Adolph Freiherr von Knigge
Benjamin Noldmanns
Geschichte der Aufklarung
in Abyssinien
oder
Nachricht von seinem und seines Herrn Vetters Aufenthalte an dem Hofe des grossen Negus oder
Priesters Johannes
Vorbericht
Ich uberreiche hier dem hochgeneigten Leser doch sage ich das nicht etwa, um mich zu ruhmen ein ausserst interessantes Werk. Ohne die Wahrheit und Bescheidenheit zu verleugnen, von welchen die altern und neuern Reisebeschreiber und alle statistischen und politischen Schriftsteller sich so ungern zu entfernen pflegen, kann ich mit Recht behaupten, es werde Ihnen ein solches Buch noch gar nicht vorgekommen sein. Sie finden darin nicht etwa Beschreibungen von langst und oft beschriebnen Stadten und Gegenden; nicht etwa unterwegens in Wirtshausern und andern unbedeutenden Gesellschaften aufgesammelte Anekdoten; nicht etwa argerliche Nachrichten und falsche Schilderungen von der sittlichen und politischen Verfassung gewisser Stadte und Lander, in dem Umgange mit unzufriednen, unruhigen Kopfen aufgeschnappt und ohne weitre Untersuchung nacherzahlt; nicht etwa einseitige Urteile uber Menschen und Weltbegebenheiten, nach gewissen Lieblingsideen und herrschenden Vorurteilen gemodelt oder mit den freien Mahlzeiten in Verhaltnis gesetzt, die dem Reisebeschreiber in besagten Stadten sind gereicht worden; noch verliebte Abenteuer, kleine bunte Bilderchen von empfindsamen Szenen, und was dergleichen Materialien mehr sind, woraus unsre lieben Landsleute und Nachbarn ihre Reisebeschreibungen zusammensetzen: nein! ich liefre Ihnen die Beschreibung eines grossen, wichtigen, bis jetzt fast ganzlich unbekannt gewesenen Reichs in Afrika, von welchem diejenigen, die bis auf den heutigen Tag daruber geschrieben (wie Sie aus meiner so glaubwurdigen Erzahlung sehen werden), ganz falsche Nachrichten gegeben haben; zugleich aber auch enthalt mein Buch die Erzahlung einer hochst merkwurdigen Revolution, welche in diesem Reiche, durch mich und meinen Herrn Vetter, den jetzigen Herrn Notarius Wurmbrand in Bopfingen, ist bewirkt worden.
Es wird manchen Leser befremden, dass von allen diesen Dingen sowie von dem grossen Zuge, den wir, mein Herr Vetter und ich, mit dem altern Prinzen des grossen Negus, an den deutschen Hofen umher, unternommen haben und von welchem ich in diesem Werke gleichfalls Nachricht gebe, noch gar nichts in Zeitungen und Journalen ist bekanntgemacht worden; allein diese Verwundrung wird aufhoren, wenn man erstlich bedenkt, dass wir die Reise im strengsten Inkognito vorgenommen, und dann am Ende des zweiten Teils die Beschreibung des traurigen Unfalls lieset, durch welchen alle mit uns in Abyssinien gewesenen Europaer ihren Tod in den Wellen gefunden haben.
Ich zweifle nicht, dass mein Buch reissend abgehen wird und dass die Herren Nachdrucker sich die Muhe nicht werden verdriessen lassen, den Debit desselben zu befordern. Es war anfangs meine Absicht, es diesen redlichen Mannern zu widmen; denn da ich in demselben zugleich eine kurze Erzahlung von meinem Aufenthalte in Fes und Marokko liefre, so dachte ich, es wurde ihnen nicht uninteressant sein, die Nachrichten, welche ich von ihren dortigen Mitbrudern gebe, sich von mir zueignen zu lassen. Allein mein Herr Vetter redete mir die Dedikationsgedanken aus. Er berichtete mir, man sei jetzt im Begriff, der edeln Nachdrucker-Zunft im Heiligen Romischen Reiche das Handwerk zu legen, und da meinte er, es konne meinem Rufe schaden, wenn ich mich offentlich als ein Anhanger derselben zeigte. Da es nun einmal Sitte in der Welt ist, seine Freunde, wenn sie im Gedrange sind, aus Politik zu verlassen, so gab ich denn auch den Vorstellungen des Herrn Wurmbrand nach. Um jedoch in der Stille etwas zum Besten der gelehrten Korsaren zu tun, bat ich meinen Herrn Verleger, sich mit keinem andern Privilegio versehen zu lassen als mit einem abyssinischen. Sollte also der gegen den Nachdruck auszuwirkende Reichsschluss so bald noch nicht zustande kommen, so behalten meine verehrten Freunde in Karlsruhe, Reutlingen, Wien, Frankenthal etc. noch immer freie Hande, dies Werk, insofern sie glauben, dass dabei etwas zu gewinnen sein mochte, auf ihre Weise umgearbeitet, das heisst mit den gewohnlichen Kastrationen, auf weichem Loschpapiere, erscheinen zu lassen. Mein Honorarium habe ich richtig erhalten, und mein Herr Verleger mag sehen, wie er zurechtkommt!
Erster Teil
Erstes Kapitel
Etwas von der Familie und den ubrigen
Verhaltnissen des Verfassers
Ich weiss wohl, dass man es Schriftstellern, und besonders einigen neuern Reisebeschreibern, sehr ubel auslegt, wenn sie in ihren Werken viel von sich selber, ihren Freunden und Verwandten reden; und da ich mir fest vorgenommen habe, in diesem Buche einen ganz andern Weg zu gehn als den gewohnlichen, so sollte ich mich freilich huten, gleichfalls in diesen Fehler zu verfallen; allein ich halte es doch fur Pflicht, bevor ich zu der Erzahlung der Begebenheiten selber schreite, die Leser zuerst genauer mit den Personen bekannt zu machen, von deren Abenteuern und Unternehmungen ich ihnen Rechenschaft geben will. Meine Geschichte gewinnt dadurch an Glaubwurdigkeit; und wenn ich mich kurz fasse, so hoffe ich auch, Sie sollen, meine wertesten Herren und Damen, nicht ungebuhrlich viel Langeweile dabei haben. Also frisch daran!
Mein Vater, seligen Andenkens, war ein Bierbrauer in Goslar und verfertigte die vortreffliche Gose, von welcher der grosse Hubner, was ihren Geschmack und ihre eroffnende Wirkung betrifft, ruhmlichst Erwahnung tut. Wir hielten zugleich ein Wirtshaus und hatten immer die Stube voll lustiger Gaste. Hier fielen dann sehr angenehme Gesprache, besonders uber politische Gegenstande, Krieg und Frieden vor; reisende Handwerksburschen, Soldaten u. dgl. erzahlten von fremden Landern und Stadten; und wenn ich, als ein Knabe, mit meinen Buchern aus der Schule kam (wo man mir zehn Jahre lang hauptsachlich mit Gesenii Katechismus-Lehren und nebenher mit einigen nutzlichen weltlichen Kenntnissen das Gedachtnis schmuckte, die Bildung des Herzens nebst der Ubung des Scharfsinns und der richtigen Beurteilungskraft aber der Zeit und den Umstanden uberliess), verweilte ich oft in dem allgemeinen Gastzimmer, um jenen Erzahlungen zuzuhoren, und liess schon fruh die Lust zum Reisen und Wandern in mir erwecken.
Es hatten aber meine Eltern beschlossen, mich die
Rechte studieren zu lassen und aus mir einen Advokaten zu machen. Von dieser wohltatigen und nutzlichen Menschenklasse befanden sich damals kaum funfzig in Goslar, von denen einige, die schon sehr alt waren, vermutlich bald aus dieser Welt heraus kontumaziert werden mussten; und so war denn Hoffnung da, dass ich, nach vollbrachten Studien, in meiner Vaterstadt als Sachwalter Brot finden wurde. Man schickte mich zu diesem Endzwecke, sobald ich konfirmiert war, auf die Schule zu Holzmunden und dann, im zwanzigsten Jahre meines Lebens, nach Helmstedt, woselbst ich von einem kleinen Stipendio lebte und, in einer grossen Futterungsanstalt fur arme Studierende, mit derber Kost versehen wurde, die in der Tat wohl passender fur Tagelohner, als fur Gelehrte gewesen ware, jedoch meinen Vater, der monatlich ein paarmal bei Trompeten- und Paukenschalle betrachtliche Summen im braunschweigschen Lotto verspielte, von der Sorge befreiete, sehr viel auf meinen Unterhalt zu verwenden.
Im Jahre 1764 befahl mir mein Vater, nach Goslar zuruckzukehren. Ich fand ihn in sehr zerrutteten Gesundheits- und Vermogensumstanden. Es schien, als wenn die ungerechten Fluche derer, denen seine Gose zuweilen Leibschmerzen verursachte, alles nur mogliche Ungemach uber sein Haupt brachten. Ausser dem Verluste, den er in der Zahlenlotterie erlitten hatte, war er noch auf andre Weise unglucklich gewesen. Die Sache ging also zu. Der beruhmte Graf St. Germain, der bekanntlich ein grosser Alchimist und Universalarzt war oder vielmehr ist (denn den Geruchten, als sei er kurzlich in Schleswig gestorben, darf man keinen Glauben beimessen; ein solcher Mann stirbt nicht; und ware dem so und hatte man am Ende entdeckt, dass er ein Betruger gewesen, so wurden ja doch die Leute, bei denen er zuletzt gelebt, es fur Pflicht der Rechtschaffenheit gehalten haben, seine Schelmereien, zur Warnung des aberglaubischen Publikum, offentlich bekanntzumachen, mochte man auch ein bisschen uber ihre Leichtglaubigkeit lacheln oder seufzen!), dieser Mann nun bereisete den Harz und hielt sich einige Wochen lang in Goslar auf, wo er seinen herrlichen Tee, den er wohltatigerweise, das Pfund fur einen Karlsdor, verkaufen liess, debitierte. Dieser Tee hatte, wie man weiss, die unvergleichliche Gabe, wenn er lange genug gebraucht wurde, von allen Sorgen dieses Lebens zu befreien und zu einer bessern Welt vorzubereiten. Der Graf war damals in seinen besten Jahren, kaum eintausendachthundert Sommer alt. Einer seiner Lakaien, der noch nicht viel uber funfhundert Jahre bei ihm diente, kam taglich in meiner Eltern Haus, war sehr geschwatzig, redete viel von den Arzeneimitteln seines Herrn und machte endlich meinem Vater begreiflich, dass, wenn er dem Herrn Grafen einen grossen Vorrat von dem Wundertee auf Spekulation abkaufte und damit den ganzen Unterharz laxierte, er nicht nur an manchen Familien zum Wohltater werden, sondern auch ein ansehnliches Kapital gewinnen konnte. Mein Vater liess sich ankornen, erhandelte zweihundert Pfund von der wohltatigen Ware, und der Wundermann reisete weiter. Die ersten Proben, welche Herr Noldmann mit diesem Universalmittel machte, fielen unglucklich aus; die Patienten hatten nicht Geduld genug, so lange zu leben, bis die eigentliche Wirkung des Tees erfolgen konnte, und der Stadtphysikus, der sein Privilegium, fur die Bevolkerung des Paradieses zu sorgen, mit niemand teilen wollte, verklagte meinen Vater bei dem Magistrate. Der Prozess fiel zum Nachteile des Beklagten aus; der Tee wurde konfisziert, von Sachkundigen gepruft und, da man ihn aus ausserst gemeinen, wohlfeilen, aber bei unvorsichtigem Gebrauche schadlichen Krautern zusammengesetzt fand, ins Wasser geworfen, mein armer Vater aber zu einer grossen Geldstrafe verurteilt. Aus Kummer uber diesen neuen Unfall und uber seine taglich sich verschlimmernden hauslichen Umstande fiel er in eine gefahrliche Krankheit. In dieser Zeit schrieb er mir, ich mochte zu ihm kommen, indem er durch meine Praxis sich wieder in eine bessre Lage zu versetzen hoffte. Was aber seine Gesundheit betraf, so war er jetzt gegen den Arzt aufgebracht und wollte sich also seiner Hulfe nicht bedienen; noch hatte er ein paar Pfunde von seinem Tee heimlich gerettet, und da sein Glaube an die Wirkung desselben um nichts schwacher geworden war, so trank er selbst fleissig davon. Vierzehn Tage nach meiner Ankunft brachten ihn so weit, als die beharrlichsten unter St. Germains Patienten fruher oder spater zu kommen pflegten; er starb in meinen Armen und hinterliess seiner Familie druckende Sorgen fur die Zukunft.
Meine Mutter, von der ich noch nichts gesagt habe, lebte damals noch; mein Vater hatte fur sie in eine auswartige Witwenkasse gesetzt; allein da die Einrichtung derselben auf unrichtigen Berechnungen beruhete, so konnte sie keinen Bestand haben; die Direktion der Kasse hatte daher schon vor einigen Jahren bekanntgemacht, dass sie nicht Wort halten konnte; das ganze Institut zerfiel; eine Menge von Familien verloren ihren Unterhalt, ihre von der Landesherrschaft gesicherten Forderungen, die armen Weiber ihre Aussichten, ihre Hoffnungen, kunftig vor Mangel geschutzt zu sein; und unter diesen war denn auch meine Mutter.
Da es meinem Vater gefallen hatte, aus mir das zu machen, was man einen Gelehrten nennt, so schickte es sich nicht fur mich, als Bierbrauer und Schenkwirt in seine Fussstapfen zu treten; auch fanden sich so viel Schulden, dass wir Haus und Inventarium verkaufen mussten, um diese zu tilgen. Ich mietete also ein paar kleine Zimmer, tat den sehr unbedeutenden Rest, der von unserm Vermogen ubrigblieb, auf Zinsen aus und beschloss, vorerst davon, und dann von meiner Arbeit als Advokat, mich und meine Mutter, so gut es gehen wollte, zu unterhalten.
Zweites Kapitel
Fortsetzung des vorigen
Soviel von meiner eignen werten Person bis zu der Katastrophe, die mich bewog, auf Reisen zu gehen! Jetzt muss ich von den ubrigen Personen meiner Familie, besonders von meinem Herrn Vetter reden, dessen Schicksale mit den meinigen zusammenhangen.
Ich war nicht der einzige Sprossling des Noldmannschen Geschlechts, sondern hatte eine altere Schwester, die, als ich noch ein Knabe von sechs Jahren war, mit dem Prediger Wurmbrand im Eisenachschen getraut wurde. Dieser Mann war reich und schon verheiratet gewesen. Mit der ersten Frau hatte er zehn Sohne erzeugt; meine Schwester beschenkte ihn mit dem eilften, den er, indem ihm der Erzvater Jakob im Kopfe steckte, Joseph taufte. Die Jungen sollten samtlich Theologie studieren; das war denn so die geistliche Grille des Herrn Pastors; doch wurde sein Plan vereitelt. Zwei von den jungen Herren liefen aus der Schule weg und liessen sich zu Soldaten anwerben; einer wurde blodsinnig und deswegen in ein Hospital gesteckt; der vierte starb auf Universitaten, an der zuruckgetriebnen Kratze; der funfte ertrank auf der Reise, als er eben nach Ilefeld auf das Gymnasium ziehen wollte; einer wurde Landprediger und lebt noch; ein andrer liess sich verleiten, mit den spanischen Luftspringern in die Welt hinein zu gehen und die hohen Herrschaften in den Frankfurter Messen durch seine Gaukeleien zu unterhalten; der achte verschwand auf einmal, nachdem er sich auf Schulen allerlei Ausschweifungen ergeben hatte, soll gegenwartig Schauspieler sein und edle Heldenrollen spielen; der neunte, welcher Isaschar hiess, plagte seine Eltern so lange, bis sie einwilligten, dass er Bartscherer und Wundarzt wurde (zwei Kunste, die in Deutschland, wie jedermann weiss, zur Ehre der gesunden Vernunft in einem Stande vereinigt sind); Sebulon aber, als der zehnte Sohn, vollendete seine Studia, war ein wenig taub und kurzsichtig, wurde daher zum Informator gut genug befunden, in welcher Qualitat er sich vielleicht noch jetzt herumtreibt. Der kleine Joseph, der wenig Jahre junger als ich war, blieb am langsten in seines Vaters Hause und wurde also, wie sich das versteht, von Vater und Mutter verzogen. Gern hatten Seine Hochehrwurden noch einen kleinen Benjamin geliefert; allein so gut wurde es ihnen nicht; es blieb also Joseph Wurmbrand der Liebling der Eltern. Er war ein lebhafter Knabe, voll Mutwillen und unruhigen Geistes. Da die kleinen Tucken, die er ausubte, als Zeichen seines aufgeweckten Temperaments ausgelegt und seine Naturgaben bei jeder Gelegenheit zur Ungebuhr erhoben wurden, so gewann der Junge bald eine grosse Meinung von seinem eignen Ich. Der Vater pflegte ihm oft in der Bilderbibel die Geschichte von Jakobs Sohnen aufzuschlagen. Wenn dann das naseweise Kind auf dem Holzschnitte den agyptischen Finanzminister Joseph, mit koniglichen Kleidern angetan, auf einem grossen Stuhle sitzen sah, wie er seine Bruder, die als lumpige Juden vor ihm erscheinen und seine Fusse kussen, von oben herab seiner Gnade versichert, so dachte der kleine Wurmbrand, es konne ihm auch wohl noch so gut werden; und dann kam es ihm im Schlafe vor, als wenn er dem Oberschenken und dem Schlosshauptmanne in Weimar ihre Traume ausgelegt hatte und dieser merkwurdige Umstand der durchlauchtigsten Herzogin Regentin ware berichtet worden, da er dann einen Ruf bekommen, vor Ihrer Durchlaucht zu erscheinen, und der erhabenen Furstin den Rat gegeben, zu rechter Zeit Magazine anzulegen, und wie er darauf stante pede zum Kammerprasidenten ware ernannt worden, wodurch er dann Gelegenheit erhalten hatte, seine ganze Familie zu hohen Ehren zu bringen, und was dergleichen Torheiten mehr waren.
Indessen liessen sich solche erhabne Gedanken nicht wohl mit seines Vaters Plane, ihn der Gottesgelahrtheit zu widmen, vereinigen; deswegen empfand er denn auch sehr wenig Neigung, diesen Stand zu wahlen. Wenn der alte Pastor mit seinem Ideenschwunge nicht weiter hinauf konnte, als dass er in Gedanken seinen lieben Sohn auf dem Consistorio in Weimar sein examen rigorosum ruhmlichst aushalten sah, indes der Alte hinter dem grunen Schirm auf jede Frage und Antwort lauerte und unter der Hand zu erfahren suchte, ob der hoffnungsvolle junge Kandidat bene oder valde bene zum Urteil erhalten habe, so flog Joseph mit seiner Phantasie viel hoher. Er erblickte sich als Minister an der herzoglichen Tafel auf dem grossen Schlosse (dessen prachtige Merkwurdigkeiten sowohl als die schonen Garten, Lust- und Jagdschlosser sich der Herr Pastor nebst seiner Familie bei einer Reise nach Weimar einmal hatte zeigen lassen), sah sich da den herrlichen Pasteten und Fleischmassen gegenuber, woran die herzoglichen Mundkoche ihre Kunst verschwendet hatten, und erlauerte den Augenblick, da er, durch irgendein Abenteuer in die Residenz gefuhrt, dort einer vornehmen Dame Liebe einflossen, von ihr, nach vorhergegangener MantelSzene, auf die Wartenburg verwiesen werden und dort, durch Traumdeuterei, den Grund zu jener glanzenden Laufbahn legen wurde.
Es war aber im Buche des Schicksals anders beschlossen. Sein Vater unterwies ihn selbst bis in das funfzehnte Jahr, nach der damals allgemein ublichen alten Methode, und in der Tat war uber seinen Fleiss nicht zu klagen. Dann wurde er nach Eisenach auf die Schule geschickt, wo er bei seinem Oheim, einem Kantor, im Hause wohnte. Hier geriet er mit andern wilden jungen Leuten in Verbindung; man wachte nicht sorgfaltig genug uber seine sittliche Auffuhrung; sein Kopf war voll von Erwartungen sonderbarer Abenteuer; es dauerte ihm zu lange, ehe sich eine Aussicht zeigte, die Traumereien seiner Kindheit realisiert zu sehen; es wurde nun immer ernstlicher davon geredet, dass er sich den theologischen Wissenschaften widmen sollte; das Ding gefiel ihm nicht; er geriet uber einige Reisebeschreibungen, die ihm die Lust einflossten, fremde Lander zu sehen; er fing an zu glauben, Weimar sei wohl nicht der Ort, wo er die grosse Josephs-Rolle wurde spielen konnen, und da ihn die Abenteuer nicht suchten, so beschloss er, sie aufzusuchen. In dieser Stimmung wurde er durch einen andern jungen Menschen bestarkt, der ihm den Plan entwerfen half, fortzulaufen und mit ihm auf gutes Gluck in die weite Welt zu gehen. Hierzu kam, dass er ein wenig zu bekannt mit des Herrn Kantors Tochter geworden, woraus Folgen entstanden waren, die bald sichtbar werden mussten und die ihn in grosse Verlegenheit setzten. In diesem Punkte ahmte er also seinem agyptischen Helden nicht nach, der sich bei Madam Potiphar ganz anders betragen hatte; allein das hielt ihn nicht ab zu glauben, er konne wenigstens im ubrigen sein Vorbild erreichen. Er ging also fort, und um die Leser nicht mit einer weitlauftigen Beschreibung seiner Wanderschaften zu ermuden, will ich davon nur das Hauptsachlichste erzahlen.
Joseph Wurmbrand erlebte, was jedem leichtsinnigen Knaben begegnen muss, der, ohne zu wissen wohin und ohne alle Erfahrung, in die Welt hinein lauft. Dass man wohl tue, sich mit Gelde zu versehen und einen bestimmten Plan zu entwerfen, bevor man einen solchen Schritt wagt, daran hatte der junge Herr sowenig wie sein Reisegefahrte gedacht. Einige Tage lag es ihnen nur am Herzen, ihre Tritte zu beschleunigen, weil sie furchteten, man mochte ihnen nachsetzen. In dieser Zeit nun waren sie bis an die preussische Grenze gekommen, fuhlten sich aber so ermudet und, da sie indes fast gar nichts genossen hatten, einer guten Mahlzeit so bedurftig, dass sie sich entschlossen, hier haltzumachen, sich mit Speise und Schlaf zu erquicken und inter pocula miteinander zu beratschlagen, wohin nun eigentlich die Reise gehen sollte. Ein einsam liegendes Wirtshaus ladete sie eines Abends ein, hier Quartier zu nehmen. Sie fanden darin, ausser dem dicken einaugigen Gastwirte und seinem buckligen Weibe, noch zwei grosse, starke Kerle um den Tisch herum sitzen, die zuvorkommend freundlich gegen sie waren und mit denen sie bald in allerlei vertrauliche Gesprache gerieten. Dabei liessen sie sich zu essen und zu trinken geben.
Die beiden Fremden notigten sie, ein paar Glaser Wein mit ihnen auszuleeren, wobei unsre jungen Abenteurer treuherzig genug waren, ihre Geschichte zu erzahlen, namlich: wie sie, um sich dem Schulzwange und dem ewigen Einerlei einer sitzenden Lebensart zu entziehen, sich mit der Absicht auf den Weg gemacht hatten, die Welt zu sehen, und dass es nun ihr Plan sei, nach Holland zu reisen und dort, weil sie doch im Schreiben und andern nutzlichen Kenntnissen erfahren waren, sich zu bemuhen, auf einem Schiffe, das zu einer grossen Reise bestimmt ware, als Schreiber oder dergleichen angesetzt zu werden. Die ubrige Gesellschaft lobte diesen Entschluss, und weil es indes spat geworden war und die beiden jungen Leute sich ungewohnlich schlafrig fuhlten, so wurde Anstalt zu einer Streue gemacht, auf welcher Joseph mit seinem Gefahrten und bald nachher auch ihre neue Bekannte Platz nahmen.
Es war schon heller Tag, als mein Herr Vetter von seinem festen Schlafe erwachte; er rief seinem Freunde, aber niemand antwortete; er stand auf, fragte den Wirt und die Wirtin, wo denn die andern waren, und bekam zur Antwort, dass sie das nicht wussten. Schon vor Tage habe einer von ihnen die Magd geweckt, habe die Zeche fur sie alle bezahlt und sei weitergereiset; vermutlich sei der junge Mensch mit den beiden Mannern gegangen. Sowenig dies nun mein Herr Vetter begreifen konnte, so blieb ihm doch nichts ubrig, als sich in Geduld zu fassen. Vergebens wartete er bis zum Mittage auf die Zuruckkunft seines Freundes; er erschien nicht, und Joseph musste sich entschliessen, einsam seine Reise fortzusetzen. Er liess sich den nachsten Weg, der auf die hollandische Heerstrasse fuhrte, beschreiben, nahm sein Bundelchen und ging fort.
Unterwegens gesellte sich ein Mann zu ihm, mit dem er bald eine Unterredung anfing und dem er den ihn betroffenen Unfall klagte. Der Mann schien grossen Anteil an der Sache zu nehmen und erklarte ihm zugleich, wie es damit zugegangen ware. Er sagte ihm, dies Wirtshaus sei eine Herberge fur preussische Werber und die beiden gestrigen Gaste seien dergleichen gewesen; er wisse auch recht wohl, wie es diese Herrn machten. Sehr wahrscheinlich hatten sie ihm und seinem Freunde einen Schlaftrunk in den Wein geschuttet, dann in der Nacht den jungen Menschen von der Streue aufgenommen, auf einen Wagen gelegt und waren mit ihm nach Magdeburg gefahren. Dies war auch in der Tat also geschehen, und was meinen Vetter von einem gleichen Schicksale gerettet hatte, war der Umstand gewesen, dass er nicht sehr ansehnlich von Figur ist, dahingegen der andre ein schlanker, hubscher Pursche war. Der ehrliche Mann beschloss seine Rede mit der ziemlich bekannten Anmerkung, dass es allerorten bose Leute gebe und dass ein junger Mensch sich auf Reisen sehr in acht nehmen musste.
Schon am folgenden Morgen hatte Joseph Gelegenheit, die Wahrheit und Wichtigkeit dieser Bemerkung zu fuhlen; denn nachdem er mit seinem neuen Bekannten in einem kleinen Stadtchen ubernachtet hatte und nun weiter seiner Strasse ziehen wollte, fand sich's, dass der Fremde vorausgegangen war und, teils um ihn von der Last zu befreien, gar zu schwer tragen zu mussen, teils um seine Lehre von der Vorsichtigkeit auf Reisen ihm anschaulicher zu machen, sein Bundel mitgenommen hatte.
Das war denn ein harter Schlag fur meinen armen Herrn Vetter; denn das Packlein enthielt seine besten Sachen an Wasche, silbernen Schnallen und dergleichen, und nun hatte er, ausser der Kleidung, die er auf dem Leibe trug, und einem halben Taler barer Munze, nichts im Vermogen, das ihm hatte die Mittel verschaffen konnen, Holland zu erreichen. Er schritt also, traurig und unentschlossen, was er anfangen wollte, weiter. Indessen machte er es hier wie die mehrsten Menschen; denn er nahm sich jetzt, da es zu spat war und er nichts mehr zu verlieren hatte, vor, kunftig behutsamer zu sein.
Der halbe Taler, der Josephs ganzen Reichtum ausmachte, war nun auch bald ausgegeben, und so blieb ihm denn, nach einigem Kampfe zwischen seinem hungrigen Magen und dem Ehrgeize, nichts ubrig, als mitleidige Menschen um einen Zehrpfennig anzusprechen. In dieser Lage wunschte er wohl freilich zuweilen, dass irgendeine reiche Madam Potiphar ihn in Versuchung fuhren mochte; allein so gut wurde es ihm nicht; doch bettelte er sich, mit ziemlichem Anstande und Erfolge, noch einige Tage lang weiter.
Ich habe vorhin gesagt, dass der jetzige Herr Notarius Wurmbrand, von dem hier die Rede ist, keine vorzuglich schone Leibesgestalt besasse. Hierdurch habe ich aber keineswegs eine nachteilige Schilderung von meinem Herrn Vetter entwerfen wollen. Im Gegenteil! er hat gewiss keine ganz gemeine Notariatsphysiognomie, und was ich jetzt erzahlen will, wird dies beweisen. Als er namlich auf dieser Wanderschaft einen westfalischen Edelmann um eine kleine Gabe ansprach, gefiel diesem Herrn seine Gesichtsbildung so vorzuglich, dass er ihm den Antrag tat, ihn als Lakaien zu sich zu nehmen. Des armen Josephs Erwartungen von seinem kunftigen Schicksale waren nun schon durch die ersten Widerwartigkeiten ziemlich herabgespannt, und so besann er sich denn nicht lange, ob er ein so gutiges Anerbieten annehmen sollte oder nicht.
Unter den westfalischen Edelleuten, sowie uberhaupt unter der deutschen auf ihren Gutern wohnenden Noblesse, gibt es, wie bekannt, ungemein viel feine, gebildete und gelehrte Manner. Sie nutzen die gluckliche Musse des Landlebens zu Ausbildung ihres Geistes, und da sie sehr wohl fuhlen, dass ein blosser Stammbaum noch nicht beweiset, dass der Abkommling von sechzehn adelig gebornen Personen ein edler Mann und kein Tolpel sei, so suchen sie sich wirkliche Vorzuge des Geistes und Herzens zu erwerben und, durch Beforderung einer weisen Aufklarung und durch vaterliche Sorgfalt fur die armern Landleute, ihren Mitmenschen wahrhaftig nutzlich zu werden. Ja, in der Tat, so sind die deutschen Edelleute, und ich kann es nicht begreifen, wie manche Menschen das Gegenteil behaupten konnen. Ein solcher Mann war denn auch der Kavalier, der meinen Herrn Vetter zu sich nahm. Er besass eine grosse Buchersammlung, in vergoldetes Leder gebunden und mit seinem Wappen geziert, und da er fand, dass Joseph nicht ohne Kenntnisse und nicht ohne gute Anlagen zu weitrer Ausbildung derselben war, so verstattete er ihm den freien Gebrauch dieser Bibliothek, liess ihn auch nicht lange die Livree tragen, sondern nutzte ihn, als eine Art von Schreiber, zu Fuhrung seines Briefwechsels und zu andern Geschaften.
Hier lebte Herr Wurmbrand zwei Jahre lang, fand Gelegenheit, bei dem Prediger des Orts Unterricht in einigen Sprachen und Wissenschaften zu erlangen, befestigte sich aber, besonders durch Lesung vieler Reisebeschreibungen, immer mehr in dem Vorsatze, ferne Lander und Volker kennenzulernen.
Einstens erhielt der Edelmann Besuch von einem Professor aus Frankfurt an der Oder, der sehr stark in orientalischen Sprachen war. Dieser lernte meinen Vetter kennen, gewann ihn lieb und tat dem gnadigen Herrn den Vorschlag, er mochte ihm den jungen Menschen uberlassen, indem er fur seine weitern Studien und fur sein Fortkommen zu sorgen versprach. Der Herr Professor hatte grossen Einfluss an Hofen, den er auf edlere Art nutzte als wohl mancher andrer Professor der Philologie, den ich kenne. Der Edelmann willigte ein, und Joseph reisete mit dem Professor nach Frankfurt.
Drei Jahre brachte Herr Wurmbrand bei diesem Gelehrten hin, war sein Amanuensis, schrieb das, was dieser drucken liess, ins reine, ubernahm die Korrekturen, gab sich ein wenig mit Rezensieren ab, studierte aber und las dabei fleissig, was nicht jeder Rezensent tut, horte indessen nicht auf, seinen Wohltater zu bitten, er mochte ihn doch irgendeinem vornehmen Herrn, der eine weite Reise vorhatte, als Gesellschafter empfehlen, wozu man, wie billig ist, gern Leute wahlt, die sich auf orientalische Sprachen gelegt haben.
So standen die Sachen, als ein pommerscher Edelmann, welcher Deutscher Ordensritter war, sich eine Zeitlang in der dortigen Gegend aufhielt und sich an verschiedne Personen mit dem Anliegen wendete, sie mochten ihm doch einen geschickten Sekretar verschaffen; da dann mein Vetter, durch Vorsprache seines Beschutzers, diese Stelle erhielt.
Den in diesen Dingen etwa unwissenden Lesern dient zur Nachricht, dass der Deutsche Orden ein fur die Menschheit sehr nutzliches Institut ist. Der Hauptgegenstand der Bemuhungen desselben bleibt, seitdem seine Bestimmung am Heiligen Grabe wegfallt, die Ausrottung der Erbfeinde der Christenheit, der vermaledeieten Turken. Es ware wohl zu wunschen, dass andre, der Welt ebenso nutzliche Unternehmungen, zum Beispiel: die Erziehung der Jugend, die Beforderung der Wissenschaften, die Aufmunterung unterdruckter Talente, die Minderung der Not und Armut, der Sturz des Furstendespotismus und der Ungerechtigkeit, die Beschutzung der unterdruckten Hulflosen, die Ermunterung des echten Verdienstes und dergleichen, den Hauptzweck ebenso reicher und machtiger Gesellschaften ausmachen mochten doch vielleicht erleben wir auch das noch. Obgleich nun der Deutsche Orden mit der menschenfreundlichen Absicht, die Unglaubigen zu vertilgen, in den letztern funfhundert Jahren nicht sehr weit fortgeruckt ist, so muss doch jeder Ritter drei Feldzuge gegen die Turken tun, das heisst, er muss drei verschiedne Kampagnen hindurch bei irgendeiner Armee, die gegen den Erbfeind in Bewegung ist, sich aufhalten und sich's im Hauptquartiere wohl sein lassen. Der Orden hat auch Priester, die aber den Turken keinen Abbruch tun und, nach Priesterweise, statt gegen sie zu fechten, sie nur anathematisieren. Um Deutscher Ritter zu werden und Anspruch auf reiche Kommentureien machen zu durfen, muss man das Gelubde der Armut und auch die des Gehorsams und der Keuschheit, welche auf ebensolche Weise in Erfullung gebracht werden, eidlich ablegen.
Ein strenger Beweis von sechzehn echten Ahnen beurkundet die Wurdigkeit, in den Orden aufgenommen zu werden, welches mit kirchlichen Zeremonien geschieht, die, besonders einem Protestanten, gar sonderbar mitzumachen vorkommen mussten, wenn die Menschen nicht einmal daran gewohnt waren, Spielereien Feierlichkeiten zu nennen und das Alte ehrwurdig zu finden, wenn auch gar kein Sinn darin liegt.
Der Ritter, welcher den Herrn Wurmbrand zu sich nahm, war in der Jugend ein wenig zu kavaliersmassig erzogen worden; man hatte vergessen, ihn das Schreiben und Lesen gehorig zu lehren, und mein Herr Vetter war ihm also ein sehr nutzlicher Mann zu Fuhrung seines Briefwechsels. Da sich sonst keine Gelegenheit fand, wider die Turken zu Felde zu ziehen, so beschloss er, nach Malta zu reisen und mit den Galeeren, die jahraus, jahrein von dort aus auf die Kinder Muhameds Jagd machen, gegen die Unglaubigen zu kreuzen.
Gleich bei der ersten Expedition dieser Art, wenig Wochen nach ihrer Ankunft auf der Insel (mein Vetter wich seinem Herrn nicht von der Seite), hatten sie das Ungluck, einem barbarischen Seerauber in die Hande zu fallen, der sich, ohne grossen Widerstand, ihres Fahrzeugs bemachtigte und die ganze Equipage zu Gefangnen machte. Der Ritter schaffte in wenig Monaten ein ansehnliches Losegeld herbei und wollte auch seinen Sekretar loskaufen, allein der Korsar hatte den Herrn Wurmbrand so liebgewonnen, dass er ihn durchaus nicht wollte fahrenlassen. Hierzu trug nicht wenig meines Herrn Vetters Kenntnis der orientalischen Sprachen bei. Der Seerauber war ubrigens ein Mann von Kopf und von menschenfreundlichem Herzen. Er hielt und behandelte seinen Sklaven so wohl, dass dieser oft in Versuchung geriet zu glauben, man konne in der turkischen Gefangenschaft fast ebensoviel Freiheitsgefuhl schmecken als in den Diensten manches alten Edelmanns in Deutschland. Ali Muski (so hiess der Korsar) war ein deutscher Renegat, der, nachdem er in Europa lange genug von kleinen und grossen Despoten, Schelmen und Pinseln war herumgehudelt worden, sein Gluck zur See versucht hatte. Sein Schicksal hatte ihn nach Tripoli gefuhrt; er war einem billigdenkenden Manne in die Hande gefallen, hatte den Vorteil gehabt, diesem einst das Leben zu retten; wurde aus Erkenntlichkeit in Freiheit gesetzt; hielt es fur vernunftig, den Gottesdienst des Landes anzunehmen, und bekam von seinem ehemaligen Herrn einen Vorschuss, womit er anfing Handel zu treiben und Fahrzeuge auszurusten. Die Vorsehung begunstigte sein Unternehmen; er wurde reich; eigne Erfahrungen hatten ihn Mitleiden mit fremdem Kummer gelehrt; er behandelte seine Sklaven mit Milde und Schonung, hatte Sinn fur fremden Wert und Dankbarkeit fur erwiesene Dienste.
Ali Muski hatte ein wichtiges Geschaft in Kairo zu besorgen; dies trug er meinem Vetter auf, der es zu seiner Zufriedenheit ausrichtete und zum Preise seiner Bemuhung die Freiheit erhielt.
Nun erwachte in Josephs Kopfe der Gedanke, in diesen Weltgegenden die Rolle zu spielen, von welcher er in seinen Kinderjahren so schon getraumt hatte. Er fand, dass unter den Menschen, welche wir Rauber und Barbaren nennen, wohl ebensoviel Treue und Glauben herrschen als in unsern sogenannten verfeinerten burgerlichen Verbindungen; er beschloss also, in Afrika zu bleiben, wo man ihn wenigstens nicht zwang, Candidatus Theologiae zu werden. Er kleidete sich nach Landessitte, und was die Religion betraf, so war der Renegat billig genug, von ihm nicht zu fordern, dass er seinem Beispiele folgen sollte. Ali Muski versicherte ihn, dass, wenn er sich nur enthielte, gegen die herrschenden Meinungen und Gebrauche zu eifern, so konnte er ungestort bei seinem Luthertume bleiben.
Jetzt kam es nur darauf an, einen Plan fur die Zukunft zu entwerfen. Handel zu treiben, wozu ihm Ali Muski gern Geld vorgestreckt haben wurde, war seine Sache nicht; und der Gedanke, in einem von den unzahligen grossen afrikanischen Reichen eine wichtige Rolle zu spielen, blieb immer herrschend bei ihm, zu welchem Endzwecke er denn die koptische Sprache und die von Tigre oder Geez und die amharische fleissig studierte. Im Arabischen war er schon geschickt.
Indessen fugte es sich, dass er bald noch eine Reise nach Kairo, in Geschaften seines ehemaligen Gebieters, zu machen hatte. Er traf dort einige Abyssinier an, die ihm so viel Gutes von ihrem Vaterlande sagten, dass er, nachdem er vorher in Tripoli Ali Muski Rechenschaft von seinen Verhandlungen gegeben hatte, sich entschloss, nach Gondar zu gehen und dort sein Gluck zu versuchen. Da er, der Kleidung und Sprache nach, vollig wie ein Muselman aussah, so hatte er auf der Reise nichts zu furchten; allein sein Wohltater erwies ihm noch die Grossmut, dafur zu sorgen, dass es ihm nicht an Gelde oder vielmehr an wollnem Zeuge fehlte, welches in Abyssinien statt der Silbermunze gebraucht wird, und dass der Bassa von Agypten ihm eine Bedeckung von Sklaven und so dringende Empfehlungsschreiben an die Nayben oder Statthalter an der Grenze mitgab, dass mein Herr Vetter in der Tat in jenen unbekannten Landern allerorten so freundlich aufgenommen und bewirtet wurde als ein junger Gelehrter in Deutschland, der, um die schonen Franzbande der offentlichen Bibliotheken und die Studierzimmer der Bucherschreiber zu beaugeln, versehen mit einem Firman oder mit einem Hirtenbriefe von irgendeinem Stimmfuhrer in der Literatur, seine Wanderschaft mit dem Postwagen von Zurch bis Kiel oder von Wien bis Bonn antritt.
Da indessen die Turken vom festen Lande Abyssiniens vertrieben sind, so war es notig, gleich bei seiner Ankunft in Adova, der Hauptstadt von Tigre, fur einen koptischen Christen zu gelten. Ubrigens versah er sich mit einigen einfachen Arzeneimitteln und gab sich fur einen Medikus aus, welches, so unwissend er auch in dieser Wissenschaft war, in den dortigen Gegenden, wo die Heilkunde eben keine grosse Fortschritte gemacht hatte, durch Hulfe der den europaischen Scharlatanen abgelernten Windbeuteleien sehr leicht auszufuhren war.
Auf diese Weise kam er glucklich nach Gondar, der Residenz des Konigs von Abyssinien, wurde dem Monarchen vorgestellt, hatte das Gluck, demselben einige Wurmer abzutreiben und ihn, durch Gebrauch einer Merkurialsalbe, von dem Aussatze zu befreien zwei der gewohnlichsten Krankheiten in diesen afrikanischen Landern, die aber unter unsern europaischen Fursten noch nicht eingefuhrt sind , und kam durch diese Kur zu hohen Ehren.
In seinem Glucke nun erinnerte er sich seiner Verwandten in Deutschland, und ich bekam im Jahre 1766 einen Brief von ihm, wovon ich im folgenden Kapitel Rechenschaft geben werde.
Drittes Kapitel
Der Verfasser erlebt unangenehme Schicksale in
Goslar und reiset zu seinem Herrn Vetter nach
Abyssinien
Ich habe vorhin erzahlt, dass ich nebst meiner Mutter eine kleine Wohnung in Goslar bezog, um dort mit ihr, so gut es gehen wollte, zu leben; allein neue Widerwartigkeiten trafen mich ohne Unterlass. Im ersten Jahre wollte es mit meiner Praxis gar nicht fort. Bei den kleinen Zwistigkeiten unter den Burgern, Bauern und Bergleuten war wenig Geld zu verdienen; ich verstand die eigentliche Advokatenkunst nicht, klare Sachen dunkel zu machen, friedliebende Leute vom Vergleiche abzuhalten, wenig Sachen mit viel Worten zu sagen und dann meine Schriften nicht nach der Wichtigkeit der Arbeit, sondern nach der Anzahl der unnutz vollgeschriebnen Bogen mir bezahlen zu lassen; ich nahm von armen Leuten kein Geld, und reichre wendeten sich nicht an mich, sondern an irgendeinen alten Advokaten, der schon, durch vieljahrigen Besitz, sich das Recht erworben hatte, ein Organ der Schikane zu sein und dasjenige in seinen Beutel zu spielen, woruber sich zwei andre Leute zankten. Zu Anfange des andern Jahrs geriet endlich ein etwas wichtigrer Prozess in meine Hande, allein ich musste in dieser Sache nach Wetzlar appellieren das hiess denn, in gewissem Sinne, fur die Ewigkeit arbeiten, brachte aber kein Geld ein. Der Reichskammergerichtsassessor, in dessen Hande die Akten fielen, legte sie zu den ubrigen hundertundfunfzig Prozessen, aus denen er Relationen schuldig war; und jetzt, nach funfundzwanzig Jahren, da ich dieses schreibe, werden sie noch wohl an demselben Platze liegen, wenn die Parteien nicht etwa Mittel gefunden haben, durch Sollizitieren einige Beschleunigung auf Unkosten andrer, vielleicht noch angstlicher nach Recht und Gerechtigkeit Seufzenden, zu bewirken.
Es ging also sehr schlecht mit meiner Einnahme, und die Ausgaben hingegen vermehrten sich, da meine Mutter erkrankte und nach dreimonatlichem Leiden starb. Ich musste unser kleines Kapitalchen angreifen und war in der Tat in der traurigsten Lage, als ich von meinem Herrn Vetter den obenerwahnten Brief erhielt, dessen Inhalt ungefahr folgender war: Er sei, nach mancherlei erlebten Schicksalen, nach Abyssinien geraten und habe jetzt die Ehre, daselbst erster Staatsminister des Konigs oder grossen Negus zu sein, den wir irrigerweise den Priester Johannes nennten. Dieser Monarch nun beglucke ihn mit seiner vorzuglichen Gunst, habe auf seinen Rat verschiedne gute Einrichtungen, nach dem Muster der europaischen Staaten, in seinem weitlauftigen Reiche gemacht und wunsche, noch mehr Europaer dahin zu ziehen, auch Bucher, Maschinen und andre Dinge, wovon das Verzeichnis hiebei erfolge, aus unserm Vaterlande zu erhalten. Er, der Herr Minister, habe diese Gelegenheit, mich glucklich zu machen, nicht entwischen lassen wollen, da ich von den Personen seiner Familie der einzige Mann sei, von dem er glaubte, er konne ihn in seinem grossen Vorhaben unterstutzen. Mein Herr Vetter bat mich daher, mich auf die Reise nach Afrika zu machen, schrieb mir den Weg vor, den ich nehmen sollte, schickte mir die notigen Adressen, fur die verschiednen Handlungsplatze nebst den Anweisungen, wo ich das Geld zur Reise und zu Anschaffung der Bucher und andern Sachen, die ich mitbringen sollte, heben konnte, versicherte mich der besten Aufnahme, seiner hohen Protektion und versprach mir ein glanzendes Gluck, das meine Erwartungen weit ubertreffen wurde. Ubrigens kam mir die Auswahl der Bucher, welche ich anschaffen sollte, sonderbar genug vor; ich werde in der Folge wohl noch etwas daruber zu sagen haben, wenn ich von dem Grade der Aufklarung rede, zu welchem ich den Hof des grossen Negus durch meines Herrn Vetters Bemuhungen erhoben fand.
Der Vorschlag, den mir Joseph Wurmbrand tat, hatte in meinen durftigen Umstanden viel Anlockendes. Ich bekenne zwar, dass es meinen Stolz ein wenig emporte, die bessern Aussichten, welche mir derselbe eroffnete, weniger meinen eignen Verdiensten als der Vetterschaft des Herrn Ministers zu danken zu haben. Der Nepotismus war mir stets ein Greuel gewesen; allein die Not wurde bei mir dringender. Die Begierde, fremde Lander zu sehen, war denn auch noch immer bei mir sehr lebhaft geblieben, und obgleich mein Vetter ein wenig aus einem hochtrabenden Tone von der Wohltat sprach, die er mir zu erweisen dachte, so war es doch auch sehr bemerklich, dass er meiner zu Ausfuhrung seiner dortigen Plane bedurfte, und es blieb mir ja noch die Erwartung ubrig, dass ich selbst mich vielleicht bei dem Konige durch eigne Geschicklichkeit in Gunst setzen konnte, besonders im juristischen Fache, wenn es mit der Aufklarung in Abyssinien schon so weit sollte gekommen sein, dass man dort Prozesse fuhrte.
Ich erschien nun in meiner besten Kleidung, die, im Vorbeigehen zu sagen, in einem leberfarbenen Rocke mit gelben Knopfen und einer blauen Weste mit Silber bestand, vor dem Magistrate in Goslar und hielt eine lange Rede, in welcher ich feierlich meinem Burgerrechte entsagte und den hochweisen Herrn anzeigte, dass ich meine Vaterstadt auf immer verlassen wurde. Der hohe Magistrat schien dies als eine sehr unwichtige Sache anzusehen, und einige von den Gliedern desselben verwiesen es mir, dass ich mit dieser feierlichen Anzeige einer so unbedeutenden Begebenheit ihre Aufmerksamkeit gespannt und sie von der Mittagstafel abgehalten hatte. "Und wo geht denn die Reise hin?" fragte der regierende Burgermeister. Da erzahlte ich denn, dass ich von dem Konige in Abyssinien, durch seinen Minister, der mein Herr Vetter ware, sei eingeladen worden, dorthin zu ziehen und ein wenig an dem Aufklarungswesen mitzuarbeiten. Weil nun die Herren vom Magistrate nicht sehr erfahren in der Geographie waren und in den Zeitungen nie etwas von einem solchen Konige gelesen hatten, so hielten sie meine Erzahlung fur eine Fabel, glaubten, ich wollte sie zum besten haben oder sei narrisch geworden, und gaben mir deswegen die ernstliche Weisung, sie mit meinen Torheiten zu verschonen. Allein nach einem paar Tagen erschienen in Goslar zwei agyptische Kaufleute, welche meinem Herrn Vetter versprochen hatten, mich abzuholen. Sie waren von einigen teils schwarzen, teils braungelben Sklaven begleitet und erregten unter dem Pobel gewaltigen Auflauf.
Nun sahen die Herren vom Rate wohl, dass es mit der Einladung nach Abyssinien seine gute Richtigkeit hatte, und dies versetzte das ganze Publikum in Goslar in eine sehr verschiedne Stimmung. Einige, die bisher den armen Advokaten Noldmann nicht der geringsten Aufmerksamkeit gewurdigt hatten und die zu der Klasse von Menschen gehorten, welche jedes fremde Gluck beneiden, sie mogen selbst darauf Anspruch machen wollen oder nicht, erlaubten sich hamische und spottische Bemerkungen uber diesen Vorfall, bemuheten sich, mich auf alle Weise zu verkleinern und mein Vorhaben lacherlich zu machen. Andre, aus denen das Hauflein der in allen grossen und kleinen Staaten zu findenden Unzufriednen bestand, denen die Regierung nichts recht machen kann, suchten, sowenig sie auch von mir und meinen Verdiensten wussten, diese Gelegenheit zu nutzen, um laut daruber zu schreien, dass der Magistrat, welcher es, wie sie sagten, zur Schande der Republik Goslar, immer also mache, hier nun wiederum einen geschickten und fahigen Mann, den ein grosser Konig mit offnen Armen aufnehme, aus dem Lande gehen liesse. Die Andachtigen und Schwachen an Geist, von der Geistlichkeit gestimmt, verfehlten nicht, bei dieser Veranlassung ihren Eifer fur die Religion zu zeigen, indem sie riefen, es sei ein Greuel, dass ein christlich geborner Einwohner in Goslar sein Vaterland und die Gemeine verliesse, um bei verdammten Heiden, Turken und Mohren zu leben und sein Seelenheil zu verscherzen. Der grosste Teil des Magistrats aber wollte gern die Ehre, welche mir widerfuhr, auf die Stadt lenken. Man beschloss, mir aufzutragen, dem Konige von Abyssinien, im Namen der Reichsstadt, zu danken fur die Ehre, welche er einem ihrer Burger erwiese, Seine Majestat um ferneres gutes Vernehmen mit der Republik Goslar und, bei etwa entstehendem Kriege, um Schutz und Beistand zu bitten. Ich hatte Muhe zu verhindern, dass man mir nicht, zum Geschenke fur den Konig, einige Kruge des besten Goslarschen Bieres mitgab; und acht Tage nachher las man in der Braunschweigschen Zeitung einen Artikel des Inhalts: Es habe Seine Majestat der Konig von Abyssinien die Freie Reichsstadt Goslar durch eine eigne Deputation ersuchen lassen, ihm aus ihren Mitteln einen geschickten Rechtsgelehrten zu senden, der das dortige Justizwesen auf einen soliden Fuss bringen sollte, und habe der hochweise Magistrat, um diesem koniglichen Verlangen ein Gnuge zu leisten, den Advokaten Herrn Benjamin Noldmann dahin abgehen lassen.
Ich machte mich indessen mit meinen Reisegefahrten auf den Weg und will nun uber den Verfolg meiner Begebenheiten in den nachstehenden Kapiteln Bericht erstatten.
Viertes Kapitel
Benjamin Noldmanns Abreise von Goslar am Harz,
um nach Gondar in Abyssinien zu gehen, nebst den
Nachrichten von seiner Audienz bei dem Kaiser von
Marokko
Auf meiner Reise zu Lande bis Stade begegnete mir nichts Merkwurdiges, als dass in den Stadten und Dorfern zwischen Goslar und jener Stadt Kinder und erwachsene Leute hinter uns herliefen, weil die schwarzen und braunen Gesichter meiner Begleiter ihnen sehr auffallend waren. Von da mussten wir zu Wasser nach Plymouth gehen, weil ich dort verschiedne englische Ware einzukaufen hatte. Dort wurden wir bald nachher wieder eingeschifft und erreichten, ohne widrige Vorfalle, die Kanarischen Inseln.
Mein Herr Vetter war so sorgsam gewesen, mir einen geschickten Sprachmeister zu senden, und ich wendete die ganze Zeit, die wir auf der Nordsee, auf dem Atlantischen und nachher auf dem Mittellandischen Meere zubringen mussten, dazu an, mir die gehorigen Kenntnisse zu erwerben, um wenigstens nicht ganz unwissend in den Sprachen der Lander zu sein, in denen ich nun kunftig leben sollte.
In Madeira fand ich das Schiff, welches mich nach Marokko fuhren sollte. Dass wir dazu mit den notigen Passen versehen waren, versteht sich von selber; ich hatte aber einen wirklichen Auftrag an dem marokkanischen Hofe von dem Konige in Abyssinien auszurichten. Mein Herr Vetter wollte, dass ich hier die erste Probe ablegen sollte, ob ich zum Staatsmanne taugte, und der Zweck meiner Gesandtschaft war, Seiner Kaiserlichen Majestat ein Bundnis anzubieten und zugleich mit dem braunen Monarchen einen Handlungstraktat zu schliessen.
In dem Schiffe fand ich eine vollstandige afrikanische Garderobe fur mich, und sobald wir die Kanarischen Inseln aus den Augen verloren hatten, vertauschte ich meinen braunen Rock und die blaue Weste mit einer prachtigen abyssinischen Kleidung. Mein Herr Vetter hatte von mir verlangt, dass ich meiner Bierbrauers-Genealogie nicht Erwahnung tun, sondern mich fur einen deutschen Kavalier von altem Adel ausgeben sollte. Es tat mir weh, dass ich mir eine solche Luge erlauben musste, und ich seufzte daruber, dass auch in Abyssinien die Abstammung eines Menschen, die doch weder personlichen Wert gibt noch personliche Unvollkommenheiten tilgt, fur etwas Wesentliches gelten sollte; weil es nun aber einmal erfordert wurde und ich so wohlfeil dazu kommen konnte, ohne die gewohnlichen Gebuhren zu bezahlen, so reisete ich als ein Edelmann von Madeira ab.
Unter den Buchern, deren ich im vorigen Kapitel Erwahnung getan habe und die ich mit nach Gondar bringen sollte, hatte mir der Minister von Wurmbrand auch den Titel des sehr interessanten grossen Werks aufgeschrieben, welches der Freiherr von Moser in Quarto herausgegeben hat und das die Beantwortung der wichtigen Frage enthalt, ob die Gesandten vom zweiten Range den Titel Exzellenz fordern durfen oder nicht. Dies schatzbare Buch war, so wie noch ahnliche andre, welche Gegenstande des Staatsrechts abhandeln, die einen betrachtlichen Einfluss auf die Wohlfahrt des Heiligen Romischen Reichs haben, eigentlich zu meinem Gebrauche mitgenommen worden, indem ich daraus den notigen Unterricht erhalten sollte, wie ich es anzufangen hatte, meiner eignen und des allergnadigsten Konigs Ehre an dem marokkanischen Hofe nichts zu vergeben. Sobald ich daher im Hafen Mazagan angekommen war, schickte ich meinen Dolmetscher voraus nach Marokko, um vorlaufig jeden kleinen Punkt des Zeremoniells bei meiner feierlichen Audienz ins reine bringen zu lassen. Nun gingen fast taglich Kuriere hin und her zwischen Mazagan und Marokko; die dortigen Zeitungsschreiber urteilten, es mussten am Hofe ausserst wichtige Dinge verhandelt werden, um so mehr, da binnen den sechs Wochen, die ich im Hafen zubrachte, um uber jene Punkte bestimmte Erklarung zu erhalten, alle, auch die wichtigsten einlandischen Geschafte im marokkanischen Ministerio liegenblieben. Anfangs begnugten sich die offentlichen Blatter, nur oft wiederholt zu erzahlen, es sei schon wieder ein Kurier durchpassiert, von dessen Ausrichtung man nichts wisse. Als aber dem Publiko die Zeit zu lange dauerte und ich die strengste Verschwiegenheit beobachtete, erfanden die Zeitungsschreiber allerlei zuverlassige Nachrichten von bevorstehenden Kriegen und Landertausch, bis endlich die ganze Sache klar wurde. Man erlaubte sich namlich am Hofe des Kaisers von Marokko die unerhorte Anmassung, zu fordern, der abyssinische Gesandte sollte in des Kaisers Gegenwart durchaus sich nicht unterstehen zu niesen. Nun hatte ich aber nicht nur, durch Verkaltung auf der Reise, einen ungeheuern Schnupfen bekommen, sondern es stand auch bestimmt in meiner Instruktion, dass ich auf diesem hochst wichtigen Punkt, weswegen schon einmal ein zehnjahriger Krieg war gefuhrt worden, mit aller Beharrlichkeit bestehen sollte. Es gluckte mir endlich, durch ernstliche Bedrohung, dass man wieder zu den Waffen greifen wurde, nicht nur die Freiheit zu erlangen, bei Hofe ungehindert zu niesen, sondern auch, dass man mich von dem argerlichen Zeremoniell befreiete, wahrend der Audienz eine Pomeranze im Munde zu fuhren. Da indessen mein Katarrh vorubergegangen war und ich mich doch in den Besitz des Rechts zu niesen setzen wollte, so versah ich mich mit dem grunen Schneeberger Schnupftobake, der auch solche Wirkung hervorbrachte, dass daruber ein grosser Teil der schonen Reden verlorenging, die bei dieser Gelegenheit gehalten und verdolmetscht wurden.
Ich verschone die Leser mit Beschreibung meines feierlichen Einzugs und schweige uber den ubrigens sehr glucklichen Erfolg meiner Verhandlungen am marokkanischen Hofe, als welche, wie billig, ein Geheimnis bleiben mussen; dagegen aber will ich einiges von der Person des Kaisers, von dem Lande selber und von einem sehr interessanten Gesprache, das ich mit Seiner Majestat fuhrte, hier erzahlen.
Der damalige Kaiser von Marokko war ein stattlicher, korpulenter Herr, der einen vortrefflichen Appetit bei Tafel hatte und die Frauenzimmer ungemein liebte. Die Zeit, welche er diesen beiden Gegenstanden widmete, erlaubte ihm nicht, sich sehr viel um Regierungsgeschafte zu bekummern. Diese waren deswegen ganzlich den Handen seines Premierministers uberlassen, der ein Jude und ein wenig schmutzig in seinem Ausserlichen war. Der Kaiser schien, wenn ich die wenigen Stunden zwischen dem Fruhstucke und der Mittagsmahlzeit ausnehme, fast immer schlafrig und abgespannt zu sein, und dann begegnete es ihm wohl, Gesprache zu fuhren, die man bei einem Privatmanne ausserst albern finden wurde, welches aber bei einem grossen Herrn der Fall nie sein kann. Mitunter kam indessen auch wohl einmal etwas in seinen Reden vor, das nicht ohne Vernunft war, und dann pflegte er dies einigemal zu wiederholen und zu erwarten, dass man ihm daruber eine Schmeichelei sagte. Eines Morgens war ich nebst meinem Dolmetscher und dem Oberzeremonienmeister bei dem Kaiser allein, und da fiel folgendes Gesprach unter uns vor:
KAISER: Das Europa, wo du zu Hause bist, mein lieber Gesandter, mag ein ganz hubsches Landchen sein; es ist schade, dass es nicht einem einzigen Herrn gehort.
OBERZEREMONIENMEISTER: Und einem so weisen Monarchen, als Euer Majestat sind.
KAISER: Halte jetzt dein Maul! Ich rede mit dem Gesandten. Wenn ich einmal des Nachmittags auf dem Ruhebette liege, so sollst du mir dergleichen vorsprechen. Also, was ich sagen wollte! Furchten sich eure Konige und Fursten nicht, dass ich sie einmal absetze?
ICH: Man kennt die edle Denkungsart Euer Majestat, rechnet auf die Vertrage und Friedensschlusse und dann auch ein wenig auf die weite Entfernung.
KAISER: Lass sehen! Was sagtest du? Es war viel auf einmal, aber ich kann es noch alles zusammenbringen. Man rechnet auf die Entfernung? Ja, man kennt mich noch nicht; wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe, so muss das gehen, und wenn es auch noch soviel Schwierigkeiten hat. Meine edle Denkungsart? Nun! das ist etwas. Ja, wenn man mich nicht in Zorn bringt, so geht alles gut. Aber was die Vertrage betrifft, Herr Gesandter, so lasse ich mich darauf mit den europaischen Fursten nicht ein, weil sie unter sich selber auch nicht Wort halten. Wenn meine Schiffe fremden Fahrzeugen begegnen, und sie haben Lust dazu, so nehmen sie sie weg, und damit Punktum!
ICH: Aber, allergnadigster Kaiser, doch nicht, wenn diese fremden Fahrzeuge solchen Machten gehoren, mit denen Euer Majestat Frieden haben?
KAISER: Gesandter! Du hast den Sinn meiner Worte nicht begriffen. Ich schliesse mit keinem europaischen Konige Frieden, weil sie ihn doch nicht halten, sobald sie glauben, dass sie ungestraft nehmen konnen. Plundern sie sich doch selber einer den andern und nehmen sich Lander weg, die ihnen sowenig zugehoren als mir deine Nase!
ICH: Euer Majestat halten zu Gnaden! Wenn einer unsrer Konige in die Notwendigkeit versetzt wird, seinem Nachbar den Krieg anzukundigen
KAISER: Dein Wort in Ehren! aber ich sehe es nicht ein, wie dabei eine Notwendigkeit eintreten kann doch nur weiter!
ICH: Dann lasst er, durch einen geschickten Rechtsgelehrten, eine Deduktion verfertigen
KAISER: Was ist das fur ein Ding?
ICH: Das ist eine Schrift, darin bewiesen wird, dass dieser Konig ein Recht auf diese oder jene Provinz habe.
KAISER: Ich mochte, bei meiner Seele! wohl einmal sehen, wie man es anfangt, wenn man beweisen will, dass irgendein Mensch oder irgendein Volk auf irgendein Stuck der Welt ein andres Recht habe als das, was ihm die Starke gibt. Aber lass horen! Wird nun der andre dadurch uberzeugt? Und wenn er es nicht wird, wer entscheidet dann? Wer ist Richter?
ICH: Der Gegenteil schreibt gleichfalls eine Deduktion, und dann greifen sie zu den Waffen.
KAISER: Das ist eine dumme Einrichtung. Was kann die unnutze Schmiererei helfen, wenn man sich einmal vorgenommen hat, seinem Kopfe zu folgen? Ist es nicht viel ehrlicher gehandelt, wenn man grade zugreift und hinnimmt, ohne den andern mit Heucheleien zu betriegen? Ist es nicht ehrlicher gehandelt, gar keinen Frieden zu versprechen, wenn man voraus weiss, dass einmal das, was du Notwendigkeit nennst, uns bewegen kann, uber den Nachbar herzufallen? Wer halt da mehr Treue und Glauben, ihr oder wir? Aber ohne alle diese unnutzen Versicherungen lassen wir unsre Nachbarn in Ruhe, und nur die falschen Europaer glauben wir nicht schonen zu durfen, weil sie unsrer nicht schonen. Wenn wir uns auf ihre Bundnisse und beschwornen Frieden einliessen, so wurden sie auch bald gegen uns mit ihren Deduktionen, oder wie die Dinger heissen, angezogen kommen. Jetzt halt die Furcht sie bestandig im Zaume, weil sie wissen, dass mit uns nicht zu scherzen ist.
Ich sahe wohl, dass ich den mohrischen Kaiser nicht uberzeugen konnte, und schwieg also, da ich ohnehin in Marokko nicht als ein Europaer, sondern als abyssinischer Abgesandter erschien. Ubrigens gefiel es mir sehr gut an diesem Hofe, und ich kann nicht sagen, dass ich, wahrend meines zweimonatlichen Aufenthalts, die geringste Ungerechtigkeit ausuben gesehen hatte, sowenig gegen mich als gegen andre. Wenn die Seerauber die Sache mit dem wahren Namen nennen und kein anders Recht als das des Starkern respektieren, so erkennen sie doch zugleich die Pflicht des Machtigern, den Schwachern zu schutzen, und da sie wohl einsehen, welche Verwirrung daraus entstehen wurde, wenn kein Privatmann sicher sein konnte, die Fruchte seines Fleisses einzuernten, so ist das wahre, selbst erworbne Eigentum, ohne geschriebne Gesetze, durch Herkommen heilig und gesichert, ausser unter den herumziehenden Horden.
Die Konigreiche Fes und Marokko haben einen Uberfluss an allem, was zur Annehmlichkeit des Lebens dienen kann; sie bestehen aus den schonsten, reizendsten Gegenden, in einem milden, gemassigten Himmelsstriche gelegen. Die Einwohner haben Verstand, Witz und Liebe zu den Wissenschaften mit einem Worte! ich bin uberzeugt, dass, wenn unsre europaischen Majestaten hoffen durften, mit einigem Erfolge die Sache betreiben zu konnen, man schon langst einem Professor aufgetragen haben wurde, in einer grundlichen Deduktion das Recht zu beweisen, sich in Seiner Marokkanischen Majestat Provinzen zu teilen.
Ich genoss ausgezeichnete Achtung an dem Hofe dieses Kaisers und wurde reichlich beschenkt. Um dafur meine Dankbarkeit zu zeigen und die Ehre des koniglich abyssinischen Gesandten zu behaupten, kam ich auf den Gedanken, Seiner Majestat eine vollstandige europaische Kleidung zu Fussen zu legen. Ich suchte also meinen leberfarbnen Rock mit der blauen Weste, sodann Beinkleider, Hut, Schuhe, Hemd, Schnallen, Strumpfe, kurz, alles, was zu einem zierlichen Anzuge nach unsrer Weise gehort, hervor und liess mir dies aufs Schloss nachtragen. Der Kaiser hatte eine unbeschreibliche Freude bei dem Anblicke aller dieser Stucke und lachte uberlaut uber die Menge von Kleinigkeiten, mit allen Knopfen, Lappen, Ecken, Nahten und dergleichen, woraus diese Kleidung bestand, von welcher er behauptete, dass sie dem menschlichen Korper ein solches verschobnes, unformliches Ansehen gabe, dass, wer das zum ersten Male sahe, kaum wissen wurde, was fur eine Kreatur in diesem Flickwerke steckte. Er lachte so uberlaut, dass er fast erstickt ware, und statt, dass ich erwartet hatte, er wurde den europaischen Geschmack bewundern, erlebte ich die Demutigung zu sehen, dass Seine Majestat es gar nicht fur moglich hielten, dass ein Mensch im Ernst also gekleidet sein konnte. Ja, er befahl seinem Hofnarren, diesen leberfarbnen Rock, nebst Zubehor, jeden Mittag nach Tafel anzuziehen und also vor ihm zu erscheinen, damit er ihn aufs neue in lustige Laune versetzen und dadurch seine Verdauung befordern mochte. Indessen schien er doch grossen Wert auf dies Geschenk zu setzen. Ich beurlaubte mich, stieg nebst meinem Gefolge in Mazagan in ein Schiff, das ausdrucklich fur mich, und zwar aufs prachtigste, ausgerustet war. Eine Fregatte diente zu unsrer Bedeckung. Wir fuhren vor Gibraltar vorbei, hielten uns immer nahe an der barbarischen Kuste und stiegen in Tolomita, einem Hafen im Konigreiche Barkan, an das Land.
Funftes Kapitel
Fortsetzung des vorigen. Kurze Schilderung einiger
grossen afrikanischen Hofe, die der Verfasser bei
seiner Durchreise besuchte
Mein Herr Vetter hatte mir geschrieben, ich sollte von Barkan aus an der Grenze von Agypten hinauf und dann durch Nubien reisen, woselbst ich an den Hofen der Konige, die dem Monarchen von Abyssinien zinsbar sind, wichtige Geschafte zu besorgen hatte.
Es gehort nicht zu dem Plane meines Werks, eine weitlaufige Beschreibung dieser in der Tat sehr beschwerlichen Reise zu liefern; ich fand ubrigens, als ich nach Tolomita kam, dass man dort von Gondar aus alles so eingerichtet hatte, dass ich mir die moglichste Gemachlichkeit und Sicherheit auf meinem Wege versprechen konnte. Jetzt bedurfte ich nun auch kaum noch eines Dolmetschers, und so reisete ich denn mit meinen Leuten getrost langs dem Nil fort, der, in einer Entfernung von einigen Meilen, mir zur linken Seite hinfloss. Ich ritt auf einem Elefanten; hinter mir sass ein schwarzer Sklave, der mir, sooft mich durstete, in einem Becher Met oder Hydromel reichte, wovon ein grosser Vorrat in Schlauchen auf den Kamelen, welche meine Leute ritten, mitgefuhrt wurde. Was nicht aus einem Menschen werden kann! Wer hatte ein paar Jahre vorher denken sollen, dass der Advokat Benjamin Noldmann, der in Goslar kaum das liebe Brot hatte, jetzt, mit einem glanzenden Gefolge als Gesandter, an den afrikanischen Hofen herumziehen wurde?
Obgleich ich mir nun vorgesetzt habe, keine ausfuhrliche Schilderung von diesen Hofen zu liefern, so will ich doch im Vorbeigehen uber einige derselben etwas sagen; einst aber denke ich geographische, politische, statistische, kameralistische, philosophische, theologische, physikalische, medizinische und andre Bemerkungen uber Nubien und dessen Konige und Fursten herauszugeben. Da ich ein ganzes Jahr lang an den Hofen in Nubien herumgereiset bin, so habe ich Gelegenheit genug gehabt, diese Bemerkungen zu machen.
Der erste Konig, den ich sah, war der von Sennar. Er ist unumschrankt in seiner Macht, aber ganz blodsinnig. Bei der Audienz, welche ich bei ihm hatte, war er auf dem Throne festgebunden, weil ihn sonst zuweilen in der Narrheit die Grille anwandelte, den Gesandten oder andern Fremden auf die Schultern zu springen oder mit Gewalt einen Schleifer mit ihnen zu tanzen. Wie das Land unter dem Zepter eines solchen Monarchen regiert wird, das kann man sich leicht einbilden. Die Personen seiner Familie und die Grossen des Reichs reissen ihm diesen Zepter wechselsweise aus der Hand, suchen einer den andern zu sturzen; oft lasst ihn dieser etwas unterschreiben, das dem widerspricht, was jener eine Stunde vorher hat ausfertigen lassen; das Gluck der Untertanen ist ein Spielwerk der Kabale; Gunst und Gabe und Privatleidenschaften, Nepotismus, Rachsucht das sind die Triebfedern, und an ein festes System ist nicht zu denken.
Der Konig von Dequin war ein grosser Liebhaber der Fischerei. Zwei seiner schonsten Provinzen hatte er, mit ungeheuern Kosten, ausgraben und in Seen ummodeln lassen; ja, ein Schmeichler hatte ihm einst den Vorschlag getan, das ganze Reich in ein Meer zu verwandeln, auf demselben mit seinem Volke in grossen Schiffen herumzufahren und nur vom Fischfange zu leben; folglich ein ganzes neues schwimmendes Reich zu stiften und sich den Beherrscher aller Gewasser der Welt und deren Bewohner zu nennen. In seinen Schlossern hatte er in allen Zimmern grosse und kleine Teiche anlegen lassen. Da sass er denn mit seinen Lieblingen und Weibern, die Angelrute in der Hand, indes die Statthalter und Minister das Volk plunderten. Wollte dieses mit seinen Klagen bis zum Konige dringen, so gebot man ihm, unter furchterlichen Drohungen, Stillschweigen, weil durch lautes Reden die Fische verscheucht wurden und nicht anbissen. Jedermann wurde daher vom Schlosse entfernt gehalten. Alles ging in demselben in grosster Stille zu, ausser bei den Mahlzeiten, wo jedoch nichts als Fische gespeist wurden. Ich erreichte den Zweck meiner Sendung dadurch, dass ich Seiner Majestat, durch Seine Exzellenz den Geheimen Hof-Fischer, eine neue Art von Koder (oder Lockspeise fur die kleinern Fische) uberreichen liess, durch dessen Hulfe ich, in meinen Knabenjahren, manche Forelle aus den Harzbachen gestohlen hatte. Dies gefiel dem Monarchen ungemein, und er unterschrieb auf der Stelle den Handlungstraktat mit Abyssinien, ohne ihn gelesen zu haben.
Den Konig von Bugia fand ich beschaftigt, Zahnstocher aus Sandelholz zu schnitzeln. Dies war seine einzige Beschaftigung, vom Morgen bis zum Abend. Er hatte einem benachbarten Volke kurzlich zweiundzwanzig eintragliche Amter gegen einen kleinen Wald von Sandelbaumen abgetreten; denn schon fing es an, ihm an Materialien zu Zahnstochern zu fehlen. Er beschenkte jedermann mit diesen Kostbarkeiten. Die Beamten mussten die Untertanen zwingen, Sandelbaume zu pflanzen, und unter diesem Vorwande wurden sie denn schrecklich gedruckt; denn wenn unter andern ein solcher Geld brauchte, so befahl er dem Bauer, seine besten Felder in einen Wald zu verwandeln, und dann war kein andres Mittel da, als sich mit einer Summe Geldes den kleinen Tyrannen vom Halse zu schaffen.
Als ich nach Fungia kam, war der Monarch dieses Volks in einen blutigen Krieg mit seinen Nachbarn, den Barbirini, verwickelt. Der Gegenstand dieses Kriegs war die Auslieferung der heiligen Knochen eines Priesters, der am Aussatze gestorben war. Der Konig war namlich im hochsten Grade andachtig und aberglaubisch. Er war von Pfaffen erzogen worden, die ihn in der aussersten Dummheit erhalten hatten, damit sie desto despotischer das Land regieren konnten. Die Halfte aller Guter im Lande gehorte den Priestern, und bei diesem Kriege war es eigentlich auf nichts angelegt, als gewisse hell sehende Kopfe, zu denen der Konig einige Zuneigung gefasst hatte und die sich listig, und um sicher zu sein, in das Gewand der Religiositat gehullt hatten, dadurch zu entfernen, dass man sie mit der Armee fortschickte. Meine Unterhandlung an diesem Hofe ging dadurch gut vonstatten, dass ich dem Konige drei ganze Korper von Einsiedlermonchen aus den Gebirgen Waldubba in Abyssinien versprach. Solche Monche werden fur Wundertater und Heilige gehalten und pflegen ein hohes Alter zu erreichen, wenn sie nicht von venerischen Krankheiten aufgerieben werden, welches sehr oft der Fall ist. Schwerlich wurden indessen diese Gebeine mein Wort geredet haben, wenn ich nicht dem Oberpriester ein grosses Geschenk an abyssinischem Golde versprochen hatte.
Der Konig von Tasi war ein warmer Freund der Beredsamkeit. Den sehr gedruckten Untertanen, die um Brot baten, pflegte er lange Reden zu halten, worin er ihnen bewies, dass es unpatriotisch sei, soviel Hunger zu haben. Bei meiner ersten Audienz erinnerte ich mich der Aktus, denen ich in meiner Jugend auf der Schule in Holzmunden beigewohnt hatte. Es ging ungefahr ebenso dabei her, und wurden im grossen Rittersaale sieben Reden gehalten; auch wurde da viel unnutze Feierlichkeit angestellt. Den Allianztraktat unterschrieb man unter Absingung von Hymnen; doch baueten sie in Abyssinien nicht viel auf die Treue des Konigs von Tasi, und der Erfolg rechtfertigte dies Misstraun. Beim Abschiede beschenkte ich den Konig mit neun Banden von Freimaurer-Reden, die ich ins Arabische hatte ubersetzen lassen und die sehr gnadig aufgenommen wurden.
In Ilab musste alles durch Weiber durchgesetzt werden. Der Monarch war mit neun wirklichen Gemahlinnen und funfunddreissig Kebsweibern versehen, deren jede ihren Anhang, ihre Kreaturen, ihre Grillen und ihr Privatinteresse auf Kosten der andern gelten machen wollte. Der entnervte Wollustling war das Spielwerk aller dieser Parteien. Sie verleiteten ihn zu tausend Torheiten und Ungehorigkeiten, und das ehemals so machtige Reich war seinem Sturze nahe, als, gleich nach meiner Abreise von dort, der schwache Regent starb und sein Sohn zur Regierung kam, von welchem man, wie von allen Thronfolgern in der Welt, die besten Hoffnungen hatte.
In Omazib, einem der grossten Reiche in Nubien, und in welches vor mir, und vielleicht auch bis jetzt, noch kein andrer Europaer gekommen ist, regierte ein Konig oder wurde vielmehr ein Konig von seiner Gemahlin regiert, deren Herz uber alle Massen an Glanz, Pracht, an der Bewundrung des Pobels und an Feierlichkeiten hing. Statt fur den innern Flor des Landes zu sorgen, machte man, mit ungeheurem Kostenaufwande, ohne Unterlass Plane zu Eroberung fremder Provinzen, nicht sowohl, um dadurch wahre Vorteile fur die ubrigen eignen Lander zu ziehen, als vielmehr, um das Vergnugen zu haben, grosse Huldigungsfeste zu feiern, den koniglichen Titel um einige Zeilen zu verlangern und in den Jahrbuchern, von kurzsichtigen und knechtischen Geschichtschreibern, unter die machtigen Eroberer gezahlt zu werden. Die unnutzen Kriege und die Summen, welche man der weibischen Eitelkeit opferte, erschopften die Kassen; der Staat wurde mit grossen Schulden belastet, und den armen Bedienten blieb man den Gehalt schuldig.
In Agazan herrschte ein Monarch, der allen guten Willen hatte, sein Land glucklich zu machen, verjahrte Vorurteile auszurotten und eine vernunftige Gleichheit unter allen nutzlichen Standen in seinem Reiche einzufuhren; allein der Ungestum, mit dem er das alles trieb, Mangel an weiser, nuchterner Ubersicht, an Uberlegungen und Festigkeit, verdarben auch seine edelsten Absichten. Er musste oft Schritte zuruckgehen, die er ubereilt getan, oft widerrufen, was er befohlen hatte, weil es nicht ausfuhrbar war. Dabei respektierte er zuwenig die Freiheit der Menschen und ihr Eigentum, rechnete zuwenig auf ihre verschiednen Stimmungen und Vorstellungen von Gluckseligkeit, denen der Weise zur rechten Zeit in Kleinigkeiten nachgibt, um grossere Zwecke zu erreichen. Er wollte alles gewaltsam, nach Willkur, mit der eisernen Hand des Despotismus durchsetzen; und so erbitterte er denn die Gemuter des Volks, so wie er von einer andern Seite die Grossen durch zuviel Popularitat vor den Kopf stiess und demutigte, die Andachtler gegen sich aufbrachte und die strengen Moralisten durch seine unreinen Sitten emporte. Er war krank, als ich ihm vorgestellt wurde, aber ich konnte mich nicht enthalten, Interesse fur ihn zu empfinden, und wenn er langer in der Welt lebt und nicht durch seinen Ungestum mehr verdirbt, als wiedergutzumachen moglich ist, so kann noch einst sein Reich sehr glucklich unter seiner Leitung werden.
Der Konig von Nemas hatte keinen Sinn fur andre Freuden als fur die elenden Freuden der Jagd. Das Land wimmelte von Lowen und Hyanen, welche ungeheure Verwustungen anrichteten, aber nicht geschossen werden durften, damit der Monarch seine rasende Mordlust befriedigen konnte, sooft er wollte, das heisst: taglich, vom Morgen bis zum Abend. Er sahe sein ganzes Land nur als einen grossen Park an, der ihm zum Vergnugen vom Schopfer angelegt ware. Seine Untertanen, nebst ihrem Viehe und ihren Fruchten, betrachtete er als das bestimmte Futter fur die Tiere, unter denen er sein Wesen trieb. Was aber die Lowen und Hyanen nicht frassen, das nahmen die Beamten und Statthalter weg. Die Klagen der Bauern uber Not, Druck und Armut zu horen, dazu hatte er weder Musse noch Lust. Es fand sich kein Augenblick, wo man ihm eine Bittschrift uberreichen konnte, als wenn er durch die Galerie ging, um sein Jagdpferd zu besteigen; dann nahm er kalt und unteilnehmend die Papiere an, achtete der Tranen nicht, lachte uber die komischen Figuren, welche die um Hulfe Flehenden machten, wenn sie vor ihm niederfielen und seine Knie umfassen wollten, oder befahl den Leuten, wenn er einmal recht gnadig war, aufzustehen, indem er hinzufugte, er sei ja nicht der liebe Gott (welches sie nun freilich wohl merkten), ubrigens wolle er die Sache seinen Raten empfehlen. Und dabei blieb es. Die Bittschriften wurden an die verschiednen Departements abgeliefert; und wehe dem, der darin uber Ungerechtigkeit und Bedruckung geklaget hatte! Ihm wussten es die Bassen einzudrangen! Wurde aber einer, dem man es recht arg gemacht und der nun nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu furchten hatte, gar zu laut, ging hin zu dem Konige und wusste sich Gehor zu verschaffen, so dass Seine Majestat etwa einmal aus ihrem Seelenschlafe erwachten und ernstlich befohlen, dem Armen zu helfen, dann verbanden alle sich gegen ihn; er wurde dem Monarchen als ein Querulant, als ein unruhiger Kopf geschildert, der nie zufrieden ware, den man gar nicht anhoren musste. Zugleich machte man ihn dem Volke verdachtig, brachte allerhand bose Geruchte von ihm in Umlauf, als sei er ein gefahrlicher, boshafter Mann; und so fand denn der Ungluckliche weder Gehor noch Glauben, noch Beistand.
Der Konig von Orawad schien eine unformliche Fleischmasse ohne Geist und Leben zu sein; unfahig, an irgendeiner Sache wahres Vergnugen zu finden, fur irgendeinen Gegenstand Interesse zu fassen, irgendein paar Begriffe zu verbinden und zu ordnen, war er nicht nur weit entfernt, seine Regentenpflichten erfullen zu konnen, sondern auch ungeschickt, mitten in dem Schlaraffenleben, das er fuhrte, einen Augenblick von Genuss zu haben und eine leidlich anstandige, ernsthafte Miene anzunehmen, wenn seine Hinterviertel den Thron seiner Vater ausfullten. Echte Stupiditat und Langeweile dehnten sich auf seiner Stirne, und wenn er den Mund offnete, so geschah es, um eine Albernheit zur Welt zu bringen. Unter seinen Weibern das wollustigste und rankevollste beherrschte ihn, und das auf eine so verachtliche, erniedrigende Weise, dass sie ihn bei jeder Gelegenheit offentlich zu einem Gegenstande des Spottes machte. So unersattlich wie ihre korperlichen Begierden, so grenzenlos war ihr Hang zur Pracht und Verschwendung. Da war keine Art von Auflage zu erdenken, womit man nicht das arme Land heimsuchte, um den unvernunftigen Aufwand der Konigin zu bestreiten und ihre niedertrachtigen Sklaven, Lieblinge und Buhler zu bereichern. Der hochste Grad von Verderbnis der Sitten herrschte in allen Standen und verhinderte das an Leib, Seele und Vermogen zugrunde gerichtete Volk, sich dem abscheulichen Despotismus entgegenzustemmen, womit es geschunden wurde. Ein zweideutiges Wort, ja, nur ein lauter Seufzer war hinlanglich, den, welchem dies Wort oder dieser Seufzer entfahren war, auf seine Lebenszeit im Kerker schmachten zu lassen. Verhaftbefehle und Todesurteile wurden, unter mutwilligen Scherzen, in der Garderobe und im wollustigen Taumel ausgefertigt, indes man dem seelenlosen Monarchen, in dessen Namen man dies Unwesen trieb, kleine Nusse hinwarf, womit er spielen musste, und ihn mit Hohn in die Schranken seiner Dummheit zuruckwies, wenn er es einmal wagte, nach etwas zu fragen. Ein glucklicher Leichtsinn und die Gabe, mit Lebhaftigkeit die kleinen guten Seiten an jedem Dinge zu entdecken und die Augenblicke von frohem Genuss zu erhaschen, hatte denn auch die Nation bis jetzt abgehalten, ernsthaft uber ihren traurigen Zustand nachzudenken und kraftige Mittel zu wahlen, ihre schimpflichen Fesseln abzuschutteln; allein ich sahe doch feste, edle Manner mit finsterm Blicke umherschleichen, sich zuweilen verstohlen die bruderliche Hand drukken und sich mit dem grossen, wohltatigen Plane beschaftigen, der auch nachher ist ausgefuhret worden.
Von dem Konige von Tafak habe ich wenig zu sagen. Er ist den Turken zinsbar, welche ihm die Krone auf den Kopf gesetzt haben, die auf diesem leeren Haupte nur so lange festsitzt, als er der demutige Diener der Pforte bleibt. Er ist aber von dieser gekronten Sklavenrolle sehr zufrieden, insofern ihn seine Konigsbedienung nur in den Stand setzt, ungestort in Vollerei und Wollust zu leben.
Sechstes Kapitel
Fortsetzung.
Beschreibung der kleinern Hofe Nubiens
Die kleinern Fursten Nubiens, deren Hofe ich im Vorbeigehen besuchte, waren nicht weniger originell in ihrer Art als jene grossen; nur fehlte es ihnen an Macht, ihre Torheiten und Untugenden mit soviel Aufwande zu offenbaren. Grosstenteils erregten sie bei mir nur Mitleid und Lacheln. Wo sie aber konnten und durften, da ubten sie eine Tyrannei aus, die, wenigstens fur einzelne Untertanen, ebenso furchterlich als die des grossten Despoten war.
Am auffallendsten war mir's, dass ich nicht einen dieser unbedeutenden Menschen sah, der nicht in seiner Residenz von zwanzig Hausern, in seinem Landchen, das auf der Landkarte ganzlich bedeckt ist, wenn sich eine grosse Fliege daraufsetzt, sich so erhaben, so wichtig vorgekommen ware als der Kaiser von China. Je kleiner ein solcher Gesalbter war, einen desto langern Titel gab er sich; ja, zwei von ihnen fuhrten seit drei Jahren einen furchterlichen Krieg miteinander, weil der eine sich unterfangen hatte, den Titel Herr des Sonnenscheins seinem durchlauchtigen Namen hinzuzufugen, da hingegen der andre behauptete, dies sei ein ausschliessliches Recht seines Hauses.
Indessen hindert doch dieser Hochmut nicht, dass einer in des andern Dienste tritt und sich dafur jahrlich eine Kleinigkeit bezahlen lasst, dass er die Farbe tragt, worin der Nachbar seine Sklaven kleidet, oder dass er eine goldene Kette umhangt, die ihm ein Furst, der einige Hufen Landes mehr als er besitzt, geschenkt hat und worauf eingegraben steht, dass dies ein Zeichen von Verdienst sein solle.
An jedem dieser kleinen Hofe herrschten ein andrer Ton, andre Grillen, andre Liebhabereien, und das alles, leider! auf Unkosten der armen Untertanen. Der Furst von Schankala hatte einen ubertriebnen Sammlungsgeist. Ich musste seine Kabinette besehen. An Messern und Scheren von aller Art, an Schuhen, Pantoffeln, Sandalen und dergleichen, und wie nur die Fussbekleidung heissen mag, die irgendein Volk des Erdbodens tragt, an Haarkammen, Bursten und andern ahnlichen Kleinigkeiten besass er einen solchen Schatz, dass er, zu Herbeischaffung dieser Dinge aus allen Teilen der Welt, sein Land mit ungeheuren Schulden belastet hatte.
Der Furst von Goyam fand ein grosses Vergnugen an chirurgischen Versuchen und liess wochentlich zweimal an einem seiner Untertanen eine Operation vornehmen; zum Beispiel ihm die Leber zur Halfte aus dem Leibe schneiden, um zu sehen, wie lange man ohne Leber noch atmen konne. Dies war in der Tat sehr unterrichtend fur junge Wundarzte; dabei war er so billig, wenn ein Mensch in einer solchen bei lebendigem Leibe vorgenommnen Sektion nicht starb, ihm ein kleines Jahrgeld auszusetzen, welches denn auch, wenn die Kassen nicht erschopft waren, zuweilen wirklich ausgezahlt wurde.
In Gonga habe ich die prachtigsten Pferde, Kamele und Elefanten gesehen, die in Afrika gefunden werden konnen. Es ist wahr, dass diese Tiere so viel frassen, dass daruber jahrlich tausend Untertanen verhungern mussten; allein dagegen konnte sich auch kein Kaiser ruhmen, einen solchen Schatz zu besitzen, und mehr Lowen, Hyanen, Affen aller Gattungen, Ratzen, Ibis und dergleichen sind nirgends anzutreffen als in der Menagerie zu Gonga. Ein Spottvogel sagte einst, der Hof von Gonga sei ein Hof voll Vieh und das sei doch ein angenehmer Anblick.
Der Furst von Enam war ein grosser Beforderer der schonen Kunste. Alle Suppliken, welche ihm eingereicht wurden, mussten in Versen verfasst sein; nicht anders als singend durfte ihm referiert werden. Sein oberster Paukenschlager und der Geheime Posaunenblaser, welche beide zugleich Sitz und Stimme im Ministerio hatten, bekamen jeder doppelt soviel Gehalt als der Justiz- und der Finanzminister.
Der unumschrankte Beherrscher des kleinen Landes Ghedm liess prachtige Palaste errichten und herrliche Garten anlegen. Seine Schlosser, mit allen ihren Nebengebauden, hatten einen solchen Umfang, dass seine samtlichen Untertanen darin hatten wohnen konnen. Es ware fast zu wunschen gewesen, dass er sie dazu hatte einrichten lassen; denn die armen Leute konnten es doch in ihren verfallnen Hutten nicht aushalten, sondern wanderten haufenweise aus, um sich den herumziehenden Nomaden zuzugesellen.
In Damot war die Gelehrsamkeit zu Hause; der Furst beschaftigte sich mit spekulativen Wissenschaften. Fur diesen Herrn war es wirklich schade, dass ihm seine Studien nicht Musse liessen, sich der Landesregierung anzunehmen; es fehlte ihm gar nicht an Fahigkeiten dazu. Nun aber war alles in den Handen seines General-Ober-Land-und-Feld-Sonnenschirm-Tragers, der sein Liebling war und von dem man nun freilich nicht ohne Grund behauptete, dass ihm nicht anders als durch Bestechung beizukommen ware.
Da das Landchen Contisch durch seine Armut und seine Lage gegen alle feindliche Angriffe gesichert ist und der Landesherr doch wunschte, seine Untertanen mochten einige Kenntnis vom Kriegswesen erlangen, wozu ihm schon in seiner Kindheit sein Hofmeister, der, man weiss nicht recht warum, ein alter Soldat aus Abyssinien war, grosse Neigung erweckt hatte, so teilte er seine samtlichen Untertanen in Regimenter ein, belegte alle ubrige Stande mit einer Art von Schimpfe und wird dadurch den Zweck erreichen, dass, wenn nun bald niemand mehr im Lande die Felder bauet, er ein wohlgeubtes Heer hat, an dessen Spitze er die bluhenden Fluren seiner Nachbaren erobern kann.
Das ist eine treue Schilderung der Hofe, die ich in Nubien, als Gesandter des Konigs von Abyssinien, besucht habe! Doch muss man keineswegs glauben, es herrschten in dem grossen, zum Teil noch ganzlich unbekannten Afrika nicht auch edle, weise Konige und Koniginnen, Fursten und Furstinnen; vielmehr habe ich deren, besonders in dem mittagigen Teile, einige in der Nahe und Entfernung zu bewundern Gelegenheit gehabt, die von ihren Volkern verehrt, geliebt und deren Namen wie die Namen Adolph, August, Carl, Catharina, Christian, Ernst, Franz, Franziske, Friedrich, Georg, Gustav, Joseph, Leopold, Ludwig, Maximilian, Peter, Stanislaus, Victor, Wilhelm, Wolfgang und andre uns in Europa so teure, heilige Namen mit Segen genannt werden; allein es liegt ausser meinem Gesichtskreise, von diesen hier zu reden, und sie sind uber das Lob eines armen, unbedeutenden Schriftstellers, wie ich bin, erhaben. Wahre Grosse kann nur im stillen bewundert, angestaunt, mit warmen Herzen gefuhlt, aber sie muss und will nicht gelobt werden.
Es gibt auch kleine Freistaaten in Nubien; allein sie sind es mehrenteils nur dem Namen nach, sind Oligarchen-Regierungen, wo man statt eines Tyrannen deren zehne hat, von denen sowie von ihren Weibern, Kindern und Kreaturen man abhangen, kriechen, schmeicheln und sich krummen muss, wenn man sein Gluck machen will, insofern man nicht zu den herrschenden Pinselfamilien gehort Tyrannen, ohne Erziehung, ohne Ehrgefuhl, die nur darauf denken, sich und ihre Vettern zu bereichern, die nicht, wie in Monarchien, durch irgendeinen aussern Sporn zu grossen Taten getrieben werden, weder durch die Stimme des Rufs noch durch die Feder des Geschichtschreibers, sondern die, ohne Verantwortung und Scheu, alles Bose tun konnen, weil man voraussetzen darf, es sei durch die Mehrheit der Stimmen also entschieden, und die selten Reiz haben, etwas Gutes zu bewirken, weil sie die Ehre doch teilen mussen; die, wenn sie auch dies Gute ernstlich und uneigennutzig wunschen, unendliche Schwierigkeiten finden, es durchzusetzen, weil die Zahl der Edlern immer die kleinere Zahl ist, der grossere Haufen aber teils aus Schelmen, teils aus unbedeutenden Menschen besteht, die nicht zu erwarmen sind und sich leichter von Schurken und Schleichern als von graden, edlen Mannern stimmen lassen. Da lasst man denn kein eminentes Genie emporkommen, sondern macht es dem Volke verdachtig; da heisst Eifer fur das Gute Emporungsgeist, Bekampfung schadlicher Missbrauche und Vorurteile Neuerungssucht und Ketzerei; da heisst der Mann, der die Schliche der heuchlerischen Bosheit aufdeckt und der ernsthaften Dummheit die Larve abreisst ein Satiriker, ein gefahrlicher Friedensstorer. Oh! wer wurde nicht lieber einem gekronten Pinsel gehorchen, der doch nicht unsterblich ist und endlich einmal einem bessern Menschen Platz macht, als das Joch von unzahligen solchen Geschopfen tragen, die nie aussterben?
Und nun, liebe Leser, muss ich Sie, ehe ich dies Kapitel schliesse, fragen, ob Sie, bei der Schilderung des Despotismus in Nubien, nicht mit mir Ihr Schicksal gesegnet haben, das Sie in Europa hat geboren werden lassen, wo wir dergleichen Tyranneien nicht kennen, wo die Rechte der Menschheit heiliggehalten werden und die echte Philosophie Regenten und Volk uber ihre gegenseitigen Pflichten aufgeklart hat? Aber auch in Nubien wird es einst dahin kommen, dass man diese Rechte und Pflichten naher beleuchtet. Dann wird man es laut und kuhn sagen: es ist gegen die Ordnung der Natur, dass Millionen bessere Menschen, ohne Wahl, ohne Ubereinstimmung, grade dem Schwachsten, dem Elendesten unter ihnen gehorchen; gegen die Ordnung der Natur, dass nicht das Gesetz, sondern die Willkur eines einzigen Tod und Leben, Eigentum, Ehre und Schande frei und gleich geborner Menschen bestimmen soll, dass ein Knabe, ein Blodsinniger, ein Bosewicht an der Spitze grosser, edler, gesunder und weiser Manner stehen und diese zum Spielwerke seiner Grillen und Torheiten machen soll; gegen die Ordnung der Natur, dass es vom blinden Ungefahr abhangen soll, ob der, welcher in ein Hospital oder Waisenhaus gehorte, auf einem Furstenthrone sitzen und mit Landern und Volkern Possen treiben soll; gegen die Ordnung der Natur, dass man Menschen und Provinzen und Recht uber Leben und Tod erben kann. Wir wollen gern gehorchen, aber nur den Gesetzen, denen wir uns freiwillig unterworfen haben, nicht der Willkur, und einer soll an unsrer Spitze stehen und uber Haltung der Gesetze wachen; aber dieser eine soll ein weiser und guter Mann und, ware er auch nicht der Beste und Weiseste unter uns, wenigstens nicht der allgemein anerkannt Schwachste und Schlechteste sein. Unsre Fursten sollen es erfahren, dass alles, was sie besitzen und verwalten, unser Eigentum ist; dass ihr Amt, ihr Stand nur von unsrer Ubereinkunft und Beistimmung abhangt; dass erst der geringste arbeitsame Burger unter uns Brot haben muss, ehe an den Hofschranzen und Tagedieb die Reihe kommt, ehe aus dem offentlichen Schatze dem Mussigganger Pasteten und Braten gekauft und Geiger und Pfeifer und Buhlerinnen besoldet werden. Und wenn das unsre Fursten einsehen, anerkennen und darnach handeln, dann wollen wir sie in Ehren halten und nicht absetzen, wollen ihnen ihr Leben suss und leicht machen, wollen ihnen, fur ihre Arbeit und Sorgfalt, Gemachlichkeit und erlaubte Freuden des Lebens und Wohlstand zusichern und dafur sorgen, dass ihre Kinder nach diesen Grundsatzen erzogen und wurdig werden, nach ihnen an unsrer Spitze zu stehen. Und wenn sie tot sind, wollen wir das Andenken des guten, tatigen, vaterlichen Wohltaters segnen, der fur viele gelebt und seine Krafte dem allgemeinen Besten gewidmet hat.
Ich hoffe, dass man bald aus diesem Tone auch in Nubien reden wird; und welch ein gluckliches Reich, glucklich wie unser Europa, wird dann Nubien werden!
Nach dieser Ausschweifung kehre ich zu der Geschichte meiner Reise zuruck, womit ich ein neues Kapitel anfangen will.
Siebentes Kapitel
Ankunft in Gondar, Empfang und andre
Nachrichten, das Land, den Hof und die Stadt
betreffend
Es war nun im Jahre 1768, als ich Nubien verliess, wo ich nicht nur die mir aufgetragnen Verhandlungen vollkommen nach Wunsche ausgerichtet hatte, sondern auch an allen Hofen mit ausgezeichneter Achtung war behandelt worden. Die Hitze war gross am Tage und in der Nacht dagegen die Kalte fast unertraglich; mein Vetter, der Minister, hatte aber dafur gesorgt, dass ich mich gegen beides verwahren konnte.
Die Reise ging immer langs den Ufern des Nils hinauf. Mit wahrem Entzucken erblickte ich hier das schonste Land, das ich noch je gesehen hatte; ganze Walder von Akazienbaumen, eine angenehme Abwechselung von Bergen und Talern, das schonste Obst und allerorten die Spuren des Fleisses der Einwohner, den herrlichsten Weizen, grosses, fettes Vieh kurz, ich durchreisete Provinzen, die mir dem mittagigen Teile von Frankreich nichts nachzugeben schienen, namlich der Beschreibung nach, die ich davon gelesen hatte, denn ich kannte damals von Europa noch nichts als die Gegenden von Goslar, Holzmunden, Helmstedt und den Strich von meiner Vaterstadt an bis Stade. Die Fruchtbarkeit in manchen Provinzen von Abyssinien, zum Beispiel um Selechleche her und in der Provinz Waggora, ist so gross, dass die Einwohner dreimal im Jahre ernten.
Manche von den abyssinischen Volkern, die ich sah, waren schwarz, andre braun und noch andre olivenfarbig.
Schon einige Meilen von Gondar, welches eine grosse, prachtige, schon gebaute Stadt ist, erblickte ich vortreffliche Anlagen, Lustschlosser, Garten, Alleen, Strassendamme, Wasserkunste alles nach europaischem Fusse. Wenn dies samtlich meines Herrn Vetters Werk ist, sagte ich zu mir selber, so hat er wahrlich grosse Verdienste um dies Konigreich. Ich wollte, dass seine Eltern die Freude erlebt hatten, das altes so zu sehen, wie ich es jetzt sehe.
Ungefahr eine halbe Meile von der Residenz kam mir der Minister mit einem zahlreichen Gefolge entgegen. Er liess sich langsam von seinem prachtig geschmuckten Elefanten herunterheben; ich sprang, so gut ich konnte, von dem meinigen und ging auf ihn zu. Herr Wurmbrand umarmte mich, freilich nicht so herzlich, als ein weniger vornehmer Herr seinen Vetter wurde umarmt haben, aber doch mit viel Anstande und freundlicher Herablassung. Es war Harmonie in meinen Ohren, zum erstenmal wieder seit zwei Jahren meine Muttersprache reden zu horen, und ich konnte mich nicht enthalten, ihm meine Freude daruber zu bezeugen. "Dies Vergnugen", antwortete mir Joseph, "konnt Ihr, mein lieber Vetter, hier oft geniessen; denn des Konigs Majestat reden selbst Deutsch, worin ich die Ehre gehabt, Ihnen Unterricht zu geben, und haben diese Sprache zur Hofsprache erhoben. Jetzt ist, bis auf die Kuchenjungen hinunter, kein rechtlicher Mensch in Gondar, der, so elend und fehlerhaft er auch das Deutsche redet, nicht sich schamen wurde, sich seiner Muttersprache anders als im Gebete zu bedienen." "Euer Exzellenz haben hier grosse Dinge bewirkt", erwiderte ich, "Sie haben sich unsterblich gemacht." Mein Herr Vetter lachelte bescheiden und nickte gnadig mit dem Kopfe. "Wer hatte das denken sollen", fuhr ich fort, "als Euer Exzellenz aus des Kantors Hause in Eisenach" der Minister zog seine Stirn in ernsthafte Falten; ich brach das Gesprach ab.
Wir setzten uns nun zusammen in eine Art von Sanfte, einander gegenuber, und so ging denn der Zug langsam bis zur Residenz, wo alle Wachen vor uns ins Gewehr traten; unterwegens aber bereitete mich Joseph zu demjenigen vor, was meiner wartete, und unterrichtete mich von dem, was ich zu beobachten hatte, wenn ich morgen dem Konige vorgestellt wurde.
Jetzt kamen wir zu dem Palaste des Ministers, uber dessen Pracht, der Menge von Sklaven und der Ordnung und Zierlichkeit, welche darin herrschten, ich die Augen gewaltig aufriss. Da ich indessen sehr mude von der Reise war, so wurde ich, nach einer leichten Abendmahlzeit, die ich allein mit dem Minister einnahm, in meine Wohnung gefuhrt, wozu ich den einen Flugel seines Palais aufs beste eingerichtet und mehr als zwolf Sklaven fand, die auf meine Befehle warteten. In Goslar, wo ein Stiefelknecht meine einzige Bedienung und ein schwarzer Pudel das einzige Geschopf war, das auf meinen Wink herbeieilte, wurde ich mich freilich bei einer so schleunigen Veranderung ein wenig links genommen, ja, ich wurde es unbequem gefunden haben, einen Haufen mussiger, gaffender Menschen ohne Unterlass um mich zu sehen und uber das, was ich ganz bequem selbst tun konnte, erst Worte und Zeit zu verlieren, bis ein andrer seinen Arm dazu ausstreckte; allein man nimmt nichts leichter an als die vornehmen Manieren, und so viel hatte ich schon auf meinem Gesandtschaftszuge gelernt, dass ich jetzt meinen Advokatenanstand ganzlich abgelegt hatte und die Rolle eines deutschen Edelmanns, in welcher mein Herr Vetter mich auftreten liess, vielleicht mit mehr Wurde spielte als mancher Landjunker, der, durch ahnliche Protektion und Familienverbindung, in einen solchen Posten hinaufgeruckt ist.
Am folgenden Tage nun wurde ich dem Monarchen vorgestellt. Meine Augen wurden fast verblendet von dem Glanze, den ich auf dem Schlosse erblickte; aber auch das hatte ich schon gelernt, dass vornehme Leute immer das Ansehen haben mussen, als fanden sie alles gemein und hochst alltaglich, was ihnen auch noch so fremd ist. Ich schritt zuversichtlich und selbstgenugsam durch die Reihe der Hofschranzen und Grossen des Reichs hindurch und hielt, nachdem ich mich, der dortigen Sitte gemass, zur Erde geworfen hatte (wobei meine Nase einen derben Stoss bekam), an Seine Majestat, in deutscher Sprache, meine Anrede, in welcher ich nicht nur mein Dankgefuhl auszudrucken suchte, sondern auch, nebst Uberreichung der Schreiben von den verschiednen nubischen Hofen, einen kurzen Bericht von meinen glucklichen Verrichtungen erstattete.
Der Konig oder grosse Negus hatte einen kleinen Schaden am Gehor, und daher war es Mode, dass alle Hofleute ein wenig taub zu sein affektierten. Kaum hatte ich daher meine Rede begonnen, so zog, als wie auf einen Wink, der ganze hier versammelte Zirkel seine tubos acusticos oder Hortrompeten aus den Taschen, hielt dieselben vor die Ohren und machte, ohne ubrigens wirklich auf das achtzugeben, was ich sagte, die Pantomime des Wohlgefallens, die man schicklicherweise machen muss, wenn ein Mann von Gewicht redet.
Seine Majestat, ein Herr von vierundfunfzig Jahren, waren ausserst prachtig gekleidet; der hohe Turban war mit so viel Juwelen geziert, dass man damit hatte das ganze deutsche Grafenkollegium auskaufen konnen; auch waren Sie dabei gewaltig parfumiert und schon frisiert.
Als dieser feierliche Aktus vollendet war, bezeugte mir der Monarch seine gnadige Zufriedenheit und fragte nach allerlei gleichgultigen Dingen, z.B. ob ich bose Wege angetroffen hatte, wo sich jetzt der Furst von Anhalt-Zerbst aufhielte, ob es wahr sei, dass die Jesuiten, die er aus Abyssinien vertrieben hatte, Gold machen und Geister sehen konnten, ob in Hanau noch so gute Pasteten verfertigt wurden, ob man an den deutschen Hofen noch immer franzosisch redete u. dgl. m. Dann winkte der Konig dem Obermarschalle, dass er sich nahern sollte, und sagte ihm etwas in das Ohr, worauf dieser dem Hofe mit lauter Stimme verkundigte, Seine Majestat hatten den anwesenden deutschen Kavalier (mich namlich) zu Ihrem Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre und Obersten der Leibgarde ernannt. Hierauf kusste ich, mit der demutigsten Dankbarkeit, Seiner Majestat die Fusse, empfing die heuchlerischen Gluckwunsche der neidischen Hofleute; der Konig erhob sich vom Throne, ging in sein Kabinett und wir nach Hause.
"Aber um Gottes willen, verehrungswurdigster Herr Vetter", rief ich, sobald ich mit Joseph allein war, "was fange ich nun an? Ich verstehe nichts, weder vom Hof, noch vom Kavalleriedienste, bin, ausser auf den Philisterpferden in Helmstedt, nie zeit meines Lebens auf ein Pferd gekommen." "Seid unbekummert!" erwiderte er, "um Kammerjunker zu sein, braucht man gar nichts zu wissen, und bei der Garde du Corps, obgleich sie nur aus einer Schwadron besteht, sind, ausser Euch, noch sechs Obersten, die den Dienst fur Euch tun konnen. Ihr seid zu grossern Dingen bestimmt; dies ist nur der Anfang, um Euch einen Rang und Besoldung zu geben. Vorerst wird Euer Geschafte sein, Seiner Majestat, wenn Sie einschlafen wollen, aus den Buchern, die ich Euch namhaft machen werde, etwas vorzulesen, mit Ihnen uber die Verfassung der europaischen Staaten zu reden und Sie unvermerkt zu demjenigen zu stimmen, was ich durchzusetzen mir vorgenommen habe. Wenn Ihr dabei leidlich grade auf dem Pferde hangen konnt (ich will Euch schon eine geduldige Mahre geben lassen), sooft die Garde gemustert wird, und bei Tafel guten Appetit habt, so wird der Himmel schon weiter sorgen, bis der Zeitpunkt da ist, wo ich Euch in Eurem Fache ansetzen kann." "Aber", sagte ich angstlich, "mein Hauptfach sind die Pandekten, und was soll ich damit hier?" "Noch einmal!" sprach mein Vetter mit Ungeduld, "verlasset Euch nur auf mich und rasonieret nicht!"
Achtes Kapitel
Fragmente aus der altern Geschichte Abyssiniens
Das vorige Kapitel ist besonders fur solche Leser geschrieben, denen Gesandteneinzuge, Hoffeierlichkeiten, Furstengesprache, Audienzen und dergleichen interessante Dinge sind. Diese Personen muss ich dann um Verzeihung bitten, dass ich jetzt solche Sachelchen linker Hand liegenlasse und einen andern Gegenstand abhandle, der ihnen trocken vorkommen wird, von dem ich aber notwendig eine kurze Ubersicht geben muss, wenn mein Werk so verstandlich und nutzlich werden soll, als ich es von Herzen wunsche.
Um namlich zu zeigen, wie mein Herr Vetter es angreifen musste, sein Aufklarungsgeschaft in Abyssinien mit Erfolge zu treiben, wie weit es dort mit der Kultur und gewissen andern politischen und moralischen Umstanden damals gekommen war, die Einfluss auf die Stimmung des Geistes und Herzens eines Volks haben, und welche Ressorts also vor und gegen seine Bemuhungen wirkten, sehe ich mich gezwungen, einen Blick in die altere und mittlere Geschichte dieses Reichs zu werfen.
Ich wurde dabei in grosse Verlegenheit geraten sein, besonders was die Zeiten des grauen Altertums betrifft, weil diese in den Jahrbuchern aller Volker in Fabeln gehullt sind, welche die Unwissenheit, bei dem Mangel zuverlassiger Urkunden, aus verstummelten, mundlichen Uberlieferungen zusammenbuchstabiert und nachher mehrenteils der Betrug in ein gewisses System gebracht zu haben pflegt, welches System dann, wenn es zu einem Glaubensartikel geworden, dem Forscher den Weg versperrt, der Wahrheit auf den Grund zu kommen oder wenigstens seine Entdeckungen bekanntzumachen. Ich wurde, sage ich, in grosse Verlegenheit geraten sein, wenn nicht ein weiser, menschenliebender und von Vorurteilen freier Mann in Abyssinien, von dem ich in der Folge noch ofter zu reden Gelegenheit haben werde und der als ein Verwiesener in den Gebirgen von Waldubba lebte, mir sehr schatzbare Beitrage zu dieser alten Geschichte geliefert hatte. Rucken wir der Sache naher!
Die Geschichte aller Volker stosst zuletzt auf eine Hauptrevolution der Natur, die, wie es scheint, nach einem Zwischenraume von vieltausend Jahren periodisch dem Erdboden eine andre Gestalt gibt. Ohne zu entscheiden, ob diese Revolution jedesmal mit einer grossen Uberschwemmung (sogenannten Sundflut) oder mit einer andern grossen Naturbegebenheit, als Erdbeben und Brand, ihren Anfang nimmt; ohne zu entscheiden, ob diese Umkehrung des Erdbodens, nach gewissen Gesetzen, in gewissen Zeitraumen erfolgen muss oder, durch zufallige Umstande herbeigefuhrt, bald fruher, bald spater eintritt, so scheint doch aus den Beobachtungen der Naturkundiger, Astronomen und Philosophen folgendes als ungezweifelt angenommen werden zu konnen.
Nach Verlauf einer Reihe von Jahrtausenden wird ein grosser Teil der bewohnten Erde, durch eine Emporung der Elemente, ganzlich umgeschaffen, Land in See, See in Land verwandelt; Berge werden umgewalzt, Taler emporgehoben; die Bewohner dieses Teils des Erdbodens kommen um, und mit ihnen gehen ihre Kunstwerke, ihre Anlagen, die Monumente und Resultate ihres Fleisses und ihrer Nachforschungen verloren; bluhende Staaten werden vernichtet, und vor der Aussicht in die Geheimnisse der Weisheit, in welche man schon im Begriff war mit kuhnem Schritte zu dringen, fallt nun wieder ein Vorhang.
Das allsehende Auge der Vorsehung scheint diese Katastrophe immer dann herbeizufuhren, wenn die menschlichen Erkenntnisse und Erfahrungen grade das Ziel erreicht haben, uber welches sie nicht hinausgehen sollen, wenn Kultur im Intellektuellen und Moralischen alle Stufen hinaufgelaufen ist, die zu ersteigen moglich, nutzlich, ja, zur Erziehung dieser Generationen fur eine hohere Sphare notig war notig war, um die Triebfedern des Strebens, des Forschens und Wirkens, die der Zweck des Erdenlebens sind, aufs neue anzuspannen; weil nun einmal unter dem Monde uber einen gewissen Punkt des Wissens und Wollens nicht hinauszukommen und Ruhe, Untatigkeit, klares, unvermischtes Anschauen und Durchschauen nicht die Bestimmung des ungelauterten Geistes ist, solange er in Menschenformen sichtbar wirken muss, bis alles, auch der grobeste Stoff, bearbeitet und veredelt worden und alle Form aufhort.
Allgemein, uber den ganzen Erdboden verbreitet, kann eine solche Revolution nie sich erstrecken, hat nie sich so weit erstreckt, darf das auch nicht das haben alle verstandige Naturkundiger und Philosophen eingesehen.
Je nachdem nun entweder kein einziger von denen, welche dies zerstorte Stuck des Erdbodens bewohnt haben, sich rettet und also die neue Bevolkerung aus andern benachbarten oder entfernten, zivilisierten oder barbarischen Landern her unternommen wird, oder je nachdem die, welche dem Sturme entkommen, viele oder wenige an der Zahl, alte oder junge, kultivierte oder unwissende Menschen sind: je nachdem fangt denn auch die neue Generation den Zirkel der Kultur ganz von vorn oder in der Mitte wieder an. Immer aber folgt unvermeidlich, dass die Nachrichten, welche die Personen uns von jener wichtigen Katastrophe geben konnen, weil sie in ihrem hulflosen Zustande notigere Dinge zu tun haben als Anstalt zu Verfertigung von Geschichtbuchern zu machen, durch die mundlichen Uberlieferungen ausserst unzuverlassig werden mussen. Ebenso unvermeidlich folgt, dass der Zustand der neuen Bevolkerer dieses wusten Erdstrichs, waren sie auch noch so kultivierte, Menschen, sich doch sehr dem ersten rohen Zustande der Natur nahern muss, teils weil es ihnen an allen Hulfsmitteln, Werkzeugen, Veranlassungen fehlt, an etwas anders als die notigsten Bedurfnisse zu denken, und der verwilderte Boden sich weigert, das Erforderliche zu den Gemachlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens herzugeben, teils weil eine Menge konventioneller Begriffe, die im geselligen und burgerlichen Leben unendliche Mannigfaltigkeiten, Gesetze, Wunsche, Freuden, Pflichten, Unruhen, Unternehmungen etc. erzeugen hier ganzlich wegfallen.
Die alteste Geschichte jedes Volks ist daher, kleine Modifikationen abgerechnet, die Geschichte fast aller Volker. Das ist nicht auffallend; aber auffallender ist es wohl und doch nicht weniger wahr, dass auch die nachfolgenden Veranderungen, die mit der Kultur und allen moralischen und politischen Umschaffungen vorgehen, in allen Reichen, wenn man die Geschichte derselben von ihrem Schmucke und von den Episoden entblosst und uber das langsamere und geschwindre Fortrucken hinausgeht, in allen Teilen der Welt nach einem und demselben Systeme herbeigefuhrt werden.
Indem ich nun eine Skizze von der Geschichte des Konigreichs Abyssinien entwerfe, wunsche ich, dass die Leser bemerken mogen, dass dies zugleich die Geschichte des Despotismus uberhaupt, in seiner Entstehung, seinem Wachstume und seinen Folgen ist, die ihm fruh oder spat das Grab bereiten. Fangen wir jetzt ohne weitere Ausschweifung an!
In Abyssinien kannte man in den altesten Zeiten, wie in allen Landern, nur das Familienregiment. Jeder Hausvater, der mit seiner Familie das Stuckchen Landes bauete, das ihn, sein Weib und seine Kinder ernahren sollte, wies jedem seiner Hausgenossen seine Arbeit an. Es fand kein geteiltes Interesse statt; jeder wirkte zum Wohl der ganzen Familie; jeder war arbeitsam, weil Menschen ohne andre Zerstreuungen und Bedurfnisse, folglich auch ohne krankliche Launen und Leidenschaften, nichts kannten als die Sorgfalt, ihr kleines Tagewerk zu vollenden und dann zu ruhen. Der Begattungstrieb paarte die Kinder des Patriarchen. Solange die Familie nicht zu gross wurde, blieb sie beisammen. Konnte das Fleckchen Erde, das sie umzaunt hatten, sie nicht mehr ernahren, so teilte sie sich ab, und so entstanden mehr Familien, die weiter miteinander in keiner Verbindung standen, sondern ungestort sich ihren Wirkungskreis schufen, weil Raum genug fur sie da war und sie nichts bedurften, als was sie sich selbst, ohne fremde Hulfe, verschaffen konnten. Hier entstand also Eigentum; nicht eines einzelnen Menschen, sondern einer ganzen Familie. Sie glaubten mit Recht, dass das Land ihnen zugehorte, welches ihr Fleiss bebauet hatte, und starb ein Glied aus dieser Familie, so blieben die ubrigen im Besitze.
Indessen traten Falle ein, wo eine Familie der andern beistehen musste. Die eine hatte etwas mehr Vorrat von Lebensmitteln gewonnen, als sie grade zu verzehren vermochte; die andre hatte durch einen unfreundlichen Sturm, durch den Einbruch wilder Tiere oder irgendeine andre kleine irdische Widerwartigkeit etwas eingebusst und die benachbarte Bruderfamilie half aus. Der Tod raffte dagegen in dieser einen nutzlichen Arbeiter weg ein Mitglied aus jener ersetzte auf eine Zeitlang freundschaftlich den Platz. Durch Heiraten verbanden sich denn auch manche Familien miteinander und so wurde das erste zusammengesetztere Gesellschaftsband geknupft.
In dieser Periode darf man nicht erwarten, andre Kunste erfunden zu sehen als die, welche den unmittelbarsten, leicht zu ubersehenden Nutzen auf das hausliche Leben und die Befriedigung der unentbehrlichsten Lebensbedurfnisse zum Gegenstande hatten.
Sobald aber in den Geschaften der Familienglieder, eben durch die Vervielfaltigung der Arten von Arbeit, eine Verschiedenheit eintrat, war der Anteil, den jeder an dem Unterhalte der ganzen Gesellschaft nahm, nicht mehr so leicht zu ubersehen, und indem jeder einzelne die Verwendung seiner Krafte nach seiner Art taxierte, hatte er nicht mehr die Aufmunterung, einen Strich von Tatigkeit mit den ubrigen zu halten; die Verschiedenheit der Temperamente wirkte dabei mit, und so gab es nun bald faulere und fleissigere Menschen.
War das Haupt einer Familie ein weniger tatiger, weniger fleissiger Mann, so ging es auch in seinem Hauswesen schlafriger her. Die notigen Bedurfnisse fur jedes Jahr wurden nicht gewonnen, am wenigsten Vorrat auf das folgende gesammelt, indes sein arbeitsamerer Nachbar zurucklegte oder seine Besitzungen erweiterte, unbebauetes Land urbar machte, kurz, anfing, mehr zu haben, als er brauchte. Was folgte hieraus? Nicht nur die Entstehung des Unterschieds zwischen Armen und Reichen, sondern auch des Unterschieds zwischen Herrn und Knecht. Denn wenn jemand fortgesetzt faul war, folglich ganzlich verarmte und Mangel litt, so blieb ihm, um nicht zu verhungern, nichts anders ubrig, als den Nachbar um Hulfe zu bitten, und wenn dieser nicht geneigt war, ihn unentgeltlich zu futtern, so wurde eine Art von Vertrag unter ihnen geschlossen, zum Beispiel, dass die Familie A. der Familie B. das von ihr urbar gemachte, aber seit einiger Zeit vernachlassigte Gut abtrat (welches vielleicht ein erwachsener Sohn aus der Familie B. anfing zu bauen), wogegen aber die Familie A. auf gewisse Zeit von der andern musste ernahrt werden; oder ein einzelner Mensch, der nicht gern arbeitete und dadurch zuruckgekommen war, verdung sich endlich aus Not einer andern Familie, fur ein bisschen Kost und Kleidung, als Handlanger. Es lasst sich begreifen, dass ein solcher durch Faulheit verarmter Mensch in keiner grossen Achtung stand, dass er in der Familie, welcher er diente, zuruckgesetzt, dass ihm nicht eben die fettesten Brocken gereicht wurden. Dieser erste Unterschied der Stande, namlich der zwischen Herrn und Diener, wirkte also auch schon auf die aussere Begegnung der Menschen untereinander.
Hierbei aber sind zwei Dinge wohl zu bemerken, namlich: dass also der erste Anspruch auf das Recht, andrer Menschen Herr zu sein und von ihnen mit ausgezeichneter Achtung behandelt zu werden, in Abyssinien, so wie in allen Landern, nur dadurch gewonnen wurde, dass man arbeitsamer wie sie war, und es ist wahrlich zu verwundern, wie jetzt in manchen Landern der Welt diese ursprungliche Entstehung der Herrschersrechte so sehr in Vergessenheit gekommen ist, dass grade der, welcher Millionen Menschen despotisch beherrscht, einen Freibrief zu haben glaubt, der Faulste und Untatigste unter ihnen allen zu sein. Ferner ist zu bemerken: dass naturlicherweise von seiten des Knechts der Vertrag der Abhangigkeit und Dienstbarkeit jeden Augenblick aufgehoben werden konnte, sobald der Knecht Mittel fand und Lust hatte, sich selbst zu ernahren und fur sich zu arbeiten.
Bis dahin war alles, was Recht und Unrecht heissen konnte, so leicht zu ubersehen, so keinem Zweifel unterworfen, dass es weder eines Gesetzes noch eines Richters bedurfte. Nun aber traten einige sonderbare Falle ein: eine Familie starb aus und hinterliess ein schones, wohlangebautes Gutchen; es entstand die Frage, wer nun die Fruchte des Fleisses dieser Familie geniessen, mit andern Worten, wer das Gut erben sollte (denn von der albernen Idee, dass ein Mensch bestimmen, was nach seinem Tode geschehen soll, oder das, was man ein Testament nennt, machen konne, war man damals noch weit entfernt). Verschiedne machten Anspruch darauf; wer sollte entscheiden? Ferner, man musste sich gegen die Uberschwemmungen des Nils sichern; dies erforderte gemeinschaftliche Mitwirkung mehrerer einzelner Familien, Vereinigung zu einem Zwecke. Man war nicht einig uber die Art, das Werk zu betreiben; wer sollte die Oberaufsicht fuhren? Endlich: ein unruhiger Kopf, der sich auf die Starke seiner Arme verlassen konnte, fand es bequemer, seinem schwachern Nachbarn die Fruchte wegzunehmen, als selbst zu arbeiten. Dem Schwachern kamen andre zu Hulfe; es entstand Streit, vielleicht gar Mord und Totschlag; wie war es anzufangen, Ruhe und Frieden zu erhalten und, da nun einmal das Recht des Starkern anerkannt werden muss, durch Vereinbarung gegen den, welcher Missbrauch von diesem Rechte machen wollte, ein gewisses Gleichgewicht herzustellen? Auch entstand wohl Zwist uber den Besitz der Weiber, uber Grenzen, Verwustungen, welche des Nachbars Haustiere angerichtet hatten, und dergleichen mehr. Dies alles brachte denn die samtlichen Familien auf den Gedanken, sich ein gemeinschaftliches Oberhaupt des ganzen Stammes zu wahlen, der ihr Schiedsrichter, Ratgeber und Anfuhrer ware.
Auf wen nun sollte diese Wahl fallen? Naturlicherweise auf den Altesten, denn wo alle zusammengesetztere Bedurfnisse, Kenntnisse und Wissenschaften wegfallen, da ist Weisheit Erfahrung, und um diese zu erlangen, war ein langes Leben hinlanglich. Der Alteste wurde also zum Fursten gewahlt, und wenn er starb, folgte ihm in seinem Platze der, welcher nach ihm der Alteste war. Hier nun haben wir die erste Entstehung eines kleinen Staats in Abyssinien. Da dies Oberhaupt, nach Verhaltnis, wie die Bevolkerung zunahm, sehr viel zu tun bekommen musste, indem jeder seine Zuflucht zu ihm nahm, so blieb ihm keine Musse ubrig, sein Feld zu bauen. Dies war nun freilich bei denen, welche sich andern Geschaften als dem Ackerbaue widmeten, auch der Fall; doch konnten diese das, was sie produzierten, unmittelbar gegen Nahrungsmittel umsetzen. Der, welcher Korbe flocht, konnte dem Nachbar seinen Korb gegen ein Lamm umtauschen; der Jager lieferte dem Schneider einen Braten in die Kuche und erhielt dafur ein Gewand zu Bedeckung seiner Blosse. Allein das Oberhaupt der kleinen Republik hatte verhungern und nackt einhergehen mussen, wenn nicht alle Familien zusammengetreten waren und ihm dafur, dass er jedem mit Rat und Tat diente, seinen Unterhalt gereicht hatten. Der Furst wurde also vom Staate ernahrt; allein nie kam ihm der tolle Gedanke ein, dass er deswegen der Eigentumer des ganzen Landes ware, weil das ganze Land seine notigen Bedurfnisse befriedigte, ihm auch wohl ein wenig bessere Kost, Wohnung und Kleidung reichte, weil man ihm, seiner Weisheit, seines Alters und seines allgemeinern Einflusses wegen, mehr Achtung bewies. Ubrigens war er ein Mitglied des Ganzen wie die andern, und Oberhaupt und Richter zu sein oder Jager zu sein oder Korbmacher oder Hirte oder Ackermann zu sein, das hiess: einen von den im Staate gleich nutzlichen Standen gewahlt haben, ohne sich deswegen besser halten zu durfen als die, welche andre Geschafte nach ihrer Neigung treiben. Es war aber der Familie des Fursten und ihm selber unverwehrt, nebenher noch ein andres Geschaft zu treiben, folglich auch Guterbesitzer zu sein (das nennen wir in Europa Domanen haben); und als ein solcher genoss er nicht mehr und nicht weniger Vorrechte als jeder andre Eigentumer von Grundstucken.
Neuntes Kapitel
Fortsetzung des vorigen
Je mehr die Bevolkerung in Abyssinien zunahm, desto mannigfaltiger wurden die Falle, in denen man des Rats und der Entscheidung des Oberhaupts bedurfte. Um nun nicht uber jeden kleinen streitigen oder schwierigen Punkt seine Zuflucht zu diesem nehmen zu mussen und um zu verhindern, dass nicht zuweilen eine Partei sich durch den Ausspruch des Fursten gekrankt glaubte oder ihn im Verdacht einer Parteilichkeit hatte, traten alle Haupter der Familien zusammen und setzten uber oft vorkommende Falle gewisse Regeln fest, wonach diese entschieden werden sollten. Dies waren die ersten Gesetze. Bei so einfachen Verhaltnissen bedurfte es keiner grossen Menge solcher Gesetze. Der Furst hatte nun eine Richtschnur, welche alle Willkur hinderte, einen Kodex, nach welchem er richten musste. Nur in ausserordentlichen, noch nie vorgekommenen oder nicht klar determinierten Fallen uberliess man es seiner Klugheit, ein billiges Urteil zu sprechen.
Unter diesen Gesetzen war auch eines, die Erbschaften betreffend. Darin wurde unter andern ausgemacht, dass, wenn eine Familie aussturbe, ihre Besitzungen dem ganzen Staate anheimfallen sollten, und da es nicht gut moglich war, diese in unendlich kleine Stucke unter alle ubrigen Familien zu verteilen, so raumte man dem jedesmaligen Fursten das Recht ein, sie, im Namen des Staats, nach bestem Wissen und Gewissen vorzuglich wurdigen, fleissigen oder durch Unglucksfalle verarmten Familien zu schenken. Als dies Gesetz gemacht wurde, schuttelten einige weise, in die Zukunft voraussehende Manner bedenklich die Kopfe; allein es ging, durch Mehrheit der Stimmen, durch.
Auf grosse Tafeln wurden nun die neuen Gesetze gegraben und da, wo die Sammelplatze der verschiednen Stamme waren, aufgehangt. Sie kamen also zu jedermanns Wissenschaft und waren auf Kinder und Kindeskinder verbindlich, weil das Korps der Familienhaupter dazu eingewilligt hatte. Doch verstand sich's von selber, dass es jeder einzelne die Freiheit behielt, ihre Gultigkeit nicht anzuerkennen, folglich auf seine Gefahr dagegen zu handeln oder das Land zu verlassen.
Was die Strafen betrifft, so waren sie ausserst einfach. Wo Ersatz moglich war, Ersatz; in einzelnen Fallen Einkerkerung auf einige Zeit oder, wenn die Sicherheit des Staats es erforderte, doch ausserst selten, auf immer; vielmehr, statt dieses letzten heftigen Mittels, die Landesverweisung, mit der Bedrohung einer ewigen Einkerkerung, wenn der Verbrecher sich wieder unter den Abyssiniern sehen liesse. An Todesstrafen war auf keine Weise zu denken. Dieser abscheuliche Gedanke kam nicht in die Seele der guten Gesetzgeber. Wie sollte es ihnen eingefallen sein, sich das Recht anzumassen, einem ihrer Bruder eine Existenz zu rauben, die sie ihm weder geben noch zusichern konnten, worauf er ein Recht gehabt hatte, ehe an ihre Gesetze gedacht war, und dies deswegen, weil er andre Begriffe von Recht und Unrecht hatte als sie? Wie konnte es ihnen einfallen, selbst zu Bestrafung des Totschlags, noch einen Totschlag zu begehen; ohne Zweck, ohne das geschehene Ubel dadurch gutzumachen, ohne den Verbrecher zu bessern, ohne hoffen zu durfen, dass durch diese unbefugte Gewalttatigkeit andre Rasende abgehalten werden wurden, in der Wut der Leidenschaften ahnliche Verbrechen zu begehen?
Von diesen Strafen nun wurden nie Ausnahmen gemacht, am wenigsten stand dem Fursten die Befugnis zu, sie zu mildern oder zu erschweren; denn noch war der Begriff, dass der Furst in Staatsangelegenheiten nach seinem Willen handeln, sich an die Stelle des Staats setzen, Rache ausuben, willkurlich verdammen und lossprechen, Gesetze aufheben, aus eigner Macht Verordnungen geben, Gnade fur Recht ergehen lassen und uberhaupt Gnaden erteilen konnte, nie in eines Abyssiniers Kopf gekommen. Gerechtigkeit uben, das war seine Pflicht; Gesetze, gesunde Vernunft und Billigkeit seine Richtschnur; er ein Verwalter des Staats; seine Verrichtungen ein ubertragnes Amt, wofur er ernahrt, versorgt und geehrt wurde.
So standen die Sachen, und ich meine, sie standen so ubel nicht, als einige Stamme in Nubien, welches von Agypten aus durch rauhe, wilde Menschen war bevolkert worden, die mit den Abyssiniern in keiner Verbindung lebten, auf den unglucklichen Einfall gerieten, mit bewaffneter Hand in dies schone, friedliche Land einzubrechen und unserm guten Volkchen seine fruchtbaren Besitzungen streitig zu machen. Dies war der erste Krieg, den die Abyssinier fuhrten; sie waren aber nicht ungeubt in Waffen; gegen Lowen und Hyanen hatten sie sich verteidigen gelernt; nur gegen ihre Bruder das Schwert zu ziehen, das war ihnen neu. Aber hier galt es Rettung des Eigentums, des Lebens, der Freiheit, und sie waren an Leib und Seele gesund, nervig, stark. Der Zorn der mutwillig gereizten Sanftmutigen ist furchterlicher als das Toben des unruhigen Zankers. Unsre Abyssinier empfingen, schlugen und verfolgten siegreich die Nubier, auf eine Weise, die diesen auf lange Zeit die Lust benahm, sich wieder an ihnen zu vergreifen. Hierdurch entwickelte sich bei dem Volke ein bisher unbekannt gewesenes, schlafen gelegenes Ressort, die Tapferkeit, aber mit ihr zugleich spross auch der Keim der Ehr- und Ruhmsucht hervor, und in denen, welche in der Schlacht sich vorzuglich ausgezeichnet hatten, war ein Toben, ein Streben entstanden, das ihnen nachher die stillen hauslichen und landlichen Geschafte unschmackhaft machte. Man focht Mann gegen Mann; die Niederlage der Nubier war gross; viele von ihnen wurden gefangen; keiner von abyssinischer Seite. Noch kannte man die Spekulation nicht, Menschen gegen Geld und Ware umzusetzen; also nahm jeder seinen Gefangenen mit sich nach Haus und betrachtete ihn als seinen Knecht. Die Erbitterung aber gegen sie war so gross, dass man diese Gefangnen nicht wie andre Knechte, die, wie vorhin ist gesagt worden, immer wieder frei werden konnten, behandelte, sondern ihnen die schwerste Arbeit aufburdete, ihnen schlechtere Kost und Kleidung gab und ihnen nicht das Recht zugestand, sich frei zu machen, in ihr Vaterland zuruckzukehren oder sich in Abyssinien festzusetzen. Das war denn die Entstehung des unnaturlichen Sklavenstandes. Wie man sich indessen an alles gewohnt, so horten diese Sklaven zuletzt auf, den Verlust ihrer Freiheit zu fuhlen, besonders wenn sie das Gluck gehabt hatten, an gute Herren zu geraten, und weil sie denn doch ohne hausliche Sorgen lebten, indem die Herren ihnen alle Bedurfnisse des Lebens reichen mussten. Ja, da es hubsche Manner unter ihnen gab, so geschah es zuweilen, dass die Liebe, die keinen Unterschied der Stande kennt, zwischen ihnen und den Tochtern des Landes Ehebundnisse zustande brachte. Nun wurde durch ein Gesetz verordnet, dass auch die Weiber, Kinder und deren Abkommlinge Sklaven sein sollten also Sklavenfamilien! Dass durch diese Einrichtung wieder ein grosser Unterschied in den Vermogensumstanden der Eingebornen entstand, ist sehr naturlich; denn wer viel Sklaven hatte, konnte nicht nur grossere Anlagen machen, von denen er den ganzen Vorteil zog, sondern man kam auch bald auf die Finanzoperation, seine Sklaven zu vermieten.
Jedermann hatte freie Macht, mit seinem Vermogen, also auch mit seinen Sklaven, nach Gutdunken zu schalten und zu walten. Hatte nun ein gutmutiger Herr einen seiner Sklaven liebgewonnen oder dieser hatte des Herrn Tochter zum Weibe gemacht oder der Herr hatte nicht Arbeit genug fur ihn, so schenkte er ihm und seiner Familie die Freiheit. Diese Freigelassnen genossen dann alle Rechte der Einheimischen, und da jeder freie Mann in Abyssinien sich niederlassen und anbauen konnte, wo er wollte, so entstanden nach und nach Familien, die von Fremden abstammten und die hernach hie und da auch wohl andre in das Land lockten, wodurch zugleich fremde Sitten, Gebrauche und Bedurfnisse nach Abyssinien verpflanzt wurden.
Die Nubier waren durch den ersten unglucklichen Erfolg ihrer Waffen noch nicht vom Kriege abgeschreckt worden, sondern erneuerten ihre Anfalle in Abyssinien. Dies setzte die Einwohner in die Notwendigkeit, sich stets zur Verteidigung bereit zu halten. Das Oberhaupt, der Furst, war immer, wie wir gehort haben, ein alter Mann, folglich weniger geschickt, die Beschwerlichkeiten der Feldzuge auszuhalten, in denen er sein Volk, das jetzt kriegerisch geworden war, anfuhrte. Dies lehrte die Abyssinier, dass es nun besser sei, bei entstehendem Todesfalle ihres Oberhaupts, einen jungern Mann an seiner Stelle zu wahlen. Naturlicherweise traf die Wahl den, welcher in den Feldzugen die grossten Beweise von Mut gegeben hatte. Nun also wurde, statt dass vorher bloss Weisheit, Alter, Erfahrung ein Recht zum Throne gegeben hatten, noch personliche Tapferkeit ein Erfordernis, um Furst zu sein.
Personliche Tapferkeit hat zum Teil ihren Grund in Organisation des Korpers, zum Teil wird sie durch einen Enthusiasmus, durch ein Ehrgefuhl erzeugt, und beides pflegt in gewissen Familien fortgepflanzt zu werden. Der tapfre, nervige Sohn des tapfern, nervigen Fursten focht an der Seite seines Vaters, wurde angefeuert durch das Beispiel seines Muts und zu Hause durch kuhne, grosse Grundsatze emporgehoben. Die Achtung, Furcht und Ehrerbietung, welche man fur den Fursten empfand, fing bald an sich auch auf ihre Familien zu erstrecken. Bei einer neuen Furstenwahl glaubte man dem tapfern Oberhaupte keinen bessern Nachfolger geben zu konnen als seinen tapfern Sohn. Nach Verlauf eines halben Jahrhunderts wurde es zu einer Art von Observanz, die Fursten aus einer Familie zu wahlen, um so mehr, da diese fruh zu Regenten auferzogen wurden und keine andre Hantierung trieben. Endlich wurde ein Recht daraus, und das Reich wurde ein Erbreich.
Zwei Umstande trugen hierzu noch sehr viel bei. Namlich erstlich: da jeder Burger im Staate, der das mannliche Alter erreicht hatte, mitwahlte und das Volk nun auf einen kriegerischen Ton gestimmt war, so hatte der tapfre Furstensohn immer die Stimmen derer auf seiner Seite, unter deren Augen er bei der Armee gefochten hatte, indes die kleinere Anzahl der weisern Alten, die nicht mit im Felde gewesen waren, wohl freilich lieber fur einen Mann stimmten, der mehr durch Einsicht, Kaltblutigkeit und Erfahrung als durch Kuhnheit und Mut des Thrones wurdig schien. Zweitens: der Tapferste gewann im Kriege die mehrsten Gefangnen, erhielt folglich die mehrsten Sklaven, konnte folglich reicher und machtiger werden als die andern (und Reichtum verblendet ja das Volk und gibt Zuversicht), konnte endlich mehr Sklaven freilassen, die dann Burger wurden, aber ihm aus Dankbarkeit verpflichtet blieben und seinem Sohne ihre Stimme nicht versagten, vielleicht gar nur unter dieser Bedingung die Freiheit erhielten. Hier haben wir eine Entstehung der Hofkreaturen und den schwachen Anfang des dem Despotismus so vorteilhaften Lehnsystems in Abyssinien.
Auf sturmische Zeiten folgten ruhigere; der Krieg, den die Nubier angefangen hatten, war hauptsachlich darauf abgezielt gewesen, sich in den Besitz einer Provinz von Abyssinien zu setzen, aus welcher ein Produkt gezogen werden konnte, an welchem es in Nubien fehlte. Dagegen gab es aber in diesem Lande wieder Produkte, welche man in Abyssinien nicht hatte. Kaltere Uberlegung unterrichtete beide Parteien von der Moglichkeit, durch Tausch ihre gegenseitigen Wunsche zu befriedigen; man schloss einen Vergleich. Dies war die Entstehung des Handels, mit welcher wiederum die abyssinische Kultur, Stimmung und Verfassung eine andre Gestalt und Wendung bekamen, wovon es der Muhe wert ist, etwas weitlaufiger zu reden; und das soll im folgenden Kapitel geschehen.
Zehntes Kapitel
Fragmente aus der mittlern Geschichte von
Abyssinien
Wie gross der Einfluss ist, den der Handel auf die Kultur der Volker, auf ihren Geist und auf ihre Moralitat hat, das erfahrt jeder, der die Geschichte mit einiger Aufmerksamkeit studiert; auch das Konigreich Abyssinien fuhlte bald diesen Einfluss, wie wir jetzt sehen werden. Vorher aber mussen wir noch zergliedern, welche Art von Revolution die Einfuhrung des Geldes und die Entdeckung der Bergwerke bewirkten.
Da der Tauschhandel grosse Ungemachlichkeiten hatte, so wunschte man langst, eine Ware zu finden, die immer gleichen Wert behielte, die jedermann brauchen, leicht herbeischaffen, leicht in Verhaltnis mit allen seinen Bedurfnissen setzen, die der allgemeine Massstab des Werts aller Landesprodukte werden konnte mit einem Worte, die ihnen das wurde, was wir Geld nennen. Ein Auslander geriet nach Abyssinien und lehrte den Fursten den Wert kennen, den andre Volker auf die edeln Metalle und auf Juwelen setzen, und den Gebrauch, welchen sie davon machen. Abyssinien ist reich an Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Edelsteinen aller Art, hat Salz, Marmor und dabei einen solchen Uberfluss von Fruchten, Korn und andern Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens, dass es dem Fremden nicht schwer hielt, dem Fursten zu beweisen, wie gross der Vorteil des Handels auf seiten der Abyssinier sein wurde, wenn man die Bergwerke fleissig betriebe, Gold und Silber zum Massstabe der grossern Waren machte, zu kleinern Summen aber, statt der Scheidemunze, sich des blauen wollnen Zeugs bediente, welches im Lande verfertigt wurde.
Nun war nur die Frage, wer den Nutzen von den Bergwerken ziehen sollte. Erlaubte man jedem Eigentumer eines Bodens, alles, was dieser Boden enthielte, auszugraben und als sein Eigentum zu betrachten, so konnte das ungefahr den Besitzer eines kleinen Stuckchen Landes unermesslich reich machen, indes der Eigentumer einer zehenmal so grossen Besitzung arm blieb, welches eine unnaturliche Verteilung des Vermogens zu sein schien. Noch fand man, dass Bergwerke viel Hande erfordern, folglich mancher unterirdische Schatz, aus Unvermogen des Grundeigentumers, ihn aus der Erde zu fordern, vergraben geblieben sein wurde. Das Naturlichste war also, die Bergwerke auf Kosten und zum Vorteile des ganzen Staats zu betreiben, den Besitzern des Bodens aber, welchen man umwuhlte, den dadurch verursachten Schaden zu ersetzen. Was sollte aber nun mit dem Schatze angefangen werden, den der Staat auf diese Weise gewann? Billig ware es gewesen, ihn unter alle Familien zu verteilen. Aber welche Weitlaufigkeit! Hierzu kam, dass man anfing, den Nutzen einer offentlichen Staatskasse einzusehen. Wenn Heerstrassen, Wasserdamme, Wasserleitungen anzulegen und dergleichen dem ganzen Lande vorteilhafte Einrichtungen zu machen waren, so wurde es schwer, die entfernt wohnenden Familien an der gemeinschaftlichen offentlichen Arbeit, ohne grosse Versaumnis ihrer eignen Geschafte, ebensoviel Anteil nehmen zu lassen als die benachbarten Einwohner. Hatte man aber eine offentliche Kasse, in welche die Einkunfte des Staats flossen, so wurden auch die offentlichen Ausgaben daraus bestritten, und hatte man Geld, so konnte man die, welche an solchen Werken arbeiteten, daraus bezahlen, und das Geld, welches die Arbeiter gewannen, war hinreichend, sie dafur zu entschadigen, dass sie indes fur sich nicht tatig sein konnten; denn fur dies Geld vermochten sie alle Bedurfnisse des Lebens von denen, welche indes ihre Geschafte trieben, einzuhandeln. Also wurde Geld eingefuhrt, eine offentliche Kasse errichtet, und die Bergwerke gehorten dem Staate. Weil aber der Staat nur eine metaphysische Person ist, so glaubte der Vorsteher des Staats, der Furst, sich an die Stelle desselben setzen zu durfen. Als ich in Holzmunden auf der Schule war, nannte unser Rektor diese oratorische Figur eine Metonymia praesidis, pro re, cui praesidet ich glaubte niemals, dass diese Pedanterei in der Anwendung so ernsthafte, wichtige Resultate liefern konnte. Also noch einmal! Hier setzte sich der Furst zuerst an die Stelle des Staats, wurde der Verwalter der offentlichen Kasse und der Inhaber der Bergwerke.
Allein es verstand sich doch von selber, dass der Furst nicht willkurlich mit dem Staatsschatze wirtschaften durfte, sondern dass er zu gewissen Zeiten den Hauptern der einzelnen Stamme Rechnung von seinem Haushalte ablegen musste. Da sich nun uberhaupt die Geschafte sehr vervielfaltigten und er nicht allem allein vorstehen konnte, so beschloss man, Kollegia, das heisst Ausschusse verstandiger, alter Manner, aus dem Volke zu errichten, welche, unter Anfuhrung des Oberhaupts, sich in die Geschafte teilen mussten. Die Subjekte dazu oder die Reprasentanten der Nation wahlte teils das Volk, teils ernannte sie der Furst, weil es ihm doch nicht einerlei war, mit wem er gemeinschaftlich arbeiten sollte. Diese Manner aber mussten nun freilich ihre hauslichen Geschafte aufgeben; man suchte sie dafur zu entschadigen und wies ihnen Besoldungen aus der offentlichen Kasse an.
Die wohlverdiente Verehrung, welche man gegen das gewahlte Oberhaupt des Reichs hatte, entfernte alles Misstrauen. Man dachte nicht daran, ihn so sehr einzuschranken, dass man verlangt hatte, er sollte zu jedem Schritte erst die Beistimmung der Kollegien zu erlangen suchen. Der Furst fing daher nach und nach an, nach Gutdunken die Besoldungen auszuteilen und die erledigten Bedienungen zu besetzen, und dies tat er damals sehr gewissenhaft, weil er fur sich nichts durchzusetzen, kein andres Interesse hatte als das allgemeine, weil ihm nichts zu wunschen ubrig blieb, als dass die Geschafte ordentlich getrieben wurden.
Das Ruder war also ganz in des Fursten Handen, das Staatsvermogen unter seiner Aufsicht, und die Staatsbediente standen unter ihm; allein man setzte doch fest, dass grosse, wichtige Nationalangelegenheiten der Entscheidung gewahlter Reprasentanten aus allen Stammen, die sich, sooft es notig ware, versammeln wurden, uberlassen werden sollten.
Der Umlauf des Geldes machte bald eine ganzliche Veranderung in den Vermogensumstanden der Einwohner. Da man sahe, dass man fur einen Haufen von dieser kleinen Ware alles erlangen konnte, was man brauchte und wunschte, ohne selbst graben, saen, spinnen zu durfen, so bemuhete sich nun jeder, teils durch vorteilhaften Handel, teils dadurch, dass er sich fur seine weniger muhsamen Dienste so teuer als moglich bezahlen liess, soviel Geld, als zu gewinnen war, zu gewinnen.
Die Folgen davon auf die Moralitat und auf die Industrie sind leicht zu uberdenken. Der esprit public wurde lauer; man dachte bei jedem Schritte an das Privatinteresse. Der kriegerische Geist liess nach; eine Gefahr, die dem Staate im allgemeinen drohete, schreckte den einzelnen nicht so sehr, insofern er nur hoffen konnte, fur sich und die Seinigen ruhig zu bleiben. Durch Errichtung der Staatskasse war das Privateigentum von dem allgemeinen getrennt; man hielt den Staat fur sehr reich und machte unaufhorlich Jagd auf Besoldungen und Vergutungen. Da diese von dem Fursten abhingen, so fing man an ihm zu schmeicheln, sich ihm gefallig zu machen, um fur kleine, unwichtige Dienste grosse Bezahlung zu erhalten. Der herrschende Gedanke nun, alles, Arbeit, Muhe, Verwendung zum Besten des Staats, nach barem Gelde taxieren zu konnen, erniedrigte die Seelen der Menschen; Grossmut, Aufopferung, Uneigennutzigkeit wurden seltner. Man hielt keine Art von Geschafte mehr fur unedel, sobald es nur Geld einbrachte. Die Notwendigkeit, sich einzuschmeicheln, um sich Gonner oder Kaufer zu verschaffen, benahm dem Charakter Eigenheit und Energie, erzeugte Falschheit, Verstellung, Hoflichkeit und feine Lebensart, und da man den Handel als einen freiwilligen Kontrakt ansah, so nahm man sich's nicht ubel, wenn der andre den Wert der Ware nicht verstand, ihn zu uberlisten, zu betrugen. Treue und Wahrheit verschwanden.
Die Begierde, Geld zu erwerben, gab indessen doch auch Gelegenheit zu Erfindung mancher nutzlichen Kunste.
Die taglich zunehmende Vervielfaltigung der Verhaltnisse erforderte eine Menge neuer Gesetze. Je grosser die Zahl derselben wurde, desto mehr verloren sie von ihrer Ehrwurdigkeit und Heiligkeit. Bald machte man sich kein Verbrechen mehr daraus, sie heimlich zu ubertreten, wenn man seinen Vorteil dabei fand.
Der Furst, der nun immer mehr anfing, sich an die Stelle des ganzen Staats zu setzen, wagte es, zuerst unwichtige und nachher wichtigere Gesetze aus eigner Macht zu geben. Man liess ihn wirken; die mehrsten dachten an ihren Privatnutzen und liessen im Staate alles geschehen, insofern sie nicht unmittelbar dabei verloren; viele traueten dem Fursten; auch hatte er ja noch kein Interesse dabei, schlecht zu handeln: allein die Sache war wichtig der Folgen wegen. Seine Macht wurde durch Indolenz der Nation immer grosser; man hatte ihn im Zaume halten sollen; aber die Kollegien bestanden aus seinen Kreaturen, die Zahl der hungrigen Schmeichler nahm taglich zu, erfullte ihn mit torichter Eitelkeit und verschrob ihm, seinen Weibern und seinen Kindern Kopf und Herz.
Auf einer grossen Versammlung der Nationaldeputierten wurde nun aufs neue die Frage wegen der Erbschaften aufgeworfen. Man wollte es unbillig finden, dass einem Menschen, der keine Familie hinterliess, nicht das Recht zustehen sollte, das liebe, schone Geld, welches er gesammelt hatte, nach seinem Tode einem Freunde zuzusichern, sondern dass diese Reichtumer in den offentlichen Schatz kommen sollten. Diese Motion bewies genug, wie sehr man jetzt das Privatinteresse vom allgemeinen trennte. Wirklich wurden die Erlaubnis zu testieren und die Rechte der Seitenverwandten auf den Nachlass eines Menschen, der ohne Testament starb, festgesetzt, und dies offnete dann den Weg, durch Schmeichelei Erbschaften zu erschleichen, gab reichen Leuten Gelegenheit, ihre armern Verwandten zu tyrannisieren, brachte Eigennutz in die ehlichen Bundnisse, machte, dass die Leute anfingen, sich in ihrer Verwandten hausliche Geschafte und Ehestandssachen zu mischen, und da der Staat nun nicht mehr Gelegenheit hatte, durch Verschenkung solcher heimgefallenen Guter an Armere eine gewisse Gleichheit der Vermogensumstande herzustellen, so wurden einige Stamme durch Erbschaften ungebuhrlich reich.
Das waren die ersten und naturlichsten Folgen, welche die Schatze, die man der Erde entlockt hatte, sodann der Geldumlauf, der inlandische Handel und die dadurch entstandne grosse Verschiedenheit unter den Vermogensumstanden in Abyssinien nach sich zogen. Der auslandische Handel aber bewirkte, ausser allen diesen, noch weit wichtigere Revolutionen, wovon ich jetzt reden will.
Der Verkehr mit den benachbarten Nationen erzeugte den Luxus, machte die Abyssinier mit Annehmlichkeiten und Gemachlichkeiten des Lebens bekannt, die ihnen bis dahin fremd gewesen waren und die, nachdem sie dieselben einmal geschmeckt hatten, ihnen bald zum Bedurfnisse wurden. Sie lernten die Zubereitung betaubender, starker Getranke, den Gebrauch langsam vergiftender Gewurze, nervenkitzelnder Opiate, des Tobaks, des Rauchwerks und balsamischer Wohlgeruche. Die durch den Handel reich gewordnen Leute fingen an, einen asiatischen Aufwand in ihrem Hausrate, in ihrer Kleidung zu machen, schliefen des Nachts auf weichen Betten, walzten sich bei Tage auf seidnen Polstern. Die starken Korper wurden entnervt; da erwachte eine Menge unmassiger Begierden, heftiger Leidenschaften Grillen, Launen, Kranklichkeit, kurz, Verderbnis der Sitten. Herabwurdigung an Leib und Seele waren die sichern Wirkungen dieser weichlichen, wollustigen Lebensart. Hohe Tugenden schliefen; der Nerv zu grossen Taten wurde gelahmt; Einfalt, hausliche Gluckseligkeit, unschuldige Freuden, Kindersinn, Treue, herzliche Hingebung und froher, reiner Genuss verschwanden.
Da die Bedurfnisse immer mannigfaltiger wurden und die Preise der Lebensmittel stiegen, so bedurfte nun jedermann mehr als bisher; reich zu sein wurde also taglich wichtiger, notiger; denn einfach, massig und weise sein hiess nun schon: sich etwas versagen; arm zu sein, kein Geld zu haben war eine Art von Schimpf; der Wohlhabende wurde geschmeichelt, geehrt, um von ihm zu ziehen, der Durftige zuruckgesetzt, verachtet; personliches Verdienst kam nicht mehr in Anschlag; Eigennutz war die grosse Triebfeder, und man erlaubte sich, um reich zu werden, alle, auch die niedrigsten, schiefsten Mittel und Wege.
Der Reiche wollte nun nicht mehr arbeiten, hatte fur nichts Sinn als fur Genuss. Um sich her versammelte er einen Haufen bezahlter Schmeichler und Gaukler, die ihm die Zeit vertreiben halfen. Der Mussiggang erzeugte teils neue Laster und Torheiten, teils gab er Gelegenheit zu Erfindung und Vervollkommnung der schonen Kunste. Der Missbrauch derselben machte nun vollends weibisch, erhitzte die Phantasie, erregte die Begierden. Bald war der Geist der ganzen Nation nur fur Kleinigkeiten, Torheiten, Spielwerke empfanglich. Witz galt mehr als gesunde Vernunft, Bombast in Worten mehr als nuchterne Weisheit. Die Sinne wollten ohne Unterlass gekitzelt sein. Man entfernte von sich alles, was Anstrengung, Ernst, Ausdauer erforderte, und sehnte sich nur nach dem Genuss des Augenblicks; floh alles, was unangenehme Eindrucke machte, lebte und webte in immerwahrendem sinnlichem Taumel und haschte nach Idealen.
Jetzt entstanden eine grosse Menge neuer Verhaltnisse, Konventionen, Umgangsregeln, leere Komplimente, wobei man nichts dachte, unnutze Geschafte, um die Zeit zu toten, gesellschaftliche Vergnugungen von alberner Art; und je mehr man darauf studierte, seinen Genuss zu vervielfaltigen, um desto weiter floh die wahre, reine Freude; und Langeweile, die man ehemals nie gekannt hatte, nagte an den friedenlosen, von tausend unbestimmten, torichten Wunschen und Unruhen in Tumult gebrachten Herzen.
Der Reiche missbrauchte das Ubergewicht, welches er uber den Armen hatte, den er nur geschaffen glaubte, um seinen Lusten und Phantasien zu fronen; und dieser, der auch korrumpiert war und tausend Bedurfnisse hatte, die ihn von jenem abhangig machten, trug sklavisch sein Joch und beschaftigte sich nur mit listigen Planen auf den Geldbeutel des dummern Reichen.
Wer hatte aber ein grosseres Recht uber alle als der Furst? Er hatte die Mittel in Handen, reicher als jemand im Lande zu werden; er wurde also auch uppiger und wollustiger als einer; er wurde mehr als einer durch Schmeichelei verderbt. Er, in dessen Handen die Staatskasse war, hatte mehr als einer die Macht, die Armern zu drucken, die Lebensmittel zu verteuern und auf alle wirkliche und eingebildete Bedurfnisse seine schwere Hand zu legen. Auch tat er das, und die Menschen, die sich zu Sklaven ihrer Begierden gemacht hatten, mussten nun wohl die Sklaven dessen werden, der Gewalt hatte, diese torichten Begierden zu befriedigen oder nicht. Der genugsame, massige, gesunde Mann findet allerorten Freiheit und Vaterland; der schwache Wollustling lebt in ewiger Knechtschaft von innen und aussen. Luxus und Korruption wurden die ersten Grundpfeiler des Despotismus. Das entnervte Volk fuhlte nicht nur die Fesseln nicht, die es sich geschmiedet hatte, sondern, da es auch durch den Handel mit Volkern in Verbindung gekommen war, bei denen der Despotismus schon grossere Fortschritte gemacht hatte, so veranderten sich auch nach und nach ihre Ideen von den Verhaltnissen zwischen Fursten und Nation so sehr, dass sie sich's fur eine Ehre hielten, einen ebenso unumschrankten, in eitler Pracht glanzenden Monarchen auf ihrem Nacken sitzen zu haben als ihre Nachbarn, die Volker Nubiens. In dieser Periode nahm denn auch das Oberhaupt der Abyssinier den koniglichen Titel an oder den Titel des grossen Negus.
Eilftes Kapitel
Bruchstucke aus der neuern Geschichte Abyssiniens Wir haben gesehen, wie nach und nach sich das Familienregiment an der Hand der Zeit, durch naturliche Revolutionen, in eine republikanische, dann in eine monarchische Form ummodelte und endlich in unbegrenzten Despotismus ausartete. Allein bis jetzt wurde von seiten des Konigs dabei nicht eigentlich planmassig zu Werke gegangen; doch bald kam es auch dahin, dass der Despotismus in ein System gebracht wurde. Aus dem vorhin Erzahlten lasst sich leicht schliessen, dass die Menschen, welche der Konig um sich her versammelte, eine Rotte nichtswurdiger, sklavischer Schmeichler ausmachten; denn die, deren Herz und Sitten noch unverderbt waren, flohen den Hof, welcher der Sitz der Schwelgerei, der Uppigkeit und des Mussiggangs geworden war. Jene aber verfuhrten den Despoten zu immer grossern Ausschweifungen, Inkonsequenzen, Torheiten und zu dem Missbrauche seiner Gewalt. Die Schlauesten unter ihnen wurden seine Lieblinge, gaben ihm Anschlage, wie er es anfangen musste, der Nation noch den letzten Schatten von Freiheit zu rauben, und indem sie ihm behulflich waren, die unumschrankteste Gewalt in seine Hande zu legen, regierten sie den Despoten und suchten sich auf Kosten des Staats zu bereichern.
Nun wurden alle Bedienungen mit den Kreaturen der Lieblinge besetzt, Besoldungen und Jahrgelder an Unwissende und Bosewichte ausgeteilt; Parteilichkeit, Ungerechtigkeit und Bestechung herrschten in allen Departements. Man gab willkurlich Verordnungen und Gesetze, deren eines dem andern widersprach, verhing gegen die Ubertreter derselben Strafen, die nicht im Verhaltnisse mit den Verbrechen standen und die man nach Gutdunken erschwerte, minderte oder nachliess. Freigeborne Menschen wurden wie Sklaven am Leibe bestraft, ja, endlich sogar am Leben.
In den Befehlen, welche der Konig gab, las man nun die Ausdrucke Gnade, untertanigste Befolgung und mehr solcher emporenden Phrasen. Man sprach von der Heiligkeit der Person des Monarchen, von Majestat und dem Verbrechen der beleidigten Majestat.
Rechte, die jedem freien Manne zukommen, zum Beispiel die wilden Tiere auf dem Felde, die Vogel in der Luft zu schiessen und die Fische im Wasser zu fangen, erklarte man fur Regalien oder beschenkte nichtswurdige Gunstlinge mit diesen Befugnissen.
Auch Handel und Gewerbe blieben nicht frei. Man erteilte Privilegien, Monopolia, Exemtionen von gewissen Verordnungen an einzelne Personen und hielt es nicht fur Pflicht noch der Muhe wert, der Nation andre Ursachen fur dies alles anzugeben, als dass es Seiner Majestat gnadig gefallen habe, es also zu verordnen.
Um jedoch irgendeinen Schein anzunehmen, als wenn diese abscheulichen Eingriffe in die Rechte der Menschheit und der gesunden Vernunft mit Beistimmung des Volks geschahen, versammelte man noch einmal die Reprasentanten der ganzen Nation; allein man wusste durch Bestechungen, Verheissungen und Drohungen die Wahl dieser Reprasentanten so zu lenken, dass nur sklavische und unwissende Menschen sich dort versammelten und alles billigten, was der Despot vorschlug.
Der Konig bauete sich eine grosse, prachtige Stadt, die Axum hiess, jetzt aber nicht mehr die Residenz ist, seitdem Gondar gebauet worden. Dort lebte er in asiatischem Puppenglanze, von seinen Sklaven umgeben. Man veranstaltete daselbst das ganze Jahr hindurch Feste, Schauspiele und Feierlichkeiten, welche die Augen des Volks blendeten, die Sinne reizten, die Vernunft ubertaubten und von ernsthaften Betrachtungen ableiteten. Da tanzte und spielte man die Grillen weg und umwand sich die Sklavenketten mit Rosen.
Allein noch gab es eine Anzahl fester, von der allgemeinen Korruption weniger angesteckten Manner, die endlich des Unwesens mude wurden, sich laut und kraftig den Tyranneien und Bedruckungen widersetzten und sich weigerten, willkurliche, torichte und verderbliche Verordnungen zu befolgen. Die Besitzer namlich der grossern Guter, die Haupter der Stamme, die des Hofs nicht bedurften, nach keinen Pensionen angelten, keine Bedienungen suchten, sondern fern von der Residenz auf dem Lande lebten und sich, wie billig, als Mitregenten und Stellvertreter ihrer armern Nachbarn ansahen, hielten lange Zeit dem Despotismus die Stange. Dies war der eigentliche Adel des Reichs. Es war eine machtige Partei, die man schonen musste; und wirklich sah sich der Despot gezwungen, einige seiner Verordnungen zuruckzunehmen, um einem allgemeinen Aufruhr vorzubeugen. Freilich wurden viele von ihnen auch nach und nach des ewigen Protestierens mude, liebten die Ruhe und liessen manches geschehen, was grade nicht unmittelbar sie und ihre Untertanen traf; doch blieb diese Partei noch immer machtig genug, um den Despoten in die Notwendigkeit zu setzen, auf andre Mittel zu denken, sich auch diesen Stand unterwurfig zu machen. Hierzu nun bediente man sich schlauer Kunstgriffe. Man erteilte einigen von ihnen wichtige Bedienungen, lockte sie in die Residenz, verfuhrte ihre Kinder, erweckte in ihnen den Hang zur Pracht, zu eiteln Vergnugungen, zum Flitterstaate. Da liessen sie nun ihre Besitzungen in den Handen eigennutziger Verwalter und Pachter, verzehrten, was ihnen diese gaben, in der Stadt, richteten sich durch unnutzen Aufwand zugrunde und verarmten. Als man viele so weit gebracht hatte, schoss man einigen Geld vor und machte sie dadurch abhangig vom Hofe. Andern tat man den Vorschlag, gegen gewisse Summen, die man ihnen schenkte, ihre Guter fur ein Eigentum des Konigs zu erklaren und sie von ihm zu Lehn zu nehmen. Wenn die Familien ausstarben, erteilte man diese Lehne an Kreaturen des Hofs. Man reizte die Eitelkeit von andern, erfand unnutze Hofbedienungen, Titel und dergleichen, die man ausschliesslich dem Adel zusicherte, masste sich das Recht an, diesen Adel zu erteilen und erblich werden zu lassen. Man gewohnte die Menschen, Wert auf kleine, elende aussere Auszeichnungen zu legen, auf Bander und Ketten, die man ihnen umhing, auf gewisse Kleidungen, die man ihnen zu tragen erlaubte, auf Stellen, die einen gewissen Rang gaben. Da rissen sich dann die Leute um die Ehre, dem Konige den Sonnenschirm nachtragen zu durfen oder den Schlussel zu seinem heimlichen Gemache in Verwahrung zu haben, ihm die Braten zu zerlegen, seine Livree zu tragen, ihm die Schuhe kussen und dann wieder seine eignen Knechte zu ahnlichen niedertrachtigen Diensten zwingen zu durfen. Diese Vorrechte aber wurden nur dem Adel erteilt, und die Idee, dass hierin wirklich wahrer Wert beruhe, ging unmerklich in alle Stande uber; jeder rang darnach, ein Amtchen, wobei er mussiggehen konnte, ein Titelchen, einen Adelsbrief oder dergleichen zu erhaschen. Nun fehlte es dem Despoten nicht an Mitteln, das Volk zu fesseln, und der Adel, welcher ehemals eine Vormauer gegen die Eingriffe des Tyrannen gewesen war, wurde nun das Werkzeug zu ganzlicher Unterjochung der Nation.
Seitdem der Konig sich das Recht zu verschaffen gewusst hatte, nach Belieben seine Einkunfte zu vermehren, die Staatskassen als die seinigen anzusehen, Lehne einzuziehen, Regalien zu erfinden etc., war er freilich sehr reich geworden; allein der ungeheure Luxus, welcher am Hofe herrschte, die Verschwendung aller Art und dabei die unordentliche und betriegerische Verwaltung der Staatseinkunfte erschopfte doch die Kassen. Davon war nun gar nicht mehr die Rede, dass man dem Volke Rechnung von Verwendung der Gelder tun musse. Dem Konige war jedermann Rechenschaft schuldig; er niemand. Allerlei neue Regalien, die man erfand, Handlungsoperationen, neue Anlagen von Bergwerken, Marmorgruben, Zolle, Geldstrafen und viel andre Mittel hatte man schon versucht; doch war man noch nicht so kuhn gewesen, das bestimmte Privatvermogen der Untertanen unmittelbar anzugreifen und sie mit Auflagen zu belastigen; jetzt kam auch daran die Reihe. Man forderte Abgaben, Steuern; um aber gegen alle Widersetzung sicher zu sein, befreiete man den Adel und andre Stande, die Einfluss auf das Volk hatten, von diesen Steuern und walzte die ganze Last derselben auf den armern Teil der Nation, der nun, um das Geld herbeizuschaffen, wovon Mussigganger, Hofschranzen, Geiger, Pfeifer und Huren besoldet wurden, vom fruhen Morgen bis spat in die Nacht im Schweisse seines Angesichts arbeiten musste. Da verlor dann der niedergebeugte Untertan allen Mut, allen Lebensgenuss, alle Hoffnung, ein wenig wohlhabender zu werden, fur seine Kinder etwas zu sammeln. Ja, man fing an, genau zu berechnen, wieviel man dem Bauer erlauben durfe zu besitzen; wieviel man ihm jahrlich von seinem eignen, selbst erworbnen Vermogen lassen durfe, ohne dass er ubermutig wurde, das heisst, ohne dass er fuhlte, dass er ein Mensch ware, und damit er doch auch nicht verhungerte, auch Krafte genug behielte, um wieder so viel herbeizuarbeiten, als man ihm im folgenden Jahre nehmen wollte.
Dabei herrschte in der Residenz und in den ubrigen Stadten das allgemeinste Verderbnis der Sitten. Die unnaturlichsten, unmenschlichsten Laster wurden offentlich getrieben; man ruhmte sich seiner Verbrechen; die abscheulichsten Ausschweifungen zu begehen, das gehorte zu dem Ton der grossen Welt. Von den schandlichsten Krankheiten wurden ganze Familien angegriffen. Man erreichte nicht mehr die Halfte des ehemals gewohnlichen Menschenalters; hausliche Gluckseligkeit, Treue und Glauben, Menschenliebe und Gesundheit fand man nur in den Hutten der Armen.
Die Vornehmen hielten sich berechtigt, nicht unter dem Zwange der Gesetze zu stehen, und konnten sie sich ihnen auch nicht ganz entziehen, so war doch mit einer Handvoll Geld alles wieder gutzumachen, und es gab andre Strafen fur den Reichen als fur den Armen, andre fur den Edelmann als fur den Bauer. Wenn dieser ein Jagdtier schoss, so wurde er lebendig gespiesst; wenn jener einen Knecht totete, so wurde er zu einer massigen Geldbusse verurteilt. Ein Gesetz aber, dem der Konig unterworfen gewesen ware, gab es gar nicht.
Nun wirkten in allen Standen nur drei Triebfedern zu allen Handlungen: Eitelkeit, sinnlicher Genuss und Geldgier. Um Gewinst war es dem Richter bei Verwaltung der Justiz zu tun. Gerechtigkeit wurde eine Wissenschaft; die Menge der unbestimmten, schwankenden, sich widersprechenden Gesetze erforderte bei jedem einzelnen Falle eine besondere Auslegung. Man stellte Sachwalter an, welche die Kunst, diese Gesetze auf allerlei Seiten zu drehen, zu einem eignen Studium machten. Gesunde Vernunft und klare, kurze mundliche Darstellung wurden aus den Gerichtshofen verbannt. Die einfachsten Prozesse wurden jahrelang herumgezerrt, bis beide Parteien soviel an Gerichtsgebuhren und Prozesskosten ausgegeben hatten, als der ganze Gegenstand des Streits wert war. Falsche Beredsamkeit, Bestechung, Gunst und Schikane lenkten das Urteil zu ihrem Vorteile.
Der fur die Menschheit so wohltatige Stand eines Arztes verlor nicht weniger als der des Richters von seiner Wurde. Zu ihm durfte nicht mehr der Arme seine Zuflucht nehmen, wenn der Tod drohete, sechs unmundige Kinder zu Waisen zu machen, die, sobald sie ihrer einzigen Stutze, ihres Vaters, beraubt wurden, von dessen Erwerbe sie lebten, betteln mussten, sondern der Arzt war nun nur fur reiche Kranke sichtbar. Wie sollte er es anfangen, wenn er mit seiner Familie leben, und was man nennt anstandig leben, wollte? Und anstandig, das heisst: mit einigem Aufwande musste er leben, wenn es ihm um Praxis zu tun war, denn sonst nannte man ihn den Betteldoktor, und niemand vertrauete sich ihm an; denn wenn der Kerl etwas verstunde, sprach man, so wurde er nicht so armselig leben mussen. Der Staat besoldete ihn nicht; also musste er sich bei den Grossen und Reichen einzuschmeicheln suchen, des Morgens seine teure Zeit bei ihnen verlieren, um ihre Klagen uber eingebildete oder solche Ubel anzuhoren, die sie sich selber durch Unmassigkeit zugezogen hatten. Aber er musste auch dabei ein Schmeichler, ein angenehmer Gesellschafter sein, musste Stadtanekdoten zu erzahlen wissen. Seine Arzeneien sollten leicht und angenehm zu nehmen, durften nicht zu wohlfeil sein, und da man immer nach neuen, unerhorten Dingen haschte, so mussten seine Methoden auch neu sein oder wenigstens neue Namen haben. Er durfte keine strenge Diat vorschreiben, und das Publikum musste einige gluckliche Hauptkuren von ihm zu erzahlen wissen. Da war denn keine Art von Scharlatanerie, zu welcher sich die Sohne Askulaps nicht herabliessen, um Geld in ihren Beutel zu spielen, ihre Amtsbruder herabzuwurdigen und sich zu erheben. Bei den unbedeutendsten Ubeln schuttelten sie bedachtlich den Kopf, um nachher ihre Muhe und ihr Verdienst desto teurer anrechnen zu konnen; gegen eine Unpasslichkeit, die durch das einfachste Mittel, vielleicht nur durch Lebensordnung, zu uberwinden war, zogen sie mit ganzen Heeren von Quacksalbereien zu Felde. Sie suchten einer den andern zu verleumden und zu verfolgen, statt bruderlich in Gemeinschaft zu arbeiten, um ihre Kunst auf feste Grundsatze zu bringen. Sie verkauften Arkana, Wunderessenzen, von deren Nichtigkeit sie selbst uberzeugt waren; sie machten an armen Leuten allerlei Proben von Kurarten und erhoben die, an welchen die wenigsten Schlachtopfer starben, als neu erfundne, unfehlbare Heilungsmittel. Da herrschten dann allerlei Moden in der Arzeneikunst, und was man in diesem Jahre in einer Krankheit fur Gift hielt, wurde im folgenden als ein unfehlbares Mittel in derselben Krankheit angepriesen.
So wie mit der Heilkunde, so ging es auch mit den ubrigen Wissenschaften. Die Begierde zu allem, was unbekannt, wunderbar, unerhort war, brachte eine Frivolitat, Bizarrerie und Neuerungssucht in alle Facher, die der wahren Gelehrsamkeit unendlichen Schaden taten; und da ernsthaftes Nachdenken uber denselben Gegenstand Langeweile machte, so wurde alles nur oberflachlich behandelt, von der lustigen Seite angesehen. Witz und Persiflage spielten den Meister uber grundliche Darstellung; man bezahlte sich mit wohlklingenden Worten, ohne Sinn und ernsthaftes Studium; Bestimmtheit in Begriffen und Ausdrucken hiess Pedanterei. Jedermann wollte alles wissen, um von allem reden, uber alles lachen zu konnen; ein Mann, der nur in einem Fache gross war, galt fur einen beschrankten Kopf. Der Stutzer plauderte uber Staatswirtschaft; in dem Zirkel um den Nachtstuhl einer Dame her wurden philosophische Probleme aufgeloset. Komische Gegenstande wurden metaphysisch; wichtige, der ganzen Menschheit interessante Materien in Marionettenspielen abgehandelt. Man pragte neue Worte fur Dinge, womit man gar keinen Begriff verband; man appellierte an das Gefuhl, wo die Vernunft zu ungeschmeidig war, sich von der Phantasie nicht wie ein Freudenmadchen wollte behandeln lassen. Man schwatzte, wo man wirken sollte; man spannte ohne Unterlass die Einbildungskraft an, interessierte sich fur eine Ideenwelt, indes man in der wirklichen alles gehen liess, wie es ging. Man fand Genuss, Wonne darin, nie aus einem fieberhaften Zustande zu kommen, und machte sich eine Ehre daraus, an Leib und Seele kranklich zu scheinen. Mannliche, ernste Beredsamkeit verwandelte sich in zierlichen, schallenden Wortprunk; die schonen Kunste arbeiteten nur zu dem Zwecke, die Nerven zu kitzeln; die Dichter feuerten nicht mehr durch erhabne, geistreiche Gesange zu grossen Taten an, sondern sangen im Posaunenton das Lob der Grossen und Reichen, beleierten unwichtige, kleine Gegenstande oder erhitzten durch uppige Bilder die Einbildungskraft feuriger Junglinge und geiler Schwelger; und als auch dies Gewurz den Gaumen nicht mehr kitzelte, suchte man durch Darstellung riesenmassiger Zauberszenen und schandlicher Greuel die verwohnten, immer nach unerwarteten Eindrucken schnappenden Herzen aufzuruhren. Eine naturliche, gesangvolle Melodie ermudete die Ohren; man forderte ein Gewuhl von Tonen. Ein einfacher Plan, kunstlos, mit Wahrheit und Wurde ausgefuhrt, machte Langeweile; man forderte Verwicklung, Uberspannung, buntes Guckkastenspiel.
Zwolftes Kapitel
Fortsetzung des vorigen
Dahin war es in allen Klassen der Burger in den Stadten gekommen, indes das Landvolk zum Teil noch unverderbt war, als ein neuer Einfall der Nubier in das abyssinische Land den grossen Negus zwang, in Eil ein Kriegsheer zusammenzubringen; allein jetzt war dies mit mehr Schwierigkeiten verknupft als in den goldnen altern Zeiten, wo jeder Abyssinier, voll Warme fur das Wohl des Ganzen und fur die Ehre der Nation, zu Rettung des Vaterlandes herbeieilte. Es fanden sich soviel Ausfluchte, um nicht ins Feld zu gehen; notwendige Geschafte zu Hause, Kranklichkeit des Korpers etc. Zu einem uppigen, weichlichen Leben gewohnt, erschutterte der Gedanke an die Beschwerlichkeiten des Kriegs und die Gefahr des Todes besonders den Adel und die Stadtebewohner so sehr, dass unter zehn nicht einer mitwollte. Ja, Mord und Totschlag auf dem Theater zu sehen, das ist recht unterhaltend, und man meint, das zeige Starke und Mut an, den Anblick solcher furchterlichen Szenen ertragen zu konnen; aber in natura nein, das ist nichts!
Nun, endlich kam denn eine Art von Armee zustande; allein da ging es wieder an ein Kabalieren um die Anfuhrerstellen. Dass die adeligen Herren allein sich in den Besitz derselben setzen wollten, verstand sich von selber; aber auch unter diesen gonnte keiner dem andern die Oberbefehlshaberrolle. Die gesunden, nervigen Landleute verachteten ihre weichlichen, feigen Anfuhrer, welche ganze Serails von Metzen, ganze Warenlager voll starker Getranke, einen unzahlbaren Tross von unnutzen Bedienten, Fuhrwerken, Tragsesseln, Lastvieh, Kuchengerate, Lebensmittel, Garderoben und Toiletten mit sich herumschleppten. Man gehorchte also solchen weibischen Anfuhrern teils gar nicht, teils ungern. Diese Elenden hingegen waren immer unter sich durch Neid getrennt, wollten keiner dem andern den Sieg gonnen, hatten auch uberhaupt nicht viel Lust zu entscheidenden Schlachten. Aber focht denn nicht der Konig an ihrer Spitze, gab Beispiele von Mut, Entschlossenheit, Uberwindung aller Gefahren, Beschwerden und Schwierigkeiten? Nein, der grosse Negus besuchte in der Residenz die Schauspiele, liess sich da Schlachten liefern, die kein Blut kosteten, schwelgte mit seinen Weibern und sprach von den prachtigen Triumphen, die er halten wollte, wenn sein damaliger Liebling, der Oberkuchenmeister, dem er die Armee anvertrauet hatte, die Feinde wurde geschlagen haben.
Zum Glucke hatten es die Abyssinier mit einem ebenso verderbten, ausgemergelten Volke zu tun, als sie selber waren. Da gab es denn ungeheure Zurustungen zu kleinen Vorfallen, Marsche hin und her, Prahlereien von beiden Seiten, wenn ein kleines Korps einmal mit dem andern handgemein geworden war, aber dagegen desto mehr Plunderungen, Stadte- und Landerverwustungen, Notzuchtigungen, Ermordung von Weibern und Kindern denn wer ist grausamer als der Feige? Das Ende vom Kriege war ein Frieden, in welchem alles auf dem vorigen Fuss blieb bis auf den Ruin so vieler unschuldigen Familien, die das Ungluck gehabt hatten, durch diese Helden ihre ehemals so bluhenden Fluren in Einoden verwandelt zu sehen.
Die Beschwerlichkeiten dieses Kriegs nun und die Schwierigkeit, ein Heer dazu zusammenzubringen, fuhrte den grossen Negus und seine Ratgeber zuerst auf den Gedanken, ein stehendes Heer zu errichten. Dies sollte nicht nur immer in Bereitschaft sein, gegen den Feind zu Felde zu ziehen, sondern auch rebellische Untertanen, die sich unterstehen wurden, den allergnadigsten Verordnungen ihre untertanigste Befolgung zu versagen, zu Paaren treiben, endlich auch fur die innere Sicherheit des Landes sorgen, indem nun, bei immer zunehmendem Luxus und allgemeiner werdenden Korruption, Diebstahl, Strassenraub und Mord, trotz aller Todesstrafen, taglich mehr einrissen. Dass ubrigens der Burger und Bauer dafur, dass er bei der Gefahr, die dem Vaterlande drohete, ruhig zu Hause bleiben konnte, den Soldaten, der fur ihn in das Feld ging, im Kriege und Frieden bezahlen musste, das verstand sich von selber.
Sonderbar war in der Tat der Gedanke, auch aus dem Soldaten einen eignen Stand zu machen, gewisse Leute dafur zu bezahlen, dass sie sich fur die andern totschiessen lassen und ihr Leben eines Streits wegen aufs Spiel setzen sollten, dessen Gegenstand sie auf keine Weise interessierte. Wer diese Einrichtung nicht schon langst in unserm zivilisierten Europa zur Wirklichkeit gebracht gesehen hatte, der sollte es fast nicht glauben, dass es Menschen geben konnte, die sich zu so etwas verleiten liessen, ja, eine Ehre darin suchten und das Tapferkeit nennen konnten, wenn man da nicht fortlauft, wo man nicht fortlaufen kann. Doch das gehort ja nicht hierher. Genug! es wurde in Abyssinien ein Heer errichtet, und wir mussen doch horen, wie.
Zu Anfuhrern wurden, wie man denken kann, die Sohne der Vornehmen genommen, und weil diese in der Tat nicht immer die Tapfersten waren und man sie auch nicht ubermassig fur ihre Dienste belohnen konnte, so musste man andre Ressorts erfinden, um sie zu bewegen, sich durch kuhne Taten auszuzeichnen. Man fand diese Ressorts in der torichten Eitelkeit der Menschen, in ihren falschen Begriffen von Ehre, von Rang und in ihrer Albernheit, auf kleine Auszeichnungen, auf Bander, Kleidung, Lob und dergleichen Wert zu setzen. Man gab dem ganzen Heere einerlei Kleidung zu tragen, der Konig selbst erschien in diesem Gewande, und man legte einen hohen Wert darauf, im Kriegsrocke einhergehen zu durfen, diesem Rocke Ehre zu machen und keine Beschimpfung zu ertragen, wenn man ihn am Leibe hatte. Der nutzlichste Mann im Staate, der Handwerker, durfte es nicht wagen, sich mit einem Trommelschlager in eine Klasse zu setzen. Schimpfworter, die man in Ubereilung gegen jemand auszustossen pflegt, durfte der auf innere, wahre Ehre stolze Burger grossmutig verzeihen; der Kriegsmann musste sich mit Blute rachen. Der Offizier, der in der Schlacht seine Pflicht tat, wurde durch ein Bandchen oder ein andres kleines Angehange, das man ihm zu tragen erlaubte, belohnt. Man verzieh dem Soldatenstande leichtsinnige Ubereilungen, Unsittlichkeiten, Ausschweifungen, rauhes Betragen und Unwissenheit, weswegen Menschen in andern Standen verachtet und geflohen wurden. Und so hatte denn der Stand eines Offiziers neben dem Mussiggange, in welchem er den grossten Teil seines Lebens zubringen konnte, fur Leute mancher Art viel Reiz. Ein solcher ruckte denn auch nach und nach von Stufe zu Stufe weiter, wo er immer etwas besser besoldet, mehr geehrt, mehr geschmeichelt wurde; und war er alt, kranklich oder im Kriege verstummelt, so konnte er sich mit einer massigen Pension in Ruhe setzen. Die Schwierigkeit, in andern Standen sich durch Kabalen und Hudeleien mancher Art bis zu einer Stelle hindurchzuarbeiten, die in diesen teuern Zeiten eine Familie ernahrte, bewog denn auch wurdige und edle, aber arme Manner, Offizier zu werden, weil sie doch dadurch eine kleine, aber sichre, mit ausserer Ehre verknupfte Versorgung erhielten und weniger Schikanen ausgesetzt waren.
Das alles fand aber nur bei den Offizieren statt; mit den gemeinen Soldaten sah es ganz anders aus. Schlecht bezahlt, durftig gekleidet, mager gespeiset, ohne Hoffnung, weiter fortzurucken, und mit der Aussicht, wenn sie einst Kruppel oder sonst zum Dienste unfahig wurden, fortgejagt und Bettler oder Rauber zu werden, und, dabei in sklavischem Zwange lebend, ausserstande, sich durch Tapferkeit Ruhm zu erwerben, wollte kein arbeitsamer Mensch gutwillig sich diesem Stande widmen. Es mussten daher andre Mittel gewahlt werden, die Armee vollzahlig zu machen. Taugenichts und Vagabonden, die durch den Reiz eines zugellosen, mussigen Lebens herbeigelockt wurden, liess man die Waffen tragen; bessere Menschen wurden teils mit Gewalt, teils durch List angeworben. Man ubte sie in den Waffen, das heisst, da man jetzt auf personliche Tapferkeit im Kriege nicht mehr rechnen durfte, so lehrte man sie gehen und kommen, schiessen und sich totschiessen lassen, sooft ihnen der Wink dazu gegeben wurde. Mit furchterlichen Schlagen wurden die Widerspenstigen und Ungeschickten zu diesen mechanischen Ubungen abgerichtet, die strengste Unterwurfigkeit, der punktlichste Gehorsam eingefuhrt, das kleinste Verbrechen, das geringste Murren auf die abschreckendste Weise bestraft; jeder Offizier ubernahm die Unterjochung einiger solcher Leute. Die Schlechtern unter diesen hatten nicht den Mut, sich der unmenschlichen Tyrannei zu widersetzen; die Bessern wurden nach und nach des Jochs gewohnt und wussten nicht, ob sie sich bei einer Emporung auf die Mitwirkung ihres Nebenmannes verlassen konnten; als Bauern zu Hause war auch nicht viel Gluck und Freiheit fur sie da wurden sie von den Beamten geschunden; und so erhielt und befestigte sich dann in der Tat ein Wunder der Menschheit! eine Maschine, in welcher vieltausend Unzufriedne und Ungluckliche sich auf den Wink eines einzigen zu Handlungen bestimmen liessen, die ganzlich gegen ihre Neigung, gegen Billigkeit, gegen Vernunft und Natur waren, ohne jedoch zu murren, ohne die Rechte der freien Menschheit zu reklamieren, ohne emport zu werden von dem entehrenden Schauspiele, dem wahren Sinnbilde des Despotismus, wenn sich ein ehrwurdiger Greis unter den Schlagen von der Hand eines Knaben krummen musste.
Nun wurde die Kunst, Menschen von der Erde zu vertilgen, in ein System gebracht, und man sahe auch in Abyssinien ein, dass nicht mehr die Tapferkeit, sondern das, was man Kriegskunst nennt, das Gluck der Feldzuge entscheide. Es kam darauf an, die Maschine, welche man aus vernunftigen Wesen, denen man den freien Willen geraubt, zusammengesetzt hatte, mit grossrer Behendigkeit und Schnelligkeit zu bewegen als der Feind, um uber diesen den Meister zu spielen. Feuergewehr hatten die Abyssinier schon langst uber Arabien her bekommen; ein Jesuit (denn jetzt rede ich schon von den neuern Zeiten, von der Regierung der letztern drei Konige) lehrte sie den besten, schnellsten und gleichformigsten Gebrauch von diesen Waffen machen und fuhrte sie selbst im nachsten Kriege an, der entscheidend zum Vorteile der Abyssinier ausfiel und eine Menge nubischer Konige dem grossen Negus zinsbar machte.
Auf diese Zeiten folgte ein langjahriger Frieden, wahrend welchem die Soldaten anfangs untatig in den Stadten lagen. Viele von ihnen waren eingeborne, mit Gewalt aus dem Schosse ihrer Familie, von nutzlicher Arbeit weggerissene Bauern- und Burgersohne. Mit reinen Sitten waren sie zum Teil zum Heere gekommen; jetzt wurden sie von den ubrigen zu allen Arten von Lastern verfuhrt, die durch sklavische Behandlung, Mussiggang und boses Beispiel erzeugt und genahrt werden. Von ihrem geringen Solde konnten sie in der Residenz nicht leben; ein jeder half sich, so gut er konnte, und trieb nebenher irgendein mitunter sehr unedles Gewerbe, um Brot zu haben. Wer Verwandte auf dem Lande hatte, dem brachten diese Nahrungsmittel in die Stadt; und nicht genug, dass man den Vater seines Sohnes beraubt hatte, der ihm in der Arbeit beistehen konnte, musste er diesem noch obendrein seinen kleinen Vorrat zutragen. Die Schwestern und Geliebten der jungen Krieger kamen bei dieser Gelegenheit haufig in die Residenz, wurden von dem Flitterglanze geblendet, verfuhrt und nicht selten von ihrem eignen Bruder vornehmen Wollustlingen in die Hande geliefert. Andre Soldaten erhielten die Erlaubnis, auf gewisse Zeit bei ihren Verwandten in den Provinzen sich aufhalten zu durfen; dann brachten sie alle Stadtlaster mit hinaus auf das Land; und so wurde denn durch die stehenden Heere die Korruption auch in den Strohhutten verbreitet, und Einfalt der Sitten und Unschuld verschwanden aus allen Standen.
Damals kam ein Negus zur Regierung, der sich gern auf wohlfeile Weise einen grossen Namen machen wollte. Er bekam Lust, ein wenig Krieg zu fuhren und fremde Provinzen zu erobern. Die Armee war da, war einmal bestimmt, sich zur Schlachtbank fuhren zu lassen, wohin man wollte. Der oben schon ruhmlichst genannte Jesuite bewies Sr. Majestat nicht nur, dass die Konige dazu ein Recht hatten, sondern dass es auch hochst notig sei, bei dem Soldaten nicht, durch gar zu langen Frieden, die Kriegszucht sinken zu lassen. Es wurde also der erste mutwillige Krieg gefuhrt. Hunderttausend vernunftige Wesen wurden von beiden Seiten ermordet; man schloss endlich einen Frieden, durch welchen man halb soviel Land gewann, als die Heere verwustet hatten; der Negus hielt ein grosses Fest, das den schon verarmten Untertanen den letzten Heller aus dem Beutel lockte, und fand nun Vergnugen daran, mehr dergleichen unschuldige Possen zu treiben.
Einem seiner Gesandten wurde an einem Hofe in Nubien eine unbedeutende Ehrenbezeugung versagt und man fing einen Krieg an. Der Liebling des Negus hatte einen Privathass gegen den Minister des Konigs von Sennar und man fing einen Krieg an.
Man wurde sich irren, wenn man glaubte, die Volker Abyssiniens hatten nicht endlich die Abscheulichkeit dieser Handlungen gefuhlt, hatten nicht sich dagegen strauben wollen, mit Gut und Blut der Ball der torichten Leidenschaften und Grillen ihres Despoten zu sein. Wirklich entstand in der Provinz Hangot ein furchterlicher Aufruhr; allein man schickte einen Teil des Heers dahin, und nun zum erstenmal besudelten die Krieger ihre Hande mit dem Blute ihrer Bruder, halfen Menschen unterjochen und morden, von denen sie besoldet, ernahrt, gepflegt wurden. Der Sohn musste gegen den Vater fechten, der Freund den Freund zu Boden strecken. Nun erst war der Despotismus fest gegrundet, das Volk zu Sklaven gemacht; keiner wagte es ferner zu murren; der gekronte Schurke spielte mit dem Leben, mit dem Vermogen, mit der ganzen naturlichen, burgerlichen und moralischen Existenz derer, die ihm freiwillig und zutrauvoll ihr zeitliches Gluck in die Hande gegeben hatten. Ein einziges freies Wort brachte den redlichsten, weisesten Mann ohne Urteil und Recht, ohne Verhor, ohne Mitleid gegen seine trostlose Familie auf das Blutgeruste; die bewaffneten Henker rissen den Edeln, der dem Gunstlinge nicht zu schmeicheln verstand, aus den Armen seines treuen Weibes, schleppten ihn in den Kerker und liessen ihn da verschmachten.
Doch das war nicht der letzte Missbrauch, den der Despot von seinem Kriegsheere machte; man zeigte ihm noch einen Weg, Vorteil davon zu ziehen. Er verkaufte namlich das Leben seiner Untertanen an benachbarte Machte, vermietete vernunftige Wesen, wie man Lasttiere vermietet, liess sich grosse Summen bezahlen, die in seine Kassen flossen und die er mit seinen Lieblingen und Kebsweibern verschwelgte. Hoher, sollte man meinen, konne der Despotismus nicht steigen; allein da wurde man irren; das folgende Kapitel wird dies klarmachen.
Dreizehntes Kapitel
Schluss des vorigen
Frei geborne Menschen durch stufenweise verstarkte Eingriffe in ihre Rechte, dann durch immer mehr gewagte Misshandlungen, nebenher durch Korruption ihrer Sitten, wodurch Seele und Leib geschwacht, zum Widerstande unfahig gemacht werden, endlich durch erschreckliche Strafen sich unterwurfig zu machen, das heisst, Meister uber alle ihre Handlungen zu werden; das ist freilich ein abscheulicher Despotismus! Aber was bedeutet das gegen die Tyrannei, die man ausubt, wenn man auch uber ihre Meinungen, uber ihre Vorstellungen und uber ihren Glauben sich eine Herrschaft anmasst? Dennoch kam es auch so weit in Abyssinien. Dass dies das Werk der Priester war, versteht sich wohl von selber.
Bis jetzt habe ich von dem Religionswesen in Abyssinien noch gar nichts gesagt; hier ist der Ort dazu. In den altesten Zeiten, das heisst, in den Zeiten, die unmittelbar auf die grosse Uberschwemmung folgten, war der Gottesdienst der Abyssinier ausserst einfach; ihre Religion beruhete auf sehr dunklen Ideen vom gottlichen Wesen, und von Theologie und Priesterstande hatten sie das Gluck nichts zu wissen.
Die Tradition von der Uberschwemmung durchkreuzte ihre Traditionen uber die Schopfung der Welt und uber das, was bis zu jener Uberschwemmung in ihren Gegenden vorgefallen war. Indessen glaubten sie, dass die ganze Welt von einem einzigen unsichtbaren Wesen ware geschaffen worden und noch im Gange erhalten werde; dass dies Wesen ehemals sich den Menschen sichtbar gezeigt hatte; sie waren ihm aber ungehorsam gewesen und hatten sich der Abgotterei ergeben; da ware das Wesen erzurnt worden und hatte sie alle vertilgt, bis auf eine fromme Familie, durch welche nachher Abyssinien wieder ware bevolkert worden.
Ihr Gottesdienst bestand nur in Verehrungsbezeugung und Huldigung gegen das unsichtbare hochste Wesen, dem sie ihre Unterwurfigkeit und ihren Gehorsam zu bezeugen suchten, um es zu bewegen, nie wieder eine so schreckliche Verwustung auf dem Erdboden anzurichten. Die wenigen Zeremonien, deren sie sich bedienten, trugen noch das Geprage des Schreckens, der durch die Uberschwemmung damals in den Herzen derer, die sie erlebt hatten, war erzeugt worden. Sie gossen an gewissen Tagen Wasser in die Luft und heulten und klagten dabei; sie wuschen und badeten mit Feierlichkeiten ihre Kinder, wenn diese ein gewisses Alter erreicht hatten; sie warfen sich bei Aufgang und Untergange der Sonne zur Erde nieder, stiessen Seufzer aus, wenn die Nacht heranbrach, und Freudentone, wenn sie des Morgens, ohne Unfall zu erleben, erwacht waren.
Allen diesen Gebrauchen nun stand jeder Hausvater an der Spitze seiner Familie vor; nur an dem grossen Versohnungstage, wenn alle Familien sich vereinigten, um die oben beschriebne Libation vorzunehmen, prasidierte der Alteste unter ihnen oder, nachdem sie sich ein Oberhaupt gewahlt hatten, dieses bei der grossen Feierlichkeit. Also noch einmal! sie hatten damals keine Priester.
Uber das Wesen Gottes, uber seine Okonomie bei Schopfung und Erhaltung der Welt, uber den Zustand jenseits des Grabes nachzudenken, das fiel ihnen vielleicht nicht einmal ein; vielleicht glaubten sie auch, dass das Grubeln uber Gegenstande, in denen die Vernunft doch nie sich Licht zu verschaffen vermag, Torheit ware; vielleicht endlich liess ihnen ein tatiges Leben, im Schweisse ihres Angesichts, auch nicht die Musse, sich mit Spekulationen abzugeben. Also hatten sie auch keine Theologie, und was jeder in mussigen Stunden uber solche Dinge denken und traumen wollte, das blieb ihm uberlassen.
Indessen kamen lange nachher durch einen Zufall unter den Abyssiniern die Traditionen in Kurs, welche in den Geschichtsbuchern des judischen Volks enthalten sind. Dies geschahe in einer Periode, wo schon die Kultur weiter um sich gegriffen hatte und die Neugier zuweilen, von den taglichen Bedurfnissen ab, in das Gebiet der Phantasie einen Gang zu wagen Zeit gewann. Da fassten dann die in den Mosaischen Gedichten enthaltnen theologischen, theosophischen, theokratischen, kosmogonetischen und ubrigen Begriffe von Gott, der Schopfung und dem Weltgebaude in Abyssinien Wurzel, und es wurden auch einige der orientalischen Religionsgebrauche, unter andern die Beschneidung, Opfer und dergleichen, dort eingefuhrt.
Als sich verschiedne Stande im Lande abzusondern begannen und jeder sich einer eignen Lebensart widmete, sich ein eignes Gewerbe ausschliesslich wahlte und nach und nach auch die Abyssinier an ausserm Prunk und an Feierlichkeiten Geschmack fanden, ordnete man mehr jahrliche offentliche Feste, Busstage und, nach dem Beispiele der Israeliten, auch einen wochentlichen, dem Gottesdienste und der Ruhe von Geschaften gewidmeten Sabbat an, bauete Tempel und ernannte einen Stamm, der, wie der Stamm Levi, den religiosen Zeremonien vorstehen, dem Volke vorbeten und die Opfer verrichten sollte. Da dieser Stamm, wie billig, vom Staate ernahrt werden musste, so wies man ihm einen Anteil an den Opfern an, verwilligte ihm den Zehnten von gewissen Feldern, beschenkte ihn auch wohl mit heimgefallnen Gutern. Zu bereichern suchten sich diese Leviten, wie alle Priester; allein sie durften doch ohne Bestimmung des Fursten nichts an sich reissen. Geherrscht hatten sie gern, wie alle Priester; aber dazu fand sich noch keine Gelegenheit. Freilich suchten sie sich in den Ruf zu setzen, als seien sie in unmittelbarer Verbindung mit dem hochsten Wesen, gaben Wunder und Weissagungen vor, wollten zu Rate gezogen sein, wenn etwas Grosses in dem Staate unternommen werden sollte; doch war ihr Kredit noch immer sehr eingeschrankt. Auf unnutze Spekulationen fielen sie auch, wie alle Mussigganger; sie fingen an, die judischen heiligen Bucher auf mannigfaltige Weise zu kommentieren; allein sie zankten sich nur unter sich, und die Laien nahmen keinen Anteil an ihren theologischen Streitigkeiten. Da wurde zum Beispiel die grosse, wichtige Frage unter ihnen aufgeworfen, wieviel Sprossen die Himmelsleiter gehabt, welche Jakob im Traume gesehen hatte, ob es Engel weiblichen Geschlechts gabe und dergleichen mehr; aber das Volk ging seinen Nahrungsgeschaften nach und liess die Priester das unter sich verfechten.
Da alle diese Mittel, sich gelten zu machen, nicht anschlagen wollten, so erlauerten sie den Zeitpunkt, als grade ein schwacher, aberglaubischer Furst auf dem Throne sass, suchten diesem eine grosse Meinung von der Wirkung ihres Gebets und von ihrer Gabe, Wunder zu tun und zu weissagen, beizubringen und erlangten von ihm das Privilegium, Schulen anzulegen und Menschen, die zu nutzlicher burgerlichen Lebensart bestimmt waren, und uberhaupt ohne Unterschied alle Burger mit Gewalt in der Theologie zu unterrichten.
Die Folgen davon sind leicht einzusehen. Der Geist des ganzen Volks wurde von dem graden Wege der gesunden Vernunft, die sich berechtigt glaubt, nichts als wahr annehmen zu durfen, als wovon sie den Grund einsieht, auf Spitzfindigkeit, Sophismen und Aberglauben, von zweckmassiger Tatigkeit auf unnutze Spekulationen geleitet, nicht nach Uberzeugung, sondern nach Autoritat zu urteilen, nach Autoritat zu glauben und darnach zu handeln; das Herz wurde fur warme, innige, einfaltige Gottesverehrung unempfanglich gemacht und an Formeln, kalte Feierlichkeiten und mechanische Andachtelei gewohnt; die schonsten Jugendjahre, wo es Zeit gewesen ware, den Verstand aufzuklaren und das Gedachtnis mit heilsamen Vorkenntnissen auszurusten, wurden mit kaltem Wortkrame verschleudert; die Priester aber machten sich dem Volke wichtig und notwendig, erfullten die Kinder mit blinder Verehrung des geistlichen Standes, schlichen sich in die Familien ein, mischten sich in allerlei Handel und bereicherten sich.
Als sich endlich die Konige in Abyssinien unabhangig machten, waren die Priester schon ein ausserst bedeutender Stand geworden, den man nicht vor den Kopf stossen durfte. Sie fanden aber ihre Rechnung dabei, den Despotismus zu unterstutzen; sie bewiesen dem Volke, dass der Konig ein Statthalter Gottes sei und unbedingten Gehorsam fordern konne. Sie erfanden ein Geschlechtsregister fur die Familie des Monarchen, der man nun die erbliche Thronfolge zugesichert hatte, und liessen den grossen Negus von dem judischen Konige Salomon und der Konigin Saba abstammen.1 Fur diese geistliche Unterstutzung aber liessen sie sich denn auch von dem Despoten wichtige Privilegien einraumen; und seit dieser Zeit hielten sie es immer so, dass, je nachdem ein verstandiger oder schwacher, ein ihnen ergebner oder nicht gut gegen sie gesinnter Regent auf dem Throne war, sie entweder gegen gute Bezahlung sich zu seinen Werkzeugen oder sich ihm furchtbar, entweder gemeinschaftliche Sache mit dem weltlichen Despotismus machten oder Meuterei erregten. Wie es aber auch kam, so war immer das Volk das Opfer davon.
So stand es, als die christliche Religion oder vielmehr ein Mittelding zwischen ihr und der judischen, namlich die koptische Religion in Abyssinien eingefuhrt wurde. Die einfache, so jedermann klare, fur alle Stande unter den Menschen so heilsame, so verstandliche, so weise, fur Kopf und Herz gleich beruhigende Lehre des Erlosers der Welt fand in ihrer Reinigkeit keinen Eingang bei Menschen, die sich durch jene Albernheiten verschroben und verstimmt hatten. Wie hatten auch die Priester da ihr Konto finden sollen, wo nichts auswendig zu lernen, nichts zu glauben war, als dass man, um Gott wohlgefallig zu sein, ihn uber alles und seinen Nachsten wie sich selbst lieben musse; wo keine andre Beweise fur die Echtheit der Lehre gefordert wurden, als dass man an sich selber die Probe anstellen sollte, ob sie uns besser und ruhiger machte oder nicht?
Die koptische Religion hingegen war eine wahre Pfaffenreligion und vereinigte dabei alle Gebrauche der judischen und christlichen miteinander: Beschneidung und Taufe, Abendmahl und Konfirmation und Firmelung und Priesterweihe und Monchsstand und Heiligendienst. Und welch eine herrliche Menge mystischer Lehren, die auf die Sittlichkeit und auf die Ruhe im Leben und im Sterben gar keinen Einfluss hatten, woruber sich aber gewaltig disputieren und schwatzen liess! Nun waren vierzehn Jahre, selbst fur einen Laien, kaum hinlanglich, die Skizze dieses ganzen theologischen Systems in sein Gedachtnis zu propfen; und doch wurde das von jedem Abyssinier gefordert.
Um den Negus ganz fur dies System und fur den Priesterstand zu interessieren, bewogen ihn die Pfaffen, sich zum Diakonus weihen zu lassen. Seit dieser Zeit ist der Beherrscher von Abyssinien immer zugleich Diakonus, wird, wenn er die Regierung antritt, von jenen Kerln gesalbt und tragt einen Hauptschmuck, der halb Priestermutze, halb Krone ist. Nun sahe er sich auch als das Oberhaupt der Priesterschaft an; jetzt wurden die fruchtbarsten Felder, die fettesten Wiesen ein Eigentum der Pfaffen; es wurden Kloster gestiftet und reich dotiert, in welchen ein Haufen erzdummer Schurken sich bei frommen Mussiggange Schmerbauche zeugten und dabei in Unzucht und Vollerei lebten. Auch Einsiedler, die das Volk fur Wundertater hielt, setzten sich in den Gebirgen von Waldubba fest. Alles dies begunstigte und beforderte der grosse Negus; dagegen aber sprachen ihn denn auch die Priester im Namen Gottes von allen vergangnen, jetzigen und kunftigen Sunden los, predigten dem Volke unaufhorlich die Lehre von der Heiligkeit der koniglichen Majestat und erhielten es in der Dummheit und Unwissenheit, so dass es nie den Gedanken wagte, sich der unmenschlichen Tyrannei zu widersetzen.
Um ihr Reich noch vollends zu befestigen, war es notig, auch dafur zu sorgen, dass kein andrer als ein so frommer Monarch auf den abyssinischen Thron kame. Hierzu war das wirksamste Mittel, die Erziehung der Prinzen in ihre Hande zu spielen, welches ihnen auch so wohl gelang, dass in den letzten hundert Jahren nicht nur kein einziger Negus von andern als Pfaffenhanden ist gebildet worden, sondern auch, dass ihnen die Wahl uberlassen blieb, welcher von den Prinzen zur Regierung kommen sollte, und dass die ubrigen koniglichen Kinder nach Waldubba in ihre Kloster verwiesen wurden. Dieser letzte Umstand war ihnen sehr nutzlich. Die Prinzen burgten ihnen als Geiseln fur die bestandige Dauer ihres Systems; denn starb die regierende Familie aus, so hatten sie im voraus dafur gesorgt, dass der Thronfolger, den man aus ihrem Kloster holen musste, gewiss wenigstens ebenso dumm und ein ebenso grosser Pfaffenfreund war als der jungst Verstorbne; und wollte der Konig zuweilen Miene machen, als wenn er ihr Joch abschutteln mochte, so regten sie das Volk gegen ihn auf, indem sie dasselbe anhetzten, dass es das Kloster sturmen und einen von den frommen Prinzen zum Konige ausrufen musste. Dann gab der Negus gute Worte, bat und flehete, dass die Priester den Aufruhr stillen mochten, und raumte ihnen neue Vorteile, neue Vorrechte ein.
Die gewaltige Ubermacht nun, welche die Pfaffen in Abyssinien hatten, machte sie aber auch im hochsten Grade ubermutig und schamlos. Ihr Hochmut, ihr geistlicher Stolz kannte keine Grenzen mehr; und wer sich nicht vor ihnen im Staube beugte, vielleicht gar einem ihrer eigennutzigen Plane etwas in den Weg legte, der wurde mit seiner ganzen zeitlichen Gluckseligkeit das Opfer davon. In alle Hauser schlichen sie sich als Ratgeber ein, verschafften sich das Vorrecht, sich die wichtigsten Geheimnisse anvertrauen lassen und, gegen jedermann verschwiegen, folglich auch mit Madchen und Weibern Gesprache unter vier Augen halten zu durfen, die weder der Ehemann noch der Vater zu unterbrechen wagte.
Allein das war ihnen noch nicht genug. Wer vierzehn Jugendjahre in ihren Schulen verschleuderte, konnte denn doch die ubrige Zeit seines Lebens anwenden, die schiefen Begriffe wiederum aus seinem Kopfe herauszuarbeiten, die er dort aufgesammelt hatte; und wenn er dann der Klerisei die schuldigen Gebuhren entrichtete und gegen keines ihrer Privilegien Eingriffe wagte, so mussten sie ihn wohl in Ruhe lassen. So blieb es aber nicht; es kam darauf an, auch ein Mittel zu finden, mit einigem Schein des Rechts offensive gegen ruhige Burger verfahren zu konnen, und das Mittel musste den Pfaffen die herrliche Erfindung der Orthodoxie darreichen.
Die Uberzeugung des Verstandes ist, wie bekannt, ein Ding, das durchaus nicht in unsrer Gewalt steht. Sehr unwillkurlich sind die Eindrucke, welche die aussern Gegenstande auf uns machen, sehr unwillkurlich die Vorstellungen, die in uns erzeugt werden. Selbst bei solchen praktischen Satzen, auf welchen gewisse Handlungen beruhen, ist das hochste, was derjenige, welcher mir Gesetze vorschreibt, von mir verlangen kann, dass ich jene Handlungen so begehe, wie er sie mir vorschreibt. Aber noch obendrein zu fordern, dass ich den Grunden, warum er sie mir vorschreibt, meinen vollkommenen Beifall geben soll, das ist Tyrannei! Vollends aber bei bloss theoretischen oder gar spekulativen Satzen, die gar keinen Einfluss auf Handlungen haben, meine Vernunft in einen fremden Schraubestock zwangen zu sollen; wer das fordert, der will die Menschen unter die Tiere erniedrigen, das kann nur ein Priester wollen! Und dennoch wagten die Pfaffen in Abyssinien, unter der Regierung eines erzfrommen Negus, auch diesen Eingriff in die Rechte der Menschheit. Man machte damit den Anfang, zu befehlen, dass, da die Satze der Theologie und dasjenige, was in den Schulen von dem Wesen des unsichtbaren Gottes, von Schopfung der Welt und dergleichen vorgetragen wurde, unzahlige Menschen uberzeugte und glucklich und ruhig machte, so solle sich keiner unterstehen, Zweifel gegen diese Lehren vorzutragen.
Schon dies Gesetz emporte die Weisern im Volke. Man sagte, eine Lehre, die keine Prufung und Beleuchtung verstatte, musse jedem sehr verdachtig vorkommen; es sei moglich, dass jemand, der bis dahin bei dem Glauben an diese Lehren ruhig gewesen sei, doch noch ruhiger werden wurde, wenn er andre Satze annahme, wozu man ihm nun aber den Weg versperrte; die Uberzeugung solcher Leute, die von jedem sophistischen Zweifel in ihrem Systeme irregemacht wurden, sei gar nichts, sei nicht mehr wert als der Unglaube eines solchen; und endlich sei es ja doch moglich, dass Menschen irren konnten, dass man durch Zweifeln und Streiten auf den Grund besserer Wahrheiten kame, welches offenbarer Gewinst fur die Menschheit sei. Indessen gehorchte man der Verordnung und schwieg.
Damit aber war den Pfaffen noch immer nicht geholfen. Bald fing man an, auch zu befehlen, was die Menschen glauben sollten. Es wurde ein eigenes Gericht niedergesetzt, welchem sogar der Konig selbst in Glaubenssachen sich unterwarf. Dies Gericht hatte das Recht, jeden vorladen zu lassen und ihn zu befragen, ob er dies oder jenes glaube oder nicht. War der Mann kein Heuchler, sondern gestand offenherzig, er konne dies oder jenes nicht glauben, wolle aber gern still dazu schweigen, so half ihm das nichts, sondern er wurde, seines Unglaubens wegen, mit willkurlicher, ja, zuweilen mit Todesstrafe belegt.
Darauf erschien ein Befehl, dass auch kein Fremder, der im Lande sich niederlassen wollte oder schon sich niedergelassen hatte, darin geduldet werden sollte, er habe denn vorher seine alten Irrtumer abgeschworen und den Glauben der Abyssinier angenommen. Man nannte dies aber: die Religion des Landes annehmen, denn nun waren Religion, Theologie und Gottesdienst schon gleichbedeutende Dinge geworden.
Jetzt hatten die Pfaffen freie Hand, ihre Privatsache gegen die besten Menschen auszuuben; denn wenn sie gern jemand auf die Seite schaffen wollten, der ihnen im Wege war oder ihnen sein Weib nicht preisgeben mochte, so brachten sie falsche Zeugen gegen ihn auf, die aussagen mussten, er habe gegen die Religion oder deren Priester geredet. (Denn sie machten ihre Sache zur Sache Gottes) Seine Verteidigung, ja, sein Widerruf half nichts, und er wurde auf grausame Weise hingerichtet.
Jeder Druck, jeder Zwang reizt zum Widerstande. Vorher war es keinem Laien eingefallen, sehr eigensinnig fur oder gegen die Glaubenslehren eingenommen zu sein; jetzt fanden sich eine Menge Irrglaubiger, Sektierer, Freigeister und von der andern Seite blinde Fanatiker. Die Dogmatik und Orthodoxie also waren es in Abyssinien, wie in allen ubrigen Landern, welche Unglauben und Aberglauben erzeugten. Diese verschiednen Sekten aber hassten und verfolgten sich auf das schrecklichste im burgerlichen Leben. Und so wurde denn auch da die heilige, zum Wohl der Welt den Menschen gegebene, Frieden und Bruderliebe predigende Religion die reichste Quelle des Zwistes, der Verfolgung und unnennbaren Elends unter ihnen.
Doch nicht genug daran; in ihrem Schosse fand auch der heuchlerische Bosewicht Mittel, alle Bubenstucke zu begehen und dennoch fur einen frommen, rechtschaffnen Mann zu gelten. Da nun das Wesen der Religion in blindem Glauben, in Werkheiligkeit, gottesdienstlichen Gebrauchen, Verehrung und Bereicherung der Priester und Unterwurfigkeit gegen sie beruhete, so sahen diese nicht nur dem Scheinheiligen, bei allen seinen heimlichen und offentlichen Lastern und Verbrechen, durch die Finger, sondern der Andachtler wusste sich auch von dem aberglaubischen Volke durch verstellte Demut und Gottesfurcht Ehrerbietung zu erzwingen. Leute hingegen, die an den Glaubenslehren zweifelten, schuttelten nicht selten, da in dem Religionsunterrichte, den sie genossen hatten, alle sittliche Pflichten aus den Glaubenslehren waren herbeigeleitet worden, sobald ihr Glauben an diese wankte, zugleich die reine, hier auf Erden ewig wahre Moral von sich. Auf diese Weise untergrub also auch die Theologie die moralische Gluckseligkeit der Menschen.
Die Folgen dieses Priesterunwesens wurden noch abscheulicher, als endlich gar die Pfaffen unter sich selber in Uneinigkeit gerieten. Dies geschahe zuerst bei einer sonderbaren Veranlassung. Es hatte namlich ein Pfaffe in Sire, einer Stadt, die noch grosser ist als die ehemalige Residenz Axum, sich unterstanden, in der Schule, die er hielt, zu sagen, man durfe die Geschichte von Elias' Wagen nicht wortlich verstehen; jedermann wisse, dass es nicht moglich sei, mit einem Wagen durch die Luft zu kutschieren, und ein feuriger Wagen sei nun gar etwas, wobei ein ehrlicher Mann, der sich daraufsetzte, seine fleischernen Hinterteile in grosse Gefahr bringen wurde; die ganze Geschichte sei also so zu verstehen, dass ein starkes Gewitter das Vehikulum gewesen sei, dessen sich Gott bedient habe, den Propheten aus der Welt zu nehmen. Kaum war das Gerucht von dieser furchterlichen Ketzerei den Mitgliedern des Glaubenskollegium in Axum zu Ohren gekommen, so wurde der irrglaubige Priester vorgeladen, verhort und ihm zugemutet, offentlich zu widerrufen. Er war ein Mann von Grundsatzen und widerrief nicht. Man liess ihm drei Wochen Zeit, die erfordert wurden, die notigen Anstalten zu seiner feierlichen Exekution zu machen, und als er da sein Wort nicht zurucknahm, wurde er mit grosser Pracht, in Gegenwart des Hofs und vieler tausend Zuschauer, auf dem Markte in Axum am Spiesse gebraten.
Ich, Benjamin Noldmann, muss bei dieser Gelegenheit meine Schwache bekennen, wenn es anders eine Schwache ist. Ich wurde mich, eines bloss theoretischen Satzes wegen, gewiss nicht braten lassen, sondern augenblicklich widerrufen, glaube auch, der Schopfer, welcher mir das Leben gegeben hat, womit ich kein Spielwerk treiben darf, wurde mir's zur grossen Sunde anrechnen, wenn ich, aus Eigensinn und um meine Uberzeugung offentlich dartun zu durfen, mir auch nur ein Glied verstummeln liesse. Durch mich wird daher nie die Feierlichkeit eines Autodafe vermehrt werden.
Wer hatte bis dahin sich um die Konstruktion jenes Wagens bekummert? Jetzt wurde des Propheten Kalesche der Gegenstand des allgemeinen Interesse. Eine Lehre, fur die ein Mann sein Leben lasst, muss doch wohl wahr und von der hochsten Wichtigkeit sein. Ehe ein Jahr verging, war die Sekte derer, die offentlich erklarten, sie konnten und wurden nie glauben, dass man mit einem feurigen Wagen zum Himmel fahren konnte, zu mehr als tausend angewachsen. Man ergriff eine Menge von ihnen; einige widerriefen bei den schrecklichen Martern, womit man sie peinigte; die Hartnackigsten versiegelten ihre Lehre mit dem Martyrertode; aber je mehr Anti-Kaleschianer gefoltert, gespiesst, gebraten, gekreuzigt, geschunden, gesteinigt und ihrer Augen beraubt wurden2, desto zahlreicher wurde diese Sekte, die endlich anfing, sich eine eigne kirchliche Verfassung zu errichten, sich Oberhaupter und eigne Priester zu wahlen und sich der Obrigkeit zu widersetzen, die ihre Anfuhrer gefangennehmen wollte.
Nun war es Zeit, die Kriegsvolker gegen diese Rotte anrucken zu lassen; allein die Ketzer hatten dies vorausgesehen, sich bewaffnet und mit einer der nubischen Volkerschaften verbunden. Da fing denn ein blutiger Religionskrieg an, und Elias' Wagen kostete tausend arbeitsamen Burgern das Leben.
Mit abwechselndem Glucke wurde dieser einlandische Krieg eine lange Reihe von Jahren hindurch gefuhrt. In einem Feldzuge wurde die schone Stadt Axum von Grund aus zerstort (noch jetzt sieht man nur die Rudera davon); der grosse Negus musste fliehen und bauete die neue Residenz Gondar. Im folgenden Jahre war der Nachteil auf der Seite der Ketzer; und so ging es fort; zuweilen siegte die eine, dann die andre Partei; Strome von Blut flossen, und die schonsten Provinzen wurden in Wusteneien verwandelt. Zuweilen schloss man einen Frieden mit den Ketzern, der aber, wie sich das von Priestern nicht anders erwarten lasst, jedesmal von seiten der Orthodoxen treulos gebrochen wurde. Das Ende von diesem allen aber war, dass zuletzt, der fortdauernden Bedruckungen und Verfolgungen mude, mehr als hunderttausend fleissige und geschickte Untertanen, die nicht glauben konnten, dass man in einem Raderfuhrwerke durch die Lufte fahren konne, zum Lande hinaus wanderten und sich in Nubien festsetzten, wo sie geduldet wurden, Handel und Manufakturen in Flor brachten und sich als ruhige Burger betrugen.
Vierzehntes Kapitel
Geschichte der letzten Vorfalle in Abyssinien, bis zu
der Ankunft des Verfassers
Als sich dieser letzte Vorfall zutrug, starb grade der damals regierende Negus, der sich den Titel des allerrechtglaubigsten Monarchen hatte erteilen lassen. Sein Nachfolger, obgleich auch unter Pfaffenhanden aufgewachsen, war, durch ein Ungefahr, dergleichen in dieser Welt oft das Schicksal von Landern und Volkern entscheidet, ein wenig aufgeklarter und verstandiger, als wohl den geistlichen Herren lieb sein mochte. Er sahe bald den Fehler ein, den man begangen hatte, die besten Untertanen aus dem Reiche zu jagen, und suchte ihn wieder zu verbessern, indem er den sogenannten Ketzern Frieden und die Erlaubnis zu freier Religionsubung versprach; allein sie traueten seinem Worte nicht, hatten sich auch schon in Nubien festgesetzt; und so bestand denn alles, was der Negus tun konnte, darin, dass er in der Folge mehr Duldung in seinen Landern einfuhrte und den Priestern ein wenig den Daumen aufs Auge hielt, die jetzt nicht mehr so furchtbar waren und sich sehr verhasst gemacht hatten. Nun setzten sich in der Handelsstadt Gauza Mahometaner und in Adova Juden fest; doch blieb der Schaden, den der Fanatismus angestiftet hatte, unersetzlich.
Ich habe oben zuweilen eines Jesuiten Erwahnung getan, dem die Abyssinier die Verbesserung ihres Kriegswesens und die Errichtung eines stehenden Heers zu danken hatten. Nach seinem Tode war kein Mitglied dieses Ordens wieder nach Abyssinien gekommen; und in den nachherigen Zeiten, von denen ich im vorigen Kapitel geredet habe, wurden ja auch keine Fremde im Reiche geduldet. Kaum aber war es in Kairo bekannt geworden, dass der jetzige Negus tolerantere Grundsatze ausubte, so machte die Gesellschaft Jesu, die leicht zu wittern pflegt, wo fur sie etwas zu tun ist, Plan auf ein dauerhaftes Etablissement in diesem Lande, das so schones Gold und Silber und Herrlichkeiten aller Art hervorbringt. Sie schickte daher eine Mission nach Gondar; ein paar verschmitzte Jesuiten, die alle Gestalten anzunehmen wussten, schmeichelten sich bei dem Monarchen ein, dessen Steckenpferd nun einmal Toleranz war, und erlangten von ihm die Erlaubnis, den christkatholischen Glauben predigen und in Freniona ein Jesuitenkollegium stiften zu durfen. Hierdurch nisteten sich denn diese schlauen Herren bald so gut ein, dass nach und nach, besonders in der Provinz Tigre, eine Menge katholischer Kirchen und Kloster gebauet wurde.
Dies ging eine Zeitlang ganz gut vonstatten, und die verschiednen Sekten lebten miteinander in Frieden. Allein das System der Romischen Kirche und Hierarchie vertragt, wie jedermann weiss, keine Unterwurfigkeit unter den weltlichen Arm; und so tolerant auch der Negus war, so schien er doch gar nicht geneigt, seine Pfaffen zu unterdrucken, um sich unter das Joch von andern, noch herrschsuchtigern Pfaffen zu begeben. Als daher die Herren Jesuiten anfingen, das Bekehrungswesen ein wenig grob zu treiben, gab man ihnen den Wink, sie mochten es damit leise angehen lassen. Zwei von ihnen drangten sich ohne Unterlass dem Monarchen auf und sprachen von Traumen, worin ihnen Gott offenbart hatte, es wurden S. Majestat mit ihrem ganzen Hofe sich in den Schoss der Romischen Kirche werfen. Am Hofe herrschten damals freigeisterische Grundsatze; man spottete der Traumer. Sie versicherten den Konig, er konne nach den Grundsatzen ihrer Religion unendlich mehr Sunden begehen als nach koptischen Grundsatzen. Er antwortete, diese Freiheit nahme er sich, ohne ihre Erlaubnis. Sie bestachen ein paar Lieblinge und sogar die Iteghe oder Konigin unter den Weibern des Negus. Diese waren samtlich so ehrlich, das Geld zu nehmen, es aber dem Monarchen anzuzeigen und mit ihm uber die feinen Herren zu lachen.
Indessen gestattete man den Jesuiten, dass sie ihren Glauben predigen, Gemeinen stiften, viel Kirchen und Kloster bauen und endlich gar einen Bischof weihen durften; der Hof sahe dieser Feierlichkeit zu und fand sie recht artig; ubrigens erlaubte man den Katholiken, den Bischof aus ihrem Beutel zu bezahlen. Allein nun kamen sie auf einmal mit einem Heere von papstlichen Rechten, Exemtionen von weltlicher Gerichtsbarkeit, Gebuhren und Abgaben fur Dispensationen und dergleichen, die man nach Rom schicken sollte, angezogen; das gefiel denn dem Negus nicht; er liess also den Bischof zu sich rufen und fragte ihn ganz trocken: "Wer ist der Kerl in Rom, der in meinem Lande Befehle geben und Geld heben will?" Der Bischof suchte die Sache in das beste Licht zu setzen; aber seine Beredsamkeit fruchtete nichts. "Ihr Schlingel samtlich", sprach der Konig, "sollt unter der weltlichen Obrigkeit stehen; den alten Glaubensgerichtshof, der monatlich einige gute Leute braten liess, habe ich abgeschafft; meinet ihr, ich wollte nun gar von solchem Gesindel, als ihr seid, meine Untertanen hudeln lassen? Das sollt ihr, meiner Seele! wohl bleiben lassen, und der erste von euch, der mir wieder den alten Pfaffen in Rom nennt, den lasse ich bei den Beinen aufknupfen."
Die Jesuiten und ihre Anhanger gehorchten nicht; sie fuhren fort in ihrem hierarchischen Eifer, predigten laut das Papsttum, die Rechte der alleinseligmachenden Kirche, Verdammung der Unglaubigen, Intoleranz und erweckten den Geist des Zwiespalts. Der grosse Negus liess einen von diesen unverschamten Predigern fangen und ihm vorerst nur den Staupbesen, zur Warnung der ubrigen, geben. Nun kannte die Wut der Jesuiten, die nicht die Kunst verstehen, sich im Zorne zu massigen, keine Grenzen mehr. Sie erregten insgeheim Aufruhr und Emporung und wurden endlich uber einem Komplott gegen das Leben des Monarchen ertappt. Da verging dem guten Herrn die Geduld; die Radelsfuhrer wurden gespiesst, alle romischen Priester auf ewig des Landes verwiesen, das Jesuitenkollegium in Freniona wurde zerstort und den Katholiken kein offentlicher Gottesdienst mehr verstattet. Einige Jesuiten kamen, als agyptische Kaufleute verkleidet, wieder nach Abyssinien, richteten aber nicht viel aus.
Kurz nach diesen Vorfallen starb der Negus, und an seine Stelle kam der Prinz zur Regierung, dessen Baalomaal und Oberster der Leibgarde zu sein ich die unverdiente Ehre gehabt habe. Er war nicht im Kloster erzogen worden, sondern am Hofe seines Vaters, wo er sehr viel von Aufklarung hatte reden gehort und wo ein bisschen schone Kunste, Wissenschaften und Deismus getrieben wurde. Seine theoretische und praktische Moral war nicht die strengste; ein grosser Geist war er ubrigens auch nicht, wenigstens nicht halb sosehr, als er glaubte und die Schmeichler ihm sagten, dass er es sei; sich aber einen Namen unter den Monarchen zu machen, das steckte ihm sehr im Kopfe, und diese Stimmung nutzte mein Herr Vetter, Joseph Wurmbrand, um ihn zu bewegen, das Aufklarungswesen in Abyssinien mit grossem Eifer nach europaischer Weise zu treiben.
"Die Pfaffen, sowohl die unsrigen als die katholischen, haben meine Untertanen in der Dummheit erhalten", sagte der grosse Negus zu meinem Herrn Vetter. "Freilich sehe ich wohl ein", fuhr er fort, "dass es zuviel verlangt ware, wenn ich fordern wollte, dass jemand in meinem Reiche so weise sein sollte als ich; allein es macht doch einen Staat bluhend und eine Regierung beruhmt, wenn Wissenschaften und Kunste im Lande getrieben werden. Die Abyssinier aber, die wenigen ausgenommen, die sich an meinem Hofe gebildet haben, sind noch sehr weit zuruck. Es ist mir daher sehr lieb, dass du gekommen bist; du scheinst ein Mann zu sein, den ich brauchen kann. Du sollst mir helfen hier alles auf europaischen Fuss setzen. Schaffe mir Leute, die dich in diesem Geschafte unterstutzen konnen, Bucher, Maschinen und dergleichen aus deinem Vaterlande. Zugleich wollen wir neue Verbindungen mit andern Nationen knupfen und die alten erneuern. Ich erwarte uber dies ganze Werk deinen Plan, den ich prufen und berichtigen will."
Diesen Plan nun arbeitete Herr Wurmband aus; mein Ruf, nach Abyssinien zu kommen, und was ich mit dahin bringen musste, und meine Gesandtschaft in Nubien, das alles war mit in diesem gnadigst approbierten Plan enthalten; indes aber war auch mein Herr Vetter nicht untatig gewesen, und als ich nach Gondar kam, fand ich, wie schon gesagt, sehr vieles nach europaischer Manier eingerichtet.
Funfzehntes Kapitel
Des Herrn Wurmbrands erste Anstalten zur
Aufklarung Abyssiniens
Als mein Herr Vetter seinen Aufklarungsplan ausgearbeitet hatte, uberreichte er ihn Sr. Majestat, die ihn sich vorlesen liessen und dann uber die einzelnen Teile desselben mit dem Verfasser redeten.
Mit einer prachtigen Lobrede auf die Aufklarung hatte Herr Wurmbrand angefangen. "Derjenige Monarch", hiess es darin, "ist der grosste und machtigste, welcher den weisesten Menschen Gesetze vorschreibt; nur ein Tyrann kann wunschen, uber eine Horde unwissender Menschen zu herrschen; aber auch der Tyrann bedarf, da er doch nicht hundert Augen, Ohren, Hande und Kopfe hat, wenigstens einiger vernunftigen, gebildeten Menschen, durch deren Hulfe er den grossen Haufen in Ordnung halt; und wie will er zu diesem Zwecke die besten Kopfe aus seinem Volke auslesen konnen, wenn er nicht, durch Beforderung allgemeiner Aufklarung, den Funken erweckt, der ausser dem verborgen liegenbliebe?" Nun waren denn eine Menge Gemeinspruche uber den herrlichen Einfluss der Wissenschaft und Kunste auf den Charakter und die Gluckseligkeit eines Volks gesagt, und wie Weisheit und Geschicklichkeit die Griechen und Romer zu Herren uber alle ubrige Nationen erhoben hatten; und aus diesem allen war der Schluss gezogen, dass der grosse Negus mit aller Gewalt sein Volk aufklaren musste.
"Das ist", sprach der Konig, "dasselbe, nur mit andern Worten gesagt, was du neulich von mir gehort, und es freut mich, dass du den Sinn meiner Reden so gut gefasst hast; allein ich wollte, du konntest mir auch recht grundlich einen Zweifel heben, der oft in mir erwacht, namlich, ob mir die Leute auch wohl noch gehorchen werden, wenn ich sie gar zu klug mache. Du weisst, dass ich die Pfaffen nicht leiden kann; aber darin hatten sie, meiner Seele! recht, dass sie immer sagten, man musse die Menschen in der Dummheit erhalten, sonst glaubten sie, sich selbst regieren zu konnen. Und was die Dummheit angeht, Herr Minister, so meine ich, das verstunden doch die Priester, wie man damit umgehen musse." "Oh! was das betrifft", erwiderte mein Herr Vetter, "so brauchen Euer Majestat sich vor dem Rasonieren nicht zu furchten, solange Sie hunderttausend Soldaten auf den Beinen haben." "Aber wenn nun der Teufel der Aufklarung auch in diese fahrt und auch sie nicht mehr auf jeden Wink zu Gebote stehen wollen?" "Dafur ist der Stock gut." "Und wenn nun die vielen nicht langer von einem sich wollen prugeln lassen?" "Das hat nichts zu bedeuten; keiner trauet auf des andern Mithulfe; die erste schiefe Miene muss wie offenbare Meuterei bestraft werden.
Nach und nach gewohnt sich dann der Mensch daran, nicht selbst denken und handeln zu durfen, und wer wenig im Magen und Beutel hat, ohne Unterlass beschaftigt und beobachtet wird, dem vergehen die aufruhrischen Gedanken." "Das ist gut geantwortet", sprach der Negus, "ich habe das auch gedacht und wollte nur sehen, ob du die Sache aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtetest."
Das erste, was nun der neue Minister zu tun fur notig hielt, war. Buchdruckereien anzulegen, wobei er in einer langen Deklamation zeigte, welche grosse Summe neuer Wahrheiten durch diese herrliche Erfindung in der Welt ware verbreitet worden. Der Konig machte den Einwurf, ob durch diese Leichtigkeit, seine Ideen allgemein zu machen, wohl nicht ebensoviel und mehr schiefe Begriffe und Irrtumer waren in Umlauf gekommen. Wurmbrand gab dies zu, behauptete aber, selbst diese Albernheiten hatten wiederum auf die Spur von neuen Wahrheiten gefuhrt. Der Hofnarr des Konigs, der gegenwartig war, meinte, nach diesem Grundsatze musse man auch die Ansteckung epidemischer Krankheiten zu erleichtern suchen, damit hierdurch die Arzeneikunst auf die Erfindung neuer Heilmethoden geleitet wurde. Der Hofnarr wurde aus dem Zimmer gejagt und Anstalt zu Errichtung der Buchdruckereien gemacht. "Damit aber", sprach mein Herr Vetter, "niemand sich's einfallen lasse, gefahrliche Grundsatze zu verbreiten, die das Volk gegen die weisen Regierungsmaximen Euer Majestat und gegen die herrschende Religion misstrauisch machen konnten, so wird es gut sein, zu befehlen, dass nichts durfe gedruckt werden, als was vorher einem eignen Kollegio sei vorgelegt worden." Der Hofnarr hatte vor der Tur gehorcht; bei diesem Gesprache steckte er den Kopf wieder herein und sagte: "Das macht ihr gut! da werden die Menschen in allen Dingen klug werden und ihre Ideen berichtigen, ausser in dem, was ihnen auf der Welt am wichtigsten ist. Und wenn ihr euch auf eure Weisheit und auf eure hunderttausend Puppen verlassen durft, so dachte ich, ihr konntet auch die Leute immer reden und schreiben lassen, was sie wollten." Der Hofnarr bekam zwanzig Prugel auf die Hinterteile, und das Zensurkollegium wurde errichtet.
Nachst Anlegung der Buchdruckereien empfahl mein Herr Vetter dem Konige vorzuglich die Beforderung des Studiums fremder Sprachen. Neue Worter, Redensarten und Wendungen waren, meinte er, das wenigste, was man dadurch lernte; aber man gewanne auch neue Ideen, die unmerklich, mit den fremden Redensarten zugleich, zu uns ubergingen. Es ware, zum Beispiel, wohl der Muhe wert, mit philosophischem Scharfsinne genauer nachzuspuren, wie der Charakter der Deutschen und ihre Sitten von mancher Seite eine andre Richtung bekommen hatten, seitdem in unserm Vaterlande die franzosische Sprache nach und nach allgemeiner geworden ware. Hierauf machte dann Herr Wurmbrand den Negus mit einigen auslandischen Wortern bekannt, die, teils ubersetzt, teils in unsre Sprache aufgenommen, eine Revolution in unsrer Art zu denken und zu handeln gemacht hatten. Dahin gehorten, meinte er, die Worte: Delikatesse, Diskretion, kompromittieren, Sentiment, empfindsam, konventionell und dergleichen mehr. "Wie undelikat", rief mein Herr Vetter aus, "war nicht der alte rauhe, grade, biedre Deutsche! Wie wenig diskret! Wie leicht kompromittierte er durch seine Freimutigkeit! Die feinern Sentiments ruhrten nie seine starke Seele zur Empfindsamkeit, und er hielt alles fur eine Art unnutzen Zwanges oder gar fur Betrug, was bloss auf konventionellen, nicht naturlichen Pflichten beruhete, bis er durch jene fremden Worter aufmerksam auf alle diese herrlichen Dinge gemacht wurde." "Wenn die fremden Ideen gut und klar sind", fiel ihm der Konig in die Rede, "und man dadurch nicht zuletzt so viel neue Seiten bekommt, dass man nicht mehr recht weiss, welche die rechte und eigne Seite ist, so lasse ich das Ding gelten. Doch das ist zu weitlaufig. Ich will es versuchen, will meinen Untertanen ein Beispiel geben, will selbst Deutsch lernen. Aber mit den Sprachen ist es so eine Sache. Selbst unsereiner kann doch diese nicht so ohne alle Anweisung studieren, wenigstens ist das muhsamer. Du sollst also die Ehre haben, mir Unterweisung zu geben; aber ich verbitte mir, dass du dich dessen nicht etwa ruhmest." Mein Vetter lehrte also den Negus die deutsche Sprache; er wahlte dabei die Methode, welche unsre neuern Padagogen so sehr anpreisen und wodurch man die Sprachen freilich weniger grundlich lernt, aber desto geschwinder und ohne Anstrengung einige Fertigkeit darin erlangt, namlich durch bestandiges Plaudern; und bald wurde, wie ich schon oben erzahlt habe, die deutsche Sprache die Hofsprache in Gondar.
Zu dem Aufklarungsplane des Herrn Wurmbrand gehorte ferner mit, dass er dem Monarchen vorschlug, Fremde in das Land zu locken und diese vorzuglich auszuzeichnen. "Das mag geschehen", sagte der Negus, "aber notiere dabei, dass es Fremde sein mussen, die rechtliche Kerl und geschickter und arbeitsamer als meine Untertanen sind; sonst fressen mir die Tagediebe das Fett des Landes und verderben noch wohl obendrein die Einheimischen!" Bei dieser Gelegenheit nun wagte es mein Herr Vetter, zuerst meiner geringen Person, als eines sehr nutzlichen Subjekts, Erwahnung zu tun, und es wurde festgesetzt, dass vorerst niemand als ich aus Deutschland verschrieben werden sollte.
"Euer Majestat", hiess es ferner in dem Aufsatze, "klagen daruber, dass Allerhochst Dero Untertanen in sich selber nicht Trieb genug fuhlten, in Weisheit, Tugend und Aufklarung zu wachsen. Diese schlafende Krafte nun zu ermuntern, weiss ich keine diensamern Mittel, als gewisse Preise auf vorzuglich edle Handlungen, auf Proben von beharrlichem Fleisse und auf neue Entdeckungen zu setzen. Und nun kamen Vorschlage von Rosenfesten, von Geldverwilligungen fur nutzliche Erfindungen, von Titeln fur Gelehrte etc. "Diesmal", rief der Negus, indem er meinem Vetter abermals in die Rede fiel, "bist du auf einem Holzwege; das lass dir von mir gesagt sein! Wenn du nichts Bessres weisst, um die Abyssinier kluger und tugendhafter zu machen, so streiche nur die ganze Stelle aus! Meinst du, ich wollte aus der Tugend und Weisheit Metzen machen, die sich bezahlen liessen? Ich sollte meine Untertanen daran gewohnen, zu glauben, dass man seine und seiner Nebenmenschen Kopfe und Herzen vervollkommnen musse, um Geld damit zu verdienen? Meinst du, ein wahres Genie liesse sich deswegen in seinem Schwunge aufhalten, weil ich ihm noch nicht den Titel als Baalomaal gegeben hatte? Meinst du, die Keuschheit sei etwas wert, die nur nach einem elenden Rosenkranze und einer Aussteuer gerungen hatte? Wenn ihr in Europa keine bessere Antriebe habt, vollkommner zu werden, so sind die Abyssinier, meiner Seele! nicht weiter zuruck als ihr." Der Punkt mit den Rosenfesten, Pramien und Titeln ging also nicht durch.
Mit dem darauffolgenden Vorschlage ging es nicht viel besser. Mein Vetter wunschte namlich, der Konig mochte jahrlich gewisse Summen aussetzen, die angewendet werden sollten, armer Leute Kinder studieren zu lassen. "Du willst", wendete dagegen der Negus ein, "dass armer Eltern Kinder Gelehrte werden sollen, und ich mochte, dass mehr reicher Leute Sohne Bauern wurden. Wer wird zuletzt das Feld umgraben wollen, wenn wir diese Menschenklasse als einen unglucklichen Stand betrachten, aus welchem man die Menschen erlosen muss? Ich mochte auch gern, dass ein Mann, der Wissenschaften triebe, zugleich eine feine Erziehung hatte. Ihr mogt wohl ungeschliffene Gelehrte in Deutschland haben, wenn jeder Bauerbengel, der bis in die Jahre, wo er Lust zeigt zu studieren, auf dem Miste herumgelaufen ist, die Ochsenpeitsche mit der Schreibfeder vertauschen darf. Doch, das magst du hinschreiben, dass, wenn sich einmal ein ganz ausserordentliches Genie unter den Kindern eines armen Mannes findet, ich dem Vater Geld geben will, damit der Sohn in irgendeinem Fache etwas Tuchtiges lernen konne; aber das braucht nicht grade als Gelehrter zu sein. Wenn es Genies unter den Bauern und Handwerkern gibt, so ist das auch gut fur den Landbau und fur die Manufakturen. Wer ubrigens sich zu etwas Hoherm berufen fuhlt, der arbeitet sich durch Armut und andre Schwierigkeiten hindurch. Man muss den Leuten nicht alles so leicht machen. Durch Uberwindung von Hindernissen wird das Genie verstarkt, wie eine gespannte Feder." Was der Konig da sagte, schien meinem Herrn Vetter so vernunftig, dass er fast nicht glauben konnte, es kame aus Sr. Majestat Gehirne; auch war das richtig geurteilt. Diese ganze Stelle war aus einem agyptischen Manuskripte entlehnt und hatte dem Negus deswegen so gut gefallen, weil er darin eine Entschuldigung fand, kein Geld herzugeben, und er die allgemeine Aufklarung in seinem Reiche gern so wohlfeil als moglich betreiben wollte.
Gegen den Vorschlag, der hierauf folgte, Kunstler in fremden Landern reisen zu lassen, fand sich weniger einzuwenden, und es wurden Gelder dazu verwilligt, doch mit der Bedingung, dass diese Leute, nach ihrer Zuruckkunft, einige Jahre hindurch fur den Hof umsonst arbeiten sollten.
Hierauf wurde festgesetzt, in Adova, der Hauptstadt von Tigre, eine Universitat, in einigen andern Stadten aber Gymnasien und Schulen anzulegen, worauf denn auch endlich der Konig den Vorschlag billigte, sich zu bemuhen, nach und nach deutsche Gelehrte nach Abyssinien zu ziehen.
Um diesen letztern Punkt in Ordnung zu bringen und uberhaupt dem Werke die Krone aufzusetzen, wagte mein Vetter den Antrag, den Erbprinzen von Abyssinien auf Reisen zu schicken. Viel Widerstand fand er anfangs bei Durchsetzung dieser Sache. Scheuete der grosse Negus die Kosten oder furchtete er, wie es zuweilen der Fall bei den Fursten sein soll, dass sein Sohn, durch eine bessere Erziehung und Bildung, als er selbst genossen, auch kluger als er werden mochte? Genug! er straubte sich ein wenig, dazu einzuwilligen, gab aber doch nach, und folgender Plan wurde gnadigst approbiert.
Der Konig hatte namlich zwei Sohne. Der Alteste, welcher einst dem Vater in der Regierung folgen sollte, war ein Jungling von sechzehn Jahren, sehr von sich eingenommen, durch Hofschmeichelei verderbt, kalt, eingebildet von seinem Furstenstande, hatte dabei viel Hang zur Sinnlichkeit, zum Geize, wenig Genie, gar keine Kenntnisse und keinen Trieb, dergleichen zu erlangen. Der Jungste hingegen war sanft, bescheiden, wohlwollend, aufmerksam auf alles, was ihn belehren konnte, nicht eben von durchdringendem Geiste, aber von gutem, graden Hausverstande und unschuldig von seiten der Sitten. Jener war von Jugend auf in den Handen eines eigennutzigen, unwissenden Hofpedanten gewesen, dieser aber einem guten alten Manne anvertrauet worden, der, nicht ohne Muhe, von dem Monarchen die Erlaubnis erlangte, seinen Zogling, fern vom Residenzgetummel, auf dem Lande zu erziehen. Wir werden kunftig sehen, mit welchem Erfolge dieser Erziehungsplan gekront wurde. Jetzt will ich nur noch sagen, dass jener alte Mann derselbe war, dem ich die oben mitgeteilten Bruchstucke aus der Geschichte Abyssiniens zu danken habe. Wenden wir uns wieder zu dem altern Furstenknaben! Herr Wurmbrand hatte seinem Monarchen so viel von Peter des Grossen in Russland kuhnem Unternehmen, als Privatmann zu reisen, alle Verhaltnisse des Lebens kennenzulernen und als Soldat und Schiffmann und Handwerker von unten auf zu dienen, erzahlt, dass, als er, der Negus, seinen Plan zur Reise des Kronprinzen billigte, um doch auch etwas von eignen hohen Einfallen hinzuzutun, zugleich erklarte, sein Sohn sollte, wie Peter von Russland, in Deutschland als gemeiner Soldat dienen und nach und nach alle Stufen, bis zum Throne, ersteigen. Es wurde vorlaufig beschlossen, dass ich, den man damals in Abyssinien erwartete, wenn ich anders dem Konige zu gefallen das Gluck hatte, den Prinzen nebst einem zahlreichen Gefolge auf Reisen fuhren und, bei unsrer Zuruckkunft, einige Fuder deutscher Gelehrten und Kunstler mit nach Abyssinien bringen sollte. Da ich diese Reise im zweiten Teile meines Buchs beschreiben werde, so sage ich hier nichts mehr davon und eile zu dem letzten Punkte, der in meines Herrn Vetters Aufklarungsplane weitlaufig auseinandergesetzt war.
Dieser Punkt betraf den Luxus. Herr Wurmbrand gab sich Muhe zu beweisen, dass dieser einem Lande gar nicht schadlich ware; dass man ihm manche neue Erfindungen zu danken hatte; dass er das Geld in gehorigen Umlauf brachte und Tatigkeit und Industrie ermunterte; endlich, dass er das Volk beschaftigte und von Meutereien gegen den Alleinherrscher abhielte und zugleich, indem er tausend neue Bedurfnisse erzeugte, die Untertanen von dem Monarchen abhangiger machte. Bei dieser Gelegenheit war denn auch von den glanzenden Vergnugungen in der Residenz, von Pracht und zuletzt von Schauspielen die Rede. "Es ist ein eitler Einwurf", schrieb mein Herr Vetter, "wenn man sagt, diejenigen, welche bloss fur das frivole Vergnugen der Burger sorgten, bereicherten sich auf Unkosten der nutzlichern, arbeitsamern Klassen. Ich will hier nicht einmal von dem Nutzen der Schauspiele auf Bildung des Kopfs und Herzens reden, sondern nur das bemerklich machen, dass solche Kunstler und muntre Gesellen selten Reichtumer sammeln, sondern das Geld, was sie heute verdienen, morgen wieder verzehren." "Das mag sein", erwiderte der Negus, "aber die Gastwirte, Modehandler und andre, an welche das Geld aus diesen leichtfertigen Handen kommt, sind ein ebenso boses Volk, das es gleichfalls nicht zu besitzen verdient. Die arbeitende Klasse also tragt es hin, um es durch Hande von Verschwendern an Mussigganger zu bringen, die sich damit bereichern." "Und das finden Euer Majestat nicht gut?" fragte Wurmbrand, "grade das passt in das System einer unumschrankten Regierung! Was wurde aus den Monarchien werden, wenn man darin frugale und fleissige Menschen reich werden liesse? Um uber diese Herr zu bleiben, durfen sie sich nie im Wohlstande fuhlen, indes die andern, sammelten sie auch noch soviel Schatze, immer durch ihre Torheiten abhangig, immer Sklaven von innen und aussen bleiben." "Du hast zu meiner Zufriedenheit geantwortet", sprach der Konig. "Ich machte dir nur den Einwurf, um zu sehen, ob du die Sache gehorig durchdacht hattest. Ich erwarte von dir einen Entwurf zu einem neuen Schauspiel-Etat. Lass mir auch die agyptischen Luftspringer wieder kommen, die im vorigen Jahre hier waren! Und wenn dein Vetter, der Herr von Noldmann, aus Deutschland kommt, soll er directeur des plaisirs werden."
Sechzehntes Kapitel
Der Verfasser tritt seine Bedienungen an und
unterredet sich mit dem Negus uber verschiedne
Gegenstande
Am zweiten Tage, nachdem ich von des Negus Majestat zum Baalomaal oder Kammerjunker und Leibgardeobersten war ernannt worden, kundigte mir mein Herr Vetter an, dass es nun Zeit ware, Besitz von den mir gnadigst anvertraueten Stellen zu nehmen. Ich musste daher erst des Morgens den Waffenubungen der Garde du Corps beiwohnen, zu welchem Endzwecke mir von besagtem meinem Vetter ein schoner Gaul, der auf drei von seinen Beinen noch so ziemlich flink war, zum Geschenke gemacht wurde. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand dazu. Es ging mit der Reuterei besser, als ich gedacht hatte; und was die Manuvres betraf, so verstanden die andern Offiziers nicht mehr davon als ich. Der Konig war selbst gegenwartig; unter seinen Augen machten wir allerlei hubsche Angriffe; hatte ein Feind da gestanden, wo wir einhaueten, so wurden wir ihn garstig zugerichtet haben. Jetzt ging alles ohne Ungluck ab, ausser dass wir ein altes Weib und zwei Kinder, die im Wege standen und sich nicht so schnell retten konnten, toteten, indem wir sie uberritten, weil wir, wie sich das versteht, dieser Kleinigkeit wegen nicht unsre Glieder trennen durften.
"Herr Vetter!" sprach ich, als ich zu Hause kam, "ich habe mir, mit Erlaubnis zu sagen, einen Wolf geritten." "Das tut nichts", antwortete er, "in des Konigs Dienste muss man Leib und Leben fur nichts achten. Indessen sollt Ihr Euch noch heute in einer andern Amtsverrichtung zeigen, zu welcher Ihr dieser beschadigten Teile, die Ihr einstweilen mit Kamelsfett schmieren moget, gar nicht bedurft. S. Majestat befehlen namlich, dass Ihr Allerhochst Denenselben heute zum erstenmal vorlesen sollt; also haltet Euch nach der Mittagstafel bereit dazu!"
Indes wir noch also sprachen, wurde der Minister abgerufen, ehe er mir genauere Anweisung geben konnte, aus welchem Buche der Konig sich wollte vorlesen lassen. Daruber kam die bestimmte Zeit heran, und ich steckte ein paar Bande zu mir, die mir grade in die Hande fielen. Unglucklicherweise waren es franzosische Bucher, und zwar ein Teil von Rousseaus Werken, worin sein "Contrat social" stand, und der erste Teil von Montesquieu, "Esprit des loix". In diesen Werken steht nun freilich wohl nichts, womit man einen Despoten in den Schlaf lesen kann, aber ich hatte nun einmal kein anderes; doch fragte ich zum Uberflusse, in welcher Sprache Ihro Majestat befohlen, sich vorlesen zu lassen. "Das ist mir einerlei", erwiderte der Monarch, "lies du nur her, was du hast!" Also fing ich an, laut und vernehmlich, doch mit sanfter Stimme, das erste Kapitel aus Montesquieu herzudeklamieren. Der Konig nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe, als wollte er mir seinen Beifall zu erkennen geben, und endlich verwandelte sich dies Nicken in einen sanften Schlummer, worauf ich, meiner Instruktion gemass, das Buch beisteckte und davonschleichen wollte; allein der Negus erwachte in demselben Augenblicke und winkte mir wiederzukommen. "Nein, nein!" rief er, "gehe nicht fort! Mein Schlaf ist schon voruber. Es hat recht hubsch geklungen, was du gelesen hast; ich bin zufrieden; doch magst du ein andermal deutsche Bucher mitbringen. Jetzt will ich mit dir uber verschiedne Gegenstande reden."
Nun begann unter uns ein Gesprach, das ich hier, insofern ich mich dessen noch erinnre, mitteilen will.
NEGUS: Da ich dir nun die Direktion der Schauspiele ubertragen habe, so musst du auch ein wachsames Auge auf die Musik halten. Die Kerl spielen mir da nicht immer alle mit; es sind faule Schlingel darunter, die zuweilen mitten im Stucke aufhoren und die andern fortspielen lassen. Sie meinen, ich merkte das nicht; aber ich sehe alles und will, dass du sie anhaltest, fleissiger zu sein.
ICH: Allergnadigster Herr! Es findet sich oft, dass einzelne Stimmen pausieren mussen.
NEGUS: Was? pausieren? In meinem Dienste leide ich keine Pausen; das lass dir gesagt sein! Und was die Regimentsmusik bei meiner Garde betrifft, so sollst du mir die Grossten von den Spielleuten auf die beiden Flugel stellen, und diese sollen mir die Posaunen von Jericho blasen. Ich kann es nicht leiden, wenn ein kleiner Knirps sich pechbraun an einem Instrumente druckt, das noch einmal so lang als er selbst ist.
ICH: Aber Euer Majestat geruhen zu uberlegen, dass doch nicht jedermann sich auf alle Instrumente gelegt hat. Wenn nun ein solcher Mann grade die Posaunen von Jericho zu spielen nicht gelernt hatte?
NEGUS: Darauf nehme ich keine Entschuldigung an; er muss so lange geprugelt werden, bis er blast. Oh, ich sehe wohl, du kennst die Subordination noch nicht, die ich eingefuhrt habe. Aber, weil wir doch von Schauspielen reden, damit muss mir's auch auf einen andern Fuss kommen. Ich weiss nicht, was die abyssinischen Theaterdichter dabei haben, dass sie dem Volke lauter jammerliche, infame Mordgeschichten darstellen, dass sie nichts als Schurken, Stocknarren, Karikaturen und Nickel und solches Lumpengesindel zu Helden und Heldinnen ihrer Trauerspiele und Lustspiele wahlen; dass bei dem Plane ihrer Stukke oft eine Begebenheit zum Grunde liegt, die entweder hochst unwahrscheinlich ist, in hundert Jahren nicht einmal im menschlichen Leben vorfallt oder die aus einer so hochst elenden Verkettung unglaublich unglucklicher Zufalle, die sich gegen die besten Menschen verschworen zu haben scheinen, zusammengesetzt ist, dass man, bei meiner Seele! nichts dabei empfinden kann als Ekel vor diesen Greueln und Unwillen gegen Gott, der, wenn man solchen Unglucksmalern glauben soll, auch dann seine Geschopfe peinigt und mit Gewalt in den Abgrund zieht, wenn sie nichts verschuldet haben. Nein! ich mag wohl, dass der Zuschauer seine Torheiten und Laster in Beispielen geschildert sehe, aber es mussen keine Tollhaustorheiten und keine Strassenrauberslaster sein, damit der Zuschauer sich selber in seinen Augen nicht als ein Engel von Tugend und Weisheit in Vergleichung mit jenen Kreaturen erscheine. Ich mag wohl, dass auf dem Theater anschaulich gezeigt werde, in welches Labyrinth von Elend der schwache Mensch durch einen einzigen schiefen Bockssprung geraten kann; aber bloss eine Galerie von Jammer und Not zu eroffnen, um zu zeigen, dass man die elende Kunst versteht, uns zu erschuttern; den Mann, der in das Schauspiel geht, um sich, auf anstandige und vernunftige Weise, von seinen hauslichen und burgerlichen Geschaften zu erholen, seine Sorgen und Leiden zu vergessen und sein Gemut durch Lacheln aufzuheitern oder durch sanfte Ruhrung in susse Schwermut einzuwiegen und dadurch den Sturm wilder Leidenschaften zu dampfen: einen solchen Mann dergestalt zu handhaben, dass ihm die Haare zu Berge stehen mussen, ihm gleichsam zu sagen: Siehst du, Kerl, alles Ungluck, was du zu Hause und auswarts gesehen und erlebt hast, ist gar nichts gegen das, was dir noch jeden Augenblick begegnen kann, warst du auch der edelste und klugste Mann auf der Welt; damit er dann trauriger, mutloser und verzweiflungsvoller als je nach Hause gehe mich dunkt, das ist ein unedler Zweck, dessen sich die Schauspielkunst schamen sollte. Und wenn denn die Bosewichte in solcher Herrlichkeit und Kraft dargestellt werden, dass man uber ihre Grosse die Abscheulichkeit und Gefahr ihrer Grundsatze vergisst, oder so liebenswurdig, dass wir uns hingezogen fuhlen zu ihnen und dass leise der Gedanke in uns erwacht, fur ein so eminentes Genie gabe es keine Gesetze, keine Moral, und dass der feurige Jungling leicht versucht wird, sich fur ein solches privilegiertes Wesen zu halten; und wenn nun neben diesen Riesen von abscheulicher Erhabenheit die kalten Tugendbilder wie geschmacklose Zwergfiguren aussehen; endlich, wenn man uns, statt naturlicher, menschlicher Szenen und interessanter Begebenheiten, hochst verwickelte, sich durchkreuzende, immer unerwartet sich auflosende Geschichten darstellt, so dass man zuletzt keinen Sinn mehr fur das Einfache hat und uns alles in der wirklichen Welt langweilig und zu alltaglich vorkommt, weil man unsre Phantasie ohne Unterlass reizt, mit uns in idealischen Spharen herumzusegeln was fur Nutzen hat dann das Schauspiel fur Kopf und Herz? Nein! Du sollst mir das Theaterwesen auf andern Fuss bringen, so wie es in Deutschland ist, denn ich hoffe, da wird es ja besser sein.
ICH: Allergnadigster Konig! Ich bewundre in tiefster Demut Euer Majestat hohe Einsichten und werde diese gnadigsten Befehle zu meiner Richtschnur nehmen. Was aber unsern Geschmack in diesem Fache in Deutschland betrifft, so geht es, leider! dort ebenso damit wie hier und in allen ubrigen Landern. Der Trieb nach Neuheit jagt die Menschen ohne Unterlass weiter von dem gebahnten Wege ab, und nachher, wenn die Einbildungskraft erst an das Herumschwarmen gewohnt ist, dann halt es schwer, sie wieder zuruckzufuhren. Auf einmal wird sich das auch hier wohl nicht tun lassen; allein ich denke, nach und nach wird man der Hirngespinste mude und sehnt sich wieder nach Einfalt und Wahrheit.
NEGUS: Nun, nun! wir wollen schon sehen, wie sich das Ding treiben lasst. Seitdem ich Buchdruckereien habe anlegen lassen, schreiben die abyssinischen Gelehrten ziemlich fleissig; noch ist zwar nicht viel kluges Zeug erschienen, aber ich denke, wenn sie erst ein wenig in Ubung kommen, so soll es schon besser gehen. In Deutschland kommen wohl recht viel Bucher heraus?
ICH: Viel tausend jahrlich.
NEGUS: Gott bewahre! Da sind wir noch weit zuruck. Aber da konnen doch unmoglich in jedem Buche neue Sachen stehen.
ICH: Nichts weniger! Einer schreibt den andern aus; was schon hunderttausendmal gesagt ist und taglich am Tische und auf der Gasse, im Wachen und Traume gesagt wird, das lasst man auf unzahlige Art, anders eingekleidet, drucken.
NEGUS: Das halte ich aber wahrlich fur den elendesten Zeitverlust, woran die Leichtigkeit, solches dummes Zeug durch Buchdruckereien in die Welt schicken zu konnen, schuld ist.
ICH: Ich halte es auch fur Zeitverlust, aber was ist dagegen zu machen? Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht Leser finden sollte. Bei taglich wachsendem Luxus, Reichtume und Mussiggange steigt auch das Bedurfnis, sich die Zeit durch Lesen zu vertreiben. Eine Menge Leute, die weder Lust noch Geschicklichkeit haben, nutzliche Arbeiten im Staate zu treiben, leben davon, dass sie Bucher machen. Das erste, was ihnen grade in den Kopf kommt, werfen sie auf das Papier. Am mehrsten Unfug wird mit den sogenannten schonen Wissenschaften getrieben; sie sollten der Gelehrsamkeit eigentlich nur das sein, was bei den Armeen die leichten Truppen sind. So wie man diesen wohl erlauben darf, auch zuweilen in Reihen und Gliedern zu fechten, sie aber, ohne von einem regularen Korps unterstutzt zu werden, doch nichts ausrichten konnen, so sollten die soliden Wissenschaften auch die eigentliche Starke der gelehrten Hauptarmee ausmachen. Nun aber bleibt es immer bei der Spiegelfechterei, und die literarischen Husaren verstehen nichts Grundliches vom Dienste. Weil sie nicht Lust haben, die Regeln zu lernen, die doch aus der Natur geschopft sind und ohne welche man des sichern Erfolgs nie gewiss ist, sich auch leicht zu weit verirrt, so stellen sie sich, als verachteten sie alle Regeln, als waren diese vollig uberflussig. Selbst gute Kopfe werden von diesem so bequemen Vorurteile angesteckt und leisten nicht, was sie leisten konnten. Es erscheint jetzt in Deutschland, unter dem Namen von Gedichten, Schauspielen und Romanen, ein solcher Wust von geschmacklosem Zeuge, dass wir uns dessen vor unsern Nachbarn schamen mussten, wenn es nicht, leider! in allen Landern ebenso herginge. An fleissige Ausfeilung seiner Werke denkt niemand. In einer mussigen Stunde, oder wenn der Autor Geld bedarf, bei guter oder schlechter Laune, heiterm oder umwolktem Kopfe, ohne seinen Gegenstand im ganzen durchgedacht zu haben, schreibt er den Bogen voll und schickt ihn vor Abend in die Druckerei. Er muss auch eilen; denn eine Messe spater, und die Form seiner Werke (worauf es mehr als auf den Inhalt ankommt) und die Sprache, darin er schreibt, sind nicht mehr in der Mode. Niemand wurde das Buch lesen und enthielte es auch eine Quintessenz von Weisheit. Da er, bei dieser Veranderlichkeit des Geschmacks, gewiss weiss, dass sein Buch spatstens nach zehn Jahren Makulatur sein wird, so spornt ihn kein Ringen nach Unsterblichkeit an; er sucht also bei seinen Lebzeiten noch einigen Vorteil von seinen Talenten zu ziehen, ein eitles Lob einzuernten, etwas Geld zu gewinnen. Dieser letzte Punkt hangt von der Gefalligkeit des Verlegers ab, den er durch Nachgiebigkeit gegen den verderbten Modegeschmack, durch auffallende Titel, durch bizarre Einkleidungen und durch allerlei andre unwurdige Kunste zu gewinnen, schadlos zu halten und gegen die Raubereien der Nachdrucker zu sichern suchen muss. Aus diesem allem erfolgt nun, dass der Geschmack an grundlichen Wissenschaften, die Lust, ernsthafte Werke zu lesen und zu schreiben, immer geringer wird, dass das Publikum den Sinn fur Wohlklang, Numerus, Wurde und Eleganz im Ausdrucke, Sprachrichtigkeit und Ordnung in Gedanken und Einkleidung verliert; dass jeder schiefe Kopf oder Tagedieb, der keinen Trieb hat, etwas Grundliches zu lernen, keine Geduld, eine nutzliche Hantierung im Staate zu treiben, Schriftsteller wird; dass hierdurch der Stand eines Schriftstellers tief herabsinkt und mancher gute Kopf deswegen nicht schreibt, weil er sich schamt, mit jenen in eine Klasse geworfen und von einem unwissenden, undankbaren, verschrobnen Publikum beurteilt zu werden.
NEGUS: Ich erstaune; dein Vetter hat mir Wunderdinge von eurer Literatur erzahlt; wenn ich wusste, dass er mich zum Narren gehabt hatte, so liesse ich ihn spiessen. Wenn die Buchdruckerei solches Unwesen stiftet, so ware es ja fast besser, man erschwerte die Mittel, schlechte Einfalle allgemein auszubreiten.
ICH: Euer Majestat halten zu Gnaden! Der Erfindung der Buchdruckerei haben wir unendlich mehr Gutes zu danken, als sie Verwirrung angerichtet hat. Ich habe auch keineswegs sagen wollen, dass es uns an guten Buchern in Deutschland fehlt; aber es konnte besser mit unsrer Literatur aussehen, wenn
NEGUS: Wenn, wenn vollkommen ist nichts in der Welt. Wir wollen das Wesen mit den Buchdrukkereien ein wenig ablauern. Wenn mir die Kerl denn gar zu dummes Zeug schreiben, so will ich einmal an einem ein Exempel geben, das die andern abschrecken soll. Aber dein Vetter spricht mir ja immer soviel von der Kritik in Deutschland, und dass gewisse Leute sich's zum Geschafte machten, alle neue Schriften offentlich zu beurteilen und vor schlechten Buchern zu warnen; hilft denn das nicht?
ICH: Allergnadigster Herr! Mit der Kritik sieht es bei uns nicht besser aus. Von Obrigkeits wegen kann man doch keine Leute ansetzen, die in Werken des Geschmacks Urteile sprechen sollen; also wirft sich jeder zum Kunstrichter auf, der Beruf dazu fuhlt; beurteilt, ohne seinen Namen zu nennen, folglich ohne dass man weiss, ob die Machtspruche von einem Manne herruhren, der in dem Fache erfahren ist, Bucher, die er nicht versteht, oft nicht einmal durchgelesen hat; posaunt die Schriften seiner Freunde aus, schimpft aus Neid und Parteilichkeit die grossten Manner, mischt personliche Angriffe auf den Charakter der Schriftsteller mit in die Rezensionen und so ist man denn auch dahin gekommen, auf die Kritik gar nicht mehr zu achten ja, man halt sich's fast fur einen Schimpf, sein Werk in manchen gelehrten Zeitungen und Journalen gelobt zu sehen.
NEGUS: Das ist eine tolle Einrichtung. Indessen muss man dem Dinge hier den Lauf lassen. Ich mochte doch gar zu gern, dass Abyssinien auch durch Aufbluhen der Wissenschaften und Kunste beruhmt wurde. Aber es ist schon spat; es wird wohl Zeit sein, in das Schauspiel zu gehen. Was wird heute gegeben?
ICH: Das Trauerspiel "Der Levit vom Stamme Ephraim".
NEGUS: Ha! das ist die Geschichte aus dem Buche der Richter. Da wird die Frau des armen Leviten genotzuchtigt, bis sie stirbt, und dann gevierteilt. Das ist ganz lustig anzusehen. Komm mit mir! Und morgen nach der Tafel sollst du mir aus einem deutschen Buche vorlesen.
Siebenzehntes Kapitel
Des Verfassers zweite Unterredung mit dem grossen
Negus uber Staatsangelegenheiten
Mit der Angstlichkeit, die einen Minister zu befallen pflegt, wenn er eine seiner Kreaturen in den Dienst seines Despoten gebracht hat und er nun noch in der Ungewissheit schwebt, ob der gnadigste Herr auch zufrieden mit seiner Wahl ist oder ob nicht vielleicht diese Empfehlung ihm, dem Minister selber, schaden, seinen Kredit schwachen konnte mit dieser Angstlichkeit zog mich mein Herr Vetter, sobald er im Schauspiele sich mir nahern konnte, auf die Seite und fragte mich, wie meine erste Amtsverwaltung bei dem Monarchen abgelaufen ware. "Ihr seid, wie ich hore, sehr lange bei Seiner Majestat gewesen", sagte er, "ich hoffe, Ihr werdet mit Vorsicht und nichts geredet haben, was uns schaden konnte. Ihr seid mit Fursten und Hofen noch nicht sehr bekannt. Jedes Wort muss man hier auf die Waagschale legen. Die grossen Herrn sind denn auch misstrauisch, und verschweigen konnen sie gar nichts von dem, was man ihnen im Vertrauen sagt."
Ich bat den Herrn Minister, nur ruhig zu sein, und erzahlte ihm alles, was zwischen dem Konige und mir vorgefallen war. "Aber", rief mein Vetter aus, "seid Ihr denn toll, Seiner Majestat aus einem Buche vorzulesen, das in einer Sprache geschrieben ist, wovon er nicht eine Silbe versteht?" "Konnte ich das wissen?" erwiderte ich, "warum sagte er mir's nicht, dass er kein Franzosisch gelernt hatte?" "Als wenn es sich fur einen Konig schickte zu bekennen, dass er in irgendeiner Sache unerfahren ware, die einer seiner Untertanen weiss! Ich hoffe, Ihr habt es ihm nicht merken lassen, dass Ihr dies nur einmal ahnden konntet?" "Nichts weniger! Aber ich gestehe Euch auch, der Herr sprach so verstandig uber manche Gegenstande, dass ich versucht war, ihm alle mogliche Gelehrsamkeit zuzutrauen. Unter andern fallte er uber die Schauspielkunst sehr treffende Urteile." "Oh! bleibt mir damit vom Leibe! diese lange Deklamation habe ich schon so oft von ihm gehort; die hat er in einem deutschen Manuskripte gelesen, das ich ihm geliehen habe, hat sie auswendig gelernt und prahlt nun damit; doch das bleibt unter uns! Diese Gabe haben alle Fursten, mit fremden Kenntnissen zu prangen; und Ihr werdet sehen, dass, wenn Ihr ihm heute etwas Gutes gesagt habt, er nach einigen Tagen vergessen haben wird, dass das von Euch kam und dass er Euch dann vielleicht Eure eigne Ware wieder verkaufen wird. Ubrigens wunschte ich, Ihr mochtet suchen, kunftig die Gesprache unvermerkt auf politische Gegenstande zu lenken, und ihm ein wenig von den herrlichen Einrichtungen unsrer deutschen Staaten erzahlen; denn von dieser Seite habe ich meine Last mit ihm; er will in allem seinem Kopfe folgen und hat so despotische Grundsatze, dass ich selbst oft fur meine und Eure Sicherheit bange bin. Hier ist der Ort nicht, davon zu reden. Kommt morgen fruh in mein Kabinett! da will ich Euch weitlaufig instruieren."
Ich ermangelte nicht, diesen Befehl des Herrn Ministers zu vollziehen, und ging des andern Tages nach der Tafel, vollkommen vorbereitet, zu meinem allergnadigsten Negus.
Die Leser werden es mir, wie ich hoffe, nicht zur Eitelkeit auslegen, wie einige von ihnen es einem grossen deutschen Schriftsteller bei einem ahnlichen Falle dafur ausgelegt haben, wenn ich ihnen noch ein paar von meinen Gesprachen mit dem Monarchen Abyssiniens erzahle. Es ist notwendig, dass ich berichte, wie der Negus uber manche Gegenstande, welche auf die Aufklarung seines Landes Bezug haben konnten, dachte, wenn ich von meinen und meines Herrn Vetters Bemuhungen, dort alles auf europaischen Fuss zu setzen, Rechenschaft geben will. Also ohne Umschweife!
Ich las heute dem Negus aus Wielands "Geschichte der Abderiten" vor, wobei Seine Majestat herzlich lachten, als wir durch einen grossen Larm, der draussen vor den Fenstern des Schlosses entstand, unterbrochen wurden. Ich erschrak und furchtete einen Auflauf des Volks; allein der Konig beruhigte mich und erklarte mir den Vorfall. Es war namlich von undenklichen Zeiten her in Abyssinien eingefuhrt, dass taglich, um eine gewisse Stunde, eine Anzahl Menschen vor die Fenster der koniglichen Zimmer treten und mit grossem Geschreie Gerechtigkeit und Hulfe erflehen und fordern mussten.3 Der Zweck dieser Zeremonie war, den Monarchen, mitten in seinen Freuden und Wollusten, aus dem Schlummer der Sinnlichkeit zu erwecken und ihn daran zu erinnern, dass tausend Menschen jeden Augenblick auf seine Tatigkeit und Wachsamkeit Anspruch zu machen ein Recht hatten.
Diesen Gebrauch lobte ich und fugte hinzu: ich wunschte, es mochte etwas Ahnliches bei uns in Deutschland eingefuhrt werden.
"Ich hoffe", sprach der Negus, "eure Konige und Fursten werden solcher Erinnerungen so wenig als ich bedurfen." "Wenigstens", erwiderte ich ganz freimutig, "kann es wohl nicht schaden, wenn man es ihnen zuweilen an das Herz legt, dass sie Menschen sind wie wir alle. Auf dem Throne, umringt von Schmeichlern, die jedes halbkluge Wort, das aus ihrem Munde geht, wie einen Orakelspruch bewundern, jede menschliche Handlung, deren ein guter Privatmann, nach Verhaltnis seines Vermogens, ohne einmal zu ahnden, dass er etwas anders als seine Pflicht getan hat, unzahlige begeht, in Zeitungen und Gedichten ausposaunen; angebetet von Sklavenseelen, die sie ohne Unterlass in dem Wahne erhalten, als sei jeder Furst ein Statthalter Gottes, folglich alles Gute, was er seinen Untertanen erwiese, und alle Sorgfalt, welche er ihnen widmete und wofur er doch ernahrt, gepflegt und geehrt wird, eine Gnade, als sei das Geld, welches er ausspendet, das Almosen, welches er gibt, die Besoldung, womit er den Fleiss belohnt, aus seinem Schatze hergegeben, da es doch nur das Eigentum des Landes ist, welches er verwaltet; in eitlen Freuden, Zerstreuungen und Lusten herumtaumelnd, vergessen die Grossen der Erde, wenn sie nicht so erhaben, so edel wie Euer Majestat denken, gar zu leicht, dass indes Millionen Menschen nach Brot und nach Sicherheit gegen Unrecht und Bedruckungen seufzen. Man entfernt von ihnen den Anblick des Elendes, damit sie nicht auf die Spur kommen, woher dies Elend ruhrt, nicht erfahren, dass die kleinen Untertyrannen es sind, die das Volk so unglucklich machen; damit sie nicht boser Laune werden, noch verstimmt seien, wenn irgendein Liebling fur sich oder seine Kreaturen eine neue Gunst auf Unkosten andrer erbetteln will. Da wurde es denn ganz heilsam sein, wenn man sie zuweilen durch die laute Volksstimme daran erinnerte, dass dies Volk ein Recht hat, sie zu ihrer Pflicht aufzufordern, und dass, wenn sie auch vor dieser lauten Stimme ihre Ohren verschlossen, jeder dieser schreienden Mauler auch zwei Arme hat, womit man Felsen sprengen, also auch Throne umsturzen kann."
NEGUS: Darfst du das in Deutschland laut sagen, was du dich unterstehst, hier vor mir zu reden?
ICH: Allergnadigster Konig! Ein grosser, edler Regent furchtet die Stimme der Wahrheit nicht und hasst nicht den, welcher die Stimme fuhrt; und die kleinen, niedrigen Despoten scheuet man jetzt nicht mehr. Man schreibt und redet schon ziemlich laut uber Menschenrechte und Regentenpflichten und wird bald noch lauter daruber reden. Nur ist es zu bedauern, dass solche Wahrheiten selten zu den Ohren unsrer Fursten kommen. Die Wesirs und Muftis, die mehr als die Sultane dabei interessiert sind, dass alles auf dem alten Fusse bleibe, verstopfen ihren Herrn die Ohren und verbinden ihnen die Augen. Unsre Fursten sind zum Teil gutgeartete Menschen; wenn man ihnen an das Herz redete, so wurden wohl viele von ihnen auf bessere Wege zu lenken sein, ja, sie wurden die Notwendigkeit einsehen, ihr System zu andern. Denn das lasst sich doch begreifen, dass, fruh oder spat, das gemisshandelte Volk die Last der unnaturlichen Ketten fuhlen und sich wundern wird, wie es wohl kommt, dass es erst jetzt einsieht, es liege nur an ihm, diese Fesseln abzuschutteln. Und dann mochte vielleicht eine argre Revolution erfolgen, als gegenwartig zu befurchten ware, wenn die Despoten gutwillig sich den ersten, heiligsten Gesetzen, den Gesetzen der Menschheit, unterwurfen.
NEGUS: Aber wenn eure Fursten das, was gegen die Missbrauche ihrer Gewalt geschrieben und gesprochen wird, nicht erfahren, so stiftet ja das ganze Geschrei daruber keinen Nutzen, wohl aber den Nachteil, dass das Volk zum Aufruhr, auch gegen gute Regenten, zur Unzufriedenheit, auch uber die besten Einrichtungen, angereizt werden kann.
ICH: Nein, mein gnadigster Konig! Das Volk im ganzen ist nie zum Aufruhre geneigt, und einzelne unruhige Kopfe wurden es vergebens versuchen, Menschen zur Meuterei zu verfuhren, die sich, unter einer vaterlichen Regierung, glucklich fuhlen, Menschen, die Freude und Wonne und Sicherheit und Wohlstand in ihren stillen, friedlichen Hutten schmecken, die nach offentlich bekannten Grundsatzen regiert, nicht im Blinden gefuhrt, nach Gerechtigkeit und Verordnungen, nicht nach Willkur gerichtet werden. Einzelnes Klagen und Murren wird dann freilich wohl dennoch gehort werden; nicht jeden wird man zufriedenstellen konnen; auch werden einzelne Unvollkommenheiten mit unterlaufen, aber allgemeine Meuterei wird nie Wurzel fassen, und schrieben die Bosgesinnten auch noch so arge Libelle. Also schaden dergleichen freie Reden und Schriften nicht. Aber sie stiften auch Nutzen. Lieset und hort sie der Furst nicht, so lesen und horen sie doch zuweilen seine Verfuhrer, zittern bei dem Gedanken, dass ihr Reich sich seinem Ende nahen konne, und verlieren den Mut. Der Gedruckte, Gebeugte, Scheue, Furchtsame aber wird belebt, wagt es einmal, bei einer entscheidenden Gelegenheit, wo er aufs ausserste gebracht ist, den Gotzen die Kniebeugung zu versagen; und der Schwache, der im Begriff war, sich zum Werkzeuge der Unterdrukkung missbrauchen zu lassen, schamt sich und tritt zuruck, tritt auf die Seite der Bessern, wenn jene Wahrheiten in allgemeinen Umlauf kommen und niedrige Sklavenseelen der offentlichen Verachtung preisgegeben sind.
NEGUS: Du redest kuhn; aber ich mag dergleichen wohl horen und werfe darum keine Ungnade auf dich. Komm morgen wieder! Fur heute habe ich genug. Nur bitte ich, wenn du nicht Lust hast, gekreuzigt zu werden, dass du uber dergleichen Gegenstande nur mit mir und ausserdem hochstens noch mit deinem Vetter, sonst aber mit niemand redest.
Ehrerbietig verbeugte ich mich nun zur Erde und ging von dannen; aber ich gestehe es, ich war sehr zufrieden von meiner Wenigkeit an diesem Tage.
Achtzehntes Kapitel
Drittes Gesprach mit dem Negus; uber die deutsche
Verfassung
Ich konnte unmoglich meinem Herrn Vetter die Behaglichkeit verbergen, die mir das Bewusstsein, als ein redlicher, freimutiger Mann geredet zu haben, gab; sobald ich daher mit ihm allein war, erzahlte ich ihm haarklein jedes Wort, das zwischen dem Negus und mir gewechselt worden war. "So habt Ihr es denn", rief der Herr Minister aus, "recht darauf angelegt, mich und Euch durch Eure Unvorsichtigkeit ins Verderben zu sturzen? Solche Dinge einem Monarchen zu sagen! Hat man je so etwas gehort? Mich wundert, dass er Euch nicht auf der Stelle hat spiessen lassen. Nun, gottlob! dass es so abgelaufen ist! Aber ich rate es Euch, vorsichtiger zu werden, sonst werde ich der erste sein, der seine Hand von Euch abzieht."
Als mein Vetter also sprach, glaubte ich, es sei grade Zeit, mich ein fur allemal bei ihm in Ansehen zu setzen; ich ging also ernsthaft auf ihn zu, runzelte ein wenig die Stirn und sprach mit Nachdruck folgendes zu ihm: "Herr Minister! ich muss es Euch gradeheraus sagen, dass mir dieser Protektorston gar nicht gefallt. Wer immer grade und redlich handelt, bedarf keines Schutzes, und wer nicht eher redet, als bis er gefragt wird, und dann, wenn es Pflicht ist, so redet, wie es Rechtschaffenheit und Wahrheit fordern, der hat nicht Ursache, irgend jemand zu furchten. Drohen aber lasse ich mir nun vollends von niemand auf der Welt. Wenn Ihr geglaubt habt, Ihr wurdet aus mir hier einen Sklaven machen, der kein andres Wort uber seine Lippen brachte, als was Ihr ihm vorschriebet und was in Euren Plan passte, so hattet Ihr mich lieber in Goslar in meiner Armut lassen sollen. Ich mag keines sterblichen Menschen Maschine sein. Hoferfahrungen habe ich freilich wenig; aber das finde ich doch auch hier bestatigt, was ich immer geglaubt habe, dass die Fursten selbst nicht so schlimm sind als die, welche sie umgeben. Ihr seid es, welche diese Menschen verderben, indem Ihr aus knechtischer Furcht sie in ihren schadlichen Grillen durch untertanigen Beifall bestarkt oder gar, aus niedrigen Nebenabsichten, ihnen gefahrliche Grundsatze in den Kopf jagt. Ihr sehet es, Herr Vetter, der Negus hat die Dinge, welche ich ihm gesagt habe, geduldig angehort und hat mich nicht spiessen lassen, und Ihr, die Ihr Euch freuen solltet, dass Ihr einmal einen ehrlichen Mann in den Dienst gebracht habt, Ihr wollt mir das Maul stopfen. Nein! ich werde reden, solange ich meine Stelle behalte; ich fuhle es, der Konig ist kein schlimmer Mann; er verdient es, dass man ihm die Wahrheit nicht verhehle. Glaubt Ihr, ich werde mich deswegen je zu der Rolle eines schandlichen Schmeichlers erniedrigen, weil ich hier umsonst Pasteten bei Hofe fresse, oder ich liesse mich besolden, um den Negus mit verderben zu helfen, so irrt Ihr Euch gewaltig. Dient das nicht in Euern Kram, bedurft Ihr eines Menschen, der anders denkt, so schickt mich wieder zuruck nach meinem schmutzigen Goslar und damit Gott befohlen!"
Leichenblass wurde mein Herr Vetter bei dieser Erklarung; er versuchte es verschiedene Mal, mich zu unterbrechen und mich durch ungnadige Mienen in Furcht zu setzen, aber vergebens! Ich fuhr ernsthaft fort; und als ich fertig war, wollte ich ihn verlassen. Nun spannte er andre Saiten auf, lobte meine Redlichkeit, versprach, mich zu unterstutzen, und bat mich nur, nicht gar zu unvorsichtig zu Werke zu gehen. Das verhiess ich ihm denn sehr gern, und wir schieden als Freunde auseinander.
Gegen Abend fand ich mich wieder bei meinem Monarchen ein, der mich mit heiterm Gesichte empfing. "Heute", sprach er, "sollst du mir etwas von der Verfassung eurer deutschen Hofe erzahlen. Ich denke, das wird ganz lustig anzuhoren sein, und ich erlaube dir, von nun an immer ebenso offenherzig wie gestern mit mir zu reden. Fange nur gleich an!" Das tat ich denn und machte ihm ungefahr nachstehende Schilderung:
"Unsre grossern deutschen Staaten werden mehrenteils nach menschlichen und gerechten Grundsatzen regiert; ein machtigrer Furst fuhlt lebhafter die Wichtigkeit seines Berufs, weiss, dass so viel Augen auf ihn gerichtet sind, dass er einst in der Geschichte seines Zeitalters auftreten muss; er wird sorgsamer erzogen; seine Verbindung mit andern Reichen leidet nicht, dass er willkurlich sein Regierungssystem andern konne, und fremde Machte wachen uber ihn und sein Land als einen wichtigen Teil des Ganzen. Grosse, allgemeine Gebrechen, woruber ganz Europa seufzt, drucken freilich diese machtigern Staaten auch; die taglich anwachsenden, ungeheuren stehenden Heere, die der Bevolkerung und der Industrie schaden und mussige Menschen auf Kosten der arbeitsamen ernahren; schadliche Vergrosserung der Residenzen, wohin aller Reichtum aus den oden Provinzen fliesst, unnutzer Aufwand, Sittenlosigkeit, Liebe zur Pracht, Uppigkeit und Wollust, die von daher sich in alle Klassen verbreiten das alles sind freilich schwere Landplagen; aber sie werden von dem unaufhaltsamen Strome der Kultur herbeigefuhrt, und es steht fast nicht in der Macht des Landesherrn, diesen Lauf zu hemmen. Im ganzen herrscht denn doch in diesen betrachtlichern deutschen Staaten eine gewisse, wenigstens nicht ganz unsystematisch verteilte Summe von Wohlstand und Zufriedenheit unter allen Klassen der Burger, und wenngleich die albernen Grundsatze von Furstenrechten, die nun einmal allgemein angenommen sind, echte, der freien Menschheit zukommende Behaglichkeit verdrangen, so tritt doch an deren Stelle eine Art konventioneller Gluckseligkeit, und alles ist so kalkuliert, dass wenigstens jeder Stand diejenige kleine Portion von Lebensgenuss schmeckt, die man ihm, nach jenen Grundsatzen, gestatten kann. Die Volker beruhigen sich dabei, wenn es nicht zu arg wird und man sie nicht zur Verzweiflung bringt; und vielleicht wurde es noch schlimmer werden, wenn sie auf einmal dies System uber den Haufen werfen wollten.
Ganz anders aber sieht es mit den kleinern Fursten aus. Diese konnten, nach Verhaltnis, sehr viel glucklicher sein und sehr viel mehr Gutes verbreiten als die machtigern. Auch sind unter ihnen edle, vortreffliche Manner, die ihre Untertanen wie ihre Kinder betrachten und behandeln und von ihnen wie Vater geliebt werden. Ein kleinerer Zirkel ist leichter zu ubersehen; es ist leichter, da zu helfen, wo es fehlt, wenn das ganze Landchen gleichsam nur eine ruhige Familie ausmacht. Sie bedurfen des ungeheuren Aufwandes von Kriegsheeren, Hof- und Staatsbedienten, Tafeln, Festen, Gesandten und dergleichen nicht. Und ist es nicht ruhmlicher, erhabner, grosser, in der Stille tausend Menschen an Leib und Seele glucklich, frei und froh zu machen, von ihnen gesegnet und zartlich geliebt zu werden, als Millionen Sklaven mit eisernen Ketten an ein Joch zu schmieden, damit die Nachwelt den Mann, der nicht einen Freund je gehabt, fur den nicht eines Menschen Herz je geschlagen hat, als einen merkwurdigen Beherrscher bewundre?
Und diese Wonne konnten alle unsre kleinen Fursten schmecken; allein dafur haben nur wenige unter ihnen Sinn. Die rasende Begierde, es den grossten Monarchen gleichzutun, sich bemerken zu machen, von sich reden zu lassen, verleitet sie zu hundert Torheiten und bosen Streichen. Der Furst will einen kurfurstlichen Hofstaat haben, der Graf kauft sich den Furstentitel. Die kleinen, von arbeitsamen Menschen leeren, holzernen Residenzen wimmeln von mussigen, liederlichen, hungrigen, bunten Soldaten und von hirnlosen, niedertrachtigen, bettelarmen Hofschranzen, die sich untereinander hassen, verleumden, verfolgen und, durch die schandlichste Schmeichelei und durch die Bereitwilligkeit, sich zu den entehrendsten Diensten brauchen zu lassen, den schwachen Fursten noch taglich mehr verderben. Feile, menschenscheue Schriftsteller und erkaufte Zeitungsschreiber posaunen dann Handlungen von diesen durchlauchtigen Sundern aus, um welche gelobt zu werden ein Privatmann sich schamen wurde, und beschreiben ihre geschmacklosen Feste. Noch geht es leidlich, wenn die Potentaten ihr Unwesen nur zu Hause treiben und das, was der arme Untertan im Schweisse seines Angesichts aufbringt, wenigstens im Lande wieder verzehren; allein da kutschieren manche von ihnen alle Jahre nach Frankreich, Italien oder England oder figurieren im Dienste grosserer Herren; und wenn sie denn einmal nach Hause kommen, so wissen sie nichts zu treiben, als vor Langerweile die Torheiten nachzuahmen, die sie auswarts gesehen haben. Dazu bringen sie auch noch wohl einen Schwarm fremder Windbeutel und Schelme mit, die dann an die Spitze der Geschafte gestellt werden, verdienstvolle Einheimische verdrangen und die grosste Verwirrung in einem Lande anrichten, von dessen Verfassung sie nichts verstehen. Diese Fremde setzen dem Fursten nun vollends allerlei kostbare Spielereien in den Kopf. Da wird das ganze Land zu einem Jagdpark umgeschaffen, oder es werden prachtige Theater erbauet, indes das alte Schloss den Einsturz droht, Schauspieler und Tanzer reichlich besoldet, indes die Rate nicht das liebe Brot haben, oder Tonnen Goldes an Kutsch- und Reitpferden verschwendet, indes der arme Bauer keine Mahre hat, die seinen Pflug zieht.
Zu diesem allen muss das ungluckliche Landchen das Geld aufbringen, und da gibt es denn keine Art von Finanzoperation, zu welcher man nicht seine Zuflucht nahme, um dem unglucklichen Bauer den letzten Heller aus dem Beutel zu locken. Ist, bis auf die freie Luft nach, alles, was sich taxieren lasst, mit Auflagen beschwert, so legt man Lotterien und Lotto an. Da holt der arme Dienstbote, der sich einen sauer erworbnen Notpfennig, zur Sicherheit gegen Alter und Krankheit, zuruckgelegt hatte, getauscht durch die eitle Vorspieglung des zu hoffenden Gewinstes, seine Sparbuchse hervor und verliert seinen einzigen Trost im Spiele gegen seinen durchlauchtigsten Landesvater. Und sind alle Mittel, Geld zu erhaschen, durchprobiert, so nimmt man noch zu dem letzten und abscheulichsten seine Zuflucht man verkauft das Leben seiner Untertanen fremden Potentaten.
So wie das ganze Augenmerk solcher Fursten nur dahin geht, aus dem Lande soviel Geld als moglich zu ziehen, um den unnutzen Aufwand zu bestreiten, so studieren denn auch die Rate und Diener allein darauf, sich zu bereichern; und ihnen wird durch die Finger gesehen, insofern sie nur neue Plunderungsmittel erfinden helfen ja, es gibt Lander, wo die Besoldungen ausdrucklich darum so geringe sind, weil man darauf rechnet, dass das ubrige durch Betrug und Bestechung herbeigeschafft wird. Es gibt besonders einen Staat in Deutschland, wo dieser Unfug aufs hochste getrieben wird; wo offentlich, unter des Ministers Schutze und mit Vorwissen des Fursten, ein Jude die Bedienungen dem Meistbietenden verkauft; wo dieser Handel schamlos in des Ministers Vorzimmer getrieben wird; wo die Beamten Recht und Gerechtigkeit um Geld feilhaben, und das alles vor den Augen des ganzen deutschen Publikum, dem man diese Abscheulichkeiten schon oft in Journalen und andern Buchern gedruckt vor Augen gelegt hat, woruber aber die unverschamten Schelme nur lachen und ihr Wesen forttreiben."
NEGUS: Es ist kaum moglich, dass du deine Schilderung nicht ubertreiben solltest. Was wurden eure Landstande zu solchen Abscheulichkeiten sagen?
ICH: Dass es Gott erbarme! Was sind denn unsre Landstande? Gewahlte Reprasentanten aus solchen Volksklassen, die bei diesen Bedruckungen am wenigsten leiden, zuweilen sogar ihren Vorteil dabei finden, folglich, auf Unkosten des Standes, der alles tragen muss und nicht mitsprechen darf, verwilligen, was der Despot fordert. Mit den Wahlen geht es denn auch so her, dass es ein Jammer ist.
Unwissende Menschen ohne Kenntnis des Landes, ja, nicht selten ohne gesunde Vernunft, Leute, die vom Hofe abhangen, Bedienungen haben oder dergleichen fur sich und die Ihrigen suchen, versammeln sich da. Der Bevollmachtigte des Fursten halt da eine Rede, worin er landesvaterliche Grundsatze auskramt, fordert dann neue Abgaben, und die Deputierten verwilligen. Die Versammlungen werden in die Lange gezogen, damit man mehr Diaten gewinne, und die Burden, die das Land drucken, werden von Jahr zu Jahr grosser.
NEGUS: Das ist freilich traurig; aber am Ende bleibt doch dem, welchen man gar zu arg misshandelt, der Weg der Justiz ubrig, die, wie mich dein Vetter versichert, in Deutschland, sogar gegen den Fursten selber, unparteiisch durchgreift.
ICH: Das ist wahr; allein dem sei der Himmel gnadig, der in Deutschland einen Prozess zu fuhren hat! Kostbarer und weitlaufiger kann wohl in keinem Lande die Justiz verwaltet werden als bei uns. Unsre Streitigkeiten werden nach den Sammlungen der alten romischen Gesetze entschieden; diese Gesetze sind voll von Albernheiten und Spitzfindigkeiten, passen nicht auf unsre Zeiten, auf unsre Verfassung und lassen sich auf zehnfache Weise auslegen. Es gibt eine eigne Klasse von Menschen, die bloss davon leben, dass sie die Prozesse in die Lange ziehen und die Gesetze verdrehen. Niemand darf mundlich und klar seine Sachen vortragen, sondern alles muss schriftlich durch die Hande der Advokaten verhandelt werden. Uber die Beendigung der einfachsten Streitigkeiten, welche die gesunde Vernunft in zwei Minuten entscheiden konnte, verstreicht eine ganze Lebenszeit, und wenn unzahlige Riese Papier sind verschrieben worden, so haben beide Parteien mehr an Gerichtsgebuhren und Prozesskosten bezahlt, als der ganze Gegenstand des Streits, vielleicht mehr als ihre Habe und Gut wert ist. Zu dieser Menge unnutzer romischer Gesetze kommen denn noch in jedem Staate ungeheuer viel besondre Landesverordnungen, die niemand im Gedachtnisse behalten kann und deren eine die andre aufhebt. Noch sind die Parteien glucklich und konnen wenigstens hoffen, dass endlich einmal ihr Rechtshandel entschieden werden wird, wenn sie in einem Lande wohnen, wo die Appellationen nicht nach Wetzlar gehen; denn wer das Elend erlebt, bei dem Reichskammergerichte einen Prozess anhangig zu haben, der ist sehr zu beklagen. Dort bleiben jahrlich viel hundert Sachen liegen, wovon die zeitliche Gluckseligkeit so mancher Familie abhangt. Und das kann, bei dem besten Willen der dortigen Richter, der einmal eingefuhrten Form nach gar nicht anders sein. Nun setzen Euer Majestat den Fall, dass einem von den unzahligen Herren uber Leben und Tod, die in Deutschland ihr Wesen treiben, dass es einem von den kleinen Fursten einfallt, aus meiner Haut Riemen zu seinen Parforce-Peitschen schneiden zu lassen, wie sie denn zuweilen gar sonderbare Grillen haben, und ich sterbe nun an einer solchen Operation, so hat denn freilich meine arme Witwe das Recht, den Tyrannen in Wetzlar zu belangen. Sie erlebt es nicht, meine Kinder und Kindeskinder erleben es nicht, dass das Urteil gesprochen wird. Zu Bettlern wird die ganze Generation. Endlich erscheint der langst erseufzte Spruch; der Furst wird verurteilt Geld zu bezahlen. In das Leben zuruckrufen kann er den Ermordeten nicht, die durchweinten, durchjammerten Nachte sind nicht zuruckzurufen, doch Geld soll er bezahlen oder vielmehr sein unschuldiges Land aber er bezahlt nicht; einem benachbarten Fursten wird die Exekution aufgetragen aber sie erfolgt nicht; tausend Schikanen hindern die Vollziehung des Urteils.
NEGUS: Schweig! so geht es ja in Marokko nicht her! Du selbst sagst, dass unter den Fursten in Deutschland soviel edle Manner sind; wurden diese, wenn es also ware, wie du es beschreibst, nicht langst zusammengetreten sein, nicht langst in Regensburg oder wie das Nest heisst, wo der grosse Divan gehalten wird, die Missbrauche ihrer Verfassung in Uberlegung genommen und abgestellt haben?
ICH: Ja, wenn das eine so leichte Unternehmung ware! Vorgekommen sind diese Gegenstande oft genug, und laut genug geschrien wird auch daruber; allein in Deutschland erfordert so etwas Zeit und Formlichkeiten, und daruber zerschlagt sich das Ganze. Uber unnutzes Zeremoniell werden unendliche Verhandlungen gepflogen, und wie manche grosse, wichtige Unternehmung hat sich, nachdem sie schon einen Aufwand von Millionen gekostet hatte, bloss darum zerschlagen, weil man nicht daruber einig werden konnte, ob alle Gesandten oder nur einige von ihnen in Armsesseln sitzen durften.
NEGUS: Nein! Da lobe ich mir doch unsre Einrichtung; aber mehr Aufklarung ist in deinem Vaterlande als bei uns; das muss man gestehen. Ubrigens bleibt es dabei, dass du mit dem Kronprinzen nach Deutschland reisest, und das bald. Er soll das Gute und Bose dort kennenlernen; in vier Wochen sollt ihr fort.
Und so schloss sich denn mein heutiges Gesprach mit dem Negus.
Neunzehntes Kapitel
Noch ein Gesprach mit dem grossen Negus,
moralischen und vermischten Inhalts
Manche Leser mogen mir vielleicht schuld geben, ich hatte das Gemalde, welches ich dem grossen Negus von unsern deutschen Hofen entwarf, mit zu starken Farben aufgetragen. Wer das Gluck hat, in dem nordlichen Teile von Deutschland, unter einer milden Regierung und umringt von zufriednen, nicht gedruckten Menschen zu leben, dem kommt das unglaublich vor, was in den sudlichen Gegenden taglich vorgeht und was der warme Freund der Menschheit nicht ohne Unwillen und Zahneknirschen sehen und horen kann. Allein es ist nun einmal so, und da es offentlich vorgeht, so muss es auch offentlich erzahlt werden durfen. Doch hatte ich noch einen andern Grund, warum ich dem Konige dies Unwesen so furchterlich schilderte; einige der Gebrechen, die ich hier als meinem Vaterlande eigen angab, waren, wie man sich aus meinen Fragmenten der abyssinischen Geschichte erinnern wird, hier nicht weniger eingerissen. Es war ein delikater Punkt, dies gegen den Monarchen zu rugen; indem ich aber die Szene nach Deutschland hin verlegete und dennoch der Wahrheit treu blieb, gab ich ihm Gelegenheit, die Ubel mit allen ihren Folgen kaltblutig zu uberschauen.
Ich hielt dies um so mehr fur Pflicht, da ich sah, wie mein Vetter, nicht eigentlich aus bosem Herzen, aber aus einer unverzeihlichen Schwache und aus Furcht, Gunst und Ehrenstellen zu verlieren, dem Negus auf unendliche Weise schmeichelte, sein Stekkenpferd, die Aufklarung, zu verbreiten und von sich als einem Beforderer der Wissenschaften und Kunste reden zu machen, streichelte und wie mit der europaischen sogenannten Aufklarung alle unsre schadliche Torheiten und Ungehorigkeiten mit nach Abyssinien zogen. Hindern konnte ich das nicht, aber ich wollte wenigstens nichts dazu beitragen. Benjamin Noldmann ist weit davon entfernt, sich denen zum Muster aufdringen zu wollen, die Einfluss auf Potentaten haben; aber das kann er doch nicht verhehlen, dass er die Erfahrung gemacht hat, dass man mehr als bloss die innere Beruhigung, die Pflicht der Rechtschaffenheit erfullt zu haben, dabei gewinnt, wenn man freimutig die Partei der Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nimmt. Die Fursten verachten doch im Grunde den sklavischen Schmeichler und schonen und ehren den unbestechbar redlichen Mann. Und ist es nicht das feinste Lob, das man einem Fursten zu geben vermag, wenn man in seiner Gegenwart andre seinesgleichen tadelt? Heisst das nicht soviel gesagt, als dass man ihn unfahig halt, in ahnliche Fehler zu verfallen? Geschieht dies ohne Bitterkeit und Leidenschaft, so kann es auch wirklich, insofern es oft wiederholt wird, eine Sinnesanderung bei ihm bewirken und ihn wenigstens von manchem raschen Schritte abhalten, wenn er sieht, dass auch er der offentlichen Prufung unterworfen ist.
Diesem Systeme bin ich immer treu geblieben, solange ich in Gondar war. Ich hatte einige Belesenheit in der Geschichte der europaischen Staaten, und das gab mir Gelegenheit, was ich vorzubringen hatte, zuweilen von daher zu entlehnen. Wir redeten von Ludwig dem Vierzehnten, den die Schmeichler einst den Grossen genannt haben, und ich machte ihm bemerklich, welch ein elender, kleiner, eitler Kerl dieser grosse Konig gewesen ware, wie er die Menschen als das Vieh betrachtet hatte, erzahlte ihm unter andern, wieviel Tausende er in seinen unnutzen Kriegen aufgeopfert, wie er an armen Leuten Proben mit Arzeneien und gefahrlichen Fistelkuren hatte vornehmen lassen, um zu sehen, ob sie daran sturben oder ob er seinen gesalbten Korper einer gleichen Behandlung unterwerfen durfte. Ich hatte ihm einen ahnlichen Zug von einem deutschen Fursten erzahlen konnen, unterliess das auch nicht etwa aus Menschenfurcht denn an den Ufern des Nils pflegt man sich nicht viel um einen Despoten zu bekummern, der an den Ufern des Rheins hauset , aber ich erlangte ja denselben Zweck durch das Beispiel eines verstorbnen Konigs. Ich zeigte ihm, wie bis dahin unsre mehrsten historischen Werke nicht etwa die Geschichten der Volker, sondern das Inventarium der Torheiten der Grossen enthielten, und machte ihn unter andern aufmerksam auf die Reihe von Oktavbanden: "La vie privee de Louis XV", in welchen mit grosser Wichtigkeit Armseligkeiten erzahlt sind, woruber die Nachwelt nur spotten kann.
Ich erzahlte ihm, wie tyrannisch einige deutsche Fursten mit ihren Dienern umgehen, und bestritt das Recht des Landesherrn, seine Rate willkurlich zu verabschieden, die ebensowohl als er selbst in Diensten des Staats stehen, dessen oberster Aufseher er ist, und die, wenn sie ihre Pflicht erfullen, nicht nach Gutdunken abgeschafft werden konnen. Ein Satz, den der Freiherr von Moser in einer eignen, sehr lesenswerten Schrift mit den wichtigsten Grunden unterstutzt hat!
Einst hatte ein abyssinischer Schriftsteller sehr frei uber die Landesverfassung geschrieben und den personlichen Charakter des Negus angegriffen. Die Zensurkommission verbot nicht nur die offentliche Bekanntmachung dieses Buchs, sondern trug auch darauf an, den Verfasser fur seine Kuhnheit zu bestrafen. Seine Majestat verzieh ihm und bildete sich sehr viel auf diese gnadige Nachsicht ein. Ich schwieg; aber einige Tage nachher nahm ich Gelegenheit, dem Konige einen Aufsatz uber Scheintugenden vorzulesen: er war von mir, ich gab aber vor, er stehe in einem gedruckten Werke. Folgende Stelle sollte auf jenen Vorfall zielen; es hiess da: "Man nennt das Grossmut, wenn der vornehme Beleidigte dem geringern Beleidiger verzeiht, wenn man sich im Glucke nicht an dem racht, der uns im Unglucke gekrankt hat. Begreift man denn nicht, dass es kein Verdienst sein kann, wenn angenehme Verhaltnisse uns in eine heitre Laune setzen, sich nicht durch das unangenehme Gefuhl der Rache wieder zu verstimmen; dass stolze Verachtung nicht Grossmut ist, dass der Reiz des Ehrgeizes, deswegen gelobt zu werden, weit grosser geworden sein kann als das Gefuhl der alten Wunde; dass der Mann uns vielleicht nicht wichtig genug ist; endlich, dass uns daran gelegen sein muss, eben ihn um so mehr zu unserm Anhanger zu machen, je furchtbarer er als Feind gewesen ist?"
Ich sah mit Vergnugen, dass solche hingeworfne Ideen nicht ohne gute Wirkung blieben, und hatte mein Vetter und das Heer der Hofleute mit mir gemeinschaftliche Sache gemacht, so zweifle ich nicht daran, dass wir noch etwas Gutes aus unserm alten Negus wurden haben ziehen konnen.
Da nun die Zeit unsrer Abreise immer naher heranruckte, so bat ich um Erlaubnis, noch vorher eine kleine Reise in einige Provinzen von Abyssinien machen zu durfen, die ich auch erhielt. Hauptsachlich aber war mir's darum zu tun, den merkwurdigen Mann kennenzulernen, von dem ich nun schon ein paarmal Erwahnung getan habe; ich meine den Erzieher des jungern koniglichen Prinzen. Mit wahrer Traurigkeit bemerkte ich auf dieser Reise das abscheuliche Verderbnis der Sitten in allen Standen, das, leider! mit den Graden der Kultur in gleichem Verhaltnisse stand, und ich rief oft missmutig aus: "Mussen denn die Menschen um so lasterhafter werden, je mehr sie ihre intellektuellen Anlagen ausbilden, oder ist dies alles nur Folge der halben Aufklarung; werden nicht endlich diese Nebenwege, diese Abwege dennoch zu dem letzten grossen Ziele, zu dem Triumphe der Aufklarung, zu der auf Erfahrung gestutzten Wahrheit hinfuhren, dass der hochste Grad von Weisheit in dem hochsten Grade von Tugend beruhe und dass nur der massige, nuchterne, von unruhigen Leidenschaften freie Mensch den grossen Genuss des Lebens, aller geistigen und korperlichen Krafte, hauslicher Gluckseligkeit und burgerlicher Vorteile schmecken konne?"
Die Weiber in Abyssinien, besonders die in Tabelaque, sind im hochsten Grade frech und verbuhlt4; sie spotten offentlich der Pflicht und der Tugend; die Priester und Monche sind allen Ausschweifungen ergeben und dabei die argsten Diebe. Und dennoch halt man strenge auf Beobachtung der religiosen Zeremonien, betet sehr viel und besucht fleissig die zahlreichen Kirchen.
Uber alle diese Gegenstande, und hauptsachlich uber die Kraft des Einflusses der Religion auf die Sittlichkeit, hatte ich, nach meiner Zuruckkunft, sehr weitlauftige Gesprache mit dem grossen Negus. Eines Tags fragte mich der Konig, ob es wahr sei, dass in Deutschland jeder Mann sich mit einer Frau, jede Frau sich mit einem Manne begnugte.
ICH: Das nun eben nicht; aber gesetzmassig sind doch die Vielweiberei und Vielmannerei verboten.
NEGUS: In der Bibel steht nichts von dem Verbote der Vielweiberei. Was die Vielmannerei betrifft, so sagt uns schon die gesunde Vernunft, dass unter Menschen, die nicht wie das Vieh leben wollen, eine Frau nicht mehr als einen Mann haben durfe, der ihr Herr, ihr Ernahrer und der Vater ihrer Kinder sei; aber das sehe ich nicht ein, warum eure burgerlichen Gesetze dem Manne nicht erlauben, soviel Weiber zu nehmen, als er ernahren kann.
ICH: Weil in Europa die Gattin zugleich des Mannes treue Gefahrtin, seine teilnehmende Freundin im Gluck und Unglucke, die sorgsame Mutter und Miterzieherin seiner Kinder sein soll Bande, die nur durch gegenseitiges Zutrauen, durch gegenseitige Hochachtung, durch gegenseitige ausschliessliche Hingebung und durch die Uberzeugung fester geknupft werden konnen, dass, auch ausser den Augenblicken der Befriedigung sinnlicher Begierden und auch dann, wenn Schonheit und Jugend von ihr weichen, die Frau dem Manne noch etwas sein werde. Und wo findet man das in einem orientalischen Harem?
NEGUS: Das Ding klingt ganz hubsch; aber wenn nun der Mann sich bei der Wahl seines Weibes ubereilt hat, so hat er dann ein solches Geschopf, seine ganze Lebenszeit hindurch, auf dem Halse und darf sich fur dies Ungemach nicht an der Seite eines liebenswurdigern Gegenstandes entschadigen.
ICH: Das ist freilich ein grosses Leiden; allein dem sind ja beide Teile ausgesetzt; und muss nicht jedermann die Folgen seiner Ubereilungen tragen?
NEGUS: Nein! das steht mir nicht an, und das Gesetz soll in Abyssinien nie eingefuhrt werden. Aber du sagtest vorhin, man begnugte sich auch in Deutschland damit nicht.
ICH: Ei nun! Die Verfeinerung der Sitten, die Galanterie, worin uns zuerst unsre Nachbaren, die Franzosen, unterrichtet haben, hat meine verheirateten Landsleute gelehrt, jenes beschwerliche Gesetz von beiden Seiten durch Konvention aufzuheben. Die Dame hat einen Freund, der zugleich sich des Herrn Gemahls Zutrauen und Zuneigung zu erwerben weiss; folglich kann die Welt nichts daruber sagen, wenn er Tag und Nacht im Hause freien Zutritt hat, insofern der Ehemann nichts dagegen zu erinnern findet. Und dieser ist sehr zufrieden mit der Einrichtung, wenn man ihm nur unterdessen die Freiheit erlaubt, bei seinem verheirateten Nachbar gleichfalls den Hausfreund zu spielen. So bleibt das Aussere der burgerlichen Verfassung immer in seinen Wurden, und der Teufel verliert doch nichts dabei.
NEGUS: Ihr seid, wie ich sehe, in Deutschland gewaltig anhanglich an Formen. Um die Sachen selbst bekummert ihr euch wenig, wenn ihr nur den Schein davon seht, und dann rasoniert ihr machtig viel uber eure vortrefflichen Einrichtungen, indes es im Innern bei euch hergeht wie bei uns und allerorten.
ICH: Freilich gibt es uberall auf der Erde menschliche Unvollkommenheiten; aber sehr kultivierte Staaten haben denn doch das zum voraus, dass sie, durch diese Anhanglichkeit an aussere Formen, dem allgemeinen Einreissen mancher Verderbnisse steuern. Sehr unweise handeln daher solche Fursten, die offentlich das Beispiel von Hinwegsetzung uber dergleichen Konventionen geben, die vor den Augen ihres Volks einer feilen Buhlerin alle Ehre und Rechte, einer Gattin einraumen. Hat Politik oder ein ungluckliches Geschick einen solchen Fursten an ein Geschopf gekettet, das seiner unwert, das unfahig ist, durch angenehmen Umgang die Sorgen seines wichtigen und schweren Berufs zu erleichtern, so erlaube man ihm denn, in der Stille, an der Seite eines liebenswurdigern Wesens, seine Sorgen zu vergessen und das Gluck der Liebe und Freundschaft wie ein Privatmann zu schmecken! Aber er, und zwar er mehr als irgendein andrer, respektiere die aussern Formen, welche die Gesetze vorschreiben (solange nun einmal die Menschen nicht nach naturlichen, sondern nach konventionellen Vorschriften handeln sollen)! Und das nicht etwa bloss, weil aller Augen auf ihn gerichtet sind, weil er schuldig ist, dem Volke aller Klassen Beispiel zu geben, sondern auch seines eignen Vorteils wegen. Denn wenn er den Untertanen zeigt, dass derjenige den Gesetzen nicht zu gehorchen braucht, der machtig genug ist, sich Impunitat zu verschaffen, so gibt er ihnen den Wink, dass auch jeder den Pflichten gegen ihn und dem ihm schuldigen Gehorsame sich entziehen durfe, der nur die Mittel ausfindig machen konne, dies heimlich oder ungestraft zu tun.
NEGUS: Das lasst sich horen; aber wenn ihr mit den Pflichten des Ehestandes soviel Zwang verbindet, so hoffe ich, eure Gesetze schranken desto weniger die freie Wahl der Leute ein, die sich nun einander heiraten und ihr ganzes Leben ausschliesslich miteinander hinbringen wollen.
ICH: Euer Majestat wissen, dass die Grade der Blutsverwandtschaft wenigstens einige Einschrankung in diese Freiheit legen.
NEGUS: Warum denn das?
ICH: Ei! schon in den Mosaischen Gesetzen
NEGUS: Das ist ein albernes Geschwatz! Was kummern euch die Gesetze, die man einem Volke in Palastina gegeben hat und die nach dem Klima und nach den Bedurfnissen der Juden eingerichtet waren? Ich sehe gar nicht ein, warum bei euch nicht der Bruder seine Schwester heiraten soll, wenn sie ihm gefallt, um so mehr, da er diese besser als andre Madchen kennt und also weiss, ob ihre Gemutsart sich zu der seinigen schickt.
ICH: Wenn aber das Vorurteil von Blutschande ausgerottet wurde, sollten dann nicht die fruhern Ausschweifungen unter jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die uneingeschrankt in den Hausern der Eltern miteinander umgehen, allgemeiner werden?
NEGUS: Gar nicht! Der Reiz der Neuheit und die Uberwindung der Schwierigkeiten das ist es grade, was verbotene Begierden erweckt; und Menschen, die sich taglich sehen und mit allen ihren Unvollkommenheiten kennenlernen, werden nie lustern nacheinander werden; und wenn sie dennoch Liebe zueinander fassen, so wird das eine vernunftige Liebe sein, bei welcher die Sinne nur die Nebenrolle spielen und der man keine Hindernisse in den Weg legen sollte. Allein von den Schwierigkeiten, die das Vorurteil der Verwandtschaft der freien Wahl bei den Heiraten in den Weg legt, redete ich nicht; sondern das wollte ich von dir horen, ob du ein so schweres Monopolium nicht unbillig fandest, da auch die Verhaltnisse des burgerlichen Lebens es euern Junglingen unmoglich machen, bei der Wahl ihrer Gattinnen ganzlich ihrer Neigung zu folgen. Du siehst, dass ich nicht ohne Kenntnis der Sache rede; ich lese deutsche Bucher. Alle eure Schriftsteller klagen uber den steigenden Luxus, der es zur Notwendigkeit macht, bei den Heiraten vorzuglich auf die Vermogensumstande Rucksicht zu nehmen.
ICH: Und dennoch halte ich diese Klagen fur ungegrundet. Aufwand in Kleidern hat zugenommen; aber dagegen kostet auch jetzt ein seidnes Gewand weniger als ehemals eines von Leinen oder Wolle. Man besetzt die Tafeln mit mehr Speisen und trinkt mehrere Arten von Wein; aber dagegen werden auch jahrlich mehr Garten und Weinberge angebaut, mehr Baume gepflanzt, mehr Wusten urbar gemacht. Die kleinen Bedurfnisse des Lebens vervielfaltigen sich, aber mit ihnen zugleich die Anstalten, sie in grossrer Zahl und zu wohlfeilern Preisen zu liefern. Seiden-, Porzellanund andre Fabriken werden allerorten angelegt, und indes alle Preise steigen, vermehrt sich auch die Summe des Geldes durch die ungeheure Menge des Metalls, das jahrlich der Erde entlockt wird. Jetzt sind also hundert Taler grade das, was ehemals zehn Taler waren. Gehalt, Gagen, Lohn und Tagelohn steigen in demselben Verhaltnisse; der Arbeitsmann nimmt mehr fur seine Waren, und so wird in allen Standen das Gleichgewicht wiederhergestellt, ausser dass der Verschwender jetzt mehr Anlockung hat, sein Eigentum zu verprassen; aber wessen Schuld ist das anders als seine eigne?
NEGUS: Der Unterschied der Stande legt denn auch den Heiraten nach blosser Neigung Hindernisse in den Weg.
ICH: Fur Leute, die nicht den Mut haben, sich uber Vorurteile hinauszusetzen.
NEGUS: Und der Unterschied der Religion?
ICH: Bei der jetzt immer allgemeiner werdenden Toleranz
NEGUS: Ihr mogt mir ja tolerant sein! In Worten seid ihr es, aber in der Tat nichts weniger als das. In allen euren Journalen lese ich Klagen daruber. In einer deutschen Stadt kann niemand zum Burger aufgenommen werden, als der die Pradestination glaubt; in der andern darf niemand gute Schuhe machen, als der den heiligen Kerl in Rom fur unfehlbar halt; in der dritten hilft dem Manne die grosste Geschicklichkeit nicht, er kann keinen Torschreiberdienst erlangen, wenn er nicht Martin Luthers Begriffe vom Abendmahle hat. Das ist mir eine schone Toleranz! Und wie zanken sich nicht eure Gelehrte, und zwar solche, die gar keine Pfaffen sind, schimpfen wie die Bettelbuben aufeinander und suchen einer den andern auf die abscheulichste Weise verhasst und verdachtig zu machen, wenn einer, der bis jetzt fur einen Calvinisten gegolten, sich einmal hat merken lassen, dass es doch wohl moglich ware, dass der liebe Gott die Menschen nach dem richten wurde, was sie getan, und nicht nach dem, was sie geglaubt hatten! Nein! so etwas musst du mir nicht aufhangen wollen. Ich weiss wohl, was ihr in Deutschland Gutes und Boses habt; aufgeklarter seid ihr im ganzen als wir, das muss wahr sein, aber toleranter mitnichten!
Im Grunde konnte ich hierauf wenig antworten; der Negus hatte nicht so durchaus unrecht. Zur Ehre meines Vaterlandes hatte ich wohl wunschen mogen, dass er weniger belesen in deutschen Buchern gewesen ware, in welchen wir ewig uber die Gebrechen unsrer Verfassung schreien, ohne dass die, welche ihnen abhelfen konnten, desfalls mehr oder weniger tun. Von einer andern Seite aber war mir's doch lieb, dass diese Klagen Eindruck auf ihn gemacht hatten, weil ich hoffte, er wurde dadurch aufmerksam auf die Mangel in seinen eignen Staaten werden.
Ich gab sogar hierzu nahere Gelegenheit, indem ich ihm bemerklich machte, wie sehr es noch in allen europaischen Landern an Gesetzen fehlte, welche die moralische Verbesserung der Menschen zum Gegenstande hatten. "Dafur", sagte ich, "wird so ziemlich gesorgt, dass das Eigentum und das Leben der Burger gesichert sei; aber in welchem Lande ist eine Strafe auf heimliche Verleumdung, auf Lugen, auf falsche Beteuerungen, auf offenbar verwahrlosete Kindererziehung, auf Betrug und unvernunftiges Uberfordern im Handel und Wandel, auf Verspottung des Schwachen, Verkleinerung des Rufs des Edeln, auf Einmischung in fremde Geschafte gesetzt? Ja, wir haben einige Gesetze und burgerliche Einrichtungen, die offenbar die heimlichen Ubertretungen der Pflichten begunstigen. Ein armes Madchen, welches das Ungluck gehabt hat, einen einzigen Fehltritt zu begehen und schwanger zu werden, wird wirklich harter bestraft als eine offenbare Gassenhure, die man ertappt und die dasselbe Verbrechen taglich begeht. Durch diese Harte gegen verungluckte Madchen und durch den Schimpf, womit sie und ihre uneheliche Kinder belegt sind, befordern wir den Kindermord und bestrafen dann diesen auf die grausamste Art. Das Zeugnis eines Menschen, der das schandliche Handwerk eines Kupplers treibt oder von dem sich beweisen lasst, dass er ein Lugner oder sonst ein sittenloser, seinen Pflichten untreuer Mensch ist, gilt, wenn er einen Eid ablegt, vor Gericht ebensoviel als das Wort des Mannes von unbescholtnen Sitten.
Und bei allen diesen Gebrechen unsrer Staatsverfassungen legt man noch in manchen Landern den Leuten den Zwang auf, nicht auswandern zu durfen. Es scheint so billig als moglich, dass man sich entweder den Verordnungen eines Landes unterwerfen oder dasselbe verlassen muss; grausam aber ist es, die Menschen zwingen zu wollen, da zu leben, wo sie nicht leben mogen, und sich Gesetzen zu unterwerfen, zu deren Bestimmung sie ihre Einwilligung nicht gegeben haben."
Dem Konige mochte es wohl gefallen, dass ich, unparteiischer als mein Herr Vetter, das Gute und Mangelhafte in meinem Vaterlande mit gleicher Freimutigkeit bekannte; endlich aber schien ihm doch mein Gesprach uber diese ernsthafte Gegenstande Langeweile zu machen. Und gestehen Sie es, liebe Leser, es geht Ihnen auch so! Er beurlaubte mich also fur heute; und da meine Unterredungen mit ihm in den folgenden Tagen nur den Plan zu meiner bevorstehenden Reise betrafen, so will ich Sie mit Erzahlungen dieser unwichtigen Dinge nicht ferner ermuden.
Zwanzigstes Kapitel
Zurustungen zu der Reise des Kronprinzen. Abreise
des Verfassers mit ihm von Gondar
Nun ruckte denn die Zeit immer naher heran, wo ich den grossen Beruf erfullen sollte, den Kronerben von Abyssinien auf Reisen zu fuhren. Da der Zar Peter der Grosse von Russland unser Vorbild bei diesem Zuge war, so wurde alles, was Voltaire und andre glaubwurdige Manner davon erzahlt hatten, fleissig gelesen und darnach unser Plan eingerichtet. Die Schatze des Reichs wurden nicht geschont; ein Uberfluss an Gold und Juwelen war da; man machte Geschafte mit agyptischen Kaufleuten, die uns mit Wechsel- und Kreditbriefen auf alle die Hauptstadte versahen, durch welche wir reisen wurden; und so wurde dieser okonomische Punkt geschwinder aufs reine gebracht, als es wohl bei ahnlichen Reisen andrer Potentaten geschehen ist; es kam nun nur noch auf die ubrigen Einrichtungen an.
Mein Herr Vetter zeigte sich dabei als ein wahrer Minister. Sorgenvoll und zerstreuet ging er umher, wahrend dies grosse Geschaft schwer auf ihm lag; und die Konferenzen sowohl mit Seiner Majestat als den ubrigen Staatsraten nahmen gar kein Ende. Die Zeitungsschreiber redeten von nichts anderm mehr, so uninteressant und langweilig dies auch auswarts zu lesen war; die abyssinischen Poeten sangen sich heiser und beeiferten sich, die frommen Wunsche der Untertanen in Reime zu bringen; die Hofleute aber kabalierten und schmiedeten Ranke, um einer vor dem andern zum voraus die Ehre zu erlangen, mit von der Reisegesellschaft zu sein und die ubrigen davon zu verdrangen.
Was die Wahl dieser Reisegesellschaft betraf, so ernannte sie der Negus, teils aus eigner Bewegung, teils auf den Vorschlag meines Herrn Vetters. Mich bat niemand als der alte ehrliche Hofnarr, ein Vorwort fur ihn einzulegen, damit er mitgehen durfte; ich verwendete mich zu seinem Besten, und der Konig willigte ein. Ich fand in der Folge keine Ursache, mich das reuen zu lassen, denn er war in der Tat der Klugste von der ganzen Gesellschaft; der Hofmarschall ubernahm es, unterdessen sein Amt in Gondar zu verwalten. Er schickte sich dazu recht gut und arbeitete nur in einer andern Manier als der eigentliche Hofnarr, indem dieser andre Leute zum besten zu haben pflegte, der Hofmarschall hingegen dadurch belustigte, dass er sich zum besten haben liess.
Als nun die ganze Liste der Begleitenden aufgesetzt war, fand sich's, dass sie mehr als sechzig Personen ausmachten. Unter diesen waren ausser mir nur noch sechs Weisse; die ubrigen waren teils so wie der Prinz selbst, schwarz, teils olivenfarbig; und so wie ihr Ausserliches, so waren auch ihre Gemutsarten sehr verschieden. Manche von ihnen, an den Ufern des Nigers geboren, waren schon von Gestalt und sanft von Sitten; andre, die von der Zahnkuste abstammten, hasslich, wild und grausam. Ich wurde mit Vollmachten, Instruktionen und mit uneingeschrankter Gewalt uber alle diese Leute versehen, die, wie die samtlichen Untertanen des Konigs, Sklaven waren. Was man mir ubrigens in Ansehung des Zwecks und der Einrichtung unsrer Reise, der Art, den Prinzen zu behandeln und seine Schritte und Beobachtungen zu leiten, vorschrieb, war nicht in allen Stucken nach meinem Geschmacke; allein so geht es ja immer denen, die Furstensohne fuhren; ich nahm mir also vor, soviel moglich diesen Anweisungen zu folgen.
Sodann war mir verordnet, wieviel Stuck deutscher Gelehrten, Philosophen, Padagogen, Fabrikanten, Dichter, Maler, Bildhauer, Tonkunstler usf. ich bei unsrer Zuruckkunft mitbringen sollte.
Nach dem Muster der Reise des Zar Peters wurde ich als abyssinischer Gesandter an alle Hofe und Republiken, die wir besuchen wurden, bevollmachtigt; der Kronprinz aber sollte sich inkognito in meinem Gefolge befinden.
Wie denn bei Hofen alle wichtige Schritte, die vorgehen sollen oder vorgegangen sind, sich mit Festen, Schmausereien und Farcen anfangen und endigen, so gab es denn auch in der Residenz und im ganzen Lande bei dieser Gelegenheit sehr viel Schauspiele, Balle, Erleuchtungen, Galatage und Kirchengebete.
Endlich erschien der Tag des Aufbruchs; der Zug war prachtig anzusehen; ich habe eine weitlauftige Beschreibung davon aufgesetzt, aber mein Herr Verleger weigerte sich, sie hier mit abdrucken zu lassen. Der Mann nimmt es ein bisschen genau mit seinem Honorario und weiss nicht, wieviel vernunftige Leute an der Schildrung solcher Feierlichkeiten Vergnugen finden. Des alten Negus Majestat begleiteten uns, nebst zahlreicher Suite, bis an die Grenze; den 1. Mai 1772 reiseten wir aus Gondar ab. Das Weitre ist im zweiten Teile dieses Buchs zu lesen.
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Vermischte Reisenachrichten. Ankunft in
Deutschland
Da ich den ersten Teil dieses Buchs mit der Nachricht von meiner Abreise aus Gondar beschlossen habe, so werden nun wohl die Leser sich zum voraus vor einer weitlauftigen Reisebeschreibung furchten oder (wie denn der Geschmack sehr verschieden ist) sich zum Teil darauf freuen. Soviel moglich, mochte ich gern beiden Parteien gefallen; ich will daher zwar einige Nachrichten von demjenigen, was uns bis zu unsrer Ankunft in Hessen begegnet ist, aus meinem Tagebuche auszeichnen, sie aber mit einer ausfuhrlichen Reisebeschreibung verschonen. Der Weg, welchen ich mit dem Kronprinzen und unserm ganzen Gefolge machen sollte, war mir folgendermassen vorgeschrieben: Wir reiseten zu Lande durch einen grossen Teil des abyssinischen Reichs, um den Thronfolger den getreuen Untertanen zur Schau auszustellen. Da wurden dann in Stadten und Dorfern Ehrenpforten ohne Zahl errichtet und Reden gehalten und Gedichte uberreicht; der arme Handwerksmann holte seinen kleinen Geldbeutel hervor, gab die Halfte daraus dem drohenden Kontributionseinnehmer hin und kaufte fur die andre Halfte ein paar Lichter, womit er seine Fenster erleuchtete, hinter welchen er mit hungrigem Magen stand und sich die Tranen trocknete, als wir in einem prachtigen Zuge auf Elefanten und Kamelen durch die Gassen zogen.
Wir hatten auf der Reise gewaltig viel von der Hitze auszustehen, besonders unter der Linie. Gegen Ende des Maimonats erreichten wir die Grenze von Unter-Guinea. Man hat in diesen Gegenden vom April an bis zum September, in welchem der Sommer eintritt, fast immer Regenwetter; das verleidete uns ein wenig das Vergnugen der Reise, doch da es unsre Absicht war, die Konige dieses Landes zu besuchen, so hatten wir Gelegenheit, uns von Zeit zu Zeit von den Beschwerlichkeiten des Wegs auszuruhen, und an den Hofen findet man ja stets dasselbe Wetter.
Wir hielten uns einige Tage in der Residenz des Monarchen von Loango auf. Er war aber ein gar wunderlicher Herr, der uns wenig Gastfreundschaft erzeigte. Nach den Landesgesetzen darf, bei Todesstrafe, niemand ihn speisen sehen; wir wurden also an besondern Tafeln, und zwar ziemlich mager, bewirtet. Bei den Audienzen redete der Konig nicht ein einziges Wort, weswegen ihn dann das Volk fur einen sehr weisen Herrn hielt und ihm gottliche Verehrung bezeugte. Man wollte uns zumuten, die Fusse dieses gekronten Sterblichen zu kussen. Da hiervon nichts in meiner Instruktion stand und ich es abgeschmackt fand, diese ekelhafte und lacherliche Unterwurfigkeit einem Erdensohne zu beweisen, so vergingen vier Tage mit Forderungen von seiner und Protestationen von unsrer Seite. Unser Hofnarr war der einzige, der sich aus Scherz entschloss, dem Konige einmal den Fuss zu kussen, da er dann zu einer Audienz zugelassen und mit einem Ordensbande beschenkt wurde. Ubrigens reiseten wir ziemlich unzufrieden und ohne Abschied zu nehmen von dannen.
Den Hof in Kongo fanden wir viel glanzender und geselliger. Der Konig und die ersten Kronbedienten, Edelleute und Ritter waren prachtig in Gold und Seide gekleidet, trugen weisse Halbstiefel und grosse Mutzen. Man bewies uns ausgezeichnete Hoflichkeit, die uns viel Langeweile machte und uns prachtige Geschenke an die hungrigen, schlecht besoldeten Hofleute kostete. Die Einwohner in Kongo waren indessen sehr artig und gesittet; wir fanden viel katholische Christen unter ihnen; sogar der ganze Hof war der romischen Kirche zugetan. Bei Gelegenheit, da wir einige in diesem Reiche von den Portugiesen angelegte Festungen besahen, hatte ich viel Muhe, dem Prinzen das Recht zu beweisen, das die Europaer hatten, in allen Gegenden des Erdbodens, ohne gutwillige Erlaubnis der Einwohner, sich niederzulassen, Besitz von Grundstucken zu nehmen und mit den Produkten des Landes zu ihrem Vorteile zu wuchern.
In Angola gefielen mir die Orang-Utan vorzuglich wohl. Man konnte sie kaum von den ubrigen Hofleuten unterscheiden; denn auch das in der Naturgeschichte angegebne Kennzeichen, dass sie keine Waden und keine Hinterbacken haben, passte ebensowohl auf die dortigen Kammerjunker. Es ist aber jene Affenart mehr in Kongo als in Angola einheimisch.
Ubrigens ist ganz Unter-Guinea ein fruchtbares, reiches und angenehmes Land.
Bei der Insel Loanda bestiegen wir ein portugiesisches Schiff und fuhren damit, ohne grosse Widerwartigkeiten, nachdem wir zum zweitenmal den Aquator durchschnitten hatten, Cabo Verde vorbei bis Lissabon. Da es nun unser Zweck nicht war, uns in andern europaischen Reichen lange aufzuhalten, so suchte ich sogleich ein Schiff auf, das nach Deutschland segeln wollte, verdung uns samtlich mit unsern Packereien darauf und kam, nach einer ziemlich beschwerlichen Reise, in Hamburg im Hafen an.
Zweites Kapitel
Reise des Kronprinzen von Abyssinien und seines
Gefolges durch Deutschland
Eine so volkreiche und in allem Betrachte so interessante Handelsstadt wie Hamburg verdiente wohl, dass wir uns eine Zeitlang hier aufhielten; ich nahm also auf vierzehn Tage Quartiere fur unsre ganze Suite in zwei grossen Gasthofen am Jungfernstiege und fuhrte meinen Prinzen, in Begleitung seiner Cavaliers und meines Freundes, des Hofnarren und Ritters, in der Stadt herum.
Es war eine unbeschreiblich angenehme Empfindung fur mich, als wir in Hamburg an das Land stiegen, nach so langer Zeit den vaterlandischen Boden wieder zu betreten; und dies Gefuhl wurde verstarkt durch die Uberlegung, dass es grade der erste freie, von Despotismus aller Art unentweihte Staat war, den ich dem Kronprinzen von Abyssinien zeigen konnte. "Hier, mein Prinz!" sagte ich, als er beim Blockhause, wo man nach unserm Namen fragte, auf den albernen Einfall geriet, sich fur einen Grafen oder dergleichen ausgeben zu wollen, "hier bedarf es keines Inkognito; hier sind wir alle gleich, und niemand bekummert sich um Ihren Furstenstand. Kaum wird Ihr schwarzes Gesicht in einer Stadt Aufsehen erregen, wo man gewohnt ist, allerlei Arten von Figuren zu sehen, wo jedermann, unbesorgt um fremde Handel, sich nur um seine eignen Geschafte bekummert, wo kein Haufen mussiger Tagediebe und besoldeter Ausspaher den Schritten der Fremden auflauert, um dem neugierigen Fursten oder seinem misstrauischen Minister Nachricht davon zu geben, sobald ein fremdes Gesicht sich in der Stadt blicken lasst."
Ich nahm uberhaupt Gelegenheit, dem Prinzen richtige Begriffe von der Gluckseligkeit einer nicht dem Namen nach, sondern in der Tat republikanischen Verfassung beizubringen. Gewiss kann der kleine Staat von Hamburg den ubrigen deutschen reichsstadtischen Gebieten zum Muster dienen. Unsre deutschen Schriftsteller deklamieren zum Teil so gewaltig zum Vorteile der Monarchien und behaupten, fruh oder spat arte doch ein Freistaat in eine Oligarchie aus und dann sei man schlimmer daran als unter der unumschrankten Herrschaft eines einzigen. Wenn doch die guten Leute nur einen Blick auf die Regierungsform in Hamburg werfen und sagen wollten, ob es moglich ist, bei der grossten Ordnung und strenger Aufrechterhaltung der Gesetze freier, ungekrankter zu leben als dort! Und diese Verfassung hat nun unverandert, so manches Menschenalter hindurch, also fortgedauert. Man hort von keinen Klagen, von keinen Bedruckungen; man hat keine stolze Patrizierfamilien, die, wie in andern Reichsstadten, den Ton angeben, die kleinen Fursten spielen und vor deren unmundigen Knaben der bessere Burger sklavisch den Hut abzieht. Man wurde in Hamburg kaum wissen, dass es einen Adel in Deutschland gibt, wenn nicht einige Menschen dieser Art dort wohnten, die auf ihre Kutschen allerlei bunte Bestien gemalt haben, wodurch sie ihre Abstammung beweisen. Man lasst diesen Leuten ihren Wert; sind sie ubrigens verstandige Menschen, so wird ihnen mit Achtung begegnet, ohne dass man ihnen den elenden Vorzug einer adligen Geburt beneidet. Ich habe nie gehort, dass sich ein hamburgischer Burger einen Adelsbrief gekauft hatte und dennoch bemerkt man einen feinen Ton in allen Gesellschaften; und dennoch gehen alle Geschafte ihren ordentlichen Gang; es herrscht keine Anarchie; die kleine Republik steht bei auswartigen Machten in hohem "Ansehen; Kaiser und Konige schicken ihre Gesandten, und sie bleibt ungekrankt von ihren eifersuchtigen Nachbarn. Warum sollte es unmoglich sein, dass diese wohltatige Verfassung in allen deutschen Staaten nach und nach, wenigstens in den Reichsstadten, allgemein eingefuhrt wurde?
Wir sahen des Abends die Burgerwache aufziehen, die des Nachts, zu Bewachung der Stadt, die Lohnsoldaten abloset. Mein junger Prinz erlaubte sich einige mutwillige Scherze uber die Verschiedenheit der Kleidung und Bewaffnung dieser guten Leute; ich hielt es fur Pflicht, ihm hieruber einen kleinen Wink zu geben. "Diese Menschen", sprach ich, "scheinen mir tausendmal ehrwurdiger als die bezahlten Krieger in den einformigen Sklavenrocken mit ihren mechanischen Uhrwerksbewegungen. Jene bewachen ihr und ihrer Bruder Eigentum und ihre Rechte, und es ist ziemlich einerlei, in welchem Rocke sie das tun; es ist wahrlich ein narrisches Vorurteil, dass man denjenigen hoher achtet, der ernahrt und gekleidet wird, als denjenigen, welcher ihn ernahrt und kleidet; allein ich begreife wohl, dass es zum Systeme des Despotismus gehort, da man nun einmal dieser kunstlichen Werkzeuge so notwendig bedarf, einen hohen aussern Wert darauf zu legen, um, durch den Reiz der Ehre, freie Menschen anzulocken, sich fur wenig Geld zu Unterjochung ihrer Bruder missbrauchen zu lassen. Der von Vorurteilen freie Mann nennt die Sache bei ihrem rechten Namen; er verlangt nicht umzusturzen, was auf einmal nicht zerstort werden kann, aber er will, dass man das notwendige Ubel (wenn es denn wirklich notwendig ist) nicht hoher schatze als das ursprungliche Gute; dass man nicht hochmutig mit seinen Ketten prahle und nicht diejenigen hohne, die so glucklich sind, dieses traurigen Schmucks nicht zu bedurfen."
Ich merkte wohl, dass, ausser Soban (so hiess der Hofnarr) und mir, nur wenige von unsrer Gesellschaft Sinn fur solche Wahrheiten hatten und dass die Hofschranzen machtig die Nase rumpften; aber ich hielt es fur Pflicht, so zu reden, und werde es immer fur Pflicht halten. Man bekehrt die Despoten und ihre Kinder nicht, aber man erweckt doch ernsthafte Gedanken in ihnen, dass sie sich vielleicht scheuen, noch weiter zu greifen, indem sie ahnden, es konne einmal dem ganzen Volke einfallen, ihre Rechte und Pflichten ein wenig naher zu beleuchten. Erlangt man das, so hat man doch wahrhaftig schon viel gewonnen; es wird dann wenigstens nicht arger, als es jetzt ist; und am Ende muss man doch auch dafur sorgen, dass gewisse naturliche Begriffe unter dem Haufen von konventionellen nicht ganzlich verlorengehen.
Ich habe oben gesagt, dass wenige von unserer Gesellschaft Sinn fur kuhne, unverstellte Wahrheit hatten. Ich muss doch aber hiervon den geheimen Sekretar des Kronprinzen ausnehmen, der Manim hiess, ein sehr verstandiger Mann und richtiger Beobachter war. Er fing in Hamburg ein Tagebuch an, in welchem er alles aufzeichnen wollte, was ihm in Deutschland im Guten und Bosen merkwurdig vorkommen wurde, und ich werde zuweilen etwas daraus anfuhren.
Dem Plane gemass, den ich zu unsrer Reise entworfen hatte, wollten wir von Hamburg uber Braunschweig und Berlin durch einen Teil von Sachsen nach Frankfurt am Main, dann in den Rheingegenden umher, hierauf nach Bayern und Osterreich reisen und zuletzt zuruck bis Kassel, wo der Kronprinz in Kriegsdienste treten, und zwar, nach Peter des Grossen Beispiele, von unten auf dienen sollte. Da ich indessen Vollmacht hatte, diesen Plan nach Gutdunken zu verandern, so beschloss ich, die Reise zu teilen, gleich von Berlin aus nach Kassel zu gehen und dort den Prinzen in Tatigkeit zu bringen. Ich hatte oft gehort, welche klagliche Rolle zuweilen die Furstensohne spielen, wenn sie unmittelbar aus der vaterlichen Residenz in die grosse Welt kommen und sich an fremden Hofen zeigen, welche lacherliche Pratensionen sie dann mit sich herumtragen und wie wenig Nutzen sie von ihren Reisen ziehen. Da ich doch gern einige Ehre mit meinem Prinzen einlegen wollte, so hielt ich es fur besser, dass er erst im Dienste ein bisschen geschmeidig gemacht, mit verschiednen menschlichen Verhaltnissen bekannt und an militarische Subordination gewohnt wurde. Wenn die Leser sich zu erinnern belieben, welche Schilderung ich im funfzehnten Kapitel des ersten Teils dieses Buchs von Seiner Hoheit gemacht habe, so werden sie meinen Entschluss nicht anders als billigen konnen. Wir besuchten auch desfalls auf dieser Reise gar keine Hofe, sondern besahen nur andre Merkwurdigkeiten, Hospitaler, Philanthropine, Werk- und Spinnhauser und dergleichen in den Stadten, durch welche wir reiseten.
Nicht weit von Dresden stiessen wir auf einen Haufen grosser und kleiner Knaben, begleitet von einigen erwachsenen Leuten; alle zu Fusse und samtlich einformig gekleidet. Sie schienen sehr munter zu sein und machten allerlei Bockssprunge, weswegen wir sie denn fur eine Gesellschaft von Seiltanzern oder etwas Ahnliches hielten, die einen Jahrmarkt besuchen wollten. Indessen erfuhren wir bei genauer Erkundigung, dass es die Zoglinge eines Erziehungsinstituts nebst ihren Lehrern waren, die jetzt eine Lustreise von zwanzig Meilen unternommen hatten, um sich in Sachsen umzusehen. Das Wetter war angenehm, und ich schlug meinem schwarzen Prinzen, mit welchem ich in einer zweisitzigen Kutsche allein sass, vor, auszusteigen, den Rest des Wegs bis Dresden in Gesellschaft dieses frohlichen Haufens zu machen und indes das Gefolge vorauszuschicken. Er willigte ein, und wir sahen uns bald umgeben von diesen artigen Kindern, die sich an unsern auslandischen Figuren nicht genug ergetzen konnten und, nachdem wir uns mit ihnen in Gesprache eingelassen hatten, uns tausend neugierige, doch bescheidne Fragen vorlegten, deren Beantwortung einige von ihnen auf der Stelle in ihre Tagebucher aufzeichneten.
Da ich so lange Zeit aus Deutschland entfernt gewesen war und sich unterdessen der Ton in den offentlichen Erziehungsanstalten und uberhaupt die Grundsatze der Padagogen sehr verandert hatten, so war mir alles, was ich sah und horte, neu. Ich gesellte mich zu einem der Lehrer und erkundigte mich genau nach der Art, wie jetzt die Jugend in solchen Philanthropinen (der Name gefiel mir ungemein) gebildet und unterrichtet wurde. Die Erlauterungen, die er mir daruber gab, setzten mich wirklich in einige Verwunderung, weil sie sich gar nicht zu meinen altvaterischen Begriffen von Erziehung passen wollten; doch da ich, ohne mich zu ruhmen, wohl behaupten kann, dass ich nicht eigensinnig auf meiner Meinung bestehe, sondern mich gern eines Bessern belehren und von Vorurteilen zuruckbringen lasse, so wagte ich nur behutsam einige Einwurfe und liess mir die Zurechtweisung des Padagogen wohl gefallen.
Ich meinte namlich, diese Art von Erziehung passe nicht so recht eigentlich zu unsern ubrigen burgerlichen Verfassungen; es konne doch wohl nicht schaden, wenn man die Jugend an ein wenig mehr Zwang und Pedanterie gewohnte, da sie in der Folge in allen Verhaltnissen sich dergleichen gefallen lassen musste.
Ich horte ferner mit Verwunderung, dass es den starkern Knaben erlaubt sei, die schwachern zu Leistung der niedrigsten Dienste zu zwingen; dass die, welche mehr Taschengeld als andre bekamen, die armern als Lakaien besoldeten (denn wirklich sahe ich einen armen kleinen Grafen, der dem baumstarken Sohne eines Bierbrauers ein schweres Bundel nachtragen musste); dass, weil man also durch Geld sich grosse Gemachlichkeiten oder, nach den Umstanden, Befreiung von Misshandlungen erkaufen konnte, die jungen Leute unter sich einen Handel trieben, wobei nicht selten einer den andern ubervorteilte. Die Lehrer machten mir aber begreiflich, wie nutzlich es ware, dass die Kinder mit diesen Verderbnissen, die im grossen in der Welt, wo doch Reichtum und Starke die Haupttriebrader waren, allerorten herrschten, fruh bekannt wurden.
Von einer andern Seite furchtete ich, der Freiheitssinn, den ich an ihnen wahrnahm, und die Hinwegsetzung uber allen Zwang, den Konventionen, Stand und eine gewisse im Leben notige Geschmeidigkeit auflegen, mochten die Knaben in eine solche Stimmung setzen, dass sie hernach im Zwange des burgerlichen Lebens sich sehr unbehaglich und unglucklich fuhlten.
Ich fand es zwar sehr gut, dass die Kinder nicht verzartelt, sondern an Wind und Wetter gewohnt, auch zu massigen Bewegungen und nutzlichen korperlichen Ubungen angehalten werden, aber das konnte ich nicht fassen, warum man Menschen, die sich den Wissenschaften widmen und einen grossen Teil ihres Lebens am Schreibpulte hinbringen sollen, mit soviel Sorgfalt in den brotlosen Kunsten des Schwimmens, Springens, Ringens und Kletterns unterrichtet, wodurch ihnen eine sitzende Lebensart verhasst gemacht wird und wovon sie in unsern Tagen nie Gebrauch machen konnen, auch wohl, wenn der Fall der Not eintritt, mehrenteils von ihrer Geschicklichkeit verlassen werden.
Ich erfuhr mit Missvergnugen aus einzelnen Gesprachen der Knaben untereinander, die sich von mir nicht beobachtet glaubten, dass, ungeachtet der strengen Aufsicht im Erziehungshause, welche der Herr Padagoge so hoch pries, die Kinder zuweilen Gelegenheit fanden, des Nachts hinauszuschleichen, die Garten- oder Hofmauern zu ersteigen, um, wenn sie nicht noch etwas Argers treiben, wenigstens Obst zu stehlen.
Ich warf die Frage auf, ob es nicht gut sein wurde, wenn man das Gedachtnis der Kinder, ein wenig mehr, als jetzt ublich sei, mit einigem mechanischen Auswendiglernen scharfte und wenigstens eine Sprache, zur Grundlage der ubrigen, nach Regeln lernte.
Uberhaupt kam es mir vor, als wenn das Studium der toten Sprachen bei diesem Manne in keinem so grossen Ansehen stunde, als ich wunschte und aus eigner Erfahrung heilsam gefunden hatte.
Der Padagoge machte mich auch mit einer neuen von einem gewissen Herrn Basedow erfundnen Methode, die Kinder das Lesen zu lehren, bekannt, die ich anfangs fur Scherz oder unwurdige Spielerei hielt, nachher aber den grossen Nutzen davon einsah. Herr Basedow hatte namlich Brezel backen lassen, welche die Figur von Buchstaben hatten. An diesen den Kindern so interessanten Gegenstanden nun zeigte er ihnen, aus welchen Zugen ein A, ein B etc. besteht und wie man zum Beispiel aus einem lateinischen W sogleich ein V machen kann, wenn man die Halfte davon herunterbeisst. Dies ist in der Tat recht artig und wurde von mir in mein Tagebuch notiert. Ubrigens aber waren wir doch darin einig, dass es besser ist, wenn man die Kinder gewohnt, ernsthafte Sachen ernsthaft zu treiben, Vergnugen an Uberwindung von Schwierigkeiten zu finden und nicht an allen Dingen die leichtesten Seiten aufzusuchen.
Was nun das Reisen des ganzen Instituts betrifft, so furchtete ich, es konnten manche Leute glauben, die Lehrer hatten mehr Vergnugen und Nutzen davon als die Zoglinge; die Eltern kostete das unnutzes Geld; die Knaben waren in dem Alter doch noch nicht imstande, zweckmassige Beobachtungen zu machen; auf der Reise sei es unmoglich, die jungen Leute so genau zu bewachen; sie konnten also in den Wirtshausern und sonst manches sehen und horen, das sie besser nicht horen und nicht sehen sollten.
Uberhaupt aber glaubte ich zu finden, dass die Erziehung in solchen Philanthropinen zuviel Kostenaufwand erforderte; folglich, dachte ich, kame diese Wohltat armern Eltern nicht zustatten, und die reichen taten besser, ihre Kinder unter ihren Augen erziehen zu lassen.
Alle diese Zweifel nun hob mir der Lehrer mit Hoflichkeit, Grundlichkeit und Bescheidenheit, drei Eigenschaften, die man, nebst der Uneigennutzigkeit, wie ich hore (jedoch vermutlich mit Unrecht), einigen neuern Padagogen zuweilen hat streitig machen wollen.
Im ganzen waren wir beide doch der Meinung, dass nicht alles Neue gut und nicht alles Alte zu verachten sei; dass die Menschen in Deutschland, wie allerorten, sehr geneigt seien, von einer Ubertreibung in die andre zu fallen; dass in der Erziehung durchaus keine allgemeine Vorschriften Platz haben konnen; dass also die Padagogik nie eine positive Wissenschaft werden konne; dass es jedermann freistehen musse, uber dies Geschaft, uber diese allgemeine Menschenangelegenheit, seine Meinung zu sagen; dass die Methoden in solchen Instituten immer hochst mangelhaft bleiben werden, solange die Aufseher derselben entweder sich dadurch bereichern wollten, diese Unternehmung als eine Finanzoperation ansahen oder aus Mangel an Fonds gezwungen waren, nach einer grossen Anzahl Zoglinge, deren Eltern reich waren, zu streben, ihre Einrichtungen anzupreisen, auszuposaunen, die Fehler derselben zu bemanteln und denen mit Grobheiten das Maul zu stopfen, die mit Recht oder Unrecht etwas daran tadelten; endlich, dass die alte Erziehung doch auch sehr viel grosse Manner gebildet hatte und dass wir beiden selbst, die wir davon redeten, Ursache hatten, die Methoden unsrer ehmaligen Lehrer nicht zu verachten; dass man ubrigens, was die neuere Erziehung geleistet hatte, erst gegen Ende dieses Jahrhunderts nach dem Erfolge wurde beurteilen konnen.
Ich gestehe, dass ich mich freundschaftlich hingezogen fuhlte zu dem wackern Erzieher, und da ich von meinem allergnadigsten Konige Auftrag hatte, auch ein Paar Padagogen mit dem nachsten Transporte nach Abyssinien zu schicken, so tat ich meinem neuen Freunde den Antrag, einer von diesen zu sein, und uberliess ihm die Wahl des andern. Allein er schlug mein Anerbieten aus, so verfuhrerisch es auch, wie er sagte, fur ihn war. Dagegen aber empfohl er mir zwei andre Manner, wovon der eine kurzlich sich mit dem Direktor eines solchen Instituts verunwilligt hatte, wobei es zu einigen Schlagen gekommen war, der zweite aber das Ungluck gehabt hatte, zu bekannt mit einem Fraulein zu werden, in deren Elternhause er Erzieher gewesen war, weswegen er denn hatte fluchten mussen. Da mein Freund beiden Mannern ubrigens ein sehr gutes Zeugnis gab, so nahm ich keinen Anstand, ihm die Bedingungen mitzuteilen, unter denen ich sie annehmen durfte, und wir verabredeten, dass sie sich binnen vier Wochen in Kassel bei mir einfinden sollten.
Indes wir nun also miteinander plauderten, hatten sich die Knaben mit meinem Prinzen unterredet. Dieser war, wie man weiss, uber siebenzehn Jahre alt, aber sehr verzartelt und schwach an Kraften. Er hatte, wie es schien, bei den jungen Leuten seinen Furstenstand gelten machen wollen; sie aber waren nicht gewohnt, darauf etwas gutzutun; auf einige Stichelreden, die man desfalls gegen ihn vorgebracht hatte, war er grob geworden; ein nervichter Junge nahm dies krumm, und ehe ich es hindern konnte, sahe ich den Prinzen von seinem Gegner zur Erde gestreckt. Ich sprang herzu und erlosete ihn, dem diese Lektion sehr missbehagte, und hielt mit Muhe ein paar herbeieilende Bediente des Prinzen ab, sich in das Spiel zu mischen. Da ubrigens hier an keine Bestrafung des Verbrechens der beleidigten Majestat zu denken war, so blieb uns nichts ubrig, als in den Wagen zu steigen und von dannen zu fahren; und so kamen wir in einer Stunde in Dresden an.
Drittes Kapitel
Fortsetzung des vorigen
Wir hielten uns nicht lange in Dresden auf; es war die Zeit der Leipziger Buchhandlermesse, und ich hatte eine doppelte Ursache, gern alsdann dort sein zu wollen. Ich war namlich, durch meine Abwesenheit, ein wenig verhindert worden, in der Kenntnis der deutschen Literatur mit fortzurucken; hier, wo einige hundert Buchhandler alle neuern Produkte vaterlandischer Gelehrsamkeit und des Geschmacks gegeneinander austauschen, konnte ich hoffen, in wenig Tagen deutlichere Begriffe von dem gegenwartigen Zustande der Kultur und dem literarischen Tone in Deutschland zu bekommen als andrerorten in langen Monaten. Da ich ferner den Auftrag, Gelehrte und Schriftsteller aller Art fur Abyssinien anzuwerben, nie aus den Augen verlor, so dachte ich, Leipzig sei zur Zeit der Messe grade der Ort, wo ich teils einige derselben personlich kennenlernen, teils von den Buchhandlern erfahren konnte, welche unter ihnen in vorzuglich grossem Rufe stunden. Die jungen reisenden Prinzen mussen, wie bekannt, daran Geschmack finden, was ihre Hofmeister wahlen; also war auch mein schwarzer Prinz sogleich bereit, meinem Plane zu folgen.
Wir kamen gegen Abend an und traten in einem grossen Gasthofe ab. Indes die Tafeln fur Seine Hoheit und uns alle bereitet wurden, ging ich hinunter in das allgemeine Gastzimmer und unterhielt mich ein wenig mit den dort sitzenden Gasten. Es waren auch, wie ich bald merkte, Gelehrte und Buchhandler darunter. Einer von ihnen zeigte mir den grossen Messkatalogus. Mein Gott! wie erschrak ich! Gegen ein Werk von nutzlichem Inhalte zehn dickleibichte Romane, deren Titel nicht einmal von Sprachfehlern und Albernheiten frei waren; ebensoviel in acht Tagen verfertigte Lust- und Trauerspiele, ebensoviel Werke uber Freimaurerei, Taschenspielerkunste, Geistersehen und Goldmachen; ebensoviel Schmahschriften gegen den personlichen Charakter solcher Manner, die man, bei ihrer ersten Erscheinung in der gelehrten Welt, zur Ungebuhr ausposaunt hatte, an denen man nun seine eigne Blodsinnigkeit bestrafte, alles wirklich Gute an ihnen mit Fussen trat und auf die unwurdigste Weise kleine Anekdoten aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angingen, hervorsuchte, um den Mann offentlich zu beschimpfen und preiszumachen, der im Grunde nichts weiter versehen, als dass er das Ungluck gehabt, einst, mehr als er gefordert hatte, hoch gepriesen zu werden; ebensoviel Marchensammlungen, in welchen Geschichtchen, die schon hundertmal gedruckt waren, ja, deren einige in aller Ammen Munde waren, neu aufgestutzt erschienen. Und endlich Musenalmanache, Blumenlesen! Einer von den Gasten holte ein solches Buchelchen aus der Tasche hervor; ich blatterte darin und erstaunte. "O Himmel!" rief ich, "sind das Verse? Ist es genug, dass man seinen Unsinn in kurzen, langen und mittelmassig langen Zeilen absetze, um das ein Gedicht zu nennen? So kann ja jeder Knabe seine Schulexercitia, wenn er sie auf diese Weise schreibt, zu Versen erheben! Wo man verlegen ist, eine lange Silbe zu finden, da nimmt man statt dessen funf kurze oder macht auch nach Belieben zu kurzen Silben solche, in denen sechs rauhe Konsonanten, zwei doppelte M und dergleichen vorkommen. Was in aller Welt", fragte ich, indem ich weiter blatterte, "will dieser Barde aus Wien mit seinem holprichten reimlosen Gewasche voll Provinzialismen? Kann etwas als Gedicht wohlklingen, was schon als Prosa das Ohr beleidigen wurde? Und welch eine unwurdige Veranlassung zu diesem kleinen Liede? Kann man in Dichterfeuer gesetzt werden von einem Gegenstande, der der Aufmerksamkeit jedes verstandigen Mannes unwert ist? Und dies platte Sinngedicht! Ist ein Einfall, dessen sich ein Knabe von einigen Anlagen schamen sollte, wert, in der erhabnen Sprache der Begeisterung vorgetragen zu werden? Und diese Kleinigkeit von dem edeln Gleim! Kann der wurdige Sanger der Kriegslieder sich, aus Gefalligkeit gegen ein entnervtes Publikum, zu solchen wassrichten Spielereien herablassen? Lieset denn niemand mehr unsre alten Lehrer, Hagedorn, Gerstenberg, Lessing, Kleist, Utz, Gellert, Ramler, Wieland, Klopstock und andre, um zu lernen, was Versbau, Wohlklang, Erhabenheit heisst? Und was sagen unsre Kritiker dazu?" Als ich der Kritiker Erwahnung tat, sahe ich, wie ein paar von den Buchhandlern schelmisch einander anlachelten. Ich bat sie, mich zurechtzuweisen, wenn ich etwas Albernes sollte gesagt haben. "Nein!" antwortete der eine, der ein stattlicher Mann aus Hamburg war, "Sie wurden vollkommen recht haben, von der Kritik zu verlangen, dass sie Schriftsteller und Dichter vor Vernachlassigung weiser Regeln warnte, wenn unsre Kunstrichter bekannte Manner von Kenntnissen und Ruf waren. Wenn aber jeder unbartige Knabe, der ein wenig Lectur hat, sich mit einer Gesellschaft von Halbgelehrten seinesgleichen vereinigt und dann hinter der Maske der Anonymitat die Werke der grossten Manner von entschiednem Rufe mit Machtspruchen fur lose Ware erklart, seiner unbedeutenden Freunde unreife Geburten hingegen als Meisterstucke ausposaunt; oder wenn ein elender Zeitungsschreiber seinen interessanten Nachrichten von den geschmacklosen Festen, welche die Fursten und Gesandten gegeben haben, von Universalarzeneien und von Kuriern, deren Depeschen noch niemand gelesen hat, grossern Gewinstes wegen, auch einen sogenannten gelehrten Artikel anhangt, das heisst ein leeres Blatt, bestimmt, um darauf gegen gute Bezahlung die Lobeserhebungen abzudrucken, welche wir Verleger oder die Schriftsteller selbst von ihren eignen Buchern ihnen einschicken; oder wenn ein Dutzend junger Leute, unter der Firma eines Mannes von einigem Rufe in der gelehrten Welt, in einem kritischen Journale, statt unparteiisch die herauskommenden Werke nach dem innern Gehalte zu beurteilen, den darin herrschenden bestimmten Begriffen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die schwankenden hingegen zu widerlegen, wenn sie, sage ich, statt dessen die Lieblingsmeinungen ihres Anfuhrers allgemein zu machen suchen und jedes Buch tadeln mussen, in welchem gegenteilige Satze vorgetragen werden; oder wenn nun gar, unter dem Namen von gelehrter Kritik, der personliche Charakter der Schriftsteller hamischerweise angegriffen wird; wenn man ehrliche, harmlose Leute dem Publico verdachtig zu machen sucht, Szenen aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angehen, auf die gehassigste Art hervorzieht, um dem Manne, dessen literarische Verdienste man vielleicht beneidet, die offentliche Achtung zu rauben, von welcher sein burgerliches Gluck abhangt sagen Sie mir, mein Herr, ob dann noch die Kritik bei uns in Ansehen stehen kann und ob nicht die Rezensionen auch der unparteiischsten, kenntnisvollsten Journalisten verdachtig werden mussen?"
Diese Schilderung gefiel mir nicht; ich fasste aber Zutrauen zu dem Manne, welcher sie mir entwarf, und eroffnete ihm meinen Vorsatz, in Leipzig einige Gelehrte, Kunstler und einen Buchhandler anzuwerben, die sich entschliessen konnten, nach Abyssinien zu reisen, wobei ich ihm dann die vorteilhaften Bedingungen bekanntmachte, unter denen sie sich in Adova niederlassen konnten. Der redliche Buchhandler sagte mir gradeheraus, dass schwerlich Manner von einigem Rufe, und die in Deutschland ihr Auskommen hatten, sich zu dieser weiten Reise verstehen wurden; doch versprach er, die Sache in Leipzig bekanntzumachen.
Am folgenden Tage nun hatte ich einen grossen Uberlauf von Leuten aller Art, die sich fur Dichter, Philosophen, Tonkunstler, Maler und dergleichen ausgaben und mir, zum Beweise ihrer Geschicklichkeit, ihre Werke uberreichten. Von Buchhandlern meldete sich niemand als Herr Schulz aus Hanau. Dieser schien ein ganz guter Mann zu sein, und wir waren gewiss unsers Handels einig geworden, wenn er nicht noch an demselben Tage die Nachricht bekommen hatte, dass man einen Buchhandler-Umschlag in Hanau anlegen wollte, bei welchem fur ihn viel zu gewinnen sein wurde; er zog also sein Wort zuruck. Dagegen wollte mir Herr Schmieder aus Karlsruhe einen seiner Freunde empfehlen, allein man warnte mich, mich mit diesem nicht einzulassen. "Sie werden sich", sagte man mir, "unangenehmen Vorfallen aussetzen, wenn anders Polizei in Abyssinien ist; denn diese Leute, so wackre Manner sie auch sonst sind, konnen das vermaledeite Nachdrucken nicht lassen, und dagegen hat man nun einmal das Vorurteil, es fur Dieberei zu halten." Endlich wurde ich mit einem jungen Manne aus Berlin einig, der einen Buchladen in Adova anzulegen versprach.
Ich wollte nun auch gleich ein grosses Sortiment von deutschen Buchern mit nach Abyssinien schicken und ging desfalls mit dem redlichen hamburgischen Buchhandler, wegen der Wahl dieser Schriften, zu Rate. Er stellte mir folgendes vor. "Ich weiss nicht", sprach er, "ob in Abyssinien, wie etwa in England, ein bestimmter, fester Geschmack herrscht oder ob, wie bei uns, eine Modeseuche von der andern verdrangt wird. In Deutschland machen zum Beispiel jetzt alle Schriften uber Freimaurerei und Jesuiten ihr Gluck; in den folgenden Messe kauft diese Ware kein Mensch mehr, weil die Periode von Empfindelei eingetreten ist, welche Herr Miller in Ulm mit seinen Romanen voll Mondenschein angegeben hat; ein halbes Jahr nachher muss Sturm und Drang aus allen Produkten der neuesten Literatur hervorbrausen; die Leute mussen dann alle reden, als wenn sie im Fieberparoxysmus lagen; dieser Geschmack wird wieder von einem andern uberwaltigt, und wenn grade gar keine solche Torheit herrschend ist, schreibt man uber Padagogik. Auf allen Fall werden Sie indessen am besten tun, wenn Sie von jedem Sortimente einige Zentner mitschicken. Als Ballast konnen Sie die grosste Anzahl Artikel brauchen, die bei den Gebrudern Korn in Breslau herauskommen. Wo am mehrsten von den Schiffsmausen zu besorgen ist, dahin legen Sie die Erziehungsschriften und die Anekdoten- und Marchensammlungen. Wenn auch einige Alphabete davon weggefressen werden, so schadet das nichts, weil das mehrste von dem, was darin steht, doch schon oft anderwarts gedruckt ist. Die Musenalmanache und dergleichen mussen Sie vor der Nasse bewahren, sonst verderben die Bilder, und die sind das Beste darin. Die Romanen, die ein gewisser geistlicher Herr herausgibt, bedurfen weniger Sorgfalt; sie sind ziemlich weitschweifig geschrieben, so dass ohne Nachteil aus jedem zwanzig Bogen ausfallen konnen, und zudem wiederholt er sich ja in jedem seiner neuen Produkte; folglich kann nicht leicht etwas von dem, was er je gesagt hat, verlorengehen. Die theologischen Schriften wurde ich sorgfaltig von andern verstandigen Werken absondern; es gibt sonst Streit. Die juristischen konnen Sie statt der Matratzen in die Hangematten legen; es schlaft sich gut darauf. In die Journale mogen Sie die ubrigen Waren einwickeln. Wollen Sie Ubersetzungen mitschicken, so mussen Sie zwei Schiffe ausrusten. Die wenigen guten Geschichtsbucher, die wir seit kurzer Zeit gewonnen haben, einige philosophische, mathematische und kameralistische Aufsatze und die Schriften unsrer geschicktesten Arzte und Naturkundiger will ich Ihnen aufzeichnen; diese bitte ich in Ehren zu halten; sie haben alle in der Kajute Platz. Meines lieben Burgers Gesange und drei unsrer andern neuern Dichter will ich Ihnen, nebst Wielands Meisterstucken, in Franzband einbinden lassen, damit Ihre Leute unterwegens darin lesen und daruber die Beschwerlichkeiten der Reise vergessen mogen."
Ich dankte dem ehrlichen Buchhandler fur diesen Unterricht und folgte punktlich seinem Rate. Was aber die Gelehrten und Kunstler betraf, die ich in Leipzig in Sold nehmen wollte, so war ich doch in einiger Verlegenheit uber die Wahl, welche ich unter der Menge derer, die sich gemeldet hatten, treffen mochte. In meiner Instruktion stand, dass ich durchaus zwei Philosophen vom Handwerke liefern sollte; dies schien mir aber leichter zu befehlen als auszufuhren. "Wer wahrhaftig den Namen eines Philosophen verdient", sagte ich, als ich mit Manim, dem geheimen Sekretar, daruber sprach, "der wird da, wo er lebt, zufrieden sein und sich nicht durch den Wink eines Fursten verleiten lassen, nach Abyssinien zu wandern. Indes nennt sich heutzutage jeder Mensch, der ein bisschen querfeldein rasoniert, einen Philosophen; aber mit solchen sogenannten Philosophen wurde ich wenig Ehre einlegen." Zwei Manner hatten sich bei mir unter diesem Titel gemeldet; der eine schien ein etwas ungeschliffener Geselle zu sein, der allem widersprach, was man in seiner Gegenwart vorbrachte, ubrigens aber beinahe so vernunftig redete wie ein Mensch, der kein Philosoph ist. Das einzige, was mir an ihm missfiel, war, dass er auf alle solche Dinge schimpfte, zu deren Besitz er entweder, seinen burgerlichen Verhaltnissen nach, nicht gelangen konnte, zum Beispiel Rang und Ehrenstellen, oder wozu er keine Neigung in sich empfand, und dass er sich uber alle Konventionen der gesellschaftlichen Verbindung hinaussetzte, von welcher er doch nicht ganzlich unabhangig leben konnte, auch die Vorteile vorlieb nahm, die ihm ihre Einrichtungen gewahrten. Ubrigens hatte er einen Widerwillen gegen den Wein und empfohl daher die goldne Massigkeit. Die Philosophie des andern Mannes, der sich bei mir angab, war in ein lachelndes Gewand gehullt; seine Weisheit bestand eigentlich darin, alles von der lustigen Seite anzusehen; er genoss, wo er Gelegenheit hatte und Trieb dazu fuhlte; er spottete uber das, was er nicht verstand, floh alle beschwerliche Arbeit und Anstrengung und war kein Feind von einer wohlbesetzten Tafel. Ich war lange Zeit unschlussig, ob ich diese beiden Philosophen nach Abyssinien schicken sollte oder nicht; endlich aber, und da mir ohnehin keine Wahl ubrig blieb, bestimmte ich mich dazu und gab ihnen die Anweisung, zu eben der Zeit wie die von mir in Sold genommnen Padagogen und der Buchhandler nach Kassel zu kommen.
Was die Dichter betraf, so hatte ich unter einhundertunddreiundvierzig Poeten, die sich bei mir meldeten, die Wahl. Dies waren insgesamt junge Leute, an welche die Eltern zum Teil den Rest ihres Vermogens gewendet hatten, um sie in Leipzig Brotstudien lernen zu lassen, damit sie einst die Stutzen ihrer Familien und nutzliche Burger im Staate werden sollten. Weil sich aber Neigungen nicht zwingen lassen, so waren die Sohne ihrem Hange zu dem bequemern Studium der schonen Wissenschaften und Kunste gefolgt und hatten sich vorzuglich auf das Versemachen gelegt. Ich hielt es vier Tage lang mit aller moglichen Geduld aus, mir von ihnen Produkte in aller Art Poesie vorlesen zu lassen und die Manuskripte, welche sie mir, zur Probe ihrer Geschicklichkeit, uberreichten, durchzublattern; endlich aber wurde mir's zuviel; ich musste mich wohl fur zwei unter ihnen entscheiden. Einen jungen Menschen, welcher Hexameter machte und ein Heldengedicht, betitelt "Herkulesarbeiten", in zwolf Gesangen verfertigt, und einen andern, der mir funfzehnhundert Sinngedichte, einen dicken Stoss Trinklieder und ein Trauerspiel "Achab und Jesebell" in Alexandrinern uberreicht hatte, diese beiden nahm ich an. Die ubrigen verdross der Vorzug, den ich diesen gab; sie machten Pasquillen auf mich und den abyssinischen Hof, den sie nicht kannten, besangen die Freiheit des Dichterlebens und die Schande, von den Grossen der Erde Pensionen anzunehmen, und einer von ihnen warf mir gar in der Nacht die Fenster ein.
Ich wollte Leipzig nicht verlassen, ohne einen Mann kennenzulernen, der damals dort war und der mir ebenso merkwurdig wegen seines edeln Herzens als wegen der unverkennbaren grossen Verdienste um die deutsche Literatur schien. Auch ein Buchhandler, aber nicht von gemeinem Schlage; ein Mann, der Studium, Geschmack, echte Philosophie und unbestechbaren Eifer fur Wahrheit in gleich hohem Grade besitzt; ich meine Nicolai, der nun seit einer langen Reihe von Jahren, mit den besten Kopfen Deutschlands in Verbindung, vernunftige und grundliche Kritik in ihrer Wurde zu erhalten sucht und den falschen Geschmack und die jedesmaligen Torheiten des Zeitalters mutig bekampft. Ich hatte das Gluck, mich ein paar Stunden lang mit ihm zu meiner Belehrung zu unterhalten. Wirklich bedurfte ich dieser Belehrung, denn ich war gar nicht mehr zu Hause in der deutschen Literatur. Als ich mein Vaterland verlassen hatte, warf man unsern Gelehrten mit Recht Pedanterei vor; jetzt hatte man Ursache, gegen den allgemein einreissenden Mangel an Grundlichkeit und Anordnung in Gedanken und Vortrag zu eifern.
Um den ersten Transport von Gelehrten und Kunstlern, die ich nach Abyssinien schicken sollte, vollstandig zu machen, fehlten mir noch einige Tonkunstler; auch hierzu hoffte ich in Leipzig Gelegenheit zu finden. Es gaben sich viel Leute bei mir an; aber soll ich meinen altvaterischen verdorbnen Geschmack anklagen, oder waren die Kunstler daran schuld? Genug! keiner von diesen Herren wirkte mit seiner Musik auf mein Herz. Derjenige, welcher als Kapellmeister angenommen zu werden verlangte, spielte mir auf dem Klavier etwas von seiner eignen Komposition vor und phantasierte nachher noch ein Stundchen; allein ich horte nichts als ein verwirrtes Gewuhl von Tonen untereinander das war keine Sprache menschlicher Empfindung, menschlicher Leidenschaft. Ausweichungen in entfernte Tonarten, durch Verwandlungen von # in b, die nur dazu dienen konnten, die Ohren fur den feinen Unterschied zwischen Dis und Es, Cis und Des usf. stumpf zu machen und Verhaltnisse unter Harmonien zu finden, die nichts miteinander gemein haben; ungeheuer schwere Passagen und Fingerkunststuckchen, die lustiger anzusehen als ihre Wirkungen reizend zu horen waren. Mit dem allem aber hatte der Mann sich doch einen gewissen Namen gemacht, und man wurde meiner gespottet haben, wenn ich ihn nicht angenommen hatte.
Der zweite Tonkunstler, den ich fur die Kapelle meines gnadigsten Konigs anwarb, war ein Violinist, der eine bewunderungswurdige Fertigkeit in seiner linken Hand hatte. Er fuhr damit jeden Augenblick bis an den Steg hinauf; ich kann nicht sagen, dass er immer ganz rein intoniert hatte; allein das bemerkt man auch bei diesen schnellen Spassen und Sprungen nicht, und empfinden konnte man nun freilich nicht mehr dabei als bei dem Anblicke eines Seiltanzers; immer aber war seine Kunst merkwurdig zu sehen. Ich brachte eine kleine musikalische Gesellschaft zusammen; unser Virtuose spielte ein Violinkonzert. Das erste Allegro war erhaben und schon, fast im hohen tragischen Stile geschrieben; ein bisschen verdarb er es durch die letzte Kadenz, in welcher er das Katzengeschrei, obgleich sehr naturlich, nachahmte. Dann kam ein Adagio, dessen langsame, melodische Fortschreitung er durch eine Menge unnutzer Laufe und Schnorkel dem Gange eines Hundes gleich machte, der denselben Weg zehnmal hin- und herlauft. Zuletzt folgte ein artiges Rondo, wovon das Thema die Melodie des Liedes war: "Meine Mutter, die hat Ganse, funf graue, sechs blaue; sind das nicht Ganse?" Alle Zuhorer, mich ausgenommen, bewunderten dies allerliebste Stuck; ich konnte es nicht fassen, wie man Vergnugen daran finden konnte, ein elendes Gassenlied, das schon Ekel erweckt, wenn es einmal geleiert wird, auf vielfache Art, mit allerlei armseligen Veranderungen wiederholen zu horen. Indessen erschallte, sooft der Virtuose durch ein paar Semitone wieder in das Thema fiel und wieder anhub die Melodie: "Meine Mutter, die hat" etc., ein lautes Bravo, Bravissimo! Er zeigte mir auch die Partitur eines von ihm komponierten musikalischen Hochamts. Die Ouverture war im Dreivierteltakte geschrieben; ein bisschen geschwinder gespielt, so wurde man sie fur eine von den wienerischen Wirtshausminuetten gehalten haben, womit der grosse Haydn, leider! seine erhabensten Werke bunt-scheckicht macht. Alle ubrigen Teile der Messe waren im galanten Theaterstil geschrieben, und das Agnus Dei war eine Art von Pastorale. Ich hatte von jeher ganz andre Begriffe von der Wurde der gottesdienstlichen Musik gehabt, als dass ich hatte glauben konnen, dass dergleichen Spielereien darin angebracht werden durften, und ich erinnerte mich noch recht wohl, wie herzlich ich einmal in meiner Jugend lachte, als ich in Goslar von dem Kantor unsrer Schule (der, im Vorbeigehen gesagt, da es ihm an Sangern fehlte, zwei Stimmen zu ubernehmen pflegte, indem er bald einen furchterlichen Bierbass, bald eine unangenehme fistula ani sang), als ich von diesem Kantor des guten Schwindels Oratorio "Die Hirten bei der Krippe in Bethlehem" auffuhren horte. In dieser Kantate liess er es im Stalle, wo die Muttergottes doch wohl keine englische Wanduhr stehen gehabt hat, zwolf schlagen, und jeden Glockenschlag beantworteten die Violinen mit einem Akkord. Das war nun wohl auch Spielerei gewesen; allein im ganzen hatte doch vor zehn Jahren mehr Ernst im Kirchenstil geherrscht, als ich jetzt fand. Ich ausserte meine Verwunderung daruber; man versicherte mich aber, das sei jetzt der neueste Geschmack, und man fande, besonders in katholischen Kirchenmusiken, nicht nur ausserst selten einfachen edeln Gesang ohne melismatische Verzierungen, sondern es ware auch nichts Ungewohnliches, den Organisten, wahrend der Wandlung, das Thema eines Liedchens aus einer Opera buffa leiern zu horen; uberhaupt forderte man jetzt von der Musik nichts, als dass sie das Ohr kitzeln, und von dem Spieler und Komponisten nichts, als dass sie uberraschen, sich durch irgendeine Bizarrerie auszeichnen sollten. Die Italiener fingen schon wieder an, die Rezitative, dem Namen und Zwecke dieser Gattung ganzlich entgegen, statt eines einfachen, der gewohnlichen Sprache, bis auf die starkere Akzentuierung nach, so nahe als moglich kommenden Vortrags, mit Manieren, Laufen und Passagen zu uberladen. Kurzlich ware eine vortreffliche Sangerin, die aber zu reine Begriffe von ihrer Kunst gehabt hatte, um jenen verdorbnen Geschmack anzunehmen, in einer grossen Residenz angekommen; man hatte es ihr aber unmoglich gemacht, sich soviel Zuhorer zu verschaffen, als zu Bestreitung der Unkosten eines Konzerts erforderlich gewesen waren. Bald nachher hatte ein reisender Scharlatan angekundigt, er wolle sich auf der Maultrommel offentlich horen lassen, und da hatte nicht nur die Polizei den Kerl nicht zur Stadt hinausgejagt, sondern er ware mit einem bespickten Beutel weitergereist.
Am mehrsten Beifall fand damals, wie ich merkte, die Musik der italienischen Opere buffe. Deutsche Manner, die Talente zu bessern Dingen gehabt hatten, fingen an, diese elenden geschmack- und sittenlosen Farcen zu ubersetzen, der italienischen Komposition, ohne Rucksicht auf Vernunft, Wohlklang und echte Deklamation, holprichte deutsche Worte unterzulegen, und das Publikum totete in diesem abscheulichen Schauspiele seine besten Stunden, horte nur auf das Geleier und ubersah den Unsinn als wenn es unmoglich ware, Vernunft und Geschmack zu vereinigen. Die welschen Possenspieler hatten Zulauf in Menge, und unsre einlandischen Meisterstucke wurden vor leeren Banken aufgefuhrt.
Da es denn nun einmal mit der Tonkunst in Deutschland nicht anders aussah und ich doch deutsche Tonkunstler anwerben sollte, so schloss ich mit dem Kapellmeister und dem Violinisten meinen Kontrakt und nahm noch einen Virtuosen auf einem ganz neuen Instrumente an, welches man das Basset-Horn nannte und das viel Ahnlichkeit mit dem Geschrei einer wilden Gans hatte.
Auf diese Weise waren nun meine Geschafte in Leipzig beendigt, und ich reisete mit meinem Prinzen und seinem Gefolge weiter.
Viertes Kapitel
Ankunft in Kassel, Transport der Gelehrten und
Kunstler nach Abyssinien. Der Kronprinz tritt in den
Dienst
Es wurde die Leser ermuden, wenn ich ihnen eine langere Beschreibung von demjenigen liefern wollte, was wir auf dieser ersten Reise bis zu unsrer Ankunft in Kassel sahen und beobachteten; deswegen will ich meine Erzahlung nun von unserm Einzuge in diese letztere Stadt wieder anfangen.
Hier war es, wo mein Prinz in Kriegsdienste treten, und zwar von unten auf anfangen und so von Stufe zu Stufe bis zu den hochsten militarischen Ehrenstellen fortrucken sollte, welches, wie bekannt ist, bei Furstensohnen, ihrer angebornen Verdienste wegen, ziemlich schnell zu gehen pflegt.
Ich glaubte nicht, dass man diesem Plane das geringste Hindernis in den Weg legen wurde, denn er war ja wahrlich so gut Prinz als einer und wollte nur der Ehre wegen dienen; allein es fiel sehr gegen meine Erwartung aus. Des Konigs von Abyssinien Majestat hatten mich als Gesandten an dem Hofe des damals regierenden Landgrafen akkreditiert, und Seine Hoheit der Thronerbe befand sich in meiner Suite inkognito. Unser Gefolge war prachtig, und ich zweifelte keinesweges daran, dass man uns mit ausgezeichneter Ehre am Hofe empfangen wurde. Um desto grosser war mein Befremden, als man uns fur Abenteurer hielt, gar nichts von einem Konigreiche Abyssinien wissen wollte und mich, den Gesandten eines grossen Monarchen, lacherlich zu machen suchte. Der damalige Bibliothekar in Kassel, ein Franzose, bekam Auftrag, in Reisebeschreibungen nachzusehen, ob und wo in der Welt das Konigreich Abyssinien gelegen sei. Ich war zuweilen bei seinen muhsamen Nachforschungen gegenwartig und fand, zu meiner Verwunderung, "Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen" mit unter die Reisebeschreibungen gestellt. War nun der Umstand daran schuld, dass der gute Mann kein Deutsch verstand, oder wusste man wirklich in Kassel nichts von Abyssinien und hatte auch keine Bucher daruber genug! das Resultat blieb, dass man mir ankundigte, man wollte uns zwar erlauben, in der Residenz als Fremde unser Geld zu verzehren, konne mich aber keinesweges als den Gesandten eines fremden Hofes anerkennen und den Prinzen schon deswegen nicht in Kriegsdiensten ansetzen, weil sein schwarzes Gesicht gar zu sehr gegen die Physiognomien der schonen jungen Leute, woraus des Landgrafen Armee bestand, abstechen wurde. Indessen fand sich ein Mittel, diesen letzten Einwurf zu heben; es hatte namlich der Landgraf beschlossen, bei seiner ersten Garde Mohren zu Trommelschlagern anzunehmen; da nun mein Prinz, wie Peter der Grosse, von unten auf dienen sollte und Trommelschlager zu werden in der Tat von unten auf dienen heisst, so tat man mir den Vorschlag, den Thronerben von Abyssinien das Kalbfell schlagen zu lassen. Ein gewisser italienischer Graf Bollo galt damals sehr viel am Hofe; ein wurdiger Mann, der einst in Polen eine wichtige Rolle gespielt, einer kleinen kuhnen Unternehmung wegen aber, die in dem kalten Polen fur nicht so unbedeutend angesehen wird als in dem warmern Italien, aus dem Lande gejagt worden war. Dieser riet mir, den Antrag vorerst anzunehmen, indes aber nach Abyssinien zu schreiben, mir Verhaltungsbefehle und wichtigre Dokumente zu meiner Beglaubigung schicken zu lassen, wobei er mir dann Hoffnung machte, dass in der Folge mein Prinz doch noch wohl, trotz seines schwarzen Antlitzes, zu den hochsten kriegerischen Ehrenstellen gelangen konnte. Ich liess also Seine Hoheit Tambour werden und mietete fur mich und unser Gefolge ein grosses Haus. Hier lebten wir als reiche Privatleute, gaben oft grosse Schmausereien und hatten das Gluck, unsre Tafel immer von Gasten, besonders von Fremden, deren eine Menge dort wohnten, umringt zu sehen, unter welchen sich vorzuglich einige franzosische Marquis, zum Beispiel der Chevalier de Batincourt, der mit den ersten Hausern in Frankreich in Verhaltnissen stand, fleissig einfanden.
Wahrend dieser Zeit nun kamen die von mir in Sold genommenen Gelehrten und Kunstler der Verabredung gemass an. Ich beschloss, sie, begleitet von einigen unsrer Leute, zu Schiffe auf der Fulda bis Munden, dann auf der Weser bis Bremen und von da zur See weiter spedieren zu lassen. Mein lustiger Freund, der papstliche Ritter und Hofnarr Soban, gab ihnen, als sie abreiseten, einen komischen Frachtbrief mit, der, in dem gewohnlichen Kaufmannsstil verfasst, an den Minister Wurmbrand adressiert war und sich anfing: "Unter Geleite Gottes und durch den Schiffer N. N. liefern wir Euer Edeln zehn Stuck deutscher Gelehrter und Kunststuckmacher, welche wir hier fur Seine Majestat eingekauft haben, und zwar No. 1 et 2 ein Paar Poeten, wovon der eine Lieder und Reime, der andre ganz ungereimte Verse macht; No. 3 et 4 zwei wohlkonditionierte Menschenerzieher" usf.
Nachdem ich diesen meinen Auftrag nach bestem Vermogen ausgerichtet hatte, war nun meine ganze Sorgfalt auf den mir anvertraueten Kronerben gerichtet; allein da erlebte ich bald die unangenehmsten Vorfalle, die im folgenden Kapitel erzahlt werden sollen. Der Prinz war, wie alle Furstenkinder, mit hohen Begriffen von seinem Stande auferzogen worden; Subordination war schon an sich ein Ding, woran er gar nicht gewohnt war, und nun vollends einer so strengen Zucht sich zu unterwerfen, als unter welcher ein Trommelschlager bei der hessischen Garde zu stehen pflegt, das war etwas Unleidliches fur Seine Hoheit; doch ging es ein ganzes Jahr hindurch ziemlich gut. Zwar wollte man von seinem Furstenstande nichts wissen, weil die Mohren gewohnlich da, wo man ihre Genealogie nicht untersuchen kann, sich fur Prinzen auszugeben pflegen, die man in ihrer Jugend ihren durchlauchtigen Eltern geraubt hatte; allein man behandelte ihn doch ziemlich freundlich; die jungen Offizier scherzten mit ihm; der Dienst war nicht schwer, und man erlaubte ihm, wenn er nicht auf der Wache war, in unserm Hause zu leben, wo er seinen Hofstaat bereit fand, alles zu seinem Vergnugen und zur Entschadigung fur die ertragnen Ungemachlichkeiten beizutragen. Ja, was sonst unerhort, von ihm aber in seiner Kapitulation ausbedungen war, man gab ihm, wahrend der Landgraf sich in Paris aufhielt, die Erlaubnis, mit mir eine Reise zu machen. Wir gingen zur Messe nach Frankfurt, sahen noch andre merkwurdige Stadte, besuchten einige Bader und blieben vier Monate lang aus.
Diese Reise hatte auf die Sitten des Prinzen keine so vorteilhaften Einflusse, als ich gewunscht hatte. Durch die freien, zum Teil zugellosen Reden, die der junge Herr in der Wachtstube in Kassel gehort, und durch mutwillige Scherze, die man dort mit ihm getrieben hatte, war der Keim zu allerlei unregelmassigen Begierden in ihm rege und sein Sinn fur Trunk, Spiel und Weiber erweckt worden. Seine Hofleute hatten bald gemerkt, zu welchem Grade von Aufklarung der Prinz gekommen war, und hatten, um sich ihm gefallig zu machen, ihm heimlich Gelegenheit verschafft auszuschweifen. Mein ehrlicher Manim machte mich aufmerksam darauf; aber was sollte ich tun? Der Prinz war kein Kind mehr; es war mir unmoglich, ihn so angstlich zu bewachen; auch hatte ich manche andre Geschafte. Jetzt, auf dieser Reise, fanden sich der Gelegenheiten irrezugehen noch weit mehr. Er kam in Frankfurt ein paarmal betrunken zu Hause; ich machte sanfte und ernste Vorstellungen; man antwortete leichtsinnig und spottisch. In Mainz hatten sich ein paar junge Domherren ein Fest daraus gemacht, ihn in ein beruchtigtes Haus zu fuhren, wo er sich eine ekelhafte Krankheit holte. Ich ahndete dies bald an seiner Gesichtsfarbe, liess einen Arzt rufen und hoffte, dieser Unfall sollte ihn von Ausschweifungen zuruckbringen; allein kaum war er hergestellt, so ging wieder das vorige Leben an. Nun hatte ich freilich unumschrankte Gewalt uber die Personen seines Hofstaats und hatte seine Hauptverfuhrer fortjagen konnen; aber ich gestehe es, dazu hatte ich den Mut nicht. Was hatten diese verstossnen Elenden mitten in Deutschland anfangen wollen? Wer weiss ferner, ob ich nicht ihre heimliche Rache hatte furchten mussen! Bei einem einmal an Zugellosigkeit gewohnten Prinzen wurden auch bald andere ihre Platze eingenommen haben. Und wer kann sagen, was endlich meiner erwarten, was Verleumdung und Ahndung, von seiten des Kronprinzen selbst, mir zubereiten konnte, wenn wir nach Abyssinien zuruckkamen? Also, ich bekenne es zu meiner Schande, sahe ich durch die Finger; und ihr, die ihr oft die armen Prinzenhofmeister tadelt, wiegt ein wenig diese Grunde ab, und setzet euch in unsre Stelle!
Bei einem Orte, dessen Bader und Brunnenquellen eine Menge Leidende hinziehen, denkt man sich einen ruhigen, friedevollen Aufenthalt, wo die armen Kranken, neben dem Gebrauche der Heilmittel, Leib und Seele durch zwanglose Geselligkeit und durch Entfernung von allen hauslichen Sorgen, von tobendem Gerausche und leidenschaftlichem Tumulte, zu starken und zu erheitern suchen. Um desto auffallender musste den Bessern unter unsern abyssinischen Reisegefahrten, die mit den europaischen Sitten noch nicht vollig bekannt waren, der Anblick der Lebensart in den Badern sein, die wir besuchten. Pracht, Aufwand, Residenzton, Hofetikette, Schmausereien, Uppigkeit, Bacchantenunfug bis in die spate Nacht hinein; die heftigsten Ausbruche der Liebe, des Zorns, der Rache, der Eifersucht; Intrigen, Kabalen, hohes Spiel, das so manchen um seine und der Seinigen ganze zeitliche Gluckseligkeit und um seine Gemutsruhe brachte; Vollerei, Wollust und, kurz, alles, was Leidenschaften und Begierden im Tumult erhalten kann, das fand man hier. "Und hierher reiset man seiner Gesundheit wegen?" rief Manim aus. "Und was treibt man an jenem grunen Tische, den Leute mit Sternen und Ordensbandern nun schon seit sechs Stunden umringen? Auf den Gesichtern der Umstehenden lese ich abwechselnd angstliche Erwartung, Schadenfreude, Verzweiflung, Wut. Hier mussen wichtige Sachen verhandelt werden, denn ich sehe da Manner von Jahren und Erfahrung, ja, Regenten sitzen, die gewiss ihre Zeit nicht mit Kleinigkeiten oder gar mit schadlichen Dingen verderben werden. Sehen Sie nur an! jetzt fuhrt man auch unsern Prinzen hin. Nun! das ist doch einmal gut, dass er sich auch den bessern Leuten zugesellt." O Himmel! wie sehr irrte Manim! Es war ein Pharao-Tisch. Man hatte Seine Hoheit verleitet, sich an dies abscheuliche Spiel zu geben; er spielte wie jeder reiche Neuling, und dabei machte man seinen Ehrgeiz rege. Ein Furst, hiess es, musse grossmutig spielen. Grossmut und Spiel? wie herrlich die beiden Dinge zusammen passen! Das Ende vom Liede war, dass ich am folgenden Tage eine ungeheure Summe bezahlen musste. "Pfui!" rief ich aus, "freilich macht Sie dieser Verlust nicht arm; aber konnen Sie, ohne zu erroten, hier, in fremden Landern, Tausende auf eine Karte setzen, indes Sie in Ihren Staaten, mit der Halfte der Summe, zehn Familien vom Untergange erretten konnten? Und vergessen Sie denn, dass dies Geld, welches Sie hier vergaunern, gar nicht Ihr, sondern der guten Abyssinier Eigentum ist, die es im Schweiss ihres Angesichts erworben haben?"
"Hier scheint alles recht lustig herzugehen", sprach Soban, als wir einst dem Tanze in einem grossen Saale zusahen; "aber woher kommt es, dass diese Menschen, mitten in den Freuden des Tanzes, so gezwungen, so ernsthaft aussehen, als wenn sie ein verdriessliches, wichtiges Geschafte trieben? Heisst das Tanzen? Woher kommt es uberhaupt, dass hier in Deutschland die Junglinge, wenigstens in den Stadten und in den Zirkeln der hohern Stande, so feierlich, so kalt, so kranklich, so gelehrt, so erfahren, so unteilnehmend, so verschlossen scheinen?" "Ach!" erwiderte ich, "daran ist, leider! die Erziehung schuld. Sie werden zu fruh mit der Welt und ihren Verderbnissen bekannt, werden zu fruh klug, lesen zuviel Romane und Bucher zu Beforderung der Menschenkenntnis. Und wenn sie nun in die wirkliche grosse Welt treten, dann bringen sie schon Widerwillen, Ekel und uberspannte Forderungen mit. Alles ist ihnen zu alltaglich; sie kennen alles schon aus Buchern; es ekelt sie an. Vererbte Krankheiten nagen am Korper; der einfache Genuss hat keinen Reiz der Neuheit fur sie; sie jagen also dem erkunstelten nach; Ausschweifungen aller Art erschlaffen die Nerven, in den Jahren schon, wo die Natur ihre Krafte zum Wachstume braucht. Kranklichkeit und bose Launen folgen ihnen dann ohne Unterlass; sie machen sich und andern das Leben sauer. Lassen Sie mich dies Bild nicht weiter ausmalen! Wo ist jetzt noch ein Platz auf dem Erdboden, der nicht die Originale zu diesem Gemalde bei Tausenden liefert?"
Die Zeit unsers Urlaubs war nun bald verstrichen, und wir reiseten nach Kassel zuruck. Wir hatten grosse Summen verschwendet mit wieviel Nutzen, das konnen sich die Leser selbst sagen. Der Kronprinz war nicht mehr der bluhende, starke Jungling, und seine Launen wurden mir oft unertraglich. Er war auffahrend, ungestum, dann einmal ausgelassen munter und offenherzig und gleich nachher herabgespannt, misstrauisch, bitter, heimtuckisch.
Was dabei noch meinen Verdruss vermehrte, war ein Brief von meinem Herrn Vetter aus Abyssinien, den ich in Kassel fand und aus welchem ich hier einige Auszuge liefern will.
"Was zum Henker!" schrieb er mir, "was fur Kerl hat mir der Herr Vetter da aus Deutschland geschickt? Wenn ich nicht glaubte, dass sie alle toll geworden, indem sie die Linie passiert sind, so wurde ich nicht wissen, was ich zu des Herrn Vetters Auswahl sagen sollte. Die beiden Philosophen haben sich schon unterwegens auf dem Schiffe gewaltig prostituiert. Der eine war fast immer besoffen, und da der andre sehr jahzornig ist, so gab es zuweilen furchterliche Auftritte. Einst gerieten sie uber die echte Toleranz in Streit, und da jener behauptete, dass man jedem seine Privatmeinungen lassen musse, dieser hingegen fur das Gegenteil eiferte, wurde der Zwist so lebhaft, dass der Duldungsprediger, als er seinen Gegner gar nicht uberzeugen konnte, ihn bei den Ohren fasste; da kam es dann zu einer solchen Prugelei, dass sie mit verbundnen Kopfen hier ankamen. Die Padagogen sind noch arger; Herr Ilsenberth lauft allen Madchen und Knaben nach, und der Magister Loffler schreibt, statt sich um das Erziehungswesen zu bekummern, uber Politik. Er hat kurzlich ein Werk herausgegeben, in welchem er gegen alle Regenten eifert, ungeachtet er doch von dem unsrigen die schone Pension einstreicht; er nennt die Fursten gesalbte Henker und ermuntert das Volk zum Aufruhre und zu Grundung einer freien Republik. Von den beiden Dichtern malt der eine die Freuden der Wollust mit den reizendsten Farben, und der andre singt in rauhen Bardengesangen die aufruhrerischen Grundsatze, die der politische Padagoge in Prosa ausbreitet. Der Buchhandler verlegt und empfiehlt allen diesen gefahrlichen Unsinn und hat heimlich eine Menge irreligioser und unsittlicher Bucher mitgebracht. Die unschadlichsten Narren sind Eure drei Musiker; aber die Kerl machen ein solches Geleier, dass der alte Obermarschall neulich im Hofkonzerte die Strangurie davon bekommen hat. Seine Majestat waren im Begriffe, sehr ungnadig auf Euch zu werden; ich habe alle Muhe gehabt. Sie zu uberzeugen, dass alles dies zur Aufklarung gehorte, dass die Manner, welche Ihr uns geschickt hattet, im Grunde sehr geschickte Leute waren, denen man aber, nach den Regeln der Toleranz, Denk- und Pressfreiheit, ihre kleinen Eigenheiten ubersehen musste. Indessen bitte ich doch den Herrn Vetter, bei dem nachsten Transporte recht vorsichtig in der Wahl der Subjekte zu Werke zu gehen und vor allen Dingen die Speditionen uber das Mittellandische Meer her zu machen, damit sie nicht die Linie zu passieren brauchen, denn ich merke wohl, das vertragt kein deutscher Gelehrter. Ubrigens ruckt es nun mit der Universitat in Adova ziemlich gut fort. Die beiden Erzieher sind auch dahin geschickt worden, haben ein Institut angelegt und schon ziemlich viel Zoglinge. Bezahlen lassen sie sich nicht schlecht, geben sich aber auch viel Muhe mit den Kindern, lehren sie unter andern allerlei Sprunge und baden sie taglich in dem Flusse Rieberaini."
Dies war der Hauptinhalt des Briefes, der mir einige Unruhe verursachte und mich zu dem Entschlusse bewog, kunftig vorsichtiger in der Wahl der Leute zu sein, die ich nach Abyssinien senden wurde.
Funftes Kapitel
Der Kronprinz erlebt einen verdriesslichen Vorfall,
verlasst die hessischen Dienste und geht wieder auf
Reisen
Ich habe vorhin gesagt, dass unsre letztre Reise keine lobenswerte Veranderung in der Gemutsart und in den Sitten des Kronprinzen von Abyssinien bewirkt hatte und dass dies unangenehme Vorfalle nach sich zog; jetzt komme ich zu der Erzahlung dieses Umstandes.
Die Ausschweifungen, denen sich Seine Hoheit ergab, hatten seine Natur geschwacht. Er war nicht mehr so leicht aus dem Schlafe zu wecken als ehemals und mehrenteils ubler Laune, wenn er aus dem Bette aufstand. Eines Tages, da sein Kammerdiener vergebens sich bemuht hatte, ihn zu gehoriger Zeit auf die Beine zu bringen, erschien er vor seines Hauptmanns Hause, als die Kompanie schon nach dem Paradeplatze marschiert war. Der Kapitan, ein Herr von Natsmer, der uberhaupt den Ruf hatte, ein wenig strenge im Dienste zu sein, fragte den Prinzen, als er sich endlich bei der Kolonnade am Schlosse einfand, warum er so spat kame. Seine Hoheit nahmen dies sehr ungnadig, antworteten etwas naseweis und wurden (es tut mir leid, dass ich es erzahlen muss), nachdem man Ihnen erst zwanzig derbe Stockprugel hatte zumessen lassen, verurteilt, einige Stunden krummgeschlossen zu werden.
Sobald ich Nachricht von dieser unehrerbierigen Behandlung erfuhr, begab ich mich zu dem Herrn General, Kommandanten und Obersten der ersten Garde, bat, versprach, drohete sogar mit der strengsten Ahndung von seiten Seiner abyssinischen Majestat, musste aber die Demutigung erleben, dass auf dies alles nicht geachtet und mir sogar bedeutet wurde, ich sollte mich bescheidner ausdrucken, wenn ich nicht Lust hatte, an mir selber eine kleine Exekution vollziehen zu lassen. Was war also zu tun? Der Prinz musste seine Strafe aushalten.
Wutend kamen Seine Hoheit aus der Wachtstube in Ihr Hotel zuruck; ich tat alles, um den Prinzen zu trosten. "Man muss", sagte ich, "aus jedem widrigen Vorfalle im menschlichen Leben nutzliche Lehren zu ziehen suchen. Unsers allergnadigsten Konigs Majestat haben gewunscht, dass Sie mit der militarischen Subordination bekannt werden mochten, und Sie haben diese Bekanntschaft, obgleich freilich auf schmerzliche Art, gemacht. Wer einst befehlen will, muss gehorchen lernen; auch diese Lektion haben Euer Hoheit heute erhalten. Endlich aber kann Sie dieser Vorfall noch auf wichtige Betrachtungen leiten. Sie sind von koniglichem Stamme; in ganz Afrika macht man Ihnen das nicht streitig; hier hingegen will niemand Sie fur einen Prinzen anerkennen; man behandelt Sie bloss als einen Menschen in den Verhaltnissen von Unterwurfigkeit gegen starkere Menschen. Dies, denke ich, musste Euer Hoheit auf den Gedanken fuhren, dass es doch wohl nicht eigentlich ein allgemeines Naturgesetz ist, was gewisse Sterbliche zu Fursten macht, sondern dass man die Rucksicht auf den Unterschied der Stande nur der Ubereinkunft zu danken hat; dass die Menschen, was in ihrer Macht steht zu geben und einzuraumen, auch wieder nehmen konnen; dass es also hochst wichtig und notig ist, sich Eigenschaften zu erwerben, die nicht von der willkurlichen Bestimmung des grossern Haufens abhangen, sondern deren Wert von jedem Erdensohne anerkannt werden muss. Setzen Euer Hoheit nun den Fall, dass, so wie man hier nichts von Ihrer koniglichen Abstammung wissen will, auch die Volker in Afrika plotzlich auf den Einfall kamen, Sie nicht mehr fur vornehmer halten zu wollen als jeden andern Burger im Staate, dann, gnadigster Herr, wurden Sie doch wirklich aufhoren, Furst zu sein, weil Sie nur dadurch Furst sind, dass man Sie dafur anerkennt, weil nicht die Natur, sondern die Konvention Fursten schafft. Was wurde Ihnen dann ubrigbleiben, womit Sie sich Unterhalt, Schutz und Achtung erwerben konnten, wenn Sie nicht dafur gesorgt hatten, sich zu einem bessern Menschen zu bilden? Sie sehen hier, dass man in der Welt Schlage austeilt und Schlage bekommt, je nachdem die aussern Umstande es mit sich bringen, und dass die Natur es nicht ist, die manche Menschengattungen geboren werden lasst, um ewig geprugelt zu werden, und andre, um immer zu prugeln."
Sehr kraftige dauernde Eindrucke machte diese meine Predigt nun wohl nicht auf den Prinzen; aber ich trostete mich damit, meine Pflicht erfullt zu haben; ubrigens war doch auch mir dieser Vorfall sehr argerlich, und da ohnehin nie zu erwarten war, dass Seine Hoheit in Deutschland zu hohern militarischen Ehrenstellen hinaufrucken wurden, so glaubte ich es verantworten zu konnen, dass ich den Prinzen seinen Abschied fordern liess, welcher ihm, seiner Kapitulation gemass, nicht verweigert werden durfte. Die Begebenheit selber aber berichtete ich, mit einiger Vorsicht, nach Abyssinien und meldete dem Konige, dass wir nun unsre Reise durch Deutschland fortsetzen und auch die Hofe besuchen wurden.
Von dieser Reise werde ich, wie von der vorigen, keine weitlauftige Beschreibung liefern, sondern wiederum nur einzelne Bemerkungen mitteilen, die meine Abyssinier uber die Sitten und Einrichtungen in Deutschland machten, und hie und da irgendeinen Vorfall erzahlen, der uns begegnete. Wir durchstreiften ubrigens diesmal den grossten Teil der westlichen und sudlichen Provinzen meines Vaterlandes und nahmen dann, wie man horen wird, den Ruckweg durch die preussischen Staaten.
Ausserst auffallend war meinen Reisegefahrten die Menge und Mannigfaltigkeit der Gesetze, die Verschiedenheit des Munzfusses, des Masses, des Gewichts, der Regierungsform, der Lebensart und der Gebrauche. Sie meinten, auf unsern Reichstagen, wo doch wohl manche wichtige Dinge verhandelt wurden, mochte es der Muhe wert sein, diese Buntschekkigkeit endlich abzuschaffen. "Fur Fremde und Einheimische ist das alles gleich unbequem", sagte Manim, "in manchem deutschen Staate, der kaum drei Quadratmeilen gross ist, gibt es mehr zum Teil sich widersprechende Verordnungen, als ein Mensch, erreichte er auch Methusalems Alter, im Gedachtnisse fassen kann. Jeder Stand, jeder Ort hat seine eignen Sitten, und mit der feinen Lebensart, mit welcher man in einer Gesellschaft allgemein gefallt, gilt man in der andern fur einen abgeschmackten Menschen. Die Verschiedenheit des Masses, Gewichtes und Munzfusses macht unbeschreibliche Verwirrung und Erschwerung im Handel. Ihr rechnet nach Geldsorten, die gar nicht existieren. Der Kaufmann, der sein Hauptbuch schliessen will, muss sich den Kopf zerbrechen, um die Prozente mit kurrenten, mit den Species-, mit den BancoTalern, leichten und schwerern Gulden, Kreuzern, Stubern, guten Groschen, Mariengroschen, Albus, Dreiern, Batzen, Pfennigen, Hellern, lubischen, danischen, flamischen Schillingen und Groten, Petermannchen und, Gott weiss! mit welchem Zeuge zu vergleichen, seine Agio-Rechnung und seinen Abschluss zu machen. Postanstalten, Meilenberechnung, Wege, Zolle, alles ist unendlich verschieden. Man verliert Geduld, Zeit und Geld dabei."
Was die Post betrifft, so hatten wir damit einen sonderbaren Vorfall. Einer unsrer Bedienten hatte, ich weiss nicht mehr, wo, der offentlichen fahrenden Post einen Koffer, worin seine samtliche Wasche war, weil kein Raum mehr dafur auf unserm Bagagewagen gewesen, anvertrauet. Der Adresse nach sollten wir ihn in Frankfurt finden; allein es kam die Nachricht, der Koffer sei vom Wagen gestohlen worden und man konne ihm nichts dafur verguten, weil in dem Lande, wo er ihn auf die Post gegeben, eine Verordnung statthabe, nach welcher man nur dann den Wert der von dem Postwagen gestohlnen Sachen ersetzte, wenn dieser Wert von dem Eigentumer vorher ware angegeben worden. Wir stellten dagegen vor, es sei albern, von einem Fremden zu verlangen, dass er jede Verordnung eines Landes kennen sollte, besonders solche Verordnungen, die gegen alle Begriffe von Billigkeit und Recht stritten. Ein Landesherr sollte uberhaupt, soviel er kann, fur die Sicherheit der Heerstrassen einstehen und selbst dann, wenn die Post mit Gewalt angefallen und bestohlen wurde, den Schaden ersetzen, weil die Post ihm eine Revenue gewahrte, weil man teures Porto bezahlen musste, weil es einem Reisenden in diesem Lande nicht einmal freigestellt sei, ob er mit der Post oder mit anderm Fuhrwerke reisen wollte; allein diesmal sei gar nicht der Fall einer gewaltsamen Beraubung gewesen, sondern man hatte denen Leuten den Koffer unter den Handen weggestohlen, welchen er an vertrauet gewesen. Die Postdirektion sei doch also wenigstens gewiss als ein negotiorum gestor anzusehen und musse fur dasjenige haften, was durch Vernachlassigung ihrer Leute verlorenginge. Die Verordnung, dass der Wert der Sachen vorher angegeben werden musste, sei dem Fremden, bei Ablieferung des Koffers, nicht bekanntgemacht worden; woher sollte er sie also wissen? Man konne sich leicht einbilden, dass, wenn er sie gewusst hatte, er, da es nicht wohl moglich sei, seine Wasche u. dgl. genau zu taxieren, den Wert zehnmal hoher wurde angegeben haben, da dies doch nichts mehr kostete; und ware das geschehen, so musste sie nun mehr bezahlen, als gerecht ware. Diese ebenso unbillige als zwecklose Verordnung konne also nur dazu dienen, die Postknechte zu verleiten, dass sie unerfahrne Reisende bestohlen, und Fremde zu bestimmen, ein Land zu fliehen, wo man seines Eigentums nicht sicher sei, wenn man nicht zehntausend Verordnungen in der kurzen Zeit seines Aufenthalts durchstudieren konne. Alle diese Vorstellungen halfen nichts, und der arme Bediente erhielt keine Vergutung fur seinen Verlust.
In einer Stadt, die ich nicht nennen will, waren wir Zeugen einer Szene, die mich innigst ruhrte, weil sie mir bewies, dass noch nicht alle Stande in Deutschland den Sinn fur Tugend und Keuschheit verloren hatten. Dem regierenden Fursten daselbst, der ein sehr ausschweifendes, sittenloses Leben fuhrte, war einst die Tochter eines Burgers begegnet; sie hatte ihm gefallen, und er hatte ihr den Antrag tun lassen, seine Buhlerin zu werden. Das Madchen verwarf mit Wurde diesen entehrenden Antrag, und der Vater, ein nervichter Bierbrauer, warf den Unterhandler zur Tur hinaus. Kurz darauf starb das ehrliche Madchen; und nun beeiferte sich jedermann, ihren Sarg mit atlassnen Kissen, mit Kronen und Blumen zu schmucken, und vor des Fursten Schloss vorbei fuhrte man den Leichenzug, dem unzahlige gutgesinnte Einwohner aus allen Standen folgten. Wir hatten das Gluck, grade um diese Zeit in der Stadt zu sein, und ich nutzte die Gelegenheit, um meinem Prinzen eine kleine Lektion zu geben, die aber, leider! auf seinem polierten Furstenherzen abgleitete.
Auf der benachbarten Universitat hielten wir uns einige Tage auf und besuchten da einige beruhmte Manner, von denen ich hier keine Schilderung entwerfe, weil ich es fur unverschamt halte, dem Beispiele unserer neuern Reisenden zu folgen, die sich in die Studierzimmer der Gelehrten eindrangen, ihnen da eine Menge platter Schmeicheleien vorsagen und, wenn dann die gutmutigen Manner das fur bares Geld annehmen, in froher Herzensergiessung irgendein nicht ganz weises Wort fallenlassen oder in Augenblicken der Zerstreuung und Uberraschung ein wenig unzusammenhangend reden oder das Ungluck haben, nicht grade so zu sein und auszusehen, wie es den Reisenden gefallen hat, sich den Mann zu denken, das Ungluck erleben mussen, eine schiefe Schilderung von sich oder eine wortliche Wiederholung ihrer vertraulichen Gesprache in irgendeinem Journale gedruckt zu lesen.
Man behandelte uns sehr ehrenvoll auf dieser Universitat, und ich beschloss, mit meinem Prinzen sechs Wochen dazubleiben und einigen Vorlesungen beizuwohnen.
Einst hatte ich mit einem Professor der Statistik ein Gesprach uber die Sitten einiger wilden Volker. Ich wagte es, zu behaupten, dass nicht eigentlich die Natur, sondern nur gewisse durch Vorurteil erzeugte Begriffe uns einen so grossen Abscheu gegen das Essen des Menschenfleisches einflossten. Ob Menschenfleisch ein appetitlicher Bissen sei, sagte ich, das wusste ich nicht; aber das glaubte ich nicht, dass ein allgemeiner Instinkt in uns einen grossern Ekel gegen das Fleisch eines frisch getoteten Menschen erzeugte als gegen das Fleisch irgendeines andern Tiers. Dies war eine Hypothese, die ich nur so hinwarf; aber ich war nicht wenig verwundert, als ich kurz nachher in einer historischen Zeitschrift, die dieser Professor herausgab, die Nachricht las, dass die Abyssinier Menschenfresser waren.
Man tat kurz vor unsrer Abreise von da dem Kronprinzen den Antrag, die Doktorwurde in der Rechtsgelehrsamkeit anzunehmen. Ich hatte Muhe, Seiner Hoheit begreiflich zu machen, wozu eigentlich diese pedantische Posse dienen konnte; und als es ihm deutlich wurde, da konnte ich doch weder ihn noch einen von seinen Hofleuten bewegen, diese Farce mit sich spielen zu lassen, welche sie wirklich als ein Uberbleibsel der Barbarei und als eine Satire auf die wahre Gelehrsamkeit ansahen. Der einzige Soban entschloss sich endlich, diese Mummerei mit sich vornehmen zu lassen. Zu diesem Endzwecke schrieb ich ihm eine sehr gelehrte Dissertation. Ich wahlte einen Gegenstand aus der Lehre von den Testamenten und bewies, wie philosophisch, billig und vernunftig das Gesetz in Ansehung der Quadrigae ware. Dies Gesetz namlich, welches vielleicht manchen meiner Leser unbekannt ist, verordnet, dass, wenn jemand in seinem Testamente einem Freunde einen Zug von vier Pferden vermacht und indes eines von den vier Pferden stirbt, der Freund gar nichts bekommt, weil der Erblasser ihm nicht drei, sondern vier Pferde habe schenken wollen. In der Tat kann man nichts Weiseres ersinnen als dies Gesetz; auch fand meine Disputation allgemeinen Beifall; der Ritter und Hofnarr Soban wurde Doktor juris daruber, las Reden und Antworten her, die ich ihm aufgesetzt hatte; ich und der Reisestallmeister opponierten, und alles ging vortrefflich vonstatten, denn bei dem Examen wurde alter Rheinwein herumgereicht. Zwei Tage nach dieser Feierlichkeit reiseten wir weiter.
Sechstes Kapitel
Fortsetzung der Reisenachrichten
Sobald wir uber den oberrheinischen Kreis hinauskamen, beschloss ich, meinen Prinzen an die zahlreichen grossen und kleinen Hofe in dortiger Gegend zu fuhren. Sie sind wirklich, jeder in seiner Art, sehr merkwurdig zu sehen; dennoch aber ubergehe ich, um nicht zu weitlauftig zu werden, die Schilderung derselben mit Stillschweigen. Nur so viel muss ich aus Dankbarkeit erwahnen, dass man uns allerorten ausserst hoflich und artig behandelte, sobald man erfuhr, dass Seine Hoheit ein Konigssohn, wir andern abyssinische echte Edelleute und dabei uberflussig mit Gelde versehen waren. Ubrigens mussten wir immer gewaltig viel von Afrika erzahlen und wurden, besonders von den Prinzessinnen und Hofdamen, reichlicher gefragt als gespeiset.
In Mannheim konnte Soban der Versuchung nicht widerstehen, sich einen Geheimenrats-Titel zu kaufen. Er wurde um neunhundert Gulden einig, konnte aber nicht die Erlaubnis erlangen, diesen Titel auf seinen siebenjahrigen Sohn, der in Gondar geblieben war, vererben zu durfen, indem in der Pfalz nur die wirklichen Bedienungen, nicht aber die Titel auch Kindern versichert und gegeben werden.
In derselben Stadt warb ich auch zwei Maler, einen Bildhauer, einen Baumeister und noch einen Tonkunstler fur Abyssinien an. Mit Vergnugen sahe ich, in welchem bluhenden Zustande hier die schonen Kunste waren. Vor zwanzig Jahren schien man in Deutschland so sorglos uber diesen Punkt und uberlegte nicht, welchen Einfluss der bestandige Anblick von falschen Schnorkeln, uberladnen Zieraten, zwecklosen Kleinigkeiten und die Gewohnheit, Misstone zu horen und verzeichnete Karikaturen und bunten Popanz zu sehen, auf den Geschmack, auf die Denkungsart und auf die Einfalt des Charakters haben, schone Formen und allgemein herrschende Harmonie hingegen Kopf, Herz und Sinn veredeln. Die Entdekkung der Monumente des schonern Altertums in Italien hat einigen wohltatigen Einfluss auf den Geschmack und das Gefuhl der Deutschen gehabt. Leider aber reisst jetzt, da ich dies schreibe, wieder die elende Augenlust an bunten Arabesken und kindischem Firlfanz bei uns ein; und so werden wir denn wohl bald wieder in die Zeiten der gotischen Barbarei zurucksinken.
Die Menge der Bettler, die uns in manchen Stadten, besonders in solchen, wo katholische geistliche Fursten regierten, haufenweise anfielen und auf allen Spaziergangen das unschuldige Vergnugen des Genusses der schonen Natur durch den Anblick des Elendes verbitterten, gaben meinen Reisegefahrten sehr uble Begriffe von der Polizei in Deutschland und von der Menschenliebe der Regierungen. Niemand ging in seinem Tadel unbilligerweise weiter als der Geheimerat, Ritter, Doktor und Hofnarr Soban. Einst sah ich ein Heft von seinem Reisejournale liegen, blatterte darin und fand folgende bittre Stelle:
"Die Schauspiele und andre offentliche Vergnugungen sind in manchen deutschen Stadten sehr prachtig; die Hospitaler, Waisen- und Findelhauser hingegen elend und jammerlich. In grossen Residenzen geht man unentgeltlich in die Oper, muss aber seinen Platz in der Kirche und alle gottesdienstlichen Handlungen, Trauung, Taufe, Beichte etc., bezahlen. Ein Tanzer oder ein verschnittner welscher Sanger bekommt jahrlich funfzigmal mehr Gehalt als ein Volkslehrer und Kindererzieher, Jener wird bei den Grossen des Reichs zur Tafel gebeten, wenn sie sich selber ehren, fur Kenner der Kunst gelten wollen; diesen hingegen bittet hochstens dann ein Minister einmal zum Essen, pflanzt ihn neben der Tur hin und redet kein Wort mit ihm, wenn er, ausser seinen Kindern und dem Informator, grade niemand an der Tafel hat als etwa seinen Advokaten und den Gerichtshalter von seinem Gute. Sammle in einer Gesellschaft von reichen Leuten zu einer Summe, wofur Philadelphia oder irgendein andrer Gaukler seine unnutze Kunste zeigen soll und es wird Dukaten in deinen Hut regnen; sammle ein Almosen fur eine fleissige, in Durftigkeit geratne Familie und man wird mit Verdruss Groschen hineinwerfen. Die mussigen Hofschranzen fahren in vergoldeten Kutschen; der nutzliche Handwerker und Kunstler muss zu Fusse umherschleichen, um vergebens die Rechnungen in die Palaste zu tragen, die ihm jene Windbeutel zu bezahlen schuldig sind. Er wird von groben Lakaien zuruckgewiesen, die in Kleidern stecken, welche bei ihm auf Kredit ausgenommen sind. Die Fursten lassen in die Zeitungen und Journale einrucken, wie sehr sie einlandische Fabriken und Manufakturen unterstutzten, und tragen nichts an ihrem Leibe, was nicht ausser Landes gekauft und verfertigt ist. Die Not des armen Landmannes ruhrt nicht die hartherzigen Minister; sie lesen franzosische Romane und werfen die Suppliken der jammernden Untertanen in die Ecke. Es bekummert sie wenig, ob das Volk sie segne oder ihnen fluche; aber ein erkauftes oder erbetteltes Ordensband von einem fremden Konige, der nie ihren Namen gehort hat, halten sie fur den wahren Stempel ihres Verdienstes; und wenn sie ihr kaltes Herz mit einem silbernen Stern beklebt haben, so sehen sie voll Zuversicht und Unverschamtheit auf bessre Menschen herab. Willst du, dass der Prasident, wenn er um zehn Uhr des Morgens sich aus dem Bette erhebt, beim Fruhstucke, unter der Menge von Briefen, die unerbrochen daliegen, deiner Klage einige Aufmerksamkeit widmen soll, so fange deine Bittschrift mit den Worten an: 'Durch den Fuhrmann N. N. schicke Euer etc. ein Fasschen mit Austern'; und du wirst sehen, wie sich sein Gesicht erheitert. Schwatzer, Windbeutel und unverschamte Ignoranten machen ihr Gluck; das bescheidne Verdienst wird ubersehen. Verwandtschaft, niedrige Schmeichelei und gewissenlose Gefalligkeit sind die Mittel, sich emporzuschwingen. Wenn der ohne seine Schuld Arme einige Taler stiehlt, so wird er gesetzmassig aufgeknupft; wer aber im Handel und Wandel uberfordert, schlechte Ware fur teures Geld liefert, den nennt man einen schlauen Mann. Der Richter, der Sachwalter und der Deputierte durfen ihre Geschafte unnutzerweise in die Lange ziehen, um desto mehr Gebuhren und Diaten zu bekommen; der Tagelohner darf faulenzen, sobald der Aufseher die Augen wegwendet; verdungne Arbeit darf liederlich von der Hand geschlagen werden; der Schneider darf doppelt soviel Zeug zum Kleide berechnen, als er gebraucht hat; zu seiner Rechtfertigung ist es genug, dass es alle ubrige Schneider auch so machen."
"Nein! das ist zu arg!" rief ich aus, als ich dies las, "gibt es nicht edle Fursten, sorgsame Landesvater, wohltatige, aufmerksame Regierungen in Deutschland?"
SOBAN: Nun ja! diese sind also Ausnahme; aber ist darum jenes weniger wahr? Soll man darum von den Gebrechen schweigen, weil sie nicht ganz durchaus allgemein sind?
ICH: Allein das sind ja Gebrechen, die man in allen Staaten, in allen burgerlichen Einrichtungen des Erdbodens antrifft.
SOBAN: Vielleicht! doch sind sie darum nicht notwendig, nicht unvermeidlich. Man rede um desto ofter und lauter davon, um zu bewirken, dass endlich zu ihrer Abstellung Anstalten getroffen werden!
ICH: Was hat dir denn das arme Deutschland getan, dass du das Original zu diesem abscheulichen Gemalde grade daher entlehnst?
SOBAN: Narrischer Kerl! ich schreibe ja ein Journal von meiner Reise durch Deutschland und nicht durch Spanien oder Marokko. Bist du doch wie die mehrsten Menschen, die es ubelnehmen, wenn man die Wahrheit sagt, und, wenn sie die Tatsachen nicht leugnen konnen, mit der elenden Ausflucht gegen uns zu Felde ziehen, dass es andrerorten nicht besser hergeht.
Ich sah wohl, dass Soban nicht zu bekehren war und dass man Ritter, Doktor und Rat sein und dennoch ubereilt und unbillig von den Sitten, die in Landern und Stadten herrschen, urteilen kann.
Da ich immer fortfuhr, zu dem zweiten Transporte der Gelehrten und Kunstler, welche ich nach Abyssinien schicken sollte, Subjekte aufzusuchen und anzuwerben, so hatte ich auch in Regensburg einen Mann bewogen, diese weite Reise zu machen, der mir als ein grosser Chymiker geruhmt wurde. Er trieb hauptsachlich den pharmazeutischen Teil der Scheidekunst und bewies mir durch Zeugnisse und Dokumente, dass er mit gewissen Wundertropfen alle Krankheiten zu heilen imstande ware. Sosehr auch der Vorfall, den mein Vater mit dem Grafen St. Germain erlebt hatte und dessen sich die Leser noch aus dem ersten Teile dieses Buchs erinnern werden, mich hatte von meinem Glauben an Universalarzeneien ablenken konnen, so gestehe ich doch, dass ich nicht imstande war, der einleuchtenden und uberzeugenden Beredsamkeit dieses Mannes zu widerstehen. Ich hielt es vielmehr fur ein grosses Gluck, ihn mit nach Abyssinien spedieren zu konnen, wo es doch wirklich noch in dem Fache der hohern geheimen Naturwissenschaften sehr dunkel aussah. Wir nahmen diesen Mann mit uns, da wir grade noch einen Platz in der dritten Kutsche ubrig hatten; allein der arme Schelm war so schwachlich, dass wir ihn in Munchen zurucklassen mussten, wo er auch vier Wochen nachher starb.
Siebentes Kapitel
Ein neuer Transport von Gelehrten wird nach
Abyssinien geschickt. Unerwartete Nachrichten
notigen zur Ruckreise
Bis jetzt waren wir alle, die wir aus Abyssinien gereiset waren, immer gesund und munter gewesen, den Kronprinzen ausgenommen, der sich, wie ich oben erzahlt habe, durch seine Ausschweifungen allerlei Ubel zuzog; dennoch aber fuhrten wir zwei Arzte in unseren Gefolge, nicht sowohl um uns ihrer Hulfe unterwegens zu bedienen, als vielmehr weil ich den Auftrag hatte, ein paar tuchtige Manner in diesem Fache nach Abyssinien zu schicken, und ich doch diesmal gern die Subjekte, die ich nach Afrika uberschiffen liess, erst genauer kennenlernen wollte. Ich weiss wohl, dass man einem gewissen grossen Manne vorwirft, er habe, bei einem ahnlichen Auftrage, nicht so gewissenhaft in Rucksicht auf ein fremdes Reich gehandelt, sondern dahin ein solches Sortiment von elenden Arzten spediert, dass seit dieser Zeit die Sterblichkeit in Deutschland bei weitem nicht so gross gewesen als vorher. Dem sei, wie ihm wolle! ich tat das Meinige, nahm jene beiden Manner auf dringende Empfehlung einer ganzen Fakultat an und suchte auf der Reise, durch Gesprache mit ihnen (insofern ein Laie dazu imstande ist), mich von ihren Talenten und Kenntnissen zu uberzeugen. Jetzt indessen fand sich auf einmal eine Gelegenheit, wo sie ihre Geschicklichkeit praktisch zeigen konnten.
Wir wurden namlich in Wien zu so viel herrlichen Gastereien eingeladen und dann mit einer solchen Menge von nahrhaften Speisen versehen, dass Manims, des geheimen Sekretars, afrikanische Konstitution dies Ubermass des Guten nicht zu ertragen vermochte; wenigstens schoben wir nachher die Schuld auf die in Wien gefuhrte Lebensart, als er in Prag von einem heftigen Fieber befallen wurde, das anfangs die Wirkung aller Arzneimittel, welche ihm unsre Arzte reichten, vereitelte. Endlich wurde er hergestellt, und dies gab mir, da ich meinen Freund schon fur verloren gehalten hatte, in der Tat sehr grosse Begriffe von der Geschicklichkeit der beiden Askulapen. Soban, der ein Erzspotter war, dachte ganz anders daruber. Er hatte schon vorher seinen Hohn uber die unter Arzten ubliche Terminologie gehabt. Er fand es lacherlich, dass sie etwas mit dem Namen der ersten Wege belegten, was, seiner Meinung nach, offenbar die letzten Wege waren, und dass sie von zwolf ausserordentlichen Dingen redeten, um die allernaturlichsten Dinge von der Welt auszudrucken. Als aber der gute Manim hergestellt wurde, da erzahlte Soban noch, auf Unkosten der beiden Arzte, ein Marchen, dem ich aber keinen Glauben beimessen mochte. Er behauptete namlich, er hatte zu Anfange der Krankheit einmal die beiden Herren belauscht, als sie sich, beinahe bis zum Schlagen, uber den Sitz des Ubels gezankt hatten. Der eine hatte behauptet, es stecke in der Leber, der andre, in der Lunge. Nun hatten sie gegenseitig gedroht, einander als Ignoranten der Welt bekannt zu machen, endlich aber, um die Hoffnung auf die schonen Pensionen in Abyssinien nicht zu verlieren, sich dahin verglichen, dass sie den Kranken auf ein Magenfieber, folglich auf eine Krankheit, von der sie beide glaubten, dass er sie nicht hatte, kurieren wollten und siehe da! das Gluck habe ihre Unwissenheit begunstigt und Manim sei gerettet worden.
Noch einmal! ich hielt dies fur einen mutwilligen Scherz, glaubte dankbar an die Geschicklichkeit der beiden Arzte, und als im nachsten Fruhjahre der zweite Transport von Gelehrten und Kunstlern abging, schickte ich sie nebst den Malern, Bildhauern, Baumeistern, einem Apotheker, zwei Wundarzten, noch einigen Tonkunstlern und verschiednen Fabrikanten und Manufakturisten nach Italien, woselbst sie eingeschifft wurden, glucklich nach Kairo und von da zu Lande weiter nach Abyssinien kamen.
Das Heer der Monche, die wir in den katholischen Gegenden, durch welche wir reiseten, antrafen, fiel unsern Abyssiniern sehr auf. Sie wunschten alle, man mochte diese vollig unnutze Menschenklasse ganzlich aussterben lassen. Ich konnte nicht anders als diesen Wunsch billigen, nur fugte ich die Bemerkung hinzu, es mochte, wenn es einmal dahin kommen sollte, die unnutzen Stande ganz oder zum Teil aufzuheben, doch auch die Reihe solche treffen, die wenigstens ebenso unnutz und vielleicht viel schadlicher waren, und da dachte ich denn freilich, obgleich ich selbst einst Sachwalter gewesen war, an das ungeheure Heer der Advokaten und an manche andre Menschenklassen, die ihren Unterhalt von den Torheiten und Verderbnissen der Leute ziehen.
Die Menge religioser Gebrauche und der zum Teil geschmacklose, kleinliche Prunk, welcher in den katholischen Kirchen herrscht, war gleichfalls ein Stein des Anstosses fur meine Reisegefahrten, die an keinen andern Gottesdienst als an kurze feierliche Gebete gewohnt waren. Nicht besser aber waren sie von den protestantischen Kirchengebrauchen zufrieden. "Etwas fur die Sinne muss jedoch der aussere Gottesdienst haben", sagte Manim, "eben weil es ausserer Gottesdienst ist und die Menschen sinnlich, durch sinnliche Mittel zu ruhren sind und fur hohere Eindrucke empfanglicher gemacht werden. Eine blosse Verstandesreligion, bei welcher gar nicht auf das Gefuhl Rucksicht genommen ware, wurde daher aller aussern Feierlichkeiten entbehren konnen. Sollen aber gottesdienstliche Gebrauche stattfinden, zu welchen sich Menschen aus allen Volksklassen versammeln, so mussen diese Gebrauche nicht kindisch, aber auch nicht langweilig sein. Eine Predigt, das heisst eine Rede uber irgendeinen religiosen Gegenstand, ist eine gute Sache; aber sie kann nicht als ein gottesdienstlicher Gebrauch angesehen werden und wirkt nur bei denen, welche, ihrer Gemutsstimmung nach, grade zu der Zeit an dem verhandelten Gegenstande teilnehmen konnen, und nur bei denen, welchen der Vortrag gut und geschmackvoll vorkommt, also bei einer sehr kleinen Anzahl von Zuhorern, einige Ruhrung; wirkt durch den Verstand auf das Herz, statt dass das Wesen des aussern Gottesdienstes gewiss darin bestehn soll, durch das Gefuhl, durch das Herz, durch die Sinne auf den Verstand, auf den Willen zu wirken. Sollte nun aber ein kalter Rasoneur oder sogenannter Philosoph alle aussern sinnlichen Mittel, namlich Feierlichkeit, einfache Pracht, Zauber der Musik, der Baukunst und der Malerei fur unwurdige Mittel halten, das Herz zur Gottesverehrung zu stimmen, so wird er doch zugeben mussen, dass es noch viel unverstandiger und unwurdiger sei, Eindrucke von ganz entgegengesetzter Art zu bewirken und solche gottesdienstliche Gebrauche einzufuhren, die jeden Mann von edelm Geschmack, von feinem Gefuhle und von gesunder Vernunft emporen, ihm Langeweile machen und dem hochsten Wesen, wenn es sich herabliesse, dies Unwesen zu beschauen, ausserst missfallig sein mussten. Nun besuche man aber einmal eure protestantischen Kirchen, besonders auf dem Lande, und erstaune uber die Verkehrtheit der Menschen! In dem geschmacklosesten, feuchtesten, kaltesten und schmutzigsten Gebaude des ganzen Stadtchens oder Dorfs versammelt sich das Volk beiderlei Geschlechts und setzt sich, teils wie in den Schulen auf Banken, teils in kleinen holzernen Kasten, den Tollhauskojen gleich, teils auf andern erkauften oder nicht erkauften Platzen, in groteskem Anputze hin. Dann beginnt ein Gesang, dessen Poesie oft platt und komisch, die Musik abscheulich und die Begleitung einer verstimmten Orgel unertraglich ist. Ein Schulmeister gibt mit grasslich verzerrtem Gesichte die Melodie an und wiederholt durch die Nase die letzten Worte jedes Verses. Einige hundert unmusikalische Menschen brullen aus Leibeskraften mit. Und solcher Gesange muss man vielleicht sechs in einer Sitzung horen. Wollt ihr durchaus Musik geben, so gebet gute Musik! Soll gesungen werden, so lasset doch Menschen singen, die singen konnen! Zwischendurch werden von einem Manne in einer grossen Perucke, in heulendem Tone, Stellen aus der Bibel verlesen; es werden Gebete gesprochen, die jedermann auswendig weiss. Dann tritt der Geistliche in einen kleinen, erhaben gestellten Kasten und halt eine Rede, die nur auf den Gemutszustand weniger Zuhorer passt. Hierauf geht das Gebrulle noch einmal an, und am Ende spielt der Organist ein lustiges Stuckchen, worauf die Versammlung, wovon die Halfte geschlafen hat, im Winter durch und durch gefroren, im Sommer von den Dunsten fast erstickt ist, auseinandergeht. Und das soll ein dem erhabensten Wesen gefalliger, zu wahrer Andacht erweckender Gottesdienst sein? Versammelt euch doch lieber in einfach verzierten, reinlichen Gebauden, wo gesunde, gemassigte Luft herrscht! Lasset vier Menschen, die gute Stimmen haben und musikalisch sind, kurze, erhabne Hymnen singen! Euer Priester trete in einem anstandigen und geschmackvollen Gewande auf und bete aus der Seele! Fallet auf eure Knie und betet ihm in der Stille nach! Lasset ihn eine kurze Rede in kunstloser, aber warmer Herzenssprache uber die Schonheiten der Natur und die Herrlichkeiten der Schopfung halten! Das Ganze daure nicht zu lange und komme nicht zu oft, damit ihr mit Vergnugen und Wonne die Tempel besuchet und in froher, heitrer Stimmung wieder herausgehet!"
Ich glaubte, dass Manim recht hatte; aber was ist zu tun? Einzelne Fursten, besonders die Regenten kleinerer Staaten, konnten freilich nach und nach, mit Vorsicht und ohne das gegen jede Neuerung eingenommene Volk zu emporen, zweckmassige Verbesserungen in der Liturgie einfuhren, und so wurde der Nachbar dem Beispiele folgen; eine allgemeine Veranstaltung dieser Art von seiten aller protestantischen Fursten hingegen ist wohl weder zu erwarten noch auszufuhren; allein das ist gewiss, dass die taglich mehr einreissende Gleichgultigkeit gegen Religion grosstenteils mit von der geschmacklosen Einrichtung unsers aussern Gottesdienstes herruhrt und dass man es wahrlich, bei immer mehr zunehmender Aufklarung und Ausbreitung eines eklern Geschmacks in allen Standen, einem Manne, der kein Heuchler ist und nicht etwa, seiner burgerlichen Lage nach, andern ein Beispiel geben muss, nicht ubel deuten kann, wenn er selten die Kirchen besucht, wo er nicht nur weniger als zu Hause zur Andacht gestimmt wird, sondern auch totende Langeweile und Emporung seines Sinnes fur alles, was schon und gross ist, seiner wartet.
In einem sachsischen Dorfe sahen wir auf dem Gute des Edelmanns einen Auflauf von Menschen; wir fragten nach der Ursache und erfuhren, dass der Besitzer dieses Guts kurzlich gestorben war; der, welchen jedermann fur den rechtmassigen Erben hielt, befand sich ausser Landes. Nun nutzte ein andrer, der Anspruche auf die Verlassenschaft machte, diesen Augenblick, um sich vorerst in den Besitz zu setzen. "Und wie fangt der Mann das an?" fragte Manim. "Er lasst", antwortete man ihm, "von einem Notarius und Zeugen einen Splitter aus der Haustur schneiden, Feuer auf dem Herde anzunden, den Schafen ein bisschen Wolle abschneiden, und nun erlangt er dadurch den Vorteil, dass er in Possession des Guts bleibt, seine Anspruche mogen auch noch so ungegrundet sein, dass sein Gegner klagen muss und vielleicht das Ende des Streits nicht erlebt." "Aber", rief Manim und wendete sich gegen mich, "ist dieser Gebrauch allgemein in Deutschland eingefuhrt?" "Nichts weniger", sprach ich, "und ich denke, er sollte nirgends Platz finden, wo man Billigkeit und gesunde Vernunft respektiert; allein", fugte ich hinzu, "es gabe noch wohl wichtigre Missbrauche in der Justizverfassung einzelner deutscher Staaten abzuschaffen, wenn sich das ebenso leicht tun liesse, als man daruber rasoniert. Glaubst du zum Beispiel wohl, dass es bei uns Lander gibt, in welchen die Tortur, das Monument der grausamsten Barbarei, noch jetzt im Gange bleibt?"
MANIM: Tortur? Was ist das?
ICH: Eine Reihe von korperlichen Peinigungen, durch welche man dem Verbrecher das Gestandnis seiner verubten Schandtaten zu entlocken sucht.
MANIM: Aber wenn nun der Bosewicht so starke Nerven hat, dass er die Martern aushalt und dennoch nicht bekennt? oder wenn der unschuldig Angeklagte, von der Grausamkeit der Schmerzen uberwaltigt, Verbrechen gesteht, die er nie begangen hat?
ICH: Von dem letztern Falle hat man, wenigstens in Deutschland, nur sehr seltene Beispiele.
MANIM: Ich dachte, eines ware genug, um diesen schandlichen Gebrauch abzuschaffen.
ICH: Es wird aber auch nicht eher jemand zur Tortur verurteilt, als bis er schon des Verbrechens uberwiesen ist. Bekennt er dann nicht, so wird er doch nicht freigelassen. Hochstens kann er der Todesstrafe entgehen; ein lebenslangliches Gefangnis erwartet nichtdestoweniger seiner.
MANIM: Nun! so dachte ich doch, es sei hundertmal menschlicher, einen Bosewicht mit einer geringern Strafe davonkommen zu lassen, als ein einzig Mal sich dem erschrecklichen Falle auszusetzen, einen Mitburger unverdienterweise zu peinigen.
ICH: Die Gesetze fordern das eigne Gestandnis.
MANIM: Das ist toricht, wenn man die Sache schon gewiss weiss.
ICH: Und der Verbrecher soll die Mitschuldigen angeben.
MANIM: Meine gesunde Vernunft getrauet sich zu beweisen, dass dies die hochste Grausamkeit ist. Der Staat kann den Burger, welcher in diesem Staate leben will, zwingen, nach den moralischen Grundsatzen zu handeln, die der grossere Teil des Volks als richtig und heilsam erkannt und ihnen gesetzliche Kraft gegeben hat. Er kann den, welcher dagegen handelt, bestrafen, ausstossen, einsperren; er kann offenbar gewordne Handlungen richten, nie aber kann er, ohne die hochste Tyrannei, das Bekenntnis verborgen gebliebner Ubertretungen durch grausame Martern erzwingen.
ICH: Ich sehe, du bist kein Jurist.
MANIM: Nein! ich bin ein Mann, der gesunde Vernunft und Freiheit und Menschenwurde respektiert. Reden wir nicht mehr davon!
Allein ich will auch die Leser nicht langer mehr mit den Bemerkungen meiner abyssinischen Reisegefahrten uber solche Dinge, welche ihnen in Deutschland auffielen, ermuden; was ich davon erzahlt habe, das sollte ihnen nur zeigen, aus welchen sonderbaren Gesichtspunkten zuweilen die Leute, denen europaische Verfassungen fremd sind, dergleichen Gegenstande ansehen. Dass es ubrigens unbillig sein wurde, wenn man ihre verkehrten Meinungen auf meine Rechnung schreiben wollte, das versteht sich, wie ich glaube, von selber. Kurzer aber habe ich mich unmoglich fassen konnen. Ich bin in sieben Kapiteln einen Zeitraum von mehr als funf Jahren durchlaufen; denn so lange waren wir jetzt aus Abyssinien abwesend gewesen, und nun bin ich schon im Begriffe, von unsrer Ruckreise zu reden.
Im August des Jahrs 1777 namlich bekam ich, eben als ich mit dem Kronprinzen und seinem Gefolge in Berlin war, einen Brief von meinem Herrn Vetter, dem Minister von Wurmbrand. Dieser Brief enthielt den Befehl, gleich nach Empfang desselben Anstalt zu unsrer Ruckkehr nach Abyssinien zu machen, so schnell als moglich zu reisen und den kurzesten Weg zu nehmen. "Seine Majestat der Konig", schrieb mir mein Vetter, "befinden sich in sehr bedenklichen Gesundheitsumstanden und wunschen den Thronerben hier zu sehn. Ihr musst also die Ruckreise Seiner Hoheit, soviel sich's nur irgend tun lasst, beschleunigen. Allein der Weg ist weit, und ich zweifle sehr, dass der Prinz seinen Herrn Vater noch lebendig antreffen wird. Indessen hoffe ich, mein lieber Vetter, es wird sich unser kunftiger Monarch unter Eurer Anleitung so gebildet haben, dass die Lander, welche nun unter seinem Zepter stehen werden, sich bluhende, gluckliche Zeiten versprechen konnen. Ich darf dabei Eurer Klugheit und Redlichkeit zutrauen, dass Ihr nichts werdet versaumt haben, nicht nur Euch Seiner Hoheit Gunst, Gnade und Vertrauen zu erwerben, sondern auch, bei schicklichen Gelegenheiten, dem Prinzen meine eifrigen und treuen Dienste von einer solchen Seite zu schildern, dass ich ruhig und ohne Besorgnis der nahe bevorstehenden Regierungsveranderung entgegensehen konne." Sobald ich diesen Brief erhielt, machte ich dem Kronprinzen den Hauptinhalt desselben bekannt, und zwei Tage nachher befanden wir uns schon auf der Ruckreise nach Abyssinien.
Achtes Kapitel
Etwas uber den Prinzen. Ruckkunft nach Gondar
Der letzte Teil von meines Herrn Vetters Briefe, namlich was den Kronprinzen und meinen Einfluss auf denselben betraf, machte mir in der Tat unruhige Nachte, und meine Beklemmung nahm zu, je mehr ich ihn, nachdem er die Nachricht von des Konigs gefahrlichen Gesundheitsumstanden erhalten hatte, auf der Reise beobachtete. Der Minister erwartete, wie ich aus seinen Ausserungen sah, nun bald einen durch meine Sorgfalt und durch eigne Erfahrungen gebildeten wurdigen Fursten auf Abyssiniens Thron zu sehen und ach! wie wenig Ursache hatte ich, seinen Hoffnungen einen guten Erfolg zu versprechen!
Ich habe schon im funfzehnten Kapitel des ersten Teils dieses Buchs, als ich den Charakter der beiden koniglich abyssinischen Prinzen schilderte, ein Bild von diesem altesten entworfen, das, leider! zu erkennen gab, welche schlimme Anlagen dieser Konigssohn schon in seiner fruhen Jugend verriet, und was ich von seiner Auffuhrung in Kassel und uberhaupt auf der Reise erzahlt habe, passt vollkommen zu jenen Zugen. Dass ich es an Eifer, Fleiss und Ermahnungen nicht mangeln liess, um bessere Gesinnungen und Gefuhle in ihm zu erwecken, das kann ich auf meine Ehre versichern; aber ich muss es gestehen, als ich sah, dass alle meine Vorstellungen vergebens waren, dass die Schmeicheleien der Hofschranzen, die man uns mitgegeben hatte, nebst den bosen Beispielen, die er an den Hofen und in den Stadten, welche wir besuchten, sahe, machtiger auf ihn wirkten als meine Lehren und oft in einer Stunde alles vereitelten, was ich durch wochenlange Predigten bewirkt zu haben glaubte, da verlor ich den Mut und wurde, um mich ihm zuletzt nicht durchaus verhasst zu machen, nachsichtiger gegen ihn und wenn man glaubt, dass es Pflicht sei, auch da zu arbeiten, wo man gewiss weiss, dass alle Arbeit verloren ist nachlassiger in Erfullung meiner Pflichten.
Die kalte, unteilnehmende Seele des Prinzen war schlechterdings durch nichts, was gute Menschen interessiert, zu ruhren. Glaubte ich zuweilen wohlwollende Aufwallungen in ihm zu bemerken, so erfuhr ich doch bald nachher, dass diese entweder nur von schwachen Nerven herruhrten, die manchen unwillkurlichen Eindrucken nicht zu widerstehen vermochten, oder dass er, wie das bei sanguinischen Temperamenten nicht ungewohnlich ist, sich hingab, wo diese Hingebung ihm eignen Genuss gewahrte, auch keine Art von Aufopferung kostete, und dass er aus Langerweile Freundschaften schloss, wobei sein Herz nicht war.
Eitel im hochsten Grade und nur dann herablassend, gefallig und hoflich, wenn er Schmeichelei und niedrige Gefalligkeit dafur einzuernten hoffen durfte, hatte er keinen Sinn fur fremdes Verdienst, schatzte niemand, betrachtete alle Menschen als geborne Sklaven und sich von der Natur bestimmt, hoch uber sie alle dazustehen und sie zu Werkzeugen seiner torichten Unternehmungen zu machen. Er hielt jedermann fur eigennutzig, glaubte so wenig andre fahig, aus Liebe zum Guten, ohne Nebenabsichten zu handeln, als er selbst in sich fuhlte, wie wenig er imstande war, etwas aus edlern Trieben zu unternehmen. Der Gedanke, dass jedermann Plane auf seine Schatze machte, trieb ihn zu dem schmutzigsten Geize; wo es aber Befriedigung seiner Luste oder seiner kindischen Eitelkeit galt, da warf er grosse Summen weg.
Sein Hang zu Ausschweifungen und sinnlichen Vergnugungen aller Art nahm mit jedem Jahre zu, und bald wurde ihm eine ununterbrochne Reihe von wollustigen und betaubenden Freuden zum Bedurfnisse.
Nicht eine Spur von wahrhafter Festigkeit war in seinem Charakter; momentane Eindrucke, Launen und Grillen bestimmten ihn; aber in dem Augenblicke, dass er etwas wollte, durfte nichts der Erfullung seiner Wunsche im Wege stehen; allein er hob die Schwierigkeiten nicht, sondern ertrotzte es von andern, dass diese sie aus dem Wege schaffen mussten.
Ich sah bald, dass dieser Junglingscharakter einen Mann ankundigte, der einst als kalter Tyrann und schwacher Wollustling vieltausend Menschen elend machen wurde, und mit traurigem Herzen wurde ich gewahr, dass er aus jeder fremden Stadt, die wir besuchten, neue Laster, verstarkte Eindrucke zu Ausbildung seiner unglucklichen Gemutsart mit sich nahm. Wo Verderbnis der Sitten herrschte und die Gelegenheit zu Ausschweifungen haufig war, da ergab er sich blindlings seinem Hange zur Wollust und Vollerei. Wo der Despotismus am hochsten getrieben wurde, da bestarkte er sich in seinen Grundsatzen von unbedingtem Gehorsame, den er forderte. Statt in den preussischen Staaten die unermudete Wachsamkeit und Tatigkeit des grossen, unsterblichen Friedrichs zum Wohl seiner glucklichen Untertanen anzustaunen und zum hochsten Ideale eines Vorbilds fur ihn zu machen, freuete er sich nur, wenn er horte, dass der weise Monarch nicht litte, dass man ihm widersprache, und nahm die Idee aus Berlin mit, dass ein Konig nie irren konne. Er ahmte nicht die Einfalt, Gradheit, Prunklosigkeit und Popularitat des edeln, fur die gute Sache so warmen Josephs nach, aber er legte die Art zu handeln des Kaisers nach seiner Weise aus und bildete sich daraus ubel verstandne Grundsatze zu Unterdruckung und Demutigung aller hohern Stande und zu willkurlicher Anwendung einer unumschrankten Gewalt, die keine Gesetze, keine Meinungen, kein Eigentum respektiert; und statt von Karl Theodor zu lernen, wie ein Furst Talente, Wissenschaften und Kunste ermuntern und belohnen soll, nahrte er in Mannheim und in Munchen seinen Hang zur Unkeuschheit, zur Unmassigkeit und zur Pracht.
Kurz, er kam an Leib und Seele sehr viel verderbter zuruck, als er ausgereiset war; dennoch aber war es mir gelungen, ihm eine gewisse Furcht vor meinen strengen Grundsatzen einzuflossen, insoweit namlich, dass er sich doch scheuete, in meiner Gegenwart sich ganz so zu zeigen, wie er war, ganz so zu handeln, wie er gern gehandelt hatte. Allein auch dieser Uberrest von Scham verschwand, als er den Brief gelesen hatte, den ich aus Abyssinien erhielt. Nun sahe er sich schon in Gedanken auf dem Throne eines grossen Reichs, uber jede Einschrankung, jede Rucksicht hinaus; von diesem Augenblick an veranderte sich sein Gesicht gegen mich, und er behandelte mich, als wenn ich der geringste seiner Sklaven gewesen ware.
Wie wenig er sich nun noch um meinen Beifall und meine Achtung bekummerte, davon gab er mir, als wir uns in Venedig einschifften (denn wir nahmen den Weg durch Tirol dahin), eine auffallende Probe. Er hatte namlich in Kassel Bekanntschaft mit einer verbuhlten und rankevollen franzosischen Schauspielerin gemacht und diese wahrend der ganzen Zeit seines Aufenthalts in dieser Stadt unterhalten. Ich habe oben erzahlt, dass seine Hofleute, sobald sie merkten, dass er sich dergleichen Ausschweifungen ergabe, ihm allen Vorschub dazu leisteten; unter diesen Kupplern und Gelegenheitsmachern war aber keiner so geschaftig als der erste Kammerjunker Seiner Hoheit, welcher Stilky hiess. Dieser Mensch machte mir unerhort viel Kummer; er war unerschopflich an Ranken und Niedertrachtigkeiten und der einzige, der sich durch schandliche Gefalligkeit dem Prinzen notwendig zu machen verstand.
Als wir Kassel verliessen, hatte Stilky die Veranstaltung getroffen, dass die franzosische Schauspielerin uns nachreisen musste. Es befremdete mich ein wenig, in Frankfurt am Main und nachher in Mannheim im Schauspiele und an andern offentlichen Ortern ein Frauenzimmergesicht wahrzunehmen, das ich schon ofter gesehen zu haben glaubte; allein ich dachte nicht weiter daran, bis ich dieselbe Person wiederum in Munchen in der Oper, und zwar mit Seiner Hoheit im Gesprach begriffen, fand. Da merkte ich nun wohl, dass dies Zusammentreffen nicht von ungefahr kam. Der Prinz schlich oft gegen Abend, allein von Stilky begleitet, aus und kam dann erst gegen die Morgendammerung wieder zu Hause. Es wurden mir von den Ortern her, durch welche wir gereiset waren, Wechsel, die der Prinz ausgestellt hatte, zur Zahlung vorgelegt, ohne dass ich deutlich sah, wozu er diese Summen angewendet haben konnte. Das alles war mir sehr unangenehm; aber was sollte ich tun? Vorstellungen halfen nicht; er war kein Knabe mehr, gegen den ich heftigre Mittel hatte anwenden, ihn etwa einsperren konnen; am Ende war es auch wohl fur seine Gesundheit wenigstens besser, wenn er doch nun einmal ausschweifen wollte und musste, dass er sich an ein einziges Frauenzimmer hing, als wenn er aus einem beruchtigten Hause in das andere gelaufen ware. Wenn wir Europa verlassen, dachte ich, so wird doch die Dame zuruckbleiben mussen, und habe ich den Prinzen erst in Gondar abgeliefert, dann mogen andre die Sorgen ubernehmen, auf seine Schritte achtzugeben!
Allein wie soll ich mein Erstaunen schildern, als er in Venedig in mein Zimmer trat und mit einem hohen, befehlenden Ton und Blicke mir ankundigte, dass ich dafur sorgen musste, eine Dame, welche ihn nach Abyssinien begleiten wurde, nebst ihren Domestiken mit an Bord zu nehmen und ihnen alle Gemachlichkeiten zu verschaffen. Jetzt glaubte ich reden zu mussen, und ich tat das mit Nachdruck. Von ernsten Vorstellungen und mannlichen Weigerungen liess ich mich zu den dringendsten, flehentlichsten Bitten herab alles umsonst! Ich mischte Spott und Satire hinein, suchte seine Eitelkeit rege zu machen, ihm vorzumalen, wie schimpflich es fur einen Fursten sei, sich in den Fesseln einer feilen Dirne zu schmiegen alles vergebens! Endlich erklarte er mir mit dem frechsten Ungestum, dass die Zeiten voruber waren, wo ich ihn hatte als ein Kind behandeln durfen, und dass, wenn einer von uns beiden, die Franzosin oder ich, in Europa bleiben musste, die Reihe mich treffen wurde.
Nun schwieg ich, aber ich warf einen Blick auf ihn, der ihn hatte erroten machen mussen, wenn afrikanische Fursten erroten konnten. Die Buhlerin wurde, nebst zwei Kammermadchen und zwei Livreebedienten, eingeschifft, und wir segelten mit gunstigem Winde aus dem Golfo di Venezia ab.
Nie ist mir eine Reise unangenehmer, langweiliger gewesen als diese Seereise von Venedig bis Alexandrien. Unser Schiff glich einem schwimmenden Bordelle. Vom fruhen Morgen bis in die spate Nacht wurden Bacchanale gefeiert, und die zugelloseste Frechheit herrschte in Reden und Handlungen. Sobans und Manims Gesellschaft waren mein einziger Trost. Wir sassen, sooft wir konnten, in einer kleinen Kajute oder auf dem Verdecke zusammen, suchten zu vergessen, von was fur Menschen wir umgeben waren, unterredeten uns miteinander oder lasen und hatten die Ehre, spottweise von der ausgelassenen Bande die Philosophen genannt zu werden.
In Alexandrien fanden wir alles zu der Landreise durch Agypten und Nubien in Bereitschaft. Mein Herr Vetter hatte dafur gesorgt; Kamele und Elefanten nebst allen Lebensbedurfnissen und einer zahlreichen Bedeckung hatten schon seit zwei Monaten auf uns gewartet; bei Abreise des Zugs hatte der alte Negus noch gelebt.
Hier nun teilte ich mit des Kronprinzen Erlaubnis die Karawane in zwei Teile. Die Wahrheit zu gestehen, so schamte ich mich, mit dem Gefolge dem Konige und dem Minister unter die Augen zu treten; ich wollte also vorausreisen und sie erst vorbereiten zu dem, was sie sehen wurden. Mit mir reisete Soban, der ein herzliches Verlangen hatte, Weib und Kind wiederzusehen. Wir nahmen nur wenig Leute mit; Manim blieb, mit dem Reste der Suite, bei dem Prinzen und fuhrte den zweiten Zug. Wir kamen zu Anfange des Februars im Jahre 1778 in Gondar an; der Kronprinz hielt zehn Tage spater seinen Einzug in der Residenz.
Neuntes Kapitel
Schilderung des Zustandes, in welchem der
Verfasser den Hof in Gondar fand. Betragen des
neuen Konigs
Sobald ich die Grenzen des abyssinischen Reichs betrat, erfuhr ich, dass der gute alte Konig vor vier Wochen gestorben ware. Nach allem, was ich von dem Kronprinzen und meinen Verhaltnissen mit ihm gesagt habe, wird man leicht begreifen, dass diese Nachricht mich recht sehr niedergeschlagen machte. Ich trat in Gondar sogleich in dem Hause meines Herrn Vetters, in welchem, wie man weiss, auch ich wohnte, ab und wurde von ihm, der mich langst sehnlich erwartet hatte, liebreich empfangen. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, legte er mir tausend Fragen uber die Erwartungen vor, die man von dem neuen Monarchen hegen durfte, und ich hielt es fur Pflicht, ihm offenherzig zu gestehen, wie wenig Gluck ich dem Lande von dieser Veranderung versprechen konnte.
Ich habe im ersten Teile dieses Buchs den alten Negus so treu als moglich geschildert. Das war freilich nicht das Gemalde eines grossen Regenten, aber doch eines Mannes, der das Gute mit Warme zu lieben, zu wunschen und zu befordern imstande war; der sich gern unterrichten, gern etwas in der Welt ausrichten wollte, das nutzlich und lobenswert ware; der dabei, obgleich er eine zu hohe Meinung von sich selber hatte und gern glanzen wollte, dennoch auch fremdem Werte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, guten Rat anzunehmen, nutzliche Dienste zu erkennen und zu vergelten wusste; endlich der, soviel er auch auf seinen Furstenstand und auf unumschrankte Gewalt hielt, doch kein eigentlicher Tyrann war.
Wie der Kronprinz von allen diesen Zugen nicht einen einzigen hatte, wie er dagegen alle Fehler seines Vaters in dem hochsten Grade und Ubermasse mit unzahligen Lastern vereinigte, wovon in des alten Negus Charakter keine Spur zu finden war, das wissen die Leser nun auch. Meinem Vetter aber entfiel der Mut, als er diese Umstande erfuhr. Indessen war es der Klugheit gemass, dies gegen niemand zu aussern und ruhig abzuwarten, welche Wendung das Ganze nehmen und wie sich der neue Konig bei seiner Ankunft gegen jedermann betragen wurde.
Das Volk in allen Landern ist, wie bekannt, nie von der gegenwartigen Regierung vollkommen zufrieden, verspricht sich unter dem Zepter des Thronfolgers ein Goldnes Zeitalter und hegt immer von den Kronprinzen gewaltige Hoffnungen, von welchen es dann gewohnlich, nach Jahresfrist, wenn der neue Herr nicht jeden unruhigen Kopf zufriedenstellt, tief wieder herabsinkt und den hochseligen Fursten wieder aus dem Grabe hervorwunscht. So ging es auch hier! Noch ehe der Prinz nach Gondar kam, lief schon der Ruf seiner grossen Tugenden, seiner Menschenliebe, Huld, Weisheit und Gerechtigkeit vor ihm her, und die Zeitungen waren voll Anekdoten von edlen Zugen und Proben der liebenswurdigsten, erhabensten Denkungsart, die er auf seiner Reise hatte blicken lassen und wovon ich freilich nichts gesehen hatte. Als er nun aber vollends seinen feierlichen Einzug in der Residenz hielt, schon geschmuckt auf einem Elefanten sass und von beiden Seiten mit furstlicher Herablassung und Freundlichkeit den herzudringenden Haufen anlachelte, die Gluckwunsche in Prosa und Versen und die leeren Komplimente so gnadig annahm und so artig beantwortete, da erschallten aus allen Ecken die Ausrufungen: Oh! der gute Herr! der gnadige Herr! das ist ein Herr! wie wird nun das Land so glucklich sein!
Es kostet die Fursten sehr wenig, die Herzen des Pobels zu ihrem Vorteile zu stimmen; das eingewurzelte Vorurteil, dass diese Menschenklasse aus Wesen hoherer Art besteht, wirkt, dass man alles, was sie Menschliches tun, fur Herablassung erklart. Durch diese sklavische Anbetung hat man wirklich den mehrsten von ihnen so den Kopf verdreht, dass sie glauben, was andre ihnen erwiesen, das ware strenge Pflicht, was sie hingegen fur andre taten, blosse willkurliche Gnade. Man sollte ihnen doch von Jugend auf sagen, dass Titus ein eitler Narr war, wenn er ausrief, der Tag sei verloren, an welchem er nicht eine gute Handlung begangen, eine Wohltat erzeigt hatte. Das ist bei allen Menschen in der Welt der Fall, dass die Tage verloren sind, an welchen man nichts Gutes tut; aber bei Fursten ist es keine Kunst, Wohltaten zu erzeigen, denn sie nehmen die Mittel dazu aus fremden Geldbeuteln. Was sie geben, gehort nicht ihnen, sondern dem Staate; was man von ihnen erbittet, insofern man es mit Gerechtigkeit von ihnen erbitten kann, ist nicht mehr und nicht weniger, als was man sich selbst geben oder nehmen wurde, wenn man nicht daruber einig geworden ware, einem gemeinschaftlichen Ausspender und Verwalter sich anzuvertrauen, und dieser hat Ursache, dem Volke dafur zu danken, dass es ihm erlaubt, auf so wohlfeile Art Gutes zu tun und Menschen froh zu machen, ohne dass es ihm etwas kostet. Man verzeihe mir diese Ausschweifung! Das sind Wahrheiten, die man nicht oft genug sagen kann. Kehren wir nun zu unserm neuen Konige zuruck!
Jedermann war nun in Erwartung, wodurch der junge Negus den Antritt seiner Regierung bezeichnen wurde. Die ersten Monate verstrichen mit Feierlichkeiten, Kronungen, Huldigungen, mit Erteilung von Titeln, Orden und Ausspendungen von Geschenken an allerlei gute, schlechte und unbedeutende Menschen. Da Seine Majestat sich nicht gern mit Arbeiten abgaben und mein Herr Vetter als ein fleissiger, der Geschafte kundiger Mann bekannt war, dem Negus auch als Kronprinzen nie etwas zuleide getan hatte, so blieb es anfangs mit ihm beim alten, und er behielt seine Stellen und Wurden. Was mich betrifft, so hatte ich freilich eine Beforderung zu hoheren Ehrenamtern erwarten konnen; denn es hatte mir der alte Negus dergleichen versprochen, wenn ich den Prinzen glucklich zuruckbrachte. Allein man weiss ja, wie wenig ich mich bei dem jungen Herrn und seinen Gunstlingen eingeschmeichelt hatte; ich blieb also, was ich war, Baalomaal, und konnte froh sein, dass ich nicht verabschiedet wurde. Einige schiefe Gesichter, die ich zuweilen bekam, und je einmal einen matten Spott uber langweilige Philosophen abgerechnet, ging mir's also nicht schlimm. Manim wurde Finanzrat, Soban aber erhielt eine Pension und die Erlaubnis oder vielmehr den Wink, mit seiner Familie nach Sire zu ziehen, woher er geburtig war. Sein Hofnarrenamt wurde ihm den Freibrief gegeben haben, ungestraft derbe Wahrheiten zu sagen, und die hatte man nicht Lust zu horen.
Der neue Konig wurde nun mit Bitten und Klagen aller Art besturmt, wie denn bei solchen Regierungsveranderungen alles Alte wieder aufgeruhrt zu werden pflegt und nun jeder das durchsetzen zu konnen hofft, was ihm bis jetzt nicht hat glucken wollen. Die mehrsten dieser Bittschriften wurden dem Minister zur Prufung, und um das Notige zu verfugen, von Seiner Majestat ubergeben, und dies gab meinem Herrn Vetter wirklich Gelegenheit, manche nutzliche Abanderung zu machen, wovon der alte Negus, aus einem kleinen Eigensinne oder irgendeinem Vorurteile, nichts hatte horen wollen. Die Rate in allen Departements suchten sich angenehm zu machen und kamen mit nutzlichen Vorschlagen, die zum Teil ausgefuhrt wurden. Wo irgend in Geschaften Schlafrigkeit eingeschlichen war und Sachen liegengeblieben waren, da trat nun neue Tatigkeit ein. Die Ehre von diesem allen fiel auf den jungen Konig, und da hiess es wieder: Sehet! das ist ein Herr! der sorgt fur sein Land!
Es war unter der vorigen Regierung den Untertanen eine gewisse Auflage zugemutet worden, die ein wenig druckend fur einige Klassen der Burger schien. Die Summen waren zum Teil nicht einzutreiben gewesen, aber immer in den Rechnungen liquidiert worden. Man legte dem neuen Konige ein langes Verzeichnis dieser inexigibeln Posten vor, und Seine Majestat hatten die hohe Gnade zu befehlen, dass ein Strich dadurch gemacht werden sollte Sie schenkten den Untertanen, was doch nie zu erlangen war , und alle Zeitungen posaunten, es habe der huldreiche Monarch dem Lande einen grossen Teil der ruckstandigen Abgaben erlassen. Weiter fiel in dem ersten halben Jahre eben nichts Neues vor; nun schwiegen nach und nach die Stimmen der Lobredner; mancher hatte auch nicht erlangt, was er gehofft und erbeten hatte; da fing man denn an, Seine Majestat mit kalterm Blute in der Nahe zu beobachten, und wir werden kunftig horen, was man bemerkte.
Zehntes Kapitel
Nachricht von den Fortschritten, welche indes die
Aufklarung in Abyssinien gemacht hatte
Es ist Zeit, dass wir nun sehen, wie weit das edle Aufklarungsgeschaft in Abyssinien bis zu der Thronbesteigung des neuen Konigs vorgeruckt war.
Wir haben gehort, dass der gute alte Negus sehr ernstlich darauf bedacht war, Wissenschaften und Kunste in seinem Lande bluhen zu machen, dass er dabei dem Rate meines Herrn Vetters folgte und alles auf europaischen Fuss einzurichten sich bestrebte. Die Universitat in Adova kam bald in grossen Flor; die von mir nach Abyssinien spedierten Gelehrten und Kunstler suchten, jeder in seiner Art, sich Ruhm, Anhang, Schuler und Zoglinge zu verschaffen. Wo sie in den niedern Standen einen Knaben entdeckten, in dem ein Funken eines hohern Genius loderte, da zogen sie, wie sie das nannten, das verborgne Talent aus dem Staube hervor; der Bauerjunge lief vom Pfluge weg und setzte sich an den Schreibtisch oder hinter die Staffelei, und der Gartner warf das Grabscheit in die Ecke, um die Geige zur Hand zu nehmen; der Schuster machte Verse und beschmutzte seine Dichterwerkzeuge nicht mehr mit garstigem Pechdrahte; Akademien der bildenden Kunste wurden gestiftet, Preise ausgeteilt, und der alte Negus freuete sich herzlich, in Prosa und Versen als ein zweiter August geschildert zu werden und von einheimischen Kunstlern hundertmal sein Antlitz auf Leinwand getragen und in Marmor gehauen zu sehen.
Die schonen Kunste haben etwas sehr Verfuhrerisches; bald wurde im ganzen Reiche in allen Ecken gepinselt, gefiddelt, geleiert, gedichtet, und wer auch uber diese angenehmen Zeitvertreibe nicht jede burgerliche und hausliche Beschaftigung aufgab, der teilte doch seine Zeit zwischen nutzlicher Tatigkeit und dem Umgange mit den gefalligen Musen. Man fing an einzusehen, dass es zu einer guten Erziehung gehorte, nicht fremd in den schonen Kunsten zu sein, sich angenehme Talente zu erwerben; die jungen Madchen liessen die einformige Spindel ruhen und sangen und spielten susse abyssinische Lieder.
Man weiss, welchen Einfluss Poesie und Musik auf das Herz und die Sitten haben; auch in Abyssinien wurde dieser Einfluss sichtbar. Susses Schmachten und zartliche Sehnsucht schwammen nun in den Blicken der kultiviertern Burgertochter; nun erst sahen sie, welch ein liebliches, holdes Gesicht der bescheidne Mond hatte und wie traulich er auf sie herablachelte, wenn sie der langweiligen Spinnstube entschlichen und Arm in Arm mit den Nachbarssohnen in dem stillen Garten umherschlenderten. Der kleine lose Liebesgott nutzte diese glucklichen Stimmungen; der Schalk war allerorten und liess den bedachtlichern Hymen zu Hause. Man kam zuruck von den altvaterischen Begriffen von ubertriebner Sittsamkeit und Keuschheit. Sich des Lebens zu freuen, zu geniessen, hier, wo so reiche Fulle ist, die schone Jugend nicht zu vertraumen und eine Handvoll kurzer Jahre nicht mit ernsthaften Grillen zu verderben das war die bessere Philosophie, welche jetzt die weiser gewordnen, aufgeklarten, gebildeten Abyssinier studierten und in Ausubung brachten.
Die Grossen des Hofs und uberhaupt die Edelleute, die Affen des Monarchen, die ehemals sich's fast zu einer Ehre rechneten, nicht lesen und schreiben zu konnen, affektierten nun, wie er, Beschutzer der Gelehrten und Kunstler zu sein; Landjunker forderten von einem Manne, den sie als Verwalter annehmen wollten, dass er auch ein bisschen Bassgeige spielen musste, schickten ein Fuder Korn in die Stadt und gaben ihrem Advokaten Auftrag, fur das daraus zu losende Geld Bucher fur ihre Weiber und Tochter zu kaufen, die nun auch anfingen, von Wonne und Lebensgenuss und Mondenschein zu reden, Cicisbei zu halten und Romane zu spielen.
Als die Leute merkten, dass der Stand eines Gelehrten und Kunstlers in Abyssinien in Ansehen kam und etwas dabei zu gewinnen war, da wollte nun jedermann studieren; der Schneider schamte sich seiner Nadel und schickte seinen Tolpel von Jungen in die Stadtschule, um einst die Ehre zu haben, ihn einen Degen tragen zu sehen, und der Bauer verkaufte einen Teil seines Erbguts, um seinen Knaben nach Adova zu senden, damit dort in den gelehrten Treibhausern die Keime des Genius aus seiner baurischen Natur hervorgejagt wurden.
Die Folgen von diesem allgemeinen Drange zur sogenannten Gelehrsamkeit wurden nach zehn Jahren, ja, schon als ich nach Abyssinien zuruckkam, sehr sichtbar. Man wird sich hieruber um so weniger wundern, wenn man sich erinnert, dass ich im eilften und zwolften Kapitel des ersten Teils dieses Buchs erzahlt habe, wie weit es damit schon gekommen war, ehe wir Deutsche in Abyssinien unser Wesen trieben. Die nutzlichsten Stande im Staate, die erwerbenden Klassen der Burger, kamen in Verachtung und Abnahme und die glanzendere, verzehrende Klasse in Flor. Da jetzt auch sehr viel mittelmassige und schiefe Kopfe sich in die Studien warfen, so verlor man nach und nach die Idee, dass ein Mann, der sich einen Gelehrten nennte, grundliche Kenntnisse in seinem Fache haben musste; und so erntete denn oft der unwissende Schwatzer und Windbeutel den Preis ein, zog die Vorteile, die dem wahren Verdienste gebuhrten. Die Menge der jungen Gelehrten, die sich zu den offentlichen Amtern drangten, war so gross, dass, um auf der Versorgungsliste in die Reihe zu kommen, man fruher anfangen musste, als der Verstand reif war, und ein Vater, um noch in seinem Alter die Freude zu erleben, seinen Sohn in einer Bedienung zu sehen, sich gezwungen sah, ihn ohne Vorkenntnisse auf Universitaten zu schicken und beinahe ebenso unwissend von da zuruck in ein Amt zu rufen. Daraus entstand dann eine stillschweigende Konvention, keine grundliche Kenntnis in einzelnen Fachern zu fordern, sich mit oberflachlichem Wortkram zu begnugen, aber dagegen auch in allen Zweigen der Gelehrsamkeit herumzupfuschen. Doch ich habe ja schon den grossten Teil dieser Verkehrtheiten beschrieben, als ich von dem Zustande der Wissenschaften bei meiner ersten Ankunft in Gondar redete, und fuge also nur hinzu, dass dies alles im hochsten Grade zugenommen hatte, seitdem die Regierung die sogenannten Gelehrten und Kunstler vorzuglich zu unterstutzen, Aufklarung zu befordern, Akademien, Buchdruckereien und Buchladen anzulegen und Pressfreiheit einzufuhren anfing.
Nun wetteiferten die Bucherschreiber in Abyssinien miteinander um den Preis, wer die grosste Menge von Geistesprodukten liefern konnte, um die Wut aller Stande nach taglich neuer Lectur zu stillen. Man kann sich wohl einbilden, was fur Zeug dann zum Vorschein kam; allein die unbeschreibliche Veranderlichkeit der literarischen Moden, die eine sichere Folge des Mangels an grundlichen Kenntnissen und an echtem Geschmacke ist, bewirkte gewisse Perioden, wovon ich doch einige namhaft machen will.
Am fruchtbarsten waren die Romanschreiber. Anfangs nannte man einen Roman ein Buch, in welchem die Sitten guter und boser Menschen aus verschiednen Standen so, wie sie in der wirklichen Welt beschaffen zu sein pflegen, durch Erzahlung und lebhafte Darstellung ihres Betragens in erdichteten, aber wahrscheinlichen, doch nicht immer alltaglichen Begebenheiten zum Beispiele, zur Warnung und uberhaupt zu Vermehrung der Menschenkenntnis geschildert wurden. Und so war dann ein Roman ein nutzliches Buch fur junge Leute, die in die grosse Welt treten wollten und noch unbekannt waren in dem, was die Menschen, mit allen ihren Leidenschaften und Torheiten, in derselben treiben, wirken, wunschen und begehren. Allein bald waren ihnen die gewohnlichen, wirklichen oder moglichen Begebenheiten zu gemein und die mit Wahrheit dargestellten Menschen zu alltaglich. Da schafften die Herren Romanschreiber fur ihr Publikum eine neue Welt, arbeiteten ins Wunderbare hinein, stellten Ideale von Menschen dar, wie sie nun freilich der Schopfer nicht zu liefern imstande ist, und liessen ihre Helden die unerwartetsten, unerhortesten Schicksale, Freuden und Leiden erleben. Nun wurde die Phantasie der Junglinge und Madchen hoch uber die gewohnliche Welt hinaus erhoben; nun war alles, was sie umgab, ihnen zuwider; alles ekelte sie an; der gemeine Gang der Dinge war nichts fur sie. Ein Madchen hielt sich fur verloren, wenn sie, ohne vorhergegangne Entfuhrung, mit Beistimmung ihrer braven Eltern, einem ehrlichen Kerl die Hand als Gattin reichen sollte, und ein Jungling, in dem der Geist der Aventure in Brand geriet, lief ohne bestimmte Ursache in die weite Welt hinein, um zu sehen, was die wohltatigen Feen da fur ihn tun wurden.
Als die Ideale, welche auf diese Weise den jungen Leuten in den Kopf gesetzt waren, sich nirgends realisiert finden wollten, da ging das Winseln uber die erbarmliche Alltagswelt los. So nannte man die Welt, welche der Schopfer selbst recht gut fand, als er sie fertig hatte! Nun schrieben die Herren Buchermacher nur klagliche, ruhrende Geschichten; alles jammerte, empfindelte, seufzte. Diese empfindsame Periode griff dann die Nerven gewaltig an; jedermann klagte uber Kranklichkeit und Vapeurs, beschwor einen Freund, ihm einen Dolch in das Herz zu stossen, um dem Leben voll Jammers ein Ende zu machen, und beschwor die Sterne, mitleidig auf das Elend dieses Erdenlebens herabzublicken.
Aber bald erwachte der Geist andrer Schriftsteller voll Drang und Kraft. Diese sprachen der Jugend Mut ein, ermunterten sie, nicht zu verzweifeln, sondern das Ubel mit der Wurzel auszureissen. Die leidigen Konventionen und Regeln und Moralien das waren die Fesseln, in denen die freie Menschheit seufzte und die man brechen musste. Fort also mit dem Zwange, den sogenannter Anstand, unnaturliche Gesetze, eingebildete Regeln auflegen! Dem Herzen, der Natur, den innern Trieben gefolgt und umgesturzt, was dem Genusse, fur welchen wir geschaffen sind, und der Entwicklung grosserer Kraft entgegen ist! Das war die Parole, mit welcher nun das Reich des Geniewesens anfing. Nun trotzte der Jungling kuhn den langweiligen Vorschriften des Sittenpredigers, warf das Joch des burgerlichen Zwanges und der feinern Lebensart weg, liess die Haare um den Kopf hangen, nahm seinen Knotenstock in die Hand und ging, wohin ihn zu gehen gelustete, ware es auch in das Ehebette seines Bruders und Freundes gewesen. Er folgte seinen Trieben, und die Schriftsteller bewiesen ihm, dass kein Mensch anders handeln konne, als er handelt, dass oft der, welchen die ganze Welt fur einen Bosewicht, Verwuster und Zerstorer der offentlichen Ruhe gehalten hatte, ein grosserer Mann gewesen als der hochgepriesene Wohltater des Menschengeschlechts und dass alles gut und gross sei, wozu Kraft gehorte. Vergebens suchten einige ernsthafte Manner zu beweisen, dass Auflodern nicht erwarmendes Feuer, Stoss nicht Kraft genannt werden durfe; dass wahre Kraft und Festigkeit und Mut im Ausdauern, in konsequentem, regelmassigem, bestimmtem Fortrucken zu reinen, verstandigen Zwecken besteht. Man spottete der Pedanten und rasete darauflos. Auch in den Wissenschaften und Kunsten warf man alle Regeln zur Seite und verschrie die Vorschriften, welche aus der Natur geschopft waren, als schandliche Fesseln des hohern Genies.
Diese Periode erhielt sich bis zu der grossern Revolution, wovon ich in der Folge reden werde, und schien auch in der Tat ausserst passend fur die Abyssinier, wie sie jetzt waren. Weichlichen, verzartelten Menschen, mit ausserst reizbaren Nerven und dabei gewohnt an Uppigkeit und Wohlleben und sinnlichen Kitzel, deren Phantasie immer mit der gesunden Vernunft davonlief und die dabei jede dauernde Anstrengung flohen, solchen Menschen war freilich ein System willkommen, nach welchem ihre Ausschweifungen gerechtfertigt wurden, ihre Fieberwut fur Kraft, ihre Unverschamtheit und Regellosigkeit fur angeborne naturliche Freiheit und ihr polyhistor'sches Geschwatz fur Gelehrsamkeit galt.
Es ist nun Zeit, auch zu sagen, wie sich die Priester hiebei betrugen. Aus der neuern Geschichte von Abyssinien, die ich im ersten Teile dieses Buchs vorgetragen habe, wird man sich noch erinnern, dass das Ansehen der Geistlichkeit und der edeln Orthodoxie unter der Regierung des zuletzt verstorbnen Negus nicht eben sehr gross war. Als nun die Aufklarung so machtige Fortschritte machte, man allen Zwang abschuttelte und eine gewisse Kuhnheit in Grundsatzen und Handlungen allgemein wurde, da kam denn auch die Reihe an das Kirchensystem. Die Zeiten waren vorbei, wo man sich mit unnutzen Grubeleien uber Glaubenslehren abgab; aber auch die Zeiten waren vorbei, wo man sich von dem Priesterstande vorschreiben liess, was man glauben und denken sollte. Jetzt, da es auf alle Weise, wegen des unangenehmen Gedranges, in welches zuweilen die jetzige Moralitat mit dem Religionssysteme kam, bequemer war, auch dieses wegzuwerfen, machte man dazu Anstalt. Allein es war dem Genius des Zeitalters zuwider, dies mit einigem Forschungsgeiste zu unternehmen; leichter war es, auch in diesem Fache, wie in allen ubrigen, mit Spott und Persiflage das anzugreifen, was zu muhsam mit Grunden zu bekampfen war, und da der alte Negus die Pfaffen nicht schatzte und selbst immer aufgeklarter und toleranter wurde, so mussten die geistlichen Herren dies wohl geschehen lassen. Um jedoch nicht allen Einfluss zu verlieren, dreheten die Feinsten unter ihnen den Mantel nach dem Winde, fingen selbst an, Duldung zu predigen und die Glaubenslehre nach Zeit und Umstanden zu modifizieren. Wie konsequent dies gehandelt war und ob nicht die wenigen eifrigen Zeloten weiser handelten, die auch nicht ein Tittelchen ausgeloscht haben wollten und, in Erwartung besserer Zeiten, nicht aufhorten, die Kanzel zu pauken, den Unglauben zu anathematisieren, Verderben und Untergang zu prophezeien und mit Feuer vom Himmel zu drohen das uberlasse ich dem geneigten Leser zu entscheiden.
Eilftes Kapitel
Fortsetzung des vorigen
Ich habe eben gesagt, dass der alte Negus taglich toleranter und aufgeklarter geworden ware; doch darf ich nicht behaupten, diese Vervollkommnung sei das Werk eines tiefen, reiflichen Nachdenkens uber dergleichen Gegenstande gewesen; vielmehr riss ihn der allgemeine Strom des Lichts unmerklich mit sich fort. Wir haben gehort, dass er eine Bucherzensur errichtet hatte; diese wurde freilich nicht aufgehoben, aber das konnte er doch nicht andern, dass die Zensoren selbst allmahlich anfingen, die Grundsatze ihres Zeitalters anzunehmen. Nach und nach starben denn auch die alten, ungeschmeidigen Manner, und junge, freier denkende kamen, in diesem Departement, an das Ruder. Man wird immer weniger emport durch kuhne Satze, je ofter man sie hort, und zuletzt kommen sie in allgemeinen Kurs und erhalten durch vieljahrigen Besitz die Rechte der Wahrheit. Dies haben diejenigen wohl gewusst, welche den Menschen Torheiten und Irrtumer aufheften wollten. Sie haben so lange dieselben Fratzen gepredigt, gesungen, geschrieben, gemalt, bis zuletzt kein Mensch mehr das Herz hatte, sich selber zu fragen, ob auch wohl ein gesunder Begriff in dem allen liege; und beobachten wir mit philosophischem Auge, auf welche Weise, mitten in aufgeklarten Zeiten, gewisse Betruger sich grossen Anhang zu verschaffen wissen, so werden wir finden, worauf die Kunst dieser Leute beruht; sie wissen, dass, wenn sie nur nicht mude werden, den Unsinn zu behaupten, der anfangs verlacht, nachher ubersehen, dann geduldet, hierauf verteidigt wird und endlich Martyrer findet, sie doch zuletzt ihren Zweck erreichen und dass, wenn es erst soweit ist, dann wenig Leute den Mut haben, sich allgemeinen Meinungen zu widersetzen. Diese Bemerkung konnten sich, wie ich glaube, diejenigen zu Nutzen machen, welchen es darum zu tun ist, edle, grosse und nutzliche Wahrheiten auszubreiten. Noch einmal! Das ganze Geheimnis, um alles in der Welt durchzusetzen, beruht in diesen vier Worten: nicht mude zu werden.
Bei dieser kleinen Ausschweifung habe ich nur die Absicht gehabt, begreiflich zu machen, wie es zuging, dass die Aufklarung in Abyssinien so schnelle Fortschritte machte. In der Tat brachte man kurz vor dem Tode des alten Negus in offentlichen gemischten Gesellschaften, an Tafel und sonst gesprachsweise Satze vor, die man zehn Jahre fruher kaum wurde zu denken gewagt haben; und die Grossen des Hofs, ja, der Monarch selbst, glaubten jetzt schon den Ruf vorurteilfreier Beforderer der Aufklarung auf das Spiel zu setzen, wenn sie, so ungern sie auch manches horten, die naturliche Befugnis der Leute, uber alles ihre Meinung zu sagen, einschrankten. Es schlich sich also unvermerkt eine ganzliche Denk- und Pressfreiheit ein, von welcher denn auch, wie von allen guten Dingen in der Welt, vielfaltig Missbrauch gemacht und weder die hausliche Ruhe der Burger noch die wohltatigen Vorurteile der Schwachern, noch der Ruf der Edlern, noch das Vertrauen der Freundschaft, noch das Familiengeheimnis kurz, nichts geschont, sondern alles an das Tageslicht gezogen, beurteilt, verdachtig gemacht, angegriffen, verspottet und ohne Ersatz vertilgt wurde.
Unmittelbar aber traf diese Folge auch den ersten Beforderer der Aufklarung, den Konig selber. Das Licht, welches er angezundet hatte, leuchtete weiter, als seine Absicht gewesen war. Nachdem man lange genug frei und kuhn uber Moral, Religion und Privatverhaltnisse geredet und geschrieben hatte, fing man auch an, ebenso ungezwungen uber Menschen- und Volkerrechte, uber Furstenanspruche und -befugnisse, uber Sklaverei und Freiheit zu rasonieren.
So standen die Sachen, als meine deutschen Philosophen und Padagogen nach Abyssinien kamen. Diese, besonders die letztern, hatten nun viel dazu beitragen konnen, alles in ein vernunftiges Geleise zu bringen. Unglucklicherweise aber taten sie das Gegenteil. Ich habe immer geglaubt, dass sich uber Erziehung keine allgemeine Regeln geben liessen, sondern dass sich diese nach Zeit und Umstanden richten mussten, weil doch ihr Hauptzweck ist, Menschen zu bilden, die in ihr Zeitalter passen und als nutzliche Burger zu ihrer und ihrer Mitburger Vervollkommnung und Gluckseligkeit alles mogliche beitragen sollen. In einer Periode also, in welcher die Abyssinier ausschweifende Begriffe von Freiheit und Zwanglosigkeit hatten, jede ernsthafte Anstrengung scheueten, sehr vorlaut und egoistisch waren, alle Konventionen und alle Rucksichten auf Stand, Alter und Erfahrung verachteten und, uber ihren Gesichtskreis hinaus, uber alles im Himmel und auf Erden rasonierten, schien es der Klugheit gemass, die Jugend an mehr Ordnung, Punktlichkeit, Gehorsam, Bescheidenheit, Misstrauen in eigne Fahigkeiten, emsigen Fleiss, Uberwindung von Schwierigkeiten und Aufopferung zum allgemeinen Besten zu gewohnen; allein daran dachten, leider! meine Padagogen nicht. Sie ermunterten vielmehr in den Knaben den ubel verstandnen Freiheitssinn, deklamierten gegen Pedanterie, Autoritat, Sklaverei und Despotismus und erzogen die jungen Leute so, dass sie sich hernach durchaus nicht in den Zwang des burgerlichen Lebens fugen wollten und die frohen, im Spielen hingetandelten Stunden, welche sie in den Erziehungsinstituten genossen, nachher durch manche unbehagliche, bittre bussen mussten, folglich die Summe der unzufriednen, unruhigen Burger vermehrten.
Noch etwas verstarkte diese allgemeine Garung, und das waren die geheimen Verbindungen, wovon ich doch auch noch ein Wort sagen muss. Nachdem die Abyssinier in allen Gebieten wissenschaftlicher Kenntnisse herumgeirrt waren und uber alles nachgedacht zu haben glaubten, was den Menschen wichtig sein kann, fanden sie, was man auf der letzten Seite jedes Systems findet, dass unser Wissen und Wollen und Wirken Stuckwerk, unvollkommen und dunkel bleibt. In diesen Grenzen irdischer Weisheit und Tatigkeit aber sich einpfahlen zu lassen, das dunkte Menschen von so reizbaren Nerven, schwarmender Phantasie und unruhigem Tatigkeitstriebe zu gemein; weil indessen ihre Begriffe nicht gehorig geordnet, sondern verwirrt und schwankend waren, so nahrten sie unaufhorlich heimliche Wunsche und dunkle Ahndungen. Hie und da teilten sich Menschen, in denen dies kochte und wurmte, solche Empfindungen mit und freueten sich, wenn sie sahen, dass sie einander verstanden oder zu verstehen glauben durften, obgleich sie nicht imstande waren, mit Worten deutlich zu machen, was sie eigentlich wollten und suchten. Sie wurden aber uber gewissen Hieroglyphen, Zeichen und Phrasen einig, wodurch sie ineinander ihre dunkle Ideen wieder erwecken konnten, und der Gedanke, dass dies nun eine Sprache war, die nicht jeder verstand, hatte etwas Angenehmes, Kitzelndes. Bald hielten sie diese neue Typen fur wirkliche neue Sachen, fur neu erfundene Wahrheiten, tauschten sich selbst, sprachen von ihren geheimen Kenntnissen, nahmen andre in diesen Bund auf, welche auch diese Bilder lernten, einen Sinn damit zu verbinden glaubten, aber eigentlich nichts Bestimmtes daruber zu sagen wussten, als dass sich so etwas mit gemeinen Worten gar nicht ausdrucken liesse. Der gemeinschaftliche Besitz eines Geheimnisses bindet die Bewahrer desselben enge zusammen, und in einem Zeitalter, wo alle naturliche Bande locker geworden sind und den Menschen zu alltaglich und langweilig vorkommen, erweckte eine neue Art von Verhaltnis, das gar nicht auf den gewohnlichen Konventionen beruht, den doch zur Geselligkeit geschaffenen Menschen zu neuer Warme fur seine Nebenmenschen. Er vergisst dann, dass er dies Gluck auf eine viel naturlichere Weise finden konnte, schimpft auf die Mangel der burgerlichen Einrichtungen, ohne Vorschlage zu ihrer Verbesserung zu tun, und schafft sich neue Verbindungen, die noch grossere Mangel, aber den Reiz der Neuheit und das Verdienst haben, dass er selbst ihr Schopfer ist. Dies alles wohluberlegt, so darf man sich daruber nicht wundern, dass in kurzer Zeit die Wut zu geheimen Bundnissen in Abyssinien sehr hoch stieg und dass deren eine Menge von allerlei Art errichtet wurde.
Solange die ersten Stifter noch lebten, verband man doch einigen dunkeln Sinn mit der Bildersprache und den mystischen Gebrauchen dieser Gesellschaften; nachher fing man an, sich nicht viel um die Deutung zu bekummern, sondern hielt sich an die geselligen Zwecke; als aber die Garung in den Kopfen und Gemutern der Abyssinier unter allen Standen so allgemein wurde und Aufklarer, Reformatoren und Aufruhrer von vielfacher Art im Volke hervortraten und sich Parteien zu machen suchten, da nutzten diese Menschen, zu guten und bosen Zwecken, den Schleier und das Vehikulum geheimer Verbindungen, und weil die Hieroglyphen und Gebrauche alle mogliche Auslegungen litten, so war dies ein herrliches Mittel, jedes System darauf zu bauen. Noch konnten solche Verbindungen an Ehrwurdigkeit viel gewinnen, wenn man ihnen ein hohes Altertum andichtete; zum Gluck war auch dazu Rat zu schaffen. Man untersuchte die Pyramiden und Obelisken in Agypten (die, im Vorbeigehen zu sagen, der ubrigens gelehrte Herr Professor Witte kurzlich fur vulkanische Produkte und die innere Einrichtung der Zimmer etc. fur Arbeiten gewisser Schnecken erklart hat) und fand mit Freuden, dass darauf, so wie auf den Ruinen der Stadt Axum, Figuren eingegraben waren, die mit den Hieroglyphen der geheimen Verbindungen sehr viel Ahnlichkeiten hatten; und da war denn bald eine zusammenhangende Geschichte der verborgnen Weisheit herausbuchstabiert, die jede Partei zum Vorteile ihrer Lehre auslegte und die ubrigen Praktikanten verketzerte. Schwarmer und Betruger aller Art, Geisterseher, Goldmacher, Diebe, politische Reformatoren, Stifter neuer Religionssekten alle hingen dies Gewand um und setzten phantastische Menschen, schwache Denker und unruhige Kopfe in Bewegung, lockten sie von nutzlicher Tatigkeit ab und erfullten sie mit Reformationsgeiste. Doch ich habe schon zuviel von diesen Armseligkeiten gesagt; wir werden bald horen, was am Ende aus dieser allgemeinen Garung entstand.
Zwolftes Kapitel
Nachricht von dem, was in den ersten
Regierungsjahren des neuen Landesvaters vorging
Wir haben am Ende des neunten Kapitels gehort, dass die abgottische Verehrung, welche man in den ersten Monaten der neuen Regierung dem jungen Konige erwiesen hatte, nach und nach der kaltern Uberlegung wich. Und diese kaltere Uberlegung lehrte die Abyssinier bald, wieviel sie bei der Veranderung gewonnen oder verloren hatten. Kaum war der erste Taumel der Feierlichkeiten voruber und der Gang der Geschafte wieder in die gewohnliche Ordnung gekommen, als der junge Despot sich durch einige willkurliche Verordnungen ankundigte, die jedermann furchtsam und mutlos machten. Er fuhrte das Kniebeugen und das alte sklavische Zeremoniell wieder ein, beschrankte die Freiheit der Presse, verstattete nicht mehr jedem aus dem Volke freien Zutritt zu seiner Person, sondern schloss sich mit seiner franzosischen Buhlerin und seinen Lieblingen in dem Palaste ein, lebte dort in Vollerei und Untatigkeit, erschien dann nur einmal in der Woche, und zwar, nach alter abyssinischer Weise, verhullt, von Trabanten umgeben, in dem Zirkel seiner verachtungswerten Gunstlinge, wovon die Niedertrachtigsten in alle Departements eingeschoben, den verdienstvollen Mannern vor und an die Seite gesetzt und zu Geschaften gebraucht wurden, wovon sie nichts verstanden. Diese machten dann den Negus misstrauisch gegen seine treuesten Diener, welche er nicht mehr horte, nicht mehr um Rat fragte, sondern sie kalt und rauh behandelte. Es wurden Einrichtungen gemacht, die nicht in die Landesverfassung passten, alle naturliche Freiheit einschrankten und sehr druckend fur die Untertanen waren. Er nahm keine Gegenvorstellungen an; sein Wink war strenger Befehl, sein Wille die Ursache; die geringste Weigerung oder auch nur ein bescheidner Einwurf war hinreichend, den wurdigsten Mann um Bedienung und Freiheit zu bringen. Es schlichen Ausspaher, Auflaurer und Horcher in allen offentlichen und Privathausern herum und sammelten jedes Wort auf, das einem Manne in guter oder boser Laune entwischte. Dann wurde auf einmal ein sorgloser, unschadlicher Mann durch Wache des Nachts aus seinem Bette geholt und, ohne offentlichen Prozess, seiner Bedienungen entsetzt oder eingekerkert oder des Landes verwiesen oder verschwand, ohne dass man wusste, wohin. Zuweilen wurde bei Todesstrafe verboten, von gewissen Dingen oder von gewissen Personen zu reden. Gab jemand einmal seinen Freunden ein frohliches Mahl oder vergnugte sich in seinem Hause mit Musik und Tanz oder kaufte sich ein schones Kamel, so wurde dies dem Negus hinterbracht. Es hiess, dem Manne sei zu wohl, und es wurde ihm ein Teil seines Gehalts genommen. Allgemeine Mutlosigkeit herrschte nun, niemand trauete dem andern; Geselligkeit, heitre Laune und Gastfreundschaft verschwanden, und wer einen guten Bissen essen wollte, verschloss sich in sein Kabinett.
Desto uppiger und wollustiger aber lebte das Kebsweib des Negus mit seinem Anhange. Palaste und Lustschlosser wurden fur diese mit ungeheuren Kosten erbauet oder gekauft oder den Eigentumern abgenotigt, und nichts glich der Pracht, die in ihrem Putze und Hausrate herrschte. Unersattlich waren die Begierden des abscheulichen Weibes, in dessen rauberischen Handen Gluck und Ungluck von Millionen edler Menschen lag. Nun gab es kein andres Mittel, als diesen Gotzen anzubeten und ihm Geschenke zu bringen, wenn man etwas erlangen wollte. Ihr Vorzimmer wimmelte von den Grossen des Reichs, denen sie mit Ubermut und Spott begegnete; Generale mussten ihr den Fussschemel nachtragen, ehrwurdigen Greisen affte sie vor dem versammelten Hofe die korperlichen Schwachheiten ihres Alters nach und machte sie zum Gegenstande des allgemeinen Gelachters. Sie beherrschte despotisch ihren Negus; gab ihm nicht die Erlaubnis, mehr Weiber zu nehmen, ja, nur eine einzige freundlich anzublicken, und wenn er mit ihr und einem paar Gunstlingen allein war, dann trieb sie mutwillige franzosische Scherze mit ihm und notigte ihn zu kindischen Spielen, die sonderbar mit der Majestat des Throns kontrastierten, worauf man so strenge hielt.
Nach dem Beispiele der koniglichen Buhlerin waren auch die von ihr beschutzten Lieblinge nicht untatig zu Vermehrung ihrer Gewalt und ihres Vermogens. Auch sie liessen sich Guter schenken, welche andern gehorten; auch sie liessen sich bestechen, um durch ihr Vorwort einen Schurken auf einen Platz zu stellen, auf welchen ein redlicher Mann Recht hatte, Anspruche zu machen. Justiz wurde verkauft, ja, man musste dafur bezahlen, dass man von seinen Nachbarn in Ruhe gelassen wurde.
Bei dieser abscheulichen Wirtschaft konnte es freilich mit den Finanzen nicht besser aussehen als mit der Moralitat. Die ungeheure Verschwendung, die am Hofe herrschte, erschopfte die Kassen; man nahm seine Zuflucht zu allen Mitteln, welche in solchen Fallen angewendet zu werden pflegen; man forderte Abgaben von allen, auch von den notigsten Bedurfnissen des Lebens; man erfand Auflagen, wovon in Abyssinien noch kein Beispiel war, und trieb diese mit einer grausamen Strenge ein, die die Menschheit emporte.
So standen die Sachen, als ein verderblicher Krieg mit dem Konige von Nemas das Werk, die abyssinischen Untertanen zugrunde zu richten, vollendete. Dieser Krieg hatte einer elenden Grenzstreitigkeit wegen seinen Anfang genommen; beide Monarchen wurden von schelmischen Lieblingen regiert, die voraussahen, dass sie dabei im truben fischen konnten, und daher das Feuer anbliesen, das ausser dem leicht zu dampfen gewesen ware. Man verwarf also von beiden Seiten alle Vergleichsvorschlage und rustete sich zum Feldzuge. Die beiden Konige brauchten ja nicht mitzugehen, sondern konnten sich's bei Weibern und Flaschen wohl sein lassen, indes ihre Untertanen die Ehre hatten, sich die Halse zu brechen.
Nun wurde durch ganz Abyssinien eine gewaltsame Werbung vorgenommen; einzige Sohne, die Stutzen ihrer Familien, Greise und Knaben mussten mit in den Krieg. An die Spitzen der Regimenter und des ganzen Heers aber wurden die Gunstlinge der Buhlerin gestellt, die weder militarische Kenntnisse noch Mut besassen, aber desto besser die Kunst verstanden, sich zu bereichern. Der Ausgang dieses Kriegs war leicht vorauszusehen. Die Soldaten stritten mit Unlust, liebten ihre Anfuhrer nicht, wurden schlecht behandelt, dabei betrogen und durch die Unwissenheit der Generale aufgeopfert; am Ende des dritten Feldzugs erfolgte ein fur Abyssinien sehr nachteiliger Frieden, durch welchen, ohne die ungeheuren Summen zu rechnen, die der Krieg gekostet hatte, mehr verlorenging, als vor demselben der Konig von Nemas je in Anspruch genommen hatte. Allein wie verhielten sich denn der Herr Minister Joseph von Wurmbrand und der Baalomaal Benjamin Noldmann bei diesem allen? Das werden wir im nachsten Kapitel erfahren.
Dreizehntes Kapitel
Wie es dem Verfasser und seinem Herrn Vetter geht
Ich habe bis jetzt die Fehler nicht verschwiegen, welche man meinem Herrn Vetter, als Staatsmann betrachtet, vorwerfen konnte. Einer der hauptsachlichsten war gewiss der, dass er den alten Negus in despotischen Grundsatzen bestarkte oder vielmehr, durch Verpflanzung der europaischen Einrichtungen nach Abyssinien, die Ausubung des dortigen Despotismus erleichterte und in ein zusammenhangendes System brachte, ohne dennoch ernstlich genug auf Einfuhrung weiser Grundsatze zu denken, nach welchen man despotisch regieren wollte. Was mich selber betrifft, so habe ich gleichfalls nicht verhehlt, dass ich mir einige Unvorsichtigkeiten in der Wahl der nach Abyssinien geschickten Gelehrten und Kunstler und einigen Mangel an Festigkeit, bei Leitung des Kronprinzen, habe zuschulden kommen lassen; allein mit eben dieser Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe darf ich doch auch behaupten, dass wir beide uns, als unter der neuen Regierung nur Schelme und Schmeichler, auf Unkosten der Bessern, ihr Gluck machen konnten, gewiss so betragen haben, wie es redliche Manner ziemt. Auch wird man mir das glauben, wenn ich nun erzahle, dass wir das Opfer davon wurden.
Solange die Einrichtungen, welche der neue Monarch machte, und seine raschen Schritte nur Unkunde, jugendliche Ubereilung und Schwache verrieten, hoffte der Minister immer noch, Zeit, Erfahrung und sanfte Vorstellungen wurden in der Folge das Ihrige tun. Er verbarg oft seinen Unwillen, ertrug manche Demutigung, beruhigte sich, wenn er nach Gewissen geredet hatte, und liess dem Dinge seinen Lauf. Als aber endlich der Haufen der niedertrachtigen Kreaturen, in allen ihm anvertraueten Fachern, nach Willkur schaltete und waltete, man dann von ihm verlangte, dass er Befehle unterschreiben und ausfertigen lassen sollte, die tyrannisch und unvernunftig waren, da wagte er endlich einen Schritt, wovon er voraussah, dass er ihm teuer zu stehen kommen wurde, den er aber sich selber, der Redlichkeit und seinem Rufe schuldig zu sein glaubte. Er weigerte sich gradeswegs, die Hande zu solchen Grausamkeiten zu bieten, und forderte, dass man ihm folgen oder ihm den Abschied geben sollte. Hierauf hatte man gelauert; das hatte man gehofft und vorausgesehen. Er bekam nicht nur den Abschied, sondern auch Befehl, ein kleines Jahrgeld, welches man ihm aussetzte, in den Gebirgen von Waldubba zu verzehren. Sein Sturz (wenn man den Triumph der Rechtschaffenheit also nennen muss) zog den meinigen nach sich; mein Urteil war dem seinigen gleich; und Stilky, der bekannte Liebling und Kuppler des Negus, wurde erster Minister.
Ich meine gesagt zu haben, dass die Dorfer, welche in den Gebirgen von Waldubba liegen, woselbst auch viel Einsiedlermonche wohnen, wie das russische Sibirien zu einem Exil fur die in Ungnade gefallnen Staatsbedienten bestimmt sind, dass man ferner die jungern Prinzen, welche nicht auf den Thron kommen sollen, dahin zu senden pflegt und dass also auch der jungere Bruder des neuen Negus mit seinem Hofmeister, den ich als einen edeln und weisen Mann beschrieben habe, dort lebte. Die Einrichtung, die jungern koniglichen Kinder auf diese Weise aus aller Verbindung mit dem Hofe und dem Volke zu setzen, ruhrte aber eigentlich aus altern Zeiten her und war das Werk herrschsuchtiger Minister, die auf diese Weise unter den Prinzen den schwachsten zum Thronerben auswahlen und die ubrigen in Dunkelheit vergraben konnten. Als nun mein Herr Vetter an das Ruder der Geschafte trat und dieser in der Tat die besten, uneigennutzigsten Absichten hatte, wenngleich er nicht immer glucklich in der Wahl der Mittel war, bat er den alten Negus, jene grausame Gewohnheit, die Prinzen als Gefangne zu behandeln und in Unwissenheit zu erhalten, abzuschaffen. Er erhielt ohne Muhe von dem gutmutigen Konige zugleich mit dem Befehle, den Kronprinzen unter meiner Fuhrung auf Reisen zu schicken, auch fur den andern Negussohn die Erlaubnis, nebst seinem einsichtsvollen Mentor den Aufenthalt in Waldubba mit Adova zu vertauschen, wo nun die neue Universitat gegrundet und der Umgang mit Gelehrten fahig war, seinen Geist vollends auszubilden und ihn sein Leben angenehm hinbringen zu machen. Seit funf Jahren wohnte also der junge Herr nebst seinem kleinen Hofstaate in Adova.
Als nun meinem Herrn Vetter und mir angekundigt wurde, dass wir jene rauhe und zugleich ungesunde Gegend zu unserm kunftigen Aufenthalte wahlen sollten, da wurde uns in der Tat das Herz schwer. Unser Umgang wurde sich haben auf die dort wohnenden heuchlerischen und ausschweifenden Monche einschranken mussen und welch ein elendes Leben war das! Nach Europa zuruckzureisen, daran war jetzt nicht zu denken. Die Jahrszeit schien dazu nicht gunstig; man wurde uns nicht erlaubt haben, etwas von dem Vermogen, welches wir uns gesammelt hatten, mitzunehmen, und als Bettler in unser Vaterland wiederzukommen, nach der Rolle, die wir gespielt hatten das war ein bittrer Gedanke. Hierzu kam noch, dass, ohne besondre Empfehlung und Sorgfalt der abyssinischen Regierung, worauf wir doch jetzt nicht rechnen durften, diese weite Reise fur uns gefahrlich, ja unmoglich wurde.
In dieser Verlegenheit hielten wir es fur Pflicht gegen uns selber, den Umstanden nachzugeben und uns zu guten Worten herabzulassen. Wir demutigten uns also und baten, dass man uns gestatten mochte, ruhig in Adova uns niederzulassen, wo jetzt eine grosse Anzahl unsrer Landsleute wohnte, an denen wir in unsern glanzenden Tagen soviel auszusetzen gefunden hatten und nach deren Umgang wir uns nun innigst sehnten. Nicht ohne Schwierigkeit erlangten wir diese Vergunstigung; doch gab man endlich nach, und wir zogen im Anfange des Jahres 1781 nach Adova.
Undankbar musste ich gegen das Schicksal sein, wenn ich nicht laut bekennen wollte, dass die sechs Jahre, welche ich dort im Exil zugebracht habe, mit zu den glucklichsten meines Lebens gehort haben. Wir kauften, mein Vetter und ich, ein kleines artiges Hauschen, nebst Hof und Garten, richteten uns nicht prachtig, aber gemachlich ein, schlossen uns auf gewisse Weise an den kleinen Hof des liebenswurdigen Prinzen an, von welchem ich in der Folge noch soviel werde sagen mussen, und genossen den lehrreichen Umgang seines mir unvergesslichen Fuhrers Alwo. (Wie kommt es, dass ich den Namen dieses vortrefflichen Mannes noch nicht genannt habe?) Aber auch die Gesellschaft der deutschen Gelehrten und Kunstler, die dort wohnten, gewahrte uns manche angenehme Unterhaltung. Es waren darunter doch gute Kopfe, wenn auch hie und da ein wenig Verschraubtheit mit unterlief. Unser Leben war den Wissenschaften, der Gemutsruhe und geselligen Freuden gewidmet; die Ausbildung meines Geistes und Herzens habe ich dieser sechsjahrigen Periode zu danken.
Was nachher in Abyssinien vorging und ich in den folgenden Kapiteln erzahlen werde, das habe ich grosstenteils in der Entfernung, mit kaltem Blute, ohne tatige Teilnahme beobachtet, und um desto unparteiischer wird nun der Rest meiner Geschichte ausfallen.
Vierzehntes Kapitel
Aufruhr in Nubien. Wirkung davon im abyssinischen
Reiche
Obgleich die willkurlichste, hochst tyrannische und druckendste Regierung in Abyssinien herrschte und allgemeines Verderbnis der Sitten taglich mehr uberhandnahm, so war es dem Negus doch unmoglich, den einmal angezundeten Funken von Freiheit im Denken und Reden ganzlich auszuloschen. So allgemein war denn auch wirklich die Korruption nicht, dass nicht, besonders in den Mittelstanden und unter solchen Leuten, die bei Hofe nichts zu suchen hatten, noch Tugend, Weisheit und Gradheit geherrscht hatten. Brachte die ubereilte Aufklarung in schiefen und aufbrausenden Kopfen verkehrte Wirkungen hervor, so gab sie doch auch in den besser organisierten Anlass zu einer nutzlichen Garung, regte manche schlafende Kraft auf und erweckte auch wohl den echten Sinn fur Wahrheit und Freiheit. Ich mochte wunschen, dass diejenigen, welche so geneigt sind, wegen des Missbrauchs einer Sache die Sache selbst zu verwerfen, und die daher auch jetzt jede Anstalt zur Aufklarung verdachtig zu machen suchen, weil das Wort Aufklarung so oft missverstanden wird und zur Firma schadlicher Zwecke dient, ich mochte doch wunschen, dass diese Leute recht wohl kalkulierten, ob es besser getan sei, bei ausgemacht todlichen und ansteckenden Krankheiten der Natur alles zu uberlassen oder Mittel zu wahlen, unter denen, wenn sie auch ein wenig gewagt sind, doch wohl eines anschlagen kann und woran wenigstens kein einziger stirbt, der nicht ohne dasselbe auch gestorben ware oder einen siechen Korper behalten hatte.
Je strenger der Negus jedes kuhne Wort, das gegen ihn ausgestossen und ihm hinterbracht wurde, bestrafte, um desto grosser (wie immer das Verbotene susser schmeckt) wurde der Reiz, heimlich uber die neue Regierung zu rasonieren. Aber es war nicht bloss vom Rasonieren die Rede, sondern das Elend, die Armut, der Jammer der Volker ruhrten jedes gefuhlvollen Mannes Herz und erzeugten den leisen Wunsch in ihm: mochte doch die Vorsehung Hulfe schicken! Er suchte dann unter dem Haufen einen Freund, dem er sich vertrauen konnte, dem, wie ihm, die allgemeine Not des Landes die Seele erschutterte, und er fand bald einen solchen, da nach einem paar Jahren schon, ausser dem glanzenden Pobel, der in den Ringmauern des Palastes sein Wesen trieb, kein Mensch mit zufriedner, heitrer, froher und freier Miene umherwandelte. Wenn dann zwei solcher Unzufriednen sich gegeneinander aufschlossen, dann stiess auch wohl einer von ihnen das Wort heraus: "Nein! Das kann so nicht bleiben; es muss anders werden!"
Die geheimen Verbindungen, welche seit einiger Zeit jeder Anfuhrer einer Partei, jeder Erfinder eines Systems, jeder Reformator zu seinen Zwecken nutzte, waren auch bei dieser Gelegenheit nicht untatig. Man stiftete dergleichen, in welchen, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, kuhne politische Grundsatze gepredigt und die Mitglieder mit Warme und Enthusiasmus fur Freiheit erfullt wurden.
Der allgemeine Hass, der in allen Klassen der Burger gegen den korrumpierten Hof herrschte, erweckte einen sehr wohltatigen Widerwillen gegen verderbte Sitten; und dieselben Menschen, welche bis dahin sich von dem allgemeinen Strome zu einem uppigen, wollustigen und mussigen Leben hatten hinreissen lassen, suchten nun eine Ehre darin, eine Lebensart zu fuhren, die von jener abstach. Man sahe nun wieder, wenigstens ausserlich, Eifer fur Keuschheit, Massigkeit, Simplizitat und fur alle geselligen Tugenden erwachen.
Bittre Spotter, die, ohne wahre Warme fur das Gute, nur jede Gelegenheit, etwas Witziges und Beissendes zu sagen, begierig ergriffen, schrieben Satiren auf den Konig, auf das Kebsweib und die Gunstlinge. Man hort auf zu furchten, was man einmal gewagt hat in verachtlichem, burleskem Lichte anzusehen. Diese Spottereien liefen abschriftlich aus Hand in Hand und wurden endlich gar heimlich gedruckt. Einlandische und auswartige Dichter, Blatterschreiber, Maler und Kupferstecher wahlten den abyssinischen Hof zum Gegenstande ihres Witzes. Bald zirkulierte eine ungeheure Menge solcher Pamphlete. Nun wollte die Regierung grossern Ernst brauchen, Untersuchungen anstellen, liess einen armen Pasquillanten einkerkern das sicherste Mittel, das Ubel arger zu machen! Wer bis dahin noch nicht frei geschrieben, gelesen, geredet hatte, fing jetzt erst an, und unter Menschen, die ausserdem vielleicht geschworne Feinde waren, entstand eine stillschweigende Verabredung, sich einander nicht zu verraten; die Buchhandler aber wurden reich dabei und sorgten fur geheime Austeilung aller sogenannten rebellischen Schriften. Das Volk wurde immer kuhner; der Minister Stilky fand auf seinem Schreibtische, unter den Suppliken, Schandschriften und Drohungen gegen ihn, und des Morgens prangten an den Torpfeilern des Schlosshofs Pasquillen auf Seine Majestat.
Vielleicht hatte dennoch diese allgemeine Garung weiter keine entscheidende Folgen gehabt, wenn nicht auf einmal die grosse Revolution, welche in Nubien anfing und vielleicht noch jetzt nicht ganzlich zustande gekommen ist, in Abyssinien eine Hauptkatastrophe herbeigefuhrt hatte. Man wird sich erinnern, welche Schilderung ich im funften und sechsten Kapitel des ersten Teils dieses Buchs von dem Despotismus in Nubien entworfen habe; die Volker seufzten dort alle unter dem abscheulichsten Drucke; aber noch war die Unzufriedenheit zu keinem tatlichen Ausbruche gekommen. Ein kleiner Umstand, dergleichen mehrenteils in dieser Welt die grossern Begebenheiten zu erzeugen pflegt, reizte die Untertanen des blodsinnigen Konigs von Sennar zu einem Aufruhre gegen seine Statthalter. Man wahlte verkehrte Mittel, um die Unruhen zu dampfen, die dann bald weiter um sich griffen und sich den mehrsten nubischen monarchischen und republikanischen Staaten mitteilten. Der Pobel, der keine Grenzen kennt, wenn er einmal die erste Linie uberschritten hat, wurde nun in allen Reichen unbandig; Konige und Fursten wurden aus ihren Landern vertrieben, die Volksunterdrucker ermordet, Gefangnisse erbrochen, Palaste geschleift, Magazine geplundert, ganze Stadte verwustet. Freilich gingen dabei furchterliche Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten vor; aber an wem liegt denn die Schuld, wenn abscheuliche Missbrauche verzweiflungsvolle Mittel unvermeidlich machen?
Die abyssinischen Zeitungen waren voll von den Erzahlungen dieser Emporungen in Nubien, und so vorsichtig sie auch waren, dergleichen Unfug als verderblich, unglucklich und unerlaubt darzustellen, so machten doch diese Erzahlungen dem abyssinischen Volke die Wahrheit einleuchtend, dass tausend vereinigte Menschen starker sind als ein einziger und dass jene sich nur so lange von diesem misshandeln zu lassen brauchen, als es ihnen beliebt. Diese an sich sehr einfache Wahrheit wurde jetzt laut und offentlich gesagt und geschrieben.
Noch war der Zeitpunkt da, wo der Negus alles hatte gutmachen konnen, wenn er weise und redliche Ratgeber gehabt hatte; und sollten je ahnliche Szenen in einem europaischen Staate vorfallen5, so mochte ich wunschen, dass die benachbarten Fursten sich an diesen afrikanischen Begebenheiten spiegeln mochten, um bessere Massregeln zu nehmen, als damals der Negus nahm. Ein ganzes Volk ist nicht so leicht zum Aufruhre geneigt, als man gewohnlich glaubt. Jeder einzelne liebt seine Ruhe, bauet, bei Revolutionen, nicht so ganz fest auf den Beistand des Nachbars, hofft noch immer auf bessere Zeiten. Viele sind dann auch durch Privatinteressen an die jetzige Regierungsform geknupft; sieht die Nation nur guten Willen von seiten des Hofs und darf sich nur vergleichungsweise weniger gedruckt halten als das benachbarte Volk, so tragt sie mit Geduld das Joch, wenn dies Joch irgend ein wenig ausgefuttert, ausgepolstert ist. Nur dann, wenn die Untertanen fast aller Klassen, durch Tyrannei aller Art, so aufs ausserste gebracht sind, dass sie, deren Leben, Freiheit und Eigentum ja ohnehin jeden Augenblick von der Willkur ihres Despoten abhangen, bei dem Aufruhre nichts mehr verlieren und alles gewinnen konnen, nur dann greifen sie zu diesem verzweifelten Mittel.
Hatte daher der Negus Deputierte aus allen Standen versammelt und, ohne von seiner wahren Wurde etwas zu vergeben noch kindische Furcht oder boses Gewissen zu verraten, ihnen vorgestellt, sie sahen, welche schreckliche Unruhen in den benachbarten Landern herrschten und wie nichts weniger als bessere Ordnung, sondern allgemeine Anarchie die Folgen der willkurlichen, gewaltsamen Schritte des grossen Haufens waren; es sei aber billig, dass das Volk mit seinen Klagen uber die Regierung gehort werde und dass man ihm Rechenschaft von der Staatsverwaltung ablege; der Furst sei doch eigentlich nur der Vorsteher des Staats; es sei dies ein beschwerliches, gewiss weder angenehmes noch leicht zu verwaltendes Amt. Auch er, der Negus, konnte vielleicht manches darin versehen; gern wollte er einem Wurdigern den Platz auf dem Throne uberlassen, auf welchem sich's wahrlich nicht so weich und ruhig sitzen liesse, als wohl mancher glaubte. Wollten sie aber fernerhin Zutrauen zu ihm fassen, so sei er bereit, allen billigen Beschwerden abzuhelfen und, gemeinschaftlich mit den Reprasentanten, Grundsatze zu bestimmen, nach welchen dann unabanderlich verfahren werden sollte usw. ich sage, hatte er das getan, so ware alles gut gegangen.
Wenn doch nur die Fursten weise genug sein wollten, einzusehen, dass sie sichrer und unumschrankter ein Volk regieren konnen, das sich fur frei halt, sich selber zu regieren glaubt, als einen Haufen immer unzufriedner, immer murrender Sklaven, denen man nie Rechenschaft gibt, sie nicht einmal dann, wenn man ihnen Gutes erweiset, genug wurdigt, um ihnen die Ursache zu sagen, warum man es ihnen erweiset! Ein guter Furst kann doch nur die Absicht haben, sein Volk glucklich zu sehen, von den weisesten, treuesten und besten Menschen umgeben und geliebt zu sein und fur sich und die Seinigen eine frohe, bequeme, auch wohl ein wenig glanzende Existenz zu haben. Das alles kann er ja erlangen, wie es der gute Vater Georg erlangt, und dennoch selbst den Gesetzen unterworfen sein. Wo diese Gesetze regieren, diese Gesetze von der Nation selbst gegrundet sind, der Konig aber nur die ausubende Macht hat, alles Gute und nichts Boses tun kann, da darf sich niemand an ihn halten, wenn nicht alles geht, wie es gehen sollte, und man walzt nicht wie in unumschrankten Regierungen die Schuld von allem, was Schicksal, Zeit und Umstande herbeifuhren, auf den, welcher sich als allmachtig ankundigt. Allein die kleinen Untertyrannen, die sind es, welche den Fursten solche verkehrte Begriffe einpragen. Sie furchten, ihren Einfluss zu verlieren und von bessern Menschen aus dem Sattel gehoben zu werden, wenn ihr Herr einmal zu der Erkenntnis kame, dass sein und des Landes Interesse ein einziges und dasselbe ist.
Unser alberner Negus hatte fur diese Wahrheiten keinen Sinn; auch sagte sie ihm niemand. Wie er sich betrug, davon will ich in den nachsten Blattern Bericht erstatten.
Funfzehntes Kapitel
Fortsetzung des vorigen. Grosser Sturm in
Abyssinien. Des Negus Flucht und Tod
Als zuerst die Untertanen des Konigs von Sennar die Waffen gegen ihre Tyrannen ergriffen und man sich gezwungen sahe, die benachbarten Konige um Hulfsvolker anzusprechen, da schrieb mir Manim, man affektiere am Hofe zu Gondar, von diesem Aufruhre gar nicht zu reden, so sehr wolle man das Ansehn haben, dies als eine Kleinigkeit zu verachten. Allein die Garung breitete sich bald weiter aus; in Dequin, Bugia und in einigen kleinern nubischen Staaten griff das Feuer der Emporung gleichfalls um sich, und nun wurde auch unser Negus gebeten, eine Armee zu Hulfe zu schicken. Er war sogleich dazu bereit, zog die Achseln uber die Schwache seiner nachbarlichen Konige, weil sie das rebellische Lumpengesindel (so nannte man die Leute, welche ihre Menschenrechte gegen schandliche Unterdrucker verteidigten und Macht durch Macht vertilgten!) noch nicht zu Paaren getrieben hatten; und so liess er denn ein Heer ausrusten, das einer von des wurdigen Stilkys Brudern anfuhrte, der ubrigens kein ganz schlimmer Mensch war.
Anfangs schrieben die Offizier von der Armee, sie hofften bald wieder nach Gondar zu kommen, die Rebellen waren nur zusammengelaufner, buntscheckiger Pobel, ohne Disziplin und Waffenubung; man hatte kaum Ehre davon, gegen solches Pack zu streiten; sie liefen in die Walder, sobald sich nur ein tapfrer Abyssinier sehen liesse.
Ganz anders lauteten die Briefe im folgenden Jahre. Da bekamen die tapfern Abyssinier, wo sie sich zeigten, von jenem sogenannten Pack derbe Schlage; ganze Korps wurden gefangengenommen, und da verwandelte sich dann des Negus Verachtung in bittern Grimm, vermischt vielleicht mit einer kleinen Ahndung, dass der Geist des Aufruhrs wohl uber die Grenze nach Abyssinien hereinschleichen konnte. In der Tat hatte es auch dazu allen Anschein; kuhne Unternehmungen, besonders wenn sie vom Schicksale begunstigt werden, erwecken immer Bewundrung; man sprach jetzt, in Gondar selbst, laut, mit Interesse und Warme, zum Lobe der Tapferkeit jener braven Nubier, die mit kleinen Haufen ungeubter Leute ganze Armeen erfahrner Krieger in die Flucht schlugen. Es fanden sich Dichter, die dreist genug waren, diese Taten zu besingen; man las mit Eifer die neuen Zeitungen von daher und murrte unter der Hand daruber, dass der Negus, mit Aufopferung so vieler wackern Abyssinier, sich in Handel mischte, die ihn nichts angingen.
Ich merkte in Adova, wo ich dies alles in der Entfernung beobachtete, dass meinen deutschen Gelehrten, besonders den republikanisch gesinnten Padagogen, die Finger juckten, etwas Kuhnes uber diesen Gegenstand schreiben zu konnen; allein ich suchte dies zu verhindern, zeigte ihnen die Unzweckmassigkeit und Gefahr eines solchen Unternehmens. "Man muss", sagte ich, "der wohltatigen Hand der Zeit die Sorge uberlassen, dergleichen Revolutionen zur Reife zu bringen; vielleicht kommt der Augenblick, wo Sie, wenn das Feuer auch hier ausgebrochen ist, Ihre schriftstellerische Talente auf eine wurdigere Art anwenden konnen, zur allgemeinen Ruhe etwas beizutragen und mit philosophischem Geiste Volk und Monarchen uber ihre gegenseitigen Pflichten aufzuklaren. Und denken Sie denn nicht daran, welcher Gefahr Sie sich selber, den edeln Prinzen und uns alle aussetzen wurden, wenn der Negus glauben musste, dass, von Adova aus, der Geist des Aufruhrs, vielleicht aus Privatrache von mir und meinem Vetter angereizt, in Abyssinien erweckt wurde?" Meine Vorstellungen bewirkten, was ich gehofft hatte, und nirgends vielleicht im ganzen Reiche wurde mit soviel Massigung und Nuchternheit von diesen Angelegenheiten geredet als grade da, wo ein kleiner Haufen von Menschen lebte, die sich nicht wenig uber den Monarchen zu beklagen hatten und deren Einfluss nicht geringe gewesen sein wurde, wenn sie ihn hatten anwenden wollen.
Bald nachher erschienen von seiten des Hofs die strengsten Verordnungen, uber den Aufruhr in Nubien nicht zu reden, nebst einem Verbote aller Schriften, welche davon handelten, und aller auslandischen Zeitungen. Wie wenig diese Befehle fruchteten, das wird man leicht begreifen; man sah nun, dass sich der Negus furchtete, und das verschlimmerte das Ubel.
Das nachste Fruhjahr kam heran, und es sollte eine grosse Rekrutenausnahme fur die Armee in Nubien vorgenommen werden; aber da weigerten sich, als sei deswegen eine allgemeine Verabredung getroffen worden, die samtlichen Dorfschaften, ihre junge Mannschaft auf die Schlachtbank zu schicken. Man liess Regimenter gegen die widerspenstigen Bauern anrucken aber die Soldaten wurden zuruckgeschlagen.
In dieser Not rief man das ziemlich geschmolzene Heer aus Nubien zuruck. Es kam; aber Anfuhrer und gemeine Soldaten hatten dort Freiheit und Menschenwurde respektieren gelernt; alle weigerten sich einstimmig, gegen ihre Mitburger die Waffen zu fuhren; und der armselige Negus stand, nebst dem Haufen seiner Lieblinge, in vernichteter Majestat verlassen da.
Nun wollte er anfangen, mit dem Volke zu kapitulieren; allein es war zu spat; die Partei war jetzt zu ungleich. Ein zahlreiches Heer hatte sich unter Anfuhrung eines vom Konige ubel behandelten, zuruckgesetzten und beschimpften alten Generals zusammengezogen, wurde taglich durch neuen Zulauf verstarkt und ruckte schnell gegen Gondar an.
Was war zu tun? Seine Majestat lagen damals an einer Entkraftung krank, die Sie sich durch allerhochstdero viehische Ausschweifungen zugezogen hatten; Schreck und Argernis vermehrten das Ubel, und doch musste eilig ein Entschluss gefasst werden. Der Haufen der Hofschranzen selbst fing nun an, da die Altare der Gotzen wankten, dem Negus und seinem Kebsweibe nicht mehr mit jener sklavischen Ehrerbietung zu begegnen; sie waren gern alle davongelaufen, wenn sie nicht geahndet hatten, dass sie bei der Armee mit dem Staupbesen wurden empfangen werden.
In diesen Augenblicken von Verzweiflung hatte mein Herr Vetter, der Exminister, den Triumph, einen Kurier vom Konige in Adova ankommen zu sehen, welcher ihm einen Brief von dem Monarchen brachte, der ihn in den herablassendsten Ausdrucken bat, alles Vergangne zu vergessen, und ihn beschwor, sich sogleich zum Kriegsheere zu begeben und alles anzuwenden, das unruhige Volk zufriedenzustellen, indem er die Bedingungen ganzlich seiner Klugheit und Grossmut uberliess. Der Konig selbst hatte sich indes nebst seinem Hofstaate nach einer Festung fuhren lassen, wo er wenigstens vor den kleinen wilden Haufen, die jetzt ohne Zucht und Ordnung durch das ganze Reich rennten, sicher sein konnte.
Mein Vetter genoss diesen Triumph, wie es einem verstandigen und redlichen Manne zukommt; er vergass den alten Groll und begab sich, begleitet von meiner Wenigkeit, unverzuglich in das Lager der Insurgenten.
Allein die Zeiten, Vergleichsvorschlage anzunehmen, waren vorbei. Wir wendeten unsre ganze Beredsamkeit vergebens an; die Nation drang auf ganzliche Abschaffung der monarchischen Regierung, auf Vernichtung des Adels, auf Abdankung des stehenden Heers, auf Auslieferung der Volksunterdrucker, um sie gebuhrend zu bestrafen, verlangte endlich, dass der Negus selbst den Thron verlassen und in den Stand eines Privatmannes zurucktreten sollte.
Das waren nun harte Bedingungen; weil wir aber keine Hoffnung vor uns sahen, dies Nationalurteil zu mildern, so wollten wir wenigstens den unglucklichen Konig nicht verlassen. Der jungre Prinz war grossmutig genug, seines Bruders Schicksal mit ihm teilen zu wollen; und so zogen wir denn, der gute Prinz, sein vortrefflicher Lehrer, mein Herr Vetter und ich, im Fruhjahre 1787 zu dem Negus in die kleine Festung, um dort den Ausgang der Sache zu erwarten.
Als wir dahin kamen, fanden wir seinen Gesundheitszustand so sehr verschlimmert, dass wir bald sahen, er wurde den Schimpf, welcher ihm bevorstand, nicht erleben. Wirklich starb er wenige Tage nachher, wie solche unbedeutende Menschen zu sterben pflegen, und wir liessen ihn in der Stille begraben.
Jetzt harrte freilich der Buhlerin und des ganzen Anhangs ein sehr trauriges Los. Der Pobel, welcher bei solchen Revolutionen sich nie in den Schranken der Gerechtigkeit und Massigung halt, hatte schon in Stadten und Dorfern alle diejenigen auf die grausamste Weise ermordet, welche er fur Kreaturen des Hofs hielt; was fur ein Schicksal die Hauptgegenstande des allgemeinen Hasses zu erwarten hatten, das liess sich leicht voraussehen. Wir wollten doch gern, soviel an uns lag, allem fernern Blutvergiessen steuren; und so sorgten wir dafur, dass dieser ganze Haufen in der Nacht verkleidet die Festung verliess und durch unbekannte Wege in das Konigreich Kongo fluchtete; da wir dann weiter nichts mehr von diesen unwurdigen Menschen gehort haben.
Sechzehntes Kapitel
Erste Anstalten zu Grundung einer neuen
Regierungsform. Nationalversammlung
Als die Nachricht von des Negus Tode und der Entweichung seiner Lieblinge im Lande bekannt wurde, war die Volksarmee nur noch wenig Meilen von der Festung entfernt, in welcher wir uns mit dem Prinzen befanden. Eine unbeschreibliche Freude bemeisterte sich der Gemuter; allein zugleich schien auch der Pobel zu glauben, mit der Vernichtung der Tyrannei sei aller Zwang der Gesetze aufgehoben. Allgemeine Unordnung herrschte, besonders auf dem platten Lande; der Starkere griff zu, um seine Habsucht, schlug zu, um seine Rachsucht zu befriedigen. Gewalttatigkeiten aller Art und Sittenlosigkeit nahmen die Oberhand; es war Zeit, schleunige Mittel zu wahlen, um diesem Unwesen Einhalt zu tun; allein wer sollte hierzu Anstalt treffen, da kein Oberhaupt an der Spitze stand und die Menschen besserer Art selbst unter sich uneinig waren, welche Gattung von Regierungsform sie kunftig wahlen und grunden sollten? Das abyssinische Reich ist gross; wie in den entfernten Provinzen die Gemuter gestimmt waren und ob dort das gebilligt werden wurde, was man nun in Gondar vornahm, das konnte man nicht wissen. Hier, wo man die liebenswurdigen Eigenschaften des jungern Prinzen kannte, schien der grosste Teil des Volks geneigt, diesem die Regierung zu ubertragen; misstrauischere, vorsichtigere und sehr republikanisch gesinnte Leute hingegen wollten dies teils nur unter gewissen Einschrankungen zugeben, teils durchaus nichts von Herrschaft eines einzigen horen. Indessen war die Armee gross, und es liess sich voraussetzen, dass, wenn diese sich einstimmig fur ein System erklaren wurde, es nicht schwerhalten konnte, dasselbe durchzusetzen.
In dieser Lage baten wir alle instandigst den Prinzen, sich an die Spitze des Heers zu stellen, davon der grosste Teil ihm schon ergeben war und wovon er den Rest leicht durch seine Leutseligkeit und edle Beredsamkeit gewinnen wurde; allein er wollte sich durchaus nicht dazu entschliessen, bis endlich die Generale zu ihm gekommen waren und ihn im Namen aller Korps angefleht hatten, sie nicht zu verlassen, sondern durch seine Gegenwart den Gewalttatigkeiten im Lande zu steuren und Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Da machte sich denn der Prinz, begleitet von seinem ehrwurdigen Mentor und uns andern, auf und begab sich in das Lager, woselbst er mit lautem Jauchzen empfangen wurde.
Sobald wir bei der Armee angekommen waren, liess der Prinz allen Truppen ankundigen, dass er ihnen etwas vorzutragen hatte, weswegen er sie ersuchte, von jedem Regimente oder (da das Heer zum Teil nur aus zusammengelaufenen Haufen bestand) je aus tausend Mann zwei auszuwahlen, die man ihm als Abgeordnete schicken mochte, damit er diesen seine Absichten und Plane eroffnen konnte. Dies geschahe mit aller Ordnung und Bereitwilligkeit, worauf er denn den Deputierten eine Rede hielt, die, sowenig sie studiert war, fur ein Meisterstuck mannlicher, einfacher und erhabner Beredsamkeit gelten konnte. Ich will nur etwas von dem Hauptinhalte derselben hier herschreiben; es hiess darin, ihn blende nicht der Glanz der Krone; er habe gelernt, die Sussigkeit eines den Wissenschaften und der nutzlichen Tatigkeit in kleinern Kreisen gewidmeten Lebens zu schmecken. Er habe oft gefuhlt und fuhle noch, wie schwer es sei, sich selber, ohne den Rat eines weisen Freundes, zu regieren welche Torheit also, Millionen Menschen nach den Einsichten seines eignen beschrankten Kopfs und nach den Gefuhlen seines leicht irrezufuhrenden Herzens lenken und, ohne fremden Beirat, unumschrankt beherrschen zu wollen! Ihm sei daher schon der Gedanke einer willkurlichen Alleinherrschaft unertraglich. Nur nach bestimmten, mit reifer Uberlegung verfassten Gesetzen mussten vernunftige Wesen ihre Handlungen einrichten, nicht nach den Winken eines einzigen unter ihnen. Indessen sei jetzt ein so sturmischer Zeitpunkt, wo es nicht moglich sei, uber Grundung dieser Gesetze sogleich einig zu werden. Er wollte also, doch nur auf ein Jahr, das Ruder des Staats in seine Hande nehmen, nicht als sein Eigentum, sondern als ein ihm anvertrautes Pfand, bis er es wurdigern Handen ubergeben konne. Es sei hier notig, rasche, entschlossene Schritte zu tun, um der Anarchie zu steuern und Anstalt zu einer festen Konstitution zu machen. Wenn die Abgeordneten der Armee dies billigten, so sollten diese dann sogleich sich an die Spitze einzelner Korps stellen, mit diesen in alle Provinzen des Reichs marschieren und dort mit vollem Ernst einer militarischen Strenge die Ordnung und Ruhe herstellen. Sie sollten hierauf Sorge tragen, dass jedes Dorf und jede Stadt einen oder, nach Verhaltnis der Grosse, mehr Deputierte, zu welchem die Gemeinen oder Kirchspiele das grosste Zutrauen hatten, ohne allen Unterschied der Stande wahlten; solche Deputierten aus allen den Ortern, welche zu einem Amte gehorten, sollten wiederum unter sich zwei Manner auszeichnen, zu deren Vorteil sich das Urteil der mehrsten unter ihnen vereinigte; mehrere Amter, aus welchen eine Provinz bestehe, sollten nach eben diesem Massstabe verfahren; und so wurde denn aus zwolf Provinzen eine Anzahl von vierundzwanzig Menschen zusammenkommen grade nicht zuviel, um wichtige Gegenstande mit Ordnung und Ruhe verhandeln zu konnen, und nicht zuwenig, um doch die Verschiedenheit der Meinungen und Einsichten zu nutzen! Diese vierundzwanzig Personen sollten sich in Gondar versammeln und ein Nationalkollegium ausmachen, dessen Prasident er, der Prinz, vorerst zu sein sich verbindlich mache. Der Zweck dieser Versammlung musste sein, eine auf bestimmte Gesetze gegrundete Staatsverfassung zustande zu bringen. Einen Plan hierzu hatte der Prinz, unter Anfuhrung seines weisen Lehrers, schon seit einigen Jahren fertig liegen gehabt nicht in der stolzen Absicht, je der Gesetzgeber seines Volks zu werden, sondern um seine Gedanken uber Gegenstande zu berichtigen, die der ganzen Menschheit so wichtig waren, und weil er, bei der furchterlichen Regierungsverfassung der letztern Zeiten, vorausgesehen hatte, dass er vielleicht einst seinen lieben Mitburgern durch guten Rat nutzlich werden konnte. Diesen Plan nun sollte die Nationalversammlung durchgehen, prufen, die einzelnen Teile desselben ausarbeiten und dann ihre Gedanken daruber ihren Kommittenten mitteilen. Dort wurden diese Gesetze abermals gepruft, berichtigt und noch weiter hinunter an die grossern Ausschusse geschickt und endlich jedem einzelnen vorgelegt; durch eben diesen Weg kamen sie wieder, verbessert oder bestatigt, bis an die Quelle, an den Nationalkongress zuruck, welcher die Resultate davon, nach der Mehrheit der Stimmen, als Grundgesetz niederschriebe. Auf diese Weise wurde die neue Konstitution durch die Mehrheit der Stimmen aller Hausvater aus allen Standen im ganzen Reiche gegrundet werden, und nach Jahresfrist konne alles in Ordnung sein. Bis dahin wolle er, der Prinz, obgleich sehr gegen seine Neigung, sich als den Konig des Landes betrachten, weil das Nationalkollegium nicht Zeit haben wurde, neben der Gesetzgebung sich noch mit Regierungsangelegenheiten zu befassen. Er wolle dafur sorgen, dass die Geschafte einen ordentlichen Gang gingen, nach der Weise, wie es unter seines Vaters Regierung gewesen sei. Man moge nur nicht den Einwurf machen, ein Jahr sei nicht hinreichend, ein so grosses Werk zustande zu bringen; sobald man uber Grundsatze einig geworden ware (und das hoffte er bald zu bewirken), wurde die weitre Ausarbeitung nicht viel Zeit wegnehmen; denn die Menge der Gesetze mache ein Land nicht glucklich, sondern ihre Einfalt, Bestimmtheit und punktliche Befolgung. Auch durfe man nicht einwenden, dass die Prufung und Beistimmung aller, auch der wenigen kultivierten Stande weder nutzlich noch erforderlich zu diesem Geschafte waren. Jeder volljahrige Mensch sei kultiviert genug, um uber das zu urteilen, was er tun oder lassen musse, oder vielmehr, es sei ungerecht, verlangen zu wollen, dass ein Mann etwas leisten oder unterlassen sollte, wenn man ihm nicht einmal soviel Verstand zutrauete, einzusehen, warum man dies von ihm forderte. Menschen im Staate seien ja keine Kinder, welche im Blinden zu leiten und gegen ihren Willen ihre Handlungen zu lenken andre gewisse Menschen, und noch obendrein die wenigsten an Menge, das Privilegium haben konnten. Wenn also der mogliche Fall angenommen werden konnte, dass die grossere Anzahl der Burger in einem Staate Toren waren, so wurde es sehr viel naturlicher sein, dort, mit Einwilligung aller, torichte Gesetze zu geben, als einigen Klugern oder sich kluger Dunkenden zu gestatten, jenen mit Gewalt ihre Weisheit aufzudringen.
Diese Vorschlage fanden allgemeinen Beifall, wurden niedergeschrieben und von den samtlichen Deputierten der Armee, welche mit ihren Korps in alle Gegenden des Reichs zogen, im Lande bekanntgemacht. Hierauf schritt man sogleich zu den Wahlen, und binnen wenig Wochen waren die vierundzwanzig Nationaldeputierten in Gondar versammelt. Der Prinz aber ubernahm, unter dem Titel eines Regenten, die Interimsregierung, schaffte vorerst die druckendsten Missbrauche ab, machte aber ubrigens keine wichtige eigenmachtige Veranderungen.
Da ich hoffe, dass es den Lesern nicht unangenehm sein wird, wenn ich sie mit seinen Regierungsbegriffen bekannt mache, so will ich in den folgenden Kapiteln den ganzen Plan, welchen er der ehrwurdigen Versammlung von Deputierten aus allen Standen vorlegte, stuckweise abschreiben.
Siebenzehntes Kapitel
Entwurf der neuen Staatsverfassung. Richtige
allgemeine Begriffe von burgerlicher Freiheit und
Gesetzgebung
Der Mensch in dieser Welt sucht Gluckseligkeit, sucht sie vorzuglich, wenn er mit andern Menschen in Verbindung tritt; allein fuhlt er sich hulflos und unbehaglich; um die Summe seiner Gluckseligkeit zu vermehren, schliesst er sich an seinesgleichen an.
Gluckseligkeit ist Lebensgenuss, und um des Lebens geniessen zu konnen, muss man frei sein. Lebt man aber in Verbindung mit andern Menschen, so kann nicht jeder einzelne verlangen, alles zu geniessen; er muss auch den ubrigen erlauben, ihren Anteil Genuss von den allgemeinen Lebensgutern und Vorteilen zu schmecken; er muss also seiner Freiheit gewisse Grenzen setzen; doch nur solche Grenzen, in welchen er, mit der allgemeinen Gluckseligkeit, seine eigne durch einzelne Aufopferungen befordert; denn sind die Grenzen der Freiheit zu enge gezogen, die Aufopferungen zu gross, so fuhlt sich der Mensch in Verbindung unglucklicher als im isolierten Zustande; und so fallt also die Ursache weg, weswegen er sich an andre angeschlossen hat. Jedermann wunscht daher, auch als Staatsburger noch immer soviel von der naturlichen Freiheit zu behalten, als mit der Wohlfahrt des Ganzen bestehen kann. Es kommt desfalls darauf an, richtige Begriffe von der burgerlichen Freiheit festzusetzen, damit wir, die wir das Joch der Tyrannei abgeschuttelt haben, um freie Burger zu werden, uns untereinander verstehen und wissen mogen, was wir suchen und was wir erlangen konnen.
Die Systeme des Natur- und Volkerrechts, die bei den europaischen Nationen im Gange sind und die ich studiert habe, finde ich voll verdrehter konventioneller Ideen, die nichts weniger als aus der Natur entlehnt, nicht von der nuchternen, vorurteilsfreien Vernunft eingegeben sind; ich finde kunstliche, ja, sogar religiose Begriffe mit eingemischt, die gar nicht dahin gehoren, wovon der Mensch im Stande der Natur nichts wissen kann.
Die Freiheit des Menschen im naturlichen, rohen, wilden Zustande besteht darin, dass jeder einzelne alle seine Handlungen willkurlich einrichten, tun darf, was ihm beliebt und wozu er Krafte hat, und nehmen, was ihn gelustet und was er bekommen kann.
Der Mensch im geselligen Zustande unterlasst manche willkurliche Handlung, versagt sich manchen Besitz und Genuss, um andern dergleichen zu uberlassen, in der Absicht, dass diese ein Gleiches in Rucksicht seiner tun werden, oder er gibt etwas hin, um wieder zu erhalten und desto sichrer das ubrige zu besitzen; allein diese Aufopferungen sind willkurlich, sind das Werk wohlwollender Empfindungen oder Spekulation des Eigennutzes.
Die Menschen im burgerlichen Leben bringen diese Regeln der Geselligkeit und gegenseitigen Aufopferung in gewisse Systeme, setzen, mit Ubereinstimmung aller, Vorschriften daruber fest, die man Gesetze nennt, nach welchen dann jeder handeln muss, zu deren Befolgung man jeden zwingen kann, der im Staate geduldet sein will. Nun fallen alle willkurliche Handlungen weg, weil keine Handlung erdacht werden mag, die nicht Einfluss auf die Wohlfahrt des Ganzen haben konnte. Wollte man, wie es von vielen geschieht, gewisse Handlungen davon ausnehmen und diese der freien Willkur der einzelnen uberlassen, so wurden sich bald Ursachen und Vorwande fur jede Handlung finden. Dies nun, namlich dass jede Handlung des Burgers vom Staate eingeschrankt werden darf, ein Gegenstand der Gesetzgebung werden kann, klingt sehr despotisch; doch wird das wegfallen, wenn ich mich deutlicher erklare. Despotismus besteht in der Befugnis, die einem oder mehrern verstattet, von einem oder mehrern genommen wird, andern willkurlich vorzuschreiben, was sie in einzelnen Fallen tun oder unterlassen sollen; die Gewalt einer vernunftigen Staatsverfassung hingegen beruht auf der Befugnis des ganzen Korps der Burger, unter sich, durch Mehrheit der Stimmen, Regeln festzusetzen, nach welchen jeder einzelne Burger seine Handlungen einrichten soll, solange er im Lande leben will, und in der Befugnis der Vorsteher des Staats, mit aller Strenge auf Befolgung dieser Regeln oder Gesetze zu dringen und zu halten.
Nach diesen allgemeinen Begriffen bestimme ich folgende besondere Satze:
1. Alle Handlungen eines Burgers im Staate konnen ein Gegenstand der Gesetzgebung sein, weil sie alle Einfluss auf das Ganze haben konnen; eine andre Frage aber ist, ob es gut sei, uber alle Handlungen Vorschriften zu geben. Es ist also keinem Zweifel unterworfen, dass der Staat sich zum Beispiel in das Erziehungswesen mischen und daruber Gesetze geben durfe, weil es ihm nicht einerlei sein kann, was fur Burger ihm die folgende Generation liefert; allein es ist noch nicht ausgemacht, ob es zweckmassig und vorteilhaft sei oder nicht, sich in das Geschaft der Privaterziehung zu mischen. Ganz gleichgultige Handlungen einzuschranken ware nun vollends Torheit.
2. Neue Gesetze aber, welche die Freiheit gewisser Handlungen einschranken, konnen nur mit Wissen und Willen aller erwachsenen Burger im Staate gegeben werden.
3. Da nicht zu erwarten steht, dass Tausende leicht einerlei Meinung sein werden, so muss, bei einer solchen Gesetzgebung, die Mehrheit der Stimmen entscheiden. Die weiseste Meinung ist nun aber freilich nicht immer die Meinung des grossern Haufens; allein jeder kann sich fur den Weisesten halten; und wer darf dann entscheiden? Es bleibt daher kein anderes Mittel ubrig, als die Meinung der mehrsten fur die beste Meinung zu halten; und am Ende muss es ja auch von dem grossten Haufen abhangen, unweise Gesetze zu geben, wenn er nun einmal keine andre haben will, weil der grossere Haufen der starkste Teil ist und das Recht der Starkern in der ganzen Natur die Oberhand hat.
4. Es muss jedermann erlaubt sein, wenn ihm diese Gesetze nicht gefallen, das Land zu verlassen, in welchem man gezwungen wird, nach denselben zu handeln. Ein Gesetz also, welches den Burgern im Staate das Auswandern verbietet, ist ein tyrannisches Gesetz; denn die burgerliche Einrichtung soll eine Wohltat fur einzelne Menschen sein, und man darf niemand zwingen, wider seinen Willen Wohltaten anzunehmen.
5. Durch das Recht des Starkern, folglich auch durch Vereinigung der grossern Anzahl gegen die kleinere, folglich auch durch Entscheidung der Mehrheit der Stimmen, konnten ungerechte Befehle gegeben werden; die blosse Freiheit aber, sich diesen Ungerechtigkeiten durch Auswanderung aus dem Lande zu entziehen, scheint manchen guten und nutzlichen Burger in die Verlegenheit sturzen zu konnen, des Eigensinns vieler schiefen Kopfe wegen mit seinem gradern Kopfe das Land zu verlassen und die Fruchte seines Fleisses darin mit dem Rucken anzusehen, ein Land, in welchem er manche andre Gemachlichkeit fand und auf vielfache Weise Gutes stiften konnte. Um auch diesen Nachteil vom Staate abzuwalzen, muss man jedem erlauben, die Gemuter der grossern Anzahl zum Vorteile seiner Meinung zu lenken. Da doch am Ende alles auf dem Recht des Starkern beruht, so darf man auch niemand die Mittel benehmen, durch Starke des Geistes, durch die Ubermacht welche hohere Verstandeskrafte gewahren, der andern Macht das Gleichgewicht zu halten. Es muss daher jedem unverwehrt bleiben, frei uber zu machende und zu verandernde Gesetze seine Meinung zu sagen und zu schreiben und alle Kunste der Uberredung und jedes andre Mittel anzuwenden, um den grossen Haufen, welcher entscheidet, auf seine Seite zu bringen. Wendete er unedle Mittel an und liessen seine Mitburger sich durch unedle oder sophistische Grunde lenken, so ware das ein Zeichen, dass die mehrsten dieser Leute schlechte, unvernunftige Menschen waren; und da wurde dann erfolgen, was sie verdienten und der Ordnung der Dinge angemessen ist sie wurden eine schlechte Staatsverfassung bekommen. Dies wird aber schwerlich je der Fall sein, und wenn man nur zwanglos der Ordnung der Natur den freien Lauf lasst, so wird auf die Lange immer die Sache der gesunden Vernunft die Oberhand behalten.
6. Ist ein Gesetz einmal gegrundet, so muss freilich die heranwachsende Generation sich demselben unterwerfen, obgleich sie nicht ihre Stimme dazu gegeben hat; denn sie hat ja keinen neuen Staat zu errichten, sondern der Staat ist schon gegrundet, in welchem zu leben die Neuhinzukommenden entweder die Freiheit behalten und sich dann den Vorschriften unterwerfen mussen oder aber auswandern mogen. Allein auch dies konnte zu einer Art von Ungerechtigkeit werden; nach Verlauf eines Jahrhunderts lebt ja keiner von den Gesetzgebern mehr; auch verandern sich die Zeiten und Umstande; da ist es dann unbillig, dass Menschen ihren freien Willen nach Vorschriften einschranken sollen, die in alten Zeiten Personen gegeben haben, welche gar keine Gewalt uber die Handlungen solcher Menschen haben konnten, die damals noch nicht existierten. Um auch diesen abzuhelfen, muss jedem Burger im Staate freistehen, nicht nur uber zu gebende Verordnungen ungestort seine Meinungen zu sagen und sie auf alle Art gelten zu machen, sondern diese Freiheit muss sich auch auf sein Urteil uber schon existierende Gesetze und Einrichtungen erstrecken, die er abgeschafft zu sehen wunscht. Frei und ungehindert muss also jeder Burger uber Regierung und Staatsverwaltung reden und schreiben durfen.
7. Da der Ton des Zeitalters, da Lebensart und Sitten, Verhaltnisse der Einwohner gegen einander und gegen Fremde, das Land selbst, kurz, alles in einem Zeitraume von einem Menschenleben sich verandert, so werden manche heute gegebene Gesetze nach funfzig Jahren unnutz und zwecklos sein. Es ist daher der Klugheit gemass, dass die Volksversammlung, nach Ablauf einer gewissen zu bestimmenden Zeit, die samtlichen Landesverordnungen aufs neue durchgehe, untersuche, Einwendungen dagegen und nutzliche Vorschlage zu Abanderungen und Neuerungen von jedem Burger im Staate sich vorlegen lasse und darnach ein neues Gesetzbuch verfertige.
8. So gewiss jede Handlung eines Burgers durch Gesetze bestimmt oder eingeschrankt werden darf, wie ich das schon bewiesen habe, so sehr befordert es die allgemeine und die Privatgluckseligkeit, dass man bei der Gesetzgebung darauf Rucksicht nehme, sowenig als moglich die naturliche Freiheit einzuschranken, sich untereinander keinen unnutzen oder gar schadlich werdenden Zwang aufzulegen. Es werden daher bei unsrer Legislation eine Menge kleiner Verordnungen wegfallen, die bei andern Volkern ganze Bande fullen.
9. Da die Gewalt der Gesetzgebung sich nur auf Handlungen erstreckt, so konnen Gedanken und Meinungen gar nicht, offenbare Absichten sehr selten ein Gegenstand derselben sein.
10. Was der Mensch besass, ehe er in die burgerliche Verbindung trat, was er ohne sie besitzen kann, was er ihr nicht zu verdanken, von ihr nicht zu erwarten hat, wovon sie ihm den Besitz nicht zuzusichern vermag, endlich was er ihr nicht aufopfern kann, weil er selbst nicht Herr daruber ist, das darf ebensowenig ein Gegenstand der Gesetzgebung werden.
11. Weil es jedermann erlaubt sein muss, auch uber die wichtigsten Dinge frei und offenherzig seine Meinung zu sagen, und nur Handlungen der Gegenstand der Gesetzgebung sind, so durfen also gesprochene und geschriebne Worte, von welcher Art sie auch sein mogen, nie durch Gesetze eingeschrankt werden.
12. Da auf diese Weise der Staat den Burgern Gelegenheit gibt, offentlich alles Gute zu tun und zu reden, zum Besten des Ganzen und zu ihrer eignen Wohlfahrt alle redliche Mittel anzuwenden, sie auch gegen Beeintrachtigung dieser Freiheit kraftig schutzt, so darf er dagegen desto strenger jede geheime Machination, jede versteckte Meuterei, jede im Finstern schleichende Wirksamkeit einzelner und verbundner Menschen, jede anonyme Verunglimpfung, Schmahung und Anklage verdachtig finden und ahnden; denn da, wo man der Vernunft, der Ausbreitung nutzlicher Kenntnisse und der Ausfuhrung nutzlicher Zwecke keinen Zwang auflegt, da kann es keine erlaubte geheime Kunste und keine redliche geheime Plane geben. Soviel von der burgerlichen Freiheit und den Grenzen der gesetzgebenden Macht im allgemeinen!
Achtzehntes Kapitel
Fortsetzung. Staatsbediente und Vorsteher. Amter.
Stande
Ich sehe voraus, dass, bei den besondern Vorschlagen, die ich nun zu Errichtung einer neuen Staatsverfassung wagen will, von allen Seiten der Einwurf mir entgegengestellt werden wird, solche gegen alle bisher herrschend gewesene Ideen streitende Einrichtungen liessen sich, ohne ganzlichen Umsturz der ganzen Verfassung und ohne unabsehliche Verwirrung, nicht einfuhren. Ich will dies zugeben; allein meine Absicht ist auch nur, meinen Mitburgern das Ideal einer vollkommnen Verfassung, wie ich sie mir denke, hinzustellen. Betrachten Sie dies Ideal genau, untersuchen Sie, ob es ganz oder zum Teil zu erreichen ist! Und wenn Sie dann auch nur einige meiner Vorschlage nutzlich und anwendbar finden, so werde ich meine Muhe nicht verloren zu haben glauben. Allein ich muss Sie zugleich ermuntern, sich nicht durch Vorliebe fur das Alte, nicht durch Privateigennutz noch durch Schwierigkeiten abschrecken zu lassen, das wahrhaftig Gute, dem Ganzen Nutzliche, mit Hinwegwerfung alles dessen, was auch durch verjahrte Vorurteile gleichsam geheiligt scheint, mit Warme und unverdrossen zu ergreifen. Ist man einmal von der Gute eines neuen Systems und von der Mangelhaftigkeit des bisherigen uberzeugt, so ist es besser, das alte mit Stumpf und Stiel auszurotten, als ewig zu flicken und nie ein vollkommnes Ganzes zustande zu bringen. Was helfen Palliativkuren, wenn man voraussieht, dass, fruh oder spat, ohne gewaltsamen Schnitt der Tod unvermeidlich ist? Rucken wir der Sache naher!
Ohne Haupttriebfeder kann keine Maschine bestehen, ohne Oberhaupt keine Gesellschaft Bestand haben; es muss also das Ruder des Staats gewissen Handen anvertrauet werden; nur muss dafur gesorgt sein, dass der Mechanismus des Ganzen so geordnet sei, dass die dirigierende Kraft darin dem Gange keine willkurliche Richtung geben, nichts mehr tun konne als grade, was eine Feder in einem Uhrwerke bewirkt, namlich alle ubrigen, nach gewissen Regeln fortlaufenden Rader und Walzen die erste Bewegung zu geben. Je einfacher dies erste Ressort ist, desto weniger Verwirrung wird zu besorgen sein; nach dieser Analogie halte ich es fur besser, dass eine als dass mehrere Personen die mechanischen Bewegungen des Staatskorpers dirigieren. Ich rate euch also, einen Mann nennt ihn Konig oder wie ihr wollt! zu wahlen, der fur Ausubung eurer Gesetze und Aufrechthaltung eurer Einrichtungen sorge. Man weiss dann, an wen man sich zu halten hat, und er fuhlt, dass Ehre und Schande und Verantwortung auf ihn allein fallt, statt dass da, wo mehrere die Hande am Ruder haben, Verschiedenheiten in den Charakteren, Zwist, Missverstandnisse die Einheit des Ganzen storen, die Geschafte aufhalten und, indem einer die Schuld auf den andern schiebt, die Last dem andern aufladet, nichts mit Eifer und Ordnung betrieben wird.
Unsern Konig mussen wir aus dem ganzen Volke wahlen, und das ganze Volk muss ihn wahlen, und zwar einen Mann, der schon der Nation bekannt ist, folglich einen unter den Statthaltern, von denen ich nachher reden werde. Er bekleidet seine Stelle, so wie alle ubrige hohere Staatsbediente, nur sechs Jahre lang und tritt dann in den Privatstand zuruck, wenn man ihn nicht etwa aufs neue wahlt. Wahrend seiner Amtsfuhrung kann niemand ihn zur Verantwortung ziehen; sobald seine Zeit verflossen ist, kann die Nationalversammlung Rechenschaft von ihm fordern. Eine Art, aller mannbaren Burger Stimmen zu sammeln, habe ich vorgeschlagen, als ich den Hauptern des Kriegsheers meinen ersten Entwurf zu Errichtung einer Nationalversammlung vorlegte.
Der Konig hat, solange seine Regierung dauert, unumschrankte Gewalt, die Gesetze der Nation mit aller vorgeschriebenen oder erlaubten Strenge in Ausubung bringen zu lassen. Er wacht uber die Ordnung im Ganzen; an ihn laufen die Berichte der Statthalter; bei eiligen, in den Gesetzen nicht bestimmten Fallen befiehlt er vorerst, was geschehen soll; ist die Sache wichtig, betrifft sie zum Beispiel Krieg und Frieden, so beruft er die Nationalversammlung oder erbittet sich schriftlich ihre Stimmen. Diese Nationalversammlung kommt ordentlich zwar nur alle sechs Jahre einmal zusammen, weil dann die Mitglieder, woraus sie bestehen soll, aus allen Provinzen gewahlt werden; allein diese sechs Jahre hindurch bleibt doch jeder von den Nationalraten in dem Verhaltnisse, dass er bereit sein muss, mit seiner Person oder seinem Gutachten sich einzustellen. In allen Fallen, die einmal in den Landesgesetzen bestimmt sind, bedarf es weiter keiner Anfragen, der Konig darf darin nichts willkurlich tun, muss immer punktlich auf Befolgung derselben halten, darf eigenmachtig keine Strafen verhangen, aber auch keine Strafen erlassen noch mildern.
Im Kriege ist der Konig kein Heerfuhrer, sondern bleibt, so wie alle Staatsbediente, im Lande. Die Generale werden von der Nationalversammlung ernannt und mit Instruktionen versehen.
Er ist verpflichtet, jeden Morgen drei Stunden lang jedermann, der ihn sprechen will, vor sich zu lassen, Klagen anzuhoren oder schriftliche Aufsatze daruber zu fordern, wenn das notig ist, und dann die Sachen den verschiednen Gerichtshofen zur Besorgung zu ubergeben. Sechs untergeordnete Staatsrate arbeiten unter seiner Anweisung in diesen Geschaften.
Mit ihm zugleich wird ein Vizekonig erwahlt, der aber nicht eher etwas mit Staatsgeschaften zu tun hat, als bis der wirkliche Konig krank, zur Arbeit unfahig wird oder stirbt.
Die Residenz des Konigs und des Staatsrats wird gleichfalls alle sechs Jahre, nach der Reihe, aus einer der zwolf Hauptstadte des Landes in die andre verlegt.
Des Konigs Person ist nicht heiliger als die eines jeden andern nutzlichen Burgers; ihm wird keine Art von ausserer, sklavischer Verehrung bewiesen; er ist kein Gesalbter und kein Statthalter Gottes; er hat keine Leibwachen, keine ausgezeichnete Kleidung; seine Kinder und Verwandte sind Privatleute, wie wir alle; er ist niemand in Gnaden gewogen, und niemand ist ihm untertanig. Er erhalt wahrend der sechs Jahre seiner Amtsfuhrung, da er nicht Musse ubrig hat, durch Betreibung andrer Geschafte seinen Unterhalt zu gewinnen, ein ansehnliches, doch nicht das Einkommen eines reichen Privatmannes uberschreitendes Jahrgeld; allein der Staat besoldet ihm keine Hofschranzen, keine Mussigganger, halt ihm keine Spielwerke. Unser Konig soll ein weiser Mann sein, und ein weiser Mann ist uber Flitterstaat, unnutze Bedurfnisse und Torheiten hinaus.
Der Konig kann keinen, auch den geringsten Diener des Staats nicht, weder ernennen, befordern, noch absetzen. Alle werden entweder von ihren Untergebenen oder von ihresgleichen gewahlt oder, besonders die, welche Besoldung erhalten, von dem Kollegio ihrer Vorgesetzten ernannt. Zu allen diesen Amtern aber die Subjekte, sowie uberhaupt alles, was der Konig notig und nutzlich findet, in Vorschlag zu bringen, das ist seine Pflicht; und seine Mitburger werden gewiss gern, wenn sie konnen, auf seine Empfehlungen Rucksicht nehmen, da seine Geschafte ihn in den Stand setzen, die Bedurfnisse des Landes und die Fahigkeiten einzelner Personen genauer kennenzulernen.
Wundert euch nicht, meine lieben Mitburger, wenn ich meinem Konige sowenig willkurliche Macht einraume, ihn so ganzlich den Gesetzen und der Nation unterwerfe! Ihr habt es hier gesehen, welche schreckliche Dinge der Despotismus anstellen kann; und wenn ihr uberleget, wie gross der Reiz eines ehrgeizigen Mannes ist, seine Gewalt uber andre Menschen immer weiter auszudehnen, wenn ihr einen Blick in die Geschichte werfet und da leset, wie die Beherrscher der Volker in allen Zeitaltern stufenweise weiter gegriffen haben, von einer Gewalttatigkeit zur andern fortgeschritten sind, bis zuletzt ganze Volker sich und Gottes Erdboden, den sie bebauet hatten, als das Eigentum eines hochst elenden Menschen ansahen, der ihnen nach Belieben Gesetze gab, die er selbst nicht hielt, und, wenn er einmal einen Uberrest von Menschlichkeit und Pflichterfullung zeigte, dies denen Leuten, welche ihn ernahrten und beschutzten, fur uberschwengliche Gnade und Huld verkaufte wenn ihr das alles uberlegt, so denke ich, ihr werdet die Notwendigkeit einsehen, bei Grundung einer neuen Konstitution auch die entfernteste Moglichkeit, wiederum unter das Joch der Tyrannei zu kommen, aus dem Wege zu raumen. Wem schaudert nicht die Haut, wenn er lieset, wie Philipp der Zweite von Spanien und sein Herzog von Alba mit der Existenz der Menschen gespielt haben; wie gegen Sklaverei unempfindlich gewordene Menschen den kleinen, verachtungswerten Ludwig den Vierzehnten, der seiner niedrigen, kindischen Eitelkeit Millionen Leben und den Flor des Reichs aufopferte den Grossen nannten; wie das Oberhaupt eines Standes, der den Eid der Keuschheit schworen muss, der Chef einer Religionspartei, die Hurer und Ehebrecher zur Verdammung verurteilt, wie der Papst Alexander der Sechste seine anerkannten Bastarde zu Herzogen erhob und in offentlicher Unzucht und Blutschande lebte; wie endlich noch jetzt in allen Landern Europens grosse und kleine Fursten mit Verordnungen und Strafen Unfug treiben und Todesurteile uber Verbrechen unterzeichnen, die sie und ihre Lieblinge taglich begehen! Und diese Beispiele sollten uns nicht die Augen offnen? Doch lasset uns jetzt von den ubrigen Staatsbedienten reden!
Solange ein Mann Mitglied des Nationalrats oder des hochsten Volkstribunals ist, kann er kein Amt im Staate bekleiden, denn er kann nicht zugleich Herr und Diener sein.
Die Staatsrate des Konigs haben keine Stimme, sondern besorgen nur, unter seiner Anweisung, das Mechanische der Geschafte. Sie sind also eigentlich keine Staatsbediente, obgleich die Nation sie besoldet; der Konig allein wahlt sie sich, kann sie nach Willkur annehmen und verabschieden, denn er allein hat mit ihnen zu arbeiten.
Das ganze Reich ist in zwolf Provinzen geteilt; jede Provinz hat eine grosse Stadt, die, wie ich schon gesagt habe, abwechselnd die Residenz des ganzen Reichs wird. In jeder dieser Stadte wohnt ein Statthalter, der in seiner Provinz die Stelle bekleidet, welche der Konig im ganzen Reiche versieht, doch also, dass er an den Konig berichten muss. Der Statthalter ist der Prasident des Provinzialtribunals, das, ausser ihm, aus sechs Raten besteht und Justiz-, Finanz- und alle andre Angelegenheiten der Provinz dirigiert. Jeder Rat hat eine Stimme; der Statthalter nur dann, wenn die Meinungen geteilt sind. Der Statthalter und diese Rate werden aus den Munizipalmagistraten und von denselben gewahlt und von der Nation besoldet. Weiter hinunter muss jeder Staatsbediente sein Amt unentgeltlich verwalten. Nur die unbetrachtlichsten kleinen Stellen, wie zum Beispiele die der Aufseher uber Strassen und Damme, Nachtwachter und so ferner sind mit Gehalt verknupft. Alle wichtige Amter werden nur sechs Jahre lang von denselben Personen bekleidet.
Ausser der grossen Provinzialstadt sind in jeder Provinz nur noch drei kleinere Landstadte und drei grosse und neun kleinere Dorfer. Es ist vorgeschrieben, aus wieviel Hausern und Familien hochstens diese Stadte und Dorfer bestehen durfen. Dies ist nach der moglichst zu erwartenden Bevolkerung bestimmt. Nimmt irgendwo die Volksmenge uber diese Grenze hinaus zu, so wird den ubrigen Familien in einer andern Gegend, wo die Anzahl noch nicht vollstandig ist, ein Aufenthalt angewiesen.
In jeder der kleinern Stadte ist ein Munizipalmagistrat, der aus einem Vorsteher und vier Beisitzern besteht; diese werden aus und von der Burgerschaft gewahlt.
Drei kleinere Dorfer stehen unter einem Beamten, der zwei Gehulfen hat und mit diesen in dem grossern Dorfe wohnt. Er und sie werden von den Landleuten gewahlt. Es mussen aber Manner sein, die in dem grossern Dorfe ansassig sind.
Jedes kleinere Dorf hat einen Richter, den die Einwohner wahlen.
Alle kleinere Stellen werden durch Wahlen in den Stadtquartieren und Dorfgemeinen alle drei Jahre besetzt. Berichte, Anfragen und Forderungen gehen von unten hinauf, doch also, dass die Dorfangelegenheiten durch die Beamten, die Stadtsachen durch die Magistrate an das Provinzialkollegium gehen. Ebenso laufen die Antworten und Bescheide von oben herunter. Was in den Gesetzen klar bestimmt ist, daruber wird nicht angefragt, sondern es wird kurz abgetan. Die letzte Instanz fur jemand, der auf diesem Wege keine Befriedigung findet, ist der Konig, der, wenn die Sache wichtig ist, sie dem Nationalkollegio vortragt.
Da die Regierungsgeschafte auf diese Weise gar nicht verwickelt sein werden, so bedarf es nicht fur jeden Zweig derselben eines eignen Kollegiums. Die Hauptregierung, die Provinzialdirektionen, die Stadtkollegia und die Dorfobrigkeiten haben zugleich das Justiz-, Finanz-, Kriegs- und Polizeiwesen, kurz, alles zu besorgen.
Jeder Abyssinier in der Stadt und auf dem Lande ist verbunden, noch ausser den Jahren, da er die Waffen tragen muss, wovon in der Folge geredet werden wird, wenigstens drei Jahre seines Lebens hindurch unentgeltlich ein kleineres burgerliches Amt zu verwalten gleichviel welches! Er muss es annehmen, wenn das Zutrauen seiner Mitburger ihn dazu erwahlt.
Alle Amter, Stande und Gewerbe im Staate aber sehen wir fur gleich wichtig und vornehm an. Das Wort Rang wird bei uns ganzlich unbekannt werden. Der Staat bedarf ebenso notwendig eines Nachtwachters als eines Beamten, ebenso notwendig eines Schusters als eines Gelehrten. Wer kann bestimmen, wieviel eignes Verdienst der Mann und wieviel mehr oder weniger Nutzen das gemeine Wesen davon zieht, dass dieser Mann grade Talente zu dem und nicht zu jenem Geschafte von der Natur erhalten oder ausgebauet hat? Und welcher Mann verdient wohl mehr Achtung und Vorzug, der, welcher mit besondrer Fertigkeit und mit unausgesetztem Fleisse, jahraus, jahrein, Schwefelholzer schnitzelt und davon seine Familie ernahrt, oder der Bucherschreiber, der einmal vortreffliche Dinge hat drucken lassen, die ubrige Zeit seines Lebens aber gefaulenzt und, bei der Ungewissheit, ob er mit seiner Schriftstellerei wirklich etwas Gutes gestiftet, die Gelegenheit und Pflicht, unmittelbar seine Krafte dem gemeinen Wesen zu widmen, verabsaumt hat? Vom Schuster kaufe ich Schuhe, weil er das Schuhmachen gelernt hat, vom Arzte eine Vorschrift fur meine Gesundheit, weil er sich darauf versteht. Der eine kann sich glucklicher fuhlen in dem Besitze einer edlen Kunst als der andre mit seiner bloss mechanischen Geschicklichkeit; das ist seine Sache; aber ich, der ich beider bedarf, warum soll ich weniger tief den Hut abziehen vor dem, der meine Blosse bekleidet, damit ich nicht durch Verkaltung krank werde, als vor dem, der mir, wenn ich krank bin, zu helfen sucht? Mit der innern Ehrerbietung und Achtung, ja, da ist es ganz etwas anders; wenn wir diese zum Massstabe unsrer aussern Behandlung annehmen wollen, so bin ich gern zufrieden. Da wird man denn aber auch dem ehrlichen Tagelohner oft eine tiefe Verbeugung machen mussen, indes der schelmische Minister, wie er es verdient, uber die Schulter angesehen wird. In despotischen Staaten halt sich der geringste Furstensklave, und ware er auch nur ein gemeiner Schreiber, fur ein Wesen besserer Art als der freie, unabhangige Handwerksmann. Fort mit diesen Armseligkeiten! Fort mit Rang und Titeln! Die Rucksichten, welche man auf hoheres Alter, auf bessere Erfahrungen, auf Weisheit, Gute, feinere Sitten und Herzenssympathie nimmt und im aussern Betragen zeigt, die werden nie wegfallen; aber vor falschem Glanze und eingebildeten Vorzugen wollen wir nicht langer die Knie beugen. Der redliche und verstandige Bauer stehe in unsrer Achtung hoch uber dem nichtswurdigen Sohn des Staatsrats. Der Vorgesetzte im Amte ist nur in Amtsgeschaften vornehmer als sein Untergeordneter; ausserdem gilt er nicht mehr, als was er, als Mensch betrachtet, wert ist. Sollten wir Gesandten an fremde Hofe schicken, so mussen diese in Gesellschaft andrer Botschafter allen Rangstreit aufgeben. Sie sind nicht Stellvertreter eines Despoten, sondern Geschaftstrager einer Nation; und ein Volk ist nicht vornehmer als das andre.
Noch viel alberner als die Idee von Rang und Titel uberhaupt ist der Begriff von ererbten oder erkauften oder von einem Menschen dem andern verwilligten Range und Titeln mit einem Worte! der Begriff von erblichem und erteiltem Adel. Wie kann ein Furst, und ware seine Macht auch unbegrenzt, ein ganzes Volk zwingen, einen Menschen fur edel zu halten? Wie kann er die Nachkommenschaft dieses Mannes, die noch nicht existiert, schon zum voraus fur edel erklaren? Wie kann der, welcher Verdienste um sein Vaterland hat, die grossere Achtung seiner Mitburger auf einen andern ubertragen, der vielleicht gar keine Verdienste hat, gar keine Achtung verdient? Wie schreiet man uber Ungerechtigkeit, wenn in einem Lande der rechtschaffne Sohn eines schlechten Vaters einen Teil der Verachtung und Strafe mit tragen muss, die sein Erzeuger verwirkt hat? Und dennoch findet man es billig, dass ein verachtungswerter, dummer Mensch auf die grosste aussere Ehre, auf die hochsten Staatsbedienungen, auf Freiheiten, Vorrechte, Exemtionen, Einkunfte und andre Vorteile Anspruch machen durfe, weil das Ungefahr ihn mutmasslich hat von einer Familie abstammen lassen, von welcher einmal ein Mann von vorzuglich guten Eigenschaften das Oberhaupt gewesen ist, vielleicht auch nur diese Vorrechte fur sich und die Seinigen erkauft oder erschmeichelt hat!
Also kein Adel und keine Titel mehr unter uns! Ist es aber nicht grausam und gewalttatig, einer ganzen Klasse von Burgern Vorrechte zu rauben, in deren langjahrigem Besitze sie sind? Nichts weniger! denn nach dieser Lehre durften ja gar keine verjahrte Missbrauche abgeschafft, keine durch Usurpation erschlichene Rechte vernichtet werden. Und hatten unsre Vorfahren ihren Tyrannen und deren Gehulfen jene Privilegien, die wir nun aufheben, durch die heiligsten Eide auf ewig zugesichert was kummert das uns? Durften sie etwas verschenken, was nicht ihr Eigentum war? durften sie Gesetze geben, die den ersten Gesetzen der Menschheit widersprechen?
Allein ich sehe auch schon voraus, wie wenig Verwirrung diese Abschaffung der erblichen Vorzuge, diese Vernichtung eines falschen Stempels des Verdienstes stiften wird. Die Edeln unter den Edelleuten werden sich nun freuen, wenn sie uberzeugt sein konnen, dass sie die Achtung, welche ihnen ihre Mitburger vor wie nach beweisen werden, nun wirklich ihrem wahren Werte und nicht dem Vorurteile zu danken haben; ihre Kinder werden sich bestreben, sich zu guten, nutzlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu bilden, um nicht die Demutigung zu erleben, geringere Vorrechte als ihre Eltern zu geniessen. Nur die sogenannten Parvenus, die so lange nach diesen elenden Vorzugen gekampft haben, und die Unwurdigsten unter den jetzt lebenden Edelleuten werden murren und schreien, besonders die letztern, daruber, dass man ihnen das einzige nimmt, was sie noch ein wenig emporheben konnte aber denen geschieht schon recht.
Dass Sklaverei und Leibeigenschaft von jetzt an auf immer in Abyssinien aufhoren mussen, versteht sich wohl von selber. Wir sind alle freie Menschen, und wer bei dem andern in Dienste tritt, kann sich jeden Augenblick wieder frei machen, sobald er Mittel findet, sich hauslich niederzulassen und sein eigner Herr zu werden.
Neunzehntes Kapitel
Fortsetzung. Ehen. Kindererziehung. Vaterliche
Gewalt
Das erste und naturlichste Band unter den Menschen ist das zwischen Mann und Weib; auch diese Verbindung muss die burgerliche Gesellschaft veredeln, fester knupfen und durch weise Gesetze den Unordnungen steuern, die den Ehestand verbittern oder trennen konnten, ohne ihn jedoch durch druckenden Zwang zu einem beschwerlichen Joche zu machen.
Im rohen Stande der Natur suchen beide Geschlechter, wenn sie sich verbinden, nichts als Befriedigung ihrer korperlichen Triebe; im burgerlichen Leben soll die Frau des Mannes treue Gefahrtin, Gehulfin, Gesellschafterin, Teilnehmerin an seinen Leiden und Freuden, Mitregentin seines Hauswesens und Mutter und Miterzieherin seiner Kinder sein. Vernunft, Gefuhl und Kenntnis der menschlichen Natur sagen uns daher sehr laut, dass ein Mann nicht zugleich mehr Weiber, ein Weib nicht zugleich mehr Manner haben soll und dass das ehliche Bundnis nicht willkurlich, jeden Augenblick, wenn es einem der beiden Teile gefallt, wieder getrennt werden darf. Von einer andern Seite aber wurde es hart sein, wenn der Staat zwei Menschen, die in jugendlicher Ubereilung sich verbindlich gemacht haben, miteinander zu leben, nachher aber finden, dass ihre Gemutsarten durchaus nicht zueinander passen, und daher beiderseits unter sich daruber einig geworden sind, sich wieder zu trennen, wenn er diese zwingen wollte, einander zur Qual ein unzertrennliches Paar auszumachen. Folgende Gesetze uber den Ehestand wird man daher der Vernunft und Billigkeit gemass finden:
Es muss ein dem Klima angemessenes Alter bestimmt werden, unter welchem Junglinge und Madchen nicht heiraten durfen.
Er und sie melden sich bei der Obrigkeit, lassen sich als Mann und Weib einschreiben und geben zugleich an, welche Art von Gewerbe oder Beschaftigung sie kunftig treiben wollen.
Es gibt keine Verwandtschaftsgrade, die ein ehliches Bundnis unter Blutsfreunden unerlaubt machten.
Die Eltern der jungen Leute haben nicht das Recht, der Wahl ihrer Kinder bei den Heiraten Zwang aufzulegen.
Werden aus der Verbindung zweier Personen, die sich nicht als Mann und Weib bei der Obrigkeit angekundigt haben, Kinder erzeugt, so entsteht die Frage, ob der Mann verehlicht oder ledig ist. In beiden Fallen trifft das Kind nicht der geringste Nachteil von dieser Unregelmassigkeit, sondern dies erbt den Vater wie jedes andre ehliche Kind. Er muss es in sein Haus aufnehmen, und die Obrigkeit wacht daruber, dass er ihm ebensoviel Sorgfalt als den Sohnen und Tochtern widme, die in offentlicher Ehe erzeugt werden. Der Name Bastard ist also bei uns gar nicht schimpflich. Wo man den zufalligen Umstanden der Geburt und Abstammung keine Vorteile einraumt, da muss man ihnen auch keine nachteiligen Einflusse gestatten.
Ist nun der Vater des Kindes unverehlicht oder Witwer, so werden beide Eltern vor Gericht gefordert und befragt, was sie abgehalten haben kann, sich auf gesetzmassige Weise zu verbinden. Zeigen sich okonomische Hindernisse, so sucht man diese aus dem Wege zu raumen. Wollen aber beide Teile oder will einer von ihnen sich auf keine ehliche Verbindung einlassen, so wird der Vater angehalten, sich des Kindes vollkommen so anzunehmen, als wenn er es in rechtmassiger Ehe erzeugt hatte. Ausserdem legt ihm das Gericht noch eine nach den Umstanden zu bestimmende Strafe auf, die, wenn der Fall ofter eintritt, verstarkt wird. Das Madchen wird nicht bestraft, teils in Rucksicht der Schwache des Geschlechts, teils um nicht Gelegenheit zu Verheimlichung und Kindermord zu geben.
Ist der Vater ein Ehemann, so muss er das Kind in sein Haus aufnehmen, und es wird ihm eine schwere Strafe auferlegt, doch keine Geldbusse, weil dadurch sein Weib und seine andern Kinder am mehrsten gestraft sein wurden.
Ehescheidungen konnen statthaben, wenn entweder beide Teile es verlangen oder wenn nur der eine Teil darum anhalt. In beiden Fallen wird die Klage nicht eher angenommen, als nachdem Mann und Frau drei Jahre lang miteinander gelebt haben, es musste dann ein bewiesener Ehebruch oder Lebensgefahr von einer Seite die Ursache der verlangten Scheidung sein.
Halten Eheleute, die nach dreijahrigem Ehestande durchaus nicht langer miteinander leben zu konnen glauben, gemeinschaftlich um die Trennung an, so wird ihnen noch ein halbes Jahr Bedenkzeit gegeben. Melden sie sich dann wieder, so werden sie geschieden, durfen wieder heiraten; dem Mann liegt die Versorgung der Kinder ob, und die Frau muss sich zu ernahren suchen, so gut sie kann.
Bittet einer von den beiden Teilen um die Ehescheidung, so kommt es auf die Ursache an, weswegen er die Trennung fordert. Bei einem Ehebruche, welcher erwiesen der Frau zur Last fallt, darf der Mann sogleich wieder heiraten; die Frau wird auf eine nach den Umstanden zu bestimmende Zeit entweder in ein Strafarbeitshaus oder gar in ein Gefangnis gesetzt und darf nach Verlauf dieser Zeit, wenn sich ein Mann findet, der ihrer begehrt, wieder heiraten. Sie kann sich gebessert haben, und es ware grausam, sie lebenslang den Qualen eines heftigen Temperaments auszusetzen. Die Kinder, welche der Mann nicht fur die seinigen erkennen kann, nimmt der Staat in die Waisenhauser auf.
Fordert die Frau die Scheidung wegen eines erwiesenen Ehebruchs von seiten des Mannes, so muss dieser die Frau lebenslang unterhalten. Seine Strafe wird ebenso bestimmt wie im vorigen Falle.
Ehescheidungsklagen wegen Unfruchtbarkeit werden nicht angenommen.
Unvermogenheit oder solche Kranklichkeit, die den vertrautesten Umgang unter Eheleuten unmoglich oder gefahrlich macht, muss von Arzten bestatigt werden. Die Scheidung geschieht dann auf gute Weise; beide Teile treten in die Rechte unverheirateter Personen zuruck. Sind Kinder da, so muss sie der Mann ernahren. Ist die Frau wahrend der Ehe kranklich geworden, so muss der Mann fur ihren Unterhalt sorgen.
Eheleute, die uber sechs Jahre lang, ohne gerichtliche Klage gegeneinander, zusammengelebt haben, konnen, auf Verlangen des einen Teils, nicht so leicht, nach zehnjahriger ruhiger Ehe aber gar nicht geschieden werden; es sei denn, dass bewiesener Ehebruch oder Lebensgefahr die Ursache ware.
Ehescheidungsklagen von einem Teile, wegen Verschiedenheit der Gemutsart oder dergleichen, werden nicht angenommen; aber gegen Misshandlungen, Verschwendung des Vermogens etc. schutzen die Gerichte und konnen, wenn gar kein andres Mittel da ist, ex officio scheiden.
Geschiedene Eheleute, die sich zum zweiten Male miteinander verheiraten, konnen nie wieder getrennt werden.
Da bei uns, wie man in der Folge sehen wird, jeder arbeitsame Mensch mit Weib und Kindern Unterhalt finden, folglich im ganzen Reiche kein Bettler geduldet werden kann, also auch die Schwierigkeit, eine Familie zu ernahren, niemand abhalten darf, sich zu verheiraten, so kann man desto strenger alle Hurerei bestrafen. Deswegen werden Personen beiderlei Geschlechts, welche uberwiesen sind, dass sie sich einer liederlichen, ausschweifenden Lebensart ergeben haben, bei der ersten Ertappung scharf gezuchtigt und, wenn sie zum zweitenmal eines solchen Lebenswandels uberwiesen werden, sowohl wie Kuppler und Kupplerinnen nach den Umstanden zu kurzer, langer oder immerwahrender Gefangnisstrafe oder zur Landesverweisung verurteilt.
Es kann dem Staate nicht gleichgultig sein, wie die Kinder der Burger im Physischen, Intellektuellen und Moralischen erzogen und gebildet werden. Ein grosser Teil der Moglichkeit, unsre neue Staatsverfassung einzufuhren und dauerhaft zu machen, beruht auf der Hoffnung, dass die folgende Generation so geartet sein soll, dass gesunde Vernunft, gemassigte Begierden, veredelte Leidenschaften und einfache Sitten bei ihnen die Oberhand uber Vorurteile, Phantasie, Sinnlichkeit, Reizbarkeit, Kranklichkeit und Korruption aller Art gewinnen werden, so dass es kaum des Zwanges der Gesetze bedurfen wird, um sie zu solchen Handlungen und Unterlassungen zu bewegen, die verstandiger, an Leib und Seele gesunder Menschen wurdig sind. Obgleich nun also wirklich der Staat sich als den gemeinschaftlichen Vater seiner jungen Mitburger ansehen kann und, wenn es ihm obliegt, dafur zu sorgen, dass sie nicht Not leiden und dass sie Genuss des Lebens und der Freiheit haben, ihm auch das Recht zugestanden werden muss, dafur zu sorgen, dass sie nutzliche, verstandige Menschen werden, die diese Sorgfalt nicht erschweren und vereiteln, so ist es doch der Klugheit und Billigkeit gemass, sich in das Erziehungsgeschaft nur grade soviel zu mischen, als zweckmassig ist, die sussen hauslichen Verhaltnisse nicht zu trennen, den Eltern die Freude nicht zu rauben, ihre Kinder unter ihren Augen aufwachsen zu sehen, nicht zu veranlassen, dass die Eigenheiten, kleinen Familiensonderbarkeiten, Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten, die dem geselligen Leben soviel Reiz geben, ganzlich ausgeloscht und alle Menschen im Lande pedantisch nach einerlei Norm und Form gemodelt werden ohne zu erwahnen, dass wirklich eine vernunftige hausliche Erziehung manche unverkennbare Vorzuge vor der offentlichen hat. Um hier die Mittelstrasse zu halten, schlage ich folgende Einrichtungen vor:
Da wir allen Unterschied der Stande aufheben, so muss man dafur sorgen, dass kunftig in ganz Abyssinien wenigstens kein eigentlicher Pobel gefunden werde, dass folglich alle Burger im Staate zu einem gewissen Grade von Aufklarung gelangen, ohne jedoch die einzelnen zu hindern, diesen Grad noch zu erhohen. Unter dieser Aufklarung verstehe ich: eine Sammlung von klaren Begriffen uber Menschenverhaltnisse, gesellige und burgerliche Pflichten, eine nicht gelehrte, aber richtige Kenntnis von dem Erdboden und besonders von dem Vaterlande, endlich einige Fertigkeit in solchen Dingen, die uns bei Erlernung und Ausubung jeder Kunst, Wissenschaft und Hantierung zu Hulfe kommen. Deswegen sollen in allen Stadten und Dorfern, auf Kosten des Staats, offentliche Schulen angelegt werden, in welchen allen Kindern, sie mogen kunftig bestimmt sein, zu welcher Lebensart es auch sei, unentgeltlich ein gleicher Unterricht im Lesen und Schreiben der Muttersprache sowie im Rechnen erteilt werde; dabei mache man sie mit einigen Hauptsatzen der Naturlehre und Naturgeschichte, des Landbaues und der Messkunst bekannt, lehre sie ein wenig Geschichte und Erdbeschreibung, rede mit ihnen von den verschiednen Temperamenten der Menschen, von den Regeln der Klugheit und Redlichkeit, die man im Umgange mit diesen verschieden gestimmten Leuten zu beobachten hat, von den naturlichen und geselligen Pflichten, von den Mitteln zu Beforderung eigner und fremder, innerer und ausserer Gluckseligkeit und lege ihnen endlich einen Auszug aus den wichtigsten Gesetzen des Landes vor, wobei der vernunftige Grund jedes Gesetzes erklart werden muss! Dies sind die wichtigsten Vorkenntnisse fur jeden Burger eines gut eingerichteten Staats. Was die Religion betrifft, so rede man mit Ehrfurcht von dem unbegreiflichen Wesen Gottes, des Schopfers und Erhalters, lehre sie, dass treue Berufserfullung die beste Weise sei, sich seiner Wohltaten wert zu machen, verbinde mit dem Studium der Geschichte eine Nachricht von den verschiednen Meinungen verschiedner Volker uber das Wesen Gottes und der Art, ihm aussere Verehrung zu bezeugen, und uberlasse ihnen, sich bei reiferm Alter eine von diesen Methoden zu wahlen!
Sobald einem Vater ein Kind geboren wird, ist er verbunden, der Obrigkeit Anzeige davon zu tun, damit das Kind, unter dem Namen, den ihm der Vater gleich bei der Geburt gibt, in die Listen eingetragen werde.
Bis in das zehnte Jahr bleiben die Kinder der Sorgfalt der Eltern einzig uberlassen, und der Staat mischt sich nicht in ihre Erziehung.
Hinterlasst ein Hausvater bei seinem Tode unmundige Kinder, so werden denselben Vormunder gesetzt, und zwar jedem Kinde ein eigner. Von den Vormundern hangt es ab, ob sie die Kinder in ihre Hauser aufnehmen und mit ihren Sohnen und Tochtern erziehen oder aber, besonders wenn okonomische Rucksichten dies notwendig machen, sie dem Staate ubergeben wollen. Im letztern Falle werden die Kinder, welche unter zehn Jahre alt sind, dem Waisenhause anvertrauet, diejenigen aber, welche dies Alter schon erreicht haben, bei einem Mitburger in die Kost gegeben. Der Staat bezahlt eine bestimmte, im ganzen Reiche gleichformige Summe dafur, und die Kinder besuchen die offentliche Schule des Orts, wovon schon vorhin ist geredet worden und woselbst sie unentgeltlich in den jedem Burger notigen Kenntnissen unterrichtet werden.
Unter einem Waisenhause darf man sich keine solche Anstalt denken, darin armer Leute Kinder durftig ernahrt, unterrichtet und zu den niedrigsten Bestimmungen im Staate zubereitet werden, sondern ein offentliches Gebaude, worin die Kinder aus allen Klassen der Burger, wenn sie fruh ihre Eltern verlieren, aufgenommen und nicht weniger sorgsam als alle ubrige Kinder gebildet und gepflegt werden.
Von den Schulanstalten ist noch folgendes zu sagen. Sobald ein Kind das zehnte Jahr erreicht hat, so ist der Vater oder Vormund verbunden, der Obrigkeit anzuzeigen, ob er demselben hauslichen Privatunterricht geben und geben lassen oder es in die offentliche Schule schicken will. Im ersten Falle halt die Obrigkeit ein wachsames Auge darauf, dass auch in der Privaterziehung nichts vernachlassigt werde. Zu diesem Endzwecke wird jahrlich an gewissen Tagen die Jugend, welche die offentliche Schule nicht besucht, versammelt und in Gegenwart eines Richters und einiger Zeugen von den offentlichen Lehrern und Lehrerinnen gepruft. Diese Prufung erstreckt sich, wie sich das versteht, nicht eigentlich auf gelehrte Kenntnisse; auch wird dabei Rucksicht auf Fahigkeiten, Temperamente und Umstande genommen. Findet sich's aber, dass der Vater oder Vormund sich eine auffallende Nachlassigkeit in der Bildung des Kindes hat zuschulden kommen lassen, so wird er ernstlich zu grosserer Sorgsamkeit ermahnt und, wenn dann die nachstjahrige Prufung nicht besser ausfallt, gezwungen, das Kind in die offentlichen Lehrstunden zu schicken. Hat der Vater Vermogen oder, wenn er nicht mehr lebt, dergleichen hinterlassen, so muss er das festgesetzte jahrliche Schulgeld in die Staatskasse bezahlen, wo nicht, so bleibt es bei der Einrichtung, dass die Kinder unentgeltlich die Wohltat des Unterrichts geniessen.
Die Wahl der Lehrer und Lehrerinnen liegt der Obrigkeit ob. Es gehoren aber diese Personen zu der geachtetsten Klasse unsrer Mitburger, und wenn wir nicht alle Rangordnungen abgeschafft hatten, so wurden sie gewiss zu dem ersten Range gerechnet werden mussen. Sie werden vom Staate so besoldet, dass sie gemachlich und ohne hausliche Sorgen leben konnen. Unverheiratete Personen werden nie zu offentlichen Lehrern und Lehrerinnen gewahlt, wohl aber Witwer und Witwen.
Es versteht sich, dass in jedem Dorfe und jeder Stadt wenigstens eine besondre Schule fur Knaben und eine andre fur Madchen errichtet werde. In letztern wird der literarische Unterricht als Nebensache, die Anweisung zu aller Art weiblichen hauslichen Handarbeit als der Hauptgegenstand betrachtet.
Um aber auch in mannlichen Schulen die Kinder an Arbeitsamkeit zu gewohnen, so ist mit denselben eine Industrieschule verknupft. Ein mehrere Stunden lang fortdaurender trockner Vortrag ermudet; recht bequem kann nebenher und in den Zwischenfristen eine nutzliche Handarbeit getrieben werden, und es ist ein abgeschmacktes Vorurteil, dass dergleichen fur das mannliche Geschlecht, besonders fur die, welche sich den Wissenschaften widmen, unanstandig ware. Die Arbeiten, welche hier verfertigt werden, liefert der Lehrer in die offentlichen Magazine ab und erhalt von daher die Materialien und Werkzeuge. Was in den Madchenschulen gearbeitet wird, kommt gleichfalls dahin. Man wird in der Folge horen, wozu diese Magazine genutzt werden.
Der Unterricht in den offentlichen allgemeinen Schulen wird vom zehnten bis zum funfzehnten Lebensjahre der Kinder fortgesetzt. Sobald ein Kind dies Alter erreicht hat, so ist der Vater oder Vormund verbunden, der Obrigkeit anzuzeigen, zu welcher Lebensart er den jungen Menschen bestimmt. (Die Madchen bleiben als Gehulfinnen bei ihren Muttern oder Verwandten oder andern guten Leuten, bis sie Gelegenheit finden, sich zu verheiraten.) Leiden es die okonomischen Umstande, so sorgt nun der Vater oder Vormund dafur, dass der junge Mensch, je nachdem er aus ihm einen Handwerker, Gelehrten, Kunstler, Kaufmann, Landmann, oder was er aus ihm machen will, auf eigne Kosten seine Lehrjahre in der neuen Laufbahn antrete; wo nicht, so ubernimmt der Staat diese Sorgfalt; dann aber wird der Knabe erst gepruft, und es hangt von der Obrigkeit ab, wenn man ihn zu einem Geschafte untauglich findet, ihm dazu keine Unterstutzung zu geben. Gezwungen wird niemand zu irgendeiner Lebensart; aber dem Staate kann man auch nicht zumuten, Kosten zu verwenden, um Menschen auf Platze zu stellen, auf welchen sie sich und andern zur Last sind und immer eine schlechte Rolle spielen.
Zwingen darf auch kein Vater den Sohn, eine Lebensart zu ergreifen, zu welcher er keine Neigung hat. Beklagt sich der Sohn desfalls bei der Obrigkeit, so wird die Sache untersucht, und findet man, dass er Geschick und Lust zu einem andern Studium hat, als wozu ihn der Vater bestimmt, so wird dieser angehalten, soviel herzugeben, als er seinem Plane nach verwenden wollte, der Sohn folgt seinem bessern Berufe, und der Staat tragt den Rest der Unkosten.
Bis in das funfzehnte Jahr der Kinder leidet die vaterliche Gewalt weiter keine Einschrankung als die, von der vorhin in Ansehung des Unterrichts ist geredet worden; es musste denn sein, dass grausame, durch Zeugen bewahrheitete Misshandlungen von seiten der Eltern die Obrigkeit notigten, sich in ihre hauslichen Geschafte zu mischen. Nach dem funfzehnten Jahre hingegen gehoren die Kinder schon mehr dem Staate als ihren Eltern, konnen sich ganzlich der vaterlichen Gewalt entziehen und sich in den Schutz des Staats begeben. Dann aber ist der Vater auch nicht mehr verbunden, den Sohn zu unterhalten, und dieser muss sich's gefallen lassen, welche Art von Laufbahn ihm der Staat anweisen will, damit er nicht dem gemeinen Wesen zur Last falle. Ist hingegen der Vater von dem Sohne unzufrieden, so kann er gleichfalls (jedoch nicht vor dem funfzehnten Jahre) seine Hand von ihm abziehen. Indem er ihn aber dem Staate ubergibt, muss er zugleich eine zu bestimmende Summe zu Abkaufung seiner Verbindlichkeiten in den offentlichen Schatz erlegen.
Mit dem zwanzigsten Jahre des Junglings hort alle Gewalt des Vaters uber ihn, aber auch alle Verbindlichkeit desselben, ihn zu ernahren, auf.
Zwanzigstes Kapitel
Fortsetzung. Eigentum. Erbschaften. Versorgung
der Burger
Beinahe ebenso vernunftwidrig als der Begriff von geerbten Standen, Titeln und Wurden ist die Idee von geerbtem Vermogen. Es ist billig, dass der, welcher durch seinen Fleiss sich Vermogen erworben hat, in dem ruhigen Besitze dieses Vermogens geschutzt werde und, solange er lebt, frei mit dem Erworbnen schalten und walten durfe; aber dass er auch nach seinem Tode einen Willen haben und berechtigt sein soll, die Schatze der Erde, an wen er will, auszuteilen und den Besitz derselben, der nur dem Arbeitsamen zukommt, wenn er nicht mehr lebt, auf einen andern, auf einen faulen, untatigen Menschen zu ubertragen; dass dieser anfangen kann, wo jener aufgehort hat, dass er ohne Muhe und Arbeit freie Macht erhalt, Tausende zu verwenden, indes sein wurdigrer und fleissiger Nachbar Hunger leidet; endlich, dass dieser vom blinden Ungefahr ihm zugeteilte Vorteil ihm in allen andern Verhaltnissen ein Ubergewicht uber bessere Menschen gibt das ist doch wohl hochst widersinnig und ungerecht. Liesse sich nicht der mogliche Fall denken, dass auf diese Weise zuletzt aller Reichtum eines Landes, und sogar das Land selbst, in die Gewalt eines einzigen schlechten Menschen kame, indes alle Edeln darben oder seine Sklaven werden mussten? Freilich sorgt das Schicksal dafur, und auf einen Geizhals folgt in der Familie gewohnlich ein Verschwender, der den vaterlichen Schatz wieder zerstreuet und eine Art von Gleichheit herstellt; allein das ist nur zufallig, ist hundertmal auch nicht der Fall, und indessen stiftet doch der unmassige Unterschied zwischen zufallig reich und arm gewordnen Leuten unendlich viel Unheil. Wie schon ware es daher, wenn man eine neue, gleiche Verteilung der Guter vornehmen und dann das Recht, sein Vermogen auf andre zu vererben, ganzlich aufheben konnte! Der Staat ware verbunden, jeden seiner Burger, sobald er mundig wurde und seinen Haushalt anfangen wollte, auszustatten; dagegen fielen ihm auch alle von Verstorbnen besessene Guter wieder zu. Ich weiss wohl, welche Einwurfe man dagegen machen kann: wer wird Mut haben, zu arbeiten, etwas zu erwerben, wenn er nicht voraussieht, fur wen er arbeitet, wenn er vielmehr voraussieht, dass seine Kinder, sobald er tot ist, sein sauer erworbnes Eigentum mit dem Rucken ansehen mussen? Ich halte diesen Einwurf fur sehr unbedeutend; denn mancher gute Mann wird viel ruhiger schlafen, wenn er weiss, dass seine Kinder dem Staate gehoren, dass dieser sie versorgen wird und muss, wenn auch Unglucksfalle ihm sein ganzes Vermogen raubten; und er wird doppelt eifrig arbeiten, den Schatz des Landes zu vermehren, der zu so wohltatigen Zwecken verwendet wird. Der tatige, betriebsame Mann wird darum nicht faul und nachlassig werden, denn ihm ist Arbeit ein Bedurfnis. Der Verschwender wird darum nicht mehr verprassen; im Gegenteil! er weiss ja, dass er auf keine Erbschaft je rechnen darf und dass, wenn das vaterliche Vermogen durchgebracht ist, der Staat ihn zwingen wird (wie das in der Folge gezeigt werden soll), in einem offentlichen Werkhause zu arbeiten, um Brot zu haben. Auch wird niemand seine Verschwendung dadurch begunstigen, dass man ihm Geld liehe und ihm hulfe seine Guter mit Schulden belasten, die nachher der Sohn bezahlen muss. Und der Geizhals? der sammelt Geld, aus Liebe zum Gelde, nicht aus Sorgfalt fur die Erben. Er glaubt nie genug zu haben; er hofft hundert Jahre zu leben und zittert nur davor, dass es ihm noch einst am Notwendigsten fehlen konnte. Aber der Sohn des reichen Mannes wird nun nicht mehr die Nase so hoch tragen gegen armere bessere Menschen; er wird nicht, voll Zuversicht auf die zu erwartende Erbschaft, die Gelegenheit verabsaumen, Kopf und Herz zu bilden, sondern, da er nun weiss, dass er, wenn zwei Augen sich schliessen, nichts zu erwarten hat, als was er sich durch Fleiss und Geschicklichkeit erwirbt, sich anstrengen, geschickt und gut zu werden. Und der reiche Vater, der sein Kind liebt, wird, weil er doch dem Sohne sonst nichts hinterlassen kann als eine gute Erziehung, einen Teil seiner Schatze anlegen, um diesen in allen Wissenschaften und Kunsten geschickt zu machen, die ihm einst sichern Unterhalt und Wohlstand versprechen konnen. Freilich aber wurde eine neue gleiche Verteilung der Glucksguter in einem schon errichteten Staate schwer zustande zu bringen sein ich sage schwer, denn unmoglich ist sie ganz gewiss nicht. Lasset uns daher eine Mittelstrasse wahlen! Jedoch muss ich nochmals erinnern, dass alle meine Vorschlage mehr auf eine ganzlich neu zu grundende als auf eine nur in einzelnen Nebenteilen zu verbessernde Regierungsverfassung abzielen. Ich muss das ganze Gemalde mit allen Haupt- und Nebenfiguren ausmalen; von meinen lieben Mitburgern hangt es ja ab, nur einzelne Gruppen daraus zu kopieren.
Ich teile also die Landereien aller Provinzen des ganzen Reichs in gleiche Teile von solchem Umfange, dass der Ertrag einer solchen Portion, nach einem Durchschnitte von guten, schlechten und mittelmassigen Jahren, grade hinreiche, eine Familie, die aus acht Personen besteht, bequem zu ernahren. Es versteht sich, dass bei dieser Einteilung auf das Verhaltnis des bessern gegen den weniger fruchtbaren Boden Rucksicht genommen werden muss. Von diesen Portionen durfen die Stadteinwohner keine besitzen; ihnen werden nur Gartenplatze verstattet; Dorfern allein kommt es zu, die Landwirtschaft zu treiben; dagegen wohnen aber auch feinere Handwerker, Kunstler, Manufakturisten, Kaufleute etc. nur in den Stadten. Jede Familie in den kleinen und grossen Dorfern bekommt vom Staate eine solche Portion nebst dem dazu erforderlichen Viehe, dem ubrigen Inventarium und den notigen Gebauden in gutem Stande uberliefert und muss dann fur ihr weitres Fortkommen sorgen; die ubrigbleibenden Portionen und die, welche dem Staate durch Aussterben etc. heimfallen, werden unter Aufsicht des in dem grossern Dorfe wohnenden Beamten und der in den kleinern Dorfern angesetzten Dorfrichter auf Rechnung des Staats administriert, bei Zunahme der Volksmenge aber oder wenn ein junges Paar einen Haushalt anfangen will, werden diese vakante Portionen wieder ausgeteilt.
Die Wiesen bleiben ungeteilt dem Dorfe, die Waldungen dem Amte gemeinschaftlich, und weiset der Beamte jedem Bauer jahrlich eine gleiche Menge Holz an. Steinbruche und Bergwerke werden zum Vorteile der Staatskasse genutzt; Jagd und Fischerei durfen nur von sachkundigen Personen betrieben werden. Jede Gemeine hat ihren Dorffischer und Dorfjager; von diesen werden Fische und Wildbret nach einer bestimmten geringen Taxe verkauft, und das Geld wird in die Staatskasse geliefert.
Kein Einwohner in Abyssinien darf mehr als eine solche Landportion besitzen, und nach seinem Tode fallt sie dem Staate wieder anheim, der sie aufs neue austeilt. Kein Grundstuck kann also um Geld verkauft, noch auf jemand vererbt werden, aber das, was man mit seinem Fleisse verdient, folglich der Erwerb aus den verkauften Fruchten dieser Landereien, das bare Geld, davon erben die Kinder ihr Teil. Es wird daher jeder gute Hausvater sein Land, obgleich es nach seinem Tode an einen fremden Besitzer kommt, dennoch moglichst zu verbessern suchen, um durch den Verkauf der Produkte Schatze fur seine Nachkommen zu sammeln. Es fallt also nicht aller Unterschied zwischen armen und reichen Leuten weg; aber die Reichen konnen nun nicht mehr die Gewalt des Geldes zu Unterdruckung ihrer Mitburger anwenden, viel Grundstucke zusammenkaufen, grosse, machtige Herren im Lande werden und viel Menschen zu Sklaven und Knechten machen.
Keinem Dorfbewohner wird gestattet, auf seine Landportion mehr als einen Knecht und eine Magd zu halten. Lasset uns aber das Wort Knecht abschaffen und diese Leute Gehulfen oder Arbeiter nennen! Ist seine Familie stark, so sind dagegen die altesten seiner Kinder auch gewiss schon imstande, ihm und der Mutter in der Landarbeit zu helfen.
Wer sein Gut ansehnlich verbessert oder den Wert des Inventariums und der Gebaude zweckmassig erhoht, dem oder dessen Erben bezahlt der Staat, wenn ihm das Gut heimfallt, eine Vergutung.
Auf kein Grundstuck darf Geld geliehen werden.
Wer dem andern Geld leiht, darf keine Zinsen nehmen. Hierdurch wird allem Wucher, aller Ubermacht des Kapitalisten gesteuert, und doch behalt der reiche Mann einen Wirkungskreis, indem er mit seinem Gelde Handel treiben, Manufakturen anlegen darf usf.
Es ist im vorigen Abschnitte gesagt worden, dass die jungen Leute im funfzehnten Jahre sich zu einer Lebensart bestimmen mussten. Wahlen sie nun die Landwirtschaft zu ihrem Fache, so haben sie Gelegenheit, sich in derselben zu vervollkommnen, indem sie als Gehulfen bei andern Landleuten oder auf den Amtern dienen. Haben sie aber das zwanzigste Jahr erreicht, verheiraten sich und wollen einen eignen Haushalt anfangen, so ubergibt ihnen der Staat eine Landportion, und sie konnen ihre Geschafte ohne alle hauslichen Sorgen anfangen. Durch die Menge der Kinder wird kein Hausvater zuruckkommen, weil der Staat auf die bisher beschriebne Weise fur sie sorgt; der arbeitsame Mann kann also nie verarmen. (Von Erleichterung in Unglucksfallen soll in der Folge geredet werden.)
Wie wird es aber mit dem Verschwender? Ihm wird niemand Geld leihen, weil bei dem Geldleihen nichts zu gewinnen ist. Kommt er nun sehr zuruck, lasst sein Land unbebauet liegen, seine Gebaude verfallen und verkauft sein Vieh, so greift endlich der Staat zu, nimmt sein Gut in Besitz, versorgt seine Kinder und gibt ihm seine Stelle in einem Werkhause oder bei andern offentlichen Arbeiten. Hier wird er zur Tatigkeit angehalten, aber sein Schicksal ist doch noch immer sehr milde. (Seine Frau muss freilich dies Schicksal mit ihm teilen.) Zeigt er aber Besserung, so wird er aufs neue in den Besitz eines Guts gesetzt oder vorerst auf den Amtsgutern angestellt.
Nichts von dem, was Pachtung heisst, findet hier im Lande statt; denn wer ein Gut verwalten kann, dem ubergibt man es ja gern zum lebenslanglichen Eigentume.
Die Regierung bemuht sich, nach und nach alle Gegenden des Reichs urbar, fruchtbar zu machen, Holz anzupflanzen und neue Landportionen einzurichten.
Wenn ein Mann zu einem offentlichen Amte gewahlt wird, welches ihn verhindert, seinem Gute vorzustehen, so lasst der Staat dasselbe verwalten, bis die Jahre seiner Amtsfuhrung voruber sind.
Die Madchen in Abyssinien haben gar keinen Anteil, weder an den Gutern der Vater noch an ihrer baren Verlassenschaft, also uberhaupt kein Vermogen. Indessen ist doch auch fur sie gesorgt: solange sie Kinder sind, leben sie in den Hausern ihrer Eltern oder Vormunder oder in den Waisenhausern und werden in allem freigehalten; nach dem funfzehnten Jahre aber haben sie ja Gelegenheit, als Gehulfinnen in einer Privat- oder Amtshaushaltung oder in den Stadten ihren Unterhalt zu finden. Sobald ein Madchen dies Alter erreicht hat, ist der Staat verbunden, ihm eine Ausstattung an Kleidungsstucken und Wasche zukommen zu lassen. Diese wird aus den offentlichen Magazinen genommen und ist fur alle Madchen in Abyssinien gleich gross.
Man sage nicht, dass bei dieser Einrichtung, namlich wenn die Tochter nicht miterben, hassliche Frauenzimmer, die ausserdem vielleicht des Brautschatzes wegen aufgesucht werden, keine Manner bekommen wurden. Schonheit ist ein verganglicher Vorzug und ist dabei ein sehr relativer Begriff. Manchem gefallt ein Gesicht, das der andre unertraglich findet; hassliche Personen konnen etwas sehr Angenehmes in ihrem Betragen und, was noch mehr als das ist, sehr schatzbare Eigenschaften haben, die mehr als ein glattes Gesicht das Gluck der Ehe befordern. Heiraten die bloss des Reichtums wegen geschlossen werden, pflegen ja ohnehin selten glucklich auszufallen; reiche Madchen sind mehrenteils schlechte Wirtinnen, lieben Aufwand und Putz und verschwenden ihren Brautschatz in den ersten Jahren der Ehe. Ist aber ein Frauenzimmer so ausserst hasslich und ungestaltet, dass sich der Fall gar nicht denken lasst, dass man sie ihrer Person wegen heiraten konnte, so scheint eine solche von der Natur zu keiner ehlichen Verbindung bestimmt. Sie tut besser, ledig zu bleiben, und wurde, ware sie auch noch so reich, nicht glucklich als Hausfrau an der Seite eines Mannes sein. Sie kann in einem offentlichen Arbeitshause ein angenehmes und nutzliches Leben fuhren. Alle Witwen finden in diesen Hausern, wovon in der Folge noch mehr geredet werden soll, gleichfalls ihren Unterhalt oder konnen, wenn sie Talente dazu haben, offentliche Lehrerinnen werden.
Soviel von den Landleuten! Was die Einwohner der Stadte betrifft, so wird, wenn der Knabe, welcher das funfzehnte Jahr erlebt hat, ein stadtisches Gewerbe zu seiner kunftigen Lebensart wahlt, entweder von dem Vater, dem Vormunde oder dem Staate dafur gesorgt, dass er an einen Ort gebracht werde, wo er Gelegenheit hat, die zu dem gewahlten Fache notigen Kenntnisse zu erlangen. Wird hierzu ein Kostenaufwand erfordert und es ist kein bares Vermogen da, um diesen zu bestreiten, so hilft der Staat. Hat der Jungling das zwanzigste Jahr erreicht, will heiraten oder sonst seinen eignen Stadthaushalt anfangen und sein Gewerbe treiben, so wird ihm ein vakant gewordnes Haus in der Stadt nebst dem dazugehorigen Garten und Inventarium und, je nachdem das Geschaft ist, wovon er sich kunftig ernahren will, werden ihm auch die notigsten Gerate und Werkzeuge unentgeltlich vom Staate uberliefert. Man uberlasst ihm dann, fur sein weiteres Fortkommen zu sorgen, und wenn er durch schlechte Wirtschaft zuruckkommt, findet er, wie in demselben Falle der Landmann, in den offentlichen Werkhausern noch immer seine Versorgung.
Es bleibt mir nun ubrig, von dem baren Vermogen der Mitburger zu reden. Jedermann kann mit dem, was er sich erworben hat, solange er lebt, schalten und walten, wie er will, insofern er die vorgeschriebnen Abgaben entrichtet. Sobald ein Hausvater stirbt, wird sein Nachlass von der Obrigkeit untersucht; der zehnte Teil fallt dem Staate anheim, und das Ubrige wird zu gleichen Teilen unter seinen Sohnen verteilt.
Kein Vater darf einen Sohn enterben, noch sonst ein Testament machen, dessen Inhalt dieser Einrichtung widersprache; allein man kann ihm die Freiheit nicht rauben, bei seinen Lebzeiten soviel zu verschenken, als er will. Bei der Erziehung, die wir unsern Kindern geben, und bei der Uberzeugung, die sie haben mussen, dass die gewahlten Obrigkeiten nur fur das Beste des Ganzen sorgen, lasst sich der Fall nicht denken, dass kunftig ein Abyssinier, durch betrugerische Schenkungen bei Lebzeiten, dem Staate das entziehen sollte, was ihm gebuhrt und was er zu Versorgung der Mitburger anwendet. Erwiesene Betrugereien von der Art wurden mit Konfiskation des Vermogens bestraft werden.
Wo kein Sohn ist, da fallt die ganze Erbschaft dem Staate anheim; Bruder, Eltern, Seitenverwandte und andre Personen konnen nie erben.
Obgleich die Stadtgewerbe manchen Hausvater in die Notwendigkeit setzen, mehr Bediente oder Gehulfen anzunehmen, als den Landleuten gestattet sind, so muss doch dafur gesorgt werden, dass diese Freiheit nicht in einen unnutzen Aufwand ausarte und nicht jedem eiteln Manne erlaubt sei, eine Menge Mussigganger zu seiner Bedienung zu unterhalten. Man setzt also voraus, dass ein gewohnliches burgerliches Gewerbe ungefahr soviel als eine gemeine Landportion eintragen, folglich ausser den Personen, die zur Familie gehoren, noch zwei Gehulfen, mannlichen oder weiblichen Geschlechts, ernahren konne; halt nun ein Stadteinwohner mehr als diese, so wird angenommen, dass er reicher sei, und er muss von jedem Gehulfen jahrlich soviel dem Staate bezahlen, als von einer halben Landportion gesteuert wird.
Es ist noch ein Fall zu bestimmen ubrig: Wie, wenn nun ein Mitburger seine Lebensart verandern und aus einem Stadteinwohner ein Landmann werden will oder umgekehrt? Auch diese Freiheit mag ihm gestattet werden; dann aber muss er sich gefallen lassen, dass die Obrigkeit untersuche, ob er zu der neuen Lebensart die notigen Kenntnisse habe und nicht etwa bloss ein schlechter Wirt sei, der, nachdem das, womit ihn der Staat ausgestattet hatte, verzehrt ist, nun aufs neue darauflos zehren will. Ist dies der Fall, so kann man ihm darum die Freiheit nicht rauben, seine Lebensart zu verandern; aber der Staat vertrauet ihm weder Grundstucke, noch Geld, noch Hausrat und Gerate an.
Einundzwanzigstes Kapitel
Fortsetzung. Auflagen. Abgaben. Staatseinkunfte.
Offentliche Anstalten
Man sieht aus dem, was bisher ist gesagt worden, dass unser Staat grosse Lasten ubernimmt, dass ihm die Ausstattung und Versorgung fast aller seiner Burger allein obliegt, dass also auch fur betrachliche Einnahme gesorgt werden muss, wenn die Verfassung Bestand haben soll. Freilich fallt eine Menge unnutzer Ausgaben weg, die in andern Landern erfordert werden, als: Besoldungen, Pracht am Hofe und dergleichen; immer aber bleiben die Bedurfnisse sehr betrachtlich. Auf folgende Weise wird nun dafur gesorgt, dass die Kassen imstande seien, dies zu bestreiten, und jeder Mitburger verhaltnismassig dazu beitrage.
Eine Haupteinnahme zieht der Staat, wie man weiss, aus dem Ertrage der Amtslandereien und der vakanten Guter. Die Fruchte werden in den offentlichen Magazinen aufbewahrt, in wohlfeilen Zeiten aufgehauft und in teuren zu einem immer gleichen, massigen Preise verkauft, damit diese nie zu hoch steigen und der judische Wuchrer sich nicht auf Unkosten des armern Landmanns bereichern konne. Dagegen kann aber auch jeder Dorfbewohner sein Getreide in diese Magazine liefern und bares Geld dafur empfangen.
Die Bergwerke, Steinbruche, die Munze, die Jagden und Fischereien sind gleichfalls betrachtliche Hulfsquellen fur den Staat.
Sodann der zehnte Teil von allen Erbschaften und das Vermogen derer, die keine Sohne hinterlassen.
In die offentlichen Warenlager werden die Arbeiten aus den Werkhausern abgeliefert und dann teils verkauft, teils zu Ausstattung der Junglinge und Madchen angewendet.
Manufakturen und Fabriken, deren Anlage die Krafte eines Privatvermogens ubersteigt, werden auf offentliche Kosten betrieben. Der Vorteil daraus, besonders durch den auslandischen Handel, fliesst in die Staatskasse.
Allein dies alles wurde zu den Abgaben bei weiten nicht hinreichen; es mussen also auch Auflagen und Abgaben stattfinden, und um diese so einfach, so billig als moglich und zugleich so einzurichten, dass ihre Hebung nicht schwerfalle, schlage ich folgendes vor:
Von jeder Landportion wird jahrlich der zehnte Teil dessen, was sie in mittelmassig guten Jahren eintragen kann, in die Staatskasse geliefert. Das ist die einzige Abgabe, die der Landmann zu bezahlen hat. Der Stadtbewohner entrichtet dieselbe runde Summe jahrlich und, wie schon erwahnt worden, fur jeden Hausgenossen, den er uber die verwilligte Anzahl halt, soviel, als wenn er noch eine halbe Landportion besasse. Wenn ein ahnliches Gesetz in Ansehung des Viehes, das jemand halten darf, verfasst wird, so tragt der Reichere oder der, welcher grossern Aufwand macht, als notig ware, verhaltnismassig mehr als der Armere, und niemand wird Ursache zu klagen haben.
Ausser diesen Auflagen ist nur noch eine Zollabgabe bestimmt, namlich der zehnte Teil des Werts von allen auslandischen Waren ohne Unterschied, die in das Reich eingefuhrt werden; von den ausgehenden Waren wird nichts entrichtet.
Die Posten sollen dem Staate keine Einkunfte tragen, sondern nur eine wohltatige Anstalt zur Gemachlichkeit des Publikums sein; jedem aber steht frei, sich ihrer auch nicht zu bedienen.
Grosse Strassen, Damme und dergleichen offentliche Werke anzulegen, dazu werden die Soldaten in Friedenszeiten genutzt und bekommen dafur eine gewisse Vergutung. Da nun jeder Mitburger eine Zeitlang in der Armee dienen muss, so ist auch keiner von dieser Arbeit befreit. Handarbeit schandet niemand und starkt den Korper.
Von den Waisenhausern ist schon vorhin geredet worden; die Kinder werden darin mit der grossten Sorgsamkeit, die bei offentlichen Anstalten irgend moglich ist, erzogen, in allerlei Art Arbeit unterrichtet; sie besuchen die allgemeinen Schulen, und wenn sie das funfzehnte Jahr erreicht haben, wird fur sie wie fur alle andre Mitburger gesorgt.
Die ubrigen Arbeitshauser sind von dreierlei Art: In einigen finden einzelne bejahrte Personen beiderlei Geschlechts und Witwen einen Zufluchtsort und Gelegenheit, ein ihren Kraften und Kenntnissen angemessenes Geschaft oder Handwerk zu treiben. Wer Vermogen hat, kauft sich ein und kann sich zugleich mehr Gemachlichkeit ausbedingen; wer kein Vermogen hat, wird auf den gewohnlichen, anstandigen, reinlichen, aber freilich einfachen, nicht prachtigen Fuss behandelt und muss sich gefallen lassen, bestimmte Stunden des Tags fur die Manufakturen, oder was ihm sonst, seinen Talenten gemass, aufgetragen wird, zu arbeiten.
In die zweite Art von Arbeitshauser werden Menschen aufgenommen, die durch schlechte Wirtschaft zuruckgekommen sind. Sie geniessen hier, wie billig, nicht soviel Gemachlichkeit und Freiheit als in den vorhin beschriebnen Werkhausern, mussen grobere Arbeit verrichten, werden genauer beobachtet, aber doch keineswegs strenger behandelt.
Die Arbeitshauser der dritten Gattung sind fur Verbrecher bestimmt. Sie sind die eigentlichen Gefangnisse. Die Art der diesen Leuten obliegenden leichten oder schweren Arbeit richtet sich nach dem Grade ihrer Vergehungen. Viele unter ihnen werden, gefesselt und bewacht, auch ausser den Gebauden bei beschwerlichen und unangenehmen Arbeiten angestellt, wozu freie, gebildete Menschen sich ungern brauchen lassen; doch wird auf alle Weise auch fur ihre Gesundheit gesorgt.
Alle diese offentlichen Anstalten sind von der Art, dass der Staat, durch die darin verfertigten Arbeiten, mehr oder wenigstens ebensoviel Vorteil zieht, als die Unterhaltung derselben kostet; Hospitaler und Tollhauser hingegen erfordern mehr Aufwand; doch muss fur diejenigen, welche Vermogen haben und darin aufgenommen werden wollen, eine bestimmte Summe eins fur alles in den offentlichen Schatz niedergelegt werden.
Damit der Staat von richtiger Einnahme der festgesetzten Abgaben gewiss sei und nicht zuweilen Hauptunglucksfalle einzelne Familien oder ganze Gegenden insolvent machen, so sind im ganzen Reiche Assekuranzkassen errichtet, durch welche alle Mitburger sich einander nicht nur fur erlittenen Brandschaden, sondern auch fur Misswachs, Hagelschlag, Viehsterben, Verlust von Schiffen und dergleichen entschadigen.
Auf dem Lande und in den Stadten sind Arzte, Wundarzte, Apotheker und Hebammen angestellt, denen jede Familie jahrlich eine gewisse von der Obrigkeit einzusammelnde kleine Summe bezahlt, wogegen sie aber auch ohne Unterschied jedermann, ohne weitre Forderungen zu machen, mit Rat und Tat beistehen mussen; so wie denn auch alle von den besoldeten Arzten verschriebne Arzneimittel denenjenigen, welche nur einfache Taxen entrichten (das heisst soviel, als von einer einzelnen Landportion bezahlt wird), unentgeltlich verabfolgt werden.
Obgleich jedem Mitburger erlaubt ist, das Land zu verlassen, so fallt doch, wenn er sein bares Vermogen mit aus Abyssinien nehmen will, die Halfte davon der Staatskasse anheim. Dies ist sehr billig; dem Ertrage des vaterlandischen Bodens, der ihn ernahrt hat, verdankt er seinen Reichtum, dem Staate seine Bildung und Sicherheit aller Art. Kann er sich beklagen, wenn man, was sein eigner Fleiss dabei bewirkt hat, auf die Halfte des Erworbnen anschlagt? Es ist sehr begreiflich, dass dies Gesetz leicht zu tauschen sein wurde; allein sollen wir denn gar nichts auf den Erfolg der bessern moralischen Bildung unsrer Burger und darauf rechnen, dass sie nicht geneigt sein werden, aus Leichtsinn ein Land zu verlassen, in welchem sie sich freier und glucklicher fuhlen, als sie in irgendeinem andern sein konnen?
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Fortsetzung. Religion. Justiz. Strafen und
Belohnungen. Polizei
Die Religion kann eigentlich gar kein Gegenstand der Gesetzgebung sein. Die innere Gottesverehrung und die Begriffe, die man sich von dem gottlichen Wesen und seinen Verhaltnissen gegen dasselbe macht, richten sich nach den Fahigkeiten und Empfindungen jedes einzelnen, und es kann vom Staate nichts daruber bestimmt werden, weil dieser nur uber Handlungen, nicht aber uber Gedanken und Meinungen Richter ist. Die moralischen Vorschriften, zu denen man die Grunde aus religiosen Satzen herleitet, mussen gleichfalls der innern Uberzeugung eines jeden uberlassen bleiben; der Staat soll nur dafur sorgen, dass keine Handlungen geduldet werden, die solchen moralischen Regeln zuwider sind, auf welchen die Gesetzgebung beruht. Ebensowenig darf die Regierung den Mitburgern verbieten, laut und offentlich ihre Meinung uber diese ihnen wichtige Dinge zu sagen und zu schreiben, weil uberhaupt Worte keinem Zwange unterworfen sind. Was endlich die religiosen und gottesdienstlichen Gebrauche betrifft, so darf sich der Staat nur insofern dareinmischen, als sie die befohlnen Handlungen hindern und die verbotnen befordern konnten, zum Beispiel, wenn sie anstossig, unsittlich waren oder die Burger von nutzlicher Tatigkeit abhielten. Ubrigens also ist die spekulative, theoretische und praktische Religion keinem Zwange unterworfen; wir wissen nichts von einer Landesreligion; jedermann kann glauben, was er will, und seinen Gott verehren und ihm dienen, wie es ihm beliebt. Wollen mehrere Familien zusammentreten und nach ihrer Weise gottesdienstliche Versammlung halten, auch aus ihrem Vermogen Leute besolden, die sie Priester oder Prediger nennen, so steht ihnen auch das frei, nur mit der Einschrankung, dass zu diesen Zusammenkunften niemand der Zutritt versagt werden darf, weil uberhaupt in einem Lande, wo alles Gute und Gleichgultige offentlich geschehen kann, jede geheime Versammlung, jede heimliche Unternehmung unerlaubt ist. Auch ist es jeder Sekte verstattet, auf nicht ungestume, aber auf offentliche Weise Proselyten zu machen, soviel sie will.
Es erkennt aber der Staat die Priester und Prediger, die sich ubrigens kleiden mogen, wie es ihnen beliebt, fur gar keinen besondern Stand, nimmt keine Wissenschaft von ihrem geistlichen Berufe, sondern behandelt sie nach der Rucksicht auf das burgerliche Gewerbe, zu welchem sie sich als Junglinge haben einschreiben lassen, befreiet sie von keinen Abgaben und Diensten, weiset ihnen keine besondre Einkunfte an und entscheidet nie in sogenannten geistlichen Dingen. Die Lehren einer echten gottlichen Religion mussen durch ihre innere Kraft uber Irrtumer siegen, und deswegen muss es erlaubt sein, diese wie jene laut zu predigen, sie der freien Prufung zu unterwerfen; der Stifter des erhabnen Christentums legte es nie darauf an, seine Religion zu einer Staatssache zu machen, und die ersten Prediger derselben verlangten weder Exemtionen noch Besoldungen, noch Titel, noch Pfrunden, noch die Freiheit, mussige Mitglieder im gemeinen Wesen zu sein.
Um aber das Volk zuweilen zu gemeinschaftlicher Gottesverehrung zu ermuntern und durch edle, religiose Empfindungen die Herzen zur Liebe, Dankbarkeit, zum Wohlwollen und zur bruderlichen Eintracht zu stimmen, wird jahrlich einmal an einem festgesetzten Tage in der schonsten Gegend jeder Provinz ein grosses Volksfest veranstaltet, woran jeder ungezwungen mit seiner Familie teilnehmen darf. Unter freiem Himmel werden dann herzerhebende, schone Hymnen, welche die Kinder in den Schulen vollstimmig auffuhren lernen, mit Begleitung musikalischer Instrumente gesungen. Gute Redner, denen die Obrigkeit dies Geschaft auftragt, halten kurze, ruhrende Anreden an das Volk und ermahnen es zu Erfullung seiner Pflichten; die andre Halfte des Tages verstreicht unter geselligen, gastfreundschaftlichen und gesitteten Freuden. Die Obrigkeit sorgt dabei fur Beobachtung des Anstandes und der Ordnung.
Die Justiz wird in Abyssinien unentgeltlich verwaltet; wie die Land- und Stadtobrigkeiten erwahlt werden, das ist in einem der vorigen Abschnitte gesagt worden; sie bekommen keinen Gehalt und durfen keine Sporteln nehmen. Nebst denen ihnen obliegenden gewohnlichen Amtsverrichtungen sind sie auch verbunden, jeden Vormittag gewisse Stunden hindurch jedermann vorzulassen, der Klage zu erheben hat. Da wir nicht eine Menge dunkler sich durchkreuzender Gesetze haben und unsre Staatsverfassung nicht Gelegenheit zu mannigfaltigen, verwickelten Streitfragen und Handeln gibt, die Hauptfalle aber sehr klar in den Gesetzen bestimmt sind, so kommt weniger darauf an, dass unsre Richter sehr gelehrte Leute, als dass sie verstandige, hellsehende, erfahrne und unverfuhrbar rechtschaffne Leute seien.
Alle Rechtshandel werden mundlich verhandelt, woruber jedoch Protokolle gefuhrt werden. Die Parteien mussen ihre Notdurft, nebst den Grunden, selbst einfach vortragen, und kein Advokat noch Vorsprecher wird geduldet.
Jeder Prozess muss wenigstens nach Ablauf eines Jahrs beendigt sein.
Wenn zwei Personen miteinander in Streit geraten, so muss jeder von ihnen, bevor sie sich bei der Obrigkeit melden durfen, sich einen Schiedsrichter wahlen. Diese beiden Schiedsrichter treten zusammen und suchen einen Vergleich zustande zu bringen. Gelingt dieser Vergleich nicht, so stellen sich die Parteien, begleitet von ihren Schiedsrichtern, vor die Obrigkeit. Diese hort ihre Klagen und Verteidigungen, hort, wenn es notig ist, die Zeugen ab, auf welche man sich beruft, und entscheidet dann nach Gesetz, Billigkeit und gesunder Vernunft und mit Rucksicht auf Umstande und Menschenkenntnis. In diesem Gerichte haben die beiden Schiedsmanner sowohl wie die obrigkeitlichen Personen Sitz und Stimme.
Nur in wenig Fallen, die bestimmt werden mussen, findet eine Appellation Platz. Diese geht an den Statthalter und in ausserst wichtigen, gleichfalls zu bestimmenden Fallen noch von da an den Konig und den Nationalrat.
Alle Eide sind als unnutz abgeschafft. Wie falsche Zeugnisse bestraft werden, das wird in der Folge vorkommen.
Es ist oben gesagt worden, dass es nicht erlaubt sei, Geld auf Zinsen auszuleihen. Jedoch findet davon folgende Ausnahme statt: Wenn jemand zu einer nutzlichen Unternehmung, wobei etwas zu gewinnen ist, mehr Geld braucht, als er vorratig hat, und ein andrer zeigt sich geneigt, ihm das Geld vorzuschiessen, so kann nicht verlangt werden, dass dieser dies umsonst tue, indem er ja selbst durch Handel oder auf andre Weise mit seiner Barschaft sich erlaubte Vorteile verschaffen konnte. In diesem Falle nun melden sich beide Teile bei der Obrigkeit und werden uber die Bedingungen einig, welche der Richter bestatigt.
Nur solche mit Bewilligung der Obrigkeit ausgeliehene Gelder, ferner die bedungne Summe fur erhandelte Ware und dergleichen, Erbschaftsgelder und endlich alle Arten von Arbeitstagelohn etc. durfen gerichtlich eingetrieben werden; wegen aller ubrigen Schulden wird keine Klage angenommen.
Strafen konnen nur dreierlei Zweck haben: entweder das verubte Unrecht wieder gutzumachen und den dadurch erlittnen Verlust zu ersetzen oder die Verbrecher zu bessern oder, endlich, bose Menschen ausserstand zu setzen, die burgerliche Ruhe ferner zu storen (jedoch nur durch ein solches Mittel, das Gegenstande trifft, uber welche sich der Staat ein Recht anmassen kann). Aus diesen Voraussetzungen und aus dem, was in der Einleitung uber die Grenzen der gesetzgebenden Macht ist gesagt worden, folgt naturlich, dass weder Tod noch Verstummlung der Gliedmassen eine burgerliche Strafe sein kann, selbst nicht zur Ahndung eines begangnen Mordes. Und dies auch schon darum nicht, weil hierdurch das vollbrachte Ungluck nicht ungeschehen gemacht, nicht gehoben, der Verlust nicht ersetzt wird; weil der Staat nichts nehmen darf, was er weder geben noch zusichern kann; weil es andre Mittel gibt, einen Verbrecher ausserstand zu setzen, ferner zu schaden; endlich, weil Strafe nie Rache werden soll; alle ubrige Arten der Strafen sind fur rechtmassig zu halten, insofern sie mit den Verbrechen in richtigem Verhaltnisse stehen.
Wo Ersatz moglich ist, da ist Ersatz des Schadens und der Unkosten, nebst billiger Vergutung fur Versaumnis, Verdruss, Schmerz u. dgl., die naturlichste Strafe.
Selbstverteidigung und erwiesene unvermeidliche Notwehr werden nicht geahndet, wohl aber Rache und tatige Erwiderung des Ubels.
Tatige Rache fur wortliche Beleidigung wird bestraft.
Blosse Worte, selbst wenn es Gotteslasterungen waren, konnen, unsern Hauptgrundsatzen gemass, nicht bestraft werden. Nur um Handlungen kann sich der Staat bekummern. Es ist ein elendes Vorurteil zu glauben, dass Schimpfworter und Verleumdungen einem wirklich unschuldigen, ehrlichen, festen Manne je Schaden tun, ihn kranken oder erniedrigen konnten. Ubrigens steht es in jedermanns Macht, ein von ihm ausgesprengtes nachteiliges Gerucht offentlich zu widerlegen, und wird dann offenbar, dass der, welcher ihm eine Schandtat schuld gegeben, aus Bosheit gelogen hat und der Beleidigte beweiset dies und verlangt gerichtlich seine Genugtuung, so wird der Verleumder dadurch bestraft, dass er in den offentlichen Blattern, die unter Aufsicht der Regierung herauskommen, dem Publikum als ein Lugner bekanntgemacht wird. Diese Strafe ist, unter einem Volke, das nach den Grundsatzen der wahren Ehre und Redlichkeit erzogen wird, an sich schon sehr hart; sie hat aber auch noch schlimme Folgen im burgerlichen Leben; denn ein solcher kann kein offentliches Amt im Staate verwalten, kein Zeugnis vor Gericht ablegen, kein Geld leihen etc.
Dies ist dann auch die Strafe, womit erwiesenes falsches Zeugnis geahndet wird.
Wir sehen aber dieselbe fur so hart an, dass sie immer nur auf gewisse Jahre verhangt wird, und zwar auf mehr oder weniger Jahre, je nachdem die Verleumdung oder das falsche Zeugnis boshaft oder der Gegenstand von Wichtigkeit war. Nach Verlauf dieser Zeit wird der Bestrafte offentlich wieder in die Rechte eines glaubwurdigen Mannes eingesetzt.
Ein Mensch, der zum drittenmal diese Strafe verdient, wird, als ein unnutzes Mitglied in einem Staate, dessen Wohlfahrt auf Treue und Glauben beruht, des Landes verwiesen.
Wer den andern mit Schlagen misshandelt, der muss ihm nicht nur, fur erlittenen Schmerz und Schimpf, eine Summe Geldes bezahlen oder, wenn er das nicht kann, auf gewisse Zeit im Gefangnisse bussen, sondern es wird auch, insofern der gekrankte Teil es verlangt, der Tater, durch einen Gerichtsdiener, grade ebenso offentlich, als er jene Handlung verubt hat, wiederum mit Schlagen bestraft.
Menschen, die gar zu oft die burgerliche Ruhe storen und die Gesetze des Staats hohnen, in welchem sie dennoch immer fortleben, obgleich sie auswandern konnten, werden denn endlich, entweder auf viel Jahre oder auf immer, eingesperrt.
Ein Landesverwiesener, der sich wieder im abyssinischen Reiche blicken lasst, wird, wenn man seiner habhaft geworden, auf seine Lebenszeit eingekerkert.
Wer sich unberufen tatig in fremde hausliche oder andre Geschafte mischt, wird, wenn Klage daruber entsteht, von der Obrigkeit bestraft.
Da bei Kauf und Verkauf beide Teile ihren freien Willen haben und man von einem verstandigen Manne billigerweise fordern kann, dass er sich in keinen Handel einlasse, wenn er nichts von dem Werte der Waren und ihren Preisen versteht, so werden keine Klagen wegen Ubervorteilung im Handel angenommen. Es steht indessen dem Betrogenen frei, den Betrug, zur Warnung andrer, offentlich bekanntzumachen. Wird aber gerichtlich erwiesen, dass der Verkaufer seine Ware selbst fur etwas ausgegeben, was sie nicht ist, oder, auf Treue und Glauben, ein falsches Mass oder Gewicht angegeben, welches der Kaufer auf sein Wort also angenommen, dann wird vorausgesetzt, dass dieser mehr auf jenes Redlichkeit als auf seine eigne Einsicht und Vorsicht gebauet habe, und der Betruger muss dem Betrognen nicht nur den Schaden ersetzen, sondern noch den hundertfaltigen Wert obendrein in die offentliche Kasse bezahlen.
Totschlag wird mit lebenslanglichem Gefangnisse von der schwersten Art bestraft; ein misslungner Angriff auf das Leben eines Menschen nicht weniger mit lebenslanglichem, doch gelinderm Gefangnisse. In sehr seltnen Fallen kann der Umstand, dass der Angriff in der Blindheit des Zorns geschehen, einige Milderung bewirken. Wer seine Leidenschaften sowenig im Zugel zu halten vermag, der muss dafur bussen.
Diebstahl wird nach den Umstanden strenger oder gelinder bestraft. Strenger ein Hausdiebstahl, ein Raub, den man an dem Eigentume seines Freundes begeht, eine Vergreifung an anvertrauetem Gute, die Beraubung eines Armen, ein Diebstahl aus blossem Geize ohne den Antrieb der dringenden Not, ein solcher, wobei Gewalt angewendet worden usf.
Da bei uns uberhaupt kein Unterschied der Stande statthat, so ist es fast uberflussig zu sagen, dass auf die Harte und Milde der Strafen der Stand des Verbrechers gar keinen Einfluss haben kann; es darf also bei uns der, welcher einst das hochste Amt im Staate bekleidet hat, zu der schimpflichsten Strafe verurteilt werden, wenn er ein schimpfliches Verbrechen begeht. Soll man Rucksicht auf sein feineres Ehrgefuhl nehmen, so zeige er dies feinere Ehrgefuhl durch bessere Handlungen! Ubrigens aber bringt eine weise Obrigkeit, bei Bestrafung der Verbrechen, Alter, Temperament, korperliche Konstitution u. dgl. mit in Anschlag.
Der Klugheit unsrer Richter bleiben die Arten der zu verhangenden Strafen sowie ihre Stufen und Dauer, nach Massgabe der Grosse der Verbrechen und der damit verbunden gewesenen Umstande, uberlassen.
Alle Gefangnisse sind zugleich Werkhauser; keiner der Gefangnen ist mussig; sie arbeiten teils im Kerker, teils werden sie, geschlossen und bewacht, auf die offentlichen Arbeitsplatze gefuhrt. Nach Verhaltnis der Grosse ihrer Vergehungen werden ihnen leichtre oder schwerere, genehmere oder unangenehmere Arbeiten auferlegt, und nach eben diesem Verhaltnisse werden sie auch nachsichtiger oder strenger, bequemer oder weniger gemachlich gehalten, besser oder schlechter gespeiset und wird ihnen mehr oder weniger Freiheit gestattet, zum Beispiel: in den Erholungsstunden ihre Verwandten zu sehen oder sich andre unschuldige Vergnugungen zu machen. Aber dafur wird bei allen gleich gewissenhaft gesorgt, dass Reinlichkeit und gesunde Luft in den Kerkern herrschen und dass, wenn die Gefangnen erkranken, es ihnen nicht an Pflege fehle.
Keine Strafe beschimpft, wenn sie uberstanden ist.
Soviel von Strafen! Belohnungen fur gute Handlungen kann der Staat eigentlich gar nicht austeilen, und am wenigstens mochten wir unsre Mitburger daran gewohnen, eitles Lob, aussere Ehrenzeichen, Ordensbander, Monumente oder andre Narrheiten von der Art fur Belohnungen zu halten. Jede gute Handlung belohnt sich selber durch das innere Bewusstsein, seine Pflicht erfullt zu haben, durch die Freude an dem Guten, das man gestiftet hat, durch den lauten oder stillen Dank, den man einerntet, durch den guten Ruf und durch die Achtung und Liebe edler Menschen, die sich ein redlicher, nutzlicher, wohltatiger Mann sicher erwirbt. Ein Abyssinier bedarf weiter keiner andern Belohnungen; allein dafur muss doch die Regierung sorgen, dass grosse, schone Taten nicht unbekannt, nicht unbemerkt bleiben und dass nicht dem, welcher sie ausubt, ein Teil jener naturlichen Belohnungen entzogen werde. Desfalls nun werden solche Handlungen in den Staatszeitungsblattern offentlich bekahntgemacht. Diese Blatter dienen uberhaupt im ganzen Lande zu allgemeiner Verbreitung und Bekanntmachung dessen, was in den einzelnen Provinzen vorgeht und alle Mitburger interessieren kann. Was sich in unserm Lande zutragt, das ist uns wichtiger, als was auswarts geschieht. Wir nehmen wenig teil an fremden politischen Handeln; es kummert uns sehr wenig, in welchem Lustschlosse ein mussiger europaischer Furst nebst seinem elenden Hofgesindel seinen Wanst gefullt hat; aber ob Bevolkerung, Fleiss, Tugend, Einfalt der Sitten bei uns zuoder abgenommen haben, das liegt uns sehr am Herzen zu erfahren, und das ist der Inhalt unsrer Landeszeitung. Sie kommt in der Residenz heraus, und die Materialien dazu liefern, von unten hinauf, alle Obrigkeiten durch monatliche Berichte; die Zeitung ist gleichsam der Hauptbericht an das Volk.
In dieser Zeitung werden auch alle Haupturteilspruche und verhangte Strafen bekanntgemacht. Auch werden darin nutzliche Bemerkungen und neue Entdeckungen, zu Verbesserung des Landbaues, zu Erhaltung der Gesundheit etc., der Nation mitgeteilt. Dies alles so kurz und deutlich als moglich.
Die Polizei, in den Stadten wie in den Dorfern, sorgt, soviel sie kann, fur die Sicherheit, Freiheit, Ruhe, Gesundheit und Gemachlichkeit der Mitburger. Zur Reinhaltung, Sicherheit und Erleuchtung der Strassen, Hinwegschaffung der Unreinigkeiten durch Kanale, Austrocknung stehender Sumpfe, Ausbesserung der Wege, Nachtwachen, Vorkehrungen gegen Feuersgefahr, Loschungsanstalten, und was dahin gehort, werden die besten Vorkehrungen getroffen.
In unserm Staate wird niemand geduldet, der nicht irgendein burgerliches Geschaft treibt und zu treiben versteht, womit sich Unterhalt erwerben lasst; eine bloss verzehrende Klasse kennen wir nicht. Ob er ubrigens in diesem Berufe sehr fleissig sei oder ob er nicht mehr Zeit auf Nebendinge, mit denen er sich lieber beschaftigt, verwendet, darum kann sich die Regierung nicht genau bekummern; auch hiesse das zu sehr die naturliche Freiheit einschranken. Nur davon wollen wir gewiss sein, dass, wenn ein solcher einmal durch seine Faulheit verarmt und nun von dem Staate Hulfe fordert, dieser ihn nicht umsonst zu futtern brauche, sondern ihn bei irgendeiner Arbeit, die er versteht, anstellen konne. Leute also, die, ohne andre Geschafte, bloss von ihren Renten leben, werden bei uns nicht geduldet, und wollten fremde Mussigganger von der Art mit grossen Schatzen nach Abyssinien ziehen, so wurden wir sie nicht aufnehmen; es ist uns weniger daran gelegen, sehr reiche als fleissige, tatige Mitburger zu haben. Auch bloss spekulierende Gelehrte dulden wir nicht; wir wissen recht gut, dass die hochste Geisteanstrengung und das emsigste Studium sich vortrefflich mit einiger nutzlicher Tatigkeit im burgerlichen Leben vereinigen lasst. Derselbe Fall ist mit Menschen, die sich mit schonen Kunsten beschaftigen; ein Maler, ein Tonkunstler, ein Dichter zu sein, das gilt bei uns fur keinen Stand. Wir glauben nicht daran, dass die Begeisterung, welche den Kunstler beleben muss, durch die Aufmerksamkeit auf die kleinen Details, die bei burgerlichen Geschaften vorfallen, verscheucht werde.
Wir leiden nicht, dass Gaukler, Springer und uberhaupt Menschen, die eine Kunst uben, welche weder der burgerlichen Gesellschaft nutzlich ist, noch wohltatigen Einfluss auf Kopf oder Herz hat, bei uns ihr Wesen treiben; sie werden sogleich des Landes verwiesen. Dass kein einziger Bettler in einem Reiche sich blicken lassen durfe, wo jeder arbeitsame Mensch bequem Unterhalt finden kann, das versteht sich wohl von selber.
Es sind bei uns alle Zunfte abgeschafft; jedermann kann frei eine Hantierung, ein Gewerbe treiben, welches er will und worin er sich geschickt glaubt, und kann seine Arbeit so hoch taxieren, als ihm beliebt. Es wird sich bald ausweisen, ob er sein Handwerk versteht oder nicht, und der Pfuscher wird gewiss nicht lange dem geschickten Arbeiter das Brot vor dem Munde wegnehmen. Fordert aber jemand, zu Betreibung seines Handwerks oder seiner Kunst, Unterstutzung vom Staate, dann muss er freilich erst Beweise seiner Geschicklichkeit geben.
Der Lohn fur Gesinde, fur Arbeitsleute, Tagelohner etc. ist im ganzen abyssinischen Reiche bestimmt; wer mehr nimmt oder mehr bezahlt, wird bestraft.
Aller Aufwand bei Begrabnissen ist verboten. Sobald ein Abyssinier stirbt, sind seine Verwandte oder Freunde verbunden, es dem vom Staate angesetzten Arzte anzuzeigen. Dieser begibt sich in das Sterbehaus, besichtigt den Korper und stellt, wenn er ihn wirklich tot findet, daruber ein Zeugnis aus. Dies Zeugnis wird der Obrigkeit vorgezeigt, die den Befehl zur Beerdigung nach Verlauf einer bestimmten Anzahl Tage ausfertigt. Langer darf dann auch der Leichnam nicht liegenbleiben. Die allgemeinen Begrabnisplatze sind weit genug von den Wohnungen der Lebendigen entfernt. Der Tote wird unbekleidet in einen Kasten von gemeinem Holze, ohne alle Zieraten, gelegt. Bevor der Kasten vernagelt wird, offnet man dem Verstorbenen eine Pulsader; der Tote wird in der Stille fortgebracht. Es ist bestimmt, wie tief der Kasten in die Erde eingegraben werden muss; vor funfzig Jahren darf kein altes Grab umgegraben werden. Die Begrabnisplatze sind daher in Quartiere eingeteilt, deren jedes die Toten aus einem Jahrzehent umfasst. Monumente und dergleichen Spielwerke der Eitelkeit werden nicht geduldet. Das Andenken unsrer edeln Manner verewigt sich in der Wirkung ihrer guten Handlungen, und kein grosser Name geht verloren, wenn er auch nicht in Marmor oder Erz eingegraben steht.
Jedermann hat bei uns die Freiheit, seine Lebensart, seine Kleidung und dergleichen nach seinem Geschmacke und seiner Phantasie einzurichten; es findet darin durchaus kein Zwang statt. Ware es moglich, so wunschten wir, dass unsre ganze Nation daruber einig wurde, alles, was Mode und Konvention heisst, abzuschaffen, und dass jeder, ohne sich um den andern zu bekummern, tate und truge, was er wollte. Mancher kann vielleicht seiner Gesundheit und seinem Korperbau eine lange turkische oder eine armenische Kleidung angemessen finden; er kleide sich also turkisch oder armenisch! Einen andern behagt mehr eine kurze spanische oder irgendeine andre von den albernen europaischen Trachten; auch dieser folge seiner Phantasie! Gesetze gegen den Luxus haben wir gar nicht. Unsre Mitburger werden so erzogen, dass sie uber zwecklose Torheiten und uber Flitterprunk hinaus sein werden; und da wir alle gleich sind, so fallt die Hauptursache eines glanzenden Aufwandes, namlich die Absicht, fur einen vornehmen Mann angesehen zu werden, weg; wir haben ja unter uns keine vornehme Manner.
So wie jeder die Freiheit hat, sich zu kleiden, wie er will, und soviel Aufwand zu machen, als ihm beliebt, so bleibt es auch seiner Willkur uberlassen, sein Haus so zu bauen und auszuzieren, wie es ihn am besten und zierlichsten dunkt. Weil doch aber wirklich der Geschmack in Verzierungen und dergleichen sehr viel mehr Einfluss auf die Denkungsart der Menschen hat, als man glauben sollte, so ist die Obrigkeit jedes Orts bereit, jedem Mitburger, der sich an sie wendet, Risse und Zeichnungen nach den edelsten und einfachsten Planen und Formen zu Gebauden aller Gattung sowie zu aller Art Hausrat unentgeltlich mitzuteilen. Auch werden solche Aufrisse von Zeit zu Zeit in Kupfer gestochen und offentlich angeschlagen. Die Baumeister, welche der Staat besoldet und die uber die offentlichen Gebaude die Aufsicht haben, sind angewiesen, den Mitburgern mit Rat und Tat beizustehen, und in den offentlichen Fabriken wird dafur gesorgt, dass nur nach den einfachsten und edelsten Mustern und Formen gearbeitet werde.
Da uns daran gelegen ist, dass unsre Sitten nicht durch Auslander verderbt werden, dass man uns nicht fremde Torheiten und Laster von aussen herein spediere und dass nicht eine Menge vorwitziger, mussiger, neugieriger Reisender, welche die Langeweile aus ihrem Vaterlande jagt, unter uns herumrenne, so sehen wir uns gezwungen, zu fordern, dass jeder Fremde, der unsre Grenze betritt, sich sogleich erklare, was fur ein Geschaft er bei uns habe, auch wie lange und in welchen Gegenden er sich aufzuhalten gedenke. Werden seine Verrichtungen erlaubt und wichtig genug befunden, so erhalt er von der Obrigkeit einen Pass, der nach diesen Umstanden eingerichtet ist. Diesen muss er allerorten in Abyssinien, wohin er kommt, vorzeigen. Ertappt man ihn auf einem Nebenwege oder in einem Geschafte, das er nicht angezeigt hat, oder bleibt er uber die bestimmte Zeit, so wird er sogleich uber die Grenze gebracht.
Der Polizei liegt auch ob, ein wachsames Auge auf die Buchdruckereien zu halten, das heisst, dafur zu sorgen, dass die Pressfreiheit nicht gemissbraucht werde. Es ist namlich im Vorhergehenden gesagt worden, dass jedermann frei und offen uber alle Gegenstande und uber alle Personen seine Meinung sagen und schreiben durfe und dass er von der Regierung in dem Besitze dieser Freiheit geschutzt werde, dass ihm deswegen von niemand ein Haar gekrummt werden durfe, insofern er die Wahrheit gesagt habe und nicht vom beleidigten Teile dargetan wurde, dass er ein Verleumder sei. Doch dies alles unter der Bedingung, dass der Name des Schreibers nicht verschwiegen sei. Die Polizei nun wacht daruber, dass durchaus keine anonyme Schriftsteller auftreten durfen, und forscht, wenn dergleichen Blatter dennoch zum Vorschein kommen, genau nach dem Urheber, um denselben zu bestrafen. Doch ist ein Fall ausgenommen, wo der Name des Schreibers nicht erfordert wird, namlich, wenn jemand Fakta bekanntmacht, die auf offentlichen Dokumenten beruhen oder von deren Grund oder Ungrunde sich jedermann durch den Augenschein oder bei der geringsten Erkundigung uberzeugen kann, zum Beispiel, wenn er den ungerechten Gang eines Prozesses offentlich rugte, da dann, wenn die Angabe falsch ware, ein von den Richtern, Schiedsrichtern und Zeugen unterschriebner Auszug aus den Akten das Publikum sogleich von der wahren Lage der Sachen unterrichten konnte.
Wirtshauser, in welchen mussige Leute sich bloss zum Trinken versammeln, werden bei uns gar nicht geduldet; den Gastwirten, die Fremde beherbergen, sind genaue Taxen vorgeschrieben.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Kriegswesen. Handlung
Wir konnen nie in den Fall kommen, einen offensiven Krieg zu fuhren. Zufrieden mit unserm Zustande, wenn Fleiss, Industrie, Einfalt der Sitten und Frieden bei uns herrschen, bauen wir unsre Felder, verarbeiten unsre Produkte und begehren nichts von dem, was fremde Volker besitzen. Unser Land ist gross genug, um doppelt soviel arbeitsame Menschen zu ernahren, als jetzt darin leben; also suchen wir auch unsre Grenzen nicht zu erweitern. Uberdies halten wir es fur unnaturlich und den ersten Rechten der Menschheit zuwider, dass ein Staat sich die Befugnis anmasse, durch Eroberung, Tausch oder Vertrag ein anders Land an sich zu bringen, wenn er nicht weiss, ob die Einwohner desselben damit zufrieden sind, dass sie nun von andern Menschen regiert werden sollen. Denn wenn nun auch alte Usurpationen gegen die heiligen Menschenrechte ewig gultig bleiben und Volker, die vor tausend Jahren ihren Nacken unter das Joch eines einzelnen gekrummt haben, immerfort auch noch den spaten Nachkommen dieses einzelnen sklavisch gehorchen sollen, so emport doch das alle gesunde Vernunft, dass diese Herrschersfamilien das Recht haben sollen, sich einander Lander und Volker zu schenken, zu verkaufen oder zu rauben, wie man Herden Vieh veraussert.
Wir fuhren also keine offensive Kriege; allein wir mussen uns in einem solchen Stande erhalten, dass wir, sobald ein unruhiger Nachbar uns angreift, gerustet seien, ihm mit einem starken und geubten Heere die Spitze zu bieten.
Zu diesem Endzwecke bleibt jeder Burger bis in sein sechzigstes Jahr Soldat und muss in das Feld, sobald die Not es erfordert, ist in seinem Provinzialregimente eingeschrieben, hat in seinem Hause eine vollstandige Kriegskleidung und Bewaffnung liegen und wohnt jahrlich vierzehn Tage lang, wenn die Waffenubungen vorgenommen werden, denselben bei. Die ubrige Zeit kann er ruhig zu Hause bleiben.
Drei Jahre seines Lebens hindurch muss aber jeder Abyssinier, auch in Friedenszeiten, fortgesetzt als Soldat dienen. Diese fangen mit seinem zwanzigsten Jahre an, das heisst, bevor er sich hauslich niederlasst. Ihm wird dann vom Staate eine vollstandige Kleidung gegeben, die er aber hernach auf seine Kosten unterhalten muss; er lernt den Dienst und muss alles tun, was einem Soldaten obliegt; der Staat gibt ihm nur Brot; allein da er, wie man nachher horen wird, in seiner Heimat bleibt und nebenher seinen Unterhalt erwerben kann, man ihn auch fur die offentlichen Arbeiten, wozu das Heer gebraucht wird, zum Beispiel Strassen, Damme, Wasserleitungen, etc. anzulegen, besonders bezahlt, so kann er keinen Mangel leiden. Dieser Dienst ist aber nicht schwer, und wird ein Jungling dadurch gewiss nicht in der Wissenschaft, der Kunst oder dem Handwerke, das er gewahlt hat, binnen diesen drei Jahren zuruckkommen, indem ihm Zeit genug ubrigbleibt, sehr viel nebenher zu arbeiten. Nach Verlauf der drei Jahre geht er nach Hause und ist, ausser den jahrlichen vierzehn Tagen, wo die Waffenubungen getrieben werden, und ausser dem Falle, wenn Krieg entsteht, vollig frei.
Jede Provinz halt in Friedenszeiten nur ein Regiment, das aus zwolf Kompanien, drei zu zweihundert und neun zu hundert Mann, besteht. In jedem der drei grossen und neun kleinen Dorfer liegt eine dieser zwolf Kompanien, die aus den Junglingen desselben Dorfs zusammengesetzt ist, so dass also keiner durch seinen Soldatendienst sich von seiner Heimat entfernt. Dies macht zuerst, in den zwolf Provinzen, ein Kriegsheer von achtzehntausend Mann, das in Friedenszeiten auf den Beinen und zur innern Sicherheit und den offentlichen Arbeiten hinlanglich ist. Sobald eine Armee zur Verteidigung des Reichs zusammentreten und nun jeder Burger unter sechzig Jahren die Waffen ergreifen muss, werden aus jedem kleinen Regimente vier starkere gemacht. Dann haben wir ein furchtbares Heer, furchtbarer noch, weil es nicht aus Mietlingen und Fremden, sondern aus freien Menschen besteht, die fur ihr Eigentum und ihre Ruhe fechten.
Die Stadte liefern die Artilleristen, Ingenieurs, Pontoniers und Pioniers. Jeder Stadteinwohner muss sich gleichfalls im zwanzigsten Jahre zu einem von diesen Korps einschreiben lassen und bekommt, wahrend seiner drei Dienstjahre, unentgeltlich Unterricht in den dazu erforderlichen Kenntnissen.
Nur wenn Krieg entsteht, schafft der Staat Kamele und Elefanten an und besetzt diese mit einem Korps von Freiwilligen, die bald eine Fertigkeit erlangen, mit diesen Tieren gegen den Feind zu operieren, da uberhaupt die Abyssinier zu Leibesubungen sehr geschickt sind. Ubrigens machen wir, weil wir nur Verteidigungskriege fuhren, wenig Gebrauch von Reiterei.
Das bleibende Heer der Junglinge ubt sich jahraus, jahrein taglich eine Stunde in den Waffen. In einer Jahreszeit aber, wo der Landmann am wenigsten Geschafte hat, wird die vorhin erwahnte grossere Ubung, vierzehn Tage hindurch, von allen Mitburgern unter sechzig Jahren vorgenommen. Alsdann zieht sich in dem Mittelpunkte jeder Provinz das kleine Provinzialkorps, welches dann aus vier Regimentern besteht, zusammen, zu welchem die Korps aus den vier Stadten stossen und mit jenen gemeinschaftlich allerlei Kriegsevolutionen machen.
Wir halten es nicht fur zweckmassig, in unsern eigentlichen Schulen den Kindern Anweisung in korperlichen Ubungen geben zu lassen. Bis zum funfzehnten Jahre kann man die Stunden besser anwenden, und solange der Korper noch im ersten Wachstume ist, konnen Anstrengungen von der Art gefahrlich werden. In jeder Stadt aber unterhalt die Obrigkeit ein paar Manner, die in einem offentlichen Gebaude Unterricht im Ringen und besonders im Reiten und schnellen Lenken der Kamele geben. Hier wird kein Schuler, der unter funfzehn Jahre alt ist, angenommen. Wer Vermogen hat, muss dafur bezahlen, eine gewisse Anzahl Armerer aber wird ein Jahr lang unentgeltlich unterrichtet. Auf diese Weise kann doch nach und nach die samtliche Jugend in den Stadten sich in Leibesubungen geschickt machen. Monatlich an einem gewissen Tage stehen die dazu bestimmten Gebaude jedermann offen; dann konnen auch die, welche grade zu der Zeit keinen Unterricht mehr geniessen, den Platz betreten und mit den Schulern wetteifern. Fur die Landleute halten wir eine solche Anstalt uberflussig. Die Beschaftigungen, die bei dem Ackerbaue vorfallen, starken den Korper hinlanglich; doch ermuntert die Obrigkeit das junge Volk in den Dorfern, an den beiden monatlichen Ruhetagen, die kunftig, statt des ehemaligen wochentlichen Sonntags, in ganz Abyssinien einzufuhren sind, sich mit allerlei korperlichen Ubungen, im Laufen, Springen, Ringen, Nach-dem-Ziele-Werfen und dergleichen, zu belustigen, und teilt dann Preise an die Geschicktesten aus. Was aber jenen monatlichen Tag in den Stadten betrifft, so pflegen da viel Zuschauer gegenwartig zu sein, und reiche Mitburger machen sich das Verdienst, kleine Preise fur diejenigen Junglinge zusammenzulegen, die sich dabei vorzuglich auszeichnen. Das sind unsre Schauspiele! Jahrlich aber ist in jeder Stadt ein Festtag angesetzt, an welchem jene Gebaude von innen verziert und dann, bei dem Klange musikalischer Instrumente, grosse Wettubungen vorgenommen werden. Hier bezahlt jeder Zuschauer einen freiwilligen Beitrag, und von diesem Gelde werden denen, die an dem Tage besondre Ehre einlegen, Geschenke gereicht. Auf solche Weise erlangen wir, dass unsre Krieger keine unbehulfliche, bloss nach dem Stocke abgerichtete Maschinen sind, sondern dass ihr Korper stark und biegsam wird.
Ich muss nun sagen, auf welche Weise wir unsre Offiziersstellen besetzen. Da die altern Mitburger, binnen den vierzehntagigen jahrlichen Waffenubungen, Gelegenheit haben, die Fahigkeiten der einzelnen jungen Leute kennenzulernen, so beruft jede Ortsobrigkeit, an dem letzten dieser vierzehn Tage, die zwolf Altesten unter jenen Mannern zusammen und lasst durch diese aus der Kompanie des Orts vier Unteroffizier unter den Junglingen fur das folgende Jahr wahlen. Es muss aber ein solcher, der Unteroffizier werden soll, schon zwei seiner Dienstjahre zuruckgelegt haben. Die ubrigen Unteroffizier, namlich die, welche, wenn die ganze Kompanie von alten und jungen Leuten beisammen ist, erforderlich sind, werden gleichfalls auf diese Weise gewahlt, bekleiden aber lebenslang ihre Stellen und treten in Verrichtung, sobald sich die Kompanie zusammenzieht.
Jede Kompanie des bleibenden Heers der Junglinge hat einen Hauptmann, zwei Lieutenante und einen Paniertrager. Diese werden von der Ortsobrigkeit, mit Zuziehung der zwolf Altesten, ernannt und behalten ihre Stellung lebenslanglich; denn auf ihre Erfahrung, Ubung und Geschicklichkeit muss sich der Staat bei Bildung der jungen Mannschaft verlassen. Sie werden besoldet und avancieren unter sich bis zum Hauptmanne. Zu der grossern Armee werden gleichfalls die Kompanieoffizier ernannt, die auch ihre Stellen lebenslang behalten, aber, da sie nur in der Exerzierzeit und im Kriege in Funktion treten, nicht besoldet werden.
Die Stabsoffizier wahlt das Provinzialkollegium aus den Hauptleuten der Provinz. Sie bleiben immer in ihren Stellen, bekommen aber in Friedenszeiten keinen Gehalt.
Die Heerfuhrer wahlt die Nationalversammlung, sobald ein Krieg entsteht.
Jeder Hauptmann erstattet Bericht von dem Zustande seiner Kompanie an die Obrigkeit des Orts, die auch bei den Hauptwaffenubungen gegenwartig ist. Da alle Abyssinier geubte Soldaten sind, so ist nie zu befurchten, dass unsre Magistratspersonen unwissend in diesem Fache sein sollten.
Wenn Krieg entsteht, so mussen zwar alle Mitburger sich fertig halten, die Waffen zu fuhren; allein Stadte und Dorfer durfen deswegen nicht leerstehen, die Felder nicht unbebauet bleiben, noch die Geschafte der Handwerker und Kunstler ruhen. Die Obrigkeiten sorgen also dafur, dass, ausser den Fallen der aussersten Not, niemand ins Feld rucke, der seinem Hauswesen unentbehrlich ist.
Im Kriege werden alle Soldaten aus der Staatskasse besoldet, und wenn diese den Aufwand nicht bestreiten kann, so werden sich's die Mitburger gefallen lassen, eine ausserordentliche Steuer zu bezahlen.
Es ist vorhin von einer Kriegskleidung geredet worden. Man muss sich dabei aber keine europaische bunte Soldatenrockchen denken, die dem Auge den lacherlichen Kontrast zwischen Armseligkeit und Flitterglanz darstellen. Unsre Soldaten sollen nicht glanzen; ihre Kleidung ist bequem, zweckmassig, dem Klima angemessen, so wohlfeil als jede andre burgerliche Kleidung und zeichnet sich nur dadurch aus, dass sie gleichformig ist, die Provinzen sich aber durch die Farben unterscheiden. Dies sei genug von unserm Kriegswesen; reden wir nun von dem Handel!
Wir kennen alle die schonen Floskeln, die sich uber die Gluckseligkeit, den Reichtum und den Wohlstand eines Landes, das einen vorteilhaften grossen auswartigen Handel treibt, sagen lassen; allein da wir uns fest vorgenommen haben, bei Einrichtung unsrer Staatsverfassung von Grundsatzen auszugehen, die nur auf gesunder Vernunft beruhen und uber alle konventionelle Ideen und verjahrte Vorurteile hinausgehen sollen, so gestehen wir, dass, wenn wir so glucklich sind, Abyssinien zu dem innern Flor zu bringen, nach welchem wir ringen, wir den Nationen, die durch auswartigen Handel reich werden, ihre Gluckseligkeit nicht beneiden. Wenn alle unsre Felder bebauet und fruchtbar sind, wenn wir dann Fruchte genug ziehen, um, auch bei zunehmender Bevolkerung, uns reichlich zu sattigen, wenn wir alle unsre rohen Produkte selbst bearbeiten, alle unsre Bedurfnisse befriedigen konnen, kurz, wenn unser Land, wie es denn wirklich dazu imstande ist, uns alles liefert, was zur Notdurft und Annehmlichkeit des Lebens gehort, so begnugen wir uns gern mit diesem innern wahrhaften Reichtume und wollen lieber die echte Arbeitsamkeit unsrer Mitburger als ihre Habsucht ermuntern. Wir mochten lieber auf die hochgepriesenen Vorteile, die der Handel gewahren soll, auf die Vermehrung und Ausbreitung so mancher nutzlichen Kenntnisse, Vervollkommnung der Kunste und dergleichen Verzicht tun, um nicht zugleich ihr trauriges Gefolge, den ubertriebnen Luxus, die Entstehung so mancher unnutzen Bedurfnisse, Unmassigkeit, Korruption der Sitten, Verstimmung des Charakters, Verlust der Originalitat, auslandische Krankheiten und Torheiten, Wuchergeist, Untreue und unzahlige andre Verderbnisse mit aufnehmen zu mussen. Der Staat wird also nie den geringsten Schritt tun, um den Handel der Privatleute in fremde Lander zu befordern, doch will er auch nicht hindern, dass unsre Mitburger ihre uberflussigen Produkte und diejenigen Waren und Fabrikate, deren man im Laufe nicht bedarf, an fremde Nationen verkaufen.
Es steht also jedermann frei, einen uneingeschrankten Handel in und ausser Lande zu treiben und jedes Landesprodukt aus dem abyssinischen Reiche auszufuhren.
Von den ausgehenden Gutern wird nicht der geringste Zoll entrichtet. Auslandische Waren hingegen durfen der Regel nach durchaus nicht in das Land eingefuhrt werden, bei Strafe der Konfiskation. Sollten vorerst, bis alle unsre Fabriken in vollem Gange sind, einige Artikel davon ausgenommen werden mussen, so wird von diesen der zehnte Teil des Werts als Zoll abgegeben.
Der Staat selbst aber treibt in und ausser Lande einen Handel, der fur das Reich hochst vorteilhaft ist. Er lasst durch Agenten den Uberfluss der in den offentlichen Fabriken und Manufakturen verfertigten Waren fremden Nationen fur bares Geld verkaufen. Er hauft in den Magazinen Fruchte und Waren aller Art auf und schlagt diese, sobald die Wucherer eine Teurung verursachen wollen, zu billigen Preisen los, so dass alle Artikel der Notdurft und der Gemachlichkeit stets in ganz Abyssinien in einem Mittelpreise bleiben. In diese Magazine kann auch jeder seine guten Waren, statt sie mit Unkosten auf fremde Markte zu bringen, jedoch zu einem niedrigern Preise, abliefern und empfangt bares Geld dafur.
Die grossten und wichtigsten Magazine dieser Art haben wir an den vornehmsten Grenzortern angelegt. Dort werden auch zu gewissen Zeiten im Jahre grosse Markte gehalten, wodurch wir zu bewirken hoffen, dass die Fremden die Kaufmannsguter, deren sie bedurfen, dort abholen und dass nicht, unter dem Vorwande des Handels, mussige Auslander in dem Innern unsers Reichs herumschleichen.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Wissenschaften und Kunste
Wieviel Wissenschaften und Kunste zur moralischen Bildung einer Nation, zu Beforderung wahrer menschlicher Geselligkeit, zu Erweckung wohlwollender Gesinnungen und uberhaupt zu Grundung der burgerlichen Gluckseligkeit beitragen, davon liefert die Geschichte aller Zeitalter die Beweise; und es kann keinem Zweifel unterworfen sein, ob es zu den Pflichten einer weisen und sorgsamen Regierung gehore, Wissenschaften und Kunste zu befordern und wahre Gelehrte zu unterstutzen. Allein wir machen billigerweise, ohne einem einzigen Studium seinen Wert benehmen zu wollen, einen Unterschied unter den verschiednen gelehrten und andern Kenntnissen und Talenten. Wir halten diejenigen hauptsachlich unsrer Aufmerksamkeit und Unterstutzung wurdig, die einen unmittelbar vorteilhaften Einfluss auf das Wohl des Staats und uberhaupt der menschlichen Gesellschaft haben. An den Fortschritten der bloss spekulativen Wissenschaften hingegen und solcher Kunste, die nur zur angenehmen Unterhaltung oder Beschaftigung der Phantasie dienen, nehmen wir weniger tatigen Anteil.
Es ist vorhin gesagt worden, dass wir den Stand eines Gelehrten nicht eigentlich fur einen besondern Stand im Staate anerkennen, sondern dafur halten, dass der, welcher sich den Wissenschaften widmet, schuldig sei und auch Musse genug ubrigbehalte, nebenbei seine Pflichten im geselligen und burgerlichen Leben zu erfullen und irgendein Geschaft zu treiben, das ihn in die Reihe der arbeitenden Mitburger klassifiziert. Wenn indessen ein Mann von grossen Gaben, Fahigkeiten und Kenntnissen, durch seine Schriften oder durch Unterricht der Jugend, eine lange Reihe von Jahren hindurch vorteilhaft auf sein Zeitalter gewirkt oder eine Wissenschaft mit neuen Entdeckungen bereichert, darneben aber auch treulich seine Pflichten als Mitburger erfullt hat, so halt es die Regierung fur gerecht, einem solchen ein ruhiges Alter zuzubereiten. Zu diesem Endzwecke sind in drei der grossten Stadte des Reichs geraumige Hauser erbauet, die teils auf Kosten des Staats, teils von den freiwilligen Beitragen unterhalten werden, welche man an dem jahrlichen zur allgemeinen Gottesverehrung bestimmten Tage unter allen Klassen des Volks einsammelt.
In diese Gebaude werden zuerst uberhaupt alle Greise, die durch Alter und Schwachheit ausserstand gesetzt sind, ihr Gewerbe ferner zu treiben, nebst ihren Weibern aufgenommen. Doch wird ein grosser Teil dieser Veteranen auch zu Aufsehern in den offentlichen Arbeitshausern, Fabriken und Manufakturen angestellt. Sodann nimmt man darin diejenigen auf, die im Kriege verstummelt worden. (Die wirklich Kranken finden in den Hospitalern ihre Verpflegung.) Endlich werden jene Hauser, wie gesagt worden, von Gelehrten bewohnt, denen man in ihrem Alter, zum Preise ihrer Verdienste um das Menschengeschlecht, eine gluckliche Musse verschaffen will. Sie werden an grossen Tafeln gespeiset, haben in den angrenzenden Garten Gelegenheit, frische Luft einzuatmen und sich eine gelinde Bewegung zu machen, und werden uberhaupt, bei einem kleinen Jahrgelde, das sie erhalten, in Wohnung, Kleidung und allem, was zu einem von Sorgen freien, angenehmen, doch philosophisch massigen Leben gehort, so gepflegt, dass sie Zufriedenheit und Ruhe geniessen konnen. Hat einer von ihnen bares Vermogen, so muss er bei seinem Eintritte eine Summe, die sehr geringe angesetzt ist, welche aber zu erhohen seiner Grossmut uberlassen bleibt, zu dem Fonds dieser wohltatigen Anstalt zuschiessen.
Ein Teil der Einkunfte dieser Hauser wird verwendet, Buchersammlungen, Naturalienkabinette, Maschinen, Modelle und dergleichen anzuschaffen.
Eine gewisse Anzahl junger Leute, die sich den Wissenschaften widmen, die Bibliotheken und den Umgang erfahrner Manner nutzen wollen und denen es ein Ernst ist, in ihrem Fache gross zu werden, erhalten die Erlaubnis, wenn sie Zeugnisse ihres bisherigen Fleisses beibringen konnen, gegen Erlegung eines gewissen Kostgeldes drei Jahre lang in diesen Hausern zu wohnen. Die Greise sind nicht verbunden, ihnen Unterricht zu geben; es mussen aber die Junglinge, durch bescheidne Bitten und Fragen, durch Proben von Lehrbegierde und durch edle Auffuhrung, zu erlangen suchen, dass ihnen die Wohltat eines guten Rats und einer belehrenden Zurechtweisung nicht versagt werde.
Es ist erwahnt worden, dass bei uns alle junge Leute bis in ihr funfzehntes Jahr in den offentlichen Schulen eine gleiche Art des Unterrichts geniessen, folglich alle gleich vorbereitet sind, neben dem Gewerbe, dem sie sich alsdann widmen, auch die gelehrte Laufbahn zu betreten. Zu Fortsetzung der Studien nun fur diejenigen, welche sich den Wissenschaften ergeben wollen, ist das zweckmassigste Mittel, dass sie einen Gelehrten, zu dessen Kenntnissen, in dem Fache, das sie gewahlt, sie das grosste Zutrauen haben, bewegen, sie als Schuler anzunehmen; denn wir haben keine Universitaten, und sowenig als wir Handwerkszunfte haben, sowenig gibt es bei uns Gelehrtenzunfte oder Fakultaten.
Die Ursache, weswegen wir keine Fakultaten haben konnen, ist sehr begreiflich. Die Theologie ist in Abyssinien keine positive, autorisierte Wissenschaft; die Rechtsgelehrsamkeit ist gleichfalls bei uns kein besondres Studium, da jeder Mitburger verbunden ist, sich mit den sehr einfachen Landesgesetzen bekannt zu machen, wozu er schon in der Schule die erste Anweisung erhalt. Eine philosophische Fakultat oder Zunft ist vollends eine Albernheit, da Philosophie auf freiem Nachdenken beruht und jeder verstandige, nachdenkende Mann sich sein eignes besondres philosophisches System, wie es fur seinen Kopf und sein Herz passt, bauen wird. Mathematische, physikalische und alle dahin einschlagende Wissenschaften werden taglich durch neue Entdeckungen bereichert und werden am besten aus den altern und neuern Schriften, verbunden mit eignen Versuchen, erlernt. Es bliebe also noch die Arzeneikunst ubrig, von der nachher geredet werden soll.
Was nun die Universitaten betrifft, so lehrt uns die Erfahrung, dass dort die Junglinge mit einer Menge unnutzer Dinge geplagt werden, die sie nachher wieder vergessen mussen; dass der dort herrschende Systemgeist, Schlendrian, Autoritatszwang, Pedantismus und dergleichen manchen guten Kopf verschraubt und vom Selbstdenken ableitet.
Es fehlt aber darum dem jungen Gelehrten bei uns nicht an Gelegenheit, sich in seinem Fache zu vervollkommnen. Manner, die in einer Wissenschaft gross sind, pflegen Freude daran zu finden, von dem zu reden, womit sie sich immer und gern beschaftigen, pflegen mit Vergnugen ihre Kenntnisse mitzuteilen. Ein junger Mensch also, dem es ein Ernst ist, mehr zu lernen und dies grundlich zu lernen, wird leicht einen Gelehrten bereit finden, ihn als Schuler, vielleicht auch als Kostganger, auf gewisse Jahre anzunehmen. Er wird dann gewiss von einem solchen praktischen Gelehrten, mit geringerm Aufwande, in kurzerer Zeit weiter gefuhrt werden, als ihn auf einer Universitat die Stubengelehrten mit ihren unnutzen Spitzfindigkeiten und ihrem kritisch-historischen Wortkrame leiten konnen. Jener wird dies alles linker Hand liegenlassen und dem Schuler uberlassen, einst, wenn er erst in dem Wesentlichen seines Faches fest ist, durch Lekture sich auch damit bekannt zu machen und ihn indes immer auf die einfachen Grundsatze und das Praktische der gewahlten Wissenschaft lenken.
Dies ist besonders von der Arzneikunst wahr, und ein geschickter Arzt und Wundarzt, welcher seinen Zogling mit zu seinen Kranken fuhrt und ihm dann, bei den wirklichen Fallen, die Natur dieser und der damit verwandten Krankheiten und die Wirkung der Arzneimittel erklart, ihm auch darneben zu Hause einigen theoretischen Unterricht gibt und ihm die besten Bucher empfiehlt, wird einen geschicktern Mann aus ihm bilden als die Universitat.
Durch Schriftstellerei kann unendlich viel Gutes bewirkt werden; wir ehren also diejenigen Manner unter uns, die durch ihre literarischen Produkte, welche nutzliche, der menschlichen und burgerlichen Gesellschaft interessante Gegenstande behandeln, auf ihre Zeitalter vorteilhaft gewirkt oder grosse, bis jetzt versteckt oder verdunkelt gewesene Wahrheiten in Kurs gebracht und in ein helleres Licht gesetzt haben. Wir ehren sie, aber wir verderben sie nicht durch Schmeichelei, durch ubertriebne Lobeserhebungen und setzen nicht den Mann, welchen die Natur mit hinreissender Beredsamkeit, lebhafter Einbildungskraft und einem hellen Blicke ausgerustet hat, so dass er Satze, die in manches Biedermanns Kopfe und Herzen ruhen, klar, lichtvoll und ruhrend vortragt, diesen setzen wir nicht in unsrer Achtung weit uber den hinaus, der ein langes Menschenleben hindurch in der Stille und unbemerkt, ohne Bucher geschrieben zu haben, immer gleich edel, verstandig, konsequent und fest gehandelt und durch Rat, Tat und Beispiel viel Gutes um sich her verbreitet hat. Endlich, da wir allen Prunk, alle Spielerei hassen und uns der Gedanke emport, dass man wahre Tugend und wahres Verdienst belohnen und kronen konne, so ist bei uns an keine Preise fur literarische Verdienste und an keine Bildsaulen und dergleichen Torheiten zu denken. Unsre Junglinge ermuntern wir durch Preise, sich in korperlichen Ubungen geschickt zu machen, aber Tugend und Weisheit lassen sich nicht taxieren noch bezahlen. Das mittelmassige Genie wird dadurch nicht gross, und das erhabene bedarf solcher Ermunterungen nicht, sondern arbeitet sich sogar durch Schwierigkeiten und Hindernisse empor.
Uber die Grenzen der Pressfreiheit und Publizitat ist im vorhergehenden schon genug gesagt worden.
Dem Buchhandel gestattet die Regierung alle mogliche Freiheit; allein aus Ursachen, die hier zu weitlauftig zu entwickeln waren, kann sie den Nachdruck nicht durch ein bestimmtes Gesetz verbieten. Sie halt ihn fur eine moralische Untat und alle Nachdrucker fur Schelme; als burgerliche Verbrecher aber kann sie diese Schleichhandler nicht betrachten.
Eine vernunftige Kritik stiftet gewiss fur die Gelehrsamkeit grossen Nutzen und eine unvernunftige richtet gar keinen Schaden an. Da nun uberhaupt jedermann freisteht, uber alles seine Meinung zu sagen, so muss es auch jedem erlaubt sein, fremde, offentlich gedruckte Geistesprodukte offentlich zu beurteilen. Freilich ware zu wunschen, dass dies immer in einem bescheidnen, hoflichen Tone geschahe; allein auch das lasst sich nicht von Obrigkeits wegen befehlen. Dafur aber sorgt die Polizei, dass erstlich keine Kritik oder Rezension erscheinen durfe, ohne dass der Beurteiler seinen Namen nenne, und zweitens, dass in diese Kritiken auf keine Weise der geringste Angriff auf den personlichen Charakter eines Schriftstellers mit eingemischt werde. Beides wird, wenn es auskommt, strenge bestraft.
Wir wunschten, dass die Herren Gelehrten das Publikum mit ihren oft in Grobheit ausartenden, fur den dritten Mann sehr uninteressanten Streitigkeiten verschonen mochten. Jedoch lasst sich auch das durch kein Gesetz bewirken; die Regierung wird aber bei Unterstutzung und Versorgung der Gelehrten vorzuglich auf diejenigen Rucksicht nehmen, die sich zugleich als bescheidene, sanftmutige und weltkluge Manner bekannt gemacht haben.
Die schonen Kunste verfeinern den Geschmack, mildern die Sitten, ruhren das Herz, machen es zum Wohlwollen geneigt und stimmen es zu allerlei sanften und edeln Empfindungen; allein die Freuden, welche sie gewahren, mussen keusch und vorsichtig genossen werden. Ihr Missbrauch macht weich, weibisch, wollustig, erhitzt die Phantasie, bringt die Sinnlichkeit in Aufruhr und lenkt von ernsthafter Anstrengung ab. Deswegen nun machen wir es nicht eben zu einer Staatsangelegenheit, den Flor der schonen Kunste tatig zu befordern, sondern uberlassen dies der Zeit und der zunehmenden Kultur. Dafur aber sucht doch die Regierung zu sorgen, dass ein edler, einfacher Geschmack herrschend werde und weder das Kleinliche, Spielende, Witzelnde, noch das Wilde, Unregelmassige, Ungestume, noch das Luxuriose, die grobere Sinnlichkeit Reizende die Oberhand gewinne. Was fur Anstalten in Ansehung der Baukunst getroffen sind, das ist vorhin erwahnt worden. Fur Musik und Poesie ist insofern gesorgt, dass man die Verfertigung der Hymnen, welche an grossen feierlichen Tagen abgesungen werden, solchen Dichtern und Tonkunstlern auftragt, von deren reinem Geschmacke man uberzeugt ist; sie werden fur ihre Bemuhung belohnt; in den Schulen werden, wie schon ist gesagt worden, die jungen Leute auch in der Tonkunst unterrichtet; und auch auf diesen Unterricht hat die Regierung ein wachsames Auge. Uber die Meisterstucke unsrer besten Dichter werden gleichfalls in den Schulen Vorlesungen gehalten, um den Geschmack der Jugend zu bilden. Endlich werden auch die besten Werke von der Art auf Kosten des Staats gedruckt und eine grosse Anzahl Exemplare in allen Gegenden des Reichs unter den Mitburgern ausgeteilt.
Schauspiele werden bei uns nicht geduldet. Wir konnen uns von ihrem uberwiegenden Nutzen nicht uberzeugen, sind aber sehr gewiss von dem nachteiligen Einflusse, den ein mittelmassiges Schauspiel und ein solches, dessen Inhalt nicht mit soviel Strenge gesaubert ist, als es fast nicht moglich scheint, ohne ihm das Interesse zu benehmen, wir sind gewiss von dem nachteiligen Einflusse, den ein solches Schauspiel auf die Jugend haben kann. Was die grossen Nationalschauspiele betrifft, zu deren Verteidigung man uns soviel von den Wirkungen der alten griechischen Schauspiele erzahlt, so verlangen wir gar nicht, so gar gewaltsame Eindrucke auf die Herzen und die Phantasie unsrer Mitburger zu machen. Sie sollen zu keinen Handlungen angefeuert werden, die eine Art von Berauschung erfordern, sondern wir wunschen alle, immer recht nuchtern, in der ruhigsten Gemutsstimmung und nach Vernunft handeln zu konnen, und unser Enthusiasmus soll nie von kochendem Blute und erhitzter Phantasie, sondern von unwiderstehlicher Bewunderung und fester Uberzeugung von der Schonheit der Tugend und Weisheit herruhren.
Dies, meine lieben Mitburger, ware dann die Skizze meines Plans zu einer neuen Verfassung von Abyssinien. Wie manches kleine Detail ich ubergangen bin, wie oft meine Einrichtungen sich in unbedeutenden Nebenstucken zu durchkreuzen, zu widersprechen scheinen, wie manches wohl vorerst noch ganz unausfuhrbar ist, das wird euch freilich leicht in die Augen fallen. Allein lasset euch dadurch nicht abschrecken, den Hauptinhalt meiner Vorschlage zu prufen! Verwerfet, verbessert, sichtet; aber wenn ihr denn doch gestehen musst, dass die Hauptsatze meines Systems aus der graden, naturlichen, gesunden Vernunft entlehnt sind, so lasset euch nicht durch Vorurteile und Schwierigkeiten davon abhalten, das Ubel bei der Wurzel anzugreifen und auszurotten! Jetzt ist der Zeitpunkt da so vorteilhaft kommt er gewiss nie wieder; begnugt ihr euch aber jetzt mit halben Verbesserungen, so habt ihr ewiges Flickwerk.
Funfundzwanzigstes Kapitel
Des Verfassers Gesprach mit dem Prinzen
Bevor der edle Prinz diesen Entwurf den versammelten vierundzwanzig Deputierten der Nation vorlegte, war er so gutig, ihn meinem Herrn Vetter und mir zum Durchlesen zu geben. Ich war so entzuckt uber den Inhalt er war so ganz aus meiner Seele hingeschrieben , dass ich mich in dem Drange meiner Empfindungen dem Prinzen zu Fussen warf und ausrief: "Erhabenster Monarch! Wie ist es moglich, dass ein Furstensohn so den heiligen Naturgesetzen und Menschenrechten das Wort reden kann? Du allein bist wurdig, als Konig und Kaiser uber Abyssinien, ja, uber die ganze Welt zu herrschen. Oh! erlaube mir, dass ich diesen Entwurf in Deutschland drucken lasse, damit meine Landsleute gewahr werden, dass noch ein Platz auf dem Erdboden ist, wo die gesunde Vernunft nicht ganz durch die konventionellen, erkunstelten Begriffe ist verdrangt worden! Erlaube, grosser Monarch, dass ich zugleich die Geschichte dieses Reichs und die Erzahlung dessen, was ich selbst nebst meinen deutschen Gefahrten hier erlebt habe, der Welt mitteile! Erlaube endlich, dass ich mein Buch unter deinem Schutze, mit deinem Privilegio versehen, herausgebe! Vielleicht respektieren die rauberischen Nachdrucker mehr diesen abyssinischen Schutzbrief als die Privilegien, welche unsre Fursten erteilen, gegen die sie sowenig Achtung bezeugen. Ich will dies Werk in einem Lande herausgeben, das von einem edeldenkenden, grossen Konige regiert wird, der Menschenwurde ehrt, in dessen Staaten die Rechte des Eigentums heiliggehalten werden, wo personliche Sicherheit unangetastet bleibt, wo auch der geringste Untertan, geschutzt vor jeder Gewalttatigkeit, selbst gegen die Landesregierung frei seine Rechte verfechten darf, wo Gesetze, nicht Willkur, das Schicksal der Untertanen bestimmen, wo man der Wahrheit, die mit Bescheidenheit vorgetragen wird, kein Stillschweigen auflegt dort will ich mein Werk drucken lassen, und es wird gewiss Beifall finden."
PRINZ: Stehe auf, Noldmann! Ich sehe wohl, dass du den Europaer nicht ganz vergessen kannst, soviel Sinn du auch fur Wahrheit und Freiheit zu haben scheinst. Du glaubst mich zu ehren, indem du mich zum Monarchen von Abyssinien erheben willst, und uberlegst nicht, dass mir dein Lob tausendmal willkommner sein wurde, wenn du mir sagtest, dass du mich wurdig hieltest, ein Privatmann in einem freien Staate zu sein. Du glaubst mit der Bekanntmachung meines Entwurfs in Deutschland grosse Ehre einzulegen und bedenkst in dem Augenblicke nicht, dass eure schiefkopfigen Rechtsgelehrten ihn um so alberner und phantastischer finden werden, je mehr gesunde Vernunft darin herrscht. Doch fuhre immerhin deinen Plan aus; aber lass uns jetzt von deiner und deiner Landesleute kunftigen Bestimmung reden! Ihr konnt nicht in Abyssinien bleiben; ich sehe voraus, dass von allen meinen Vorschlagen der, keine Auslander unter uns zu dulden, den allgemeinsten Beifall finden wird. Und wollten wir auch zu eurem Vorteile eine Ausnahme machen, so weiss ich doch gewiss, dass ihr bald anfangen wurdet, euch unbehaglich zu fuhlen. Reiset also, begleitet von meinen besten Wunschen, in euer Vaterland zuruck! Noch habe ich, aber, wie ich hoffe, nicht lange mehr, unumschrankte Gewalt in diesem Reiche; ich glaube es verantworten zu konnen, dass ich euch nicht mit leerer Hand von hier ziehen lasse. Ich will euch soviel Gold und Edelgesteine mitgeben, dass ihr den Rest eures Lebens bequem und ruhig in Deutschland sollt hinbringen konnen. Rustet euch also zur Reise! Fur eure Sicherheit und Bequemlichkeit bis an den Hafen von Kairo in Agypten soll gesorgt werden; dort werdet ihr leicht ein europaisches Schiff finden, das euch aufnehmen kann. Es tut mir leid, mich von euch trennen zu mussen, aber unser Verhangnis will es so; ihr konnt vielleicht eurem Vaterlande noch sehr nutzlich werden; es scheint, als wenn bald Zeiten kommen wurden, wo man auch dort des Rats und der Hulfe verstandiger, vorurteilsfreier und vorsichtiger Manner bedurfen wird. Dann habt ihr einen grossen und wurdigen Gesichtskreis vor euch. Lebet also wohl! Doch wir sprechen uns noch vor eurer Abreise.
Mit diesen Worten verliess uns der gute Prinz, ohne unsre Antwort zu erwarten.
Sechsundzwanzigstes, letztes Kapitel
Abreise der Europaer aus Abyssinien. Seesturm.
Nur der Verfasser und sein Herr Vetter retten ihr
Leben und lassen sich in Deutschland nieder.
Schluss
Ich gestehe, dass es meinem Herrn Vetter und mir ein bisschen wehe tat, ein Reich verlassen zu mussen, in welchem, nachdem wir so manche unangenehme und unruhige Szenen darin erlebt hatten, wir nun erst recht gluckliche und heitre Tage zu sehen hofften; doch erwachte auch in unsern Herzen die Vaterlandsliebe, und das grossmutige Versprechen des Prinzen, uns reichlich zu beschenken, eroffnete uns die frohe Aussicht, in Deutschland ohne Nahrungssorgen das Alter herbeikommen zu sehen. Dies Versprechen blieb nicht lange unerfullt; wir bekamen, Herr Wurmbrand und ich, jeder an Golde und Diamanten fur mehr als dreissigtausend Taler zugeteilt, welches uns in der Tat, nebst dem, was wir nun erspart hatten, zu reichen Leuten machte. Nach Verhaltnis wurden auch unsre ubrigen Landsleute sehr grossmutig ausgestattet. Die Padagogen hatten noch ausserdem Gelegenheit gefunden, sich hubsche Kapitalchen zu sammeln, die Philosophen und Kunstler hingegen waren hie und da, besonders in den Wirtshausern, schuldig; der Prinz bezahlte aber auch diese Ruckstande; der Tag unsrer Abreise wurde angesetzt und kam endlich herbei.
Mit Tranen in den Augen nahmen wir von unserm edeln Furstensohne und seinem vortrefflichen Mentor Abschied und wunschten ihnen tausendfachen Segen zu ihrem grossen Vorhaben; dann machten wir uns auf die Reise. Unsre Karawane war gross und ansehnlich; wir zogen langs dem Ufer des Nils fort. Fur unsre Sicherheit und Gemachlichkeit war so sehr gesorgt, dass wir keine Art von Unbequemlichkeit fuhlten und nichts entbehrten, was dazu dienen konnte, uns die kleinen unvermeidlichen Beschwerden eines so weiten Weges in diesen zum Teil unbewohnten Gegenden vergessen zu lassen. Ubrigens hatten wir alles, was das Reisen angenehm machen kann, Gesundheit, einen bespickten Beutel und gute Gesellschaft. Unsre Unterhaltung war mannigfaltig; bald spielten uns ein Paar Tonkunstler auf ihren Instrumenten ein schones Duetto und beseelten von ihren Kamelen herunter das stille Tal durch ihre Harmonien, bald verkurzten uns unsre gelehrten Gefahrten die Zeit durch sokratische Gesprache, indes wir, um auszuruhen, unter Zelten gelagert die vollen Becher aus Hand in Hand ringsumher gehen liessen. Und wenn einmal eine kurze Frist hindurch alles schwieg, dann beschaftigten jeden fur sich angenehme Plane fur die Zukunft.
Auf diese Weise kamen wir glucklich in Kairo an und schickten unser Gefolge mit schriftlichen Zeugnissen unsrer warmsten Dankbarkeit nach Gondar zuruck.
Wir brauchten hier nicht lange auf Gelegenheit zu harren, nach Europa zu kommen. Ein genuesischer Schiffer, der ausser dem fast ganz leer hatte zurucksegeln mussen, nahm uns samtlich mit unsern sehr geringen Packereien (denn das mehrste davon bestand in Gold und Juwelen) an Bord.
Unsre Fahrt war anfangs sehr glucklich; wir hatten das schonste Wetter, bis wir schon von fern die reizenden italienischen Kusten erblicken konnten. Da aber erhob sich ein furchterlicher Sturm, der mit jeder Viertelstunde zunahm. Die Leser erinnern sich vermutlich aus Reisebeschreibungen mancher Schilderung eines Seesturms; ich will sie also mit Ausmalung des unsrigen verschonen. Lange hatten wir in der schrecklichsten Gefahr geschwebt und alle unsre Krafte erschopft; zwei Masten waren gekappt; die wenigen Kanonen, und was noch etwa von schweren Gutern auf dem Schiffe gewesen, war uber Bord geworfen worden, um die Last zu erleichtern und zu Verstopfung eines grossen Lecks Anstalt machen zu konnen, den das Schiff, durch einen heftigen Stoss an einem Felsen, bekommen hatte als auf einmal ein klagliches Geschrei, es sei Feuer im Raume, unser Elend aufs hochste trieb und einen grossen Teil der Equipage zur Verzweiflung brachte. Nun rief jedermann, man solle die Schaluppe aussetzen, und so gefahrlich dies Unternehmen war, so wurde es doch mit Gewalt ins Werk gesetzt. Kaum aber war dies geschehen, so drangte sich alles hinzu, um in dies kleine Fahrzeug zu springen und sein Leben zu retten. Wir sahen, mein Herr Vetter und ich, voraus, welchen klaglichen Ausgang dies nehmen wurde, beschlossen daher, das Schiff nicht zu verlassen, und suchten auch unsre Gefahrten von ihrem tollen Vorhaben abzuhalten, allein vergebens. Niemand verlor fruher die Gegenwart des Geistes als unsre beiden Philosophen, und ihrem Beispiele folgten bald alle ubrigen Deutschen; jeder ergriff sein Bundel und eilte hinunter in die Schaluppe. Allein die sturmische Bewegung des Meers legte diesem Vorhaben gewaltige Schwierigkeiten in den Weg. Verschiedne von denen, die diesen Sprung wagten, erreichten das Boot nicht, sondern wurden von den Wellen verschlungen, und die ubrigen beschwerten das kleine Fahrzeug so, dass es vor unsern Augen untersank. Und so waren denn von allen nach Abyssinien gereisten Deutschen nur wir beide noch ubrig, und auch uns umschwebte fast unvermeidliche Todesgefahr.
Alles kam jetzt auf Gegenwart des Geistes an, und diese fehlte dem grossten Teile des Schiffsvolks, das noch obendrein betrunken war, indem es sich, in der Verzweiflung und allgemeinen Verwirrung, der Branntweinsfasser bemachtigt und diese fast ganz ausgeleert hatte. Selbst das Feuer war auf diese Weise entstanden, indem ein Matrose einem noch angefullten Fasse mit dem Lichte zu nahe gekommen war und den Branntwein angesteckt hatte. Unser Schiffskapitan, ein entschlossner Mann, traf die besten Anstalten zum Loschen und war so glucklich, in kurzer Zeit seinen Zweck zu erreichen. Indes strengten auch wir unsre letzten Krafte an und versammelten bald einige Matrosen um uns (denn nun hatte die dringende Not alle wieder nuchtern gemacht), mit denen wir ohne Unterlass pumpten, bis es endlich auch dem Schiffszimmermann gelang, den Leck zu finden und notdurftig zu verstopfen.
Um die Hoffnung zu unsrer Rettung zu erhohen, fing auch der Sturm an, sich allmahlich zu legen; und bald sahen wir uber uns den heitersten Himmel und um uns her die ruhige Spiegelflache des besanftigten Meers ja, wir hatten die Freude, durch unsre Glaser von fern die genuesische Kuste zu erblicken. Diese glucklichen Umstande belebten eines jeden Mut wieder. Man flickte noch einen kleinen Mast zusammen, brachte das Segelwerk ein wenig in Ordnung, und so erreichten wir bald den Hafen. Wir dankten, gewiss sehr inbrunstig, Gott fur unsre Rettung, widmeten unsern verlornen Gefahrten eine Trane und eilten, unsre Reise zu Lande fortzusetzen, nachdem wir zuvor europaische Kleidung angelegt hatten.
Unser Plan war, durch den obern Teil von Italien uber die Alpen, durch Osterreich, Bayern, Schwaben, Franken und Sachsen zu gehen; mein Herr Vetter machte mir einige Hoffnung, an meiner Seite den Rest seines Lebens in meiner lieben Vaterstadt Goslar hinzubringen; und so begaben wir uns dann getrost auf den Weg. Was fur Empfindungen aber unsre Seelen durchstromten, als wir zuerst den Fuss auf deutschen Boden setzten oh! wer konnte es unternehmen wollen, das zu beschreiben?
Wir waren, ohne alle Unfalle, bis Bopfingen gekommen, als meinen armen Vetter eine Krankheit befiel, die ihn notigte, vier Wochen lang das Bette zu huten. Gefahrlich war diese Krankheit nicht, aber beschwerlich und schmerzhaft, denn sie bestand in gichtischen Zufallen. Ich wich selten von seinem Bette, und wir verkurzten uns mehrenteils die Zeit durch Ruckerinnerungen an die erlebten ausserordentlichen Vorfalle, durch Gesprache uber Abyssinien, und waren oft so stolz, uns zu schmeicheln, wir hatten doch auch, durch Beforderung der Aufklarung, unser Scherflein zu der erwunschten Revolution beigetragen, die jetzt diesem Reiche bevorstunde.
Wir hatten uns in Bopfingen in einem Gasthofe niedergelassen, in welchem die Wirtin die Witwe eines Notarius und noch in ihren besten Jahren war. Die gute Frau bezeugte meinem Herrn Vetter in seiner Krankheit ungewohnlich viel zartliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit, und dies stimmte, wie ich bald merkte, sein Herz zum Vorteile der artigen Witwe. Eines Morgens nun, als ich zu ihm in das Zimmer trat, begann folgendes Gesprach unter uns:
WURMBRAND: Sagt mir doch, mein lieber Vetter, habt Ihr nie Lust gehabt zu heiraten?
ICH: Ei nun, mein lieber Vetter! Jeder hat seine schwachen Augenblicke, und wenn dann eine gute Mahlzeit und ein Glas voll alten Weins
WURMBRAND: Ihr versteht mich unrecht; ich meine, ob Ihr nie daran gedacht habt, zur Pflege in Eurem Alter und uberhaupt zur Annehmlichkeit des Lebens, Euch eine Gefahrtin zuzugesellen.
ICH: Damit ich nachher doppelte Lasten zu tragen hatte? Nein! dazu habe ich nie Lust gehabt, tadle aber niemand, der diesen Schritt tut, und auch Euch nicht, mein Bester, der Ihr, wie ich merke, im Begriff seid, so ein Stuckchen zu wagen. Ich will Euch die Muhe ersparen, mir Eure Absichten mit allen den Bewegungsgrunden vorzutragen. Mir gefallt die Frau; auch hat sie Vermogen; Ihr fugt das Eurige hinzu; die Gastwirtschaft wird aufgegeben und Ihr lebt hier als Privatmann von Euren schonen Renten. Das alles finde ich recht gut und wohl ausgedacht.
WURMBRAND (mich umarmend): Nun! so hebt Ihr mir doch einen schweren Stein vom Herzen; ich dachte schon, Ihr wurdet die Sache nicht billigen. Aber nun tritt noch ein gar kurioser Umstand ein; die gute Frau will namlich durchaus, weil ihr erster Mann Notarius gewesen, auch jetzt niemand heiraten als einen solchen, der diesen Titel fuhrt. Nun ware der freilich leicht zu erhalten; aber wenn man denn wieder bedenkt: in Gondar erster Minister und hier Notarius. Doch was ist am Ende aller eitler Glanz, alle Titelsucht?
ICH: So gefallt Ihr mir, Herr Vetter! Die Hand her! Ihr werdet Notarius und ich, der ehemalige Baalomaal, ziehe wieder nach Goslar, lebe dort als Advokat und fuhre nur fur Arme und Unterdruckte Prozesse.
WURMBRAND: Nein! Ihr musst bei mir bleiben; ich kann den Gedanken nicht ertragen, mich wieder von Euch trennen zu sollen.
ICH: Das kann nicht geschehen, dass ich bei Euch bleibe. Meine liebe Vaterstadt muss ich wiedersehen; ich will da begraben werden, wo meine Augen zum erstenmal das Licht des Tages erblickt haben; aber was hindert uns, uns von Zeit zu Zeit zu besuchen und Monate miteinander hinzubringen?
Mein Herr Vetter fuhr fort, mich zu bitten; allein ich weigerte mich standhaft. Am folgenden Tage gingen wir zusammen (denn er war nun so weit wieder hergestellt, dass er ausgehen durfte) zu meinem Comes Palatinus, woselbst er sich, gegen die Gebuhr, zum Notarius umschaffen liess und, zum Andenken an seine vorigen Begebenheiten, in sein Notariatssiegel einen Afrikaner in abyssinischer Kleidung stechen liess, mit der Unterschrift: Olim meminisse juvabit. Hierauf blieb ich noch vierzehn Tage lang bei ihm, binnen welcher Zeit seine Hochzeit ohne grossen Aufwand vollzogen wurde. Gleich hernach trennte ich mich von ihm. Seit dieser Zeit sind nun anderthalb Jahre verflossen. Wir stehen im fortgesetzten Briefwechsel miteinander; seine Frau hat ihn mit einem jungen Sohne beschenkt, und ich denke ihn im nachsten Fruhjahre zu besuchen.
Im Junius 1789 kam ich hierher nach Goslar; mein Herz pochte vor Freude, als ich die alten Turme zuerst wieder erblickte. Meine Mitburger, und selbst der hochweise Magistrat, nahmen mich sehr liebreich auf, besonders als sie horten, dass ich ein hubsches Vermogen mitgebracht hatte. Ich wurde in der ersten Zeit taglich in irgendein Haus zu Gaste geladen und musste dann gewaltig viel von Afrika erzahlen. Die gar zu lastigen Frager verwies ich auf dieses mein Werk, an welchem ich damals schon anfing zu arbeiten.
In der Herbstmesse des vorigen Jahrs reisete ich nach Leipzig und verkaufte dort ziemlich teuer meine Diamanten an polnische Juden. Den grossten Teil meines Vermogens habe ich zu Ankauf meines kleinen Guts, eine Meile von hier entlegen, verwendet. Dort bringe ich die angenehmsten Monate des Jahrs hin. Im Winter ziehe ich nach Goslar, wo ich ein Haus gekauft habe. Ich advoziere nicht fur Geld; wendet sich aber ein armer Mann an mich, so diene ich ihm, wie es Christenpflicht ist.
Dies Buchelchen wird nun in der Ostermesse erscheinen, und ich kann wohl sagen, ich freue mich darauf, denn ich habe noch nie etwas drucken lassen, und ich meine, es stunde doch manches darin, was man nicht alle Tage zu horen bekommt. Ubrigens empfehle ich mich dem geneigten Leser ergebenst.
Geschrieben in Goslar im Dezember 1790
Fussnoten
1 Man sehe Bruces "Reisen" nach. 2 Alle diese Strafen sind noch jetzt in Abyssinien ublich, wie uns Bruce erzahlt. 3 Siehe Bruces "Reisen". 4 Siehe Bruce. 5 Vermutlich hat Herr Noldmann dies vor dem Jahre 1787 geschrieben.