1790_Moritz_074 Topic 1

Karl Philipp Moritz

Andreas Hartknopfs Predigerjahre

Ribbeckenau.

Klang schon fatal in Hartknopfs Ohren, als er zum erstenmale diesen Nahmen horte.

Und da er ihn in seiner Vokation mit grossen verschlungenen Buchstaben geschrieben sahe, argerte sich sein Auge daran.

Ribbeckenau war die Mutterkirche, und Ribbekkenauchen das Filial davon, wozu der Weg uber ein Torfmoor fuhrte.

Hier war es, wo der Knauel seines Lebens sich in labyrinthische Knoten verwickelte, die nur die Scharfe des Schwerdts wieder losen konnte.

Wo seine Kraft, die sonst freien Spielraum hatte, zum erstenmale in sich gedrangt, allerley Sprunge und wunderbare Verzierungen in sich selber machte, weil sie sich selbst nicht kannte.

Durch diese Klemme musste Hartknopfs Leben selbst noch durchgehen, ehe es ungehemmt in seinem vollen Glanze leuchten, und wohlthatige Klahrheit um sich her verbreiten konnte.

Der, welcher die Nebel der Tauschung so oft verscheucht hatte, musste noch einmal durch Selbsttauschung von der edelsten Art gepruft zu einem hohern Daseyn vorbereitet, und jeder Keim einer unruhigen Wirksamkeit in ihm ausgerottet werden.

Mein Abschied von Hartknopf, als er aus Erfurt

gieng.

Da sassen wir auf der grossen Treppe vor dem Dom, und sprachen von Ribbeckenau, wie weit es sey, und wie bald und wie oft ich ihn dort besuchen konnte? und von der Verschiedenheit der Rettiche, die in Erfurt vorzuglich gut sind, und eine von Hartknopfs Lieblingsspeisen waren, wobei er gewissermassen mit Leib und Seele genoss, wenn er die geheimnissvollen Salzkorner, auf die runden Scheiben streute, und dann auf seiner Zunge das innere Wesen dieser edlen Bestandtheile in ihrer feinsten Auflosung schmeckte.

Seine Gedanken beschaftigten sich in diesem Augenblicke ganz mit der Anpflanzung von Erfurter Rettichen in Ribbeckenau, und ich versprach ihm heilig Rettigsaamen aus Erfurt zu schicken.

Wir giengen alsdann noch auf der Kirschlache spatziren, wo wir uns eine ganze Weile an ein Gelander stellten, und ins Wasser sahen.

Ich begleitete ihn vors Thor hinaus, wo wir in einem Wirthshause einkehrten, hier setzte er sich mir gegenuber und sagte: Ich gehe nun nach Ribbeckenau (bei dem Nahmen erhielt seine Mine einen sehr verdriesslichen Zug) um das Evangelium zu predigen, und du bleibst in Erfurt, um das Evangelium noch eine Zeitlang predigen zu lernen. Du weisst nun den Horsaal, wo man das lernt; und kennst den Mann, welcher diesen erhabenen Lehrstuhl bekleidet halte dich fest an ihn, und ube dich im fertigen Nachschreiben, suche ihm die Worte aus dem Munde zu stehlen, noch ehe er sie ausgesprochen hat, und bediene dich der Abbreviaturen, die deiner Hand und deinem Gedachtnisse gelaufig sind. Schreibe auch die unterlaufenden Spasse mit auf, denn sie stehen nie am unrechten Orte und werden dir eine angenehme Erinnerung seyn, wenn du die Vorlesung zum zweytenmale horen solltest hute dich sehr Backelaureus oder Magister der Weltweisheit zu werden und wenn du dich im Predigen ubest, so stelle dich an einen rauschenden Wasserfall, wo keines Menschen Ohr den Laut deiner Worte vernimmt fahre fort, fleissig Kirchengeschichte zu studiren, und nun lass uns noch einen Rettich zusammen essen.

Der Rettig wurde auf einem Teller gebracht Mit einer feierlichen Mine schalte Hartknopf ihn ab, schnitt runde Scheiben davon, und indem er langsam und nachdenkend die Salzkorner darauf streuete, und die erste Scheibe mir darreichte, blickte er mich ernsthaft an, und sagte: so oft ihr solches thut, so thuts zu meinem Gedachtniss!

Als wir nun hinausgiengen, gab ich ihm noch folgende Verse, die ich auf seinen Abschied gemacht hatte:

Du gehst nach Ribbeckenau

In Erfurt bleibt Dein Freund;

Die Ferne dammert grau ...

Das trube Auge weint ...

Doch ist nun uber mir

Der Himmel wieder blau,

Denk ich, er lachelt. Dir

Doch auch in Ribbeckenau.

Als ich diese Verse noch an Hartknopf ubergeben hatte, steckte er sie, ohne sie zu lesen in die Tasche, und sagte: ich mochte den Rettigsaamen nicht vergessen, er wunsche mir wohl zu leben, und ich mochte ihm nun die Liebe thun, und nach Erfurt zuruckkehren, welches ich dann that, und weil wir auf einer Anhohe Abschied genommen hatten, ihn sogleich aus dem Gesichte verlohr.

Hartknopfs Antrittspredigt.

Die kleine Kirche in Ribbeckenau war mit sehr vielem holzernen Schnitzwerk und Zierrathen versehen. Unter andern war auch vorne an der Decke uber der Kanzel der heilige Geist in Gestalt einer Taube schwebend abgebildet. Die Arbeit war von Holz und bloss angeleimt.

Als Hartknopf die Kanzel bestieg, schwebte sein boser Genius uber ihm.

Ganz in seinen Gegenstand vertieft, dachte er nicht an das, was uber ihm war, und die Lange seines Korpers war Schuld, dass er mit der Stirne gerade gegen den einen Taubenflugel rannte, und auf die Weise die schwebende Gestalt des heiligen Geistes zum Schrekken der ganzen Gemeine herabstiess.

Da er sich nun aber diess, als einen Zufall, der weiter keine Folgen hatte, gar nichts anfechten liess, und mit der grossten Kaltblutigkeit seine Predigt anfieng, als ob gar nichts geschehen ware, so erschrack die Gemeine noch weit mehr.

Er hub nun seinen Spruch an: im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

Also: im Anfang war das Wort, und das Wort war selbst der Anfang.

Diess deutete er nun auf den Anfang seines Lehramts: was bei ihm wohl anders der Anfang seyn konne, als das blosse Wort, womit er anfienge? Da einmal sein Geschaft darin bestehe, seine Lippen zu bewegen, und tonende Worte hervorzubringen, statt dass andere ihre Arme zur Arbeit ausstreckten, um dem Schooss der Erde ihre Nahrung abzugewinnen, und die Frucht ihrer Muhe selbst muhsam einzuerndten.

Er stellte das nackte Wort, als den leeren Hauch der Luft, als das tonende Erz und die klingende Schelle dar, wenn Liebe es nicht beseelet.

Liebe beseelte es aber, indem er sprach denn er war gewilliget zu geben, wo seine Bruder nehmen; er wollte nicht fur leeren Lufthauch den Zehnten von allen reichhaltigen Fruchen der Erde eintauschen er wollte den Buchstaben des Worts erst todten, damit der Geist lebendig mache.

Als er nun zum erstemale das Wort Geist nannte, blickte die ganze Gemeine, als ob aller Augen sich verabredet hatten, auf einmal nach der leeren Stelle an der Decke uber der Kanzel hin, wo die Abbildung des heiligen Geistes in Taubengestalt gewesen war. Der grobe sinnliche Eindruck behielt von jetzt an auf einmal bis Oberhand der erste Schrecken war nun voruber und wie von einem bosen Damon angehaucht, verzog sich jede Mine zu einem honischen schadenfrohen Lacheln und die Herzen verschlossen sich auf immer.

Die undurchdringliche Scheidewand zwischen Licht und Finsterniss war gezogen. Das hamische Lacheln trat zwischen die redende Liebe und den aufmerksamen Gedanken Hartknopf fuhlte sich zum erstenmale von seiner nachsten Umgebung gedruckt er fieng wahrend seiner Rede an, die Gesichter zu bemerken, und kein antwortender Blick begegnete seinem spahenden Auge eine unbekannte Macht schien die Worte von seinen Lippen zu verwehen, dass sie den Weg zum Herzen nicht fanden.

Unglucklicher Weise liess er sich noch auf die Worte ein: ich will euch den Troster senden u.s.w. und alles blickte auf den Bauerknaben, neben welchem die Taubengestalt niedersturzte, und der ihr mit einer komischen Bewegung ausgewichen war.

In dieser Predigt, pflegte Hartknopf, nachher oft zu sagen, habe er den ganzen Druck empfunden, womit die grobe Sinnlichkeit auf dem zarten Gedanken, die unformliche Masse auf dem Gebildeten ruht wodurch der Sprossling im Keime zertreten, die Blume zerknickt wird der Wurm an der aufbluhenden Pflanze nagt der Heldenmuth des Starken in seiner Brust gehemmt wird, und der bildende Genius, indem er die Flugel entfaltet, von seinem umwolkten Jahrhundert darnieder gedruckt, in den Staub sinkt.

So viel ist gewiss, dass die vielleicht schon verwesete Hand, welche die Taubengestalt an die Kanzeldekke mit nachlassigem Finger befestigte, Hartknopfs schone Hofnungen, und sein ganzes Gebaude von Gluckseligkeit an diesem Orte unwissend untergrub.

Denn dieser erste Eindruck blieb in der Folge seines Lehramts unausloschlich Und die ganze angebohrne Wurde seines Wesens vermochte nichts gegen die komische Larve des machtigen Zufalls.

Freilich war auch ein reudiges Schaaf unter dieser Heerde, welches die ubrigen angesteckt hatte diess war der spruchreiche Kuster Ehrenpreiss mit der richterlichen Miene.

Wahrend dass Hartknopf predigte, richteten seine Augenbraunen jeden Perioden, den er sagte, und brachen den Stab uber ihm, so oft er das Wort, als die vierte Person in der Gottheit erwahnte Hartknopf meinte nehmlich, weil man sich doch die Dreieinigkeit, als eins dachte, so konnte auch das Vierte der Einheit nicht schaden und der Lehrbegrif leide nicht darunter, wenn man sich den alleserhaltenden Vater, den allesbeherrschenden Sohn, den allesbelebenden Geist, und das allesverknupfende Wort, wie das ewig unveranderliche Feststehende wie den unerschutterlichen Kubus dachte, der in sich selber ruhend, die rollenden Spharen tragt.

Ehrenpreiss aber schrieb sich Hartknopfs Ketzereien in seine Schreibtafel auf und so wie der Erklarer alter Autoren uber eine neugefundene Leseart, der Chronickenschreiber uber eine Jahrzahl, und der Conchylienliebhaber uber ein Schneckenhaus, so freute sich der Kuster Ehrenpreiss uber jede Ketzerei, die er in irgend eines Menschen Worten oder Gebehrden auffinden konnte, weil diess nun auch einmal seine Liebhaberei war, die ihm ein besonderes Vergnugen machte.

Mit dem vorigen Prediger war er ein Herz und eine Seele gewesen denn dieser bedurfte jemand, in dessen Busen er seinen Gift ausschutten konnte, und Ehrenpreiss war ein wurdiges Gefass dazu.

Oft brachten sie bis Mitternacht in vertraulichen Gesprachen zu sie sassen da in schwarzen Kleidern, auf Stuhlen, und richteten die vergangenen und kommenden Geschlechter der Erde.

Diess thaten sie im Fluge der hohen Begeisterung; dann aber beschrankten sie sich wieder auf ihre Nachbarschaft, auf die Prediger in dem Kirchensprengel, auf die Menschen welche still einher wandelten, und das Hochstverehrungswurdige im Geist und in der Wahrheit verehrten, auf die naturlichen Menschen, welche durch frohen Genuss der Gabe, dem Geber am besten zu danken glaubten.

War nun uber alle diese Menschen namentlich das Verdammungsurtheil gesprochen, so machten sich beyde den Spruch zu eigen: ihr seyd uber wenigem getreu gewesen; ich will euch uber vieles setzen!

Damit nun aber auch Ehrenpreiss in diesem Werke geubter werden mochte, so trug sein Prediger ihm die ganze Polemik aus den Heften vor, die er ehemals in Halle eigenhandig nachgeschrieben hatte.

Und als das Kollegium geendigt war, schrieb sich Ehrenpreiss selbst die Hefte noch einmal ab, und trug sie einigen auserwahlten Bauern bei verschlossnen Thuren wieder vor, durch welche der edle Saamen dann weiter im Dorfe ausgestreuet wurde.

So war das ganze Dorf nach und nach polemisch geworden, und das Schimpfwort: Du Ketzer! welches man ehemals als eine scherzende Liebkosung brauchte, wurde jetzt mit einem finstern spanischem Ernst ausgesprochen, der nichts Gutes bedeutete.

Ein so unpolemischer Prediger, als Hartknopf, war nun freylich keine sehr willkommene Gabe fur solche polemische Bauern.

Denn die Predigten des vorigen Pfarrers waren uberdem gar nicht uninteressant gewesen: er belagerte eine Ketzerei, die er aufstellte, um sie zu bestreiten, gleichsam wie eine Festung, legte selbst Bollwerke umher, womit er sie sich eine Weile vertheidigen liess, dann lief er plotzlich Sturm, durchbrach die Schanzen, und hieb alles mit der Scharfe des Schwerdts darnieder. Durch diess immerwahrende Angreifen und Vertheidigen, war den Bauern selbst der dogmatische Lehrbegrif so gelaufig geworden, als er ihnen durch den blossen Vortrag nie hatte werden konnen. Sie waren dadurch gewissermassen kompetente Richter uber ihren kunftigen Prediger geworden, der nun nie aus dem Gleise rucken durfte, ohne dass sie es merkten. Der Geist des verstorbenen Pfarrers ruhte auf der ganzen Gemeine, auf dem Kuster Ehrenpreiss aber ruhte er zwiefaltig.

Das Torfmoor.

Mit seinem Stabe in der Hand, und dem Kuster Ehrenpreiss zur Seiten, wandelte Hartknopf nun zum erstenmal uber das Torfmoor nach Ribeckenauchen hin.

Zur rechten hatte er die Aussicht uber das Torfmoor auf die Haide, zur linken auf den Kuster Ehrenpreiss, und einen mit Haidekraut bewachsenen oden Berg, welcher der Kramberg hiess. Hinter sich sahe er den kleinen spitzigen Thurm von Ribbeckenau, der mit Schiefer, und vor sich den von Ribbeckenauchen, der mit Schindeln gedeckt war.

Geschahe das am grunen Holze, seufzte er bey sich selber, was wird am durren werden?

Denn seine Hofnungen waren nun schon verwelkt, und die Gedanken welche er jetzt wieder in Worte kleiden sollte, hatten einmal schon ihren frischen Glanz verlohren.

Die ganze Gegend um ihn her lag schwarz und ode

In dem ganzen Bezirk, den das Auge sahe, war keine Furche gezogen kein grunes Fleckchen schimmerte hervor.

Das Spiel der Sensen erklang auf diesem Boden nie nie hielten frohe Schnitter hier ihr Mahl.

Die weidende Heerde fand hier keine Nahrung der Wanderer keinen sichern Pfad denn tauschende Wassergraben durchschnitten ablenthalben das lockere Moor.

Nichts Gebildetes sprosste auf diesem Boden hervor, der unfruchtbar und ode da lag, um selbst in kurzem zu Asche verbrannt zu werden.

Der Himmel blickte trube auf die verwaisste Scene herab und mit schwerem Herzen ging Hartknopf seinen sauren Pfad.

Er wusste nicht, dass unter dem Thurme, der mit Schindeln gedeckt war, ein paar freundliche Gesichter auf ihn warteten, aus denen der Tag wieder in seine Seele lacheln wurde, da er es am wenigsten vermuthete.

Die Geschwister.

In Ribbeckenauchen war vor der Kirchthure ein geringer Platz, mit Blumen bepflanzt, da spielten die Knaben im Dorfe.

Gegenuber war ein bequemes Haus mit Garten und Zubehor.

Der grune Platz vor der Kirche mit dem artigen Hause gegenuber gab dem Dorfchen, das nur aus wenigen Feuerstellen bestand, ein heiteres, lachendes Ansehn.

Das Haus selbst aber, welches dem grunen Kirchhofe gegenuber lag, schloss zwei dem Leibe und Geiste nach verwandte Seelen ein, die hier ein stilles Gluck genossen, weil ihre erste Tugend Genugsamkeit war.

Es war nemlich der Pachter in diesem Dorfe, der seit funf Jahren mit seiner Schwester hier zusammen wohnte, welche zwanzig Jahr alt, zu ihm gezogen war, und seit der Zeit noch keine eigentlich missvergnugte Stunde zahlte.

Denn alles Unangenehme ubertrug sich in den unnennbaren Reitz der Theilnahme des einen an des andern Ruhe, und losste sich in den schonen Gleichlaut der Gemuther auf, in welchem dieses grosse Ganze, wie in seinem Mittelpunkte sich vollendet.

Wo alle Sturme schweigen, das Toben der Elemente aufhort, und die Sonne im stillen See sich spiegelt.

Wo das Getrennte, das Entfernte sich wiedererkennt und wiederfindet.

Wo das Labyrinth der Schicksale seinen Endpunkt erreicht, aus dem es sich mit einem Blicke durchschauen lasst, und enthullet vor unsern Augen liegt.

Diese Gleichheit der Gemuther, welche verschwisterte Seelen an einander knupft, schaft mit einem machtigen Worte, auf jedem Fleck der Erde noch nie gekannte Freuden um sich her, lasst Blumen auf durrem Boden wachsen; und wandelt den Krainberg, und das Torfmoor von Ribbeckenau, zu weinbekranzten Hugeln, und lachenden Fluren um.

Wo dieser Gleichlaut der Gemuther weilt, da druckt er unverkennbar speine Spur in Aug' und Wange, und zeichnet sich auf der freien und unumwolkten Stirne. Da wohnt der Unmuth und die finstre Sorge nicht da fesselt kein Zwang den leisesten Laut der Empfindung da schamt das Wort sich des Gedanken, die Mine des Wortes, das Wort der That sich nicht.

Diess war nun zwar auch der Fall bei dem Kuster Ehrenpreiss und dem verstorbenen Pfarrer in Ribbekkenau, bei denen sich auch das Wort des Gedanken, die Mine des Worts, und das Wort der That nicht schamte, wenn ihr dustrer richtender Blick und ihre lispelnde, todtende Zunge, uber alle Ketzer und Irrglaubigen aus ihrer Nachbarschaft das unwiderrufliche Urtheil sprach und uber manchem nicht nur in jener, sondern schon in dieser Welt, durch hamische Anklagen den Stab brach.

Waren diess nicht auch verschwisterte, ineinandergeschlungene Seelen? brachten sie nicht auch bis Mitternacht in vertraulichen Gesprachen zu? Warum soll ihr Gleichlaut kein Wohlklang seyn?

Gehoren nicht die grobsten und dunkelsten Vibrationen der Saiten, eben so, wie die feinsten und hellsten zu dem vollstimmigen Konzert?

Der frohe Blick halt sich gern an dem frohen, der dustre an dem dustern fest, so wie das trube Auge dem truben zu begegnen wunscht.

Der Kuster Ehrenpreiss fand sich verwaiset, als sein Pfarrer todt war; seine Klagen aber waren nicht sanft, oder vielmehr, es waren keine Klagen, sondern ein finstrer Unmuth, eine verdriessliche Unbehaglichkeit, die er in seinem ganzen Wesen fuhlte, und immer auf etwas anders, auf irgend eine Kleinigkeit schob, die ihm in den Weg kam.

Wie konnten auch die Klagen uber die Trennung sanft und edel seyn, da die Verbindung selbst rauh und grob gewesen war, und auf Bitterkeit, Grobheit und Rauhigkeit sich gegrundet hatte!

Demohngeachtet aber war es auch eine Verbindung und Gleichlaut, der, so lange er dauerte, in der Reihe der Tone sein Recht behauptete, und zwar in grobe Selbstzufriedenheit, aber doch auch, so wie das feinste und zarteste, in Selbstzufriedenheit einwiegte.

Auch war es gar kein unangenehmes Schauspiel, zu sehen, wie die schwarzen Augenbraunen des Pfarrers und des Kusters Ehrenpreiss sich freundlich einander zunickten.

Aber freilich zeichnete die Uebereinstimmung auf Stirn und Wange sich nicht so schon, wie bei dem Geschwisterpaar in Ribbeckenauchen, das nun zum erstenmale Hartknopfs Predigt besuchte, und unter dem Thurm mit Schindeln gedeckt, in einem grunausgeschlagenen Kirchenstuhle, gerade der Kanzel gegenuber, seinen Platz nahm.

Die Wiederholung.

Hartknopf hub nun aufs neue wieder seinen Spruch an: im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, u.s.w. als auf einmal aus dem Kirchenstuhle unter dem Thurm, wie aus einem heiligen Dunkel, die freundlichen Blicke des Pachter Heil den seinigen begneten, wahrend dass dessen Schwester ihre lebhaften Augen noch sanft niederschlug, und der weiblichen Neugier, die sich in ihrem Busen regte, mit zarter Tugend noch ein Weilchen widerstand.

Sie war einfach und nicht ohne Geschmack gekleidet, ihr Haar hieng in landlichen Locken herunter; ein Hutchen trat uber ihre Stirne hervor, und verdeckte den Strahl, der aus ihren Augen schoss, so oft sie sich niederbuckte.

Nicht lange aber, so schlug sie die Augen auf, um Hartknopf, den Prediger anzublicken, dessen Stimme und Laut der Worte sie schon irgendwo gehort zu haben glaubte, und sich doch auf keine Weise zu erinnern wusste, wo und wann?

Es war, als ob sie in eine dunkle Ferne blickte; als wurden Erinnerungen ist ihr aufgeweckt, an etwas, dass einen Augenblick vor ihrer Seele schwebte, und plotzlich wieder verschwunden war.

Sie hieng dem nicht mit ihren Gedanken nach, und in wenigen Minuten waren diese Regungen ganz verschwunden.

Hartknopfs Auge und Seele ruhte wahrend, seiner Predigt auf dem Antlitz des Pachters Heil und seiner Schwester Sophie Erdmuth.

In diesen beiden Ovalen fand er die ruhige Stimmung seiner Seele, den harmonischen Kreislauf der Dinge, den heitern Himmel, die lachenden Fluren, und jeden Reitz dieser schonen Umgebung wieder, worin wir leben, weben und sind.

Denn diese Umrisse waren bezeichnend, und bedeutend die hohere Menschheit leuchtete aus diesen Zugen mit sanftem Schimmer hervor.

Es war der Tagesanbruch, die ersten Streifen der dammernden Morgenruthe.

Die ubrigen Gesichter waren mehr oder weniger durch Brutalitat entstellt es war eine chaotische Masse das wandernde Auge des Menschenforschers fand keinen Platz, auf dem es ruhen konnte.

Es war, als ware uber die Bildungen eine Furche hingezogen, die sie alle gleich machte.

Das Bezeichnende und Bedeutende war entstellt, zerrissen.

Eine neue Schopfung musste hier vorgehen, um diese erstorbene zur Erde gesunkene Masse zu beleben, und dann mit dem neubelebten Worte und Blicke zu wechseln.

Die Taube flog aus und fand einen Oehlzweig, auf dem sie ruhen konnte.

Hier aber schwebete keine Taubengestalt ungluckbringend uber Hartknopfs Haupte.

Kein holzernes Schnitzwerk entstellte diese Kanzel, und diese Wande.

Hier wiederholte Hartknopf seine erste Predigt beynahe von Wort zu Wort.

Er hohlte gleichsam jedes verlohrne Wort, jeden verschwundenen Gedanken wieder was auf der Kanzel in Ribbeckenau von seinen Lippen verwehet war, fand sich hier in schonerer Ordnung wieder zusammen.

Denn die Hohe und Tiefe war einmal durch feste Punkte auf horizontalen Linien, und jeder Takt durch einen senkrechten Strich bezeichnet.

Das Ganze wiederhohlte sich daher, wie eine wohlgesetzte Musik, welche des Aufwands von Kunst und Muhe nicht werth ware, wenn sie nur einmal tonen, und dann in die Luft verweht seyn sollte.

Durch wiederholte Schlage pflegte Hartknopf wie im Spruchwort zu sagen, fallt der Baum unter der Axt, und das Eisen schmiegt sich unter dem Hammer.

Was ist das Leben in der ganzen Natur, der Wechsel der Jahreszeiten, was jeder Pulsschlag, jeder Athemzug, als eine immerwahrende Wiederholung ihrer selbst?

Die Wiederholung des Schonen erwecket nicht Ueberdruss, sondern vervielfaltigten Reitz, fur den, welcher anfangt seine Spur zu ahnden und so oft es ihm sich wieder darstellt, diese Spur verfolgt.

So war Hartknopfs Antrittspredigt ein vollendetes unvergangliches Werk, dass in sich selber seinen Werth hatte, den kein Zufall ihm rauben konnte.

Und obgleich die Gemeinde in Ribbeckenau sich einmal, und der Kuster Ehrenpreiss sich zweimal daran argerte, so erreichte sie dennoch ihren Zweck, der in ihr selbst, in ihrem schonen Bau, und dem wohl abgemessenen Verhaltniss ihrer Theile lag wodurch das Ganze eine Kraft erhielt, alles Mangelhafte aufzudecken, und es in seiner Blosse darzustellen; wodurch die Bauren in Ribbeckenau in ihrer Brutalitat sich zeigen, und das schadenfrohe Lachen auf ihren verzogenen Lippen erscheinen musste.

In welchen Mauren das Ganze dieser Predigt ertonte, da prufte es die Geister es konnte, wenn es einmal von den Lippen verhallt war, durch nichts anders ersetzt werden, als durch sich selbst; weil nichts darin war, das sich von seiner Stelle verdrangen liess.

Wenn Hartknopfs Predigten einst, dem Buchstaben nach, im Druck erscheinen, so wird sich zeigen, dass seine Antrittspredigt in Ribbeckenau alle ubrigen in sich fasst, wie die gefullte Knospe ihre Blatter. Dass alles ein Ganzes ist, welches gleich dem belebenden Athemzuge, in jeder Zeile, mit jedem Gedanken, nur sich selbst wiederholet.

Wer Ohren hat zu horen, der hore!

Ist es denn hart, die Worte wieder zu sagen, die von den Lippen des sanftesten Lehrers tonten?

Dem die Geschlechter der Menschen nun tief in das zweite Jahrtausend horchen, und horchen, ohne den leisesten Laut, des gottlichen Sinnes zu vernehmen?

Das Licht wandelte in der Finsterniss, und die Finsterniss erkannte es nicht.

Ist es die Fassungskraft nicht selbst, die sich erweitern muss, um das Edle aufzufassen?

Soll der Oehlbaum seine Fettigkeit, der Weinstock seinen edlen Saft lassen, um uber den Baumen zu schweben?

Da wo die Stimme vernommen wird, wohnet der Geist, die andern Behausungen stehen ode, und sind wandelnde Massen. Augen, ohne Sehkraft; Ohren, die nicht horen; Arme, die nicht vermogen; Hande, die nicht wurken.

Wie der Wind die Wellen krauselt, so sind sie ein Spiel des Zufalls.

Wo die Stimme vernommen wird, da tonet sie machtig wieder; es zeichnet sich im Blick und, Handlung ihre Spur.

Das leichte senkt, das Lockre dichtet und rundet sich zu einem festen Kern, aus welchem des Lebens edler Baum erwachst.

Der Sturmwind rauscht, der Donner rollt, das Meer brauset, die Menschenlippe spricht.

In Wusten steigen Stadte mit Tempeln, und Pallasten Himmelan.

Das Schiff mit Mast und Segeln tanzt auf den emporten Wellen.

In tiefen Schachten liegt des Goldes Spur enthullt.

Von dem gespannten Bogen fliegt, der befiederte Pfeil, und eilet dem Gedanken nach, der vor ihm schon das Ziel erreicht.

In seinem Blute sich walzend achzt das Wild.

Die angespannte in sich gedrangte Kraft wirkt durch den Luftraum in die Ferne.

Sie wohnet in der athmenden Brust des Menschen, und reicht bis an des Himmels Wolbung, und des Oceans ungemessne Ufer.

Das Liebesmahl

Bestand aus Milch und Brodt, welches Hartknopf mit dem Pachter Heil und seiner Schwester genoss, ehe er seinen Stab weiter setzte, denn er wollte den Tag noch drey Meilen gehen.

In Heils Wohnstube war der Fussboden mit einer weichen Decke belegt, und die Wande mit senkrechten blauen Streifen geziert.

In der Mitte stand ein rundes Tischgen, woran diese drei nun sassen.

Sophien gegenuber hieng ein Spiegel, vor dem sie, wie beim Anfange von Hartknopfs Predigt, nur ein wenig die Augen niederschlug, und sie dann wieder aufschlug.

Denn der Spiegel verdoppelte die schone Seene, und stellte sie wie in dem Hintergrunde eines Gemahldes dar, das drei vorzuglich karakteristische Kopfe in sich fasste, die durch ihre Stufenfolge einen Akkord bildeten, dem nur ein fast unmerkliches Etwas zur volligen Harmonie und Reinheit fehlte.

Die Liebe welche bei dem Mahle herrschte, verdeckte diess Etwas, und knupfte unvermerkt ein schones tauschendes Band, zwischen diesen sich so nahe verwandtscheinenden Seelen, die in vertraulichen Gesprachen uber die eigentlichen Lebenspunkte, und uber das, was der Mensch in jedem Augenblick des Lebens zu seiner Gluckseligkeit thun und nicht thun kann, sich immer naher aneinanderschlossen.

Wahrend diesen Gesprachen vernahm Hartknopf zum oftern en sanftes Echo aus seiner gehaltenen Predigt wieder. Ganz leise hatten die Saiten angeklungen, die seine Worte beruhren wollten, nur einige waren verstummt geblieben.

Bey diesem Liebesmahle verschwand allmalig das Torfmoor und die ungluckbringende Taubengestalt uber Hartknopfs Haupte.

Die ersten Worte des Pachters, womit er ihn in sein Haus gefuhrt hatte, tonten immer noch angenehm in seinen Ohren.

In diesem Hause wohnet Heil, sagte der Pachter, indem er ihn hineinfuhrte, und Seegen, antwortete Hartknopf, indem er ihn umarmte.

Der Pachter Heil sagte diess dem Ansehen nach kindische Wortspiel, mit einem so freundschaftlichen Handedruck und bedeutenden Blick auf Hartknopf, und zugleich mit einem so edlen Selbstgefuhl, dass Hartknopf auf einmal harmonisch in dieses Wortspiel mit einstimmte.

Und Seegen! setzte er hinzu, und gewiss war seine ganze Seele bewegt, indem er diess sagte, er fuhlte die Macht dieser Worte, sobald sie aus der Fulle des Herzens stromen; und aus dieser Fulle des Herzens die Kraft erhalten, womit der sterbende Patriarch das Horn des Ueberflusses uber seine Suhne ausschuttete, welche auf kommende Geschlechter seinen Seegen fortpflanzen.

Nicht so harmonisch griff der Seegen ein, welchen er auf der Kanzel und vor dem Altar, der seegengewohnten Gemeinde gab.

Er machte nehmlich statt des Kreuzes mit dem Mittel- und Zeigefinger nur einen geraden Querstrich zweimal durch die Luft, woran die ganze Gemeinde, so oft er es that, und der Kuster Ehrenpreiss zwiefach sich argerte.

Dergleichen Kleinigkeiten wurden in Hartknopfs Gemeinde zu sehr wichtigen Dingen, und verwickelten ihn in der Folge in tausend Verdriesslichkeiten, deren er sich nicht im mindesten versahe.

Fur jetzt aber nahm er Abschied von dem Geschwisterpaar, da es hoch Mittag war, um den Herrn von G... zu besuchen; dieser wohnte drei Meilen weit von hier, bey dem Dorfs Nesselrode, wohin der Weg durch einen Fichtenwald fuhrte, der eine Strecke hinter Ribbeckenauchen seinen Anfang nahm, und unsern Wanderer auf seinem Wege vor den Strahlen, der Sonne schutzte, welche schon anfiengen, den ausgetrockneten Boden zu sengen.

Der Fichtenwald.

Hier war nun alles auf einmal so todt und einformig und Hartknopf wanderte ganz allein.

Es war Ebbe in seiner Seele geworden die angenehmen Bilder standen tief im Hintergrunde.

Er horchte auf den Tritt seiner Fusse, und stand zuweilen still, und machte mit seinem Stabe Figuren in den Sand.

Mit dieser Handlung begannen die furchterlichsten Stunden seines Lebens diess war das Zeichen der ganzlichen Leerheit, der Selbstermangelung, des dumpfen Hinbrutens, der Theilnehmungelosigkeit an allem.

Als er von dem Pachter Heil und seiner Schwerster Abschied nahm, da war seine Mine noch heiter und froh sobald er aber aus der Thur getreten war, und niemand mehr um sich sah, seufzte er: Ach Elias! und seine Lippen schlossen sich wieder.

Er eilte mit starken Schritten dem Fichtenwalde zu und als er ihn erreicht hatte, und in sein heiliges Dunkel trat fuhlte er auf einmal seine Brust von einem grossen Gefuhl erweitert, dass aber eben so plotzlich sich wieder verlohr, als es entstanden war.

Es war die grosse leblose Natur, welche er in diesem Augenblicke fest an sich schloss, und die sogleich wieder allen Reiz fur ihn verlohr weil das schimmernde zarte Gebildete das Grosse verdunkelte, und doch war das zarte Gebildete nicht stark genug, das Grosse in seinem Umfange festzuhalten, und es dem Liebenden zur Morgengabe zu bringen.

Es entstand ein schrecklicher Kampf in Hartknopfs Seele das Leere wollte die Fulle, das Chaos die Bildung verdrangen. Nichts war der Muhe des Festhaltens, nichts des Fliehens, und nichts der Anschliessung werth.

Ohne Gedanken, ohne Empfindung, zog er noch immer Figuren im Staube, als sein guter Genius seine Hand leitete, und er auf einmal unwillkuhrlich den Nahmen Elias auf den Boden schrieb.

Durch diese trostreichen Zuge starkte die Hand des Engels ihn, und der Kelch gieng diessmal noch vor ihm voruber.

Er gieng mit schnellen Schritten vorwarts, in der Kuhle des Waldes. Er hatte einen Punkt gefasst, an dem er sich wieder halten konnte, dem sich das ubrige unterordnete.

Seine Phantasie fand wieder freyen Spielraum er dachte sich in der Stube des Pachter Heil mit der weichen Fussdecke, und den blauen senkrechten Streifen an den Wanden.

Dann beschaftigten seine Gedanken sich mit dem Hrn. v.G..., den er nun personlich sollte kennen lernen, nachdem er schon lange im Briefwechsel mit ihm gestanden.

Der Herr von G...

Dieser Herr v.G.. war ein Greiss von achtzig Jahren, der Hartknopfs Vater gekannt hatte, und den Sohn zum Prediger berief.

Er hatte schon lange seine Gattin und Kinder uberlebt so dass alle seine Gedanken den irrdischen Sorgen entruckt waren, und sich nun mit etwas jenseit beschaftigten, dass sie nicht fassen konnten.

Nichts konnte sich wohl mehr entgegengesetzt scheinen, als die Meinungen Hartknopfs und des Herrn v.G...

Der Herr v.G.. war fur das Leichte, Auf lodernde, Himmelanstrebende.

Hartknopf fur das Schwere, sich niedersenkende, in sich selbst ruhende.

Der Herr v.G... liebte die Pyramidalform.

Hartknopf den Kubus.

Und doch trafen beide immer in gewissen Punkten zusammen.

Dann war es, als ob sie sich uber einem Abgrunde die Hande reichten.

Der Hr. v.G.. hatte von seiner Jugend an mystische Schriften gelesen, und seine ganze Denkart hatte dadurch eine gleichsam zugespitzte Richtung bekommen, sie eilte immer zu fruh dem Ende zu, ehe sie noch die Fulle gefasst hatte. Das Fassende erhielt dadurch eine gewisse Einengung, worin Baume, Pflanzen und Thiere nicht Platz finden konnten.

Das Korperliche blieb ausgeschlossen das Geistige schwebte oben.

Zwischem dem, was zusammen gehort, und sich nach einander sehnt, war eine Kluft befestiget, die der Hr. v.G.. nicht sahe, weil er selber in dieser Kluft stand.

Hartknopf zog einen Brief des Hrn. v.G.. aus der Tasche, den er ihm nach Erfurt geschrieben hatte, und las ihn noch in dem Fichtenwalde durch, da er sich, an einen Stamm gelehnt, ein paar Minuten ausruhte.

Er wollte die gewohnten Zuge seiner Hand erst wieder vor seinen Augen erneuern, eh' er den Mann personlich sahe.

Die Buchstabenschrift des Hrn. v.G... flammete, wie sein Geist in die Hohe wodurch aber der Nachtheil entstand, dass die untere Zeile oft in die obere eingrif, und die Zuge sich untereinander verwirrten.

Hartknopfs Buchstaben standen mehr senkrecht in dichtgeschlossener Reihe aneinander so dass auch die Worter sich fast zu nahe aneinander drangten, und oft eine ganze Zeile wie ein einziges Wort aussahe.

Der Brief des Hrn. v.G.. an Hartknopf lautete also:

"Da mein bisheriger Prediger in Ribbeckenau am 8ten dieses gestorben ist, so lasse ich an meinen lieben Andreas Hartknopf in Erfurt, folgende Anfrage ergehen: ob derselbe noch gewilligt ist, diese von mir ihm zugedachte, nunmehro erledigte Pfarrstelle, zu ubernehmen? Da ich hieran nicht zweifeln kann, so sehe ich mit Verlangen dem Augenblicke entgegen, wo unsre Worte und Gedanken sich unmittelbar einander begegnen konnen dem, ich weiss doch, dass mein Andreas auch seine noch nie gesehenen Freunde liebt. Ich mochte ihm noch die Hand geben, ehe ich scheide; denn ich stehe am Rande und harre auf meine Auflosung der aber, den ich hier zurucklasse, wird durch harte Prufungen vollendet werden. Ich lade ihn ein zu der Schule des Kreuzes; denn er soll nachfolgen seinem Herrn und Meister. "

Die Kinderlehre.

Wahrend dass Hartknopf durch seinen Fichtenwald auf Nesselrode zuwanderte, war der Kuster Ehrenpreiss schon wieder uber das Torfmoor nach Ribbeckenau zuruckgekehrt, um dort den Nachmittagsgottesdienst zu halten. Als nun die Kinder des Dorfs um dem Altar versammlet standen, faltete er seine Hande und betete: "Erhalt uns o Herr die reine Lehre. Alle Irrglaubigen aber, welche dein Wort verdrehen, mache zu Schanden um deiner Liebe Willen!"

Nun war die erste Frage:

Ehrenpreiss. Als Lucifer oder der Teufel, von Gott abfiel; wer stiess ihn da vom Himmel hinunter? Die Rinder. Gott! Ehrenpreiss. Wie kam er also vom Himmel herunter? Ein Bauerknabe. Plotzlich! Ehrenpreiss. Aber wie oft soll ich euch noch sagen: ihr musst auf das Vorhergehende merken! Ihr begreifts nicht! wann ich euch frage: wie kam er vom Himmel herunter? so heisst ja die Antwort nach dem Vorhergehenden: Gott stiess ihn herunter? merkt doch auf die Worte! es heisst ja: Gott stiess ihn herunter!

Wie kam er also vom Himmel?

Die Kinder. Gott stiess ihn herunter.

Ehrenpreiss. Was ist durch den Teufel in die Welt gekommen?

Die Kinder. Die Sunde.

Ehrenpreiss. Durch wen sind wir von Sunden erlosst?

Die Kinder. Durch Christum!

Ehrenpreiss. Wen sandte Christus seinen Jungern, da er gen Himmel fuhr?

Die Kinder. Den Troster!

Ehrenpreiss. Als aber der heilige Geist bey der Taufe Christi in Gestalt einer Taube vom Himmel herab kam, wer sandte, ihn da vom Himmel?

Die Kinder. Gott?

Ehrenpreiss. Wie kam also der heilige Geist vom Himmel herunter? (Hier horchte Ehrenpreiss sorgfaltig auf die Antwort.)

Einige Kinder. Gott stiess ihn herunter.

Ehrenpreiss. Nein Kinder (fiel er als war' es abgeredet ein) Menschen stiessen ihn herunter, die den dreieinigen Gott nicht erkennen, und des Herrn Wort verdrehen, welche Sunde nicht vergeben werden soll, weder in dieser noch in jener Welt!

Gehet hin in Frieden!

Hartknopfs Besuch bey dem Hrn. von G...

Die Sonne neigte sich zum Untergange, als Hartknopf aus dem Fichtenwalde trat.

Das Dorf Nesselrode lag gerade vor ihm in einer fruchtbaren Ebene, und in einiger Entfernung zur Rechten das herrschaftliche Schloss, dessen Fenster im Glanze der Abendsonne schimmerten.

Der Pfad zum Schlosse des Hrn. von G.. fuhrte vor Nesselrode vorbei uber ein schones Aehrenfeld. Der Fahrweg aber gieng durch das Dorf, und war mit einer Allee von Weidenbaumen bepflanzt.

Da wo nun der Fahrweg und der Fussweg dem Schlossthore gegenuber zusammentraten, stand Hartknopf noch eine Weile still, und schauete durch den Thorweg, uber den Hof, bis an die Stuffen vor der Thur welche braun angestrichen war, und gegen die ganz weiss abgeputzte Vorderseite des Hauses auffallend abstach.

Die braune Thur erofnete sich, und Hartknopf blickte beim Strahl der Abendsonne zuerst in diess Heiligthum, das einen Geist umschloss, der in seiner sterblichen Hulle weit uber die Erde emporragte, und doch in den Bezirk dieser Mauren, auf diesen einzelnen Fleck, seine bestimmte Wirksamkeit hingeheftet hatte; und gleichsam nur noch mit den Spitzen der Zehen diesen Punkt der rollenden Kugel beruhrte, die nun bald unter ihm weggewalzt, seinem spahenden Blicke in die ungemessene Ferne sich entziehen sollte.

Ein alter Diener des Herrn von G.., fuhrte Hartknopf eine Treppe hinauf, in ein grun tapezirtes Zimmer, wo der Herr von G.. vor dem Spiegel stand, und sich den Bart eingeseift hatte, um sich zu halbieren, welches er, eine Stunde vor Sonnenuntergang selbst zu thun gewohnt war.

Er eilte mit dem eingeseiften Barte auf Hartknopfen zu, dieser aber bat ihn, er mochte sich nicht stohren lassen, und setzte sich so lange auf einen Stuhl, bis der Herr von G.. sich den Bart abgenommen hatte. Dabey gab er auf seine Augen und Hande Acht, wie die Scharfe des Scheermessers das Kinn des Greisen umwandelte wahrend dass in der ruhigen Mine ein schoner Zug nach dem andern sich enthullte, und endlich um die Lippen das jugendliche bewillkommende Lacheln sich verbreitete, womit der Herr von G..., nachdem er sich halbiert hatte, seinen langgewunschten Freund an seinen Busen bruckte.

Die Empfindungen Hartknopfs und des Hrn. von G.... trafen in einem Punkte zusammen. Beyde suchten die Bewegung, welche in ihren Gemuthern herrschte, erst wieder einzuwiegen, ehe sie sich einander mittheilten.

Daher fand es der Herr von G... ganz naturlich, dass Hartknopf, ohne weiter etwas zu sagen, sich an ein Klavier setzte, das in der Stube stand, und folgende beiden Lieder sang und spielte, welche der Herr von G... in einer freilich noch etwas unpoetischen Sprache, aus dem Franzosischen ubersetzt hatte.

Hartknopf kannte diese Lieder schon, und fand sie gerade aufgeschlagen auf dem Klavier liegen; das erste war das Wiegenlied selbst, und das andre noch eine Kadenz dazu.

Das Wiegenlied.

Ein Lied des heiligen Johannes vom Kreuz, dem

Buch, Aufsteigung des Berges Karmel vorgesetzt.

Als die Aengsten mich umgaben,

Ganz entzundt in finstrer Nacht,

Ward die Lieb in mir erhaben,

Und ihr fester Bund gemacht.

O Gluck! ich ging ohne Sehen

Aus der Selbstheit ganzlich aus,

Als ich frolich sahe stehen,

Weine Ruh- und Friedenshaus.

Ich gieng durch verborgne Stege,

Sicher in der Dunkelheit,

Taumelnd, ohne Furcht im Wege,

Ungestalt und ganz verkleidt;

Ja in Finsterniss verborgen,

Schritt ich aus mir selbsten aus!

Ach! o Gluck! da ohne Sorgen,

Ich in Ruhe fand mein Haus.

Keiner konnte mich erkennen,

Noch die Seligkeit der Nacht:

Mein Herz hatte in sich brennen,

Ein verborgnes Licht und Tacht:

Doch verdeckt, und ohne Schauen;

Licht und Fuhrer heimlich bleibt:

Und in dieser Nacht und Grauen,

War ich blind, und ganz betaubt.

Diese mir verborgne Leiter

Brachten mich in Sicherheit,

Fuhreten mich immer weiter,

Bis zum Tag der Ewigkeit,

Wo Gott selbsten Licht und Sonne,

Und das Liebes-Feuer ist,

Friede, Freude, Ruh und Wonne,

Und mal, alles Leid vergisst.

Nacht, die lieblich fuhren thate:

Du bist schoner dunkle Nacht,

Als der Glanz der Morgenrothe:

Denn du hast in Eins gebracht

Braut und Brautigam vermahlet:

Dieser hat nun inniglich

Seine Braut, die er erwahlet,

Ueberformet ganz in sich.

Mein Geliebter, ohne Schmerzen,

Still und sanft regierete

Und entschlief in meinem Herzen,

Das in Liebe grunete:

Da die Cedern und die Rosen

Sich bewegten in der Lust

Sanfte that ich ihm Liebkosen

Unter diesem sussen Duft.

Morgenroth, dein sanftes Wehen,

Hat zerstreut mein ganzes Heer,

Kein Begehren konnt bestehen,

Denn der Freund vertrieb es gar,

Da mir klarer Hand er drucket

Meinen Hals, den er verletzt,

Alle Sinnen sind entzucket,

Und ich aus mir selbst gesetzt.

Nunmehr hab ich ganz vergessen,

Wo das Aug sonst hingericht,

Liebster, du hast mich besessen,

Auf dich leg ich mein Gesicht.

Ich hab alles gar verlassen,

Es verschwindt, und ist nicht mehr:

Ich mag nicht Gedanken fassen,

Sie sind bey dem Lilien-Heer.

Die Kadenz.

Als der Morgenrothe Wunder

Glanzte vor der Sternenbahn,

Fiel ein Tropflein Thau herunter

In den grossen Ocean:

Da der Tropfen nun die Weiten

Dieses Meeres sahe hier,

Dessen Unermesslichkeiten,

Wie erstaunte er dafur!

Da er sich auch wollte setzen

In Vergleichung, sagte er:

Wie gering bin ich zu schatzen

Zu vergleichen mit dem Meer!

Wahrlich, wo das Meer zu sehen,

Der so grosse Ocean,

Muss ich mir ein Nichts gestehen,

Einen Schatten, Traum und Wahn!

Als er so ein Nichts sich sahe,

Und das Meer, so weit, so gross,

War die Perlen-Muschel nahe,

Schloss ihn ein in ihren Schoss!

O wie wurd' er da verwandelt

Ja zur Perle nun gemacht,

Gross, veredelt, wohl behandelt,

Zur Vollkommenheit gebracht.

Auch der Himmel gab den Seegen

Dass der Perle hoher Preiss

Gar nichts ware gleich zu wagen

Auf dem ganzen Erden-Kreiss;

Bis der Konig sie bekame,

Setzte sie in seine Kron,

Hoch beruhmet wurd ihr Nahme.

Schauet hier der Demuth Lohn!

Doktor Martin Luthers Tischreden.

Wahrend dass Hartknopf die Lieder spielte, ward der Tisch fur vier Personen gedeckt, und die Frau St... mit ihrer Tochter traten herein.

Die Mutter mochte im funfzigsten, die Tochter im dreissigsten Jahre seyn.

Hartknopf wurde von ihnen freundlich bewillkommet, und man setzte sich zu Tische, wo das Gesprach bald heiter und froh wurde, und auf allerley weltliche Dinge fiel.

Hartknopf erzahlte von Erfurt, von den drei Brunnen und vom Steigerwalde; und von seiner Art periodisch zu studiren, die dem Herrn von G... gar grosses Vergnugen machte.

Sie kamen nun auf das Universitatsleben zu sprechen, und der Herr von G.. erzahlte von einem Duell, dass er in seiner Jugend gehabt hatte.

Nun kamen politische Gegenstande an die Reihe, worin der Herr von G.., der selbst einen betrachtlichen Gesandschaftsposten bekleidet hatte, reelle Kenntnisse besass.

Die Jungfer St.... wurzte das Gesprach mit einem leichten spottenden Witze, womit sie den wichtigen Weltangelegenheiten wieder ein komisches spielendes Ansehen zu geben, und die Ueberwichtigkeit der Dinge immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen wusste.

Die Frau St.... belebte die Einfalle ihrer Tochter durch einen launichten mutterlichen Ernst, womit sie ihr dieselben verwiess.

Die Jungfer St... fragte schalkhaft, ob Hartknopf die Bekanntschaft des Pachter Heil, eines sehr braven Mannes noch nicht gemacht habe und Hartknopf ware uber diese Frage beinahe in Verwirrung gerathen, so wunderbar uberraschte sie ihn durch den Ton und die Miene, womit die Jungfer St... diese Frage an ihn that.

Denn der Pachter Heil und seine Schwerster standen wie zwei verschlungene Buchstaben in seinem Gedachtniss, deren Zuge sich in einander verwickelten, und das Verwickelte zog die Verlegenheit nach sich.

Hartknopf half sich so gut er konnte, und die Jungfer St... erbarmte sich seiner, und fing an, mit dem Herrn von G.... uber Russland und Pohlen zu sprechen.

Die Jungfer St.... hatte bei einer blassen Gesichtsfarbe ein fast zu feuriges Auge, welches dem Auge des Hrn. von G.... oft mit einer Lebhaftigkeit begegnete, die mehr als Ehrfurcht bezeichnete, weil die Jungfer St... wirklich mehr als Ehrfurcht gegen den edlen Greis hegte, der ihrer ganzen Liebe werth war.

Sie war unter den Augen des Herrn von G.... in diesem Hause aufgewachsen, in welches ihre Mutter im sechs und zwanzigsten Jahre schon als Wittwe in Dienste getreten war, um der Verwaltung des Hauswesens, noch bei Lebzeiten der Gemahlin des Herrn von G.... welche sehr kranklich war, vorzustehen.

Der Herr von G.... besass auch selbst in seinem Greisenalter noch eine gewisse jugendliche Lebhaftigkeit, die ihn und andre oft seiner Jahre vergessen machte.

So schien diesen Abend sein Puls schneller zu schlagen, sein Blut jugendlicher in seinen Adern zu fliessen und endlich erklangen auch vom Saft der edelsten Trauben angefullt die Glaser.

Das Gesprach lenkte sich noch einmal eigensinnig auf den Pachter Heil und auf die Liebe, und Hartknopf bewafnete sich diessmal mit Doktor Martin Luthers Tischreden, die er aber in diesem Cirkel nicht nennen durfte, und sagte: indem die Jungfer St... ihr Glas mit dem seinigen anklang, folgende Losung:

Wein und Liebe, und Gesang!

Nun war schon vorher die Rede von dem treflichen Gesange der Jungfer St... gewesen, welches Lob sie bescheiden von sich abgelehnt hatte, nun aber nicht ferner konnte, da sie auf Befehl des Herrn von G.... es bestatigen muste.

Sie sang und spielte also zum Beschluss der Mahlzeit folgendes kleine Lied, welches der Hr. von G... ebenfalls aus dem Franzosischen der Madam .... in seine Art Verse ubersetzt hatte, und fast zu gern es immer wieder horte:

Zu glauben, dass man grade geht,

Blind seyn, und sich verirren;

So geht ein Narr voll Gravitat,

Die Bucher ihn verwirren,

Und in seiner Gelehrsamkeit

Ist er blind, thoricht jederzeit.

Hartknopf fieng schon an, uber diess Lied ein wenig verdriesslich zu werden denn er konnte die Mystick wohl leiden, bis auf den Punkt hin, wo sie das menschliche Wissen ausschliesst, und fur Thorheit achtet. Hartknopf hatte sehr viel Achtung fur alles menschliche Wissen, es mochte sich aufwarts oder abwarts erstrecken; am liebsten war es ihm aber, wann es von der Ceder bis zum Ysop reichte und weil diess so selten in diesem Leben der Fall ist, so mochte er gerne fremdes Wissen dem seinigen ansetzen, um sich allmahlig eine Leiter zu bauen, auf der er ein wenig uber die Erdflache emporsteigen, und um sich her schauen konnte.

Wer ihm da nun eine Stuffe unter den Fussen wegbrach, den musste er wie einen hamischen Feind betrachten, der ihm ein unschuldiges Vergnugen misgonnte, und beinahe so betrachtete er den Herrn von G... in dem Augenblick, da die Jungfer St... auf dessen Befehl das obige Lied sang.

Er lenkte, da es vorbei war, das Gesprach sobald wie moglich, auf Kenntnisse und Wissenschaften, und gestand ein, dass er sie zur Leiter brauche, weil er nicht fliegen konne; und derjenige, welcher fliegen konnte, doch immer sehr unrecht thate, wenn er dem, welcher es nicht konnte, noch dazu die Leiter wegrukken wollte.

Das wollte nun der Herr von G... wahrlich nicht, sondern es war eine ganz andre Ursach, weswegen er das Lied gerne horte, die aber Hartknopf nicht wusste; den es daher auch gar nicht gereuete, dass er den Herrn von G... durch seine harten und spitzigen Worte tief beleidigt hatte; denn ihm war es nur um die Sache zu thun, und er sahe nur die Kluft vor sich, welche zwischen ihm, und dem Herrn von G.... lag, aus dessen Hand er in dem Augenblick die seinige zog.

Der Herr von S... dachte sich nehmlich bei dem Namen voll Gravitat in dem Liede, unter andern den verstorbenen Pfarrer in Ribbeckenau; welcher wirklich Gelehrsamkeit besass, und dem Herrn von G...., der sich anfanglich mit ihm eingelassen hatte, in seinem Leben manches Herzeleid verursachte.

In der Freude seines Herzens, da er nun seinen theuren Hartknopf mit dessen Vorganger verglich, liess er die Jungfer St.... das Lied singen, und dachte nicht daran, dass es auf Hartknopf eine so widrige Wirkung, thun konnte.

Freilich hatte der Herr von G... einen Widerwillen gegen den Stand der Prediger uberhaupt, und trauete ihnen nicht viel zu, wie folgende Stelle in einem seiner Briefe beweisst, welcher mir zu Handen gekommen ist:

"Wie Herr Pastor Dannemann steht, so stehen die meisten Pastores, die wirklich Gott furchten, aber bei ihren Lehrbegriffen stehen bleiben. Sie verstehen nicht, was mystische Schriften sind, indem sie keine Erfahrung davon haben. Es ist auch nicht gut, sich mit solchen, wenn sie nicht was tiefes erkennen, noch haben, allzubekannt zu machen, weil man leicht mit einem Heuchler konnte bekannt werden, der sich gut zu seyn stellen konnte, und alsdann konnte ein solcher einem leichtlich Verfolgung und allerlei Leiden erwecken."

Nun kamen aber noch mehrere Dinge zusammen, welche die Vorliebe des Herrn von G... zu dem obigen Liede, wo nicht entschuldigen, doch erklaren.

Es war nehmlich gerade damals eine Schrift wider die Schwarmerey erschienen, welche viel Aufsehens machte, deren Verfasser mit einer Selbstgenugsamkeit ohne Weichen, und mit einer bittern Unduldsamkeit alles in eins warf, was ihm freilich eins zu seyn schien; welcher so wenig Sinn hatte, das Zarte von dem Groben zu unterscheiden, dass dies Buch freylich den Hrn. von G... emporen musste, statt ihn aufmerksam zu machen.

Folgende Stelle schien ihm besonders hart, und er konnte sie nie ohne Unwillen lesen:

"Wer es auch sey, der euch von einem innern Worte, von hohern Offenbarungen spricht hutet euch vor ihm, wie vor der Pest die im Finstern schleicht er ist ein bubischer Gleissner, oder ein intoleranter Dummkopf und in dem einen Fall so gefahrlich wie in dem andern."

Nun war der Herr von G... weder ein Gleissner noch ein Dumkopf, und sprach doch auch von einem inneren Worte, und von etwas, das er fur hohere Offenbarungen hielt die Stelle in dem Buche wurde ihm aber doch nicht so hart aufgefallen seyn, wenn der ganze Geist des Buches wider die Schwarmerey ihn nicht schon gedruckt hatte.

Denn es war ihm immer unerklarbar, dass es irgend jemanden moglich gewesen sey, so zu schreiben seine Zartheit des Denkens konnte jene Grobheit nicht ubertragen, sondern erlag darunter.

Nun hatte er aber bey aller Ertodtung der Eigenheit hoch immer noch so viel Selbstgefuhl, dass er wohl wusste, eine Denkkraft, welche die Sachen fein zu nehmen vermag, sey mehr als eine solche, die diess nicht vermag.

Diess hob ihn selbst wieder in seinen Gedanken empor und nahrte den kleinen mystischen Uebermuth, der ihm zuweilen anwandelte.

Der Narr voll Gravitat stand dann vor ihm, der in seine Worte ein Gewicht legen wollte, dass seine Gedanken nicht hatten.

Diess war die sonderbarste Mischung von Ueberlegenheit und Schwache, die man sich denken kann und eben daraus entstand das Disharmonische jenes unmerklichen Uebermuthes bei dem Herrn von G... welchen Hartknopf nicht ertragen, und seinen Spott daruber nicht zuruckhalten konnte.

Als ihm aber der Herr von G... die oben angefuhrte Stelle in dem Buche zeigte, welches broschurt auf dem Klavier lag; so wurde die Miene des Spottenden allmalig wieder sanft und gut.

Ja, sagte Hartknopf, mir fallt immer jener lahme Schulmeister ein, der in seiner Schulstube sass, die Ruthe und den Stock ans Fenster gesteckt, und dazwischen durchsahe, wie die Jungens im Dorfs schwarmten.

Ach, wie sie schwarmen! seufzte er wenn ich sie wieder habe, wie will ich sie zuchtigen.

Der Herr von G... lachelte und sagte: die schwarmende Biene saugt den Honig! Wohl! erwiederte Hartknopf, aber sie wohnet und bauet den Honig in ihrem Korbe! Hiemit wunschte man sich einander gute Nacht. Die Frau St... wiess Hartknopfen sein Lager an und ihre Tochter begleitete den Herrn von G...

Elias.

Die Zuge dieses Namens schienen noch nicht ganz verweht zu seyn, als Hartknopf am folgenden Tage, bei seiner Ruckkehr von dem Herrn von G..., wieder auf denselben Fleck, in dem Fichtenwalde kam, wo er mit seinem Stabe Figuren in den Staub schrieb.

Eine susse Ahndung kam in Hartknopfs Seele es war ihm noch aufbewahrt, unter dem Hochgerichte von Gellenhausen, den alten Rektor Emeritus wieder zu sehen, denn dieser war sein Lehrer und Meister sein Ellas

Es war der einzige Freund seiner Jugend, an dessen Hand er zuerst den Felsen erstieg, an Abgrunden wandelte, dem Wasserfalle horchte, dem kommenden Sturme entgegen gieng, und in der einsamen Hutte sich vor dem Regen barg.

Wenn schwarze Gewitterwolken hinter der Stadt sich aufthurmten, wie ein Berg, und die Sonne mit ihrem Glanze dicht auf dieser Dunkelheit ruhte so eilten Hartknopf und sein Lehrer mit ein paar Schritten durch den Garten hinaus ins Freie, und standen, wie das erste Menschenpaar, auf dem einsamen Erdkreise, vor der machtigen Erscheinung, im dammernden Lichte da.

Dann war wie ein Traum in des Knaben Seele seine Kindheit, sein Beginnen, sein Wandeln an seines Fuhrers Hand. Es dauchte ihm Tauschung, und war doch wirklich. Die susse Tauschung wahrte, so lange das Licht die Nacht umsaumte war aber die Sonne hinter dem Wolkenberge ganz versunken, so war auf einmal alles wieder so gewohnlich: auf dem Thurme schlug der Seiger man eilte durch den Garten in die Stube da waren die weissen Wande das Dintenfass und der Bucherschrank man setzte sich an den Tisch, und lernte Sprachen.

Wenn aber Himmel und Erde mit Macht in des Knaben Seele sich spiegelten, und die zarte aufschiessende Knospe auseinander drangten, so hieng sein schmachtendes Auge am Auge seines Lehrers, das ihn allein verstand.

Wenn dann im Glanze des Vollmondes die kleine Stadt mit dem spitzen Thurm vor ihnen lag, und Berg' und Thaler rund umher, und das Entfernteste wie ein Gewolke sich am Horizonte gelagert hatte; so sass Elias auf dem abgehauenen Stamme der Elche, und der wunderbare Knabe stand vor ihm, und horchte auf die gottlichen Lehren, die wie Honigthau von den Lippen trauften, und von des Knaben Seele aufgefasst, wie ein Kleinod in das Innerste seines Busens verschlossen wurden.

In der nachtlichen Stille erhub Elias seine Stimme und sprach:

"Die unendliche Erde, die dich tragt verschmaht den Kuss deines Fusses nicht, denn deine Scheitel ist ihre Krone."

Hier legte er seine Hand auf des Knaben Haupt, und liess sie an seinen Locken hinuntergleiten.

"Dein leisester Fusstritt bebt in ihre innersten Tiefen."

"Sie lockt den steigenden Vogel, und den befiederten Pfeil mit sanftem Zuge an ihre Brust zuruck.

Aus ihr stromt Lebenskraft in deine Adern, wenn du aufrecht stehst, und wenn du wandelst.

Sieh diesen Baum und jene wallenden Saaten.

Sie gab deinem Korper die Biegsamkeit des Halmes, vereint mit der Starke des Baumstammes und deine Fingerspitzen pflucken Blumen, die ihrem Schooss entspriessen.

Dein Blick schauet himmelwarts sie aber heftet ihn wieder auf das Kraut und auf das Steinchen zu deinen Fussen.

Sie ist die Allesernahrende, Grosse, Geheimnissvolle.

Wer sich an sie schmiegt, der sitzt im Rath der Gotter.

Sie hat mit dir geredet, und grusst dich mit dem Kusse meines Mundes!"

Der Umweg.

Er fuhlte sich angezogen und zuruckgestossen, als er den Thurm von Ribbeckenauchen wieder vor sich sah.

Die Strasse gieng durch das Dorf, ein Fussweg gieng vorbei sollte er die gerade Strasse oder den krummen Fussweg gehen?

Er gieng die gerade Strasse nicht; denn sein Innerstes war mit sich selbst im Streit.

Hier war es, wo seine Lebensbahn aus dem Gleise wich auf diesem Fusswege um das Dorf bildete sich im Kleinen ab, was Jahre hindurch ihn qualen wurde.

Fur ihn war die breite Heerstrasse, welche vom Aufgange bis zum Niedergange die Lander durchschneidet, die von den Menschen nach ihren Zungen und Sprachen benannt sind.

Der Fussweg um das Dorf aber vollendete und verlohr sich in sich selber und Hartknopf fuhlte durch diese sanfte Krummung sich unwillkuhrlich angezogen, von der andern Seite in das Dorf wieder zuruckzukehren.

Die susse Tauschung erhielt in seiner Seele die Oberhand das hausliche stille Leben stellte sich ihm mit seinen reizendsten Farben dar das wirthbare Stubchen mit dem runden Tischgen der grune Kirchplatz, dem Fenster gegenuber, und die spielenden Knaben des Dorfs.

Auf dem krummen Fusswege, der sich durch die grunen Saaten schlangelte, mahlte seine Phantasie, das in sich selbst vollendete ruhige Leben aus, das kein hoher Ziel als sich selber kennt, und seinen schonen Kreislauf mit jedem kommenden Tage wiederholt.

So wie hier der Weg in die Krummung sich verlohr verlohr sich seine Aussicht in das Leben im sussen Traum vom Erwachen zu frohen Tagen, vom Genuss des Lebens und der Gesundheit bei dem harmonischen Wechsel der Jahreszeiten.

Das Vermiedene stellte sich ihm nun so reihend dar, eben weil er es geflissentlich vermeiden wollte da rachte es sich an seiner Phantasie mit den Farben des Morgenroths, worin alle seine Gedanken und Bilder sich kleideten.

Ob es gleich die schwule Zukunftschwangere Mittagsstunde war, in welcher er gut dem einsamen Pfade um das Dorf gieng.

Dieser hohe Mittag lud ihn in den wirthbaren Schatten ein, wo sanfte Kuhlung herrschte, wo schon die Blicke ihn willkommen hiessen, die ihn gestern so freundlich wiederzukommen baten.

Alles war so stille auf dem Felde und im Dorfe nur die summende Fliege weckte das Ohr zu horchen, und leise Wunsche stahlen sich in die Seele des Einsamen, der mit schnellern Schritten vorwarts gieng, je naher er sich am Ziele sah.

Am Ziele, das im Widerschein der Phantasie sich dicht vor seine Augen hingezaubert hatte, und bald, da er es fest zu umfassen glaubte, in die ungemessene Ferne plotzlich wieder zuruckwich.

Aber auch dieser Wirbel vermochte den Strom nicht in seinem Laufe zu hemmen, welcher Damme durchbrach, und sich sein Bett durch Felsen wuhlte.

Die willkommene Thur des Pachter Heil erofnete sich, und nahm den Wanderer ein.

Sophie Erdmuth sass in einer Ecke, und nahte, als Hartknopf in die Stube trat sein erster Blick fiel auf sie ihn bewillkommend stand sie auf, und erwiederte durch einen sanften Handedruck seinen Blick voll ernster Liebe.

Er ass bei dem Pachter Heil das Mittagsmahl, und als er uber das Torfmoor nach Ribbeckenau wieder zu Hause kehrte, ertonte ihm unterwegens folgende Sinfonie.

Die Sinfonie.

Am Abend kehren die Schritter heim vom Felde, und schleppen ihre Sensen nach.

Dem Hungrigen ist das Mahl, dem Muden die Lagerstatt bereitet.

Sie grussen das Dach der gewohnten Hutte, und das kleine Fenster in der leimernen Wand.

Sie lagern sich ehe die Dammerung kommt, und schlummern bis die Lerche erwacht.

Dann hebt das neue Tagewerk an und immer wachst die Muhe je hoher die Sonne steigt.

Und wenn der Schweiss von der Stirne traust, so labt ein erquickender Trunk den Gaumen.

Bis die Stunde des Mittagsmahls mit schwerem Schritt heranruckt.

Nun lagern die Muden sich in den Schatten, verzehren hastig ihr Mahl, und eilen schnell wieder an ihr Werk, denn ein Gewitter steigt herauf.

Die Donnerschwangere Wolke lahmt den Arm, die Hande werden lass.

Aber siehe! von Abend her erhebt sich ein kuhler Wind, die Wolken zertheilen sich das drohende Gewitter zieht voruber.

Nun ist der Schweiss getrocknet die Sensen heben sich in schnellerm Takt, die Aehren fallen dichter das Feld ist leer.

Nun, denkt der Arbeiter bei sich selber, eilt der Abend naher ich werde bald auf dem Lager liegen. Es dauert nicht lange mehr.

Und wahrend er noch so denkt, ist es schon Feierabend.

Langsam geht er zu Hause ihm ist das Bette einladender als der Tisch.

Eilend nimmt er das Mahl zu sich, um sich zu der morgenden Arbeit zu starken, und Zeit zum Schlaf zu gewinnen.

Kaum hat er sich niedergelegt, so ist Gedanke und Bewusstseyn ihm entflohen, bis die Liebe zur Arbeit ihn mit der Morgendammerung wieder weckt.

Der Prediger schlummert noch ein Weilchen, aber nicht lange mehr er grusst die Morgenrocke in der Laube in seinem Garten hinter der Pfarrwohnung.

Er durchwandert die schmalen Pfade zwischen den angepflanzten Beeten, und sieht was keimt, und was im Mutterschooss der Erde noch verschlossen bleibt.

Dann eilt er auf die Wiese durch das Gartenthurchen, und saugt aus Blumen und Krautern den Honig seiner Rede.

Hier lernt er betrachten und unterscheiden, was in der einfachsten Bildung mannichfaltige ist, und lernt das Mannichfaltige wieder vereinfachen, wie den Strauss von Bluthen.

Hier ordnen sich seine Predigten an die horchende Menge, und an den einsamen Traurenden.

Er spahet den wunderbaren Bildungen in ihren ersten Keimen nach, und ahndet leise, wo er nicht fiel zu denken wagt.

Die einsame Stunde mit dem Schleier umhullt, verfliegt ihm schnell, und macht der geselligen im Rosenfarbenen Gewande Platz.

Sie kommt im holden Reihentanz mit ihren Schwestern und ladet den frohen Einsamen in ihre Umarmungen ein.

Die Pfarrwohnung ist doch bequem, obgleich die Stuben schiefwinklicht sind. Auch in schiefwinklichten Stuben wohnt die stille Freude und susses Lebensgluck.

Da steht in einer Ecke der braune Bucherschrank, und in der andern der pyramidalische Aufsatz zum weissen hellklingenden Porzellain.

Das alles ist so glanzend und so schon die Griffe an den neugemachten Thuren sind polirt die Kuche ist hell und gross die Fenster des Studierzimmers sind nach dem Garten zu und grune Vorhange schutzen gegen den brennenden Sonnenstrahl.

Und wohnt die Lieb' in Hutten des Landmanns, so wohnt sie doch viel bequemer in der zierlichen Pfarrwohnung, die wie ein Pallast uber die Hutten emporragt, und wo der Rauch vom Heerde nicht aus der Thur zieht, sondern durch den Schornstein in die Luft empor steigt. Hier tonen oft in stillen Stunden die Saiten des Klaviers und sind ein sanfter Wiederhall vom schonen Lebenswohllaut. So fliehen die Tage hin, und kehren niemals wieder? Dieselben nie denn das Zufallige verschwindet, aber das Wesen der Dinge erneuert sich in ewiger Jugend.

Hartknopf lernt den Grobschmidt Kersting

kennen.

Der kam links von einem benachbarten Flecken auf einem schmalen Wege uber das Torfmoor hergewandert, als die Sonne sich schon zum Untergange neigte da gesellte er sich zu dem Prediger Hartknopf, dessen erste Predigt in Ribbeckenau er in einem dunkeln Winkel in der Kirche mit lauschendem Ohre vernommen hatte.

Denn er mochte sich der Gemeinde nicht zeigen, weil er eine zu seltene Erscheinung in dieser Kirche war, deren Schwelle bey Lebzeiten des vorigen Pfarrers sein Fuss niemals wieder betrat, nachdem er sich einmal an Gestalt und Gebehrde des Redenden geargert hatte.

Bei dem ersten Abendgruss aber fand Hartknopf seinen Mann an diesem geraden und unbiegsamen Wanderer durch das Leben, der mit festem Tritt den Boden zeichnete, der ihn trug, mit freiem Auge in die Weite um sich her blickte, und mit wohlwollenden Anstande Hartknopfen seine Rechte bot.

Dieser Grobschmidt Kersting war ein stiller Einwohner in Hartknopfs Pfarrdorfe allein er war wegen seiner Geschicklichkeit in Pferdekuren in der ganzen umliegenden Gegend beruhmt.

Dass er aber auch Menschenkuren durch die Zaubermittel einer wohlabgewogenen, aus dem Innersten des Herzens stromenden Beredsamkeit verrichtete, darum ruhmte ihn niemand, denn niemand wusste es, der gebessert von ihm gieng, durch wessen Rath er gebessert sey, weil Kersting den Menschenarzt unter dem Pferdearzt und Grobschmidt so fein zu verstecken wusste, dass ihn unter dieser groben Hulle niemand ahndete.

Ich lernte diesen merkwurdigen Mann, welchen ich, da ich Hartknopfen besuchte, in Ribbeckenau nicht vorfand, erst viele Jahre nachher, auf einer Reise von Hannover nach Braunschweig, auf dem Postwagen kennen, nachdem er schon lange in einer ganz andern Lage gewesen war, und doch noch immer Vergnugen daran fand, unter dem Titel eines Grobschmidts seinen Rang und Werth unter den Menschen vor neugierigen Augen zu verdecken.

Denn, so wie viele die Sucht haben, mehr zu scheinen als sie sind; so hatte er den Fehler weniger scheinen zu wollen als er war.

O wie fuhlte ich damals mein Herz erweitert, als ich diesen simplen Mann, der sich beim Ausfahren am Stadtthore als Grobschmidt angegeben hatte, auf dem Postwagen hinter mir sitzend, mit seinem zehnjahrigen Sohne Worte der Weisheit, eine seltne Sprache reden horte, die nur hier und da aus einem Munde noch wiederhallt, damit sie im Gedachtniss der Menschen nicht ganz verlosche.

Seine Worte hoben allmalig die Scheidewand weg, die durch Alter, Sitten, Stand und Sprache Menschen von Menschen sondert.

Die Menschen fanden sich und kannten sich wieder vom Aufgange bis zum Niedergange und wunderten sich, so lange sich verkannt zu haben.

Der hohe Gedanke der immerwahrenden sich stets verjungenden Menschheit durchbebte die Seele.

Wir hatten die Walle und Thurme von Braunschweig schon im Angesicht wir alle waren einige Minuten still der Knabe schmiegte sich geruhrt an seinen Vater und ein armer pohlnischer Jude, der mitfuhr, hub in hebraischer Sprache den Psalm an herzusagen.

"Wenn die Hulfe aus Zion kommen wird, dann werden wir seyn wie die Traumenden."

"Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Ruhmens seyn."

"Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Grosses an ihnen gethan;"

"Der Herr hat Grosses an uns gethan; des sind wir frolich."

"Herr, wende unser Gefangniss, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest."

"Die mit Thranen saen, werden mit Freuden erndten."

"Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Saamen, und kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben."

Der Jude dachte nicht daran, ob ihn jemand verstand, oder nicht, da er den Psalm hersagte, und alles war aufmerksam und still im sympathetischen Mitgefuhl der Menschheit, die sich sehnet, dem Druck entnommen zu seyn, der auf ihr liegt, und in ihrer angestammten Grusse wieder zu schimmern.

Der Grobschmidt Kersting stieg vor dem Thor vom Wagen ab, und liess uns in einem angenehmen Staunen zuruck uber den wunderbaren Mann, den wir in unsrer Mitte gehabt hatten.

Nie werde ich seine Gestalt und die Wurde und Wahrheit in seinem Blick vergessen, womit er die Gemuther beherrschte denn damahls ruhte auch Hartknopfs Geist auf ihm, mit dem er nun bei Sonnenuntergange auf Ribbeckenau zuwanderte, und zum erstenmal die sussen Worte der Erkennung vom Anbeginn verwandter Seelen mit ihm wechselte.

Diese Erkennungsworte losen sich immer wieder in einen einzigen hohen Begrif auf, der heisst:

Humanitas.

Der Kuster Ehrenpreiss und die Bauern.

Als sie nahe am Dorfs waren, begegnete ihnen der Kuster Ehrenpreiss mit einigen Bauern, und murmelte fur sich die Worte:

par nobile fratrum!

Die Bauern fragten ihn, was das hiesse, und er sagte: ein paar saubere Bruder! Die werden schone Dinge anrichten!

Der eine hat bei seiner ersten Predigt schon das Signal gegeben, und der andere stand in einem Winkel in der Kirche und horchte, was der neue Prophet sagen wurde.

Die Bauern schuttelten bedenklich die Kopfe uber den neuen Propheten, der mit dem Atheisten und Goldmacher Kersting in das Dorf zuruckkehrte.

Und als sie nun gar sahen, dass Hartknopf den Kersting in sein Haus begleitete, und dieser dann die Thure hinter sich zuschloss, so machten sie das Zeichen des Kreuzes, und giengen mit gen Himmel emporgehobenen Augen auseinander.

Das Abendmahl.

"Brannte nicht unser Herz in uns, da er auf dem Wege

mit uns redete?"

Kersting. Beliebt noch eine Halfte von der Taube.

Hartknopf. Ich habe genug von der Taube.

Kersting. Sie ist nicht holzern.

Hartknopf. Ich mag nicht an die holzerne erinnert seyn.

Kersting. Nein, es ware auch Schade darum, das schone Bild so zu entstellen. Mir ist die Taube im hohen Liede das zarteste Sinnbild der Liebe, ohne welche das Leben leer ist.

Hartknopf. Warum noch einmal auf denselben Punkt.

Kersting. Weil ich ins Herz treffen will. Wir haben nur von der himmlischen Weisheit gesprochen, die muss sich nothwendig in einem sterblichen Leibe zu den Sterblichen herabsenken, und heisst alsdann: Sophia Erdmuth.

Hartknopf schwieg, und Kersting schenkte zwei Pokale voll Wein, die wurden schweigend ausgeleert.

Und nun stimmten die allgemeinen Begriffe sich allmalig zur Individualitat herab.

Man traumte sich ein susses Lebensgluck, das den Sterblichen so nahe lage, wenn sie es nur ergreifen wollten.

Die Gedanken verkehren sich in Scenen von hausslicher Gluckseligkeit, von ruhigem Beyeinanderseyn, und vergessen der weiten Welt umher.

Ein treuer Handschlag versiegelte das Freundschaftsbundniss. Hartknopfs Entschluss ward tief in seinem Busen fest, und als ein verlobter Brautigam verliess er noch diesen Abend die Schwelle seines Gastfreundes.

Mein Besuch bei Hartknopf in Ribbeckenau.

Ich fand ihn im Garten, wie er Bohnenstangen setzte, und er bewillkommnete mich unter den Bohnenstangen.

Er war nun der vollige Hauswirth geworden, denn er hatte auch Bienenkorbe, die er mir zeigte.

Ich brachte ihm wieder Rettigsaamen mit, denn der, den ich schickte, hatte auf seinen Feldern noch nicht gedeihen wollen.

In seinem Antlitz glanzte eine heitere Freude und dann zuweilen wieder ein tiefes Nachdenken.

Er hatte mir schon geschrieben, dass er verlobt sey. Ich wunschte ihm Gluck dazu, und er dankte mir bloss mit einem Handedruck.

Nun war auf den nachsten Sonntag gerade eine grosse Feyerlichkeit in Ribbeckenau, bei welcher ich mit zugegen war.

Die Kirche in Ribbeckenau hatte nehmlich hundert Jahre gestanden, und feierte nun ihr erstes Jubelfest, und Hartknopf hatte schon allerley Veranstaltungen getroffen, um diese Feierlichkeit recht glanzend zu machen.

Ribbeckenau schien wirklich seine Welt geworden zu seyn er hatte einen Zauberkreiss um sich her gezogen, der das, was er umschloss, in seinen Gedanken zu einem Elysium umschuf.

Das Jubelfest.

Der festliche Tag war nun da; man lautete die Glokken die benachbarten Dorfschaften hatten sich versammlet die Menge der Zuhorer fand in der Kirche nicht Platz.

Der Grobschmidt Kersting war bei diesem Jubelfeste verreisst.

Musik und Rede sollten nun vereint auf die Zuhorer wirken.

Vokal- und Instrumentalmusik war beisammen, denn aus dem nachsten Stadchen waren die Chorschuler zu diesem Fest geladen, und der adjungirte Kantor aus eben diesem Stadtchen dirigirte die Musik.

Die Musik sollte sich mit einem vollstimmigen Hallelujah schliessen, und Hartknopfs Rede mit einem Hallelujah in die Musik einfallen.

Welcher Genius ihn auf diesen sonderbaren spielenden Einfall brachte, ist mir noch jetzt ein Rathsel.

Wie nun ein Ungluck selten allein kommt, so war die alte Emporkirche, auf der die kleine Orgel stand, lange nicht so gedruckt und erschuttert worden, als jetzt durch die Bewegungen der Sanger und Saitenspieler, und vorzuglich durch den Fusstritt des adjungjrten Kantors, welcher den Takt trat.

Nun stand aber oben auf der Orgel, gerade der Kanzel gegen uber, mit losen Fussen, wie schwebend, ein grosser vergoldeter Engel. Dieser fieng zuerst allmahlig an zu nicken, so wie der Kantor mit dem Fuss auftrat und nachdem er verschiedenemale vorwarts genickt hatte, sturzte er auf einmal mit gewaltigem Sturze mitten unter die Sanger, die ihm Platz machten, und unbeschadigt aber erstaunt und erschrocken um ihn her standen.

Der machtige Fusstritt des Kantors machte, dass die Musik noch wieder in Takt kam.

Hartknopf trat auf die Kanzel, und das bedeutende Hallelujah, womit das Chor sich schliessen, und die Predigt sich anfangen sollte, walzte sich nun erst durch eine Anzahl Fugen hindurch wo der Alt, nach einer Pause immer einfiel, mit Ha! Ha! so dass die letzte Silbe von Hallelujah, und dieses Ha! zusammen trafen, um den abgebrochenen Freudenschrei desto vollkommner nachzubilden; in welchen denn Hartknopfs Hallelujah von der Kanzel einfallen sollte.

Nun hatte der herabgesturzte Engel zwar einige Unordnung erregt aber alles gieng doch noch gut, bis auf den Altisten, neben welchen er dicht niedergesturzt war, und der sich noch nicht von seinem Schreck erhohlet, und in der Angst unrecht pausirt hatte, so dass er nun auf einmal, da die ganze Musik vorbei war, mit seinem Ha! Ha! aus vollem Halse nachkam, und dieses nachgebliebene Ha! Ha! mit Hartknopfs feierlichem Hallelujah von der Kanzel gerade zusammen traf, welches den lacherlichsten Kontrast machte, den man sich denken kann.

Die Jubelpredigt.

Schade um sie! dass durch ein feindseliges Geschick ihr Eindruck gehemmt, ihre erschutternde Kraft gelahmt wurde!

Und doch auch nicht Schade um sie! denn sie wird eben so wie Hartknopfs Antrittspredigt ihren innern Werth behalten, wenn gleich die Herzen und Sinnen der Bauern in Ribbeckenau da, durch nicht geruhrt wurden.

Hartknopfs Predigten sind geschrieben, und sind ein heiliges Buch, worin fur kommende Zeiten Trost und Starkung liegt.

Aber die Bauern in Ribbeckenau blickten nur nach den leeren Stellen an der Kanzel, und auf dem Orgelgesimse.

Und ich selbst konnte mich des Lachelns kaum erwehren, wenn ich an das verungluckte Hallelujah dachte.

Alle diese Zufalligkeiten sind aber nun abgefallen, und Hartknopfs Worte glanzen wieder in ihrer ursprunglichen Reinheit und Klarheit.

"Die Zeiten rollen fort und kehren wieder es ist nichts neues unter der Sonne."

"Steh still, o Wanderer, auf dem Pfade und blicke noch einmal zuruck, bis dahin wo des Himmels Wolbung auf der Nacht des Waldes ruht."

"Du tratest aus dem Dunkel in das Freie, und was du sahst schien dir nicht unbekannt."

"Dein Ohr vernahm die langstgewohnten Tone wieder und du warest schnell der Sprache dieses Landes kundig."

"Du fugtest dich in Sitten und Gebrauche, als brachtest du sie selber mit heruber."

"Du sprachst von dem, was vor Jahrhunderten geschahe, wie von den Angelegenheiten deines Hauses."

"Du wusstest dich so schnell in das verwickelte Labyrinth, in das du kamst, zu finden, als war' es deiner eigenen Hande Werk."

"Dir lachelte mit dem Strahlenhaupte, verjungt aus Morgenwolken dein alter Freund entgegen."

"Den hiess dein Auge mit seinem ersten Blicke willkommen und sieht sich nimmer satt."

"Und nimmer hort dein Ohr sich satt denn keine Zunge erschopft, was in dem Innersten deines Busens in tiefe Nacht sich hullt."

Das Hallelujah.

Musste nothwendig missglucken, weil es zu einer gesuchten, veranstalteten Scene bestimmt war, die, wenn sie gegluckt ware, einen unausloschlichen Misslaut in Hartknopfs Leben gebracht hatte.

Nur seine eingeengte Kraft konnte eine solche Krummung in sich selber machen, die possirlich werden musste, sobald die veranstaltete Scene misslang.

Aber die verborgene Federkraft in seinem Busen dehnte sich mit Macht, und zersprengte die Posse wieder.

Dies gekunstelte und gesuchte Hallelujah bestrafte sich selbst, und wurde durch das Ha! Ha! des Altisten von der Orgel in seiner Geburt ersticket.

Dies Ha! Ha! und der herabgesturzte Engel warfen uber die ganze Feierlichkeit eine komische Larve, und was von dem Feierlichen nicht acht war, das verwehte, wie Spreu vom Winde.

Warum sind die Anekdotenbucher so voll von komischen Predigergeschichten? Warum hat man nichts lieber als Erzahlungen von Unschicklichkeiten und Lacherlichkeiten des Pfarrers auf der Kanzel?

Kommt es nicht daher, weil man einen gewissen angenommenen feierlichen Ernst schon voraussetzt, mit dem das geringste Komische weit mehr, als im gemeinen Leben absticht?

Und wurde diess wohl der Fall seyn, wenn die Predigten sich mehr der vertraulichen Unterredung, so wie bei den ersten Christen, nahmen? wenn der Predigtstuhl wenig erhaben ware und der Prediger weniger stolz auf die Gemeinde zu seinen Fussen herabsahe?

Bei der gewohnlichen Unterredung fallen die Besonderheiten der Menschen nie so sehr auf, als wenn sie offentlich auftreten und mit einer gewissen angenommenen Feierlichkeit reden; dann wird erst jede Kleinigkeit bemerkt, die vorher unbemerkt blieb, und der Lacher und Spotter findet reichen Stof.

Das gesuchte Feierliche war sonst so ganz und gar Hartknopfs Sache nicht, dass er diessmal gleichsam aus seinem Wesen hinweggedrangt schien, da er von der Kanzel in das Hallelujah von der Orgel einfiel.

Aber er verkannte sich auch selbst in diesem Augenblicke er glaubte, er sey zum Prediger in Ribbekkenau gebohren, und brach daruber in ein falsches Hallelujah aus, dass sich augenblicklich selbst an seinem Urheber rachte.

Sophia Erdmuth.

Ihre jungfrauliche Seele bildete sich unter dem Einfluss eines sanften Gestirns.

Sie wuchs unter den Blumen, und mit den Baumen in ihres Vaters Gatten auf.

Sie schlug vor dem blendenden Glanze der Himmelswolbung bescheiden ihre Augen nieder, und buckte sich herab zu dem Veilchen, das mit gesenktem Haupte auf der Wiese stand.

Die liebende Natur mit Morgenroth und Wies' und Wald war selbst die Freundin und Gespielin ihrer Jugend.

Dem vaterlichen Hause entwachsen fuhrte ihr Bruder sie in seine stille Wohnung, wo sie mit ihm funf goldene Jahre lebte.

Als Hartknopf uber die Schwelle trat, veranderte sich der Lebensplan.

Es war an einem schongewahlten Fruhlingstage in der stillen Laube im Garten, als Hartknopf, welcher schon ihr Herz besass, um ihre Hand anhielt, die der Pachter Heil mit Bruderliebe in die seinige legte, und sagte: sie ist dein!

Schreiben des Herrn von G... an Hartknopf.

"Ich wunsche Sr. Wohlehrwurden, meinem lieben Andreas zu seiner Verbindung von Herzen Gluck, in dem Verstande nehmlich, worin er und ich das Gluck zu nehmen gewohnt sind nicht als ob wir es schon ergriffen hatten, oder ergreifen konnten, sondern als diejenigen, die da harren, bis ihre Auflosung kommt. Bis dahin muss ja Leid und Freude ubertragen, und eins ins andere gerechnet werden, weil man sonst auch bei den glucklichsten Evenements nicht auskommt."

"Die Jungfer Sophie Erdmuth ist, so weit ich sie kenne, ein sehr sanftes und gutes Frauenzimmer, welche richtig urtheilt. Sie wird einen Mann sehr glucklich machen, der von nun an in seinem Gleise fortwandelt, und sich weder zur Rechten noch zur Linken umsieht. Da nun die Kreuzesschule, wozu ich meinen lieben Hartknopf eingeladen, durch diese Verbindung ein Paradiess fur ihn zu werden scheint, so wunsche ich denn, dass diess Paradiess bald moge durch ihn bevolkert, und ich zum Zeugen des Erstgebohrnen mit gerufen werden, so lange ich von den Begebenheiten auf dieser Erde noch ein Zeuge seyn kann. Es ist sehr wahr, was er schreibt, dass die Sonne noch nicht aufgegangen sey, unter der wir leben und wirken konnen, dass wir und kommende Geschlechter noch in Zelten im Dunkel des Waldes ubernachten, und harren mussen bis die Morgenrothe anbricht und so kann ich es ihm auch wahrlich nicht verargen, dass er sich sein Zelt aufschlagt, und in der kalten Morgenlust nicht unter freiem Himmel liegen will."

"Damit er nun aber auch das Zelt mit Quasten und Franschen verzieren konne, bitte ich, Inliegendes als einen kleinen Beitrag zu seiner ersten Einrichtung anzunehmen. Und so wollen wir denn in Geduld den Tag des Aufbruchs aus dem Lager erwarten, und uns bis dahin einrichten so gut wir konnen, aber ja die Stabe nicht zu fest einschlagen, sondern die Erde umher locker lassen, damit wir nicht langsam erfunden werden, wenn es gilt, schnell zu seyn. Der innere Friede sey mit uns!"

Die Trauung.

Diese verrichtete der alte Superintendent Tanatos.

Sein Uraltervater hiess Tod, und nannte sich Tanatos, als er in Erfurt Magister wurde.

Der alte Superintendent Tanatos verrichtete die Trauung selber, weil er seinen Substituten die Gebuhren nicht gonnte.

Er wusste nicht, dass dieser Trauungsakt sein letzter war.

Der weite Priesterrock hieng uber der hagern Gestalt die Augen lagen tief im Kopf.

Die Knie wankten das Haupt bebte die Zahne schlotterten im Munde.

Mit beiden Handen fasste er das hundertiahrige Formular, das eiserne Klammern hatte, und las die Fluche des alten Testaments dem neuen Ehepaare vor: Zu dem Manne sagte er:

"Verflucht sey der Acker um deinetwillen. Dorn und Disteln soll er dir tragen und im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brodt essen, bis dass du wieder zur Erden werdest, von der du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zur Erden werden."

Und zum Weibe sprach er:

"Mit Schmerzen sollst du Kinder gebuhren, und dein Wille soll deinem Manne unterthan seyn, und er soll dein Herr seyn."

Es kam an die Worte: "bis der bittere Tod euch scheidet!"

In sich gekehrt und ernst stand das Brautpaar da.

Die letzte entscheidende Frage wurde mit einem leisen Ja! beantwortet die Ringe wurden gewechselt das Band war geknupft, und die furchtbare Ceremonie endigte sich mit der Gratulation des alten Superintendenten Tanatos, dessen Gesicht sich zu einem Lacheln verzog, womit er dem Brautpaare Gluck wunschte, und Hartknopfen und Sophien die knocherne Hand reichte.

Das Hochzeitkarmen.

Wurde von dem Kandidat Hund, einem Anverwandten des Pachter Heil, der kurzlich die Universitat verlassen hatte, uberreicht, und hub an, wie folget:

Wehklagen, und bang Seufzen vom Graunthale des

Abgrunds her

Sturmheulen, und Strombrullen, und Felskrachen

das laut niedersturzt

Und Wuthschreien, und Rachausrufen erscholl

dumpf auf!

Als Adam im Gesicht sah' was geschehen einst, im

Gericht wird!

Goldpallast, und bemoosst Dach

Sturzen ein

Aber Liebe wird im Schatten

Stiller Nachte sicher seyn

Unaufhorliches Begatten

Hullet sich in Dunkel ein

Bleibt dem Forscher unerklarbar

Macht den Weltbau unzerstorbar,

Lachelt aus des Lagers Ruh

Heulender Verwustung zu. u.s.w.

Dieser Kandidat Hund glaubte sein Gedicht durch

die Stellen zu verzieren, die er aus Klopstocks Messiade gestohlen hatte.

Er war ein sonderbarer Mensch, in dessen Kopfe viel und mancherley durch einander lief.

Er hatte auf dem Wege von Ribbeckenauchen bis Ribbeckenau das Torfmoor mit Blumen bestreuet, die er sich von einem Bauer in einem grossen Korbe nachtragen liess.

Der Tanz der Liebesgotter.

Sie gaukelten uber der Pfarrwohnung in Ribbeckenau im Schimmer der Abendrothe.

Die Bauren von Ribbeckenau rieben sich die Augen, da sie den Schimmer sahen, und wurden dadurch geblendet denn die Fenster der Pfarrwohnung warfen einen hellen Glanz von sich

Sie war in einen Feenpallast verwandelt, in welchem die Konigin der Liebe thronte.

Sie hatte sich auf einer Abendwolke herabgesenkt, und theilte nickend mit den sanften Augenbraunen ihre Befehle aus.

Dann huben die Liebesgotter in mannichfaltigen verschlungenen Bewegungen den geheimnissvollen Tanz in der Abenddammerung an, und schlossen ihn nicht eher, als bis die Morgendammerung sich am Himmel zeigte.

Sterblichen Ohren unvernehmbar ertonte die ganze Nacht hindurch die Luft von sussen Lauten, welche den Tanz beseelten.

Die funkelnden Sterne leuchteten dazu, und die Stille der Nacht feierte die wonnevolle Scene.

Dreimal naherte sich der Schlafgebieter mit den Schlummerkornern, aber Pfeil und Bogen der Tanzenden verscheuchten ihn.

Der Grobschmidt Kersting besucht das neue

Ehepaar.

Ich war den Tag vorher abgereisst, als Kersting von einer kleinen Reise wieder zuruckkam, und seinen ersten Besuch bei dem neuen Ehepaare machte.

Er war weder ein Zuhorer von der Jubelpredigt, die ich mit angehort hatte, noch Zeuge bei der Trauung gewesen, sondern war wahrend der Zeit mit Pferdekuren in der benachbarten Gegend beschaftigt.

Als er nun in die Pfarrstube trat, so fand er die Neuvermahlten am Fenster stehend, und ihm den Rukken zukehrend. Auf einmal trat er zwischen sie, und sie fuhren unwillkuhrlich, mit einem kleinen Schreck auseinander; er aber fugte sie wieder zusammen, legte schweigend ihre Hande ineinander, und eine Thrane stand in seinem Auge.

Nun dachte Hartknopf an den ersten Abend, wo sie von der himmlischen Weisheit sprachen, und sein Entschluss zuerst in seiner Seele fest wurde.

Sophie aber schlug die Augen nieder, wie damals, als sie in dem dunkeln Kirchstuhle sass, und Hartknopfs Blicke zuerst den ihrigen begegneten.

Und was war es, dass eine Thrane in Kerstings Auge stand, als er die Hande der Liebenden ineinander legte?

Er hatte Sophien lange gekannt so wie sie ihn er kannte ihren ganzen Werth und wusste seinem angebeteten Freunde kein hoheres Opfer als diess zu bringen.

Wie ein kostliches Kleinod druckte Hartknopf seinen Freund an seinen Busen und Sophie schlug die Augen auf, und freuete sich tief im Herzen, dass zwei edle Manner vor ihr standen, die als Freunde sich umarmten.

Alles, was nun noch gesprochen ward, war gegen die stumme Scene unbedeutend.

Im Entzucken schwimmen.

Ist es nicht Ausgehen aus sich selbst? Urbergehen in ein Etwas, das wir nicht sind? Ruhen in einer sanften Umgebung, mit der wir eins sind?

Hebt das Entzucken nicht da erst an, wo das Gefuhl der eingeschrankten Ichheit mit allen seinen Qualen aufhort, und ein hoheres edleres Leben seinen Anfang nimmt?

Hat die Sprache selbst einen hohern Nahmen fur das Entzucken, als den, welcher auf diess susse Ausgehen aus uns selber deutet: wo wir die Sorgen die uns druckten, ausziehen, wie ein Kleid, und in erneuerter Jugend hervortreten, die sich selber nicht fasst, und ihre Gotterkraft nicht kennt?

Aber die Stunde der Auflosung ist noch nicht da.

Die Schildkrote zieht sich in ihr felsenfestes Haus zuruck der Igel in sein Stachelnnest.

Der schwule Tag.

Zwei Tage waren im sussen Taumel leicht und frolich dahin geflohen, der dritte war schwul und schwer.

Schwarze Gewitterwolken lagerten sich am Horizonte, und eins druckende Hitze lahmte die Glieder.

Sophie war in diesen Stunden ganz glucklich in ihrer Stube und an ihrem Tischchen, Hartknopfen aber ward die Stube zu enge, und er gieng allein aus.

Nicht unzartlich sein scheidender Blick voll Liebe versenkte Sophien in eine susse Ruhe, worinn die Momente ihr unbemerkt voruberflohen sie hatte nun keine Wunsche mehr, und fuhlte doch keine Leere, der schone Umkreis ihres Daseyns war nun ausgefullt.

Ihr droheten die Gewitterwolken nicht, und ihre Brust athmete sanft unter der druckenden Luft.

Als Hartknopf nun aus dem Hause trat, begegneten ihm ein paar hamische Bauern, die sich gerade uber seine Jubelpredigt, und den herabgesturzten Engel mit einander unterhielten.

Sie grussten ihn, und sprachen dann wieder leise und hohnlachelnd zusammen.

Hartknopf eilte, dass er aus dem Dorfe kam, da begegnete ihm beym Ausgehen aus dem Dorfe der Kuster Ehrenpreiss, der ihm aus einer Art von hohnendem Respekte immer eine tiefe Verbeugung machte, die Hartknopfen argern sollte.

Hartknopf argerte sich zwar daruber nicht, aber es war ihm doch fatal, dass er mit diesen Menschen nun leben musste.

Er gieng uber einen schmalen Damm nach dem Krainberge zu, der schwarz und ode vor ihm da lag.

Auf der braunen Flache der Heide ruhte die Nacht des umwolkten Himmels.

Hin und wieder stand einsam ein gekrummter Baum, welcher dem durren Boden muhselig entwachsen war.

Und zwischen dem oden Heidekraut, stieg Hartknopf den sandigten Pfad hinauf.

Als er nun oben war, und in das Thal auf das Torfmoor hinunterblickte, so sahe er die beiden spitzen Thurme von Ribbeckenau und Ribbeckenauchen in furchterlicher Nahe vor sich nebeneinander stehen.

In diesem Bezirke lag nun sein Leben, seine Reisen, sein Wirkungskreiss hier endigte sich seine Laufbahn, und war wie auf einer Landcharte ihm vorgezeichnet.

Immer naher zog das Dunkel, immer schwuler wurde die Luft, und immer gepresster sein Athemzug.

Der alte Superintendent Tanatos reichte ihm wieder die knocherne Hand das Hochzeitkarmen mit der bangen Wehklage tonte wieder in sein Ohr.

Der dunkelumwolkte Himmel ruhte wie eine schwarze Decke uber der Erde, und die kleine Thurmspitze von Ribbeckenau schien sich in dem niedrigen Gewolke zu verlieren.

Einsam trauerten ein Paar durre Baumstamme auf der Heide. Das niederbuckende Alter hatte sie beschlichen.

Mit schnellen Schritten wandelte Hartknopf die Anhohe wieder herab denn der Tag hatte sich geneiget; und so wie er hinunterstieg, zog sich immer enger und enger sein Horizont um ihn zusammen.

Wie ein Traum waren vierzig Jahre verschwunden, und er gieng auf eben diesem Flecke gebuckt am Stabe und immer noch wanderte ihm zur Seite der Kuster Ehrenpreiss mit ihm uber das Torfmoor, dann schloss sich die Laufbahn auf immer.

Alles lief nun in einem furchterlichen Punkte, in einer traurigen Spitze aus.

Unaufhaltsam lief der Sand im Stundenglase, und das Ziel war da, nichts war dazwischen als die einformige Wiederkehr dessen, was schon da war. Schrecklich erofnete sich der Abgrund dicht vor den Fussen des Wanderers.

Das enge Grab war nun da die Erde scholl dumpf auf den Sarg keine Aussicht, kein Gedanke an die Zukunft mehr.

Alles verbauet, verschlossen, und gehemmt zwischen oden Mauren, die des Tages Glanz verdeckten.

So wie nun Hartknopf uber den kleinen Dorfkirchhof zu Hause kehrte, erleuchtete ein Blitz, strahl die goldene Schrift an den Kreutzen auf den Grabhugeln sie flammte einen Augenblick, und verlosch wieder in schwarze Nacht.

Die Kirchhofsmauer lief so enge zu, die Grabhugel waren so dicht aneinander gedrangt.

Auf einmahl sahe sich Hartknopf vor der Thure seines Hauses, sein liebend Weib empfing ihn mit ausgestreckten Armen, und er erwachte wie aus einem schweren Traume.

Die Schmiede.

War dem Pfarrhause schrag gegenuber, mit einem grunen Platze, der mit Baumen beschattet war, wo zwischen den Blattern die Funken flogen.

Hartknopf konnte aus seiner Studierstube das Getose der Hammer auf dem Ambos horen, und dann schlug sein Herz starker, unwillkuhrich machte er das Buch zu, und konnte nicht auf der einsamen Stube bleiben.

Die Jahre seiner fruhsten Jugend traten in ihrer Kraft und Bluthe vor seine Seele.

Um seine Schultern schlotterte die Lowenhaut und auf die schwere Keule stutzte sich sein Arm.

Die Welt lag vor ihm offen vom Aufgange bis zum Niedergange. Er bahnte zwischen Ungeheuern durch Wusten sich seinen Weg, bis aus den dunklen Zweigen, die goldne Frucht ihm entgegen blinckte, und er sie dem seufzenden Stamme mit kuhner Hand entriss.

Heimlich stahl er sich aus dem Hause fort, und eilte hinter die Baume, welche die Schmiede versteckten; dann lehnte er sich uber die halbe Thur am Eingange, und blickte sehnsuchtsvoll Nach dem gluhenden Ofen hinuber, wahrend dass die Funken um seine Locken spielten.

Unter den wiederholten Schlagen ebnete sich der Huf, das starre Eisen spitzte sich.

Das Unformliche bekam Gestalt und Form.

Nun konnte er nicht langer widerstehen es dauerte nicht lange, so stand er in der Mitte der Arbeitenden, fuhrte den Hammer wie sie, und die obere Thur ward angelehnt, damit der Kuster Ehrenpreiss nicht etwa vorubergehen, und seine Blicke dies Heiligthum entweihen mochten.

Hier brachte Hartknopf auch in dem bittersten Leiden noch manche susse Stunde an der Seite seines Freundes zu, und stahlte seine Brust zur Ertragung alles Ungemachs und aller Widerwartigkeiten des Lebens.

Wenn er denn aber wieder zu Hause musste, so wusch er sich sorgfaltig die Hande, damit sein liebendes Weib die Spuren der ungewohnten Arbeit nicht entdecken mochte.

Hartknopfs Klage.

Vom Mittag kommen Heuschrecken

Wie eine dustre Wolke,

Sie senken sich und fliegen wieder auf

Das Feld ist leer

Die mit Muhe den Acker pflugten,

Und die Saat ausstreuten,

Gehen der Erndte verlustig

Sie arbeiteten im Schweiss ihres Angesichts

Um Ungeheuer zu futtern,

Die den Fleiss der Muhevollen

Als eine susse Beute verschlingen.

Von wannen kommt der Trost den Edlen,

Die durch Schmach betrubt sind,

Weil sie einsam stehen,

Und in fernen Zonen

Weit umher zerstreut sind

Sie sehnen sich im Stillen,

Und wunschen sich zu kennen,

Und mochten sich zu einem Chor vereinen,

Und einer sich im andern wieder finden

Sie haben sich verlohren

Und suchen sich vergebens

Sie trauren in den Waldern

Und mischen ihre Seufzer

In Philomelens Klage.

Was rauschen uber Berge uber Meere

Mir fur Stimmen, was fur Tone mir entgegen,

Die die Lust mit leisen Flugeln

An mein Ohr hinubertragt?

So viel Sprachen, so viel Zungen,

Die harmonisch sich begegnen,

Und nach einem Ziele streben.

Wo sie alle sich vereinen,

Gedanken mit Gedanken

In sussen Lauten wechselnd

Ach, auf dem seeumspulten Felsen!

Mocht' ich gern die Hand dir reichen

Der du hulflos, einzeln stehst

Aber die Parze hat ihn zerschnitten.

Den Faden, der mich an dich knupfte

Zerrissen ist der Menschen Leben

Von ihres Daseyns Anbeginn

Sie mussen sich vergeblich sehnen,

So lange der Tag am Himmel wellt

Und wenn die Sonne untergeht,

So haben sie noch nicht gefunden,

Was sie bei Tagesanbruch suchten.

Dies ahndet schon dee Kinderseele

Die dunkel in die Zukunft schaut,

Wenn bei des Lichtes erstem Gruss

Das neugebohrne Auge weint.

Hartknopf steckt den Kuster Ehrenpreiss in einen

Graben.

Denn dieser machte es ihm auf dem Wege, wenn sie uber das Torfmoor nach dem Filial giengen, gar zu arg.

Er fieng an von den Wolken zu sprechen, um auf die Glaubenslehren zu kommen, woruber er mit Hartknopfen disputiren wollte.

Bleib' er bei seiner Nadel! sagte Hartknopf, denn Ehrenpreiss war seines Handwerks ein Schneider, und rede er nicht dumme und thorichte Worte!

Nun mochte aber Hartknopf seine Ohren verstopfen, so horte doch sein Begleiter nicht auf, den ganzen langen Weg ihm noch langer, und jeden sauren Schritt ihm noch saurer zu machen.

Eines Sonntags waren sie nun auch ohngefahr die Halfte des Weges gegangen, als Ehrenpreiss, da ihm Hartknopf noch kein einziges Wortchen geantwortet hatte, anfieng witzig zu werden, und allerlei Anspielungen auf die Taube, auf den Engel, auf das Hallelujah, u.s.w. machte

Dies horte Hartknopf eine Weile an, bis sie mitten im Torfmoore vor einem schlammigten Graben vorbeikamen. Da fasste er, ohne ein Wort zu sagen, den Kuster Ehrenpreiss, ehe dieser sechs versahe, beim Halskragen, und steckte ihn, so wie er war, bis an den Hals in den Graben woraus er ihn nicht eher wieder erlosste, bis er ein unverbruchliches Stillschweigen auf dem Wegt angelobt hatte.

Und nun sieng Hartknopf an zu reden und sprach die ganze ubrige Halfte des Weges dem Kuster Ehrenpreiss mit machtiger Stimme in die Seele, dieser aber gieng triefend neben ihm her, und erkuhnte sich nicht einen Laut von sich zu geben, so lange sie noch neben dem Graben giengen. Als sie aber im Dorfe ankamen, machte er ein gross Geschrei, und drohte Hartknopfen zu verklagen, der selbst den Gesang in der Kirche anstimmen musste, weil Ehrenpreiss ganz mit Schlamm bedeckt, vor keinem Menschen erscheinen konnte.

Auszug aus einem Briefe, den Hartknopf an

mich schrieb.

Dieser Brief schilderte mir Hartknopfs Zustand, wie er in Stunden des frohen Muths zu seyn sich vornahm, nicht wie er wirklich war, er verschwieg mir den innern Kampf seiner Seele um sein Beispiel lehrreicher fur mich zu machen.

Jahre nachher deckte er mir den Schleier auf, und liess mich in die schreckliche Dunkelheit seines damaligen Zustandes blicken, den er mir in seinem Briefe mit diesen sanften Worten uberkleidete:

"Ich schiffe nun, mein Lieber, den Lebensstrom hinunter alles athmet Ruhe und Stille um mich her."

"Ohne Gerausch und Sorgen eilen die Stunden hin. Kaum bin ich ausgelaufen, und finde mich am Ziele"

"Unsere Hutten sind gebauet, wir haben unsere Wallfahrt vollendet."

"Der Seiger unsrer Dorfuhr tont am Morgen, und am Mittage, und am Abend den stillen Frieden in unsre Seelen, und macht uns vertraut mit unsern Wohnungen."

"Wir gehen friedlich unsern Weg, und dulden, und tragen uns einander mit Sanftmuth, weil wir vereint zum Grabe wallen."

"Der Rettigsaamen gedeiht auf unsern Feldern, mein Garten steht in voller Bluthe, und die Gefahrtin meiner stillen Tage ist hoch schwanger."

"So ist denn alles, wie es seyn kann, und muss, u.s.w."

Freundschaft und Zartlichkeit.

Das Pfand der Liebe war nun da Hartknopfen war ein Sohn gebohren, und das feste Band der Ehe war noch unaufloslicher zugezogen.

Der Herr von G.... ubersandte ein reiches Angebinde, weil er Schwachheit halber als Taufzeuge nicht zugegen seyn konnte.

Kersting aber feierte mit Hartknopfen diesen Tag in hohem Freundschaftsgenuss; er druckte ihm oft bedeutend die Hand und Hartknopf sah in ihm eine feste Stutze bei allen Widerwartigkeiten des Lebens, einen sichern Gewahrsmann und Burgen fur seine Ruhe.

Zartere Bande knupften ihn nun an Weib und Kind, aber starkere an seinen Freund, an den er sich im Sturm und Ungewitter hielt.

Die Freundschaft nimmt die Zartlichkeit in ihren Busen auf, und schutzt sie gegen die rauhen Sturme, und gegen den kalten Hauch der Luft.

Die Freundschaft verbirgt die Zartlichkeit in den ernsten Stunden, wo sie unerbittlich und strenge die Mine des Hasses annimmt.

Sie ist hoher als die Zartlichkeit, daurender als die Liebe, stark wie die Tugend, und machtig wie der Verstand.

Der geheimste Kummer.

ist derjenige, welchen Liebende sich selber gern verschwiegen, gern vor sich selbst verbergen mochten: dass sie dem geliebten Gegenstande das nicht zu seyn vermogen, was sie ihm zu seyn doch sehnlich wunschen.

Dass immer qualenvoller ihr Zustand wird, jemehr sie sich zwingen wollen, noch immer das zu seyn, was sie nicht mehr sind.

Wenn die regen Gefuhle in ihrem zartesten Vereinigungspunkte mit einander uneins werden.

Das hochste Opfer.

Giebt es noch wohl ein hoheres, als wenn die Liebe sich selber dahin giebt, um ihrem Gegenstande, den sie umfasst, die Freiheit zu schenken, wornach die Seele im innern Kampfe mit sich selber schmachtet?

Wenn der aufstrebende Geist durch zarte in sein Wesen verwebte Bande sich gefesselt fuhlt, welche zu zerreissen seiner Empfindung selbst den Tod droht.

Wenn denn die mitleidsvolle Liebe selber die Bande losst, um den Entfesselten frei und froh zu wissen; so hebt sie durch diess Opfer sich uber sich selbst empor sie dehnt sich gleich dem milden Aether aus, und wird durch leise Wunsche der Schutzgeist des Irrenden auf seinen Pfaden.

Die Trennung.

Sie ist das erste grosse Gesetz der Natur.

In ihr liegt der Keim zu allen Bildungen.

Sie ist die Mutter der Schmerzen und die Gebahrerin der Wonne.

Sie erneuert unaufhorlich die Gestalten und erhalt das Ganze in ewiger Jugend.

Da, wo die Schere den Faden zerschneidet, beginnet ein hoherer Anfang.

Das Grab der Liebe ist die Wiege der Weisheit, welche hoher ist denn alle Vernunft, und welche eben deswegen sehr viel Vernunft voraussetzt, auf die sie sich stutzen kann.

Diese Weissheit findet einen Punkt, wo der Schmerz der Trennung aufhort, das bittere Scheiden suss, und jede Versagung leicht wird.

Wo alle Entbehrungen aufhoren, und die Fulle des Daseyns eintritt.

Eine Lucke in Hartknopfs Geschichte1.

Mit der Scharfe des Schwerdts war der Knoten nun durchgehauen. Der Scheidebrief war da, und Sophie Erdmuth kusste ihn mit tausend Thranen, und versiegelte mit diesem Kuss ihr grosses Opfer.

Den Scheidebrief begleitete ein Schreiben an Hartknopf, worin ihm die gebetene Entlassung von seinem Amte ertheilt wurde.

Der Pachter Heil fuhrte seine Schwester mit ihrem Knaben wieder in sein Haus und Kersting begleitete sie.

Der Kuster Ehrenpreiss hatte Hartknopfen beim Konsistorium angeklagt, und die Bauren aufgehetzt, dass sie ebenfalls gegen ihn eingekommen waren nun schrieb er sich triumphirend Hartknopfs Schicksal zu.

Fussnoten

1 Diese Lucke wird sich aus Hartknopfs vertrautestem Briefwechsel erganzen.

Tauschung und Wurklichkeit.

Wenn die Wasserwage Das Unebne gleich macht, So ist es still in der Seele des Weisen Es ist nicht die Stille des Grabes, Sondern der hohen Mittagsstunde, Wenn die Arbeiter im Felde ruhn, Kein Luftchen sich bewegt, Und nur die summende Fliege Dem Ohre vernehmbar wird. Der Mude ruht im Schatten der Eiche, Und goldne Traume umgaukeln seine Stirn. Wie nachtliche Nebel rollen die Sorgen hin Die Sonne der Freuden glanzt Es hupfen goldne Wellen Auf sanftbewegter Fluth Und grune Busche spiegeln Sich in dem klaren See Der Traumer spricht: hier lasst uns Hutten baun! Sein Genius steht lachelnd neben ihm Und zieht den Vorhang mit Gebusch und klarem See

hinweg

Nun ist die steile Felsenhohe wieder da, Die schon so oft dem Aengstlichtraumenden

erschien.

Soll ich denn diese steile Hoh' erklimmen? Soll ich des Lebens Weg denn stets Auf ungebahnten Steigen wandeln? Mit Muth erfullt des Traumers Busen Der Knab' im glanzenden Gewand Dem Schlummrer wird die Seele grosser Das Blut in seinen Adern, Eilt schneller und der Fels sinkt ein Ein leichter Sprung bringt ihn ins Weite Des Wandrers Schritt ist ungehemmt Und unbegrenzt sein Blick.

Der Abschied.

Dank euch, ihr grossmuthigen Seelen, dass ihr den Scheidenden sanft und gut entliesset. Ihr hattet ihn eine kleine Weile gefangen gehalten, und liesset ihn wieder in sein grosses Element entschlupfen. Am fruhen Morgen brach Hartknopf auf. Sophie Erdmuth, an Kerstings Arm gelehnt, und der Pachter Heil begleiteten ihn vor das Dorf hinaus. Er hatte Muth in ihre Seelen gesprochen, aber sie sahen ihm mit weinenden Augen nach. Und Hartknopf nahm seinen Stab, und wanderte nach Osten zu. Der Kuster Ehrenpreiss aber stand hinter einem Busch, und sagte triumphirend: den Hartknopf habe ich moralisch todt geschlagen!

Karl Philipp Moritz

Asthetische Schriften

Uber den Begriff des in sich selbst Vollendeten

Erstdruck in: Berlinische Monatsschrift, 1785,

3. Stuck.

Das Edelste in der Natur

Erstdruck in: Denkwurdigkeiten, aufgezeichnet

zur Beforderung des Edlen und Schonen (Ber

lin), 1786.

Das menschliche Elend

Erstdruck in: Denkwurdigkeiten (Berlin), 1786.

Uber die bildende Nachahmung des Schonen

Erstdruck: Braunschweig 1788.

Die Signatur des Schonen

Erstdruck unter dem Titel "Inwiefern Kunst

werke beschrieben werden konnen" in: Mo

natsschrift der Akademie der Kunste und me

chanischen Wissenschaften zu Berlin, 1788/89.