisches Inquisitionsgericht anzulegen nein, ich bin vielmehr uberzeugt, dass die in Wien angekundigte Zeitschrift Manner zu Verfassern haben wird, die sich schon durch Schriften und Handlungen in den Ruf aufgeklarter, denkender, uneigennutziger und edler Eiferer fur Wahrheit und Recht gesetzt, und dass diese den lobenswerten Zweck haben, echte philosophisch-politische Grundsatze zu entwickeln, diejenigen, welche sich ohne Kenntnis der Sache an Beurteilung grosser Weltbegebenheiten wagen, gutlich zurechtzuweisen und durch Warnung und richtigen Volksunterricht den gefurchteten bosen Folgen vorzubeugen, welche unvorsichtig vorgetragne Satze, von falschem Enthusiasmus irregeleiteter Schriftsteller, auf die allgemeine Stimmung haben konnten.
So wenigstens habe ich jene Ankundigung verstanden, und das hat mich bewogen, damit auch ich mein Scherflein zu dieser guten Absicht beitragen mochte, meinen ersten Plan, der nur auf Verteidigung des Herrn Benjamin Noldmanns ging, zu erweitern. Ich will namlich in dieser Schrift die Frage abhandeln: ob und in welchen Fallen den europaischen Staaten, bei der jetzigen, durch zunehmende Denk- und Pressfreiheit bewurkten Stimmung des Zeitalters, eine Staatsumwalzung bevorzustehn scheinen mochte? Und da wohl ohne Zweifel die franzosische Revolution jetzt den grossten Einfluss auf diese Stimmung hat, indem sie so manche Feder und Zunge in Bewegung setzt, so will ich meine Frage also einkleiden: Welche Folgen haben wir von der franzosischen Revolution zu furchten oder zu hoffen?
Erster Abschnitt
Wer kann richtig uber grosse Weltbegebenheiten
urteilen
Uber grosse Weltbegebenheiten kann am richtigsten erst von der Nachkommenschaft geurteilt werden; nur sie vermag mit kaltem Blute die Zeugnisse der Zeitgenossen, die, ohne Unterschied, alle mehr oder weniger parteiisch sind, zu prufen und Ursachen, Wurkungen und Folgen, die einen durch die andern, zu erklaren.
Nur der, welcher auch nicht auf die entfernteste Weise mit den handelnden Personen in Verhaltnissen steht, darf sich schmeicheln, ein unbefangner Richter zu sein, und das ist bei solchen Ereignissen, die auf ganze Staatskorper Einfluss haben, nie der Fall, solange wir selbst noch Glieder eines Staatskorpers sind.
Man wende hiergegen nicht ein, dass die Zeit die kleinen Vorfalle vergessen mache, die oft, mehr wie die grossen, offentlichen Ereignisse, als Triebfedern wurken! Wer weiss nicht, mit welchen falschen Anekdoten sich die Neuigkeit des Tags tragt! Grade diese werden erst nach und nach berichtigt, erlautert, und das echt Charakteristische bleibt. Doch versteht sich's, dass ich hier von einem Zeitalter rede, in welchem Kultur und Philosophie nicht schlafen. Wer wird leugnen, dass wir jetzt richtiger uber das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten urteilen wie die, welche, wahrend seiner Regierung, aus Menschenfurcht, aus Schmeichelei, aus falschen Enthusiasmus ihn bis in den Himmel erhoben oder aus Rache und Neid ihm vielleicht jede Art von Grosse und Tugend absprachen? Wer mochte wohl eine allgemeine Geschichte der Reformation fur zuverlassig halten, die im sechzehnten oder siebzehnten Jahrhunderte geschrieben ware?
Das Gemalde muss erst aus einem Standpunkte beobachtet werden konnen, wo man es im Ganzen ubersieht, ohne von dem Schimmer einzelner Farben, ohne von dem Interesse an einzelnen Gruppen geblendet, ohne durch die kleinen Details zerstreuet zu werden. Unsre individuellen Lagen aber, Vorliebe oder Widerwillen vor oder gegen unsre und fremde Verfassungen, gegen unsre und fremde Systeme, vor oder gegen Nationen und Personen, die entweder Beforderer oder Storer, Tadler oder Lobpreiser jener Gegenstande sind, determinieren uns, solange wir mitten in dem Gewuhle leben. Kleine, unmerkliche Beziehungen stimmen uns zur Parteilichkeit gegen lebende Personen und gegenwartige Dinge. Selbst auf den geubten Denker, der sich ganz kalt und unbefangen glaubt, wurkt heimlich irgendeine von diesen Rucksichten; ware es auch nur ein vaterlandisches oder ein Erziehungsvorurteil, eine vorgefasste Meinung von denen, welche sich der Sache annehmen, oder dergleichen.
So unwurdig eines Philosophen es ist, den Wert einer Unternehmung nicht nach der innern Gute des Zwecks und der Mittel, sondern nach dem Glucke oder Unglucke des Erfolgs zu wurdigen, so scheint es doch bei manchen Fallen, wenn von politischen Umwalzungen die Rede ist, notwendig, sein Urteil nicht bloss nach moralischen und szientifischen Grundsatzen einzurichten, sondern der Zeit zu uberlassen, dem praktischen Nutzen, den die Veranderung stiftet, der Konsequenz der angewendeten Mittel und der Moglichkeit der dauernden Ausfuhrung das Wort zu reden. Da fallen denn nun freilich die Resultate oft ganz anders aus wie unsre Rasonnements. Als Amerion die heilige, unleugbare Befugnis des Menschen, unbestimmte oder von seiner Seite gebrochene Kontrakte wieder aufzuheben, sich fremden Schutz zu erbitten, wenn man sich selbst schutzen kann, und die Fruchte seines eignen Fleisses nach seiner eignen Weise zu geniessen, gegen das uneigentlich sogenannte Mutterland gelten machen wollte, da eiferten nicht nur Moralisten und Rechtsgelehrte wider die Undankbarkeit der Kolonien, sondern die Staatspropheten sahen auch voraus, dass diese von eigennutzigen Bosewichtern und Aufruhrern irregeleitete, nicht von einem Geiste beseelte, unter sich selber durch Uneinigkeit getrennte Leute, ohne disziplinierte Armee, ohne Gesetze, ohne Bundesgenossen, ohne Geld, ohne Kredit, wenig ausrichten und bald zum Gehorsame wurden zuruckgefuhrt werden. Den Journal- und Bucherschreibern der damaligen Zeit, besonders dem empfindsamen Herrn Fahndrich Anburey, dessen Beschreibung von Nordamerika der Herr Geheimerat Forster ubersetzt hat, schauderte die Haut bei Schilderung der Abscheulichkeiten, durch welche die verblendeten Amerikaner sich alles Mitleids unwert machten und ihr armes Land fur Jahrhunderte in eine Wustenei verwandelten. Er, und mit ihm nicht nur mancher andrer Fahndrich, sondern auch mancher General und Mann von Gewichte, beschrieb die Heere dieser Vagabonden als Rauberrotten, die kaum verdienten, von regulierten Truppen zu Paaren getrieben zu werden. Wer hatte auch glauben sollen, dass Leute ohne Schuhe und Strumpfe, die zuweilen bloss davonliefen, wo man schicklicher nach dem Takte hatte retirieren sollen, die nicht wussten, was deployieren und durchziehn und dergleichen hiess, und deren Anfuhrer gemeine Kerl, ohne Geburt und Stand, waren, dass diese unsre bunten Mannerchen, mit Gold und Silber geziert, die, unter Anfuhrung von Lords, Grafen und Edelleuten, alles nach dem Tempo zu tun verstanden, schlagen, gefangennehmen und zum Lande hinausjagen wurden? Die Zeitungen und Privatbriefe waren voll von Zwist und Spaltung, die unter den Mitgliedern des Kongresses herrschten, von Trennung und Unterwerfung einzelner Provinzen unter Britanniens Zepter, von allgemeiner Anarchie, Mord und Raube. Und wie sieht es jetzt mit diesen Rebellen aus, nachdem kaum der sechste Teil eines Menschenalters seit jener Zeit verflossen ist? Keine Spur mehr von Mangel, Unordnung und Garung! In voller Wurde, respektiert und gefurchtet von allen Volkern des Erdbodens, steht der neu errichtete Staat da, nachdem er seine Freiheit mutig errungen und sich einen ehrenvollen Frieden verschafft hat ein wundersames politisches Phanomen! Menschen, unter verschiednen Himmelsstrichen geboren, nun in eine Nation zusammengeschmolzen. Provinzen, deren jede sich besondre Gesetze gemacht hat, zu einem grossen Staatskorper vereinigt, ohne gemeinschaftliches einzelnes Oberhaupt, ohne Adel, ohne herrschende Religion, im hochsten Wohlstande und Flor, den nur Freiheit, Frieden, gute Polizei, Handel, Wissenschaften und Kunste gewahren konnen, von Tage zu Tage zunehmend, in bruderlichem Bundnisse mit ihren ehemaligen Vormundern, ein Muster, dem andre Volker nachstreben! Wie gern wurde mancher Furst, der damals von den amerikanischen Rebellen mit der tiefsten Verachtung redete, jetzt mit grosser Herablassung und Dankbarkeit von der amerikanischen Nation eine kleine Statthalterschaft fur einen seiner Prinzen annehmen, wenn dies Volk es zu erkennen wusste, wozu ein Furstensohn taugt! Wie gern verfertigte jetzt ein Schriftsteller, der damals seine Federn gegen den Kongress wetzte, eine Lobrede auf die vereinigten Provinzen, wenn ihm das ein Jahrgeld eintragen konnte!
Selten also urteilt die gegenwartige Generation richtig uber die grossen Weltbegebenheiten ihrer Zeit; wenigstens wage sich niemand daran, der nicht oft den Versuch gemacht hat, mit philosophischem Blick, ohne Systemgeist, unparteiisch (soviel das moglich ist) uber allgemeine Gegenstande der Politik, uber die Vorteile und Nachteile einzelner Staatsverfassungen und, an der Hand der Geschichte, uber die Ursachen des Glanzes und des Sturzes alterer Reiche und Volker nachzudenken! Es wage sich nicht an diese Arbeit der Mann, dem die kleinern Lokalumstande fremd sind, der den Geist, die Stimmung, den Grad der Kultur der Nation, wovon die Rede ist, nur aus Buchern kennt! Es wage sich nicht an diese Arbeit der Stubengelehrte, der bis dahin mehr mit verstorbnen als mit lebenden Menschen umgegangen ist und der die gewaltigen Sturme des Lebens, welche Leidenschaften aller Art erregen konnen, nur von dem Fenster seines warmen Studierzimmers herab in ihren furchterlichen Folgen beaugelt, nie aber ein unmittelbar teilnehmender Zeuge dabei gewesen ist und nie die ersten, oft sehr kleinen Ursachen der Entstehung beobachtet hat! Endlich wage sich nicht an diese Arbeit der Reisende, der das Land mit Postpferden durchstreicht und aus den Gesprachen der einzelnen Anhanger dieser und jener Partei, die er bei seinem kurzen Aufenthalte in den Stadten kennengelernt, den Stoff zu seinen allgemeinen Urteilen entlehnt!
Nach solchen Voraussetzungen wird man mich nicht in dem Verdacht haben, ich wolle diese Grundsatze bei meinem Rasonnement uber die franzosische Revolution verleugnen oder ich hielte mich berufen, uber dieselbe sowie uber die Vorzuge und Mangel der neuen Konstitution zu entscheiden. Meine Absicht ist im Gegenteile, zu zeigen, wie wenig wir noch jetzt imstande sind, in dieser grossen Begebenheit klar zu schauen, zu warnen vor ubereilten Urteilen, zu unzeitiger Furcht und vor blindem Eifer und endlich aufmerksam zu machen auf die allgemeinern Grundsatze, von denen wir ausgehn mussen, wenn wir etwas Passendes von der franzosischen Staatsumwalzung und deren vermutlichen Folgen sagen wollen.
Zweiter Abschnitt
Bemerkungen uber gewaltsame Revolutionen
uberhaupt
Nichts kommt mir alberner vor, als wenn man sich in moralischen und politischen Gemeinspruchen uber die Befugnisse und Nichtbefugnisse einer ganzen Nation, ihre Regierungsform zu andern, ergiesst; wenn man daruber rasoniert, was ein Volk, wenn es sich emport, hatte tun sollen und wie es hatte besser und gelinder handeln konnen und sollen und ob zuviel oder zuwenig Blut dabei vergossen worden. Ja, wenn von einem Plane die Rede ist, den ein einzelner Mann entwirft, wenn die Frage ist, ob Brissac recht und weise handelte, als er, ehe Heinrich der Vierte sich auf dem Throne befestigt hatte, uber dem Entwurfe brutete, aus Frankreich eine freie Republik zu machen, dann lasst sich vielleicht entscheiden, inwiefern er dazu Befugnis und Veranlassung hatte, ob er, bei der damaligen Stimmung und politischen Lage der Nation, sich mit einem glucklichen Erfolge schmeicheln durfte oder nicht und welche Mittel er hatte anwenden sollen und konnen, um seinen Zweck zu erreichen; wenn aber ein ganzes Volk, durch eine lange Reihe von wurkenden Ursachen, dahin gebracht ist, seine bisherige Regierungsform, die nicht taugte, die nicht in die jetzigen Zeiten, nicht zu dem gegenwartigen Grade der Kultur passte, in welcher sich der grosste Teil der Burger unglucklich fuhlte, mit Gewalt uber den Haufen zu werfen, wenn sie alle hierzu durch einen Geist belebt werden, den ihre elende, verzweifelte Lage in ihnen erweckt hat, wenn dies also nicht nach einem bestimmt angeordneten Plane, sondern durch einen Windstoss geschieht, der auf einmal das Feuer, das lange unter der Asche geglimmt hatte, in helle Flammen auflodern macht wer kann da Ordnung fordern? wer kann da bestimmen, ob zuviel oder zuwenig geschieht? Schreibe dem Meere vor, wie weit es fortstromen soll, wenn es den Damm durchbricht, den Jahrhunderte untergraben haben!
Und wenn auch bei solchen gewaltsamen Umwalzungen Szenen vorfallen, bei deren Anblicke die Menschheit zuruckschaudert, wer tragt dann die Schuld dieser Greuel? Ganz gewiss mehr die, gegen welche man sich emport (oder vielleicht ihre Vater), als die Emporer selbst auf sie, die entweder durch despotische Misshandlungen das Volk aufs ausserste gebracht oder durch Beispiel und Beforderung des schandlichsten Luxus und aller Wolluste wahren Seelenadel und Einfalt der Sitten in allen Klassen der Burger zerstort oder wenigstens, sorglos in ihrem Berufe, von boshaften, gleisnerischen, raubsuchtigen Schranzen umgeben, die Untertanen der Verfuhrung, der Plunderung und dem Drucke preisgegeben, es gegen jede Herrschaft, gegen jeden Zwang erbittert, alle Herzen von sich abgelenkt haben auf ihnen ruht die Sunde. Die Menschen im ganzen lieben Ruhe und Frieden, setzen nicht leicht den massigen, aber sichern Genuss des Gegenwartigen aufs Spiel bei der Aussicht eines muhsam zu erkampfenden ungewissen Kunftigen; allein wenn der Despotismus es dahin gebracht hat, dass die Staatsverfassung einem Kriege aller gegen alle ahnlich sieht, wenn jeder nimmt, wo er ungestraft nehmen darf, niemand Gesetze anerkennt, sobald er sich Impunitat erschleichen, ertrotzen oder erwurgen kann, wenn kein Eigentum mehr respektiert wird, wenn kein Burger sicher ist, den Erwerb seines Fleisses vor den Klauen der Raubtiere bewahren zu konnen, wenn man endlich doch Leben und Freiheit wagt, man spiele das grosse Spiel mit oder nicht wer wird es dann auch dem Sanftmutigsten zum Verbrechen machen wollen, dass er, statt sich geduldig schinden zu lassen, mit dreinschlagt, mit zugreift, da, wo soviel zu gewinnen und keine andre Gefahr zu laufen ist, als die ihm, nicht weniger, taglich in seiner friedlichen Hutte drohte, als er sich auch nicht regte?
Uberhaupt ist es ganz verlorne Muhe, zu rasonieren uber die Befugnisse eines Volkes, seine Regierungsverfassung zu andern. In den grossen Plan der Schopfung gehoren diese Umkehrungen; sie sind unvermeidlich; sie werden herbeigefuhrt durch die Ebben und Fluten der Kultur; die Menschen sind nur die Werkzeuge in der Hand der alles ordnenden Vorsehung. Ist der Zeitpunkt da, stimmen alle Umstande dazu ein, so sind alle Wurkungen einzelner Leute, alle Anstalten der Regenten, alle Predigten und Deklamationen dagegen vergeblich. Das Recht des Starkern ist in der ganzen Natur herrschend. Worauf sonst als auf dieses Recht grunden die Despoten ihre Gewalt? womit sonst als mit diesem Rechte des Starkern machen sie uns, an der Spitze von hunderttausend Mann, die Grunde, worauf ihre Deduktionen gestutzt sind, anschaulich? Ist dies Recht aber nicht auf ihrer Seite, so haben auch ihre Grunde wenig Gewicht, und sie mussen dem nachgeben, der mit mehr Nachdruck den Beweis seiner Rechtmassigkeit fuhrt. Von der Natur sind nun einmal die Menschen nicht in Klassen geteilt, nicht einige zum Gehorchen, andre zum Herrschen bestimmt. Der Mensch, der sich von einem Menschen regieren lasst, tut dies entweder, weil er muss oder weil er will. Er muss, wenn der andre starker ist, sei es an Korper oder Geiste oder durch Bundnisse mit mehrern. Er will, wenn er sich behaglich dabei fuhlt oder wenn er in dem Wahne steht, der andre sei auf irgendeine Weise berechtigt, ihm Gesetze vorzuschreiben. Wenn aber kein Ubergewicht da ist, wenn Liebe und Zutraun aufhoren, wenn Unzufriedenheit eintritt und Wahn verschwindet dann demonstriere einmal, drohe einmal, Furst, Moralist, Staatsmann! und siehe zu, ob du etwas ausrichtest! Denn (moge auch der Satz noch so herbe klingen!) man kann dem Menschen die Notwendigkeit der Erfullung aller moralischen Pflichten unwiderleglich beweisen; aber ich weiss nicht, wie man es anfangen kann, einen Menschen zu uberzeugen, dass er eine naturliche, angeborne Verbindlichkeit auf sich habe, einem andern Menschen von Fleisch und Bein zu gehorchen, wenn er dies nicht glauben will, nicht glauben muss oder nicht sein Interesse dabei findet, es zu glauben. Seine Vernunft sagt es ihm nicht; die Religion sagt ihm, dass er seiner Obrigkeit gehorchen solle; aber wer diese Obrigkeit sein soll und wer das Recht hat, sie einzusetzen, da wir keine Theokratien mehr haben, das sagt sie ihm nicht, und das ist doch der Punkt, worauf es ankommt. Gegen Kontrakte, die er nicht selbst geschlossen hat, wird er viel Einwendungen finden, wenn sie ihn drucken; die Beforderung der allgemeinen Ruhe, des allgemeinen Wohls kann einen Philosophen bewegen. Privatvorteile aufzuopfern, aber nicht den Pobel diesen zum ruhigen Gehorsame zu bringen, wenn man ihn weder durch Wahn noch Gewalt zwingen kann, dazu gibt es, ich sage es noch einmal, kein andres Mittel, als dass man in ihm den freien Willen erwecke, gern zu gehorchen. Wie dies moglich zu machen sei, das soll noch, zur Erbauung aller Regenten, in diesen Blattern gezeigt werden, und ich zweifle nicht, einer von ihnen wird mich fur dies Rezept mit einer kleinen jahrlichen Pension von einem paar tausend Talerchen belohnen. Unter den zahlreichen Geschenken, die sie aus fremden Beuteln nehmen, wurde dieses, denke ich, nicht am schlechtesten angelegt sein; und ich will ihnen dann nie wieder ein Rezept aufdringen.
Dritter Abschnitt
Anwendung dieser Satze auf die franzosische
Revolution
Lasset uns nun, was ich von den grossen Staatsumwalzungen uberhaupt gesagt habe, auf die franzosische Revolution anwenden! Unvermeidlich war sie, vorauszusehn war sie, mit allen ihren furchterlichen Folgen; das wird jetzt jeder Geschichtsforscher und Philosoph zugestehn mussen; aber dergleichen mit klaren Worten voraus zu verkundigen, das ist eine kitzlige Sache, besonders in despotischen Staaten.
Seit Jahrhunderten seufzte Frankreich unter dem Drucke des furchterlichsten orientalischen Despotismus. Bekannt genug sind die greulichen Schandtaten, die verheerenden Kriege und die innerlichen Unruhen, durch welche die Regierung der mehrsten Konige aus dem Hause Valois, besonders die des blutdurstigen Ludwig des Eilften und des verachtlichen Karls des Neunten, sich auszeichnete.
Der grosse, edle Heinrich genoss der ruhigen Tage zu wenige, um seinem armen Volke wieder aufzuhelfen; aber er lebte lange genug, um dies Volk mit der Gluckseligkeit, einen guten und weisen Konig zu haben, bekannt zu machen, damit es desto lebhafter den Kontrast dieser Zeiten mit den vorigen und nachherigen Regierungen fuhlen mochte; und so gab er selbst der Nation den Unterricht, was sie von ihren Konigen einst fordern, das Beispiel, worauf sie ihre Monarchen einst hinverweisen konnte.
Die mannlichen und weiblichen Vormunder des bis zu seinem Tode minderjahrigen, schwachen Ludwig des Dreizehnten verschafften Frankreich Ansehn von aussen und Armut, Sklaverei und Zerstorung aller Moralitat von innen.
Auf die tiefste Stufe der Erniedrigung aber wurde die Nation durch den Monarchen Mazarin und nachher durch den kindisch eiteln Tyrannen, der sich den Beinamen des grossen Ludwigs geben liess, herabgesturzt. Die Regierung dieses abscheulichen Menschen war eine ununterbrochene Reihe von glanzenden Niedertrachtigkeiten, Grausamkeiten und Verwustungen. Er spielte mit dem Leben, dem Eigentume, der Ehre, der Freiheit, der ganzen burgerlichen, physischen, moralischen und intellektuellen Existenz seiner Mitburger. Kaum hatte der magre Aachensche Frieden dem Blutvergiessen eine Ende gemacht, so fing er, ohne alle andre Ursache, als weil er seinem Nebenbuhler um Ruhm, Wilhelm von Oranien, die Grosse beneidete, welche er nicht erreichen konnte, einen neuen Krieg an, der mit dem fur Frankreich ebenso nachteiligen Ryswickischen Frieden geschlossen wurde. Jeder Staat, der seinem niedrigen Hochmute ein Opfer versagte, wurde von ihm geneckt, angegriffen und von seinen Rauber- und Banditenheeren zu einem Schauplatze grausamer Ermordungen, Verheerungen und Mordbrennereien gemacht. Das nannte er dann Siege und liess sich dafur von feilen Dichtern lobpreisen und von Malern und Bildhauern der Verachtung der freien Nachwelt ausstellen. Indes Hunderttausende in seinem Namen erwurgt wurden, bauete er asiatische Palaste, in denen er mit Histrionen, Schranzen und geilen Weibern Ballette tanzte und Unzucht trieb. Ihm waren beschworne Vertrage und das konigliche Ehrenwort Kinderpossen, und gleich als wenn ihm die weltlichen Handel nicht Gelegenheit genug gegeben hatten, wie ein reissendes Tier unter friedlichen Menschen herumzufahren, riss er den grausamen und heuchlerischen Pfaffen den Dolch und die Fackel des Fanatismus aus der Hand und sturzte damit unter seine treuesten und fleissigsten Untertanen, von denen indes der funfte Teil doch seiner Mordlust glucklich entwischte, auswanderte und Wohlstand und Segen mit sich fort in fremde Provinzen trug. Allein seine Lieblingswaffen waren unredliche Politik, Kabale, Ranke und Bestechungen; mit diesen verbreitete er Misstrauen und Zwist an auswartigen Hofen und totete edle Gesinnungen und grosse Gefuhle in den Herzen seiner Untertanen. Noch galt er fur einen eminenten, glanzenden, gefurchteten Bosewicht; aber auch diesen Schimmer von Grosse nahm das Gluck ihm im Spanischen Sukzessionskriege, in welchem seine nur fur seine Eitelkeit fechtenden Heere fast immer geschlagen, seine Provinzen entvolkert und die Schulden gehauft wurden. Am Ende seiner Tage blieb dem Elenden keine andre Wonne ubrig, als, umgeben von Bettlern, mit der alten Vettel, die er sich hatte zum Eheweibe aufschwatzen lassen, die Sunden, die er gern noch langer begangen hatte, am Rosenkranze abzubeten. Sprechet, was hatte dieser Bosewicht vor den Vitellien, Diokletiane und Heliogabeln voraus? Oh! er stand tief unter ihnen. Diese schwachen Tyrannen konnten doch noch einen Teil ihrer Schuld auf das Gluck und die Verblendung eines Volks schieben, das sich vergriffen hatte, als es ihnen ein Los zuteilte, dessen sie sich so unwurdig zeigten; auch war die Stimmung des damaligen Zeitalters rauher; aber Ludwig, mit den herrlichsten Anlagen, wenigstens zum Privatmanne, von der Natur ausgerustet, unter einer Nation und in einer Periode geboren, die sich durch mildere Sitten auszeichneten, ein Liebhaber und Kenner der schonen Kunste nein! von ihm kann nichts den Fluch abwenden, den soviel Millionen Menschen seinem Andenken nachschicken.
Man konnte sich wundern, dass nicht schon damals die franzosische Nation aus dem furchterlichen Schlafe erwachte, in welchen der Despotismus sie hineinmanipuliert hatte, dass sie nicht schon damals aufsprang und die unnaturlichen Fesseln abschuttelte, wenn man nicht Rucksicht nehmen musste auf ihren herrschenden Charakter und auf das Zusammentreffen vieler Umstande. Sie war von jeher gewohnt, einem einzelnen Beherrscher zu gehorchen, hielt dies fur die Ordnung der Natur, liebte enthusiastisch die monarchische Verfassung und ihre Konige; der aussere Glanz der Taten, wodurch sie sich, obgleich als Maschine eines hochmutigen, eiteln Toren, in den ersten glucklichen Kriegen verherrlichte und andre Volker demutigte, kitzelte den Nationalstolz; der Leichtsinn, der den Franzosen so eigen ist, liess sie das Elend nicht wahrnehmen, in welches sie nach und nach hineingezogen wurden. Der Prunk der Schauspiele und Feste blendete ihre Augen, wirkte auf ihre Sinnlichkeit, riss die Burger aller Klassen in einen Strudel von Zerstreuungen hinein. Sie sangen, witzelten und tanzten den Hunger weg. Noch herrschte in dem an Hulfsquellen so reichen Frankreich keine so allgemeine Not, die nicht irgendeine komische Seite gehabt hatte, auf welche ein lustiger Franzose ein Epigramm machen konnte; und dann lachte das ganze Volk mit. Die argsten Rasoneurs schwiegen auch oder wurden gar in Lobredner verwandelt, wenn sie einen Brocken von der allgemeinen Beute erhaschten, sich durch Kreaturen von Kreaturen ein Amtchen oder ein Jahrgeld erbetteln konnten; ein grosser Teil der Nation vergass das Murren unter dem Gerausche der Waffen und, kurz, die argsten Wirkungen des despotischen Unfugs wurden erst unter den folgenden Regierungen recht, sichtbar.
Die Regentenschaft des Herzogs von Orleans vollendete den Ruin und die Korruption des franzosischen Volks, und seine Administration zeichnete sich durch Bubenstucke und Laster aller Art aus, obgleich er selbst mehr ein schwacher Wollustling als ein unternehmender Bosewicht war.
Ludwig des Funfzehnten Zeiten sind uns noch so nahe; die Inkonsequenzen und Abscheulichkeiten dieser Regierung, die Diebstahle aller offentlichen Staatsbedienten, die in den gesegnetesten Jahren durch die koniglichen Getreidepachter kunstlich erregte Hungersnot, die greuliche Finanzverwaltung, die hollische Wirtschaft der raubgierigen und rankevollen Matressen, die mutwillig verlornen Schlachten, in welchen tapfre Krieger von unbartigen Knaben, von unwissenden Kreaturen der Dame Pompadour und von erkauften Schurken auf die Schlachtbank geliefert wurden, die heimlichen Einkerkerungen und Ermordungen edler Manner, die das Ungluck hatten, den Hass der verschwornen Rotte auf sich zu laden, die lettres de cachet, die heillosen Verschwendungen das alles ist uns noch in frischem Andenken.
Und so erbte dann der arme, gutmutige Ludwig der Sechzehnte den Thron, auf welchem er ein Volk beherrschen sollte, das in Not, Armut und Verzweiflung schmachtete; der Staat war mit Schulden belastet, das tiefste Verderbnis der Sitten in allen Standen verbreitet, die wichtigsten Amter im Reiche hatte man an Bosewichte verhandelt, die tausendmal des Galgens wert waren, an welchem einige von ihrer Bande nachher ihre ruhmliche Laufbahn geendigt haben; der Adel ubte ungestraft die argste Tyrannei gegen den unglucklichen Bauernstand; aus Mangel an Geld und Kredit ruheten die mehrsten Nahrungszweige, die dem Burger hatten aufhelfen konnen, bei welchem noch obendrein der verheerende Luxus die unnutzen Bedurfnisse vervielfaltigt hatte; nur der verachtlichste Teil derselben, der sich in den Hauptstadten von diesem Luxus nahrte, erschwang sich so viel, dass er den Grossen in ihrer Verschwendung nachahmen konnte; die Erpressungen aller Art gingen indessen fort; die Auflagen waren unertraglich und unnaturlich; die Geistlichkeit steuerte nichts und verschwelgte in sittenloser Uppigkeit, was der ungluckselige Landmann im Schweisse seines Angesichts und mit heissen Tranen herbeischaffte. Der Frieden gab der Nation Musse, diesem allen nachzudenken; das Volk durch Feste zu ubertauben, dazu fehlte es auch an Mitteln; was aber vollends die furchterlichsten Folgen prophezeiete, war die durch den Despotismus selbst beforderte, nun taglich allgemeiner sich ausbreitende Aufklarung. Eine gewisse rasonierende Philosophie, die, wenn sie, unter weniger unglucklichen aussern Umstanden, von Einfalt der Sitten begleitet ist, die Menschen lehrt, mit ihrem Zustande zufrieden zu sein, unvermeidliche Widerwartigkeiten zu ertragen, den Mangel an Wohlstand durch verdoppelte Massigkeit zu ersetzen und ihre innere Gemutsruhe nicht durch gefahrliche Plane auf eine ungewisse Zukunft zu storen, diese Philosophie, sage ich, hatte einen Anstrich von Bitterkeit angenommen. Sie offnete dem Volke die Augen uber seinen verzweifelten Zustand, erweckte in ihm das Gefuhl, nicht langer mehr die schandlichsten Misshandlungen ertragen zu konnen; man fing an, uber ursprungliche Menschenrechte, uber den Beruf der Konige, uber die Gultigkeit der Privilegien des Adels und uber Pfafferei und Hierarchie laut zu reden und zu schreiben.
Indessen hofft man immer alles von jeder neuen Regierung; also erwartete man auch von Ludwig dem Sechzehnten Milderung des allgemeinen Elendes, Abschaffung der Missbrauche aber man wartete lange vergebens. Was er hatte tun konnen und sollen, was die Konigin zum Besten gewirkt hat oder nicht gewirkt hat, ob man die Finanzen besser verwalten, den unnutzen Aufwand einschranken, redlicher und offner hatte verfahren konnen, daruber lasset uns jetzt nicht rasonieren! genug! dem Jammer wurde nicht abgeholfen, und die Unruhe und die Garung nahmen zu. Nun berief man denn endlich die Stande des Reichs; allein von der einen Seite waren schon die Forderungen der lange Zeit misshandelten, oft getauschten sogenannten untern Stande zu hochgespannt, von der andern schienen Adel und Geistlichkeit gar nicht zu ahnden, dass die Zeit, Ubermut zu zeigen, ererbte Verdienste gelten zu machen und durch Verjahrung geheiligte Missbrauche aufrechtzuerhalten, verstrichen ware. Man sprach wohl von freiwilligen, ansehnlichen Beitragen, von grossmutigen Aufopferungen, aber der tiers etat fand diese Sprache nicht mehr passend.
Er war nicht mehr zu uberzeugen, dass er, der grossere, wichtigere und arbeitsame Teil der Nation, geboren sein konnte, langer die untergeordnete Rolle zu spielen, sich taxieren, sich im Blinden fuhren, sich nicht nach bestimmten Gesetzen, sondern nach Willkur regieren zu lassen. Alles Zutrauen, aller guter Wille war verschwunden mogen immerhin bosgesinnte Sturmer das Feuer angeblasen haben! Genug, dies Feuer war da, glimmte in allen Ecken, musste unvermeidlich einmal mit Ungestum ausbrechen.
Was fur Auftritte nachher erfolgt sind, das ist bekannt genug noch einmal! ich vermesse mich nicht, daruber zu urteilen, und glaube nicht, dass irgend jemand, bei der Lage der Sachen, sagen durfe, "das hatte man tun, das unterlassen sollen". Ich glaube, dass die Anarchie kein Werk einzelner Aufruhrer, sondern die unvermeidliche Folge der abscheulichen Behandlung ist, durch welche man das Volk aufs ausserste getrieben hatte. Ich glaube endlich, dass die Deputierten zwar ihre Vollmachten uberschritten sind, dass sie aber dem Geiste des grossten Teils der Nation gemass gehandelt haben und dass, wenn sie weniger getan hatten, neue Emporungen gefolgt sein wurden, bis doch alles endlich auf diesen Punkt des allgemeinen Umsturzes alles dessen, was irgend mit der ehemaligen Staatsverwaltung zusammenhing, gekommen sein wurde. Dies alles wird schon dadurch bestatigt, dass das Volk freiwillig zu Deputierten der zweiten Versammlung noch eifrigere, kuhnere Manner (oder vielmehr, leider! Junglinge) gewahlt hat, welche die Einschrankungen der koniglichen Gewalt noch viel weiter treiben. Schwerlich hatte man zum Beispiel, bei der jetzigen Stimmung, die Einrichtung von zwei Kammern, wie in England, zustande gebracht; und ware es geschehn, so wurden bald die dem Despotismus und den vorigen Missbrauchen ergebnen hohern Stande neue Trennungen bewirkt haben so glaube ich; aber ich verlange nicht, irgend jemand zu meinem Glauben zu bekehren.
Uber diese Revolution, uber die neue Konstitution und uber die Schritte der Nationalversammlung muss man jetzt so manche widersprechende Urteile horen und lesen, dass man in der Tat immer vorsichtiger in seinen Entscheidungen werden sollte. Von einer Seite schildert man uns diese grosse Begebenheit als das Werk der verachtungswurdigsten, eigennutzigsten Bosewichte, Aufruhrer und Konigsmorder, verschworen, das ganze Reich in Elend und Verwirrung zu sturzen, um im truben zu fischen. Man schildert uns die Beschlusse der Deputierten als ein Gemische von schreienden Ungerechtigkeiten und torichten Hirngespinsten und die Ausschweifungen des Pobels als unerhorte, nie gesehene Greuel, planmassig von den Verschwornen veranstaltet. Endlich prophezeiet man dem armen Frankreich den ganzlichen Ruin oder eine nahe bevorstehende Umkehrung der Dinge durch eine Contre-Revolution und die Einmischung der ubrigen europaischen Machte. Von der andern Seite erheben die Freunde der Revolution dieselbe, mit allen ihren schon erlebten und noch zu erlebenden Folgen, bis in den Himmel. Sollen wir ihnen glauben, so ist, solange die Welt steht, noch keine grossere, der Menschheit wichtigere und wohltatigere Begebenheit vorgefallen. Sie lassen uns alle dabei verubten Gewalttatigkeiten als notwendige, durch die Grosse des Zwecks geheiligte Mittel ansehn. Sie schildern uns die Manner, welche bei diesen Unternehmungen vorangegangen sind, als die edelsten, weisesten, uneigennutzigsten, kraftvollsten Helden und Philosophen und verkundigen nicht nur der franzosischen Nation von jetzt an die ruhigste, glucklichste Periode, ein Goldnes Zeitalter, sondern allen ubrigen europaischen Staaten eine baldige Nachfolge. Die gemassigtere Partei billigt den Zweck, tadelt aber die Mittel oder findet, dass man im ganzen zu weit gegangen sei, oder hofft, dass diese allgemeine Garung nach und nach alle Gemuter zum Frieden geneigt machen, dass man von beiden Parteien die Saiten herabstimmen und am Ende eine monarchische Staatsverfassung wieder herstellen werde, doch also, dass die Gewalt des Konigs und der Minister, durch die Mitwirkung gewisser Volksreprasentanten, beschrankt sei. Nur wenige sind weise genug, sich aller entscheidenden Urteile zu enthalten, das, was geschehn ist, wie unvermeidliche Folge vorhergegangener Missbrauche zu betrachten und die beste Entwicklung von der gutigen und weisen Vorsehung zu erwarten.
Wundern wir uns nicht uber die grosse Verschiedenheit dieser Meinungen! Selbst zwei gleich unparteiische, gleich einsichtsvolle Reisende konnen, was sie wahrend dieser Unruhen in Frankreich sehen, aus sehr verschiednen Gesichtspunkten betrachten. Der eine, wie zum Beispiel der Herr Rat Campe, durchreist, ehe er den franzosischen Boden betritt, Gegenden, in welchen von allen Seiten der Anblick der Not, der Niedergeschlagenheit, der Sklaverei, welche des armen Landmanns Erbteil in so manchen Provinzen sind, und des Ubermuts und der willkurlichen Anmassungen der hohern Stande sein moralisches Gefuhl emport hat; und nun wird er auf einmal auf einen Schauplatz versetzt, wo ein von der eben muhsam errungnen (wahren oder, ware das auch, eingebildeten) Freiheit wonnetrunkenes Volk ihm entgegenjubelt; wo er, im Gerausche dieser allgemeinen Trunkenheit, keinen Seufzer, keine Klage hort, wo die ganze Nation, zu einem herrlichen Feste vereinigt, in dem Augenblicke der Berauschung alle Privatuneinigkeiten und allen Parteigeist vergisst, wo Freund und Feind Hand in Hand um den Altar der Freiheit den Reihen tanzen und wo er, in diesem ungeheuren Gewuhle, doch auch nicht eine einzige Szene von Unordnung oder Gewalttatigkeit wahrnimmt, ohne welche in monarchischen Staaten selten das Geburtsfest irgendeines der Menschheit sehr unwichtigen und unnutzen Grossen gefeiert werden kann wen kann es befremden, wenn dieser Mann, bezaubert von dem vorher noch nie genossenen einzigen Anblicke in seiner Art, von einem Anblicke bezaubert, der den gefuhllosesten Menschenfeind mit Wonne und Bewunderung erfullen musste, wenn dieser Mann, sage ich, sein Herz sich erweitern fuhlt und diese Empfindung sich in ihm erneuert, indem er die Szenen schildert, wobei er ein Zeuge gewesen, wenn er dann mit Warme einer Revolution das Wort redet, die wenigstens nach dem, was er gesehn und gehort hat, soviel Millionen Menschen glucklich und froh macht? Wehe dem verachtlichen Sklaven, der deswegen von dem Kopfe oder von dem Herzen dieses Mannes nachteilig urteilen oder gar es versuchen wollte, ihn, wegen einiger kuhnen Ausdrucke oder einiger vielleicht (doch nur vielleicht) ubertriebnen Deklamationen, verdachtig oder lacherlich zu machen!1
Ein andrer, nicht weniger hellsehender Reisender kommt in eine franzosische Stadt, wo grade der noch nicht beruhigte Pobel sich gegen wahre oder vermeintliche Unterdrucker Grausamkeiten aller Art erlaubt, den Gesetzen und der Polizei trotzt, die jugendliche Kraft und die ihm noch neue Freiheit missbraucht, wie Junglinge, die eben dem Schulzwange entkommen sind, ihre Unabhangigkeit zu missbrauchen pflegen; er eilt erschuttert hinweg von diesem Schauplatze blutiger Gewalttatigkeiten; auf der Ruckreise schliesst sich einer von denen an ihn, die bei der Revolution, vielleicht ohne alle Schuld, Vermogen, burgerliche Ehre und Sicherheit eingebusst haben. Dieser unterhalt ihn mit den schrecklichen Auftritten, die in seiner Provinz vorgehen; mit Tranen in den Augen schildert er ihm die Not seiner verlassenen, ehemals wohlhabenden, nun durftigen, unglucklichen, fluchtigen Familie, die zerstorten Palaste, die Wohnungen, wo sonst Frieden und hausliches Gluck zu Hause waren, jetzt in Steinhaufen verwandelt, auf denen man unschuldige Burger mordet befremdet es euch, wenn dieser Reisende ein Bild von der franzosischen Revolution entwirft, das jenem wie die Holle dem Himmel ahnlich sieht?
Allein nicht nur in der Verschiedenheit der einzelnen Szenen, die ein Fremder in Frankreich wahrnehmen kann, je nachdem er zu dieser oder zu einer andern Zeit, in dieser oder einer andern Provinz seine Bemerkungen sammelt, liegt der Grund des Widerspruchs in den Urteilen uber die franzosische Staatsumwalzung, sondern auch in den Verhaltnissen, Stimmungen und herrschenden Ideen der Menschen selbst, die daruber reden und schreiben.
Wer bis dahin eine Herrschersrolle gespielt hat und nicht ganz gewiss ist, dass, sobald es auf freiwillige Wahl ankame, die Untergebnen lieber ihm als einem andern gehorchen wurden, der zittert vor der Moglichkeit, dass man ihm, wenn der Revolutionsgeist allgemein wurde, diese Hauptrolle abnehmen und eine untergeordnete anweisen konnte. Deswegen gibt es unter den grossen und kleinen Monarchen so wenige, die auf die neue Ordnung der Dinge gut zu sprechen sind vom Lander- und Volkerbeherrscher und Zepterfuhrer an bis auf den Schulmonarchen herab, der furchtet, die Discipuli mochten ihm den Baculum aus der Hand winden. Fast alle bei den alten Einrichtungen interessierte, an empfangne Huldigung und passiven blinden Gehorsam gewohnte Personen reden der willkurlichen Gewalt das Wort.
Personen, die in solchen Amtern und Wurden stehen, welche man in freien Staaten fur unbedeutend, unnutz oder gar fur verachtlich und schadlich halt, Hofschranzen und andre besoldete, pensionierte und bepfrundete Mussigganger, konnen den Gedanken nicht ertragen, dass ein System Anhanger finden mochte, das ihre ganze Existenz vernichtet, indem es nur dem Fleisse und dem wahren Verdienste Achtung, Vorrechte und Vorteile einraumt:
Solche Fursten und Edelleute, die sich bewusst sind, dass sie gar nichts mehr sein wurden, wenn sie aufhoren sollten, Fursten und Edelleute zu sein; Auch manche bessere, verdienstvollere Manner unter diesen, die aber von Jugend auf mit den Vorurteilen ihres Standes aufgewachsen und gewohnt sind, Dinge, deren Wert jetzt in Frankreich ganzlich verrufen ist, wo nicht wie Schatze voll inneren, echten Gehalts, wenigstens wie eine durch den Stempel der Konvention gewurdigte, nutzliche Ware zu betrachten; Geadelte Burger und alle solche Personen, die es sich haben Muhe und Geld kosten lassen, in eine Klasse hinaufzurucken, mit Standen in Verbindung zu kommen, die sie ausser dem vielleicht verachten wurden; Hohe und niedre Geistliche aller Bekenntnisse, die so gern Religion und Gottesverehrung, Theologie, Dogmatik, Kirchensystem und Christuslehre miteinander verwechseln, ihr Amt zu einem besondern Stande im Staate erheben und ihre Sache zur Sache Gottes machen; Solche Menschen, die uberhaupt gegen jede Neuerung eingenommen sind und es gern beim alten lassen; Schmeichler, feile, kriechende Schriftsteller, wie der elende Professor Hoffmann in Wien einer ist, und alle solche Insekten, die unbemerkt herumkriechen und sich furchten mussten, zertreten zu werden, wenn sie sich nicht in das Unterfutter der Grossen dieser Erde einnisteten; an Leib und Seele arme Schlucker, die sich von den Brosamen nahren, welche von der Herren Tische fallen; Gutmutige, furchtsame, mitleidige, gefuhlvolle und sanguinische Menschen, welche durch die Schilderung der verubten Gewalttatigkeiten erschuttert und emport werden; Untertanen guter Fursten, besonders in dem nordlichen Teile von Teutschland, die, unter milden Regierungen, bei dem ruhigen Genusse ihres Eigentums und ihrer Freiheit, gar keinen Begriff vom Despotendrucke haben und oh! der glucklichen Unwissenheit! das Bedurfnis einer andern Verfassung nicht kennen.
Alle diese stimmen mehr oder weniger lebhaft die allgemeine Meinung gegen die franzosische Revolution. Man kann ihnen, was die nachteiligen Eindrucke betrifft, welche sie bewirken, noch diejenigen zugesellen, die aus unvernunftigem Eifer, ohne Kenntnis der Sache, aus unbandigem Freiheitssinne, aus ungerechter Unzufriedenheit mit den Regierungen, welche nicht so hohe Begriffe wie sie selbst von ihren Verdiensten haben, sich unberufen zu ungeschickten Verteidigern aufwerfen.
Man sollte meinen, die neue Verfassung musste in republikanischen Staaten die eifrigsten Verfechter finden; allein es zeigt sich fast allgemein das Gegenteil. In England affektierte man anfangs, dieser grossen Begebenheit gar keine Aufmerksamkeit zu widmen. Erst in der Folge hat man mehr Warme fur die Sache besonders unter denen wahrgenommen, die mit den jetzt in England einreissenden Missbrauchen in der Verfassung unzufrieden sind. Dagegen hat sich der Sophist Burke durch eine Schmahschrift, in welcher er seine grossen Talente zu falscher Darstellung und Verdrehung offenbarer Tatsachen missbraucht, die Gunst des Ministers erbettelt, um ein Jahrgeld zu erlangen, das er zu teuer mit der allgemeinen Verachtung erkauft. Die Widerlegung, womit der edle Paine ihn zu Boden geschlagen hat, verdient von Freunden und Feinden der Revolution gelesen zu werden.
Was man in Holland uber diese Gegenstande urteilt, kann kaum hierher gehoren; denn die Vereinigten Niederlande haben jetzt weniger als jemals eine republikanische Verfassung.
In der Schweiz sind die grossen aristokratischen Kantons, wie sich's begreifen lasst, gegen die Sache, und die kleinern, glucklichen freien, halten sich wenig mit politischen Rasonnements uber fremde Verfassungen auf. In den italienischen Freistaaten herrscht ein Ton in der Staatsverwaltung, der zu den in Frankreich angenommenen Grundsatzen gar nicht passen will.
Unter den teutschen kleinen Freistaaten ist vielleicht Hamburg der einzige, wo man sehr viel warme Bewundrer der neuen franzosischen Verfassung findet.
Im ganzen scheint der Nationalstolz der Republiken, bei dem Genusse ihrer errungnen Freiheit, andern Landern eben auf die Weise den Besitz dieses Guts zu missgonnen, wie ein Kavalier von alter Familie dem Parvenu und dem geadelten Burger nicht gewogen zu sein pflegt.
Diese Bemerkungen treffen aber auf keine Weise die Vereinigten Staaten von Nordamerika; denn dort herrscht allgemeine Warme fur die franzosische Revolution. Gegenseitige Dankbarkeit knupfen beide Nationen aneinander edle Gefuhle, die in despotischen Staaten von Eigennutz und Politik erstickt, aber da heiliggehalten werden, wo wahre Tugend allein Anspruch auf Achtung und Ehrerbietung geben kann! In Amerika haben die Franzosen den Wert der Freiheit kennengelernt, und dort hat sich einer ihrer ersten Manner, ja, gewiss einer der edelsten Manner in der Welt, Fayette, ausgebildet. Von der andern Seite verdanken die nordamerikanischen Staaten grosstenteils den Franzosen ihre errungene Unabhangigkeit.
Gegen die Menge derer nun, die wir als nicht unparteiische Gegner der franzosischen neuen Verfassung angefuhrt haben, kann der Haufen derer, die in Europa davor eingenommen sind, freilich nur sehr klein sein, und selbst unter diesen konnen wir die nicht fur kompetente Richter gelten lassen, welche, ohne eigentliche Uberlegung und ohne Kenntnis der Sache, aus blindem Feuerreifer fur alles Neue und Ausserordentliche, die Partei jeder Umkehrung der Dinge nehmen. Solche Menschen schaden auch der besten Sache durch ihr Lob. Wie unbetrachtlich bleibt daher nicht die Anzahl der unparteiischen und grundlichen Beurteiler jener wichtigen Begebenheit, und wie wenig beweist die grossere oder kleinere Anzahl der Tadler oder Verteidiger vor oder gegen dieselbe?
Es bleibt noch eine dritte Klasse von Menschen ubrig, namlich die, welche ihre Meinung daruber gar nicht sagt. Sie besteht teils aus Furchtsamen, die es mit keiner Partei verderben wollen, teils aus solchen, die sich uber nichts bestimmt zu erklaren pflegen, sondern die schafskopfige Gewohnheit haben, es immer erst abzulauern, wie eine Sache ausfallen wird, und dann hintennach zu versichern, das hatten sie gleich also vorausgesehn.
Ich glaube nun hinlanglich erwiesen zu haben, dass jetzt noch jedes bestimmte Urteil uber das, was in Frankreich geschehn und was davon zu erwarten ist, ubereilt sein wurde. Man wende dagegen nicht ein, dass wir offenbare Tatsachen vor uns haben, nach denen wir unsre Meinung berichtigen konnen! Diese Tatsachen werden uns von Zeitungsschreibern, Journalisten und andern Schriftstellern oft ausserst unvollstandig, verstummelt und entstellt vorgetragen. Nicht jeder will, nicht jeder darf schreiben, wie und was er gern schreiben mochte. Vielen von diesen Nachrichten fehlt es durchaus an historischer Glaubwurdigkeit; durch die Art der Darstellung kann jedes Faktum eine ganz andre Gestalt gewinnen. In Frankreich kann jetzt fast nicht ein einziger Mensch fur einen unbefangenen Zuschauer gehalten werden; der Reisende sieht die grossern Wirkungen, aber selten die kleinen Triebfedern; und wenn er uns diese so schildert, wo er sie sich denkt oder wie ihm andre Leute die Sache vorgestellt haben, uns aber den Beweis schuldig bleibt ein Fehler, den einige Schriftsteller bei Erzahlung der merkwurdigen Vorfalle vom funften und sechsten Oktober begangen haben! , so darf man wohl auf alle Weise vor zuviel Leichtglaubigkeit und voreiliger Beurteilung warnen.
Alles, was ein unparteiischer Mann sich daher erlauben darf, diese grosse Begebenheit zu sagen, wird, meiner Meinung nach, sich ungefahr auf folgendes einschranken mussen: Die franzosische Revolution wurde unvermeidlich herbeigefuhrt durch eine Kettenreihe von Begebenheiten und durch die Fortschritte der Kultur und Aufklarung.
So, wie die vorige Regierungsverfassung war, konnte sie, bei dermaliger Stimmung der Nation, nicht bleiben, Verkehrte Massregeln, welche die Hofpartei gleich anfangs nahm, erbitterten das Volk, vermehrten das Misstraun und bewirkten Gewalttatigkeit.
Die Lebhaftigkeit des Nationalcharakters liess voraussehn, dass nun schnelle und rasche Schritte folgen mussten, und es wurde albern sein, bei allen diesen Umstanden von Franzosen etwas anders zu erwarten.
Alle Gewalttatigkeiten aber, die vorgegangen sind, alle Ermordungen, alle Plunderungen, Mordbrennereien, Ausschweifungen und uberhaupt alle gesetzlose Handlungen sind, in Vergleichung mit den Unordnungen und Greueln, womit von jeher ahnliche, ja, viel geringre Vorfalle bezeichnet gewesen, fur nichts zu rechnen. Diese Revolution ist eine grosse, beispiellose und, sie falle aus, wie sie wolle, sie sei rechtmassig oder widerrechtlich unternommen worden, der ganzen Menschheit wichtige Begebenheit. Ein Krieg, den irgendein ehrgeiziger Despot zu Befriedigung seiner kleinen Leidenschaften fuhrt, ein Krieg von der Art, wie der war, zu welchem Louvois seinen Herrn aufhetzte, damit er den Grad von Wichtigkeit wieder erlangen mochte, den er durch einen Fehler in der Baukunst verloren hatte so ein Krieg kostet tausendmal mehr Blut und unschuldiges Blut, und zu welchem Zwecke? Ob Gibraltar den Englandern oder Spaniern gehort, das ist gewiss fur die Welt, und vielleicht fur das wahre Gluck der beiden streitenden Nationen selbst, ein ziemlich unbedeutender Umstand; und dennoch hat der Kampf um diesen Felsen in einigen Stunden mehr Menschen, die gar nicht dabei interessiert waren, das Leben geraubt als ein jahrlanger Kampf um Freiheit und Gesetze in Frankreich. Alle Gewalttatigkeiten, uber die man so unbandig schreiet, ubertreffen wenigstens nicht die Greuel, die man im Jahre 1790, mitten im Frieden, bei dem Matrosenpressen in England im Namen der Regierung verubte. In den Zeiten der Ligue und wahrend der unglucklichen Religions- oder vielmehr Pfaffereikriege (denn es gibt keine Religionskriege) war Frankreich ein Schauplatz viel grosserer Unordnungen und uber dies alles emport sich das Gefuhl der vorgeblichen Menschenfreunde nicht. Dass ein Landesvater Tausende seiner Kinder (dass es Gott erbarme!), das heisst seiner Untertanen, stuckweise verhandle, um sie irgendwo, fern von ihrem Vaterlande, totschiessen zu lassen, wenn damit Geld zu verdienen ist, wovon nachher Buhlerinnen und Mussigganger unterhalten werden, das erlauben ihm die Menschenfreunde; aber wenn bei so einer allgemeinen Garung der unbandige Pobel unter zehn Schelmen auch vielleicht, in der blinden Wut, ein paar ehrliche Leute, gegen welche man Verdacht hat, aufhenkt, so wird davon ein Larm gemacht, als wenn kein Mensch in Frankreich seines Lebens sicher ware.
Untersuchen wir unparteiisch die Grundsatze, auf welchen die neue Konstitution beruht, so ist es unmoglich, zu leugnen, dass sie den Stempel der gesundesten, reinsten Vernunft tragen. Was die hellsten Kopfe aller Zeitalter einzeln uber Menschenrechte, Menschenverhaltnisse und uber die reinen Zwecke aller gesellschaftlichen Vertrage gesagt haben, das findet man hier in der einfachsten, deutlichsten Ordnung dargestellt und zum Fundament einer Gesetzgebung hingelegt, wie es noch nie eine naturlichere, gerechtere in irgendeinem Lande der Welt gegeben hat. Ob sie in der Ausubung moglich und ob die franzosische Nation dazu reif ist, das gehort zu den Dingen, woruber uns nur die Zeit aufklaren kann; aber das behaupte ich, dass es keinen glucklichern Menschen auf Erden geben konne als einen Konig, den ein nach diesen Grundsatzen regiertes, diesen Gesetzen gehorchendes, nach diesen Begriffen von Recht und Billigkeit handelndes Volk wurdig gefunden hat, ihn freiwillig an die Spitze des Ganzen zu stellen. Der erste von vierundzwanzig Millionen freien Menschen zu sein, die keinen andern Vorzug anerkennen, als den Tugend, Weisheit und Fleiss gewahren; dabei die Ausubung alles Guten in Handen zu haben, ohne Verantwortung und ohne die Furcht, durch seine Leidenschaften irgendeines Burgers Ungluck bauen zu konnen, und endlich und in dieser Lage alle Gemachlichkeiten des Lebens und alle aussere Ehre, die irgendein Konig fordern kann wer diesen Zustand gegen den eines nach Willkur herrschenden Gebieters sklavischer Menschen vertauschen mochte, der ist der tiefsten Verachtung wert, und zitterte auch der halbe Erdboden, wenn er seinen eisernen Zepter schwingt.
Die Abschaffung des Adels und die Schmalerung der Einkunfte der Geistlichkeit sind freilich harte Artikel fur die, welche nun auf einmal sich der Vorteile beraubt sehen, die sie, ohne Muhe und Verdienst, auf Unkosten besserer und arbeitsamerer Menschen besassen. Um aber beurteilen zu konnen, ob das, was man in dieser Rucksicht getan, nutzlich und gerecht war, musste man erst einige Fragen entscheidend beantworten konnen, woruber bis jetzt die Stimmen wenigstens noch sehr geteilt sind, namlich: ob nicht in dem Zustande, darin sich Frankreich bei der Revolution befand, zu volliger Ausrottung des Despotismus die ganzliche Abschaffung des Adels und die Einschrankung der Geistlichkeit notwendig war? ob die Begriffe, welche diese privilegierten Stande in die Gesellschaft brachten, und uberhaupt ihre Existenz und ihr Einfluss sich mit den Grundsatzen, worauf die neue Verfassung gestutzt ist, auch nur einigermassen vereinigen lassen? ob ihre vermeintlichen Rechte auf einen vorauszusetzenden Kontrakt oder auf Usurpation beruhen? ob usurpierte Rechte, die gegen die Ordnung der Natur sind, durch Verjahrung geheiligt werden konnen? ob des romischen Bischofs Gewalt, Fursten ein- und abzusetzen, die Befugnis, Sundenablass um Geld feilzubieten, die bei einigen unkultivierten Volkern ublichen Menschenopfer, Leibeigenschaft, jus primae noctis, alle Inkonsequenzen des turkischen Despotismus und uberhaupt alle eingewurzelte Missbrauche eine geringere Sanktion haben? ob Verbindlichkeiten, die nur allein das Recht des Starkern hat einfuhren konnen, nicht auch durch das Recht des Starkern wieder aufgehoben werden durfen? ob alle Kontrakte, die auf unbestimmte Zeit geschlossen worden, deswegen ewig dauern mussen, Zeit, Umstande und Bedurfnisse mogen sich verandern oder nicht? ob uberhaupt Menschen Kontrakte fur die Ewigkeit schliessen konnen? ob man, im Namen einer Generation, die noch nicht existiert, mit solchen Gutern schalten und walten durfe, die eigentlich auf keine Weise der Gegenstand willkurlicher Bestimmung sein konnen, als da sind: Freiheit, Achtung, burgerliche Ehre, Herrschersrecht u. dgl.?
Wenn man sagt, es seien die gewahlten Reprasentanten des Volks zum Teil Menschen von ausserst zweideutigem Charakter gewesen, so kann ein unparteiischer Mann darauf nur folgendes antworten: Der moralische Privatcharakter dieser Leute kommt bei ihrer politischen Laufbahn sehr wenig in Anschlag, wenn auch jener Vorwurf erwiesen ware. Alle Schritte der Nationalversammlung, qua talis, geschahen, der Natur der Sache nach, offentlich; ihre Reden, ihre Vorschlage, ihre Entschlusse alles ist klar den sehr strengen Augen des Publikums dargelegt. Mochten sie immerhin geheime, eigennutzige oder ehrgeizige Absichten gehabt haben; mochten sie immerhin ausschweifende, rankevolle Leute gewesen sein! es kommt hier auf die Sache an, die sie mit unerschrocknem Mute durchgesetzt, auf das System, das sie eingefuhrt haben. Ist das gut, ist es der Nation und der Menschheit uberhaupt heilsam; wer ist Richter uber ihr Herz und ihre Sitten? Und soviel ist denn doch gewiss, dass unter ihnen Manner genannt werden, die bei ihren Mitburgern in allgemeiner Achtung stehen, von denen auch die boshafteste Verleumdung nicht wagen wurde zu behaupten, sie hatten ihre Hande an den Plan zu einem Bubenstucke legen wollen.
"Viele von ihnen", heisst es, "haben sich auf Unkosten des gemeinen Wesens bereichert, haben die Nationalguter in ihren Nutzen verwendet." Moglich, aber nicht erwiesen! Wie betrugerisch und verschwenderisch man aber mit dem offentlichen Schatze wahrend der vorigen Verfassung umgegangen, das ist erwiesen, ist unter andern in dem beruchtigten roten Buche nachzulesen. Soviel ist ubrigens auch begreiflich, dass zwolfhundert Manner nie einen gemeinschaftlichen Komplott zum Betruge machen werden. Dass unter diesen Zwolfhunderten gewiss auch Schelme sind, daruber wundre ich mich gar nicht; aber daruber konnte man sich wundern, dass in einer so von Grund aus durch den Despotismus und dessen Gefolge korrumpierten Nation noch sechs ehrliche Leute gefunden werden. Wer ist schuld daran, wenn Diebereien und schiefe Streiche aller Art gleichsam als unzertrennlich von der offentlichen Verwaltung angesehn werden? Hat die Revolution die Menschen so schleunig verderbt? Die Frage beantwortet sich selbst.
Ganz verschwendet sind indessen die aus dem Verkaufe der geistlichen Guter geloseten Summen nicht; denn man hat doch wenigstens diejenigen Personen damit entschadigt, welche ehemals Amter im Staate gekauft hatten, die ihnen nunmehr genommen wurden; und eine Menge unnutzer Ausgaben, die man vielleicht gemacht hat, fallen teils in der Folge weg, teils sind die Gelder, womit dieselben bestritten worden, in Frankreich selber geblieben und also nicht verlorengegangen, sondern in Zirkulation gekommen, wenn sie auch besser hatten verwendet werden konnen.
"Die Abgaben werden nicht ordentlich entrichtet; man muss also immer von jenem Kapitale zuschiessen, um die notigen Ausgaben zu bestreiten." Das ist freilich ubel, und es ist zu wunschen, dass bald die Ruhe hergestellt werden und das Volk die Gesetze respektieren lernen moge. Was schadet jedoch am Ende diese temporelle Unordnung? Wer kein Geld gibt, der behalt es; folglich bleibt es im Lande; Privatleute haufen es in ihren Kasten auf, weil sie es nicht fur Papier hingeben wollen; allein lasset die Ruhe auf irgendeine Weise hergestellt sein, so wird man es bald wieder zirkulieren sehn.
Den grossten Geldraub an Frankreich aber begehen die Emigranten, durch die Summen, welche sie herausziehen. Schon allein der Erzdieb Calonne, den man fuglich hatte aufhenken konnen, ohne sich zu versundigen, hat ungeheure Schatze, die er sich zusammengestohlen hatte, fortgeschleppt. Hieran ist die Nationalversammlung nicht schuld; man musste denn ihre zu milden, nachsichtigen Grundsatze ihr zum Verbrechen machen wollen, indem sie die Auswanderungen und Exportationen nicht mit Gewalt gehindert hat.
Moge man indessen auch alles bare Geld aus Frankreich wegnehmen, so wird das Reich doch darum noch nicht zugrunde gerichtet, solange man nicht den fruchtbaren Boden, die Industrie, den Handel, die Fabriken und Manufakturen mit fortreissen kann. Im Grunde ist das Geld doch nur das Reprasentative und nicht die Sache selbst. Lasset die armen, verfuhrten Fluchtlinge zuruckkehren (ihre schelmischen Aufruhrer mogen bleiben, wo sie wollen!), lasset Frieden hergestellt sein, Treue und Glauben und Kredit wieder Wurzel fassen, die Gesetze respektiert, Fleiss, guten Mut und Tatigkeit wieder erweckt werden und Frankreich im ganzen wird durch alle diese Verwirrungen um nichts armer geworden sein.
Ob aber wohl Hoffnung da sei, die Ruhe bald wieder hergestellt zu sehn, das ist unmoglich vorauszusagen; nur das lasst sich ohne Vermessenheit behaupten, dass, wenn auch, durch eine Gegenrevolution oder auf andre Weise, alles wieder niedergerissen werden sollte, was die Nationalversammlung aufgebauet hat, die ganze Verfassung doch nie wieder auf den alten Fuss kommen kann. Die Begriffe von den Verhaltnissen des Volks zu der Regierung haben zu tiefe Wurzel gefasst; so etwas wieder auszurotten, dazu wurde ein grosser Zeitraum gehoren, wahrenddessen Kultur und Aufklarung ganzlich zuruckgingen und die Nation wieder in einen solchen Zustand von Kindheit versetzt wurde, in welchem man sich, gegen sein eignes Interesse, blindlings fuhren lasst. Der grossere und starkere Teil der Nation hat nun einmal die Fesseln abgeschuttelt, hat seine Krafte kennengelernt und sich von der Moglichkeit der Ausfuhrung uberzeugt. Sie mit Gewalt aufs neue zu unterjochen, dazu wurden sehr grosse Anstalten erforderlich sein. Das Reich ist nicht in so schlechtem Verteidigungsstande, die Nationalgarden sind nicht so schlecht diszipliniert, als uns die Freunde der aristokratischen Partei glauben machen wollen. Die innern Zwistigkeiten und Garungen wurden sehr wahrscheinlich aufhoren, sobald Frankreich von aussen her angegriffen und die Verteidigung des Vaterlandes der gemeinschaftliche Punkt wurde, in welchem sich die lebhafte franzosische Regsamkeit konzentrierte. Und wer sollte sie angreifen? Das Aristokratenhauflein macht zwar, nach alter franzosischer Manier, ungemein viel Larm, rennt am Rheine durcheinander, wie ein Ameisennest, droht und schimpft gewaltig; allein es fehlt ihm noch an einigen Kleinigkeiten, um die Sache in Ausfuhrung zu bringen. Generale, Offiziers, Koche, Friseurs, Wundarzte und Apotheker, auch Marchands parfumeurs und Marketender sind wirklich da; allein das macht doch nur den etat-major einer franzosischen Armee aus. Zwar haben sie auch ein paar hubsche Gardekompanien, zu welchen kurzlich ein teutscher Reichsfurst seine losgelassnen Karrengefangnen als Rekruten geliefert hat; nur was man gewohnlich ein Kriegsheer zu nennen pflegt, das fehlt, nebst allem Zubehor, als da ist: argent content, Kredit, Festungen, Magazine, ja sogar der Platz, auf welchem sie sich zuerst formieren konnten; denn des in der Chronik von Frankreich so beruhmten Kardinals von Rohan Besitzungen, auf welchen jetzt, im Januar 1792, da ich dies schreibe, das ganze ausgewanderte Frankreich sich niedergelassen hat, sind kaum gross genug, um einen Antirevolutionsklub darauf zu halten. Zahlen sie aber auf den Beistand der europaischen Machte, so furchte ich, sie werden sich verrechnen. Warum sollten diese Frankreich angreifen? Um einer Nation die Befugnis streitig zu machen, ihre Regierungsform, mit unbezweifelter Einstimmung ihres Konigs, zu verandern? Um eine Konstitution uber den Haufen zu werfen, die Vernunft, Recht, Treue und Glauben und Frieden mit den Nachbarn zu Grundpfeilern hat? Dazu sind sie zu gerecht. Um die teutschen Reichsfursten, die in den franzosischen Staaten Guter haben, mit Gewalt in den Besitz der Rechte zu setzen, welche sie durch die Revolution verloren haben? Davon wurde doch nur dann die Rede sein konnen, wenn erst alle gutliche Mittel umsonst waren versucht worden. Es hat sich ja aber die Nation zu einer Entschadigung erboten; man muss nur ihre Vorschlage gemeinschaftlich anhoren; man muss die ausschweifenden Forderungen der Aristokraten nicht damit vermengen wollen; man muss nicht vergessen, dass jene Reichsfursten, solange sie sich bei der Abhangigkeit von Frankreich wohl zu befinden glaubten, von ihren franzosischen Besitzungen dem teutschen Reiche keine Prastanda geleistet, folglich sich auf gewisse Weise von dem Staatskorper losgerissen haben, dessen Schutz sie nun auf einmal reklamieren. Sehr wahrscheinlich werden die ubrigen europaischen Machte der vorsichtigen Politik folgen, welche der weise Leopold bei dieser Gelegenheit zur Richtschnur nimmt. Sie werden ja wohl auch uberlegen, dass es bei jetzigen Zeiten nicht ratsam sei, mit den Kriegsvolkern, die hie und da noch zu Hause ein Stuckchen Arbeit finden, um Ruhe zu erhalten, in fremde Lander einzufallen, wo die fatale Freiheitsluft weht, die so leicht ansteckt. Sie werden uberlegen, dass, bei dem ersten Ausbruche des Krieges, die schonen fruchtbaren teutschen Provinzen, welche unmittelbar an Frankreich grenzen, das Opfer dieses ubereilten Schritts, der Schauplatz grasslicher Verheerungen werden wurden.
Und das sei denn genug uber die franzosische Revolution! Reden wir jetzt davon, ob andern europaischen Staatsverfassungen, der Wahrscheinlichkeit nach, ahnliche Umwalzungen bevorstehen und ob zu vermuten ist, dass die Vorfalle jenseits des Rheins dazu Anlass geben werden.
Vierter Abschnitt
Welche Staatsverfassung ist die beste
Diese prahlende Uberschrift scheint anzukundigen, dass ich, Joseph von Wurmbrand, mich unterfangen wolle, von Bopfingen aus zu entscheiden, woruber bis jetzt die grossten Staatsmanner noch nicht haben einig werden konnen, namlich: welche von den bekannten Staatsverfassungen das Gluck der Volker am kraftigsten befordre. Allein so ubel ist es nicht gemeint; ich hoffe im Gegenteil, die Art, wie ich diese Frage beantworten werde, soll den Lesern keinen so nachteiligen Begriff von meiner Bescheidenheit beibringen.
Also kurz und einfach! Diejenige Staatsverfassung ist, vorausgesetzt, dass sie die ubrigen Haupterfordernisse habe, in jeder Periode die beste, welche erstlich mit dem dermaligen Grade der Kultur und den ubrigen der Veranderung unterworfnen Zeitumstanden in der besten Harmonie steht und zweitens, sowenig als dies mit Rucksicht auf die Bedurfnisse von Zeit und Umstanden moglich ist, die naturliche Freiheit und die ursprunglichen Rechte jedes einzelnen Menschen einschrankt. Diese letzte Forderung ist wohl sehr billig, denn da die Menschen sich doch nur darum in Staaten vereinigt haben, damit ihnen, durch diese Verbindung, eine Summe von Gluckseligkeit zuteil werde, die sie im isolierten Zustande nicht erlangen konnen, so muss die burgerliche Verfassung mehr Vorteil gewahren, als sie Aufopferung kostet, sonst ist sie nichts wert. Was aber den ersten Punkt betrifft, so ist auch dieser wohl keinem Widerspruche unterworfen. Denn so wie ein Vater das kleine Kind, das noch taub fur die Stimme der Vernunft ist, mit der Rute zuchtigt oder (zwar billige ich diese Methode zu tauschen keineswegs) vorgibt, ein unsichtbarer Genius sage ihm alles, was das Kind, auch wenn es nicht bei ihm sei, unternehme, bei dem erwachsenen Knaben hingegen bessere Bewegungsgrunde anwendet, und wie ein kluger Erzieher sich nach der Verschiedenheit der Anlagen und Temperamente der Kinder richtet, so werden auch bei einem Volke, das noch in der Kindheit ist, seine Geistesfahigkeiten nicht entwickelt hat und seine Krafte nicht kennt, Tauschung und Zwangsmittel eine Wirkung tun, die bei einer kultivierteren und aufgeklarteren Nation verkehrten Eindruck machen wurden. Ich glaube daher, dass Regierungskunst und Volksreligion (oder, besser zu sagen, Kirchensystem) nach Zeit und Umstanden, nach dem Grade der Kultur und nach der Stimmung der Volker abgeandert werden mussen.2 Jedermann wurde es unvernunftig finden, wenn es einem Gesetzgeber in unsern Zeiten einfiele, die alten sogenannten Gottesgerichte wieder einzufuhren, in welchen die Wahrheit einer Anklage durch einen Kampf begrundet oder widerlegt wurde. Wen vor vierhundert Jahren der Papst mit Kirchenbann belegte, der galt fur einen verlornen Mann, und wenn er auch ein Konig war; heutzutage lacht man uber die romischen Theaterblitze; ein Philipp der Andre wurde nebst seinem Herzoge von Alba auf dem Throne von Grossbritannien eine kurze Rolle spielen; Numa Pompilius wurde mit seiner Gottin Egeria auf dem polnischen Reichstage nicht viel durchsetzen und der alte Gesetzgeber der Lakedamonier mit seinen braunen Suppen in Venedig wenig Beifall finden. Doch so wie man in der Padagogik, bei allen ihren Abanderungen, gewisse allgemeine, aus der Natur geschopfte Regeln zum Grunde legt, die immer stichhalten, so geht es auch mit den politischen und religiosen Systemen immer gut, wenn nur jene heilige Hauptregel: soviel moglich, Wahrheit und Freiheit zu respektieren, nie aus den Augen gesetzt wird. Hiermit hat die Form nichts zu schaffen, die Regierung mag monarchisch, aristokratisch, demokratisch oder gemischt sein; und was die Religion betrifft, so mag sie zu einer Angelegenheit des Staats gemacht oder der Ubereinkunft der Bekenner freigestellt werden; sie mag katholisch oder protestantisch oder anders heissen alle konnen, aber sie konnen auch nur dann sich sichre Dauer versprechen, wenn sie so beschaffen sind, dass sie mit Kultur, Zeit und Umstanden in ein richtiges Verhaltnis zu bringen sind.
Und welche Staatsverfassungen, welche Volksreligionen sind von dieser Art? Diese Frage lasst sich nun nach den obigen Voraussetzungen beantworten. Da alle Oberherrschaft entweder auf dem Rechte des Starkern oder auf Ubereinkunft beruht, weil kein Mensch dem andern gehorcht, ausser wenn er entweder muss oder will, und dann die starkere Partei, an Zahl oder Kraft, nie muss, wenn sie nicht will, der Wille zu gehorchen aber bei ihr auf keine andre Weise erweckt werden kann, als indem man sie uberzeugt, dass sie sich wohl dabei befinde, welches freilich auch auf eine Zeitlang durch Tauschung, dauerhaft aber nicht anders bewirkt werden kann, als wenn jeder einzelne sich unter der Oberherrschaft eines andern glucklicher und sichrer weiss als, aller Wahrscheinlichkeit nach, in jeder andern Lage, so muss eine Staatsverfassung, wenn sie nicht furchten will, uber den Haufen geworfen zu werden, sie sei nun monarchisch, republikanisch oder gemischt, das heisst: die Verwaltung sei in einer Hand oder in mehrern Handen, also beschaffen sein, dass die Regierung
1. nie Gehorsam im Namen einzelner, sondern nur auf Autoritat des Ganzen fordre;
2. keine Hauptveranderungen in der Regierungsform vornehme als mit Beistimmung der grossern Anzahl, der sie auch von jedem Schritte Rechenschaft schuldig ist;
3. von dieser grossern Anzahl keine Abgaben, Einschrankungen, Dienste oder Aufopferungen und keinen Gehorsam fordre, welche bloss der kleinern Anzahl Vorteile gewahren, ohne das Wohl des Ganzen zu befordern, oder welche die naturliche Freiheit uber Gebuhr einschranken;
4. keine solche Mittel, sich Gehorsam zu verschaffen, wahle, die in verkehrtem Verhaltnisse mit dem Grade der Kultur und der Stimmung des Zeitalters und der Nation stehen.
Handelt eine Regierung nach diesen Grundsatzen, so wird sie schwerlich eine Revolution, eine Umkehrung, zu befurchten haben.
Und nun, was das Religionssystem betrifft! Da der Glaube der Menschen viel weniger wie ihre Handlungen dem Zwange unterworfen sein, da nicht einmal jeder einzelne sich selbst Gesetze uber das, was er glauben oder nicht glauben will, vorschreiben, folglich das Recht, hieruber zu bestimmen, auch auf keinen andern noch auf den ganzen Staat ubertragen kann; da ferner das Wesen der Religion einzig darin besteht, dass sie uns, aus den Begriffen, die wir uns von dem gottlichen Wesen machen, kraftigere Bewegungsgrunde zu Erfullung der von allen vernunftigen Wesen anerkannten Pflichten derTugend darbietet; da endlich die aussre Art, der Gottheit unsre Verehrung zu bezeugen, zwar auch keinen eigentlichen obrigkeitlichen Verordnungen unterworfen sein, ihr wohl aber, durch Ubereinkunft, eine gewisse Grenze gesetzt werden kann, so ist
1. selbst der Starkere unvermogend, Meinung und Glauben irgendeinem Zwange zu unterwerfen;
2. der Starkere missbraucht sein Ansehn, sundigt gegen Wahrheit und billige Freiheit, wenn er auch nur der freien Untersuchung religioser Gegenstande in Schriften und mundlichen Vortragen Fesseln anlegen will;
3. die Regierung greift zu weit, wenn sie eine bestimmte Form von ausserer Gottesverehrung vorschreiben, eine vor der andern beschutzen will. Welcher schwache Mensch kann bestimmen, auf welche Art Gott ausserlich verehrt sein will? Es kann also keine herrschende Religion geben; Toleranz ist Versundigung, denn tolerieren heisst: sich das Recht anmassen zu erlauben; und da ist nichts zu erlauben; durch Einschrankungen solcher Art wird das zeitliche Wohl der Burger nicht befordert, und das ewige Wohl liegt ausser den Grenzen der Staatsanstalten;
4. der Staat kann aber dafur sorgen, dass keine Kirchensysteme eingefuhrt werden, welche Lehren verbreiten, die entweder den guten Sitten, der Tugend oder der burgerlichen Ruhe gefahrlich sind;
5. dasjenige Religionssystem kann sich in jedem Zeitalter sichre Dauer und eifrige Anhanger versprechen, welches uns die wurdigsten, erhabensten, einfachsten, jedem Verstande fasslichen Begriffe von der Gottheit gibt, uns dabei die kraftigsten Bewegungsgrunde zu aller Art menschlicher und burgerlicher Tugend liefert und endlich einen solchen aussern Gottesdienst empfiehlt, der dem Geschmacke, den Sitten und der Kultur des Zeitalters angemessen ist. Das Lallen der Kinder und das Geheule der Wilden kann, in Betracht der guten Absicht, Gott auch wohlgefallig sein; aber nur von Kindern und Wilden.
Funfter Abschnitt
Ob die Welt ohne Staatsverfassungen und
Religionssysteme bestehn konnte
Es ist ein herrlicher Traum, den Philosophen getraumt haben, aber es ist auch wohl nur ein Traum, dass einst eine Zeit kommen musste, wo das ganze Menschengeschlecht mundig geworden sein, den hochsten Grad von Geistesbildung erlangt, zugleich seine moralischen Gefuhle aufs hochste veredelt haben und dann keiner Gesetze mehr bedurfen wurde, um weise und gut (denn das ist ja einerlei), kurz, um seiner Bestimmung gemass zu handeln.
Das Bild ist zu schon, das dieser Traum unsrer Phantasie darstellt, als dass ich der Versuchung widerstehn konnte, eine Skizze davon zu entwerfen.
Man denke sich jedes Volk des Erdbodens in einem Zustande von Kindheit, in der grossten Einfalt der Sitten! Jede Familie bebauet das Stuck Ackers, das ihr bequem liegt; und das Land ist gross genug, ihr eine freie Wahl zu gestatten. Der Boden tragt willig die Fruchte des Fleisses, und dieser Ertrag reicht zu, ihre massigen Bedurfnisse, ohne grosse Anstrengung, ohne saure Arbeit, zu befriedigen, ihr alle Notwendigkeiten des Lebens zu liefern. Bei dieser nutzlichen Geschaftigkeit ist der Mensch an Leib und Seele gesund, ohne Gebrechen, ohne unruhiges Streben, ohne Leiden, ohne Sorgen fur die Zukunft, stark und heiter. Aber die Bevolkerung nimmt zu; die Verbindungen werden mannigfaltiger, die Bedurfnisse vervielfaltigen sich; und nun erwachen Wunsche und Leidenschaften. Durch Kunste, Tausch und Handel entstehen neue Verhaltnisse, die Einformigkeit der Lebensart verschwindet; Misstraun, Begierlichkeit und Neid erzeugen Forderungen, Zwist, Kampf, Streit, Krieg. Es werden Vergleiche geschlossen; neue Vereinigungen, Bundnisse und Trennungen geben dem gesellschaftlichen Leben eine andre Form. Es entstehen Staaten; der Starkere aber unterjocht den Schwachern; man entwirft Gesetze, uber die sich der Machtige hinaussetzt und denen sich der Schutzbedurftige unterwerfen muss. Doch der Schlaue ersetzt durch List, was ihm an Kraft fehlt, und herrscht uber den von geringern Geistesfahigkeiten. Tauschung ersetzt die Stelle der Gewalt; die Politik eines einzigen bauet ihren Thron auf die Uneinigkeit und Unentschlossenheit von Millionen. Treue und Glauben, Massigkeit und Einfalt verschwinden; die Sitten werden verderbt; jeder lebt nur fur sich, hascht nach Genuss, geniesst und begehrt noch immer, nimmt, wo er nehmen kann, und hat doch nie genug fraget jeden einzelnen, und keiner ist zufrieden. Nichtswurdige Kleinigkeiten haben Wert erhalten, und das, was allein Wert hat und allein glucklich und ruhig machen kann das findet der mit Blindheit geschlagne Haufen nicht. Indes aber hat die Kultur, zugleich mit Einfuhrung des Luxus in alle Klassen der Burger, Wissenschaften verbreitet und Geistesausbildung befordert. Das rastlose Streben nach Gluck und Gemutsruhe erweckt Nachdenken uber diesen verwickelten Zustand; die sich unglucklich fuhlenden Menschen fangen an zu philosophieren, zu rasonieren; und nun kommt der schonste Teil des Traums, aber, wie es mit Traumen geht, dann ist man auch nahe am Erwachen. Die Menschen werden endlich weise, durch eigne Erfahrungen und durch die Geschichte andrer Volker, und indem sie weise werden, werden sie auch tugendhaft; denn der hochste Grad der Aufklarung ist immer auch der hochste Grad von Gute. Sie offnen die Augen und sehen: dass alles Streben und Ringen nach Genuss, Besitz und Freude auf nichts abzielt; dass die Befriedigung aller dieser Wunsche keine so grosse Summe von Gluckseligkeit gewahrt, als man in dem ersten Zustande der Natur ohne Muhe, auf dem einfachsten Wege, findet; dass der am mehrsten besitzt, der am wenigsten bedarf; dass nur der Genuss hat, der massig geniesst; dass Tugend uben, sein eignes Interesse befordern und tugendhaft sein nichts anders heisst, als der Natur gemass handeln; dass alle burgerliche Einrichtungen doch nur Kinder des Verderbnisses, nur Mittel sind, das Ubel zu verhindern oder gutzumachen; dass, statt an diesen ohne Unterlass zu flicken und auszubessern, es vorteilhafter ist, solcher kunstlichen Anstalten gar nicht zu bedurfen; dass alle Gesetze und Handhaber der Gesetze da uberflussig sind, wo jedermann den guten Willen hat, andre in Ruhe zu lassen, damit man seine Ruhe nicht store; dass uber andre zu herrschen ein sehr nichtswurdiger Vorzug ist. Und so kommen denn die Menschen am Ende wieder auf den Punkt, von welchem sie ausgegangen, aber um nie wieder zuruckzukehren. Denn nun ist die Einfalt ihrer Sitten nicht mehr das Kennzeichen der rohen Unerfahrenheit, sondern das Werk der richtigsten Uberlegung und Abwagung aller moglichen Verhaltnisse und Lagen, das Resultat der reifsten, unverfuhrbarsten Vernunft. Da ist dann der grosse Plan der Schopfung vollbracht, das Menschengeschlecht in eine einzige Familie vereinigt und zu seiner ersten hohen Wurde, dem Ebenbilde der Gottheit wieder erhoben, das verlorengegangen war durch den Genuss der verbotnen Frucht von dem Baume des Erkenntnisses des Guten und Bosen. Nun ist die Erlosung vollbracht; die Wahrheit hat die Menschen frei gemacht und ihnen eine ewige Gluckseligkeit erworben.
Derjenige Teil des Traums, welcher uns die religiose Erziehung des Menschengeschlechts darstellt, ist nicht weniger reizend; Lessing malt uns ein Zauberbild davon. Offenbarung ist geoffenbarte Vernunft, Mitteilung von Wahrheiten, die aus der Natur erkannt werden konnten, aber ohne hoheren Unterricht nur muhsam gefunden werden. Die heiligen Bucher sind die Elementarbucher, welche der allweise Lehrer bei der Erziehung zum Grunde legt. Sie sind den schwachen Begriffen des Kindes angepasst. Das Kind muss sinnlich geleitet werden; man gibt ihm die Lehre, in Bilder, in Gleichnisse, selbst in Fabeln eingehullt. Man zeigt hin auf entfernte Belohnungen und Strafen; man fuhrt nicht jedes Kind denselben Weg; die Methode muss nach Zeit, Umstanden und dem Grad der Empfanglichkeit abgeandert werden, bis der Verstand zur Reife gediehn sein wird; dann bedarf es keiner Tauschung, keiner Bilder mehr. Dann wird es die Wahrheit unmittelbar aus der Quelle selbst schopfen, ohne Zusatz. Wir sehen noch durch einen Spiegel in ein dunkles Wort; dann aber werden wir ihn sehn, wie er ist.
Soweit der herrliche, trostliche Traum! Dass die Erfahrung aller Zeitalter die Moglichkeit der Erfullung verdachtig macht; dass wir, leider! wahrnehmen, wie die Nationen, statt die Erfahrungen andrer Volker zu nutzen, immer wieder in dieselben Torheiten und Verirrungen fallen, statt die Quelle des Ubels aufzusuchen, nur die Form der Verderbnisse andern, durch gewaltsame Revolutionen das Bose nur noch arger machen, nicht die Ursachen der Tyrannei aus dem Wege raumen, sondern nur von Tyrannen wechseln; dass, wenn Kultur und Verderbnisse aufs hochste gestiegen sind, fast immer ein Zustand von tiefer Barbarei wieder folgt, so wie nach einem Zeitraume, wo Aufklarung und spitzfundige Klugelei die Oberhand hatten, eine Periode voll Aberglauben und Stupiditat eintritt alle diese Tatsachen aus der Geschichte machen den gutmutigen, fur das Wohl der Menschen gluhenden Traumer nicht irre. "Eher", sagt er, "kann jener gluckliche Zeitpunkt nicht erscheinen, eher kann das unvergangliche Reich der Weisheit und Tugend nicht fest gegrundet werden, als bis alle diese Erfahrungen sich ins unendliche gehauft haben und alle Volker des Erdbodens den Zirkel der Verderbnisse mehrmals durchlaufen sind. Allein es kann nicht der Plan der Vorsehung sein, dass das Menschengeschlecht sich ewig in diesem Zirkel von Unvollkommenheit herumdrehn soll. Der Augenblick der letzten Katastrophe ist nur noch nicht da; aber er ist nicht fern; die Begebenheiten der neuern Zeit sind keine Wiederholungen; sie lenken unmittelbar und schnell zum Ziele. Die Garung ist allgemein und kann zu nichts Kleinem, kann nicht das alte Spiel wieder herbeifuhren."
Wollte Gott, es ware also! aber mir scheint diese Hoffnung wenigstens noch zu gewagt. Ja, wenn jeder einzelne die ganze Reihe von Erfahrungen an sich selber gemacht hatte, so konnte man wohl darauf rechnen, dass dauerhafte Eindrucke davon zuruckblieben und seine Bildung vollendeten; allein fremde Erfahrungen dampfen nicht eigne Leidenschaften, und von allgemeinen Begebenheiten macht man selten spezielle Anwendung, wenn das liebe Ich in das Spiel kommt. Uberhaupt liegt es sehr selten an der Erkenntnis, wenn die Menschen nicht gut und nicht weise handeln. Freilich muss echte Aufklarung manche Tugenden allgemeiner verbreiten, die in einem Zeitalter, wo Barbarei herrscht, nur selten angetroffen werden; aber immer wird der grossere Teil der Menschen in jedem Jahrhunderte unmundig bleiben, wird Lenkung, Gesetze, ja, Zwangsmittel und Tauschung bedurfen. Diese Fesseln tragt auch jeder gern ohne Murren, wenn der, welcher sie ihm anlegt, nur dabei die Muhe ubernimmt, ihm Sicherheit und Ruhe zu verschaffen. Er lasst sich gern einen Teil seiner Unabhangigkeit rauben, wenn er dagegen einen Teil seiner Sorgen von sich abwalzen kann; er tut gern Verzicht auf eignes Denken, wenn der, welcher fur ihn denkt, ihm nur Resultate liefert, die ihn beruhigen; er lasst sich gern tauschen, wenn diese Tauschung nur trostlich ist kurz, er opfert gern seine Freiheit auf, wenn dies Opfer nur freiwillig und fur ihn wohltatig ist oder scheint.
Nach diesem Massstabe also muss man alle Regierungsverfassungen und Volksreligionssysteme beurteilen, und jede, die auf andern Grundsatzen beruht, muss fruh oder spat scheitern oder umgesturzt werden, sobald die grossere Anzahl die Augen uber ihren Zustand offnet. Hingegen kann jede Verfassung von der Art sich Dauer versprechen, wenn sie jene Grundsatze respektiert, ihre Form mag sein, welche sie wolle. Ja und vielleicht wird man sich wundern, mich aus diesem Tone reden zu horen , ich glaube fast, obgleich ich anfangs erklart habe, dass ich hieruber nichts zu entscheiden wagen wurde, dass die monarchische Form vielleicht die zweckmassigste von allen ist. Ich setze dabei voraus, dass der Monarch ein weiser und guter Mann sei. Ist er das nicht, so muss er wagen, was jede inkonsequente Regierung wagt, namlich, dass es mit seinem Monarchenwesen keinen Bestand habe. Wir reden aber hier nur von der Form, caeteris paribus.
Ein einzelner Regent hat mehr Antrieb, seine Pflicht zu erfullen, als mehrere; alle Ehre und alle Schande seiner Verwaltung fallt auf ihn; allen Dank, allen Segen erntet er ein; auf seinen Namen schreibt die Geschichte alles Gute und Bose in die Rechnung. Stehen aber mehrere am Ruder, so kann jeder von ihnen, wenn er etwas Boses tut, die Schuld von sich ab auf das Ganze walzen, indes er nachlassig zum Guten ist, weil der Ruhm davon nicht ihm zuteil wird. Verschiedenheit der Meinungen und Neid hindern manche nutzliche Ausfuhrung. Weiss der Monarch, dass er, insofern er seine Pflicht erfullt, lebenslang Herr bleibt, sieht er also das Land gleichsam als sein Eigentum an, so wacht er, wie ein guter Haushalter, uber das offentliche Vermogen; sein Interesse ist das Interesse des Ganzen; wo hingegen mehrere nur eine Zeitlang herrschen, da durchkreuzen sich oft die mancherlei Privatvorteile mit dem allgemeinen Wohl; und wir sind alle schwache Menschen. Weiss der Monarch, dass auch seine Kinder, insofern die Nation sie dessen nicht unwurdig findet, einst in seine Stelle treten werden, so kann er diese mit den Grundsatzen einer weisen Regierungskunst bekannt machen; da hingegen gewahlte Reprasentanten, wenn sie unerwartet an die Spitze der Geschafte gestellt werden, bei allem guten Willen doch zuweilen noch, aus dem Beutel des Staats, teures Lehrgeld geben mussen. Endlich herrschen bei der Regierung eines einzigen mehr Schnelligkeit in den Geschaften und Einheit im Plane; und der Monarch kann dennoch alle Kenntnisse einsichtsvoller Manner, deren Rat ihm nicht versagt wird, nutzen.
Allein, indem man mich der Monarchie das Wort reden hort, vergesse man nicht, welche Bedingungen ich oben bei jeder Gewalt, die Menschen uber Menschen ausuben, vorausgesetzt habe!
Sechster Abschnitt
Ob unsre heutigen Staatsverfassungen auf echten
Grundsatzen beruhen und der Stimmung des
Zeitalters angemessen sind
Nachdem ich nun im allgemeinen die Grundsatze entwickelt habe, auf welche durchaus eine jede Regierungsverfassung gebauet sein muss, wenn sie zweckmassig und dauerhaft sein soll, so lasset uns doch nun auch sehn, ob unsre gegenwartigen europaischen Staaten nach diesen Grundsatzen regiert werden oder nicht und ob also zu erwarten steht, dass sie noch lange so, wie sie beschaffen sind, bleiben konnen! Ich glaube, das ist nicht schwer zu beantworten, und es bedarf wohl keines weitlauftigen Beweises, um darzutun, dass die Regierungen der mehrsten kultivierten Lander nach und nach Maximen angenommen haben, die in dem allerauffallendsten Kontraste mit den ersten Grundsatzen des gesellschaftlichen Vertrags stehen eine kurze Darstellung wird hinreichen, dies anschaulich zu machen, und dann werden wir zugleich gewahr werden, dass die mehrsten nicht einmal politisch genug sind, solche Mittel zu wahlen, die der Stimmung des Zeitalters angemessen sind.
Das romische Recht schon ist ein wahres Alphabet des Despotismus. Kann man sich einen abscheulichern Grundsatz denken als den, welcher L.I. in pr. D. de constitutionibus principum steht? Quod principi placuit, habet legis vigorem. Der Willen, die Phantasie, die Grillen eines einzigen Menschen also sollen die Handlungen von Millionen bestimmen? Darauf kann der Vorsteher eines Irrhauses oder der Erzieher unmundiger Kinder seine Gewalt stutzen, in einem wohlgeordneten Staate hingegen muss das Gesetz eher existieren als der Handhaber und Exekutor der Gesetze. Gestattet aber ein Volk seinem Regenten, willkurlich Verordnungen zu machen, die nicht in der Konstitution gegrundet sind, so ist naturlich zu erwarten, dass diese Herrschaft nur so lange dauern kann, als die Nation, das heisst der starkere Teil, sich das gefallen lassen will, weil sie entweder zu roh und unwissend ist, um uber ihre Verhaltnisse nachzudenken, oder sich bei den Verordnungen wohl befindet. Also ist eine solche Regierungsverfassung allen Gefahren einer Revolution ausgesetzt. Wir haben aber in Europa Lander, wo es gar keine Volksreprasentanten, Reichsstande, Parlamente, Landstande und dergleichen gibt, sondern wo der Willen des Herrn das hochste Gesetz ist; und in diesen Landern ruht dann die Oberherrschaft auf schwachen Fussen.
Eine sehr unnaturliche, von einigen unsrer Juristen bestimmt oder verblumt behauptete und auch aus den romischen Gesetzbuchern, obgleich erzwungen, hergeleitete Lehre ist die: dass der Mensch, indem er das Band der burgerlichen Gesellschaft geknupft, seinen naturlichen Rechten entsagt hatte, dass das Volkerrecht das Naturrecht aufhobe oder wenigstens dieses durch jenes beschrankt werden konnte ein grober Irrtum! Seinen naturlichen Rechten kann niemand entsagen; sie machen einen Teil seiner Menschheit aus; aber ubertragen kann er sie, und zwar:
1. nicht mehr Rechte ubertragen, als er selbst haben wurde, wenn er sie in Person ausuben wollte, und
2. kann er zwar einen Kontrakt schliessen, der ihn, nicht aber einen solchen, der andre Menschen, am wenigsten die folgende Generation, verbindet.
Nun aber uben unsre Beherrscher Rechte aus, die sich gar nicht aus dem Naturrechte erklaren lassen, sondern die vielmehr mit diesem im Widerspruche stehen, die niemand ihnen ubertragen konnte, die niemand ihnen ubertragen hat, die ihnen nicht angeboren und nicht auf sie vererbt sein konnen. Solche Regenten haben dann zu befurchten, dass ihre Gewalt aufhort, sobald der gute Willen, sich dies gefallen zu lassen, lau wird.
Uberhaupt scheinen die beiden Grundsatze, dass der Willen des Fursten das hochste Gesetz sei und dass die burgerliche Verbindung die naturlichen Rechte aufhebe, von den mehrsten europaischen Beherrschern als ein Glaubensartikel betrachtet zu werden. Sie setzen sich und ihre Nachkommen auf ewige Zeiten an die Stelle derer, durch deren Ubereinkunft sie die Oberherrschaft besitzen, ja, einige von ihnen scheinen ganz zu vergessen, dass alle Oberherrschaft ursprunglich von freiwilliger Ubertragung herruhrt und alle Gewalt vom Volke abstammt, dessen Stellvertreter sie sind. Sie sehen das ganze Land als ihr Erbstuck, als ihr Eigentum an; sie vertauschen und verkaufen Provinzen, ohne sich darum zu bekummern, ob die Untertanen Lust haben, sich einem andern Herrn zu unterwerfen oder nicht; sie fordern Abgaben und treiben sie ein, ohne Rechenschaft abzulegen, ob diese Gelder zu Bestreitung der Staatsbedurfnisse verwendet werden; sie bestreiten aus dem offentlichen Schatze ihren unnutzen Aufwand und die Unkosten zu eiteln Vergnugungen und Flitterstaate; sie bestrafen Beleidigungen ihrer eignen Person wie offentliche Verbrechen; sie setzen die ubrigen Staatsbedienten nach Willkur an und ab; sie machen willkurlich neue Gesetze und widerrufen die alten, dispensieren, begnadigen, mildern und verdoppeln die Strafe; sie rauben Freiheit und Leben ohne vorhergegangnen offentlichen Prozess, ohne Bekanntmachung des Verbrechens. Wem schaudert nicht die Haut, wenn er liest, dass Ludwig der Eilfte zwei Prinzen von Armagnac in einem Kerker, in welchem sie nie grade aufrecht stehn und gar nicht gehn konnten, verschmachten liess, nachdem sie wochentlich zweimal bis aufs Blut gepeitscht und ihnen vierteljahrlich ein Zahn ausgerissen wurde, und dass sich nachher fand, dass sie gar nichts verbrochen hatten? Man antworte hierauf nicht, dass dergleichen in unsern Tagen nicht mehr geschehe! Erstlich ist das nicht wahr, und dann, wenn es auch so ware, so bewiese das nichts. Eine Staatsverfassung, in welcher es nur moglich ist, dass dergleichen geschehn kann und darf, ist nicht besser wie eine Mordergrube und Rauberhohle, und wer leugnet, dass dies noch jetzt in manchem europaischen Staate geschehn kann und darf? Sie selbst, die Regenten, glauben sich uber die Gesetze erhaben, bestrafen Verbrechen, die sie taglich selbst begehen, und an der Seite einer vor den Augen des Volks unterhaltenen, geehrten, im Glanze des Reichtums und der Hoheit lebenden Matresse unterschreiben sie Verdammungsurteile gegen Hurer und Ehebrecher. Zu Befriedigung ihrer Privatrache, und wo bloss ihr Familieninteresse im Spiele ist, fuhren sie blutige Kriege, die Hunderttausende das Leben kosten. Was ging denn der Spanische Sukzessionskrieg die franzosische Nation an? Was kummerte es die Schweden, ob der Konig in Polen Augustus oder Stanislaus hiess? Sie privilegieren gewisse Stande auf Unkosten der ubrigen Burger und bestimmen uber die offentliche Ehre, als wenn diese von ihrer Schatzung abhinge, ein Werk ihrer Schopfung ware. Rang, Gewicht und Ansehn sind nicht der Preis des grossern Verdienstes, der grossern Nutzlichkeit, sondern der Gunst eines einzelnen. Gefallt dem Fursten ein Schmeichler, ein mussiggehender Hofschranze vorzuglich wohl, so gibt er ihm den Rang eines Feldherrn und uberschuttet ihn mit Reichtumern, die hundert arbeitsame Familien aus dem Elende retten wurden. So sind denn die unnutzesten Burger die vornehmsten und reichsten und die, welche mit ihrer Hande Arbeit den Staat aufrechterhalten, verachtet und durftig. Wo etwa noch Reprasentanten des Volks, dem Anscheine nach, das Recht haben, zu Abgaben und neuen Einrichtungen ihre Einwilligung zu geben oder zu verweigern, da werden diese Reprasentanten nicht frei gewahlt aus denen, welche am mehrsten bei solchen Verhandlungen interessiert sind, sondern es sind Personen, die entweder aus Furcht oder aus Eigennutz so reden, wie es der Regent gern sieht, und die um so williger sind, ihm alles zu geben, was er fordert, da sie das Privilegium haben, keine der Lasten mitzutragen, sondern sie allein auf die Klassen zu walzen, welche keine Stimme haben. Derjenige Stand, welcher grade am mehrsten leisten und zahlen muss, darf am wenigsten dazu sagen, auf welche Weise er leisten und zahlen will. Friedensschlusse, die ganzen Nationen neue Verbindlichkeiten auflegen, werden, ohne Rucksprache, von einzelnen Personen beschworen und gebrochen. Uber dies alles seine Meinung freimutig, wenn auch noch so bescheiden, zu sagen, so wichtig auch diese Gegenstande der ganzen Menschheit sind und so unbezweifelt das Recht jedes Mitburgers ist, sich darum zu bekummern, wie mit ihm und dem Seinigen gewirtschaftet wird das gilt fur ein Staatsverbrechen. Gibt es doch in Italien einen Staat, der noch vor wenig Jahren sechstausend Spione besoldete, die jedes Wort von der Art aufsammeln und hinterbringen mussten!
Ebenso mit Vernunft und Billigkeit streitend wie die politischen Grundsatze in dem grossten Teile von Europa, so sind es auch unsre gottesdienstlichen Einrichtungen und kirchlichen Verfassungen. Der Staat masst sich das Recht an zu entscheiden, wie man von Gott und gottlichen Dingen denken und reden und nach welcher Form man dem hochsten Wesen seine Verehrung bezeugen solle. Diese von der weltlichen Regierung dem Schopfer aller Dinge vorgeschriebne Weise, wie er sich soll anbeten lassen, nennt man dann die herrschende Religion, und gute Burger, die aber nach einer andern Art, ihrer Uberzeugung gemass, die heiligste ihrer Pflichten, die keinem Zwange unterworfen sein kann, erfullen wollen, konnen froh sein, wenn sie geduldet werden. Dass man sie von burgerlichen Amtern und Vorteilen ausschliesst, versteht sich von selber, und es ist die Frage, ob jemand, der laut sich erklaren wurde, er glaube nicht an die ewige Verdammnis, auf dem ganzen festen Lande von Europa an irgendeinem Orte als Nachtwachter Brot fande. Die Geistlichen machen einen besondern Stand aus und mischen sich in Geschafte, welche allein die weltliche Regierung angehen, dirigieren den Unterricht der Jugend und lassen den Menschen den vierten Teil seines Lebens, den er anwenden sollte, sich zum guten Burger zu bilden, mit dem sehr unnutzen Studium der dogmatischen Lehrsatze verschwenden und ihn, wenn er vierzehn Jahre alt ist, angeloben, was er sein ganzes Leben hindurch glauben will, gleich als wenn ein Mensch voraus wissen konnte, was er in der nachstfolgenden Stunde glauben wird, und als wenn man nicht jedem uberlassen musste, da, wo es nur auf seine individuelle Uberzeugung und Gluckseligkeit ankommt, sich ein System zu wahlen, das ihm Ruhe und Zufriedenheit gewahrt! Noch alberner, wenn das moglich ist, muss es einem Philosophen vorkommen, dass die Fursten in Friedensschlussen miteinander daruber einig werden, was ihre samtlichen Untertanen kunftig glauben sollen. In katholischen Reichen ubt denn vollends die Geistlichkeit eine Gewalt aus, die zuweilen sogar der weltlichen Regierung furchtbar ist und die ihr niemand ubertragen hat, verschwelgt im Mussiggange das Fett des Landes, verurteilt ihre Mitglieder, den Trieben der Bestimmung und den Pflichten zu entsagen, wozu die Natur alle Geschopfe auffordert, und entzieht dem Staate tatige Burger, um sie in Kloster einzusperren. Die vorgeschriebne Art der aussern Gottesverehrung besteht in manchen Landern aus lappischen, kindischen Zeremonien, in andern aus den allerlangweiligsten und geschmacklosesten Gebrauchen.
Alle diese politischen und kirchlichen Systeme nun hindern denn auch den Fortgang der Wissenschaften und hemmen den freien Untersuchungsgeist. Wem die Natur Talente gegeben hat, Licht zu verbreiten und Wahrheit zu finden, der muss seine schonsten Jahre verschleudern, um sich und die Seinigen fahig zu machen, durch die Menge verwickelter Verhaltnisse hindurch, in die Klasse der wenigen hinaufzurucken, die auf Unkosten der ubrigen grossern Anzahl leben; die Philosophie darf uber alles grubeln, nur nicht uber das, was den Menschen am wichtigsten ist; wer Geschichtbucher schreibt, der schildert die Torheiten und Verirrungen einzelner Personen. Der Gelehrte muss ums Geld arbeiten; er muss sich also nach Zeit, Umstanden und den Launen des Publikums richten, statt nur Wahrheit und Schonheit vor Augen zu haben. Doch warum sollte ich die Zuge haufen, um die Inkonsequenzen unsrer Verfassungen zu schildern? Leugne einer, wenn er kann, dass das Original zu diesem mehr oder weniger ahnlichen Bilde in allen europaischen Staaten anzutreffen ist! Oder sollen wir England ausnehmen? Freilich, wenn wir des Herrn de l'Olme Roman uber die englische Konstitution fur treue Darstellung der Verfassung halten wollen, so findet man nirgends eine zweckmassigere Gesetzgebung, mehr Gleichheit in Verteilung der Gewalt, mehr personliche Freiheit und Sicherheit als in Grossbritannien. Aber beleuchten wir ein wenig die Szene, so werden wir andrer Meinung. Des Konigs Gewalt uber Krieg und Frieden und uberhaupt seine monarchische Macht ist dadurch eingeschrankt, dass von der Nation die Verwilligung der zu jeder Unternehmung notigen Gelder abhangt; auch darf er, ohne Einstimmung der Parlamente, keine Gesetze geben. Diese Parlamente nun bestehen aus gewahlten Reprasentanten, die, wie bekannt ist, nach einer hochst widersinnigen Proportion das ganze Volk vorstellen, so dass eine Universitat deren mehr abschickt als eine ganze Grafschaft. Bestechungen haben, nach Monsieur de l'Olmes Versicherung, dabei nicht statt; aber das ist keinem, der gewahlt werden will, verwehrt, dass er einem Wahlenden fur einen Korb voll Eier hundert Pfund Sterling bezahle. Die Hofpartei ist also nicht nur Meister von den Wahlen, sondern kann auch, da sie Ehrenstellen und Pfrunden vergibt, sich nach Gefallen Partei machen und durch die Uberstimmen Dinge durchsetzen, wovon jedermann weiss, dass der neunundneunzig Hundertteil der Nation dagegen ist. Die Justiz wird so verwaltet und die Gesetze sind so klar, dass nirgends in der Welt die streitenden Teile so jammerlich von den Advokaten geschunden und nirgends in der Welt so himmelschreiende Urteile gesprochen werden als in England. Die Friedensrichter sind nicht selten bestechbar, die Geschwornen oft gewissenlose Menschen aus dem niedrigsten Pobel. Ein Bosewicht, der mich als Dieb angibt und seine Aussage durch einen Meineid bekraftigt, kann mich ohne Umstande an den Galgen bringen. Durch den geringsten Anstoss gegen ubliche Formlichkeiten wird die gerechteste Sache verloren, und der argste Verbrecher bleibt ungestraft, wenn bei seinem Prozesse gegen eine solche Formalitat gefehlt ist. Als im Jahre 1790 ein verworfner Mensch die Frauenzimmer auf offner Strasse morderischerweise mit Messern anfiel und er endlich entdeckt und angeklagt wurde, fehlte nicht viel, dass man ihn hatte ohne Strafe freilassen mussen, weil die Anklage in eine solche Form gebracht war, dass daraus nichts erwiesen werden konnte, als dass er ein paar Locher in die Kleider einiger Damen gerissen hatte. Ein Madchen, das Hauben gestohlen hat, wird, wenn auch der Diebstahl selbst erwiesen ist, freigesprochen, wenn der Anklager aus Versehn Leinewand nennt, was Nesseltuch war. Ein Mann darf seine Frau, mit einem Stricke um den Hals, auf dem Markte verkaufen. Vor zwei Jahren geschahe dies in einer englischen Stadt von Gerichts wegen an einer Armen, welche die Gemeine nicht langer zu ernahren Lust hatte. Wenn ein unglucklicher Mensch, einer Kleinigkeit wegen, am Pillory steht, so wird dem Pobel verstattet, ihn zu Tode zu martern. Von den greulichen Gewalttatigkeiten, die im Jahre 1790 bei dem Matrosenpressen vorgingen, habe ich schon oben geredet; ich will nur noch den Herrn von Archenholz als Zeugen anfuhren, der uns erzahlt, wie damals freie, mit Gewalt angeworbne Menschen zu Hunderten in enge Schiffsraume zusammengepackt wurden, wo viele von ihnen, wie im schwarzen Loche in Kalkutta, erstickten. Der Unfug der Akzise-Bedienten beweist auch nicht, dass Freiheit in England respektiert wird; dass jemand, der die Schwester seiner verstorbnen Frau heiratet, wie ein Blutschander bestraft wird, ist eben kein Zeichen einer philosophischen Gesetzgebung. Die reichen Geistlichen fuhren ein argerliches und wollustiges Leben in der Hauptstadt und lassen drei oder vier Landpfarreien, welche sie an sich gekauft haben, durch Vikarien versehn. Hierzu werden die gewahlt, welche am wenigsten Besoldung fordern; die Gemeinen mussen mit den verworfensten, unwissendsten Menschen zu Seelsorgern vorliebnehmen, indes die wirklichen Pfarrer von ihrem teuren Gelde in London Matressen unterhalten und nie keinen Fuss in ihre Kirchsprengel setzen. Die Pressfreiheit wird von Jahren zu Jahren mehr eingeschrankt. Luxus, Mangel an Treue und Glauben und Unsittlichkeit nehmen auf eine fast unglaubliche Weise uberhand. Offentlich werden Akademien eroffnet, in welchen man Unterricht im Stehlen gibt; offentlich werden die Hasardspiele geduldet, gegen welche man die strengsten Gesetze gegeben hat; die Menge mussiger, gegen die Ordnung der Natur lebender Menschen vermehrt sich in allen Standen, und die unerhortesten, niedertrachtigsten Verbrechen und Laster, wovon man taglich Beispiele sieht, laden den Staatsmann und Philosophen eben nicht ein, die englische Verfassung zum Muster anzupreisen.
So sieht es mit unsern europaischen Staatsverfassungen aus leugne das, wer da kann, und verteidige das, wer da darf! Nicht dass wir keine edle, grosse, die heiligen Menschenrechte respektierende Konige und Fursten hatten; aber wir reden hier nicht von einzelnen Menschen, die sich des Missbrauchs enthalten, den sie von ihrer Gewalt machen konnten, und die, soviel moglich, den Fehlern auszuweichen, die Gebrechen zu heilen suchen, die in der Konstitution liegen, sondern von den Verfassungen selbst reden wir, die von der Art sind, dass keine bestimmte Gesetze jenen moglichen Missbrauch einschranken. Sie sind also gegen die Ordnung der Natur; sie streiten mit dem ersten Zwecke jeder gesellschaftlichen Vereinigung, indem sie, statt die allgemeinen Menschenrechte und die personliche Sicherheit und Gluckseligkeit aller durch gegenseitigen Schutz zu befordern und gegen Beleidigungen zu sichern, vielmehr ganz darauf eingerichtet zu sein scheinen, dass eine kleinere Anzahl der Burger, auf Unkosten der grossern Anzahl, ihre Leidenschaften befriedigen, sich Vorteile verschaffen und Vorrechte anmassen konne, die ihnen nach der Ordnung der Natur nicht zukommen. In den Zeiten der Barbarei nun, wo unter hundert Menschen kaum einer fahig ist, uber seine Verhaltnisse nachzudenken, wo dicke Nebel die Augen des grossen Haufens umhullen und alle Ressorts, aus welchen das Maschinenwerk des Despotismus besteht, ihre volle Kraft haben, da lasst sich eine solche Gewalt uber die Menge erlangen. Auch beruht diese Gewalt auf dem heiligen, in der Natur gegrundeten Rechte des Starkern; denn wenn der Schwachere in den Kraften seines Geistes und in seiner Geschicklichkeit Hulfsquellen findet, die ihm den Mangel an korperlicher Prastanz ersetzen, oder wenn er den Starkern dahin bringen kann, dass er freiwillig oder aus ungegrundeter Furcht ihm ein Ubergewicht zugesteht, so wird er ja dadurch der Machtigere. Allein sobald jener die Augen offnet und anfangt, sich selber zu erkennen und zu fuhlen, dann ist die Zeit der Tauschung aus, und das kunstliche Regiment hat ein Ende. Toricht ware es, verlangen zu wollen, dass in einem Zeitalter, wo Kultur und Wissenschaften in allen Standen zugenommen haben, die alten Gangelbander, an welchen man unwissende und dumme Menschen leitet, namlich Vorurteil, Autoritat, Tauschung und blinder Glauben, noch immer den Haufen der Starken im Zaume halten sollten. Und doch verlangen wir nicht nur, diese Albernheit durchzusetzen, sondern wir wollen sogar die Sache per modum contrarium treiben, das heisst: indes das Volk taglich kluger, taglich abgeneigter wird, sich im Blinden fuhren zu lassen, werden die Anspruche der Herrscher auf blinden Gehorsam taglich grosser. Das Kind behandelte man mit Glimpf, und den Mann will man mit der Rute zuchtigen. Ist es moglich, ist es denkbar, dass dies dauern konne? Nein, gewiss nicht! und ohne Prophet und ohne Aufwiegler zu sein, kann man es voraus verkundigen, dass allen europaischen Staatsverfassungen eine nahe Umkehrung bevorsteht.
Siebenter Abschnitt
Welche Art von Revolution in den
Staatsverfassungen zu erwarten, zu befurchten oder
zu hoffen sei
Man sage doch ja nicht, dass die franzosische Revolution das Feuer des Aufruhrs in allen Gegenden von Europa anblase, noch dass selbst die kuhnsten und unvorsichtigsten Schriftsteller, welche den Rechten der Menschen und der Freiheit das Wort reden, ruhige Volker zu Emporungen verleiten! Ich werde mich bemuhn, das Gegenteil solcher Behauptungen in diesem und den folgenden Abschnitten darzutun.
Ich meine hinlanglich bewiesen zu haben, dass alle europaische Staatsverfassungen von der Art, dass sie so, wie sie beschaffen sind, bei der jetzigen Stimmung des Zeitalters nicht dauern konnen. In Frankreich nun war das Ubel am argsten, der Despotismus auf den hochsten Grad gestiegen; zugleich hatte die gegenwirkende Kultur in allen Standen zugenommen, indes Armut und Elend das Volk zur Verzweiflung brachte. Frankreich war also der Teil des Geschwurs, der zu seiner ganzen Reife gelangt war und der daher zuerst aufbrechen oder durchgestochen werden musste. Statt daruber zu jammern, sollten wir uns freuen, wir andern Europaer, dass nicht zuerst uns die Reihe getroffen, dass wir, wenn wir es nur recht anfangen, uns den Schmerz einer ahnlichen Operation ersparen und durch zerteilende Mittel die materia peccans fortschaffen konnen. Das Beispiel unsrer Nachbarn kann fur Regenten und Volk heilsam werden. Jene mogen sich daran spiegeln und gewahr werden, was der grosse Haufen vermag, wenn man ihn aufs ausserste treibt, und wie wenig die alten Quacksalbereien gegen ein so eingewurzeltes Ubel wirken; das Volk aber mag durch den Anblick aller Greuel der Anarchie bewogen werden, sich zu keinen ubereilten Schritten verleiten zu lassen, nicht, ohne die ausserste Not, zu gewaltsamen Mitteln zu schreiten und einen leidlichen Zustand von konventioneller Ruhe und Gluckseligkeit nicht gegen die ungewissen Folgen einer ganzlichen Umsturzung auf das Spiel zu setzen!
Also ist es nicht die franzosische Revolution, welche den Ton von Unzufriedenheit unter den ubrigen Volkern anstimmt, sondern umgekehrt, die allgemeine Unzufriedenheit ist zuerst in Frankreich ausgebrochen. Auch sind es nicht die Schriftsteller, die sogenannten Aufklarer und Apostel der Freiheit, nach denen Hoffmann, elenden und jammerlichen Andenkens, mit Gassenkot wirft, diese Schriftsteller sind es nicht, welche Aufruhr erwecken; sondern die allgemeine Stimme des Volks ist es, die durch diese Schriftsteller redet. Noch nie haben Bucherschreiber grosse Weltbegebenheiten bewirkt, sondern die veranderte Ordnung der Dinge wirkt im Gegenteil auf den Geist der Bucherschreiber. Jeder fuhlt dann dunkel das Bedurfnis zu reden, bis einer endlich den Mund offnet. Und ware er es nicht, so wurde es ein andrer sein. Es ist aber Wohltat, dass dergleichen zur Sprache komme und von allen Seiten beleuchtet werde, weil es noch Zeit ist. Geht die Tat vor dem Rasonnement her, so ist das Ubel unendlich grosser. Luther hat die Reformation bewirkt; aber was fur eine Reformation? Eine solche, die nicht ausbleiben konnte, wovon das Bedurfnis in allen christlichen Staaten gefuhlt wurde. Ohne dies allgemeine Bedurfnis wurde sein Toben und Wirken ohne Nutzen und ohne Schaden geblieben sein. Man wurde ihn wie einen Schwarmer behandelt und seinen Reformationsplan, zugleich mit jenes franzosischen Abts Vorschlagen zu einem ewigen Frieden, belachelt haben.
Wollt ihr aber wissen, welche Schriftsteller das Volk zum Aufruhre reizen konnten? Solche Skribler, solche Schmeichler wie Hoffmann3 und seinesgleichen, die sind es, welche, indem sie gegen die gesunde Vernunft und den freien Untersuchungsgeist zu Felde ziehen, jedem bessern Manne, der noch gern geschwiegen hatte, den Mund offnen. Sie missleiten und verblenden schwache Fursten, die sonst im Begriffe sind, uber ihre missliche Lage erleuchtet zu werden, erbittern durch leidenschaftliche Grobheit und machen jede Sache verdachtig, die solcher verachtlichen Verteidiger bedarf.
"Aber was fur Beruf", fragt der Furchtsame, "was fur Beruf habt ihr Schriftsteller, euch in diese Handel zu mischen? Was gehen euch die Regierungen der Welt an? Wandelt doch euren Gang in Frieden fort und schreibet uber ..." Nun? woruber? Uber was fur Gegenstande, wenn man nicht uber die schreiben soll, die der ganzen Menschheit interessant und wichtig sind? Hat nicht jeder Burger im Staate Beruf, sich in Angelegenheiten zu mischen, wovon die Wohlfahrt aller abhangt? Und wenn dein eignes Haus nicht brennt, folgt daraus, dass du deinen Nachbar nicht warnen durfest vor Unvorsichtigkeit mit Feuer und Licht? Wahrlich! eine schone Lehre! Also, wenn Millionen uber die Misshandlungen eines einzelnen seufzen, so soll keiner das Recht haben, die allgemeinen Klagen vor den Richtstuhl zu bringen? "Ja, vor den Richtstuhl." Und vor welchen? Etwa vor den Richtstuhl derjenigen, die selbst die Beklagten sind? Nein! Vor den Richtstuhl des Publikums, des gesamten Volks! Dahin gehoren solche Klagen, und diese Publizitat allein ist das sicherste Mittel, heimlichen Meutereien und den Einwirkungen im Finstern schleichender Rotten vorzubeugen.
"Aber man darf gewisse Wahrheiten ebensowenig laut predigen, als man kleinen Kindern Messer und Scheren in die Hand geben darf." Wer hat euch das glauben gemacht? Echte Wahrheiten konnen unbrauchbare Werkzeuge fur Unmundige, aber nie, in keines Menschen Hand, gefahrliche Waffen sein. Das Gegenteil haben von jeher nur solche Leute behauptet, die ihren schandlichen Vorteil bei der Verfinsterung finden. Schade um die elende Gluckseligkeit, die auf Lugen und Vorurteilen beruht! Tauschung selige Tauschung! Das ist eine Dichterphrasis und mag beim Liebeln und Empfindeln gar angenehme Dienste tun; aber wo es heilige Menschenrechte und zeitliche und ewige Gluckseligkeit gilt, da hat kein Mensch, kein Engel das Recht, uns zu tauschen.
"Allein habe ich nicht selbst gesagt, dass der grosste Teil des" Menschengeschlechts in allen Zeitaltern unmundig und der Tauschung unterworfen bleiben werde?" Ja, werde, leider! werde; aber nicht solle, nicht musse. Gibt denn das uns das Befugnis, ihn mutwilligerweise zu betrugen, ihm sein Eigentum an Wahrheit und Weisheit zu schmalern? Wer hat uns zu Vormundern auf ewige Zeiten von gewissen Volksklassen gemacht, ohne Unterschied, ob unter diesen nicht vielleicht Menschen sind, deren Verstandskrafte die unsrigen weit ubertreffen? Noch einmal! unmundig und schwach bleibt freilich der grosste Teil aller Lebendigen; aber dieser Teil besteht nicht grade aus Bauern. Das ware ja erschrecklich, wenn ein ganzer Stand, und zwar der nutzlichste im Staate, verurteilt sein sollte, ewig dumm und unwissend zu bleiben; und es ist toricht, zu sagen, man werde an ihm zum Wohltater, wenn man ihn in einer Tauschung erhalt, bei welcher er sich so ubel befindet.
Allein nicht nur ist keine Befugnis, es ist auch keine Moglichkeit da, die Aufklarung zuruckzuhalten; und wenn sie nun einmal, ohne unser Gebet, ihre Fortschritte macht, so ist es die Pflicht derer, die uber so wichtige Gegenstande reiflicher nachgedacht haben, ihren Mitburgern den Leitfaden zu bessrer Anordnung ihrer Gedanken zu geben das ist wahrer Schriftstellerberuf. Auf diese Weise kann der Gelehrte, wenn er das Bedurfnis seines Zeitalters richtig kennt, sehr nutzlich werden. Schaden stiften kann er, wenn das, was er sagt, wirklich echte Wahrheit ist, nie. Kommt diese Wahrheit zur Unzeit, das heisst: kalkuliert er das Bedurfnis unrichtig, so wird sie nicht erkannt, nicht verstanden, zieht ihm vielleicht Verfolgung zu; aber Ungluck kann der nie stiften, der echte Wahrheit geltend macht. Sehr viel mehr Ungluck stiftet halbe Aufklarung, Verworrenheit in Begriffen. Und jetzt leben wir in einem Zeitalter, das sehr viel Licht vertragt, in welchem man gewisse Wahrheiten nicht zu oft sagen kann. Alle Klassen der Burger lesen, lesen Geschichtsbucher, lesen Zeitungen; sie erfahren dann, dass Tristan l'Hermite mehr als viertausend unschuldige Menschen, unter Ludwig des Eilften Regierung, in der Bastille umkommen liess; sie erfahren, dass nun die Bastille nicht mehr ist, dass das Volk sie, und mit ihr den Despotismus, zerstort hat. Sie sehen also, dass man so etwas tun kann; sie lesen auch, dass viele behaupten, man durfe so etwas tun; sie fangen auch wohl an zu ahnden, man habe von jeher sich angemasst, alles tun zu durfen, was man tun konnte und so ist denn freilich leicht abzusehn, dass auch sie so etwas tun werden, wenn sie wollen.
Hier ist also kein andres Mittel, als den Willen zu lenken und die Vernunft, welche den Willen regiert, zu uberzeugen. Jenes ist in der Regenten Hand, dieses ein Geschaft der Schriftsteller. Wenn die Regierungen ihre Pflichten so treu erfullen und dabei solche zu dem Zeitalter passende Mittel wahlen, dass die Burger im Staate sich glucklich fuhlen, so entsteht kein Missvergnugen, kein Bedurfnis, folglich auch kein Willen, die Ordnung der Dinge zu verandern. Und wenn dann die Schriftsteller die echten Grundsatze entwickeln, worauf die Rechte aller Menschen und ihre Verbindlichkeiten gegeneinander beruhen, die Vorteile der burgerlichen Gesellschaft und die daraus entstehenden Pflichten, die Notwendigkeit einer gewissen Ordnung und der Unterwurfigkeit gegen die Gesetze, wenn sie dies mit Freimutigkeit und Klarheit tun, so wird das auf alle Stande gesegneten Einfluss haben; die Regenten werden die Unvermeidlichkeit einer Veranderung in ihren Systemen erkennen und zweckmassige Mittel wahlen, allen Klagen abzuhelfen; das Volk aber wird vorsichtig werden und sich zu keinen tumultuarischen Schritten verleiten lassen.
Achter Abschnitt
Wie allen gewaltsamen Revolutionen vorgebeugt
werden konne
Wer in seinem Hause sich behaglich fuhlt und kein Mussigganger ist, pflegt sich selten um das zu bekummern, was der Nachbar in dem Innern seines Hauswesens treibt; und ein Volk, bei welchem ein ziemlich gleich verteilter Wohlstand und dabei nutzliche Tatigkeit herrschen, pflegt eben keinen leidenschaftlichen Anteil an den Begebenheiten und Garungen in fremden Landern zu nehmen. Die Sorge fur das allgemeine Wohl geht wenig Leuten so nahe zu Herzen als die Sorge fur das eigne Ich. Wer also Interesse fur eine Veranderung in der Staatsverfassung empfinden soll, der muss uberzeugt sein, dass seine und der Seinigen personliche Existenz bei dieser Veranderung einen Zuwachs von Vollkommenheit erlangen wurde.
Die Anzahl derer, die Ruhe und Gemachlichkeit lieben und ungern rasche Schritte tun, ist unendlich grosser als die der unruhigen Kopfe voll rastloser Tatigkeit. Wenig Menschen setzen gern das gewisse Gute aufs Spiel gegen das Ungewisse, wonach man mit Gefahr ringen muss. Einzelne Aufwiegler machen wenig Eindruck auf Gemuter, in denen nicht schon der Samen der Unzufriedenheit keimt; und also sind im ganzen nur gemisshandelte und gemissbrauchte Menschen zum Aufruhre geneigt oder leicht dazu zu vermogen.
Jeder irgend verstandige Mensch weiss, dass man in diesem Erdenleben eine gewisse Summe von Ungemachlichkeiten und Lasten tragen muss. Von Jugend auf wird er an Aufopferungen gewohnt, und Gewohnheit hat grossere Gewalt uber ihn wie alles ubrige; folglich muss zu dieser Last, seinem Gefuhle nach, eine unertragliche Zugabe kommen, wenn er bewogen werden soll, zu murren und das Gewohnte unnaturlich zu finden.
Wer nicht gewahr wird, dass es andern Leuten unter denselben Umstanden besser geht als ihm, wird nicht leicht mit seinem Zustande unzufrieden werden.
Liebe und Zuneigung zu Wohltatern, Dankbarkeit fur Schutz und gewahrte Sicherheit, Erkenntlichkeit gegen edle und redliche Behandlung, Verehrung hervorstechender Talente und eine Art von Furcht vor uberwiegender Klugheit ist allen vernunftigen Wesen von Natur eingepragt. Nur Menschen von ausserst sturmischen Leidenschaften (und diese machen gewiss den geringern Teil des grossen Haufens aus) verleugnen solche Gefuhle.
Wer eine rasche, gefahrliche Tat ausfuhren will und dazu die Mitwirkung vieler bedarf, wird nicht leicht sich andern eroffnen und ihnen seine Plane mitteilen, wenn er nicht gewiss uberzeugt ist, dass diese von eben den Empfindungen wie er durchdrungen sind, und das setzt entweder eine allgemein gegrundete Unzufriedenheit oder eine allgemeine Korruption der sittlichen Gefuhle voraus an beiden ist die Regierung schuld.
Aus diesem allen ziehen wir theoretisch folgende Schlusse: dass Emporungen in keinem andern als in einem ausserst verderbten, in einem ausserst unglucklichen oder in einem ausserst inkonsequent regierten Staate zustande gebracht werden konnen. In dem erstern, weil da der grossere Teil der Menschen geneigt ist, ungerecht zu handeln; in dem zweiten, weil da die Menschen, es komme, wie es wolle, nichts zu verlieren haben; und in dem dritten, weil da die Menschen weniger Gefahr furchten, wenn auch der Anschlag misslingen sollte.
Aber auch aus der Erfahrung lasst sich beweisen, dass nur in solchen Staaten Revolutionen auszubrechen pflegen, in welchen die Regierungen entweder ohne feste Grundsatze oder nach grausamen oder nach unmoralischen Grundsatzen gehandelt, folglich sich entweder Verachtung oder Abscheu zugezogen haben.
Peter der Grosse sturzte alles uber den Haufen, woran seine Volker aus Vorurteil und Gewohnheit hingen. Mit der unumschranktesten Gewalt herrschte er uber Leben, Stand, Vorrechte und Vermogen der Untertanen. Allein er selbst war ein grosser, mutiger Mann, der Erste seiner Nation; er gab das Beispiel in aller Art von Aufopferung, Gehorsam und Tatigkeit; alle seine Einrichtungen trugen das Geprage der Sorgfalt fur das allgemeine Wohl; ihr Nutzen zeigte sich offenbar, und sein Despotismus war dem Genie des Volks und dessen Sitten angemessen also drang er durch, und es kam keine Hauptemporung gegen ihn zustande, in einem Reiche, wo sonst der kleinste Funken das Feuer des Aufruhrs in helle Flammen auflodern macht.
Karl der Zwolfte opferte seinem unbegrenzten Ehrgeize und seinem Eigensinne das Leben und den Wohlstand seiner treuesten, besten Untertanen ohne allen Zweck auf, entvolkerte Schweden, sturzte es zu der tiefsten Stufe der Armut herab und regierte mit beispielloser Harte und Willkur und dennoch fand er den willigsten Gehorsam, ohne Murren warum? Weil er selbst fur sich so wenig foderte und, bei allen Verirrungen jener Leidenschaften, so wenig der Sklave weichlicher Begierden und dabei so tapfer wie keiner, so unermudet, so wachsam, so popular, so massig, so religios war kurz, weil er in hohem Grade die Tugenden besass, fur welche sein Volk Sinn hatte, und nie in solche Verirrungen fiel, welche bei diesem Volke die Bewundrung seiner Erhabenheit hatte schwachen mussen.
Und nun das Muster aller Konige, das Wunder aller Zeitalter, Friedrich der Einzige wer herrschte unumschrankter, willkurlicher als er? Wer vertrug weniger Widerspruch? Uber welches Konigs Despotismus und Tyrannei haben die Auslander lauter geschrien? Aber auch nur Auslander; denn in welchem Lande herrschte je ein warmerer Enthusiasmus fur einen Monarchen als in Preussen wahrend der unvergesslichen Regierung dieses gottlichen Mannes? Aber er respektierte das, was dem Menschen das Heiligste ist, fur dessen ruhigen Besitz er gern alles ubrige aufopfert Freiheit zu denken, zu reden, zu schreiben, zu glauben und zu bekennen, was in seinem Kopfe oder in seinem Herzen ist und er wahr machen zu konnen meint. Ihm war nicht bange vor Meutereien, vor Aufwieglern, vor Aufklarern, vor Volksverfuhrern. Hier in der freien Reichsstadt, in der ich lebe, wurde ich es nicht wagen, uber die Torheiten eines unbedeutenden kleinen Prinzen so unbefangen zu urteilen, wie man damals von dem grossten Konige des Erdbodens laut in seinem Vorzimmer in Potsdam reden und uber jede seiner Handlungen rasonieren durfte. Aber diese Handlungen brauchten auch nicht das Licht zu scheuen. Da sass er, ohne Leibwache, bei offnen Turen, ohne zu furchten, dass jemand einen Anschlag auf ein Leben wagen wurde, das ganz der Tatigkeit fur das allgemeine Wohl gewidmet war. Sein Machtspruch bestimmte Auflagen und Abgaben, aber er verschwelgte nicht das Eigentum der Untertanen mit Buhlerinnen und Geigern und Pfeifern; alle Ausgaben waren Staatsbedurfnisse. Wie mancher reiche Privatmann im Lande lebte bequemer, uppiger, glanzender als er! Wen ohne sein Verschulden Not und Unglucksfalle zu Boden schlugen, der konnte, wenn er kein Tagedieb, sondern ein nutzlicher Burger war, sicher sein, bei ihm Rettung und Hulfe zu finden. Er ehrte das Verdienst in jedem Stande, und seine Freunde waren Menschen, denen kein vernunftiger Mann seine Achtung versagen konnte. Projektmacher, Schwarmer und andachtelnde Heuchler fanden keinen Eingang bei seiner nuchternen Vernunft. Wer arbeitete emsiger, besser, unermudeter, punktlicher wie er? Strenge Gerechtigkeit leitete jeden seiner Schritte, soweit menschliche Einsicht reichen kann. Nie machte seine Willkur Ausnahmen von bestimmten Gesetzen; nie verlor er seinen Hauptplan aus den Augen, der nicht verheimlicht wurde, der offen dalag, jeder Prufung ausgestellt. Aber wer hatte auftreten mogen und sagen: ich will besser regieren als er? Wer durfte denken, er sei unerschrockner, scharfsichtiger, schneller bei dringenden Fallen, geschickter, begangne Fehler zu verbessern, wachsamer, weniger vergessend? Wer war liebenswurdiger, hinreissender, uberredender, witziger als er im geselligen Umgange? Er bezahlte keine Inquisitoren, keine Lobredner und keine Spione; seine Heere beschutzten sein Land, nicht seine Person; seine Sicherheit, seine Unverletzlichkeit beruhete auf seiner Tugend, auf seinem entschieden hohen Werte, auf der Reinigkeit seiner Absichten und auf der Weisheit seiner Mittel. Er liess den Leuten nicht aus der Bibel beweisen, dass sie ihm gehorchen mussten, sondern erregte den Willen in ihnen, gern zu tun, was er befahl, weil sie seiner Weisheit trauen durften. Und hatte er tausend Jahre regiert und hatten um ihn her unzahlige Volksaufklarer und Freiheitsapostel uber die Rechte der Menschheit, uber die Befugnisse, sich frei zu machen, uber die Gleichheit der Stande und gegen Kirchensysteme geschrieben, nie hatten seine Untertanen sich zum Aufruhre bewegen lassen; denn sie fuhlten sich die Unvollkommenheit aller menschlichen Anstalten abgerechnet glucklicher, sichrer, freier als irgendein andres Volk.
Fragt man, warum die Regierung des edeln Kaisers Joseph, dessen Hauptaugenmerk doch gewiss auch nur das allgemeine Wohl und das Gluck seiner Volker war, dennoch durch innerliche Garungen bezeichnet wurde, so wird es nicht schwer, die Antwort zu finden, wenn man einen Blick auf das Bild wirft, welches ich von des grossen Friedrichs Regierung entworfen habe. Grade der Mangel an jener Konsequenz in allen, auch den geringsten Schritten des unsterblichen Konigs und an der nie aus den Augen gesetzten Rucksicht auf den Grad der Kultur seines Volks hinderte den fur alles Edle und Grosse so eifrigen Kaiser in Ausfuhrung des Guten; und so konnte denn der Erfolg der Reinigkeit seiner Zwecke nicht entsprechen.
"Aber", wird man mir einwenden, "sind denn nie Emporungen ausgebrochen gegen die weisesten und besten Regenten? Ist nicht der vortreffliche Heinrich der Vierte das Opfer einer solchen Verschworung gewesen?" Freilich! und wer leugnet denn auch, dass falscher Religionseifer gegen gute Fursten eine Morderhand bewaffnen konne? Aber Konigsmord ist ja nicht Umwalzung eines Regierungssystems, und vielleicht konnte man denen, welche der zunehmenden Aufklarung den Vorwurf machen, sie richte Verwirrungen in den Staaten an, grade die Erfahrung entgegensetzen, dass wir Beispiele von solchen Freveln nur da finden, wo der Fanatismus herrschte und die Aufklarung ihr wohltatiges Licht noch nicht verbreitet hatte.
Und wenn denn in keinem Lande gewaltsame Umkehrungen zu befurchten sind, wo die Regierung edel und konsequent handelt, welche herrliche Aussichten von Ruhe und Wohlstand haben wir nicht in Teutschland vor uns? in Teutschland, wo soviel gute Fursten den besten Willen, ihre Mitburger glucklich und froh zu machen, mit erhabnen Vorzugen des Geistes verbinden und wo die, welche etwa noch durch fehlerhafte Erziehung und bose Ratgeber irregeleitet sind, auch bald durch gutes Beispiel, durch die allgemeine Stimme, durch ernsthafte Betrachtungen uber die franzosische Revolution und, welches denn auch nicht schaden kann, durch Furcht von ihren Vorurteilen, Irrtumern und falschen Grundsatzen zuruckkommen und einsehn lernen werden, dass ihr Interesse und das Interesse des Volks nur eines ist?
Reichet also selbst die Hande zur notigen Verbesserung, ihr Regenten, weil es noch Zeit ist! Entsaget den elenden und kostspieligen Kindereien, worin so manche von euch ihren Ruhm, ihre Hoheit, ihren Glanz suchen! Was kann armseliger sein als eure Zirkel von hirnlosen, mussigen Hofschranzen? Versammelt doch um euch her Manner, keine Affen! Manner mit Kopf und Herz, die euch die Wahrheit nicht verhehlen! Was kann unnutzer sein als eure herausgeputzten Puppen, die ihr Soldaten nennt, mit denen ihr, die ihr vor allen feindlichen Anfallen sicher seid, mitten im Frieden den Krieg spielt und denen der Hunger und die Sehnsucht nach ihren vaterlichen Hutten aus den Augen blicken? Was kann geschmackloser sein als eure Feste, eure Cour- und Gala-Tage, an denen kein Herz teilnimmt, wo ihr dem Zwange und der Langeweile Stunden opfert, die ihr so nutzlich, so segenvoll, so selig verleben konntet?
Gebet euren Untertanen das erste Beispiel in aller Art Tugend und Ehrerbietung gegen naturliche und konventionelle Gesetze, in Massigkeit, Arbeitsamkeit, Treue, Wahrheit und Hauslichkeit! Respektieret das echte Verdienst; zeiget Abscheu gegen Ranke und Kabalen, gegen Ausspaher und Anbringer und suchet das moralische Gefuhl eurer Mitburger zu veredeln!
Machet euch nicht zu Nachahmern, zu Dienern, zu Sklaven fremder Fursten, indes ihr selbst zu Hause den Genuss der sussesten Herrschaft, der vaterlichen Herrschaft uber vernunftige und freie Menschen, die euch lieben, in vollem Masse schmecken konnt!
Entsaget der torichten Eroberungssucht und uberzeuget euch, dass hundert Menschen glucklich und froh zu machen unendlich ehrenvoller sei, als Millionen mit Gewalt an das verhasste Joch des Despotismus zu binden!
Verschanzet euch nicht in euren langweiligen Residenzen gegen den armen, durch die Unterdespoten gemisshandelten Landmann, der euch gern seine Not klagen mochte! Reiset in die Provinzen; sehet mit eignen Augen, horet mit eignen Ohren und verlasset euch nicht auf die Berichte derer, die euch die Augen verbinden!
Ehret alle nutzlichen Stande und leidet nicht, dass sich gewisse Klassen privilegiert glauben, durch Hochmut, Unwissenheit und Mussiggang sich uber fleissige und bessere Menschen zu erheben! Verbannet auf immer den Wahn, dass Verdienste, personliche Vorzuge und das Recht auf Ehrenstellen und Staatsbedienungen vererbt und angeboren werden konnen!
Glaubet den schmeichlerischen Buben nicht, die euch fur Statthalter Gottes, ja fur Halbgotter ausgeben, den Heuchlern, die euch wahrheitsliebende Leute verdachtig machen wollen! Sie zittern aus Furcht, entlarvt zu werden, und hinter eure Majestat wollen sie sich verkriechen, damit man ihre Schelmenstucke nicht an den Tag bringe. Sie durfen den bessern Mann nicht aufkommen lassen, damit ihr das wahre Verdienst nicht kennenlernet und sie nicht ihr Ansehn verlieren.
Ehret den Mann und danket ihm, der euch bittre Arzeneien gibt! Wer euch sagt, dass ihr die ersten Diener des Staats seid, dass ihr eure Macht aus den Handen des Volks erhalten habt (ein Satz, den der gute Kaiser Joseph selbst offentlich bekannte), der meint es redlicher mit Befestigung eures Throns, der ist ein treuerer Diener als eure kriechende Sklaven. Jenen ist der Stellvertreter der Nation heilig, diese wurden euch noch heute verlassen, wenn ein andrer Tyrann euch die Krone vom Haupte risse.
Rucket mit fort in der Kultur; leset die Werke der Geschichtschreiber und Philosophen, damit nicht unerwartet Wahrheiten in Kurs kommen, worauf ihr nicht vorbereitet seid, an deren Missbrauch, wenn ein solcher Missbrauch zu furchten ware, niemand schuld sein wurde als ihr, berufene Erzieher des Volks!
Allein glaubet nicht, dass man durch Zwangsmittel und Edikte Meinungen lenken und Aufklarung hindern konne! Erlaubet immer, dass jedermann laut rede, und seid versichert, dass niemand weniger zu furchten ist als der Schwatzer! Je mehr die Menschen plaudern, desto weniger handeln sie. Widerstand reizt, Einschrankungen erbittern. Verbote von der Art sind das sicherste Kennzeichen einer schwachen Regierung, erwecken den sehr gegrundeten Verdacht, dass eure Schritte nicht sicher sind, dass eure Grundsatze das Licht scheuen. Was nicht in Teutschland gedruckt werden darf, wird auswarts verlegt, und was nicht offentlich genossen werden darf, wird heimlich um desto gieriger verschlungen. Wenn die allgemeine Meinung zu eurem Vorteile spricht, wenn soviel Herzen von Liebe und Verehrung fur euch erfullt sind, wenn man euren guten Willen sieht und euren Einsichten trauet, was kummert euch dann das Geschrei einzelner Schwindelkopfe? Und ist das nicht der Fall, so gebet die Rolle ab, die ihr nicht zu spielen verstehet! Wenn die Wahrheit reift, so tragt sie ihre Frucht, und alle Welt sieht, dass von dem Baume gut zu essen und dass er lieblich anzuschaun ist. Dann seid weise und stellet euch an die Spitze der Aufleser, damit es fein ordentlich dabei hergehe! Verbietet ihr die Frucht, so fallen sie euch bei Nacht und Nebel daruber her, und wer ist dann schuld an der Verwirrung und an den blutigen Kopfen?
Fuhlt ihr nun die Notwendigkeit, bald eure Systeme, eure Maximen, eure Verfassung zu andern (und wer von euch sollte die nicht fuhlen?), murrt sogar schon heimlich euer Volk, so berufet die Landesstande; berufet frei gewahlte Reprasentanten aus allen Klassen der Burger; leget ihnen eure Wunsche, eure Klagen, eure guten Entschlusse vor; uberleget gemeinschaftlich mit ihnen, wie zu helfen sei; verheimlichet ihnen nichts! Ihr seid ihnen Rechenschaft schuldig; gebet sie freiwillig, ehe man sie euch abnotigt! Sie werden euch das zum Verdienste anrechnen, und ihr gewinnt dadurch an Macht und an Wurde. Entwerfet bestimmte Gesetze, die dem Genius des Zeitalters angemessen sind, und entsaget aller willkurlichen Gewalt, die niemand verantwortlich sein will! Oh! versuchet es und glaubet, ihr werdet euch glucklicher und grosser dabei fuhlen als jetzt. Aber eure Wesire, eure Paschas, die sind es, die euch dahin nicht kommen lassen wollen trauet ihnen nicht!
Ich bin ein schlichter Mann, freilich ehemals bei des Kaisers von Abyssinien Majestat kein unbedeutendes Subjekt gewesen, aber jetzt Notarius caesarius publicus in Bopfingen, und nichts weiter. Meinetwegen konnte es also wohl noch so bunt in der Welt hergehn; ich verlore nichts dabei. Aber ich denke immer, ich musste doch auch so meine unmassgebliche Meinung sagen zu dem heutigen Revolutionswesen. Quaeritur: ob ihr dieses mein opusculum lesen werdet? Das steht nun freilich dahin; indessen dixi, et liberavi animam meam.
Fussnoten
1 Ich, der ich dies sage, bin gewiss einer von denen, unter welchen Herr Campe am wenigsten seinen Lobredner suchen wurde; allein der Unfug, den sich, wahrend ich an diesen Blattern schrieb, ein feiler, unberuhmter Furstenschmeichler gegen diesen verdienstvollen Schriftsteller erlaubt hat, bewegt mich, der Wahrheit mein Opfer zu bringen. Die Schritte, die man seit kurzem gegen jeden unparteiisch frei redenden und denkenden Mann unternimmt und die heimlich von einer gewissen, sehr bekannten Gesellschaft geleitet werden, der daran gelegen ist, dass das Licht nicht durch die Finsternis dringe, machen es dem Hauflein unbestochner Wahrheitsfreunde zur Pflicht, ihre kleinen Privatzwistigkeiten zu vergessen und sich bruderlich die Hand zur Versohnung und zur gegenseitigen Verteidigung zu reichen. Von jetzt an, bis sich die Zeiten andern und Herr Campe dessen nicht mehr bedarf, biete ich ihm von Herzen jeden Dienst an, den ich ihm mundlich, schriftlich und tatig zu leisten imstande bin. 2 Warum ich hier auf einmal die Volksreligion mit einmenge, davon ist die Ursache leicht einzusehn. Leider sind die Kirchensysteme so innig mit den tismus von jeher, nach Gelegenheit, dem politischen entweder die Hand gereicht oder die Stange gehalten hat, dass beide Gegenstande nicht wohl zu trennen sind. 3 Doch dieser unwissende Schwatzer, welcher Professor des teutschen Stils ist und keine Seite ohne grammatikalische Fehler schreiben kann, der mit beispielloser Frechheit sich ruhmt, der Kaiser sei Mitarbeiter an seinem albernen Journale der wird nun wohl von seinen langohrichten Mitbrudern am wenigsten Nachteil stiften.