Friedrich Maximilian Klinger
Fausts Leben, Taten und Hollenfahrt
Der Verfasser dieses Buchs hat von allem, was bisher uber Fausten gedichtet und geschrieben worden, nichts genutzt, noch nutzen wollen. Dieses hier ist sein eignes Werk, es sei wie es wolle. Davon wenigstens wird sich jeder Leser leicht aus der Darstellungsart, der Charakteristik und dem Zweck uberzeugen.
1791
Erstes Buch
1.
Lange hatte sich Faust mit den Seifenblasen der Metaphysik, den Irrwischen der Moral und den Schatten der Theologie herumgeschlagen, ohne eine feste, haltbare Gestalt fur seinen Sinn herauszukampfen. Ergrimmt warf er sich in die dunklen Gefilde der Magie und hoffte nun der Natur gewaltsam abzuzwingen, was sie uns so eigensinnig verbirgt. Sein erster Gewinn war die merkwurdige Erfindung der Buchdrukkerei,1 der zweite war schaudervoller. Er entdeckte durch Forschen und Zufall die furchtbare Formel, den Teufel aus der Holle zu rufen und ihn dem Willen des Menschen untertanig zu machen. Bis jetzt konnte er sich noch nicht, aus Vorliebe zu seiner unsterblichen Seele, fur die jeder Christ wacht, ohne sie weiter zu kennen, zu diesem gefahrlichen Schritt entschliessen. In diesem Augenblick war er ein Mann in seiner vollen Blute. Die Natur hatte ihn wie einen ihrer Gunstlinge behandelt, ihm einen schonen, festen Korper und eine bedeutende, edle Gesichtsbildung verliehen. Genug, um Gluck in der Welt zu machen; aber da sie die gefahrlichen Gaben strebende, stolze Kraft des Geistes, hohes, feuriges Gefuhl des Herzens und eine gluhende Einbildungskraft hinzufugte, die das Gegenwartige nie befriedigte, die das Leere, Unzulangliche des Erhaschten in dem Augenblick des Genusses aufspurte und alle seine ubrigen Fahigkeiten beherrschte, so verlor er bald den Pfad des Glucks, auf den nur Beschranktheit den Sterblichen zu fuhren scheint und auf welchem ihn nur Bescheidenheit erhalt. Fruh fand er die Grenzen der Menschheit zu enge und stiess mit wilder Kraft dagegen an, um sie uber die Wurklichkeit hinuberzurucken. Durch das, was er in fruhern Jahren begriffen und gefuhlt zu haben glaubte, fasste er eine hohe Meinung von den Fahigkeiten, dem moralischen Wert des Menschen, und in der Vergleichung mit andern legte er naturlich seinem eignen Selbst (welches der grosste Geist mit dem flachsten Schafskopf gemein hat) den grossten Teil der Hauptsumme bei. Zunder genug zu Grosse und Ruhm; da aber wahre Grosse und wahrer Ruhm gleich dem Glucke den am meisten zu fliehen scheinen, der sie dann schon erhaschen will, bevor er ihre feinen, reinen Gestalten von dem Dunst und Nebel absondert, den der Wahn um sie gezogen, so umarmte er nur zu oft eine Wolke fur die Gemahlin des Donnerers. In seiner Lage schien ihm der kurzeste und bequemste Weg zum Gluck und Ruhm die Wissenschaften zu sein; doch kaum hatte er ihren Zauber gekostet, als der heftigste Durst nach Wahrheit in seiner Seele entbrannte. Jeder, der diese Sirenen kennt und ihnen ihren betrugrischen Gesang abgelernt hat, fuhlt (wenn er die Wissenschaften nicht als Handwerk treibt) ohne mein Erinnern, dass ihm sein Zweck, diesen brennenden Durst zu stillen, entwischen musste. Nachdem er lange in diesem Labyrinth herumgetaumelt hatte, waren seine Ernte Zweifel, Unwille uber die Kurzsichtigkeit des Menschen, Missmut und Murren gegen den, der ihn geschaffen, das Licht zu ahnden, ohne die dicke Finsternis durchbrechen zu konnen. Noch ware er glucklich gewesen, hatte er mit diesen Empfindungen allein zu kampfen gehabt; da aber das Lesen der Weisen und Dichter tausend neue Bedurfnisse in seiner Seele erweckten und seine nun beflugelte und zugekunstelte Einbildungskraft die reizenden Gegenstande des Genusses, die Ansehen und Gold allein verschaffen konnen, unablassig vor seine Augen zauberte, so rann sein Blut wie Feuer in seinen Adern, und seine ubrigen Fahigkeiten wurden bald von diesem Gefuhl allein verschlungen. Durch die merkwurdige Erfindung der Buchdruckerei glaubte er sich endlich die Tore zum Reichtum, Ruhm und Genuss aufgesprengt zu haben. Er hatte sein ganzes Vermogen darauf gewandt, sie zur Vollkommenheit zu bringen, und trat nun vor die Menschen mit seiner Entdeckung; aber ihre Laulichkeit und Kalte uberzeugten ihn bald, dass er, der grosste Erfinder seines Jahrhunderts, mit seinem jungen Weibe und seinen Kindern Hungers sterben konnte, wenn er nichts anders zu treiben wusste. Von dieser stolzen Hoffnung so tief herabgesunken, gedruckt von einer schweren Schuldenlast, die er sich durch leichtsinnige Lebensart, ubertriebene Freigebigkeit, unvorsichtige Burgschaften und Unterstutzung falscher Freunde auf den Hals gezogen, warf er einen Blick auf die Menschen, sein Groll farbte ihn schwarz, sein hausliches Band, da er seine Familie nicht mehr zu erhalten wusste, ward ihm zur Last, und er fing fur immer an zu glauben, dass die Gerechtigkeit nicht den Vorsitz bei der Austeilung des Glucks der Menschen habe. Er nagte an dem Gedanken, wie und woher es kame, dass der fahige Kopf und der edle Mann uberall unterdruckt, vernachlassigt sei, im Elende schmachte, wahrend der Schelm und der Dummkopf reich, glucklich und angesehen waren. So leicht nun Weisen und Prediger diesen Zweifel zu heben wissen, so erbittert er gleichwohl, da sie nur zu dem Verstande reden und das Gefuhl durch die tagliche Erfahrung verwundet wird, das Herz des Stolzen und schlagt den Sanftern nieder. Zu den erstern gehorte Faust. Von diesem Augenblick strebte sein gekrankter Geist den verschlungenen Knauel aufzuwikkeln, uber dessen Auflosung so viele Tausende die Ruhe und das Gluck ihres Lebens umsonst verloren haben. Er wollte nun den Grund des moralischen Ubels, das Verhaltnis des Menschen mit dem Ewigen, erforschen. Wollte wissen, ob er es sei, der das Menschengeschlecht leite, und wenn woher die ihn plagenden Widerspruche entstunden. Er wollte die Finsternis erleuchten, die ihm die Bestimmung des Menschen zu umhullen schien. Ja, er fasste selbst den verwegnen Gedanken, den erforschen zu wollen, dessen Sein uns so unbegreiflich und dessen Wurken uns so klar ist. Die Hoffnung, mit diesen wichtigen Kenntnissen ausgerustet, die Welt in Erstaunen zu setzen und als ein Geist erster Grosse unter die Menschen zu treten, versusste eine Zeitlang seine fruchtlose, peinliche Anstrengung. Da aber seine Lage immer trauriger ward, die Menschen, die ihm soviel zu danken hatten, sich immer mehr von ihm entfernten und all sein Streben, Licht in diese Finsternis zu bringen, nur dazu diente, sie noch schwarzer und qualender zu machen, so senkte sich bald der Gedanke tief in seine Seele, nur ein Geist der andern Welt konnte seinem Elend abhelfen und ihm Licht uber diese Gegenstande geben. Zwar schlummerte dieser Gedanke noch in seinem Busen, aber seine Begierden, sein Unmut brauchten nur einen neuen, aussern Reiz, um ihn uber die Grenzen zu treiben, gegen die er so wild anstiess.
2.
In dieser dustern Stimmung wanderte Faust von Mainz nach Frankfurt, dem hochweisen Magistrat eine von ihm gedruckte lateinische Bibel zu verkaufen, um seine hungrige Kinder von dem gelosten Gelde zu sattigen. In seiner Vaterstadt hatte er nichts ausrichten konnen, weil damals der Erzbischof mit seinem Kapitul in einen grossen Krieg verwickelt war und sich ganz Mainz in der grossten Verwirrung befand. Die Ursache davon war folgende: Es hatte einem Dominikanermonch getraumt, er schliefe mit seinem Beichtkinde, der schonen Klara, einer weissen Nonne und Nichte des Erzbischofs. Morgens sollte er die heilige Messe lesen, er las sie und empfing ohngeachtet der sundlichen Nacht den Leib des Herrn. Abends erzahlt er in Begeisterung des Rheinweins einem jungen Novizen seinen Traum. Der Traum kitzelte die Einbildungskraft des Novizen, er erzahlte ihn mit einigen Zusatzen einem Monche, und so lief er durch das ganze Kloster, verbramt mit Greuel und lusternen Bildern, bis er zu den Ohren des strengen Priors kam. Der heilige Mann, der den Pater Gebhardt wegen seinem Ansehen in vornehmen Hausern hasste, erschrak vor dieser Argernis, und da er's als eine Entweihung des heiligen Sakraments ansah, so wagte er nicht uber den wichtigen Fall zu entscheiden und meldete ihn dem Erzbischof. Der Erzbischof, vermoge des richtigen Schlusses, was der sundige Mensch bei Tage denkt und wunscht, davon traumt er des Nachts, sprach den Kirchenbann uber den Monch aus. Das Domkapitul, dessen Hass immer mehr zunimmt, je langer ein Erzbischof lebt, und gern jede Gelegenheit, ihn zu qualen, ergreift, nahm den Pater Gebhardt in Schutz und widersetzte sich dem Banne aus dem Grunde: es sei weltbekannt, dass der Teufel den heiligen Antonius mit den uppigsten Vorstellungen und lusternsten Lockungen in Versuchung gefuhrt habe, und wenn dies der Teufel mit einem Heiligen getrieben hatte, so konnte ihm auch wohl einmal einfallen, sein Gaukelspiel mit einem Dominikaner zu treiben. Man musste den Monch vermahnen, dem Beispiel des heiligen Antonius zu folgen und gleich ihm gegen die Versuchungen des Teufels mit den Waffen des Gebets und des Fastens zu kampfen. Ubrigens bedauerte man sehr, dass der Satan nicht mehr Achtung vor dem Erzbischof hatte und so unverschamt ware, seine hollische Vorspieglungen nach den Gestalten seiner hohen Familie zu bilden. Das Domkapitul fuhrte sich hierbei ganz so auf wie die Erbprinzen, denen ihre Vater zu lange regieren. Was aber den Fall ganzlich verwirrte, war ein Bericht aus dem Nonnenkloster. Die Nonnen waren alle im Refektorio versammelt, eine Mutter Gottes zum nachsten Fest aufzuputzen, um es durch ihre Pracht den schwarzen Nonnen zuvorzutun, als die alte Pfortnerin hereintrat, die hollische Geschichte erzahlte und hinzusetzte, der Dominikaner wurde gewiss lebendig verbrannt werden, denn eben sei das Domkapitul versammelt, sein Urteil zu sprechen. Wahrend die Pfortnerin die Geschichte mit allen Umstanden erzahlte, farbten sich die Wangen der jungen Nonnen hochrot, und die Sunde, die keine Gelegenheit entwischen lasst, unschuldige Herzen zu vergiften, schoss in ihr Blut und dramatisierte in fluchtiger Eile ihrer Einbildungskraft alle die gefahrlichen Szenen vor. Wut und Zorn zogen indessen ihre grimmigen Larven uber die Gesichter der Alten. Die Abtissin zitterte an ihrem Stabe, die Brille fiel von ihrer Nase, die Mutter Gottes stund indessen nackend in der Mitte und schien den erstaunten und erzurnten Nonnen zuzurufen, ihre Blosse zu decken. Da aber die Pfortnerin hinzusetzte, es sei die Schwester Klara, die der Teufel dem Dominikaner zugefuhrt hatte, so erfullte ein wilder Schrei den ganzen Saal. Nur Klara allein blieb gelassen, und nachdem eine kleine Pause auf das Zetergeschrei erfolgte, so sagte sie lachelnd: "Liebe Schwestern, warum schreit ihr so furchterlich? Traumte mir doch auch, ich schliefe mit dem Pater Gebhardt, meinem Beichtvater, und wenn es der bose Feind getan hat" (hier machte sie und die ubrigen alle ein Kreuz), "so mogen sie ihm die Disziplin geben. Ich fur meinen Teil habe nie eine kurzweiligere Nacht gehabt, sie komme, woher sie wolle." "Der Pater Gebhardt?" schrie die Pfortnerin. "Nun, alle ihr Engel und Schutzheiligen! das ist er eben, dem von Euch getraumt hat, dem Euch vielmehr der Teufel zugefuhrt hat und den sie nun darum verbrennen wollen." So ging die Pfortnerin noch einen Schritt weiter, verkorperte den Traum, und in dieser Gestalt flog er in die Stadt. Man liess die Mutter Gottes so nackend stehen, wie sie war, bekummerte sich nichts mehr darum, ob es die weissen Nonnen den schwarzen zuvor tun wurden. Die Abtissin machte sich auf den Weg, um die hollische Geschichte auszubreiten, ihr folgte die Schaffnerin; die Pfortnerin hielt eine Versammlung an ihrem Pfortchen, und Klarchen beantwortete naiv die noch naiveren Fragen der Schwestern. Die Trompeter des jungsten Gerichts konnen einst in Mainz nicht mehr Schrecken und Verwirrung verbreiten als diese Geschichte. Nur der Schrecken in den rheinischen Bistumern war grosser, als es sich die muntern Franzosen einfallen liessen, die schon bei dem ersten Zusammentreten in Gesellschaft verlerne Rechte der Menschheit hervorzusuchen. Und naturlich, man erinnerte sich hierbei des beruhmten Sankt Veitstanzes, der einstens ansteckend durch alle Provinzen und Reiche Europas sich ausbreitete und die Kopfe der Europaer, besonders der Teutschen, so verwirrte und erhitzte, dass sich Ritter und Bauer, Graf und Trossknecht, Bischof und Dorfpfarrer, Edelfrau und Bettlerin, Grafin und Kammerjungfer untereinander und durcheinander an den Handen fassten und in wilden, unsinnigen Kreisen von Dorf zu Dorfe, von Stadt zu Stadt herumtanzten, bis sie alle erschopft und die Geschwachtesten von ihnen leblos niedersanken.
Da der Prior der Dominikaner diesen Vorfall erfuhr, rannte er nach dem versammelten Kapitul und gab durch diesen Bericht auf einmal der Sache eine neue Wendung. Der Erzbischof hatte nun gern den ganzen Handel unterdruckt; aber jetzt lag dem Kapitul dran, ihn auszubreiten, und alle Domherrn stimmten einmutig darauf, die bedenkliche Sache musste dem Heiligen Vater in Rom vorgelegt werden. Man schrie, raste, tobte, drohte, und nur die Mittagsglocke konnte die Streitenden auseinanderbringen. Die offne Fehde verwandelte sich bald in eine feinere. Von Hofe aus fing man an zu bestechen, im Kapitul zu intrigieren, und ganz Mainz, Monch und Laie, zerfiel auf einige Jahre in zwei Teile, so dass sie nichts sahen, horten, von nichts sprachen und traumten als dem Teufel, der weissen Nonne und dem Pater Gebhardt. Auf den Kathedern jeder Fakultat ward daruber disputiert; die Kasuisten, nachdem sie die Nonne und den Pater ad protocollum genommen und gegeneinander gestellt hatten, schrieben Foliobande uber alle die moglichen sundigen und nicht sundigen Falle der Traume. War dies eine Zeit fur Fausten und seine Erfindung?
3.
In Frankfurt nun, dem stillen Sitz der Musen, dem Schutzort der Wissenschaften, hoffte Faust bessres Gluck. Er bot dem erlauchten Rat seine Bibel fur zweihundert Goldgulden an; da man aber vor einigen Wochen funf Stuck Fasser Rheinwein in den Ratskeller gekauft hatte, so fand sein Gesuch so leicht nicht statt. Er hofierte den Schoppen, dem Schultheiss, den Senatoren, vom stolzen Patrizier bis zu dem noch stolzern Ratsherrn der Schuhmacherzunft. Man versprach ihm uberall Huld, Schutz und Gnade. Zuletzt hielt er sich vorzuglich an den regierenden Burgermeister, wobei er aber bisher weiter nichts gewann, als dass die Frau Burgermeisterin eine gewaltige Flamme in seinem leichtfangenden Busen anzundete. Eines Abends versicherte ihn der Burgermeister, dass man ersten Tags einen Ratsschluss fassen wurde, vermoge welchem die gesamte Judenschaft gehalten sein sollte, Mann fur Mann die Summe fur die Bibel herzuschiessen. Da Faust bemerkt hatte, dass seine Kinder Hungers sterben konnten, bevor eine so aufgeklarte Versammlung einstimmig wurde, so ging er ohne Hoffnung, voller Liebe und Grimm auf seine einsame Stube. In diesem Missmut nahm er seine Zauberformeln vor. Der Gedanke, etwas Kuhnes zu wagen und Unabhangigkeit von den Menschen durch die Verbindung mit dem Teufel zu suchen, schoss lebhafter als je durch sein Gehirn. Noch erschutterte ihn die Vorstellung davon. Mit heftigen Schritten, wutenden Gebarden, unter furchterlichen Ausrufungen ging er in seinem Zimmer auf und ab und kampfte mit seinen innern, aufruhrerischen Kraften. Kuhn strebten diese, das Dunkel zu durchbrechen, das uns umhullt, noch schaudert sein Geist vor dem Entschluss; aber nun wagt der Lusterne die Befriedigung der unersattlichen Begierden seines Herzens, die langst gewunschte Genusse der ganzen Natur gegen die Vorurteile der Jugend, die Armut und die Verachtung der Menschen. Schon schwankt die Zunge der Waage. Die Glocke schlagt elf auf dem nahen Turme. Schwarze Nacht liegt auf der Erde. Der Sturm heult aus Norden, die Wolken verhullen den vollen Mond, die Natur ist im Aufruhr. Eine herrliche Nacht, die emporte Einbildungskraft zu verwildern. Noch schwankt die Zunge der Waage. In dieser Schale tanzen leicht Religion und ihre Stutze, die Furcht vor der Zukunft. Die Gegenschale schlagt sie hinauf; Durst nach Unabhangigkeit und Wissen, Stolz, Wollust, Groll und Bitterkeit fullen sie. Ewigkeit und Verdammnis schallen nur dumpf in seiner Seele. So strauchelt die Jungfrau, welche die gluhenden Kusse des Geliebten auf dem Busen fuhlt, zwischen den Lehren der Mutter und dem Zug der Natur. So schwankt der Philosoph zwischen zwei Satzen, dieser ist wahr, jener glanzend und fuhrt zu dem Ruhme; welchen wird er wahlen?
Nun zog Faust nach der Vorschrift der Magie den furchterlichen Kreis, der ihn auf ewig der Ob- und Vorsicht des Hochsten und den sussen Banden der Menschheit entreissen sollte. Seine Augen gluhten, sein Herz schlug, seine Haare stiegen auf seinem Haupt empor. In diesem Augenblick glaubte er seinen alten Vater, sein junges Weib und seine Kinder zu sehen, die in Verzweiflung die Hande rangen. Dann sah er sie auf die Knie fallen und fur ihn zu dem beten, dem er eben entsagen wollte. "Es ist der Mangel, es ist mein Elend, das sie in Verzweiflung sturzt", schrie er wild und stampfte mit dem Fusse auf den Boden. Sein stolzer Geist zurnte der Schwache seines Herzens. Er drang abermals nach dem Kreise, der Sturm rasselte an seinen Fenstern, die Grundfeste des Hauses zitterte. Eine edle Gestalt trat vor ihn und rief ihm zu:
"Faust! Faust!"
FAUST: Wer bist du, der du mein kuhnes Werk unterbrichst?
GESTALT: Ich bin der Genius der Menschheit und will dich retten, wenn du zu retten bist.
FAUST: Was kannst du mir geben, meinen Durst nach Wissen, meinen Drang nach Genuss und Freiheit zu stillen?
GESTALT: Demut, Unterwerfung im Leiden, Gnugsamkeit und hohes Gefuhl deines Selbsts, sanften Tod und Licht nach diesem Leben.
FAUST: Verschwinde, Traumbild meiner erhitzten Phantasie, ich erkenne dich an der List, womit du die Elenden tauschest, die du der Gewalt unterworfen hast. Gaukele vor der Stirne des Bettlers, des zertretnen Sklaven, des Monchs und aller derer, die ihr Herz durch unnaturliche Bande gefesselt haben und ihren Sinn durch Kunst hinaufschrauben, um der Klaue der Verzweiflung zu entwischen. Die Krafte meines Herzens wollen Raum, und der verantworte fur ihr Wurken, der mir sie gegeben hat.
"Du wirst mich wiedersehen", seufzte der Genius und verschwand.
Faust rief: "Necken mich die Marchen der Amme noch am Rande der Holle? Sie sollen mich nicht abhalten, das Dunkel zu durchbrechen. Ich will wissen, was der dustre Vorhang verbirgt, den eine tyrannische Hand vor unsre Augen gezogen hat. Hab ich mich so gebildet, dass das Los der Beschranktheit meine Kraft emport? Hab ich die Flamme der Leidenschaft in meinem Busen angeblasen? Hab ich den Trieb, immer zu wachsen und nie stille zu stehen, in mein Herz gelegt? Hab ich meinen Geist so gestimmt, dass er sich nicht unterwerfen und die Verachtung nicht ertragen kann? Wie, ich, der Topf, von fremder Hand gebildet, soll darum einst gewaltsam zerschlagen werden, weil er dem Werkmeister nicht nach seinem Sinn gelang, weil er dem niedrigen Gebrauch nicht entspricht, zu dem er ihn geformt zu haben scheint? Und immer nur Gefass, immer nur Werkzeug, immer nur Unterwerfung; wozu denn dies widersprechende lautschreiende Gefuhl von Freiheit und eigner Kraft dem Sklaven? Ewigkeit! Dauer! Schallt ein Sinn heraus? Was der Mensch fuhlt, geniesst und fasst, nur das ist sein, alles ubrige ist Erscheinung, die er nicht erklaren kann. Der Stier nutzt die Kraft seiner Horner und trotzt auf sie, der Hirsch seine Leichtigkeit, dem Jager zu entfliehen; ist das, was den Menschen unterscheidet, weniger sein? Ich hab es lange genug mit den Menschen und allem dem, was sie ersonnen, versucht, sie haben mich in Staub getreten; Schatten habe ich fur Wahrheit ergriffen, lass mich's nun mit dem Teufel versuchen!"
Hier sprang er wild begeistert in den Kreis hinein, und Klagegeton seines Weibes, seiner Kinder, seines Vaters erschollen in der Ferne: "Ach verloren! ewig verloren!"
4.
Satan, der Herrscher der Holle, hatte durch schrecklichen Hornerschall, der an der gluhenden Scheibe der Sonne widertonte, allen gefallnen Geistern auf der Ober- und in der Unterwelt kundtun lassen, dass er heute ein grosses Freudenfest geben wurde. Die hollischen Geister versammelten sich auf den machtigen Ruf. Selbst seine Abgesandten beim papstlichen Stuhl und den Herrschern Europas verliessen ihren Posten, denn die Einladung liess etwas Grosses und Wichtiges vermuten. Schon ertonte das ungeheure Gewolbe der Holle von dem wilden Geschrei des Pobels der Geister. Myriaden lagerten sich auf den verbrannten, unfruchtbaren Boden. Nun traten die Fursten hervor und geboten Schweigen der Menge, damit Satan die Berichte seiner Abgesandten der Oberwelt vernehmen konnte. Die Teufel gehorchten, und eine schaudervolle Stille herrschte durch die dicke, dustre Finsternis, die nur das Gewinsel der Verdammten unterbrach. Die Sklaven der Teufel, Schatten, die weder der Seligkeit noch der Verdammnis wert sind, bereiteten die unzahligen Tische zum Schmaus, und sie verdienen dies Los der schandlichsten Knechtschaft. Als sie noch in Fleisch und Bein die Fruchte der Erde assen, waren sie von jener zweideutigen Art, die aller Menschen Freund sind, ohne es von einem zu sein. Deren Zungen von den herrlichen Lehren der Tugend plappern, ohne dass ihr Herz sie fuhlt. Die das Bose nur darum unterlassen, weil es Gefahr mit sich fuhrt, und das Gute, weil es Mut und Verleugnung erfordert. Die mit der Religion wuchern und sie, wie der filzigte Jude sein Kapital, auf Zinsen legen, in der Meinung, ihren elenden Seelen ein gutes Behaltnis zu sichern. Die Gott aus Furcht anbeten und vor ihm wie Sklaven zittern. Die Teufel, die wahrlich keine bessre Herren sind als die polnischen, ungarischen und livlandischen Edelleute, reiten sie dafur in der Holle wacker herum. Indessen schwitzten ihre Bruder in den hollischen Kuchen, das Mahl fur ihre strengen Herren zuzurusten; ein schreckliches Geschaft fur eine Seele, die einst einen menschlichen Korper durch Frass, Soff und Uppigkeit aufgerieben hat. Denn obgleich die Teufel weder essen noch trinken, so haben sie den Menschen doch den Gebrauch abgelernt, jede Feierlichkeit durch Fressen und Saufen merkwurdig zu machen, und bei solchen Gelegenheiten halten sie ein Seelenmahl. Der Anfuhrer jeder Legion (denn die Holle ist auf militarischen Fuss eingerichtet und gleicht darin jedem despotischen Reiche; oder vielmehr jedes despotische Reich gleicht darin der Holle) wahlt eine gefallige Anzahl verdammter Seelen zum Schmause fur seine Untergebenen. Diese ubergeben sie den Sklaven, die sie sieden, braten und mit hollischer Bruhe begiessen. Oft trifft es sich, dass einer dieser Elenden seinen Vater, sein Weib, Sohn, Tochter oder Bruder an den Spiess stecken und das peinliche Feuer unter ihm unterhalten muss eine schreckliche, wahrhaft tragische Lage, noch tragischer, da ihre Aufseher, mutwillige Teufel wie alle Diener grosser Herren, mit der Geissel hinter ihnen stehen, das Werk zu befordern. Ich empfehle diese Situation den Tragikern Teutschlands. Heute wurden fur den Gaumen des Grossherrn, seiner Viziere und Gunstlinge zwei Papste, ein Eroberer, ein beruhmter Philosoph und ein neu gepragter Heiliger zugerichtet. Fur den Pobel der Holle waren ganz frische Viktualien angekommen. Der Papst hatte vor kurzem zwei Heere Franzosen, Teutscher, Italiener und Spanier gegeneinander getrieben, um einige Herrschaften in dem Tumult zu fischen, die Verlassenschaft des heiligen Peters zu runden. Sie schlugen sich wie Helden und fuhren zu Tausenden zur Holle. Welch ein Gluck ware es fur die zu der Tafel der Teufel bestimmten Seelen, wenn sie dadurch das Ende ihrer Qual fanden; da sie diese aber stuckweise in die Sumpfe der Holle ausschutten, so wachsen sie wieder zusammen und stehen zu neuen Martern auf.
Wahrend diese an den Bratspiessen winselten, besetzten die Kellermeister und Schenken, alle Schatten gemeldeter Art, die Kredenztische. Die Flaschen waren gefullt mit Tranen der Heuchler, falscher Witwen, der Scheinheiligen, der Empfindsamen und der aus Schwache Reuigen. Mit Tranen, die der Neid bei dem Gluck eines andern auspresst, mit Tranen der Egoisten, die sie bei dem Ungluck eines andern aus Freude weinen, dass es sie nicht getroffen. Mit Tranen lustiger Erben und mit Tranen der Sohne, die sie bei dem Sarge der geizigen, harten Vater weinen. Die Flaschen zu dem Nachtische waren gefullt mit Tranen der Priester, die die Rolle des Komodianten auf den Kanzeln spielen, ihre Zuhorer zu ruhren; und um das Getrank scharfer zu machen, mischte man Tranen der Hn darunter, die aus Hunger so lange weinen, bis ein Kunde kommt, die Sunde fur Geld mit ihnen zu treiben. Zu diesen goss man noch Tranen der Kuppler, Kupplerinnen, der Arzte und schelmischen Advokaten, die sie uber schlechte Zeiten vergiessen. Fur den Satan und die Fursten stunden, auf besondern Kredenztischen, Flaschen des edelsten Getranks. Es war berauschend, schaumend und sprudelnd, ein Gemisch von Tranen der Herrscher der Welt, die sie uber das Ungluck ihrer Untertanen weinen, wahrend sie Befehle erteilen, die es auf Jahrhunderte befordern. Von Tranen der Jungfrauen, die den Verlust ihrer Keuschheit beweinen und sich mit noch nassen Augen prostituieren. Zu diesen hatte man Tranen begunstigter Grossen gegossen, die in Ungnade gefallen sind und nun weinen, dass sie unter dem Schutz ihres Herrn nicht mehr rauben und unterdrucken konnen.
5.
Als nun diese Elenden die Tische besorgt hatten und so demutig hinter den Sitzen ihrer Gebieter stunden als ein Teutscher vor einem Fursten, so traten die Grossen der Holle aus den Gemachern des Satans. Die Gefahrten der Menschen die Sunde, das scheussliche Gespenst der Vernichtung, der Hunger, die Krankheit, die Pest, der Krieg, die Ungerechtigkeit, die Armut, die Verzweiflung, die Herrschsucht, die Gewalt, der Stolz, die Verachtung, der Reichtum, der Geiz, die Wollust, der Wahn, der Neid, die Neugierde und die Lusternheit gingen als wohlbestallte Furiere des satanischen Hofes voraus. Ihnen folgten Trabanten, diesen die Kammerherren. Nun die Pagen mit brennenden Fackeln, die aus Seelen der Monche geflochten waren, die den Weibern die Kinder machen und den Ehemann auf dem Todbette drangen, sein Vermogen der Kirche zu vermachen, ohne Rucksicht, dass ihre eigne ehebrecherische Brut im Lande herumbetteln muss. Dann trat der machtige Satan heraus, und ihm folgten die ubrigen Grossen seines Hofs nach Gunst und Rang. Die Teufel beugten sich ehrfurchtsvoll nieder, die Pagen stellten die Fackeln auf den Tisch des Grossherrn, und nun stieg er mit stolzer und siegreicher Miene auf seinen erhabenen Thron und hielt folgende Rede:
"Fursten, Machtige, unsterbliche Geister, seid mir alle willkommen! Wollust durchgluht mich, wenn ich uber euch zahllose Helden hinblicke! Noch sind wir, was wir damals waren, da wir zum erstenmal in diesem Pfuhl aufwachten, zum erstenmal uns sammelten. Nur hier herrscht ein Gefuhl, nur in der Holle herrscht Einigkeit, nur hier arbeitet jeder auf einen Zweck. Wer uber euch gebietet, kann leicht den einformigen Glanz des Himmels vergessen. Ich gestehe, wir haben viel gelitten und leiden noch, da die Ausubung unsrer Krafte von dem beschrankt ist, der uns mehr zu furchten scheint als wir ihn; aber in dem Gefuhl der Rache, die wir an den Sohnen des Staubs, seinen schwachen Gunstlingen, nehmen, in der Betrachtung ihres Wahnsinns und ihrer Laster, wodurch sie unaufhorlich seine Zwecke zerrutten, liegt Ersatz fur dieses Leiden. Heil euch allen, die dieser Gedanke hoch entflammt!
Vernehmt nun die Veranlassung zu dem Feste, das ich heute mit euch feiren will. Faust, ein kuhner Sterblicher, der gleich uns mit dem Ewigen hadert und durch die Kraft seines Geistes wurdig werden kann, die Holle einst mit uns zu bewohnen, hat die Kunst erfunden, die Bucher, das gefahrliche Spielzeug der Menschen, die Fortpflanzer des Wahnsinns, der Irrtumer, der Lugen und Greuel, die Quelle des Stolzes und die Mutter peinlicher Zweifel, auf eine leichte Art tausend und tausendmal zu vervielfaltigen. Bisher waren sie zu kostbar und nur in den Handen der Reichen, blahten nur diese mit Wahn auf und zogen sie von der Einfalt und Demut ab, die der Ewige zu ihrem Gluck in ihr Herz gelegt hat und die er von ihnen fordert. Triumph! bald wird sich das gefahrliche Gift des Wissens und Forschens allen Standen mitteilen! Wahnwitz, Zweifel, Unruhe und neue Bedurfnisse werden sich ausbreiten, und ich zweifle, ob mein ungeheures Reich sie alle fassen moge, die sich durch dieses reizende Gift hinrichten werden. Doch dieses ware nur ein kleiner Sieg, mein Blick dringt tiefer in die ferne Zeit, die fur uns der Umlauf des Zeigers ist. Die Zeit ist nah, wo die Gedanken und Meinungen kuhner Erneurer und Beekler des Alten durch Fausts Erfindung um sich greifen werden wie die Pest. Sogenannte Reformatoren des Himmels und der Erde werden aufstehen, und ihre Lehren werden durch die Leichtigkeit der Mitteilung bis in die Hutte des Bettlers dringen. Sie werden wahnen, Gutes zu stiften und den Gegenstand ihres Heils und ihrer Hoffnung vom falschen Zusatze zu reinigen; aber wenn gelingt dem Menschen das Gute und wie lange ist er dessen machtig? die Sunde ist ihnen nicht naher als bose Folgen und Missbrauch ihren edelsten Bemuhungen. Das vielgeliebte Volk des Machtigen, das er durch ein uns furchtbares Wunder der Holle auf immer entreissen wollte, wird uber Meinungen, die keiner begreift, in blutigen Krieg zerfallen und sich zerreissen wie die wilden Tiere des Waldes. Greuel werden Europa verwusten, die allen Wahnsinn ubertreffen, den die Menschen von ihrem Beginnen gerast haben. Meine Hoffnungen scheinen euch zu kuhn, ich sehe es an euren zweifelnden Blicken, so hort denn: Religionskrieg heisst diese neue Wut, wovon die Geschichte der Frevel und Rasereien der Menschen bisher noch kein Beispiel hat. Aus der uns furchtbaren Religion sogen ihn die Unsinnigen. Einmal hat er schon gewutet, und dort heulen die in dem gluhenden Pfuhl, die ihn erweckten; aber nun erst wird der Fanatismus, der wilde Sohn des Hasses und des Aberglaubens, alle Bande der Natur und der Menschheit ganzlich auflosen. Dem Furchtbaren zu gefallen, wird der Vater den Sohn, der Sohn den Vater ermorden. Konige werden frohlockend ihre Hande in das Blut ihrer Untertanen tauchen, den Schwarmern das Schwert uberliefern, ihre Bruder zu Tausenden zu ermorden, weil sie andrer Meinung wie sie sind. Dann wird sich das Wasser der Strome in Blut verwandeln, und das Geschrei der Ermordeten wird selbst die Holle erschuttern. Wir werden Verbrecher mit Lastern besudelt herunterfahren sehen, wofur wir bis jetzo weder Namen noch Strafe haben. Schon seh ich sie den papstlichen Stuhl anfallen, der das lockre Gebaude durch List und Betrug zusammenhalt, wahrend er sich durch Laster und Uppigkeit selbst untergrabt. Die Stutzen der uns furchterlichen Religion sturzen zusammen, und wenn der Ewige dem sinkenden Gebaude nicht durch neue Wunder zu Hulfe eilt, so wird sie von der Erde verschwinden, und wir werden nochmals in den Tempeln als angebetete Gotter glanzen. Wo bleibt der Geist des Menschen stehen, wenn er angefangen hat, das zu beleuchten, was er als Heiligtum verehrt hat? Er tanzt auf dem Grabe des Tyrannen, vor dem er noch gestern gezittert, zerschlagt ganzlich den Altar, auf dem er geopfert hat, wenn er einmal unternimmt, dem Weg zum Himmel auf seine Weise nachzuspahen. Wer mag ihren rastlosen Geist auf Jahrtausende fesseln? Vermag der, der sie geschaffen, nur einen sich so zuzueignen, dass er nicht millionenmal unserm Reiche naher als dem seinen sei? Alles missbraucht der Mensch, die Kraft seiner Seele und seines Leibes, alles, was er sieht, hort, betastet, fuhlt und denkt, womit er spielt und womit er sich ernsthaft beschaftigt. Nicht zufrieden, das zu zertrummern und zu verunstalten, was er mit den Handen lassen kann, schwingt er sich auf den Flugeln der Einbildungskraft in ihm unbekannte Welten und verunstaltet sie wenigstens in der Vorstellung. Selbst die Freiheit, ihr hochstes Gut, wenn sie auch Strome Bluts dafur vergossen, verkaufen sie fur Gold, Lust und Wahn, wenn sie dieselbe kaum gekostet haben. Des Guten unfahig, zittern sie vor dem Bosen, haufen Greuel auf Greuel, ihm zu entfliehen, und zerschlagen dann ihrer Hande Werk.
Nach den blutigen Kriegen werden sie, vom Morden ermudet, einen Augenblick rasten, und der giftige Hass wird sich nur in heimlichen Tucken zeigen. Einige werden diesen Hass unter dem Schatten der Gerechtigkeit zum Racher des Glaubens machen, Scheiterhaufen errichten und die lebendig verbrennen, die nicht ihrer Meinung sind. Andere werden anfangen, die unerklarbaren Verhaltnisse und dunkle Ratsel zu benagen, und die zur Finsternis Gebornen werden verwegen um Licht kampfen. Ihre Einbildungskraft wird sich entflammen und tausend neue Bedurfnisse erschaffen. Wahrheit, Einfalt und Religion werden sie mit Fussen treten, um ein Buch zu schreiben, das einen Namen mache und Gold einbringe. Ja so weit wird dieses aufgeblasene Geschlecht hierinnen den Wahnsinn treiben, dass sogar ihre Weiber hort es alle, ihr Krafte und Geister der Holle! dass sogar ihre Weiber Bucher schreiben werden. Ihr kennt die eitlen Tochter Evas, und ich brauche euch nicht zu sagen, was dieses fur verzerrte Ungeheuer aus ihnen machen muss. So wird nun das Bucherschreiben ein allgemeines Handwerk werden, wodurch Genies und Stumper Ruhm und Fortkommen suchen, unbekummert, ob sie die Kopfe ihrer Mitburger verwirren und die Flamme an das Herz der Unschuldigen legen. Den Himmel, die Erde, den Furchtbaren selbst, die verborgene Krafte der Natur, die dunklen Ursachen ihrer Erscheinungen, die Macht, die die Gestirne walzt und die Kometen durch den Raum schleudert, die unfassliche Zeit, alles Sichtbare und Unsichtbare werden sie betasten, messen und begreifen wollen, fur alles Unfassliche Worte und Zahlen erfinden, Systeme auf Systeme haufen, bis sie die Finsternis auf Erden gezogen haben, wodurch nur die Zweifel wie Irrwische, die den Wandrer in Sumpf locken, blitzen. Nur dann werden sie helle zu sehen glauben, und da erwarte ich sie! Wenn sie die Religion weggeraumt haben wie alten Schutt und gezwungen sind, aus dem stinkenden Uberbleibsel ein neues ungeheures Gemische von Menschenweisheit und Aberglauben zusammenzugiessen, dann erwarte ich sie! Und dann machet weit die Tore der Holle, dass das Menschengeschlecht einziehe! Der erste Schritt ist geschehen, der zweite ist nah. Noch eine schreckliche Revolution auf dem Erdboden steht bevor. Ich beruhre sie nur mit fluchtiger Eile. Bald werden die Bewohner der alten Welt ausziehen, um neue, ihnen bisher unbekannte Erdstriche zu entdecken. Dort werden sie Millionen in religioser Wut erwurgen, um sich des Goldes zu bemachtigen, das diese Unschuldigen nicht achten. Diese neuen Welten werden sie mit allen ihren Lastern erfullen und Stoff zu scheusslichern der alten zuruckfuhren. So werden Volker unsre Beute werden, die bisher Unschuld und Unwissenheit vor unsrer Rache gesichert hat. Jahrhunderte werden sie im Namen des Furchtbaren den Erdboden mit Blute netzen, und so sieget die Holle durch die Gunstlinge des Himmels uber den, der uns hierher geschleudert hat!
Dies ist es, ihr Machtigen, was ich euch verkunden wollte, und nun freut euch mit mir des festlichen Tags, geniesset im voraus der Siege, die ich euch verspreche, weil ich die Menschen kenne. Hohnt des Ewigen, der so lacherlich und widersinnig in dem Sohne des Staubs das rohe Tier mit dem Halbgott zusammenspannte, dass nun ein Teil den andern zerreibt! Hohnt seiner und ruft mit mir in Siegesgebrull!
Es lebe Faust!"
Erschreckliches Getose, dass die Achse der Erde zitterte, die Gebeine der Toten in den Grabern zusammenrasselten, erscholl: "Es lebe Faust! Es lebe der Vergifter der Sohne des Staubs!"
Hierauf wurde der vornehmste Adel des dunklen Reichs zur Anbetung, dem Kniebeugen, Handkusse, das heisst zum Gluckwunsch zugelassen, und ich habe bisher noch nicht entdecken konnen, ob der Satan diese hundische Gebrauche der Hofhaltung der Fursten der Erde oder ob sie dieselben der seinen nachgeafft haben.
6.
Nun warfen sich die frohlockenden Teufel an die Tische und fielen uber das zugerichtete Mahl her. Die Becher erklangen, die Seelen knarrten unter ihren scharfen Zahnen, und man trank des Satans, Fausts, der Klerisei, der Tyrannen der Erde, kunftiger und lebender Autoren Gesundheit unter dem Knall der hollischen Artillerie. Um das Fest recht glanzend zu machen, fuhren die Aufseher der Ergotzungen des Satans nach den Sumpfen der Verdammten, trieben die brennenden Seelen heraus und jagten sie uber die Tafeln, die dustre Szene zu erleuchten. Sie ritten mit giftigen Peitschen hinter ihnen her und zwangen sie, sich grimmig zu balgen, und die Funken knasterten und leuchteten am schwarzen Gewolbe, wie wenn in dunkler Nacht der Blitz die Garben des Feldes anzundet. Um die Ohren der Teufel beim Schmause mit Tafelmusik zu kitzeln, eilten andre nach den Pfuhlen, gossen gluhendes Metall in die Flamme, dass die Verdammten in grasslicher Verzweiflung heulten und fluchten. Konnt ich statt euren kalten und fruchtlosen Busspredigten dieses scheussliche Gewinsel auf die Erde ziehen! wahrlich, die Sunder wurden ihr Ohr dem wollustigen Gesang der Kastraten und dem uppigen Gefluster der Floten verschliessen und reuig Psalmen anstimmen. Umsonst, weit entfernt ist die Holle und nah das Vergnugen! Hierauf wurden auf einem grossen Theater Schauspiele aufgefuhrt, die die Heldentaten des Satans darstellten (denn da der Teufel Dichter an seinem Hofe halt, so hat er auch Schmeichler), zum Beispiel: die Verfuhrung Evas, Judas Ischarioth etc.
Dann verwandelte sich das Theater zur Vorstellung eines allegorischen Balletts. Die Szene stellte eine wilde Gegend vor. In einer dunklen Hohle sass die Metaphysik, eine hagre, lange Gestalt, die ihre Augen auf funf schimmernde Worte heftete, die sich bestandig hin und her bewegten und bei jeder Veranderung einen andern Sinn vorstellten. Der Hagre liess nicht nach, ihnen mit seinen starren Augen zu folgen. In einem Winkel stund ein kleiner schelmischer Teufel, der ihm zuzeiten Blasen, mit Wind gefullt, an die Stirne warf. Der Stolz, des Hagern Amanuensis, las sie auf, druckte den Wind heraus und knetete ihn zu Hypothesen. Der Hagre war in ein agyptisches Unterkleid gehullt, das mit mystischen Figuren besaet war. Uber diesem trug er einen griechischen Mantel, der diese mystische Zeichen bedecken sollte, wozu er aber viel zu kurz und zu eng war. Seine Beinkleider waren weite Pumphosen, sie deckten aber seine Blosse nicht. Ein grosser Doktorhut deckte sein kahles Haupt, auf dem man nur die Ritze sah, die er mit seinen langen Nageln bei scharfem Nachdenken hineingerissen. Seine Schuhe waren nach europaischem Zuschnitte gemacht und mit dem feinsten Staub der Universitaten und Gymnasien bestreut. Nachdem er lange auf die schwankenden Worte geblickt hatte, ohne einen Sinn zu fassen, winkte der Stolz dem Wahn, der auf des Hagren Linke stund. Dieser ergriff eine holzerne Pfennigstrompete und blies einen Tanz. Da das hagre Gerippe das Geplarre horte, fasste er den Stolz an der Hand und tanzte mit ihm in taktlosen Sprungen herum. Seine murbe, dunne Beine konnten es nicht lange aushalten, und er sank bald atemlos in seine vorige Stellung.
Ihm folgte die Moral, eine sehr feine Gestalt, in einen Schleier gehullt, der wie der Chamaleon alle Farben spielte. Sie hielt die Tugend und das Laster an den Handen und tanzte ein Trio mit ihnen. Ein nakkender Wilde blies dazu auf einem Haberrohr, ein europaischer Philosoph strich die Geige, ein Asiate schlug die Trommel, und obgleich diese widrige Tone ein harmonisches Ohr zerrissen hatten, so kamen doch die Tanzenden nicht aus dem Takt, so gut hatten sie ihre Schule gelernt. Gab die feine Dirne dem Laster die Hand, so gaukelte sie wie eine Buhlschwester, floh lockend vor ihm her, gab alsdann der Tugend die Hand und bewegte sich in den sittsamen Schritten der Matrone. Nach dem Tanze ruhte sie auf einer dunnen, durchsichtigen und schongemalten Wolke aus, die ihre Verehrer aus vielen Fetzen zusammengeflickt hatten.
Nach ihr erschien die Poesie, in der Gestalt eines unbekleideten wollustigen Weibes. Sie tanzte mit der Sinnlichkeit einen uppigen, sehr figurlichen und darstellenden Tanz, wozu die Einbildungskraft die Flote d'amour blies.
Hierauf trat die Geschichte auf. Vor ihr her ging die Fama mit einer langen ehernen Trompete. Sie selbst war behangen mit Erzahlungen von Mordtaten, Vergiftungen, Verschworungen, Betrugereien und andern Greueln. Hinter ihr keuchte ein starker, nervigter, teutsch gekleideter Mann unter einer ungeheuren Burde von Chroniken, Diplomen und Dokumenten. Sie tanzte unter dem Gerassel der Erzahlungen, womit sie behangen war, mit der Sklaverei; die Luge nahm der Fama die Trompete von dem Mund weg, stimmte den Tanz an, und die Schmeichelei zeichnete ihr die Figuren vor.
Dann fuhren mit lautem Gelachter auf die Szene die Medizin und Scharlatanerie, tanzten eine Menuett, wozu der Tod mit einem Beutel voll Gold die Musik klimperte.
Hierauf erschienen die Astrologie, die Kabala, Theosophie und Mystik, sie hatten sich an den Handen gefasst und trieben sich wild in dunklen Figuren herum, wozu der Aberglaube, Wahnsinn und Betrug auf Waldhornern bliesen.
Diesen folgte die Jurisprudenz, eine feiste, gut genahrte Gestalt, mit Sporteln gefuttert und mit Glossen behangen. Sie keuchte ein muhsames Solo, und die Schikane strich den Bass dazu.
Zuletzt fuhr die Politik in einem Siegeswagen herein, den zwei Mahren zogen, Schwache und Betrug. Zu ihrer Rechten sass die Theologie, in einer Hand einen scharfen Dolch haltend, in der andern eine brennende Fackel. Sie selbst trug eine goldne Krone auf dem Haupt und einen Zepter in der Rechten. Sie stieg aus dem Wagen und tanzte mit der Theologie ein Pas des deux, wozu List, Herrschsucht und Tyrannei auf ganz leisen und sanften Instrumenten spielten. Nachdem sie das Pas des deux geendet hatte, gab sie den ubrigen Gestalten ein Zeichen, einen allgemeinen Tanz zu beginnen. Sie folgten dem Wink und sprangen in wilder Verwirrung herum. Alle Obengemeldete spielten ihre Instrumente dazu, ein Geheul, das die Tafelmusik des Satans nur an Getose ubertraf. Doch bald mischte sich die Zwietracht unter die vertraulich Tanzenden. Sie griffen nach den Waffen, von Wut und Eifersucht entflammt. Da die Theologie wahrnahm, dass sie alle die wollustige Poesie umarmten und der Moral, ihrer Todfeindin, den Schleier abreissen wollten, sich damit zu bedecken, gab sie dieser einen Dolchstich von hinten und verbrannte der geliebkosten Dichtkunst mit der brennenden Fackel den Steiss. Diese beiden erhuben ein furchterliches Geheul, die Politik verwies die Entflammten zur Ruhe, und die Scharlatanerie nahte, um die Wunde der Moral zu verbinden, indessen schnitt die Medizin einen Fetzen von ihrem Talar zur Bezahlung ab. Der Tod streckte unter dem Mantel der diebischen Medizin die Klaue hervor, um die Moral zu ergreifen, die Politik aber schlug ihn so heftig darauf, dass er laut heulte und furchterlich grinste. Die Poesie liessen sie mit verbranntem Steisse herumhupfen, weil sie nakkend und ihr nichts abzuschneiden war. Endlich erbarmte sich ihrer die Geschichte und legte ihr ein nasses Blatt aus einem empfindsamen Roman drauf. Die Politik spannte sie alsdann alle zusammen vor ihren Wagen und fuhr im Triumphe davon.
Die ganze Holle schlug Beifall in die Hande bei der letzten Vorstellung, und Satan umarmte den Teufel Leviathan, der dieses Schauspiel veranstaltet und ihm so suss geschmeichelt hatte; denn es war eine seiner stolzen Grillen, von den Teufeln fur den Erfinder der Wissenschaften gehalten zu werden. Oft sagte er in seinem Ubermut, er habe sieeinst mit den Tochtern der Erde im Ehebruch gezeugt, um die Menschen von dem graden, einfachen und edlen Gefuhl ihres Herzens abzulenken, ihnen den Schleier ihres Glucks von den Augen wegzureissen, sie mit ihrer Beschranktheit und Schwache bekanntzumachen und ihnen peinigende Zweifel uber ihre Bestimmung einzuimpfen. Er habe sie dadurch gelehrt, uber den Ewigen und die Tugend zu vernunfteln, damit sie vergessen mochten, diesen anzubeten und jene auszuuben. "Wir", setzte er dann hinzu, "haben mit offnen und kuhnen Waffen den Himmel bekriegt, ihnen hab ich wenigstens die Mittel an die Hand gegeben, unaufhorlich mit dem Ewigen zu scharmuzieren." Elende Prahlerei! werden sich die Menschen das nehmen lassen, worauf sie nie stolzer sind, als wenn sie es missbrauchen?
Man bewundre doch hier einen Augenblick mit mir, wie sich darinnen alle Hofe gleichen, dass meistens die Grossen durch das Verdienst, die Arbeit, den Schweiss der Kleinen die Gunst des Fursten gewinnen und die Belohnung davontragen. Leviathan gibt sich geradezu fur den Erfinder dieses allegorischen Balletts aus, lasst sich dafur liebkosen und danken, gleichwohl ist der Autor davon der bayerische Hofpoet, der erst kurzlich Hungers, folglich in Verzweiflung, gestorben und so zur Holle gefahren war. Er verfertigte dieses Ballett auf des Fursten Leviathans Befehl, der den Sinn hatte, Talente auszuspahen nach dem neusten Geschmack seines Hofes, und legte vermutlich die giftige Anspielung auf die Wissenschaften darum hinein, weil sie ihn so schlecht genahrt hatten. Vielleicht auch, dass Leviathan, der so gut wusste, was dem Satan gefiel, ihm den Wink dazu gegeben hat. Es sei wie ihm wolle, dieser erntete den Lohn ein, und der dunne Schatten des bayerischen Hofpoets sass kauernd hinter einem Felsen des Theaters und sah mit tiefem Schmerz, wie der Satan den Leviathan fur seine Arbeit liebkoste.
7.
Die frohen berauschten Teufel larmten hierauf, dass sie das Geheul der Verdammten selbst uberbrullten. Auf einmal erscholl Fausts machtige Stimme von der Oberwelt durch die Holle. Es war ihm gelungen, durch seinen Zauber bis in den Abgrund zu dringen und einen der ersten Fursten des schwarzen Reichs aufzufordern. Seiner Gewalt war nicht zu widerstehen. Frohlockend fuhr Satan auf: "Es ist Faust, der da ruft; nur dem Kuhnen konnte es gelingen, nur der Verwegne konnte es wagen, so gewaltsam an die ehernen Pforten der Holle zu schlagen. Auf! ein Mann wie er ist mehr wert als tausend der elenden Schufte, die wie Bettler sundigen und auf eine alltagliche Art zur Holle fahren." Er wandte sich zu dem Teufel Leviathan, seinem Liebling:
"Dich, den geschmeidigsten Verfuhrer, den grimmigsten Hasser des Menschengeschlechts, fordre ich auf, hinaufzufahren und mir die Seele dieses Kuhnen durch deine gefahrliche Dienste zu erkaufen. Nur du kannst das gierige Herz, den stolzen, rastlosen Geist dieses Verwegnen fesseln, sattigen und dann zur Verzweiflung treiben. Fahre hinauf, verjage den Dunst der Schulweisheit aus seinem Gehirne. Senge durch das uppige Feuer der Wollust die edlen Gefuhle seiner Jugend aus seinem Herzen. Offne ihm die Schatze der Natur, treibe ihn hastig ins Leben, dass er sich schnell uberlade. Er sehe Boses aus Gutem entspringen, das Laster gekront, Gerechtigkeit und Unschuld mit Fussen getreten, wie es der Menschen Art ist. Fuhre ihn durch die wilden, scheusslichen Szenen des menschlichen Lebens, er verkenne den Zweck, verliere unter den Greueln den Faden der Leitung und Langmut des Ewigen. Und wenn er dann abgerissen steht von allen naturlichen und himmlischen Verhaltnissen, zweifelnd an der edlen Bestimmung seines Geschlechts, der Sinn der Wollust und des Genusses in ihm verdampft ist, er sich an nichts mehr halten kann und der innre Wurm erwacht, so zergliedere ihm mit hollischer Bitterkeit die Folgen seiner Taten, Handlungen und seines Wahnsinns und entfalte ihm die ganze Verkettung derselben bis auf kunftige Geschlechter. Ergreift ihn dann die Verzweiflung, so schleudere ihn herunter und kehre siegreich in die Holle zuruck."
LEVIATHAN: Satan, warum wendest du dich abermals an mich? Du weisst es, mir ist das ganze Menschengeschlecht und die Erde, ihr Tummelplatz, langst zum Ekel geworden. Was ist aus den Kerls zu machen, die weder Kraft zum Guten noch Bosen haben? Den, der eine Zeitlang mit dem Phantom Tugend buhlt, machen bald Gold, Ehrgeiz oder Wollust zum Schurken, und tritt auch einer oder der andre kuhn in die Bahn des Lasters, so fahrt er auf halbem Wege vor den Gespenstern seiner schwachlichen Einbildungskraft zuruck. Ja, wenn es noch ein heisser, stolzer Spanier, ein rachsuchtiger, spitzbubischer Italiener oder ein lustiger, verbuhlter Franzose ware! aber ein Teutscher? trage Klotze, die sich vor Ansehen und Reichtum, vor allen unnaturlichen Unterscheidungen der Menschen sklavisch beugen, von ihren Fursten und Grossen glauben, sie seien von edlerem Stoffe gemacht als sie, und ganze Kerle zu sein glauben, wenn sie sich fur sie totschlagen oder zum Totschlagen an andre Fursten verkaufen lassen. Vernimmst du seit Jahrhunderten ein Wort von Emporen gegen Tyrannei? von Kampf und Blutvergiessen um Freiheit und die Rechte der Menschheit? Sie glauben sich frei, weil es ihre Fursten und Bischofe sind, die sie schinden konnen, wie es ihnen gefallt. Noch ist keiner von ihnen auf eine stattliche Art zur Holle gefahren, ein Beweis, dass dies Volk keine sich auszeichnende Kopfe hat. Ich meine von jenen, die keck alle Verhaltnisse benagen, den diamantnen Schild Eigenheit2 erkampfen, an dem sich alle himmlische und irdische Vorurteile zerschlagen. Zeige mir einen solchen Mann, der auf die Gefahr seiner Seele gross sein und bleiben will, und ich fahre hinauf.
SATAN: Leviathan, sollen Teufel sich von Vorurteilen blenden lassen wie die Sohne des Staubs? Der Mann nach unserm Sinn wird unter jedem Himmelsstrich geboren; dies wird er dir beweisen. Er ist einer von denen, die die Natur zum Grossen geschaffen, mit allen heissen Leidenschaften ausstaffiert hat und die sich gegen die alten Vertrage der Menschen emporen. Wenn ein solcher Geist durch dieses Spinnengewebe reisst, so gleicht er einer Flamme, die durch ihre Heftigkeit den Stoff ihres Glanzes nur schneller aufzehrt. Er ist einer der Philosophen, auf Schongeist gepfropft, die durch die Einbildungskraft fassen wollen, was dem kalten Verstand versagt ist, und die, wenn es ihnen misslingt, alles Wissen verlachen und den Genuss und die Wollust zu ihrem Gott machen. Fahr hinauf, Leviathan, bald wird ein Feuer in Teutschland ausbrechen, das ganz Europa umfassen wird. Schon schiesst der Keim des Wahnsinns auf Jahrhunderte auf, und das, was der Teutsche einmal gefasst hat, davon lasst er nicht ab. Die Teufel erstaunten uber die Kuhnheit des elenden Schatten, aber Satan, der wegen des Balletts und Fausts Erfindung bei guter Laune war, blickte ihn gnadig an und sagte:
"Wer bist du, dunne Gestalt?" "Ein teutscher Doktor Juris, hochgebietender Satan! Halte mir doch eure gestrenge Majestat zu Gnaden, wenn ich respektwidrig meine Empfindlichkeit uber die Verspottung meines Vaterlands zeigte und zugleich merke liess, wie sehr mich das Lob Eurer Majestat ergotzte. Durft ich es nur untertanigst wagen, Teutschlands Verteidigung gegen den grossen und furchtbaren Fursten Leviathan zu ubernehmen, ich bin gewiss, er wurde es bald vor allen Landern Europas zu seinem Aufenthalt erwahlen."
Satan lachelte und sagte: "Ich vergebe dir deine Kuhnheit; steige auf das Theater und lass horen, was du zum Lobe deines Vaterlands vorzubringen hast. Es soll mir lieb sein, wenn du die Teutschen bei dem Fursten Leviathan in Gunst setzest."
Der Doktor Juris stieg keck auf die Buhne, sah sich um und erhub seine Stimme:
"Vorerst, furchtbare Fursten der Holle, erlaubt mir, dass ich einen allgemeinen Blick auf Teutschlands weise Verfassung werfe; gelingt mir dieses, wie ich mir schmeichele, so will ich dann versuchen, jede Anklage des Fursten Leviathans Stuck fur Stuck zu beantworten. Vergebt mir, wenn meine Beredsamkeit dem hohen Gegenstand nicht entspricht. Noch bin ich des Dampfes, Gebrauses und Geheuls der Holle nicht ganz gewohnt, ich lebte auf Erden immer in der Stille der furstlichen Gemacher, wo keiner laut zu schreien wagt, wenn auch selbst der Tod in der Gestalt einer peinigenden Kolik in seinen Eingeweiden wutete. Auch ist es schwer, vor einer so gefahrlichen Gesellschaft ohne Zittern und aus dem Stegreife zu reden, doch Vaterlandsliebe besiegt selbst die Schrecken der Holle. Aber nur in einem Teutschen! Mogen es die Spotter merken!
Unser geliebtes Teutschland ist, wie alle Welt weiss, eine wahre furstliche Republik, bestehend aus welt- und geistlichen Fursten, Grafen, Baronen und des Heiligen Romischen Reichs Rittern, die sich alle unter dem erhabenen Glanze eines einzigen Oberhaupts vereinigen. Von welchem Lande kann man das sagen? Kuhn fordere ich die ganze Holle auf, alle grosse Geister, die sie in ihrem unendlichen Bezirk einschliesst, mir eine erhabnere Staatsverfassung zu zeigen? Gebt euch nur die Muhe, ihr Spotter, die ihr mich mit euren Grimassen verwirren mochtet, sie zu studieren, ihr werdet bald sehen, dass es selbst fur einen Teufel ein ungeheures Unternehmen ist, das aber freilich die Muhe reichlich lohnt. Sagt mir, wo auf Erden glanzt das Feudalsystem3, das Meisterstuck der Gewalt und des menschlichen Verstandes, in seiner ganzen Pracht als in Teutschland? Wo hat es sich so rein und vollkommen erhalten als in Teutschland? Darum auch ist kein Reich auf Erden glucklicher als mein geliebtes Vaterland. Fursten- und Herrenrecht auf der einen Seite, auf der andern Gehorsam, wie es sein muss. Ich habe wohl ehedem Bucher uber andre Staatsverfassungen gelesen, aber sie wollen eben nicht viel sagen. Sie sind vor Jahrtausenden geschrieben, d.i. zu einer Zeit, wo die Staatsleute noch so kindisch waren, ein langes und breites uber das Volk und dessen Gerechtsame zu schwatzen. Wahrlich, es ist mir unbegreiflich, wie die Alten, die doch in manchen andern Stucken einen Anschein von Verstand haben, uber diesen Punkt solchen Unsinn lehren konnten. Doch die Blinden kannten leider das Feudalsystem nicht! und Manner, die sie Barbaren schalten, haben dieses herrliche Gebaude auf den Trummern des ihrigen aufgefuhrt. Es ware nun einmal Zeit, dass man diese alten Bucher auf die Seite schaffte, denn unsere Staatsbucher enthalten alles, was der Mensch zu wissen notig hat. Ich schwore euch, erhabene Fursten der Holle, wenn mir einer von euch ausser den Rechten benannter hoher Personen nur ein einzig Wort uber das Recht des Gesindels der Menschen in einem unserer Staatsbuchern zeigen kann, so will ich mich zu einer brennenden Fackel drehen lassen und die Ehre haben, auf Seiner Majestat prachtiger Tafel zu leuchten. Sollte diese Strafe meiner Vermessenheit nicht hinreichend scheinen, so mag mich Seine hohe satanische Majestat zu dem Monch, der das Pulver erfunden hat (im Vorbeigehen gesagt, auch ein teutscher merkt es, ihr Spotter! Der Ewige sturzte ihn in die Holle, weil er, anstatt fur die Erhaltung seiner Bruder zu beten, zu ihrer Zerstorung arbeitete ) so sag ich nun Seine Majestat soll mich, wenn ihr mir ein solches Recht aufweisen konnt, in den Mittelpunkt der gluhenden Kugel keilen lassen, den sie besagtem Monch zum eignen warmen Aufenthalt anzuweisen geruhte, und mogen die gnadigen Herren mit besagter Kugel und unsern hineingekeilten Seelen zum hohen Zeitvertreib den Ball schlagen, so oft es ihnen gefallt. Ich hab an unsern Hofen gelernt, mit mir spielen zu lassen."
"Bravo", riefen die Teufel. "Ein wahrer Patriot! Nimm ihn beim Wort, Satan!"
Satan lachelte: "Fahr fort, Doktor, du wirst nicht zu dem Monch in die gluhende Kugel gekeilt werden, denn wir haben nie von einem solchen Rechte, wohl aber von einem Faustrecht gehort."
DOKTOR JURIS: Ein vortreffliches edelmannisches Recht, das leider etwas in Abnahme kommt.
Die Teufel wieherten und zischten.
DOKTOR JURIS: Wiehert nur, ihr Spotter, und schneidet mir Gesichter! die gnadige Miene, das Huldlacheln Satans versussen mir euren Spott. Ha, wisst nur immer, ein Doktor Juris ist in Teutschland ein ganzer Kerl und wird ein Edelmann, sobald er promoviert hat. Ubrigens gibt ihm sein Diplom das Recht, das Gesindel von Menschen so gut nach seiner Art zu schinden wie der Edelmann. Denn hat bei uns der Edelmann das Faustrecht seiner Hande, so hat der Gelehrte das weit gefahrlichere Faustrecht des Verstandes. Und er nutzt dieses Recht sogar ohne Gefahr fur seine hohe Person, denn eben die Gesetze, die er gegen oder fur andere wendet und dreht, wie er will, werden ein Schild gegen jeden Angriff an seiner klugen Brust. Daraus seht ihr zugleich, was Gelehrsamkeit fur ein Ding ist!
SATAN: Der Mann spricht ganz wie ein Mensch und macht mir viel Freude. Leviathan, hattest du dieses einem Teutschen zugetraut? Es lebe Teutschland und treibe viele deinesgleichen hervor! Es lebe das Feudalsystem!
DIE TEUFEL brullten: Es lebe Teutschland! Es lebe das Feudalsystem! Den ersten Freudenruf schrie Furst Leviathan nicht mit.
SATAN: Doktor, hast du noch etwas zu sagen?
DOKTOR JURIS: Eure Majestat erlauben mir nun, dem Fursten Leviathan auf seine besondern Anklagen zu antworten.
Erstlich sagt er: Ja, wenn es noch ein heisser Spanier, ein rachsuchtiger, spitzbubischer Italiener oder ein verbuhlter Franzose ware! Meint etwa der Herr, wir hatten keine hervorstechende Laster? Geh er doch in unsre Kloster und an die Hofe unsrer Fursten oder lass ihn, Hochgebietender, nur einen kleinen Spazierritt durch die Holle machen und meine brave Landsleute fragen, warum sie hier sind. Freilich nach mir muss er sie nicht beurteilen, ich hatte nicht Kraft genug, ein grosser, kuhner Sunder zu werden; aber dies kam daher, dass ich meinen Vorteil mehr im Heucheln gewisser Tugenden fand und mich meine Frau zu tyrannisch beherrschte. Bloss darum bin ich nun ein Mittelding unter den Verdammten.
Zweitens sagt Furst Leviathan, wir beugten uns sklavisch vor den Grossen und glaubten, unsre Fursten seien von edlerm Stoffe wie wir. Warum denn nicht? Sind unsre Fursten nicht vortreffliche Herren? Ein grosser Herr ist freilich ein andres Ding als unsereiner, denn er kann wohl- und wehtun. Sollen wir etwa nicht das Volk in diesem Wahn zu erhalten suchen, da wir feinern Leute unter ihren schutzenden Flugeln unser Huhnchen ungestort rupfen? Ist ja doch uberall Rangordnung, auf der Erde, hier in der Holle und dem Lande, von dem ich ausgeschlossen bin!
Drittens sagt Furst Leviathan, die Teutschen glaubten ganze Kerle zu sein, wenn sie sich fur ihre Fursten totschlagen oder zum Totschlagen an andere verkaufen liessen. Auf das erste antworte ich nicht, denn dafur sind sie da, wie wir Juristen beweisen; aber warum sollte er sie nicht verkaufen? Verkauft nicht jeder sein Eigentum, es sei Ochs, Rind, Pferd, Kuh, Schwein oder Kalb? Und wenn ihm nun sein Land nicht Gold genug geben kann, es andern Fursten in Pracht und Aufwand gleichzutun? Doch ich schame mich, uber eine so klare Sache vor einer so erleuchteten Versammlung, vor unsterblichen Geistern ein weiteres zu reden.
Viertens sagt Furst Leviathan zu Seiner Majestat: Vernimmst du seit Jahrhunderten etwas von Emporen gegen Tyrannei? Was will er mit diesem Worte sagen? Wir kennen keine Tyrannei, unsre Fursten sind die besten Herren von der Welt, solang sie ihren Willen haben, das heisst, tun durfen, was ihnen gefallt, und mich deucht, wenn man dies nicht kann, so ist es wohl nicht der Muhe wert, ein Furst zu sein. Ausserdem macht es der Nation Ehre, einen Herrn zu haben, der alles vermag und dem niemand widersprechen darf. Und warum sollten sie sich emporen? Was geht ihnen wohl ab? Sind sie nicht gekleidet, durfen essen und trinken, was sie bezahlen konnen? Erlaubt man ihnen nicht alle ubrige Freuden des Fleisches, wenn sie nur tun, was man ihnen befiehlt, und ihren Uberfluss zu Ehre des Landes hergeben? Auch ist dem Fursten das Wort schinden entfallen. Was soll es heissen? Das Schaf tragt Wolle, damit es geschoren werde, der Burger und der Bauer haben darum Hande, dass sie im Schweiss ihres Angesichts arbeiten, und die Gelehrten, die Geistlichen, die Grossen, der Adel und die Fursten haben darum Verstand, fur sie zu denken, zu wachen und den Gewinn ihres Schweisses zu verzehren. Dieses alles liegt in der Natur, sehr edle Herren, und ist uberall Sitte.
Was da funftens Furst Leviathan von der Eigenheit4 und ihrem diamantnen Schilde gesprochen hat und merken liess, als wenn uns diese fehlte, so wurde ich daruber lachen, wenn es einem armen Schatten, wie ich bin, erlaubt ware. Ei! sind doch unsre Privilegien unsre Eigenheit, und wer die antastet, der wurde ebenso gut tun, einen schlafenden hungrigen Wolf bei den Ohren zu zupfen. Auch sprach der Furst Leviathan etwas von dem Rechte der Menschheit. Darauf antworte ich nicht, denn ich habe in meinem Leben nichts davon gehort, und wenn ich, der ich alle alte und neue Bucher gelesen habe, nichts davon weiss, wenn mir, der ich mit den Grossen mein ganzes Leben zugebracht habe, nichts davon zu Ohren gekommen ist, so muss wohl an dem ganzen Dinge nichts sein. Recht heisst von einer Seite befehlen, von der andern gehorchen, und dies pragt sich den rohen Sinnen starker ein, wie mir einstens der Furstbischof
BEELZEBUB: Hm ein Furstbischof! Was doch die Menschen fur widersprechende Dinge zusammensetzen.
DOKTOR JURIS: Nicht so widersprechend, wie es scheint, Furst Beelzebub. Diese Begriffe hangen sich aneinander wie Herrschsucht und Demut Frommigkeit und Heuchelei!
SATAN: Steige herunter, Doktor, ich bin zufrieden mit dir. Mir gefallt dein Eifer. Auch mir liegt daran, dass das Feudalsystem erhalten werde, das seine Wurzel, so wie die Wissenschaften, in meinem Reiche hat. Du sollst suchen deine Meinung weiter unter den Menschen auszubreiten, und dazu will ich dir Gelegenheit geben. Hore! ich befordere dich aus der Kuche in das Kabinett und schicke dich mit meinem Gesandten als Sekretar an den nahen Reichstag, dass du dorten deine Grundsatze ausbreitest. Bringe sie geschwind zu Papier und blase sie einem Sohne des Staubs in das Gehirn!
Ja, das Feudalsystem ist eine herrliche Erfindung fur die Holle. Aus Verzweiflung fahrt das Gesindel der Menschen herunter, wie der Doktor sie nennt, und die Ungerechtigkeit und Schwelgerei sendet ihnen ihre Unterdrucker nach.
Der Doktor Juris fiel hierauf dankbar auf den verbrannten Boden, kusste Satans Fusse und stund triumphierend auf. Die Teufel fingen von neuem an zu lachen und zu toben, als zum zweitenmal Fausts gebieterischer Ruf ertonte.
Satan fuhr fort:
"Du horst an seinem Ruf, dass er keiner der Schwachlinge ist. So wutend hat noch keiner an die Pforte der Holle geschlagen, wahrlich, der Kerl ist ein Genie. Fahre schnell hinauf, denn wenn du zogerst, so mochte er an der Kraft seines Zaubers zweifeln und die Holle verlore die Fruchte seines Frevels. Wisse, ein Mann wie er ist mehr Gewinn fur uns als Tausende der Schufte, die taglich herunterfahren."
Zornig erwiderte der Teufel Leviathan:
"Ich schwore bei dem gluhenden, stinkenden Pfuhl der Verdammten, der Verwegne soll diese und die Stunde seiner Geburt verfluchen und den Ewigen einst lastern! Er soll es bussen, dass ich um seinetwillen das mir verhasste Teutschland betreten muss!"
Er fuhr in Dampf gehullt hinaus, und die frohlokkende Holle jauchzte ihm nach.
8.
Faust stund in seinem Zauberkreise wild begeistert. Zum drittenmal rief er mit donnernder Stimme die furchtbare Formel. Die Ture fuhr plotzlich auf, ein dicker Dampf schwebte an dem Rande des Kreises, er schlug mit seinem Zauberstab hinein und rief gebietend:
"Enthulle dich, dunkles Gebilde!"
Der Dampf floss hinweg, und Faust sah eine lange Gestalt vor sich, die sich unter einem roten Mantel verbarg.
FAUST: Langweilige Mummerei fur einen, der dich zu sehen wunscht! Entdecke dich dem, der dich nicht furchtet, in welcher Gestalt du auch erscheinest!
Der Teufel schlug den Mantel zuruck und stund in erhabner, stattlicher, kuhner und kraftvoller Gestalt vor dem Kreise. Feurige, gebietrische Augen leuchteten unter zwo schwarzen Braunen hervor, zwischen welchen Bitterkeit, Hass, Groll, Schmerz und Hohn dicke Falten zusammengerollt hatten. Diese Furchen verloren sich in einer glatten, hellen, hochgewolbten Stirne, die mit dem Merkzeichen der Holle zwischen den Augen sehr abstach. Eine feingebildete Adlernase zog sich gegen einen Mund, der nur zu dem Genuss der Unsterblichen gebildet zu sein schien. Er hatte die Miene der gefallnen Engel, deren Angesichter einst von der Gottheit beleuchtet wurden und die nun ein dustrer Schleier deckt.
FAUST erstaunt: Ist der Mensch denn uberall zu Hause? Wer bist du?
TEUFEL: Ich bin ein Furst der Holle und komme, weil dein machtiger Ruf mich zwingt.
FAUST: Ein Furst der Holle unter dieser Maske? unter der Gestalt des Menschen? Ich wollte einen Teufel haben und keinen meines Geschlechts.
TEUFEL: Faust, vielleicht sind wir es dann ganz, wenn wir euch gleichen; wenigstens kleidet uns keine Maske besser. Ist es nicht eure Weise, das zu verbergen, was ihr seid, und das vorzugaukeln, was ihr nicht seid?
FAUST: Bitter genug, und wahrer noch als bitter, denn sahen wir von aussen so aus, wie wir in unserm Innern sind, so glichen wir dem, was wir uns unter euch denken; doch dachte ich dich furchterlich und hoffte meinen Mut bei deiner Erscheinung zu prufen.
TEUFEL: So denkt ihr euch alle Dinge anders als sie sind. Vermutlich hast du den Teufel mit den Hornern und den Bocksfussen erwartet, wie ihn euer furchtsames Zeitalter schildert. Seitdem ihr aufgehort habt, die Krafte der Natur anzubeten, haben sie euch verlassen, und ihr konnt nichts Grosses mehr denken. Wenn ich dir erschiene, wie ich bin, die Augen drohende Kometen, einherschwebend wie eine dunkle Wolke, die Blitze aus ihrem Bauche schleudert, das Schwert in der Hand, das ich einst gegen den Racher zog, den ungeheuren Schild am Arm, den sein Donner durchlochert hat, du wurdest in deinem Kreise zu Asche werden.
FAUST: Nun, so hatte ich doch einmal etwas Grosses gesehen.
TEUFEL: Dein Mut wurde mir gefallen; aber nie seid ihr lacherlicher, als wenn ihr erhaben zu fuhlen glaubt, indem ihr das Kleine, das ihr umfassen konnt, mit dem Ungeheuren und Grossen, das ihr nicht ubersehen konnt, zusammenstellt. So mag der Wurm den vorubergehenden Elefanten dann auch ausmessen und im Augenblicke seine Schwere berechnen, wenn er unter seinem gewaltigen Fuss hinstirbt.
FAUST: Spotter! und was ist der Geist in mir, der, wenn er einmal den Fuss auf die Leiter gesetzt hat, von Sprosse zu Sprosse bis ins Unendliche steigt? Wo ist seine Grenze?
TEUFEL: Vor deiner Nase, wenn du aufrichtiger sein willst, als ihr's gewohnt seid; doch wenn du mich um dieses Schnickschnacks aus der Holle gerufen hast, so lass mich immer wieder abziehen. Ich kenne schon lange eure Kunst, uber das zu schwatzen, was ihr nicht versteht.
FAUST: Deine Bitterkeit gefallt mir, sie stimmt zu meiner Lage, und ich muss dich naher kennenlernen. Wie heissest du?
TEUFEL: Leviathan, das ist alles, denn ich vermag alles.
FAUST: O des Grosssprechers! Prahlen die Teufel auch?
TEUFEL: Der Gestalt Ehre zu machen, in welcher du mich siehst. Setze mich auf die Probe. Was verlangst du?
FAUST: Verlangen? o des langgedehnten Worts fur einen Teufel. Wenn du bist, was du scheinen willst, so fuhre meine Begierden in ihrem Keimen aus und befriedige sie, bevor sie Willen geworden sind.
TEUFEL: Ich will deinem Sinne naherrucken. Das edle Ross beisst in die Stange, so der Mensch, der sich Flugel fuhlt, im Licht zu schweben, und den eine tyrannische Hand in dunklen Abgrund druckt. Faust, viel ahndet dein feuriger Geist, aber das, was du umfassen mochtest, verschwindet, und das Erhaschte ist immer nur Schattenbild deiner eignen Gestalt.
FAUST: Rascher!
TEUFEL: Noch schlage ich leise an deiner Seele an, wenn ich einst deine Sinne beruhre, wirst du noch heisser auflodern. Ja, du bist einer der Geister, die die alltaglichen Verhaltnisse des Menschen verbrennen, denen das nicht gnugt, was der Karge ihnen aufgetischt hat. Machtig ist deine Kraft, ausgedehnt deine Seele, kuhn dein Wille; aber der Fluch der Beschranktheit liegt auf dir, wie auf allen Faust, du bist so gross als der Mensch sein kann.
FAUST: Maske des Menschen, fahr in die Holle zuruck, wenn du uns auch im Schmeicheln nachaffest!
TEUFEL: Faust, ich bin ein Geist, aus flammendem Lichte geschaffen, sah die ungeheuren Welten aus Nichts hervortreten, du bist aus Kot geschaffen und von gestern her werd ich dir schmeicheln?
FAUST: Und doch musst du mir dienen, wenn mir's gefallt.
TEUFEL: Dafur erwarte ich Lohn und den Beifall der Holle; der Mensch und der Teufel tun beide nichts umsonst.
FAUST: Welchen Lohn erwartest du?
TEUFEL: Ein Ding aus dir gemacht zu haben, das mir gleicht, wenn du die Kraft dazu hast.
FAUST: Da war ich was Rechts! doch du kennst den Menschen schlecht fur einen so gewandten Teufel, wenn du an der Kraft desjenigen zweifelst, der es einmal gewagt hat, aus den Banden zu springen, die die Natur so fest um unser Herz gelegt hat. Wie sanft schienen sie mir einst, da meine Jugend die Welt und Menschen in den schimmernden Glanz der Morgenrote kleidete. Es ist vorbei, schwarz ist nun mein Horizont, ich stehe im halben Lauf des Lebens an dem Rande der dunklen Ewigkeit und habe die Regeln zerrissen, die das Menschengeschlecht in Harmonie zusammenhalt.
TEUFEL: Was schwarmst du, Faust? Harmonie, ist sie es, die den verworrnen Tanz des Lebens leitet?
FAUST: Schweig! ich fuhle es vielleicht zum letztenmal, blicke vielleicht zum letztenmal in die bunten, wonnevollen Gefilde der Jugend zuruck. Dass der Mensch aus diesem seligen Traum erwachen muss! dass die Pflanze aufschiessen muss, um als Baum zu verdorren oder gefallt zu werden! Lachle, Teufel, ich war einst glucklich. Verschwinde, was nicht mehr zu erhaschen ist. Ja, nur dann haben wir Kraft, wenn wir dem Bosen nachjagen! Und worin bin ich gross? War ich's, wurd ich deiner bedurfen? Geh, tuckischer Schmeichler, du willst mir nur zu fuhlen geben, wie klein ich bin.
TEUFEL: Derjenige, der zu fuhlen fahig ist, worin er schwarz ist, und den Mut hat, das zu zertrummern, wodurch er's ist, ist wenigstens darinnen gross. Mehr wollt ich nicht sagen, und weh dir, wenn ich dich durch Worte aufreizen soll.
FAUST: Sieh mich an und sage mir, was dich mein Geist fragt, das, was ich nicht zu sagen wage!
Bei diesen Worten deutete Faust auf sich, dann gegen den Himmel und machte eine Bewegung mit seiner Zauberrute gegen Auf- und Niedergang der Sonne. Er fuhr fort:
"Du horst den Sturm wuten warst, da noch nichts war "
Hier deutete er auf seine Brust und Stirne:
"Hier ist Nacht, lass mich Licht sehen!"
TEUFEL: Verwegner, ich verstehe deinen Willen und schaudere vor deiner Kuhnheit, ich, ein Teufel.
FAUST: Elender Geist, du windest dich mit dieser Ausflucht nicht los. In meinem gluhenden Durst wurd ich unternehmen, das ungeheure Meer auszutrinken, wenn ich in seinem Abgrund das zu finden hoffte, was ich suchte. Ich bin dein oder dessen noch steh ich da, wohin kein Teufel dringen kann, noch ist Faust sein Herr!
TEUFEL: Das warst du vor einem Augenblick noch. Dein Los ist geworfen, war geworfen, da du diesen Kreis betratst. Wer in mein Angesicht geblickt hat, kehrt umsonst zuruck, und so verlass ich dich.
FAUST: Reden sollst du und die dunkle Decke wegreissen, die mir die Geisterwelt verbirgt. Was seh ich in dir? ein Ding, wie ich es bin. Ich will des Menschen Bestimmung erfahren, die Ursach des moralischen Ubels in der Welt. Ich will wissen, warum der Gerechte leidet und der Lasterhafte glucklich ist. Ich will wissen, warum wir einen augenblicklichen Genuss durch Jahre voll Schmerzen und Leiden erkaufen mussen. Du sollst mir den Grund der Dinge, die geheime Springfeder der Erscheinungen der physischen und moralischen Welt eroffnen. Fasslich sollst du mir den machen, der alles geordnet hat, und wenn der flammende Blitz, der diesen Augenblick durch jene schwarze Wolke reisst, mein Haupt sengte und mich leblos in diesen Zirkel der Verdammnis hinstreckte. Glaubst du, ich habe dich um Gold und Wollust allein heraufgerufen? Jeder Elende mag seinen Bauch fullen und die Wollust des Fleisches stillen. Du bebst? Hab ich mehr Mut als du? Welche zitternde Teufel speit die Holle aus? Und du nennst dich Leviathan, der alles kann? Weg mit dir, du bist kein Teufel, du bist ein elendes Ding wie ich.
TEUFEL: Kuhner! du hast die Rache des Rachers noch nicht gefuhlt wie ich. Die Ahndung davon wurde dich in Staub verwandeln, und wenn du die Kraft des Menschengeschlechts vom ersten bis zum letzten Sunder in deiner Brust trugest. Dringe weiter nicht in mich.
FAUST: Ich will und bin bestimmt.
TEUFEL: Du flossest mir Ehrfurcht und Mitleid ein.
FAUST: Ich fordere nur Gehorsam.
TEUFEL: So hadere mit dem, der eine Fackel in dir angezundet hat, die dich aufbrennen muss, wenn sie die Furcht nicht ausblast.
FAUST: Ich habe es getan, und umsonst. Ich habe ihn um Licht angefleht, er schwieg, ich habe ihn in finstrer Verzweiflung aufgefordert, er schwieg. Gebet und Grimm vermogen nichts bei dem, der blinden Gehorsam, sklavische Unterwerfung in Qual und Finsternis zum ewigen Gesetz gemacht zu haben scheint. Er peiniget uns eben durch den Verstand, den er uns gegeben hat. Wozu eine Fackel, wenn ihre dampfende Glut den Irrenden nur blendet? Sie leuchte mir einmal helle auf dem dunklen Wege und verbrenne mich dann, wenn es so sein muss. Gehorche, und schnell!
TEUFEL: Unzubefriedigender! Nun, so wisse, dass auch der Teufel seine Grenzen hat. Seitdem wir gefallen sind, haben wir die Vorbildung der erhabenen Geheimnisse bis auf die Sprache, sie zu bezeichnen, verloren. Nur die unbefleckten Geister jener Welt vermogen sie zu denken und zu besingen.
FAUST: Glaubst du mich durch eine listige Wendung in dem zu tauschen, wornach mein Gaumen so lustern ist?
TEUFEL: Tor, um mich an dir zu rachen, wunscht ich dir mit den glanzenden Farben des Himmels das zu schildern, was du verloren hast, und dich dann der Verzweiflung uberlassen. Wusst ich auch mehr, als ich weiss, kann die Zunge, aus Fleisch gebildet, dem Ohr, aus Fleisch gebildet, fasslich machen, was ausser den Grenzen der Sinne liegt und der korperlose Geist nur begreift?
FAUST: So sei ein Geist und rede! Schuttle diese Gestalt ab!
TEUFEL: Wirst du mich dann vernehmen?
FAUST: Schuttle diese Gestalt ab, ich will dich als Geist sehen.
TEUFEL: Du sprichst Unsinn nun, so sieh mich ich werde sein und dir nicht sein; ich werde reden, und du wirst mich nicht verstehen.
Nach diesen Worten zerfloss der Teufel Leviathan in helle Flamme und verschwand.
FAUST: Rede und enthulle die Ratsel.
Wie der sanfte West uber die beblumte Wiese hinstreicht und die sanften Bluten leise kusst, so sauselte es an der Stirne und den Ohren Fausts. Dann verwandelte sich das Sauseln in ein steigendes, anhaltendes, rauschendes Rasseln, das dem rollenden Donner, dem Zerschlagen der Wogen an der Brandung, dem Geheule und Gesause in den Felsenkluften glich. Faust sank in seinem Zauberkreis zusammen und erholte sich muhsam.
FAUST: Ha, ist dies die Sprache der Geister, so verschwindet mein Traum und ich bin getauscht und muss knirschen in der Finsternis. So hatt ich nun meine Seele um die Sunde der H i verkauft, denn dies ware alles, was mir dieser kupplerische Geist noch leisten konnte. Eben das, warum ich die Ewigkeit aufs Spiel setzte! Erleuchtet, wie nie einer es war, gedacht ich unter die Menschen zu treten und sie mit meinem Glanze zu blenden wie die jung aufgehende Sonne. Der stolze Gedanke, ewig als der Grosste in den Herzen der Menschen zu leben, ist hin, und ich bin elender als ich war. Ich soll mit den ubrigen Sohnen des Staubs in der Finsternis knirschen, an der Kette der Notwendigkeit nagen und weder mich noch sie von dem eisernen Joche befreien. Ha, wo bist du, Gaukler, dass ich meine Wut an dir auslasse?
TEUFEL in seiner vorigen Gestalt: Hier bin ich. Ich sprach, und du vernahmst den Sinn meiner Worte nicht. Fuhle nun, was du bist: zur Dunkelheit geboren, ein Spiel der Zweifel. Dir kann nicht werden, was dir nicht werden soll. Ziehe deinen Geist von dem Unmoglichen ab und halte dich an das Fassliche. Du wolltest die Sprache der Geister vernehmen, hast sie vernommen und sankst betaubt hin unter ihrem Schall.
FAUST: Reize nur meinen Zorn, und ich will dich mit meiner Zauberrute bis zu Tranen geisseln, dich an den Rand meines Kreises fesseln und meinen Fuss auf deinen Nacken setzen; ich weiss, dass ich es kann.
TEUFEL: Tu es, und die Holle wird deines Zorns lachen. Fur jede Trane soll einst die Verzweiflung die Tropfen deines Bluts aus deiner verwegnen Stirne drucken, und die Rache soll die Waage halten, sie abzuwagen.
FAUST: Pfui des Wahnsinns, dass ein edles Geschopf sich mit einem von Ewigkeit Verworfnen abgibt, der nur Sinn zum Bosen hat, nur im Bosen beistehen kann!
TEUFEL: Pfui des Ekels, einen Menschen anhoren zu mussen, der dem Teufel vorwirft, dass er Teufel ist und nicht mit der Schattengestalt Tugend prahlt wie einer von euch!
FAUST: Prahlt? Taste nur noch den moralischen Wert des Menschen an, wodurch er sich den Unsterblichen nahert und der Unsterblichkeit wurdig macht.
TEUFEL: Ich will dir zeigen, was daran ist.
FAUST: Ich denke wohl, dass du es kannst. Kann es doch jeder von uns, der seine Schlechtigkeit zum allgemeinen Massstab der Menschen macht und Tugenden verdachtig macht, die er nie in seiner Brust gefuhlt hat. Wir haben Philosophen gehabt, die hierinnen langst dem Teufel vorgegriffen haben.
TEUFEL: Besser ware es fur dich gewesen, du hattest nie einen gelesen, dein Kopf wurde gerader und dein Herz gesunder sein.
FAUST: Verdammt, dass der Teufel immer recht hat!
TEUFEL: Ich will dir anschaulich machen, wovon deine Philosophen schwatzen, und die Wolken vor deinen Augen wegblasen, die Stolz, Eitelkeit und Selbstliebe zusammengetrieben und so schon gefarbt haben.
FAUST: Wie das?
TEUFEL: Ich will dich auf die Buhne der Welt fuhren und dir die Menschen nackend zeigen. Lass uns reisen, zu Wasser, zu Land, zu Fuss, zu Pferde, auf dem schnellen Winde, und das Menschengeschlecht mustern. Vielleicht, dass wir die Prinzessin entzaubern, um welche schon so viele tausend Abenteurer die Halse gebrochen haben.
FAUST: Topp! Ziehen wir durch die Welt; ich muss mich durch Genuss und Veranderung betauben, und lange hab ich mir einen weitern Kreis zum Bemerken gewunscht als mein eignes tolles Herz. Lass uns herumziehen, und ich will dich Teufel zwingen, an die Tugend der Menschen zu glauben. Nur der Glaube an den moralischen Wert des Menschen war es, der mir die peinliche Finsternis zuzeiten erleuchtete. Nur er war es, der meine qualende Zweifel auf Augenblicke besanftigte. Ja, lachle nur, du sollst mir wahrlich gestehen, dass der Mensch der Augapfel dessen ist, den ich nun nicht mehr nennen darf.
TEUFEL: Dann will ich als Lugner zur Holle fahren und dir den Bundbrief zuruckgeben, den du heute mit deinem Blute unterzeichnen wirst. Wenigstens wirst du auf der grossen Schaubuhne der Welt deutlicher einsehen, wie viel Anteil der an euch und euren Qualen nimmt, dessen Augapfel du so stolz den Menschen nennst. Bei dem schnellen Pfeil des Todes! eine edle Behandlung fur den Gunstling eines so machtigen Herrn. Wenn eure Fursten den Beweis ihrer Einsetzung von ihm dahineinsetzen, dass sie es euch zur Gnade anrechnen, euch in dem von ihnen zugerichteten Elend leben zu lassen, so haben sie so ganz unrecht eben nicht. Komm und mache mich zum Lugner!
FAUST: Dass ich dem Teufel doch traute, der mir sein hollisches Gepfusch fur Machwerk der Menschen verkaufen mochte. Wie, lachelt der Spotter?
TEUFEL: Den Monchsgedanken hatte ich hinter dem Manne nicht gesucht, der so lange mit der Philosophie gebuhlt hat; doch darinne gleicht ihr euch alle, die Weisen und die Toren: was der Sinn nicht fassen kann, losen Stolz und Eigenliebe zu ihrem Vorteil auf. Sieh da, zwei Worte, bos und gut, die ihr zu Begriffen stempeln mochtet, denn wenn ihr die Worte einmal habt, so glaubt ihr auch schon den leeren Schall zum Gedanken gepragt zu haben. Da ihr nun damit nicht fertig zu werden wisst, so haut ihr, um der Plackerei loszuwerden, nach eurer Weise hindurch, und naturlich ist das Gute euer eignes Machwerk und das Bose das Gepfusch des Teufels. So mussen wir arme Teufel nun Tag und Nacht herumreiten, um das Herz und die Einbildungskraft dieses oder jenes Schuftes zu einem sogenannten Schurkenstreich zu reizen, der ohne dies wohl ein ganzer Kerl geblieben ware. Faust! Faust! tausend Dinge sucht der Mensch in den Wolken und ausser sich, die in seinem Busen und vor seiner Nase liegen. Nein, ich will auf unsern Zugen nichts hinzutun, es sei denn, dass du es von mir forderst. Alles, was du sehen wirst, sei Menschenwerk. Du wirst bald einsehen, dass die des Teufels nicht brauchen, die so schnell eilen, ihre elende Schatten zu ihm zu fordern.
FAUST: Und dies ware nun alles, was du mir leisten konntest?
TEUFEL: Ich will dich von Stufe zu Stufe fuhren; haben wir diese Bahn durchlaufen, so wird sich schon eine andre Szene offnen. Lerne erst kennen, was so nah mit dir verwandt ist, dann steige aufwarts. Die Schatze der Erde sind dein du gebietest meiner Macht du traumst du wunschest
FAUST: Das ist etwas.
TEUFEL: Nur etwas, Unersattlicher? du sollst mich, den Teufel, zu Beforderung der Absichten zwingen konnen, die ihr gut und edel nennt, die Folgen davon sollen deine Ernte und der Lohn deines Herzens Gewinn sein.
FAUST: Das ware mehr, wenn es kein Teufel sagte.
TEUFEL: Wer kann sich ruhmen, den Teufel zu guten Werken gezwungen zu haben. Lass diesen Gedanken nur immer dein Herz aufschwellen. Faust, tritt aus deinem Kreise!
FAUST: Noch ist es nicht Zeit.
TEUFEL: Furchtest du mich? Ich sage dir, du sollst das Stundenglas deiner Zeit nach Gefallen zerschlagen! Faust, ich fulle den Becher des Genusses fur dich, voll und rauschend so ward er noch keinem Sterblichen gefullt. Deine Nerven sollen ablaufen, bevor du den Rand beleckt hast. Zahle den Sand am Meere, dann magst du die Zahl der Freuden zahlen, die ich hier auf den Boden vor dich schutte.
Hierauf stellt er einen Kasten voll Gold vor den Kreis. Alsdann geht die Gestalt der Burgermeisterin und ein Zug bluhender Schonen voruber.
FAUST: Teufel, wer hat dir den Weg zu meinem Herzen gezeigt?
TEUFEL: Ich heisse Leviathan, habe dich und deine Kraft gewogen. Achtest du dieses? Er schuttet aus einem Sacke Ordensbander, Bischofsmutzen, Furstenhute und Adelsdiplome auf den Boden.
Kenn ich doch Fausten besser! Genuss und Wissen sind seine Gotter, werdet, was ihr seid! Sie wurden Staub und Kot.
Ist dies nicht der Weg zu dem Herzen aller Menschen? Nur um der Dinge willen, die ich dir hier zeigte, um des Bauches, der Lust und des Emporsteigens, arbeitet ihr mit Handen und dem Verstand. Lass die Toren im Schweiss ihres Angesichts, unter der Erschopfung ihrer Geisteskrafte darum arbeiten und geniesse ohne Muhe und Sorge, was ich dir auftische. Morgen fuhre ich dir die Burgermeisterin zu, wenn dir es so gefallt.
FAUST: Wie wirst du es machen?
TEUFEL: Mein Probstuck. Nimm hin, und ich will dir mehr sagen. Tritt aus dem Kreise! Bist du doch wie betrunken!
FAUST: Ich mochte mich vernichten um eines Gedanken willen.
TEUFEL: Der heisst?
FAUST: Dass ich mich nur darum mit dir verbinden soll.
TEUFEL: Dass doch der Mensch immer springen will! Lerne mich erst kennen, und wenn ich dich nicht sattigen kann, so kehre zur Armut, zur Verachtung und deiner nuchternen Philosophie zuruck. Tritt aus dem Kreise!
FAUST: Die Wut des Lowen brullt aus mir, und wenn sich unter meinem Fuss die Holle offnete ich springe uber die Grenzen der Menschheit. Er sprang aus dem Kreise. Ich bin dein Herr.
TEUFEL: Solange deine Zeit rollt. Ich fasse einen grossen Mann an der Hand und bin stolz darauf, sein Diener zu sein.
Zweites Buch
1.
Den folgenden Morgen kam der Teufel Leviathan in dem Geprange und mit dem Gefolge eines grossen Herren, der inkognito reiset, vor Fausts Gasthof. Er stieg von seinem prachtig gezierten Pferde und fragte den Wirt, ob der grosse Mann Faust bei ihm wohnte. Der Wirt beantwortete die Frage mit einer tiefen Verbeugung und fuhrte ihn ein. Der Teufel trat zu Faust und sagte zu ihm in Gegenwart des Wirts:
Sein Ruhm, sein grosser Verstand und seine herrliche Erfindung hatten ihn bewogen, einen weiten Umweg auf seiner Reise zu machen, um einen so merkwurdigen Mann, den die Menschen vermoge ihres Blodsinns verkennten, genau kennenzulernen und sich, wenn es ihm gefiele, seine Begleitung auf einer vorhabenden grossen Reise durch Europa auszubitten. Er mache ihn ubrigens ganz zum Herrn der Bedingungen, denn er konnte seine Gesellschaft nicht zu teuer erkaufen.
Faust spielte seine Rolle in dem Sinne des Teufels, und der Wirt eilte hinaus, den Vorfall dem ganzen Hause bekanntzumachen. Das Gerucht davon breitete sich in ganz Frankfurt aus. Schon war die Meldung von der Ankunft des vornehmen Fremden von der Hauptwache an den regierenden Burgermeister eingelaufen und setzte den ganzen hochedlen und hochweisen Magistrat in Bewegung. Alle liefen, als triebe sie der Satan nach dem Romer5, liessen alle wichtige Staatssachen liegen und ratschlagten uber die Erscheinung. Der alteste Schoppe, ein Patrizier, hatte sich vorzuglich auf die Deutung der Erscheinungen am politischen Horizont gelegt und sich dadurch ein gewaltiges Ubergewicht in dem Senat erworben. Er druckte sein fettes Kinn in Falten, seine enge Stirne in Runzeln, zog Besorgnis in seine kleinen Augen und versicherte die wohlweisen Beisitzer:
Dieser vornehme Fremde sei niemand anders als
ein heimlicher Abgesandte Seiner Kaiserlichen Majestat (ein furchterlicher Name fur jeden Reichsstand), den man nach Teutschland geschickt hatte, die Lage, Verhaltnisse, Uneinigkeit und Verbindung der Fursten und Reichsstadte zu beobachten, damit sein hoher Hof bei Eroffnung des vorstehenden Reichstags wissen mochte, wie er sich benehmen musste, seine Absichten durchzusetzen. Da nun der Kaiserliche Hof auf ihre Republik immer ein sehr wachsames Auge hatte, so musste man streben, diesen vornehmen Gast von dem feurigen Eifer, den man fur das hohe Kaiserliche Haus empfande, zu uberzeugen, und ihn ja nicht abziehen lassen, ohne ihn dem Staat zu gewinnen. Man musste hierin den klugen Senat von Venedig zum Vorbilde nehmen, der keine Gelegenheit verabsaumte, denen am meisten Freundschaft und Ehre zu bezeugen, die er zu betrugen gesonnen sei.
Die untergeordneten Geister des Rats versicherten, der Schoppe habe wie der Doge von Venedig selbst gesprochen; aber der Burgermeister, der ein heimlicher Feind des Schoppen war (denn dieser, weil er die demokratische Regierungsform als ein wahrer Patrizier ebenso sehr hasste wie ein Furst die Republiken, pflegte bei jedem widrigen Vorfall laut zu sagen: "So geht es, wenn man Kramer zu Staatsleuten macht"), warf ihm schnell eine Tonne hin:
"Wahr, ruhmlich und trefflich, wohlweise Herren, scheint mir alles, was unser staatskluger Schoppe soeben vorgebracht hat, wurde auch ebenso gewiss zum Zweck fuhren als, im Vorbeigehen gesagt, der Handel einen Staat bluhender und reicher macht wie ein fauler, stolzer Adel, wenn wir nur nicht alles durch einen einzigen Umstand verdorben hatten. Ich ruhme mich nun freilich nicht des tiefen politischen Blicks des Schoppen, der jeden Sturm von weitem ausspaht; aber doch hatt ich diesen, es sei nun aus Zufall oder Uberlegung, glucklich beschworen. Ihr werdet euch alle erinnern, dass ich euch bei jeder Ratssitzung zusetzte, diesen Faust nicht so schnode zu behandeln und ihm seine lateinische Bibel fur die kleine Summe abzunehmen. Ja sogar meine Frau, die doch nur ein Weib ist, wie es andre Weiber sind, hielt es fur ratsam; denn ob wir gleich diese lateinische Bibel weder brauchen noch verstehen, so hatte man sie doch wegen der schongemalten Anfangsbuchstaben und der sonderbaren Erfindung als ein Kleinod nach der Goldnen Bulle zeigen und die Fremden damit herbeilocken konnen. Auch ziemte es sich, dass ein freier und reicher Staat die Kunste beschutzt und ihnen forthilft; aber ich weiss wohl, was euch im Sinne gelegen, die Eifersucht und der Neid, ihr konntet es nicht ertragen, dass mein Name dadurch unsterblich wurde. Es riss euch allen in den Bauchen, dass die Nachkommenschaft einstens in der Chronik lesen sollte: sub consulatu *** hat man Fausten von Mainz eine lateinische Bibel fur zweihundert Goldgulden abgekauft. Nun mogt ihr auch austrinken, was ihr eingegossen habt, und man sagt nicht umsonst: Wie man bettet, so liegt man, wie man schmiert, so fahrt man. Der Faust ist teufelmassig wild und scheint mir tuckischer Gemutsart, ich sah es ihm gestern abend ab. Nun ist der Kaiserliche Gesandte bloss seinetwillen hierher gereist, gar bei ihm abgestiegen, findet in dem einen grossen Mann, den wir als einen Schuhputzer herumgehudelt haben der wird's euch nun einbrocken beim Kaiserlichen Gesandten ja, ja, er wird ihm schon den Floh ins Ohr setzen, und all unser Hofieren und Grimassieren wird zu weiter nichts nutzen, als uns vor den Burgern zu Narren zu machen. Wer den Karren in Dreck geschoben, mag ihn auch wieder herausziehen, ich wasche meine Hande wie Pilatus und bin unschuldig an Israels Verderben und Blindheit."
Es erfolgte ein tiefes Schweigen. Die blutige Schlacht bei Kanna, die Rom den Untergang drohte, hatte den romischen Senat nicht so erschreckt als diese kritische Lage den edlen Magistrat von Frankfurt. Schon siegte der Burgermeister in stolzem Geist, schon glaubte er den Schoppen vollig aus dem Sattel gehoben zu haben, als dieser seine politische Weisheit und Heldenkraft sammelte, dem sinkenden Staat zu Hulfe eilte, mit starker Stimme ad majora rief und trotzig vorschlug:
Sogleich eine Gesandtschaft aus dem Rat nach der Herberge zu schicken, den vornehmen Gast zu bewillkommen und Fausten vierhundert Goldgulden fur seine lateinische Bibel zu uberbringen, um ihn dem Staate gunstig zu machen.
Der Burgermeister spottete daruber, dass man nun vierhundert Goldgulden fur ein Ding gabe, das man gestern vielleicht fur hundert hatte haben konnen; seine Spotterei diente zu nichts, der Vorteil des Vaterlands schlug sie nieder. "Salus populi suprema lex!" schrie der Schoppe und trug dem Burgermeister mit Bewilligung des Rats auf, den Gesandten und Fausten auf Kosten des Staats kostlich zu bewirten.
Dieser Umstand beruhigte den Burgermeister, der gern seinen Pracht und Reichtum zeigte, ein wenig uber seinen Fehlschuss auf den Schoppen, und der Zusatz "auf Kosten des Staats" versetzte ihn in die beste Laune.
2.
Die jungsten Ratsherren mit einem der vier Syndiken machten sich auf den Weg, und der Burgermeister schickte nach Hause, Anstalten zum Schmause zu machen. Der Teufel Leviathan war eben mit Fausten in einem tiefen Gesprache verwickelt, als ihnen die Gesandtschaft angemeldet ward. Man liess sie ein. Sie bewillkommten im Namen des Senats in aller Demut den vornehmen Gast und gaben ihm durch eine feine Wendung zu verstehen, dass ihnen sowohl seine hohe Person als seine wichtigen Auftrage bekannt waren, und versicherten ihn mit zierlichen Worten von ihrem Eifer fur das Kaiserliche hohe Haus. Der Teufel verzerrte das Gesicht, wandte sich zu Fausten, fasste ihn an der Hand und versicherte die Redner, dass ihn nichts in ihre Mauern gefuhrt hatte, als ihnen diesen grossen Mann zu entwenden, den sie, wie er nicht zweifle, zu schatzen wussten. Die Abgesandten wurden etwas verwirrt, fassten sich aber bald wieder und fuhren fort:
Es freue sie hochlich, dass sie ihm auf der Stelle einen Beweis von der Achtung des Magistrats fur einen so grossen Mann geben konnten. Sie hatten den angenehmen Auftrag, Fausten vierhundert Goldgulden fur seine lateinische Bibel auszuzahlen, baten ihn, sie gefalligst anzunehmen und ihnen dieselbe als ein Kleinod zu ubergeben. Auch wurde sich der hochweise Magistrat fur glucklich halten, ihn, wenn es ihm gefiele, unter ihre Burger zahlen zu konnen und ihm dadurch den Weg zum Ruhm und der Ehre zu offnen.
Diesen letzten Umstand setzten sie aus eigner politischen Weisheit hinzu, ein Beweis, dass sie sich als geschickte Unterhandler der Umstande, die man nicht vorsieht, zu bedienen wussten.
Faust fuhr zornig auf, stampfte auf den Boden und schrie:
"Lugnerisches Gepack, hab ich euch nicht lange genug gefuchsschwanzt, vom stolzen Patrizier bis zu dem Schuhmacher und Pfefferkramer, denen ihr den Ratsherrnkragen um die Halse hangt wie dem Esel die Halfter, und ihr habt mich an eurer Schwelle stehen lassen und kaum eines Blicks gewurdigt. Nun ihr hort, dass der gnadige Herr hier mich fur den Mann halt, den ihr nicht in mir sehen konntet, so kommt ihr, mir den Fuchsschwanz zu streichen. Seht, hier ist Gold, wofur ihr gern das Heilige Romische Reich verkaufen wurdet, wenn ihr nur einen Narren finden konntet, der den ungeheuren Rumpf ohne Kopf, Sinn und Verbindung kaufen mochte."
Den Teufel freute Fausts Zorn und die Scham der jungen Senatoren hochlich; sie aber, die die Geschichte der Romer nie gelesen hatten, waren nicht so hohen und feurigen Sinns, um gleich eine Kriegserklarung aus ihrem zusammengefaltnen Ratsherrnmantel gegen Fausten hinzuschutten, sie brachten im Gegenteil die Einladung zu dem Schmause bei dem Burgermeister mit einem so muntern Tone vor, als wenn gar nichts geschehen ware. Ein neuer Beweis von ihrer Geschicklichkeit im Unterhandeln; hatten sie zum Beispiel den Schimpf beantwortet, so wurden sie dadurch eingestanden haben, sie verdienten ihn, da sie ihn aber ganz platt auf die Erde fallen liessen, mir nichts, dir nichts, so ward er kraftlos und erhielt die Farbe eines unbilligen Vorwurfs. Nur Genies sind fahig, so etwas im geltenden Augenblick aufzufassen, zu unterscheiden und auszufuhren.
Bei dem Worte Burgermeister spitzte Faust die Ohren, und der Teufel gab ihm einen bedeutenden Seitenblick. Faust nahm hierauf die Bibel aus seinem Kasten, ubergab sie den Senatoren und sagte gefallig:
Da er nun sahe, dass sie zu leben wussten, ob man sie gleich dazu zwingen musste, so mache er der Stadt mit seiner Bibel ein Geschenk, sie mochten sie fleissig lesen und den Spruch, den er hier unterstreiche und deutsch auf den Rand schreibe, dem versammelten Rat zeigen und ihn zu seinem Andenken mit goldnen Buchstaben an die Wand der Ratsstube schreiben.
Die Senatoren gingen so vergnugt nach dem Romer zuruck als Gesandten, die nach einem schlechten Krieg einen guten Frieden nach Hause bringen. Sie wurden mit grosser Freude empfangen, man schlug die bemerkte Stelle auf und las:
Und siehe, es sassen die Narren im Rat, und die Toren ratschlagten im Gerichte.
Man verschluckte die bittre Pille, weil der vermeinte Schatten der Kaiserlichen Majestat in der Gestalt des Teufels ihnen allen die Mauler band, trostete sich mit den ersparten vierhundert Goldgulden und wunschte sich wechselsweis viel Gluck, so gut aus einem so schlimmen Handel gekommen zu sein. Den Abgesandten wurde offentlich gedankt, und schade ist's, dass ihre Namen nicht auf die Nachwelt gekommen sind. Da sie endlich von dem reichen Geldkasten Fausts sprachen, so fuhr der Glanz des Goldes wie ein Wetterstrahl durch alle Seelen, und jeder entwarf im stillen einen Plan, wie es anzufangen, sich den Mann zum Freund zu machen. Der Schoppe schrie, man musste ihn zum Burger machen, ihm Sitz und Stimme im Rat geben, die Politik erfordere, dass man Herkommen und Gesetz ubertrete, wenn es der Vorteil des Vaterlandes ware etc.
Faust machte indessen einen Spaziergang mit dem Teufel; aber sie fanden die Leute des Orts so flach und albern, nach einem so engen Leisten zugeschnitten, sahen so unbedeutende, nichts versprechende Gesichter, als sie nur immer die Nurnberger, als Damen und Herren aufgeputzt, fur den Christmarkt schnitzeln konnen. Den einzigen Trieb, den sie ihnen ablauerten, war Neugierde, Geld- und Gewinnsucht, ein beschrankter Kaufmannsgeist, der es nicht wagt, sich ins Grosse auszudehnen. Der Teufel sagte gahnend zu Faust:
"Angstlich, Faust, fuhlt der Reichsstadter, und angstlich fahrt er zur Holle, hier ist keine Ernte fur den Mann von Geist, lass uns abfahren, wenn du die Burgermeisterin dahin gebracht hast, wo du sie haben willst."6
3.
Die Glocke schlug zur Mahlzeit. Der Teufel und Faust setzten sich auf prachtig geputzte Pferde und ritten, von einem grossen Gefolge begleitet, an das sich ein langer Zug gaffenden Pobels hing, zu dem regierenden Burgermeister. Sie traten in den Versammlungssaal. Der ganze Magistrat erwartete sie und beugte sich vor ihnen bis auf die Erde. Der regierende Burgermeister bewillkommte sie mit einer Rede, stellte ihnen die Ratsglieder und die Weiber der Vornehmsten vor, die ihre geistlosen Gestalten so prachtig herausgeputzt hatten, dass ihre Steifheit und Ungewandtheit nur um so auffallender wurde. Sie starrten alle wie eine Herde Ganse und konnten sich an Leviathans Putze nicht satt sehen. Die Burgermeisterin, eine Leipzigerin, ragte allein unter ihnen hervor wie eine Oreade. Ihr war der Blick Fausts so wenig entgangen als seine vermogende Gestalt und sein geistvolles Gesicht. Sie errotete, da er sie bewillkommte, und fand keine andre Antwort auf seine Anrede als einen Blick voller Verwirrung, den Fausts Herz wie die susste Harmonie verschlang. Die Senatoren spannten ihren Witz an, den Gasten zu hofieren, und man setzte sich zur wohlbedienten Tafel. Nach Tische nahm der Teufel den Burgermeister in ein besondres Kabinett, ein Umstand, der diesem ausserordentlich schmeichelte und allen ubrigen, besonders dem Schoppen, ein Dolchstich war.
Der Burgermeister, vom Weine erhitzt, von der Ehre, die ihm der vermeinte Kaiserliche Gesandte erwies, berauscht, erwartete in gebeugter Stellung und mit hervorragenden starren Augen seinen Antrag. Der Teufel bezeugte ihm in sanftem Tone, wie schmeichelhaft ihm die gute Aufnahme des Burgermeisters sei und wie sehr er wunschte, sich ihm dankbar zu erweisen, setzte hinzu, er fuhre eine Anzahl Adelsbriefe bei sich, mit kaiserlicher Unterschrift bekraftigt, verdienstvolle Manner zu belohnen, und er wollte ihm gern den ersten erteilen, wenn
Freude, Entzucken, Erstaunen schossen durch des Burgermeisters Geist, er stund vor dem Teufel mit weit aufgesperrtem Munde, stammelte endlich: "Wenn? Was? Wie? Oh " Und der Teufel raunte ihm ganz leise ins Ohr:
Sein Freund Faust sei ganz unsinnig in die schone Burgermeisterin verliebt, um seinetwillen wurde er alles tun, und wenn die Burgermeisterin sich auf einige Augenblicke mit Fausten entfernen wollte, das bei dem Gerausche eines Schmauses so leicht ware, so sollte er ihr den Adelsbrief zustellen.
Hiermit verliess ihn der Teufel, ging zu Fausten, unterrichtete ihn und stellte ihm den Adelsbrief zu, seiner Sache gewiss. Faust zweifelte, und der Teufel lachte seiner Zweifel.
Der Burgermeister stund in seinem Kabinett wie versteinert. Der plotzliche Glanz eines unerwarteten Glucks hatte sich durch die hassliche Bedingung so verfinstert, dass der Reiz desselben schon verschwinden wollte, als auf einmal der Stolz in seine Seele blies:
"Ho! ho!" sagte dieser, "auf eine so auszeichnende Art zum Edelmann gepragt zu werden! dadurch deinen stolzen Feinden gleich zu werden und deine Stimme im Rat zu erheben wie eine Posaune! unter sie zu treten wie ein Mann, den seine Kaiserliche Majestat, seiner Verdienste wegen, uber alle und vor allen erheben will!"
Ein andres Gefuhl lispelte leise:
"Hu! hu! mit Willen und Wissen ein Hahnrei zu werden " "Aber wer weiss es?" antwortete der Verstand. "Und was ist nun an dem ganzen Ding, ich erhalte ein wirkliches Gut und leihe dafur eins, das langst keinen Reiz mehr fur mich hat. Das Ubel sitzt nur in der Meinung, und es wird ein Geheimnis zwischen mir und meiner Frau bleiben. Und wenn es gar seine Kaiserliche Majestat erfuhre, dass ich diese hohe Ehre ausgeschlagen Im Grund, kann ich wohlfeiler zum Edelmann kommen? Wird es nicht ein Nagel am Sarge des Schoppen werden? Und was werden die Burger nicht sagen, wenn sie sehen, dass seine Kaiserliche Majestat mich so zu schatzen weiss? Werde ich mich nicht der ganzen Regierung bemachtigen und es allen denen vergelten, die mich beleidigt haben? Ho! ho! Burgermeister, sei kein Narr! die Gelegenheit hat nur an der Stirne Haare, hinten ist sie kahl. Greife zu! Der Mann ist nur das, was er in den Augen der Welt scheint. Wer sieht es dem Edelmann an, wie er's geworden ist aber meine Frau, die wird sich dagegen setzen, ich kenne schon die sachsische Ziererei"
In diesem Augenblick trat sie herein, um zu erfahren, was der vornehme Herr ihm allein vertraut hatte. Er sah sie schalkhaft, doch etwas verlegen an:
"Wie, Mauschen, wenn ich dich heute noch zur Edelfrau machte?"
SIE: Schatzchen, so wurden alle Weiber der burgerlichen Ratsherren aus Neid vergehen, und die Frau des Schoppen wurde an ihrem trocknen Husten zur Stunde fur Argernis sterben.
ER: Das wurde sie gewiss, und ich konnte ihren stolzen Mann unter mich bringen; aber, Mauschen, du sollst dich selbst dazu machen, und mich obendrein.
SIE: Seit wenn machen die Weiber ihre Manner zu Edelleuten, mein Schatz?
ER: Wer weiss, mein Kind, wie viele es so geworden sind erschrecke nur nicht Da ist der verwunschte Faust, dem hast du es angetan.
Die Burgermeisterin errotete, er fuhr fort:
"Nur um seinetwillen will mich der Gesandte zum Edelmann machen, und er soll dir den Adelsbrief unter vier Augen ubergeben. Du verstehst mich schon. Hm, was denkst du davon?"
SIE: Stille, stille, mein Schatz, ich denke, dass uns, wenn der Kaiserliche Gesandte einem andern aus dem Rat die Bedingung vertraute, die Gelegenheit entwischen wird.
ER: Verzweifelt, Mauschen, lass uns eilen, dass uns keiner zuvorkomme.
Die Gesellschaft hatte sich indessen in dem Garten zerstreut, der Burgermeister schlich hinter dem Faust her und sagte ihm leise ins Ohr, es wurde seiner Frau eine Ehre sein, den Adelsbrief aus seinen Handen zu empfangen, nur mochte er sich ohne Aufsehen auf der Hintertreppe, die er ihm zeigen wollte, zu ihr begeben, er denke ubrigens, es sei nur eine Grille von ihm, und er furchte nichts von einem Manne, der so viel Ehrgefuhl und Gewissen zeigte. Er fuhrte ihn hierauf zur Hintertreppe, Faust schlich hinauf, trat in das Schlafzimmer und fand die Burgermeisterin in der wollustigsten Verwirrung. Er raste an ihrem schwellenden Busen seine Glut aus und schlug den Burgermeister zum Ritter des Heiligen Romischen Reichs. Sie von ihrer Seite glaubte sich nicht dankbar genug bezeigen zu konnen und fragte am Ende, ob in Zukunft mehr dergleichen Formalitaten notig waren. Hierauf uberbrachte sie ihrem Gemahl heimlich den Adelsbrief, und sie verabredeten, ihn bei dem Abendessen in einer verguldeten und verdeckten Schussel auftragen zu lassen, um den Gasten durch die unerwartete Entdeckung einen desto peinlichern Schlag beizubringen. Der Teufel, dem der Burgermeister seinen Plan mitteilte, fand ihn vortrefflich; Faust aber raunte ihm ins Ohr: "Ich befehle dir, dem Schufte, der sein Weib um des Wahns prostituiert hat, und dem ganzen hochweisen Magistrat einen recht tuckischen Streich zu spielen, um mich an allen den Schafskopfen auf einmal zu rachen, die mich so niedertrachtig herumgezerrt haben!"
4.
Man sass beim Abendessen, die Becher gingen wacker herum, als auf einmal der Teufel befahl, die verdeckte Schussel, die die Neugierde der Anwesenden so lange gefoltert hatte, zu offnen. Dann nahm er den Adelsbrief von der Schussel, uberreichte ihn dem Burgermeister mit den Worten: "Wurdiger Herr, Seine Majestat der Kaiser, mein Herr, geruhet, Euch durch diesen Adelsbrief um Eurer Treue und Verdienste willen zum Ritter des Heiligen Romischen Reichs zu schlagen. Ich fordere Euch auf, aus Dankbarkeit und Pflicht nie in dem Eifer fur das hohe Kaiserliche Haus zu erkalten, und bringe Euch, Herr Ritter, die erste Gesundheit zu!"
Diese Worte rollten wie der Donner in den Ohren der Gaste. Der Betrunkne ward nuchtern, der Nuchterne betrunken, den Weibern zitterten die von Zorn blauen Lippen beim Gluckwunsch, der Schlag traf den Schoppen, er sass ohne Bewegung auf dem Stuhl, und sein Weib war nah, an ihrem trocknen Husten zu ersticken. Die Furcht zwang indessen die ubrigen, vergnugte Gesichter zu zeigen, und man trank unter lautem Vivat des neuen Ritters Gesundheit. Wahrend dem Gerausche fullte auf einmal ein dunner Nebel den Saal. Die Glaser fingen an auf dem Tische herumzutanzen. Die gebratnen Ganse, die Enten, Huhner, Spanferkel, Kalber-, Schafs- und Ochsenbraten schnatterten, krahten, grunzten, blokten, brullten, flogen uber dem Tische und liefen auf dem Tische. Der Wein trieb in blauen Feuerflammen aus den Flaschen. Der Adelsbrief brannte loh zwischen den Fingern des bebenden Burgermeisters und ward zu Asche. Die ganze Gesellschaft sass da, verwandelt in possierliche Masken einer tollen Faschingsnacht. Der Burgermeister trug einen Hirschkopf zwischen den Schultern, alle die ubrigen, Weiber und Manner, waren mit Larven aus dem launigen Reiche der grotesken und bizarren Phantasie geziert, und jeder sprach, schnatterte, krahte, blokte, wieherte oder brummte in dem Tone der Maske, die ihm zuteil geworden. Dieses machte ein so tolles Konzert, dass Faust dem Teufel gestund, das Stuckchen mache seiner Laune Ehre. Der Schoppe allein, unter der Maske eines Pantalons, sass leblos da, und seine Frau wollte unter der Gestalt einer Truthenne ersticken. Nachdem sich Faust lange genug an dem Spuk ergotzt hatte, gab er dem Teufel einen Wink, und sie fuhren zum Fenster hinaus, nachdem der letztere fur diesmal den gewohnlichen Gestank der Holle hinterlassen hatte.
Nach und nach verschwand der Spuk, und als die weisen Herren morgens in der Ratsstube erschienen, war nichts mehr davon ubrig als obiger Spruch, der in gluhenden Buchstaben an der Wand brannte und den man notgedrungen mit einer eisernen Ture bedeckte und nur jedem neuen Ratsmitglied unter dem Siegel der Verschwiegenheit als ein Staatsgeheimnis zeigte. Von allen diesem sagt nun die Geschichte oder, welches in Teutschland einerlei ist, die Chronik nicht ein Wort, und nun glaube ihr einer.
Der Burgermeister gewann wenigstens so viel bei dem Handel, dass der Schoppe gelahmt blieb und weiter nicht mehr im Rat erschien.
Zu merken: In dem Augenblick, da die Stadt Frankfurt der Reformation beitrat, vertilgte der Teufel diese gluhende Inschrift, und es ist keine Spur mehr davon zu sehen. Die Ursach davon liegt in der Rede des Satans. Man bemerkt diesen Umstand neugieriger Reisenden wegen und gibt ihnen den Wink, in Frankfurt nur nach der Goldnen Bulle zu fragen.
5.
Der Teufel Leviathan und Faust fuhren uber die Stadtmauern weg, und als sie sich auf dem flachen Felde befanden, sandte ersterer einen Geist nach dem Wirtshause, die Rechnung zu berichtigen und Fausts Geratschaft zu bringen. Darauf wandte er sich zu Faust und fragte ihn, wie er mit seinem Probstuck zufrieden sei.
FAUST: Hm, will der Teufel gelobt sein? so! so! Es freut mich ubrigens, dass du ihnen etwas angehangt hast; aber nie hatte ich's hinter dem ernsthaften Schuft gesucht, dass er sein Weib um des Wahns willen prostituieren wurde.
TEUFEL: Nur weiter, Faust, bald wirst du dich uberzeugen, dass dieses die Gottheit ist, die ihr anbetet und die ihr unter allerlei glanzenden Gestalten ausgeputzt habt, ihre Blosse zu verstecken. Man hort dir noch immer an, dass du dich mit den Buchern abgegeben und auf leerem Stroh gedroschen hast; freilich nicht der Weg zu dem Herzen der Menschen. Die Schuppen werden dir schon nach und nach von den Augen fallen. In deinem Vaterland ist ubrigens nicht viel zu tun. Moncherei, Scholastik, Prugeleien der Edelleute, Menschenhandel der Fursten mit ihren Untertanen, Bauernschinderei, das ist euer Getreibs. Ich muss dich auf eine Buhne fuhren, wo die Leidenschaften etwas freier wurken und wo man zu grossen Zwekken grosse Krafte anwendet.
FAUST: Und ich will dich zwingen, an den moralischen Wert des Menschen zu glauben, bevor wir mein Vaterland verlassen, wenn wir sagen konnen, dass wir eins haben. Nicht ferne lebt ein Furst, den ganz Teutschland als ein Muster der Tugend und Gerechtigkeit preist, diesen wollen wir besuchen und belauschen.
"Topp", sagte der Teufel, "ein solcher Mann konnte auch mir um der Seltenheit gefallen."
Der Geist kam mit Fausts Geratschaften an, sie schickten ihn nach Mainz voraus, um in einer Herberge Quartier zu bestellen. Faust wollte aus geheimen Absichten, die der Teufel roch, bei einem Eremiten an der Homburger Hohe ubernachten, der weit und breit im Geruch besondrer Heiligkeit stund. Sie erreichten um Mitternacht die Einsiedelei und klopften an. Der Eremit offnete ihnen, und Faust, der die reichen Kleider des Teufels umgeworfen hatte, entschuldigte die Dreistigkeit, die Ruhe eines so heiligen Mannes unterbrochen zu haben, mit dem Vorwand, sie hatten sich auf der Jagd verspatet und ihr Gefolg ausser einem Diener verloren. Der Eremit sah zur Erde und sagte seufzend:
"Derjenige, der dem Himmel lebt, darf der gefahrlichen Ruhe nicht pflegen. Ihr habt mich nicht gestort, und wollt Ihr ausruhen bis zum Aufgang der Sonne, so lasst es Euch gefallen, wie Ihr es findet. Wasser, Brot und Stroh zum Lager ist alles, womit ich Euch dienen kann."
FAUST: Bruder Eremit, wir haben das Notige bei uns, und ich bitte dich nur um einen Trunk Wasser.
Der Eremit nahm seinen Krug und ging nach der Quelle.
FAUST: Ich denke, in seinem Herzen wohnt Ruhe wie auf seiner Stirne, und preise ihn glucklich, dass er das nicht kennt, was mich dir verbunden hat. Ihm ist Glauben und Hoffnung Ersatz fur alles das, um deswillen ich der Verdammnis zueile; so scheint es wenigstens.
TEUFEL: Und scheint auch nur; wie, wenn ich dir bewiese, dass dein Herz rein wie Gold gegen das seinige ist?
FAUST: Teufel!
TEUFEL: Faust, du warst arm, verkannt, verachtet und sahst dich mit deinen grossen Fahigkeiten im Staub; du bist der Verachtung als ein kraftvoller Mann, auf Gefahr deines eigenen Selbsts, entsprungen und warst nicht fahig, deine Not mit dem Mord eines andern zu enden, wie dieser Heilige es tun wurde, wenn ich ihn in Versuchung fuhrte.
FAUST: Merke ich doch den listigen Teufel! Ich darf dir nur befehlen, deine Kunststucke auszuuben, und du wirst die Sinne dieses Gerechten so verwirren, dass er Taten unternimmt, die seinem Herzen fremd sind.
TEUFEL: Ist denn eure Tugend und Frommigkeit ein so zerbrechliches Ding, dass keiner daran schlagen darf, ohne sie zu zertrummern? Seid ihr nicht stolz auf euren freien Willen und schreibt durch ihn eure Taten eurem eignen Herzen zu? Ihr seid alle Heilige, wenn euch nichts in Versuchung fuhrt. Nein, Faust, ich will nichts hinzusetzen und seinen Sinnen nur den Koder zeigen, um sein Herz zu prufen. Braucht der Teufel in euch hineinzukriechen, da ihr durch eure Sinne gestimmt werdet?
FAUST: Und wenn dir's nicht gelingt, glaubst du, ich wurde deine Pfuscherei ungestraft lassen?
TEUFEL: Nun, so sollst du mir zur Strafe einen ganzen Tag von der Tugend der Menschen vorprahlen. Lass sehen, ob ihn dieses reizt.
Eine mit leckern Speisen und mit feurigen Weinen besetzte Tafel erschien in der Mitte der Einsiedelei. Der Eremit trat herein und stellte leise das Wasser vor Faust, entfernte sich in einen Winkel, ohne der uppigen Tafel zu achten.
FAUST: Nun, Bruder Eremit, wir haben aufgetischt, lasst es Euch nicht zweimal sagen und greift zu. Unbeschadet Eures heiligen Rufs mogt Ihr mitschmausen, denn auf Eurer Stirne lese ich, dass es Eurem Herzen gelustet. Kommt, einen Becher zu Ehren Eures Schutzheiligen. Wie heisst er?
EREMIT: Der heilige Georg.
FAUST: Er soll leben!
TEUFEL: Ho, ho, Bruder Eremit, der heilige Georg von Kappadozien, das war mir ein ganzer Kerl, und wenn Ihr den zum Muster nehmt, so werdet Ihr gut dabei fahren. Ich kenne seine Geschichte recht gut und will sie Euch zu Eurer Erbauung mit kurzen Worten erzahlen. Er war der Sohn sehr armer Leute und in einer elenden Hutte Ciliciens geboren. Als er heranwuchs, fuhlte er fruh seine Gaben und offnete sich durch Schmeichelei und Niedertrachtigkeit und Kuppelei die Hauser der Grossen und Reichen. Diese verschafften dem dienstfertigen Manne aus Dankbarkeit eine Lieferung fur die Armee des griechischen Kaisers. Er stahl aber dabei auf eine so grobe Art, dass er bald fluchtig werden musste, um nicht gehenkt zu werden. Hierauf schlug er sich zu der Sekte der Arianer und machte sich als ein offner Kopf bald zum Meister des dunklen, unverstandlichen Wirrwarrs der Theologie und Metaphysik. Um diese Zeit vertrieb der arianische Kaiser Constantius den gut katholischen und heiligen Athanasius vom bischoflichen Sitze Alexandriens, und der Kappadozier ward von einem arianischen Synod auf den bischoflichen Stuhl gesetzt. Hier war Euer Georg nun in seinem Elemente, er schwelgte und liess sich gut sein; da er aber durch Ungerechtigkeit und Grausamkeit die Gemuter seiner Untergebenen bis zur Verzweiflung trieb, schlugen sie ihn endlich tot und fuhrten seine Leiche auf einem Kamel im Triumph durch die Strassen Alexandriens. Seht, so ward er ein Martyrer, Euer und Engellands Schutzheiliger.
EREMIT: Die Legende sagt nichts davon.
FAUST: Ich glaub es wohl, Bruder, denn um der Wahrheit willen musste sie eigentlich der Teufel schreiben.
Der Eremit segnete sich.
FAUST: Ist Essen und Trinken eine Sunde?
EREMIT: Es kann dazu reizen.
TEUFEL: Dann musst Ihr schwach sein und schlecht mit dem Himmel stehen. Kampf und Versuchung ist der Triumph des Heiligen.
EREMIT: Der Herr hat recht; aber nicht alle sind Heilige.
FAUST: Seid Ihr glucklich, Bruder?
EREMIT: Ruhe macht glucklich und ein gutes Gewissen selig.
TEUFEL: Auch Ruhe reizt zur Sunde, und mehr als Speis und Trank; woher nehmt Ihr das?
EREMIT: Die Bauern bringen mir des kummerlichen Lebens Unterhalt.
FAUST: Und was tut Ihr fur sie?
EREMIT: Ich bete fur sie.
FAUST: Gedeiht es ihnen?
EREMIT: Ich hoffe, und sie glauben es.
TEUFEL: Bruder, Ihr seid ein Schelm.
EREMIT: Beleidigungen der sundigen Welt sind dem Gerechten notige Zuchtigung.
TEUFEL: Warum seht Ihr nicht aufwarts? Warum errotet Ihr? Nun denkt einmal, ich verstunde die Kunst, auf des Menschen Angesicht zu lesen, was in seinem Herzen spukt.
EREMIT: Desto schlimmer fur Euch, Ihr werdet Euch selten in Gesellschaft freuen.
TEUFEL: Ho! ho! wisst Ihr doch das? Er sah nach Faust.
EREMIT: Es ist eine sundige Welt, in der wir leben, und weh ihr, wenn Tausende nicht in die Einsamkeit eilten, ihr Leben dem Gebet weihten, um die Rache des erzurnten Himmels von dem Haupt der Sunder abzuwenden.
FAUST: Guter Bruder, Ihr schlagt Euer Gebet ziemlich hoch an; und glaubt mir nur, es ist noch immer leichter zu beten als zu arbeiten.
TEUFEL: Hort doch, Ihr habt da einen Zug um den Mund, der Euch zum Heuchler stempelt, und Eure Augen, die in einem so engen Kreise herumlaufen und immer gegen den Boden gekehrt sind, sagen mir, dass sie uberzeugt sind, sie wurden zu Verratern Eures Herzens, wenn sie aufblickten.
Der Eremit hub die Augen gen Himmel, betete mit gefaltnen Handen und sprach: "So antwortet der Gerechte dem Spotter."
FAUST: Genug! kommt, Bruder, und lasst es Euch gut mit uns sein.
Der Eremit war nicht zu bewegen, Faust sah den Teufel hohnisch an, der es noch hohnischer erwiderte. Auf einmal offnete sich schnell die Ture, und eine junge Pilgerin fuhr atemlos herein. Als sie sich von ihrer Furcht und ihrem Schrecken erholt hatte, erzahlte sie, wie sie ein Ritter verfolgt hatte, dem sie so glucklich gewesen zu entwischen und sich bei dem frommen Eremiten zu retten. Man bewillkommte sie freundlich und entdeckte eine bluhende, wollustig gebildete Schonheit in ihr, die dem heiligen Antonius selbst den Sieg uber das Fleisch wurde schwer gemacht haben. Sie setzte sich zu dem Teufel, nahm bescheiden Teil an dem Mahl, und der Teufel nahm sich Freiheiten mit ihr heraus, die anfangs den Eremiten emporten, endlich verwirrten, und da der Teufel in einem Augenblick ihren milchweissen, vollen, schimmernden und hebenden Busen aufdeckte, ihre schwarze Haare daruber rollten, so fuhlte er das gluhende Feuer der Lust von diesem Busen so heiss in den seinen hinuberfliessen, dass er beinahe vergass, dagegen zu kampfen. Die Pilgerin riss sich beschamt und zornig aus den Armen des Teufels, um Schutz bei dem Eremiten zu suchen, den er ihr vermoge seines Rocks nicht versagen konnte.
Der Teufel und Faust stellten sich trunken und zum Schlafe geneigt; ehe sie sich niederwarfen, steckte der Teufel vor des Eremiten Augen einen schweren Beutel voll Gold unter die Streu, legte seine und Fausts reiche Ringe in eine Schachtel, die letzterer zu sich nahm. Auf den Tisch legten sie ihre Schwerter und Dolche, warfen sich nieder und schnarchten.
Die Pilgerin nahte leise dem Tische, goss mit ihrer niedlichen und schneeweissen Hand einen Becher voll schaumenden Weins. Sie kostete den Rand mit ihrem reizenden, frischen Munde und reichte ihn dem Eremiten dar. Er stund da wie betaubt, und in der Verwirrung leerte er diesen und einige folgende aus und verschluckte gierig die Leckerbissen, die ihm die Zauberin, einen nach dem andern, in den Mund steckte. Hierauf zog sie ihn hinaus, bat ihn unter Tranen um Vergebung, dass sie gezwungen seine heilige Augen beleidigt hatte; tat dabei so wehmutig und untrostlich, fasste seine Hande so warm, liess sich endlich vor ihm auf die Knie nieder, und da in diesem Augenblick ihre Brust sich offnete und der silberne Mond ihren schimmernden Busen erleuchtete, der leise Wind ihre schwarzen Locken darauf hin und her bewegte, so erwachte das Gefuhl der unterdruckten Natur so sturmend in dem Eremiten, dass er an diesen blendenden Busen sank, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Die Pilgerin fuhrte ihn unmerklich von einer Stufe der Lust zu der andern, und da er eben hoffte, sich seinem Wunsche zu nahen, so lispelte sie ihm leise ins Ohr, sie wurde ewig die seinige sein, wenn er sie zuvor an diesen Frechen rachen und sich ihres Schatzes bemachtigen wollte, durch dessen Besitz sie beide ein seliges, wollustiges Leben bis an ihr Ende fuhren konnten.
Der Eremit erwachte ein wenig aus seinem Taumel und fragte sie zitternd, wie sie das verstande und was sie an ihn forderte.
Unter uppigen Kussen, wollustigen Seufzern lispelte sie ihm noch leiser ins Ohr, indem sie ihren heissen Busen gegen sein schlagendes Herz druckte: "Ihre Dolche liegen auf dem Tische, du ermordest den einen, ich den andern, kleidest dich in ihr Gewand, bemachtigest dich ihres Schatzes, wir stecken die Einsiedelei an und fliehen nach Frankreich."
Der furchterliche Gedanke des Mords schauderte durch die Sinne des Eremiten, die Wollust raste in seinem Herzen, er strauchelte, wankte, blickte auf die Reize der Zauberin, fuhlte sich in ihrem Besitz, sah, dass er sie und den Schatz ohne Gefahr erhalten konnte, alle vorige Empfindungen verschwanden, und er vergass den Himmel und seinen Beruf. Die Pilgerin stiess den Taumelnden in die Zelle, er fasste einen Dolch, sie den andern, wollte den Streich gegen Fausten fuhren, der Teufel erhub ein Hohnlachen der Holle, und Faust sah den Eremiten mit gezucktem Dolche an seiner Seite knien.
FAUST: Verdammter, der du unter der Larve der Frommigkeit deine Gaste ermorden willst!
Der Eremit sank bebend zur Erde. Die Pilgerin, eine Gaukelei der Holle, zeigte sich ihm in furchterlicher Gestalt und verschwand.
Faust befahl dem Teufel, die Hutte anzustecken und sie mit dem Heuchler zu verbrennen. Der Teufel gehorchte frohlockend, und die Einsiedelei brannte auf. Den folgenden Morgen wehklagten die Bauern uber den Tod des Gerechten, sammelten seine Knochen und verehrten sie als Reliquien des frommen Eremiten.
6.
Faust und der Teufel kamen morgens in Mainz an und stiegen bei Fausts Wohnung ab. Sein junges Weib fiel ihm mit einem hellen Freudenschei um den Hals, herzte ihn und brach dann in wehmutige Tranen aus. Die Kinder hingen sich larmend an seine Knie, durchsuchten begierig seine Taschen, ob er ihnen etwas mitgebracht. Der alte graue Vater nahte sich mit zitternden Knien und reichte dem Sohn traurig die Hand. Fausts Herz bewegte sich, er fuhlte seine Augen nass, er bebte und sah zornig nach dem Teufel. Als er seine Frau fragte, warum sie weinte, antwortete sie schluchzend: "Ach sieh doch, Faust, wie die Hungrigen in deinen Taschen nach Brot suchen, wie kann ich dies ohne Tranen ansehen! sie haben lange nichts gegessen, wir waren so unglucklich, alle deine Freunde haben uns verlassen, aber nun ich dich wiedersehe, ist mir, als erblickte ich das Angesicht eines Engels. Ich und dein Vater haben noch mehr um dein- als um unsertwillen gelitten. Wir hatten so furchterliche Traume und Erscheinungen; wenn sich meine von Tranen muden Augen schlossen, sah ich dich gewaltsam von uns gerissen und alles war so finster und schrekkend "
FAUST: Dein Traum, Liebe, geht einesteils in Erfullung. Sieh, dieser Herr will die Verdienste deines Mannes belohnen, den sein hartes Vaterland misskannte und verstiess. Ich habe mich ihm verbunden, eine lange und weite Reise mit ihm zu machen.
DER ALTE FAUST: Mein Sohn, bleibe im Lande und nahre dich redlich, sagt die Schrift.
FAUST: Und sterbe Hungers, ohne dass man sich deiner erbarmt, sagt die Erfahrung.
Die Mutter jammerte noch klaglicher, die Kleinen schrien um Brot. Faust winkte dem Teufel, der einen Diener heraufrief, welcher bald darauf einen schweren Kasten hereinschleppte. Faust offnete den Kasten und warf einen schweren Sack voll Gold auf den Tisch. Da er den Sack aufmachte und das Gold schimmerte, verbreitete sich Heiterkeit auf die traurigen Gesichter. Hierauf zog er schone Kleider und Kleinodien aus dem Kasten und ubergab sie seinem Weibe. Die Tranen verschwanden, die Eitelkeit leckte sie weg wie die Sonnenhitze den Tau, und Munterkeit goss sich uber das Angesicht des jungen Weibs. Der Teufel lachelte, und Faust murrte in seinen Bart: "O Zauber des Golds! Magie der Eitelkeit! ich kann nun wegreisen, ohne dass es andre Tranen als Tranen der Verstellung kosten wird. Nun, Weib, sieh, dies sind die Fruchte meiner Reise, sag, ist es nun besser, dass ich im Lande mit euch allen darbe?"
Die junge Frau horte nichts, sie stund mit den schonen Kleidern und Kleinodien vor dem Spiegel und versuchte alle die Herrlichkeiten. Die kleinen Madchen hupften um sie herum, bewunderten sie, nahmen die Putzstucke, die sie weglegte, und ahmten die Mutter nach. Indessen brachte ein Diener ein volles Fruhstuck, die Kleinen fielen daruber her, schrien und jauchzten. Die Mutter hatte den Hunger vergessen.
Fausts Vater sagte seinem Sohn leise: "Hast du dies alles auf eine redliche Art erworben, so lass uns Gott danken, mein Sohn, und des Bescherten geniessen. Ich habe seit einigen Nachten schreckliche Gesichter und Ahndungen gehabt, doch ich hoffe, sie kommen von unserm Kummer her."
Diese Anmerkung des Alten wollte tief in Fausts Seele sinken; aber die Freude, seine Kinder so gierig und vergnugt essen zu sehen, zu bemerken, wie freundlich und dankbar sein altester Sohn und Liebling nach ihm blickte, der Gedanke, ihrem Elend abgeholfen zu haben, der Missmut uber das Vergangene, der innere Zug nach Genuss dampften die Aufwallung. Der Teufel legte noch eine Summe zu dem Golde, beschenkte die junge Frau mit einem edlen Halsschmuck, gab jedem der Kinder etwas und versicherte die Familie, er wurde Fausten reich, gesund und glucklich zuruckbringen.
7.
Faust ging hierauf mit dem Teufel zu einem Freund, den er in grosser Betrubnis antraf. Er fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit, und er antwortete ihm, dass diesen Mittag der ihm bekannte Prozess abgeurteilt wurde, und er ware gewiss, ihn zu verlieren, so sehr auch das Recht auf seiner Seite sei. "Meister Faust", setzte er hinzu, "mir bleibt nichts ubrig, als zu betteln oder mich in den Rhein zu sturzen, wo er am tiefsten ist."
FAUST: Wie konnt Ihr gewiss sein, dass Ihr den Prozess verliert, da das Gesetz fur Euch ist?
FREUND: Aber die funfhundert Goldgulden meines Widersachers sind gegen mich, und da ich ihn nicht uberbieten kann, so muss ich zugrund gehen.
FAUST: Liegt's nur an dem? kommt und fuhrt mich zu Eurem Richter. Ich habe hier einen Freund, der solchen Noten gern abhilft.
Sie fanden in dem Richter einen aufgeblasnen stolzen Mann, der einen armen Klienten kaum eines Blicks wurdigte. Faust kannte ihn langst fur das, was er war. Der Richter fuhr Fausts Freund verdriesslich an: "Was qualt Ihr mich, wisst Ihr doch, dass Tranen die Gerechtigkeit nie bestechen?"
Der gebeugte Freund sah demutig zur Erde.
FAUST: Gestrenger Herr, da habt Ihr recht, Tranen sind auch nur Wasser und beissen nur das Auge dessen, der sie weint; aber doch wisst Ihr, dass mein Freund das Recht fur sich hat.
RICHTER: Meister Faust, Ihr seid mir als ein Mann bekannt, der Hab und Fahrt verprasst und eine lose Zunge hat. Was kummern seine Tranen die Gerechtigkeit? Recht und Gesetz sind zweierlei; hat Euer Freund das erste fur sich, so hat er darum noch nicht das zweite.
FAUST: Ihr sagt, Recht und Gesetz sind zweierlei, ungefahr wie Richter und Gerechtigkeit, meint Ihr doch?
RICHTER: Meister Faust, ich sagte Euch, Ihr seid mir bekannt
FAUST: Wir betrugen uns vielleicht einer in dem andern, wohlweiser Herr; aber lohnt's doch der Muhe nicht, den Mohren weiss waschen zu wollen. Er machte die Ture auf, der Teufel trat ein. Hier ist ein Freund, der Euch ein Dokument vorlegen wird, das, wie ich hoffe, der Sache meines Freundes eine bessre Wendung geben soll.
Als der Richter den reich gekleideten Teufel sah, nahm er eine freundlichere Miene an und bat sie alle, niederzusetzen.
FAUST: Wir konnen es im Stehen abtun. Zu dem Teufel. Zeigt doch das Dokument vor, das wir ausgefunden haben.
Der Teufel zahlte bis zu funfhundert Goldgulden, dann hielt er innen.
RICHTER: Das Dokument ist nicht ubel, meine Herren; doch die Gegenpartei hat langst eins von gleichem Gewicht eingegeben.
FAUST: So mussen wir die Grunde fur uns schwerer machen. Der Teufel zahlte bis tausend, dann hielt er innen.
RICHTER: In der Tat, diesen Umstand hatt ich ganz ubersehen, und solchen Beweisen ist nicht zu widerstehen.
Er raffte das Gold zusammen und verschloss es in seinen Schrank.
FAUST: Ich hoffe doch, Recht und Gesetz sind nun einverstanden.
RICHTER: Ihr versteht die Kunst, Meister Faust, die argsten Feinde auszusohnen.
Faust, den die Schlechtigkeit des Richters ebenso sehr beleidigte wie seine Grobheit, lispelte dem Teufel beim Weggehen ins Ohr: "Rache die Gerechtigkeit an diesem Bosewicht!"
Hierauf trennte er sich von seinem Freunde, ohne seinen Dank abzuwarten, ging weiter mit dem Teufel, seine Schulden zu bezahlen. Besuchte dann seine ubrigen Freunde, gab uberall mit vollen Handen, selbst denen, die ihn im Ungluck verlassen hatten, und fuhlte sich glucklich, seiner angebornen Grossmut und Freigebigkeit ohne Mass und Einschrankung den Zugel schiessen lassen zu konnen. Der Teufel, der weitersah und bemerkte, wie er ohne alle Uberlegung wegwarf, freute sich der Folgen.
8.
Sie kamen nach dem Gasthofe. Faust, dem nun das Betragen seiner Frau wieder einfiel, war murrisch und betroffen, er konnte es ihr nicht vergeben, dass ihr weiter keine Klagen uber seine Entfernung entfahren seien, nachdem sie das Gold und die Kleinodien gesehen hatte. Er glaubte sich bisher mehr von ihr geliebt als alle Schatze der Erde und dachte, sie wurde dieselben um seinetwillen fahren lassen. Diese Bemerkung uber eine ihm so nahe Person machte einen widrigen Eindruck auf sein Herz. So strenge richtet und schliesset nur der, den sein eignes Herz verurteilt, als Faust diesen Augenblick in seinem Innern tat. Der Teufel merkte, wo es ihn druckte, liess ihn gern an diesen dustern Gedanken zerren, damit er das susse Band, worin ihn die Natur noch leise gefesselt hielt, ganz zerreissen mochte. Er sah mit innigem Genusse die schreckliche Qual, die einst daraus entspringen wurde, wenn die Zukunft alle die Ungeheuer enthullen sollte, womit der verwegne Faust sie zu fullen auf dem Wege war.
Mittags speisten sie mit einigen Abten und Professoren an der Wirtstafel, die zur Ergotzung des Teufels bald in einen heftigen Streit uber die Nonne Klara gerieten. Noch war das Kriegsfeuer in aller Starke, der Parteigeist raste in allen Hausern, und die Streiter am Tische gebardeten sich so wutend, sagten uber den bekannten Fall so tolle Sachen, dass Faust alle ubele Laune vergass. Als aber ein Doktor der Theologie behauptete, es sei moglich, dass der Teufel sein Spiel so weit getrieben hatte, die Nonne durch den Traum in gewisse Umstande zu versetzen, brach der Teufel in ein brullendes Lachen aus, und Fausten fuhr der Gedanke durch den lusternen Sinn, sich auf eine schreiende Art an dem Erzbischof zu rachen, der seiner Erfindung so wenig geachtet. Er hoffte dadurch den Gegenstand des theologischen und politischen Haders und Zweikampfs in Mainz so zu verwirren, dass kein menschlicher Geist dieses Chaos mehr auseinanderwickeln sollte. Er bedachte nicht, dass er ihm dadurch ein Ende machte. Nach Tische befahl er dem Teufel, ein Mittel auszusinnen, dass er diese Nacht unter der Gestalt des Dominikaners bei der Nonne Klara liegen konnte. Der Teufel erwiderte, es sei ein leichtes, und wenn es ihm gefiele, so sollte ihn die Abtissin selbst iss die Zelle der Nonne fuhren. Faust spottete des Teufels, denn die Abtissin war ihm als eine fromme, strenge und gewissenhafte Frau bekannt.
TEUFEL: Faust, dein Weib erhub ein Zetergeschrei, als du ihr deine Reise ankundigtest; aber da der Schimmer des Goldes und des Putzes in ihre Augen strahlte, lachte das Herz des Kummers. Ich sage dir, die Abtissin soll dich in die Zelle der Nonne fuhren, und ich will keine ubernaturliche Mittel gebrauchen. Du selbst sollst Zeuge sein, wie die alte Vettel in die Angel beissen wird. Komm, wir wollen ihr unter der frommen Gestalt zweier Nonnen einen Besuch machen. Ich kenne die Lage der Kloster, die Gesinnungen der Nonnen und Monche in Teutschland genau, um sie vorstellen zu konnen. Ich will die Abtissin der schwarzen Nonnen vorstellen und du ihre Freundin, die Schwester Agathe.
In diesem Augenblick kam Fausts Freund voller Freude, ihm die Nachricht von dem glucklichen Ausgang seines Prozesses zu uberbringen. Er wollte Fausten und dem Teufel danken, Faust aber sagte: "Ich entlasse Euch alles Danks und empfehle Euch meine Familie in meiner Abwesenheit." Der Teufel lachelte uber sein Zutrauen. Faust raunte diesem ins Ohr: "Es ist Zeit, denke des Richters!"
9.
Der Richter wollte nachmittags seinem geliebten Weibe die tausend Goldgulden des Teufels vorzahlen, zog sehr hastig die Schublade heraus und fuhr bei ihrem Anblick bebend zuruck. Die Goldstucke hatten sich in Mause und grosse Ratten verwandelt, die alle herausfuhren und wutend nach seinem Gesicht und seinen Handen sprangen. Der Richter, der von Natur einen grossen Abscheu gegen diese Tiere hatte, floh aus der Stube, sie ihm nach und hingen sich an seine Ferse. Er sturzte zu dem Hause hinaus, lief durch die Strassen, das Ungeziefer verfolgte ihn. Er rannte aufs Feld, sie liessen nicht ab. So trieben sie den Angstvollen bis in den steinernen Mautturm im Rhein. Hier dachte er das Ende ihrer Verfolgung gefunden zu haben; aber Ratten und Mause aus der Holle scheuen das Wasser nicht. Sie schwammen hindurch, fielen uber ihn her und frassen ihn lebendig auf. Von dieser Zeit an nennte man diesen Turm den Mauseturm. Seine Frau erzahlte in der Besturzung die Geschichte der Verwandlung der Goldstucke, wodurch sich ihr unglucklicher Mann hatte verblenden lassen, und seit diesem Vorfall hat man im ganzen Erzstift Mainz kein Beispiel erlebt, dass sich ein Richter oder Advokat hatte bestechen lassen. Der Teufel muss dieses nicht bedacht haben, sonst hatte er gewiss den Spuk bleiben lassen.
10.
Der Teufel und Faust stunden verwandelt und vermummt in dem Kreuzgang des Nonnenklosters. Die Pfortnerin lief voraus, was sie konnte, der Abtissin den vornehmen Besuch anzukundigen. Die Abtissin empfing sie mit allen den frommelnden Klosterbegrussungen, die der Teufel in gleichem Tone beantwortete. Man trug Zuckergebacknes und feine Getranke auf, schnatterte von Klostergeschichten, von der argen Welt, und der Teufel lenkte seufzend die Unterredung auf Klaras Geschichte. Klarchen, die vermoge ihrer Verwandtschaft das Schosskind des Klosters war, stund neben der Abtissin und lachelte unter ihrem Schleier. Faust bemerkte das Lacheln, verschlang sie mit den Augen und freute sich des bevorstehenden Abenteuers, denn nie dunkte ihn, einen reizendern Schalk unter dem heiligen Schleier gesehen zu haben. Der Teufel gab dem Gesprache eine ernste Wendung und liess die Abtissin merken, er hatte ihr wichtige Sachen zu vertrauen.
ABTISSIN zu Klara: Lammchen, Ihr konnt nun zu den Nonnen in Garten gehen und Euch ergotzen. Ich will Euch, des vornehmen Besuches der Abtissin zu Ehren, Zuckergebacknes schicken, dass Ihr den Tag ihres Besuchs feiern mogt.
Klarchen sprang weg. Nach einigen Worten, wobei der Teufel sehr bedenklich und angstlich tat, um die Abtissin zu reizen, in ihn zu setzen, fing er an, seinem Zwecke naherzukommen.
TEUFEL: Ach, liebe Schwester, wie sehr bedaure ich Euch! Es ist wahr, und das kann Euch trosten, die ganze Stadt und das ganze Land sind von Eurer Heiligkeit, Eurer Frommigkeit und Strenge uberzeugt. Ihr seid ein lebendiges Muster der Braute des Himmels; aber leider! Welt ist Welt, und oft flosst der bose Feind den Weltmenschen bose Gedanken ein, um die durch sie zu sturzen, die ihm ein Dorn in den Augen sind. Er kann es nicht leiden, der hassliche Satan, dass Ihr Eure Schafchen in aller Reinheit weidet. Wie gesagt, ich bedaure Euch herzlich, und noch mehr die armen Schafchen, die Euch anvertraut sind; was wird aus ihnen werden, wenn sie Euch verlieren?
ABTISSIN: Liebe Schwester, seid darum unbesorgt; ob ich gleich alt bin, so bin ich doch, dem Himmel sei Dank, gesund und frisch, und die kleinen Ungemachlichkeiten, ach! eine Folge der Enthaltsamkeit, des strengen Lebens und der Busse, sichern eher mein hinfalliges Leben, als dass sie es bedrohen. Wenigstens sagt mir dies immer der Arzt des Klosters, wenn ich mich beklage.
Der Teufel sah sie bedeutend an:
"Habt Ihr denn gar keine Ahndung von dem, was Euch bevorsteht? Kein warnendes Traumgesicht? Hat sich seit einiger Zeit gar nichts im Kloster zugetragen, das Euch aufmerksam auf die Zukunft macht? Es pflegt doch gewohnlich zu geschehen, dass fromme Seelen durch gewisse Zeichen von dem unterrichtet werden, was ihnen bevorsteht."
ABTISSIN: Ihr erschreckt mich, dass ich am ganzen Leibe zittre. Lasst mich doch nachsinnen ja, ja, nun erinnre ich mich ich schlafe sehr unruhig traume von Kirchhof und Leichen und vor einigen Tagen o gewiss ist dies ein Zeichen und Warnung. Vor einigen Tagen, liebe Schwester, ging ich mit dem Hundchen, das hier in meinem Schosse schlaft und das ein gar sittsames Tier ist, spazieren. Ich war ganz allein, und die Nonnen erzahlten sich unter den Linden Marchen. Auf einmal sprang der grosse Hund des Gartners nach meiner Pietas, so heisst das Hundchen, und wollte das Werk des Teufels mit ihr treiben. Ich bebte an allen Gliedern, schlug ein Kreuz nach dem andern vor die Brust, es wollte alles nichts helfen. Endlich schlug ich mit meinem Stabe auf den grossen Hund, schlug aus Leibeskraften auf das hassliche Tier, das das Kloster entweihte, und schlug, schlug, bis der Stab, den mir der hochselige Erzbischof bei meiner Einweihung als Abtissin verehrte, mitten entzwei brach. Sollte dies nicht ein Vorzeichen von Bedeutung sein?
Der Teufel und Faust taten erschrocken:
"Ach, das schlimmste von der Welt!"
TEUFEL: Nun ist alles klar und wahrhaftig. Hab ich's Euch nicht gesagt, Schwester Agathe?
Faust beugte sich demutig.
ABTISSIN: So redet doch, ich bebe am ganzen Leibe.
TEUFEL: Fasst Euch, liebe Schwester, noch ist Rettung da, vielleicht, dass ich sie Euch bringe. Bedenkt wohl, dass es der Stab war, den Euch der Erzbischof bei Eurer Einweihung als Abtissin verehrte, und hort mir dann aufmerksam zu. Ihr kennt doch meinen Bruder, den Domherrn? Nun, er vertraute mir eine ganz erschreckliche Sache, und eben darum bin ich zu Euch gekommen. Er nahm zwar eine Verpflichtung von mir, es Euch nicht zu sagen; aber weiss ich doch, dass es besser ist, eine kleine Sunde zu begehen, wenn man einer grossern zuvorkommt und die Absichten des Teufels stort.
ABTISSIN: Da habt Ihr recht, und die Kirchenvater selbst lehren uns das, wie mein Beichtvater sagt.
TEUFEL: So wisst denn, der Erzbischof hat endlich das Kapitul so weit gebracht, dass sein Vorschlag durchgegangen ist, Euch nach Verlauf einiger Monate abzusetzen und seine Nichte Klara als Abtissin einzuweihen.
"Jesus Maria!" rief die Abtissin, rang die Hande und fiel in Ohnmacht. Der Teufel machte ein saures Gesicht bei ihrer Ausrufung, und Faust rieb ihr lachend die runzlichten Schlafe. Nachdem sie sich erholt hatte, brach sie in eine Tranenflut und in die bittersten Verwunschungen uber die Bosheit der Welt aus.
TEUFEL: Verzweifelt nicht, liebe Schwester, fur ein Ubel, das noch nicht geschehen ist, kann man immer Mittel finden.
ABTISSIN: Und was ratet Ihr mir Unglucklichen? Ach, der Himmel erbarme sich, was soll aus mir, was soll aus den Nonnen werden?
TEUFEL: Ich sagte Euch schon, dass es oft besser sei, eine kleine Sunde zu begehen, um einer grossern vorzukommen, und Ihr selbst bewiest es aus den Kirchenvatern und setztet hinzu, dass man dadurch den Absichten des Teufels und derer er sich bedient entgegenarbeitet; aber liebe Schwester, dazu gehort Mut und Verstand, es so einzufadeln, dass ein dritter die Hauptsunde davontrage und man ohne Gefahr fur sich und seine Seele seinen Zweck erhalte.
ABTISSIN: Ach, liebe Schwester, und wie ist das anzufangen?
TEUFEL: Ich bin einmal in unserm Kloster in gleichem Fall gewesen, die fromme Schwester Agathe hier ist mein Zeuge, sie hat alles angesehen, dazu geholfen, und Ihr habt sie nicht zu furchten.
Faust verbeugte sich demutig.
TEUFEL: Eine Nonne, die durch sundlichen Verstand und noch sundlichere Schonheit bei den Grossen Schutz gefunden hatte, sollte durch ihre Hulfe uber mich hinaussteigen. Ach, Ihr fuhlt nun, wie das tut, wenn man auf einmal gehorchen soll, nachdem man so lange unumschrankt geherrscht hat! Ich ging in Gegenwart der Schwester Agathe mit einem meiner Anverwandten zu Rat, er war in Gewissens- und Sundenfallen sehr bewandert und wusste auf ein Haar, was verdammlich und nicht verdammlich sei. Dieser kluge Mann nun gab mir einen Rat, der mir aus der Not half und wofur ich noch heute seine Asche segne. Anfangs schien er mir freilich sundlich, aber er versicherte mich und bewies mir's aus den Kasuisten, dass Fasten und ein wenig Disziplin ihm das Arge und Verdammliche benehmen wurden.
ABTISSIN: Und der Rat? der Rat?
TEUFEL: Ich schame mich, es Euch laut zu sagen.
ABTISSIN: So lispelt mir's in das Ohr. Was die Abtissin der schwarzen Nonnen ohne Gefahr ihrer Seligkeit tun konnte, mag auch die Abtissin der weissen tun.
TEUFEL ihr leise ins Ohr: Er riet mir, es zu veranstalten oder geschehen zu lassen, dass die mir gefahrliche Nonne die Sunde des Fleisches beginge.
ABTISSIN sich kreuzigend: Heilige Ursula! dies ist ja Teufelswerk und fuhrt grade zur Holle.
TEUFEL: Den, der sie begeht, liebe Schwester, und das rate ich Euch ja nicht. Bedenkt doch, wenn Ihr um der heimlichen Sunden Eurer Nonnen verdammt wurdet, wie sollte es Euch ergehen?
ABTISSIN: Aber um aller Heiligen willen, wie konntet Ihr eine so gefahrliche Sache ausfuhren, ohne dass es entdeckt wurde?
TEUFEL: Oh, mein Fall war viel schwerer wie der Eurige, denn Euch begunstigt schon das Gerucht von dem Traume, der die ganze Stadt erfullt hat. Wenn Ihr nun einen Mann unter der Gestalt des Dominikaners in Klaras Zelle schleichen lasst und die Zeichen der sundigen Tat darauf erscheinen, wird nicht die ganze Welt sagen, es sei ein Spiel des Erbfeinds der Menschen? Lasst dem Satan den schlechten Ruf und bleibt auf Eurem Stuhl, mit der Herrschaft geschmuckt, sitzen, die dem Himmel gefallt. Dieses rate ich Euch zu Eurem Besten, aus Freundschaft fur Euch, und Ihr mogt es nun machen, wie Ihr wollt.
Die Abtissin sass stumm da und betete in der Verwirrung leise ihren Rosenkranz herunter. "Die Sunde des Fleisches soll retten Ave Maria! es ist Eingebung des Satans Heilige Ursula, erleuchte mich!" sie sah nach dem Bilde der Heiligen. "Die Schande und Argernis fur das Kloster werden gross sein Ave Maria! es wird auf die Rechnung des Teufels geschrieben werden aber ich kann verdammt dadurch werden! pater noster soll ich nun eine Magd im Kloster werden und in meinen alten Tagen mich von Hohern qualen lassen, nachdem ich so lange die Nonnen gequalt habe? wir wurden ihrer los, das sundliche Geschopf hatte ohnedies der ganzen Stadt Argernis gegeben. Hm, ich soll nicht mehr die Nonnchen auskeifen; und wie wurde sich diese und jene an mir rachen? Ave Maria! ich will meine ubrigen Tage als Abtissin ausleben, dem Kloster zum Besten, es koste, was es wolle!"
Der Teufel feuerte zu, und der Anschlag ward gefasst. Beim Weggehen sagte der Teufel zu Faust:
"Was hab ich nun anders getan, als dass ich den Stolz dieser alten Vettel fragte, ob es besser sei, die gefurchtete Verdammnis zu wagen oder die tyrannische Gewalt uber die armen Nonnen aufzugeben, die sie nur noch eine kurze Zeit auszuuben hat?"
So wohl Fausten der Spass gefiel, so sehr missfiel es ihm, dass der Teufel immer recht behielt. Abends fuhrte ihn die Abtissin unter der Vermummung des Dominikaners selbst in Klaras Zelle, wahrend die Nonnen in der Vesper waren. Klarchen erschien, und nachdem sie sich der heiligen Ursula empfohlen, legte sie sich nieder. Ihre Einbildungskraft, die einmal auf gewisse Dinge gespitzt war, wiederholte oft in Traumen die vorige Erscheinung, sie lag eben in einer solchen Entzuckung, als Faust zu ihr schlich, die Erscheinung zu verkorpern. Klarchen hielt wachend das Spiel fur Traum, genoss seiner und fuhlte die Sunde der Lust in all ihrem Reiz. Die Abtissin gab sich indessen in ihrer Zelle die Disziplin und gelobte, jede Woche, um ihrer Seele willen, einmal zu fasten. Der Erfolg dieser Nacht endigte auf einmal den Krieg in Mainz, aber fur das arme Klarchen war er schrecklich.
Faust nahm nun Abschied von seiner Familie. Es wurden wenig Tranen vergossen, und sein Vater gab ihm traurig heilsame Lehren.
11.
Als er mit dem Teufel uber die Rheinbrucke ritt, sich an der nachtlichen Szene ergotzte und Glossen uber die Abtissin machte, sahe er ferne einen Menschen im Wasser, der dem Ersaufen nahe war und nur noch matt mit dem nahen Tod kampfte. Er befahl dem Teufel, den Menschen zu retten. Dieser antwortete ihm mit bedeutendem Blicke:
"Faust, bedenke, was du forderst, es ist ein Jungling, und vielleicht ist es besser fur ihn und dich, dass er hier sein Leben endet."
FAUST: Teufel, nur zum Bosen bereit, willst du mich dahin bringen, dem Ruf der Natur zu widerstehen? Eile und rette ihn.
TEUFEL: Du kannst wohl nicht schwimmen gut! Die Folgen seien dein Gewinn; du wirst es bereuen.
Er eilte hin und rettete den Jungling. Faust trostete sich, durch eine gute Handlung die sundige Nacht versuhnt zu haben, und der Teufel lachte des Trosts.
Drittes Buch
1.
Der Teufel hatte Fausten durch einige Abenteuer gefuhrt, die nebst den vorhergehenden seinem Herzen bloss zur Vorbereitung auf die Sturme des Lebens, welche er vermoge seiner Menschenkenntnis vorsah, dienen sollten. Das, was Faust bisher gesehen hatte, erfullte seinen Busen hochstens mit Hohn und Bitterkeit; aber die Szenen, die sich nun eroffnen, rissen nach und nach solche tiefe Wunden hinein, dass sein Verstand sie nicht mehr zu tragen und zu heilen fahig war. Und nur ein Grosser der Erde oder, welches meistens einerlei ist, ein Schopfer und Mitwurker des menschlichen Elends, kann sie gelassen ansehen.
Der Teufel und Faust ritten unter Gesprachen an der Fulda hin, als sie unter einem Eichbaum, nahe bei einem Dorfe, ein Bauernweib mit ihren Kindern sitzen sahen, die leblose Bilder des Schmerzes und der stumpfen Verzweiflung zu sein schienen. Faust, den die Tranen ebenso gut wie die Freude anzogen, nahte sich hastig und fragte die Elenden um die Ursach ihrer Not. Das Weib sah ihn lange starr an. Nur nach und nach taute sein freundlicher Blick ihr Herz so weit auf, dass sie ihm unter Tranen und Schluchzen folgendes mitteilen konnte:
"In der ganzen Welt ist niemand unglucklicher als ich und diese arme Kinder. Mein Mann war dem Furstbischof seit drei Jahren die Gebuhren schuldig. Das erste Jahr konnte er sie wegen Misswachs nicht bezahlen, das zweite frassen die wilden Schweine des Bischofs die Saat auf, und das dritte ging seine Jagd uber unsre Felder und verwustete die Ernte. Da der Amtmann meinen Mann bestandig mit Pfandung bedrohte, so wollte er heute ein gemastetes Kalb mit dem letzten Paar Ochsen nach Frankfurt fuhren, sie zu verkaufen, um die Gebuhren zu bezahlen. Als er aus dem Hofe fuhr, kam der Haushofmeister des Bischofs und verlangte das Kalb fur die furstliche Tafel. Mein Mann stellte ihm seine Not vor, bat ihn, die Ungerechtigkeit zu bedenken, dass er das Kalb fur nichts hingeben sollte, das man ihm in Frankfurt teuer bezahlen wurde. Der Haushofmeister sagte, er wisse doch wohl, dass kein Bauer etwas uber die Grenze fuhren durfte, was ihm anstunde. Der Amtmann kam mit den Schergen dazu, anstatt meinem Manne beizustehen, liess er die Ochsen ausspannen, der Haushofmeister nahm darauf das Kalb, mich trieben die Schergen mit den Kindern von Haus und Hof, und mein Mann schnitt sich in der Scheune aus Verzweiflung den Hals ab, wahrend sie unser Hab und Gut wegfuhrten. Da, seht den Unglucklichen unter diesem Tuche! Wir sitzen hier, seinen Leichnam zu bewachen, damit ihn die wilden Tiere nicht fressen, denn der Pfarrer will ihn nicht begraben."
Sie riss das weisse Tuch von der Leiche weg und sank zu Boden. Faust fuhr bei dem schrecklichen Anblick zuruck. Dicke Tranen drangten sich aus seinen Augen, er rief: "Menschheit! Menschheit! ist dies dein Los?" zum Himmel. "Liessest du diesen Unglucklichen darum geboren werden, dass ihn ein Diener deiner Religion durch Verzweiflung zum Selbstmord treibe?" Er deckte den Unglucklichen zu, warf der Frau Gold hin und sagte: "Ich gehe zum Bischof, ich will ihm Eure ungluckliche Geschichte erzahlen, er muss Euren Mann begraben, Euch das Eurige zuruckgeben und die Bosewichter bestrafen."
Diese Geschichte machte einen so starken Eindruck auf ihn, dass sie schon an dem bischoflichen Schlosse waren, bevor er seiner Empfindung Luft machen konnte. Man nahm sie sehr gut auf und lud sie zur Tafel. Der Furstbischof war ein Mann in seinen besten Jahren und so ungeheuer dick, dass das Fett seine Nerven, sein Herz und seine Seele ganz uberzogen zu haben schien. Er fuhlte nirgends als bei Tische, hatte nur Sinn auf der Zunge und kannte kein andres Ungluck, als wenn eine von ihm angeordnete Schussel nicht geriet. Seine Tafel war so gut besetzt, dass Faust, dem der Teufel durch dienstbare Geister einigemal hatte auftischen lassen, gestehen musste, ein Bischof ubertrafe selbst diesen Tausendkunstler an feinem Geschmack. Auf der Mitte des Tisches stund unter andern ein grosser fetter Kalbskopf, ein Lieblingsgericht des Bischofs. Er, der mit Leib und Seele bei Tische war, hatte noch nicht gesprochen. Auf einmal erhub Faust seine Stimme:
"Gnadiger Herr, nehmt mir nicht ubel, wenn ich Euch die Esslust verderben muss, aber es ist mir gar nicht moglich, diesen Kalbskopf da anzusehen, ohne Euch eine schreckliche Geschichte zu erzahlen, die sich heute ganz nahe bei Eurem Hoflager zugetragen hat. Auch hoffe ich von Eurer Gerechtigkeit und christlichen Milde, dass Ihr den Beleidigten Genugtuung verschaffen und in Zukunft dafur sorgen werdet, dass Eure Angehorigen die Menschheit nicht mehr auf eine so unerhorte Art verletzen."
Der Bischof sah verwundernd auf, blickte Fausten an und leerte seinen Becher aus.
Faust erzahlte mit Warme und Nachdruck die obige Geschichte, keiner der Anwesenden schien darauf zu horchen, der Bischof ass fort.
FAUST: Mich dunkt doch, ich rede hier zu einem Bischof, einem Hirten seiner Herde, und sitze mit Lehrern und Predigern der Religion und christlichen Liebe zu Tische. Herr Bischof, seid Ihr es oder nicht?
Der Bischof sah ihn verdriesslich an, liess den Haushofmeister rufen und fragte ihn: "He, was ist denn das mit dem Bauern da, der sich wie ein Narr den Hals abgeschnitten hat?"
Der Haushofmeister lachelte, erzahlte die Geschichte wie Faust und setzte hinzu: "Ich habe ihm darum das fette Kalb genommen, weil es eine Zierde Eurer Tafel und fur die Frankfurter, denen er's verkaufen wollte, zu gut ist. Der Amtmann hat ihn gepfandet, weil er immer ein schlechter Wirt war und seit drei Jahren seine Gebuhren nicht bezahlt hat. So verhalt sich's, gnadiger Herr, und wahrlich, kein Bauer soll mir etwas Gutes aus dem Lande fuhren!"
BISCHOF: Da hast du recht. Zu Faust. Was wollt Ihr nun? Ihr seht doch, dass er wohlgetan hat, dem Bauer das Kalb zu nehmen; oder meint Ihr, die Frankfurter Burger sollten die fetten Kalber meines Landes fressen, und ich die magern?
Faust wollte reden.
BISCHOF: Hort Ihr, esst, trinkt und schweigt. Ihr seid der erste, der an meiner Tafel von Bauern und solchem Gesindel spricht, und wenn Euch Euer Rock nicht zum Edelmann machte, so musst ich denken, Ihr stammt von Bettlern her, weil Ihr ihnen so laut das Wort redet. Wisst, ein Bauer, der seine Gebuhren nicht bezahlen kann, tut ebenso wohl, dass er sich den Hals abschneidet, als gewisse Leute tun wurden zu schweigen, wenn sie einem die Esslust mit unnutzem Gerede verderben. Haushofmeister, dies ist ein vortrefflicher Kalbskopf
HAUSHOFMEISTER: Es ist eben der von Hans Ruprechts Kalbe.
BISCHOF: So! So! Gib ihn her und reiche mir die Wurze. Ich will ihm ein Ohr herunterschneiden er wird auch dem Schreier dort schmecken.
Der Haushofmeister stellte die Schussel vor den Bischof. Faust raunte dem Teufel etwas ins Ohr, und in dem Augenblick, da der Bischof das Messer an den Kalbskopf setzte, verwandelte ihn der Teufel in den Kopf Ruprechts, der wild, grasslich und blutig dem Bischof in die Augen starrte. Der Bischof liess das Messer fallen, sank rucklings in Ohnmacht, und die ganze Gesellschaft sass da in lebloser Lahmung des Schreckens.
FAUST: Herr Bischof und Ihr, geistliche Herren, lasst Euch nun diesen da christliche Milde vorpredigen!
Er brach mit dem Teufel auf.
2.
Die Unempfindlichkeit des Furstbischofs und seiner Tischgenossen, die Faust bei der Erzahlung dieser traurigen Geschichte wahrnahm, die Art, wie dieser uber das Schicksal dieses Unglucklichen entschied, legte den ersten Samen zum finstern Groll in sein Herz. Er lief in seinem Geiste seine vorige Erfahrung und das, was er, seitdem er mit dem Teufel herumzog, gesehen, durch und entdeckte, wohin er sich wandte, nichts als Harte, Betrug, Gewalttatigkeit und Bereitwilligkeit zu Lastern und Verbrechen, um des Golds, des Emporsteigens und der Wollust willen. Er seufzte tief in seinem Herzen und sah mit feuchtem Auge gen Himmel: "Du hast allen, von dem Grossten bis zu dem Kleinsten, den Anspruch von Gluck und Genuss ins Herz gelegt! allen das Gefuhl von Recht und Unrecht mitgeteilt. Hast sie alle gleich empfindlich fur Schmerz und Freude gemacht! Warum kann und darf ein einziger diese anerkannten Anspruche und Gefuhle verletzen? Wie kann der Mensch vor deinem Angesicht gegen den Menschen wuten?" Noch wollte er die Ursache dazu in dem Menschen selbst suchen; aber sein unruhiger, zu Zweifeln geneigter Geist, seine Einbildungskraft, die so gern uber die nahern Verhaltnisse wegflog, sein erbittertes, heftig teilnehmendes Herz fingen schon jetzt an, in dunklen Gefuhlen den Schopfer der Menschen wo nicht zum Urheber, doch wenigstens durch seine Duldung zum Mitschuldigen alles dessen zu machen, was ihm Emporendes aufstiess. Diese dunkle Empfindungen brauchten nur einen starkern Stoss, um seinen Verstand zu verwirren, und der Teufel freute sich darauf, die Veranlassung darzu in der Ferne wahrzunehmen. Faust hoffte sich bald an dem Hof des beruhmten Fursten von diesem Missmut zu heilen, und in diesem Wahn liess ihn sein Gefahrte sehr gerne.
Sie kamen gegen Abend in eine Stadt, wo sie bei dem Einritt eine Menge Volks um einen Turm versammelt fanden, in welchem man die zum Tod Verurteilten die letzte Nacht ihres Lebens zu bewachen pflegte. Faust merkte, dass einige wild, andre geruhrt hinaufsahen, und erkundigte sich um den Grund dieser Ausserungen. Das Volk schrie untereinander:
"Unser Vater, der Freund der Freiheit, der Beschutzer des Volks, der Racher der Unterdruckung, der Doktor Robertus sitzt da oben! der harte, tyrannische Minister, sein Freund, hat ihn zum Tod verdammt, und Morgen soll er hingerichtet werden, weil er uns gegen ihn so kuhn verteidigt hat."
Diese Worte fielen in die Seele Fausts. Er fasste eine hohe Meinung von dem Manne, der sich auf Gefahr seines Lebens zum Racher der Menschen aufgeworfen; und da er soeben ein Augenzeuge der Folgen tyrannischer Gewalttatigkeit gewesen war, so forderte er den Teufel schnell auf, ihn zu diesem Doktor zu bringen. Der Teufel fuhrte ihn seitwarts, schwang sich mit ihm auf den Turm und trat mit ihm in das Gefangnis des Rachers der Freiheit. Faust sah da einen Mann vor sich, dessen stolze, kuhne, dustre Gesichtsbildung jeden andern als ihn zuruckgestossen hatte; aber es tat eine ganz andre Wurkung auf ihn, und da er ihn in diesem entscheidenden Augenblick ruhig und gelassen fand, so setzte seine rasche Einbildungskraft aus dem, was er gehort hatte und was er vor sich sah, beim ersten Blick das Bild eines grossen Mannes zusammen. Der Doktor schien uber ihre plotzliche Erscheinung gar nicht betroffen. Faust nahte sich ihm und sagte:
"Doktor Robertus, ich komme, Eure Geschichte aus Eurem eignen Munde zu horen, nicht als wenn ich daran zweifelte, denn Euer Anblick bestatigt das, was ich vernommen habe. Ich bin nun gewiss, dass Ihr als ein Opfer der Gewalt fallt, die das Menschengeschlecht unterjocht und die mich so wie Euch emport. Ich komme, Euch meine Dienste anzubieten, die Euch gegen allen Schein aus dieser traurigen Lage retten konnen."
Der Doktor sah ihn kalt an, liess sein Haupt in seine Hand fallen und anwortete:
"Wohl falle ich als ein Opfer der Gewalt und Tyrannei, und was mir das empfindlichste ist, durch die Hand eines falschen Freundes, der mich mehr seiner Furcht, seinem Neide, als seinen despotischen Grundsatzen aufopfert. Ich weiss nicht, wer Ihr seid und ob Ihr mich retten konnt; aber es liegt mir daran, dass Manner von Eurem Ansehen den Doktor Robertus kennenlernen, der morgen fur die Freiheit blutet. Von fruhster Jugend lebte der Geist edler Unabhangigkeit, dem der Mensch allein das Grosse, dessen er fahig ist, zu danken hat, in meiner Brust. Fruh emporten meine Seele die Gewalt und Unterdruckung, wovon ich Beweise sah und in der Geschichte las, ja bis zur Wut entflammten sie mich, und oft vergoss ich gluhende Tranen, dass ich mich unvermogend fuhlte, die Leiden der Menschheit zu rachen; zu meiner Qual erfuhr ich aus der Geschichte der edlen Griechen und Romer, welche grosse Anspruche der Mensch auf Wurde und Achtung hat, wenn ihn die Tyrannen das sein lassen, wozu ihn die Natur gemacht hat. Glaubt darum nicht, ich sei einer der Toren, welche die Freiheit dahinein setzen, dass jeder tun kann, was ihm gefallt. Wohl weiss ich, dass die Krafte des Menschen verschieden sind und ihre Lage im burgerlichen Leben bestimmen mussen, aber da ich mich nach Gesetzen umsah, die einem jeden diese Lage, sein Gut und seine Person sicherten, so fand ich nichts als ein wildes Chaos, das tyrannische Gewalt geflissentlich zusammengemischt hat, um sich zum eigenmachtigen Herrn des Glucks und des Daseins der Untertanen zu machen. Nach dieser Entdeckung schien mir das ganze Menschengeschlecht eine Herde zu sein, gegen die sich eine Bande Rauber verschworen hat, sie nach von ihnen nur zu ihrem eignen Vorteil entworfnen Gesetzen zu plundern und zu wurgen, ohne dass sie selbst eins erkennen. Denn wo ist das Gesetz, das die Herrscher der Erde fesselt? Ist es nicht Unsinn, dass eben diejenigen, die ihre Macht dem Missbrauch der Leidenschaften und des Ubermuts am meisten aussetzt, keinem Gesetz unterworfen sind und keinen Richterstuhl anerkennen, der sie zur Verantwortung ziehen konnte? Wollt Ihr den Himmel dafur annehmen, meinetwegen, sie stehen sich gut dabei, er scheint taub gegen das Winseln der Elenden, der Jammer ist nah, die versprochne Rache ferne, und dies reimt sich schlecht mit dem Gefuhl und der Natur des Menschen."
Faust fasste dieses stark auf, blickte duster und strich uber seine Stirne. Den Teufel ergotzte der Redner, er fuhr fort:
"Der wilde Ungestum, den ich nach dieser Entdekkung ausserte, macht meinem Herzen Ehre, und ich kummre mich wenig darum, dass meine Feinde meine Klugheit antasten. Denn was anders heisst den Menschen Klugheit als blinde Unterwerfung, Niedertrachtigkeit, Schmeichelei, Gleichgultigkeit daruber, wie man einen Posten erschleicht, wenn man nur dahingelangt, mit zu unterdrucken und mit zu plundern? Nur dieses nennen sie klug sein, aber ein Mann wie ich sucht das Gluck auf reinern Wegen. Mein Ungluck war, dass ich mit dem jetzigen Minister von der Schule an aufs innigste verbunden war. Er besitzt den Geist, der dazu gehort, emporzukommen, von fruhster Jugend suchte er durch mir entgegengesetzte Grundsatze Aufsehn zu machen und verteidigte in eben dem Masse die tyrannische Regierungsformen, als ich sie antastete. Wir stritten uber diesen kitzlichen Punkt geheim und offentlich, ich schlug ihn mit meiner Beredsamkeit uberall nieder, aber wenn es naturlich war, dass ich den unterdruckten Teil der Menschheit auf meine Seite zog, so war es noch naturlicher, dass es ihm gelingen musste, alle die zu gewinnen, deren Vorteil die Unterjochung der Menschen ist. Da es nun eben diese sind, die ihren Mitverschwornen die Ture zum Gluck und den Ehrenstellen offnen, so ward er bald hervorgezogen, stieg von Stufe zu Stufe bis zur Stelle des Ersten im Lande, wahrend ich vernachlassigt, verkannt und verachtet sitzen blieb. Der Stolze wandte alle Mittel an, mich an sich zu ziehen, trug mir bald diese, bald jene Stelle an; aber ich merkte wohl, dass er mir dadurch nur seine Grosse fuhlbarer machen wollte und dass seinem Triumph nun weiter nichts mehr abginge, als dass ein Mann von meinen Grundsatzen ihn als Beschutzer erkennte und offentlich seine harte Regierung durch seinen Beitritt heiligte. Uberdem wollte mich der Listige dem Volk, das an mir hing, immer verdachtiger machen. Ich aber, meinen Grundsatzen getreu, griff seine Fehler bei jeder Stufe, die er stieg, um so heftiger an. Ihr seht wohl, dass ihm, wenn er fahig ware, gross zu fuhlen, dieser edle Kampf Bewundrung fur den hatte einflossen mussen, der ihn mit so vieler Gefahr fur sich unternahm. Auf ihn tat es eine andre Wurkung. Sein Hass gegen mich nahm bei jeder meiner Ausserungen zu, und da ich ihn in einer Schrift vergangnen Monat sehr heftig angriff, worauf sich das Volk vor seinem Hause versammelte, ihm drohte und meinen Namen laut ausrief, so legte er diese Schrift vor den Fursten, der ein Gericht niedersetzte, das mich zum Tod verdammt hat. So verurteilt das Gesetz der Tyrannen; aber das Recht der Menschheit spricht mich los. Dieses ist meine Geschichte, und weiter sollt Ihr nichts von mir horen. Ich sterbe ohne Klage und bedaure nichts, als dass ich die Kette nicht zerbrechen kann, woran das Menschengeschlecht gefesselt ist. Konnt Ihr helfen, gut; doch wisst, aus meines Feindes Hand ist mir der Tod willkommner als Gnade. Lasst mich nun ruhig, kehrt in die Sklaverei zuruck, ich schwinge mich zur Freiheit auf!"
Faust war ganz durchdrungen von der Grosse des Doktors und machte sich schnell auf den Weg, diesen Minister zu sprechen, ihm seine Ungerechtigkeit vorzuwerfen und ihn zu beschamen. Der Teufel, der tiefer sah, merkte wohl, dass der Freiheitssinn des Doktors aus einem ganz andern Gefuhl entstanden war. Der Minister liess sie gleich vor. Faust sprach warm, kuhn und frei uber die Lage und Denkart des Doktors. Stellte ihm vor, wie nachteilig es seinem Ruhme sei, einen Mann, den er einst seinen Freund genannt, dem Despotismus zu opfern. Gab ihm zu verstehen, dass jedermann glauben musste, es reizten ihn Privatrache und Furcht, sich von einem so hellsehenden Beobachter seiner Taten zu befreien. "Ist Euer Tun gerecht", setzte er hinzu, "so habt Ihr ihn nicht zu furchten; seid Ihr der Mann, wofur er Euch ausgibt, so bestarkt Ihr durch seine Hinrichtung seine Meinung, und jeder wird in Euch nichts sehen als einen falschen eifersuchtigen Freund und den Unterdrucker seiner Mitburger."
MINISTER: Ich kenne Euch nicht und frage auch nicht, wer Ihr seid. Wie ich denke, mag Euch die Art beweisen, mit welcher ich Eure Zudringlichkeit, Eure Vorwurfe und Beschuldigungen aufnehme. Fuhlt selbst, ob Ihr ein Recht dazu habt, da Ihr mir sie auf blosses Horensagen macht und von der Lage dieses Landes nicht unterrichtet seid. Ich will denken, nur Mitleid spricht aus Euch, und darum Euch antworten. Ich war und bin ein Freund des Doktor Robertus und bedaure es, dass ich in ihm einen Mann der Gerechtigkeit uberliefern muss, der durch seine Eigenschaften seinem Vaterlande hatte nutzlich sein konnen, wenn es ihm nicht gefallen hatte, sie zu dessen Untergang anzuwenden. Ich will nach dem Grund zu dieser Verirrung nicht in seinen Busen greifen und es seinem eignen Gewissen uberlassen. Lange hatte ich Geduld mit seinem gefahrlichen Wahnsinn; da er aber das Volk aufwiegelte, fur dessen Bestes ich zu sorgen habe, und sich zum Haupt einer Emporung aufwarf, so muss er sterben, wie es mein einziger Sohn musste, wenn er ein gleiches unternehmen sollte. Das Gesetz hat ihn verurteilt, nicht ich, er kennt dieses Gesetz und weiss, welche Folgen Emporung nach sich zieht. Das Urteil der Welt nehme ich auf mich und habe nichts dagegen zu setzen als die Ruhe und das Gluck dieses Volks, das es spater erkennen wird, dass nur ich sein Vater bin. Wenn es Euch nicht genug ist, dem ersten Eindruck zu folgen, so verweilet hier, und wenn Ihr mir dann mit mehrerer Bescheidenheit etwas zu sagen wisst, das diesem Volke und mir nutzen kann, so steht Euch mein Ohr immer offen."
Nach diesen Worten, die er mit festem und unverstelltem Tone aussprach, zog er sich zuruck und liess Fausten, der keine Antwort finden konnte, stehen. Dieser sagte beim Weggehen zu dem Teufel: "Welchem von beiden soll ich nun glauben?" Der Teufel zuckte die Schultern, denn da, wo es ihm fur die Holle nutzlich, nachteilig fur Fausten und die Menschen schien, wollte er nichts zu wissen scheinen.
FAUST: Dass ich doch dich frage! Ich will dem Rufe meines Herzens folgen; ein solcher Mann, der mir so nah durch seine Denkart verwandt ist, soll nicht sterben!
Hatte Faust unsre junge Freiheitsschreier gekannt, er wurde sich in dem Doktor Robertus nicht geirrt haben, aber ihm war die Erscheinung neuer als uns.
Morgens, da die Hinrichtung vor sich gehen sollte, begab sich Faust mit dem Teufel nach dem Markte und unterrichtete ihn im Gehen von seinem Willen. In dem Augenblick, als der Henker dem Doktor, der mit wilder Miene niederkniete, das Haupt abschlagen wollte, verschwand dieser. Der Teufel fuhrte ihn durch die Luft uber die Grenze, stellte ihm auf Fausts Befehl eine grosse Summe Gelds zu und uberliess ihn freudig seinem Geschicke, denn er sah voraus, wozu er dieses und seine Freiheit anwenden wurde. Das Volk erhub ein Freudengeschrei bei dem Verschwinden des Doktors, glaubte, Gott selbst beschutze seinen Liebling, Faust schrie mit und freute sich der schonen Tat.
3.
Faust und der Teufel ritten nun nach dem Hofe des Fursten von ***. Nicht aus Furcht verschweige ich die Namen der teutschen Fursten und Grossen, die in diesem Werk auftreten7, sondern weil die geheimen, von mir entdeckten Triebfedern ihrer Handlungen zu oft mit ihren lugnerischen, schmeichlerischen und unwissenden Geschichtschreibern im Widerspruch stehen und die Menschen, die sich so gerne betrugen lassen, an der Echtheit meiner geheimen Entdeckungen zweifeln mochten. Welcher Herkules kann den Schutt ausraumen, den die Geschichtschreiber zusammengetragen haben?
Sie erreichten bald den Hof dieses Fursten, der als ein Muster eines klugen, tugendhaften, gerechten Regenten, als ein Vater seiner Untertanen in ganz Teutschland ausgeschrien war. Seine Untertanen selbst wollten freilich nicht immer in diesen Ton mit einstimmen; aber der Furst soll noch geboren werden, der es allen recht macht. Ein Gemeinspruch der Politik, der wie alle Gemeinspruche ofterer dazu dient, den schlechten Fursten schlechter zu machen, als dem guten sein schweres Amt im rechten Gesichtspunkt zu zeigen.
Faust und der Teufel fanden durch ihren Aufwand und ihr Betragen bald Eingang am Hofe. Faust sah den Fursten mit den Augen eines Mannes an, dessen Herz durch das Vorurteil schon gestimmt war; dieses Vorurteil nun bis zur Uberzeugung zu treiben, erforderte es vielleicht weniger als das edle Aussere des Fursten. Er schien oder war grad und offen. Suchte zu gefallen und die Herzen zu gewinnen, ohne es merklich zu machen, war vertraulich, ohne sich etwas zu vergeben, und besass jene kluge Kalte, die Ehrfurcht einflosst, ohne dass man sich die Ursache davon deutlich anzugeben weiss und ohne dass man einen starken Trieb fuhlt, ihr nachzuspuren. Dieses alles war mit so viel Wurde, Feinheit und Anstand umhullt, dass es dem geubtesten Auge schwerfiel, das Erlernte, Erkunstelte und Erworbene von dem Naturlichen zu unterscheiden. Faust, der noch wenige Weltleute gesehen hatte, die ihren naturlichen Charakter an der politischen Klugheit abgerieben haben, setzte sich aus Obigem ein Ideal zusammen, und nachdem er einige Zeit den Hof besucht und die Hauptpersonen desselben alle gefasst zu haben glaubte, so fiel eines Abends zwischen ihm und dem Teufel folgendes Gesprach vor:
FAUST: Ich habe dir diese Tage vorsatzlich nichts von diesem Fursten sagen wollen; aber nun, da ich mir schmeichle, ihn gefasst zu haben, wage ich es, mit Zuversicht zu behaupten, dass das Gerucht kein Lugner ist, und ich hoffe dir das Gestandnis abzuzwingen, er sei, was wir suchen.
TEUFEL: Faust, ich merke schon, wo du hinaus willst, und du gibst dem Teufel eine sonderbare Bestimmung; doch hiervon ein andermal. Dein Furst da ist nun freilich ein ganzer Mann, ich werde dir auch nichts von meinen Bemerkungen uber ihn sagen, denn wie ich diesen Abend bei dem Minister ausgespaht habe, so ist etwas auf dem Wege, das dich anschaulich von seinem Werte uberzeugen wird; bis dahin halte das Ideal von ihm warm in deinem Busen und sage mir, was haltst du von dem Grafen C***, seinem Gunstling?
FAUST: Verwunscht! dies ist der einzige Umstand, mit dem ich nicht fertig werden kann. Er ist sein Busenfreund und doch so glatt wie ein Aal, der dir immer entwischt, und so geschmeidig wie ein Weib gegen ihren Mann, wenn sie auf Ehebruch sinnt. Indessen gehort dies vielleicht zu seiner Lage, sein Inneres so zu verdecken und zu ubertunchen, dass keiner von denen, die sich so gern an begunstigte Grosse hangen, an etwas fassen soll.
TEUFEL: Sein Inneres? Glaubst du, Faust, der Mann, der so muhsam arbeitet, sich zu verbergen, habe ein Inneres, das das Licht vertragt? Traue dem Menschen nicht, in dem Kunst, Verstand und Interesse das Tierische seiner Natur so unterjocht und verdunstet haben, dass sogar die Zeichen seines Instinkts und seiner Sinnlichkeit verloschen sind. Wenn das, was in euch kocht und arbeitet, sich nicht mehr auf eurer Stirne, in euren Augen und Bewegungen zeigt, so seid ihr eurer Natur entsprungen und werdet die gefahrlichsten Tiere der Erde, Missgeburten, die die uberfeine Kultur des Verstandes mit der letzten Aufwallung der Wollust zeugt.
FAUST: Wie, so ware es nicht einmal Verstellung?
TEUFEL: Da hattest du noch etwas vor dir; denn auch eine Maske hat Bedeutung, und man entratselt den Vermummten an Gang, Stimme, Atemholen und Gewohnheiten. Nein, Faust, dieser da ist so ganz, was er ist.
FAUST: Und was ist er denn, im Namen der Holle?
TEUFEL: Ein Mann, der viel gereist und die Welt gesehen hat. Der an den Hofen Europas herumgezogen ist, den rohen Menschen abgeglattet und die Gefuhle des Herzens an dem kalten Lichte des Verstandes versengt hat, kurz, einer der ausgebildeten Kopfe, die alle Verbindung zwischen Geist und Herz zertrummern, eurer eingebildeten Tugend lachen und mit den Menschen umgehen wie der Topfer, der das Werk seiner Hande zu den Scherben wirft, wenn es seiner Laune nicht entspricht. Er ist einer von denen, die sich durch ihre Erfahrung berechtigt glauben, die Menschen samt und sonders als ein Pack Raubgesindel zu betrachten, die den auffressen, der ihnen edlen Instinkt zutraut. Nichts freut ihn als ein fein entworfner, glucklich ausgefuhrter Hofstreich, und er geniesst eines Madchens wie einer Rose, die er vom Stock abbricht, beriecht und dann gleichgultig mit Fussen tritt.
FAUST: Hamischer Teufel, und der Mann, den du da malst, konnte der Busenfreund des Fursten von *** sein?
TEUFEL: Es wird sich schon zeigen, was er ihm ist; ich sage dir, es ist etwas auf dem Wege. Hast du diesen Abend den Minister bemerkt?
FAUST: Er scheint beklommen und duster.
TEUFEL: Dies ist nun einer von den Menschen, die ihr wackre Manner nennt. Grossmutig, arbeitsam und gerecht; aber so, wie es euch immer geht, ein einziger Gran falschen Zusatzes schnellt schon die Waage hinauf. Dieser ist bei ihm der Sinn der Zartlichkeit fur das andre Geschlecht, und da er aus Grundsatzen die Einsegnung des Priesters zu seinem Vergnugen braucht, so vernarrte er sich nach dem Tod seiner ersten Gemahlin in das Weib, das du gesehen hast. Durch sie gab er seinen erwachsnen Kindern eine Stiefmutter, seinen Sinnen einen kurzen Genuss und zertrummerte das Gebaude seines Glucks. Sie nutzte seine Verblendung, verprasste durch Uppigkeit, Putz und Spiel ihr, sein und seiner Kinder Vermogen und verwickelte ihn noch obendrein in ungeheure Schulden. Es ist wahr, sie nahm in dem Baron H ***, den du gesehen hast und der eigentlich Herr im Hause ist, einen arbeitsamen Gehulfen dazu. Da man sich nun ganz auf der Neige fuhlte, die Phantasie immer mehr wuchs und neue Bedurfnisse ersann, je schwerer es war, die Mittel dazu zu finden, so liess sich's endlich die Mutter gefallen, einem Plan beizutreten, den ihr Buhler entwarf: Die Tugend ihrer Tochter unter einer zweideutigen Versicherung auf Vermahlung so teuer an den Gunstling zu verkaufen, als er sie kaufen wollte. Von allem diesem merkt der Minister nichts, fuhlt nur die Lucke in seinem Vermogen, die Last der Schulden, das volle Mass seiner Torheit und zittert vor der augenblicklichen Ankunft seines Sohns, den die Mutter aus dem Hause trieb, um ungestorter sein Vermogen zu verprassen. Er hat sich indessen in dem Turkenkriege einen holzernen Arm geholt. Auch ist's wohl moglich, dass der Gunstling, da der Minister viel bei dem Fursten gilt, anfangs ernsthafte Absichten hatte, aber jetzt hat sich seit einigen Tagen die Szene ganzlich geandert. Der Furst schlug ihm eine Vermahlung mit der reichsten Erbin des Landes vor, und nun brutete er daruber, durch einen kuhnen und geheimen Schlag den Minister und sein ganzes Haus so zu zerschmettern, dass keiner es wage, um Rache zu schreien oder ihn anzuklagen. Verstummen sollen sie, als seien sie nie gewesen, und der Minister soll unter seiner Sohle hinsterben wie der Wurm, dessen Achzen euer hartes Ohr nicht hort.
FAUST: Und diese Tat sollte der Furst nicht rachen?
TEUFEL: Du sollst die Entwicklung mit eignen Augen sehen.
FAUST: Ich gebiete dir bei meinem Zorn, hier keinen deiner Streiche zu spielen.
TEUFEL: Brauchen die des Teufels, die ihn durch ihr Tun beschamen? Faust, wir fangen nur an, die Decke vor dem menschlichen Herzen aufzuheben; es ist mir aber doch lieb zu bemerken, dass auch ihr Teutschen der Ausbildung fahig seid. Freilich borgt ihr sie von andern Volkern und verliert dadurch den Ruhm der Eigenheit, aber in der Holle ist man daruber weg und halt sich an den guten Willen.
4.
Faust vertrieb sich die Zeit mit den Weibern, verfuhrte die Hoffrauleins und Zofen, indessen das Drama des Gunstlings sich der Entwicklung naherte. Er sass mit dem Baron H*** zusammen und teilte ihm den fein gesponnenen Entwurf mit. Dieser sollte das Werkzeug dazu sein, und da der Glanz des Goldes den Kitzel der langen Buhlerei mit der Frau des Ministers nicht mehr scharfen konnte, uberdem die Tranen der unglucklichen Tochter, der Kummer des Vaters, die nahe Ankunft des Kruppels von Sohn seinem zarten Gewissen anfingen beschwerlich zu werden, so war er sehr geneigt, sich dieser Burde auf eine oder die andre Art zu entledigen. Die Belohnung ging, wie unter Leuten, die sich kennen, naturlich voraus und bestund darin, dass der Graf uber sich nahm, bei dem Fursten auszuwurken, den Baron in einer wichtigen Angelegenheit an den Kaiserlichen Hof zu schicken. Dafur verband sich der Baron, die Frau des Ministers durch eine Summe Gelds, die der Graf herschoss, dahin zu stimmen, ein gewisses Papier, das eins der wichtigsten Dokumente des furstlichen Hauses enthielt und dessen man soeben wegen einer Streitigkeit mit einem andern furstlichen Hause benotigt war, aus dem Kabinett des Ministers, dem es ubergeben war, daruber zu arbeiten, auf eine unmerkliche Art zu entwenden. Der Graf hoffte dann die Sache so zu drehen, dass aller Schein gegen den Minister sei, als habe er dieses Dokument aus Not der Gegenpartei ausliefern wollen, und dass nur seine eigne Wachsamkeit das furstliche Haus aus dieser Gefahr gerettet hatte. Die Gemahlin des Ministers glaubte, dass ein Mann, der zu ihren Torheiten kein Gold mehr auftreiben konnte, keine Schonung verdiente, und da sie sich immer schmeichelte, den Gunstling mehr zu gewinnen, je gefalliger sie sich ihm erzeigte, so uberlieferte sie ohne Bedenken das Papier.
5.
Der Minister ging seufzend und einsam in seinem Zimmer auf und ab. Das Gefuhl der bevorstehenden Schande, der Druck peinlichen Kummers, die Gewissheit betrogner Liebe hatte auch seine Tochter, einst sein einziger Trost, von ihm entfernt. Sie weinte verschlossen und zehrte an einem Herzen, das eines bessern Schicksals wurdig war, so dorrt die Lilie im einsamen Tale hin, die eine mutwillige Hand am zarten Stengel gedruckt hat. Seine Gemahlin unterbrach seine dustre Einsamkeit, um ihm sein Elend noch fuhlbarer zu machen. Bald darauf trat der Baron herein und forderte kalt die Instruktion an den Kaiserlichen Hof. Da der Furst Befehl dazu erteilt hatte, so ging der Minister in sein Kabinett, um sie zu holen. Indessen hatte seine Gemahlin Zeit, eine Szene der Verzweiflung mit ihrem Buhlen zu rasen. In dem Augenblick, da der Minister dem Baron die Instruktion ubergab, kam ein Bote des Fursten mit einem Handbillett, worin er ihm bedeutete, das Dokument und seine Ausarbeitung an Hof zu bringen, weil man beides dem Abgesandten der Gegenpartei vorlegen wollte. Der Minister suchte in seinem Kabinett, leerte alle Schranke aus, kalter Todesschweiss rann uber sein Gesicht; er forschte alle Sekretars und Schreiber aus, sein Weib, seine Tochter, umsonst, er musste sich entschliessen, sich dem furchterlichen Sturm in der Unschuld seines Herzens auszusetzen. Er trat vor den Fursten, der mit dem Grafen allein war, und kundigte ihm sein Ungluck an, beteuerte seine Unschuld und unterwarf sich seinem Schicksal. Der Graf liess die erste Empfindung bei dem Fursten wurken, trat dann kalt naher, zog das Dokument aus der Tasche, ubergab es dem Fursten mit einer tiefen Verbeugung, liess darauf hart in sich dringen, wie er dazu gekommen, liess sich sogar mit Ungnade bedrohen und gestund endlich mit dem aussersten Widerwillen den Vorgang der Sache nach seinem entworfnen Plane. Der Minister verstummte, der sprechende Beweis von Schuld verwirrte ihn so, dass selbst das Gefuhl seiner Unschuld nicht durch die Finsternis dringen konnte, die diese unerwartete Wendung vor seine Sinne zog. Der Furst sah ihn wutend an und sagte: "Lange konnt ich von Euch erwarten, dass Ihr endlich die Torheit Eurer Auffuhrung durch Verraterei an mir heilen wurdet." Dieser Vorwurf zog die Decke von den Augen des Verstummten weg, das Gefuhl seiner Redlichkeit wollte seine starre Zunge beleben, der Furst befahl ihm zu schweigen, seine Stelle niederzulegen, nach Hause zu gehen und sich nicht zu entfernen, bis ein Gericht uber ihn gesprochen.
Der Ungluckliche ging, dicke Tranen rollten in seinen Bart. Die Verzweiflung entriss seiner Tochter das Geheimnis ihrer Schande und der Mutter das Gestandnis ihres Verbrechens. Die Kraft seines Geistes zersprang, seine Sinne verwirrten sich, und nur das schrecklichste Schicksal, das den Menschen treffen kann, Stumpfheit und Wahnsinn, zogen einen dustern Schleier vor das Erinnern des Vergangnen und heilten durch eine ganzliche Zerstorung sein Herz von den grausamen Wunden, die ihm seine Nachsten geschlagen.
In diesem Augenblick fuhrte der Teufel Fausten in das Zimmer des Ministers, er hatte ihn vorher von der ganzen Geschichte unterrichtet. Noch hatte die Zerstorung nicht alle Vorstellungskraft verdunkelt, alle Fibern des Gefuhls gelost, noch stammelte die Zunge die letzten Empfindungen uber das erlittene Weh, noch traufelte der letzte Tau aus den Augen des Unglucklichen auf die elende Tochter, die seine Knie umfasste, die Verzweiflung, der peinlichste Schmerz entstellten. Er lachelte noch einmal, spielte mit ihren heruntergefallnen Haaren, lachelte noch einmal sein Sohn trat herein und wollte freudig auf ihn zusturzen. Er sah ihn starr an, ein wilder Ton der Raserei, der die Nerven durchbebt, das Herz durchschaudert, drangte sich aus seiner Brust hervor, und der sanfte Dulder ward fur immer ein Gegenstand des Schreckens und des peinlichsten Mitleids.
6.
Faust wutete und stiess furchterliche Fluche aus. Er entschloss sich, dem Fursten den ganzen Vorgang zu entdecken und den Betruger zu entlarven. Der Teufel lachelte und riet ihm, leise zu Werke zu gehen, wenn es ihm darum zu tun ware, diesen Fursten, den er ihm als ein Muster menschlicher Tugend angepriesen hatte, genau kennenzulernen. Faust eilte so gestimmt nach Hofe, und sicher, durch diese Entdeckung den Fall des Gunstlings zu bewurken, enthullte er dem Fursten alles in kaltem, gesetztem Tone. Als er auf die Ursache kam, die den Grafen zu dieser scheusslichen Tat verleitet hatte, namlich sich von der Verbindung mit der Tochter des Ministers zu befreien, heiterte sich das Gesicht des Fursten auf, er liess den Grafen rufen, umarmte ihn bei dem Eintritt und sagte:
"Glucklich ist der Furst, der einen Freund findet, der aus Gehorsam und Furcht, ihm zu missfallen, auch wohl einen Streich wagt, der die gewohnlichen Regeln der Moral verletzt. Der Minister hat immer als ein Tor gehandelt, es ist mir lieb, dass ich seiner los bin, und du wirst seine Stelle kluger versehen."
Faust stund einen Augenblick wie versteinert, endlich durchgluhte edle Warme sein Herz. Er malte mit schrecklichen Farben die Lage des Ministers, brach dann in Wut und Vorwurfe aus, vergass selbst der furchterlichen Macht, der er gebot, entbrannte ganz im Gefuhl eines Rachers der unterdruckten Menschheit, der einem kalten Tyrannen die Larve abreisst, seines Schicksals unbekummert. Man entliess ihn als einen Wahnsinnigen. Der Teufel empfing ihn frohlokkend, er blieb stumm, knirschte in seinem Innersten und freute sich im giftigen Missmut, von den Menschen sich gerissen zu haben.
7.
Um Mitternacht liess der Graf den Teufel und Fausten aufheben und sie in ein enges, schreckliches Gefangnis werfen. Faust befahl dem Teufel, der Gewalt nachzugeben, weil er erfahren wollte, wie weit diese Heuchler ihre Bosheit treiben wurden.
Er nagte an den peinvollen Zweifeln seiner Seele in dem dunklen Kerker. Die schreckliche Szene des Tags malte sich immer dustrer vor seinen Augen, und es entsprangen grassliche Gedanken gegen den, der das Schicksal der Menschen leitet, aus diesen schwarzen Betrachtungen. Sein Inneres war in Aufruhr, endlich rief er hohnlachend aus: "Wo ist hier der Finger der Gottheit? Wo das Auge der Vorsehung, das uber die Wege des Gerechten waltet? Wahnsinnig seh ich den Redlichen, den belohnt, der ihn zerschlagen! Dem Tyrannen, der die Tugend heuchelt, entdeckt ich die Bosheit seines Gunstlings, und er findet ihn seiner Freundschaft, der Belohnung nur wurdiger! Und es ware Zweck, Ordnung und Zusammenhang in der moralischen Welt? Nun, so sind sie auch in dem Gehirn dieses armen Zerrutteten, den sein Schopfer ohne Schutz und Rache fallen liess!" Er fuhr fort, und der Teufel horchte lachelnd. "Ist der Mensch durch die Kette der Notwendigkeit gezwungen zu handeln, so muss man seine Handlungen und Taten dem hochsten Wesen selbst zuschreiben, und sie horen dadurch auf, strafbar zu sein. Kann von einem vollkommnen Wesen etwas anders als Gutes und Vollkommnes fliessen? Nun, so sind es unsre Handlungen, so scheusslich sie uns auch vorkommen mogen, und wir sind ihr Opfer, ohne abzusehen warum. Sind sie straflich und das, was sie uns scheinen, so ist dieses Wesen ungerecht gegen uns, denn es straft Greuel an uns, deren Quelle es selbst ist. Teufel, lose mir diese Ratsel auf, ich will wissen, warum der Gerechte leidet und der Ruchlose belohnt wird."
TEUFEL: Faust, du hast zwei Falle gesetzt, wie, wenn es noch einen dritten gabe? Namlich, dass ihr auf die Erde geworfen wart wie Staub und das Gewurme, ohne Vorsicht und Unterschied. Einem dunklen Wirrwarr uberlassen, den man euch wie einen verworrnen Knauel ubergeben hatte, ihn auseinanderzuzerren, und wenn euch das unmogliche Werk nicht gelange, euch euer strenger Herr und Richter doch zur Rechenschaft dafur aufforderte? Wenn er nun, gleich einem Despoten, eurem Herzen darum solche zweideutige Gesetze und widersprechende Neigungen eingedruckt hatte, um sich die Erklarung des dunklen Sinns derselben vorzubehalten und nach Gefallen zu strafen und zu belohnen?
FAUST: Bei welchem Philosophen bist du in die Schule gegangen, dass du mir ein Wenn nach dem andern auftischest? Ha, ich fuhle es, der Mensch soll und muss in der Finsternis tappen, sein Herz durch die Erscheinungen zerreissen lassen, und wenn er's auch mit dem Teufel versucht, Licht und Klarheit zu erringen. Wenn Laster und Torheit den Gang der Welt befordern, so ist die Tugend Unsinn, da sie den nicht schutzen kann, der ihr sein Leben weiht. So haben wir dies Gefuhl erkunstelt, und unsre tierische Natur, die uns durch die Sinne zum Genuss des Augenblicks treibt, weiss nichts davon. In torichter Hoffnung, in stolzem Wahnsinn blicken wir zu dem Himmel auf und erwarten in der fernen, ungewissen Zukunft den Lohn unsrer Unterwerfung, wahrend der Triumph und Spott des Lasters um uns her erschallt. Hier schwebe ich zwischen meinem zerrissnen Herzen und meinem emporten Verstand, wie der verzweifelnde Schiffer auf dem brausenden Meere, dessen Fahrzeug der Blitz entzundet hat. Vernichtung droht ihm die Glut, Vernichtung die tobenden Wellen. Was soll mir dieses Mitleiden, das mein Herz bei dem Leiden des Menschengeschlechts auflost? Es werde zu Stein wie die Herzen der Grossen und Machtigen, die die Menschen bloss zu Mitteln ihrer Zwecke nutzen. Ihnen muss ich nun gleich werden und Hohn der Menschheit sprechen. Dass der Keim meines Daseins in dem Schosse meiner Mutter vertrocknet ware! Dass nie meine Nerven diese Reizbarkeit erhalten hatten, nie das Gefuhl von Recht und Unrecht in meiner Brust erwacht ware! Musste ich dies an dem Menschen erfahren, um in Gegenwart des Teufels seine Natur zu lastern! Noch einmal, listiger Sophist, lose mir diese Ratsel auf, enthulle mir dies Geheimnis, und wenn auch Gespenster aus dem Dunkel hervorsprangen, die mich durch ihren Anblick toteten.
TEUFEL: Beruhige dich und schuttle diese Zweifel ab, keinem, in Fleisch gehullt, ist es gegeben, diesen Knoten zu losen, und Tausende werden sich daran erwurgen. Vergiss den Zweck nicht, den wir uns bei unsrer erstern Zusammenkunft vorgesetzt haben.
Ich versprach, dir den Menschen nackend zu zeigen, um dich von den Vorurteilen deiner Jugend und deiner Bucher zu heilen, damit sie dich im Genuss des Lebens nicht storen mochten; und wenn du wirst eingesehen haben, dass die sogenannte Leitung des Ewigen, dem du um meinetwillen entsagt hast und vor dessen Angesicht ihr ungehindert die scheusslichsten Greuel begeht, nur Wahn eures Stolzes ist, und dir dann noch Kraft im Herzen ubrigbleibt, so will ich dir die schaudervollen Geheimnisse eroffnen, die dich nun umhullen.
FAUST mit bittrem Gelachter: Nun, bei dem Dunkel der Holle, das uns bei unsrer Geburt bis zum Grabe umdampft, so war ich noch der Gescheiteste von allen, dass ich dem Wirrwarr entgangen bin und dadurch, dass ich mich dir ergab, mein Schicksal willkurlich bestimmte, es entschied, wie es einem freien Wesen zusteht. In sich mit verbissner Wut. Einem freien Wesen! ha! ha! ha! Ja, frei wie der Jagdhund, den ich am Seile leite und den der Instinkt fortreisst, wenn er das Wild wittert.
TEUFEL: Glaube mir, Spotter, besassen die Menschen die Zauberkraft, die du dem Dunkel entrissen hast, sie wurden bald die Holle entvolkern und du wurdest mehr Teufel auf der Erde herumfahren sehen als Schutzheilige im Kalender stehen oder als eure Tyrannen Soldaten im Solde halten, um euch zu unterjochen. Hei ho! welch ein trauriges Los fur einen Teufel, die tollen Begierden eines guten Kopfs auszufuhren, was wurde dann aus uns werden, wenn es jedem Schuft gelange, uns aus der Holle zu rufen?
Diese Bemerkung des Teufels wollte soeben der Laune Fausts eine andre Richtung geben, als auf einmal eine neue Erscheinung ihrer Unterredung ein Ende machte. Es traten sechs Bewaffnete mit einer Blendlaterne herein, denen zwei Henker mit grossen leeren Sacken folgten. Faust fragte, was sie wollten, und der Anfuhrer antwortete, sie mochten sich bequemen, in diese Sacke zu kriechen, denn sie hatten den Auftrag, die gnadigen Herren hineinzustecken, die Sacke zuzubinden und in den nahen Fluss zu tragen. Der Teufel erhub ein lautes Gelachter und sagte: "Sieh doch, Faust, der Furst von *** will dich von dem Enthusiasmus der Tugend abkuhlen, den du ihm heute so warm gezeigt hast." Faust sah ihn ergrimmt an, gab ihm einen Wink; ein hollisches Gesause erfullte den gewolbten Keller, die Schergen sturzten zitternd zu Boden, und die Gefangnen fuhren hinaus.
Nun erst erwachte das Gefuhl der Rache in dem Herzen Fausts und kleidete sich in den Schmuck eines grossen edlen Berufs. Der Gedanke fuhr durch seine Seele, die Menschheit an ihren Unterdruckern zu rachen. Ein stolzes Gefuhl durchgluhte seinen Busen, die Macht des Teufels, dem er sich auf Gefahr seines Selbsts ergeben, zu nutzen, um Gerechtigkeit an den Heuchlern und Bosewichtern auszuuben. Er rief dem Teufel zu:
"Fahre in den Palast und erwurge mir den, der mit der Tugend ein Spiel treibt! Vernichte den, der Verrater belohnt und den Gerechten wissend zertritt! Rache in meinem Namen die Menschheit an ihm."
TEUFEL: Faust, du greifst der Rache des Rachers vor!
FAUST: Seine Rache schlaft, und der Gerechte leidet; ich will den vertilgt sehen, der die Maske der Tugend tragt.
TEUFEL: So gebiete mir, die Pest uber die Erde zu hauchen, dass das ganze Menschengeschlecht hinsterbe. Was soll aus ihnen werden, wenn dein Wahnsinn dauert. Du wirst nur die Holle bevolkern, und alles wird seinen Gang gehen wie vor.
FAUST: Hamischer Teufel, du mochtest ihn retten, dass er der Greuel noch mehr begehen kann; freilich, Fursten seinesgleichen verdienen den Schutz der Holle, denn sie machen auf Erden die Tugend verdachtig, da sie das Laster belohnen. Er soll sterben, beladen mit seiner letzten Tat soll er bebend zur Verdammnis fahren.
TEUFEL: Tor, der Teufel freut sich des Mords des Sunders, was ich sage, geschicht bloss darum, mich gegen deine Vorwurfe in Zukunft zu sichern, damit dir keine Entschuldigung ubrigbleibe. Die Folgen der Tat sind dein.
FAUST: Sie seien mein, ich lege sie gegen meine Sunden in die Waage. Eile und morde. Sei der Pfeil meiner Rache! Fasse den Gunstling und schleudere ihn in den gluhenden unfruchtbaren Sand des heissen Libyens, dass er langsam hinschmachte!
TEUFEL: Faust, ich gehorche, doch bedenke, Kuhner, dass dir das Richteramt nicht gegeben ist.
FAUST: Ich bin der Elendeste der Erde; aber nicht in diesem Augenblick.
TEUFEL: Es ist Selbstrache, Verdruss, dich in ihm betrogen zu haben, die dich treiben.
FAUST: Geschwatziger Teufel, es ist der Rest des Unsinns meiner Jugend, der mich bei schlechten Taten oft zu Mordgedanken reizte. Hatte ich das Unrecht der Menschen sehen und dulden konnen, wurde ich dich aus der Holle gerufen haben? Eile und vollziehe!
Der Teufel erwurgte den Fursten auf seinem weichen Lager, fasste den bebenden Gunstling und schleuderte ihn den gluhenden Sand Libyens, fuhr zu Faust zuruck: "Die Tat ist vollbracht!" Sie setzten sich beide auf den schnellen Wind und segelten dem Lande hinaus.
Wie glucklich sind nun unsre Fursten, dass es keinem mehr so leicht gelingt, den Teufel aus der Holle zu rufen und ihn zum Werkzeug der Rache der Unterdruckten und Zertretnen zu machen. Wehe den Nabobs der Erde, wenn es einem gelange!
8.
Faust sass duster auf seinem Pferde; denn da sie uber die Grenzen waren, hatten sie auf des Teufels Vermittlung das Fuhrwerk verandert. Die letzte Geschichte nagte noch immer an seinem Herzen; es verdross ihn, dem Teufel in Ansehung der Menschen gewisse Dinge zugestehen zu mussen, und seine Laune ward um so bittrer, da er selbst anfing, sie in einem andern Lichte zu betrachten. Doch trostete ihn der Gedanke in seinem Missmut, den unglucklichen Minister an den Heuchlern geracht zu haben. Der Stolz schwellte nach und nach sein Herz so auf, dass er beinahe anfing, seine Verbindung mit dem Teufel als das Wagstuck eines Mannes anzusehen, der seine Seele fur das Beste der Menschen opfert und dadurch alle Helden des Altertums, die nur ihr zeitliches Dasein dransetzten, ubertrifft. Noch mehr, da diese um des Ruhms willen sich opferten und also aus Eigennutz handelten, auf den er vermoge seiner Verbindung keinen Anspruch machen konnte, so fiel vor seinen verblendeten Augen alle Vergleichung zwischen ihnen und ihm weg. Setze den Menschen in welche Lage du willst, sei unbesorgt und lass nur seine Eigenliebe wurken; du siehst, sie weiss Fausten selbst die Aussicht in die Holle zu vergulden. Er vergass in diesem stolzen Gefuhl die Beweggrunde seiner Verbindung mit dem Teufel, seinen Hang zur Wollust und Genuss und schwarmte sich auf seinem Rosse in gespannter Phantasie zum Ritter der Tugend, zum Racher der Unschuld. Ja dieser Selbstbetrug ward sogar ein Balsam fur seinen gekrankten Geist, und er sah gleichgultiger auf den peinlichen Gedanken, das nicht durch den Teufel entdeckt zu haben, was er so sehnlich zu wissen gewunscht hatte. Sein Herz schlief hierbei so ruhig an dem Abgrund der Holle ein, als der Fromme in die Arme des Todes sinkt, der ihn in die seligen Gefilde hinubertragt. Der Teufel ritt neben ihm her und liess ihn ruhig seine Glossen machen. Er nur sah in jedem dieser vermeinten edlen Gefuhle einen neuen Stoff zur kunftigen Marter und Verzweiflung, und sein Hass nahm in dem Masse gegen Fausten zu, als sich dessen Aussicht aufheiterte und erweiterte. Er genoss der Stunde voraus, worin alle diese glanzende Lufterscheinungen zusammensturzen, alle diese bunten Bilder der Phantasie sich in die Farbe der Holle hullen und des Kuhnen Herz so zerreissen wurden, wie nie eines Sterblichen Herz zerrissen ward. Nach langem Schweigen erhub endlich Faust die Stimme:
"Sage mir, wie ist es nun mit dem falschen Gunstling?"
TEUFEL: Er schmachtet auf dem gluhenden Sande, streckt seine verdorrte Zunge aus dem brennenden Rachen, dass die Luft und der Tau sie erfrischen und befeuchten mogen; aber dort weht kein kuhlender Wind, und in Jahrtausenden fallt kein erfrischender Tropfen vom Himmel. Sein Blut kocht wie gluhendes Metall in den Adern, die Strahlen der Sonne fallen senkrecht auf sein nacktes Haupt. Schon rollt der Fluch gegen den Ewigen in seinem entflammten Gehirne, seine durre Zunge vermag nicht, ihn auszusprechen, er arbeitet in dem heissen Sande wie ein Maulwurf, um die feuchte Erde zu lecken, und offnet sich nur ein Grab. Ist deine Rache befriedigt?
FAUST: Rache? Warum nennst du Ausubung der Gerechtigkeit Rache? Sieh, kalter Schauder uberlief meine Haut bei deinen Worten, aber ich sah ihn kalt lacheln, da ich ihm die Marter des Edlen und der Verfuhrten schilderte.
TEUFEL: Die Zeit, die nur langsam den Schleier hebt, mag es entwickeln. Der Bauer, Faust, saet den Hanf, arbeitet ihn zum Stricke, ohne zu ahnden, dass sein strenger Herr ihn einst damit wird geisseln lassen, wenn er die Gebuhren und Frondienste nicht abtragt. Was wird aus dir werden, wenn du den Menschen in grosserm Wirkungskreise sehen wirst? Wir haben dem Ungeheuer nur die erste Haut abgezogen, was wird es dann sein, wenn wir ihm die Brust aufreissen? Schnell wurde der, welcher die Rache sich vorbehalten hat, das Zeughaus des Donners ausleeren, wenn er alle die vernichten wollte, die nach deiner Meinung nicht zu leben verdienen.
Aber er will, dass sie leben, leiden, sundigen und der Strafe reifen. Gleichwohl ware das Ding von Mensch noch immer gut genug, wenn es nur dem Trieb, alles zu verzerren und zu missbrauchen, durch seine stolze Vernunft etwas mehr widerstehen konnte oder wollte. Faust, woher mag dies Unvermogen wohl kommen? Wenn du eine Maschine verfertigest, wirst du sie nicht so zurichten, dass sie deinem Zweck entspricht; wenn du nun fandest, dass du dich in deinem Machwerk geirrt hattest, und es eher deinen Zweck hinderte als beforderte, wirst du sie nicht verbessern oder vernichten?
Faust wollte eben antworten, als sie in der Ferne ein Dorf in hellen Flammen sahen. Da ihn nun alles scharf reizte, spornte er sein Pferd, und der Teufel zog hinter ihm drein. Es begegnete ihnen bald ein Haufe fliehender Ritter und Knechte, die eben ein andrer Haufe geschlagen hatte. Als sie dem Dorfe naher kamen, fanden sie das Feld mit Leichen der Reisigen und Pferden bedeckt. Sie sahen unter den Toten einen Knappen, der mit beiden Handen arbeitete, seine herausgesturzte Eingeweide in den Bauch zuruckzudrucken; er heulte und fluchte furchterlich unter dem schmerzlichen Werke. Faust fragte ihn hoflich um die Ursache des Zwists, der Knappe schrie: "Schert Euch zu allen Teufeln, Herr Naseweis! wenn Ihr Eure Kaldaunen in frischer Luft sahet wie ich, die Neugierde wurde Euch vergehen. Weiss ich, warum sie mir den Bauch aufgerissen haben? Fragt dort den gnadigen Herrn, meinen Junker, den sie auch verstummelt haben und dem ich dies Fruhstuck zu verdanken habe."
Sie nahten einem Ritter, der eine Wunde an dem Schenkel hatte, und Faust tat dieselbe Frage an ihn. Der Ritter antwortete: "Ein Bauer aus dem brennenden Dorfe hat vor einiger Zeit dem machtigen Rauhgrafen einen Hirsch erlegt. Darauf hat der Rauhgraf den Tater von meinem Herrn gefordert, um ihn nach teutschem Herkommen auf einen Hirsch zu schmieden und zu Tod rennen zu lassen. Mein Herr hat den Bauern nicht herausgeben wollen und die Pfandung an Hab und Gut zu seinem eignen Besten fur hinreichende Strafe erklart. Der Rauhgraf hat hierauf dem Edelmann im Namen Gottes und unter dem Schutze des Kaisers einen Fehdbrief zugeschickt. Die Fehde ist unglucklich fur uns ausgefallen, der Rauhgraf hat das Dorf angezundet, es mit seinen Reisigen umgeben, dass keiner der Bauern heraus kann, und wird nun dem Eide Gnuge tun, den er bei dem heiligen Sakrament geschworen, alle die Bauern wie Martinsganse fur seine Hunde und wilden Schweine zu braten."
FAUST ergrimmt: Wo liegt sein Schloss?
RITTER: Auf jener Hohe, es ist das festeste und prachtigste im Lande.
Faust ritt auf eine Anhohe und sah im Tale das brennende Dorf vor sich liegen. Die Mutter mit ihren Kindern, Manner und Greise, Junglinge und Jungfrauen sturzten heraus, warfen sich den Reisigen zu Fussen, flehten verzweifelnd um Rettung. Der Rauhgraf schrie, dass es im Tale erschallte: "Treibt die Hunde zuruck! In den Flammen sollen sie alle sterben!" Die Bauern schrien, dass es den Himmel und die Felsen zerreissen musste: "Wir sind unschuldig, der Euch beleidigt hat, ist entflohen! Was haben wir und unsre Kinder verbrochen? Ach, rettet nur sie!" Die Reisigen peitschten sie von der Erde auf, trieben sie nach den Flammen, die Mutter warfen die Kinder nieder, in der Hoffnung, sie wurden sich ihrer erbarmen, der Huf der Rosse zerschmetterte sie
Faust rief wahnsinnig: "Teufel, fliege und kehre nicht zuruck, bis du des Wuterichs Schloss mit allem, was es in sich fasst, aufgebrannt hast. Er kehre heim und finde Wiedervergeltung."
Der Teufel lachelte, schuttelte den Kopf und flog davon. Faust warf sich unter einen Baum und blickte ungeduldig nach dem Schlosse. Als er es in Flammen sah, wahnte der Verwegne, die Ordnung der Dinge hergestellt zu haben, und empfing den zuruckkehrenden Teufel mit Zufriedenheit. Dieser fuhr siegend einher, verkundigte ihm den Jammer, den er angerichtet, und mit welcher Eile der Rauhgraf mit seinen Reisigen nach dem Schlosse zujage; "aber, Faust", setzte er hinzu, "der Dampf des hollischen Pfuhls wird ihm einst nicht so entgegenstinken als diese deine Tat. Sein junges, vielgeliebtes Weib ist vor einigen Tagen mit dem Erstgebornen niedergekommen."
FAUST: Rette sie und den Neugebornen.
TEUFEL: Es ist zu spat; die schwache Mutter druckte ihn in ihre Arme, und er brannte auf ihrem Herzen zu Asche.
Diese Post durchschauderte die Seele Fausts, er sagte grimmig: "Ha, wie schnell der Teufel im Zerstoren ist!"
TEUFEL: Faust, nicht so schnell als der verwegne Mensch im Urteil und Richten. Hattet ihr unsre Macht, langst wurdet ihr die Welt zertrummert und zum Chaos gemacht haben. Beweisest du es nicht, da du deine Herrschaft uber mich so unsinnig missbrauchst? Fahre nur zu! der Mensch, der sich den Zugel lasst, gleicht dem Rad, das vom Berge rollt, wer kann es aufhalten? es springt von Klippe zu Klippe, bis es zerschmettert. Faust, gern hatte ich den Unmundigen der Sunde reifen lassen, nun ist er der Holle entgangen samt der Mutter, er brannte auf ihrem Herzen zu Asche, und sie wehrte der ihn aufzehrenden Flammen mit den Knochen, von denen schon das Feuer das Fleisch abgefressen hatte. FAUST: Du legst es an mein Herz. (Er hullte sein Gesicht in seinen Mantel und netzte ihn mit seinen Tranen.)
9.
Das Gefuhl, die Tugend an den Lasterhaften rachen zu wollen, kuhlte sich in Fausten etwas ab; endlich labte er seinen durch die letzte Geschichte gepeinigten Geist mit dem Gedanken, den ihm der Teufel vorsatzlich hinwarf, der Saugling und die Mutter seien der Holle entgangen. Auch erlaubten die Sinnlichkeit, das leichte Blut, das Streben nach Genuss, der Zug nach Veranderung, die Zweifel keiner Empfindung einen dauernden Eindruck in seinem Herzen. Da er alles mit lebhaftem Gefuhl umfasste, so brannten seine Empfindungen wie Lichtkugeln auf, die einen Augenblick die Finsternis erleuchteten und dann zerplatzen. Er blickte endlich wieder unter seinem Mantel hervor, sah Leviathan auf etwas horen und lacheln. Er frug ihn: "Woruber lachelst du, Wurger, mich deucht, du horchst einem Redenden zu, und gleichwohl seh ich keinen."
TEUFEL: Du irrst dich nicht. Soeben schwebte ein Geist einher, der sich mit ehebrecherischen Handeln abgibt, und erzahlt mir einen Schwank, uber den ich lachen muss, so ernsthaft ich auch in deiner lastigen Gesellschaft geworden bin.
FAUST: Erzahle! ich bedarf des Lustigen.
TEUFEL: Soll er oder ich?
FAUST: Wer er? Ich seh ihn nicht.
TEUFEL: Gleichwohl ist er nah bei dir. Soll er dir erscheinen oder willst du bloss seine Stimme horen? Sie ist so sanft wie die Stimme des Ehebrechers, der zum ersten Falle lockt.
FAUST: So sei's die Stimme; ein Schwank aus der Luft erzahlt, ist etwas Neues, und ich bedarf des Neuen, aber lustig muss der Schwank sein.
"Lustig und tragisch, Faust, wie's bei euch immer einander auf dem Fusse folgt", sagte eine feine, hellklingende Stimme, die gleich einer Lockpfeife alle Tone nachahmte.
Die Stimme fuhr fort: "Ich komme soeben von Koln, das, wie Ihr wisst, mehr durch Kirchen und Reliquien beruhmt ist als durch Genies. Doch Hahnreien gibt's dort mehr als Kirchen."
FAUST: Ein sehr moralischer Teufel! und die Stimme hat viel gereist, denn sie fangt gleich mit Bemerkungen an. Narr von Geiste, von welchem Orte kann man dies nicht sagen?
STIMME: Faust, die Wahrheit steht uberall an ihrem rechten Platze. Ich hatte mich dort in die Rosenknospen der weissen runden Brust einer Betschwester einquartiert, ihr Mann war nach Holland gereist. Sie fuhlte den schakernden unruhigen Gast durch alle mit meinem lusternen Sitze verbundne Nerven, klagte uber den besondern Umstand bei ihrem Beichtvater; es kam zu Erklarungen, und die Folge der Erklarungen war, dass er mich zufallig mit seinem Skapulier beruhrte. Mein Spuk war reif, und ich flog davon. Wie ich durch die Strassen dahinfuhr, sah ich einen Schlingel, ganz in dem scheusslichen Kostume ausstaffiert, womit uns eure Monche beehren. Roten Mantel, scheussliche Larve, ungeheure Horner, einen Bocksfuss und langen Schwanz. Ich setzte mich zwischen die Horner des Verwegenen und trabte mit ihm fort. Er schlich in das Haus des Junkers von Trossel. Der Kerl war mir von seinem ersten Weibe her bekannt und verdient, es Euch zu werden. Stellt Euch einen westfalischen Flegel von Edelmann, sechs Fuss hoch, vor, zwischen seinen breiten Schultern einen runden, feisten Kalbskopf, auf dessen Angesicht die Natur mit grober Schrift den eigensinnigen Dummkopf, den Pfaffensklaven, den hartherzigen, rauh prahlenden Barbaren, den Burger- und Bauernschinder und den Hahnrei gezeichnet hat. Seine Erziehung gaben ihm die Buben, Knechte und Knappen des hochgebornen Vaters, in deren Schule er auch ein so fertiger und origineller Flucher ward, dass es kein Fuhrmann seines Vaterlands mit ihm aufzunehmen wagte. Der Kapellan lehrte ihn ein wenig lesen, stopfte ihm gleich das Gehirn voller Legenden und Zaubergeschichten, und da er so zum Edelmann qualifiziert war, gab man ihm ein Fahnlein Volks und schickte ihn dem Kaiser gegen die Turken zu Hulfe. Wacker hieb er in den Feind, doch fuhrte er lieber mit dem Freunde Krieg, raubte, erpresste und handelte, wie ein Kerl handelt, der kein ander Recht kennt als das Recht seiner Faust und seines Adels. Eine ubermassige Ladung ungarischen Weins machte seinem Unwesen ein Ende und sturzte ihn vom Pferde; er verrenkte sich die Hufte, ward in der Kur verpfuscht und setzte sich in Koln zur Ruhe. Hier legte er sich aus Missmut und Langerweile aufs Studieren, verschlang alle Legenden, Zauber- und Hexengeschichten, erhitzte, verwilderte seine leere Einbildungskraft und fasste aus Patriotismus (worin ihr Teutschen alle Volker der Erde ubertrefft) ganz naturlich eine besondre Vorliebe fur die Reliquien und Legenden des Orts seines Aufenthalts. Nichts ubertraf nach seinem Sinne das Wunder der elftausend Jungfrauen (und darin hatte er nicht unrecht). Die Legende der heiligen drei Konige aus Morgenland wurde sein Labsal, und schon vor seiner ersten Ehe unternahm er, ihre Geschichte zu schreiben, bisher ist er aber noch nicht mit ihnen nach Bethlehem gekommen. Doch alle diese frommen Beschaftigungen bekehrten den Flucher nicht. Pfaff und Laie machten ihm Vorstellungen daruber, unter neuen, schrecklichern Fluchen versicherte er, er wolle sich das Fluchen abgewohnen. Nehmt noch hinzu, dass dieses Tier vom vielen Sitzen hypochondrisch geworden ist, dass er sich erschrecklich vor dem Tod und noch mehr vor unsrer Bruderschaft furchtet, die er gleichwohl ohne Unterlass zitiert, und, um den Kerl mit dem letzten Zug zu malen, dass er eifersuchtig wie ein Tiger ist, dass er sein Weib nicht aus den Augen lasst, dass sie neben seinem gepolsterten Sessel hucken und ihm zuhoren muss, wenn er die Legende kommentiert oder von seinen Feldzugen lugt. Vor kurzem verheuratete er sich mit einer derben, fleischigten Brunette ein lusterner Schalk, ganz auf dem schwankenden Stengel der Unschuld gewachsen und nur vom weiblichen Sinne gepflegt. Ich hatte schon ein Netz fur sie gewirkt, aber der Schalk kam mir, wie Ihr sehen werdet, zuvor. Der Monchsteufel polterte die Treppe hinauf ich, der ihm ablauerte, worauf es angesehen war, umzog schnell seine Horner mit loderndem, knitterndem Feuer und setzte mich in Gestalt einer ungeheuern Fledermaus mit gluhenden Augen dazwischen Der Monchsteufel trat vor das Bett und schrie: 'Trossel! Trossel! Herr von Trossel! Mich sendet Satan, mein Herr. Mit freundlichem Grusse lasst er dir sagen, dass, wenn du dein schreckliches Fluchen nicht lassest, womit du ihn jeden Augenblick zu Hulfe rufest, er bald genotigt sein wurde, dir in hoher Person den Hals zu brechen. Schon lange hatte er's gern getan, aber du stehest unter dem Schutze der elftausend Jungfrauen, der drei Mohrenkonige, und diese verteidigen dich gegen ihn. Doch sollen sie ihn nicht hindern, dir fur jeden Fluch, den du in Zukunft herausdonnern wirst, einen Liebhaber zu deinem jungen Weibe Lene zu legen. Weh dir, wenn du alsdann dein unschuldiges Weib und den unschuldigen Kavalier beleidigst.'
Der Monchsteufel polterte die Treppe hinunter. Trossel zitterte und bebte Lene war bei der Erscheinung unter die Bettdecke gekrochen und streckte nicht eher den Kopf hervor, als bis er ihr in Verzweiflung zurief. Dann fing sie erbarmlich an zu klagen und zu jammern uber das Ungluck, das ihr bevorstunde, und beschwur den Totbleichen bei allen Heiligen, sich ja vor dem Fluchen in acht zu nehmen. Er gelobte sich's und ihr unter Stohnen und Gebet. Ich eilte dem Kerl nach, der uns so schandlich prostituiert hatte, und begleitete ihn nach der Rheinseite. Ein junger Edelmann, dem der Schalk von Weibe dieses saubere Spiel in der Kirche angegeben hatte, wartete dort auf ihn der Kerl kroch aus der Maske hervor es war ein Monch, Faust!
Trossel sass den ganzen Tag stumm und tot da; denn reden und fluchen war bei ihm eins. Der Schalk von Brunette blickte aus halbgeoffneten Augen nach dem Unglucklichen und schien nach dem Fluche zu lechzen wie nach eurer Vorstellung eine Seele im Fegfeuer nach Erlosung. Gleichwohl scharfte sie ihm ohne Unterlass ein, sich ja vor dem Fluchen in acht zu nehmen, malte ihm den Teufel und die Gefahr immer schrecklicher und sagte weinend, sie wurde nie den furchterlichen Augenblick uberleben. Trossel seufzte zum erstenmal herzlich in seinem Leben, er war nur ein lebloses Ding, ein Schatten, ein Nichts. Man bestahl ihn, warf seine Legenden untereinander, trat seinen Lieblingshund auf die Pfoten, war murrisch, zankisch, unverschamt gegen ihn, er verlor durch ungerechten Spruch einen Prozess er biss die Zahne zusammen, schluckte die bis in die Gurgel gedrungenen Fluche zuruck, erduldete alles und schwieg. Er war dem Stummwerden nahe, und schon verzweifelte Lene, als ihm mein Monch, unter der Maske eines reisenden Edelmanns, von Trossels Kriegsbruder empfohlen, eines Abends einen Besuch machte und der lechzenden Brunette Gelegenheit verschaffte, den gefesselten Fluchen Luft zu machen. Das Monchlein liess sich glattzungig mit Trossel in eine Unterredung uber die drei Mohrenkonige ein. Die Beredsamkeit des Stummen ward lebendig, er floss in ihrem Lobe uber, las ihm aus seinem Werke vor, und die Brunette horchte andachtig zu. Als ihn der Monch recht im Feuer sah, sagte er spottisch lachend: 'Drei Konige? Drei Konige auf einmal? Hat man doch oft an einem zu viel! Und was wollten denn die Kerle in Koln? Was hatten sie am Rheine zu tun? Hatten sie denn zu Hause keine Geschafte, dass sie herumzogen wie Meistersanger? Was mogen indessen ihre Untertanen gemacht haben? Nehmt mir nicht ubel, so viel ich von Konigen weiss, so laufen sie nicht so von Haus und Hof, es musste denn sein, dass man sie davonjagte. Das ist alles Fabel und albernes Zeug.'
Trossel wurde blau und rot. Die Kollerader schwoll auf seiner Stirne. Der Geifer des Zorns schaumte um seine blauroten Lippen. Er zog krampfhaft die Daumen in die Fauste, schnitt furchterliche Grimassen, blies aus Mund und Nase, wollte eben, um die Fluche zuruckzupressen, nach seiner Krucke greifen, um dem Lasterer eins zu versetzen; aber das freundliche Lenchen sprang erschrocken auf, liebkoste ihn, streichelte ihn, gab ihm susse Worte und Kusse, druckte sich an ihn, setzte unter Liebkosungen ihr Fusschen auf das Huhneraug des Grimmigen und trat aus allen ihren Kraften darauf. Da brach der eingeschlossne Donner los. Die schrecklichsten Fluche stromten aus seinem Munde wie eine losgelassne Flut, sturzten wie der Hagel herunter der Gast entfloh die Brunette sank zu seinen Fussen, schrie: 'Du hast mich unglucklich gemacht, meine Ehre weggeflucht!' und fiel in Ohnmacht. Starr, bebend und bleich stund der Flucher da. Mit noch grasslichern Fluchen rief er endlich: 'Warum hast du mir auf das Huhneraug getreten? Hab ich meine verdammte Zunge nicht bis auf diesen Augenblick gehalten?' 'Warum hast du geflucht', erwiderte Lene. 'Dir ist alles gleichgultig, wenn nur dich der Bocksfussler nicht holt, mag meine Ehre immer dabei leiden!' Ich konnte dem Kitzel des Lachens nicht mehr widerstehen. 'Wer lacht dahier?' klapperte Trossel. 'Der Teufel', schrie die Brunette. Das edle Paar entfloh, kroch ins Bette, und kaum hatte sich Trossel von seinem Schrecken erholt, kaum fing er an zu schnarchen, als ihn eine gellende Stimme aufweckte: 'Heraus aus dem Bette, Flucher! Wider Willen muss ich dich heute zum Hahnrei machen. Doch furchte nichts, ich bin wie du von christlichen Eltern geboren, werde dir nichts zuleide tun. Alles geschieht zum Heil deiner Seele, aber wenn du dich ruhrst, so kommt der Schwarze!'
Trossel sprang aus dem Bette, kroch in einen Winkel, zog die Nachtmutze uber das Gesicht und klapperte vor Furcht und Angst. Nach einigen Stunden rief die Stimme: 'Lege dich wieder zu Bette und vergiss nicht, dass mein Schicksal ist, fur jeden deiner Fluche deinen Platz einzunehmen, und das deine, es zu leiden!'
Die Stimme stieg zum Fenster hinaus. Lenchen spielte noch toller die Verzweifelte, und ihr Haustyrann, der so streng auf sein Mannerrecht hielt, der nicht den geringsten Widerspruch vertragen konnte, musste nun bitten und flehen, sie mochte ihm diesmal verzeihen.
Man stellte dem Flucher neue Fallen, lange vermied er sie; da aber einmal die Brunette das Mittel entdeckt hatte, seine Zunge zu losen, so spielte sie solange auf dieser Saite, bis sie etwas erschlaffte. Ein Streich gelang ihr uber alle Hoffnung. Der Arme hatte den ganzen Tag an einem Kapitel seines Werkes gearbeitet, darinnen bewiesen, dass seine Schutzherrn aus dem Morgenlande nicht zu Fusse, sondern auf Kamelen von Hause ausgeritten waren und dass ein geflugelter Bote von oben ihnen bei Nacht eine Laterne vorgetragen hatte. Lene, die seine Anstrengung wahrend der Arbeit und seine endliche Zufriedenheit daruber bemerkte, zerriss die Blatter, sobald er sich einen Augenblick entfernte, wickelte Garn in die Fetzen legte in ein Blatt einen Kreuzer, zundete es an und warf es einem singenden Bettler aus dem Fenster zu. Trossel kam zuruck, wollte ihr nun seine Tagesarbeit vorlesen, fand sie nicht, frug zitternd darnach; Lene liess sich dreimal erklaren, was er wollte, und sagte endlich mit kalter Verachtung: 'Hier sind deine Wische! ich hielt es fur eine Schmiererei, dergleichen du Hunderte des Tags machst und wieder zerreissest!' Knirschend fur Wut offnete er die Knauel Garn, warf sie ihr brummend in Schoss, legte seine Fetzen zusammen und rief mit donnernder Stimme: 'Wo ist das ubrige?' 'Zum Fenster hinaus!' Zum Fenster hinaus! Die Fluche donnerten heraus, dass die Fenster zitterten, das Glas auf dem Tische erklang. Lene stopfte sich die Ohren zu, spielte die vorige Komodie; der Gast kam, Trossel musste das Bett verlassen und murmelte dabei zwischen den Zahnen: 'Ich wollte, dass die drei Mohrenkonige die Beine gebrochen hatten! schon zum zweitenmal machen sie mich zum Hahnrei.'
'Und sie sollen's zum dritten-, vierten- und funftenmal, verwegener Sunder! Ein Fluch gegen die Heiligen ist Todessunde!' rief die Stimme hinter den Bettvorhangen hervor.
Der Gast hielt Wort. Da nun Trosseln die Besuche zu oft kamen, so sagte er diesen Morgen zu Lenchen: 'Ich kann es nicht mehr ertragen! Ich mag machen, was ich will mag ersticken, bersten fluchen muss ich! Ich will den Nachmittag nach dem Pater Orbelius schicken, dass er mich morgen fruh besuche, ihm dann alles erzahlen und ihn bitten, dass er mir und dir helfe.'
Lene lobte seinen Entschluss; schlich aber bald darauf in ihr Kammerlein, setzte sich hin, ihrem Galan den Vorfall zu melden und ihm zu schreiben, er solle abends den Teufel mit dem Auftrag schicken, Trosseln mit dem Tode zu drohen, wenn er die Erscheinung entdeckte.
Ich, schon zufrieden mit dem, was geschehen war, schlich ihr nach. Warf ein hellrotes Mantelchen um die Schultern, steckte mich in einen Wams von rauhen Fellen des Alps, legte ein Kragelchen um den Hals, aus roten, blauen, gelb- und grunen Flammen gewebt, stellte mich auf zwei hohe Hahnenfusse mit langen Spornen, nahm eine scheussliche Krotenmaske vor und bedeckte den feuchten, kahlen Schadel mit einem Federhut. Statt des Schwanzes wickelte sich eine ungeheure Schlange um meinen Leib, ihr Rachen ragte aus dem geoffneten Schlunde der Krotenmaske weit hervor, und so geschmuckt stellte ich mich hinter den Stuhl der Schreibenden und zischelte ihr mit ausgestreckter Schlangenzunge in einem sussen, gefalligen Tone zu: 'Bemuht Euch nicht, gnadige Frau, wenn Ihr einen Teufel braucht, da habt Ihr gleich den rechten. Befehlt nur!'
Die Folgen meines Grusses, Faust, nebst der Moral, wenn wir uns wiederbegegnen."
Die Stimme schwieg, und Faust fuhlte den Geist an sich vorubersausen. Er schrie: "Wo ist er hin? Die Moral will ich horen."
TEUFEL: Ho! ho! soll diese der Teufel auch machen? und seinen Schwank verderben, wie's eure Dichter machen? Er ist schon weit weg; vermutlich hat er einen neuen Spuk gewittert! Hm, Faust, es fehlt den teutschen Weibern, wie ich sehe, nicht an Genie, und wenn sie nichts aus euch machen, so geb ich alle Hoffnung auf.
Unter Glossen und Lachen uber den Schwank ritten sie in das Tor der vor ihnen liegenden Stadt, und die gute Mahlzeit und die herrlichen Weine in der Stadt, wo sie nun angekommen waren, schlugen bald Fausts trube Geister vollig nieder. Da eben in derselben Jahrmarkt war, so ging Faust mit dem Teufel nach Tische auf den Platz, um das Gewimmel zu sehen.
Es war ein sonderbares Land, worin sie sich nun befanden. In einem Kloster der Stadt lebte ein junger Monch, dem es ohne viele Muhe gelungen war, einige wenige Funken von Verstand durch das Feuer seiner Einbildungskraft ganzlich aufzubrennen und sich so machtig von der Kraft des religiosen Glaubens zu uberzeugen, dass er hoffte, wenn einst seine Seele den wahren Schwung erhielte und der Geist Gottes ihn vollig durchsauste, es ihm ein leichtes sein wurde, Berge zu versetzen und sich als ein neuer Apostel in Wundern und Taten zu zeigen. Uberdem sog er, gleich einem trocknen Schwamme, die Torheiten und Scharlatanerien ein, die andre ausheckten, ein Umstand, wodurch sich die Schwarmer von den Philosophen ganzlich unterscheiden, denn diese hassen und verachten die Hypothesen eines andern, da jene allen Unrat des menschlichen Geistes annehmen und sich zu eigen machen. Da dieser junge Monch wie jeder Schwarmer, der von seinem Gegenstand durchdrungen ist, ein feuriger Redner war, so zog er bald die Seelen der Mannlein und vorzuglich der Weiber (die alles Leidenschaftliche so gern aufnehmen) an sich. Seine Einbildungskraft verschaffte ihm bald einen neuen Zauberstab; denn da er vermoge seiner innigen Verbindung mit dem hochsten Wesen eine hohe Meinung von den Menschen hatte, so fasste er in einer seiner gluhenden Stunden den Entschluss, dieses Meisterwerk der Vorsehung, diesen Liebling des Himmels, fur den alles ubrige gemacht ist, physiognomisch zu zergliedern und sein Inneres durch sein Ausseres zu bestimmen. Leute von seinem Schlage betrugen sich so oft selbst, dass man nicht mit Gewissheit sagen kann, ob ihm etwa ein verborgner Funken des Verstandes zugelispelt hat, diese Schwarmerei wurde der alten einen neuen Firnis geben und die frommen Seelen, uber deren Gesicht sich so viel herrliche Dinge sagen liessen, noch mehr an ihn ziehen. Da er nur die vier Wande seiner Zelle und Leute seiner Art gesehen hatte, ubrigens in Ansehung der Menschen, der Welt und wahrer Wissenschaften so unwissend war, als es Leute von heisser Einbildungskraft gewohnlich sind, die obendrein alle aufstossende Zweifel mit dem zerschmetternden Hammer des Glaubens zerschlagen, so lasst sich leicht schliessen, dass auch nur die Phantasie allein bei seinem Werke die Feder fuhrte. Aber eben darum tat es eine erstaunende Wurkung auf die Geister aller derer, die lieber verworren fuhlen als klar denken. Dies ist der Fall des grossten Teils der Menschen, und da die Tage des Lebens unter dem angenehmen Kitzel des geliebten Selbsts so sanft dahinfliessen, so konnte es ihm nicht an Anbetern fehlen. Es tut so wohl, sich als ein vielgeliebtes, vorzuglich besorgtes Schosskind der Gottheit anzusehen und uber die ubrigen rohen Sohne der Natur mit Verachtung und Mitleiden hinzusehen! Unser Monch blieb aber nicht bei dem Menschen allein stehen, er stieg auch zu den andern unedlen Tieren der Erde herunter, bestimmte ihre Eigenschaften aus ihren Gesichtern, ihrem Baue und glaubte grosse Entdeckungen gemacht zu haben, wenn er aus den Klauen, den Zahnen, dem Blick des Lowen und dem schwachlichen, leichten Baue des Hasens bewies, warum der Lowe kein Hase und der Hase kein Lowe sei. Es wunderte ihn gewaltig, dass es ihm gelungen, die bestimmten und unveranderlichen Merkzeichen der tierischen Natur so klar beweisen und auf den Menschen anwenden zu konnen, ob gleich die Gesellschaft das Gesicht des letztern zur Maske geschliffen hat und er nie einen in seinem ursprunglichen Zustand sah. Hierauf drang er selbst in das Reich der Toten, zog die Schadel aus den Grabern, die Gebeine der Tiere aus den Gruben und zeigte den Lebenden, wie und warum die Toten so waren und wie sie vermoge dieser Knochen so und nicht anders sein konnten. Zu was fur gefahrlichen Schlussen konnten diese Voraussetzungen einen Sophisten oder einen Menschen, der gern seine Schlechtigkeit von sich walzen mochte, verleiten? Soll, kann der Mensch durch Kunst ersetzen, was durch naturliche Anlagen in ihm verhunzt ist?
Dem Teufel war dieser Spuk bekannt, und er merkte wohl, da sie im Wirtshause bei Tische sassen, dass einige Anwesende und selbst der Wirt ihn und Fausten mit besondrer Aufmerksamkeit betrachteten und sich leise ihre Beobachtungen mitteilten, wahrend sie verstohlen ihre Profile zeichneten. Auch zu Faust war der Ruf dieses Wundermanns gedrungen, hatte ihn aber bisher so wenig interessiert, dass er auf dieses Gefluster nicht aufmerksam wurde. Da sie nun auf den Platz kamen, uberraschte sie ein ganz neues Schauspiel. Dieses Gewimmel von Menschen war die echte Schule der Gesichtsspaher. Jeder konnte da seinen Mann fassen und sein Gesicht auf die Waage legen, die Krafte seiner Seele abzuwagen. Einige stunden vor Mullereseln, Pferden, Ziegen, Schweinen, Hunden und Schafen, andre hielten Spinnen, Kafer, Ameisen und andre Insekten zwischen den Fingern, forschten mit scharfem Blick nach ihrem innern Charakter und suchten zu entwickeln, wie sich ihr Instinkt aus dem Aussern bestimmen liesse. Einige massen Schadel von Menschen und Tieren aus, beurteilten das Gewicht und die Scharfe ihrer Kinnladen und Zahne und rieten, welchem Tier sie zugehorten. Da aber Faust und der Teufel unter sie traten, horte man sie ausrufen: "Welch eine Nase! Welche Augen! Welch ein forschender Blick! Welch eine liebliche sanfte Rundung des Kinns! Welche Kraft ohne Schwache! Welche Intuition! Welche Durchdringlichkeit! Welche Helle und Bestimmtheit im Umriss! Welch ein kraftvoller, bedeutender Gang! Welches Rollen der Augen! Welch ein Wurf der Glieder! Wie einverstanden und harmonisch!" "Ich gabe ich weiss nicht was darum, wenn ich die Handschrift der Herrn hatte", sagte ein Weber, "um den schnellen und leichten Gang ihrer Denkkraft aus ihren Federzugen zu sehen." Sie zogen alle ihr Reissblei aus den Taschen und nahmen ihre Profile. Der Teufel verzerrte bei Anhorung dieser Fratzen das Gesicht, und einer der Spaher schrie: "Der innre Lowe Kraft hat sich gegen eine aussre Versuchung oder einen schwachlichen Gedanken geschuttelt!"
Faust belachelte die Narrheit, als auf einmal ein englisches Gesicht aus einem nahen Fenster auf ihn blickte und in susser Verwundrung rief: "Heilige Katherine! welch ein herrlicher Kopf! welch eine himmlische, liebevolle, sanfte Schwarmerei! Welche Gefuhl und Anhanglichkeit atmende Physiognomie!"
Diese Tone erklangen melodisch in dem Herzen Fausts. Er starrte nach dem Fenster, sie sah noch einen Augenblick auf ihn, zog sich zuruck, und Faust sagte zu dem Teufel:
"Ich verlasse diesen Ort nicht, bis ich mit dieser Dirne gelegen habe. Die Wollust schimmert unter einem so frommen Glanze aus ihren Augen, als sollte er der Sinnlichkeit die wahre Wurze mitteilen."
Sie wandten sich kaum nach einer Seitenstrasse, als einer der Spaher zu ihnen trat und sie keck um die Physiognomie ihrer Handschrift bat, um, wie er sie versicherte, die Tragheit oder Fertigkeit ihrer hervorbringenden Kraft, die Gradheit, Standhaftigkeit, Reinheit oder Schiefheit ihres Charakters daraus zu entziffern. Er setzte hinzu, es habe ihm bisher kein Fremder diese Gefalligkeit abgeschlagen und er hoffte von ihnen ein gleiches.
Hierauf zog er ein Taschenbuch, Feder und Tinte hervor und spitzte die Ohren voller Erwartung.
FAUST: Nicht so rasch, guter Freund, Dienst um Dienst: sagt mir vorerst, wer ist die Jungfrau in jenem Hause, die ich eben am Fenster sah und deren Ausseres so englisch schon ist?
SPAHER: O sie ist ein Engel in allem Verstand. Unser grosser Seher versichert von ihr, ihre Augen seien Spiegel der Reinheit und Keuschheit. Ihr holder Mund sei nur geschaffen, die hohe Begeistrung eines von himmlischen Dingen erfullten Herzens auszudrucken. Ihre Stirne sei ein glanzender Schild der Tugend, an dem sich alle Versuchungen, alle irdische und sinnliche Gefuhle zerschlugen. Ihre Nase wittere die Gefilde der Unsterblichen. Sie sei das Ideal der Schonheit und aller der Tugenden, die diese begleiten, wenn die Gottheit eine vollkommen schone Seele dem Auge des Fleisches sichtbar machen wollte.
FAUST: Ihr malt wahrlich nicht mit Farben der Erde; aber sagt mir nun auch etwas von ihren irdischen Verhaltnissen.
SPAHER: Diese sind freilich nicht so glanzend wie die erstern, aber doch hinreichend, ihre Ausubung nicht zu storen.
FAUST: Und sie heisst?
SPAHER: Angelika.
Sie schrieben Worte ohne Sinn auf ein Blatt, und der Spaher verschwand vergnugt mit seinem Schatz.
FAUST: Teufel, wie meinst du, dass dem frommen Kinde beizukommen sei? Ich bin nun recht in der Laune, das Ideal dieses Sehers zu verpfuschen.
TEUFEL: Auf der graden Heerstrasse zu dem menschlichen Herzen, Faust, darauf wird sie dir gewiss begegnen; denn fruh oder spat muss jeder dahin einlenken, seine Phantasie mag ihn noch so weit davon entfernt haben.
FAUST: Es muss ein reizender Genuss sein, eine solche zugespitzte Einbildungskraft mit Bildern der Wollust zu fullen.
TEUFEL: Der Monch hat dir schon vorgearbeitet und ihre Sinnlichkeit so gescharft, ihr Seelchen mit so viel Eitelkeit und Selbstvertrauen angefullt, ihre Frommigkeit so sinnlich gemacht, dass es weiter nichts erfordert, als gehorig an dem Herzen anzuklopfen, um sich als wurklichern Gegenstand der Schwarmerei hineinzunisten. Lass mich eine Probe machen, zu was Schwarmerei die Weiber endlich fuhrt.
FAUST: Und schnell! Ich habe bei Nonnen gelegen und sie wie andre Weiber gefunden, lass mich nun sehen, wie sich eine Schwarmerin dabei gebardet.
10.
Dem Teufel war darum zu tun, eine solche Seele dem Himmel zu stehlen, Fausts Sundenmass schneller zu fullen, und stund in einem Augenblick unter der Gestalt eines alten Mannes mit einem Guckkasten vor Faust, gab ihm einen Wink und schlich nach dem Markte. Hier schlug er seine Bude auf und rief den Pobel zusammen, seine schone Raritaten zu schauen. Das Volk drang hinzu, Magde und Knechte, Jungfrauen und Witwen, Kinder und Greise. Der Teufel gaukelte ihnen allerlei Historchen vor, die er mit frommen Erlauterungen und moralischen Spruchen begleitete. Jedermann trat vergnugt von dem Guckkasten zuruck und reizte die Zuschauer mit Erzahlung der gesehnen Wunder. Die englische Angelika sah aus dem Fenster, und da sie den Teufel mit einem so frommen Tone die Vorspieglung seiner Historchen ableiern horte, fuhlte sie eine unwiderstehliche Versuchung, die Wunder des Kastens zu sehen und dem frommen Greise ein Almosen zufliessen zu lassen. Der Teufel ward gerufen. Er fuhlte sich selbst betroffen von ihrer wunderbaren Schonheit, ihrer Sanftmut und Gute und ward um so begieriger, ihre Sinne zu verwirren. Nun legte sie ihr schwarmerisches Auge an die Offnung des Kastens, der Teufel leierte seine Alltagsspruche herunter und gaukelte ihr stufenweis die Szenen der Liebe bis zu den ausschweifendsten Vorspieglungen der Wollust und des sinnlichen Genusses vor. Fuhrte ihre Phantasie so rasch und unmerklich vom Geistigen zum Sinnlichen hinuber, dass sie die Schattierung kaum gewahr werden konnte. Wenn sie das Auge zuruckziehen wollte, so verwandelte sich der anstossige Gegenstand in ein erhabenes Bild, das den widrigen Eindruck ausloschte und das Herz fur das folgende zundbarer machte. Ihre Wangen gluhten, sie glaubte vor einer bezauberten, unbekannten Welt zu stehen. In allen diesen Szenen liess der Tausendkunstler Fausts Gestalt erscheinen und versetzte sie immer in die anziehendsten Lagen. Sie sah ihn einen Schatten verfolgen, der ihr glich und um ihretwillen die grossten Taten unternahm, sich den schrecklichsten Gefahren unterwarf, und nachdem er ihre Aufmerksamkeit ganzlich gefesselt hatte und wahrnahm, dass die Neugierde die Verwicklung, worin Fausts Gestalt mit ihr verflochten war, aufzulosen wunschte, so verwandelte er die Szene und liess in schnellem Wirrwarr die schlupfrigsten und uppigsten Erscheinungen der tierischen Liebe, mit den reizendsten Farben bekleidet, vor den Augen der unschuldigen Lauscherin gaukeln. Der Blitz erleuchtet nicht so schnell das Dunkel, der Wunsch nach Ehebruch entsteht nicht so schnell in dem Herzen des Wollustlings als diese Erscheinungen voruberflogen. Eine Sekunde ist Dauer dagegen. Kaum hatte die Unschuldige das Auge an den Kasten gelegt, als das Gift schon in ihr Herz geflossen war. Sie sah, bevor sie fliehen konnte. Nun deckte sie mit beiden Handen ihre Augen, floh nach ihrem Schlafzimmer und sank Fausten in die Arme. Der Verwegne nutzte den Augenblick der ganzlichen Abwesenheit ihres Bewusstseins, fand in ihrem Strauben, ihren Tranen, ihrem Seufzen neuen Reiz zur Sunde, und nie ist eine unschuldigere Seele, nie ein schonrer, unbefleckterer Korper von der frechen Hand der Verfuhrung besudelt worden. Als sie ihren Fall wahrnahm, verhullte sie ihr Haupt, stiess den Frechen zuruck. Er legte kostbare Geschmeide zu ihren Fussen, sie zertrat sie und rief: "Wehe dir, die Hand des Rachers wird einst schwer auf dir liegen fur diese Stunde!"
Der Wahnsinnige freute sich seines Siegs, ging ohne Reue zu dem Teufel, der die Szene belachte und sich der schaudervollen Folgen der Tat freute.
11.
Faust befand sich hier in seinem Elemente, die geistige Schwarmerei hatte den Zunder der Lust so nahe an die Herzen gelegt, dass er nur anzublasen brauchte, um sie in Flammen zu setzen. Er flog von Sieg zu Sieg, nutzte hierbei die Macht des Teufels wenig, desto mehr aber sein Gold und Juwelen, die auch die Frommen zu brauchen wissen. Angelika ward unsichtbar, und alles Bemuhen Fausts war vergebens, ihr noch einmal zu nahen, er vergass sie auch bald in den neuen Berauschungen. Er las in der Zwischenzeit mit dem Teufel die Handschrift der Physiognomik, die ihm einer der Spaher fur eine grosse Summe verkauft hatte, und argerte sich grimmig an der Zuverlassigkeit, der Unwissenheit und dem dichterischen Schwulst des Verfassers. Der Teufel gluhte vor Zorn, da er sogar sein eignes Portrat in der Handschrift fand, das der junge Monch mit der nur ihm eignen Verwegenheit beurteilt hatte. Es verdross ihn so heftig, dass er mit seiner hohen Person sein Spiel getrieben, dass er dem Hang, sich zu rachen, nicht widerstehen konnte, und da Faust in keiner bessern Laune gegen den Monch war, so machten sie sich auf, ihm einen Streich zu spielen. Sie gingen nach dem Kloster, und da sie beide stattlich gekleidet waren und Leute von Rang und Bedeutung zu sein schienen, so wurden sie von dem jungen Monch sehr freundlich und herzlich empfangen. Aber kaum sah er den Teufel scharfer an, als er von seinem Angesichte so begeistert wurde, dass er alle Worte des Grusses vergass, ihm stark die Hand schuttelte, sich dann von ihm entfernte und ihn bald en face, bald en profil anstarrte. Hierauf rief er hochbegeistert:
"Ha, wer bist du, Ubergrosser?
Ja, man kann, was man will.
Man will, was man kann! dies sagt mir dein Gesicht, und ich brauche dich nicht zu kennen und dies zu sagen. Nie hab ich die Gewissheit meiner Wissenschaft mehr gefuhlt als in diesem Augenblick!
Wer kann ein solches menschliches Gesicht ohne Gefuhl, ohne Hingerissenheit, ohne Interesse ansehen da nicht in dieser Nase innre, tiefe, ungelernte Grosse und Urfestigkeit ahnden! Ein Gesicht voll Blick, voll Drang und Kraft." Er befuhlte Leviathans Stirne und fuhr fort. "Erlaube mir, mit meinem Stirnmesser die Wolbung deiner Stirne auszumessen. Ja, eherner Mut ist so gewiss in der Stirne als in den Lippen wahre Freundschaft, Treue, Liebe zu Gott und den Menschen. In den Lippen, welch eine vorstrebende entgegenschmachtende Empfindung! Welch ein Adel im Ganzen.
Ja, dein Gesicht ist die Physiognomie eines ausserordentlichen Mannes, der schnell und tief sieht, festhalt, zuruckstosst, wurkt, fliegt darstellt, wenig Menschen findet, auf denen er ruhen kann, aber sehr viele, die auf ihm ruhen wollen.
Ach, wenn ein gemeiner Mensch so eine Stirne, so eine Nase, so einen Mund, ja nur solch ein Haar haben kann, so steht's schlecht mit der Physiognomik.
Es ist vielleicht kein Mensch, den dein Anblick nicht wechselsweise anziehe und zuruckstosse o der kindlichen Einfalt und der Last von Heldengrosse! So gekannt und so misskannt werden wenige Sterbliche sein konnen.
Adler! Lowe! Zerbrecher! Reformator der Menschen! Steure zu und rufe die Sterblichen von ihrer Blindheit zuruck, teile ihnen deine Kraft mit, die Natur hat dich zu allen dem gestempelt, was ich dir verkundige."
Faust biss wild die Zahne zusammen, wahrend der Monch alle die herrlichen und erhabnen Sachen uber das Angesicht des Teufels begeistert herausstiess. Der Teufel wandte sich kalt zu dem Seher:
"Und was haltst du von diesem hier?"
MONCH: Gross, kuhn, machtig, kraftvoll, sanft, mild; doch das Grossre ist grosser, das Kuhnre kuhner, das Machtigere machtiger, das Kraftvollere kraftvoller, das Sanftere sanfter, das Mildere milder! Grosser, edler Schuler eines Grossern, wenn dein Geist und Herz ihn ganz fassen wird, so wird sein Licht auch durch dich leuchten! Ich bitte Euch, setzt Euch, dass ich Euren Schatten nehme!
Faust, der noch mehr ergrimmte, dass ihn der Monch so tief unter den Teufel setzte, brach los:
"Schatten! ja Schatten, die sind es, die du gesehen hast. Wer bist du, der du dich so frech erkuhnst, das Menschengeschlecht nach den Zuckungen deiner erhitzten und verworrnen Einbildungskraft zu richten und zu messen? Hast du den Menschen gesehen? Wo, wie und wann? Im Schatten hast du ihn gesehen und diesen, ausstaffiert mit den Floskeln deiner Phantasie, fur seine wirkliche Gestalt gegeben! Sage, was fur Menschen hast du gesehen? Sektierer, Fanatiker, Schwarmer, die Schlacken der menschlichen Natur. Eitle Betschwestern, junge Weiber, die kraftlose Manner, Witwen, die schlaflose Nachte haben. Madchen, die der Kitzel des Bluts qualet, diese hangen sich an Leute deinesgleichen, weil sie an nichts Kraftigerm hangen konnen und mit dem Geiste buhlen mussen, weil ihre Leiber nicht bepflugt werden. Autoren hast du gesehen, denen es wohlgefiel, wenn du die flachen Zuge ihres Gesichts zu Merkzeichen des Genies stempeltest. Grosse, deren glanzender Stand und Name ihre Gesichter vor deinen Augen verherrlichten. Du siehst, ich kenne deinen Umgang und habe dein Buch gelesen."
TEUFEL: Bravo, Faust, lass mich nun auch das Wort nehmen und ihm mit Wahrheit lohnen. Bruder Monch! in deiner einsamen Zelle hast du dir ein schales Ideal von Vollkommenheit zusammengesetzt, es den Kopfen der Menschen einzupragen gesucht, das nun an den Kraften ihres Geistes zehrt wie der Krebs am angesteckten Fleische; oder ist es ein Zug neuer Scharlatanerie, den Menschen durch den Koder der Eitelkeit an dich zu ziehen und deine sonstige Schwarmerei mehr auszubreiten? Es hat einst auch Menschen gegeben, die es wagten, von dem Ausseren des Menschen auf sein Innres zu schliessen (das, im Vorbeigehen gesagt, tiefer liegt als der Mittelpunkt der Erde), aber es waren andere Kerle wie du. Sie hatten doch wohl einen Teil des Erdbodens durchlaufen, waren unter Erfahrungen grau geworden, hatten mit Menschen gehandelt und gewandelt, mit mehr als einem Weibe geschlafen, die Schlupfwinkel des Lasters und der Uppigkeit durchkrochen. Stiegen aus dem Palast in die Hutte, krochen in die Hohlen der Wilden und wussten, was ohngefahr zu einem wackren Kerl gehort, was er leisten kann und was man seiner Natur nach an ihn fordern muss. Du starrst von deinen Vorurteilen zuruck und zitterst vor der raschen Tatigkeit des Menschen! Hast dir ein Gespenst von Monchs- und Weibertugenden zusammengesetzt, mit Engelreinheit und Keuschheit behangt, das den Menschen eben um das bringt, was ihm noch einigen Wert gibt.
Der Monch stund zwischen ihnen wie zwischen zwei feuerspeienden Bergen, hielt demutig die Hande vor die Brust und schrie: "Erbarmt euch!"
FAUST: Hore weiter! Du siehst auf dem Rucken der Nase eines Burschen eine kleine Wolbung, die du einmal zum Zeichen fleischlicher Sinnlichkeit gepragt hast, und er muss dir ein Wollustling sein, ob er gleich Hoden hat wie Erbsen und Gesasse so flach wie deine Backen. Da, wo du es nicht ahndest, wohin du nicht greifen darfst, wovon du keinen Schatten nehmen und in Holz schneiden kannst, da sitzt es dem Mann und dem Weibe, da ist nur zu oft die Waage ihrer Tugend. Du haltst das Aufsteigen der uppigen, heisshungrigen Gebarmutter fur himmlische Begeistrung, siehst selige Gefuhle in den Augen der Matrone, wahrend ihre Phantasie mit Bildern der Wollust buhlt. Drang nach edler Tatigkeit auf der Stirne des Junglings, wahrend der Lowe Temperament in ihm brullt. Wie willst du die Kraft des Menschen abwagen, da du den gefahrlichen, wilden Kampf, den sie im Innern erregt, nie gefuhlt hast? wie bestimmen, welcher Versuchung er unterliegen muss, da du dich bloss mit Schatten genahrt hast? Was meinst du, wenn einer die Floskeln, womit du deine Unerfahrenheit und Unwissenheit deckst, in schlichten Menschensinn aufloste? Was wurde ubrigbleiben als Seifenblasen?
Der Teufel nahm das Wort: "Und wie, wenn dir alle die Schatten, womit du dein dickes Buch ausgeputzt hast, in ihrer wahren Gestalt erschienen, wie ich dir nun erscheinen will? Ich habe gesehen, dass du auch den Teufel portratiert und gemustert hast, es ist hohe Zeit, dass er dir erscheine. Sieh mich an! ich will nun mein Inneres auf mein Ausseres ziehen, und du sollst in Staub vor dem Ideal hinsinken, das deine Phantasie in mir gesehen hat. Davon sahst du nichts, dass dieser hier in deinen Schafstall gebrochen ist und deine geistige Lammer erwurgt hat. Sieh, er dampft vom Genuss der Wollust und nun blick auf und sage dann, du habest einmal ein Ding in seiner wahren Gestalt gesehen."
Hier zog der Teufel sein Inneres in der furchterlichsten Maske der Holle hervor, stellte sich vor Fausten, dass er ihn nicht beobachten konnte. Der Monch sank zusammen, und der Teufel wandte sich zu Faust in seiner vorigen Gestalt, dann wieder zu dem bebenden Monch.
TEUFEL: Nun sage, du hattest den Teufel gesehen, und male ihn, wenn du die Kraft dazu hast. Oft wurdest du so zusammensinken, wenn du das wahre Innere derer sahest, die du als Engel gemalt hast.
FAUST: Sei ein Tor und zeuge Toren, mache dich und die Religion durch deine Schwarmerei den Verstandigen zum Ekel, du kannst nicht kraftiger fur die Holle arbeiten. Auf der einen Seite erweckst du Verachtung, auf der andern Verzerrung. Gehab dich wohl.
Der Monch ward vor Schrecken wahnsinnig, schrieb aber in seinem Wahnsinn immer fort, und die Leser merkten die Veranderung seines Zustandes nicht einmal, so sehr glichen seine neuen Bucher den alten.
Faust freute sich der Szene herzlich, und da er des Orts mude war, so machte er sich mit dem Teufel auf den Weg nach dem lachenden Frankreich.
Viertes Buch
1.
Frankreich war nun freilich in diesem Augenblick so lachend nicht, als es spater geworden ist, denn noch hatte die Gewohnheit, sich von Tyrannen beherrschen zu lassen, nicht so tief in ihrem Herzen Wurzel gefasst, dass sie die Grausamkeiten ihrer Regenten und deren Vizirs wie ihre Torheiten in Gassenliedern besangen und dieses fur gnugende Rache hielten. Als Faust und der Teufel den reichen Boden dieses Landes betraten, seufzte es unter dem Druck des feigsten und grausamsten Wuterichs, Ludwigs des Elften, der sich zum erstenmal den allerchristlichsten Konig nannte. Der Teufel hutete sich sehr, Fausten etwas von ihm vorher zu sagen, ihm war darum zu tun, sein Herz durch scheussliche Erfahrung Schlag auf Schlag zu zerknirschen und ihm den Himmel bei jedem Schritt im Leben immer verdachtiger zu machen, um ihm alsdann den furchterlichsten Streich beizubringen, der je einen Menschen getroffen, der ubermutig gegen die Grenzen seiner Natur angestossen, die eine machtige Hand vor seinen Horizont gestellt hat. Leider fand er in den Taten der Menschen Stoff genug dazu, und weisere Leute als Faust haben, ohne Gesellschaft des Teufels, an dieser gefahrlichen Klippe gestrandet, wenn sie einmal vergassen, dass Ergebung in sein Schicksal die erste Forderung der Natur an den Menschen sei, und wenn Gute und Nachsicht nicht den Grundstoff ihres Wesens ausmachten, deren milder Schimmer allein die schwarzen Gemalde der Welterfahrung aufheitern kann. Es gibt einen gewissen dustern, giftigen Atheismus des Gefuhls, der beinahe unheilbar ist, weil es ihm nie an reell scheinenden Ursachen mangelt, weil er aus dem Herzen, und zwar aus einem Herzen entspringt, das sich durch seine Stimmung und Fuhlart zu leicht von den widersprechenden Erscheinungen der moralischen und physischen Welt zerreissen lasst. Ein solches Herz zehrt durch seine Glut den Verstand ebenso auf wie das Fieber in einem durch eine starke Wunde Verletzten. Gegen diesen Atheismus ist der der Vernunft eine Schimare; denn der Mann, der denkt, sucht Ursachen zu Wirkungen auf, und diese Beschaftigung, da sie ihn endlich zu den Grenzen des menschlichen Geists leiten muss, legt dem Kuhnsten eine Fessel an, die ihn wenigstens so weit bandiget, dass er nie ganzlich in das dunkle, grosse Nichts verschleudert werden kann. Vergebens ist die Warnung: die moralische Welt hat ihre Aufruhrer wie die politische und muss sie haben. Wenn jene von der aus Schatten gebauten Brucke, die sie aus der Sinnenwelt in die intellektuelle zu ziehen streben, uns zur Lehre heruntersturzen, so ruft uns das Opfer dieser zu, unsern Menschenwert nicht in allzu trager Sicherheit zu verschlummern. Man verzeihe mir die Ausschweifung. Faust wusste von Frankreichs Konig nichts, als dass er sich den Allerchristlichsten nennen liess, der erste sei, der die Vasallen seines Reichs gedemutigt und die Rechte der Krone gegen sie behauptet hatte, ubrigens von allen andern Hofen gefurchtet wurde, weil ihm jedes Mittel zu seinem Zwecke gleich sei und man kein Beispiel habe, dass er sein Wort gehalten hatte, wenn nichts dabei zu gewinnen war. Er sollte nun Zeuge der Mittel werden, die er zu seinen Zwecken anwendete.
Der Teufel hatte durch seine ausgesandten Kundschafter erfahren, dass der allerchristlichste Konig soeben einen Staatsstreich auszufuhren gedachte, sich seines Bruders, des Herzogs von Berry, zu entledigen, um die ihm abgetretne Provinz der Krone einzuverleiben. Er versaumte nicht, Fausten zum Zuschauer dieser Szene zu machen. Sie ritten an einem Lustwald voruber, der an ein Schloss stiess, und sahen in demselben einen Benediktinermonch, der sein Brevier zu beten schien. Der Teufel freute sich innig des Anblicks, denn er las auf der Stirne des Monchs, dass er soeben die Mutter Gottes anflehte, ihm bei dem grossen Unternehmen, das ihm sein Abt aufgetragen, beizustehen und ihn nach glucklichem Erfolge aus der Gefahr zu erretten. Dieser Monch war der Bruder Faver Vesois, Beichtvater des Bruders des Konigs. Der Teufel uberliess ihn seinen frommen Betrachtungen und ritt mit Fausten nach dem Schlosse, wo sie als Fremde von Stand, die gekommen waren, dem Prinzen ihre Achtung zu bezeugen, gutig aufgenommen wurden. Der Prinz lebte auf diesem Schlosse mit seiner Geliebten Montserau in Ruhe und Vergnugen, dachte kein Arges und erwartete kein Arges. Faust wurde von seinem angenehmen Betragen sehr eingenommen und freute sich, einen koniglichen Prinzen zu sehen, der als Mensch tat und redete, da er bei den teutschen Fursten gewohnt war, nichts zu sehen als steifen Stolz und holzernes Zeremoniell, das um so unertraglicher ist, da es jedem Verstandigen ihre Kleinheit und Schwache nur merklicher macht. Einige Tage verstrichen unter Jagd- und andern Ergotzlichkeiten, und der freundliche Prinz zog Fausten immer mehr an sich. Das einzige, was ihm missfiel, war die Neigung des Prinzen zu seinem Beichtvater, dem Benediktiner. Er uberhaufte diesen mit so vieler Zartlichkeit und Freundschaft, liess seinen Willen so gefallig von ihm lenken und der Monch beantwortete alles mit so einer frommelnden Miene, dass Faust nicht begreifen konnte, wie ein Mann von so offnem Betragen eine solche heuchlerische Maske liebkosen konnte. Der Teufel enthullte ihm bald das Ratsel durch das Verhaltnis des Prinzen mit der Dame Montserau. Der Prinz hatte ebenso viel Liebe fur sie als Furcht vor der Holle, und weil ihr Gemahl noch lebte, so machte es seine Lage mit ihr bedenklich. Da er ihr also nicht entsagen und doch der Holle gern entgehen wollte, so bediente er sich des bekannten Seitenwegs, den die Monche neben der Religion her gegraben haben, um ihre Macht auf das Gewissen der Menschen zu grunden, und liess sich durch Absolution seiner Sunden die Zukunft sichern, wenn die Furcht vor der Holle ihn zu stark uberfiel. Musste er sich nicht dankbar gegen einen Menschen bezeigen, der ihn des Gegenwartigen geniessen liess und ihn uber die Zukunft beruhigte. "Du siehst, Faust", sagte der Teufel, "was die Menschen aus der Religion gemacht haben, und merke nur, dass sie bei jedem grossen Verbrechen, bei jedem scheusslichen Greuel entweder die Hauptrolle spielt oder doch die Spielenden uber ihre Taten trostet und beruhigt."
Dieser Umstand empfahl nun freilich den Verstand des Prinzen bei Fausten nicht, der mit seinem Gewissen so rasch geendigt hatte, die letzte Bemerkung des Teufels fiel tiefer in seine Seele; indessen liess er noch alles gehen und genoss, was er der fluchtigen Zeit nur entreissen konnte.
Man sass eines Abends sehr munter bei Tische, der Teufel ergotzte die Gesellschaft mit lustigen Schwanken, Faust warf sein Netz auf die kunftige Nacht nach einer muntern Franzosin, sie beantwortete sein Spiel nach seinem Wunsche, alles war heiter, als auf einmal der furchterliche Tod der Freude ein Ende machte. Der Benediktiner hatte eine Schussel der schonsten und grossten Pfirsichen zum Geschenk erhalten, die er zum Nachtisch auftragen liess, und dem Prinzen die kostlichste mit einer lachelnden und frommen Miene hinreichte. Der Prinz teilte sie mit seiner Geliebten, und sie assen beide die Pfirsiche ohne Verdacht. Man stund auf. Der Monch sprach das gratias tibi mit Salbung und verschwand. Der Teufel wollte eben anfangen, eine neue Fratze zu erzahlen, als die Dame Montserau einen Schrei des heftigsten Schmerzes ausstiess. Ihr schones Gesicht verzerrte sich plotzlich. Ihre Lippen wurden blau, und die Blasse des Todes deckte ihre bluhenden Wangen. Der Prinz wollte ihr zu Hulfe eilen, das furchterliche Gift wurkte in demselben Augenblick in seinen Eingeweiden, er sank bei ihr nieder und rief zum Himmel: "Hore es! es ist die Hand meines Bruders, die mich durch diesen Verfluchten totet! Er, der unsern Vater zwang, den Hungertod zu sterben, um nicht von ihm vergiftet zu werden, er hat diesen Monch erkauft!"
Faust sturzte hinaus, um sich des Beichtvaters zu bemachtigen, er war entflohen, ein Haufen Reiter hatte ihn am Lustwald empfangen und ihn auf seiner Flucht begleitet. Faust kehrte zuruck. Schon hatte der Tod seine Opfer verschlungen und lag auf ihnen in schaudervoller Gestalt. Faust und der Teufel uberliessen ihm seine Beute und zogen weiter.
TEUFEL: Nun, Faust, braucht ihr des schwarzen Teufels, wie ihr ihn nennt, da er in Monchskutten auf der Erde herumspukt? Wie gefallt dir der Streich dieses Benediktiners, den er im Namen des allerchristlichsten Konigs hier ausgefuhrt hat?
FAUST: Ha, bald sollt ich glauben, unsre Leiber werden von den gefallnen Geistern der Holle beseelt, und wir sind nur ihre Werkzeuge.
TEUFEL: Pfui des ekelhaften Loses fur einen unsterblichen Geist, ein so zweideutiges, missgeschaffnes Ding zu beseelen! Glaube mir, ob ich gleich ein stolzer Teufel bin, so wurde ich doch lieber in ein Schwein fahren, das sich im Kote besudelt, als in einen von euch, die sich in Lastern herumwalzen und stolz das Ebenbild des Hochsten nennen.
FAUST: Verfluchter! der du den Menschen herabwurdigest
TEUFEL: He, werde nicht zornig, Mensch! sage, wurden wir nicht an eurem moralischen Wert erstikken? Kann der Teufel das Licht eurer Tugend vertragen? Ist dieser Monch nicht ein frommer Mann? Sein Abt nicht ein frommer Mann, der ihm diese Tat aufgetragen hat? Ist der Konig nicht der allerchristlichste Monarch und ein sehr guter Bruder, der dem Abt den Wink dazu gegeben hat? Wie sollte der Teufel in solchen frommen Leuten seine Herberge aufschlagen konnen?
FAUST: Was konnte den Elenden reizen, den Spruch der Verdammnis auf sich zu ziehen?
TEUFEL: Die Verdammnis ist weit entfernt, die Absolution nahe, und noch naher die grossen Guter, der Lohn der Tat, die das Kloster des Abts zum machtigsten und reichsten in der Provinz machen. Haben Monche diesem Reiz je widerstanden, seitdem sie die uns furchtbare Religion so verpfuscht haben, dass die Holle nun siegt, die einmal vor dem Ende ihrer Herrschaft bebte?
Dieser Gedanke fuhr gleich einer Viper in den Busen Fausts. Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen finstern Betrachtungen uber den Menschen, seine Bestimmung, den moralischen Gang der Welt, dessen Widerspruche er nicht ausgleichen konnte. Die ihm taglich aufstossenden Begebenheiten reizten seine Galle, legten den Keim zu noch peinlichern Zweifeln, zu Menschenhass und Menschenverachtung an sein Herz, die gleich dem Polypen nur langsam wachsen und dann nur toten, wenn sie das Herz so umsponnen haben, dass ihm der Raum sich auszudehnen fehlt. Sie zogen im Lande weit und breit herum, hatten der Abenteuer viel, und Faust liess sich noch nicht von seinen finstern Betrachtungen im Genuss des Lebens storen. Uberall fanden sie Merkmale der Klaue des feigen Tyrannen, und Faust nutzte oft die Schatze des Teufels, die blutigen Wunden zu stillen.
2.
So kamen sie von Abenteuer zu Abenteuer nach Paris. Bei ihrem Eintritt war die ganze Stadt in Bewegung. Das Volk sturzte nur einen Weg, sie folgten dem Zug und kamen zu den Hallen, wo sie ein schwarzbedecktes Geruste aufgeschlagen fanden, das durch eine Ture mit einem nahen Gebaude verbunden war. Faust fragte, was dieses bedeutete, und man antwortete ihm, dass soeben der reiche Herzog von Nemours hingerichtet wurde. "Und die Ursache?" "Der Konig hat es befohlen. Man sagt, er habe aus feindlichen Gesinnungen gegen das konigliche Haus den Dauphin umbringen wollen. Da ihn aber vom Konige beorderte Richter geheim in seinem Keficht verhort haben, so weiss man nichts als das Gerucht." Einer der Anwesenden rief:
"Sagt vielmehr, es seien seine Guter, die ihm den Hals kosten; denn um ein machtiger Konig zu werden und uns zu einer grossen und beruhmten Nation zu machen, ermordet er unsre Grossen, und uns obendrein, wenn wir es nicht fur gut halten."
Der Teufel liess die Pferde nach einem nahen Wirtshaus fuhren und leitete Fausten durch den Haufen. Sie sahen den edlen Herzog, von seinen unmundigen Kindern begleitet, nach einem schwarz ausgeschlagnen Zimmer fuhren. Hier erwartete ihn ein Monch, der seine letzte Beichte horen sollte. Der Blick des Vaters hing an seinen Sohnen und konnte sich nicht von ihnen zu dem Himmel wenden. Nach der Beichte druckte er sie wider seine Brust, sah dann gen Himmel, legte seine bebenden Hande auf die Haupter der Schluchzenden und sagte: "Lass den Segen eines unglucklichen Vaters, den Habsucht und Tyrannei ermorden, diesen Unschuldigen gedeihen! doch" hier hielt er seufzend inne "sie sind die Erben eines Unglucklichen, ihre Anspruche verdammen sie zu langsamer Marter, sie sind dem Weh geboren, und in diesem Gefuhl muss ich sterben." Er wollte weiterreden, man zwang ihn zu schweigen und fuhrte ihn durch die Ture auf das Blutgeruste.
Nach dem Befehl des Konigs, der diese Hinrichtung mit der kalten Bedachtsamkeit eingerichtet hatte, wie man ein Schauspiel zum Vergnugen anordnet, wurden die Sohne von ihm gerissen, unter das Gerust gefuhrt, dass das Blut ihres hingerichteten Vaters auf ihre weisse Gewander traufle. Der Schrei, den der Vater in diesem Augenblick ausstiess, schauderte durch die Herzen aller Anwesenden, nur Tristan, der Henker und Busenfreund des Konigs, der schon so viele Tausende seiner Wut geopfert, befuhlte dabei lachelnd die Scharfe des Schwerts. Faust glaubte, dieser Ton musse die Feste des Himmels durchdringen und ihn zum Racher der verletzten Menschheit machen. Er sah grimmig aufwarts, und sein vermessner Blick machte den Hochsten zum Mitschuldigen der schaudervollen Tat. Er war einen Augenblick in Versuchung, ihn mit seinen Kindern durch den Teufel den Handen des Henkers entfuhren zu lassen, aber sein nun finstres Herz hohnte des Entschlusses, er sah nochmals gen Himmel und sagte in seinem Inneren: "Ist mir doch die Sorge fur ihn nicht anvertraut; vermutlich gehort es zu deiner Ordnung auf Erden, dass dieser blute, damit der Konig mutiger in Verbrechen werde!" Der Herzog kniete nieder, er horte das Winseln und Klagen der Sohne unter dem Geruste hervor, das ihn in das andre Leben begleiten sollte; sein eigner schmahlicher Tod verschwand vor seinen Augen, er fuhlte zum letztenmal und fuhlte nur fur die Unglucklichen starre Tranen hingen an seinen Augen seine Lippen zitterten. Der Henker fuhrte den Streich, und das warme Blut des Vaters rann uber die bebenden Sohne hin. So befleckt, fuhrte man sie auf die Buhne zuruck, zeigte ihnen den Leichnam, das davon getrennte Haupt des Vaters, trieb sie in das Gefangnis zuruck, wo sie in Korbe gefesselt wurden, die oben weit und unten enge waren, um sie in dieser peinlichen Lage langsam hinsterben zu lassen. Ihre Marter zu vermehren, riss man ihnen zuzeiten die Zahne aus.
Faust wankte betaubt von dieser schrecklichen Szene nach dem Wirtshaus und forderte den Teufel zur Rache an dem auf, den der Himmel unbestraft solche Greuel begehen liess.
TEUFEL: Faust, ich erwurge ihn nicht, es ist gegen die Polizei der Holle, und warum soll der Teufel Grausamkeiten ein Ende machen, da sie der geduldig ansieht, den die Menschen ihren Vater und Erhalter nennen? Vermutlich gehort dies zu der Ordnung der moralischen Welt, dass die Konige, die sich die Gesalbten des Himmels nennen und von ihm ihre Einsetzung erhalten zu haben vorgeben, so mit den Menschen, denen er sie vorgesetzt, umspringen mussen. Folgte ich deinem blinden Zorn, wer von denen, die wir noch sehen werden, wurde deiner Rache entgehen?
FAUST: Und ware es nicht ein verdienstliches Werk, wenn ich gleich einem zweiten Herkules herumzoge und Europas stolze Throne von diesen Ungeheuern reinigte?
TEUFEL: Kurzsichtiger, beweist nicht eure verdorbene Natur, dass ihr sie braucht, und wurden nicht neue Ungeheuer aus ihrer Asche aufleben? des Mordens wurde kein Ende werden, die Volker sich trennen und sich durch burgerliche Kriege aufreiben. Du siehst Millionen hier, die diesen Wuterich, wie sie ihn nennen, in Geduld ertragen, sich schinden lassen, ohne von Rache entflammt zu werden. Sahen sie nicht diesen edlen Herzog hinrichten wie ein Schaf und genossen mit angstlichem und peinvollem Vergnugen des tragischen Schauspiels? Beweist dieses nicht, dass sie ihr Schicksal verdienen und keines bessern wert sind, dass sie als Sklaven des Himmels und ihrer Natur das Joch ertragen mussen, wie man es ihnen auflegt? Wenn dein Sinn durch die Wollust noch nicht ganz verraucht ist, so reime dieses mit den Schulbegriffen deiner Moral zusammen, ich bin kein Lehrer des Lichts in der Finsternis, die euch umgibt. Ich kann meine Hand nicht an den Gesalbten legen, der so wacker fur die Holle arbeitet, kann den Faden nicht zerreissen, an welchem ein Machtigerer wie ich durch ihn dieses Volk leitet.
FAUST: Wie gewissenhaft auf einmal mein Teufel geworden ist! Wie schnell warst du fertig, da ich dir auftrug, den teutschen Fursten zu erwurgen, ist dir der Franzose mehr wert?
TEUFEL: Er war zu Verbrechen nicht gesalbt wie dieser hier, und wenn ich deinen Wink erfullte, so sah ich aus der Tat Nutzen fur die Holle; einst wird es dir klar werden! Warum willst du, dass ich gegen meine eigne Eingeweide wuten soll? Ist er es nicht, der den Grundstein zu dem Despotismus legt, der durch Jahrhunderte wachsen, bisher unerhorte Greuel veranlassen und unzahlige Opfer der Verzweiflung zur Holle schicken wird. Werden nicht alle die tyrannischen Konige, ihre Ministers und die ubrigen Blutsauger des Volks in den Pfuhl der Verdammnis fahren? Und ich sollte den zerstoren, der ein solches Werk grundet? Faust, wenn der machtige Satan in Frankreich Konig ware, so konnte er nicht mit fruchtbarerer Hand den Samen zu dem kunftigen Bosen aussaen, wie dieser es tut. Gedulde dich, du sollst diesen Konig sehen, dich an seinen Martern ergotzen, und dann wirst du ihm langes Leben wunschen, sie zu verlangern.
3.
Faust machte einige Zeit hierauf mit einem sehr verstandigen und rechtschaffnen Edelmann Bekanntschaft, und er nebst dem Teufel gefielen ihm so wohl, dass er sie auf sein Landgut, nahe bei der Stadt, einlud, wo er mit seiner Familie lebte, die aus seiner Gemahlin und seiner sehr schonen sechzehnjahrigen Tochter bestund. Faust wurde von dem ersten Blick des reizenden, unschuldigen Madchens bezaubert und fuhlte zum erstenmal etwas von den sussen Qualen einer feinern Liebe. Er vertraute dem Teufel seine Pein, und dieser, der das Bose so gern beforderte als es Faust tat, bot ihm seine Hulfe an und spottete seiner Ziererei. Faust aber, der auf einmal edel zu fuhlen glaubte, gestund ihm, es ginge ihm nah, dem Edelmann seine Gastfreundschaft so schlecht zu vergelten. Der Teufel spottete seiner Bedenklichkeit noch mehr und antwortete: "Nun, Faust, wenn du die Einwilligung des Edelmanns zu dem Spasse brauchst, so ist mir's um so lieber, denn ich fange auf einen Zug zwei Vogel und stehe dir fur die Einwilligung. Fur was haltst du ihn?"
FAUST: Fur einen Biedermann.
TEUFEL: Es ist doch schade, Faust, dass du bei dem teutschen fanatischen Monch nicht ein wenig in die Schule gegangen bist. Du haltst also diesen Edelmann fur einen biedern Gesellen, freilich, ganz Paris denkt so von ihm, und leider muss ich nun wieder in meiner ganzen Teufelei erscheinen Was glaubst du, dass er vorzuglich liebt?
FAUST: Seine Tochter.
TEUFEL: Ich kenne etwas, was er noch mehr liebt.
FAUST: Das ware?
TEUFEL: Gold, davon du freilich schon Beweise haben konntest, da dir aber die Schatze der Erde durch mich offen stehen, so gleichst du einem Strome, der sich ergiesst, unbekummert, woher die Gewasser ihm zufliessen und wohin er sie ausstosst. Wie viel hast du schon an den Edelmann verspielt?
FAUST: Das berechne der, der den Quark fur mehr halt als ich.
TEUFEL: Er, der dich betrogen hat, zahlt es sorgfaltiger als ich.
FAUST: Betrogen?
TEUFEL: Wie anders? Wurde er, der nie gespielt hat, sonst mit dir spielen? Er sah, was dir das Geld ist, und machte seinen sichern Plan darauf. Glaubst du, die Tafel wurde so gut bestellt sein, die Weine so wacker fliessen und die Gaste, seine Gehulfen, dich zu rupfen, so zahlreich um den Tisch dieses Geizigen sitzen, wenn dein Gold nicht diese Wunder wurkte? Faust, in diesem Hause ass man sich vor unserm Hiersein nie satt. Ich sehe an deiner Verwunderung, dass du dein Lebelang ein Verschwender warst und von diesem Durst nach Gold, der alle Wunsche des Herzens, selbst die notigen Bedurfnisse der Natur besiegt, keine Ahndung hast. Folge mir leise!
Sie gingen die Treppe hinunter, durchschlichen einige unterirdische Gange und kamen endlich an eine eiserne Ture, wo der Teufel zu Fausten sagte: "Sieh durch das Schlusselloch!" In diesem Gewolbe, das der schwache Schein einer Lampe erleuchtete, entdeckte Faust den Edelmann vor einem eisernen Kasten, in welchem viele Sacke mit Geld lagen, die dieser mit zartlichen Augen ansah, und hierauf in einen leeren das Gold Stuck fur Stuck zahlte, das er Fausten abgewonnen hatte. Vorher aber besah er jedes Stuck, wog es in der Hand, kusste es, rechnete zusammen, uberzahlte mit vielem Genuss den ganzen Schatz, seufzte am Ende beklommen uber das, was ihm noch mangelte, die Zahl rund zu machen. Der Teufel lispelte Fausten ins Ohr:
"Um das Fehlende verkauft er dir die Tochter."
Faust wollte es nicht glauben, dieses verdross den Teufel, und er sagte ungeduldig:
"Nun, wenn ich dir zeigte, dass das Gold eine so unwiderstehliche Macht uber das Herz des Menschen hat, dass in diesem Augenblick einige Vater und Mutter aus der Stadt in dem ganz nahen Geholze mit einigen Abgesandten des Konigs in Unterhandlung sind, ihnen ihre Sauglinge zu verkaufen, ob sie gleich wissen, dass sie ermordet werden und der krankelnde Konig ihr Blut trinkt, in dem Wahn, sein scharfes und veraltetes Geblut durch ihr susses und gesundes zu verjungen."
FAUST schaudernd: So ist die Welt die Holle, und ich will ihr mit Freuden entfliehen. Und der Konig trinkt wissend diesen schaudervollen Trank?
TEUFEL: Der Arzt, der sein Tyrann ist und sich bereichert, hat ihn verordnet und der Beichtvater es unstraflich gefunden, wenn es dazu dienen kann, Seiner Majestat kostbaren Tage zu verlangern.
Sie eilten nach dem Geholze, verbargen sich hinter dickes Gestrauch und sahen die Abgeordneten des Konigs mit einigen Burgern und dem Priester des Kirchspiels in Unterhandlung. Vier kleine Kinder lagen vor ihnen im Grase, eins derselben schrie erbarmlich, die Mutter koste es und legte es an die Brust, um es zu stillen. Die andern krochen auf den Bauchen und spielten mit den Blumen. Die Abgeordneten zahlten den Mannern das Gold auf die Hand, der Pfarrer empfing seinen Teil, und man lieferte die Kinder aus. Noch lange horte man die Kinder durch den Wald schreien, die Mutter heulten, aber die Manner sagten ihnen: "Hier ist Gold, lasst uns in die Schenke gehen und uns Mut trinken, andre zu machen. Man sagt, der Konig fresse die Kinder, besser er frisst sie jung, als dass er sie alt schindet oder sie, in einen Sack genaht, in die Seine werfen lasst, wie er Tausenden getan hat. Lasst fruh sterben, was zum Leiden geboren ist, wahrlich, es ware besser fur uns gewesen, wenn sein Vater uns jung gefressen hatte."
Der Pfarrer trostete sie und sagte:
Es sei ein verdienstliches Werk und der Mutter Gottes, welcher der Konig so sehr zugetan sei, gefallig. Auch seien die Untertanen fur den Konig geboren, da er an Gottes Statt uber sie auf Erden herrschte. Wer mag den Unsinn auszufuhren? So gingen sie nach der Schenke, versoffen einen Teil des Blutgelds und ersparten den andern auf, dem Konig die Termine zu bezahlen.
Der Teufel sah Fausten hohnisch an: "Zweifelst du noch, ob dir der Edelmann die Tochter verkaufen wird, die du doch wenigstens nicht fressen wirst?"
FAUST: Bei der schwarzen Holle, die mir in diesem Augenblick ein Paradies gegen die Erde zu sein scheint, ich will von nun an allen meinen Begierden den Zugel schiessen lassen und bei Zerstorung und Verwustung glauben, ich arbeitete in dem Sinn dessen, der die Menschen so ungeheuer geschaffen hat. Eile, kaufe ihm die Tochter ab, sie ist der Zerstorung geweiht wie alles, was Odem hat.
Dieses war die Laune, worin der Teufel Fausten langst zu sehen wunschte, um ihn zum Ziel zu fordern und der lastigen Burde los zu werden, der Sklave eines so verachtlichen Dinges zu sein, als der Mensch ihm schien. Noch denselben Abend fing er an, den Edelmann zu stimmen, und sprach vorsatzlich von ihrer nahen Abreise; den folgenden Morgen warf er ihm bei einem Spaziergang die goldne Angel hin, der Gierige schnappte darnach, wollte sie aber noch nicht fassen und machte die gewohnlichen Paraden der Tugend der Teufel stieg bei jeder heuchlerischen Floskel in der Summe, stieg endlich so hoch, dass der Edelmann in seinem Herzen des Toren lachte, der sein Gold so unsinnig verschwendete. Der Vertrag ward gemacht, der Vater liess Fausten in das Zimmer seiner Tochter ein und dachte ihr Heuratsgut auf eine Art erbeutet zu haben, wovon ihr kunftiger Mann nichts merken wurde. Das Madchen war in der ersten Blute der Jugend, Faust hatte durch den Umgang mit den Weibern erlernt, sie zu betoren, und da er ihr beweisen konnte, dass ihr Vater selbst zu ihrem Falle mitwurkte, so tat die Natur das ubrige.
Der Vater schlich indessen mit dem Goldsack und einer Lampe heimlich nach seinem jedermann unbekannten Gewolbe. Das Herz klopfte ihm vor Freude, einen Sack zu fullen und endlich die Summe seines Schatzes zu runden. Aus Furcht, belauscht zu werden, und im Taumel der Freude schlug er die Ture hinter sich hastig zu, ohne den Schlussel abgezogen und zu sich gesteckt zu haben. Die Lampe verlosch durch den heftigen Schlag, und er sah sich auf einmal mit seinem Golde auf dem Arme in dicker Finsternis. Die Luft im Gewolbe war schwer und dumpfigt und druckte bald auf seine Brust. Nun ward er erst gewahr, dass er den Schlussel aussen gelassen hatte, und Todesangst schoss kalt durch sein Herz. Noch hatte er Kraft und Instinkt genug, seinen Kasten zu finden, er legte das Gold hinein, kroch tappend zu der Ture zuruck und uberlegte, ob er klopfen oder schreien sollte. Es entstund ein peinlicher Kampf in seiner Seele, er war in Gefahr, sein Geheimnis zu verraten oder aus dieser Gruft sein Grab zu machen. Lange hatte er rufen mogen, dieses Gewolbe war mit dem bewohnten Teil des Hauses ausser aller Verbindung, und er wusste die Zeit so gut zu wahlen, dass ihn bisher noch niemand bemerkt hatte, wenn er zu seinem Gott schlich. Nachdem er lange gekampft hatte, ohne sich entschliessen zu konnen, nahm das Bangen seines Herzens durch die schrecklichen Vorstellungen und die schwere verschlossne Luft so zu, dass es sein Gehirn verwirrte. Er sank nieder, kroch zu seinem Kasten zuruck, umfasste ihn und fing bald an zu wuten. Hier kampfte er mit der Verzweiflung und dem scheusslichsten Tod, wahrend seine Tochter, deren Unschuld er fur das Gold, auf welchem er nun winselte, verkauft hatte, Faust den Lohn seiner Sunde abtrug. Nach einigen Tagen, da man schon alle Winkel vergebens durchsucht hatte, fuhrte der Zufall einen Diener nach dem Gewolbe. Man offnete es und fand den Verzweifelten blau und schwarz in der scheusslichsten Verzerrung auf seinem Schatz. Er hatte in der Wut das Fleisch von seinen Armen gefressen, um den wilden Hunger zu stillen. Der Teufel erzahlte Fausten auf ihrem Ruckweg nach Paris den Ausgang der Geschichte, und dieser glaubte, dass sich doch einmal die Vorsehung gerechtfertigt hatte.
4.
Der Teufel hatte ausgespaht, dass das Parlament uber einen Fall richten wurde, der so unerhort war und die Menschheit so sehr beschamte, dass er es schicklich fur seinen Plan hielt, Fausten zum Zuhorer davon zu machen. Die Sache war diese: Ein Wundarzt befand sich in der Nacht mit seinem treuen Diener unweit Paris auf der Landstrasse. Er horte in der Nahe das Winseln und Achzen eines Menschen. Sein Herz zog ihn nach dem Ort hin, wo er einen lebendig geraderten Morder antraf, der ihn um Gottes Willen bat, ihn zu toten. Der Wundarzt schauderte zuruck, und als er sich von seinem Schrecken erholt hatte, fuhr der Gedanke durch seinen Sinn, ob es nicht moglich sei, diesen Unglucklichen durch seine Kunst wiederherzustellen. Er sprach mit seinem Diener, nahm den Morder von dem Rade herunter, legte ihn sanft auf seinen Wagen, fuhrte ihn nach seiner Wohnung und unternahm seine Heilung, die glucklich vonstatten ging. Er hatte erfahren, dass das Parlament hundert Pfund dem zur Belohnung ausgesetzt hatte, der es anzeigen wurde, wer diesen Morder vom Rade genommen. Beim Abschied entdeckte er dem Morder dieses, gab ihm Geld zur Reise und riet ihm, sich ja nicht in Paris aufzuhalten. Das erste, was dieser Elende tat, war hinzugehen, seinen Wohltater bei dem Parlament anzugeben, um die hundert Pfund zu erhalten. Die Wangen der Richter, die so selten erblassen, wurden bleich bei dieser Anzeige, denn er gestund gerade zu, er selbst sei jener Morder, den das Parlament auf der Stelle, wo er das Verbrechen begangen, hatte radern lassen. Der Wundarzt wurde vorgefordert, und der Teufel fuhrte Fausten in diesem Augenblick in die Galerie, da dieser erschien, ohne ihm vorher etwas von dem Vorfall zu sagen. Das Gericht meldete dem Wundarzt die gegen ihn vorhandene Anklage. Er, der seines Dieners gewiss war, leugnete sie standhaft. Man bedeutete ihm, sich zu bedenken, weil man Zeugen vorfuhren konnte, die ihn uberfuhren wurden. Er forderte die Richter dazu auf. Man offnete eine Seitenture, der Morder trat kalt und frech herein, stellte sich vor ihn und wiederholte seine Anzeige mit allen Umstanden. Der Wundarzt schrie: "Was hat dich, Ungeheuer, zu diesem scheusslichen Undank gereizt?"
MORDER: Die hundert Pfund, wovon Ihr mir sagtet, da Ihr mich entliesset. Glaubt Ihr, dass mir mit meinen gesunden Gliedern allein gedient sei? Ich ward fur einen Mord geradert, den ich um dreissig Pfund beging, soll ich nicht hundert durch eine Anzeige zu verdienen suchen, wobei ich selbst nichts wage?
WUNDARZT: Undankbarer! Dein Winseln und Achzen ruhrte mein Herz. Ich nahm dich schaudernd vom Rade, besorgte, verband und heilte deine Wunden, nahrte dich mit eigner Hand, solange du deine zerschlagne Glieder nicht brauchen konntest, gab dir Geld, das du noch nicht verzehrt haben kannst, um heimzureisen, offenbarte dir um deinetwillen die Bekanntmachung des Gerichts, und ich schwore bei dem lebendigen Gott! hattest du mir dein teuflisches Vorhaben vertraut, ich wollte eher alles bis auf mein Hemde verkauft haben, dir die hundert Pfund auszuzahlen, damit der Menschheit dieses abscheuliche Beispiel von Undank ewig ein Geheimnis geblieben ware. Ihr Herren, richtet zwischen ihm und mir, ich erkenne mich der Anklage schuldig.
PRASIDENT: Ihr habt die Justiz groblich beleidigt, da Ihr den zu erhalten suchtet, den das Gesetz um der Sicherheit der Burger willen verdammt hat; doch diesmal soll die strenge Gerechtigkeit schweigen und die Menschheit allein zu Gerichte sitzen. Euch werden die hundert Pfund, und der Morder werde noch einmal geradert.
Faust, der wahrend des Verhors schnaubte und gluhte, brach in ein schallendes Bravo aus, das die Galerie wiederholte. Der Teufel, welcher merkte, dass der letzte Eindruck den ersten verwischen wollte, fuhrte ihn schnell zu einer andern Szene.
5.
Einige Wundarzte, Doktoren der Medizin, Philosophen und Naturkundiger hatten eine geheime Gesellschaft geschlossen, Untersuchungen uber den Nervensaft, den Mechanismus des Korpers und der Wurkung der Seele auf die Materie anzustellen.
Um ihrer Neugierde und ihrem Forschungsgeist Gnuge zu leisten, lockten sie unter allerlei Vorwand arme, unbedeutende Leute nach einem von der Stadt abgelegnen Hause, dessen obern Teil sie so eingerichtet hatten, dass man weder von aussen noch von innen wahrnehmen konnte, was darinnen vorging. Hier banden sie diese Unglucklichen mit Stricken auf einen langen Tisch, legten ihnen ein Querholz in den Mund, losten ihnen eine Haut nach der andern ab, entblossten ihre Muskeln, Nerven, ihr Herz, Gehirn und zerlegten sie bei lebendigem Leibe mit eben der Kalte und Aufmerksamkeit, als man einen unempfindlichen Leichnam anatomiert. Um recht hinter das, was sie suchten, zu kommen, nahrten sie diese Elenden gewaltsam mit starkenden Bruhen und liessen sie viele Tage lang unter Messerschnitten und langsamem Zerreissen der Bande des Lebens des peinlichsten Tods hinsterben. Der Teufel wusste, dass sie eben versammelt waren, und sagte zu Faust: "Du hast einen Wundarzt gesehen, der aus Menschenliebe oder Neigung fur seine Wissenschaft den geraderten Morder heilet; ich will dir nun Naturkundiger zeigen, die, um Geheimnisse zu erforschen, die ihr nie ergrunden werdet, ihre Bruder lebendig schinden. Du scheinst zu zweifeln? Komm und uberzeuge dich. Wir wollen zwei Doktoren vorstellen."
Er fuhrte ihn in das entlegne Haus, sie traten in das gewolbte Arbeitszimmer, das kein Tageslicht erleuchtete. Hier sahen sie die Naturkundiger einen dieser Unglucklichen, dessen Fleisch unter ihren Handen zitterte und dessen aufgerissne Brust unter dem peinlichsten Schmerz sich hub, zerschneiden und horten sie uber ihre Entdeckungen reden und streiten, als wenn sie eine Blume zergliederten. Sie waren mit ihrem Gegenstand so beschaftigt, dass sie den Teufel und Fausten nicht einmal wahrnahmen. Faust fuhlte Zuckungen in all seinen Nerven, er sturzte hinaus, schlug sich vor die Stirne und gebot dem Teufel, das Haus uber die Kopfe dieser Ungeheuer zusammenzuwerfen, dass ihre Spur von der Erde vertilgt wurde.
TEUFEL: Faust, warum rasest du? Fuhlst du denn nicht, dass du eben auf die Weise in der moralischen Welt verfahrst, wie diese in der physischen? Sie schneiden in das Fleisch der Lebenden, und du wutest durch meine zerstorende Hand in der ganzen Schopfung
FAUST: Verworfner! denkst du, mein Herz sei schon Stein geworden? Gefallt dir das Metzeln dieser Unglucklichen? Auf! ich kann die Raserei, die in meiner Brust und in meinem Gehirne gluht, nur durch Rache kuhlen. Mein ganzes Wesen loset sich vor der Vorstellung des Leidens dieser Unglucklichen auf. Die Qualen des ganzen Menschengeschlechts uberfallen mich in diesem Augenblick. O ich fuhle, dass es Unsinn ist, da ich ihre Tranen nicht trocknen, ihre Wunden nicht heilen kann; aber rachen will ich sie an diesen Ungeheuern. Auf, zerstore, und schnell! dass nicht einer uberbleibe! Eile oder ich wute meinen Zorn an dir aus.
Der Teufel, der ihm mit Vergnugen gehorchte, erschutterte den Grund des Gebaudes, es sturzte krachend zusammen und zerschmetterte die Ungeheuer. Der emporte Faust eilte nach Paris zuruck, ohne auf den Wink zu merken, den ihm der Teufel gegeben hatte.
6.
Faust hatte so viel von den Kefichen gehort, die der allerchristlichste Konig hatte verfertigen lassen, die ihm verdachtigen und gefahrlichen Personen einzusperren, dass er dem Teufel befahl, Anstalt zu machen, damit er sie in Augenschein nehmen konnte. Dieses war ein Schauspiel, das ihm der Teufel gern verschaffte, und ob es gleich bei Todesstrafe verboten war, keinen hinzuzulassen, so offnete doch die Beredsamkeit des Teufels, die so machtig von seinen Fingern floss, das Kastell. Sie fanden dort Kefiche von Eisen, die rundum mit gleichen Stangen versehen waren und worinnen ein Mensch grade aufrecht stehen konnte.
An die Fusse der Elenden, denen diese traurige Wohnung angewiesen war, hatte man schwere Ketten geschmiedet, an die eine grosse Kugel befestigt war. Der Aufseher vertraute ihnen, dass der Konig oft in gesunden Tagen in dieser Galerie herumspaziert sei, um sich an dem Gesang seiner Nachtigallen, wie er sie nannte, zu ergotzen. Faust fragte einige der Unglucklichen um die Ursache ihrer schmahlichen Gefangenschaft und horte Geschichten, die das Herz zerreissen. Unter andern tat er an einen ehrwurdigen Greis dieselbe Frage, und dieser antwortete in einem klaglichen Tone:
"Ach, wer Ihr auch seid, so lasst Euch mein grausames Schicksal zur Warnung dienen, nie Eure Hande einem Tyrannen zu Grausamkeiten zu leihen. Ihr seht in mir den Bischof von Verden, jenen Unglucklichen, welcher zuerst dem grausamen Konig den Gedanken von diesen scheusslichen Kefichen beigebracht hat und der den ersten verfertigen liess, damit einer seiner Feinde hineingesperrt wurde. Der Konig liess sogleich nach dem von mir gegebenen Muster zwei machen und wies mir, dem Erfinder, den ersten zur Wohnung an. Hier busse ich nun schon vierzehen Jahre fur meine Sunde und flehe taglich den Tod, meiner Marter ein Ende zu machen."
FAUST: Ha! ha! Ew. Ehrwurden hat also als ein neuer Perillus auch seinen Phalaris gefunden. Ihr wisst doch die Geschichte? Ihr schuttelt den Kopf nun, zum Zeitvertreib will ich sie Euch erzahlen.
Dieser Perillus, der nebenher weder ein Bischof noch ein Christ war, goss einen ehernen Ochsen, den er dem Tyrannen Phalaris als ein Meisterstuck zeigte und ihn versicherte, er habe ihn so zugerichtet, dass, wenn Seine Majestat einen Menschen hineinstecken und ihn durch untergelegtes Feuer gluhend machen liessen, das Geschrei des geplagten Menschen das Brullen eines Ochsen ganz genau nachahmen wurde, welches Seiner Majestat viel Vergnugen machen konnte. Phalaris antwortete: Wackrer Perillus, es ist billig, dass der Kunstler sein Werk selber probe! Hierauf musste der Kunstler in den Ochsen kriechen, es ward Feuer darunter gelegt, er brullte wie ein Ochs, und so spielte vor tausend Jahren Phalaris die Geschichte, die der allerchristlichste Konig mit Euch, ehrwurdiger Bischof von Verden, nur wiederholt hat.
BISCHOF: O hatt ich doch dieses Beispiel fruher gewusst, es sollte mir zur Warnung gedient haben.
FAUST: Da seht Ihr, Ehrwurden, dass zuzeiten die Geschichte auch einem Bischof nutzen kann. Lasst Euch die Zeit nicht lang werden; uber das Schicksal dieser Unglucklichen weint man, und uber das Eure lacht man.
7.
Faust wollte nun diesen Konig sehen, dessen scheussliche Taten seine Einbildungskraft so erhitzt hatten, dass er sich ihn kaum unter einer menschlichen Gestalt vorstellen konnte. Der Teufel stellte ihm die Unmoglichkeit vor, in das Schloss Plessis du Parc, worin Feigheit und Furcht den Tyrannen gefangen hielten, in ihrer wahren Gestalt zu dringen, und setzte hinzu, dass ausser den notigen Dienern, seinem Qualer, dem Arzt, seinem Beichtvater und seinem Freund, dem Henker, nebst einigen Astrologen kein Mensch ohne besondere Erlaubnis eingelassen wurde.
FAUST: So lass uns andre Gestalten annehmen.
TEUFEL: Gut, ich will zwei seiner Trabanten entfernen, und wir wollen ihren Dienst unter ihrer Gestalt verrichten, um diesen Konig und sein Gluck in der Nahe zu beobachten. Der Augenblick, den Elenden zu sehen, ist trefflich. Die Furcht vor dem Tode racht schon vor der Holle seine Taten an seinem feigen Herzen, und in dieser Marter sinnt er Tag und Nacht, wie er ihn entfernen mochte, zieht ihn dadurch immer naher, und sieht ihn jede Sekunde scheusslicher. Komm, ich will dich zum Zeugen seines Jammers machen.
Der Teufel fuhrte seinen Vorschlag aus, und sie stunden beide als Trabanten im Inneren des Schlosses, wo die Stille des Grabes wohnte und die schaudervollen Schrecken des Todes herumschwebten. Hierher hatte sich der verbannt, vor dem Millionen bebten, um der Rache der Verwandten der Ermordeten, der Furcht vor seinem Sohn, in dem er den Racher seines Vaters zu sehen glaubte, auszuweichen. Dem Auge seiner Untertanen konnte er in dieser peinlichen Gefangenschaft entfliehen, aber ihm folgte die Qual seines Herzens, das Leiden seines Korpers, umsonst ermudete er den Himmel mit Flehen um Gesundheit und Ruhe, vergebens suchte er ihn mit Geschenken an Heilige, Priester und Kirchen zu bestechen, umsonst behing er seinen siechen, kraftlosen Korper mit Reliquien aus allen Teilen der Erde; der Gedanke: Du musst sterben! nagte gleich einer giftigen Schlange in seinem geangsteten Busen. Kaum wagt er aus seinem Zimmer zu gehen, weil er furchtet, in jedem, auf den er stosst, einen Morder zu finden. Treibt ihn die Angst in die freie Luft, so bewaffnet er sich mit Dolch und Speer und hullt sein zusammengeschrumpftes Gerippe in prachtige Kleider, um ihm einen gelognen Glanz zu geben, zeigt sich nur von weitem, damit das Auge der fern Stehenden nicht die Maskerade wahrnehme. Tag und Nacht blickt er angstvoll durch die Schiesslocher des Turms, ob keine Feinde nahen, seinem traurigen Leben ein Ende zu machen. Vierhundert Trabanten wachen unaufhorlich um die dustre Hohle des abgelebten Wuterichs, der sein Dasein nur noch durch Grausamkeiten zu erkennen gibt. Ihr dumpfer Zuruf erschallt jede Stunde dreimal von Posten zu Posten durch die einsame Stille, und jeder Schrei erinnert den Tyrannen an seine schreckliche Lage. Das Feld um das Schloss ist mit Fussangeln bestreut, damit keine Reuterei nahen kann, es zu uberfallen. An den innern Mauern hangen Ketten, an welche grosse und schwere Kugeln geschmiedet sind, um seine gepeinigte Diener zu fesseln, wenn sie etwas verabsaumen. Rund um das Schloss sind Galgen aufgerichtet, und sein einziger wahrer Freund, der Henker Tristan, geht forschend umher, Opfer auszuspahen, um die Angst des Tyrannen durch ihre Hinrichtung zu mindern, denn in jedem Verurteilten sieht er einen Feind seines Lebens weniger. Zuzeiten schleicht er hinter die Scheidewand neben der Folterkammer, um die Bekenntnisse der Verdachtigen zu belauschen, ergotzt sich an ihren Qualen und findet Trost fur die seinigen darinnen. Bedeckt mit Reliquien, an seinem Hut ein bleiernes Bild der Mutter Gottes, seiner vermeinten Beschutzerin, trinkt er das Blut der ermordeten Sauglinge, lasst sich von seinem Arzt martern, dem er monatlich zehntausend Taler bezahlt, besturmt den Himmel mit unablassigem Gebet, stirbt jeden Seigerschlag und vermehrt bei jedem seiner Gedanken die Schrecken des Todes, dessen Namen auszusprechen bei Strafe des Hochverrats verboten ist.
So zeigte der Teufel Fausten den gefurchteten Ludwig, und Fausts Herz ergotzte sich an der Blasse seiner Wangen, an den Furchen, die die Angst auf seine Stirne gegraben. Er weidete sich an seinem Todesschweiss, an seinem beklommnen Atem und sattigte sich an seiner Qual. Schon wollte er dem ekelhaften Aufenthalt entfliehen, als ihm der Teufel ins Ohr raunte, den kommenden Tag abzuwarten, eine besondre Szene anzusehen. Der Konig hatte vernommen, dass in Kalabrien ein Eremit Martorillo lebte, den man in ganz Sizilien als einen Heiligen verehrte. Dieser Tor hatte von seinem vierzehenten bis zu seinem vierzigsten Jahr auf einem spitzen Felsen gelebt, seinen Korper durch Fasten gemartert und seinem Geiste alle Nahrung versagt; aber der Schein des Heiligen bedeckte den Dummkopf, und er sah bald die Fursten wie den Pobel zu seinen Fussen. Um diesen ausserordentlichen Mann hatte Ludwig den Konig von Sizilien gebeten und hoffte seine Genesung von ihm. Er war nun eben auf dem Wege, und da er zugleich dem Konig die Erlaubnis von dem Papst mitbrachte, seinen ganzen Leib mit dem heiligen Ole von Reims schmieren zu durfen, so glaubte er bald alle Schrekken des Todes zu besiegen. Der gluckliche Tag erschien, der kalabrische Bauer nahte dem Schlosse, der Konig ging ihm bis an das Tor entgegen, fiel ihm zu Fussen, kusste seine Hande und bat ihn um Leben und Gesundheit. Der Kalabrer spielte seine Rolle so, dass Faust sich nicht enthalten konnte, bei der Farce in ein lautes Gelachter auszubrechen. Schon wollte ihn Tristan mit seinen Helfern ergreifen, es war um sein Leben geschehen, der Teufel entriss ihn ihren Klauen und flog mit ihm davon. Als sie in Paris angekommen waren, sagte Faust zu dem Teufel: "Dieses feige, niedertrachtige, aberglaubische, bebende Ding ist es also, vor dem die kraftvollen Sohne Frankreichs zittern und von dem sie sich ohne Widerstand erwurgen lassen? Ein Totengerippe, in Purpur gehullt, das kaum noch den Wunsch zu leben aus der Brust hervorkeichen kann? Und sie beben vor ihm, als ob ein gewaltiger Riese, dessen furchtbarer Arm von einem Ende des Reichs zu dem andern reichte, auf ihrem Nacken sasse! Treten doch die feigsten Tiere vor die Hohle des Lowen, wenn kraftloses Alter den Rauber fesselt, und spotten des unvermogenden Wurgers."
TEUFEL: Dadurch eben unterscheidet sich der Konig der Menschen von dem Konige des Waldes. Dieser ist nur furchtbar, solange er Krafte hat; aber da jener die Krafte seiner Sklaven an seinen Willen bindet, so ist er gleich stark, er liege an der Gicht oder stehe in bluhender Jugend an der Spitze der Heere. Fuhlst du nun bald, dass es Wahn ist, der euch in allem leitet, euch zu Sklaven macht, eure Ketten zerbricht und euch wiederum neue schmiedet. So treibt ihr euch im ewigen Kreise herum, und ihr seid verdammt, immer den Schatten fur das Wesen zu ergreifen. Damit nicht zufrieden, Unterworfne der Natur, eurer Leidenschaften und grenzlosen Begierden eines unsichtbaren, strengen Herrns zu sein, musst ihr euch, um bestehen zu konnen und euch nicht in eurer Wut zu zerfleischen, einen euch nahern Tyrannen wahlen, und damit euch dieser ohne Gefahr fur ihn missbrauchen moge, leitet ihr seine Rechte von dem ersteren ab. Dies war wohl das ausserste Mass eures Unsinns, ein Ding, das euch gleicht, zu vergottern! Hadere mit dem, von dem sie diese Rechte erhalten haben wollen.
FAUST: Fasse es, wer da kann! Er schlug wider seine Stirne und seine Brust. Dieses hier und dieses da stehen im Widerspruch mit allem, was ich sehe, vernehme und fuhle. Finstre Gedanken, wie plagende Damonen der Nacht, ziehen in meinem Gehirne herum, und oft dunkt mich, die moralische Welt wurde von eben einem solchen Dinge beherrscht, wie dieser Elende eines ist. Er mordet ohne Form und Recht, und so wird der Mensch gleich dem Stier gefallt, ohne es zu wissen, warum er bluten muss.
Faust fuhr in dieser Laune fort und spann seine dunkle Gedanken und Gefuhle bis ins Abscheuliche aus. Der Teufel ergotzte sich, da er ihn seinem Zwekke nahen sahe, stimmte ihn zu fernerm Herumstreifen, um ihn durch neue Szenen noch mehr zu verwirren. Als sie aus Paris ritten, sagte der Teufel:
"Schon wittre ich die kunftigen, ungeheuren Taten, die diese bluhende Stadt erschuttern werden."
Auf dem Wege nach Calais sagte er oft:
"Bald werden diese Felder durch Burger- und Religionskriege mit Leichen besaet werden. Jahrhunderte wird der Geist der Zwietracht wuten, und wenn der Despot des Mordens sollte mude werden, so wird ihn der Priester auf Befehl des Himmels zu noch schrecklichern Greueln reizen."
8.
Faust und der Teufel flogen uber den Kanal und kamen in dem Augenblick in London an, als sich der hassliche, missgeschaffne Herzog Gloster zum Protektor des Reichs aufwarf und mit allen Kraften arbeitete, seines Bruders, des verstorbenen Konigs, Sohn der Krone zu berauben. Den Vater hatte er mit Gift aus dem Wege geraumt und die Konigin, die bei der Entdeckung seiner Absichten sich nach der Westmunsterabtei mit ihren Kindern fluchtete, schon dahin gebracht, ihm den Erben des Throns, der damals vierzehen Jahr alt war, mit seinem jungern Bruder York auszuliefern. Sie ubergab sie bebend und schien das Schicksal ihrer Sohne zu ahnden. Faust war Zuhorer, als der Doktor Shaw auf Befehl des Protektors dem erstaunten Volke von der Kanzel bewies, dass seine und des verstorbenen Konigs noch lebende Mutter verschiedne Liebhaber in ihr Bette aufgenommen hatte, der verstorbene Konig im Ehebruch erzeugt sei und dass sich niemand vom koniglichen Hause einer rechtmassigen Geburt ruhmen konnte, ausser der Protektor. Er sah die Grossen hinrichten, die diesem Plan nicht beitreten wollten, und der Teufel fuhrte ihn in dem Augenblick in den Tower, da Tyronel den rechtmassigen Konig von England nebst seinem Bruder York durch Meuchelmorder ermorden und an der Schwelle ihres Gefangnisses begraben liess. Er war Zeuge der niedertrachtigen Unterwerfung des Parlaments und der Kronung des scheusslichen Tyrannen. Er war Zeuge davon, wie sich die Konigin mit dem Morder ihrer Sohne in Unterhandlung einliess, seine gewaltsame Thronbesteigung durch die Hand ihrer altesten Tochter zu unterstutzen, um im Glanz des Hofes und der Herrschaft erscheinen zu konnen, ob sie gleich durch die emporten Grossen des Reichs mit ihrem kunftigen Racher, dem Grafen Reichmond, in gleiche Verbindung getreten war. Dieses brachte Fausten so auf, dass ihn selbst die Reize der schonen Englanderinnen nicht langer in dieser Insel fesseln konnten, er verliess sie im finstern Groll, denn so kalt und ohne allen Schleier hatte er noch nicht Verbrechen begehen sehen. Er war noch nicht in Rom gewesen. Als sie im Begriff waren, sich einzuschiffen, sagte der Teufel zu ihm:
"Dieses Volk, Faust, wird eine Zeitlang unter dem Joche des Despotismus seufzen, dann einen seiner Konige auf dem Blutgeruste der Freiheit opfern, um sie seinen Nachfolgern fur Gold und Titel zu verkaufen. Ubrigens ein wackres Volk im Laster und ein guter Rekrutierungsplatz fur die Holle."
Hierauf fuhrte er ihn nach Mailand, wo sie den Herzog Galeas Sforza am heiligen Stephanstage in der Domkirche ermorden sahen. Faust horte die Meuchelmorder mit lauter Stimme den heiligen Stephan und heiligen Ambrosius anrufen, ihnen zu ihrem edlen Vorhaben den gehorigen Mut zu verleihen.
In Florenz, dem Sitz der Musen, sahen sie den Neffen des grossen Kosmus, des Vaters des Vaterlands, in der Kirche Santa reparata in dem Augenblick an dem Altar ermorden, da der Priester den Leib des Herrn emporhub; dieses war das Zeichen zum Mord, welches den Mordern der Erzbischof von Florenz, Salviati, gegeben hatte. Der Papst hatte ihn zu dieser Tat durch seinen Neffen anwerben lassen, die Mediceer zu vertilgen, um in Italien zu herrschen; doch dieses gehort zur spatern Geschichte der Kirche.
Im Norden sahen sie wilde Barbaren und Trunkenbolde ebenso morden und verwusten wie die ubrigen aufgeklarteren Europaer. In Spanien fanden sie den Betrug und die Heuchelei unter der Maske der Religion auf dem Throne, sahen in einem Autodafe dem milden Gott der Christen Menschen durch die Flamme opfern und horten den Grossinquisitor Torquemada gegen die heuchlerische Isabella und den trugvollen Fernando sich ruhmen, dass das heilige Gericht bereits achtzigtausend verdachtigen Personen den Prozess gemacht und sechstausend Ketzer wirklich lebendig verbrannt hatte. Als Faust das erstemal die Damen und Kavaliere auf dem grossen Platz in all ihrem Glanz versammelt sah, schmeichelte er sich, einem Freudenfest beizuwohnen, da er aber die Elenden unter der Prozession der Gott lobenden Priester heulen und wehklagen horte, uberzeugte er sich bald, dass der Missbrauch der Religion den Menschen zu dem abscheulichsten Ungeheuer der Erde macht. Er genoss indessen unter Verwunschung des ganzen menschlichen Geschlechts noch immer der Freuden des Lebens und der schonen Weiber in Engelland, Florenz und Spanien, fing endlich an zu glauben, alle diese Greuel gehorten notwendig zu der Natur des Menschen, der ein Tier sei, das entweder zerreissen oder zerrissen werden musste.
9.
Der Teufel, der Fausten durch alle diese Szenen wund und durchgluht sah und bemerkte, dass sein moralischer Sinn durch das Beschauen dieser Schandtaten immer mehr in Rauch aufging, beschloss, ihn nun zum Nachtisch an den papstlichen Hof zu fuhren. Diesen sah er als die reiche Quelle der Laster, als die grosste Schule der Verbrechen an, woraus sie, von dem Oberhaupte der Religion und dem Statthalter Gottes gleichsam geheiligt, zu den andern Volkern Europas flossen. Er sagte zu Faust:
"Du hast nun gesehen, wie alle Hofe Europas sich gleichen und wie die Menschen regiert werden, lass uns jetzt nach Rom ziehen, um zu sehen, ob es mit der Kirche und der geistlichen Regierung besser steht."
Der Listige schmeichelte sich, Alexander der Sechste, der damals die dreifache Krone trug und die Schlussel zu dem Himmel und der Holle in seiner Gewalt hatte, sollte seinem finstern Plan gegen Fausten den Schwung geben und seine eigne Ruckkehr in die Holle befordern. Langst war er des Aufenthalts auf Erden mude, denn da er seit Jahrtausenden schon so vielmal dieselbe durchzogen hatte, so sah er doch, so sehr ihn auch die schwarzen Taten der Menschen ergotzten, nur immer das Alte. Das Einerlei ist so ermudend, dass ein Teufel leicht das Dunkel dem Licht vorziehen kann, ihm zu entfliehen, da die Menschen aus dieser Ursache wenigstens die Halfte ihrer Torheiten begehen, die sich nur zu oft mit Verbrechen enden.
Auf dem Wege nach Rom stiessen sie auf zwei gegeneinander gelagerte Heere. Das eine kommandierte Malatesta von Rimini, das andre ein papstlicher General. Die tuckische Politik Alexanders, die den jungen Konig aus Frankreich nach Italien gelockt und dann zuruckgetrieben hatte, arbeitete nun durch heimlichen Gift, Meuchelmord und offne Fehde, alle die Grossen zu berauben, um aus ihren Herrschaften und Kastellen Furstentumer fur seine Bastarde zusammenzusetzen. Er fing zuerst mit den Schwachsten an und hatte dies kleine Heer ausgeschickt, dem Malatesta Rimini zu entreissen. Als Faust und der Teufel die Landstrasse hinaufritten, sahen sie auf einer Anhohe, unweit des papstlichen Lagers, zwei stattliche Manner in einen sehr hitzigen Zweikampf verwickelt. Die Neugierde trieb Fausten naher, der Teufel folgte ihm, und sie merkten bald, dass sich die zwei erhitzten Kampfer nicht zu trennen gedachten, bis einer dem Schwerte des andern erlage. Das aber, was Fausten am sonderbarsten vorkam, war eine schneeweisse Ziege, mit bunten Bandern geschmuckt, die ein Schildknappe als den Preis des Sieges zu halten schien und mit welcher er ganz kalt neben den zwei Wutenden stund. Viele Ritter hatten sich auf der Anhohe versammelt, um Zeugen des Ausgangs zu sein, den sie mit vieler Gleichgultigkeit abwarteten. Faust nahte sich einem von ihnen und fragte mit teutscher Ehrlichkeit, ob sich die zwei Herren wohl um die schongeschmuckte Ziege schlugen. Er hatte bemerkt, dass die zwei Champions bei jeder Pause mit vieler Zartlichkeit nach der Ziege blickten und sie nach Rittergebrauch um Beistand bei der Gefahr anzuflehen schienen. Der Italiener antwortete ihm kalt: "Allerdings, und ich hoffe, unser General wird ihn dafur zur Holle schicken, dass er, ein unter seinem Befehl stehender Ritter, es gewagt hat, die schonste Ziege der Welt aus seinem Zelte zu entfuhren, wahrend er herumritt, das Lager des Feinds zu erkennen." Faust trat zuruck, schuttelte den Kopf und wusste nicht, ob er wachte oder traumte. Der Teufel liess ihn einige Augenblicke in dieser Verwirrung, endlich sagte er ihm was ins Ohr, wobei Faust errotete und das das Papier besudeln wurde. Der Zweikampf ging mittlerweile immer hitzig fort, bis das Schwert des papstlichen Generals eine Offnung in dem Panzer des Ritters fand und ihn in seinem Blut auf den Boden streckte. Er blies seine Seele unter Fluchen weg und nahm mit seinem letzten Blick zartlich von der Ziege Abschied. Der General ward von den Anwesenden frohlockend empfangen, der Schildknappe fuhrte ihm die Ziege zu, er nannte sie seine Kamilla und streichelte sie unter sussen Liebkosungen.
Faust entfernte sich von dem Kampfplatz und wankte zwischen dem Kitzel zu lachen und dem Gefuhl des Unwillens, als der Teufel ihm folgendes hinwarf:
"Faust, dieser lustige Zweikampf hat dich mit dem papstlichen General bekannt gemacht; aber der gegen ihm uber stehende ist nicht weniger merkwurdig. Dieser schlug sich auf Gefahr seines Lebens um eine weisse Ziege, und der andre hat schon zwei seiner Weiber, aus den besten Hausern Italiens, vergiftet und mit eigner Hand erdrosselt, um schnell von ihnen zu erben. Er freit wirklich um die dritte, und wenn er auf den Fussen bleibt, so wird sie vermutlich ein gleiches Schicksal haben. Beide sind ubrigens sehr religiose Manner, halten Prozessionen, widmen dem Himmel Gelubde und flehen ihn um Sieg an; fur welchen glaubst du, dass er sich erklaren musste?"
Faust machte dem Teufel ein wildes Gesicht und liess die hamische Frage unbeantwortet; der Teufel aber, der sich an seiner Prahlerei uber den moralischen Wert des Menschen rachen wollte, unterliess nicht, noch einige bittre Glossen uber die Liebhaberei des papstlichen Generals und uber die Schlechtigkeit des Menschen uberhaupt zu machen, worauf Faust, der ihn eben auf der aussersten ertappte, noch weniger zu antworten fand.
10.
Der Anblick Roms und seiner grossen Ruinen, auf welchen noch der machtige Geist der alten Romer zu schweben schien, uberraschte Fausten, und da er mit ihrer Geschichte ziemlich bekannt war, so erhub sich seine Seele bei der lebhaften Erinnerung und Vorstellung dieses einzigen Volks der Erde; aber die neuen Bewohner der ehemaligen Konigin der Welt fullten sie bald mit andern und niedrigern Gegenstanden. Auf des Teufels Rat kundigten sie sich als teutsche Edelleute an, die die Herrlichkeit Roms nach Italien gezogen, ihr Staat, Gefolge und Aufwand aber liess mehr hinter ihnen vermuten. Die Abte, Monche, Matronen, Kuppler, Kupplerinnen, Scharlatane und Pantalons drangten sich zu ihnen und trugen ihnen ihre Dienste in dem Augenblick an, als das Gerucht ihrer Ankunft durch alle die Zunfte derer erscholl, die das bequeme Handwerk ergriffen haben, von den Lastern und Torheiten der Menschen zu leben. Sie trugen ihnen ihre Schwestern, Tochter, ihre Weiber und Verwandten an, malten ihre Reize und Vorzuge mit so feuriger Beredsamkeit, dass der von allen Seiten besturmte Faust nicht wusste, wo er angreifen sollte. Da diese Kuppelei auf die possierlichste Art mit dem Gewand der zugellosen Uppigkeit und der strengen Religion zugleich bekleidet war, so dunkte es Fausten, dieses Volk brauche die Religion zu nichts anderm, als durch sie den Zuruf der innern emporten menschlichen Natur bei ihren Schandtaten und Greueln zu stillen und zu beruhigen.
Den Tag nach ihrer Ankunft erhielten sie eine Einladung von dem Kardinal Casar Borgia, einem der vielen Bastarde des Papsts; er empfing sie auf das prachtigste und nahm es uber sich, sie Seiner Heiligkeit dem Papst vorzustellen. Sie ritten mit ihrem Gefolge in dem grossten Staat nach dem Vatikan, und der Teufel kusste mit Fausten den Pantoffel Seiner Heiligkeit. Faust verrichtete dieses in dem Glauben eines wahren katholischen Christen, der den Papst fur das halt, wofur er sich ausgibt, und der Teufel dachte bei sich: wenn mich Alexander kennte, ich wurde ihn vielleicht zu meinen Fussen sehen. Nachdem die aussere Zeremonie voruber war, liess sie der Papst in seine innere Zimmer einladen, wo er sich freier mit ihnen besprach. Hier wurden sie mit seinen ubrigen Bastarden, der beruhmten Lucretia und Francisco Borgia, dem Herzog von Gandia, bekannt etc.
Der Papst fand die Gesellschaft des schonen und gewandten Teufels Leviathans so sehr nach seinem Geschmacke, dass er von dem ersten Augenblick eine besondre Gunst gegen ihn ausserte, die, wie wir sehen werden, bald bis zu der aussersten Vertraulichkeit stieg. Faust hielt sich an den Kardinal Borgia, der ihm von den Genussen und Freuden Roms ein so lusternes Gemalde entwarf, dass er nicht wusste, ob er sich im Vatikan oder in einem Tempel der irdischen Venus befande. Dieser machte ihn mit seiner Schwester Lucretia, der jetzigen Gemahlin Alfonsos von Arragonien, genauer bekannt. Sie stellte die sinnliche Wollust in den gefahrlichsten Reizen verkorpert vor und nahm Fausten auf eine Art auf, dass er wie bezaubert vor ihr stund und sich bei dem ersten Blick von dem Wunsche durchgluht fuhlte, den Becher der Freude aus der Hand derjenigen zu empfangen, die ihn so schaumend darreichte.
11.
Faust und der Teufel waren in wenigen Tagen mit der papstlichen Familie auf dem Fuss der Vertraulichkeit. Eines Abends wurden sie zu einem Schauspiel ins Vatikan eingeladen, welches Fausten mehr in Erstaunen setzte als alles, was er bisher am papstlichen Hofe gesehen hatte. Man spielte die Mandragola. Der edle Machiavell hatte dieses Schauspiel geschrieben, um durch die Zugellosigkeit desselben dem romischen Hofe ein auffallendes Gemalde von den schlechten Sitten der Klerisei vorzustellen und ihm zu beweisen, dass sie die Quelle der Verderbnis der Laien sei. Er betrog sich hier in seinem edlen Zwecke, wie er sich spater betrog, da er in seinem Fursten die Greuel der Tyrannei der Welt aufdeckte. Die Tyrannen und ihre Stutzen, die Monche, verschrien den als Lehrer der Tyrannei, der sie arger als ein Sterblicher hasste, ihr durch sein Werk einen totlichen Streich beizubringen suchte, und das verblendete Volk liess sich von ihren Betrugern so betauben, dass sie ihren Arzt als einen Vergifter ansahen. So ging es auch hier; die Mandragola wurde beklatscht, ergotzte viele Abende den papstlichen Hof, und keiner ausser dem Teufel und Faust merkte, dass die Satire Machiavells durch den Beifall des Papsts und der ganzen Klerisei um so giftiger wurde. Faust horte von dem Papst, den Kardinalen, Nonnen und Damen Dinge beklatschen und preisen, die nach seiner Meinung selbst die uppigen romischen Kaiser nicht auf der Buhne wurden geduldet haben. Aber dieses Staunen wurde bald von lebhaftern Szenen verdrangt, und er merkte, dass die Taten Alexanders und seiner Bastarde alles ubertrafen, was die Geschichte zur Schande der Menschheit aufgezeichnet hat. Lucretia, welcher ihn seine reiche Geschenke noch mehr als sein kraftvolles Ansehen empfahlen, weihte ihn kurz darauf in die Geheimnisse der Wollust ein, und er fuhlte in ihren Armen, dass der papstliche Hof im Besitz von Geheimnissen sei, wovon die ubrige blodsinnige christliche Welt nichts ahndete. Durch diese innige Verbindung entdeckte er ihr blutschandrisches Verhaltnis mit ihren beiden Brudern, dem Kardinal und dem Herzog, und da er sie eines Tags mit dem Papst, ihrem Vater, uberraschte, zu dem er und der Teufel geheimen Zutritt hatten, so fand er, dass er sie nicht allein mit den Brudern, sondern auch mit Seiner Heiligkeit teilte. Der einzige Misshandelte war Alfonso, der die Ehre hatte, sich ihren Gemahl zu nennen. Nun sah Faust die Ursache des bittern Hasses des Kardinals gegen seinen Bruder ein, dessen Grund Eifersucht uber die Gunstbezeigungen der Schwester war. Er hatte ihn oft schworen horen, er wurde sich noch an ihm auf die blutigste Art rachen.
Wenn sich Faust den Tag uber am Hofe und in der Stadt in allen Lusten herumgewalzt hatte, so pflegte er gewohnlich dem Teufel abends die Ohren uber die Laster der Menschen zu ermuden. Ihr Anblick emporte ihn, ob er gleich weder Kraft noch Willen hatte, einer seiner Neigungen zu widerstehen. Gewohnlich endigte er mit dem Ausruf: "Wie ist es moglich, dass ein solches Ungeheuer Papst werden konnte."
Der Teufel, der genau wusste, wie es bei seiner Wahl zugegangen (denn einer der Fursten der Holle war damals im Konklave), erzahlte ihm:
Wie Alexander als Vizekanzler des papstlichen Stuhls die Stimmen der Kardinale gekauft und wie er diese, nachdem er seinen Zweck erhalten und sie ihn an die Erfullung seines Versprechens erinnert, teils verjagt, teils unter verschiednem Vorwand auf die grausamste Art habe hinrichten lassen.
FAUST: Dass sie schlecht genug waren, ihn zum Papst zu machen, begreife ich, aber wie sie ihn ertragen, dies geht uber meine Fassung.
TEUFEL: Die Romer sind sehr wohl mit ihm zufrieden. Er sorgt fur den Pobel, mordet, plundert die Grossen und wird durch seine Verbrechen den papstlichen Stuhl mehr in die Hohe bringen als alle seine Vorganger. Konnen sie wohl einen bessern Papst wunschen als einen, der ihre Laster durch sein eignes Beispiel heiligt? der ihnen noch uber die Indulgenzen durch seine Taten beweist, dass der Mensch vor keiner Sunde erschrecken muss?
12.
Der Papst hatte seinen altesten Bastard Francisco in einem Konsistorium zum General des heiligen Stuhls gemacht, und der Kardinal fasste in demselben Augenblick den Entschluss, seinen Bruder auf die Seite zu schaffen, um seinem Ehrgeiz ein weiteres Feld zu eroffnen. Seine Mutter Vanosa hatte ihm vertraut, die Absicht des Papsts sei, dem Herzoge auf den Ruinen der Fursten Italiens einen Thron zu errichten und durch ihn als den Erstgebornen alle die Anschlage zur Vergrosserung seiner Familie auszufuhren. Der Kardinal, der die Meuchelmorder zu Hunderten in seinem Solde hatte, liess seinen getreuen Dom Michellotto aufsuchen und hielt folgende Rede an ihn:
"Wackrer Michellotto, es sind nun schon funf Jahre, dass mein Vater auf dem papstlichen Stuhl sitzt, und noch bin ich das nicht, was ich sein konnte, wenn wir unsre Geschafte etwas kluger betrieben hatten. Er hat mich zum Erzbischof, endlich zum Kardinal gemacht; aber was ist dieses fur einen nach Taten und Ruhm strebenden Geist? Kaum reichen meine Einkunfte zu dem Notigen hin, und ich bin unvermogend, Freunde, die mir wesentliche Dienste tun, nach dem Wunsche meines Herzens zu belohnen. Bist du, Michellotto, nicht selbst ein Beweis davon? Sage, hab ich etwas von der grossen Schuld abtragen konnen, die deine Dienste an mich einfordern konnen? Sollen wir denn immer nur stillesitzen und abwarten, bis Gluck oder Zufall etwas fur die tun wollen, die es nicht wagen, sich zu ihrem Herrn und Meister zu machen? denkst du, ein Leben, das ich im Konsistorium und der Kirche hinschmachte, sei fur einen Geist wie der meine gemacht? Bin ich fur diese Pfaffereien geboren? Hatte die Natur, ich weiss nicht warum, meinen Bruder Francisco nicht vor mir in die Welt gestossen, wurden nicht alle die Ehrenstellen, wodurch man allein grosse Aussichten befordern kann, auf mich gefallen sein? Wurdest du, braver Michellotto, noch das sein, was du bist? Weiss mein Bruder die Vorteile zu nutzen, die ihm der Papst und das Gluck darbieten? Lass mich an seine Stelle treten, und mein Name soll bald durch ganz Europa erschallen! Mich stempelte die Natur zum Helden und ihn, den Sanftern, zum Pfaffen. Wir mussen also den verhassten Streich zu verbessern suchen, den uns der Zufall gespielt hat, wenn wir das erfullen wollen, wozu wir geboren sind. Sieh uns beide an! wer kann sagen, wir seien von einem Vater? Und was liegt nun daran, dass er mein Bruder ist? Wer sich uber andre erheben will, muss alle Hindernisse seines Emporsteigens mit Fussen treten und die weichlichen, schwachen Bande der Natur, Zartlichkeit und Verwandtschaft vergessen; ja, wenn er ein Mann ist, auch wohl seine Hande in das Blut derer tauchen, die seinem unternehmenden Geist durch ihr Dasein Fesseln sind. So taten alle grosse Manner, so handelte der Stifter des unsterblichen Roms. Damit Rom werde, was er in ahndungsvollem Geiste sah, musste sein Bruder fallen, damit Casar Borgia gross werde, muss sein Bruder bluten. Rom soll von neuem durch mich der Sitz eines machtigen Konigs werden, mein Vater soll mir die Leiter zu meinem Emporsteigen halten, und dann will ich unter ihm den Stuhl Petri zerschlagen, den Betrug geheiligt hat, dieses Volk von dem schimpflichen Joche der Priester befreien und wiederum zu Mannern und Helden machen. So sterbe der, der mir ein Hindernis ist, dass wir wachsen und der Welt zeigen konnen, was wir sind. Ob ich ihn nun gleich in der Dunkelheit der Nacht ohne allen Verdacht ermorden konnte, so will ich doch dir diese Tat uberlassen, damit du ein noch starkeres Recht erhaltest, meine kunftige Grosse und mein Gluck mit mir zu teilen. Ich reise morgen nach Neapel, um als Legat der Kronung des Konigs beizuwohnen. Meine Mutter Vanosa, die es, unter uns, mude ist, ihren unternehmenden Casar als Kardinal zu sehen, und fruh den Helden in mir entdeckt und angefeuert hat, gibt mir, meinem Bruder und unsern Freunden heut ein Abendessen. Mein Bruder wird spat in der Nacht zu einer uns gemeinschaftlichen Buhlerin schleichen, und ich musste Michellotto schlecht kennen, wenn er den Weg zu seinem Palast zuruck fande. Ich heisse Casar und will alles oder nichts sein."
Michellotto fasste des Kardinals Hand, dankte ihm fur sein Zutrauen, berief sich auf die Beweise seiner Treue und Ergebenheit und entfernte sich, um einige seiner Gesellen auf die Tat vorzubereiten.
Faust und der Teufel wurden zu dieser Abendmahlzeit gleichfalls eingeladen. Die Gaste waren sehr munter. Francisco uberhaufte seinen Bruder mit Zartlichkeit, ohne dessen Entschluss zu erschuttern. Nach dem Essen nahm Casar Abschied von seiner Mutter, um sich zu dem Papst zu begeben, seine letzten Befehle abzuholen; sein Bruder erbot sich, ihn eine Strecke Wegs zu begleiten, um das Vergnugen seiner Gesellschaft noch einige Augenblicke langer zu geniessen. Faust und der Teufel folgten ihnen. Francisco trennte sich bald von dem Kardinal, nachdem er ihm vorher in das Ohr gelispelt, wohin er sich begabe. Der Kardinal wunschte ihm lachend Gluck, umarmte ihn und nahm Abschied von ihm. Er eilte nach dem Vatikan, endigte sein Geschaft, suchte die Meuchelmorder am bestimmten Orte auf und erteilte seine Befehle. Faust war bei der Schwester eines Principe abgestiegen, und der Teufel, der das schwarze Drama seiner Entwicklung nah sah, lenkte es so ein, dass er sich mit Fausten in dem Augenblick an der Tiber befand, als Dom Michellotto den Leichnam des ermordeten Herzogs in den Fluss versenken liess. Faust wollte auf die Morder zusprengen, der Teufel hielt ihn zuruck und sagte:
"Nahe nicht und halte dich still, dass dich keiner entdecke, ihrer sind Tausende in Rom, und du bist in dem Vatikan selbst an meiner Seite deines Lebens nicht sicher, wenn sie gewahr werden, dass du sie beobachtest. Der Ermordete, den sie nun versenken, ist Francisco Borgia, sein Morder ist sein Bruder, und das, was du nun siehest, ist das Vorspiel von Taten, die einst der Holle selbst Erstaunen abzwingen werden."
Hierauf enthullte er ihm das ganze finstre Gewebe und wiederholte ihm die Rede des Kardinals an Michellotto. Faust antwortete kalter, als der Teufel es erwartete:
"Ich fasse denn ihre Taten leichter als die Holle, und was kann man wohl von einer Familie anders erwarten, wo der Vater und die Bruder blutschanderisch mit der Tochter und der Schwester leben? Der Papst nennt sich den Statthalter Gottes, die Menschen erkennen ihn dafur, und der, der ihn an seine Stelle gesetzt hat, scheint mit seinem Regimente zufrieden, was soll Faust dazu sagen, von dem die Kirche fordert, dass er ihn anbete; aber, Teufel, wer mir einer noch etwas Gutes von den Menschen sagt, den falle ich an wie ein wutendes Tier. Lass uns schlafen gehen, du hast recht, der Teufel ist nur ein Narr gegen unsereinen, besonders wenn wir im Priesterrocke stecken. O ware ich in dem glucklichen Arabien geboren, ein Palmbaum meine Decke und die Natur mein Gott."
13.
Das Gerucht von der Ermordung des Herzogs von Gandia erscholl bald durch Rom und ganz Italien. Der Papst ward davon so geruhrt, dass er sich der wildesten Verzweiflung uberliess und drei Tage ohne Speise und Trank blieb. Nachdem man endlich seinen Korper in der Tiber gefunden, gab er die strengsten Befehle, alle Muhe anzuwenden, die Morder zu entdekken.
Seine Tochter, die vermutete, woher der Streich kame, gab ihrer Mutter Vanosa Nachricht von dem strengen Entschluss des Papsts, und diese begab sich die folgende Nacht in das Vatikan. Der Teufel, der als Liebling des Papsts wahrend seiner Trauer allein in seinem Zimmer bleiben durfte, entfernte sich bei der Ankunft der edlen Vanosa, suchte Fausten auf, der die Lucretia trostete, und fuhrte ihn an die Ture, folgendes Gesprach zu belauschen.
Als sie der Ture nahten, horten sie diese Worte des Papsts:
"Ein Brudermorder und Kardinal! Und du, die Mutter von beiden, verkundigest mir dies mit einer Kalte, als hatte Casar einen der Kolonne oder Orsinis vergiftet! Er hat in seinem Bruder seinen guten Ruf ermordet, hat das Gebaude der Grosse im Grund erschuttert, das ich durch meine Familie auffuhren wollte; aber der Kuhne soll der Strafe und meiner Rache nicht entgehen."
VANOSA: Roderico Borgia, du hast bei meiner Mutter geschlafen, darauf bei mir, schlafst nun mit meiner und deiner Tochter, wer mag die zahlen, die du heimlich ermorden und vergiften liessest? und doch bist du Papst, Rom zittert vor dir, und die ganze Christenheit betet dich an. Sieh, so viel kommt darauf an, in welcher Lage man sich befindet, wenn man Verbrechen begeht. Ich bin beider Mutter, Roderico, und wusste, dass Casar den Francisco ermorden wurde.
PAPST: Ha der Abscheulichen!
VANOSA: Bin ich's, so bin ich es nur in deiner Schule geworden. Der kalte, bedachtliche, sanfte Francisco musste dem feurigen, unternehmenden Casar Platz machen, damit dieser die glanzenden Hoffnungen erfulle, die du meinem Busen vertraut hast, als du den papstlichen Stuhl bestiegst. Francisco war zum Monch geboren, mein Casar zum Helden, und darum nannte ich ihn so im prophetischen Geiste. Nur er ist fahig, alle die kleinen und grossen Tyrannen Italiens zu vernichten und sich eine Krone zu erkampfen. Er muss Gonfalonier des papstlichen Stuhls werden und die Borgias zu Herren von Italien machen. Ist dies nicht dein Wunsch? Hast du nur fur Francisco gemordet und vergiftet? Wurden diese Verbrechen uns nutzen, wenn Casar Kardinal bliebe und der ermordete Schwachling einst euren Raub verteidigen sollte? Nur von ihm kann ich Schutz erwarten, wenn du nicht mehr bist, er achtete seiner Mutter, wahrend dieser Kalte mich vernachlassigte und dem Vater allein schmeichelte, von dem er seine Grosse hoffte. Casar fuhlt, dass ein Weib wie ich, die einen Helden gebaren konnte, ihm auch den Weg zu unsterblichen Taten vorzuzeichnen weiss. Heitere dich auf, Roderico, und sei weise; denn wisse nur immer, die Hand des Morders deines Lieblings wird von einem solchen kuhnen Geist geleitet, die auch des Vaters nicht schonen wurde, wenn er es wagen sollte, den Schleier aufzuheben, der diese notige Tat verbirgt.
PAPST: Dein grosser Sinn, Vanosa, erhebt mich, ob er gleich mein Herz durchschaudert. Francisco ist kalt, und Casar lebt, er lebe, sei der Erstgeborne, werde gross, weil es das Schicksal so haben will.
Er klingelte, liess auftischen und war heitern Muts.
FAUST: Teufel, befreie die Welt von diesem Ungeheuer, oder du sollst die Wut empfinden, die mir sein Dasein einflosst.
TEUFEL: Sprichst du abermals Unsinn, die Sprache der Sohne des Staubs? Vergisst du, wer der Mann ist, wen er bildlich vorstellt? Wer ich bin? Was ich kann und darf?
FAUST: Du sollst!
TEUFEL: Geh und kuhle deine Wut in den Armen seiner Tochter und Buhlerin; freue dich, so nah mit dem verwandt zu sein, der da bindet und loset, vielleicht, dass dir die Verwandtschaft am Tage der Rechnung nutzet.
14.
Francisco war vergessen, und der Papst sann nun, wie er dem verwegnen Geist Casars einen weitern Schauplatz zur Ausubung seiner gefahrlichen Krafte eroffnen mochte. Dieser kronte indessen den Konig von Neapel mit denen von seines Bruders Blut befleckten Handen, und Friedrich von Neapel zog daraus eine dustre Ahndung, in welcher er sich auch nicht betrog.
Der Teufel sorgte dafur, dass Fausten von allem diesem nichts entging, und dieser sah mit hamischem Lachen alle die Kardinale, die Gesandten von Spanien und Venedig dem Brudermorder, den sie alle dafur erkannten, bis an die Tore der Stadt entgegengehen, ihn darauf von einem grossen Konsistorium empfangen und im Triumph zur Audienz des Papsts begleiten, der ihn mit vieler Zartlichkeit empfing.
Vanosa legte die Trauer ab und feierte den Abend seiner Ruckkunft mit einem Feste, wobei alle Grossen Roms erschienen.
Bald hierauf zog Casar den lastigen Kardinalshut aus, vertauschte ihn mit dem Schwerte und ward mit allem Pracht zum Gonfalonier des papstlichen Stuhls geweiht.
Der Teufel sah mit vielem Vergnugen, wie Faust den Wurm, der an seinem Herzen zu nagen anfing, durch die wildesten Genusse zu betauben suchte. Er sah, wie jeder schwarze Streich, den er erlebte, sein Herz mehr vergallte und sein verblendeter Geist sich immer mehr uberzeugte, dass alles das, was er sah und horte, in der Natur des Menschen gegrundet sei und man sich ebenso wenig uber diese Greuel zu verwundern habe als daruber, dass der Wolf ein Rauber sei, der alles ohne Schonung zerreisse, seinen Heisshunger zu stillen. Der Teufel unterstutzte dies mit den Sophismen, die spatere Philosophen in Systeme gebracht haben, leerte die Schatze der Erde, schleppte Kleinodien zusammen, und Faust wutete unter den Jungfrauen und Matronen Roms, zerstorte tausend moralische und gluckliche Verhaltnisse der Familien und glaubte nicht genug an dem Menschengeschlecht verderben zu konnen, das, wie er meinte, der Verwustung geweiht sei. Der Unterricht der Lucretia hatte langst seine Sinne vergiftet, und die Wollust seine dammernde gute Gefuhle so vernichtet, dass sich bald zu Menschenhass Menschenverachtung gesellte, welche Empfindung, wie der Teufel ihn versicherte, die einzige ist, die den Mann von Verstand von dem Dummkopf unterscheidet. Die Bande der sanften Menschheit zogen sich in seinem Herzen zusammen, und er glaubte in der Leitung des Himmels die Hand eines Despoten zu entdecken, die, unbekummert auf das einzelne, nur fur den Gang und die Erhaltung des Ganzen wache. Die Welt kam ihm nun wie ein sturmisches Meer vor, auf welches das Menschengeschlecht geworfen ist, von dem Winde hin und her getrieben, der diesen an einem Felsen zerschmettert, den andern in den Hafen blast, und wo der Verungluckte noch dafur verantworten muss, dass er sein Steuer nicht besser gefuhrt, ob man ihm gleich eines aus so schwachem Stoff gegeben, das sich an jeder daherrauschenden Welle zerbricht.
15.
Alexander hatte eine Lustjagd in Ostia veranstalten lassen. Es begleitete ihn daher ein grosses Gefolge von Kardinalen, Bischofen, Damen und Nonnen, welche letztere man wegen besondrer Verdienste aus den Klostern gezogen, um die Gelagen reizender zu machen. Der Teufel war bestandig auf der Seite des Papsts, und Faust war von der Lucretia unzertrennlich. Jeder uberliess sich in Ostia dem Zug seiner tierischen Natur, und man beging in den wenigen Tagen Ausschweifungen, wobei ein Tiber und Nero noch etwas hatte lernen konnen. Faust hatte nun Gelegenheit, den Menschen, nach dem Ausdruck des Teufels, in seiner scheusslichen Nacktheit zu beobachten; aber was waren alle diese Szenen der Uppigkeit gegen die Anschlage, die der Papst, um sich von der Ermattung der Lust zu erholen, mit seinen Bastarden in Gegenwart Fausts und des Teufels fasste? Hier ward beschlossen, den Alfonso von Aragonien, den Gemahl der Lucretia, zu ermorden, um dem Konig von Frankreich einen Beweis zu geben, dass man willens sei, mit dem Konig von Neapel ganzlich zu brechen und ihm zur Eroberung der Krone Siziliens beizustehen. Ludwig der Zwolfte war schon durch Alexanders Vermittlung in Italien eingebrochen, und die Borgias sahen dadurch alle ihre Anschlage reifen. Lucretia ubertrug diese blutige Tat ihrem Bruder und sah sich schon als Witwe an. Hierauf ward der Plan zu dem folgenden Feldzug entworfen, sich aller Stadte, Kastelle und Herrschaften der Grossen Italiens zu bemachtigen, jeden ihrer Besitzer mit seiner Nachkommenschaft zu ermorden, damit keiner am Leben bliebe, der einen Anspruch darauf zu machen hatte und ihnen durch kunftige Verschworungen beschwerlich sein konnte. Um das Heer zu unterhalten, diktierten Alexander und Casar der Lucretia eine Liste der reichen Kardinale und Pralaten, die man nach und nach vergiften wollte, um sie vermoge des Rechts des papstlichen Stuhls zu beerben.
Nach dieser geheimen Beratschlagung begab man sich zu dem Abendessen. Der Papst war mit seinen Entwurfen und ihrer nahen Erfullung so zufrieden, dass er sich der ausschweifendsten Laune uberliess und den Ton zu einem Bacchanal angab, wozu man die Zuge im Petron und Sueton suchen mag; doch er vergass dabei der Sorge fur den Staat nicht ganz und fragte in der Glut des Weins die Anwesenden, wie er es anfangen musste, die Einkunfte des papstlichen Stuhls zu erhohen, um das grosse Heer einige Feldzuge durch zu unterhalten. Nach vielen Projekten schlug Ferara von Modena, Bischof von Patria, der wurdige Minister Alexanders, durch welchen er die Amter der Kirche an den Meistbietenden verkaufen liess, vor, Indulgenzen unter dem Vorwand eines bevorstehenden Turkenkriegs durch Europa zu predigen, und setzte als wahrer papstlicher Finanzier hinzu, der torichte Wahn der Menschen, ihre Sunden durch Gold abzukaufen, sei die sicherste Quelle des Reichtums eines Papstes.
Lucretia, die in dem Schoss ihres Vaters lag und mit Fausts blonden Locken spielte, sagte lachelnd:
"Die Rolle der Indulgenzen enthalt solche abgeschmackte, veraltete und alberne Sunden, dass damit nicht viel zu gewinnen ist. Man hat sie in dummen und barbarischen Zeiten entworfen, und es ist einmal Zeit, einen neuen Sundentarif zu machen, wozu Rom selbst die besten Artikel liefern kann."
Die von Wein und Wollust begeisterte Gesellschaft freute sich des glucklichen Einfalls, und der Papst forderte einen jeden auf, neue Sunden vorzuschlagen, zu taxieren, die zu wahlen, die am meisten im Gange waren und folglich am meisten eintrugen.
BORGIA: Heiliger Vater, uberlasst dies den Kardinalen und Pralaten, sie sind am besten damit bekannt.
Ferara von Modena, Bischof von Patria, setzte sich als Sekretar nieder.
EIN KARDINAL: Nun dann, so will ich beginnen, die Quelle des Reichtums zu offnen. Schreibe, Ferara, ich gebe den Ton an, die andern werden schon einstimmen. Absolution fur jede von einem Priester begangne H i, er begehe sie, mit wem er wolle, mit einer Nonne ausser oder in dem Bezirke des Klosters, mit seiner Blutsseitenverwandtin oder seiner geistlichen Tochter. Mit Dispensation, alle Amter der Kirche zu verwalten und neue Benefizien erhalten zu konnen, so er an den papstlichen Schatz neun Goldgulden bezahlt.
PAPST: Gut! gut! Schreibt flugs neun Goldgulden, Bischof, und trinkt den Priestern, die sie bezahlen, Absolution zu.
Jeder Gast fullte sein Glas, und man schrie Chorus: "Absolutio! Dispensatio!"
PAPST: Ich sehe wohl, ich muss den andern Mut machen. Sie sehen diesen Augenblick mehr nach den Nonnen als auf meinen Vorteil. Bischof Ferara schreibt! Fur die feinre Sodomie zwolf Goldgulden, fur die grobere funfzehen, er sei Laie oder Priester. Mit diesem Artikel allein hoffe ich meine Kavallerie zu unterhalten, und ich sehe voraus, dass mir ein grosser Teil ihres Soldes zuruckkommen wird.
CHORUS: Absolutio! Dispensatio den feinern und grobern Sodomiten!
NONNE: He, was ist denn das? will sich niemand unsrer annehmen? Heiliger Vater, haben wir allein kein Recht auf Eure vaterliche Gnade? Ich bitte Euch, lasst uns taxieren, dass auch wir in Ruhe sundigen mogen.
ALEXANDER: Recht, meine Tochter, und ihr sollt nicht schlechter gehalten werden wie die Priester. Schreibt, Bischof! Absolution fur jede Nonne, die H i treibt, es sei, mit wem sie wolle, mit ihrem Bruder, Blutsverwandten oder Beichtvater ausser oder in dem Bezirke ihres Klosters, mit Dispensationen, allen Wurden des Klosters vorzustehen, neun Goldgulden. Bist du zufrieden?
Das Nonnchen kusste ihm die Hand.
CHORUS: Absolutio! Dispensatio!
EIN BISCHOF: Nun dann! Absolution und Dispensation jedem Priester, der eine Beischlaferin offentlich unterhalt, funf Goldgulden.
LUCRETIA: O der gemeinen alltaglichen Menschen! Hort auf mich! Absolution jedem Christen, der seine Mutter, Schwester oder sonstige Verwandtin beschlaft, funfzehen Goldgulden.
CHORUS: Absolutio! Dispensatio!
FAUST den die ganze Szene wegen des Teufels entsetzlich argerte, der aber doch dem Borgia eins versetzen wollte: Absolution jedem Vater-, Bruder-, Mutter- und Schwestermorder, fur drei Goldgulden.
PAPST: Ho ho, Freund, wo wollt Ihr hinaus, dass Ihr den Mord geringer anschlagt als H i, da doch der erste die Menschen aus der Welt treibt und die letzte sie hinein?
CASAR BORGIA: Heiliger Vater, er will durch einen hohen Preis nicht von der Sunde des Mords abschrecken.
PAPST: Lasst es durchgehen.
TEUFEL: Cautela, ihr Herren! Aller gemeldeten Absolutionen und Dispensationen sind die Armen unfahig, sie sind des sussen Trosts der Kirche unwurdig und ohne Rettung verdammt. Ist es so nach eurem Sinne?
CHORUS unter starkem Gelachter: Verdammt sei alles, was kein Geld hat! Die Armen fahren ohne Trost der Kirche zur Holle!
CASAR BORGIA: Weiter, ich eroffne eine ergiebige Quelle! Wer stiehlt, und sei es auch Kirchenraub, dessen Seele kann gelost werden, so er der papstlichen Kammer drei Teile vom Diebstahl abgibt.
CHORUS: Absolution den Kirchenraubern und allen Dieben, die mit dem papstlichen Stuhl das Geraubte teilen!
PAPST: Du offnest eine reiche Mine, Casar! schreibt Bischof! Es geht vortrefflich!
FAUST: Wohlauf, ihr Herren! Absolution fur jeden, der Zauberei treibt und mit dem Teufel ein Bundnis macht. Wie hoch taxiert ihr den Fall?
PAPST: Mein Sohn, hiermit wirst du den papstlichen Stuhl nicht bereichern. Der Teufel versteht seinen Vorteil nicht, man ruft ihn umsonst.
FAUST: Heiliger Vater, malt ihn nicht an die Wand und schlagt nur immer an.
PAPST: Um der Seltenheit willen hundert Goldgulden.
FAUST: Hier sind sie, im Fall es mir gelange, fertigt mir die Absolution aus und singt Chorus.
CHORUS: Absolution dem, der mit dem Teufel ein Bundnis macht. Der Bischof Ferara schrieb.
EINE ANDRE NONNE: Herr Bischof, da Ihr doch eben am Schreiben der Absolution fur den Teufelsbanner seid, so fertigt mir auch eine Schrift, Ihr wisst schon fur was, aus; hier ist mein Rosenkranz, er ist funfzehn Goldgulden wert, und ich behalte noch etwas Absolution ubrig.
Ferara schrieb, und der Papst unterzeichnete.
TEUFEL: Glaubt denn Ew. Heiligkeit, dass der Satan des Fetzen Papiers achten wird?
Der Grossinquisitor zog seine Hand aus dem Busen einer Abtissin und schrie mit lallender Zunge:
"Wa-was ist das? Ich rieche Ketzerei! Wer ist der Atheist, der diesen Frevel gesprochen hat?"
Der Papst druckte dem Teufel den Zeigefinger leise auf den Mund und sagte: "Kavalier, dieses sind Staatsgeheimnisse! beruhre sie nicht, denn ich darf selbst dich nicht retten, wenn der papstliche Stuhl bestehen soll."
Um dem Papst den Hof zu machen und das Gewissen zu beruhigen, offnete jeder der Anwesenden seinen Beutel. Ferara rief noch einige Schreiber, man fertigte ihnen die Absolution aus, und jeder griff nach einem Gegenstand, um den ubrigen Teil der Nacht Gebrauch davon zu machen. Nie wurden Sunden mit ruhigerm Herzen begangen.
Ferara von Modena schrieb diesen Tarif den folgenden Morgen ins Reine, ubergab ihn der Presse8 und liess ihn in der Stille in der Christenheit herumlaufen.
16.
Casar Borgia vergass des Worts nicht, das er seiner Schwester gegeben hatte. Alphonso von Aragonien ward an der Schwelle des Palasts des Gonfaloniere ermordet, als er sich eben zu ihm begeben wollte, einer Maskerade beizuwohnen, wozu alle Grossen Roms eingeladen waren, die Vorstellung der Siege Casars anzusehen, die Borgia als Vorbedeutung der seinigen auffuhren liess. Bald darauf setzte er sich mit seinem Heere in Marsch, und nach einigen Monaten stahl der Teufel dem Papst folgenden Brief aus der Tasche, den er Fausten zu lesen ubergab:
Heiliger Vater!
Ich kusse Ew. Heiligkeit Fusse. Sieg und Gluck haben mich begleitet, und ich ziehe sie hinter mir her wie meine Sklaven. Ich hoffe, Casar ist nun seines Namens wurdig, denn auch ich kann sagen: ich kam, sah und siegte. Der Herzog von Urbino ist in die Schlinge gefallen, die ich ihm gelegt habe. Vermoge des Breves Ew. Heiligkeit bat ich ihn um seine Artillerie unter dem Vorwand, Eure Feinde zu bekriegen. Von allen den Gunstbezeigungen, womit wir ihm geschmeichelt haben, verblendet, schickte er mir durch einen Edelmann seine Einwilligung schriftlich zu. Unter dieser Maske sandte ich einige Tausende nach Urbino, die sich auf meinen Befehl der Stadt und des ganzen Landes bemachtigten. Leider ist er auf das Gerucht hiervon selbst entflohen, aber die machtige und gefahrliche Familie Montefeltro hat bezahlen mussen, und ich habe die ganze Brut vernichten lassen. Hierauf stiess der betorte Vitellozzo mit seinen Volkern bei Camerino zu mir. Ich liess den Casar von Varano im Wahn, ihn mit guten Bedingungen aus Camerino abziehen zu lassen, und uberfiel die Stadt in dem Augenblick, da er beschaftigt war, die Artikel der Ubergabe niederzuschreiben. Ich hoffte der ganzen Familie durch einen Streich ein Ende zu machen, aber leider ist mir der Vater entwischt, seine beiden Sohne liess ich erdrosseln und schmeichle mir, der Gram soll ihnen den Alten nachsenden. Bald darauf zog ich von Camerino aus und beorderte Paul Orsino, Vitellozzo und Oliverotto mit ihren Volkern nach Sinigaglia, das sie nach meiner Anweisung besturmten, um ihr kunftiges Grab mit eigner Hand zu bereiten. Nun sah ich alle unsre Feinde in dem fein gesponnenen Netze, schickte meinen treuen Michellotto mit seinen Gesellen voraus, mit dem Bedeuten, dass jeder auf meinen Wink einen von unsern Feinden ergreifen sollte. Ich setzte mich in Marsch, die Betorten kamen mir entgegen, mir ihre Achtung zu bezeigen, und liessen nach meinem Wunsche ihre Mannschaft zuruck. Ich fuhrte sie unter Liebkosungen in die Stadt, und in dem Augenblick, als meine Volker ihre verlassnen Haufen uberfielen, fasste Michellotto mit seinen Angehorigen jeder seinen Mann. So machte ich mich zum Herrn der Lander und Schlosser derer, die wir mit der Hoffnung von Eroberungen uber ihre Feinde betort haben. Die folgende Nacht liess ich sie im Kerker erwurgen. Michellotto, dem ich dieses Geschaft ubertragen, hat mir mit vielem Lachen erzahlt, Vitellozzo habe um weiter nichts gebeten, als dass man ihn doch nicht ermorden mochte, bis er die Absolution seiner Sunde von Ew. Heiligkeit erhalten konnte. Man sage mir noch einmal, es gehore Kunst dazu, sich zum Herrn der Menschen zu machen! Sobald Ew. Heiligkeit die Orsinis und die ubrigen wird eingezogen haben, will ich ihnen den Pagola, den Herzog von Gravina und die andern gleichfalls ohne Eure Absolution nachsenden. Ich hoffe, Ew. Heiligkeit wird sich aus meinem Bericht uberzeugen, dass ich der Krone wert bin, die ich mit Mut und Verstand zu erwerben weiss. Vorher hatte ich Faenza mit seinem Herrn Astor, einem uberaus schonen Knaben von zehen Jahren, genommen. Er soll leben, solange er zu meinem Vergnugen dient, denn wahrlich, nie hat ein Sieger einen reizendern Ganymed zur Beute erhalten, und herrschte der lusterne Jupiter noch, so wurde ich den gefahrlichen und machtigen Nebenbuhler furchten. Sollte Carraccioli, der General der Venetianer, dessen schone Frau ich auf ihrer Reise aufheben liess und die mir nun mit Astor die Arbeit wurzt, nach Rom kommen, so empfehlt ihn dem Bruder meines Michellottos. Ich hore, dass er viel Larmens macht, und da er ein hitziger Kopf ist, so muss man seiner Rache zuvorkommen. Die Venetianer verstehen ihren Vorteil zu gut, als dass sie sich um seinetwillen mit uns uberwerfen sollten. Das Gerausch der Waffen hat mich der Angelegenheiten meiner Schwester nicht vergessen machen. Der Abgesandte des altesten Sohns des Herzogs von Este ist auf dem Wege, die Vermahlung in seinem Namen mit ihr zu vollziehen, und ich hoffe ihr noch beizuwohnen. Wir sind nun der Kolonne, der Orsinis, Salviatis, Vitellozzos und all unsrer gefahrlichen Feinde los! Lasst uns noch das Haus Este und Medicis vertilgen, Ludwig den Zwolften sich wie sein Vorganger in Italien aufreiben, wer wird es dann noch wagen, gegen die Borgias aufzustehen? Ich kusse Ew. Heiligkeit die Fusse etc.
Casar Borgia. Gonfalonier.
Faust sah nach Lesung dieses Briefs finster gen Himmel und rief: "Er ist dein Statthalter, nennt sich nach dir, dein Volk betet ihn an, und deine Glaubigen flehen ihn um Absolution ihrer Sunde in dem Augenblick, da er sie erwurgen lasst! Ein blutschandrischer Meuchelmorder vertritt deine Stelle auf Erden, Tyrannen geisseln und erwurgen deine Volker, du schlafst, und sie nennen dich ihren Vater! Ist alles Feuer in den Eingeweiden der Erde verloschen? hast du es ausgeblasen? vermag es nicht mehr durch die dicke Kruste der verfluchten Erde zu brechen, um die wahnsinnigen, die scheusslichen Verbrecher aufzuzehren? hast du alle Materie des Donners verbraucht? Sind alle die Funken verstoben, die du einst in gluhendem Feuerregen uber ganze Stadte gossest? hast du ganz deinen Blick von dem Menschengeschlecht abgewandt, und sind sie deiner Rache so wenig mehr wert wie deiner
Der Teufel lachte uber diese Standrede und fuhrte den Entflammten in das Vatikan, wo sie den Papst in grosser Freude uber das Gluck seiner Waffen antrafen. Er hatte schon die Befehle gegeben, die ubrigen der Orsinis, den Alviano, Santa Croce, die sonstigen Kardinale und Erzbischofe in die Falle zu locken, und wartete mit Ungeduld auf den Ausgang. Ganz Rom eilte zum Gluckwunsch herbei. Die Bezeichneten wurden im Vatikan festgenommen, nach verschiednen Gefangnissen gebracht und heimlich hingerichtet, wahrend die Trabanten des Papsts ihre Palaste plunderten. Der Kardinal Orsini ward allein nach der Engelsburg gebracht und ihm die ersten Tage erlaubt, sich aus der Kuche seiner Mutter besorgen zu lassen; da aber der Papst horte, dass er seit seiner Gefangenschaft einen Weinberg fur zweitausend Scudis verkauft hatte und eine wegen ihrer ausserordentlichen Grosse sehr kostbare Perle besasse, so entzog er ihm diese Gunst. Die Mutter der einst grossen und bluhenden Orsinis hullte sich in Mannskleider, uberbrachte dem Papst die zweitausend Scudis und die Perle, er nahm sie mit der Rechten und gab mit der Linken das Zeichen zur Hinrichtung des Kardinals. Dieser Zug machte Fausten so wahnsinnig, dass der Teufel allen seinen Witz brauchte, um ihn zu Verstand zu bringen. Er forderte nicht weniger von ihm, als das ganze Vatikan mit allen Borgias zu zertrummern und die Menschheit an den Ungeheuern zu rachen.
Der Teufel anwortete: "Faust, ich wollte, aber es gelang mir nicht."
FAUST: Ha, wie?
TEUFEL: Erinnerst du dich der Gefahr Alexanders vor kurzem?
FAUST: Ich tue es, denn ich wutete gegen den rettenden Zufall, der den rachenden Zufall fruchtlos machte.
TEUFEL: Zufall! rettender Zufall! rachender Zufall! Was denkst du unter diesem schallenden Geprassel von Worten? Und was fur eine Art von Philosoph bist du, wenn du etwas darunter denken kannst? O der Menschen! o der Vernunft! Nein, Faust, ich war der rachende Zufall, um mich deiner hohen Gunst zu empfehlen, denn du wirst dich erinnern, dass du mir auftrugst, ihn zu verderben; aber der rettende Zufall kam von einer Hand, deren Macht ich in diesem Augenblick noch bebend fuhle.
FAUST: Hollischer Gaukler! warte, ich will dich Besessnen exorzieren. Welche gefahrliche Schlingen wirfst du nun wieder um mein torichtes Herz?
TEUFEL: Schlingen? Ich? Dir? Tor, spinnt sie nicht dein Herz aus seinen eignen Handen? Sei stolz darauf, dass deine Weisheit und Torheit dein eignes Werk seien, ich bin nicht so vermessen, mich meines Einflusses da zu ruhmen, wo man seiner so wenig bedarf. Erinnerst du dich des sausenden Sturms in Hagel und Donner, der uber Rom hinfuhr?
FAUST: Ich tue es.
TEUFEL: Ich hatte mich in den sausenden Sturm geschwungen, fuhr prasselnd in den Rauchfang des Vatikans, zersprengte ihn und das Dach, warf das Dach auf die goldne Decke des Zimmers, in welchem Alexander sass, auf neue Greuel sinnend, wahrend er seine Horas betete. Uber sein Haupt schossen die Balken ich hoffte, sie sollten ihn zerschmettern. Plotzlich sah ich sie schweben uber dem Haupte des Sunders, gefesselt von einer machtigen Hand, gehalten von dunnen Faden der Spinnen. Zur Warnung war er nur leicht verwundet ich sah das ungeheure Gewicht schweben an den dunnen Faden, Faust, Schauder uberfiel mich, und schon wollt ich das Licht fliehen.
FAUST: Oh, dass ich dich Elenden fur deinen halben Dienst, fur deinen giftigen Bericht zuchtigen konnte, wie es mein nun emportes Herz heischt.
TEUFEL: Versuch es! Ich sage dir, es gehort zur Ordnung der Dinge, dass er noch mehr Verbrechen begehe. Die wachende Vorsicht beschutzte ihn nur, dass er mutiger in Greueln werde; so befordert er vermutlich die verborgenen Absichten, die die Zukunft aufklart.
FAUST: Und die, die durch ihn leiden?
TEUFEL: Ja, da ist deine hohe Weisheit in der Klemme. Dies ist die Angel, womit eure Philosophie die kuhnen Forscher fangt und nach sich zieht, bis sie daran ersticken. Sei ruhig, Faust, dir soll bald Licht werden und dieser Papst da, der soll mir nicht entgehen. Ich wittere den Augenblick seines Falls wie das leise Aufwallen der ersten Begierde zur Sunde du wirst dich dran ergotzen, aber ob es die trosten kann, die durch ihn gelitten haben He!
Der Teufel goss Ol in die gluhende Flamme, und leicht konnte er nun Fausten beweisen, dass es nicht seine, sondern die Sache des Himmels sei, dem Bosen zu wehren, und er fuhrte dieses Thema so aus, dass Faust zwar von seinem Wahnsinn geheilt wurde, aber an einer noch gefahrlichern Seuche erkrankte, denn er uberzeugte sich nun vollig, der Mensch sei ein elender Sklave und sein Herr und Schopfer ein grausamer Despot, der an seinem Unsinn und seinem Frevel einen Gefallen hatte, um ihn desto scharfer bestrafen zu konnen, ja der ihm geflissentlich alle diese seinem Glucke widersprechende Neigungen in das Herz gelegt hatte, um seiner Rache an ihm genugzutun. Die Tugendhaften und Gerechten hielt er fur Toren, die den Bosen zum Raub und Frasse hingeworfen waren. Aber furchterlich peinigte ihn Leviathans Vorspieglung der wunderbaren Rettung des Papsts, die ganz Rom bezeugte und ganz Rom nicht begriff.
Als Borgia erfuhr, dass der Papst seinen Anschlag ausgefuhrt hatte, liess er seine ubrigen Gefangnen nebst dem jungen Astor erdrosseln, zog in Rom triumphierend ein und teilte mit dem Papst und den ubrigen Bastarden den Raub der Plunderung der Palaste.
17.
Die Hochzeit der Lucretia wurde bald hierauf mit allem asiatischen Pracht gefeiert, und jeder Romer strebte, dieses Fest durch allen moglichen Glanz zu verherrlichen. Den Tag der Vermahlung lautete man alle Glocken, die Artillerie donnerte von der Engelsburg, man hielt Stiergefechte, spielte sittenlose Komodien, und das betaubte Volk schrie vor dem Vatikan: "Es lebe Papst Alexander! Es lebe Lucretia, die Herzogin von Este!" Faust brullte mit und sagte zum Teufel: "Wenn nun dieses Geschrei mit dem Gewinsel der Ermordeten an das Gewolbe des Himmels anschlagt, wem soll der Ewige glauben?" Der Teufel beugte sich zur Erde und schwieg.
Um die Feierlichkeiten der Hochzeit zu kronen, hatte Alexander mit seiner Tochter auf den Abend eines Sonntags ein Schauspiel angeordnet, wovon bisher die Jahrbucher der Greuel der Menschheit noch kein Beispiel gegeben haben. Der Papst sass mit seiner Tochter auf einem Ruhebette in einem grossen hellerleuchteten Saale, Faust, der Teufel und die ubrigen zu diesem Fest Erlesenen stunden um sie herum. Auf einmal offneten sich die Turen, und es traten funfzig reizende Kurtisanen in dem Stand der Natur herein, die nach dem wollustigen Gefluster blasender Instrumente einen Tanz auffuhrten, den uns der Wohlstand verbietet zu beschreiben, ob gleich ein Papst die Stellungen dazu erfunden hat. Nach dem Tanz gab Seine Heiligkeit ein Zeichen zu einem Wettkampf, den wir noch weniger beschreiben konnen, und hielt den Preis des Sieges in den Handen, um die Kampfenden mutiger zu machen. Die unparteiischen Romer riefen endlich Fausten als Sieger aus, Lucretia bekranzte ihn mit Rosen unter Kussen, und der Papst ubergab dem wackern Teutschen als Preis des Sieges einen goldnen Becher, worauf Lucretia die Schule der Wollust hatte graben lassen. Faust schenkte ihn seinem feinsten Kuppler, einem venetianischen Monch, bei dem ihn lange hernach der gottliche Aretino sah und seine beruchtigte Situationen darnach kopierte. Dieser Sieg kostete indessen Fausten soviel, dass er mit der letzten Kraft seines Korpers auch die letzte Kraft seines Geistes zerbrach. Der Teufel, der ihn nun zu seinem Zwecke vollig reif sah, frohlockte ihm lauten Beifall entgegen.
18.
Der Papst hatte bei der Vermahlung seiner Tochter eine Kardinalsbeforderung vorgenommen, wozu er die reichsten Pralaten auslas, und da Casar Borgia zu dem kunftigen Feldzug grosse Summen brauchte, so nahm er sich vor, einige davon bei einem Feste, das sein Vater auf der Villa gab, in die andre Welt zu schicken. Der Papst fuhr mit seiner Tochter, dem Teufel, Fausten, dem Borgia und der Gemahlin des Venetianers fruh nach dieser Villa. Um der Lucretia ein neues Vergnugen zu machen, liess er einige rosigte Stuten in den Hof fuhren, sie von feurigen neapolitanischen Hengsten bespringen, und dieses Schauspiel ergotzte Lucretia auf eine ganz besondre Art. Die Neuvermahlte, von diesem Schauspiel gereizt, zog Fausten in ein Seitenzimmer, fand aber bald, dass seine Kleinodien einen dauerhafteren Wert hatten als er. Borgia begab sich mit der Venetianerin in ein andres Seitenzimmer, und der Papst blieb mit dem Teufel allein. Die Gesichtsbildung Leviathans hatte schon lange besonders auf ihn gewurkt, und erhitzt von dem, was er gesehen, fing er an, dem Teufel gewisse Antrage zu machen, bei welchen sich dieser in ein wildes Lachen ausschuttete; da aber der Papst immer heftiger in ihn drang und er merkte, dass er in Gefahr sei, seine hohe unsterbliche Person von einem verachtlichen Menschen und gar von einem Papst besudelt zu sehen, so erwachte der schwarze Groll der Holle in seinem Geist, und er stund in dem entscheidenden Augenblick in einer Gestalt vor ihm, die nie ein lebendes Auge gesehen, noch zu sehen wagen darf. Der Papst, der ihn gleich erkannte, erhub ein Freudengeschrei:
"Ah benevenuto, Signor diavolo! Wahrlich, du kannst mir zu keiner gelegnern Zeit erscheinen als jetzt, und schon lange habe ich deine Gegenwart gewunscht, denn ich weiss, wozu man einen so machtigen Geist, wie du bist, brauchen kann. Ha! ha! ha! du gefallst mir weit besser so als vorher. Du Schaker du! Komm und sei mein Freund, nimm deine vorige Gestalt an, und ich will dich zum Kardinal machen, denn nur du allein kannst mich schnell auf die hohe Stufe heben, die ich zu ersteigen strebe. Ich bitte dich, hilf mir meine Feinde vertilgen, schaffe mir Geld und jage mir die Franzosen aus Italien, die ich nicht mehr brauche. Dies ist fur einen Geist, wie du bist, das Werk eines Augenblicks, und du kannst zum Lohn von mir fordern, was dir gefallt. Nur offenbare dich nicht meinem Sohn Casar, er ist ein so grosser Bosewicht, dass er mich selbst vergiften wurde, um durch dich Konig von Italien und Papst zugleich zu werden."
Der Teufel, den es anfangs ein wenig verdross, dass sein furchtbares Aussere nicht mehr auf den Papst wurkte, konnte sich doch endlich des Lachens nicht enthalten. Denn das, was er sah und horte, ubertraf alle Taten der Menschen, die die Holle zu ihrer Ergotzung aufgezeichnet hat. Er sagte hierauf mit ernster Miene: "Papst Alexander, der Satan zeigte einst dem Sohn des Ewigen alle Herrlichkeit der Welt und bot sie ihm an, wenn er niederfiele und ihn anbetete "
PAPST: Ich verstehe dich. Er war ein Gott und bedurfte nichts, ware er ein Mensch und Papst gewesen, er hatte es gemacht wie ich.
Er fiel nieder, betete den Teufel an und kusste seine Fusse.
Der Teufel stampfte auf den Boden, dass die Villa erbebte. Faust und Lucretia, Casar und die Venetianerin sahen durch die losgefahrnen Turen den Papst vor der schrecklichen Gestalt des Teufels mit gefaltnen Handen knien, und dann rief dieser mit bittrem Hohne:
"Sodomie und dann Anbetung des Teufels! bei dem Satan, dem Herrscher des dunklen Reichs, ein Papst kann in keinem schonern Augenblick seines Lebens zur Holle fahren."
Er fasste den Bebenden, erwurgte ihn und ubergab seinen Schatten einem Geist, ihn nach der Holle zu fordern. Borgia sank vor Schrecken zusammen, und der furchtbare Anblick zog ihm eine Krankheit zu, die ihn ausser alle Tatigkeit setzte, um alle Fruchte seines Frevels brachte, und die schwarzen Taten der Borgias dienten nur zur Vergrosserung des papstlichen Stuhls. Der erwurgte und scheusslich verstellte Papst wurde mit vielem Pomp begraben, und die Geschichtschreiber, die mit seinem tragischen Ende nicht so bekannt waren, wie ich es bin, erfanden die Fabel, die einesteils auf Wahrheit gegrundet ist, er und sein Sohn hatten aus Versehen eines Dieners aus einer den Kardinalen bestimmten vergifteten Flasche getrunken und sich so in ihrem eignen Netze gefangen.
Funftes Buch
1.
Die scheussliche Anbetung des Papstes, sein schaudervolles Ende, der schreckliche Anblick des Teufels, den Faust bisher nur unter seiner erhabenen Gestalt gesehen hatte, machten einen so starken Eindruck auf ihn, dass er von der Villa nach Rom eilte, aufpacken liess und mit betaubtem Sinn und klopfendem Herzen davonritt. Sein Gefuhl war durch alles, was er gesehen und beobachtet hatte, so stumpf geworden, dass er, der so kuhn war, dem Ewigen in seinem Innern zu trotzen, es kaum wagte, dem Teufel, den er noch sklavisch beherrschte, in die Augen zu sehen. Menschenhass, Menschenverachtung, Zweifel, Gleichgultigkeit gegen alles, was um ihn geschah, Murren uber die Unzulanglichkeit und Beschranktheit seiner physischen und moralischen Krafte waren die Ernte seiner Erfahrung, der Gewinn seines Lebens; aber noch weidete er sich an dem Gedanken, dass ihn das, was er gesehen, zu diesen widrigen Empfindungen berechtigte und dass entweder keine Verbindung auf Erden zwischen dem Menschen und seinem Schopfer sei oder doch der Faden, der ihn mit demselben verbande, so verworren und zweideutig durch dieses Labyrinth des Lebens liefe, dass ihn das Auge des Menschen nicht entdecken, viel weniger eine gute Absicht dabei wahrnehmen konnte. Noch schmeichelte er sich in seinem Wahne, seine Verirrungen seien in der ungeheuern Masse der Greuel der Erde wie ein Tropfen Wassers, der in Ozean fallt. Der Teufel erlaubte ihm gerne, sich in diesem Traume zu wiegen, damit der Schlag, den er voraussah, ihn so treffen mochte, dass er der Verzweiflung nicht entfliehen konnte. So glich nun Faust dem welterfahrnen Manne, der seinen Leidenschaften den Zugel gelassen, solange seine Krafte dauerten, der das Gefuhl der Natur in seinem Herzen aufgerieben, alles ohne Bedenken der Folgen fur sich und andre genossen hat und nun in Stumpfheit des Geistes und des Herzens bitter in die Welt zuruckblickt, das ganze Menschengeschlecht nach der schwarzen Erfahrung beurteilt, die er gemacht hat, ohne nur einmal zu bedenken, dass diese Erfahrung ihren Anstrich von unserm Innern erhalt und sich hauptsachlich nach unserm eignen Wert bestimmt. Nur das feige, schlechte Herz wird schlechter durch Erfahrung, der Edle sieht die Laster und Verirrungen der Menschen bloss als Dissonanzen an, die die Harmonie seiner Brust in ein helleres Licht setzen und ihm sein eignes Gluck fuhlbarer machen. Faust, der alle hausliche und innige Verbindung zerrissen hatte, in dem Lauf seines fernern Lebens keine mehr aufzufassen strebte, durch seine Zerruttung und Denkart nun keiner mehr fahig war, blickte duster in die Welt und auf die Menschen, bis er, von allgemeinen Betrachtungen auf sich geleitet, mit Schrecken vor seinem eignen Bilde zuruckfuhr. Er fing an zu uberrechnen, was er durch sein gefahrliches Wagstuck gewonnen hatte, und da er dieses gegen seine ehemaligen Wunsche, Aussichten und Hoffnungen hielt, so sah er bald, dass die vollige Ausgleichung so ausfallen musste, dass er sie nicht ertragen wurde. Der Stolz, die Rolle, die er so kuhn unternommen, seiner ehemaligen Kraft wurdig auszuspielen, trat hervor, und der Gedanke, sich der Zahl derer entrissen zu haben, die eine unbesorgte Hand der Gewalt, der Geissel der Machtigen, den Unterdruckern und Betrugern der Menschen unterworfen, alles genossen zu haben, noch geniessen zu konnen, das Werk seiner eignen freien Wahl zu sein, das Leere der Wissenschaften eingesehen zu haben, schwellten auf einmal von neuem seine Segel. Er lachte der Erscheinung seiner kranken Phantasie, entwarf einen neuen Lebensplan, schmeichelte sich, durch Forschen und Nachdenken uber Gott, die Welt und die Menschen die Ratsel endlich zu enthullen, von welchen er glaubte, sie seien dem Menschen nur darum in den Weg geworfen, seinen moralischen Zustand so unglucklich zu machen als seinen physischen. "Wer diesen Knoten gelost oder sich uberzeugt hat, dass er nicht zu losen sei", sagte er in seinem Herzen, "der macht sich zum Meister seines Geschicks." Und so ware er gewiss aus seinem scholastischen Jahrhundert in unser hell philosophisches hinuber gesprungen, wenn ihm der Teufel Zeit dazu gelassen hatte.
Wenigstens war er auf dem Wege, ein Philosoph wie Voltaire9 zu werden, der nur uberall das Bose sah, es hamisch hervorzog und alles Gute verzerrte, wo er es fand. Oder mit einem edlern Philosophen zu reden: der uberall den Teufel sah, ohne an ihn zu glauben.
2.
Faust lag in einem sussen Morgenschlummer auf der Grenze Italiens, als sich ein sehr bedeutender Traum vor seinem Geist mit lebhaften Farben malte, den eine schaudervolle Erscheinung beschloss. Er sah den Genius der Menschheit, der ihm einst erschienen, auf einer grossen bluhenden Insel, die ein sturmisches Meer umfloss, unruhig auf und nieder wandern und sehr angstlich nach den emporten Fluten blicken. Das tobende Meer war mit unzahligen Kahnen bedeckt, in welchen Greise, Manner, Junglinge, Knaben, Kinder, Weiber und Jungfrauen von allen Volkern der Erde sassen, die mit allen Kraften gegen den Sturm arbeiteten, um die Insel zu erreichen. Sowie die Glucklichen nach und nach landeten, luden sie verschiedne Baumaterialien aus, die sie in verworrnen Haufen hinwarfen. Nachdem eine unzahlbare Menge das Land betreten hatte, entwarf der Genius auf der erhabensten Stelle der Insel den Grundriss zu einem grossen Bau, und jeder der Menge, alt und jung, schwach und stark, nahm von den verworrnen Haufen ein schickliches Stuck und trug es nach der Anweisung derer, die der Genius erlesen hatte, an den gehorigen Ort. Alles arbeitete mit Freuden, Mut und Unverdrossenheit, und schon erhub sich das Gebaude hoch uber der Erde, als sie auf einmal von grossen Scharen uberfallen wurden, die aus einem dunklen Hinterhalt in drei Haufen auf sie drangen. An der Spitze eines jeden stund ein besonderer Heerfuhrer. Der erste trug eine schimmernde Krone auf seinem Haupte, auf seinem ehernen Schilde glanzte das Wort Gewalt, in seiner Rechten hielt er einen Zepter, der wie der Stab Merkurs mit einer Schlange und einer Geissel umwunden war. Vor ihm her ging eine Hyane, die ein Buch im blutigen Rachen trug, auf dessen Rucken geschrieben stund: Mein Wille! Sein Heer war mit Schwertern, Speeren und andern zerstorenden Werkzeugen des Krieges bewaffnet. Der zweite Heerfuhrer war eine erhabene Matrone, deren sanfte Zuge und edle Gestalt unter einem Priestergewand versteckt waren. Auf ihrer Rechten ging ein hagres Gespenst mit blitzenden Augen, der Aberglauben, mit einem Bogen, der aus Knochen der Toten gebildet und zusammengesetzt war, und mit einem Kocher voll giftiger Pfeile bewaffnet. Auf ihrer Linken schwebte eine wilde, phantastisch gekleidete Gestalt, die Schwarmerei, die eine brennende Fackel fuhrte; beide drohten unter scheusslichen Verzerrungen des Gesichts und fuhrten als gefangne Sklavin die edle Matrone an Ketten. Vor ihnen her ging die Herrschsucht, auf ihrem Haupte eine dreifache Krone, in der Hand einen Bischofsstab, und auf ihrer Brust schimmerten die Worte: Religion! Der Aberglauben und die Schwarmerei erwarteten mit Ungeduld das Zeichen von dieser, dem Drang ihrer Wut, die sie kaum halten konnten, folgen zu durfen. Ihr Heer war ein verworrner, tobender, bunt gekleideter Haufen, und jeder desselben fuhrte einen Dolch und eine brennende Fackel. Der dritte Heerfuhrer ging mit stolzen und kuhnen Schritten einher, er war in das bescheidne Gewand des Weisen gekleidet und hielt, wie jeder seines Haufens, einen Becher in der Hand, der mit einem schwindelnden und berauschenden Getranke gefullt war. Diese zwei letzten Haufen tobten und schrien so entsetzlich, dass das Tosen und Gebrause der Wellen, das Geheul des Sturms nicht mehr zu horen war.
Als sie den Arbeitern nah waren, mischten sich die drei Haufen auf Befehl ihrer Fuhrer untereinander und fielen diese mit ihren zerstorenden Waffen in grimmiger Wut an. Die Mutigsten der Arbeiter warfen ihre Werkzeuge weg, griffen zu den Schwertern, mit denen sie begurtet waren, um die Feinde zuruckzuschlagen. Die andern verdoppelten indessen ihren Eifer, das angefangne Werk zu vollenden. Der Genius deckte seine mutige Streiter und fleissige Arbeiter mit einem grossen glanzenden Schilde, den ihm eine Hand aus den Wolken reichte; er konnte aber die unzahlbare Menge nicht bergen. Mit tiefem Schmerze sah er viele Tausende der Seinigen unter den vergifteten Pfeilen und den mordrischen Waffen hinsinken. Viele liessen sich von den Vorspieglungen und Lockungen derer betoren, die ihnen die bezauberten Becher als Erquickung darreichten, taumelten dann in wildem Rausche herum und zerstorten die muhsame Arbeit ihrer Hande. Die mit den Fackeln Bewaffneten machten sich mit ihren Dolchen einen Weg, warfen ihre Fackeln in das angefangne Gebaude, schon loderte die Flamme und drohte das herrliche Werk in die Asche zu legen. Der Genius sah mit schmerzvollem Blick auf die Gefallnen und Verirrten, sprach den ubrigen Mut zu, flosste ihnen durch seine Standhaftigkeit und Erhabenheit Kraft, Geduld und Ausharren ein. Sie loschten die Flammen, stellten das Zerruttete her und arbeiteten unter Verfolgung und Tod mit solchem Eifer, dass trotz der Wut und dem Hass ihrer Feinde ein grosser, herrlicher, edler Tempel emporstieg. Der Sturm legte sich, und helle sanfte Heiterkeit ergoss sich uber die ganze Insel. Hierauf heilte der Genius die Verwundeten, trostete die Muden, pries die tapfern Streiter und fuhrte sie unter Siegesgesangen in den Tempel ein. Ihre Feinde stunden betaubt vor dem Riesenwerk und zogen sich, nachdem sie vergebens versucht hatten, dessen Feste zu erschuttern, ergrimmt zuruck. Faust befand sich nun selbst auf der Insel. Das Feld um den erhabenen Tempel war mit Leichen der Erschlagenen von allen Altern, beider Geschlechter bedeckt, und diejenigen, die aus den Zauberbechern getrunken hatten, gingen kalt unter den Toten herum, vernunftelten, spotteten und kritisierten uber die Bauart des Tempels, massen seine Hohe und Breite, um seine Verhaltnisse zu berechnen, und bestimmten sie um so zuverlassiger, je weiter sie von der Wahrheit entfernt waren. Faust ging an ihnen voruber, und als er dem Tempel nahte, las er uber seinem Eingang folgende Worte: Sterblicher! wenn du tapfer gestritten, treu ausgehalten hast, so tritt herein und lerne deine edle Bestimmung kennen!
Sein Herz gluhte bei diesen Worten, und er hoffte auf einmal das ihn qualende Dunkel zu durchbrechen. Kuhn drang er nach dem Tempel, stieg die hohen Stufen hinauf, sah, wie eine schimmernde, rosenfarbene Dammerung ihn fullte, horte die sanfte Stimme des Genius, er wollte hineintreten, die eherne Pforte fuhr mit einem dumpfen Schall vor ihm zu, und er bebte zuruck. Nun dunkte ihn, dass der Tempel, der vorher auf ebenem Boden gestanden, auf drei grossen Saulen ruhte, woran er die Symbole der Geduld, Hoffnung und des Glaubens erkannte. Seine Begierde, in die Geheimnisse des Tempels zu dringen, nahm durch die Unmoglichkeit noch mehr zu; auf einmal fuhlte er sich Flugel, erhub sich und fuhr mit solchem Ungestume gegen die eherne Pforte, dass er zuruckgeschleudert in den tiefsten Abgrund sank und in dem Augenblick zitternd aus dem Schlaf auffuhr, als er den Boden zu beruhren glaubte. Er schlug betaubt die Augen auf, eine blasse, in ein weisses Totentuch gehullte Gestalt, in der er seinen Vater erkannte, riss die Bettvorhange auseinander und sprach mit klagender Stimme:
"Faust! Faust! Nie hat ein Vater einen unglucklichern Sohn gezeugt, in diesem Gefuhl bin ich nun eben gestorben. Ewig, ach ewig liegt die Kluft der Verdammnis zwischen mir und dir!"
3.
Dieses bedeutende Gesicht und die schaudervolle Erscheinung durchbebten die Seele Fausts, er sprang auf, offnete das Fenster, um freie Luft zu atmen, die ungeheuren Alpen lagen vor ihm, die aufgehende Sonne vergoldete nun eben ihre Spitzen, und dieses Bild schien ihm eine Dolmetschung seines Gefuhls. Er versank in tiefe Betrachtungen, das Luftgebaude seines Stolzes fiel zusammen, und die schlummernden Empfindungen seiner Jugend schossen hervor, um seine Qual zu vermehren. Der Gedanke, sein Leben dem Wahn geopfert, die Kraft seines Geists nicht genutzt, in dem Strudel der Wollust, in dem Gerausche der Welt verbraust zu haben, drang durch seine Seele. Er bebte vor der Enthullung des nachtlichen Gesichts zuruck, schon arbeitete sein Geist an der Deutung der Bilder, als sein Herz ihn ins Dunkel zurucktrieb:
"Woher kamen nun diese Ungeheuer, die die fleissigen Arbeiter uberfielen? Wer berechtigte sie zu dem Frevel, sie in ihrer Arbeit zu storen und sie unter ihrem edlen Tagwerk zu ermorden? Wer liess es zu? Wollte, konnte er's nicht hindern, der es zuliess? Wenn ich die Bilder des Gesichts recht verstehe, so deuten sie auf die Grundstutzen der in Gesellschaft gesammelten Menschen, und jede derselben behauptet ihren Ursprung vom Himmel. Ist ihr Vorgeben Betrug, warum leidet der schmahliche Strafe, welcher sie antastet? deuten sie auf Missbrauch wie dann? So ist alles Missbrauch unter der Sonne, so soll es so sein, und mein Unwille ist gerecht. Ist es nicht das Werk eines Hohern, den wir nicht befragen konnen, der uns nichts enthullt hat? Warum erlagen so viele Tausende der Wut dieser Ungeheuer? Konnte, wollte sie der Genius nicht alle bergen? Sind einige vorherbestimmt, als Opfer fur die andern zu fallen? Wer steht mir dafur, dass ich nicht einer von denen bin und sein muss, den das Los der Verwerfung bei der Entstehung getroffen? Mussten es diese mit ihrem Leben erkaufen, damit jene im Triumph einzogen und der Ruhe genossen? Was haben die Unglucklichen verschuldet? Was die verschuldet, die lechzend nach dem Becher griffen, ihren gluhenden Durst zu stillen?"
So trieb er sich lange auf dem Meere der Zweifel herum, als ihm durch die Erscheinung seines Vaters seine seit so langer Zeit vergessne Familie einfiel. Er fasste den Entschluss, zu den Verlassnen zuruckzukehren, in die burgerliche Ordnung wiederum einzutreten, sein Gewerbe zu treiben und sich von der lastigen Gesellschaft des Teufels zu befreien. So machte er sich nun auf den Weg zu seiner Heimat, wie viele, die unbestimmtes jugendliches Brausen fur Genie halten, mit grossen Anspruchen in die Welt treten, das wenige Feuer ihrer Seele schnell verdampfen und mit den schalen Uberbleibseln sich nach kurzem auf eben dem Punkte befinden, von dem sie ausgelaufen, sich und der Welt zur Last. Faust kochte dieses alles im stillen aus, er ritt stumm, duster und murrisch an der Seite des Teufels. Dieser uberliess ihn gerne seinen Betrachtungen, lachte seines Entschlusses und verkurzte sich die Zeit mit der sussen Hoffnung, bald wieder den sussen Dampf der Holle zu riechen. Er freute sich schon im voraus darauf, wie er des Satans spotten wollte, der ihm Fausten als einen Kerl besondrer Kraft empfohlen hatte, den er doch vor der Entwicklung seines Schicksals so murbe sah. Er stellte sich den Kuhnen in dem Augenblick vor, da er ihm zum erstenmal erscheinen musste, und nun sah er ihn gebeugt wie einen bussenden Monch neben sich her reiten. Sein Hass gegen ihn nahm zu, und er jauchzte in seinem schwarzen Inneren, als er Worms in der Ebene vor sich liegen sah.
4.
Sie ritten beide die Landstrasse hinan, und als sie noch einige Steinwurfe von der Stadt entfernt waren, sahen sie einen Galgen nah an derselben, an welchem ein schlanker, wohlgestalteter Jungling hing. Faust blickte hinauf. Der frische Abendwind, der durch seine blonde, uber sein Gesicht gefallene Haare blies und ihn hin und her schaukelte, entdeckte Fausten seine jugendliche Bildung. Er brach bei diesem Anblick in Tranen aus und rief mit bebender Stimme:
"Armer Jungling, in der ersten Blute des Lebens schon hier am verfluchten Holze? Was kannst du verbrochen haben, dass dich das Gericht der Menschen so fruh verurteilt hat?"
TEUFEL mit ernstem und feierlichem Tone: Faust, dieses ist dein Werk!
FAUST: Mein Werk?
TEUFEL: Dein Werk! Sieh ihn genau an es ist dein altester Sohn!
Faust blickte hinauf, erkannte ihn und sank vom Pferde.
TEUFEL: Schon jetzt vernichtet? So wirst du mich bald um die Fruchte meiner Muhe bringen, die ich nur in deinem Jammer ernten kann. Winsle und stohne, die Stunde naht, worin ich dir den dicken Schleier von den Augen reissen muss. Hore! ich will mit einem Atemzug das verworrne Labyrinth weghauchen, in welchem du dich nicht finden konntest, dir Licht uber die Wege der moralischen Welt geben und dir zeigen, wie gewaltsam du sie durchkreuzt hast. Ich, ein Teufel, will dir zeigen, mit welchem Rechte und Gewinn ein Wurm wie du sich zum Richter und Racher des Bosen aufwirft und in die Rader dieser so ungeheuren und fest gestimmten Maschine greift. Langsam will ich dir alles zuzahlen, damit das Gewicht eines jeden deines Frevels, einer jeden deiner Torheiten schwer auf deine Seele falle. Erinnerst du dich des Junglings, den ich auf deinen Befehl bei unserm Auszug aus Mainz vom Ersaufen erretten musste? Ich warnte dich, du wolltest dem Zug deines Herzens gehorchen, vernimm nun die Folgen. Hattest du jenen Bosewicht ertrinken lassen, so wurde dein Sohn nicht an diesem schandlichen Holze sein Leben verloren haben. Er, um deswillen du durch die Fuhrung des Schicksals verwegen griffst, nahte sich bald nach deiner Entfernung deinem jungen verlassnen Weibe. Der Glanz des Goldes, das wir ihr so reichlich hinterlassen hatten, reizte ihn mehr als ihre Jugend und Schonheit. Es war ihm ein leichtes, das Herz der von dir Vernachlassigten zu gewinnen, und er machte sich in kurzem so zum Meister davon, dass sie ihm ihre Fuhrung und alles, was sie besass, uberliess. Dein Vater wollte sich seiner Wirtschaft widersetzen, der junge Mann schlug und misshandelte ihn, er suchte seine Zuflucht in dem Hospitale der Armen, wo er vor einigen Tagen vor Kummer uber dich und deine Familie gestorben ist. Da ihn dein Sohn darauf mit heftigen Vorwurfen anfiel und ihm drohte, trieb er auch ihn aus dem Hause. Dieser irrte in der Wildnis herum, schamte sich zu betteln, kampfte lange mit dem Hunger, stahl endlich in einer Kirche dieser Stadt einige Groschen von einem Opferteller, ihn zu stillen, tat es aber so unvorsichtig, dass man ihn bemerkte, und der hochweise Magistrat liess ihn aus Rucksicht seiner Jugend nur hangen, ob er ihnen gleich unter Tranen sagte, er habe in vier Tagen nichts als Gras verschlungen. Deine Tochter ist in Frankfurt, nahrt sich mit Prostituierung ihrer Jugend jedem, der sie dazu auffordert; dein zweiter Sohn dient bei einem Pralaten, der die Junglinge dazu braucht, wozu mich der Papst einst brauchen wollte und wofur er eine so billige Taxe im Sundentarif festsetzte. Der junge, von mir gerettete Mann raubte endlich deinem Weibe das letzte; dein Freund, den wir vom Bettelstab retteten, versagte deinem alten Vater seine Hulfe, stiess deine Kinder, die zu ihm fluchteten und um Brot flehten, weg, und nun will ich dir deine Familie zeigen, damit du mit Augen siehst, was du aus ihnen gemacht hast. Dann will ich dich wieder hierher reissen, Rechnung mit dir halten, und du sollst eines Todes sterben, wie ihn kein Sterblicher gelitten hat. Ich will deine bebende Seele herumzerren, bis du dastehest, ein erstarrtes Bild der Verzweiflung.
5.
Der Teufel ergriff den Jammernden, flog mit ihm nach Mainz, zeigte ihm sein Weib und seine zwei jungsten Kinder, mit Lumpen bedeckt, vor dem Franziskanerkloster sitzen, um die ekelhaften Uberbleibsel des Nachtessens dieser Monche abzuwarten. Als die Mutter Fausten erblickte, schrie sie: "Ach Gott, Faust, euer Vater!" deckte ihre Augen mit ihren Handen zu und sank in Ohnmacht. Die Kinder liefen zu ihm, hingen sich an ihn und schrien um Brot.
FAUST: Teufel, gebiete uber mein Schicksal, lass es schrecklicher sein, als es das Herz des Menschen tragen und fassen kann, nur gib diesen Elenden und errette sie vor Schande und Hunger!
TEUFEL: Ich habe fur dich die Schatze der Erde geplundert, du hast sie der Wollust und dem Vergnugen aufgeopfert, ohne dieser Elenden zu gedenken. Fuhle nun deine Torheit, dieses ist dein Werk; du hast das Gewebe zu ihrem Schicksal gesponnen, und deine hungrige, bettlerische und elende Brut wird den von dir ausgesaten Jammer durch Kinder und Kindeskinder fortpflanzen. Du zeugtest Kinder, warum wolltest du nicht ihr Vater sein? Warum hast du da das Gluck gesucht, wo es nie ein Sterblicher gefunden hat? Blikke sie noch einmal an, und dann fort, in der Holle siehst du sie einst wieder, wo sie dich fur die Erbschaft verfluchen werden, die sie dir nur zu danken haben.
Er riss ihn von den Jammernden, sein Weib wollte soeben seine Knie umfassen und um Erbarmung flehen Faust wollte sich zu der Unglucklichen neigen, der Teufel fasste ihn und stellte ihn abermals unter den Galgen bei Worms.
6.
Die Nacht senkte sich schwarz auf die Erde. Faust stund vor dem grausenden Anblick seines unglucklichen Sohns. Wahnsinn gluhte in seinem Gehirne, und er rief im wilden Tone der Verzweiflung:
"Teufel, lass mich diesen Unglucklichen begraben, entreisse mir dann das Leben, und ich will in die Holle hinunterfahren, wo ich keinen Menschen im Fleische mehr sehen werde. Ich habe sie kennengelernt, mir ekelt vor ihnen, vor ihrer Bestimmung, vor der Welt und dem Leben. Die gute Tat zog unaussprechliches Weh auf mein Haupt, und ich hoffe, die bosen allein sind zum Gluck ausgeschlagen. So muss es sein in dem tollen Sinn des Wirrwarrs auf Erden. Fordere mich hinunter, ich will ein Bewohner der Holle werden, ich bin des Lichts mude, gegen welches ihre Dunkelheit vielleicht Tag ist."
TEUFEL: Nicht zu rasch! Faust, ich sagte dir einst, du solltest das Stundenglas deiner Zeit selbst zerschlagen, du hast es in diesem Augenblick getan, und die Stunde der Rache ist da, nach der ich so lange geseufzt habe. Hier entreisse ich dir deine machtige Zauberrute und fessle dich in den engen Bezirk, den ich nun um dich ziehe. Hier sollst du mich anhoren, heulen und zittern, ich ziehe die Schrecken aus dem Dunkel hervor, enthulle die Folgen deiner Taten und ermorde dich mit langsamer Verzweiflung. So jauchze ich, so siege ich uber dich! Tor, du sagst, du hattest den Menschen kennengelernt? Wo? Wie und wenn? Hast du auch einmal seine Natur erwogen? durchforscht und abgesondert, was er zu seinem Wesen Fremdes hinzugesetzt, daran verpfuscht und verstimmt hat? Hast du genau unterschieden, was aus seinem Herzen und was aus seiner durch Kunst verdorbenen Einbildungskraft fliesst? Hast du die Bedurfnisse und Laster, die aus seiner Natur entspringen, mit denen verglichen, die er der Kunst und seinem verdorbenen Willen allein verdankt? Hast du ihn in seinem naturlichen Zustand beobachtet, wo jede seiner unverstellten Ausserungen das Geprage seiner innern Stimmung an sich tragt? Du hast die Maske der Gesellschaft fur seine naturliche Bildung genommen und nur den Menschen kennengelernt, den seine Lage, sein Stand, Reichtum, seine Macht und seine Wissenschaften der Verderbnis geweiht haben, der seine Natur an eurem Gotzen, dem Wahn, zerschlagen hat. An die Hofe, in die Palaste hast du dich gedrangt, wo man der Menschen lacht, indem man sie missbraucht, wo man sie mit Fussen tritt, wahrend man das verprasst, was man ihnen geraubt hat. Die Herrscher der Welt, die Tyrannen mit ihren Henkersknechten, wollustige Weiber, Pfaffen, die eure Religion als Werkzeug der Unterdruckung nutzen, die hast du gesehen, und nicht den, der unter dem schweren Joche seufzt, des Lebens Last geduldig tragt und sich mit Hoffnung der Zukunft trostet. Stolz bist du die Hutte des Armen und Bescheidnen vorubergegangen, der die Namen eurer erkunstelten Laster nicht kennt, im Schweiss seines Angesichts sein Brot erwirbt, es mit Weib und Kindern treulich teilt und sich in der letzten Stunde des Lebens freut, sein muhsames Tagwerk geendet zu haben. Hattest du da angeklopft, so wurdest du freilich euer schales Ideal von heroischer, uberfeiner Tugend, die eine Tochter eurer Laster und eures Stolzes ist, nicht gefunden haben; aber den Menschen in stiller Bescheidenheit, grossmutiger Entsagung10, der unbemerkt mehr Kraft der Seele und Tugend ausubt als eure im blutigen Felde und im trugvollen Kabinette beruhmte Helden. Ohne letztere, Faust, ohne eure Pfaffen und Philosophen, wurden sich bald die Tore der Holle zuschliessen. Kannst du sagen, dass du den Menschen kennest, da du ihn nur auf dem Tummelplatz der Laster und deiner Luste gesucht hast? Kennst du dich selbst? Lass mich tiefer reissen, ich will mit Sturm in die Glut blasen, die du in deinem Busen gesammelt hast. Wenn ich tausend menschliche Zungen hatte und dich Jahre in diesem Kreise gefesselt hielte, so konnte ich dir doch nicht alle die Folgen deiner Taten und Verwegenheiten entwickeln. Durch Jahrhunderte lauft das Gewebe des Unglucks deiner Hand, und kunftige Geschlechter verfluchen einst ihr Dasein, weil du in wahnsinnigen Stunden deinen Kitzel befriedigt oder dich zum Richter und Racher menschlicher Handlungen aufgeworfen hast. Sieh, Kuhner, so bedeutend wird euer Wurken, das euch Blinden so beschrankt scheint! Wer von euch kann sagen: die Zeit vertilgt die Spur meines Daseins? Weisst du, was Zeit und Dasein sind und sagen wollen? Schwellt der Tropfen, der in das Weltmeer fallt, nicht die Woge um einen Tropfen? Und du, der nicht weiss, was Anfang, Mittel und Ende sind, hast mit verwegner Hand die Kette des Geschicks gefasst und an den Gliedern derselben genagt, ob sie gleich die Ewigkeit geschmiedet hat! Nun ziehe ich den Vorhang hinweg und schleudre das Gespenst Verzweiflung in dein Gehirn.
Faust druckte seine Hande vor seine Augen, der Wurm der Qual sog an seinem Herzen.
TEUFEL: Vernimm nun deines Lebens Gewinn und ernte ein, was du gesaet hast, erinnre dich dabei, dass ich keinen deiner Frevel ausfuhrte, ohne dich vor den Folgen zu warnen. Gezwungen von dir, unterbrach ich den Lauf der Dinge, und ich, der Teufel, stehe schuldlos vor dir, denn alles sind Taten deines eignen Herzens.
Denkst du noch der Nonne Klara, der wollustigen Nacht, die du mit ihr zugebracht? Wie solltest du nicht, da sie dich so sehr ergotzte? Hore die Folgen derselben! Kurz nach unsrer Entfernung starb der Erzbischof, ihr Freund und Beschutzer, und sie musste nach ihrer Niederkunft mit ihrem Kinde als ein Gegenstand des Abscheus im peinlichen Kerker den verzweifelnden Hungertod sterben. In der Wut fiel sie uber den Neugebornen her, sattigte sich an deinem und ihrem Blute und verlangerte ihre scheussliche Marter, so lange der unnaturliche Frass dauerte. Was hatte sie verbrochen, sie, die ihr Verbrechen nicht begriff, den Urheber ihrer Schande und ihres schrecklichen Todes weder kannte noch ahndete? Fuhle nun die Folgen einer einzigen Sekunde der Wollust und bebe! Hast du nicht den Wahnsinn bekraftigt, der sie verdammte? Musste die Holle nicht den Vorwurf deines Frevels tragen? Sie ermordeten deine Brut als die Brut des Satans, und du hast durch diese Tat die Begriffe dieses Volks auf Jahrhunderte verwildert. Stohne nur, ich ziehe der Schrecken mehr herauf.
Es ist wahr, mit dem Furstbischof ist dir's besser gelungen. Er liess den Hans Ruprecht begraben und versetzte seine Familie in Wohlstand. Auch verlor er durch meine Vorspieglung sein Fett und ward einer der gelindesten und gutigsten Fursten, erschlaffte aber die Bande der burgerlichen Ordnung so durch seine Nachsicht, dass seine Untertanen bald ein Haufen Halunken, Saufer, Faulenzer, Rauber und liederlichen Gesindels ward. Um sie wiederum zu Menschen zu machen, musste nun der jetzige Bischof ihr Henker werden, hundert Familien zerstoren und hinrichten, damit die andern, durch das Beispiel erschreckt, in die burgerliche Ordnung eintraten. Drei Schlemmer und Fresser hatten diesem Volke nicht so weh getan, als ihm diejenigen nun tun, denen dieser Furst gezwungen das Schwert der Gerechtigkeit und die Gewalt der Rache vertrauen muss.
Der Doktor Robertus, der beruhmte Freiheitsracher, der Mann nach deinem Sinne, war von fruhster Jugend ein Feind des Ministers, den er wegen seiner Talente hasste. Neid und Eifersucht waren die Quellen seines unabhangigen Geistes, und hatte jener wie er gedacht, so wurde er mit Freuden die Grundsatze des strengsten Despotismus angenommen haben, denn nur dazu war sein hartes und wildes Herz geschaffen. Der rechtschaffne Mann war der Minister, dieser ein Unhold, der die Welt in Brand gesteckt hatte, es teils getan hat, um seinen grenzenlosen Ehrgeiz zu befriedigen. Ich musste ihn nach deinem Willen retten, ihn mit einer grossen Summe Gelds versehen, vernimm nun, wozu er sie gebraucht hat, und freue dich der Folgen. Er nutzte seine Freiheit, das Gold und den Wahn, den sein Verschwinden durch mich im Volke veranlasste, so gut, dass es ihm bald gelang, einen furchterlichen Aufstand zu erregen. Er bewaffnete die Bauern, diese ermordeten die Edelleute, verwusteten das ganze Land, der edle Minister fiel ein Opfer seiner Rache, und dein Freiheitsracher Robertus ist der Stifter des unglucklichen Bauernkriegs, der sich nach und nach in ganz Teutschland ausbreiten und es verheeren wird. Mord, Totschlag, Plundrung, Kirchenraub wuten nun, und dein edler Held steht an der Spitze eines tollen Haufens und droht aus Teutschland einen Kirchhof des Menschengeschlechts zu machen. Ernte den Jammer ein, den du veranlasst hast, der Satan selbst hatte nicht besser fur die Zerstorung der Menschen, die wir hassen, arbeiten konnen als du, da du diesen Wahnsinnigen der Gerechtigkeit entrissen hast.
Kehre mit mir an den Hof jenes teutschen Fursten zuruck, wo du den Racher der Tugend und Gerechtigkeit so rasch und kuhn gespielt hast. Dieser Furst und sein Gunstling waren Heuchler eurer Tugenden, aber ihr Wurken beforderte das Gluck des Volks, weil sie beide Verstand genug hatten, zu fuhlen, der Vorteil der Untertanen sei Gewinn fur den Fursten. Weiss der Durstige und kummert's ihn, ob die Quelle, die ihn trankt, aus dem Bauche eines Berges springt, der mit Gift angefullt ist? Genug fur ihn, wenn er nur ohne Schaden sein heisses Blut abkuhlt. Dieser Heuchler missfiel dir, weil er deiner hohen Meinung, die du mir gerne aus gewissen Ursachen aufdrangen wolltest, nicht entsprach, und ich musste ihn auf deinen Befehl erwurgen. Sein unmundiger Sohn folgte ihm in der Regierung. Seine Vormunder druckten und pressten das unter dem Heuchler einst gluckliche Volk, verdarben das Herz und den Geist des kunftigen Regenten, entnervten fruh seinen Korper durch Wollust, beherrschen ihn nun, da er mundig ist, und sind seine und des Volks Tyrannen. Hatt ich nicht auf deinen Befehl den Vater erwurgen mussen, so wurde er seinen Sohn nach seinen Grundsatzen erzogen, seine Fahigkeiten entwickelt und ihn zum Manne gebildet haben, der wurdig sei, an der Spitze eines Volks zu stehen. Die Hunderttausende, die nun unter dem Druck des feigen, tuckischen Wollustlings seufzen und deren Jammer sich auf deinem Haupte sammelt, wurden die Glucklichsten in Teutschland sein. Wohl uns, du hast ein ganzes Volk elend gemacht, da du dich zum Racher eines Einzigen aufwarfst. Ernte ihre Tranen, ihre Verzweiflung, die blutigen Taten ihrer kunftigen Emporung ein und freue dich deines strengen Richteramts!
Wahnsinniger, auf dein Geheiss musst ich das Schloss des wilden Rauhgrafs mit allen Bewohnern, seinem Weibe und dem Saugling verbrennen. Was haben diese Unschuldigen verbrochen? Es war ein Augenblick der Wonne fur mich! dein Werk ist es, dass der Saugling auf dem Busen der Mutter zu Asche brannte, dein Werk, dass der Rauhgraf einen benachbarten Edelmann als den Urheber des Brandes uberfiel, des Unschuldigen Schloss der Flamme ubergab, ihn erschlug und die Fehde, die meine Tat veranlasste, noch in diesem Teile Teutschlands wutet. Tausende sind schon unter dem Schwerte der wechselseitigen Rache hingesunken, und es wird nicht eher ruhen, bis sich die streitenden Familien ganzlich erschopft und vertilgt haben. So warst du, Wurm, der sich in der Wollust herumwalzte, in die Holle drangst, um deine Lusternheit zu sattigen, der Racher des Unrechts. Heule und stohne, ich ziehe der Schrecken mehr aus dem Dunkel.
Die Tochter des Geizigen in Frankreich, die du zur H e gemacht und in ihrem Busen die Lust nach der Sunde erweckt hast, ergab sich bald hierauf dem jungen Konig als Matresse. Sie beherrschte ihn, reizte ihn, dass er sie mit einem neuen Buhler nicht storen mochte, zu dem unsinnigen Zuge nach Italien und zog ein Elend uber Frankreich, das viele kunftige Regierungen nicht heilen werden. Die Blute der franzosischen Jugend, die Helden des Reichs faulen in Italien, und der Konig kehrte beschamt und ohne Vorteil heim. So hast du, wohin du dich wandtest, den Samen des Unglucks ausgestreut, und er fruchtet zum Unheil die Ewigkeit durch.
Ich hoffe, nun begreifst du den Fingerzeig, den ich dir damals gab, als ich das Haus uber die Naturkundiger zusammensturzte. Ich sagte dir, so wie diese in das Fleisch der Lebenden schneiden, um unergrundliche Geheimnisse zu erforschen, so wutest du in der moralischen Welt durch meine zerstorende Hand. Du hast dieses Winks nicht geachtet. Fuhle ihn nun tiefer. Sie verdienten, unter den Ruinen ihrer Schlachtbank begraben zu werden, aber was hatten die Unschuldigen im Unterstock verbrochen, die nicht wussten, welche Greuel uber ihrem Haupte vorgingen? Warum mussten auch sie mit begraben werden? Warum musste, deine schnelle Rache zu befriedigen, eine schuldlose, gluckliche Familie mit aufgeopfert werden? Richter und Racher, dieses hast du nicht bedacht. Fasse nun die Folgen deines Wahnsinns zusammen, durchlaufe sie und sinke vor der scheusslichen Vorstellung hin. Sagt ich dir nicht, der Mensch ist rascher in seinem Urteil und in seiner Rache als der Teufel in der Vollziehung des Bosen? Auf deinen Befehl musst ich den Zunder der Wollust an das Herz der himmlischen Angelika legen, die die Zierde ihres Geschlechts und der Welt war. Du hast sie im wilden Rausche deiner Sinne genossen, und die Ungluckliche wusste nicht, was ihr geschah. Schaudre vor den Folgen diese Angelika ich, der Gefallen an der Sunde und der Zerstorung hat, konnte mitleidig auf ihr Ende blicken! Sie floh auf das Land, und das Gefuhl der Scham zwang sie, den Zustand zu verbergen, in den du sie gesetzt hattest. Sie gebar unter Todesangst in der Einsamkeit, ohne Hulfe, das Kind entfiel dem Schoss der Unvermogenden und starb in dem Augenblick, da es das Licht der Welt erblickte. Sie, das ungluckliche Opfer deiner augenblicklichen Lust, ward eingezogen und offentlich als Kindermorderin hingerichtet. Du hattest sie sehen sollen im letzten Augenblick ihres Lebens sehen sollen, wie ihr reines Blut den weissen Talar befleckte
Faust offnete seine starre Augen und sah gen Himmel.
TEUFEL: Er ist taub gegen dich! Sei stolz auf den Gedanken, einen Augenblick gelebt zu haben, der das Vergehen der Teufel leicht machen konnte, wenn das Gericht uber sie nicht geschlossen ware! Noch rauscht er in den dustern Gefilden der Ewigkeit. Ich rede von jenem, da du mich zwingen wolltest, den Schleier zu heben, der euch den Ewigen verbirgt. Der Engel, der euer Schuldbuch fuhrt, erbebte auf seinem glanzenden Sitze und strich deinen Namen mit weggewandtem Angesicht aus dem Buche des Lebens.
FAUST sprang auf: Verflucht seist du! Verflucht ich! die Stunde meiner Geburt! der, der mich gezeugt, die Brust, die ich gesogen!
TEUFEL: Ha des herrlichen Augenblicks! des kostlichen Lohns meiner Muhe! Die Holle freut sich deiner Fluche und erwartet einen noch schrecklichern von dir. Tor, warst du nicht frei geschaffen? Trugst, empfandest du nicht wie alle, die im Fleische leben, den Trieb zum Guten wie zum Bosen in deiner Brust? Warum tratst du verwegen aus dem Gleise, das dir so bestimmt vorgezeichnet war? Warum wagtest du deine Krafte an dem und gegen den zu versuchen, der nicht zu erreichen ist? Warum wolltest du mit dem richten und rechten, den du nicht fassen und denken kannst? Warum trieb Stolz die Pflanze aufwarts, die nur an der Erde hinkriechen soll? Hat er dich nicht so geschaffen, dass du uber den Teufel wie uber die Tiere der Erde erhaben stundest? Dir verlieh er den unterscheidenden Sinn des Guten und Bosen: frei war dein Wille, frei deine Wahl. Wir sind Sklaven des Bosen und der eisernen Notwendigkeit ohne Wahl und Willen; gezwungen, von Ewigkeit dazu verdammt, wollen wir nur das Bose und sind Werkzeuge der Rache und der Strafe an euch. Ihr seid Konige der Schopfung, freie Geschopfe, Meister eures Schicksals, das ihr selbst bestimmt, Herren der Zukunft, die von eurem Tun abhangt; um diese Vorzuge hassen wir euch und frohlocken, wenn ihr durch Torheit und Laster die Herrschaft verwurkt.11 Wohl uns, dass ihr diese Vorzuge selbst vernichtet, dass ihr alles missbraucht, alle die Fahigkeiten zum Guten, die euch der Ewige verliehen hat. Tritt auch ein Weiserer unter euch auf und schreibt euch Regeln zu eurem Besten vor, so zernichtet ihr sein Werk in dem Augenblick der Entstehung. Missbrauch eurer moralischen und physischen Krafte lauft durch die Kette, die das Menschengeschlecht verbinden soll; und nie gefallt ihr euch besser, als wenn ihr zerstort, was andere zu eurem Gluck und Heil aufgebauet haben. So arten unter euren Handen, in eurem Geiste Religion, Wissenschaften und Regierung zu Unsinn, Verzerrung und Tyrannei aus, und du hast das deinige redlich dazu beigetragen. Faust, nur in der Beschranktheit liegt euer Gluck, warst du geblieben, was du warst, hatten dich Dunkel, Stolz, Wahn und Wollust nicht aus der glucklichen, beschrankten Sphare gerissen, wozu du geboren warst, so hattest du still dein Gewerbe getrieben, dein Weib und deine Kinder ernahrt, und deine Familie, die nun in Kot der Menschheit gesunken ist, wurde bluhen. Von ihr beweint, wurdest du ruhig auf deinem Bette gestorben sein, und dein Beispiel wurde deine Hinterlassnen auf dem dornigten Pfad des Lebens leiten.
FAUST: Ha, wohl mag dies die grosste Qual der Verdammten sein, wenn der Teufel ihnen Busse predigt!
TEUFEL: Es ist lustig genug, dass ihr es dazu kommen lasst. Elender, und wenn die Stimme der Wahrheit und Busse laut vom Himmel selbst erschallte, ihr wurdet ihr euer Ohr verschliessen.
FAUST: Erwurge mich und tote mich nicht mit deinem Geschwatze, das mein Herz zerreisst, ohne meinen Geist zu uberzeugen. Willst du, dass ich dein Gift Tropfen fur Tropfen einschlurfen soll, giesse ein! deine Vorstellungen laufen im Ungeheuren zusammen und verlieren ihre Kraft an mir. Sieh, meine Augen sind starr und trocken, nenne meine Stumpfheit Verzweiflung noch kann ich ihrer spotten, und mein Geist kampft mit der peinlichen Wallung meines Herzens. Nur dieser da und die ich eben gesehen liegen wie eine ungeheure Last auf mir und zerknirschen meine sich noch emporende Kraft. Um der guten Tat willen muss er hier henken! Um der guten Tat willen mussen sie im Elend verschmachten und eine Reihe niedertrachtiger Sunder fortpflanzen! Sah ich was anders als Morden, Vergiften und Greuel in der Welt? Sah ich nicht uberall den Gerechten zertreten und den Lasterhaften glucklich und belohnt?
TEUFEL: Das kann nun wohl sein und beweist nur, was fur Kerle ihr seid; aber was prahlst du mir immer von deiner guten Tat vor? Wodurch verdient sie diesen Namen? Etwa dadurch, dass du mir den Wink dazu gegeben, der dich wahrlich nicht viel gekostet haben kann? Um es zu einer edlen Handlung zu machen, hattest du dich in das Wasser werfen und den jungen Mann auf Gefahr deines Lebens retten mussen. Darauf deutete ich, als ich dir sagte: vermutlich kannst du nicht schwimmen. Ich warf ihn an das Ufer und verschwand. Dich selbst wurde er erkannt haben, und von Dankbarkeit geruhrt, hatte der Zerstorer deiner Familie ihr Beschutzer und Verteidiger werden konnen.
FAUST: Qualen kannst du mich, Teufel, aber die Zweifel des Menschen kannst du aus Stumpfheit nicht losen oder willst es aus Bosheit nicht tun. Nie drangen sie giftiger in mein Herz als in dieser Stunde, da ich den Jammer meines Lebens, meiner Zukunft uberblicke. Ist das menschliche Leben etwas anders als ein Gewebe von Pein, Laster, Qual, Heuchelei, Widerspruchen und schielender Tugend? Was ist Freiheit, Wahl, Wille, der geruhmte Sinn, Boses und Gutes zu unterscheiden, wenn die Leidenschaften die schwache Vernunft uberbrullen, wie das tosende Meer die Stimme des Steuermanns, dessen Schiff gegen die Klippen treibt? Wozu das Bose? Warum das Bose? Er wollte es so; kann der Mensch den Samen des Bosen aus der ungeheuren Masse herausreissen, den er mit Willen hineingelegt hat? Noch wutender hasse ich nun die Welt, den Menschen und mich. Warum gab man mir, der zum Leiden geboren ist, den Drang nach Gluck? Warum dem zur Finsternis Gebornen den Wunsch nach Licht? Warum dem Sklaven den Durst nach Freiheit? Warum dem Wurme das Verlangen zu fliegen? Wozu eine unbeschrankte Einbildungskraft, die immer gebarende Mutter kuhner Begierden, verwegner Wunsche und Gedanken? Freiheit dem Menschen! in dieser verzweifelnden Stunde kann ich noch bei diesem sinnlosen Worte hamisch lachen. Ja, den Durst nach ihr, den kenne ich, und darum stehe ich nun in diesem verdammten Kreise. Frei der, auf dessen Nacken das eiserne Joch der Notwendigkeit von der Wiege bis zu dem Grabe druckt? Wahrlich, wenn er es umwunden hat, wie man das Joch des Pflugochsens umwindet, so geschah es nicht darum, dass er unsers Nackens schonte, sondern darum, dass wir die muhsame Furche des Lebens ganz durchackern sollten und entkraftet an dem Ziele hinsanken. Nun labe ihn mein Stohnen, ich habe es erreicht. Zerschlage das Fleisch, das meine dunkle zweifelvolle Seele umhullt, nimm ihr das Erinnern, dass sie einen menschlichen Leib zum Sunder gemacht hat, dann will ich einer der Eurigen werden und nur im Wunsche des Bosen leben. O der herrlichen Welt, worin der blinde unterjochte Mensch weise Zwecke aus den Martern, die ihn zerreissen, dem ihn umheulenden Jammergeschrei der Elenden, dem Siegesgesang der Unterdrucker, der ihn umgebenden Verwustung und Zerstorung zusammenlesen soll; worin er nichts fuhlt und sieht als eine unwiderstehliche Tyrannei, die ihn hier und dort vor Gericht fodert, wenn er laut zu murren wagt. Ha, Teufel, reisse meine Brust auf und schreibe mit dem kochenden Blut meines Herzens deine schone Theodizee, die du mir eben vorgesagt, in jene dunkle Wolke. Mag sie ein Philosoph kopieren und die Menschen damit narren. Verherrlicht sich nicht der Ewige in Zerstorung und im Schaffen zur Zerstorung? So rauche dann mein Blut an dem Altar des Furchtbaren wie das Blut eines Opfertiers, das der Unsinn dem Gotzen schlachtet! Dass ich's mit beiden Handen fassen, gegen den dunkeln Himmel schleudern konnte, damit es dort gluhe, wie es nun in meinen Adern gluht, und zu seinem Thron aufschreie!
Ha, Teufel, dieses gefallt deinen Ohren nicht wie der zischende, heulende Gesang der Verzweiflung, den du erwartet hast noch kennst du den Menschen nicht ganz. Was ist die Leitung des Himmels, wenn ein Wurm wie ich durch das Mittel eines Verworfnen, wie du bist, durch seinen eignen Willen sein Werk verpfuschen kann? Ist hier Gerechtigkeit? Musste Faust so geboren werden, sich so entwickeln, so denken und empfinden, dass Tausende elend durch ihn wurden? Warum mussten meine Fahigkeiten und Leidenschaften mehr zum Missbrauch als zu edlen Zwekken gestimmt sein? Wollte es meine Natur so, so wollte es auch der, der sie mir gegeben hat. Er muss Gefallen an diesen Verwirrungen haben, sonst hatte er mich der moralischen Notwendigkeit ebenso gewaltsam unterworfen als der physischen. Lose nur immer den Zauber, der mich in diesem Kreise fesselt, und ich werde dir nicht entfliehen, und konnte ich 's, ich wollte nicht, denn die Pein der Holle kann nicht grosser sein als das, was ich fuhle.
TEUFEL: Faust, mich freut deines Muts, und ich hore das, was du sagst, noch lieber als die wilden Tone der Verzweiflung. Sei stolz darauf, deine genialische Kraft bis zum Unsinn und zur Lasterung getrieben zu haben, die Qual der Holle erwartet dich dafur. Ich bin deines Geschwatzes und der Erde mude. Es ist Zeit zum Abfahren, deine Rolle ist hier gespielt, du beginnest eine, die nie enden wird. Tritt aus deinem Kreise und begrabe den Unglucklichen; dann will ich dich fassen, deinen bebenden, murben Leib von deiner Seele streifen, wie man dem Aale die Haut abstreift, ihn zerstuckt auf das umherliegende Feld streuen, den Vorubergehenden zum Ekel und Abscheu.
7.
Faust stieg den Galgen hinauf und loste den Strick von dem Halse seines Sohns, trug ihn auf das nahe Feld, das der Pflug frisch aufgerissen, grub mit seinen Handen unter Schluchzen und Tranen ein Grab und legte den Unglucklichen hinein. Hierauf trat er vor den Teufel und sprach mit wildem Tone:
"Das Mass meines Jammers ist voll, zerschlage das Gefass, das ihn nicht mehr fassen kann, aber noch habe ich Mut, mit dir um mein Leben zu kampfen; denn ich will nicht sterben wie der Sklave, der unter der Gewalt seines Herrn ohne Widerstand hinsinkt. Erscheine mir unter welcher Gestalt du willst, ich ringe mit dir. Um der Freiheit, der Unabhangigkeit zog ich dich aus der Holle, am Rande der Holle will ich sie behaupten, am Rande der furchtbaren Wohnung will ich noch meine Kraft gebrauchen und fuhlen, dass ich dich einst an meinem Zauberkreise gefesselt sah und dich zu geisseln drohte. Was du in meinen Augen siehst, sind Tranen der Verstockung, Tranen grimmigen Unwillens Teufel, nicht du, mein eignes Herz siegt uber mich!"
TEUFEL: Ekelhafter Prahler! mit diesem Fleische reiss ich dir die Maske ab, die mir Mut vorlugt, und stelle dich hin in deiner elenden, scheusslichen Nacktheit. Die Rache rauscht heran, und Ewigkeit ist ihr Name.
Er stund in Riesengestalt vor ihm. Seine Augen gluhten wie vollgefullte Sturmwolken, auf denen sich die untergehende Sonne spiegelt. Der Gang seines Atems glich dem Schnauben des zornigen Lowens. Der Boden achzte unter seinem ehernen Fusse, der Sturm sauste in seinen fliegenden Haaren, die um sein Haupt schwebten wie der Schweif um den drohenden Kometen. Faust lag vor ihm wie ein Wurm, der furchterliche Anblick hatte seine Sinne gelahmt und alle Kraft seines Geists gebrochen. Dann fasste ihn Leviathan mit einem Hohngelachter, das uber die Flache der Erde hinzischte, zerriss den Bebenden, wie der mutwillige Knabe eine Fliege zerreisst, streute den Rumpf und die blutenden Glieder mit Ekel und Unwillen auf das Feld und fuhr mit seiner Seele zur Holle.
8.
Die Teufel waren um den Satan versammelt, der mit den Fursten zu Rate sass, um auszumachen, mit was fur Strafen man den Papst Alexander den Sechsten peinigen musste. Seine Verbrechen und der letzte Augenblick seines Lebens waren so einzig, dass auch die boshaftigsten Teufel in Verlegenheit waren, die Pein zu bestimmen, die er verdiente. Der Papst stund vor seinen Richtern, die ihn so spottisch und ubermutig behandelten, als nur immer ein furstliches Gericht einen Angeklagten behandelt, der weiter nichts vor sich hat als das Ungluck, ein Mensch zu sein. Auf einmal fuhr Leviathan triumphierend in ihre Mitte, hielt die Seele Fausts am Schopfe und schleuderte ihn hin:
"Da habt ihr den Faust!"
Die Holle empfing ihn mit einem so lauten Freudengebrulle, dass die Verdammten in ihren Pfuhlen erbebten: "Willkommen, Furst Leviathan! da ist der Faust! da ist der Faust!"
SATAN: Willkommen, Furst der Holle! Willkommen, Faust, wir haben hier genug von dir gehort.
LEVIATHAN: Da hast du ihn nun, Satan! Sieh selbst, was an ihm ist. Er hat mich nicht wenig geplagt, aber seine Torheit hat der Holle gewuchert, und ich hoffe, du bist mit meinem Aufenthalt auf Erden zufrieden. Zum Lohn bitte ich dich, mich fur Jahrhunderte mit solchen Auftragen zu verschonen, ich bin des Menschengeschlechts ubersatt, ob ich gleich gestehen muss, dass dieser hier den letzten Augenblick seines Lebens, so bitter er auch war, nicht ubel bestanden hat; aber dies kommt daher, dass er sich in fruhern Jahren mit jener Philosophie abgegeben, die du die Menschen gelehrt hast.
SATAN: Ich danke dir, Furst Leviathan, und verspreche dir, du sollst lange mit mir im Dampf der Holle verweilen und die Schatten der grossten Fursten der Erde zum Zeitvertreib reiten und geisseln! Hm! ein ganzer Kerl, und scheint mir den Menschen vollig ausgezogen zu haben. Verzweiflung, Vermessenheit, Hass, Groll, Schmerz und Wahnsinn haben tiefe Furchen in seine Seele gerissen. Er sieht selbst uns und die Holle ohne Beben an. Faust, bist du auf einmal stumm?
FAUST: Nicht aus Furcht, ich war gegen einen Machtigern kuhn, und darum bin ich hier.
SATAN: He, fuhrt doch den Trotzigen ein wenig nach dem Pfuhl der Verdammten und nehmt eine Legion meiner mutwilligen Hofjungens mit, dass sie sie zusammengeisseln, damit dieser Biedermann mit der Wirtschaft der Holle bekannt werde.
Ein Teufel riss ihn nach dem Pfuhl der Verdammten. Die Legion schwarmte nach.
LEVIATHAN der den Papst wahrnimmt: Ha, willkommen in der Holle, Papst Alexander. Ich hoffe, der Kitzel ist Euch nun vergangen, den Teufel zum Ganymed machen zu wollen.
PAPST seufzend: Leider!
SATAN: Ha! ha! ha! das ist mir ein guter Schlag von Menschen, die jetzt auf der Erde wirtschaften! Lass nur erst den Geist der Reformation uber sie kommen und sie nach der neuen Welt hinziehen, einen neuen Tummelplatz ihrer Greuel und Laster zu entdecken, so wird es noch toller hergehen.
PAPST: Schade, dass ich nicht dabei sein kann.
SATAN: Ein sehr papstlicher Wunsch, doch troste dich nur, deine Landsleute werden schon die Millionen um ihr Gold erwurgen.
PAPST: Was tut man nicht ums Gold! Wisst Ihr wohl, Herr Satan, dass ich diese neue Welt zwischen Spanien und Portugal geteilt habe? Nun kame mir wenigstens der dritte Teil des Golds zu! Oime!
Faust kam mit der teuflischen Begleitung zuruck.
SATAN: Nun, Faust, wie gefallt dir das Bad und die, welche sie dort abreiben?
FAUST: Unsinniger, rasender Gedanke, dass der edle Teil des Menschen fur die Sunden des aus Kot geschaffnen leiden und bussen soll.
Die Teufel lachten, dass es durch die unendliche Holle ertonte.
SATAN: Bravo, Faust, das, was du sagst und wie du dich benimmst, zeigt mir, dass du fur einen Menschen zu gut bist. Auch bin ich dir einen besondern Lohn fur die schone, der Holle so nutzliche Erfindung der Buchdruckerei schuldig.
PAPST: Was? ein Buchdrucker, und hat sich an meinem Hofe fur einen Edelmann ausgegeben und bei meiner Tochter Lucretia geschlafen?
FAUST: Schweig, stolzer Spanier, ich habe sie reichlich dafur bezahlt, und du hattest dich mir fur eine gleiche Summe prostituiert, wenn ich eine Bestie gewesen ware wie du. Wisse, meine grosse Erfindung wird mehr Gutes stiften und dem Menschengeschlecht mehr nutzen als alle Papste, vom heiligen Peter bis auf dich Scheusal!
SATAN: Faust, darin irrst du dich. Erstens werden dir die Menschen den Ruhm der Erfindung dieser Kunst rauben
FAUST: Dieses ist noch mehr als Verdammnis!
SATAN: Merkt mir doch auf den Menschen, er steht vor mir, dem Satan, hat den Pfuhl der Verdammten gesehen und halt die Qual der Holle fur nichts gegen seine Hirngespinste, Ruhm und Wahn. Seht mir doch, was aus diesen Ebenbildern des Hochsten geworden ist, seitdem sie sich in Gesellschaften gesammelt, Konige uber ihren Leib und ihre Seele gewahlt haben, Bucher lesen und ein erkunsteltes Ding ihres eignen, eitlen, stolzen, unruhigen und wahnsinnigen Geistes geworden sind.
Zweitens, Faust, werden die Schatten zu Hunderttausenden herunterfahren, uber dich herfallen, dich mit ihren Fluchen angstigen, dass du die kleine Quelle des Gifts des menschlichen Verstandes in einen ungeheuren Strom verwandelt hast. Fuhlst du denn nicht aus eigner Erfahrung, was euch die Wissenschaften sind und was sie aus euch machen; doch hiervon soll dich dein ehemaliger Begleiter Leviathan unterhalten und dir eroffnen, dass das Unheil, das du uber die Menschen gebracht hast, deine sonstige Frevel noch weit ubertrifft. Ich, der Herrscher der Holle, der dadurch gewinnt, bin dir Lohn dafur schuldig, und wenn du dem Ewigen fluchen willst, der dich entweder nicht besser machen konnte oder wollte, so sollst du der Pein der Holle entfliehen und einer unsersgleichen werden.
PAPST: Satan, lasst mich der erste sein, als Papst muss ich wenigstens den Rang uber ihm haben.
SATAN: Merkt mir doch diese Menschen, ihr Teufel, und seht, wie sie euch beschamen! Papst, du hast es getan, da du meinem Leviathan zu Fussen fielst. Faust, wahle
Faust trat hervor die rasende Verzweiflung rollte sich in scheusslichen Zugen auf seiner Schattengestalt er wer kann den Frevel ausdrucken?
Alle Teufel bebten bei seinen Worten und erstaunten uber seine Vermessenheit. Seit der Entstehung der Holle herrschte keine solche Stille in dem dunklen furchtbaren Reiche, der Wohnung ewigen Jammers, ewigen Geheuls. Faust unterbrach sie und forderte den Satan zur Erfullung seines Versprechens auf.
SATAN: Tor, wie kannst du von mir erwarten, dass ich, der Herrscher der Holle, dir mein Wort halten sollte, da man kein Beispiel hat, dass ein Furst der Erde je sein Wort gehalten hatte, wenn er nichts dabei gewann. Wenn du vergessen kannst, dass du ein Mensch bist, so vergiss nicht, dass du vor dem Teufel stehst. Meine Teufel erblassten bei deiner Verwegenheit, mein fester, unerschutterlicher Thron erbebte bei deinen vermessnen Worten, und ich glaubte einen Seigerschlag, ich hatte zu viel gewagt. Fort, deine Gegenwart macht mich unruhig, und du beweisest, dass der Mensch mehr tun kann, als der Teufel ertragen mag. Zerrt ihn in den schrecklichsten Winkel der Holle, dort schmachte er in dustrer Einsamkeit und starre hin vor der Betrachtung seiner Taten und dieses Augenblicks, der nie zu versuhnen ist. Dass ihm kein Schatten nahe! Geh und schwebe allein und verloren im Lande, wo keine Hoffnung, kein Trost und kein Schlaf wohnen. Nur im Vergangenen, im Bewusstsein deines Wahnsinns und deines Frevels sollst du leben. Die Zukunft, die eure Eitelkeit und euer Stolz so gern ausschmucken, sei fur dich nichts als der schreckenvolle Gedanke, dein Dasein sei eine ewig fortlaufende Reihe einer unveranderlichen Qual, eines unveranderlichen, peinlichen Gefuhls deines Selbsts. Nur ein einziges peinvolles Gefuhl sollst du fuhlen, nur einen einzigen peinvollen Gedanken denken. Es soll dir Genuss zu sein scheinen, diesen endlosen Schmerz nur mit einem andern wechseln zu konnen. An deiner Seele sollen ewig die Zweifel nagen, die dich in deinem Leben gequalt haben, und nie soll sich dir eins der Ratsel enthullen, um deren Auflosung du hier bist. Dies ist die peinlichste Strafe fur einen Philosophen deiner Art, und ich habe sie vorzuglich meinen Schulern vorbehalten. Die Holle ist voll von ihnen, und du hast den Samen zu grossrer Bevolkerung meines Reichs ausgestreut. Reisst ihn weg, martert ihn! Fasst diesen Papst und werft ihn in einen andern Winkel, in der Holle ist ihresgleichen nicht.
Nach den Worten Satans ward Fausts Gestalt immer schwarzer und schwarzer. Die Zuge der Menschheit verloschen. Ein dustres, gestaltloses, scheussliches, schwimmendes Gewebe umschlang seine Seele. Noch wutete er, die Wut schoss gluhende Funken aus dem gestaltlosen Gewebe und erleuchtete es. Zum letztenmal wutete er. Leviathan brullte: "Ich will ihn ergreifen und mich nochmal an dem rachen, der mich gezwungen hat, die mir verhasste Erde, das mir noch verhasstere Teutschland zu betreten." Und er ergriff mit eiserner Faust das dustre verzerrte Gewebe samt der Seele Fausts. Da goss sich die gedrohte Qual uber ihn aus, und ein Stohnen erscholl aus dem Gewebe, dass, hatten es Menschen mit Ohren, aus Fleische gebildet, vernommen, ihr Herz ware bei dem Stohnen erstarrt und die Quelle ihres Lebens versunken. Noch stohnte Faust aus dem dustren Gewebe unter Leviathans eiserner Faust. Als er mit ihm bei den heulenden Verdammten voruberfuhr, fuhlten sie bei dem schrecklichen Stohnen zum erstenmal Mitleid mit einem ihresgleichen und vergassen das Geheul uber ihren eignen Jammer. Noch schwebte das Gewebe und verlor sich nun tiefer und tiefer in der unendlichen Ferne. Dann schleifte es Leviathan uber die verbrannten Felsen hin, dass die noch gluhende Asche unter ihm aufloderte schwung sich mit ihm empor bis zu der ehernen Wolbung der Holle, schleuderte ihn herunter, und er sank in den einsamen Abgrund. So erhebt sich die kuhne Seele des Forschers verwegen bis zu dem Begriff des Unfasslichen, Unbegreiflichen in die Hohe, bis das Gefuhl des menschlichen Unvermogens ihre Flugel lahmt und sie wirbelnd, schwindelnd in ihr Dunkel zurucksinkt, um in Verzweiflung zu erwachen.
Belial, der Aufseher und Beherrscher der verdammten Papste, Erzbischofe, Bischofe und gefursteten Abte, ergriff die Seele Alexanders; eine Mischung von scheusslichen, widersinnigen Gestalten hatte sie umhullt und ein furchtbares Ungeheuer gebildet, dass die Verdammten, gewohnt an scheussliche Gestalten, gleichwohl vor Entsetzen ihre Haupter in den gluhenden stinkenden Pfuhl tauchten, da Belial mit dem Papst bei ihnen voruberfuhr.
Nach ihrem Verschwinden sagte Satan lachelnd:
"Das sind mir Menschen, und wenn sie etwas Scheussliches vorstellen wollen, malen sie den Teufel; so lasst uns denn, wenn wir etwas Schandliches vorstellen wollen, den Menschen zur Wiedervergeltung malen, und dazu sollen mir Philosophen, Papste, Pfaffen, Fursten, Erobrer, Hoflinge, Minister und Autoren sitzen!"
Epilogus
So fasse sich ein jeder in Geduld und dringe nicht auf Kosten seiner Ruhe verwegen in die Geheimnisse, die der Geist des Menschen hier nicht enthullen kann und soll. Auch richte keiner; denn keinem ist das Richteramt gegeben. Halte deine rasche Aufwallung bei den Erscheinungen der moralischen Welt, die dein Herz emporen, deinen Verstand verwirren, im Zaum und bebe, ein Urteil zu fallen, denn du kannst nicht erkennen, wie und woher sie kamen, wohin sie zielen und wie sie fur den enden, der sie veranlasset. Dem Geist des Menschen ist alles dunkel, er ist sich selbst ein Ratsel. Lebe in der Hoffnung, einst helle zu sehen, und wohl dem, der seine Tage so hinlebt; er allein hat gewonnen, denn das ubrige ist in der Macht dessen, der den Menschen so prufen wollte und ihm die Kraft, die Prufung zu bestehen, mitgeteilt hat. Dies erkennt der wahre Weise und erwartet in Unterwerfung sein Los. Ich hatte eine gute Absicht bei diesem Buch; doch der Mann, der ein Buch schreibt, ist mit dem, der ein Kind zeugt, in gleichem Fall, keiner weiss, welche Frucht seine Pflanze tragen wird, und das Spruchwort hat recht: Der Wurf aus der Hand ist des Teufels. Ubrigens wunsche ich den teutschen Autoren billige Verleger, den Verlegern guten Abgang, dem Publikum mehr Geld und Geduld. (Geschmack wurde zu oft den Handel verderben.) Der gesamten Klerisei weniger Toleranz und Wissenschaften. Insbesondere wunsche ich einigen Herren der protestantischen Klerisei, dass es ihnen vorzuglich zu ihrem Besten gelingen mochte, das Luthertum und den Kalvinismus unter das viel sinnlichere Papsttum zu begraben. Nur dadurch werden sie den wankenden Saulen dieses der Klerisei so nutzlichen Gebaudes wiederum neue Tragkraft verschaffen, und naturlich mussen sie selbst bald ganz andere Manner im Staate werden. Auch lasst sich mit Gewissheit hoffen, dass der Hauptbeforderer dieses frommen Unternehmens, der Phantast aus ***, der erste Heilige in dem neuen romischen Kalender werden muss. Kann wohl der zertretne Pius der Sechste weniger fur ihn tun als seine weisen Vorfahren fur den grossen Loyola getan haben? Seine Schuler und Schulerinnen, die schon lange den heiligen Schein wie elektrische Funken aus seinem erhitzten Gehirne strahlen sehen, werden gern die Kosten dazu hergeben, damit der Teufel bei dem Prozesse zum Schweigen gebracht werde. Dass aber dieses erspriessliche Werke baldmoglichst zustande komme, so sehe der feurige Mann aus *** auf und tue das erste notige Wunder. Er ziehe, gleich einem neuen Moses, eine dicke, schwarze Finsternis, eine verderbende Seuche uber die Konigsstadt ***, dass ihr feiner, beissender attischer Witz, ihre gesunde, die Schwarmerei zerstorende Vernunft durch ein bootisches Dunkel und pestilenzialische Luft verdickt und getotet werde. Soll es aber ein wahrhaftes Wunder werden, so mache er sich schnell auf, damit ihn das Schicksal, das ihm dorten durch einige schwarze Kakodamonen vorzugreifen droht, nicht um den zu hoffenden Ruhm bringe. Ist ihm dies gelungen, so schlage er an die Graber der Jesuiten, bewirke ihre Auferstehung und singe dann das Siegeslied uber den Menschenverstand. Den Philosophen wunsche ich, dass es ihnen gelingen moge, ihren grossten Gegner, den alles zermalmenden Kant, zu besiegen, damit ihr Katheder fur immer und ewig von dem metaphysischen Unsinn erschallen moge. Den Fursten mehr Strenge und mehr von jener Kunst, die Untertanen systematisch zu schinden und zu plundern. Den teutschen Mannern den bittersten Hass gegen Freiheit, die zartlichste Liebe fur Sklaverei, und den teutschen Weibern, dass sie mit eben dem Vergnugen gebaren mochten als sie, wie man sagt, empfangen. Gluckliche, herrliche Zeit! so wird es dann unsern erhabenen Fursten, gnadigen Erzbischofen, gefursteten Abten, hochgebornen Reichsgrafen, Baronen, Rittern und frommen Klostern unsres Vaterlands nie an Werkzeugen zu missbrauchen, an Soldaten zu verhandeln, an Schwammen auszudrucken und an Untertanen zu schinden mangeln. Dass die Geduld nicht reisse, dafur werden ihre Helfershelfer, ihre Vesire, ihre Klerisei, Rate und die edle Schriftsteller- nebst der Journalistenzunft sorgen. Umsonst rufen einige Treffliche: Erleichtert die Burden eurer Lasttiere, wenn ihr nicht wollt, dass sie dieselben einst gewaltsam abwerfen und euch darunter begraben. Die gnadigen Herren wissen durch ihre Rate, dass kein Tier der Erde sanftmutiger und tapfrer leidet und tragt als der ehrwurdige Esel und der aufrichtige edle Teutsche!
Fussnoten
1 So die Tradition, welcher man hier allein folgt. 2 Originalitat. 3 Ich weiss, dass ich hier Gefahr laufe, beschuldigt zu werden, den Sinn der ganzen Rede des Doktors aus einigen teutschen Journalen abgeschrieben zu haben. Man tut mir aber sehr unrecht; die Zuge passen nur auf das funfzehente Jahrhundert, in welchem dieses Drama spielt. Weiss doch jedermann, dass gegenwartig von diesem System, das den Doktor noch in der Holle entzuckt, keine Spur in Teutschland zu finden ist. Ich konnte darum dem Publico diese Rede nicht weiter vorenthalten, damit man sehe, wie weit wir uns von unsern Vorfahren entfernt haben. Doch dieses werden die beruhmten Kapitel uber die Privilegien und die Rechte teutscher Nation in unserm vortrefflichen klassischen Buche uber die teutsche Staatsverfassung noch besser ins Licht setzen. Man vergleiche es nur mit Colins Werk uber Engelland, und man wird sehen, dass sich beide Bucher, wenigstens in den Kapiteln uber Volksrecht, vollkommen gleichen. 4 Originalitat. 5 Das Rathaus. 6 Man verliere ja nicht aus den Augen, dass dieses Drama zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts spielt und folglich keinen der jetzt Lebenden beleidigen kann und soll. Ubrigens weiss ich nicht, ob der Teufel den Reichsstadtern und Teutschen uberhaupt grossre Komplimente machen konnte, als er bin und wieder tut, und es bewiese nur gegen ihre Tugend und ihr Christentum, wenn sie dieselben nicht mehr verdienten oder gar in einem andern Sinne nahmen. 7 Aus dieser Stelle sieht man, dass der Verfasser viele Abenteuer in Teutschland, um sein Buch nicht zu dick zu machen, unterschlagen hat. Vielleicht, dass sie einstens erscheinen. 8 Siehe Taxae Cancellariae Apostolicae etc. gedruckt zu Rom und Paris etc. 9 Man glaube ja nicht, dass ich mich hier nach der Weise eines grossen Teils unsrer teutschen Schriftsteller an diesem grossen und einzigen Genie der alten und neuen Zeit vergehen will. Ihnen muss man diese Freude freilich wohl so lange lassen, bis wir einst selbst einen Voltaire erhalten! Ich wollte hier nur so viel sagen, dass Rousseau einiges Recht hat wenn er von Voltaire sagt: que Voltaire, en paroissant croire en Dieu, n'a reellement jamais cru, qu'au diable. Gleichwohl sag es zu viel wie gewohnlich jeder jeder witzige Einfall, und wenn man bedenkt, dass Voltaire Geschichtschreiber war, dass er nur mit Grossen, und zwar mit Grossen aus den Zeiten des Regenten Ludwigs des XV., und mit Schriftstellern gelebt hat, so wird seine faustische Laune, die er hin und wieder aussert, wenigstens begreiflich. 10 Resignation. 11 Der Teufel, der, um Fausten zu plagen, seine Zweifel immer nur scharfen will, deutet hier auf folgende Theorie, die er vielleicht darum nicht bestimmt ausdruckt, weil er glaubt, sie mochte dem Stolze des Menschen zu viel schmeicheln und ihm durch eine Reihe von wahren oder falschen Schlussen einen erhabenen Begriff von der Gottheit beibringen. Sie lautet so: Der Mensch ist vermoge seines freien Willens und seines ihm eingedruckten innern Sinns sein eigner Herr, Schopfer seines Schicksals und seiner Bestimmung. Er kann durch seine Taten und sein Wurken den schonen Gang der moralischen Welt befordern und storen, nach seiner Lage und Denkart oft ganze Volker, ja ganze Weltteile glucklich oder unglucklich machen, und das ganze Menschengeschlecht vom Bettler bis zum Konig ist also, jeder nach seiner Kraft, zusammengenommen Werkmeister der sogenannten moralischen Welt. Er entwickelt also nur das einmal in ihn gelegte Streben wie jedes Ding der sichtbaren Welt, doch mit dem Unterschied, dass nur ihn sein freier Wille und sein das Bose und Gute begreifender Sinn der Strafe und Belohnung fahig machen. Diese Theorie greift die Vorsicht freilich nicht an, aber doch die mittelbare Leitung und feste Bestimmung von oben; und da sie von dem Teufel herkommt, uberdem sehr untheologisch zu sein scheint und die moralische Welt so unsichern Handen anvertraut, so lass ich sie ohne weiteres da stehen, so vielen Glanz sie auch auf die Moral zuruckwirft. Der Leser mache damit, was er will.