1791_Naubert_079 Topic 1

Benedikte Naubert

Alf von Dulmen

Oder

Geschichte Kaiser Philipps

und seiner Tochter

Aus den ersten Zeiten der heimlichen

Gerichte

Eingang

1393

Auf einer einsamen Reise, deren Ursach und Endzweck die Sage zu melden vergessen hat, kam Pfalzgraf Ruprecht, mit dem Zunamen der Bartige, in eine Gegend, welche unser Urschreiber, der seine Gegenstande uberhaupt hier und da geflissentlich in Dunkel zu hullen scheint, ebenfalls ungenannt lasst. Es war ein wustes Thal mit hohen Geburgen umgeben, in der Mitte von einem schmalen, aber tiefgehenden und hochufrigen Bergstrom durchschnitten, der sich nordwarts von einer Felsklippe auf die andre herabsturzte, und sich schon in der Fern durch sausendes Gerausch verkundigte.

Ruprecht war in diesem Gebiet so wohl ein Neuling als wir, er hatte die umliegenden Gegenden oft bereist, wusste ihren Namen und ihren Eigener, aber in diesen Abschnitt derselben, in diesen verlassenen Winkel der Natur war er nie gekommen, hatte nie nur das Daseyn desselben gemuthmasst, ob er gleich in der Folge sich besann, dass er jenseit dieser Geburge zuweilen an heitern Tagen, etwas wie Thurmspitzen und Mauerzinnen auf einer der hochsten Anhohen hatte heruberragen sehen; doch die Augen des Pfalzgrafen waren schlecht, die Fernglaser noch nicht erfunden, und wenn er in diesen Gegenden wallte, ritt ihm gemeiniglich kein hellersehender Knappe zur Seite, denn die Natur seiner Reisen wollte es, dass er allein war.

Jetzt, da ihn ein enger Bergweg durch Zufall in die Gegend leitete, die er zuvor niemals sah, erblickte er deutlicher, was er vorher nur wie Schatten gesehen hatte. Jene Thurmspitzen und Mauerzinnen zeigten sich ihm jetzt naher, und von einer andern Seite, sie waren ein Theil einer allen halb verfallenen Burg, welche auf einem der mittlern Hugel der besagten Gegend lag, und den Hintergrund eines Gemaldes ausmachte, welches im Ganzen wenig Reiz fur die Sinnen hatte. Ein odes Thal mit unfruchtbaren Geburgen umgranzt, ein brullender Bergstrom, eine alte Trummer von einem Schloss, das wahrscheinlich schon zu Karls des Grossen Zeiten nicht mehr neu gewesen war, welche Gegenstande fur einen muden Reisenden, uber dessen Haupt sich Gewitterwolken zusammen zogen, und seine Sehnsucht nach Ruhe und Obdach vermehrten!

In dem ganzen Bezirk zeigte sich dem Auge kein lebendiges Geschopf, als die niedrig fliegenden Vogel, welche die Ahndung des Sturms ihre Nester suchen machte. Die Luft im Thale athmete schwul, kleine Windstosse unterbrachen die bangliche Stille. Der Staub drehte sich in kurzen Kreisen, einzelne Regentropfen begannen zu fallen, und in der Ferne rollte der Donner.

Ruprecht spornte sein Pferd an, dem drohenden Sturm zu entkommen. Zwar sah er keine andere Zuflucht vor sich, als das noch ziemlich ferne Schloss, das auf seiner Hohe in der dicksten Nacht der Gewitterwolken zu liegen schien, und auf keine Art einen einladenden Anblick gab; aber er war in dem Falle, nicht wahlen zu konnen, welcher gewohnlich jeder Bedenklichkeit ein Ende macht.

Ehe er die Burg noch erreichen konnte, brach schon das Ungewitter mit vollem Wuthen los; der Himmel stromte, der Fluss schwoll an, die hundertjahrigen Fichten, die einigen hier gedeihenden Baume, beugten sich, und der arme Pilger sah seinen Weg wechselsweis in dichte Dunkelheit gehullt, und in Feuer schwimmend vor sich. Der Schlossberg war jetzt erreicht, jetzt uber die Halfte zuruckgelegt, der Pfad ward weniger steil; auf einem Absatz linker Hand machte ihm ein Blitzstrahl ein hohes steinernes Gebaude sichtbar; es schien kein Ort, wo man Obdach finden konnte, sondern ein altes halb verfallnes Monument zu seyn, von dem er keine weitere Notiz nahm, sondern im vollen Trabe vorubersetzte, endlich die Burg zu erreichen, wo er noch nicht wusste, ob er Menschen, oder Raben und Eulen zu Hauswirthen haben wurde.

Das Thor war geschlossen; der Pfalzgraf schlug mit einer Macht an, die seinen Stand und seine Hulfsbedurftigkeit gleich stark bezeichnete. Erst auf den vierten Schlag erfolgte zur Antwort von innen die Frage: wer sich einmal in diese Gegend verirrt habe? Ein Reisender, war die Antwort, den das Ungewitter hieher treibt. Das merke ich, antwortete man, indem sich die Pforte offnete; bey schonem Wetter wird hier wohl niemand einsprechen. Doch kommt herein, das Unwetter hat euch ubel mitgefahren, ihr seyd nass bis auf die Knochen!

Es war ein alter Mann in ehrbarer Kleidung von gutem Ansehen, der diese Worte zu dem triefenden und keuchenden Ruprecht sagte, es war etwas Zutrauen erweckendes in seinem Tone, der Pfalzgraf, der jetzt abgestiegen war, schuttelte ihm treuherzig die Hand, und folgte ihm aus dem hochgewolbten Vorhaus, das von einer hangenden Ampel erhellt wurde, in die untere Halle, wo nach alter deutscher Sitte auf dem steinernen Tisch in der Mitte ein Krug mit Wein und ein gefullter Becher auf den warteten, der sie leeren wollte.

Labt euch hier mit einem Trunke, sagte der Hauswirth, indess ich Befehl gebe, dass man ein Feuer anmache, und euch trockne Kleider bringe. Ruprecht that wie ihm geheissen war, und trat denn ans Fenster, in den Sturm hinaus zu sehen, dem er eben entkommen war. Ein furchterlicher Blitz, und ein Donnerschlag, welcher nicht anders tonte, als ob der alte Steinhaufen, in dem der Reisende eingekehrt war, uber ihm zusammensturzte, scheuchte ihn zuruck. Ruprecht war eben nicht furchtsamer Art, aber die wenige Kenntniss von den Geheimnissen der Natur machte, dass man zu den damaligen Zeiten noch mehr vor dem Feuer des Himmels bebte, als heut bey Tage.

Das ist ein furchterliches Wetter, sagte der Wirth, der jetzt wieder herein trat; dieser Schlag hat in der Nahe Baum oder Fels gespalten! Gott gnade mir und meinen armen Hause, wenigstens um des Reisenden willen, den ich eben aufgenommen habe. Kennt ihr ihn? fragte Ruprecht, konnte er nicht etwa ein Sunder seyn, der die Rache des Himmels erst uber euch brachte?

Das ist er nicht! sagte der Alte, indem er seinen Gastfreund behulflich war, die nassen Kleider gegen das mitgebrachte reine und ausgewarmte Gewand zu vertauschen; aber verzeiht, dass ihr so langsam bedient werdet; ich habe nur zwey Knechte! Vincent, eile du dort am Feuer, dass du meinen Herrn zu Tische dienen kannst; Kurds Wildpret muss, wenn er nach Hause kommt, auf Morgen aufbewahrt werden, ich hoffe die Gegenwart meines edeln Gasts mehr als einen Tag zu geniessen.

Vincent hatte im Kamin ein trostendes Feuer angezundet, der Hauswirth, der sich seinem Gaste auf Befragen, Thomas Knebel nannte, zog ihm einen Sitz herbey, und sorgte, dass er sich mit dem Rucken nach den Fenstern kehrte, damit ihn das noch immer fortdaurende Feuer der Blitze nicht schrecke oder blende. Darauf half er seinem Knechte selbst den Tisch bereiten, der mit Wein, Brod, kaltem Wildpret und Fruchten bald so gut besetzt war, dass ein hungriger Reisender volle Erquickung und Sattigung hoffen konnte.

Erlaubt, sagte Thomas, als Ruprecht sich setzte, dass ich euch gegenuber meinen Platz nehme.

Und warum erlauben? Ihr seyd Wirth, ich Gast!

Ihr habt recht, ein ehrlicher Wirth darf wohl an seines Gastes Seite sitzen, und wir sind ja weit genug von der Welt entfernt, die die scharfe Granzlinie zwischen Furst und gemeinen Mann gezogen hat, welche eigentlich nur zwischen den guten und bosen Menschen statt finden sollte!

Furst? Kennt ihr mich?

Schon vorhin meine Hoffnung, dass mir Gott um euretwillen gnadig seyn mochte, hatte euch sagen sollen, dass ich euch kenne. Ihr seyd Pfalzgraf Ruprecht der Kleine, ein wackerer biederherziger Mann, der den Fluch in kein Haus bringen wird, wo er einkehrt.

Thomas Knebel, antwortete Ruprecht, ich wurde sagen, mir sey nie so fein geschmeichelt worden, wenn sich das Wort Schmeicheley zu eurem Gesicht passte.

Ihr wurdet mir in Wahrheit unrecht thun, lachte Thomas. Dass ich nicht schmeicheln und kriechen kann, zeigt euch die Art, auf welche ich mit euch spreche; die Stelle, worauf ich sitze, und der Trunk aus diesen Becher, mit welchen ich euch hier willkommen heisse.

Thomas trank, Ruprecht that Bescheid, man speisste mit Appetit, und so ganz ohne Zwang, als wenn hier der Gleiche mit dem Gleichen zu Tisch gesessen hatte, und nachdem ein halbes Dutzend Gemeinplatze z.B. uber das nachlassende Ungewitter, und die Verirrung auf Reisen voruber waren, dergleichen sich bey dem Eingang jedes Gesprachs finden, so nahm eine Unterhaltung unter beyden Platz, welche den redlichen geradsinnigen Pfalzgrafen in der Seele wohl that. Das funfzehende Jahrhundert, an dessen Grenzen sich diese Geschichte zutrug, misste schon manchen der Vorzuge seiner Vorganger, es war in denselben schon etwas seltnes geworden, dass ein Furst, wenn er mit einem Niedern zusammentraf, etwas anders fand, als den Ton der Schmeicheley oder die dustre Zuruckhaltung des Misstrauens und heimlichen Neides.

Mein redlicher Thomas, sagte Ruprecht am Ende der Abendmahlzeit, indem er seine Hand uber den Tisch nach seinem Wirthe ausstreckte, die seinige zu fassen. Ich werde von euch scheiden mussen, sey es gleich Morgen oder uber mehrere Tage, und ich fuhle, dass mir die Kenntniss eures Namens beym Andenken an euch nicht genug thun wird, lasst mich mehr von euch wissen, lasst mich wenigstens wissen, woher ihr mich kanntet.

Ich fuhrte unter eurem Vater, antwortete er, zuerst die Waffen, wie sollte ich euch, den Sohn meines Herrn und Wohlthaters nicht kennen? Manches Jahr ist wohl seitdem entflohen, ihr seyd seitdem aus dem Jungling zum Manne geworden, aber die Grundzuge des Gesichts, so wie die des Gemuths, sind nicht so leicht zu verloschen, man kann in denselben nach einen halben Menschenalter noch immer seinen Bekannten wieder finden.

Aber wie ists moglich, fragte der Pfalzgraf, dass der Mann, dem ich bekannt war, der sich durch das, was mich jetzt in wenig Stunden an ihn gefesselt hat, vor Tausenden auszeichnen musste, dass dieser mir so lang unbekannt blieb?

Glaubt denn Ruprecht, jeden Biedermann zu kennen, der ihn kannte? Mich hat mein Schicksal Jahrelang der abendlandischen Christenheit aus den Augen geruckt, und ich musste also wohl unbekannt werden! In meinem Vaterlande erregte zu der Zeit, da ihr ein Jungling waret, ich ein Mann wurde, eine Unthat allgemeines Aufsehen, welche zu gross fur die Ahndung der offentlichen Gerechtigkeit, den Arm heimlicher Racher auf sich lenkte. Ein Mann, der mein Freund war, hatte sie begangen, ich war so unschuldig als unwissend in der Sache, aber die That schlangelte sich durch allerley Wahrscheinlichkeiten und Moglichkeiten, so dicht zu mir heran, dass ich eine fast unmogliche Rechtfertigung zu Stande bringen, sterben oder fliehen musste. Ich wahlte das letzte. Palastina ist mein Vaterland gewesen bis vor wenigen Jahren, da sich eine gute Gelegenheit zeigte, den Orient zu verlassen. Die furchtbaren Unbekannten, die mich verfolgten, sind allwissend, aber Dank sey ihrem grossen Oberrichter, sie sind nicht unsterblich. Ich dachte mir die Moglichkeit, keinen von ihnen mehr am Leben, oder mich durch jahrelange Muhe und Abwesenheit so unkenntlich gemacht zu sehen, dass ich nun mit Sicherheit in dem Lande leben konnte, aus welchen mich einst zu hochgespannte und ubelverstandene Gerechtigkeit vertrieb. Meine Hoffnung ward erfullt, niemand kannte meinen Namen mehr, wie hatte man sich meiner Gestalt noch erinnern sollen! Verwandte hatte ich von jeher wenig, Freunde noch weniger; die ich hatte waren gestorben, ich war allein auf der Welt. Da nahm ich die Denkmale der sarazenischen Siege, meine muhsam zu rath gehaltene, nicht mit unnothig vergossenem Blut besudelte Beute zusammen, und kaufte mir von denen von Reinen dieses verfallene Schloss. Die Gegend, in welcher es liegt, passte zu meiner Laune, es fehlt mir nicht an Mitteln, es auf die wenigen Jahre, die ich noch zu leben habe, fur mich bewohnbar zu machen; Arbeiter zu diesem Entzweck sind auf kunftigen Fruhling schon bestellt; da ich nur fur mich, nicht fur Nachkommen zu bauen habe, so wird ihr Werk bald geendigt seyn, ich werde noch einige Jahre hier ruhig leben, und dann eben so ruhig sterben. War ich nicht ein Feind auch jedes Anscheins von Augendienerey, so wurde ich sagen, (und wahrhaftig, ich konnte es ohne Nachtheil der Wahrheit thun,) mir sey es Freude, euch, theurer Pfalzgraf, hier gesehen und bewirthet, und die Hoffnung zu haben, euch ofter hier zu sehen und zu bewirthen, da, wie aus euren Reden erhellt, eure Geschafte euch oft in diese Feldmark treiben.

Meine Geschafte beyseite gesetzt, unterbrach ihn Ruprecht, was konnte euch bey eurer langen Abwesenheit aus dem Abendland zu so viel Vorliebe bewegen, als ihr gegen mich, einen Mann beweisst, von dem ihr nicht viel mehr kennt, als den Namen?

Eure Thaten, Herr Pfalzgraf.

Meine Thaten sind sehr unbedeutend und glanzlos.

Ich habe in meinen Leben sehr glanzende Thaten gesehen, deren Ruhm ich nicht in meinen Mund nehmen, noch vielweniger den, der sie vollbrachte, einiger Vorliebe wurdigen werde. Was aber euch anbelangt, so gebe Gott dem deutschen Reiche einmal einen solchen Kaiser, wie euch, er wird ihm mehr Frommen bringen, als all die da gewesen sind, und deren glanzende Thaten zwanzig Seiten der Geschichtbucher erfullen.

Ich weiss nicht, Thomas, wie ihr auf diesen seltsamen Wunsch kommt. Kaiser zu werden, ist mir wohl nie eingefallen, ungeachtet ich wohl oft gedacht habe, wenn ich es war, so sollte manches anders werden.

Sahet ihr etwa auch Statte der Gerechtigkeit, wo Gewissenlosigkeit und Uebermuth den Scepter fuhrte, und Thranen der Unterdruckten an der Stufe des richtenden Throns? Was ihr gesehen habt, das habe ich gefuhlt und erfahren, und noch einmal, Gott gebe seinem Reiche, anstatt des tragen schwelgerischen Wenzels, einen Fursten, wie euch, der so wenig in die Fehler dieses unwurdigen Menschen als in die seiner streitbaren und ruhmsuchtigen Vorfahren fallt, der, indem er keinen Anspruch auf glanzende Thaten macht, das Schwerd gegen den Reichsfeind nur zieht, wo er muss, und dafur lieber darauf sieht, das Schwerd der Gerechtigkeit in seinen Landen so zu lenken, dass es strafe und schone, wie es recht ist, dass es nicht, indem es sich ruhmt, der Allgewalt Gottes nachzuahmen, Rechte an sich reisse, die keiner sterblichen Macht gebuhren.

Ruprecht verstand den eifernden Thomas wohl. Im deutschen Reiche hatte damals die Macht jener heimlichen Racher, welche meine Leser nicht erst aus diesen Blattern kennen lernen werden, furchterlich uberhand genommen. Alles wurde vor ihren Richterstuhl gezogen, nichts konnte ihrer Gewalt entgehen, sie richteten meistens recht, aber sie richteten zu streng, und waren oft durch einen blossen Anschein von Schuld nur allzuleicht zu tauschen. Ruprecht hatte bey dem scharfen Beobachtungsgeist, der ihn beseelte, oft Gelegenheit gehabt, Dinge wahrzunehmen, die sein Innerstes erschutterten, und deren Abschaffung einer hohern Gewalt als der seinigen vorbehalten zu seyn schien. Er seufzte zu der Aeusserung seines Wirths und schwieg, aber zum erstenmal regte sich vielleicht in seinem Herzen der Wunsch, einst auf der Stelle zu stehen, die ihm Thomas wunschte, um alles Gute ausrichten zu konnen, das er wollte.

Wahrend der Pause, welche das Nachdenken des Wirths und des Gasts machte, offnete sich die Thur, und Vincent trat herein, um seinem Herrn anzumelden, wie Kurd von der Jagd zuruckgekommen sey, und keinen Schaden von dem Ungewitter gelitten habe, von welchem er ubereilt worden sey. Lebhafte Freude glanzte in den Augen des Herrn und des Dieners uber die Nachricht. Kurd erhielt Befehl, so durchnasst als er war, einzutreten, und der Pfalzgraf ward nicht einmal um Erlaubniss gebeten; ein Zug, der ihn so wenig beleidigte, dass er ihm vielmehr ein neuer Beytrag zu der Treflichkeit des Mannes schien, den er vor sich hatte. Thomas trug kein Bedenken, seinen Diener vor den Augen des Fursten zu ehren, den er vor einem Augenblicke noch im vollen Ernst einen der hochsten Throne gewunscht, und ihn schon im prophetischen Geist darauf gesehen hatte. Ruprecht ward eine Viertelstunde lang ganz aus den Augen gelassen, und der alte Konrad spielte die Hauptrolle beym Tischgesprach, er wurde um die wahrscheinliche Gefahr beym Ungewitter und beym schnellen Austreten des Flusses gefragt, und erhielt denn die Weisung, sich sogleich zu entfernen, ein Maass Wein zu trinken, und zur Ruhe zu gehen.

Hore doch, Kurd, rief ihm Thomas nach, was mag der letzte furchterliche Donnerschlag fur Schaden gethan haben? dass er traf, glaubte ich zu horen.

Er hat des von Dulmen Saule von der Spitze bis auf die Stufen zertrummert, war die Antwort, morgen sollt ihr mehr davon horen.

Verzeiht, Herr Pfalzgraf, sagte Thomas, da jetzt Kurd fort war, und er sich von der Freude, ihn geborgen zu sehen, wieder erholt hatte, dass ich mir in eurer Gegenwart so viel Freyheit nehme, aber meine Knechte sind mir so lieb wie meine Kinder, beyde haben mich nach Palastina und wieder heraus begleitet, Vincent war mein Reisiger und Konrad mein Knappe, dem letzten habe ich zweymal mein Leben zu danken, so wie ich auch ihm das seinige einmal rettete; noch einmal, es ist zwischen ihnen und mir das nehmliche Verhaltniss, wie unter Vater und Kindern.

Wollte Gott; rief Ruprecht, jeder Furst stund mit seinen Unterthanen, so wie ihr mit euren Knechten; doch was wollte Konrad mit des von Dulmen Saule?

Diese Saule, Herr Pfalzgraf, ist ein altes Denkmal in diesen Gegenden, bey welchem ihr vorubergekommen seyn musst, und das wir nicht anders zu nennen wissen, als die Saule Alfs von Dulmen, weil sein Name und der Name einer gewissen Alverde, die wohl seine Gattin gewesen seyn mag, unter andern Charakteren darauf noch lesbar war.

Und wer mag dieser von Dulmen gewesen seyn? es thut mir leid, dass ich das Monument so kurz vor seinem Untergang nur im Schimmern gesehen habe, denn ich vermuthe, es war eben das, das ich vorhin auf einem Absatz des Schlossbergs im Heraufreiten zur Seite liegen liess; so viel mir der Schein des Blitzes zeigte, eine Gigantische Pyramide auf vier Stufen, mit einer kleinen abgestumpften Nebensaule.

Ihr habt recht gesehen, und hort, was ich euch von diesen Dingen sagen kann, so wie ich es beym Ankauf dieser Gegend aus dem Munde eines alten Bauern des jenseitigen Dorfs erfuhr. Wer die uralten Eigner dieses Schlosses gewesen sind, weiss ich nicht, ich erhielt es aus den Handen derer von Remen, die es anderthalbhundert Jahr besessen haben sollen. Der erste Ankaufer aus diesem Hause, Evert von Remen, fand Gefallen an der wilden Gegend, in welcher es lag, wie ich Gefallen daran gefunden habe, glaubte sie des Anbauens und der Verschonerung fahig, und beschloss den alten Steinhaufen, diese Burg, wie sie noch jetzt ist, zum zierlichen Schlosse zu machen. Bey seinem ersten Eintritt als Eigenthumer, warf sich ihm der Schlossbewahrer zu Fussen, und bat um Gnade wegen dessen, was er ihm jetzt, durch Noth gezwungen, bekennen musse. Zehn Jahr, fuhr er auf Befehl fort, war ich Huter dieses Hauses, bey Antritt meines Amts ward ich in Pflicht genommen, einen Gefangenen, welcher damals schon dreyssig Jahr in einem unterirdischen Gefangniss schmachtete, auf die Art fortan zu halten, wie er bisher gehalten worden war, und ihn, sobald dieses Schloss in fremde Hande kam, zu erwurgen. Das erste habe ich treulich gethan, das andre zu erfullen, ist mir unmoglich. Hier sind die Schlussel zu seinem Kerker, thut mit ihm, wie euch gefallt, nur macht mich nicht zu seinem Henker!

Evert von Remen schauderte ob den Gedanken einer vierzigjahrigen Gefangenschaft, und flog, die verjahrten Fesseln desjenigen zu losen, dessen Freyheit das Schicksal so wunderbar in seine Hande gestellt hatte. Die Tradition sagt nicht genau, wie er jenen Unglucklichen gefunden habe, doch das versichert sie, dass er, ich weiss nicht ob mit mehr Freude oder Entsetzen, in ihm einen alten, lang verlohrnen, todgeglaubten, fast vergessenen Jugendfreund, eben jenen Alf von Dulmen fand, dem zu Ehren er bald darauf das Denkmal setzen liess, welches jetzt der Donner gespaltet hat. Alf von Dulmen uberlebt das Gluck, seine Freyheit und seinen Freund nach vierzigjahrigem Elend wiedergefunden zu haben, nur wenige Tage. Er starb in des von Remen Armen, und wurde von ihm auf der euch bezeichneten Stelle begraben.

Evert fand von nun an die Gegend, wo sein Freund so lang gelitten hatte, zu schrecklich, um sie zu bewohnen, er liess den Bau des Schlosses, und begnugte sich, hier ein Grab gebaut zu haben. Er that nachher grosse Reisen nach Spanien, Frankreich und Welschland, die, wie man sagte, Beziehung auf die Geschichte seines unglucklichen Freundes hatten, welches aber diese Geschichte war, das ist nie kund worden, wirds auch wohl nie werden, bis auf jenen grossen Tag, den Erklarer aller Geheimnisse. Einige behaupten, Alf von Dulmen sey sehr in die Begebenheiten von der Ermordung weiland Kaiser Philips verflochten gewesen, andere wollen, auch hier habe jene furchtbare unbekannte Macht, von welcher wir vorhin sprachen, und deren Verfolgungen auch ich gefuhlt habe, die blutige Hand mit im Spiele gehabt, seine Geschichte habe in jenem furchtbaren Gericht Anlass zu grosserer Heimlichkeit und gescharften Gesetzen gegeben, als bis dahin ublich waren. Doch wer will auf diese Sagen trauen! das gemeine Gerucht ist lugenhaft, in unsern Tagen kann kein grosser Herr ohne Verdacht der Vergiftung oder des Meuchelmords das Leben verlieren, und kein Privatmann unvermerkt aus dem Zirkel seiner Bekannten verschwinden, ohne dass man hier die Macht der unsichtbaren Racher ahnde. Wie man heute denkt, so dachte man wahrscheinlich schon vor zweyhundert Jahren, zu Kaiser Philipps und Alfs von Dulmen Zeiten; die Sache sey ubrigens Wahrheit oder nicht, wir werden sie nicht ergrunden; doch ist jenes Denkmal der Vorzeit wohl der Wichtigkeit von euch gesehen zu werden, ehe ihr diese Gegend verlasset, sollte es auch nur in seinen Trummern seyn. Thomas fuhrte seinen erhabenen Gast, nachdem noch die spate Mitternacht in Gesprachen mancherley Inhalts herangekommen war, in das beste Zimmer seines Schlosses, das den Pfalzgrafen zum Schlafgemach bereitet worden war; ein hohes schallendes Prachtgewolbe, mit Mahlereyen mancher Art, Sarazenenschlachten und biblischen Geschichten, Familienbildern und allegorischen Gemalden ausgeziert. Ruprecht war noch nicht schlafrig, und brachte, nachdem sich der Schlossherr zuruckgezogen hatte, noch eine gute Stunde mit Betrachtung dessen hin, was hier einige gute lombardische Meister geliefert, einige Stumper mit krellen Farben gepfuscht hatten.

Drey Stucke zogen besonders seine Aufmerksamkeit auf sich, die er sich deutete, so gut er konnte. Das erste waren zwey Helden der Kleidung, dem gezogenen Schwerd und der Miene nach; beyde hielten das entblosste Eisen mit der Linken und die Rechte des Freundes mit der Rechten, Freunde waren sie, dies sah man nicht allein aus den fast in einander gedruckten Handen, sondern noch mehr aus den Blicken voll Liebe, mit welchen beyde an einander hingen. Das sind David und Jonathan, dachte der Pfalzgraf, der es mit der ziemlich modernen Rustung der beyden Krieger und dem Kreuz auf dem Brustschild nicht so genau nahm. Der arme David! wie bleich! wie verfallen! er scheint eben erst aus der Hohle Asel hervorgegangen zu seyn, um mit Sauls Sohne den Todesbund der Freundschaft zu beschworen.

Ruprecht, der sich seiner Meynung nach das erste von seinen Lieblingsgemalden so wohl gedeutet hatte, war schnell fertig, aus den andern ebenfalls eine biblische Geschichte zu machen. Dieser Kerker, sagte er zu sich selbst, dieser Mann in Fesseln, und diese freundliche Gestalt, die ihm die wunden Hande lossschliesst, stellen nichts anders vor, als Sankt Peters Befreyung durch den Engel; sonderbar, dass dieser Engel ohne Flugel und kein Jungling, sondern ein bartiger Mann ist; vermuthlich eine Grille des Mahlers, welcher etwa wahnte, die Erscheinung einer himmlischen Gestalt mochte den heiligen Apostel zu sehr geschreckt haben. Aber hier, dieses dritte Bild, das, so hasslich es gesudelt ist, meine Aufmerksamkeit doch so sehr reitzt? Die Schopfungsgeschichte kann es nicht seyn, denn ich sehe hier zwey Menschengestalten, die aus den Handen zweyer Schopfer hervorgehen; das, was Geschaffen wird, ist kein Adam, sondern eine gewappnete Gerechtigkeit mit Wage und Schwerd! Die Bildner tragen einer das kaiserliche Diadem, der andre die dreyfache Krone. Sankt Peters Nachfolger scheint dem ersten die Kunste abzusehen! aber was er fertigt, wird keine Gottin, wird ein feyerspeyendes Ungeheuer, dessen Missgestalt die Binde nur schlecht verbirgt. Gott und alle Heilige, was mag das bedeuten! In meiner Kindheit erzahlte mir mein Lehrer eine heidnische Fabel von Epimetheus, der seinem Bruder das Bildnerhandwerk ubel nachahmte, passte hier nur eine der Gestalten, ich wurde rathen doch rathen hilft hier nichts, und setzte er gahnend hinzu, ist unnutz! was gehn mich die seltsamen Phantasien der Vorwelt an!

Noch ein Blick, auf das letzte Bild, der den Pfalzgrafen unter der einen Hauptfigur den Namen Carolus M. lesen liess; und die Kerze wurde ausgeloscht, welche den schlaftrunkenen Forscher nicht behulflich seyn wollte, auch den andern Namen zu erkennen.

Ruprecht legte sich zur Ruhe, aber so mude er auch war, verzog doch der Pfalzgraf, seine Augen zuzudrucken. An die gesehenen Bilder dachte er zwar nicht mehr, aber andre Ideen durchkreuzten sein Gehirn, und verscheuchten den Schlummer. Die alte Geschichte dieses Schlosses, von welcher ihm der gegenwartige Besitzer nur so unvollkommene Fragmente geliefert hatte, Alf von Dulmen, und vor allen Evert von Remen, welcher, wie Thomas Knebel ihm gesagt hatte, unter pabstlichem Bann ohne Einsegnung und Sacrament gestorben war, schwebten ihm im Sinn, und er that sich tausend Fragen hieruber, deren Beantwortung er an eben den Ort gestellt seyn lassen musste, von welchem er die Entrathselung jenes Bilds von Epimetheus und seinem Bruder stellen musste.

So befiel ihn endlich weit gegen den Morgen der Schlaf, welcher ihm ein Gewuhl von Traumen brachte, so bunt und verworren als seine Ideen vor dem Einschlafen gewesen waren; bis zuletzt folgendes Gesicht so hell und deutlich vor ihm aufstieg, als war es etwas mehr, als nachtliches Schattenwerk gewesen.

Eine mannliche Gestalt voll Majestat und Wurde, stand vor ihm. Kennst du mich? fragte sie, nachdem sie ihn eine Weile mit festem Blick angesehen hatte.

Du bist eine von den Figuren, die ich gestern sahe, erwiederte Ruprecht, bist der David jenes Jonathans!

Mein Name ist Adolf, Graf von *** oder Alf von Dulmen, wie jene Unglucksbenennung lautet, unter welcher ich den Weg zu Tod und Elend ging. Ruprecht! Ruprecht! du wirst einst Kaiser seyn! Siehe das Blut, das an meinen Handen haftet, es ist Kaiser- es ist Freundesblut! steure der blinden Gerechtigkeit, die mich mit demselben besudelte, steure ihr, dass sie nicht ganz jenem feuerspeyenden Ungeheuer ahnlich werde, das du im Bilde gesehen hast! Was sie in meinen Tagen im Verborgenen ubte, das wagt sie in den deinigen kuhner, noch einmal steure ihr, so wahr du einst Kaiser seyn wirst!

Ruprecht schauerte in sich zusammen und erwachte. Er lag lange, um dem Traum nachzudenken, der ihn erweckt hatte, Gedanken stiegen in ihm auf, die seiner Deutung ziemlich nahe kommen mochten, aber immer blieb es noch dunkel vor ihm. Heller zu sehen, hatte er Alfs von Dulmen Geschichte wissen mussen, deren Enthullung, wie vorigen Abends Thomas Knebel sagte, nur fur jenen grossen Tag, den Erklarer aller Geheimnisse, aufbehalten zu seyn schien.

Der Mond schien hell durch die Fenster des Schlafgemachs, der Pfalzgraf, misstrauisch auf sein Gedachtniss, verzeichnete alle Worte seines Traums auf eine Tafel, die er bey sich zu tragen pflegte, und stand denn auf, um das Bild der beyden Freunde noch einmal zu betrachten, die er des vorigen Abends fur Jonathan und David gehalten hatte. Es ward hinlanglich von dem einfallenden Mondstrahl beleuchtet, um ihm in dem letzten die volle Aehnlichkeit Alfs von Dulmen zu zeigen, so wie er ihn eben im Traum gesehen hatte; jener Petrus im Gefangniss zeigte das nehmliche.

Noch war ihm alles ein Rathsel. Ein Schauer, wie man ihn nur da fuhlen soll, wo Geister uns umschweben, befiel ihn; er eilte auf sein Lager zuruck, und verhullte sich in die Decken; wo sich bald darauf ein Schlummer seiner bemachtigte, welcher so tief war, so vollige Vergessenheit alles Vergangenen mit sich brachte, dass der Pfalzgraf in der Folge mehrmal versichert hat, er habe kein anderes Denkzeichen desselben fur sein Gedachtniss, als was er davon in der Nacht in sein Taschenbuch geschrieben habe.

Es war heller Tag, als der Schlossbesitzer vor sein Bette trat, und ihn zu erwecken suchte. Ruprecht fragte, indem er sich die Augen rieb, ob sein Pferd gesattelt sey, und er seine Reise weiter fortsetzen konne?

Erhebet euch, Herr Pfalzgraf, war die Antwort, um die Entscheidung eurer Frage selbst zu sehen. Ruprecht richtete sich auf, Thomas schlug den Vorhang zuruck, und deutete auf die hohen Fenster, durch welche man ins Thal hinab, wie in eine wallende See sahe. Was ist das? schrie der Pfalzgraf. Nichts, antwortete Thomas Knebel, als die Gewissheit, dass ihr heute und morgen nicht reisen konnt: der anhaltende Regen hatte schon gestern den Fluss, der bey seinen hohen Ufern doch so leicht uberstromt, dermassen angeschwellt, dass euch das Fortkommen ziemlich erschwert worden seyn mochte; gegen Morgen hat ein Sturm (Ich glaube, dass ihr einst den jungsten Tag verschlafen werdet, weil ihr diesen verschlafen habt) ein Felsenstuck am Eingang des Thals losgerissen, und in den Fluss gesturzt, welches uns die vollige Ueberschwemmung gebracht hat. Die Leute aus dem jenseitigen Dorfe, welche mein Haus versorgen, sind vor einer Stunde auf Kahnen angekommen, und haben diese Nachricht mitgebracht. Seyd indessen ruhig, Herr Pfalzgraf, auf unserm Berge sind wir sicher, die Fluth steht noch mehrere Ellen tiefer als Dulmens Saule, und wie hoch wir uber denselben wohnen, ist euch bekannt.

Ruprecht stand auf, und ging bald darauf mit seinem gastfreyen Wirthe hinaus, die Verheerung anzusehen, welche das Wasser angerichtet hatte; es war ein schauerlicher Anblick, den sie von ihrer Hohe hatten. Der Schlossberg und seine Nachbarn, die sich ringsum noch hoher als er, Himmelan thurmten, standen wie einzelne unter sich nicht verbundene Inseln in der allgemeinen Fluth, der Strom, dessen Bette in der grossen Wasserflache, durch den reissenden Zug seiner Wellen noch kenntlich war, fuhrte Felsstucke, ausgewurzelte Baume und Trummer von Hausern und Fahrzeugen mit sich fort, ein schnell vorubergehendes, immer anderndes Schauspiel des Schreckens. Der Pfalzgraf und sein Freund thronten wie Gotter uber der allgemeinen Verheerung, aber uber ihnen hing noch ein ganzer Himmel voll Ungewitter, und unter ihnen zeigte die vom Donner zerschmetterte Saule von Dulmens, wie wenig auf die Sicherheit dieses Geburgs zu trauen sey.

Herr Pfalzgraf, sagte Thomas, nach einer gedankenvollen Pause, gefallt es euch, so wollen wir hier hinabsteigen, und sehen, was der Stral des Himmels von jenem Denkmal unversehrt gelassen hat, das mir jetzt merkwurdiger als jemals ist.

Und warum heute mehr als sonst? fragte Ruprecht. Nicht darum, erwiederte er, weil, wie ihr vielleicht wahnen mochtet, mir der Arm des Himmels genauere Untersuchung dessen nunmehr erschwert hat, was ich all die Zeit uber, da ich hier wohne, mit so leichter Muhe hatte betrachten konnen, ehemals zu thun, nein, weil ich heute, eben erst heute, oder vielmehr schon gestern erfahren habe, dass das, was hier in einen Steinhaufen zusammengesturzt liegt, mehrere Betrachtung wurdig ist, als die meisten Monumente, die ein Freund dem Andenken des andern weiht. Diese Steine decken nicht nur die Asche eines Menschen, der bey seinem Leben denen die ihn liebten, wichtig seyn mochte, nein, wahrscheinlich verschliessen sie Dinge, an welchen noch der Nachwelt gelegen ist, und die euch, der einst Kaiser seyn wird, besonders wichtig seyn mussen.

Ruprecht sahe seinen Begleiter bey diesen Worten mit starren Augen an, er hatte ahnliche diese Nacht im Traume gehort, dieser Traum, welcher fast ganzlich aus seinem Gedachtniss verwischt war, schwebte wie ein dunkles Bild schnell vor ihm uber, dicht an denselben kettete sich die Idee, von dem was er diese Nacht niedergeschrieben hatte, auch dieses schien ihm Traum zu seyn, doch griff seine Hand maschienenmassig nach der Tafel, die er bey sich trug, und die den Beweis enthalten musste, was von der ganzen Sache zu halten sey.

Thomas war indessen einige Schritte vorausgegangen. Ruprecht stand still, las was er diese Nacht bey Mondenlicht von jenem Nachtgesichte aufgezeichnet hatte, das Ganze vergegenwartigte sich seiner Seele auf einmal aufs lebhafteste, er sah Alf von Dulmen gleichsam wieder vor sich stehen, horte die Worte, die ihm das Kaiserthum weissagten, und dachte sich einen Zusammenhang unter diesen Dingen, den er selbst noch nicht absehen konnte, den er erst aus dem Munde seines Freundes vernehmen wollte; er beschloss zu schweigen, bis er ihn erst gehort hatte, und ging vollends langsam den Abhang hinab, wo Thomas unter den Trummern stand, und sich mit Hinwegraumung der leichtern herabgerissenen Steine beschaftigte.

Herr Pfalzgraf, rief er, als er Ruprechten herannahen sahe, indem er von seiner Arbeit abliess, Hort was mir Konrad diese Nacht von diesem Orte gemeldet hat: Der Wetterstrahl, der dieses Gebaude zertrummerte, fiel in dem Augenblick herab, da mein Knecht auf seiner Heimkehr nicht zwanzig Schritte von hier entfernt war. Betaubt von dem Schlage, der uns viel weiter Entfernte zittern machte, sturzte er zu Boden, der Regen, welcher auf ihn troff, brachte ihn endlich zu sich selbst. Er erhub sich und schleppte sich langsam fort, aber seine Schwache war so gross, dass er nicht weiter kommen konnte, als bis auf die Stelle, wo der Blitz getroffen hatte; Konrad sank auf einem der herabgerissenen Steine nieder, wo er noch uber eine Stunde halb sinnlos gelegen haben muss, denn vollig erholte er sich erst denn wieder, als das Ungewitter nachgelassen hatte. Er besann sich jetzt ganz auf das, was ihm wiederfahren war, und beschloss, da der Himmel sich ein wenig zertheilte, und der Mond hinter den schwarzen Wolken hervortrat, hier noch eine Weile zu ruhen, und denn den nicht kleinen Rest des Weges nach dem Schlosse vollends zuruckzulegen. Hier war es, wo ihm der Mondstrahl, unter den umhergestreuten Trummern etwas glanzendes in die Augen fallen liess, das er, weil die Sage von vergrabenen Schatzen, die bey jedem alten Denkmal nicht fehlt, auch hier ihr Recht behauptet hat, fur Gold hielt und zu sich nahm; es war dieses kleine kupferne Schild, das er mir bey seiner Heimkunft mit Erzahlung des ganzen Vorgangs einlieferte, und dessen Inschrift ihr jetzt selbst lesen mogt.

Ruprecht nahm und las in Charakteren die drey halbe Jahrhunderte nicht ganz unkenntlich gemacht hatten, folgendes: "Evert von Remen setzte dieses Denkmal der Schuld und der Unschuld seines Freundes Graf Adolfs von *** Grabe tiefer, du, dem der Arm des Himmels diese Hole offnete, und bist du aus dem Furstenstamme desjenigen, welcher unschuldig fur Kaiser Philipps vergossnes Blut bussen musste, so wisse, dass du einst Kaiser seyn wirst, die Wage der Gerechtigkeit richtig wagen, und ihr Schwerd mit Schonung strafen zu lehren."

Was ist das? rief Ruprecht, indem er die Tafel fallen liess, und auf wen mag dies gehen?

Ich weiss nichts weiter, sagte Thomas, als dass die Welt nun zwey Seculo hindurch den durch Peter von Kalatin hingerichteten Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach fur Kaiser Philipps Morder hielt, und dass ihr, Pfalzgraf Ruprecht, einer der Urenkel jenes Furstenhauses seyd. Nicht ohne muhsames Forschen habe ich diese Nacht uber diesen kleinen Schimmer von Licht in der dunkeln Weissagung gefunden; ihr seyd weiser und gelehrter als ich, seht ob ihr mehr entdecket.

Das Vornehmste, sagte Ruprecht nach langen Schweigen, wird wohl hier seyn, nach Ausweisung der Schrift, tiefer unter diesem Gestein nachzugraben; mehrere Nachricht, auf die ich hoffe, wird uns des unnutzen Grubelns uberheben.

Die Arbeit, von welcher hier die Rede war, war nicht fur den Pfalzgrafen und seinen Begleiter; man konnte sich auf die Treue der beyden Knechte Thomas Knebels verlassen; man sagte ihnen so viel von der Sache, als sie, die beyde nicht lesen konnten, wissen mussten, und ehe die Sonne zweymal unterging, hatten sie unter Aufsicht ihres Herrn ein kleines bleyernes Kastchen zu Tage gefordert, welches er dem Pfalzgrafen brachte.

Es ward geoffnet, und das darinn gefunden, was unsere Leser in einigen Stunden der Musse beschaftigen kann, so wie es Ruprechten und den treuen Thomas viele Tage lang beschaftigte, da sie im Lesen nicht so geubt waren wie die klugere Folgezeit, da die etwas veralteten Charaktere ihnen das Lesen erschwerten, und eine Menge zwischen eingestreuter mundlicher Anmerkungen dasselbe weiter ausdehnte als bey Personen geschehen kann, die bey diesen Dingen nicht so viel Interesse haben als der Pfalzgraf und sein Gefarthe. Sie fanden hier ubrige Unterhaltung fur alle die Tage, welche Ruprecht wegen der Ueberschwemmung auf dem Schlosse verweilen musste; die Wasser verliefen sich, und sie waren mit Beherzigungen noch bey weiten nicht zu Ende, welche einen tiefen Einfluss in die Zukunft hatten. Welches ihre Betrachtungen und Plane waren, wird der Leser besser errathen konnen, wenn er gelesen hat was sie lasen.

Ruprecht nahm diese Schriften, als er das Schloss wieder verlassen, und seine Reise fortsetzen konnte, mit sich. O! Thomas, sagte er, was fur Dinge habe ich in eurem Hause erfahren, und welche Gedanken haben sich in meiner Seele entwickelt!

Denket daran, versetzte der Alte, wenn ihr einst Kaiser seyn werdet, und erfullt das Gute, was jetzt in eurem Herzen reifen mag.

Everts von Remen und seiner so muhsam auf Kosten seiner Ruhe und seines Lebens gesammelten Schriften werde ich wohl ewig gedenken, und die Wunsche fur Gerechtigkeit und Gericht, die daher in meiner Seele entglommen, sollen nimmer erloschen; aber ob ich je der Mann seyn werde, sie auszufuhren, ob ich je Kaiser seyn werde, oder ob ich es nur seyn mochte, das ist eine Sache, die wir unentschieden lassen wollen. In allen diesen Blattern habe ich nichts gefunden, das Everten von Remen in meinen Augen das Ansehen eines Propheten geben konnte, und seine Weissagung nebst etwa einem seltsamen Traume ists doch allein, was euch und mir die Gedanken an den Kaiserstuhl in den Sinn bringen konnte.

Wir wollen die Sache Gott und der Zeit uberlassen, sagte Thomas, ihr aber gedenkt in eurer kunftigen Hoheit der hier verlebten Tage, der hier gefassten Entschlusse, und des alten Mannes, der euch jetzt nicht ohne eine Thrane von sich lassen kann!

So gewiss werde ich seiner denken, erwiederte Ruprecht, dass ich denn kommen werde, ihn zu mir zu holen, damit er mein Freund und Rathgeber sey, und mir ausfuhren helfe, wozu jetzt mir Menschenkrafte zu schwach dunken.

Thomas schuttelte den Kopf und meynte, dies war schlechter Lohn fur die genossene gute Bewirthung, wenn er noch auf seine alten Tage der ruhigen Einsamkeit, die sein Gluck machte, beraubt und in die Welt zuruckgeschleudert werden sollte!

Der Pfalzgraf lachte des Eifers, mit welchen sein Freund sprach. O wie fern, rief er mit gefalteten Handen, wie unglaublich fern sind diese Dinge noch von mir und euch! mich dunkt, ihr konntet kuhnlich versprechen, wozu ihr vielleicht nie in der Wurklichkeit aufgefordert werden durftet!

Und fern, sehr fern waren wurklich die Dinge noch, von welchen hier die Rede war. Mehr als zehn Jahre vergingen, und der Pfalzgraf blieb noch immer der er war, ohne an das Kaiserthum zu denken, oder, wie so viele um und neben ihm thaten, angstlich darnach zu ringen. Die Begebenheiten bey des von Dulmen Saule schien er ganz vergessen zu haben, wenigstens hat er sie nie gegen jemand erwehnt, und sie sind erst lang nach seinem Tode, vielleicht, als wofur wir nicht stehen konnen, durch die Tradition ein wenig verfalscht ans Licht gekommen; aber was ihm das Schicksal beschieden hatte, erfolgte doch endlich. Nach Kaiser Wenzels Absetzung fielen alle Stimmen auf ihn; er erlangte die Wurde, die ihm geweissagt worden war. Das Kriegsschwerd und andere Unruhen verhinderten ihn lange, die Verbesserungen und Beschrankungen im Gebiet der rachenden Gerechtigkeit vorzunehmen, die in den damaligen Zeiten so nothig wurden, dass es keiner Geschichte eines Alf von Dulmen bedurft hatte, um sie zu veranlassen; aber endlich begann1 er, was erst unter Kaiser Siegmunds Regierung, und doch nicht ganz so, wie er es geendet haben wurde, zu Stande gebracht wurde. Thomas Knebel ward sein Rath, so wie er bisher sein Freund gewesen war; er uberlebte den edeln Mann, der es so wohl verdient hatte, Kaiser zu seyn, der verdient hatte, es noch langer zu bleiben, und war einer von denen, welche Ruprecht verordnet hatte, das Erbe unter seine Kinder zu theilen; dann kehrte er in sein einsames Schloss zuruck, froh an den Granzen eines Lebens zu stehen, das nach dem Verlust seines koniglichen Freundes allen Reiz fur ihn verlohren hatte.

Geschichte Alfs von Dulmen

Evert von Kemen an die Nachwelt

1252

So nimm sie denn hin, Nachwelt, diese Blatter! und du, in dessen Hande sie gerathen, bedenke, dass sie dem Sammler theuer zu stehen kamen, und nutze sie, wie du urtheilen kannst, dass er sie genutzt haben wurde, hatte die Lage der Sachen es nicht gehindert.

Ich hatte im Fruhling des Lebens einen Freund; ob er meiner Treue ganz so lohnte, wie er gesollt hatte, das gehort nicht an diese Stelle; von ihm, nicht von mir will ich die Folgezeit unterhalten!

Ich hatte einen Freund, wir wurden getrennt, wie Menschen oft getrennt werden. Das Schicksal fuhrte einen jeden seinen eigenen Weg, der meinige ging weit aus meinem Vaterlande, Abwesenheit brachte Vergessenheit, ich war ein Mensch, wie hatte nicht auch ich endlich vergessen sollen, den der mich vergass! Doch fragte ich, als ich im spaten Herbst der Jahre mein Vaterland wieder sahe: Wo ist der Freund meiner Jugend? wo ist Graf Adolf von ***? Jedermann schwieg! Wo ist Alf von Dulmen? wiederholte ich, in der Meynung, die Nachwelt wurde jenen Unglucksnamen, uber dessen Annehmung wir zuerst uns entzweyten, besser kennen. Man zuckte die Achseln! Da ging ich hin, in irgend eine Einsamkeit, sein Andenken zu beweinen, welches der Anblick des Himmels, unter dem er und ich gebohren waren, wieder neu machte. Ich suchte einen verlassenen Winkel meines Vaterlands, dem Andenken des Verlohrnen, Vergessenen, oder Verstorbenen, ihm und noch einer, deren Namen ich nie ohne Thranen nennen kann, meine letzten Tage zu widmen. Ich suchte, und das Schicksal liess mich die Stelle finden, wo mir schreckliche Aufklarung all meiner Zweifel bevorstand. Ich kaufte ein Haus, und wusste nicht was ich mit ihm gekauft hatte; wusste nicht, dass ich durch den Besitz dieser verfallenen Burg Herr uber Freyheit und Leben meines Verlohrnen geworden war. O warum wurde ich es nicht vierzig Jahre eher?

Langer als diese genannte Zeit hatte Alf von Dulmen in dieser Holle die Ketten von Henkern getragen, die ich nicht nennen kann. Ich glaubte einem Unbekannten die Pflicht gemeiner Menschlichkeit zu leisten, indem ich seine lang getragnen Fesseln losste, und der Freund meiner Jugend lag in meinen Armen. O Alf von Dulmen! wie gern hatte ich deinem Leben die Halfte des Rests meiner Tage zugesetzt, um nur noch eine kurze, ganz kurze Zeit die Freude gehabt zu haben, dich gerettet, getrostet, erfreut, dem Grabe zuwandeln zu sehen! aber diese Freude sollte mir nicht werden. Vierzigjahriges Elend konntest du ertragen, aber die Wiederkehr besserer Tage, das Wiedersehen der Sonne, die Wiedervereinigung mit deinem Freunde todtete dich.

Mein Wiedergefundener, mein Alf von Dulmen, starb in den ersten Tagen des Wiedersehens in meinen Armen; ich grub ihm dieses Grab, thurmte uber seiner Asche diese Marmorsaule auf, grub Worte darauf, ihm zum Gedachtniss; ihm und seiner Schwester Alverde, deren Gebeine nicht hier ruhen, die einst in andern Gegenden zur ewigen Wiedervereinigung erwachen wird. Sie war mir unvergesslich wie er, sie doch genug von dem was sie betrifft!

Mein Freund hatte mir ein Erbtheil hinterlassen, die traurige, verhangnissvolle Geschichte seines Lebens. Nachwelt, ich bin dir sie schuldig! Leiden, wie die seinigen, durfen nicht der Vergessenheit uberlassen werden! Aber soll ich dir sie geben, wie er mir sie gab? Sie war mit der Feder des dustersten Selbsthasses geschrieben; ohne Erklarung wurde sie dir einen Begriff von ihm beybringen, welcher der Wahrheit Gewalt anthat! Alf von Dulmen war nicht unschuldig, aber er war auch der Verbrecher nicht, fur den er sich selbst hielt: andere brauchten ihn zum Werkzeug ihrer finstern Entwurfe, die Schuld ihrer Verbrechen sey uber ihnen!

Die Rechtfertigung meines Freunds zu bewurken, seine Entschuldigung und anderer Bosheit aufzudekken, uberwand ich die Unmoglichkeit. Ich spahte die schriftlichen Beglaubigungen beyder aus, und entriss sie der Dunkelheit, in welcher sie begraben lagen. Die Kabineter der Konige, die Archive der Kloster, selbst St. Peters Heiligthum offneten sich mir, und gaben ihre Heimlichkeiten heraus, mir folgte Fluch und Bannstrahl, man schrie mir nach: ich sey getauscht worden; was ich gesammelt habe, seyen Lugen! man sey unschuldig an dem, was ich nur auf meine Gefahr wagen durfe, ans Licht zu bringen!

Gut, dem sey so! Wer kann hier uber Menschen Schuld und Unschuld entscheiden! Nicht ihre Drohungen, sondern das Gefuhl weniger Macht, und die Moglichkeit, dass ich auch Ihnen unrecht thun konne, bewogen mich, das zu unterdrucken, was ich gern gegen alle vier Winde des Himmels ausschreyen mochte. Nimm es auf, heiliges Denkmal, in deine Schatten! Lieferst du es einst in die Hande eines Weisen oder Machtigen, so nutze er es mit Klugheit. Vielleicht sind denn schon Jahrhunderte uber meine und meines Freundes Asche hingeflogen, und es kummert niemand mehr, ob Alf von Dulmen schuldig oder unschuldig war, aber seine Geschichte ist nicht ohne gute Lehre, und nachdem die Zeit ist, in welcher sie sich aus der Dunkelheit hervorwindet, nachdem wird ihr Nutzen seyn. Vielleicht gross, wenn sie Zeit genug kommt, dem Uebel zu steuern, das jetzt unter dem Namen der Gerechtigkeit Unheil stiftet, vielleicht klein, wenn sie erst in Jahrhunderten erscheint, in welchen Dinge, unter deren Druck jetzt die Welt seufzt, langst vernichtet und zur Fabel geworden sind.

Der Kardinal Lothar an den Bischof

von Kastilien.

1198.

Ich schreibe euch noch unter meinen alten Namen, ungeachtet ich schon eines neuen und glorreichern gewiss bin. Bald wird die ganze christliche Welt mich als ihr sichtbares Oberhaupt verehren, aber dem ehrwurdigen Hirten der kastilischen Heerde werde ich nie etwas anders als Freund seyn.

Noch wurde ich nicht gesiegt haben, war nicht der alte Nebenbuhler meiner Grosse, der alte Feind all meiner Anschlage, war nicht Philipp von Thuscien schnell nach Deutschland gefordert worden, daselbst seine eigenen Angelegenheiten zu betreiben; und wisst ihr, worin dieselben bestehen? in nichts geringern, als in der Erlangung des Kaiserthums. O mein Freund, bekennt die Uebermacht meiner Einsichten gegen die eurigen! Als Kaiser Henrich Philippen die Vormundschaft uber den unmundigen Friedrich auftrug, da waret ihr bereit zu wetten, der treuherzige Schwabe, wie ihr den Thuscier nanntet, wurde Blut und Leben fur das Wohl seines Mundels aufopfern, wurde ehe sterben, als diesem Kinde die romische Krone entreissen lassen; ihr wisst was ich euch damals sagte, jetzt liegt der Erfolg meiner Behauptung am Tage. Die deutschen Fursten mogen kein Kind zu ihrem Herrscher haben, und der ehrgeizige Philipp vergisst seine Vormundschaft so ganz, dass er sehr geneigt ist, sich in ihren Eigensinn zu fugen.

Ob es ihm gelingen, ob es meinem alten Hasser gelingen wird! Ihm ward am nehmlichen Tage der Kaiserstuhl geweissagt, da mir jener Monch die dreyfache Krone prophezeihte, die letzte ist mir gewiss, wird es ihm auch der erste seyn? Er hat machtige Nebenbuhler, mir darf sich niemand entgegen setzen. Zwar dem geizigen Herzog von Zahringen konnte er wohl seine Anspruche mit Gelde abkaufen, aber was will er gegen den weisen uneigennutzigen Bernhard von Sachsen beginnen, welcher zum Kaiser gebohren zu seyn scheint? Mir war da doch nun einmal das Schicksal die Pabste und die Kaiser in seine Wagschalen gesetzt hat, einander das Gegengewicht zu halten, mir war ein solcher Gegenmann, wie Bernhard furchterlich, und wenn ich alles betrachte, so wollte ich fast Philippen noch lieber als ihm das Diadem gonnen! Auf jeden Fall mussen Maassregeln genommen werden, und horet wie ich sie genommen habe:

Ich komme von dem Sterbebette der Kaiserin Konstanzia. Ich habe ihr Philipps Treulosigkeit nachdrucklich vorgestellt, und das dadurch erlangt was ich wunschte. Philipp, sagte sie, verlasst seinen Mundel, und sucht das fur sich, was dem Sohn Kaiser Henrichs zukam? Wohl gut, ich muss die Sorge fur dieses ungluckliche Kind treuern Handen empfehlen. Ich lege sie in die eurigen, Graf von Segni, in die eurigen, ihr, den ich schon als Statthalter Christi verehre. Legt eure Hand in die meinige, und schworet mir, dass ihr dem verlassenen Friedrich die Krone seines Vaters erhalten wollt!

Ich schwur ihr, Friedrichen die Krone seines Vaters zu erhalten, wobey ich zwar eigentlich keine andere in den Sinn nahm, als die von Sicilien; doch wurde ich gar nicht dawider seyn, wenn ich ihm auch die deutsche erhalten konnte. Friedrich war Kaiser, der Pabst sein Vormund, konnte etwas glucklichers fur die Christenheit erdacht werden? Doch dieses Unternehmen mochte wohl, wie ich besorge, zu viel Blut kosten, mochte mir auf alle Art unausfuhrbar seyn, ich kenne den Starrsinn der deutschen Fursten, und hutete mich daher wohl, etwas mehr zu versprechen als ich halten konnte. Die Kaiserin war nach Art aller Matronen unfahig ein Misstrauen in die Worte eines Geistlichen zu setzen, glaubte durch mein Versprechen all ihre Wunsche gewahrt, und entschlief wohl zufrieden.

Friedrich ist nun mein Mundel und Konig von Sicilien, aber nur auf gewisse Bedingungen, welche heute zu melden, da ich noch Graf von Segni oder Kardinal Lothar bin, lacherlich seyn wurde; morgen wird der Pabst aus einem andern Tone sprechen.

Das was euch nach der Standserhohung eures Freundes in diesem Briefe das Wichtigste seyn wird, habe ich auf die letzt verspart. Die unter uns beyden beschlossene Vermahlung des kastilischen Prinzen mit der jungen Grafin von Toulouse ist so gut als richtig; heute habe ich Nachricht von dem Beichtvater des Grafen, er hat mit ihm von der Sache gesprochen, und ihn geneigt gefunden, und ihr konnt auch nun eurem Konige davon sagen, dessen Einwilligung zu erhalten, es euch nicht an Mitteln fehlen kann.

Bernhard, Herzog zu Sachsen, an Pfalzgraf

Otten von Wittelsbach.

1198.

Mit was fur Herzen, mein Otto, hatte ich nach dem Kaiserstuhl streben, oder vielmehr, da er mir geboten wurde, ihn annehmen sollen? Die sichtbare und die unsichtbare Obergewalt im deutschen Reiche konnen und durfen nie in einer Person vereinigt seyn, ich hatte die letzte aufgeben mussen, um die andre zu behaupten, und urtheilet ihr selbst, ob dieser Tausch vortheilhaft gewesen war. Das hochste Gut des redlichen Mannes ist Gelegenheit und Macht, der Bosheit zu steuern und das Gute empor zu bringen. Der Stuhl,2 auf welchem ich im Verborgenen sitze, giebt mir dieser Gelegenheiten tausend, ich mochte sie nicht missen, um zehn Kaiserthrone; auch ist das Schwerd furchtbar, das ich in den Handen trage, ich mochte seine Scharfe keinen andern als den meinigen anvertrauen. Unheil damit anzurichten, war leicht, wie sollte ich es um einen Scepter vertauschen, und dadurch den, der wie ihr wisst, nach mir der nachste ist, und der es nach mir aufnehmen wurde, in Gefahr setzen, ein Tyrann zu werden.

Dinge, wie diese, versteht kein Profaner, ihr, die ihr schon auf gewisse Art zu den Wissenden gerechnet werden konnt, konnt viel davon verstehen.

Nein, mein Otto, ich neide Kaiser Philippen nicht seiner Erhohung, und zurnen konnte ich nur aus einem Grunde mit ihm: Der Herzog von Zahringen hat sich seine Anspruche um 12000 Mark abkaufen lassen, wie habe ich verdient, dass mir ein ahnliches geboten wurde! Doch Philipp kennt Bernharden von Sachsen nicht, das ist seine Entschuldigung! Es ist verschmerzt, mein Zorn ist voruber. Zum Zeichen, wie gut ich es mit dem neuen Kaiser meyne, sagt ihm, was er unmoglich noch wissen kann, (ihr wisst, keine Posten gehn schneller als die unsrigen;) sagt ihm, der nunmehrige Pabst fange an, sich ihm als einen furchterlichen Feind zu beweisen. Die Vormundschaft uber den jungen Konig von Sicilien hatte nicht vernachlassigt werden sollen, sie ist nun in seinen Handen. Doch dies ist eine alte Zeitung, aber diese ist neu, dass er den kaiserlichen Prafekt der Stadt Rom gezwungen hat, ihm, dem Pabst, den Eid der Treue zu schworen, dass Markgraf Markard der Mark Ankona, und Konrad von Schwaben seines Herzogthums Spoleto beraubt, nachstens in Deutschland seyn werden, dass alle lombardischen Stadte sich dem furchtbaren Innozens unterwerfen, und Thuscien nachstens das nehmliche thun wird. Sehet hier eine Menge Dinge, die Philipp eilig wissen muss, um Gegenvorkehrungen zu treffen. Gehet, empfehlet euch ihm mit denselben. Er hat schone Tochter und keinen Sohn, konnte er sich doch mit einer derselben Pfalzgraf Otten zum Sohn eintauschen, dies wurde Gluck fur beyde seyn, mich dunkt, Philipp braucht einen Helden, wie ihr, zur Stutze seines Throns, der wahrscheinlich, besonders von Rom her, viel Erschutterungen erfahren wird, und ihr braucht eine holdselige Gattin, die euch, nachdem ihr lang genug die Muhseligkeiten des Kriegs empfandet, die Freuden des hauslichen Lebens schmecken lehre. Mochte mir doch ahnliches Gluck lachen! mochte mich doch der Besitz der schonen Adila von Pohlen meinen trubseligen Wittwerstand vergessen machen! Doch sie ist noch sehr jung, und die Sache leidet Aufschub.

Elise von Schwaben an die Grafin

Alix von Toulouse.

1198.

Ich komme wieder in deine Arme, meine Freundin! der Glanz am Hofe meines Vaters kann Elisen nicht fesseln. Du weisst, was ich fuhlte, als Philipp ehemals den Aufenthalt in meinem Vaterlande dem friedlichen Schwaben mit dem stolzen Thuscien verwechselte. Die italianischen Herrlichkeiten behagten mir nicht, ich wahlte das Kloster, in welchem ich dich wusste, und sohnte dadurch meinen Vater mit meiner Wahl aus; er, der alles Auslandische liebt, liess sich ehe gefallen, seine Tochter zu Lion an der Seite einer franzosischen Prinzessin erziehen zu lassen, als wenn ich Marienzell, wo meine Base Aebtissin ist, oder ein anderes deutsches Kloster zu meinem Aufenthalt erwahlt hatte; dies sind Schwachheiten, die ich als Tochter vielleicht kaum bemerken sollte; aber wie kann ich die Augen hier vor so manchem verschliessen, das mich bekummert?

O Alix, mein Vater hat sich sehr geandert! Die Kaiserwurde kann es unmoglich allein seyn, die dieses gethan hat! Meine Mutter, die mich immer mehr als Freundin behandelte, sagt mir, Philipp habe in Welschland viel Umgang mit den Romern gepflogen; diese konnen wohl sein Herz verderbt haben! Eine ubertriebene Freundschaft mit dem Grafen von Segni, dem nunmehrigen Pabst, hatte lange Zeit Platz genommen, sein Haus und das unsrige haben Jahrelang ein Einiges ausgemacht, man hat von nahern Verbindungen durch Vermahlung einer meiner Schwestern mit einem Neffen des damaligen Grafen gesprochen, bis ein unbedeutender Wortstreit einst der Vertraulichkeit auf einmal ein Ende gemacht, und die ehemaligen Freunde in die erbittertesten Feinde verwandelt hat.

Gottlob, sagte ich, da Irene mir dieses erzahlte, Gottlob, dass ein Ungefahr den deutschen Philipp von der gefahrlichen Verbindung mit einem Auslander lossriss! O mein Kind, erwiederte sie, du sprichst wie die Erfahrung deiner Jahre es mit sich bringt. Entzweyungen dieser Art tragen bittre Fruchte; man hat sich ehedem geliebt, hat sich Dinge vertraut, welche kein andrer wissen durfte, ein Nichts hat die genaue Verbindung zertrummert, und eben darum hasst man sich desto herzlicher, man furchtet das Andenken vergangener Dinge, man besorgt, der andere moge den Bruch rachen, und will ihm lieber zuvorkommen; so ziehen Beleidigungen Gegenbeleidigungen nach sich, bis endlich Rache, die von beyden Seiten sich ziemlich rechtfertigen kann, den einen oder den andern der ehemaligen Freunde, oder vielleicht beyde aufreibt. Dein Vater hat schon langst von seinem gewesenen Vertrauten, dem Grafen von Segni, Proben rachenden Hasses erhalten, die er selbst jetzt im Kaiserstande noch nicht verwinden kann. Segni ward Cardinal, und das erste, wozu er sich seiner Wurde bey Colestin dem Dritten, bey welchen er viel galt, bediente, war die Erregung des pabstlichen Donnerkeils gegen seinen vormaligen Freund. Philipp liegt unter dem Banne, wer soll ihn losen? etwa der nunmehrige Pabst? war er es nicht selbst, der dieses Ungluck uber ihn herabrief? O Kind! Kind! die Aeusserungen des Hasses welche zwischen deinem Vater und dem Grafen von Segni klein begannen, gehen nun zwischen Kaiser Philippen und Innozens dem Dritten ins Grosse, gebe Gott, das sie nicht blutig endigen!

Meine Mutter gab mir noch einige neuere Beweise von dem, was sie sagte, und ich zitterte! Mochte doch Philipp Herzog von Schwaben geblieben seyn, mochte er doch diesen Romer und sein verfuhrerisches Vaterland nie gesehen haben; mochte er doch wenigstens nicht Kaiser geworden seyn! Vielleicht dass wir, seine Kinder, uns denn seines Lebens und seiner Vorsorge desto langer zu erfreuen hatten!

Eins trostet mich! Die deutschen Fursten beten ihr gewahltes Oberhaupt an; mein Vater (Man sagt mir, ich soll ihn Kaiser nennen, wenn ich von ihm spreche oder schreibe, aber ich thue solches ungern) Mein Vater hat wieder eine neue herrliche Eroberung an einem der deutschen Helden gemacht, den ich zuvor noch nie sahe. O meine Alix! welch ein Mann ist der Pfalzgraf Otto von Wittelsbach! Schon wie der Prinz von Kastilien, dessen Bild ich bey dir sahe, und gut, tapfer und bieder wie der Herzog von Sachsen, dessen Seite er bisher hielt, auf dessen eigene Einwilligung er sich nun eben zu meinem Vater wendet!

Lass mich aufrichtig mit dir reden, meine Freundin, der Wittelsbacher hatte machen konnen, dass du deine Elise nicht wieder im Kloster gesehen hattest; man spricht von einer Verbindung mit ihm, durch eine von Philipps Tochtern; er hat sein Auge auf Kunigunden geworfen, und ich fliehe. Freylich ist Kunigunde junger und schoner als ich, aber ich furchte, sie hat ihr Herz in Italien zuruckgelassen!

Ich komme, Alix, ich komme wieder in deine Arme! Ich bringe dir noch eine Freundin mit, meine Schwester Beatrix; sie ist zwar noch ein Kind, aber in wenig Jahren wird sie ganz zu deiner Freundin gebildet seyn. Unsere Mutter sieht es gern, dass ich sie mit nach Lion nehme, sie ist mit der Erziehung zufrieden, die ich in unsern heiligen Mauern erhalten habe, und wunscht fur ihre jungere Tochter die nehmlichen Vortheile; auch sieht sie sie gern von den glanzenden Scenen eines Kaiserhofs entfernt, die ein junges Herz so leicht verderben konnen. Was meinen Vater anbelangt, so hat er fur niemand unter seinen Kindern Augen als fur Kunigunden, und lasst sich also unsere Entfernung, wenn nur sie ihm bleibt, herzlich gern gefallen!

O Elise! Elise! was hast du da geschrieben? Prufe dich, ob nicht in diesen Aeusserungen etwas Neid lauscht, Neid gegen Kunigunden, wegen Philipps und Ottos Vorliebe, welche sie doch wegen Schonheit, Munterkeit, Geist und Weltsitte so sehr verdient! Wahrhaftig, Alix, ich fuhle, es ist Zeit, dass ich in unsere heilige Einsamkeit zuruckkehre. Die Kunst, mein Herz zu prufen, mag ich wohl aus derselben mit in die Welt gebracht haben, aber die Kunst, es zu besiegen, liess ich zuruck; ich muss eilen, sie wieder zu finden.

Pabst Innozens III. an Kaiser Philippen.

1198.

Ich hore, das Oberhaupt des deutschen Reichs klagt uber den Statthalter Christi, wegen einiger Unannehmlichkeiten, die ihm von demselben widerfuhren. Mogen doch der Pabst und der Kaiser Klage wider einander haben, wenn nur der Graf von Segni und Philipp von Schwaben die alte Freundschaft wiederfinden konnen. Oder habt ihr dieselbe vergessen? haltet ihr die Kleinigkeiten, die euch, seit ich auf Sankt Peters Stuhl sitze, widerfuhren, fur Erneuerungen alter Fehden, die ehemals unter uns vorfielen? Sollte ich doch nicht glauben, dass Philipp, welcher nun selbst weiss, was hohere Wurden oft von uns heischen, so schwachsinnig urtheilen konne! Was der Pabst dem Kaiser Pflicht wegen zuwider thun musste, das geht ja die Freunde Lothar und Philipp nicht an! Lasst die Kirche und das Reich diese Dinge mit einander ausmachen!

Um euch indessen zu beweisen, wie viel ich euch, meinem alten Freunde, zu Liebe zu versuchen im Stande bin, so hat derjenige, aus dessen Handen ihr dieses vertrauliche Schreiben erhaltet, Befehl, mit euch geheime Unterhandlungen zu treffen, und so viel von euren Beschwerden zu heben, als nur bey unserer Pflicht fur das uns befohlne Wohl der Kirche moglich ist.

Lebt wohl, mein Bruder, und empfangt den herzlichsten Gluckwunsch zur erlangten Kaiserwurde, und den apostolischen Segen von eurem alten Freunde.

Philipp an Innozens.

1198.

So viel ich mich erinnere, habe ich nie uber das geklagt, was mir von Rom her begegnete. Wir Deutsche klagen uberhaupt niemals, wir tragen ein Schwerd an der Seite, welches allen Beschwerden ein schnelles Ende macht. Doch ziehen wir es nie ohne Noth, und es ist mir daher lieb, dass ich von eurem Gesandten, dem Bischof von Sutri Vorschlage gehort habe, die mir nicht ganz unannehmlich dunken. Doch ich gedenke nicht uber diese Dinge der einige Richter zu seyn, die deutschen Fursten mogen die Sache beleuchten und entscheiden.

Dass ihr als Pabst noch der ehemaligen Freundschaft denkt, erfreut mich. Es waren selige Tage, die wir, entfernt von der Hohe, die wir erstiegen haben, verlebten; wollte Gott, sie mochten wiederkehren! An mir soll es nicht liegen, dass dieses so fern es moglich ist, nicht geschehe, auch konnt ihr mir glauben, dass ich den Kaisernamen, den ihr mir in eurem letzten Schreiben zuerst zugestehet, nicht gesucht, nicht euch zum Trotz angenommen habe. Vielmehr hatte ich auch hier, so wie allemal euer Wohl und das Wohl der heiligen Kirche zum Augenmerk. Philipp ist ein treuer Sohn dieser heiligen Kirche, ob er gleich aus ihrem Schooss verstossen leben muss, er wird ihr und Sankt Peters Nachfolger nicht so viel Unruhe machen, wie mancher andre, auf den die Wahl schier gefallen war. Nehmt den Herzog von Zahringen, der uberall nur auf seinen Nutzen denkt, nehmt den Philosophum, hatte bald gesagt den Unglaubigen! Bernhard von Sachsen, und fragt euch selbst, ob Philipp von Schwaben, der euch zu Liebe alles glaubt, was ihr wollt, der freygebige Philipp, der auch bey dieser Gelegenheit Sankt Petern ein Zeichen seines guten Willens zusendet, ob ihr ihn nicht lieber euch gegenuber auf dem Throne seht als jene?

Blos um Unheil fur euch zu verhuten, ward ich Kaiser, und aus dem nehmlichen Grunde werdet ihr, hoffe ich, zugeben, das ich es bleibe, als welches sich doch nun nicht andern lasst.

Hiemit Gott befohlen, von eurem geneigten Bruder Philipp.

Pabst Innozens an den Bischof von Sutri.

1198.

Ich habe ein Schreiben von meinem lieben Sohn und Bruder, Kaiser Philippen erhalten, welches mich bis zu Thranen bewegt hat; er klagt, aus dem Schooss der heiligen Kirche verstossen zu seyn, welcher er so treulich anhangt. Diesem Jammer muss abgeholfen werden, und ihr erhaltet hiermit Befehl, den frommen Fursten vom Banne loszusprechen, mit welchem er von unsern in Gott ruhenden Vorfahren wegen einiger im Toskanischen verubten Gewaltthatigkeiten belegt wurde.

Dass dieses auf das feyerlichste geschahe, war wohl mein heissester Wunsch, doch aussern sich dabey einige Bedenklichkeiten; daher ihr auch dieses Schreiben kaiserlicher Majestat insgeheim zu zeigen, und mit ihr daruber zu rath zu gehen habt.

Die Excommunication unsers theuren Sohns und Bruders ist, so viel uns wissend, nur wenigen bekannt, denn wie mochte er sonst, bey der Verehrung, die noch jedermann fur die Stimme Gottes aus unserm Munde hat, durch einhellige Wahl zum Kaiserthum gelangt seyn? Sollen wir nun durch offentliche Lossprechung erst kund machen, dass er bisher ein Gebundner des Herrn war? wurden wir nicht durch dieselbe ihm vielleicht mehr Leid zufugen als Gutes erzeigen?

Noch einmal, gehet ihr selbst mit unserm Freund, Kaiser Philipp, hieruber zu rath, und was er fur gut finden wird, das geschehe; doch habt ihr uberall ihn durch eure bessere Einsicht in geistlichen Dingen zu leiten.

Von Rom an den Erzbischof von Kolln.

1198.

Auf Befehl melden wir euch, dass der Bischof von Sutri in diesen Tagen Philippen von Schwaben, der, wie ihr wisst, unter dem Kirchenbann liegt, unter Vorwand pabstlicher Vergunst heimlich losgesprochen, und wieder in den Schooss der Kirche aufgenommen hat, bedenket, ob euch ansteht, dieses zu dulden.

Gar nicht zu gedenken, dass ihr bey dieser hochfeyerlichen Handlung so schimpflich ubergangen worden seyd, so liegt euch auch noch uberdem, ohne weitere Rucksicht auf euch selbst, ob, an der Rechtmassigkeit der ganzen Sache zu zweifeln, da die Lossprechung heimlich vor sich ging, und pabstliche Heiligkeit sich wohl nie zu einem Antheil an dem ganzen Vorgange verstehen wird.

Es ist wohl billig zu beklagen, dass das deutsche Reich ein unter dem Bann liegendes Oberhaupt haben soll, da es sich besseres Glucks unter einem andern Konige hatte erfreuen konnen; aber niemand denkt mehr daran, dass Heinrich des Lowen Sohn, der fromme Herzog Otto noch lebt, welcher sich wohl besser fur das Reich geschickt haben wurde, als ein excommunicirter Philipp. Der Empfang dieses Schreibens bleibt verschwiegen.

Die Kaiserin Irene an ihre Tochter Elise.

1198.

Glucklichere Zeiten begannen uns zu lacheln. Das Joch des Banns war von des Kaisers Nacken gerissen, er athmete freyer, und konnte nun, so meynte er, mit heiterm Muth auf das Wohl des Reichs und das Gluck seiner Kinder denken. O Elise, wie soll ich dir die Plane zartlicher Eltern zum Besten ihrer Lieblinge schildern! Dir, du Heilige, die sich, wie es scheint, den Himmel zum einigen Erbtheil erwahlt hat, dir weltliches Gluck zu bereiten, daran dachten wir wohl nicht, aber unversorgt sollst du auch nicht geblieben seyn, die Aebtissinnen von Quedlinburg waren immer Tochter deutscher Kaiser, und du kannst also errathen, worauf man fur dich dachte, und was dir auch noch nicht entgehen soll, da das Gluck all deiner Schwestern gestort ist.

Zufrieden, unsere Kunigunde mit Pfalzgraf Otten von Wittelsbach so wohl berathen zu sehen, dachten wir nun auch an unsere Jungern. Fur die dreyjahrige Agnes bestimmte dein Vater den jungen Konig von Sicilien, und fur Beatrix den wackern Herzog von Braunschweig, Heinrich des Lowen Sohn; Verbindungen, welche dem ganzen Reiche den Frieden gebracht haben wurden.

Die Ausfuhrung guter Plane darf nicht verschoben werden: Kunigundens Vermahlung mit dem Pfalzgrafen war so gut als geschlossen; du weisst, dass dich mein letzter Brief zum Hochzeitfest einlud. Von der kleinen Agnes etwas zu gedenken, war fast noch zu fruh, doch liess dein Vater, der jetzt auf ganz gutem Fusse mit dem Pabste steht, in einem vertraulichen Schreiben einige Worte davon fallen; und wegen Beatrix waren schon Boten an den Herzog nach Poiton abgeschickt, als wir, o Jammer! erfahren mussten, dass man eben diesen Herzog von Braunschweig, eben diesen Otto, Heinrich des Lowen Sohn, den wir verehren, den wir an unser Haus zu verbinden trachteten, zum Gegner deines Vaters macht.

Ach, Elise, du wirst es nicht aus meinem Briefe zuerst erfahren, dass es das Ansehen hat, als wollte das Reich zwey Kaiser bekommen! auch schrieb ich dir ihn nicht in der Absicht, sondern nur um die Einladung des Letzten zu widerrufen. Du kannst dir wohl vorstellen, dass man bey jetzigen Aussichten nicht an Hochzeitfeste denken darf. Der Pfalzgraf und Kunigunde bleiben vor der Hand nur Verlobte, und es ist zu verwundern, wie wohl sie sich darein schicken, besonders Kunigunde, sie scheint mehr ererfreut als bekummert uber den Aufschub zu seyn; welches ich weder begreifen noch billigen kann.

O Elise! mein Herz ist gepresst! was wollte ich darum geben, dich als meine Trosterin bey mir zu haben! Noch hoffe ich, es wird alles gut gehen. Alle deutsche Fursten sind auf Philipps Seite, und der Pabst, welcher hier so viel thun kann, ist sein Freund; ich wunsche, dass man, um Blutvergiessen zu verhuten, die Sache seiner Entscheidung ubergiebt, er wird gewiss wider den Herzog von Braunschweig und fur deinen Vater sprechen.

Das ganze Ungluck entspann sich durch Anstiften des Erzbischofs von Kolln, welcher die Rechtmassigkeit der Lossprechung des Kaisers vom Banne nicht anerkennen wollte; es ist lacherlich, das bezweifeln zu wollen, wobey wir die Stimme des Pabsts vor uns haben, und ich kann nicht begreifen, warum der Beweis dieser Dinge daruber Brief und Siegel in den Handen des Bischofs von Sutri ist, so erschwert wurde, bis alles zu spat, und die Trennung im Reiche da war.

Pabst Innozens an die deutschen Fursten.

1198.

Da das Reich erst durch die Pabste von den Griechen auf die Deutschen gebracht wurde, da kein Kaiser diesen erhabenen Namen mit Recht fuhren kann, wir geben ihm denn Salbung und Krone, und da besonders mir, wegen erlangter Macht und Ansehens die Stimme der Entscheidung in solchen Sachen zukommt, so thut ihr recht und loblich, getreue Sohne der Kirche, dass ihr euch in gegenwartigem zweifelhaften Fall an den heiligen Stuhl wendet, und ihm die Berichtigung der grossen Frage vorlegt: Wer soll unser Oberhaupt seyn?

Es ist ein schmeichelhafter Beweiss eures Zutrauens auf unsere Unpartheylichkeit, dass ihr kein Bedenken traget, uns zu fragen, da ihr doch vielleicht wahnen konntet, wir mochten mit unserm Vorwort (dass wir unserer Stimme keinen hoheren Namen geben) auf unsern Mundel, den jungen Konig von Sicilien fallen, dessen wir als Vormund uns anzunehmen, vielleicht gehalten seyn mochten; doch fern sey es von uns, der Billigkeit entgegen fur einen Prinzen zu sprechen, der hier gar nicht in Betrachtung kommen darf, indem er bey seiner ehemaligen Ernennung zum Nachfolger seines Vaters, ja noch nicht einmal getauft, und folglich nicht wahlfahig war; War indessen auch dieses nicht, so verwehrte doch auch sein gegenwartiges noch zu zartes Alter schon jeden Gedanken auf ihn. Wehe dem Lande, des Konig ein Kind ist, und dessen Fursten fruhe essen! welches letzte vielleicht auf noch einen andern passen mochte, den wir sonst Freudschafts halber unser Wort gern zu geben geneigt waren.

Philipp von Schwaben ist unser Freund, aber darf Freundschaft bey einer Sache in Anschlag kommen, wo blos die Gerechtigkeit vorwalten muss? Nein, sie darf uns nicht gegen die Wahrheit verblenden, darf uns nicht vergessen lassen, dass Philipp als ein Gewaltthater von unserm in Gott ruhenden Vorfahren excommunicirt wurde, und noch unter dem Banne liegt; seine heimliche3 widerrechtliche Loszahlung durch den Bischof von Sutri kann ihm hier nicht helfen. Warum heimlich, wenn, wie er ruhmt, unser Beyfall auf seiner Seite war? Ueberdieses ist Philipp ein Wollustling und Schwelger, bey welchem, wie wir oben beruhmten, Tag und Nacht, Abend und Morgen der Ueppigkeit geweiht sind, ein Meineidiger, welcher das Kayserthum an sich riss, das er seinem Mundel, dem jungen Konig von Sicilien zu erhalten schuldig war, ein Feind der Kirche, ein Abkommling Heinrich des Funften und Friedrich des Ersten, Heinrich des Sechsten Bruder, und all dieser Widersacher der Kirche wurdiger Nachfolger, welcher schon einige Proben gegeben hat, was diese heilige Mutter von ihm furchten muss.

Werdet ihr nach diesen angezogenen Punkten noch zweifeln, auf wen unsere entscheidende Stimme fallt? Was fehlt dem Herzog von Braunschweig? ist er nicht ein Held und eines Helden Sohn? ist er nicht ein getreues Kind der Kirche? Ihm mag nicht schaden, dass er spater und von wenigern gewahlt wurde, als Philipp, da er zur Regierung tauglicher, und uns und der Kirche anstandiger ist als er.

Habt ihr indessen etwas wider diesen unsern Gewahlten einzuwenden, so wollen wir euch in so weit eure Freyheit nicht beschranken, sondern euch nur andeuten, dass ihr euch bald uber die Wahl eines Wurdigern vergleichet, oder widrigenfalls gewartig seyd, dass wir Otten von Braunschweig offentlich als Konig erkennen, und zu uns nach Rom zur Kaiserkronung berufen.

Irene an Elisen.

1200.

Eine Hoffnung bleibt uns noch, nach so manchen blutigen Handeln, die jener ungerechten unerwarteten Entscheidung des Pabsts folgten, auf die ich all meine Hoffnung setzte. O Elise, freue dich, der ehrwurdige Konrad von Maynz ist von seinem Zuge nach Palastina zuruck! Er war der Jugendlehrer deines Vaters, er vermag alles uber ihn, so wie hingegen Philipp immer auch seyn Liebling war. In gleicher Achtung steht er mit dem Herzog von Braunschweig, (dem nach seiner Kronung zu Aachen jedermann den Kaisernamen giebt), und selbst der Pabst furchtet sich vor ihm, o Elise, was lasst sich von der Vermittelung eines Heiligen, wie Konrad erwarten! Vermittler will er seyn, das hat er meinem Gemahl in den mildesten Ausdrukken geschrieben, und Philipp, der nie etwas von Vermittlung horen wollte, hat zum erstenmal dieses Wort geneigt aufgenommen, er thut noch mehr, er geht der Vermittlung entgegen, und vergiebt sich damit, wie einige Friedensstohrer wollen, etwas von seiner Hoheit. Ich kann ihn nicht tadeln. Erzbischof Konrad ist ein achtzigjahriger Greis, ist fur den geistlichen Vater des Kaisers zu rechnen, dem er die ersten Grundsatze der Tugend ins Herz pragte, es geschieht ihm wohl nicht zu viel Ehre, wenn ihm Philipp zu Gefallen nach Maynz geht, seine Meynung zu horen. Sie sey, welche sie wolle, mir soll sie willkommen seyn. Ein Mann, den die Glorie der Heiligen schon bey lebendem Leibe umstrahlt, kann nicht falsch entscheiden. Wenn er nun auch von gemeinschaftlicher Herrschung mit Otto sprechen sollte, wurde das Philipps Hoheit etwas benehmen? da er als der altere immer den Vorrang behielt, da er durch seine Tochter sich seinen Nebenkaiser noch fester verbinden konnte? Und ich? war ich denn nicht zugleich Mutter und Gemahlin eines Kaisers? sahe ich nicht meine Kinder um mich her glucklich und das Reich in Ruhe? O ihr Engel des Friedens begluckt die Anschlage, die jetzt im Verborgenen zu unserer aller Besten reifen, gebt Konrads Worten unwiderstehliche Gewalt, und Philipps Herzen Biegsamkeit!

Pfalzgraf Otto von Wittelsbach an Adolf,

Grafen von ***.

1200.

Du verziehst deine Nachfolge zu lange, mein Freund, komm, eile zu kommen, mein Herz sehnt sich nach dir. Ich lebe hier in einer Welt, fur die sich mein deutsches Herz nicht schickt. Himmel, an wen hat Bernhard von Sachsen meine Anhanglichkeit fur ihn abgetreten! Hatte ich doch Kaiser Philippen und seine verfuhrerische Tochter nie gesehen! Du weisst, wie Kunigunde anfangs mein Herz fesselte, du weisst auch, wie wenig sie bey genauerer Bekanntschaft demselben genug that. Sie ist schon, aber nicht fur mich, munter und witzig, aber nur mich bey meiner Gerechtigkeit in denken und sprechen in Verlegenheit zu setzen; ich glaube sie ist mir hold, und mochte mich ungern verlieren, woher sonst ihre Bemuhungen, mich wieder auszusohnen, wenn ihre italianischen Grillen mich einmal aufgebracht haben? gleichwohl aber scheint ihr Herz nie ganz bey mir zu seyn, und bey den unablassigen Hinderungen unserer Verbindung ist sie so wohlgemuth, dass ich wohl deinen Scharfsinn haben mochte, aus ihr klug zu werden. Komm, mir diese Dinge zu entrathseln, und mir aus neuen noch furchterlichen Zweifeln zu helfen, die sich in mir von einer andern Seite erheben.

Gott und alle Heilige was soll ich von Philipp denken! Sollte das moglich seyn, was mir der Bischof von Sutri bey dem, was sich in diesen Tagen hier zutrug, ins Ohr raunte? Wir sind in Maynz, Erzbischof Konrad, ein leibhafter Sankt Peter, der Wurde und dem Ansehn nach, ein Engel an Beredsamkeit, ein sichtbarer Heiliger, hat den Kaiser hieher erbeten, Unterhandlungen zu treffen, uber die ich, der mehr vom Schwerde halte, nicht richten kann; alles fugt sich wohl, Philipp lebt und webt in seinem alten Lehrer, kann keine Stunde ohne ihn seyn, speisst mit ihm aus einer Schussel, trinkt mit ihm aus einem Becher, und man sagt, er sey sein heimlicher Feind? Kann, kann dies moglich seyn?

Erzbischof Konrad ist tod, schnelles Todes gestorben, nach einer an Philipps Seite gehaltenen einsamen Mahlzeit; kann, kann Philipp, wie man mich bereden will, sein Vergifter seyn?

Ich bin ausser mir, ich kann und darf mit niemand von diesen schrecklichen Dingen reden, Philipp kann unschuldig seyn, niemand ausser mir und dem, der dieses Gift der Holle, diesen teuflischen Verdacht in mein Herz goss, denkt daran, dass Konrad eines andern Todes als des Todes hohen Alters gestorben sey; doch kann ich den qualenden Gedanken nicht los werden, alles bestattigt mich in demselben, selbst die Behandigkeit, mit welcher Philipp gleich nach seinem Tode wusste, was ihm zu thun sey, die Eil, mit welcher er einen andern, eigenmachtig an seine Stelle gesetzt hat.

Mein Herz wollte springen, ich musste mich einer Seele vertrauen, ich schuttete meinen innern Gram gegen die einige Person aus, gegen welche ich hier am Hofe unumschrankte Achtung hege, gegen die Kaiserin Irene, die durch achte deutsche Redlichkeit ihre griechische Abkunft so ganz verleugnet. Sie hat mit mir gesprochen, wie ein Engel. Sie burgt mir fur ihren Gemahl, wie konnte ich noch Misstrauen in ihn setzen. Gleichwohl ist und bleibt mir hier alles zu enge; ich kann niemand ganz trauen als ihr, und ich muss fort, wenn du nicht bald erscheinst, meine Unruhe durch deine Freundschaft zu lindern; komm, wenn du kannst, unter verstelltem Namen, ich habe hiezu Ursachen, die du ein andermal erfahren sollst.

Der Bischoff von Sutri an den Kardinal

Guido von Praneste.

1201.

Ich hore, ihr seyd zu Kolln angelangt, die Eingriffe zu ahnden, welche Philipp durch Einsetzung eines maynzischen Erzbischofs in die pabstlichen Rechte that, und ich eile, mich gegen euch uber gewisse Dinge zu erklaren, welche man mir, wie ich hore, am romischen Hofe zur Last legte, ich erkenne in euch nicht allein den pabstlichen Legaten, dem ich Rechenschaft von meinem Verhalten schuldig bin, sondern auch den Freund, gegen welchen ich mich offenherziger uber meine Lage herauslassen kann, als gegen andre, den Mann, von dem ich weiss, er wird das, was ich ihm sage, und sagen muss, nicht zu meinem Nachtheil gebrauchen. Hort meine kurze Geschichte, und denn beurtheilet mich nach eurem eigenen Herzen, nach dem was, wie ihr wisst, in dieser argen Welt ein jeder thun muss, der sich empor schwingen will, der sein Leben nicht im Staube zu endigen denkt.

Aus dem widrigsten unter allem Staub auf Erden, aus dem Klosterstaube hatte ich mich schon langst empor geschwungen. Ich war Bischof von Sutri, und wurde, was ihr jetzo seyd, pabstlicher Legat. Ich erhielt geheime und offentliche Auftrage nach Deutschland, wie ihr sie erhalten habt, und richtete sie hoffentlich so gut aus, wie ihr die eurigen ausrichten werdet. Ich sprach den Kaiser gerade so vom Banne los, wie mir vorgeschrieben, und alles hatte die Folgen, die es haben sollte: Zwist und Uneinigkeit entsprang, und das Reich sieht jetzt zwey Kaiser.

Dass man, nachdem alles geschehen war, was man von mir verlangte, mir den Rucken wandte, mir keine Versprechungen hielt, die mir gethan wurden, und sich gar unter der Hand verlauten liess: man musse dem Bischof von Sutri wegen Kaiser Philipps heimlicher Lossprechung an den Hals; dies waren freylich Dinge, die ich hatte voraussehen sollen, da mir meine Erfahrung sagte, man pflege sich gern derer auf eine gute Art zu entledigen, durch die man heimliche Dinge ausgerichtet hat, und das Werkzeug ins Feuer zu werfen, wenn das Werk geschehen ist; Leider fanden mich diese Dinge unvorbereitet. Ich war ein Mensch, ich ward aufgebracht, und suchte, da Rache unmoglich war, meine Sicherheit.

Ich fand sie in Philipps Armen, Philipp schatzte und liebte mich, weil er aus meinem Munde zuerst die Worte der Gnade gehort hatte, und ich nicht unterliess, ihm taglich zu versichern, dass meine ihm ertheilte Absolution gultig sey, und dass er sich dem Pabst und dem ganzen Kardinalskollegio zum Trotz fur bannfrey halten konne. Diese Trostungen trugen mir ausser der kaiserlichen Gnade und Vertraulichkeit noch glanzende Versprechungen ein, ich traute auf sie, denn ich bedachte nicht, dass Philipp nur ein halber Deutscher ist. Ich rechnete in der Stille auf einen Fall, wie er jetzt durch den Tod des alten Erzbischofs von Maynz geschehen ist, und sah mich schon im Geist einen der ersten geistlichen Fursten, einige Stufen naher zur dreyfachen Krone, welche doch nun einmal, gesteht es selbst, Guido, das Kleinod ist, nach dem wir alle mit Sehnsucht hinblicken.

Erzbischof Konrad starb, Kaiser Philipp fuhlte Nothwendigkeit und Macht, an seiner statt dem Pabste zum Trotz eine eigene Wahl zu thun. Ich glaubte, der Gewahlte zu seyn, alle Dinge bestattigten mich in dieser Hoffnung, und ich ward ubergangen. Ein Lupold, ein Bischof von Wormbs begleitet die Stelle die, wenn Recht und Dankbarkeit gegolten hatten, mir zugekommen war. Thorichter Philipp, welch eine Stutze hast du dich an mir beraubt! Wird Lupold das leisten konnen, was du von mir erwarten konntest? Zittre vor den Folgen deiner Wahl!

Doch dies ist nun voruber, ich lache der Versprechungen, die man mir von neuem that, und denke auf andre Mittel zu Rache und Gluck. Guido, ich gestehe es, dass ich, durch schlechte Begegnung aufgebracht, mich vom Pabste mit meinem Herzen zum Kaiser wandte, aber ich kehre zuruck. Die romischen Geheimnisse sind mir bey aller Vertraulichkeit gegen Philipp heilig gewesen, ich bringe sie unversehrt in den Schooss der Kirche zuruck, noch ist nichts verlohren, und erklart man sich mir auf eine anstandigere und sicherere Art als bisher, so kann ich mich vielleicht anheischig machen, Angaben zu machen, die man zu dem grossen Entzweck, Philippen zu sturzen, wurksam finden wird. Ich habe bereits, um meine verneute Treue zu zeigen, einen Anfang gemacht, den nur der, welcher nicht die ganze Sache zu ubersehen im Stande ist, klein und unbedeutend nennen kann.

Philipp hat an seinem Hofe einen Mann, den Pfalzgrafen Otto, den man wohl mit recht eine eherne Saule des Kaiserstuhls nennen kann, er soll sein Schwiegersohn werden; und wird es dieser Held mit dem eisernen Arme, dieser achte Deutsche mit der festen unerschutterlichen Rechtschaffenheit, so mogen wir nun alle Anschlage gegen Philipp aufgeben. Sein Feind muss der Pfalzgraf werden, wenn wir ihn sturzen wollen. Seit mein Vortheil mit Philipps Besten nicht mehr ein Ganzes ausmacht, habe ich nachgesonnen, wie man das Herz des Biedermanns von ihm abwendig machen konne, und gefunden, dass nichts, selbst personliche Beleidigungen nicht, das bey ihm bewurken werden, was Verdacht in Philipps Rechtschaffenheit thun kann.

Der Pfalzgraf ist ein Mann, bey welchem das Herz Gold, der Verstand nur Silber ist, sein Urtheil zu tauschen, ihn morgen zu bereden, der, der ihn heute beleidigte, habe ihn eigentlich nicht beleidigt, ist leicht; aber ihn mit dem Beleidiger der Tugend auszusohnen, ist Unmoglichkeit; dem ersten wird er gern, dem andern nie verzeihen. Dies ist der Mann, den ich Philippen rauben, und damit all mein erlittenes Unrecht rachen will, und horet, wie ich es begonnen habe.

Erzbischof Konrad starb des Todes, den mehrere Greise seiner Art gestorben sind, Kaiser Philipp ist so unschuldig an seinem Tode, wie ich an Lupolds Erhebung zum Erzbisthum. Auch hat niemand einen Gedanken, dass er etwas wider seinen alten Lehrer, wider den gethan haben konnte, der ihn vaterlich liebte. Der Argwohn, den ich zu erregen mir vorgenommen hatte, ist ungeheuer, und doch gelang mir es, ihn in das trugloseste unbewachteste aller deutschen Herzen in das Herz des Wittelsbachers uberzutragen. Ich bin sein Beichtiger, seit unserer letzten geistlichen Unterhaltung, glaubt er in Kaiser Philipp einen Morder zu sehen, sein ganzes Herz emport sich bey seinem Anblicke, und wir konnen darauf rechnen, dass wenn auch Ueberzeugung von der Falschheit des Argwohns bey ihm endlich unvermeidlich war, doch der zuerst ausgestreute Saame des Misstrauens in der Folge Fruchte tragen wird, die uns eine gute Erndte bringen konnen.

Sehet, das ists, was ich bereits fur diejenige Macht gethan habe, von der ich auf einen Augenblick abtrunnig ward, und zu der ich nun auf ewig wiederkehre. Ich sage euch nur den kleinen Vortheil, den man von mir erwarten kann, die Angabe des grossern behalte ich zu meiner Sicherheit zuruck. Fallen die Bedingungen so aus, wie ich wunsche, so soll man mehr erfahren, so wie ich aus dem Munde des Wittelsbachers, der in den Stunden der Andacht ganz heilige unverstellte Offenherzigkeit ist, Dinge erfahren habe, auf die man in Rom nimmermehr rathen wurde, und deren vollige Kenntniss von einem Nutzen seyn musste, welchen weder wir noch unsere Nachkommen ubersehen konnten. Der Pfalzgraf weiss viel von verborgenen Dingen, deren Mittheilung ich unserm Oberhaupt unter gewissen Bedingungen verspreche, aber er hat in Westphalen einen Freund, dem noch mehr von denselben bekannt ist. Ich habe Sorge getragen, dass er heruber gerufen, und mit in unser Netz gezogen werde, gebe der Himmel, dass er nicht scharfsichtiger, behutsamer und weniger andachtig sey, als der Pfalzgraf, fast furchte ich dieses, da seine Ueberkunft sich so lange verzogert!

Pfalzgraf Otto an den Pabst.

1201.

Zwar pflegt ein deutscher Furst immer lieber das Schwerd als die Feder zu gebrauchen, doch darf er, wenn es das Wohl des Reichs und der Wille gemeiner Fursten erfordert, auch den Gebrauch der letzten nicht versaumen. Unglucklicher Weise bin ich unter uns allen derjenige, welcher dieses Werkzeug der Gelehrten mit der meisten Fertigkeit fuhrt, und ich muss mich also zu einer Arbeit verstehen, die ich gern jedem andern uberlassen haben mochte.

Das was ich dem Oberhaupt der Christenheit mit all der Ehrfurcht vorzutragen habe, die ich und wir alle gegen desselben fuhlen hat nicht so wohl die gekrankten Rechte Kaiser Philipps, an den man mich durch besondere Bande gefesselt halten mochte, als einige Eingriffe in die Freyheiten des deutschen Reichs zum Gegenstand, die wir von Rom her erfahren mussten, und die sich auf keine Art verschmerzen lassen.

Wo denkt Sankt Peter hin, dass er uns nach seinem Gefallen einen Konig aufdringen will? Wo wagte es je einer der uralten frommen Bischofe von Rom, die noch in der Demuth ihres himmlischen Meisters einhergingen, sich in weltliche Dinge zu mischen, und bey der Kaiserwahl eine Stimme zu fordern? Dass Kaiser Pabste wahlen, ist bekannt, aber Kaiser zu wahlen hatte man nie den Beytritt eines Pabstes nothig. Liessen die Kaiser zuweilen aus christlicher Bescheidenheit das Recht aus der Hand, das sie hatten, bey der Pabstwahl im entscheidenden Ton zu sprechen, wie soll man die Kuhnheit benennen, mit welcher sich der romische Hof Rechte anmasst, welche er nie besass, auch nie mit unserm Willen erlangen wird?

War ich in kunstlichen Wortverschrankungen geubter als ich es nicht bin, so wurde ich annehmen, Innozens der Dritte konne unmoglich etwas von den Dingen wissen, die kurzlich zu Kolln vorgegangen sind, und ihm klagend berichten, welchen Frevel der Bischof von Praneste daselbst geubt, indem er sich wider alle Reichsordnung in die romische Konigswahl gemischt hat; doch es ist bekannt, dass euch dieses nicht unbewusst ist, und dass Guido, indem er zu Kolln den Herzog von Braunschweig zu unserm Konig bestattigte, nichts that als euren Willen.

Unmoglich dunkte es uns, schon des heiligen Vaters letztes Schreiben zu verschmerzen, und noch unmoglicher ist es uns, die letzte Vorlegung unserer Reichsrechte gleichgultig anzusehen; den schiedsrichterlichen Ton des ersten mochten wir vielleicht einigermassen verschuldet haben, weil wir selbst auf gewisse Art euch zu Rath und Urtheil aufforderten; aber wodurch haben wir dem kuhnen Bischof von Praneste Anlass zu seinem eigenmuthigen Verfahren gegeben? Wir bitten euch, heiliger Vater, ruft ihn zuruck, erklart sein Beginnen fur null und nichtig, oder lasst es euch nicht befremden, dass wir dasselbe, indem wir es blos aus Achtung gegen euch ungeahndet lassen, ganzlich auf die Seite setzen, und zum Kaiser behalten, wer uns, nicht wer einer fremden Macht recht dunkt. Wahrhaftig, wir wurden eine schwere Verantwortung auf uns laden, wenn wir den, der nur in geistlichen Dingen richten kann, in weltlichen als Richter erkennten und ihm dadurch neue Gelegenheit zu pflichtwidriger Anmassung fremder Rechte gaben.

Der Pabst an den Herzog von Zahringen.

1201.

Den Pfalzgrafen Otto, welcher neulich ein kuhnes Schreiben an uns abgelassen hat, kennen wir nicht, und wir richten also die Beantwortung jenes Briefs, die uns dennoch nothig dunkt, weil sie gemeine deutsche Fursten angeht, an euch, den wir kennen und schatzen.

Wie kommen doch die Erben und getreuen Sohne der Kirche auf den Wahn, als wollte die liebende Mutter Freyheiten beschranken, und Rechte schmalern, welche ihre Kinder ja zuerst aus ihren Handen erhielten? Kam nicht das romische Reich durch Hulfe des apostolischen Stuhls in der Person Karl des Grossen zuerst an euch Deutsche? und konnt ihr wahnen, der Statthalter Christi wollte euch mit einer Hand wieder nehmen, was er euch mit der andern schenkte? Das sey fern! Aber gonnen wir euch von der einen Seite die Macht, den zu eurem Konig zu ernennen, den ihr selbst wollt, so durft ihr uns auch von der andern das Recht nicht bestreiten, den zu prufen, den wir salben und kronen sollen, wie auch denn bekannt seyn wird, dass kein deutscher Furst ohne pabstliche Salbung und Kronung, das ganz ist, wozu ihr ihn wahlt, und dass unsere Weihe eurer Wahl allererst das Siegel aufdruckt.

Es ist eine allgemeine Regel und Observanz, dass der, welcher geistlicher Handauslegung und Weihe bedarf, sich zuvor geistlicher Prufung unterwerfen muss, so halt es die heilige Kirche bey den kleinsten Aemtern und Bestallungen, so muss es auch bey den grossten bleiben, selbst der Pabst muss getauft werden, ehe er die dreyfache Krone tragen kann, wie sollte sich der deutsche Konig der Prufung entziehen durfen? Ihr konntet uns ja sonst einen Kirchenrauber, einen Verbannten, einen Tyrannen, einen Blodsinnigen, einen Ketzer oder Heiden zur Salbung vorstellen, und uns zumuthen, an ihm das heilige Oehl zu entweihen. Urtheilet nun selbst, ob wir in Ansehung eures Konigs Herzog Philipps von Schwaben, was Prufung und Entscheidung anbelangt, widerrechtlich verfahren haben, und gestehet, dass unser Legat, der Bischof von Praneste, keinesweges, wie ihr ihm beymesset, sich ein richterliches Ansehen uber euch angemasst, weder einen Konig fur euch gewahlt noch verworfen, sondern nur in unsern Namen erklart habe, was wir von eurer Wahl halten, und was wir hiermit nochmals erklaren und bekannt machen, dass, ihr mogt von Philipp und Otto, Heinrich des Lowen Sohn, nun denken was ihr wollt, doch immer der erste nach unserm untruglichen Urtheil untuchtig, der andere vor allen Fursten des deutschen Reichs wurdig seyn wird, Kron und Salbung aus unsern Handen zu erhalten4. ect. etc.

Die Kaiserin Irene an ihre Tochter Beatrix.

1206.

Du schreibst mir fast zuviel von dem Besuche des Prinzen von Kastilien bey seiner verlobten Braut, der Grafin von Toulouse, und von der Rolle, welche du und deine Schwester bey derselben gespielt habt. Ich sehe die Nothwendigkeit nicht ein, warum ihr euch einem fremden Manne zeigen musstet, welcher entweder nur Augen fur seine Braut hatte, und also euren Anblick entbehren konnte, oder mehr Aufmerksamkeit fur euch bewies, als seine Pflicht erlaubte, wie es mir in Ansehung deiner Schwester Elise fast der Fall gewesen zu seyn scheint.

Mehr hievon zu wissen, als mir vielleicht die Bescheidenheit deiner Schwester und ihre Furcht vor mutterlichen Verweisen gestehen wurde, wende ich mich an dich, mein Kind; du wirst dich erinnern, dass deine Pflichten gegen deine Mutter alter sind, als die gegen deine Schwester, und mir nichts verschweigen; auch weiss ich, dass du mir nichts nachtheiliges von unserer Elise melden kannst, und ich schreibe jeden Fehler, der hier vorgegangen ist, auf die allzugrosse Freyheit, die man den Frauleins in den franzosischen Klostern gonnt; wollte Gott, die entscheidende Neigung eures Vaters fur das Ausland, hatte mich nicht um eure nahe Gegenwart gebracht, damit ich selbst uber euch wachen konnte. Ich fuhle es immer mehr, wie nothig diese sorgfaltige mutterliche Wachsamkeit uber heranwachsende Tochter ist, sahe es an Kunigundens Beyspiel; die Bildung, die sie einst in einem unglucklichen Jahre, da ich sie aus den Augen lassen musste, in Thuscien erhielt, gefallt mir nicht; ich sehe die Folgen dessen, was sie dort einsog, und was sie zu dem Liebling ihres Vaters macht, immer mehr. Sie verdient nicht von dem edeln Pfalzgrafen Otto so lange, so standhaft geliebt zu werden, wie er liebt; sie vermag ein Herz, wie das seinige, gar nicht zu schatzen; ich besorge zuweilen, sie hat das ihrige in Italien zuruckgelassen. O meine Kinder, bewahrt eure Herzen vor eigenmachtiger Wahl, dies ist die Pflicht aller, auch der gemeinsten Jungfrauen: Prinzessinnen liegt sie doppelt ob, da sie weniger als irgend eine ihres Geschlechts wissen, wozu sie das Schicksal bestimmt hat, und wem sie das Opfer der ersten ungetheilten Liebe vorbehalten mussen.

Wem das Opfer der deinigen bestimmt ist, meine Beatrix, das konnte ich dir vielleicht sagen, wenn du bey mir warst, doch Dinge von solcher Wichtigkeit sind Briefen nicht anzuvertrauen; sey nur von deiner Mutter im Allgemeinen so viel erinnert, dass du wohl vor allen deinen Schwestern bestimmt seyn konntest, dem romischen Reich durch Vergebung deiner Hand und deines Herzens die Ruhe wieder zu schenken. Welch Ungluck, wenn du in dem Augenblick, da diese Pflicht von dir gefordert wurde, von fruherer Leidenschaft geblendet, dich weigern, oder warst du Heldin genug, deinem Herzen zum Trotz dich nicht zu weigern, ein Raub des Elends und fehlgeschlagener Hoffnungen werden solltest, indem du andre glucklich machtest!

Von diesen Dingen ist jetzt nicht mehr zu reden, ich verlasse mich ganz auf deine Klugheit und Tugend, vielleicht erlauben die Umstande, dass ich bald mundlich mit dir von deiner kunftigen Bestimmung sprechen kann.

Ein Sturm ist wieder voruber. Dein Vater halt seinem Gegenkaiser, dem edeln Otto, der gewiss wider Willen unser Gegner ist, machtig die Wage. Nicht durch Gewalt, nein durch Huld, Freygebigkeit und Geschenke gewinnt sich Philipp aller Herzen. Sein Gegner, Herzog Otto, von Natur die Liebe und Grossmuth selbst, ahmt ihm hierin nach, aber sein Vermogen kann es nicht so gut aushalten als das unsrige; und doch auch, selbst wir fuhlen die grossen Schenkungen, die die Zeitlaufte nothig machen. Schadet nichts! der Schatz des deutschen Kaisers ist der Reichthum seiner Fursten; auch seine Kinder sind reich, wenn sie auch im aussern Prunk andern etwas nachstehen sollten. Nimm dieses zur Antwort, mein Kind, auf das Lob, dass du den Schmuck der kastilischen Braut giebst, und den Wunsch, dass du und deine Schwester als Tochter eines Kaisers, es ihr hierin gleich thun mochten. Nacheiferung dieser Art hat oft Neid zum Grunde. Die Grafin Alix ist ja eure Freundin, ihr wurdet ja sie nicht beneiden!

Es giebt eine Sache, in welcher sich Kinder grosser Fursten von keinen andern ubertreffen lassen mussen, und dieses ist Bereitwilligkeit Bedrangte zu schutzen, und ihnen Gunst zu erzeigen, ich uberschicke euch, dir und deiner Schwester, hier ein Mittel, diese Pflicht eures Standes zu uben:

Peter von Kalatin, du kennst ihn, der schonste, reichste und leichtsinnigste Ritter an unserm Hofe, brachte neulich ein Fraulein heruber, zu deren Besitze er wohl nicht durch rechtmassige Mittel gekommen seyn mag, ich ahnde hier Entfuhrung oder andere Ranke, ungeachtet weder er noch sie sich daruber erklaren. Sie nennt sich Alverde von Merode, aber ich ahnde, dass sie vom hohern Stande sey, als sie sich ausgiebt; ein schones liebenswurdiges Geschopf, von deinen Jahren, meine Beatrix, und also jung genug, um anzunehmen, dass sie, die vielleicht nicht so guter Erziehung genoss, als du und deines gleichen, unschuldig zu einem Schritte hingerissen wurde, der sonst keine Entschuldigung verdient.

Eine junge Schonheit, wie sie in der Gewalt eines Mannes, wie Kalatin, erregte meine Aufmerksamkeit; ich liess sie vor mich kommen, und fand sie meines Schutzes nicht unwurdig. Um sie noch sicherer zu wissen, sende ich sie mit den Leuten, die euch diesen Brief uberbringen, nach Lion, und empfehle sie deiner und deiner Schwester Vorsorge. Sprechet fur sie bey der Aebtissin eures Klosters, versichert der hochwurdigen Frau in meinen Namen die Zahlung der Gebuhr fur Alverdens Aufnahme, erwerbet dem jungen Madchen die Freundschaft der edeln Grafin von Toulouse, und wendet die Summen, die ich euch hier zu euren kleinen Ausgaben schicke, nicht an, es der kunftigen Konigin von Kastilien in Kleiderpracht gleich zu thun, sondern lieber der neuen Freundin, die ich euch empfehle, ihre Lage so angenehm zu machen, dass sie es fuhle, Kaiser Philipps Tochter waren ihre Versorgerinnen; ich meyne, ihr Herz soll es fuhlen, nicht euer Mund oder euer Betragen soll es ihr zu verstehen geben; doch es war lacherlich, so etwas Unedles nur von euch zu vermuthen.

Deiner Schwester Elise meinen mutterlichen Gruss, und die Versicherung, dass unsere Sachen, von welchen sie mehr weiss als du, weil sie alter ist, jetzt ein immer vortheilhafteres Ansehen gewinnen. Sogar der romische Hof neigt sich zugleich mit dem Gluck auf unsere Seite. Der Pabst soll vortheilhaft von Philipp gesprochen haben; ich traue hier nicht ganz, doch kann ich nicht dawider seyn, dass man sich entschliesst, verbindliche Worte mit verbindlichen Briefen zu erwiedern, und eine Gesandtschaft nach Rom zu schicken, in welcher der Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, Kunigundens Verlobter, auch mit begriffen seyn wird. Hier also wieder eine neue Verzogerung, der Jahrelang verschobenen Vermahlung, die nun vor der Thur war, und jetzt nur um der romischen Reise willen auf kunftigen Winter verlegt werden muss. Ich weiss nicht ob mich das freuen oder betruben soll. Man hat schon langst Versuche gemacht, den edeln Pfalzgrafen auf die grausamste Art wider euren Vater aufzuhetzen, ihn mit dem graulichsten Argwohn gegen ihn zu erfullen; mit Muhe habe ich ihm sein redliches Herz wieder gewonnen; aber wird man in Rom nicht neue Versuche machen, Uneinigkeit zu stiften? und wer wird da den Schaden heilen? O meine Kinder, es ist hier ein undurchdringliches Gewebe von Kabalen, die Hand, die die Faden durcheinander schiesst, sehen wir nicht, Gott gebe, dass wir die Folgen der finstern Arbeit nicht fuhlen mogen! Wohl euch in eurem Kloster, und wohl mir, war ich noch Herzogin von Schwaben!

Beatrix an ihre Mutter.

1206.

Recht aufrichtig, meine Mutter, will ich euch auf alles antworten, worum ihr mich befragt, ich kann es um so leichter, da ich es mit Bewilligung und unter den Augen meiner Schwester thue, ich konnte euch ja unmoglich hinter ihrem Rucken etwas von ihr sagen, dies ware wider Schwestertreue, so wie die Versagung meines Gehorsams in diesem Stuck, wider Kindespflicht gewesen war; ich vereinigte diese beyden Dinge, die hier ein wenig zu streiten schienen, dadurch, dass ich ihr euren Brief lesen liess; sie hat, ich weiss es, kein Geheimniss vor euch, sie schreibt euch selbst, aber da ich mir das Recht nicht nehmen lassen will, euch selbst die Antwort auf eure Fragen zu geben, so hat sie mir lachend erlaubt, euch nur alles von ihr zu sagen, was ich wusste. Recht wohl, Elise! alles was ich weiss? Ey ich konnte wohl etwas von dir wissen, dass du nicht dachtest, wie nun, wenn ich dir eine kleine Schalkheit bewies, und der guten Mutter auch dieses entdeckte?

Wisset also aufs erste, dass bey jener Zusammenkunft mit dem Prinzen von Kastilien, wegen welcher ich uns nicht mehr entschuldigen will, da ihr es selbst thut, meine Schwester Elise der guten Grafin Alix zum besten wohl hatte zuruck bleiben konnen; aber warum hatte sie es thun sollen? sie erschien bey derselben auf Bitte ihrer Freundin, so wie ich aus Vorwitz. Das Herz der kastilischen Braut ist gegen ihren Brautigam so kuhl, dass sie nicht furchtet, dass ihr jemand bey ihm Eintrag thun werde, und Elisens Meynung von ihren eigenen Reizen ist so bescheiden, dass sie nicht glaubt, dass sie jemand Eintrag thun konne; aber ich furchte, sie hat es wider Wissen und Willen hier gethan. Die arme Alix, so schon und gut sie ist, stand ganz im Schatten gegen der herrlichen Elise, die selbst ich bewundere, ungeachtet ich ihre Schwester bin.

Der Prinz von Kastilien, der nur Augen fur die schone Freundin seiner Braut zu haben schien, mag indessen fur sie in den damaligen Augenblicken gefuhlt haben was er will, so versichere ich euch, dass Elise es gar nicht bemerkte, dass wenigstens ihr Nonnenherz ganz kalt dabey blieb. Eins lobte sie an ihm, als wir in der Einsamkeit von ihm sprachen, seine sprechenden Augen und einige andere Zuge seines schonen Gesichts; solltet ihr aber wohl glauben, warum? Weil sie in denselben die auffallendste Aehnlichkeit mit dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach zu finden glaubt. Ach Mutter! Mutter! hier liegt eben das Geheimniss, das ich wider meiner Schwester Wissen und Willen von ihr im Besitz habe, und das ihr wegen der allgemeinen Erlaubniss, die sie mir gab, so neben bey auch mit erfahren sollt. Elise wurde gewiss, wenn sie an Kunigundens Stelle war, nicht kalt gegen den Pfalzgrafen seyn! Ueber Kunigundens Gleichgultigkeit wundre ich mich weiter nicht, wusste ich doch schon als Kind, da ich manches erlauschte, was man andern verbarg, dass der nunmehrige pabstliche Nepot, Graf Richard ihr Herz hat!

Wie ihr sehet, so mussten mir aus dem Beyspiel meiner Schwestern schon die Lehren einleuchten, die ihr mir gebet. Ja, Mutter, ich will meinen Herzen und meinen Augen gebieten, will beyde verschliessen, bis ihr mir Befehl gebt, sie zu offnen, will selbst an Otten von Wittelsbach nicht denken, der mir im Grunde wohl so gut gefallt, als er einer meiner Schwestern gefallt und der andern gefallen sollte. Wenn ich Zeit habe, an so etwas zu denken, so soll mein einiger Gedanke jener Ungenannte seyn, dessen Namen ihr mir einst entdecken wollt, nach dem ich aber gar nicht neugierig bin, ungeachtet Elise mir sagt, es wurde wohl jener Otto, nicht der von Wittelsbach, sondern der Gegner meines Vaters seyn.

Ich kann eben nicht sagen, dass ich mich uber diese Muthmassung freue; so wird mir also wohl auch so ein trubseliger Brautstand bestimmt seyn, wie der guten Grafin Alix, die ich wahrhaftig um ihre Juwelen nicht beneide. Mich dunkt, sie fuhlt so wenig fur den Prinzen von Kastilien, als er fur sie, bedenkt selbst, schon so lange ist sie seine Braut, die Sache gewinnt nimmermehr ein Ende, ich bin indessen aus einem Kinde zur Jungfrau geworden, und gleichwohl wird ihr die Zeit gar nicht lang dabey, das zeigt von schlechter Liebe! Sie treibt ein unaufhorliches Lesen gewisser Bucher welche ihr ihr Bruder, der Graf von Toulouse, heimlich zuschickt, dies ist ihre einige Leidenschaft. Mich dunkt, sie sollte sich besser zur Nonne als zur Konigin schicken, gleichwohl habe ich nie jemanden heftiger wider den Klosterstand sprechen horen als sie. Ueberhaupt aussert sie ganz andre Meynungen, als uns von unsern Lehrern eingepragt werden, vieles, das sie sagt, gefallt mir unendlich, und ich wollte wohl, dass es wahr ware. Diese Dinge mussen in ihren Buchern stehen. Elise hat sie auch gelesen, und spricht mit Entzucken davon. Auch mir sollen sie mitgetheilt werden, wenn ich gesetzter bin und besser schweigen kann, denn all dieses wird sehr heimlich behandelt.

Dass ihr Alverden von Merode dem Heinrich von Calatin entrissen und uns geschenkt habt, dafur sagen wir alle drey, die Grafin und wir, den herzlichsten Dank; sie ist uns schon sehr lieb geworden, und lebt mit uns, ohne Rucksicht auf Standesunterschied, an welchen uns die Nonnen, denen die Aufsicht uber uns befohlen ist, zuweilen erinnern, vollig auf schwesterlichem Fuss. Sie scheint mehr Zutrauen zu uns zu haben, als zu euch, denn sie hat uns schon die Mittheilung ihrer Geschichte versprochen, die ihr freylich auch erfahren sollt.

Die verwirrten Handel von unserm und dem romischen Hofe verstehe ich nicht, mag mir auch den Kopf nicht damit zerbrechen, meine Schwester, die uber ihrem Briefe so emsig ist, dass sie den meinigen nicht lesen will, wird euch schon vernunftiger uber diese Dinge schreiben, als ich es konnte. Gott bewahre nur euch, unsern Vater, und den Grafen von Wittelsbach fur Ungluck, so wird schon alles gut gehen.

Kaiser Philipp an den Pabst.5

1207.

Die gelegenste Zeit, einem entfremdeten Freunde zur Aussohnung die Hand zu bieten, ist die, da er selbst die Unannehmlichkeiten des Zwists zu fuhlen und zu wunschen beginnt, Geschehenes mochte ungeschehen seyn; diese Zeit ist, nach einigen Aeusserungen, die man uns aus eurem Munde gemeldet hat, bey euch gekommen, und ich eile, sie nicht zu versaumen.

O Lothar, waren wir auch je Feinde? was entzweyte uns? Kleinigkeiten! Wohl, so ist es billig, dass euch eine Kleinigkeit, ein vortheilhaft gesprochenes Wort, ein gunstiger Ruckblick auf vergangene Zeiten uns wieder aussohne. Ihr wisst selbst, ihr gebrauchtet auch einst selbst dieser Worte gegen mich: alle wichtigere Streitigkeiten, die unter uns vorfielen, waren nicht unsere Sachen, war die Sache der Kirche und des Reichs, lasst uns diese vergessen, und wieder die alten Freunde seyn!

Haben wir euch und die heilige Kirche auf eine Art beleidigt, die ihr nicht ungeahndet vergessen konnt, wohlan so verstehen wir uns zu jeder Genugthuung, die die Versammlung der deutschen Fursten und das Kardinalskollegium vereint uns zusprechen werden. Erhielten wir ahnliche Beleidigungen von euch, so uberlassen wir, mit Entsagung jeder Genugthuung die Sache Gott und eurem Gewissen, weil wir uberzeugt sind, dass ihr hier nicht von Menschen gerichtet werden konnt.

Voll Vertrauen auf die ehemals beschworne bruderliche Treue, und noch mehr auf die Vaterliebe, auf welche wir als ein treuer Sohn der Kirche Anspruch machen konnen, erwarten wir eure Entscheidung; ihr werdet uns wenigstens denn nicht die Ruckkehr eurer Zuneigung versagen, wenn ihr die neuen Beweise unseres christlichen Gehorsams gegen die Gebote der Kirche und unserer herzlichen Ergebenheit gegen euch gesehen haben werdet.

Pfalzgraf Otto von Wittelsbach an Adolf,

Grafen von ***.

1207.

Du saumst auf meine Einladung zu kommen, saumtest nun schon Jahrelang, und gleichwohl habe ich Post, dass du langst dein Vaterland verlassen hast, um, wie Evert von Remen, dein Freund versichert, zu mir zu kommen; wo magst du verweilen? Ist dir ein Ungluck begegnet? hat sich dein Herz gegen mich geandert? oder was ist sonst die Ursach deines Zogerns?

Die Unruhe, wegen welcher ich deine Anwesenheit so sehnlich verlangte, ist gehoben, meine gute Meynung von dem Vater meiner Verlobten ist wieder hergestellt, mag doch der Anschein wider ihn seyn, ich kann ihn nicht fur schuldig halten; der Friedensengel, Irene, verburgt sich fur ihn. Also wenn du kommst, keine von den Nachforschungen, die ich dir aufzulegen dachte; Philipp muss unschuldig seyn, ich will nicht, dass mir die Augen uber das Gegentheil geoffnet werden. Konnte ich meinen Vertrauten, den Bischof von Sutri, um einer Ursach willen hassen, so war es wegen der hartnackigen Zweifel, die er wider das was ich glauben will, einzustreuen weiss, wegen des verdachtigen Stillschweigens, das er beobachtet, wenn er sieht, dass ich seinen Reden kein Gehor geben will.

Sutri ist sonst ein treflicher Mann, um seinetwillen musst du heruber kommen, ich habe ihm von dir gesagt, habe ihm versprochen, ihn mit dir bekannt zu machen, er weiss alles von dir, nur deinen wahren Namen nicht, diesen glaubte ich ihm verschweigen zu mussen, weil ich deinen Willen nicht wusste, und aus diesem Grunde bitte ich dich nochmals, dich unter irgend einer angenommenen Benennung zu verstecken; du hast ja Schlosser und Burgen genug, nach welchen du dich, ohne die Wahrheit zu beleidigen, nennen kannst. Wird denn dein Herz zu jener Vertraulichkeit bewogen, die ich gegen ihn hege, so ists noch allemal Zeit, dich ihm zu entdecken, und diese Zeit wird, wie ich vermuthe, bald kommen. Sutri weiss einem jedes Geheimniss aus dem Herzen zu stehlen, ich selbst habe ihm mehr gesagt, als ich glaubte je einem Menschen sagen zu konnen, mehr als ich vielleicht gesollt hatte; doch es geschah unter dem Siegel der Beichte! O Gott, dass alle Geistliche ihm gleichen mochten! jeder Mensch durfte denn ohne Scheu ihnen sein Herz offnen, aber ich komme jetzt von Rom mit neuen Erfahrungen, wie ungleiche Bruder er in seinem Stande hat.

Lass dir alle diese Dinge genauer berichten, sie sind umstandlicher Erzahlung wohl werth.

Als Gesandter Kaiser Philipps kam ich nach Rom. Philipp hatte eigenhandig an Sankt Peters Nachfolger ein Schreiben verfasst, das ich nicht geschrieben haben wurde; es athmete nichts als Zuneigung gegen den, welchen er hassen muss, nichts als Unterwerfung gegen den, welchen er, dachte er wie ich, billig die Stirn bieten sollte; es war in aller Absicht zu suss, als dass man seinem Inhalt trauen konnte, und vielleicht ward das Misstrauen, welches es erregte, der Grund zu einem Verfahren, das mir sonst doppelt teuflisch vorkommen wurde.

Mit Entzucken lass der heilige Vater Philipps Schreiben, ich sah es ihn mehr als einmal an seine Lippen drucken, und horte Worte von ihm, wie ich sie etwa gegen dich beym Wiedersehen, auf welches ich so sehnlich hoffe, fuhren konnte. Und eben dieser Mann konnte mir an dem nehmlichen Tage Antrage thun lassen, vor welchen ich zuruckschaudre! Sie geschahen nicht in seinem Namen, aber wie konnte man ihn in denselben verkennen?

Himmel! man konnte es wagen, Otten von Wittelsbach, dem Verlobten der Tochter Philipps, dem Mann, der gegen ihn, er mag nun ubrigens von ihm halten was er wolle, die Pflichten eines Sohnes hat, man konnte ihm zumuthen, sein Gegner zu werden, die Hand nach der Krone auszustrecken, die er tragt, den Stuhl noch mehr zu untergraben, der ohnedem nur allzuoft schwankte! Es scheint, man glaubt Herzog Otto sey ihm nicht genug gewachsen, oder man findet in ihm nicht das, was man erwartete, oder was sonst die Dinge seyn mogen, welche den schwarzesten aller Anschlage veranlassten. Ich fuhlte die Beschimpfung, die ich in der Zumuthung, an Philipp treulos zu werden, erlitt, und antwortete dem gemass; ein hohnisches Lacheln war die Erwiederung meiner Rede.

Der Pfalzgraf Otto handelt sehr weislich, sagte der Mann, den man an mich abgesandt hatte, dem so treu ergeben zu seyn, der gegen ihn keine Treue kennt, und dagegen durch bittere beleidigende Aeusserungen denjenigen zu reizen, welcher sein Gluck sucht und es zu befordern wissen wurde. Vielleicht wird er bald einige Proben sehen, wie der Philipp gegen ihn gesinnt ist, fur den er sich aufopferte.

Der Pabst war lauter Huld, als ich meine Abfertigung erhielt, in dem Briefe, welchen er mir fur den Kaiser uberreichte, sollte, wie er mich versicherte, alles enthalten seyn, was dem Reiche Frieden, dem Kaiser Gluck, und auch mir neue Freude und genauere Kenntniss meiner Freunde bringen wurde. Ich lasse es dahin gestellt seyn! dieser vielsagende Brief ist bereits an den Kaiser ubergeben; ausserordentliche Dinge mochte er wohl enthalten, ich sah es an dem oftern Farbenwechsel auf Philipps Gesicht, und an der Miene, mit welcher er einigemal die Augen auf mich heftete. Es lag ein Zug von Mitleid in derselben, der mich beleidigte, und mich ehe aus dem Zimmer trieb, als ich es eigentlich hatte verlassen sollen. Sollte man mich vielleicht bey Philippen zu verleumden suchen? ein solcher Streich von Rom unter dem Deckmantel der Freundschaft war nichts ungewohnliches; mich wurde er indessen wenig ruhren. Dem biete ich Trotz, der etwas nachtheiliges auf mich bringen konnte, welches den mindsten Schein der Wahrheit hatte!

Ich habe seitdem mit niemand gesprochen, auch habe ich mit niemand zu sprechen gesucht; die Sache macht nicht den Eindruck auf mich, dass ich Erlauterung angstig suchen sollte.

Nach Rom.

1207.

Die Dinge, welche der Bischof von Sutri unter dem Siegel der Beichte von Pfalzgraf Otten erfahren hat, bestattigen sich: es ist gewiss, dass seit Karl des Grossen Zeiten in Deutschland ein heimliches Tribunal besteht, das alle todeswurdige Verbrechen ausfindig zu machen, und zur Strafe zu ziehen weiss, es ist zum Erstaunen, dass in so langen Jahren noch keiner von den tausenden, welche theils als Richter, theils als Beysitzer an diesem verborgenen furchtbaren Gericht Theil haben, gegen Beichtiger oder Freund von diesen heimlichen Dingen so viel verrieth, als uns auf die Spur leiten konnte, die uns jetzt der Entdeckung des Ganzen so nahe bringt. Die Winke, die der Bischof von Sutri von seinem Beichtsohn erhielt, sind klein, aber sie haben zu grossern Aufklarungen gefuhrt; der Pfalzgraf ist nur einer von der niedern Klasse der Wissenden, wir haben Personen unter unserer geistlichen Heerde, welche hoher stehen, und von welchen man mehr erforschen kann. In den nachsten Tagen wird an dem kaiserlichen Hofe ein gewisser Alf von Dulmen erscheinen (sein wahrer Name hat noch nicht erforscht werden konnen) welcher Pfalzgraf Ottens vertrauter Freund ist, und der eine hohe Stufe in dem heimlichen Gericht begleitet. Er ist unterwegens in unsern Handen gewesen, aber alle Kunste Gewalt wollte man nicht brauchen, sind nicht im Stande gewesen, mehr aus ihm zu bringen, als die Gewissheit, dass bey der Versammlung, die nachstens zu Pamiers gehalten werden soll, sich mehrere der Richter und Beysitzer jenes Tribunals, vielleicht auch der oberste Stuhlherr, wie sie ihn nennen, sich unter verdecktem Namen einfinden werden. Es ist hochnothig, dass man jetzt alle Anschlage zu Philipps Sturz und des kuhnen Wittelsbachers Untergang auf die Seite setze, und einen schlauen Kopf nach Pamiers sendte, sich uber Dinge zu unterrichten, die der Kirche zu wissen Noth sind.

Welcher Vortheil fur sie, besonders in diesen kezerischen Zeiten, da das Unkraut der Waldenser und Albigenser sich immer mehr ausbreitet, wenn man die Gewalt dieses Tribunals an sich reissen, oder, da nach dem was wir erforscht haben, dieses unmoglich scheint, nach Maassgabe dieses weltlichen Gerichts ein geistliches errichten konnten, welches die Macht und Allwissenheit des ewigen Richters auch seine wundervolle Einrichtung nachahmt, jedes Geheimnisses spottet, und das Verbrechen aus der tiefsten Dunkelheit zur Strafe zu ziehen weiss. Unser Herz wallt, unsere Hand zittert, da wir dieses schreiben, die Begeisterung zeigt uns in der Folgezeit Moglichkeiten, die auf diese einige Entdeckung gebaut, die Macht und Allgewalt der Kirche unumschrankt machen, und ihren Scepter uber die ganze Erde verbreiten wurden.

An den Bischof von Kastilien.

1207.

Wir horen, dass euer Konig nachstens Anstalt machen wird, die Braut seines Sohns aus Frankreich abholen zu lassen. Versaumet nicht unter den Abgesandten zu seyn, und euch zu Pamiers einige Zeit lang aufzuhalten; es werden sich Personen daselbst einfinden, welche Dinge von Wichtigkeit mit euch zu bereden haben. Richtet besonders eure Aufmerksamkeit auf einen gewissen Grafen von Segni, dessen wahren Namen ihr vielleicht errathen konnt.

Hattet ihr unter der mittlern Klasse eurer Geistlichen irgend einen fahigen Kopf, durch welchen sich Dinge, bey welchen kein Grosser die Hand sichtbar im Spiel haben darf, ausrichten liessen, so vergesset nicht, ihn mit euch zu bringen, wir werden in Zukunft Leute dieser Art genug nothig haben.

Auf die Braut eures Prinzen habt ein wachsames Auge, man sagt, sie solle von dem verderblichen Gift des Peter Waldus angesteckt seyn, und sich erkuhnen, die heiligen Bucher, welche er durch eine verwegene Uebersetzung unter die Layen gebracht hat, nicht allein zu lesen, sondern auch andern mitzutheilen. Muss denn eben sie Konigin von Kastilien werden? Es giebt Prinzessinnen, mit welchen wir unsere Absichten besser erreichen konnen.

Die Kaiserin Irene an ihre Tochter.

1207.

Kommt zuruck, meine Kinder, in das Haus eures Vaters, eine doppelte Nothwendigkeit erfordert es. Dein Brief, Beatrix, enthalt Dinge, welche mich furchten lassen, die Gesellschaft der kastilischen Braut konne euch gefahrlich werden; schon aus dieser Ursache wurde ich geeilt haben, euch wieder in meine Arme zu rufen, wo kein Gift der Ketzerey eurem Glauben, keine Freyheit, die koniglichen Jungfrauen nicht ansteht, eurer Tugend droht, aber es haben sich ausserdem noch hier Begebenheiten ereignet, welche mir wurklich eure Hulfe, besonders die deine, meine Elise, nothig machen.

Schon langst merkte ich, dass man deinem Vater die Freundschaft des edeln Pfalzgrafen Otto beneidete, ich konnte dir von schrecklichen Versuchen, ihn von uns abwendig zu machen, schreiben, doch ich schone dein Herz, du bist zu jung, um durch fruhzeitige Erfahrung von der Bosheit der Menschen die Welt hassen zu lernen, in welcher du noch eine Zeit lang zu leben hast. Die neuesten Mittel die man gebraucht hat, den treflichen Wittelsbacher in unsern Feind zu verwandeln, kann und darf ich dir nicht so verschweigen, sie liegen zu klar am Tage, als dass sie verborgen bleiben konnten.

Ein Antrag vom Pabste, ein Brief, den der unschuldige Otto selbst uberbringen musste, ladet deinen Vater ein, die dem Pfalzgrafen Otto versprochene Braut, deine Schwester Kunigunde, ihm zu entreissen, und sie Graf Richarden, des Pabsts Nepoten zu geben. Kannst du die Antwort errathen, welche darauf erfolgt? Sie heisst Ja! O Gott! der geruhmten deutschen Treue, dem heiligen unverletzlichen Kaiserwort zum Trotz heisst sie Ja! Der Pabst hat seine Huld zum Preis dieses Ja gemacht. Stelle dir das Wuthen des Pfalzgrafen, stelle dir meine Verzweiflung vor!

Nach deiner Schwester Kunigunde frage nicht; sie willigt lachelnd in das was der Pabst und der Kaiser wunschen; o Beatrix, du wusstest was niemand bekannt war; ihr Herz spricht fur Richarden, nur Mangel an Hoffnung diesen je zu erlangen, trieb sie in Ottos Arme, den sie nie wahrhaftig liebte. Es ist schandlich, einen deutschen Mann all diese Zeit uber so geafft zu haben; und doch auf diesen Theil der ganzen fatalen Geschichte, der eigentlich meinem Herzen, das sich an Kunigundens Stelle schamt, der krankendste ist, doch eben auf diesen baue ich die Moglichkeit, den Pfalzgrafen, den ich uns nicht rauben lassen will, aufs neue an uns zu fesseln. Es ist unmoglich, dass der stolze biedre Otto einer Person langer achten kann, die es nie redlich mit ihm meynte, auch gesteht er selbst, dass der Eindruck, den Kunigundens Schonheit anfangs auf ihn machte, durch genauere Kenntniss ihres Charakters langst geschwacht ist, dass er hier mehr uber die erlittene Beschimpfung als uber die verlohrne Braut zurnt, dass er vielleicht selbst die Hand von ihr zuruckgezogen haben wurde, wenn die Anhanglichkeit an das einmal gegebene Wort nicht die Ueberzeugung aufgewogen hatte, dass er mit einer Person von ihrem Charakter nicht glucklich seyn konne!

Auf dieses Gestandniss grunde ich einen Plan, den du, meine Tochter, mir ausfuhren helfen sollst. Elise, zurne nicht mit deiner Schwester, dass sie deine Geheimnisse verrathen hat. Beatrix hat mir gesagt, dass du Pfalzgraf Otten liebst, komm heruber, und zeige dich ihm in allen deinen Vorzugen, er wird auch dich lieben, und durch dich unser Sohn werden. Der Kaiser, welcher den Wittelsbacher so ungern verlirt als ich, er, der sich nur durch Staatsklugheit gezwungen glaubt, ihm sein Wort zu brechen, suchte ihn schon anfangs durch etwas zu beruhigen, das mich seine Einwilligung hoffen lasst. Pfalzgraf, sagte er, ich habe mehr Tochter!

Ich habe seit der Zeit mit ihm von dir gesprochen, er willigt in eure Zuruckberufung, und hat mir gestanden, dass er dich vielleicht gleich anfangs fur den von Wittelsbach bestimmt haben wurde, hatte er deine Neigung zum Kloster nicht fur entschieden gehalten, der Pfalzgraf scheint das nehmliche von dir gedacht zu haben, und aus einem meiner letzten Gesprache mit ihm, schopfe ich die Vermuthung, dass nur die Ueberzeugung, du seyst eine Verlobte des Herrn, ehemals seine Augen von dir auf Kunigunden, (die bereits zu ihrem Brautigam nach Rom gesandt worden ist), lenken konnte.

Ich bitte dich, Elise, lass keinen unzeitigen jungfraulichen Stolz, keine unnothigen Bedenklichkeiten dich vom Gehorsam ablenken, du schenkst deiner Mutter die Ruhe, deinem Vater einen wichtigen Freund wieder, wenn du den Pfalzgrafen fur uns erhaltst, und wie gross wird dein eigenes Gluck an der Seite eines solchen Mannes seyn, den du bereits liebst, und der dich, sobald er dich kennt, lieben wird.

Dir, Beatrix, habe ich nichts zu sagen, du bist klug und gutdenkend genug, zu wissen, wie du dich in Gegenwart des Mannes zu betragen habest, der fur dich bestimmt ist; verspare den Schimmer all deiner Vorzuge fur den jungen Herzog von Braunschweig, (es wird mir schwer, ihm den Kaisernamen zu geben, den ihm alle Welt, deinem Vater zum Trotz beylegt) du hasts errathen, fur diesen Prinzen bist du bestimmt, und du siehst wohl, welche Vortheile die Verbindung mit ihm, uns und dem Reiche bringen wird; doch all dieses liegt noch weit in der Zukunft, er kennt dich so wenig als du ihn, Gluck und Gelegenheit muss euch erst wieder zusammen bringen.

Die Jungfrau Alverde darf nicht mit euch nach Hofe kommen, ich seh es gern, wenn sie sich unter das Gefolge der kastilischen Braut begabe, damit sie dem Kalatin ganz aus den Augen kame. Ich hasse diesen Menschen mehr als ich fast vor dem Richterstuhl der Billigkeit verantworten kann; Leichtsinn und etwas Ausgelassenheit nach Art der heutigen Hofjunglinge ist ja das einige was man noch zur Zeit auf ihn bringen kann. Um mein Urtheil uber ihn mehr zu berichtigen, wunschte ich sehr, etwas von Alverdens Geschichte zu wissen. Hat sie sie euch noch nicht mitgetheilt, so veranlasst, dass sie dieselbe schriftlich verfasse, und euch zuschicke, denn eure Abreise darf um keiner Betrachtung willen einen Tag verschoben werden.

Evert von Gemen an Adolf Grafen von ***.

1207.

Mehrere Monate sind vergangen seit du dein Vaterland und mich verliessest, und von dieser Zeit an, folgen dir meine Boten uberall, dich aufzufinden, und wo moglich zuruck zu bringen, keiner kann deine Spur treffen, und ich muss glauben, die Unglucksahndung, die mich bewog, mich dieser letzten mehr als allen deinen vorhergegangenen geheimen Reisen zu widersetzen, sey bereits eingetroffen.

Ach meine Stimme wird dich nicht mehr von dem Rande des Abgrundes zuruckreissen konnen, aber ich muss meinem Herzen Luft machen, muss das aufs Papier aushauchen, was an meinem Herzen nagt, und mir dabey die Moglichlichkeit denken, es konne einst in deine Hande kommen; vielleicht wird dies mich beruhigen, in diesen schrecklichen Augenblicken, da ich alles verlohren habe.

Dem Grafen von Wittelsbach will ich diese Blatter zuschicken, Ungluck macht uns auch mit Unbekannten vertraut, ich kannte diesen Mann nie anders, als aus dem Gerucht, aber ein abgerissener Zettel mit einigen unzusammenhangenden Worten, den ich in einem Kabinet deines verodeten Schlosses fand, nannte seinen Namen, ich dachte mir es moglich, du, den ich seit einigen Jahren in so manchen mir unbegreiflichen Verhaltnissen mit zuvor nie gesehenen Personen fand, du konntest auch mit ihm in Verbindung stehen, und ich entschloss mich, ihm fragend von dir zu schreiben. Ich habe Antwort von ihm, aber sie trostet mich nicht, Pfalzgraf Otto scheint dich zu kennen und zu lieben, wie ich, scheint um dich Trotz mir bekummert zu seyn, und eben so wenig als ich errathen zu konnen, was aus dir geworden sey.

Er bekennt, dass er dich zu dieser Reise veranlasst, dass er schon vor einigen Jahren von dir gefordert habe, sie unter verdeckten Namen zu unternehmen, und ich kann nicht sagen, dass er mir um dieser Entdeckung willen lieber ist. Wegen des Entzwecks der dir ausgesonnenen Reise, lasst er mich in Zweifel: er wunsche dich mit einem seiner Freunde bekannt zu machen, sagt er, mit einem Manne, der noch dazu ein Bischof ist; das danke ihm ein andrer als ich; auswartige Bekanntschaften haben dich deinem Hause entfremdet, und die Ehre, den Geistlichen in unsern Tagen bekannt zu seyn, wird von so rathselhaften Menschen wie du, oft theurer erkauft. Was mich mit meinen neuen Korrespondenten aussohnt, ist seine Einladung, dir zu Erleichterung meines Herzens weitlauftig zu schreiben, und ihm den Brief zuzuschicken, weil, wie er sich ruhmt, er vielleicht noch am ersten eine Moglichkeit wisse, ihn dir zu Handen zu bringen.

So wende ich mich denn schriftlich an dich, aber alles was ich auf das Papier bringen kann, sind Klagen. O du, der meinem Herzen unter allen Mannern am nachsten ist, wollte ich all meine Klagen um und uber dich ausathmen, wo sollte ich anfangen? Nicht von dem Augenblicke, da du dich zuletzt aus meinen Armen losrissest, und dich mit rauhem Ton erklartest, du musstest reisen, nein, fruher, viel fruher heben meine Beschwerden an.

Wir wurden mit einander erzogen, das Gluck schien uns so ziemlich auf eine Stufe gesetzt zu haben; dein Vater schien zu seyn, was der meinige war, ein wackerer Ritter von altem westphalischen Adel, nur vom Gluck etwas schlechter mit zeitlichen Gutern bedacht, als Konrad von Remen, sein Freund. Dein Vater arbeitete von jeher unter einem geheimen Kummer, der ihn wahrscheinlich zuletzt auf das Krankenbette warf, und dem Tode entgegen fuhrte. Er lag zu sterben, du und ich weinten an seinem Lager, er hiess mich hinausgehen, und behielt blos dich zuruck. Was du in jener Stunde von ihm erfahren hast, weiss ich nicht, aber nie habe ich einen Menschen in einer seltsamern Bewegung gesehen als dich, da du dich mir wieder zeigtest.

Kummer uber deinen Vater, der eben die Augen zum ewigen Schlafe geschlossen hatte war es nicht allein, es war mehr. Du gingst einige Tage wie im Traume umher, und kaum hattest du die Reste des Entschlafenen zur Erde bestattet als du dich erklartest, dein Bleiben sey nicht in diesen Gegenden, du musstest fort, um Plane auszufuhren, deren Folgen wir vielleicht bald sehen wurden. Deine Schwester, damals ein zehnjahriges Kind, vertrautest du der Aufsicht meiner Eltern, und entferntest dich, entflohest, mochte man fast sagen, ohne dass jemand wusste, wohin du gekommen seyst. Das Geheimnissvolle in deinem Betragen war der erste Bruch bruderlicher Vertraulichkeit, ich fuhlte ihn, an dein volles Zutrauen gewohnt, so tief, wie man gewohnlich den ersten Anfang eines Leidens fuhlt, das man mit der Zeit ertragen lernen muss.

Du kehrtest in nicht allzulanger Zeit als Graf von *** zuruck, dass du aus diesem Hause entsprossen warest, dass du die gegrundetsten Anspruche auf die mit deinem grossen Namen verbundenen Guter hattest, das durfte niemand bezweifeln, die Leichtigkeit, mit welcher dir alle deine weitlauftigen Besitzungen eingeraumt wurden, bewiess, das deine Rechte hohern Orts anerkannt waren, dass du von einer Macht geschutzt wurdest, der sich niemand widersetzen durfte; wer diese Macht war, wusste niemand, man rieth ganz naturlich auf den Kaiser, aber es liess sich erweisen, dass du nicht nach Hofe gekommen warest, dass du dein Vaterland nicht verlassen, sondern dich all die Zeit deiner Abwesenheit an einem Irgendwo aufgehalten hattest, das niemand kannte.

Von diesem Zeitpunkte an rechne ich eine ganzliche Veranderung deines Charakters, nicht der Moralitat desselben, du bliebst gut und bieder, wie du immer warest, aber du hattest die Heiterkeit, den Freymuth verlohren, der bey einem Jungling von zwanzig Jahren, wie du damals warest, immer mit Herzensgute und Biedersinn verbunden ist. Du warest von nun an duster und zerstreut in Gesellschaft, ein ubertriebener Freund der Einsamkeit, immer beschaftigt, ohne dass jemand wusste, was du triebst, oft abwesend ohne dass jemand errathen konnte, wo du warest, in eine Menge von neuen Bekanntschaften verflochten, die niemand wusste woher sie entstanden; man fand dich oft in Gesellschaft von Leuten, die niemand kannte, die da kamen und verschwanden, ohne dass man wusste wie. Verzeihe mir, Adolf, ich wurde dich in Verdacht boser Handel gehalten haben, hatte es sich nicht gefunden, dass Manner vom Range und Tugend die Notiz nahmen, Manner, von denen ich nicht einmal wusste, dass du ihnen bekannt warest. Ich habe Abgeschickte des Herzogs von Sachsen bey dir gesehen, und ein Gesuch, das einer deiner Freunde bey dem von Braunschweig hatte, wurde durch eine einige Reise von dir erlangt, so wie ein einiges Wort von dir einem Unschuldigen, der in die Hande der Gerechtigkeit gefallen war, die Freyheit brachte. Du warest ein machtiger Mann, aber wie du es wurdest, und worin eigentlich deine Macht und dein Ansehen gegrundet war, das wusste niemand. Du begleitetest weder bey dem Heer noch bey der Regierung eine Stelle, drangtest dich nicht zu den Gunstbezeugungen der Fursten, hieltest dich in der Stille, und zurntest, wenn man etwas mehr in dir ahndete als du seyn wolltest.

Lass mich die Geschichten all ubergehen, welche in die folgenden Jahre fielen, und die mir immer mehr rathselhaftes in dir zeigten, lass mich zu der letzten, zu dem Grund all meiner Klagen ubergehen, lass mich dich fragen, was dich bewog, vor nunmehr acht Monaten plotzlich deine Schwester, die in dem Hause meiner Eltern, du weisst es wohl, fur mich herangewachsen war, in das deinige zu nehmen, wo sie bey dem bestandigen Zufluss von Fremden, der in denselben war, nicht mit Ehren leben konnte, was dich bewog, Tags darauf nach diesem ubereilten Schritte, dich zu einer Reise zu erklaren, die, wie du selbst gestandest, lang dauern sollte, warum du mir sagtest, du wurdest nirgend unter deinem wahren Namen, uberall unter dem, Alf von Dulmen, zu erfragen seyn; du weisst den Widerspruch, den all diese Dinge bey mir fanden, und die Antworten, die ich erhielt. Du reistest, allen Warnungen zum Trotz, und nun hore, was aus dieser Reise entstanden ist. Der Bischof von Bremen, welcher langst ein Auge auf deine ostlichen Guter hatte, nutzte den ersten Augenblick, da sich deine Abwesenheit nicht mehr verbergen liess, sich derselben zu bemachtigen, ich machte mich auf, Gegenvorkehrungen zu treffen, und musste den guten Fortgang, mit welchem ich dem Unheil steuerte, durch ein andres Ungluck erkaufen, das dein Haus in meinem Abseyn betroffen hatte. Deine Schwester, die in deinem von seinem Herrn verlassenen Schloss freylich nicht so gut aufgehoben war, als in dem Schooss meiner Mutter, war durch jenen Peter von Kalatin, den du immer, mir zum Trotz um dich duldetest, davon gefuhrt worden. Ich setzte ihr nach, ein Sturz vom Pferde brachte mich in den Zustand, in welchem ich schon mehrere Wochen das Bette gehutet habe, und aus welchem ich mich jetzt nur empor richte, um mir es lebhaft zu denken, dass ich dich und Alverden verlohren habe, dass wahrend meiner Krankheit, da meine Leute blos um mich besorgt waren, auch die Spur verlohren ging, nach welcher ich die Geraubte wiederfinden konnte. Dich selbst kann ich weder nach deinem wurklichen, noch nach dem Namen, Alf von Dulmen, ausfundig machen, und meine letzte Hoffnung steht noch auf den Grafen von Wittelsbach, zu dem mich, wie gesagt, ein in deinem Kabinet gefundner abgerissener Zettel hinleitete.

O Alf von Dulmen, (denn diese fremde Benennung schickt sich am besten fur den, der mir so ganz fremd geworden ist,) was soll aus diesen Rathseln werden! Ich muss glauben, du und Alverde habt euch gutes Willens so von mir losgemacht, dass ich nie wieder etwas von euch horen soll; ist dieses, denn gute Nacht Vaterland! ich habe nichts mehr, das mich an dich fesselte, das letzte noch ubrige heiligste Band ward diese Nacht gelosst: meine Mutter, welche seit Alverdens Verlust schwer darnieder lag, ist nicht mehr, ich bin von nun an hier ein Fremdling, der, da er keine Freunde mehr hat, auch kunftig keine Heimath hier haben will. Verfliesset noch eine festgesetzte Zeit, ohne Nachricht von dir und Alverden, so verkaufe ich alles, was ich hier besitze, nehme das Kreuz, und wallfarthe nach dem heiligen Grabe, nicht auf Monate und Jahre, nein auf Lebenszeit; andere tragen ihre Sundenlast an die heilige Stelle, ich will die Last meines Kummers dorthin schleppen, ob es mir am Herzen leichter werden mochte.

Der Graf von Segni an den Bischof von Sutri.

1207.

Wir haben allerdings Ursach, euch wegen der Treue zu danken, mit welcher ihr uns gewisse Dinge gemeldet habt, welche uns nutzlich werden konnen, indem sie uns Anlass geben, da tiefer zu forschen, wo uns noch nicht alles enthullt ist; ihr wurdet indessen irren, wenn ihr wahntet, ihr hattet ganz etwas neues unerhortes gethan; indem ihr uns auf jene Macht aufmerksam machtet, die durch ganz Deutschland im Verborgenen herrscht; wir haben sie an ihren Wurkungen erkennen konnen, wenn wir auch nicht im Stande waren, wie wir vielleicht nun bald seyn mochten, ihr Inneres ganz zu zergliedern.

Die Geschichte seit Karl des Grossen Zeiten ist voll von Ereignissen, die selbst uns unerklarbar waren, Verbrechen, welche in die tiefste Nacht gehullt schienen, wurden, man wusste nicht wie, ans Licht gezogen; sie fanden ihre Vertheidiger, aber gesetzt auch, dass sie vor allen Richterstuhlen losgesprochen wurden, so entgingen sie doch einen heimlichen Racher nicht, dessen blutige Fusstapfen niemand in der Dunkelheit erkennen konnte. So wie auf der einen Seite die Strafe schnell auf jedes unablosliche Verbrechen folgte, so ward auf der andern Seite die gekrankte Unschuld, man wusste nicht wie, gerechtfertigt, Gewaltthatigkeiten wurden abgestellt, unrechtmassiges Eigenthum seinem Besitzer entrissen, und dem wahren Eigner mit granzenloser Macht wieder zugestellt; dieses und viel andre Dinge sahen und fuhlten wir, wie hatten wir nicht langst auf das fallen sollen, wovon ihr euch stolz genug ruhmt, uns den ersten Fingerzeig gegeben zu haben, und eure Forderungen derhalben bis zum Unbescheidenen ausdehnt.

Hatte uns nichts uber diese Dinge, von welcher ihr zuerst die Decke genommen zu haben glaubt, die Augen offnen konnen, so war es die Geschichte des Grafen Adolf von *** die so ganz in unsere Zeiten fallt, dass wir nicht leugnen konnen, sie mit eigenen Augen gesehen zu haben; und blind mussten die Augen gewesen seyn, hatten sie hier nicht eine verborgene Macht entdeckt, welche alles regierte, und das Unmogliche moglich machte, stumpf musste unser Verstand gewesen seyn, hatte er uns nicht die Moglichkeit geschildert, diese Macht konne der heiligen Kirche einst nachtheilig werden, wie sie es denn z.B. in der Geschichte Graf Adolfs schon geworden ist.

Ueberlegt euch selbst diese Begebenheiten, von welchen ihr zum Theil Zeuge gewesen seyd. Der Erzbischof von Bremen, und der von Munster nebst einigen andern Herrn hatten sich in den Besitz der Guter des Vaters Graf Adolfs gesetzt, welcher sein Recht vor keinem Richterstuhle erlangen konnte, und in den Gegenden, wo er ehedem geherrscht hatte, als ein gemeiner Edelmann lebte. Er starb, und auf einmal sahen wir seinen Sohn unter dem Namen seiner Vorfahren auftreten, seine Guter wurden ihm ohne Schwerdschlag herausgegeben, denn die machtigsten Fursten, die selbst zum Theil ihre Ohren vor den Bitten seines Vaters verschlossen hatten, verwendeten sich fur ihn, man wollte sich seiner wachsenden Grosse hier und da widersetzen, aber seinen Gegnern wurden die Hande gehalten, eine allgemeine Furcht bemachtigte sich ihrer, Graf Adolf kam immer mehr empor, und wurde vielleicht noch jetzt nicht zu steigen aufhoren, wenn man nicht

Doch dieses sind Dinge, welche nicht hieher gehoren, wir halten es indessen fur nothig, weil wir einmal dieses Grafen erwehnt haben, auch noch einige Worte seinetwegen zu sagen; ihr meldet in einem eurer geheimen Schreiben eines Freundes, welchen Otto von Wittelsbach in Westphalen haben, und den er auf euren Wink gesonnen seyn solle heruber zu rufen; andre Schreiben sagen uns, dieser Freund nenne sich Alf von Dulmen, und werde nachstens am kaiserlichen Hofe eintreffen; uns ist daran gelegen, genau zu wissen, ob dieser Alf von Dulmen mit Graf Adolfen eine Person sey, Muthmassung davon haben wir bereits; auf unsere Veranlassung ist Graf Adolf aus seinen Landen verlockt worden, durch Nachlassigkeit unserer Agenten ging seine Spur perlohren, aber wir glauben ihn unter den Namen Alf von Dulmen wieder in unsern Handen gehabt zu haben; die Art Leute, zu welcher er sich zahlt, ist unerforschlich, wir konnten mit List und Gewalt bey weiten nicht alles von ihm erpressen, was uns zu wissen noth ist, solltet ihr hierinn glucklicher seyn, denn erst wurdet ihr verdienen, was ihr schon verdient zu haben glaubt; strengt all euren Fleiss, all euren Scharfsinn an, durchzudringen, und denkt, dass der Kardinalshut euer Lohn seyn wird.

Der Graf von Segni an den Bischof

von Kastilien.

1207.

Wir sind nun beyde zu Pamiers, aber die Klugheit will es, dass wir uns weder kennen noch Gemeinschaft mit einander haben, daher sey das, was uns beyden zu wissen noth ist, der Feder oder dem jungen Dominikus Gutzmann vertraut, doch der ersten noch mehr als dem letzten; der junge Mensch besitzt zu viel tugendhafte Schwermerey, als dass er mit allem zufrieden seyn konne, was hier nothig ist; sein Feuereifer fur die Wahrheit, sein Ehrgeitz mussen genutzt werden, ohne dass man ihn uberall das Ganze durchschauen lasse.

Gesegnet sey die Reise nach Pamiers! sie hat uns grossen Vortheil gebracht, und wir sehen uns nun im Stande darauf fort zu bauen, was Pabst Lucius der Dritte bereits einigermassen angefangen hat.

So wie die Christenheit bisher unter dem verborgenen Scepter weltlicher unbekannter Richter lebte, so beuge sie sich nunmehr vor einen geistlichen6 heimlichen Gericht, die Erde saubre sich auf diese Art von dem untilgbaren Unkraut der Ketzerey, und das Feuer reinige das Gold des Glaubens von den Schlacken, die wir nun erst uberall wo sie verborgen liegen, auszuspahen im Stande seyn werden.

Es kann dem jungen Dominikus sein Gesuch zu Stiftung eines neuen Ordens so wenig abgeschlagen werden, als wir es dem frommen Johann Bernardon abgeschlagen haben; er errichte einen Predigerorden zu Bekehrung der Ketzer, und sende, so wie jener thut, seine Junger aus in alle Welt, sie dem Glauben unterwurfig zu machen. Diese Leute werden unsere Augen und Ohren seyn, die uns zu jener Allwissenheit verhelfen, deren sich die furchtbaren Richter vermittelst der zahllosen Mitglieder ihres Gerichts ruhmen; wir haben sie nun erst ganz kennen gelernt, und uns zum Vorbild gewahlt; es ist Schande, dass wir von den Weltlichen in solchen herrlichen allgemein nutzlichen Dingen ein Muster nehmen sollen; aber wir hoffen, wenn wir unser Original in der Nachbildung ubertreffen, dennoch vor ihm den Preiss zu gewinnen.

Lasst uns aber bey Erreichung dieses grossen Entzwecks auch einige Nebendinge nicht versaumen; unsere billigen Beschwerden uber Kaiser Philippen sind, wozu uns auch ausserlich die Staatsklugheit nothige, noch nicht vergessen; fast gleichen Antheil an unserm Hass hat Otto von Wittelsbach, der kuhne Mann, der uns durch Briefe und stolze Worte zu schmahen wagte. Zu ihnen gesellt sich ein Dritter, Graf Adolf von ***, den wir wegen widerrechtlicher Anmassung geistlicher Guter billig hassen; er schwarmt, so hat der Bischof von Sutri endlich durch seine Nachforschungen gewiss gemacht, nachdem ihn Peter von Kalatin auf unsern Befehl aus seiner Sicherheit aufjagte, unter dem Namen Alf von Dulmen in der Welt umher. Konnten wir doch diese drey auf eine Stelle versammeln, um sie mit einem Schlage desto gewisser zu treffen! konnten wir doch einen durch den andern fallen! es ist billig, dass ein Gottloser der Henker des andern sey, und die Hande der Heiligen Gottes rein erhalten werden!

Diesen Otto von Wittelsbuch mit Philippen zu entzweyen, scheint eine Unmoglichkeit zu seyn, seine Treue fur ihn ist felsenfest, er verschmerzt ihm zu Liebe, was sonst nie ein Deutscher verschmerzte, Wortbruch und Beschimpfung.

Doch Otto kann sich leicht Kunigunden rauben lassen, da die schone Elise ihm zu Theil wird, o liess sich auch dieses neue Band zerschneiden mit welchen Philipp ihn an sich zu fesseln sucht! Elise hatte sich wohl besser zur Konigin von Kastilien geschickt als die Grafin von Toulouse, eine heimliche Anhangerin des verdammten Waldus, eine Leserin verbotener Bucher, die kunftige Verfalscherin des rechten Glaubens, der sich, Gott und eurer Vorsicht sey es gedankt, bisher so herrlich an dem Hofe und in den Landen eures Konigs erhalten hat.

Der Unbekannte an Alf von Dulmen.

1207.

Unter diesem Namen, hore ich, habt ihr eure Lande verlassen, und ich halte es fur Pflicht, euch daruber zu Rede zu stellen. Euch ist bekannt, dass euch nach den Gesetzen, die ihr beschworen habt, nicht erlaubt ist, den Ort eures Aufenthalts ohne mein Vorwissen zu verlassen, noch viel weniger euren Namen zu andern, ohne in Angelegenheiten des grossen Bundes. Ihr seyd zu Pamiers gesehen worden, was trieb euch dahin, wohin ihr nicht gefordert wurdet? was trieb euch an einen Ort, den ich selbst nicht betreten zu haben wunschte? Ich lernte dort einen Grafen von Segni kennen, welcher Mittel wusste, sich mein ganzes Herz zu eigen zu machen. Bey einer Jagdpartie, die fur mich sehr unglucklich hatte ablaufen konnen, dankte ich ihm mein Leben. Von diesem Augenblick an war er unablassig um mich beschaftigt, er war der einnehmendste Mann, den ich je gesehen habe, meinem Urtheil nach, gleich vortreflich an Geist und Herzen, schon dachte ich auf Mittel, ihn fur unsere Verbindung zu gewinnen, als er sich mir als bereits einen der unsern bekannt machte, als einen, der, nachdem was er wusste, schon eine hohe Stufe in dem unsichtbaren Reiche erstiegen hatte. Ich kannte ihn nicht; wie war es moglich, alle Glieder der endlosen Kette zu kennen, ich kannte ihn nicht, aber ich traute ihm, musste ihm trauen.

Wir sprachen viel mit einander von dem Innern des grossen Bundes, ich zittre uber das, was wir mit einander sprachen, da mir hinten nach aus einem einigen Umstande wahrscheinlich wird, dass ich hintergangen ward, dass ein Profaner mir Worte entriss, welche ewig ungesprochen hatten bleiben sollen. Ist dieses, so haben wir einen Verrather unter uns, irgend jemand lehrte ihn die Mittel, nicht allein mich unter meinem verdeckten Namen zu kennen, sondern sich auch auf eine Art, die ich weder muthmassen, noch vermeiden konnte, in meine Vertraulichkeit einzuschlingen.

Wehe euch, Alf von Dulmen, wenn ihr dieser Verrather seyd. Ich rufe das dreyfache Wehe uber euch, und lade euch auf den Tag, den ihr aus der Zahl der Buchstaben errathen werdet, zur Verantwortung. Am nehmlichen Tage soll Gericht uber Philipp, den Kaiser, gehalten werden, Gericht uber unerhorte Beschuldigungen, die mir von ihm zu Ohren gekommen sind. Lasst Otten von Wittelsbach von diesen Dingen wissen, was er wissen muss, im Uebrigen schweiget.

Alf von Dulmen an den Unbekannten.

1207.

Wohl mir, dass euch euer eignes Beyspiel lehrt, dass bey der hochsten Spannung der Vorsicht Tauschung moglich sey. Kein Verrather bin ich nicht, ich werde nicht ermangeln, mich gehorigen Orts zu verantworten.

Ihr sprecht mit mir aus einem Tone dessen sich kaum unser Oberhaupt Herzog Bernhard bedienen wurde. Wehe der Sache der Gerechtigkeit, dass er durch Krankheit verhindert wurde, nach Pamiers zu gehen, und dass ihm das Ungluck euch zum Stellvertreter gab, ihn wurde kein Graf von Segni mit gleissenden Worten hintergangen haben!

Doch was sage ich? bin nicht vielleicht auch ich hintergangen? Ich verliess mein Land, anderte meinen Namen, kam nach Pamiers nicht anders als auf hochsten Befehl, Peter von Kalatin war der Ueberbringer desselben; sollte auch ich hintergangen seyn, so musste man sich an ihn halten. Ich erscheine unausbleiblich auf dem bestimmten Tag, gegenseitige Erklarungen werden das Geheimniss enthullen, mag dann Gericht gehalten werden uber wen da wolle, ich weiss, was ich geschworen habe, und halte meinen Arm zur Rache uber den Schuldigen fertig, ich weiss, dass ich keinen Hohern uber mir erkennen darf, als Gott und die Gerechtigkeit.

Alverde an Irene.

1207.

Ja, meine Kaiserin, ich weiss es, dass ich euch die Geschichte meines kurzen Lebens schuldig bin, die Gnade, mit welcher ihr euch fur mich verwendetet, den Schutz, den ihr mir gewahrtet, ehe ich noch wusste, dass ich desselben bedurfe, machen mir die Aufrichtigkeit zur Pflicht, auch ists moglich, dass meine eigene Ehre es nothig macht, dass ich rede, wo Schweigen mir Verdacht bringen konnte.

In einem kleinen nicht unzierlichen Hause einer Landschaft, die ich nicht nennen darf, wenn ich nicht eidbruchlich werden will, verlebte ich die ersten Jahre meines Lebens, alles was mich umgab, zeigte ehe von Mittelmassigkeit als Ueberfluss, und sagte mir, was mich mein Vater oft versicherte, dass ich die Tochter eines unbemittelten Hauses sey, deren kunftige Aussichten auf Gluck in der Welt, sich blos auf Tugend und gute Auffuhrung grundeten; ich fragte, als ich uber das, was man mir vorsagte, nachdenken lernte, was Tugend sey, und mein Vater fuhrte mich in das Haus einer benachbarten Edeldame, die, wie er mich versicherte, mir meine Frage besser beantworten konne, als irgend jemand. Sie ist die Tugend in sichtbarer Gestalt, sprach er, suche ihr gleich zu werden, so wirst du tugendhaft seyn. Ich warf mich in die Arme der Frau von Remen, so hiess die Dame, welcher ich vorgestellt wurde, und bat sie, mich doch geschwind zu lehren, wie ich ihr ahnlich werden konnte, weil ich nichts liebenswurdigers kennte als sie, und weil man durch ihre Nachahmung, wie mein Vater versicherte, glucklich wurde; Thranen standen der edeln Frau bey meiner kindischen Aeusserung im Auge, vielleicht dass die ungesuchte Schmeicheley, die ich ihr sagte, sie ruhrte, vielleicht, dass die Ueberzeugung, mit welcher ich Tugend und Gluck in meinen Vorstellungen paarte, ihr Erfahrungen vom Gegentheil in den Sinn brachte.

Ich kannte die Frau von Remen schon lange, sie war die vertraute Freundin meiner Mutter gewesen, und hatte, als diese starb, eine Art von Vorsorge fur ihre Hinterlassenen ubernommen: meine Mutter hatte es ihr sterbend empfohlen, ihrem Gemahl und ihren Kindern ihren Verlust so viel es moglich zu ersetzen.

Ich war bisher schon oft in dem Hause der guten Dame gewesen, jetzt, da mich ihr mein Vater auf so eine besonders feyerliche Art empfohlen hatte, verliess ich es fast nie. Ich hatte noch einen Bruder, welcher einige Jahre alter war als ich, er liess sich zuweilen herab, Theil an meinen Spielen zu nehmen, und ich misste seinen Umgang, den ich von nun an sparsamer genoss, ungern; doch was ich in ihm verlohr, das fand ich in dem Sohne meiner zweyten Mutter, in dem jungen Evert von Remen zweyfaltig wieder; er beschaftigte sich mehr und auf weit gefalligere Art mit mir, als mein Bruder Adolf, wie er denn uberhaupt mehr einnehmendes in Bildung und Charakter hatte als jener. Mein Bruder war ein wilder sturmischer Jungling, Evert von Remen sanft, nachgebend und mild, wie seine Mutter.

Einige Jahre, die glucklichsten meines Lebens verflossen auf diese Art, ich war bald bey meiner Pflegmutter, bald bey meinem Vater, liess mich bald von dem feurigen Adolf zu Beschaftigungen, die ihm behagten, hinreissen, und spielte bald mit meinem jungen Freunde stille Spiele, oder neckte ihn durch kleinen kindischen Muthwillen, denn dieses merkte ich, so jung ich war, gar bald, dass ich aus ihm machen konnte, was mir gefiel; eine Entdeckung, die mir schmeichelte. Evert war der einige unter den Erwachsenen, mit denen ich Umgang hatte, der sich von mir gangeln liess, der erste und einzige, der mir bald durch kleine Schmeicheleyen, bald durch die granzenlose Gefalligkeit, mit welcher er sich nach meinen Grillen bequemte, ein Gefuhl von meiner Wichtigkeit beybrachte.

Ich hatte das zehende Jahr zuruckgelegt, als das Schicksal mir meinem Vater entriss. Meine Pflegemutter, ihr Sohn, mein Bruder und ich umringten sein Sterbelager, um seine letzten Seufzer aufzufassen. Alverde, sagte er, ich verlasse dich, aber du verlierst wenig an mir, da ich dir die Frau von Remen zur Mutter gegeben habe, ich wunsche, das Gluck mag auch in Zukunft aus dir machen was es wolle, dass du ganz ihre Tochter werdest; wie das geschehen soll, das wird sie und dein Freund Evert von Remen dir sagen, wenn du alter bist. Umarmt euch, meine Kinder, und seyd glucklich, wenn euch einst festere Bande verbinden!

Evert, der diese Worte vermuthlich besser verstand als ich, kusste mich, und ich weinte. Ich wollte mich darauf wieder an dem Bette meines Vaters niederwerfen, und seine erstarrende Hand ergreifen, aber er bat die Frau von Remen, sich mit mir zu entfernen; sie macht mir das Sterben schwer, sagte er, auch habe ich, ehe ich den Mund auf ewig schliesse, noch einige Worte insgeheim mit meinem Sohne zu reden.

Ich folgte meiner zweiten Mutter auf ihr Schloss, und sahe das Haus meines Vaters nicht wieder, als am Tage seiner Beerdigung. Mein Bruder hatte mir nie mehr missfallen, als in seiner Trauer, die wohlthatigen Zeichen des Kummers, die Thranen fehlten ihm ganz, sein Betragen war nicht Gram, nicht Wehmuth, war Verzweiflung. Er warf sich einmal uber das andre auf den Leichnam unsers Vaters, der nun eben beygesetzt werden sollte, sprang denn auf, rang die Hande und schrie: Ach dass diese Augen sich zu fruhzeitig schlossen, um bessere Tage zu sehen! dass diese Lippen sich so spat offneten, mir zu sagen, wo ich ein Gluck finden sollte, das nun mein bester Freund nicht mit mir geniessen wird! Niemand verstand diese Worte, aber wir wiederholten sie uns in der Folge oft, und sie wurden fur die Frau von Remen, ihren Sohn und mich die Quelle tausendfacher Muthmassungen, die wahrscheinlich alle ihres Zwecks verfehlten.

Kaum ein Tag war nach der Beysetzung unseres Vaters verflossen, so erklarte mein Bruder, wie er genothigt sey, eine Reise zu thun, deren Ende und Folgen er noch nicht absehen konnte Es gehe, wie es wolle, setzte er hinzu, indem er sich zu der Frau von Remen wandte, die Dinge, welche ich vor mir habe, glucken oder sie glucken nicht, so empfehle ich euch meine Schwester, lasset sie in eurem Hause wohnen, lasset sie eures Umgangs, eures Unterrichts geniessen, bis ich sehe, was das Schicksal aus mir machen wird.

Die Frau von Remen nahm mich zu sich, Adolf reiste, aber ich habe vergessen die Zeit seiner Abwesenheit zu messen, weil sich wahrend derselben in dem Hause wo ich als Kind aufgenommen wurde, Dinge zutrugen, die meine Thranen um meinen Vater wieder hervorriefen, und meine ganze Aufmerksamkeit an sich rissen. Der Vater Everts von Remen, der Busenfreund des meinigen starb, ich glaube Gram um den Verstorbenen war es, was ihn demselben so schnell folgen liess.

An meinem jungen Freunde lernte ich jene Art des Traurens kennen, die mit meinen Gefuhlen harmonirte, und die ich an meinem Bruder so sehr vermisst hatte. Evert, immer sanft und gemassigt, ausserte bey dem Verlust seines Vaters, so tief er ihn fuhlte, nichts von Adolfs sturmischem Ungestum, wir weinten mit einander, wallfartheten zu den Grabern unserer Verstorbenen, sprachen von ihnen, und fuhlten unsere gegenseitige Zuneigung durch das harmonische unserer Empfindungen gestarkt; damals, glaube ich, fuhlte ich es zuerst, dass Evert von Remen mir mehr war, als mir je ein Jungling werden konnte, wir waren einander durch die letzten traurigen Begebenheiten unsers Lebens naher geruckt, mich hatten sie um einige Jahre alter, und weniger leichtsinnig gemacht, und er war durch dieselben wo moglich noch sanfter und liebenswurdiger geworden, als er zuvor war.

Mein Bruder kehrte zuruck, aber wer hatte die Art ahnden sollen, wie er zuruck kehrte! Das Gluck hatte ihn aus einem gemeinen Ritter zum grossen Herrn, aus einem unbeguterten Edelmann zum reichen Besitzer grosser Landereyen gemacht. Unsere Vorfahren, das war erwiesen, hatten Anspruche auf diese Dinge gehabt; mein Vater hatte sein Leben zu Wiedererlangung derselben vergeblich verarbeitet und vertrauert, aber wer Adolfen zu Erlangung so lang unmoglich erfundener Dinge geholfen habe, das konnte niemand errathen.

Ich hielt meinen Freund fur den Vertrauten meines Bruders, und befragte ihn um diese Dinge, er zuckte die Achseln und schwieg. Ueber meine Unwissenheit in Ansehung des Grunds eures Glucks, fing er endlich an, wollte ich mich noch beruhigen, war ich nur ihrer Folgen gewiss. Wie versteht ihr das, Herr von Remen? erwiederte ich. Wird die Grafin Alverde, sagte er, die Gesinnungen beybehalten, mit welchen sie mich in ihrem niedern Stande beehrte? Ich werde immer eure Freundin seyn! sagte ich. Immer Freundin, und sonst nichts mehr? rief er, o Alverde! Euer Verstand ubertrifft eure Jahre, ihr solltet wohl wissen, dass ich auf zartlichere Gefuhle hoffen darf. Ich errothete, und versprach zum Beweis, wie werth ich ihn schatze, jede andere Gesellschaft ausser der seinigen zu fliehen, und das Schloss meines Bruders, welches jetzt nie leer von Fremden wurde, nie zu besuchen, als wenn es ganz einsam war.

Was ich gelobt hatte, das hielt ich eine Zeitlang treulich. Nur ein einziges mal traf sichs, dass ich einen jungen Herrn vom kaiserlichen Hofe bey meinen Bruder fand, als ich ihn ohne Gesellschaft glaubte, es war Peter von Kalatin, und ihr, meine Kaiserin, die ihr ihn kennt, werdet urtheilen, ob es ihm gelang, mich fest zu halten. Anfangs blieb ich aus Achtung gegen meinen Bruder, und aus Furcht durch schnelle Entfernung den Wohlstand zu beleidigen, in der Folge waren es seine Gesprache, die mich fesselten. Hatte Peter von Kalatin die Absicht, meine Entfernung zu hindern, so hatte er den Gegenstand der Unterhaltung nicht glucklicher wahlen konnen; er sprach von euch, gnadige Frau, und euren reizenden Tochtern; die wahren treffenden Zuge, mit welchen er euch schilderte, hier beyzubringen, verbietet mir Bescheidenheit und Ehrfurcht; aber so weit die Personen, die ich hier zum erstenmal gleichsam im Bilde sahe, dieses Bild ubertreffen, so war es doch reizend genug, den Wunsch nach personlicher Kenntniss in mir zu erregen.

Ganz von euch erfullt, kehrte ich zu der Frau von Remen zuruck, und enthullte ihr alle meine Wunsche. Mein Kind, sagte sie, dein Verlangen ist nicht unbillig, dein Stand erfordert es uberdem, dass du bey Hofe vorgestellt werdest. Gedulde dich noch einige Jahre, und ich will dich selbst dahin begleiten, wohin dein Herz drangt. Die Jahre, welche mein Sohn den ritterlichen Uebungen weihen muss, kannst du nicht besser, als in der Schule der Tugend, an dem Throne der Kaiserin Irene zubringen.

Diese Jahre vergingen. Das Verlangen von euch und den Prinzessinnen zu horen, trieb mich oft auf das Schloss meines Bruders, wenn ich Peter von Kalatin daselbst wusste. Evert von Remen, der ihn nicht leiden konnte, trauerte bald, bald zurnte er daruber. Das Lob der kaiserlichen Damen, sagte er eines Tages, wird bald mit dem Lobe der schonen Alverde abwechseln, und ihr musstet kein Fraulein seyn, wenn ihr das letzte nicht weit lieber anhoren solltet, als das erste.

Was mein Freund besorgt hatte, das geschah; ich horte es nicht ungern, dass Kalatin mich versicherte, ich sey nicht weit hinter den vortreflichsten Frauen der Welt zuruck, und ich wurde sie dereinst ganz erreichen. Seine Schmeicheleyen wurden immer susser, und behagten mir um so vielmehr, da Evert von Remen in seinem Unwillen, den er wieder mich gefasst hatte, mir wenig angenehmes vorsagte, und mir es ein wenig zu oft zu verstehen gab, dass ich durch das vaterliche Wort fur ihn bestimmt sey, und dass es meine Pflicht erfordere fur niemand Augen und Ohren zu haben, als fur ihn.

Ich war thoricht genug, hieruber gegen meinen Bruder zu klagen, Kalatin erfuhr davon, und wusste meinen armen Freund mit seinem beissenden Witze auf so eine unbarmherzige Art lacherlich zu machen, dass der eine bey mir dadurch soviel gewann, als der andre verlohr. Kalatin spottete, so geistreich Evert von Remen war, so steif wurde er durch das wachsende Missverstandniss, in welchem wir lebten, noch so viel mehr, dass ich kein zwolf oder dreyzehnjahriges Madchen hatte seyn mussen, um nicht den ersten liebenswurdiger als den andern zu finden.

Mein Bruder liebte Everten wurklich noch immer, aber auch bey ihm wusste sich Kalatin durch seine Spottereyen Eingang zu verschaffen. Es fand ohnedem schon seit langer Zeit, ich weiss nicht warum, keine rechte Vertraulichkeit unter ihnen mehr Platz: Evert von Remen fuhlte dieses, forschte nach, wo er nicht sollte, gab Ermahnungen, wo sie nicht verlangt wurden, und sein heimlicher Widersacher, Kalatin, bekam dadurch den Vortheil in die Hande, ihn um die Neigung des Freundes zu betrugen, so wie er ihm das Herz der Freundin entfremdet hatte.

Evert von Remen, mein Bruder und ich lebten von nun an in einer Art von heimlichen Missverstandniss, welches keins dem andern, und noch vielweniger unserer gemeinschaftlichen Freundin und Mutter der Frau von Remen gestehen wollte, und das eben dadurch unheilbar ward.

Kalatin und mein Bruder hatten oftere geheime Konferenzen, in welchen wohl nicht allemal, wie sie vorgaben, von Geschaften die Rede seyn mochte. Ich uberraschte einst meinen Bruder halb ausser sich bey dem Bild einer schonen Person, das er, wie ich nachher erfuhr, aus den Handen Kalatins erhalten hatte; er konnte es meinen Augen nicht mehr entziehen, liess mich es bewundern, liess mich es kussen, und den Namen lesen, den ich in der Folge so oft mit dem hochsten Gefuhl der Zuneigung ausgesprochen habe, und den ich hier nennen wurde, wenn ich nicht so wie uber verschiedene andere Dinge hieruber eidlich Stillschweigen hatte angeloben mussen.

Mein Bruder sahe das Entzucken, mit welchem ich das Bild dieses irdischen Engels betrachtete, es war etwas mehr als Schonheit, womit es sich auszeichnete, ich habe schonere Personen gesehen, aber keine, die so ganz den Abdruck einer himmlischen Seele im Auge trug, keine, die als Sterbliche schon die Burgerin einer bessern Welt zu seyn schien.

Ich muss sie sehen, rief mein Bruder, als er mein Entzucken bemerkte, muss sie personlich kennen lernen, und du sollst mir den Weg zu ihr bahnen. Hohere Befehle werden mich bald nothigen von hinnen zu scheiden, halte dich fertig, mir zu folgen; Peter von Kalatin wird dich wenig Tage nach meiner Abreise nachholen, und dich dahin fuhren, wo ich deine Dienste brauchen kann, aber diese Reise muss ein unverbruchliches Geheimniss decken, weder die Frau von Remen noch ihr Sohn mussen etwas von derselben erfahren, sie zu erleichtern, werde ich dich aus ihrem Hause abfordern, und in das meinige bringen, das ubrige wird die Gelegenheit geben, nur vergiss nicht, dass, du kommst hin, wohin du wollest, unser Name verborgen bleiben muss; die Natur meiner Reise fordert diese Vorsicht von mir.

Ich fand Bedenklichkeit, hinter dem Rucken meiner Wohlthaterin und meines Freundes zu scheiden, fand es unschicklich, an der Hand eines unbekannten Mannes mein Vaterland zu verlassen, und dadurch den Verdacht einer Entfuhrung auf mich zu ziehen, aber mein Bruder wollte es, und ich gehorchte; nicht allein granzenlose Liebe fesselte mich an ihn, sondern auch eine gewisse Art von scheuer Ehrfurcht. Seit meines Vaters Tode hatte er die Stelle desselben bey mir eingenommen, und ich hielt es fur Hochverrath, ihm hartnackig entgegen zu seyn.

Was er beschlossen hatte, geschahe; den nachsten Tag, nachdem ich das Haus der Frau von Remen mit dem seinigen verwechselt hatte, trat er seine Reise an, und ich machte alle Anstalten, ihm, sobald Peter von Kalatin mich in seinen Namen abfordern wurde, zu folgen. O Gott, noch gedenke ich mit Kummer des letzten Abends vor diesem Schritte! Ich hatte ihn bey der Frau von Remen zugebracht. Ihr Sohn, dem ich jetzt geneigter war als zuvor, gegen den ich ein innerliches Mitleiden wegen des Streichs fuhlte, den ich ihm bald versetzen sollte, ihr Sohn, der grossmuthige, ganz unserm Dienst geweihte Evert von Remen, war diesen Tag ausgezogen gegen den Bischof von Bremen, dessen Leute in einem entlegenen Theil der Besitzungen meines Bruders eingefallen waren. Unsre Trennung war so zartlich gewesen, als die Gesprache, die ich nach seinem Abschiede mit seiner Mutter hielt. Sie nannte mich tausendmal ihre Tochter, ihre einige Trosterin in der Abwesenheit ihres Sohnes, sie beschwur mich, wenn ich, so lang mein Bruder ausser Landes war, mich nicht getraute sein Haus ganzlich zu verlassen, doch nur taglich das ihrige zu besuchen, weil sie ohne mich nicht leben konne; und diese Frau sollte ich tauschen? sollte ich hinterlistig verlassen, und ihr dadurch den Dolch in die Brust stossen? ich weiss nicht, wie sie meinen Abschied empfunden hat, weiss nicht was Evert von Remen bey demselben gefuhlt haben mag, aber ich zittre, wenn ich nur an diese geliebten Seelen denke. Ach sie werden mich fur eine Verbrecherin halten, und Gott weiss, wann ich das Zeugniss von meiner Unschuld, das ich in die Hande meiner Kaiserin niederlege, ihnen mittheilen kann, da Wort und Eyd mich binden, mein Vaterland nicht ohne Bewilligung meines Bruders wieder zu sehen. Eben dieser Eyd versiegelte jenes Abends, da ich mich mit der Frau von Remen letzte, meine Lippen. Zwanzigmal schwebte das Geheimniss, dass ich mich von ihr trennen musse, auf meinen Lippen, aber ich hatte geschworen, und musste schweigen.

Peter von Kalatin kam diese Nacht; er legitimirte sich durch das Beglaubigungsschreiben meines Bruders, ich musste ihm trauen, und er fuhrte mich davon. Das Ganze musste vor jedermanns Augen das Ansehen einer gesetzlosen Entweihung haben, denn Kalatin nutzte auch nicht den kleinsten Vorschlag, den ich that, unserer Reise das Verdachtige zu benehmen.

Noch hatte ich keinen bosen Verdacht auf meinen Begleiter, noch argwohnte ich nicht, er konnte bey meiner Abholung ausser dem Befehl meines Bruders Nebenabsichten haben. Er fuhrte zwar oft Reden gegen mich, welche Liebeserklarungen ahnlich lauteten, aber ich war zu einfaltig, sie zu verstehen, und sie fur etwas anders zu halten, als fur den Unsinn, den, wie die Frau von Remen mir gesagt hatte, die jungen Manner in der Welt den Jungfrauen vorzuschwatzen pflegen, es war einer hohern Hand, die fur mich sorgte, ohne dass ich es dachte, vorbehalten, mir hieruber die Augen zu offnen. Dass Kalatin mich liebte, war gewiss, und Gott weiss, wo er mich hingebracht haben wurde, wenn nicht der Zufall ihn genothigt hatte, mich in eure Residenz zu fuhren. Ein Sturz vom Pferde machte mir die Hulfe eines Wundarztes nothig, Kalatin war zu besorgt um mich, zu sehr um meine Heilung bekummert, als dass er alle die Vorsicht hatte brauchen sollen, die er sich vielleicht vorgesetzt hatte, wir mussten nicht allein in der Hauptstadt liegen bleiben, sondern man sahe und kannte ihn auch, und seine Bedienung als Reichsmarschall nothigte ihn, da einmal seine Anwesenheit nicht zu verbergen war, nach Hofe zu gehen. Dieses ward das Mittel, auch mich der edelsten aller Furstinnen bekannt zu machen. Ihr, vortrefliche Kaiserin, hortet nicht sobald, dass Kalatin ein fremdes Fraulein mit sich gebracht habe, als ihr euch um mich bekummertet. Ich genoss wahrend meiner Krankheit eine Pflege, die von eurer Hand geleitet wurde, und nach meiner Genesung eures Schutzes; dass ich dieses Schutzes gegen Kalatin bedurfe, erfuhr ich erst des Tages, da ich von euch die Einladung erhalten hatte, mich unter eure Hofstatt zu begeben; an diesem Tage hielt er zuerst erst ein Gesprach mit mir, das mir ihn verdachtig machen musste. Mein Bruder war der Gegenstand desselben. Ich hatte diesen meinen einigen Verwandten, den Liebsten, den ich auf der Welt kannte, so lang nicht gesehen; so lang nicht von ihm gehort, was war naturlicher als dass ich Sehnsucht und Besorgniss um ihn ausserte.

Mochte doch Graf Adolf dieser zartlichen Anhanglichkeit des schonsten und truglosesten Herzens wurdig seyn! erwiederte der hamische Kalatin.

Was wollt ihr mit diesen seltsamen Wunsche sagen? fragte ich voll Befremdung. Wisst ihr etwas nachtheiliges von meinen Bruder?

Nachtheiliges eben nicht, aber unendlich viel rathselhaftes, und es musste Wunder seyn, wenn die kluge Alverde nicht schon langst das nehmliche gefunden hatte.

Ihr zielt auf seine Reisen, seine Gesellschaften, seine Arbeiten? O Evert von Remen hat schon mit seine Mutter und mir uber diese Dinge zu sprechen.

Evert von Remen? Nun wahrhaftig, wenn diese Dinge jenem Schwachkopfe in die Sinne fielen, so muss Graf Adolfs Schuld wohl erwiesen seyn.

Welche Schuld, Kalatin?

Graf Adolf ist, damit ich nur einmal aufrichtig mit euch rede, aller Wahrscheinlichkeit nach, Mitglied einer verdachtigen im Finstern schleichenden Gesellschaft, welche sich Richter Gottes nennen, aber im Grunde nichts sind als eine Bande von Henkern, die sich unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit die grossten Krankungen der Menschheit erlauben, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, keine Verbindung, kein Name ist ihnen zu heilig.

Behute Gott, schrie ich, Kalatin was redet ihr!

Er fuhlte, dass er sich zu harter Ausdrucke bedient hatte, fuhlte, dass er einlenken musste, und begnugte sich, mir nur nochmals zu verstehen zu geben, was er vermuthlich durch die ganze Tirade hatte einleiten wollen, dass ich meinem Bruder nicht zu trauen habe, und weit besser thun wurde, mich seiner Leitung zu uberlassen, als Geschafte auszufuhren, die Adolf mir aufgetragen hatte, die sich gar nicht fur ein junges Fraulein schickten, und deren Bedenklichkeit zu beurtheilen ich nicht im Stande sey. Ueberlegt es selbst, sagte er, ihr sollt eurem Bruder in Anspinnung einer Intrigue mit einer Person behulflich seyn, die eigentlich gar nicht fur ihn existirt. Die Dame, welche Adolf anbetet, lebt im Kloster, ist die Verlobte eines andern, und ist noch obendrein mit den Gift einer verabscheuungswurdigen Ketzerey angesteckt, das sich Zeit genug auch seiner bemachtigen und Bann und Fluch uber ihn herab ziehen wird.

Ich entsetzte mich uber die Dinge, welche ich horen musste, sie wurden vielleicht ihre Wurkung nicht ganz verfehlt haben, wenn nicht einige Reden aus eurem Munde, gnadige Kaiserin, mir die Reinigkeit der Absichten Kalatins verdachtig gemacht hatten, ein formliches Gestandniss der gluhendsten Leidenschaft, welches das ganze Gesprach beschloss, vollendete meinen Argwohn, ich verliess ihn ohne Antwort, und konnte den Morgen kaum erwarten, da ich, ohne weitere Rucksprache mit ihm, mich zu euch begab, und um die Vollziehung eures Versprechens, um Aufnahme in euer Frauenzimmer bat.

Mein Gesuch ward bewilligt, aber die Ehre, zu eurem Hause zu gehoren, befreyte mich nicht ganz von Kalatins Verfolgungen. Zu schwach, sich dem Entschluss, den ich gefasst hatte, zu widersetzen, oder mich eurem Schutz zu entreissen, und zu klug, nur einen Wunsch dieser Art zu aussern, nutzte er wenigstens jede Gelegenheit, mich mit seiner gehassigen Leidenschaft, mit Ausfallen auf meinen Bruder, und Planen fur mein kunftiges Gluck, die mir nicht anstanden, zu unterhalten; ihr, gnadige Kaiserin, sahet mein Leiden, ehe ich es euch noch klagen konnte, ich erhielt ganz unverhofft den Befehl von euch, mich nach Lion in das Kloster zu begeben, wo sich die Prinzessinnen aufhielten; er war mir doppelt lieb, da ich Kalatins Vorspiegelungen zum Trotz die Absicht noch nicht aus dem Gesicht verlohren hatte, warum ich eigentlich von meinem Bruder aus meinem Vaterlande entfernt worden war; ich hatte die Dame, die er anbetete, an eurem Hofe nicht gefunden, dass ich sie in dem Kloster, nach welchem ich bestimmt wurde, finden wurde, wusste ich gewiss, und ich brannte vor Verlangen, theils diesen Engel zu kennen, theils mich selbst zu uberzeugen, ob das wurklich wahr sey, was mir Kalatin von der Unmoglichkeit, sie fur meinen Bruder zu gewinnen, gesagt hatten.

Mit der heissesten Inbrunst, vortrefliche Kaiserin, danke ich euch, dass ihr mich in das Kloster brachtet, wo ich das Gluck meines Lebens fand. Ich lernte die besten Furstinnen der Welt, lernte diejenige darin kennen, um deren Willen ich mein Vaterland verlassen hatte. Das was Kalatin mir von ihr sagte, ist nicht ganz unwahr, aber kann mein Bruder nicht durch diesen Engel glucklich werden, wird sie darum weniger meine Freundin seyn? Nie erfahren sie aus meinem Munde seine kuhnen Hoffnungen, damit sich nicht vielleicht blos dieserwegen ihr Herz von mir wende!

Euren Rath, gnadige Frau, mich unter das Gefolge der Grafin von Toulouse zu begeben, habe ich befolgt; Gott weiss, wenn ich in mein Vaterland zuruckkehren kann, aus welchen ich so unnothig verlockt wurde, und seit die Prinzessinnen, eure Tochter dieses Kloster verlassen haben, ist nichts vorhanden, das mich mehr an dasselbe fesseln sollte.

Morgen fruh mit Aufgang der Sonne bricht die Dame, zu deren Hofstatt ich nun gehore, die Grafin Alix, die mich mit den Namen Freundin beehrt, nach Pamiers auf, und ich begleite sie; die kastilischen Gesandten sind bereits daselbst angekommen, sie von da in die Arme ihres Brautigams zu fuhren. Mir ist es empfindlich, diese Gegenden verlassen zu mussen, ohne etwas von meinem Bruder gehort zu haben; wie wird er mich suchen, wie wird er um mich besorgt seyn, wenn er mich da nicht findet, wohin ich von ihm bestimmt war! Mochte ihn doch das Schicksal an euren Thron fuhren, gnadige Frau, mochte doch euer Blick, der die tiefsten Geheimnisse aus dem Herzen ziehen kann, ihn nothigen, sich euch zu entdecken, uber alles was ihm Sorge machen konnte, wurdet ihr ihn zu beruhigen wissen!

Beatrix an Alverde.

1207.

Dank dir, meine Freundin, fur die offenherzige Darlegung deiner Geschichte, die dich in unser aller Augen rechtfertigt, und dir den Namen eines entfuhrten Frauleins, der bey meiner Mutter nicht im besten Ansehen ist, vollig erlasst. Die Kaiserin findet viel abentheuerliches an deinen Begebenheiten, sie bedauert dich, unter der Gewalt eines Bruders gestanden und von seinen Grillen abgehangen zu haben, der wie es scheint, keine allzuvortheilhafte Meynung in ihr erregt; was ich von der ganzen Sache, was ich besonders von ihm halte, das ist freylich ein wenig verschieden von dem Urtheil meiner Mutter, wie denn die Urtheile junger und bejahrter Personen es immer sind.

Anstatt deinen Bruder zu hassen, oder schlecht von ihm zu denken, schatze und bewundre ich ihn; es ist so etwas grosses in den Unbegreiflichkeiten, die sich in ihm finden, die Verborgenheit seines und deines Namens dient meiner Phantasie zum unterhaltenden Spiel, sie reizt meine Neugier, und doch ists als mochte ich das Geheimniss nicht gelosst sehen, Graf Adolf hat mehr Interesse fur mich, so lange ich mir von ihm denken kann was ich will, als wenn man mir ihn als einen der grossten Fursten der Welt bekannt machte. Und denn die heimliche Gesellschaft, zu welcher er sich zahlt, mit dem grossen Namen, die Richter Gottes! Ich glaube Kalatin nichts von dem Bosen, was er diesen Leuten nachsagt, muss denn hinter jeder Heimlichkeit etwas verdachtiges verborgen liegen?

Meine Schwester Elise scherzt mit mir, dass ich seit deinem letzten Briefe von nichts zu reden weiss, als von Graf Adolf dem Unbegreiflichen. Ich weiss wohl, was mich so zu ihm hinreisst, aber niemand als dir, meine Schwester Alverde, mochte ich es gestehen, und doch merke ich, auch gegen dich, meine Vertrauteste, kostet es mir Ueberwindung, mich zu erklaren, wenn ich nicht meiner Feder gebiete, ohne Ueberlegung hinzuschreiben, was ihr Wahrheit und Offenherzigkeit diktiren.

Alverde, ich weiss wen dein Bruder liebt, kenne die Dame, deren Bild dich und ihn so entzuckte, dass es von euch wahrhaftig mit ubertriebenen Lobeserhebungen beehrt wurde. Ich kenne die Gluckliche, die in der Folge deine Freundin ward, und die es bleiben wurde, und wenn du auch deinen Vorsatz brachest, und ihr die kuhnen Wunsche deines Bruders gestandest. Warum kuhn, meine Alverde; ist dein Bruder auch nicht ganz der grosse Furst, fur den ich ihn halte, o es giebt Prinzessinnen genug, die sich um Liebe Willen eine Stufe herabsetzen; und was meine Verlobung betrifft

Gott, was habe ich gesagt! Alverde, das Geheimniss ist heraus! Ich weiss es, Beatrix von Schwaben ist die Dame, die deines Bruders Herz geruhrt hat, alle Umstande, die du angiebst, passen auf mich und auf keine andre, je ofter ich deinen Brief lese, je gewisser werde ich hievon, aber lass dich von nichts irren; meine Verlobung an den Gegner meines Vaters, an Herzog Otten, ist noch nicht auf die entfernteste Art eingeleitet, geschweige geschlossen, und was das sogenannte Gift der waldensischen Lehre anbelangt Alverde, du weisst, was wir alle viere, du, Alix, meine Schwester und ich davon halten, und ich, uberhaupt nicht sonderlich aufgelegt zu ernsthaften Dingen, bin noch vielleicht diejenige unter euch, die sich am ersten eines andern belehren liess. Gleicht dein Bruder, wie du uns einmal sagtest, dir von Gesicht, und dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach von Gestalt, so werde ich ihn lieben, und was wird der, den ich liebe, nicht aus mir machen konnen!

Himmel was habe ich dir alles geschrieben! Geschwind will ich es schliessen, ich sturbe vor Beschamung, wenn es ausser dem treuen Auge der Freundschaft jemand erblickte. Lass es weder von Sonne noch Mond bescheinen, sondern wenn du es gelesen hast, so opfre es augenblicklich den Flammen, dass mein Geheimniss nur in deinem Herzen existire. Es beschamt und beunruhigt mich in der That nicht wenig, dass ich vor meiner Mutter und meiner Schwester, denen ich nie etwas verschwieg, eine Heimlichkeit haben soll, aber meine Mutter hat nichts im Sinn als ihren Herzog Otto, bey dessen Namen mich immer ein Schauer befallt, weil mirs immer ist, als flusterte man mir ins Ohr: du wirst nicht acht Tage leben, wenn du seine Gattin wirst. Was Elisen anbelangt o die ist so glucklich in ihrem Wittelsbach, dass sie kein Mitleiden fur die Gefuhle andrer haben wurde, und dass ich also auch gegen sie schweigen muss. Sie kann sich selig preissen; die Stelle in dem Herzen des vortreflichen Pfalzgrafen, die eine andre einnahm, hat ihr das Gluck, sie weiss selbst nicht wie, geraumt, er vergiesst bey ihr Kunigunden vollig, und kann sie leicht vergessen, denn Elise ist besser und schoner, als die nunmehrige Gemahlin des pabstlichen Nepoten, aber ist nicht Beatrix auch gut und schon? hatte sie nicht auch Gefuhl fur die Vorzuge des Grafen von Wittelsbach? und doch musste sie zuruckstehen, doch gebot ihr die strenge Mutter, ja keinen ihrer Vorzuge vorleuchten zu lassen, damit es ja bey dem Pfalzgrafen gar nicht zur Wahl kame, damit sein Auge ja gleich allein auf der, welche man ihm bestimmte, haften bliebe.

O Alverde, diese Dinge marterten mich ungemein, ehe ich wusste, dass Graf Adolf mich liebt, jetzt bin ich mit allem ausgesohnt, bin fest entschlossen, der fatalen Staatsheirath auszuweichen so viel ich kann, und keines andern zu seyn, als der mich aus freyer Wahl liebte; warum soll ich unter meinen Schwestern allein die Ungluckliche seyn? warum will man mich allein aufopfern, da man die andern nach ihrem Wunsch und Willen vergiebt? Glaube mir, ich habe es an der kastilischen Braut genug gesehen, welch ein elendes Ding es ist, wenn man so einer trubseligen Verbindung entgegen schleicht, wie mir aufbehalten wird; Alix hatte doch bey ihrem Elend noch einen Trost, ihre Bucher, was aber wurde ich haben, die bey der Unterhaltung mit den Todten nie die lebende sichtbare Welt zu vergessen vermochte?

Alverde an Alf von Dulmen.

1207.

Pamiers.

Betrogen mich meine Augen, oder habe ich wurklich meinen Bruder gesehen? Warst du es der heute in der Messe uns gegenuber an der Saule stand, ganz im Anschauen der schonen Alix verlohren? du, der sich zwey Stunden darauf der kastilischen Braut unter den Namen, Alf von Dulmen, vorstellen liess? Mein Erstaunen uberwog meine Freude, sonst musste ich mich gleich in deine Arme gesturzt, und den Namen Bruder ausgerufen haben, und doch weiss ich nicht was geschehen war, hatte mich nicht dein gebietender Blick zuruckgescheucht.

O dass der meinige die namliche Kraft haben konnte! dass er dich von einem Orte zuruckscheuchen mochte, wohin du nichts als Ungluck bringen kannst. Bruder! Bruder! was willst du hier! du weisst doch wohl, das deine angebetete Alix, deren verfuhrerisches Bild dir der verratherische Kalatin, Gott weiss warum, in die Hande spielte, du weisst doch wohl, dass sie verlobte Konigin von Kastilien ist? dass sie in wenig Tagen dem Grafen von Kastelmoro, als dem lien angetraut wird? Noch einmal, was willst du hier? verlangst du in dem Herzen noch einer unschuldigen Seele ein Feuer anzuzunden, wie du es schon bey einer andern ohne es zu wissen gethan hast? O Adolf, lass ab von der verlobten Alix, das Herz einer andern spricht fur dich, die so schon und unschuldig als jene, zwar ebenfalls verlobt, aber bey weiten noch nicht so fest gebunden als sie, vielleicht eher dein Gluck machen wird, als die kastilische Braut. Bedenke, dass wir hier uberall von wachenden Augen umgeben sind, bedenke vor allen die Blicke der zahlreichen Geistlichkeit, die hier uberall auf uns treffen, du sagtest oft zu mir, die Bischofe und Monche waren deine Freunde nicht, warum ziehst du dich hier, wo alles von geinfulten und bekappten Herrn wimmelt, nicht zuruck? Glaubst du, der Name, Alf von Dulmen, werde dich schutzen? sollte unter so viel scharfen Augen nicht ein einziges Paar seyn, das dich kennte? Und wozu der Einfall, der Grafin von Toulouse im Namen ihres Bruders aufzuwarten, und ihr Schriften von seiner Hand zu uberreichen, die ihr wohl heimlicher hatten eingeliefert werden konnen? Du hast dich in die Vertraulichkeit des Grafen eingeschlichen, um dich bey der Schwester einfuhren lassen zu konnen, aber so unvorsichtig zu verfahren, als du verfuhrst, ward dir vermuthlich nicht aufgetragen. Du glaubtest wir waren ganz allein, und was wurdest du sagen, wenn ich dich versicherte, dass wir dennoch beobachtet worden seyn mussten?

Die Furstin von Kastelmoro, die man der Prinzessin aus Kastilien entgegen geschickt hat, bat sie noch am nehmlichen Abend, sich nicht durch allzuvieles Lesen die Augen zu verderben, und machte einige Versuche, sich der Bucher zu bemachtigen, welche der liebste Zeitvertreib der unglucklichen Alix sind, es gelang uns, ihren Augen die verdachtigsten, Henrich Brues und Peter Waldus Gedanken vom Fegefeuer, vom Ablass, von den Bischofen u.s.w. zu entziehen, aber die Uebersetzung der Evangelien ist doch in ihre Hande gerathen; Alix hat die ganze Nacht uber den Verlust geweint, und ich weine in der Stille uber die Folgen, die dieser Verlust haben konnte. Alles dieses, erlaube mir es zu sagen, sind Folgen deiner Unvorsichtigkeit! O des boshaften Kalatins, dass er durch das Bild der verlobten Alix dich auf Gedanken leitete, die, wie es scheint, deinen Verstand ganz benebeln, und deine jungere Schwester, die einfaltige Alverde, in den Fall setzen, dich zu recht weisen zu mussen, dich, dem sie bisher, und wie es mich jetzt dunkt, nicht allemal zur Ehre der gesunden Vernunft blindlings folgte. Oeffne die Augen, Adolf, erkenne doch, was es dich hilft, dich zum Anschau einer Person zu drangen, welche nicht mehr frey ist, und bey welcher aufs beste genommen, deine Gegenwart ganz nutzlos seyn wird, denn das wirst du doch nicht wunschen wollen, dass du einen Eindruck auf die unschuldige Seele machtest, dass du ihr Gefuhle einflossest, welche sich mit der Treue nicht vertrugen, die sie in wenig Tagen dem Prinzen von Kastilien schworen soll?

Ich werde diesen Brief dir diesen Abend, wenn du wieder unvorsichtig genug seyn solltest, uns beym Spaziergehen zu verfolgen, selbst in die Hand drukken. Die Furstin von Kastelmoro, welcher dein geflissentliches Nachschleichen uberall, wo wir uns blicken lassen, nicht entgeht, affektirt zu wahnen, du habest ein Auge auf mich geworfen; ich werde mich nach dir umwenden, dir einige harte Worte sagen, und beylaufig Gelegenheit suchen, dir dieses unvermerkt zuzustecken, es fremden Handen anzuvertrauen, war unmoglich. Hast du eine Antwort fur deine Schwester, so verbirg sie in dem hohlen Baume am Ende der dritten Allee des Gartens, de la Mariniere, aber sie darf nichts enthalten, als Abschied auf ewig, von Alix und den Gegenden, wo sie lebt. Begieb dich an dem kaiserlichen Hof, vielleicht dass dort ein besseres Gluck dir lachelt, vielleicht, dass ich dir dort Nachricht von mir geben und mit mehrerer Sicherheit das nehmliche von dir erhalten kann.

Peter von Kalatin nach Rom.

1207.

Es ward mir aufgetragen, den Grafen Adolf von *** auf was Art es sey, aus seiner Sicherheit zu locken, und es ist mir endlich gelungen, ist mir schon vor mehreren Monaten gelungen; dass ich dieses so spat melde, geschieht darum, weil ich seine Spur ganzlich verlohren hatte, und erst jetzt mit Zuverlassigkeit weiss, dass er, nachdem er sich eine Zeit lang beym Grafen von Toulouse aufgehalten hatte, jetzt zu Pamiers angelangt ist. Was ihn dorthin leitete, war Liebe. Liebe war das einige Mittel, den Unerschutterlichen zu fangen, sollte ich, der ich sie in seinem Herzen weckte, sie auf einen unschicklichen Gegenstand gelenkt haben, so wird der Schade davon immer allein auf ihn fallen; ich darf nicht daruber zur Rechenschaft gezogen werden, da, wie ich hier nochmals wiederhole, mir ungemessene Freyheit gegeben wurde, zu Erreichung meiner Absichten, kein Mittel zu verschmahen.

Dass der Graf von Segni von dem sogenannten Unbekannten, dem Stellvertreter des Herzogs von Sachsen zu Pamiens viel verborgene Dinge erfahren haben soll, darauf kann ich nichts sagen; ich habe ja erklart, dass mir von allen Heimlichkeiten dieser Art nichts bewusst ist. Der Unbekannte ist ein schwacher leicht zu bethorender Furst, das Schicksal konnte dem klugen Grafen von Segni keinen schicklichern Gegenstand in die Hande gefuhrt haben. Ich wunsche ihm, dass er nicht selbst betrogen seyn mag!

Peter von Kalatin an den Unbekannten.

1207.

Der Brief, welchen der sogenannte Alf von Dulmen an euch, mein gnadiger Herr, geschrieben hat, ist mehr als kuhn, und verdient die Vermehrung eures Hasses; wohl euch, dass ihr nun bald im Stande seyn werdet, ihm die Wurkungen desselben fuhlen zu lassen. Er ist jetzt zu Pamiers, und was ich gethan habe, ihn blos euch zu Liebe dahin zu bringen, das ist euch bekannt. Niemand als ich, der als Reprasentant des freyen Stuhls zu ** bey ihm den meisten Glauben findet, hatte ihn durch falsche Ladungen zu Schritten verleiten konnen, die er vor dem Gericht, in welchem er selbst eine so hohe Stufe bekleidet, nimmer verantworten wird.

"Sollte ich irre geleitet worden seyn" spricht er in seinem Antwortschreiben von euch "Sollte ich irre geleitet worden seyn, so musste man sich an Peter von Kalatin halten." O guter Adolf, Peter von Kalatin wird den Kopf aus der Schlinge zu ziehen wissen, wenn die Sache vor unserm furchtbaren Tribunal zum Vortrag gebracht wird, und du wirst allein bussen, wozu du dich zu deinem Verderben bereden liessest. Ich hasse diesen sogenannten Alf von Dulmen jetzt mehr als jemals; euch machte ihn die schnell erlangte hohe Gewalt in unserm Zirkel zum Feinde, und mich verhetzte gekrankte Liebe gegen ihn. Er schlug mir zu wiederholten malen seine Schwester unter dem Vorwand ab, sie sey bereits an Evert von Remen versprochen; ich musste mich rachen, und wie konnte ich es besser thun, als wenn ich ihn in Leidenschaft gegen eine ebenfalls schon Verlobte verstrickte. Seine rasende Liebe zu der Grafin Alix von Toulouse, von deren Vermahlung an den kastilischen Gesandten ihr nun bald Zeuge seyn werdet, liess ihn alle Schritte, zu denen wir ihn verleiten wollen, mit mehrerer Unbesonnenheit thun, als vielleicht sonst geschehen seyn wurde, und sie ward noch uberdem das Mittel, mir meine geliebte Alverde in die Hande zu spielen; zwar ist mir dieser kostliche Raub jetzt wieder entwischt; aber Geduld! wenn all unsere Anschlage gegluckt sind, wird auch meine Liebe glucklich seyn! Ein machtiges Hinderniss derselben ist ja schon aus dem Wege geraumt. Evert von Remen, mein glucklicher Nebenbuhler, hat nach seiner gewohnlichen Einfalt und Voreiligkeit all seine Habschaft in Geld verwandelt, und ist nach dem heiligen Lande gezogen; sehr wohl! Das Gluck hat gut zwischen uns entschieden, ihm gab es das Kreuz, und mir bewahrt es die schone Alverde auf.

Verzeihet, gnadiger Herr, ich thue Unrecht, euch mit meinen Angelegenheiten zu unterhalten, ja noch mehr, ich begehe vielleicht eine Thorheit, dem Heimlichkeiten anzuvertrauen, welcher so leicht auszulokken ist! O der Graf von Segni! der Graf von Segni! Eure beyden Augen hattet ihr ehe verlieren, als diesem trauen sollen! Dass ich doch zu spat kam, euch zu warnen! Wie war es doch moglich, einen so helldenkenden scharfsichtigen Geist, wie den eurigen zu tauschen! Ich in meiner Schwachheit habe ahnlichen Versuchungen, denen auch ich ausgesetzt war, nie untergelegen, doch ich entging vielleicht der Gefahr dadurch am sichersten, dass ich nie eingestandig war, Antheil an verborgenen Dingen zu haben; wie sollten die Rauber in der Hutte des Mannes von kundbarer Armuth Schatze suchen!

Das fatalste bey der ganzen Sache ist das, erlaubt mir es zu sagen unuberlegte Gestandniss gegen Alf von Dulmen, das der Graf von Segni euch abgelockt hat. Wozu dieses? habt ihr eurem Gegner nicht damit die Waffen, euch zu schaden, in die Hande gegeben? Ich kann mich hierin in der That nicht in euch finden, gnadiger Herr! Die Angst uber die abgedrungenen Geheimnisse muss euch zum Gestandniss eurer Schuld, gleich gegen den ersten den besten, der euch in den Sinn kam, gereizt haben, wie es denn weiche Seelen giebt, die die kleinste Gewissenswunde nicht schnell genug durch Beicht und Absolution zu heilen wissen. Ey Lieber, wenn ihr beichten wolltet, warum musste denn Alf von Dulmen euer Konfessor seyn? gab es keinen treuern Kalatin in der Welt, welcher euch Trost und Lossprechung nicht versagt, und euch wohl noch eine Warnung angehangt haben wurde?

Wisst ihr, worin sie besteht? Ihr schreibt in der Kopie eures Briefs an den von Dulmen, da so etwas von Verbrechen Kaiser Philipps, welche vor das heimliche Gericht gezogen werden sollten; ich bitte, nehmt euch hier wohl in Acht, kommen die Denunciationen von dem Grafen von Segni, so sind sie verdachtig. Man trachtet den Geheimnissen unsers Bundes nach, das ist offenbar; man beneidet uns unsere unumschrankte Gewalt, will sie uns vielleicht entreissen, wie konnte das leichter geschehen, als wenn man unsere Unfehlbarkeit verdachtig machte? wenn man unsere Gerechtigkeit statt der Binde gefarbte Glaser vor die Augen legte, und sie zu falschen Urtheilen verleitete?

Noch einmahl, nehmt euch in Acht, denn konnte es nicht auch moglich seyn, dass eine fremde Macht Philipp den Kaiser hasste, und durch unser Schwerd auszufuhren suchte, was sie sich selbst nicht zu handhaben getrauet?

Was mich anbelangt, ich hasse Alf von Dulmen herzlich, weil ich Alverden liebe, ich wunsche seinen Untergang, theils weil seine Grosse meinen Stolz beleidigt, theils weil es hier und da einige giebt, die ihn ebenfalls gern gedemuthiget sehen mochten, und mir meinen Beytritt in ihren Anschlagen gut bezahlen. Aber der Gottin, deren Diener wir alle sind, der unsichtbaren Themis werde ich ewig treu und gewartig bleiben, und bis auf den letzten Hauch meines Lebens sey es mein liebstes Geschaft, an der Unerschutterlichkeit ihres Throns zu arbeiten. Ungeachtet ich bedurfenden Falls es fur gut halte, sie gar nicht zu kennen, wohl gar gelegentlich auf ihre Diener zu schmahen; Dinge, womit ich ihr sicher die treusten Dienste leiste.

Alf von Dulmen an Alverde.

1207.

O Schwester, was legst du mir auf! Ich soll den Himmel verlassen, in welchem meine Gottin wohnt, nachdem ich alle Quaalen der Vorholle ausgestanden habe, ihn zu erreichen? ich soll die himmlische Alix nicht mehr sehen, deren Anblick die Spur jeder Schonheit, die ich vor ihr sah, verloschte, jeden Reiz, den ich nach ihr erblicken mochte, zur Haslichkeit machen wird? Rede mir nicht vom Gluck, das ich durch fremde Liebe erreichen konnte, rede mir nicht von dem, was das Herz einer andern fur mich sprechen mag, ich hore nichts, ich sehe nichts als die gottliche Grafin von Toulouse; und liebte mich das Wunder unserer Zeit, Kaiser Philipps Tochter, die aufbluhende Beatrix, nach deren Besitz alle geizen, die sie je gesehen haben, ich verschmahte ihre Liebe, um einen einigen Blick von jenem Engel zu gewinnen, dessen Reize mir Kalatins Bild so schwach, so unvollkommen schilderte.

O Alverde, es ist Unsinn was ich dir schreibe, aber verzeihe! Du hast nie einen Zustand wie den meinigen erfahren, mein Gehirn ist in Flammen, mein Blut kocht, ich fuhle, dass ich wie ein Rasender handle, aber ich kann, ich kann mich nicht zuruckziehen, und stund mein Leben und das Leben meiner Geliebten auf dem Spiele.

Die wildesten Entwurfe von Raub, Mord und Entfuhrung durchkreuzen meine Einbildungskraft. Sprich selbst, wie soll ich meine Geliebte dem glucklichen Kastilier anders entreissen, als durch Gewaltthat? Ihm, der sein Gluck nicht einmal zu schatzen weiss, der kalt genug ist, einen Gesandten zu schicken, der seine Hand an seiner Statt in die Rechte der himmlischen Braut legen, und den priesterlichen Segen uber sich sprechen lassen soll! O fur so einen Handschlag, fur so einen Segen uber mich und sie, gabe ich mein Leben; aber mir wird nicht einmal ein Blick von ihr zu Theil; sittsame Zuruckhaltung und eine himmlische Schwermuth, die sie vollends unwiderstehlich macht, senken ihre Augenlieder zur Erde, und du und die feindselige Kastelmoro zieht euch so dicht um sie her, dass kein Seitenstrahl von ihren Blicken auf mich fallen kann!

Ich habe euch gestern, deinen Warnungen zum Trotz, wieder unablassig umschwebt, ich habe sie gesehen, ob ich gleich von ihr wohl nicht bemerkt wurde. Sie war traurig, Sprich, warum mag Alix trauern? Ach sie liebt ihn nicht, den Prinzen von Kastilien, oder sie weiss, dass sie von ihm nicht geliebt wird! Ich habe Nachricht von einem vertrauten Freunde, dass Ferdinand die Prinzessin Elise einst sah, und mehr bey ihrem Anblick fuhlte, als bey den Reizen des Engels, den ich anbete. Himmel! wie mag irgend ein Sterblicher die Grafin von Toulouse sehen, und doch fur eine andere noch Augen haben konnen?

Mochte doch der Himmel eine so ubelausgesonnene Verbindung storen! Ferdinand fuhlt nichts fur Alix, sie nichts fur ihn, was kann daraus entstehen! Mochte man doch Ferdinanden seine Elise geben, und mir meine Geliebte lassen. Man soll, (hast du nichts davon gehort?) am kaiserlichen Hofe sehr darauf denken, eine Prinzessin zur kastilischen Konigin zu machen; was man sich doch fur Mittel bedienen wird, diesen Entzweck zu erreichen?

Wie, wenn ich Philippen einen Ritterdienst erzeigte, und die Grafin von Toulouse entfuhrte, dass seine Tochter auf dem kastilischen Throne Raum hatte!

Alverde, ich hoffe, du glaubst nicht, dass diese Dinge mein Ernst sind; du konntest etwa heimliche Anschlage auf die Grafin argwohnen, und da du meiner Liebe so entgegen bist, Gegenvorkehrungen zu treffen. Dies war lacherlich! Alverde, wahrhaftig, dies war sehr lacherlich! Unternimm nichts von solchen Dingen, wenn du einen Antheil an meiner bruderlichen Liebe behalten willst!

Die Furstin von Kastelmoro an den Bischof

von Kastilien.

1207.

Was fur einen Posten hat man mir anvertraut? was fur einer Person bin ich zur Huterin gesetzt? Diese Alix soll Konigin von Kastilien werden? Hier leset die Bucher, die ihre Lieblingsunterhaltung sind, hier die Briefe, die man an ihre Jungfrauen schreibt! Was wollen wir machen? eine Ketzerin auf den Thron setzen? unserm Prinzen eine Gemahlin geben, die weder ihn liebt, noch von ihm geliebt wird? Leset, was der Unsinnige, dessen Brief ich hier einschliesse, hievon schreibt. Sollte es moglich seyn, dass die kaiserliche Prinzessin dem Prinzen von Kastilien besser behagen wurde, als diese Grafin von Toulouse? Und war hier nicht auch ein Ausweg zu finden, eine Aenderung in der Sache zu treffen, ohne Wortbruchig zu scheinen?

Ihr musst diese Dinge reiflich uberlegen! Man konnte nach Kastilien berichten, dass Alix eine heimliche Waldenserin ist, dass sie von einem Rasenden verfolgt wird, welcher nicht ehe ruhen wird, bis er sich ihrer bemachtigt hat; doch das geht nicht! Eilt, gebt mir euren Rath. Was ich thun kann, habe ich gethan, das ist, ich habe jene Alverde, deren heimliche Korrespondenz man mir verrieth, eilig entfernt, und zwanzig Spione aufgeboten, mir den Verwegenen auszukundschaften, der sich ihren Bruder nennt, ohne sich einen andern Namen zu geben. Ich habe auf jenen Alf von Dulmen, jenen Menschen, mit dem unerklarlichen Ansehen gerathen, der sich seit einiger Zeit hier sehen lasst, ich habe Alverden daruber auszuforschen gesucht, aber weder Gewalt noch Gute konnten sie besiegen. Ich wurde noch strenger gegen sie verfahren seyn, als ich gethan habe, wenn es nicht offenbar war, dass in vergangener Nacht wurklich ein Anschlag zur Entfuhrung der Grafin vorhanden war, der allein durch Alverdens Klugheit vernichtet wurde Ich glaube allenfalls, ich konnte sie beybehalten, ohne zu furchten, dass ihre Ehrlichkeit irgend einem der rasenden Anschlage ihres Bruders die Hand bieten wurde, aber ich habe sie entlassen, weil sie der Grafin von Toulouse mit unverbruchlicher Treue ergeben ist, und sich Dinge ereignen konnten, bey welchen wir sie nicht zur Zeugin zu haben wunschen wurden. Eilet, mir Antwort auf meine Fragen, Rath in meinen Verlegenheiten, und wenn ihr einen Entschluss gefasst habt, die nothigen Verhaltungsregeln zu schicken.

Alverde an den Pfalzgraf Otto von Wittelsbach.

1207.

Die furchterliche Angst, in welcher ich mich befinde, entschuldige mich, dass ich mich an einen Mann wende, der mir, wenn ich die wenigen male ausnehme, da ich ihn als Kunigundens Brautigam bey Hofe sah, ganz unbekannt ist. Unbekannt? kann man sagen, man kenne den Pfalzgrafen Otto nicht, wenn man seinen Namen auch nur gehort hatte? diesen Namen, der im ganzen romischen Reiche den edeln Charakter desjenigen bezeichnet, welcher ihn fuhrt? Ja, Otto, ich kenne euch, ich weiss, dass ihr gern helfen wollt, wo ihr konnt, und wer konnte es mehr in dem Falle, da ich eure Hulfe anflehe.

Euer Freund, Alf von Dulmen, oder wenn ihr lieber so wollt, Graf Adolf von ***, mein Bruder, ist in Gefahr. Eine wuthende Leidenschaft zu der kastilischen Braut, eine Liebe, die man ihm, ich weiss nicht ob durch Zauberkunste beygebracht hat, halt ihn hier zu Pamiers fest, und lasst ihn Dinge begehen, welche ehe den Handlungen eines Rasenden, als dem Betragen ahnlich sind, das sich von einem so guten Kopf und Herzen, wie das seinige sonst war, vermuthen lassen.

Da personlicher Umgang mit ihm hier unter tausend Aufmerkern unmoglich ist, so suchte ich eine Zeitlang durch Briefe ihn auf den rechten Weg zu leiten; zweymal vernichtete ich seine tollkuhnen Anschlage auf die Grafin Alix, welche ihn zum Hochverrather und zum Jungfrauenrauber gemacht haben wurden. Ob das, was ich fur ihn that, ihn zur Erkenntniss und Besserung gebracht hat, weiss ich nicht, er befindet sich in einem furchterlichen Rausch von Leidenschaft, der ihn nichts beachten lasst; so viel ist gewiss, dass alle seine Plane zu unvorsichtig angelegt waren, um nicht entdeckt zu werden, sie haben nur allzuschnell Ungluck uber uns beyde gebracht. Ich habe meine Entlassung aus der Hofstatt der Grafin von Toulouse erhalten, und ihm stellt man auf eine Art nach Freyheit und Leben, die bey seiner ganzlichen Verblendung nicht wohl fehlschlagen kann.

Was ich in dieser schrecklichen Lage von euch gethan wunsche? O Otto, konntet ihr so fragen? Ich weiss die Verbindung nicht, in welcher ihr mit meinem Bruder steht, aber dass eine solche, dass die allergenauste zwischen euch statt findet, davon bin ich durch tausend Umstande uberzeugt. Ich kann mich hieruber nicht genau erklaren, aber ihr konnt wohl denken, dass eine Person mit sehenden Augen, eine Schwester, die ihren Bruder und was ihn umgab, so lange wir noch in Westphalen waren, taglich sah, manches muthmassen musste, was sie zu furchtsam ist zu gestehen. Ich weiss, dass ihr, oder durch eure Vermittelung einer, der noch hoher ist als ihr, nur ein Wort zu sagen braucht, eure Verbundenen aus allen Winkeln Deutschlands zusammen zu rufen; sprecht dieses Wort, und Adolf, der sonst auf nichts hort, wird gehorchen, oder gehorchen mussen; ruft ihn hinweg von diesem Orte, wo Lebensgefahr und Gelegenheit zu neuen Vergehungen ihm drohen, gebt eurem Freunde Sicherheit und Tugend, und der unglucklichen Alverde das Leben wieder. Ihr kennt mich zwar wenig, und nichts ist, das euch fur mich personlich interessiren konnte, aber ihr wurdet Mitleiden mit mir haben, wenn ihr meine Angst sehen konntet. Ich bin Schwester, ich bin Freundin, meine Lieben stehn am Rande des Verderbens, dies ist alles was ich sagen kann, denkt euch das Uebrige.

Ach, Otto, ich habe euch einmal zum Vertrauten gewahlt, mein Herz ist geoffnet, ich muss es vollends ausschutten. Die Lage meines Bruders ist es nicht allein, was mich angstigt, ich leide noch um eine Person, die mir wenigstens so lieb ist als er, leide um meine Freundin Alix. Ich bin von ihr getrennt, habe meine Entlassung trotz meiner Unschuld an Alf von Dulmens Handeln erhalten. Ihr, der ihr meinen Stand kennt, werdet wohl errathen, dass die Entbehrung einer armseligen Hofstelle, die ich meinen eigenen Jungfrauen besser geben kann, mich nicht beunruhigt; die Trennung von der Grafin von Toulouse ists, was mich qualt, unter dem Namen ihrer Dienerin war ich ihre Freundin, sie kennt meinen Stand, so weit ich ihr ihn entdecken durfte, und lebte nie anders mit mir, als die Gleiche mit der Gleichen. Sie verlassen, sie in Handen verlassen zu mussen, die mir verdachtig sind, dies ist die Ursach meiner Angst.

Die kastilische Heyrath ist eine von den unseligsten Verbindungen, welche je in dem Kopfe eines Staatsmanns ausgeheckt worden seyn mogen, bey den beyden Hauptpersonen findet sich nicht ein Funken von Liebe; dies ist nicht genug, auch die Grossen von Kastilien sind heimliche Feinde der unglucklichen Braut. Der Plan zu dieser Vermahlung ward so lange gemacht, dass sich seitdem das Staatsinteresse zehnmal verandert hat, man schliesst sie jetzt nur darum, weil man einmal gegebenes Wort nicht brechen mag; aber ich bin so gewiss uberzeugt, als ich das Leben habe, dass man nichts mehr wunscht, als sich je eher je lieber eine ungluckliche Prinzessin vom Halse zu schaffen, welche ihrem Gemahl jetzt keine sonderlichen Staatsvortheile mehr zubringen kann. Man geht mit neuen vortheilhaften Verbindungen fur den kastilischen Prinzen um, die ich euch nicht genauer bezeichnen will, um euer Herz, guter betrogener Pfalzgraf, nicht vor der Zeit zu brechen. Die letztern Abentheuer, der unglucklichen Alix, die entstandenen Zweifel wider ihre Rechtglaubigkeit, und die Rasereyen meines Bruders, kamen vielleicht recht zu gelegener Zeit, um irgend einem grausamen unbilligen Verfahren gegen eine Unschuldige einen Anstrich zu geben. Worin das, was man wider meine Freundin im Sinne hat, bestehen mag, weiss ich nicht, aber dass irgend ein schrecklicher Vorgang vor der Thur ist, das muthmasse ich aus allen Umstanden. Ach man entfernte mich vielleicht blos darum von ihr, damit man sie desto sicherer sturzen konnte, man wusste, dass mein Auge zu sehr uber sie wachen wurde, um betrogen zu werden.

Ich erhielt, als ich von der Furstin von Kastelmoro entlassen ward, den Befehl, Pamiers sogleich zu verlassen, und ihr werdet wohl errathen, dass ich mich nicht fur verbunden hielt, ihn zu befolgen. Verlass mich nicht ganz, Alverde! rief Alix, als sie sich beym Abschied weinend an meinen Nacken schmiegte, bleib hier in irgend einem Kloster, wo ich dir Nachricht von mir geben kann; dieser Bitte, oder vielmehr dem Antrieb meines eigenen Herzens zu folge, halte ich mich bey den hiesigen Colestinernonnen auf, bereit auf den ersten Wink alles fur diejenige zu wagen, fur welche ich gleichfalls die Hulfe des guten Fursten anflehen wurde, an welchen ich schreibe, wenn ich anzugeben wusste, wie der unglucklichen Grafin zu helfen war. So lang sie in den Handen der Kastilier ist, giebt es keine Moglichkeit, sie mit einem Anschein des Rechts zu befreyen, und wer weiss, ob sie lebendig aus denselben kommen wird. O schreckliche, schreckliche Vorstellungen! ich suchte ihr Qualendes durch Mittheilung zu lindern, aber ich merke, dass sie bey mehrerer Auseinandersetzung nur mehr Wahrscheinlichkeit, nur mehr Kraft gewinnen, mein Herz zu foltern.

Pfalzgraf Otto, ihr konnt die Prinzessin nicht retten, rettet wenigstens meinen unglucklichen Bruder auf die Art, welche euch besser bewusst seyn wird als mir.

Alix an Alverde.

1207.

Noch einen harten Stand habe ich nach deiner Entfernung gehabt; ich ward uber Dinge befragt, von welchen ich zum Gluck keine Auskunft geben konnte, uber deinen Stand und Herkunft; dass du mehr bist als du dich ausgiebst, musste ich gestehen, wie hatte ich leugnen sollen, was jedem, der dich sieht, in die Augen fallt. Ueberhaupt ist leugnen gar nicht meine Sache. Eure Rede sey ja, ja, nein, nein, sagen unsere Bucher, die man mir so grausam entrissen hat; gut dass die Lehren derselben in mein Herz geschrieben stehen, womit wollte ich sonst mich jetzt, und in meinem langen freudenlosen Leben trosten, das ich an dem kastilischen Hofe vor mir sehe?

O, Alverde, weisst du was ich jetzt oft mir wunsche? fruhen Tod! Ich mit all meinen Wunschen und Hoffnungen passe ja eigentlich gar nicht in diese Welt. Ich, Alverde, ich soll eine Konigin werden? Ja, wenn Koniginnen ihren Scepter trugen, blos um wohlzuthun! Dieser Gedanke, der Gedanke durch die Krone zur unumschrankten Macht zu gelangen, Gutes zu stiften, und Elend zu lindern, dieser machte mir lange Zeit mein Loos ertraglich. Himmel, Gutes thun, und nicht mude werden, und bey dieser unermudeten Begier nach guten Thaten, eine eben so unerschopfliche Quelle an Macht und Vermogen zur Seite zu haben, aus der man nur nehmen und ausstreuen konnte, wo Mangel und Elend lechzte, und wenn denn rund umher, so weit die Augen reichen, alles befriedigt, alles begluckt war, mit dem Seherblick, den man Konigen zuschreibt, in die Ferne spahen nach neuer Arbeit, mit ihrem weitreichenden Arm Hulfe und Trost in die entlegensten Gegenden der Erde tragen, dieses war so mein Plan, und wer bey einem solchen eine Krone verschmahen, oder die Ruhe des Todes der Thatigkeit des Lebens vorziehen wollte, o der musste wohl den Hauch nicht verdienen, den ihm der Schopfer fur andere nicht fur sich schenkte.

Ich habe der Kastelmoro viel von meinen Wunschen und Hoffnungen gesagt, sie hat mich verlacht, und mir so ein ganz andres Bild von dem Leben einer Konigin entworfen, dass ich mich mit wahrer Lebensmudigkeit sehne, das Joch abzuwerfen, welches man mir auflegen will, und das ich zum Theil schon trage. Es scheint, zu tugendhafter Thatigkeit werden mir die Hande in Kastilien noch mehr gebunden seyn, als im Kloster; wer wollte sich da das Leben wunschen?

Mein Ansehen ist hier so klein, ungeachtet alles sich stellt mir zu Fussen zu sinken, dass ich nicht einmal Macht zu bitten habe, oder Hoffnung, dass man meine Vorbitte horen wird: Du erinnerst dich vielleicht eines jungen Menschen, welcher einst von meinem Bruder abgeschickt, mir einige Bucher brachte, deren Verbergung uns in der Folge so grosse Unruhe machte (ach sie sind auch dahin, man hat mir sie genommen, und ich habe die Kastelmoro in Verdacht, dass sie sie den Flammen opferte) dieser junge Mensch also, (Alf von Dulmen denke ich ist sein Name) der schonste Jungling, den ich jemals sahe, mir doppelt ruhrend, durch den Ausdruck heiliger Schwermuth in seinem Auge, ist einigemal in Kirchen und auf Spaziergangen ertappt worden, dass er mir und meinen Frauen folgte; ich weiss es selbst, dass er es that, ich sprach damals mit dir davon, und glaubte, dass du, meine Alverde, der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit warest, ach die blendende Blasse seiner Wangen, und der wilde Blick seiner herumirrenden Augen hatte wohl auf das deuten konnen, was ich wohl ehe von den Wurkungen unglucklicher Liebe horte. Nun dieser Alf von Dulmen, (ich weiss nicht, wie ich dies sagen soll, mir ists als wurde ich mit der Nachricht dein Herz verwunden, ich fange zehnmal an und kann nicht endigen,) genug man hat ihn, Gott weiss warum, eingezogen, und in ein abscheuliches Gefangniss geworfen. Sein Diener kam, nach dir zu fragen, und dich um Vorbitte fur ihn anzusprechen, woraus ich fast schliessen mochte, dass er dir bekannt war, und meine Furcht, du konntest durch die Nachricht von seinem Schicksal gekrankt werden, ihren guten Grund hatte.

Du warst nicht mehr vorhanden, da wandte sich Alf von Dulmens Vorbitte an mich, und du kannst wohl denken was ich that. Zum Bischof von Kastilien eilte ich, welcher des Gefangenen Schicksal in Handen hat, fur ihn zu bitten; aber glaubst du, dass meine Vorbitte, die Vorbitte einer Person, welcher man mit der Macht zu befehlen schmeichelt, etwas fruchtete? Fast zu Fussen habe ich mich dem grausamen Priester geworfen, umsonst! Mein Eindringen schien ihn nur noch mehr zu erbittern. Ich eilte von ihm zu den Grafen von Kastelmoro, dem Sohn der Furstin, ich besturmte das Mitleid der Furstin selbst, sich mit mir bey dem Bischof zum Besten des armen Unbekannten zu verwenden; ich ward eben so hart, fast mochte ich sagen schimpflich zuruckgewiesen. Es hat das Ansehen, als wollte man mir es zur Sunde rechnen, dass ich Gefuhl fur fremde Leiden habe. Man hat mich in Verdacht geheimer Kenntniss von den mir unbekannten Verbrecher jenes Gefangenen; man thut Fragen an mich, uber die ich erstaune! O, Alverde, noch einmal, ist dieses der Zustand einer kunftigen Konigin, so wahle ich den Tod doch ihn herbeyzuwunschen, ist fast so ruchlos als ihn beschleunigen, ich nehme also meine Worte zuruck, und ergebe mich in mein Schicksal.

Alf von Dulmen soll tod seyn, man sagt, meine Vorbitte habe sein Urtheil beschleuniget, o Alverde, siehe hier die glorreichen Wurkungen, welche inskunftige meine Verwendungen fur Elende haben werden.

Pfalzgraf Otto von Wittelsbach an Bernhard,

Herzog von Sachsen.

1207.

Ich habe Nachricht, Graf Adolf von *** sey in Lebensgefahr, ich sehe nicht, was man ausser einigen jugendlichen Thorheiten fur Verbrechen auf ihn bringen kann, hier ist der Brief seiner Schwester, durch welchen ich hievon das erste erfuhr, zu weiterer Belehrung; ihr wisst, meine Macht reicht nicht zu seiner Rettung hin, ihr aber vermogt alles. Der Ort der Gefahr ist Pamiers, die Hauptfeinde des Verfolgten wahrscheinlich Monche. Genauere Kunde werdet ihr besser und schneller als durch mich erhalten konnen.

Antwort.

1207.

Noch immer durch Krankheit festgehalten, muss ich die thatige Hulfe fur den Freygrafen Adolf, dem Herzog von ** auftragen, welcher sich an meiner Statt unbekannt zu Pamiers aufhielt. Wenn ihr dieses durch die gewohnlichen Mittel erhaltet, wird Graf Adolf wahrscheinlich schon gerettet seyn! Dass Monche seine Feinde sind, ist nicht zu bewundern, sie sind Feinde unsers ganzen Bundes; sie trachten nach der Macht, die uns Gott und der Kaiser verliehen hat. Ich habe dem Herzog ** nach Pamiers warnend geschrieben, dass er sich von niemand auslocken lasse, auch euch, mein theurer Wittelsbach, warne ich. Ich hore von einer besondern Vertraulichkeit zwischen euch und dem Bischof von Sutri; Dinge, die mir nicht gefallen. Nehmt euch in Acht, ihr werdet nie aus Bosheit und Leichtsinn fehlen, aber ich kenne euer Herz, ihr konntet leicht aus frommer Unachtsamkeit, euch zu Aeusserungen uber Dinge verleiten lassen, die uns Gefahr bringen konnten, und die euch auf der Stufe, auf welcher ihr steht, noch nicht einmal verstandlich sind.

Alf von Dulmen an den Pfalzgrafen Otto.

1207.

Kann ich die Hand verkennen, welche mich aus dem Kerker, dem Tode aus dem Rachen riss? Es war die Deinige, aber soll ich dir danken fur das was du thatest? In welch ein Leben hast du mich zuruckgerufen! Es ist wahr, das Elend des Gefangnisses hat mein Gehirn ein wenig abgekuhlt, hat mein Blut ruhiger fliessen gemacht, hat mir Musse zum Nachdenken gegeben; in der Dunkelheit eines Kerkers beurtheilt man manche Dinge richtiger, als bey hellem Sonnenlichte, aber wenn ich auch das Rasende meines Betragens in Ansehung der Grafin von Toulouse einsehe, wenn ich auch fuhle, zu welchen Thaten mich eine wuthende Leidenschaft beynahe hingerissen hatte, und dem Schicksal danke, dass es mich bey so viel Abgrunden voruber fuhrte, macht dies meine Lage glucklicher? Alix ist und bleibt dennoch fur mich verlohren. Mit dem Tage, der sie zur Konigin von Kastilien macht, stirbt fur mich jede Hoffnung auf Gluck. Noch irgend eine Freude auf der Welt zu erwarten, wurde fur den, welcher so niedergedruckt ist als ich, lacherlich seyn.

Du schreibst, an dem kaiserlichen Hofe konne Gluck fur mich bluhen, die jungere Schwester deiner Verlobten, die Prinzessin Beatrix sey noch nicht so fest fur den Herzog von Braunschweig bestimmt, dass sich nicht Aenderung hoffen liess, sie habe dir den wahren Namen ihrer Freundin Alverde und ihres Bruders abgefragt, habe mein Bild bey dir gesehen, und vortheilhaft von mir gesprochen; alles gute und schone Dinge, welche mir fast dasjenige wieder ins Gedachtniss rufen konnten, was mir einst meine Schwester in voller Angst uber meine Anschlage auf die Grafin von Toulouse schrieb; mir helfen im Grunde all diese Hoffnungen nichts; und war Beatrix noch zehnmal schoner, als sie seyn soll, und war sie, statt die Tochter eines Kaisers zu seyn, selbst Kaiserin, und brachte sie mir mit ihrer Hand Kron und Thron, die angebetete Alix wurde sie mich doch niemals konnen vergessen machen.

Doch ich fuhle das Gewicht deiner Rathschlage, ich muss mich herausreissen, muss Pamiers verlassen, und meinen Gedanken, war es auch nur zum Schein, eine andere Beschaftigung geben, damit ich die Konigin von Kastilien vergesse.

O Otto, du weisst nicht, wie weit meine Leidenschaft fur sie gegangen ist, so weit, dass sie mich die Pflichten der Freundschaft vergessen machte; mir kam etwas zu Ohren, als konnte man willens seyn, der Grafin von Toulouse die ihr so lang bestimmte kastilische Krone zu entziehen, und sie einer andern, die dem Konigreiche mehr Nutzen brachte, zuzuwenden; diese Andre, versicherte man mich, konnte wohl Kaiser Philipps Tochter, deine Elise seyn; und solltest du es wohl glauben, dass ich mich freute, dich zum zweytenmal deiner Verlobten beraubt zu sehen? nicht etwa weil dies dich unglucklich machte, sondern weil es meinen Hoffnungen auf Alix mehrere Wahrscheinlichkeit gab. In dem Taumel, in welchen ich damals war, glaube ich im Stande gewesen zu seyn, dir deine Braut mit eigener Hand zu entreissen, und auf den kastilischen Thron zu setzen, nur dass Alix mir geblieben war. Gott lob, dass die blinde Raserey der Leidenschaft voruber ist, welche nichts auf Freundschaft und Billigkeit achtet, nur auf eigenen Nutzen sieht.

Jetzt habe ich schon wieder gelernt, auf den Gedanken mit Entsetzen zu blicken, dass Philipp dich zum zweytenmal verrathen konnte; o Otto, wenn dieses moglich war! traue ihm nicht zuviel, ich habe Dinge von ihm gehort, welche mich schaudern machen! Auf jeden Fall sorge, dass Elise bald dein Eigenthum werde, so lange sie noch in der Gewalt ihres wankelmuthigen Vaters bleibt, kannst du nicht gewisser auf ihren Besitz rechnen, als auf ihre Schwester Kunigunde. Der Pabst hasst dich und den Kaiser, er zittert vor dem Gedanken, die Macht des einen durch Verbindung mit dem andern gestarkt zu sehen, er wird nicht ermangeln, zum zweytenmal zu storen, was er weder dir noch ihm gonnte. Glaube nicht, dass ich dich mit blossen Muthmassungen unterhalte, sobald ich bey dir bin, will ich dir Beweise auflegen.

Bald, bald siehst du mich an dem kaiserlichen Hofe, diesen Abend noch einen Abschiedsbesuch bey meiner Schwester im Kloster, und morgen meine Abreise. Die arme Alverde, die treue zartliche Schwester verdient durch den Anblick dessen getrostet zu werden, dessen Schicksal ihr so viel Kummer machte. Man hatte ihr hinterbracht, ich sey tod; denke dir das Entsetzen der guten Seele.

Du wunderst dich uber den ruhigen Ton, in welchem ich der vor wenig Tagen noch halb Wahnsinnige schreibe, du kannst nicht begreifen, dass die Kerkerluft allein diese Aenderung bewirkt habe? Du mochtest vielleicht Recht haben. Wisse, ich bin jetzt mit mehreren Hoffnungen in meiner Liebe begluckt als zuvor, ich habe erfahren, dass die himmlische Grafin von Toulouse sich in meinem Elend durch die dringendsten Vorbitten fur mich verwendet hat; dies schmeichelt mir nicht allein mit dem Gedanken, dass ich ihr nicht gleichgultig bin, sondern es bringt mir auch noch andre Moglichkeiten in den Sinn. Sie hat durch ihre Gnade gegen mich, welcher man einen hohern Namen giebt, als ich fur wahr halten kann, den Hass der Kastilier noch mehr auf sich geladen, ihre Einsegnung mit dem kastilischen Gesandten wird verschoben von einem Tage zum andern, sie werden sie nimmer zu ihrer Konigin machen; sie sinnen nur darauf, wie sie das Band mit guten Schein brechen, und die Heyrathswerbung um deine Elise anspinnen wollen; das letzte soll ihnen, so Gott will, fehlschlagen, aber das erste bringt die schone Alix in meine Arme. Auf die erste Bewegung, die man macht, sie ihrem Bruder zuruck zu schicken, und dies muss geschehen, ehe man mit Anstand die Werbung um die kaiserliche Prinzessin einleiten kann auf den ersten Wink, den mir Alverde, mit der ich einverstanden bin, hievon giebt, habe ich Recht, die Verstossene in meine Arme aufzufassen. Hier ist die Rede weder von Entfuhrung noch Gewaltthat. Ganz ruhig, und vor den Augen der ganzen Welt bringe ich sie nun in die Arme ihres Bruders zuruck. Die Lage des Grafen von Toulouse ist bedenklich, der Schutz, den er den Waldensern in seinen Landen gonnt, reizt allgemach den Zorn des Pabsts, man sagt, der tapfre Graf Simen von Montfort ruste sich mit mehreren Tausenden, einen7 Einfall in die durchachtete Grafschaft zu thun; dies ist gerade so ein Gegner fur mich. Der Graf von Toulouse wird Alf von Dulmens Schwerd brauchen konnen, und ihm denn, wenn er sich ihm als Graf Adolf von *** zu erkennen giebt, seine Schwester nicht versagen.

Siehe, Otto, dies sind meine Plane und meine Hoffnungen, sie haben mich aus der Tiefe der Verzweiflung herausgerissen, ein Ungluck fur mich ists, dass diese Dinge Zeit brauchen. Verlass dich darauf, ich komme nach Hofe, um die grosse Crise abzuwarten; meine Schwester, Alverde bleibt hier in der Verborgenheit ihres Klosters, und wacht fur alles.

Alverde an den Pfalzgrafen

Otto von Wittelsbach.

1207.

Ich habe den Brief gelesen, den euch mein Bruder schreibt, um Gotteswillen begunstiget alle seine weitaussehenden Hoffnungen, sie sind das einzige Mittel, seinen Ruckfall in jenen furchterlichen Zustand zu verhuten, dem er kaum entgangen ist. Was mich anbelangt, ich hoffe wenig und furchte viel, aber ich verschliesse meine heimliche Angst in meinen Busen. Die Hauptsache ist jetzt, meinen Bruder von Pamiers zu entfernen; seine Gegenwart hier taugt zu nichts, als ihn in neue Gefahren zu sturzen, und die Lage der Grafin von Toulouse noch bedenklicher zu machen. Die Grossmuth, mit welcher sich diese edle Seele fur den verwendete, den sie nie anders kannte, als Alf von Dulmen, und fur den sie nichts weiter fuhlt als Mitleid, da ihr seine Leidenschaft fur sie ganz unbekannt ist, diese Grossmuth, dieses dringende Bitten um seine Befreyung, als er gefangen war, ihr Kummer uber den Abschlag, ihre Betrubniss uber seinen vermeynten Tod, ihre Freude, als sie von ohngefahr erfuhr er sey frey, werden ihr hier ganz falsch ausgelegt, und es ist nichts besser, als dass Alf von Dulmen ganzlich verschwinde, um ihr Ruhe zu schaffen.

Wie ihr seine Befreyung bewurkt, wie ihr den Bischof von Kastilien genothigt habt, ihn herauszugeben, das ist Gott bekannt, mir ziemt es nicht darnach zu fragen, es scheint, euch und den eurigen ist alles moglich, und ihr konntet wohl dem Tod und die Holle zwingen, ihre Gefangenen wieder heraus zu geben. Mochte sich doch eure Macht auch auf die ungluckliche Alix erstrecken! aber es scheint, man muss in euren Bund gehoren, um eure Hulfe vollkommen zu geniessen, und der schwachere und am meisten hulfsbedurftige Theil des menschlichen Geschlechts, wird sich also immer eurer Macht am wenigsten zu getrosten haben.

Lebt wohl, edler Pfalzgraf. Die Warnungen, wegen eurer Verlobten, der Prinzessin

Elise, schlagt nicht in den Wind, sie haben ihre guten Grunde.

Der Unbekannte an Peter von Kalatin.

1207.

Gott weiss, welche Hand uber den sogenannten Alf von Dulmen waltet. Zweyen Schlingen ist er entgangen, in welchen wir ihn gewiss zu haben glaubten. Die Ausschweifungen, welche er aus Liebe gegen die Grafin von Toulouse recht erwunscht beging, brachten ihn in die Gewalt des Bischofs von Kastilien. Aber ein Wink unsers leider allgemeinen Oberhaupts, des Herzogs von Sachsen, dem seine Gefangenschaft, ich weiss nicht wie verkundschaftet worden war, und ich musste alles anwenden, ihn zu befreyen.

Hier genothigt, meinem Feinde die Fesseln zu losen, dachte ich ihn auf einer andern Seite desto gewisser zu fallen. Er war nicht sobald frey, als ich Sorge trug, dass die euch bewussten Klagen wider ihn in unserm heimlichen Gericht angebracht wurden, aber er vertheidigte sich so bundig, dass alle Schuld sich von ihm hinweg und auf einen andern, auf euch lenkte; die Mittel, die ihr sehr kluglich gebraucht hattet, euch auf diesen Fall sicher zu stellen, schlugen nicht fehl, ihr wurdet schuldlos erklart, aber er war es nicht weniger, und was ich noch zu seinem Nachtheil hatte thun konnen, war unmoglich, wenn ich mich nicht in Gefahr setzen wollte, dass er auftrat und alles entdeckte, was ihm einst von meiner erzwungenen Vertraulichkeit gegen den Grafen von Segni merken liess.

O Kalatin, wohl hattet ihr Ursach, mir diese Unvorsichtigkeit zu verweisen! ohne sie war jetzt unser Feind aufs wenigste seiner Stelle im heimlichen Gericht entsetzt, ich an seinem Uebermuth gerochen, und mein Bruder, der Erzbischof von Bremen, wieder im Besitz der geraubten Lande, und Alverde euer. Ich wurde ganz ohne Trost uber die Fehlschlagung meiner Wunsche seyn, wenn sich nicht Hoffnung, ihn zu fallen, mir noch von andern Seiten offnete.

Einige der Bischofe, welche bereits zu viel von unsern Geheimnissen wissen, drangen darauf, dass die schreckliche Anklage wider Kaiser Philippen, die vorgebliche Vergiftung Erzbischof Konrads von Kolln vor den Richterstuhl gebracht werden sollte. Ich musste einwilligen, der Graf von Segni hat mich in seinen Banden. Noch hoffte ich, die Sache sollte sich selbst zerstoren, weil ich sie ganz fur unerweislich hielt, leider war sie es nicht; doch was konnten Bischofe nicht beweisen!

Kaiser Philipp sey schuldig oder nicht, so machte die Sache auf die Versammlung einen erstaunenswurdigen Eindruck, und den tiefsten auf den sogenannten Alf von Dulmen, welcher, nachdem er von vorgedachter Anklage gerechtfertigt war, nun wieder seinen Sitz in der Versammlung eingenommen hatte. Der Stab ward gebrochen, das Loos uber die Blutracher geworfen, es traf, wie ihr denken konnt, den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, und Alf von Dulmen.

Stimmen erhuben sich von allen Seiten zur Appellation, ihr wisst, Pfalzgraf Otto ist des Kaisers erwahlter Schwiegersohn, und Alf von Dulmen (wie ich den stolzen Grafen Adolf am liebsten nenne) des Wittelsbachers bester Freund, aber es durfte keine Einwendung mehr angenommen werden, der Hahnenschrey verkundete den Tag, der Himmel graute, und die Richter gingen auseinander.

Lasst uns warten, was aus diesen grossen Anlagen entstehen wird. Behauptet sich Philipps Schuld, so folgt ihm der Blutracher, aber es ist kein kleines, einem Kaiser ungestraft den Todesstreich zu geben, so viel ich weiss, ist noch in keinem unserer Gerichte der Fall vorgekommen. Otto von Wittelsbach und Alf von Dulmen, ihr Gehassten beyde! Wehe uber euch! euer Schwerd erreiche oder verfehle sein Ziel! im ersten Fall seyd ihr der offentlichen Gerechtigkeit als Kaisermorder, im andern der heimlichen, als Meineidige verfallen.

Beatrix an Alverde.

1208.

Dein Alf von Dulmen, den ich nun aber schon langst nach seinem wahren Namen, und eben so lang nach einem Bilde von ihm, das mir der Pfalzgraf zeigte, kenne, der Bruder meiner Alverde ist hier angekommen, aber Gott, welch ein Mann gegen die Vorstellungen, die ich mir nach allen Umstanden von ihm machen musste! Konnen so schone Zuge durch ein innerliches Etwas so entstellt werden? und was mag das Etwas seyn, das in seinen Innern gahrt?

Nein Alverde, dein Bruder hat den Eindruck nicht auf mich gemacht, den ich geglaubt hatte, als ich ihn nur noch von Horensagen, als ich ihn nur noch aus jenem geschmeichelten Bilde kannte; statt ihn zu lieben, furchte ich ihn. Auch in seinem Betragen herrscht eine gewisse scheue Furchtsamkeit, die ihn zu einem ausserst widrigen Gegenstande macht; und dieser Mann sollte mich einst geliebt haben? Nein, er hat es nicht, das Ganze war nur eine Tauschung der Eitelkeit, welche meine Alverde mir zu benehmen nicht freundschaftlich genug dachte. Der Pfalzgraf hat es mir entdeckt, dass die verlobte Konigin von Kastilien der Gegenstand seiner Leidenschaft war, den du mir verschweigest, und ich horte diese Entdeckung mit mehrerem Kaltsinn an, als bey meinem fur ihn gefassten Vorurtheil geschehen seyn wurde, hatte ich ihn ganz dem Bilde ahnlich gefunden, das ich mir von ihm machte.

Doch er mag wohl nicht immer so beschaffen gewesen seyn, als er jetzt ist, der Pfalzgraf versichert mich, dass er ihn selbst kaum mehr kenne, dass er ihm ganz fremd geworden sey, fremd auf alle Art; denn bey der grossen Vertraulichkeit, die von je her unter ihnen herrschte, hat er noch zu keiner Privatunterredung mit ihm kommen konnen; Wittelsbach behauptet, es musste etwas ganz ausserordentliches in seinem Innern arbeiten, aber dieses zu entdecken, ist keine Moglichkeit, da er ihn auf das sorgfaltigste flieht.

Alverde, fast mochte ich anfangen deinen Bruder zu bemitleiden! sollten dies vielleicht noch Ueberbleibsel der Rasereyen um Alix seyn? O der schone herrliche Mann! dass die Liebe ihn so zu Grunde richten musste! Mochte sie ihm doch die ausgestandenen Leiden auf andere Art verguten! und wie glucklich war diejenige, welche der Himmel zum Werkzeug dieser Vergutung bestimmt hatte, sie, die diesem edeln Herzen die Ruhe, dieser Stirn die Heiterkeit, dieser Gestalt ihre Wurde wieder geben konnte; ach Freundin, ich weiss nicht was ich denke, ich scheue, ich furchte diesen unbegreiflichen Mann, deinen Bruder, und doch ist wieder mein Mitleid gegen ihn so zartlich, dass ich im Stande war, ihm alles zu verzeihen, selbst, dass er die Grafin von Toulouse liebte, und nicht mich!

Alf von Dulmen an den Pfalzgrafen.

1208.

Verfolge mich nicht, Wittelsbach, frage mich um nichts, du mochtest schreckliche Dinge horen. Allerdings tobt ein grauenvolles Geheimniss in meinem Busen, das ich dir zu entdecken schuldig war, da es einen Auftrag betrifft, den wir vor dem heimlichen Gericht gemeinschaftlich erhalten haben; du kannst ihn nicht ausrichten, er wurde dein Ungluck machen, nun so fallt er also mir auf die Schultern, aber ich versichere dich, es ist kein kleines ihn zu ubernehmen.

Nimm jetzt den Rath an, den ich dir gebe, heyrathe deine Elise sobald als moglich, und wars diesen Abend, es ist ihrem Vater auf keine Weise zu trauen, wer weiss ob nicht schon Verhandlungen deine Verlobte zur kastilischen Konigin zu machen, unterwegens sind, denen er nur allzugefallig gehorchen wird, die er vielleicht selbst veranlasste. Nimm Elisen, sage ich nochmals, und fuhre sie so weit du kannst, auf eines deiner Schlosser, damit du nicht horest, was hier bey Hofe vorgeht, Wohl, o wohl mir, da ich thun muss, was ich thun werde, dass nicht die reizende Beatrix, sie, die einzige, welche die Stelle der Grafin Toulouse ersetzen konnte, mein Herz fesselte, was wurde sonst aus mir werden? denn war ich gerade in dem nehmlichen Fall, in welchem du, ohne es zu wissen, dich befindest!

Aber Himmel, sollte die Sache auch vollig erwiesen seyn? Der Herzog von Sachsen war nicht beym Gericht, als es uns den grauenvollen Auftrag gab; mit ihm Rucksprache zu halten, war doch wohl Pflicht und Nothwendigkeit ehe man handelte.

Otto, ich weiss du verstehst mich nicht, ich hatte dir all dieses nicht schreiben sollen, aber meine Gedanken werden, ich schreibe oder ich spreche, unwillkuhrlich zu Worten, und da Worte nicht im Stande sind, den Zustand meines Herzens zu schildern, so rede und schreibe ich unverstandlich, und werde fur einen Traumer gehalten. O Schicksal, Schicksal! dass du mich in allem das harteste Loos ziehen liessest!

Elise an ihre Mutter Irene.

1208.

Es war als ob mein Herz von mir riss, da ihr die Reise nach eurem neuen Lustschlosse antratet; doch eure Gesundheit wollte es, die Aerzte, diese allgewaltigen Herrscher in eurer Lage, geboten, und man musste nachgeben. O warum durfte ich euch nicht folgen! Ihr sagtet mir lachend, meine Pflege wurde euch bey den Stunden, welche euch bevorstehen, wenig frommen; nun wohl, fur euch in der Nahe zu wachen, dem Kaiser taglich Nachricht von euch und endlich die frohste aller Botschaften zu uberschreiben, dazu war ich doch wohl verstandig genug gewesen, dazu hatte es doch wohl nicht Noth gethan, dass ich erst, wie ihr euch scherzend ausdruckt, ein halbes Dutzend Jahre Grafin von Wittelsbach gewesen war?

Ach wie weit ist dieser Name warscheinlich noch von mir entfernt! Ihr wisset, wie ich den theuren Pfalzgrafen liebe, ich habe es euch gestanden, dass lange vorher, ehe seine Wahl unter Kaiser Philipps Tochtern auf Kunigunden fiel, mein heissester, heimlichster Wunsch war, er mochte mich wahlen. Er wahlte mich nicht, und ich eilte den Kummer, dessen ich mich schamte, in der Dunkelheit des Klosters zu vergraben.

Sehet, das Schicksal hat nun zwischen mir und meiner Schwester, die ihr Gluck nicht erkannte, entschieden; Pfalzgraf Otto ist mein, tausendmal betheuert er mir, dass er sich freut, von Kunigunden getauscht, und durch ihren Wankelmuth mein geworden zu seyn; ein Kind, sagte er oft zu mir, geht ja wohl vor kostlichem Golde uber, und wahlt eine schimmernde Scherbe, es verwundet sich die Hand, und greift nach dem heilenden Golde8; sehet, Elise, dies ist mein Fall, ich weiss jetzt was ich an Kunigunden verloren, und an euch gewonnen habe.

Reden von dieser Art schmeicheln mir, entzucken mich, sie haben in dem Munde meines Otto doppelten Werth, in dem Munde eines andern wurden sie nichts sagen. Die Sekte Peters von Kalatin, die schmeichelnde, susslachelnde, wortreiche Sekte der Frauendiener nimmt immer mehr uberhand, nur wenig Manner sind, bey welchen, so wie bey meinem Verlobten, jedes Wort genau den Gehalt hat, welchen sein Geprag versprach.

Zu welcher Gattung mag sich jener Alf von Dulmen rechnen, der sich seit einiger Zeit hier aufhalt, den wir aber alle unten einem hohern Namen kennen. Er ist der Freund meines Otto, o mochte er ihm an Redlichkeit gleichen! Ihr wisst, meine Mutter, was mich zu diesem Wunsche bewegt. Die vorgehabte Verbindung unserer Beatrix mit dem Herzog Otto von Braunschweig ist so gut als vernichtet. Mein Vater und er konnten ja bey der letzten vom Pabst veranstalteten Friedensunterhandlung so wenig einig werden, dass gar nicht daran zu denken ist, eine Vermahlung konne den ewigen Zwist heben; sprecht selbst, wer sollte nur den Vorschlag dazu thun? Ist dieses, hat Beatrix von dieser Seite nichts zu hoffen, oder fast mochte ich lieber sagen, zu furchten, so konnte man ja auf eine andere Verbindung, auf eine Verbindung nach dem Herzen des armen Madchens denken! Dieses Herz, meine theure Mutter, spricht mir nur gar zu horbar fur den sogenannten Alf von Dulmen, in dem sie so wenig als wir alle, den bekannten Grafen Adolf von *** verkennt; zwar ist er eben keiner von den grossten Fursten unserer Zeit, aber er hat doch Land und Leute, ist vom hohen koniglichen Adel, und kann sich an Ansehen im romischen Reiche mit manchem weit hoher Benamten messen. O meine Mutter, wenn wir Beatrix durch ihn glucklich machen konnten! Doch dies sind weitaussehende Dinge. Er hat fur meine Schwester nichts als Bewunderung, da sein Herz noch voll ist von unglucklicher Liebe gegen die kunftige Konigin von Kastilien. Meine Schwester giebt vor, ihn in der Nahe weit weniger einnehmend zu finden, als in der Fern, auch ist es wahr, er hat ein gewisses Etwas an sich, das mich von ihm zuruckschreckt, doch mich dunkt, dies ist ihm fremd, ist vielleicht nur noch ein ungluckliches Ueberbleibsel von seinen Leiden um Alix, ist erst diese so fest gebunden, dass keine Hoffnung auf sie mehr ubrig bleibt, so wird er sich erholen, wird ganz wieder der werden, welcher er ehemals war, wird fur andre Reize Augen zu haben beginnen, wird sie ganz naturlich auf die liebenswurdige Beatrix werfen, ihr und mein Vater werdet einwilligen, und auch sie wird glucklich seyn, wie ich es bin.

O wenn nur Alf voll Dulmen ganz der ist, fur welchen ich ihn, ungeachtet seines finstern zuruckstossenden Wesens, halte! Zwey Dinge sind, davon das eine fur, das andre wider ihn spricht. Peter von Kalatin, dieser Mann, den wir alle verabscheuen, und seit der Kenntniss von Alverdens Geschichte noch mehr verabscheuen mussen, war einst sein Freund und ist es nicht mehr, auf die erste Nachricht von seiner Ankunft bey Hofe, entfernte er sich, wie ihr wisst, und hat sich seitdem nicht wieder sehen lassen; dies gereicht zu Alf von Dulmens Besten; brechen lasterhafte Freunde mit einem Manne, so muss er wohl der Tugend gehuldigt haben; aber ist das auch vortheilhaft fur den Mann, von welchem wir reden, dass mein geliebter Pfalzgraf einst sein Freund war, dass er es auch noch ist, und doch von ihm wie ein Feind geflohen wird?

Der Pfalzgraf hat in diesen Tagen einen ausserst seltsamen Brief von ihm erhalten, aus dem er selbst, ungeachtet er gewiss mehr davon versteht als ich, nicht klug werden kann.

Mich dunkt, meine Mutter, Otto hatte mich ihn nicht lesen lassen sollen, es kommen Punkte darinn vor, welche geheime Dinge betreffen, die wohl eigentlich vor kein profanes Auge, am wenigsten vor das Auge eines Weibes kommen sollten; aber so ist das truglose Herz meines Geliebten, er vertraut sich andern zu leicht, und obgleich seine Verschwiegenheit in dem was er eigenlich zu verschweigen gelobt hat, unverbruchlich ist, so entfallen ihm doch oft, ohne dass er es denkt, Winke, welche kuhnen Muthmassern Stoff genug zum Forschen und Nachdenken geben. Gott gebe, dass ich die Einzige bin, und gewesen seyn mag, gegen welche er sich solche Unvorsichtigkeiten zu Schulden kommen liess von mir hat er nichts nachtheiliges zu besorgen; kann ich mir das Muthmassen nicht wehren, so wird mich doch Vernunft und Bescheidenheit wohl ewig vor kuhnem Forschen und Ausschwatzen bewahren. Selbst gegen euch, meine Mutter, wurde ich dieses wenige nicht gesagt haben, wusste ich nicht, dass euch jedes Geheimniss, selbst das Geheimniss eurer Kinder, heilig ist, und von euch wohl immer unangetastet bleiben wird.

Ausser den Dingen, uber welche ich mich nicht weiter erklaren kann, enthielt Alf von Dulmens Brief noch verschiedenes, welches mich wohl wider ihn aufbringen, und bewegen konnte, all die gute Meynung, all die guten Absichten, die ich fur ihn habe, zuruck zu nehmen. Bedenkt selbst, er sucht meinem Verlobten Argwohn gegen meinen Vater einzuflossen, giebt nicht undeutlich zu verstehen, der Kaiser konne die Absicht haben, mich ihm zu entreissen, und an die Stelle der Grafin von Toulouse auf den kastilischen Thron zu heben!

Ich hoffe, Alf von Dulmen ward selbst von unsern Feinden getauscht, und schreibt dieses nicht aus bosem Herzen. Ich habe machtig gestritten, dem Pfalzgrafen alle Unwahrscheinlichkeiten zu zeigen, welche in diesem Vorgeben liegen. Weil Philipp einmal wortbruchig an dem Pfalzgrafen ward, darum muss er es nicht zum zweytenmale werden! Dass Kunigunde ihm entzogen wurde, lasst sich entschuldigen, sie liebte ihn nicht, und ein anderer hatte ihre fruhern Gelubde, aber was fur ein Vorwand zeigte sich, mich ihm zu rauben, mich, die ganz in dem geliebten Otto lebt und athmet, die nie, ausser ihm, einen Mann eines Wunsches wurdigte, die sich dem Kloster gewidmet haben wurde, war kein Wittelsbach fur sie in der Welt gewesen?

Die Sache widerlegt sich selbst, mein Vater ist ein Deutscher, so wird er nicht handeln, und auf der andern Seite, welch ein ungeheurer Einfall: Alix, welche so nahe am Throne steht, sollte jetzt noch einer andern Platz machen! Ich habe meinem Geliebten das Abgeschmackte in einem solchen Vorgeben deutlich gezeigt, aber er gab mir hier nicht so viel Gehor, als in Ansehung des ersten, er meynte: Wie und warum die Verfassung der Grafin von Toulouse moglich war, wollte er mir wohl ein andermal bey mehrerer Musse erklaren, doch schien er mir im Ganzen beruhigt, und schied mit ziemlich frohem Muthe eine Reise nach Polen anzutreten, welche ihm der Kaiser aufgetragen hat. Ich aber bin seit seiner Entfernung sehr traurig. Das was mir anfangs in Alf von Dulmens Brief so unwahrscheinlich dunkte, macht mir jetzt manche trube Stunde; einmal ist doch so viel gewiss, meine Verbindung mit dem Grafen wird uber die Gebuhr verschoben, und was mag seine Reise jetzt wieder bedeuten? Musste man eben ihn, konnte man keinen andern schicken?

Ach, meine Mutter, wie ich im Anfang sagte, der Name der Gemahlin meines Otto ist wohl noch weit entfernt von eurer

Elise!

Kunigunde, Grafin von Segni,

an ihre Schwester Elise.

1208.

Du hast mich, seit ich aus dem vaterlandischen Hause schied, keines Briefs gewurdigt, und ich muss glauben, das was dein sogenanntes Gluck gemacht hat, bringe dich wider mich auf, und bewege dich, gegen mich unschwesterlich zu handeln. O Elise! was hab ich dir gethan? zurnest du darum mit mir, weil ich den Pfalzgrafen Otto von der Hand liess, um meinem Richard treu zu bleiben? Du liebtest deinen Wittelsbacher, die Art, wie ich gegen ihn handelte, handeln musste, ward dein Triumph, ohne mich war Otto nie dein geworden, so solltest du ja billig mir ehe danken, als auf mich zurnen!

Und doch hattest du billig Ursach, mir ubel zu wollen, hatte ich gutwillig die Veranlassung zur Verbindung mit einem Manne gegeben, der deiner Wahl nicht wurdig ist; bey Gott, das wollte ich nicht, ich erschrak als ich erfuhr, die Gefahr, Grafin von Wittelsbach zu werden, welcher ich mit genauer Noth entkam, betreffe nun eine meiner Schwestern! Wie konnte ich glauben, der Kaiser, welcher einmal Bedenken trug, dem Pfalzgrafen eine Tochter zu geben, sey nun zum zweytenmal im Begriff, sich berucken zu lassen? wie konnte ich vermuthen, die stolze Elise wurde sich an dem Besitz eines Herzens laben, das ich verschmahte, oder um weltlicher Liebe den heiligen Vorsatz zum Kloster aufgeben? Kaum hatte ich dieses der kleinen leichtsinnigen Beatrix zutrauen sollen, die nun, wie ich hore, gross und schon geworden ist, und gar davon traumt, durch den Herzog von Braunschweig, (den freylich ich als Philipps Tochter nicht Kaiser nennen darf, obgleich alle Welt ihm diesen Namen zugesteht) romische Kaiserin zu werden.

Wir wollen die Kleine mit ihren vergeblichen Hoffnungen lassen und zu dir zuruckkehren. Elise, du weisst, dass du verschiedene Jahre mehr hast, als ich, und also mich an Klugheit ubertreffen solltest, aber du lebst in dem schlichten geradsinnigen Teutschland, ich in dem aufgeklarten Italien, dies diene uns beyden zur Entschuldigung, wenn wir das Geben und Annehmen wohlgemeynter Warnungen einmal gegen einander vertauschen.

Dich zu warnen, mein Kind, schreibe ich dieses, dich zu warnen vor dem falschen Grafen von Wittelsbach; ich hoffe, du traust mir zu, dass ich nicht ohne Ursach so schnell mit ihm brach; nicht allein die altere Liebe zu Richard, sondern auch genaue Kenntniss seines Charakters bewog mich, so zu handeln, wie ich handelte, und der Bann, den alle Welt, den selbst Mutter und Schwestern wegen meiner sogenannten Wankelmuthigkeit uber mich ergehen liessen, trifft nicht mich, sondern den, welchen ich mit reifer Ueberlegung verliess.

O Elise, du dauerst mich! Wittelsbach ist nicht der, welcher ein Herz, wie das deinige beglucken kann; was solltest du fromme Nonne mit dem unruhigen Pfalzgrafen? Du zartliche, du treue Tochter, mit dem Manne, der Zeit genug seine Hand nach deines Vaters Kron und Thron ausstrecken wird? Du ewigliebende Seele, mit dem, welcher mit jedem Jahreswechsel die Treue andert, welcher irgend eine, die ich nicht nennen kann, einst um meinetwillen, mich fur dich, und dich fur eine neue Geliebte vergass, die, wenn er nicht bald stirbt, auch wohl nicht die letzte in seiner Liebesreihe seyn wird! Was dient dir ein Mann, der zu einem furchtbaren heimlichen Bunde gehort, dessen ich nicht ohne Grauen gedenken kann, zu einem Bunde, welcher es seinen Mitgliedern zur Pflicht macht, das Schwerd immer gewetzt zu halten, und sollte es auch seyn, Vater, Bruder und Freund hinzuopfern!

Du entsetzest dich, ob den harten Beschuldigungen? Du forderst Beweise? Wohl gut, deine Forderung ubersteigt die Schranken eines Briefs, aber ich kenne das weibliche Herz genug, um zu wissen, dass wenn ich dir die Wahrheit einer meiner Anklagen vor Augen gelegt habe, du keine mehr bezweifeln wirst. Beweise ich dir, dass Otto von Wittelsbach treulos gegen seine Elise handeln konnte, so vermuthe ich, du wirst ihn keiner Unthat unfahig halten.

Du kennst doch die Konigin Adila, Premislaus geschiedene Gemahlin? sie, um deren willen unser Vater sich einst den Konig von Bohmen zum Feinde machte, weil er die Seite der verstossenen Adila nahm? Diese Adila hat eine schone Tochter ihres Namens, man nennt sie die Prinzessin von Pohlen, weil ihr Oheim, der Herzog von Pohlen, sich ihrer in ihren Elend erbarmte, und sie zur Tochter annahm. Fraulein Adila ist, wie gesagt, recht schon, fast so schon wie du, und noch um einige Jahre junger; ihr Oheim wollte sie gern verheyrathen, er verspricht dem, der ihr die Hand bietet, eine konigliche Mitgift, aber das beste, was sie mit in den Ehestand bringt, ist eine Anwartschaft auf das Konigreich Bohmen, welche ein Held, wie Wittelsbach, nicht leicht verschmahen wird; du weisst wohl, die schwachsten Anspruche kann ein Schwerd, wie das seinige, geltend machen. Adila ward deinem Otto angetragen; er zogerte, sprach von Treue gegen dich, wog Vortheil und Verdienste, und fand dich zu leicht. Ein Gerucht, das sich ausbreitete, Kaiser Philipp mochte dich wohl lieber Konigin von Kastilien als Pfalzgrafin sehen, gab ihm Ursach, sich mit dem Kaiser zu entzweyen, man zankte sich ein wenig, vertrug sich dann wieder, und Otto versprach, dich so wie mich zu vergessen, wenn Philipp ihm sein machtiges Vorwort bey der Prinzessin von Pohlen verleihen wollte. Der Kaiser verachtete den kleinen Pfalzgrafen in seinem Herzen, doch um ihn loszuwerden, that er was er verlangte, er schrieb; aber war es ihm zu verdenken; dass er in das Empfehlungsschreiben nach Pohlen allerley einmischte, den Charakter des Ueberbringers zu bezeichnen, den Herzog von Pohlen und die schone Adila zu warnen, und des Wittelsbachers Anschlage verunglucken zu machen?

Erwarte nun mit jedem Tage, dass dein Otto wiederkehrt, entweder kochend von Rache gegen den Kaiser, der seine Absichten vereitelte, oder nachdem es die Gelegenheit giebt, so treu und zartlich gegen dich, wie vormals. Das wird er freylich nicht denken, dass irgend eine treue Hand, dir seine Tucke verrathen konnte, und wenn ihm die schone Adila nicht werden kann, so wird er immer noch Liebe genug fur dich ubrig haben, wenn du sie nur annehmen willst.

Bedenke dich, Elise, was du auf jeden Fall zu thun hast, und willst du dem was ich dir sage, keinen Glauben beymessen, denn freylich unwiderleglich beweisen lasst sich so etwas nicht, davon die Urkunden in andern Handen sind willst du mir nicht glauben, sage ich, so vergiss wenigstens nicht, dass du gewarnt bist, von deiner Schwester Kunigunde.

Elise an ihre Mutter Irene.

1208.

O Mutter, alles vereinigt sich, mir das Herz zu brechen! Ich, ohnedem kummervoll und zweifelhaft uber das was ich euch zuletzt schrieb, muss heute einen Brief erhalten, der mich vollends in Verzweiflung sturzt; wehe mir, dass ich ihn euch nicht mittheilen, und euren Rath vernehmen kann, was ich davon zu halten habe; leider ist er von einer Person, welche zu schonen mir Pflicht ist, wider welche ich euren Zorn auf keine Art reizen mag, und gleichwohl stosse ich in diesem Unglucksschreiben fast bey jedem Absatz auf Stellen, die euch aufbringen wurden, so dass ich ihn euren Augen vorhalten soll und muss.

Ach Gott, wenn ich nur irgend eine Seele fragen konnte, was ich von der Sache glauben soll! Mein Wittelsbach untreu? Er Brautwerber um die schone Adila von Pohlen? sollte, konnte dies moglich seyn? Nach Pohlen ist er mit Briefen vom Kaiser gereist, auch hat es vor einiger Zeit ein hartes Gesprach zwischen beyden uber mich und die kastilischen Traume gegeben, alles dieses sagt mein geheimes Schreiben auch; aber wird alles, was es enthalt, wahr seyn, so wie einiges wahr ist? Da ich hier schlechterdings niemand fragen kann, so muss ich abwarten, was von diesen Dingen durch den Ausgang bestattigt oder vernichtet wird. Auf meinen Otto ein Misstrauen zu haben, ist freylich schwer, doch klingt alles, was man mir von ihm vorbringt, so wahrscheinlich. Er ist treu und bieder, aber er ist gleichwohl ein Mensch, der durch Treulosigkeit und Wortbruch aufgebracht und zur Rache gereitzt werden kann, gesetzt nun, es war wahr, was ich mir gar nicht als moglich denken kann, der Kaiser dachte darauf, mich ihm zu entreissen, war es da wohl Wunder, wenn auch er sich seines Eydes quitt, und es sich verstattet glaubte, sein Gluck von einer andern Seite zu suchen?

Doch nein, sobald konnte mein Wittelsbach seine Elise nicht vergessen! an mir wurde er ja nicht rachen, was ein anderer verschuldet hatte!

Himmel! Himmel! sollte dies Moglichkeit seyn! und er war beym Abschied noch so treulich und so hold! Wie oft er zuruckkehrte, mich noch einmal in seine Arme zu schliessen! Wie bekummert er war, uber den blossen Gedanken, man konne mich ihm rauben wollen! Was ich alles anwenden musste, ihn zu beruhigen! Und dieser Mann mit der schonen Thrane im Heldenauge, das sonst nie weinte, dieser Mann mit den Worten der Wahrheit auf der bebenden Lippe, dieser sollte mich betrugen konnen? Nein! Nein! Nein! ich kann nichts davon glauben. Und doch! und doch! O Mutter, mein Kampf beginnt von neuem! Schaffet mir Hulfe, dass ich nicht vergehe!

Irene an Elisen.

1208.

Mir dunkt alles, was du mir schreibst, so unglaublich als dir. Fur Pfalzgraf Ottens Treue dachte ich, wollte ich mit meinem Leben burgen! Indessen, da du mir die Quelle, aus welcher du deine Zweifel schopftest, nicht entdecken darfst, so kann ich hier nicht mit voller Gewissheit entscheiden, und muss dich an andere Troster und Rathgeber verweisen.

Der beste, und der dir uber alles die bundigste Auskunft geben konnte, war wohl dein Vater, wenn du ein Herz zu ihm fassen konntest, aber leider ist Philipp jetzt nicht mehr Herzog von Schwaben, sondern Kaiser; diese Wurde hat ihn seinem Hause entfremdet, die Staatsgeschafte bemachtigen sich all seiner Zeit, du wurdest schwerlich eine Stunde treffen, da er so ganz dein ware, dass er dich ruhig horen, und dir wie ein Vater rathen konnte; uberdieses, wenn er nun wurklich wider dich und den Pfalzgrafen, welches mich so unmoglich eben nicht dunkt, Boses im Sinn haben, wenn er nun wurklich auf hohere Dinge fur dich sinnen sollte, als du denkest und wunschest, was fur Trost wurdest du denn bey ihm nehmen?

Hore meinen Rath. Ich habe in meinem Leben so wohl als du Stunden erlebt, wo mir um Trost und Leitung bange war, und wo ich sie nicht bey Menschen suchen durfte, ich suchte sie denn in den Armen der Religion; das thue auch du, doch traue auch hier nicht deinem eigenen Nachdenken, sondern vertraue dich irgend einem verstandigen frommen Manne, vertraue dich deinem Beichtiger; ich weiss nicht in wessen Schooss du deine heimlichen Anliegen auszuschutten pflegst, kenne den Heiligen nicht, dem du deine geistliche Fuhrung anvertraut hast, aber ich bin uberzeugt, dass du auch hier glucklich gewahlt haben wirst, und glaube also deine Ruhe in guten Handen. Lebe wohl, mein Kind, ich bin sehr schwach, das viele Schreiben wird mir beschwerlich, aber nicht so das Lesen, ich hoffe bald und umstandlich wieder von dir zu horen.

Elise an ihre Mutter.

1208.

Ich habe euch gehorcht, habe mich dem Manne vertraut, welcher in aller Absicht der einige ist, der mir aus dem Labyrinth, in welchem ich irrte, helfen konnte, dem, der so wohl meine als Pfalzgraf Ottos Herzensgeheimnisse in Verwahrung hat, unserm gemeinschaftlichen Konfessor, dem Bischof von Sutri. Er selbst empfahl mir ihn einst zum Gewissensrath. O Wittelsbach! Wittelsbach! du dachtest wohl damals nicht, welchen Stab du mir in die Hand gabst, mich aus den Irrgangen zu leiten, in welchen mich mein eigenes Herz, dies Herz, das dir nicht misstrauen konnte, gerade falsch gefuhrt haben wurde.

Er ist voruber, Mutter! ich weis nun ganz gewiss, was ich von meinem ehemaligen Geliebten glauben soll, aber kein Wort mehr von ihm, andre Wichtigkeiten heischen meine Feder!

O Mutter, was habe ich euch zu berichten! werde ich Muth haben, euch mit Dingen zu unterhalten, die mein Herz in Thranen schmelzen? Doch seyd mir willkommen ihr Trauergesichter, ich will mich ganz in euch vertiefen, will keinen eurer kleinsten Umstande unberuhrt lassen, ich bin so gerade auf der Laune, unter Grabern zu wallen, und die Nichtigkeit irdischer Hoffnungen mit den Freuden einer bessern Welt zu messen. O Alix! Alix! wie gross waren deine Anspruche auf irdisches Gluck! wie lachelte dir die Welt in fruhern Jahren! sie tauschte dich, du fandest nicht, was du so wohl verdient hattest, du fandest den Tod! Wohl dir, dass du ihn gefunden hast, mochte auch ich ihn finden, bald finden!

Ja, meine Mutter; meine liebste Freundin, die altste Gespielin meiner Jugend, die unvergleichliche Alix von Toulouse ist nicht mehr. Alverde ist die Ueberbringerin der Trauerpost; gestern langte sie hier an, aber welche Thorin bin ich! ich verspreche euch umstandliche Erzahlung dieser Dinge, und Alverde, die arme Alverde, ist noch nicht im Stande gewesen, uns, einige wenige Winke ausgenommen, mehr zu sagen, als ihr jetzt eben von mir erfahren habt! Verzeiht, meine Mutter! mein Kopf ist sehr schwach, mein Herz blutet, wie leicht ists da, unuberlegt, und unordentlich zu schreiben!

Ach Alverdens Winke von dem Tode meiner Freundin sind furchterlich! ich wunsche und scheue mehrere Aufklarung, sobald ich sie erhalte, will ich sie euch mittheilen. Jetzt Ruhe, nur ein wenig Ruhe fur eure ungluckliche Tochter Elise!

Alverde an die Prinzessinnen.

1208.

Ich soll euch erzahlen, wie Alix starb? Himmel! werde ich das konnen? Jahre konnten wohl hingehen, ehe meine Stimme fest, von Thranen ungehemmt genug seyn wurde, um, wenn ich von diesen Dingen rede, euch verstandlich zu werden!

Nein, der Feder sey uberlassen, was der Mund nicht auszusprechen vermag; da kann die mude Hand doch so oft ausruhen, das Auge sich so oft satt weinen als es will, ohne dass euch die Erzahlerin lastig oder langweilig wurde. Doch langweilig genug werde ich euch auch mit meinem Schreiben werden, nicht durch Zahl der Worte; wenig Zuge werden im Stande seyn, euch die Trauergeschichte zu schildern; nein, durch Lange der Zeit, die ich zu dieser sauren Arbeit brauchen werde. Ich spare sie fur die dustern Stunden der Nacht auf, die ich doch ohnedem schlaflos verweine, der Tag sey euch geweiht, ob vielleicht die lebenden Freundinnen mich wieder mit der Welt aussohnen mochten, die mich der Tod meiner Alix hassen lehrte, und in der ich doch leben muss.

Unter allem, was mich beym Gedanken an ihr Scheiden martert, ist die Vorstellung, ob wohl ich oder jemand von den Meinen ihren Tod beschleunigte, die furchterlichste Qualerin. Trostet mich, meine Freundinnen, trostet mich nur uber diesen einigen Punkt, und ich will der himmlischen Seele mit Lacheln in jene bessern Welten nach sehen, die ihr schneller Flug nun schon erreicht hat.

Alf von Dulmen, er, den ihr als meinen Bruder kennt, liebte die Grafin von Toulouse; Fluch uber den, welcher seine Wahl auf die schon Verlobte lenkte! Alf von Dulmen hatte hohen Sinn, nichts schien seinen Wunschen unerreichbar, er wurde seine Augen zu Kaiser Philipps Tochtern erhoben haben, hatte man ihre Reize gebraucht, ihn zu verlocken, aber die frevelhafte Hand nach dem Eigenthum eines andern auszustrecken, dazu dachte er zu edel, er wurde den ersten Gedanken an Alix getodtet haben, hatte man ihm gesagt, dass sie nicht mehr frey, dass sie versprochene Konigin von Kastilien sey. Sein falscher Freund, jener Peter von Kalatin, der, ich weiss nicht welchen Vortheil in seinem Untergang suchen musste, verschwieg ihm dieses, fachte die enstehende Leidenschaft durch teuflische Kunst zur Flamme an, brauchte sie zum Mittel, meinen Bruder und mich aus dem Schooss der Ruhe und Sicherheit zu reissen, und uns in die quaalvollsten Verhaltnisse zu setzen. Als der ungluckliche Adolf erfuhr, Alix sey nicht fur ihn gebohren, fruhere Bande fesselten sie an einen andern, da war es schon zu spat, Gefuhle auszurotten, welche bereits zu tief im Herzen gewurzelt hatten, und Schritte zuruckzunehmen, die ihn an den Rand des Verderbens brachten. Seine Leidenschaft kennte weder Einschrankung noch Behutsamkeit mehr; was er fur Alix fuhlte, was er ihrentwegen zu unternehmen fahig war, musste bald der ganzen Welt in die Augen fallen; nur ihr, der unschuldsvollen Seele, blieb es verborgen, sie hielt ihre Reize nie fur machtig genug, eine Leidenschaft, wie die seinige, zu erregen, sie war zu bescheiden, so etwas nur zu denken, zu fromm, es zu wunschen, sie kummerte sich wenig um irdische Liebe, da ihr Sinn mit himmlischen Dingen erfullt war; es dauerte lang, ehe der Ungluckliche, von welchem ich spreche, nur ihre Aufmerksamkeit erregte, und als endlich ihr Auge sich auf ihn heftete, so fuhlte sie, bey sehr richtiger Beurtheilung seiner Vorzuge, nichts fur ihn als Mitleid; ein Mitleid, welches doch die wahre Ursach, warum er zu beklagen war, weit verfehlte.

Ihr war es unbekannt, dass ich seine Schwester sey, sie hielt mich fur den Gegenstand seiner Wunsche; sie sprach oft mit mir zu seinem Besten; mich fur ihn einzunehmen, lobte sie ihn oft in Gegenwart verdachtiger Personen, und als endlich seine rasenden Versuche auf sie, die nur sie nicht kannte, ihn um die Freyheit und in Lebensgefahr brachten, da verwendete sie sich mit solchem Eifer fur ihn, dass sie jedem Verdacht, den man auf sie hatte, oder zu haben affektirte, volle Nahrung gab. Meine Warnungen, sich zu massigen, fruchteten nichts, ich hatte ihr die ganze Sache entdekken mussen, wenn ich ihr hatte die Augen offnen wollen, und wie konnte ich das, ohne die Pflichten der schwesterlichen Liebe und der Klugheit zu beleidigen?

Es fragt sich, ob mein Betragen verantwortlich war? ich hielt es damals fur das einige rechtmassige, obgleich jetzt tausend Gewissensbisse mich foltern, und die Reue mir tausend andere Wege zeigt, welche ich hatte gehen sollen.

Man hasste die Grafin von Toulouse schon langst, und beneidete ihr den kastilischen Thron. Himmel, wars moglich, dass man einen Engel hassen, dass man der Tugend eine Stelle beneiden konnte, die sie mit so vieler Wurde erfullt haben wurde? Doch nichts ist der Bosheit zu viel! Immer bedacht, irgend etwas ausfindig zu machen, das man an der selbststandigen Vollkommenheit tadeln konne, gerieth man auf die Spur ihrer Meinungen in Religionssachen; ich schweige hiervon; was ich sagen konnte, mochte partheiisch ausfallen, da ich bekenne, von ihr auf den Weg geleitet worden zu seyn, den sie selbst ging.

Ihre Anhanglichkeit an die Lehren des Waldus musste, wie man glaubte, sie schnell von dem Throne verdrangen, den man ihr misgonnte, nur wunschte man, sprechende Beweise von ihren Gesinnungen zu haben. Eine Unvorsichtigkeit meines Bruders bot hierzu die Hand, einige im Namen des Grafen von Toulouse der unglucklichen Dame auf unbehutsame Art uberreichte Bucher veranlassten eine strenge Untersuchung, man fand in ihrem Kabinet wenigstens etwas von dem, was man finden wollte, und eilte, es zu ihrem Nachtheil nach Kastilien zu schicken; Konig Alphons, der fur seine kunftige Tochter fast noch mehr eingenommen war, als ihr bestimmter Brautigam, schrieb dem Bischof von Kastilien nach Pamiers zuruck: er wolle die fromme Alix uber diese Dinge selbst horen, sie trugen den Stempel der Wahrheit, und er sey zu gewohnt, die himmlische Wahrheit uberall zu verehren, wo er sie fand, als dass er ihre schone Anhangerinn ungehort verdammen sollte.

Dies war zu viel fur den altglaubigen Bischof von Kastilien, welcher eben neue Verhaltungsbefehle zu Verfolgung und Ausrottung jeder Ketzerey, wo er sie nur immer finden mochte, von Rom erhalten hatte. Hier war nach seinen Gedanken Gefahr fur den Glauben seines Herrn, Gefahr fur das ganze Konigreich vorhanden. Die, welche die Fackel der Wahrheit in entfernte Gegenden hatte tragen konnen, musste aus dem Wage geraumt werden, und es kam hier nur darauf an, wie man die Unschuldige von einer andern Seite verdachtig machen, oder gluckte dieses nicht, sie ohne weitere Rucksprache verderben wollte.

Die Rasereyen meines unglucklichen Bruders gaben Anlass genug zu dem, was man wunschte; man nahm die unschuldige Grafinn als Theilhaberinn seiner Leidenschaft an, weil man diese zu verborgenen Absichten tauglich fand; es zeigte sich in ihrem Betragen, wie ich vorhin erwehnte, unterschiedliches, welches das, was man fur erwiesen annehmen wollte, begunstigte, man griff begierig zu, und ich glaube, von diesem Augenblicke an war ihr der Tod geschworen.

Mich hatte man von ihr verbannt, um sie desto gewisser zu fallen; was hatte sonst die Ursach meiner Entfernung seyn sollen, da man vor Augen sah, dass ich keinen Antheil an den Dingen hatte, welche man zur Ursach meiner Entlassung machte, dass ich Alf von Dulmens Anschlagen entgegen gearbeitet hatte, anstatt sie zu befordern? Dass Alix vielleicht langst in seine Hande gerathen war, wenn ich nicht gesteuert hatte. Ach Gott! dass ich dieses that, ist jetzt die heftigste Pein meines Gewissens. Hatte Alf sie doch entfuhren mogen, so war sie nun aus den Handen ihrer grausamen Henker gerettet, lebte in den Armen ihres Bruders, des Grafen von Toulouse, (denn dorthin und an keinen andern Ort wurde ihr Entfuhrer sie gebracht haben,) in Ruhe, und ich musste nicht nur glauben, dass ich in dem Augenblicke, da ich der Tugend ein Opfer zu bringen glaubte, die Unschuld eines Rettungsmittels beraubte, das ihr vielleicht vom Himmel zugesandt worden war. O meine Freundinnen, meine Gedanken verwirren sich, wenn ich hieruber nachsinne, doch wird zuweilen die trostende Ueberzeugung in mir lebendig, dass ich nach meiner besten Kenntniss von Recht und Unrecht handelte, und also nicht straffallig seyn kann.

Ich hatte auf die Bitte meiner unglucklichen Freundinn bey meiner Entlassung Pamiers nicht ganzlich verlassen, sondern mich zu den Colestinernonnen begeben, in deren Kirche Alix oft ihre Andacht hatte, dies ward das Mittel, mir ofters Briefe und zweimal eine geheime Unterredung mit ihr zu verschaffen. Das letztemal, da ich sie sah, Himmel, es war den Tag vor ihrem Tode! Prinzessinnen, ich muss die Feder niederlegen, muss Luft schopfen, ehe ich fortfahre; die Erinnerung an die letzte Unterhaltung mit ihr druckt mich zu Boden. Es war am heiligen Osterabend; die Nonnen waren nach geendigter Vesperandacht mit Ausschmuckung ihrer Kirche beschaftigt, ich hatte die betende Alix in einem mir in ihrem letzten Briefe kenntlich gemachten Schleyer gehullt langst in einem Stuhle knien gesehen; das unter uns verabredete Zeichen zur geheimen Unterredung war das Lauten der Abendglocke, ich erhub mich von meiner Stelle, und sah von weitem auch Alix sich erheben, ich ging durch eine kleine nur wenigen bekannte Pforte in einen verfallenen Kreuzgang, und von da auf den sonst von allen Seiten verschlossenen Begrabnissplatz der Nonnen; eine weite grunende Wiese, mit den ersten Blumen des Fruhlings geschmuckt, rund um von sausselnden Lindenbaumen umgeben, und nur durch die weissen Kreuze, die sich uber den Grabern erhuben, als das ausgezeichnet, was sie wirklich war, als einen Todenacker.

Ich hatte von Zeit zu Zeit zuruck geblickt, und Alix mir folgen gesehen, mein Wink hatte sie in dem sinkenden Gemauer, durch welches wir passiren mussten, fleissig vor den Stellen gewarnt, welche am meisten den Einsturz drohten; wahrhaftig niemand hatte sich auf diesen gefahrvollen Weg wagen konnen, als ein paar Liebende, oder ein paar Freundinnen, die so wie wir von Feinden belauscht, sich einige frohe Augenblicke abstehlen wollten. Ach es war das letzte mal, dass wir uns sehen sollten! das letzte Lebewohl, dem wir mit Lebensgefahr entgegen eilten!

Schon stand ich unter den Linden, meine Freundinn zu erwarten, die jetzt auch die morschen Stufen, welche aus dem Gewolbe herabgingen, zuruckgelegt hatte, und sich in meine Arme sturzte; wir setzten uns auf das nachste Grab, das einer der dichtesten Baume in seinem Schatten barg, ich druckte Alix an mein Herz, und setzte sie uber die ungewohnliche Blasse, die ich jetzt erst auf ihren Wangen wahrnahm, zur Rede.

Sie lachelte. Wunsche mir Gluck, sagte sie, das, was dich erschreckt, verkundigt mir baldige Freiheit.

Freiheit, Alix? ist eine konigliche Braut eine Gefangene? Du wirst doch die Kleinigkeit, dass wir uns verstohlen sehen mussen, dich nicht bewegen lassen, deinem Zustande einen so verhassten Namen zu geben.

Alverde, du bist nicht aufrichtig! niemand kann wohl meinen Zustand richtiger beurtheilen, wie du; was qualst du dich, mir ihn unter gefalligen Farben vorzustellen. Mich dunkt (dies sagte sie leise ihren Mund dicht zu meinem Ohr geneigt, als furchte sie, belauscht zu werden) mich dunkt, ich bin in bosen Handen, und dass ich dir es kurz sage, ich glaube, man hat mich vergiftet.

Vergiftet, Alix? du todest mich!

Erschrick nicht! ich kann mich ja irren! doch hore meine Beweise: Ich bemerkte schon seit einiger Zeit an meinem Morgentrunk einen seltsamen Geschmack, uber den ich mir aber vielleicht keine Gedanken gemacht haben wurde, waren meine Empfindungen nach dem Genuss desselben nicht allemal so sonderbar gewesen; eine befremdende, zwar nicht unliebliche Mattigkeit, eine ubertriebene Neigung zum Schlaf, aus dem ich mich doch eben erst erhoben hatte, war diese uberwunden, ein konvulsivisches Zittern uber den ganzen Korper, und eine fliegende Hitze, die sich oft mit dem starksten Fieberfrost endigte, dies waren die Zufalle, welche ich so oft bemerkte, als ich getrunken hatte; unterliess ich dieses, so blieb ich frey. Du wirst errathen, dass ich nun nicht mehr trank, sondern bey der ganzlichen Verdachtlosigkeit, man konne Absichten wider mein Leben haben, mich uber den bemerkten fremden Geschmack und die darauf erfolgten Empfindungen beklagte; man stellte sich besorgt um mich, man sprach von Symptomen einer annahenden Krankheit, man brachte mir Arzney. Ich kostete, und bemerkte den nehmlichen widerlichen Reiz auf der Zunge, der mir mein Morgengetrank zuwider gemacht hatte. Hier erhob sich der erste Argwohn in meiner Seele, welcher dadurch vermehrt wurde, dass man mir eben Botschaft brachte, wie mein kleiner Hund, der von allem etwas zu bekommen pflegte, was ich genoss, und der diesen Morgen das Getrank, das ich hinweg setzen liess weil es mir nicht schmeckte, ganz ausgeschlurft hatte, gestorben sey.

Mich uberfiel ein Zittern uber den ganzen Korper bey den Gedanken, die sich auf einmal in meiner Seele erhuben, ich sah die Person, welche mir die Arzney reichte, bleich werden, und gleichfalls zittern. Man drang nicht in mich, das Dargereichte zu nehmen, auch habe ich jenen verdachtigen Geschmack seit dem weder an Speisen noch Getranken bemerkt; aber ich muss glauben, ich habe bereits in den zweyoder dreymalen, da ich noch verdachtlos hinnahm, was man mir gab, ohne mich durch Geschmack und Empfindungen irren zu lassen, genug bekommen, um den Tod oder ein sieches Leben besorgen zu mussen. Siehe selbst, wie bleich und abgefallen ich bin, ist das noch die bluhende Alix, die du vor vierzehen Tagen auf dieser Stelle in deine Arme schlossest? Und sprich, warum widerfuhr mir dieses? Wer gab den Befehl dazu? Was habe ich verbrochen? O Alverde, soll ich leben denen zum Trotz, die meinen Tod wunschen? soll ich mein schmachtendes Leben in ein Land schleppen, wo man wahrscheinlich nichts weniger wunscht, als meine Ankunft? Bedenke, wie diese Gedanken mein Herz beengen mussen, und wundre dich noch, wenn ich der baldigen Befreyung, die mir der Tod bringen wird, entgegen leuchte.

In Thranen schwimmend sank ich an den Busen der Grafinn von Toulouse, sie weinte nicht. Ein himmlisches Lacheln uberstromte ihr Gesicht. Freundinn, sagte sie, indem sie mich fester umschlang, ich fuhle es, dass wir uns heute zuletzt sehen, aber wie schon, wie ahndungsvoll ist unsre heutige Zusammenkunft an diesem Orte! Bedenke selbst, heute am Vorabend vor dem Feste der Auferstehung, hier unter Grabern, welche der Fruhling alle neu bekleidet, unter Grabern welche einst alle die Schlummernden wieder herausgeben werden

Sie wollte weiter reden, aber ein grassliches Gepolter hinter uns im Kreuzgange unterbrach sie, wir sprangen beyde auf und starrten einander an. Ich besorge, sagte sie, welche sich am ersten fasste, uns ist das verdrusslichste Abentheuer begegnet, das uns zustossen konnte! Ganz gewiss ist eins von jenen uberhangenden Gewolbern, durch welche wir hieher gekommen sind, eingesturzt, und hat uns den Ruckweg versperrt. Was soll ich nun beginnen? An der Pforte warten meine Leute, welche mich in der Kirche noch betend glauben, es wird Nacht, was wird man denken, wenn ich nicht zuruckkehre, und man nirgend mich findet?

O schrie ich, mochtest du nie in jene Holle zuruckkehren durfen! mochtest du hier bleiben! In meinen Armen, durch meine Pflege sollte dir Gesundheit und Leben erhalten werden.

Das sind vergebliche Wunsche, sagte sie, ich muss zuruck, wenn mit mir nicht auch du unglucklich werden sollst; glaube mir, ich kenne die Wuth dieser Leute besser als du, ich mag dich ihr nicht aufopfern.

Mit diesen Worten sah ich sie von mir eilen, die Stufen zum Kreuzgange hinaufsteigen, und in das Gewolbe eindringen, das von der kurzlich erlittenen Erschutterung noch zu schwanken schien. Ich rief ihr nach, lieber alles als dieses zu wagen, sie horte mich nicht!

Ihr Muth erweckte den meinigen; ich konnte sie nicht verlassen, ich folgte ihren Fusstapfen, und wir traten bey halbem Dammerlichte einen Weg an, auf welchem sich bey jedem Schritte neue Schrecknisse unsern Augen darboten; hier wadeten wir in Schutt und Steinen, dort versperrten die herabgesturzten Quader uns den Weg, auf einer andern Seite hatte sich ein Grab geofnet, und zeigte uns zerfallene Totenleichen und morsche Gebeine; wir mussten hinuberschreiten, und uns bucken um unter dem zusammengesunkenen Gemauer durch zu kommen; aber nun war auch der gefahrlichste Theil unserer Reise uberstanden, der Weg krummte sich, die Gewolber wurden fester, und wir erreichten die Kirche.

Wir sahen sie mit Leuten erfullt, welche die Prinzessinn mit Fackeln suchten. Dies machte unsern Abschied kurz, sie umarmte mich noch einmal, und druckte mir einen Brief in die Hand. Er ist an meinen Bruder, den Grafen von Toulouse, sagte sie heimlich, du wirst ihn zu gehoriger Zeit zu bestellen wissen.

Noth bereichert auch die truglosesten Seelen mit Einfallen zu anderer Tauschung. Wahrend ich mich in einer Nische hinter einem heiligen Bilde verbarg, sah ich die Grafinn in einen Kirchenstuhl schlupfen, und sich schlafend stellen. Hier ward sie gefunden, dem Anschein nach erweckt, und trat den Ruckweg mit ihren Leuten an, welche ihr ihre Sorge uber ihr langes Ausbleiben, und die Angst bey der vergeblichen Nachsuchung nicht genug beschreiben konnten.

Der Schlaf, sagte Alix, der mich jetzt uberall beschleicht, uberraschte mich auch hier; ich danke euch, das ihr mich erweckt habt, und verlange, dass die Furstinn von Kastelmoro nichts von diesem Vorgang erfahre.

Zitternd stand ich in meiner Nische. Nicht die Furcht, von denen noch im Kirchgewolbe verweilenden Klosterleuten entdeckt zu werden, machte mich beben, es war eine andere Empfindung; ich glaube, es war Vorgefuhl, dass ich jetzt die geliebte Alix zum letztenmahl gesehen hatte, die sich in der Kirchthur noch einmahl umwandte, und einen Blick auf den Ort warf, wo sie mich verborgen wusste; es war der letzte Abschiedsblick, alles lag in demselben, was sich liebende Seelen so kurz vor Trennung am Grabe sagen konnen.

Die Kirche war jetzt leer, ich konnte hervorgehen, aber ich fand alle Thuren verschlossen, und musste mich entschliessen hier zu ubernachten, wenn ich es nicht etwa fur bequemer hielt, durch den Kreuzgang, den Weg auf dem Gottesacker noch einmal zu machen. Um Mitternacht horte ich das Gerausch einsturzender Gewolber noch einmahl, ich zog mich auf den Altarstufen, auf welchen ich jetzt sass, dichter zusammen, und Gedanken von Vernichtung und Untergang erfullten meine ganze Seele. Ach nichts schwebte mir lebhafter vor Augen, als die Vernichtung des schonsten Werks Gottes, das allmahlige Hinsterben meiner Alix; doch hielt ich sie noch nicht ganz rettungslos, ich machte Plane zu ihrem Besten, zu deren Ausfuhrung ich am kunftigen Morgen den ersten Schritt dadurch thun wollte, dass ich mich dem Kaplan der Nonnen, der zugleich unser Arzt war, entdeckte, ihm den Zustand der Grafinn schilderte, ihm unsere Besorgnisse mittheilte, und seine Hulfe fur sie forderte; er war ein so kluger als frommer Mann, alles liess sich von ihm erwarten.

Unter der Metten, welche nun anging, fand ich Gelegenheit aus der Kirche zu entschlupfen, und nach meiner Zelle zu kommen. Erstarrt und bis zum Tode von den letzten Vorgangen, und von dem Kampf im Innern meiner Seele ermattet, verhullte ich mich in mein Bette. Ich lautete der dienenden Nonne, die wie gewohnlich diesesmahl vom Gottesdienst hatte zuruck bleiben mussen; es ward mir leicht, Krankheit zu erdichten, und dadurch den Besuch unsers Kapellans, des Pater Cyrill, zu erlangen, da ich mich wurklich krank fuhlte. Man sagte mir, ich musse mich gedulden, weil er zu einem Krankenbesuch bey der Furstinn von Kastelmoro gefordert worden ware.

Bey der Furstinn von Kastelmoro der kastilischen Oberhofmeisterinn? wiederholt ich. Die Antwort war ja, und ich fuhlte, dass sich ein geheimer Schauer meiner bemachtigte. Ist die Furstinn krank? fuhr ich fort zu fragen. Nein, aber die Prinzessinn Alix, welche ohnedem schon seit einiger Zeit kranklich war, befindet sich sehr ubel, sie soll sich gestern in unserer Kirche, wo sie der Schlaf ubereilt hat, so dass man sie erst nach langer als einer Stunde hat finden und erwecken konnen, eine Erkaltung geholt haben. Pflegt Pater Zyrill sonst Kranke ausserhalb des Klosters zu besuchen? fragte ich, indem ein schrecklicher Gedanke gegen des Mannes Redlichkeit in meiner Seele aufstieg, weil mir die vergiftete Arzney der Grafinn einfiel. Nie! war die Antwort, ausser in ganz ausserordentlichen Fallen, wie wohl dieser seyn mag.

In ausserordentlichen Fallen? wiederholte ich, nun so sey Gott mir gnadig! Die Nonne deutete diesen Ausruf auf meine Begierde nach der Hulfe des Arzts, und suchte mich zu beruhigen. Ich horte nicht auf sie, und schickte ohn Unterlass, um zu vernehmen, ob Zyrill noch nicht zuruck sey.

Endlich erschien er. Mit einer Stimme, die ihn wohl bey so einer kranken Person, als ich seyn sollte, befremden mochte, fragte ich nach der Grafin von Toulouse. Ihr ist wohl! erwiederte er mit gen Himmel gehobenem Blick.

Gott sey Dank! der Schlaf im kalten Kirchgewolbe hat ihr also nicht geschadet?

Kennt ihr die Prinzessin Alix? fragte er, indem er sich umsah, ob wir allein waren.

Ob ich sie kenne? Mehr um ihret- als um meinetwillen liess ich euch zu mir berufen; sie bedarf eurer Hulfe!

Sie bedarf ihrer nicht mehr!

So schnell genesen, bey so bedenklichen Umstanden?

Genesen auf ewig! Sie ist bey Gott!

Eine Ohnmacht war bey mir die Folge dieser Nachricht.

Zyrill wusste nicht, wie nahe Alix meinem Herzen war, sonst wurde er die Nachricht von ihrem Tode behutsamer eingekleidet haben; doch hatte wohl etwas den Eindruck, den dieselbe auf mich machte, vermindern konnen? Sie, die gestern noch mit leidlicher Gesundheit in meinen Armen lag, sollte nach so wenigen Stunden tod seyn? Sie war schwach, aber ihre Krankheit war ein schleichendes Uebel, sollte wurklich Erkaltung in der Kirche und vielleicht Schrecken und Angst uber den verschutteten Ruckweg nebst der heftigen Anstrengung ihr Ende beschleuniget haben?

Als ich wieder zu sprechen vermochte, entdeckte ich dem Monche meine Gedanken. Er schuttelte den Kopf. Die Prinzessin sagte er, starb weder an Schreck noch Erkaltung, sie starb am Gifte!

Gott! und ihr konntet sie nicht retten?

Nicht sie zu retten, nur sie erblassen zu sehen ward ich gerufen, ihr konnt wohl aus dem, was euch von ihr bewusst zu seyn scheint, urtheilen, dass es ihren Feinden nicht darum zu thun war, dass ein geschickter Arzt ihr Werk vernichtete, ein solcher musste nur gerufen werden, da es zu spat war; ich kam nur den letzten Blick ihrer brechenden Augen zu sehen, und dann nebst andern Aerzten, die man der Ceremonie wegen herbey gerufen hatte, das nothwendige Zeugniss von ihrem wurklichen Tode abzulegen, dessen Ursach keiner unter uns, so unwissend man uns auch halten mochte, in so dichtem Schleyer man sie auch gehullt glaubte, verkennen konnte.

Ich sah Zorn in den Augen des redlichen Mannes uber die Unthat, zu deren Zeugen man ihn gemacht hatte, und ich beschwur ihn, laut wider dieselbe zu schreyen, und aller Welt kund werden zu lassen, welches Todes Alix gestorben sey.

Was verlangt ihr von einem armen Monche? sagte er. Wird meine Anklage irgend etwas in der Sache andern? Die unschuldig Ermordete wird nicht erwachen, ihre Feinde werden sich rechtfertigen, Zyrill wird gelogen haben, und das Opfer ihrer Rache werden. Ein einiges fluchtiges Wort dieser Art, das ich gegen den Almosenier des Bischofs von Kastilien fallen liess, zog mir eine Antwort zu, welche ich wohl nie vergessen werde, und die mich ganzlich zur Ruhe und Schweigen verweist.

Ich uberliess mich dem finstersten Gram uber den Tod meiner Freundin. Zyrill war und blieb mein liebster Gesellschafter, er wusste von den kaiserlichen Angelegenheiten so viel als ich, und versprach mir, (denn auch dem redlichsten Monche ist die Gabe des Auskundschaftens gegeben), noch mehrere Beytrage.

Die Nonnen des Klosters, wo ich lebte, schickten eine Gesandtschaft an die Furstin von Kastelmoro und den Bischof von Kastilien, mit der Nachricht, wie sich in voriger Nacht bey ihnen ein grosses Anzeichen von dem Tode der Prinzessin, die ihre Heiligen so fleissig zu besuchen geruht hatte, durch Einsturzung eines Kreuzgangs ereignet habe, und erhielten sich dadurch die Ehre, dass der Leichnam der unglucklichen Alix indessen in ihrem Kloster beygesetzt wurde. Ein Todesfall, meynten die Kastilier, welcher auf so anstandige Art durch Zeichen vorgedeutet worden war, musse bey jedermann das Ansehen eines unzeitigen gewaltsamen Todes verlieren.

Allerdings mochte man befurchten, dass einiger Verdacht dieser Art unter dem Volke durch die albern herbeygerufenen Aerzte, welche nicht schwiegen, rege werden mochte; das Volk liebte Alix, und man konnte einen Auflauf besorgen; derhalben ward der Leichnam in ausserster Stille beygesetzt, und aufs strengste verboten, so lang derselbe der Gewohnheit zu folge noch uber der Erde bleiben musste, niemand seinen Anblick zu gonnen.

Ich liess mir diese traurige Genugthuung dennoch nicht rauben. Der Pater Zyrill, welcher die Messen zu besorgen hatte, die bey dem Sarge gelesen wurden, verschaffte mir das Anschauen meiner entseelten Alix; einen Anblick, den ich nie vergessen werde. Ach dieses schone Gesicht war von scheuslicher Geschwulst entstellt, und mit schwarzen und blauen Flecken gezeichnet! dieser herrlichgebildete Korper trug schon uberall Spuren schneller Verwesung, das Merkmahl beygebrachten Giftes! und die, welche noch gestern in meinen Armen lag, konnte des andern Tages schon nicht mehr uber der Erde geduldet werden, wenn nicht durch todathmenden Duft auch die noch Lebenden vergiftet werden sollten.

Ich erstaunte uber den plotzlichen Fortgang eines Anfangs so langsam schleichenden Uebels, aber Zyrill bewies mir, dass man aus der letzten Begebenheit im Kloster, nehmlich aus ihrem langen Aussenbleiben, und einigen Umstanden bey der Wiederfindung der Vermissten, Anschlage zur Flucht gemuthmasst, und es daher fur schicklich gehalten habe, durch Beybringung einer doppelten Dosis von dem schon zu verschiedenen malen gekosteten Todestrank, lieber schnell mit ihr zu enden, als sich der Entdeckung auszusetzen; da, wie es scheint, der kastilische Hof mit dieser Unthat nichts zu thun hat, und so wohl von ihm als von Toulouse bey dem geringsten Verdacht schwere Ahndung zu befurchten war.

Pater Zyrill hat mir viel hieruber gesagt, das ich nicht entdecken darf, nur eins halte ich mich verbunden anzuzeigen, da es eine der edeln Prinzessinnen, an welche ich schreibe, unmittelbar angeht. O Elise, man denkt darauf, durch euch die Stelle eurer Freundin zu ersetzen, prufet euch, was euer Herz dazu sagt, und nehmt darnach eure Maassregeln, so wie ich die meinigen nahm, als ich aus dem Munde meines Vertrauten erfuhr, man ahnde im Kloster die Anwesenheit einer verdachtigen Person, und ich werde wohlthun, mich zu entfernen.

Ich flohe, flohe an den Hof, wo ich schon einmal Schutz gefunden hatte, flohe in die Arme der Freundinnen, welche in Alix verlohren haben, was ich verlohr, die susseste Gespielin, das herrlichste Tugendmuster, die Leiterin zur Wahrheit! Ach sie war das erste Opfer unter Tausenden, die vielleicht dieser verfolgten verkannten Wahrheit geschlachtet werden mochten, wenn das erfullt wird, wovon man mir sagt, dass es jetzt am romischen Hofe im Verborgenen reife.

Beatrix an Irene.

1208.

O meine Mutter, welche Unruhen hat die Nachricht von dem Tode unserer lieben Grafin von Toulouse verursacht! meine Schwester, uberhaupt von Natur tieferer Gefuhle fahig als ich, und nicht mit genugsamen korperlichen Kraften begabt, um innerliche Sturme auszuhalten, liegt ganz zu Boden, sie ist unfahig, euch zu schreiben, und hat mir dieses Geschaft, das einige, was mir gegenwartig Trost bringen kann, aufgetragen. Ach ich weiss es, was ihren Kummer, der ohnedem beym Verlust einer solchen Freundin wie Alix, bey einer solchen Verkettung von tragischen Umstanden wohl naturlich ist, ich weiss es, was ihren Kummer granzenlos macht, die Furcht vor der kastilischen Heyrath, welche wohl nicht ganz ungegrundet seyn mochte, da gestern der Graf von Kastelmoro, der Bischof von Kastilien und der junge Dominikus Guzmann in Geschaften hier angelangt sind, welche niemand erfahrt, die sich aber errathen lassen. Sie haben schon zweymal geheime Audienz bey meinem Vater gehabt, und meine Schwester ist, wenn sie sich so weit erholen kann, ausser dem Bette zu seyn, auf diesen Abend zu einer Privatunterredung in das Kabinet des Kaisers beschieden.

Sie arbeitet unter todlicher Angst, sie zittert vor der Trennung von ihrem Otto, und doch, meine Mutter, und doch weiss ich nicht, ob der Wittelsbacher es verdient, so heiss von ihr geliebt zu werden, ob er es verdiente, dass auch ich ihn einst mit besonderer Partheylichkeit ansah, und was sollte ich leugnen, mir gern das Loos meiner glucklichern Schwester gewunscht hatte. Diese Traume sind Gottlob vergangen, ich sehe jetzt heller, in Ansehung des Pfalzgrafen als meine partheiische Schwester. Ich habe kurzlich einen Brief von Kunigunden aus Rom, welcher mir Dinge von dem Wittelsbacher meldet, uber die ich zuruckschauere. Ich habe ihn Alverden mitgetheilt, welche versichert, Elise habe ein ahnliches Schreiben von unserer Schwester erhalten, und sie habe ihr uber dasselbe schon gesagt, was sie jetzt auch mir sagen musse, dass Kunigunden nicht zu trauen sey, dass das schlechte Gluck, das sie an Graf Richards Seite geniesse, sie wohl bey dem von ihr bekannten Charakter veranlassen konne, das bessere Loos ihrer Schwester zu beneiden und dass sie uberdem, wie Alverde von ihrem Vertrauten, dem Pater Zyrill weiss, so ganz unter der Herrschaft der romischen Monche steht, dass wohl ihr eigenes Urtheil getauscht, und ihr Brief nichts seyn konne, als das Sprachrohr, durch das ein anderer redet.

Ich weiss nicht, was ich von diesen Dingen denken soll, gleichwohl bestattiget sich alles Nachtheilige, dass man von dem Pfalzgrafen hort, durch den Mund des Bischofs von Sutri, den ich, so wie meine Schwester, zu meinem Gewissensrathe gewahlt habe. Gleichwohl ist so viel gewiss, dass Otto von Wittelsbach, wie ich genau erforscht habe, nach einem erhaltenen hochheimlichen Schreiben von Herzog Bernharden von Sachsen, eine Privataudienz beym Kaiser hatte, dass Empfehlungsschreiben nach Pohlen ausgefertigt wurden, deren Inhalt, wie man von dem kaiserlichen Geheimschreiber erlauscht hat, eine Heyrathswerbung um die schone Adila war, dass der Pfalzgraf diese Reise selbst antrat, und dass er noch nicht zuruck ist.

Arme Elise, braucht man noch etwas mehr, dein Ungluck zu erweisen? und wurde dir, wenn Otto von Wittelsbach treulos ist, die kastilische Heyrath, falls sie in Vorschlag kame, nicht wenigstens aus Rache zu wahlen seyn?

Ich habe diesen Morgen schon eine lange Unterhaltung mit meiner Schwester uber diesen Gegenstand gehabt, sie bleibt standhaft auf ihren Vorurtheilen, zwar trauet sie dem Wittelsbacher, von welchem sie seit seiner Abreise keine Nachricht hat, nicht mehr ganz, aber sich vollig von ihm loszumachen, dazu fordert sie volle Gewissheit, eigenes Gestandniss seiner Schuld, und da ich dieses fur unmoglich halte, so wird sie freylich wohl ewig seine Gebundene bleiben.

O meine Mutter, so viel ist doch gewiss, dass wir Tochter Philipps recht unglucklich in der Liebe sind! Kunigunde ward es durch eigene Schuld; Elise durch Untreue ihres Geliebten, und andere widrige Umstande, und die arme Beatrix? O Mutter, lasst mich dieses Herz ganz vor euch ausschutten; wenn es sich auch aus Scheu wegen seiner Schwache eine Zeitlang euren Augen entzieht, so kehrt es doch immer gar bald zu euch zuruck, enthullt euch seine Gebrechen, und fordert die mutterliche heilende Hand zu Trost und Linderung auf, die es sonst nirgends findet.

Nehmt hier das Bekenntniss seiner innersten Geheimnisse: Den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach liebte ich, oder wurde ihn geliebt haben, wenn ihn das Schicksal fur mich bestimmt hatte. Den Herzog Otto, dem man mich gern vorbehalten hatte, liebte ich nie, und nun, da er, wie man mir sagt, mich bey der letzten Friedensunterhandlung mit meinem Vater verschmaht hat, ohne mich einmal gesehen zu haben, nun mochte ich wohl sagen, dass ich ihn hasse. Aber leider ist ein anderer, den ich liebe, den ich anbete, wurde ich sagen, wenn dieser Ausdruck nicht gar zu erniedrigend in meinem Munde lautete; gleichwohl ist er der rechte; wie sollte man sonst die unbegreifliche Partheylichkeit nennen, die ich fur den, den ich mich fast namhaft zu machen schame, die ich fur Alf von Dulmen fuhle?

Alles was mein Herz von ihm losreissen konnte, verfehlt seine Wurkung, und bringt das Gegentheil hervor, sein wildes rastloses Wesen anstatt mich zu schrecken, erregt meine Aufmerksamkeit, gewisse geheime Verbindungen mit einer unbekannten furchtbaren Macht, die man ihm schuld giebt, erregen statt scheuer Furcht in mir ein Gefuhl von seiner Wichtigkeit, das Alltagliche fesselte nie meinen Blick, nur das Unbegreifliche, das Geheimnissvolle pflegte mir zu gefallen. Das wichtigste, was mir ihn zuwider machen konnte, seine unsterbliche Liebe fur Alix, that seine Wurkung nur eine kleine Zeit, und hat jetzt nach dem Tode meiner Freundin, dieselbe vollends ganz verlohren; ich wurde nicht zurnen, sein Herz mit einer Verstorbenen theilen zu mussen, ich wurde es fur meinen hochsten Triumph halten, ihn endlich uber dieselbe zu trosten. Alle diese seltsamen Gefuhle, die ich euch gestehe, vollends zur heftigsten Leidenschaft zu machen, mischt sich noch das Mitleid ein. O, meine Mutter, wie ist der ungluckliche Graf Adolf zu bedauren! wie elend ist er vollends nach der Nachricht von dem Tode der Grafin von Toulouse, welche, so sehr wir es zu verhuten suchten, sein Ohr dennoch erreicht hat!

Vom Anfang seiner Anwesenheit am kaiserlichen Hofe, lebte er in dem Pallaste des Grafen von Wittelsbach, auch noch halt er sich daselbst auf, aber in welcher traurigen Lage! Sein Verstand scheint durch die Post von dem Tode der armen Alix gelitten zu haben, seine treuen Leute suchen seinen wahren Zustand zu verhelen, aber so viel ist gewiss, dass man ihn bewachen muss, dass man ihm Waffen und Rustung genommen hat, um ihm die Moglichkeit, Unheil anzurichten, zu benehmen; er soll sich sehr gefahrliche Reden verlauten lassen, soll den Tod der Grafin von Toulouse, welcher, wie er wahnt, blos erfolgt ist, Elisen auf den kastilischen Thron zu helfen, Personen zuschreiben, welche hier schuldig zu halten Lacherlichkeit und Hochverrath seyn wurde, und in seinen Paroxismen oft furchterlich von blutiger Rache rasen!

Gott was wird noch endlich aus diesen Dingen werden Konnte ich nur mit jemand verstandiger hieruber sprechen, und Verhaltungsregeln fordern, die ich von euch bey eurer Entfernung so spat erhalte! Graf Heinrich von Andechs und Bischof Egbert sind hier angelangt, beydes fromme und verstandige Manner, die ich von Kindheit auf kenne, die von meinem Vater geschatzt werden, und denen man sich wohl vertrauen konnte aber sie sind Bruder des verdachtigen Pfalzgrafen, und so konnte man sich doch immer uber das wichtigste, uber das, was ihn angeht, nicht gegen sie herauslassen. O, meine Mutter, nur einige Worte, einige wenige Worte von eurer Hand uns zu leiten, jetzt, da uns Leitung nothig ist.

Irene an Beatrix.

1208.

Ich bin zu schwach, mein Kind, dir viel zu schreiben, die gefurchtete Stunde, die mir, wenn Ahndungen nicht trugen, wohl diesmal gefahrlich werden konnte, naht heran. Nimm auf deinen Brief nur das wenige, was ich dir und deiner Schwester zu sagen vermag. Verdammet Otten von Wittelsbach nicht unverhort, er kann, er muss unschuldig seyn; vertraut euch dem Bischof von Sutri nicht zuviel; ich sehe es ungern, dass er euer Gewissensrath ist, die geistlichen aus der romischen Schule sind mir verdachtig; und du, meine Beatrix, wie war dir es doch moglich, dein Herz dergestalt an jenen Alf von Dulmen zu hangen; der Mensch ist mir furchtbar, ich zitterte vor ihm beym ersten Anblick! doch meine Empfindungen, von denen ich noch uberdem keinen Grund anzugeben weiss, konnen nicht zum Regelmass fur die deinigen dienen; bemitleide ihn also und bete fur ihn, ich will mich darin mit dir vereinigen, aber Mitleid ist auch alles was du ihm schenken darfst; auch irrst du dich gewiss in deinen Gefuhlen: heftig aufgeregtes Mitleid kann bey einer so guten zartfuhlenden Seele leicht die Gestalt der Leidenschaft tragen, aber du thust dir gewiss Unrecht, wenn du ihm einen zu hohen Namen giebst! Beatrix ist und bleibt fur den Herzog von Braunschweig bestimmt, er konnte sie nur darum verschmahen, weil er sie nicht kannte; die Vorsicht wird euch zusammen bringen, und eure beyderseitigen Gefuhle werden sich andern; an seiner Seite wirst du erst die Liebe kennen lernen, deren du dich gegen diesen Alf von Dulmen mit Unrecht beschuldigst.

Wars denn nicht moglich, diesen unglucklichen Mann vom Hofe zu entfernen? Seine Entfernung liegt mir, ich weiss selbst nicht warum, so hart an, dass ich selbst Nachts im Traume damit beschaftigt bin. Ich mache in eigener Person, mit unglaublicher Aengstlichkeit zu seiner Reise Anstalten; habe ich ihn denn abreisen, habe ich ihn von der Schlosszinne mit seinen Reisigen am aussersten Gesichtskreis verschwinden gesehen, so findet es sich, er ist in verstellter Tracht dennoch zuruckgeblieben, und meine Angst beginnt von neuem. O Beatrix! mutterliche Besorgniss um dich, giebt mir diese Traume ein, hute dich, dass dein bethortes Herz dich nicht deinem Stande und jungfraulicher Zuruckhaltung unwurdig handeln lehrt; und noch einmal, suche Alf von Dulmen zu entfernen; mit Heinrich von Andechs und Bischof Egberten, die du mit Recht hochschatzest, war zu bereden, wie dieses mit Anstand, vielleicht unter dem Vorwand seiner schwachen Gesundheit und der nothigen Erholung in der Landluft geschahe.

Elise komm hierin deiner schwachen Schwester zu Hulfe, und du selbst verzage nicht; halte deinem Wittelsbach feste Treue, Gott wird dir ihn als Sieger uber alle Verleumdungen wieder schenken. Der kastilischen Heyrath, sollte sie dir angetragen werden, widersetze dich mit Klugheit, es ist schwer, einem Vater ungehorsam zu seyn, aber noch schwerer, gegebenes Wort, ohne hinlangliche Ursach, zu brechen.

Alf von Dulmen an den Unbekannten.

1208.

Zum zweytenmal ward ich an Ausrichtung meines Auftrags erinnert, ich zweifelte an der Schuld des Angeklagten und dachte mich, verzeiht der Appellation von dem eurigen an ein hoheres Gericht dachte mich um Tilgung meiner Unwissenheit an den Herzog von Sachsen zu wenden; Jetzt bin ich davon uberzeugt, wovon ich mich zuvor nie uberzeugen konnte. Der Verfehmte ist ein zwiefacher Morder! und ich trage kein ferneres Bedenken, das von neuem zu versprechen, was Otten von Wittelsbach und mir im letzen Gericht befohlen ward.

O Herzog! mein Verstand ist jetzt oft abwesend, mein Kopf, mein Herz hat zuviel gelitten, um unzerruttet zu bleiben! O Alix! Alix! unschuldig Ermordete! wo bist du?

Herzog Bernhard von Sachsen an Pfalzgraf

Otten von Wittelsbach.

1208.

Peter von Kalatin ist gestern hier angelangt, und meldet mir ausserordentliche Dinge, Folgen von der Bosheit oder Unuberlegtheit des Herzogs von ** meines diesmaligen Stellvertreters zu Pamiers. O, dass mich Krankheit von dieser Reise abhalten musste! ich furchte, bey dem letzten Gericht sind unverantwortliche Sachen vorgefallen, oder vielmehr, ich weiss es gewiss! Peter von Kalatin ist so wenig mein Liebling als der eurige, tausenderley liess sich gegen seinen Charakter einwenden! Aber eins lobe ich an ihm: seine Treue gegen den heimlichen Bund ist eisenfest, und seine Klugheit und Verschwiegenheit unbestechbar, ich traue ihm in gewissen Dingen mehr als irgend einem; sehet hier die Ursach, warum ihr hierdurch unter Eid und Bann erinnert werdet, euch stracks Angesichts dieses, aufzumachen, um vor dem freyen Stuhl zu *** als dem hochsten auf der rothen Erde9 Red' und Antwort uber die Vorgange des letzten Gerichts zu geben. Peter von Kalatin weiss nicht genau, ob ihr gegenwartig waret, aber Alf von Dulmen war es gewiss, von ihm musst ihr alles erfahren haben, was uns Sorge macht; auch geht zugleich mit diesem Schreiben ein ahnliches an ihn ab, ihn, gleich euch, vor unser Gericht zu laden. So wie nach Pamiers an den Herzog von *** noch gescharftere Befehle gelangen. Von den pohlnischen Handeln ein andermal!

Seyd der Eil erinnert, und aller Freundschaft versichert von

Bernhard, Herzog von Sachsen.

Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, an die

Prinzessinn Elise.

1208.

Nunmehr kann ich alles glauben, ich zweifelte an der Wiederholung der Treulosigkeit, die mir dein Vater, meine Verlobte, schon einmahl bewiesen hatte, nun kann ich alles glauben! Elise, verzeihe, dass ich aus einem Ton mit dir spreche, den ich mir noch nie erlaubte. Aber Eifer, Angst, Entsetzen, Furcht, auch dich zu verlieren wuthen in meinem Herzen, und lassen mich jede Schonung vergessen. Elise, du bist mir jetzt einen grossen Beweis deiner Treue schuldig, du musst mit mir fliehen um der Gewaltthatigkeit zu entgehen, mit welcher man auch dich mir entreissen will. Die kastilischen Gesandten sind an dem Hofe deines Vaters angelangt, man wird dich ihnen mit oder wider deinen Willen ausliefern, man wird dich zu dem Throne schleppen, der noch von dem Blute deiner Vorgangerinn trauft, und den du nicht ohne doppelte Treulosigkeit besteigen kannst!

O des falschen, falschen Kaisers! Um meine erste Braut betrogen, in der Werbung um die pohlnische Adila durch falsche Briefe getauscht, soll ich nun auch Elisen verlieren?

Noch einmahl, du Verlobte Wittelsbachs, der bey Gott nicht mit sich spielen lasst, verlass den treulosen Vater, und wirf dich in die Arme deines Gemahls, die Bande, die dich an mich fesseln, sind jetzt die starksten, du kannst sie nicht ohne Ruchlosigkeit zerreissen. Mein Bote wird dich dahin fuhren, wo ich wenige Meilen von der Stadt mit meinen Reisigen deiner warte, erscheinst du nicht, sehe ich ihn einsam zuruckkehren, so nimm die Verantwortung der schrecklichsten Folgen uber dich.

Antwort.

1208.

Alle Schmahungen, die du auf meinen Vater haufest, fallen auf dich zuruck, du selbst Treuloser! Kannst du in dem Briefe, da du deine eigene Untreue bekennst, mich zur Treue auffordern? O es ist schrecklich, was ich in diesen Zeilen lese! Ja, Otto, ich war dir gefolgt, war mein Herz gegen dich war immer schwach war ohne Rucksicht auf Kindespflicht mit dir geflohen, geflohen aus Ende der Erde, um nur dein zu bleiben! aber das Bekenntniss deiner Schande aus deinem eigenen Munde losst alle Bande zwischen uns auf. Die Bande, die mich an meinen Vater fesseln, sind unauflosbar, diese fuhle ich, jetzt da mir die Augen uber deine wahre Gestalt aufgehen, mit neuer Starke; nur die tauschende Liebe und der thorigte Wahn von deiner Treue hatten mich hierinn verblenden konnen! O Otto! wenn du das Herz sehen konntest, das du zerrissen hast! Nein, ich komme nicht, dein Bote kehrt einsam zuruck, mogen die Folgen davon seyn wie sie wollen!

Otto von Wittelsbach an die Kaiserinn Irene.

1208.

Leset beygeschlossene Briefe, eine Kopie eines Schreibens von mir nebst seiner Antwort, und entscheidet zwischen mir und eurer Tochter! Ich treulos? Otto treulos? Ich ein Bekenner meiner eigenen Schande? Was habe ich gesagt, was habe ich geschrieben, das sich auf diese Art deuten liess?

Euch, meine Mutter, ubergebe ich meine Sache. Zu ruhelosem Umhertreiben bestimmt, muss ich in dem Augenblick, da mein Herz von tausendfachen streitenden Gefuhlen gluht, da es alles fuhlt, was Rache, Liebe und Bekummernis folterndes haben, mich zu einer neuen Reise verstehen, da ich die vorhergehende kaum geendigt habe. Herzog Bernhard von Sachsen fordert mich in einem mir ganz unverstandlichen Briefe zu sich, fordert mich auf eine Art, der ich nichts entgegen setzen kann! Muss denn alles auf mich einsturmen? Was will Bernhard mir zu dieser Unzeit? will er mich vielleicht wegen der mislungenen Werbung um die pohlnische Adila, die ich fur ihn ubernahm, zur Rede setzen? Er halte sich an den Kaiser, den ich einen Verrather nennen wurde, wenn er nicht Irenens Gemahl war! Doch er ist, er ist es trotz seiner Verbindung mit diesem Engel! Anstatt Bernhards Ehewerbung in dem von ihm geforderten Empfehlungsschreiben an den Herzog von Pohlen zu begunstigen, schilderte er mich und ihn in den gehassigsten Farben, und widerrieth heimlich, was er offentlich zu befordern versprach. Der Pohle, redlicher als er, entdeckte mir dieses, und hies mich zuruck eilen, wenn ich noch einem heimtuckischen Streiche vorbeugen wollte. Ich eile auf den Flugeln der Ungeduld, und das Gerucht kommt mir entgegen, wie kastilische Gesandte bey Hofe angelangt waren, die mir versprochene Elise zu ihrer Koniginn abzufordern. In der ersten Wuth gekrankter Ehre und Liebe, schreibe ich an meine Verlobte, und erhalte diese Antwort. O Mutter, Mutter! entscheidet zwischen ihr und mir, entscheidet gunstig fur mich, oder ich wiederhole es auch euch, zittert vor den Folgen!

Anton von Hagenau, kaiserlicher Kammerherr

an die Oberhofmeisterinn der Kaiserinn Irene.

1208.

Wapnet euch mit Standhaftigkeit, edle Frau, das schrecklichste zu vernehmen, was der Himmel uber uns verhangen konnte. Der Kaiser ist ermordet!!

Auf Befehl der Reichsrathe setze ich mich, euch die Ungluckspost im ersten Wahnsinn der Besturzung, fast in dem Augenblick, da die That geschah, zu berichten, damit sie das Ohr unserer guten Gebieterinn nicht unzeitig erreiche, damit ihr fur sie wachen konnt, dass ubereilte Entdeckung ihres Unglucks sie nicht todte.

Es ist die unerhorteste That, welche je verubt wurde, sie ist vor unser aller Augen geschehen, ohne dass einer sie hindern konnte. Ich wurde mir sagen, ich habe den unsinnigsten, schrecklichsten Traum getraumt, wenn hier auf dem Boden nicht das rauchende Blut, aus welchem man eben Philipps entseelten Korper aufhub, ihn in ein anderes Zimmer zu bringen, und wenn nicht die Stimme allgemeines Klagens nebst dem Getummel der Besturzung mir die Gewisheit des grauenvollen Vorgangs bestattigten.

Der hochwurdige Erzbischoff von Speyer, welcher sieht was ich geschrieben habe, befiehlt mit, mich nicht in fruchtlose Klagen zu vertiefen, sondern zu eilen, damit das gemeine Gerucht nicht meinem Briefe zuvorlaufe, und vielleicht unserer guten Kaiserinn den Tod bringe.

Hort also mit wenig Worten das Ganze der Greuelthat, welche nicht in so viel Minuten geschehen war, als ich brauchte, davon zu schreiben.

Otto von Wittelsbach ist der Morder! dass er wenige Meilen von der Stadt angekommen war, wusste der Kaiser, er wunderte sich uber sein Zogern und liess ihn zu sich fordern, weil er Wichtigkeiten mit ihm zu bereden hatte, er erwartete ihn in Gesellschaft des Bischoffs von Speyer, und des von Bamberg in seinem Kabinet, wohin auch die Prinzesinn Elise beschieden war; man vermuthete ein Anmuthung an den Pfalzgrafen, sich wegen der kastilischen Heyrath von seiner Verlobten loszusagen, aber ich, der immer um den Kaiser war, und viel Geheimes aus seinem Munde horte, weis fast mit Gewissheit, dass die Absicht unsers unglucklichen Monarchen war, sich vor dem Pfalzgrafen, wegen eines untergeschobenen Briefes an den Herzog von Pohlen, der ihm zur Last gelegt wird, zu rechtfertigen, und ihm den Besitz seiner Elise, die den kastilischen Gesandten abgeschlagen wurde, von neuem zu versichern.

Wahrend der Kaiser nebst den beyden Bischofen die zu ihm beschiedenen erwartete, stand ich an der einen Seite der Kabinetsthur, und wartete auf Befehl, sie zu ofnen. Ich horte jemand mit Hastigkeit, in das Vorzimmer eintreten, und bemerkte durch das Seitenfenster den Pfalzgrafen in voller Rustung mit entblosstem Schwerd, und so festgeschlossenen Helm, als gehe es zur Schlacht und nicht zum Verhor bey seinem Herrn; welchem er sich doch Wohlstands wegen mit entblosstem Gesicht zu zeigen, verbunden gewesen war, aber gewiss war dieses auf Geheimhaltung des Verubers der vorhabenden Greuelthat abgesehen; als wenn nicht des Wittelsbachers Waffen, und seine Riesengestalt, in welcher er hier bey Hofe kaum eines Gleichen hat, hinlanglich waren, ihn kenntlich zu machen. Ich ward gefragt, wer im Vorzimmer tose. Es ist der Herr Pfalzgraf, sagte ich halb lachend, welcher mit seinem Schwerd allerley wunderliche Gaukeley treibt, er ficht gegen die Wande, kehrt jetzt das Eisen gegen seine Brust, und murmelt unverstandliche Worte zwischen den Zahnen.

Er glaubt sich allein, sprach der Kaiser, ofne die Thur, und sage, dass er gebuhrlich eintrete. Otto trat, oder vielmehr er sturzte herein. Es war, als ob seine Geberde und das fortdaurende Gaukelspiel mit dem Schwerdte schaudern machte. Der Kaiser erwartete seine Anrede, und sagte denn mit mildem Ton: Mein Otto, was ist euch? vergesset ihr ganz, vor dem ihr stehet? Ha, Verrather schrie der Wahnsinnige, indem er sich auf den Kaiser sturzte, der ihm einige Schritte entgegen trat, ich stehe vor einem verruchten Morder, den dieses Schwerd richten soll!

Mehr errathen als gehort haben wir diese Worte, jeder von uns will sie anders vernommen hoben; wahrscheinlich horte keiner ganz richtig, unsere Seele war in die Augen geflohen, wir sahen das Schwerd des Meuchelmorders blinken, wir sturzten hinzu, aber der Kaiser war gefallen, der Thater entflohen, ehe wir beide erreichen, oder das Geschehene hindern konnten.

Kaiser Philipp lag in den Armen des Bischofs von Bamberg, und blutete aus einer furchterlichen Halswunde, die er empfangen hatte. Ihr seyd der Bruder meines Morders, stammelte der Kaiser, ich vergebe euch und ihm, und will glauben, dass ihr unschuldig seyd.

Ich lag vor dem Verwundeten auf den Knien, und bestrebte mich, das Blut zu stillen; der Bischof von Speyer stand wie versteinert da, und warf verdachtvolle Blicke auf Bischof Egberten, den ich an der That seines Bruders schuldlos halte, und der in einem Zustand war, welcher ihn dem Tode fast so nahe brachte, als der verwundete Kaiser war; es eilten mehrere Kammerbediente auf das Gerausch von des Kaisers Fall und den Anblick des fliehenden Morders, den sie nicht aufhalten konnten, herzu, sie brachten den ohnmachtigen Egbert hinweg, und liefen nach Wundarzten.

Da trat die Prinzessin Elise herein, sie war dem Morder begegnet, welcher mit dem blutigen Schwerde bey ihr vorbeygestrichen war, ohne von ihr gekannt zu werden, oder sich bey ihr aufzuhalten.

Doch dies lasst sich nicht beschreiben! Denkt selbst, was die zartliche Tochter bey dem blutenden und sterbenden Vater, bey der Nachricht fuhlen mochte ihr Verlobter habe ihn ermordet.

Der Kaiser war, wahrend man sich mit der ohnmachtigen Prinzessinn beschaftigte, verbunden worden, aber die Wundarzte gaben keine Hofnung! Elise, stammelte er, noch ehe er verschied, dein Wittelsbach, den ich dir so gern gegonnt hatte, ist fur dich verloren, du wirst dem Morder deines Vaters nicht die Hand geben, werde kastilische Koniginn!

Ich werde hier erinnert, der Eil wegen zu schliessen! Gott weis, was ich geschrieben habe, die Wahrheit ist es, das andere entschuldige die allgemeine Besturzung.

Alverde an den Pater Zyrill

vom heiligen Kreuze.

1208.

Mein Herz braucht Trost, meine Auffuhrung Leitung, an wen konnte ich mich lieber wenden als an Euch. Ach, mein Vater, die Dinge, von welchen ich Euch zu unterhalten habe, sind Eurem Herzen nicht fremd, sie betreffen die, welche Ihr ehedem schatztet und liebtet, betreffen Philipp und Otto, mit welchen ihr einst in so genauer Verbindung standet. Trauert nicht, dass Eure zu feste Anhanglichkeit an Pflicht und Tugend Euch vom Hofe vertrieb, Euch aus einem kaiserlichen Gesandten zu eurem gegenwartigen demuthigen Posten brachte, denn welche Greuelthat wurdet ihr hier erlebt haben, aber daruber trauert, dass endlich das teuflische Projekt, das Herz des besten Mannes zu vergiften, und ihn zum Morder seines Freundes, seines Vaters zu machen, dennoch gegluckt ist. O Zyrill, hattet ihr damals, als ihr den Grafen von Wittelsbach auf seiner Gesandschaft nach Rom begleitetet, als ihr Augenzeuge von seiner grossmuthigen Verachtung alles desjenigen waret, was man aussann, ihn gegen den Kaiser aufzuwiegeln, hattet ihr gedacht, dass Philipp einst durch seine morderische Faust fallen wurde? Muss es denn der Bosheit vergonnt seyn, die Tugend so lange mit unablassigen Angriffen zu angstigen, bis sie endlich Siegerinn ist? Ach Otto wurde kein Verbrecher geworden seyn, hatte man nicht durch unablassiges verleumderisches Einhauchen sein Urtheil allmahlig bestochen, und so ihn nach und nach zu einer That bereitet, die nun leider geschehen ist, und die ich Euch nicht erzahlen darf, da ihr bereits durch das Gerucht alles vernommen haben werdet.

Man kann sich keine andere Ursach denken, warum Wittelsbach die Hande mit dem Blute seines Freundes seines Vaters benetzte, als seinen Wahn von der kastilischen Heyrath, den ich Unschuldige von andern getauscht, leider auch mit nahren half und einen Brief, welchen der Kaiser an den Herzog von Pohlen zu Ottos Nachtheil geschrieben haben soll, und der, mit sich nun ergiebt, von einem erkauften nun bereits bestraften Geheimschreiber untergeschoben ward!

Mit der kastilischen Heyrath hat es die nemliche Bewandniss, es erweist sich, dass die Gesandten um des Pfalzgrafen willen bereits abgewiesen waren und dass der edle Philipp auf keine Art treulos an seinem Morder gehandelt hatte. Aber wird durch die Erweisung und Kundbarkeit dieser Dinge unsere Lage glucklicher? o nein! wir steigen durch sie noch eine Stufe tiefer in den Abgrund des Elends hinab!

Ein verratherischer Tyrann wird ja nicht so bitter beklagt, als ein gutiger nur verkannter Vater; den Racher angethanen Unrechts kann man ja weniger verabscheuen, als den, welcher aus blindem Jahzorn seinen Wohlthater ermordete, und wie schrecklich ists, den verabscheuen zu mussen, den man ehemals liebte!

Elisens Jammer ist nicht auszusprechen. Das Ungluck, ihren Vater auf diese Art verlohren zu haben, berechtigte sie schon zu Kummer ohne Granzen, aber ihn durch Wittelsbach verloren zu haben, wer misst das Furchterliche, das in diesem Umstande liegt? wer kann sie verdenken oder tadeln, dass sie sich selbst Vorwurfe macht, weil auch sie voreilig zu Werke ging, weil sie aus einigen falsch verstandenen Worten in einem Briefe ihres Otto ihn fur treulos hielt, und ihn durch Harte und Vorwurfe aufs ausserste brachte?

Zittre vor den Folgen deiner Strenge! schrieb er am Ende jenes unglucklichen Briefs, von dessen Beantwortung alles abgehangen zu haben scheint; ach wer hatte sich bey diesem Manne die schrecklichen schrecklichen Folgen getauschter Liebe, die wir nun vor Augen sehen, denken konnen!

Nun erklart sichs, dass Philipp unschuldig, dass von Kastilien her nichts zu furchten, dass Otto nicht treulos, sondern nur Herzog Bernhards Brautwerber um die schone Adila war, aber die schreckliche That, welche auf den falschen Wahn von all diesen Dingen gebaut war, ist nun einmal zur Holle entschlichen, wer will sie zuruckrufen, wer den ermordeten Philipp erwecken, oder Ottos Hande von Blut reinigen?

Es ist schrecklich, wie eine That wie diese den ganzen Charakter eines Mannes, selbst eines Tugendhelden, wie Wittelsbach, umwandeln kann; hatte ich mir ihn nach verubter That vorstellen sollen, so wurde ich mir ihn am Abgrund der Verzweiflung, reuig, bekennend, oder aufs hochste sein Verbrechen beschonigend gedacht haben; aber zu leugnen, mit der hochsten Unverschamtheit zu leugnen, was vor den Augen mehreren Zeugen begangen ward, zu drohen, noch Plane zu neuen Verbrechen zu machen, wer hatte das in dem edeln Pfalzgrafen gesucht!

Leset diesen Brief, welchen Elise gestern Morgen erhielt, horet, was auf denselben erfolgte, und erstaunet uber die Herabwurdigung Eures ehmaligen Tugendhelden. Auf Vergunst der Prinzessinn mache ich euch zum Vertrauten in diesen Dingen, sie schatzt Euch, wie ich Euch schatze; und nicht allemal mit den strengen Ausspruchen ihres Gewissensraths, des Bischofs von Sutri, gleich zufrieden, will sie auch Eure Meinung uber diese Dinge horen.

Hier ist Wittelsbachs Schreiben.

Der Pfalzgraf Otto an Elisen.

Falsche! nicht genug, mich durch deine Harte, durch ausserste gebracht zu haben, willst du mich noch zum Morder deines Vaters machen? Ich bin es nicht! ein Mensch oder ein Teufel muss meine Gestalt angenommen haben, euch alle zu tauschen, wenn das Ganze nicht nur ein Vorwand ist, dich ohne den Tadel der Welt von mir loszumachen! Wisse, ich lasse dich nicht, und ob heilige Mauern dich bargen, und ehe der Abendstern zweimal heraufgeht, bist du in meinen Armen. Dieser Brief versetzte uns alle in das heftigste Schrekken, den Betheurungen von Wittelsbachs Unschuld glaubten wir nicht, konnten ihnen nicht glauben, wenn wir nicht die von mehreren Zeugen bestattigte Wahrheit zur Lugnerin machen wollten, aber vor seinen Drohungen zitterten wir. Wir sahen sie noch in selbiger Nacht erfullt. Gewappnete brachen in das Zimmer der Prinzessinn ein, und brachten sie davon, Wittelsbach war personlich nicht gegenwartig, aber da keiner von seinen vornehmsten Dienern unter den Entfuhrern fehlte, so konnte man die Hand nicht verkennen, welche die angedrohte That ausfuhrte.

Ich, welche diese Nacht allein bey Elisen geblieben war, entkam mit Muhe den Raubern, welche auch mich festhalten und verhindern wollten, Lerm zu machen. Ich wusste keine thatigere Hulfe zu suchen, als bey meinem tapfern Bruder; der Pallast des Pfalzgrafen, in dem er sich bisher aufgehalten hat, stosst an den unsrigen, wenig Schritte brachten mich in Alfs Vorzimmer; hier erfuhr ich erst, dass seine Huter (ach der zerruttete Gemuthszustand des Unglucklichen, welchen ich in dem Augenblick, da ich seine Hulfe suchen wollte, nicht gleich erwog, hat ihm seit einiger Zeit Huter nothig gemacht!) Hier, sage ich, erfuhr ich erst, dass man ihn schon seit vorgestern vermisste; der allgemeine Tumult am Tage der Ermordung des Kaisers muss gemacht haben, dass man ihn aus der Acht liess, er muss ganz blos entflohen seyn, denn nichts von seinen Sachen, die man ohnedem vor ihm verschlossen hatte, vermisst man, und selbst sein Nachtgewand, darin er das Bette verliess, hat man in einem Winkel des Hauses gefunden.

Hier also neue Ursach fur mich zu Gram und Verzweiflung, ich hatte also auch den Bruder verloren, der auf die letzt mir seine Liebe ganz entwendet hatte, mich nicht einmal vor sich lassen wollte, weil er glaubte, ich habe in seinen Abentheuern mit der Grafinn von Toulouse nicht zu seinem Vortheil gehandelt.

Die Angst um Elisen machte, dass ich diesen neuen Schlag des Schicksals nur halb fuhlte. Sie musste schleunige Rettung haben, und ich suchte sie bey den kastilischen Gesandten, welche, ungeachtet sie mit ihrer Werbung vom Kaiser abgewiesen worden waren, doch noch hier verweilten, weil sie gehort hatten, er habe in seinen letzten Augenblicken noch einige Worte zum Besten ihres Herrn mit der Prinzessinn gesprochen; dies ist nur allzuwahr, und ich weis nicht, was die Folge davon seyn wird, und ob ich das, was wahrscheinlich geschehen muss, billigen oder tadeln soll.

Durch Hulfe der kastilischen Gesandten, besonders des tapfern Grafen Kastelmoro, sahen wir des andern Morgens unsere Elise uns wieder geschenkt, er hatte sie noch eher ereilt, als sie von Wittelsbachs Reisigen in die Arme ihres wartenden Herrn geliefert wurde. Der Schrecken hat die Geraubte so krank gemacht, dass sie den Pallast der Gesandten, in welchen sie ihr Retter brachte, noch nicht hat verlassen konnen. Ihre Schwester, die Prinzessinn Beatrix ist bey ihr, und vereinigt sich mit dem Bischof von Sutri, dem von Speyer, und dem von Kastilien, der unglucklichen Dame begreiflich zu machen, dass sie verbunden ist, den letzten Willen ihres Vaters zu erfullen, und in den Armen des kastilischen Prinzen den Schutz zu suchen, den ihr kein Ort, selbst kein Kloster vor Angriffen des wutenden Wittelsbachers geben wird.

Noch schutzt sie sich mit der fehlenden Einwilligung ihrer Mutter, aber wie wird ihr geschehen, wenn sie erfahrt, dass die vortrefliche Kaisersinn nicht mehr ist!

Die Schreckenspost von Philipps Ermordung durch Wittelsbach, hat ihr eine fruhzeitige Niederkunft, und durch dieselbe den Tod gebracht. Am Ende dieses Schreibens erhielt ich die Nachricht von der Oberhofmeisterinn, mit Bitte sie den Prinzessinnen behutsam beyzubringen.

Wie kann ich das? Wie kann ich ihnen den Dolch in die Brust stossen, ohne sie zu toden? Hier ein Schreiben von der abgeschiedenen Heiligen an ihre Kinder, wie soll ich es ihnen uberreichen?

O mein Vater, mir schwindelt, ich weis nicht mehr was ich schreibe! ich hatte euch noch so viel zu sagen, von dem frommen Bischoff Egbert, und dem treflichen Marggrafen von Andechs, wie sie ihres Bruders des Wittelsbachers Schuld, und seine Durchachtung theilen mussen; alles dieses bleibt nun bis zu besserer Fassung. O Otto! Otto! uber wie viel gute Seelen hast du den Fluch gebracht.

Die sterbende Irene an ihre Kinder.

1208.

Kennt ihr noch die zitternden Zuge von der Hand Eurer Mutter? O ich strenge meine letzten Krafte an sie fest und kenntlich zu machen! Sie sollen die letzte Handlung der Gerechtigkeit vollfuhren, die mir genseit des Grabes zu thun beschieden war, sollen Euch des Pfalzgrafen Unschuld betheuren. Otto von Wittelsbach ist unschuldig. Zu der Stunde, da mein Gemahl, dem ich in die Ewigkeit folge, unter dem Stahl des Meuchelmorders fiel, hat der Verleumdete an meinem Bette gesessen; Plane fur die Zukunft beschaftigten uns, die nun ein einiger Schlag alle zernichtet!

Doch die Ewigkeit wird alles klar machen! Noch einmal: Otto ist unschuldig! Kinder! ungluckliche verlassene Kinder! meinen Seegen!

Alverde an den Pater Zyrill.

1208.

Wer kann die Worte einer Sterbenden, die letzten Worte einer Heiligen bezweifeln? Zyrill, ihr habt den Brief der verewigten Kaiserinn, dessen Abschrift ich Euch auf Vergunst mittheilte, gelesen; wir mussen nach demselben Wittelsbachs Unschuld glauben, obgleich unser Verstand bey der Moglichkeit derselben still steht; und welches sind die Folgen von dieser Entdeckung? Also waren die Bande zwischen ihm und Elisen noch unzerrissen? also musste sie allen Hindernissen zum Trotz die Seinige bleiben? Meinem Urtheil nach war dem also, auch war es ohne Zweifel die Meynung der sterbenden Kaiserinn dieses zu bewurken.

Niemand sieht dieses deutlicher ein als Elise, deren Herz noch immer fur den Pfalzgrafen spricht, dessen Unschuld sie aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz mit voller Ueberzeugung glaubt. Ach, dass diese Ueberzeugung zu spat kommen musste, dass sie jetzt nur darum, mit voller Starke eintritt, um die gequalte Prinzessinn noch unglucklicher zu machen!

Elise ist seit gestern vermahlte Prinzessinn von Kastilien; absichtlich hielt man mich von ihr zuruck, bis die Einseegnung, welche in aller Stille vor sich ging, geschehen war; man wusste, dass ich nicht dafur war, dass die Stelle der Grafinn von Toulouse durch eine andere von meinen Freundinnen ersetzt wurde, ich kannte die kastilischen Herrlichkeiten zu gut, um Einer meiner Geliebten dieses Loos zu gonnen, ich wusste, dass dasjenige, was man an der unglucklichen Alix tadelte, was ihr wahrscheinlich den Tod brachte, sich auch bey Elisen fand; ihr versteht mich Zyrillo, ihr habt mit uns in verschiedenen Stucken einen Glauben, und ich kann mich also hieruber deutlicher gegen Euch erklaren, als ich gegen einen andern Eures Standes thun wurde.

Niemand wusste das, worauf ich ziele so gut, als Beatrix, und doch liess sie sich von den Bischofen verblenden, ihre Schwester zu einer Verbindung zu bereden, die ihr Gluck nicht machen kann! Doch dies ist ihr Charakter! O Beatrix! wie vortreflich wurdest du seyn, wurden deine Vollkommenheiten nicht durch so viel Leichtsinn, Leichtglaubigkeit, und ubereiltes Wesen befleckt!

Einen neuen Beweis ihrer Voreiligkeit, legte sie bey dem Auftritte ab, von welchem ich Euch jetzt unmittelbar unterhalte. Nach zweytagigem vergeblichen Streben, vor die nunmehrige Prinzessinn von Kastilien gelassen zu werden, erhielt ich endlich Zutritt. Elise kam eben vom Altar. Mir vergingen die Sinnen uber den Schritt, den sie gethan hatte, ungeachtet mir der Inhalt von dem Briefe der Kaiserinn, die der ganzen Sache ein noch bedenklicheres Ansehn giebt, noch nicht bekannt war! Ich hatte indessen Besonnenheit genug mich zu fassen, und nicht mit der Trauerpost, welche mir auf dem Herzen lag, unzeitig heraus zu brechen. Die Prinzessinn Beatrix hatte man schon mit dem Tode ihrer vortreflichen Mutter bekannt gemacht, und sie hatte Mittel gewusst, ihrer Schwester die Schreckenszeitung, die sie beyde zu volligen Waisen machte, mit ziemlich guter Art beyzubringen. Irenens Tod war es eben, worauf man die Beschleunigung des kastilischen Bundes gebaut hatte, Elise hatte niemand mehr, an dessen Einwilligung sie appelliren, mit dessen Nein sie sich schutzen konnte, sie war sich selbst uberlassen, und der Gedanke, von niemand mehr abzuhangen, fuhrte die Vorstellung von Hulflosigkeit so naturlich herbey, machte die Ausschlagung einer koniglichen Heyrath zu so offenbarer Thorheit, dass Elise Ja sagte, aus Bewegungsgrunden Ja sagte, die wohl noch nie bey einer so edlen Seele, wie die ihrige, entschieden haben. Doch, nein, ich thue dieser unvergleichlichen Person Unrecht, nicht Rucksicht auf zeitlichen Vortheil, nur das Andenken an die letzten Worte ihres Vaters, konnte sie zu dem bestimmen, was sie that; Sie hielt dieselben nach dem Absterben ihrer Mutter, fur das Einzige, an was sie sich nun zu binden hatte.

Ganz in Thranen gebadet, warf sich jetzt die Neuvermahlte in meine Arme. Keine Gluckwunsche, Alverde, zu dem was jetzt geschehen ist! rief sie, jetzt kein anderes Gesprach als von meiner Mutter! O wo bist du in diesen fur mich so schrecklichen, so wichtigen Tagen gewesen? wie sehr habe ich meine Trosterinn, meine Rathgeberinn vermisst! Warst du vielleicht gar bey dem Sterbebette jener verklarten Heiligen? Hat sie nicht vor dem Scheiden noch unserer gedacht? hat sie nicht fur ihre Elise gebetet? Hat sie nichts an ihre Tochter hinterlassen?

Urtheile, Zyrill, was ich bey dieser Aufforderung fuhlte. Schon war ich im Begriff, ihr Irenens Schreiben zu uberreichen, doch bessere Ueberlegung hielt mich zuruck; es war Pflicht, jetzt die Zagende zu trosten, anstatt durch irgend etwas ihre Gefuhle noch mehr zu erwecken. Der Brief der Kaiserinn kam aus meinen Handen zuerst vor die Augen der Prinzessinn Beatrix; fester und muthiger als ihre Schwester, brauchte sie wenige Schonung, auch konnte man von ihr erwarten, sie wurde Elisen den Inhalt der traurigen Zeilen nicht ohne Prufung, und erst gerade zu der Zeit mittheilen, da es ihr die wenigste Gefahr drohte.

Wie konnte ich diese weise Vorsicht von Beatrix erwarten? Elise las das, was man ihre Jahre lang hatte vorenthalten sollen, noch am nehmlichen Abende, und ward dadurch gerade in den Zustand gesetzt, den ihr Euch vorstellen konnt. Sie fiel in ein hitziges Fieber, sie raste, wie ich hore, in ihren Paroxismen furchterlich von Philipps Ermordung, Irenens Tode und des Wittelsbachers Unschuld. Ich, die man, weil man mich noch wegen der Grafinn von Toulouse hasst, sehr freygebig die Ursacherin dieses Unglucks nennt, werde wie eine halb Gefangene gehalten, darf Elisen nicht sehen. Wohl gut! wie lang, so lege auch ich mich zu sterben. Die Wurkungen alle der Uebel, die ich seit einiger Zeit ausstand, werden sich doch endlich aussern, ich fuhle Vorboten einer Krankheit, die mich schnell dahin fuhren kann, wo Alix voranging, und wohin Elise mir folgen wird!

Lebt wohl, Zyrill, vielleicht auf ewig! Betet fur die ungluckliche Alverde; deren Herz durch eine heute aus ihrem Vaterlande erhaltene ungluckliche Zeitung den letzten Stoss bekam! ach Evert von Remen! du entflohen? aus Verzweiflung uber Alverdens Verlust entflohen, niemand weis wohin? Und du, meine Mutter, meine Erzieherinn tod?, ich also ganz verwaist in der Welt zuruck geblieben? Jede Hoffnung, jede Aussicht auf Gluck mir verschlossen?

Alverde an den Pater Zyrill.

1208.

Nach einer langen Bewustlosigkeit erholte ich mich; mir war geschehen wie ich dachte. Von meinem letzten Schreiben an Euch war ich aufgestanden um mich zu langer Krankheit zu legen; dass ich krank gewesen war, hatte ich wenig gefuhlt, ich erinnere mich nur zuweilen ein dunkles Gefuhl von meiner Schwache, von der Herannahung der Nacht des Todes, und die Vorstellung vom Erwachen in einer bessern Welt gehabt zu haben. Ich erwachte, aber noch diesseit des Grabes. Ich sah um mich her, und alles war einsam. Ich fragte nach der Prinzessinn von Kastilien "Sie werde nun wohl am Hofe ihres Gemahls angelangt seyn." Nach der Prinzessinn Beatrix. "Man wollte Sie rufen, und Sie mit dem Anblick meiner angebenden Genesung erfreuen." Wie? schrie ich, die Prinzessinn von Schwaben ist ihrer Schwester nicht nach Kastilien gefolgt? Glaubt denn Alverde, antwortete mir ihre sanfte Stimme, dass ich sie hier krank, und unberathen verlassen konnte?

Ja, Zyrill, Beatrix war grosmuthig genug gewesen, um meinetwillen in dem unruhigen Teutschland zuruck zu bleiben, und die Wartung einer kranken Freundinn, der Theilnahme an dem koniglichen Empfang ihrer Schwester vorzuziehen. Zyrill, denkt Euch meine Ruhrung! Reden, danken, konnte ich nicht, aber ich schmiegte mich mit stromenden Augen in ihre Arme.

Beatrix ist nicht so leichtsinnig, sagte die Prinzessinn, als du sie deinem Freunde schildertest, ich habe den Brief an ihn, an dessen Versiegelung der schnelle Einbruch deiner Krankheit dich hinderte, gelesen, und ihn abgeschickt. Zyrill ist verstandig genug, mich nicht ubereilt zu beurtheilen; und was ich versah, das sollen meine nachfolgenden Handlungen verguten.

Ach Beatrix, schon die gegenwartige loscht jedes Vergehen aus, und macht mich zur Verbrecherinn!

Jetzt nichts mehr hievon, Alverde! Sorge fur deine vollige Wiederherstellung, und traue mir zu, dass ich mich uber manches, das du tadelst, rechtfertigen kann.

Die Zeit dieser Rechtfertigung ist gekommen, aber sie thut mir bey weiten nicht vollig genug, sie zeigt mir nur so viel, dass der Bischof von Kastilien und der von Sutri der armen Beatrix zu machtig waren. Auch kann ich ihr und ihnen bey kaltem Blute nicht ganz unrecht geben; ohne Zweifel ist der Stand einer kastilischen Koniginn dem einer verwaissten Prinzessinn, die der Gnade des nunmehrigen Kaisers leben muss, weit vorzuziehen; Wittelsbachs Unschuld war in dem Augenblick, da Beatrix ihre Schwester zu dem unwiderruflichen Ja bereden half, noch unbekannt, und war sie auch damals schon so erwiesen gewesen als jetzt, da sich des Pfalzgrafen Abwesenheit zur Stunde des Kaisermords bestattigt, da mehrere Umstande zu seinem Vortheil reden, hatten ich und sie dieselbe schon damals so fest als jetzt geglaubt, was hatte dies gefruchtet? Wittelsbach wird immer nur vor den Augen Weniger entschuldigt, immer in dem Urtheil des grossen Haufens ein Kaisermorder bleiben; ist dieses nicht genug, das Band zwischen ihm und Elisen vollig zu zerschneiden? oder hatte Philipps Tochter den Fluch und die Verachtung der ganzen Welt dadurch auf sich laden sollen, dass sie ihre Hand demjenigen gegeben hatte, den jederman fur den Morder ihres Vaters halt.

So urtheile ich jetzt, so hat mich Beatrix und der Bischof von Sutri urtheilen gelehrt, dieser weise Mann ist noch immer bey uns, auch uber ihn hat sich mein Urtheil geandert, es giebt der Leute viel, welche durch genauere Kenntniss gewinnen, und wenn ich mich auch vor diesem, von welchem ich jetzt spreche, immer wegen seines Scharfsinns, der ihm aus den durchdringenden Augen leuchtet, furchten werde, so wird sein Herz mir doch schatzbar bleiben, von dessen Gute er taglich tausend Beweise ablegt.

Eins tadle ich an ihm, und finde es nicht ganz einstimmig mit den Lehren des Evangeliums, die er annimmt, und die ich zu Pamiers noch deutlicher kennen lernte: Er predigt mir und Beatrix ohne Unterlass die Rache. Ihr sagt er, es komme der Tochter des ermordeten Kaisers zu, den Blutracher wider den, welcher sein Blut vergoss, aufzurufen, und mich erinnert er, dass es meine eigene Ehre, die Ehre meines Hauses wolle, auf die Kundmachung und Bestrafung des wahren Thaters zu dringen. Seit man sich hier und da, sagt er, mit der Muthmassung tragt, der Pfalzraf konne unschuldig seyn, seitdem erheben sich Geruchte, die ich, um euch zu schonen, nicht einmal erwahnen wurde, wenn euch nicht die Pflicht zufiele, sie zum Stillschweigen zu bringen. Euer Bruder, edle Alverde, fahrt er fort, ward zur nehmlichen Zeit vermisst, da der Kaisermord geschah, war es moglich, die Gestalt des Grafen von Wittelsbach mit der irgend eines andern zu verwechseln, so fallt aller Verdacht auf Alf von Dulmen, welcher ihm an ausserordentlichem Wuchse hier bey Hofe noch der ahnlichste ist.

Ihr werdet mir glauben, Zyrill, dass solche Aeusserungen mich zittern machen, ich vertheidige meines Brudens Unschuld, ich erweise, dass er in jener grauenvollen Stunde krank im Pallast des Wittelsbachers daniederlag, dass sein schnelles Verschwinden sich anders deuten lasse, und dass noch uber das alles sich ja gar keine Vermuthung zeige, was sein Schwerd gegen den Kaiser gerichtet haben konne, mit dem er nie in besonderer Verbindung stand, der ihn nie, wie etwa den Wittelsbacher, zu personlicher Rache reizte. Sutri versichert mich hier mit dem Ton fester Gewissheit, den er all seinen Worten zu geben weis, dass gegen ihn die Vertheidigung meines Bruders ganz unnutz sey, dass er nicht einen nachtheiligen Gedanken von ihm hege, aber um so viel mehr fahrt er fort, muss ich auf seine Rechtfertigung dringen, wozu man euch zu seiner Zeit die Mittel anweisen wird.

Dergleichen Gesprache habe ich viel mit dem Bischof von Sutri gehabt, ihre wahre Deutung und ihren Erfolg werdet ihr und ich erst in der Zukunft erfahren. Aehnliche Unterhaltungen fallen auch zwischen ihm und der Prinzessinn vor, sie ist fest entschlossen, zum nunmehrigen Kaiser, dem ehmaligen Herzog Otto von Braunschweig, zu ziehen, und Rache des vergossenen Blutes von seinen Handen zu fordern.

Ich zittre! ein Rache flehendes Weib, welch ein emporender Anblick! gleichwohl dringt man von allen Seiten mit der Nothwendigkeit dieses Schrittes auf sie ein; und was von ihr die Kindespflicht fordert, das mochte vielleicht von mir schwesterliche Liebe und die Sorge fur die Ehre meines Bruders heischen. Ach der Geliebte! der Verlorene! was mag aus ihm geworden seyn! vielleicht ist er bereits nicht mehr, darum wagt es die Schmahsucht desto kuhnlicher, seine Asche zu besudeln! soll ich dieses dulden? Soll ich nicht vielmehr jeden Schritt gehen, den man mir vorzeichnet, seine Ehre zu retten?

Elise, Prinzessinn von Kastilien an ihre

Freundinn Alverde.

1209.

Die Rache schlaft, soll ich sie wecken? Otto von Wittelsbach ist unschuldig, an wessen Handen mag das Blut meines Vaters haften? Diese Gedanken verfolgen mich ohne Unterlass, verfolgen mich doppelt heftig seit einem Schritte, zu welchen mich Reue uber begangene Fehler bewog.

Alverde, du und ich sind grosse Sunderinnen, auch Alix war es, Gott sey ihrer Seele gnadig! Der fromme und gelehrte Bischof von Kastilien hat wahrend der Reise zu meiner Bestimmung oft mit solchen Ermahnungen an mein Herz geklopft, als wusste er, welche Irrthumer ich zu Toulouse eingesogen habe, eine Predigt des Dominikus Guzman, der, wie man versichert, dereinst ein grosses Licht der Kirche werden wird, vollendete meine Bekehrung. Ich nutzte die erste ruhige Zeit nach den Festen, welche meine Vermahlung nach sich zog, mir Erlaubniss zu einer achttagigen Andacht im Kloster S. Maria zu erbitten; ich erhielt sie, und saumte nicht, mich zu den Fussen der Heiligen zu werfen. Ach Alverde, mein Herz war voll, noch lebte der Wittelsbacher in demselben, da ich es doch nur allein meinem Gemahl schuldig bin, dem mich der Himmel so augenscheinlich in die Arme gefuhrt hat, dass ich seine Hand nicht verkennen, dass ich nicht murren darf. Gleichwohl blieb die Erinnerung vergangener Dinge unaustilgbar, und der Gram um Unmoglichkeiten unsterblich. Sprich, Alverde, sollte ich beym Gefuhl meiner Schwache nicht nach ubernaturlicher Hulfe schmachten? Ich suchte sie bey den Altaren, ich schwur, um mir sie vom Himmel zu erringen, den Glauben an alles ab, was ich von Alix erlernte, und was man mir mit dem Glauben der Kirche weiland geschildert hat; Gott, was hatte ich nicht gethan, um mir Ruhe zu erkaufen!

Ich denke, ich habe sie erlangt, das Andenken des Wittelsbachers ist in meinem Herzen ertodet, oder es schlummert wenigstens; Gott gebe, dass es nie erwache! Aber ein anderes peinigendes mit meinem ganzen Charakter streitendes Gefuhl ist in mir erwacht, der Trieb nach Rache! Trieb? Wunsch? nein, so kann ich das nicht nennen, wovor ich zittre; es ist blos der Gedanke, der in mir rege ward, Rache des unschuldig vergossnen Blutes meines Vaters sey nothig, und ich, die Tochter, musse sie fordern; denke selbst: Keine Nacht im Kloster verging, dass mir nicht der blutige Schatten des ermordeten Kaisers in Nebelduft gehullt vor die halb wachenden Augen kam, und Worte an mich ertonten, die mir wohl ewig unvergesslich bleiben werden. Ich wiederhole sie nicht; Geistersprache, sagt man, darf die Zunge der Sterblichen nicht nachlallen; meinem Beichtvater habe ich davon entdeckt, was ich musste, und hore hier den Plan, der mehr aus fremden Rathschlagen, als aus eigenem Nachdenken zu Wiedererlangung meiner Ruhe entstand, und zu dessen Ausfuhrung du mir die Hand bieten musst.

Kaiser Philipps Blut muss von der Hand seines Morders, so gern mein leidendes Herz ihm auch die Strafe schenkte, blutig zuruckgefordert werden, meine Schwester Beatrix hat, wie ich vernehme, am Throne des neuen Kaisers vergebens um Recht und Rache gefleht, sie ward gnadig, mehr als gnadig aufgenommen, aber ihr Gesuch schlug man ihr unter dem Vorwand ab, dass bey einer so verborgenen Sache niemand als Gott richten konne. Nun wohlan, so muss man sich an Gottes Stellvertreter, an jene furchtbaren Richter wenden, die an seiner Statt im Verborgenen richten. Wisse, durch das ganze deutsche Reich herrscht eine heimliche Macht, nur durch ihre Wurkungen sichtbar; sie weis jedes Verbrechen aus der Verborgenheit zu ziehen, jede Unthat nach Gebuhr zu strafen. Mache dich auf, Alverde! klage in meinem Namen an den Stufen des furchtbaren Richterstuhls! die Mittel, zu demselben zu gelangen, findest du auf diesem Blatte verzeichnet, ich dachte nicht, dass diese Dinge, welche ich einst von Einem erfuhr, welcher mir nichts verschweigen konnte, mir nutzbar werden wurden. Nutzbar? wird Rache mir Nutzen oder Ruhe bringen? Man versichert es mich, aber mein Herz spricht nein! Wenn nun die Tochter die Rache uber den Morder des Vaters herabgerufen hat, und das Gerucht erschallt, dieser oder ein anderer, den ich kenne, oder nicht kenne, ist durch den Stahl heimlicher Henker gefallen, weil er Kaiser Philipps Blut vergoss; wird da nicht mein Herz beben, und mich selbst eine Morderinn nennen? Ist auch das Urtheil jener Unbekannten unfehlbar? und da ich dieses durch viel Beyspiele gelehrt glauben muss, darf auch der Mensch richten, wo Gott Nachsicht hat? Wer weis, zu welchen grossen Absichten der ewige Richter dem Kaisermorder seine Verborgenheit grunde, die ich nun zerstore!

O Alverde, ich weis nicht, was ich beginne, richte du selbst uber die Rechtmassigkeit meines Verlangens, und gehe, so viel die Geheimhaltung der Sache verstattet, mit Verstandigen daruber zu Rathe. Ich nenne dir besonders den Bischof von Sutri, zu welchem ich unumschranktes Vertrauen habe.

Alverde an die Prinzessin von Kastilien.

1209.

Der Schritt, zu welchen ihr mich aufruft, ward mir wegen meinen eigenen Angelegenheiten bereits gerathen. Ich eile, eure Befehle zu erfullen, ich werde in eurem Namen Rache fur einen ermordeten Vater, in dem meinigen Rechtfertigung eines unschuldig verleumdeten Bruders flehen! Es ist schrecklich, es euch zu sagen, aber wegen Aehnlichkeit der Gestalt beginnt man auf Alf von Dulmen das Verbrechen zu walzen, welches man hier und da von des Wittelsbachers Schultern nimmt. O dass beyde zur Stelle waren, um sich zu vertheidigen! Doch vor jenen furchtbaren Richtern, die ich besser kenne als ihr denkt, kann sich niemand bergen, ihr allmachtiger Ruf vermochte wohl Schuld und Unschuld aus dem Schooss der Erde herauf zu holen.

O Prinzessin! es ist ein schwerer Gang, den ich unternehme, doch Freundesrath, Freundespflicht und Schwesterliebe leiten mich, wie kann ich irren?

Beatrix an Alverde.

1209.

Ich komme von meiner unglucklichen Reise nach Frankfurth zuruck, ich eile auf mein Schloss Frankenstein, dahin ich dich beschied, ich denke in deinen Armen mein ganzes Herz auszuschutten, und ich vernehme, dass du zwar hier gewesen, aber schnell davon geschieden bist. Deine Abreise tragt die seltsamsten Spuren des Geheimnisses. Um Mitternacht in Trauergewand, ohne alle Begleitung, hast du das Schloss verlassen.

Deine Weiber, die mir weinend entgegen kamen, wollen dich vor dem unerklarlichen Schritte in ausserordentlicher Bewegung gesehen haben, du sollst die Jutta, welche du immer am meisten liebtest, und die dich ungeachtet deines Verbots weiter als ihre Gespielinnen begleitete, noch einmal umarmt, und zu ihr gesagt haben, bete fur mich, gutes Kind, ich weiss nicht ob ich zum Leben oder zum Tode gehe!

Ich habe mit den Ueberbringerinnen dieser unerklarlichen Nachrichten gescholten, sie hatten dich schlechterdings nicht allein lassen sollen, wer weiss, zu was fur Ausschweifungen dich der Trubsinn, der dir nach den letzten Trauergeschichten anhangt, und die Einsamkeit, in welcher du hier gelebt haben sollst, gebracht haben.

Ich hore, dass du niemand gesehen hast, als den Bischof von Sutri, und meine Muthmassung, dass er um deine Angelegenheiten wissen muss, ist wohl nicht ungegrundet; ich habe schon mit ihm hieruber gesprochen, ohne etwas ergrunden zu konnen. Nur in einem hat er mich beruhigt: Ich besorgte, Kalatin, der, wie ich weiss, dir noch immer nachstellt, habe dich zu verlocken gewusst, und du seyst vielleicht in seine Hande gerathen; Sutri versichert mich vom Gegentheil, und setzt das Versprechen hinzu, dir einen Brief von mir in die Hande zu liefern; so weiss er doch wo du bist, also kennt er doch die Mittel zu dir zu gelangen? Wer mag sich in diese Bischofe finden! auch ich habe mich nur allzuoft von ihnen lenken lassen, und jetzt sehe ich die Folgen davon, Folgen, die ich ewig bereuen werde! Gebe Gott, dass du nicht das nehmliche erfahrest: Hore hier das vornehmste meiner letzten Geschichte, das ich dir mittheilen muss, um mein Herz nur einigermassen zu erleichtern.

Von Sutri angefeuert, entschloss ich mich zur Reise nach Frankfurth; ich glaubte dem Tode entgegen zu gehen. Beydes der Ort, wohin, und die Ursach, warum ich reiste, missfiel mir. Ich sollte Rache uber das vergossene Blut desjenigen flehen, welchen keine Ahndung der Schreckensthat in die Arme seiner Kinder zuruckbringt, sollte dieses verabscheuungswurdige Gesuch bey demjenigen anbringen, den ich hasste, ohne ihn je gesehen zu haben, bey Otto, dem nunmehrigen Kaiser, dem Gegner meines unglucklichen Vaters bey seinen Lebzeiten, jetzt dem Besitzer seines Throns, bey ihm, mit dessen Heyrath ich von Kindheit auf gequalt wurde, und der, als ich ihm endlich angetragen ward, mich verschmahte.

Er verschmahte mich, weil er mich nicht kannte, dies sagte man mir tausendmal, und o mochte er mich doch nur nie kennen gelernt haben! Aber ich habe Ursach zu glauben, dass man mich nur darum zu dieser Reise veranlasste, um mich ihm vor die Augen zu bringen; man hat seine Absicht erreicht, der Kaiser hat mich gesehen, in einer unglucklichen Stunde gefiel ich seinen Augen, und er hat Unterhandlungen verneuert, welche er einst selbst abbrach.

Alverde, ich kann nicht sagen, dass Otto, der Kaiser mir missfallt, er ist ein schoner, und wenn die gemeinen Regeln der Gesichtskunde nicht trugen, ein edler Mann, ich hatte ihn vielleicht lieben, hatte ihn wenigstens dulden konnen wenn kein Alf von Dulmen in der Welt gewesen war. O, meine Schwester, verzeihe mir das nochmalige Gestandniss einer Schwachheit, die du nie billigtest, ich liebe deinen Bruder, ich werde ihn ewig lieben, der Kummer um ihn ist jetzt, da ich bereits alles verlohren habe, was mir das Leben lieb machte, da ich nach dem Tode angebeteter Eltern fur kein andres Leiden Gefuhl ubrig haben sollte, noch immer stark genug meine umwolkten Tage noch mehr zu truben. O, Alverde, wo mag Alf von Dulmen seyn? wo mag er verweilen, dass er nicht die Flecken abwischt, welche man seinem guten Namen anhangt! Es war mir schon entsetzlich, Otten von Wittelsbach, meinen Freund, den Liebling meiner Mutter, den Verlobten meiner Schwester, Kaisermorder schelten zu horen, denke was ich fuhle, wenn man den Mann meines Wunsches und meiner Wahl mit diesen Namen brandmarkt!

Frankfurth zu besuchen, vor dem Kaiser um Recht zu flehen, liess ich mich wahrlich mehr aus Liebe als aus kindlicher Pflicht bewegen; Rache kann, wie ich schon vorhin sagte, mir meinen Vater nicht wiedergeben, aber Rache, wenn sie den rechten Mann trifft, kann wohl den Unschuldigverleumdeten rechtfertigen, und mir den Gedanken an ihn erlaubt machen!

Ach dieser Gedanke mochte mir wohl nun auf ewig verboten seyn! Des Kaisers Absichten auf mich sind ernstlich, man sagt, er sey uber meine schnelle Abreise aus Frankfurth in Verzweiflung, er habe gewahnt, ich sey aus Zorn geschieden, weil er mein Gesuch mit den Worten abschlug: "Kaiser Philipps Mord sey in so dichte Dunkelheit gehullt, dass kein anderer als Gott den Morder richten konnte."

Bey Gott! dies war nicht die Ursach, warum ich mich so bald zuruckzog; ich wusste ja kaum ob ich das wunschte, was ich am Throne suchte, wie hatte mich die Verweigerung beleidigen sollen; aber den Eindruck, den ich auf dem Kaiser machte, sahe ich, seinen Fortgang wollte ich hindern, darum flohe ich.

Der Bischof von Speyer, welcher dem Kaiser die Reichskleinodien nach Frankfurth uberbrachte, und dem ich auf halben Wege begegnete, schalt mit mir uber meine Flucht, er drang auf meine Ruckkehr, und schwur, als ich mich weigerte, er wolle die Sache zu meinem Gluck schon zu endigen, und meine begangenen Fehler auszugleichen wissen.

Gluck, Alverde, was nennen diese zudringlichen Freunde Gluck? dass ich Kaiserin werde? O wie armselig gegen den Wunsch meines Herzens, Liebe und Leben an der Seite des Mannes, den ich mir wahlte!

Kaiser Otto IV. Erklarung.

1209.

Nachdem es uns obliegt, das Blut unsers in Gott ruhenden Vorgangers auf dem Kaiserstuhl von den Handen des Morders zu fordern, und dadurch Flecken auszutilgen, welche man unserer eigenen Ehre anhangen konnte; so erging schon langst in alle Gegenden des deutschen Reichs unser gemessener Befehl zu Entdeckung und Bestrafung des Morders; allein da das erste unmoglich war, so blieb es auch das andere.

Jetzt, da Kaiser Philipps Tochter an unserm Throne um Rache flehte, welche wir anfangs nur darum zuruckwiesen, weil wir ihrem Gesuch nicht nach Maassgabe der Gerechtigkeit Gnuge thun konnten, jetzt, da der Bischof von Speyer und Anton von Hagenau, als personliche Zeugen beym Kaisermord, den sie doch nicht hindern konnten, einmuthig den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach den Thater nennen, jetzt sehen wir uns genothigt, die Acht, welche wir gleich anfangs uber den Verbrecher und seine Bruder ergehen liessen, nochmals zu erklaren, letztere all ihrer zeitlichen Habschaften auch Ehrenamter und Titel verlustig, und erstern vorgemeldeten meuchelmorderischen Pfalzgrafen, fur Vogelfrey zu erklaren; so dass jedermann, (laut unserer ersten Erklarung, welche wir uber die Person des Kaisermorders zweifelhaft gemacht, zurucknehmen mussten,) ihn ungestraft todten konne, wo er ihn findet, damit das unschuldig vergossene Kaiserblut von unsern Thron und unsern Landen hinweg gethan, und die Rache des ewigen Richters von uns gewendet werde.

Kaiser Otto an Beatrix.

1209.

Prinzessin, eure Wunsche sind erfullt, die Rache folgt den Fusstapfen des morderischen Wittelsbach, nur Tauschung konnte mich bewegen, euch Recht zu versagen; jetzt, da der Bischof von Speyer mir die Augen offnet, jetzt, da zwey Augenzeugen die Unthat des Pfalzgrafen gewiss machen, jetzt sollt ihr sehen, dass ich Kaiser bin, und zu strafen wisse.

O dass ich hoffen konnte, nur Unwille uber den, der es wagte, euch die erste Bitte zu versagen, nicht Abneigung gegen meine Person, nicht Hass gegen den alten Gegner eures Vaters, nicht Verachtung gegen den, welcher ehemals seine Augen vor seinem Gluck verschloss, habe euch bewogen, Frankfurth so schnell zu verlassen! Bischof Konrad versichert mich davon, o dass ich die Bestattigung aus eurem Munde oder von eurer Feder erhalten mochte!

Meine Gesandten haben Befehl mit euch, euren Vormundern, und euren Verwandten uber die Angelegenheit, welche das Gluck meines Lebens betrift, uber eure Erhebung auf den Thron Unterredung zu pflegen; wie selig wurde ich mich schatzen, mir eure Huld um eine Krone einzutauschen! wie selig Philipps Andenken, zu dessen Feinde mich nur mein boses Schicksal machen konnte, in seiner Tochter Gerechtigkeit wiederfahren lassen zu konnen.

Herzog Bernhard an Peter von Kalatin.

1209.

Dein Eifer um die Rechte der heimlichen Gerechtigkeit, war loblich. Deine Anzeige indessen, was man zu Pamiers hinter meinem Rucken, vielleicht in Hoffnung, meine Krankheit sollte mein Tod seyn, begann, hochnothig und Lohns werth, auch weisst du, dass verschiedene Warnungsschreiben aufs schleunigste von uns an diejenigen ergingen, die von einer falschen Themis, der Nachafferin der unsrigen Auftrag erhalten hatten, ihre Hande mit dem Blute Philipps zu beflekken, welcher vielleicht in mehr als einer Betrachtung sorgfaltig, doch in Rucksicht auf das angeschuldigte Verbrechen unschuldig war. Alf von Dulmen und Otto von Wittelsbach wurden vor unsern freyen Stuhl nach *** geladen, theils von der Unthat, welche eine feindselige Macht ihnen aufburden wollte, abgehalten zu werden, theils Rechenschaft uber verschiedene dir bewusste Verbrechen abzulegen; man beschuldigte beyde eigenmachtiger Schritte ohne Vorwissen des heimlichen Bundes, beschuldigte besonders den Pfalzgrafen eines Mangels an Verschwiegenheit, dessen Folgen wir bereits nur gar zu deutlich spuren, Ursach genug fur uns, zu rufen, und fur jene eilig zu erscheinen.

Aber unser Ruf erreichte ihr Ohr nicht, oder blieb von ihnen unbefolgt; die schwarzeste That der Holle, der Kaisermord erfolgte, und noch hatte jene beyden niemand von den unsern gesehen; grosse Veranlassung fur uns, einen von ihnen oder beyde fur die Thater zu halten, und sie mit dem Rachschwerd zu verfolgen.

Dicke Nacht liegt hier noch uber Schuld und Unschuld verbreitet, selbst unser Auge, das sonst alles durchdringet, ist zu schwach, hier deutlich zu sehen. Otten von Wittelsbach halt das ganze Reich vor den Morder, der Bischof von Speyer hat wider ihn zu Frankfurth gezeugt, und er und seine Bruder sind in die Acht gesprochen. Dagegen klagen Kaiser Philipps Tochter an unserm Throne, aber nicht gegen Wittelsbach, dessen Unschuld sie nicht unwahrscheinlich beweisen. Sie rufen Rache in alle vier Winde, sie fordern uns auf, den unbekannten Morder ihres Vaters aufzufinden, und denn zu richten, und siehe, Alf von Dulmen steht auf, und bekennt sich selbst zu der That.

Auf! Kalatin, du weisst was in solchem Fall unsere Rache heischt, auf! denn dir ist das Loos gefallen, der Blutracher zu seyn, und den Kaisermorder zu richten, wo du ihn findest; saume nicht, damit die gemeine Gerechtigkeit nicht ihrer Schwester ein Opfer raube!

Alverde an Beatrix.

1209.

Ich liege zu Regenspurg krank, liebt mich Beatrix, so wird sie kommen, meine letzten Seufzer aufzufassen, denn ob ich gleich eine Wiedergenesende heisse, obgleich die Aerzte, die man wider meinen Willen mir zu Hulfe rief, mich so weit gebracht zu haben glauben, dass sie mir den Gebrauch der Feder gestatten konnen, so ist diese Besserung doch nur scheinbar; ich werde und will nicht leben! Der Tag tauscht meine Helfer, mein Befinden ist wahrend desselben ertraglich. Aber die Nacht ist meine Peinigerin! in ihren dustersten Stunden tritt allemal eine Furie an mein Bette, und wiederholt mir das, was ich sah, und das was ich horte, und foltert mich mit den Schrecknissen der Zukunft. Sie nennt mich Brudermorderin, und reisst durch lebendige Vorstellung von dem, was ich that, und was ich so wohl vermeiden konnte, jede Nacht einen Theil von meinen Leben ab. Der Rest, der noch vorhanden ist, kann nicht gross mehr seyn, vielleicht ist er aufgezehrt, ehe ihr, theure Beatrix, meine Bitte erfullt, vielleicht, ehe dieser Brief noch vor eure Augen kommt.

Im Fall denn, dass ich euch diesseit des Grabes nicht wiedersehe, und euch mundlich gewisse Auftrage an eure Schwester, die Prinzessin von Kastilien geben kann, so vergesset nicht, was ich euch schriftlich sage, ihr wortlich kund werden zu lassen. Euch wird es rathselhaft seyn, aber ich bitte euch, grubelt nicht zuviel in diesen Dingen, wenn ihr euer eigenes Herz nicht durchbohren wollt. Vergesst Alf von Dulmen, vergesst Alverden, seine ungluckliche Schwester, werdet die Gemahlin des edeln Mannes, den euch der Himmel zufuhrt; der Kaisername ist Ottos kleinstes Verdienst, ich sagte euch dieses oft, wenn ich euch durch Vorstellung eurer Bestimmung, von einer blinden Leidenschaft ablenken wollte. O, Beatrix, wissen wir auch allemal was wir wahlen, oder was wir wunschen? Das Schicksal entreisst uns den Gegenstand unserer Wahl, und bietet uns einen andern, wir erheben ein grosses Geschrey, und wissen nicht, dass es unser Ungluck war, was wir unser Bestes, was der Himmel fur uns wahlte.

Ich wiederhole es euch nochmals, Prinzessin, schlagt Ottos dargebotene Hand nicht aus, vergesst Alf von Dulmen, und werdet Kaiserin; dass euch das Gluck10 reicher als eure Schwestern machte, mag euch nichts zum frohen Leben helfen, wenn ihr thoricht genug seyd, um einer Chimare willen den Sohn Heinrich des Lowen, den edeln Otto auszuschlagen, und dadurch den Tadel der ganzen Welt auf euch zu ziehen. Der Rang, den euch der Himmel anweisst, giebt euch aufs wenigste den Trost, den Wunsch eurer Eltern erfullt zu haben, und fur Eure11 unmundige Schwester mit mehreren Anstand sorgen zu konnen. Nehmt dieses als die letzten Rathschlage einer sterbenden Freundinn, und vernehmet jetzt, was ich euch an Elisen aufzutragen habe.

Nach manchen innerlichen Kampfen, fasste ich den Entschluss dahin zu gehen, wohin sie mir Auftrag gab; ich wankte lang, doch ich wahnte selbst bey der Sache interessirt zu seyn, und Freundesrath bestimmte mich vollig. Der Bischoff von Sutri wusste, und billigte jeden meiner Schritte.

So rustete ich mich denn. Ich verhullte mich in Trauergewand, blos aus Rucksicht auf den Wohlstand, wie ich meynte, aber sollte nicht geheime Ahndung mich bey meiner Wahl in dieser Kleinigkeit gelenkt haben? Ahndung, dass ich von nun an zu ewiger Trauer bestimmt sey! Es ist moglich, dass ich im Drang unerklarbarer Gefuhle, zu meinen Frauen Worte gesagt habe, welche halbe Deutung auf mein Geschick haben konnten; ich weiss nicht mehr, was ich sagte.

Ein heimliches Grauen befiel mich, ob dem Wege den ich betreten sollte, doch betrat ich ihn einsam, so wollte es meine Anweisung. Es dauerte nicht lang, so fand ich meinen Fuhrer, er leitete mich, ob nahe oder fern, ob in Stunden oder Wochen, das thut nichts zur Sache, genug er leitete mich an den Ort, wo die Richter richteten; eine geschlossene Ehrfurcht gebietende Versammlung! Als Klagerinn trat ich vor derselben auf und zitterte, was muss hier der Beklagte fuhlen!

Man bedeutete mich, nicht ehe zu sprechen bis ich aufgefordert wurde, und ich schwieg. Vor meinen Ohren wurden Dinge abgethan, die ich nicht nachsagen darf, denn man trug Sorge, meine Lippen beym Eintritt in den geweihten Ort, mit einem Eide zu versiegeln. Aus allen Bezirken des Deutschen Reichs, auch noch aus fernern Gegenden, standen Zeugen auf und zeugten von ungeheuren Verbrechen. Klager, die von andern Richtstuhlen zuruckgewiesen worden waren, suchten hier Genugthuung und fanden sie. Die ausgesendeten Diener der Rache, wurden aufgerufen, und empfingen durchs Loos Anweisung zu schrecklichen Geschaften; Andre traten auf, und legten Rechnung ab, wie sie das anvertraute Schwerd hie und da nach Befehl gehandhabt hatten; Ach das Blut des Freundes und des Bruders haftete an manchem, und die Thranen flossen in seine Erzehlung.

Mir ward das Blut zu Eis bey diesen Auftritten, o Elise, hattest du alle Schrecknisse des Auftrags gewusst, den du der armen Alverde gabst, du wurdest ihrer geschont haben. Einige der Manner unter welchen ich stand, (kein Weib war uberall gegenwartig) hatten Mitleid mit der Bewegung, in welcher sie mich sahen, und unterstutzten mich, dass ich nicht sank. Einer von ihnen wagte es, das heilige Stillschweigen, das hier ausser den Stimmen am Richterstuhle herrscht, zu brechen, und mir Verwundrung, eine Person meines Geschlechts hier zu sehen, zuzuflustern, ein anderer bewunderte meinen Muth mich an diesen Ort zu wagen. Ich antwortete nicht; mein geruhmter Muth verminderte sich von Augenblick zu Augenblicke, und er war ganz hin, da man mich zum Sprechen aufforderte.

Ich ward an die Stufen des Throns geleitet, aber ich konnte nichts weiter thun als niederfallen, und die Hauptworte meines Gesuchs stammeln. Man fragte mich, ob ich Kaiser Philipps Tochter sey? ich verneinte und nannte den Namen der Prinzessinn, auf deren Befehl ich erschien.

Eine grosse Untersuchung begann; Personen waren gegenwartig, welche wohl um die That wussten, und mehr hieruber sagen konnten als ich selbst vermochte. Die Zeugen und Beysitzer des grossen Gerichts, sind die lebendigen Verzeichnisse von allem, was hier des Forschens bedarf. Kein Fall kann vorkommen, uber welchen nicht einer aus der Versamlung bundige Auskunft zu geben wusste.

Nachdem alles vorgebracht war, was zur Sache taugte, nannte man einmuthig den Namen Pfalzgraf Ottos von Wittelsbach. Ich hatte indessen Muth genug gefasst, seine Vertheidigung zu ubernehmen, ich zog den Brief der Kaiserinn Irene vor, welcher den besten Beweis seiner Unschuld enthielt, auch erhub sich einer aus der Versammlung, den ich schon vorher wohl bemerkt und gekannt hatte, den Wittelsbacher schuldlos zu erklaren. Man forderte Beweise von ihm; die Stelle, antwortete er, die ich in diesem Gericht bekleide, berechtigt mich, mein blosses eidliches Wort, als beweisend anzugeben.

Wittelsbach war also entschuldigt, und nun erhub sich eine Stimme, den Morder Kaiser Philipps aus allen Gegenden der Welt zur Strafe herbey zu rufen; mir bebte das Herz, als war ich die Verbrecherinn! Eben wollte man weitere Verfugung zu Herbeybringung des Schuldigen auf den nachsten Gerichtstag treffen, da stand einer von den Hochsten aus der Versammlung auf und rief; Ich, Ich bin der Morder! Verfuhrung und halber Wahnsinn konnten mich entschuldigen, aber

Ein furchterliches Getos erhub sich auf der ganzen12 Flache, so weit des Sprechers Worte gehort worden waren. Es war etwas unerhortes, einen Beysitzer des furchtbaren Gerichts, als Verbrecher aufstehen zu sehen, die ganze Versammlung erhub sich, alle Stuhle wurden mit Gerausch umgekehrt, alle Lichter geloscht, nur der Mond erhellte mit seinen Stralen die grauenvolle Scene.

Von Entsetzen ubermocht, war ich zur Erde gesunken, der, welcher sich als Kaiser Philipps Morder bekannte, der, wider welchen ich das Rachschwerd aufgerufen hatte, war eben derjenige, welcher zuvor nebst mir zu des Pfalzgrafen Vertheidigung gesprochen hatte, es war O Elise! schenkt mir den Namen!

Ganzliche Bewustlosigkeit wurde mir in meiner Lage Wohlthat gewesen seyn, der Himmel begnadigte mich nicht mit derselben, ich blieb bey mir selbst um zu horen, wie der, den ich liebte mit den furchterlichsten Fluchen belastet, und hinaus gewiesen ward, aus der Versammlung, dass ihn tode wer ihn finde, weil dieser Ort zu heilig sey sein Blut zu vergiessen. Ich sprang auf, ihm zu folgen, man hielt mich zuruck; man zog das Loos, uber die bestimmten Henker des Unglucklichen wider den ich die Rache geweckt hatte, aber ich vernahm die Namen nicht; endlich besiegte die Verzweiflung die Krafte der Natur, und ich sank in einen Zustand des Nichtseyns, aus welchem ich erst nach mehrerern Tagen hier in Regenspurg, in dem Hause eines Verwandten, in welches man mich aus jenem Schreckensorte gebracht hat, erwachte.

Ich zurne mit der Natur, dass sie sich aus dem gefahrvollen Zustande, in welchem ich dem Tode nahe war, empor half; doch die Hoffnung zu sterben, bald zu sterben, ist noch nicht erloschen, wie wars moglich, das, was ich im Stillen leide, lang auszuhalten?

Eilet, Beatrix, wenn ihr mir den Trost gonnet, euch diesseit des Grabes noch einmal zu umarmen, eilet zu mir nach Regenspurg! Von dort aus habt ihr kaum den halben Weg nach Frankfurt, und ihr konnt so gleich vom Grabe der Freundinn nach dem Traualtar gehen.

O Elise, konnte ich auch dich noch einmal umarmen! Doch wohl dir, dass du nicht hier bist meinen Jammer zu sehen, den du besser als irgend jemand verstehen wurdest! Leb wohl! Dort, wohin Alix voran gegangen ist, sehen wir uns wieder.

Ach dein letzter Brief an mich, enthalt manches in Rucksicht auf die Grafinn von Toulouse, daruber ich gern dein Urtheil berichtigen mochte! Mein Trost ist, dass dort nicht Verirrungen des Verstandes, nur des Herzens gerugt werden, doch wehe denen die dich verabscheuen lehrten, was du ehemahls mit so heissem Eifer fur wahr erkanntest! Wisse, du hast keine Stunde deines Lebens zu bereuen, die du mit Alix zubrachtest, und ich nenne mich um keiner Handlung willen eine Sunderinn, als um derjenigen, die mich jetzt zum Grabe befordert; noch mehr, ich wurde gegenwartig ganz ohne Trost seyn, wusste ich nicht, was ich zu Toulouse lernte.

Dies dir, meine Elise! und dir Beatrix nochmahlige Einladung zur Eile!

Beatrix an Elisen.

1209.

Alverdens Brief, den du nun erhalten haben wirst, und den ich besser verstand, als eine von euch denken mag, liess mir kaum Kraft ubrig, die eilige Reise zu beginnen, die mir unsere Freundinn empfahl; aber den Entschluss, des Kaisers Bewerbung um meine Hand nicht zuruck zu weisen, zu dem man mich schon halb uberredet hatte, diesen fest zu machen, bewies er seine volle Kraft.

Ich weiss, ich werde auf kurze Zeit Kaiserinn seyn, aber diese kurze Zeit sey angewandt Pflichten zu erfullen, die ich nicht anders als auf dem Throne vollbringen konnte. Wollte Gott, ich war schon Ottos Gemahlinn! wollte Gott, ich konnte schon jetzt vom Throne den Ausspruch thun: Ich Philipps Tochter, verzeihe seinem Morder! ich will nichts von Rache horen, meine erste Bitte an die Gerechtigkeit, und an den Handhaber derselben, den Kaiser, ist Schonung! Schonung fur die Schuldigen und Unschuldigen! Meynst du nicht, Elise, dass der Kaiser Macht, Gerechtigkeit fur die hat, allen Rachern, allen, du verstehst mich, allen sage ich, Einhalt zu thun?

Arme, ungluckliche Schwester! ich denke mir, wie seit den letzten Briefen aus Deutschland deine Thranen geflossen seyn werden!

Sehr unvorsichtig hat man dir, wie ich hore, berichtet, dass auch uber den Pfalzgrafen, so unschuldig er seyn mag, die Reichsacht ergangen ist, und du beweinst also ohngefahr, was ich beweine; nur ohngefahr, nicht ganz. Verleumdete Tugend ist der Gegenstand deines Kummers, meine Thranen fliessen fur das Verbrechen! Wer ist am meisten zu beklagen?

O Schwester! war der Antheil, den wir an dem Verderben dieser Unglucklichen haben, nur nicht so gross! Himmel! wozu hat man uns verleitet! Man hat uns zu Anklagerinnen derjenigen gemacht, die wir gern mit einem Theil unsers Blutes retten wurden! Otto, der Kaiser, denkt, die Erklarung seiner Liebe gegen mich nicht besser einleiten zu konnen, als mit der Versicherung, dass Wittelsbach sterben solle. Wittelsbach der Unschuldige, mein ehemahliger Freund, mein gehofter Bruder: Auch um ihn fliessen meine Thranen, fliessen fast so haufig um ihn, als um den andern, den ich nicht nennen mag! Ich habe dem Kaiser um Schonung geschrieben, ich sehne mich nach dem Tage, da mir der Name Gemahlinn noch mehr Recht uber sein Herz und seine Handlungen giebt, ach dass nur nicht denn alles schon zu spat sey! Die Rache hat Flugel, wer will sie einholen.

Ich hasse jetzt jeden, der mich an den Abgrund von Elend leitete, an welchem ich jetzo stehe; oft wenn ich uber das ganze All unserer Unfalle nachdenke, so ist mirs, als herrschte durchaus eine verborgene feindseelige Macht, die alles zu unserm Verderben leitete, die uns selbst zu Werkzeugen desselben machte, die uns handeln lehrte, wie wir nicht handeln wollten, und uns gerade das vollbringen liess, was wir verabscheuten.

Hier sind Abgrunde, die weder du noch ich jemahls durchschauen werden; Hande haben hier gewurkt, Triebrader in die grosse Maschiene, die zu unserm Verderben in Gang gesetzt wurde, eingegriffen, auf die wir wohl nie rathen durften.

Die, welche uns sichtbar am Seil fuhrten, waren Sutri, und der Bischoff von Speyer. Den letzten entschuldige ich, ich kenne den alten Mann hinlanglich, um ihm zuzutrauen, dass uberall Treue gegen seinen unglucklichen Kaiser, und Wunsche seine verlassenen Tochter zu beglucken der Grund seiner Handlungen war; aber was soll ich von Sutri denken?

Wider meinen Willen ist er mir nach Regenspurg gefolgt. Er qualt die schwache Alverde unablassig um Mittheilung verborgener Dinge, zu deren Augenzeuginn sie seine hamische Staatsklugheit zu machen wusste; er, der wohl von Mannern Geheimnisse herauszulocken wusste, glaubte von einem schwachen Frauenzimmer alles erfahren, ihre Augen ganz wie die seinigen gebrauchen zu konnen; aber er irrte. Alverde musste, wie ihr Brief sagt, Geheimhaltung gewisser Dinge beschworen, und es fehlt ihr nicht an Festigkeit, ihren Eid zu halten. Auch sie scheint jetzt Sutri aus einem andern Lichte zu betrachten als vordem, da er sie mit seiner schlauen List sowohl als dich und mich eingenommen hatte; sie hasst und flieht ihn. Bey ihm will gleichfalls die Maske der Freundlichkeit gegen sie nicht mehr recht haften; er spielt oft auf ihren Irrglauben an, nennte sie jungst offentlich eine Waldenserinn, und sprach viel von den Verfolgungen, die diese unglucklichen Leute jetzt in Toulouse auszustehen haben, oder von dem Triumpf des Glaubens, wie er es zu nennen pflegt.

Meinst du nicht, Beatrix, sagte die arme Alverde zu mir, meinst du nicht, dass ich mich bald zum ewigen Schlafe niederlegen muss, wenn ich ruhig und ungefoltert sterben will? Ich schloss sie in meine Arme. Wenn Beatrix Kaiserinn wird, sagte ich, so wird sich niemand unterstehen, ihre Busenfreundinn anzutasten. Du vermissest dich viel! antwortete sie; wollte Gott, das Gute ware alles schon gethan, das du dir in den Sinn nimmst.

Uebrigens sprechen wir wenig von den Dingen, die uns am meisten am Herzen liegen, und nichts von dem Inhalte ihres letzten schrecklichen Briefs; ich fuhle die Nothwendigkeit, sie auf alle Art zu schonen. Sie muss wissen, dass ich jedes Wort desselben verstehe, sie schrieb ihn vielleicht in der Absicht nicht unmittelbar an dich, dass ich ihn lesen, und aufs wenigste Muthmassungen fassen konnte, die mich zu meiner Pflicht antrieben. Sie handelte recht; die Bande, welche mich an den unglucklichen Alf von Dulmen fesselten, mussten gewaltsam zerrissen werden, wenn der Kaiser nicht abgewiesen werden sollte.

O Alf von Dulmen! Alf von Dulmen! wer hatte das von dir gemeint! noch bist du mir ein Rathsel! Verfuhrung und halber Wahnsinn machten dich zum Morder, sagtest du? Ach ja wohl Verfuhrung! Auch wir sind in ihre Stricke gefallen, auch uns hat sie zu Morderinnen gemacht! sind du und der Pfalzgraf nicht zu retten, so klebt euer Blut an unsern Handen!

Peter von Kalatin an den Herzog von **

1209.

Musste es so mit mir enden? Ja, ich hasste diesen Otto von Wittelsbach, weil er mit Verachtung auf mich herabsah, hasste den sogenannten Alf von Dulmen, weil er sich hoher geschwungen hatte, als ich je mich schwingen werde, und weil er ubermuthig genug war, mir seine Schwester zu versagen; aber ware die Demuthigung meiner beyden Feinde erfolgt, war Alverde die Meinige geworden, so war ich befriedigt gewesen, Ottos und Adolfs Morder wunschte ich nicht zu werden.

Und doch burdet mir das Schicksal diese schreckliche Rolle auf. Als Mitglied des grossen Bundes bestimmte mich das Loos zum Ausrichter der heimlichen Rache, die o es ist entsetzlich zu sagen die die Schwester wider ihren Bruder aufgerufen hat! Als Untermarschall des Reichs habe ich die Obliegenheit, die Verfolgung des Pfalzgrafen zu veranstalten, treffe ich ihn personlich, so haftet mein Leben fur das seinige, ich muss sterben, oder ihn mit dieser Hand erwurgen! grauenvolle Pflichten, welche die schreckliche Gottinn, die wir Gerechtigkeit nennen, von uns heischt! Sind beyde Angeklagte schuldig, oder ists nur einer? sollen beyde bussen, was nur einer verschuldete? und warum muss ich ihr Henker seyn? Ach das dachte ich nicht, da ich die ersten Feindseligkeiten wider sie begann, das dachte ich nicht, da ich mich durch romisches Gold zu falschen Schritten verleiten liess; demuthigen wollte ich die Stolzen, ihr Blut vergiessen wollte ich nicht!

Ihr sagt, dass ich gleichwohl der erste war, der den Verdacht des Kaisermords wider sie erweckte; doch geschahe dieses nicht, um die Heiligkeit unsers Bundes zu retten, um der Gerechtigkeit, die im Verborgenen richtet, den Namen der unbefleckten, untruglichen auf ewige Zeiten zu erhalten? Ihr, Herzog! ihr gabt die Losung zu allen diesen Graueln! ihr liesst euch zu strafbarer Vertraulichkeit mit romischen Spionen verleiten, ihr schwatztet aus, was verschwiegen bleiben sollte, ihr gabt dadurch unsern Feinden die Mittel an die Hand, unserer Gerechtigkeit statt der heiligen Hulle gefarbte Glaser vorzuschieben. Vor eurem Gericht kam die ungeheure Beschuldigung des nun ermordeten Kaisers zu stande, ihr rustetet die Racher aus, ihn fur ein Verbrechen zu bestrafen, das er nicht begangen hatte; die That geschah, und nun sollen die Thater fur ein Verbrechen sterben, das eigentlich ihr beginget.

Herzog! Herzog! die Rache tritt auch in eure Fusstapfen, ich will euch glauben, dass ihr getauscht, dass ihr in einen Wirbel von falschen Schritten gezogen wurdet, ohne es fast gewahr zu werden; aber soll das Auge des Richters so leicht zu tauschen seyn? soll sein Fuss so leicht von dem rechten Pfade abirren? Gesteht, dass ihr euch der hohen Wurde eines Stellvertreters des weisen Bernhard von Sachsen ganz unwurdig erzeigt habt, stehet auf aus dem Gericht, wo ihr nicht mehr Platz haben konnt, da das Blut der Unschuld, da Philipps, Wittelsbachs, und Graf Adolfs Blut, da auch das meinige an euren Handen haftet. Stehet auf, Herzog, von dem heiligen Stuhl, ehe man euch mit Gewalt hinwegreisst.

Euch das Elend, dessen Ursach ihr waret, vor Augen zu legen, euch vor dem zu warnen, was euch selbst betreffen konnte, das ist der Endzweck dieses Briefes. Lasset ab von den romischen Verbindungen, in welche ihr, wie man versichert, euch immer tiefer verwickelt. Man hat euch die geheime Einrichtung des allsehenden Gerichts abgelauscht, um seine Macht an sich zu reissen, oder ihm ein anderes an die Seite zu setzen, welches sein Nebenbuhler werden, das unsrige verschlingen, und lange nach seinem Untergang noch existiren kann, da man bey seiner Grundung weniger auf die Nachahmung unserer Gerechtigkeit als derjenigen Dinge sehen wird, die unsern Bund zum Schrecken der Menschheit machen.

Noch einmal Herzog! legt eure Wurde gutwillig nieder, ehe man euch die Zeichen derselben mit Gewalt entreisst. Schon ist unser weises Oberhaupt von dem grossten Theil eures unvorsichtigen Betragens unterrichtet, durch mich unterrichtet, denkt euch die Folgen, und zittert.

Otto von Wittelsbach an Elise und Beatrix.

1210.

Was that ich euch, ihr Tochter Philipps, dass ihr mich so grimmig verfolgt? Ihr fordert das Blut eures Vaters von meinen Handen, das weder ich, noch die meinigen, vergossen haben. Ich weis mich keiner Unthat schuldig, als des Versuchs, dich treulose Elise, die meiner nun in den Armen eines andern spottet, gewaltsam zu entfuhren; ein thorigter Anschlag, welcher der Wuth gehohnter Leidenschaft noch wohl zu verzeihen ist! auch traf er dich nicht ungewarnt, ich sagte dir zuvor, du solltest mich nicht durch deine Harte aufs ausserste bringen, oder dir gefallen lassen, was daraus erfolgte; dies war der Gegenstand meiner Drohungen, die man jetzt wider mich anfuhrt, und mir schuld giebt, ich habe dir den Mord deines Vaters gedroht, an dem ich unschuldig bin, und den ein Mensch oder ein Teufel auf meine Rechnung beging, welchen Gott richte.

Fur meine Unschuld zeugt alles, wenn man nur die Augen aufthun wollte, um zu sehen; demohngeachtet muss ich in meinem Vaterlande wie ein Vertriebener leben. Meine Schlosser wurden geschleift, meine Habe zur gemeinen Beute gemacht, meine Knechte des Gehorsams entlassen, meine Bruder und Verwandte, so unschuldig als ich, (unschuldiger konnen sie nicht seyn,) theilen mein schreckliches Loos, meine Freunde kehren mir den Rucken, offentlich wuthet gegen mich des Kaisers Bann, heimlich tritt ein noch furchtbarerer Feind in meine Fusstapfen, schleicht um mein elendes Lager, das ich in Buschen und Felsklippen nehmen muss, und droht mir, den Dolch schlafend ins Herz zu drucken. Ich will mich vor dem Gericht rechtfertigen, dessen Verfolgung mich am meisten angstigt; aber Todesfurcht, die ich im Felde, in tausend ruhmlichen Fehden nicht kannte, schreckt mich in meine Hole zuruck; der Racher konnte mir auf dem Wege zum Stuhl der Unfehlbarkeit, wohin ich meine Unschuld tragen will, begegnen, und mich erwurgen. Ich will mein Vaterland verlassen, aber soll Wittelsbach, der nie seinem Feinde einen Fussbreit wich, jetzt wie ein Verbrecher fliehen?

Doch was mache ich! Philipps stolze Tochter konnten auf den Thronen, zu welchen sie blindes Gluck und Treulosigkeit erhoben haben, wahnen, der ungluckliche Otto flehe ihr Mitleid an! Dafur lieber den Tod, der mich schon getroffen haben wurde, hatte sich nicht ein Freund, ein Schutzengel zu mir gesellt, dessen Werth, so hoch ich ihn immer schatzte, mir doch erst mit voller Klarheit in die Augen leuchtet.

O Alf von Dulmen, welch ein Freund bist du! Jetzt da alles von mir zuruckweicht, stehst du allein an meiner Seite! suchst mich auf in meiner dustern Einsamkeit, theilst mit mir das Felsenlager und das Mahl von Wurzeln und wilden Fruchten, arbeitest fur mich, dass ich nicht aus der Sicherheit der Hole entweichen darf, wachst, damit ich ruhig schlafen kann, und schworst, mich gegen jeden zu vertheidigen, der mich antasten will, oder mein Blut wenigstens an ihm zu rachen!

O Jonathan, mein Bruder, deine Liebe ist zartlicher als Frauenliebe! Das habe ich erfahren, frage meine treulose Braut auf dem kastilischen Throne, frage die stolze Kaiserinn Beatrix, sie werden dir mit Errothen den Vorzug lassen mussen, ob du gleich mir taglich sagst, du opferst mir nichts mit deinem Leben, du seyst selbst ein Verbannter, ein Verbrecher, der Urheber meines Unglucks, und wie die Worte alle lauten, mit welchen du die unglaubliche Treue, die du mir erzeigst, herabsetzen, und meinen Dank schwachen willst.

Lebt wohl, Prinzessinnen, ehemals meine Freundinnen, jetzt grimmige Verfolgerinnen, die nach meinem Blute dursten, fast hatte ich vergessen, dass ich mit euch, nicht mit dem redete, der jetzt der einige Gegenstand meiner Liebe ist; durch seine Vermittelung komme dieses Blatt in eure Hande; es lehre euch, dass mich eure Wuth doch nicht des besten Guts, das die Menschheit kennt, eines Freundes, berauben konnte.

Beatrix an die Prinzessinn Elise von Kastilien.

1210.

Mein Loos ist entschieden. Morgen trete ich die Reise nach Frankfurt zu meinem Gemahl an; ach Schwester, warum ist mir mein Herz so schwer? Otto ist ja liebenswurdig, er liebt mich, er wird mir keine der Bitten versagen, die ich auf dem Herzen habe, und um derenwillen allein ich Kaiserinn zu seyn wunsche: des Pfalzgrafen Rechtfertigung, die Begnadigung des unglucklichen Alf von Dulmen, dessen Name mir wohl ewig eine Quelle von Thranen bleiben wird!

Ich kann, ich kann nicht bereuen, was ich fur ihn fuhlte, aber unablassig wird mein Herz fragen: Warum musste ich mich so schrecklich in meiner Wahl irren? Woher diese unglaubliche Vorliebe zu einem Menschen, der mir das grosste Leid zufugen sollte? Was machte den zu einem Verbrecher, der in jedem Zuge das Bild der hochsten Tugend trug?

Ich leide unbeschreiblich bey Betrachtungen von dieser Art, gleichwohl wollen es Pflicht und Wohlstand, dass ich heiter scheine; was wurde man von den Thranen einer koniglichen Braut denken? Sie zu hemmen, muss ich mich vom Nachdenken ganzlich losreissen. Alverde, welche von einer schweren Krankheit genugsam hergestellt ist, wieder meine Gefarthinn und Rathgeberinn zu seyn, zurnt schon mit mir, dass ich durch das Schreiben an dich meine erkunstelte Heiterkeit trube; sie hat mir die Erlaubniss abgenothigt, sich eine Zeitlang aller Briefe, welche an mich einlaufen, bemachtigen zu durfen, nun wird sie mir auch die Feder rauben; das Schreiben von vergangenen Dingen, behauptet sie, sey mir so nachtheilig, als wenn ich durch Briefe von meinen Freunden an dieselben erinnert wurde. Was konnte ich eben fur Briefe dieser Art erhalten, als etwa von dir oder Kunigunden? doch nahm gestern Alverde ein Schreiben zu sich, das an dich und mich zugleich uberschrieben war, und das ihr verdachtig vorkam, weil es das wittelsbachsche Wappen trug. Ein Unbekannter hat es gebracht. Also ein Brief von dem unglucklichen Pfalzgrafen.

Sie nehme es hin, und berichte uns daraus, was uns zu wissen gut ist. Ich zweifle, ob man dir bey deiner gegenwartigen Lage, die du mir ziemlich zwangvoll beschreibst, gestatten wurde, Schreiben von einer ehemaligen Verlobten anzunehmen. Mochte doch dieses, welches ich Alverden uberliess, Nachricht von seiner Sicherheit enthalten, Sicherheit nur so lang, bis die Urheberin seines Unglucks, die arme Beatrix, mehr fur ihn thun kann!

Troste dich, Wittelsbach! deine Schlosser sollen wieder aufgebaut, du und deine durchachteten Verwandten losgesprochen werden, sobald nur meine Stimme das Ohr des Kaisers erreichen kann. Mein erster Fussfall soll, was meine schriftliche Vorbitte nicht vermochte, euch Gnade erwerben! Mein kunftiger Gemahl schrieb mir ja nur noch neulich: bittende Schonheit sey unwiderstehlich, die knieende Beatrix habe zuerst sein Herz geruhrt! Und um was kniete, um was bat ich da? Um Rache! Sollte ich nicht noch mehr vermogen, wenn ich bey einem guten, gnadevollen Monarchen um Schonung flehte?

Ich fragte Alverden um den Inhalt jenes Schreibens; sie schwieg, aber ich sah wohl, dass sie, als sie aus ihren Kabinet, in welches sie sich um zu lesen verschlossen hatte, hervorging, heftig geweint hatte.

Auf meine nochmalige Frage, ob sie Erschwerung unseres Leidens gelesen habe, antwortete sie: Nein! ehe das Gegentheil! Wittelsbach hat einen Freund, einen Troster gefunden, ein Ort der Sicherheit birgt ihn; dies ist, denke ich, genug, euch zu beruhigen!

Es ist es, Alverde! aber was mag aus deinem unglucklichen Bruder geworden seyn? Gern hatte ich so gefragt, aber um sie zu schonen, darf ich Alf von Dulmens nicht gedenken.

Sie ist noch sehr schwach! Nur uberwiegende Liebe fur mich bewegt sie, mir nach Frankfurth zu folgen, so wie mich nichts veranlasst, sie aus ihrer Ruhe und Einsamkeit zu reissen, als die Hoffnung, das Gerausch des Hofs werde ihren innern Gram uber Dinge, die sie sich ohn Ursach zur Last legt, erst betauben, denn seinen Stachel abstumpfen, und so nach und nach ihr Gemuth zu volliger Heilung vorbereiten, die mir gelingen muss, wenn alles so geht, wie ich es wunsche, und wie ich es eingeleitet habe.

Leb wohl, Elise! Denkst du gar nicht mehr an unsere Freunde in Toulouse? Man verfahrt grausam mit ihnen, einiger Lehren wegen, die sie annehmen, und die man irrig nennt? Die Klugheit verbietet mir, mich hieruber deutlicher zu erklaren, eine Frage glaube ich thun zu konnen, und ich dachte, auch dir wurde sie erlaubt seyn: Ob Feuer und Schwerd Mittel sey, Irrende zu bekehren? O Elise! bittende Schonheit ist unwiderstehlich! Knie auch du vor deinem Gemahl, um Schonung, wie ich fur dem meinigen knien werde. Sein Einfluss, in das Schicksal der unglucklichen Anhanger des Waldus ist gross. Der Bischof von Kastilien ist einer ihrer vornehmsten Verfolger, er soll einer der ersten Richter in dem Tribunal seyn, welches der Pabst zu Ausrottung der Ketzer neulich errichtet hat; bitte auch ihn, knie auch vor ihm, wenn es seyn muss, keine Demuthigung zu Rettung der Unschuldigen wird deiner Hoheit schaden.

Alverde schuttelt den Kopf uber das, was ich geschrieben habe, sie meynt, es konne dir Nachtheil bringen; auf vieles Bitten uberlasse ich ihr den Brief, sie mag ihn in deine Hande befordern, wenn es ihre Klugheit am sichersten halt; ach freylich hat sie Recht, dass ein mundliches Gesprach, alles was ich dir hier sagte und sagen konnte, besser und gefahrloser berichtigen wurde, als zwanzig Briefe; aber wird mir das Gluck, dich wieder zu sehen, auch diesseit des Grabes beschieden seyn? Ich zweifle! In dem Augenblicke, da man mich zum Traualtar fuhren will, umschatten mich Todesgedanken, und schwarze Ahndungen steigen in meiner Seele auf! Leb wohl, leb wohl, Elise!

Alf von Dulmen an Otto von Wittelsbach.

1210.

Dein Brief an die Prinzessinnen ist uberliefert, ich selbst war der Ueberbringer; ich achte mein Leben so wenig, dass ich mich kuhnlich dahin wagte, wo meine Entdeckung mein Todesurtheil gewesen war, obgleich die Botschaft, wie ich dir wohl glaube, nicht von der Wichtigkeit war, ein solches Opfer zu fordern; deinen Hasserinnen Nachricht von deinem Elend zu geben, war in Wahrheit, wie du selbst gestehst, eine undankbare Muhe! Ach Schicksal! dass du die, welche uns sonst die liebsten waren, zu unsern Feinden machtest!

Dein Brief kam aus meinen in Alverdens Hande, ich sah sie, meine ehemalige Schwester, jetzt meine Verfolgerin und Anklagerin, ohne von ihr gekannt zu werden, das Gerausch von der Heimfuhrung der koniglichen Braut, verhinderte die Aufmerksamkeit, auch mag das Elend wohl unkenntlich machen!

Otto, ich weiss, dass du verschiednes nicht verstehst, was ich hier geschrieben habe, meine Geschichte ist dir noch bey weitem nicht ganz bekannt, du weisst nicht, welch einen Verbrecher du bisher an deiner Seite duldetest. Verbrecher? kann es wohl einen grossern geben, als einen Kaisermorder? und doch fand auch dieser seine Entschuldigung: Philipp hatte Blutschulden genug auf sich, es war billig, dass er einmal bezahlte. O Alix, Alix von Toulouse!

Mir ist, seit ich Personen wiedersah, die mir einst in glucklichern Zeiten theuer waren, seit ich aus der Einsamkeit unter Menschen kam, der Kopf ganz schwindelnd, die alten Anfalle kehren wieder! Du sollst dereinst schon alles erfahren, aber nicht ehe, bis ich an heiliger Stelle mich entsundigt habe, und mich dir ganz rein von den Schulden darstellen kann, die jetzt noch auf mir haften. Einst war ich der schonen Alix von Toulouse zu Liebe bald ein Albigenser geworden, aber diese Leute halten nichts von den Entsundigungen, die jetzt mein einiger Trost sind!

Nein, Otto, es bleibt dabey, wir ziehen zum heiligen Grabe, dort findet sich Ruhe fur unsere Seele, und Arbeit fur unser Schwerd. Meine Reise nach Regenspurg war nicht fruchtlos, ich hoffe, dir ubermorgen Mittel genug zu unserer Ausrustung und Zehrung auf dem weitern Wege zu bringen; das alte Gemauer, wo du auf deiner ersten Flucht vor des Kaisers Bann deine Schatze bargst, habe ich gefunden; die Nacht wird mir zu dem Uebrigen helfen. Dir nur einige Kunde von meinen Expeditionen zu geben, schrieb ich dieses, du wirst es in der holen Weide an der Donau, die du mir zu diesem Behuf bezeichnetest, schon zu finden wissen. O dass die Begierde nach Nachricht von mir, dich nur nicht bewege, dich unvorsichtig zu wagen! Bedenke, dass die Hand der Rache in deinem Nacken, und der, welcher dir schwur, fur dich zu sterben, fern ist. Nur bey Nacht darfst du die Weide besuchen.

Otto, du wirst finden, dass ich am Ende dieses Briefs ganz vernunftig geschrieben habe. Nur zuweilen, nur wenn ich auf gewisse Punkte komme, schwankt mein Verstand. Habe Geduld mit mir, es wird sich alles aufklaren!

Sey morgen meiner auf der Stelle gewartig, wo du diesen Brief finden wirst, doch darfst du mich nicht ehe als um Mitternacht erwarten. Wir setzen denn bis an den Morgen die Reise durch den Wald fort, ruhen des Tages, erheben uns wiederum bey Nacht, und fahren so fort, bis wir in Gegenden kommen, wo wir mit mehrerer Sicherheit unsere Reise beschleunigen, und das Meer erreichen konnen, das uns unter einen friedlicheren Himmel tragen wird.

Blutschulden, sagt man, folgen dem Menschen nicht aufs Meer, sie bleiben auf der Erde zuruck, die das Blut von seinen Handen trank. Und ob sie uns auch folgten; Busse am heiligen Grabe tilgt alles.

Jutta, Alverdens Kammerfrau, an den Bischof

von Sutri.

1210.

Ich fand so wenig bedenkliches an eurem Auftrag, euch alles zu melden, was auf unserer Reise nach Frankfurt vorfallen mochte, dass ich ihn erfullt haben wurde, auch wenn unsere Begegnisse von anderer Art gewesen waren, als die, welche uns leider betroffen haben; Begegnisse, welche mich in die Nothwendigkeit gesetzt haben wurden, euch zu schreiben, auch wenn ich den Befehl dazu, nicht unter dem Siegel der Beichte erhalten hatte. Horet das ganze All unsers Unglucks; die konigliche Braut ist krank, der Reichsmarschall, der Herr von Kalatin, welchen der Kaiser der Prinzessin zum Fuhrer zuschickte, ist ermordet, und mein armes Fraulein befindet sich an den Pforten des Todes!

Dass die letzte euren geistlichen Zuspruch wunschen oder fordern solle, kann ich eben nicht sagen, auch ist sie zu schwach, zu wissen, was ihr gut ist, mir aber, als einer getreuen Dienerin, liegt ob, fur ihr ewiges Heil zu sorgen, und euch, hochwurdiger Herr, zu ihrem geistlichen Beystand herbey zu rufen; und dieses um so viel mehr, da ihr mir oft sagtet, dass ihr Glaube mangelhaft, ihr Hang zu Ketzereyen stark sey; Dinge, welche meine Anhanglichkeit an sie zwar merklich schwachten, aber jetzt den Wunsch, sie gerettet zu sehen, nur desto mehr anfachen.

Mit halber Nachricht, ehrwurdiger Herr, war euch, wie ich uberzeugt bin, nicht gedient, und ich nutze also die Stunden der Nacht, die mir bis zu Abgang des Boten ubrig sind, euch alles zu melden, was uns zugestossen ist; es sind schreckliche Dinge, von welchen ich das wenigste verstehe; doch ich erhielt Befehl von euch, auch das mir unverstandliche, und eben dieses mit der meisten Sorgfalt zu verzeichnen, damit es eurer Weisheit nicht an Mitteln fehle, sich aus Irrgangen zu finden, wo mein schwacher Verstand still steht.

Die Schwermuth, mit welcher mein Fraulein seit einiger Zeit befallen war, kennt ihr, und ich behaupte nochmals, was ich euch oft sagte, wenn ihr euch herabliesst, mit mir uber diesen Punkt zu sprechen, dass dieselbe etwas mehr als aufgeregten Gewissenszweifel zum Grunde haben musse. So heiter die Prinzessin sich ausserlich erzeigte, mit so viel Freude sie ihrer erhabenen Bestimmung entgegen zu gehen schien, so ward sie doch so wohl als ihre Freundin in der Stille von einem Gram gefoltert, welcher keine Granzen hatte. Euch uber den Grund dieser Dinge vollen Aufschluss zu geben, trachtete ich noch des Abends vor unserer Abreise, mich zweyer Briefe zu bemachtigen, davon die Prinzessin den einen selbst geschrieben, und ihn Alverden endlich nach einigem Streit uberlassen hatte; den andern brachte an einem der vorigen Tage ein Unbekannter, den ich nicht selbst gesehen habe; auch von dem Briefe weiss ich nichts weiter zu sagen, als dass er, ob er gleich an die Prinzessinnen Elise und Beatrix gerichtet war, dennoch von meinem Frauleim erbrochen, und unter tausend Thranen gelesen wurde.

Ihr sehet wohl, dass sich aus diesen Schreiben viel aufgeklart haben wurde, aber sie sind mir unter den Handen verschwunden, und ich muss glauben, dass sie nebst andern Schriften zusammen gepackt, und nach einem Kloster zur Verwahrung geschickt worden sind, dessen Namen ich, als Alverde den Boten abfertigte, nicht verstehen konnte.

Ob diese Dinge einen Zusammenhang mit dem haben, was ich nun melden werde, mogt ihr entscheiden; ich gehe weiter.

Der Gram der Prinzessin und meines Frauleins ward durch das Gerausch der glanzenden Heimfuhrung der ersten nicht getilgt. Unser Fuhrer, der Herr von Kalatin, den ich wohl ehe bey Hofe als den muntersten unter allen Rittern gesehen habe, schien von der nehmlichen Seuche angesteckt zu seyn. Er nahte sich Alverden nie, ungeachtet ich wohl weis, wie er ehedem um einen Blick, um ein Wort von ihr gerungen hat. Mag wohl seyn, dass die Verminderung ihrer Schonheit seine Liebe todtete, denn gewiss der heimliche Gram hat sie ganz zu einer andern gemacht, als sie vormals war.

Der Herr von Kalatin schrankte, ungeachtet ich weis, dass er von euch bey der Abreise andere Einschlage erhielt, unsere Freiheit auf keine Art ein; in Gedanken verloren ging er meistens seinen einsamen Weg fur sich, und liess uns den unsrigen nach Gefallen suchen. Die Reisigen, welche zu unserer Hut bestellt waren, mogten wohl die wenigste Zeit wissen, wo ihr Fuhrer und wo die ihnen Anbefohlnen waren. Ihn fanden sie etwa des Abends oder auch wohl erst des Morgens im Feld und Wald mit der Miene eines Verzweifelnden umher irren, indessen unsere Damen zu der Zeit, wenn Ablager gehalten werden sollte, immer auch gesucht, und dann ebenfalls in irgend einer Einode, von ihren Thieren abgestiegen, weinend und seufzend gefunden wurden; in Summa, eine trubseligere und unordentlichere Heimfuhrung einer koniglichen Braut, als die unsrige, mag wohl, seit die Welt steht, nicht gesehen worden seyn.

Ich war nur selten die Begleiterinn meines Frauleins auf ihren einsamen Wanderungen; die Gnade, mit welcher sie mich ehemals beehrte, scheint seit dem Vertrauen, das ihr, ehrwurdiger Herr, auf mich warfet, merklich gemindert zu seyn; doch wollte es das Schicksal, dass ich mich gerade in den merkwurdigen Augenblicken an ihrer Seite fand, welche den vornehmsten Gegenstand meiner Erzahlung ausmachen.

Es war eine der schonsten mondhellen Nachte, die wir in diesem Sommer gehabt haben. Unser Reisegefolge ruhte unter den Zelten, welche man, um einmal zu rasten, auf der grossen Ebene an der Donau aufgeschlagen hatte, aber dass wir nicht rasteten, brauche ich euch nicht erst zu sagen. Die Prinzessin und ihre Vertraute wurden von ihrem ruhlosen Gram vom Lager aufgescheucht, und mich bewog die Hitze unter den Gezelten, vielleicht auch Neugier und Wunsch, euch zu dienen, meinem Fraulein nachzuschleichen, und Erfrischung im Freyen zu suchen. Ich folgte nur von weiten, weil ich nicht zur Begleitung aufgefordert war. Ich sah, dass die Damen ihren Weg nach dem Strome nahmen, der, wie er seine Fluthen im Mondglanz dahin walzte, wurklich ein hinreissend schones Schauspiel gab. Der Ort, wohin sich unsere Schritte lenkten, war einsam. Der ausgetretene Strom hatte sich in einer der lieblichsten Gegenden ein Bette gemacht, das in niedrigen Ufern die klare Fluth umschloss, und von alten Weiden beschattet wurde. Man liess sich an denselben nieder, man sprach, man weinte; ich hatte die Welt darum gegeben, ein Wort zu verstehen, aber die Entfernung, in welcher ich mich halten musste, war meiner Neugier nicht gunstig, und nur einigemale kamen mir die Namen, Otto von Wittelsbach, und Alf von Dulmen zu Ohren; wars nicht schon Verbrechen fur Kaiser Philipps Tochter, fur Kaiser Ottos Braut, diese Namen in ihren Mund zu nehmen? Doch ihr sollt noch mehr horen!

Ueber der vergeblichen Bemuhung, etwas zu vernehmen, das ich euch melden konnte, war ich entschlummert. Mit Schrecken erwachte ich; Waffengerausch wars, was mich weckte. Ich sprang auf, mein erster Blick war nach den Damen, mein erster Gedanke Besorgniss um sie. Ich sah sie nicht mehr auf der Stelle, wo sie gesessen hatten, aber die klagende Stimme der Prinzessin, lenkte meine Schritte nach dem Orte, wo ich sie finden sollte. Weiter ins Thal hinein ist eine Stelle von dichten Baumen umschattet, die sie meinen Augen verbarg. Das Geklirr der Schwerdter und die unaufhorlich von der Prinzessin ausgesprochenen Namen, Otto von Wittelsbach und Alf von Dulmen liessen mich dorthin eilen, ich sahe zwey gerustete Ritter im vollen Kampfe, ich sah Beatrix, wie sie bald sich mit Gefahr ihres eigenen Lebens zwischen sie warf, um ihren Streit zu hindern, bald auf den Boden neben einem Verwundeten, den ich noch nicht wahrgenommen hatte, hinkniete, um ihm das quellende Blut zu stillen; mein Fraulein sah ich gar nicht, und man hat sie erst ziemlich spat in tiefer Ohnmacht unter den Weiden entdeckt. Das Herz jedes Weibes ist zum Mitleid gebildet: ich flog zu dem Verwundeten, die Sorge um ihn, mit der Prinzessin zu theilen, und ihr die Trennung der beyden Kampfer, davon ich den einen beym Mondlicht fur den Herrn von Kalatin erkannte, zu erleichtern.

O, Jutta! schrie die Prinzessin, rette, rette, wenn du kannst, den Pfalzgrafen! er ist unschuldig, der Kaiser wird ihn begnadigen! Ja, bey Gott! lallte der Sterbende, das bin ich! aber Kaisergnade bedarf ich nicht mehr, nur die Gnade des Richters, vor dem ich nun bald stehen werde!

Beatrix betauete des Wittelsbachers bleiches Gesicht mit ihren Thranen. Geht Prinzessin, lallte er, indem er sie von sich abwehrte, rettet Alf von Dulmen, mit mir ists zu spat! O Alf von Dulmen! Alf von Dulmen! schrie die Prinzessin, indem sie aufsprang, und sich von neuem unter die Kampfenden sturzte, deren Gefecht sich jetzt weiter nach dem Strom hingezogen hatte. Der Pfalzgraf verschied unter meinen Handen; das Geschrey der Prinzessin, das von der andern Seite zu mir um Hulfe ertonte, machte, dass ich meinen Thranen, die wurklich auch um den schonen edeln Mann flossen, ungeachtet er in Acht und Bann gestorben ist, Einhalt thun musste; ich flog dahin, wohin ich gerufen ward, ich sahe den Herrn von Kalatin fallen, seinen Morder sich aus den Armen der Prinzessin winden, und sich vom hohen Ufer mit einem Sprunge in den Strom sturzen. Beatrix sank ohne Gefuhl zu Boden, mir mochte es nicht besser gegangen seyn; denn ohne zu wissen, wie das zusammenhing, sahe ich mich auf einmal von unsern Leuten umringt, die mich empor huben, und der Prinzessin und Alverden nach, unter die Gezelte trugen.

Die Unruhe, welche seitdem hier herrscht, ist unglaublich. Der Leichnam des Herrn von Kalatin ist bis auf weitere Verordnung des Kaisers, nach dem nahen Paulinerkloster gebracht worden, den Korper des Wittelsbachers, als eines Durchachteten, hat man in den Strom geworfen.

Alf von Dulmen aus den Fluthen zu retten, soll sich einer von euren uns mitgegebenen vertrauten Leuten, ehrwurdiger Herr, sehr viel Muhe gegeben haben. Die Prinzessin liegt ohne Besinnung, Alverde ist dem Tode nahe; der Kaiser, welcher seiner Braut entgegen gegangen war, ist personlich hier eingetroffen, und da aus den kranken Damen von dem ganzen Vorgange nichts zu erforschen ist, so habe ich Dinge aussagen sollen, wovon ich doch nichts als das Ende gesehen habe.

Ich schutze mich mit meiner Unwissenheit; Erklarungen uber so delikate, und nach meinen Gedanken ziemlich verdachtige Handel, hatten leicht mir selbst Gefahr bringen konnen.

Ihr, ehrwurdiger Herr, werdet euch aus diesen Rathseln besser finden konnen, als ich. Der Morgen bricht an; ich muss eilen, damit der kaiserliche Bote, der mir versprochen hat, ein Schreiben an euch mit sich zu nehmen, nicht ohne dasselbe abgehe.

Alverde an die Aebtissin des Colestinerklosters

zu Pamiers.

1210.

Verwahrt die Papiere wohl, die Euch kurz vor diesem Schreiben oder mit demselben eingereicht wurden; merkwurdige Dokumente beyspiellosen Unglucks! Alverde, Morderin ihres eigenen Bruders? Beatrix und Elise, Verderberinnen derer, welche sie auf der Welt am meisten liebten? Wird die Nachwelt fassen, wird sie glauben, was in diesen Worten liegt?

Ich schreibe auch dieses durch die Hand einer vertrauten Dirne, nicht der Jutta, welche mir seit ihrer Vertraulichkeit mit Sutri, verdachtig geworden ist. Sutri ist hier, vermuthlich auf ihr Anregen, mir meine letzten Stunden schwer zu machen; vielleicht fordert mich Gott ab, ehe die Stimme donnernden Gesetzes aus seinem Munde mir noch den wenigen Trost raubt, den ich ubrig habe!

Ja, ehrwurdige Mutter, mein kurzes qualvolles Leben ist bald voruber, die Stunden sind kostbar, ihr musst in wenig Worten vernehmen, was mich so schnell zum Ziel beforderte. Die Wurkung einiger unuberlegten Schritte, die ich, verfuhrt, ohne Euren Einrath und Vorwissen that!

Das Ganze, wie man uns nach und nach zu unserm und unserer Freunde Verderben leitete, euch zu erzehlen, war fur mich am Rande des Lebens zu viel; ich beziehe mich auf meine Papiere. Alles ist unsern Feinden gelungen: Wittelsbach ist tod, das Schicksal liess uns ihn am Ufer der Donau sterbend treffen. Kalatin, von der Gerechtigkeit zu der blutigen That authorisirt, war sein Morder. Wahrend wir uns mit der Rettung des Verwundeten vergeblich bemuhten, erschien Alf von Dulmen, Wittelsbachs bisheriger Elendsgefarthe, damals nur zu seinem Ungluck auf wenige Tage von ihm getrennt, an deren Ende ihn das Schwerd des Rachers getroffen hatte.

Alf von Dulmen, ich wage es nicht ihn Bruder zu nennen, fand seinen todlich verwundeten Freund, fand uns an seiner Seite, wechselte wenige schreckliche Worte mit uns, die mich in Ohnmacht sturzten, und flog dann, Wittelsbachs Morder aufzusuchen, und ihn an der Stelle, wo er gefallen war, hinzurichten. Ich sah nichts davon, wie ihm sein Unternehmen gluckte, sah nicht, wie er nach vollbrachter That den grauenvollen Entschluss fasste, seinem elenden Leben durch einen Sprung in die Donau ein Ende zu machen. Ich horte es von Beatrix, von ihr konnt ihr alles weitlauftiger erfahren, wenn Gott ihr das Leben fristet, wie ich zu ihm sterbend flehe, ich werde zu schwach, um der Schreiberin alles in die Feder zu sagen.

Beatrix ist krank, man zweifelt an ihren Aufkommen; der sie mit der heissesten Inbrunst liebende Kaiser, besteht darauf, dass sie als seine Gemahlin leben oder sterben soll, sie wurden diesen Morgen in der Stille eingeseegnet. Beatrix hat fur die Freunde des Wittelsbachers und fur seinen Leichnam gebeten, den man in die Donau geworfen hat; fur Alf von Dulmen kommt alle Vorbitte zu spat. Von den Verwandten des Pfalzgrafen ist die Acht zuruck genommen, sein Leichnam ist gefunden, und ehrlich beerdigt worden. Alfs Korper hat man nicht finden konnen!

O, meine Mutter, ihr merkt aus den letzten so kurzabgebrochenen Worten, wie schwach ich bin! Meine letzte Hoffnung ist Ruhe in jener bessern Welt, Gott gebe, dass mir sie kein Sutri raube! Vergesset nie die ungluckliche Alverde!

Bernhard, Herzog von Sachsen,

an den Herzog von ***

1210.

Ich muss mich mit Eurer Erklarung brfriedigen; Gott gebe, dass euer eigenes Gewissen sich damit beruhigen lasst, es ist hier eine Kette von Schrecknissen, davon allemal das erste Glied in eurer Hand war.

Philipp, Wittelsbach, Graf Adolph, seine Schwester, die arme Beatrix, welche nur vier Tage den Namen einer Kaiserin fuhrte, und vielleicht mehrere andere, haben ihr Schicksal den Unordnungen zu danken, welche ihr in den Euch anvertrauten Geheimnissen einreissen liesset. Die Moglichkeit, der guten Sache auf die Art zu schaden, wie bereits geschehen ist, muss euch auf ewig benommen werden, ihr sehet selbst, dass Entsetzung von Eurer Stelle eine sehr massige Strafe des Bosen ist, das ihr veranlasset, und das fur uns und die Welt unwiederbringlichen Schaden nach sich zieht. Wer vernichtet das, was auf die von uns erlauschten Heimlichkeiten erbauet ward? wer benimmt den arglistigen Romern die Mittel, hinfort noch mehr Unkraut unter unsern Waizen zu saen?

Fortan mussen unsere Gesetze gescharfter und heiliger gehalten werden. Bruch der Verschwiegenheit, dessen der ungluckliche Pfalzgraf und ihr, Gott weiss ob so unschuldig als er, euch erkuhntet, werde gleich jedem andern unabloslichen Verbrechen vor unserm Gericht mit dem Tode bestraft.

Wer sich erkuhnt unsere heiligen Gebrauche nachzuaffen, und unter dem Namen unserer Gerechtigkeit Unheil zu stiften, der sterbe!

Wer eigene Rache unter der Maske der heimlichen Racher ausubt, der sterbe ungewarnt und wo man ihn findet!

Wer den Richter zu blenden sucht, den Schuldlosen mit seinem Namen schreckt, oder den Verbannten warnt, der sterbe!

Mein Herz blutet, ob den furchterlichen Gesetzen, welche die Stellvertreter der gottlichen Gerechtigkeit zu geben, und ich zu bestattigen genothiget bin; ich zittre vor dem Unheil, das der Misbrauch derselben in die Welt fuhren wird, aber die Noth heischt was wir thun mussen; Euch sey ein Theil der kunftigen Verfassung unsers Rechts zuerst kund gethan, damit ihr eure begangenen Vergehungen schatzen, und euch prufen lernt, ob euch noch gelustet langer in unserm Bund zu bleiben, in welchem ihr ohne dem jetzt nur eine der untersten Stellen behaupten konntet. Wollt ihr euch ganzlich von uns trennen, wie ich euch wohl rathen mochte, so hutet euch vor den Romern, dauert eure Vertraulichkeit mit denselben fort, so wird euch die Rache, wie jeden andern, der nicht zu unserm Bunde gehort, zu treffen wissen. Ihr neues Gericht soll unserer Allwissenheit nachaffen, aber schutzen kann es den nicht, welcher unser Misfallen auf sich lud. Alf von Dulmens Gestandnisse an die Nachwelt.

1210.

Ich ward gerettet, aber o Gott, zu welch einem Leben! Ist das Leben im Kerker Leben zu nennen? Lebe ich wurklich? Wurde ich, wenn heute mir die Freyheit wieder geschenkt war, anders unter den Lebendigen wandeln, als ein aus jener Welt zuruckkehrender Schatten? Die Sonne ist mir fremd geworden, meine Augen, Jahre lang (ach ich mag sie nicht zahlen!) an die Dunkelheit des Grabes gewohnt, wurden ihren Glanz nicht mehr ertragen konnen. Die Welt ist mir fremd geworden, keiner meiner Lieben, keiner meiner Bekannten wurde mir dort oben begegnen, der da sagen konnte: das ist Alf von Dulmen! Den grossten und besten Theil dessen, woran mein Herz hing, verlor ich, ehe man mich hier lebendig verscharrte, die wenigen Uebrigen werden langst auch abgetreten seyn von dem grossen Schauplatz des Elends; nur mir fristete die Vorsicht mein Leben zur langern Qual! Ich verdiente diese grausame Fristung, denn ich war ein Verbrecher! Ja das war ich! ein grosserer Verbrecher, als zu meinen Zeiten die Erde einen tragen mochte! Heiliges Blut haftete an diesen Handen. Entschuldige dich nicht, gequaltes Herz, du weisst die Lehren, welche die Nacht, und Einsamkeit diese halbe Ewigkeit hindurch predigten; Nacht und Einsamkeit, diese grossen Lehrerinnen, welche das Gewissen laut reden machen, und jedem Verbrechen seine Hulle nehmen! Hier gilt keine Entschuldigung! auf der Stelle, wo ich hin geschleudert wurde, ist der Standpunkt, wo man jedes Ding nach seinem wahren Werthe schatzt, jedes mit seinem rechten Namen benennt, Sclave der Ehrsucht, Sclave noch thorigterer Leidenschaften, der war ich! Dies war der Anfang einer glorreichen Laufbahn, die sich mit Kaiser- mit Freundesmord endigte! O Philipp und Kalatin! lasst ab von mir! eure rachenden Schatten, die mich unablassig umschwebten, konnten wohl mit meinen langen, langen Leiden befriedigt seyn!

O, dass die Fluthen der Donau nicht mein Grab wurden! Grausame Hulfe, die mich zu endloser Qual rettete! Ja wohl endlos! Ich ward mude die Jahre zu zahlen, die man mich hier schmachten liess, und doch finde ich, da ich nun auf einer Art von Ruhepunkt stehe, und ruckwarts blicke, auch sie sind wie ein Traum verschwunden! Die erste Epoche meines Elends, da ich ganz unwissend war warum man mich hier einkerkerte, war kurz, ihr folgte eine andre, da ich heller sehen lernte, da man mir die Moglichkeit zeigte, Freyheit und Gluck durch Treubruchigkeit zu erkaufen; sie war schrecklich; die Kampfe zwischen der Stimme der Menschheit und den Forderungen der Tugend waren nicht leicht; ich seufzte nach Ruhe, aber die Ruhe, welche ich endlich fand, war noch schrecklicher, sie hiess Vergessenheit. Meinen Verfolgern hatte entweder der Tod die Schlangengeissel aus den Handen gewunden, oder sie waren mude geworden, immer vergebens gegen einen Fels zu wuten, und ich blieb ungestort in langer, langer Nacht, deren grauenvolle Einformigkeit mir nach und nach fast Empfindung und Bewusstseyn raubte, und mich mein Daseyn in einer Art von Schlummer hinbringen liess, dessen Ende, bey den allmahlig sinkenden Kraften der Natur, wahrscheinlich der Tod seyn musste.

Ein wohlthatiger Schlag erweckte mich zu einem neuen Leben! Wer misst die Empfindungen eines Menschen, der schon mehr als halb dem Grabe anheimgefallen ist, wenn eine machtige Erschutterung ihn gewaltsam empor reisst, und ihn fuhlen lasst, dass er noch lebt? Wer misst die Empfindung jener Nacht, da ich im Donner Gottes die letzte Posaune zu horen glaubte, die mich Toden zur Auferstehung rief, da die Fesseln von meinen Handen sprangen, und die einsturzenden Gewolbe um mich her die kaum erlangte Freyheit, von der ich keinen Gebrauch zu machen wusste, schnell zu endigen drohten?

Frommer, mildherziger Ademar, du warst der erste Gegenstand, den ich nach meiner Betaubung erblickte; es war mir wohl zu verzeihen, dass ich dich fur einen Engel, den schonen Ort, an den du mich gebracht hattest, fur den Wohnplatz der Seeligen hielt! Einen Menschen der gelitten hat, wie ich, scheint jede kleine Besserung seines Schicksals uberirrdisch, jeder lindernde Helfer eine Gottheit zu seyn.

Guter Ademar! dir danke ich Erleichterung meines Schicksals, du musst dich nicht entschuldigen, dass du mir dieselbe nicht ehr gabst; du warst Huter meines Kerkers, du hattest geschworen meine Ketten nicht zu brechen, du kanntest deinen unglucklichen Gefangenen nicht einmal, ein Blitz vom Himmel musste mich dir kenntlich machen, ein Blitz vom Himmel musste dir zeigen, was du fur mich thun solltest; wie konntest du ohne hohere Fuhrung dich zu mir finden? Keiner deiner Vorganger hatte ja in langen dreyssig Jahren daran gedacht, dass es Pflicht fur ihn sey, zu mir in mein Grab hinabzusteigen, wie hatte dir, der mit ihnen nach einerley Grundsatzen zu handeln verpflichtet war, dieses einfallen sollen? Was wurde dir der Anblick eines Elends geholfen haben, das du, durch Eid gebunden, nicht lindern durftest?

Jetzt, da der Himmel selbst dich zu mir fuhrte, da der Himmel selbst meine Bande brach, jetzt hast du freyere Hand zu handeln. Niemand beeidigte dich mir neue Fesseln anzulegen, und diese wunden Hande, diese steifgewordenen Fusse bleiben also frey; mein altes Grab ist zusammen gesturzt, warum solltest du mir ein neues bauen? du gonnst mir ja gern diese hellere geraumigere und reinere Wohnung, und die Aussicht den Schlossberg hinab, die mir beym ersten Anblick so elisisch dunkte. Etwas bessere Pflege kann vielleicht mir einen Theil der verlornen Krafte wieder erstatten; dann und wann eine Stunde in deiner Gesellschaft wird mir das Leben zum Himmel machen, und die Beschaftigung mit Buchern, und mit der Feder, die du mir gonnst, vertreibt die argste Qualerin des Gefangenen, die Langeweile, mit allen Schrecknissen, die sie in ihrem Gefolge hat; nur zuweilen in meinen schwarzesten Stunden kehren jetzt jene Furien, die Gefarthinnen meiner Einsamkeit zuruck. Nur zuweilen ist mirs, als lag ich noch in jener Nacht begraben; aber ein Blick von dir, ein Gedanke an dich, kann diese Phanthasien immer verjagen!

O Ademar! Ademar! Gott seegne dich, und erhalte dich mir! Sollte dich ein feindliches Geschick mir entreissen, was wurde aus mir werden? Tode mich lieber, ehe du mich in fremde Hande kommen lassest; du weisst wohl, es war ein Theil deines Eides, den du jenen Unerbittlichen schworen musstest, als sie dich zum Huter dieses alten Steinhaufens und zu dem Meinigen machten, mich hinzurichten, wenn der Zufall mich und die Geheimnisse ihrer Grausamkeit, die in meinem Gedachtniss verwahrt sind, unter fremde Gewalt zu bringen drohte!

Ademar, ich habe gedacht, wie ich dir deine Treue gegen mich Hulflosen belohnen wollte; und schnell fiel mir ein, da ich sonst nichts habe, dir ein treues Gestandniss vergangener Dinge, so weit ich das darf, zu schenken; Du musst dies Geschenk nicht gering schatzen, es hat gewiss seinen Werth, und wird mir hier und da viel schmerzhafte Aufopferung kosten. Zeit und Krafte, die ich zum Niederschreiben meiner traurigen Geschichte brauche, bringe ich nicht in Rechnung; ich kann sie nicht besser anwenden als fur dich und die Nachwelt, wenn du ihr die Mitwissenschaft dieser Dinge gonnen willst.

O mein Freund, du musst hier auch auf den Nutzen rechnen, den du aus der Kenntniss dieser Dinge schopfen kannst. Du bist gegen mich sechzigjahrigen Alten (Gott! ich war noch nicht dreyssig Jahr, als man mich in jene Tiefe hinabstiess) du bist gegen mich alten Lehrling in der Unglucksschule noch ein Jungling; manches in dem Leidenverzeichniss des armen Alf von Dulmen wird dir aufstossen, das dir zu Trost und Leitung fur dein kunftiges Leben dienen kann.

Doch nichts mehr von Vertheurung meiner Gabe, sondern nun ohne weitere Umschweife den Anfang meines Versprechens!

Mein Vaterland ist Westphalen. Bis in mein zwanzigstes Jahr hielt ich mich fur den Sohn eines gemeinen unbemittelten Edelmanns, ohne Rang und ohne Anspruche, und war glucklich in diesem Wahn; o Gott, dass er mir ewig geblieben war!

An hohen Flugen schwarmender nach Ruhm und Grosse durstender Phanthasie, fehlte es mir von meinen ersten Junglingsjahren an, nicht; Trieb, mich in einer hohern Sphare zu zeigen, musste mir angebohren seyn; ich todete ihn nicht, sondern ich hing ihm mit geheimer Wohllust nach. Die Bahn, auf welcher ich das zu erlangen glaubte, was ich wunschte, lag, wie ich meynte, offen vor mir; schon mancher gemeine unbemittelte Jungling, das sagte mir die Geschichte, welche mein Lehrer, ein gelehrter Monch aus dem benachbarten Kloster, fleissig mit mir traktirte, hatte sich durch sein Schwerdt und seine Tugend empor geschwungen. Ich hatte mir schon eine Reihe von Edelthaten vorgezeichnet, zu denen sich, wie ich meynte, nach meiner Vorschrift, die Gelegenheit ganz genau finden musste, und die mich Zeit genug mit Ehre und Gluck kronen mussten. O Schicksal, warum verleidetest du mir diesen sichern und anmuthsvollen Weg zu Erreichung meiner Wunsche, indem du mir einen kurzern aber gefahrvollern zeigtest? Doch ich will nicht mit der Vorsicht rechten, sondern mich demuthigen, mich als den allein Schuldigen bekennen.

Voll Ungeduld sahe ich den Jahren entgegen, da mein Vater mir versprochen hatte, mich wehrhaft machen zu lassen, und an irgend einen Furstenhof zu schicken; ich war geitzig nach jeder Gelegenheit mich in den Waffen zu uben; ich fand sie in der Gesellschaft eines guten Junglings aus unserer Nachbarschaft, dessen Namen ich mir nie ohne Schmerzen denken kann. Ach auch an ihm habe ich gesundigt! Sein Name war Evert von Remen!

Nimmer mude, Arbeit fur Schwerdt und Wurfpfeil zu suchen, ward ich ein wilder Jager. Tag und Nacht lag ich in den Waldern. Meine Faust ward stark, mein Wuchs ausserordentlich durch die unaufhorlichen Uebungen. Mein braver Vater, selbst in seinen Junglingsjahren ein tapferer Krieger, hatte seine Freude an mir, und nannte mich oft gegen Konraden von Remen, Everts Vater, seinen jungen Helden. Lob und Beyfall feuerten mich noch mehr an; ich durstete nach immer neuen Beweisen meiner Starke, und trauerte aufrichtig, dass es in den europaischen Geholzen nicht Lowen und Tieger gebe, und dass Wolfe und Baren nur zuweilen in den unsrigen gefunden wurden. Hinfort kam ich nur selten in das Haus meines Vaters, um daselbst zu ubernachten, und die Walder wurden meine Heimath.

Ich hatte eine jungere Schwester, ich zurnte mit ihr uber die Schwache ihres Geschlechts, die mich um ihre Begleitung bey meinem Herumschweifen brachte, zurnte mit ihrem und meinem Freunde, dem jungen Evert von Remen, der ganz an ihr hing, und der, da sich sein Gemuth mehr zu weiblicher Sanftmuth neigte, lieber bey ihr zu Hause blieb, als die Gefahren der Jagd mit mir theilte.

Ich war die mehresten mahle auf meinen Wanderungen ganz allein, und da mir die tausendmahl durchstreiften Gegenden in der Einsamkeit endlich lange Weile machten, so entfernte ich mich oft mehrere Tagereisen von meines Vaters Wohnung, um neue Unterhaltung fur mich, neue Beute fur meine Waffen zu finden.

Weit nach Norden am Ausfluss der Weser, zwischen einer Gruppe von kahlen Geburgen, liegt ein enges Thal, von welchem in unsrer Gegend zur Zeit meiner Jugend viel seltsame Sagen gingen. Die meisten machten es zu einem Eigenthum boser Geister, welche zu gewissen Zeiten daselbst ihre Zusammenkunfte halten sollten; man sprach viel von Personen, welche es betreten hatten, ohne wieder herauszukommen, von nachtlichem Getos, das sich daselbst horen liess, von quellendem Blut und blaulichen Flammen, und andern ungeheuren Dingen, welche ich mir alle auf meine Art deutete. Ich glaubte nehmlich, gewisse weisse Baren, die sich zuweilen in unsern Waldungen spuren liessen, und davon ich einst einen erlegt hatte, hatten daselbst ihre Behausung und die Legende von ubermenschlichen Wesen, welche dort regierten, diene der Furchtsamkeit nur zum Vorwand, sich nie dorthin zu wagen. Ich kannte keine Furcht; die Vorstellung neuer Gefahren war mir ein Gedankenfest; dass ich uberall durch meine Faust unverletzt hindurch kommen wurde, war mir gewiss, und die Reise dorthin ward beschlossen.

Man war in meines Vaters Hause gewohnt, mich mehrere Tage nach einander nicht zu sehen, und die Ausfuhrung meines Plans, welcher in der That Zeit brauchte, hatte also keine Schwierigkeit.

Es war einst gegen den Abend, da ich nach einer wurklich muhseligen Reise, das Ende meines Wegs vor mir sah; der letzte von mehrern grossen und kleinen Bergen, welche sich immer einer hinter dem andern erhuben, war erstiegen; ich sah ins Thal hinab, welches ich mir als eine schone weite waldigte Gegend, die Wohnung zahlreichen Wilds, vorgestellt hatte, und das sich mir nun ganz als das Gegentheil zeigte. Hier, das sagte mir mein erfahrner Waidmanns Blick, hier mochten weder Wolfe noch Baren hausen. Vielleicht hatten in dem niedrigen Gestande einige Hasen ihr Lager, die ich aber in unsern Waldern besser finden konnte, und deren Nachstellung uberhaupt meine Sache nicht war, wenn ich mir nicht etwa zuweilen die Lust machte, einen in vollem Lauf mit der Hand zu ergreifen, und mir selbst dadurch einen Beweis meiner Schnelligkeit zu geben.

Misvergnugt, dass ich hier das so wenig fund, was ich suchte, wollte ich schon unverrichteter Sache zuruckkehren, als ich ein Volk Rebhuhner vor mir aufsteigen sah; ich schenkte ihnen einige Pfeile, hub mein gefalltes Wildpret auf und trat den Ruckweg an, entschlossen, diese Gegend nie wieder zu betreten, die ich in der Folge noch so oft sehen sollte.

Ich entdeckte einen kurzern Weg als den, welcher mich zuerst hieher gefuhrt hatte. Man fand zu Hause mein Wildpret kostlich; die Damen vornehmlich wollten nie etwas ahnliches gekostet haben, und der Frau von Remen zu Liebe, verging keine Woche, da ich nicht ausging, in jenen Gegenden Beute zu machen.

Sie wurden jetzt genauer untersucht, ich stieg hinab, ich durchspahte alle Winkel, die sich zwischen den zerstreuten Geburgen verbargen, und fand endlich eines Tages eine Stelle, die zwar dem Auge des Jagers nicht eben merkwurdig war, die aber doch auf andere Art meine Aufmerksamkeit reizte.

Ich hatte die alte Geschichte der Romer gut studirt, ich wusste viel Wahres und Unwahres, das mir mein Lehrer von Spuren ihrer Anwesenheit gesagt hatte, die sie in Deutschland zuruckgelassen haben sollten, und glaubte hier sehr kenntliche Ueberbleibsel eines romischen Amphitheaters zu finden. Dies war etwas, das meiner Phanthasie schmeichelte, und ich beschloss, hier das Andenken der grauen Vorzeit oft zu feyern. In der Folge war allemahl ein Fragment aus der romischen Geschichte, dergleichen mir aus der Klosterbibliothek nicht versagt wurde, ein nothwendiges Stuck meiner Jagdbagage. Halbe und ganze Tage wurden hier in Gesellschaft der Alten vertraumt, Vergangenheit vergegenwartigt, Zukunft herbeygerufen, Plane und Vergleichungen gemacht, und all der phantastische Unfug getrieben, welchen eine junge Seele gemeiniglich in dem Gebiet des Wissens oder Empfindens zu treiben pflegt, das sie sich vor andern ausgesehen hat.

Die Gegend, auf eine halbe Meile umher, war ganz ode; ein heftiger Regen, der mich einst aus meinen Traumen aufschreckte, fand mich ganz ohne Obdach; alle Ueberbleibsel von Gemauer, die man hier fand, waren gegen den Himmel zu offen, und meine Zuflucht war ein holer Baum, in welchem ich gemeiniglich meine mitgebrachten Gerathschaften zu bergen pflegte, es war eine ungeheure Weide, welche ausser mir wohl noch eine Person hatte beherbergen konnen, und deren uberhangende Zweige mich vollkommen schutzten. Ich sass warm und reinlich; der Regen hielt an, sein monotonisches Rauschen schlaferte mich ein; der weite Weg hatte mich ermudet, und die hereinbrechende Nacht fuhrte die Zeit des Schlummers herbey.

Nach Mitternacht, wie mir der Stand des Mondes sagte, der jetzt rein und voll am Himmel leuchtete, erwachte ich. Ich wusste nicht was mich erweckte; es war Gerausch, desgleichen ich in der ewigen Stille, die hier herrschte, nie vernommen hatte. Ich schlug die Augen auf und sah die Gegend rund umher von Menschen belebt. Ich schauderte in mich selbst zusammen, und alle ehedem vernommene und fur Marchen gehaltene Geistersagen kamen mir vor die Seele. Mein innres Beben dauerte indessen nur kurze Zeit; gewohnt, mich vor nichts zu furchten, erhub ich mich, verliess meine enge Wohnung und trat ohne besondere Vorsicht naher hinzu, um Dinge zu sehen und zu horen, zu deren genauer Schilderung mir Zunge und Feder gebunden ist. Euch sey genug, zu wissen, dass ich mich hier auf einmahl ohne es zu wissen zuerst in einer Versammlung befand, die man wohl mit recht unter die furchtbarsten und ehrwurdigsten rechnet, welche unsere Zeiten kennen, oder vielmehr, welche, von dem grossern Theil der Menschen ungekannt, ihr zur Geissel und zum Seegen im Verborgenen bestehen.

Dass ich unter Menschen nicht unter Geistern war, das sagte mir mein gesunder Verstand, obgleich wurklich hier alles das Geprag des ubermenschlichen, des ausserordentlichen trug. Ich starrte in eine zahllose Versammlung hin, die durch einen gewissen traurigen Ernst, in der Kleidung so wohl als im Betragen, die Wichtigkeit der Dinge bezeichnete, warum sie hier zusammen gekommen war. Ich sah in der Mitte des grossen Kreises einen Mann auf einer Art von Throne, welcher durch die Wurde, die in seinem ganzen All herrschte, und durch die Urtheile der Weisheit, welche aus seinem Munde gingen, Anspruch auf den Namen eines Richters des ganzen Menschengeschlechts zu haben schien. Auch war es, als wenn bey den Dingen, welche hier in Vortrag kamen, die ganze Menschheit interessirt war. Meine Aufmerksamkeit wuchs von Minute zu Minute, die Vorgange wurden immer wichtiger. Ich Furchtloser schauerte mehr als einmahl zusammen; mir, dem Jungling mit den gestahlten Nerven, wandelte mehr als einmahl ganzliche Machtlosigkeit an. Was ich sah, was ich horte, das ist Gott bekannt, auch wird es wohl durch keine Zeit aus meinem Gedachtniss verloscht werden, aber euch mehr davon zu sagen, als ihr bereits vernommen habt, ist unmoglich.

Ganz im stummen Staunen verloren, kaum athmend vor Wissbegier, wie das alles enden wurde, stand ich da. Ich nahm Partie bey allem was verhandelt wurde, und als jetzt der Richter vom Throne in einer Sache einen Ausspruch that, der nicht ganz zu meinen Einsichten passte, so ward meine Befremdung durch einige Worte laut! Ist hier der Thron der Unfehlbarkeit? schrie ich, oder darf man noch von diesem, an den Richtstuhl des Ewigen appelliren?

Jedermann in dem grossen Cirkel war zu sehr mit sich selbst beschaftigt, um auf mich geachtet zu haben. Ich stand noch uberdem auf ein kleines Gemauer gelehnt, hinter den andern in halber Dunkelheit, so dass ich wohl hatte verborgen bleiben konnen, wenn ich der Vorsichtigkeit getreu geblieben ware.

Meine sehr laut gesprochenen Worte, und die mit dem Ausdruck des hochsten Affekts in die Hohe gehobene Rechte, zogen die Augen all meiner Nachbaren auf mich. Ein leises Murmeln begann, das sich immer weiter ausbreitete, immer mehr verstarkte, und endlich wie ein brullender Donner ertonte; was ich verstehen konnte, waren die Worte: Es habe sich ein Fremder zu ihren Geheimnissen eingeschlichen, und Tod musse sein Lohn seyn! Die That schien hier unmittelbar den Worten folgen zu mussen, denn ich hatte kaum gehort, wusste kaum was ich gehort hatte, so bekam ich einen Schlag in den Nacken, der mich sinnlos zu Boden streckte.

Ob der Streich, den ich empfing, mich wurklich todten oder nur meines Bewusstseyns berauben sollte, weiss ich nicht; ich glaube das letzte; ich war in der Gewalt dieser Unbekannten, was hatte sie hindern sollen, da sich noch Leben in mir regte, mich vollends hinzurichten.

Als ich mich wieder erholte, war alles viel dunkler um mich her als zuvor, all die Leuchten, welche zuvor den weiten Platz mit schwachem phosphorischen Licht erhellten, waren ausgethan, und nur ein Mondstrahl beglanzte die Stelle, wo ich lag; sie war zu den Fussen des Throns, den ich zuvor in der Ferne wahrgenommen hatte. Der Richter befahl mir, mich so gut ich konnte zu erheben, und zu versuchen, ob ich durch Beantwortung der Fragen, die man mir vorlegen wurde, mein verwurktes Leben retten konnte.

Die erste derselben war: Wie ich an diesen geweihten Orte kame, ob Vorwitz oder Zufall mich hieher gebracht habe, und warum ich auf die Warnung, welche bey Hegung eines jeden dieser heimlichen Gerichte, an die Personen, welche sich eingeschlichen haben konnten, gleich anfangs zu ergehen pflegte, nicht augenblicks davon gegangen sey?

Ich konnte betheuren, von dieser Warnung, die ich vermuthlich in meiner Weide verschlafen hatte, nichts gehort zu haben; auch die ubrigen Theile der vorgemeldeten Frage konnte ich ziemlich zu Befriedigung des Richters beantworten, und man ging zu andern Untersuchungen fort, welche die Dinge, die ich hier gesehen und gehort hatte, nebst meiner Meinung davon betrafen, und die ich also hier mit Stillschweigen ubergehen muss.

Und was, fuhr der Richter fort, der mir durch meine Antworten immer gewogner zu werden schien, was brachte euch zu der Kuhnheit in jene Worte auszubrechen, welche uns eure Anwesenheit an diesem verbotenen Orte entdeckten?

Gefuhl der Billigkeit!

Glaubt ihr nicht, dass hier der Stuhl der Unfehlbarkeit ist?

Ich denke, ich stehe vor einem menschlichen Gericht, welches Gott zum Oberrichter erkennen muss, dessen Urtheil allein nicht trugen kann.

Habt ihr Ursach zu zweifeln, dass wir in dem Fall, der euch aus eurer Fassung brachte, gerecht richteten?

Ich glaube sie zu haben.

Seyd ihr in der Sache des Verurtheilten interessirt?

Nein, ich habe bis diese Stunde nicht gewusst, dass ein solcher Mensch in der Welt ist.

Wunschtet ihr unser Urtheil aufgeschoben oder geandert zu sehen?

Sobald ich es fur unrecht halte, muss ich dies wunschen!

Noch eine Frage! Kennt ihr das Mittel, euer gegenwartiges Versehen oder Ungluck, wie ihr es nennen wollt, euch in unserm verbotenen Kreise befunden zu haben, ungeschehen zu machen?

Nein.

Es heisst; Eintritt in unsern Bund!

Ich nehme es ohne Bedenken an, nicht aus Todesfurcht, welche ich nicht kenne, sondern weil ich diese Nacht viel von eurem Bunde kennen lernte, das mir gefallt.

Ihr habt diese Nacht viel von unserm Bunde kennen gelernt, und wisst also die verschiedenen Geschafte, welche unsern Mitgliedern obliegen?

Ja, ich weis, dass ihr, ausser Richtern und Beysitzern auch Ausrichter des Urtheils und Kundschafter unter euch habt.

Welche Stelle, meynt ihr, wird die eurige seyn, wenn es uns gefallt euch zu begnadigen und aufzunehmen?

Doch wohl die unterste, die mir sonst nicht sonderlich behagende Stelle eines Kundschafters.

Womit wunschet ihr euer Probestuck zu machen?

Mit genauerer Erkundigung jener Sache, uber welche vorhin, und wie ich meynte, falsch gesprochen wurde.

Jungling, eure Erklarungen sind freymuthig und zeugen von einem edeln und hohen Geiste. Wer seyd ihr?

Ich nannte mich und doch das Uebrige zu melden war zu weitlauftig, genug ich ward aufgenommen, meine Lippen wurden versiegelt, wie man hier die Beeidigung zur Theilnahme an den Geheimnissen der Gerechtigkeit nennt, und ich sahe mich auf einmahl das Mitglied eines grossen Bundes, von dessen Existenz ich zuvor nie gehort hatte. Ich, der vorher in der grossten Einsamkeit und Absonderung lebte, befand mich schnell in genauer Verbindung, wie ich meynte, mit dem halben Menschengeschlecht. Ich, der vorher niemand zu gehorchen hatte als einem Vater, bekam hier Oberherrn die ich zum Theil nicht einmahl kannte, und die so unumschrankt uber mich herrschten, dass sie sich erkuhnen durften, mich auf gewisse Art von der kindlichen Pflicht loszuzahlen; wie ihr denn wohl denken konnt, dass mein Vater von den Vorgangen dieser Nacht und allem, was davon abhing, nichts erfahren durfte. Ich hing an diesem theuren Vater mit so granzenloser Liebe und Vertrauen, dass ich glaubte, diese einige Klausul hatte mich von dem grossen Bunde abwendig machen konnen, wenn ich sie vorher gewusst hatte. Nun waren die furchterlichen Eide geschworen, und ich konnte nicht mehr zuruck.

Der Herzog von Sachsen, Herzog Bernhards Vater, der damahliche Stuhlherr der heimlichen Gerichte, eben der Richter, dessen Weisheit mich in jener Nacht zu so viel Bewunderung, sein herrliches Ansehen zu so viel Ehrfurcht hinriss, nahm es selbst uber sich, mich in der Verlegenheit zu beruhigen in welcher er mich sahe. Mein Sohn, sagte er mit der herablassendsten Gute, der Gehorsam, den du deinem Vater schuldig bist, wird nie mit dem, welchen du mir geschworen hast, streiten. Erfulle deine Pflichten treu, und du wirst einen gnadigen Herrn an mir haben.

Den hatte ich auch an ihm, aber einen desto ungnadigern an dem Herzog von ***, der dem Herzog von Sachsen, hier der nachste in der Hoheit, und allezeit bedurfenden Falls sein Stellvertreter ist. Der Herzog von ***, hatte vom Anfang meiner Erscheinung im grossen Kreise einen sonderbaren Hass auf mich geworfen, der sich auf meine kuhne Misbilligung jenes gesprochenen, von ihm eingeleiteten Urtheils, grunden mochte, und durch meine gluckliche Durchsetzung der Sache unversohnlich ward. Ich habe Ursach ihn fur eins der vornehmsten Werkzeuge zu halten, welche mein ganzes ungluckliches Leben hindurch, zu meinem Verderben, thatig waren.

Ich hatte, wie ich vorhin weitlauftig erzehlte, meinen ersten Eintritt in die geheimnissvolle Verbindung durch kuhnen Widerspruch eines gesprochenen Urtheils gemacht. Ein solcher Widerspruch, er mochte von geweihten oder ungeweihten Lippen kommen, durfte, wenn der Angeklagte sich nicht selbst schuldig gab, in den damahligen Zeiten nicht zuruck gewiesen werden, und hatte das Richtschwerd schon uber seinem Kopfe geschwebt; genauere Untersuchung folgte demselben, Untersuchung, bey welcher der, welcher den Einspruch that, allemal die Hauptrolle spielen musste. Nachdem sie denn ausfiel, hatten entweder der Beklagte und der Vertheidiger ihr Leben gerettet, oder beyde mussten sterben.

So hatte ich mich also, ohne es zu wissen, in einen gefahrlichen Handel verstrickt; er betraf eine Person, die ich nicht kannte. Der Herzog *** wollte sie getodet haben, und hatte alle Wahrscheinlichkeit der Schuld wider sie zusammen zu bringen gewusst, nur ich hatte eine Lucke in den gefuhrten Beweisen entdeckt; hatte dawider geschrieen; alles war so gegangen, wie ich eben gemeldet habe, und nun sollte ich meines Klienten Unschuld beweisen oder sterben. Ich forderte von meinem Vater Urlaub auf einige Wochen zu einer Jagd, in entfernten Gegenden; ich that die erste Reise in Geschaften des Bundes; ich war glucklich in meinen Ausspahungen; was ich erweisen wollte, war erwiesen, der Beklagte war gerettet, der Herzog von Sachsen lobte mich, und der Herzog von ** schwur mir ewigen Hass.

Ich erhielt mehrere Auftrage, und ich konnte sicher seyn, dass, wo es von dem Herzog von ** abhing, allemal das schwerste auf meinen Antheil fiel. Da es mir nicht an Treue, Vorsicht und Muth fehlte, so war ich immer glucklich, ihm zum Trotz, und brachte beynahe die Unmoglichkeit zu Stande. Einst als es darauf ankam, gewisse lang verlorene Urkunden ausfundig zu machen, die sich noch von Karl des Grossen Zeiten herschrieben und an welchen sehr viel gelegen war, gelang mir die Sache so schnell, so vollkommen nach dem Willen meiner Obern, dass ich vom Herzog von Sachsen die Erlaubniss zu einer freyen Bitte erhielt, an deren Gewahrung ihm, wie er sich ausdruckte, nichts als die Unmoglichkeit hindern sollte. Sorge dafur, Adolf, rufte mir der edle Furst noch nach, als ich Bedenkzeit forderte, dass deine Forderung nicht klein sey, denn mich dunkt, wir sind dir viel schuldig.

Ich entfernte mich, und wusste wohl was ich bitten wollte. Ich war fast zwanzig Jahr, und das Versprechen meines Vaters, mich wehrhaft machen zu lassen, war wegen hauslicher Umstande noch immer unerfullt geblieben. Ich nahm mir vor, den Herzog von Sachsen um das Ritterschwerdt, und um Dienste bey seinem Heer zu bitten; eine Forderung, die mich machtig gross dunkte, und die doch bald von einer andern verdrangt werden sollte, an deren Hohe damals alle meine Wunsche noch nicht reichten.

Meine oftere, und lange Abwesenheit aus dem Hause meines Vaters war niemand befremdend gewesen; man war dergleichen schon von meinen ersten Junglingsjahren her gewohnt. Nur Konrad von Remen, der Vater meines Freundes des jungen Evert von Remen, schuttelte zuweilen den Kopf, und schien Gedanken zu haben, die er sich nicht zu entdecken getraute.

Da meiner Geschafte in meinem verborgenen Amte immer mehr wurden, so weiss ich nicht wie ich langer das beschworne Geheimniss hatte behaupten wollen. Dass es mit mir eine ausserordentliche Bewandniss hatte, wurde man endlich gemerkt haben; die, welche das Recht dazu hatten, hatten mich befragt, und ich hatte antworten mussen; ich sann schon auf tausend Ausfluchte, welche meinem an Aufrichtigkeit gewohnten Herzen schwer zu behaupten gewesen seyn wurden, aber das Schicksal uberhob mich der traurigen Nothwendigkeit meinen Vater tauschen zu mussen, indem es mir jenen Streich versetzte, welchen ich den Anfang aller meiner Leiden nennen muss.

Eine todliche Krankheit warf meinen besten Freund, meinen theuren Vater darnieder; es kam bald dahin, dass er ohne Hoffnung lag, und ich, meine Schwester und unsere Freunde, die von Remen, trostlos an seinem Lager weinten. Wenig Stunden vor seinem Tode, verlangte er mit mir allein zu seyn, und wandte sich mit folgender Rede an mich, deren ich mich noch fast wortlich erinnern werde.

"Mein Sohn, sagte er, ich kann und darf die Welt nicht verlassen, ohne ein Familiengeheimniss in deinem Busen niederzulegen, das auch mir mein Vater sterbend anvertraute. Mir ist es von keinem Nutzen gewesen, dagegen hat es meine Seele mit einem unruhigen Streben, nach einem unerreichbaren Gute erfullt, welches mein Leben verbitterte, und vielleicht meinen Tod fruher herbeyrief, als er sonst gekommen seyn wurde. Wusste ich, dass dieses auch dein Loos seyn wurde, ich wurde den Eid verwunschen, der mich nothigt zu reden, wo ich gern schweigen mochte. Wisse, du bist nicht der namen- und anspruchlose Jungling, fur den du dich haltst; du stammst aus dem Hause der Grafen von ***. Die Guter und Titel dieses Hauses, in welche sich jetzt die Bischoffe von Bremen und Munster nebst andern getheilt haben, sind dein; man entriss sie deinen Vatern, und brachte uns fast bis zur Niedrigkeit des burgerlichen Standes herab. Mein Vater, der erste, auf welchen dieses traurige Loos ganz fiel, fand Sicherheit und Ruhe in der Verbergung seines grossen Namens, doch wollte er nicht eher sterben, bis er mir unsere Anspruche und die Mittel sie geltend zu machen, entdeckt hatte. Er beschwur mich, mich dieser Mittel als der einigen wurksamen, die er selbst nur aus Furchtsamkeit versaumt hatte, zu bedienen, oder sie wenigstens seinen Enkeln zu empfehlen, welche vielleicht besser Gluck haben mochten als ihre Vater."

Fast athemlos vor Erstaunen kniete ich an dem Bette meines Vaters; mein Herz, das von je her nach Grosse durstete, fuhlte ein Entzucken uber diese Entdeckung, welches die traurigen Umstande, die dieselbe begleiteten, nicht ganz tilgen konnten. Wie? rief ich, wie mein Vater? ihr seyd Graf von ***, und dieses muss ich in diesen betrubten Augenblicken zuerst erfahren?

Unglucklicher Jungling! erwiederte er, die Sucht nach Ehre muss dein ganzes Herz besessen haben; wie konntest du sonst jetzt auf die Entdeckung deiner Herkunft einen so hohen Werth legen! Jetzt, da die Nichtigkeit aller irdischen Dinge dir in meinem Bilde so lebhaft vor Augen liegt.

Ich errothete uber den Verweis, den ich so wohl verdient hatte, ich fuhlte die Wahrheit in den Worten meines Vaters, und doch konnte ich mich nicht enthalten, begierig nach den Wegen zu fragen, auf welchen sich das verlorne wieder erlangen liess.

"Die Wege, die ich gegangen hin, antwortete er, fuhrten mich irre; ich suchte Gerechtigkeit an den Thronen der Fursten, und fand sie nicht; es giebt noch einen Thron, vor welchem ich wie dein Grossvater mir sagte, unausbleibliche Hulfe gefunden haben wurde, aber er scheute sich, vor denselben zu treten, ich fuhlte die nehmliche Abneigung und ich hoffe, du wirst mit deinen Vatern ubereindenken, wenn du das Ganze ubersehen kannst. Es giebt im deutschen Reiche eine heimliche Macht, welche dem Unrecht zu steuern, den Bedruckten zum Recht zu helfen weiss, wenn man ihre Hulfe gehorig sucht."

Und warum suchtet ihr sie nicht? rief ich mit Eil, indem mein ganzes Gesicht gluhte, denn ich verstand vollkommen, welche Macht er meynte.

Sie sind furchtbar, jene Unbekannten, sagte mein Vater mit schwacher Stimme, ich kann dir nicht rathen, dich an sie zu wenden. Forsche, was das gemeine Gerucht von ihnen sagt, und glaube mir, dass es gefahrlich ist, mit ihnen in Verbindung zu treten!

Gott! mein Vater! was habt ihr wider die heimlichen Richter? ist nicht der Herzog von Sachsen ihr Oberhaupt?

Der Herzog von Sachsen ist gut, aber was sagst du zu dem Herzog von **, seinem Stellvertreter? Dergleichen Manner gab es auch zu deines Grossvaters Zeiten im heimlichen Gericht; sie mussen bey der fast granzenlosen Macht zu schaden, der Unschuld, die an ihrem Throne fleht, immer furchterlich seyn.

Ich wollte meinem Vater Einwurfe machen, welche mehr von meinen Geheimnissen verrathen haben wurden, als ich wollte; aber es war hier keine Zeit zu weitlauftigen Erorterungen; das viele Sprechen hatte meinem Vater eine Ohnmacht zugezogen, aus welcher er sich nur erholte, mir gewisse Documente uber unsere Anspruche anzuweisen, und denn in meinen Armen zu sterben.

Wer misst meinen Schmerz, als ich denjenigen tod vor mir sah, welcher nun erst ein gluckliches Leben hatte fuhren konnen? Warum erfuhr ich diese Dinge nicht eher! Mein Vater hatte sich lange traurige Jahre um eine Sache gequalt, die ich ihm nun mit einem Worte hatte erlangen konnen. Ich wusste, dass ich seinen Namen nun vor unserm Gericht nennen, seine Anspruche nur beweisen durfte, so mussten alle Hindernisse, mit welchen er Zeitlebens gekampft hatte, weichen. Denn ich, ein Einverleibter des grossen Bundes, wusste die kurzesten und leichtesten Mittel, zum Zweck zu gelangen, ich vermochte vielleicht noch mehr, als irgend ein anderer, durch die Gewogenheit mit welcher mich der Herzog von Sachsen, und sein Sohn, der junge Bernhard, sein Nachfolgen in der hochsten Wurde des heimlichen Gerichts beehrten, durch die treuen nicht unbetrachtlichen Dienste, welche ich bereits meinen Obern in einige Jahren geleistet, und durch die Vergunst zu einer freyen Bitte, welche ich zum Lohn fur mein Wohlverhalten erlangt hatte.

Ich war ausser mir! ich schlug mich vor die Stirn, und schrie tausendmal: warum wollte er, und warum durfte ich nicht reden? O der unglucklichen Vorurtheile! O zu spat, zu spat kommt alles Gluck, da ich es nun nicht mehr mit dem theilen kann, der mir auf der Welt der liebste war! O Vater! welch Entzucken, dich die letzten Jahre deines Lebens noch in dem Glanz und der Grosse zubringen zu sehen, die dir zukam! das alles soll ich nun allein geniessen? ach schamen, schamen werde ich mich des Ranges, der meiner wartet, da du in Dunkelheit und Armuth leben und sterben musstest!

So wuthete ich fort, meine Freunde mussten aus meinem Bezeugen glauben, dass ich den Verstand verlohren hatte, und dieser Wahn bestattigte sich, da ich den Verstorbenen auf eine Art beerdigen liess, die ganz seinem wahren, nicht seinem vermeynten Stande gemass war; fast alles was ich besass, wurde daran gewendet, seinem Leichnam eine Begrabnissstelle im benachbarten Kloster unter den Fursten, die es gestiftet hatten, zu erkaufen.

Ich hatte in den nachgelassenen Schriften indessen noch einiges gefunden, welches mir Bedenklichkeiten erregte, ob mein Gesuch bey unsern Richtern so ganz gewiss glucken wurde, als ich im ersten Feuer wahnte; der Hass des Herzogs von ** und seine grosse Macht schreckte mich, das Urtheil uber ihn, und einige andere Mitglieder des geheimen Bundes, das ich in meines Vaters Schriften gelesen hatte, war richtig; ich warf die Frage auf, die er aufgeworfen hatte. Warum werden solche Leute im Bunde der Heiligen geduldet, und fand das, was er von den Gefahren mit der Gesellschaft der Unbegreiflichen in Verbindung zu stehen, fast auf jedem Blatt ausserte, das er uber diesen Gegenstand geschrieben hatte, so wichtig, dass mich ein heimlicher Schauer anwandelte; vielleicht Ahndung dessen, was mir in der Zukunft begegnen sollte.

Meine Reise zu dem sogenannten Thron der Unfehlbarkeit war indessen beschlossen; ich empfahl meine Schwester der Sorgfalt der Frau von Remen, nicht ganz gewiss, auf was fur Art ich wiederkehren wurde.

Wie ich meine Sache anbrachte, welche Verwunderung sie erregte, wie sie aufgenommen ward, welche Hindernisse mir in den Weg gelegt wurden, und auf was Art ich meinen Feinden zum Trotz dennoch siegte, dies sind Dinge, welche nicht hieher gehoren, und die dem, der unsere Geheimnisse nicht kennt, grosstentheils unverstandlich seyn wurden. Genug, der grosse Urtheilsspruch geschahe zu meinem Besten, und hatte die Folgen, die sich bey der grossen Macht meiner Beschutzer denken lassen. Es half den Besitzern meiner Guter nicht, dass sie Freunde und Verwandten in unserm Kreise hatten, es half dem Erzbischof von Bremen nichts, dass er der Bruder des Herzogs von ** war, und ich kehrte als allgemein anerkannter Erbe der Grafen von ***, als rechtmassiger, festbestattigter Eigner all ihrer Titel und Guter zu den Meinigen zuruck. Man denke sich das Erstaunen, das diese Erscheinung bey einigen, und die Freude, die sie bey andern erregte!

Unter all meinen Freunden war keiner, der sich uber meine erlangte Grosse weniger freute, als Evert von Remen; meine Schwester Alverde ward ihm bereits in ihrer Kindheit zur Gemahlin versprochen. Diese Vermahlung wurde in ihrem ehemaligen Stande ein glanzendes Gluck fur sie gewesen seyn, und in ihrem gegenwartigen musste Evert nun zweifeln, ob er seine Augen zu ihr erheben durfe. Ich liebte Evert von Remen, und suchte ihn bald hieruber zu beruhigen; er war ein edler Jungling, nicht allein dem Charakter, sondern auch der Geburt nach, und ich war jetzt in einem Stande, der mir es moglich machte, ihn hoher zu heben, und sein Gluck ganz den Anspruchen meiner Schwester gemass zu machen.

Ein Ungluck fur ihn, (ach sollte ich nicht sagen ein weit grosseres fur mich?) war es, dass unsere Charaktere nicht ganz zusammen passten; er war sanft, ich feurig, er liebte, ungeachtet des unerschrockenen Muths und der tafern Faust, deren er sich ruhmen konnte, die Ruhe; ich liebte kriegerische Thatigkeit, und hatte es gern gesehen, wenn der Urtheilsspruch der heimlichen Richter mir etwas mehr Arbeit fur mein Schwerd ubergelassen hatte. Evert hatte einen entschiedenen Abscheu vor allen Geheimnissen, und ich hatte nur gar zu viel, das ich vor ihm verbergen musste. Er predigte mir taglich, dass unter Freunden, wie wir, keine Zuruckhaltung statt haben durfe. Er war klug genug, manches Verborgene bey mir zu ahnden. Er forschte, wo er nicht hatte forschen sollen, schlich mir nach, wo ich allein seyn wollte und musste, verfocht Dinge gegen mich, die er nicht verstand, leugnete andere, die ich besser wusste, ohne ihn uberfuhren zu durfen, und so war die Fehde zwischen uns erklart; tausendfache Zwistigkeiten entsponnen sich, und ob wir uns gleich immer wieder versohnt in die Arme schlossen, ob wir uns gleich am Ende betheuerten, es sey Thorheit fur solche Freunde, wie wir sich zu entzweyen, und uns zuschwuren, jede Ursach zu neuem Streit von beyden Seiten zu vermeiden, so war doch der Grund unserer Freundschaft schon insgeheim untergraben, und es brauchte nur Veranlassung von aussen, uns vollig zu trennen.

Mein neuer Stand, und der Rang, den ich als Graf von *** im Reiche der Unsichtbaren behauptete, zog viel neue Verbindungen nach sich. Freunde und Feinde wurden theils, durch Geschafte zu meinem genauern Umgang gefuhrt, theils hielten sie es aus bosen und aus guten Absichten fur dienlich, sich zu mir zu drangen; die, welche ich bereits als meine Feinde kannte, den Herzog von ** und seinen Anhang wusste ich zu meiden, in Ansehung der andern wurde ich freylich, wie meistens der Fall ist, durch Zufall und Vorurtheil geleitet. Ich wahlte mir unter dem ganzen Haufen, der mich umgab, zwey Freunde, die in der Folge den grossten Einfluss auf mein Schicksal hatten; der eine liess sich von mir suchen, es war der edle Pfalzgraf Otto von Wittelsbach, ein junger Mann, der erst seit kurzer Zeit in unsern Bund getreten war; der andre drangte sich muhsam zu meiner Freundschaft, und wusste sie durch seine ganz eigene Gabe zum Gefallen ganz an sich zu reissen; sein Name war Peter von Kalatin, der Ungluckliche, welcher in der Folge von meinem Schwerde fallen musste, ein Mann, von dem ich heute noch nicht genau weiss, ob seine Farbe schwarz oder weiss war, denn sobald tausend Wahrscheinlichkeiten aufstiegen, mir ihn als einen Verrather zu zeigen, so erhebt sich im innersten meiner Seele eine Stimme: Er war dein Freund, und du hast ihn ermordet! Alle Bemuhungen meines Herzens, ihn zum Verbrecher zu machen, sind Tucke, die nur zu Verminderung deiner eigenen Schuld abzielen! O Gewissen, Gewissen wird deine Geissel nimmer ruhen? muss dein Geschrey jedes Mittel vernichten, das ich zu meiner Beruhigung ersann?

Lasst mich fortfahren. Lasst mich umstandlicher von diesem Peter von Kalatin reden. Ausser seinem einnehmenden Aeusserlichen, ausser seiner wunderbaren Kunst sich gefallig zu machen, war noch etwas, das mich zu seinem Freunde machte, ich glaubte Grossmuth in seinem Betragen gegen mich zu entdecken. Peter Kalatin stand schon auf einer sehr hohen Stufe im Rath der heimlichen Richter, da ich erst zu den untersten Graden eingeweiht wurde, schon damals hatte er mir keine Ursach zur Klage gegeben, so oft ich auch in Geschaften mit ihm zusammentraf; er war herablassender und gutiger gegen mich gewesen, als irgend einer von den Obern, und jetzt, da mich das Gluck und mein entdeckter Stand emporhob, da es mich ihn und tausend andere uberspringen machte, da ich auf einer Hohe stund, die er nie zu erreichen hoffen konnte, jetzt entdeckte ich dennoch nicht eine Spur, von der Missgunst, von der scheuen Zuruckhaltung an ihm, die ich wohl an Hohern als er, die ich selbst an dem Herzog von ** wahrgenommen hatte. Er blieb gegen mich immer der nehmliche nur dass das, was zuvor Freundlichkeit gegen einen Geringen war, sich jetzt in Freundschaft verwandelte; diese Erscheinung, deren Seltenheit mich die Erfahrung beurtheilen lehrte, nahm mich fur ihn ein, ich ward zuerst sein Freund, blos weil ich ihn weniger bos als andere fand, bis er sich mein Herz durch wahre oder erkunstelte Tugendproben noch mehr zu eigen machte.

Als Kalatin merkte, wie fest er in meinem Herzen sass, liess er mich auch einen tiefern Blick in das seinige thun; er verheelte mir nicht, dass er meine Schwester liebte, und sich Hoffnung auf ihren Besitz machte; eine Entdeckung, die mir nicht allerdings behagte. Stolz war meine herrschende Leidenschaft; so werth mir auch Kalatin war, so dunkte mich doch sein Stand gegen den meinigen zu gering. Nur um eines Everts von Remen willen hatte ich meiner Schwester erlauben konnen, durch Heyrath eine Stufe herabzusteigen. Evert von Remen, mein alter Jugendfreund, hatte die Liebe meinen Schwester, hatte das Versprechen meines Vaters; Dinge, welche bey Kalatin hinwegfielen, und deren Mangel ihn eine abschlagliche Antwort finden liess, bey welcher mir doch des jungen von Remen fruhere Anspruche zum Vorwand dienen mussten.

Ich weiss nicht, ob Kalatin den Grund meiner Weigerung ganz durchschaute; er schien wenigstens damals Everten fur die Haupthinderniss seines Glucks zu halten, und sparte keine Kunst, sie hinweg zu raumen. Sehr kunstlich musste er in seinen feindseligen Verfahren gegen seinen Nebenbuhler zu Werke gehen, da ich nicht gewahr wurde, dass er es war, welcher meinen alten Jugendfreund meinem Herzen nach und nach zu verleiden wusste, da ich erst lang hintennach Spuren seiner Machinationen zu unserer Entzweyung zu entdecken glaubte, und daher Zweifel in seine Redlichkeit schopfte, welchen noch mehrere Umstande an die Seite traten.

Damals war ich noch ganz zu seinem Vortheil eingenommen; dass der Umgang Everts von Remen mir immer gleichgultiger, endlich gar lastig wurde, dieses schrieb ich weniger Kalatins witzigen Ausfallen auf ihn, als der Vergleichung zu, die ich zuweilen zwischen diesen meinen beyden Freunden in der Stille machte, und bey welcher Evert unglaublich im Schatten stand. Wie konnte sich dieser schlechte geradsinnige Deutsche mit dem glattzungigen Hofmann, Kalatin, messen! wie fein und einschmeichelnd war jedes Wort, jede Handlung des letzten, wie steif und storrig betrug sich der erste, besonders seit er es ahndete, dass mein Herz sich allmalig von ihm losriss! Wie zudringlich war Evert in seinem Nachforschen, wie entscheidend, oft beleidigend in seinen Urtheilen! Er hatte sich nach meinen Gedanken ganz geandert; er war sonst so sanft und nachgebend, wie war er auf einmal so eigenwillig geworden? Ich erstaunte uber die Veranderung, an welcher eigentlich nur ich selbst schuld war, und bedachte nicht, dass Vernachlassigung diese Erscheinung bey den besten Seelen am ersten hervorbringen kann.

Meine Schwester fuhrte uber unsern alten Freund die nehmlichen Klagen; Kalatin affektirte seine Partie zu nehmen, aber er that dieses auf eine so feine Art, welche nur ihm selbst zum Besten, seinem seyn sollenden Klienten zum grossten Nachtheil gereichte. Allgemach kamen verdeckte Anspielungen zum Vorschein, dass ich ja weder durch Eid noch Pflicht an den Herrn von Remen gebunden sey, und meiner Schwester leicht wo ein besseres Gluck lachen konne, besonders wenn ich sie nach Hofe brachte, welches ohnedem jetzt, da sie mehr heranwuchse, unumganglich geschehen musste.

Ich weiss nicht, was Kalatin darunter suchen musste, mich aus meinem Vaterlande zu entfernen; er brachte die Nothwendigkeit einer solchen Reise unaufhorlich auf die Bahn, bald war es die Einfuhrung meiner Schwester in die Welt, die seinem Vorgeben nach, dieselbe erforderte, bald wusste er andere Ursachen anzufuhren. Ich gab ihm hierin wenig Gehor. Ihr wisst, Herr von Kalatin, sagte ich oft, dass ich nicht von mir selbst abhange; von einer Reise aus meinen Landen, musste der Herzog von Sachsen unausbleibliche Kundschaft haben, und ich zweifle, dass er sie billigen wurde, da er weiss, dass meine Gegenwart hier nothig ist, auch um meines eigenen Vortheils willen nothig ist. Der Besitz einiger Jahre hat mich in meinen Rechten noch nicht so befestigt, dass nicht die ehemaligen eingedrungenen Eigner, dass nicht besonders der Erzbischof von Bremen mir Gefahr drohen sollte, wenn ich mich jetzt entfernte.

Kalatin wusste nichts auf meine Einwurfe zu sagen, und schwieg. Er liess dem Anschein nach alles gehen, wie es ging, und lebte friedlich in meinem Hause, das ich ihn gebeten hatte als das seinige anzusehen. Ununterbrochener Umgang, der sonst oft den liebenswurdigsten Personen nachtheilig ist, gereichte ihm nur zu Erhohung seines Werths in meinen Augen; seine mir missfallige Leidenschaft fur Alverden, schien er so ganz besiegt zu haben, dass er mit mir oft von anderweitigen Verbindungen sprach, die er im Sinne habe, und in Summa, ich habe all diese Zeit uber nichts verdachtiges an ihm entdeckt, als einen fleissigen Briefwechsel nach Rom und mit dem Herzog von **; Dinge, wegen welchen er sich sehr gut zu rechtfertigen wusste.

Als wir eines Tages von seinem Entschluss sprachen, sich eine Gemahlinn unter den Tochtern unsers Vaterlands zu wahlen, und ich ihm scherzend verschiedene Damen vorschlug, fragte er mich mit einem scharfen Blick, ob ich nie geliebt habe?

Nie, Kalatin! mein Umgang mit den Frauen, war von je her gering, und deren, die ich meiner Wahl vollkommen wurdig halten konnte, sah ich noch nie eine.

Und was fur Vorzuge werden wohl bey einer kunftigen Grafinn von *** erfordert?

Ausser denen, welche jeder Mann sich an einer Lebensgefarthin wunscht, noch Rang und hohe Geburt; ich wunsche bey meiner Wahl die Augen ehe uber mich als zur Seite oder unter mich zu richten. Ich finde unter meinen Eltermuttern mehr Prinzessinnen als blosse Edelfrauleins; will ich den Glanz meines Hauses wieder herstellen, so muss ich wahlen wie meine Ahnen wahlten.

Ihr habt recht, Herr Graf, aber wie wollt ihr solche Damen kennen lernen, die eurer Hand wurdig sind, wenn ihr euer Land nie verlasset?

Ich bin noch nicht veraltet, Kalatin, erwiederte ich mit Lachen, was ich heute noch nicht sah, kann ich in zehn Jahren Zeit genug erblicken, indessen wird noch manche schone Blume fur mich lieblich heranbluhen!

Und manche gebrochen werden oder welken, versetzte er, welche vielleicht der Himmel eben fur euch bestimmte. Europa ist jetzt reich an schonen Furstinnen, deren ihr auf diese Art nicht eine in voller Bluthe sehen wurdet, wenn euer Diener Kalatin und ein freundlicher Maler eurer Bequemlichkeit nicht etwa zu Hulfe kam, und euch das vor Augen brachte, das euch aufzusuchen zu beschwerlich dunkt.

Wie Kalatin? ihr besitzt ein Bilderkabinet von allen jetzt lebenden furstlichen Schonheiten?

Bey weiten nicht von allen, doch kann ich mich ruhmen die treusten Kopien von funf unsrer schonsten Prinzessinnen zu haben, die ich nur heruber bringen lassen darf, um sie euch zu zeigen.

Wer fuhlt nicht Neugier, das grosste Meisterstuck der Schopfung, ein schones Weib zu sehen, sollte es auch nur im Bilde seyn! Ich fand grosses Behagen an dem Einfall meines Freundes, und dieses um so viel mehr, da sich doch der Gedanke in meinem Innersten zu regen begunnte, ob ich nicht unter den versprochenen Gemalden vielleicht diejenige finden konnte, die mich die Liebe kennen lehren sollte.

Der kostliche Transport ward mit Ungeduld erwartet, das Kistgen, welches die gewunschten Schatze enthielt, in ein einsames Gartenkabinet getragen, und so begierig erofnet, als sich von einem jungen Manne, der sein funf und zwanzigstes Jahr noch nicht geendigt hatte, und der jetzt den Gegenstand seiner Phantasien zu sehen hofte, und von seinem dienstfertigen Freunde erwarten liess.

Macht euch gefasst, sagte Kalatin, indem er die Hullen der Kunstwerke des Malers nach und nach hinweg raumte, macht euch gefasst, hier das schonste und erhabenste zu sehen, was unsere Zeiten an weiblichen Reitzen aufzuweisen haben; ich werde euren Augen die drey Tochter Kaiser Philipps, die man gemeiniglich nur die drey Heldinnen nennt, die Prinzessin Adila von Pohlen und die schone Alix von Toulouse vorstellen, wahlet nun, und bedenket, dass kein Furst euch seine Tochter versagen wird.

Ich antwortete Kalatin nicht, denn ich war ganz im Anschauen dessen verloren, was sich nun vor meinen Augen enthullte. Ich sahe die bluhende Adila, Konig Premislaus Tochter, ich sahe die majestatische Elise, die zauberische Kunigunde, welche mir wegen des verbuhlten Blickes, so schon sie auch war, unter allen am wenigsten gefiel, und die junge Beatrix, schon und im ersten Aufbluhen, wie die Gottin der Jugend, und lachend wie die Gottinn der Freude; dieselbe sahe ich, aber wie soll ich den Sinn nennen, der mir das Bild der himmlischen Grafinn von Toulouse vorstellte! Ich sahe ihre Reitze nicht, ich fuhlte sie tief im Herzen. Alle Bewunderung, alles staunende Entzucken, das die andern Schonheiten in mir erregt hatten, verschwand bey den Gefuhlen, die mir der Anblick dieser Ueberirdischen einflosste. O Gott! wenn ich mir sie ins Gedachtniss zuruck rufe, wie ich sie damahls im Bilde, wie viel herrlicher ich sie in der Folge, in Person sah, so ists als ob ein himmlisches Licht meinen Kerker durchstrahlte! O Alix, Alix! auch um deinetwillen trage ich diese Ketten, wohin hat mich Liebe und Gram um dich geschleudert! Du bist bey Gott! lange konntest du nicht von deinem Vaterland, dem Himmel, getrennt bleiben! Die unschuldvolle Engelsmine, das unaussprechliche Lacheln einer vollendeten Seeligen, der uberirrdische Blick der himmlischen Augen, jeder Theil des ganzen Alls, das mich so bezauberte, hatte mir ja sagen sollen, dass ich in dir einen Gegenstand anbetete, der gar nicht fur die Liebe eines Sterblichen bestimmt war. Ach daran dachte ich nicht, als ich deine Reitze zuerst erblickte! ich schaute und konnte deines Anblicks nicht satt werden, bis der Eindruck unaustilgbar ward, vor dessen Gefahren mich niemand warnte.

Ach wer hatte mich warnen sollen! vielleicht Kalatin! war ers nicht, der mich mit diesen Zauberbildern in irgend eine ungluckliche Leidenschaft zu verstrikken suchte? Sonderbar war es mit alledem, erst lang nachher in der Zukunft habe ich mirs uberdacht, und daraus neuen Verdacht wider Kalatins Redlichkeit geschopft, sonderbar war es, dass er unter allen Prinzessinnen, deren es, wie er selbst sagte, damahls so viele von bewundernswurdiger Schonheit gab, keine einige Unversagte gewahlt hatte, sie meinen Augen vorzustellen. Unter diesen funfen hatte meine Wahl fallen mogen, auf welche sie gewollt hatte, so war ich unglucklich gewesen. Adila liebte Herzog Bernharden von Sachsen, Elise war an Otto von Wittelsbach versprochen, Kunigunde an Graf Richarden von Segni schon vermahlt, Beatrix dem Herzog von Braunschweig bestimmt, und Alix, ach meine gottliche ewig unvergessliche Alix, versprochene Koniginn von Kastilien; Dinge, welche ihm, dem alleswissenden Hofmann, nicht unbekannt waren, wovon aber ich in meiner Einsamkeit freylich kein Wort gehort hatte. Briefe von dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, die ich fleissig von Hofe erhielt, hatten mich wohl uber diese Dinge benachrichtigen konnen; aber sie waren grosstentheils in der romanischen Sprache geschrieben, die ich nicht sonderlich verstand, und bey welcher ich mich allemahl Kalatins Hulfe bedienen musste; der mir ja, wenn er einmahl ein Verrather seyn wollte, verdeutschen konnte, was er selbst wollte, und was in seine Plane taugte.

O Kalatins Schatten! verzeihe, wenn ich dir unrecht thue, ich sehe freylich nicht ein, was dir es gefrommt haben wurde, mich gutwillig in unmogliche Liebe zu verstricken, gleichwohl aber ist die Lage der Sachen so, dass ich diesen Verdacht fassen muss, den ich freylich damals nicht kannte. Einmahl ist so viel gewiss, dass du mich auf einen Pfad stelltest, wo ich unter funf Wegen wahlen konnte, welchen ich wollte, mit der Gewissheit, auf jedem, nur auf verschiedene Art, unglucklich zu werden.

Aber musste ich mich denn fangen lassen? Konnte ich nicht bey allen Reizen, die mir aufgestellt wurden, kalt und unempfindlich bleiben? Doch, um mein Herz zu stahlen, hatte ich Verrath ahnden mussen; auch hatte Kalatin Sorge getragen, mich all die Zeit uber, da ich in Erwartung seiner Zauberbilder lebte, auf eine Art zu unterhalten, die mein junges unerfahrnes Herz jedem Eindruck der heftigsten Leidenschaft ofnen musste.

Ihr seyd also gefangen, sagte Kalatin, als er mich im Anschauen meines geliebten Bilds ganz verloren sah, ihr seyd gefangen, und die schone Alix von Toulouse hat die Ehre des Siegs. Viel Gluck, Herr Graf! Nur bitte ich euch, nun nicht zu saumen, sondern euch eilig nach dem Orte aufzumachen, wo eure Gottinn lebt, denn ihr begreift wohl, dass Damen, wie sie, nicht lange fur den Liebhaber aufgehoben werden mochten, und dass ihr schnell zugreifen musst, wenn ihr euch ihres Besitzes bemachtigen wollt.

Ich fuhlte die Nothwendigkeit dessen, was mir Kalatin anrieth, nur gar zu gut, die Reise nach Frankreich ward von nun an der Gegenstand all meiner Gesprache mit ihm; aber wie sie ohne Versaumniss nothiger Pflichten moglich gemacht werden sollte, das blieb immer unentschieden, bis ein Befehl von den Obern unsers Bundes, meine Lande zu verlassen und mich unter verstelltem Namen nach Pamiers zu begeben, alles entschied. Gelegner hatte mir wohl kein Auftrag kommen konnen, ich ergriff ihn mit beyden Handen, und bemerkte nicht, was ich mir wohl nachher bedachte, dass an Form und Art ihn zu erhalten, manches zu finden war, das mir ihn hatte verdachtig machen konnen. Genug, ich wusste, dass die Vornehmsten von den Unsern sich um verborgener Ursachen willen insgeheim zu der grossen Versammlung der Bischoffe begeben wurden, die damahls zu Pamiers gehalten wurde, und ich fand es nicht unwahrscheinlich, weil ich es nicht unwahrscheinlich finden wollte, dass auch ich dazu berufen ward; uberdieses dachte ich Herzog Bernharden von Sachsen daselbst zu finden, und uber alles, was mich hatte befremden konnen, von ihm Aufklarung zu erhalten. Ach ich wusste nicht, dass dieser edle Furst damahls krank lag, und den feindseeligen Herzog von ** als seinen Stellvertreter hatte nach Frankreich abgeben lassen mussen.

Meine Anstalten zur Reise wurden ernstlich. Liebe und Pflicht riefen mich, wie hatte ich saumen sollen! Ich dachte zuerst einen Besuch bey dem Grafen von Toulouse zu machen, seine schone Schwester zu sehen und um sie zu werben, (alles Dinge, welche mir Kalatin, der es doch besser wissen musste, ausnehmend leicht machte,) und dann hofte ich noch ubrige Zeit zu haben, mich bey der Versammlung zu Pamiers einzufinden, da von der Zeit, in welcher ich meine Herzensangelegenheiten zu endigen meynte, bis auf den von meinen Obern bestimmten Tag noch ein ganzer Monat zu rechnen war.

Meine Absicht war, meinem Freund von Remen, den ich immer noch schatzte, ob ich ihn gleich nicht mehr lieben konnte, die Hut meines Landes, und seiner edeln Mutter meine Schwester anzuvertrauen, die ohnedem fast bestandig in ihrem Hause lebte. Plane, welche wohl fur uns alle die sichersten gewesen seyn wurden, aber sie standen Kalatin nicht an, er misbilligte sie, und wusste sie zu hintertreiben.

Ein Gewebe von Umstanden zeigte sich, die mir die Treue meines Freundes, und selbst die Redlichkeit seiner Mutter verdachtig machen mussten, ich wurde sagen, sie waren von Kalatin herbeygefuhrt worden, wenn er nur den geringsten Antheil daran zu haben geschienen hatte, und doch weis ich wiederum nicht, welche andere Hand, als die seinige, hier gewurkt haben konnte, da mir des unglucklichen Everts von Remen Unschuld in der Folge fast ganz erwiesen und sein Nebenbuhler, Kalatin, immer verdachtiger ward.

Damahls war ich verblendet gegen die Schuld und die Unschuld des einen und des andern, ich sah nichts als die Unwiderleglichkeit des Schlusses, welchen Kalatin aus den Entdeckungen zog, die ich eben von der vermeinten Treulosigkeit derer von Remen gemacht zu haben glaubte.

Eure Schwester, Herr Graf, sagte er, ist an keinem Orte unsicherer, als im Hause derer von Remen, ihr durft sie nicht in demselben zuzucklassen; auch diesen Abend muss sie in das Eurige abgefordert werden; ihr konnt sie euch nach Frankreich folgen lassen, ich selbst will ihr Begleiter seyn. Ihre Unterhandlung kann euch bey der Grafinn von Toulouse sehr nothig werden, sie lebt zu Lion in einem Kloster, wir wollen Alverden in eben dasselbe bringen, die schone Alix lerne durch die Schwester den Bruder kennen, damit ihr Herz fur euch eingenommen werde, ehe sie den Befehl erhalt die eurige zu werden, und ihr Besitz nicht die Frucht des Gehorsams gegen ihre Anverwandten, nein, freywillige Ergebung, eigene Wahl sey.

So redete Kalatin, und Gott weis, ob er eines dieser Worte im Ernst und ohne Nebenabsichten sprach; mich hatten Liebe und Vorurtheil verblendet, und ich glaubte ihm. Ich bedachte weder die Ungewissheit, auf welcher noch das Gluck meiner Liebe beruhte, noch die Undankbarkeit gegen die von Remen, indem ich Alverden aus dem Hause zuruckforderte, in welchem sie fast erzogen worden war, noch die schwankenden Beweise, welche mir gegen die Treue meiner alten Freunde beygebracht wurden, noch die Unschicklichkeit, meine Schwester einem Menschen anzuvertrauen, welcher sie ehemahls geliebt hatte. Jede Erwegung wurde von dem Vertrauen auf Kalatin und von den Anschlagen auf den Besitz der schonen Grafinn von Toulouse verschlungen.

Ich that meiner Schwester einige vorlaufige Antrage, welche zu Ausfuhrung unserer Plane leiten sollten, ich liess ihr das Bild der Grafinn von Toulouse sehen, sagte ihr von der Nothwendigkeit, das Haus der Frau von Remen zu verlassen und mir zu folgen; aber ich fand mehr Einwendung bey dem jungen Madchen, als ich vermuthet hatte. Ihr Herz war frey von Leidenschaft, ihr Verstand nicht von den Tauschungen der Liebe umnebelt, sie sahe also freylich heller, und urtheilte richtiger als ich. Sie musste indessen nachgeben; sie erfuhr von unserm ganzen Plan und seinen Bewegungsgrunden nur so viel ihr zu wissen nothig war; man empfahl ihr Geheimhaltung, und ihre Bedenklichkeiten, welche doch noch etwa uberblieben, wurden durch die fast kindliche Ehrfurcht, welche sie gegen mich, ihren Bruder, hegte, und durch die Ueberzeugung gehoben: sie thue recht, wenn sie mir gehorche.

Noch jetzt weis ich nicht, wie ich (angenommen, dass Kalatin ein Verrather war) mich so von ihm konnte verblenden lassen. Alle meine Verfugungen, auch in Ansehung meiner Lande, wurden blos so getroffen, wie er es fur gut hielt. Erst lang nachher habe ich erfahren, dass alles schon damals verloren gewesen ware, wenn der redliche Evert von Remen sich an meine Einrichtungen gekehrt, und mir nicht wider Willen gedient hatte. Der Erzbischoff von Bremen, welcher kaum meine Entfernung abwarten konnte, um einen Einfall in meine Lande zu thun, wurde blos durch Everts Klugheit und Tapferkeit zuruck getrieben, indessen ich mich von seinem Feinde verleiten liess, verratherisch an ihm zu handeln, ihm die Treue zu brechen, und ihm seine Geliebte entfuhren zu lassen.

Meine Entfernung aus meinem Lande schien so hat mich erst spates Nachdenken gelehrt, eine Sache zu seyn, auf welche man viel gebaut hatte; darf ich meinen Muthmassungen trauen, so trieb man sie durch Kalatin, auf den immer all mein Verdacht zuruck kehrt, blos darum so emsig, dass man mich meiner Besitzungen berauben, und sich, Gott weiss zu welchen Entzwecken, meiner Person bemachtigen mochte.

Von heimlichen Nachstellungen hatte ich Spur, ehe ich noch funf Meilen von meinem Residenzschlosse war, ich entging allen Fallstricken, welche mir auf meiner Reise gelegt wurden, bald durch Behutsamkeit, bald durch mein gutes Schwerdt immer glucklich, bis mich endlich an den Granzen von ***, ubel verstandene Gutherzigkeit in die Stricke von Feinden fallen liess, welche ich nicht kannte, und spat genug kennen lernte.

Es war einst gegen den Abend, als ich auf einem Scheidewege anlangte; ich war einsam, und der Gegend unkundig. Ein alter Mann sass am Wege und sprach mich um eine Gabe an. Guter Vater, sagte ich, indem ich ihm reichlich mittheilte, welcher Weg fuhrt mich zu der besten Herberge?

Der Ruckweg, gestrenger Ritter, war die Antwort.

Wie das? fragte ich.

Ihr werdet wissen, wo ihr diese Nacht geruht habt, und ob euch daselbst wohl war; wo ihr ruhen werdet, und ob euch da wohl seyn wird, wisst ihr nicht!

Ihr habt recht, Alter, und eben darum frage ich euch.

Ich weiss nur so viel, dass der enge Pfad dort unten, euch in den Wald fuhrt, welchen Rauber unsicher machen, und dass jener, der euch zwar noch vor Mitternacht in die Stadt bringen wurde, wenigstens fur euch unsicher seyn mochte.

Warum fur mich?

Ihr musst Feinde haben, junger Ritter, ich sahe Gewappnete im Busche lauschen, die euren Namen nennten, und von euch, als einer freyen Beute, sprachen.

Meinen Namen? Wie kann euch dieser bekannt seyn?

Als ob euer Gesicht das Haus, aus welchen ihr entsprossen seyd, verleugnen konnte! Auch sahe ich, als ihr mir eure mehr als furstliche Gabe reichtet, den Ring mit dem Wappen eurer Voreltern an eurer Rechten. Dreyssig Jahr habe ich unter eurem Grosvater theils in des Kaisers Kriegen, theils in seinen eigenen mit dem Bischoff von Bremen gedient, so wird mir doch sein Enkel kenntlich seyn? Graf Raimund von *** war in euren Jahren ein Herr wie ihr! ich wurde glauben, in die Zeit meiner Jugend zuruck versetzt zu seyn, und ihn lebend vor mir zu sehen, wenn mich nicht die Hinfalligkeit meines Korpers, diese zusammengeschrumpfte Haut und dies zerlumpte Kleid eines andern belehrten.

Wie? schrie ich, ihr dientet unter der Fahne meines Hauses, und alles was ihr in seinen Diensten erwarbt, war der Bettelstab?

Macht mir mein elendes Gewerbe nicht zum Vorwurf, ich treibe es nicht fur mich, sondern fur meine nach Brod wimmernden Enkel, die in mir ihren einigen Versorger sehn.

Gott! Gott! schrie ich, und das sollte ich wissen und nicht helfen? Nein, Alter, ich verlasse diese Gegend nicht, bis ich die Schuld meiner Voreltern bey euch abgetragen habe. Ich bin euch uberdem mit eigner Schuld verhaftet; ihr waret mein Warner vor Gefahr, die mir nicht unwahrscheinlich dunkt, da ich auf meiner Reise Spuren genug von heimlichen Nachstellungen hatte.

Und was wollt ihr machen, Graf Adolph?

Mit euch gehen will ich, in der Hutte der Armuth ubernachten, und sie beym Abschied in ein bequemes Haus verwandeln. Eure Kinder sollen die Meinigen seyn, ich will euch genug zu eurer und ihrer Verpflegung hinterlassen.

Ich bedaure Euch, sagte der Alte, indem er sich ziemlich munter an seinen Krucken in die Hohe richtete, euer Nachtlager unter meinem Dach wird schlecht seyn, es schutzt kaum mich und die Meinen vor Wind und Regen; doch kommt mit mir, besser mogt ihr euch immer bey mir als da befinden, wohin ihr ohne meinen Rath, gekommen seyn mochtet.

Ich trat den Weg an, den mir mein Begleiter zeigte. Um seinen schwachen Fussen zu Hulfe zu kommen, stieg ich von meinem Ross ab, und leitete es langsam hinter mir her, so dass er gleichen Schritt mit mir halten konnte, welches ihm in der That leichter ward, als ich gedacht hatte.

Mit Erzehlungen aus der alten Geschichte meines Hauses, unterhielt er mich so lang und so angenehm, dass ich kaum gewahr ward, dass die Sonne ganzlich unter den Horizont hinunter war, und wir in immer wachsender Dammerung gingen. Er schien meine schwache Seite zu kennen und nutzte sie, er ward so wenig mude von den Thaten meiner Voreltern zu erzehlen, als ich, von denselben zu horen.

Mitten in einer seiner interessantesten Geschichten, begegnete uns ein wohlgekleideter Mann, der meinen Begleiter zu kennen schien, und ihn in romanischer Sprache anredete, von welcher ich, wie ich schon gesagt habe, nur wenig verstand, besonders wenn sie so geschwind, wie hier, gesprochen wurde.

Schon wurde ich ungeduldig, uber die etwas lang daurende Unterhaltung, als sich der Alte zu mir wandte. Dieser Mann, sagte er, ist ein Bedienter unsers gnadigen Herrn des Besitzers dieser Gegend, er fragt mich, wohin ich euch fuhre, er ahndet aus eurem Ansehen einen Gast, der fur meine Bewirthung zu hoch ist, und wagte es, euch im Namen seines Gebieters auf das Schloss einzuladen, wo ihr euch besser befinden werdet, als in der Hutte eines Bettlers.

Der Fremde verbeugte sich sehr ehrerbietig vor mir, und versicherte mich in gebrochenem Teutsch, dass ich seinem Herrn zwar ein unbekannter und unvermutheter, aber sehr angenehmer Gast seyn wurde, indem er keinen Fremden von Stande unbewirthet vor seiner Burg uberziehen lasse, und allen seinen Leuten ungemessenen Befehl ertheilt habe, wen sie in seinen Bezirken fanden, der des Ansehens war, sich an seinem Tisch zu zeigen, mit geziemender Achtung an denselben zu erbitten.

Das Ansehen des Redners gefiel mir so wenig, als seine Sprache, ich kannte weder ihn noch seinen Herrn; Erfahrung hatte mich Behutsamkeit gelehrt, und eine abschlagige Antwort war auf meiner Zunge; ich zog die Herberge unter dem armseeligen Dache meines ehrlichen Kriegers, dem Schlosse jenes Unbekannten vor. Ich wandte mich nach ihm um und sah mit Erstaunen seine Krucken zu meinen Fussen liegen und ihn, mein Pferd am Zugel davon fuhrend, mit der Schnelligkeit eines Vogels uber ein Stoppelfeld eilen.

Gnadiger Herr! stammelte mein undeutscher Unbekannter, ihr erstaunt uber das, was ihr hier seht? Vermuthlich wisset ihr nicht, dass ihr euch in sehr bosen Handen befandet; dieser Mann ist der Anfuhrer einer berufenen Rauberbande, dessen Geschaft es ist, ungluckliche Reisende unter mancherley Verkleidung ins Netz zu locken; er scheut hier nichts als die Macht meines Herrn, der seiner Bosheit schon mehr Opfer entruckte; und ihr habt eurem Heiligen zu danken, der mich euch gerade zu eurer Rettung entgegen schickte.

Starr vor Erstaunen sah ich den Unbekannten an; dass jener Alte ein Betruger war, dies fiel mir in die Augen; aber ob ich mir bey dem, der ihn vertrieben zu haben schien, und doch vielleicht ingeheim mit ihm einverstanden war, etwas besseres zu versehen hatte, das konnte ich nicht errathen.

Er schien die Meynung meines durchdringenden Blicks nicht zu verstehen, er ging vor mir gelassen dahin, als wenn es die Nothwendigkeit erforderte, dass ich ihm folgen musse, redete von der Nahe des Schlosses, von der Gesellschaft, die ich daselbst finden wurde, und von einer Menge anderer Dinge, mit der grossten Unbefangenheit; ich verstand ihn nur halb, weil er sehr schlecht sprach, und eine Menge fremde mir ganz unverstandliche Worte einmischte.

Ich wusste nicht, was ich thun sollte, mir kam vor dem Orte, wohin er mich fuhren konnte, ein Grauen an, und gleichwohl sah ich mich hier in einer ganz fremden Gegend, wo ich nicht wusste, ob mir nicht vielleicht noch grosseres Ungluck drohen mochte.

Mein Fuhrer wandte sich, als er mein Zogern merkte, nach einer Weile ganz gelassen nach mir um, und sahe, dass ich mein Schwerd gezogen hatte, und es blos in den Handen trug. Ich glaube, ihr furchtet euch vor mir, sagte er mit einem widrigen Lachen, seht ihr nicht, dass ich unbewehrt bin? Gebt euch doch zufrieden!

Er schlug den Mantel zuruck, und zeigte mir, dass er weder Schwerd im Wehrgehang noch Dolch im Gurtel hatte. Ich schamte mich des Verdachts der Furchtsamkeit, und schlenderte mit etwas festerm Schritt an seiner Seite her. Wir schwiegen beyde, wie Leute, welche nicht ganz wissen, was sie von einander zu halten haben. Ich fragte nach dem Namen seines Herrn, und bekam keine Antwort; zwischen den Zahnen murmelte er etwas in seiner Sprache, davon ich nur die Worte, Gehen oder Bleiben verstehen konnte; dies schien mir der Trotz eines redlichen Mannes zu seyn, der sich durch falschen Verdacht beleidiget fuhlt, ich steckte mein Schwerd ein, und uberredete mich, dass ich ohne Ursach bange gewesen sey.

Dort ist das Schloss, sagte er nach einer langen Weile, als wir hinter einem Hugel hervor, auf eine weite Ebene kamen; ihr konnt euch nun entschliessen, ob ihr dort oder hier unter freyem Himmel ubernachten wollt.

Ich gehe mit euch, erwiederte ich, und verzeiht, wenn ich, durch viel traurige Erfahrungen gewitzigt, euch Unrecht that.

Wir traten jetzt in einen grossen Vorhof ein, wo verschiedene Bedienten mit Fackeln um uns her kamen. Ist die Gesellschaft heute gross? fragte mein Begleiter. Wir haben, war die Antwort, heute keinen Fremden, als den ihr uns bringet; er wird dem Herrn und seinen Freunden willkommen seyn.

Meine Furcht war jetzt ganz verschwunden; ich sah wohl, dass ich mich in keiner Rauberhohle, wohin ich gefuhrt zu werden besorgt hatte, sondern wurklich in dem Pallast eines grossen Herrn befand, wo alles Pracht und Reichthum athmete. Man offnete einen grossen erleuchteten Speisesaal, wo ich eine sehr zahlreiche Gesellschaft bey gefullten Bechern sitzen sah, welche mir noch besser und unverdachtiger geschienen haben wurde, wenn mir nicht ihre Kleidung auf den ersten Blick gezeigt hatte, dass sie grosstentheils Geistliche waren; ein Stand, bey welchem ich, wie ich wusste, in keiner sonderlichen Gunst stand, und vor welchem auch ich immer noch mehr Furcht als Ehrerbietung gehegt hatte, weil ich wusste, dass ich machtige Feinde in demselben hatte.

Der Herr des Hauses, ein freundlicher fetter Mann, mit der Miene der Intrigue in den scharfblickenden Augen, trat mir entgegen, er trug ein elegantes geistliches Negligee, ohne Abzeichen einer hohen kirchlichen Wurde, als das goldne Pralatenkreuz, das mir ihn als einen Bischof vorstellte. Ich ward bewillkommt, freundlich zur Tafel geladen, an eine der Oberstellen gesetzt, und durch Freundlichkeit, Trunk und zutrauliches Wesen, damit man mir von allen Seiten entgegen kam, bald vollig uber meine Lage beruhiget.

Dem frohen Mahle, welches weit nach Mitternacht noch nicht zu Ende war, und das durch Witz und frohe Laune eins der unterhaltendsten ward, dabey ich mich je befunden habe, folgte eine sanfte Nacht auf weichem Lager, und dieser ein so freundlicher Morgengruss von meinem gastfreyen Wirthe, und eine so dringende Bitte, noch diesen Tag sein Gast zu seyn, dass ich blieb wo ich bleiben musste, denn nach doppelter und dreyfacher Verlangerung meines Besuchs, ward mir es endlich klar, dass ich nicht scheiden konnte, wenn ich auch gewollt hatte; und dass mit dem ersten Eintritt auf das Schloss, vor welchem mich nicht ohne Ursach gegraut hatte, meine Freyheit verloren gegangen war.

Das, was ich mit allem meinen Nachdenken nicht begreifen konnte: was man hier eigentlich von mir wollte, ward mir auch nach und nach deutlich; ich sah, dass man mich kannte, und dass alles darauf hinauskam, durch List, welche zuweilen nahe an Gewalt granzte, Dinge von mir zu erforschen, deren Kenntniss man bey mir vermuthete, und die ich, auch ungebunden durch furchterliche Eide, diesen Fragern nie entdeckt haben wurde. Gezwungen muss ich hier mich kurz fassen, man kann die Art, auf welche gewisse Dinge angefochten wurden, nicht genau bestimmen, ohne sie selbst zu verletzen. Es sey euch genug, dass man mich auf meinen schwachsten Seiten angrif, um mich straucheln zu machen. Frauenliebe und Sucht nach Grosse suchte man zu meinem Verderben in mir rege zu machen. Man verkannte mich in Ansehung des ersten; mein Herz war jener zartern Gefuhle im hochsten Grade empfanglich, aber es schlug allein fur die schone Grafin von Toulouse; die reizende Verfuhrerinnen, die man brauchte, um mich eidbruchig zu machen, mussten also ihres Endzwecks verfehlen.

Dieses entdeckte man bald, und Alix von Toulouse sollte also der Preis meiner Verfuhrung seyn; man sagte mir hier zuerst, was mich halb wahnsinnig machte, dass Alix fur mich ein unerreichbares Gut, dass sie bereits an den Prinzen von Kastilien verlobt sey, und man riss mich aus der Tiefe der Verzweiflung durch das Versprechen empor, dass ich sie dennoch erlangen, dass keine menschliche Macht sie mir entreissen sollte, wenn ich mich zu dem bequemte, was man von mir forderte.

Die Versuchung war gross, aber ists nur noch eine Frage, ob ich siegte? Da ich hier uberwunden hatte, so brauche ich wohl nicht erst zu erwahnen, dass die Lockspeisen, welche man meiner Ehrfurcht vorhielt, mir verachtlich waren; man zeigte mir den hochsten Rang im deutschen Reiche, oder die hochste Staffel am romischen Hofe von der einen, und den Verlust meiner Lande, Gefangniss und schimpflichen Tod von der andern Seite; ich lachte, und blieb der, welcher ich war, der Mann mit den versiegelten Lippen, der achte Diener der unerforschlichen Geheimnisse.

Mein Zustand verschlimmerte sich von einem Tage zum andern, ich verschloss mein Auge vor der Gefahr, oder vielmehr, ich lachelte ihr zu, denn was konnte man mehr thun, als mir das Leben rauben, und war dieses mir wohl noch wunschenswerth, da Alix fur mich verlohren war? Getrost war ich in den Tod gegangen, unschuldiger und weit glucklicher hatte sein Pfeil mich getroffen, als jetzt, da ich mit Blutschuld behaftet, als ein Verbrecher ihn nun schon Jahrelang herbeywunsche. Ach war ich damals gestorben! wie schuldlos war ich in die lange Nacht hinabgestiegen! Vielleicht war sie nun schon vertraumt, und ich war zu einem bessern Leben an der Seite meiner Geliebten erwacht!

Ich sollte nicht sterben, die Hand der Liebe rettete mich, die Hand einer zuruckgewiesenen, verschmahten Liebe. Eine von den schonen Zauberinnen, die mir meine Geheimnisse aus dem Herzen locken sollten, dachte edler als ihre Mitschwestern, sie hatte sich das granzenlose Zutrauen meiner Kerkermeister zu verschaffen gewusst, sie schmeichelte ihnen mit einem Erfolg, den sie mir zum Besten erdichtete. Die Thuren meiner verriegelten Zimmer standen ihr offen, sie kam zu mir um Mitternacht, nicht bey mir zu verweilen, sondern mich hinauszufuhren, wo Freyheit und Mittel zu sicherer Flucht meiner warteten.

Fliehe mit mir edles Madchen, schrie ich, entreiss dich der Schande dieses Schlosses; du verdienst von den Stricken des Lasters befreyt zu werden. Sehr wohl! lachte sie, gewiss um eine Aufwarterin der schonen Alix, oder gar Nonne zu werden? Mit diesen Worten entfloh sie, und verschmahte den besten Dank, den ich ihr fur meine Freyheit hatte geben konnen.

Ich hatte das Schloss kaum etliche Meilen hinter mir, als ich merkte, dass man meine Flucht zu zeitig wahrgenommen hatte, und dass meine Verfolger in meine Fusstapfen traten; die Finsterniss der Nacht kam mir noch eine kurze Zeit zu statten, aber der Morgen brach an, und entdeckte mich meinen Feinden, in meiner Verborgenheit, die ich in der Angst meines Herzens schlecht genug hinter einem dunnen, belaubten Busche gewahlt hatte; es schien, man war nun gesonnen, alle Gelindigkeit bey Seite zu setzen, und mich ganz als einen Verbrecher zu behandeln; man belegte mich mit Fesseln und schleppte mich davon, ohne auf meine Appellation an Recht und Menschlichkeit zu horen.

Der Weg, den man nahm, war mein Gluck. Es war ein schmaler, wenig besuchter Felspfad, den man vermuthlich gewahlt hate, um sich seines Raubes desto besser zu versichern, weil man nicht wusste, ob ich Anhanger oder Schutzer in dieser Gegend hatte, welche zu furchten waren. Leider wusste ich nichts von solchen Helfern, aber der Himmel sandte mir einen Retter entgegen, auf welchen ich nicht gerechnet hatte, auf welchen ich nicht rechnen konnte, da er mir ganz unbekannt war.

Wir hatten ohngefahr die Halfte unsers schmalen Pfads zuruckgelegt, als uns ein bequemer Reisewagen, in Begleitung einiger Bewaffneten begegnete; ein alter ehrwurdiger Mann sass darin, und schien sehr andachtig mit Lesen beschaftigt zu seyn. Der Weg war so, dass wir nicht ausweichen konnten, auch schienen meine Huter es nicht fur nothig zu halten, da die Person, welche uns begegnete, ihnen wenig Furcht einflosste.

Mir flosste das Ansehen des ehrwurdigen Mannes Hoffnung ein, und mein Entschluss war kurz gefasst. Unser kleiner Trupp musste halten, um den Reisenden voruber zu lassen; ich war ihm so nahe, dass die Rader seines Wagens meine Kleider beruhrten, er hub die Augen auf, und warf einen Blick auf mich, in welchem ich Mitleid zu entdecken glaubte. O Rettung! schrie ich, ehrwurdiger Herr, Rettung fur einen Unglucklichen, welcher unschuldig die Fesseln tragt!

Wer seyd ihr, mein Sohn, fragte der Greis, indem er seinen Wagen halten liess, mich genauer zu betrachten.

Mein Herr, antwortete der Anfuhrer meiner Feinde, indem er mich hinwegdrangte, und an meiner Stelle die Antwort that, ich hoffe, ihr werdet euch nicht an die Lugen eines Boswichts kehren, welcher zur langst verdienten Strafe gefuhrt wird.

Ihr waret es nicht, welchen ich fragte, antwortete der Alte mit einem gebietenden Blick; ich verlange Antwort von dem jungen Menschen, welcher mir nicht ganz das Ansehen eines Verbrechers zu haben scheint. Noch einmal, mein Sohn, wie ist euer Name?

Herr! schrie mein Feind, hutet euch vor Ungelegenheit! Dieser Gefangene gehort dem Bischoff von ***, welcher gerechte Anspruche auf ihn hat.

Dem Bischoff von ***? antwortete der Reisende. Ey so gehort die Sache ja gar unter meine Gerichtsbarkeit. Ich bin der Erzbischoff von Maynz, und verlange auf der Stelle nahere Erklarung von ihm oder von Euch.

Der Name des Erzbischoffs von Maynz, dessen man nach seiner Ruckkehr aus Palastina, schon seit einigen Wochen in diesen Gegenden gewartig war, verbreitete todliches Schrecken unter dem ganzen Haufen, doch wusste sich der Anfuhrer schnell zu helfen.

Gnadiger Herr, sagte er, wenn ihr die wahre Ursach von der Gefangenschaft dieses Menschen entdecken wollt, so urtheilt ihr sehr weislich, dass ihr die sicherste Auskunft uber seine Verbrechen von uns nicht von ihm erfragen konnt.

Und was fur Verbrechen kann man mir aufburden? rief ich, indem ich mich losriss und naher trat. Rede Boswicht, rede vor den Ohren dieses Heiligen, den Gott mir zum Retter schickte.

Wie? schrie mein Gegner, kannst du es leugnen, Verworfener, dass du in vergangener Nacht ein Madchen aus dem Hause unsers Herrn entfuhren wolltest?

Also eine Madchengeschichte? sagte der Erzbischoff mit spottischem Lachen. Unsere Bruder in Europa haben, wie es scheint, sehr wichtige Sachen auszugleichen, indessen wir andern der Andacht am heiligen Grabe pflegen.

Ich bitte, erwiederte mein Anklager, ich bitte nur dieses, dass der Mensch zum Gestandniss genothig werde, ob mein Vorgeben falsch sey?

Nun so redet, mein Sohn! fuhr der ehrwurdige Greis noch immer lachelnd fort, das Verhor auf ofner Landstrasse hat zwar ein wunderliches Ansehen, aber wem Macht zu Handhabung der Gerechtigkeit verliehen ist, der ube sie, wo er Gelegenheit findet. Eben las ich in unsern heiligen Buchern die Stelle, dass die Obrigkeit ihren Scepter nicht umsonst, sondern zu schneller Entscheidung trage.

Auf die erste Anhorung der Anklage vom Madchenraub, hatte Verneinung auf meiner Zunge geschwebt, jetzt wahrend der Rede meines gnadigen Richters, besann ich mich erst, dass sie nicht ganz ungegrundet war; und dass ich wurklich meiner Befreyerin Anlass zur Flucht gegeben hatte, welches man erlauscht, oder aus ihrem eigenen Munde erpresst haben mochte. Ich hielt es fur das Beste, die ganze Geschichte zu erzehlen, und ich that es auf so eine Art, dass der Erzbischoff ganz fur mich gewonnen ward.

Hier ist offenbare Wahrheit, rief er mit Kopfschutteln, ich kenne die hiesigen Bischoffe ein wenig aus dem Gerucht, und werde die Sache naher untersuchen. Denn in der Ursach, warum man diesen Ritter zuerst als einen Gefangenen hielt, finden sich noch viel Verborgenheiten, die ich ergrunden muss. Schliesst den jungen Mann los, ich werde ihn mit mir nach Maynz fuhren, und sagt eurem Herrn, er moge dorthin zu mir kommen, und das weitere aus meinem Munde horen.

So war ich denn also frey, frey durch den Rechtsspruch eines Heiligen. Meine Feinde gingen beschamt davon, ich erhielt Befehl mich zu den Bedienten des Erzbischoffs zu gesellen, aber in der Betaubung, in welche mich die schnelle Wandelung meines Glucks gesetzt hatte, verstand ich nicht, was man mir sagte, vergass, dass man mich hier nicht als den kannte, der ich war, und schwang mich getrost in den Reisewagen des Erzbischoffs, die leere Stelle an seiner Seite einzunehmen.

Er hinderte mich nicht, machte mir so gar Platz, und begnugte sich, mich eine geraume Weile mit unverwandten Augen anzusehen, indessen ich, halb froh uber meine Rettung, halb voll innern Grimms uber meine Beleidiger, vor mich hin sass, und schier des Danks vergass.

Es scheint, junger Mensch, sagte der Erzbischoff nach einer Weile, ihr kennt den Platz sehr gut, wohin ihr gehort. Noch einmahl; fasst ein Zutrauen zu mir, und entdeckt euch mir ganz.

Mein Herz war voll; die Einladung, es auszuschutten, schien aus dem Munde eines liebenden Vaters zu kommen. Ich antwortete, und antwortete so vollstandig, als ich es kaum vor Eid und Gewissen verantworten kann. Der Erzbischoff sahe, dass ich auf einmal errothete, und inne hielt er schonte mich, und drang nicht in mich fortzufahren.

Es ist gut, Herr Graf, sagte er, ich kenne nun euch, kenne eure Verfolger, und eure Unschuld; die Ursach, warum sie euch nachstellten, und alles, was sie nicht aus eurem Munde erpressen konnten, verlange ich so genau nicht zu wissen, ihr musstet denn in der Folge Bedurfniss fuhlen, euch mir in der Beichte ganz zu entdecken, und Trost und Rath bey demjenigen zu suchen, der euch vielleicht beydes geben kann.

Das, wozu mir dieser verehrungswurdige Mann, dieser Erzbischoff Konrad von Maynz, dessen Andenken ich ewig verehren werde, damals Anleitung gab, das geschahe bald darauf wurklich.

Ich folgte ihm in seine Residenz. Seine ungeheuchelte Frommigkeit, und besonders das Interesse, das er an mir nahm, machte ihm mein ganzes Herz zu eigen. Ich, der ich bisher zu keinem Geistlichen ein Vertrauen hatte fassen konnen, und daher sehr lange Zeit des geistlichen Trosts entbehren musste, schuttete vor diesem Heiligen mein ganzes Herz an geweihter Stelle aus, und nimmer wird mich es gereuen, dass ich es gethan habe.

Von ihm erhielt ich Warnungen und Weisungen in Ansehung meiner Lage, deren Befolgung mein Gluck gewesen seyn wurde. Ich sollte mich von der Verbindung mit den furchtbaren Unbekannten, sollte mich von der Liebe zur verlobten Alix losmachen. Konnte ich das? und weis ein Heiliger wie Konrad auch, wie schwer es ist, irrdische Fesseln, die Fesseln der Ehre und der Liebe abzuschutteln?

Von Maynz begab ich mich nach Toulouse, ohne auf dem Wege den geringsten Anstoss zu haben, entweder scheute man meinen Beschutzer, den Erzbischoff, oder man hatte meine Spur ganzlich verloren, und die Anschlage auf mich bey Seite gesetzt.

Mein Herz gluhte von Leidenschaft gegen die schone Alix, so gewiss ich auch war, dass sie nicht fur mich lebte, und alles schien sich zu vereinigen, den Eindruck, den ihr Bild auf mich gemacht hatte, zu vertiefen. Hier kam ich durch eine Landschaft, wo man Anstalt machte, sie auf dem Wege, da sie in kurzen ihrem glucklichen Brautigam entgegen gefuhrt werden sollte, mit Jubel einzuholen. Hier hatte sie einst einige Jahre ihres schonen Lebens zugebracht, und sich alle Herzen gewonnen. Die Bewillkommungen, die man fur sie ersann, waren nicht gekunsteltes Ceremoniel, waren der Zoll einer Liebe, welche nahe an die Anbetung granzte. Man fuhrte mich in die benachbarte Klosterkirche. In diesem Hause hatte sie unter den Nonnen ihre erste Bildung erhalten; bey einer furchterlichen Feuersbrunst, welche einst des Nachts hier ausbrach, hatte ihre Wachsamkeit das Kloster erhalten. Eine kranke Layenschwester, die man in ihrer Celle vergessen hatte, riss die junge Heldin selbst aus den Flammen, und denn kehrte sie in die Kirche zuruck, dem wunderthatigen Marienbilde, zu welchem die fromme Seele eine sonderbare Andacht hatte, die nehmlichen Dienste zu thun. Sie kam zu spat, die tode Heilige war schon ein Raub der Flammen geworden, und sie, die lebende hatte beynahe den Tod auf dem Wege heiliger Schwarmerey gefunden.

Von Rauch halb erstickt, hatte man sie auf den Stufen des Altars gefunden; und sich gleich entschlossen, ihr zur Dankbarkeit fur ihre Aufopferung sie moge leben oder sterben, eine sonderliche Ehre zu erzeigen. Kennt ihr die Prinzessinn Alix? setzte der Erzahler hinzu, indem er auf das neue Altarbild deutete; nun wohl, ihr mogt sie kennen oder nicht, so seht ihr hier die vollige Aehnlichkeit ihres schonen Gesichts und ihrer reizenden Gestalt. Die heilige Jungfrau darf nicht zurnen, so geschildert worden zu seyn, himmlischer gestaltet als hier, kann sie nicht auf Erden gewandelt haben.

Der Mann, welcher mit mir sprach, war ein Schwarmer, und was war ich in diesen Augenblikken? O Verzeihung! Verzeihung! fur alle Verirrungen, zu welchen mich die Liebe leitete. Ich sah die nach dem Leben geschilderte Alix mit der himmlischen Glorie vor mir an heiliger Statte, ich horte Thaten eines Engels von ihr erzahlen, war es zu verwundern, dass ich mich von dem Arm meines Fuhrers losriss, um mich auf den Stufen des Altars zu Gebeten nieder zu werfen, welche ich unserer lieben Frau anrechnete, und die doch im Grunde nichts waren, als Anbetungen ihrer schonen Stellvertreterin.

Ich erhub mich in einem Zustande, welchen ich wohl mit Recht den ersten Grad der Verstandsverwirrung nennen kann, die mich in der Folge zum Schauspiel der Welt machte. In einer Art von Trunkenheit durchreiste ich die nachsten Gegenden, wo der Name Alix, den ich uberall nennen horte, meinen Zustand noch verschlimmerte. In einem Hospital, das sie von dem Verkauf ihrer Juwelen gebaut haben sollte, verlangte ich als ein Kranker aufgenommen zu werden, und da man mir dieses unter dem Vorwand meiner guten korperlichen Gesundheit versagte, so liess ich daselbst mein ganzes Vermogen, und kam als ein Bettler nach Toulouse.

Die kastilische Braut (Gott! wie bebte ich, ihr uberall diesen Namen geben zu horen,) hatte sich, nachdem sie das Kloster verlassen hatte nur kurze Zeit hier am Hofe ihres Bruders aufgehalten, und war denn ihrem Schicksal entgegen gereist, ich fand sie nicht mehr. Der Zustand, in dem ich war, machte es unmoglich, mich, (wie ich es sehnlich wunschte, um nur etwas zu sehen, das Beziehung auf sie hatte) bey dem Grafen vorstellen zu lassen. Ich war ohne Zweifel ein Raub des graulichsten Mangels geworden, hatte ich nicht noch vor meiner Reise aus Westphalen an meine Bedurfnisse hier zu Toulouse, und auf die Zufalle gedacht, welche einen Pilger auf einer so weiten Reise aller Mittel berauben konnen.

Einer meiner altesten und treuen Diener, Rudger Ahlden genannt, war schon langst mit ansehnlichen Summen voraus, mich hier zu erwarten, er hatte so lang und mit so viel gegrundeten Besorgnissen nach mir ausgesehen, forschte so unablassig bey allen interessanten Reisenden nach meiner Gestalt und meinem erborgten Namen, dass er mich nicht verfehlen konnte.

Ich hatte seiner Unterstutzung auf alle Art nothig, er brachte mich endlich so weit, dass ich bey Hofe mit Anstand erscheinen und in dem Bruder meiner Alix einen Mann kennen lernen konnte, der den sussen Namen vollig verdiente, den ihm die Natur in Rucksicht auf sie gegonnt hatte.

Wenig Tage machten uns zu Freunden, er war der liebenswurdigste Furst, den ich je gesehen habe, und ich trug so viel von der Liebe zu der Schwester auf den Bruder uber, strebte so unablassig, mich ihm gefallig zu machen, dass wir wohl fur einander eingenommen werden mussten.

Der Graf von Toulouse war offentlicher Beschutzer und heimlicher Anhanger einer gewissen Seckte, welche damals in Ruf zu kommen begunnte; er sagte mir, sobald wir ein wenig vertraut geworden waren, unaufhorlich von ihren Lehrsatzen vor, welche ich ihm zu Liebe billigte und himmelan erhub; auch mochten sie wohl ihre Vorzuge haben, die ich aber in meinem damaligen Zustande genau zu beurtheilen ganz unfahig war; ich gab ihnen nur darum Beyfall, weil der Bruder meiner Geliebten sie fur richtig hielt, und als ich vollends erfuhr, dass Alix mit ihm hierin uberein denke, dass sie, die ehemalige Bilderretterin, jetzt ganz an der Lehre der waldensischen Bilderhasser hange, so war ich so vollkommen uberzeugt, dass Waldus in allen seinen Behauptungen recht habe, dass ich fur dieselben des Martyrertodes wurde gestorben seyn.

Der Graf von Toulouse liebte mich sehr, und ich glaube, hatte er mich vor den kastilischen Heyrathsvertragen kennen gelernt, ich hatte es ohne Furcht vor Abschlag wagen durfen, um die Hand seiner Schwester zu bitten; jetzt nur auf die entfernteste Art etwas von meiner Leidenschaft gegen ihn zu gedenken, wurde Thorheit gewesen seyn, und ich war noch hinlanglich bey mir selbst, mich hierin nicht zu verrathen; ich dachte indessen doch darauf, seine Freundschaft zum Besten meiner Liebe zu nutzen. Die weisen Rathschlage des Erzbischofs von Maynz wurden ganz vergessen, ungeachtet er sie oft in wahren Hirtenbriefen an mich wiederholte; ich bedachte nicht, dass Alix fur mich ein unerreichbares Gut war und blieb, und dass jede Nahrung, die ich meiner Leidenschaft gab, nichts that, als mich dem Abgrund des Verderbens noch naher zu bringen. Bisher kannte ich Alix nur aus Bildern und Beschreibungen, personlich kennen wollte ich sie, um ja unwiederbringlich elend zu werden. Ich erhielt mit leichter Muhe Briefe und Auftrage von dem Grafen an seine Schwester nach Pamiers, wo sie sich einige Zeitlang aufhalten sollte, die er keinem schlimmern Boten als mir hatte anvertrauen konnen; es waren Dinge, welche der aussersten Geheimhaltung bedurften, Bucher mit neuen verbotenen Meynungen angefullt, welche vor den rechtglaubigen Kastilianern verborgen gehalten werden mussten, aber so sehr mir auch dieses eingescharft wurde, so ging es doch schnelle in meinem Gedachtniss verloren, und nichts blieb zuruck, als der Gedanke, dass ich Alix sehen, mit ihr sprechen, und vielleicht auch einige gutige Worte aus ihrem Munde horen sollte.

Mein alter Diener, der getreue Rudger, der bey meinem gegenwartigen Zustande mehr die Rolle meines Rathgebers und Aufsehers spielte, hatte noch keinen meiner ausschweifenden Einfalle so sehr gebilligt als den, nach Pamiers zu gehen. Die Reise nach der damaligen Versammlung, die in dieser Stadt von Geistlichen und Weltlichen gehalten wurde, war eigentlich die Hauptveranlassung der Entfernung aus meinem Vaterlande gewesen, oder vielmehr, sie hatte es nach dem Rufe, den ich von meinen Obern durch Kalatin erhalten hatte, seyn sollen. Aber uber andere Dinge war dieses ganz vergessen worden, ich ging gegenwartig nach Pamiers, um der schonen Alix, nicht um meiner geheimen Geschafte willen, und Rudger, gleichfalls ein Einverleibter des heimlichen Gerichts, musste mich erst daran erinnern, er, einer der Untersten dieses Bundes, mich den Beysitzer und Richter. O in was fur Handen waren damals die wichtigsten Angelegenheiten! ich errothe, wenn ich mir es lebhaft vorstelle.

Ich erhielt um selbige Zeit verschiedene Briefe von dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, welche ich nicht sonderlich beachtete, so wie mir alles gleichgultig war, was keine Beziehung auf die Hauptangelegenheiten meines Herzens hatte! Ottos Schreiben enthielt unter andern auch Einladungen, an den kaiserlichen Hof zu kommen, um daselbst mit einem gewissen Bischof von Sutri bekannt gemacht zu werden; ich hatte Bekanntschaft genug mit Bischofen gehabt, um nichts mehr davon zu begehren.

Auch von Evert von Remen bekam ich ein Schreiben durch Wittelsbachs Vermittelung; es wurde noch unachtsamer auf die Seite geworfen als jene, wurde nicht einmal eroffnet; der nachtheilige Wahn, den Kalatin mir ehedem von dem Freunde meiner Jugend beybrachte, war noch nicht getilgt, und ich war damals zu sehr mit andern Dingen beschaftiget, um seine Rechtfertigung sonderlich zu wunschen, oder sie in diesem vernachlassigten Schreiben zu ahnden.

Alle meine Gedanken, all meine Wunsche erstreckten sich nach Pamiers, und es war in einem halben Rausche, dass ich daselbst anlangte. Ohne die mindeste Vorsicht, ohne alle Vorbereitung, die mir so nothig gewesen war, ward meine Audienz bey der kastilischen Braut eingeleitet, und ich hatte an meiner Schwester eine so gute Fuhrerin meiner Angelegenheiten haben konnen! Diese gute, liebevolle Seele war meinen Planen, um deren willen ich sie ehedem aus ihrem Vaterlande riss, so treu geblieben, dass sie nicht geruht hatte, bis die Geliebte meines Herzens von ihr gefunden war, und bis sie eine Stelle in ihrem Frauenzimmer erhalten hatte. Zwar meiner Liebe bey ihr zu dienen, da Alix schon so fest gebunden war, dazu hatte es Alverden gewiss so sehr an Willen als an Moglichkeit gefehlt, aber sie hatte mir doch rathen, hatte mich doch vor dem volligen Verderben warnen konnen, das meiner im Anschauen der Schonheit wartete, die mich schon in der Ferne verblendet hatte.

Ich sahe sie, ich sahe Alix, sahe sie mit der Gewissheit, sie sey die Braut eines andern, sey fur mich vollig verloren; und das wenige, was ich noch von Besonnenheit ubrig hatte, war ganz hin. Ich erinnere mich keiner besondern Umstande von dieser merkwurdigen Audienz, die mein Ungluck vollendete, erinnere mich nur des Ganzen. Ich sahe die gottliche Alix, und war lieber anbetend zu ihren Fussen gesunken, sah Alverden, meine Schwester, die sich gern mit Entzucken in meine Arme gesturzt hatte, und mein Blick verbot ihr, mich Bruder zu nennen. Ich weiss nicht, warum ich diese Entdeckung vermied, da der Name des Bruders der vornehmsten Hofdame der Prinzessin mir vielleicht ihren Anblick ofter hatte verschaffen konnen; aber all mein Betragen war damals widersprechend und unzusammenhangend, ich vermag nicht, Rechenschaft von demselben zu geben.

Meine Auftrage von dem Grafen von Toulouse waren mit der aussersten Unordnung und Unvorsichtigkeit ausgerichtet worden; ach ich zittre, wenn ich bedenke, dass die Fehler, welche ich damals beging, vielleicht das Signal zu dem Untergang meiner Geliebten gegeben haben konnen! Dies ist ein Punkt, uber welchen ich nicht ohne Nachtheil fur mein Gehirn nachdenken kann; er sey auf ewig bey Seite gesetzt!

Ich suchte des andern Tages zum zweytenmal vorgelassen zu werden, und ward abgewiesen, der dritte und vierte Versuch verungluckten ebenfalls, ich nannte den Namen des Grafen von Toulouse, man sagte mir, die Prinzessin gehore nun ganz dem kastilischen Hofe, und ihr Bruder habe nicht mehr das Recht, so oft, und durch wen er wolle, Botschaften an sie gelangen zu lassen.

Ich sah mich genothigt, den Anblick der himmlischen Alix in Kirchen und auf Spaziergangen zu suchen; auch da ward ich durch die finstern Gesichter der Hofdamen und durch die Leibwache zuruck gescheucht. Selbst Alverde, meine Schwester, schien sich wider mein Gluck verschworen zu haben, sie sagte mir einst auf offentlichem Spaziergange einige empfindliche Worte, und druckte mir heimlich einen Brief in die Hand, welcher noch ernstlichere Weisungen enthielt. Ein heimlicher Briefwechsel, vermittelst eines holen Baums, in dem unsere beyderseitigen Schreiben niedergelegt werden sollten, ward zwischen mir und meiner Schwester verabredet; er gab mir sonderliches Vergnugen, weil er mir Gelegenheit verschafte, meinen Empfindungen Luft zu machen, auch ich ahndete nicht, dass auch hierin Gefahr fur mich, und die, welche ich liebte verborgen lag.

Wahrend ich mich mit diesen Kleinigkeiten beschaftigte, vergass ich ganz, mich um Dinge zu bekummern, welche mir besser geziemt hatten. Erst von Rudger erfuhr ich, dass wir die Ankunft Herzog Bernhards von Sachsen hier vergeblich erwarteten, welcher krank sey, und dessen Stelle der Herzog von ***, mein alter Feind, unter verdecktem Namen antreten wurde. Von dieser Zeitung, die ich wohl mit recht fur bose hielt, bekam ich in kurzer Zeit noch sprechendere Beweise. Der Herzog von *** schrieb an mich in bedraulichen Ton, und gab mir Verweise uber das, woruber ich hier wohl nimmermehr zur Rede gesetzt zu werden gedacht hatte, uber meine Anwesenheit zu Pamiers, zu welcher ich mich doch, so wie zu Veranderung meines Namens, durch Befehl meiner Obern, berechtiget geglaubt hatte. Ich erstaunte, meine volle Ueberlegung kehrte zuruck, Rudger half mir zu recht, wo sich mein geschwachter Verstand nicht helfen konnte, und aller Verdacht fiel auf Kalatin, welcher mich durch eine falsche Ladung getauscht haben musste. Ich antwortete dem Herzog trotzig, denn ich war gerade nicht auf der Laune, viel von irgend jemand zu vertragen; aber ach, sein Brief liess scharfe Stacheln in meiner Seele zuruck. Er beruhrte am Ende desselben eine Sache, von welcher ich bisher nur noch dunkle Nachrichten gehort hatte, und die er mir auf einer Seite vorstellte, welche ihren Eindruck noch empfindlicher machte. Ich sollte in diesen Augenblikken erfahren, dass die hochste leidenschaftlichste Liebe, mich doch nicht fur die Regungen der Freundschaft und Dankbarkeit ganz gleichgultig gemacht hatte.

Ich hatte Nachricht vom kaiserlichen Hofe; mein Freund, mein Lehrer, mein geistlicher Vater, der trefliche Erzbischoff von Maynz, von welchem ich noch kurzlich warnende Briefe erhalten hatte, sey jahes Todes gestorben. Der Brief des Herzogs von ***, bestattigte diese Nachricht mit dem schrecklichen Zusatz, er sey vergiftet, von Kaiser Philipp vergiftet worden. Einer von Wittelsbachs, nur hab gelesenen und betrachteten Briefen fiel mir diesen Tag wieder in die Hand, und ach! er enthielt das nehmliche.

Niemand misst mein Entsetzen und meine Wuth. Jede Empfindung, welche jetzt in meiner Seele aufging, war Raserey; Rudger vermochte sie nicht zu bandigen, und da er unaufhorlich nach Beweisen von Dingen fragte, die ich nach der Leichtglaubigkeit, welche dem Wahnsinnigen eigen ist, fur schon erwiesen annahm, und ich also wenig Nahrung fur meine Phanthasien bey ihm fand, so eilte ich zu einem Bekannten, der sich wahrend meines Aufenthalts zu Pamiers mir fast aufgedrungen hatte, und der durch tausendfache schlaue List, schon mehr als zu viel mein Vertrauter geworden war.

Er nannte sich Sutrino; und Rudger, welcher ihn hasste, und ihn ungern an meiner Seite sah, qualte sich taglich, mich zu uberreden, er sey eine Kreatur eines gewissen Bischoffs von Sutri, dessen Wittelsbach oft in seinen Briefen gedachte, und der uns aus verschiedenen Umstanden, als ein gefahrlicher Mann bekannt war, ungeachtet Wittelsbach ganz das Gegentheil von ihm hielt.

Sutrino war allen Warnungen Rudgers zum Trotz, diesen Abend bis tief in die Nacht, mein Gesellschafter; er erfuhr den neuen Kummer meines Herzens, die Vergiftung meines Freundes des Erzbischoffs von Maynz, erfuhr den angegebenen Thater, und alles was mir die Rache gegen ihn in den Sinn gab. Beschuldigungen gegen Kaiser Philippen, schienen das Kapitel zu seyn, in welchem Sutrino unerschopflich war; er erzehlte mir tausend schreckliche und unerweisliche Dinge von dem Oberhaupt des deutschen Reichs, mich in meinem Verdacht zu bestarken, und endigte mit dem Schrecklichsten, was er mir sagen konnte, um mich vollends ganz rasend zu machen.

Kaiser Philipp, sagte er, denkt auf nichts, als auf die Vergrosserung seines Hauses, und die Unterdrukkung anderer. Was fur Schmach die heilige Kirche schon von ihm erfahren hat, das gehort nicht hieher; den grossten Schaden that er ihr gewiss, durch die Ermordung des frommen Erzbischoffs, welche ganz auf seine Rechnung fallt. Ach wo schlaft die Rache, dass sie ihn nicht hinwegreisst, damit er seine Hande nicht auch nach den Engeln des Himmels ausstrecke, sie von ihren Thronen zu reissen, um seine angebeteten Kinder darauf zu setzen? Wisst, Philipp neidet jedermann, der uber die Seinen empor kommt, er neidet auch der unschuldigen Grafinn von Toulouse die kastilische Krone, und wunscht eine seiner Tochter damit zu zieren; und gebet acht, nicht lange, so werden wir die gottliche Alix verstossen, oder im Grabe sehen, damit die Prinzessin Elise ihre Stelle einnehmen konne.

Verstossen? schrie ich, Alix, verstossen oder im Grabe? Ja, das erste war wohl gut, aber das andere? O Entsetzen! Redet, redet Sutrino! endeckt mir, welchen Grund euer Vorgeben hat. Verstossen immerhin, nur nicht getodet!

Das letzte wohl noch wahrscheinlicher als das erste! Philipp pflegt nichts halb zu thun.

Aber er in Teutschland, Alix in Frankreich?

O die Hande der Konige reichen weit, und die Streiche, welche sie in der Ferne fuhren, sind die sichersten und unverdachtigsten. Glaubt mir, Alf von Dulmen, wir konnen mit jedem Morgen auf die Nachricht vom Tode der kastilischen Braut rechnen.

Und will niemand, niemand die Ungluckliche retten? Sprecht, Sutrino, was konnte man thun? was konnte ich thun? ich will mein Leben daran setzen.

Kuhne Entfuhrung freylich! aber wer wird diese wagen?

Wagen? ich wage alles! O Entzucken! Alix wird frey, diese Nacht frey durch mich! ich fuhre sie in die Arme ihres Bruders, und mein Lohn nun mein Lohn, der lasst sich errathen! O Sutrino, Sutrino! ihr seyd der Schopfer meines Glucks!

Sutrinos Einwendungen gegen meine ungeheuren Einfalle waren sehr schwach, meine Entschlusse waren gefasst und blieben unveranderlich. Ein doppelter Versuch, die Prinzessinn davon zu bringen, ward gemacht, und er verungluckte beydemahl, ach, wie ich glauben durch Alverdens grausame Vorsicht, welche es sich zum Gesetz gemacht zu haben schien, ihrem unglucklichen Bruder in allem entgegen zu handeln. Doch darf ich auch mit ihr zurnen, dass sie dieses that? Ach ich bin ja nicht mehr der damahlige Alf von Dulmen! Meine Leidenschaften sind jetzt abgekuhlt und meine Urtheile berichtigt. Alverde handelte recht, dass sie meinen rasenden Einfallen entgegen arbeitete, mochten auch die Folgen fur mich und die ungluckliche Alix seyn, welche sie wollten.

Dass ich nach der letzten fehlgeschlagenen Unternehmung fest genommen und in die Verwahrung des Bischoffs von Kastilien gebracht wurde, war wohl so wenig Alverdens Absicht, als dass sie selbst um die Gesellschaft der himmlischen Alix kam. An dem Tage, da man mich ins Gefangniss brachte, erhielt sie ihre Entlassung, weil man unsern heimlichen Briefwechsel entdeckt hatte; und Alix blieb also den Angriffen ihrer Feinde, welche sie auch seyn mochten, ganz ohne Freund und Schutzer blosgestellt. Es ist entsetzlich, unbegreiflich, dass auch die Engel des Himmels Feinde haben, aber dass es der unglucklichen Grafinn von Toulouse nicht an dergleichen fehlte, hat der Erfolg ausgewiesen.

So war ich also zum zweytenmahl der Gefangene eines Bischoffs, und das Verbrechen, welches mich in dieselbe gebracht hatte, Anschlage zu Entfuhrung einer koniglichen Braut, entschuldigte jedes strenge Verfahren, welches man sich gegen mich erlaubte. Ewiges Stillschweigen uber die damahligen Scenen! man hat Sorge getragen meine Zange durch Eide zu binden, welche so unaufloslich sind, als die Beeidigungen des heimlichen Gerichts.

Die Absichten, welche man mit mir ausfuhren wollte, waren die nehmlichen. Man hatte den Herzog von ** durch die schlauen Kunste eines Grafen von Segni uber gewisse verborgene Dinge zum Sprechen gebracht, man hatte den arglosen Otto von Wittelsbach um einige unserer Geheimnisse betrogen, man hatte auch vielleicht Peter von Kalatin auf die Seite zu ziehen gewusst, und nun wollte man den Rest des Ganzen durch Qualen von mir erzwingen. Verbrechen, zu denen man mich vielleicht selbst erst durch teuflische Kunst verleitete, hatten mich des Todes schuldig gemacht; man schmeichelte mir mit Lebensfristung, wenn ich meinen Starrsinn, wie man es nannte, ablegen wollte. Mein Verstand hatte durch ungluckliche Liebe gelitten, zu welcher mich gleichfalls ein Verrather leitete, und man hofte mir in meinen unbewachten Stunden Dinge abzulauschen, die ich bey voller Besonnenheit nicht preis gegeben haben wurde; sie hielten mein Gedachtniss fur einen Schatz, den man ruhig plundern kann, weil der Huter eingeschlafert ist; ja sie hatten Recht, mein Verstand schlummerte nur, und erwachte schnell, so bald es die Noth erforderte. Alf von Dulmen, starker oder storriger als die andern, blieb stumm und reizte dadurch seinen Qualer nur noch mehr; sie wollten das Reich der heimlichen Gerechtigkeit, der Stellvertreterin des ewigen Richters, umkehren, und auf seinen Trummern ein neues bauen, in welchem nicht die Gerechtigkeit, sondern sie regieren wollten. Wie wir Verbrechen und Unthat bestrafen und in Fesseln halten, dass sie nicht wuten konnen, wie sie wollen, so wunschten sie den freyen Geist des Menschen zu fesseln, und Abweichungen von ihrem Glauben zu todeswurdigen Verbrechen zu machen; sie wollten uns die Mittel der Allwissenheit und Unfehlbarkeit; wollten uns tausend andere Dinge ablernen, die ich hier nicht nennen darf, aber ihr Endzweck schlug ihnen wenigstens bey mir fehl. Es glucke ihnen oder es glucke ihnen nicht, wie ich denn nicht weis, was sie jetzt auf der Oberwelt beginnen, so ist Alf von Dulmen unschuldig an dem Ungluck, welches sie stiften.

Die Grausamkeit, mit welcher ich behandelt ward, rettete meinen Verstand, der durch wutende Leidenschaften fast entkraftet war; ich erwachte wie aus einem schrecklichen Traume, ich fuhlte die Nothwendigkeit mich zu ermannen, und ich ermannte mich um ihnen allen gewachsen zu seyn.

Dies zog die Fulle ihres Zorns uber mich, mein Tod war beschlossen, ich sollte fallen ohne zu wissen wer mich fallte. Von dem Thurm, in welchem ich gefangen lag, fuhrt ein schmaler Gang in einen andern, welchen man den Thurm der Freyheit nennt, weil seine Gefangenen gelinder gehalten und eher begnadigt werden, als die Burger des unseeligen Kerkers, in welchem ich bis dahin geschmachtet hatte. Man kundigte mir an, dass mir auf Vorbitte der Prinzessinn Alix die Thur zu demselben geofnet werden sollte, und dass ich alles, was mir heute wiederfahren wurde, als eine Folge ihrer Verwendung fur mich ansehen mochte. Alles kam bey mir nun darauf an, einen Weg zu gehen welchen nie einer der ihn einmahl betrat, zum zweytenmahl gegangen ist.

Naturlich wusste ich nichts von der schrecklichen Falle, die man mir legte; ich sahe nichts vor mir als Erreichung des Wunsches, den wohl ein jeder Gefangener fuhlen wird. Der Gedanke, Alix habe fur mich gebeten, die Hofnung auf Freyheit sey ein Geschenk von ihr, berauschte mich, und ich wurde blindlings dem Verderben in den Rachen gesturzt seyn, wenn mich nicht ein Zufall gerettet hatte, wie wir denn immer geneigt sind, das Zufall zu nennen, was die Vorsicht zu unserm Besten veranstaltet.

Ich hatte einen Hund von ausserordentlicher Grosse, welchen der Herzog von Braunschweig einst mit aus England gebracht, und dem Herzog von Sachsen geschenkt hatte, aus dessen Hand ich ihn erhielt. Dieses treue Thier, dessen Begleitung mir auf meiner einsamen gefahrvollen Reise so nothig gewesen war, da es jeden, der mich antasten wollte, mit Lowengrimm anzufallen pflegte, fand ich erst zu Pamiers, wohin Rudger es auf meinen Befehl mit sich genommen hatte. Am Tage meiner Gefangennehmung hatte man es, um mich desto sicherer zu fassen, von mir zu entfernen gewusst. Ich hatte es all die Zeit uber, da ich im Kerker schmachtete, nicht gesehen; aber diesen Morgen brachte es derjenige, welcher mir die Verbesserung meines Zustandes ankundigte, mit ins Gefangniss. Ich ahndete so wenig, dass hinter dieser anscheinenden Gefalligkeit ein heimlicher Tuck verborgen war, als meine Feinde ahnden mochten, dass sie mir das Mittel meiner Rettung gebracht hatten.

Die Schwachheit, welche ich beging, indem ich Freude uber den Anblick meines treuen Hundes ausserte, lockte dem Kerkermeister ein hamisches Lacheln ab. Ihr konnt ihn bey euch behalten, sagte er, und ihn mit hinuber in eure neue Wohnung nehmen, zu welcher euch die Thur bald geofnet werden wird, bis ihr die vollige Freyheit erlangt.

Er hatte sich in der That kaum entfernt, so flog eine Seitenthur meines Behaltnisses auf, und zeigte mir eine Aussicht uber einen langen und schmalen Gang in ein helles und geraumiges Gemach, welches hohe weit geofnete unvergitterte Fenster in eine freye Gegend hatte. Welch ein Anblick fur denjenigen, welcher so lang der Luft und Sonne entbehren musste! Ich faltete die Hande gen Himmel, um ihm fur das zu danken, was ich fur das Unterpfand volliger Befreyung hielt. Mittlerweile sprang mein Hund, der zu meinen Fussen lag, und dem die bangliche Luft in meinem dumpfen Kerker schon ein angstvolles Winseln abgenothigt hatte, schnell empor und schnaubte der freyen Luft entgegen; er trat in die offene Thur, und begann nun in vollem Laufen hinuber nach dem Orte zu setzen, welcher ihm so lockend als mir selbst dunken mochte; aber kaum hatte er die ersten Sprunge auf der Gallerie gethan, als sich die Thur, aus welcher ich jetzt ebenfalls hinaustreten wollte, krachend zwischen ihm und mir verschloss, und uber und unter mir ein betaubendes Knarren, wie von zwanzig in Gang kommenden Triebradern erhub, unter welchem ich nur schwach die kreischende Stimme meines Hundes unterscheiden konnte. Ich weis nicht, was ich in diesem Augenblick dachte, mir ists, als hatte ich eine dunkle Vorstellung von der Wahrheit gehabt. Ich hatte in meiner Kindheit schon die Geschichte von dem unglucklichen Marggraf Egbert von Sachsen oft erzahlen gehort, welcher im Jahr 1090 durch die meuchelmordrische Bosheit eines13 Weibes in die Schwerdmuhle zu Eisenbuttel fiel. Dergleichen von der Holle erfundenen Maschinen, wo durch einen Fusstritt, oder anderweitige Beruhrung einer verborgenen Feder bewaffnete Arme oder andere Werkzeuge des Todes aus dem Boden und der Mauer hervorkommen, und den, welcher durchhingeht im Augenblicke zerfleischen, sind nichts neues, und es war kein Wunder gewesen, wenn mir etwas dieser Art in den Sinn gekommen war; doch weis ich nicht genau, was ich damahls dachte oder ahndete, nur dies erinnere ich mich, dass ich den Namen meines Hundes rief und mich bemuhte, die Thur zu ofnen, welche sich nach ihm geschlossen hatte. Maschinenmassige Bewegung! denn was hatte ich thun wollen?

Das abscheuliche Schnarren des Raderwerks um mich her liess endlich nach; die Stimme des armen Geschopfs, das fur mich zum Opfer geworden war, horte ich schon lang nicht mehr; jetzt konnte ich die Thur aufreissen, und was ich erblickte rechtfertigte alle Muthmassungen, die ich hatte haben konnen. In der Mitte der Gallerie, welche jetzt sehr dunkel war, da sich die gegenuberliegende lockende Aussicht geschlossen hatte, erblickte ich den Leichnam des armen Geschopfs noch zuckend, und wie es schien aus tausend Wunden blutend. Man wird mir glauben, dass ich keine Lust hatte die Sache naher zu betrachten, da ich nicht wusste, wie lange die Wurkung der teuflischen Maschiene daure. Ich warf die Thur zu, verdeckte mein Gesicht mit beyden Handen, und uberliess mich einem Schmerz oder einem Grauen, welches mancher vielleicht unmannlich nennen wurde; doch in meine damahlige Lage kann sich nicht so leicht einer hineindenken, und mich zu beurtheilen wurde wohl also den meisten schwer fallen. Nach mehreren Stunden erholte ich mich erst vollig aus einer schrecklichen Betaubung; ich sass auf der Erde dicht an der entgegengesetzten Thur, welche den gewohnlichen Eingang zu meinem Kerker ausmachte. Trieb der Natur zur Flucht musste mich dahin gezogen haben, ich weis nicht wie ich dahin gekommen war.

Ich ofnete die bisher geschlossenen Augen, athmete aus tiefer Brust herauf und begann meine Rettung lebhaft zu fuhlen; aber Gott! welch eine Rettung! War ich nicht noch immer in den Handen meiner Henker, die ja, wenn ich ihrem Schwerd auf eine Art entkommen war, noch tausend andere Mittel hatten mich aufzureiben! Mein nachster Gedanke flog, wie man denken kann, zu Alix. Wie? rief ich, dieser hollische Streich sollte von dir kommen, du Heilige? alles was mir heute wiederfahren wurde, sollte ich dir zuschreiben? Thoren, die mein Herz mit solchem Wahn vergiften wollten! Was hatte ich wider dich gesundigt? dass ich dich liebe? das weisst du ja wohl nicht einmahl? Alverde hat mich ja mehrmahl in ihren Briefen versichert, dass du mit ihrem Willen dies nie erfahren solltest! Aber du hast fur mich gebeten? Ja, ja, das glaube ich; deine himmlische Seele findet jedes leidende Geschopf ihrer Verwendung wurdig! Vielleicht hast du nicht blos bey Menschen, auch bey Gott fur mich gefleht, und deiner Vorbitte habe ich meine Rettung zu danken; sie ist wurklich der Grund dessen, was mir heute begegnete. So phantasirte ich fort, und vertiefte mich immer von neuem in Gedanken, welche Alix zum Gegenstand hatten. Mir war es erwiesen, dass die Heilige fur mich gebetet haben musse, und dass ich blos durch ihre Verwendung fur mich am himmlischen Throne noch lebe. Mein Herz war voll Dank gegen sie; ich musterte jedes Wort, welches bey meinen zahlreichen Verhoren aus meinem Munde gegangen war, ob auch in der halben Abwesenheit des Verstandes, die sich oft bey mir fand, mir etwas entschlupft sey, das ihr hatte nachtheilig werden konnen. Man hatte mich sehr oft auch uber Alix, uber meine Liebe zu ihr, und uber ihre Anhanglichkeit an die waldensischen Lehren gefragt, aber ich schmeichle mir, dass ich nie etwas geantwortet habe, welches ihr neue Verfolgungen hatte zuziehen konnen.

Ich war viel zu sehr in meinen Betrachtungen versunken, als dass ich mich sobald hatte erheben sollen. Ein Gerausch von aussen war es endlich, was mich storte. Ich vernahm die klirrenden Schlussel des Kerkermeisters auf der aussern Gallerie, und horte ihn bald darauf nebst noch einigen Personen naher kommen.

Ich schaudere, gnadiger Herr, sagte der Diener der Bosheit, euch diese Thur zu offnen, ihr werdet einen Anblick haben, den ihr euch wohl kaum so schrecklich denken konnt. Ich selbst hatte ihn noch nicht, aber mein Knecht, welcher dem Gefangenen den ihr befreyen wollt, vor einer Stunde sein Fruhstuck brachte, kam bebend zuruck, meldete mir den furchterlichen Vorgang, und ich ging sogleich, ihn hohern Orts anzusagen. Das Ungeheuer war ihm mit blutigen Rachen entgegen gesprungen, er hatte die ganze Schreckensscene nur mit einem Blick ubersehen, und sich dann mit Muhe retten konnen.

Aber, sagte eine Stimme wie die Stimme des Herzogs von ***, welche Raserey, den Hund zu ihm zu lassen, dessen wutige Art man kennt, und welcher vermuthlich schlecht gefuttert worden seyn muss; denn nichts als wutender Hunger konnte ihn reizen, seinen Herrn anzufallen.

Es sind hier freylich viel Versehen vorgegangen, antwortete der Kerkermeister, die aber mir nicht zu Schulden kommen durfen. Ich habe es gewiss allezeit gut mit dem Gefangenen gemeint, und fuhlte eine wahre Freude, da ich ihm diesen Morgen schon, auf die Vorbitte der Prinzessin Alix, ein leidlicheres Gefangniss anzeigen konnte; da nun noch die eurige dazu kam, wer hatte an seinem Gluck zweifeln sollen? Aber der Himmel ist wunderbar in seinen Schickungen, seine Rache muss diesen Menschen ausserordentlich verfolgt haben, und mir wird es immer denkwurdig bleiben, dass er auf dem Wege nach dem schonen Orte, den wir den Thurm der Freyheit nennen, sein Leben auf eine so schreckliche Art einbussen musste, ehe er das erreichen konnte, was seine Augen sahen.

Der Herzog sagte hier etwas, das Ausdruck des Kummers seyn sollte, das aber, wie mir es schien, denselben nicht sonderlich bezeichnete. Der Kerkermeister fing indessen an, an den Schlossern zu drehen, sagte nochmahls, dass man mich, von meinem Hunde zerfleischt, auf der Mitte einer Gallerie finden wurde, weil sich noch niemand hieher gewagt habe mich in andere Lage zu bringen, auch ermahnte er die Anwesenden, ihre Degen zu ziehen, und den wutenden Hund, so wie er ihnen nach Oefnung der Thur entgegen springen wurde, gleich niederzustossen.

Der Elende! wie ganz anders sollte er es finden, als er erwartet hatte! Die Thur ging auf, und ich fiel ihnen lebend in die Augen. Ich leugne nicht, dass mein erster Gedanke war, dem nachsten, den ich erreichen konnte, den blossen Degen aus der Hand zu reissen, und ihn dem meuchelmorderischen Kerkermeister ins Herz zu stossen; doch er war nichts als das elende Werkzeug hollischer Bosheit, und der Abscheu vor seinem unreinen Blut riss mich noch von einer niedrigen That zuruck. Ich hatte mich erhoben, und stand mit in einander geschlagenen Armen mitten in meinem Gefangniss, als sie mit lacherlicher Scheu vor einer Gefahr, welche hier nicht existirte, hereintraten. Ihr Starren, ihr Staunen, ihre verwirrten Reden, als sie mich jetzt gewahr wurden, zu beschreiben, war ich nicht im Stande. Meine Augen waren vornehmlich auf den Herzog gerichtet, weil ich zweifelhaft war, ob er an den entsetzlichen Dingen, die man wider mich geschmiedet hatte, Theil gehabt habe. Ich muss gestehen, dass ich zwar eben keine sonderliche Freude mich lebend zu sehen, aber doch auch nichts in seinen Augen entdeckte, das mir das geringste Einverstandniss bey jener teuflischen Bosheit hatte andeuten konnen; er schien die Legende von dem treuen Hunde, der seinen Herrn zerfleischt haben sollte, wurklich geglaubt zu haben.

Ich liess mich nicht auf umstandliche Beantwortung seiner verwunderungsvollen Fragen ein, fuhrte ihn zu der Thur nach jener morderischen Gallerie, riss sie auf, sagte ihm mit wenig Worten, was mir begegnet war, warf einen verachtlichen Blick auf den Kerkermeister, der in einem Winkel, wie vom Donner geruhrt, da stand, liess mir von einem seiner Knechte die leichte Kette losschliessen, die man mir diesen Morgen, da man mich von den ubrigen entlastet, noch gelassen hatte, ging dann langsam zur geofneten Thur heraus, und uberliess es den Andern, mir zu folgen.

Graf Adolf, sagte der Herzog, der mich auf der Treppe ereilte, ich hoffe, ihr habt mich nicht im Verdacht eines Antheils an diesen entsetzlichen Dingen! Hatte ich diesen, erwiederte ich, indem ich ein Schwerdt, das ich im Gehen zu mir genommen hatte, uber die Halfte aus der Scheide zog, hatte ich diesen, so solltet ihr jetzt nicht lebendig an meiner Seite gehen.

Der Herzog biss sich auf die Lippen ohne meiner Rede zu beantworten. Wir stiegen zusammen in den an der Treppe wartenden Wagen, und ich erfuhr hier weitlauftig aus dem Munde meines Gefarthen, dass Briefe von unsern Obern ihm Befehl gebracht hatten, meine Befreyung auf das schnellste und dringendste zu suchen. (Das wusste ich zuvor, dass ich ihm hiebey unmittelbar nichts zu danken hatte.)

Bey meinen Verfolgern hatte er, wie er mich im Fortfahren berichtete, meine Freyheit sehr leicht erhalten. Der Kerkermeister war gerufen worden, man hatte gesagt, er warte bereits im Vorzimmer und habe entsetzliche Dinge zu melden. Hier die so greuliche als unwahrscheinliche Legende, dass mich mein Hund erwurgt habe, welche ja die geringste Untersuchung, welche ja die Beschaffenheit meiner Wunden hatte widerlegen mussen, wenn ich wurklich gefallen war; doch einer solchen Untersuchung war man vielleicht bey dem schwachen leicht zu blendenden Herzog, dem noch uberdem wenig an mir gelegen war, gar nicht gewartig.

Die Stadt war voll von meinem entsetzlichen Tode, und man sahe mich mit Erstaunen lebendig. Ueber der Tafel sagte der Herzog, der seine hamische Bosheit nicht zu bergen wusste, mit hohnischer Miene, ich sey sehr glucklich, dass das schone Geschlecht so viele Notiz von mir nehme; in dem Colestiner Kloster, welches zu dieser Stadt gehore, habe eine fremde Dame offentliche Danksagungen fur meine Befreyung angestellt, und die Prinzessinn Alix sollte, als sie meine Rettung erfahren habe, uberlaut zu ihren Damen gesagt haben, Gottlob! Gottlob! dass er geborgen ist!

Der Feindselige! er wusste nicht, wie sehr er mich durch diese Dinge, welche mich beschamen sollten, entzuckte! Ich antwortete nichts, sondern sehnte mich, mit Rudger hieruber zu sprechen; die Freude, mich nach so grosser Gefahr wieder zu sehen, hatte ihn halb wahnsinnig gemacht, und ich erfuhr erst spat, dass ich ihm hier eigentlich alles zu danken habe. Sein erstes Geschaft nach meiner Gefangennehmung war gewesen, unserm grossen Oberhaupt dem Herzog von Sachsen auf die gewohnliche Art mein Ungluck wissen zu lassen; aber als er bey naherer Erkundigung erfahren hatte, in was fur Handen ich sey, und wie dringend meine Gefahr werden konne, so war er geflogen meine Schwester von meiner Lage zu benachrichtigen und mit ihr schleunigere Hulfe zu verabreden. Alverde war an dem nehmlichen Tage aus dem Dienst der Prinzessinn entlassen worden; er fand sie nicht, und die Angst trieb ihn, bey Alix fur mich zu flehen; daher ihre grossmuthigen Verwendungen fur mich, welche ich freylich lieber eigenem Antrieb, nicht fremder Vorbitte, freylich lieber der Liebe, als dem blossen Mitleiden zu danken gehabt haben mochte.

Alverdens Aufenthalt hatte er endlich auch ausgekundschaftet; denn bey Hofe wusste man ihn nicht, sondern glaubte, sie habe dem erhaltenen Befehl zu folge, Pamiers ganzlich verlassen. Sie war die Dame im Colestinerkloster, welcher ich das Te deum fur meine Rettung zu danken hatte; eine Schwachheit des guten Madchens, ihre Freude um mich so offentlich zu aussern, welche ihr hatte gefahrlich werden konnen, und welche wohl blos der hochste Grad inniger Schwesterliebe entschuldigen konnte. Und diese gute Seele sollte in der Folge so verleitet werden, dass sie die Schopferinn meines Verderbens werden musste? und ich, der ich ihr Herz kannte, war so verblendet, sie wurklich fur meine Feindinn zu halten? Doch ich kann dem Gang meiner Geschichte nicht vorgreifen, ohne undeutlich zu werden; ich fahre fort.

Da es mir nicht vergonnt war, zu den Fussen der himmlischen Alix meine Danksagungen auszuschutten, so hatte die treue Schwester den nachsten Anspruch auf mich; ich flog zu ihr in das Colestinerkloster, und fand sie krank vor Freude. Durch Briefe von Alix hatte sie meinen Tod und meine Rettung kurz hinter einander vernommen, ein Wechsel von den gewaltsamsten Gefuhlen, welcher die zartlichste Seele, die je mit einem eben so feingebildeten Korper verbunden war, wohl zu Boden drucken musste. Schon einmal war ich ihr durch einen Brief von der Prinzessin tod gesagt worden; aber die Sache hatte keinen Glauben bey ihr gefunden, weil sie durch ihre Kundschafter besser belehrt war. Auch sie hatte sich zu meiner Rettung an die Mitglieder des grossen Bundes gewandt. Briefe von ihr an den Pfalzgrafen Otto waren langst abgegangen, und wahrscheinlich hatte sich der Herzog von Sachsen, auch durch ihn belehrt und aufgemahnt, so ernstlich fur mich verwendet.

Himmel, wie viel edle Personen sorgten um mich! Konnte ich, konnte ich sinken, da diese fur mich wachten? Wie glucklich war ich damals! wie stolz fuhlte ich mich, in der Achtung der besten Menschen! Alix, Alverde, Bernhard und Otto liebten mich! und jetzt? O schon das Bewustseyn, in der ganzen Welt, von keiner Seele geliebt zu seyn, leben und sterben zu konnen, ohne dass eine Thrane um mich fliessen wurde, schon dieses konnte mich in den Abgrund der Verzweiflung hinabreissen; ich war damals so reich, und jetzt habe ich nicht einmal einen treuen Rudger, mit dessen Liebe ich mich trosten konnte; doch ich bin ungerecht! Ademar! ich habe ja dich, an den ich diese Blatter richte!

Ich weiss nicht, ob ich mir damals nicht zu viel schmeichelte, wenn ich glaubte, Alix fuhle etwas mehr als Mitleid fur mich, wenigstens habe ich nachher nie eine Spur gehabt, dass sie mich noch kenne oder fur mich fuhle. Alverde musste dieses am besten wissen, aber sie sah meinen verzweifelten Zustand, und schmeichelte mir mit allem was ich wunschen konnte, um mich nur zu beruhigen und zu entfernen. Sie zeigte mir tausenderley Hoffnungen in meiner Liebe, und wies mich doch auch an den kaiserlichen Hof, wo ich mein Gluck vielleicht noch besser als durch Alix machen konnte; die Angst entschuldige ihr widersprechendes Betragen, die Angst mich noch in der Stadt zu sehen, wo meine Feinde lebten. Sie drang darauf, dass ich Pamiers verlassen sollte, aber sie wurde vielleicht durch nichts gesiegt haben, als durch die Vorstellung, dass Alix um meiner Gegenwart willen leiden musse, und dass sie, wegen meiner bekannten Leidenschaft fur sie, strenger in meiner Anwesenheit gehalten wurde, als nach meiner Entfernung nothig sey.

Ich liess mich uberreden, und begehrte nur noch einige Tage Frist, ich musste diesen Aufschub begehren, da der Tag nahe war, um dessen willen sich alle Mitglieder unsers heimlichen Bundes eigentlich hier versammelt hatten, der Tag eines grossen Gerichts, bey welchem, wie mir der Herzog von ***, der leidige Stellvertreter unsers obersten Stuhlherrn sagte, sehr wichtige Dinge verhandelt werden sollten. Es war sehr viel Widersprechendes in dem Betragen dieses Mannes, er bestand darauf, dass ich bey der grossen Gerichtssitzung nicht fehlen durfe, und doch machte er mir meine Anwesenheit zum Verbrechen, und gab Winke, dass ich wegen derselben wurde strenge Rechenschaft ablegen mussen.

Was er zu verstehen gab, das geschah. In dem Gerichte, da ich gewohnt war, eine ganz andere Stelle einzunehmen, wurde ich als Beklagter aufgefordert! eigenmachtiges Verfahren ohne Wissen meiner Obern, und Mangel an Verschwiegenheit waren die Hauptbeschuldigungen die man wider mich aufbrachte. Man setzte mir hart zu. Weniger erfahren in allen Mitteln unsers Rechts, hatte ich der Bosheit meiner heimtuckischen Verfolger unterliegen mussen, aber ich siegte. Wider die erste der schandlichen Anklagen, schutzte mich der Beweis, dass ich auf Kalatins Ladung mein Land verlassen habe, und alle Schuld fiel auf ihn. Was den Punkt wegen der Verschwiegenheit anbelangte, so hatten mich die Leiden rechtfertigen konnen, die ich fur die Geheimnisse des Ordens erduldet hatte, aber man liess es gar nicht zu diesem mir so ruhmlichen Beweis kommen. Der Herzog, welcher mir einst seine Vertraulichkeiten gegen den Grafen von Segni gebeichtet hatte, furchte, ich mochte hier seine Beichte wiederholen, und lenkte ein.

Ich nahm meinen Platz als ein Schuldlos befundener, nun wieder unter den Richtern, und sah mit Erstaunen, dass auch Kalatin sich entschuldigen konnte; ich liess alle diese Dinge an ihrem Ort gestellt seyn, und behielt mir vor, einst vor dem Stuhle des Herzogs von Sachsen hieruber zu sprechen, weil hier mir alles verdachtig war.

Die Prufungen jener schrecklichen Nacht, waren fur mich noch nicht geendet; ach die gefahrlichsten, sie, die meine Hasser nicht sinnreicher zu meinem Verderben hatten erfinden konnen, folgten noch. Mir sind diese Dinge noch immer ein unauflosliches Geheimniss, auch hier muss ich glauben, dass der Herzog wurklich getauscht war; gutwillig hatte er, dem die unverletzliche Majestat unserer geheimnissvollen Rechte, und die schwere Strafe, welche auf den mindesten Vergehen, wider dieselben haftete, bekannt war, gutwillig hatte er nicht fehlen, gutwillig hatte er nicht Erdichtung der furchterlichsten Anklagen, und muthwillige Verleumdung eines gekronten Unschuldigen begunstigen konnen.

Aber, unschuldig? Philipp unschuldig? Gott gebe, dass er es nicht war! Sollte wurklich das, was mich damals selbst so ganz verblendete, erdichtet gewesen seyn, wo wollte ich Entschuldigung, wo Mittel finden, meine verbrecherischen Hande von vergossenem Blute rein zu waschen!

Die Halfte der unsern Geheimnissen geweihte Zeit war voruber. Der Mond ging unter, und alles verkundigte die Annaherung des Morgens. Da erhub sich das Panier des Blutbanns noch einmal und der Herold verkundigte noch einmal Aufmerksamkeit und Stille. Klager standen auf, und Zeugen zeugten wider Philipp von Schwaben, den unwurdigen Besitzer des Kaiserstuhls; sie nannten ihn Erzbischof Konrads Morder, und riefen das Wehe uber ihn herab. Diese schreckliche Beschuldigung Kaiser Philipps war mir nicht neu, der Herzog von ** hatte schon daruber mit mir geredet und an mich geschrieben, aber sie fasste mich jetzt mit allen Schrecken der Neuheit, ich hielt sie damals fur ganz unerweislich, jetzt sahe ich sie mit den tauschendsten Grunden erwiesen.

Armer, armer Alf von Dulmen! wie war dir, als dir die Post, dein Freund, dein Vater, Erzbischof Konrad von Maynz sey nicht mehr, gleichsam von neuem verkundigt ward, als du seine Vergiftung beweisen, und die Stimme seines racheschreyenden Bluts ertonen hortest? War Wuth und Rachsucht wider den vermeyntlich uberwiesenen Morder dir zu verdenken? War dirs zu verdenken, dass du mit Ungeduld lauertest, wem die Gerechtigkeit das Schwerd wider ihn in die Hand geben wurde?

Der Stab ward uber Philipp gebrochen; seine Schuld war zu gross, er sollte ungewarnt sterben; man warf das Loos uber die Blutracher; kein gemeines Schwerd durfte den gekronten Verbrecher fallen, Richter standen auf aus dem Gericht, die Diener der Rache zu werden, und das Loos ward geworfen; es fiel auf mich; und der abwesende Otto von Wittelsbach ward mir zum Gefarthen gegeben.

Mich uberfiel ein Zittern, als gelte es hier das Blut der Unschuld; Rache und Grimm gegen Konrads sogenannten Morder waren wie weggehaucht aus meinem Herzen, mir wars als stunde der Schatten des verblichenen Heiligen an meiner Seite, und hindere mich, das Schwerd zu ziehen, das ich dem Herkommen gemass zum Zeichen der Einwilligung blossen musste.

Was zogert Graf Adolf? fragte der Herzog von **, versagt er der Gerechtigkeit seinen Arm, oder zweifelt er an dem, was so eben erwiesen ward?

Keins von beyden, sagte ich mit dumpfer Stimme, aber ich protestire wider einen der sogenannten Ausrichter des Urtheils.

Doch nicht wider euch?

Das darf ich nicht, wo wurde ich Vorwand finden? aber was hat Otto von Wittelsbach gethan, der Morder seines Vaters werden zu sollen?

Wer weis, ob Philipp je Ottos Vater wird, doch dem sey also, hebt nicht die Gerechtigkeit jede Bande auf?

Ich protestire nochmals wider die Schuld, die man auf Ottos Gewissen laden will!

So nehmt ihr sie allein auf das eurige! Philipp falle nur; durch wen unter den ernannten Rachern er falle, das ist fur die urtheilssprechende Macht gleichgultig; aber wehe denen, welchen sie das Schwerd vertraute, wenn Erzbischof Konrads racheschreyendes Blut nicht bald befriedigt wird! der dritte Mondswechsel darf Philipp nicht mehr unter den Lebendigen finden.

Es war hier, als wenn noch einige unter den Edelsten unsers Bundes auftreten, und etwas gegen das Urtheil einwenden wollten, aber die Nacht granzte dicht an den Morgen, dessen Strahlen die Geheimnisse des Blutgerichts14 nicht entweihen durfen; es war unmoglich, noch einen Einspruch zu thun; die Versammlung zerfloss wie Wolken zerfliessen, und das Urtheil blieb gesprochen.

Keine Sprache schildert meinen Zustand in der Zeit, welche auf das Gericht folgte, das mir jenen greulichen Auftrag gegeben hatte. Schuld und Unschuld desjenigen, welchen ich richten sollte, wogte unaufhorlich in meiner Phantasie auf und nieder, jetzt gluhte ich von Rache gegen Erzbischof Konrads Morder, jetzt bebte ich vor Angst, mein Schwerd mochte bestimmt seyn, einen Unschuldigen zu fallen, nur eins blieb fest und gewiss in meiner Seele, der Entschluss, Otto von Wittelsbach sollte des Antheils an diesen grauenvollen Dingen uberhoben bleiben; ich liebte ihn zu sehr, um hier nicht seine Hande rein erhalten zu wunschen; lieber wollte ich allein thun, was ich thun musste, als ihn durch Theilnehmung unglucklich machen; und that ich hierin etwas sonderliches? Wir opfern uns fur das Gluck, fur die Ehre, fur das Wohlseyn unsers Freundes auf, sollten wir nicht das nehmliche fur sein Gewissen thun? Niemand hatte ich, mit dem ich uber diese Dinge sprechen konnte; diejenigen unter den Mitgliedern unsers Bundes, welche ich genau genug kannte, um ihnen mein Herz zu offnen, waren des andern Tages nach dieser schrecklichen Nacht schon nicht mehr zu Pamiers, der Herzog von ** hatte mein volles Misstrauen, und Rudger, der so wohl als ich in jener Nacht gegenwartig war, durfte Pflicht wegen seine Meynung uber Dinge, welche in den hohern Regionen unsers Reichs vorgingen, weder sagen, noch von mir dazu aufgefordert werden. Profane aber zu Vertrauten zu machen, war Thorheit und Eidbruch gewesen.

Sutrino, der Freund, dessen ich schon mehr gedacht habe, war keiner der Unsern, und also auch gegen ihn musste ich schweigen; aber sonderbar war es, dass er, so oft wir zusammen kamen, mich mit Dingen unterhielt, welche ganz zu meinem herrschenden Gedanken passten, und mich uberall, wo ich noch wankte, fest zu machen abzielten. Erzbischof Konrads Tod und Philipps Schuld waren unablassig der Gegenstand seines Gesprachs, und kam ich von ihm, so konnte ich gewiss nie in dem, was mir zu thun oblag, zweifelhaft seyn.

Mich trieb meine Pflicht zur schnellen Abreise aus Pamiers, Alverde that das nehmliche, wenn gleich aus andern Grunden. Sie redete mir unaufhorlich vom kaiserlichen Hofe und den Prinzessinnen vor, und drang in mich, zu eilen; ach sie wusste nicht, dass sie dem Hause ihrer Freundinnen in meiner Person das Ungluck zusandte. Auch Pfalzgraf Otto schrieb, und drang in meine schnelle Ueberkunft, damit ich ja von allen Seiten besturmt wurde.

Die Trennung von dem Orte, wo Alix lebte, war mir schwer; ich strebte darnach sie nur noch ein einigesmal zu sehen; man verbarg sie vor meinen Augen; auf der andern Seite forderte der Herzog von **, ich sollte mich vor dem Abschied aus Pamiers noch denen zeigen, welche meine Kerkermeister gewesen waren, dem Bischof von Kastilien und seinen Rathen, die mir gern den grausamsten Tod gegonnt hatten; die Hoflichkeit, sagte er, erforderte solches, man musse auch seinen Feinden zuweilen freundliche Mienen machen, und uberdieses sey es ja so erwiesen noch nicht, dass jene meuchelmorderischen Absichten, deren ich sie anklagte, auf ihre Rechnung, nicht vielmehr auf die Rechnung ihrer Diener gehorten. Verdammte Politik, die eines Mannes, wie der Herzog von **, wurdig war!

Ich beantwortete seine Anmuthungen mit verachtlichem Stillschweigen, und schied ohne Verzug aus Pamiers! Gefangenschaft und Elend hatten mein Blut genugsam abgekuhlt, um mich die Nothwendigkeit dieses Scheidens lebhaft fuhlen zu lassen, mein Verstand war jetzt nur selten abwesend, war die meiste Zeit uber hell genug, um die Armseligkeit der Hoffnungen einzusehen, mit welchen die gutherzige Alverde mir zu schmeicheln suchte, mein Kopf war frey, aber mein Herz litt unbeschreiblich, wenn ich bedachte, in was fur Absichten ich eigentlich den kaiserlichen Hof suchte, an welchen mich meine Freunde zu Verbesserung meines Glucks lockten. Sie machten tausend Plane im Stillen fur mich, von welchen nicht einer glucken konnte, da sie nur wenig von meiner wahren Lage wussten.

Otto und Alverde, mich allmalig von Alix loszureissen, suchten Bande zwischen mir und der Prinzessin Beatrix zu knupfen, welche zwischen der Tochter und dem bestimmten Morder ihres Vaters ja gar nicht statt haben konnten.

Als ich diese Dame sah, die schonste, welche ich je nach Alix erblickte, das lebende Bild der Unschuld und des Frohsinns, als ich die holdselige Elise sahe, welche durch die sanfteste Herablassung mich ganz zu fesseln wusste, als ich die edle Irene, die Mutter der unvergleichlichen, ganz nach ihr gebildeten Schwestern, und den Kaiser sah, in all der Majestat und Milde, welche wahrhaftig keinen Morder und Giftmischer bezeichneten, da sank mein Herz, und ich betrachtete mich mit Abscheu, dass ich Ungluck in diese Familie bringen sollte. Ich kampfte innerlich die schrecklichsten Kampfe, unstat wie der erste Morder irrte ich umher, und floh meine besten Freunde, floh selbst den Pfalzgrafen Otto, der meinen geheimen Kummer sah, und mir uberall, wo er mich festhalten konnte, zusetzte, mein Herz vor ihm auszuschutten, oder mich mit Trost aufzurichten suchte, welcher kaum halb auf meinen Zustand passte.

Ich sollte glauben, in dem Zustande, in welchem ich mich damals befand, musse auch mein Aeusserliches den widrigsten Eindruck gemacht haben; ich glaubte ihn in manchen Augen zu lesen. Die Kaiserin schien ein innerliches vielleicht ahndendes Beben vor mir zu fuhlen, Elise zwang sich nur, um Wittelsbachs willen mich liebenswurdig zu finden, Beatrix liebte mich zwar, aber sie fragte sich, wie es schien, immer insgeheim, woher doch das Etwas komme, welches mit ihrer Zuneigung eine Art von Furcht und Missfallen verbinde.

Mir war dies schreckliche Etwas wohl bekannt, das mich mir selbst zum Abscheu machte, und das ich jetzt mehr als jemals abzuschutteln suchte. Ich konnte, ich konnte den zu Pamiers erhaltenen Auftrag nicht ausfuhren, konnte nicht der Verderber dieses Furstenhauses und der Morder dieses Kaisers werden, an welchem ich so viel Vortreflichkeiten entdeckte. Um mich von meiner grausamen Pflicht loszumachen, strebte ich nach Grunden, Philipp schuldlos und das Gericht, wo er verdammt wurde, verdachtig zu finden; endlich kam es zwischen mir und Rudger uber diese Dinge zur Sprache. Seine Zweifel waren die meinigen, und er schlug mir vor, er wolle eine Reise nach dem Herzog von Sachsen thun, um von ihm Aufklarung jener Dunkelheiten zu holen, ein Einfall, der mir wie vom Himmel zu kommen schien.

Dem Herzog von Sachsen Botschaft zu thun, schien mir auch noch aus einem Grunde nothig: Kalatin, zu welchem ich nach den letzten Vorgangen nun einmal kein Herz mehr haben konnte, war, wie ich wusste, zu ihm abgereist, er konnte vielleicht Boses wider mich im Sinne haben, welches Rudgers Gegenwart hindern konnte. Kalatin war mir bey meiner Ankunft am kaiserlichen Hofe nur wie ein Gespenst erschienen, um mich noch einmal um Alverdens Hand anzusprechen. Ich schlug sie ihm ab, und er wandte mir den Rucken; bald darauf verschwand er gar, ich erfuhr, er sey nach Sachsen gereist, und dieses denke ich, war genug, mir Besorgnisse seiner Absichten wegen einzuflossen. Rudger sollte ihnen entgegen arbeiten, sollte mir schnelle Aufklarung meiner Zweifel bringen; wahrhaftig wichtige und nothwendige Geschafte, wenn nicht das noch nothwendiger gewesen war, bey mir zu bleiben, und meinen schwankenden Schritten zum Leiter zu dienen.

Ach der ehrliche Alte, unter dessen Augen ich aufgewachsen war, und der durch geprufte Treue das Recht erlangt hatte, ehe mein Freund als mein Diener zu heissen; da er mich verlassen hatte, gesellten sich Verfuhrer zu mir, die mich zu Thaten vorbereiteten, welche in halber Raserey begangen, mit endloser Reue gebusst, und umsonst durch die Vorstellung entschuldigt wurden, ich sey verpflichtet gewesen, sie zu begehen, Kaiser Philipp sey ungeachtet seiner schonen Aussenseite dennoch ein Morder, und ihn habe in meinem Schwerd nichts als die Hand gerechter Rache getroffen.

In der Hoffnung, mich durch einen Ausspruch des Herzogs von Sachsen von meinem grauenvollen Auftrag entledigt zu sehen, fing ich nun schon an, mich mit noch weitern Aussichten zu belustigen. Der Gedanke, Alix werde nicht Konigin von Kastilien werden, kam mir nicht aus dem Sinn, Alverde hatte mir versprochen, zu Pamiers fur sie zu wachen, und mich bey dem geringsten Anschein, dass man die Heyrathstraktaten aufheben, und sie ihrem Bruder zuruckschicken wollte, herbeyzurufen. Ich wollte denn ihr Begleiter nach Toulouse werden, wollte ihrem Bruder meinen Arm gegen seine Feinde leihen, wollte siegen, und sie sollte der Lohn meiner Tapferkeit werden.

Mitten in diesen Projekten, die mir Frohsinn und Selbstzufriedenheit wieder zu geben begunnten, erhielt ich Briefe von Sutrino aus Pamiers. Rechtfertigung wegen der Beschuldigung, die ich ihm auf Rudgers Angabe gemacht hatte, er sey eine Kreatur des Bischofs von Sutri, war ihr Inhalt. Um seine Unschuld hierin scheinbar zu machen, warnte er mich selbst vor diesem Bischoffe, den ich hasste, und der sich vergebens bemuhte, sich in meine Vertraulichkeit einzuschleichen. Er rieth mir zugleich, auch Otten von Wittelsbach zu warnen, und streute eine Menge Winke ein, dass man gesonnen sey, ihm seine Elise zu rauben; und dass es der Kaiser so ehrlich mit ihm als mit irgend einem Menschen meyne; mehrere Auskunft uber diese Dinge zu erlangen, verwies er mich an den Ueberbringer seines Briefs, welcher von der nehmlichen Schlangenart wie er, sich kunstlich in mein Herz zu schlingen, und es mit all seinem Gifte zu erfullen wusste; er erregte in mir die schrecklichsten Ahndungen von den Absichten des Kaisers auf den kastilischen Thron, von Erhebung seiner Tochter und Verdrangung einer andern, und verliess mich nicht ehr, bis er sein Werk ganz gethan zu haben meynte.

Ich nahm mir vor, endlich einmahl ausfuhrlich mit Wittelsbach zu reden, dessen Umgang, aus Furcht ihm meine schrecklichen Geheimnisse zu verrathen, ich bisher immer geflohen hatte. Ein Brief warnte ihn vorlaufig vor Sutri und vor dem Kaiser; bessere Erlauterung sollte nachkommen, aber sie erfolgte nicht. Dringende Geschafte riefen den Pfalzgrafen eilig nach Pohlen, und ich erhielt von ihm nur schriftlichen Dank, und die Einladung, wahrend seiner Abwesenheit in seinem Pallaste zu wohnen, um daselbst in der Nahe fur Elisen wachen zu konnen, die er jetzt verlassen musse.

Welch ein Auftrag fur den, welcher vom Schicksal bestimmt war, das Herz dieser edeln Prinzessin auf das tiefste zu verwunden! Ich nahm ihn an, weil ich nicht anders konnte, und betrat Wittelsbachs Pallast, um in demselben den furchterlichsten Auftritten meines Lebens entgegen zu sehen.

Ich stand am Tage meines Einzugs auf dem Balkon des Hauses, welcher das Frontispitz des Gebaudes ausmachte, und die Aussicht auf den Pallast der Prinzessinnen hatte. Ich sah einen Reisewagen von einem einigen Bedienten begleitet ankommen, er ofnete sich, und eine Dame stieg heraus; ich fuhr voll Erstaunen zuruck; dies war die vollkommene Gestalt meiner Schwester. Meine Leute wurden beordert; Erkundigung einzuziehen, und sie brachten Bestattigung zuruck: Die Dame nenne sich Alverde von Merode und komme aus Pamiers mit wichtigen Nachrichten an den kaiserlichen Hof.

An den Hof? sagte ich zu mir selbst, warum nicht zu ihrem Bruder? was sie zu melden hat, sind doch wohl nichts anders als Nachrichten von Alix. Gott, wenn die Erreichung meiner Wunsche so nahe war! wenn sie kame, mich aufzufordern, der verflossenen Grafinn von Toulouse meinen Arm zu reichen, und sie in ihr Vaterland zuruckzufuhren! Aber warum musste Alverde selbst kommen? Wie konnte sie ihre Freundinn in einer Lage, welche auf alle Art bedenklich seyn muss, allein lassen? Ach sollte hierin vielleicht noch mehr, als ich zu hoffen wage, verborgen liegen? O gewiss, gewiss! Die Umstande sind dringender geworden, man hat vielleicht bose Anschlage auf Alix gehabt, mich zu Hulfe zu rufen, war zu weitlauftig, die beyden Freundinnen haben sich selbst helfen mussen, sie sind geflohen, Alix hat Alverden voraus geschickt, ihr Zuflucht an Philipps Hofe zu erbitten, und wird ihr diese gewahrt, so ist dies ein neues Band, mich an den zu fesseln, den ich verderben soll. Nein, Philipp! ich schwore dir, giebst du meiner Geliebten Schutz vor ihren Feinden, so soll mich nichts bewegen, dein Leben anzutasten, und warst du all der Unthaten schuldig, deren man dich zeihet, und gab mir Herzog Bernhard selbst das Schwerd in die Hand, die Befehle der Gerechtigkeit an dir zu vollziehen.

Ich wartete diesen Tag, ich wartete den ganzen Abend vergebens auf Nachricht von meiner Schwester, ich bewachte die Strasse, wo ich glaubte, dass Alix, meinen Phantasien zufolge, herkommen musse; niemand erschien, ich sah Alverden druben im Pallaste der Prinzessinnen weinend am Fenster stehen, ich sah auch Beatrix und Elise weinen! Himmel, was mochte das zu bedeuten haben! Mein Blut ward zu Eis, und ich hatte kaum so viel Kraft, Befehl zu geben, man moge der neuangekommenen Dame Nachricht geben, ihr Bruder wohne im benachbarten Hause und wunsche sie zu sprechen; die Antwort kam zuruck: die fremde Dame befinde sich sehr ubel, und konne weder Bruder noch Freund sehen und sprechen. Himmel, welch eine Antwort! entweder falsch ausgerichtet oder falsch verstanden, oder in einer Verwirrung gegeben, welche sich bey Alverdens damahliger Gemuthsfassung wohl entschuldigen liess.

Ich war ausser mir, Ahndung von, ich weis nicht, welchem Ungluck durchstromte mein Innres. Ich schleppte mich mit Muhe an das Fenster, weil ich Gerausch auf der Gasse horte, und die lacherliche Hoffnung auf Alix Zukunft noch immer meine Phantasie beschaftigte. Ich sah einen prachtigen Zug die Strasse herauf nach dem kaiserlichen Pallaste kommen. Ich erkannte in den beyden Hauptfiguren des beweglichen Gemaldes, den Bischoff von Kastilien und den Grafen von Kastelmoro.

Was ist das? rief ich, indem mir kalter Angstschweiss uber die Stirne lief. Es sind die kastilischen Gesandten, erwiederte einer meiner Leute, der hinter mir stand, man hat sie diesen ganzen Tag erwartet, aber sie haben sich auf einem benachbarten Lustschloss verweilt, um sich zur Audienz zu schicken, zu welcher sie, weil man sich angenehme Werbung von ihnen versieht, augenblicklich gefuhrt werden.

Eine Frage schwebte auf meinen Lippen, welche mir hier wohl schwerlich hatte beantwortet werden konnen; sie wurde gehemmt und alle weitere Betrachtungen uber das, was ich sah und horte, wurden gestort, denn man trat ein, mir die Ankunft eines reitenden Boten zu melden, welcher mich selbst zu sprechen verlange. Der Zusatz, er komme mit der Gesandschaft aus Pamiers von Sutrino, verschafte ihm augenblicklichen Zutritt. Ich riss ihm den Brief aus der Hand, ich ofnete, ich las, und wenn der, fur welchen ich schreibe, ihn ebenfalls gelesen haben wird, so wird der grosse Zwischenraum, den ich zwischen diesem schrecklichen Schreiben und der Fortsetzung meiner Geschichte machen muss, von ihm sehr leicht ausgefullt werden konnen.

Sutrino an Alf von Dulmen.

Alix ist tod, und der Vater der kunftigen Konigin von Kastilien, der Prinzessin Elise, ist ihr Morder. O des heillosen Vergifters jenes Heiligen und dieses Engels! Alf von Dulmen, wo schlaft die Rache? konnt ihr euch von dem, der euch den Freund entriss, so kaltblutig auch die Geliebte aus den Armen reissen lassen? Mir erstarrt die Hand an der Feder, moge die Eurige nicht am Schwerdt erstarren! Umstandlichere Erzehlung der grauenvollsten Dinge erhaltet ihr von dem Ueberbringer. Hutet euch vor allen euren sogenannten Freunden, hutet euch selbst vor eurer Schwester Alverde, die an dem Schicksal der unglucklichen Alix nicht ausser Schuld ist; vertrauet in diesen Dingen nur der Aussage des Mannes, den ich euch sende, und der euch all die schrecklichen Geheimnisse aufklaren wird. Und ich erhielt sie diese Aufklarung um mich in volle Verzweiflung zu sturzen, erlasset mir ihre Wiederholung, damit nicht mein Verstand zum zweitenmahl scheitere. Alix war gestorben, an Gift gestorben; nach dem Bericht, welchen ich erhielt, liess sich die Hand nicht verkennen, welche sie aus dem Wege raumte, um Elisen auf dem ihr bestimmten Throne Platz zu machen. Die kastilische Gesandschaft bestattigte Philipps Schuld, und von diesem Augenblicke an war er in meinen Augen ein dem Tode geweihter Verbrecher, ich glaubte ihn vor mir zu sehen, und langte nach meinem Schwerdt, das Blut der unglucklichen Alix zu rachen, meine Hand sank zuruck, und ich fiel in ganzliche Bewustlosigkeit.

Was von diesem Augenblick an bis auf den furchterlichsten Zeitpunkt meines Lebens mit mir vorgegangen ist, schwebet mir nur wie Traum vor den Augen. Schmerzen, Hitze, todliche Entkraftung besinne ich mich gefuhlt zu haben! Alverdens Namen horte ich verschiedenemahl nennen, und er war allemahl ein Zauber, mich auf einige Augenblicke zur Besonnenheit zu bringen.

Was will sie bey mir? schrie ich mit knirschenden Zahnen.

Gnadiger Herr, euch sehen, euch in eurer Krankheit pflegen, ungeachtet sie selbst krank ist.

Hinweg mit der Morderinn! schrie ich; durch Bosheit oder wenigstens Vernachlassigung lieferte sie Alix in Philipps Hande.

Furchterliche Rasereyen folgten hierauf, meine Reden wider den Kaiser waren so, dass man sich scheute sie einem Fremden horen zu lassen, daher ward mein Zimmer vor jedermann verschlossen. Meine naturliche Starke, welche durch die Krankheit verdoppelt ward, nothigte meine Leute mich zu binden, weil ich auf keine andere Art zu bandigen war, und ich mit der grossten Schlauhigkeit Gewehr oder andere Werkzeuge zum Schaden an mich zu bringen wusste, die mir denn schwer zu entreissen waren.

Man versuchte tausend Mittel mich zu besanftigen. In meinen sanftern Stunden, pflegte ich oft Herzog Bernhards Namen zu nennen, und uber Otto und Rudgers langes Ausbleiben wie ein Kind zu weinen; man sagte mir, der letzte werde nur noch wenige Meilen von der Stadt von den Folgen eines Sturzes vom Pferde, bettlagrig gehalten, und den Pfalzgrafen erwarte man in wenig Tagen von seiner Reise aus Pohlen zuruck, Umstande, aus welchen sich die Dauer meiner Krankheit errathen lasst.

Von Herzog Bernhard gab man mir einen Brief; er machte die Idee von Sutrinos Briefe wieder in mir rege, und statt ihn zu lesen, zerpfluckte ich ihn in kleine Stucken.

Raserey und Wehmuth wechselten lang bey mir ab; bis endlich die letzte die Oberhand behielt und man mich gelinder behandeln konnte, man band und bewachte mich nicht mehr so scharf, nur die Mittel, mein Zimmer zu verlassen, benahm man mir, indem man mir Kleider und Rustung aus dem Wege raumte. Alverde liess sich wieder bey mir melden, aber mein Widerwille vor ihr blieb entschieden, ich liess ihr sagen, ich wolle sie nicht sehen, und legte damit einen Beweis ab, wie viel noch an der volligen Wiederherstellung meines Verstandes fehlte. Sie sandte mir einen Brief, mit Bitte ihn, da er offen war, zu lesen, und denn zu bestellen; ich warf ihn verachtlich auf die Seite. Ich erhielt einen anderen von Kalatin, und er wurde um des Schreibens willen, ein noch schlimmeres Schicksal gehabt haben, wenn ich ihn nicht verloren hatte. So veranlasste mich meine ungluckliche Gemuthsfassung alles hinweg zu werfen, was mich hatte retten konnen, und blind in mein Ungluck zu rennen.

O dass ich mich mit meinem halben Wahnsinn schutzen, o dass ich behaupten konnte, ich habe vollig als ein Trunkener gehandelt, als ich die That beging, die ich, ich zogre auch noch so lang, doch endlich bekennen muss; aber hinweg mit der Schminke eine That zu beschonigen, die doch allemahl ihren greulichen Namen, Kaisermord, behalten wird, da ich mich jedes Umstandes bey derselben zu deutlich erinnere, um mich hinter Bewusstlosigkeit verbergen zu durfen.

Mein Gesundheitszustand war leidlich, meine Huter fingen an nachlassig zu werden, und meiner Besserung zu viel zu trauen. Sutrinos Brief war mir wieder in die Hande gefallen, und hatte meine Wuth gegen Philipp erneuert, ich zwang sie ein, um mir Freiheit zu handeln zu erhalten. Nach einer von Alix Blut und Rache durchtraumten Nacht, erhub ich mich um aufzustehen, ich sah mich noch schlechter als bisher bewacht, und wunschte mir Gluck die Stunde gekommen zu sehen, die ich schon lang erwartet hatte. Ich fuhlte die Unschicklichkeit und Gefahr im Nachtrock auszugehen, und suchte nach meinen Waffen und Kleidern; sie waren verschlossen.

Der Weg zu Wittelsbachs Rustkammer war mir nicht unbekannt. Ich sah in den Hof hinab, der zu dem Theil des Pallasts fuhrte, wohin ich wollte. Der Hof war leer. Ich eilte ungesehen hinuber, warf mein Nachtgewand unterwegens ab, flog in die Waffenhalle, welche offen stand, schlupfte in die erste beste Rustung, die mir in die Hand fiel, behelmte mich und schloss das Visier, nahm Wittelsbachs Kriegsschwerdt und seinen Schild, und eilte auf die Strasse hinaus, gerustet wie zur Schlacht, um einen einzelnen Mann zu erwurgen.

Ohne Anstoss erreichte ich den kaiserlichen Pallast; man liess mich ein, woruber ich mich wunderte, weil mirs war, als musste jedermann mir meinen Mordanschlag ansehen, und ich nicht soviel Besonnenheit hatte zu denken, dass in Wittelsbachs Waffen mich bey der Gleichheit unserer Statur, die niemand anders hier mit uns gemein hatte, mich jedermann fur Wittelsbach halten muste, fur Wittelsbach, dessen Ankunft, wie ich hernachmahls erfuhr, man heute erwartete, und der als des Kaisers Schwiegersohn nicht allein immer den freysten Zutritt hatte, sondern heute noch besonders zu einer geheimen Audienz berufen worden war.

Von allen diesen Dingen wusste ich nichts, ich konnte weder Ursach noch Folgen dessen, was ich vor mir hatte, beherzigen, sondern lebte und webte nur in dem Gedanken, die Rache zu vollfuhren, welche schon so lange in meinem Innersten kochte, und zu welcher ich mich, wenn mir die Auftrage zu Pamiers in mein zerruttetes Gehirn kamen, noch oben drein verpflichtet glaubte.

Als ich auf die grosse Stiege kam, begegnete mir der Bischof von Kastilien, welcher eben beym Kaiser zur Audienz gewesen war; ich trat auf die Seite ihn voruber zu lassen, mein Schwerdt zuckte in der Scheide, auch an ihm den Tod der Grafin von Toulouse zu rachen, aber der Gedanke, ich mochte uber das kleinere Opfer meiner Rache, das grossere verfehlen, rettete sein Leben, ich blieb stehen und sah ihm nach. Unten an der Treppe begegnete ihm die Prinzessin Elise, welche auch nach Hofe berufen und eben aus ihrem Wagen gestiegen war; er demuthigte sich sehr vor ihr, und bat sie, mit ihm in eine untere Halle zu treten, weil er Dinge von Wichtigkeit mit ihr zu bereden habe. Ha, sagte ich knirschend zu mir selbst, die kunftige Konigin von Kastilien; welcher die arme Alix zum Opfer geschlachtet wurde! des Wittelsbachers treulose Braut! der heillose Monch will sie vermuthlich von ihren Schwuren absolvieren, die sie an meinem Freunde brach, und die ihr gottloser Vater sie brechen lehrte. O Otto, Otto! auch zu deiner Rache soll Philipps Blut fliessen! Hier hatte es keinen Auftrags der heimlichen Richter bedurft, ein jeder adlicher Mann ist schon von selbst befugt, solche Grauel mit dem Schwerdt zu rachen.

In solchen Gedanken, welche zu ziemlich laut gemurmelten Worten wurden, legte ich den Weg nach des Kaisers Gemach vollends zuruck. Wie ein Rasender sturmte ich in das Vorzimmer hinein, ich war ganz verblendet; ein der Thur gegen uber stehendes Bild des Kaisers hielt ich fur ihn selbst, und riss das Schwerdt aus der Scheide es zu durchbohren; Ein gegenuber stehender Spiegel warf Philipps Aehnlichkeit tauschend zuruck, und liess mich den zweyten Stoss eben so vergeblich anbringen, so taumelte ich mit entblosstem Stahl von einem zu den andern, bis jetzt die innere Kabinetsthure aufging, und mir den wahren Gegenstand meiner Wuth zeigte, ich sturmte hinein und versetzte dem Kaiser, der mir entgegen trat und einige Worte zu mir sagte, die ich nicht verstand, einen Streich, der ihn augenblicklich zu Boden sturzte. Erst jetzt merkte ich aus dem Geschrey verschiedener Personen, dass ich das Opfer meiner Rache nicht allein gefunden hatte, und dass es ein halbes Wunder war, dass mir mein Streich so wohl gelang.

Noch war ich verblendet genug uber meine That zu jauchzen; der Anblick des Gefallten pflegt sonst oft den Morder zu entwafnen, mir flosste er Durst nach mehrern Blut in die Seele. Ich flog aus dem Zimmer, wo die Besturzung und das Bestreben den Kaiser zu retten keinen Gedanken aufkommen liess mich fest zu halten, ich eilte die Stiegen hinunter, um wo moglich den Bischoff von Kastilien noch zu finden und ihn dem Schatten der unglucklichen Alix ebenfalls zum Opfer zu schlachten, aber ich sah seinen Wagen eben abfahren, und die Prinzessin Elise, von dem Gesprach mit ihm, die Treppe herauf kommen.

Ihr Anblick verursachte mir eine sonderbare Empfindung, sie ging so ruhig in der Unschuld und Majestat eines Engels daher, was sollte ich von ihr halten? und welchen Schrecknissen ging sie entgegen! Schon machte der wachsende Lerm in den obern Zimmern und die hin und hereilenden Bedienten sie stutzen, sie eilte vorwarts, ich strich unbemerkt bey ihr vorbey, auf die Strasse. Auch diesmahl liess mich die aussere Wache ruhig passiren, ich hatte in des Wittelsbachers Waffen, ohne es zu wissen, einen guten Freybrief, der auch wohl die volle Geberde eines fliehenden Morders, die ich hatte, unverdachtig machen konnte.

Nach Elisens Anblick wars, als wenn sich ganz andere Empfindungen meiner Seele bemachtigten; nur Empfindungen, keine Gedanken, keine lebhaften Vorstellungen; der schreckliche Zustand in welchem ich war, machte mich derselben ganz unfahig. Ich war wie im ersten Erwachen aus einem Rausche. Ich wusste damahls weder ganz genau was ich gethan hatte, noch was ich thun wollte, ein unnennbares Gefuhl belastete meine Seele; fliehen, fliehen war mein einiges Bestreben, nicht vor einer Gefahr, von welcher ich keine Vorstellung hatte, sondern vor einem Etwas das in mir war, das ich mir selbst nicht bestimmen konnte.

So flohe ich denn uber die Strassen, durch die Thore, ins Freye, uber Feld und Wiese, und rastete nicht ehe, bis mir der Athem gebrach und ich auf einem Stein ohne Bewusstseyn niederfiel. Es war fast Nacht als ich mich wieder erholte, das Rutteln eines Mannes, den ich in der Dammerung nicht erkennen konnte, erweckte mich endlich. Ach Gott! schrie eine bekannte Stimme, ist denn alles vergebens? Lieber, lieber Herr! war es so, dass ich euch wiederfinden sollte?

Rudger! rief ich, indem ich mich aufrichtete, mit einer Art von Freudengefuhl, Rudger, bist du es? Ach warum bist du nicht ehe gekommen?

Gnadiger Herr, meine Krankheit! Aber Gott! was ist euch begegnet?

Mir? nichts! zwar lass mich doch nachdenken! Mir traumete gestern, ich habe Kayser Philippen erschlagen und muste nun fliehen.

Gottlob, dass dieser schreckliche Traum nicht Wahrheit ist! O mein Herr wie gut! dass ihr mich zum Herzoge von Sachsen schicktet! ihr habt ihn doch erhalten, seinen Brief?

Warum? was enthielt er? ich habe ihn nicht gelesen! Ich war sehr krank, Rudger, und in der Krankheit, glaube ich, habe ich ihn zerrissen.

Armer Herr! krank seyd ihr wohl noch! Gott sey dank, dass ich hier bin Euer zu pflegen. Beruhigt Euch nun, alles wird gut werden, was Euch krankt. Der Herzog von Sachsen enthebt Euch jeder schrecklichen Verbindlichkeit; das konnte ich wohl denken, dass es mit jenem Gericht zu Pamiers seine eigenen Bewandnisse gehabt haben wurde; schwer wird der Herzog von ** seine Bosheit oder seine Unvorsichtigkeit bussen mussen!

Ach Rudger, rief ich, indem ich seine Rede unterbrach, welche ich weder verstand noch beachtet hatte. Alles mochte gut seyn, wenn nur Alix lebte, und Philipp nicht ihr Morder gewesen war!

Alix tod? Der Kayser ihr Morder? Das ist unmoglich!

Sehr moglich, sage ich dir! auch ist die That schon gerochen; siehst du Philippen? siehst du ihn bluten? Nein, nein! es war kein Traum, ich habe den Morder Konrads und der Nonnen Alix wirklich erschlagen!

Rudger mochte in diesen Worten, so wenig ich auch ubrigens bey mir selbst zu seyn schien, Wahrheit ahnden, denn er fuhr voll Entsetzen auf, und sprach das Wort: Kaysermord? mit einem Tone aus, der mein Innerstes zerriss. Ich that einen lauten Schrey und fiel in Ohnmacht.

Ich kann meinen damahligen Zustand mit nichts besser vergleichen, als mit dem Zustand eines Mannes, welcher von Feuer zu traumen glaubt, indessen wurklich die Flammen nahe bey seinem Lager wuthen, er ermuntert sich von Augenblick zu Augenblick ein wenig, aber der Schlaf behauptet seine Rechte, er sinkt zuruck und traumt den vermeinten Traum fort, bis ein heftiger Schlag ihn auf einmal ganz erweckt, damit der Anblick der wurklichen Gefahr, der er nun nicht mehr entfliehen kann, ihn ganz zu Boden sturze.

Das Wort, Kaysermord, aus Rudgers Munde, war der gewaltsame Schlag, der mich traf, ich sah auf einen Augenblick hell, um nun Wochenlang nichts mehr zu sehen, und ganz wieder in den Zustand zuruck zu sinken, in welchem ich die lezte Zeit nach der Nachricht von dem Tode meines Geliebten zugebracht hatte.

Rudgers Gegenwart war meine einige Rettung; er schleppte mich mit Hulfe eines vorubergehenden Bauern in seine Herberge, und brachte mich auf ein Bette, von welchem ich lang nicht wieder aufstehen sollte. Meine Krankheit war diesesmahl nicht mit den vormahligen Paroxismen von Wuth verbunden, hierzu waren die Krafte meiner Natur zu erschopft, ich lag fast die meiste Zeit ohne alle Besinnung, und nur Rudgers treue Liebe konnte ihn mit Hofnung zu meiner Wiederherstellung begeistern.

Ja wohl Rudgers traute Liebe! Liebe gegen einen Menschen, den er im Grunde verabscheuen musste! Was hatte ich gethan! Wo war die Entschuldigung meiner That! Das kleinste Nachdenken uber dieselbe musste mich in Verzweiflung sturzen, und eben darum suchte es Rudger zu vertheidigen. Er sprach nie mit mir uber diese Dinge. Die Umstande von des Kaysers Ermordung hatte er indessen durch das Gerucht erfahren, er hatte also nicht nothig, hievon noch etwas bey mir zu erfragen; einen Punkt, der seinem redlichen Herzen den peinlichsten Kummer machte, den, dass man den unschuldigen Otto von Wittelsbach fur den Thater hielt, weil man seine Gestalt fur die meinige genommen hatte, verschwieg er mir; vornehmlich er konnte urtheilen, was diese Entdeckung, auf welche ich, so naturlich sie war, nicht von selbst fiel, fur einen Eindruck auf meine ohnehin zerruttete Seele machen musse.

Ottos Unschuld ware von meiner Seite nicht anders zu retten gewesen, als wenn ich mich selbst als den Schuldigen bekannt hatte, ich wurde es unausbleiblich gethan haben, und dieses wollte Rudger verhuten; nicht gestraft, nein gerettet wollte er mich sehen. Das erste Mittel hiezu war Flucht, aber wie sollte er dieselbe bey mir in Vorschlag bringen? schon dieses Wort wurde mein Gewissen geweckt haben, das er, weil er sein furchterliches Erwachen besorgte, gern noch im Schlummer erhalten wollte. Sobald meine Gesundheit Entfernung von dem Orte, wo ich bisher gelebt hatte, erlaubte, schlug er eine Reise nach meinen Landen vor, wo man meine Abwesenheit, meine zu diesem Endzweck kunstlich genug veranstaltete Abwesenheit wohl genutzt und alles unter und ubergekehrt hatte. Meine meisten Besitzungen waren wieder in den Handen des Bischofs von Bremen und Munster; und wenige meiner Unterthanen hielten noch treulich an ihrem Herren, und ihre Hulfe war es allein, auf welche Rudger die Wiedererlangung meines Eigenthums baute. Um mein Nachdenken ganz auf eine andre Seite zu lenken, sprach er mir unablassig von diesen Dingen, und es gelang ihm, dass er meine ohnedem schwache Seele dahin brachte, die lezten Vorgange gleichsam zu vergessen, und nur bey den Epochen fruherer Zeiten zu verweilen.

Der Gedanke an das Land, wo ich meine erste unschuldsvolle Jugendzeit verlebt hatte, da ich noch weder Liebe, Ehrsucht, noch falsche Freundschaft kannte, da Alix, Philipp und Kalatin, und alle Personen mir noch unbekannt waren, mit welchen mich mein Schicksal in der Folge in so unselige Verbindungen sezte, die Ruckerinnerung damahliger ungetrubter nun auf ewig entflohnen Freuden brachte mir naturlich auch Evert von Remen wieder in den Sinn. Ich fragte nach ihm, als nach einem lang vermissten Freunde, die Verleumdungen Kalatins, die ehemals mein Herz von ihm losrissen, waren ganzlich vergessen, und das, was mir Rudger von der Treue und Tapferkeit sagte, mit welcher er sich meinen Feinden in meiner Abwesenheit entgegengesetzt hatte, starkte meine wiederaufkeimende Freundschaft und meine Sehnsucht nach ihm. Ich freute mich, ihn in jenen Gegenden wieder zu sehen, und Rudger widersprach mir nicht, weil ihm wirklich Everts lang ausgefuhrter Entschluss nach dem heiligen Lande zu gehen, so unbekannt war als mir; auch ich hatte denselben wissen und vorbeugen konnen! Evert hatte mir ihn in einem langst vergessenen Briefe mitgetheilt, der so, wie viele andre, ungelesen geblieben war. Der Taumel mannichfaltiger Leidenschaften, in welchem ich die lezt verstrichenen Jahre uber gelebt hatte, die mancherley Vorurtheile, von denen ich mich beherrschen liess, und meine eben so mannichfaltigen Schicksale, hatten ja gemacht, dass ich mich immer bloss mit mir selbst, und dem, was gerade vor mir lag, beschaftigte, und alles auf die Seite warf, was mir von einer andern Gegend zukam.

Rudger, der meine Fragen um Evert von Remen nicht befriedigend genug beantworten konnte, versprach mir, wenn ich fortfuhre, ihm durch meine gute Fassung Freude zu machen, mir ein kleines Kastgen mit Briefen zur Unterhaltung zu geben, welche ich ehedem, so wie ich sie erhielt, gelesen oder ungelesen zusammen warf, und die er, nebst andern Habseligkeiten von mir, aus der kayserlichen Residenz hatte heruberbringen lassen. Einige Briefe von Wittelsbach, von Evert von Remen, und andre dem treuen Rudger unverdachtigen Personen, machten die obersten Lage dieser Schriften aus, und er glaubte, nicht allein mir sie ohne Gefahr ubergeben zu konnen, sondern auch grossen Vortheil zu mehrerer Beruhigung fur mich daraus zu ziehen.

Ach wie sehr irrte er sich! Unter einem grossen Gewuhl gleichgultiger, wirklich ehr zerstreuender als beunruhigender Blatter fand ich auch manches, das alles was Rudger so muhsam herangearbeitet hatte, schnell zu zerstoren drohte. Etliche alte nur halb gelesene Schreiben von Evert und Wittelsbach machten mich schon wieder aufmerksam auf Dinge, in deren Vergessenheit jezt meine einzige Rettung bestand. Die Fragmente jenes Briefes vom Herzog von Sachsen, den ich in meiner Krankheit zerriss, und die hier, Gott weis durch welchen Zufall sich gleichfalls fanden, brachten mir die That, welche mich auf Lebenszeit unglucklich machte, und vor welcher er mich so treulich warnte, lebendig vor Augen, und einige Zettel von Alverden und Kalatin vollendeten das Ganze. Es waren die zulezt erhaltenen, deren ich aber gedacht habe, und ich rucke sie hier ein, weil sie kurz genug sind, um mir in den Gedanken geblieben zu seyn, und weil man aus ihnen am besten sehen kann, welches meine Gefuhle nach ihrer Vorlesung seyn mussten.

Alverde an ihren Bruder.

"Was habe ich dir gethan, Adolf! dass du mich von deiner Schwelle zuruckstossest; ach der Verlust der unglucklichen Alix zerruttet deine Seele, sonst konntest du so nicht handeln! Konnte ich doch dein Gemuth von den gewaltsamen Empfindungen zu sanfter Wehmuth herabstimmen, vielleicht mochte dir denn doch geholfen werden. Mochtest du doch Alix beweinen lernen, anstatt dass du durch Rasereyen, davon wir taglich horen, dich und sie beschimpfest! Nimm hier diesen Brief, von ihrer Hand geschrieben die mir so oft die Wohlthat trostender Thranen gewahrte, vielleicht hat er auf dich die nehmliche Wirkung. Behalte ihn, er ist an ihren Bruder, den Grafen von Toulouse; sie empfiehlt mir ihre Bestellung am Tage vor ihrem Tode; vielleicht, dass du hierzu ehe Gelegenheit haben mochtest, als die ungluckliche selbst dem Grabe nahe Alverde." Ein Brief von Alix Hand! o Ademar, welche Erschutterung! Ja, Alverde hatte recht, er schmelzte mein Herz zu Thranen, er lehrte mich ihre Todesart in mancher Betrachtung wichtiger beurtheilen, aber heilender Balsam war er mir darum nicht. Alverde schien die Freundinn der armen Alix bis in den Tod gewesen zu seyn; Kayser Philipps Antheil an den Schreckensscenen zu Pamiers ward mir zweifelhaft, aber konnte dies mich trosten, da das, was ich gethan hatte, nun nicht ungeschehen gemacht werden konnte?

Kalatins Brief vermehrte diese gefahrlichen Eindrucke; so lautete er:

Kalatin an Graf Adolf von ***

"Ihr seyd mein Feind, Graf Adolf; die Hartnackigkeit, mit welcher ihr mir noch zuletzt die Hand Eurer Schwester abschlugt, beweisst es mir. Wie ich gegen Euch gesinnt bin, das gehort nicht hieher, nur einen Freundesdienst muss ich Euch beweisen, wozu mich doch wahrlich weniger die Neigung fur Euch, als Sorge um die Ehre unsers heiligen Bruders anreizt. Horet und merket wohl auf: Setzet ein Mistrauen in die gerichtlichen Handlungen von Pamiers, hutet euch blutige Auftritte zu vollfuhren, die ihr da erhalten haben mogt, und wartet auf Herzog Bernhards Entscheidung, welche bald erfolgen muss!

Kalatin."

O warum musste ich diesen Brief, als ich ihn erhielt, unachtsam und voll Groll auf den Schreiber, bey Seit werfen, und ich bekam ihn den Tag vorher, ehe ich meine Hand mit Philipps Blut befleckte, damals ware es noch Zeit gewesen, der That vorzubeugen; doch wurde ich mich auch haben weisen lassen? fiel Philipp darum durch meine Hand, weil mir der Herzog von ** zu Pamiers das Schwerdt wider ihn gegeben hatte, oder nicht vielmehr, weil ich ihn fur Alix Morder hielt? war es die Rache der Gerechtigkeit oder eigene Rache, was ich hier verubte?

Meine Gedanken verwirrten sich uber diese Betrachtungen, ich wusste nicht mehr, was ich denken oder thun sollte, wusste nicht, ob Philipp schuldig oder unschuldig gefallen war, nur dieses wusste ich, dass ich ein Elender war, der kein dringenders Geschaft hatte, als den Tod zu suchen. Der Gedanke, nach meinem Lande zu reisen, verschwand ganz, ich wusste aus einem gefundenen Briefe von Evert von Remen, dass ich ihn, den einigen, der mir diese Gegenden hatte lieb machen konnen, dort nicht mehr finden wurde. Gram um mich und Alverden hatte ihn nach Palastina getrieben, wo er vielleicht langst seinen Tod gefunden haben konnte.

Ich fasste den Entschluss, Rudgers Hut heimlich zu entwischen, und meinem Schicksal auf einem Wege, den ich selbst noch nicht wusste, entgegen zu gehen. Meine Flucht gelang, und auf dem wilden regellosen Wege, den mich die Verzweiflung fuhrte, fand ich bald Veranlassung zu dem, was mir zu thun oblag. Ueberall kam mir das Gerucht entgegen: Pfalzgraf Otto habe Kayser Philippen ermordet und werde nun als ein Durchachteter uberall verfolgt; hier erfuhr ich zuerst den ganzen Umfang, die vollen schrecklichen Folgen meiner That. Ich hatte nicht auf meine Rechnung, hatte auf die Rechnung eines andern gesundigt, der nun fur mein Verbrechen bussen sollte. Hier scheiterte mein oftmahls schon dicht an die Ausfuhrung granzender Entschluss, mein Leben durch eigene Hand zu enden. Nein, schrie ich, ich darf nicht ehe sterben, bis Otto gerettet und gerechtfertigt ist! schon zu viel Schuld haftet auf meiner Seele, ich darf sie nicht durch das Blut eines Freundes vermehren, der um meinetwillen leidet! Hin will ich, vor jenes grosse Gericht, und uberlaut rufen: Otto von Wittelsbach ist unschuldig und ich bin der Morder, hier bin ich, strafet mich, dass er gerettet werde!

Der Stuhl der heimlichen Gerechtigkeit ist fur den Wissenden bald zu finden, denn er ist uberall; auch war mir die Zeit gunstig, dass ich nicht lang auf das warten durfte, wonach meine Seele schmachtete: Rechtfertigung fur meinen Freund, und Urtheil des Todes fur mich.

Der Tag erschien, dessen Nacht mich in die geweihte Versammlung fuhren sollte; langsam und traurig trat ich in den grossen Kreis, wo ich so oft auf meiner erhabenen Stelle, wie ein Konig gethront hatte. Rings um wich die Menge vor mir. Das ist Graf Adolf! flusterte man sich zu, den wir so lange nicht sahen; Platz fur ihn! er wird unserm Oberhaupte willkommen seyn.

Herzog Bernhard war selbst gegenwartig, wir konnten, weil die Handlung begann, wenig Worte wechseln, und ich nahm, weil einige der Richter fehlten, die uber mir sassen, meinen Platz ihm zunachst. Ein schoner Rang fur den Verbrecher, den die Gerechtigkeit, so bald er sich ihr kenntlich machte, in die unterste Tiefe hinabsturzen musste!!

Halb ausser mir horte ich nichts von alle dem, was diese Nacht vorgebracht wurde, und spielte ganz die Rolle eines Abwesenden; noch wusste ich nicht, wie ich das Gestandniss meines Verbrechens, das ich mir vorgenommen hatte, einleiten sollte. Der grosste Verbrecher, der gerechteste Selbsthasser bleibt ein Mensch, und bebt vor dem Urtheil, wenn er sich demselben nahe glaubt, zuruck. Ich kannte die Rechte unserer Gerechtigkeit zu gut, um bey dem Gedanken, mich in ihre Hande zu liefern, nicht ein heimliches Grauen zu fuhlen. Doch das Schicksal wollte meiner Schwache und Unentschlossenheit zu Hulfe kommen.

Am Ende der Sitzung warf sich eine Jungfrau vor den Stufen des Throns nieder, und stammelte das15 Geschrey um Rache, wie man es sie gelehrt hatte.

Und welche blutige That, fragte der Oberrichter, ists, uber die ihr Rache fordert?

Kayser Philipps Ermordung!

Seyd ihr eine seiner Tochter?

Nein, aber ich rede in ihrem Namen und auf ihren Befehl!

Ueber wen klagt ihr?

Ueber keinen! aber ich fordre das Auge des Richters auf, den Thater zu finden!

Er ist gefunden! Es ist Pfalzgraf Otto von Wittelsbach!

Nein, er ists nicht! schrie ich mit schrecklicher Stimme, indem ich aufsprang, und die Hand zum Zeichen des Widerspruchs in die Hohe hob.

Nein, er ists nicht! schrie die Jungfrau, sehet und horet hier meine Beweise.

Pfalzgraf Otto ward entschuldigt, so bundig entschuldigt, als es bey der Gerechtigkeit seiner Sache unausbleiblich war, und man hiess die Klagerin sich erheben und gegen alle vier Winde Rache gegen den unbekannten Morder rufen! sie schlug den Schleyer zuruck, und that mit zitternder Stimme, wie man ihr gebot.

Ihr Gesicht, ihre Sprache machte sie mir auf einmal kenntlich, und mein ganzes Wesen durchlebte ein unwillkuhrlicher Schauer. Alverde! rief ich, indem ich von meinem Stuhl herabstieg, Alverde, meine Schwester! Du schreyst Rache uber deinen Bruder? Ich, ich bin Kayser Philipps Morder! Hier bin ich, todtet mich! Pfalzgraf Otto ist unschuldig!

Alverde wurde ohnmachtig und ward hinweggeschaft, man nahm meine Worte auf; das Gericht ergieng uber mich; ich ward verurtheilt.

Da erhub sich ein Mann aus der untern Klasse, mich zu vertheidigen, es war Rudger, der mich, den Verlornen, mit Erstaunen hier wiederfand. Seine Worte konnten kein Gewicht haben, denn die machtige Wahrheit und mein eignes Zeugniss waren wider mich. Man hiess ihn schweigen, und in heimlichen Banden, als ein Gefangner, bleiben, bis der Kaysermorder seinen Lohn empfangen hatte; darauf brach man den Stab uber mich, und stiess mich hinaus, ruhlos in der Welt umherzustreichen, bis mich der Blutracher finde und mich todte.

Ich eilte davon, damit man Raum hatte, das Loos uber diejenigen zu werfen, welchen man das Rachschwerdt wider mich vertrauen wollte. Ach ich dachte nicht, dass es auf denjenigen fallen wurde, den ich seit einiger Zeit fur einen nur verkannten Freund zu halten begunnte, auf Kalatin, der durch seine Warnung vor der greulichen That, die mich jetzt ins Verderben sturzte, wieder viel in meiner Achtung gewonnen hatte.

Meinen Zustand zu beschreiben, ist unmoglich! niemand als ein selbst Durchachteter weiss, was es heisst, von der ganzen menschlichen Gesellschaft, als ein verdorbenes Glied, abgeschnitten zu seyn, und den heimlichen Racher immer im Nacken zu haben. Selbst den Lebensmuden, wie ich es war, ist diese Verfassung schrecklich, ist ihm arger als der Tod.

Eins beruhigte mich; vor meinem Tode, den ich in jeder Stunde erwarten konnte, noch eine Handlung der Gerechtigkeit gethan, und meinem Freunde, Pfalzgraf Otten, dem man des Ansehens wegen, meine That aufgeburdet hatte, Ruhe, Unschuld und Ehre, wieder gegeben zu haben. Ich erwartete nun von der Wiedereinsetzung in alle seine Rechte, von seiner Vermahlung mit der Prinzessinn Elise, von der Zuruckberufung seiner verbannten Freunde zu horen, aber ich wartete vergebens! Der Gerechtigkeit waren zwey Opfer lieber wie eins, was die heimliche nicht forderte, das heischte die offentliche. Ottos Unschuld war durch meine Schuld nicht erwiesen, ich war durch mein Bekenntniss nur zu seinen Mitverbrecher gemacht worden. Ich horte, die Prinzessinn Beatrix habe selbst wider ihn beym neuen Kayser geklagt, seine Braut, die Prinzessinn Elise sey dem Kastilier gegeben worden, und Otto irre in der Welt umher, unstat und heimlos, wie ich, bis sein Henker ihn finde, und sein unschuldiges Blut vergosse, wie mein verbrecherisches nachstens fliessen sollte.

Konnte mich etwas in einen noch tiefern Abgrund der Verzweiflung sturzen, so war es dieses; doch nein, es druckte mich nicht zu Boden, es ward das Mittel, mich auf gewisse Art vor dem letzten Scheiden noch einmal empor zu richten. Ich wollte und durfte nicht mit Ottos unschuldigem Blut belastet in die Grube sinken, ich wollte und musste ihn retten, mochte es seyn auf wessen Kosten es wolle.

Durch Kenntniss der innersten Geheimnisse unsers Bundes im schlauen Herrschen geubt, entdeckte ich den verlassenen Aufenthalt, wo Otto lebte, ehr als seine bestimmten Henker. Wie hatte das Auge der Freundschaft nicht scharfer sehen sollen, als das Auge der Rache! Ich fand meinen unglucklichen, unschuldigen Freund, in einem wilden Walde, am Ufer der Donau; eine Hole war seine Herberge, Wurzeln seine Nahrung, und Verzweiflung die Gefahrtin seiner Einsamkeit. Verzweiflung, nein, die Unschuld kann nicht verzweifeln, ein leichter Anschein von gebessertem Schicksal, ein kleiner Hofnungsstrahl richtet sie auf. Mich, den Verbrecher, konnte nichts beruhigen, und war selbst Alix, um deren willen ich zum Verbrecher wurde, aus dem Grabe aufgestiegen, mich zu trosten, sie hatte es nicht vermocht. Den unschuldigen Otto trostete ein Nichts, trostete der Zuspruch eines solchen Elenden, wie ich war.

Wie? schrie er, als ich ihn auffand und mich mit der Erklarung in seine Arme warf, ich wolle der Gefarthe seines Elends seyn, wie? Otto hat noch einen Freund? einen Freund, der ihn unaufgefordert in seiner Verbannung ausspaht, der, da alles ihn zum Verbrecher macht, allein an seine Unschuld glaubt? O meine Verfolger, nun kann ich Euch Trotz bieten! Freunde, Anverwandte und Geliebte! nun kann ich eure Treulosigkeit vergessen, denn ich habe Alf von Dulmen, der mit mir leben und sterben will!

O wie wenig verdiente meine That das Entzucken, mit welchem sie aufgenommen ward, wie gern hatte ich mich zu den Fussen meines unglucklichen Freunds geworfen, und mich ihm als den Schopfer seines Elends, als den Verbrecher, der ich war, bekannt! aber konnte, durfte ich dieses, ohne meinen ganzen Plan, seine Rettung zu zernichten? Einen schuldlosen Freund nahm der redliche Otto gern zu seinem Leidensgefarthen an; aber einen Kaisermorder wurde er keinen Augenblick um sich geduldet haben. Hatte er nicht furchten mussen, der Blitz des Himmels muste ihn um meinetwillen in seiner Verborgenheit treffen, wenn ihn das Rachschwerdt verfehlen sollte? Dieses furchtete ich nicht, darum gesellte ich mich zu ihm; ich hofte, der Himmel wurde das letzte Gebet eines Elenden erhoren, und ihm Kraft geben, den Freund zu retten, den seine Verbrechen an den Rand des Verderbens gebracht hatten. Mein Schwerdt sollte Otto schutzen, mein Auge fur ihn wachen, meine Hand fur ihn arbeiten, und mein Mund ihm Trostungen ins Herz stromen, die meinem eigenen fremd waren. Ich machte muthig den Anfang, und es gluckte. Doch mein Gemuth war nicht allemal gleich fahig zu meinen Geschaften. Abwesenheit des Verstandes waren bey mir zur Gewohnheit geworden; ich suchte sie vor Otto zu verbergen, oder meine Zerruttung auf die Rechnung der verstorbenen Alix zu ziehen. Mein geradsinniger Freund glaubte alles, und versuchte mich oft zu trosten, wie ich ihn trostete; ach seine Worte waren voll Kraft und Nachdruck, aber sie trafen die Stelle nicht, wo ich am meisten Trostes bedurfte, er kannte sie nicht, die heimliche Wunde, die mir den Tod bringen musste.

Meinen Freund vor jeder Gefahr zu decken, duldete ich nicht, dass er sich ausser den Stunden der Nacht aus seiner Verborgenheit wagte. Ich nahm es auf mich, umher zu gehen und uns die Bedurfnisse des Lebens zu suchen. Mein Leben war mir feil, war mir nur um seinetwillen einiger Betrachtung wurdig, ich wagte es oft ziemlich kuhn, und hatte auf meinen Wanderungen Gelegenheit genug, zu erfahren, wie es in der Welt ergienge.

Das Gerucht sagte, Wittelsbachs Leben sey der Mahlschatz, mit welchem sich der neue Kaiser das Herz der Prinzessinn Beatrix erkaufen wolle; ich entdeckte ihm hievon so viel, als er wissen musste, um seine gefahrvolle Lage und die Nothwendigkeit der Vorsicht zu kennen. Es kam zu ernstlichen Berathschlagungen zwischen uns, wie man sich am besten vor den wachsenden Verfolgungen sicher stellen konne, und wir wurden einig, dass ganzliche Flucht aus dem treulosen Vaterlande das Beste sey. Otto sollte Mittel suchen nach Palastina unter den Schutz der Fahne des Kreuzes zu kommen; ich versprach ihn zu begleiten, nicht um mein eignes Leben, sondern das seinige zu retten, und dann zu sterben. Entsundigung am heiligen Grabe, und der ruhmliche Tod, durch das Schwerdt der Sarazenen war das, was ich mir dabey wunschte. Bey dem vollen unaustilgbaren Gefuhl meines Verbrechens, empfand ich doch die Verpflichtung immer schwacher, mich dem Schwerdt des nachsten Morders preis zu geben; Tod fur das Wohl der Christenheit war meines Bedunkens besser und verdienstlicher, obgleich freilich fur mich Elenden zu schon.

Noch hatte ich es nicht gewagt, Otto um Erzehlung seines Ergehens binnen der Zeit zu bitten, da er von des Kaisers Hofe schied, um nach Pohlen zu gehen; jetzt an einem vertraulichen Abende kam dieselbe ungesucht zum Vorschein.

"Wohl wenig, so begann mein unglucklicher Freund, wohl wenig dachte ich am Tage jenes Scheidens von Freund und Geliebten, dass ich die letzte nie, den andern so wiedersehen wurde. Ach Adolf, die nothwendigen Zurustungen zu unserer orientalischen Reise, machen auch ein Scheiden nothig, wie wird es beym Wiedersehen stehen?

Ich letzte mich mit meiner Verlobten, die nun durch die kastilische Heyrath auf ewig fur mich verloren ist. Mir ahndete ewige Trennung, ich that alles, mir ihre Bestandigkeit zu sichern und vergass doch das einige, was Missverstandnisse hatte verhuten und unsere Bande troz dem Schicksal unaufloslich machen konnen; ich sagte ihr nichts von dem eigentlichen Endzweck meiner pohlnischen Reise, nicht aus Misstrauen, das weiss mein Herz; ich habe ihr wohl andere Dinge vertraut, welche ich ihr vielleicht hatte verschweigen sollen; nein, theils weil ich glaubte, Herzog Bernhards Angelegenheiten, die mich nach Pohlen trieben, wurden sie nicht sehr interessiren, theils weil schon so viel von denselben in dem Munde des gemeinen Geruchts war, dass ich gar nicht glauben konnte, dass ich ihr etwas neues entdeckte, wenn ich mit ihr von der Liebe meines Freundes zu der schonen Adila von Pohlen und seiner nunmehrigen Werbung um sie, sprache. Die Liebe des Herzogs von Sachsen zu der pohlnischen Prinzessin war alt, war mit tausend seltsamen Schicksalen durchflochten gewesen, die meines Erachtens weltkundig waren. Adilas Jugend und andere Hindernisse hatten den glucklichen Zeitpunkt ewiger Verbindung mit ihrem Erwahlten lang verzogert; nun war er endlich erschienen, und Herzog Bernhard ersuchte mich schriftlich, die Heyrathswerbung fur ihn zu unternehmen, welches ich ihm langst versprochen hatte. Auf Seiten des Herzogs von Pohlen, des Oheims der schonen Adila, gab es noch einige Bedenklichkeiten, die aber nicht besser, als durch meine Vermittlung, und durch das Vorwort des Kaysers, der sich immer fur das Haus der Prinzessin interessirt hatte, gehoben werden konnten.

Ich hatte gern in die Forderung meines Freunds gewilligt, hatte bey dem Kayser gesucht, was ich bey ihm suchen musste, hatte Schreiben von ihm an den Herzog von Pohlen erhalten, die er mir selbst vorlas, und die alles das enthielten, was ich und Herzog Bernhard zu Erreichung unsers Endzwecks nur wunschen konnten: dieses waren alles Dinge, davon, wie ich meynte, Elisen das hauptsachlichste bekannt seyn musste, und davon es nicht der Muhe lohnte, mit ihr zu reden, am wenigsten, bey so einem Abschied, wie der unsrige, da jede Minute uns kostbar war, jede Minute so ganz mit unserer Liebe ausgefullt ward, dass wir keinen Raum behielten, an fremde zu denken. Gleichwohl ward dieses zufallige Stillschweigen uber eine dem Ansehen nach ganz gleichgultige Sache, der Grund meines ganzen unubersehbaren Unglucks. O! wer kannte die feinen Faden, welche das zarte Gewebe unsers Schicksals ausmachen, hinlanglich, um nicht hier unvorsetzlich zu zerreissen, dort zu verwirren, was die schrecklichsten Folgen zur Vernichtung des Ganzen nach sich ziehen kann! Nichts kann uns bey den Gefahren, welche oft hinter dem kleinsten Umstand lauschen, beruhigen, als die Ueberzeugung, dass jene Macht, welche es zulasst, dass wir oft ohne unser Wissen, wider unser eignes Gluck fehlen, selbst aus der Verwirrung, Ordnung, selbst aus unsrem anscheinenden Ungluck, unsere Wohlfarth hervorbringen wird; wie und wo dieser mein fester Glaube an mir gerechtfertigt werden wird, weiss ich nicht. Vielleicht in einer andern Welt, denn fur die gegenwartige mochte wohl nicht viel mehr fur mich zu hoffen seyn.

Ich trat meine pohlnische Reise an, ziemlich befriedigt durch Elisens Versprechen, dass ich von der kastilischen Heyrath, welche ein laufendes ihr ganz unwahrscheinliches Gerucht, damals zum Hauptgegenstand meiner Sorgen machte, nichts zu furchten habe, dass sie mir treu bleiben wolle, so wahr ich ihr treu bliebe.

Konnte ihre Treue wohl einen festern Grund haben, als die Meinige? konnte ich wohl durch irgend etwas mehr beruhigt werden, als durch die Ueberzeugung, ich bewahre ihr Herz, indem ich das meinige bewahre? Mit gutem Muthe richtete ich mein Gewerbe am Hofe des Herzogs von Pohlen aus, und merkte nichts, bis sich einst das Gesicht des Herzogs bey Verlesung der kayserlichen Schreiben auf eine seltsame Art veranderte, und sein Blick mit einer Art von Mitleiden an mir hangen blieb.

Herr Pfalzgraf, sagte er, nach einer langen Pause, meine Nichte ist dem Herzog von Sachsen unversagt, ob ich Euch gleich gestehen muss, dass ich Euch noch ungleich lieber zum Anverwandten gehabt hatte, als ihn; ich weiss, dass Freundespflicht und fruhere Verlobung die Erfullung dieses Wunsches auf Eurer Seite unmoglich machen, aber was das letzte, was Eure Verlobung mit der Prinzessinn Elise anbelangt, so wunsche ich nur herzlich, dass Eure Treue diejenige, welche man Euch zu halten gesonnen ist, nicht weit ubertreffe.

Ich weiss, was ich an meiner Verlobten habe! antwortete ich mit einigem Unwillen.

Wisst ihr das nehmliche von Eurem gehoften Schwiegervater?

Ihr spielt vielleicht auf die kastilische Heyrath an, mit welcher sich jetzt das mussige Gerucht tragt, und mit welcher ich selbst von einigen meiner Freunde geschreckt worden bin.

Ich spiele auf nichts an, ich weiss von all diesen Geruchten nichts, ich urtheile nur nach dem, was ich vor Augen sehe. Leset diesen Brief, den mir der Kayser durch Eure Hand schickt, und der doch wohl ein Empfehlungsschreiben seyn soll, und sagt mir dann, was ihr von dem Schreiber desselben haltet, ob ihr nicht glaubt, von so einem Mann alles zu furchten zu haben.

Ich nahm den Brief, ich las, las ganz andre Dinge als die, welche ich aus Philipps Munde gehort hatte, las unter einer Menge von geschraubten Worten mit Entsetzen folgendes: "Politisch betrachtet, sey nach den vorhergehenden Berichtigungen an der Werbung, welche durch Pfalzgraf Otten geschahe, nichts auszusetzen, und ein Herzog von Sachsen sey einer pohlnischen Prinzessinn wohl wurdig; aber Herzog Bernhard und sein Freund und Freywerber der Wittelsbacher, seyen im Grunde gefahrliche Leute, unruhige Kopfe und Unglucksfackeln fur jedes Land, in welches sie kamen; man liebe den Herzog von Pohlen und seine schone Nichte zu sehr; um zu einer solchen Verbindung, als ein Freund rathen zu konnen, und man glaube, das beste fur ihn wurde seyn, Zeit zu gewinnen, und den Herzog von Sachsen in seinen Bewerbungen um die Prinzessinn Adila dergestalt hinzuhalten, wie man es am kayserlichen Hofe mit dem Wittelsbacher mache, den man fur zu machtig hielt, um ihm geradezu eine Tochter abzuschlagen, dem man vielmehr alles versprache, und die Erfullung der Zeit uberliesse.

Und das schrieb Philipp? schrie ich, indem ich den Brief knirschend vor Wuth auf den Boden warf, und ihn mit Fussen trat. Hin an den Hof des Verrathers, um ihn zur Rede zu stellen, um augenblickliche, um blutige Erklarung dieser Schlangenworte, um schnelle Erfullung seines Worts von ihm zu fordern. Zwar Philipps Tochter ist nichts in meinen Augen, und ich wurde meine Verlobte von selbst verachtlich von mir stossen, ware sie nichts als das! Aber Elise! Elise, dich verlieren? dich, deinem heimtuckischen Vater so ganz unahnlich, dass ich dich kaum fur sein Kind halten kann? Nein, dies ist unmoglich; ich fliege, dich zu meinem Eigenthum zu machen, und mich dann zu rachen, an dem, welcher dich mir rauben will.

Der Herzog von Pohlen bestarkte mich in meinem Entschluss, that allen moglichen Vorschub zur Beschleunigung meiner Reise, und gab mir die vortheilhaftesten Versprechungen fur den Herzog von Sachsen mit auf den Weg.

Noch ehe ich die Residenz erreichte, kam mir das Gerucht von den kastilischen Gesandten, und ihrer Werbung um die Prinzessinn Elise entgegen, die allgemeine Meynung war, sie wurden nicht abgewiesen werden; die Heyrath sey vortheilhafter, als die Verbindung mit dem Wittelsbacher, der ja darum auch nicht zu kurz kommen wurde, da der Kayser noch zwey Tochter habe!

Holle und Teufel! wer waren diese beyden Tochter? die schon an einen andern Verlobte, schon fur einen andern gluhende Beatrix, deren Charakter so schlecht zu dem meinigen passte? die kleine Agnes, ein Kind, uber dessen Heranwachsen ich zum Greise werden musste? und diese elenden Hofnungen sollte ich um die Gewissheit, den Engel Elise zu besitzen, eintauschen? Nein, mein Entschluss war gefasst, und das allgemeine Zutrauen, das man bezeigte, der gutherzige Wittelsbacher wurde es sich schon gefallen lassen, abermahl zuruckgesetzt zu werden, dies brachte vollends alles zur Reife, was in meinem Herzen tobte, welches aber doch bey Gott nicht den entferntesten Zug von den Mordanschlagen hatte, deren Ausfuhrung man mir jetzt beymisst.

Ich schrieb an Elisen, so viel ich mich erinnere, einen bedrohlichen Brief; ich weiss beym Himmel nicht genau, was ich eigentlich geschrieben habe, mein Blut kochte, mein Verstand verwirrte sich, denn in dem nehmlichen Augenblicke, da ich schrieb, erhielt ich Post vom Kayser: Er habe gehort, ich sey von meiner Reise nach Pohlen glucklich wieder angelangt, und er bate mich, meine Ueberkunft nach der Residenz zu beschleunigen, und mich auf einen bestimmten Tag und Stunde zuverlassig bey ihm einzufinden, weil er sehr wichtige Dinge mit mir abzuthun habe.

Diese Bothschaft vollendete meinen Grimm, und uberzeugte mich von allem, woran ich noch hatte zweifeln konnen. Als man mich ehemals von Kunigunden trennte, ward ich gerade auf ahnliche Art vorbeschieden, ich wusste also ganz genau, was man mir zu sagen habe: den Antrag des kastilischen Prinzen, mit der moglichen Bitte an mich verbunden, ich mochte doch so gefallig seyn, meine Braut abermahls abzutreten, es ware ja besser und glorreicher fur sie, eine Koniginn, als eine Grafinn von Wittelsbach zu werden.

Ich lachte hohnisch, liess Philippen sagen, ich wurde eher, wurde auf eine Art kommen, als er dachte und setzte mich, meinen Brief an Elisen zu vollfuhren; er gerieth ganz so, wie meine damahlige Laune es mit sich brachte, ermahnte sie auf, mit mir davon zu gehen, und drohte ihr mit Gewalt, wenn sie sich weigerte.

Hatte ich mich dann erst ihrer Hand bemachtigt, so war mein Entschluss gefasst, mit Hulfe des eben sowohl, als ich, beleidigten Herzogs von Sachsen, und meiner zahlreichen Waffenfreunde, dem heimtuckischen Kayser ein Heer auf den Hals zu fuhren, das ihn wohl zur Erkenntniss seiner Falschheit gebracht, und seinen Stuhl ziemlich erschuttert haben sollte. Dies war mein ritterlicher Entschluss; Meuchelmord ist mir nie in den Sinn gekommen.

Ehe dieses ausgefuhrt wurde, musste Elise erst die Meinige seyn; ich wusste vorher, dass sie nach einmahl verubten Feindseeligkeiten wieder ihren Vater, glauben wurde, Gewissenswegen mit mir brechen zu mussen, und meine Pflicht war, die fromme Seele auf alle Art zu schonen; war ich erst ihr Gemahl, so konnte sie von nichts Rechenschaft geben, was ich that, sie blieb mir dann, ungeachtet des Zwists mit ihrem Vater, als Gattin treu, so wie ich von ihr uberzeugt war, sie wurde mir als Liebhaberinn treu bleiben, so lang ich nichts that, ihre Treue zu verwirken.

O wie sehr hatte ich mich geirrt! ein Brief von ihr, die Antwort auf den meinigen, sagte mir ab auf ewig, sie beschuldigte mich der Treulosigkeit, versagte mir das, was ich von ihr forderte, und spottete meiner Drohungen. Jetzt entbrannte meine Wuth auch wider sie; ich wurde zu den verzweifeltsten Handlungen geschritten seyn, wenn mich nicht ein Gedanke an die Kayserinn Irene zur Besonnenheit gebracht hatte; sie war immer meine Freundinn gewesen, sie hatte ich immer treu erfunden, wenn alle andre mir Tucke bewiesen, sollte ich diese durch irgend einen ubereilten Schritt beleidigen?

Ich schrieb ihr alle meine Klagen, und erhielt den Bescheid zuruck, sie sey zu schwach, mir schriftlich zu antworten, ich solle selbst kommen und die Aufklarung meiner Zweifel aus ihrem Munde horen. Aber ich sollte eilen, weil Eile noth ware!

Ich flog auf das benachbarte Lustschloss, wo sie ihre Niederkunft in ausserster Schwache erwartete, um aus deren Munde, die mich nie betrog, die Wahrheit zu vernehmen, um bey dem Krankenbette derjenigen zu weinen, die mir immer mehr als Mutter war.

Als sie mich erblickte, streckte sie die Hande nach mir aus, voll Freude mich zu sehen. Seyd ihr gekommen, mein Sohn? sagte sie, ach Eure Zukunft entzuckt mich doppelt, ich wunschte sie nicht allein um Euret, wunschte sie auch um meinetwillen. Verzeihet den Phantasien einer Kranken! mein immer schwaches Geschlecht wird doppelt schwach in den Augenblikken, in welchen ich mich befinde. Dinge, welche uns sonst nie schreckten, selbst Traume werden uns in denselben furchtbar. Denket was mir begegnete. Als ich gestern euren klagenden Brief erhielt, hatte mich eben ein leichter Schlummer uberfallen, mir kam es vor, so deutlich, als ob ich wachte, es trate Einer an mein Bette und sprach: Irene, Wittelsbach halt sich vom Kayser todlich beleidigt, verhute die Folgen! Drauf war mirs, als ware gerade der heutige Tag, und die Stunde, in welcher ich Euch jetzt vor mir sehe; ich befand mich im kayserlichen Kabinet, da trat einer herein, den ich den Waffen nach fur Euch selbst halten musste, und durchbohrte den Kayser; urtheilet, was nach einem solchen Traum, euer verzweiflungsvoller Brief, der einen Theil meines Gesichts zur Wahrheit machte, fur eine Wurkung haben musste, und verzeihet, dass ich so eifrig darauf drang, euch bey mir zu sehen, damit nicht eine ungluckliche Uebereilung mein Trauerbild ganz in Wurklichkeit verwandle.

Wie? rief ich, kann Irene mich irgend einer schandlichen That, die mich noch oben drein auf ewig von Elisen trennen wurde, fahig halten?

Noch einmahl, mein Sohn, verzeiht einer schwachen kranken Frau, setzet euch, und sagt mir alle eure Beschwerden, damit ihr dann auch meinen Trost vernehmen konnet.

Hier begann ich mein ganzes Herz in den Busen der treuen Mutter auszuschutten, und wahrhaftig, der Trost, den sie mir gab, that Wunder auf meine bekummerte Seele. Diese Frau vermochte alles uber mich. Ich, der ich Philipps verratherischen Brief an den Herzog von Pohlen mit eignen Augen gelesen, die Geruchte von der kastilischen Heyrath, mit eigenen Ohren gehort hatte, und die Bestatigung aller dieser fur mich so schrecklichen Dinge, in der Bothschaft des Kaysers an mich, und in Elisens Weigerung, mir zu folgen, vor mir zu haben vermeinte, ich horchte voll Zutrauen auf die Widerspruche, die Irene in diesen Vorgangen fand, und auf die ganz andere Deutung, welche sie ihnen beylegte. Sie merkte meine Ruhrung und endete folgender Gestalt: "Gewahrt mir nur dieses eine, mein Sohn, zurnet nicht mit Elisen, und brechet nicht mit dem Kayser, bis ihr beyde gesprochen habt. Eurer Verlobten war wahrscheinlich Herzog Bernhards Liebe zu der pohlnischen Prinzessinn so unbekannt, als sie mir bis diese Stunde gewesen ist, ihr verschwiegt ihr dieselbe aus Versehen oder Zufall, ihr schriebt ihr in eurem Briefe ziemlich voreilig und unbestimmt von Eurer Werbung um Adila; sie deutete diese Worte, wie eifersuchtige Liebe sie deuten musste, und daher ihre krankende Erklarung gegen Euch. Was den Kayser anbelangt, so wisst ihr ja langst, dass man ihm Eure Freundschaft nicht gonnte. Jener Brief ist sicher wieder ein Tuck heimlicher Unheilstifter, und ihr musst seine mundliche Erklarung daruber horen, vielleicht hat er schon denn ihr pflegt immer nicht sehr geheim mit Euren Empfindungen zu seyn etwas von Eurem Unwillen vernommen, und er liess vielleicht Euch eben zu sich fordern, um sich mit Euch zu verstandigen. Wegen der kastilischen Heyrath lasst Euch ubrigens nur nicht bange seyn; der Kayser ist zu nichts weniger geneigt, als sie einzugehen; Elise bleibt die Eure, und sollte ich hierinn irren, sehet, so gebe ich Euch Erlaubniss, Elisen in meinem Namen zur Flucht anzumahnen, und sie so weit hinwegzufuhren, als ihr selbst wollt. Die Schwure, welche Euch beyde binden, sind unwiderruflich, nichts kann sie losen, als unverzeihliches Vergehen des Einen oder des Andern; droht eine andere Hand Eure Bande zu zerschneiden, und ware es die Hand eines Vaters, so entbindet Euch Furcht vor dem, welcher jeden Meineyd racht, von sonst unaufloslichen Pflichten. Elise flieht mit Euch, sie wird Eure Gemahlinn, und hat wenigstens meinen Seegen, wenn ihr auch der Seegen Philipps fehlen sollte; doch dies sind Dinge, welche, meines Erachtens, nie wurklich werden konnen; um Eurer Beruhigung musste ich Euch sagen, was ihr auf jedem Fall zu thun habt; Jetzt verlasst mich, mein Sohn, das viele Sprechen greift mich an; Euer nachster Weg geht zum Kayser, wohin ihr beschieden seyd, dann auf einige Augenblicke zu Elisen, und nun in voller Eil nach Sachsen, zu Herzog Bernharden, von welchem ihr, wie ihr mir gleich anfangs sagtet, dringende Briefe habt."

Die Kayserinn hatte recht; auf dem Wege zu ihr empfing ich einen Brief vom Herzog zu Sachsen, der meine schleunige Ueberkunft forderte; in der Bewegung, in welcher er mich fand, war er nur halb gelesen und halb verstanden worden, auch jetzt, da ich die Kayserinn auf ihren Befehl eilig verliess, und ihn, ehe ich zu Pferde stieg, noch einmahl las, konnte ich nur wenig Verstand daraus ziehen, indem er sich auf Vorgange zu Pamiers bezog, die mir ganz unbekannt waren; das einzige sahe ich deutlich, dass er schon lang geschrieben war, schon langst in meinen Handen hatte seyn sollen, und, vermuthlich durch Unvorsichtigkeit des Boten oder Unfall, liegen geblieben seyn musste, ihr, Graf Adolf, der, wie Herzog Bernhard schrieb, zur nehmlichen Zeit einen ahnlichen erhieltet, konntet mir vielleicht hieruber Auskunft eben; doch hiervon ein andermahl. Jetzt zur Fortsetzung meiner Geschichte.

Aber wie soll ich dieselben beginnen, da sich hier die Schrecknisse meines Schicksals so sehr haufen, dass mir bey der Wiederholung jener Vorgange die Gedanken fast so ganzlich vergehen, als wie damahls, da ich diese Dinge wirklich belebte.

Noch dunkt mich es ein Traum zu seyn, so wie mich es damahls dunkte, dass ich, mit neuen Hoffnungen aus dem Munde einer Heiligen belebt dem Ungluck entgegen eilte, dass nun erst, da ich glaubte, Elisens Besitz sey mir durch die Rathschlage ihrer Mutter, auf ewig gesichert, sie fur mich verlohren gehen musste, dass nun erst, da mein Herz fast ganzlich mit Philipp ausgesohnt, und mit besserm Zutrauen auf seine Treue erfullt war, man mich zu seinem Feinde, ach zu seinem Morder machen wollte.

Wie und in welcher Ordnung all dieses geschah, weiss ich fast selbst nicht mehr, die Streiche des Unglucks sturmten Schlag auf Schlag zu mir ein, wie kann ich genau sagen, welcher mich zuerst, welcher zuletzt traf.

Ehe ich noch die Residenz erreichte, kam mir das Gerucht entgegen, der Kayser sey ermordet, Himmel, sey von mir ermordet! von mir, der ich mit reinen Handen und ausgesohntem Herzen kam, mir den Nahmen seines Sohns, aus seinem Munde bestattigen zu lassen. Kaum hatte ich das Schreckliche und Unbegreifliche, das in dieser Zeitung vereinigt war, ganz uberschaut, so waren auch schon die Schwerdter derer mir in dem Nacken, die, wie sie mir zubrullten, gesandt waren, Wittelsbach, den Kaysermorder, zu fahen, welcher ihrer Rache nicht entfliehen solle.

Ich ein Kaysermorder? schrie ich, indem ich meinen Helm vom Haupte riss, und ihnen mein entblosstes Angesicht zeigte, sind dies die Zuge eines Verbrechers? und mein Weg, ist er der Weg eines Fluchtigen? mich dunkt doch, ein solcher wurde nicht eben gerade Euch entgegen geflohen seyn!

Alles teuflische Verstellung! schrien sie. Wir kennen den Wittelsbacher wohl ohne sein Gesicht zu sehen, wir kennen ihn wohl, auch wenn er Waffen und Kleider verandert hat! Er ist der Morder unsers Kaysers, und er mag uns auf dem Wege von oder zu der Stelle begegnen, wo er das heilige Blut vergoss, so soll er uns nicht entgehen.

Ich habe es schon mehrmahl in meinem Leben erfahren, dass Wuth und Verzweiflung unsere Krafte bis zum Unglaublichen erhoht; ich erfuhr es auch hier: Ich war ganz allein, ich hatte meine Begleiter schon des vorigen Tages in eine Gegend nahe bey der Residenz beschieden, wo ich ihrer benothigt zu seyn glaubte, und musste mich also allein gegen eine Anzahl vertheidigen, die ich nicht nenne, weil das Unwahrscheinliche, das in der Angabe liegen wurde, mich errothen macht; es mochten ihrer indessen viel oder wenig seyn, die Otten von Wittelsbach als einen Kaysermorder gefangen nehmen wollten, genug die Unschuld siegte, und ich entkam, zwar am linken Arm und an der rechten Schulter schwerlich verwundet, aber doch noch fahig, mich den nachkommenden Verfolgern zu entziehen, die den ganzen Tag bis tief in die Nacht vor dem Orte, wo ich mich verbarg, truppweis voruber zogen, Fluch und Verderben, uber Wittelsbach den Kaysermorder ausriefen! und ihm die schimpflichste Behandlung drohten, wenn er in ihre Hande fallen sollte.

Zehenmahl war ich im Begriffe mich meinen Fangern zu ergeben, ich war unschuldig, und Flucht und Verbergung schien mir ein gehassiges Licht uber meine Ehre zu verbreiten; der Tod war es nicht was ich scheute, aber mich den Misshandlungen unwurdiger Trossbuben auszusetzen, davor bebte mein Herz; ich wollte eine bessere Gelegenheit abwarten, meine Freyheit in die Hande der Gerechtigkeit zu ubergeben, denn zu fragen, was sie auf mich zu sprechen habe, und sie durch den Beweis meiner Unschuld zu beschamen.

Es war etwas in mir, das mir sagte, dies sey heute bey Tage nicht der Weg sich zu rechtfertigen; die Worte eines freyen Mannes seyen von mehrer Nachdruck, als die eines Gefangenen, und Flucht wurde hier, wo jedermann von einer ganz unerweisslichen Sache vollig uberzeugt war, fur mich das beste seyn. Allein das Wort Flucht, war und blieb mir verhasst, ich wollte wenigstens mein Ungluck und den wahren Grund desselben noch erst genauer wissen, ehe ich demselben auswiche.

Es war Nacht, meine Verfolger mussten sich in eine andere Gegend gelenkt haben, der Weg war sicher, und nachdem ich mir meine Wunden elend genug verbunden, und mich mit einem Trunk aus einer nahen Quelle gelabt hatte, wagte ich mich hervor, und eilte gerade auf die Residenz zu, deren Thore ich, ungeachtet der spaten Nachtzeit noch alle offen, und die Strassen mit Menschen gefullt antraf. Es war eine allgemeine Verwirrung, alles schrie uber Philipp und seinen Morder. Das vielzungige Geschrey das sonst bey jeder Kleinigkeit so widersprechend ist, kam hier vollig darinn uberein, den Namen Wittelsbach und Kaysermorder zusammen zu setzen; ich war kuhn genug, indem ich mich dicht in meinen Mantel hullte, nach Umstanden zu fragen, und man berichtete mir solche, welche mein Blut erstarren, und mich fast zweifeln machten, ob ich auch schuldig oder unschuldig sey. Gott weiss, ob Mensch oder Teufel sich meiner Gestalt bediente, jene That zu vollfuhren, die mir ewig ein Rathsel bleiben wird, und die auch dadurch mit Wahrscheinlichkeit auf mich fiel, weil man mich wurklich, vom Kayser beleidigt glaubte, und weil ich im Unwillen, manches verdachtige wider ihn redete und schrieb.

In meiner Verhullung schlich ich mich in die Hallen des kayserlichen Pallasts, wo man die Leiche des Ermordeten ausgestellt hatte, um die Rache des Volks zu reitzen, die doch ohnedem so stark flammte, dass man ihr kaum Einhalt thun konnte. Ich sah auf einem Sessel, neben dem entseelten Korper, einen Handschuh und eine Feldbinde liegen, die der Morder im Fliehen, verlohren haben sollte, und erkannte beydes, bey genauerer Besichtigung fur das Meinige.

Ein unnennbares Grauen befiel mich, ob den tauschenden Anzeichen meiner Schuld; mir wars, als musste ich vor Gott, und mir selbst hier ein feierliches Zeugniss ablegen, dass ich kein Theil habe an der blutigen That. Ohne mich an die druckende Menge zu kehren, die sich an den Schranken haufte, welche man zur Sicherheit der Leiche und ihrer Huter gezogen hatte, schwang ich mich hinuber, und trat zu der Todtentruhe, bey welcher nur einige Monche mit ihren Weihwedeln und andern heiligen Gerathschaften beschaftigt waren. Armer Philipp! sagte ich, nachdem ich den so schnell hingeraften Kayser, eine Weile betrachtet hatte, mit halblauter Stimme zu mir selbst. Armer Philipp! wie bist du gefallen! Dein Freund soll dein Morder seyn? Siehe, ich lege meine Hand auf deine Stirn. Oeffene deinen Mund, lass dein Blut von neuem fliessen, wenn es diese Hande waren, die dich verletzten! Fluch, Fluch uber den, der dich todtete, und einen Unschuldigen mit seiner Schande brandmarkte!

Die Monche, die mich nicht kannten, aber meine That bemerkten, und wohl etliches von meinen Worten verstanden haben mochten, sahen mich staunend an, das Volk, durch welches ich mich jetzt, indem ich mich langsam entfernte, wieder hindurch drangte, wich mir von allen Seiten aus. Er ist, horte ich einige flustern, der Herzog von Braunschweig, der sein Gewissen reinigen, und seine Unschuld vor uns, durch diese Handlung retten wollte. O dies bedurfte er nicht, wir wissen es zu gut, dass der Wittelsbacher die hollische That verubte.

Ich erfuhr in der Folge, dass wurklich einige unruhige Kopfe, Herzog Otten von Braunschweig, Philipps Gegner bey seinen Leben, als Theilhaber dieser That hatten vorstellen wollen; aber diese Sage machte so wenig Eindruck dass er, wie bekannt, den Kaysernahmen, den er jetzt fuhrt, ohne Widerrede erhalten hat; auch ich selbst kann mich nicht uberwinden, hier einen Verdacht auf ihn zu werfen.

Da ich hier mein Leben so tollkuhn, auf die Gefahr, erkannt und von dem Pobel zerrissen zu werden, gewagt hatte, so kostete es mich noch weniger Ueberwindung auch an andern Orten zu lauschen, und uberall Bestattigung eines Verbrechens zu horen, das ich nicht begangen hatte. Zuletzt ging ich nach meinem eigenen Pallaste welcher stark bewacht ward, weil der Pobel verschiedene mahl Miene gemacht hatte, ihn zu schleifen. Mir war ein verborgener Seitenweg bekannt, der durch einen verfallenen Keller in den Garten, und durch diesen auf ein Lusthaus fuhrte, welches an die Seite des benachbarten Pallasts gelehnt, den die Prinzessinn Elise bewohnte, mir oft Gelegenheit gegeben hatte, sie in der Einsamkeit zu belauschen, da ihr Kabinet dicht an die Mauer granzte, durch welche mir ein ausgehobener gut verdeckter Stein die freye Einsicht verstattete.

In verschiedenen Beschaftigungen, hatte ich hier diesen Engel oft beobachtet; schlafend, betend, weinend, mit ihren Jungfrauen scherzend, oder mit ihnen von mir sprechend, hatte ich sie hier gesehen und gehort; aber so noch nie, als wie in diesem schrecklichen Augenblicke, sie sprach von mir, aber in welchem Tone! Sie weinte, aber uber mich, sie betete, aber wie ich glaube, um Rache, uber den unschuldigen Wittelsbach; Alverde war ihre Gefarthinn; ich weis nicht genau, was sie eigentlich sagten, nur dies weis ich, dass hier meine Verzweiflung den hochsten Gipfel erreichte, und den Entschluss fest machte, Elisen gewaltsam zu entfuhren, wenn sie mir nicht gutwillig folgen wolle, war es auch nur, um sie von meiner Unschuld zu uberzeugen, und dann vor ihren Augen zu sterben.

Ich riss mich los von dem grauenvollen Schauspiele, eine Heilige, uber mich zum Himmel hinauf weinen zu sehen, ich verliess das Haus und die Stadt, und eilte zu meinen Leuten, denen ich ihr Ablager in einem gewissen Dorfe angewiesen hatte.

Ich bin Wittelsbach, sagte ich, indem ich unter sie trat, haltet auch ihr mich fur Kayser Philipps Morder? Sie erhuben ein grosses Freudengeschrey uber meinen Anblick, und einige schwuren, dass sie nie etwas Boses von mir glauben konnten, andere, dass sie, ob ich auch der war, fur den mich das Gerucht ausgab, dennoch bey mir leben und sterben wollten!

Die Treue dieser Leute, welche jetzt meine einigen Freunde waren, ruhrte mich, ich redete mit ihnen offenherzig, von meiner Lage; und forderte als den ersten Beweis dessen, was sie geschworen hatten, dass sich einer von ihnen aufmachen sollte, Elisen ein Schreiben von mir zu bringen, indessen die andern sich rusteten, die ihr in demselben verkundete That stracks zu vollfuhren. Ich selbst wollte bey der Entfuhrung seyn, aber meine Leute, welche meine Verwundung entdeckt hatten, wehrten mir, drangen darauf, dass ich mich der Hand des Wundarztes untergeben musste, und gaben mir den Handschlag, dass sie alles ohne mich so gut vollfuhren wollten, als ob ich selbst gegenwartig war.

Es war die hochste Zeit, dass zu meinen Wunden Rath geschaft wurde, welche durch Vernachlassigung, und durch die ruhelosen heimlichen Wanderungen der vergangenen Nacht sich schon sehr entzundet hatten. Ich ward ohnmachtig unter dem Verbinden, und fiel darauf in ein hitziges Fieber, dass mir auf geraume Zeit, alle Besonnenheit raubte.

Als ich weit genug in meiner Genesung gegangen war, um auf das, was mich umgab, wieder einen Blick zu werfen, erstaunte ich, mich an einem ganz fremden Orte zu sehen; es war ein kleines dunkles Zimmer, von einer traurigen Lampe sparsam erleuchtet; ein altes Weib sass an meinem Bette, welches uber die wenigen Worte, die ich ihr sagte, einiges Wohlgefallen spuren liess, und ohne sie zu beantworten, aufstand, um, wie sie sagte, ihrem Herrn Nachricht, von meiner Besserung zu geben.

Und wo ist dieser Herr? stammelte ich.

Meister Paul von Eisenberg, der Wundarzt antwortete sie, in dessen Hause ihr Euch schon seit drey Wochen befindet.

Meister Paul erschien, und ich kannte wurklich an ihm das gutherzige Gesicht des Mannes, der bey den Schmerzen, die mir neulich seine Behandlung meiner Wunden machte, so viel Mitleid zu fuhlen schien. Freude glanzte jetzt auf seinem Gesicht, mich so weit gebracht zu haben, aber auf all meine Fragen, erhielt ich keine befriedigende Antwort von ihm, sondern nur die Weisung, ruhig zu seyn, und fur meine Genesung zu sorgen, da sich alles schon geben wurde.

Ach Gott! was fur Entdeckungen standen mir, bey meiner Wiederherstellung bevor, die endlich doch erfolgte. Ich hatte genug schlimmes geahndet, aber doch nicht so viel, als ich nun vernahm, und als mir der gutherzige Paul, der meine Lage noch nicht ganz kannte, doch nicht ganz wusste, was meine Seele am meisten erschuttern musste, mitunter unvorsichtig genug hinplauderte.

Sagt mir um Gotteswillen, sprach ich eines Tages zu ihm, wo ich mich eigentlich befinde?

In guter Sicherheit; in meinem Hause!

Kennt ihr mich?

Ihr seyd der Wittelsbacher, den man in sehr bosem Verdacht hat, den aber ich fur unschuldig halte.

Ist der wahre Kaysermorder entdeckt?

Nein, aber man verfolgt ihn in Eurer Person mit Acht und Bann.

Wo ist die Prinzessinn Elise?

Vor acht Tagen ging sie mit den Gesandten nach Kastilien ab!

Meine Leute?

Die besten bey einer Expedition, deren Endzweck ich nicht genau weis, erschlagen, die andern von Euch gewichen, da euch jedermann als einen Durchachteten verliess.

Ach, es war nur gar zu wahr. Elise war mir geraubt, war aus den Handen meiner Leute, durch den Grafen von Kastelmoro gerissen worden; die tapfersten hatten ihr Leben beym Gefecht zugesetzt, die andern waren dem Gluck gefolgt und geflohen, ich war ganz verloren gewesen, hatte nicht der redliche Paul sich meiner erbarmt, und mich verborgen, geschutzt, und geheilt, da die ganze Welt nach meinem Blute durstete.

Ich hatte nichts ihn zu lohnen, da ich sein Haus verliess, als einen kostlichen Ring, den er mit Unmuth von mir annahm, weil er meynte, ich wurde ihn wohl in meiner Lage selbst brauchen konnen; ich stellte ihn hieruber zufrieden, und konnte mit Muhe mich seiner erwehren, dass er mir nicht folgte, mein Ungluck mit mir zu theilen, so lieb hatte er mich gewonnen; ich siegte nur durch die Versicherung, uber seine gutherzige Zudringlichkeit, dass die Sicherheit meiner Flucht, auf der Einsamkeit beruhe.

Ich ging bey Nacht, aus Meister Pauls Hause, und hatte nun die weite Welt vor mir, um einen Zufluchtsort zu wahlen; dies machte mir keine sonderliche Sorge, ich kannte das ganze Elend meiner Lage noch nicht; denn die Worte Acht und Bann hatte ich nicht in dem ganzen Umfange genommen, wie sie hier genommen werden mussten. Mein erster Gedanke war, zu meiner Freundinn, der Kayserinn Irene, zu eilen, von deren Treue ich mir Trost und Entschuldigung versprach, wenn alle Welt mich verliess und verdammte. Ach ich wusste noch nicht, dass sie den Tod ihres Gemahls nicht uberlebet, dass kurz nach der Schrekkenspost, eine fruhzeitige Niederkunft ihr Leben geendet hatte.

Meine Bruder, der Bischof von Bamberg und Heinrich von Andechs, sollten meine nachste Zuflucht werden, aber ach, sie hatte Acht und Bann getroffen, wie mich; heimlos und vom Schwerdte verfolgt irrten auch sie umher, wie sollten sie mir, dem Heimlosen und Verfolgten Schutz geben.

Da dachte ich an Herzog Bernharden; allein wie ward mir, da ich merkte, dass auch zu ihm der Weg mir verschlossen war; die Klager hatten auch vor seinem grossen furchtbaren Gericht geklagt, der Richter hatte den Freund richten mussen, nicht genug, dass die Hand der offentlichen Gerechtigkeit wider mich gerustet war, auch der heimliche Bann verfolgte mich, ich war wahrend meiner Krankheit zu dreyenmahlen vor das Tribunal geladen worden, wo auch ich einst als ein Richter thronte; ich hatte nichts von der Ladung gewusst; ich war nicht erschienen, hatte nicht erscheinen konnen, nun war ich verfehmt, wer sollte mich retten? In jedem meiner Schlosser, das ich heimlich und zitternd besuchte, fand ich, dass die Schopfen da gewesen waren mich zu laden. Sie hatten Spane aus meinen Pfosten, und Steine aus meiner Thurschwelle mit sich genommen, und dadurch das Signal gegeben, was dem Kaysermorder, dem Durchachteten, Verfehmten gebuhre.

Die Wuth des Pobels war wider mich entbrannt; ich sollte das Verderben des Kaysers seyn, aus dem man nun erst, da er nicht mehr war, einen Abgott machte. Meine Burgen waren theils geschleift, theils rauchende Aschenhaufen, theils verodet. Wie ein gescheuchter Vogel irrte ich von einem zum andern, ohne eine Ruhestatte zu finden; doch brachte ich in der Stille der Nacht, wie ein Dieb, hie und da von dem Meinigen, wo es die Habsucht nicht hatte ausspuren konnen, einen kleinen Schatz zusammen, den ich, als ich durch Regenspurg zog, in einem alten Gemauer barg, weil ich hier mehr, als an irgend einem Orte merkte, dass meine Henker mir im Nacken waren, und dass ich ihnen in die Hande fallen musste, wenn ich durch irgend was meine Flucht erschwerte.

Endlich fand ich Sicherheit in diesem wilden Walde, eine klagliche Sicherheit, bey welcher ich mir nicht das Leben hatte wunschen wollen, wenn mir es nicht die Freundschaft von neuem theuer gemacht hatte; ich fand dich, mein Alf von Dulmen, oder vielmehr, du fandst mich, du suchtest mich auf, da alles mich verliess, vor Mangel war ich langst verschmachtet, aus Verzweiflung war ich langst umgekommen, warst du nicht mein Engel gewesen.

O Adolf, Adolf! wie verdiente ich das um dich! Unsere Freundschaft, es ist wahr, war fest und herzlich, aber manche drangten sich, zur Zeit des Glucks, naher zu meinem Herzen, als du; sie haben mich verlassen, nur du stehst noch fest, wie ein Fels. Gott lohne dir die Treue, die du einem Durchachteten erzeigst; ich kann dir sie nicht lohnen, kann auf nichts denken, als dir noch neue Lasten aufzulegen, die du fur mich ubernehmen sollst. Noch drey Bitten an dich habe ich auf meinem Herzen; du darfst, du kannst sie mir nicht abschlagen, du, der mir schon so viel aufgeopfert hat.

Unsre Reise nach dem heiligen Lande ist nun beschlossen; auch den Hofnungsstrahl, der mir auf dieser Gegend leuchtet, danke ich deinen Rathschlagen; aber wie sollen wir die Kosten der Reise bestreiten, da du so arm bist, als ich, du sowohl deiner Lande beraubt lebst, als ich? Ziehe hin, dies ist meine erste Bitte, ziehe hin nach Regenspurg, und hebe an dem Orte, den ich dir bezeichnen werde, den Schatz, den ich vergrub; nimm dann zweytens diesen Brief, an Kayser Philipps Tochter; sie sind grausam genug gewesen, wider mich, den Unschuldigen, zu klagen, wider mich ohnedem Verfolgten, das Schwerdt der Rache noch mehr aufzureitzen; dieses Schreiben soll ihnen ein wenig das Gewissen scharfen, soll ihnen das Elend schildern, das ich bisher erduldete, und das sie noch zu vermehren suchen. Gehen sie in sich, schenken sie dem unglucklichen Otto eine reuende Thrane, so bin ich befriedigt, aber auf dem hochsten Gipfel der Gluckseligkeit werde ich erhoben seyn, wenn Alf von Dulmen mir auch meine dritte Bitte gewahrt. O Adolf! Adolf! ich beschwore dich bey unserer Freundschaft, bey den Geheimnissen des furchtbaren Gerichts, welches mich verfolgt, bey meiner und deiner Unschuld, in der wir beyde leiden, beschwore ich dich, spahe den wahren Morder Kayser Philipps aus, spahe ihn aus, den Teufel, der auf meine Rechnung die schwarze That beging, und mich dadurch in den Abgrund des Elends sturzte, schleppe ihn vor meine verblendeten Richter, dass er gestraft und ich gerechtfertiget werde! O konnte dies doch vor unserer Reise nach Palastina ausgerichtet werden, die Anerkennung meiner Unschuld sollte dieselbe nicht hindern; mein treuloses Vaterland habe ich in jedem Fall, auf bestimmte Zeit, verschworen; aber welch ein Triumph wurde es fur mich seyn, nicht als ein Fluchtling, nein, als ein freywilliger Diener des Kreuzes, die heiligen Orte zu begrussen! O Adolf! ist dir Leben und Ruhe deines Otto noch theuer, so gelobe mir alle meine Bitten, gelobe mir besonders die letzte zu erfullen."

So endete der ungluckliche Pfalzgraf seine Geschichte; sie hatte meine Seele bereits in allen ihren Tiefen erschuttert, aber der Schluss uberwog alles Schreckliche, das ich gehort hatte; es fehlte wenig, dass ich bey der furchterlichen Forderung, die er an mich richtete, sinnlos zu seinen Fussen sturzte. Ach, dieser Morder, dieser Teufel, uber welchen er Fluch und Rache herabrief, wider den er meine eigene Faust bewafnen wollte, war ich selbst! Das grauenvolle Bekenntniss schwebte auf meiner Zunge, aber ich vermochte es nicht auszusprechen. Ich riss mich von ihm los, um im Freyen meiner Verzweiflung Luft zu machen; mein Leben hieng an einem Haar, mehr als einmal stand ich im Begrif, es auf eine gewaltsame Art zu enden, nur Sorge um ihn, den ich ins Verderben gesturzt hatte, nur Sorge um den, der, ohne es zu wissen, nach meinem Blute durstete, bewog mich, die That zu verschieben; was hatte aus Otto werden sollen, hatte ich jetzt schon meine Schande und mein Verbrechen in die ewige Nacht begraben, und ihn allein in der Gewalt seiner heimlichen und offentlichen Verfolger gelassen?

Am Abend kehrte ich in unsere Hole zuruck, Otto, rief ich, indem ich seine Rechte mit meiner Rechten ergrif, und die Linke ans Schwerdt legte, deine Forderungen sollen erfullt werden; auch die letzte, die schwerste unter allen, soll mich nicht schrecken; Kayser Philipps Morder soll sterben, sterben durch diese Hand, doch nicht eher, bis du in voller Sicherheit bist. Verliert sich einst der ungluckliche Alf von Dulmen, du weisst nicht wie, von deiner Seite, so denke an die Rache, die du ihm auftrugst, und beruhige dich!

Wittelsbach sahe mich mit starren Augen an, er konnte nicht begreifen, warum ich ihm die Gewahrung seiner Bitte, die, wie er meynte, weder viel Bedenkzeit, noch solche Umstande erforderte, auf so ausserordentliche Art kund that. Er fing an zu grubeln, und da er schon in wenig Stunden auf die Vermuthung kam, ich musse denjenigen kennen, an dem er geracht zu seyn wunschte, musse ihm irgend mit besonderer Liebe zugethan seyn, so fing ich an, mich vor seinem weitern Forschen zu furchten; er brauchte ja nur noch wenig Schritte zu thun, so war das grauenvolle Geheimniss meinem Herzen entrissen, und ich stand als der gehasste, mit seinem Fluch belegte Verbrecher, vor seinen Augen; dieses zu vermeiden, trat ich noch in der nehmlichen Nacht meine Regenspurgische Reise an, in der Hofnung, dass wenn diese geendet ware, uns die Anstalten zu unserer Wallfahrt nach Palastina genugsam beschaftigen wurden, um keine Zeit zu Untersuchungen uber gefahrliche Dinge ubrig zu lassen.

Sie sollten ihm ewig verborgen bleiben, dies war mein Wunsch, auch meinen Tod, den ich ihm gelobt hatte, sollte er nie erfahren, ich wollte Sorge tragen, mein ungluckliches Leben weit genug von ihm zu enden, damit seine Tage, vom Kummer ungetrubt, mein Andenken ihm heilig bliebe, und er den ganzen Umfang meines klaglichen Verhangnisses nicht eher entdeckte, als in einer Welt, wo andre Urtheile, andre Empfindungen uber Menschenhandlungen und Menschenschicksale statt haben werden, als in der gegenwartigen moglich ist.

Nicht, als glaubte ich, die Ewigkeit konne die That, die ich beging, und die, zu welcher ich mich damals entschloss, entschuldigen; nein, nur dieses hofte ich, dass kein Gram, kein Mitleid dort die Freuden der Seeligen so truben konne, als Ottos irdisches Leben getrubt worden ware, hatte er die Lage des elenden Alf von Dulmen diesseit des Grabes erfahren.

Ich zwang mich, meinen Gefuhlen beym Abschied nicht freyen Lauf zu lassen, und mich durch das Uebermaass derselben vielleicht abermahl verdachtig zu machen. Ich verwies den zagenden Otto auf die Hofnung des Wiedersehens, von welchem ich selbst uberzeugt war, und verabredete mit ihm einen Briefwechsel, in einer holen Weide am Ufer der Donau. Die Vertraute unserer geheimen Korrespondenz war halben Wegs, zwischen unserer Hole und Regenspurg gelegen, so dass es uns beyden gleich bequem und gefahrlos war, zu den Stunden, wie sie uns die Gelegenheit darbot, und die wir einander nicht voraus bestimmen konnten, einander Nachricht von unserm Zustande zu geben, oder dieselben zu finden.

Ich erreichte Regenspurg ohne Anstoss, da mich die Kenntniss der Heimlichkeiten des verborgenen Gerichts geschickt machte, den Pfaden, welche die Racher zu nehmen pflegen, die auch hinter mir her waren, immer glucklich auszuweichen. Ich fand den vergrabenen Schatz des Pfalzgrafen ohne Muhe, und brachte ihn, auf die verabredete Art, in Sicherheit, seinen Brief an die Prinzessinnen bestellte ich mit eigner Hand. Beatrix, von welcher man sagte, der nunmehrige Kayser habe sich ihre Liebe durch das Todesurtheil uber den Wittelsbacher erkauft, befand sich damals eben zu Regenspurg, und ihre Heimholung zu ihrem Brautigam war vor der Thur. Ich sahe sie nicht, aber ich sahe Alverden, sahe die Schwester, welcher die Rache das Schwerdt, wider ihren eigenen Bruder, in die Hand gegeben hatte. Ich weiss, sie war unwissend zu meinem Verderben thatig, aber doch wars, als wenn mein Herz sich wider sie heimlich emporte; ich glaubte ihr, besonders in meiner Geschichte mit Alix, viel vorwerfen zu konnen, damit sie gern oder ungern, billig oder unbillig mein Schicksal verwirrte. Doch ich bin ungerecht! Ewig, ewig schweige jede Klage, als die, uber meine eigene Vergehungen!

Alverde sahe mich, aber sie kannte mich nicht! ob sie mich vielleicht nicht kennen wollte? flusterte mein emportes Herz mir zu; doch nein, Alverde liebte mich immer, sie war nie boshaft, und das Elend macht ja jeden Menschen, auch seinen besten Freunden, unkenntlich! Wie konnte Alverde in einem bleichen abgezehrten Gerippe, unter einer Verkleidung von Lumpen, die ich zu meiner Sicherheit angelegt hatte, ihren Bruder ahnden, den bluhenden Jungling, den Prinzessinnen bewunderten, den stolzen Fursten, den seine Feinde glucklich genug fanden, um ihn zu neiden, und seinen Untergang zu suchen.

Noch verschiedene Umstande hielten mich in Regenspurg auf; was ich zu unserer orientalischen Reise zu besorgen hatte, das musste mit der aussersten Behutsamkeit besorgt werden, und dieses erforderte Zeit. Die prachtvolle Heimholung der kayserlichen Braut ging vor sich, ich sah die von jedermann hochgepriesene, von jedermann beneidete Prinzessinn, wie sie in ihrem Pomp daher zog, aber tiefer Gram sass auf ihrer Stirne, die strahlenden Augen und der holde Mund konnten ihn nicht hinweg lacheln. Alverde, ihre Gespielin, barg ein bleiches abgezehrtes Gesicht, unter einem kostlichen Schleyer, man sagte mir, sie sey kurzlich von einer todtlichen Krankheit aufgestanden; da wallte mein Herz vor Mitleid gegen beyde, und ich dachte, ob sie auch so schuldig seyn mochten, als ich und Otto sie wahnten; Dinge, uber welche ich nie volle Aufklarung erhalten habe, denn auch der Augenblick war nahe, der mit mir und meinem Freunde schnell und auf ewig enden sollte.

Wie werde ich die Vorgange schildern, die nur noch wie Traumbilder vor mir uber schweben? Vorgange, das Werk weniger Minuten, bestimmt das einst nicht unruhmliche Leben zweyer unglucklichen Freunde, in Dunkelheit zu enden, Vorgange, von einem Zufall herangefuhrt, welcher leicht durch andre Zufalle, vielleicht durch einen zeitiger oder spater gethanen Schritt, oder ein ahnliches Nichts hatte verhindert werden konnen! doch hinweg mit dem traurigen Wort, Zufall! wehe dem, welcher an diesen blinden Gotzen der Thoren glaubt, nichts vermag ihn zu trosten!

Mein Briefwechsel mit dem Pfalzgrafen, vermittelst der holen Weide, hatte ununterbrochen fortgedauert, er wusste durch denselben, alles was mir begegnet war, wusste auch die Zeit meiner Wiederkunft. Von der Gefahr seines und meines Zustandes immer deutlicher uberzeugt, je mehr ich von den Verfolgern, die in unsere Fussstapfen traten, hier und da erlauscht hatte, schloss ich keinen meiner Briefe, ohne ernstliche Anmahnung zur Behutsamkeit; seine Wanderungen aus der Hole hatte ich ganzlich auf die Stunden der Mitternacht eingeschrankt, weil diese Zeit, von je her, im heimlichen Gericht, mehr zur Ablegung der Rechenschaft von bereits geubter, mehr zu Planen noch zu ubender Rache, als zu der That selbst, bestimmt zu seyn pflegte. Diese, meines Erachtens, gefahrloseste Stunde, sollte auch die Stunde des Wiedersehens, zwischen mir und Otto, seyn; bey der holen Weide wollten wir uns treffen, und dann unverzuglich den Weg antreten, der uns dem Arm der rachenden Gerechtigkeit am sichersten entreissen konnte; o Himmel, eben dies sollte die Stelle, dies die Stunde seyn, wo das Schicksal auf einmal uber uns beyde unwiderruflich entschied.

Ich kam in der Hulle der Nacht, wie ich meinem Freunde geschrieben hatte. Schon sah ich im Mondschein von weitem die Stelle, wo ich ihn treffen wollte; aber der trugerische Strahl entdeckte mir ganz etwas anders, als ich zu sehen erwartete. Ich erblickte nicht eine mannliche, sondern zwo weibliche Gestalten. Ich glaubte getauscht zu seyn, und eilte naher zu kommen; da sahe ich noch deutlicher zwey Handeringende Frauen, uber einen auf dem Boden ausgestreckten Leichnam gebeugt, da vernahm ich die Stimme ihrer Klagen, mir nicht unbekannter, mein Herz zerreissender Tone. Eine von ihnen sah mich kommen, sprang auf und flog mir entgegen.

Hulfe! schrie sie, Hulfe fur einen todlich Verwundeten!

Wo ist er? erwiederte ich, was ich vermag, das will ich ihm leisten!

Ach nein! ach nein! schrie sie, ihr seyd ein Ritter, was werdet ihr vermogen? nur Wundarzte! Wundarzte! sonst ist er verloren; meine Hofstaat ist nicht weit, dort unten im Thal, unter den Zelten! Ihr seyd zu Pferde! eilet! eilet!

In diesem Augenblick zeigte mir der helle Mondschein, dass ich mit Beatrix sprach. Ich erschrack, ich weis selbst nicht warum, doch wollte ich, ohne zu antworten, mein Pferd herumwerfen und ihr Verlangen erfullen, als die Andere, die ich im Augenblick fur meine Schwester erkannte, herbeysturzte und schrie: zu spat! zu spat! der ungluckliche Wittelsbach ist nicht mehr!

Wittelsbach? wiederholte ich, indem ich vom Pferde sprang und zu dem Verwundeten eilte. Die Frauen folgten mir, und warfen sich, so wie ich, an Ottos Seite nieder, der auf den Ton von meiner Stimme, die Augen noch einmal aufschlug, und schwachlich meine Hand druckte! Ich sterbe, Adolf! lallte er. Und durch wen? schrie ich, durch Kalatin, stammelte er, und schloss die Augen.

Wird nun Kayser Philipps Tochter bald befriedigt seyn? rief ich, indem ich mich von dem Sterbenden zu der weinenden Beatrix wandre. Kalatin, der Fuhrer Eures Brautzugs, vollbrachte doch wohl diesen Mord, auf Eurem Befehl.

Schone, schone ihrer, Adolf! schrie Alverde, die mich erkannte, und ihre Arme um meinen Hals schlang.

Hinweg Schlange! hinweg Brudermorderinn! rief ich, indem ich sie von mit schleuderte, mich wieder auf mein Ross schwang und davon sprengte, um Wittelsbachs Morder aufzusuchen.

Ich ereilte ihn nicht weit von der Mordstelle, im Thal, er kannte mich so schnell, als ich ihn, er sagte Worte zu mir, die ich so wenig verstand, als er die meinigen. Wir zogen, ich drangte ihn. Er floh, ich war hinter ihm an. Mein Schwerdt verletzte ihn nicht, ich wollte ihn auf dem Leichnam meines Freundes schlachten.

Jetzt waren wir wieder im Angesicht der Frauen; Beatrix sturzte sich zwischen uns. Ganz von Wuth verblendet, hatte ich mich nicht gescheut, selbst sie zu verwunden, wenn nicht Kalatin seinen Schild vorgeworfen hatte; er blutete schon aus einer todtlichen Wunde, die ich ihm in die Seite versetzt hatte. Ich fasste den Zugel seines Pferdes, den er sinken liess; dorthin! schrie ich; dein Leben auf dem Unschuldigen auszubluten, den du schlachtetest.

Ich fallte ihn gezwungen, stammelte er; er fiel im Namen der Racher, die mir das Schwerdt wider ihn gaben!

Stoff zu neuer Verzweiflung lag fur mich in diesen Worten. Ich liess ab von dem sterbenden Kalatin, um mich von neuem auf Ottos Leichnam zu werfen, ob noch ein Leben in ihm ware; er war bereits erkaltet. Voll Entsetzen fuhr ich auf. Gestorben? murmelte ich, indem ich uber ihm hing, fur mich gestorben? und der, an den ich die Rache zu nehmen schwur, Philipps Morder, nun auch Kalatins Morder und der Deinige, lebt noch?

Beatrix, welche dicht neben mir war, musste etwas von den schwarzen Gedanken, uber denen ich brutete, errathen. Sie umschlang mich fest und beschwur mich, meiner zu schonen; ich aber entriss mich ihren Armen, erreichte mit einem Sprunge das hohe Ufer, und sturzte mich hinab, in die Fluthen der Donau, wo ich das Ende meines Elends zu finden hofte. Ich fand es nicht, nur eine neue Epoche, ach eine lange endlose Epoche! Meine Leiden sollten beginnen

Wahnsinn, die Frucht von einem Gedrang an die Verzweiflung granzender Gefuhle, hatte mich in den Abgrund gesturzt, in welchem ich zu vergehen hofte. Noch erinnere ich mich, dass die Empfindung von der Kalte des Stroms, der mich davon fuhrte, mich wie lindernde Kuhlung nach der Hitze deuchtete, dass der Gedanke von der Annaherung des Todes, sich lieblich mit der Vorstellung von endloser Rube nach langer Ermattung verband; nun aber auch weder Gedanke noch Empfindung mehr, sondern ein ganzliches Stillstehn aller Krafte, ein ganzliches Nichtseyn, dessen ewige Dauer fur einen Elenden, wie mich, Wohlthat gewesen seyn wurde.

Ach, ich sollte wieder aus demselben erweckt, zu neuen Qualen erweckt werden; eine Hand hatte mich gerettet, welcher ich nicht dankte, da ich zu verblendet war, um den Werth zu erkennen, welchen auch das elendeste Leben hat; auch mochte, wenn Absicht den Gehalt der That bestimmt, meine Lebensrettung wohl wenig Dank verdienen.

Den Leuten des Bischofs von Sutri dankte ich meine Erhaltung. Ich war nur darum mit ausserster Lebensgefahr meiner Retter, den Fluthen des wutenden Stroms entrissen worden, wurde nur darum mit der ubertriebensten Sorgfalt gepflegt, damit durch meinen Tod nicht Geheimnisse verloren giengen, welche man bey mir vermuthete, und die man der sorgfaltigsten Erhaltung werth hielt.

Ich habe schon im Anfang meiner Geschichte gesagt, dass mein Mund und meine Feder, durch furchterliche Eyde gebunden, sich nie deutlich uber gewisse Vorgange meines Lebens erklaren werden; es sind hauptsachlich diejenigen, auf welche ich nun stosse.

Sobald ich vermochte das zu uberlegen, was um mich her vorgieng, so musste mir schon mein Schicksal ahnden. Ich sahe mich fast in den nehmlichen Handen, in welchen ich mich schon einmal befunden hatte, da ich Gefangener des Bischofs von *** war, aus dessen Handen mich der Erzbischof von Maynz errettete.

Von den Muthmassungen kam es endlich zur Gewissheit; die nehmlichen Anmuthungen, die nehmlichen Fragen wurden an mich gethan, welche vordem an mich ergiengen; die nehmlichen Mittel wurden gebraucht, Dinge aus mir heraus zu schmeicheln und zu foltern, die man zum Theil schon recht gut wusste, und von mir nur noch besser erfahren wollte.

Es war in allen so ganz das nehmliche Spiel, dass mein ohnedem genug zerrutteter Verstand oft ganz irre wurde, jene und diese Epoche fur ein Ganzes, und das dazwischen liegende fur Traum hielt, ach ein langer schrecklicher Traum! Wollte Gott, ich hatte ihn nie getraumt; schuldloser als jetzt konnte ich dann der so lang, so sehnlich erwarteten Nacht der Ruhe entgegen sehen!

Meine Feinde wurden endlich mude, mich zu fragen, nicht mich zu qualen.

Ademar, ich habe dir die Zahl der Jahre genannt, in welchen ich unter ihrer Folter lag. Zwanzigmal dem Tode nahe, musste ich dennoch leben, leben zu meiner, vielleicht auch zu ihrer Qual; indessen ihnen immer einer nach dem andern abtrat, vom Menschenwurger schnell oder langsam dahin gerafft, bis ich endlich lauter neue Gesichter um mich sahe; einen Kreis von Menschen, die meine Richter seyn wollten, die zu gesetzten Zeiten mich vernahmen und entliessen, mir drohten und schmeichelten, ohne genau zu wissen, warum, blos weil sie es von ihren Vorgangern so gesehen, blos weil sie von ihnen gehort hatten, ich sey eine wichtige Person, von welcher sich grosse Dinge erforschen liessen.

Was dieses fur grosse Dinge seyn sollten, mochte wohl endlich keiner mehr ganz genau wissen, und es kam dahin, dass ich ernstlich und unter harter Bedrohung gefragt wurde: warum ich auf diesem Schloss gefangen sass; die seltsamste unbeantwortlichste Frage unter allen, die ich noch von meinen Peinigern gehort hatte; es war die nehmliche, die ich in dem ersten Viertheil meiner elenden Gefangenschaft tausendmahl an meine damaligen Richter that, ohne Befriedigung zu finden. Die einige passende Antwort, die mir mein Gewissen gab, und die ich von denen, welche ich jenesmal fragte, mit Recht erwarten konnte, erhielt ich nicht; es war offenbar, dass ich hier nicht so lange Jahre die Fesseln getragen hatte, weil Kayserblut an meinen Handen haftete, sondern aus andern Ursachen, die mir unbekannt waren, und die ich also, da man jetzo mich fragte, nicht angeben konnte.

Man hielt jetzt, da man diese Frage an mich richtete, meine vorgeschutzte Unwissenheit fur hartnackigen Starrsinn, gab Befehl fur mich, zu neuen Foltern, und wandte mir den Rucken, um vielleicht bey irgend einem frohen Gelag den Verdruss uber meine Verstokkung zu vertrinken.

Beym nachsten Verhor erzahlte ich, zu meiner Rechtfertigung, so viel von meiner Geschichte, als davon erzahlbar war, und verschlimmerte damit meine Lage noch mehr. Gott weiss, aus welchem Umstand in derselben man mich fur einen Anhanger der waldensischen Lehren hielt, Leute, welche damals unter der grausamsten Verfolgung schmachteten.

Unter diesem Namen duldete ich noch einige Jahre

fort; keine Befriedigung, die ich meinen Henkern gab, konnte mir helfen; denn die Sorge von geheimnissvollen verborgenen Bewandnissen, die es mit mir habe, erwachte von neuem, und machte meine Ketten unaufloslich. Ich ward unschuldiger Weise in alle rathselhafte Begebenheiten der Oberwelt verflochten gehalten, uber alle unerklarliche Dinge verlangte man von mir Aufschluss, und stiess mich, wenn ich ihn nicht geben konnte, noch einige Stufen tiefer ins Elend hinab.

Niemand wusste endlich mehr, was er aus mir ma

chen sollte, und dieses vermehrte die Wichtigkeit meiner Person; es ward nach zwanzig Jahren, die ich nun schon in diesem Kerker geschmachtet hatte, Sitte, den Huter dieses Schlosses, den man seit meinem Hierseyn zehnmal verandert hatte, meinetwegen allemal beym Antritt seines Amtes besonders zu verpflichten. Man wollte mich schlechterdings nicht missen, ungeachtet man nicht wusste, was man mit mir anfangen sollte; wollte mir keine Linderung meines Elends gestatten, obgleich niemand mein Verbrechen kannte; war entschlossen, mich ehr zu todten, als mir die Freyheit zu gonnen, die doch niemand schaden konnte.

O Freyheit! Freyheit! unschatzbarstes aller Guter,

was hatte ich auch jetzt mit dir anfangen sollen, nachdem ich dich nun so lange Jahre vermisst hatte? Als ein Bettler, als ein kranker, muthloser, von Gram und Gewissensbissen abgezehrter Greis, hatte ich eine Welt betreten, die mir nun ganz fremd worden war, wo niemand mich mehr kannte. O Freyheit! selbst dich zu wunschen, hatte ich langstens aufgehort.

Ich brachte die letzte Epoche meiner Einkerkerung, bis mein Schutzengel Ademar mir erschien, in einer fast thierischen Unempfindlichkeit zu. Alle meine Gefuhle, alle meine Seelenkrafte waren abgestumpft; wahnsinnig war ich nicht; zu irgend einer Ueberspannung gebrach es meinem Verstande an Kraft; nein, ich befand mich in einer Art von schwerem Schlummer, aus welchem mich nichts als ein gewaltsamer Schlag erretten konnte.

Du weisst den Vorgang, Ademar, der dieses bewurkte. Ich lebte nun dreyssig Jahre in dieser Hole. Du hattest dein Amt eilf Monate, als Huter dieses Schlosses, uber mich verwaltet, ohne deinen Gefangenen nur einmal zu sehen. Man hatte dir meinetwegen, weil es Herkommens war, so furchterliche Eyde aufgelegt, dir von mir so grauenvolle Vorstellungen gemacht, dass dir diese Vernachlassigung nicht zuzurechnen ist; ungeachtet derselben ermangelte ich doch nicht, in meiner Tiefe zu fuhlen, so gut ich damals etwas zu fuhlen vermochte, dass uber mir ein milderes Wesen regiere, als vordem. Deine Knechte, denen die Sorge fur mich aufgetragen war, waren unter deiner Herrschaft glucklicher, und also auch milder gegen mich Elenden; ich bemerkte einigen Grad von Reinlichkeit und Ordnung in dem, was mich umgab, und war ich nicht ganz fur jedes Gefuhl erstorben gewesen, so wurde sich bald auch die Hofnung, auf noch bessern Zustand, bey mir eingefunden haben. Der kleinste Lichtstrahl, der in einen dumpfen Kerker dringt, pflegt dieser holden Trosterin sonst einen Zugang zu erofnen, und sie macht dem, zu welchem sie sich gesellt, immer schnell das kleinste Gute zum Unterpfand eines noch grossern. Ich war zu tief gesunken, um diese susse Ahndung zu fuhlen, und die merkliche Besserung meines Schicksals, die mir in der Folge durch dich zu Theil ward, fand mich ganz unbereitet; aber eben diese Ueberraschung war es, was mich aus dem Zustand meines Nichtseyns weckte.

Ademar, du weisst es, wie du mich fandest als dir der Blitz in meinen Kerker den Weg zeigte, du weisst auch, was ich nachher unter deiner Pflege ward. Du erhieltst Nachricht, das Ungewitter, welches im uberirdischen Theil des Schlosses zweymahl gezundet hatte, habe auch in den unterirdischen Gewolben Schaden gethan, einen Theil derselben eingesturzt, die Fesseln von den Handen des alten Unbekannten geschmolzen; und ihn wahrscheinlich getodtet. Hier bewegte sich dein Herz gegen den Elenden den du noch nie gesehen hattest, du stiegst selbst zu mir herab, um mich ins Leben zuruck zu bringen, wenn dieses moglich war. Mein Anblick erschutterte dich, du fandest, wie du mich bereden willst, noch Spuren dessen an mir, was ich ehemahls war; deine Sorge um mich ward eifriger, ich erholte mich unter deinen helfenden Handen; durch deine Bemuhungen um mich, ward ich dir lieb, du konntest, du mochtest mich nicht wieder in meine Tiefe hinabstossen, du thatest zu meiner Erleichterung das, was du ohne Verletzung deines Eides thun durftest; und ich bin zufrieden; hoheres Gluck wurde ich ja vielleicht nicht ertragen konnen!

Dank dir, Ademar, fur jede Erleichterung, die du mir schaftest, fur jeden Trost, den du mir gabst. Von der Kraft zum Danken, die du wieder in mir zu wekken wusstest, bis auf den sanften Schimmer des Lichts, bey welchem ich dieses schreibe, nachdem ich dreyssig Jahre lang, in fast ununterbrochener Nacht, schier erblindet war, das Grosste und das Kleinste das mich erfreuet, alles alles danke ich dir und der Vorsicht, die dich zu ihrem Werkzeuge brauchte. Ach konnte ich dir doch auch die Vergessenheit vergangener Leiden danken! aber leider findet sich hier das Gegentheil. Um deinetwillen regte ich die Qualen der Vorzeit furchterlich in meiner Seele auf, dir zu Liebe schrieb ich sie nieder, und vergegenwartigte mir von neuem das lang Ueberstandene! O Ademar! Ademar! was ich hier fur dich that, das uberstieg fast meine Krafte, lass mich die Feder niederlegen, um zu ruhen!

Evert von Remen, zum Beschluss

Nachwelt, du kennst nun den Mann, den ich deinem Urtheil unterwarf, kennst ihn nach seinen eigenen Gestandnissen, und nach den entschuldigenden Umstanden, die fur ihn in dem Verhalten anderer lagen; Umstande, davon ihm selbst wenig bekannt geworden ist, die ich erst nach seinem Tode, mit Muhe und Lebensgefahr, mit Verlust eigener Sicherheit und Ruhe, aus den Winkeln, in welchen sie verborgen lagen, zusammen brachte, um sein Andenken bey der Welt zu rechtfertigen.

O! Adolf! Adolf! Du musstest fallen, weil man wollte, dass du fallen solltest. Deine Ehrsucht nicht so wohl als ein Schicksal, das ich unmoglich gunstig nennen kann, erhub dich auf eine Stufe, von welcher dich der Neid, gar bald wieder herabzusturzen strebte. Man lockte dich aus deinem Eigenthum, dich desselben desto sicherer berauben zu konnen; du hattest Privatfeinde, die dich, um ihre Absichten zu erreichen, unvermerkt in die Schicksale der Grossen verwickelten, bis du dermassen verstrickt warst, dass du nebst allen, die man nebst dir und durch dich sturzen wollte, fallen musstest. Man hatte so viel durch dich ausgerichtet, dass man dich noch ferner zu brauchen hofte. Dies gluckte nicht, und man warf dich als ein nutzloses Werkzeug auf die Seite; du wurdest in den Staub getreten, wurdest vergessen, bis beynahe nach Verfluss eines halben Jahrhunderts die Freundschaft dich fand, und mit besserm Willen als Vermogen sich vermass, dir alles wieder zu geben, was du verloren hattest. Du lacheltest ob dem Versprechen, das aus meinem Munde ging. Evert von Remen, sagtest du, das durftest du wohl nicht vermogen; alles was du mir noch geben kannst, ist ein ruhiges Grab und eine Thrane; denke darauf, ich werde es bald brauchen.

Was Adolf gesagt hatte, das geschah. Er, der dreissig Jahr unter den unerhortesten Leiden einer harten Gefangenschaft nicht erlag, er, den der wohlthatige Ademar in den zehn folgenden Jahren durch milde Behandlung, so weit er vermochte, sein Leben wieder lieben, seine Leiden vergessen lehrte, er konnte hohern Wachsthum des Glucks nicht ertragen. Der Freund seiner Jugend, sein treuer Evert von Remen, ward ihm wieder geschenkt, alle Vortheile, welche ihm sorgsame Liebe mit einiger Macht verbunden, nur gewahren konnten winkten ihm; aber es war zu spat. Er starb des achten Tages nach unserm Wiedersehen in meinen Armen.

Oft bin ich auf die Vermuthung gekommen, ob vielleicht eben unsre Wiedervereinigung, an welche sich das lebhafte Andenken der Vergangenheit so fest ketten musste, seinen Tod beschleunigte. Einige seiner letzten Worte bleiben mir immer nachdenklich. O Freund Freund, rief er einst nach einer der sussesten Stunden, die wir nach seiner Wiederfindung zusammen verlebt hatten, du irrst, wenn du meine Freude uber dich fur so rein haltst, als die deinige seyn mag. Dein Anblick ist mir ein qualender Vorwurf; was thatest du, was littest du, fur mich, und wie habe ich dir gelohnt? Ich verkannte, verliess, vergass dich! Wie ganz anders wurde der Weg meines Lebens gewesen seyn, war ich ihn an deiner Hand fortgegangen! Der erste Schritt von dir fuhrte mich dem Ungluck entgegen! aus dem nun du mich retten musst!

Ich fuhlte die Wahrheit dieser Bemerkung wohl, aber ich bestrebte mich sie zu bekampfen. Er stellte sich, mir zu gefallen, als ob er diesen schwermuthigen Betrachtungen keinen Raum mehr gabe; aber wer weis, ob sie nicht in der Einsamkeit doch zuruck kehrten, und seinen dunnen Lebensfaden vollends abnagten.

Fussnoten

1 1408 veranstaltete Kaiser Ruprecht die ersten Untersuchungen zu Reformation der Freygerichte. 2 Der Herzog von Sachsen war oberster Stuhlherr aller Freygerichte. 3 Registr. Innocent III. 4 S. Decret. Greg. IX. 5 Registr. Innocent III. 6 Die Entstehung der Inquisition so wohl als die Stiftung des Dominikaner- und Franziskanerordens fallt in diese Zeiten. 7 Welches aber erst mehrere Jahre nachher 1215. geschahe, da Innozens III. wider den unglucklichen Grafen von Toulouse das Kreuz predigen liess, wie gegen Turken und Unglaubige, und alle christliche Fursten wider ihn aufregte. 8 In jenen Zeiten begann man dem Golde alle Wunderkrafte zum Besten der Menschen zuzuschreiben, der Leser verzeihe dem Pfalzgrafen sein unrichtiges Gleichniss, einer Dame zu schmeicheln, lasst auch wohl ein Liebhaber des achtzehenden Jahrhunderts 9 Die rothe Erde war der Name, welcher Westphalen als dem Vaterland der Vehmgerichte in der geheimnissvollen Sprache der Wissenden gegeben wurde. 10 Beatrix soll ihrem Gemahl ausser andern Schatzen 150 Schlosser zugebracht haben, die ihr durch Erbschaften zugefallen waren. 11 Sie ward in der Folge an den Herzog von Brabant vermahlt! 12 Nicht in verschlossenen Salen, am liebsten unter freyem Himmel auf grunender Erde, sollen die heimlichen Richter ihre Sitzungen gehalten haben. 13 Adelheit, einer Aebtissinn von Quedlinburg. 14 Die Fabulisten der grauen Vorzeit, denen wir die umstandlichsten (obgleich eben nicht die wahrscheinlichsten) Relationen von diesen geheimnissvollen Dingen schuldig sind, behaupten: Karl der Grosse habe den heimlichen Richtern den Blutbann mit der Bedingung verliehen, dass nur die Nacht ihre Vertraute seyn, die Morgenrothe nie ihre Versammlungen erblicken solle. 15 Name der Formel, wie sie zu dieser Absicht in den damahlichen Gerichten ublich gewesen seyn soll.

Benedikte Naubert

Marchen

Volksmahrchen der Deutschen

Erstdruck (anonym) unter dem Titel "Neue

Volksmahrchen der Deutschen": Leipzig (Wey

gandsche Buchhandlung) 17891792.

Alme oder Egyptische Marchen

Erstdruck (anonym): Leipzig (Johann Gottlob

Beygang) 17931797.