1788_Naubert_078 Topic 1

Benedikte Naubert

Herrmann von Unna

Eine Geschichte aus den Zeiten der

Vehmgerichte

Erster Theil

Erstes Kapitel

Ein Gesprach am Hochzeittage.

"Am Montage nach Allerheiligen, als Kaiser Wenzel Sophien, Herzog Johannes von Bayern Tochter heimfuhrte," so fangt die Urschrift an, welche wir uns bey dieser Geschichte zum Leidfaden erwahlt haben, und wir werden keine bessere Probe von der Treue, mit welcher wir unserm Original zu folgen gesonnen sind, ablegen konnen, als wenn wir uns diesen Anfang gefallen lassen, und dich, lieber Leser, ohne weitern Umschweif mitten in das Gewuhl larmender Freude einfuhren, welches bei Kaiser Wenzels Hochzeitfeste herrschte, obgleich ein solcher Anfang dir von der Folge dieser Blatter vielleicht einen ganz falschen Begriff beybringen konnte. Wirst du wohl in einer Geschichte ernste Scenen erwarten, welche mit der Beschreibung eines Fests beginnt, von dem man weiter nichts zu sagen braucht, als dass es ganz von dem Charakter desjenigen zeigte, der es anstellte, des Hochzeiters, Kaiser Wenzels?

Nach der Gewohnheit der damaligen Zeit waren schon drey Tage in allen moglichen Arten des Wohllebens verstrichen, und der vierte, der eigentliche Tag der ehelichen Vertrauung war angebrochen, an welchem es gemeiniglich etwas sittsamer zuzugehen pflegte als an den vorhergehenden. Daher kam es, dass der erhabene Hochzeiter nicht allein seine schone Braut aus Priesters Hand mit nuchternem unbenebelten Verstande einfing, sondern auch noch am Abend, da der Tanz bereits in den weiten Salen des Schlosses zu Prag begann, nur erst so viele Pokale geleert hatte, als bey ihm hinlanglich waren, jenen Grad von Frohlichkeit und Vergessenheit der Sorgen zu erkunsteln, die dem guten Herrn bey seiner bedenklichen Lage so nothig war.

Nie hatte ihm, auch selbst in seinen jungen Jahren nicht, seine granzenlose Liebe zur Bequemlichkeit erlaubt, einen Reiz an dem Vergnugen des Tanzes zu finden; er uberliess dasselbe auch diesesmal der adelichen und unadelichen Jugend, die sein wunderlicher Sinn bey diesem Feste durcheinander gemischt hatte, und spielte mit dem Herzog von Ratibor in einer Ecke des Saals, ein Bretspiel, welches wahrscheinlich mit dem tiefsinnigen Schach nicht die entfernteste Aehnlichkeit hatte, ein Zeitvertreib, der, wir mussen es selbst bekennen, seiner Hoheit und seinen Jahren angemessener war, als das uppige Tanzen.

In einer andern Ecke des Saals sass, eben so abgeneigt an der rauschenden Freude Theil zu nehmen als der phlegmatische Kaiser, die Braut, ein holdes Geschopf in der ersten Bluthe des Lebens, in der Einsamkeit eines Klosters erzogen, das sie gern verliess, um Kaiserin zu werden, und eben so gern wieder bezogen, es auf Lebenszeit zu ihren Aufenthalt gewahlt hatte, nachdem sie denjenigen nur ein einigesmal gesehen hatte, der ihr die Krone aufsetzen wollte.

Kaiser Wenzel, ein Furst, dem in den Jahren der besten mannlichen Bluthe, er war noch nicht vierzig, Schwelgerey und Indolenz schon die Zuge des herannahenden Alters eindruckten, er, auf dessen Wangen, in dessen Augen nicht die liebliche Rothe, das edle Feuer der Jugend, sondern nur jene Rothe, jenes Feuer gluhte, welches den Trunkenbold bezeichnet, Kaiser Wenzel, dessen Seele so arm an grossen Eigenschaften als seine Person an Reizen war, er, den man ohne die Zeichen seiner Hoheit unter den niedrigsten des Volks verloren haben wurde, welch ein Gemahl fur Sophien!

Es ist unbekannt, ob das Herz der unglucklichen Braut, je fur einen andern dasjenige gefuhlt hatte, was man ihr an diesem Tage vor dem Altar gebot fur Wenzeln zu fuhlen, aber so viel ist gewiss, dass sie in der Versammlung, in welcher sie die Hauptperson vorstellte, fast nicht einen, als etwa Wenzels Busenfreund, den alten Hanussus von Ratibor, erblicken konnte, welcher nicht mit Vortheil gegen den Brautigam hatte vertauscht werden konnen, den ihr das Schicksal zugetheilt hatte. Was fur eine Betrachtung fur eine junge Braut mit einem zarten gefuhlvollen Herzen! fur sie, die mit diesem Herzen Tugend und Frommigkeit genug verband, um jeden Gedanken von dieser Art, der etwa in ihr aufstieg, strafbar zu finden, und zu den Leiden, die sie ohnedem qualten, auch noch selbst Vorwurfe zu fugen!

Sophie war indessen so glucklich in dem Herzoge von Bayern dasjenige zu finden, was wenige Tochter an ihren Vatern haben, einen Freund, einen Vertrauten ihrer geheimsten Gedanken; ihm zu Liebe hatte sie einen Schritt gethan, den sie so gern wieder zuruck genommen hatte, wenn sie nicht gewusst hatte, dass es zum Gluck dieses geliebten Vaters gehorte, sie Kaiserinn zu sehen. Sie ward Wenzels Verlobte, war nun seine Gemahlinn, und musste es bleiben, wenn sie nicht die liebsten Hoffnungen desjenigen zerstoren wollte, der ihr alles war, wenn sie sich nicht selbst Schande und Ungluck zuziehen wollte.

Herzog Johann, war klug genug, seiner Tochter an diesem traurigen Feste nicht von der Seite zu gehen, und da es ihm unmoglich gewesen war, sie zu einer zerstreuenden Theilnahme an dem Gerausch der Hochzeitfreude zu bewegen, so theilte er ihre Einsamkeit mitten in der zahlreichsten Versammlung mit ihr, horte ihre Klagen, horte das Bekenntniss ihrer innersten Gedanken nachsichtsvoll an, und lenkte sie durch weise Rathschlage auf den Weg, welcher nunmehr der einzige war, den sie zu gehen hatte.

Endlich, sagte er, endlich ist es Zeit, dich dieser qualenden Vorstellungen zu begeben. Vergleichungen, die zum Nachtheil deines Gemahls ausschlagen mussen, Wunsche, du mochtest nicht an der glanzenden Stelle sitzen, die dir das Schicksal bestimmt, Sehnsucht nach dem Kloster, Klagen, alles ist nun zu spat; zwar immer werde ich geneigt seyn sie anzuhoren, aber immer werde ich dich auch auf die Vortheile zuruckweisen, die dir dein Stand verschaft, und fur welche du die Augen so ganz verschliessest.

Vortheile? mein Vater, rief Sophie. Diese Krone? der Name Kaiserinn?

Freilich Kleinigkeiten fur dich, erwiederte der Herzog, aber was sagst du zu dem Gluck, das Wohl von ganzen Nationen in deinen Handen zu haben, zu der Moglichkeit, durch deine Tugend, durch diese holdselige unwiderstehliche Sanftmuth, die selbst mich, deinen Vater, bezaubert, einen verderbten Fursten zu bessern, der fur jedes andere Mittel unverbesserlich war?

Eben so wohl konnte ich hoffen Bley in Gold zu verwandeln! rief die weinende Braut.

Und zu dem Bewusstseyn, den Willen deines Vaters erfullt, ihn mit Aufopferung deiner Neigungen glucklich gemacht haben? fuhr er fort.

Sophie druckte die Hand des Herzogs an ihre Lippen, und versicherte, dass dieses das einige sey, was sie in dem Elend, das sie auf sich herandringen sahe, wenn sie sich als Wenzels Gemahlin betrachtete, aufrichten konnte.

Nichts von Elend, Sophie, sprach der Herzog, sage mir nichts von Elend, wie kann die unglucklich seyn, welche doch mein Leser, du wirst schon errathen, wovon die Vorlesung handelte, die der weise Vater seiner Tochter hielt. Die Sage berichtet, dieser erwurdige Greis sey einer der beredtesten Fursten seiner Zeit gewesen, nichts habe der Macht der Wahrheit widerstehen konnen, wenn sie aus seinem Munde floss, und auch hier waren seine Worte nicht unkraftig.

Sophiens Herz ward durch das, was er ihr sagte, fur den gegenwartigen Augenblick beruhigt, und ihre nachmahlige Auffuhrung in einem langen traurigen Ehestande mit dem, der ihr jetzt so zuwider war, ihre Treue, ihre Geduld, ihre kluge liebreiche Sorgfalt fur ihn in seinen mannichfachen wohlverdienten Unfallen, waren gewiss Folgen von den Lehren, die sie aus dem Munde ihres Vaters anhorte, und die jezt durch eine Begebenheit unterbrochen wurden, die wir im folgenden Kapitel horen werden.

Zweytes Kapitel.

Sophie vergisst ihren Stand.

Es war tief in der Nacht, das Gerausch des Tanzes schwieg, ein Theil der Anwesenden ruhte von dem ermudenden teutschen Wirbelreihen aus, und nahmen Erfrischungen, indess den andern von Wein und Ueberdruss die Augen geschlossen wurden, unter welchen letztern auch der hohe Brautigam war. Ein Streit mit seinem Gegner im Bretspiel, war eben nach Gewohnheit zu seinem Vortheil von ihm selbst entschieden worden, und ein doppelter Trunk aus dem goldnen Becher hatte seinen Sieg bekront, und ihn auf seinen Lorbeern eingewiegt.

Sophie und ihr Vater waren zu tief in ihr Gesprach verwickelt, um sich um sein Schlafen oder Erwachen zu bekummern, und wahrscheinlich war der Auftritt, der sich ihnen in diesem Augenblicke zeigte, das einzige was sie storen konnte.

Die Stille, welche im Saal seit einer halben Stunde herrschte, ward durch ein fernes Geton von sanftern Instrumenten, als die, welche bisher den wilden Tanz belebt hatten, unterbrochen. Was ist das, rief Sophie, indem sie ihren Vater ansah. Der Schall kam naher. Himmelstone! rief sie aus und schlug in die Hande, sanft wie der Chorgesang der Jungfrauen meines lieben, lieben Klosters! O selige, selige Tage, die ich da verlebte!

Wer kennt nicht die Macht der Musik uber ein ohnedem zur Wehmuth gestimmtes Herz. Thranen traten in Sophiens Augen, und der Anblick, der sich ihr in der nachsten Minute darstellte, vollendete ihre Ruhrung. Die Flugelthuren flogen auf, eine Schaar junger Madchen trat herein, und nahte sich mit abgemessnen Schritten dem Orte, wo Sophie sass. Sie sangen zu dem Ton von Harfen und Floten ein Lied, welches, wenn es wortlich auf unsere Zeiten behalten worden war, wohl schwerlich bey strengen Kunstrichtern sein Gluck machen wurde, denn Melodie und Text war ganz so, wie man es von den damaligen ungebildeten Zeiten erwarten konnte; doch dunkte die erste der erhabenen Zuhorerin, gottlich, und das andere erschutterte ihr Herz bis in das Innerste, und brachte, vermuthlich zum erstenmal an diesem Tage, Empfindungen in ihm hervor, die sie angenehm nennen konnte.

O du, so sangen die Madchen, indem sie einen weiten Kreis um ihre Furstinn zogen, o du, die heute den jungfraulichen Kranz mit der Krone vertauschte, glucklich sey dir der Wechsel! du trittst aus der Reihe der Jungfrauen, um den ehrwurdigen Namen einer Mutter deines Volks anzunehmen, o sey es mit willigem frohen Herzen! lehre unsern Herrn vaterliche Gesinnungen gegen uns, und ewig wollen wir dich die Urheberinn unsers Glucks nennen. Sieh hier einen ganzen Fruhling von Blumen mitten in den rauhen Tagen des Winters; sie, der liebste Schmuck der Jungfrauen, und unsere Herzen sind das einige Opfer, das wir dir bringen konnen.

Der Boden rund um Sophien ward bey diesen Worten mit Blumen ubersat, die Madchen knieten vor ihrer Fursten nieder, und indess eine jede von ihnen strebte, einen Theil ihres Gewands zu kussen, trat die Fuhrerinn mit sittsamer Geberde, vor die geruhrte Sophie, setzte ein Knie auf die Erde, und uberreichte ihr in einer goldnen Schaale einen Blumenkranz.

Die uberraschte Kaiserinn vermochte nicht zu sprechen, sie reichte der Knienden liebreich die Hand, und beugte sich, ganz uneingedenk ihres Standes, tiefer herab, sie zu kussen.

Susses holdseliges Geschopf! rief sie, liebe, liebe Kinder! wie habt ihr mich entzuckt! Ja, ja! ich will eure Mutter seyn, euer und mein Herr soll durch mich euer Vater werden! wie lauteten die Worte eures Lieds? o wiederholt sie noch einmahl.

Man machte sich gefasst, den Befehl zu erfullen, aber Sophie winkte mit der Hand, ohne Gesang, rief sie, eure Melodie ist entzuckend, aber ich will jetzt blos die Worte eures Liedes.

Die Fuhrerin gehorchte und wiederholte, was ihre Gespielinnen gesungen hatten, mit einem Nachdruck, mit einem Anstand, der dem, was sie sagte, noch mehrern Reiz gab, als es durch die Begleitung der Musik erhalten konnte.

Sophie weinte, sie hielt fest die Hand der Rednerinn in der ihrigen. Ja, rief sie, indem sie ihren Vater ansah, ja ich gelobe es euch und diesen unschuldigen Seelen, ich will ihre Mutter seyn, will es gern seyn, will nicht

Ein Wink des Herzogs warnte sie, nicht zu vergessen, das sie in zahlreicher Versammlung, nicht mit ihm allein sey. Sophie schwieg, und verwandelte das, was auf ihrer Zunge war, in eine Frage nach dem Namen der Sprecherin. Wie heisst du, mein Kind? sagte sie mit liebreichem Ton, Ida: antwortete die Gefragte mit niedergeschlagenen Augen Ida? wiederholte Sophie, ich kannte einst eine Furstin dieses Namens, bist du vielleicht

Mein Name ist Ida Munsterinn, erwiederte das Madchen, indem eine gluhende Rothe ihre Wangen uberzog, und ich bin die Tochter eines Bildners.

Die Tochter eines wie? so schon? so edel? so wie soll ich es nennen, und nur die Tochter eines

Mein Vater ist ein sehr ehrlicher Mann, ein treuer Unterthan seines Kaisers.

Ausserordentliches Madchen! Einzige in deiner Art!

O nein, rief Ida, indem sie einige Schritte zuruck trat, und auf ihre Gespielinnen zeigte. Wie manche ist unter diesen, die mir es gleich thut, wie manche die mich ubertrift?

Wir konnen hier nicht unterlassen, unsern Lesern zu sagen, dass Ida sich in diesem Urtheil gewaltig irrte. Ihre Gefahrtinnen waren alle ganz gute, schone und artige Geschopfe, aber keine konnte sich nur auf die entfernteste Art mit ihr vergleichen. Allen sah man ihre Abkunft, allen sah man es an, dass sie nur zur Feyer dieses Tages uber ihren Stand geschmuckt waren, indessen Ida bey all ihrem Schmuck nur ihr tagliches Kleid zu tragen, und der erhabenen Dame, mit welcher sie sprach, trotz ihrer demuthigen schuchternen Geberde, an Stande gleich zu seyn schien.

Sophie nahm Idas verdeckte gutherzige Weisung an. Ihr seyd alle meine Kinder, seyd mir alle lieb, rief sie, indem sie beyde Hande nach den Knienden ausstreckte! Ich muss euch belohnen, muss euch ein Zeichen meiner Gnade sehen lassen. Hier, kleine Blondine, und hier du mit den schalkhaften Augen, hier ein Andenken von mir! erinnert euch dabey eurer Mutter, eurer Kaiserin. Arme, Brust, und Haarlocken wurden bei diesen Worten geplundert, und der kostbare Raub unter die Madchen ausgetheilt, welche furchtsam zogerten, die Hand nach dem dargebotenen auszustrecken.

Nehmt doch, nehmt! rief Sophie, welche alle Kostbarkeiten, die sie an sich trug, fur ihr ausschliessendes Eigenthum hielt, und noch nicht wusste, dass eine Furstinn weniger uber ihren Schmuck gebieten darf, als die Geringste ihrer Damen. Nehmt gute Kinder, und erinnert euch meiner!

Sophie war in einem frohlichen Rausche, aus welchem sie durch die Furstin von Ratibor geweckt ward, welche ihr etwas in die Ohren flusterte. Wenn ich Kaiserinn bin, erwiederte Sophie, so will ich mit dem Meinigen thun was mir beliebt! Es erfolgte noch eine Einwendung von der Furstinn, und Sophie rief, indem sie eine goldene Kette von ihrem Halse losmachte, sie wolle sich wenigstens nicht das Eigenthumsrecht dieses ihres geliebtesten Schmucks streitig machen lassen. Hier, Ida, rief sie, es ist ein Geschenk meiner Pathe der Grafinn von Wurtemberg, kein Eigenthum der Krone.

Ida verbeugte sich. Ich trage bereits mehr Schmuck als meinem Stande zukommt, sagte sie, indem sie sich mit einer Art von Beschamung betrachtete. Wird es zu kuhn von mir seyn, wenn ich die Gabe meiner Kaiserinn ausschlage, und um ein Gnadengeschenk nach meiner eignen Wahl bitte?

Fordre was du willst, rief Sophie, wer sollte dich vergebens bitten lassen.

O, rief Ida, eine von den glanzenden Locken, die auf diesem Busen spielen, welch ein Geschenk fur mich! sie wurde mir der schonste Schmuck, das grosste Ehrenzeichen seyn! sie wurde

Schwarmerin! rief Sophie! und schnitt eine Locke ihres goldnen Haars mit einer solchen Heftigkeit ab, dass die Spitze der Scheere in ihren Busen fuhr, und ihr Gewand mit Blut farbte.

Ida war kuhn genug die erste zu seyn mit ihrem Schleier das Blut zu trocknen. Es erhob sich ein Geschrey, die Kaiserin sey verwundet, ungeachtet Schmerz und Wunde nicht viel mehr sagen wollte als ein Nadelstich. Man drangte sich herbey nach dem machtigen Schaden zu sehen. Die Kaiserin war erschrockener durch den Larm, den man um sie machte, als durch den unbedeutenden Unfall! die Furstin von Ratibor entliess die zitternde Ida nebst ihren Gespielen mit oberhofmeisterlicher Strenge, und man gieng auseinander.

Drittes Kapitel.

Ein Gesprach im Brautgemach.

Schon die erste Erscheinung der Madchen hatte die ganze Versammlung herbey gezogen, und selbst den schlafenden Kaiser erweckt. Sophie hatte bey allen ihren Handlungen tausend Zeugen, tausend strenge Beurtheiler gehabt. Der letzte Zufall vermehrte das tadelnde Gefluster. Der Kaiser sah finster, Herzog Johann besturzt aus, und man sagt, dass die Neuvermahlte noch vorm Schlafengehen eine sehr ernsthafte Verhaltung von der Furstin von Ratibor habe aufhoren mussen. Diese Dame war schon daruber aufgebracht, dass sie keine Zuhorerin von dem Gesprach hatte seyn durfen, welches Sophie mit ihrem Vater hielt. Ein Wink der jungen Kaiserin hatte sie entfernt, und die alte Dame hatte vergebens vorgewandt, dass sie gemessenen Befehl habe, ihr nie von der Seite zu gehen. Der Verdruss uber diese Sache gieng in die Vorlesung uber, welche sie ihrer Gebieterin uber die Sitten ihres neuen Standes hielt, und ihre Ruhrung bey der Erscheinung der jungen Madchens, ihre ausschweifende Freude uber eine so geringe Sache, ihre Herablassung gegen diese gemeinen Geschopfe, ihre Gesprache mit Ida, ihre Geschenke, und vor allen, die letzte Begebenheit mit der Haarlocke, wurden auf so beissende Art vorgestellt, dass Sophie beschamt da sass und gutherzig genug war, einzugestehen, sie sey zu weit gegangen, sie wisse noch nicht recht was einer Kaiserin zieme, habe noch zu viel von der Einfalt des Klosters an sich, und musse sich bessern.

Sophie ward in das kaiserliche Schlafzimmer gefuhrt, um die Lektion, die sie von ihrer Oberhofmeisterin bekommen hatte, von ihrem neuen Gemahl zum zweytenmal zu horen. Seine Majestat hielten sich besonders bey den Geschenken auf, welche die unwissende Kaiserinn so freygebig von dem zur Krone gehorigen Schmuck hatte austheilen wollen, und die durch Vorsicht der Furstin von Ratibor alle wieder zur Stelle waren. Ich glaube, sagte Wenzel, indem er die Juwelen in ihrem schimmernden Gehause musterte, ihr waret im Stande gewesen, den Trauungsring auch hinzugeben. O nein, sagte Sophie, den muss ich behalten, um mich immer an meine Pflicht zu erinnern. Wenzel war zu stumpfsinnig um den Stachel in diesen Worten zu fuhlen, aber die Neuvermahlte erschrack uber das was sie gesagt hatte; sie furchtete die Frage: ob sie eine solche Erinnerung an ihre Pflicht nothig habe, und eilte, um sie zu verhuten, dem Gesprach eine andere Wendung zu geben. Sie war von jenen gutherzigen Seelen, welche auf jede kleine Wunde, die sie wider Willen gemacht haben, sogleich lindernden Balsam legen, und jeden Stich ihres Witzes mit einer verbindlichen Rede heilen. Bin nicht auch ich beschenkt worden? sagte sie, indem sie zu Idas Blumenkranz hinhupfte, den sie in seiner Schale auf einer Tafel stehen sah. Doch nein, fuhr sie fort, das liebe Geschenk ist nicht mein, ich lege es meinem Kaiser zu Fussen.

Wenzel hatte noch weniger Mensch seyn mussen

als er war, wenn ihn die holde Geberde, mit welcher ihm die bluhende Sophie ihren Kranz uberreichte, nicht geruhrt hatte. Er druckte sie an seine Brust, nannte sie ein gutes Weib, welches eine seiner grossten Schmeicheleyen war, und liess sie aus seinen Armen, um die Gabe, welche fur ihn keinen Reiz hatte, an ihren ersten Ort zu legen.

Was ist das? rief er voll Besturzung, als er die

goldne Schale gewahr ward, in welcher Ida ihren Kranz uberreicht hatte, und die Sophie kaum bemerkt hatte. Man hat mir mein Blumengeschenk auf diese Art uberreicht, erwiederte sie. Und dieses seidene Tuch? fuhr er fort. Sophie meynte, es sey yermuthlich darum da, damit die Feuchtigkeit der Blumen dem Glanz ihres Behaltnisses keinen Schaden thun mochte.

Wenzel schuttelte den Kopf, indem er das Tuch

hinweg nahm, und meynte, diese Art von Geschenken sey ihm schon bekannt. Seht ihr, fuhr er fort, indem ihm nach hinweggenommener Hulle der Glanz von einer guten Anzahl goldner Schilde1 lieblich entgegen blinkte, seht ihr? das wusste ich wohl, dass man es nicht wagen wurde, einer Kaiserin ein so elendes Geschenk, wie einen Blumenkranz, anzubiethen, lasst uns zahlen.

Wenzel zahlte, und Sophie trat indessen an ein Fenster, um sich die Thranen zu trocknen. Sie fuhlte sie wusste nicht was. Ihr Herz war so gepresst als wollte es zerspringen, sie offnete das Fenster um Luft zu schopfen, o Gott, seufzte sie, gieb mir Kraft die lange schwere Rolle zu spielen, die ich auf mir habe. Solche Gesinnungen, und ein Kaiser? ein Kaiser? mein Gemahl! ein solcher Mann?

Es sind richtig dreihundert! rief Wenzel. Wie hiess das Madchen, das sie euch brachte?

Ida Munsterin, erwiederte Sophie mit einer Stimme, welche beynahe ihre Thranen verrathen hatte.

Ida Munsterin, wiederholte er, so so. Aber kommt, meine Liebe, wie steht ihr so in der kalten Nachtluft? doch ihr habt geweint? was ist euch?

O es ist entsetzlich, rief Sophie mit zusammengeschlagenen Handen, entsetzlich, sich von seinen Unterthanen beschenken zu lassen, und nicht einmal so viel Macht zu haben, sie belohnen zu durfen, die Kleinigkeiten, welche ich den gutherzigen Geschopfen gab, wurden ihnen entrissen, und ich soll behalten was sie mir gaben.

Ihr irrt, erwiederte Wenzel, das was ihr geben wolltet, war ohne Vergleichung mehr, als ihr erhieltet.

Und mich dunkt, rief Sophie, so mussen Fursten belohnen.

Und, fuhr er fort, uber dieses sind diese Leute dazu da, ihrem Kaiser einen Antheil von dem Ueberfluss zu zollen, den sie unter seinem Schutz erwerben

O, sprach Sophie, lasst euch von euren Fursten, von euren Edlen beschenken. Aber diese armen Leute, diese Kunstler und Handwerker die

Noch einmal, sprach der Kaiser, ihr irrt! Eben diese Leute sind es, die uns zollen konnen und sollen. Der Adel ist arm in Vergleichung mit ihnen; Fleiss und Arbeitsamkeit leiten Schatze in ihren Schooss, welche jene durch Krieg und Raubereyen nimmer erbeuten.

Wenzel hatte recht, die Beschaffenheit der Stande war zu den damaligen Zeiten so wie er sagte, aber Sophie konnte sich in diese Dinge nicht finden, und fuhr fort zu weinen, vielleicht aus Verdruss uber ein Geschenk, das sie nicht vergelten durfte, vielleicht auch am meisten uber den ganzen Umfang ihrer unglucklichen Lage.

Der Kaiser rufte seine Kammerdiener ihn vollends zu entkleiden und Sophiens Damen traten herein, sie zu Bette zu bringen.

Viertes Kapitel.

Furstengluck und Furstengnade.

Sophie war nicht glucklich genug, um uber ihren neuen Stand, gleich andern Neuvermahlten, jeden andern Gedanken zu vergessen. Der Auftritt mit dem Blumenmadchen, der Einzige auf ihrem ganzen Hochzeitfeste, der ihr Freude machte, hatte ihr des Abends zuletzt im Sinn geschwebt, und er war wieder einer der ersten Gedanken, als sie am Morgen erwachte Sie sandte nach Ida und liess sie vor sich fordern. Ida war krank. Die Kaiserin schickte noch einmal, um, wenn sie ja nicht bey Hofe erscheinen konnte, von ihr die Namen ihrer gestrigen Gespielinnen zu erfahren, welche nicht krank waren, und auf Sophiens ersten Wink sich da einfunden, wo man ihre Gegenwart verlangte.

Wenzels grossmuthige Gemahlin konnte den Gedanken nicht ertragen, von Geringern, von irgend jemand unerwiederte Geschenke anzunehmen; sie begleitete den liebreichen Dank, damit sie ihnen ihre gestrige Erscheinung belohnte, mit Gaben, die man nicht zuruckfordern durfte, weil sie nicht von den Schatzen genommen wurden, welche zur Krone gehorten, sondern von den Kostbarkeiten, welche Sophie noch als Prinzessin besass. Die Furstin von Ratibor nannte Dank und Geschenke uberflussig, und fand die Unterredung in welche sich ihre Gebieterinn mit diesen einfaltigen Kindern einliess, standswidrig. Die Benennung einfaltig, mit welcher sie die guten Geschopfe beehrte, war nicht ganz ubel angebracht. Keine einige Ida war unter dem ganzen Haufen, sie wussten nichts als ihr Lied zu singen, und Sophiens Fragen mit ausserster Blodigkeit zu beantworten. Die Kaiserin erkundigte sich nach Ida, von welcher sie nicht begreiffen konnte, wie sie unter einem Haufen von zwanzig solchen Madchen, bey ahnlichem Stande, ahnlicher Erziehung das werden konnte, was sie war. Aus den Antworten der Gefragten blickte theils heimlicher Neid, theils Verachtung von Verdiensten hervor, die sie nicht erreichen konnten, und die Fragerin wusste am Ende doch so viel, dass Idas Eltern sehr reich und ganz in diese einige Tochter verliebt waren, dass sie zu schon, zu verdienstvoll war, um von ihren Gespielen geliebt zu werden, und dass Liebe zur Einsamkeit, Bewusstseyn ihrer Vorzuge, oder Stolz, wie man es nannte, sie nur selten in den Zirkel kommen liessen, in welchem sie gestern eine so hervorstechende Rolle gespielt hatte.

Der allerhochste Beyfall der Kaiserin, mit welchem das Burgermadchen beehrt wurde, war schon hinlanglich gewesen, den Beyfall des ganzen Hofs nach sich zu ziehen, aber auch ohne Rucksicht auf denselben wurde Idas Name uberall genannt. Die jungen Herren des Hofs vermochten die Reize, mit welchen sie erschien, nicht zu vergessen, sie erkundigten sich nach jedem kleinen Umstande, der sie betraf, umschlichen des Haus ihres Vaters, fragten nach den Orten, wo man sie sehen konne, bewunderten, sie nie zuvor gesehen zu haben, und beklagten ihren gemeinen Stand. Einer von ihnen, der junge Hermann von Unna, ein westphalischer Edelmann, nannte sie nicht, fragte nicht nach ihr, beklagte und bewunderte nichts mit lauten Worten, das sie angieng, sondern begnugte sich, heimlich an sie zu denken, und hatte, ehe die andern die tausendfaltigen Streitigkeiten uber sie zu Ende bringen konnten, in aller Stille die Kirche ausfindig gemacht, in welcher sie taglich Messe zu horen pflegte.

Herrmann war erst achtzehn Jahr, war fruhzeitig an Wenzels Hof gekommen, eine Schule, welche eben nicht die beste war. Seine Grundsatze uber Liebe, Tugend und Schicklichkeit konnten wahrscheinlich nicht die strengsten seyn, und er machte sich also wenig Bedenken uber eine angehende Leidenschaft fur ein Madchen, an welches er bey ihrem niedrigen Stande nie mit Ehren denken konnte. Er war der Liebling des Kaisers, hatte ihm seit seinem Knabenalter als Page aufgewartet, war Vertrauter und Unterhandler in mancher Begebenheit gewesen, wo Wenzel bewies, dass er bey der Liebe nicht auf Stand sah, und ohne Rucksicht auf denselben glucklich zu seyn wusste. Wo hatte Herrmann bey solchen Beyspielen Gesinnungen hernehmen sollen, welche seiner Herkunft und Idas Tugend geziemt hatten? doch mussen wir ihm zum Ruhme nachsagen, dass er sich keines straflichen Gedankens bewusst war, er hieng seiner Liebe nach, ohne weiter zu bedenken was daraus werden sollte.

Es war unmoglich, so sehr der Jungling auch darnach strebte, Zutritt in dem Hause des alten Munsters zu erhalten. Immer waren seine Thuren vor denjenigen verschlossen, welche nicht in Geschaften zu ihm kamen, und erdichtete Geschafte zu entrathseln war er schlau genug. Hermann musste also zufrieden seyn, das Madchen, das er bewunderte, bey ihrer taglichen Andacht zu beobachten, die viel zu tief, viel zu herzlich war, als dass sie ihr nur einen Blick auf ihren Bemerker hatte verstatten sollen. Ueberdieses verhullte sie, so oft sie in die Kirche gieng, immer ein dichter Schleyer, oder ein Regentuch, welches nicht angelegt wurde, um mehr anzulocken als abzuschrecken, sondern das ganz so rauh und ungekunstelt war, wie es zu der schlechten burgerlichen Kleidung passte, die Ida in den Wochentagen trug.

Nur des Sonntags, wenn der Vater mit der Wehr an der Seite und dem sammtnen Pelz mit goldnen Schnuren zur Kirche gieng, liess auch Ida sich an der Seite der hochgehaupten Mutter mit offenem Gesicht sehen, und verbreitete, wie Herrmannen dunkte, neues Licht in dem Tempel. Aber dieses Licht glanzte nicht fur ihn, und ach was hatte er fur einen einigen der zartlichen andachtigen Blicke gegeben, welche sie an dem Bild einer Ursula oder Maria verschwendete!

Idas Name, den man in der ersten Woche nach Allerheiligen bey Hofe so fleissig nannte, war indessen daselbst so ganzlich vergessen, dass man sich gegen Weihnachten kaum mehr auf denselben besinnen konnte; selbst Sophie dachte nicht mehr an sie; das Feuer der Zuneigung gegen sie war anfangs zu heftig, als dass es lange hatte dauern sollen, Ida versaumte es zu nahren, sie liess sich nach den ersten genossenen Gnadenbezeugungen nicht wieder sehen, um neue einzufordern, und wahrscheinlich wurden dieselben auch ohne diesen Fehler nach und nach sparsamer gekommen seyn. Sophie war ein Weib, war eine Furstin. Die ersten zartlichen Gefuhle fur Ida waren im Grunde nichts mehr, als das, was eine jede junge unerfahrne Person gegen diejenigen empfindet, welche sie aus einem Gewuhl von unangenehmem Empfindungen herausreissen, und sie Freude oder etwas der Freude ahnliches erfahren lassen.

Ueberdieses hatte Sophie taglich neue Gelegenheiten zu Gedanken, die sie so ganz beschaftigten, dass ihr kein Platz fur etwas anderes uberblieb. Mit jedem Tage entdeckte sie neue Zuge der Unliebenswurdigkeit an ihrem Gemahl, machte sie neue Erfahrungen von der Trostlosigkeit ihres Zustandes, lernte sie neue Personen kennen, welche ihr ihre Lage erschwerten. Wenig Wochen nach der Vermahlung erschien eine Dame bey Hofe, welche ihr unter dem Namen der Frau vom Bade vorgestellt wurde; Sophie fand an ihr eine so gemeine unbedeutende Person, dass sie nie wieder an sie gedacht haben wurde, wenn sie sie nicht am namlichen Tage bey der Abendtafel an der Seite ihres Gemahls wieder gesehen, und aus dem vertraulichen Tone, welcher unter beiden herrschte, gemerkt hatte, dass hier eine alte Bekanntschaft statt finden musse.

Sophie war in den Landen ihres Vaters, in einem Kloster, in ganzlicher Unbekanntschaft mit der Geschichte ihrer Zeiten erzogen worden. Wenzels Begebenheiten mit der schonen Bademagd, welche in den jetzigen, so wie in den damaligen Zeiten jedes Kind zu erzahlen wusste, war ihr Abentheuer aus einer andern Welt. Wahrscheinlich bestrebte sich niemand sie, als sie Kaiserin ward, mit den Ausschweifungen ihres Gemahls zu unterhalten, und hatte man es auch gethan, so war sie vielleicht gutherzig genug gewesen, wenigstens die Liebschaft mit Susannen, unter die ganz vergangne Dinge zu rechnen.

Man durfte ja die sogenannte Frau vom Bade nur sehen, um sich hiervon zu uberzeugen. Dieser plumpe unbeholfne Korper, dieses aufgeschwollne Gesicht, in welchem nichts gefallen konnte als ein paar Reihen weisser Zahne, diese frechen uppigen Augen, diese feuerrothen Wangen, sollten einen Kaiser, den Gemahl einer Sophie fesseln konnen? unmoglich!

Wenzel nahm sich selbst die Muhe uber der Tafel seine und Susannens Geschichte mit Auslassung verschiedener Umstande zu erzahlen, und Sophie sah nunmehr in der vorzuglichen Achtung, mit welcher der Dame begegnet ward, nichts als eine etwas ubertriebene oder ungeschickt geausserte Dankbarkeit, die sie mit ihrer gewohnlichen Gutherzigkeit ubersahe; sie liess sich sogar so weit herab, der sich uber Wenzels Lob aufblahenden Susanne, einige Verbindlichkeiten zu sagen, und nur erst nach einiger Zeit, als Wenzels Vorliebe und dieses Weibes Frechheit zu sehr in die Augen fiel, um verkannt zu werden, nur erst denn konnte sie sich uberzeugen, dass zu allen ihren vielfachen Leiden auch noch dieses kame, eine unwurdige Nebenbuhlerin zu haben.

Die Einsamkeit war oft Zeuge ihrer Thranen, und die Furstin von Ratibor, die ihre Gebieterin einst auf diese Art fand, nutzte diese Gelegenheit, sich in das Vertrauen Sophiens einzuschleichen, welches sie bisher auf keine Weise hatte erlangen konnen.

Sophie sehnte sich, ihre Klagen in irgend einen freundschaftlichen Busen auszuschutten. Der einige Theilhaber ihrer innersten Gedanken, ihr Vater, hatte auf diese sehr deutlichen Winke seines kaiserlichen Schwiegersohns Prag schon in den ersten Tagen nach der Vermahlung verlassen, und seine ungluckliche Tochter war also mit ihrem Kummer ganz sich selbst uberlassen. Sophie umarmte die fragende Oberhofmeisterin zum erstenmal in ihrem Leben und obgleich diese Dame geflissen schien die Sache, wovon die Rede war, mehr zu erlautern und auseinander zu setzen, als die Traurende zu trosten, so fand diese doch schon darin einen Trost, dass sie von dem, was sie bekummerte, sprechen und ihrem Unwillen, ihrer Verachtung gegen ihre Beleidiger freyen Lauf lassen konnte.

Von diesem Augenblick fieng die Furstin von Ratibor an ihre Gebieterin unumschrankt zu beherrschen, erhohte und erniedrigte alles, was sie wollte, schrieb Sophien vor, was sie lieben und hassen sollte, und dass also an Ida bey Hofe nicht mehr gedacht ward, nicht mehr an sie gedacht werden durfte, wenn es der Kaiserin auch beliebt hatte sich ihrer zu erinnern, das leidet keinen Zweifel.

Funftes Kapitel.

Seltsame Art, einen Liebhaber Zutritt im Hause der

Geliebten zu verschaffen.

Aber Herrmann dachte unaufhorlich an das geliebte Madchen. Die Schwierigkeiten, die er fand, sie zu sprechen, oder nur von ihr bemerkt zu werden, gaben seinen Wunschen neues Feuer, und erhohten seine Meynung von ihr. Ihr geringer Stand, der ihm anfangs so gleichgultig gewesen war, fieng an ihn zu beunruhigen, er wunschte sie zu sich erheben, oder sich zu ihr erniedrigen zu konnen, tausend romantische Einfalle dieses moglich zu machen schwarmten in seinem Kopfe, denn obgleich damals noch kein Roman existirte, als etwa der Theuerdank, so fehlte es doch auch zu jenen Zeiten in keinem Junglingsgehirn an selbst erfundenen und ertraumten Abentheuern, die den, der sich mit denselben abgab, so gut amusirten, als das, was wir aus unserer heutigen Modelektur lernen.

Ida zu sich zu erheben, sich ehrlich um sie zu bewerben, und sie zu seiner rechtmassigen Gemahlin zu machen, war eine Unmoglichkeit. Zwar die Einwilligung des Kaisers zu einer Missheirath zu erlangen, war eben keine grosse Sache gewesen, denn Wenzel dachte in diesen, wie in allen Dingen sehr bequem, aber Herrmann hatte Anverwandte, welche nicht so nachsichtsvoll waren, er war arm, der Stand eines Kammerjunkers, den er seit einem halben Jahre ruhmlichst bekleidete, war mit keinen grossen Einkunften versehen. Idas Eltern waren zwar reich aber, genug Herrmann fieng an das andere Mittel sich glucklich zu machen, fur bequemer zu halten. Er wollte sich zu ihr erniedrigen, wollte nicht mehr seyn, als sie war, und Stand, Verwandte, und alle kunftige Hofnungen, ihr zu Liebe, aufopfern.

Es ist ungewiss, was fur Schritte er zu Ausfuhrung dieses Entschlusses that; vielleicht suchte er sich in dem Hause des alten Munsters als Lehrling einzuschleichen, aber dieser schlaue Alte musste sich dieses Gesicht, das sich ihm bereits unter so mancherley Vorwanden gezeigt hatte, gemerkt haben, oder er hatte andere Ursach zu Verdacht geschopft, genug Herrmann musste abgewiesen worden seyn, denn die Geschichte stellt uns ihn bald nach der Zeit, da diese Versuche gemacht worden seyn mochten, in eben dem trostlosen Zustande als im Anfang seiner Liebe vor.

Herrmann war Wenzels Liebling und Vertrauter; bleich und abgeharmt gieng er vor den Augen seines Herrn herum, und jeder seiner Blicke schien zu flehen, man mochte doch nach der Ursach seiner Leiden fragen, und ihm helfen. Aber Wenzel fragte nicht, er war keiner von jenen Fursten, welche die Wunsche ihrer Favoriten, auf Unkosten tausend anderer befriedigen, er wusste nicht einmal, dass Herrmann welche hatte, er gehorte zu jenen spiegelglatten Seelen, die von allem, was sie umgiebt, nur einen vorubergehenden Eindruck annehmen. Man konnte vor seinen Augen leiden, ohne dass er es fuhlte, sterben, ohne dass er es gewahr ward, und wieder lebendig werden, ohne dass er sich daruber wunderte.

Diese Fuhllosigkeit gegen das Herzensweh eines achtzehnjahrigen Kammerjunkers, hatte nun freylich wenig zu sagen, aber er war im Grossen eben derjenige, der er im Kleinen war, und doch zur Fortsetzung meiner Geschichte.

Herrmann gehorte zu den Glucklichen, welchen der Zufall oft ehe sie es sich versehen die Erfullung ihres Wunsches in die Hande wirft, welche sich auf keine Art erkunsteln liess. Der Kaiser sahe und verstand nichts von des Junglings erbarmlichen Blicken, mit welchen er absichtlich vor ihm herumgieng, aber ohne sie zu sehen, ohne sie zu verstehen, that er einen Schritt zu Herrmanns geglaubten Besten, der sich nicht besser hatte wunschen konnen.

Herrmann, sagte er eines Tages zu ihm, was soll ich von dir denken? bist du blind, oder willst du den Unmuth deines Herrn nicht sehen? du hattest doch sonst immer eine Frage bereit, was mir fehle!

Herrmann verbeugte sich, ohne zu antworten; was hatte er sagen sollen? wie konnte man auf einem Gesicht, wie Wenzels, Spuren des Unmuths oder irgend eines andern Gefuhls erkennen? oder heimlichen Verdruss aus dem Betragen desjenigen schliessen, dessen Sitten nie sanft oder einnehmend waren? die Forderung des Kaisers war hochst unbillig, und liess sich nur mit Stillschweigen erwiedern.

Ja, Herrmann, fuhr Wenzel fort, du siehst mich in der grossten Verlegenheit, und du hast mir schon aus so vielen seltsamen Handen geholfen, das ich glaube du wirst auch jetzt etwas ausfuhren konnen, das mir wohl thut.

Herrmann verbeugte sich wieder, doch mit einem Anstand von frohem Selbstgefuhl, denn die Worte des Kaisers brachten ihm gewisse Begebenheiten in den Sinn, bey welchen er in der That eine Rolle gespielt hatte, die ihm Hofnung auf kunftige, bisher vergebens erwartete, Belohnung einflossen konnte.

Du siehst, fieng der Kaiser von neuem an, du siehst mich in dem schrecklichen Geldmangel, der sich denken lasst. Die Aussteuer meines Weibes ist hin, ist auf die Unkosten bey der Hochzeit gegangen; du weisst, ich habe mich nicht schimpfen lassen. Lumpichte vierzigtausend Gulden! sie sind verzehrt, und ich habe mit ihnen eine verdrussliche Sittenrichterin in den Kauf bekommen, welche mir bleibt, nachdem das, was mir ihre Person wunschenswerth machte, nicht mehr vorhanden ist.

Herrmann kreuzte sich. Zwar war er schon lang ein Zeuge von den sinnlosen Verschwendungen seines Herrn und seiner Blindheit gegen die Betrugereyen derer, die ihn umgeben, gewesen; aber vierzigtausend Gulden, die ganze Aussteuer einer Prinzessin, die man reich nannte, eine Summe, mit welcher der Konig von Engelland seine Tochter vor kurzem zu grosser Zufriedenheit seines Schwiegersohns ausgestattet hatte, das gieng uber Herrmanns Begriffe, und hatte Wenzel nicht bald darauf die sogenannte Frau vom Bade, als eine Ursach ungewohnlicher Ausgaben, genannt, so hatte er sich gar nicht in diese Dinge finden konnen.

Herrmann kannte Susannen, er hatte von ihrer Wuth bey Wenzels Vermahlung mit Sophien gehort, er wusste, dass sie frech genug gewesen war, ihrem Geliebten zu drohen, durch Bekanntmachung von mancherley Sophien und ihrem Vater verborgenen Dingen, die ganze Sache ruckgangig zu machen, und es kam ihm also nicht ausserordentlich vor, dass der Kaiser ihre Verschwiegenheit durch ansehnliche Summen hatte erkaufen mussen, welche er sehr sinnreich mit auf die Hochzeitunkosten rechnete.

Was ist zu thun! fuhr Wenzel fort, ich bin darum nicht arm, weil ich kein Geld in meinen Kasten habe; es ist in den Kasten meiner Unterthanen, und man muss darauf sinnen, wie es in die meinige zu leiten ist. Da ist der alte Munster, der der Kaiserin an Allerheiligen das artige Geschenk machte, er ist ein reicher Mann, man sagt mir, er war im Stande seine Tochter wohl so gut auszustatten, als der Herzog von Baiern die seinige, und du siehst also wohl, dass er mir helfen kann und muss. Geh' zu ihm! Er soll mir tausend goldne Schilde borgen! ein Furst hat allezeit Mittel sich seiner Schulden zu entledigen; du kannst ihm zum Anfang die Erlaubniss ankundigen, die einige andre reiche Handwerker so lang vergeblich gesucht haben, des Sontags, gleich den Edeln, eine goldne Kette um den Hals zu tragen.

Herrmann stand wie versteinert: die Freude eine Gelegenheit zu haben in Idas Haus zu gehen, ihren Vater in Geschaften des Kaisers zu sprechen, ihm eine Ehre anzukundigen, die ihn so sehr vor allen andern seines Standes auszeichnen musste, verschlang jeden andern Gedanken, und es fiel ihm erst, als er schon an Munsters Hausthur stand, ein, ob er ihm auch wohl mit seinem Gewerbe angenehm seyn wurde? ob das kaiserliche Zutrauen, dessen oftmalige Erneuerung in ahnlichen Fallen Herrmann voraus sah, nicht den Wohlstand des Hauses, das ihm so lieb war, zerstoren, und Ida mit der Zeit nebst ihren Vater in Armuth und Elend sturzen konne.

Sechstes Kapitel.

Burgerstolz und Burgerreichthum.

Wahrend der Jungling einige fluchtige Betrachtungen von dieser Art anstellte, hatte er schon zweymal an Munsters Hausthure geklopft; ein alter Diener offnete sie. Herrmanns Gesicht gehorte unter diejenigen, welchen Idas Vater den Zutritt in seinem Hause nicht zu gestatten pflegte. Jung, schon, in allen Glanz des Hofs gekleidet, was fur einen Anblick fur denjenigen, der in Abwesenheit seines Herrn, der Ehrenhuter des Hauses war! auch dunkte es dem Knechte des alten Munsters, diese zierliche Figur mehr gesehen und abgewiesen zu haben, welches bey den mannichfachen vergeblichen Versuchen, welche Herrmann seit einiger Zeit gemacht hatte, Zutritt in Idas Wohnung zu bekommen, wohl moglich seyn konnte.

Ungestum ward die Thur zugeschlagen, und ehe noch der Klopfende andeuten konnte, wen er zu sehen verlangte, tonte ihm die rauhe Stimme entgegen: der Herr sey ausgegangen.

Und die Frau? fragte der junge Hofling mit lieblichem Accent. Die Antwort wurde vielleicht die namliche gewesen seyn, wenn nicht ein gluckliches Ungefahr Idas Mutter eben uber den Flur getragen, und ihr die Nachfrage nach ihr, zu Ohren gebracht hatte.

Herrmann horte innerhalb der Thur einen kleinen Wortwechsel zwischen der Frau und dem Knechte, er klopfte noch einmal, und ihm ward aufgethan. Idas Mutter hatte den unerbittlichen Thorwachter vertrieben, sie selbst offnete die Pforte, und der Anblick des Hofjunkers nothigte ihr eine tiefe Verbeugung ab. Wer seyd ihr, Herr Ritter? stammelte sie mit einem kleinen Errothen.

Mein Name thut wenig zur Sache, erwiederte Herrmann mit einigem Unwillen, aber mein Gewerbe muss mir uberall Zutritt verschaffen; ich komme auf Befehl des Kaisers.

Des Kaisers? wiederholte sie, doch im Guten? Doch Gott sey Dank, ich und die Meinigen sind uns keines Vergehns bewusst, und was sich mit Geld abkaufen lasst Geht herein, Herr Ritter, ich muss nach meinen Magden sehen, und gleich bin ich wieder bey euch.

Herrmann ward in ein Unterzimmer gelassen, wo das erste, was ihm in die Augen fiel, eine holdselige weibliche Figur war, die er augenblicklich fur Ida gehalten haben wurde, wenn sie ihm nicht unendlich schoner geschienen hatte, als er sie je sah, und doch gehorten wenig Minuten dazu ihn zu uberzeugen, dass sie es wirklich sey. Herrmann hatte das junge Madchen bisher nicht anders, als in der dichten Kirchenhulle, oder in dem steifen Staate gesehen, welcher damals Mode war. Die hohen Kragen, die dickgefalteten Kleider, und der gothische Kopfputz liessen der lieblichen Dirne noch allemal Reiz genug ubrig, vor allen ihren eben so geschmuckten Zeitverwandtinnen hervorzustechen, aber ganz ein anderes war es doch immer, sie im hauslichen Gewande ohne weitern Schmuck, als einen kleinen Schleier auf ihren schonen Locken zu erblicken.

Herrmann stand wie versteinert, und Ida an ihrem Spinnrocken blickte kaum auf, den Eintretenden zu betrachten. Es war in den damaligen Zeiten die Sitte der Jungfrauen, ihren neugierigen Blicken zu wehren.

Der Hofjunker war beym Eintritt von der Mutter gebeten worden, sich zu setzen, und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen, aber so wohl er das letzte, bey Idas Anblick, der ihm alle Langeweile benahm, beobachtete, so wenig dachte er an das erste; er blieb auf der Stelle stehen, wo er war, und seine Augen verschlangen die schone Spinnerinn, welche wohl ein bis zweymal den Mund aufthat, als wollte sie den Jungling an die Bitte ihrer Mutter erinnern, aber ihn schnell wieder schloss, als zweifelte sie, ob es ihr in Abwesenheit ihrer Eltern ziemte, mit einem Fremden, mit solch einem Fremden zu sprechen.

Liebe Jungfrauen des achtzehenden Jahrhunderts, es war gar eine seltsame Sache um den jungfraulichen Wohlstand zu Kaiser Wenzels Zeiten, und wenn ihr etwa glauben sollet, als sey Schuchternheit auch damals nur die Sitte geringer Madchen gewesen, so erinnert euch nur, dass Ida wie ein Fraulein erzogen war, und sich sehr wohl nach dem, was man sie gelehrt hatte, zu halten wusste. Auch hoffe ich, ihr werdet ihr Betragen nicht Einfalt oder Blodigkeit nennen, wenn ihr zurucksinnt, mit wie viel Freymuthigkeit und Anstand sie am Montag nach Allerheiligen erschien, und mit jedem ihrer Worte, jedem ihrer Blicke nicht allein das Herz Sophiens, sondern tausend andere Herzen fesselte. Horet weiter:

Herrmanns Auffuhrung wird nicht weniger seltsam in euren Augen erscheinen. Die Spinnerin verlor die Spindel, und der junge Herr, an statt dieselbe aufzuheben um der Atmosphare des Madchens naher zu kommen, oder Gelegenheit zum Anfang eines Gesprachs zu finden, blieb stehen, und liess es ruhig zu, dass sie selbst sich beugte, um ihr Handwerkszeug von neuem zu fassen.

Ida, welche diesen Fall nicht aus Koketterie veranlasst hatte, gluhte vor Beschamung uber ihr Versehen, und fieng an das Radchen hurtiger zu drehen, um den etwanigen Vorwurf der Unschicklichkeit in dem Herzen des Fremden hinweg zu tilgen.

Es ist schwer zu errathen, ob irgend ein Zufall den Liebenden und die Geliebte naher zusammen gebracht haben wurde, da sie diesen so unachtsam vorbeygehen liessen, aber alle Moglichkeit dazu ward in diesem Augenblick durch die Ankunft der Mutter vereitelt.

Und was bringt einen Gesandten des Kaisers in mein schlechtes Haus? fragte die Matrone, indem sie Herrmannen nochmals zum Sitzen nothigte, und sittig vor ihm stehen blieb. Der Kammerjunker stockte, errothete, welches jetzt bei Kammerjunkern etwas seltnes ist, und fand, dass es nicht ohne Schwierigkeit sey, einen Auftrag, wie der, mit welchem Kaiser Wenzel ihn beehrt hatte, auszurichten. Auch sagt die Geschichte nicht, wie er sich endlich dessen entledigte, sondern sie fuhrt uns nur auf die Wurkung, die er auf das Gemuth der Munsterin that. Sie lachelte, und winkte mit einem bedeutenden Blick auf Ida; Kind, sagte sie, das bedeutete mir mein Traum, ich fand in Abwesenheit des Vaters Rosen in unserm Garten, Rosen bedeuten Ehre!

Mit diesen Worten war die gutherzige Frau nach einen grossen Seulenschranke gegangen, den sie mit Gerausch offnete, und mit einem Kastchen von schwarzem Ebenholze zuruckkehrte. Gut, sagte sie, indem sie sich an Herrmanns Seite setzte und das kleine Behaltniss auf dem Tische ausleerte, gut dass mein Mann nicht zu Hause ist, und mir die Ehre hinwegnimmt, einem so grossen Herrn zu dienen. Hier, Herr Ritter, nehmt so viel ihr wollt, nehmt alles, nehmt es ungezahlt, nur diese Kette und diesen Ring nehme ich hinweg, sie gehoren meiner Tochter, und, fuhr sie fort, und grusst unsern Herrn den Kaiser schonstens von mir, und wir liebten ihn alle, seit er uns eine so gute Kaiserin gegeben hatte. Durch sie, hofften wir, sollte manches besser werden.

Herrmann erstaunte uber die Bereitwilligkeit, mit welcher dieser Frau, wie er meynte, ihren ganzen Schatz dem Vergnugen aufopferte, einem Herrn, wie Wenzel, gedient zu haben. Er sah sie an, sprach etwas von sicherer Wiedererstattung, an welcher er doch selbst nicht glaubte, und trat endlich mit dem Auftrag hervor, den ihm der Kaiser vor den alten Munster zur Belohnung (vielleicht zur einigen Erstattung) fur das Darlehn gegeben hatte. Wer soll nun, fragte Herrmann, das Recht haben, mit einer goldnen Kette zu prangen, derjenige, dem der Kaiser es zudachte, oder die gutherzige Frau, welche so bereitwillig ist ihm zu dienen?

Mein Mann ist so hochmuthig nicht, sprach die Munsterinn lachelnd, und ich? freylich mir sollte so ein Vorzug vor meines gleichen ganz wohl thun, aber wenn mich der Kaiser belohnen will, so will ich ihn schon einmal um etwas anders bitten, das er mir nicht abschlagen muss, wenn er dankbar seyn will.

Herrmann versicherte, er getraute sich alles fur sie beym Kaiser zu erlangen was sie wunschte, und er glaubte ihr die Freyheit zusichern zu konnen, jeden Schmuck offentlich tragen zu durfen, den sie wunschte, ohne dass ihr darum fur die Zukunft eine freye Bitte abgeschlagen werden sollte. Der junge Mensch, der einen Theil der Liebe fur die Tochter auf die Mutter ubertrug, sprach mit einem Feuer, das der klugen Munsterinn ein neues Lacheln abnothigte. Es freut mich, sagte sie, dass ihr so viel bey eurem Herrn geltet, auch danke ich fur die Erlaubniss die Kostbarkeiten zu tragen, die ich habe; allenfalls kann ich mich auch im Hause damit schmucken, wenn mir das Freude macht. Aber wie ist das, hat euch der Kaiser, bey dem ihr so viel zu sagen habt, nie erlaubt mit goldnen Ketten zu prangen? Mich dunkt ich habe euch oft in der Kirche und anderwo gesehen, aber nie mit so etwas um euren Hals; und ihr seyd doch ein Edler!

Herrmann errothete, denn er wusste die Ursach dieses Mangels, der seinen Grund in seinem wenigen Vermogen, und Wenzels schlechter Freygebigkeit hatte, sehr wohl.

Wie war es, fuhr die Munsterin fort, wenn ich einmal that als ob ich Kaiser war, und euch eine Kette zu tragen erlaubte? Ida, willigst du ein? die Mutter hielt bey diesen Worten die Kette in die Hohe, von welcher sie vor einem Augenblick sagte, dass sie ihrer Tochter gehore. Ida verbeugte sich. Nun so steh auf, fuhr die Mutter fort, und lege dem Ritter selbst das Geschenk an, das ich ihm von dem Deinigen gebe.

Ida errothete, zogerte, und erhub sich endlich auf wiederholtem Befehl ihrer Mutter, gieng zitternd auf Herrmann zu, nahm die Kette aus den Handen der Matrone, warf sie um den Hals des Junglings, und eilte nach ihren Rocken zuruck, ohne auf den zu achten, der halb ausser sich ihr nachsah, und die Arme nach ihr ausstreckte.

Eine grosse Pause erhub sich nach dieser Begebenheit. Ida sass mit niedergeschlagenem Auge und gluhendem Gesicht an ihrem Rocken ohne zu spinnen, Herrmann heftete seine Augen mit einem Blick auf sie, welcher sich nicht beschreiben lasst, und die Munsterin sass an ihrem Stuhl zuruck gelehnt und sah dem allen mit einem scharfen beobachtenden Blick zu, der schwer zu erklaren war.

Eben hatte sie die lange Stille durch die Frage an den jungen Menschen unterbrochen, ob er nicht Ritter Herrmann von Unna sey, und dieser war eben im Begriff zu bejahen, und wiederum zu fragen, woher man ihn kenne? als die Munsterinn den Fusstritt ihres Mannes im steinernen Vorhaus vernahm, und ihren Beysitzer bat, Idas Geschenk in sein Wamms zu knupfen. Er gehorchte ohne nach der Ursach zu fragen, und Munster trat ein. Ein alternder Mann von stattlichem Ansehen, als sein Stand mit sich brachte, ein stolzer Blick in seinem Auge zeigte den reichen Burger an, der sich den Edeln gleich hielt, und eine gewisse Gutmuthigkeit in seinen Zugen, machte, dass man ihm diesen Blick nicht ubelnehmen konnte. Die Anwesenheit des Kammerjunkers schien ihn zu befremden, er sah seine Frau mit einer Miene voll Unwillen an, befahl Ida das Zimmer zu verlassen, und fragte Herrmann nach seinen Begehren.

Der Name des Kaisers machte ihn etwas milder, und das Gewerbe, das derselbe seinem Vertrauten an ihn aufgetragen hatte, nothigte ihm ein Lacheln ab. Es ist gut, sagte er, nachdem man ihm alles, ausser den Umstand mit Idas Geschenk, entdeckt hatte, es ist gut, dass mein Weib meine Stelle vertreten hat, das nachstemal, dass der Kaiser meiner nothig hat, und ich vermuthe, dies wird bald geschehen, wird die Reihe an mir seyn: wir sind verbunden, unserm Herrn mit Gut und Blut zu dienen. In einer von Sr. Majestat treuen Reichsstadten fand ich Schutz und Brodt, als ich arm und vertrieben war, in seinen Landen erwarb ich einen Theil dessen, was ich habe, und ihm gebuhrt ohne Zweifel ein Theil des meinigen; also, Herr Ritter, so oft ihr wollt im Namen eures Herrn, in dem Eurigen aber nie.

Herrmann wollte nach dieser Erklarung das Gesprach von neuem anspinnen, aber die Antworten fielen kurz aus, er sprach von Wiederkommen, und fugte einige ubel angebrachte Schmeicheleyen fur den alten Munster hinzu, aber man ubergieng es mit Stillschweigen, und er entfernte sich. Was sollte er hier? die, welche ihn so machtig anzog, die geliebte Ida, war ja nicht mehr gegenwartig, und ihre vorher so freundliche Mutter, hatte seit der Erscheinung ihres Mannes sich so ganz verandert, dass er sie nicht mehr kannte.

Der Kammerjunker gieng langsam nach Hause, und rekapitulirte, was ihm begegnet war. Idas Anblick, die Freundlichkeit ihrer Mutter, das Geschenk, das sie ihm auf so gute Art von der Hand des geliebten Madchens zu verschaffen wusste, und eine Menge anderer Dinge, welche vorgefallen waren entzuckten ihn, liessen ihm Hofnungen fassen, die er sich selbst nicht zu erklaren wusste, und machten, dass er die Hauptsache, den glucklich ausgerichteten Auftrag seines Herrn ganz aus der Acht liess.

Erst als er die Schatze der gutherzigen Munsterinn, deren Gewicht er in der Freude seines Herzens nicht gemerkt hatte, in seinen Taschen fuhlte, alsdenn erst erinnerte er sich was er zu thun habe, und eilte zu seinem Herrn ihm Nachricht zu geben.

Wenzel war niemals zufrieden, und fand also auch hier Ursach zum Verdruss. Die Gaben der grossmuthigen Burgerinn reichten nicht ganz an die Summe, die er verlangt hatte, und dennoch liess ihre Bereitwilligkeit zu geben es ihm bereuen, dass er nicht mehr gefordert hatte. Munsters Reichthum war in seinen Augen unerschopflich, und er sann darauf ihm nachstens wieder zuzusprechen.

Sein Vertrauter horte wenig von dem, was er ihm hieruber sagte, er sehnte sich nach Hause, um seine Abentheuer nochmals zu uberlegen, und seine Augen an Idas goldner Kette zu weiden, ein Kleinod von ziemlichem Werth, an welchem er nichts auszusetzen hatte, als dass das Schaustuck, das daran hieng, nicht mit Idas schonem Gesicht geziert war, ihm nichts als einen alten bartigen Grafen von Wurtemberg vorstellte, der ihn wenig interessirte.

Herrmann musste uber die Gedanken an die Schonheit der Tochter und die Gute der Mutter ganz die Strenge des Vaters vergessen haben, denn des andern Tages mit dem fruhesten Morgen trugen ihn seine Fusse vor Munsters Pforte, und er war sehr befremdet, abgewiesen zu werden. Man sagte ihm, weder Herr noch Frau seyen gegenwartig, man vermuthe uberdieses heute keine Befehle von Sr. Majestat, und andere Angelegenheiten konne und werde der Herr Ritter in diesem Hause nicht haben.

Aehnliche Versuche liefen in der Folge auf ahnliche Art ab, und Herrmann fing an im Ernste zu wunschen, der Kaiser moge wieder Geldmangel haben, und seine Zuflucht zu Munsters Goldquelle nehmen mussen. Aber Wenzel war empfindrisch genug andre Brunnlein zu entdecken, aus welchen ihm die Schatze, die er brauchte, noch haufiger zufliessen mussten. Er machte Edle zu Grafen, und Grafen zu Reichsfursten, und liess sich fur diese Promotionen von jedem nach Standesgebuhr und Wurden zahlen. Ein anderer Erwerbszweig war fur ihn, die Erschaffung neuer Richter und Beisitzer jenes furchterlichen Gerichts, durch dessen eisernen Arm zu den damaligen Zeiten die Gerechtigkeit im Verborgenen geubt wurde. Zwar hatte der Kaiser eigentlich kein Recht zu Vergebung solcher Stellen, zwar war die Uebung dieser Art der heimlichen Gerechtigkeit an ein einiges Land, an Westphalen gebunden, aber daran kehrte sich Wenzel nicht, er schaltete mit allem was ihm nicht zukam, als mit seinem Eigenthum, und freute sich des Vortheils, der ihm daraus zufloss.

Siebentes Kapitel.

Ungluck bringt uns oft dem Glucke naher.

Graf Viktor von Mayland lebte in heimlicher Fehde mit einem Fursten aus dem Hause Visconti. Der Grund ihrer Streitigkeiten und die Ursach, warum beide sich nur heimlich zu schaden suchten, sind Dinge, welche hieher nicht gehoren. Ehrgeiz und Rache trieben den Grafen an Wenzels Hof, er bot ihm hundert tausend Gulden, eine fur die damaligen Zeiten ungeheure Summe, wenn ihm der Kaiser den herzoglichen Titel gewahren wollte. Der Kaiser war taub gegen die Vorstellung seiner Fursten, Graf Viktors Bitte abzuschlagen, er horte nur seinen Eigennutz, er gab, ganz wider die Reichsverfassung, dem Grafen was er offentlich verlangte, und versagte ihm, wie die Sage berichtet, auch das nicht, warum er heimlich bat, das Recht in seinen Landen ein Freygericht zu stiften, das ist, wider jeden den er hasste, und einen Schein des Verbrechens ausbringen konnte, tausend heimliche Henker zu bewafnen, die ihn richten konnten, wo sie ihn fanden, ohne dass jemand sein Blut rachen durfte.

Dieser letzte Theil von Graf Viktors Gesuch liegt zu sehr in Dunkelheit gehullt, als dass sich etwas zuverlassiges davon sagen liess, aber so viel ist gewiss, dass er alles erhielt, was er verlangte, und des Kaisers Willfahrigkeit noch grossmuthiger bezahlte, als er versprochen hatte.

Jetzt waren, nach Wenzels Meynung, unerschopfliche Schatze in seinen Handen. Ganz Prag erschallte von dem Getummel der Freude, tausend schwelgerische Feste wurden gefeyert, zu denen Herzog Viktors Erhohung die Veranlassung seyn musste. Die Unterthanen, so sehr sie auch die Ausschweifungen ihres Kaisers tadelten, bildeten sich doch im Stillen ihm nach. Wenzels Verschwendung gab auch andern Mittel zum Wohlleben in die Hande, und der Rausch, von welchem bei Hofe alles taumelte, verbreitete sich in die entferntesten Quartiere der Stadt.

In einer von denen in dieser Epoche durchschwelgten Nachten, war es, da im ostlichen Theil der Stadt jene schreckliche Feuersbrunst ausbrach, von welcher noch einige der altesten Chroniken gedenken. Mitternacht war bereits vorbey, der Kaiser und sein Zechgeselle, der Furst von Ratibor, schenkten eben den Pokal ein, der den letzten Ueberrest ihres Bewusstseyns ersaufen sollte, indessen um und neben ihnen bereits alle diejenigen ohne Verstand lagen, die den Wettstreit der Schwelgerey mit ihnen begonnen hatten. Lallend und mit wildem Gelachter erzahlten sie einander, wie einer ihrer Gefahrten nach dem andern, von Wein ubermocht, dahingesunken war, stritten, zuweilen fast bis zur Thatlichkeit, uber die Ordnung, in welcher dies geschehen war, und uber den Augenblick, in welchem sie das Schicksal der andern treffen wurde.

Mittlerweile hatte der jungere, kleinere und bessere Theil der Gesellschaft nur aus dem Becher der Freude getrunken, und ergotzte sich mit dem edlern Vergnugen des Tanzes. Herrmann war mitten in dem jugendlichen frolichen Zirkel. Nachdem er lange unter dem Trupp lachender Junglinge und Madchen allein traurig gesessen, bald sich an ein Fenster gestellt hatte, wo er die Gegend von Idas Wohnung sehen konnte, bald sich unmuthig hinweg gewandt, und den tausendmal vergeblich gefassten Entschluss erneuert hatte, das reizende Burgermadchen zu vergessen, so fieng er endlich an seine Zuflucht zu dem gefahrlichen Gegengift des Kummers, dem Trunke, zu nehmen. Er war zu edel, sich um sein Bewustseyn zu trinken, aber doch hatte er endlich den Becher oft genug geleert um froh zu seyn, und in jedem Madchen, das an seiner Hand die bunten Reihen hinabschwebte, eine Ida zu sehen.

Mitten in dem frohen Taumel, in welchem er und alle seine Gefahrten sich befanden, wurden sie durch ein ungewohntes Geschrey erschuttert. Es ist die Schildwacht, sagte eine liebliche Blondine zu dem schonen Herrmann, und druckte seinen Arm fester an ihr Herz; sie verkundigt den Tag, lass uns die fliehenden Stunden nicht versaumen! Die Schildwachen, vielleicht die einigen ganz nuchternen Manner in der Gegend des Schlosses, verdoppelten ihr Rufen. Die Musik schwieg, man horchte. Es ist Feuer! riefen einige Stimmen. Feuer! riefen die andern, und der ganze Schwarm der Tanzer wickelte sich in einen Knauel zusammen, und sturzte nach den Thuren und den Fenstern, um theils zu fliehen ehe man wusste wo die Gefahr war, theils zu forschen, wo sie sey.

Herrmann war unter den letzten. Er flog an das Fenster, wo er diesen Abend so oft gestanden hatte, und sahe den hohen Schlossberg hinab in die weite Ferne hinaus. Die ganze ostliche Gegend des Himmels schwamm in Feuer. Plotzlich stieg der Gedanke an Ida in seiner Seele auf, der Taumel der Selbstvergessenheit verschwand. Er rief den Namen seines Madchens aus, schleuderte die holde Blondine, welche noch an seinem Arm hieng, von sich, und wandte sich halb ausser sich um, das Zimmer zu verlassen. Er arbeitete sich durch das druckende Gedrange, welches das Fenster und die Thuren besetzt hielt, stiess zu Boden was sich ihm widersetzte, und erreichte endlich die Gasse.

Ohne sich der Dauer des Weges bis zu Munsters Hause, oder der Art, wie er ihn zuruck gelegt hatte, bewusst zu seyn, langte er daselbst an, und doch man erspare mir die Beschreibung des schrecklichen Schauspiels, welches sich Hermann hier gezeigt haben wurde, wenn er fur irgend etwas, als die Gefahr seines Madchens, Sinn gehabt hatte.

Wahrscheinlich war man das Ungluck in dem Viertel der Stadt, welches von demselben betroffen wurde, spater gewahr geworden, als es die nuchterne Schildwache auf dem hohen Schlossberge ausgerufen hatte. Ein Theil der unglucklichen Bewohner dieser Gegend hatte im schwelgerischen Rausche von Festen, die auch hier gefeyert wurden, der andere in jenem tiefen Schlafe gelegen, in welchen die Arbeitsamkeit ihre Freunde einwiegt.

Die Bewohner des Munsterschen Hauses waren unter den letztern gewesen, bey ihnen wusste man nichts von uppigen Lustbarkeiten, sondern widmete einen Wochentag wie den andern dem Fleisse und die Nachte der Ruhe. Es war die Nacht vor Kreuzerhohung, da sich diese furchterliche Begebenheit zutrug, und eine solche Nacht zu durchschwarmen, wurde bey dieser frommen Familie doppelt strafbar gewesen seyn.

Der halbentseelte Herrmann fand den alten Munster und seine Frau mit gerungenen Handen bey ihrem brennenden Hause stehen, und nach ihrer Ida rufen, mit Muhe hatten die unglucklichen Eltern ihr eigenes Leben gerettet, der Vater, welcher in die Gluth zuruckgekehrt war, und seine Tochter vergebens auf ihrem Zimmer gesucht hatte, fuhlte nicht die Schmerzen seines bey dieser Gelegenheit schwer beschadigten Arms, und die Mutter schien alle Augenblick im Begriffe zu seyn, sich ins Feuer zu sturzen, um die Verlorne zu suchen, oder mit ihr zu sterben.

Ida? rief Herrmann, als er die Klagen der Eltern horte, Ida ist verloren? ha! ich muss sie suchen, sie retten! Diese Worte waren kaum geendigt, als er eine Leiter ergriff, und sie an dem Theile des halb zerstorten Hauses anlegte, den ihm die Mutter mit dem Finger zeigte; die lodernde Gluth hatte sich von dieser Ecke gewendet; uber glimmende Balken und gluhende Steine klimmte Herrmann zu der Kammer seines Madchens. Der dicke Rauch verbarg ihn dem Auge der Schauenden. Idas Eltern konnten den Retter ihrer Tochter nicht mehr sehen. Auch er ist dahin! schrie die Mutter, und rang die Hande, aber in dem Augenblicke kam er wieder hervor, drangte sich tiefer in die rauchenden Trummern, verschwand nochmals, zeigte sich wieder, fieng an die Leiter hinabzuklimmen, sturzte sich einigen, die ihm zu Hulfe kamen, in die Arme, und blieb ohnmachtig liegen.

Leer? rief die herbeydringende Mutter, er kommt leer? Ach Gott, wo ist meine Tochter!

Indessen die Mutter uber Ida jammerte, beschaftigte sich der Vater mit dem heldenmuthigen Junglinge, der sein Leben vergeblich gewagt hatte. Der Rauch hatte ihn auf seinen wiederholten Bemuhungen um die, die er liebte, fast erstickt, Angst und Anstrengung seine Krafte aufgezehrt, seine Ohnmacht war dem Tode ahnlich, und nur die Schmerzen der Beschadigungen, die er erlitten hatte, konnten ihn endlich erwecken.

Mit der zunehmenden Gluth mehrte sich auch die

Anzahl der herbeydringenden Menge, der Tag war angebrochen, die Schwelger und Schlafer von Prag wurden wach, und man fieng an ernstlich auf Rettung zu denken, die nun fast zu spat kam.

Idas Eltern verliessen die Gegend des Schreckens,

wo sie alles verloren zu haben glaubten, und begaben sich nach einem kleinen Hause, welches von den Flammen verschont geblieben war, und welches ihnen gleichfals zugehorte. Idas unglucklicher Retter liess sich auf ihre Bitte von seinen Leuten an den nemlichen Ort bringen, weil die Mutter schwur, sie konne seine Wartung niemand als sich selbst anvertrauen.

Sie hatten den Weg dahin noch nicht halb zuruck

gelegt, als aus den immer mehr zustromenden Gedrange, ein Madchen, als Ida, sich in ihre Arme sturzte.

Es ist unmoglich die Wirkung zu beschreiben, die

die Erscheinung der Verlornen bey den dreyen, die sie so unaussprechlich liebten, anrichtete; der schwache Herrmann ward von neuem ohnmachtig, und der Mutter gieng es nicht besser. Nur der Vater hatte Besonnenheit genug, die Tochter, die weinend in seinen Armen lag, um die Moglichkeit, um die Art ihrer Rettung zu fragen.

Rettung? rief Ida, Gott sey Dank, dass ihr gerettet seyd, ich habe nichts von Gefahr gewusst, nichts davon getraumt, bis ich von dem Ungluck horte, dass sich in unserer Gegend zugetragen habe, und halb sinnlos herbeyeilte, euch gerettet zu sehen, oder mit euch zu sterben.

Jetzt erst besann sich der Vater, dass Ida noch des vorigen Abends spat um Erlaubniss gebeten hatte, nebst ihrer Magd, die Metten in der entfernten Marienkirche zu besuchen, welche gleich nach Mitternacht angieng, und mit Anbruch des Tages endigte; dort hatte das Gerucht von dem Ungluck ihrer Eltern das fromme Madchen getroffen; und der gute Engel, der sie vor ihrem eigenen Verderben voruberfuhrte, brauchte sie nunmehr zum Mittel, auch die andern zu trosten, und sie mitten im Ungluck den hochsten Grad von Freude fuhlen zu lassen.

Herrmann war zu sich selbst gekommen, man stellte ihm die lebende Ida vor, die ihm ganz so dankte, wie das, was er fur sie gethan hatte, es verdiente. Er blieb in dem Hause ihrer Eltern, sie ward seine Warterin, und ob seine Liebe dadurch genahrt, und die ihrige angefacht wurde, lasst sich denken.

Achtes Kapitel.

Herrmann bekommt Rathsel zu horen.

Herrmanns Wiedergenesung und der Wohlstand brachten ihn aus Munsters Hause. Er erschien wieder vor dem Kaiser, der sich wenig um ihn bekummert hatte, und ihn jetzt uber sein Abentheuer mit dem Burgermadchen hohnte. Dem Beyspiel des Herrn folgten die Diener, und Herrmanns und Idas Liebe ward das Marchen vieler Tage. Nur Sophie war edel genug Herrmann nicht zu hohnen, ihn nicht wegen dessen, was er fur das schone Burgermadchen gethan hatte, zu verachten. Ein Funke von jener schnell gefassten Zuneigung fur Ida, welchen andere Gedanken und die Furstin von Ratibor eben so schnell unterdruckt hatten, glimmte noch in ihrem Herzen, sie horte von dem Ungluck ihrer Eltern mit Ruhrung, freute sich der Rettung des jungen Madchens, und trug Herrmannen auf, der herabgekommenen Familie ein Geschenk zu uberbringen, welches nach dem wenigen, was Sophie in Handen hatte, ansehnlich genug war. Herrmann war entzuckt seine geheimen Wunsche erfullt zu sehen; Idas gesturztes Gluck nagte an seinem Herzen, er sah das Kleinod, das er von ihr in ihren bessern Tagen erhielt, mit Wehmuth an, hielt es fur Pflicht es ihr jetzt zuruck zu geben, und da ihm dieses unmoglich war, so beraubte er sich alles dessen, was er von einiger Kostbarkeit hatte, und dessen sehr wenig war, um ihr den Werth dessen, was sie gab, nur einigermassen zu ersetzen. Er legte es zu dem Geschenke der Kaiserin, um ihm unter diesen erhabenen Namen eine willige Aufnahme zu verschaffen. Der besorgte Jungling hatte noch andere Gedanken. Er erinnerte sich an das Darlehn der Munsterin, er wusste, dass der Kaiser noch viel von Herzog Viktors Geldern ubrig hatte, und er war kuhn genug, ihn an die Erstattung des Geborgten zu erinnern; eine Freiheit, welche sehr ubel aufgenommen wurde, und vielleicht den ersten Grund zu Wenzels Kaltsinn gegen seinen ehemaligen Liebling legte.

Hat man euch aufgefordert, dieser armseligen Kleinigkeit gegen mich zu gedenken? fragte der Kaiser mit finsterm Blicke. Nein, sagte Herrmann, im Gegentheil hab ich alle Ursach zu glauben, dass die gutherzige Munsterin die Absicht hatte ihrem Herrn nicht ein Darlehn, sondern ein Geschenk zu geben; aber diese Grossmuth, ist sie nicht die grosste Aufforderung Und, fiel ihm Wenzel ins Wort, sagtet ihr mir nicht von einer freien Bitte, welche sich das Weib, als sie mir das Geschenk sandte, vorbehielt. Herrmann bejahte. Nun gut, fuhr der Kaiser fort, so wollen wir warten bis sie mit dieser Bitte einkommt, und bey meinem kaiserlichen Worte, es soll ihr nichts

Abgeschlagen werden, wollte er sagen, aber die Furcht, sich zu etwas verbindlich zu machen, das er vielleicht keine Lust haben mochte zu halten, hiess ihn abbrechen, und ein halb unwilliger Wink mit der Hand deutete dem Junglinge an sich zu entfernen.

Herrmann machte sich auf den Weg nach Munsters kleinem Haust, er trauerte, dass er seine und Sophiens Gaben nicht auf die Art hatte vermehren konnen, wie er wunschte. War er Kaiser gewesen, keine Summen hatten ihn zu gross gedunkt, die Gutwilligkeit der ehrlichen Munster in zu vergelten.

Er fand Idas Vater diesmal allein. Bekummert, dass sein Opfer nicht so gross war als er gehofft hatte, legte er ihm das vor, was er ihm im Namen der Kaiserin zu liefern hatte. Munster sah nachdenkend vor sich nieder, und Thranen kamen in seine Augen! Sie ist eine edle Frau, sagte er, eine wahre Mutter des Volks; das was sie an mir thun will, thut sie an tausend Unglucklichen, sie entzieht sich das wenige, was ihr Wenzels Geiz uberlasst, um andern zu helfen. O dass ihr Einfluss auf unsern Herrn nicht so gross ist, als wir hofften! und doch spurt man in manchen Stucken Linderung, und das Land hasst ihn weniger, um des Engels willen, den er ihm zur Furstin gab.

Herrmanns Herz war noch voll Erbitterung gegen den Kaiser, und er konnte sich nicht entbrechen, dem alten Munster den ganzen Auftritt zu erzahlen, den er diesen Tag mit ihm gehabt hatte.

Ihr habt ubel gethan, sagte der Alte. Wer Kaiser Wenzeln etwas leihet, gedenkt gewiss nicht an die Erstattung, und was meines Weibes freye Bitte anbelangt, so wollte ich, dass ihr euch nicht damit einliesset; die Weiber haben zuweilen wunderliche Einfalle, und sollte sie eine Sache fordern, die dem Kaiser kein Geld kostet, und die er ihr also bewilligte, so konnte ihr das erlangte vielleicht mehr Schaden als Vortheil bringen.

Herrmann liess den letzten Theil dieser Rede unbeantwortet, und schwur, er wurde nicht ruhen bis das Darlehn, das er aus den Handen der gutherzigen Frau fur den Kaiser erhalten hatte, ersetzt sey. Ich sehe mich selbst als ihren Schuldner an, rief er, und o Gott, dass ich nur gleich jetzt, gleich jetzt thun konnte was mir zukommt. O Himmel! nur einen Theil, nur einen kleinen Theil der Guter, die du mir vielleicht in der Zukunft zugedacht hast, gern that ich auf das Ganze Verzicht, wenn ich nur jetzt, nur jetzt!

Junger Herr, sagte Munster nach einigem Nachdenken, ihr macht euch da ganz unnothige Sorge, und ich finde es fur gut, um euer Herz nur ein wenig zu beruhigen, euch ein Geheimniss zu entdecken, dass selbst den Weibern nicht ganz bekannt ist. Ich bin nicht so arm als ihr denkt, so wie ich auch nie so reich war als mich die Welt vielleicht ausgeschrien hat. Ich wusste das Gerucht, das meine Feinde von meinen Schatzen ausgebreitet hatten, ich hatte es lange erwartet, dass der Kaiser anfangen wurde, Versuche zu machen, sie in seine Kasse zu leiten. Mit Bereitwilligkeit hatte ich ihn eingeschlafert, hatte seine Forderungen befriedigt, so lange ich es ohne Schaden hatte thun konnen, und war es zu arg geworden, so hatte ich auch dafur Mittel gewusst. Freylich, mit Borgen fangt man an, und mit Rauben hort man auf, ich weiss, wie es andern gegangen ist. An einem ehrlichen Mann kann man bald Ursach finden ihn um das Seinige zu bringen; hatte ich so etwas von weiten gemerkt, so hatte ich zusammen genommen, was ich in diesem kleinen Hause vergraben habe, und war mit den Meinen davon gegangen; er hatte denn das grosse Haus, das jetzt abgebrannt ist, und das ich nicht wieder aufbauen werde, ob ich es wohl konnte, zur Schadloshaltung fur den Verlust eines ehrlichen treuen Burgers, behalten mogen.

Herrmann horte dem Alten mit Verwunderung zu, welcher folgendermassen fort fuhr. Dass ich hier etwas Geld vergraben habe, weiss meine Frau, aber wie viel, das taugt ihr nicht zu wissen. Weib, bleibt immer Weib, ein eitles aufgeblasenes Ding, wenn ihm das Gluck die Flugel wachsen lasst, und nur folgsam und demuthig wenn Und Ida? unterbrach ihn der Jungling, den die unbilligen Lasterungen wider das Geschlecht seines Madchens krankten.

Mit Ida hat es freilich eine andere Bewandniss, fuhr Munster fort, und schien bey Nennung ihres Namens in ein tiefes Nachsinnen zu gerathen. Weil wir einmal von ihr reden, fieng er nach einer Weile von neuem an, so muss ich euch bitten, dass ihr euch nicht wundert, wenn ihr sie inskunftige selten oder nie zu sehen bekommt. Dass ihr sie liebt, dass ihr ihr eure Liebe auf die edelste Art bewiesen habt, weiss ich, aber ihr durft nicht an sie denken! Ich hoffe, ihr werdet keine Unmoglichkeiten verlangen.

Herrmann wiederholte das Wort Unmoglichkeit mit einem Tone, der ganz der Abdruck des Entsetzens war, welches ihn befiel, als er das Gluck seiner Liebe mit diesem furchterlichen Namen benennen horte. Zwar wusste er hier selbst nicht, was er hoffen konnte und sollte, doch hoffte er, und zitterte, wenn man das schwankende Gebaude seiner dunkeln ungewissen Erwartungen antastete.

Meine Leser erlauben mir ein Gesprach zu ubergehen, das sich hier zwischen dem Burger und dem jungen Hoflinge erhub, und dessen Inhalt sie errathen konnen.

Der Alte sprach ernstlich mit dem Junglinge uber das Kapitel von seiner Leidenschaft, dieser vertheidigte sie mit Grunden, welche nicht ganz unwichtig waren, er betheuerte, er sey bereit entweder Geburt, Stand und alle Hoffnungen um Idas willen aufzugeben, oder die kuhnsten Schritte zu thun, um sich durch Tapferkeit (in den damaligen Zeiten das sicherste Mittel der Erhebung) hoch genug zu schwingen, dass die Welt es nicht wagen durfe, wider die Verbindung mit einer Person niedrigen Standes etwas einzuwenden.

Das Urtheil der Welt ist's gar nicht, was ich hierbey in Erwagung ziehe, sagte Munster, es durfte vielleicht anders ausfallen als ihr denkt; aber genug, ich kann euch nicht alles entdecken, es giebt hier gewisse Umstande, die kurz ich muss darauf bestehen, dass ihr Ida nicht zu sehen strebt, und alle Mittel anwendet, eine ungluckliche Leidenschaft zu todten, welche sich endlich auch in das Herz des Madchens einschleichen, auch sie unglucklich machen konnte.

Herrmann tappte hier im Dunkeln. Munsters abgebrochene Winke waren ihm ganz unerklarlich, und er war geneigt alles fur kunstliche Verschleyerung eines hartnackigen Widerwillens gegen seine Person anzunehmen, dessen Grund Munster nicht anzugeben wusste, und also seine Zuflucht zu Rathseln nehmen musse.

Ein treuherziger Handedruck des Alten versicherte Herrmann vom Gegentheil. Nein, junger Herr, sagte er, ich liebe euch, liebte euch damahls schon, als ich alle eure Bemuhungen, Zutritt in meinem Hause zu bekommen, vereitelte, und jetzt da die Dankbarkeit mich an euch fesselt, urtheilet was ich jetzt fur euch fuhlen muss?

Herrmann nahm die Versicherung des Alten kaltsinnig auf, er verliess ihn und fasste den festen Entschluss, Munsters Haus nicht mehr zu besuchen, und doch war er immer, ohne sich dessen bewusst zu seyn, nach demselben hingezogen. Es blieb doch immer eine Moglichkeit fur ihn, Ida oder ihre freundliche Mutter einmahl zu sehen, auch fuhlte er selbst fur den harten Vater eine Zuneigung, welche es ihm unangenehm machte, seine Gesellschaft lange zu missen.

Sonderbar war es, dass ein am Hofe herangewachsener Jungling Geschmack an dem Umgange eines gemeinen Burgers finden konnte; aber dieser Burger war ein edler wohldenkender nuchterner Mann, und der Jungling, der so gern um ihn war besass Verstand und Tugend genug, um den Ton, der in seinen Reden und Thaten herrschte, den Sitten an Wenzels schwelgerischen Hofe weit vorzuziehen, und es sich oft im Stillen zu sagen, er fuhle sich besser, dem Laster gehassiger, der Tugend geneigter, seit er den redlichen Munster kennen lernte.

Gefuhle von dieser Art waren indessen nicht hinreichend den jungen Hofmann von jedem Schritte abzuschrecken, der seinem treuherzigen Freunde misfallen konnte, er sann ernstlich darauf, sich eine geheime Unterredung mit Ida oder mit der Mutter zu verschaffen, und das letzte gelang ihm.

Er fand diese gute Frau ihm noch so geneigt wie jemals, sie vereinigte ihre Klagen uber den Eigensinn ihres Mannes mit den Seinigen, versicherte ihm Dinge von Wichtigkeit zu sagen zu haben, und benennte ihm einen Abend, wo er in Abwesenheit ihres eifersuchtigen Huters, nicht allein sie, sondern auch Ida zu sehen bekommen sollte.

Herrmann stellte sich punktlich ein. Eine verschwiegene Magd sagte ihm, der Herr sey noch nicht ausgegangen, und bat ihn bis zu seinem Abschied in ein kleines Kabinett zu treten, welches nahe genug an dem untern Saale lag, um ihn einige Fragmente von einer Unterredung horen zu lassen, die zwischen Idas Eltern vorfiel und die wir unsern Lesern mittheilen wollen.

Und nach allem diesen, fieng der alte Munster an, als es Herrmannen zuerst einfiel das Ohr an die Thur zu legen, nach allem diesem haltst du mich noch fur einen Hasser des jungen Menschen? Glaube mir, alles was ich eingestehen kann, ist, ich liebe ihn einige Grade weniger als Idas Gluck; dieses, dieses ist mein einiges Augenmerk!

Auch das Meinige, erwiederte die Frau mit murrischer Stimme.

Und doch, fuhr Munster fort, erwahlst du die widrigsten Mittel deinen Entzweck zu erreichen?

Die besten! versetzte sie. Das Madchen muss aus der Dunkelheit hervor, wenn ich nicht ewig das bereuen soll, was ich gethan habe.

Ja, das soll sie, sprach der Alte, aber nicht durch Herrmann; lass uns doch den geradesten, den kurzesten Weg wahlen! Was kann sie von einem Junglinge hoffen, der sein Gluck noch nicht gemacht hat? dem sie vielleicht Jahre lang in die Fremde nachsehen muss, der zu einem Hause gehort welches

Nun gut, rief die Munsterinn, so bewillige meinen zweyten Vorschlag.

Frau, erwiederte der Mann, ich bitte dich, gieb die unglucklichen Gedanken auf, was soll Ida an einem Hofe wie Wenzels? Denke, was uns dein Einfall das junge Madchen an Allerheiligen mit deinem prangenden Geschenke hervortreten zu lassen, schon fur Unruhe gemacht hat, willst du noch weiter gehen? O dass ich dir die narrisch ausgesonnene Feyerlichkeit gestattete! Es ist undankbare Muhe den Grossen zu opfern, sie vergessen diejenigen nur gar zu bald, welche ihnen Freude machten.

Welches nicht geschehen seyn wurde, sagte die Frau, wenn Ida des andern Tages auf Befehl der Kaiserin bey Hofe erschienen war, wenn sie sich nicht auf deinem Befehl hatte krank stellen mussen.

O wenn die Kaiserin eine festere Neigung fur sie gefasst hatte, als Damen ihres gleichen pflegen, so wurde es bey einer Einladung nicht geblieben seyn. Welches ist besser, jetzt von ihr vergessen zu seyn, oder nach einigen glanzenden bey Hof zugebrachten Wochen oder Tagen dieses Schicksal erfahren, und gehasst, verlacht, und beneidet, in ihre Dunkelheit zuruckkehren zu mussen?

Die Munsterin schwieg.

Siehst du ein, fragte der Alte, dass dein Anschlag thoricht war? dass er seines Entzwecks verfehlen musste? und dass es mit dem zweyten eben so gehen wird?

Er war nicht thoricht, verfehlte seinen Entzweck nicht, rief die Frau; ich wusste, dass Ida Aufsehen erregen, dass sie wenigstens ein Herz wurklich fesseln musste, und es geschah. Der gute liebenswurdige Herrmann ward von ihr besiegt, er ist es, durch dessen Hand sie das Schicksal hervorziehen will, und er soll sie haben, soll einst ihr Gluck mit ihr theilen.

Soll ich dir zum zweytenmahl die Unmoglichkeit vorstellen, welche bey ihm starker als bey einem andern ist?

Thue es nicht, du richtest nichts aus.

Hartnackiger Weiberkopf! Willst du mir auch nicht wenigstens versprechen, deine neuen Chimaren aufzugeben, und alles mir zu uberlassen?

Idas Schicksal geht mich naher an als dich und

Nur dies, nur dies nicht, Marie, du weisst, wie ich sie liebe, und welcher Triumpf es fur mich seyn wird

Idas Eintritt verhinderte die Fortsetzung des Gesprachs. Der alte Munster erklarte, er wurde diesen Abend zu Hause bleiben, und dem jungen Madchen ward befohlen statt des Spinnrockens die Harfe zu nehmen, und die Geister des Unmuths von ihren Eltern zu verjagen.

Es war billig, dass Herrmann doch einige Schadloshaltung fur eine fehlgeschlagene Hoffnung erhielt; das Vergnugen Ida singen, spielen und sprechen zu horen, liess es ihn vergessen, dass er sie nicht zu sehen bekam, und die Vertraute, welche endlich eintrat, ihm zu sagen, dass er heute vergebens gekommen sey, und dass er sich hinweg begeben moge, erschien ihm viel zu zeitig. Mit Unwillen verliess er sein dunkles Behaltniss, und ging gedankenvoll nach Hause.

Neuntes Kapitel.

Der Ritter von der treuen Minne.

Die Geschichte sagt nicht, ob nach diesem ersten vereitelten Plan zu einer geheimen Zusammenkunft keine weiteren entworfen oder ob sie alle durch Munsters Klugheit zerstort wurden, gewiss ists, dass Herrmann weder Mutter noch Tochter in dieser Zeit zu sehen bekam, auch dauerte die Anwesenheit des Junglings an dem Orte, wo sein Madchen lebte, noch zu kurze Zeit, als dass sich eine so schwere Sache als die Beruckung eines wachsamen Vaters darinn hatte ausfuhren lassen.

Herrmann merkte mit jedem neuen Tage vermehrte Kaltsinnigkeit in dem Auge des Herrn, dessen Liebling er ehemals war. Wenzel sagte eines Tages sehr sinnreich zu Susannen: der Pursche sah aus wie ein lebendiger Mahnbrief aus dem Munsterschen Hause, und ob eine Phisiognomie, welche Dinge von dieser Art ausdruckte, seiner Majestat gefallen konnte, lasst sich denken.

Wenzel irrte indessen. Munster hatte es seinem jungen Freunde so oft versichert, dass er die Ruckgabe des Darlehns weder wunschte noch erwarte, als dass dieser noch einen Gedanken hatte haben sollen, seinen Herrn an diese verdrussliche Sache zu erinnern. Hatte der Kaiser sich besser auf die Gesichtskunde verstanden, so wurde er in Herrmanns Gesicht ganz andere Dinge gefunden haben. Heimlicher Gram, Ueberdruss und Eckel in allem was ihn umgab, und Sehnsucht nach einer heitern Zukunft lag in seinen Zugen, freilich also ubrig genug, einem Herrn zu missfallen, welcher allein das Recht haben wollte unzufrieden zu seyn!

Der junge Mensch las seinen Fall, las, denn er kannte seinen Herrn, Gefangniss und Tod in Wenzels Blicken, und fieng an ernstlich an seine Entfernung zu denken; ein Entschluss, welchen der alte Munster, der jeden Gedanken des jungen Menschen erfuhr, mit allen Kraften unterstutzte.

Es freut mich, sagte er, dass ihr selbst auf das kommt, was ich euch gern langst gerathen hatte. Was soll endlich hier aus euch werden! Ihr vertraumt eure schonsten Jahre in Mussiggange und verliert Zeit und Krafte zum Guten. Hinaus, junger Mensch, hinaus in die weite Welt, dort winken euch Gluck und Ehre! Geht in den Dienst irgend eines grossen Herrn, die Welt wird nicht von lauter Wenzeln beherrscht. Noch haben wir Herzoge von Oesterreich und Braunschweig, noch lebt ein Konig Siegmund in Ungarn, alles Fursten, die ihrem Stande einige Ehre machen, wahlt euch einen Herrn, und rechnet auf die Unterstutzung dessen, den ihr mehrmals Vater nenntet. Ihr werdet euch doch nicht schamen, durch einen reichen Burger die Mangel eures Glucks verbessern zu lassen? so stolz seyd ihr doch wohl noch nicht!

Und was ich euch noch rathen wollte, fuhr er fort, als er sahe, dass Herrmann ihn unterbrechen wollte, denkt vor allen Dingen darauf, den Namen wurklich zu erhalten, den man euch jetzt schon nach dem Hoftone geben muss. Lasst euch das Ritterschwerd umgurten, es dunkt mich im Grunde lacherlich, einen Kammerjunker Ritter zu nennen, der kein anders Gewehr tragt, als den kleinen goldnen Degen, den er oft aus Irrthum auf die rechte Hufte schnallt. Ihr freylich, setzte er hinzu, als er sah, dass sich auf des Junglings Stirne ein kleiner Unwille zusammen zog, ihr seyd kein solcher, man kennt euren Muth und eure Waffenerfahrenheit, aber ihr musst auch nun endlich einmahl aus der Reihe verzartelter Junglinge heraustreten, deren Gesellschaft euch keine Ehre bringt.

Herrmann gehorchte seinem Freunde, er bat bey Kaiser Wenzeln um Helm und Schild, und dieser, dessen Unwille gegen seinen ehemahligen Liebling noch nicht hoch genug gestiegen war, um ihm Leben und Ehre zu misgonnen, war froh ihn vom Hofe los zu werden, und gab ihm was er bat.

Munster, Herrmanns Orakel, hatte ihm gerathen, sich in irgend einen von den damahligen zahlreichen Orden, welche uberall ihre Mitglieder hatten, aufnehmen zu lassen, und der junge Mensch wahlte, mit Rucksicht auf seinen Zustand, den Orden der treuen oder wie man ihm schon damahls sehr nachdenklich nannte, den Orden der alten Minne.

Der treuherzige Burger lachelte ein wenig, als er den jungen Ritter mit dem Abzeichen seines Ordens, einem unter der Rustung hervorschwellenden rosenfarbnen Ermel auftreten sahe, und meynte, er hatte gewunscht, Herrmann mochte sich zu einer Gesellschaft von ehrwurdigerm Ansehen entschliessen! eine Einwendung, die dieser, der nichts ernsteres, nichts ehrwurdigers kannte als eine Liebe, mit Stillschweigen uberging.

Der neue Held hatte gehoft, wenigstens am Abend seines Ehrentages Ida zu sehen, aber er ward bald inne, das er dieses Gluck nicht ehe als hochstens auf den Tag seiner Abreise von Prag erwarten durfe, diesen so sehr als moglich zu beschleunigen, war des alten Munsters eifriges Bestreben. Es ward ihm schwer, taglich das Zureden seiner Frau und das Bitten des jungen Menschen zu erdulden, ohne ihnen das gewahren zu durfen, was beyde suchten; die jungen Leute sollten und durften sich seinem Vorsatz nach nicht mehr sehen, und es war also am besten, dass Herrmann entfernt ward.

Idas Mutter hatte so gern noch einmahl den jungen Ritter gesprochen um durch ihn einen Anschlag auszufuhren, der ihn schon lange im Sinne lag, und von welchem wir im vorhergehenden schon einige Winke bekommen haben, aber eben dieses wollte Munster verhuten, eben darum drang er auf Herrmanns Entfernung, und es war also keine Moglichkeit hierinn zum Zwecke zu kommen.

Es war den letzten Abend vor Herrmanns Abreise als Munster sich mit der Bitte an ihn wendete, er mochte ihm doch einige nahere Nachricht von der Art, wie er an Wenzels Hof gekommen sey, mittheilen, und der Jungling war seinem bejahrten Freunde zu viel schuldig, um ihm sein Gesuch abzuschlagen, aber, setzte er hinzu, darf ich meiner Einwilligung auch eine Bitte anhangen? Ich finde so viel ausserordentliches in euch und in eurem ganze Hause. Diese Ida mit allen ihren Vollkommenheiten, ein Madchen ohne Stand und Herkunft? Ihr, mit euren edeln Gesinnungen, dergleichen ich unter allen Grossen des Hofs nicht fand, ein gemeiner Burger? Unmoglich!

Ihr erzeigt unserm Stande viel Ehre, erwiederte der Alte mit einem hohnischen Blicke, vielleicht hat der Burgerstand heut zu Tage mehr wirkliche Edle aufzuweisen, als der Eurige; doch weil ihr mich nun so gar ausserordentlich findet, so wisset, ich bin in meinen jungern Jahren ein Kriegsmann gewesen, habe lang an den Hofen grosser Fursten und Herrn gelebt, habe grosse Reisen nach England und Italien gethan, und dort die Meisterstucke der Kunst, die ich jetzo treibe, kennen gelernt. Das Schwerd machte mich nicht reich, ich ward sein mude, ich suchte die Kunst hervor, die ich in jungern Jahren lernte, und sie nahrte mich und machte das aus mir was ich jetzt bin, ein freyer Mann der keines Fursten Gnade zu achten braucht; dahingegen mich das Schwerd immer dienstbar liess. Ich war unter den Burgmannern eines Fursten, der mir nach tausend Diensten, die ich ihm erwiesen hatte, eine Gefalligkeit versagte, die nur mir wichtig, ihm eine Kleinigkeit war. Ich liebte ein junges schones Weib unter den Dienerinnen seiner Gemahlinn, sie war leibeigen, ich bat um ihre Freyheit, um ihr meine Hand geben zu durfen; man wies mich zuruck. Es ereignete sich eine Begebenheit, die es mir und Marien leicht machte, davon zu kommen, ich muss gestehen, es gieng dabey nicht alles so zu, wie es sollte, aber wozu kann uns nicht Weiberliebe bereden!

Wir fanden Zuflucht in Nurnberg. Unser ehemaliger Herr war ein geschworner Feind der Reichsstadte, und ward von ihnen nicht minder gehasst, es diente uns hier zur Empfehlung, ihm entflohen zu seyn. Man gab mir das Burgerrecht. Ich fieng an zu arbeiten; man fand das was ich lieferte ausserordentlich, ich ward beruhmt, Reichthumer flogen mir zu, ich war glucklich und wurde es noch seyn, wenn mich nicht der hochfliegende Sinn meines Weibes hieher gebracht hatte, ihr zu Liebe musste ich Arbeit annehmen, welche mir hier angeboten wurde, und die ich aus Liebe zu der Stadt, die mich zuerst aufnahm und aus andern Ursachen, lieber ausgeschlagen hatte. Doch, dies sind Dinge welche nicht hieher gehoren, ich bitte, fangt eure Geschichte an, welche vermuthlich merkwurdiger seyn wird, als die meinige.

Zehntes Kapitel.

Herrmanns Geschichte.

Merkwurdig genug wurde das seyn, was ich euch zu erzahlen habe, fieng Herrmann an, wenn ich von Vatern und Grosvatern anfangen und euch den eigentlichen Grund der Abhangigkeit, in welcher ich leben muss, vorlegen wollte. Ich bin arm, muss entweder der Diener eines schlechten Fursten bleiben, oder ein Monch werden, oder Verbindlichkeiten von denenjenigen annehmen, denen ich lieber selbst welche auflegen mochte. Verzeiht mir, Vater Munster, verdenkt es mir nicht, dass ich lieber unsere Rollen umkehren, lieber euch Wohlthaten erzeigen, als welche von euch annehmen mochte.

Der alte Munster verstand wohl, worauf dieses ging; der junge Mensch hatte diesen Abend die Geschenke, welche die Kaiserin vor einiger Zeit durch ihn an dieses Haus schickte und die er in der Stille mit dem wenigen was er besass vermehrt hatte, als einen Nehr und Wehrpfennig von dem gutherzigen Burger annehmen mussen, und die Art, mit welcher dieses nicht unwichtige Geschenk gegeben wurde, war so edel, so dringend, dass die Verweigerung unmoglich, aber die aufgelegte Verbindlichkeit fur Herrmann auch desto lastender ward.

Meine Vater, fuhr der Erzahler fort, indem er den Handedruck des Alten, die einige Beantwortung seiner vorigen Rede erwiederte, meine Vater haben gesundigt und ich muss dafur leiden. Mein Grosvater, der jungere Sohn seines Hauses, veruneinigte sich mit seinem altern Bruder den jetzt regierenden Grafen von Unna; mein Vater zog durch den Antheil, den er und seine altern Sohne an den Handeln der Martinsritter mit dem Grafen von Wurtemberg nahmen, den Hass seines ehrwurdigen Oheims noch mehr auf sich, und ich, der damahls noch in den ersten Kinderjahren war, musste Theil an der Strafe nehmen, ohne Theil an der Versundigung gehabt zu haben.

Munster stiess bey dem Namen des Grafen von Wurtemberg einen tiefen Seufzer aus, und Herrmann fuhr fort.

Ich weiss nicht, ob euch die Begebenheit Graf Eberhards zu Wisbaden bekannt ist, und will euch also einen kleinen Begriff davon machen.

Es ist unnothig, fiel Munster mit einigem Unwillen ein. Ich kenne den Grafen von Wurtemberg und die ganze Geschichte besser als ihr. Die Martinsritter wussten, dass er zu Wisbaden lebte, aus Verlangen nach einer guten Beute, vielleicht auch aus andern Ursachen, belagerten sie ihn, und wurden ihn mit seinem ganzen Hause in ihre Gewalt bekommen haben, wenn er sich nicht durch den engen Weg bey den Weinbergen gerettet hatte.

Diese ungluckliche und unruhmliche Expedition, fing Herrmann von neuem an, kostete meinem Vater und einem meiner Bruder das Leben, brandmarkte ihren Namen mit Schande, und zog ihnen den unversohnlichen Hass des Hauptes unserer Familie zu. Der alte Graf von Unna zog mit Einwilligung des Kaisers den grossten Theil unserer Familienguter ein, und drohte uns mit dem Arm des heimlichen Gerichts, dessen Oberrichter er in unsern Gegenden war, zu verfolgen, dafern sich jemand unter uns fande, der die begangene That rechtfertigen, oder die Strafe fur zu streng erklaren wurde.

Ich verstand damals von diesen Dingen nichts, so viel ich auch davon zu horen bekam; nur die Wurkungen davon wurden mir mit jedem Tage merklicher

Ich war der jungste unter einer Menge von Geschwistern, welche grosstentheils meine Vater und Mutter hatten seyn konnen, und die auch diese Stelle bey mir vertreten sollten. Bernd der alteste und das nunmehrige Haupt der jungern Linie von Unna ward von seinen Geschwistern mit einer scheuen Ehrfurcht angesehen, und Liebe zu ihm oder Familienstolz bewegte die meisten von ihnen den geistlichen Stand anzunehmen, damit er im Stande seyn mochte den Namen seines Hauses mit einigem Glanze zu behaupten. Daher kommt es, dass ich euch mit geistlichen Geschopfen aller Art aus meiner Familie dienen kann, es giebt da Domherrn, Aebtissinnen, geistliche Ritter, Klosterjungfern so viel ihr wollt, und es wurde auch wenigstens einen Monch unter uns geben, wenn ich meinen Geschmack nach dem Willen der andern hatte bequemen wollen. Mir war die Ehre zugedacht, in dem Kloster zu Korf Profess zu thun. Um mich desto eher zu diesem Gluck zu befordern, hatte man mit ziemlichen Kosten eine Dispensation vom heiligen Vater ausgewurkt, in welcher geschrieben standt: Junker Herrmann von Unna, sollte wegen seiner fruhzeitigen Klugheit und Frommigkeit, und den ausserordentlichen Spuren eines gottlichen Berufs, bereits in seinem dreyzehnten Jahre die Erlaubniss haben, die Welt zu verlassen, und das Leben der Engel anzufangen.

Unsere Familie musste besonders gesegnet an solchen Wundern der Heiligkeit seyn, denn zwo Schwestern von mir, welche einige Jahre vor mir voraus hatten, waren vor kurzen auf ahnliche Art begnadigt worden, aber ich war bey ihrer Einkleidung gegenwartig, und sie genossen des Vorzugs, den man ihnen gonnte, auf so trubselige Art, dass ich meinen innern Beruf, meine fruhzeitige Klugheit und Frommigkeit anfieng zu bezweifeln, und mich scheute Gebrauch von einer Ehre zu machen, die man mir so unverdient zutheilte.

Arme Agnes! arme Petronelle! dachte ich, als ich eines Morgens das Kloster verliess, um es nie wieder zu betreten, o dass ich euch so von dem Leben der Engel auf Erden befreyen konnte, wie ich ihm jetzt entsage? Lebt wohl ihr Heiligen, lebt wohl ihr Graber und all' ihr schallenden Klostergewolber, vielleicht in einem halben Jahrhunderte sehen wir uns wieder!

Immer war mein Geist munter und thatig gewesen, schon als achtjahriger Knabe freute ich mich, heimlich das Schwerd meines altern Bruders schwingen zu konnen, und von seinen Knechten auf seine Rosse gesetzt zu werden, jetzt da ich heran wuchs, da ich begann starkere Begierde nach dem zu fuhlen was in der Kindheit mein Spielwerk war, jetzt sollte ich mich dem Mussiggange des Klosters widmen? Nie hatte mir dies in den Sinn gewollt, immer hatte ich mich nur darum verstellt um einmahl desto sicherer entfliehen zu konnen, und meine Maasregeln waren mit Hulfe eines vertrauten Dieners meines Bruders so kluglich genommen, dass ich sicher uber die Granze und sicher an den Ort kam, den ich mir zu meinem Aufenthalte gewahlt hatte.

Der Hof des Kaisers war es, wo ich sicher zu seyn glaubte. Ich hatte einmal gehort, ein Kaiser sey ein Schutzer aller Bedrangten, und ich, der ich mich fur den Bedrangtesten von allen Sterblichen hielt, stellte mich seiner Majestat mit so viel Freymuthigkeit und Zuversicht vor, als ob das, was ich suchte, nicht Gnade, sondern ungezweifeltes Recht sey; ich glaube, es war es auch, aber wusste Wenzel wohl etwas von den Rechten der unterdruckten Menschheit? Doch mir war unbekannt, wieviel Gefahr derjenige lief, der Recht oder Gnade bey ihm suchte; mein guter Engel fuhrte mich gerade in einer Stunde zu ihm, wo er geneigt war, Menschen zu beglucken, und dergleichen Stunden hat doch auch der argste Tyrann je zuweilen.

Ich ward unter Wenzels Edelknaben aufgenommen. Die Dankbarkeit fur seine Gnade, die ich auf die unbefangenste Art ausserte, meine Munterkeit und froher Muth nahmen ihn ein; ich musste in seinem Zimmer schlafen, musste Tag und Nacht der Ausrichter seiner geheimen Geschafte seyn, und die Unverdrossenheit, mit welcher ich dieses that, setzte mich immer fester in seiner Gunst. Es war unmoglich, dass Wenzel nicht zuweilen in den Augen derjenigen, die ihm dienten, unter der Larve der Schmeicheley heimliche Misbilligung seiner Thaten bemerken sollte, bey mir konnte er nichts dergleichen gewahr werden, denn mich dunkte, alles sey recht, was ein Kaiser that. Dieses machte, dass er mich unablassig um sich haben wollte, und ich ward auf diese Art nach und nach in allen Geheimnissen seiner Schwelgereyen eingeweiht.

Armer, armer Jungling! rief der alte Munster, was fur eine Schule fur dein Herz!

Nicht gefahrlich, ich versichre euch, ich war zu jung, um eine Neigung zu dem zu fuhlen, was ich an meinem Herrn sah, ich dachte, diese Dinge ziemten nur ihm, und ich sehnte mich so wenig seine Pokale zu leeren, oder seine Dirnen zu kussen, als mit den Enten im Teiche zu baden.

Auf der andern Seite schutzte mich Begierde zum Waffen und unablassige Beschaftigung vor bosen Eindrucken. Die Stunden, welche Wenzel verschlief, oder wachend vertraumte, und in welchen selbst ich ihm nicht angenehm war, brachte ich beym alten Herrmann von Hertingshausen, des Kaisers Waffenmeister zu, der mich schon um des Namens willen, den ich mit ihm gemein hatte, liebte, und weder Muhe noch Kosten sparte, schon da, als ich noch ein Page hiess, einen Ritter aus mir zu bilden.

Ich bildete mir nicht wenig auf meine erlangten Geschicklichkeiten ein, alle meine jungen Gefarten, selbst Kunzmann, der Sohn des alten Hertingshausen, hassten mich um des Stolzes willen, mit welchem ich meine Vorzuge zur Schau trug, und ein Degen, den mir der Kaiser zu tragen vergonnte, und der mich vollends vor allen Junglingen meines Alters auszeichnete, brachte ihren Neid auf den hochsten Gipfel, man nannte mich nur den wehrhaften Edelknaben, und ich prangte mit diesem Titel, ungeachtet man ihn zu meiner Verspottung ersonnen hatte.

Die Begierde es in ritterlichen Uebungen immer weiter zu bringen und meinem Herrn treu zu dienen, beschaftigte meine ganze Seele, alles ubrige achtete ich nicht. Man wusste, dass ich Wenzels Liebling war, und scheute sich also, mir, der ich meinem Herrn nichts verschwieg, etwas von demjenigen horen zu lassen, wovon ganz Prag, wovon das ganze Land voll war, von dem Abscheu, mit welchem man Wenzels Ausschweifungen anzusehen begunte. Nicht jedermann hatte den Glauben meines einfaltigen Herzens, einem Fursten seyen Dinge erlaubt, welche an jedem andern bestraft werden mussten, man hasste, man verachtete ihn und sann darauf seiner los zu werden.

Erst spat wurde der trage, fast nie seiner selbst bewusste Kaiser dessen inne. Es war, als er endlich aufmerksam ward, bereits so weit gekommen, dass er sich in Prag nicht mehr sicher halten konnte, und sich einst in einer Nacht mit einem kleinen Ausschuss seiner treusten Leute, unter welchen ich freilich nicht fehlen durfte, nach einem wenig Stunden von Prag erbauten Schlosse floh, das er Kunradsburg genannt, und in Rucksicht auf den Fall, der sich jetzt zutrug, stark befestigt hatte.

Hier erst war es, wo ich die Ursach unserer schleunigen Flucht erfuhr. Ich erstaunte zu horen, dass auch ein Kaiser von Gefahren bedroht werden konnte, und fand bey meinen granzenlosen Begriffen von den Vorrechten der Majestat die Sache so entsetzlich, dass ich Wenzeln, der sich herabliess, mich selbst von der Lage seiner Sachen zu unterrichten, feyerlich schwur, ihn mit meinem guten Schwerdte bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen.

Wenzel lachte, und gab mir einen gutgemeinten Schimpfnahmen, mit welchem er mich oft beehrte. Wenn es so weit kommen sollte, dass du mein einiger Vertheidiger warst, sagte er, so muste es schlimm genug mit mir stehen. Lass dein Schwerd in seiner Scheide, lass deine Fauste ruhen, und gebrauche deine Ohren, lausche wo du zween heimlich mit einander reden siehst, stelle dich schlafend wenn andere wachen, schimpf und schmahe auf mich, gieb vor, ich habe dich geschlagen, du hassest mich, du wunschest meinen Tod, und man wird dir trauen, du wirst alles erfahren, mir alles entdecken, und wir werden sicher seyn.

Ich fand die Rathschlage meines Herrn meinen Gesinnungen so zuwider, verliess mich so fest auf die Macht meines Schwerds, dass ich jede Gelegenheit ihm auf andere Art zu dienen aus der Acht liess, und da wir uns nur vor heimlich schleichender List zu furchten hatten, immer nur auf offenbare Gewalt lauerte.

Die Erbitterung des Volks gegen Wenzeln wuchs. Bald nach seinem Abzug nach Kunradsburg waren drei der vornehmsten unter den Misvergnugten auf seinem Befehl offentlich hingerichtet worden, und am namlichen Tage hatte man meinen treuen Lehrmeister, den alten Hertingshausen, auf dem Wege von Kunradsburg nach Prag ermordet gefunden, in der Rinde des Baums, an welchem der Edle gefallen war, stakken zwey Messer, welche mit seinem Blut gefarbt waren, und uber denselben waren die Worte mit grober unleserlicher Schrift eingehauen2: Wegen Hochverraths gerichtet von den Freyschopfen. Jedermann wusste, wer der Urheber dieser That war, nur ich wusste es nicht. Ich lief hinaus, um den Leichnam meines alten Freundes mit meinen Thranen zu netzen, aber man hatte ihn schon dem neugierigen Volk aus den Augen geschaft. Kunzmann, der Sohn des Ermordeten, begegnete mir: siehe, schrie er mir mit einem Blick voll Verzweiflung zu, dies sind die Thaten deines lieben Herrn, dem du so treulich dienst!

Ich war kuhn genug, vor den Kaiser zu treten, und ihm das, was mir Kunzmann gesagt hatte, vorzuhalten. Wenzels Zaghaftigkeit war so gross, dass er sich zur Rechtfertigung gegen seinen Diener herab liess, und ich, der ich jedem glaubte, war leicht zu uberzeugen. Du siehst ja, sagte er, dass nicht ich, sondern die Diener des heimlichen Gerichts die Thater sind. Ob Hertingshausen ein Hochverrather war, das weis ich nicht, aber du siehst wohl aus seinem Exempel, wie auch die geheimsten Verbrechen von der gottlichen Rache verfolgt werden.

Ich glaubte blindlings, was Wenzel sagte, und versprach auch Kunzmann es glauben zu machen. Des andern Abends als ich in der Dunkelheit durch eines der Vestungsgewolbe ging, bekam ich einen wuthenden Stoss in die Seite, ohne den zu sehen, der mir ihn gab, doch dunkte mich die Stimme, die ich horte, Kunzmanns zu seyn. Verdammter Klatscher! rief sie mir zu, um deinet willen muss ich fliehen! Ich war zu Boden gefallen, rafte mich auf, sah niemand, sann den Worten nach, die ich gehort hatte, konnte sie nicht begreifen, vergass sie, und bekummerte mich wenig drum, als man des nachsten Tages Kunzmann, den ich nie sonderlich geliebt hatte, unter den Edelknaben misste. Noch vielweniger kam mir es in den Sinn, dass ich seinen Namen unvorsichtig vor dem Kaiser genannt, ihm dessen Verfolgung zugezogen, und dadurch seine Flucht veranlasst hatte.

Die Beyspiele der kaiserlichen Rache machten, dass man noch behutsamer ward, als zuvor. Wenzel ward heimlich gehasst, und offentlich geschmeichelt, mich furchtete man, und verbarg jeden verdachtigen Schein vor meinen Augen, und so geschah es, dass der Herr und Diener wieder in ihre ehemalige Sicherheit gewiegt wurden.

Wenzel getraute sich noch nicht wieder nach Prag, aber er fand in den Gegenden von Kunradsburg so viel Gelegenheit seinen Lieblingsneigungen nachzuhangen, dass er sich nicht von diesem Orte, der wahrlich zu schon fur einen sinnlosen Schwelger war, hinweg sehnte.

Es gab unterschiedliche Klosterherren in unserm Bezirk, welche sich so gut in des Kaisers Weisen zu finden wussten, dass sie sehr fleissig von ihm auf alle Pokale eingeladen wurden, und ihn eben so oft auf ahnliche Art bewirtheten. Wenzel war eben kein sonderlicher Freund der Geistlichkeit, aber ihr Wein war gut, und mehr brauchte es nicht, allen heimlichen Groll gegen sie aufzuheben, und ihn zu veranlassen, mit ihnen wie ein Bruder zu leben.

Auf einem dieser Gelage zu Kloster Braunau war es, dass ihm seine Feinde, vermuthlich mit Hulfe seiner freundlichen Wirthe, uberfielen, und ihn gefangen nach Prag fuhrten. Ich war nicht gegenwartig, meine zunehmenden Jahre machten, dass ich des Kaisers Ausschweifungen nicht mehr mit der kindischen Einfalt, wie vormals, ansehen konnte, sein Anblick, wenn er berauscht war, war mir abscheulich, und die Gesellschaft von einem Dutzend trunkner Monche gab denen Auftritten, welche alsdenn erfolgten, einen so hasslichen Zusatz, dass ich, der ich dergleichen oft genug hatte ansehen mussen, froh war, dass ich mich diesmal von der Mitreise nach Braunau hatte losmachen und an dessen statt einen Ritt auf die Jagd thun konnen. Das Geschrey von des Kaisers Gefangenschaft kam mir bey meiner Ruckkunft entgegen. Mein Eifer fur meinen Herrn erwachte, Liebe und Dankbarkeit rissen mich zur Rettung desjenigen hin, welcher keins von beyden verdiente; ich lenkte mein Ross nach der Stadt, ich hofte, die Schaar, welche Wenzeln entfuhrt hatte, noch zu ereilen, und versprach mir Wunderdinge von meiner Tapferkeit. Auf dem Wege nach Prag, so wie in der Stadt selbst, war alles stille.

Ich sank unter dem Thor athemlos vom Pferde, man erquickte mich, und fragte, was mir fehle, ich sprach laut von der Gefangenschaft meines Herrn, und fragte, wo er sey. Um Gottes willen schweiget, sagte einer von der Wache, Gott sey Dank, wir haben ihn, und ich denke, ihr werdet nicht der einzige seyn, den dieses nicht freuen solle; aber es darf jetzt noch nichts davon auskommen, er hat zu viel Anhanger unter dem Pobel.

Mehr brauchte ich nicht zu wissen; ich riss mich loss, entrann in die Strassen der Stadt, rief Wenzels Gefangenschaft und meinen Wunsch ihn zu befreyen aus, und ehe man mir wehren konnte, hatte ich einen Trupp vom Pobel hinter mir, welche mich vor dem Thurm, in welchen man den Kaiser gebracht hatte, begleiteten, und schwuren, sie wollten ihren gutigen gelinden Herrn, den Schuzer der Freyheit des Volkes retten oder sterben.

Gewiss hatte Niemand mehr Ursach mit Wenzeln zufrieden zu seyn, als der niedrigste Theil seiner Unterthanen; ihre Armuth schutzte sie fur den Erpressungen, die die Reichen erfahren mussten, er gestattete ihnen alle Freyheit, und scheute sich nicht dem Niedrigsten, wenn es die Gelegenheit gab, ein volles Glas zuzutrinken; auch wusste er ihnen auf Unkosten der Reichen wohlfeil Brod zu verschaffen, ohne dass er Schaden davon hatte.

Diese Thaten wurden auf unserm Zuge nach Wenzels Gefangniss himmelan erhoben, und der Angriff mit solchem Ernst gethan, dass nur etwas mehr Nachdruck und ein besserer Fuhrer nothig gewesen war, um vollig zu siegen; aber wir wurden bald aus einander getrieben, und der ganze Vortheil, den ich von meiner Unternehmung hatte, war, dass ich nun die Gefangenschaft mit meinem Herrn theilen konnte.

Auch dieses war mir Trost. Ich hofte nichts gewissers als zu ihm gebracht zu werden, und aus seinem Munde das Lob meiner Treue zu horen; aber meine Erwartung ward getauscht, man warf mich in ein hassliches Gefangniss, welches ich nicht ehe verliess, als bis der Kaiser das seinige ohne meine Hulfe verlassen hatte. Ein Umstand, der mich in dem Innersten meiner Seele krankte. Der Einfall sich unter dem Vorwand des Badens in dem Fluss hinaus zu stehlen, sich durch Schwimmen, oder vermittelst eines Kahns zu retten, war ja so leicht, so naturlich, warum hatte ich ihn doch nicht gehabt! Ich misgonnte Susannen die Rolle, die sie bey dieser merkwurdigen Entkommung gespielt hatte, und argerte mich, dass jemand meinem Herrn bessre Dienste leisten sollte als ich. Auch ich ward nunmehr frey, man fieng entweder von neuem an sich vor Wenzeln zu furchten, und getraute sich nicht seine Diener weiter zu beleidigen, oder man hielt meine Person fur zu unwichtig, mich, nachdem er los war, noch langer zu halten.

Ich eilte nach Kunradsburg, entdeckte meinem Herrn, was ich gethan hatte, und was mir wiederfahren war, aber statt des erwarteten Lobes uber meine That, oder wenigstens Mitleids wegen meines Unglucks, bekam ich finstre Mienen und Scheltworte. Meine Ungeschicklichkeit war die einige Ursach meines Unfalls, ich hatte die Sache so klug anfangen sollen wie Susanne, ich sollte mich schamen von einem Weibe ubertroffen zu werden, und was der schimpflichen Reden mehr waren.

Ich brannte vor Verlangen, die Heldinn Susanne zu sehen, welche hier durchgangig genannt und gefeyert wurde. Auch hier betrog mich meine Erwartung, ich sahe eine plumpe ungeschickte Kreatur, anstatt der Schonheit, wozu die Liebe des Kaisers und die Schmeicheleien der Hofleute sie machten, und erfuhr, dass ihr ganzes Verdienst um Wenzels Leben in ein paar Armen bestand, welchen es nicht an Starke zum Rudern gebrach.

Ich konnte meine Geringschatzung dieses Weibes nicht bergen, und verlor dadurch sehr viel in der Gnade meines Herrn, auch beliebte es ihm zuweilen gar eifersuchtig auf mich zu seyn. Ich war ein schlanker Junge von sechszehn Jahren, und die Bademagd hatte es einesmals sich einfallen lassen, mich schon zu nennen; Dinge, welche mir verachteten Unwillen abnothigten und mein Herz mehr als zur Halfte von meinem Herrn abwandte.

Der Kaiser konnte mich jetzt so wohl entbehren, dass ich ganze Tage in den Waldern auf der Jagd zubringen durfte, ohne sonderlich vermisst zu werden. An einem von diesen Tagen war es, dass Wenzel zum zweitenmal in die Hande seiner Feinde kam. Ich hutete mich wohl, diesesmal meine vorige alberne Rolle, zu spielen. Die Rettung des Kaisers war in meinem Herzen beschlossen, aber nicht Liebe und Dankbarkeit, sondern Ehrgeiz war es, was mich dazu antrieb; ich wollte das Andenken eines mislungenen Versuchs verloschen, und den Schimpf von mir walzen, dass ein Weib mehr vermocht habe als ich, es war mir unausstehlich, mit Wenzels unwurdiger Geliebten auf die entfernteste Art verglichen zu werden, daher ich auch jede Art der Rettung verwarf, welche mit ihrer Geschichte einige Aehnlichkeit hatte.

Und doch wollte es das Schicksal, dass ich sie endlich kopiren musste. Alle Anschlage, Wenzeln aus dem Prager Thurm zu bringen, verungluckten; es ergab sich, dass ich lange Zeit, Muhe, List und Bestechung verschwendet hatte, ihn aus diesem Kerker zu bringen, als er schon nach Krumlau gebracht war, und auch hier war alles was ich versuchte vergebens, bis ich mich zu dem Susannens Mittel entschloss, welches ich vermeiden wollte.

Ich gewann einen Fischer, wir ruderten des Nachts unter die Fenster seines Kerkers, welche zum Gluck nicht vergittert waren, meine Stimme machte ihm kund, dass seine Rettung vor der Thur sey. Es war ein grosses Netz aufs Wasser gespannt, und seine Majestat ersucht, sich hinein zu sturzen; wir mussten verschiedene Nachte unsere Operation erneuern, ehe sich der trage Wenzel entschliessen konnte einen so gewaltsamen Sprung zu thun. Des dritten Abends kam uns der Wein zu Hulfe, und ich weiss noch bis diese Stunde nicht ob freyer Wille oder die Dunste seines Lieblingsgetranks ihn in unsere Arme sturzten, genug er war gerettet, und klagte, anstatt uns zu danken, uber den schweren Fall, den er gethan habe, versagte dem Fischer die Belohnung, die ich ihm versprochen hatte, und wurde gewiss durch ihn seinen Feinden wieder ausgeliefert worden seyn, wenn ich nicht unsern geizigen Fuhrer durch einige kleine Geschenke fur den gegenwartigen Augenblick befriedigt, und ihm gesagt hatte, er mochte sich in Ansehung der Zukunft nicht auf den Kaiser, sondern auf mich verlassen.

Wenzel achtete nicht auf die Beschimpfung, welche darinn lag, dass durch dieses Erbieten unser Fuhrer so gleich gestillt wurde, schien es nicht zu fuhlen, dass das Wort seines Dieners mehr galt als das seinige. Er rieb seinen Wanst und seine Lenden, und murrte uber die Schmerzen des Falles bis ans gegenseitige Ufer.

Ich lieferte ihn in Susannens Hande, welche ihn ohlte und salbte bis an den dritten Tag, da er wieder genass, und nun erst sich gefallen liess, mir eine Art von Dank fur das, was ich fur ihn gewagt hatte, wiederfahren zu lassen.

Herrmann, sagte er, ich bin mit dir zufrieden, du bist klug genug gewesen, mit deinem Netze den grossten Fisch im ganzen Reiche zu fangen, wirst du dein Handwerk fortsetzen, wirst du dein Netz weiter ausspannen und auch meine Feinde damit zu bestricken wissen, so will ich dich mit Reichthumern uberschutten, und du sollst des Fischens nicht mehr bedurfen.

Ich verstand, was seine Majestat mit ihrer Bildersprache sagen wollten, ich bat um Bedenkzeit, und gestand, dass ich im Grunde mehr Geschick zu ofner Fehde, als zu heimlicher List in mir fuhlte.

Das Gluck war indessen auf meiner Seite. Es fehlte uns nicht an Ueberlaufern aus Prag, wir erfuhren, dass man anfieng, ernstliche Anschlage auf Kunradsburg zu machen, da es nicht wahrscheinlich war, dass Wenzel nach dem, was er erfahren hatte, sich noch einmal ausser seinem Schlosse wurde betreten lassen. Es war zu vermuthen, dass man bereits auf einen neuen Kaiser bedacht war, und dass der Tag, an welchem Wenzel zum drittenmal in die Hande seiner Feinde fallen wurde, zum Tage seines Todes bestimmt sey. Prag ward stark bevestigt, um es nicht wider uns (deren Macht man nicht sehr furchtete) sondern wider manche andere Hande zu vertheidigen, welche sich nach Wenzels Tode nach der Krone ausstrecken wurden. Taglich ruckte neue Mannschaft in die Stadt, und wir hatten Nachricht, dass man in kurzem eine ansehnliche Verstarkung aus Ungarn vom Konig Siegmund erwartete.

Konig Siegmund war Wenzels Bruder, er hatte nach des Kaisers Tode das nachste Recht zur bohmischen Krone, aber ob dieses gleich ein Grund fur den ausgearteten Kaiser war, ihn zu hassen, so war doch jener viel zu edel, diesen Hass durch Anschlage auf seines Bruders Leben, oder durch Begierde nach seinem Throne zu verdienen, und er hatte wahrscheinlich sich nur darum entschlossen Wenzels misvergnugen Unterthanen Hulfe zu schicken, damit man im Stande seyn mochte, seinen Ausschweifungen ein wenig Einhalt zu thun, und ihm die Bedingungen vorzuschreiben, unter welchen er den Thron vom neuem besteigen sollte, wie bose es die Bohmen mit ihrem Herrn im Sinne hatten, das war ihm wahrscheinlich unbekannt.

Ich hatte genug von dem Konig von Ungarn gehort, um diese Meynung von ihm zu fassen, und es gelang mir auch meinem Herrn dieselbe beyzubringen. Er entschloss sich an seinen Bruder zu schreiben, und ihn um Hulfe zu bitten.

"Auch du, so schrieb er, auch du bist wider mich? O denke an unsern Vater zuruck; suche das nicht an dich zu reissen, was er mir zutheilte, brauche deine Macht nicht zu Unterstutzung meiner Feinde, nein zu Rettung eines unglucklichen Bruders."

Kaiser Wenzels Hof war jetzt so verlassen, so arm an wurdigen Mannern, dass die Ueberbringung eines Briefs von solcher Wichtigkeit, mir, einem siebzehnjahrigen Edelknaben aufgetragen ward, doch dunkt mich, ein anderer hatte schwerlich seinen Auftrag so gut ausrichten konnen als ich; mein mundlicher Vortrag ersetzte das, was dem Briefe mangelte, und die Treue fur meinen Herrn, welche aus jeden meiner Worte sprach, nahm Siegmunden fur Wenzels bose Sache ein. Ein Herr, der solche Diener hat, sagte er, kann nicht ganz der verworfene Mensch seyn, zu den Wenzeln das Gerucht macht.

Die Bitte des Kaisers ward gewahrt. Konig Siegmund prufte mich, und ich fand Gnade vor seinen Augen, nur meine Jugend hinderte es, dass er mir nicht das Kommando uber die Volker auftrug, welche er seinem Bruder schickte. Ich ward dem Anfuhrer, einem vornehmen versuchten Kriegsmanne, besonders empfohlen, und dieser war herablassend genug, meine Meynung uber die Ausfuhrung unsers Anschlags zu horen, und sie seines Beyfalls zu wurdigen.

Die Prager hatten Hulfsvolker von Konig Siegmund erwartet; als solche stellten wir uns ein, und wir befanden uns schon mitten in der Stadt, als wir uns erst als Feinde kund gaben. Die Eroberung des Schlosses Wischerad, war nach der Meynung unsers Fuhrers, das vornehmste, auf was wir zu denken hatten. Es kostete Blut, aber endlich sahen wir uns doch Meister von dieser Festung, und Kaiser Wenzel, der von jedem unserer Schritte Nachricht hatte, war nahe genug, um auf unserm ersten Wink Besitz davon zu nehmen.

Er zeigte sich unter einer ansehnlichen Bedeckung dem Volke von der Zinne der Festung, er hatte sich diesen Tag den Genuss des Weins versagt, und war also nuchtern genug, mit Nachdruck zu ihnen zu reden. Man huldigte ihm von neuem. Es ward eine allgemeine Verzeihung ausgerufen, und zur Bestatigung derselben alle Grosse der Stadt zum kaiserlichen Mahle eingeladen. Mein Herz hupfte bey der Vorstellung eines solchen Friedensfests; ich fand Wenzeln zum erstenmale in meinem Leben gross, seines Standes wurdig, weil er so bereitwillig war, seinen Feinden zu verzeihen. Ich sank zu seinen Fussen, als wollte ich ihm fur die Gnade danken, die er andern erzeigte; immer hatte ich mich vor den Scenen der Grausamkeit gescheut, welchen ich entgegen sah, wenn Prag wieder in Wenzels Hande kommen sollte, es entzuckte mich, so angenehm getauscht zu seyn.

Der Kaiser stiess mich ungestum von sich, und nannte mich einen lappischen Jungen. Ich konnte mir es nicht erklaren, was ihm die Aeusserung meiner Empfindungen so widrig machte, bis am Ende des Gastmahls, auf welches ich mich so gefreut hatte. Freilich konnte Wenzel den Dank nicht anders als mit Unwillen von mir annehmen, den er so schlecht verdiente!

Man sass in tiefen Frieden bey der Tafel. Der Wein begunte die Herzen frohlich zu machen. Die ehrlichen Prager sagten auf Anforderung ihres neugehuldigten Herrn, was sie in seiner kunftigen Regierung abgestellt zu sehen wunschten. Wenzel versprach alles, und die getauschten Manner gelobten ihm auf diese Bedingung die unbegranzte Liebe, die ewige Treue seines Volks.

Der Kaiser ergriff den Pokal und trank zur Bestatigung des Friedensbunds, die Manner thaten Bescheid; aber ach, dies war das Signal zu ihrem Tode. Zwanzig Schwerdter fuhren hinter ihnen aus der Scheide, der grosste Theil von ihnen fiel, ehe er Gefahr ahndete, und Strome von Blut quollen unter den verschutteten Wein.

Es ist unmoglich meine Empfindungen bei diesem Anblicke zu beschreiben. Das Entsetzen machte mich Anfangs unbeweglich; mein erster Gedanke, als ich mich wieder besinnen konnte, war, Wenzeln um Gnade fur diese Unglucklichen zu bitten; der zweyte ihnen mit meinem Schwerd an die Seite zu treten, und da mir die Fruchtlosigkeit beider Rettungsmittel in die Augen leuchtete, da in dem nemlichen Augenblick der Mordstahl einen guten achtzigjahrigen Greis, den ich immer wegen seines frommen redlichen Heiligengesichts geliebt hatte, an meiner Seite traf, ohne dass meine ausgebreiteten Arme ihn schutzen konnten, da sank auch ich ohne Empfindung zu Boden; der Sturm meiner Gefuhle, die Ueberraschung, das Entsetzen war zu gross, ich war jung, hatte wohl Feindes Blut, aber nie das Blut der sichern Unschuld bey einem Freudenmahle fliessen sehen; tadelt meine Schwachheit nicht, ich musste unterliegen!

O mit euren ubel angebrachten Entschuldigungen! schrie Munster, was wird wohl in der Welt Lob verdienen, wenn hier Tadel statt finden kann!

Und doch tadelte man mich, fuhr Herrmann fort. Wenzel nannte mich einen weibischen Gecken, der kein Blut sehen konnte, und verbot mir auf drey Tage den Hof. Ich sehnte mich nicht diese Mordergrube wieder zu besuchen, mein Herz war ganzlich von meinem Herrn abgewandt, und ich entdeckte dem Fuhrer der ungarischen Volker, welcher der eine war, der mich in meiner Verbannung besuchte, den Wunsch, in die Dienste seines Konigs aufgenommen zu werden.

Der tapfre Krieger, der mich liebte, rieth mir vor der Hand zu bleiben wo ich sey. Ihr seht den gestrigen Auftritt, sagte er, mit zu strengen Augen an, Staatsursachen rechtfertigen manches, das den Anschein des Unrechts hat, es war dem Kaiser allerdings nicht zu rathen, die Rebellen ganz ungestraft zu lassen.

Ich beantwortete eine lange Apologie, die mein Freund hier einer unverantwortlichen That machte, mit Stillschweigen; ich sahe wohl, dass die Welt, dass auch der bessere Theil derselben, uber gewisse Dinge ganz anders denke, als die unerfahrne Unschuld.

Es gelang dem Redner, vermittelst der Gewalt die er uber mein Herz hatte, mich zu bereden, Wenzeln eine Sache zu verzeihen, die ich nicht zu beurtheilen im Stande sey, seine Gnade anzunehmen, wenn er sie mir so wie zuvor gonnen wollte, die Macht, die ich ohnstreitig uber ihn habe, zu gebrauchen, und mich durch eine unzeitige Entfernung nicht um die Belohnung zu bringen, welche er mir fur meine geleisteten Dienste schuldig sey.

Ich erschien nach Endigung des gesetzten Termins, den ich gern verlangert gesehen hatte, wieder bey Hofe. Das auszeichnete Wohlwollen, mit welchem mir der Kaiser begegnete, fesselte mich von neuem, und die Urtheile, welche uber die Getodteten gefallt wurden, brachten es endlich dahin, dass ich mich entschloss, vor dem Andenken an den Auftritt jener entsetzlichen Nacht meine Seele zu verschliessen, damit mein Glaube, den Hingerichteten sey recht geschehen, nicht wankend gemacht werde.

Wenzel schien jetzt eine neue Epoche seines Lebens anfangen und sich ernstlich bessern zu wollen. Es gab ganze Tage, in welchen er nuchtern war, sein Zechgenosse, der Furst von Ratibor, den das Volk hasste, blieb zu Kunradsburg, weder Susanne, noch die andern feilen Dirnen kamen zum Vorschein, und man sprach von einer Vermahlung mit Sophien, der Tochter des Herzogs von Bayern.

Das ganze Land jauchzte uber diesen letzten Entschluss, und jedermann behauptete, eine tugendhafte Gemahlin werde Wenzeln vollig bessern. Auch ich fuhlte mich, so wie jeder andere, von neuer Hofnung belebt, von neuem zu meinem Herrn hingezogen. Ich sah einem ganz veranderten Leben an dem Hofe, der mir vor kurzem anfieng so verhasst zu werden, entgegen, und schwur, ihn nie zu verlassen, ein Gelubde, das ich mit gutem Gewissen brechen kann, da meine Hoffnung so getauscht ward.

Sophie, die reizende tugendhafte Sophie, ist nun unsre Kaiserin, aber wie schwach sind die Spuren der Besserung, die sie bewirken sollte? Schon am Vermahlungsfeste kam der Furst von Ratibor, und mit ihm die alten Auftritte der Schwelgerey wieder zum Vorschein. Hinter ihm her schlich die verworfene Susanne. Wenzel begieng die unbegreifliche Frechheit sie seiner Gemahlin vor die Augen zu bringen. O Munster, ich konnte euch Auftritte erzahlen! Die ungluckliche Sophie!

Doch wo denke ich hin? ich erzahle meine Geschichte, und nicht die ihrige! Auch ist die meinige nunmehr zu Ende. Die wichtigste Begebenheit meines Lebens, Idas Erscheinung! meine Liebe zu ihr, mein Ungluck! Die Nothwendigkeit sie und den Hof zu verlassen! O Vater, ihr wisst dieses alles! Lasst mich aufhoren!

Ihr habt vergessen, sprach Munster, der Belohnung zu gedenken, die euch euer Herr fur eure Dienste schuldig war, und die ihr nach dem Rathe eures ungarschen Freundes, hier abwarten solltet.

Der hohnische Blick, mit dem ihr dieses sagt, erwiederte Herrmann, bezeichnet die Meinung eurer Worte. Ich erinnere mich wohl, dass mir einst in einem Rausch von Wein und Dankbarkeit, das erste erledigte grosse Reichslehn versprochen ward; ein Versprechen, dessen Sinn, wenn ich es mit meiner Person zusammen dachte, ich nicht recht einsehen konnte. Wenzel mochte damit sagen wollen, was ihm beliebte, so dunkte es mich auf alle Falle zu gross; ich lehnte es mit vieler Demuth ab, und bat um eine anstandige Stelle bey der Armee. Mir ward anstatt des Gebetenen, eine erledigte Kammerjunkerstelle zu Theil, der Anfang, und vermuthlich auch das Ende alles dessen, was ich hier zu erwarten habe. Zwar ich irre, ist das Ritterschwerd und die Erlaubniss mein Gluck zu suchen, wo ich will, fur nichts zu rechnen?

Eine lange Pause folgte hierauf. Munster und sein junger Freund schienen ganz in Gedanken verloren zu seyn. Herrmann riss sich endlich aus seinem schwermuthigen Nachdenken empor, und legte seinem treuherzigen Rathgeber seinen Entschluss vor, in Konigs Siegmunds Dienste zu gehen, dem er nicht unbekannt sey, und an dessen Hofe er den Ungarschen Heerfuhrer zum Freunde habe, dessen wir im Vorhergehenden gedacht haben, und von dem Herrmann selbst noch nicht wusste, dass er einer der Grossten des Reichs war.

Der alte Munster billigte diesen Plan, versprach, ihm einen von seinen treuesten Knechten mitzugeben, welcher auch ehemahl unter Konig Siegmunden Kriegsdienste gethan habe, und man trennte sich fur diesen Abend.

Eilftes Kapitel.

Ein heisser und ein kalter Abschied.

Der Tag des Abschieds brach an. Herrmann hatte sich bereits alle der lastigen Cerimonienbesuche entledigt, welche seine Entfernung nothig machte. Nur ein Weg, der schwerste von allen, stand ihm noch bevor. Der Weg nach Munsters Hause. Er sollte sich von dem treuherzigen Alten trennen, sollte Ida der Vater hatte es ihm versprochen noch einmal sehen, und den ersten und letzten Kuss auf ihre Wangen drucken, was fur Gedanken fur den liebenden Jungling.

In halben Taumel langte er am Orte seiner Bestimmung an. Munster empfieng ihn an der Thur, und fuhrte ihn, unter instandigem Bitten sich zu fassen, und der Weiber zu schonen, in das Unterzimmer. Ida war das erste, was sich ihm zeigte. Er nahte sich ihr mit Schuchternheit. Ihre Blasse, und die von Weinen getrubten Augen, wollten ihn fast bereden, dass dem holden Madchen das Wort Trennung so schrecklich lautete, als wie ihm. Man stand eine Weile, ohne zu sprechen, von der einen Seite mit zur Erde gesenktem Blick, von der andern mit Augen, welche jeden Zug des geliebten Gegenstandes zu verschlingen schienen, um ihn sich immer vergegenwartigen zu konnen.

Kinder, rief Munster endlich, ihr brecht mir das Herz. Dieses Zogern vermehrt eure Quaal! Umarmt euch, und denn das Lebewohl!

Herrmann nahte sich, Idas Wangen zu kussen, sie duldete es mit aller Zuruckhaltung, die den Jungfrauen ihrer Zeit eingepragt ward. Sein Arm erkuhnte sich ihren Nacken zu umschlingen und unwillkuhrlich offneten sich die ihrigen, sie druckte ihn an ihre Brust, und ein: O lebe wohl! lebe wohl, mein Herrmann! sturzte aus ihrem Munde. Der Vater drohte mit dem Finger. Ida macht sich von dem Junglinge los, gab ihm noch einen Blick, und verliess mit gluhendem Gesicht das Zimmer.

Munster sprach viel mit Herrmann, nachdem das geliebte Madchen verschwunden war, ohne von ihm verstanden zu werden. Es war schlechterdings nichts mit ihm anzufangen. Der Alte schwieg endlich, und der junge Mensch hatte sich nach einer Weile hinlanglich erholt um zu fragen, ob er nicht auch Idas gute Mutter zum Abschiede wurde zu sehen bekommen? Munster bejahte die Frage, und nach einiger Zeit trat die Matrone herein. Mit Willen hatte sie gezogert, um vielleicht noch am Ende einen Theil desjenigen, was sie auf dem Herzen hatte, ausrichten zu konnen. Auf ihrem Gesichte war mehr Unruh und Erwartung als Betrubniss abgebildet, und sie schien die Bewegungen ihres Mannes angstlich zu bewachen, ob sie ihm nicht vielleicht einen Augenblick abstehlen und Herrmann einige geflugelte Worte sagen konnte. O dass ihr, flusterte sie ihm in einer Minute zu, da sich der Alte nach dem Fenster gewendet hatte, o dass ihr nie wieder Gelegenheit suchtet mich heimlich zu sprechen, ich hatte euch so viel zu sagen!

Munster drehte sich um, eine gleichgultige Anmerkung zu machen, und das Gespruch ward sehr schlafrig fortgesetzt. Herrmann eilte nicht Abschied zu nehmen, der Gedanke, vielleicht doch noch etwas von den Geheimnissen der Munsterin zu erfahren, hielt ihn zuruck. Munster ward, wahrscheinlich auf Veranlassung seiner Frau, hinausgerufen. O Herr Ritter, rief sie in dem nemlichen Augenblicke da er die Thur schloss, dass ihr jetzt schon reisen musstet! Nur noch einen Tag, ich bitte euch! Ich habe ein Gesuch beym Kaiser, ein Gesuch fur Ida! Ihr musst es unterstutzen, ihm wenigstens erinnern, dass er mir noch die Gewahrung einer Bitte schuldig ist.

Sie wollte noch mehr sagen, aber in dem nemlichen Augenblicke trat ihr Mann wieder herein, und obgleich Herrmann noch drey Stunden verweilte, so wich er doch nicht einen Schritt von der Stelle, und Herrmanns Neugierde blieb unbefriedigt.

Ihr versprachet mir, sagte der Jungling, indem er aufstand sich zu entfernen, ihr versprachet, Vater Munster, mir einen treuen Knecht zur Begleitung mitzugeben; ich habe in dieser Erwartung meine Leute abgedankt, und wunschte sehr meinen kunftigen Diener zu sehen?

Munster gieng nach der Thur, um den alten Andreas zu rufen. Ida ist nicht unsere Tochter, flusterte die Munsterin indessen, ich bin nur ihre Amme, beleidigte Liebe und Furcht sie in den Handen einer bosen Stiefmutter zu lassen, bewegten mich.

Der Alte kam zuruck, ohne dass die Frau ausreden konnte. Bald darauf erschien der Knecht, gelobte seinem jungen Herrn treu zu seyn, und erhielt von ihm das Versprechen, er wollte ihn auf diese Bedingung nie von sich lassen, und ihn Theil an dem Glucke nehmen lassen, das ihm der Himmel etwa mochte beschieden haben; eine Versicherung, die der junge Ritter gewiss mit mehr Herzlichkeit wurde gegeben haben, wenn er im Stande gewesen war, das treuherzige Gesicht seines neuen Dieners, und das Feuer, mit welchem er ihm sein Gelubte ablegte, zu beachten; aber hiezu war er gegenwartig ganz ungeschickt. Er hatte keinen Sinn als fur die ausserordentliche Nachricht, die er eben aus dem Munde der Munsterin gehort hatte, keinen Wunsch, als mehr hiervon zu wissen, wenigstens den Namen der Eltern seiner Ida zu erfahren.

Er setzte alle seine Hoffnung auf die letzte Umarmung der Mutter; die gute Frau machte sie sehr lang, und druckte ihn fest an ihre Brust, indem sie ihm ins Ohr sagte: sie ist die Tochter des Grafen

O was macht ihr! rief Munster, indem er sie lachelnd trennte, glaubt ihr denn, junger Herr, dass mich Liebkosungen von dieser Art nicht eifersichtig machen konnten.

Herrmann war verdrusslich, und beantwortete die Rede des Alten mit etwas Unwillen, auch in Munsters Blicken lag ein wenig Kaltsinn und Missvergnugen; es war fast unmoglich, dass ein so schlauer Mann nicht etwas von den Dingen hatte ahnden sollen, die hinter seinen Rucken vorgenommen wurden.

So trennte man sich, und das Gewirr von Erstaunen, Unwillen und fehlgeschlagner Hoffnung, machte, dass die Bedrubniss gar nicht an die Reihe kam, und dass bey der Trennung, die man sich so thranenvoll gedacht hatte, kein Auge nass gemacht wurde.

Zwolftes Kapitel.

Vernichtete und von neuem entworfne Plane.

Herrmann schwang sich auf sein bereit stehendes Pferd und sprengte zum Stadtthor hinaus, sein Geist war auf so mannichfache Art beschaftigt, dass er den Weg nicht bemerkte, den er hinter sich legte, nicht gewahr ward, dass der Abend hereinbrach, und nichts von den Fragen des alten Andreas vernahm, wo man Nachtherberge nehmen wollte. Idas Umarmung, die ihm so deutlich sagte, dass sie ihn liebte, die Nachricht von ihrem Stande, der seinem Ehrgeiz so angemessen war, die Ungewissheit, wer sie eigentlich sey, was fur Aufgaben zum tiefsten Nachsinnen! Er vergass uber diesen Dingen denjenigen Punkt ganz und gar, der ohnstreitig der Munsterin das wichtigste war, und sie wahrscheinlich allein bewogen hatte, ihm das ubrige zu entdecken, er vergass das Gesuch der ehrlichen Burgerin beym Kaiser, das er mit seiner Vorbitte unterstutzen, um dessen Willen er nur noch einen einigen Tag zu Prag bleiben sollte.

Ich weiss nicht, welcher Gedanke ihm die Erinnerung an die vergessene Sache noch endlich herbey fuhrte; genug, auf einmahl fuhr sie wie ein Blitzstrahl durch seine Seele, er besann sich wo er war, sah die hereinbrechende Nacht, sah Prag in weiter Ferne hinter sich liegen, und schalt auf seine Unachtsamkeit.

Wir mussen augenblicklich zuruckkehren, rief er seinem Diener zu, indem er sein Pferd umlenkte, ich habe was nothwendiges vergessen, habe ein wichtiges Geschaft beym Kaiser, habe

Andreas hatte diesen Tag uber schon etliche mal Zweifel wegen des gesunden Verstandes seines neuen Herrn gehabt, und diese wurden in diesem Augenblick durch die Heftigkeit, mit welcher Herrmann sprach, durch den Inhalt seiner Rede, und durch seinen verstorten Blick fast zur Gewissheit gemacht.

Mitlerweile stiess der Ritter der treuen Minne sein Ross an, und nahm den Weg, den er eben gekommen war, mit solcher Eile von neuem vor sich, dass Andreas ihn aus den Augen verlor, ehe er sich noch recht besonnen hatte, was fur seinen unglucklichen Herrn zu thun seyn mochte.

Ihm nachzueilen war jetzt das nothwendigste. Zum Gluck war es nicht in die Weite des zuruckgelegten Weges, sondern nur ein benachbartes Gebusch, was ihn seinen Augen entzogen hatte, er erblickte ihn bald von neuem, und setzte die Reise dicht hinter ihm, oder vielmehr, um immer ein wachendes Auge auf seine Handlungen zu haben, fast an seiner Seite fort.

Die Geschichte meldet nicht, wenn Herrmann Prag erreichte, und wenn Andreas von der schlechten Meynung, die er von ihm hatte, zuruck kam, das erste geschah vermuthlich sehr bald, und das andere sehr spat. Es kam alles zusammen die Unruhe des jungen Ritters zu verlangern und zu vermehren. Diesen Abend, oder vielmehr diese Nacht noch nach Hofe zu gehen war unmoglich. Die erste Nachricht, welche er am Morgen erhielt, war, der Kaiser sey des vorigen Abends nach Kunradsburg abgegangen. Er eilte dahin, um nach Krumlau gewiesen zu werden. Er fand ihn nicht; man wies ihn an den dritten und vierten Ort, und als er endlich nach vielen Tagen wieder zu Kunradsburg angelangt, Wenzeln wirklich daselbst getroffen, und sich uberzeugt hatte, dass der Kaiser wohl diesen Ort alle die Zeit uber nicht moge verlassen haben, so ward ihn der Zutritt zu denjenigen, den er sonst alle Stunden ungefordert sehen konnte, so schwer gemacht, dass er die Sache vollig aufgab, und sich begnugte, einen seiner ehemaligen Freunde bey Hofe, der sich endlich von ihm sprechen liess, sein Gewerbe aufzutragen. Der Hofling versprach die punktlichste Ausrichtung, und vergass die Sache im nachsten Augenblicke.

Herrmann setzte seine Reise nach Ungarn fort, er fieng an mit den seltsamen Dingen, welche sein Gemuth anfangs so sehr verwirrten, bekannt zu werden, und fur andere Gegenstande Gefuhl zu haben. Andreas begunnte zu merken, dass sein Herr wirklich Verstand wie andere Menschen, und ein Herz wie ein Engel habe. Seine Milde, seine Herablassung nahm den alten Knecht ganzlich fur ihn ein, er hatte sein Leben fur ihn aufgeopfert, und Herrmann konnte mit Recht hoffen, dass er ihm geringere Opfer nicht versagen wurde.

Der junge Ritter wusste, dass Andreas lange im Hause des alten Munsters gelebt hatte, es war Moglichkeit, dass er etwas vor Idas Herkommen wusste, und er sparte keine Muhe ihn zu Eroffnung alles dessen, was ihm bekannt war, zu bewegen, aber der Alte hatte entweder nichts zu entdecken, oder Munster war zu schlau gewesen ihm einen Diener mitzugeben, der nicht im Stande gewesen seyn sollte, die Geheimnisse des alten Herrn vor dem neuen zu verbergen.

Der nemliche Unmuth, welcher den Ritter bey dieser Fehlschlagung seiner Hofnungen befiel, herrschte auch zu Prag in dem Munsterschen Hause. Munster war unzufrieden mit seiner Frau und vermisste den Umgang seines jungen Freundes, ob er gleich auch gegen ihn einen kleinen Unwillen in seinem Herzen hegte; Ida weinte uber ihren Herrmann und durfte ihre Thranen niemand als ihrer so genannten Mutter sehen lassen, diese wartete taglich, nach Hofe berufen und um ihr Begehren befragt zu werden, und wartete vergebens. Er muss mich vergessen haben, rief sie in der Fulle ihres Unmuths aus, muss abgereist seyn ohne meinen Auftrag auszurichten. Gleichwohl hat man ihn den Tag nach dem Abschiede von uns noch hier geseben. Er ist in Kunradsburg gewesen, wo der Kaiser sich jetzt aufhalt. Nun nun! wenn Wenzel zuruckkehrt! Geduld, Zweiflerinn! es wird noch alles gut werden.

Aber Wenzel kehrte zuruck, und die ehrliche Burgerinn ward nicht nach Hofe gefordert! Tage, Wochen, und Monate vergingen, und sie entschloss sich endlich zu dem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen, durch welches man ungezweifelt nicht allein Zutritt bey Wenzeln erhalten, sondern auch uberzeugt seyn konnte, ihm angenehm zu seyn und alles von ihm zu erlangen was man wunschte.

Die Munsterinn legte eines Morgens in Abwesenheit ihres Mannes ihre festlichsten Kleider an, langte aus dem heimlichen Schatze, den auch sie gleich ihrem Manne in ihrer jetzigen kleinen Wohnung vergraben hatte, zweyhundert goldne Schilde die Halfte des ganzen, besonn sich ein wenig, ob sie wohl mit so einer Wenigkeit vor dem geizigen Kaiser erscheinen durfe, ob sie nicht das Ganze aufopfern musse um glucklich zu seyn, vermehrte endlich die Summe noch mit funfzig ihrer ersparten Goldstucke und machte sich auf den Weg.

Die Art, mit welcher sie ihre Gabe bey Wenzeln anbrachte, und das was sie bey ihm suchte, steht in unserer Geschichte nicht umstandlich verzeichnet, doch ergiebt sich das letzte aus den Folgen, und was das erste anbelangt, so ist bekannt, dass man wenig Nachsinnen brauchte um Wenzeln mit Schonung seiner Delicatesse eine Bezahlung einer geforderten Gnade beyzubringen.

Ida sah ihre Mutter ausgehen und wiederkommen. Ihre festliche Kleidung, ihre gedankenvolle zweifelnde Miene bey dem ersten, und ihr triumphirender Blick bey dem andern, fiel ihr auf, aber sie fragte nicht: andere Gedanken, Gedanken an ihren Herrmann beschaftigten sie zu sehr um ihr Neugier fur etwas anderes uberzulassen.

Wirst du nie aufhoren zu weinen, fragte die Mutter, als sie des Nachmittags bey der Arbeit sassen. Madchen, Madchen! die Einsamkeit nahrt deinen Kummer, ich muss dich herausreissen, oder mir es gefallen lassen dich auf ewig zu verlieren.

Lasst mir meine liebe Einsamkeit, rief Ida, indem sie mit der einen Hand ihre Thranen trocknete, mit der andern die Hand ihrer Mutter an ihre Brust druckte. Welche Gesellschaft sollte ich dieser ruhigen Stille, der Freundin meines Grams, vorziehen?

Je nun, sprach die Mutter, freylich nicht die Gesellschaft unserer Jungfern, die sich so gern deine Gespielinnen nennen, aber wenn ich dich in eine Sphare bringen konnte, wo alles was schon und gross ist dich umglanzte, und wo du doch uberall als die schonste hervorstrahltest, nicht wahr, Ida, da wurde dir wohl seyn, da wurdest du nicht mehr so viel an deinen Herrmann denken, oder thatest du es, so wurde es nur mit froher Hoffnung, nie mit Thranen geschehen?

Ich sehne mich nicht nach Unmoglichkeiten, Mutter; ich begehre nur in eurem Hause zu glanzen, wenn ihr es so nennen wollt.

Und wenn deine Bestimmung der Hof war?

Ich danke Gott, dass er es nicht ist.

Wenn die Kaiserinn dich unter ihre Frauenzimmer aufnahme?

O die unvergleichliche Dame! rief Ida, indem sie Sophiens seidne Locke kusste, die sie noch immer an einer goldnen Schnur am Halse trug. Ja ihr zu dienen, sie taglich zu sehen, von ihr geliebt zu werden, das war etwas

Das du dir wunschtest? Nun so freue dich: deine Wunsche sind erfullt. Du wirst die Dunkelheit, die sich schlechter fur dich schickt als du meinst, vielleicht morgen verlassen, man wird dich nach Hofe fordern, du wirst eine Gespielinn der edelsten Jungfrauen dieses Landes seyn, und du hast nun nichts weiter zu thun, als dich ihnen gleich zu achten, es ganzlich zu vergessen, dass du bisher unsre Tochter genannt wurdest.

Mutter, schrie das Madchen, indem sie von ihrem Sitz aufsprang, euch vergessen? meine Herkunft vergessen? mich in eine Sphare mischen, in welche ich nicht gehore? Ihr versucht mich? nein, so eitel, so pflichtvergessen ist Ida nicht. Ihr musst mir nicht jede kleine Aeusserung meiner Gedanken so ubel auslegen. Ich liebe die Kaiserinn weit weniger als euch, mochte ihre Gesellschaft nicht fur die Eurige vertauschen. Zartlich schmiegte sich das liebliche Madchen bey diesen Worten an den Hals ihrer so genannten Mutter, welche in Thranen ausbrach, sie fester an sich druckte, und schluchzend betheuerte, sie verdiene die Liebe ihrer Ida nicht; ein Ausdruck, welcher dem jungen Madchen sehr anstossig war, weil sie ihn nicht so gut verstand als der Leser.

Dreyzehntes Kapitel.

Wer spricht am klugsten, der Mann oder die Frau?

Der alte Munster kam des andern Tages gegen Mittag ganz athemlos nach Hause! bleich und entstellt warf er sich auf seinen Stuhl, und schien lange Zeit nichts von dem Fragen seiner Frau, was ihm fehle, zu verstehen.

O Marie! rief er endlich, solch eine Zeitung! du wirst erstaunen, und bist du klug, dich so beunruhigen wie ich, wenn du sie horest! Ich komme von Hofe. Ich ward vorgefordert. Man hat mit mir von Ida gesprochen, man verlangt sie unter das Frauenzimmer der Kaiserin.

Und das ist die schreckliche Zeitung?

Weis Gott, was die Ursach dieser so genannten Gnade ist! Man sprach viel von Idas Schonheit, von dem Ruf ihrer Tugend. Ich halte nichts von den Madchen, welche so im Rufe sind, sollte es auch wegen ihrer guten Eigenschaften seyn! Ach Frau, Frau! dein unuberlegter Einfall, sie an Allerheiligen so offentlich zur Schau zu stellen!

Aber ich bitte dich, was soll endlich aus der Dunkelheit werden, in die du sie einkerkern willst? Ist sie deine Tochter, willst du sie fur irgend einen ehrlichen Burger unsers gleichen aufheben? oder soll ein Ritter ihres Standes kommen, und sie unter deinen Schlossern und Riegeln aufsuchen? Den guten Herrmann von Unna hast du verjagt, wurdest du es einem andern besser machen? Sollten wir nie darauf denken ihr das wieder zu geben, was wir ihr raubten?

Wir, Maria? Wir? Ich weiss wohl wer es that, du handeltest, ich rieth ab, und ach leider, ich willigte endlich nur ein um dich nicht zu verlieren. Du weist wohl, wie du mir das Kind aus den Armen rissest, als ich einesmahls darauf bestand, es dem Grafen wieder zu bringen. Entweder mich und das Kind; riefst du, oder keins von beyden! Wo sie ist, bleibe ich auch, ich kann sie nicht allein in den Handen der neuen Grafinn lassen!

Ida hatte einen Vater, er wurde sie geschutzt haben!

Alle diese Vorwurfe sind zu spat, ich mache mir sie vielleicht nur gar zu oft selbst, alles was wir jetzt zu thun haben, ist Vergutung dessen, was wir raubten. Und doch, was sage ich! Vergutung? Wem sind wir Vergutung schuldig, dem Grafen, der Ida bey den Kindern seiner neuen Gemahlin vielleicht nicht einmal vermisste, oder ihr, die wir zu einem Stande herabzogen, fur den sie nicht gebohren ist? Graf Eberhardt mag meinetwegen immer einmahl erfahren, dass Ida, sein verlohrnes Kind noch lebt, aber freuen wird es mich, wenn dies nicht eher geschieht, bis wir ihr, ohne seine Hulfe, ohne seinen erlauchten Namen, ein Gluck verschaft haben, das ihrem Stande gemass ist! O dass du meine Anschlage mit dem Ritter von Unna vereiteltest.

Hast du vergessen, was Herrmanns Familie Graf Eberhardten fur Schimpf erzeigte? Der alte Berndt von Unna war einer der Anfuhrer der Martinsritter. Nie wird der Graf ihm oder den seinigen die Handel bey Wisbaden verzeihen?

Brauchten wir Graf Eberhardts Einwilligung zu Idas Gluck? Genug wenn sie wieder in die Sphare kam, in welche sie gehorte, das andere konnte sich geben. Unser Reichthum hatte Herrmanns Mangel am Vermogen ersetzt, seine Tupferkeit hatte ihn empor gehoben, und alle meine Wunsche waren erfullt gewesen. Aber leider hast du nun meine schonen Hoffnungen vernichtet; Herrmann ist fort und ich muss meine Plane von neuem entwerfen.

Deine Plane? Hore die Meinigen, Marie! Lass uns den offenen geraden Weg der Redlichkeit gehen, er ist der sicherste. Lass uns die Zeit abwarten, wenn Graf Eberhart seine Handel mit den Reichsstadten abgethan hat! es kann nun nicht lang mehr anstehen. Dann wird er ruhig auf seiner Burg sitzen und Muse haben, die Entdeckung zu geniessen, die ich ihm machen will. Ich trete denn mit Ida und allen Beweisen ihrer Geburt den Weg an, ich stelle mich vor ihm, und sage; hier, Herr, ist eure Tochter; diese und diese Ursachen bewegten uns, sie euch zu rauben. Wir haben gefehlt, aber seht hier die Ersetzung des Geraubten, Eure kleine krankliche, in der traurigen Verfassung, in welcher ihr damals waret, tausend Unfallen ausgesetzte Tochter geben wir euch erwachsen, schon und wohlerzogen zuruck. Wie meinst du Marie, wird Idas Anblick uns nicht Verzeihung erwerben?

Verzeihung fur das, wofur uns im Grunde Dank geziemte? Doch was soll dieser Streit uber das, was geschah, und was hatte geschehen sollen, wir wissen was nun geschehen wird. Ida kommt nach Hofe. Bleibt Herrmann ihr in der Ferne getreu, so findet er sie hier wieder; geschieht dies nicht, so kann ihr ihre Schonheit andere Herzen erobern, und sie ihrer Herkunft gemass erheben, ohne dass wir einer Demuthigung vor Graf Eberhardten nothig haben.

Frau, Frau; rief Munster; indem er Marien steif ansah, mir geht ein schreckliches Licht auf. Sollte es moglich seyn? solltest du Theil an der Begebenheit haben, die mir so viel Kummer macht? Soltest du durch Weiberlist Idas Berufung nach Hofe bewirkt haben?

Und wenns so war, was hatte ich damit gesundigt?

Diesem Winke folgten tiefere Nachforschungen, diesen das freye Gestandniss aller Schritte, welche die Frau zu Ausfuhrung ihrer Plane gethan hatte, und diesem ein Ungewitter, wie wohl in Mariens friedlichem Ehestande noch nie eines uber sie losgebrochen war.

Es dauerte lange, ehe die Frau durch Thranen, Bitten und wahre oder erkunstelte Reue uber das, was sie that, und was nunmehr unwiederruflich war, den ergrimmten Munster besanftigte, und alles was sie erlangte, war am Ende doch nicht mehr, als dass er sein erstes Wuthen in bittere Vorwurfe, und in Vorstellungen verwandelte, was aus ihrem unuberlegten Schritte erfolgen wurde.

Ich weis nicht, sagte er, ob du so thorigt gewesen bist, Winke von Idas wirklichem Stande zu geben, aber so viel versichere ich dich, man wird sie nie fur das erkennen, was sie ist, wenn ihr Vater sie nicht offentlich seine Tochter nennt; spielt sie denn auf der andern Seite ihre Rolle bey Hofe als ein Burgermadchen, so wird sie ihrer Schonheit und Tugend zum Trotz gehasst und verleumdet, und wenn auch die Gnade ihrer Furstinn ihr zu Theil werden sollte, doch verachtet werden. Der Neid ihrer Gespielinnen wird sie von der Stufe drangen, auf welche du sie ohne Schutz gestellt hast. Die zugellosen Sitten an Wenzels Hofe werden ihre Unschuld, oder wenigstens ihren guten Namen vergiften, und hore die Strafe deiner Thorheit, die dir in kurzem bevorsteht, und die dich wahrscheinlich am empfindlichsten kranken wird: du wirst das Vergnugen deinen Abgott, deine Ida zu sehen oder wenigstens eine nahe Zeugin ihres so genannten Glucks zu seyn, nicht lang geniessen. Man spricht stark von einer Reise des Kaisers nach Westphalen, seine Gemahlin wird ihn begleiten, und Ida wird nicht zuruck bleiben; es musste denn seyn, dass sie um diese Zeit schon ihre schimmernde Rolle ausgespielt, und beschimpft und verachtet in unser Haus zuruck geschickt worden war, welches freylich wohl seyn konnte.

Vierzehntes Kapitel.

Hofscenen.

Die Munsterin brach in Thranen aus. Ihr Mann hatte recht; die letzte Vorstellung ruhrte sie am meisten. Ida nicht mehr zu sehen, welch ein Gedanke! Gern hatte sie zuruck genommen, was sie gethan hatte, um nur nicht die Trennung von derjenigen erfahren zu mussen, welche sie uber alles liebte, aber es war nunmehr zu spat. Ida ward noch diesen Abend zur Kaiserinn gerufen, und bedeutet, sie musse sich entschliessen, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, und das Hofleben zu versuchen.

Es ist unmoglich die Verfassung des jungen Madchens bey einem Antrage zu beschreiben, der ihr so unerwartet kam, (denn die Reden ihrer Mutter dunkten ihr nur Scherz zu seyn) dessen Grund sie nicht einsehen und von welchem sie sich selbst nicht erklaren konnte, ob er ihr Freude oder Kummer machte. Allerdings war etwas in ihr, das ihr sagte, sie sey nicht fur die Sphare geboren, in welcher sie bisher gelebt hatte; aber doch war auch so vieles, das ihr in ihrer bisherigen Lage gefiel. Sie sollte die ruhige Stille, die sie liebte, die ihrem sanften Charakter so angemessen war, mit dem Gerausch der grossen Welt vertauschen, sollte Eltern verlassen, um unter Fremden zu leben? Munster sah ihren Kampf und beklagte sie. Ihre sogenannte Mutter druckte sie fest an ihr Herz, sprach vom Gluck, Schicksal, Trennung, und tausend Dingen, deren Sinn das Madchen nicht einsehen konnte, weil man nicht fur gut fand, ihr den kleinsten Wink von demjenigen zu geben, was sie doch so nahe anging. Vielleicht wurde die Munsterinn jetzt bey dem Eintritt einer der wichtigsten Epochen ihres Lebens kein Bedenken getragen haben, ihr alle Geheimnisse zu entdecken, aber Munster verbot es ihr, und sie musste sich entschliessen, nach so vielen eigenmachtig gethanen Schritten doch in einem Stucke zu gehorchen. Die Kenntniss ihrer Herkunft nutzt ihr nichts, sagte er, sie wird ohne dieselbe weit weniger Versuchung haben, von der Demuth, der Bescheidenheit, der loblichen Zuruckhaltung abzuweichen, die ihr zukommen, und die noch das einige sind, was sie auf dem schlupfrigen Wege, den sie antritt, aufrecht erhalten konnen. Auch mag sie immer glauben, dass man sie aus eigner Bewegung nach Hofe fordert; dieses kann ihr auf der andern Seite einen kleinen Stolz einflossen, der sie veranlassen wird, nie die gute Meynung zu verscherzen, welche man jetzt von ihr zu haben scheint, auch konnte es vielleicht seyn, gute Marie, dass sie dir es in der Folge nicht sehr danken wurde, dass du unvorsichtig genug warest, ihr ihren gefahrlichen Posten zu erkaufen, und es ist dir doch wohl daran gelegen, in den Augen der verstandigen Ida nicht zu verlieren.

Der Mann sprach wie ein Orakel, man folgte ihm diesmahl, und das junge Madchen ward mit allgemeinen guten Lehren abgefertigt, welche in nicht viel mehrern bestanden, als darinn, sie sollte immer ihrem redlichen truglosen Herzen gemass handeln, und sich in zweifelhaften Fallen des Raths ihrer Eltern bedienen. Munster war der altmodischen Meynung, dass der gerade Weg nie trugen konne.

Die Geschichte meldet nichts umstandliches von Idas Aufnahme bey Hofe, nur dies sagt sie, dass sie die Kaiserinn, fur welche sie eine so grosse Ergebenheit in ihrem Herzen fuhlte, bey weitem nicht so hold und gnadig fand, als da sie sie an Allerheiligen zum erstenmahl sahe.

Diese Erscheinung war etwas sehr naturliches; Sophie, so kurze Zeit auch seit ihrem Leben am Hofe verflossen seyn mochte, war jetzt nicht mehr die junge unerfahrne Prinzessinn, die beym ersten Schritt aus dem Kloster in die Welt von jedem neuen Gegenstande heftig geruhrt wurde, und ihre Gefuhle ohne lange Ueberlegung, ohne Zuruckhaltung ausserte. Auch hatte ihr die Furstinn von Ratibor ein gewisses Bewustseyn ihrer Hoheit eingeflosst, welches sie hinderte ganz so liebenswurdig zu seyn, als sie konnte, sie war eine majestatische Furstinn, aber fur den, der ihr gleichgultig war, keine einnehmende Frau, und gleichgultig war ihr Ida fur den gegenwartigen Augenblick. Der ehemahlige Eindruck war ganzlich verschwunden, sie sah in Ida nichts als das gemeine Burgermadchen, welches sich erkuhnte, schoner und einnehmender zu seyn, als ihr Stand mit sich brachte. Auch verlor Ida dadurch unendlich viel, dass sie Sophien aufgedrungen ward. Der Kaiser hatte mit seiner gewohnlichen heroischen Art seiner Gemahlinn erklart, dass er wunsche die junge Munsterinn unter ihrem Frauenzimmer zu sehen. Sophie hatte, wie sie denn manchmal pflegte, gefragt, warum? und Wenzel hatte sich wohl gehutet zu antworten, weil mir die Mutter zweyhundert und funfzig goldne Schilde dafur gezahlt hat, sondern er hatte ganz kaltsinnig seinen Willen, und die Schonheit des jungen Madchens zur Ursach angefuhrt; eine Erklarung, welche von Sophien mit Stillschweigen und von ihrer Oberhofmeisterinn mit einem hohnischen Seitenblick auf ihre Gebieterinn beantwortet wurde.

Soll ich Ew. Majestat zur glanzenden Verwahrung ihrer Hofstatt gluckwunschen? fragt die Furstinn von Ratibor als sie mit Sophien allein war. Die Kaiserinn schwieg. Nun wahrhaftig, fuhr die Furstinn fort, wenn wir die gemeinen Burgerdirnen unter unsere Frauleins aufnehmen wollen, so wird unser Hof bald allen andern zum Muster dienen konnen! Doch jedes Ding hat seine Ursach. Die Munsterinn wird fur schon gehalten wie ich hore, und Susanne wird alle Tage hasslicher. Ein kleiner Tausch, ein Wechsel ist ja wohl dem Herrn des deutschen Reichs erlaubt.

Man hort aus dieser Probe, dass die Oberhofmeisterinn Erlaubniss hatte, sehr frey mit Sophien zu sprechen, sie war die einige Vertraute von Wenzels unglucklicher Gemahlin und dieses gab ihr ein Recht, zu sagen was sie wollte. Sie fuhr in ihrer giftigen Rede fort, und fand so viel Eingang bey der Kaiserin, dass es Wunder war, wie Ida noch so empfangen werden konnte, als sie empfangen ward.

Das junge Madchen merkte indessen wohl, dass sie hier andere Blicke wurde ertragen lernen mussen, als sie gewohnt war, doch beredete sie sich, dies sey Hofton, und rechnete das, was ihr von dieser Art mehr als andern zu Theil ward, sehr demuthig auf ihren niedrigen Stand. Zuweilen fiel es ihr denn auch wohl ein, warum man sie aus ihrer Dunkelheit hervorgezogen habe, wenn man ihr nicht besser begegnen wollte, doch half ihr die fromme Einfalt ihres Herzens alles zum besten erklaren, und alles ertragen.

Aller Augen waren indessen auf das junge Burgermadchen gerichtet, ungeachtet alle sich stellten sie zu ubersehen. Die Manner flusterten sich hinter ihrem Rucken zu; sie ist schon, sehr schon, und die Damen spahten mit Adleraugen nach Fehlern an derjenigen, welche so widerrechtlich in ihre glanzende Reihe eingeschoben wurde.

Keine von allen Frauen des Hofs war aufmerksa

mer auf Ida als die Furstinn von Ratibor, sie lauerte auf Gelegenheit die Meynung, die sie Sophien von ihr beygebracht hatte, zu bestatigen. Vergebliche Muhe! Die junge Munsterinn, wie man sie hier nannte, ging still und ruhig ihren Weg vor sich hin, ahndete nicht einmahl, dass sie bemerkt wurde, und handelte doch so, dass sie die Augen der ganzen Welt zum Zeugen haben konnte. Sie fullte ihren Platz bey Hofe aus, wenn es ihr ziemte, brachte die ubrige Zeit mit ihrem Madchen auf ihrem Zimmer zu, ging taglich in die Kirche, besuchte ihre Eltern an den Tagen da es ihr erlaubt war, und fuhrte sich, wenn Spiel oder Tanz bey Hofe war, so anstandig auf, dass alle Pfeile der Verlaumdung von ihr abprallten. Dazu kam auch noch, dass der Kaiser gar keine Notiz von ihr nahm, und dadurch die Winke der Furstin von Ratibor, die sie Sophien des Abends von Idas Aufnahme gab, vollig Lugen strafte. Wenzel war wie bekannt, kein Feind der Weiber, aber die Schonheit der Dirnen, welche ihm gefielen brauchte von keinem so hohen Styl wie Idas Reize zu seyn; Susannens Person war so ohngefehr das Model von dem, was ihn fesseln konnte.

Da die Oberhofmeisterinn nichts schlimmers von dem jungen Madchen zu sagen wusste, so schwieg sie gar. Sophie horte nichts boses mehr von Ida, und da sie sie taglich in ihrer vollen Liebenswurdigkeit vor sich sah, so fing sie von neuem an ihr gewogen zu werden. Sie stach so gar sehr vor den andern Frauleins hervor, welche sie zu bescheiden war, ihre Gespielinnen zu nennen, und die doch immer ihrer stolzen verachtlichen Blicke ungeachtet nur wie ihre Dienerinnen neben ihr standen. Es war in diesen jungen Personen ein unablassiges Streben einander zu verdunkeln, ein Haschen nach Blicken der Aufmerksamkeit, ein Ringen nach einem Lacheln ihrer Furstinn, und dieses liess sie neben der holden unbefangenen Ida in einem unendlich nachtheiligen Lichte erscheinen.

Es war zum Anfange schon genug, dass Herrmanns Geliebte nicht mehr von ihrer Gebieterinn verachtlich ubersehen, dass sie mit einigem Wohlwollen angeblickt wurde, es war nur ein kleiner Zufall nothig, dieses Wohlwollen in Gewogenheit zu verwandeln.

Sophie hatte eines Tages Langeweile, wie es, wenn man es recht bedenkt, Furstinnen in ihrer Lage oft begegnen muss. Es ist unbekannt, wie sie sich an den Tagen, an welchen sie keine Langeweile hatte, zu beschaftigen pflegte; aber so viel ist gewiss, dass an diesem alle gewohnliche Artikel der Unterhaltung ausgegangen waren. So gar von Susannen gab es nichts zu sprechen, denn der Kaiser hatte jetzt, da sich einige Hoffnung zeigte, seine Gemahlinn wurde ihn mit einem Erben beschenken, sich von seinen Rathen bereden lassen, diesen Stein des Anstosses auf einige Zeit nach Kunradsburg zu schaffen. Die Kaiserinn durfte jetzt schlechterdings keinen Anlass zu Verdruss und Aergerniss bekommen, es hing zuviel davon ab, dass der schwankende Thron des schwelgerischen Wenzels durch einen Reichsnachfolger befestiget wurde.

An diesem Abende also, der so ganz leer an Zeitvertreib war, fiel es der Kaiserinn ein, ihre Jungfrauen aufzufordern, und einen Preis fur diejenige aufzusetzen, welche irgend ein Mittel ausfundig machen konnte, ihr die schleichenden Stunden angenehm zu vertreiben.

Augenblicklich kam alles in Bewegung, jede der jungen Damen wollte ihre Geschicklichkeit zeigen. Die Sangerinnen, die Tanzerinnen, die Marchenerzahlerinnen drangten sich herbey, und thaten ihr Werk so gut sie konnten, aber entweder sie verstanden ihre Kunste schlecht, oder der Geist des Unmuths, der Sophien qualte, war so hartnackig, dass er keiner Beschworung weichen wollte. O schweiget, schweiget! rief die Kaiserinn, hort auf, ich bitte euch! Was fur Tone! was fur Schritte! welche langweilige Tiraden! wie unglucklich bin ich solche ungeschickte Geschopfe an meinem Hofe zu haben!

O ihre Majestat klagen nicht, rief die boshafte Ratibor. Hier ist ja noch die Munsterinn ubrig, sie steht so mussig und unbesorgt da, als ob die Bedienung ihrer Furstinn sie nichts angienge, und doch zweifle ich nicht, sie war im Stande alle unsere Fraulein mit ihren Talenten zu verdunkeln. Kommt her, Jungfer, fuhr sie in ihrem hohnischen Tone fort, sprecht, was fur Kunste versteht ihr die Kaiserinn zu unterhalten? Ihr musst nicht glauben, dass man um nichts und wieder nichts, eine solche Stelle wie die eurige einnimmt.

Ohne Zweifel war es die Absicht der heimtukischen Oberhofmeisterinn, Ida durch eine unvorhergesehene Aufforderung, durch eine Aufforderung in diesem Tone, so aus der Fassung zu bringen, dass sie, sie mochte auch konnen was sie wolle, mit Schande bestehen musse. Ihr Anschlag verungluckte. Ich spiele ein wenig die Harfe, sagte Ida mit einer freymuthigen Verbeugung, und ich wurde schon um Erlaubniss gebeten haben sie zu holen, wenn ich es hatte wagen durfen, Geschicktern als ich vorzugreifen, oder wenn ich hoffen konnte.

O hole, hole sie, mein Kind! rief Sophie, ich liebe sie, die Harfe! Ida entfernte sich, und die Furstinn von Ratibor erwahnte indessen gegen die Kaiserinn, dass sie nachstens ihre Tochter aus dem Kloster erwarte, welche, wie man ihr sage, die Harfe meisterhaft spiele.

Ida trat indessen mit ihrem Instrument herein, stellte sich Sophien zur Seite, griff einige vorlaufige Accorde, welche die Meisterinn bezeichneten, und begann o ihr Genien der Harmonien, welcher unter euch gab ihr den Gedanken ein begann das Lied, das auf die Kaiserinn an ihrem Vermahlungsfeste so eine wundernswurdige Wirkung that. Sophie athmete kaum, sie heftete ihr Auge fest auf ihre reizende Harfnerinn, die mit ihrem unschuldigen Engelsblick da stand, als ob sie nichts sahe als ihre Saiten, und bald darauf ihr schones Auge erhob, um den Worten, die sie ihrer entzuckten Zuhorerinn sang, doppelten Nachdruck zu geben. Das Lied war zu Ende, Sophie sass noch mit starr auf sie geheftetem Blick, als spahte sie dem letzten Ton der Harmonie nach, da trat das liebliche Madchen naher, setzte ein Knie auf die Erde, nahm den Blumenkranz von ihrem Haar, und legte ihn, wie es die Worte des Gesanges heischten, zu Sophiens Fussen.

Himmlisches Madchen! Zauberinn! rief Sophie, indem sie die Arme um Idas Nacken schlug, und sie kusste. Welche Empfindungen hast du in meine Seele zuruck gerufen! Steh auf, mein Kind, sagte sie nach einer Weile, als sie die Blicke ihrer Aufmerkerinn, der Ratibor, fest auf sich gerichtet sah, steh auf, du hast deine Sachen gut gemacht! Der Blick und der Ton der Kaiserinn bey diesen Worten war nicht ganz so gnadig als ihre Umarmung. Ida erkuhnte sich noch einmahl, die dargebotne Hand zu kussen, und trat auf die Seite.

Und war Ida die ausgelernteste Seelenkennerinn gewesen, so hatte sie nichts wirksameres ersinnen konnen, das Herz der Kaiserinn vollig zu erobern, als das Lied das sie sang. Sophiens Empfindungen bey der Erscheinung der jungen Madchen an ihrem Hochzeitfeste musten entzuckend gewesen seyn, da schon die blosse Erinnerung an diesen Auftritt sie so bezaubern konnte. Doch Dinge von dieser Art sind nichts ungewohnliches; fur wem giebt es nicht gewisse Tone, gewisse Winke, welche ihm den oder jenen Auftritt seines Lebens dermassen vergegenwartigen konnen, dass er alles, was er damals fuhlte, von neuem zu erfahren glaubt, und, ist die Erinnerung von angenehmer Art, durch einen unwiderstehlichen Zug zu demjenigen hingerissen wird, der sie hervorbrachte?

Sophie war aufgestanden, und trocknete am Fenster ihre Augen. Die Frauleins musterten die ruhig an ihre Harfe gelehnte Ida mit neidischen Blicken, und die Oberhofmeisterinn merkte an, dass es sehr spat sey, dass Ihro Majestat der Ruhe bedurften, und dass man sich entfernen musse. Sophie jahte es, und man gehorchte.

Funfzehntes Kapitel.

Volles Licht des Hofglucks.

Ohne Zweifel hatte die Furstinn von Ratibor es gerne gesehen, wenn die junge Harfenspielerinn das Zimmer ihrer Gebieterinn auf jene Art hatte verlassen mussen, wie eine ihrer Kunstverwandtinnen in unsern Zeiten, aber entweder war es etwas leichteres vor einer Kaiserinn als vor einer Koniginn von Frankreich zu spielen, oder Ida war ihres Instruments machtig, und der Gegenwart einer Monarchinn gewohnt genug, um weder von dem einen noch dem andern bis zur Ohnmacht angegriffen zu werden, und sie entfernte sich also nebst den andern ruhig mit ihrer gewohnten guten Art.

Was fur ein kaltes phlegmatisches Geschopf ist dieses Madchen! rief die Ratibor, als sie mit ihrer Furstinn allein war. Welche andere wurde nicht durch so viele Gnadenbezeugungen bis in das Innerste der Seele geruhrt worden seyn, und diese

Ich sahe Thranen in ihren Augen; sagte Sophie.

O dann, wenn sie weinen kann! erwiederte die Oberhofmeisterinn.

Ich bitte euch, Ratibor, sprach die Kaiserinn mit ungewohnlich finsterm Blicke, verbittert mir nicht alles was mir Freude macht!

Eine Aeusserung von dieser Art war schon hinlanglich gewesen den Hass bey Idas Feindinn auf das hochste zu treiben, aber es stand ihr auf den andern Tag noch ein kleiner Nachtisch fur ihren Neid bevor.

Ida ward in Sophiens Schlafzimmer gerufen. Liebe Munsterinn, sagte die gnadige Dame, ihr habt mir in der That gestern eine angenehme Stunde gemacht. Ich vergass alles uber euren hinreissenden Spiel; auch das, dass ich einen Preis aufgesetzt hatte, der ohne Zweifel euch zukommt, und den ich euch noch schuldig bin. Er sey dieses Band, das euch zu meiner nahern Bedienung berechtigt, denn mit Kleinoden, setzte sie lachelnd hinzu, darf man doch bey euch nicht kommen, ihr habt mir schon einmahl etwas dergleichen abgeschlagen.

Ida empfieng kniend das kaiserliche Geschenk, und die Furstinn von Ratibor bekam Befehl, es ihr anzulegen; es war ein Band von himmelblauen Sammt, welches von der rechten Schulter auf die linke Hufte in einer grossen Schleife gebunden ward, und das nur die ersten Staatsfrauleins der Kaiserinn tragen durften.

Ida war erstaunt, besturzt von diesem Uebermaas von Gnade, und doch getrauen wir uns zu sagen, dass sie den ganzen Umfang derselben bey weitem nicht so stark fuhlte, als die Furstinn von Ratibor. Das Madchen war in jenem glucklichen Alter, in welchem uns der Unterschied zwischen Gnadenbandern und Sternen, und zwischen einem leicht geknupften Band im lockigten Haar, oder einer frischgepfluckten Morgenrose, noch nicht so gar gross dunkt, wo wir nichts weiter sehen, als dass beyde zur Zierde dienen. Doch bekam Sophiens Geschenk durch die Hand der geliebten angebeteten Geberinn einen hohen Werth in Idas Augen, und sie dankte mit unverstellter Ruhrung. Die Furstinn von Ratibor machte ohngefehr so eine Miene, wie weiland der persische Hofmann, als er dem ebraischen Weisen die Kennzeichen der koniglichen Gnade anlegen musste, doch verlor sich am Ende ihr hamischer Blick in jenes bitter susse Lacheln, welches freylich eine so unschuldige Seele wie Idas nicht zu entziffern wusste. Ida verbeugte sich, nachdem sie ihre Danksagung bey der Kaiserinn abgelegt hatte, mit der ihr eigenen Holdseeligkeit gegen die Furstinn von Ratibor, und ward von ihr mit einer gnadigen Umarmung beehrt.

Sie ist doch mit alledem ein reizendes Geschopf, diese Munsterinn, sprach die Furstinn zu Sophien, indem sich Ida entfernte, schade, dass sie nur ein Burgermadchen ist!

Die Blicke aller Frauleins waren neidisch auf Idas blaues Band gerichtet; ein Ehrenzeichen, welches nur drey oder viere von ihnen zu tragen gewurdigt waren, aber das junge Madchen bemerkte nichts davon, begegnete ihnen mit ihrer gewohnlichen Ehrerbietung, ohne uber den empfangenen Vorzug einen Stolz zu aussern, und harrte unruhig dem Abend entgegen, an welchem es ihr erlaubt war, ihre Eltern zu besuchen. Sie wollte sich ihnen in ihrem Schmucke zeigen, sie wusste, dass sie, dass wenigstens die Mutter, durch die Ehre, die ihr wiederfuhr, erfreut werden wurde.

Sie hatte recht, nur die Mutter war es, welche sich freute. Munster sah trub und gedankenvoll aus, und wiederholte seine Ermahnungen an das junge Madchen, behutsam und immer ihren Grundsatzen treu zu seyn.

Von dem Tage an, da Ida das erste Gnadenzeichen von ihrer Furstinn erhielt, schien sich ihr Ansehen fast stundlich zu vermehren, sie hatte ofter die Aufwartung bey Sophien als ihre Gespielinnen, weil sich diese von niemand lieber bedienen liess, als von ihr. Kein Abend vergieng, da sie nicht mit ihrer Harfe im Kabinet der Kaiserinn erscheinen musste, und alle ihre kleinen Talente wurden hervorgesucht, um ihre Gebieterinn zu unterhalten. Ob Ida darum glucklicher war, lasst sich schwer bestimmen; sie beredete sich, sie sey es, weil man sie zum Gluck einer dritten Person fur nothig hielt, aber im Grunde vermisste sie wohl bey dem unaufhorlichen Zwange, in welchem sie lebte, die ruhigen Stunden, die sie anfangs auf ihrem einsamen Zimmer zubrachte, und so manchen heitern Abend, da sie ihre Eltern sehen, und sich in ihre ehemahlige Lage zurucktraumen konnte; Augenblicke, welche jetzt immer seltner wurden.

Auch fehlte es ihr jetzt, da sie fast bestandig um die Monarchinn war, nicht an mancherley andern kleinen Leiden, Sophie war nicht allemahl heiter, sprach nicht allemal liebe Munsterinn, wenn sie mit ihr redete. Spuren von neckender Verlaumdung zeigten sich immer, ob sie gleich wenig zu sagen hatten. Bald war Ida an Orten gesehen worden, wo Sophiens Frauleins nicht hingehen durften, bald hatte sie in der Kirche gelacht, bald unehrerbietig von der oder jener alten Ehrendame gesprochen, oder beym Tanze zu frey mit einem Ritter gescherzt; Anklagen, welche die Unschuld des Madchens allemal so schnell vernichten konnte, dass sie ihr selten mehr als einige trube Minuten machten, denn Sophiens Gnade kehrte allemahl nach solchen uberstandenen Sturmen mit verdoppeltem Glanze zuruck, und die Oberhofmeisterinn lachelte lieblicher als jemahls.

Die Furstinn von Ratibor hatte gehoft, Ida wurde das gewohnliche Hofgluck erfahren, ihr Ansehen wurde so schnell und mit so leichten Mitteln zu vernichten seyn, als es entstanden war; jetzt, da diese Hofnung getauscht ward, zahlte sie auf noch ein wirksames Mittel ihre Absichten zu erreichen, auf die Erscheinung einer neuen Person. Das Neue pflegt ja immer das Alte zu verdrangen, und Ida genoss schon uber einen Monat die Gnade der Kaiserinn.

Die Tochter der Furstinn von Ratibor, die junge Imago wurde bey Hofe erwartet, sie war im Kloster erzogen worden, man sagte Wunderdinge von ihren Vollkommenheiten, und ihre leichtglaubige Mutter ermangelte nicht, gewaltig in die Posaune zu stossen, und alles auszubreiten, was die Klosterfrauen von dem jungen Fraulein uberschrieben. Sie triumphirte in den Gedanken die verhasste Munsterinn bald durch ihren Liebling verdunkelt zu sehen. Fast war ihr der Sieg uber ein so gemeines Madchen zu klein, und sie sann auf Mittel, sich noch mehr Genugthuung fur den Verdruss, den sie bisher erlitten hatte, zu verschaffen.

Imago erschien, und da der Eindruck, den sie auf ihre Mutter machte, nicht sonderlich war, so lasst sich errathen, dass sie bey Hofe noch weniger Aufsehen verursachte. Sie ward vorgestellt, ganz gnadig aufgenommen, erhielt das blaue Band, welches Ida nur durch ihre Verdienste erwerben konnte, wegen ihres Standes auf den ersten Anblick, und ob gleich ihr Auge sich nach mehreren auszeichnenden Gnadenbeweisen umzusehen schien, so war doch dieses fur diesmahl alles was ihr zu Theil ward. Sie konnte ruhig in die Reihe ihrer nunmehrigen Gespielinnen treten, ohne dass den ganzen Abend wieder nach ihr gefragt wurde. Doch ging des andern Tages bey Hofe die Rede, die junge Prinzessinn von Ratibor sey recht schon, gewiss recht schon, und auch artig, und uberdies, wie es schien, von recht gutem Gemuth; Dinge, die man so oft sagte, und sich sie mit so vielem Eifer versicherte, als ob man vermuthete, es konnten Zweifel dawider gemacht werden.

Die Furstinn von Ratibor sahe ihre Plane abermahls verunglucken, sie hatte eben nicht willens ihre Imago lange im Dienste der Kaiserinn zu lassen, in welchem sie das Ungluck hatte, einer Burgerinn an die Seite gestellt zu werden; man dachte auf ihre Vermalung. Man erwartete einen jungen italianischen Prinzen bey Hofe, die Prinzessinn von Ratibor war nicht hasslich, ihre Eltern waren im Stande sie ganz artig auszustatten, und es liess sich hoffen, dass man wohl hier durch Hulfe geschickter Mittelspersonen eine Heyrath stiften konnte. Um bis dahin die Zeit nicht mussig zuzubringen, beschaftigte man sich von Seiten der Furstinn von Ratibor, den Vorrath von Imagos Talenten zu untersuchen, und zu sehen, ob sie etwa von besserm Gehalt waren, als ihre Schonheit. Die junge Dame mochte in der That im Stande gewesen seyn, in einem Kloster, mit dem was sie konnte, etwas ausserordentliches vorzustellen, aber in der Welt taugten alle ihre erworbenen Geschicklichkeiten weniger als nichts, es fand sich so vieles, das ganz hinweggeworfen, so vieles, das erst ein wenig aufgestutzt werden musste, um einiges Aufsehen zu machen, und ach, noch so unendlich mehr, welches ganz fehlte und nun erst nachgeholt werden musste. Das arme kleine Geschopf ward genothigt sich der Quaal des muhsamen Lernens, welche sie uberstanden zu haben glaubte, von neuem zu unterwerfen, um nur eine ertragliche Figur zu machen. Die wenige Munterkeit, welche sie noch etwa besass, und die vielleicht, wohl angewendet, hatte liebenswurdig machen konnen, ging uber dieser Anstrengung verloren; sie ward in ihrem Hause murrisch und ungestum, bey Hofe eine Traumerinn, und bald kam die gewohnliche Frucht vergeblicher schmerzhafter Bemuhungen nach unerreichbaren Vollkommenheiten, der Neid zum Vorschein, und machte sie, die sonst wohl in ihrer Sphare hatte gefallen konnen, zur unertraglichsten aller Kreaturen.

Die Furstinn von Ratibor bemerkte diese Dinge mit Betrubnis, sie zitterte, wenn man ihre Tochter ansah, zitterte, wenn sie angeredet ward, und suchte alle Gelegenheit zu vermeiden, Imagos ehedem geruhmte Vollkommenheiten wieder ins Andenken zu bringen. Gleich in den ersten Tagen ihrer Erscheinung bey Hofe hatte es die Gelegenheit gegeben, vom Harfenspiel zu reden. Sophie hatte sich erinnert, dass einst die Geschicklichkeit der Prinzessinn auf diesem Instrumente dem Zauberspiel ihrer Ida an die Seite gesetzt wurde, sie forderte Proben; die jungen Kunstlerinnen mussten certiren, und die Sache fiel so sehr zu Imagos Beschamung aus, dass ihre Mutter wunschte geschwiegen zu haben und sich und ihre Tochter nur hinter dem Ausspruch retten konnte, es kam Prinzessinnen nicht zu, solche Kleinigkeiten mit der Application zu treiben, wie Personen, welche vielleicht Profession davon machen wollten.

Ida war betreten, theils uber den Wink, der sie zur Tonkunstlerinn von Profession machen wollte, welches in den damaligen Zeiten kein kleiner Schimpf war, theils weil sie wider Willen etwas beygetragen hatte, eine junge Person zu demuthigen, welche sie nie beleidigt hatte; man hatte sie in diesem Augenblicke nach ihrer niedergeschlagenen Miene fur die Ueberwundene halten sollen, und sie war nicht im Stande, den Beyfall, der ihr zu Theil ward, mit frohen Herzen zu geniessen. Sie war nach der Hand zuruckhaltender mit ihren Geschicklichkeiten, und da es der Prinzessin von Ratibor nie wieder einfiel sich neben sie zu stellen, so lebte man auf einen ganz artigen Fuss mit einander.

Es war zu verwundern; man hatte denken sollen, die vielen fehlgeschlagenen Versuche der Furstinn von Ratibor die junge Munsterinn zu verdunkeln, mussten nach dem Charakter, der ihr eigen war, den bittersten Hass gegen Ida nach sich gezogen haben aber es ereignete sich das Gegentheil. Sie schien ihr gewogen zu werden, sie gestattete ihrer Tochter mit ihr zu sprechen, lud sie zuweilen in ihren Pallast ein, und trat endlich mit dem Antrage hervor, Imagos Lehrmeisterinn in der Tonkunst zu werden; ein Zumuthen, welches Ida mit soviel Herzlichkeit annahm, als sie ein ihr vorlaufig angebotnes sehr kostbares Geschenk fur diese Bemuhung ausschlug und alle kunftige Erbietungen von dieser Art verbat.

Ida war also, so oft es die Aufwartung bey Hofe erlaubte, in dem Hause der Furstinn von Ratibor, sie suchte Imagos Talente auszubilden, kunstelte zuweilen an ihrem verschobenen Charakter, suchte Gefuhle in ihr zu erwecken, welche ihrem Stande angemessen waren aber nicht aus jedem Holze lasst sich ein Gotterbild schnutzen. Imago blieb was sie war, und gab Ida zu verstehen, dass sie sie lieber unter dem Namen der Freundinn als der Lehrerinn um sich dulden mochte.

Die jungen Madchen wurden vertraut, es gab Stunden, wo man den Unterscheid des Stands ganz zu vergessen schien; sie spazierten, sie spielten, sie badeten mit einander und zuweilen geschahe es, dass sie sogar auf einem Lager ruhten. Die alte Munsterinn freute sich dieser Ehre, wenn Ida bey ihren Besuchen ihr zuweilen davon erzahlte, aber ihr Mann schuttelte den Kopf und erzahlte die Fabel von der irdenen und ehernen Schale, welche er einmahl von einem Monche gelernt hatte; Vertraulichkeiten von dieser Art, sagte er, haben ihre eigenen Folgen, man entdeckt sich einander zu treuherzig, und hat oft in der Folge Ursach es zu bereuen. Es sollte mich wundern, wenn die Prinzessinn noch nie Versuche gemacht hatte, deine kleinen Geheimnisse auszuspahen.

Geheimnisse mein Vater? rief die lachelnde Ida, ich habe keine!

Munster drohte mit dem Finger, und nannte den Namen Herrmann.

Es ist wahr, erwiederte Ida mit Errothen, Imago hat etliche mahl mit mir uber diesen Namen gescherzt, ich muss ihn im Traum genannt haben, denn wachend erwahne ich ihn nie.

Ich wollte du thatst es auch nicht im Traum, sprach Munster, der sich nicht enthalten konnte uber die unschuldige Antwort des Madchens zu lachen.

Und dann, fuhr Ida fort, jetzt fallt mir noch etwas ein, welches die Prinzessinn that, und das mir nicht ganz lieb war. Ihr wisst doch das kostbare Geschenk meiner Kaiserinn, ihre Locke; ich habe sie, seit ich bey Hofe bin, nicht offentlich getragen; ein solcher Schmuck wurde mir ein prahlerisches Ansehen gegeben haben, aber mich ganzlich von diesem lieben Kleinod zu trennen war unmoglich, es kommt nie aus meinem Busen, wird nie abgelegt als wenn ich bade. Bey einer solchen Gelegenheit sahe es die Prinzessinn, und hatte mir es, ich weis nicht aus welcher Neckerey, heimlich entwendet. Ich leugne nicht, es entstand ein kleiner Streit unter uns, sie wollte mir es nicht gestehen, bis ich die goldne Schnur an ihrem Halse sah, und damit die Locke aus ihrem Busen hervorzog, noch hielt sie sie scherzend fest, und wollte mir sie nicht ehe uberlassen, bis ich ihr die Geschichte, wie ich zu diesem Geschenk kam, umstandlich erzahlt hatte; sie schien schon von dem ganzen Vorgang durch ihre Mutter unterrichtet zu seyn, welche, wie ihr wisst, bey dieser Gelegenheit gegenwartig war, und drang nur in mich zu wissen, was ich mit diesem seltsamen Schmuck mache; ich lachte und machte einen Scherz daraus. Ich glaube, sagte ich, die Kaiserinn wird mich immer lieben, so lange ich einen Theil von ihrem Selbst auf meinem Herzen trage.

Das war eine sehr wunderliche Rede, sprach Munster mit Kopfschutteln, und ich bitte dich nochmals, mein Kind, sey behutsam, und hute dich fur allzugrosser Vertraulichkeit mit Personen, welche es, wie ich gewiss glaube, im Grunde bose mit dir meynen.

Sechszehntes Kapitel.

Ein seltsames Gnadenschreiben.

Der junge Prinz, auf den man fur die Prinzessinn von Ratibor die Augen geworfen hatte, erschien. Es war ein reicher Herr von den grossten Hoffnungen aus dem Hause Viskonti. Vorlaufige Unterhandlungen waren schon getroffen, man hatte ihm von Imagos Schonheit mit den gewohnlichen Vergrosserungen gesprochen, er brannte vor Verlangen sie zu sehen, er ward ihr vorgestellt, und wahrscheinlich machte er einen grossern Eindruck auf sie, als sie auf ihn, denn er sah sie an Idas Seite. Welches Madchen hatte neben dieser auf Eroberungen Anspruch machen konnen! und was hatte die Prinzessinn von Ratibor, sie, die den meisten andern Schonheiten nachstehen muste, was hatte sie denn zu erwarten. Er wandte kein Auge von Ida, und selbst nachdem man ihm von dem geringen Stande derjenigen, welche seine Aufmerksamkeit zu reizen schien, Nachricht gegeben hatte, welches unvorzuglich geschah, selbst dann konnte er sich noch nicht uberwinden, seiner bestimmten Braut etwas mehr als etliche Seitenblicke zu gonnen, indessen er fortfuhr, sich in Idas Anschauen zu vertiefen, welche hiedurch so aus aller Fassung gebracht wurde, dass sie sich entfernen musste.

Ida ward nicht mehr in den Pallast der Furstinn von Ratibor gefordert, und Imago schien, wenn sie sie bey Hofe traf, ihre alte Freundinn nicht mehr zu kennen. Der Prinz besuchte den Pallast der Furstinn von Ratibor oft, ohne diejenige wieder zu finden, welche er eigentlich daselbst suchte, er sah Ida bey Hofe, und brauchte eben so wenig Vorsicht die Bewunderung, mit welcher er sie betrachtete, zu verbergen, als bey ihrem ersten Anblick. Man sagte ihm zu wiederholten mahlen, dies bewunderte Madchen nenne sich Ida Munsterinn, aber der Name schien nicht die Wurkung zu haben, die man erwartete; er fuhr fort zu schauen, und Gelegenheit zu suchen diese ausserordentliche Person auch zum Sprechen zu bringen. Das letzte mislang. Ida floh ihn auf alle mogliche Art, weil sie seine Liebe merkte, die Antrage eines Prinzen nicht anhoren, ihre Freundinn nicht ausstechen, und Herrmann nicht vergessen mochte. Der junge Italianer hielt sich nur so lange zu Prag auf, als er Zeit brauchte, sich zu uberzeugen, dass er nichts von derjenigen, die er liebte, zu hoffen hatte. Er vergas in der Eil von der Prinzessinn von Ratibor Abschied zu nehmen, und hatte uberhaupt wahrend seinen ganzen Aufenthalt an Wenzels Hofe, nicht ein Wort von der Ehre gedacht, welche man ihn daselbst zutheilen wollte.

So war denn die gute Imago sammt ihrer ehrgeizigen Mutter abermahl getauscht. Man war so weit gegangen unter der Hand schon die Gluckwunsche des Hofs zu der bevorstehenden Vermahlung anzunehmen, und die Beschamung, zuruck gesetzt zu seyn, war also nicht gering.

Alle Schuld der fehlgeschlagenen Hoffnung ward auf die unschuldige Ida geschoben, welche weiter nichts verbrochen hatte, als das sie schoner war als Imago, als die meisten ihrer Gespielinnen. Die Oberhofmeisterinn und ihre Tochter vermochten die Wuth, die in ihren Herzen kochte, fast nicht mehr zu bergen, und Ida wurde schreckliche Dinge geahndet haben, wenn ein Verdacht in ihr unbefangnes trugloses Herz hatte kommen konnen.

Ihre sogenannten Eltern dachten in diesem Stucke anders. Beyde hielten es nicht fur gut das junge Madchen furchtsam zu machen, aber ihr gefahrvoller Stand war oft bis tief in die Nacht der Gegenstand ihrer angstlichen Berathschlagungen, und jedes beschloss in der Stille seine Maasregeln zu nehmen, damit das Leben und die Ehre derjenigen, welche ihnen so theuer war, auf alle Art sicher gestellt wurde.

Die alte Munsterinn war in diesem Stuck noch weit angstlicher und sorgsamer als ihr Mann. Der Furst von Ratibor und sein ganzes hohes Haus war bey ihr in sehr schlechtem Kredit, sie wusste hundert Geschichten zu erzahlen, von welchen immer eine schrecklicher als die andere war, und welche alle bewiesen, dass diejenigen, welche das Ungluck hatten, ihm oder den seinigen zu missfallen, sich aus der Welt verloren, ohne dass man genau zu sagen wusste, wohin sie gekommen waren; wie leicht war es, dass die ungluckliche Ida auf ahnliche Art verloren ging, und welche Sicherheit konnte der besorgten Matrone, die den Mutternamen bey dem jungen Madchen fuhrte, wohl gross genug seyn, ihr Leben zu schutzen.

Es ist zu glauben, dass alle die Dinge, mit welchen sich die alte Munsterinn qualte, in die Reihe der Gespenstermarchen gehorten, welche zu den damahligen Zeiten sehr Mode waren, aber leider haben erdichtete Schreckbilder einen eben so grossen Einfluss auf schwache Gemuther als Wahrheiten, und sie haben vor den letzten noch das zum Voraus, dass man um ihnen zu entfliehen meistens Mittel wahlt, die so seltsam ersonnen sind, dass sie uns wurklichem Ungluck entgegen fuhren.

Und die Besorgnisse im munsterschen Hause zu vermehren, entstand das Gerucht, welches bald darauf von Idas Mund bestatigt wurde, dass die Reise des Kaisers nach Westphalen, von welcher so lang gesprochen worden war, in wenig Wochen vor sich gehen, und dass also Ida, wenn sie dem Hofe folgte, bald ganz hulflos der Bosheit ihrer Feinde uberlassen seyn wurde.

Munsters erster Gedanke auf diese Nachricht war seine so genannte Tochter wieder in sein Haus zu nehmen; seine Frau stimmte diesmahl aus vollem Herzen ein, und Ida, welche nie einen andern Willen hatte, als diejenigen, welche sie ihre Eltern nannte, widersprach nicht.

Der Antrag ward gethan. Aber die Kaiserinn hatte sich so an ihre reizende Gesellschafterinn gewohnt, dass an keine Trennung zu denken war, und dass die Bitte des alten Munsters, die er in Person vortrug, abgeschlagen ward. Ich danke euch, guter Alter, sprach Sophie mit ihrer gewohnlichen Herablassung, ich danke euch, dass ihr mir eure Tochter so lang gonntet, aber wollt ihr sie jetzt von mir nehmen, so ist das vergangene kaum dankenswerth, den es nahen sich mir jetzt Stunden, in welchen ich die liebreiche Wartung, und die heitere Unterhaltung des guten Madchens doppelt nothig habe, sie muss mir die Geister des Unmuths hinwegschwatzen und spielen; oder gonnt ihr ihr nicht die Ehre, eurem kunftigen Herrn die ersten Wiegenlieder zu singen?

Dieses hies den alten Munster auf seiner schwachen Seite angreifen. Es verstand sich, dass an Idas Ruckkehr in sein Haus nicht mehr gedacht wurde, da aber nichts im Stande war seine Besorgniss um sie, wenn er nicht taglich von ihr horen konnte, zu heben, so fasste er einen Entschluss, den wir in der Folge sehen werden; seine Frau fasste in der Stille auch den ihrigen, setzte ihre noch ubrigen hundert und funfzig goldne Schilde daran ihn auszufuhren, und ging dabey mit ihrer gewohnlichen Voreiligkeit zu Werke.

Der Tag der Abreise nahte heran, aber es ereigneten sich Umstande, welche weder die Geschichte noch die Sage3 deutlich benennt, die Wenzeln nothigten, noch einige Zeit in Prag zuruck zu bleiben, und seine Gemahlinn nebst ihrer Hofstatt allein abgehen zu lassen.

Der ganze Hof war zur Abschiedsaudienz im Vorgemach des Kaisers versammelt, als sich eine Sache zutrug, welche jedermann, und diejenige, welche sie unmittelbar betraf, in das grosste Erstaunen setzte. Schon hatte Wenzel mit den Vornehmsten von Sophiens Hofstatt gesprochen, und der geringere Theil derselben sollte wie gewohnlich auf allgemeine Art entlassen werden, als Ida aus dem Haufen ihrer jungen Gespielinnen hervorgerufen und bedeutet wurde von den Kaiser zu treten.

Seyd ihr Ida Munsterinn? fragte er.

Das Madchen antwortete mit einer bejahenden Verbeugung.

Ein Wink des Kaisers befahl einem hinter ihm stehenden Geheimschreiber, ihr ein grosses Pergament mit dem kaiserlichen Siegel zu uberreichen.

Ida ward besturzt.

Ihr konnt dieses Geschenk, sagte Wenzel, nicht so ausserordentlich finden, als es mir selbst vorkommt, aber man hat es fur gut gefunden es fur euch bey mir zu suchen, und ich bin ein zu liebreicher Vater meiner Unterthanen, um auch dem geringsten von ihnen eine mogliche Bitte zu versagen. Geht, und seyd meiner kaiserlichen Gnade versichert.

Ida trat voll Verwirrung zuruck. Jedermann drangte sich um sie, jeder wollte den Inhalt dieses rathselhaften Blattes wissen, aber sie eilte zu der Kaiserinn es ihr zu uberreichen, welche es einem Kammerherrn gab, der es zu allgemeinem Erstaunen folgendermassen vorlas:

"Wir Wenzeslaus etc. nehmen dich Ida Munsterinn in unsern kaiserlichen Schutz, so dass wir dein Leben und deine Ehre von der Hand dessen fordern, auf welchen der kleinste Schein des Verdachts beruht, sie angetastet zu haben, auch begnadigen wir dich mit dem Vorrechte, dass keiner uber dein Leben und Tod zu sprechen habe, als wir, auch keiner dich wegen irgend einer Anschuldigung belangen konne, als vor unsern unmittelbaren Gericht, oder vor denen welche unter Konigsbann an unserer Stelle sitzen. etc."

Wer verkennt hier wohl die Hand der gutherzigen, der voreiligen Munsterinn, sie hatte nichts unterlassen wollen, die geliebte Ida sicher zu stellen, und hatte also fur das beste gehalten, ihr den unmittelbaren kaiserlichen Schutz zu erkaufen. Wenzel, welcher immer bereit war das zu thun was man auf diese Art von ihm bat, hatte (vielleicht im halben Rausche) eine Schrift ausfertigen lassen, welche jedermann ein Rathsel seyn musste, und die im Grunde derjenigen, welcher sie zum Besten gereichen sollte, mehr Nachtheil als Nutzen brachte.

Jedermann sahe sich nach Verlesung dieses Schreibens mit verwunderungsvollen Augen an, einige verachtliche Seitenblicke fielen auf Ida, und alle kamen darinn uberein, es muste eine ausserordentliche Bewandnis mit diesem Madchen haben. Ordentlicher Weise brauche die Unschuld keinen andern Schutz als sich selbst; so viel man wisse, habe noch niemand es sich einfallen lassen, verdachtige Anschlage auf Ida zu machen, oder sie vor irgend einem Gericht zu belangen, dieses musse vorborgene Bewandnisse haben, und was der seltsamen Reden mehr waren.

Ida stand voll Besturzung da, sie fuhlte, dass diese seltsame Begebenheit einen verdachtigen Schein auf sie warf, ungeachtet sie von allen dem, was daruber gesprochen wurde, nichts vernahm, sie nahte sich der Kaiserinn, und bat um Erlaubnis, dieses ausserordentliche Gnadenschreiben dem Monarchen in Demuth zuruckgeben zu durfen. Ich fordere, sagte sie, keine andere Sicherheit als die ein jeder in dem Schutz eines guten Fursten findet, keine andern Vorrechte als die mir die Gnade meiner Kaiserinn gewahrt.

Nein, nein, rief Sophie, die die ganze Sache aus einem andern Gesichtspunkte ansah als die andern, mit einem kleinen Lachen, nein, nein Ida, dieses Schreiben will ich zu deinem Besten verwahren; und wenn es weiter keinen Nutzen hat, so wird es einst deinen Enkeln sagen, dass du ein wurdiger Gegenstand der besondern Vorsorge deines Fursten warest.

Diese Begebenheit ward ein Gegenstand des allgemeinen Gesprachs, sie kam vor Munsters Ohren, ehe Ida noch Gelegenheit hatte, ihn selbst davon zu benachrichtigen. Er errieth den Ursprung derselben ohne Muhe, und hielt mit seiner Frau ein sehr ernsthaftes Gesprach uber die seltsamen Dinge, die sie die Neigung fur ihren Liebling begehen machte. Die Munsterinn betheuerte, dass sie nichts bey dem Kaiser gesucht habe, als sein besonderes Ansehen auf Idas Bestes, ohne eben daruber eine schriftliche Ausfertigung, ein Schreiben in Gestalt eines eisernen Briefs zu fordern. Munster, welcher seine Frau selten auf einer Lugen ertappt hatte, glaubte ihr, und das Ganze musste also einer von den Streichen seyn, wie Wenzel sie zuweilen im Rausche beging, wenn man es nicht lieber einen sonderbaren Zug des Schicksals nennen will, eine von ihm ausgezeichnete Person ausserordentlichen Begebenheiten entgegen zu fuhren.

Siebzehntes Kapitel.

Ein furchterliches Ungewitter.

Ida letzte sich mit ihren Eltern. Die Mutter schwamm in Thranen, aber der Vater war getrost, und sprach von baldigem Wiedersehen.

Der Abschied war auf allen Seiten vorbey, die Reise ward angetreten, aber, verzeihet meine Leser, wenn ich von dieser Gegend meiner Geschichte bis auf einen gewissen Zeitpunkt, so wohl was Zeit als was den Ort betrift, unbestimmt reden muss, die Mangel meiner Urkunden sind Ursach an meiner Ungewissheit.

Die Kaiserinn hatte den Ort, an welchen fur diesmahl ihre Reise gieng, in einer Zeit erreicht, die ich nicht nahmhaft zu machen weis, sie sah ihrer Niederkunft taglich entgegen. Den Kaiser hielt Krankheit oder etwas anders ab, nicht so wie ihm zukam, bey dieser grossen Begebenheit gegenwartig zu seyn, doch hatte er Sorge getragen, alles zu bestimmen wie es in seiner Abwesenheit bey der Erscheinung des jungen Thronerben sollte gehalten werden. Die Bohmen murrten, dass man durch eine unzeitige Reise sie um das Gluck gebracht hatte, ihren kunftigen Beherrscher in seinem Lande zum erstenmahl weinen zu horen; um sie zu trosten, ward ein engerer Ausschuss ihrer Vornehmsten ausgesandt, ihrer Monarchinn beym Wochenbette aufzuwarten, und als Zeugen bey Aufnahme des jungen Herrleins (ein Prinz musste erscheinen) in den Schooss der Christenheit gegenwartig zu seyn. Von Fursten und Herren war zu dieser feyerlichen Handlung niemand erbeten, als der Herzog von Bayern, der Vater der erhabenen Kindbetterinn, und der Graf von Wurtemberg, ihr Pathe.

Sie so wohl als die treuen Bohmen erschienen zu rechter Zeit, und es fehlte niemand mehr zu Feyerung des grossen Festes, als die Hauptperson, er, um dessen willen alle zugegen waren, Kaiser Wenzels kunftiger Erbe.

Der gewunschte Tag verzog sich von einer Zeit zur andern, die Kaiserinn war kranklich, ihre Schwache verwandelte sich in Krankheit, in gefahrliche Krankheit, sie war dem Tode nahe, das ganze Land schrie um ihre Rettung zum Himmel, und endlich erschien eine todte Prinzessinn!

Ich weiss nicht, ob es in den damaligen Zeiten etwas unerhortes war, auf diese Art in seinen liebsten Hoffnungen getauscht zu werden, oder ob wenigstens Fursten dieses niemals wiederfuhr; genug, diese traurige Begebenheit verbreitete ein solches Schrecken uber alle, welche nah und fern davon horten, als wenn nie zuvor auf diesem Erdenrund etwas ahnliches geschehen war. Die Personen, welche hieran Antheil nahmen, und wer nahm nicht an allem Antheil, was die geliebte Sophie betraf, theilten sich in zween Haufen, davon der eine sich mit den Vorzeichen, der andere mit den Ursachen dieser grossen Begebenheit beschaftigte, indessen nur wenige an das wichtigste, an die Folgen derselben dachten.

Die Lehre von den Vorzeichen war damahls einer der wichtigsten Glaubensartikel, und ich hatte niemand rathen wollen, denen zu widersprechen, welche alle, seit zehn Jahren erschienene Kometen, Himmelszeichen, und gewohnliche Naturprodukte, auf Sophiens todtgeborne Prinzessinn deuteten. Diejenigen, welche sich bestrebten die Ursach von der fehlgeschlagenen Hoffnung eines ganzen Volks zu ergrunden, verstanden noch weniger Scherz als ihre Gesellen von der ersten Ordnung, und es wurde bey ihnen Hochverrath gewesen seyn, wenn man hatte muthmassen wollen, dass die unzeitige Reise, oder die unwissenden Aerzte der hohen Kindbetterinn, hier wohl einigen Einfluss haben mochten, oder dass das letzte Aergerniss der Kaiserinn konne geschadet haben, als sie durch dienstfertige Briefe aus Prag erfuhr, dass die Susanne, von welcher man ihr beredet hatte, sie sey ganzlich abgethan, wieder erschienen sey, ihren Platz an Wenzels Seite offentlich behaupte, in den kaiserlichen Zimmern als in den ihrigen hause, und keine geringen Hoffnungen auf Sophiens Tod baue, welcher bey ihrer Niederkunft wohl erfolgen konne.

Dinge von dieser Art waren nichts in den Augen unserer Klugler, ihre Nachforschungen gingen weiter. Zauberey, Zauberey war es, was das Land um seine Hoffnungen gebracht hatte, hier musste der Arm der Gerechtigkeit schleunig Einhalt thun, dass das Uebel nicht weiter ging, und sich vielleicht gar an Sophiens geheiligter Person vergriffe, welche immer noch zwischen Tod und Leben schwebte. Das ganze Frauenzimmer der Kaiserinn ward eingezogen, selbst die Furstinn von Ratibor nicht ausgenommen, nur Ida blieb in dem ruhigen Besitz ihres Zimmers, und hatte uber nichts zu klagen, als dass man ihr nicht verstattete ihre geliebte Gebieterinn in ihrer Schwachheit zu warten, welche ihren Namen alle Stunden nannte, und behauptete, sie konnte ohne ihre Ida weder leben noch sterben.

Die Untersuchung ging schnell und streng vor sich. Der Herzog von Bayern und der Graf von Wurtemberg, die Vorsitzer des Gerichts, waren der erhabnen Leidenden viel zu sehr ergeben, waren viel zu gute Christen, als dass sie da mit Schonung hatten verfahren sollen, wo man Zauberey ahndete. Doch, so streng auch die Untersuchung seyn mochte, so wurden doch alle beschuldigte Damen auf das erste Verhor losgesprochen, und selbst die Furstinn von Ratibor bekam nicht den kleinsten Verweis, dass sie so schlecht fur das Wohl ihrer Kaiserinn gewacht hatte, ihr einen Brief mit den obengemeldeten in die Hande kommen zu lassen; man wusste von diesem Briefe, wusste, dass Sophie nach Lesung desselben ohnmachtig geworden, mit Konvulsionen und heftigem Frost zu sich selbst gekommen, und von da an, bis zu dem Augenblick ihrer Niederkunft, bis auf den gegenwartigen Augenblick dem Tode nahe gewesen war, aber mein Gott, davon war ja die Rede nicht. Die Untersuchung ging auf ubernaturliche Kunste, welche Sophien und ihr Kind ums Leben gebracht haben sollen, und hievon fanden sich bey dem unschuldigen Frauenzimmer nicht die kleinsten Spuren.

Ida beklagte ihre unglucklichen Mitschwestern, auch nur in den entferntesten Verdacht solcher Dinge, an welche sie mit allen ihren Zeitverwandten von ganzem Herzen glaubte, gekommen zu seyn; sie meynte, sie hatte einen solchen Verdacht nicht uberleben konnen. Sie priess sich glucklich allein ausgenommen worden zu seyn, und hofte, da sie horte, dass die Furstinn von Ratibor und die andern wieder los seyen, und bey der Kaiserin die Aufwartung gehabt hatten, auch sie wurde nun die geliebte Sophie wieder zu sehen bekommen.

Sie hatte sich eines Morgens vollig ankleiden lassen, um, wenn sie nach Hofe berufen wurde, fertig zu seyn, als ihr Madchen mit einem Gesicht herein trat, welches der lebendige Abdruck des Entsetzens und der Verzweiflung war, sie trug einen Zettel in der Hand, den sie ihrer Gebieterinn schien uberreichen zu wollen, aber ehe sie sich ihr nahern konnte, sank sie ohnmachtig zu Boden. Ida sprang zu, ihr zu helfen, allein als sie ihren Namen auf dem auf der Erde liegenden Zettel erblickte, so uberwand die Neugier das Mitleid, und sie las folgendes; doch nein sie las nicht zu Ende, schon bey der zweyten Zeile vergiengen ihr die Gedanken, und sie sank an der Seite ihrer Dienerinn nieder.

Urtheile, lieber Leser, ob sie Ursach hatte sich zu entsetzen.

"An Ida Munsterinn.

Ida! Ida! Zauberinn! Morderinn! Hochverratherinn! erscheine! Wir die heimlichen Racher Gottes, laden dich, binnen drei Tagen vor Gottes Gericht! Erscheine! erscheine!"

Was ist das? rief Ida, als sie auf die Bemuhung ihrer andern Dienerinnen, welche herzugelaufen waren, sich wieder erholte. Habe ich recht gesehen? reicht mir das Blatt noch einmal. Sie uberlas die schrecklichen Zeilen von neuem, liess die Hande sinken, und lehnte sich todtenbleich an ihren Stuhl zuruck.

Indessen erzahlten die Magde, wie sie das Pergament diesen Morgen an der grossen Pforte, welche zu den Zimmern ihrer Gebieterinn fuhrte, angeheftet gefunden, wie sie aber, weil sie es nicht lesen konnen, es nicht geachtet hatten, bis das herzulaufende Volk sie von dem Inhalte benachrichtigt, und ihnen unter Bedrohung geboten, es abzunehmen, und es ihrer Gebieterinn zu bringen.

Ida horte fast leblos vor Entsetzen zu, ohne genau zu wissen was sie horte. War sie mehr bey sich selbst gewesen, sie wurde in dem Ton, in den Blicken der Erzahlerinnen, einen Unwillen, eine Verachtung gelesen haben, der ihr bey denen, welche sie umgaben, und von welchen sie durchgangig angebetet wurde, etwas ganz neues seyn musste.

Gott! was habe ich gethan? und was soll ich thun? schrie Ida mit gerungenen Handen!

Was ihr gethan habt, mogt ihr am besten wissen, sprachen die Weiber, und was ihr thun sollt, darin konnen wir euch nicht rathen; wir mussen euch verlassen, damit nicht auch uns die Rache Gottes verfolge!

Willst du auch von mir gehen? fragte Ida das Madchen, welche ihr den Zettel zuerst uberreicht hatte, und die jetzt vor ihr auf den Knien lag und ihren Schoos mit Thranen netzte.

Sagt mir, was ich fur euch thun kann, erwiederte sie, und ich will nicht gehen.

Eile zu der Furstinn von Ratibor, sprach Ida, und sage ihr sage ihr nur ich weis nicht! Genug du wirst ihr schon alles alles, meine ganze Lage entdekken, sie soll mir Rath geben! Gott weis, wie ich zu diesem Ungluck komme!

Das Madchen ging und kehrte in kurzer Zeit zu der angstlich harrenden Ida mit der Antwort zuruck, die Furstin lasse ihr versichern, dass sie sie nicht kenne.

Die Gesandtschaft ward an einige andere Damen der Kaiserinn eben so vergeblich abgefertigt. Ida erinnerte sich an den Herzog von Bayern, und an den Grafen von Wurtemberg, welche ihr immer mit auszeichnender Achtung begegnet hatten. Sie sandte zu ihnen und erhielt die Antwort, sie moge Trost bey Gott suchen, wenn ihr Gewissen rein sey, und was den Rath anbetrafe, so war der einige, den man ihr geben konne, dass sie sich ja nicht weigere, auf die erhaltene Ladung zu erscheinen, weil ihr Leben doch auf alle Falle verwirkt sey.

Erscheinen? rief Ida, wo soll ich erscheinen? Hast du nicht gefragt, wo der Ort des heimlichen Gerichts ist?

Die Dienerinn schwieg.

Mein Leben verwirkt! schrie die Ungluckliche nach einem langen schrecklichen Stillschweigen. Gott was habe ich denn gethan? ich bin ja unschuldig! Gott gebe, dass ihr es seyd! schluchzte das Madchen.

Ja bey Gott das bin ich! rief Ida und sank auf die Knie, ich schwore es bey dem der ewig lebt!

Sie lag lang mit verhulltem Gesicht auf ihren Knien und schien zu beten, endlich rafte sie sich auf. Was sagte der Graf von Wurtemberg? rief sie, ich sollte Trost bey Gott suchen? O Gott hat mich schon getrostet, und er wird mich noch mehr trosten, trosten durch den Mund seines Dieners. Gieb mir meinen Schleyer, ich will in die Kirche, ich will beichten. Der ehrwurdige Pater Johann wird mir sagen, was ich thun soll.

Wollt ihr es wagen? fragte das Madchen. Das Volk ist aufgebracht wider euch, es konnte euch ein Ungluck Gieb mir den Schleyer, rief Ida, ich wage alles, ich habe nichts auf der Welt zu verlieren. Es ist wohl nicht nothig euch zu begleiten? fragte die Dirne Thue was dich recht dunkt, erwiederte Ida.

Ida trat ihren Weg an, ohne sich umzusehen; sie hullte sich dicht in ihren Schleyer, um nicht erkannt zu werden. Hier und da tonte ihr ihr Name mit Verwunschungen begleitet in die Ohren. Das Volk schien mehr von ihren Beschuldigungen zu wissen, als sie selbst. Die Namen Zauberinn, Morderinn, Hochverratherinn, schwebten ihr bisher ohne weitern Zusammenhang vor, jetzt erst erfuhr sie aus einigen abgerissenen Reden der vor ihr ubergehenden, dass sie die Unthaten, die man ihr Schuld gab, an ihrer besten Freundinn, an der angebeteten Sophie, sollte verubt haben. Es fehlte unterschiedliche mahl wenig, dass sie nicht zu Boden sank, sie wankte und musste sich an den Mauern fest halten.

Endlich kam sie in die Kirche, wo sie bey ihrem einigen noch ubrigen Freunde, ihrem Beichtvater, Rath und Trost holen wollte. Es war schon weit gegen den Abend, sie ging durch die dammernden Hallen des Gewolbes, setzte sich in eine dunkle Nische, und erwartete den ehrwurdigen Pater Johann, von welchem die Geschichte nicht sagt, ob er der beruhmte Beichtiger Sophiens, der heilige Johannes Nepomucenus, der noch jetzt in allen Landen wegen seiner schweigenden Zunge, hoch belobt ist, gewesen seyn mag. So viel ist gewiss, dass Sankt Nepomuk sich schwerlich in jener grossen Prufung stiller verhalten konnte, als dieser bey der Herzenserleichterung dieser bedrangten Sunderinn, oder vielmehr, dieser unschuldigen Heiligen.

Ida hatte ihr ganzes Herz vor ihm ausgeschuttet, hatte vor ihm geweint, geseufzt, um Rath gefleht, und noch schwieg er. Die Trostlose flehte nur um ein Wort aus seinem heiligen Munde. Geht hin, sagte er nach einer langen Pause, reiniget euch von eurer Missethat, und dann will ich euch von euren Sunden lossprechen.

Aber was soll ich thun? Ich bin vor Gericht gefordert, ich weis nicht von wem! Ich soll mich stellen, ich weis nicht wo? was soll ich thun?

Erscheinen!

Und wer werden meine Richter seyn?

Die furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten!

Und wo ist ihr Gerichtsstuhl?

Ueberall und nirgends!

Ida badete sich in Thranen, sie vermochte an den Mann mit dem eisernen Herzen keine Frage mehr zu thun. Er stand auf, sich zu entfernen. Erbarmet euch! erbarmet euch! rief das Madchen, indem sie sein Gewand fest hielt. Es ist Nacht, verschaffet mir Zuflucht in diesem Kloster, oder gebt mir einen Begleiter zu, der mich sicher nach Hause bringe.

Die heiligen Frauen werden euch nicht aufnehmen, und niemand wird euch begleiten wollen.

Die Ungluckliche verhullte ihr Gesicht in ihren Schleyer, und fieng von neuem an zu weinen; als sie sich wieder umsah, war sie allein. Die grosse Ampel war in der Hohe des Kirchengewolbes aufgehangen und verbreitete ein sparsames Licht. Sie stand auf, wankte durch die dustern Hallen, wallte durch die dunkeln Gassen der Stadt, und kam endlich an ihrer Wohnung an. Sie weinte nicht mehr, eine Art von Harte, von dumpfer Fuhllosigkeit hatte sich ihrer bemachtigt. Sie rief ihren Madchen, die Kerzen anzuzunden, niemand antwortete. Sie ging hinaus in die Vorsale, in die Kammern ihrer Dienerinnen, alles war leer. So bin ich denn ganz ganz verlassen? schrie sie und kehrte mit gerungenen Handen auf ihr Zimmer zuruck. Gott, womit habe ich das verdient! ist denn Beschuldigung soviel als erwiesenes Verbrechen? Sollte ich vielleicht wirklich schuldig seyn? Man sagt ja, es sey moglich ohne sein Wissen zu sundigen. Ja ja! es ist so, ich bin eine Verbrecherinn, denn jedermann halt mich dafur, und der heilige Vater Johann hat mir die Absolution versagt.

Ida war in jenem schrecklichen Zustande, der nur einen Schritt von Verwirrung und Verzweiflung entfernt ist; da erhob sich ein Gerausch in ihrem Vorgemach, die Thur ging auf. Ida! rief eine bekannte Stimme.

Wer ists? wer ruft? antwortete sie in holem Tone.

Ida! meine arme ungluckliche Ida! rief die Stimme von neuem mit dem zartlichsten Accente.

Ida richtete sich von der Erde auf. Die Gestalt, die sie jetzt bey einer dunkeln Leuchte, welche sie trug, erkennen konnte, kam naher.

Wer bist du? fragte Ida, bist du einer von den furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten?

Kennst du mich, kennst du deinen Vater nicht mehr? rief der Ankommende, der jetzt die Leuchte heller machte, den Mantel von sich warf, und die Ungluckliche in seine Arme schloss.

Vater! Retter! Engel von Gott gesandt! stammelte sie und sank leblos an seinen Busen.

Achtzehntes Kapitel.

Munster trostet, so gut er vermag.

Kennt die Menschheit wohl eine herrlicher grossere Empfindung als jene, die die Seele bey Erscheinung eines Freundes im tiefsten Abgrunde des Elends durchschaut? Idas Herz war zu eng dieses Gefuhl zu fassen, es wollte brechen! Man denke, was sie diesen Tag uber erfahren hatte, man denke sich die Ueberraschung, sich in dem Augenblick, da sie sich von allen verlassen glaubte, in den Armen eines Vaters zu sehen.

Ist es moglich? rief sie, als sie vermogend war zusammenhangend zu sprechen, ist es moglich? nein! mich tauscht ein Traum! mein Vater hier? in solch einem Augenblicke?

Und konnte denn Ida denken, fragte Munster, dass der, den sie Vater nennt, sie einen Augenblick in verdachtigen Handen allein lassen konne? Ich habe die Reise mit dir zugleich angetreten, bin dir uberall gefolgt, habe alle deine Schritte bemerkt, wollte mich nicht melden, um einmahl zu sehen, wie du handeln wurdest, wenn du dir ganz allein uberlassen warest. Ich war fest entschlossen, dich eben so unbemerkt wieder nach Prag zu begleiten, und es wurde geschehen seyn, wenn dich nicht dieser unvermuthete Schlag getroffen hatte.

O Gott, rief Ida, ein Schlag, den ich nicht uberleben werde!

Nicht uberleben? Eine schone Vertheidigung deiner Unschuld! Nein, Ida, du wirst leben, du musst leben, um deine Anklager zu beschamen, die dich gern als eine Verbrecherinn sterben sahen!

Wer sind meine Anklager?

Weis ich es. Ich habe diesen ganzen Tag, so bald die schreckliche Zeitung ausbrach, du seyst vor das heimliche Gericht geladen, hier und da unter dem Volk gelauscht, um etwas zu erfahren, und das zuverlassigste was ich weis, ist, dass beym Verhor des kaiserlichen Frauenzimmers, die Furstinn von Ratibor, ihre Schuldlosigkeit an dem unglucklichen Wochenbette der Kaiserinn nicht besser als durch deine Anklage zu beweisen geglaubt hat. Ihre Aussage hat gelautet: sie burge mit dem furchterlichen Eide fur sich und alle gegenwartigen Damen, aber es fehle noch eine Person von Sophiens Frauenzimmer, und wenn der Anschein nicht truge, so musse diese die Schuldige seyn.

Man forderte die Ursachen ihres Verdachts wider dich, die Furstinn sagte, was man mir nicht wieder zu sagen wusste. Du sollst vorgefordert werden, und die Richter zurnten, dass dieses nicht sogleich geschehen, dass du allein von dem, was sich die ubrigen hatten gefallen lassen mussen, ausgeschlossen worden warest.

Ein bedenkliches Achselzucken beantwortete dieses. Die Geschichte von dem unglucklichen Freybriefe, den dir der Kaiser auf Veranlassung meines unvorsichtigen Weibes gab, ward der Lange nach erzahlt, und mit Erklarungen versehen, die man sich denken kann. Die Richter sahen einander an. Brauchen wir einen weitern Beweis wider die Verbrecherinn? fragten sie, warum suchte sie ausserordentlichen Schutz, wenn sie unschuldig war? warum machte sie es unmoglich, sie vor den gewohnlichen Gerichtsstuhlen zu belangen, wenn sie sich nicht geheimer Unthaten bewusst war, welche an den Tag kommen und sie in die Hande der Gerechtigkeit bringen konnten? Aber soll sie darum ungestraft bleiben? und welch ein Mittel ist ubrig, sich ihrer zu bemachtigen?

Meine Nachrichten horen hier auf, ich weis nicht was hierauf weiter vorging, nur dieses sagte man mir, dass die Versammlung erst um Mitternacht auseinander gegangen sey, nach dem alle sich durch einen feyerlichen Eid verbunden hatten, dein nicht zu schonen.

Ida verbarg sich an dem Busen ihres Vaters und weinte. Fahret nur fort, fahret fort, schluchzte sie, todtet mich ganz mit der furchterlichen Erzahlung meines Unglucks!

Mein Kind, sagte Munster mit trostendem Ton, es ist nothig, dass du alles wissest; wie soll dir sonst geholfen werden?

Und des Freybriefs ungeachtet, rief sie, bin ich doch vor Gericht, ach unschuldig vor Gericht gefordert?

Fur kein weltliches, erwiederte er, fur das grosse Gericht Gottes. Getraust du dich nicht vor Gottes Gericht in deiner Unschuld zu stehen?

O wenn er, wenn er mein Richter ist! rief Ida mit gefaltenen Handen, und einem Blick in welchem der Himmel war.

Nun, sprach Munster, mit diesem getrosten Muthe geh an dein Schicksal, du bist unschuldig, es kann nicht schrecklich seyn. Die Unbekannten, die im Namen Gottes richten, sind deine Richter; sie waren die einigen, vor denen man dich belangen konnte, hast du die Worte in deinem Freybriefe vergessen, dass du nur vor dem Kaiser unmittelbar oder vor denen, welche an seine Stelle unter Konigsbann richten, anklagt werden kannst?

Ich habe sie nicht verstanden, sagte die niedergeschlagene Ida, welche wenig Trost in ihres Vaters Reden fand.

Glaubst du, dass Manner, welche den furchterlichsten Eid geschworen haben recht zu richten, deine Unschuld verkennen werden? fragte Munster weiter.

Ich glaube alles was ihr wollt, sprach sie mit kaum horbarer Stimme, aber so viel weis ich, ich werde sterben, wenn ich allein vor diesem furchtbaren Richter erscheinen soll.

Das sollst du nicht, ich werde dich begleiten.

Und wohin? wo ist ihr Gerichtsstuhl? Ueberall und nirgends, sagte Pater Johann, was heisst das?

Niemand hat noch die Stelle gesehen, wo sie richteten, sprach Munster, ausser sie selbst und die Beklagten, aber wenn du erscheinen sollst, so muss man dir auch Mittel zeigen, wie du deine Richter finden kannst, diese Mittel auszuspahen soll mein Werk an diesen beyden Tagen seyn.

Und wen wollt ihr fragen, wenn keiner aus dieser geheimnissvollen Gesellschaft euch bekannt ist?

Das weis Gott! ich kenne keinen von ihnen, nur so viel weis ich, sie wandeln mitten unter uns in tausendfachen Gestalten, ohne dass wir sie kennen, gehen an unserer Seite, speisen an unserm Tisch, und wir wissen es nicht, meine Stimme wird doch einen von ihnen erreichen, der mir sagt was ich thun soll?

Gesprache von dieser Art dauerten bis an den Morgen. Ida sass vor ihrem Vater bald in Totenblasse gehullt, bald mit gluhenden Wangen, und Augen, in welchen das verzehrende Feuer des Fiebers funkelte. Der alte zitterte fur ihr Leben, er nothigte ihr einen kleinen Becher Wein auf, welchen er heimlich mit dem Saft einiger beruhigenden Krauter vermischte. Ida entschlief, Munster trug sie leise auf ein Ruhebette, verschloss ihre Thur und ging, ehe der Tag vollig anbrach, seine grossen Erkundigungen anzustellen.

Neunzehntes Kapitel.

Ida in den Handen der furchtbaren Unbekannten.

Ida verschlief diesen ganzen Tag, der heilsame Schlaftrunk hatte kraftig gewurkt, sie war eben erst erwacht, als ihr Vater in der Abendammerung wieder kam. Er nothigte sie etwas Speise zu nehmen, die er mit sich gebracht hatte, sie schien durch den Schlaf und das was sie genossen hatte, ein wenig erquickt zu seyn, und er fand sie ruhig genug, das Resultat seiner Erkundigungen zu horen.

Wir sind, sagte er, in einem Lande, in welchem der eigentliche Sitz der heimlichen Gerechtigkeit ist. Nachrichten von dem nothwendigsten zu erhalten, ist hier nicht so schwer als wir dachten. Vorladungen von dieser Art, wie die deinige, sind hier nichts ungewohnliches; auch hat man Exempel genug von solchen, welche den heimlichen Rachern entgangen, oder von ihnen losgesprochen wurden, eine besondere Ehre haftet auf denen, welche sie unschuldig fanden. Man hatte mir eine sonderbare Geschichte eines hiesigen Edeln, eines Konrads4 von Langen erzahlt, nach welchem noch bis diese Stunde die heimliche Gerechtigkeit beyde Arme ausgestreckt hat, ohne sich seiner bemachtigen zu konnen.

Und stund nicht auch mir die Flucht offen? fragte Ida. Du kannst, darfst, und wirst nicht fliehen, sprach Munster, denn du bist unschuldig, ob Konrad es ist, weis ich nicht, und wir wollen ihm denn thun lassen was ihm recht dunkt.

Ich gedachte seiner nur darum, weil mir bey Erzahlung seiner Geschichte in den Sinn kam, ihn oder einen von seinen Leuten aufzusuchen, und auf die Art zu erfahren, was wir wissen mussen. Ich fand auf Nachweisung seinen Hausmeister, und o Gluck, ich entdeckte in ihm meinen alten Waffengenossen, Walter, der, als wir die Berner uberrumpelten, seine linke Hand verlor, und nicht langer dienen konnte. Er sagte mir der Dinge viel, und doch stockte er oft auf eine so seltsame Art, kehrte hier und da so schleunig um, dass ich nicht recht wusste, wie ich mit ihm dran war. Ritter und Knecht, Edle und Burger, sprach er, sind in den Diensten des geheimen Gerichts. Sollte er vielleicht selbst? doch dieses gehort nicht hieher. Er sagte mir die gewohnliche Art, vor die Stuhle des heimlichen Gerichts zu gelangen, war durch Gewalt. Selten erschienen die Vorgeladenen auf die erste Forderung, und die, welche die zweyte und dritte abwarteten, nahm man hinweg, wo man sie fande und stellte sie vor die Unbekannten. Diejenigen, welche auf die erste Ladung erschienen, so wie meine Ida erscheinen wird, hatten den Vortheil, dass man grosse Muthmassung zu fassen pflegte, dass sie unschuldig seyen, und gelinder mit ihnen verfuhre als mit andern. Sehr selten begabe sich aber dieser Fall, und das einige Mittel wie Personen von dieser Art zur Gerichtsstatte kommen konnen, sey, sich drey Viertelstunden nach Mitternacht auf den nachsten Platz zu begeben, auf welchem vier Wege sich scheideten, da sich denn allemahl einer fand, welcher sie mit verbundenen Augen vor die Richter fuhre.

Ich war so froh, so viel zu erfahren; sprach, du wurdest dich auf die Art stellen und ich wolle dich begteiten. Walter sah mich scharf an. Bist du einer von ihnen? fragte er. Ich wusste nicht was er wollte und antwortete nicht. Er fasste mich noch genauer ins Auge und sagte einige Worte zu mir, welche weder Verstand noch Zusammenhang hatten. Ich schwieg abermahls. Nun gut, sagte er nach einer Weile, begleite sie oder begleite sie nicht, es kommt drauf an, ob man es dir gestatten wird, auf allen Fall aber kannst du sicher seyn, dass sie auch ohne dich sicher an Ort und Stelle kommen wird! das weitere hangt von ihrer Unschuld ab.

Ich weis nicht, was fur Beruhigung in Munsters rathselhafter Erzahlung lag, genug, Ida fand sich nach Anhorung derselben etwas getrostet. Sie konnte gelassner von ihrem Schicksal sprechen, konnte Entschliessungen fassen, und vermochte uber die Dunkelheit hinaus zu blicken, die sich vor ihr ausbreitete. Dass sie diese schreckliche Dinge uberstehen, sich gerechtfertigt sehen, wieder solche Tage verleben konne, dunkte ihr nicht mehr unmoglich, und Munster bemuhte sich, jede ihrer Hofnungen zu starken, keine, auch die schwankenste nicht, anzutasten.

Vielleicht, dass wurklich einige Winke in dem, was sie gehort hatte, Grund zu Hoffnungen darboten, vielleicht auch dass es ihr so ging wie den meisten Unglucklichen, welche nur von dem ersten Sturm zu Boden geworfen werden, und sich in der Folge, wenn ihnen das Schreckbild bekannter wird, besser fassen lernen! Oder giebt es vielleicht gute Geister, die ihren Erwahlten zur Stunde des tiefsten Schmerzens einen Tropfen himmlischen Trostes in den Leidensbecher mischen!

Dem sey wie ihm wolle; genug, Ida war ruhig, und schlief diese Nacht an der Seite des sie bewachenden Vaters den sanften unerkunstelten Schlummer der Unschuld. Auch der drauf folgende Tag, der letzte vor der entscheidenden Nacht, ging leidlich voruber, nur gegen den Abend fing das ungluckliche Madchen an unruhig zu werden. Es war in den damahligen Zeiten Sitte, da Trost zu suchen, wo man ihn jetzt nicht mehr zu finden weis. Munster schlug einen Kirchgang vor. Gern willigte Ida ein; man besuchte ein Gotteshaus, welches von Pater Johannes Klosterkirche weit entfernt war, und kehrte getrostet zuruck. Eine sparsame Mahlzeit von dem, was die Vorsorge des Alten verschaft hatte, und ein Trunk Wein labte die Ermatteten. Sie waren so ruhig als vielleicht keiner ihrer Feinde geglaubt, keiner ihnen gegonnt hatte. So gar ein gewisser Grad von Frohlichkeit fand in der Unterhaltung der beyden Leidenden statt. Gott! rief Ida mit einem lachelnden gen Himmel gewandten Blicke, ich habe dich um Gelegenheit meine Unschuld zu beweisen angefleht; ohne zu bedenken, dass sie schon in meinen Handen ist. Walter sagte, man sey geneigt, die Unschuld dererjenigen zu muthmasen, welche sich auf die erste Vorladung stellten. Ich komme, ich komme meine Richter, so bald ihr mich ruft! Meine Willigkeit meine Freudigkeit wird euch eine Bestatigung dessen seyn, was ich euch antworten will, ach ihr werdet mich lossprechen, sobald ihr mich erblicket!

Munster nahrte diese gluckliche Laune so viel er vermochte. Die Zeit verstrich, die Mitternachtsstunde schlug, beyde horten es ohne einander zu mahnen. Das Gesprach ward kalt, man schwieg endlich gar. Wie mein Herz schlagt, sprach Ida, und legte die Hand auf die Brust. Was mag die Uhr seyn? Wenn der Mond gerad uber dem Thurme steht, ists eine halbe Stunde nach Mitternacht, antwortete Munster, welcher ans Fenster getreten war.

Ida ging unruhig auf und ab. Wie steht der Mond? fragte sie nach einer Weile. Er steht ich wollte, du nahmst deinen Schleyer, und wir gingen, erwiederte er. O Gott! Gott! rief sie und sank auf die Knie. Jetzt schon? Jetzt?

Sie betete im stillen, und Munster begleitete ihre Seufzer mit den seinigen. Sie stand auf! wir wollen gehen, sprach sie, indem sie sich verhullte.

Schweigend wallten sie durch manche lange Strasse. Idas Knie zitterten vor Frost, indess ihre Wangen mit dem hochsten Purpur gluhten.

Dort jener Platz! stammelte sie, nicht wahr, dort, mein Vater? Jetzt standen sie an der grossen Thur der Bartholomauskirche. Vier tiefe Strassen zogen sich von da nach den aussersten Enden der Stadt hinab, der Platz um sie her war hell vom Mondlicht, auf der Ferne ruhte tiefes Dunkel. Da kam aus der Dammerung gegen sie ein Mann herauf, den die tauschende Nacht und Idas Angst zum Riesen vergrosserte. Ein schwarzes Gewand verhullte ihn um und um, nur die Augen waren sichtbar. Er nahte sich langsam. Wer seyd ihr? murmelte er mit unkenntlicher Stimme. Ida Munsterinn und ihr Vater, war die Antwort.

Die erste suche ich, der andere kann sich entfernen.

Ich entferne mich nicht, ich begleite sie auf jedem ihrer Schritte.

Begleitest du sie? wir wollen sehen! Wie nennst du diese vier Strassen, auf welche ich deute? Jene im Mondglanze nenne ich5 Feuer, die dort in der Dammerung, Eisen, und die beyden ubrigen, wie heissen sie?

Munster erstaunte vor dem Unsinn, den er horte.

Nun so geh, rief der Vermummte, du taugst nicht fur uns!

Euch verlassen, Vater? euch verlassen? schluchzte Ida. Der Unbekannte riss sie aus seinen Armen, und stiess ihn mit einiger Heftigkeit zuruck. Geh doch nur, sprach er mit einer Stimme, die zu sanft fur die Handlung war, welche sie begleitete, du kannst mir das Madchen sicher anvertrauen.

Was war das fur eine Stimme? rief Munster, indem er sich unter das Kirchthor setzte. Mich dunkt, ich soll sie kennen. Ida ward indessen von ihrem Fuhrer fortgerissen, der sich noch einige mahl nach Munstern umsah, ihm winkte sich zu entfernen, und bald darauf aus seinen Augen verschwand.

Zwanzigstes Kapitel.

Ida erzahlt.

Lieber Leser, gern erlauben wir dir, die unschuldig Verklagte vor Gericht zu begleiten, aber durfen wir es wagen dich an einen Ort zu fuhren, den noch kein profanes Auge sah? Setze dich lieber mit dem ehrlichen Vater Munster unter das Thor der Bartholomauskirche, siehe, der Mond ist untergegangen, die Morgenrothe dammert dort hervor, wir mussen bald etwas von Ida horen.

Munster war so gewiss von der Unschuld seiner so genannten Tochter uberzeugt, als du und ich es nimmermehr seyn konnen Walter hatte ihn des vorigen Tages versichert, dass er Ida nimmermehr wiedersehen wurde, wenn sie schuldig befunden wurde, weil die Racher Gottes Urtheil und Vollziehung unmittelbar zu verbinden pflegten, aber, setzte er hinzu, glaube auch im Gegentheile, dass, wenn nur etwas ist, das ihre Unschuld zu erweisen scheint, sie dir von dem, dem du sie des Nachts uberliefertest, am Morgen sicher wieder zugefuhrt werden wird.

Munsters Zutrauen in Idas Unschuld, in Walters Worte, und in die Gerechtigkeit der heimlichen Richter war gleich gross, er wartete ruhig bis zur Morgenstunde, und durfte nicht lange warten, denn ehe noch die Bewohner der umliegenden Hauser erwachten, lag Ida schon wieder in seinen Armen.

Du bist mein? bist wieder mein? rief er, bist unschuldig?

Das bin ich, bey Gott meinem Richter sey es geschworen, obgleich noch niemand mich dafur erkennen will. Ach eure Ida ist euch nur auf kurze Zeit wieder geschenkt. Das Rachschwerd hangt noch an einem dunnen Faden uber meinem Haupte. Ich soll mich entschuldigen! Gott wie kann ich es, da aller Anschein wider mich ist!

Ida vermochte vor Thranen nicht weiter zu reden, man trat den Weg nach Hause stillschweigend an. Das Madchen setzte sich athemlos nieder, stutzte sich auf den Arm und trocknete die Thranen unter dem Schleyer.

Erzahle mir, mein Kind, ich bitte dich, sage mir alles, rief der Alte mit bittendem Blick.

Dass muss ich auch, erwiederte sie, denn ich werde nicht lange bey euch seyn, man hat mir aus besonderer Gnade vergonnt, bis zu Austrag meiner Sache, meinen Aufenthalt bey den Ursulinerinnen zu nehmen, und ich vermuthe, man wird mich bald abholen. Trauret nicht mein theurer Vater, es ist euch erlaubt, mich dort zu besuchen, ich habe darum gebeten.

Munster druckte ihre Hand, und bat sie, ihre Erzahlung anzufangen.

Wie soll ich euch beschreiben, sprach sie, wie mir zu Muthe war, als mich mein Fuhrer von euch riss? Ich glaubte zu sterben. Und doch wars, als wenn ein gewisses etwas mir Trost zuflusterte, der Vermummte, ihr habt es selbst gesehen, hatte nichts menschenfeindliches und grausames in seinem Betragen; seine Stimme war sanft, ich sah beym Mondenlicht in seinem Auge eine Thrane blinken, und was mir ganz besondere Gedanken machte, als er mich so dahin fuhrte, so ward ich gewahr, dass ihm die linke Hand fehle. Sollte es etwa euer Freund, der treuherzige Walter gewesen seyn?

O Walter! Walter! rief Munster, gewiss er war es, denn jetzt besinne ich mich auch auf seine Stimme.

Mir war dies trostlich, fuhr Ida fort, so war ich doch nicht ganz unter Unbekannten, und ihr hattet mir immer so viel gutes von diesem Walter, diesem alten Helden erzahlt, dass ich mich an seinem Arm sicher dunkte. Wir hatten uns etwa eine Strasse lang entfernt, als er mir eine dicke Hulle uber das Gesicht warf, welche mir es unmoglich machte den Weg, den wir nahmen, zu unterscheiden; er dauerte lang, gieng uber Stock und Stein, Berg auf, Berg ab, durch Gegenden wo mich frische Feldluft anhauchte, und durch weite schallende Gewolbe. Wir stiegen endlich dreyssig Stufen hinab, die ich, ich weis nicht warum sorgfaltig zahlte, meine Hulle ward mir abgenommen, und ich sah mich in einem dustern dammernden Orte, wo ich anfangs nichts unterscheiden konnte. Mein Fuhrer erlaubte mir, mich, weil ich sehr ermudet war, auf einen Stein zu setzen. Mein Gesicht gewohnte sich nach und nach an die Helligkeit des Orts, ich sah, dass ich an dem Eingang zu einem weiten Platze sass, von dem ich nicht weiss, ob ich ihn Gebaude oder freye Gegend nennen soll, denn rund um her, so weit meine Augen reichten, erblickte ich hohe Mauern, und uber mir den gestirnten Himmel. In der Ferne webten bey dem Schimmer einiger Kerzen, welche den weiten Ort, so zahlreich sie auch waren, nur schwach erleuchteten, dunkle menschliche Gestalten, deren einige sich nahten, und sich zu meinem Fuhrer gesellten; sie waren alle vermummt wie er, auch fand unter ihnen keine andere Unterredung als mit Zeichen und halben Worten statt, die Stille rund um her war bey der Versammlung, die mich immer grosser dunkte, und sich meinen Augen bis in die Hunderte vermehrte, unbegreiflich; von meiner Seite ward sie durch nichts als Weinen und Schluchzen unterbrochen.

Auf einmal horte ich den dumpfen Schall einer Glocke, sie ward dreymal angeschlagen, und mir bebte das Herz bey dem furchterlichen Laut. Der Schauplatz ward heller, ich erblickte rund umher auf schwarzbekleideten Stuhlen eine zahllose Menge schwarzvermummter Gestalten, von welchen mir mein Fuhrer sagte, dass sie meine Richter waren. Ihr werdet diesen Augenblick gefordert werden, sagte er heimlich, bereitet euch, wenn ihr unschuldig seyd, mit gutem Muth hervor zu treten. Legt den Schleyer ab, flusterte er nach einer Weile, ihr musst mit offenem Gesicht erscheinen.

Er hatte noch nicht ganz ausgeredet, als eine Stimme mit grasslichem Ton zu rufen begann:

Ida Munsterinn! Ida! Ida! Zauberinn! Morderinn! Hochverratherinn! erscheine! wir die heimlichen Racher des unsichtbaren Gottes, laden dich vor Gottes Gericht! Erscheine! erscheine!

Man kann sich nichts entsetzlichers denken, als die Wiederholung der Worte, die mir hier nicht zum ersten mahle vorkamen. Mein Herz emporte sich, dass Bewustseyn meiner Unschuld hob mich hoch empor. Ich stand aufgerichtet und schaute kuhn in die Versammlung, ohne einen Fuss zu regen. Ich kann auf keine solche Ladung erscheinen, rief ich mit einer Stimme, welche die Heftigkeit des Affekts starkte. Mein Name ist Ida, aber ich bin keine Verbrecherinn!

Tritt hervor, rief der, welchen ich vor dem Oberrichter halten musste, vom Thron herab, und hore, was die Klager klagen und die Zeugen wider dich zeugen.

Ich trat hervor und sank auf meine Knie. Ich schwore bey dem der ewig lebt, rief ich mit starker Stimme, dass ich keine Zauberinn, keine Morderinn, keine Hochverratherinn bin, dass es falsch sey, was diese Klager klagen, und die Zeugen zeugen!

Das Gericht hub an, aber, o mein Vater, wie soll ich euch erzahlen, was mir aufgeburdet wurde! Ists moglich, dass man die geringsten Kleinigkeiten zu Verbrechen, oder wenigstens zu Kennzeichen des Verbrechens machen kann?

Die Locke meiner geliebten Kaiserinn war das erste, wessen gedacht ward, ach ich musste sie hingeben, die goldne Schnur ist leer! Dass man dieses geliebte Andenken in meinem Busen fand, war einer der Hauptbeweise wider mich. Es klebte Blut an meinem Schleyer, ihr wisst, dass ich gestern Abend in der Dunkelheit mir die Wange verletzte, dieses musste der mit dem Blut der Kaiserinn gefarbte Schleyer seyn, den ich an ihrem Vermahlungsfeste brauchte die kleine Wunde, die sie sich von ohngefehr gab, zu trocknen. Man fragte mich, aus was fur Absicht ich diese Dinge an mir truge? Ob ich nicht einst zu einer Freundinn gesagt habe, so lange Sophiens Locke auf meinem Herzen ruhte, musse mir die Kaiserinn hold seyn? Ob ich nicht das Herz dieser Dame dermassen bezaubert hatte, dass sie keinen Tag ohne mich und mein Harfenspiel seyn konne; dass sie noch jetzt in ihrer Krankheit bekannt habe, sie konne ohne mich weder leben noch sterben?

Hat sie dieses gesagt? rief ich im Ton des Entzukkens, o die unvergleichliche Dame! o dass ich sie nur noch einmahl sehen, dass ich, wenn ich sterben muss, nur zu ihren Fussen sterben konnte! Man gebot mir zu schweigen, und das Fragen dauerte fort. Woher die Reichthumer meiner Eltern kamen, nachdem sie durch den Brand wie bekannt um all' ihre Habe gekommen waren? Durch welche zauberische Mittel ich erfahren habe, dass dieses verheerende Feuer auskommen werde, und warum ich so gottlos gewesen, die Stadt nicht zu warnen, ja nicht einmahl auch meine Eltern zu retten, sondern boshafter Weise euch verlassen habe, und nur allein dem Ungluck aus dem Wege gegangen seye. Wohin der Herrmann von Unna gekommen, den ich durch meine Zaubereyen in mich verliebt gemacht, denn des Verstandes beraubt habe, so dass er drey Tage lang sinnlos im Lande herumgelaufen, und dann wahrscheinlich durch mich getodet war.

Herrmanns Erwehnung machte, dass ich ohne Besinnung zur Erde sank, man erquickte mich, und ich fing an laut uber Herrmanns Tod zu klagen; o Gott, wenn es wahr, wenn Herrmann tod seyn sollte!

Ida brach in Thranen aus, und es dauerte lang, ehe Munster sie durch die Versicherung: Herrmann habe ihm kurzlich geschrieben, zufrieden sprechen konnte.

Die Anklagen, fuhr Ida fort, wurden immer entsetzlicher. Auch der italianische Prinz, welcher der Prinzessinn von Ratibor untreu ward, und den ich durch Zauberkunste in mein Netz gezogen haben sollte, kam an die Reihe, und zuletzt das schrecklichste von Allen, die ungluckliche Niederkunft der Kaiserinn, und die Gefahr, in welcher sie noch jetzt schwebt.

Gott weis, was ich auf alle diese Dinge sagte, aber ich, die ich mich fur so schwach, so verzagt hielt, fuhlte ubernaturliche Starke, ich schwieg auf keinen dieser Artikel, ich sprach wenig und mit Bescheidenheit, aber was ich sprach, musste Nachdruck haben, denn ich brachte meine Klager verschiedenemahl zum Schweigen. Der Himmel uber uns fing an zu dammern, die Hahne krahten in der Ferne und verkundigten den Tag, und auf einmahl erhub sich die ganze Versammlung.

Ida, rief der Richter vom Throne, noch immer droht dir das Schwerd, wofern du nicht binnen ein und zwanzig Tagen unumstossliche Beweise deiner Unschuld darlegst; deine Bereitwilligkeit auf die erste Ladung zu erscheinen, macht, dass wir dich jetzt in Frieden ziehen lassen, aber denke auf keine Flucht, unser Auge und unser Arm ist uberall, wie die Gegenwart des Allsehenden!

Ich warf mich vor dem Thron nieder und bat um Zuflucht in einem Nonnenkloster, meine Bitte ward mir gewahrt, und mir auch noch uberdies wegen meines Geschlechts und meiner Jugend eine ausserordentliche Begnadigung zugesprochen, welche mir nicht genannt ward.

Man verhullte mich von neuem und fuhrte mich ab, ich bat unterwegens meinen Fuhrer, er mochte fur mich bitten, dass ich zu den Ursulinerinnen, die ich immer gern zu besuchen pflegte, geschickt wurde, und euch daselbst sehen durfte, und er versicherte mich, dass er mir dieses fur sich selbst versprechen konne, weil man ihm Dinge von dieser Art ganz zu uberlassen pflegte. Ich wollte noch mehr mit ihm sprechen, aber er ward wieder so stumm wie des vorigen Abends; an der Ecke der Strasse verliess er mich, vermuthlich um nicht von euch beym Tageslicht erkannt zu werden und zeigte mir euch von weitem wie ihr meiner, unter dem Bartholomausthore wartetet.

O Ida, rief Munster, als sie endete, sey getrost! mich dunkt deine Sache geht gut, und uber dieses hoffe ich heute noch einen andern Schritt zu deiner Rettung zu thun, den mir bisher die Abwesenheit der Person, auf welche ich hoffe, unmoglich machte. Ich wandte mich am Morgen deiner Anklage, ehe ich dich noch gesehen hatte, an den Grafen von Wurtemberg, ich hatte ihm wichtige Dinge zu sagen, welche dir wurden genutzt haben, aber man wiess mich zuruck, unter dem Vorwand, er war verreist und wurde unter dreyen Tagen nicht wieder kommen; diese drey Tage sind vorbey und ich eile unmittelbar, nachdem man dich zu den Nonnen gebracht hat, zu ihm.

O vergebliche Muhe! rief das Madchen, auch ich wandte mich an ihn, weil er sich immer vorzuglich gnadig gegen mich erzeigt hat, aber auch er wies mich zuruck. Er ist vielleicht auch nicht einmahl wurklich abwesend gewesen, hat nur keine Vorbitte fur mich horen, euch nur darum nicht sehen wollen, weil ihr mein Vater seyd!

Du sagtest, er habe sich gnadig gegen dich erwiesen? fragte Munster nach einem tiefen Stillschweigen, was that er dir, das den Namen Gnade verdient?

O ihr wisst ja, dass man das kleinste Lacheln der Grossen Gnade nennen muss, und zu der Zeit, da alles mir lachte, pflegte auch er mir zu lacheln. Ich erinnere mich noch, als er mich das erstemahl im Kabinet der Kaiserinn sahe, dass er mich vor allen andern auszeichnete, sich mir mit einer Achtung naherte, welche mich wurklich beschamte, und als die Ratibor, wie gewohnlich, gleich mit meinem Namen, ach diesem theuren Namen, den ich immer fur meine Ehre halten werde, hervortrat, um meinen Burgerstand nicht in Vergessenheit zu bringen, so schien der Graf dadurch nur desto aufmerksamer zu werden. Munsterinn? wiederholte er, Ida Munsterinn? Der Name Ida ist Musik in meinen Ohren, er erinnert mich an meine, ach langst verstorbene Gemahlin. Die Oberhofmeisterinn trat mit der Bemerkung hervor, man sahe den Stolz meiner Eltern schon daraus, das sie mir einen furstlichen Namen gegeben hatten, aber der Graf kehrte sich hieran nicht, er zog mich zu sich und kusste mich liebreich auf die Wange. Es ist mir lieb, sagte er lachelnd, dass du ein Burgermadchen bist, bey einer Dame durfte ich keine solche Aeusserung meines Wohlgefallens wagen. Die Prinzessinn von Ratibor, die neben mir stand, sah mich verachtlich an, und ihr Blick sagte mir, dass sie die Rede des alten Grafen mir fur schimpflich hielt, aber ich war zu einfaltig, zu gemein, um dieses zu finden, ich kusste die Hand des ehrwurdigen Greises, und erhielt zu meiner Beschamung noch einen Kuss auf die Stirne. Von der Zeit an fragte er immer nach mir, nennte mich seine Ida, fragte nach meinen Eltern, sagte, es sey einmahl ein Munster, ein braver Mann in seinen Diensten gewesen, und was der kleinen Verbindlichkeiten mehr waren, welche der Geringe dem Grossen so hoch anrechnet. Ich dachte oft an ihm einen wurklichen Gonner zu haben, aber freylich, jetzt in meiner Bedrangniss habe ichs erfahren, dass ich mich irrte.

Munster schwieg auf Idas Reden, auch hatte er keine Zeit zu langen Erwiederungen gehabt, denn in dem Augenblicke kam man das junge Madchen in das Kloster, das sie sich gewahlt hatte, abzuholen. Vater und Tochter nahmen treuherzigen Abschied, und versprachen sich einander bald wieder zu sehen.

Ein und zwanzigstes Kapitel.

Nie ist die Unschuld ohne Freunde.

Munster erschien gleich des andern Tages an dem Sprachgitter der Ursulinerinnen. Ich habe dir seltsame Dinge zu erzahlen, sprach er zu Ida, lies dieses Blatt, dergleichen man heute fast an allen offentlichen Gebauden angeheftet sieht.

Ida las: "Wir die heimlichen Richter des Verbrechens und die Retter der Unschuld wenden uns gegen die vier Enden der Erde, und rufen: Ist jemand, welcher es wagt, die verklagte Ida zu vertheidigen, der komme!"

Gott! Gott! schrie Ida und hielt den Zettel in den gefalteten Handen in die Hohe, ich fuhle es, du verlassest mich nicht ganz! du wirst mich retten!

Ich war bey meinem Freund Walter, fuhr Munster fort, und zeigte ihm dieses Blatt, er lachelte und versicherte, dies sey eine ausserordentliche Gnade, deren du dich zu ruhmen habest, es sey fast unerhort, dass man einem auf diese Art Beklagten, einen Vertheidiger zugelassen, vielweniger dass man die ganze Welt gleichsam zu seiner Rettung aufgefordert habe. Ich sagte ihm meinen Entschluss, auf diese Forderung zu erscheinen und die Beweise deiner Unschuld auf mich zu nehmen, aber er schuttelte den Kopf: waret ihr, sagte er, einer von den Beysitzern des heimlichen Gerichts und konntet auftreten und sagen: Ich schwore, unsern furchterlichen Eid, meine Tochter ist unschuldig, so mochte dies wohl von grossem Gewicht, mochte wohl nicht viel geringer als vollige Lossprechung seyn, aber ausserdem gilt euer Wort so viel als nichts. Weder Vater, noch Gatte noch Bruder, noch einiger anderer Verwandter, dafern er ein Profaner ist, darf im heimlichen Gericht die Vertheidigung des Beklagten fuhren, sondern in den wenigen Fallen, da Vertheidigung zugelassen wird, muss ein Fremder erscheinen und die Sache des Verbrechers fuhren, und um die Erscheinung eines solchen moglich zu machen, wird die Zeit des zweyten Gerichts, wie eurer Tochter wiederfuhr, auf ein und zwanzig Tage verschoben. Wiederfuhr? fragte ich, du sprichst von der Sache, als wenn du gegenwartig gewesen warest; sollte ich mich wurklich nicht geirrt haben, solltest du wurklich.

Walter unterbrach mich mit Unwillen ohne meine Frage zu beantworten, er trieb mich von sich und bat mich nie wieder zu kommen, wenn ich auf diese Art mit ihm sprechen wollte.

Von ihm ging ich zu dem Grafen von Wurtemberg, es ging mir wie du vermuthet hattest. Ich ward abgewiesen, und noch muss ich, ich muss mit ihm sprechen. Es ist mir ein Mittel eingefallen, durch welches ich Zutritt bey ihm erlangen konnte. Du weisst die goldne Kette, die ich dir an deinem zehnten Geburtstage schenkte, ich habe sie er gab ich genug, es hat eine gewisse Bewandniss mit diesem Kleinod, und ich glaube, ich werde nicht wieder abgewiesen werden, wenn ich ihm dasselbe zuschicke, und ihn dabey an gewisse Dinge erinnern lasse. Wolltest du mir wohl diesen Schmuck, der dir jetzt sehr entbehrlich ist, uberlassen? er soll dir herrlicher als du denkst ersetzt werden. Wie? du erschrickst? solltest du dieses wichtige Kleinod verloren haben? sollte etwa bey jenem Brande, der uns um unser Vermogen brachte? Doch nein! deine Mutter versicherte mich, als ich einst ernstlich darnach fragte, es sey gerettet, du habest es bey deinem damahligen Kirchgange getragen! Sprich Ida? was soll ich denken? Ich versichere dich, die Sache ist keine Kleinigkeit!

Mein Vater, rief die erschrockene Ida, ich meine Mutter genug die Kette ist nicht mehr in meinen Handen! Herrmann von Unna bekam sie einst, als er

Unvorsichtiges Madchen! schrie Munster, du hast dein Gluck aus den Handen gegeben. Und mein Weib! Gott wie konnte sie? Herrmann hat das Kleinod? o dass ich ihn zu finden, es ihm zu entreissen wusste, es war im Stande jetzt dein Leben zu retten!

Munster tobte noch eine Weile auf diese Art. Ida bat, fragte, suchte ihn zu besanftigen, aber umsonst! Sie bot ihm einen Ring, den sie mit der Kette zugleich von ihm erhielt, er stiess ihn von sich, und sagte, er sey ohne seine Gefahrtinn die Kette ohne Nutzen. Ida weinte und bat um Erklarung dieser rathselhaften Dinge, er riss sich von ihr loss, und verliess sie das erstemahl in seinem Leben mit allen Merkmahlen des Unwillens.

Da Ida sich nicht vorstellen konnte, was der Verlust einer solchen Kleinigkeit, als ihrer ernsten Seele ein Stuck weiblichen Schmuckes war, auf sich haben konne, so schlug sie es bald aus dem Sinne, und trauerte nur uber den Unwillen ihres Vaters, den sie doch bey seinem nachsten Besuche schnell zu heben dachte; sie wusste, wie sehr sie von ihm geliebt ward, wie viel ihre Bitten, ihre Thranen uber ihn vermochten. Aber vergebens sah sie ihm diesen und die beyden folgenden Tage entgegen. Sie ward unruhig, sie erhielt bey der Oberinn des Klosters, welche ihr geneigt war, die Vergunstigung nach ihm in seiner bisherigen Wohnung fragen zu lassen. Seine Zimmer waren verschlossen, niemand hatte ihn gesehen. Man schickte zu Waltern; die Antwort war, er habe ihn das letzte mahl ein wenig unfreundlich von sich gewiesen, und dies musse ihn beleidigt haben, er sey seit dem nicht wieder gekommen.

Was fur Nachrichten fur Ida! brauchte sie wohl noch neuen Stoff zur Bekummerniss? Von den ein und zwanzig Tagen bis zu dem nachsten Vorbescheid vor den furchtbaren Gericht waren bereits viere vergangen, die ubrigen verschlichen unter tausenderley Beangstigungen bis auf einen, und in diesem Einen sollte sie nun herbeyschaffen, was sie in so vielen nicht vermocht hatte, sollte unumstossliche Beweise ihrer Unschuld darlegen oder sterben! Schrecklicher Zustand des armen Madchens! Es schien als wenn alles, worauf sie einigen Trost baute, vernichtet werden sollte. Sie horte von der Wiedergenesung der Kaiserinn, sie konnte denken, dass diese von ihrem Ungluck nichts, oder nur unvollkommen wissen wurde, sie konnte hoffen, dass, wusste sie dasselbe, sie alles fur sie thun wurde; aber so sinnreich auch die Nonnen, ihre Freundinnen, waren, Mittel zu erdenken, vor die Monarchinn zu kommen, so schlug doch alles fehl, und da am Ende der letzte entscheidende Tag anbrach, da sie sich uberzeugen musste, dass fur sie in der Hauptsache nichts mehr zu thun sey, als ihrer Unschuld zu trauen, so qualte sie noch die Sorge, wie sie vor das Gericht kommen sollte, das ihr in der kunftigen Nacht bevorstand. Auszubleiben war wider ihre Ehre und ihre Grundsatze, allein, ohne Fuhrer sich an dem bestimmten Orte einzustellen, unanstandig und gefahrlich. Was sollte sie thun? Man ging im Kloster ernstlich daruber zu Rathe, und die gutherzige Oberinn erlaubte, dass der alte Walter herbey gerufen und gebeten wurde, diese Nacht bey der Tochter seines Freundes Vaterstelle zu vertreten.

Der Greis gerieth bey diesem Anmuthen in die augenscheinlichste Verwirrung, er veranderte die Farbe, wollte reden, stammelte, stampfte endlich voll Unwillen mit dem Fuss, und schrie, man sollte aufhoren ihn mit unmoglichen Dingen zu qualen. Mit diesen Worten verschwand er, und hinterliess Ida und die Klosterjungfern in der aussersten Besturzung.

Unter Weinen und Beten kam die Nacht heran. Man hatte Ida allein gelassen, und bey der Domina ward grosser Rath gepflogen. Es ist unmoglich, sagte die gutherzige Alte, das Madchen ihrem Schicksale zu uberlassen. Ich wollte es wagen auf das Bild der heiligen Jungfrau zu schworen, dass sie unschuldig ist, dass sie fur unschuldig erkannt werden wird; sollten wir denn so grausam seyn, sie einem Verderben anderer Art entgegen gehen zu lassen? Sie ist schon, wie ihr und ich in unsern bessern Jahren; wenn es in der Welt noch so zugeht wie zu meiner Zeit, so droht ihr auf dem kleinsten Wege unausbleibliche Gefahr, sie wird irgend einem laurenden jungen Wustlinge in die Hande fallen, und fur unser Kloster verloren seyn, welches doch, es gehe wie es wolle, einst ihre Zuflucht werden wird, was sollen wir thun Schwestern? was sollen wir thun? Wars wohl Verletzung unserer heiligen Regel, sie bis an den Ort ihrer Bestimmung zu begleiten? Ich nebst den vier altesten aus der Schwesterschaft ubernehme dies Werk, und

Es war der heiligen Frau unmoglich zu enden, ein lauter Beyfall unterbrach ihre Worte. Die Liebe zu der holdseeligen Ida, die sie, ich weis selbst nicht warum, als eine kunftige Mitschwester ansahen, oder das Verlangen, einmahl den Fuss aus den angstlichen Klostermauren zu setzen, machte, dass man sich, (ein seltner Streit unter alternden Jungfern) um den Vorzug der Jahre stritt, und dass die Domina, um Friede zu erhalten, genothigt war, dem altern Theil ihrer Frauleins, aus welchen ihr Rath bestand, ohne Ausschluss einer einigen, die Bestehung dieses Abentheuers zu gestatten. Eine allgemeine Freude erhob sich unter ihnen, und es ward augenblicklich eine Gesandtschaft an die angstvolle Ida abgeschickt, ihr den Schluss des Konvents kund zu thun.

Sie war entzuckt uber die ausserordentliche Probe der Achtung, die sie erhielt, die lebhafteste Dankbarkeit durchstromte ihr Herz, und es schwebte ein Gelubde auf ihren Lippen, welches mit lauter Freude von den Nonnen, welche schon darauf rechneten, wurde aufgenommen worden seyn, und das nur durch Dazwischenkunft irgend eines Zufalls konnte zuruck gehalten werden. Die Mitternachtsstunde schlug, der Weg nach dem Bartholomauskirchhofe war weit, man durfte sich nicht aufhalten, so gar die feyerliche Einsegnung in der Klosterkirche, die man zu diesem grossen Schritte fur nothig gehalten hatte, und die gewiss in dem Herzen der frommen Ida irgend ein ungluckliches Angelobnis hatte hervorlocken konnen, musste unterbleiben. Man nahm eilig die Schleyer, visitirte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zellen der jungern Nonnen, damit keine sich unter der Hand der Vorrechte der altern theilhaftig machte, wallte die langen schallenden Klostergange hindurch, ofnete das Thor und that mit Herzklopfen den Schritt aus den geheiligten Mauern in die Welt.

Auch Idas Herz klopfte, sie ging mit ihren ehrwurdigen Begleiterinnen in dammernden Sternenlichte den Weg, den sie schon einmahl an der Hand ihres Vaters gegangen war. Die Domina, an deren Seite sie wandelte, uberhaufte sie mit Trostungen und frommen Betrachtungen, aber das Stillschweigen, unter welchen ehemals Munster diesen traurigen Gang mit ihr that, war ihrem Zustande angemessner, und sie hatte viel darum gegeben, auch jetzt still und ungestort weinen zu durfen.

Endlich langte man an dem Ort der Bestimmung an. Ihr vermummter Fuhrer, der ihrer bereits wartete, stutzte, sie in so grosser Begleitung kommen zu sehen; doch schien die Gegenwart der heiligen Frauen einen vortheilhaften Eindruck auf ihn zu machen; er beugte sich tief vor ihnen, liess der weinenden Ida Zeit, sich mit ihnen zu letzen, bot ihr dann freundlich den rechten Arm, und entfernte sich langsam unter ofterm Zurucksehen nach den Nonnen, welche ihn neugierig mit den Augen verfolgten. Als sie um eine Ecke kamen und ihr Begleiter ihr die dichte Hulle uberwarf, vermisste sie abermahls seine linke Hand. Ach rief sie, warum wollt ihr mir doch verbergen, dass ihr Walter seyd! es wurde mir so trostlich seyn, es zu wissen, dass ich an der Hand eines Bekannten, eines wackern redlichen Mannes gehe! Ein unverstandliches Murmeln, in welchem Ida nur den Ton des Unwillens unterscheiden konnte, beantwortete diese Rede. Beyde schwiegen, und man kam, wie ihr dunkte, weit eher als das vorige mahl an Ort und Stelle.

Auch kam ihr der Ort, wohin man sie brachte, anders vor als vorhin, die Decke, der funkelnde Sternhimmel, war die nehmliche, aber den Umkreis bezogen nicht hohe angstliche Mauren, sondern das Auge hatte, von allen Seiten, so viel die falbe Dammerung erlaubte, eine freye Aussicht, die nur von der Seite, woher Ida kam, durch dichte Gestrauche und auf der entgegen gesetzten vermuthlich auf eben die Art begranzt war, unter ihren Fussen fuhlte Ida weichen Rasen, und es ward ihr aus einigen Umstanden wahrscheinlich, dass sie sich in einer ausgeholzten Gegend eines ihr wohlbekannten Waldes befand; welches wohl seyn konnte, denn ein jeder Ort mochte (wie einige alte Schriften sagen) zu Hegung des Vehmgerichts taugen, wenn er nur heimlich und hehr war.

Die Versammlung an diesem Orte war so zahlreich als das erstemahl, aber die Erleuchtung schwacher, und die Stille wo moglich noch schauerlicher. Das Zeichen mit der Glocke ward gegeben. Die Stimme, welche Ida schon einmahl gehort hatte, erhub sich und rief:

"Wir, die Diener des unsichtbaren Gottes, der im Verborgenen richtet, wendet uns gegen die vier Enden der Erden, und rufen dir, Vertheidiger der angeklagten Ida! Erscheine!"

Der Ruf ward dreymahl wiederholt, der Schauplatz ward heller, und Ida wollte ungefordert hervortreten. Ihr werdet heute nicht zu sprechen haben, flusterte ihr Fuhrer, haltet euch ruhig.

Ida sah die Versammlung der furchterlichen Unbekannten mit frohem Muthe an, ein Gefuhl von Freude und Hoffnung durchstromte ihr Herz, welches zum unaussprechlichen Entzucken ward, als sich auf dem dritten Ruf eine Gestalt hervorthat, die, ungeachtet sie vermummt war, wie die andern, doch ein gewisses Etwas an sich hatte, das ihr in Idas Augen den Vorzug vor jedem der Anwesenden gab.

Der Vertheidiger der Unschuld ging langsam vorwarts und stellte sich vor den Thron des Richters. Hier! rief er, hier bin ich, todtet mich, wenn Ida schuldig ist!

Die Hegung des Gerichts hub an. Die Fragen, welche Ida schon einmahl gehort hatte, wurden wiederholt, aber sie horte sie nicht mit dem Schrecken wie das erstemahl, der Unbekannte wusste auf jede derselben zu antworten, und ihren Gedanken nach war ihre Unschuld vollig erwiesen, aber die Richter waren schwerer zu befriedigen. Die in jenen finstern Zeiten des Aberglaubens so verdachtige Geschichte mit der Locke blieb doch einmahl wahr, die unuberlegten Worte, welche sie zur Prinzessinn von Ratibor gesagt hatte, waren nicht zu leugnen und zeugten wider sie. Noch war die Kaiserinn nicht vollig genesen, und Herrmann von Unna, den man hier fur todt hielt, und, ich weis nicht warum, Ida seine Morderinn nannte, war, wie man versicherte, nirgend zu finden.

Der Retter der Unschuld bat, man mochte die Genesung Sophiens abwarten, und dann sie uber Idas Leben entscheiden lassen, da sie, wenn Ida schuldig sey, die heftigste Beleidigung von ihr erlitten habe, und gewiss mehrere Umstande als man hier wisse, werde angeben konnen; aber man verwarf diese Bitte. Er erbot sich die andere Anklage wegen Herrmanns Ermordung auf der Stelle zu zernichten, aber man hies ihn schweigen, und verwiess ihn vornehmlich auf den Beweis, dass Ida keine Zauberinn sey, als welcher hier den Grund und die Hauptsache des Ganzen ausmache. Idas Vertheidiger fuhlte, wie schwer, wie unmoglich ein Beweis von dieser Art sey, er verfiel in ein dumpfes Stillschweigen, welches der Beklagten ein Vorbote des Todes war.

Nun denn, rief er endlich, ich weis, was ich ubernommen habe, ich weiss, dass in diesem Gericht keiner den Beklagten vertheidigen darf, ohne wenn jener schuldig befunden wird mit ihm gleiche Strafe ubernehmen zu mussen. Hier bin ich, todtet mich denn, wenn fur sie keine Rettung ist. Aber ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen, sie ist unschuldig! und zittert! ihr Blut wird nicht ungerochen bleiben, sie ist nicht die Tochter eines geringen unbekannten Burgers, sie ist eine Fursten Tochter!

Unter den Anwesenden erhub sich ein Gefluster, die meisten riefen, dieses sey eine Erdichtung, um den Prozess der Beklagten ins Weite zu ziehen, sie schwuren, man durfe ihn nicht in Freyheit lassen, bis er seine Aussage erwiesen habe. Man bemachtigte sich seiner. Ida schrie: sie todten ihn! vor ihren Augen schwamm die ganze Versammlung in einem dustern Nebel, die Lichter verloschen, ein furchterliches Getoss umsausste ihre Ohren, und sie sank ohne Empfindung nieder.

Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Die Sonne scheint fur Idas massige Wunsche fast zu

hell.

Ida fieng an sich zu erholen, die Begebenheiten der vergangenen Nacht dunkten ihr ein Traum zu seyn. Sie sah um sich her, der Tag war angebrochen, und sie lag unter dem grossen noch geschlossenen Thor der Bartholomaus Kirche. Sie richtete sich auf, sie wollte aufstehen, aber sie vermochte es nicht; da kam aus einer der Strassen, die sich hier scheideten, ein Mann gegen sie daher, den sie schon in der Ferne fur Waltern erkannte, sie breitete die Arme nach ihm aus und nannte, so laut sie konnte, seinen Namen. Er nahte sich ihr mit Eile. Kommt, sagte er, dass ich euch wieder zu euren Nonnen bringe, doch ich vergesse zu fragen, wie ihr hieher kommt? Habt ihr die Vorgange voriger Nacht vergessen? stammelte Ida, welche jetzt vermogend war sich vollig zu besinnen, mich dunkt, ihr waret sowohl gegenwartig als ich.

Was soll das unnutze Reden, erwiederte er mit verdrusslichem Ton. Kommt, ehe man euch hier antrift!

Gott! schrie Ida, Gott! was soll aus mit werden? sprecht, was habe ich nun zu thun? ihr wisst, dass auch meine letzte Hoffnung vernichtet ist.

Walter schwieg, und besann sich erst nach einer Weile, dass er fragen musse, was sie meyne, wenn er seine Rolle gut spielen wolle.

Ida drang in ihn, sich ihrer zu erbarmen, sich nicht gegen sie zu verstellen, weil es ihm nie gelingen wurde, sie zu uberreden, dass er nicht alles wisse, und ihr am besten rathen konne. Walter ward unwillig. Sie fuhrte die fehlende linke Hand, und er seine Kleidung, die mit der eines Vermummten keine Aehnlichkeit hatte, zum Beweis des Behaupteten an. Ida, welcher wichtigere Sorgen auf dem Herzen lagen, schwieg endlich, und man langte vor dem Kloster an.

Es sey mir erlaubt, die Art des Empfangs bey den Ursulinerinnen, welche hoften, das ungluckliche Madchen ganz gerechtfertigt wieder zu sehen, mit Stillschweigen zu ubergehen. Sie waren anfangs entrustet, dass man derjenigen, die durch die Ehre, die sie ihr in voriger Nacht erzeigten, schon in einem vortheilhaften Lichte hatte erscheinen sollen nicht besser begegnet hatte, nach und nach schlichen sich Zweifel ein, ob Ida auch wirklich so unschuldig sey, als man sie im Kloster glaubte. Man fing an, sie zu vernachlassigen, man trostete sie nicht mehr, sprach ihr nicht mehr in ihrer Einsamkeit zu, und es gerieth bald dahin, dass der alte Walter, welcher sie taglich am Sprachgitter besuchte, ihr einiger Trost war.

Ida wusste nicht, was sie von ihrem eignen Schicksale halten sollte, sie hatte Ursach, zu den grossten Besorgnissen, und gleichwohl lag ihr das Ergehen desjenigen der sich im Gericht zu ihrem Vertheidiger aufgeworfen hatte, weit mehr am Herzen.

Meynt ihr nicht, fragte sie Waltern, dass es mein Vater ist?

Er zuckte die Achseln.

Wer war es sonst? Wer konnte es seyn?

Ich weis nicht!

O Walter, ich beschwore euch, ihr wisst es, sagt mir alles.

Wollt ihr mich mit eurem Geschwatz von euch treiben?

So nehmt euch wenigstens meines Retters an, wenn ihr konnt, und forscht nach dem Aufenthalte meines Vaters.

Eures Vaters? kennt ihr ihn?

Ida sah ihn mit verwunderten Augen an, und wiederholte seine Frage.

Walter that noch einige, und als er aus ihren Antworten merkte, dass sie das Bekenntnis des Unbekannten von ihrer Geburt nicht verstanden habe, sich noch bis jetzt fur Munsters Tochter hielt, so verfiel er wieder in sein geheimnissvolles Stillschweigen.

Ida weinte uber die Harte des Alten, und dieser bat sie endlich ruhig zu seyn und alles zu hoffen. Vielleicht, setzte er hinzu, dass sich euer Schicksal in kurzem andert.

Sehet, sagte er, als er eines Morgens zu ihr kam, sehet hier die Erfullung meiner Weissagung. Ida hatte die Schriften der heimlichen Racher schon zu oft gesehen, um den Zettel, den er ihr darbot, nicht sogleich zu kennen. Sie zitterte, ungeachtet der vortheilhaften Art, mit welcher er ihr ihn ankundigte, ihn zu lesen. Walter that es an ihrer Statt. Er enthielt, Leser stelle dir das Entzucken der Unglucklichen vor enthielt eine feyerliche Bekanntmachung ihrer Unschuld, und vollige Lossprechung von allen Anklagen. Die Freude that die Wurkung auf sie, welche der Schmerz schon so oft gehabt hatte. Sie kam wieder zu sich selbst um die Frage, ob dies wahr, ob es wurklich moglich sey, tausendmahl zu wiederholen. Das frohe Gerucht breitete sich aus, die Nonnen eilten herbey, und Gluckwunschungen, Freundschaftsversicherungen, und Bitten sie nie zu verlassen, immer eine Bewohnerinn ihres friedlichen Hauses zu bleiben, stromten auf sie zu. Ida erinnerte sich wohl, dass man ihr in den letzten Tagen oft und deutlich genug hatte zu verstehen gegeben, dass ihr Aufenthalt in diesem Kloster bey ihrer unerwiesenen Unschuld nicht lang wurde dauern konnen, aber sie war zu glucklich um es jetzt zu ahnden; sie beantwortete die Hoflichkeiten der Klosterfrauen mit ihrer gewohnlichen Treuherzigkeit, ob sie gleich Bedenken trug, sich zum bestandigen Aufenthalt an einem Orte anheischig zu machen, wo man so leicht von einem Aeussersten aufs andere fiel.

Sie konnte sich aus dem Gewirr, das sie umgab, noch nicht herausfinden, als man ihr sagte, es warte an der Klosterpforte ein Wagen, der Befehl habe, sie zum Grafen von Wurtemberg zu bringen.

Ida konnte hoffen, dass so bald ihre Lossprechung kund werden wurde, die alte Freundschaft in den Herzen aller derer erwachen wurde, welche sie bisher verlassen hatten, und es schmeichelte ihr, dass der Graf von Wurtemberg, den sie immer geschatzt hatte, einer von den ersten war, welche sich ihrer wiederum erinnerten.

Sie floh in den Wagen, den er ihr sandte, sie vertiefte sich unterwegs in tausend angenehmen Traumen, hoffte bey ihm ihren Vater und ihren unbekannten Retter zu finden, durch ihn wieder bey der geliebten Kaiserinn eingefuhrt zu werden, und was hofft nicht eine junge Person alles, welche das kleinste Lacheln des Glucks fur ein Unterpfand seiner grossten Gunstbezeugungen anzunehmen geneigt ist.

Auch hatte es das Ansehen, als ob Ida von ihren Erwartungen nicht sehr getauscht werden wurde. Sie langte an, der alte Graf von Wurtemberg eilte ihr selbst entgegen, und schloss sie mit einem Feuer in seine Arme, welches ihr befremdend vorgekommen seyn musste, wenn sie in ihrer gegenwartigen Verfassung Raum zum Ueberlegen gehabt hatte. Der Graf fuhrte sie durch eine Reihe glanzender Hofleute, die sich vor ihr bis zur Erde beugten in sein Kabinet. Ida! Ida! rief er, und schloss sie in seine Arme, o mein weissagendes Herz, wie wahr hast du gesprochen! Das schuchterne Madchen fand die immer von neuem angehenden Liebkosungen von einem Fremden zu gross, sie wand sich aus seinen Armen, und umfasste seine Knie.

Gnadiger Herr, rief sie, die Herablassung, mit der sie mir begegnen, die Gute, mit welcher sie sich uber mein Gluck freuen, lasst mich hoffen, dass sie sich nicht weigern werden, es vollkommen zu machen. Ich wunschte meinen Retter zu sehen, um ihm danken zu konnen, meinen Vater wieder zu sehen, den ich verloren habe, der erste kann, denke ich, nicht weit seyn, und den andern ausfindig zu machen kann einem Fursten, dessen Auge, dessen Arme so weit reichen, nicht schwer werden.

Deinen Retter? deinen Vater? fragte der Graf, siehe hier beydes in einer Person. Ida sah sich um, und sah, dass sie mit dem Grafen allein war, der sie von neuem in seine Arme schloss. Sie betrachtete ihn mit verwundernden Augen und getraute sich nicht, seine Liebkosungen zu erwiedern. Du glaubst mir nicht? dein Herz hat keine Stimme fur mich? fuhr er fort. Ich bin dein Vater, sage ich dir! Sieh dieses Kleinod, das dich mir kenntlich machte. Ida erblickte in des Grafen Handen die Kette, welche sie Herrmann ehemals schenkte, und das Andenken an den geliebten Jungling verdunkelte die Vorstellung von dem, was sie horte, und das sie ohnedem noch nicht recht begreifen konnte, ganzlich.

Der Graf sah ihre Besturzung; du zweifelst? rief er, ich muss dich uberfuhren, er gab ein Zeichen, eine Nebenthur that sich auf, und der alte Munster trat herein. Weder er noch der Graf waren vermogend, ein Wort vorzubringen, denn Ida sprang auf den ersten Anblick des redlichen Greises auf, und floh in seine Arme, o mein Vater! schrie sie, ists moglich, dass ich euch wieder habe? Nein, Grafinn, sprach Munster, indem er ihre Hand ergriff und sie zu dem Grafen fuhrte, der mit einigem Unwillen in seinen Blicken auf der Seite stand, nein, diese Ehre ist fur mich zu gross, ihr seyd die Tochter dieses Fursten, ich war nur euer Erzieher, und wenn ich es recht sagen soll, ehemals euer Rauber. Hier, gnadiger Herr, fuhr er fort, indem er Idas linke Hand in des Grafen Rechte legte, hier seht ihr noch einen Beweis von der Wahrheit meiner Aussage. Diese Hand tragt noch das Maal, welches die Grafinn mit auf die Welt brachte, und dieser Ring ist euch die lebhafteste Erinnerung an eure Gemahlinn, die bey der Geburt dieser Tochter das Leben einbusste. O ich brauche keinen Beweis, rief der Graf, als mein eigen Herz und diese Zuge, die meiner verstorbenen Ida so unaussprechlich gleichen, dass ich nicht weis, wie ich sie so lang verkennen konnte. Doch, ich bin immer durch eine unwiderstehliche Sympathie zu dir hingerissen worden; Ida, du weists, wie mich gleich Anfangs dein blosser Name erschutterte, wie ich dich immer, deinen Feinden zum Trotz, vor allen andern auszeichnete.

Idas Erstaunen fing an sich in Freude zu verwandeln, ihr Herz sprach fur Graf Eberhardten wie das Seinige fur sie, sie sank in seine Arme, sie schlang ihre Linke um seinen Nacken, indem sie die Rechte nach Munstern ausstreckte, der ihr zu theuer war, als dass irgend jemand ihm den Vorrang in ihrem Herzen hatte streitig machen konnen. Auf die ersten Entzuckungen der Freude folgten Erklarungen, nach denen meine Leser vielleicht so begierig seyn werden als Ida, aber wie verwirrt sind die Erlauterungen, die man in dem Gewirr mannichfaltiger Leidenschaften ertheilt und anhort! Wir mussen einen ruhigern Zeitpunkt wahlen, dir, mein Leser, das Ganze dieser verwickelten Begebenheit mitzutheilen.

Ida sah mit bekummertem Herzen, dass Munster bey weitem nicht in dem Ansehen bey dem Grafen war als bey ihr. Graf Eberhardt sah in ihm den ehemaligen Rauber seiner Tochter, sie, ihren Erzieher, ihren treuen Rathgeber, ihren Troster zu der Zeit, da jedermann sie verliess. Der Graf missgonnte dem Alten jede Liebkosung, die sie ihm erwiess, und sie konnte nicht vergessen, dass sie ihn so lang hatte Vater nennen durfen. Sonderbar! ich weiss gewiss, dass manche meiner Leserinnen es nicht werden begreifen konnen, dass das Vergnugen, eines Fursten Tochter zu seyn, nicht das Gefuhl der Dankbarkeit und jede andere Empfindung bey Ida verdrangte; freylich war dies ein Beweis, dass sie nicht nach den Grundsatzen der grossen Welt erzogen worden war.

In Idas Herzen lebte noch ein unerfullter Wunsch, der ihr die Freude uber die vaterliche Zartlichkeit des Grafen verbitterte. Sie hatte schon mehrmahl nach ihrem Vorsprecher vor dem heimlichen Gerichte gefragt und ihn zu sehen gewunscht, sie hatte ihn ihren Retter genannt und die lebhafteste Dankbarkeit gegen ihn geaussert, und allemahl hatte sie der Graf versichert, sie habe ihre Rettung niemand als ihm zu danken, welches sie zwar nach dem, was man ihr sagte, und was meine Leser mit der Zeit auch erfahren sollen, glaubte, aber doch allemal mit ihren Fragen auf den grossmuthigen Unbekannten zuruckkam, der doch ohne Zweifel durch seine Vorsprache den ersten Grund zu ihrer Rettung gelegt hatte. Man hatte keine Lust, diese Frage deutlich zu beantworten, Ida schwieg und suchte ihren Verdruss zu verbergen, um die Liebe ihres neuen Vaters nicht mit Undank zu belohnen. Munster, welcher auf Idas Bitte in dem Zimmer des Grafen bleiben durfte, war zuruckhaltend um keine Eifersucht zu erregen, und Graf Eberhardt fand jede Liebkosung seiner Tochter kalt gegen dasjenige, was er erwartet hatte. So ging man am Abend auseinander, froh uber entflohnes Ungluck und neugewonnene Freuden, und doch mit einem kleinen Dorn im Herzen, der auch bey dem grossten Entzucken der Erde nie ganz fehlt.

Drey und zwanzigstes Kapitel.

Ein verdachtiger Besuch.

Ida bekam Befehl, den Pallast ihres Vaters nicht wieder zu verlassen, man wies ihr Zimmer an, und sie wahr froh, endlich nach einem Tage voll der seltsamsten Veranderungen, zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen. Sie entliess die Frauen, die man ihr zugab, sehr bald, und warf sich angekleidet auf einen Sessel, um die Geschichte des Tages von neuem zu uberlegen. Ein leises Klopfen an der Thur weckte sie aus ihrem Tiefsinn. Eine Mannsperson trat schnell herein. Sie erschrack, wollte fliehen, wollte nach ihren Leuten rufen, aber der Kommende fiel auf die Knie, fasste sie bey ihrem Gewand und bat mit einem Tone, der ihr Innerstes durchdrang, sich nicht zu ubereilen. Was ist das fur eine Stimme? schrie Ida, und dies Gesicht? O Herrmann! Herrmann!

Ja ich bin es, Grafinn! sprach er. Ich bin genothigt, zudringlich, verwegen zu seyn. Ich muss mit euch sprechen, und jetzt oder niemahls. Mit diesen Worten stand er auf, verschloss leise die Thur, und nahte sich der bleichen Ida von neuem, welche halb ausser sich vor Entsetzen und Freude an das Getafel gelehnt da stand, und nicht wusste, was sie thun sollte.

Ein Madchen mit dem gehorigen Ceremoniel der Tugend bekannt, wurde bey Herrmanns Handlungen Zorn gefuhlt oder affektirt haben. Ein Liebhaber in der einsamen Mitternachtsstunde, bey verschlossenen Thuren, war in der That eine bedenkliche Sache, konnte auch dem entscheidensten guten Ruf einen Flecken anhangen. Ida dachte in der ersten freudigen Besturzung nicht an das was ihr zukam, sie beugte sich zu Herrmann, der ihre Knie von neuem umfasste, herab, sie breitete ihre Arme gegen ihn aus und zog sie schnell mit Errothen zuruck, um ihren Fehler wieder gut zu machen. Herrmann kannte seinen Vortheil zu gut, um es bey dem Anfange dessen zu lassen, was ihm zugedacht war, er erkuhnte sich, sie in seine Arme zu schliessen; sie wand sich mit Unwillen von ihm los, und eilte nach einer Nebenthur, von welcher sie glaubte, dass sie in das Kabinet ihrer Frauen fuhre, er folgte ihr, und beyde sahen sich auf einem Altan, welcher keinen weitern Ausgang hatte.

Ich beschwore euch, Grafinn, rief jetzt Herrmann von neuem, treibt mich nicht zur Verzweiflung, ich muss mit euch sprechen, und ich hoffe, ihr trauet mir zu, ich wurde mich nicht so zur Unzeit bey euch eindrangen, wenn ich irgend ein anders Mittel sah, euch vor einer langen, ach vielleicht ewigen Trennung das zu sagen, was ihr wissen musst. Ewige Trennung? wiederholte Ida mit zur Erde gesenktem Blick. Ja ewige Trennung von dem, den ihr ehemals nicht mit ungunstigen Augen ansahet! rief der Jungling. Hat euer hoher Stand eure Gesinnungen so schnell andern konnen?

Herrmann, rief Ida mit dem Ausdruck des hochsten Affekts, ihr kennt mich nicht! mich andern? gegen den andern, der mich, als ich so weit unter ihm war, so so heiss, so zartlich liebte, ersetzte der Jungling ihre abgebrochenen Worte, und der euch, wenn ihr Koniginn der ganzen Welt waret, nie anders lieben konnte als damahls Ida Munsterinn von ihm geliebt wurde, und als

Haltet ein, unterbrach ihn Ida mit einem etwas ernstern Blick als bisher, ihr sehet, dass es meine Ehre erfordert, dass euer nachtlicher Besuch so kurz werde als moglich, brechet also von diesen Dingen ab, und saget mir eilig, was ihr zu sagen habt.

Herrmann gelobte Gehorsam, man nahm Platz auf den Altan, der eine liebliche Aussicht in einen einsamen vom Mond beglanzten Garten hatte, und der Jungling hub an, sich uber das zu erklaren, was er auf dem Herzen hatte. Ich muss euch, sagte er, warnen, eurem gegenwartigen Glucke nicht zu viel zu trauen; ihr seht, was mir widerfuhr, als ich in jenem nachtlichen Gericht eure Sache fuhrte, damals

Wie? schrie Ida, ihr, ihr waret es, der sein Leben fur mich wagte? mich zu retten strebte, als ich von allen verlassen war? O Gott, werde ich jemahls im Stande seyn? Nein das ist zu viel! Thranen stromten aus ihren Augen, ihre Hande waren gen Himmel gefaltet, und ein Blick fiel auf Herrmann, welcher ihm alles sagte was ihr Herz empfand.

Also wisset ihr nicht? man sagte euch nicht? stammelte er Ja, in diesem Zuge erkenne ich den Grafen, und ihr sehet was wir, was ich, will ich sagen, von ihm zu erwarten habe.

Ihr musst mir alles alles entdecken, rief Ida, vom ersten Anfange, von unserer Trennung an, die Nacht ist lang, wir sind allein, niemand wird uns storen.

Ida schien ganz vergessen zu haben, was sie vor einem Augenblicke sagte, dass ihre Ehre die Abkurzung des nachtlichen Besuchs erfordere, und Herrmann fiel es noch viel weniger ein, daran zu denken.

Wie ich mich bey jenem Abschied aus Munsters Hause von euch, oder vielmehr, ihr euch von mir lossrisset, fing er an, das konnet ihr noch nicht vergessen haben, so heftig mich auch die Trennung von allem, was ich liebte, erschutterte, so stand mir doch bey dem Abschiede von eurer sogenannten Mutter noch ein Sturm bevor, welcher diesen beynahe ubertraf. Gott, ich bekam von ihr die ersten Winke von dem, was auch ihr nunmehr, was die ganze Welt weis, dass ihr das Geprage des hochsten Standes nicht umsonst an euch tragt, dass ihr das wirklich seyd, wofur euch jeder halten muss, die Tochter eines Fursten. Eile und die Gegenwart des alten Munsters, der mich und seine Frau bewachte, verursachte, dass ich den Namen des Glucklichen nicht verstand, der euch seine Tochter nennt, und mich auf diese Art in grosserer Ungewissheit als je befand, was ich dereinst fur meine Liebe zu hoffen hatte; denn, ihr musst mir verzeihen, so hoch ihr auch durch diese Entdeckung uber mich erhoben wurdet, so traute ich doch auf meinen Muth und mein gutes Schwerd, welches mich schon, wie ich dachte, dereinst noch dahin bringen konnte mein Auge nach der Tochter eines Fursten erheben zu durfen. Grosse unabsehliche Plane uber diesen Gegenstand durchkreuzten mein Gehirn, meine Gedanken verwirrten sich, ich vergas alles andere und besann mich erst spat auf die Bitte, welche eure Amme, die gutherzige Munsterinn, beym Abschiede an mich gethan, noch einen Tag zu Prag zu verziehen, um ein Gesuch, das sie euretwegen an den Kaiser wollte gelangen lassen, bey ihm zu unterstutzen. Ich eilte nach Prag zuruck, von da nach Kunradsburg und an verschiedene andere Orte, an welche man mich, um meiner zu spotten, hinwies. Nirgend fand ich den Kaiser, und uberall erregte meine Wiedererscheinung, nachdem ich schon formlich entlassen worden war, Neugier, und die Besorgnis, in der man mich sah, spottische Anmerkungen. Ich war in der That ausser mir, einen Auftrag, der euch betraf, nicht besser und schleuniger ausrichten zu konnen, er konnte sich auf die Bekanntmachung eurer Geburt beziehen, konnte Eile haben, ich wusste nicht was ich thun sollte, und mein seltsames Betragen legte vielleicht den Grund zu dem wunderbaren Geruchte, ich habe meinen Verstand verloren, welches mir in dem heimlichen Gerichte, da man es zur Anklage wider euch machte, zum erstenmahl zu Ohren kam.

Ich hatte, wie ich meynte, noch einen Freund bey Hofe, den ich endlich zu sprechen bekam, und der mich beredete mich zu entfernen, weil ich hier meines Lebens nicht sicher sey, und ich mich in der Ausrichtung meines Geschafts auf ihn wie auf mich selbst verlassen konnte. Wie ich nachmahls erfuhr, erschreckte man mich nur darum vom Hofe hinweg, weil der Kaiser meine Anwesenheit, die man ihm verhelte, endlich erfahren, und mich zu sprechen gewunscht hatte. Schon lange beneidete man mir die armseeligen Ueberbleibsel der Gunst, die er mir ehemals schenkte, man besorgte, ich mochte wieder meine ehemalige Stelle bey ihm behaupten, wenn ich ihm von neuem vor Augen kame, man verjagte mich unter dem Vorwand als werde mir nach dem Leben getrachtet, und breitete um seine Nachfragen nach mir zu stillen das Gerucht von meinem Tode aus, welches uberall, und wie ihr wisst, auch selbst bey den allwissenden heimlichen Richtern fur Wahrheit genommen wurde.

Ich setzte indessen meinen Weg nach Konig Siegmunden fort, ich fand bey ihm meinen alten Freund, Nicolaus Gara, unter dessen Kommando ich einst wider die rebellischen Prager gedient hatte, dessen hohen Rang ich erst jetzt kennen lernte, und der mich mit Freuden unter seine Leute aufnahm. Man rustete sich am ungarischen Hofe zum Turkenkriege. Konig Siegmund hatte seine von dem Volk angebetete Gemahlinn Maria verloren, mit ihr war der grosste Theil der Neigung seiner Unterthanen fur ihn gestorben. Er war nicht ausser Verdacht, dass er durch schlechte Begegnung oder wenigstens kalte Liebe den Tod der unglucklichen Koniginn verursacht habe; man hasste ihn, machte Spottgedichte auf das uppige Leben an seinem Hofe, nannte ihn den zweyten Wenzel, und er, der all diesen Tadel, wie ich glaubte, hochstens nur halb verdiente, musste darauf denken die bosen Eindrucke aus den Gemuthern des Volks zu tilgen, und sich durch irgend eine tapfere That bey ihm in Ansehen zu setzen. Ein Zug wieder die Unglaubigen ward fur das Wurksamste zu Erreichung dieses Endzwecks gehalten, und die Theilnahme an dem Turkenkriege war beschlossen. Welch eine Aussicht fur den, dessen Seele nach Ehre und nach dem Besitz einer Ida strebte! Welche Lorbern dachte ich hier einzuerndten: welche Stufen mir zu bauen, um dich, himmlisches Madchen, erreichen zu konnen! Kein Furst sollte, wie ich meynte, Bedenken tragen mich zu seinem Eydam zu wahlen, wenn ich mit dem Blut und der Beute der Unglaubigen bedeckt zuruckkehrte, und die Stellen an Siegmunds Hofe einnahme, mit welchen meine Eitelkeit, und mein partheischer Freund, der Feldherr Gara mir schmeichelte; Hoffnungen, welche vielleicht mochten erfullt worden seyn, wenn ich geneigt gewesen war, den Absichten desjenigen, der fur alles zu sagen hatte, dieses Nikolaus Gara, in allen die Hand zu bieten.

Wir reisten ab, wir vereinigten uns mit den andern Feinden des Erbfeindes, wir griffen ihn mit Heldenmuth an, thaten Wunder der Tapferkeit, und siegten doch fast niemahls; ein feindseeliges Geschick wand uns den Sieg fast allemahl in dem Augenblicke, da wir ihn zu erreichen gedachten, aus der Hand.

Mir waren diese Dinge anfangs unbegreiflich. Das Volk schrieb unsere oftern Fehlschlagungen den heimlichen unentsundigten Verbrechen seines Konigs zu, der Feldherr stimmte ziemlich laut in diese rebellischen Klagen ein, ich aber hatte mehr als wahrscheinliche Muthmassungen, das Nikolaus unvermerkt das Gluck seines Herrn zu untergraben suchte, und den Feind in der Stille begunstigte um ihm zu schaden. Meine Muthmassungen wurden nachher zu Wahrscheinlichkeiten, als der Feldherr gegen mich immer mehr mit dem heimlichen Hass gegen seinen Herrn hervortrat, und auch mich von ihm abwendig zu machen suchte.

Er war der alteste Sohn des alten Nikolaus Gara, welchen Siegmund ehemals hinrichten liess. Hass und Rache gegen den Morder seines Vaters brutete in seinem Herzen, und Siegmund hatte keinen nachtheiligern Schritt thun konnen, als dass er dem einen Sohn des Ertodeten alle Gewalt beym Heer ubergab, und den andern, den heimtuckischen Andreas Gara als Statthalter des Reichs hinterliess; aber Siegmund war offen, grosmuthig und unvorsichtig, mochte gern angethane Beleidigungen verguten, und gab sich in die Gewalt seiner Feinde, indem er dachte sie zu seinen Freunden umzuschaffen. Mir wurden die bosen Absichten des Feldherrn immer heller. Ich war meinem Herrn dem Konig mit aller Treue ergeben, ich bezeugte unverstellt den Abscheu, den mir Garas Vorschlage, ihm zum Untergange der Monarchen die Hand zu bieten, einflossten. Ach ich hatte schon vorhin Gelegenheit gehabt den redlichen Charakter des Feldherrn zu bezweifeln; war er es nicht, der ehemahls im Stande war, Wenzels verratherischer Ermordung der bohmischen Grossen das Wort zu reden?

Ich verheelte ihm nichts von der Meynung, die ich von ihm hegte. Meine Aufrichtigkeit brachte mir den Untergang; Gara ward kaltsinnig gegen mich; man burdete mir ungeschehene Vergehungen auf, ich horte auf zu steigen, ward nach und nach im Dienste immer einige Stufen tiefer herabsetzt, und erhielt endlich gar die Erlaubnis, mich vom Heer zu entfernen. Da dies nur Erlaubnis nicht Befehl war, so achtete ich es nicht, ich wollte meinem Konig lieber als der geringste Kriegsknecht dienen als ihn mitten unter seinen Feinden verlassen. O Gott, wie gern hatte ich ihn gewarnt! aber war dies moglich? man bewachte seine und meine Schritte, man hatte mich bey ihm verhasst gemacht, es war unmoglich, ihn unter vier Augen zu sprechen.

Doch wird es mich immer freuen, dass ich, ehe mich mein Schicksal ganz von ihm riss, noch im Stande war, ihm einen wurklichen Dienst zu leisten. Wir hatten nach Gewohnheit wieder einmahl tapfer wider die Unglaubigen gefochten ohne zu siegen. Wir mussten die Schlacht verlieren, denn Nikolaus Gara wollte es. Der Herzog von Burgund war schon in den Handen der Turken, meinem Konige war das nehmliche Schicksal zugedacht; die seinigen wandten sich verratherisch hinter ihm ab, und verliessen ihn im einzelnen Kampfe mit dem tapfern Achmet! der ihm offenbahr uberlegen war. Auch ich sollte auf Befehl des Feldherrn weichen, und einen andern Posten beziehen, aber ich war taub, ich sammelte zwanzig von Siegmunds treusten Ungarn um mich, wir trennten ihn von seinem furchtbaren Gegner, und brachten ihn davon. O dass ich fast in dem nehmlichen Augenblick genothigt war ihn zu verlassen! die Liebe rufte mich, ich war zu schwach ihrem Ruf zu widerstehen! O Ida, das Gerucht von deiner Gefahr kam mir zu Ohren, ich musste dich retten, die Liebe zu meinem Konige war gegen die Deinige nichts! Hinterliess ich doch Siegmunden unter der Aufsicht treuer Leute; wer hatte es wagen durfen offentlich etwas wider seine geheiligte Person vorzunehmen? Mein Werk war vollig gethan gewesen, hatte ich ihn vor heimlichen Nachstellungen warnen konnen, aber er war schwer verwundet, war in den heftigen Anfallen des Fiebers, die Folge seiner Wunden, der Besinnungskraft beraubt, ich trug das, was ich nicht thun konnte, den treuen Dienern auf, die ich um ihn zuruckliess, und eilte nach dir, nach dir Ida, die von dem Arme der heimlichen Gerechtigkeit bedroht wurde, die nach Verhaltniss des Weges, den ich bis zu dir machen musste, nur wenig Tage bis zu Entscheidung ihres Schicksals ubrig hatte.

Und ich bitte euch, Ritter, unterbrach ihn die Grafinn, wie konntet ihr in so weiter Ferne Post von meinem Ungluck haben?

Eine Sache, erwiederte er, die mir selbst noch bis jetzt nicht ganz deutlich ist, die ich euch aber erklaren will, so gut ich sie selbst verstehe. Ihr erinnert euch ohne Zweifel noch des alten Andreas, den mir Vater Munster bey meiner Abreise von Prag zum Knechte gab?

O ja, sagte Ida, es war mehr als eine Person in unserm Hause, die sich freute, an ihm einen wachsamen Kundschafter der geheimsten Dinge zu verlieren, ich gehorte, wie ihr denken konnt, nicht unter seine Hasser, ich schatzte ihn wegen seiner Treue, ungeachtet ich nicht leugnen kann, dass mir seine anscheinende Einfalt, wie so manchen Zugen von schlauer List, die er oft unversehens blicken liess, immer so seltsam contrastirte, dass ich nicht recht wusste, was ich aus ihm machen sollte.

Dies waren die Bemerkungen, fuhr Herrmann fort, die ich auch uber ihn machte, und zu denen er mir unzahlige Gelegenheiten gab. Horet jetzt, auf wie ausserordentliche Art er die erste Ursach meiner plotzlichen Erscheinung bey euch, und, wenn es mir zu sagen erlaubt ist, eurer Rettung ward. Wir rusteten uns an jenem grossen Tage, von welchem ich euch vorhin sagte, zur Schlacht. Andreas, der es sonst ungeachtet seines Alters in Ansehung des Muths und der Unerschrockenheit mit dem Jungsten aufnahm, war, als er mir die Waffen anlegte, niedergeschlagen und traurig. Herr, sagte er, der Weg, den wir jetzt gehen, kann der Weg zum Tode seyn, ich kann fallen, und wohl mir, wenn ich meinen Tod vor dem Feinde fande, aber im Fall dieses geschieht, so muss ich euch vorher warnen: Wenn die Schlacht voruber ist, so haltet euch hier nicht lange auf, mir ists als stande es in meines alten Herrn Hause nicht ganz so wie es sollte. Das Leben einer Person, die euch nicht gleichgultig seyn mag, ist in Gefahr. Ich sah ihn mit unverwandten Augen an, und fragte nach dem Grunde seiner Besorgnisse, er stockte, verbarg sich hinter seine gewohnte einfaltige Miene, und schutzte schwere Traume vor. Ungeachtet ich nie auf Dinge dieser Art etwas hielt, so war ich doch schwach genug, besturzt zu werden, und weiter zu fragen. Lasts nur gut seyn, sprach Andreas, jetzt mussen wir vor den Feind, bleibe ich, so wisst ihr allenfalls genug, im entgegengesetzten Fall sollt ihr mehr erfahren.

Wir ruckten auf unsere Gegner an, Andreas war einer der ersten, die an meiner Seite fielen, ich liess ihn aus dem Gedrange tragen, und Rath zu seinen Wunden schaffen. Was in der Schlacht vorfiel, das wisst ihr bereits, aber dieses noch nicht, dass eine der ersten Nachrichten, welche ich erhielt, nachdem ich das Zelt des verwundeten von mir geretteten Konigs verlassen hatte, der Tod des ehrlichen Andreas war. Sein Kammerad, der mir die Post brachte, sagte mir, der alte Kriegsknecht hatte noch sterbend den Namen einer gewissen Ida oft genannt, und mich ermahnen lassen, sie zu retten, weil sie in Gefahr sey in die Hande der heimlichen Racher zu fallen; die Zeit, in welcher ihr noch zu retten waret, und der Ort eures Aufenthalts wurde mir auf einem mit seltsamen mir unverstandlichen Charaktern bezeichneten Blatt, das der Sterbende aus seinem Busen gezogen hatte, angezeigt, und ihr konnt euch wohl vorstellen, mit welcher Eile ich mich, ohne weiter auf den Grund dieser sonderbaren Dinge zu denken, auf den Weg machte. Die Zeit des Nachdenkens uber die Umstande dieser befremdenten Begebenheit kam erst nachher, und von der Auflosung meiner Zweifel kann ich euch nur so viel sagen, dass mir es mehr als wahrscheinlich ist, dass Andreas einer von den heimlich Verbundenen des furchterlichen Gerichts war, dessen Mitglieder durch die ganze Welt verstreut sind, und die, wie durch ein verborgenes Zauberband verbunden, fast im Augenblicke Nachricht von allem haben, was in den entferntesten Gegenden ihres unsichtbaren Reichs vorgeht. Wie gross die Anzahl der Richter und Beysitzer dieses furchterlichen Tribunals ist, habt ihr zum Theil gesehen, aber ich habe Ursach zu glauben, dass ihr Anhang unter den Geringen im Volk noch weit ausgebreiteter sey als unter den Grossen; diese Art Leute sind die Glieder, welche diese unermessliche Kette zusammen halten, die verborgenen Triebrader der ungeheuren Maschine, die tausend Augen, mit welchen die Allgegenwartigen, wie sie sich nennen, alles durchschauen, die Zeugen, welche ihnen die verborgensten Geheimnisse verkunden. Ohne Zweifel war Andreas einer von dieser Klasse, und seine Treue fur das Haus seines alten Herrn machte, dass er die Granzen der heiligen Verschwiegenheit, zu welcher seine Bruderschaft verpflichtet ist, so weit uberschritt als er konnte, um mich zu eurer Rettung aufzumahnen.

Ich kam an, ohne genau zu wissen, wie die Gefahr beschaffen sey, welche euch drohte, oder wie man euch helfen konne; indessen war eure Geschichte der Gegenstand des allgemeinen Gesprachs, die Aufforderung euch zu vertheidigen, dafern es moglich sey, stand noch an allen Ecken der Strassen an allen offentlichen Gebauden angeschlagen, und ich war bald von allem unterrichtet was ich wissen musste. Es waren noch zween Tage bis zur letzten Entscheidung eurer Sache, und ich wandte dieselben so an, wie mich ein alter treuherziger Mann, ein gewisser Walter, in dessen Bekanntschaft mich der Zufall brachte, unterrichtete. Ich wollte euch in eurem Kloster sprechen, aber es ward mir widerrathen, weil kein Anwald vor dem heimlichen Gericht zugelassen wird, von dem erweislich ist, dass er binnen Jahrsfrist den entferntesten Umgang mit dem Beklagten gepflogen habe. Ich erfuhr von Waltern, dass es auch an einem Begleiter auf eurem Wege nach dem Orte fehle, von wo ihr von den Unbekannten solltet abgeholt werden, und ob es mir gleich nicht erlaubt war, euch meine Hand zu bieten, so konnte ich mich doch nicht enthalten auf dem Wege, den ihr gehen musstet, heimlich zu lauschen, damit der einsamen verlassenen Unschuld kein Ungluck begegne. Ich sah euch in Begleitung der Klosterfrauen daher kommen, und ich muss gestehen, war etwas, das die Meynung, die ich von euch hegte, erhohen konnte, so war es diese ehrwurdige Gesellschaft, die durch die Achtung, mit der sie euch begegnete, das redendste Zeugnis von eurer Schuldlosigkeit ablegte. Auch habe ich hernach erfahren, dass diese Handlung der gutherzigen Nonnen einen fur euch sehr vortheilhaften Eindruck auf eure Richter machte.

Und dennoch, rief Ida, wollte man dem machtigen Vertheidiger meiner Urschuld kein Gehor geben? ging so gar so weit, sich seiner Person zu bemachtigen, und dadurch, wie ich meynte, meine Rettung unmoglich zu machen? O Gott! mir schwanden die Sinnen bey diesem Anblick, und noch jetzt noch jetzt!

Wer vermag alle Dinge in den Handlungen der Unbegreiflichen zu entrathseln? unterbrach Herrmann die stockende Ida, auch ich kann, und konnte ich, darf es nicht. Euch schwanden, wie ihr sagt, die Sinnen, man brachte euch hinweg, und derjenige, welcher euch herbey gefuhrt hatte, legte euch an den Ort nieder, wo er euch aus den Handen der Nonnen empfangen hatte, doch wie ich weis, nicht ohne im Verborgenen fur eure Sicherheit zu wachen. Ich ward indessen ins besondere Verhor gefuhrt. Man verfuhr strenge mit mir. Ich hatte euch die Tochter eines Fursten genannt, und sollte beweisen, ich hatte keine andere Bestatigung meiner Aussage als die Worte der Munsterinn. Der Oberste von den Richtern stand auf und nahte sich mir, er that mit einer Stimme, in welcher die heftigste Ruhrung nicht zu verkennen war, Fragen an mich, die ich nicht zu beantworten wusste. Man hatte mich, wie es in diesem Fall die Sitte mit sich bringt, entkleidet, und mich mit entblosstem Haupt und Fussen, und am Leibe nur mit einer leinenen Hulle bedeckt, zum Verhor gefuhrt. Meine Kleider waren untersucht worden, und die Kette, welche ich ehedem von euch erhielt, war in den Handen des mich fragenden Oberrichters; auch sie war ein Gegenstand seiner Nachforschungen. Woher ich sie bekommen? ob ich das daran hangende Bild des Grafen Eberhard von Wurtemberg kenne? ob ich nicht auch einen ahnlichen Ring habe? ob ich die Beklagte vordem gekannt? ob ich nie an ihrer linken Hand ein Mahl, in Gestalt eines kleinen Kreuzes, bemerkt habe? ob ich nicht auf den Fursten rathen konne, dessen Tochter sie seyn solle? diese und ahnliche Fragen beantwortete ich kurz und nach der Wahrheit, so gar auch diese: warum ich euch so vertheidige? ob ich euch liebe? euch mit Hoffnung liebe? euch kurzlich gesprochen habe? und was dergleichen mehr war. Man entliess mich endlich und gab mir meine Kleider zuruck bis auf das geliebte Kleinod, die Kette, die erste Gabe aus eurer Hand, das wahrscheinliche Mittel eurer Erkennung.

Man bedeutete mich, nicht ohne Erlaubnis aus der Stadt zu weichen, und mich auf die erste Forderung zu stellen, aber ich ward nicht vorgefordert. Nur dies erfuhr ich auf eine Art, die ich euch nicht begreiflich machen kann, dass in voriger Nacht nochmahls stilles Gericht uber euch gehalten worden, dass der Oberrichter von seinem Stuhl aufgestanden sey, und eure Unschuld mit dem gewohnlichen furchterlichen Eyde der Unbekannten beschworen habe, und dass darauf eure formliche Lossprechung erfolgt sey.

Diesen Morgen ward ich zu den Grafen von Wurtemberg gefordert, er empfing mich gnadig, entdeckte mir, dass die junge Person, deren ich mich so treulich angenommen, fur seine Tochter erkannt worden sey, und bot mir fur das, was ich hierbey gethan hatte, ein Geschenk, welches seiner Grossmuth Ehre macht, aber leider waren die damit verbundene Worte sehr ungrossmuthig: dass ich die reizende Ida Munsterinn geliebt habe, so lauteten sie, dieses sey recht gut und meinem Stande sehr angemessen, aber man hoffe, ich wurde nunmehr aufhoren, an eine Person zu denken, welche das Gluck so weit uber mich erhoben hatte, und auf die ich uberdem als einer aus dem Hause Unna, ein Anverwandter der Wisbadenschen Feinde Graf Eberhards, nun und nimmermehr Anspruche machen konne. Die Antwort, die ich eurem ubermuthigen Vater gab, war den Empfindungen meines Herzens, welche nahe an Wuth granzten, angemessen, wir schieden im Zorne von einander, sein verachtliches Geschenk ward mir nachgetragen, und ihm wieder zuruckgeschickt. Ich wurde in keinem Fall ein Geschenk fur Idas Leben angenommen haben, und in dem gegenwartigen?

Herrmann war aufgestanden, und mass den Ort, wo sie waren, mit grossen Schritten. Ida sah wie ergrimmt er war, auch sie fuhlte ihr Theil, wo nicht von Zorn doch von innerer Betrubnis und getraute sich nicht zu sprechen, um ihre Bewegung nicht zu verrathen.

Ritter, fing sie endlich mit zitternder Stimme an, ihr seyd, denke ich, mit eurer Geschichte fertig, der Tag bricht an, wir mussen scheiden, und noch habt ihr mir nichts von dem entdeckt, was euch eigentlich zu mir brachte. Ihr wolltet mich warnen, sagtet ihr, vor einer Gefahr, welche mir bevorsteht, oder

O Ida, rief Herrmann, indem er sich ihr mit dem vollen Ausdruck seiner Zartlichkeit naherte, ahndet ihr nicht bereits aus dem, was ich euch gemeldet habe, Gefahr? Gefahr wenigstens fur mich? ewige Trennung von euch? Oder ist euch das Schicksal desjenigen, den, den ihr mein Schicksal, will ich sagen, ist es euch so ganz gleichgultig? Doch, fuhr er fort, als Ida sich schuchtern von ihm losmachte, doch ists dieses noch nicht allein, horet was ich heute erfahren habe, und urtheilet was ihr zu thun habt. Als ich von dem Grafen, der euer Vater ist, und es nicht zu seyn verdient, als ich von ihm wegging, so begegnete ich dem ehrlichen Munster. Ach er war auch streng gegen mich, aber doch wollte ich, dass ihr noch seine Tochter waret! Ich erzahlte ihm den Auftritt, den ich eben mit dem, welchen ich nicht einmal nennen will, gehabt hatte, wollte ihm auch das vorhergehende erzahlen, aber es schien ihm grosstentheils schon bekannt zu seyn. Er nahm mich mit in seine Wohnung und befriedigte meine begierigen Nachfragen nach euch, mit der umstandlichsten Nachricht von allem was ihm wissend war. Er hatte euch damahls, als er aus eurem Munde erfuhr, dass das Kleinod, welches eure Geburt bestatigen sollte, in meinen Handen sey, in der Absicht so eilig verlassen, mich aufzusuchen und es mir abzufordern. Bald darauf war ihm dies zu weitlauftig vorgekommen, und er hatte ein anderes Mittel zu eurer Rettung gewahlt. Worinn dieses bestanden hatte, daruber erklarte er sich nicht deutlich, doch mir ist wahrscheinlich, dass er gesucht habe, in die Zahl der Beysitzer des heimlichen Gerichts aufgenommen zu werden, weil er einmahl von einem Freunde erfahren hatte, ein solcher konne durch einen Eyd auf die Unschuld des Beklagten viel zu dessen Rettung beytragen. Munster wusste nicht, dass es kein leichtes sey, in das furchterliche Tribunal aufgenommen zu werden, dass hier erst Prufungen auszustehen, Proben abzulegen und niedere Grade zu durchlaufen waren, ehe man dahin kommen konnte einigen Einfluss zu haben, und dass bis dahin lange Zeit verlaufen musse, da ihr doch schleunige Rettung bedurftet. Indessen waren die vorlaufigen Schritte einmahl gethan, er konnte nicht wieder zuruck, man hielt ihn fest, die Hande zu anderweitigen Rettungsmitteln fur seine Ida waren ihm gebunden, und er musste ihr Schicksal der Vorsehung uberlassen.

Binnen dieser fur ihn so angstvollen Zeit erschien ich, er wusste meine Anwesenheit ohne mich sprechen zu durfen. Ich legte das Bekenntnis von eurer Geburt ab, von welchem man wusste, dass er bisher fur Idas Vater gehalten worden war, ward daruber in Anspruch genommen, er ward vor dem Grafen von Wurtemberg gefordert, (der allem Vermuthen nach der Oberrichter des heimlichen Gerichts in diesen Gegenden ist, seine Stimme, seine Gestalt sind mir ungeachtet seiner Vermummung, da ich ihn an dem unbekannten Orte sah, kenntlich geblieben.)

Munsters Aussage klarte eure Herkunft vollig auf. Der Graf ward von der Unschuld seiner Tochter so unwidersprechlich uberzeugt, dass er sich getraute sie endlich zu bezeugen. Man beschloss das, was hernachmahls folgte, und ihr waret gerettet. Diese Dinge erfuhr ich mehr von einem Dritten, den ich nicht nennen darf, als von dem verschwiegenen Munster, dessen Gesprach mit mir grosstentheils in Ermahnungen bestand, euch zu verlassen, und in Vorstellungen der Unmoglichkeit, jemahls in meiner Liebe glucklich zu seyn. Ihr wisst, sprach er, was ich euch oft uber diesen Gegenstand sagte, als ihr mich noch fur Idas Vater hieltet, ihr glaubtet mir nicht, und ihr seht nun, dass ich recht hatte. Ob eine Grafinn von Wurtemberg fur euch zu hoch sey, will ich nicht untersuchen; aber ihr seht, wie ein hartnackiger Feind eures Hauses Graf Eberhard ist, er wird euch die Handel bey Wisbaden, so unschuldig ihr an denselben seyd, nie verzeihen, uberdieses hat er ganz andre Absichten mit seiner Tochter. Da er mit gutem Grunde zweifelt, ob ihm seine Absichten auf den hochsten Stuhl im Reiche gelingen mochten, so wunscht er wenigstens, sich mit dem kunftigen Besitzer desselben fest zu verbinden. Es wird fur wahrscheinlich gehalten, dass Herzog Friedrich von Braunschweig dereinst Kaiser Wenzels Stelle bekleiden konne, und dieser ists, den der Graf von Wurtemberg zu seinem Schwiegersohne bestimmt hat. Er hat kurzlich eine Tochter verloren, welcher Herzog Friedrichs Hand zugedacht war, und er ist erfreut, seine wieder gefundene Ida an die Stelle ihrer verstorbenen Schwester einschieben zu konnen; eine Sache, die er, da sie derselben an Schonheit weit vorgeht, fur etwas sehr leichtes halt. Und wolltet ihr, fuhr Munster in seiner Rede an mich fort, wolltet ihr wohl das Gluck derjenigen, die ihr liebt, zerstoren? ihr den Anspruch auf die hochste Krone der Welt rauben? Wie ich Munsters Frage beantwortete, gehort nicht hieher, aber erlaubt mir, Grafinn, dass ich eine ahnliche an euch ergehen lasse. Wolltet ihr wohl eure Hand einem Fursten geben, der euch nicht kennt, euch, wenn er euch wahlt, blos aus Staatsabsichten wahlen wird? der von anderer Liebe eingenommen, eure Schwester, die man ihm zudachte, verachtete, zurucksetzte? vielleicht durch Gram zum Tode beforderte? und der, wenn er, durch eure Schonheit geblendet, mehr fur euch fuhlt als fur sie, doch nicht lang anstehen wird, euch Nebenbuhlerinnen zu geben, welche Ein heftiges Klopfen an der aussersten Thur von Idas Zimmer unterbrach hier den Sprechenden. Beyde erschracken. Die Grafinn eilte hinaus, und, o Entsetzen! ihr Vater war es, der ihr entgegen kam.

Ha; rief er mit einem sonderbaren Blicke, noch so fruh, der Tag ist kaum angebrochen, und du bist schon vollig gekleidet?

Mein Vater, ich pflege pflege fruh aufzustehen.

Du bist auf dem Altan gewesen? Wo sind deine Weiber? Man hat dich sprechen horen, pflegst du mit dir selbst zu reden?

Ida war in der aussersten Verlegenheit, sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und hatte ihr Vater nur noch eine einige Frage gethan und die Beantwortung erwartet, er hatte alles erfahren, was er nach der Lage der Sachen nicht wissen durfte. Aber zum Gluck war er zu heftig, das Examen gelassen fortzusetzen. Er eilte auf den Altan, fand ihn leer, kehrte besanftigt zuruck, und bat die zitternde Ida, welche sich nicht getraute ein Auge aufzuschlagen, sie mochte sich inskunftige nicht mehr der kalten Morgenluft aussetzen, noch viel weniger durch ihre sonderbaren Selbstgesprache Anlass zu seltsamen Nachreden geben. Das fruhe Aufstehen, setzte er hinzu, hat dir ein trubes verstortes Ansehen gegeben. Du hast mir meinen ganzen Plan vereitelt, ich wollte dich heute nach Hofe fuhren, aber ich sehe wohl, ich muss dir noch einen Tag Zeit gonnen dich zu erholen.

Hier folgte eine zartliche Umarmung und die Bitte, sich wieder nieder zu legen, weil der Tag noch kaum angebrochen sey, und sie Ruhe vonnothen habe.

Vier und zwanzigstes Kapitel.

Wiedervereinigung zweyer Freundinnen.

Ida konnte nicht begreifen, wie es zuging, dass sie so gut aus diesem seltsamen Handel gekommen war. Sie lief auf den Altan, um zu sehen, wo Herrmann hingekommen sey, alles war leer und ihr blieb nichts ubrig als die Muthmassung, dass er einen Sprung in den Garten gewagt habe, um dem Grafen, dessen Stimme er gehort haben musste, zu entgehen. Sie schaute hinab, alles war still, doch sah sie in der Fern eine Schildwach auf und abgehen, welche ihr vor Herrmanns Entkommen und ihren guten Namen bange machte. Ach, seufzete sie im Zuruckkehren, mussen denn die Grossen sich uberall Zeugen ihrer geheimsten Handlungen hinstellen, damit sie ja nicht unbemerkt, ja nicht ohne Zwang handeln konnen? Ach das ruhige Leben in Munsters Hause, und ach der hofischen Einschrankungen, die ich, wie es scheint, hier noch besser werde kennen lernen als an Sophiens Hofe.

Ida gehorchte gern der Anmahnung ihres Vaters sich zur Ruhe zu legen, sie bedurfte sie, sie war mude, gedankenvoll, und ward durch beydes am Schlafe gehindert, sie stand auf, um die Aufwartungen ihrer Leute anzunehmen, bekam diesen Tag niemand zu sehen, der ihr lieb war, selbst den Grafen von Wurtemberg nur auf wenige Augenblicke, hatte Langeweile und durfte keine Vergleichung mit ihrem jetzigen und ihrem ehemahligen Stande anstellen um nicht unmuthig zu werden. Nur die Vergleichung zwischen der Lebensgefahr, in der sie vor kurzem schwebte, und ihrer gegenwartigen Ruhe, den Schimpf und die Verachtung, der sie ausgesetzt war, und ihrer nunmehr geretteten Unschuld machte ihr Freude, und ihr Herz floss von Dank gegen Gott und ihre Retter uber. Herrmanns Erzahlung gab ihr Stoff zu neuen Betrachtungen, und diese wurden endlich durch das Andenken an die geliebte Kaiserinn verdrangt, welcher sie morgen sollte vorgestellt werden. Sophien wieder zu sehen, sie gerettet, gerechtfertigt wieder zu sehen, ihr alles zu sagen was sie um ihrentwillen gelitten habe, ihre Feinde durch den Glanz ihrer Unschuld, durch den Glanz ihres hohen Standes zu beschamen, was fur Vorstellungen! Ida hatte kein Madchen seyn, was sage ich! hatte kein menschlich Herz im Busen tragen mussen, um hier nicht Freude zu fuhlen.

Der erwunschte Tag erschien. Ida ward wie eine Furstinn geschmuckt, sie war schon, und die Zuge des ausgestandenen Kummers, welche auf ihrem Gesicht noch nicht ganz verwischt waren, dienten nur dazu, ihr Ansehen desto interessanter zu machen.

Graf Eberhard hatte der Kaiserinn Nachricht gegeben, wen er ihr heute vorstellen wollte, und die Furstinn von Ratibor, ward dazu erwahlt, die junge Grafinn in dem Staatswagen Sophiens abzuholen und sie von der Ungeduld, mit welcher sie erwartet wurde, zu versichern. Wer kennt nicht die eiserne Stirn der gewohnlichen Hofkreaturen? Die Furstinn schien nicht verlegen bey dem Auftrage, den sie an die so sehr von ihr beleidigte Ida ablegen musste. Alles womit das edle Madchen sie fur die Unverschamtheit belohnte, mir welcher sie ihre eigene Theilnahme an dem unvermutheten Gluck der Verstossenen, die sie vor kurzem nicht kennen wollte, zur Schau legte, war ein mitleidiger Blick, der am Ende ein wenig ins verachtende fiel.

Graf Eberhard war nicht so nachsichtig; der Charakter einer Abgesandten der Kaiserinn, in welchem die Ratibor erschien, machte, dass er sie schonen musste, aber er sagte ihr genug, um sie an die ganze abscheuliche Rolle zu erinnern, welche sie in Ansehung Idas gespielt hatte, und die niemand besser als ihm bekannt war. Seine Reden voll Kraft und Nachdruck zogen die Augen der Damen, welche nebst ihr gekommen waren, die junge Grafinn nach Hofe zu fuhren, mit jenem triumphirenden Blicke auf sie, der noch am ersten im Stande ist hofische Schamlosigkeit nieder zu schlagen. Eine jede dieser Damen pries sich glucklich, Graf Eberhards Tochter nicht geschadet zu haben eines mehrern konnten sie sich freylich nicht ruhmen indessen die Furstinn zum erstenmahl in ihrem Leben nicht wusste, wo sie die Augen hinwenden sollte, die sonst so geubt in niederschmetternden Blicken waren.

Ida wurde am Eingange des Zimmers der Kaiserinn vom Herzog von Bayern empfangen: er umarmte sie und machte ihr eine verbindliche Entschuldigung, dass auch er sich in Ansehung ihrer Unschuld habe verblenden lassen. Die Grossen haben das Vorrecht, oder glauben es zu haben, dass sie immer mit der kleinsten verbindlichen Rede eine ganze Last von Beleidigungen entsundigen konnen, und dabey blieb es auch hier. Ueber dieses hatte auch Ida kaum acht auf das, was er sagte, denn ihr Herz wallte nach Sophien zu, welche, noch etwas bleich von der uberstandenen Krankheit, im Grunde des Zimmers sass, versuchen wollte aufzustehen, und ihre Arme nach der Kommenden ausbreitete.

Ida sturzte sich zu ihren Fussen. Arme liebe Heilige! holde unschuldige Seele! rief die Kaiserinn und druckte sie an ihren Busen, was hast du um meinet willen gelitten! wie war dirs moglich es zu uberstehen? Fluch uber die, welche meine Schwachheit nutzen konnten, meinen Liebling zu verderben.

Ida netzte die Knie der Monarchinn mit ihren Thranen. Steh auf, edles Madchen, rief Sophie, uberlass das Knien deinen Beleidigern! O wie leid ist mirs, dass sie jetzt deinem Stande das leisten mussen, was sie schon deiner Unschuld schuldig sind! wie leid, dass du nicht mehr die unbekannte Ida Munsterinn bist, die ich so hoch erheben konnte als ich wollte! Warum that das Gluck das fur dich, was ich so gern dir allein erweisen mochte?

Sophien machte die Freude beredt, Ida ward stumm durch dieselbe, wahrscheinlich fuhlte sie noch mehr als die Kaiserinn; so wie sie zu lieben, vermochten nur wenige Herzen, auch machte das lebhafteste Andenken an ihre Leiden, und an die glanzende Errettung aus denselben, ihre Gefuhle mannichfaltiger und unaussprechlicher.

Die Kaiserinn forderte alle ihre Damen auf, die Grafinn von Wurtemberg zu bewillkommen. Die scheinheilige Ratibor, und ihre Tochter, welcher der Neid auf dem blassgelben Gesicht sass, machten den Anfang, ihnen folgten die andern mit etwas weniger gezwungenem Anstand, alle versicherten, der reizenden Ida wiederfuhr nicht mehr als sie verdiente, und alle wollten auf den ersten Anblick etwas Grosses in ihr geahndet haben.

Sophie, welche ihren Neid und ihre heimlichen Verfolgungen besser kannte, lachelte verachtlich, und befahl ihnen sich zu entfernen, um mit dem Herzog von Bayern, Graf Eberhardten und seiner schonen Tochter allein zu seyn.

Die Geschichte sagt nicht, worinn die Gesprache dieser vier Personen bestanden, aber dieses meldet sie, dass die Unterhaltung erst denn ihre volle Anmuth erlangte, als Sophie mit Ida allein war. Wer kennt nicht die Ergiessungen zweyer gleichgestimmten Seelen, welche durch Leiden getrennt wurden, und die nun das Fest der Wiedervereinigung feyern! auch merkte Ida wohl, obgleich Sophie das Gegentheil versichern wollte, dass ihre erhabene Freundinn sich mit mehr Huld zu der Grafinn von Wurtemberg als zu der geringen Ida Munsterinn herabliess, und ob ihr diese Entdeckung krankend oder erfreulich war, lasst sich schwer entscheiden.

Ida war von dem Gluck, das sie an Sophiens Seite genoss, so eingenommen, dass sie ihr ganzes Herz vor ihr ausschuttete, ihr keinen ihrer Gedanken verhelte, selbst ihre Liebe zu Herrmann nicht, selbst nicht seinen nachtlichen Besuch; nur in Erzahlung dessen, was sie von ihm erfuhr, brauchte sie einige Einschrankung, weil es Dinge betraf, welche nicht durchgangig sie allein angingen, und von denen sie nicht genau wusste, wie sie von der Monarchinn wurden aufgenommen werden.

Sophie schwur ihrer Freundinn, ihre Liebe zu Herrmann auf alle Art zu begunstigen, und es ist zu glauben, dass sie, welche vielleicht auch einst gewunscht hatte, wahlen zu durfen, und die das Schicksal zur Gemahlinn eines Wenzels machte, ihr Versprechen so redlich zu halten dachte, dass hierbey fur nichts zu sorgen war, als dass sie sich nur zu Erreichung ihres Entzwecks der besten Mittel bedienen mochte.

Ida vermochte alles uber die Kaiserinn! auf ihre Bitte ward auch der alte Munster nach Hofe gefordert und mit Gnadenbezeugungen uberhauft, eine Sache, die bey dem dankvollen Herzen seiner ehemahligen Tochter so etwas naturliches war, dass wir sie kaum erwahnt haben wurden, wenn sie uns nicht zu einer Erzahlung fuhrte, die wir unsern Lesern nicht langer schuldig bleiben durfen.

Sophie war so neugierig als sie vielleicht seyn werden, Idas fruhe Jugendgeschichte und die Art wie sie aus den Armen ihrer Eltern gerissen wurde, zu erfahren. Munster ward an einem Tage, da er allein mit Ida im Kabinett der Kaiserinn war, aufgefordert, zu erzahlen, und er trug vor, was wir im folgenden Kapitel finden werden.

Funf und zwanzigstes Kapitel.

Idas Jugendgeschichte.

O Grafinn, rief Munster nach einigem Nachdenken, welch eine Aufforderung fur einen Mann, dem eure Gewogenheit und die Gnade seiner Monarchinn so theuer ist, Fehler zu bekennen, welche ihn um beydes bringen konnten, welche euch in so grosses Elend sturzten, und die am Ende durch nichts entschuldigt werden konnen, als durch verblendete Liebe gegen ein Weib, das so schon wie Eva wohl einen Adam zur Sunde verleiten konnte. Ida, ihr kennt eure gewesene Mutter, und konnet aus den Ueberbleibseln ihrer Schonheit schliessen, ob sie in ihrem vier und zwanzigsten Jahre reizend war. Ich liebte Marien, aber der Unterschied unseres Standes machte mein Gluck fast unmoglich; auch unter den Niedern des Volks giebt es Misheurathen. Marie war eine Leibeigene und ich einer von den vornehmsten Dienstleuten des Grafen von Wurtemberg. Sie war eine Wittwe; der Tod ihres Mannes, und ihres neugebohrnen Kindes erregte Mitleiden und machte, dass man sich der Verlassenen am Hofe des Grafen mit doppelter Gnade annahm, sie kam in die unmittelbaren Dienste der damahligen Grafinn von Wurtemberg, die Grafinn starb, und Marie musste ihre Stelle bey der noch nicht entwohnten Ida vertreten. Schon bey Lebzeiten ihrer Gebieterinn war Maria die Freyheit versprochen worden; der Rang einer Amme in dem graflichen Hause vermehrte ihre Anspruche auf diese Gnade, und die Hoffnungen meiner Liebe.

Doch das Gluck der Geringern ist in den meisten Fallen ein zu kleiner Gegenstand fur die Aufmerksamkeit der Fursten. Man hatte uns durch ein einiges Wort beseeligen, uns auf Lebenszeit verbinden konnen, aber man sprach dieses Wort nicht. Man entfernte mich weit von dem Orte meiner Wunsche in den Krieg, und begegnete meiner Geliebten mit einer Harte, welche Hass und Bitterkeit in ihr Herz saete und ihr vielleicht in der Folge einen Schritt erleichterte, den sie ohne anderweitige Veranlassungen wohl nicht wurde gethan haben. Die kleine Ida, ein reizendes Geschopf, das von jedermann bewundert und von seiner Amme fast vergottert wurde, war noch nicht zwey Jahr, als die verstorbene Grafinn von Wurtemberg bereits vergessen war, und man darauf sann, eine Person an ihre Stelle zu setzen, welche nichts fur sich hatte, die Wahl des Grafen zu rechtfertigen, als Schonheit und hohe Geburt.

Sie dachte unedel genug den Charakter einer Gemahlinn Graf Eberhards und den einer Mutter seiner Kinder von einander zu trennen, sie liebte den ersten oder schien ihn zu lieben, und hasste die andern. Marie, welche Mittel gefunden hatte, mir zuweilen heimlich Bothschaft zu thun, liess mir viel von den Verheerungen sagen, welche die Stiefmutter in dem graflichen Hause anrichtete: die unerwachsenen Sohne ihres Gemahls wurden in den Krieg geschickt, ohne das was man bey der Art, wie das geschah, auf ihren Stand, ihr Vermogen, oder ihr Alter die geringste Rucksicht nahm, die Tochter wurden an Fursten verschleudert, welche nur durch ihren Rang auf die Ehre, Graf Eberhards Schwiegersohne zu seyn, Anspruch machen konnten, und deren Fehler man ubersah, weil sie gefallig in Ansehung der Aussteuer der jungen Grafinnen waren. Eine noch unerwachsene Schwester der kleinen Ida kam durch Verwahrlosung ums Leben, und Marie unterliess nicht, diesen Fall auf die Rechnung der Grafinn zu schreiben, so wie sie die wachsende Kranklichkeit ihres Pflegekinds der jungsten ihrer Geschwister, nicht ermangelte geheimen Mitteln schuld zu geben, von welchen sie behauptete, dass sie gebraucht wurden, auch diese aus dem Wege zu raumen; Beschuldigungen, welche vielleicht zu streng fur diejenige waren, welche sie betrafen, und die ich nur um der geliebten Person willen, welche sich mit diesen Dingen beunruhigte, fur wahr halten konnte.

Ich ward von Marien aufgefordert, heimlich nach der Residenz des Grafen zu kommen, und Mittel ersinnen zu helfen, wie die geliebte Ida zu retten, und meine Verbindung mit meiner Geliebten moglich zu machen sey; welches letztere durch die Harte der neuen Grafinn, und Mariens bestandig verschobene, endlich gar ganzlich versagte Freylassung, so sehr erschwert ward.

Die Botschaft meiner Geliebten lenkte meinen Weg nach Wisbaden, woselbst sich der Graf mit seinem ganzen Hause damahls aufhielt. Er brauchte nach den langen, zum Theil fur ihn unglucklichen Handeln mit den Reichsstadten, die Ruhe des stillen Orts, und seine Gemahlinn, welche sich schwanger befand, musste sich auf Anrathen der Aerzte daselbst aufhalten. Ich flog in Mariens Arme, niemand durfte meine Anwesenheit wissen, weil mich die Befehle meines Herrn eigentlich an einem andern Orte hatten zuruck halten sollen, allein die Nacht begunstigte unsere Zusammenkunfte, bey welchen wir keine andere Zeugen hatten, als die kleine Ida, um welche man sich, seit die Grafinn schwanger war, noch weniger als sonst bekummerte, die man mit ihrer Warterinn in einem elenden abgesonderten Zimmer fast wie gefangen hielt, und es beyden oft an dem nothigsten fehlen liess.

Die zweifelhaften Aussichten fur unsere Liebe waren bey weitem nicht der einige Gegenstand der Unterhaltung bey unsern geheimen Berathschlagungen. Idas Schicksal ging Marien weit mehr zu Herzen als ihr eignes. Hoffe nur nicht, sagte sie zu mir, dass ich je daran denken werde, einen von deinen Anschlagen zu unserer Verbindung zu begunstigen, so lang ich wegen dieses Kindes nicht ausser Sorgen seyn kann, du musst uns beyde retten oder auch auf mich Verzicht thun. Susse leidende Unschuld! setzte sie hinzu, indem sie die kleine Ida, welche auf ihrem Schoosse eingeschlafen war, an ihre Brust druckte, dich verlassen? dich in den Handen dieser Stiefmutter verlassen? dass dieses ohnedem hinwelkende Leben vollends ganz verbluhte? die geknickte Blume vollig gebrochen wurde? sieh nur, Trauter, kennst du wohl in dieser bleichen zartlichen Gestalt die ehemahls so bluhende Ida? und gleichwohl geniesst sie nichts als was ich ihr selbst bereite; ich muss besorgen, die Luft, die wir hier athmen, ist vergiftet, und der Basiliskenblick der bosen Grafinn kann das Leben dieses Kindes zerstoren, denn mehr als das Anschauen der holden Kleinen wurde ich ihr nie gonnen; wenn sie sie auch so sehr suchte als sie sie jetzt von sich stosst.

Liebe und Argwohn machten Marien geschwatzig, sie wusste jeden Tag neue Proben von der Grausamkeit der Stiefmutter anzufuhren, und behauptete, wenn die Grafinn erst selbst Mutter wurde, denn musste alles noch schlimmer gehen, der Graf wurde sich noch weniger als jetzt um seine Ida bekummern, und diese wurde ihren kunftigen Geschwistern ganz aufgeopfert werden.

Es war nicht schwer Mariens Wunsche zu errathen, ich sollte durch einen kuhnen Streich ihr ihre Freyheit, mir ihre Hand, und der kleinen Grafinn Rettung aus den Gefahren, die sie umgaben, schaffen; eine Forderung, welche bey mir, was das letzte betraf, immer viel Widerspruch fand. Ich liebte die holdseelige Ida, aber ich konnte mich nicht bereden ihre Lage fur so gefahrlich anzusehen, dass sie zu Verbesserung derselben ihrem Vater entrissen und der Rechte ihrer Geburt beraubt werden durfte. Ich rechnete viel von Mariens Besorgnissen auf die ubergrosse Zartlichkeit, die sie fur ihr Pflegekind, und den eben so ubertriebenen Hass, den sie fur diejenige fuhlte, welche sich in den Platz ihrer angebeteten Gebieterinn, der verstorbenen Grafinn von Wurtemberg gedrangt hatte. Ich hofte, dem Kinde konne auf leichtere Art geholfen werden, und blieb fest bey dem Vorsatze, nie mich zu einem Raube zu verstehen, den ich fur den straflichsten von allen hielt.

Indessen ereignete sich eine Begebenheit, welche mich uberwand und Mariens Anschlage zur Wurklichkeit brachte, ohne dass es nothig war die geringsten Anstalten dazu zu machen. Was soll ich sagen? Liebe und Mitleid besiegten, der Anschein einer besondern gottlichen Fugung verblendete mich, Marie war klug genug meine Schwache zu nutzen, und der Schritt ward gethan, welcher mir in der Folge so viel Sorge, Reue und Gewissensbisse, und diesem unglucklichen Kinde so viel Leiden machte, der Schritt, dessen bose Folgen jetzt erst, wie ich hoffe, ganzlich gehoben sind.

Ich hatte meine Wohnung, um desto verborgener zu bleiben, eine reichliche Stunde von dem Schlosse, auf welchem Graf Eberhard zu Wisbaden residirte. Ich machte mich taglich bey eintretender Nacht auf, Marien zu besuchen, und kehrte nach dem Gesprach von einigen Stunden, den seeligsten meines Lebens, zuruck, um nicht von dem anbrechenden Tage verrathen zu werden. Mein Weg trug mich allemahl durch ein dichtes Geholz, welches von den Leuten dieser Gegend fur die Wohnung boser Geister gehalten wurde, und das ich also ohne die Kraft der allmachtigen Liebe nie wurde haben ohne Schauer betreten konnen, vornehmlich da mir in demselben sehr oft Dinge begegneten, welche ich mir nicht recht zu erklaren wusste.

Gott weis, sagte ich oft zu Marien, was ihr in eurem Walde habt. Dieses bey Tage so ode Geholz ist zur Nachtzeit durchaus belebt, Stimmen lassen sich horen, Gestalten schleichen auf und ab, und kommen oft so nahe, dass sie mich zu beruhren scheinen; aber, Gott sey Dank, sie thun dem friedlichen Wanderer kein Leid, auch lasse ich sie gehen, mache mein Kreuz, und scheine sie nicht zu bemerken.

Eines Abends, da ich Marien, wegen einer Krankheit ihres Pflegekinds, die ihr keine Achtsamkeit fur mich uberliess, zeitiger als sonst verlassen hatte, begegnete mir etwas, das meine Zweifel in Ansehung des unheimlichen Waldes ganzlich aus dem Wege raumte, und das Signal zu einer Handlung gab, die ausserdem wohl nie wurklich geworden seyn mochte.

Es war eine von jenen finstern Nachten des Herbsts, in welchen kein Mond, kein Sternenlicht durch die nebliche Luft zu dringen vermag. Ein feuchter Duft ruhte auf der ganzen Gegend, man ging wie in einer Wolke, und sahe nichts als zuweilen einen hupfenden schnell auffahrenden Funken, der vielleicht von Irrlichtern, vielleicht von noch etwas schlimmern herruhren mochte.

Ich tappte auf dem so oft gethanen Wege wie ein Unwissender, stiess wider die Baume an, glitt auf dem morastigen Boden aus, rafte mich auf, tappte von neuem, und verlor den Pfad endlich so ganzlich, das ich, aus Furcht immer tiefer in das Geholz, vielleicht an gefahrliche Oerter zu gerathen, die man mir in der Herberge genannt hatte, mich entschloss den Morgen abzuwarten, und die Nacht auf dem feuchten Boden zuzubringen, den ich so gut ich konnte mit dem abgefallnen Laube bedeckte, das ich in der Dunkelheit zusammen zu raffen vermochte.

Ich hatte noch keine Stunde auf diese Art geruhet, als ich das Gerauch horte, welches mir in diesem Walde so oft kalten Schauer gemacht hatte, und das dem entfernten Schritt gewapneter Leute glich. Es kam naher, zertheilte sich, ward still, und erhob sich von neuem. Mich dunkte, ich horte jetzt einen doppelten Fusstritt, und die Stimme zweyer dieser Wesen, die ich bis hieher fur Geister gehalten hatte. Dicht an dem Strauch, hinter welchem ich lag, hielten sie, und ich vernahm zum erstenmahl! dass diese Stimmen, die mir der Wiederschall des Waldes bisher nur immer wie ein holes unartikulirtes Lallen zum Ohre gefuhrt hatte, wurkliche Worte zu bilden vermochten: eine Entdeckung, welche mir grosse Zweifel in Ansehung desjenigen beybrachte, was ich bisher von ihnen geglaubt hatte. Immer dachte ich, und ich denke es auch noch, jene stillen Bewohner einer andern Welt mussen andere Mittel haben, einander ihre Gedanken mitzutheilen als menschliche Worte.

Mein Muth fing an zu wachsen! ich strengte mein Gehor an um durch dasselbe den Mangel des Sehens zu ersetzen, welches die undurchdringliche Nacht mir ganzlich verwehrte. Ich ward bald vollig uberzeugt, dass diese Schreckbilder, welche mich bisher so oft geangstigt hatten, Menschen waren wie ich, die sich uber die Unbequemlichkeit der Witterung beschwerten, auf die schmahten, welche ihnen zu befehlen hatten, und den Tag herbey wunschten. Schon war ich im Begriff mich ihnen kund zu geben, und durch gemeinschaftliches Gesprach und vielleicht gegenseitige Hulfe die lange Nacht zu vertreiben, und uns unsere Lage zu erleichtern, aber einige Worte, die ich horte, machten mich neugierig vorher zu wissen mit wem ich zu thun habe, und ich zog mich dichter zusammen um desto bequemer zu lauschen.

Was war das? rief einer von ihnen, es rauschte im Gestrauch! Ist der Mann aus dem Walde schon voruber? Einmahl: sagte der andere. Das zweytemahl erscheint es gemeiniglich wenn die Nacht sich vom Tage scheidet. Es thut keinem Menschen leid, furchte dich nicht, und wenn es jetzt vorbeystriche.

Ich halte, sprach der andere, es ist Hans Herdsmann, der wie das Landvolk spricht, in dieser Gegend erschlagen ward, ich gehe ihm allemahl aus dem Wege, wenn ich ihn ziehen sehe, und bete vor seine arme Seele. Gott troste ihn, sprach der erste, sein Gewand ist weiss, das Blut, das man ihm aus dem Leibe zapfte, klebt nur an seinem Saume, er mag wohl unschuldig gewesen seyn.

Diese und noch einige Worte der Art machten mir es wahrscheinlich, dass meine Nachbaren von mir sprachen; mein weisser Reutermantel mit den rothen Saumen ward gar zu naturlich bezeichnet, und es nothigte mir ein heimliches Lachen ab, dass ich hier die Rolle eines Gespenstes bey denen gespielt hatte, welche ich selbst, nicht ohne Schauer, fur Geister zu halten gewohnt war.

Mich dunkte, ich horte etwas, fing der eine an, wie wenn einer in die Faust lacht; es neckt uns hier, wir wollen weiter gehen! Nicht von der Stelle, rief der andre, du weisst, dass wir die Herrn hier erwarten mussen. Sind sie wieder auf Wisbaden zugeritten? Ja, mich wundert nur noch was aus diesen Dingen werden wird

Bald darauf horte ich das Gerausch einiger Kommenden. Meine bisherigen Nachbarn mussten abtreten, nachdem sie ihren Herrn unter den Baumen ein Lager von ihren Manteln gemacht hatten. Meine neuen Gesellschafter waren allein, und ich hatte Gelegenheit ein Gesprach zu horen, welches interessanter war, als das vorige, und das endlich meine Aufmerksamkeit so ganz hinriss, dass wenig fehlte, ich hatte mich verrathen. Was ich vernahm, war nichts geringers als ein Anschlag auf den Grafen von Wurtemberg, den sie in seiner Sicherheit zu Wisbaden zu uberrumpeln dachten. Der eine von meinen Nachbarn, der das Haupt einer nicht kleinen Anzahl von rauberischen Rittern zu seyn schien, wie ich aus seinen Reden abnehmen konnte, bekannte seinem Gefahrten offenherzig, dass er nicht so wie seine Leute auf die ansehnliche Beute dachte, welche ihnen bey dem reichen Grafen nicht entgehen konne, sondern mehr auf Graf Eberhards schone Gemahlin, welche ihn ehemahls geliebt habe, seiner mude geworden sey, und bald darauf sich in die Arme des Grafen von Wurtemberg geworfen habe.

Ich ward in meinem Gebusche immer aufmerksamer, denn jetzt horte ich die Anzahl der Feinde Graf Eberhards, jetzt ihre Nahmen nennen, unter welchen sich auch zwey Herrn von Unna, unsers Herrmanns Vater und Bruder befanden. Der Morgen fing an heranzudammern; es erschienen mehrere Geharnischte: man ging zu Rathe; die beyden ersten Ritter sagten aus, was sie zu Wisbaden erkundschaftet hatten; der Tag des Ueberfalls ward bestimmt, und, o stellt euch mein Entsetzen vor, es war der, welcher eben jetzt angebrochen war; mein Anschlag, den Grafen zu warnen, den ich wahrenden Horen fasste, musste augenblicklich ausgefuhrt werden, wenn ich dem Ungluck das ihm drohte, zuvorkommen, und ihm Zeit gewinnen wollte, auf seine Rettung zu denken.

Ohne mich lang zu besinnen erhob ich mich leise aus meinem Hinterhalt. Ich wollte die Meynung nutzen, welche die Knechte von mir hatten, und wovon ich auch in dem Gesprach der Ritter einige Spuren entdeckt hatte. Ich kehrte meinen Mantel um, damit die ganz roth gefarbte innere Seite meine Erscheinung desto schrecklicher machte. Ich ging langsam einen Pfad, welcher dicht bey ihnen vorbey fuhrte; ich merkte, dass man mich ungeachtet der Dammerung gewahr ward, und dass mein Anblick ein allgemeines Entsetzen verbreitete. Alle schwiegen wie vom Donner der Sprache beraubt, und ich war schon ziemlich entfernt, als ich erst die Worte vernahm: Schon fast Tag, und noch diese Erscheinung? so nahe bey uns? Sein Gewand blutroth? Das bedeutet nichts guts, der Tag wird blutig werden!

Sobald ich ihnen aus den Augen war, verdoppelte ich meine Schritte, und kam fast ausser Athem zu Wisbaden an. Ich verlangte mit dem Grafen zu sprechen; man sah mich mit Verwunderung an und brachte meinem Herrn geschwind die Botschaft: Munster, den man in Italien geglaubt habe, sey angelangt, und habe ihm wichtige Dinge vorzutragen.

Graf Eberhard empfing mich, ungeachtet ich unzuruckgefordert erschien, gnadig; meine bekannte Treue machte ihm muthmassen, dass ich nicht ohne Ursach meinen Posten verlassen haben wurde. Ohne mich mit den Bewegungsgrunden meiner Ankunft in diesen Gegenden aufzuhalten, entdeckte ich gleich, was ich diese Nacht im Walde gehort, den Anschlag der Martinsritter, (diesen Namen hatten sie sich gegeben, weil sie ihrer Sache am Martinsabend waren einig geworden) und die Zeit des Ueberfalls.

Unvorsichtiger Weise erwahnte ich auch das, was der verstossene Liebhaber der Grafinn von Wurtemberg von dieser seiner ehemahligen Geliebten gesagt hatte, und verderbte damit den ganzen Handel. Die Grafinn war gegenwartig; sie schrie uber Beschimpfung, gab mein ganzes Anbringen fur Fabel aus, die zu Erreichung irgend eines boshaften Entzwecks erdichtet sey, sprach, meine heimliche Anwesenheit sey ihr nicht ganz unbekannt, einige des Gesindes hatten mich schon seit etlichen Tagen in diesen Gegenden gesehen und was der Anklagen weiter waren, welche Graf Eberhardten gegen alles, was ich ihm vorstellte, verblendeten, und mich ins Gefangniss brachten.

Man stelle sich meine Angst vor! Nicht allein in bosem Verdacht bey meinem lieben Herrn, ins Gefangniss gerathen zu seyn, sondern auch meine guten Absichten vernichtet, ihn, und die ich so sehr liebte, meine Marie und das Kind, das ihr alles war, der grossten Gefahr unvorbereitet uberlassen zu sehen.

Die Zeit des Ueberfalls erschien; mein Herz schlug starker. Einigen Trost gab es mir doch, dass ich auf dem Schlosshofe Gerausch von Wagen und Pferden, und Geschrey der hinweg eilenden vernahm, es schien doch, dass man meine Worte nicht ganzlich in den Wind geschlagen habe, war doch moglich, dass die, welche ich liebte, gerettet wurden.

Die Todtenstille, welche hierauf folgte, bestarkte mich in meiner Meynung, und ich horte es mit ziemlicher Ruhe, als ich um die Abendzeit wildes Waffengetos und alle Anzeichen vernahm, dass die Martinsritter ihrem Vorsatz getreu geblieben waren, und sich eingestellt hatten. Was sie fanden, was sie ausrichteten, war mir unmoglich zu errathen, ich horte blos Geschrey der Obsiegenden und Unterliegenden, und o Himmel, endlich ward mir fast alle Besonnenheit benommen, als ich Worte vernahm, die mir wahrscheinlich machten, man wollte, um die vorgehabte Frevelthat zu bekronen, das Schloss beym Abschiede den Flammen ubergeben; eine Drohung, die mir das Blut in den Adern zu Eis machte und welche bald darauf durch alle meine Sinne bestatigt ward. Der Rauch drangte sich durch die kleine vergitterte Oefnung im Gewolbe meines Kerkers herein, mein dustrer Aufenthalt ward durch Feuerstrahlen erhellt, ich war gefangen, musste hier ohne Hulfe verderben, wenn nicht ein Wunder zu meiner Rettung geschah.

Ich hielt mich nicht fur heilig genug ein solches vom Himmel zu erwarten, und bediente mich in Ermanglung dessen meiner starken Schultern, welche ich wider die Thur meines Kerkers setzte, und mir dadurch, indem ich sie zersprengte, Luft machte; ein Entschluss, den ich eher hatte fassen konnen, ohne erst das Aeusserste abzuwarten.

Ich kam aus dem unterirdischen Gange, in welchen die Thur meines Kerkers fuhrte, endlich in einen der Schlosshofe hinauf. Der eine Flugel des Gebaudes stand in vollen Flammen; unwillkuhrlich wandten sich meine Augen nach dem andern, in welchen Mariens Kammer lag, und der bis jetzt nur noch erst an einigen Stellen glimmte und rauchte. Wohl mir, sagte ich zu mir selbst, dass sie geborgen ist, ohne Zweifel war sie mit unter denen, welche dem Verderben noch zu rechter Zeit entkamen. Aber ist sie auch geborgen? flusterte mir der Engel der Liebe zu, und ohne mich weiter zu besinnen, flog ich nach dem Orte, den ich nie mit dem Wunsche betreten hatte wie jetzt, Marien nicht daselbst zu finden.

Alles war ode und stille, jedermann schien geflohen zu seyn. Der Rauch und die Hitze waren fast unausstehlich. Marie wird nicht allein zuruckgeblieben seyn, rief in mir die Selbstliebe und der Abscheu vor der Gefahr, die mir hier auf jedem Schritte drohte, aber die Liebe sprach lauter; ich musste mich unwidersprechlich uberzeugen, und eilte die hundert Treppen hinauf, die man bis zu Mariens armseligen Kammerlein zu steigen hatte. Nahe am Ende meines muhseligen Weges machte mich das Winseln eines Kindes aufmerksam. Ich verdoppelte meine Schritte. Ich vernahm die Stimme der kleinen Ida deutlicher. Jetzt stand ich an ihrer Thur, die, o Entsetzen, mit einem grossen eisernen Riegel von aussen versperrt war, ich brach hinein, Marie lag ohnmachtig auf dem Boden, das Fenster war geofnet, aus welchem sie vermuthlich hatte entfliehen wollen, aber von der Hohe des Sprungs zuruck geschreckt worden war, die kleine Ida lag schreyend auf der Erde und schien ihre Amme erwecken zu wollen. Welch ein Anblick! Doch ich hielt mich nicht mit langen Betrachtungen auf. Marie ward ziemlich ungestum vom Boden aufgerissen und auf meine Schultern geladen, die kleine Grafinn schloss ich in meine Arme, und so kam ich, ich weis noch selbst nicht wie, in den Hof hinab, wo ich meine Burde von mir legte um zu Athem zu kommen. Ein Engel musste mich auf seinen Fittigen getragen haben, sonst wars fast unmoglich gewesen, bey der erstickenden Luft, bey dem immer gefahrlicher werdenden Wege das zu vollbringen, was ich gethan hatte.

Marie kam zu sich selbst. Wir nutzten den ersten Augenblick, da sie zu gehen vermochte, unsere Flucht weiter fortzusetzen, denn so weitlauftig auch der Schlosshof war, so fanden wir doch auch hier keine Sicherheit mehr. Wir entkamen in das Geholz, den bisherigen Aufenthalt der treulosen Mordbrenner, und hier erst war es, da wir es wagten zu ruhen und uns vor Feuer und Feindesschwerd sicher hielten.

Ich fragte Marien, wie es moglich sey, dass man sie und die kleine Grafinn allein in dem verlassenen Schlosse habe zurucklassen konnen. Ich merkte aus ihren Antworten, dass sie von allem was vorgegangen war nichts gewusst hatte, bis die Feuersbrunst sie vor ihr Leben besorgt gemacht, sie vergebens um Hulfe gerufen, vergebens die Thur zu ofnen, vergebens hinab zu springen gesucht hatte und endlich aus Entsetzen ohnmachtig nieder gesunken war.

Die wahre Beschaffenheit der Sache war, wie ich lang nachher erfuhr, diese. Graf Eberhard von seinem Weibe, Gott weis aus welcher Absicht, getauscht, glaubte meinen Warnungsworten nicht eher, bis schon, nachdem ich etliche Stunden im Gefangnis gelegen hatte, meine Aussage durch einen Hirten dieser Gegend bestatigt ward. Dieser Mann hatte so wie ich, etwas von dem Anschlage der Martinsritter belauscht, und eilte den Grafen zu warnen. Graf Eberhard eilte, das, was ihm am liebsten war, seine Familie in Sicherbeit zu bringen, indessen er zuruckbleiben, seine Leute sammeln, und den Feind erwarten wollte. Der Hirt machte sich anheischig die Fliehenden durch einen geheimen Bergweg zu retten. Der Graf letzte sich mit seiner Gemahlinn, befahl ihr, nichts im Schlosse zu lassen, was gerettet zu werden verdiente, und bezog seinen Posten. Die Grafinn hatte den Befehl ihres Herrn befolgt, nichts war im Schlosse geblieben, was sie der Rettung wurdig schatzte; dass hierunter die Amme und Ida sich nicht befand, dass sie wissentlich oder aus Versehen vergessen ward, ist bey den Gesinnungen ihrer grausamen Stiefmutter so sehr nicht zu verwundern.

Indessen wusste Marie von allen diesen Dingen nichts. Sie bemerkte wohl einigen Auflauf in dem Hofe, in welchen ihre Fenster gingen, sah, dass man Anstalten zu einer Reise machte, aber sie ahndete, es wurde eine von den gewohnlichen Reisen zu den benachbarten Edeln seyn, wahrend welchen sie mit ihrem Pflegkinde immer das glucklichste Leben zu fuhren pflegte, und denen sie immer mit Freuden entgegen sah. Die Hohe ihrer Wohnung verhinderte sie, zu verstehen, was in der Tiefe gesprochen wurde, so wie auch der abgelegene Hof, in welchen ihre Fenster gingen, sie zu sehr von der Hauptseite des Schlosses entfernte, als dass sie den Anfall der Feinde anders als in der Ferne hatte vernehmen konnen.

Doch machte sie das, was sie davon horte, neugierig genug, um sie zu bewegen, den verbotenen Weg aus dem kleinen Revier, das sie bewohnte, versuchen zu wollen, sie fand es ohne sonderliche Befremdung verschlossen; dergleichen pflegte, wenn der Grafinn die Laune kam, oft zu geschehen, und sie hofte, die Oefnung der Thur und die Erklarung dessen, was sie wissen wollte, von der Magd, welche gewohnlich das Abendessen zu bringen pflegte. Sie erschien nicht, es ward spat. Marie und die kleine Ida, schon gewohnt, zuweilen ungespeist zu Bette zu gehen, entschliefen, und wurden endlich durch das Getos des Feuers erweckt Sie suchte vergebens zu fliehen. Furcht und Entsetzen benahmen ihr die Sinne, und sie sah sich jetzt gerettet, durch mich gerettet, ohne weder Gefahr noch Rettung ganz begreifen zu konnen. Auf die Erklarungen, die wir uns hieruber machten, folgten Entschliessungen fur die Zukunft; die Meinigen waren von Mariens ganz verschieden. Ich sann darauf, die kleine Ida wieder in ihres Vaters Hande zu liefern, indessen sie von dem letzten bosen Streiche, den man diesem unglucklichen Kinde gespielt hatte, bis zur Wuth erbittert, mir zuschwur, nie mir wieder einen Blick zu gonnen, wenn ich meine Absicht ausfuhrte. Ob Marie Ursach hiezu hatte, ob es wahr war, dass die kleine Grafinn wieder in die Hande der Stiefmutter zu bringen und sie zu ermorden, einerley sey, das gebe ich meinen erhabenen Zuhorerinnen zu bedenken; mir wollte es nicht ganz einleuchten. Ich hoffte auf Graf Eberhards Liebe fur seine Tochter, und auf seinen Schutz, wenn man ihm die Augen uber die bosen Gesinnungen seiner Gemahlinn ofnete? aber Liebe und Unmoglichkeit setzen sich der Ausfuhrung dessen, was ich fur recht hielt, entgegen. Ungern wollte ich Mariens Liebe verlieren, und unmoglich war es jetzt zu Graf Eberhardten zu kommen und ihm sein verlornes Kind wiederzugeben. Die Martinsritter machten die Wege noch immer unsicher. Der Hass der Reichsstadte machte, dass der Graf von Wurtemberg lang keine bleibende Statte hatte. Mit Muhe wusste er seine Gemahlinn aus den Handen der Rauber retten, in welche sie aller Vorsicht ungeachtet doch gefallen war Sie fanden endlich Zuflucht bey dem Bischoff von Strasburg, aber dieser war ein Verwandter der Grafinn von Wurtemberg, und wir mochten ihm unsere Ida nicht vertrauen.

Wir hatten indessen bereits Ruhe und Gluck gefunden. Ein Auffenthalt von etlichen Tagen in dem Walde, den man in dieser Gegend fur eine Wohnung der Geister hielt, hatte uns zu Besitzern eines kleinen Schatzes gemacht, der die Quelle unserer nachmahligen Reichthumer ward. Ich wollte mir und den Meinigen gleich am ersten Tage unserer Ankunft im Walde eine Art von Obdach wider den Regen, der unaufhorlich herabtroff, erbauen, ich grub in die Erde um einige Pfahle einzurammeln, ich stiess auf ein kleines eisernes Behaltniss, das mit Geld angefullt war, und das, wie wir aus einem dabey gelegten Stuck Pergament sahen, jenem Hans Herdsmann gehort haben mochte, den man in dieser Gegend fur einen Rauber hielt, und als einen solchen vor mehr als zwanzig Jahren in diesem Walde uberfallen und erschlagen hatte.

Ich erinnerte mich dieser letzten Umstande aus dem Gesprach der beyden Reuterknechte der Martinsritter, die ich des vorigen Abends hier belauscht hatte, und hielt es nicht fur Unrecht der Erbe desjenigen zu seyn, dessen Person ich in den Augen der furchtsamen Krieger eine Zeit lang gespielt hatte.

Unser gefundenes Geld machte, dass es uns, nachdem wir den Wald verlassen konnten, nicht an Zuflucht fehlte. Wir wandten uns nach Nurnberg, wurden als entflohne Unterthanen des Grafen von Wurtemberg, wofur uns Mariens Geschwatzigkeit bald bekannt machte, wohl aufgenommen, und durch Gefalligkeiten und Versprechungen fest gehalten. Ich heyrathete meine Geliebte, und musste ihr, ehe ich ihre Einwilligung erhielt zuschworen, in den nachsten zehn Jahren nicht an Idas Auslieferung zu denken, sondern sie, bis sich die Zeiten fur dieses ungluckliche Kind besserten, als meine Tochter anzusehen.

Wir richteten unser Hauswesen ein, ich fing an zu arbeiten, ich lieferte Stucke, welche Verwunderung erregten, und meinen Ruf weit ausbreiteten. Ich arbeitete fur Kirchen und Kloster, ward endlich nach Prag berufen, wo die Erbauung der Domkirche mich so lange in Arbeit erhielt, bis ich die Stadt gewohnt zu werden, sie lieb zu gewinnen begann und daselbst zu bleiben beschloss. Unsere Ida war indessen herangewachsen, ihre Schonheit und die Erziehung, die wir ihr in Rucksicht auf ihren Stand gegeben hatten, zeichneten sie aus; wir mussten sie eingezogen halten, wenn wir kein Aufsehen erregen wollten. Der Vorwitz meines Weibes machte, dass die Regel, die ich ihr in Ansehung der jungen Grafinn vorgeschrieben hatte, ein einig mahl uberschritten wurde; Ida kam bey eurer Vermahlung, gnadige Frau, zum Vorschein, und diese einige Erscheinung ward der Grund alles ihres nachmahligen Unglucks.

Meines hochsten Gluckes! rief Ida, indem sie Sophiens Hand zartlich an ihre Lippen zog.

Marie, fuhr Munster fort, hatte ihre eigene Absichten; sie machte sich Vorwurfe, die geliebte Grafinn um die Vorrechte ihres Standes gebracht zu haben, aber nie wollte sie einwilligen, dass ich sie wieder in das Haus ihres Vaters brachte, sie wollte sie empor heben ohne seine Hulfe, sie hasste ihn viel zu sehr, konnte ihm seine blinde Liebe gegen Idas Stiefmutter und die Nachlassigkeit gegen sein Kind viel zu wenig verzeihen, als dass sie ihm gonnen sollte Antheil an dem kunftigen Gluck ihrer Pflegetochter zu haben. Sie hofte auf die Gnade der Kaiserinn, hofte auf den jungen Herrmann von Unna, von welchem sie bald merkte, dass er Ida liebte, und den sie um so viel mehr begunstigte, weil sie wusste, dass sein Haus dem Grafen von Wurtemberg zuwider war. Sie machte tausend Entwurfe, that tausend falsche Schritte hinter meinem Rucken, bis sie endlich das Schicksal derjenigen, die sie liebte, so sehr verwickelte, dass die, welche sie glucklich zu machen suchte, beynahe das Opfer ihrer verungluckten Plane geworden war, wenn nicht ich endlich noch mit meinem Anschlage durchgedrungen hatte. Ich offenbarte Idas Herkunft ihrem Vater, es war leicht ihm die Augen ihretwegen zu ofnen, Idas Gesicht und andere Merkmahle waren zu kenntlich um von ihm verworfen zu werden, uberdieses ist die bose Stiefmutter seit langer als einem Jahre gestorben, der Tod ihrer einigen Tochter, der verschmahten Braut des Herzogs von Braunschweig, zog den ihrigen nach sich, und Graf Eberhards Herz war jetzt leer und frey genug, um diejenige aufzunehmen, die er ehemals vernachlassigte, sie auf Vorspiegelung seines Weibes bisher bald fur verloren, bald fur Tod hielt und und welcher er nun verspricht ihr alles zu ersetzen, was sie ehedem durch seine Schuld litte.

Munster stockte beym Ende seiner Erzahlung, Ida seufzte, und Sophie versprach, ihre Mutter und Versorgerinn zu seyn, wenn der Graf es an treuer Erfullung seines Versprechens sollte ermangeln lassen. Das vornehmste, setzte sie hinzu, was wir jetzt zu thun haben, wird seyn, dass wir dich, liebe Ida, so bald als moglich zur Gemahlinn deines Herrmanns machen. O mein Kind, das Leben ist kurz, man kann nicht zu zeitig anfangen glucklich zu seyn! Die Vater sind zuweilen wunderlich, denken eine Tochter uberherrlich zu beglucken, wenn sie sie mit irgend einem grossen Herrn verbinden, dem es an Liebe, Tugend und Anmuth gebricht, der nichts vor sich hat als seinen Rang, ach Ida! ich weis Exempel!

Die Kaiserinn seufzte tief bey diesen Worten, und Ida verstand sie vollkommen. Sie dankte ihr fur den Eifer, mit welchem sie sich ihrer anzunehmen dachte, und setzte sehr weislich die Bitte hinzu, nichts zu ubertreiben, sondern es der Zeit zu uberlassen, Dinge moglich zu machen, an welche jetzt schwerlich zu denken seyn wurde; eine Vorstellung, welche bey Sophien sehr nothig war, und die doch ganzlich von ihr in den Wind geschlagen wurde.

Sechs und zwanzigstes Kapitel.

Schaden durch ubergrosse Gnade.

Ida musste sich auf Befehl der Kaiserinn entfernen. Munster, den sie gern auf jede Art auszeichnete, es gern vor aller Welt sehen liess, dass sie noch immer kindliche Gesinnungen gegen ihn hege, sich nicht schame einst seine Tochter geheissen zu haben, begleitete sie nach Hause, und sie brachte daselbst einige der seligsten Stunden ihres Lebens in seiner Gesellschaft zu. Seine Erzahlung hatte die heissesten Gefuhle der Dankbarkeit in ihrem Herzen rege gemacht, die mancherley Gefahren, aus denen er sie rettete, die mehr als vaterliche Zartlichkeit, mit welcher er sich ihrer annahm als sie ganz verlassen war, die Aufopferung, mit welcher er immer ihr Wohl dem seinigen vorzog, was fur Stoff zu Herzensergiessungen, die sie auf seine Bitte nie offentlich wagen, allezeit fur die Einsamkeit versparen musste!

Einige Stunden entflohen ihnen auf diese Art, ohne dass sie es gewahr wurden, und eine ahnliche Zeit wurde kaum hinlanglich gewesen seyn, das was sie noch vor sich hatten zu enden, denn eben entdeckte Ida ihrem ehemaligen Vater den Wunsch, diejenige, welche sie so lange Mutter genannt hatte, der sie ebenfalls tausendfachen Dank schuldig war, immer um sich zu haben, und die Hoffnung, die Erfullung desselben leicht beym Grafen von Wurtemberg zu erhalten.

Munster schuttelte den Kopf, er schien die Ehre, welche man seiner Marie zudachte, weder zu wunschen noch zu hoffen, er wollte den Grund seiner Zweifel eben entdecken, als Idas Frauen die Ankunft des Grafen meldeten. Die beyden Sprechenden erhuben sich dem Kommenden in tiefer Ehrfurcht entgegen zu gehen. Der Graf trat ungestum ein, ein Ungewitter schwebte auf seiner Stirne, er beantwortete Idas Liebkosungen mit Kalte, und befahl ihrem ehrwurdigen Freunde mit einem Winke sich zu entfernen.

Ich wundere mich, rief er nach einem langen unruhig Auf- und Abgehen, ich wundre mich, wie du in deiner jetzigen Lage vergangne Zeiten noch so gar nicht vergessen kannst; du bist die Tochter des Grafen von Wurtemberg, nicht dieses Munsters, den du wegen des Unrechts, das er dir angethan hat, hassen und fliehen, ihn nicht mit Liebkosungen uberhaufen, nicht Stunden lang in deinem Zimmer dulden, oder dich offentlich von ihm begleiten lassen solltest.

Mein Vater! Ein so treuer Diener wie Munster, der Retter, der Versorger eurer Tochter, als sie

Genug! Ich hore, dass er die Geschichte deiner Entfuhrung heute in Gegenwart der Kaiserinn erzahlt hat, und ich hoffe, du wirst klug genug seyn einzusehen, wie schlecht er an dir handelte, wie sehr er durch diese That, welche alle seine Erdichtungen nicht zu entschuldigen vermogen, an dir und mir handelte. Ich hatte Recht und Macht ihn zu strafen, aber um deinetwillen schone ich ihn. Lass dies genug seyn, und reize mich nicht weiter.

Ida, welche nicht an diesen Ton der vaterlichen Sprache gewohnt war, wusste das, was sie horte, nicht anders als mit Stillschweigen zu erwiedern. Es erfolgte eine lange Pause, Graf Eberhard setzte seinen Spatziergang fort und fing nach einer Weile das Gesprach von neuem an.

Ich habe, sagte er, heute auf mannichfaltige Art um deinetwillen gelitten. Am Morgen vernahm ich Dinge von dir, welche ich fur unglaublich hielt, und am Abend wurde mir bey Hofe uber einen gewissen Gegenstand zugesetzt, der meinen Glauben an deine Unschuld wankend machte, und den

Lieber Vater, sprach Ida mit liebkosendem Ton, nicht diesen geringen Blick, der Unwille hemmt eure Worte, was habe ich gethan? sollte ich wirklich, wirklich so unglucklich seyn, euch Leiden zu machen?

Das thust du, wenn du nicht im Stande bist, die Fragen, welche ich dir jetzt vorlegen will, mit nein zu beantworten Komm, sage mir, sollte es moglich seyn, dass in jener Nacht, der ersten, nachdem du wusstest, dass ich dein Vater sey, in jener Nacht, da ich dich zur Unzeit wachend fand, du einen Jungling bey dir gehabt habest, der, als ich erschien, mit Lebensgefahr vom Altan in den Garten hinabsprang, bey der Wache vorbey strich, und von ihr in Zweylichten fur Herrmann von Unna erkannt wurde? Du schweigst? Eine schone Vertheidigung deiner Unschuld! Hore die zweyte Frage: Warst du es, welche die Kaiserinn bewog, mich diesen ganzen Abend mit Bitten, mit Vorstellungen wegen der unmoglichen Liebe zu qualen, die zwischen dir und diesem Herrmann, diesem elenden Sprossling eines verworfenen Hauses statt finden soll? Du weisst die Bitten der Monarchinn sind Befehle, war dir es moglich deinen Vater in eine solche Verlegenheit zu sturzen? Du schweigst abermahls? Gut, ich kenne dich nunmehr! Ich weis, was ich zu thun habe, dein Urtheil ist gesprochen!

Der Graf von Wurtemberg entfernte sich, und hinterliess seine Tochter in einer Besturzung, welche durch nichts vermehrt werden konnte, als durch den Befehl, den sie noch diesen Abend erhielt, sich zur Abreise gefasst zu halten, weil Dinge von Wichtigkeit es nothwendig machten, den Hof eilig zu verlassen.

Ida verstand vollkommen, welches die Bewegungsgrunde zu dieser schleunigen Reise waren. Sie sah alle Hofnungen ihrer Liebe wie einen Dampf verschwinden, bedauerte es, sich einer Vorbitterinn vertraut zu haben, welche durch den Eifer, mit welchem sie ihr zu dienen strebte, alles verderbte, bedauerte jeden Schritt, den sie gethan hatte, selbst ihre Liebe zu Herrmann, weil durch sie ein Vater gekrankt wurde, der sie verehrte, dem sie zu gefallen, ihn glucklich zu machen wunschte. Die Trennung vom alten Munster, von der geliebten Kaiserinn, ihr dunkles Schicksal in der Zukunft, was fur Aufgaben zu den traurigsten Betrachtungen! sie verlor sich in denselben, uberliess ihren Frauen die Zubereitungen zur Reise, dachte an kein zur Ruhe gehen, und war daher des Morgens, als ihr Vater kam sie abzuholen, schon vollig gekleidet, um ihm uberall hin zu folgen; ein Umstand, der ihn ohne Rucksicht auf ihre rothgeweinten Augen uberredete, dass ihr der Gehorsam gegen seine Befehle nicht allzuschwer ankomme, dass sie Biegsamkeit und Bereitwilligkeit genug habe, um sich ganz so leiten zu lassen, als er wunschte.

Diese Vorstellung, welche, was das letzte betraf, nicht ganz unrichtig war, erwarb ihr einige vaterliche Liebkosungen. Graf Eberhard versicherte sie, dass er sie innig liebe, dass er sie glucklich machen wolle, wenn sie sich entschliessen konne, gehorsam zu seyn, das ist, ihre liebsten Wunsche seinem Willen aufzuopfern; eine Kleinigkeit, welche, wie er meynte, keine Schwierigkeiten habe.

Sie ward zur Abschiedsaudienz bey der Kaiserinn gefuhrt. Die Worte, welche zwischen Sophie und dem Grafen gewechselt wurden, waren ausserst kalt und ceremonios, ein Theil von Sophiens Kalte fiel auch auf Ida zuruck, nur am Ende erfolgte noch eine so herzliche Umarmung, wie sie von ihr gewohnt war. Undankbares Madchen! rief sie, du liebst mich nicht, hast nicht Geist genug dich denen zu widersetzen, welche dich von mir reissen wollen! Sprecht, Graf Eberhard, wurdet ihr es wohl wagen, mich meiner liebsten Gespielinn zu berauben, wenn sie entschlossen war, sich nicht von mir trennen zu lassen?

Der Graf kannte seine Tochter genug um zu wissen, was er von ihrem Gehorsam erwarten sollte; er versicherte, Ida durfe nur sprechen, wenn sie Bedenken trug ihm zu folgen. Ida verstand wie man wollte, dass sie antworten sollte, und da sie sich nicht uberreden konnte zu heucheln, so schwieg sie, Sophie gab ihr noch einen kalten Kuss, der Graf druckte ihr die Hand um ihr sein Wohlgefallen uber ihre Auffuhrung zu bezeugen, und beyde entfernten sich von allen Damen der Kaiserinn begleitet, in deren Blikken, so sehr sie auch Betrubnis erkunsteln wollten, die Freude uber die Entfernung ihrer Mitbuhlerinn nicht zu verkennen war.

Sieben und zwanzigstes Kapitel.

Herrmann tritt von neuem auf.

Die Furstinn von Ratibor gehorte unter jene vielgeschaftigen Damen, deren es an jedem Hofe giebt, die Theils zu Unterhaltung ihrer Gebieterinnen, theils zu ihrer eigenen Belehrung, die genausten Nachrichten von allem zu haben strebten, was in dem Bezirk ihres Aufenthalts vorgeht. Ida war von jeher ein Gegenstand der besondern Aufmerksamkeit fur sie gewesen, und es ist zu glauben, dass sie ihre Hand und ihren allwaltenden Blick nicht von ihr abzog, nachdem sie Grafinn von Wurtemberg geworden war. Sie wusste alles, was in ihrem geheimsten Zimmer vorging, und ihren Nachforschungen hatte also auch der nachtliche Besuch eines Junglings nicht verborgen bleiben konnen. Dass Herrmann dieser Jungling gewesen war, muthmasste sie nur, aber sie baute kuhn auf diese Muthmassung fort, und hatte, wie zuweilen geschieht, blindlings die Wahrheit getroffen.

Idas guten Namen zu schaden, sie durch vermehrte und verbesserte Erzahlung dieser Geschichte bey der Kaiserinn in Ungunst zu bringen, hatte sie schon versucht, aber da diese bereits von der Sache unterrichtet war, so mislungen ihre Streiche auf dieser Seite und sie musste sie daher auf eine andere wenden. Sie war es, welche dem Grafen von Wurtemberg von dieser durch ihre Noten so anstossigen Geschichte Nachricht gab. Ihre Eingebungen regierten die Aussagen der angehorten Wache, und so bildete sich, durch ihren unermudeten Fleis, endlich die Erfullung des Wunsches, nach welcher sie so lang auf tausendfache Art gestrebt hatte, die Entfernung der gehassten Ida.

Die junge Grafinn sah wohl, dass ihr Vater und die Ratibor beym Abschiede freundlichere Blicke wechselten, als zuvor, aber sie war zu gutherzig, die Ursach davon zu errathen, zu gutherzig, in der letzten geheimen Unterredung, die noch an der Thur des Audienzzimmers zwischen beyden vorfiel, etwas zu argwohnen, das ihr Herz durchbohrt haben wurde, wenn es ihr bekannt gewesen war.

Die Ratibor ward von dem Grafen, mit Erbietung aller freundlichen Gegendienste, ersucht, ein wachendes Auge auf diesen Herrmann von Unna zu haben (welcher, wie man sagte, noch gestern in der Stadt gesehen worden sey) und dafern man sich seiner bemachtigen konnte, es ihm nach eigenem Belieben unmoglich zu machen furterhin an Ida zu denken.

Es ist zu glauben, dass Graf Eberhardt die Bosheit derjenigen nicht kannte, welcher er eine solche Vollmacht gab. Es war ihm sicherlich nicht eben um Herrmanns Untergang zu thun, und er hatte ihm vielleicht gern Gluck und Leben gegonnt, wenn er ihn nur hundert Meilen weit von derjenigen hatte entfernen konnen, die nach seinem Willen nie die Seinige werden sollte.

Ein guter Engel wachte indes fur Herrmanns Bestes. Die Furstinn von Ratibor hatte Recht, er war bisher noch immer in der Nahe gewesen um die Schritte seiner Ida auszuspahen, jede Gelegenheit zu belauschen, wo er sie sehen, wo er sie vielleicht gar sprechen konnte. Die unermudete Aufmerksamkeit war die Ursach, dass er die Entfernung seiner Geliebten augenblicklich erfuhr, und da er nach ihr hier nichts mehr zu suchen hatte, keine Stunde nach ihr zuruckblieb, und so allen Verfolgungen entging.

Seine Absicht war, ihr uberall zu folgen, in tausendfachen Verkleidungen immer um sie zu seyn, und zu versuchen, ob nicht endlich irgend eine derselben ihm sein Gluck, ein Wort, einen Blick von ihr verschaffen konnte. Wahrscheinlich wurde er zu seinem und ihrem Nachtheil diesen Plan ausgefuhrt haben, wenn ihm nicht der Himmel einen Freund zugefuhrt hatte, der seinen Entschlussungen eine bessere Richtung gab Herrmann wusste durch die kleinen Kunste, durch welche er alles erfuhr, was Beziehung auf Ida hatte, dass sie die zweyte Nacht nach ihrer Abreise mit ihrem Vater in einem Dorfe ubernachten wurde, das ihm bekannt war, und nach welchem er durch einen kurzern Weg zu gelangen wusste, als denjenigen, welchen die Reisenden gewohnlich zu nehmen pflegten. Hier war es, wo er seine Geliebte erwartete, um, wenn ihm ja kein grosseres Gluck bestimmt war, sie wenigstens aus dem Wagen steigen zu sehen, wenigstens den Laut ihrer Stimme in der Ferne zu vernehmen, und hier war es, wo er seinen alten Freund, den redlichen Munster traf.

Die Geschichte sagt nicht, ob der alte Mann ahnliche Absichten gehabt habe, als wie der Ritter von der treuen Minne, nur dieses versichert sie, dass er die Plane des letzten hochlich getadelt und alle Muhe angewandt habe, ihn auf vernunftigere Gedanken zu bringen. Was wollt ihr machen? rief er, als Herrmann seine offenherzige Beichte abgelegt hatte. Eure Zeit im Mussiggange zubringen? ewig Ritter Herrmann von Unna bleiben, der nie an die Tochter des stolzen Grafen von Wurtemberg denken darf? Tausend Gelegenheiten Ruhm zu erwerben versaumen? Euer Leben, eure Ehre, die Ehre eurer Geliebten in Gefahr setzen, wenn man euch entdeckt? und werdet ihr von niemand, und also auch von ihr nicht erkannt, euch Jahrelang mit fruchtlosen Bemuhungen um ein Nichts beschaftigen, und es zu spat bereuen, dass ihr einem Schatten nachjagtet, indessen ihr schon Riesenschritte zu eurem wirklichen Gluck hattet gethan haben konnen? Nein, Ritter, glaubt mir, verlasst diesen Ort, verlasst ihn augenblicklich, ehe noch diejenige erscheint, die den Entschluss, den ihr fassen musst, konnte wankend machen. Geht zu dem Posten zuruck, den ihr um Idas willen verlassen habt. Konig Siegmund war in keinen guten Handen, als euch die Gefahr eurer Geliebten von ihm rief. Die Liebe entschuldiget, was ihr damahls thatet, aber, nichts ist, was euch zu statten komme, wenn ihr nunmehr saumt, eure Pflicht gegen euren Herrn zu erfullen. Die Geruchte, welche von ihm gehen, sind sonderbar. Eure Macht ist zwar klein, ihm nutzlich zu seyn, aber eure Treue gegen ihn ersetzt alles, ihr seyd vielleicht der einige, der es redlich mit dem unglucklichen Konige meynt, wollt ihr ihm eure Hulfe entziehen?

Der alte Munster wusste noch auf tausenderley Arten Herrmanns Ruhmbegier, seinen Trieb zur Beobachtung seiner Pflichten, seiner Treue fur seinen Herrn in Bewegung zu setzen, und sie zur Schutzwehr wieder fruchtlose Liebe und Mussigang zu machen, und es gelang ihm endlich: Herrmann schwur, nie seine Gedanken auf Ida aufzugeben, aber auch nie ihm auf Unkosten seiner andern Pflichten nachzuhangen. Munster versprach ihm dagegen immer ein wachendes Auge auf Ida zu haben, und beyde trennten sich, wie solche Freunde sich trennen.

Acht und zwanzigstes Kapitel.

Schach dem Konig.

Nie hat wohl ein Mensch seinem Herrn mit mehrerer Treue gedient als dieser Herrmann. Wie er gegen Kaiser Wenzeln gesinnt war, gegen ihn, den niemand liebte, gegen ihn, der die Ergebenheit des gutherzigen Junglings mit Hass und Undank belohnte, das haben meine Leser im vorhergehenden gesehen. Es gehorte Zeit dazu, ehe er sich uberzeugte dass es ihm erlaubt sey, einen andern Herrn zu suchen; und dieser andre Herr, dieser Siegmund hatte bey ihm die nehmlichen Vorrechte seines Vorgangers. Herrmann wurde von ihm verachtet, verkannt, ubersehen, dem ohngeachtet war der Gedanke ihm nutzlich zu seyn, ihm ohne Rucksicht auf eigenem Vortheil, der hier gar nicht statt fand, dienen zu konnen, machtig genug, ihn aus den Armen der Liebe zu reissen, und in ein Land zu fuhren, wo er, seit Nikolaus Gara ihn hasste, keinen einigen Freund, keinen Beforderer hatte.

Diese Winke, welche ihm der alte Munster von der zweydeutigen Lage seines geliebten Herrn gab, wurden bey Fortsetzung seiner Reise bestattigt. Bald sollte Konig Siegmund gar nicht von dem Zuge wider die Unglaubigen zuruckgekommen, wahrscheinlich in ihren Handen geblieben seyn, bald war er in der Gewalt der noch gefahrlichern Widersacher, die er unter seinen eigenen Unterthanen hatte, bald war er gefahrlich verwundet, bald gar tod; Geruchte, welche sich minderten, so bald Herrmann auf ungarischem Grund und Boden kam, und sich gar verloren, als er sich der Hauptstadt naherte. Hier erfuhr der junge Ritter, dass sein Herr, bisher von Krankheit zuruckgehalten, nun erst sich dem Sitz der koniglichen Hoheit nahere, und dass jedermann sich ruste, ihn koniglich zu empfangen.

Es ist nicht Konig Siegmunds Geschichte, die ich schreibe, und ich werde daher nur so viel von seinen Begebenheiten mit nehmen, als sich unmittelbar an Herrmanns Abentheuer anketten. Nichts daher von dem Einzug des Konigs in der Stadt, die er endlich unter dem Zujauchzen des Volks betrat, das ihn bey allen seinen Fehlern liebte; nichts von dem Gedrang der Grossen, das ihn umgab, nichts von denen Entschuldigungen, Vorstellungen und Versprechungen, die von einer und der andern Seite gemacht wurden, um den Grund zum gegenseitigen Einverstandnis zu legen. Freylich waren Siegmunds Leichtsinn, Ueppigkeit, Liebe zur Verschwendung, und gelegentliche Grausamkeit, Flecken in seinem Charakter, welche das Misvergnugen Einiger entschuldigen konnte, freylich hatte er aus seinem Turkenzuge weder Sieg noch Beute mit gebracht, dadurch ehemahlige Fehler hatten konnen ausgetilgt werden; aber man versprach Vergessenheit des Vergangenen, Siegmund versprach es auch, und verschloss die Augen nur gar zu sehr gegen die tausend Spuren von Treulosigkeit und Verratherey, die er an dem und jenem seiner Fursten, vornehmlich an den Gebrudern Gara nicht verkennen konnte

Das Gedrang um den Konig am Abend nach dem Einzug war so gross, dass es Herrmannen, welcher vor Verlangen brannte ihn zu sehen, unmoglich war Zutritt zu bekommen. An wen sollte er sich wenden? Sein ehemaliger Gonner, der Feldherr Nikolaus Gara, hasste ihn, nachdem er auf dem Zuge wider die Turken seine Treue gegen den Konig unerschutterlich gefunden hatte, und Herrman konnte den nicht lieben, sich nicht uberwinden konnte irgend etwas bey dem zu suchen, den er als einen heimlichen Feind seines Herrn kannte.

Der junge Ritter entschloss sich endlich, sich selbst Zutritt zu verschaffen; er drangte sich bey der Abendtafel so dicht hinzu, dass er beynahe des Konigs Kleider beruhrte, Siegmund fasste ihn ins Auge. Der Jungling hatte keins von den gewohnlichen Gesichtern, welche man zwanzigmahl sieht, ohne ihre Zuge zu behalten, uberdas hatte der Konig ihn zuletzt bey einer Begebenheit gesehen, die sich seinem Gedachtniss zu tief eingepragt hatte, als dass einer von denen dabey gegenwartigen, dass derienige, welcher die Hauptrolle dabey spielte, hatte vergessen seyn sollen.

Siegmund wusste sich anfangs den Zusammenhang seiner Ideen selbst nicht recht zu erklaren, er sass nachdenkend, rieb die Stirn, und wandte sich dann zu dem neben ihm sitzenden Andreas Gara. Wie kommt es doch, rief er, dass uns oft bey der Fulle der Freude traurige Erinnerungen umschweben! Einer der schrecklichsten Auftritte meines Lebens geht jetzt vor mir uber, liegt mir so deutlich vor Augen, dass ich jede Zuge davon machen wollte. Rathet ihr wohl, Andreas, welcher das sey? Andreas verbeugte sich und schwieg. Doch, fuhr Siegmund fort, ihr konnt das nicht wissen, ihr waret nicht gegenwartig, euer Bruder war es. O vielleicht hattet ihr mich nicht so treulos verlassen als Nikolaus! Doch, ich habe versprochen zu vergessen! meine Freunde vergesse ich nie! Ich war allein in der Schlacht, jedermann wandte sich hinter mir ab; Achmets Schwerd sturmte furchterlich auf mich ein, ich musste erliegen. Da drangte sich zu mir heran eine ritterliche Schaar mich zu retten. Mein Pferd war unter mir getodtet, mein Helm und mein Schild mir entrissen, nur das Schwerd hielt noch fest in meinen Handen. Der Fuhrer meiner Helfer sprang von seinem Rosse und hob mich hinauf, er reichte mir seinen Schild, und riss den Helm von seinem Haupte, das meinige damit zu decken, ich weis nicht, wie mir geschah, weis nicht, was um mich vorging, aber ein Bild ist mir fest in der Seele geblieben, das Bild meines Retters, dessen Gesicht mir wie das Gesicht eines Engels Gottes entgegen strahlte. Dieses Gesicht ist, das mir jetzt die ganze furchterliche Scene zuruck ruft, ich sehe es in dem Gedrange, das meinen Tisch umringt, es sind die Zuge meines alten treuen oft verleumdeten und oft verkannten Dieners Herrmann von Unna. Tritt hervor, tritt hervor, mein Retter! empfange den Dank und die Gnade deines Konigs!

Herrmann hatte sich, wahrend Siegmund sprach immer naher gedrangt, um keins der Worte zu verlieren, welche ihm so nahe angingen. Jetzt beym Schluss seiner Rede uberfiel ihn ein freudiger Schauer, wie er an jenem Tage diejenigen uberfallen wird, die aus dem grossen Kreise mit den Worten werden hervorgerufen werden: Das habt ihr mir gethan!

Herrmann sturzte sich seinem Konig zu Fussen, kusste seine Hande und badete seine Knie mit seinen Thranen. Welch ein Gefuhl von demjenigen, von welchem man sich immer ubersehen und verkannt glaubte, dem man tausend Proben der Treue gab, ohne bemerkt zu werden, so vor Tausenden ausgezeichnet, vor einer ganzen Versammlung so geehrt zu werden.

Nachdem der erste Sturm der Freude in dem Herzen des jungen Ritters voruber war, zog er sich bescheiden unter die aufwartenden Edelleute zuruck, aber Siegmund wandte sich oft nach ihm um, und er durfte nicht von seinem Stuhle weichen.

Die stolzen Magnaten, die mit dem Konige zu Tische sassen, schienen bey der vorhergehenden Scene gar nicht gegenwartig gewesen zu seyn, sie sagten nichts zu dem, was ihr Konig that, und konnten sich nicht herablassen, dem von ihm so sehr geehrten Junglinge ein Wort zuzusprechen.

Die Gluckwunschungen, welche er erhielt, blieben nur unter den jungen Edelleuten, welche mit ihm bey der Tafel aufwarteten, und er hatte die Freude, manchen unter ihnen zu finden, dessen Gesicht nebst dem treuherzigen Handedruck ihn alter Freund und Spiesgesell nannten. Keine von diesen Erscheinungen war ihm angenehmer als das Gesicht eines Junglings, den er von Kindheit auf gekannt hatte, ehemals an Kaiser Wenzels Hofe durch Misverstande von ihm getrennt worden war, ihn denn unter Konig Siegmunds junger Ritterschaft wiedergefunden, und im Turkenkriege so manche tapfere That von ihm gesehen hatte, dass der Gedanke an vergangene Dinge ganz von Liebe und Bewunderung verschlungen ward. Es war der junge Kunzmann von Hertingshausen, welcher Herrmann ehemals, als beyde Junglinge noch Kaiser Wenzels Edelknaben waren, fur den Ursacher seiner Flucht vom Hofe gehalten hatte, wie sich vielleicht meine Leser noch aus der Erzehlung erinnern, welche der Ritter der treuen Minne ehemahls dem alten Munster von seinen Jugendgeschichten machte.

Kunzmann schien schon damahls, als er Herrmann im Turkenkriege wiederfand, allen alten Groll vergessen zu haben, und auch jetzt bewillkommte er ihn, wie man alte Freunde bewillkommt. Es war hier nicht der Ort viel Worte zu machen; ein Handedruck, und die Worte, mein Herrmann! mein Hertingshausen, waren alles was man sich sagen konnte, das ubrige wurde fur eine verabredete Zusammenkunft auf die kunftige Nacht verspart.

Konig Siegmund hatte sich jetzt lange nicht nach seinem neuen Diener zuruckgewandt, ein ernstes Gesprach mit den Gebrudern Gara hielt ihn fest. Man hatte die Pokale fleissig geleert, aber nicht der Becher der Freude war es, der hier um die Tafel ging, es war der Becher der hollischen Zwietracht. Herrmann hatte schon lang bemerkt, dass die gegen ihn uber sitzenden Fursten seinen Herrn nicht so anblickten, wie es ihnen zukam; verachtender Unwille, oder tuckische Schadenfreude war es, was er auf diesen vom feurigen Ungerweine hochroth gefarbten Gesichtern las. Auch misfiel ihm die Unterhaltung, welche zwischen Siegmund und den beyden Garas vorfiel. Sie schienen ganzlich zu vergessen, mit wem sie sprachen. Die Rede war von dem letzten Turkenzuge, man wechselte Vorwurfe, vertheidigte sich mit Hitze, und die Stimme des Feldherrn und seines Bruders erhob sich bald so sehr, dass sie jeden Laut von den Worten des Konigs verschlang.

Was ist dies? sprach Herrmann zu Hertingshausen, indem er an seinem Schwerd zuckte, sollen wir diese Beschimpfung unsers Herrn dulden. Das Getummel an der Tafel ward starker; jedermann erhub sich von seinem Sessel; hier und da wurden einige Schwerdter blos, und man begunnte so heftig auf den Konig einzudringen, dass die bosen Absichten, die man wider ihn hatte, nicht mehr zweifelhaft blieben. Herrmanns Schwerd fuhr aus der Scheide, ihm folgte Hertingshausen und die andern Junglinge. Siegmund ward von seinen Feinden zu Boden gerissen, man erkuhnte sich Waffen auf ihn zu zucken, die keinem Rittersmanne ziemen. Herrmann fasste den Andreas Gara, und riss ihn ungestum von seinem Herrn hinweg, indessen die andern Junglinge auf ahnliche Art mit dem Feldherrn Nikolaus verfuhren. Der Platz war erstritten, die Person des Konigs gedeckt, aber die Partie war ungleich. Die reisigen Knechte wurden herein gerufen, Siegmunds Retter theils zu Boden geworfen, theils entwafnet, der Konig auf die unwurdigste Art behandelt, und endlich so wie die, welche fest bey ihm hielten, mit Fesseln belegt.

Nur zwey hatten die Ehre, das Ungluck mit ihrem Konige zu theilen, Herrmann und Hertingshausen, die ubrigen, meistens weibische Hofjunker, liessen sich leicht durch Drohungen und Versprechen von ihrer Pflicht abziehen, und misgonnten es Siegmunds beyden treuen Dienern nicht, dass sie die nehmliche Begegnung mit ihrem Herrn erfuhren, gleich ihn mishandelt, gleich ihn gefesselt, und auf verdeckten Wagen nach einem Orte gefuhrt wurden, wo die heimtuckischen Magnaten hoffen konnten, ganz das Schicksal ihres Herrn in ihrer Macht zu haben, ohne eine Einrede von dem Volke befurchten zu durfen.

Neun und zwanzigstes Kapitel.

Wenzels Bruder kommt zum Vorschein.

Es war der Montag nach Sankt Vitalis Tag, als die Gefangenen auf dem Schlosse Soclos ankamen. Herrman kannte diesen Ort als den Hauptsitz des Hauses der Garas, und er konnte sich vorstellen, was der ungluckliche Konig an einem Orte, wo nichts die Gewalt seiner Feinde einschrankte, zu hoffen habe.

Doch tauschten ihn diesesmahl schrecklicher seine Erwartungen, welche ihm nichts als Beschimpfung und Tod fur seinen Herrn in der Ferne zeigten.

Die Begebenheit, welche Konig Siegmunden hieher brachte, war angelegter Plan; so wollte, so musste man sich seiner hinterlistig bemachtigen, um ihn vom Throne zu stossen, um einen andern auf denselben zu heben; aber in der Ausfuhrung dieses teuflischen Anschlags hatte man allerdings die Granzen uberschritten, welche man sich vorgeschrieben haben mochte, und man hielt es fur gut, nun zu den Regeln der Bescheidenheit und des Wohlstandes zuruckzukehren. Die Krafte des Weins hatten bey jenem unglucklichen Mahle verursacht, dass Siegmunds Feinde es ganz vergassen, dass der, den sie wie einen Sclaven behandelten, doch gleichwohl ein Konig war, dass sie sich selbst noch mehr als ihn durch ihre unwurdige Auffuhrung beschimpften. Der Rausch war ausgeschlafen. Wuth und Rache kochten nach wie vormahls in den Herzen der Garas, aber sie schamten sich eine Rolle fort zu spielen, welche ihnen das Recht entreissen, und es auf die Seite des verhohnten Sohns Kaiser Karls des vierten wenden musste.

Dem Konige wurden die Fesseln abgenommen; man gab ihm statt des Kerkers, in den er anfangs geworfen ward, ein wohlverwahrtes Gemach, ging so weit ihn zu fragen, ob er die Aufwartung seiner gefangenen Diener verlange, und ihm auf die Bejahung dieselben ihrer Fesseln entladen zuzuschicken.

Siegmunds Zustand war leidlich, und er wurde noch ertraglicher als Nikolaus und Andreas ihr Schloss verliessen, weil Reichsgeschafte sie in die Hauptstadt forderten, und ihrer Mutter die Aufsicht uber ihren erhabenen Gefangenen ubertrugen.

Es ist unmoglich, dass ich bey dieser Stelle der Geschichte, so wie bey andern vorbeyschlupfen kann, ich muss meinen Lesern einige Worte von dieser Helena Gara, der Wittwe des Nikolaus, den Siegmund ehemahls ermorden liess, der Stiefmutter des Feldherrn Nikolaus und des Statthalter Andreas sagen. Sie war eine junge schone Person von funf und zwanzig Jahren, welche zu wenig Kummer uber den Verlust ihres bejahrten Gemahls gefuhlt hatte, um einen dauernden Hass wider seinen Morder zu fassen. Sie sprach nur von Rache und Blut, so lange es ihre Sohne horten, schmiegte sich nur in ihre Anschlage, weil sie musste, und sahe Siegmunds Gefangenschaft auf dem Schlosse Soclos aus Ursachen gern, welche mit den Anschlagen seiner Feinde nichts gemein hatten.

Helena war ein Weib, wie es in den damahligen Zeiten viel gab, ein Wesen aus Ueppigkeit und Herrschsucht zusammen gesetzt. Siegmund war ungeachtet seiner Jahre einer der schonsten Prinzen der damaligen Zeit, er war, seine Widersacher mochten ihn nun nennen wie sie wollten, war ein Konig; so lange Wenzel lebte, der Bruder eines Kaisers, und starb dieser, oder verlor er den Thron, sein wahrscheinlicher Nachfolger; was fur Betrachtungen fur die Dame des Schlosses! Hatte sie auch noch eine Wahl? konnte sie noch zweifelhaft seyn, ob sie den ungerechten weitaussehenden Anschlagen ihrer Sohne beytreten, oder sich eines unschuldigen Prinzen annehmen wollte, der ihr das, was sie fur ihn thun konnte, auf doppelte Art zu vergelten vermochte?

Helena sah sich schon im Geist als Siegmunds Geliebte, als seine Gemahlinn, als die Besitzerinn des hochsten Throns der Welt, und die ersten Schritte, die Erfullung ihrer Wunsche einzuleiten, wurden eilig gethan. Sie genoss des unumschrankten Zutrauens ihrer Sohne, sie wusste, dass sie durch das Geschaft, den jungen Ladislaw, auf Siegmunds erledigten Thron zu befestigen, lang wurden abwesend gehalten werden, und sie saumte nicht, ihren Operationsplan zu erofnen.

Konig Siegmund bekam einen ganzen Flugel des Schlosses zu seiner Bewohnung, seine Hofstatt, welche bisher nur aus Kunzmann und dem Ritter von Unna bestand, wurde vermehrt. Er ward koniglich bedient, bekam Erlaubnis, den Garten zu besuchen, und konnte es an nichts abnehmen, dass er ein Gefangner war, als an der Wache, welche seine und seiner Diener Schritte allemahl in einiger Ferne beobachtete.

Siegmund jauchzte uber die Veranderung seines Schicksals, welche ihm Anlass gab, seine Hoffnungen noch mehr zu erweitern. Er forschte nach dem Grunde der glimpflichen Begegnung, die ihm wiederfuhr, und es konnte ihm nicht lang verborgen bleiben, dass er ihn in der Gewogenheit der Furstinn Gara suchen musse. Helenas Bild hing in allen seinen Zimmern, auch hatte sie Siegmund etliche mahl von Fern im Garten gesehen und bewundert.

Weiberschonheit war die Klippe, an welcher er am leichtesten scheiterte, auch war sein Wohlgefallen an den Reizen der Damen mit einer so guten Meynung von seinen eigenen verbunden, dass er sich keine schone Frau als grausam gegen seine Liebe vorstellen konnte. Wie Helena gegen ihn gesinnt war, das konnte ihm nicht lang verborgen bleiben, ihre Handlungen sprachen fur sie. Siegmunds Liebe zur Gemachlichkeit, die er mit seinem Bruder gemein hatte, sein Herz zu sinnlichen Vergnugen, ward taglich auf neue Art geschmeichelt, und seine Dankbarkeit, seine Neigung fur die schone Zauberinn, die so sinnreich war, ihm seine Gefangenschaft angenehm zu machen, wuchs desto mehr, da sie schlau genug war, ihm nie in den Weg zu kommen, ihm die Moglichkeit ihr personlich zu danken stets vergeblich wunschen zu lassen. Die Gemalde von ihr, und die Lobeserhebungen der Leute, welche sie ihm zugegeben hatte, machten Siegmunds Dankbarkeit zur Liebe, die Begierde sie zu sehen, zur Flamme. Es wurden heimliche Anschlage geschmiedet, Botschaften hin und her geschickt, zufallige Zusammenkunfte veranstaltet, bis endlich ein Verstandnis zwischen beyden zu Stande kam, das man fur gut hielt, des Wohlstands wegen, mit einem Schleyer zu umhullen, der aber durchsichtig genug war, allen Bewohnern des Schlosses nichts zu rathen ubrig zu lassen.

Kunzmann von Hertingshausen spielte bey diesen Dingen eine grosse Rolle, er schien zu dem Geschaft, Unterhandler einer verbotenen Liebe zu seyn, einen sonderlichen Beruf zu haben, und er erwarb sich durch seine Talente die granzenlose Neigung seines Herrn.

Herrmann war in solchen Dingen einfaltig, er kannte nur eine Art Liebe, die, welche er fur seine Ida fuhlte, oder wie sie etwa zwischen Engeln statt finden mag. Verbindungen von anderer Art nannte er verboten, und war nicht schlau genug seinen Widerwillen dafur zu verbergen. Er hatte als Knabe an Kaiser Wenzels Hofe, als er noch geneigt war, alles fur Recht zu halten, was sein Herr that, Leichtsinn und Ueppigkeit in ihrer hasslichen Gestalt kennen gelernt, und er trauerte aufrichtig, hier diese Auftritte von einem Fursten erneuert zu sehen, den er liebte und schatzte, an dem er so ungern eine Familiengleichheit mit seinem schwelgerischen Bruder entdeckte.

Konig Siegmund war nicht gewohnt Misbilligung seiner Handlungen in den Augen seines Dieners zu lesen. Herrmann ward zuruckgesetzt, und der schlaue Bote der Liebe, der gefallige Hertingshausen uberall hervorgezogen.

Da Herrmanns Achtung fur seinen Herrn zu fallen begunte, so ward der Vorzug, den ein anderer vor ihm erhielt, nicht allzu schmerzhaft von ihm empfunden. Er beneidete Kunzmann sein Gluck bey einem Fursten nicht, den er jetzt, ach wie gern, verlassen hatte. Was soll ich endlich hier in diesem weichlichen mussigen Leben? sagte er zu sich selbst. Ist dies die Art sich empor zu schwingen, sich der Hand einer Grafinn von Wurtemberg wurdig zu machen? O fliehe, fliehe Herrmann! hier vertraumst du deine Zeit auf strafbarere Art, als die gewesen seyn wurde, welche dir Munster in einem so gehassigen Lichte vorstellte!

Dreyssigstes Kapitel.

Von Konig Siegmunds Bestandigkeit,

ein kurzes Kapitel.

Alles Ding hat seine Zeit, Liebschaften von dem Gehalt wie die zwischen Siegmund und Helenen sind nie daurend, und wir waren fast geneigt der Dame die Ehre anzuthun, und ihr wenig Erfahrung in diesem Stucke zuzutrauen; wie hatte sie sonst hoffen konnen, ihren Geliebten ewig zu fesseln? einst noch an seiner Seite die Krone zu tragen? Liebe und Zutrauen auf ihre allmachtigen Reize mussten sie verblenden; sie musste nie etwas von den vorigen Geschichten des flatterhaften Stegmunds gehort haben. Ihre gute Meynung von seiner Treue war granzenlos, er beherrschte sie ganz, und es kam bald dahin, dass er kein Gefangner mehr, dass er unumschrankter Gebieter auf dem Schlosse Soclos war.

Dass Siegmund ins Geheim drauf sann sich einer ihm lastig werdenden Buhlerinn, und seiner Einkerkerung auf einmahl zu entledigen, das kam ihr nicht in den Sinn, und sie ward wurklich uberrascht, schrecklich uberrascht, als sie eines Tages den Konig, vollig zur Abreise gerustet, in ihr Zimmer treten sah. Sie stutzte, rieth auf eine Jagdpartie, und bot sich an, wie gewohnlich, ihren Geliebten bey derselben zu begleiten. Nein, sagte Siegmund, meine schone Furstinn, ich muss euch ganzlich verlassen!

Verlassen? haftet nicht mein Leben fur eure Freyheit? und ist nicht das meinige in Gefahr, wenn ich langer hier verweile? Eure rebellischen Sohne sind von der Gute benachrichtigt, mit welcher ich hier behandelt werde; bald werden sie erscheinen, und mich mit Fesseln belegen, welche nicht so leicht seyn werden wie die Eurigen.

Ja wohl leicht! Es kostet euch wenig Muhe sie abzuschutteln!

Helena! Werde ich hier in den Armen der Liebe den Anfang machen konnen, mich von neuem auf den Thron zu schwingen, von welchem man mich verdrangt hat? Bedenkt, was ihr fordert, bedenkt das Gluck, den Ruhm dessen, den ihr liebt!

Helena fiel in ein tiefes Nachdenken, aus welchem sie mit der Frage erwachte; Ob er, wenn das Gluck ihn bey seinen Unternehmungen begunstigte, ihrer noch gedenken, Liebe und geschworne Treue nicht vergessen wollte?

Siegmund, welcher nichts auf die Bundigkeit im Rausch der Leidenschaft gethaner Schwure hielt, schlupfte bey der Erinnerung an dieselben vorbey, aber er versetzte seine Reden mit so viel Sussigkeiten anderer Art, dass die Furstinn getauscht ward und in seine Entfernung willigte. Sie bat nur um einen, dann nur um zwey, um mehrere Tage, sich mit ihrem Geliebten zu letzen, bis der Konig, aus Besorgniss, man mochte ihm endlich aus lauter Liebe Zeit und Mittel zur Freyheit ganzlich rauben, heimlich davon ging, und Helenen dadurch den Vortheil verschafte, bey ihren Sohnen ausser Verdacht eines Antheils an seiner Flucht zu bleiben.

Ein und dreyssigstes Kapitel.

Etwas von Potiphars Weibe.

Niemand war uber die Entfernung aus dem Pallast dieser Circe erfreuter, als Herrmann. Er jauchzte, endlich einmahl dem Mussiggang entrissen zu werden, ohne darum seinen Herrn verlassen zu durfen, den er jetzt fur einen Neubekehrten der Tugend zu halten, ihn wieder zu lieben begann. Seine Tauschung dauerte kurze Zeit. Siegmund lenkte seinen Weg nach dem Grafen Cyly, dem Bruder des Gemahls seiner Schwester, und hier warteten seiner Begebenheiten, welche das Herz seines treuen Dieners von neuem von ihm wenden mussten.

Immer waren die Cylys treue Anhanger Siegmunds gewesen; der eine ward durch das Band der Verwandschaft an ihn gefesselt, und der andere, eben der Graf Peter Cyly, zu welchem jetzt die Reise ging, ward durch einen Zauber von noch starkerer Art zu ihm hingerissen. Graf Cyly der Jungere, sonst auch Peter der Einfaltige genannt, verdiente diesen letzten Namen vollkommen, er war ein Kind an Verstand, hatte nichts das ihn auszeichnete als seine schone Gemahlinn Barbara, ehemahls erstes Hoffraulein der Koniginn Marie von Ungarn, jetzt, durch Konig Siegmunds Gnade, die Seinige. Eben diese Barbara war das Mittel ihn in unverletzlicher Treue seines Herrn zu erhalten, von welcher ihn sonst ein jeder, der seine Schwache zu nutzen wusste, hatte losreissen konnen. Barbara war ihrem Konige von jeher mit besonderer Gewogenheit zugethan, sie behauptete, es sey nur Dankbarkeit, dass er sie mit Peter dem Einfaltigen verband, die sie auf jeden Vortheil ihres Wohlthaters aufmerksam machte, und ihr Gemahl glaubte dieses aus ganzem Herzen; aber andere Leute hatten andere Gedanken hieruber, und die Folge wird lehren, welche Meynung die richtigste war. So viel ist gewiss, dass sie Graf Petern, welcher immer einen Antrieb von aussen nothig hatte, wenn er sich regen sollte, in steter Thatigkeit zu Siegmunds Besten erhielt, da wo seine Schlafrigkeit nichts auszurichten vermochte, selbst handelte, und die Hauptursach war, warum sich Konig Siegmunds Schritte jetzt lieber nach dem Schlosse ihres Gemahls als nach einem andern Orte lenkten. Konig Siegmund und seine beyden Knappen, Herrmann und Hertingshausen, wurden mit offenen Armen empfangen, und obgleich Graf Peter mit einfaltigem Herzen seine Erscheinung unverhoft, uberraschend nannte, so schien doch Barbara ihren hohen Gast langst erwartet zu haben.

Herrmann war nicht so verblendet wie Graf Cyly, er sah das verdachtige Augenspiel zwischen Siegmunden und der Grafinn, sah, dass auch Hertingshausen von diesen Geheimnissen wissen musste, und dass er von der schonen Barbara als ein alter Bekannter behandelt ward. Ihm ward es klar, dass in der letzten Epoche des Aufenthalts auf Helenens Schlosse, da Siegmund und seine Leute nicht mehr wie Gefangene behandelt wurden, Hertingshausen nur darum so ofters abwesend war, weil er ein geheimes Verstandniss zwischen dem Konige und der Grafinn unterhalten musste, und dass dieser Helenen nicht so wohl aus Ueberdruss des unthatigen uppigen Lebens, als vielmehr aus Sehnsucht nach seiner alten Freundinn der Grafinn Barbara floh.

Wenig Tage reichten zu, Herrmann zu uberzeugen, dass die Auftritte von Soclos hier wieder von vorn angehen wurden, und dass er vergebens gehofft hatte, hier endlich in Thatigkeit gesetzt, seinem Gluck naher gebracht zu werden.

Seine Entschlusse, seinen Herrn zu verlassen, wurden erneuert, er fand nichts, das ihn hier zuruckhielt. Zwar wurde zuweilen in Siegmunds Kabinet davon gesprochen, dass nachstens ernstliche Schritte gethan werden sollten, ihn wieder auf seinen Thron zu erheben, aber dieses Nachstens ward immer weiter hinaus geschoben, und die Mittel, deren man sich zur Erreichung dieser grossen Absichten gebrauchen wollte, waren nicht so wohl das Schwerdt, als List und heimliche Ranke; Dinge, auf welche Herrmann sich nicht verstand, und die er in seiner Einfalt nicht zu billigen vermochte.

Was ihm den Aufenthalt auf Cylys Schlosse noch mehr verbitterte, war der Mangel an irgend einem Freunde, den er lieben oder sich ihm vertrauen konnte. Schon zu Soclos hatte sich Hertingshausen ihm in einem nachtheiligen Lichte gezeigt, aber hier verlor er vollends alles, was einen Herrmann zu seinem Freunde machen konnte. Hertingshausen schien hier nicht nur Unterhandler sondern auch Theilnehmer der verbotenen Liebe seines Herrn zu seyn. Er hatte keine Augen als die schonste Grafinn von Cyly, und diese legte den ihrigen nur so lange Zwang an, als sie von Siegmunds bemerkt ward, vor Herrmann, den sie anfangs fur ein unschadliches unbedeutendes Geschopf hielt, scheute sie sich hierinn so wenig als vor Peter dem Einfaltigen.

Herrmanns unschuldiges Herz hielt einen solchen Leichtsinn, als er an der Grafinn bemerkte, fast fur unglaublich, er traute seinen Sinnen kaum, er kannte die allumfassende Mannerliebe dieser Messaline, von welcher die Geschichte noch jetzt zu sagen weis, noch nicht, und ward erst dann uberzeugt wer Barbara sey, als sie endlich ihre Augen auch auf ihn warf, auch ihn in ihre Stricke zu ziehen suchte.

Man erlaube mir, alle Auftritte, welche hieher gehoren, mit Stillschweigen zu ubergehen, genug sey es zu sagen, dass sie Herrmannen Cylys Schloss zur Holle machten, dass er auf nichts sann, als auf die Flucht, und dass ihn nur noch die Ueberlegung zuruck hielt, ob er schweigen, oder seinem Herrn die Augen uber die Auffuhrung seiner Geliebten ofnen sollte.

Das erste verbot ihm die Redlichkeit, und das andere seine Delikatesse, hatte er nicht durch ein solches Gesprach mit Siegmunden gestanden, dass er seine Anspruche auf Graf Peters treuloses Weib kenne, und gewissermassen billigte? Er blieb unentschlossen, bis neue Entdeckungen seinen Abscheu vor Cylys Schlosse und seinen Bewohnern aufs hochste brachten, und ihn fast blindlings von dannen trieben.

Die Verachtung, mit welcher er die Liebe der Grafinn belohnte, erregten ihren Hass, der bald auch in Siegmunds Herz ubergetragen wurde. Herrmann war nicht mehr nachst Hertingshausen, der ihn schon zu Soclos von der ersten Stelle gedrangt hatte, des Konigs Vertrauter, er wurde nicht mehr zu den Berathschlagungen gezogen, welche wegen Siegmunds Thronbesteigung gehalten wurden, nur das merkte er aus fluchtig aufgefangenen Worten, dass Siegmunds Absichten jetzt nicht mehr blos auf die ungarische Krone gingen, dass ihm die herrschsuchtige Barbara Begierden nach einer noch hohern einzuflossen gewusst hatte. Ihr war einst der Name Kaiserinn geweissagt worden, sie sah sich schon als Siegmunds Gemahlinn an, wer konnte sich wundern, dass sie ihn antrieb die Stufe zu erreichen, nach welcher sie strebte, und auf welche er sie erheben konnte.

Alle diese Dinge gefielen Herrmannen ubel, er horte Anschlage wider Wenzeln, unter welchen damahls schon der Thron zu schwanken begunnte, Anschlage wider Herzog Friedrichen von Braunschweig, der nebst noch einigen andern grosse Hoffnung zur Kaiserkrone hatte, und sein Herz zitterte, hier nicht augenblicklich retten und warnen zu konnen. Er vergass ganz, dass letzterer sein Mitbuhler war, dass ihn Graf Eberhardt zu Idas Gemahl bestimmt hatte, er sah nur in ihm den meuchelmorderisch verfolgten Fursten und hatte sein halbes Leben drum gegeben ihn sowohl als Wenzeln aus der Gefahr reissen zu konnen.

Keine Nacht mehr in dieser Morderhole, wie ihn Graf Cylys Schloss jetzt schien, zu bleiben, war sein fester Entschluss. Er machte sich auf die Flucht, aber es war nicht so leicht aus diesem Bezirk zu kommen als er meynte. Der Park, durch welchen sein Weg ging, war mit einer hohen Mauer umgeben, deren Pforte bey Nacht verschlossen und am Tage nie unbewacht war. Es ward ihm immer deutlicher, dass Konig Siegmund und seine Leute, hier sich im Grunde so wenig der Freyheit zu ruhmen hatten, als auf dem Schlosse Soclos. Herrmann hatte die Nacht zur Ausfuhrung seines Entschlusses gewahlt, jetzt musste er sich entschliessen, den Morgen zu erwarten weil er hoffen konnte, durch ein gutes Geschenk den Thorwachter der Parkmauer eher uberwinden, als durch seine Starke die eiserne Pforte erbrechen zu konnen. Er lagerte sich in eine Laube, dergleichen in allen Ecken dieses zauberischen Orts angelegt waren, und war hier Zeuge einer Unterredung, welche uns wichtig genug dunkt, dem Leser in einem besondern Kapitel vorgelegt zu werden.

Zwey und dreyssigstes Kapitel.

Abentheuer in der Laube.

Herrmann ward bald gewahr, dass er sich in der geraumigen Laube nicht allein befand. Seine Sicherheit erforderte, sich verborgen zu halten, und Nothwendigkeit und Zufall machten ihn zum Lauscher; ein Name, auf welchen er sonst nie Anspruch zu haben wunschte. Wer seine Gefahrten waren, werden meine Leser aus dem Fragment einer Unterredung sehen, welche Herrmann durch seine Ankunft veranlasste.

Horch! Ein Gerausch!

Nicht doch, Grafinn, es war das Rauschen der Blatter!

Ich wollte nicht, dass uns jemand belauschte?

Wer wollte denn? Eure beyden Gemahle hat der Wein in festen Schlummer gewiegt

Spotter! Meine Gemahle! Bist du eifersuchtig Hertingshausen?

Die Gemahle mogen es auf den Liebhaber seyn, und dieser nicht auf jene!

Und sie konnten es werden! Kunzmann! Kunzmann! ein andermahl vorsichtiger! Diesen Abend vergassest du dich ganz und gar. Sey doch zufrieden, unter vier Augen an der Seite deiner Barbara sitzen zu durfen; aber in Gegenwart des Konigs? in Gegenwart Graf Peters? Gewiss der Wein musste dich bethoren!

Hat nichts zu sagen, Siegmund sah und horte wenig mehr, und der Graf hatte auch seinen guten Rausch?

Weisst du nicht, dass die Einfaltigen im Rausche klug, die Verzagten muthig werden?

Ja bey Gott, muthig! Nuchtern hatte er es nicht wagen sollen, mir einen Kuss auf eure Lippe mit einem Hiebe uber meine Schultern zu belohnen.

Pfui, Kunzmann! jetzt besinne ich mich: dieser Schlag haftet noch auf deinen Rucken. Steh auf von mir! Ich kann keinen Mann an meiner Seite dulden, den Peter der Einfaltige schlug.

Grafinn!

Du bist noch ein purer lautrer Edelknabe! steh auf sag' ich dir! Herrmann hatte keinen Schlag vom Graf Petern keinen Schlag vom Konige Siegmunden ungerochen erduldet.

Herrmann? Grafinn? macht mich nicht unsinnig! Der Nichtswurdige! Ihr wisst, was ich einesmahls bemerkte! Nicht wahr, er ware glucklich bey euch gewesen, wenn er gewollt hatte?

Die Tapfern sind ja allemahl glucklich?

Zum rasend werden! Herrmann! Herrmann! du musst sterben! Wo bist du? wo soll ich dich finden?

O ja doch! wer sich nicht furchtete! Graf Peter wird morgen unter des tapfern Herrmanns Schutz auf die Jagd gehen! habt ihr etwa Lust euch zugleich an beyden zu rachen? Geht, geht, wir wollen sehen was euch Liebe und Rache eingiebt; aber ich denke wohl, eure Hande, eure Kleider werden morgen noch so rein seyn wie heute; wer wollte die zarten Pagenhande, die seidnen Hofkleider gern mit Blut besprutzen.

Die Rede der Furie war durch oftere Fluche des aufgebrachten Hertingshausen unterbrochen worden; beym letzten Worte brausste er wie ein Sturmwind zur Laube hinaus, und Barbara schickte ihm ein teuflisches Gelachter nach.

Herrmann war so betaubt, dass er nicht wusste, was er thun sollte; doch hatte ihn der Schluss von Barbaras Rede und Kunzmanns schnelles Hinwegeilen nachgetrieben, wenn er nicht auf einige Augenblicke noch zuruckgehalten worden ware. Er pflegte nie vor seinem Feinde zu fliehen, auch war ihm vor Graf Peters Leben bange, mit welchem er wirklich eine Jagdpartie, auf den nunmehr seiner Flucht geweihten Tag verabredet hatte, und den er mit unter die Unmundigen und Weiber rechnete, die er als Ritter zu schutzen verbunden war.

Das was ihn noch auf einige Minuten zuruckhielt, war der Eintritt von Barbaras Zofe.

Brecht auf, ihr Liebenden! rief die glattzungige Dirne, der Tag erwacht!

Die Losung, erwiederte Barbara, gilt heute nichts, ich bin allein.

Allein?

Ich habe Hertingshausen ein wenig aus dem Schlummer geschuttelt. Herrmann und Peter durfen keinen Tag langer leben; ich habe ihnen den ergrimmten Wolf auf den Hals gehetzt. Ich kenne Kunzmann nicht, oder er todtet sie, wo er sie findet.

Aber warum? Gott warum?

Narrinn! Jeden Tag neue verachtende Blicke von dem einen, und gestern Abend diesen Auftritt mit dem andern? Das fehlte noch, dass Peter der Einfaltige Muth bekame, meine Lieblinge zu schlagen, bald wurde die Reihe auch an mir seyn.

Grafinn, darf ich noch immer euch nicht blutgierig nennen?

Blutgierig? Ich erinnere dich zum zweytenmahl an Marien. Lebt sie nicht noch ruhig in ihrem Kloster? verachtete ich es nicht, mein Gluck auf ihr Blut zu bauen?

Dass Herrmann diese Worte wohl vernahm und beherzigte, werden wir aus der Folge sehen, uns aber ist es fast unbegreiflich, wie sie bey der Eile, mit welcher er in dem nemlichen Augenblick, da sie gesprochen wurden, die Laube verliess, ihm horbar seyn konnten.

Was war das? schrie die Zofe, welcher Herrmann im Vorbeystreichen einen gewaltigen Stoss gab. Gott! rief Barbara, wenn man uns belauscht hatte! Gerade da ihr von der Koniginn spracht, erhub es sich von jener Seite wie ein Sturmwind. Ach Grafinn! ich furchte! ich furchte! Sind eure Hande rein an Mariens Blut? Ich schwore es dir! Warum hatte ich eine Nebenbuhlerinn, die mir so wenig Schaden in Siegmunds Herzen that, todten sollen? ohne Noth vergiesse ich kein Blut! Es ist schauerlich hier! sprach die Zofe, auch bricht der Tag an. Gefallt es euch nach Hause zu gehen? Barbara schwieg, und beyde verliessen die Laube.

Drey und dreyssigstes Kapitel.

Wer andere aus der Grube ziehen will,

fallt oft selbst darein.

Herrmann durchflog den Wald, um seinen Verfolger zu finden, er fand ihn nicht. Er eilte nach dem Schlosse, um Graf Petern zu warnen, auch dieser war nicht zu finden. Seine Kammerdiener sagten, der Ritter von Hertingshausen habe ihn vor einer halben Stunde im Namen Konig Siegmunds abgefordert; auch nach Herrmann sey gefragt worden, weil er in dem nemlichen Flugel des Schlosses seine Wohnung hatte, und man habe geantwortet, er sey wahrscheinlich auf die Jagd gegangen.

Herrmann konnte errathen, welchen Weg Kunzmann mit dem unglucklichen Grafen genommen habe, Peters Einfalt an jeden Ort zu locken, wohin er wollte, konnte dem schlauen Verrather nicht schwer werden. Der Retter des armen Schlachtopfers verdoppelte seine Schritte, aber er hatte den Schlosshof noch nicht zuruckgelegt, als er sich von der Wache umgeben sahe, welche ihm in Konig Siegmunds Namen das Schwerd abforderte, und ihn bat, ohne Weigerung den Arrest anzunehmen, den man ihm ankundigte.

Herrmann folgte, oder vielmehr er musste folgen. Seine Weigerung hatte nichts gefruchtet, als dass er vielleicht einige von den unschuldigen Ausrichtern des koniglichen Befehls verwundet oder getodtet hatte, ohne sich frey zu machen. Man brachte ihn in einen Thurm, der an der Nordseite des Schlosses stand, zuckte auf seine Frage, was er verbrochen habe, die Achseln, und versprach, auf seine Bitte, Leute in den Wald zu schicken, um Graf Petern aufzusuchen, welcher, wie er sagte, von Lebensgefahr bedroht wurde.

Um den Mittag ward der Gefangene vor seinen Richter gestellt, Konig Siegmund sah ihn mit einem Blicke an, den er noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Herrmann stand vor ihm mit jener festen Miene, die nur der Unschuld eigen ist. Schleicher! niedertrachtiger Heuchler! rief der Konig endlich. Musstest du darum den Tugendprediger machen, auf jene erlaubte Lust mit neidischem richtenden Blicke hinschielen, um im Verborgenen nach demjenigen streben zu durfen, was das Eigenthum deines Herrn ist?

Mein Konig! sprach Barbara, die Herrmann jetzt erst gewahr ward, verzeihet, verzeihet seiner Jugend! Er hatte den Wein vielleicht zu oft kredenzt, seine Sinne waren benebelt, und uberdies, was ist ein Kuss?

Ein Kuss? schrie Siegmund, ein Kuss ist euch Kleinigkeit? Verratherinn! ihr liebt Herrmann, sonst wurdet ihr nicht so sprechen!

Hat man mich vielleicht vor Hertingshausen genommen? fragte Herrmann mit verachtendem Blicke auf die Grafinn.

Bist du mit meinem Augen im Bunde? rief der Konig. Auch mir stellten sie bey der verruchten That nicht deine, sondern Hertingshausens Gestalt vor; aber ich war im halben Schlummer, und die Grafinn hat Recht; nicht er, du warest es, der sich an meinem liebsten Kleinod vergriff!

Mein Herr! mein Konig! sprach Barbara mit bittendem Blicke, gewiss ihr irrt; ja ja, Hertingshausen war es, nicht der arme unschuldige Herrmann! nur ihn, nur ihn schont, wenn ihr nicht auch mich todten wollt!

Fort aus meinen Augen! schrie Siegmund. Nicht der Kuss bringt dich ums Leben, der ist ja Kleinigkeit, wie die Grafinn sagt, aber, dass sie dich liebt, dass die Schonste der Welt dich liebt, mit dir sterben will, O entsetzlich! Fort! Fort aus meinen Augen? Herrmann ward in sein Gefangniss zuruckgefuhrt. Er durchschaute den ganzen Plan seiner verruchten Anklagerinn: ihre schwankenden Reden, ihre kunstlich geausserte Zuneigung sollte Siegmunds Eifersucht aufs hochste treiben, sie, das wusste sie, konnte sich mit einem Blick, einer Thrane vor dem Zorn ihres Geliebten schutzen, aber Herrmann musste das Opfer desselben werden.

Das war ein Meisterstreich! sagte Barbara, als sie mit ihrer Zofe allein war. Siegmund hatte im Rausche nur allzugut gesehen. Mein Hertingshausen hatte unausbleiblich sterben mussen! Wie gut, dass ich Siegmunds benebelten Augen Herrmanns Bild unterschieben konnte.

Ich war so froh, sagte die Zofe, als ich ihn hier auf dem Schlosse sah, war so froh, dass er Kunzmanns blutgierigem Schwerdte entgangen war, und nun dieser neue Anfall! O hatte ich euch nur nicht gesagt!

Weichherzige Narrin! ich glaube, du weinst?

Und ihr liebtet ihn doch ehemals!

Komm in meine Lage, und du wirst erfahren, welch einen Hass verschmahte Liebe erzeugt!

Herrmann konnte ich nicht hassen, wenn er mich tausendmahl verschmahte!

Hor auf! und sieh nach dem Fenster, das auf die Heerstrasse geht Kommt Hertingshausen noch nicht? Er wird doch einen von meinen Auftragen ausgerichtet haben!

Die Zofe weinte und sahe durchs Fenster, welches Herrmann zur nemlichen Zeit in seinem Gefangnisse auch that.

Der nordliche Thurm des Schlosses, wo Herrmann war, hatte die Aussicht auf die Heerstrasse, die sich vom Walde nach dem Schlosse herauf zog. Der Abend dammerte heran, ein Trupp Reuter that sich aus dem Wald hervor, und sprengte mit verhangtem Zugel aufs Schloss zu. In ihren Blicken sass Entsetzen, und die Worte, welche sie, als sie sich jetzt am Thor von den Pferden schwangen, mit einander wechselten, waren mehr verworrnes Geschrey, als Gesprach zu nennen. Doch war Herrmanns vergittertes Fenster niedrig genug, um ihn einige abgebrochene Laute verstehen zu lassen. Der entsetzliche Fang, rief der eine von den Reutern, den ihm der Eber in die linke Seite gegeben hat, nie sah ich etwas ahnliches. Ja wohl! schrie der andere, mehr die Wunde von einem breiten Schwerdte, als von dem Hauer einer wilden Bestie! der Ritter von Unna sagte es wohl, als er uns ihm zu Hulfe schickte, er muss den Geist der Weissagung haben!

Und ganz ganz todt?

Ja leider! Er war doch ein guter Herr! betrubte kein Kind!

Mich jammerte der brave Kunzmann, der muss ihn recht vertheidigt haben! er blutete auch stark!

Stand er nicht wie das lebendige Bild der Verzweiflung neben dem Todten und weinte und raufte sein Haar! nie dachte ich, dass er ihn so liebte!

Er mag ihn ja geliebt haben! rief einer von denen, welche zuerst geredet hatten, und Herrmann schlug sein Fenster zu und sank fast empfindungslos auf den Boden.

So? So triumphirt das Verbrechen, und die Unschuld muss verderben? O ewiger Richter wo ist deine Rache? So rief Herrmann und verfiel in eine Betaubung, aus welcher er erst nach einer Viertelstunde durch das hole Rasseln eines Wagens geweckt wurde. Das Geschrey, das sich erhub, unter welchem er auch die klagende Stimme der Grafinn zu vernehmen glaubte, sagte ihm, dass man den Leichnam des unglucklichen Grafen von Cyly brachte. Ein kalter Schauer uberlief seine Glieder, und er vermochte nicht ans Fenster zu gehen, und das klagliche Schauspiel mit anzusehen.

Es ist schwer zu beschreiben, mit was fur Gedanken und Empfindungen Herrmann die Zeit der furchterlichen Stille, die auf dieses Trauergetos folgte, zubringen mochte. Es war weit nach Mitternacht, als er aus seinen schrecklichen Traumereyen durch ein Gerausch an der Gefangnissthur geweckt wurde.

Die Riegel ofneten sich. Eine weibliche Stimme rief, Ritter von Unna, ihr seyd frey!

Ich frey? auf wessen Befehl?

Durch Hulfe eines armen Madchens, welches Mitleid mit euch hat, und ihre schweren Sunden gern durch eine gute That abbussen wollte. Fliehet! Fliehet! ehe es zu spat wird!

Ich fliehen! Die Unschuld fliehet nie!

Gilt eure Unschuld hier etwas?

Ich muss wenigstens erst Graf Peters Blut rachen, seinen grausamen Morder entdecken!

Wird man euch horen?

Siegmund muss, muss mich horen! Ich will diese Barbara vor seinen Augen entlarven!

Meine Frau? O ich bitte euch, macht euch nicht unglucklich.

Deine Frau? Bist du auch eine von ihren Sundengenossinnen?

Ich bin! ja ich bin! o ich bitte euch, fliehet! Die Grafinn hat jetzt allein auf dem Schlosse zu gebieten. Der Konig hat es vor einer Stunde eilig verlassen. Ein reitender Bote von Prag, brachte Nachrichten. Man spricht von wichtigen Veranderungen. Aber was mache ich, eilet, ehe es zu spat wird! Ich muss den Thurm wieder verschliessen, in welchem man gesonnen ist, euch durch Hunger zu todten. Man wird euch nicht gleich vermissen, weil in den nachsten Wochen niemand diese Schlosser wieder offnen wird, aber mich wird man vermissen, und ihr macht ein Madchen, welches es gut mit euch meynet, unglucklich, wenn ihr langer zogert.

Es ist wohl zu glauben, dass Herrmann nach dem, was er hier vernahm, nicht langer zogerte, seiner Retterinn zu folgen. Er druckte ihr dankend die Hand und fragte nach ihrem Namen: sie nannte ihn, und erzahlte zum Abschied, (welche Zofe hort auch in den bedenklichsten Augenblicken auf zu erzahlen) erzahlte, dass Ritter Kunzmann seiner Verwundung und des Bittens der Grafinn ungeachtet den Konig hatte begleiten mussen, und dass dieser vermuthlich aus einem Ueberbleibsel von Verdacht ihn nicht so gnadig wie vordem angeblickt habe.

Vier und dreyssigstes Kapitel.

Herrmann wird mit einer Lowenhaut bekleidet.

Herrmann flohe, flohe mit Vorsichtigkeit, denn er wusste, der Zorn eines rachsuchtigen Weibes verfolgte ihn. Auf seinem Weg, der lang genug dauerte, kamen ihm Zeitungen mancher Art entgegen. Kaiser Wenzel war so gut als abgesetzt, seine Gemahlinn, die vortrefliche Sophie, theilte das Elend, in welchem er lebte, grossmuthig mit ihm, sie schien ihn jetzt, da er durch Ungluck gedemuthigt war, erst liebzugewinnen, bemitleidete ihn, rechnete es ihm hoch an, dass er Susannens Stelle nicht durch eine neue verachtliche Mitbuhlerinn ersetzte, und war edelmuthig genug, selbst dieses elende Geschopf zu bedauren. Diese ungluckliche Kreatur sollte, um ihrem erhabenen Liebhaber ganz ahnlich, eine wurdige Gefahrtinn seiner Schwelgereyen zu werden, die Pokale, welche Wenzels tagliches Contingent waren, eben so herzhaft leeren lernen als er, aber sie war zu schwach, und starb in der Lehre, ohne von dem, welcher sie aufopferte, beklagt zu werden. Alles was Wenzel ihr in die Gruft nachrief, war: Es ist doch nichts mit den Weibern, sie sind zu nichts gut, nicht einmal zum Saufen!

Indessen Wenzel auf ein einsames Schloss verbannt, blos durch Sophiens kluge Vorsicht erhalten wurde, und ihr ihre Treue auf die ihm eigene Art vergalt, kam Siegmund in Ungarn wieder empor. Seine Feinde waren gedemuthiget, und er bestieg, durch Hulfe des Grafen Cyly, Graf Peters des Einfaltigen Bruders, den Thron von neuem. Barbara ward seine Gemahlinn, und diese Wahl war hinlanglich, alle Treulosigkeit an ihn zu rachen, welche er an der Koniginn Marie, an der Furstinn Helena Gara, und vielleicht an tausend andern begangen hatte. Barbara war in allem seine unumschrankte strenge Gebieterinn, nur dieses konnte sie nicht uber ihn erhalten, dass er den Ritter von Hertingshausen in seinen Diensten behalten hatte. Das Andenken an den im halben Schlummer geschehenen Kuss, den er doch immer lieber ihm als Herrmann beymass, war unausloschlich. Kunzmann war genothigt, den Hof zu meiden, und sich in ziemlich armseeligen Umstanden in die Dienste des Churfursten von Koln zu begeben, wo wir ihn vielleicht bald wieder finden werden.

Siegmunds Anschlage auf die Kaiserkrone waren verungluckt, es waren eine Menge Hande nach diesem Kleinod ausgestreckt, unter welchen Pfalzgraf Ruperts, Graf Eberhards und Herzog Friedrichs, schon fast im Zugreifen waren.

Herrmann horte nicht sobald den Namen des Herzogs von Braunschweig und des Grafen von Wurtemberg nennen, erfuhr nicht so bald, dass sie sich nebst allen Competenten zur Krone auf dem Reichstage zu Nurnberg befanden, als sein Zweifel, wohin er seine Schritte lenken sollte, verschwand. Er wusste bisher nicht, wo Ida war, jetzt ward es ihm klar, dass sie seyn musste, wo ihr Vater und ihr Brautigam sich befanden. Ida zu sehen, und Friedrichen vor heimlichen Nachstellungen zu warnen, lag ihm beydes am Herzen. Aber, Idas Vater! ihr Brautigam! was fur Worte in Herrmanns Ohren! Ida, die Tochter oder die Braut eines kunftigen Kaisers? Armer Jungling, was fur Aussichten fur deine Liebe!

Herrmann befand sich jetzt in den Gegenden von Fritzlar. Das Gerucht kam ihm entgegen, Herzog Friedrich von Braunschweig sey von den deutschen Fursten verworfen worden, und habe sich in vollem Zorn nebst seinem Schwager, Rudolfen von Sachsen, von Nurnberg aufgemacht, um wieder in sein Land zu ziehen. Welch eine Zeitung! Der gefurchtete Nebenbuhler hatte also seine Geliebte verlassen, er sollte nie den Namen Kaiser erlangen, den Graf Eberhard seinem Schwiegersohn so gern gegonnt hatte, wenn er ihn selbst nicht erhalten konnte! Neue Hoffnungen stiegen in Herrmanns Seele auf, er glaubte alles uberwunden zu haben, da nur der furchterliche Herzog vom Schauplatz abgetreten war, und dachte nicht, dass die Tochter eines muthmasslichen kunftigen Kaisers noch immer unerreichbar fur ihn blieb.

Er hatte nicht so bald gehort, dass Herzog Friedrich vielleicht hier voruber ziehen wurde, als er begierig ward denjenigen zu sehen, der ihm bisher so viel Furcht eingejagt hatte und ihm einige Warnungsworte vor Gefahr zuzurufen; er interessirte sich doppelt fur ihn, seit er ihn nicht mehr fur Idas Brautigam hielt. Er setzte sich unter einen Baum an der Heerstrasse, und schaute in die Weite hinaus. Die Gegend war einsam; man war in diesem Bezirk es zu gewohnt grosse Herrn voruber ziehen zu sehen, als dass man sich, so wie ietzt, dazu hatte drangen sollen, sich zu uberzeugen, dass sie auch Menschen waren.

Das Warten dauerte Herrmann zu lang, er war diesen Tag weit gegangen, und er entschlief. Sein Schlaf konnte wohl etliche Stunden gedauert haben, als er von einem schrecklichen Traum erwachte. Ihm traumte, Herzog Friedrich von Braunschweig sey von einem Lowen zerrissen worden, und man wollte ihn mit der Haut seines Morders bekleiden. Er ermunterte sich, fuhr auf und sahe neben sich einen langen bleichen Menschen mit verworrenem Haar und ausgezogenem Schwerdte stehen.

Herrmann sprang in die Hohe. Was machst du mit meinem Schwerdte? schrie er, indem er das seinige in der Hand des Fremden gewahr ward.

Dein Schwerdt? rief der andere, indem er es blitzschnell ins Gebusch schleuderte, siehe, das ist das deinige; ich fand es neben dir, und der furchterliche Anblick machte, dass ich bey dir stehen blieb, und weil ich dich fur einen Morder hielt, meinen Degen zog, um mich, wenn du erwachtest, vor dir zu schutzen.

Herrmann sah sich um und erblickte an der Stelle, wo er gelegen hatte, ein mit Blut getranktes Schwerdt. Unseeliger! schrie er, indem er den Fremden bey der Brust fasste und ihn gewaltsam schuttelte, sprich, was ist das? Aber Gott was sehe ich! Kunzmann? Hertingshausen? Graf Peters Morder?

Herrmanns Hande sanken vor Entsetzen nieder, und Kunzmann fuhlte sich nicht so bald frey, als er wie ein Pfeil von der Sehne davon floh, und den Ritter von Unna in einer Besturzung verliess, welche mit nichts zu vergleichen war.

In dem nemlichen Augenblick erhob sich ein furchterliches Geschrey; Hier, hier muss die That geschehen seyn! fasset, fasset den Morder! Von allen Seiten sturzten gewaffnete Manner herbey, von denen einige schrieen: Ach unser Herzog, unser theurer Herzog! andere6: Nein, hier ist er nicht gefallen, wir fanden ihn hundert Schritt weiter im Gebusch! und noch ein andrer: der Morder kann nicht weit seyn, ich hatte ihn schon einmal ereilt, aber er entfloh mit dem blutigen Schwerdte. Herrmann stand noch mit in einandergeschlagenen Armen bey Kunzmanns Schwerdte, als ihn dieses grassliche Getos aufmerksam machte. Er that einige Schritte vorwarts, um zu fragen, ob das, was er horte, noch uberbliebene Ideen seines Traums, oder Wahrheit waren, aber

Zweiter Theil

Erstes Kapitel

Ein Verhor

Aber Doch, mein Leser, wie konnen wir dir zumuthen, dass dir das Ende unsers ersten Theils noch so lebhaft vorschweben sollte, dass du vermogend warest, es vermittelst eines Abers an den Anfang des zweiten anzuknupfen! Wisse also, dafern du es vergessen hast, du verliessest den ehrlichen Herrmann von Unna in einer der seltsamsten Lagen, die sich denken lassen. Von einem Traume erwacht, der sein Innerstes erschutterte, und beym Erwachen von Dingen umgeben, die den unordentlichen Bildern des wildesten Traums so ahnlich sahen, dass er zweifeln musste, ob er wirklich erwacht sey. Kunzmanns uberraschende Erscheinung, sein Anblick, noch so bleich, zitternd und verstort, als damals, als er von Graf Peters Ermordung zuruckkam, das blutige Schwerd, das Geschrey von der Ermordung eines Herzogs, das Herrmann augenblicklich auf Friedrichen von Braunschweig deutete und deuten musste, das wuthende Herbeystromen der Gewappneten; was fur ein Gewuhl von Ideen mussten diese Dinge in dem noch halb schlaftrunkenen Junglinge machen!

Er that, wie wir im Vorigen gesagt haben, einige Schritte vorwarts um sich zu belehren, aber ehe er noch ein Wort aufzubringen vermochte, tonte ihm aus zwanzig rauhen Kehlen das Gebrull entgegen: hier ist er! hier ist der Morder! und zwanzig Schwerdter wurden bloss, sich mit seinem Blute zu tranken.

Ein boser Geist schien es darauf angelegt zu haben, den Unschuldigen zu Rettung des Verbrechers in Verdacht zu bringen; wie ware es sonst moglich gewesen, in einem anfangs tiefdenkend dastehenden, und dann sich seinen Feinden langsam nahernden Menschen, in einem Junglinge, mit den Zugen der Unschuld auf dem Gesicht einen Morder zu ahnden? Die ganze Aehnlichkeit zwischen ihm und dem eben entflohenen Kunzmann, den man mit Recht als den Vollbringer der abscheulichen That verfolgte, bestand in der Gleichheit der Rustung, und in dem rosenfarbenen Ermel, den Hertingshausen, der sich eben so wohl als Herrmann zu den Rittern der alten Minne zahlte, gleich diesen trug.

Herrmann war nicht gewohnt sich unvertheidigt angreifen zu lassen, er griff nach dem Schwerde, und da ihm Kunzmann das seinige geraubt hatte, so war er freylich genothigt, das blutige Mordeisen aufzunehmen, welches der Bosewicht ihm zuruckgelassen hatte.

Es war in den damahligen Zeiten nichts ungewohnliches die Tapferkeit so weit zu treiben, dass man statt gutwilliger Uebergabe, wo man Ueberlegenheit der Anzahl oder Starke sah, lieber fechtend starb, als sich der Gnade des Feindes uberliess. Herrmann focht ritterlich, zween seiner Feinde lagen todt zu seinen Fussen, und verschiedene andere hatten Wunden aufzuweisen, welche sie zu weiterm Gefecht untuchtig machten. Endlich sturzte sich der ganze Haufe auf ihn; er ward zu Boden getreten, und wurde ohne Zweifel unter den Handen der Racher des Ermordeten haben das Leben aufgeben mussen, wenn nicht der eine von ihnen dem die andern alle zu gehorchen schienen, ihnen geboten hatte, sein Leben zu schonen.

Haltet ein! rief Kurd, des unglucklichen Herzogs Leibknappe. Der Verruchte verdient nicht den ehrlichen Tod durch Feindes Schwerdt zu sterben!

Ha! schrie einer, der eben dem uberwaltigten Herrmann noch einen wutenden Stich in die Seite gegeben hatte, ich denke, er wird nicht viel mehr bedurfen; seht, wie mit dem Blute sein Leben aus dem Korper des Verworfenen quillt! O susse susse Rache fur Friedrichs entflohnen Geist!

Er muss verbunden, muss gerettet werden! rief Kurd! Was denkt ihr! war er der einige Thater? die ubrigen sind entflohen, und er darf nicht eher sterben, bis er uns die Verruchten genannt hat!

Herrmann lag ohnmachtig auf dem Boden, man verband ihn, und trug ihn in eine Herberge des nachsten Dorfes, wo man Friedrichs trostlosen Freund, Rudolfen von Sachsen zu treffen versprochen hatte. Rudolf soll dich richten, schrie Kurd, als der eben sich erholende Herrmann in die Unterstube eines Bauernhauses gebracht ward, deine Seele soll nicht ehe entfliehen, bis du uns die Namen deiner Sundengenossen genannt, uns Stoff zu neuer Rache gegeben hast!

Herrmann antwortete nichts, verstand wahrscheinlich nicht, was ihm Kurd in die Ohren brullte; er neigte das Haupt mit einer schmerzhaften Miene auf die Seite, und ward, als man ihn auf ein Strohlager brachte, zum zweytenmahl ohnmachtig.

Mittlerweile erkundigten sich die Reuter nach Herzog Rudolfen und seinen Leuten, von deren Ankunft man hier im Dorfe noch nichts wusste. Kurd schickte die Halfte seiner Reuter aus, Kundschaft einzuziehen, und er blieb mit den Uebrigen zuruck, um den Funken des Lebens in dem Verwundeten bis zu dem erpressten Gestandnisse glimmend zu erhalten.

Herrmann erholte sich gegen den Abend, und forderte zu trinken, man reichte ihm Wein, und hielt ihn nach Genuss desselben stark genug auf jede Frage zu antworten, die man ihm vorlegen wurde.

Es ist moglich, sagte Kurd zu seinen Gefarthen, dass er die Ankunft des Herzogs von Sachsen, der vielleicht einen andern Weg gezogen ist, nicht erlebt, ich will ihn selbst befragen, und ihr sollt Zeugen seiner Aussage seyn.

Herrmann ward befragt. Ich ein Morder? Friedrichs Morder? antwortete er mit schwacher Stimme, o Gott! Retter der Unschuld!

Willst du noch leugnen? fragte Kurd. Ueberzeugt dich nicht dieses Schwerd?

Blutig, riefen die Zeugen, blutig sahen wir es ihn vom Boden aufnehmen und wider uns kehren, das Blut unsers Herrn vermischte sich mit dem Unsrigen, das er vergoss! Dies ist noch nicht genug ihn zu uberzeugen, rief Kurd. Ein Zufall konnte das Schwerd eines Unschuldigen zu eben der Zeit mit Blut gefarbt haben; aber, dass ich seine Gestalt, seine Kleidung ubergehe (die ich, als ich ihn zuerst ereilte, und ihm den Mantel entriss, nur gar zu gut in die Augen fasste) so sehet dieses Schwerd! Ists nicht Herzog Friedrichs Schwerd, das er im Gebusch von sich gelegt hatte, und das die Meuchelmorder ihm raubten, um es in sein eigen Blut zu tauchen?

Die Zeugen traten herbey, betrachteten und kussten den Stahl, und alle schrien! Herzog Friedrichs Schwerd, so wahr uns Gott helfe! Rache, Rache uber seinen Morder!

Wie ein fast ausgebrannter Tocht durch allzuschnellen Zufluss von Oel auf einmal hell auflodert um denn ganzlich zu erloschen, so hatte das starke Getrank, welches fur den todlich verwundeten Herrmann Gift in seiner Lage war, fur den gegenwartigen Augenblick die Wurkung ihn neu zu beleben, ihm eine Starke und Munterkeit einzuflossen, welche fast der eines Gesunden glich. Vielleicht zwar, dass auch die entsetzliche Anklage, die er erst jetzt vollig zu fassen begunte, seine Seele so erschutterte, dass sie noch alle Krafte der Natur anstrengte, um nicht ungerechtfertigt nicht mit einer Blutschuld befleckt scheiden zu mussen.

Herrmann richtete sich plotzlich auf, und der Wirth, der nebst einigen seiner Leute gegenwartig war, trat herbey ihn zu unterstutzen. Nein! schrie Herrmann, ich bin Friedrichs Morder nicht! sein Schwerd hatte ich vorher nie gesehen, fasste es zuerst, als ich es aufheben musste, mich wider euch zu vertheidigen. Lang, ihr musst es noch gesehen haben, lang starrte ich es voll Entsetzen an, ohne es anruhren zu mogen, mir ahndete, dass das Blut der Unschuld daran klebte.

Mensch! rief Kurd, wie kannst du uns dieses bereden? Wie kannst du ?

Doch meine Leser, es wurde theils unnothig, theils unmoglich seyn, euch das Gesprach zwischen dem verwundeten Herrmann und Herzog Friedrichs Rachern Wort fur Wort mitzutheilen. Genug sey es euch, dass die Stimme der Wahrheit aus dem Munde des schon fast sterbenden Junglings wenigstens so viel vermochte, die Umstehenden in ihrem bisherigen Glauben wankend zu machen. Er erzahlte nach der Lange alles, was ihm diesen Tag begegnet war, und der Richter und die Zeugen fanden so viel uberredendes in den Worten des Verwundeten, dass sie sich voll Erstaunen ansahen, und einander fragten, was bey dieser zweifelhaften Sache zu thun sey.

Ein Umstand kam dem hier an Richterstelle sitzenden Kurd in den Sinn, den er bisher im Taumel der Wuth ganzlich vergessen hatte und der dem Beschuldigten wunderbar zu statten kam. Wir haben schon erwahnt, dass Kurd Kunzmannen bereits einmahl ereilt und ihm den Mantel entrissen hatte. Der Mantel entschlupfte seiner Linken, aber die Rechte hatte des Morders langes schwarzes Haar weit fester gefasst, und Hertingshausen konnte den Handen seines Verfolgers nicht entfliehen ohne einen Theil desselben in seinen Handen zu lassen. Kurd hatte es sorgfaltig aufbewahrt und zog es jetzt hervor, um den Beklagten, dem er fast nichts mehr zu antworten wusste, vollig zu uberzeugen, aber er gerieth in neue Verwirrung, als er seine Augen auf die blonden Locken warf, die Herrmanns bleiches Gesicht umschatteten. Was ist dies? rief er, sollte ich wurklich irren? sollte dieser wurklich schuldlos seyn?

Herr, fieng der Wirth an, der Herrmannen bisher gehalten hatte und ihn jetzt sanft auf sein Lager sinken liess, wenn ich euch meine Meinung sagen soll, so seyd ihr ganz an den Unrechten gekommen. Der Ritter da, scheint mir, kommt her Leute, und seht zu, ists nicht der junge Mann, den wir alle diese Tage uber bey uns gehabt haben? Ja, ja, er ists! schrien die herbeydringenden Knechte, es ist der gute Ritter von Unna! und das sagen wir euch, Kurd, Herrmann von Unna ist kein Morder, kann kein Morder seyn!

Herrmann hatte verschiedene Tage in diesem Dorfe geherbergt und daselbst so wie uberall tausend Proben seiner Gutmuthigkeit abgelegt. Ueberall wo er gewesen war, hinterliess er Freunde; kein Wunder also, dass auf den Larm, der sich auf diese Vertheidigung zwischen den Reutern und Knechten erhub, und auf das Geschrey: der junge Ritter, der diesen Morgen das Dorf verlassen habe, sey der von Herzog Friedrichs Leuten Verwundete, alle Welt herbeylief und ihn sehen und rachen wollte. Die Weiber spielten hiebey die beste Rolle, sie nahmen sich des todschwachen Herrmanns an, der von der heftigen Anstrengung viel gelitten hatte, und den man in dem allgemeinen Larm, der um seinetwillen entstand, ganz aus der Acht gelassen hatte.

Der besanftigte Kurd gebot endlich Friede. Alle eure Reden, schrie er, sind noch keine Beweise fur die Unschuld des Beklagten, wollte Gott, sie waren es, und ich konnte, wenn ich ihm Unrecht that, es wieder gut machen; aber ihr seht selbst, der Mensch kann Herrmann von Unna und euer Wohlthater, und doch Herzog Friedrichs Morder seyn. Diese Hand voll Haare beweist mehr als euer Geschrey, und doch nicht genug, um ihn zu retten. Es waren der Morder mehr, und ist dieser nicht der, dem diese Locke gehort, so kann er einer von den andern seyn! Die Sache muss vor ein hoheres Gericht, und ist er denn unschuldig, so braucht ihr vor nichts zu sorgen! Jetzt lass ich ihn in eurer Gewehrsame, zween Reuter bleiben ihn zu bewachen, und wehe euch, wenn ihr einen voreiligen Schritt thut, ihn entkommen zu lassen, er wird ihm nichts helfen, und euch unglucklich machen.

Kurd verliess das Zimmer mit Eile, denn eben war

einer von seinen ausgeschickten Reutern mit der Post zuruckgekommen, Herzog Rudolf sey gefangen, und seine Leute sammelten sich drey Meilen von Fritzlar, ihm zu Hulfe zu ziehen; ein Zug, bey welchem der brave Kurd, ein so treuer Diener des gefangenen Rudolfs, als des ermordeten Friedrichs nicht fehlen durfte.

Zweytes Kapitel.

Wiedersehen.

Herrmann blieb unter der liebreichen Wartung seiner alten Wirthe. Ungeachtet er nicht so wohl durch die Gefahrlichkeit seiner Wunden, als durch ihre Menge und den grossen Blutverlust zu Boden gesturzt, und seine Lage jetzt meistens nur durch heftige Bewegung und den schadlichen Trunk verschlimmert worden war, so schwebte er doch einige Tage zwischen Leben und Tod und nichts als Gutherzigkeit der ehrlichen Landleute konnte ihn retten. Der Schafer, das Orakel des Dorfs, heilte ihn mit Saft von ausgepressten Krautern, unter welchen das Moos, auf von der Sonne gebleichten Hirnschedeln gewachsen, wie unsere Urschrift sagt, das vornehmste war; ein Zeugniss, dem wir nicht zu widersprechen wagen weil wir uns auf solche Dinge nicht verstehen.

Herrmann fieng an zu genesen, fieng an, nach Verlauf einer ziemlichen Zeit herum zu gehen, vermochte mit seinen freundlichen Wirthen von der schrecklichen Begebenheit zu sprechen, die ihn dem Tode nahe brachte, konnte ihnen danken, ihnen freigebig lohnen, aber fur ihre heimlichen Ueberredungen zu fliehen, und der weitern Untersuchung seiner Sache zu entgehn, hatte er keine Ohren. Umsonst stellte man ihm vor, dass es ihm schwer werden wurde, seine Unschuld vor vielleicht partheyischen Richtern zu erweisen, umsonst erinnerte man ihn, dass ihn hier nichts aufhielt, weil die Reuter, die man ihm anfangs zur Wache gegeben hatte, langst abgefordert worden waren; er bestand auf den Grundsatz, den er vor kurzem auf dem Schlosse Cyly ausserte: Die Unschuld fliehet nicht; und beschloss seinen Anklager zu erwarten, oder im Fall dieser aussen blieb, gen Nurnberg zu ziehen und seine Sache den daselbst versammelten Fursten vorzustellen.

Der letzte Entschluss ward ausgefuhrt. Herzog Rudolfs Leute, unter welche sich jetzt auch der treue Kurd zahlte, sorgten zu selbiger Zeit mehr fur das Beste ihres gefangenen Herrn, als fur die Rache des ermordeten Friedrichs, und das erstere gab ihnen so viel zu thun, dass daruber das letzte ganz zu entschlafen schien. Herrmann sahe sich also genothigt, wenn er nicht den Flecken der schrecklichen Beschuldigung unabgewischt lassen wollte, sich zu Nurnberg bey denen zu melden, auf deren Gerechtigkeit er ein so grosses Zutrauen setzte. Seine Wirthe mussten sich endlich die Sache gefallen lassen, sie begleiteten ihn bis weit vor das Dorf hinaus, und er trennte sich erst unter der Tanne von ihnen, wo ihn der betrugerische Schlaf bald in die Arme des Todes geliefert hatte.

Dieser Baum, rief er, als er seine Begleiter entliess, dieser Baum sey Zeuge meiner Unschuld, ihr, ihr Theuren, glaubt sie nur aus Vorliebe fur mich, aber, o dass dieser Stamm reden konnte, an den ich sorglos hingelehnt schlummerte, als der Lowe, der Herzog Friedrichen zerfleischte, neben mir stand, und mich mit dem Blute der Unschuld beflecken wollte, o dass diese Blatter Zungen wurden die Wahrheit auszusprechen! Dass die Geister, welche Kunzmann und mich hier unsichtbar umschwebten, auftreten mochten wider den Morder zu zeugen!

Haltet ein, Ritter, unterbrach ihn der alteste unter den Landleuten, was wir von euch halten, dass wisst ihr; aber diese Fursten, zu denen ihr gedenkt! Ihre Anzahl besteht nicht aus lauter Ruprechten von der Pfalz und Albrechten von Oesterreich, es gibt viele unter ihnen, die nicht scharfsichtig genug sind, die Unschuld mitten in der Dammerung zu entdecken, und einen und den andern, der es vielleicht nicht ungern sehen mochte, eigene Schuld auf einen Fremden zu walzen. Vornehmlich hutet euch vor dem von Maynz. Es gehen seit Herzog Friedrichs Ermordung seltsame Geruchte in dieser Gegend. Wenigstens wissen wir alle so viel, dass er und Friedrich nie Freunde waren.

Herrmann kam gen Nurnberg und sein erstes Geschaft daselbst war nach Ida zu fragen. Sollten meine Leser noch nicht gemuthmasset haben, dass der Wunsch sie zu sehen, so viel Antheil an seiner Ankunft gehabt habe, als das Verlangen, vor den teutschen Fursten seine Unschuld zu rechtfertigen?

Er erfuhr, dass der Graf von Wurtemberg eine kurze Reise unternommen habe, und dass seine Tochter sich mittlerweile gar einsam und eingezogen auf seinem Schlosse hielte. Herrmann hatte Eile Ida zu sehen: er fuhlte es, dass er einen grossen Schritt vor sich hatte: sollte er bey dem zweifelhaften Ausgang desselben es darauf wagen, sie nie wieder zu erblicken?

Die Liebe machte ihn sinnreich und kuhn, und der Anschlag, den sie ihm eingab, war so plan und leicht, dass er glucken musste. Wie hatte man einem Ritter, der der Grafinn von Wurtemberg Bothschaft von ihrem Vater brachte, den Zutritt versagen sollen! er ward unvorzuglich vorgefordert, und Herrmann trat ein.

Herrmann! rief Ida, als er vor ihr kniete den Saum ihres Rocks zu kussen, Herrmann, ein Bote meines Vaters?

Und wurde Ida zurnen, wenn er es nicht ware, wenn ihm die Liebe eingegeben hatte, sich einer unschuldigen List zu bedienen?

O Herrmann! Herrmann! rief die Grafinn und beugte sich tiefer zu ihm herab, wo bist du bis jetzt gewesen? Warum dieses todtenbleiche verfallne Gesicht, diese matten Augen?

Wir haben schon mehr gesehen, dass dem Ritter der treuen Minne bey seiner Ida keine Augenblicke gunstiger waren, als die Augenblicke der Ueberraschung; so auch der gegenwartige. Die Grafinn zogerte lange, ehe sie sich aus Herrmanns umschliessenden Armen wand, und ihn in die Schranken des gebuhrlichen Wohlstandes zuruck wies, und er kannte seinen Vortheil zu gut, um sich durch irgend einen unzeitigen Ausruf zu fruh aus der sussen Vergessenheit ihrer selbst zu reissen.

Stehet auf Ritter von Unna, rief endlich die errothende Ida mit abgewandtem Angesicht, wir spielen hier eine seltsame Rolle. Ihr sagtet, ihr brachtet mir Post von meinem Vater? wie lebt er, wird er bald zuruckkehren?

Man wird sich erinnern, dass Herrmann kein Wort von diesen Dingen gesagt hatte, aber er hielt es nicht fur nothig sie eines bessern zu belehren, nahms fur bekannt an, dass sie selbst nicht recht wisse was sie sprach, oder verstand uberhaupt in der Entzuckung, in der er war, selbst nicht, was sie sagte.

Er nahm auf ihren Befehl Platz an ihrer Seite, und nach einigen Augenblicken, da noch keines von beyden recht wusste, was es sagen sollte, nahm endlich eine Art von Unterredung zwischen beiden Platz, die nach und nach verstandiger wurde und alles zum Vorschein brachte, was man in den gegenwartigen Augenblicken nothig hatte einander zu sagen.

Idas Erzahlung war kurz. Ihr Leben war unter der Aufsicht ihres strengen Vaters so einformig gewesen, als das Leben aller Jungfrauen ihrer Zeit. Nur selten kamen in jenen rauhen ungebildeten Jahrhunderten die Tochter des Landes zum Vorschein und Fleis und Wachsamkeit ihrer Eltern schutzten sie auch vor hauslichen Abentheuern. Obgleich Furstentochter hierinn zuweilen eine Ausnahme machten, so blieb doch Graf Eberhard in Ansehung seiner Ida ganz bey der gewohnlichen Weise: immer noch lag ihm dieser Herrmann von Unna in Gedanken, der ihm einst von Idas Altan in den Garten entsprang, und an der Kaiserinn eine so machtige Vorbitterinn hatte; auch war Ida zu schon, um all den uppigen Augen ausgestellt zu werden, deren es auf dem Reichstage zu Nurnberg gab; selbst ihr bestimmter Brautigam, der nun ermordete Herzog von Braunschweig, hatte sie nur zweymal gesehen, denn auch er durfte sich, nach dem Willen des alten Grafen, nur in so fern Hoffnung auf dieses Kleinod machen, als ihm das Gluck in Ansehung der Kaiserkrone gunstig war.

Herrmann triumphirte uber Idas Erzahlung, die sie ihm mit ihrer naturlichen unschuldigen Offenherzigkeit machte, dankte Graf Eberharden im Herzen, dass er so treulich uber seinen Schatz gewacht hatte, und lobte sich laut, dass er schlau genug gewesen war, die Wachsamkeit ihrer Wachter zu betrugen. Aber Ida erinnerte ihn, nicht zu kuhn zu seyn, weil nur der Zufall, und die Abwesenheit einer strengen Duegna deren Ruckkunft aus der Kirche sie alle Stunden erwartete, ihm dieses Gluck verschaft habe.

Der wichtigste Theil der Unterhaltung der beyden Liebenden, Herrmanns Geschichte und die Ursach seiner Erscheinung war noch zuruck. Man musste eilen. Herrmann erzahlte, und habe ich noch nothig den Eindruck zu schildern, den das, was die junge Grafinn horte, auf ihr Herz machte?

Unter allen Gefahren, in welchen sie den geliebten Herrmann in seiner langen traurigen Geschichte sah, kam ihr die gegenwartige als die schrecklichste vor, sie zitterte, dass er sich selbst vor ein Gericht stellen wollte, dessen Beysitzer sie noch lange nicht genug kannte um zu wissen, ob die Unschuld bey ihnen sicher sey. Sie bat, sie flehte mit Thranen, er mochte seinen Anklager erwarten, und dafern dieser nicht erschien, seine Unschuld vor erwiesen halten, da sie Gott und seinem eigenen Herzen bewusst war; er mochte doch lieber jetzt gleich fliehen, da Kurd, der einige der nebst seinen Leuten wider ihn auftreten konne, beym Abschied ja selbst von seiner Unschuld uberzeugt zu seyn geschienen hatte, da er und seine Gefahrten vielleicht bey Herzog Rudolfs Befreyung, von welcher jetzt stark gesprochen wurde, geblieben, und also kein einiger seiner Anklager ubrig seyn konne! Liebe und Angst sprach aus ihren Blicken, da sie ihm die Nothwendigkeit seiner Flucht so mit wichtigen und unwichtigen Grunden vorstellte, aber Herrmann blieb unbeweglich!

Wurde ich deiner wurdig seyn? rief er, wurde ich einen Blick von dir, du Ebenbild der schuldlosesten aller Jungfrauen verdienen, wenn ich die Blutschuld nicht von mir zu walzen suchte? Nein es ist nicht genug, dass Gott, du und ich mich unschuldig wissen, und andere gute Seelen meine Unschuld glauben, die ganze Welt soll sich uberzeugen, dass Herrmann von Unna, wenigstens kein Verbrecher ist, wenigstens dieser Ursach wegen, sich nicht scheuen darf, an eine Grafinn von Wurtemberg zu denken.

Drittes Kapitel.

Er ist gerettet!

Die Liebenden schieden. Herrmann machte sich auf, die ersten Schritte zu Ausfuhrung seines Anschlags zu thun, und Ida blieb in dumpfen Trubsinn zuruck. Dass ihr Trubsinn nicht Verzweiflung war, machte das Andenken an ahnliches Ungluck, das sie selbst vordem erfahren hatte, und dem sie so wunderbar entkommen war. War es nicht ein weit furchterlicheres Gericht, vor dem ich ehemahls stand, sprach sie zu sich selbst, dieses wird doch noch im Angesicht des Tages, vor den Augen der zuschauenden und selbst richtenden Menge gehalten werden, aber jenes Tribunal der ewigen Nacht! Und doch ward ich erhalten! Nein, Ida, verzage nicht, er ist unschuldig, stellt sich ohne Anklager, ist ein Mann, der, wenn alle Vertheidigung fehlt, sein gutes Schwerd noch ubrig hat die Sache zu schlichten! Nein, Ida verzage nicht! Die Prufung, welcher er sich unterwirft, wird zu seiner Ehre, vielleicht zu seinem und deinem Gluck ausschlagen!

Herrmann hatte seine traurende Geliebte kaum verlassen, als die Huterinn erschien, welche Graf Eberhard ihr zugegeben hatte, und die ihr nie von der Seite gieng, als wenn sich das Madchen etwa durch Vorwand einer Unpasslichkeit ihrer lastigen Gegenwart auf einige Stunden entledigte. Ida wusste nie zuvor was Unwahrheit und Verstellung war, bis Strenge und argwohnische Aufmerksamkeit es ihr lehrten Ida zitterte vor einer Untersuchung, wer der Jungling sey, der sie eben verlassen hatte. Herrmann war vor den Augen ihrer im Vorzimmer aufwartenden Leute gekommen und gegangen, sie hielt sich zu edel ihren Bedienten Stillschweigen aufzulegen, und konnte also alle Augenblicke aus dem Munde ihrer Hofmeisterinn eine Frage erwarten, die sie nicht zu beantworten wusste. Diese Frage erfolgte nicht, auch schien die ungewohnliche Schwermuth des Frauleins gar nicht bemerkt zu werden und erst gegen den Abend des kunftigen Tages erfolgte ein Gesprach zwischen ihr und der Duegna, von welchem meine Leser selbst urtheilen mogen, ob es zu Idas Trost gereichen mochte. Werden diese Thranen nie vertrocknen, Grafinn? mich dunkt, sie fliessen seit gestern weit haufiger!

Kann wohl seyn!

Und ihre Ursach? O warum wolltet ihr mir sie verhelen? Ists ein Schimpf fur ein Fraulein in euren Jahren zu lieben, und wenn man so unglucklich liebt wie ihr, den Verlust des Geliebten zu beklagen?

Ida weinte heftiger!

Armes armes Kind! rief die Alte. Ihn so blutig, so schrecklich zu verlieren! Doch ein Trost ist euch noch ubrig, die Rache! und trostet euch, ihr sollt geracht werden, der Thater hat sich selbst gemeldet.

Ida trocknete die Augen und blickte die Sprechende voll Entsetzen an. Von wem redet ihr? sagte sie in einem angstlichen Tone.

Ich sage, der Morder eures Brautigams, Herzog Friedrichs, hat sich gemeldet!

Gemeldet? wiederholte Ida Nun, und er ist zuruckgewiesen worden, hoffe ich, ihr wisst, ich weis, genug es ist bekannt, dass er unschuldig ist!

Wer denn? Fraulein?

Der Ritter von O mein Kopf! ich bitte euch, wenn ihr mir etwas zu sagen habt, so sprecht allein, ihr seht, ich bin nicht vermogend euch zu antworten.

Die Alte schuttelte den Kopf und hub eine Erzahlung an, die sich meine Leser denken konnen, die auch Ida zu errathen vermochte, die sie aber dennoch so sehr uberraschte, dass sie beym Schlusse derselben ohnmachtig ward. Wie hatte sie es unerschuttert vernehmen konnen, dass Herrmann sich vor den Furstenrath gestellt, seine Geschichte erzahlt, die Dinge, welche fur, und die, welche wider ihn waren, seinen Richtern aufrichtig vorgelegt hatte, und statt der augenblicklichen Lossprechung, die freylich Ida ihm ertheilt haben wurde, bis auf weitere Erkenntniss in einen festen Thurm gesetzt worden war.

Ich bitte euch, sagte Ida, als sie wieder zu sich selbst gekommen war, und tausend Fragen uber ihren schnellen Zufall angehort und schlecht genug beantwortet hatte, ich bitte euch, erzahlt mir eure Geschichte noch einmahl, wenn der Wunsch Herzog Friedrichs Blut gerochen zu sehen, so wie ihr meynt, mir diese Beangstigung verursacht, so konnt ihr denken, dass ich alles wissen muss! Vor allen Dingen, wer sind seine, ich will sagen, wer sind des des Unbekannten Richter?

Ach dass es Gott und alle Heiligen erbarme! schrie die Alte, solche Richter mussen, seit die Welt steht, noch nicht gefunden worden seyn! Ich nehme den Kurfursten von Maynz aus, denn dieser that so gleich was er thun musste, liess den Morder beym Kopfe nehmen.

Er that? Er liess? schrie Ida, waret ihr selbst gegenwartig? O ja, als ich diesen Morgen aus der Messe ging. Das Gericht ward bey offenen Thuren gehalten.

Nun denn! Es kann ja nicht die ganze Welt blind gegen seine Unschuld seyn! Aber weiter! Seine Richter! seine Richter!

Ich hoffe, die meisten waren wider ihn, aber leider behielten die wenigern, die ihn unschuldig nannten, die Oberhand!

O die Herrlichen! Ihre Namen, Kunigunde! ihre Namen!

Ihr wisst ja, wer hier alles zu sagen hat, wer es ewig hindern wird, dass irgend etwas gutes zu Stande komme; haltet euch nur noch nicht fur die Tochter eines kunftigen Kaisers, so lang

O ich bitte euch! bringt mich nicht zur Verzweifelung, lasst Kaiser seyn und Kaiser bleiben wer da will, wenn nur er

Fraulein! Fraulein! rief Kunigunde mit aufgehobenem Finger. Doch ich gebe nach. Die, welche demjenigen wohl wollten, dessen ihr euch so eifrig, Gott weis warum, annehmt, waren der Pfalzgraf Ruprecht, Herzog Albrecht und der alte Jodokus aus Mahren, alle heimliche Feinde und Nebenbuhler eures Vaters, vielleicht Ursacher an dem Tode eures Brautigams, und darum Vertheidiger des Fremden, der sich ja nicht gestellt haben wurde, wenn er nicht schuldig war.

Und der von Maynz? fragte Ida.

That allein was recht war, liess den Morder gefangen nehmen, so sehr auch seine Freunde, welche immer mehrere der Fursten an sich zogen, auf seine augenblickliche Lossprechung drangen.

Und, liebe Kunigunde, glaubt ihr wohl, dass er im Gefangniss vor Gewaltthat sicher ist?

Der Morder?

O ich bitte euch, nennt ihn keinen Morder! wie konnet ihr so wider einen Unbekannten wuthen?

Ein Unbekannter? Ich denke freylich wohl Fraulein, ihr kennt den Ritter von Unna besser als ich, aber o dass euer Vater zuruck kame!

Es nahm von diesen Augenblick an eine ausserordentliche Kalte zwischen Ida und ihrer Hofmeisterinn Platz. Ida war beschamt sich verredet zu haben, und hasste die Hasserinn des unschuldigen Herrmanns, und diese wusste, was sie wissen wollte, hatte nicht nothig die unschuldie Grafinn von neuem auszuforschen, und hutete sich wohl, irgend etwas zu sagen, das ihr hatte erfreulich seyn konnen, denn leider, wie sie sich ausgedruckt haben wurde, leider hatte sie ihr nichts als Gutes zu melden.

Herrmann hatte sich vor dem Fursten gestellt, seine ungekunstelte Erzahlung, die Stimme der Wahrheit, die in derselben unverkennbar war, seine herrliche einnehmende Gestalt, dies ofne Gesicht, der Abdruck der Unschuld und der Herzensgute, seine freywillige Darstellung, kurz alles, alles hatte fur ihn gesprochen, und hatte ihn schon allein Loszahlung von dem angeschuldigten Verbrechen auswirken mussen, wenn nicht auch Zeugen gekommen waren, seine Unschuld zu bestatigen. Die Leute aus dem Dorfe, wo Herrmann verwundet gelegen hatte, waren dem, dessen sie sich annehmen wollten, beynahe auf dem Fuss gefolgt, traten jetzt zu seiner Seite vors Gericht, und brachten so viel zu seinem Besten vor, dass nur ein solcher Mann wie Johann von Maynz und einige andere noch daran denken konnten, ihn als einen Verbrecher gefangen zu setzen.

Der Gang der Gerechtigkeit war damals noch nicht so langsam wie jetzt, Herrmanns Freunde, und die Freunde der Tugend, Ruprecht, Albrecht, und Jodokus, waren zu eifrig die Unschuld zu retten, und den von Maynz zu beschamen, als dass nicht die Sache des Beklagten gleich des andern Tages wieder hatte sollen vorgenommen werden, und hier war es, wo seine ganzliche Lossprechung erfolgte. Kurd, der Leibknappe des Ermordeten erschien, er ward absonderlich verhort, seine und Herrmanns Aussagen trafen punktlich uberein, sie wurden einander entgegengestellt, und Kurd betheuerte, dass er seinen Verdacht gegen Herrmann zuruck nahm, er zeigte die Haarlocke vor, die er dem fliehenden Morder entrissen, und die augenscheinlich nicht auf Herrmanns Haupte gewachsen war, er erzahlte, dass der schwarzlockigte Kunzmann noch am nemlichen Tage von andern seiner Verfolger ohne Schwerdt ertappt worden sey und behauptete, dass dieses einen Hauptumstand in Herrmanns Aussage bestatigte.

Herrmanns Freunde horten dieses mit Vergnugen an, aber der Kurfurst von Maynz ward alsdann erst froh, als er vernahm, der gefangene Kunzmann sey entkommen, und man habe weder ihn noch einen andern von den Mordern wieder ertappen konnen. Einige von den Hassern des Unschuldigen wollten zwar einwenden, es sey dennoch moglich, dass Herrmann einer von den andern Entflohenen sey, aber der weise Jodokus behauptete, ihnen wurde zukommen dieses zu beweisen, aber keinesweges sey dem Ritter von Unna, noch dem, was bereits zu seinem Besten erwiesen worden, zuzumuthen, den schweren Beweis vom Gegentheil zu fuhren.

Es wurde zu weitlauftig fallen alles aufzuzeichnen, was fur und wider diese Dinge gesprochen wurde, und es sey also genug, dass Herrmann ganzlich losgesprochen, und Johann von Maynz von allen Fursten mit gehassigen und verdachtvollen Augen angesehen wurde. Es war gleichwohl bedenklich, dass Kunzmann von Hertingshausen, der sich in7 maynzischen Diensten befand, Herzog Friedrichs Morder seyn sollte.

Unter allen Fursten, deren Herzen der Ritter von Unna bey dieser Gelegenheit an sich gerissen hatte, war keiner so sehr fur ihn eingenommen, als der junge Albrecht von Oesterreich, ein Herr, den man, wenn er nicht ein Furst war, fur den es schimpflich lassen konnte die Kopie eines gemeinen Ritters zu heissen, Herrmanns Ebenbild im kleinen nennen konnte. Die Geschichtbucher erzahlen, wie gross, wie edel Albrecht war, und also urtheile, mein Leser, wer Herrmann gewesen seyn musse.

"Das Herz Jonathan verband sich mit dem Herzen David," sagt die alte Geschichte von dem Fursten, der es nicht zu gering hielt, der Freund eines Hirten zu seyn, und dieses Ausdrucks konnten wir uns auch wohl in Ansehung des edeln Herzogs von Oesterreich bedienen. Herrmanns erster Anblick eroberte ihm das Herz des jungen Prinzen, seine Art zu handeln, flosste ihm Achtung ein, und machte, dass er sich entschloss ihn mit Hintansetzung alles Unterschieds, den Rang und Geburt machten, zu seinem Freunde zu wahlen. Seine hohern Vollkommenheiten, die dem bescheidenen Prinzen mehr als jedem andern in die Augen leuchteten, erregten bey ihm keinen Neid, und ein Bund der Freundschaft ward in seinem Herzen beschlossen, der es verdiente mit dem Bunde der altesten Freunde der Vorzeit verglichen zu werden.

Herrmann ward nach Endigung des Gerichts vor Herzog Albrechten gerufen. Mit Muhe hielt der liebenwurdige Prinz anfangs seine Neigung fur den Ritter von Unna in den Schranken des furstlichen Wohlstands zuruck; er fuhlte, dass es die Klugheit erforderte, den Jungling, der ihm gefiel, genauer zu prufen, und nicht durch Aeusserung allzu grosser Vorliebe, bey ihm Stolz und bey andern Neid zu erregen. Herrmann ward aufgefordert dem Fursten, vor dem er stand, einen bestimmten Begriff, von dem was ihm anging, zu geben, er that es, und dies mit so viel Offenheit in dem was ihn allein, mit so viel Schonung in dem was andere in seine Geschichte verflochtene Personen betraf, dass Albrechts gute Meynung von ihm wuchs, und Herrmann das Haus, in welchem vor wenig Stunden uber sein Leben und Tod gesprochen wurde, als einer der ersten Diener des Fursten verliess, den man mit Recht unter die besten seiner Zeit rechnen konnte.

Ida wusste von diesen glucklichen Aenderungen nichts. Ihre Hofmeisterinn hielt es nicht fur gut, ihr etwas Angenehmes von dem Ritter von Unna vorzusagen, den ihr Graf Eberhard beym Antritt ihres Amts als denjenigen genannt hatte, vor welchen sie ihre Untergebene am meisten zu bewahren habe, und der doch, wie sie wohl durch Idas Leute wusste, vor wenig Tagen schlau genug gewesen war, ihre Wachsamkeit zu tauschen und sich zu der jungen Grafinn einzuschleichen.

Ida wusste von allem, was vorging, nur soviel, dass dieses der Tag war, an welchem Herrmanns Schicksal entschieden werden sollte; war es zu verwundern, dass sie die Nacht, die vor denselben hergieng, ohne Schlaf und den Morgen in einer Unruhe zubrachte, welche sich mit nichts vergleichen lasst?

Ida stand am Fenster, sie hatte am Morgen die Fursten sich in dem benachbarten Pallaste des alten Jodokus versammeln gesehen, hatte die, welche ihr Kunigunde als Herrmanns Freunde bekannt gemacht hatte, mit inniger Dankbarkeit, und die andern, vornehmlich den von Maynz, mit Entsetzen betrachtet. Der gefangene Herrmann war herbeygebracht worden. Die Leute des ermordeten Herzogs von Braunschweig waren erschienen, die sie an der Rustung kannte, und deren wahrscheinliches Geschopf ihr die Duegna auf die boshafteste Art erklarte. Ida hatte gezittert. Das Gericht hatte sich weit bis nach Mittag verzogen und nichts hatte sie vom Fenster hinwegbringen konnen, als die Mattigkeit, die ihr jetzt kaum mehr verstattete, sich aufrecht zu erhalten.

Man hatte sie zu Bette gebracht, und Kunigunde, welche glaubte, sie schlief, schlich hinaus, Nahrung fur ihre Neugier zu holen; sie erfuhr Dinge, die ihre Untergebene augenblicklich neubelebt haben wurden, aber sie war zu boshaft, ihr die einige Arzeney zu bringen, die sie hatte erquicken konnen.

Indessen lag die junge Grafinn auf ihrem Bette ohne zu schlafen. Ein gewaltiges Gerausch auf der Gasse machte sie aufmerksam, sie vergass ihre Schwachheit, und flog ans Fenster. Das Volk stromte aus Jodokus Pallast heraus, und sie glaubte Worte zu vernehmen, welche ihr trostlich waren. Sie riss das Fenster auf, um mehr zu horen, und in dem Augenblicke sah sie, dass sich das Gedrang an der Pforte des Hauses vermehrte, wo uber Herrmanns Unschuld gesprochen worden war.

Herzog Albrecht mit seinem Gefolge stieg zu Pferde, ein Ritter von Herrmanns Gestalt und Kleidung war ihm der nachste. Er ritt mehr ihm zur Seite als hinter ihm. Der Herzog schien bestandig mit ihm zu sprechen, und sein Betragen zeugte ganz von herablassender Huld und Wohlwollen.

Ida beugte sich weiter heraus. Jetzt ritten sie unter dem Fenster voruber. Der Ritter von der treuen Minne, den sie von weitem an den rosenfarbenen unter der Rustung hervorschwellenden Ermeln erkennen konnte, war kein anderer als der geliebte Ritter von Unna. Ida dachte vor Freude ohnmachtig zu werden. Jetzt blickte er herauf und kusste mit einem Blikke von dem Triumph der Unschuld belebt sein Ordenszeichen, als wollte er sagen: nur dir zu Ehren trage ich es. Auch Herzog Albrecht sahe herauf und grusste ehrerbietig, und unter dem Volke erhub sich ein Gemurmel, das bald darauf in ein lautes Jubelgeschrey ausbrach: Heil Herzog Albrechten, dem Freunde der Unschuld, und dem geretteten Ritter, Herrmann von Unna!

Die Grafinn wusste sich vor Entzucken nicht mehr zu halten! sie wandte sich um und sturtzte der eben eintretenden Kunigunde mit ausgebreiteten Armen entgegen.

Er ist gerettet! rief sie, er ist gerettet! und sank ohnmachtig zu Boden.

Viertes Kapitel.

Ida entschlaft, um zu traumen.

Es vergingen Tage und Wochen. Die Grafinn war froh, ihren Ritter unter Herzog Albrechts Schutze sicher zu wissen, und ihn taglich voruber reiten zu sehen, auch traurig war sie, denn sie sah Herrmann immer nur von weiten, und alle seine Versuche, sie zu sprechen, wurden durch Kunigundens Wachsamkeit zu nichte gemacht; susses Gemisch von Freude und Kummer, welches, wie die Kenner versichern, den Hochgeschmack der Liebe ausmacht!

Ida war nicht unglucklich, sie hofte jeden Tag Herrmann zu sehen, und viel weiter erstreckten sich ihre Wunsche nicht. Man konnte doch vielleicht einmal die Wachsamkeit der Duegna betrugen, konnte sich in der Kirche, oder an einem andern der offentlichen Orte treffen, welche die eingezogene Ida jetzt zu besuchen besondre Lust bezeugte. Aber Kunigunde war unerbittlich, sie konnte nicht begreifen, warum ihr Fraulein jetzt erst Neigung bekam, den offentlichen Tanzen oder den Uebungen der jungen Ritter beyzuwohnen, oder vielmehr sie stellte sich, es nicht begreifen zu konnen, und vertrostete sie auf die Wiederkunft ihres Vaters.

Der Graf von Wurtemberg kam an. Seine Gesprache mit der Hofmeisterinn waren lang, sein Betragen gegen Ida kalt, und seine Laune, so oft er aus den Versammlungen der Fursten zuruckkam, sie mochten nun wegen Geschaften oder des Vergnugens wegen angestellt werden, murrisch und ungestum.

Ida stand eines Tages mit ihrem Vater am Fenster und Herrmann in Herzog Albrechts Gefolge zog voruber; er kusste den rosenfarbenen Ermel nicht, denn seine Geliebte war nicht allein, aber er verbeugte sich voll Ehrfurcht. Ida errothete und schwieg. In dem Augenblicke fiel es ihr ein, dass es gezwungen und verdachtig lasse, den Ritter von Unna, von dessen Geschichte jetzt ein jeder sprach, zu sehen und nicht von ihm zu sprechen. Sie glaubte, durch irgend eine herzhaft uber ihn gemachte Anmerkung sich ein besonderes Ansehen geben zu konnen, und fieng mit zitternder Stimme an: der Ritter von Unna sey sey zu beklagen zu loben sey glucklich zu preisen dass dass er so von Herzog Albrechten geliebt werde und und dass er unschuldig erfunden worden sey

Graf Eberhard schien das Gesuchte in seiner Tochter Rede und ihre ubelgewahlten Worte nicht zu bemerken. Murrisch antwortete er auf den Schluss derselben. Herzog Albrecht sey ein junger Mann, der alles liebe, was ihm gleich sey, und was Herrmanns Unschuld anbelange, so thaten sich immer mehr Umstande hervor, die sie zweifelhaft machten!

Ida wiederholte die Worte ihres Vaters in fragendem Ton, aber er antwortete nicht, und verliess sie. Die Grafinn kampfte diesen und einige folgende Tage mit sich selbst, um zu einer Stimmung zu kommen, in welcher sie mit kaltem Blute von Herrmann sprechen konne, und endlich gelang es ihr. Sie hatte Fragen zu thun, deren Beantwortung sie auf schlaue Art suchen musste.

Der Ritter von Unna soll nicht so unschuldig seyn? sagte sie eines Tags zu Kunigunden, als sie mit ihr aus der Messe kam, und im Vorubergehen einen Gruss von ihm bekommen hatte.

Was ich euch vom Anfang versicherte, sprach die Alte.

Aber welche neue Beweise sind wider ihn aufgefunden worden? Genug, Fraulein, genug! Hat man nicht ein Schwerd mit dem eingegrabenen Namen, Herrmann von Unna, dicht im Gebusch, nicht weit von dem Orte gefunden, da der Herzog von Braunschweig ermordet ward? Und ist nicht Kunzmann von Hertingshausen, der vor wenig Tagen den Lohn seines Meuchelmords zu Fritzlar erhielt, auf das Bekenntniss gestorben, dass Herrmann sein Gefahrte bey dieser entsetzlichen That gewesen sey?

Ida sah ihre Hofmeisterinn bleich und verstummend an. Rechnet hierzu, fuhr die Alte fort, rechnet hierzu noch dieses: dass Herrmann lang in Konig Siegmunds Diensten war, der Herzog Friedrichen auf Anreizen seiner boshaften8 Gemahlinn hasste, und ihm nach dem Leben trachtete.

Ida ward noch bleicher, denn sie erinnerte sich dieses Umstands aus Herrmanns Erzahlung, doch fiel ihr auch zugleich ein, dass ihr Geliebter ja eben darum in diese Gegenden gekommen war, den unglucklichen Herzog vor heimlichen Nachstellungen zu warnen.

Und, fuhr Kunigunde fort, was diesen Herrmann von Unna noch am meisten zum Mitschuldigen der verruchten That machen muss, ist der Vortheil, den er von Herzog Friedrichs Tode haben was sage ich sich thorigter Weise versprechen konnte!

Und der war? fragte Ida, indem sie angstvoll Kunigundens Hand ergriff Kleine unschuldige Einfalt! rief die Alte, das nicht errathen zu konnen! Der Herzog von Braunschweig war der Brautigam der Grafinn von Wurtemberg, und der Ritter von Unna ist ihr Geliebter!

Kunigunde hatte die erstaunte Ida mit einem teuflischen Gelachter in einem Zustande verlassen, der sich schwerlich beschreiben lasst. Ob der Gift, den die Furie ausstreute, im Stande war einen Zweifel an Herrmanns Unschuld in dem Herzen seiner Liebhaberinn hervorzubringen, ist kaum zu glauben, aber desto gewisser ists, dass sie die Dinge, welche wider ihn angefuhrt wurden, machtig genug fand, auf die Gemuther anderer Menschen einen nachtheiligen Eindruck zu machen, und ihren Geliebten in neues Ungluck zu sturzen.

Ihre Angst fur Herrmann war bey diesen Betrachtungen unglaublich, und nichts konnte sie beruhigen, als dass sie oft gehort hatte: kein Mensch, der einmal vor dem gemeinen Furstenrath unschuldig befunden worden sey, konnte zum zweytenmal um der nehmlichen Beschuldigung willen, vor demselben belangt werden.

Die Ruhe, die auf diese Erwagung Platz in ihrer Seele nahm, dauerte nicht lange, sie ward bald auf eine furchterliche Art aus derselben aufgeschreckt.

Johann von Maynz pflegte den Grafen von Wurtemberg oft zu besuchen, und Ida zitterte allemal, so oft sie diesen Feind ihres Geliebten erblickte. Sie sah ihn ungern bey ihrem Vater, und seine Erscheinungen wurden endlich so haufig, dass sie ihr Argwohn machten, und ihr geboten, fur Herrmanns Wohl auf ihrer Hut zu seyn.

Nie hatte sich die redliche Ida, so lang sie noch ein Burgermadchen war, zum Lauschen herabgelassen; ob sie jetzt durch das Hofleben Talente zu diesem Geschaft erlangt, ob die Liebe sie dazu gebildet hatte, oder ob sie einst blos durch ein Ungefahr in dem Kabinet ihres Vaters hinter einer Tapete eingeschlafen war, als eben der Kurfurst von Maynz ihn eines geheimen Besnchs wurdigte, das konnen wir nicht bestimmen, und mussen es also ganz unsern Lesern uberlassen; genug Ida horte etwas von einem Gesprach, in welchem Herrmanns Name oft genannt wurde, und was sie horte, was sie dabey dachte, und was sie darauf unternahm, davon wird sich vielleicht etwas aus dem folgenden Kapitel errathen lassen, denn da diese Dinge nie vollig ans Licht gekommen sind, so muss man sich freylich nur mit Rathen behelfen.

Funftes Kapitel.

Ida von Wurtemberg, an Herrmann von Unna.

Herrmann, ich traumte, oder ich sah ein Gesicht, es sey, was es sey, genug es war eine Sache, die mir begegnete, und also muss es dir wichtig seyn. Du musst es annehmen als ob es Wahrheit war, musst mir gehorchen, denn deine Ida fordert es von dir. Fliehe! fliehe Herrmann, die Rache verfolgt dich! dein Furst, er sey so gut und machtig als er wolle, vermag dich nicht zu schutzen, denn unsichtbar sind deine Feinde!

Ich glaubte diese Worte konnten dir zu deiner Rettung genug seyn, umd wollte schliessen. Ich muss die Augenblicke, die ich dir gonne, der Nacht abstehlen, und vermag in meiner jetzigen Lage nur wenig zu schreiben. Aber jetzt fallt mir ein, du mochtest mir nicht gehorchen, mochtest meinen Traum fur so einen gewohnlichen Traum halten, wie ihn die Schlafenden traumen, und darum sollst du alles wissen, und selbst urtheilen.

Ich belauschte zween Manner, die von dir sprachen, der eine schien mein Vater zu seyn, aber er war es nicht; wie konnte Idas Vater ein Feind der Unschuld seyn, wie konnte er dem giftigen Einhauchen eines Unholds, der vielleicht eigene Schuld durch die Deinige bedecken will, Gehor geben. Ich lauschte im Verborgenen, im Traum meyne ich du weisst, sonst pflegte Ida wachend nie zu lauschen, und horte, wie die Manner sprachen: du seyst Herzog Friedrichs Morder, dein Schwerd nahe bey dem Orte gefunden, wo der Ungluckliche9 fiel, des sterbenden Kunzmanns Aussage, und ach der heimliche Hass, den du auf Idas so genannten Brautigam vielleicht gehabt haben konntest, bewiesen deine Schuld, umsonst hatten dich die Fursten unschuldig genannt, dein Verbrechen gehorte vor ein anderes Gericht, ach vor jenes Tribunal der Holle, das deiner Ida nur gar zu wohl bekannt ist.

Mein Traum ist noch nicht zu Ende; du weisst, man pflegt zu Zeiten sehr lang und naturlich zu traumen. Mich dunkt, ich behielt diese Worte in meinem Herzen, und sann auf deine Rettung. Es vergiengen einige Tage; ich sah viel unbekannte Manner in meines Vaters Hause, auch begegnete mir einesmals Walter mit der einen Hand, der mir aus vergangenen Zeiten nur gar zu kenntlich war. Ich horte von einer Reise meines Vaters, mir ahndete wohin die Reise gehen mochte, ich bestach einen seiner Knappen mir behulflich zu seyn, dass ich ihn an seiner Statt begleiten konne, es hielt schwer, doch endlich gluckte es. Ich verhullte mich in die schwarzen Gewander, die er mir brachte, und stellte mich an meinen Posten. Die Reise ward angetreten, ich und noch ein einiger Knappe waren die Begleiter des Grafen von Wurtemberg.

Unser Weg gieng nicht weit. Es war sonderbar, mich dunkte nicht anders als wenn wir an dem wusten Gebaude abstiegen, das du an der Nordseite dieser Stadt musst wahrgenommen haben. Aber um Gotteswillen, Herrmann, bringe dich und mich nicht in Ungluck, du weisst, dass man von solchen Dingen schweigen muss, uberdieses ists ja nur ein Traum.

Der Graf und sein erster Diener wurden ungefragt eingelassen, meine Gestalt musste fur die drey Huter der Pforte neu und unbekannt seyn, und sie pruften mich durch seltsame Fragen, sie fragten mich nach den vier Wegen zur Holle, und ich nannte ihnen Worte, die mich der Knappe, dessen Kleider ich trug, des vorigen Tages gelehrt hatte. Sie fragten, wie viel Stufen man zu Gottes heimlichen Richterstuhl hinabsteigen musse, und ich antwortete: dreyssig; mir kamen die wohlgezahlten Stufen in den Sinn, die ich einst, du weisst wo, in der grossten Angst meines Herzen steigen musste, man schuttelte den Kopf, verband mir die Augen und liess mich gehen. Die Zahl dreyssig rettete mir das Leben, ich tappte im Dunkeln, mein Weg gieng tief hinab, keine Stutze, kein Fuhrer war mir zur Seite. Ich zahlte, und als die Zahl voll war, ward mein Weg ebener und man nahm mir die Hulle von den Augen.

Ich war an einem Orte, wie du vielleicht einen ahnlichen gesehen hast. Das Zeichen ward gegeben, das Gericht hub an, die Klager klagten und die Zeugen zeugten wider einen Fursten, und nannten ihn Herzog Friedrichs Morder, aber einer aus den Richtern stand auf, und schwur, er sey schuldlos. Du weisst, ein solcher Eid konnte einst die Unschuld retten, warum nicht auch einen Verbrecher.

Und andere Zeugen traten auf, und andere Klager klagten. Dein Name, Herrmann von Unna, dein Name ward genannt! aber keiner war, der deine Unschuld beschworen wollte, ich wollte mich hervordrangen, aber der Mann mit der einen Hand, den ich jetzt erst neben mir gewahr ward, hielt mich zuruck und drohte mir mit dem Finger! Du wardst verklagt, wardst gerichtet, wardst verurtheilt. "Heimlich schleiche ihm die Rache auf dem Fusse nach! heimlich trete die Strafe auf seine Fersen," so tonte die grassliche Stimme vom Throne; "Wachend tausche seine Augen trugliche Gestalt und fuhre ihn dem Urtheil entgegen, seinen Schlaf belausche das Schwerdt, und richte ihn wo es ihn findet, sein Freund werde sein Morder; er locke ihn in die Einode und richte ihn vor den Augen des reinen Himmels, den er durch den Anblick des unschuldigen Blutes beleidigte. Heimlich und ungewarnt fiel Friedrich von Braunschweig, und eben so soll Herrmann von Unna fallen."

Mein einhandiger Schutzengel verhullte mir den Mund, der sich nach Endigung dieser Worte zu einem furchterlichen Geschrey ofnen wollte, auch dunkt mich, er war es, der mich mehr tod als lebendig aus dieser Holle herauf schleppte, und mich im Fluge nach Hause brachte. Er hatte mich meiner Verkleidung ungeachtet erkannt, er uberhaufte mich mit Vorwurfen wegen meines Vorwitzes, entriss mir meine Hulle, die er mit sich nahm, nahm ein Versprechen von mir, das ich so leistete, dass ich es halten konnte, und liess mich an der geschlossenen Pforte des Pallasts des Grafen von Wurtemberg stehen. Was sollte ich thun? fliehen? zu dir fliehen? hier bleiben und die Ankunft meines Vaters und seinen Zorn erwarten? Schon sahe ich in der Ferne beym falben Licht des Mondes ihn und seinen Begleiter zum Vorschein kommen. Ich erwahlte das kurzeste Mittel, ich klopfte an die Thur, man liess mich ein. Kunigunde erstaunte, dass ich ihre Aufmerksamkeit getauscht, und indessen sie mich schlafend glaubte, doch was mache ich, du weisst, Traume gehen nie so ins kleine, auch ist der meinige hier zu Ende, und ich rufe zum zweiten mal: Fliehe Herrmann! fliehe! der heimliche Racher tritt auf deine Fersen! Ich sollte dich nicht warnen, aber einen Traum konnte ich dir ja erzahlen!

Sechstes Kapitel.

Weitlauftige Folgen eines einzigen

unuberlegten Schrittes.

Herrmann war so glucklich in seinem Herrn einen Freund zu haben. Er hatte sich nicht so bald von dem Entsetzen erholt, das ihm dieser Brief, den er durch einen Unbekannten erhielt, verursachte, als er zu Herzog Albrechten eilte, und ihm denselben vorlegte. Eine lange Berathschlagung erhub sich zwischen beyden, welche sich damit endigte, dass Albrecht den Ausspruch that, es sey eine Unmoglichkeit sich vor den Unsichtbaren, die ihn verfolgten, anders als durch die Flucht zu retten, und auch dieses konne nur so lang helfen als sein Aufenthalt verborgen blieb, oder uberlegene Macht ihn schutzte. Wir mussen uns trennen, Herrmann, rief er, wir mussen uns trennen; Ida hat recht, dein Furst ist zu schwach, dich wider den Arm der heimlichen Racher zu schutzen. Fliehen? sprach Herrmann, fliehen? um eines Traums willen?

Kannst du die Erzahlung der Grafinn im Ernst fur einen Traum halten? Fliehen musst du! Ida gehorchen musst du! aber wohin? zum Konig Siegmunden?

Zum Sklaven eines ruchlosen Weibes? schrie Herrmann, der vergass, dass Albrecht der Brautigam der jungen Elisabeth, der Tochter Siegmunds und Mariens war.

Albrecht lachelte, und fragte weiter: Zum Herzog von Sachsen, dem obersten Stuhlherrn aller heimlichen Gerichte? Er konnte dich am besten schutzen, wenn es dir gelang ihm deine Unschuld klar zu machen.

Herzog Rudolf ist des unglucklichen Herzogs von Braunschweig Freund und Verwandte, ist vielleicht schon zu sehr wider mich eingenommen, um die Stimme der Wahrheit zu horen.

Dein Name lasst mich muthmassen, dass du ein Verwandter des alten Grafen von Unna bist, er ist einer der obersten Vorsteher aller westphalischen Gerichte; sollte er dir seinen Schutz entziehen?

Es ist ein erklarter Feind unsers Hauses, ich darf mich nicht zu ihm wagen.

Sahst du ihn je zuvor? versuchtest du, wie er gegen dich gesinnt ist?

Nein!

Herrmann, der Graf von Unna, ist ein edler vortreflicher Mann, du musst zu ihm, mich dunkt, du hast ihn nie beleidigt; du kannst auf seinen Schutz rechnen.

Sein Hass gegen die Herrn von Unna grundet sich auf die Handel der Martinsritter mit dem Grafen von Wurtemberg, ich war zu jener Zeit ein achtjahriger Knabe.

Folge mir, Herrmann! wirf dich in seine Arme, er wird dich schutzen, wird deine Unschuld ans Licht bringen.

Herrmann gehorchte, und der nachste Tag, oder vielmehr die Schatten der nachsten Nacht sahen ihn die Reise nach Westphalen antreten, ohne dass ihm seine Bemuhungen, der Grafinn von Wurtemberg vorher schriftlich oder mundlich zu danken gegluckt waren. Mittlerweile lebte Ida in dem Hause ihres Vaters ein trauriges Leben. Kunigunde bewachte sie sorgfaltiger als jemals, und die Augen des Grafen von Wurtemberg ruhten oft mit einem sonderbaren argwohnischen Blicke auf ihr. Herrmanns heimliche Entweichung, welche bald ausbrach, und uber welche sich niemand besturzter bezeugte, als Herzog Albrecht, verschlimmerte ihre Lage, sie ward mit verfanglichen Fragen gequalt, mit halb verstandlichen Vorwurfen beunruhigt, und lernte jetzt mehr als zuvor je, es bedauren, dass sie nicht mehr Ida Munsterinn, sondern die Grafinn von Wurtemberg war. O Munster, wie viel Seufzer flogen deiner stillen burgerlichen Wohnung in Prag zu! wie viel Thranen beklagten, dass du nicht wenigstens gegenwartig warest, um, wie ehedem, Rath und Hulfe in druckenden Verlegenheiten herbeyzuschaffen.

Ach er hatte es versprochen, seufzte Ida, hatte es meinem Herrmann versprochen, mich nicht zu verlassen, und Jahre sind vergangen, ohne dass er sich um mich zu bekummern scheint! Die gute Ida wusste nicht, dass ehemals Munster, um ihr Leben zu retten, in eine geheime Gesellschaft trat, welche despotisch uber ihre Glieder herrschte, und ihnen unumschrankt jeden Ort vorschreiben konnte, wo sie leben, jede Handlung bezeichnen, die sie thun sollten.

Ehemals gehorchte Munster keinen Geboten, als den Geboten der Tugend und seines Herzens, seitdem er den ubereilten Schritt that, in eine Verbindung zu treten, die er nicht kannte, war der Graf von Wurtemberg sein Herr, und dass ihn dieser lieber zu Prag als bey seiner Tochter sah, ist bekannt.

Graf Eberhards Herz schien sich, seit gewissen Dingen, von welchen er und Ida sich zu reden scheuten, ganz von seiner Tochter gewandt zu haben, sie war ihm mehr als gleichgultig, er schien sie fast zu hassen. Er war unruhig in seinen Handlungen, unstat in seinen Entschlussen, und trat endlich schnell mit der Erklarung hervor: er musse Teutschland verlassen und in der Fremde Zuflucht suchen.

Zuflucht? fragte die weinende Ida.

Verratherinn! rief er mit Unwillen, was treibt mich von hinnen als dein Vorwitz? Verbrechen der Kinder werden oft den Vatern zugerechnet!

Sollte es moglich seyn? schrie Ida mit gerungenen Handen.

Du opfertest deinen Vater auf, um deinen unwurdigen Liebhaber zu retten!

Ich kannte nicht die Folgen dessen, was ich that, und Herrmann war unschuldig!

Wusste ich dies? Legte man mir nicht sein Verbrechen sonnenklar vor Augen? Wurde ich noch jetzt einen Gedanken haben, dass er schuldlos seyn konne, wenn nicht auch ich unschuldig leiden und doch bekennen musste, dass der Anschein wider mich ist?

Welcher Anschein? rief Ida, die sich zu seinen Fussen warf.

Dich an einem Orte eingefuhrt zu haben, wohin du nicht gehortest, den verurtheilten Herrmann gewarnt, ihm die Hand zur Flucht geboten zu haben.

Ich, ich bin die Schuldige! schrie Ida, ich will es unter allen Himmeln ausrufen, und euch retten!

Zu spat, zu spat! sprach Graf Eberhard und stiess sie von sich. Leb wohl! sey glucklich, wenn du kannst! ich muss dich deinem Schicksal uberlassen!

Der Graf reiste ab, und hinterliess seine Tochter in dem klaglichsten Zustande; Gram uber das Schicksal ihrer Geliebten, und die schrecklichsten Selbstvorwurfe brachten sie in kurzer Zeit dem Grabe nahe, und es fehlte nur noch eins, sie vollig elend zu machen; zwar kaum wissen wir, ob Sorge fur ihre eigene Sicherheit ein Zusatz ihrer Leiden genannt werden konnte; ihre eigene Person schien ihr jetzt das gleichgultigste Ding von der Welt zu seyn, und sie brauchte Antrieb, starken Antrieb von aussen, an sich zu denken.

Es war tief in die Nacht, als Kunigunde, (jetzt da Ida von niemand als sich selbst abhieng) ihre treuste Dienerinn eintrat, einen fremden Mann bey ihrer Gebieterinn zu melden! Der Fremde ward vorgelassen und verlangte mit der Grafinn allein zu seyn.

Kennt ihr mich? fragte er, als er sie eine Zeitlang starr angesehen hatte. Ida, welche dieses Gesicht nur selten ganz ohne Hulle gesehen hatte, verzog zu antworten.

Kennt ihr diesen Arm? fragte er weiter.

Ida sah, dass er seinen rechten Arm unter dem Mantel hervorzog, sie bemerkte die fehlende Hand, und rief den Namen Walter aus!

Wisset ihr, was mich hieher bringt? Eure Sicherheit! ich will euch warnen. Ihr seyd nach der Abreise eures Vaters hier keinen Tag sicher. Alte Dinge werden mit den neuen hervorgesucht, auch ihr musst fliehen. O Grafinn, was fur Ungluck hat euer Vorwitz nach sich gezogen! Wo ist der Unvorsichtige hin, der euch zu eurem nachtlichen Abentheuer die Kleider lieh? Wo ist euer Vater hin, den man im Verdacht hatte, er habe Antheil an diesen Dingen? und was wird aus mir werden, der von allem nichts wusste, nur aus Mitleid sich eurer annahm? Ihr wisst, ich erkannte euch dort unten nicht ehe bis es zu spat, bis es unmoglich war, gewisse Dinge eurem Blick zu entziehn, die kein profanes Auge sehen darf.

Auch ihr? auch ihr? schrie Ida mit gerungenen Handen.

Ja auch ich! erwiederte er. Man hat mich im Verdacht, euch eingefuhrt zu haben, und da man dieses nicht erweisen kann und doch gleichwohl einen verdachtigen Menschen loss seyn will, so sucht man Dinge hervor, die

Ich nicht ganz zu leugnen vermag, wollte Walter sagen, aber ein trauriges Achselzucken vertrat die Stelle dieser Worte. Meine Leser werden vielleicht einige Mahl im vorhergehenden Theile bemerkt haben, dass Walter nicht schlau genug war, seine Worte allemal so zu setzen, wie es Mannern seiner Art zukam. Ihm waren gegen Munstern, gegen Ida, auch vielleicht gegen den Ritter von Unna zuweilen Dinge entwischt, welche eigentlich nicht fur profane Ohren gehorten, auch konnte man ihm erweisen, dass er der10 Hausmeister des von der heimlichen Acht verfolgten Konrads von Langen sey, und die Muthmassung war stark, dass vielleicht seine verdeckten Warnungen diesen unglucklichen Mann so oft vor seinen Verfolgern gerettet hatten. Dieses waren eigentlich die Dinge, die ihn sturzten, und Idas Abentheuer nur die Veranlassung dieselben aufzuregen; aber die Ungluckliche, gleich als wenn sie nicht an eigenen Leiden genug zu tragen hatte, nahm Walters Winke fur bekannt an, nannte sich die Ursach der Verstossung auch dieses Unschuldigen, und ward dadurch noch eine Stufe tiefer in den Abgrund des Elends gesturzt.

Sie vergass die Ursach der Ankunft ihres Walters, ihre eigene Sicherheit liess ihn ungefragt, was ihr zu thun sey, scheiden, und blieb in einer Art von dumpfer Unempfindlichkeit, bis sie des andern Tages durch Herzog Albrechts Besuch ein wenig ermuntert ward.

Der edle Herzog von Oesterreich pflegte die Grafinn von Wurtemberg nach der Abreise ihres Vaters oft zu besuchen; er hatte sie immer hoch geschatzt, und Herrmann hatte nicht nothig gehabt, ihn bey seiner Flucht zu bitten, er mochte ein wachendes Auge auf sie haben, sie nicht ganz ihrem Schicksale uberlassen; dieses waren Dinge, zu welchen er sich schon von selbst geneigt fuhlte.

Ida hatte schon seit langer Zeit Zutrauen zu dem Freunde ihres Geliebten gefasst; ihn zum Theilnehmer ihrer Geheimnisse zu machen, war nichts weiter nothig, als die einnehmende Art, mit welcher er zu fragen und zu rathen wusste, und auch jetzt erfuhr er nach wenig Minuten alles, was der Grafinn in voriger Nacht begegnet war.

Herzog Albrecht war kein Mitglied des furchtbaren Gerichts der Nacht, doch war ihm genug von diesen Dingen bekannt, um seine Freundinn zu trosten. Er hatte sie schon zuvor einigermassen wegen des Schicksals ihres Vaters zu beruhigen gewusst, und jetzt that er das nehmliche in Ansehung des ehrlichen Walters, dem Ida zu viel Verbindlichkeiten hatte, um bey seinem Ungluck, zu welchem ihre Unvorsichtigkeit die Losung gab, gleichgultig zu seyn. Vom Grafen von Wurtemberg hatte er ihr mit Grund der Wahrheit versichern konnen, dass seine Stelle in der Gesellschaft der Unsichtbaren wahrscheinlich zu hoch sey, um von seinen Mitbrudern wegen eines blossen Verdachts eine andere Ahndung furchten zu durfen als Entsetzung seiner Wurden auf einige Zeit, und willkuhrliche Entfernung an einen Ort, der blos des Wohlstands wegen, blos den Geringern Furcht und strenge Beobachtung ihrer Pflicht einzuflossen verborgen seyn musse; Dinge, die zwar dem stolzen. Grafen von Wurtemberg nicht gleichgultig seyn konnten, da sie ihn vor Ausfuhrung seiner grossen Plane aus der Versammlung der Bewerber um die Kayserkrone vertrieben, die aber doch nicht so beschaffen waren, dass sie seiner Tochter Sorge fur sein wahres Gluck oder sein Leben machen konnten. Was den gutmuthigen Walter anbelangte, so vermochte Herzog Albrecht die traurende Ida noch besser zu trosten; ein Geringer konnte den Augen der allsehenden eher durch die Flucht entgehen als ein grosser Mann. Walters Hauptstrafe war wahrscheinlich die Entsetzung seines Amts: ein Schade, den ihm der Schutz des Herzogs von Oesterreich und seine Freygebigkeit leicht ersetzen konnte.

Es war nothig, dass Albrecht durch Hinwegraumung dieser Zweifel sich den Weg zu dem Herzen seiner Freundinn machte, wie wollte er im Stande gewesen seyn, sie zu bereden, auf ihre eigene Sicherheit zu denken, so lange sie noch wegen anderer in Unruhe war.

Jetzt wurde diese Materie mit allem Ernst vorgenommen. Er zeigte der Grafinn, dass ihre Gefahr nicht so geringe sey als sie meynte. Bedenket, sagte er, bedenket Walters Worte; Alte Klagen werden mit den neuen hervorgesucht werden? Wahrscheinlich wird man euch nicht blos wegen, wie soll ich sagen wegen eines vorwitzigen Traums in Anspruch nehmen, sondern da ehemals eure Unschuld blos durch den Eid des Grafen von Wurtemberg gerettet wurde, da dieser jetzt seiner Wurden entsetzt, da vielleicht sein Eid auf die Zeit seiner Entsetzung ungultig gemacht wird, und ihr von neuem euren Verfolgern preis gegeben seyd, so urtheilet, was ihr zu thun habt. Was kann euch alles begegnen, ehe euer Vater im Stande ist euch zu retten? Wisset ihr, ob ihr nicht sowohl verborgenen Nachstellungen wie euer Herrmann ausgesetzt seyn, ob ihr nicht vielleicht heimlich und ungewarnt fallen werdet wie er?

Der liebreiche Furst sprach noch lange auf ahnliche Art mit seiner Freundinn und endlich siegte er. Sie entschloss sich zu fliehen, noch diesen Tag zu fliehen, und jeden Ort zu ihrer Zuflucht zu wahlen, den er ihr vorschlagen wurde, ob sie gleich zu verstehen gab, dass sie, was das letzte betraf, einige Einfalle hatte, welche ihr besser dunkten als alles was er sagen konnte.

Albrecht lachelte, und fragte wohin ihre Wahl ginge.

Sollte ich, rief Ida, sollte ich nicht verbunden seyn, meine erhabene Freundinn Sophie jetzt in ihrem gefallenen Gluck zu besuchen, und ihr zu zeigen, das sie ehemals in vollem Glanz ihrer Hoheit, ihre Gnade an keine Unwurdige verschwendete?

Ein Gedanke, der eurem Herzen Ehre macht, erwiederte der Herzog, aber bedenkt, Grafinn, dass es Verborgenheit ist, was ihr sucht, und dass ihr diese an einem Ort, wo der schwelgerische Wenzel lebt, nicht finden werdet.

Gut, fuhr Ida fort, so wird denn mein zweyter Vorschlag unverwerflich seyn. Das stille Haus zu Prag, wo ich erzogen ward, wird mir die sicherste Zuflucht gewahren; ich werde meinen ehemaligen Vater, meine gute Mutter wieder sehen, werde wieder Ida Munsterinn, werde glucklich seyn.

Und werden euch eure Verfolger nicht am ersten an diesem Orte suchen? der Gedanke dahin zu fliehen, wo ihr die seligen Tage eurer Kindheit verlebtet, ist so naturlich, dass er jedem so leicht als euch selbst einfallen muss, und ihr sehet also wohl.

Aber Gott, schrie Ida, wohin, wohin soll ich dann? Ist denn in dieser Welt keine Zuflucht fur die verfolgte Unschuld?

Horet, was ich euch sagen will, antwortete der Herzog. Ich liebe ein Fraulein, eine gute holdseelige unschuldsvolle Seele, mit der ich schon in meiner Kindheit verbunden ward, eine Person, die allein mir es moglich macht, mit der reizenden Ida die kalte Sprache der Freundschaft zu reden, sie ist Konig Siegmunds Tochter, sie lebt in einem Kloster tief in den waldigten Geburgen von Ungarn, zu ihr will ich euch bringen lassen, sie wird euch wie eine Schwester lieben. Niemand wird auf den Ort fallen, wohin ihr geflohen seyd, und offenbaret ihn ein Zufall, so schutzt euch die Heiligkeit desselben, und die Hoheit der Person, zu deren Freundinnen ihr euch zahlen werdet. O Ida, solltet ihr meine Elisabeth kennen, ihr wurdet sie wurdig schatzen, eure Freundinn, eure Schuzzerinn zu seyn. Sie ist noch sehr jung, aber Ungluck hat sie fruhzeitig weise gemacht, ist vielleicht nicht ganz so schon wie die Grafinn von Wurtemberg, aber ihre Seele, o Gott, ihre grosse schone engelreine Seele! was soll ich sagen? sie ist die andre Helfte der Eurigen!

Herzog Albrecht war sehr bewegt, als er dieses sagte, er stand plotzlich auf, druckte Idas Hand, und verliess sie.

Siebentes Kapitel.

Ein Gesprach am Sprachgitter.

Auch Ida war bewegt, Dankbarkeit gegen ihren erhabenen Freund durchgluhte ihr Herz, ob gleich etwas in seinem Betragen war, welches ihr die Entfernung von ihm erwunscht machte. Die Meynung, die sie von ihren Reitzen hatte, war zu bescheiden, die Gedanken, die sie von fester Ritter- und Furstentreue hegte, zu gross und weitumfassend, als dass sie hatte furchten sollen, der verlobte Albrecht wurde seiner Elisabeth um Idas willen treulos werden, nein, dieses war in ihrem Sinne eine so ausgemachte Unmoglichkeit als dieses, dass sie je im Stande seyn konne ihren Herrmann zu vergessen.

Aber der gute Engel, der der Unschuld immer zur Seite geht, flusterte ihr doch oft und auch diesesmal ins Ohr, Herzog Albrechts Aufmerksamkeit fur sie sey zu heiss, zu zartlich, und Flucht sey das beste.

Herzog Albrecht kam des Nachmittags wieder; Grafinn, sagte er, ich habe euer Stillschweigen diesen Morgen fur Einwilligung genommen, alles ist zu eurer Abreise fertig, sie kann diese Nacht vor sich gehen; werdet ihr mir bis dahin eure Gesellschaft auf einige Stunden gonnen? es wird mir schwer von euch zu scheiden, und ich habe euch so viel, ach so viel zu sagen, das meine Elisabeth durch euch wissen muss. Ihr konntet vielleicht das Werkzeug seyn, sie und mich glucklicher zu machen als wir hoffen konnten je zu werden, uns eine Mutter wieder zu schenken, die wir verloren glaubten, und von deren Leben ich erst vor kurzem durch euren Herrmann einige Winke bekam.

Herzog Albrechts Worte waren von einem Innhalt, wurden mit einem Tone gesprochen, welcher Aufmerksamkeit erregte; Ida verlor nichts von dem was ihr ihr erhabener Freund in dieser und einigen folgenden Stunden vortrug, und wovon wir vielleicht in der Zukunft mehr horen werden. Das Leben der Koniginn Maria, Siegmunds erster Gemahlinn, war ihr aus dem was der Ritter von Unna einst von ungefehr aus dem Munde der damaligen Grafinn von Cyly vernahm, nicht unbekannt, aber wo diese ungluckliche Furstinn lebte, auf welche Art sie aus der Dunkelheit gezogen, und wieder an die Stelle gesetzt werden sollte, welche ihr zukam, und die die unwurdige Barbara jetzt behauptete, dieses waren Dinge, die sie jetzt erst erfuhr, und bey deren Ausfuhrung Herzog Albrecht ihr eine Rolle zudachte, die seiner Meynung von ihr Ehre machte.

Ida fand die Anschlage ihres Freundes schwer und weit aussehend, aber sie versprach zu allem die Hand zu bieten was man von ihr fordern wurde, empfieng einige Zeilen von Herzog Albrechts Hand an die Prinzessinn Elisabeth, und trat unter seinen Wunschen fur ihr Gluck und fur ihre Sicherheit eine Reise an, die durch die Behutsamkeit, mit welcher sie eingericht werden musste, und durch die Hindernisse, die sich hier und da ihr entgegensetzen konnten, mehr als um die Halfte verlangert werden musste.

Herrmanns Reise war kurzer und von weniger Gefahren begleitet. Die Nacht, die er meistens zu derselben brauchte, und eine wohlgewahlte Verkleidung, sicherten ihn vor Nachstellungen, und er kam in dem Gebiet des alten Grafen von Unna an, ohne ein einiges Abentheuer erfahren zu haben.

Der Zweck seiner Reise war ihm zu wichtig, ihm war zu viel daran gelegen, bald die Rechte der Menschheit, Sicherheit und gefahrlose Ruhe von neuem geniessen, mit ofnem Gesicht wieder unter seinen Brudern wandeln zu konnen, als dass er seinen Besuch bey dem, der, wie Herzog Albrecht meynte, ihm wieder zu diesen Gluckseligkeiten verhelfen konnte, einen Augenblick hatte aufschieben sollen. Er setzte den Widerwillen, den man ihm von Kindheit an gegen seinen ehrwurdigen Verwandten eingeflosst hatte, ganzlich bey Seite, bemuhte sich, ein Zutrauen zu ihm zu fassen, und liess in der ersten Stunde seiner Ankunft beym alten Grafen um Zutritt fur einen Fremden bitten, welcher vom Herzog von Oesterreich in wichtigen Geschaften zu ihm gesandt sey.

Der Graf von Unna war nicht gegenwartig, neue Streitigkeiten zwischen den Grafen von Tekeneburg und dem Bischoffe von Munster, bey welchen er zum Schiedsrichter erfordert worden war, hatten ihn schon etliche Wochen von seiner Residenz abwesend gehalten, und Herrmann ward zur Geduld verwiesen.

Herrmann bekam Muse uber seine seltsame Lage nachzudenken, er befand sich in seinem Vaterlande, sahe tausend Orte um sich her, die er als Knabe gekannt, wenigstens oft ihre Namen gehort hatte und die ihn jetzt als einen zufluchtlosen Fremdling sahen. Er befand sich hier, einen Mann zu suchen, ihn um Hulfe anzuflehen, gegen welchen er mit Vorurtheilen eingenommen war, die er nicht ganz zu uberwinden vermochte, und rund um ihn her wohnten seine Schwestern und Bruder, die ihn erzogen hatten, mit denen er aufgewachsen war, und denen er sich jetzt nicht vertrauen durfte.

Meine Leser erinnern sich vielleicht, dass Herrmann in seinem zwolften oder dreyzehnten Jahre dem Kloster entfloh, um Kaiser Wenzels Edelknabe zu werden, ein Schritt, der seinen Verwandten, welche meistens aus geistlichen Herrn und Frauen bestanden, nicht gefallen konnte, und der alles Einverstandniss zwischen ihnen und dem entflohenen Knaben aufhob.

Herrmann fand sich in seinem nachmaligen Stande zu glucklich, ward in der Folge in zu mancherley Begebenheiten verwickelt, als dass er sich viel um seine strengen Zuchtmeister hatte bekummern sollen. Die Klosterjungfern zu Ueberwasser, seine Schwestern Agnes und Petronelle, gutherzige Gespielinnen seiner Kindheit, und von ihm herzlich beklagte Schlachtopfer des Privatnutzens ihrer alteren Geschwister, waren die einigen, mit denen er die ganze Zeit uber eine Art von Einverstandniss unterhalten hatte.

Die Briefschreiberkunst war damals noch nicht in sonderlichem Flor, und niemand verstand sich weniger darauf, als die Rittersleute, es ist daher wohl zu glauben, dass Herrmann keine weitlauftige Korrespondenz mit seinen Schwestern gefuhrt haben wird, doch meldet die Geschichte, dass nicht leicht etwas wichtiges in dem Leben des Junglings vorfiel, das er nicht den Nonnen zu Ueberwasser durch Bothschaft oder Schrift kurzlich gemeldet, kein Gluck, es mochte auch noch so klein seyn, ihm zustiess, das er nicht mit Agnes und Petronellen getheilt haben sollte.

Ob die Klosterjungfern allemal klug genug waren, mit der Vertraulichkeit ihres Bruders behutsam umzugehen, das will ich nicht entscheiden. Die Freude, auch in der Ferne noch von ihm geliebt, allen seinen andern Verwandten vorgezogen zu werden, machten sie oft geschwatzig, und so geschah es, dass seine altern Geschwister von den wichtigsten Begebenheiten seines Lebens unterrichtet waren, und dass er einige merkwurdige Sendschreiben in seinem Archiv aufzuweisen hatte, welche bald sein Bruder der Domherr zu Munster, bald seine Schwester die Aebtissinn zu Marienhagen an ihn abgelassen hatten, um ihn von dem Urtheil zu benachrichtigen, das sie in ihrer weiten Entfernung von den Dingen fallten, die in einer Welt vorgingen, welche sie nicht kannten.

Die Ermahnungen, mit welchen diese Briefe angefullt waren, hatten nie sonderlichen Beyfall, bey dem feurigen Junglinge gefunden, und er war immer so unartig gewesen, sie unbeantwortet zu lassen, daher er sich vorstellen konnte, dass jetzt alle Ueberreste ehemaliger Liebe in den Herzen seiner altern Geschwister erstorben seyn und der Hass und Groll, zu welchen er durch seine Flucht an Kaiser Wenzels Hof den ersten Grund legte, hoch empor gewachsen seyn wurde.

Auch waren sie keinesweges die Personen, nach welchen er sich jetzt sehnte, oder die er bey seiner Anwesenheit in seinem Vaterlande zu sehen wunschte; ein jungerer Bruder, ehemals so wie er zum Klosterleben bestimmt, und seine Schwestern Agnes und Petronelle, waren die einigen, nach welchen er sich jetzt in der Zeit der Einsamkeit, und der Erwartung des alten Grafen von Unna zuweilen zu sehnen pflegte. Er zog Erkundigung nach diesen dreyen ein, und erfuhr, dass Bruder Johann dem Kloster entkommen sey, und sich eine Stelle unter den deutschen Ordensrittern errungen habe, indessen die Nonnen zu Ueberwasser noch immer in ihrem Kloster lebten.

Die Reise nach diesem Kloster war beschlossen. Die Ankunft des Grafen von Unna verzog sich zu lange, Herrmann war zu gewohnt wenigstens eine freundschaftliche Seele zu haben, der er sich mittheilen konnte, als dass er es langer zu Unna, wo er unter lauter Fremden lebte, hatte aushalten konnen.

Herrmann erhielt Zutritt am Sprachgitter, Agnes und Petronelle waren gegenwartig, aber sie waren nicht allein. Das Herz ihres Bruders wallte ihnen entgegen, aber die Anwesenheit einer Dritten machte, dass er die Nennung seines Namens und die Ergiessungen dieses bruderlichen Herzens bis auf die Einsamkeit versparte.

Die Fremde, eine Person mit einem wenig versprechenden doch Herrmann sehr bekannten Gesicht, verwandte kein Auge von ihm, und schien uber der Bemuhung, aus seinen Zugen seinen Namen zu errathen, die Unterhaltung mit den Nonnen, welche sie zu besuchen gekommen war, ganz zu vergessen.

Auch Herrmann schwieg, und arbeitete unter der peinlichsten Beklemmung.

Ich bin hier uberley, sagte die Dame endlich zu den Nonnen, indem sie aufstand, ohne Zweifel ist dieser Ritter nicht gekommen, euch blos anzusehen; oder sind seine Blicke von der Art, dass ihr sie auch ohne Sprache erklaren konnt?

Wir kennen ihn nicht, erwiederte Petronelle. Ob wir gleich, fuhr Agnes fort, gewiss alle beyde etwas in seinen Zugen finden.

Das euch unendlich gefallt! setzte die Dame mit einem hohnischen Blicke hinzu. Nun wahrhaftig, ein sehr offenherziges Gestandniss fur ein paar geistliche Frauen!

Ich rufe euch zum Zeugen Ritter, rief Agnes mit Unwillen, ob ihr uns bekannt seyd.

Die Frauleins von Unna kennen mich also nicht? haben keine Muthmassung? fragte Herrmann in einem zartlichen Tone.

Nun fort, fort! Kinder! sagte die Dame, welche Herrmannen immer bekannter dunkte, und mit jedem Augenblicke weniger gefiel, Muthmassungen musst ihr haben! der Ritter gesteht dies ja selbst!

O wenn Muthmassungen, wenn Ahndungen hier etwas galten! rief Petronelle. Wir horten so lange nichts von unserm Bruder Herrmann, solltet ihr vielleicht uns Bothschaft

Von eurem Bruder? schrie die Dame in einem zornigen Tone, seyd ihr die einigen Schwestern des kleinen Herrmanns? Zwar eure andern Geschwister konnten euch vielleicht diese Ehre gern allein gonnen!

Und wer ist dieser kleine Herrmann? fragte der Ritter mit einem unwilligen Blicke auf die Sprecherinn.

O verzeihet ihr! rief die sanfte Agnes, man pflegt oftmahls Personen klein zu nennen, welche man als Kinder kannte. Mich dunkt, ihr seyd unsers Herrmanns Freund, ihr musset ihr ihre Worte nicht ubel deuten, sie ist

Keine Entschuldigungen Fraulein, schrie die Dame, ich werde mich nie zu Entschuldigungen weder gegen Herrmann, noch gegen seinen Freund, herablassen, mich dunkt, er ist es, welcher Entschuldigungen bedarf. Sein argerlicher Uebergang von Gott zur Welt, die ganzliche Vernachlassigung seiner Geschwister, die seine Wohlthater waren, ist noch nicht vergessen; sein bisheriger Lebenswandel ist nicht so beschaffen, Vergessenheit und Vergebung zu erwarten

Katarine, rief Petronelle mit bittendem Blick, was that euch Herrmann, ihn so vor einem Fremden zu beschimpfen.

Vor einem Fremden? fragte Katarine, ihr meynt ja selbst, dass er ein Freund, ein Bote Eures Bruders sey! Doch er sey es oder nicht, die ganze Welt weiss ja die anstossigen Geschichten mit der Munsterinn, die plotzlich, Gott weis wie, zu Grafinn ward, seinen Antheil an Herzog Friedrichs Ermordung, und all' die Dinge, die ihn in die heimliche Acht brachten, und das Herz seiner Verwandten auf ewig vor ihm verschlossen.

Katarine war aufgestanden, und verlies den Sprachsaal mit Ungestum, indess Herrmann mit in einandergeschlagenen Armen da stand und ihr voll Entsetzen nachsah. Ich bitte euch, Frauleins, rief er nach einer langen Pause, wer war diese Furie.

Unsere Schwester Katarine von Senden, schluchzte die weinende Petronelle.

Eure Schwester? rief Herrmann, Gott! eure Schwester? und also auch die Meinige? Nein, nein! sie ists nicht!

Wer bist du? fragte Agnes, welche dem Gitter naher trat und Herrmann scharfer ins Auge fasste.

O Herrmann! Herrmann! schrie Petronelle mit ausgebreiteten Armen. Ja du bists, mein weissagendes Herz hat mich nicht betrogen!

Bruder! Engel! Troster in unserer Trubsal! schluchzte Agnes, o konnte ich dich in meine Arme schliessen!

Herrmann, den die Freude uber das Entzucken, mit dem er hier aufgenommen wurde, stumm machte, naherte seinen Mund dem Gitter, um die Kusse seiner Schwestern aufzufangen, und doch wer vermag es zu schildern, wie liebende Geschwister sich empfangen, wie Engel Engel begrussen?

Die Freude der glucklichen Dreye war jetzt ruhiger geworden, und Herrmann kam auf das zuruck, was ein Stachel in seinem Herzen war, dass jenes Weib, das so wuthend einen Abwesenden schmahen, ungereizt einen Unschuldigen beschimpfen konnte, seine Schwester seyn sollte, und die Nonnen mussten es ihm auf zehnfache Art beweisen und versichern, ehe er es ganz zu glauben vermochte.

Gott rief er! wenn all' die Uebrigen dieser gleichen, so segne ich meinen Entschluss, mich niemand als euch zu offenbaren.

Urtheile nicht zu fruhzeitig, rief die sanfte Agnes, Katharina ist unglucklich, das Ungluck macht oft ungerecht gegen Unschuldige. Gern verschmerzen wir die Beleidigungen, die wir von ihr erdulden mussen, weil wir sie beklagen.

Ein Theil von Herrmanns Unwillen legte sich, als er horte, dass seine Beleidigerinn unglucklich sey, er fragte weiter, und Petronelle berichtete ihn, dass Katharina eben die Begegnung von der Aebtissinn zu Marienhagen, und den ubrigen der Familie erdulden musse, damit sie andere zu qualen pflege. Du weisst, sagte sie, Katharina war so wie wir zum Kloster bestimmt, sie zog eine ungluckliche Verheyrathung dem geistlichen Leben vor, und leidet nun durch Armuth, durch Vernachlassigung ihres Mannes und durch die Vorwurfe ihrer altern Geschwister, vornehmlich unserer Schwester der Aebtissinn. Katarine ist eine Mutter vieler Kinder, ihre einige Hofnung besteht auf der Gnade unsers altern Bruders, welcher ohne Kinder lebt. Sie beneidet alles, was sich ihm naht, und sie wurde vielleicht jetzt ihre bose Gesinnungen nicht auf so eine furchterliche Art geaussert haben, wenn ihr Unwille nicht kurz vorher, ehe du erschienst, durch ein Gesprach von dir war erregt worden.

Von mir? fragte Herrmann.

Ja, antwortete sie. Du hast die schrecklichen Dinge gehort, die sie von dir sagte, Gott, sollte es wahr seyn, dass du dich in der heimlichen Acht befandest?

Gute Seele rief Herrmann, bekummere dich nicht, und ob es so war, Gott ist Schutzer und Retter der Unschuld!

Die Klosterjungfern weinten, und Herrmanns Trostungen konnten sie mit Muhe endlich so weit beruhigen, dass die Erzehlung fortgesetzt wurde.

Stelle dir unser Entsetzen vor, fuhr Petronelle fort, als wir aus Katarinens Munde diese schrecklichen Dinge vernahmen, Agnes ausserte den Wunsch, dem ich mit Inbrunst beystimmte, du mochtest in dein Vaterland fliehen, wo du vielleicht Hulfe, wenigstens Unterstutzung zur weitern Flucht bey unserm Bruder Bernhard finden wurdest. Er muss arm seyn, schrie sie, auch wir sind arm, wo soll er Hulfe suchen, wenn ihm das Haupt seiner Familie, sein Bruder, der ihm Vater seyn sollte, dieselbe versagt? Dieses waren die Worte, welche Katarinen, die alles was Bernhard besitzt fur das Erbe ihrer Kinder halt, in die Wuth versetzten, welche sie hernach auf die kleinste Veranlassung erneuerte.

Herrmann sahe seine Schwestern mit einem Blicke an, der alles ausdrucken sollte, wovon sein Herz voll war, die innigste Liebe gegen die guten Seelen, die er vor sich hatte, und den tiefsten Kummer, dass er ihnen nicht so lohnen konnte wie er wunschte!

Der traurige Zug in seinem Gesicht ward falsch verstanden. Grame dich nicht, mein Herrmann, rief Agnes und streckte ihre Hund wehmuthsvoll nach ihm aus, wir sind nicht so arm als wir sagten, alle deine Geschenke sind noch in unserer Hand, und sie sind, wie du weisst, ansehnlich genug, dich auf deiner Flucht zu unterstutzen, aber Gott wohin! wohin! Petronelle, du bist ja immer so reich an Einfallen, rathe! hilf! ersinne! Hier ist keine Zeit zu sparen.

Achtes Kapitel.

Herrmann hatte Muhe seine bekummerten Schwestern zu beruhigen, nichts als die umstandliche Erzehlung seiner Begebenheiten konnte dieses endlich bewurken, sie sahen aus denselben, dass (wenigstens wie Herrmann meynte) die Gefahr noch nicht so nahe sey als man hier glaubte, dass es ihm nicht an Mitteln zu seiner Sicherheit und Erhaltung fehle, und dass Verschwiegenheit das einige sey, was er zu wunschen habe.

Die Gesprache der drey Geschwister waren zu wichtig, zu interessant fur ihre Herzen um bald geendigt zu werden. Zum Gluck war die Regel des Klosters nicht allzustreng, oder die Frauleins waren beliebt genug unter der Schwesterschaft, um Nachsicht zu erhalten, genug das Gesprach ward durch nichts gestort, als nach einigen Stunden, durch die Erscheinung der Aebtissinn von Marienhagen, welche kam ihre Schwestern zu besuchen, und sich so wie die Frau von Senden uber das ausbrechende Gerucht von Herrmanns Unglucke mit ihnen zu bereden.

Sie traf Herrmann noch am Sprachgitter, und erkannte ihn sogleich, so wie auch sie augenblicklich von ihm erkannt wurde. Man sagt, dass die geistlichen Frauen einen scharfern Blick und ein besseres Gedachtniss als die weltlichen haben. Es war dem Ritter unmoglich sich vor ihr zu verbergen, auch hielt er es seiner unwurdig und fur die heilige Frau beschimpfend dieses zu thun. Sollte er Misstrauen gegen eine Schwester aussern, von ihr verrathen zu werden furchten, oder derjenigen, die man ihn, als er noch ein Kind war, wie eine Mutter verehren lehrte, die schuldige Achtung versagen?

Ursula umarmte ihn. Ihr Kuss war kalt, aber doch immer noch besser als das Betragen der Frau von Senden, das Herrmann noch nicht genug verschmerzt hatte, um keinen Unwillen gegen die Aebtissinn daruber zu aussern. Ursula schimpfte auf Katarinen, und machte denn einen zierlichen Uebergang ihrem Bruder in frommen Ausdrucken ohngefehr das nehmliche zu sagen, was jene vorher mit Hohn und Scheltworten gethan hatte.

Im Grunde sahe er, dass das Herz der einen so kalt gegen ihn war, wie der andern, doch flosste ihm das anstandigere Betragen der Aebtissinn mehr Achtung ein, als die Wuth der Frau von Senden; er uberwand sich, ihr seine Geschichte zu erzehlen wie sie war, und dadurch den bosen Verdacht, in welchem er hier gehalten wurde, weil er unglucklich war, grundlich zu vernichten.

Ursula zuckte die Achseln, und wunschte, es mochte alles so seyn wie der Ritter sagte, und er mochte lieber sein Vaterland, wenn es so mit ihm stunde, nie wieder betreten haben, da man ihn hier doch nicht zu schutzen wisse, und Beforderung seiner Flucht das einige sey, was man fur ihn thun konne.

Herrmann schwieg und gerieth in tiefes Nachdenken uber die unnaturlichen Gesinnungen, die er hier bey seinen Geschwistern fand, indessen Petronelle auf Befehl ihrer Schwester der Aebtissinn, Katarinens Gesprach umstandlich erzahlen musste und dadurch die heilige Frau in grossen Zorn jagte.

Ich merke ihr Absehen, schrie Ursula, sie wird, so bald sie Herrmanns Anwesenheit erfahrt, den Herrn von Unna (so ward Bernhard allemahl ehrerbietig von seinen Geschwistern genennt,) abzuhalten suchen, dass er ihn nicht spreche, damit er nicht verleitet werde, etwas fur ihn zu thun; aber es soll ihr nicht gelingen, und ungeachtet ich im Grunde das Gegentheil fur besser hielt, so muss Herrmann nun einige Tage hier bleiben, muss sich allen seinen Geschwistern zeigen, denn im Grunde hat er eben das Recht auf die Hulfe seines Bruders, als die ungerathene Schwester, diese Katarine!

Herrmann schauderte zuruck uber die Feindseeligkeit, die Ursula mitten in der Aeusserung wohlwollender Gesinnungen zeigte, und versicherte dass er nicht hieher gekommen sey Hulfe zu suchen, nicht sich Tage lang hier aufzuhalten, und dadurch die Zeit zu seiner nothigen Flucht zu verlieren, oder mit seiner Erscheinung jemand zu kranken. Die Ursach seiner Reise in sein Vaterland sey der Rath des Herzogs von Oesterreich, welcher ihm Hoffnung gemacht habe, der alte Graf von Unna wurde als Oberrichter der Freygerichte in diesen Gegenden vielleicht etwas zu Untersuchung seiner Sache und zum Beweis seiner Unschuld thun konnen.

Der Name des alten Grafen von Unna war ein elektrischer Schlag fur die Aebtissinn von Marienhagen. Sie schwur, sie wurde es nimmermehr zugeben, dass ihr Bruder, den sie erzogen, den sie immer wie einen Sohn geliebt habe, Schutz bey dem Feinde ihres Hauses suchte. Alle alte Handel, die Herrmann schon als Knabe bis zum Ueberdruss hatte horen mussen, kamen wieder zum Vorschein, wie der alte Graf die Herrn von Unna wegen der wurtembergischen Handel heimlich und offentlich verfolgt, ihre Guter eingezogen, die meisten von ihnen, und auch sie genothigt hatte, aus Mangel an Mitteln ihren Stand zu behaupten, das geistliche Leben zu wahlen, wie er noch bis diese Stunde sie hasste und verachtete, und fest entschlossen war, da er ohne Kinder lebte, den Namen und die Guter der Grafen von Unna, eher an ein fremdes Haus zu bringen, ehe dem Kayser zufallen zu lassen, als sie ihnen zu gonnen.

Herrmann ward ubertaubt, ward mit seinen Einwendungen nicht gehort, er musste endlich schweigen und versprechen, vor der Hand zu bleiben, und sich des andern Tages durch sie seinem altern Bruder Bernhard von Unna, der seinen Sitz zu Plettenburg hatte, vorstellen zu lassen. Es ward spate, Herrmann musste die geliebten Schwestern und die ungeliebte verlassen. Ursula schloss ihn beym Abschied zartlicher in die Arme als anfangs; die Begierde andere zu kranken hatte ihr Herz gegen ihn erweicht, und sie gieng in ihrer Milde so weit, dass sie durch ihr Ansehn die Oeffnung des Sprachgitters bewurkte, damit auch Agnes und Petronelle den geliebten Bruder umarmen konnten.

Neuntes Kapitel.

Einige Familiengemalde aus dem Hause Unna.

Wie musste Herrmann, dessen Herz sich an den Umgang mit dem edlen Herzog von Oesterreich, an die liebenswurdige Ida, an den redlichen Munster gewohnt hatte, wie musste ihm zu Muthe seyn, hier unter seinen Geschwistern Gesinnungen zu finden, wie sie ihm fast noch nie vorgekommen waren. Es ist wahr, er hatte schreckliche Charaktere kennen gelernt, hatte Kunzmann und die Grafinn von Cyly handeln sehen, und sich mit Entsetzen von ihnen zuruckgewandt. Hier fand er noch bey weitem nicht jenen hohen Grad von Ruchlosigkeit, aber die Gesinnungen dieser niedrigen gemeinen Seelen flossten ihm eine ganz eigene Empfindung ein, einen Eckel: eine Verachtung, deren schmerzhaftes Gefuhl er nur durch einen Blick auf die liebenswurdigen Nonnen zu Ueberwasser lindern konnte; sie waren der einige Ruhepunkt, bey welchem er gern verweilte, und mehr der Wunsch sie noch einmahl zu sehen, als das Versprechen, das er der Aebtissinn zu Marienhagen gegeben hatte, bewog ihn zu bleiben und sich seinen andern Geschwistern vorstellen zu lassen. Er zitterte, noch mehr hassliche Originale in seiner Familie zu finden, und zuletzt an seiner eigenen Herzensgute zu zweifeln da der Stamm, aus dem er entsprossen war, so wenig taugte.

Der Tag, vor welchem ihn graute, brach an. Er eilte nach Marienhagen, wo er versprochen hatte sich einzufinden, und seine Schwester die Aebtissinn abzuholen. Er fand daselbst die ganze Versammlung seiner Geschwister, bis auf den grossen Mann, welchem er vorgestellt werden sollte. Agnes und Petronelle flogen ihm mit schwesterlicher Zartlichkeit entgegen. Der phlegmatische Domherr von Munster schuttelte ihm kaltherzig die Hand, und die Frau von Senden sollte ihm auf Befehl der heiligen Ursula eine Entschuldigung ihres Vergehens stammeln. Herrmann hatte ihr langst verziehen, und es bereut, dass er einen Augenblick auf die Ungluckliche gezurnt hatte. Die tiefe Demuthigung auf ihrem Gesicht beschamte ihn, er schloss sie in seine Arme und nannte sie Schwester.

Neben ihr stand Ulrich von Senden, ihr Gemahl, eine Figur, wie sie die Natur nur selten bildet, das hochste Ideal mannlicher Schonheit, mit dem Abdruck einer eben so schonen Seele in seinen sprechenden Zugen; er grusste den neuen Ankommling mit Wurde, und Herrmann, der wie Junglinge pflegen, sich leicht von korperlichen Reizen zu Liebe und Freundschaft hinreissen liess, druckte ihn mit Warme an seine Brust.

Was ist das? sagte Herrmann zu sich selbst, ein solches Gesicht in diesem Cirkel von Altagsmenschen? ein solcher Mann der Gemahl meiner Schwester Katarine?-Er wandte sich zu den beiden Klosterfrauleins um Auskunft uber seine Zweifel zu erhalten, sie lachelten, und sagten, er mochte sich bereiten, heute noch eine Person in seiner Familie kennen zu lernen, welche seine Erwartung ubertreffen wurde.

Der Zug nach Plettenburg ging vor sich, der Herr von Senden schien sich so ungern wie Herrmann an denselben anzuschliessen; er hatte einen ernsten Wortwechsel mit der Aebtissin uber die Feyerlichkeit desselben, und gab Winke, dass sich dieselbe nicht zu der Lage des neuen Ankommlings schicke, doch von diesen Dingen durfte jetzt, seit es der heiligen Ursula beliebte, ihrem Bruder gnadig zu seyn, nicht laut gesprochen werden, und das Gerucht von Herrmanns Ungluck, das zuvor niemand unvorsichtiger ausgesprengt hatte als sie und die von ihr so sehr gehasste und ihr doch so ahnliche Katarine, sollte jetzt da sie gebot, nun sogleich unterdruckt, aus jedem Gedachtniss verloscht seyn.

Herrmann hatte die Hofe der grossten Fursten seiner Zeit gesehen, war der Diener eines Kaysers und eines Konigs von Ungarn gewesen, hatte sich zu Nurnberg oft in einem ganzen Cirkel von Mannern befunden, welche alle es wagen durften die Hand nach der hochsten Krone der Welt auszustrecken, aber nirgend hatte er das Geprange, und den prahlenden Anschein von Grosse getroffen, als hier auf dem Schlosse eines gemeinen Edelmanns.

Bernd, bey welchem der Jungling jetzt eingefuhrt wurde, musste glauben, die Ehre, das Haupt der jungern Linie des Hauses von Unna zu seyn, sey der Gipfel menschlicher Hoheit, wie hatte er sonst diesen lacherlichen Pomp bey sich einfuhren, sich so von seinen Dienern und Verwandten huldigen lassen, und auf alles, was ihn umgab, so stolz herablacheln konnen!

Der Hof zu Plettenburg, wie man hier Bernhards Hauswesen zu nennen pflegte, war in der That fur einen Herrn von Unna glanzend genug, aber diese Herrlichkeiten, welche Herrmannen, der die Welt gesehen hatte, nicht blenden konnten, trugen in dem Auge des Verstandigen ein trauriges Geprag; dieser Schimmer entsprang von der Aussteuer unglucklicher Schwestern, von der Habe unglucklicher Bruder, die sich selbst aufopferten, oder aufgeopfert wurden, um das angebetete Haupt ihres Hauses wie einen kleinen Fursten leben zu lassen.

So widrig als Herrmannen das Aeusserliche des Hauses war, das er jetzt betrat, so sehr misfiel ihn der Wirth desselben, ungeachtet er sein Bruder war; auch er schien keine sonderliche Gnade vor Bernden zu finden, er hatte sich tiefer vor ihm beugen mussen, wie vor Kayser Wenzeln und Konig Siegmunden, wenn er nicht hatte wider den hier eingefuhrten Wohlstand sundigen wollen; er that es nicht, begegnete Bernharden blos mit der Achtung, die er einem altern Bruder schuldig zu seyn glaubte, und wurde mit Unwillen angesehen

Herrmann wandte seine Augen bald von dem stolzen Edelmanne hinweg nach einer jungen Dame, welche an seiner Seite sass und die, als die Aebtissinn ihr Herrmanns Namen nannte, sich mit unwiderstehlicher Anmuth erhob, ihn schwesterlich zu grussen. Sie war die Gemahlinn Bernhards, die Herrmann nicht kennen konnte, weil sie erst nach seiner Flucht aus seinem Vaterlande in das Haus von Unna gekommen war.

Herrmann blickte sie voll Bewundrung an, nie hatte er nach seiner Ida eine hinreissendere Schonheit gesehen, als Alizen oder wie sie hier die verderbte Mundart nannte, Aleken von Langen. Und diese Holdseligkeit, diese Milde, die in allen ihren Gesichtszugen, in ihrem ganzen Betragen lag, und die mit der Aufgeblasenheit ihres Mannes so sonderbar kontrastirte, dieser schwermuthige Zug um die Augen diese ruhrende Blasse, die ihr schones Gesicht ubergoss und es laut sagte, dass sie nicht glucklich sey, was fur Zusatze ihren Anblick unwiderstehlich zu machen.

Aleke ergriff die Hand des besturzten Herrmanns, und nannte ihn zum zweytenmahl Bruder, that es mit einem Tone, der das Herz des Junglings mit einem unnennbaren Gefuhl ergriff und ihn zu ihren Fussen sturzte.

Bernhard sah dieses Opfer, das er mehr auf die Rechnung der Frau von Unna als der schonen Alize schrieb, mit Beyfall. Er fieng an zu glauben, Herrmann sey noch nicht ganz fur die Eitelkeit seines Volks vernachlassigt, und bot ihm mit ziemlich guter Art die Hand ihn aufzurichten. Herrmann kusste die Hand seiner reizenden Schwagerinn, nahm Platz auf dem Sessel, den ihm Bernd herablassend darbot, und ward mit einigen Fragen beehrt, die er gut genug beantwortete, um nicht von neuem den Stolz seines Bruders zu beleidigen.

Bald darauf gerieth der erhabene Herr von Unna in ein Gesprach mit seiner Schwester der Aebtissinn, und Alize winkte die Klosterjungfern von Ueberwasser, ihre Busenfreundinnen herbey, um sie in das Gesprach mit Herrmann zu ziehen.

Nun Bruder, fragte die lachelnde Petronelle, ist unsere Weissagung eingetroffen?

O rief Herrmann, ich bin uberrascht, entzuckt, glaube Ida zu sehen, und nenne mich glucklich so eine Schwester zu haben!

Alize hatte eine verbindliche Antwort auf der Zunge, aber ein Blick, den sie auf Ulrichen von Senden warf, der ihr gegen uber an eine Seule gelehnt dastand, und sich ganz in ihrem Anschauen zu verlieren schien, machte, dass sie verstummte und mit gluhender Rothe ubergossen ward.

Herrmann war zu sehr mit andern Dingen beschaftigt um dieses zu bemerken, aber er brauchte nur einen Tag in dem Hause seines Bruders zu seyn, um ahnliche Erscheinungen zu sehen, die es ihm bewiesen, dass er die Geschichte seines Hauses bey weitem noch nicht ganz kannte.

Ulrich von Senden war der Mann, den er sich unter allen am wenigsten entrathseln konnte. Seine Gestalt, seine Miene nahm unwiderstehlich fur ihn ein, und sein Betragen, wenigstens gegen Herrmannen, war zuruckstossend, er war rauh und kalt, wenn er mit ihm, und sein zartlicher Freund, sein warmer Lobredner, wenn er von ihm sprach, alle Bemuhungen des jungen Ritters ihm das, was er fur ihn zu fuhlen begunte, mitzutheilen, ihn in einen freundschaftlichen Umgang zu ziehen, waren vergebens, er schien alle Gelegenheit zum einsamen Gesprach mit ihm zu fliehen, und lachelte ihm nur dann mit einiger Ruhe und Heiterkeit, wenn er ihn im Kreise aller Anwesenden sahe. Eben so seltsam war sein Betragen gegen die Frau von Unna; musste er mit ihr sprechen, so war sein Ton kalt, beynahe verachtlich, und doch hing sein Auge mit unersattlichen Blicken an ihr, so bald er nicht bemerkt zu werden glaubte; er floh ihren Umgang geflissentlich, und konnte sich doch nicht entbrechen nach jeder Bewegung, die sie machte, hinzuschauen, nach jedem ihrer Worte sein Ohr zu neigen.

Dass dieser sonderbare Mann seiner Frau wenig freundliche Blicke verlieh, kam Herrmannen nun eben so ausserordentlich nicht vor, viel ausserordentlicher dunkte es ihm, wie diese Frau, diese Katarine uberhaupt, Ulrichs Gemahlinn werden konnte. Der Jungling nahm bey seinen Zweifeln oft seine Zuflucht zu seinen Schwestern den Nonnen, aber diese zuckten die Achseln, und versicherten, dass sie selbst noch lang nicht genug von diesen Dingen unterrichtet waren, um einem Andern Aufklarung hierinn zu geben.

Die Frau von Unna schien eine besondere Vorliebe fur ihren neuen Bruder gefasst zu haben, er und seine Schwestern Agnes und Petronelle waren ihre Lieblingsgesellschaft. Nie zog sie ihn mit mehrerm Eifer an sich, als wenn sie bemerkte, dass er wieder einen Anfall auf Ulrichs Herz that, und dass dieser fast nicht mehr wusste, wie er seine angenommene Kalte gegen ihn behaupten sollte. Was habt ihr doch endlich, sagte sie eines mahls zu ihm an diesen sonderbaren Menschen? ich bitte euch versprecht mir, euch nie in besondere Vertraulichkeit mit ihm einzulassen, er ist ehrlich genug euch von sich zuruck zu schrecken, und ich denke, er wird dazu seine Ursachen haben. Herrmann ergriff diese Gelegenheit einige Fragen uber Ulrichen an Alizen zu thun, aber sie beantwortete sie nicht, und suchte mit einem Errothen das Gesprach auf andere Dinge zu bringen.

Zehntes Kapitel.

Herrmann weis nicht, woran er ist.

Der Aufenthalt der Geschwister von Unna in dem Hause ihres altesten Bruders dauerte einige Tage. Bernhard schien nach und nach Geschmack an Herrmannen zu finden. Der junge Mensch wusste so viel von Konigen, Kaisern, Herzogen und Fursten zu erzahlen, dass der stolze Herr von Unna begunnte Ehrfurcht vor ihm zu haben, und es ihm weniger hoch anrechnete, dass er sich nicht tief genug vor ihm demuthigte, auch schmeichelte ihm die Achtung, mit welcher der schonen Aleke von ihm begegnet ward, und die die grosste Furstinn nicht in hoherm Grade hatte von ihm verlangen konnen.

Die Aebtissinn von Marienhagen, und die Frauleins von Ueberwasser hatten jetzt nach ihren Klostern zuruckkehren mussen. Auch der trage Domherr von Munster hatte das Schloss verlassen, und niemand von Bernhards Gasten war mehr vorhanden als Herrmann, und die Familie von Senden.

Katarine nutzte die Abwesenheit der Aebtissinn, ihrer feindseeligen Schwester, sich ihrem beleidigten Bruder in einem vortheilbaftern Lichte zu zeigen; sie sahe, dass seine Absichten auf Bernhards Gunst nicht eigennutzig waren, einige ansehnliche Geschenke, die er ihren Kindern gemacht hatte, bewiesen, dass er weder Unterstutzung suche, noch bedurfe, und dieses war hinlanglich ihr Reue einzuflossen, dass sie einem solchen Bruder unwurdig begegnen konnte. Sie rang um Herrmanns Gunst, und gab vor, sie konne nicht ehe von seiner Aussohnung uberzeugt seyn, bis er ihr versprach sie nach ihrem Schlosse zu begleiten, und ihr daselbst Gelegenheit zu geben das Vergangene zu verguten.

Herrmanns Sinn stand nach nichts so sehr, als nach der Audienz bey dem alten Grafen von Unna, von welchem er eben Botschaft erhalten hatte, dass er auf seiner Residenz angelangt sey Ihn zu sprechen, war eigentlich das einzige Geschaft, was er hier hatte; der Besuch bey seinen Geschwistern war blos Nebensache, war fast blosser Zufall, und leider war er durch denselben schon mehr verstrickt worden, hatte sich mehr Zeit durch ihn rauben lassen, als fur seine Lage vortheilhaft war. Ohne Zweifel war also die Bitte der Frau von Senden, welcher ihr Mann mit keinem Worte beytrat, abgeschlagen worden, wenn Herrmann sich nicht gescheut hatte, das Ansehn einer Empfindlichkeit uber ehemalige Beleidigungen in den Augen seiner Schwester zu haben. Er willigte also ein, und sturzte die Frau von Unna, welche dabey stand, dadurch in eine Ungeduld, die sie kaum zu bergen wusste.

Sie sind alle meine Bitten, euch in keine Gemeinschaft mit Ulrich von Senden einzulassen, vergeblich? rief sie, als sie mit ihm allein war.

Ich besuche nicht ihn, sondern meine Schwester.

Und werdet ihr es verhuten konnen, wenn ihr euch auf seinem Schlosse befindet, dass ein vertrauter Umgang unter euch Platz nehme?

Und war die Vertraulichkeit so eines edeln Mannes nicht Gluck fur mich?

Ich sage euch, ihr durft es nicht wagen eine Stunde mit ihm allein zu seyn, es ist euer Ungluck!

Ich bin irre an euch, Frau von Unna. Wollt ihr mir nachtheilige Winke wegen Ulrichs Redlichkeit geben?

Das will ich nicht. Ulrich mag wohl redlich seyn, aber ich kann mich nicht hieruber erklaren ich weis nicht! genug mich dunkt, ihr thut in eurer Lage am besten, ihr geht zu eurem alten Verwandten, den Grafen von Unna, richtet bey ihm aus, was ihr zu thun habt, und entfernt euch dann so schnell als moglich.

Zum Grafen von Unna will ich ziehen, aber erst meine Schwester besuchen. Es ist hart da sie hier so durchgangig gehasst wird, dass auch ich ihr ubel begegnen soll.

Ich hasse Katarinen nicht, ich beklage sie und schiebe viele ihren Fehler auf ihre traurige Lage!

Und doch gebt ihr mir zu verstehen, ich habe Ursach von ihr irgend etwas zu befurchten, das mich abhalten soll in ihr Haus zu kommen?

Nicht von ihr, bey Gott nicht von ihr! Ich halte sie nicht fur boshaft genug euch heimlich zu schaden. Aber Ulrich von Senden! Ulrich von Senden!

Der edle trefliche Mann? Er in seiner Art das was Alize in der ihrigen ist?

Er kann gut, kann edel seyn, und doch! Kannte ich ihn nicht langer als ihr?

Ja, Alize, ihr musst ihn gekannt haben, ich habe diese Tage uber seine und eure Blicke belauscht, habe Spuren entdeckt, die mich begierig machen mehr zu wissen Alize! holde offenherzige Alize! Schwester! Freundinn! wollt ihr euch mir nicht entdecken? vielleicht konnte mein Rath euch nutzlich seyn, vielleicht konnte die Erfullung meiner Bitte wenigstens so viel fruchten, dass ich mir eure wahre Meynung von Ulrichen von Senden besser zu erklaren wusste, und euren Warnungen widersprach oder ihnen folgte, nachdem es meine Ueberzeugung verstattete. Werdet ihr meiner Bitte statt geben? Werdet ihr mir gewisse Dinge deutlich machen, die

Dieses hiess Alizen auf ihrer schwachsten Seite angreifen. Sie brach in einen Strom von Thranen aus, machte sich von Herrmanns Handen, welche die ihrigen gefasst hielten, los, und betheuerte, sie wollte nie wieder mit ihm uber diesen Punkt sprechen. Er sey gewarnt, und moge hinfort thun und lassen was er wolle, ohne durch sie gestort zu werden.

Elftes Kapitel.

Katarine ist Alekens und Ulrichs Ehrenretterin.

Die Frau von Unna schien ernstlich uber Herrmanns Zudringlichkeit erzurnt zu seyn, sie enthielt sich diesen Tag, den letzten seines Aufenthalts zu Plettenburg, das kleinste Wort mit ihm zu wechseln, doch hatte sie darum, wie es am Tage lag, ihre Absicht ihn und Ulrichen zu trennen, nicht aufgegeben.

Herrmann blieb entschlossen, seine Schwester Katarine nach ihrem Schlosse zu begleiten, und Ulrich von Senden ward in dem nehmlichen Augenblick, da dieses offentlich kund gemacht wurde, eingeladen, noch einige Tage nach Abreise der andern zu Plettenburg zu bleiben.

Ulrichs Gesicht hatte sich bey Herrmanns Erklarung, dass er sein Gast auf seinem Schlosse seyn wolle, mit einer Todenblasse uberzogen, und schnell kamen bey der Einladung, die er von Bernden auf Alizens Veranlassung erhielt, Leben und Freude in seine Zuge zuruck; Herrmann sah zum erstenmahle, dass er die Hand seiner schonen Schwagerinn kusste, und ihr einige verbindliche Worte sagte. Alize errothete und schlug die Augen nieder, indessen Ulrich sie mit einem Blicke ansah, der den hochsten Grad von Dankbarkeit ausdruckte.

Was ist das? sagte Herrmann, der dieses alles bemerkte, zu sich selbst. Sollte ich mich in Alizen und in diesem Ulrich von Senden geirrt haben ? sollten sie vielleicht nichts von dem allen seyn, wofur ich sie hielt. Ha! ohne Zweifel findet ein geheimes strafbares Verstandniss unter beyden statt. Dass sie sich ehemahls liebten, zeugen ihre verstohlnen Blicke, ihr schnelles Errothen, ihre widersprechenden Handlungen; dass diese Liebe noch immer dauert, beweisst ihr jetziges Betragen. War es darum, gleissnerische Alize, dass du Ulrichen von mir zu entfernen suchtest, damit ich nicht etwa eure strafbare Vertraulichkeit entdecken und die Ehre meines Bruders rachen mochte? Suchst du ihn jetzt darum bey dir zu behalten, damit du, ohne dich vor den Augen einer vielleicht eifersuchtigen Frau und eines argwohnischen Bruders zu scheuen, ungestort deiner Leidenschaft nachhangen kannst?

Der Schein war in Herrmanns Augen so ganzlich wider Alizen, dass er sich verwunderte, wie sein Bruder Bernhard so verblendet seyn konne, Dinge nicht zu merken, die, wie er meynte, einem Jeden in die Augen fallen mussten, und ein Gluck war es fur die beyden Beschuldigten, dass Herrmann nicht voreilig genug war, Bernden seine Gedanken mitzutheilen.

Herrmann reiste mit Katarinen und ihren Kindern ab; gutherzige liebliche Geschopfe, mehr Abdrucke ihres liebenswurdigen Vaters als ihrer Mutter. Herrmann beschaftigte sich gern mit ihnen, und erholte sich an ihrem Anblicke, wegen des Verdrusses, den ihm Katarinens lastiges Geschwatze machten.

Er uberzeugte sich immer mehr von dem schlechten Herzen dieser Frau, ihre Zunge schonte keines einigen ihrer Verwandten, alle suchte sie bey Herrmannen zu verlaumden, selbst die unschuldigen Nonnen, Agnes und Perronelle. Sie ruhmte mit inniger Selbstzufriedenheit den ihr ganz besonders eigenen Scharfblick, das Laster in seinen verborgensten Schlupfwinkeln zu entdecken, und fuhrte einige Beweise von diesem Talent an, welche wurklich einzig in ihrer Art waren. Sie war eben in ihrem Sundenregister auf die Frau von Unna gekommen, und Herrmann erwartete nun nichts gewisseres als die Bestattigung seiner in den letzten Augenblicken des Aufenthalts zu Plettenburg gefassten Meynung, zu horen, Ulrichen der Untreu und Alizen der Verfuhrung angeklagt zu sehen; aber wie erstaunte er, als nichts von dem allen erfolgte, als er ganz das Gegentheil von dem erfahren musste, was er erwartet hatte.

Diese Alize, sagte Katarine, ein armes Fraulein aus dem durchachteten Hause von Langen, ist recht zum Gluck in unsere Familie gekommen, Bernhard wurde vielleicht unverheyrathet geblieben seyn, wenn sie nicht gewesen ware. Sie ist ihm mit eiserner Treue ergeben, geht ihm fast nie von der Seite und wird dadurch die Geissel aller Frauen unserer Gegend, denen sie von den Mannern unablassig zum Beyspiel vorgestellt wird. Sie ist nicht hasslich wie du gesehen haben wirst, auch fehlt es ihr nicht an Anbetern, und ich habe daher immer geglaubt, sie halte sich insgeheim fur ihre ausserliche Strenge schadlos; aber so viele Jahre, in welchen ich sie nun unablassig beobachtete, haben mich endlich uberzeugt, dass sie ein Geschopf ohne Geist und Herz ist, welchem diese Art der Tugend nicht schwer fallen kann.

Herrmann sah Katarinen mit starren verwunderungsvollen Augen an, und wusste nicht, wie er eine Frage einleiten sollte, um sich uber das Verhaltniss, das er zwischen Ulrich und Alizen wahnte, zu belehren.

Ist sie eine Freundinn von dir und deinem Manne? fragte er endlich mit angenommener Gleichgultigkeit.

Von mir? erwiederte sie, ich glaube ja. Du siehst, ich meyne es gut mit ihr, und verdiene also ihre Freundschaft, auch ist sie freundlich und freygebig gegen die Kinder; aber mein Mann ist, wie es scheint, der Gegenstand ihrer tiefsten Verachtung, wenigstens weis ich, dass sie nie ein freundliches Wort gewechselt haben als heute. Du hast ihre Einladung gehort, ich erstaunte und freute mich, dass sie Ulrich mit Hoflichkeit aufnahm; denn die Wahrheit zu gestehen, er macht so wenig aus ihr, als sie aus ihm, er geht ihr uberall aus dem Wege, und wie ich glaube, ist er in all den Jahren unsers Ehestandes nicht dreymahl auf Plettenburg gewesen. Herrmann konnte sich nicht enthalten, den Kopf zu schutteln, und suchte durch eine Menge kunstlicher Fragen noch einen Anschein von dem, was er dachte, herauszubringen, aber er erlangte nichts weiter, als zu seinem grossen Vergnugen, die Ueberzeugung, dass er sich in seinem Urtheil von Ulrich und Alizen geirrt habe. Wie hatten sie eine bessere Zeuginn ihrer Unschuld haben konnen als Katarine.

Selbst in dem Klaglibell wider den Herrn von Senden, welches Katarine nun zu verlesen begunnte, kam nicht ein Wort von Verdacht der Untreu vor, sondern alle ihre Beschwerden zielten nur auf Misvergnugen und uble Bewegungen, an welchen die gute Dame wohl durch ihr eignes schlechtes Herz, davon sie jetzt so deutliche Proben ablegte, schuld seyn mochte.

Zwolftes Kapitel.

Ulrich ringt nach Ungluck.

Herrmann hatte auf der Reise schon so viel von der Unterhaltung seiner gutmuthigen Schwester Katarine genossen, dass er bey seinem kurzen Aufenthalt auf dem Schlosse von Senden wenig mehr davon begehrte, und sich am liebsten mit ihren Kindern unterhielt, die ihm sein ganzes Herz zu stehlen wussten.

Er sprach viel mit ihnen von ihrem Vater Ulrich, und alles was sie sagten, zeigte ihm diesen Mann auf einer so schonen und edeln Seite, dass aller Verdacht, den er wider ihn gefasst hatte, in ihm verschwand, und der Wunsch, ihn zu seinem Freunde machen zu konnen, der bey seinem ersten Anblick rege war, von neuem in ihm erwachte.

Diese Begierde, Alekens rathselhafte Warnungen aufgeklart, seine eigne Meynung von ihr und Ulrichen berichtigt zu sehen, gesellte sich zu diesem Wunsche; es war beschlossen, eine geheime Unterredung mit ihm zu suchen, und da er dieselbe immer so geflissentlich zu vermeiden schien, alle Mittel zu brauchen, sich dieselbe zu erringen.

Mein Mann scheint entschlossen zu seyn, sagte Katarine, nicht eher zuruck zu kommen, bis mir die Einsamkeit seine Gegenwart nothwendig macht. Die Wahrheit zu gestehen, so kann ich bey dem Umgange eines liebreichen Bruders einen murrischen Gemahl wohl entbehren. Er bleibe zu Plettenburg, und unterhalte dort ein gutes Vernehmen zwischen unsern und Bernhards Hause; dies kann vielleicht in der Zukunft gute Folgen fur uns haben.

Herrmann las einen kurzen Brief von Ulrichen, den ihm Katarine darreichte, und der ihr gebot, die Abreise des Ritters von Unna so gleich nach Plettenburg zu melden, weil er nach derselben keine Stunde langer auf Bernhards Schlosse verweilen konne.

Herrman setzte den nachsten Tag zum Abschiede an, letzte sich mit seiner Schwester und ihren Kindern, liess ihnen Andenken seiner Freygebigkeit zuruck, welche fast sein kleines Vermogen erschopften, und machte sich auf den Weg nach Unna, auf welchem, wie er wusste, der von Plettenburg zuruckkommende Ulrich, ihm begegnen musste.

Er wartete seiner einer ganzen Sommertag lang in den Gebuschen, durch welche er ziehen musste, und sein Aussenbleiben bewies ihm, dass er alle Vorsicht gebrauche, ihm nicht entgegen zu kommen, ihn auf keine Art wieder zu sehen. Ewiger Gott! rief Herrmann, welches muss die Ursach dieses unuberwindlichen Widerwillens seyn? Ha! ich las den Hass schon zu Plettenburg zu seinen abgewandten Blicken, horte ihn in dem kalten gedehnten Ton seiner Worte! Vermochte er mir auch nur einmal frey ins Auge zu sehen? konnte ich ihn bereden mit mir einen einigen Gang durch Wies und Wald zu thun? wars nicht, als wenn Feuer in seinem Innersten brannte, wenn ich bey der Tafel neben ihm sass, oder sonst ein Zufall mich an seine Seite brachte? Ha! dahinter ist ein schreckliches Geheimniss verborgen, ich muss es erfahren, muss mir die bessere Meynung des Edeln erringen, und sollt' es mein Leben kosten. Vielleicht, dass mein Ungluck ihn argwohnisch macht! Vielleicht, dass er meine Unschuld an der schrecklichen That, die mir das Gerucht aufdichtet, nicht begreifen kann! Ich muss ihn finden, ihn uberzeugen, um seine Lossprechung kampfen. Der Beyfall einer ganzen Welt war mir nichts, wenn Ulrichs Augen eine Blutschuld an mir zu erblicken glaubten!

Ihr, die ihr einst durch eine unwiderstehliche Macht zu einer verschwisterten Seele hingerissen wurdet, ohne den Zauber, der dieses bewirkte, ganz begreifen zu konnen; ihr, deren Streben nach der Gunst des Einzigen, den ihr unter tausenden wahltet, in dem Maasse zunahm, zum heissen Durste der Leidenschaft wurde, als der Geliebte, der Gesuchte, sich von euch zu entfernen schien, urtheilet uber Herrmanns Vorliebe fur Ulrich von Senden. Wer nie etwas ahnliches erfuhr, vermag nicht hiervon zu sprechen!

Der Abend brach an, Herrmanns Unruhe wuchs. Das lange vergebliche Warten auf den Kommenden hatte sein Verlangen nach ihm zur heissen Sehnsucht gemacht; die tauschende Nacht verwirrte seine Ideen, ein Gewuhl seltsamer dustrer Ahndungen umgaukelte ihn, sein Herz gebot ihm zu bleiben, und eine leise innere Stimme rief ihm zu; fliehe! fliehe! Warum fliehen? fragte sich Herrmann, und blieb.

Der Mond ging auf, Herrmann war dem von Senden so weit entgegen gegangen, dass er von einem Hugel die Spitzen von Plettenburg erblicken konnte. Die Gegend rund umher war ode, kein Gerausch als das monotonische Sausen des Stroms, der sich nicht weit von da, von einer kleinen Anhohe hinabsturzte, unterbrach die nachtliche Stille. Es war weit nach Mitternacht, der Mond nahte sich bereits dem Untergange, als der Wartende endlich das enge Thal herauf den Huf von Rossen schallen horte. Die Reuter kamen naher, Herrmann vernahm von Sendens Stimme, der seinen Leuten befahl voraus nach seinem Schlosse zu reiten und ihm hieher Bothschaft zu bringen, ob der Ritter von Unna noch gegenwartig sey.

Die Reuter entfernten sich, Ulrich lagerte sich unter einen Baum, und schnell trat Herrmann, der in der Nahe lauschte, hervor! Und warum fliehst du mich? rief er, was hat dir Herrmann von Unna gethan, dass du dich scheust, einerley Luft mit ihm zu athmen?

Entsetzlich! schrie Ulrich, der sich in seinem Mantel verhullte. Ueberall diese Erscheinung, wachend und im Traum, und immer die Stimme in meinem Herzen: ich muss ihn ermorden!

Ermorden? fragte Herrmann und schloss ihn in seine Arme, deinen Bruder ermorden? Was hab ich gethan?

Weg von mir, du Peiniger! schrie Ulrich und riss sich von ihm los. Ha wer bist du? Kein Nachtgesicht? Rede, wer bist du?

Dein Bruder, Herrmann von Unna! der um deine Freundschaft oder um den Tod fleht. Von dir verachtet, geflohen zu werden, ist zu schrecklich!

Herrmann von Unna? Du selbst? O fliehe, fliehe! ich bin dein Morder! Doch nein! fliehe nicht! du darfst nicht fliehen! ich darf dich nicht lassen? Sind wir nicht allein? Nein wir sinds nicht! Gott lob! dort kommen deine Retter! Siehe! Siehe!

Herrmann schaute und sahe nichts. Es sind die Schatten der Baume, mein Bruder! rief er. Ich brauche keine Retter, wenn du bey mir bist! O Ulrich! du bist krank, sehr krank! dein Gemuth leidet! Gott, das ahndete ich nicht! ich glaubte Hass war es, der dich von mir trieb, so ists nur schwarze Phantasie. Gott lob! du wirst wieder genesen und deinen Bruder lieben!

Dich lieben? Kann ich dich mehr lieben als ich thue? O Herrmann! mein Herz hangt an dir und ich muss dich ermorden!

Warum? schrie Herrmann, den Ulrich erst in seine Arme geschlossen hatte, und bey den letzten Worten gewaltsam von sich schleuderte. Warum ermorden? Was habe ich gethan?

Du musst sterben! schrie von Senden, der sein Schwerd zog, du bist Herzog Friedrichs Morder!

Bey dem der ewig lebt, ich bins nicht! Die Klager haben geklagt, die Zeugen gezeugt, die Richter gerichtet! Du bist Herzog Friedrichs Morder! Tausend heimliche Henker lauren auf dein Blut, und o Gott, dein Bruder ist der unselige, in dessen Hande du fallen musst! Aber bey dem Ewigen, ich will dich nicht uberleben! Siehe, ich habe geschworen, dessen nicht zu schonen, den mich der Richter richten heisst. Hier dieser Stich sey dein, und dieser mein!

Herrmann zuckte, taumelte und fiel, und Ulrich sank an seine Seite. O mein Bruder, stammelte er, indem er ihn fester umschlang, die Fehde ist zum Ende! Dein ewig dein! Hinuber, hinuber ins Reich des Friedens und der Liebe!

Dreyzehntes Kapitel.

Etwas von der heiligen Elisabeth.

Der Morgen begann heran zu dammern, die Landleute der Gegend gingen zur Arbeit, und da sie voruber kamen bey der hohen Eiche, unweit des sausenden Stroms, da lag es vor ihnen im thauichten Grase wie Menschengestalt, und tiefes Rocheln der Sterbenden rauschte ihnen entgegen. Sie beugten sich tiefer hinab, und ihren Wangen begegnete der kalte Hauch des Todes, sie tappten mit der Hand nach dem, was sie nur dammernd sahen, und zogen sie in Blut getaucht zuruck.

Jedermann drangte sich herbey, man fand zween Junglinge, die sich fest umschlungen hielten, und die beyde durch einen Mordstahl gefallen zu seyn schienen. Beyde athmeten noch, die gutherzigen Bauren jauchzten, und wurden Raths, sie auf die Plettenburg zur Frau Aleken von Unna zu bringen, die schon so manchen Kranken und Verwundeten durch ihre Pflege dem Tode entriss, und wohl auch diesen wurde helfen konnen.

Alize hatte den von Senden so lang als moglich auf Bernhards Schlosse zuruckgehalten, er gehorchte ihr gern, denn das was sie in Geheim bewog seine Abreise zu verzogern, das scheuchte auch ihn von seinem Schlosse zuruck, so lang er Herrmannen daselbst wusste. Keins erklarte sich gegen das andere, denn mancherley Betrachtungen hielten sie stets in weiter Entfernung von einander, aber beyde verstanden sich, und eins dankte dem andern im Herzen, dass es sich sowohl in seine Wunsche fugte.

Bernhard, der fur nichts Gefuhl hatte als seine Grosse, dachte bey all diesem nichts, als dass Ulrich von Senden nunmehr die Ehre, auf seinem Schlosse bewirthet zu werden, bis in den funften Tag genossen habe, und dass er wohl geneigt war, diese unerhorte Gnade zu verdoppeln, wenn Alize, die er wegen des Namens einer Frau von Unna gar hoch verehrte, es also verlangen sollte.

Ulrich hatte Ursachen, sich weit von der schonen Aleke hinweg zu wunschen, und Katarinens Nachricht, der Ritter von Unna wurde den Montag nach Maria Geburt zuverlassig scheiden, that ihm wohl wie dem Gefangenen die Befreyung von den Fesseln.

Die Frau von Unna weinte, als sie von Senden Abschied nahm; sie dachte an vergangene Zeiten, dachte an Herrmann, und ihr ward weh ums Herz. Sie bat Ulrichen, doch den Weg nach Hause uber Ahaus zu nehmen, Bernhard lachte der Bitte, denn es war ein Umweg von mehr als einer Meile, den seine Gemahlinn von Ulrichen forderte, aber dieser versprach alles mehr als gern, weil er die Absicht der Bittenden errieth schwang sich auf sein Pferd, und entfernte sich.

Die Wege uber Ahaus waren durch das grosse Wasser unzuganglich gemacht. Von Senden musste umkehren und den gewohnlichen wahlen, er fragte seine Leute, was heute fur ein Tag sey?

Mitternacht ist voruber, antworteten sie, eben ist Mittwoch nach unser Lieben Frauen Geburt angebrochen Montag und Mittwoch! sagte Ulrich zu sich selbst, und ritt getrost weiter. Wir haben gesehen, was fur Vorsicht er demohngeachtet brauchte Herrmannen nicht zu begegnen, und wie ihm das Schicksal den unglucklichen Jungling dennoch entgegen fuhrte.

Aleke ahndete Ungluck auf ihrem nach Abzug aller Gaste nun vollig verodetem Schlosse. Sie war trubsinnig bey der Abendtafel, unruhig in der Nacht, stand von der Seite ihres fest entschlummerten Gemahls auf, ging auf den Balkon, und sah in die dustere vom Mond beglanzte Ferne. Hier fand sie noch der erste Morgenstrahl. Sie betete, um sich von ihren grauenvollen Ahndungen loszureissen, betete ihr gewohnliches Gebet: Gott mochte es ihr doch an dem eben angebrochenen Tage nicht an Gelegenheit zur Ausubung einer guten That fehlen lassen. Sie wusste es aus der Erfahrung, dass ubende Tugend das beste Mittel ist, ein traurendes Herz zu beruhigen.

Sie stand jetzt auf, und wandte ihre Augen vom rothlichen Morgenhimmel in das dustre Thal; da sah sie einen Trupp Leute nach dem Schlosse zu kommen. Ihr Gang war langsam. Einer von ihnen eilte voraus, und schlug an die noch verschlossene Pforte.

Was bringt ihr? rufte Aleke vom Altan herab. Ach edle Frau, antwortete der Kommende, der ihre Stimme kannte, seyd ihrs, das ist ein gutes Zeichen an diesem fruhen Morgen. Wir bringen euch wieder einmahl ein paar arme Gaste. Eben haben wir dort druben auf dem Hugel bey der hohen Eiche ein paar Verwundete gefunden. Es ist noch Leben in ihnen, wir haben sie ein wenig verbunden, ihr werdet das ubrige thun. Gott giebt ja immer Gnade zu euren guten Werken.

Aleke verstand nicht, was der Bauer weiter sagte, sie eilte selbst hinab, das Thor zu ofnen, und weckte im Vorbeygehen einige ihrer Bedienten, die im Vorzimmer schliefen, um Anstalten zur Aufnahme der Kommenden zu machen.

Die Leute der gutherzigen Frau von Unna wussten in dergleichen Fallen schon alles, was zu thun war. Aleke war schon im Fraulein Stande eine liebreiche Warterinn der Kranken gewesen, und es war ihr Gluck, dass sie einen Gemahl hatte, welcher ihr in diesem Stuck vollig freye Hand liess.

Es war in jenen Zeiten eine Ehre, viel gute Werke zu thun, und es schmeichelte Bernhards Stolz nicht wenig, wenn man seine Gemahlinn die zweyte Sankt Elisabeth nannte, deren Glorie in seinen Augen darum viel heller strahlte, weil sie eine Furstinn gewesen war.

Die Frau von Unna that das Gute nicht aus solchen elenden Bewegungsgrunden, aber sie war klug genug, die Schwachheit und Eitelkeit ihres Mannes in diesem Stucke zu nutzen, um nicht von ihm bey ihrer Wohlthatigkeit eingeschrankt zu werden.

Jetzt hatte Aleke die Pforten geofnet und ging den Tragern der Verwundeten entgegen um zuzusehen, ob man sie auch sanft und behutsam genug herbey schafte. Sie trat hinzu, sah Ulrichs von den Schatten des Todes umdammertes Gesicht, sah Herrmann, welcher kaum noch athmete, und sank ohne Empfindung zu Boden.

Ihre Leute kamen herbey, sie eilten ihr zu Hulfe; die Verwundeten wurden ins Schloss geschaft, ihre Helferinn ward ihnen nachgetragen, und im Augenblick waren zwanzig Hande bereit, ihnen beyzustehen, ob gleich die meiste Hulfe sich nach der von allen angebeteten Gebieterinn des Schlosses wandte, und bey den Verwundeten nur die nothigsten Personen blieben.

Alize schlug die Augen auf, sie sah das Gedrang um ihr Lager, und ein Blick von ihr entfernte alle unnothige Hulfe von ihr zu Ulrichen und Herrmannen, die derselben so sehr bedurften. Die Angst um sie machte, dass sie sich bald vollig erholte, und in ihr Zimmer eilen konnte, um zu sehen, was man zu ihrer Rettung gethan habe.

Bernhards Hausmeister, ein erfahrner Wundarzt, hatte Herrmannen schon so weit gebracht, dass er die Augen ofnete, und als seine edle Schwagerinn zu ihm trat, sich genugsam besann, ihren Namen zu nennen und ihre Hand an seine Lippen zu ziehen. Aber Ulrich von Senden war noch fast vollig ohne Empfindung, nur der schwache Schlag des Herzens verrieth, dass er noch lebe, seine Wunde war weit tiefer als Herrmanns, es war ihm mehr Ernst gewesen, sich, als seinen Freund todlich zu verwunden.

Vierzehntes Kapitel.

Geschichte Alekens von Langen und

Ulrichs von Senden.

Alizens unermudete Sorgfalt, und die Geschicklichkeit ihrer Leute, verscheuchte endlich alle Gefahr, so wohl von dem von Senden, als von Herrmann. Dieser war es eigentlich, um dessen Bette sich die Frau von Unna personlich beschaftigte, dahingegen Katarine von Senden herbeigerufen ward, ihres Gemahls zu warten. Herrmanns Neigung zu seiner liebenswurdigen Schwagerinn und ihr Zutrauen zu ihm, ward durch die Gewohnheit sich taglich zu sehen vermehrt, und bald entstand jene Freundschaft zwischen ihnen, die wir in einem der vorigen Kapitel bey Herzog Albrechten von Oesterreich und der schonen Ida bemerkt haben, nur dass hier auch der entfernteste Verdacht von Liebe wegfiel, der etwa einigen meiner Leser in Ansehung Herzog Albrechts beywohnen mochte. Wochen waren vergangen, seit sich die Verwundeten auf der Plettenburg befanden, Herrmann konnte wieder ausser dem Bette seyn, und auch Ulrich war wohl genug, dass er Katarinen von sich schicken konnte, um Anstalten zu seiner Ankunft auf dem Schlosse Senden zu machen.

Oft war er der Gegenstand des Gesprachs zwischen Alizen und ihrem Kranken, Herrmann hatte in Ansehung seiner manche Frage zu thun, und die Frau von Unna war jetzt nicht mehr so ungeneigt, wie ehemals sie zu beantworten. Sie kannte jetzt ihren Bruder genugsam offenherzig gegen ihn zu seyn. Die Beschaftigung um sie hatte ihn ihr lieber gemacht. Sie gestand, dass Ulrich von Senden einen so grossen Antheil an ihrer Geschichte habe, dass es ihr unmoglich seyn wurde, ihm das zu erklaren, was er zu wissen verlange, ohne ihn gleich zum Vertrauten ihrer eigenen Angelegenheiten zu machen.

Bernd von Unna geruhte zu oft, in dem Zimmer seines kranken Bruders zu seyn, und ihn mit Fragen uber die Hofe, welche er gesehen und den Ton, der daselbst herrschte, zu qualen, als dass es Alizen so leicht hatte werden sollen, die nothige Zeit zu ihrer Erzahlung zu gewinnen, aber einsmahls beliebte es ihm nach Engelrading zu ziehen, wo die Herrn von Ravensberg und Meerveld ein Stechen angestellt hatten, und der erste ruhige Tag, den man dadurch bekam, ward so gleich auf die Art genutzt, wie meine Leser sehen werden.

Wie soll ich, fing die Frau von Unna ihre Geschichte an, wie soll ich euch Begebenheiten mittheilen, deren Erwahnung alle alte Wunden meines Herzens aufreissen, mich vielleicht euch in einem falschen Lichte darstellen wird? Doch wir sind allein, und ich weis, ihr verzeiht es der Schwachheit des weiblichen Herzens, wenn beym Andenken vergangener Dinge einige Thranen fliessen sollten. Ich versichere euch vor Gott, Ulrich ist mir nicht mehr das, was er mir ehemals war, ob ich ihn gleich nie ohne Erschutterung ansehen kann. Es ist eine eigene Empfindung, die mich bei seinem Anblicke uberfallt, nicht blos Ueberbleibsel ehemahliger Liebe, Entsetzen, Furcht, Mitleid, ein Gemisch der seltsamsten Gefuhle doch ihr sollt horen und urtheilen.

Meine liebreiche Schwagerinn Katarine wird nicht ermangelt haben, euch zu sagen, dass ich aus dem seit vielen Jahren von der heimlichen Acht verfolgten Hause von Langen bin. Die Handel meiner Vater mit den Bischoffen von Osnabruck gehoren nicht hieher. Mein Vater ward ein Opfer derselben, auch meine Mutter war nicht mehr, der Gram hatte sie fruhzeitig getodet, und ich lebte unter der Vormundschaft meines altern Bruders.

Konrad liebte mich, sorgte fur mich wie ein Vater, und sein Zutrauen zu mir war so unumschrankt, dass er mir volle Freyheit in meinen Handlungen liess; ich spielte auf seinem Schlosse die nehmliche Rolle wie hier, war nicht sein Mundel, nicht die jungere Schwester des Besitzers, nein, Frau und Gebieterinn.

Konrad war, Gott weis in welchen Geschaften, oft Monate lang abwesend von seinem Schlosse, mich dunkt, er legte damahls den Grund zu dem Ungluck, unter welchem er jetzt lebt, seine Handlungen waren oft rasch und unuberlegt, und der Schein, den seine Feinde denselben zu geben wussten, erhohte ihre Strafbarkeit. Ich hielt es fur Pflicht mit Gebet und guten Werken daheim dasjenige abzubussen, was Konrad auswarts sundigte, und dadurch den gottlichen Zorn von unserm Hause, das ohnedem genug gelitten hatte, abzuwenden. Meine Uebungen mochten gut und loblich seyn, Armuth, Alter und Krankheit fanden Zuflucht, Hulfe und Pflege auf Konrads Schlosse, aber offenbar dehnte ich meine Mildthatigkeit zu weit aus, und musste dafur leiden, sie ward der Grund des Verlusts meiner Ruhe!

Ulrich von Senden war nahe bey unserm Schlosse

in einem Zweykampf gefallen, seine Leute brachten ihn zu uns, und flehten um Zuflucht und Pflege fur ihren Herrn. Der jungfrauliche Wohlstand hatte erfordert, die Sorge fur einen so jungen und schonen Ritter, wie Ulrich war, von mir zuruckzuweisen, und ihn nach den Monchen des benachbarten Klosters zu schicken, welche auch reich an guten Werken waren, aber ich erwog bey dem Gegenstande der Mildthatigkeit, den man mir zeigte, nichts als die Gefahr seiner Wunden. Ulrich ward auf unser Schloss gebracht, ward schwesterlich von mir gepflegt, genass und Mitleid und Dankbarkeit ward schnell bey uns zur Freundschaft, eben so schnell zur Liebe.

Wir waren gluckliche Liebende, Unschuld und Hoffnung gingen uns zur Seite; o Tage des Himmels, wohin seyd ihr geschwunden!

Kurz war Ulrichs Aufenthalt bey mir nach seiner Genesung, seine Geschafte und der Wohlstand ruften ihn hinweg, aber wir hatten uns lang genug gesehen um den Grund zu einer Liebe zu legen, die, wie wir meynten, ewig dauren sollte. Wir schwuren einander! Ulrich sollte noch einige Heerzuge thun um Ruhm und Ehre zu erwerben, und ich wollte indessen des Hauswesens meines Bruders warten, bis Fraulein Beate von Meervel, seine Verlobte, das Regiment aus meinen Handen empfangen konnte, alsdenn sollte Ritter Ulrich erscheinen, und gebuhrlich um mich werben; mein Bruder konnte, durfte mich dem nicht versagen, den ich liebte, sein Herz musste es ihm verbieten, mein Gluck war ihm zu theuer, mein Wille ihm zu heilig, auch hatte er Vermogen genug, das zu ersetzen, was Ulrichen etwa an zeitlichen Gutern abgieng.

Der Winter kam, der ritterlichen Uebungen wurden weniger. Mein Bruder Konrad kehrte in sein Schloss zuruck, viele Wagen mit Beute beladen folgten ihm, und ich konnte mich nicht entbrechen zu fragen, ob all' dieses Gut mit Recht erworben sey. Ein finsterer Blick Konrads, vielleicht der erste, den ich in meinem Leben von ihm erhielt, beantwortete dieses. Weiber, sagte er, verstehen nichts von den Rechten des Schwerds, nichts von den Freiheiten des Adels, und mussen von solchen Dingen schweigen.

Ich schwieg dann, und hatte bald mehr Gelegenheit mich im Schweigen zu uben. Konrad kam diesen Winter nicht von seiner Burg, als wenn ihn die Jagd etwa in die benachbarten Walder zog. Seine Waffengenossen besuchten ihn fleissig; neue von mir vorher nie gesehene Gesichter, deren Wildheit mich in die Einsamkeit meines Zimmers zuruckscheuchte. Das Gebrull ihrer schwelgerischen Freuden storte des Tages meine Ruhe und des Nachts meinen Schlaf, ich sehnte mich nach Erlosung aus diesem wusten Leben, sehnte mich nach der Ruckkehr der Zeit der Waffen, und noch vielmehr nach jener Zeit, da Ulrich seine heimlich Verlobte heimholen wurde! der stille sanfte Ulrich, in dessen friedsamer Burg in einst Tage des Himmels zu verleben hoffte!

Es war den Abend vor Dreykonigentag, als Konrad, der jetzt leichtsinnig genug war, die heiligen Abende mit seinen Schwelgereyen zu beflecken, noch mit einer Schaar wuster Gesellen bey der Tafel sass und zechte. Ich, die meine Ulrichen geweihte Schonheit ja Herrmann, ich war damals schon zu heilig hielt um sie frechen Bliken auszustellen, kam nie bey meines Bruders Gelagen zum Vorschein. Ich hatte gesorgt, dass es den Zechern an nichts gebrach, und zog mich nun nebst meinen Dirnen auf den Altan uber der Hinterpforte zuruck, um dem wilden Geton, das alle Gewolber des Schlosses durchhallte, zu entfliehen, und die Stille einer hellen Winternacht zu geniessen. Immer war mir die Natur schon auch in ihrem einfachsten Gewande. Der Sternhimmel funkelte auf die beschneite Gegend herab, meine Madchen zitterten vor Frost und wurden zu Bette geschickt, aber mich warmte die Liebe und das Andenken an Ulrich. Ich dachte mir die bluhenden Lauben, in welchen ich mit ihm gesessen hatte, ich dachte mir den Blumenkranz, in welchem er mich nachstens zum Altare fuhren wurde, und hinweg war Frost und alle Gefuhle des Winters.

Ich war so ganz in meinen Traumereyen verloren, dass ich es erst spat gewahr ward, dass sich aus dem benachbarten Geholz ein paar menschliche Figuren hervorthaten, und auf unser Schloss heran schlichen. Der Widerschein des Schnees bildete mir sie ganz schwarz, und ich, die ich nicht so verwegen war, wie etwa mein Bruder, die Erscheinungen der Geister der Finsterniss zu leugnen, hatte kaum Muth zum zweytenmal die Augen aufzuschlagen. Doch Neugier und gutes Gewissen machten mich beherzt. Ich stand auf und schaute hinab. Jetzt standen die Manner so dicht an der Pforte, dass ich sie von oben nicht sehen konnte. Drey Schlage geschahen an das Thor, die tief in dem gewolbten Gange, den es verschloss, wiederhallten, und schnell entfernten sich die Urheber dieses grasslichen Getoses und verschwanden in dem nahen Gebusch.

Augenblicklich ward Larm im Schlosse. Der Wachter auf dem Thurme fing an zu trommeten, in den Seitengemachern kamen Lichter zum Vorschein, unter mir drohnte das Gewolbe von dem Fusstritt unserer Reisigen, die herbeyeilten, die Hinterpforte zu ofnen. Zwanzig Stimmen liessen sich horen und verhinderten, dass ich keine einige deutlich vernahm. Bald darauf horte ich auch meinen Bruder und seine Gaste. Konrad fluchte und die trunkenen Zecher lachten. Mein Herz pochte, ich ahndete etwas schreckliches; ich weckte meine Madchen und schickte sie aus, Kundschaft einzuziehen; sie kamen zuruck, mir zu sagen, dass die Zechgesellschaft schnell aus einander gestoben sey, und dass mein Bruder eben erscheinen wurde, mir selbst zu berichten was ihm begegnet sey. Die Dirnen weinten, und ich weinte mit ihnen vor Angst und banger Erwartung.

Konrad erschien, todenbleich vor Schrecken. Ich erfuhr, o Gott, konnte ich wohl etwas furchterlicheres erfahren als dass mein Bruder vor den freyen Stuhl zu Osnabruck geladen sey, Rechenschaft wegen gewisser Handlungen zu geben, welche ich schon so oft mit schwesterlicher Bescheidenheit an ihm geahndet hatte. Ich bebte, und doch konnte ich den ganzen Umfang unsers Unglucks nicht einsehen, mein Bruder brachte die halbe Nacht hin, mir alle Schrecknisse dieser heimlichen Gerichte zu schildern, und mir es begreiflich zu machen, dass er auf die Ladung, welche die Schoppen an das Schlossthor geschlagen hatten, nicht erscheinen konne noch durfe. Ich behauptete das Gegentheil und wir schieden in halben Unwillen von einander.

Die nachsten Tage sahen mich in Thranen, in halber Verzweiflung. Ich warf mich meinem Bruder zu Fussen, ich flehte, er sollte erscheinen. Was verlangst du? rief er, meinen Tod? das was man in Osnabruck mein Verbrechen nennt, ist so gut als erwiesen, erscheine ich, so siehst du nie mich wieder, dahingegen im entgegengesetzten Falle Behutsamkeit, Flucht, oder Tapferkeit mich retten kann!

War eine solche Erklarung wohl im Stande mich zu beruhigen? Sein Verbrechen erwiesen? Sein Tod gewiss? Flucht das einige Rettungsmittel? was fur Worte! Fast brachte mich der Kummer und das Bestreben, hier einen Ausweg zu ersinnen, um Verstand und Leben. Indessen ging mein Bruder frey und ruhig auf seiner Burg aus und ein, niemand beschimpfte oder tastete ihn an. Er ward sicher, die alten Beschaftigungen, die ehemaligen Gesellschaften kamen wieder zum Vorschein. Auch ich ward von seiner Sorglosigkeit angesteckt, und fast hatte ich die ganze Sache vergessen, als die nachtlichen Warner zum zweytenmal anklopften, und meine Gefuhle bey ihrer ersten Erscheinung erneuerten.

Meine Empfindung der nahen Gefahr war diesmal heftig aber nicht daurend; ich bemerkte dass die Sonne uns eben so schon glanzte, Natur und Menschen uns eben so freundlich lachten, als zuvor, der Besuch jener nachtlichen Schleicher, wie Konrad sie nennte, dunkte mir endlich Kleinigkeit zu seyn, und ich erschrack kaum als mir meine Dirnen eines Morgens die Bothschaft brachten, die Freyschoppen seyen diese Nacht zum drittenmahl da gewesen, aber mein Bruder habe ihre Ladung so gleich von der Pforte abreissen, und vernichten lassen. Niemand durfe davon sprechen was geschehen sey.

Auch erwahnte Konrad in der That der Sache gegen mich mit keinem Worte, doch sah ich ihn oft unruhig und nachdenkend; eine Erscheinung die mir so ungewohnt war, dass auch ich von neuem aufmerksam wurde und wieder in meine ehemaligen Besorgnisse zuruckfiel. Sie wurden nur gar zu sehr durch den Erfolg bestatigt; Konrad war nur durch Verschweigung seines Unglucks bisher in seinem gewohnlichen Stande geblieben, jetzt, da es durch die heimliche Flucht eines unserer Bedienten ruchtbar ward, dass er sich unter der heimlichen Acht befinde, jetzt gewann alles ein anderes Ansehen. Schon bey der ersten Ladung hatten, wie ich jetzt erst erfuhr, die mehrsten von Konrads Leuten, welche nicht leibeigen waren, ihm den Dienst aufgekundigt, und nichts als Versprechungen und Geschenke hatten sie zuruckhalten konnen. Nichts war jetzt mehr im Stande sie zu fesseln, selbst meine Madchen verliessen mich bis auf eine einige. Die Frauleins aus der Nachbarschaft flohen meinen Umgang, und Beate von Meerveld, auf deren Treue Konrad wie auf Felsen gebaut hatte, kundigte ihm den Bund der Liebe auf.

Es ist um mich gethan, rief Konrad eines Tages, als ich auf seine Forderung zu ihm eilte. Hier ist die vierte Ladung. Die Schoppen haben sie bey hellem Sonnenlicht an die Burgpforte geheftet, und drey Steine aus der Mauer mit sich genommen. Ich bin beschimpft, bin verfehmt, wenn ich nicht erscheine; und erscheinen werde ich nun und in Ewigkeit nicht. Ich muss fort, Schwester! habe Mitleid mit mir! verlass mich nicht auch, wie alles mich verlasst! Befordere meine Flucht, verheimliche sie so lange du kannst, und dann fliehe auch du, nur jetzt, nur in diesem schrecklichen Augenblicke nicht! bleib, bleib, Alize! oder ich muss dich und mich ermorden!

Fliehen? dich verlassen? schrie ich mit Thranen. Sieh ich folge dir, wenn du willst, nehme Theil an deinem Elend, ob ich ob ich gleich nicht gesundigt habe.

O! schrie er, nicht diese Vorwurfe! Nein du hast nicht gesundigt, hast mich Sunder oft gewarnt, aber Alize, keine Vorwurfe, oder du bringst mich zur Verzweiflung.

Mein Bruder war furchterlich in diesen Augenblikken! Sein Zustand erfullte mich zugleich mit Schrekken, Mitleid und inniger schmerzhafter Liebe. Er hing ganz an mir, ich schien sein einiger Trost zu seyn, er liess mich nicht aus den Augen, und begleitete mich uberall, wohin mich die Anstalten zu seiner Abreise trieben.

Endlich war alles bereits, alles was von einiger Kostbarkeit vorhanden war, selbst das, was er mir geschenkt hatte, ward zusammengepackt, um ihm seine Flucht zu erleichtern, ich mochte nichts von den Schatzen behalten, welche vielleicht mit dem Ungluck meines Bruders erkauft waren.

Konrad schloss mich beym Abschied mit heisser Zartlichkeit in seine Arme; er seufzte, dass er mich so ganz ohne Schutz zurucklassen musste. Hatte ich, sagte er, hatte ich dich nur erst in die Arme eines guten Mannes liefern konnen! Doch deine Schonheit, deine Tugend, selbst die Treue, die du jetzt an deinen verlassenen Bruder beweisest, werden dir tausend Herzen erwerben, und du kannst noch glucklich seyn.

Wie konnte ich, schluchzte ich, so lange du elend

bist, an Liebe und Heyrath gedenken? siehe, ich gelobe dir, selbst dann, wenn ich den schon kennte, der einst mein Gemahl werden soll, ihm nicht eher die Hand zu geben, bis ich Nachricht von deinem Gluck, von deiner Sicherheit habe.

Thue es nicht, Schwester, erwiederte er, gelobe

nichts von dieser Art, du brauchst einen Schutzer, und o wollte Gott, du liebtest einen edeln Mann, und er war sogleich hier, dass ich dich ihm anvertrauen konnte.

Ich fuhlte, dass mein Gesicht gluhte, und ich ver

mochte nicht zu antworten. Ich dachte an Ulrichen, der kurzlich von seinem Zuge nach Italien zuruckgekommen war, und den ich taglich erwartete. Mochte er doch jetzt kommen, seufzte ich, mochte er ihm wenigstens begegnen!

Nur ein Versprechen, sagte Konrad, indem er mich

nochmals umarmte, nur eins fordere ich von dir. Beglucke keinen von meinen Verfolgern mit deiner Hand. Du bist zu gut, zu schon, um der Raub eines dieser Unwurdigen zu werden!

Ich schwur ihm was er verlangte, und wir rissen

uns von einander; schon hatten wir vielleicht zu lang gezogert, und in unserer Lage war jeder Augenblick kostbar.

Funfzehntes Kapitel.

Fortsetzung.

Weinend eilte ich auf mein Zimmer, und fand Trost daselbst, einen Boten von meinem geliebten Ulrich, der in meiner Abwesenheit angekommen war. Ich hatte meinen Bruder zu der hintern Schlosspforte hinausbegleitet und also dem Ueberbringer guter Bothschaft nicht begegnen konnen.

O! rief ich, wo ist euer Herr! O dass er nicht eine Stunde eher erschienen ist, wenn er, wie ich hoffe, sich in der Nahe befindet!

Er kommt, erwiederte er, er wird gleich hier seyn, er wunschte insgeheim bey euch eingelassen zu werden; er bittet, dass ihm die Hinterpforte geofnet werde.

Er kommt diesen Weg? rief ich voll Freude. O so wird er ihm begegnen, wird meinem Bruder begegnen! wird mit ihm von unserer Liebe sprechen konnen. Kennt Ulrich meinen Bruder?

Nein, sagte der Bote mit erschrockenem Gesicht, nein, Fraulein, ich denke nicht; aber was sagt ihr, der Herr von Langen zieht den Weg, den mein Herr kommen wird?

Ja! Ja! er wird ihm begegnen, wird ihn sprechen, o wenn sie sich nur kennen, nur einander nicht verfehlen!

Und euer Bruder, schrie der Bote, ist, wie man sagt, in der heimlichen Acht!

Welche Frage! erwiederte ich voll Besturzung. Wollt ihr? Doch wie sollte ich Verdacht auf Ulrichs Vertrautesten setzen!

Lasst mich! Lasst mich! schrie Ulrichs Diener, ich muss fort Ungluck zu verhuten!

Ich sahe ihm, fast leblos vor Entsetzen nach. Was will er machen? rief ich. Ungluck verhuten? Konraden vielleicht vielmehr verrathen? Doch er ist Ulrichs Diener! Nein, Ulrichs Leute konnen so wenig falsch und treulos seyn als er selbst. Ist er nicht der einige Vertraute unserer Liebe? der einige Ueberbringer unserer geheimen Bothschaften? habe ich ihn je auf einer zweifelhaften Handlung betroffen?

Mit unbegreiflicher Unruhe gieng ich in meinem Zimmer auf und nieder, eilte bald ans Fenster, bald an die Hinterpforte, um zu sehen, ob Ulrich kame. Wo er doch bleiben mag! rief ich. Sein Bote sagte doch, er wurde sogleich hier seyn!

Der Abend kam heran, Ulrich war noch nicht da. Einsam und weinend sass ich im dammernden Zimmer, da ofnete sich die Thur, ein Mann trat herein, von dem mir der Umriss seiner Gestalt, die ich noch dunkel erkennen konnte, von dem mir mein Herz, das bey seinem Eintritt gewaltiger schlug, gesagt haben wurde, es sey Ulrich, wenn er nicht anstatt zu meinen Fussen zu fliegen, langsam eingetreten war, sich einige Schritte genaht, dann wieder entfernt, und endlich sich mit von mir abgewandtem Gesicht an die Wand gelehnt hatte.

Wer bist du? rief ich mit zitternder Stimme. Keine Antwort, als ein tiefer Seufzer!

War dieses nicht dein Hauch, Ulrich? schrie ich, und eilte mit offnen Armen auf ihn zu! Ja du bist, du bist es! Dein Seufzen verrath dich derjenigen die

Zuruck! zuruck Fraulein! schrie er, ihn durft mich nicht anruhren, meine Hande sind voll Blut!

Voll Blut? wiederholte ich, armer Ulrich, du bist verwundet? O Hulfe! Hulfe!

Ich bin nicht verwundet, ich habe verwundet! rief er im furchterlich holen Ton.

Und wen? fragte ich zitternd.

Euren Bruder! schrie er, das Ungluck fuhrte ihn in meine Hande!

Mein Madchen, die mich vor einem Augenblick nach Hulfe rufen gehort hatte, kam und brachte Licht.

Ulrich und ich standen gegen einander, lebendige Abdrucke des Entsetzens, er mit todtenbleichem Gesicht, mit entblosstem Degen, seine Hande und die Rustung mit Blut besprutzt und ich mit einem Blicke, der alles sagte, was ich empfand.

Meinen Bruder? wiederholte ich nach einer langen Pause. Meinen Bruder? das Blut, das an deinen Handen klebt, ist Konrads Blut? Unseliger! was bewog dich?

Fraulein, schrie er, ich musste! ein furchterlicher Eid band mich!

Meinen Bruder zu ermorden? Ungeheuer!

O dass er mir nicht begegnet war! Warum musstet ihr ihn mir entgegen schicken? Ihr wisst, ich suchte ihn zu vermeiden. Hat mein Bote nicht

Dein Bote? du musstest? Ein furchterlicher Eid? schrie ich, ohne zu wissen, was ich sagte. Die Gedanken vergiengen mir, und ich sank leblos in meines Madchens Arme.

Als ich erwachte, war Ulrich verschwunden, und meine Dirne konnte mir nichts weiter sagen, als dass er noch viel unverstandliches gestammelt, und sich endlich mit der Versicherung entfernt habe, er werde sich rechtfertigen, und ich werde ihm verzeihen mussen.

Verzeihen? schrie ich, ihm den Tod meines Bruders verzeihen?

Ich brachte diese Nacht in dem entsetzlichsten Zustande zu. Die Unmoglichkeit, mich aus diesen Labyrinthen zu finden, verwirrte mir beynahe den Verstand.

Der Morgen brachte mir Vermehrung meiner Qual. Das Gerucht breitete sich aus, Ritter Konrad von Langen sey unweit seines Schlosses von den Freyschoppen gefunden und nach Osnabruck lebendig ins Gefangniss geliefert worden.

Ein eiskalter Schweiss uberzog meine Stirne bey dieser Post, das schrecklichste Geheimniss fieng an mir klar zu werden, und ich erlag unter der Last dieser Entdeckung.

Ulrichs Diener, welcher wenig Stunden darauf um Zutritt bey mir bitten liess, und ihn endlich erhielt, machte meine Muthmassungen zu Gewissheiten. Er getraute sich nicht, es gerade heraus zu gestehen, dass sein Herr einer der Beysitzer des heimlichen Gerichts sey; ihr wisst, wie geheim diese Dinge gehalten werden, aber seine Aussage bewiess nur gar zu genau, was man hievon zu denken habe.

Er gestand so viel, sein Herr habe von dem Ungluck meines Bruders gehort, sey heftig erschrocken, habe geschworen, er musse mich mit oder wider meinen Willen heimlich entfuhren, musse vermeiden, Konraden zu sehen, habe eine furchterliche Angst bezeugt ihm nicht in den Weg zu kommen, habe eben darum seinen Diener ausgeschickt diese Begegnung zu verhuten.

Leider hatte ihn das Schicksal demohngeachtet Konraden entgegen gefuhrt. Er kannte ihn nicht, sah aber bald einen einzelnen Reuter vom Schlosse herab kommen, den er aus einigen Umstanden fur meinen Bruder hielt. Er hielt es nicht wider seine Pflicht, da er ihn nicht genau kannte, ihm auszuweichen, und dadurch das Ungluck, Hand an ihn legen zu mussen, zu verhuten. Er versteckte sich im Gebusch und liess Konraden voruber ziehn; bald darauf gieng er hervor und dachte seinen Weg zu mir ungestort fortzusetzen. Da gesellte sich ein Mann zu ihm, den er nicht kannte, der sich aber, wie der Diener mir sagte, ihm schnell auf eine11 Art kenntlich machte, welche Ulrichen mit neuem Entsetzen erfullte. Er sagte ihm, was er fur ein Geschaft in dieser Gegend habe; Ulrich erstarrte. Er gab ihm zu verstehen, er sey demselben nicht allein gewachsen, und fordere seinen Beystand; Ulrich weigerte sich. Der Unbekannte sagte Worte zu ihm, denen er nicht widerstehen durfte. Sie gingen mit einander, und fanden Konraden mit einem andern Ritter unter einem Baum liegen und Mahlzeit halten. Konrads Gefahrte schien nur durch den Zufall zu ihm gefuhrt worden zu seyn, mochte denjenigen vielleicht nicht kennen, mit dem er sein Brod theilte, doch hielt er es fur Pflicht als er sah, dass dieser von ein paar Unbekannten angefallen ward, die Gefahr mit ihm zu theilen. Man kampfte. Ulrich und sein Gefahrte siegten, Konrads Helfer ward in die Fluche geschlagen, und er schwerlich verwundet, gefangen genommen und nach Osnabruck gebracht.

Ulrich hatte, wie mich sein Diener versicherte, bey diesen Kampfe wie ein Verzagter gehandelt, hatte keinen Theil an Konrads Einfuhrung ins Gefangniss haben wollen, und war sogleich zu mir geeilt, um mir das Verbrechen, das er gezwungen an mir hatte begehen mussen, zu bekennen, und meine Vergebung zu holen. Ich hatte keine Vergebung fur ihn. Er mochte gehandelt haben wie es seine grausame Pflicht forderte, aber ich durfte nicht mehr an ihn denken. Konrad stand auf dem Punkte, durch seine That den Kopf auf dem Blutgerust zu verlieren, ich hatte geschworen, nie das Weib von einem der Verfolger meines Bruders zu werden, und unsere Liebe war getrennt.

Ulrich drangte sich zu mir, mir seine Unschuld darzuthun, ich hatte eine schreckliche Zusammenkunft mit ihm, wo ich fast in dem Kampfe der Pflicht und der Liebe erlag, aber die Pflicht siegte, und Ulrich ward auf ewig aus meinen Augen verbannt.

Ob mich das, was ich that, nicht nachher gereute, vornehmlich, als mein Bruder aus seinem Gefangniss entkam und mehrere Kenntniss der furchterlichen Eide, durch welche Ulrich und seine Genossen zu Thaten der Unmenschlichkeit verpflichtet werden, mich ihn entschuldigen lehrte, das gehort nicht hieher.

Zu der Zeit, als diese Reue bey mir hatte Platz finden konnen, war ich schon Bernhards Frau, und er Katarinens Gemahl, doppelte Bande untersagten es uns auf ewig, an einander zu denken, und nichts blieb uns ubrig, als Vergessenheit des Vergangenen.

Dass dieses Vergangene durch eure Geschichte furchterlich wieder aufgeregt ward, dass ich Ursach hatte, euch fur Ulrichs Umgang zu warnen, das brauche ich euch wohl nun nicht erst zu erklaren. Ich kannte den von Senden, kannte seine grausame Pflicht, und konnte das erwarten was nun geschehen ist, eine schreckliche Erneuerung der Geschichte meines Bruders!

Dank sey es meinem Schicksal, das euch zu meiner Schwester, zu meiner Retterinn bestimmte! rief Herrmann und druckte Alekens Hand an sein Herz.

Armer Jungling, erwiederte sie, konnte meine Angst, meine Sorge um dich, dir den kleinsten deiner Schmerzen ersparen? Doch auch ich danke dem Himmel, dass er euch mir zum Bruder gab, dass doch in dem Hause meines Mannes eine Seele ist, die ich wahrhaftig hochschatzen kann, ausser ihm, meyne ich, dem ich Liebe und Hochachtung schuldig bin.

Herrmann nahm die Klausul wohl in acht, welche Aleke aus Pflicht gegen Berndten ihren Worten anhangte. Er fuhlte es, dass ihre Achtung gegen ihren Gemahl nicht viel mehr als Pflicht und etwas Dankbarkeit seyn konnte, weil er sie liebte, und er konnte sich der Frage nicht enthalten, auf was fur Art sie Frau von Unna geworden sey.

Die Guter meines Bruders, sagte sie, waren verfallen, sie wurden etlichen aus der Ritterschaft zur Verwaltung ubergeben, und mir ward ein Vormund gesetzt. Dieser Vormund war euer Bruder Bernhard, ihr errathet das ubrige, er liebte mich und warb um mich, ich war arm, verlassen, von meinem Geliebten getrennt, und ward die Gemahlin des Herrn von Unna.

Unsere Ehe ward immer gut und friedlich. Dankbarkeit vertrat bey mir die Stelle der Liebe, und die seinige ward durch den Stolz, der Schutzer einer Verlassenen gewesen zu seyn, und durch den Beyfall, den seine Wahl uberall fand, machtig genahrt. Ich war so glucklich, ihm und jedermann meine fruhere Verbindung mit dem Herrn von Senden zu verbergen, ihn dadurch mit mir immer zufrieden zu erhalten, und jede Ursach eines Zwists zwischen ihm und meinem ehemaligen Liebhaber aufzuheben. Ulrich ward bald nach meiner Vermahlung mit Berndten, mein Schwager; es war traurig gewesen, wenn ich Gelegenheit zu Uneinigkeit und Verdacht hatte geben sollen.

Aber ich bitte euch, rief Herrmann, wie war es moglich, dass Ulrich sich uber euch so bald trosten, nach einer Alize eine Katarine wahlen konnte.

Ich weis von diesen Dingen sehr wenig, sagte sie, doch was ich muthmasse und was ich weis, will ich euch sagen. Das damahlige Fraulein, Katarine von Unna, hatte einen gewaltigen Abscheu vor dem Klosterleben, zu dem sie bestimmt war, und dachte sich nicht besser retten zu konnen, als wenn sie zu dem Feinde ihres Hauses, dem alten Grafen von Unna flohe. Mit ofnen Armen ward sie von diesem Schutzer der Bedrangten aufgenommen, er fand ihre Sache schlecht und recht, und versprach sie zu verheyrathen. Hier lernte sie den Herrn von Senden kennen und gewann ihn lieb. Katharina war damals nicht hasslich und konnte ihre bose Seite besser verstecken als jetzt. Ulrichs Herz war voll Rache uber meine gegen ihn geanderten Gesinnungen und uber meine Heyrath. Er dachte wahrscheinlich mich zu kranken, wenn er meine Schwagerinn heyrathete und mir immer als ein lebendiger Vorwurf meiner Unbestandigkeit vor Augen war. Der Ungluckliche krankte sich selbst! Ihr konnt urtheilen, wie seine Ehe beschaffen seyn muss. Der Graf von Unna war Ulrichen zu gewogen, und kannte Katarinens Charakter zu gut, um mit dieser Verbindung ganz zufrieden zu seyn, er vermahlte sie, weil sie es wunschten, und uberliess sie ihrem Schicksale.

Sechszehntes Kapitel.

Eine gefahrliche Probe.

Herrmann fand die Erklarung, die ihm Aleke uber verschiedene Dinge gab, nicht ganz befriedigend, doch sie waren von solcher Art, dass man entweder nur muthmassen konnte, oder nicht laut und deutlich von denselben sprechen durfte; zu der ersten Klasse gehorte Ulrichs und Katarinens Verbindung, und zu der andern der Theil von Alizens Geschichte, welcher in die Geheimnisse jenes furchtbaren Gerichts gehorte, welches nach den gegenwartigen Zeiten in vieler Betrachtung ein Rathsel ist, und davon die Urkunden, welche uns ubrig geblieben sind, nur einen schwachen mangelhaften und in mancher Betrachtung widersprechenden Begriff geben.

So vielfachen Stoff der Ritter von Unna auch in dem, was er gehort hatte, zum Nachdenken fand, so verweilte er doch am liebsten bey Ulrichen von Senden, der durch die traurige Geschichte bey der hohen Eiche bey weiten nicht jene Neigung ausgeloscht hatte, welche Herrmann beym ersten Anblick fur ihn zu fuhlen begann. Jene That, die ihm beynahe das Leben gekostet hatte, setzte Ulrichen nicht in seinen Augen herab, sie erhohte vielmehr seine Meynung von ihm! auch seinem Verfahren gegen Konraden von Langen fehlte es, wie er meynte, nicht an Entschuldigung, ein Mann, der dem, was er in seiner Lage fur Pflicht halten musste, auf Unkosten seiner liebsten Neigungen treu bleiben konnte, verdiente nach seinen Gedanken Achtung und Bewunderung, verdiente wenigstens Mitleid statt des Tadels. Verzeiht, meine Leser, wenn Herrmann falsch urtheilte, er lebte freylich in einem Jahrhunderte, welches ihm andere Begriffe einflossen musste als euch das eurige.

Aleke war zu schwach Herrmanns Urtheil einen andern Weg zu leiten, sie war vielleicht im Grunde selbst mehr fur den unglucklichen von Senden eingenommen, als sie sich gestehen durfte. Sie begnugte sich nur damit, den Entschluss des jungen Menschen, nach Ulrichs Freundschaft anhaltend zu ringen, zu bestreiten, und ihm zu erweisen, dass so lange jener blieb was er war, so lang die Acht noch auf Herrmanns Haupte ruhte, kein vertraulicher Umgang zwischen ihnen moglich werden konne.

Aber er liebt mich, rief Herrmann, er hat mir es in jener schrecklichen Stunde selbst gestanden, dass sein Herz an dem meinigen hangt! Sollte er seiner schrecklichen Pflicht nicht durch das Blut, das er damahls vergoss, genug gethan haben, und nun friedlich mit mir den Pfad des Lebens gehen konnen?

Thut was ihr wollt, sagte Aleke seufzend, versucht was euch moglich ist, aber mir verdenkt es nicht, wenn ich euch und ihn nie aus den Augen lasse, und da wo die meinigen nicht hinreichen, euch andere zu Wachtern gebe.

Herrmann nutzte den ersten Tag seiner volligen Wiederherstellung Ulrichen zu besuchen. Freude glanzte in Sendens Augen als er den geretteten Jungling sah, aber schnell ward sie durch eine Thrane verdunkelt. Er gieng ihn mit offenen Armen entgegen, als wollte er ihn an seine Brust drucken, aber schnell besann er sich, und der herzliche Empfang verwandelte sich in eine kalte Verbeugung.

Ists denn unmoglich? rief Herrmann, dieses Herz fur mich zu erwarmen? habe ich mir nicht mit meinem Blute deine Freundschaft erkaufen konnen? Ulrich wandte sich hinweg seine Bewegung zu verbergen. Vielleicht in Zukunft, rief er, indem er ihm die Hand druckte, nur jetzt, nur jetzt nicht! Glaube mir Herrmann, ich bin unglucklicher als du.

Aleke, welche die ganze Zeit gegenwartig war, brachte das Gesprach auf Herrmanns Geschichten bey Fritzlar. Er erzahlte alles, was ihn in den Verdacht brachte, er sey Herzog Friedrichs Morder, alles was ihn vor dem Furstenrath zu Nurnberg lossprach, so umstandlich, dass kein Schatten von Schuld mehr auf ihn zu haften schien, aber Ulrich bat ihn, die Ursachen seiner nachmaligen Flucht und seine Geschafte in diesen Gegenden nicht zu vergessen, und als Herrmann sein Verlangen eben so redlich befriedigte, so verfiel sein Zuhorer in ein tiefes Nachsinnen, aus welchem ihm Herrmanns und Alekens Zureden erst spat empor reissen konnten.

Herrmann, sagte er, bedenke, dass ich dein Richter nicht bin, o Gott, wie gunstig wurde vielleicht dein Urtheil ausfallen, wenn ich es war!

Du sollst mein Richter seyn, rief Herrmann, sollst mir sagen, was du im Grunde deines Herzens von mir denkst.

Ulrich zuckte die Achseln, und bat von Dingen nicht mehr zu sprechen, welche nicht hieher gehorten.

Aleke ward unwillig, Herrmann traurig, und so schied man von einander. Bernhard kam von Engelrading zuruck, die Zeit vertrauter Unterredungen war verflossen, man sahe sich nicht anders als bey der Tafel, und Herrmann, welcher die volle Starke der wiederkehrenden Gesundheit empfand, fand es langweilig langer hier zu bleiben. Sein Geschaft beym alten Grafen von Unna lag ihm im Sinne; nur zu lang hatte es bereits verschoben werden mussen, und er drang auf seine Abreise.

Die Frau von Unna hatte ihm gerathen, gegen ihren Gemahl nichts davon zu gedenken, dass er zu dem Feinde seines Hauses ziehen wollte; aber da die Aebtissinn von Marienhagen davon benachrichtigt war, so konnte es Bernhardten nicht verschwiegen bleiben. Man wandte alles an, den Jungling von seinem Vorhaben abzubringen. Bernhard stellte ihm den Schimpf vor, bey dem Grafen Schutz und Rath zu suchen, da er einen solchen Bruder hatte wie ihn. Ursula erzehlte ihm Katarinens Geschichte, welche auch ehemahls zu dem verhassten Greise geflohen war und nichts weiter von ihm erhalten hatte, als die Hand eines Mannes, der sie nicht liebte. Man ging so weit, Herrmanns Entschluss, welcher unbeweglich blieb, allerley kunstliche Hindernisse entgegen zu setzen. Aber er tauschte sie alle, machte sich in einer Nacht in der Stille davon, flog noch einmahl zu den geliebten Nonnen zu Ueberwasser, sich mit ihnen zu letzen. Eilte nach dem Schlosse Senden Katarinens Kinder zu kussen, und trat dann den Weg zu seinem ehrwurdigen Verwandten an.

Ulrich von Senden, der so wie Herrmann nun vollig hergestellt war, hatte Bernhards Burg noch eher als er verlassen. Herrmann hatte gehoft, ihn auf seinem Schlosse zu finden, und noch einmahl eine Unterredung von Herz zu Herz mit ihm zu haben, aber Katarine sagte, er sey des vorigen Tages abgereist, und sie habe Ursach zu glauben, er sey nach dem alten Grafen von Unna gezogen.

Herrmann erfuhr uberall in den Herbergen die Bestattigung von dem, was ihm seine Schwester gesagt hatte. Ulrich war immer einige Stunden vor ihm da gewesen, und als er zu Unna einritt, da sah er von Sendens Reisige im Schlosshof halten.

Der Ankommende wusste nicht was er hiervon denken sollte, doch sein verdachtloses Herz befriedigte ihn bald. Ulrich konnte so wohl Geschafte beym Grafen von Unna haben als er, er musste Geschafte mit ihm haben; der Graf war oberster Stuhlherr der Freygerichte in dieser Gegend, und von Senden ein Einverleibter des heimlichen Gerichts.

Es war in den damahligen Zeiten noch nicht Sitte halbe Tage in den Vorzimmern der Grossen zu warten, ohne vorgelassen zu werden. Wer zuerst kam, hatte den ersten Zutritt. Herrmann ward gemeldet und herein gerufen; er trat ein und Ulrich von Senden begegnete ihm in der Thur.

Der Ort, wo man sich befand, machte es unmoglich ein Wort mit einander zu wechseln, er blieb bey einer Begrussung, aber diese Begrussung war bey Ulrichen so kalt, dass Herrmanns Herz zu Eis ward, und sich zum erstenmahl der Verdacht bey ihm einschlich, von Senden konne sich um keiner guten Ursachen willen hier befinden.

Der Graf von Unna, ein Greis mit dem Schnee des Alters und der bluhenden Rothe der mannlichen Jahre geziert, sah den Eintretenden mit scharfem forschenden Blicke an. Wer seyd ihr junger Mensch? rief er in einem ernsten Tone.

Der hohe Anstand des Alten und ein Zug von wahrer Grosse in seinem Gesicht nothigte dem Jungling eine tiefere Verbeugung ab, als er sie sonst vor Konigen zu machen pflegte, und er antwortete; Herrmann von Unna.

Was verlangt ihr!

Gerechtigkeit!

Verwegner! wie kann Herzog Friedrichs Morder Gerechtigkeit fordern, ohne den Kopf verlieren zu wollen?

Ich bin Friedrichs Morder nicht!

Beweise!

Mein Herz und das Zeugniss des Herzogs von Oesterreich.

Das erste konnt ihr mir nicht vor Augen legen, und das andere ist ungultig, ist nicht Zeugniss, wie mich dunkt, nur Vorbitte. Der Herzog von Oesterreich war nicht bey euch als die That geschahe.

Gott war bey dem Thater und bey mir, ihn rufe ich zum Zeugen!

Der Schein ist wider euch!

Welcher gerechte Richter richtet nach dem Schein?

Ich sitze hier nicht als euer Richter!

Denn als mein Freund? der Freund des Unschuldigen?

Als euer Verwandter, wenn ihr wollt, als der, der euch gern gerechtfertigt sahe! Aber junger Mensch, ihr wandet euch spat an mich? Ich finde eine Unstattigkeit in eurem Betragen, die der Unschuld nicht ziemt. Ich hore, ihr wart fruhzeitig hier meinen Rath zu suchen, es war euch zu viel meine Ankunft geduldig zu erwarten, ihr wandet euch zu Leuten, welche euch nicht helfen konnten, zu Leuten, die ich hasse, mit denen ihr bisher entzweyet lebtet, nun wie ich hore schnell versohnt seyd, ich versichere euch, ihr Hass wurde euch bessere Dienste bey mir gethan haben als ihre Liebe; ein verworfenes Geschlecht, in welchem seit zwey Menschenaltern kein gesundes Glied war?

Sie sind meine Geschwister!

Ja leider! ihr wurdet mir sonst angenehmer seyn!

Kann der Graf von Unna, der Vorsitzer des ernstesten Gerichts partheiisch urtheilen? Es giebt unter meinen Geschwistern noch eine Agnese und Petronelle, eine Aleke von Langen, einen Ulrich von Senden.

Lasst die Weiber auf der Seite bleiben, sie gehoren nicht in unsere Rechnung, und was Ulrichen von Senden betrift

Bey Gott, rief Herrmann mit aufgehobenen Handen, der edelste Mann, den ich kenne!

Er? dessen blutgieriges Schwerd euch dem Tode nahe brachte? Er that was er musste! Freylich ists hart, von ihm gehasst, vielleicht auch hier verfolgt zu werden.

Der Graf schwieg mit tief zur Erde gesenktem Blick. Ja, sagte er nach einer langen Weile, Ulrich ist bey mir gewesen, er hat viel mit mir von euch gesprochen, hat viel in der Aufnahme geandert, welche euch bestimmt war; entfernt euch! ich werde euch rufen lassen, wenn ich eurer Gegenwart bedarf.

Herrmann entfernte sich, sein Herz mit Empfindungen erfullt, welche ihm die Worte hemmten.

Hutet euch zu fliehen, rief ihm der Graf von Unna nach eure Verfolger sind uberall!

Fliehen? schrie Herrmann mit verachtlichem Ton. Die Unschuld fliehet nicht! So war denn also die Audienz bey dem grossen Mann, von dem man sich soviel versprochen, auf welchen der Herzog von Oesterreich das ganze Gluck seines Lieblings gebaut hatte, voruber. Herrmann hatte nichts in ihm gefunden als einen stolzen Verwandten, und einen partheiischen Richter, der sich durch das Einhauchen der Falschheit von zuvorgefassten vielleicht bessern Entschlussen abbringen liess.

Er hat viel mit ihm von mir gesprochen? hat vieles in der Aufnahme, welche mir bestimmt war, geandert? sagte Herrmann zu sich selbst. O Ulrich von Senden! Ulrich von Senden! das Blut, das du mir aus dem Herzen zapftest, konnte ich dir verzeihen, aber hinterlistige Nachstellung? Verleumdung bey dem, auf den ich meine ganze Hoffnung setzte? Nein dies verzeihe ich nicht! Das erste konnte deine Pflicht von dir fordern, aber welche Gesetze waren vermogend, dich zu dem andern zu bewegen?

Gegen den Abend ward Herrmann zum zweytenmal zu dem Grafen von Unna gefordert.

Ihr wisst jetzt ohne Zweifel was ihr von dem von Senden halten sollt? fragte der Graf.

Ich wusste es bisher nicht, nun habe ich es erfahren.

Ihr musst aufrichtig mit mir von ihm sprechen, sagt was sind eure Gedanken von ihm? Glaubt ihr, dass er seiner Pflicht in Ansehung eurer vollige Gnuge gethan hat.

Ich habe keinen bestimmten Begriff von den Pflichten, die ihm und seines gleichen obliegen.

Erzahlt mir die ganze Geschichte seiner That unter der hohen Eiche, erzahlt mir auf was fur einem Fuss er zuvor und hernach mit euch lebte, ihr wisst, ihr habt keine Ursach ihn zu schonen, auch er schonte eurer nicht.

Herrmann erzehlte umstandlich alles was vorgegangen war, der Graf schuttelte den Kopf! das ist entsetzlich! sagte er. Auch keine Warnung vor der Gefahr die euch drohte, nicht ein Wink, dass ihr euch vor ihm zu huten hattet?

Er durfte mich nicht warnen, wie ich glaube, wenn er seine Pflicht nicht verletzen wollte.

Aber er liebte euch, beklagte euch, wie ihr damals meyntet, mich dunkt er hatte euch warnen sollen!

Ich hielt seine That fur das groste Opfer, das er der grausamsten Pflicht bringen konnte. Ich glaubte in der That, er hatte mich geliebt, und es musse ihm schwer geworden seyn mir ungewarnt den Dolch ins Herz zu stossen, aber dem, der mich verleumden, mir das Herz meines ehrwurdigen Verwandten stehlen konnte!

Das gehort nicht hieher, nur noch eine Frage. Man sagt, ihr waret beyde verwundet worden; vermuthlich leichte Wunden wie sie einer dem andern auf Verabredung giebt, um sich einer lastigen Pflicht zu entledigen, dann sind gleich Leute da uns zu retten, zu verbinden, und man ist seiner Verbindlichkeit entledigt.

Herrmann fieng von neuem an die schreckliche Geschichte unter der hohen Eiche zu erzehlen, er schilderte Ulrichs Kampf mit sich selbst auf die lebendigste Art, mahlte die Ueberwindung, die es ihm gekostet zu haben schien, sein Schwerd in das Blut seines Bruders zu tauchen, mit den glubendsten Farben, und zeigte dem Grafen am Ende die Narbe von der furchterlichen Wunde in seiner Seite, die er von Ulrichs Hand empfieng. Und ach, setzte er hinzu, mit mir war er schonender verfahren als mit sich selbst; es schien, er wollte dem, den er in die Gruft hinabschicken musste, zuvoreilen um seinen Tod nicht zu uberleben. Lange hing sein Leben noch an einem Faden, als schon das meinige gerettet war!

Seine Verwundung ruhrte also wirklich, wirklich von seiner eigenen Hand, nicht von der eurigen her? rief der Graf.

Ich hatte meine Hand an ihn, an den geliebten Ulrich von Senden legen sollen? fragte Herrmann.

Entsetzlich! schrie der Graf mit zusammengeschlagenen Handen. Brudermord? Selbstmord die Folgen des Gerichts, das eine Nachbildung der gottlichen Gerechtigkeit seyn soll? O Menschheit, wenn wirst du einmahl diese schreckliche Bande abschutteln! Herrmann! mein Sohn! mein Liebling! Ulrich von Senden! mein Freund! ungluckliches Opfer deiner Pflicht! umarmt einander. Eure Fehde habe auf ewig ein Ende!

Der Graf hatte mit diesen Worten eine Nebenthur aufgestossen, Ulrich sturzte herein, und schloss den erstaunten Herrmann in seine Arme. Mein Bruder! mein Geliebter! rief er, endlich, endlich darf ich meinem Herzen nicht langer wehren, darf dir sagen, was ich fur dich fuhle, ohne meine Pflicht zu verletzen!

Herrmann stand mit weit geofneten Augen, ohne das begreifen zu konnen, was er sah und horte, ohne Ulrichs Liebkosungen, von welchen er nicht wusste was er halten sollte, erwiedern zu konnen.

Junger Mensch, sagte der alte Graf, ihr wisst nicht was hier vorgegangen ist. Ihr glaubt wohl nicht, dass ihr und euer Freund euch jetzt auf einer gefahrlichen Probe befunden habt? Das Leben des einen und meine gute Meynung fur den andern stand auf dem Spiel, aber eure Aussage hat beyde gerettet. Ulrich von Senden, der bey der Sache des Konrad von Langen schon einmal im Verdacht kam, der Pflicht eines Dieners der heimlichen Rache nicht vollig genug gethan zu haben, ward angeklagt, er habe in Ansehung eurer zum zweytenmal gesundigt, habe euch gewarnt, euch Waffen in die Hande gegeben, euch in jener schrecklichen Stunde zu vertheidigen, habe euch nur zum Schein ein wenig verwundet, und von euch eine ahnliche Verletzung bekommen. Leider steht auf solche Vergehungen, welchen die Menschheit eigentlich einen mildern Namen geben sollte, bey uns der Tod. Ulrich von Senden trug durch seine Erscheinung viel dazu bey, seine Anklage wahrscheinlich zu machen. Er trat auf, und widersprach dem Urtheil, das wider euch gefallt worden ist, ward ein Vertheidiger eurer Unschuld, und verlangte Entlassung von seinem Posten, Entkleidung von der traurigen Wurde eines Dieners der gottlichen Gerechtigkeit, um mit dem unschuldigen Herrmann von Unna als Bruder leben zu konnen. Eigentlich war hiedurch sein Urtheil gesprochen gewesen, aber mir schauerte vor den Ungerechtigkeiten, die unter dem heiligen Namen unsers Gerichts ausgeubt werden; ich drang auf Untersuchung. Herrmanns Ankunft gab uns die beste Gelegenheit die Wahrheit zu erfahren: einige Worte von mir gaben ihm Anlass sich von Ulrichen bey mir verleumdet zu halten, aller Verdacht der Partheilichkeit gegen seinen Freund, ward durch den Unwillen, den dieses in seinem Herzen erregte, aufgehoben. Er antwortete auf meine kunstlich verschlungenen Fragen, ohne Vorliebe fur Ulrichen, blieb auf der geraden Bahn der Wahrheit, seine Aussage stimmt wortlich mit dem uberein, was wir von Senden erfuhren. Ulrich ist gerechtfertigt, und Herrmann bekommt zum Lohn fur die Redlichkeit seines Herzens die Freyheit, ins kunftige Ulrichen ohne Furcht als Freund umarmen zu konnen. Ulrichs Entlassung wird nun keine Schwierigkeit mehr haben.

Und auch Herrmann wird gerechtfertigt seyn? fragte Ulrich, der Herrmanns Hand fest in die seinige geschlossen hielt.

Wollte Gott! rief der Graf, aber leider ist alles was ich durch euch zu des armen Junglings Besten erfuhr, nur fur mich uberzeugend. Herrmann muss fliehen, fliehen unter meinen Schutz. Die Zeit macht Dinge moglich, an die wir jetzt nicht denken durfen. Allemal ists ein wichtiger Umstand, den ich durch euch, Ritter Ulrich, erfuhr, dass ausser Kunzmann, welcher im Tode Herrmann den Mitgenossen seiner Unthat nannte, noch zween oder drey andere Morder Herzog Friedrichs sind gesehen, und (vielleicht mit Vorbedacht) zu nachlassig verfolgt worden. Gott weis, wie es moglich gewesen ist diesen Punkt bey dem gesprochenen Urtheil zu ubergehen! Aber die Rache wird diese Ruchlosen ereilen, und ihre Aussage wird Kunzmanns Bekenntniss bestatigen oder widerlegen, wie es die Wahrheit erfordert.

Widerlegen! schrie Herrmann, oder ich verdiene nicht der Verwandte des edlen Grafen von Unna zu seyn.

Du verdienst es, wie ich hoffe! rief der Greis, du sollst mein Verwandter, selbst mein Sohn seyn, wenn die Zeit dich vor den Augen der Welt so rechtfertiget wie vor den meinigen!

Siebzehntes Kapitel.

Herrmann zieht gen Italien.

Die Freunde verliessen den Grafen, um in der Einsamkeit die Erstlinge ihres Glucks zu geniessen. Also warst du mein Vertheidiger bey dem Grafen, nicht mein Anklager wie ich meynte? rief Herrmann, als er sich von seinem ersten Erstaunen erholte.

Konnte der gutmuthige Herrmann sich doch endlich zu bosen Verdacht gegen seinen Ulrich hinreissen lassen? erwiederte von Senden.

Und also kann ich, darf ich dich kunftig Freund und Bruder nennen, und du wirst nicht mehr den Unschuldigen verfolgen, und dein Ohr vor der Stimme der Wahrheit verschliessen?

Verschloss ich es je? Wahrheit und Unschuld strahlten mir in die Augen, Todesangst uberfiel mich, wenn ich dich mit all deiner Liebenswurdigkeit vor mir sahe, wie du um meine Freundschaft warbst, mir aus vollem Herzen trautest, und der Gedanke in meiner Seele aufstieg, die Richter haben gerichtet, ich muss ihn ermorden! Unaufhorlich, auch wenn du nicht um mich warest, schwebte dein Bild vor mir, bald bleich und blutig, bald lachelnd und bittend, im Auge den vollen Ausdruck der Schuldlosigkeit. Mein Herz blutete, mein Verstand schwankte, tausendmal war ich lieber gestorben, aber ich musste thun, was ich that! Doch lass uns die Augen auf ewig von dem Vergangenen abwenden! die Fesseln sind gebrochen, du vergiebst mir, und wir sind Freunde auf ewig!

Herrmanns Freude uber das Herz, das er gewonnen hatte, wuchs mit der Dauer der Unterredung, aber Ulrich ward am Ende still und nachdenkend. Lass mich! sagte er zu seinem Freunde, ich vergesse, dass mir die Loszahlung von meinem Eide erst auf kunftige Nacht bevorsteht, und dass bis dahin unsere bisherige Lage noch nicht verandert ist.

Herrmann lachelte ein wenig uber die strenge Gewissenhaftigkeit seines Bruders und verliess ihn, um Anstalten zu jener Abreise zu machen, deren Eil ihm der Graf so dringend empfohlen hatte, und die ihm nur darum anstossig war, weil sie den verhassten Namen Flucht fuhrte.

Was in dieser Nacht mit Ulrichen von Senden vorging, auf welche Art er aus der grossen uber die halbe Welt ausgebreiteten Gemeinschaft der12 Geheimnisvollen entlassen, auf welche Weise ihm Wille und Moglichkeit benommen wurde, in Zukunft an ihren Angelegenheiten Theil zu nehmen, oder irgend einen Gebrauch von der Wissenschaft derselben zu machen, dies blieb Herrmann verborgen, und so oft er in spatern Zeiten, als er Muth genug bekam, dieser Dinge in frohlichen Stunden zu gedenken, eine scherzhafte Frage hieruber an Ulrichen wagte, so scheuchte ihn ein ernster Blick zuruck, und gebot ihm Stillschweigen.

Des andern Tages fand Herrmann seinen Freund weit liebenswurdiger als je zuvor, sein Betragen war zutraulich und offen, seine Miene heiter und froh, und wenn der Ritter von Unna nicht von ohngefahr jene Dinge beruhrte, denen Ulrich diese Nacht entsagt hatte, so schien sich kein Geheimniss in seinem Herzen zu befinden, das er nicht geneigt gewesen seyn sollte ihm zu entdecken.

Selbst uber seine ehemahlige, ach leider noch nicht ganz erloschene Liebe zu der reizenden Frau von Unna, und uber seine seltsame Heyrath mit Katarinen, sprach von Senden ohne Zuruckhaltung. Er erzahlte seine Geschichte mit ihr weitlauftiger als es nothig und den Granzen dieses Buchs angemessen ist, sie anzufuhren. Katarine hatte tausend heimliche Kunste genutzt den von Senden fur sich einzunehmen, und seine ehemalige Geliebte, deren Namen sie nie erfuhr, aus seinem Herzen zu reissen. Unmuth, und vielleicht auch der Wunsch sich an der unerbittlichen Aleke zu rachen, hatten ihre Bemuhungen erleichtert, und Zuredungen und heimliche Ranke dienstfertiger Mittelspersonen das ihrige gethan. Es lebte zu den damahligen Zeiten in jedem angesehenen Hause einer oder etliche Monche, welche unter dem Titel der Beichtvater allerley Nebengeschafte trieben, unter welchen die Stiftung unglucklicher ubelgewahlter Heyrathen nicht das geringste war; von ihnen schreibt sich wahrscheinlich noch das Spruchwort her, dass Ehen im Himmel geschlossen werden, denn sie pflegten sich desselben allezeit bey den Bundnissen, die sie fur gut hielten, zu bedienen. Ihre Geschicklichkeit ubertraf alles, was die heutigen Heyrathsstifter verstehen, und was sie wollten, musste ein Paar werden, es mochten sich auch die grossten Hindernisse in den Weg legen. Pater Bonifax, Fraulein Katarinens Beichtiger, ubte hier seine Gewalt unumschrankt aus, sie ward Frau von Senden, und das ubrige blieb der Fugung des Himmels uberlassen.

Der Graf von Unna hatte binnen der Zeit von einem Jahre, welche Katarine aus Furcht vor dem Kloster in seinem Hause zubrachte, Muse genug gehabt, ihre bose Seite kennen zu lernen, die Kenntniss ihres Charakters befestigte das Urtheil, das er von ihrem ganzen Hause zu fallen pflegte, und er gonnte ihr die Hand des redlichen Ulrichs sehr ungern; aber was war zu thun, die Ehe war einmahl im Himmel geschlossen, und auch er musste einwilligen. Leser, du kannst dir keine Vorstellung von der Gewalt machen, welche die Monche in jenen unseeligen Zeiten auch uber die besten aufgeklartesten Seelen auszuuben wussten.

Mit recht zahle ich den alten Grafen von Unna unter einen der hellsten Kopfe seiner Zeit, wir haben sein Urtheil uber die heimlichen Gerichte gehort, welches ohnstreitig ehe ins achtzehnte als in das funfzehnte Jahrhundert gehorte, dessen ohngeachtet fehlte es ihm nicht an Schwachheiten und Vorurtheilen. Sein unuberwindlicher Hass gegen die Herrn von Unna, seine Vettern, gehorte mit unter dieselben, er war in diesem Stuck so hartnackig, dass alles, was Herrmann zum Besten seiner Geschwister sagen konnte, ubel aufgenommen ward, und leicht zu seinem eigenen Nachtheil hatte gereichen konnen.

Ulrich bat ihn in der Stille, einzulenken, und die Sache nicht zu weit zu treiben, du weisst nicht, sagte er, wie nahe es dir schon war, dass du fur den kleinen Anschein von gutem Verstandniss zwischen dir und deinen Geschwistern, bey deinem ehrwurdigen Oheim hattest leiden mussen. Seine Worte: Es sey dir ein ganz anderer Empfang bestimmt gewesen, den nur ich verhindert hatte, die du ganz verkehrt auslegtest, waren nur allzuwahr. Der Graf, der dich immer geliebt hatte, ohne dich zu kennen, weil du mit seinen verhassten Vettern in Uneinigkeit lebtest, der dir blos aus diesem Grunde alle Gnade erzeigt haben wurde, war aufs ausserste wider dich aufgebracht, als er erfuhr, du warest zu ihnen gereist, hattest sie ehe gesprochen als ihn, wurdest von ihnen geliebt und mit Lustbarkeiten beehrt. Es kostete mir Muhe, die Vorurtheile, die er wider dich gefasst hatte, zu tilgen, und es zu verhuten, dass du nicht so wie beschlossen war, ungehort von seiner Thur gewiesen wurdest.

Herrmann erkannte die neuen Verbindlichkeiten, die er Ulrichen hatte, und seufzte, dass auch die besten Charaktere nicht ohne Flecken sind. Er hielt es in die Lange fur schwer sich in die kleinen Eigenheiten des guten Geistes zu fugen und sah es nicht ungern, dass der Tag seiner heimlichen Abreise angesetzt war.

Herrmann hatte den Wunsch geaussert, nach Venedig zu den deutschen Rittern zu gehen, welche damals eben einen Zug wider die Turken vorhatten, und der alte Graf hatte sich demselben nur darum widersetzt, weil er furchtete, der geliebte Herrmann mochte daselbst seinen Bruder Johann von Unna antreffen, und dadurch in neue Verbindung mit dem ihm verhassten Hause gerathen. Herrmann wusste, dass dieser Bruder, einer der geliebtesten unter seinen Geschwistern, den deutschen Orden trug, und konnte es sich nicht leugnen, dass der Wunsch ihn zu finden, ihn besonders nach Venedig zog, aber der kluge Ulrich beredete ihn, sich uber diesen Punkt nie gegen den eigensinnigen Greis zu erklaren, und auf diese Art geschah es, dass der alte Graf in alles willigte, was sein junger Vetter wunschte, und ihn zum Zuge wider die Turken so stattlich ausrustete, als vielleicht noch kein Herr von Unna ausgerustet worden ist.

Achtzehntes Kapitel.

Seltsame Nachrichten von der

Grafinn von Wurtemberg.

So viel auch der Graf von Unna fur seinen Neffen that, und vermoge seines Ansehens ungestraft thun konnte, so musste doch alles unter dem Siegel des Geheimnisses geschehen. Herrmann war noch nicht frey von dem Bann, der ihn heimlich verfolgte, die Schwerdter der Unsichtbaren waren noch immer wider ihn gezuckt, und es hatten sich Falle zutragen konnen, wo selbst sein Oheim mit aller seiner Macht ihn nicht hatte schutzen konnen.

Der Graf und Ulrich mussten auf die Letzt eine solche Gefahr fur ihren Liebling voraus sehen, denn seine Abreise ward mit der aussersten Schnelligkeit betrieben, und von Senden konnte sich kaum uberreden, den geliebten Jungling allein ziehen zu lassen.

Herrmann erinnerte ihn an seine Kinder, die in seiner Abwesenheit ganz der Zucht einer schlechtdenkenden Mutter uberlassen bleiben wurden, er erinnerte ihn, dass die Einsamkeit die Verbergung seiner Flucht leichter machen wurde, und Ulrich gab nach, umarmte seinen Freund und liess ihn allein ziehen. Die Leute und das Gepacke, welches der Graf von Unna seinem Vetter mitgab, wurden um mehrerer Sicherheit willen voraus nach dem Orte seiner Bestimmung gesandt.

Herrmann hatte sich von jeher zu nichts schlechter geschickt als zum Fliehen, er vergass ganzlich, dass seine Reise den Namen einer heimlichen Entfernung fuhrte und fuhren musste, und setzte sie mit so vieler Ruhe fort, als ob er keine Gefahr zu furchten habe; das einige was er zu seiner Sicherheit that, war, dass er eine Verkleidung wahlte, in welcher er es allenfalls wagen konnte, sich mitten unter seinen Verfolgern sehen zu lassen, und jeden Weg zu reisen, den ihm sein Herz vorschrieb.

Konnen meine Leser wohl noch zweifeln, welcher dieses war? Liebe und Freundschaft zogen ihn nach Nurnberg, wo er Herzog Albrechten wusste und seine Ida noch vermuthete, ihn war noch nichts von dem bekannt, was der Grafinn nach seinem Abzug begegnete. Er wusste nicht, dass der kuhne Streich, den sie zu seinem Besten wagte, die Belauschung der Geheimnisse jener furchterlichen Unbekannten, die traurigsten Folgen fur sie hatte, ihren Vater, und bald darauf auch sie selbst nothigte zu fliehen, um der Rache zu entweichen.

Herrmann wusste alle Zugange des Pallasts, welchen Herzog Albrecht bewohnte, sein erster Gang, als er die Stadt betrat, wo er alles vermuthete was er liebte, war zu ihm, und er stand vor ihm ehe er sich es versahe, ehe ein Kammerling, deren uberdies die Fursten in jenen Zeiten nur wenige hatten, seine Ankunft meldete.

Herrmanns Verkleidung tauschte seinen erhabenen Freund nur kurze Zeit, nicht lang, so schloss er ihn in seine Arme, und die Worte: Herrmann! theurer! geliebter! unglucklicher Unna! sturzten aus seinem Munde.

Warum unglucklich? fragte der Jungling. Stehe ich nicht vor meinem geliebten Fursten? werde ich nicht meine Ida sehen, wenigstens von ihr horen? wird die Aussicht in die Zukunft mir nicht immer heiterer? o theurer Herzog! Dank euch, dass ihr mich zu meinem ehrwurdigen Verwandten sandtet! welch ein Mann! was hat er bereits fur mich gethan! was verspricht er mir in der Folge! ich soll sein Sohn seyn, wenn meine Unschuld an den Tag kommt, welche ihm bereits so gut als erwiesen ist. Was fur Hoffnung fur meine Liebe! Glaubt ihr wohl, dass der Graf von Wurtemberg seine Tochter dem Sohne seines alten Freundes, des Grafen von Unna, versagen wird?

Herrmann! rief der Herzog, Freude und Hofnung berauschen dich, du lebst mit deinen Gedanken nur in der Zukunft und siehst nicht den Abgrund, der sich zu deinen Fussen erofnet.

Ein Abgrund? Gut, ich verstehe euch, ich bin hier nicht sicher. Aber nur einen Tag, mein theurer Furst, nur einen, euch mein Gluck zu erzahlen und und wo moglich Ida zu sehen!

Ida? wo ist sie? Weisst du, wo sie ist? Ach sie musste fliehen, ich gab ihr Leute zu, sie an einen Ort der Sicherheit zu bringen, und heute bekomme ich Post, dass ihre Begleitung allein zu Regensburg angelangt, dass sie von ihr getrennt worden ist! Ach Ida ist vielleicht in den Handen ihrer Feinde! ist vielleicht schon todt! Herrmann, Herrmann! was sollen wir thun unsere Freundinn zu retten!

Der Kummer des Herzogs uber den Verlust der Grafinn war fast so gross als das Entsetzen, welches Herrmann uberfiel, als er so unvermuthete, so schreckliche Bothschaften horte!

Der Entschluss, den man fasste, als man zu ruhiger Ueberlegung kam, war: Herrmann sollte sich unvorzuglich nach Regensburg aufmachen, selbst von diesen Dingen Erkundigung einzuziehen, und nach Maassgabe dessen zu handeln, was er finden wurde. Herzog Albrecht gab ihm eine kurze Nachricht von dem, was sich in seiner Abwesenheit mit Ida und ihrem Vater zugetragen habe, und der besturzte Jungling reiste ab

Das Gerucht von der Ruckkunft der Reisigen, welche Ida nach Ungarn hatten begleiten sollen, war gegrundet, und bald ward auch Herrmannen die Ursach klar, warum sie zu Regensburg verweilten, und ihrem Herrn die Nachricht von dem, was ihnen und der ihrem Schutze befohlnen Grafinn begegnet sey, nicht selbst brachten. Unsern Lesern Licht in diesen Dingen zu geben, sind wir genothigt einen Theil der Erklarung herzusetzen, welche der Fuhrer von Herzog Albrechts Leuten dem fragenden Herrmann hieruber ertheilte.

Die Dame, sagte er, welche unserm Schutz befohlen ward, ist so zu sagen selbst Schuld an ihrem Ungluck, sie hat nicht fur gut gefunden den Weg zu ziehen der uns vorgezeichnet war, und da ists nun so gegangen, wie es geht, wenn die Weiber kluger seyn wollen als ihre Rathgeber. An den Granzen von Oesterreich kam uns das Gerucht entgegen, Konig Wenzel sey aus der Gefangenschaft entkommen, und die Bohmen seyen nicht ungeneigt, ihn von neuem auf ihren Thron zu heben. Die nachste Nachricht bestatigte dieses, man versicherte, Wenzel und seine Gemahlinn haben schon ihren Einzug zu Prag gehalten, die Huldigung von ihren Unterthanen von neuem angenommen, und das ganze Land erschalle von frohlichen Festen, die gluckliche Begebenheit zu feyern. Ihr wisst, was das Gerucht von Lustbarkeiten fur einen Eindruck auf Weiberherzen macht; unsere Dame anderte den ganzen Reiseplan, und die alte Kunigunde, ihre Begleiterinn, bestarkte sie in ihren Einfallen. wir wurden nicht gehort und die Reise nach Prag ging vor sich.

Herrmann konnte errathen, dass nicht Begierde nach Lustbarkeiten, sondern das Verlangen ihre Pflegeltern und die geliebte Sophie zu sehen, seine Ida nach Prag getrieben hatte, und der Erzahler fuhr fort. Wir langten zu Prag an. Unsere Dame hielt sich eingezogen, und es ward uns leicht sie, die unser Herr uns so sehr anbefohlen hatte, in guter Obhut zu behalten. Sie lebte meistens in einem kleinen Burgerhause, kam nicht nach Hofe, sondern liess der Koniginn ihre Anwesenheit kund thun, und ward von ihr besucht. Wir fanden, dass es ihr um die rauschenden Feste, welche dort gefeyert wurden, nicht so viel zu thun seyn muste als um den Umgang der Koniginn. Die beyden Damen fuhren oft zusammen aus, aber ihr Weg ging immer nicht weiter als in die unerbaute Mathaus Kirche oder in das Kloster13 Bethlehem. Sophie scheint durch ihr Ungluck sehr andachtig geworden zu seyn, und unsere Dame fugte sich sehr gut in ihren Geschmack. Ihre beyderseitigen geistlichen Uebungen mussten dem rechten Glauben nicht ganz gemass seyn, sie machten den Erzbischoff Subinko aufmerksam, und wir hatten Spuren, dass unserer Dame, welche man anfing fur eine Verfuhrerinn der Koniginn zu halten, von der Geistlichkeit nachgestellt wurde. Alle unsere Vorsicht konnte nicht verhindern, dass sie eines Morgens auf den Wegen, die sie mit der Koniginn zu machen pflegte, und auf welchen wir sie nie begleiten durften, in die Hande ihrer Verfolger gerieth. Alle unsere Bemuhungen den Ort zu entdecken, wohin man sie gebracht habe, waren vergebens. Ich ward drey Tage nach ihrem Verlust zur Koniginn gefordert, welche eben so besorgt um unsere Dame war als wir selbst. Beruhigt euch, sagte sie, und leset diesen Brief, den ich eben erhalten habe, behaltet ihn und lasst ihn euch zu Erinnerung dessen dienen, was eure Gebieterinn von euch fordert.

Der Erzahler zog bey diesen Worten einen Brief hervor, in welchem Herrmann Zuge von der Hand seiner Ida erkannte; er kusste sie, und las folgendes:

"Beruhiget euch, theure Koniginn, eure Ida ist ausser Gefahr, das ganze Ungluck, das mir widerfahrt, ist, dass ich in ein Kloster nach Ungarn gebracht werde. Dieses Land war es ja, wohin mich meine Sicherheit und Herzog Albrechts Angelegenheiten bestimmten, selbst meine Verfolger mussen mir die Hand bieten mich an den Ort zu fuhren, wohin mich das Schicksal ruft. Ich bitte, entlasset meine Begleiter, und heisset sie nach Regenspurg eilen. Ein sonderbarer Zufall entdeckt mir, dass einer von denen, welche ich am meisten liebe, sich dort in einem Zustande befinde, welcher ihm Hulfe nothig macht; sollte es vielleicht mein Vater, sollte es Herrmann seyn?

Die Reisigen mussen einige Tage an dem Orte verweilen, den ich ihnen bestimme, und durch sorgfaltiges Nachforschen das zu erfahren suchen, was ich ihnen nur undeutlich melden kann.

O Sophie, Sophie! wenn? wo werden wir uns wieder sehen!"

Und was habt ihr gethan, fragte Herrmann mit Hoflichkeit, den Befehl der Grafinn zu vollziehen. Nichts, antwortete der Anfuhrer lachend, als auf das Geschaft gewartet, welches wir hier haben sollen, und welches sich ohne Zweifel uns von selbst darbieten muss, weil wir nicht geschickt genug sind, Nachforschungen nach ganz unbestimmten Dingen anzustellen!

Die Liebe der Ritter gegen ihre Damen war in jenen Zeiten noch enthusiastisch genug, ihnen die kleinsten Winke derselben zu Gesetzen zu machen; ein angeblicher Traum der schonen Ida war ehemals kraftig genug gewesen, den Ritter, dessen Wahlspruch war; Die Unschuld fliehet nie! in die weite Welt hinaus zu treiben; kann man sich wundern, dass die rathselhaften Worte ihres Briefs alle seine Krafte in Bewegung setzten, zu ersinnen, nachzuforschen, auszurichten was sie verlangte? Seine Gegenwart war fahig alles in Bewegung zu setzen. Die tragen Ausrichter von Idas Befehlen wurden durch seinen Antrieb lebendig, und nicht ein Tag verging, als man schon wusste, dass der sonderbare Zufall, Gesicht, Prophezeyhung, Ahndung oder was es seyn mochte, der ihr Regenspurg als den Leidensort eines ihrer Freunde bezeichnete, so wenig gelogen hatte, als jener wachende Traum von Herrmanns Beurtheilung vor dem heimlichen Gerichte.

Der Graf von Wurtemberg, Idas Vater, hatte, wie wir wissen, Nurnberg verlassen, um nach Italien zu fluchten, und sich daselbst einige Zeit wegen gewisser Verdrusslichkeiten, die er gehabt hatte, zu verbergen. Er war ein Mann von zu grosser Bedeutung, und seiner heimlichen Feinde waren zu viel, als dass er seinen Weg an den Ort, den er zur Sicherheit gewahlt hatte, ungestort fortsetzen konnte.

Die Wahrscheinlichkeit, dass er, wenn er sich langer zu Nurnberg aufhalten sollte, vor allen andern Kandidaten zur Kaiserwurde gewahlt werden wurde, war nicht gering. Ihn nicht allein von da zu entfernen, sondern ihn auch so lang abwesend zu erhalten bis eine andere Wahl geschehen sey, musste das einmuthige Bestreben aller seiner Gegner seyn. Wer sich zu Erreichung dieser Absicht unter allen, auf welche man rathen kann, am wurksamsten erwiess, ist nie kund worden, aber so viel ist gewiss, dass der Anschlag gluckte, dass Graf Eberhard auf seiner Reise von Unbekannten feindlich uberfallen ward, und jetzt wurklich zu Regenspurg gefangen sass.

Die Reichsstadte waren die alten erklarten Feindinnen des Grafen von Wurtemberg, sie boten gern zu den Anschlagen seiner andern Widersacher die Hand, eine Jede von ihnen hatte gern hiebey die erste Rolle gespielt, und die stolzen Burger von Regenspurg triumphirten nicht wenig, dass sie es waren, denen es gluckte, ihren alten Hasser in ihre Gewalt zu bekommen; ihnen musste vorzuglich daran gelegen seyn, dass Eberhard nie zur Kaiserkrone gelangte.

Man trotzte zu Regenspurg auf eigene Macht und auf machtigen Beystand, man hielt es nicht der Muhe werth aus Graf Eberhards Gefangenschaft ein Geheimniss zu machen, und Herrmann hatte keine grosse Muhe nothig, zu erfahren was hier fur ihn zu thun sey. Wir getrauen uns nicht zu entscheiden, ob nicht der Ritter der treuen Minne mehr Freude als Schrekken uber die erste Nachricht von der Gefangenschaft des Grafen von Wurtemberg empfand. Den Vater seiner Geliebten zu befreyen, welch ein Gedanke! und Eberhards Befreyung war in seinem Sinn so gewiss als seine Gefangenschaft! war beydes zusammen fur ihn nur eine Idee!

Wie manche Dame wird vom Schicksal nur darum in Feuer und Wasser geworfen, damit ihr Liebhaber sie befreyen konne; war es nicht vielleicht moglich, dass hier ein harter Vater nur darum in Noth gerieth, damit seine Befreyung sein Herz gegen den helfenden Jungling erweichen moge? Herrmann glaubte dieses so fest als sein Evangelium. Tausend Anschlage wurden gemacht seine Absicht zu erreichen, tausend verungluckten, aber er ward nicht muthlos. Zwar vergieng viel Zeit unter den vergeblichen Bemuhungen, zwar setzten unterdessen Jodokus aus Mahren und Rupert von der Pfalz die Kaiserkrone auf, und an Graf Eberhardten ward nicht mehr gedacht, aber endlich endlich war doch das Gluck dem tapfern Herrmann gunstig und Idas Vater lag befreyt in seines Retters Armen.

Graf Eberhard dankte dem Ritter von Unna mit Ruhrung, er nannte ihn mit dem sussen Namen Sohn, dem Herrmann vielleicht eine weitlauftigere Deutung gab als dieser damals im Sinne hatte, aber doch konnte er ihm nicht bergen, dass ihm seine Rettung lieber gewesen seyn wurde, wenn sie einige Monate fruher geschehen war. Fur mich ist hier nichts mehr zu thun, sagte er, bis etwa Deutschland seinen neuen Herrn wieder uberdrussig wird; aber werde ich dieses auch erleben?

Herrmann, der es eben nicht sonderlich gern gesehen haben wurde, wenn Ida die Tochter eines Kaisers geworden war, schwieg zu diesen Dingen, und wunschte heimlich Kaiser Ruperten langes Leben, und nach seinem Tode Siegmunden die Krone, indessen Graf Eberhard traurig neue Anstalten zur Reise nach Italien machte, und es nicht ungern zu horen schien, dass der Ritter von Unna ihn dahin begleiten wollte. Herrmanns Eifer fur seine Befreyung, die Gnade, die er vor den Augen des Grafen von Unna gefunden hatte, die Hoffnung auf seine wahrscheinliche kunftige Rechtfertigung, und vor allen die Vernichtung seiner eigenen hochfliegenden Entwurfe machten, dass der Graf den Liebhaber seiner Tochter mit gunstigern Augen betrachtete als zuvor, und es sich zuweilen als moglich dachte, ihn einst seinen Eidam zu nennen.

Welch ein Triumph fur den Jungling, wenn er dann und wann einmahl einen solchen Gedanken aus seinen Worten oder aus seinen Blicken schliessen konnte! Freudig ward die Reise nach Italien angetreten, und Herzog Albrechts Reisige, deren man nicht mehr bedurfte, wurden ihrem Herrn zuruck gesandt.

Der entzuckte Herrmann sorgte fast fur nichts mehr, als fur seine Ida, doch glaubte er unter einer besondern Protecktion einer wohlthatigen Macht zu stehen, die auch sie zur bestimmten Stunde in seine Arme zuruck fuhren wurde.

Neunzehntes Kapitel.

Der Bericht, welchen der Anfuhrer von Herzog Albrechts Leuten, Herrmann von den bisherigen Schicksalen seiner Geliebten gegeben hatte, war vollkommen richtig, aber er hatte seine Lucken, und unsere Leser werden uns erlauben, dieselbigen auszufullen.

Das Gerucht von dem wiederaufbluhenden Gluck der geliebten Sophie war ihrer Freundinn Ida an den osterreichischen Granzen entgegen gekommen, und das Verlangen Theil an dem Triumph der wiedereingesetzten Koniginn zu nehmen, hatte die Grafinn bewogen, den Reiseplan, den ihr Herzog Albrecht aus weisen Ursachen vorgeschrieben hatte, zu andern, und sich auf den Weg nach Prag zu machen.

Sie trat in dem Hause ab, das sie noch immer so gern die Wohnung ihres Vaters nannte, und wer kann das Entzucken beschreiben, das ihre Erscheinung daselbst anrichtete! Die gutherzige Munsterinn dachte vor Freude zu sterben, ihre Ida als Grafinn von Wurtemberg und doch noch immer so zartlich, so kindlich gegen sie gesinnt wie zuvor, wieder zu erblicken. Fast leblos vor Wonne lag sie in den Armen ihrer Tochter, wie die Grafinn sich noch immer von ihr wollte nennen horen; Idas Thranen flossen in die ihrigen, Thranen der Liebe, des Danks, und mancher frohen und wehmuthigen Erinnerung.

Wo ist mein Vater? rief die Grafinn, als Thranen

und Liebkosungen ihr Zeit zu einer Frage liessen. Die Munsterinn, ohne zu zweifeln wer mit dieser zartlichen Benennung gemeynt sey, schickte eine treue Magd nach der Matthauskirche, wo Munster die Aufsicht uber den Bau des Hochaltars fuhrte, um ihn abzurufen, ohne die Ursach seiner Abforderung zu melden, aber sie eilte zu Ida zuruck, von der sie sich ungern einen Augenblick trennte. Sie sassen neben einander. Mariens Hand ruhte in dem Schosse ihrer Pflegetochter und ward von der Ihrigen festgehalten. Idas Arm umschlang den Nacken ihrer Mutter, ihre Augen waren mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Zartlichkeit auf sie gerichtet, nur wenig Worte wurden gewechselt, aber Thranen und Blicke vertraten die Stelle.

So fand sie der alte Munster. Ida stand auf ihn in

ihre Arme zu schliessen. Die Scene der sprachlosen Zartlichkeit erneuerte sich, und erst spat in die Nacht hub jene susse vertrauliche Unterhaltung zwischen den glucklichen Dreyen an, die jeder meiner Leser sich malen kann, welcher Jahre lang von seinen Lieben getrennt war, entfernt von ihnen tausenderley Gluck und Ungluck erfuhr, das er ihnen nun beym Wiedersehen gern auf einmal vor Augen legen, auch ihre Schicksale horen, und alles alles nachholen mochte, was er bisher versaumen musste. Das Verlangen, den redlichen Munster und seine Gattinn zu sehen, war vielleicht die Hauptursache der Reise nach Prag, aber nicht die einzige gewesen. Auch Sophie war ein Gegenstand von Idas Sehnsucht. Aber wie sollte sie vor ihr erscheinen? Sie war in einer Verfassung, welche es ihr verbot, sich offentlich bey Hofe zu zeigen. Munster, der seiner Koniginn bekannt war und von ihr geschatzt wurde, ubernahm das Geschaft, ihr die Anwesenheit der Grafinn von Wurtemberg und ihre Wunsche zu melden. Sophie kam denselben entgegen; sie erklarte sich, sie wolle zu besserer Geheimhaltung der Gegenwart ihrer Freundinn sie nie anders als in dem Hause ihrer Eltern sehen, und diesen Abend sie in Begleitung einer einigen Dame besuchen.

Sophiens sanfter milder Charakter war durch langes Leiden noch mehr veredelt worden. Das Ungluck hatte allen Stolz in ihr getilgt, sie hatte zu sehr erfahren, wie ein zufalliges vorubergehendes Gut die Krone sey, als dass sie jetzt, da sie sie von neuem trug, an den kleinen armseligen Ceremoniel hatte hangen sollen, das mit derselben verbunden war. Sie hielt sich nicht fur zu erhaben, die Wohnung eines geringen Burgers zu besuchen. Freundschaft fuhrte sie in Munsters Haus, so wie sie Mildthatigkeit und Menschenliebe oft in noch weit niedrigere Hutten fuhrten. Ida lag in Sophiens Armen, Thranen der Freude stromten aus beyder Augen, aller Unterschied des Standes war vergessen, die Koniginn fuhlte das Gluck eine wahre Freundinn an ihren Busen zu drucken so lebhaft, dass ich glaube, sie hatte sich mit gleicher Herablassung betragen, wenn die, welche sie liebte, auch nicht die Grafinn von Wurtemberg, wenn sie blos Ida Munsterinn gewesen war.

Vertrauliche Gesprache gingen von Mund zu Mund. Sophie erzahlte die lange Geschichte ihres Leidens, und beschloss sie mit der traurigen Bemerkung, wie wenig der Urheber derselben, ihr Gemahl, durch das, was er auch gelitten hatte, gebessert sey. Der einige Gewinst, den sie von den Trubsalen hatte, die ihr an seiner Seite zu Theil wurden, war etwas mehr Liebe und Achtung als sie im Anfange ihrer Ehe von ihm genoss. Wenzel hatte noch weniger Mensch seyn mussen als er war, wenn nicht seine treue Leidensgefahrtinn, seine Freundinn, seine Trosterinn, eine Art von Dankbarkeit in seinem Herzen hatte erregen sollen.

Das Gerucht sagte, wie wir bereits gehort haben, von Sophien, sie sey durch ihre Leiden andachtig geworden, und wir konnen ihm nicht ganz widersprechen. Sophie war andachtig, war vielmehr ernst, aber nicht das, was man bigott nennt. Wem sind die Geschichten des Martyrers der Wahrheit, des redlichen Johann Huss nicht bekannt? Er fing in den damaligen Zeiten an zuerst aufzutreten; seine Reden waren ganz anders als die der Pharisaer und Schriftgelehrten seiner Zeit. Die Koniginn liebte ihn und horte ihn gern. Die Aufmerksamkeit des Erzbischofs verhinderte, dass sie hierinn nicht allemahl so handeln konnte wie sie wollte, aber der geheime Umgang mit Ida machte, dass sie anfing unter der Decke der Verborgenheit sich auch hierinn mehr zu erlauben als zuvor.

Im schlechten burgerlichen Gewande, oft ohne alle Begleitung, oft zu Fuss, besuchte die Koniginn ihre Freundinn, und beyde traten denn den Weg nach der Matthauskirche an, wo der Prediger der Wahrheit sich horen liess. Sophie war in ihrer geringen Tracht nicht so von ihrer Hoheit entkleidet, dass man sie nicht hatte kennen sollen, sie und die schone Fremde, welche man immer an ihrer Seite sah, erregten Aufmerksamkeit; die Prager Burgerinnen freuten sich ihre Koniginn bey ihren Andachtsubungen mitten unter sich zu haben. Hussens Beyfall vermehrte sich, vornehmlich bey dem weiblichen Geschlecht. Mehrere Damen von Stande machten sich es zur Ehre, ohne allen Schmuck, gleich den ersten Bekennerinnen des Christenthums, in seinen Predigten zu erscheinen, und die Geistlichkeit schrie mit tausend Zungen uber den Unfug.

Munsters geschickte Hand hatte bey Ausschmukkung der Kirche, wo Huss predigte, ein Meisterstuck geliefert, welches aber so beschaffen war, dass nur wenige es sehen durften, und dass es daher in einer abgelegenen Halle verschlossen ward. Verschiedene Gruppen der herrlichsten Bildsaulen, die Italiens Schuler Ehre machten, stellten hier den grossen Stifter des Christenthums in den heiligsten Stunden seines Lebens, und auf der andern Seite den Bischoff von Rom mit aller Pracht der Konige umgeben, im Gefolg seiner Kardinale vor. Welch ein Gegensatz! Ida beredete ihren Vater es der Koniginn zu zeigen. Sophie war entzuckt ein Bild wirklich vor Augen zu sehen, das Huss so oft in seinen Reden mit ziemlich kuhnen Worten entwarf. Ein kunstlicher Mahler musste dies Meisterstuck im Kleinen nachbilden, und die Koniginn gab ihm einen Platz in ihrem geheimen Betzimmer. Huss fuhr fort, auf die Sitten der damaligen Geistlichkeit zu schmahen, er spielte oft auf Munsters herrliche Arbeit an, mehrere Personen bekamen sie zu sehen, mehrere liessen sie nach Sophiens Beyspiel nachbilden, und dieses Stuck ward bald die offentliche Zierde der Speisesale und Betzimmer in unterschiedlichen Privathausern. Wuth und Rache kochte in dem Herzen der Geistlichkeit, alle sahen auf die Koniginn und nannten sie die Ernahrerinn dieses Unfugs, aber sie sass zu hoch um sich an ihr zu rachen, und man fand es bequem, ihre Freundinn Ida fur ihre Verfuhrerinn zu halten, und die Sache auf sie zu kehren. Huss ward indessen immer offentlicher angefochten, es kam zu einem Reichsstreit, welcher, weil die Bestechbarkeit Wenzels bekannt war, ihm sehr ansehnliche Geschenke eintrug. Wenzel war nicht undankbar; er sah Hussen als den14 ersten Urheber dieses Zuflusses in seinen Schatz an, und machte ihn zu seinem Beichtvater. Die beyden schonen Ketzerinnen Ida und Sophie wurden kuhner, und auf diese Art geschah es, dass Ida, als sie einst die Reden ihres Lieblingslehrers allein besucht hatte, sich in den Handen des Erzbischofs Subinko befand, ehe es ihr nur einfiel, Gefahr zu ahnden.

Ida ging in tiefen Gedanken nach Hause, als sie in die Gewalt ihrer Verfolger gerieth, sie hatte ein Privatgesprach mit Huss gehabt, welches ihre ganze Seele einnahm. Huss war kein Prophet, aber der grosse Einfluss, den er uberall hatte, sein gewaltiger Anhang durch das ganze teutsche Reich machte, dass ihm Dinge bekannt wurden, welche andern verborgen blieben. Er kannte Ida als die Grafinn von Wurtemberg, er wusste Graf Eberhards Ungluck und hatte ihr diesen Abend gesagt, sie solle auf Rettung fur den denken, welcher ihr auf der Welt am liebsten war, und der von seinen Feinden zu Regensburg gefangen gehalten wurde. Der fromme Mann glaubte sehr deutlich geredet zu haben; er wusste nicht, dass ein schones Madchen wohl einen Mann kennen konne, der ihr so lieb als ihr Vater, und dass sie bey einer solchen Rede zweifelhaft werden musse, welcher von beyden gemeynt sey.

In den Zweifeln, welche hieruber ihr Herz besturmten und in dem Vorsatz, den heiligen Mann des andern Tages genauer zu fragen, ging sie vor sich hin und sahe die Gewappneten, welche sich ihr entgegen stellten, ohne Furcht, merkte erst dann, dass sie um ihrentwillen hier waren, da das Schreyen um Hulfe schon zu spat war.

Sie ward vor den Erzbischoff gefuhrt, horte eine ernste Vorhaltung ihrer Ketzerey und das Urtheil, sie solle nach Ungarn in ein Kloster gebracht werden, mit ziemlicher Gleichgultigkeit an. Nur die Sorge ihrer Freunde um sie machte ihr einigen Kummer, der sich sehr vermehrte, als es ihr einfiel, dass es ihr nunmehr unmoglich seyn wurde, etwas zu Rettung desjenigen zu thun, von dessen Gefahr ihr einige Winke gegeben worden waren.

Doch auch hieraus wusste sie sich zu helfen. Ein kostbarer Ring bestach einen von ihrer Wache, brachte den Brief, den wir oben erwahnt haben, in Sophiens Hande, und machte Herrmannen zum Retter ihres Vaters. Sie hofte das, was wirklich erfolgte, die Ausrichtung ihres unbestimmten Auftrags, und trat ihre Reise mit doppelter Ruhe an, weil sie sie an einen Ort fuhrte, an welchen sie ohnedem gedacht hatte.

Sie furchtete sich nicht vor ewiger Einkerkerung an dem Orte, wohin man sie bringen wollte, sie hatte keinen Begriff davon, dass man eine Person, welche eigentlich nichts verbrochen hatte, so hart strafen konne, sie hofte in ihrem kunftigen Aufenthalte immer einer gewisseren Freyheit zu geniessen und vielleicht daselbst ihre Geschafte eben so gut ausrichten zu konnen, als wenn sie unter Herzog Albrechts Schutz nach Ungarn gekommen war; wer kennt nicht die Hofnungen der unerfahrnen Unschuld! Ida wusste ja wenigstens dies, dass sie sich hier nicht unter der Gewalt des heimlichen Gerichts (fur sie das einige Schreckliche in der Welt) befand.

Wir finden es schicklich unsere Leser hier von den Auftragen zu unterrichten, welche der Herzog von Oesterreich seiner Freundinn bey ihrer ersten Abreise aus Nurnberg gab. Sie betrafen die ungluckliche Koniginn Marie von Ungarn, Konig Siegmunds erste Gemahlinn, welche man bisher fur tod gehalten hatte, und von deren Leben Herzog Albrecht durch Herrmannen einst einige Winke bekam. Der jungen Prinzessin Elisabeth von dem Leben ihrer Mutter Nachricht zu geben, mit ihr vereint sich zu bemuhen das Kloster ausfindig zu machen, in welchem die Koniginn Marie lebte, dieses war das hauptsachlichste, was Albrecht von der Grafinn von Wurtemberg in jenen Stunden des Abschieds forderte. Er legte ihr Plane vor, nach welchen sie bey diesen Nachforschungen zu Werke gehen sollte, und wir haben schon damahls bemerkt, dass sie ihr schwer auszufuhren dunkten. Ihr war es lieber, nicht an dieselben gebunden zu seyn, und bey Betreibung dessen, was ihr selbst am Herzen lag, so handeln zu konnen, wie es Zufall und Gelegenheit gab. Auch hielt sie es fur grausam, einer unglucklichen Tochter mit dem Leben ihrer Mutter zu schmeicheln, ehe man wusste, ob man ihr das, was man versprach, wurde wahr machen konnen, eine mit kindlicher Liebe erfullte Seele in Ungewissheit wegen des Schicksals der Urheberinn ihres Daseyns zu setzen, ohne im Stande zu seyn, ihre Unruhen heben zu konnen. Ida kannte die Qualen kindlicher Besorgnisse und aus diesen und ahnlichen Grunden war es ihr in manchen Augenblicken fast lieber, dass sie nicht auf die Art nach Ungarn kam, wie anfangs beschlossen war.

Sie hatte sich bey dem Erzbischoffe, als er ihr ihr Urtheil sprach, die Freyheit ausbedungen, den Ort, den man ihr zum Aufenthalt bestimmte, wenn er ihr misfiel, mit einem andern Kloster verwechseln zu konnen, und er hatte kein Bedenken getragen ein Versprechen zu geben, das er ja jeden Augenblick zuruck nehmen konnte. Dieses waren die festen Stutzen, auf welchen die Hoffnung der armen Ida ruhte. Sie glaubte auf diese Art unterschiedliche Kloster durchlaufen zu konnen, ohne dass jemand etwas muthmassen, ohne dass man ihr irgend etwas vorwerfen konne, als allenfalls ein wenig Unbestandigkeit. Hatte sie dann diejenige gefunden, die sie suchte, so sollte eine Bothschaft der Prinzessinn Elisabeth das Leben und den Aufenthalt ihrer Mutter kund thun, Herzog Albrecht und seine Verlobte wurden dann, wie sie meynte, herbeyeilen, die Gefundene und die Finderinn frey zu machen, und und man wurde glucklich seyn.

Zwanzigstes Kapitel.

Mancherley.

Ida hatte gute Zeit auf einer langen Reise Plane zu entwerfen, und sich mit Hoffnungen zu schmeicheln, welche gleich in den ersten Tagen ihres Aufenthalts im Kloster zu Sankt Annen, wohin sie gebracht ward, zu schwanken begunnten.

Das Kloster der heiligen Anna lag in einer von der Natur ganz vernachlassigten Gegend. Die hohen Geburge, die dichten Tannenwalder, in welchen es sich versteckte, konnten keine andern Empfindungen als Gram und Schwermuth nahren. Das tiefe enge Thal, in welchem sich die Klostermauren erhuben, verwehrte jede freye die Seele erhebende Aussicht, das Herz schien sich zu verengen bey der traurigen Einformigkeit der Gegenstande, die sich hier dem Auge darboten, Unmuth und Menschenhass sass auf allen Gesichtern, die man hier erblickte, und auf allen Salen, allen Gangen in der Kirche wie in den Garten, in den Zellen wie in den Erholungszimmern schlich Aengstlichkeit und Langeweile.

Ida hatte, wie sie meynte, in wenig Tagen das ganze Kloster ausgelernt, und sich uberzeugt, dass hier nicht die entfernteste Vermuthung von dem sey, was sie suchte; eine Entdeckung, welche sie sehr schnell aus ihrem traurigen Aufenthalte getrieben haben wurde, wenn sie es nicht dem Wohlstande gemass gehalten hatte, wenigstens einige Wochen an einem Orte zu verweilen, wo man ihr mit ziemlicher Achtung begegnete, und ihr keine Ursach zu einer Klage gab, als diejenigen, welche alle Klosterfrauen mit ihr gemein hatten.

Die Zeit, welche sich die bescheidene Ida bestimmt hatte, vergieng, ohne dass ihr Herz sich an eines der Altagsgesichter, welche ihr hier uberall begegneten, hatte fesseln, ohne dass sie eine einige Person hatte finden konnen, mit welcher es sich auf eine offene oder verdeckte Weise uber die Dinge hatte sprechen lassen, welche ihr wichtig waren. Nicht einmahl von den umliegenden Klostern konnte sie eine befriedigende Nachricht erhalten, nach welcher sie ihre Wahl hatte einrichten konnen, wenn sie, wie sie gesonnen war, ihren Entschloss, ein anderes Kloster zu beziehen, bekannt machte.

Alles was man ihr sagte, war, dass sich in der Nachbarschaft ein Kloster der heiligen Nikola befande, welches auf gewisse Art dem Annenkloster unterworfen war, daher auch die Schutzheilige desselben verbunden sey jahrlich einen Besuch bey Sankt Annen ihrer Patroninn zu machen; ein Tag, dem man nachstens entgegen sahe und bey welchem diesesmahl alle Jungfern jenes Klosters ihre Heilige begleiten wurden, weil eine Art von Jubelfeyer sie verband, der Aebtissinn von Sankt Annen ihre Devotion zu bezeigen.

Diese Erzahlung wurde der Grafinn mit einer Art von Triumph gemacht, und sie vermochte nicht zu urtheilen, ob Freude uber den Anschein einer Art von Herrschaft uber andere, oder blos das Vergnugen endlich einmal einen Tag zu sehen, der sich durch irgend etwas von seinen langweiligen Brudern auszeichnete, das Gesicht der Erzahlerinn beseelte.

Gern hatte Ida diesen schwachen Sonnenschein, den ersten, den sie in den Augen einer dieser traurigen Jungfern erblickte, einer edlern Ursach zugeschrieben, gern hatte sie geglaubt, man sahe den Ankommenden als lang nicht gesehenen Freundinnen entgegen, aber sie hatte der Damen der heiligen Nikola schon so oft auf eine misbilligende Weise erwahnen horen, dass sie diese Vermuthung nicht fassen konnte.

Der Tag der feyerlichen Prozession erschien, der, wie Ida beschlossen hatte, einer ihrer letzten in diesem Kloster seyn sollte, und die ganze Schwesterschaft rustete sich, die Kommenden zu empfangen. Die Zurustungen, welche man machte, bestanden nicht in Hervorsuchung der besten Bewirthung, nicht in Aufheiterung dieser finstern nie lachelnden Besichter, nicht in Ausschmuckung der traurigen Zellen, im Gegentheil bemerkte Ida, dass heute die Schleyer noch furchterlicher aufgethurmt, die Stirnen noch tiefer in Falten gelegt wurden, und dass, um das Ansehen der heiligen Anna gegen ihre Vasallinn noch besser zu behaupten, der Tag ihres Besuchs einer der strengsten Fasttage des Jahrs sey.

Die Grafinn wunderte sich sehr uber diese neumodische Art Freundinnen zu bewirthen, und spannte ihre ganze Aufmerksamkeit, um nichts von dem, was weiter erfolgen wurde, zu verlieren.

Die besuchende Heilige erschien in Begleitung ihrer Jungfrauen; freundliche, weisswangigte, wohlgenahrte Geschopfe, ganz das Gegenbild von den ernsten Damen denen sie Cour machen mussten; auch ihre Patroninn hatte ein etwas weniger antikes Ansehn, als Sankt Annen Bild, zu welchem sie auf den Altar gestellt wurde, und das die schonere Schwester mit einem dustern neidischen Blick uber die Schulter anzuschielen schien.

Nach gehaltenem Gottesdienste begaben sich die beyden Oberinnen mit ihren vornehmsten Jungfern auf den Versammlungssaal, die Angelegenheiten des Klosters zu berichtigen, und die andern zerstreuten sich in die Kreuzgange und in den Garten, um zu versuchen, ob sich hier eine Art von Unterhaltung finden liess. Ida bemerkte, dass die kleinen Gesellschaften, die sich hier bildeten, nur selten aus Nonnen beyder Kloster bestanden, dass meistens die Fremden bey einander blieben, und der grosste Theil der Einheimischen ungesittet genug war, die Ankommenden ihrer eignen Unterhaltung zu uberlassen. Doch waren die Gesprache beyder Theile eifrig und die Zuge der Sprechenden liessen den Inhalt ihrer Reden errathen. Auf den Gesichtern der Dienerinnen der heiligen Anna sass Schmahsucht und hamischer Neid, dahingegen aus den Augen der Nikolaitinnen muthwilliger Spott leuchtete, und ihr Mund sich zum heimlichen Lachen verzog. Diese Erscheinungen mussten etwas gewohnliches seyn, denn niemand schien sich daruber zu wundern, oder es dem andern ubel aufzunehmen, jedes gieng seinen gewohnten Weg und ahndete nichts von den Bemerkungen der beobachtenden Ida.

Ida war eine Fremde im Sankt Annenkloster, und hielt es also fur gut, sich nach der hier angenommenen Sitte auch zu den Fremden zu gesellen. Die Jungfern der heiligen Nikola gefielen ihr uberdieses tausendmahl besser als ihre Wirthinnen, und fast war es beschlossen, ihr Kloster fur die Zukunft zu ihrem Aufenthalte zu wahlen. Sie fand den Ton der Gefahrtinnen, die sie sich gewahlt hatte, leicht und frohlich, ihre Bemerkungen uber Idas Wirthinnen waren ein wenig beissend aber unterhaltend fur die Zuhorerinn und ihrem eigenen Urtheile angemessen.

Die Grafinn fragte nach den umliegenden Klostern, es wurden ihr eine Menge genannt und mit treffenden Zugen geschildert. Ida sah wenigstens, dass sie in dem Kloster der heiligen Nikola nicht das Ungeheuer, Langeweile, welches ihr hier aus allen Winkeln entgegen gahnte, zu befurchten haben wurde, auch war sie nicht ohne Hoffnung, hier zu finden was sie suchte. Die Nonnen, welche ihre Absicht merken und ihre Person fur keine unbedeutende Acquisition halten mochten, ruhmten, dass ihr Kloster von jeher der Zufluchtsort erlauchter Damen gewesen war, dass noch jetzt eine Furstinn Gara, ehemahlige Oberhofmeisterinn der Koniginn Elisabeth von Ungarn, bey ihnen lebte, und dass die junge Elisabeth, die Enkelinn dieser Koniginn, in den ersten Jahren ihres Lebens bey ihnen erzogen worden sey.

Elisabeth? wiederholte Ida, kennt ihr Konig Siegmunds Tochter? wir kannten sie, war die Antwort, die Abwesenheit von mehreren Jahren mochte sie uns jetzt wohl unkenntlich gemacht haben, doch lebt sie noch in einiger Verbindung mit unserm Kloster; die Furstinn Gara hat zuweilen Bothschaft von ihr, auch hat sie sie einst zu Klausenburg besucht.

Ida wusste, dass Herzog Albrechts Braut zu Klausenburg lebte, sie freute sich hier Bekanntinnen von ihr zu finden, und druckte der gesprachigen Nonne, von welcher sie in einer Viertelstunde mehr wichtiges erfahren hatte, als von ihren schweigenden Wirthinnen in einem Monate, freundlich die Hand. Sie musste sich von ihr trennen, denn eben wurden die Gaste zur Mahlzeit gefordert, welche in weichgesottenen Eiern und einer dunnen Suppe von Hafermehl bestand.

Die Grafinn hatte keine Gelegenheit, ihre Gesprache mit den Fremden von neuem anzufangen, denn man begunnte zu merken, dass sie Wohlgefallen an ihnen fand, und der Neid fieng an, jeden ihrer Blicke, die sie auf dieselben warf, angstlich zu bewachen.

Die Nikolaitinnen reisten mit ihrer Heiligen ab, und Ida verschob die Erklarung, dass sie gesonnen sey, sich nach jenem Kloster zu wenden, nur wenige Tage. Man erstaunte, als sie mit derselben hervortrat; man fragte, was ihr hier misfiel, gab Winke von der Ueppigkeit und Weltlichkeit der Nonnen, zu welchen sie gedachte, versicherte, dass es ihr dort noch weniger gefallen wurde als hier, und als die Grafinn mit vieler Bescheidenheit antwortete, dass nicht eben Misfallen an dem Kloster zu Sankt Annen, sondern ihr Charakter, der sie zur Veranderung geneigt machte, und die Erlaubnis des Erzbischoffes sie zu diesem Schritte bewegte, so zuckte man die Achseln, glaubte die Vergunstigung zu einem so herumschweifenden Leben als sie im Sinne zu haben schien, musse sich auf ein Misverstandniss grunden, und das ausserste was man hierbey thun konne, sey eine Bothschaft nach Prag zu schicken, und sich nach der Willensmeynung des heiligen Subinko zu erkundigen.

Ida fand, dass die Plane, welche sie sich gemacht

hatte, nicht so leicht auszufuhren waren, als sie meynte. Sie musste sich den langweiligen Aufschub gefallen lassen; was hatte sie thun wollen, wenn ihr ihre Forderung ohne Umschweif abgeschlagen worden war? doch ermangelte sie nicht, die Schwester Schaffnerinn, auf welcher die Abschickung der Briefe beruhte, und welche uberdieses das Herz der Aebtissinn in Handen hatte, sich durch einige kleine Geschenke gunstig zu machen, die wenigstens so viel bewirkten, dass es mit der Bothschaft nach Prag ehrlich und ohne Gefahrde zuging.

Sehr lang dauerte der ungeduldigen Ida die Zeit bis

zu Ankunft der erzbischofflichen Briefe. Sie erschienen, und brachten alles mit, was sie vor der Hand wunschte, die Erlaubnis nach Sankt Nikola zu ziehen, und daselbst so lang zu verweilen, als sie selbst wollte.

Die Trennung von ihren bisherigen Wirthinnen war

so kalt wie alles was in diesem Kloster vorging, aber der Empfang zu Sankt Nikola war desto herzlicher. Innig freuten sich die Nonnen, sich nicht in ihrer Hoffnung auf die Zukunft der Grafinn geirrt zu haben.

Das Kloster lag in einer freyern lachenden Gegend

als das zu Sankt Annen, die Regel, nach welcher man lebte, war zwar die namliche, aber man wusste sie sich zu erleichtern, fand Auswege, doppelte Deutungen, hatte haufige Dispensationen, und ging bey dem allen doch behutsam genug zu Werke, um keine Ahndung befurchten zu durfen; auch waren die Nonnen hier alle junger und schoner, als jene, oder blieben es langer, weil Neid und Mismuth, Alter und Hasslichkeit nicht so fruh herbeyriefen, und die reine wohlthatige Luft des Gebirges Gesundheit und frohen Muth einflosste.

Ida liess sich in den ersten Tagen ihres Aufenthalts der Furstinn Gara vorstellen, und sie brauchte nur ihren Namen zu nennen, um bey ihr gunstig aufgenommen zu werden. Idas Mutter war eine Jugendfreundinn dieser Dame gewesen, als sie noch Rosa Hervott und jene Ida von Dortmund hiess. Tausend angenehme Erinnerungen boten sich der Furstinn bey ihrem Anblick dar. Idas Name, ihre Gestalt, rief ihr das Bild ihrer Mutter lebendig zuruck, sie druckte die junge Grafinn an ihre Brust und der Anfang zu einer festen Freundschaft war gemacht, wenn anders dieser Gleichheit fordernde Name bey dem Bundniss einer bejahrten Dame und eines jungen Madchens statt haben kann!

Die Furstinn war ein lebendiger Schatz alter Geschichten, sie machte Ida mit mancher Anekdote aus der Geschichte ihrer Mutter und Stiefmutter bekannt, welche ihr die Munsterinn nicht hatte mittheilen konnen, und die uns, wenn sie uns fruher bekannt gewesen ware, sehr zur Aufklarung von Idas Jugendgeschichte gedient haben wurde. Auch sprach sie gern von den fruhern Schicksalen der jetzt regierenden Fursten, welche sie fast alle personlich gekannt hatte. Nur uber die einige Geschichte, welche der jungen Grafinn jetzt am Herzen lag, uber die Geschichte der Koniginn von Ungarn, um derentwillen Ida vornemlich ihre Bekanntschaft gewunscht hatte, nur uber diese, erklarte sie sich nie so deutlich, als diese wunschte, und doch musste sie, die in den Diensten Mariens und ihrer Elisabeth gelebt hatte, mehr hievon zu sagen wissen, als irgend eine andere Person.

Ida versuchte auf tausenderley Art, die Furstinn uber diesen Punkt zum Sprechen zu bringen, aber wahrscheinlich wurde es ihr nie gegluckt seyn, wenn nicht ein Zufall sie endlich vertraulicher gemacht hatte.

Man sagt mit Recht: Vertraulichkeit ziehe Offenherzigkeit, Zuruckhaltung Argwohn nach sich. Ida strebte von der Furstinn Gara alles zu erfahren was sie wunschte, und sie selbst hatte ihr noch bey weitem nicht die ganze Beschaffenheit ihrer Lage entdeckt; sie hatte bey den mancherley Zufallen, die sie schon in ihrem kurzen Leben erfahren hatte, Vorsichtigkeit gelernt, hatte sie lernen mussen. Am behutsamsten war sie in Dingen, die sie nicht allein angiengen, in welchen auch andere mit verwickelt waren. Daher kam es, dass sie nie gegen ihre neue Freundinn etwas von Herzog Albrechten oder von seinen Auftragen, die er ihr gegeben hatte, gedachte. Die Furstinn hatte Elisabeths Namen zuweilen genannt, Ida hatte merken lassen, dass sie derselbe interessirte, aber dieses war es auch alles gewesen; so gar von der Verbindung, welche zwischen Siegmunds Tochter und dem Herzog von Oesterreich vor war, hatte weder die eine noch die andere der beyden Damen ein Wort verloren. Die Furstinn Gara hatte so viel vom Hofton, dass Ida nicht recht wusste, ob ihr Herzog Albrechts Auftrage zu enthullen waren, ob sie noch ganz auf Mariens Seite, oder vielleicht halb zu ihrer Nachfolgeirnn Barbara ubergegangen war.

Folgende Begebenheit enthullte ihre Zweifel, und ward der Grund zu neuen Verwickelungen ihres Schicksals. Eines Tages, als Ida sich bey der Furstinn befand, erhielt sie einen Brief, den sie mit einer vergnugten Miene ofnete, und dabey zu ihrer Gesellschafterinn sagte: Er kommt von Klausenburg, ich habe ihm langst entgegen gesehen.

Was ist das? rief sie, nachdem sie einige Zeilen gelesen hatte, Herzog Albrecht? entsetzlich!

Was ist Herzog Albrechten begegnet, fragte die bleich werdende Ida.

Ida! sagte die Furstinn, ihr kennt Herzog Albrechten, und habt dessen nie gegen mich gedacht?

Ida errothete

He! schrie die Dame, dein Stillschweigen ist mir Beweis dessen was ich hier lese. Gehe mir aus den Augen, Verratherinn! doch nein vielleicht du weisst vielleicht nicht. Bleibet Grafinn, saget mir; leugnet ihr eure Bekanntschaft mit dem Herzoge?

Sie ist mir Ehre! rief Ida mit einem stolzen Ton, ich werde sie nie leugnen!

Und wisst ihr seine fruhern Verbindungen mit einer Andern?

Ich weis sie! Ich sehe nicht, was fur Hindernisse sie unserer Freundschaft bringen konnen!

Freundschaft? Immer besser! Erst Bekanntschaft, dann Freundschaft! endlich Liebe!

Furstinn, rief Ida, indem sie aufstand, ich weis nicht, wie ich diese Begegnung verdiene. Nichts von Liebe zwischen mir und Albrechten, ihr habt Herrmanns Namen oft in meiner Geschichte gehort!

Aber des Herzogs Namen nie? Ida! Ida! hier liegt ein Geheimniss verborgen!

Thranen des Unwillens flossen aus Idas Augen, sie wollte und konnte nicht antworten! sie eilte nach der Thur das Zimmer zu verlassen.

Bleibet, Grafinn, sagte die Furstinn, welche Ida nachfolgte und ihre Hand ergriff, sie zuruck zu fuhren. Wir mussen uns uber diese Dinge erklaren, sie sind zu wichtig, als dass sie unentschieden bleiben durften.

Wahrhaftig, schrie Ida, ich wunsche Erklarung, ich fordere sie, man macht mir Herzog Albrechts Freundschaft zum Verbrechen, und ich begreife nicht warum.

Leset diesen Brief, sagte die Furstinn, und urtheilet dann, wer von uns beyden Ursach habe, Erklarung zu fordern.

Ida las. "Theure Furstinn, das Geruchte von meines Albrechts Untreue bestatigt sich. O wie hattet ihr Ursach mich zu warnen, mich an das Schicksal meiner unglucklichen Mutter zu erinnern, die, so wie ich als Kind schon an einem Fursten verbunden, der sie nur aus Staatsabsichten wahlte, die Schrecknisse der Eifersucht ehe als die Freuden der Liebe erfuhr! Dass Albrecht seit vielen Monaten nicht mehr an mich zu denken schien, dass eine schone Schlange sich um sein Herz gewunden und mich daraus vertrieben hatte, das wisst ihr, hort nun auch ihren Namen. Es ist Ida, die berufene Ida von Wurtemberg, die unter dem Bann des heimlichen Gerichts liegt, von Albrechten zu Nurnberg geschutzt wurde und jetzt mit einer ansehnlichen Begleitung von ihm nach Ungarn geschickt wird, Gott weis welche Aenderung des Schicksals daselbst zu erwarten. Diese Entdeckung habe ich eben derjenigen zu danken, welche mir die erste Warnung gab, meiner Busenfreundinn der Prinzessin von Ratibor. Die Ungluckliche hat einst auch durch die schone Verfuhrerinn einen Geliebten verlohren, Gram und Verzweiflung trieben sie in dieses Kloster und ich vermuthe, dass dieses auch meine letzte Zuflucht bleiben wird.

Ich bin begierig mehr von meiner Freundinn zu erfahren. Die Mutter meiner Imago hat mir die genauesten Nachrichten, selbst den Namen des Orts versprechen lassen, wo Ida hingebracht wird. Die Furstinn von Ratibor ist eine Dame von grosser Bekanntschaft, und erstaunlichen Einfluss, sie weis fast alles was im teutschen Reiche vorgeht, und man kann ihren Nachrichten trauen!

Boshafte, boshafte Ida! was hatte ich dir gethan mir Albrechts Herz zu rauben! Noch dazu ist sie eine Ketzerinn! die weise Furstinn sucht sie von ihrer Koniginn zu entfernen, bey der sie sich jetzt insgeheim zu Prag aufhalt, sie will den Erzbischoff aufmerksam machen, und wir wollen sehen was sie ausrichten wird, oder, wollte Gott, nunmehr ausgerichtet hat. Meine Nachrichten aus Prag sind alt, und ich ward nur bisher durch Krankheit und Kummer verhindert sie euch mitzutheilen.

Elisabeth von Ungarn."

Man erlaube mir den ersten Eindruck zu ubergehen, den dieser Brief auf Ida machte. Idas Empfindungen waren stark und feurig, die Art, mit welcher sie dieselben ausserte, heftig, es war moglich gewesen, dass ihr Betragen bey dieser uberraschenden Beschuldigung den Verdacht, den sie zu tilgen wunschte, bey einer weniger verstandigen Person als die Furstinn Gara, bestatigt hatte, aber diese war gelassen genug, den Sturm vorubergehen zu lassen, und dann mit der kalten Stimme der Unpartheilichkeit Fragen zu thun, Beantwortungen anzuhoren und denn zu richten.

Ida erzahlte ihr ganzes Verhaltniss mit dem Herzog einfaltig und ohne Ausschmuckung, sie sprach von seiner Freundschaft zu ihr, von seinen Auftragen, von seinen Wunschen, mit der Stimme der Wahrheit. Sie eilte endlich in ihr Zimmer, den Brief zu holen, den ihr Albrecht an seine Braut mitgegeben, und den sie glucklicher Weise am Tage ihrer Entfuhrung bey sich getragen hatte.

Die Furstinn las. Ida hatte keine grundlichere Vertheidigung finden konnen als dieses Blatt. Jede Zeile athmete Liebe gegen die, an welche es gerichtet war, und blosse kalte Freundschaft gegen die Ueberbringerinn. Es enthielt eine umstandliche Erzahlung von dem, was Albrecht in Ungarn durch Idas Hulfe auszurichten hofte, enthielt Nachricht von dem Leben der Koniginn Marie, Plane zu ihrer Entdeckung, und am Ende die Bitte, seine und ihre gemeinschaftliche Freundinn, die Grafinn von Wurtemberg zu schutzen, sie keinem andern ausfolgen zu lassen, als ihrem Brautigam, dem Ritter Herrmann von Unna.

Die Furstinn Gara ward uberzeugt, sie umarmte Ida, bat sie um Verzeihung, bat um Herzog Albrechts Brief, den sie der Prinzessinn Elisabeth schicken wollte, um sie zu trosten, und sie von der Unschuld ihrer eingebildeten Nebenbuhlerinn zu uberzeugen.

Die Grafinn uberliess ihr das Blatt sehr gern, welches selbst an die Behorde zu uberliefern, ihr durch das was sie gehort und gelesen hatte, alle Lust vergangen war. Diese sanfte, unschuldige, engelreine Seele, sagte sie zu sich selbst, ist gleichwohl sehr zur Eifersucht und Ungerechtigkeit geneigt, dieser glanzende Verstand ist sehr lenkbar zum Irrthum, sehr empfanglich fur das Einhauchen der Bosheit! Armer Albrecht! Gott gebe Gluck zu deiner Verbindung mit Elisabeth!

Ida hatte Unrecht; Elisabeth war wirklich eine gute liebenswurdige Dame, die Fehler, die sie beging, waren im Grunde keine andern, als deren auch Ida fahig war; hatte nicht auch sie einst Freundschaft fur diese Schlange diese Imago gefuhlt, welche jetzt das Herz der unschuldigen Prinzessinn vergiftete?

Ein und zwanzigstes Kapitel.

Geschichte der Koniginn Marie von Ungarn.

Die Freundschaft der alten und der jungen Dame, ward durch diesen Zufall, der sie beynahe zerstort hatte, gestarkt, ihre Vertraulichkeit gemehrt worden. Ida hatte jetzt kein Geheimniss mehr vor der Furstin, und diese fertigte ihre Fragen nach der Geschichte der Koniginn Marie nicht mehr so kurz ab wie vordem.

Ihr must mir verzeihen, sagte sie als ihr einst die Grafinn hieruber einige Vorwurfe machte, ich handelte so wie ich musste! ich hielt eure Fragen fur jugendlichen Vorwitz. Das Ungluck meiner Koniginn war mir zu heilig, das Andenken desselben zu schmerzhaft, als dass ich es unnothiger Weise hatte erwehnen sollen. Was eure Anspielungen auf das Leben der erhabenen Dame, damit Albrecht sich schmeichelt, anbelangt, so hielt ich sie immer fur Traume und halte sie auch noch dafur, ihr sollt horen, sollt urtheilen und mir eure Meynung sagen.

Ida freute sich, dass die Furstinn endlich geneigt zu seyn schien ihr Verlangen zu befriedigen, und diese begann folgender Gestalt.

Mit Freude und Kummer gedenke ich der Jahre meiner Jugend, welche ich in eben diesen Mauren, der Zuflucht meines Alters zubrachte. Die Koniginn Elisabeth von Ungarn, welche ihren Gemahl selten verliess, und es fur unschicklich hielt, die junge Marie ihre Tochter zu fruhzeitig an das Gerausch des Hofs zu gewohnen, bestimmte ihr dieses Kloster zum Aufenthalt, und machte mich zur Aufseherinn ihrer Kindheit, zur ersten Bilderinn ihres Herzens. Meine Jahre waren damahls gerade so wie sie sich fur die Gefahrthinn eines Kindes schickten, welches nur spielend gelehrt, nicht durch den rauhen Ernst des Alters zuruckgeschreckt werden muss, ich hatte den Frauleinstand erst vor einem halben Jahre verlassen, und war die Gemahlinn des Fursten Stephans Gara geworden, eines Mannes, der mir, wie ich glaube, nur darum gegeben wurde, damit ich die Stelle der Oberhofmeisterinn einer jungen Prinzessinn mit Anstand bekleiden konne. Der bejahrte Stephanus ward von Reichsgeschaften bey Hofe fest gehalten, und seine junge Gemahlinn vermisste in der sussen Einsamkeit dieses Klosters nicht das Gluck an seiner Seite zu glanzen.

Mariens Hofstatt war klein, sie hatte ausser mir niemand um sich als meine mir an Jahren fast gleiche Freundinn Ida von Dortmund, nachmahlige Grafinn von Wurtemberg, eure Mutter, und die kleine Barbara von Tirnan, ein Geschopf, welches schon damahls sehen liess, was es werden wollte, und Ahndungen in mir erregte, welche nur gar zu richtig eingetroffen sind.

Marte zeigte gleich in den ersten Jahren ihrer Kindheit, dass sie nicht schon werden wurde; alles was ihr in der Folge einiges Ansehen gab, war ein vortheilhafter Wuchs, und eine majestatische Miene! Barbara aber war desto schoner. Ich gestehe meine Schwachheit, ich hasste sie wegen dieses Vorzugs, den sie vor meiner Prinzessinn hatte, hasste sie wegen der Ueberlegenheit, welche sie sich uberall vor ihr zu geben wusste, wegen ihres mehreren Witzes, ihrer Lebhaftigkeit, und tausend anderer kleinen Gaben, in welchen sie Marien ubertraf. Gern hatte ich sie von ihr entfernt, und wie gut war es gewesen, wenn mir dieses gelungen war! Beyde hatten noch nicht das achte Jahr erreicht, als Barbara Marien schon einen Tuck bewies, welches mit dem Namen eines Kinderstreichs entschuldigt ward, aber im Grunde die ernstliche Bestrafung ganz verdiente, die ich fur gut hielt darauf zu legen.

Marie war Konig Ludwigs einige Tochter, war die Erbinn der Ungarischen Krone; man musste darauf sinnen, ihre Rechte durch die Vermahlung mit einem machtigen Prinzen zu befestigen, und die Wahl fiel auf den jungen Siegmund, Kaiser Karl des vierten zweyten Sohn. Schon in der Wiege war er mir Marien, vor welcher er nur wenige Jahre voraus hatte, versprochen worden, und man hielt es jetzt fur schicklich, ihm seine kleine Braut einmahl zu zeigen.

Siegmund ward zu jung, sein Stand zu erhaben, als dass ihm der Zutritt in unserm Kloster hatte versagt werden sollen, man erwartete ihn bey uns mit Ungeduld. Marie war entzuckt denjenigen zu sehen, den man ihren kunftigen Gemahl nannte, und den sie sich vermuthlich ohngefehr so wie eine neue schone Puppe vorstellen mochte.

Der Prinz war noch sowohl ein Kind als sie, und ich, welche viel auf die Macht der ersten Eindrucke halte, sann Tag und Nacht darauf wie ich ihm die junge Prinzessinn, die ihm ein ganzes Leben hindurch gefallen sollte, zum ersten mahl in einem Lichte zeigen wollte, das seine kindischen Augen blenden, und alles, was er zuvor gesehen hatte, verdunkeln konne.

Meine Einfalle waren gut; Marie war diesen Tag reizender als sonst, Freude und susse Erwartung verschonerte sie, um sie auf keine Art in Schatten zu stellen, hatte ich die kleine Barbara nach Sankt Annen geschickt, und die Klosterfrauen bitten lassen, ihrer wohl wahr zu nehmen.

Aber Barbara war diesen alten langsamen schlafrigen Kreaturen zu listig, sie glaubten sie in ihrer Klausur sicher, indessen sie durch den Garten entschlupfte, und sich auf den Weg nach Sankt Nikola machte. Sie hatte diesen Ort ungern mit dem Annenkloster vertauscht, sie hatte zu viel von der Erscheinung des jungen Siegmunds reden horen, hatte zu viel von den schonen Kleidern gesehen, welche Marie an diesem Tage tragen sollte, als dass sie es hatte gleichgultig erdulden konnen, von dem Anblick dieser neuen ausserordentlichen Dinge entfernt zu seyn.

Siegmund war seinen Hofmeistern zu feurig, so wie sie ihren Huterinnen. Man hatte in einem Dorfe zwischen Nikola und Sankt Annen Ablager genommen; der Prinz brauchte die Zeit, da man Anstalten zur weitern Reise machte, zu einem Spaziergang auf die benachbarten Geburge, und was war naturlicher, als dass er daselbst der kleinen Pilgerinn Barbara begegnete. Man sahe sich, man nahte einander ohne grosse Zuruckhaltung, man fragte sich mit kindischer Vertraulichkeit wer und wohin. Siegmund antwortete nach der Wahrheit, aber Barbara hatte den Einfall, sich Marie zu nennen und den Prinzen als ihren Brautigam zu bewillkommen. Siegmund war zu jung um es unwahrscheinlich zu finden, dass ihm die Prinzessinn von Ungarn, einsam ohne Gefolge, ohne allen Schmuck auf diesen Bergen begegnen wurde; die Munterkeit, die Schonheit der vorgeblichen Marie gefiel ihm; man hatte ihm eine Menge Dinge gelehrt, die er seiner jungen Braut vorsagen sollte, er wollte damit hervortreten, aber Barbara versicherte ihm, dass diese Umstande nicht nothig waren und Siegmunden war dieses desto lieber. Man schwatzte, lachte, hupfte, und kam den Mauern von Sankt Nikola ganz nahe, indessen die Nonnen zu Sankt Annen die ihnen Anbefohlne mit grosser Angst vermissten, und die Leute des Prinzen ganz voll Verzweiflung waren, dass ihr junger Gebieter nirgend zu finden war.

Barbara hatte nicht so viel Nachdenken, dass das

was sie gethan hatte ihr Verdruss zuziehen wurde. Hand in Hand ging sie mit Siegmunden zu den geofneten Thoren von Nikola ein, und erofnete ihm erst auf dem Wege nach dem Zimmer der Prinzessinn, ganz beylaufig, dass sie eigentlich gelogen habe, und dass er seine Braut jetzt erst zu sehen bekommen wurde, eine Entdeckung, die Siegmunden sehr gleichgultig war; seine kleine Gefarthinn gefiel ihm, sie mochte seyn wer sie wollte, und die gesagte Unwahrheit war ihm ein Scherz, den er leicht verzeihen konnte.

Diese Begebenheit machte grosse Unordnung in un

sern Planen. Die Prinzessinn war noch nicht vollig gekleidet, war nicht auf die Erscheinung ihres Brautigams gefasst, als Barbara mit ihm herein hupfte. Ich und die Leute des Prinzen, welche jetzt eben mit verhangtem Zugel ankamen, waren verdrusslich, keines wusste recht, was es zu dem andern sagen sollte, Marie und Siegmund gefielen sich nicht sonderlich, Barbara ward ausgescholten, der Prinz suchte sie uberall auf, ohne sich an die Prinzessinn zu kehren, und diese weinte.

Barbara ward gleich des andern Tages nach Sankt Annen gebracht. Ich wusste ihr keine hartere Strafe fur ihren Vorwitz aufzulegen, als den Aufenthalt an diesem traurigen Orte. Die gutherzige Marie vermisste ihre frohliche Gesellschafterinn, hatte ihr den Streich, den sie ihr spielte, langst vergeben, wunschte sie zuruck, aber ich war unerbittlich, und Barbara blieb wo sie war, bis sie nach einigen Jahren von ihren Verwandten aus dem Kloster genommen und nach Hofe gebracht ward.

Mittlerweile wuchs Marie heran, ihre Gestalt entwickelte sich, sie ward nicht reizend, aber sie konnte gefallen, wenn sie ohne Vorurtheil angesehen ward. Tausend gute Eigenschaften, und vornehmlich ihr edles, sanftes, trugloses Herz, ersetzten reichlich die Schonheit, welche ihr die Natur versagt hatte.

Siegmund besuchte uns oft, er war kein Kind mehr, er wusste, wie er derjenigen begegnen sollte, welche bestimmt war, ihm dereinst die ungarische Krone aufzusetzen, und die Prinzessin, welche ihn herzlich zu lieben begunnte, war geneigt, alles zu glauben, was er ihr vorsagte.

Ich sahe weiter, ich versicherte sie oft, dass nicht Marie, nur die Erbinn von Ungarn vor ihm geliebt wurde. Lasst uns ihn prufen, erwiederte sie und wir wollen sehen.

Der Konig besuchte seine Tochter oft in ihrer Einsamkeit, sie hatte sein Herz in Handen, keine Bitte ward ihr abgeschlagen, und bald that sie eine an ihn, welche mehr Spuren ihrer Vorliebe fur Siegmund als der Klugheit trug, eine Bitte, die der Konig nicht so bereitwillig hatte erfullen sollen. Marie bat: ihr Vater mochte Siegmunden zu seinem Sohn und Reichsnachfolger erklaren lassen. Ich will nicht, dass er mich um der Krone willen liebe, sagte sie, ich will sie lieber von seinen Handen erhalten, als ihm sie aufsetzen. Siegmund liebt mich, er wird nicht ermangeln, das Geschenk meines Vaters mit mir zu theilen. Und man wird nicht mehr sagen konnen, nicht Marie, nur die Erbin von Ungarn werde von ihm gesucht.

Der Konig lachelte, und versprach Mariens Bitte zu erfullen. Bald darauf bekamen wir Nachricht: Prinz Siegmund sey vom Konig Ludwig an Kindesstatt aufgenommen worden. Die Prinzessin triumphirte uber das Gluck, dass sie ihrem Lieblinge verschaft habe, sie sahe einem Besuche von ihm und der zartlichsten Danksagung entgegen. Aber Siegmund erschien nicht, doch vertrat ein Brief seine Stelle, ein Brief, der ein Meisterstuck der feinsten Politik war.

Marie fand ihn entzuckend, aber ich machte sie auf den Namen Schwester aufmerksam, den ihr Siegmund fast in allen Zeilen gab. Wie kann Siegmunds Schwester seine Gemahlinn werden? fragte ich; die Prinzessinn erschrack, las den Brief noch einmahl, fand, dass ich unrecht hatte, dass Siegmund das nicht so konne gemeint haben, ich schwieg dann und meine Warnungen wurden vergessen.

Man sprach von einer Reise des Prinzen nach Pohlen. Marie erwartete seinen Abschiedsbesuch, aber es erschien an seiner Stelle wieder ein bruderlicher Brief, der sie in Verzweiflung sturzte. Man fieng an zu glauben, dass ich den nunmehrigen Erben von Ungarn besser zu beurtheilen wisse, als die partheiische Liebe.

Meine Gedanken von Siegmunden konnten nicht trugen, sie grundeten sich auf Nachrichten, die mir seinen ganzen Charakter schilderten, die aber freylich so beschaffen waren, dass ich sie Marien nicht mittheilen konnte. Der Prinz war jetzt zu dem Alter herangewachsen, wo die Leidenschaften die Herrschaft zu fuhren pflegen; und er hatte nicht gelernt sie einzuschranken. Er war schon, und nichts konnte ihn ruhren als blendende Schonheit. Er war voll Feuer und Lebhaftigkeit, und stille bescheidene Tugend hatte keine Reize fur ihn. Sein Geist strebte nach Ehre, und da er jetzt gewiss war, die Krone ohne Mariens Hulfe erlangen zu konnen, so war auch das letzte Band aufgelosst, das ihn an sie fesseln konnte.

Barbara, welche jetzt als Hoffraulein bey der Koniginn Elisabeth lebte, und die mit allen schwelgerischen Reizen einer uppigen Schonheit bluhte, hatte den Eindruck, den sie bereits als Kind auf ihn machte, machtig erneuert. Seine Neigung fur sie war kein Geheimniss; die Koniginn Elisabeth, Mariens Mutter, fieng an das zu sehen, was ich langst gesehen hatte, und sie berief ihre Tochter schnell nach Hofe, um durch ihre Gegenwart alle Fehler wieder gut zu machen, welche hier vorgegangen waren.

Sobald sich das Gerucht von Mariens Ankunft ausbreitete, sobald Siegmund zu merken begunnte, dass sein Umgang mit Barbara beobachtet, eingeschrankt, verhindert wurde, so bekam er plotzlich Geschafte in Pohlen, und Marie fand bey ihrer Erscheinung in der Residenz tausend Herzen, die ihr entgegen wallten, nur das einzige nicht, welches vorzuglich fur sie hatte schlagen sollen.

Die treuen Ungarn jauchzten ihrer Prinzessinn entgegen, sie nannten sie Koniginn, und forderten den alten Konig, welcher schon damahls begunnte kranklich zu werden, auf, ihr diesen Namen bey seinen Lebzeiten feyerlich beyzulegen, damit er ihr nach seinem Tode desto weniger konnte geraubt werden.

Siegmunds Erklarung zum Thronerben war nicht so unumstosslich, dass sie nicht hatte konnen zuruckgenommen werden. Die Stimme des Volks, die Vorstellungen der Koniginn Elisabeth, und, ich getraue mich zu sagen, auch die meinigen, drangen durch, und Marie ward offentlich zur Koniginn von Ungarn ausgerufen.

Siegmund war einer der ersten, welcher ihr Gluck wunschte; kein Brief verrichtete dieses, sondern er selbst. Der Name Schwester war ganz vergessen, er war nicht mehr Mariens Bruder, nein ganz Liebhaber und Brautigam. Hatte Marie meinen Einrathen folgen wollen, sie wurde ihn so zuruckgewiesen haben wie er verdiente; aber wer kennt nicht die Schwachheiten der Liebe! Marie schrieb seine Ruckkehr nicht der Krone, sondern ihrer eigenen Person zu, und fing an ihn starker zu lieben, als je zuvor.

Ihr seht ja, sagte sie zu mir, wie er so innig an mir hangt. Ist wohl nur eine einige Dame, wie schon sie auch sey, die mir nur einen Blick von ihm rauben konnte?

Marie hatte recht. Siegmund schien nur fur sie Augen zu haben denn Barbara war nicht gegenwartig. Barbara hatte gehort, dass Siegmund bey den pohlnischen Damen, von welchen er jetzt zuruckkam, ihrer ganz vergessen habe, und sie hielt fur gut, das nehmliche zu thun. Sie wollte nicht gegenwartig seyn, als Siegmund bey Hofe erschien, sondern gab endlich den Bitten ihrer Verwandten nach, den ublen Ruf, in welchem sie sich befand, durch eine anstandige Heyrath zu tilgen.

Man hatte ihr den Statthalter von Kroatien, Johann Hervott, einen Verwandten von mir, zum Gemahl bestimmt, und sie lebte gegenwartig als seine Verlobte auf einem seiner Guter.

Siegmunds Augen suchten die geliebte Barbara uberall; sie war doch immer diejenige, zu welcher er, nach jeder kleinen und grossen Untreue, zuruckkehrte, und er vermisste sie ungern. Er horte von ihrer bevorstehenden Vermahlung, ward traurig, fand dass er Marien nichts mehr zu sagen hatte, und kehrte nach Pohlen zuruck.

Konig Ludwig starb, Marie setzte die Krone auf und wurde eine gute Koniginn gewesen seyn, wenn sie allein regiert hatte; aber man sagt immer, wo eine Frau herrscht, da fuhren Manner den Scepter; so auch hier: meine Verwandten die Garas, drangten sich um den Thron, ihr Ansehn war so gross als ihre Kenntniss der Reichsverfassung. Marie gab ihnen Gehor, regierte nur durch sie, zog sie allein hervor, vernachlassigte die andern, und legte dadurch den Grund zu Mismuth und Unzufriedenheit in den Herzen der ubrigen Grossen. Von dem Volke wurde sie angebetet, so handelte sie gegen die Armen und Geringen im Volk, so gegen den Landmann und den arbeitsamen Burger, dass noch jetzt die Zeiten der Koniginn Marie das goldne Alter der Ungarn geheissen werden.

Die Garas hinderten sie nicht in diesem wohlthatigen Verfahren, es war ihnen genug, die andern Fursten neben sich zu unterdrucken, der gemeine Mann mochte ihrethalben immer glucklich seyn. Es ist unmoglich, die Absichten, welche einige von ihnen, vornehmlich der nachmahlige Statthalter des Reichs, Andreas Gara, haben mochten, genau zu bestimmen. Es kann seyn, dass Marie und die Krone das Kleinod war, nach welchen sie insgeheim rangen, wenigstens ist so viel gewiss, dass die Ruckkunft des Prinzen Siegmunds aus Pohlen auf alle Art verhindert wurde. Marie sehnte sich nach ihrem Brautigam, Siegmund war zartlicher und treuer als jemahls; aber eine Zeit verging nach der andern, ohne dass er da erschien wo er mit so viel Unruhe erwartet wurde.

Indessen die Garas uber ihren grossen Anschlagen bruteten, kochte Wuth und Rache gegen sie und die Koniginn in den Herzen der ubrigen Fursten. Der Gedanke, vielleicht einen Andreas oder Nikolaus Gara zum Konige zu bekommen, war ihnen schrecklich, und lieber war es ihnen auch Marien, die Tochter ihres guten Konigs zu sturzen, als ihr auf die Art den Thron zu gonnen.

Die Geschichten der damahligen Zeit konnen euch nicht so unbekannt seyn, dass ihr nicht wissen solltet, was fur eine Partie man ergriff. Konig Karl von Neapolis ward herein gerufen; Marie sollte die Krone von Ungarn mit ihm theilen, oder sie ihm ganz uberlassen.

Die Koniginn liebte Siegmunden treuer als sie nothig gehabt hatte, Konig Karl, so unansehnlich er auch durch sein Aeusseres war, so wenig sein kleiner Geist, der seinem Korper glich, der edeln Marie gefallen konnte, war doch ubrigens ein Furst, der Ansehen genug besass, derjenigen, welche ihm die Hand gab, den Thron zu sichern; uber dieses liebte er Marien mit so heisser Zartlichkeit wie sie Siegmunden, verehrte sie wie ein Wesen hoherer Gattung, und wurde gewiss blos den Gemahl der Koniginn von Ungarn, nie den Monarchen vorgestellt haben.

Marie war eine von den Damen, welche bei einer Vermahlung nie auf die Liebe sehen sollten, die sie fuhlen, nur auf diejenige, welche man fur sie empfindet; aber sie verkannte ihren Vortheil, blieb dem undankbaren Siegmund treu, und verwarf den gutmuthigen Konig von Neapolis!

Der Thron begunnte unter ihr zu wanken; sie fiel. Ihre Stutzen die Garas konnten ihr nicht helfen, und sie kam in die Gewalt ihrer Feinde.

Mit Errothen gestehe ich, dass mein Verwandter der Statthalter in Kroatien, dass Johann Hervott, einer der vornehmsten derselben war. Barbara, seine Verlobte, hasste Marien, hasste gegenwartig den ehemals geliebten Siegmund und wollte es ihm unmoglich machen, durch sie die Krone zu erlangen. Sie war es, welche die verratherischen Anschlage wider die Koniginn ausheckte, sie war die Seele aller heimlichen Verschworungen wider die ungluckliche Marie. Sie brauchte ihre Reize die Zahl ihrer Anhanger und der Feinde Mariens zu vergrossern. Sie suchte ihre Gewalt auch uber den von der Koniginn verschmahten Karl von Neapolis auszudehnen, er sah sie verschiedenemahl insgeheim auf Hervotts Schlosse, keine Kunste wurden gespart ihn in ihr Netz zu ziehen, und als diese nur in so weit gluckten, dass Karl seiner Verachterinn Rache und Tod schwur, ohne eben darum Miene zu machen, die schone Barbara an ihre Stelle zu setzen; so war auch ihm der Untergang bestimmt. Ihr wisst, dass Karl nie sein Land wieder sah, man fand ihn ermordet auf seinem Bette, und man rieth vergeblich auf den Thater. Vielleicht trugen auch meine Muthmassungen; Gott bewahre mich, dass ich das Sundenregister einer Verbrecherinn ohne Grund mit einer Blutschuld vermehren sollte!

Barbara war noch immer Johann Hervotts Verlobte, war es zu lang gewesen, dass er hatte wunschen sollen, sie zu seiner Gemahlinn zu machen, auch schien sie nicht sonderlich nach dieser Ehre zu streben.

Ihr Beichtiger, ein schmeichelnder Bernhardiner, hatte ihr einst eine Krone, hatte ihr die hochste Krone der Welt geweissagt. Johann Hervott war nicht der Mann, der diese Prophezeihung wahr machen konnte, Karl von Neapolis hatte es vielleicht gekonnt; aber der Anschlag auf ihn schlug fehl, man musste auf andere Mittel sinnen.

Hervott ward noch immer fest genug in ihren Strikken gehalten um jeden ihrer Einfalle zu begunstigen. Barbara glaubte ihre hochfliegende Entwurfe nicht wurdiger beginnen zu konnen, als wenn sie diejenigen, welche die Krone trugen, nach der sie strebte, aus dem Wege raumte. List und Verratherey brachten die beyden Koniginnen Elisabeth und Marie in Hervotts Hande.

O Ida, wie soll ich euch die Scene des Schreckens schildern, welche ich in jenen Tagen erlebte! mit welchen Worten von Mariens Qualen, von dem Tode der ehrwurdigen Elisabeth sprechen? vergonnt mir, dass ich verschweige, unterdrucke, ubergehe, ins kurze fasse, was euch und mir, zu lebhaft geschildert zu tiefen Schmerz verursachen wurde, es giebt Scenen, welche ewig in Schleyer gehullt bleiben sollten, bis jener grosse Tag, der Offenbarer aller Geheimnisse der Finsterniss, der Vergelter geheimer Verbrechen und hier nicht gelinderter Schmerzen, erscheint.

Die Furstinn Gara schwieg bey diesen Worten, ihr tiefdenkender Blick war zur Erde gesenkt, keine Thrane netzte ihr Auge, aber ihr Herz weinte. Ida wusste nicht genau, was sie sagen wollte, aber sie ahndete schreckliche Dinge und wusste nicht, ob sie um die Entdeckung oder um die Verbergung derselben bitten sollte.

Es sey euch genug, fing die Furstinn von neuem an, zu wissen, dass jeder Tag den beyden erhabenen Dulderinnen neue Leiden mit sich brachte. Tausend schreckliche Mittel wurden gebraucht, Marien zu Entsagung der Vorrechte ihrer Geburt zu zwingen, tausend Mittel, die ehrwurdige Elisabeth zu nothigen, ihre Tochter zu verlaugnen, und ein finsteres Gewebe von Dichtungen zu begunstigen, welche erweisen sollten, dass Marie nicht Konig Ludwigs Tochter, nicht rechtmassige Koniginn von Ungarn, nicht Siegmunds bestimmte Braut sey. Die Forderung war lacherlich, und ich glaube, im Grunde hatte Elisabeth alles thun konnen, was man von ihr verlangte, vielleicht hatte sie ihre Freyheit, ihr Leben damit erkauft, und jedermann wurde das ihr abgedrungene Bekenntniss fur das genommen haben, was er war, fur Wurkung der Nothwendigkeit, der aussersten nahmlosesten Angst!

Dieses waren Mariens Wunsche, als ihre Mutter das Opfer ihrer Treue fur die Wahrheit und das Gluck ihrer Tochter ward, sie verwunschte die Krone, die ihr das liebste, was sie auf der Welt hatte, das Leben ihrer Mutter raubte, verwunschte ihr eignes Leben, weil es vielleicht durch Elisabeths Tod erkauft worden war.

Doch ich sehe, ich muss euch die Dinge ein wenig umstandlicher erzehlen. Eine der ausgesuchtesten Qualen, welche fur die unglucklichen Koniginnen erfunden wurden, war, sie Wochenlang von einander zu trennen, in dem Busen einer jeden die schrecklichsten Besorgnisse wegen des Schicksaals der andern zu nahren, und dann sie schnell und unvermuthet wieder zusammen zu bringen ihnen die Freuden des Wiedersehens, mit der Angst der nahen Trennung und der Furcht vor der dustern Zukunft so grausam zu mischen, als man zu Erreichung der schwarzesten Absichten fur nothig hielt.

An einem dieser Tage, denen man so angstlich entgegen sah, ob man gleich von jeden derselben keinen andern Gewinn hatte, als verneute Leiden, und die fast gewisse Ueberzeugung, man werde sich heute zuletzt gesehen haben, an einem solchen Tage geschah es, dass ich glucklich genug war, die Unterhaltung meiner unglucklichen Gebieterinnen mit einer betrachtlichen Dosis Trost und Hoffnung zu versussen. Gleich bey unserer ersten Gefangennehmung (ich war die einige Gesellschafterinn, die man den Koniginnen liess ) hatte ich den schnellen Einfall ein Korngen auf Hoffnung auszustreuen, dass es vielleicht zu unserer Rettung aufgehen konne. Das was ich that war im eigentlichen Verstande ein hingeworfener Versuch, der so wohl zu Vermehrung unsers Unglucks als zu unsern Besten ausschlagen konnte. Wir waren auf dem Wege nach unserm Gefangniss, dessen Namen ich zum Gluck erfahren hatte. Ich riss eine Demantnadel aus meinen Haaren, und grub auf eine kleine Tafel, die ich bey mir trug, folgende Worte; "Wer dieses findet und zum Prinzen Siegmund nach Pohlen bringt, der nehme dieses Kleinod zur Dankbarkeit und erwarte in der Zukunft eine noch grossere Belohnung von der Furstinn Rosa Gara." In das Innere der Tafel schrieb ich folgendes in gallischer Sprache, welche, wie ich wusste, ausser mir und Siegmunden hier nur von wenigen verstanden wurde.

"Wenn Siegmund noch einiges Menschengefuhl, noch Begierde nach der ungarischen Krone, noch Liebe oder Mitleid fur eine ungluckliche Dame hat, welche er vormals zu lieben schien, so komme er nach Moglay am Flusse Bezra sie aus den Handen ihrer Feinde zu retten."

Ich gab dieser Schrift, an der das Leben zweyer Koniginnen hing, meine vielfach zusammengefalteten Schleyer zur Hulle, heftete ihn mit der Demantnadel zusammen, und warf es, als wir des Nachts durch einen Wald fuhren, auf gut Gluck in den Weg.

Die Ungewissheit, ob dieser Versuch von Nutzen seyn wurde und der Widerwille in dem Herzen meiner Gebieterinnen eine Hofnung zu nahren, welche vielleicht vergeblich seyn konnte, machte, dass ich von der ganzen Sache nicht eher sprach, als an dem Tage, da ich auf eine Art, welche hier zu weitlauftig seyn wurde, zu melden, Nachricht erhielt: Siegmund sey nicht fern, wurde vielleicht Morgen, vielleicht diese Nacht schon hier seyn, die Gefangenen zu retten.

Zum erstenmahle in meinem Leben hatte ich heute eine Art von Zuneigung fur Siegmunden gefuhlt, ich dankte ihm in meinem Herzen fur die Bereitwilligkeit, mit welcher er erschien, die vielleicht blos daher entsprang, weil ich in meinem Brief den Namen der zu rettenden Dame nicht genannt hatte. Doch nein! ich thue Siegmunden Unrecht, was fur ein Unmensch hatte er seyn mussen, Marie in Gefahr zu wissen ohne zu ihrer Erlosung herbey zu eilen!

Ich unterhielt an diesem glucklichen Abende, der durch eine Zusammenkunft der Mutter und der Tochter verschonert wurde, meine Koniginnen mit meinen frohen Neuigkeiten. Mit Freudenthranen schlossen beyde Damen sich in die Arme. Auch ich bekam meinen Theil von ihren Liebkosungen, sie nannten mich ihre Retterinn, und umarmten sich und mich von neuem.

Wir werden also der Gewalt unserer Feinde entkommen, rief Marie, und mein Siegmund wird unser Befreyer seyn. O Uebermaas des Glucks! kaum vermag ich dir zu glauben! Rosa, ihr tauscht mich! sollte es moglich seyn, das ich diese theure Hand wieder in ruhigen Tagen kussen, dieses ehrwurdige Haupt wieder mit der Krone geziert sehen wurde? Marie druckte bey diesen Worten die Hand ihrer Mutter an ihr Herz, indessen diese ihre Rechte liebreich nach mir ausstreckte, und mich mit einem Tone, der mir ewig unvergesslich seyn wird, zum zweytenmahl ihre Retterinn nannte.

Wir sassen bis tief in die Nacht in Gesprache verwickelt, die man sich nach so langer Trostlosigkeit nicht suss und hofnungsvoll genug denken kann. Endlich kamen unsere Huter uns zu trennen. Marie bat, man mochte sie doch diese Nacht bey ihrer Mutter lassen. Ich flehte, man mochte wenigstens mir, wie zuweilen geschah, erlauben, die alte Koniginn zu bewachen, umsonst, wir mussten scheiden.

Marie kehrte zehnmahl zuruck, ihre Mutter von neuem zu umarmen, Elisabeth umfaste die junge Koniginn so fest, dass man sie mit Gewalt von ihr reissen musste, ich umarmte ihre Knie. Vergebens! unsere Henker waren unerbittlich, wir mussten scheiden. Wir sind wohl recht thoricht, sagte Marie bey unserer Ruckkunft auf unser Zimmer, indem sie sich lachelnd die Thranen trocknete, wir sind wohl recht thoricht, so viel Flehens bey den Unerbittlichen um eine einige Nacht zu machen! Werden wir nicht bald, ach morgen morgen schon, ungestort beysammen bleiben konnen? doch dunkt mich, ich hatte um diese, nur um diese Nacht mein Konigreich geben wollen; es musste so suss gewesen seyn, meinen Siegmund in den Armen meiner Mutter zu erwarten!

Wir giengen diese Nacht nicht zu Bette; Angst und susse Erwartung hielten uns wachend; welche Erwartung ist ganz ohne Besorgnisse? tausend Ausrufungen, mit dem Anfang: Wenn nur nicht! gingen aus Mariens Munde. Zwanzigmahl gieng sie nach dem Fenster, um die Fenster der alten Koniginn zu sehen, welche mit den unsrigen in einen gemeinschaftlich grossen Hof gingen. Ich hoffe, sie schlaft, die Theure, rief sie, ich sehe kein Licht in ihrem Zimmer. Oder sagte ich, sie ist auf den Altan gegangen, um die Aussicht auf den Strom zu geniessen, und unsern Rettern entgegen zu sehen. Marie wollte nicht in diese Vermuthung einstimmen, sie furchtete Erklarung fur die alte Dame, und Verbitterung ihrer morgenden Freude.

Endlich brach der Tag an, und seine ersten Strahlen begunnten kaum unsre Fenster zu rothen, als wir in der Ferne Geton von kriegerischen Instrumenten horten. Er kommt! rief die Koniginn und warf sich in meine Arme, mein Siegmund kommt seine Marie zu retten? Hinaus, hinaus, ihm entgegen! Wir eilten auf den Altan, der so wie der vor Elisabeths Zimmer die Aussicht auf den Strom hatte. Hier kam uns das Geton heller entgegen, wir sahen von weitem im Strahl der Morgensonne blinkende Waffen, und horten unten im Schlosse ein unruhiges Hin und Herlaufen, welches uns andeutete, dass man wegen der Ankommenden besorgt sey, und das befurchte, was bald geschehen sollte.

Ach Gott! rief Marte, dass wir nur nicht mitten im Schoos der Hoffnung scheitern! sollten uns unsere Feinde nicht lieber todt als gerettet sehen?

Mir begunnte selbst bange zu werden. Der Sprung vom Altan hinab, sagte ich, ist nicht hoch. Wie wenn wir ihn wagten, ich sehe dort in der Ferne auf dem Strome etwas treiben, mich dunkt, es ist ein kleines Fischerboot, soll ich es herbey winken?

Die Koniginn beugte sich tiefer hinab, ach nein! rief sie, indem sie erschrocken die Augen abwendete, es ist kein Boot, es ist es ist ein menschlicher Korper, es ist ein langes weisses Gewand wie wie ach Gott ich weis nicht wie mir ist! Rosa, sieh hinaus! Ich vergass nach dem zu sehen, was mir die weite Entfernung und mein schwaches Gesicht als einen Kahn gebildet hatte, vergass alles, selbst unsere nahe Rettung, denn die Koniginn sank ohnmachtig in meine Arme.

Siegmunds Trompeten schallten naher; das Gerausch des Angriffs gellte in meinen Ohren. Ich achtete nicht darauf, denn noch immer war Marie fur alle meine Bemuhungen unerwecklich.

Das Schloss war schlecht bemannt und wurde noch schlechter vertheidigt, unsere Feinde hatten geglaubt, keine andere Sicherheit fur ihre erhabenen Gefangenen nothig zu haben, als die Verborgenheit des Orts wo sie lebten, und die ode wuste Gegend, in welcher er lag.

Siegmund hatte bald uberwunden, er trat mit den vornehmsten seiner Kriegsbedienten in Mariens Zimmer, als diese zuerst die Augen aufschlug. Siegmund eilte auf sie zu, ich sahe mehr Liebe in seinen Blicken, als ich je in denselben wahrgenommen hatte. Marie, anstatt ihn so zu empfangen, wie ich vermuthet hatte, wehrte seine Hand von sich ab, und bemuhte sich aufzustehen. Weg! weg! rief sie, nicht ein Wort! zu meiner Mutter! Noch einmal bemuhte sie sich aufzustehen, aber vergebens!

Siegmund fragte, ob auch die alte Koniginn hier verwahrt werde, und eilte auf meine Bejahung so gleich in die Gegend des Schlosses, die ich ihm bezeichnete.

Marie strebte sich zu erheben und vom Altan hinab zu sehen. Siehe hinaus, Rosa, sagte sie, siehe hinaus nach deinem Kahne, es war gewiss ein Kahn wie ich glaube! aber ich traumte furchterlich, ich traumte meine Mutter!

Die Koniginn ward bey diesen Worten zum zweytenmahl ohnmachtig, und erholte sich nicht ehr, bis einige von Siegmunds Leuten eintraten, und versicherten, dass sie die Zimmer der alten Koniginn nicht hatten finden konnen.

Marie bezeichnete sie ihnen selbst mit schwacher Stimme.

Da sind wir gewesen, sagten sie, aber es ist alles leer.

Leer? schrie Marie, leer? o nur allzugewiss! Augenblicklich, Kahne! Leute! der Strom! Ach gewiss! gewiss! O ich Elende!

Marie hatte sich bey diesen Worten schnell erhoben, und war nach dem Gelander des Altans geeilt. Eine Bewegung, die sie machte, liess mich befurchten, sie wolle hinab springen, und mit Muhe hielt ich sie zuruck!

Ihre Meynung begunnte mir klarer zu werden, ich gab die Befehle, welche die Ungluckliche nicht zusammenhangend vorzubringen vermochte, und fuhrte sie, selbst vor Entsetzen der Ohnmacht nahe, nach dem Zimmer.

Siegmund erschien! Doch Grafinn, ich bin bereits zu weitlauftig gewesen! Hinweg! Hinweg! mit diesen grauenvollen Scenen! Man hatte auf Elisabeths Fenstergesimsen Spuren von Blut gefunden, in einer Ecke ihren zerrissenen blutigen Schleyer. Die Nachsucher fanden einige Meilen von dem Schlosse endlich Elisabeths Korper, welcher mit den langen Kleidern im dichten Gestrauch hangen geblieben war. Einige Stiche in ihrer Brust zeigten, dass das Wasser, nur die uberbliebenen Lebensfunken in der ermordeten Koniginn vollends hatte ausloschen, oder vielleicht nur die Greuelthat verbergen sollen, deren Vollbringer noch jetzt niemand bekannt ist als dem Allwissenden!

Johann Hervott, der Herr dieses Schlosses, war im Gefecht geblieben, ich nannte Siegmunden Barbaras Namen, deren Hand, wie ich meynte, alle diese Dinge im Verborgenen dirigirt hatte, ob sie gleich sich, so lang wir uns hier aufhielten, niemals sehen liess.

Siegmund war beleidigt uber die Art, mit welcher ich der geliebten Barbara gedachte. Er gestand, dass er sie hier im Schlosse gefunden habe, aber sie sey so wohl eine Gefangene gewesen wie wir, und theile mit uns die Freude der Befreyung.

Ich schwieg, ich wandte mich zu meiner todkranken Koniginn. Nach langem Lager ward sie wieder gesund, setzte die Krone von neuem auf, ward Siegmunds Gemahlinn, aber nie habe ich sie wieder froh gesehen. Die schreckliche Scene auf Hervotts Schlosse schwebte ihr unablassig vor Augen, und wo sie ging oder stand, flusterte sie den Namen ihrer ermordeten Mutter.

Marie war nie schon, nie aufgeweckt gewesen, jetzt verlor sie vollends die wenige Anlage, die sie zu beyden hatte, ganzlich. Siegmund, den nichts fesseln konnte, als Reiz und Munterkeit, nennte sie gegen seine Lieblinge eine finstere traurige Traumerinn, ohne an die Schicksale zu denken, die sie zu dem machten, was sie war.

Barbara ward an den Hof gezogen. Marie duldete sie, musste und konnte sie dulden, denn sie hatte nicht die Gedanken von ihr, die ich in dem Innersten meines Herzens hegte. Gott verzeihe mir, wenn ich zu viel auf die Rechnung der Sunderinn schreibe, die ich hasse!

Um Konig Siegmunds Liebe zu seiner Barbara desto besser zu verdecken, gab man ihr Peter den Einfaltigen, Grafen von Cyly zum Gemahl. Was soll ich weiter sagen. Die Liebe des Konigs zu der Grafinn von Cyly, der Uebermuth dieser unwurdigen Nebenbuhlerinn, trieb Marien vom Hofe in dieses Kloster. Sie war schwanger und ihre Gesundheit war so geschwacht, dass man an ihrem Leben und dem Leben ihres Kindes zweifeln musste. Ich begleitete sie hieher, wo sie ihre Wochen halten und ihren Tod erwarten wollte. Ich wollte ihre einige Warterinn seyn, ich traute niemand ausser mir, aber eine furchterliche Krankheit uberfiel mich in den Tagen, da die Koniginn ihrer Niederkunft stundlich entgegen sahe. Die gutherzigen Nonnen zu Sankt Nikola waren meine Lebensretterinn, sie sprachen nach meiner Wiedergenesung von wahrscheinlicher Vergiftung! Sie konnten recht haben, meine Gefahr war gross, meine Empfindungen ausserordentlich gewesen, auch liess es sich denken, dass mein Leben manchem ein Anstoss seyn musste.

Meine angstliche Besorgnis war um die Koniginn, ich fragte nach ihr, und bekam die Nachricht, die mich von neuem an den Rand des Grabes brachte sie sey todt! Ich fragte nach nahern Umstanden, die Nonnen zuckten die Achseln, sie erzahlten, auf die erste Nachricht von meiner Krankheit, sey die Grafinn von Cyly erschienen, der Koniginn an meiner Statt bey ihrer Niederkunft aufzuwarten. Marie habe sich in ein anderes Kloster bringen lassen, habe daselbst eine Tochter zur Welt gebracht, und dabey den Geist aufgegeben.

Ich fragte nach dem Kinde, man sagte mir, der Konig, welcher uber den Tod seiner Gemahlinn untrostlich geschienen, sey bald nach der Geburt der jungen Elisabeth in diese Gegenden gekommen, seine kleine Tochter, die nunmehr das einige sey, welches die Liebe des Volks noch an ihn fesselte, in seine Arme aufzunehmen. Ein hinterlassener Brief von der sterbenden Koniginn habe ihn gebeten mir die Erziehung des unglucklichen Kindes zu uberlassen, und man sage, er sey, alles Einredens der Grafinn von Cyly ungeachtet, entschlossen, Mariens letzten Willen zu erfullen.

Wenig Tage vergingen, und ich konnte das geliebte Kind, das theure Vermachtniss meiner Koniginn, in meine Arme schliessen. Eine von den Nonnen zu Sankt Annen hatte den Auftrag erhalten, mir es zu uberbringen, ein Brief ward mir mit demselben uberreicht. Ich ofnete ihn, und fand folgendes.

"Ich sterbe, theure Furstinn Gara, und habe nur noch so viel Zeit mein Kind mit dem theuren Namen Elisabeth zu nennen, und es euch zu empfehlen, die Nonne, welche dieses in meinem Namen schreibt, wird euch mehr sagen."

Ich habe nach der Schreiberinn dieses Briefs oft und viel gefragt, aber niemand hat sie mir nennen konnen: Ich fragte nach dem Begrabniss der Koniginn; man wiess mich nach Stuhlweisenburg, wo Konig Siegmund sie hatte prachtig beysetzen lassen. Der Ort ihres Todes blieb verborgen. Alle ihre Leute waren kurz vor ihrer Niederkunft abgedankt worden, Barbara war allein um sie gewesen.

Der Argwohn, Mariens Tod konne eine Erfindung Barbaras seyn, trieb mich zu Untersuchungen, welche Jahrelang fortgesetzt wurden, und doch vergeblich waren; urtheilet was ihr von euren Bemuhungen zu erwarten habt.

Die kleine Elisabeth war das einige, was mich nach dem Verlust meiner geliebten Koniginn auf der Welt zuruck halten konnte. Sie ward mein Trost, mein Zeitvertreib, meine Hoffnung, wenn es mir zuweilen einfiel, ich konne noch einmahl gluckliche Tage in der Welt sehen.

Wundert euch nicht, wenn die Liebe fur sie mich vor einiger Zeit ein Betragen gegen euch lehrte, welches ihr mit Recht beleidigend fandet. Es war die Frage von dem Gluck der geliebten Elisabeth. Ich war irre an euch, ich sah im Geist die Scenen zwischen Siegmund, Barbara und Marie, in dem Schicksal ihrer Tochter erneuert. Jetzt kenne ich euch besser, und ich hoffe, auch die Prinzessinn von Ungarn wird sich belehren lassen, wird nicht euren Werth ins kunftige mehr verkennen.

Lasst uns von andern Dingen sprechen, erwiederte Ida, welche nicht ohne Verdruss an den Verdacht denken konnte, welchen man gewagt hatte auf sie zu werfen. Mich dunkt, wenn ihr der Erzahlung meiner Geschichte nur einige Aufmerksamkeit gegonnt hattet, so hatte euch wenigstens der Name der Furstinn von Ratibor und ihrer Tochter, meinen alten Feindinnen, jedes Wort, das sie wider mich sagten, verdachtig machen sollen.

Die Furstinn Gara wollte ihre Entschuldigung erneuern, aber Ida bat nochmals, des Vergangenen nicht mehr zu gedenken, und lieber ihre Gedanken uber die Geschichte zu vernehmen, welche sie so eben gehort hatte. Meynt ihr, fuhr die Grafinn fort, dass mich eure Erzahlung von dem gewissen Tode der Koniginn uberzeugt hat? Nein, meine Hoffnung ist starker als jemals, ich will und muss Mariens Aufenthalt ausfindig machen, und war es auch nur um

Um ihre Tochter mit Wohlthaten zu beschamen, setzte die Furstinn hinzu. Aber bedenkt, mein Kind, dass ihre eine Art von Ritterzug auf Unmoglichkeiten unternehmt! Elisabeth ist jetzt sechszehn Jahr, sollte es moglich seyn, dass ihre Mutter in dieser langen Zeit nicht Mittel gefunden hatte sie mit der Nachricht von ihrem Leben zu erfreuen? Ueberdies bedenkt meine Nachforschungen, bedenkt, dass Marie in den Stunden, in welchen sie ganz hulflos war, sich unter Barbaras Handen befand; sollte diese Boshafte ihre Mitbuhlerinn wohl lebendig aus denselben gelassen haben?

Aber, sagte Ida, wie war es moglich, dass die kleine Prinzessinn von ihr verschont wurde, die sich in jenen Augenblicken der Hulflosigkeit sowohl in der Gewalt ihrer Feindinn befand als ihre trostlose Mutter?

War Marie die Mutter eines Sohns geworden, erwiederte die Furstinn, so mochte es wohl anders gegangen seyn: eine Tochter konnte Barbaras weit aussehenden Planen nicht allzugrosse Hindernisse in den Weg legen. Ueberdieses uberraschte sie vielleicht Siegmunds Erscheinung zu schnell, sie glaubte sich vielleicht ein Verdienst bey ihm zu machen, wenn sie, da sie mich, Elisabeths bestimmte Erzieherinn, zu jener Zeit schon vielleicht tod glaubte Mutterstelle bey der kleinen Prinzessinn vertrat.

Es ist schwer, versetzte die tiefdenkende Ida, uber diese Dinge zu sprechen, die Zukunft wird alles aufklaren.

Die Furstinn schwieg und setzte am Ende, auf Idas Bitte, noch etwas weniges von Elisabeths Jugendschicksalen hinzu.

Die kleine Prinzessinn war derjenigen welche ihr nach dem letzten Willen ihrer Mutter auf ihr ganzes Leben zur Fuhrerinn dienen sollte, nur wenige Jahre gelassen worden. Sie ward nach Hofe gefordert um mit dem jungen Albrecht von Oesterreich verlobt zu werden. Siegmund fuhlte es, dass er eine solche Stutze wie Albrechten nothig habe, um sein gesunkenes Ansehen aufrecht zu erhalten. Die Liebe seines Volks war nach Mariens Tode fast ganzlich verschwunden. Barbara musste vom Hofe auf die Guter ihres Gemahls, des im vorigen Theile belobten Peter des Einfaltigen, entfernt werden. Siegmund zog in den Turkenkrieg, und schickte seine Tochter indessen nach Klausenburg, weil Barbara sein Herz mit Verdacht gegen die Furstinn Gara und die Nonnen zu Sankt Nikola erfullt hatte.

Er kam zuruck, seine Gefangenschaft, die Begebenheiten auf dem Schlosse Soklos mit der Furstinn Helena, einer Verwandtinn der Furstinn Rosa Gara, die Abentheuer auf dem Schlosse Cyly und andere Dinge erfolgten, deren wir im ersten Theile gedacht haben, bis es dahin kam, dass Barbara Koniginn, dass sie Elisabeths Stiefmutter ward.

Elisabeths Schicksal wurde dadurch verschlimmert, ihre Einschrankung zu Klausenburg vermehrt, ihre Hoffnungen auf Herzog Albrechten oft verdunkelt. Ihr Herz ofnete sich dem Argwohn und tausend traurigen Vorstellungen. Herzog Albrecht liess wurklich zu der Zeit, da die Reichsangelegenheiten zu Nurnberg und vielleicht auch seine Freundinn Ida ihn zu sehr beschaftigten, weniger von sich horen als sonst. Die Prinzessinn von Ratibor, welche das Ungluck nach Klausenburg gefuhrt und zu Elisabeths Freundinn gemacht hatte, ward mit Hulfe ihrer Mutter die Auslegerinn dieser Dinge, und alles nahm die Wendung, die wir gesehen haben, und die Idas zarte Empfindung fur die Ehre so schmerzlich verletzte.

Sie nahm die damahligen Entschuldigungen der Furstinn, welche beym Ende ihrer Erzahlung erfolgten, so geneigt auf, als ihr moglich war, und entfernte sich.

Zwey und zwanzigstes Kapitel.

Liebe wird nicht mude.

Ida dachte dem nach was sie gehort hatte, und ihr Schluss war am Ende gefasst, sich der Freyheit zu bedienen, die ihr der Erzbischoff zugestanden hatte, und ihre Nachforschungen in den umliegenden Klostern fortzusetzen. Ihre nachste Wahl fiel auf Sankt Emri, ein Kloster, das in dem Ruf stand, schon vor uralten Zeiten einer Koniginn von Ungarn zum Gefangniss gedient zu haben, und das derhalben, wie Ida meynte, dieses traurigen Vorrechts wohl zum zweytenmal geniessen konnte. Dass Marie lebte, in einem Kloster lebte, war ihr nach dem, was Herrmann einst zufallig aus Barbaras Munde gehort hatte, gewiss, und sie baute darauf alle ihre Hoffnungen, Albrechts Auftrage und ihre menschenfreundlichen Wunsche dereinst erfullt zu sehen.

Sie hatte gemeynt, ihre Entlassung von den freundlichen Nonnen zu Sankt Nikola ohne Umschweif zu erhalten, und erstaunte nicht wenig, als ihr die Domina, auf ihre Erklarung sie wolle nach Sankt Emri gehen, versicherte, sie musste hieruber erst zu ihrer Oberinn nach Sankt Annen Bericht erstatten, von welcher sie ihr sehr angelegentlich und unter Bedrohung des erzbischofflichen Banns, wenn sie die Grafinn entkommen liesse, anbefohlen sey.

So war also die gute Ida hier so wohl eine Gefangene als in dem traurigen Annenkloster, nur dass hier anmuthigere Lage des Orts, angenehmere Gesellschaft, und mehrere Beschaftigung fur ihr Herz, ihr die Einkerkerung nicht hatten fuhlbar werden lassen. Der Bericht nach Sankt Annen ward erstattet, und die Antwort kam zuruck: Der Erzbischoff wurde nachster Tage selbst in diesen Gegenden eintreffen, er habe geaussert, dass er die Grafinn von Wurtemberg noch zu Nikola zu treffen und mit ihr uber verschiedene Gegenstande zu sprechen hoffte, daher sie zur Geduld zu verweisen und anzuhalten war, ihm ihre Forderungen selbst vorzutragen, weil sie wahrscheinlich aus ihrem Munde mehr Gewicht bey ihm haben wurden als aus jedem andern.

Wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt mit unsern Lesern uber die Person und das Wesen Bischoff Subinkos umstandlich zu sprechen, und auch jetzt sind wir nicht gesonnen von ihm, der nur eine Nebenperson in unserer Geschichte vorstellt, etwas mehreres zu sagen, als dass es gewiss das erste mahl in seinem Leben seyn mochte, dass er von einer so reizenden Dame wie Ida mit Ungeduld erwartet wurde. Man stelle sich in ihm einen kleinen rothaugigten Alten vor, an dem nichts ehrfruchterweckendes war als die Insul, die seine grauen Haare deckte, einen Mann, der zu seinen Zeiten fur fromm und gelehrt gehalten wurde, aber im Grunde nichts besass als altagliche Monchstugend und Monchsverstand, einen Greis ohne Charakter, ohne Sitten, kurz ohne alles was die Jugend liebenswurdig und das Alter ertraglich macht.

Endlich erschien er zu Sankt Nikola, liess sich ehr bey der Grafinn als bey der Domina und der Furstinn Gara melden, und ward von ihr mit der gewohnlichen Holdseeligkeit empfangen, die alle ihre Handlungen begleitete, und die diesesmahl durch das Vergnugen uber seine endlich erfolgte Ankunft noch erhoht ward.

Endlich, endlich, rief sie, kann ich meine Bitte um Befreyung aus Sankt Nikola, selbst bey euch anbringen!

Befreyung? erwiederte er, ich habe davon gehort! Ihr seyd veranderlich! Diess ist schon das zweyte Kloster, das ihr wahrend eures kurzen Aufenthalts in dieser Gegend uberdrussig werdet! Ey ey! was wollte werden, wenn euch Gott fur euer ganzes Leben zum heiligen Klosterstand berufen hatte!

Ich hoffe, das hat er nicht! erwiederte Ida lachelnd.

Aber wenn nun? wenn nun, meine Tochter?

Ida erschrack; ein solches Wort aus dem Munde des Erzbischoffs von Ungarn und Bohmen, mit einem solchen Tone gesprochen, konnte ihr nicht gleichgultig seyn!

Und dies war leicht moglich, fuhr der Erzbischoff fort, die Sachen eures Propheten zu Prag stehen sehr ubel, unser heiliger Vater hat ihn und alle seine Anhanger in den Bann gethan, mit Muhe ist er dem Scheiterhaufen entkommen, den er aber, so Gott will, dessenohngeachtet Zeit genug finden soll!

Ida weinte uber das Schicksal des redlichen Huss, aus dessen Munde sie so viel Gutes gelernt hatte.

Pfui! schrie der geistliche Vater, nicht diese Thranen! sie machen euch zur doppelten Ketzerinn! getraut ihr euch die Irrlehren dessen zu vertheidigen, den diese schonen Augen beweinen?

Nur horen, nur lernen, nur beklagen kann ich, nicht vertheidigen! Gott ist Richter!

Gut mein Kind, ich sehe ihr seyd sanft und biegsam, eure Sache kann besser werden als ihr denkt. Freylich drohet euch das Schicksal, das alle Anhanger jenes Ketzers betroffen hat. Die gelindeste Zuchtigung ist das Kloster auf Lebenszeit. Kein Kloster, mein Kind, das ihr alle vier Wochen mit einem andern vertauschen konnt, wahrscheinlich das zu Sankt Annen, in welchem, wie ich hore, es euch bey eurem weltlichen Sinn sehr ubel gefallen hat.

Ida weinte und rang die Hande!

Und, fuhr der Bischoff fort, eure Lage wird noch durch einen Punkt verschlimmert, den ich kaum erwahnen mag. Ich hore, ihr liegt unter dem Bann des heimlichen Gerichts! Ey ey! so jung, so schon, dem Anschein nach so unschuldig und eine so grosse, so grosse Sunderinn! Werdet ihr wohl eine andere Wahl haben, als den Tod oder das Kloster?

Subinko sah Idas Angst und wusste sie nach und nach so hoch zu treiben, dass die Unschuldige seine Knie umfasste, und ihn um Rettung anflehte. Mich dunkt, rief sie, ihr seyd nicht hart und grausam, eure Augen sagen mir, dass ihr mir wohlwollet, dass ihr mir gern helfen mochtet, wenn es euch moglich war, und sollte eurer Macht etwas unmoglich seyn konnen? Nur Flucht oder Verbergung bis auf bessere Zeiten! nur Nachricht an Koniginn Sophien, Herzog Albrechten, oder meinen Vater von meinem Zustande! mehr verlange ich nicht! O rettet mich, heiliger Mann! noch einmahl diesen vaterlichen Blick, welcher mir sagt, ihr konnet mein Ungluck nicht wollen.

Sagt er das? erwiederte der Erzbischoff mit unbeschreiblicher Freundlichkeit. Und wenn ich euch nun versicherte, dass dieser Blick nicht trugt, dass ich in der Absicht kam, euch zu retten? dass ich euch beym ersten Anblick, da ihr mir zu Prag vorgestellt wurdet, gewogen war? Ihr hattet das leicht aus der Freyheit schliessen konnen, die ich euch hier verstattete; keine andere an eurer Statt hatte sich so vieler Nachsicht zu ruhmen gehabt. Bedenkt, dass man euch mir als eine Ketzerinn vorstellte!

O so bestattigt meine sussen Hoffnungen, schrie die immer noch kniende Ida, lasset meinem Vater wissen, wo ich bin, bey ihm halte ich mich am sichersten!

Und warum wollen wir die Hulfe so weit suchen? erwiederte er, indem er ihre Hand ergriff, ist es euch um einen Vater zu thun, so kann ich ja selbst diese Stelle vertreten. Sehet, ich werde alt, zwar noch nicht eben so gar alt, aber doch alt genug, um eine schone Pflegerinn zu brauchen, wolltet ihr das wohl seyn? Sehet, ich habe mich jetzt den lastigen Geschaften zu Prag entzogen, lebe in Zukunft auf meinem prachtigen Schlosse am Ufer der Donau, wollet ihr wohl dort die susse Einsamkeit mit mir theilen, so lang ich lebe, meine Freundinn, und nach dem Tode die Erbinn meiner Schatze seyn?

Ida horte voll Aufmerksamkeit zu, ohne recht begreifen zu konnen, was sie gehort habe. Die Tochter eines guten Alten, seine Pflegerinn zu seyn, unter dem Schutze des ungarischen Pabsts bessere Zeiten zu erwarten, war im Grunde fur ihr argloses Herz nichts anstossiges, doch sagte ihr ein inneres feines Gefuhl, und Kenntniss der Sitten ihrer Zeiten, dass dieses nicht ausfuhrbar sey, auch war ihr seine zunehmende Freundlichkeit und der Blick, mit dem er ihr, weil sie kniete, gerad in die Augen sehen konnte, widerlich. Sie zog ihre Hand aus der Seinigen und stand auf; er hatte sie schon zu lang in dieser demuthigen Stellung gelassen, die ihm vermuthlich darum gefiel, weil sie seine kleine Person mit der ihrigen in eine Art von Gleichheit setzte und ihm das Aufsehen zu ihr erleichterte.

Ihr musst nicht zurnen, schone Grafinn, fuhr er fort, indem er sich gleichfalls erhub, und ihre Hand von neuem ergriff.

Ein Kloster, wenn es seyn muss, sagte Ida wird bis zu glucklichern Zeiten der beste Aufenthalt fur mich seyn. Mein Stand

Redet doch nicht von eurem Stande, unterbrach er sie, wir wissen es, dass ihr eine Grafinn von Wurtemberg seyd; aber die Geschichte zeigt euch Personen von weit hoherem Range, welche die Freundschaft eines Bischoffs nicht verschmahten.

Denkt an Mathilden, die Marggrafinn von Toskana, welche es sich zur Ehre schatzte, Pabst Gregor des siebenden geistliche Tochter zu seyn, und derhalben noch jetzt, dreyhundert Jahr nach ihrem Tode hochgepriesen wird.

Hatte der Erzbischoff wohl etwas mehreres nothig, als dieses Gleichniss, um seine Absichten auf die schone Ida vollig klar zu machen? Ida stand starr vor Erstaunen mit niedergeschlagenen Augen, ohne ein Wort zu sprechen. Gluhende Rothe und Todenblasse uberflogen wechselweise ihre Wangen, indess der heilige Mann grinzend zu ihr hinauf sah und ein gunstiges Urtheil aus ihrem schonen Munde zu erwarten schien.

Mathilde von Tuscien? sagte Ida zu sich selbst. Entsetzlich! ich und Mathilde?

Es ist wahr, die Geschichte der Marggrafinn von Toskana und ihres geistlichen Liebhabers war in jenen Zeiten noch nicht so verrufen wie jetzt, aber doch ward sie hinlanglich nach der Wahrheit beurtheilt, um jeder guten Seele Widerwillen einzuflossen. Ida schauerte in sich zuruck, schleuderte die Hand des Erzbischoffs, welche unablassig nach der ihrigen tappte, mit Ungestum von sich, brach in Thranen aus und kehrte ihm den Rucken.

Der verliebte Alte liess nicht ab mit seinen Vorstellungen. Ida gerieth beynahe in Wuth uber seine Zudringlichkeit, wenn sich dieser Ausdruck anders bey ihrer sanften Gemuthsart rechtfertigen lasst. Die Reizung zum Zorn war auf beyden Seiten zu machtig, man sagte sich Bitterkeiten, und schied aufgebracht und drohend von einander.

Drey und zwanzigstes Kapitel.

Auch dem elendesten Stande fehlt es nicht

an Freuden.

Was wird aus mir werden! rief Ida, Gott was wird aus mir werden! Die Rache des Unwurdigen wird mich verfolgen! Nie nie werde ich die wiedersehen, welche ich liebe.

Sie gieng zu der Furstinn Gara, sie Theil an ihrem Ungluck nehmen zu lassen, und ihren Rath zu horen, aber die Worte erstarben ihr auf der Zunge. Sie errothete, dass jemand ausser ihr den schimpflichen Auftrag wissen sollte, den man gewagt hatte ihr zu thun.

Der Erzbischoff ist bey euch gewesen, sagte die Furstinn, habt ihr keine Veranderung in seinem Wesen gemerkt?

Ich kenne ihn zu wenig um urtheilen zu konnen!

Mich dunkt, er war murrisch, niedergeschlagen, verlegen! wisst ihr die Ursach?

Ida errothete; sollte er die Kuhnheit gehabt haben von dem, was unter uns vorging, gegen andere zu sprechen? sagte sie zu sich selbst

Doch ihr konnt sie nicht wissen, fuhr die Furstinn fort, er wird sie niemand sagen und mir hat sie die Aebtissinn nur im hochsten Vertrauen entdekt. Ihr wisst seine Handel mit dem neuen bohmischen Prediger, die auch euch hieher brachten, er hat sie so weit getrieben, dass Konig Wenzel endlich unwillig geworden ist, und ihm, vermuthlich auf Anrathen seiner Gemahlinn, unter den Fuss geben lassen, er mochte sich entfernen. Er ist seiner Wurde in Bohmen so gut als entsetzt. Konig Siegmund schutzt ihn noch; in Ungarn bleibt er noch was er war, aber wie lang?

Ists moglich? unterbrach Ida ihre Freundinn, die Macht des Nichtswurdigen ist gefallen? und ich habe also nichts zu besorgen?

Die Furstinn rechnete Idas Schadenfreude blos auf den Unwillen, den sie wegen vergangener Dinge gegen den Erzbischoff haben musste, und erklarte ihr das deutlicher, was ihr so viel Vergnugen zu machen schien, indessen Ida allen ihren Kummer verschwinden fuhlte, und sich vornahm, ihrer Freyheit zu gebrauchen, und des nachsten Tages ihre Reise nach Sankt Emri anzutreten.

Ihr Entschluss, das Kloster zu verlassen, ward den Nonnen nochmals vorgetragen, und diese versicherten, der Erzbischoff habe befohlen, wenn sie denselben von neuem ausserte, sich ihm nicht zu widersetzen!

So waren also Idas Besorgnisse wegen der ohnmachtigen Drohungen ihres Verfolgers ganzlich gehoben. Der Elende! sagte sie zu sich selbst, so sehr ist seine Macht gesunken, dass er mir nicht einmahl meine kleinen Wanderungen einschranken darf! ich will sie fortsetzen, bis ich gefunden habe was ich suche, und dann ihm und allen Feinden der Unschuld zum Trotz glucklich seyn! Es ist wahr, ich konnte mich gleich auf den Weg nach Italien zu meinem Vater oder nach einem andern selbstgewahlten Sicherheitsort begeben. Aber, nein, ich will meinem Entschluss treu bleiben, will Herzog Albrechts Auftrage ausrichten, und dann erst an mich selbst denken.

Ida reiste ab. Der Weg nach Sankt Emri war nicht klein genug um so wie die schone Wanderinn wunschte zu Fusse unternommen zu werden; sie bekam einen Wagen. Sie bat um die Begleitung einer der Klosterjungfern, aber man antwortete, der Bischoff habe dieses verboten. Seine Macht ist immer noch gross genug, dachte Ida, als sie den Klosterberg hinabfuhr, und der Wagen in das Thal einlenkte, welches Sankt Nikola und Sankt Annen von einander trennte.

Sie erblickte in der Ferne einige Gewappnete, die gegen ihren Wagen daher zogen; ihre Anzahl war zu klein, ihr Wesen zu friedlich, als dass sie sich uber diese Erscheinung hatte beunruhigen sollen.

Sie kamen naher. Ida erkannte die Rustung, die sie des vorigen Tages an den Reisigen des Erzbischoffs gesehen hatte. Ein kalter Schauer uberfiel sie; so wenig ihrer Freunde, so schwach sie auch seyn mochten, sie war doch eine einzelne Dame allemahl unfahig sich zu widersetzen, wenn hier Absichten auf sie statt haben sollten.

Einer von den Reutern, ein alter Mann mit einem ehrlichen Gesicht, nahte sich dem Wagen. Wir sind gesandt euch zur Begleitung zu dienen, sagte er.

Zur Begleitung? wiederholte sie, wohin?

Wohin ihr gedenkt. Ins Kloster!

Gewiss gewiss ins Kloster? fragte Ida Ich beschwore euch, Alter, sagt mir die Wahrheit.

So wahr mir Gott helfe und die heilige Jungfrau! erwiederte er mit auf die Brust gelegter Hand, und einer Miene voll frommer Einfalt.

Ein ehrliches treuvolles Gesicht hat die Kraft, jeden Argwohn zu stillen. Ida glaubte, was man ihr sagte, und beruhigte sich. Auch hatte sie nicht Zeit lang uber ihr Schicksal ungewiss zu seyn, denn die Reise war eher geendigt als sie glaubte. Der Weg nach Sankt Emri war weit, und gleichwohl horte sie, dass einer ihrer Begleiter sagte: Wir sind bald an Ort und Stelle, dort unten erheben sich schon die Klostermauern.

Ida beugte sich heraus und sahe die Spitzen von Sankt Annen. Wohin bringt ihr mich! schrie sie, Ins Annenkloster, wir habens euch schon gesagt. Ich verlange nach Sankt Emri! dazu haben wir keinen Befehl!

Ida wollte aus dem Wagen springen, der Alte, mit welchem sie anfangs sprach, hielt sie zuruck. Sie schalt ihn einen Verrather, ohne zu bedenken, dass sie ihn nicht nach dem Namen des Klosters gefragt habe, und denselben also auch nicht hatte erfahren konnen. Der Alte betheuerte, dass er ihr ihn nicht absichtlich verschwiegen habe. Warum hatte ich es thun sollen? sagte er, ihr waret doch in unserer Gewalt und mustet dahin folgen, wohin es uns befohlen war, euch zu begleiten.

Ida lehnte sich zuruck, und weinte. Der Wagen fuhr zu den geofneten Klosterpforten ein, die bekannten Gesichter der verdrusslichen Nonnen kamen zum Vorschein. Die Grafinn musste aussteigen, und befand sich wieder an dem Orte, den ihr der Aufenthalt von wenig Wochen schon so zuwieder gemacht hatte, und den sie jetzt nicht hoffen durfte so bald zu verlassen, als da sie ihn zum ersten mahle sahe.

Sie ward vor die Aebtissinn gefuhrt. Willkommen, Grafinn, sagte sie. Ich sehe die Nonnen zu Sankt Nikola haben einerley Schicksal mit uns gehabt, ihr seyd ihrer schnell uberdrussig worden. Doch scheint es, der Vortheil ist auf unserer Seite, wir werden zum zweytenmahle besucht, und jene auf immer verlassen.

Auf immer? fragte Ida.

Wenn ich den Worten des Erzbischofs trauen darf! Ihr werdet euch gefallen lassen, die Probezeit bey uns zu halten, und dann soll es euch erlaubt seyn, in unsern Orten zu treten, und Theil an allen Rechten und Freyheiten zu nehmen welche wir geniessen.

Ich bin nicht gesonnen den geistlichen Stand zu wahlen, wenigstens nicht in diesem Kloster.

Ida, ihr nothigt mich Dinge zu sagen, welche euch nicht gefallen werden; soll ich laut davon sprechen, dass ihr von der heimlichen Acht verfolgt werdet, dass euch kein anderes Rettungsmittel fur euer Leben ubrig ist als das Kloster! Keine von meinen Frauleins wird euch Schwester nennen wollen, wenn dieses kund wird. Solche Personen, wie ihr, gehoren in die Kloster der Bussenden. Dankt es der Gnade des Erzbischoffs, dass er euch retten will, dass er von diesen Dingen schweigt, auch mir geboten hat zu schweigen, ich furchte, ihr wurdet sonst selbst in diesen heiligen Mauren nicht sicher seyn!

Ida konnte mit nichts antworten als mit ihren Thranen. Die Domina hielt dieses fur Thranen der Busse, versicherte sie ihrer Gnade, und reichte ihr ihre Hand zum Kuss; ein Zeichen, dass sie schon von ihr als eine der Unglucklichen angesehen wurde, welche unter ihrem geistlichen Scepter standen.

Die Geschichte meldet nicht, ob Ida sich bey dieser Gelegenheit gebuhrlich betrug, und wir haben billige Ursach daran zu zweifeln. Das Ungluck, das sie jetzt betraf, war ihr noch zu neu, dass sie sich darin hatte schicken, oder sich gutwillig vor ihrer strengen Oberinn demuthigen sollen.

Ach, seufzte sie, als sie auf ihre Zelle kam, ich Thorinn, dass ich glauben konnte, die Beleidigung eines geistlichen Fursten wurde mir ungestraft hingehen! ich Thorinn, dass ich die guten Nonnen zu Sankt Nikola verliess, um mich selbst in diesen Kerker zu liefern. Dort hatte mich die Grausamkeit des Erzbischoffs nicht so treffen konnen wie hier, dort hatte ich wenigstens die Furstinn Gara zur Zeuginn, zur Helferinn in meiner Noth gehabt, und hatte man mich ja zum Klosterleben zwingen wollen; so war es doch allemahl besser gewesen dort als hier. O dass ich nicht wenigstens der Furstinn einen Wink von der Scene zwischen mir und meinem Verfolger gab! diess hatte sie doch aufmerksam auf mein Schicksal gemacht, hatte ihr doch Muthmassungen eingeflosst, wenn sie nun erfahrt, dass ich nicht zu Sankt Emri angekommen bin! O der thorichten Sucht nach Wanderungen und Abentheuren! o des unuberlegten Bestrebens andern zu helfen, wenn man selbst hulflos ist! Marie ist tod wie die Furstinn sagt und wie mir selbst jetzt sehr wahrscheinlich dunkt, ich jage ihrem Gespenst nach und sturze daruber in einen Abgrund, aus welchem nichts mich retten kann!

So klagte Ida, bis sie sich uberzeugte, dass Klagen nichts hulfe, und nur Geduld, und Thatigkeit im Stande sey, das Bose zu uberwinden.

Schon der erste Anblick des Klosters zu Sankt Annen und seiner dustern Bewohnerinnen hatte, wie wir wissen, der Grafinn Widerwillen und den Wunsch sich zu entfernen eingeflosst, jetzt da sie diesen traurigen Ort genauer kennen lernte, mehrten sich seine Schrecknisse in ihren Augen. Jenesmahl hatte man ihr mit Achtung begegnet, ihr das beste Zimmer des Hauses gegeben, ihr alle Freyheit gelassen, ihr so viel man sich darauf verstand zu gefallen gestrebt, jetzt war all dieses so ganz anders, jetzt kam zu allen diesen noch der Gedanke: Hier musst du ewig bleiben! und es fehlte wenig, dass Ida unter ihrem Leiden erlag.

Ihr einiger Trost war noch das Probejahr, das sie erst zurucklegen musste, ehe sie das unwiderrufliche Gelubde auszusprechen genothiget ward. Wie viel konnte in dieser Zeit geschehen! Ihr Leben war so voll von wunderbaren und schnellen Aenderungen, dass ihr die Hoffnung zuflusterte, auch hier wurde das Schicksal Zufalle unvorhergesehener Ereignisse einschieben, welche der Sache ein heiteres Ansehen geben konnten!

O Hoffnung, Engel des Himmels, trittst du an die Seite des Leidenden, so ist er schon halb gerettet! Die Schmerzen horen auf an seinem Leben zu nagen, die Ketten werden leicht an seinen Handen. Er fuhlt das Gegenwartige nur halb und lachelt der Zukunft entgegen!

Ida fand es sehr wahrscheinlich, dass ihr binnen Jahresfrist konne geholfen werden, und sie nahm sich vor, um bis zu der glucklichen Rettung, die sie traumte, nicht ganz unglucklich zu seyn, nicht ehe sie erschien vom Gram getodtet zu werden, sich in ihr Schicksal zu fugen, mit heiterer Stirne zu dulden, zu thun, und zu unterlassen, was ihre Zuchtmeisterinnen ihr auflegen und ihr neuer Stand erfordern wurde.

Die Krankungen der unglucklichen Grafinn in diesem Aufenthalt des Schreckens waren unzahlich, wir haben ihn und seine Bewohnerinnen im Vorhergehenden zur Gnuge beschrieben um unsere Leser rathen zu lassen worinnen sie bestanden.

Die Muhseligkeiten des Noviziats wurden der kunftigen Ordensschwester doppelt schwer gemacht, weil sie zu einer ganz andern Art von Geschopfen zu gehoren schien als ihre Gefahrtinnen. Diese Schonheit, diese Herzensgute, diesen frohen Muth zu zerstoren, sie in Hasslichkeit, Mismuth und Feindseligkeit umzuwandeln, dazu gehorten ungewohnliche Anstrengungen, und man vergass nicht sie der Armen in reichlichem Maasse zuzutheilen.

Die erste Halfte des Probejahrs war die peinlichste fur Ida, sie verfloss, wie noch heut zu Tage im Noviziat gewohnlich ist, unter einer Menge zweckloser vergeblicher Arbeiten, die man mit den Geschaften der Wassertragerinnen des Erebus vergleichen konnte; ermudend und ganz ohne Nutzen. Welch ein Gefuhl fur eine so edle, schone, stets nutzlich beschaftigte Seele, ihre Krafte ohne Nutzen verwenden zu mussen, den entfliehenden Tagen kein anderes Zeichen mit geben zu konnen, dass sie dagewesen waren, als ein paar Thranen, kein Denkmahl von ihrem Besuch aufweisen zu konnen als allenfalls Wachsthum in der Geduld.

Diese traurige, Ida in ihrem folgenden Leben ganz unvergessliche nie genug bedauerte Zeit ging endlich auch voruber, und man fing an, der unglucklichen Grafinn edlere, vielleicht eben so beschwerliche, eben so traurige aber doch nutzlichere Arbeiten aufzutragen als die vorigen.

Ida jauchzte, als man ihr bekannt machte, sie sey zur Warterinn der Kranken erwahlt worden. Bekummerte zu trosten, Elend zu lindern, und wo sie es nicht konnte mit den Weinenden zu weinen, war ja immer eine ihrer Lieblingsbeschaftigungen gewesen, wie hatte ihr vor dem Geschafte bange seyn sollen, zu welchem sie jetzt angewiesen wurde.

Doch fand Ida, als sie sich naher mit demselben bekannt machte, dass es nicht so leicht sey, als sie meynte, dass es ein anderes ist Werke der Barmherzigkeit blos nach Wohlgefallen zu uben, und sie als sein eigenes Geschaft ansehen zu mussen. Sie hatte vordem auch wohl Kranke besucht, Verwundete verbunden, und Sterbende getrostet, wie es die fromme Sitte jener Zeiten mit sich brachte, aber weder Tag noch Nacht andere Gegenstande als Leidende zu sehen, nichts als Seufzer zu horen, stets in der Stille des Todes zu wandeln, welch eine Lage fur eines der zartesten fuhlendesten Herzen, die der Schopfer jemahls bildete!

Die ungesunde Lage des Klosters zu Sankt Annen machte die Anzahl der Kranken fur eine einige Warterinn fast zu gross. Doch Idas weise Sorgfalt minderte sie. Es kamen unter den Gesunden wieder Gesichter zum Vorschein, die man seit Jahren nicht gesehen hatte, und die die Schwesterschaft als von den Toden Erstandene begrusste. Die Nonnen zu Sankt Annen waren eben nicht die liebreichsten und verstandigsten Warterinnen, durch ihre Vernachlassigung welkte manches hin und starb, was der Fleis der guten Ida wieder zum Aufbluhen brachte.

Ausser dem Danke der Geretteten ward der Grafinn noch ein Lohn zu Theil, sie lernte im Krankenzimmer Personen kennen, die sie zuvor nie gesehen hatte, und die in vieler Betrachtung die besten des Klosters waren. Die Gekrankten, die Unterdruckten, die Vernachlassigten, wurden nur gar zu bald, bey schlechter Luft, schlechten und abgekurzten Nahrungsmitteln, Bewohnerinnen der Krankenstube, indessen ihre Freundinnen in voller Gesundheit uber sie triumphirten und ihrem Tode entgegen sahen. Ida freute sich, auch an einem Orte wie Sankt Annen, gute Seelen zu finden, sie starkte sie mit physischen und moralischen Heilmitteln und brachte sie ans Licht, fahiger als zuvor das Bose zu ertragen, das ihnen von neuem bevorstand.

Vier und zwanzigstes Kapitel.

Unter den Kranken, deren Anzahl sich jetzt durch die gute Wartung bis auf drey oder viere gemindert hatte, befand sich eine, welche von Anfang Idas besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Eine grosse schweigende Dulderinn, die fur alles Worte hatte, nur nicht fur ihren Schmerz, ihre Krankheit schien unheilbar zu seyn, eine ganzliche Aufzehrung aller Lebenskrafte, jene Ermattung, die eigentlich nur das hohe Alter herbeyfuhrt, zu welchen die gute Nonne noch nicht den halben Weg zuruckgelegt hatte. Ihr Korper war es nicht allein welcher litt; ihre Seele duldete namlose Qualen, nicht von Sorge fur die Zukunft, wie sie zuweilen in Stunden der Vertraulichkeit zu Ida sagte, die Zukunft lag heiter vor ihr in den Gefilden der Ewigkeit ausgebreitet, nein von Erinnerung des Vergangenen, welches, wie zuweilen eines ihrer Worte andeutete, schrecklich fur sie gewesen seyn musste. Sie musste alles verloren haben, was ihr lieb war, musste es auf ungewohnt traurige Art verloren haben, kein Band schien sie mehr an die Erde zu fesseln, und zurnte mit dem Tode, dass er so lang zogerte ihr den Trank des Schlummers und der Vergessenheit zu reichen.

Ida wagte der bescheidenen Fragen viel an sie, aber nie bekam sie befriedigende Antwort. Sie fragte, wie lang sie litte? Lang! war die Antwort. Wie lang sie unter die Kranken gezahlt werde? Seit die Hofnung des nahen Todes mich fast gesund macht. Welchen Stand sie in der Welt behauptet habe? Den elendesten! Was sie verloren habe? Alles!

Die Grafinn hatte den Glauben, dass kein Leiden der Erde ohne Linderung ist, wenn man sich nur nicht scheut seine Wunde der Freundschaft zu enthullen, sie sann Tag und Nacht darauf, ihrer geliebten Kranken ihr Geheimniss zu entreissen, sie las in ihren Mienen, setzte ihre gebrochenen Worte zusammen, und belauschte ihren Schlummer, ob sie nicht endlich etwas wurde ausspahen, ein im Traum entfallnes Wort auffinden konnen, das ihr entdeckte, auf welcher Seite ihrer kranken Freundinn der lindernde Balsam beyzubringen sey, sie bekam sonderbare Muthmassungen, aber diess war auch alles.

Endlich kam sie auf den glucklichen Einfall, Vertraulichkeit durch Vertraulichkeit zu erwecken, und die geliebte Nonne mit ihren eigenen Schicksalen bekannt zu machen. Die Kranke hatte der schlaflosen Nachte viel, oder vielmehr nur die kleinste Halfte der Nachtzeit war bey ihr dem Schlafe gewidmet, die andere fiel einer Art von wachenden Traumen anheim, die zu schrecklich waren, als dass sie nicht die menschenfreundliche Ida auf alle Art hatten storen sollen.

Mitternacht ist voruber, sagte sie einsmahl zu der Kranken, unsere Schwestern schlafen, womit soll ich auch euch den Schlaf herbey rufen? Schlaf auch du, meine Ida, antwortete sie, und lass mich allein wachen.

Ach ich habe so manche Nacht in meinem Leben durchwacht, dass ich wohl gelernt haben kann den Schlaf zu entbehren!

Du? Gluckliche pflegen sanft zu schlafen, wenn die Unglucklichen wachen!

Haltet ihr mich fur glucklich? O solltet ihr die traurige Geschichte meines Lebens wissen! wie oft ich dem Tode nahe war, wie Schande und Verleumdung hinter mir herjagten, wie das Schwerd an einem dunnen Faden uber mir hing, wie ich von denen getrennt wurde, die ich liebte!

Getrennt? durch Tod, Untreu, Verratherey getrennt? O erzehle! solche Geschichten sind gut fur den zu horen, der ahnliches Leiden erfuhr!

Und Ida erzehlte.

Was sie erzehlte und erzehlen konnte, mein Leser, das weisst du, aber die Wurkung, welche die Geschichte auf die Zuhorerinn that, ist schwerer zu errathen, blieb selbst Ida in den ersten Tagen ein Geheimniss. Idas Erzehlung ward zu sehr mit kleinen uns unbekannten Umstanden, mit Fragen von der einen, und Betrachtungen von der andern Seite durchwebt, als dass sie in einer Nacht hatte konnen geendigt werden, auch nutzte die Grafinn nur die Stunden dazu, von welchen sie wusste, dass sie ihre Freundinn allemahl schlaflos zubrachte; wenn der Morgen anbrach, der so manchen Kranken erst den Schlummer mitbringt, dann schwieg sie, die Augen ihrer Freundinn schlossen sich und auch sie legte sich zu einem kurzen Schlafe an ihre Seite.

Der Haupteindruck, den Idas Geschichte auf die Zuhorerinn machte, bestand anfanglich blos in vermehrter Neigung fur die Erzahlerinn, bey einigen Stellen merkte die Grafinn wohl eine Art von Bewegung bey der Kranken, auch wohl einige hervorquellende Thranen, aber sie wusste nicht recht, was sie aus denselben machen sollte. Diese Bewegung, diese Thranen kamen oft an Stellen zum Vorschein, wohin sie gar nicht gehorten, mussten vielleicht durch Nennung eines bekannten Namens, durch Erregung einer verwandten Idee hervorgebracht werden; man kennt die Eigenheiten schwacher Gemuther, auch Ida kannte sie, und war klug genug, sie unbemerkt vorubergehen zu lassen.

Ida war ganz offenherzig gegen ihre Freundinn; was hatte sie fur Ursach haben konnen, ihr einen einigen Umstand ihrer Geschichte zu verschweigen? und wie konnte sie wissen, welcher Theil derselben die Wirkung hervorbringen wurde, welche sie wunschte?

Die Grafinn war in ihrer Geschichte ohngefehr bis dahingekommen, wo Herrmann ihr seine Begebenheiten auf dem Schlosse Cyly erzahlte, und ihre genaue Aufmerksamkeit auf die Zuhorerinn hatte gemacht, dass sie sahe, sie durfe nur einen oder zween Namen nennen um der Kranken einen Seufzer oder wohl gar eine Thrane abzulocken; eine Entdeckung, welche ihr Muthmassungen einflosste, die sie schon oft aus andern Grunden gehabt, aber immer als unwahrscheinlich wieder verworfen hatte. Sie machte die Probe einigemahl und ward ihrer Sache gewiss.

Sie wusste noch zwey Personen in ihrer Geschichte, deren Nennung den heftigsten Eindruck auf die Horerinn machen mussten, wenn sie wirklich diejenige war, fur welche Ida sie nach und nach zu halten geneigt wurde. Sie sparte diese theuren Namen, besonders den einen derselben, sorgfaltig auf einen Augenblick, vermied, sie zu fruhzeitig zu erwahnen, und fuhr, als sie an die Stelle kam, welche sie zu Enthullung des grossen Geheimnisses bestimmt hatte, in ihrer Erzahlung, welche sie jetzt bis auf ihre Ankunft im Kloster Nikola gebracht hatte, folgendermassen fort:

"Ich habe euch gesagt, dass es Herzog Albrecht von Oesterreich war, welcher mich zu Nurnberg in Schutz nahm, und mir in einem ungarischen Kloster Sicherheit zu schaffen versprach. Ich war, wie ihr wisst, durch ganz andere Mittel nach Ungarn gekommen als durch seine Hulfe, aber ich vergass nicht die Auftrage, die er mir in diesem Lande gegeben hatte. O Schwester! Auftrage von der grossten Wichtigkeit, Auftrage, an welchen das Gluck vieler Personen haftete. Soll ich sie euch entdecken? doch ich kann es ohne Gefahr!

Herzog Albrecht Mich wundert, dass ihr diess nicht zu wissen scheint, war der versprochene Gemahl einer liebenswurdigen Prinzessinn, diese Prinzessinn hatte eine Mutter, die man sechszehen Jahr lang fur tod gehalten, von deren Leben man jetzt zu sprechen begunnte; die letzte, diese grosse ungluckliche Dame in diesen Gegenden aufzusuchen, war das mir aufgetragene Geschaft. Herzog Albrechts Braut hiess Elisabeth, ihre Mutter Marie."

Elisabeth? Marie? wiederholte die Nonne mit einem Tone, der sich besser denken als beschreiben lasst.

Elisabeth Konig Siegmunds Tochter! fuhr Ida fort, und Marie, der ungluckliche Koniginn von Ungarn.

Ja wohl unglucklich! rief die Kranke mit zusammengeschlagenen Handen. Aber ihr sprecht von lauter Toden. Marie ist tod, muss tod bleiben! und Elisabeth? sonderbar, sie starb ja in ihren ersten Kinderjahren!

Elisabeth? ihr irrt. Sie lebt, ist die Erbinn von Ungarn, und die Verlobte des edelsten Fursten der Welt

Unmoglich! unmoglich! O dass ihr wahr reden mochtet, dass ich diess liebe Kind noch einmal an meinen Busen drucken konnte!

Ida sah jetzt deutlich, was auch meine Leser sehen, vielleicht schon langst gemuthmasset haben werden. Ihr Herz hub sich vor Freude und Kummer hoch empor, aber sie unterdruckte ihre Gefuhle und fuhr fort.

Wollte Gott, dass ich euch die Prinzessinn, die euch so lieb zu seyn scheint, augenblicklich darstellen konnte, aber sie lebt weit von hier, lebt im Kloster Klausenburg; doch eine Freundinn von ihr, eine Zeuginn ihres Lebens ist in der Nahe, ist zu Sankt Nikola. Die Furstinn Rosa Gara.

Die Furstinn Gara? Traumerinn! auch diese ist tod, ihr wisst, sie starb bald darauf als ich als Marie die junge Elisabeth zur Welt brachte

Die Furstinn Rosa Gara lebt, lebt zu Nikola, ich kam aus ihren Armen in dieses Kloster.

Rosa lebt? meine Rosa Gara lebt? Elisabeth lebt? O Uebermass von Freude! Nein! unmoglich!

Marie war bey diesen Worten ohne Empfindung zuruckgesunken. Die entzuckte Ida knietw an ihrem Lager, strebte sie zu erquicken, und netzte ihre Hande mit ihren Thranen. Meine Koniginn rief sie, theure ungluckliche Marie! erwacht, erwacht zu besseren Tagen!

Marie erwachte, richtete sich hoch auf, sah wundernd um sich her, that neue Fragen, erhielt ihre Beantwortung, konnte der entzuckten Ida nicht mehr verheelen, wer sie war, warf sich in ihre Arme, weinte an ihrem Busen, rief noch tausendmahl, ob es moglich sey, ward uberzeugt, und erlag unter dem Uebermaas ihrer Gefuhle.

Nicht leicht konnte eine der wichtigsten Entdeckungen besser vorbereitet und mit mehr Schonung behandelt worden seyn als diese, und doch that sie die gefahrlichste Wirkung auf das Gemuth der Koniginn.

Sie ward todtkrank, Ida weinte an ihrem Lager und hielt es fur unmoglich sie zu retten. Ach seufzte sie, hatte ich sie nur erst in die Arme ihrer Geliebten liefern, ihr nur noch diesseit des Grabes die Freuden des Wiedersehens gewahren konnen!

Die Grafinn ging zu der Aebtissinn, und bat mit der Demuth, die sie jetzt hatte lernen mussen, man mochte der todtkranken Schwester Veronika (dies war Mariens Klosternahme) vergonnen sich nach Sankt Nikola bringen zu lassen, um in der dasigen gesunden Luft eher zu genesen oder ruhiger zu sterben.

Sie ward mit Ungestum abgewiesen! Man fragte sie, ob ihr die Lust zu wandern von neuem ankame?

Ich bitte nicht fur mich, antwortete Ida, nur fur die Kranke, man vergonne mir, sie dort hinzubegleiten, und nachdem ich den dasigen Warterinnen gesagt habe, wie sie zu behandeln ist, in dieses Kloster zuruckzukehren, das ich in Demuth als den Ort meiner Bestimmung erkenne Die Aebtissinn meynte, an dem Leben der elenden Veronika sey nicht so viel gelegen. Ida merkte, dass Marie hier wirklich nicht unter ihrem wahren Namen bekannt sey, wagte es nicht, sie zu entdecken, und ging traurig nach der koniglichen Kranken zuruck.

Funf und zwanzigstes Kapitel.

Die Schwester Veronika.

Die Grafinn widmete sich ganz der Wartung der erhabenen Marie. Das Schicksal erleichterte ihr dieselbe. Eine der noch ubrigen Kranken starb, die andern genassen, und Ida konnte alle ihre Zeit fur die Koniginn verwenden.

Man dachte im Kloster menschlich genug, sie hierinn nicht zu storen, ihr Noviciat war bis auf wenige Monate verflossen, sie hatte sich untadelhaft in demselben verhalten, und es war wider die Regel, am Ende der Probezeit noch auf neue Lasten fur die kunftige Schwester zu sinnen.

Ida sann Tag und Nacht, wie sie Mariens Schicksal verbessern und sie in Elisabeths Arme bringen konne, ihre vornehmste Hoffnung beruhte auf dem Besuche der heiligen Nikola, den dieselbe, wie dem Leser bekannt ist, jahrlich bey ihrer altern Schwester Sankt Annen abzulegen pflegte, und der nunmehr in wenig Wochen gefallig war. Sie wusste, dass die Prozession diesesmahl nicht so feyerlich seyn wurde wie des vorigen Jahrs, aber es war doch moglich, dass sich unter den Begleiterinnen der Heiligen eine von den Nonnen jenes Klosters befand, die sie vorzuglich liebte, und durch die sie der Furstinn Gara ein vertrautes Wort zuentbieten konnte.

Die Koniginn erholte sich unter ihrer liebreichen Pflege; Ida starkte sie mit umstandlicher Erzehlung der Dinge, die ihr Freude machen konnten, und gab ihr Theil an ihren Hofnungen. Marie lernte jetzt wieder hoffen, sie glaubte so viel verloren zu haben, fand so viel wieder, wie hatte sie nicht hoffen sollen?

Ida wusste aus der Erzahlung der Furstinn Gara viel von den Schicksalen der unglucklichen Koniginn, aber der letztere Theil derselben blieb ihr noch immer ein Rathsel. Niemand konnte es ihr losen als Marie selbst, aber wie sollte sie einer todtschwachen Person eine Erzahlung, wie einem gekrankten Herzen die Erneuerung seiner Leiden zumuthen! Sie schwieg und verschloss ihr Verlangen bescheiden in ihrem Busen, doch konnte es den Augen der sie liebenden Koniginn nicht ganz entgehen.

Ich sehe was du wunschest, meine Ida, sagte sie einsmals, und Gott lob, dass ich dir willfahren kann, ohne mich selbst dabey aufzuopfern, du sollst alles wissen, ich habe es schriftlich verfasst, ach die Feder war ja mein einiger Trost in dieser traurigen Wohnung! ich freute mich meinen stummen Schmerz doch auf einige Art reden zu lassen, doch ein Denkmal meiner Leiden zuruck zu lassen, damit ich dem ungeheuren Strom von Thranen, der auf dieser Welt geweint wird, die meinigen nicht ganz verschlungen, ihre Spur nicht ganzlich ausgetilgt wurde!

Und wo soll ich dies kostbare Dokument von den Leiden einer Heiligen finden? fragte Ida.

Es giebt in diesem Kloster nur einen Ort, der der boshaften Neugier heilig ist! erwiederte die Koniginn, dort habe ich mein trauriges Tagebuch verborgen. Das Grab verhullt meine Geheimnisse! Ich grub mir nach hiesiger Sitte meine Ruhehole selbst, besuchte sie oft, netzte sie mit meinen Thranen und vertraute ihr meine Leiden, du wirst den Ort mit leichter Muhe finden, das Kreutz mit dem Namen Veronika kann dich nicht tauschen, der Mond zeigt dir den Weg.

Es war Mitternacht, alles ruhte im Kloster, und Ida eilte nach dem Kirchhofe. Marie harrte ihrer lange, endlich erschien sie. Du bist lang geblieben, mein Kind, sprach die Koniginn. Das Grab war eingesunken, erwiederte die Grafinn mit etwas erschrockenem Ton, es kostete mir Muhe das Kastchen mit der Schrift zu finden, auch weinte ich im Vorubergehen am Grabe der kurzlich verstorbenen Schwestern einige Thranen!

Setze dich, und lies, sagte Marie, vielleicht dass mir meine Leiden ertraglicher dunken, wenn ich sie durch deine sanfte Stimme hore, und ach, sie sind ja vergangen, und mir lacht, o Gott, so unvermuthet! noch diesseit des Grabes einige Hoffnung!

Ida las. Die Schrift war sorgfaltig in Bley gehullt und wohl conservirt.

Tagebuch der Koniginn Marie.

Ja Schwestern, ich war einst eine Koniginn! die arme von euch so verachtete Veronika trug einst eine Krone. Heil mir! wenn diese Buchstaben vor eure Augen kommen werden, so sind die Leiden, die mir das Diadem brachte, und die Freuden, die ich vergeblich von ihm hoffte, vergessen, der Traum ist getraumt und ich bin zum Leben erwacht. Auch das letzte Ueberbleibsel von mir, dies kleine ruhende Haufchen Asche, auch dies wird erwachen, wird eben so froh erwachen, als eure Gebeine, und wir werden alle Freundinnen seyn!

Schwestern, das hoffe ich gewiss! Ich war keine bose Koniginn, weder Blut noch Thranen haften an meiner Krone als die meinigen. Ich kann meinem Richter froh entgegen gehen! Ich werde selig seyn, Gott, ich werde selig seyn wie ihr!

Ihr wisst den Tag, da ich nach Sankt Annen kam, niemand kannte mich als eure Aebtissinn, die nun auch unter jenem Hugel ruht, und einer andern Platz gemacht hat, welche mich nicht kennt. Ich danke Gott dafur, dass ich ihr und euch allen unbekannt bin. Gott kennt mich, das ist mir genug!

Doch auch ihr sollt einst wissen wer ich war, und durch meine Geschichte Menschlichkeit gegen Unbekannte lernen. Ich war die Gemahlinn eines grossen Konigs, ich wage es nicht seinen Namen zu nennen, ihr konnt ihn rathen. Mein Gemahl liebte mich nicht. Er war mein alles auf der Welt, ich hatte jeden verloren der meinem Herzen nahe war, hatte meine Mutter auch auf eine schreckliche Art verloren; doch liebte er mich nicht, dachte nicht darauf, mir das verlorne zu ersetzen. Ich war nicht schon, war schwermuthig, andere waren schon und froh; die Hand des Unglucks hatte sie noch nicht getroffen und ihren Reiz verheert; dies war mein Verbrechen!

O Barbara, Barbara! du triebst mich aus den Armen meines Gatten, aus dem Schoosse meines vaterlichen Hauses. Ich kam nach Sankt Nikola einer unglucklichen Waise das Leben zu geben, und dann zu sterben! Noch hatte ich eine Freundinn, Rosa war ihr Name, sie begleitete mich nach Sankt Nikola, mir in der Stunde des Leidens und des Todes beyzustehen. Auch dieser Trost war mir entzuckt! Meine Rose neigte sich zu welken, ehe der Augenblick kam, da sie mir Erquickung zuhauchen sollte!

Ach die Furstinn Gara war eine schone lieblich bluhende Rose, war meine Mutter, meine Schwester, meine Freundinn, und auch sie musste ich verlieren! Ich glaubte es nicht, dass diess geschehen wurde; trauerte nur daruber, dass sie eben jetzt leiden musste, so dass weder ich ihr noch sie mir zu helfen vermochte.

Barbara kam, ich kannte ihre Tucke noch bey weitem nicht so wie jetzt. Sie brachte mir Befehl von meinem Gemahl, Sankt Nikola zu verlassen und zu Sankt Emri meine Niederkunft zu erwarten. Ich gehorchte, ich war das Gehorchen gewohnt.

Barbara stand in der Stunde des Leidens allein an meinem Bette. Sie war hart und grausam gegen mich Einsame, versagte mir die Starkungen, derer auch die Geringsten geniessen. Ich gab einer Tochter das Leben, ich dachte an meine ungluckliche Mutter, und nannte sie Elisabeth.

Ich sahe dem Tode entgegen, ich sehnte mich nach seinen kuhlenden Schatten; nur meine Tochter machte mir Kummer. Barbara trat zu meinem Bette, ihr Blick war milder als zuvor. Sie sagte mir, das ich sterben wurde, und fragte wem ich Elisabeths hulflose Kindheit anvertrauen wollte. Meinem Gemahl und der Furstinn Gara, sagte ich! Warum nicht mir? fragte sie mit wutender Stimme.

Sie streckte ihre Hand nach dem Kinde aus, das ich in meinem Armen hielt. Ich erhob ein Geschrey, welches meine Krafte zu ubersteigen schien, es war die letzte Anstrengung der erschopften Natur.

Wir waren nicht so einsam als Barbara meynte. Eine Nonne trat herein, und fragte nach meinem Begehren. Hier, schrie ich, nehmt dieses Kind, und tragt es zu Konig Siegmunden. Die Nonne schien mich nicht zu kennen, Barbara hatte meine Bedienten entfernt, und mich hier fur ein gemeines Weib ausgegeben. Wird mir der Konig auch ohne Beglaubigung trauen? fragte die Klosterfrau.

Ich bin Marie, Siegmunds Gemahlinn, schrie ich, und diess ist seine Tochter!

Entfernt euch heilige Frau, sagte Barbara mit sanfter Stimme, ihr sehet, dass die Ungluckliche raset.

Die Nonne schuttelte den Kopf, nahm das Kind aus meinen Armen und forderte nochmals Beglaubigung.

Die Nonne trug das Kennzeichen ihres Klosteramts, ein Schreibzeich an der Seite, ich forderte den Griffel, und qualte mich diese Worte zu schreiben!

"Siegmund nimm dich meines Kindes an, und uberlass es der Furstinn Rosa Gara!"

Die Nonne wollte sich entfernen! Halt! schrie Barbara, ich bin hier die Starkste, es ist um dein Leben gethan, wo du mir nicht schworst nichts von dem bekannt zu machen was du hier gesehen und gehort hast. Ich werde das mir Anvertraute mit meinem Blute behaupten, erwiederte die heldenmuthige Nonne. Narrinn! schrie Barbara, niemand denkt es dir zu rauben, thue mit dem Kinde was du willst, nur im ubrigen, Verschwiegenheit!

Ich rief der Nonne zu, zu gehorchen, und sich dann mit meiner Tochter eilig zu entfernen. Niemand war hier, der sie vor Barbaras Wuth hatte schutzen konnen, die andern Nonnen waren in der Vesper, waren vielleicht meiner Tyranninn heimliche Freundinnen. Barbara sagte ihr einen der furchterlichsten Eide vor, sie schwur und entrann aus dem Zimmer!

Ich war nun mit Barbara allein doch vor diese Dinge sey ewig ein Vorhang gezogen! Ich ward noch diesen Abend aus Sankt Emri nach dem Annenkloster gebracht, wo Barbara mehr Macht zu haben schien als dort. Sie begegnete mir grausam wegen dessen was ich mit Elisabeth gethan hatte, sie drohte dem Leben des unschuldigen Kindes; sagte, nichts sollte im Stande seyn es zu retten, wenn ich nicht eine Gelubde that, das sie mir vorsagte. Ich war schwach, sehr schwach, gelobte alles was sie wollte, gelobte das Gerucht von meinem Tode zu begunstigen, ewig in den Augen der Welt eine Verstorbene zu seyn, wenn sie nur aufhoren wollte, wider mein Kind zu wuten! Ich fuhlte bereits den Tod im Herzen, wie hatte ich mich weigern sollen ein solches Gelubte zu thun?

Sie ward besanftigt, ging so weit auch mir das zu beschworen, was ich von ihr verlangte.

Man fing an mir gutiger zu begegnen. Die Aebtissinn theilte meine Wartung mit der Grafinn von Cyly, sonst bekam ich niemand zu sehen. Nur einst, als ich bey Nacht allein war, klopfte es leise an die Thur und die hulfreiche Nonne aus Sankt Emri trat herein.

O meine Retterinn! rief ich, woher kommst du? und wo ist mein Kind! Bereits in den Handen seines Vaters, antwortete sie.

O noch nicht, noch nicht sicher genug! rief ich. Warum nicht in den Handen der Furstinn Gara?

Konig Siegmund liebt seine kleine Tochter, lasst sie nicht aus den Augen, auch habe ich Befehl, sie Morgen nach Sankt Nikola zu bringen. Durch List gelangte ich bis zu euch, um euch zu fragen, ob ihr nichts weiter an die Furstinn zu bestellen habt.

Nein!

Nicht ein Wort von eurem Leben? Mein Schwur druckt mich furchterlich, und doch darf ich ihn nicht brechen. Ihr habt nicht geschworen, wie wenn ein Brief?

Ach umsonst! umsonst! auch ich musste schworen. Das Grab ist bereits uber mir geschlossen, ich darf nicht wieder erwachen! Doch! Ein Brief! Setze dich und schreib in meinem Namen, ich bin zu schwach! Ein Brief, der Furstinn meine Tochter zu empfehlen, kann nicht uberflussig seyn. Setze dich und schreib! Richte die Worte ein, dass sie weder deinen noch meinen Eid verletzen, dass sie lauten wie in der Todesstunde gesprochen!

Die Nonne gehorchte, ich billigte, was sie geschrieben hatte, und sie entfernte sich.

Die nachste Nacht erschien sie wieder. Euer Kind ist in den Handen seiner zweyten Mutter, sagte sie.

Was macht sie? was macht meine Rosa?

Sie ist noch sehr schwach! Gott verlangere ihre Tage zum Besten eurer Tochter! Die Furstinn liebt und beweint euch sehr, sie fragte mich viel und ich durfte nicht nach der Wahrheit antworten! O mein furchterlicher Eid! ich werde ihn in die Lange nicht halten konnen! werde euch mein zeitliches15 und ewiges Gluck aufopfern; mein Mitleid fur euch ist zu gross!

Wir weinten lange mit einander! Endlich fing die Nonne von neuem an zu sprechen. Ich hoffe, sagte sie, ihr werdet mich ins kunftige ofter sehen. Konig Siegmund erlaubte mir eine Gnade von ihm zu bitten, weil ich ihm seine Tochter brachte, ich bat nach Sankt Annen versetzt zu werden, es geschah darum, dass ich nahe um euch seyn, euch trosten und helfen konne! Sehet, ich trage bereits die Kleidung der Schwesterschaft.

Aber ich sahe die hulfreiche Nonne von Sankt Emri nicht wieder. Sie wurde meinem Gluck alles aufgeopfert haben; man kam vielleicht ihren guten Absichten auf die Spur, und raumte meine Retterinn aus dem Wege. Mir erlaubte man zu genesen.

Barbara war abgereist. Die Aebtissinn war die einige im Kloster, die mich kannte. Sie ermangelte nicht mich taglich an meinen Eid zu erinnern, und mir Gewissenhaftigkeit zu empfehlen. Die Erinnerung war unnothig. Auch verschwand mir bald alle Lust meinen Stand zu entdecken, da mir das Schicksal alles raubte was mich in die Welt zuruckrufen konnte. Dass Siegmund uber meinen Tod getrostet war, und nur an meiner Feindinn hieng, das wusste ich, die Gesprache der Nonnen brachten mir es oft genug zu Ohren, mein Herz blutete, aber liess sich wohl mein Schmerz mit demjenigen vergleichen, den ich fuhlte, als sich das Gerucht von dem Tode meiner Elisabeth verbreitete? als ich bald darauf auch erfuhr, dass Rosa Gara dahin sey? O Welt! was kannst du noch fur Reitze fur mich haben? alles ist verbluht, alles ist dahin was mir lieb war! Hinuber, hinuber! ins Land des Wiedersehens und der Unverganglichkeit!

Am Tage Maria Himmelfarth

im Jahr unsers Herrn. 1400.

Dieses Blatt sollte ein Tagebuch seyn, wie seine Ueberschrift weiset. Den Anfang dazu schrieb ich 1393 im ersten Jahr meines Aufenthalts zu Sankt Annen, aber wo sollte ich Krafte hernehmen meine lust alles dessen was ich liebe, meine Gesundheit zerstort und meinen Verstand schwankend gemacht? diese Jahre sind mir vergangen wie ein Traum! Gott lob, dass auch schreckliche Traume vergehen, dass unser ganzes Leben ein Traum, und dort das Erwachen ist! Wir begleiteten heute unsere Aebtissinn zu Grabe, auch sie hat nun ausgetraumt, Gott gebe ihr ein frohliches Erwachen! Ihr Gewissen trieb sie nicht in ihren letzten Stunden das zu bekennen, was ich von mir wusste, und ich, Gott, ich muss schweigen! Ich beklage meinen vorigen Stand nicht, aber mein Leben hier in diesem Kloster ist zu elend, fast zu elend fur die, die einst eine Koniginn war. Niemand ist mehr hier der mich kennt, mein Zustand wird dadurch nicht gebessert werden!

Am heiligen Osterabend.

1402

Ach ja er wird schlimmer, taglich schlimmer! ich dachte nicht, dass ich noch einige Stufen tiefer in den Abgrund des Elends hinabsteigen konne. Ich bin krank, bin oft des Verstandes halb beraubt. Die Nachricht, dass Konig Siegmund sich so weit vergessen konnte, eine Barbara neben sich auf den Thron zu heben, hat mich in diesen Zustand gebracht. Gott verFeindesliebe, was mich so denken lehrt, aber er weis, ich bin ein Mensch, habe menschliche Empfindungen. O nur im Grabe ist Ruhe fur meinen Gram! Gott lob, stille Ruhehole, du bist nun zu meinem Einzuge bereit! Nimm hin das einige, was ich auf der Welt habe, meine Geheimnisse und meine Thranen, bald wird auch mein abgezehrter Korper folgen, aber mein Geist wird triumphirend uber dir schweben und ich werde glucklich seyn!

Sechs und zwanzigstes Kapitel.

Abentheuer auf dem Kirchhofe.

Man stelle sich Idas Empfindungen bey Lesung dieser traurigen Blatter vor! Sie hatte die erhabene Leidende vor sich, von welcher sie handelten, sah die Zuge des Grams und des hier beschriebenen Elends auf ihrem majestatischen Gesicht, kannte zum Theil die Urheber ihrer Leiden; was fur Umstande eine Ruhrung bey ihr hervorzubringen, welche der kalte Leser nicht gefuhlt haben kann!

Marie schien weniger von der Erinnerung an diese Dinge gelitten zu haben, das vornehmste ihres Kummers der Verlust ihrer Tochter und ihrer Freundinn war ja, wie ihr Ida versicherte, nur ein Traum gewesen, sie sollte ja diese Lieben wiedersehn! Liebe fur den undankbaren Siegmund und Verdruss uber die Erhebung ihrer Feindinn, waren durch die Zeit geschwacht worden, das vornehmste, was sie zu betrauren hatte, waren verlorne Jahre und geschwachte Krafte des Geistes und des Korpers; Dinge, die sie in ihrer gegenwartigen Verfassung nicht lebhaft genug fuhlte, um sich daruber zu gramen. Sie lag ruhig auf ihrem Bette, und trostete die weinende Ida, welche oft die Schrift hinweglegen musste, um ihren Thranen freyen Lauf zu lassen.

Ida hatte noch eine, noch manche verborgene Ursach Thranen zu vergiessen, ausser dem Mitleide gegen die, deren Geschichte sie eben gelesen hatte. Ihre Hoffnung zu Mariens, zu ihrer eigenen Rettung war weit schwacher, als sie sie der Koniginn vorstellte.

Die Kranke war nicht so stark, als sie sich bey den neuen Empfindungen der Ruhe und der Hoffnung hielt. Bis zu dem Besuch der heiligen Nikola sollte noch mancher Tag verfliessen. Es waren Zufalle moglich, die der Grafinn allein bewusst waren, und die das ganze Gebaude ihrer Plane zerstoren konnten, was fur Stoff zu Besorgnissen fur die bekummerte Ida!

Indessen war Marie doch auch nicht ganz ohne Kummer. Die angstliche Andacht, wie sie zu Sankt Annen gelehrt und von dem besseren Theil der Klosterfrauen geubt wurde, hatte die Begriffe der Koniginn von Recht und Unrecht unendlich verfeinert, sie fing an sich Gedanken daruber zu machen, dass Ida durch sie ihren Stand erfuhr, nannte sich eine Eidbruchige, und klagte uber Verletzung ihres Gewissens!

Ida stellte ihr vor, dass sie eigentlich nichts gestanden habe, dass fast alles nur von ihr errathen worden sey. Und hattet ihr, setzte sie hinzu, hattet ihr es leugnen wollen, wer ihr seyd, wie ihr dennoch auch nicht ohne Gewissensverletzung hattet thun konnen, so wurde ich doch bey meiner Meynung geblieben seyn, und jeden Schritt gethan haben, den ich jetzt thun werde. Glaubt ihr, dass eure zartliche Freundinn, die Furstinn Gara, nicht auf die kleinste Moglichkeit euch zu treffen herbey geeilt seyn, und euch erkannt haben wurde? wurde das Herz eurer Tochter, wenn man sie zu euch gebracht hatte, ihr nicht den Namen ihrer Mutter genannt haben? Und Herzog Albrecht, euer kunftiger Sohn, der so sehr um euch besorgt ist, wurde er nicht, ihr hattet gestehen oder leugnen mogen, Himmel und Erde bewegt haben, euch wieder in eure Rechte einzusetzen und eure Feindinn zu sturzen?

Mich in meine Rechte einzusetzen? Barbara zu sturzen? rief die Koniginn. Nein Ida, das verlange ich nicht, es war sundlich es zu verlangen, denn hierauf habe ich in meinem Eide vornemlich Verzicht gethan. Auch ist die Liebe fur Siegmund zu sehr erloschen, der Hass gegen meine Feindinn zu sehr durch Dankbarkeit gegen Gott meinen Retter getilgt, als dass ich diese beyden trennen sollte. Konnte mich etwas dazu bewegen, so war es Sorge fur Siegmunds Gluck, welcher unbesorgt an der Seite einer Tiegerinn ruht, und endlich auch von ihr konnte zerfleischt werden. Doch nein, Barbara liebt ihn, beging ihm zu Liebe so manches Verbrechen, wie sollte sie ihr eigenes Gebaude zerstoren, und auf das Verderben ihres Lieblings denken. Nein, Siegmund ist sicher vor ihren Tucken, auch kann sie sich dereinst bessern, hat sich vielleicht schon gebessert, und ich kann ruhig den Plan ausfuhren, den ich mir zu meinem Gluck gemacht habe. Hore, worin er besteht. Ich werde nach Sankt Nikola gebracht werden, werde meine Rosa, bald darauf auch meine Elisabeth wiedersehen. Bin ich stark genug, die schweren Scenen der Freude, die mir hier bevorstehen, zu uberleben, so steht mir noch ein Gluck bevor, ich werde Herzog Albrechten, meinen theuren unbekannten Sohn, meinen Retter umarmen. Ja er ists, er ist mein Retter! ohne ihn hatte ich meine Ida, meine Aerztinn, meine Trosterinn, meine Befreyerinn nicht kennen gelernt, er schickte mir sie zu Hulfe! Ich lebe dann im Schoos meiner Lieben ganz ruhig zu Sankt Nikola, bis Albrecht Elisabeths Gemahl wird, dann folge ich meinen Kindern verborgen, ganz verborgen nach Oesterreich; ein ruhiges Kloster nimmt mich auf, taglich besuchen mich meine Theuren, und ich sterbe einst froh in ihren Armen. O welch ein Gebaude von Gluckseeligkeit! sollte sich kein Ungluckswind erheben es einzusturzen?

Ida bestarkte die Koniginn in ihren sussen Traumereyen, und strebte alle ihre Besorgnisse zu vernichten. Die Hoffnung wiegte sie gegen den Morgen in einen sussen Schlummer, aber ihre Trosterinn vermochte nicht zu schlafen. Neue Sturme schienen sich fur sie zu erheben, die alle heitere Aussichten zu verdunkeln drohten, sie hatte in dieser Nacht Entdeckungen gemacht, die sie der Koniginn aus Furcht sie zu beunruhigen verschwieg; sie waren es, die ihre Ruckkunft vom Kirchhofe verzogerten, und ihr einen Anstreich von Besturzung gaben, der nur fur die mit andern Gedanken beschaftigte Marie unmerklich seyn konnte.

Es ist nothig hier meine Leser einige Schritte zuruck zu fuhren. Ida wandelte, als sie von der Koniginn nach dem Kirchhofe geschickt wurde, ruhig mit Gedanken des Todes und der Auferstehung unter den Grabern dahin, ihre Augen lasen im Mondesschimmer an den weissen Kreuzen den Namen mancher Nonne, die auch sie gekannt hatte, einige unter ihnen waren in dem letzten Theil ihres Noviziats auch von ihren Handen gewartet und zur ewigen Ruhe eingesegnet worden, und ihre Thranen, so wie sie bey ihrer Ruckkunft zur Koniginn sagte, flossen im Verbeygehen ihrem Andenken. Den Namen Veronika konnte sie lang nicht finden, die Eigenthumerinn dieser Ruhestatte war zu lang im Krankenzimmer verschlossen gewesen, um sie in Ordnung zu halten, und keine freundschaftliche Hand vertrat ihre Stelle. Der aufgeworfene Hugel war eingesunken, das Kreuz lag auf dem Boden, und Ida hatte es nicht gefunden, wenn sie nicht klug genug gewesen war, es eben an diesem Umstand zu erkennen. Sie richtete das Kreuz empor, ofnete die Hole, fand die Schriften, und war eben im Zuruckgehen, als ein Gerausch an der Seite der Kirchhofsmauer sie aufmerksam machte.

Es war in den damahligen Zeiten ein doppeltes Verdienst fur ein Madchen, Muth genug zu haben in der Mitternachtsstunde unter Grabern zu wandeln! die Sage, dass zu dieser Zeit die Geister der Verstorbenen zwischen den Todenhugeln schweben, und ihre modernden Gebeine besuchen, hatte damahls noch nichts von ihrem Ansehen verloren, stellte auf gewisse Art einen Glaubensartikel vor.

Die fromme Ida glaubte diesen Satz so wie jeden andern, der ihrer Tugendliebe nicht widersprach und ihrem Hang zur Schwarmerey etwas verwandt war, von ganzem Herzen; und man hat sich also nicht zu verwundern, dass sie bey dem Sauseln, das sie umwehte, Schauer und Ahndung der Gegenwart eines Unsichtbaren fuhlte.

Sie hatte Muth genug nicht zu fliehen; wofur hatte die Unschuld fliehen sollen? diese Graber konnten, wie sie meynte, nur von seligen Geistern umschwebt werden, und Ida fuhlte, dass sie eine Verwandte der Engel sey. Sie stellte sich unter den bejahrten Flieder, der an der Kirchhofmauer stand, und mit ihr an Hohe zu wetteifern schien.

Das Rauschen ward starker, uber ihr wankten die Blatter, und unter ihr der Schatten, den der Mond auf den Boden mahlte. Es war nicht der Wind, der dieses Sauseln verursachte, gewisse Nebentone mussten ihre Furcht bestarken. Jetzt litt der Stamm, an den sie sich lehnte, einen gewaltigen Stoss, und im nemlichen Augenblicke senkte sich wenige Schritte von ihr mit einem ziemlichem Getose eine Gestalt herab, die nun lang und furchterlich im Mondglanz da stand. Ida wollte und konnte jetzt nicht fliehen. Das, was sie sah und bald darauf horte, stimmte so wenig mit ihren Ideen von Geistererscheinungen uberein, dass eine ganz andere Art von Furcht als die vor Gespenstern in ihr rege ward. Sie war der Erscheinung zu nahe; eine Bewegung konnte sie verrathen, nur der Schatten, in dem sie stand, und die ausserste Stille schatzte sie vor der Entdeckung.

Hier heruber! flusterte die lange Gestalt, indem sie aufwarts nach dem Gipfel des Baums sah. Haltet euch an diesen starken Ast, und dann ein herzhafter Sprung, so seyd ihr wo ich bin. Das Gerausch uber der zitternden Ida vermehrte sich, der vorige Schall liess sich zum zweytenmahl horen, und noch ein Mann sprang zu dem vorigen herab. Ihr seht also doch wohl, sagte der Erste, dass unser Unternehmen keine Unmoglichkeit ist! Gott gebe es? sprach der andre mit leiser Stimme. Nun kommt auch und hort das weitere, fuhr der Erste fort. Sehet dort, die vergitterten Fenster, wo das schwache Lampgen glimmt, es sind die Fenster des Krankenzimmers, wo sie sich jetzt meistens aufhalten soll, sie sind nicht zu hoch uber der Erde, dass wir die Manner entfernten sich im Gehen und Ida konnte nichts weiter vernehmen. Gern war sie geflohen, aber einestheils Neugier, anderntheils Furcht hielt sie zuruck, sie hatte bey diesen Leuten, welche keine gute Absicht zu haben schienen, vorbey streichen mussen, wenn sie zum Eingang ins Kloster hatte kommen wollen. Der Ort, wo sie verborgen stand, war sicher, und sie blieb.

Die Manner kamen jetzt zuruck, das Gesicht des einen schien ihr bekannt zu seyn, der andere hatte sich fest in seinen Mantel gehullt. Sie selbst mit in unsern Anschlag zu ziehen, war freylich das beste, sagte der erste im Vorubergehen, aber wie soll man sie treffen? Das Fest der Heiligen Nikola ist, wie ihr sagt, vor der Thur, war die Antwort, die Nonnen sollen alsdann hier mehr Freyheit haben, man kann sie vielleicht einmahl im Garten, einmahl hier auf dem Kirchhof sprechen!

Warum erst sprechen? fragte der erste, nicht lieber gleich handeln? Die Einkleidung wird nicht lang mehr verschoben werden, wir haben keine Zeit zu verlieren!

Die Manner waren nicht weit von dem Orte, wo Ida sich verbarg, im Mondschein stehen geblieben, sie verstand alle ihre Reden, merkte, dass sie die Person war, von welcher man sprach, und ach, erkannte das Gesicht des einen! es war einer der Reisigen des Erzbischoffs, welche sie in dieses Kloster gebracht hatten.

Sie schauerte in sich zuruck, der Urheber des Anschlags war ihr nun kein Geheimniss mehr, es ward ihr klar, dass ihr alter Verfolger, in der Hoffnung getauscht, dass das elende Leben zu Sankt Annen sie fur seine Wunsche erweichen wurde, es nicht auf das ausserste kommen lassen, sie lieber vor der Einkleidung entfuhren, als die, welche er zu seiner geistlichen Tochter erkohren hatte, auf ewig verlieren wollte. Die Manner, welche weiter gegangen waren, kamen jetzt wieder bey Idas Baume vorbey, sie nannten den Namen des Erzbischoffs, und bestarkten dadurch das zitternde Madchen in ihren Vermuthungen, die doch im Grunde wenig Wahrscheinlichkeit hatten. Der Erzbischoff hatte in diesem ganzen Jahre keine Neugier merken lassen, wie sie gegen ihn gesinnt sey, und ob das Leben zu Sankt Annen sie gefalliger gemacht habe; wahrscheinlich war sie, wenn er seine Absichten noch nicht aufgegeben hatte, als Nonne noch mehr in seiner Gewalt, als im weltlichen Stande; warum hatte er also ein so unheiliges Mittel, als die Entfuhrung, ergreifen sollen, sich ihren Besitz zu versichern?

Ida bedachte das nicht, sie nahm den Augenblick wahr, da ihre Entfuhrer auf der entgegengesetzten Seite des Kirchhofs wandelten, schlupfte schnell in den Kreuzgang, warf die Thur hinter sich zu, und gelangte fast ausser Athem bey der Koniginn an, welche zwar uber ihr Ausbleiben, welches langer als eine Stunde gedauert hatte, befremdet war, die aber doch, wie wir gesehen haben, der Sache nicht weiter nachforschte, sondern sich von ihr die Schriften vorlesen liess, welche Ida uber die letzte Begebenheit fast aus der Acht gelassen, aber zum Gluck sie doch fast maschinenmasig mitgebracht hatte.

Ida las. Das Schicksal der unglucklichen Koniginn machte doppelt starken Eindruck auf sie, wenn sie bedachte, wie man darauf sonne, der erhabenen Leidenden auch ihren letzten Trost zu rauben. Was sollte aus Marien werden, wenn diejenige von ihr genommen wurde, welche jetzt ihr ganzes Schicksal in Handen hatte? was wurde aus ihr geworden seyn, wenn sie diese Nacht von ihren Verfolgern entdeckt, davon gefuhrt, und von der Kranken vergeblich erwartet worden war?

Mit Muhe hatte die Grafinn so lange als die Koniginn wachte das Uebermaas ihrer Gefuhle unter der Hulle der Ruhrung uber das Gelesene verborgen, jetzt da diese schlief, liess sie ihren Empfindungen freyen Lauf, und erlag fast unter der Vorstellung desjenigen, was ihr und ihrer koniglichen Freundinn bevorstand.

Wenn nur erst der Tag der heiligen Nikola vorbey war, sagte sie zu sich selbst, dass ich Mariens Geheimniss enthullt und ihr Schicksal sicher gestellt hatte, mich selbst sollte dann, wenn andere Hulfe zu lang zogerte, wenigstens die Beschleunigung meines Gelubdes schutzen. Lieber ewig eine Bewohnerinn dieses abscheulichen Klosters, als die Mathilde dieses Gregors!

Ida schlich ans Fenster, um zu sehen, ob ihre Verfolger noch auf dem Kirchhofe weilten. Alles war stille, doch entging ihr nicht die Bemerkung, dass die Ausfuhrung eines klug ausgedachten Anschlags hier nicht unmoglich sey. Die Fenster waren nicht allzuhoch uber der Erde, die Stabe hier und da vom Rost gefressen, auch konnte sie von oben herab bemerken, dass die Mauer hinter dem Baume, unter welchem sie diese Nacht Schutz fand, schadhaft und nicht schwer zu ubersteigen sey.

Ach, Flucht war bey einer Kuhnheit vielleicht ihr selbst moglich gewesen, aber wo liess sich bey Mariens Schicksal, das an das ihrige gebunden war, nur so ein Gedanke fassen!

Sieben und zwanzigstes Kapitel.

Ida hat Anfechtung.

Die Grafinn wandte den ubrigen Theil der Nacht an, ihre Entschlusse zu fassen, und der Morgen war nicht so bald angebrochen, als sie zu der Aebtissinn eilte dieselben auszufuhren Sie meldete die Begebenheit jener Nacht mit Auslassung der Umstande, welche der Leser errathen wird, auch hutete sie sich den Namen des Erzbischofs zu nennen. Es war ihr noch im Gedanken, was sie aus dem Munde des neuen16 bohmischen Predigers in Prag oft von dem Leben der Geistlichkeit, und dem geheimen Einverstandniss der Nonnen mit ihren geistlichen Obern gehort hatte, sie wusste nicht, wie weit man hier die Anschlage, welche sie dem Erzbischof zutraute, begunstigen wurde, und liess es also bey der allgemeinen Nachricht.

Sie ward sehr wohl aufgenommen, man freute sich, dass Ida doch noch endlich ein Gefuhl ihres Berufs zum Klosterleben zeigte, und ermahnte sie zur Bestandigkeit. Es ward Anstalt zur Besserung der Klostermauer gemacht, und man hielt es fur gut die Warterinn nebst ihrer Kranken aus dem gefahrlichen Zimmer hinwegzunehmen, welches sie bisher bewohnt hatten, und ihnen ein besseres einzuraumen.

Die Gnade, welche die Grafinn sich durch diesen Zug erworben hatte, war so gross, dass auch Marie derselben genoss, es geschah mehr zu ihrer Erquikkung als Ida die ganze Zeit uber von dem Geiz der Nonnen hatte erlangen konnen.

Der Tag der heiligen Nikola brach an. Idas Herz schlug starker. Die Nonnen des benachbarten Klosters erschienen. Marie, welche jetzt so viel Kraft hatte am Fenster zu sitzen, sahe sie kommen und horte ihre Gesange. Gehe, mein Kind, sagte sie zu der Grafinn, damit du keine Zeit versaumest, unsern Anschlag auszufuhren! wer weis wie wenig der Augenblicke seyn werden, die du zu einem vertrauten Gesprach mit unsern Retterinnen nutzen kannst!

Ida ging. Sie hatte besorgt, sie wurde als eine Novize von der Versammlung der Nonnen ausgeschlossen werden und sich zu Betreibung ihrer Angelegenheiten nur eines gunstigen Ohngefehrs bedienen mussen; aber das Andenken an die Begebenheit auf dem Kirchhofe machte, dass man sie schon im Voraus die Rechte der wirklichen Klosterfrauen geniessen liess. Sie hatte gefurchtet, man mochte ihre Anwesenheit in diesem Kloster verbergen wollen, weil sie durch eine Art von Entfuhrung dahin gekommen war, aber sie fand, dass sich die Dienerinn Sankt Annens einen Triumph daraus machten, der heiligen Nikola eine Nonne abspenstig gemacht zu haben, und dass sie sich des gar hoch ruhmten, der weltlichen Grafinn von Wurtemberg ihren Beruf zum Klosterleben begreiflich gemacht zu haben.

Eine Ankundigung dieser Art musste einen widrigen Eindruck auf die Nikolaitinnen machen; sie misgonnten ihren Schwestern die Eroberung, sie waren gutherzige Geschopfe, aber doch nicht ganz frey von jenem Laster, dem Neide, der zwischen Klostermauern wie in seinem eigenen Geburtslande, besonders leicht erwachsen und gedeihen soll. Das hatte ich nicht gemeynt, sagte eine der vornehmsten Nonnen der heiligen Nikola zu Ida, dass die Grafinn von Wurtemberg, wenn es ihr je einfallen sollte, den Schleyer zu nehmen, ein anderes Kloster wahlen wurde, als das unsrige! O, erwiederte Ida, solltet ihr meine Geschichte wissen! Die Blicke der Klosterfrauen, welche anfangs einen Anstrich von verachtendem Unwillen hatten, verwandelten sich in Mitleid! Noch eine Frage schwebte auf ihren Lippen, und Ida, welche keine Zeit zu verlieren dachte, rustete sich schon, ihr einige Winke von dem Geheimnisse zu geben, welches ihr auf dem Herzen lag, als eine der Nonnen zu Sankt Annen herzutrat, ihr Gesprach zu storen; man hielt es nicht fur gut, die neue Schwester, welche sich so gut anliess, mit den angenehmen Verfuhrerinnen von Sankt Nikola viel allein sprechen zu lassen, und bewachte beyde so sorgfaltig, dass Ida zweifelte, ob und wie sie ihr Geschaft wurde ausrichten konnen. Sie stahl sich auf einige Augenblicke zur Koniginn, entdeckte ihr ihre Zweifel, ihre Vorschlage, erhielt Einwilligung, und kehrte wieder zuruck.

Um Gotteswillen, flusterte ihr die Nikolaitinn entgegen, welche in einem Winkel des Kreuzganges auf sie gewartet zu haben schien, um Gotteswillen, wie seyd ihr in dieses Kloster gekommen? die Furstinn Gara und wir andern alle forschten uberall nach euch, und hatten euch an jedem andern Orte eher als hier gesucht! sagt, wie kommt ihr hieher?

Nicht viel besser als durch Gewalt, erwiederte Ida. Sie wollte noch etwas hinzusetzen, aber schnell ward sie zur Aebtissinn gefordert, und das Gesprach hatte wieder ein Ende.

Bey der sparsamen Mahlzeit, wo Ida ebenfalls von hundert Augen bewacht ward, that die Aebtissinn der kunftigen Schwester die Ehre, sie offentlich zu ruhmen, wie sie sich so freywillig der heiligen Anna gewidmet, sich im Noviziat so wohl betragen, und jungsthin so gar einen Anschlag, sie aus dem Kloster zu entfuhren, entdeckt habe. Ich bitte euch, meine Schwestern, setzte sie mit andachtiger Miene hinzu, bittet Gott und unsere Heiligen, dass sie bis zum Tage ihrer Einkleidung, den wir heute uber vier Wochen, wird seyn Sankt Scholastika Tag ansetzen, ohne Anfechtung bleibe und dieser bosen Welt ganzlich entruckt werde.

Die Nikolaitinnen wagten die Bitte bey der Feyerlichkeit erscheinen zu durfen, aber man fand dieselbe wider die Regel, und sie ward abgeschlagen.

Erst gegen den Abend hatte Ida Gelegenheit ihrer Freundinn der Nonne von Sankt Nikola im Fluge diese Worte zu sagen: Meldet der Furstinn Gara, Ida habe Marien gefunden, sie sey hier im Kloster und erwarte schleunige Hulfe! Die Nonne, welche mehr von diesen Dingen zu wissen schien, als die Grafinn dachte, hub Augen und Hande mit einem Blick voll Dank und Verwunderung gen Himmel. Kann ich euch ganz ohne Gefahr trauen? fragte die erfreute Ida? die Nonne antwortete mit einer jener redlichen truglosen Mienen, welche zu fragen scheinen, wie Mistrauen moglich sey? Ida forderte keine andere Beglaubigung. So nehmet diese Schriften, fuhr sie fort, und gebt sie der Furstinn Gara. Empfehlt ihr Eile; noch einmahl: Marie lebt und ist hier im Kloster, aber sie ist sehr schwach.

Kaum hatte die Nonne so viel Zeit das Tagebuch der Koniginn, welches ihr die Grafinn auf Mariens Erlaubniss uberreichte, unter ihr Brusttuch zu verbergen, denn eben erschien eine Abgesandte von der Aebtissinn, welche die Novize mit einem verdrusslichen Tone erinnerte, es wurde Zeit seyn, sich in ihre Zelle zu verfugen, man habe sich der heute vergonnten Freyheit mit zu weniger Massigung gebraucht um derselben langer geniessen zu durfen.

Ida verfugte sich zur Koniginn ihr Nachricht von ihren Verrichtungen zu geben. Sie sprachen bis tief in die Nacht uber diesen Punkt, sorgten, zweifelten, ob alles auch recht ausgerichtet, recht verstanden nichts entdeckt worden seyn mochte, und mussten endlich ihre Zuflucht zu der Hoffnung nehmen, der Himmel werde das ausgestreute Saamenkorn, nicht zertreten oder vom Winde verweht werden lassen.

Meine Tochter, sagte die Aebtissinn des andern Tages zu Ida, als diese auf Befehl bey ihr erschien, wir hatten gestern gute Ursach euch vor unsern ausgearteten Schwestern zu Sankt Nikola zu warnen. Es ist nicht unmoglich, dass sie mit euren Entfuhrern ein heimliches Verstandniss haben; bedenkt ihr sundliches Verlangen bey eurer Einkleidung zu seyn, und uberdies will die Schwester Margarethe gesehen haben, dass die von jenen Nonnen, welche zuletzt mit euch sprach, ein Papier in ihrem Busen verborgen hatte, vermuthlich ein verfuhrerischer Brief von euren Weltfreunden, welche euch zu sich zuruck locken wollten.

Ida wusste wohl, was dieses fur ein Papier gewesen war; sie zitterte, man mochte Mariens Schriften entdeckt und ihrer Freundinn abgenommen haben. Sie errothete vor Angst, und konnte kaum die Frage stammeln: ob man wurklich etwas verdachtiges von dieser Art bey der Nonne gefunden habe! Ey bewahre Gott, nicht gefunden! erwiederte die Domina, unsere Hande strecken sich nicht nach solchen unheiligen Dingen aus, alles blos Muthmassung, wahrscheinliche Muthmassung! Aber sagt mir doch, denn die Veranderung eurer Farbe konnte mich auch wohl auf euch argwohnisch machen sagt mir doch, was sprach denn jene Nonne gestern Abend mit euch?

Sie sie sie bat mich einen Spaziergang mit ihr auf den Kirchhof zu machen, stammelte Ida!

Immer besser! erwiederte die Alte. So wars dann um euch gethan gewesen; denn wisset, ungluckliches Kind, dem der Satan so sehr nachstellt, wisset, unsere Mauern sind euren Feinden nicht zu hoch, gestern Abend ist eine unserer Schwestern von zween Mannern erwischt und nach einer angelegten Leiter geschleppt worden. Vor Angst hat sie nicht schreyen konnen, aber der entfallene Schleyer hat sie gerettet. Der Abdruck der Andacht und Heiligkeit in ihrem Gesicht hat die Entfuhrer zuruckgeschreckt. Furwahr eins der grossten Wunder der heiligen Anna!!! Der Streich hat ohne Zweifel euch gegolten, und ein entfallner Schleyer hatte euch nicht retten konnen; euer Gesicht ist noch zu weltlich um diesen Grad von heiliger Ehrfurcht einzupragen. Nun, gramt euch daruber nicht; Jahre und ernste Kasteyungen werden auch bey euch das ihrige thun!

So traurig und Angstvoll auch Ida war, so konnte sie sich doch bey diesen Worten nur mit Muhe eines kleinen Lachelns enthalten.

Ihr seht, fuhr die Aebtissinn fort, wir fangen an, mit euch vertraulicher umzugehen, euch gleichsam schon als einer Schwester zu begegnen, und ich muss euch daher sagen, dass die Spuren der Nachstellung noch merklicher werden. Diesen Morgen hat man zween Stabe vor den Fenstern des Krankenzimmers zerfeilt gefunden, ihr werdet euch, bis zum Tage eures Triumphs uber die Welt, sehr eingezogen halten mussen. Doch trostet euch, unser Schutzherr der Erzbischof soll alles wissen, und euch schon Sicherheit schaffen.

Der Nahme des Erzbischoffs machte, dass Ida mit dem hochsten Ausdruck von Angst die Hande zusammenschlug. Die Domina ward durch diese Geberde, deren wahre Deutung sie nicht kannte, sehr erbaut, und entliess die Novize gnadig!

Acht und zwanzigstes Kapitel.

Gelungene und verungluckte Anschlage.

Angst und Besorgnisse waren Idas und Mariens Gefahrtinnen, in der Zeit der Erwartung, was die erhaltenen Nachrichten zu Sankt Nikola mochten ausgerichtet haben.

Eine lange traurige Woche verfloss, ehe sich nur eine Spur der Hoffnung zeigte. Am Ende derselben ward Ida zu der Aebtissinn gefordert.

Meine Tochter, sagte sie, horet sonderbare neue Zeitungen. Eure Feinde, welche sehen, dass sie euch mit Gewalt nicht eurem heiligen Beruf entreissen konnen, nehmen ihre Zuflucht zur List, aber der Heiligen Anna sey Dank, dass wir hier listiger sind als sie, und ihre Anschlage zu vernichten wissen.

Ida zitterte; sie sahe ein Schreiben mit dem erzbischoflichen Siegel in den Handen der Aebtissinn.

Dass die Nikolaitinnen zu den Mitverschwornen wider das Heil eurer Seele gehoren, fuhr die Domina fort, das ist uns nun unwidersprechlich erwiesen. Die Furstinn Gara, welche sich in jenem Kloster aufhalt, sandte uns diesen Morgen diesen Befehl von der Hand unsers heiligen Vaters, welcher euch mit gebuhrender Ehrerbietung zu lesen erlaubt wird.

Ida empfing das Blatt, wie sie musste, mit halbgebognem Knie, und las:

"Heilige und in Gott andachtige Mutter, Frau und Oberinn des Klosters zu Sankt Annen: Unsern Grus, und alles Gute zuvor.

Ihr werdet angewiesen, Angesichts dieses, den Nonnen zu Sankt Nikola euren Schwestern, die in eurem Kloster lebende heilige Frau Sankt Veronika, welcher Schwachheit halber diese Veranderung gestattet wird, samt ihrer Warterinn, der jungen Novize N. N. (mit ihrem Weltnahmen Ida von Wurtemberg genannt,) unwegerlich ausfolgen zu lassen. Woran, wenn ihr solches thut, geschieht unser ernstlicher Wille." u.s.w. Subinko, Erzbischof.

Die Grafinn zitterte vor Freude und vor Angst, sie gab das Schreiben zuruck, ohne ein Wort vorbringen zu konnen.

Euer Zittern, euer Stillschweigen, sagte die Domina, verkundigt uns eure Gedanken, aber sorget nicht, mein Kind ihr bleibet bey uns, der heilige Vater giebt uns in seinem Schreiben selbst einen Wink was wir zu thun haben. Hier diese Charakter, welche ausser mir und seiner Heiligkeit niemand verstandlich sind, und die wahrscheinlich die Nonnen zu Sankt Nikola so wenig wahrgenommen haben als ihr, verkundigen uns seine wahre Willensmeynung.

Ida sah in dem ihr zum zweytenmahl dargereichten Schreiben eine Reihe kleiner Figuren, welche sie zu den damals gewohnlichen Briefzierrathen gerechnet und fur unbedeutend gehalten hatte. Ihre Angst wuchs und sie vermochte nichts weiter als die heilige Mutter mit einem furchtsam fragenden Blicke anzusehen.

Ihr versteht nichts von diesen Dingen? sprach die Alte mit einem wichtigen Lacheln, ja ich glaube es euch. Diese Chiffern heissen ohngefehr soviel, als: Veronika sey den Nikolaitinnen ohne Weigerung zu uberlassen, hingegen die junge Novize N. N., welcher Sr. Heiligkeit mit besonderer Hulde zugethan verbleibe, unter einem schicklichen Vorwand zuruckzubehalten.

Diesem zu folge, fuhr die Domina fort, wird die kranke Nonne, mit welcher ihr euch lang genug gequalt habt, diesen Vormittag den Abgeschickten der Furstinn uberlassen werden; es ist gleich viel, ob sie zu Sankt Nikola oder zu Sankt Annen begraben wird. Ihr aber werdet hier bleiben, und den Tag, der euch vor allen Versuchungen der Welt und des Satans befreyen wird, mit Geduld erwarten. Die Nahe eurer Einkleidung ist der schicklichste Vorwand, den man der abgeschlagenen Forderung, so weit sie euch betrift, geben kann!

Idas Herz wollte bey Anhorung dieser Worte zerspringen. Freude uber die Rettung der Koniginn, Kummer sich von ihr trennen zu mussen, und halbe Verzweiflung, dass ihr nun nichts ubrig sey, als die Annehmung des Schleyers, sturmten auf sie ein, sie schwankte, und schien ohnmachtig zu werden.

Nicht doch mein Kind, sagte die Domina, welche sich herabliess sie selbst aufrecht zu halten, ihr sehet ja, dass es euren Feinden nicht gelingt! Wir wollen sie wacker tauschen. Die kranke Veronika ist offenbar nur der Vorwand euch nebst ihr in ihre Hande zu bekommen; nun dann, wir gewahren ihnen was sie truglich fur das Vornehmste ihrer Forderung angeben, und behalten nur euch, nur die seyn sollende Nebensache zuruck. Beruhigt euch. Geht, selbst Anstalt zu Veronikas Ueberlieferung zu machen, und kommt dann zu mir zuruck, ihr werdet die ganze Schwesterschaft bey mir finden, euch und mir wegen des ausgefuhrten Meisterstreichs Gluck zu wunschen.

Ida entfernte sich weinend, kundigte der vor Freude fast betaubten Marie ihre Befreyung an, letzte sich mit ihr unter tausend Thranen, empfahl sie der aussersten Sorgfalt der Abgeschickten, und bat, beym Abschied, dass sie in ihrem Elend doch nicht ganz vergessen werden mochte. Konnte der Koniginn ihr Gluck durch etwas verbittert werden, so war es dieses, dass sie die Schopferinn desselben nicht mit sich nehmen, nicht die Freuden, welche ihrer warteten, mit ihr theilen konnte. Sie versprach alles was sie wunschte, und man musste sich trennen.

Was werden die Schwestern zu Sankt Nikola, was wird unsere Furstinn sagen, sprachen die Abgeschickten heimlich zu Ida, dass ihr euch so hartnackig wegert dieses Kloster mit dem Ihrigen zu vertauschen?

Ich wegre mich? schrie Ida. Sagt ihnen von meinen Thranen, meiner Verzweiflung, und sie werden das ubrige errathen!

Neun und zwanzigstes Kapitel.

Fortsetzung der Geschichte Konrads von Langen.

Kaum konnte sich Ida hinlanglich fassen um die Gluckwunsche der neidischen Nonnen (hier pflegte man einander um alles zu neiden) und die Liebkosungen der Domina mit Anstand aufzunehmen. Sie machte sich sobald als moglich aus der Versammlung los, und eilte in ihre Zelle, ihren Thranen freyen Lauf zu lassen. O Herrmann, Herrmann! rief sie, wusstest du, dass deine Geliebte im Begriff steht dir auf ewig entrissen zu werden! O dass das Laster andere besorgter um mein Schicksal macht als dich die Liebe! der Erzbischoff versuchte Dinge, die du nicht zu meiner Rettung versucht haben wurdest, wird vielleicht noch Mittel genug wissen mich dem Schleyer zu entreissen und in seine Gewalt zu bringen; aber du? Doch wurde ich dir auch eine gesetzwidrige That verzeihen konnen? wurde ich dir folgen, wenn du mir heute die Hand zur Flucht botest? Ach nein! Leider wunsche ich Rettung aus dem schrecklichsten aller Gefangnisse, ohne Mittel dazu ersinnen zu konnen, ohne Muth und Gewissenlosigkeit genug zu haben, mich eines jeden zu bedienen das mir der Zufall in die Hand spielen mochte. O Herrmann! Herrmann!

Herrmann ward von Ida in ihrem Kummer so oft genennt, dass er, den wir um ihrentwillen ganz aus der Acht gelassen hatten, uns schnell wieder in den Sinn kommt; wohl ihm, wenn uber der langen Beschaftigung mit andern Dingen, unsere Leser nicht gar vergessen haben, dass er gleichwohl den Helden dieser Geschichte vorstellt. Um dasjenige nachzuholen, was von ihm zu sagen ist, wird es nothig seyn ein ganzes Jahr in unserer Erzahlung zuruck zu gehen.

Mit schwerem Herzen verliess er nach der Rettung des Grafen von Wurtemberg Regensburg um nach Italien zu gehen; wohin ihn sein Schicksal rief.

Sein halbes Leben hatte er darum gegeben, von seiner Ida nur einige befriedigende Nachricht mit sich zu nehmen, aber die Zeit war zu kurz Nachforschungen anzustellen. Der Graf von Wurtemberg durfte und wollte seine Abreise nicht langer verschieben, die vaterliche Zartlichkeit machte ihn um Idas Schicksal lange nicht so besorgt, als Herrmannen die Liebe, er war noch nicht ganz mit ihr ausgesohnt, wegen der vorwitzigen Schritte, die sie sich bey Belauschung des heimlichen Gerichts zu schulden kommen liess, und die ihn jetzt aus Teutschland trieben.

Auch Herrmann musste eilen, er erhielt eines Tages einen Brief, welcher nichts als diese Worte enthielt: "Eile Herrmann! die Racher treten in deine Fusstapfen!"

Der Schreiber dieser Worte war leicht zu errathen, er nannte sich in der Unterschrift, Alexius von der hohen Eiche, ein Name, der dem Ritter von Unna zu gleicher Zeit die schone Aleke, und die Begebenheit bey der hohen Eiche unweit des sausenden Stroms in den Sinn brachte, und ihn ganz leicht den redlichen Ulrich von Senden errathen liess!

Leb wohl, leb wohl! Vaterland der Liebe! rief Herrmann, als er Deutschland verliess, werd ich dich wiedersehen? wird nicht mein Blut vielleicht in entfernten Weltgegenden unbeweint vergossen werden? mein Staub von keiner freundschaftlichen Hand gesammlet, unter fremden Winden verwehen, und Ida, Ida! was wird indessen dein Schicksal seyn! Herrmann langte an dem damaligen Aufenthalt der deutschen Ritter an, sein Name von Unna verschaffte ihm Achtung. Man sagte ihm, er habe einen Namensvetter vielleicht einen Verwandten unter den Rittern, man nannte ihm den Ritter Johann von Unna, welcher einer von den Grosskreuzen war, sein Herz schlug starker, aber er schwieg. Er ward dem grossen Manne vorgestellt, man befragte, man erkannte sich, und die beyden Bruder lagen einander in den Armen. Du, du warst es, den ich hier suchte! rief Herrmann, du allein zogst mich an diesen Ort! O Gluck, dich so bald zu finden!

Ritter Johann druckte seinen Bruder mit nicht minderer Zartlichkeit an seine Brust. Der Knabe Herrmann, denn als einen solchen hatte er ihn zuletzt gesehen, war ihm immer der liebste unter seinen Brudern gewesen, so wie Agnes und Petronelle die geliebtesten seiner Schwestern: tausend Fragen uber den Zustand seines Hauses wurden an Herrmann gethan und von ihm beantwortet, und Herrmanns Schicksale sollten erst der Gegenstand der Unterhaltung fur die kunftigen Tage seyn. Der geistliche Ritter schien mit allem, was seinem jungern Bruder begegnet war, unbekannt zu seyn; auch nicht eine Silbe davon hatte ihm das Gerucht zu Ohren gebracht.

Herrmann hatte viel Ehrfurcht fur seinen altern Bruder, sein Stand und sein ganzes Wesen heischte sie. Er ward uber die Ursach seiner Ankunft in diesen Gegenden befragt; funf Worte: Die Verfolgung des heimlichen Gerichts! waren hinlanglich gewesen, dieses zu beantworten, aber Herrmann konnte sich nicht uberwinden, diese Worte zu sprechen, sich durch dieselben seinem Bruder gleich zu Anfang in einem nachtheiligen Lichte vorzustellen. Er antwortete: Mein Ungluck! Ritter Johann nahm es fur bekannt an, dass dieses Ungluck, es bestehe nun worin es wolle, den Wunsch in ihm erregt haben wurde, die Ordenskleidung zu tragen, und er versprach ihm alle Beforderung.

Herrmann schwieg. Die Bruder trennten sich. Der folgende Tag ward zu umstandlicher Erklarung uber diese Dinge ausgesetzt, und der Ritter von der treuen Minne sann die ganze Nacht darauf, wie er all den weiten Umfang seiner Begebenheiten so ins kurze fassen, so zusammen drangen wolle, dass Ritter Johann ihn auf einmahl in seinem wahren Lichte erblicke, keinen Raum zu einem augenblicklichen Zweifel gegen seine Rechtschaffenheit behalte. Herrmann wusste nicht, dass die plansten ungesuchtesten Erzahlungen die vortheilhaftesten sind, er hatte zu oft das Ungluck gehabt, von denen, die er liebte, verkannt zu werden, um nicht furchtsam zu seyn.

Indessen waren seine Hoffnungen auf das Gluck im Umgange seines Bruders, und seine Besorgnisse, wie er sich seiner vollen guten Meynung versichern wollte, gleich vergeblich. Des andern Morgens bekam er die Bothschaft: Ritter Johann sey in Angelegenheiten des Ordens eilig verschickt worden, und alles, was er vor seiner Abreise fur ihn habe thun konnen, sey nachdruckliche Empfehlung bey dem Hochmeister gewesen.

Herrmann ward dem erhabenen Oberhaupt des Ordens, Ulrich von Jungingen vorgestellt, ward wohl empfangen, man nahm es fur bekannt an, dass es seine Absicht sey das Kreuz anzunehmen, man legte ihm die gewohnlichen Bedingungen vor, es war in den damaligen Zeiten noch schwerer, Zutritt zu erlangen als in den gegenwartigen.

Der Ritter von Unna konnte sich den Aufschub einer Sache, nach welcher er eigentlich gar kein Verlangen trug, sehr leicht gefallen lassen. Ihm war es genug, Erlaubniss zu erhalten, auf gewisse Art Theil an den Thaten des Ordens zu nehmen, und er nahm sich vor, sich bey jeder Gelegenheit so zu zeigen, dass er, wenn gewisse Dinge offenbar wurden, das Vorurtheil fur, nicht wider sich haben moge.

Unsere Urschrift sagt nicht deutlich, welches die Begebenheiten unsers Ritters binnen einer Zeit von sieben Monaten waren, welche er in diesen Gegenden zubrachte, sie meldet nur, dass Herrmann sich uberall wie ein kluger und tapfrer Mann erwiess, dass das Schicksal ihn sehr genau in die Angelegenheiten der beyden Jungingen des damahligen und des vorigen Grossmeisters verflocht, dass auch der diesem folgende, der bekannte Heinrich Reus, welcher nachmahls abgesetzt ward, mit ihm in Verbindungen stand, welche wenigstens ihm, unserm Herrmann Ehre machten, und dass man Ursach zu glauben hatte, das Ordenskreuz konne ihm nicht lang mehr vorenthalten werden, als sich eine Geschichte ereignete, welche ihn auf einmal aus dem Hafen der Sicherheit hinweg riss und ihn wieder in jenes sturmische Meer zuruckschleuderte, welchem er kaum entkommen war.

Herrmann hatte unter den Rittern, welche so wie er dem Orden nicht wirklich einverleibt waren, die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der ihn ausserordentlich interessirte; ein rauher wilder Krieger, mit den Zugen ausgestandenen Unglucks auf der Stirne, still und verschlossen gegen jedermann, nur gegen den nicht, der sich ihm durch tausend Dienste verbindlich gemacht hatte, gegen Herrmann, der ihm mehr als einmahl im Streit das Leben rettete, ihn durch sein Ansehen beym Hochmeister oft gegen die Kabale seiner Feinde aufrecht erhielt, und der ihn eben aus der Ursache aufzusuchen schien, aus welcher er von andern geflohen ward, ihn darum liebte weil er nicht glucklich war.

Lange hatte Herrmann, der so gern Bedrangte trostete, wie seine Ida, den Quellen seines Kummers nachgespurt, um desto besser zu wissen, ob Rath und Hulfe moglich sey, und endlich erschien die Stunde offenherziger Erklarung.

Herrmanns Freund nannte seinen Namen, er war jener Konrad von Langen, der Bruder der schonen Aleke, welcher von der heimlichen Acht verfolgt, endlich hier eine Art von Zuflucht gefunden hatte. Das Andenken an seine edle Schwagerinn Konrads Schwester, die Gleichheit ihrer Schicksale, machte, dass Herrmann den Ritter von Langen mit doppelter Zartlichkeit an seine Brust druckte, ihn Bruder nannte, ihm offenbarte, (welches Konraden bey seiner langen Entfernung verborgen war) wie nahe sie verwandt waren, und ihm zusagte, ihm nachstens auch eine umstandliche Erzahlung von seinen Schicksalen zu geben.

Herrmann hielt sein Versprechen, er erzehlte seine Geschichte offenherziger, und also vortheilhafter als er sie seinem Bruder dem Groskreuz Johann vorgetragen haben wurde. Kein Scheu vor strengem Tadel konnte ihn bey Konraden von Langen nothigen seine Worte abzuwiegen. Konrads Geschichte zeugte, dass er bey weiten nicht in allem, warum er von der Rache verfolgt wurde, zu entschuldigen sey, aber Herrmann war ganz schuldlos, konnte kuhnlich auftreten und sagen: ich bin rein von aller Uebelthat. Nur unzeitige Furcht vor Johanns strenger nie durch Verleumdung angegriffener Tugend konnte ihn schuchtern machen.

Konrad schwieg eine Weile, nachdem Herrmann geendigt hatte. Ihr seyd gerechter als ich, fing er endlich an, eure Sache ist mit der meinigen nicht zu vergleichen, und doch ist unser Schicksal so ziemlich das nehmliche; sollte man sich nicht scheuen die Tugend zu wahlen, wenn sie und das Laster so oft einen Weg fuhren? Das beste fur uns wird seyn, wenn wir dieses Land bald verlassen, ehe die strengen Ritter des deutschen Ordens unsere Lage kennen lernen; ihr Blick durchforschet am Ende alles, sie sind fast so allwissend wie unsre Feinde die heimlichen Richter. Hoffet nicht in den Orden aufgenommen zu werden, bis sie die kleinsten Umstande eures Lebens kennen, und werden ihnen diese bekannt, so ist euer Urtheil eben sowohl gesprochen. Beschuldigung ist ihrer Reinigkeit oft so viel als erwiesenes Verbrechen!

Glaubt denn Konrad, erwiederte Herrmann, dass ich nach dem Ordenskreuze strebe?

Ich glaubte es, weil ich meynte, wir, deren Schicksale so viel Aehnlichkeit haben, mussten uns in allen gleichen.

Also ihr betratet dieses Land in einer solchen Absicht?

Horet den Theil meiner Geschichte, der euch noch unbekannt ist. Als mich die Verfolgung der heimlichen Racher aus meiner Burg trieb, mich nothigte meine ungluckliche Schwester, eure nachmahlige Schwagerinn, unberathen und hulflos zuruckzulassen, da schenkte mir das Schicksal mitten im Gedrange des Elends einen Schatz, den es oft seinen ersten Lieblingen versagt, einen Freund! O Gott! mein Retter, mein theurer Johann von Unna erschien mir, und ward mein Schutzer vor dem Teufel, der mich zu erwurgen, mich mitten in meinen Sunden ins ewige Verderben zu sturzen drohte!

Johann von Unna? mein Bruder?

Ja, eben er. Horet weiter. Angst und schlaflose Nachte hatten meine Krafte aufgezehrt, ich war noch nicht drey Meilen von meinem Schlosse, so uberfiel mich der Schlaf, ich musste meinem Triebe nachgeben, oder die Hofnung zu entkommen fahren lassen. Ich langte in einem Walde an, der mir oft in glucklichen Tagen nach der Arbeit seinen Schatten zur Ruhe geliehen hatte. Ich wusste, hatte ich ihn zuruckgelegt, so traf ich viele Meilen weit nichts als offenes Land, wo ich ohne die Umschattung eines schutzenden Baums hatte schlummern mussen; Dorfer und Herbergen genug, aber unter welchem Dache kann ein Reisender meiner Art sicher schlummern?

Ich legte mich unter den nachsten Schatten und entschlief. Da dunkte es mir im Traum, ein Morder stunde bey meinem Lager, seine Hand risse das Schwerd aus der Scheide, und er riefe mir zu mit schrecklicher Stimme: Konrad! erwache! die Rache ist vor der Thur! Ich fuhr aus dem Schlafe empor, mein Traum war Wahrheit! Erwache Konrad! rief der Grausame, der vor mir stand zum zweyten mahl! Dich klagen die zahllosen Zungen deiner Sunden, dich klagen die Zeugen des heimlichen Gerichts vor dem ewigen Racher an; ich bin sein Diener! du musst sterben! Ich hatte unter meinen Leuten einen Diener, einen Einverleibten des furchterlichen Tribunals, der mir von solchen Dingen, so weit er durfte, Winke genug gegeben hatte, um mir es klar zu machen, wen ich hier vor mir hatte; keinen gemeinen Morder, dessen That die Gerechtigkeit straft, wo sie ihn findet, nein, einen von jener geheimen Gesellschaft unbekannten Henker, die unter dem heiligen Namen der Racher des Ewigen Thaten begehen, die nur er richten kann, weil sie hier keinen Richter finden.

Ich sprang auf, ich setzte mich zur Wehr, er war mir uberlegen, ich hatte unterliegen mussen, wenn nicht plotzlich ein Ritter aus dem Gebusch hervorgedrungen war, und sich zur Vertheidigung an meine Seite gestellt hatte. Es war Johann von Unna, euer Bruder; nie sahe er mich zuvor, aber ihm war es genug einen Nothleidenden zu finden, um sich seiner anzunehmen, er war tapfer und edelmuthig wie Herrmann!

Mein Gegner ward durch unsere vereinte Macht bald vertrieben. Ich dankte eurem Bruder, wie man einem Schutzengel dankt, wir umarmten uns, und nannten einander unsre Namen. Der meinige, der Name eines Unglucklichen, Durchachteten, (als einen solchen kannte mich das ganze Land,) vermochte nicht sein Herz von mir abzuwenden.

Er nannte mich Bruder, und war freundschaftlich genug, sich mit mir in eine Reihe zu setzen. Auch ich bin ein Fluchtiger, sagte er, ich fliehe vor der Gewalt meiner Verwandten, die mich zu einem Stande nothigen wollen, den ich verabscheue. Hin! mein Bruder! Hin zu den deutschen Rittern! das Ordenskreuz kann uns vor Gewalt schutzen, und einst zu Ehren bringen! Ich gab ihm den Handschlag ihm zu folgen, und wir lagerten uns ins Gras zu einer sparsamen Mahlzeit, die euer edler Bruder aus seiner Reisetasche auftrug. Ein Trunk aus der Quelle labte uns, und wir redeten den Plan unsers kunftigen Lebens vollends ab, ohne zu ahnden, wie viel Gefahren unsere Anschlage vereiteln konnten Gefahr! Gefahr des Todes war vor der Thur! der Unschuldige musste sie theilen, weil er sich zu dem Schuldigen gesellt hatte. Der Feind, von welchem mich Johann gerettet hatte, erschien plotzlich von neuem, er hatte einen17 Gefahrten mit sich genommen, um wider zweye desto sicherer zu fechten! Wir sprangen auf, es war uns unmoglich, uns unserer Schwerdter zu bemachtigen, welche wir in thorichter Sicherheit einige Schritte von uns ins Gras gelegt hatten, wir hatten keine andern Waffen in den Handen als die Messer, welche wir bey unserm Mahle gebraucht hatten.

Der Kampf war ungleich, ob gleich der eine unserer Gegner, der Gefahrte, den sich der Erste geholt hatte, schlecht und fast mit Unwillen focht. Ohne Zweifel war es jener Ulrich von Senden, Alekens Geliebter, welcher sein Schwerd gezwungen wider mich kehren musste, und auf alle Weise vermied, mich zu verletzen. Er wandte seine Waffen gegen meinen Vertheidiger, und trieb ihn, weil sie von besserm Nachdruck waren als Johanns Brodmesser, endlich in die Flucht, indessen ich der Raub des andern ward, der mich gefangen nach Osnabruck schleppte. Gott weis, was seinen Entschluss anderte, mir auf der Stelle das Leben zu nehmen!

Ihr wisst das ubrige, ich entkam einem schmahlichen Tode durch die Flucht. Ich eilte dahin, wo ich muthmassen konnte, meinen Freund den Ritter von Unna zu finden. Er trug bereits das Ordenskreuz, aber auch mir dazu zu verhelfen war unmoglich. Er kannte die Gesetze der deutschen Ritter jetzt besser als im ersten Anfang unserer Freundschaft, er rieth mir meine Wunsche aufzugeben, und dadurch einer strengen Untersuchung meiner Geschichte, und einer ernsten Ahndung zu entgehen. Auf seinen Rath anderte ich meinen Namen; der meinige wurde meine Sicherheit bald geendigt haben, mein Ungluck war zu bekannt, schlummerte nicht so wie das Eurige noch unter einer gewissen Hulle, es war um mich gethan gewesen, hatte man den Namen Konrad von Langen nur einmahl gehort.

Euer edler Bruder konnte mich nicht auf die Art schutzen, versorgen, und erheben wie er wunschte, aber demohngeachtet that er viel zu meinem Gluck. Ihm bin ich Ehre, Leben und Guter, ach ihm bin ich die weit kostbarere Gelegenheit zu ruhmlichen Handlungen schuldig! Ich war emsig in Ausubung des Guten, vielleicht dass es mir dereinst gelingt, durch die uberlegene Anzahl edler Thaten ehemahliche Verbrechen zu tilgen.

Ordensgeschafte haben, wie ihr wisst, euren und meinen Bruder auf lange Zeit von uns gerissen. Gott weis, ob ich ohne Schutz hier lang hatte bestehen konnen, aber, ihr vertratet die Stelle des Ritters Johann bey mir; so lang eure Begebenheiten unbekannt bleiben, kann mich euer Name und das Ansehen, in welchem ihr bey dem Orden steht, schutzen O ihr Bruder von Unna! edle grossmuthige Seelen! Freunde des Verfolgten von aller Welt Verlassenen! Fuhrer bey der Ruckkehr zur Tugend! werde ich euch jemahls jemahls danken konnen? wird es hinlangliche Vergeltung fur euch seyn, wenn ich dieses Blut, dieses Leben fur euch aufopfre?

Konrads Herz floss von Dankbarkeit uber. Herrmann druckte ihn an seine Brust, und beyde vereinigten sich nun in Berathschlagungen, was in der Zukunft fur sie zu thun seyn wurde; Berathschlagungen, deren Resultat nie bekannt worden ist, weil ihnen das Schicksal die Ausfuhrung ersparte.

Dreyssigstes Kapitel.

Dustere Wolken, hinter welchen die Sonne glanzt.

Es war zu wunschen gewesen, dass die beyden Ritter bey ihren Berathschlagungen mehr Behutsamkeit gebraucht hatten, sie lebten in einem Lande, wo weder die Nacht noch die Abgelegenheit des Orts sie vor Verratherey zu schutzen vermochte. Ihre beyderseitige Tapferkeit, die Achtung des Grossmeisters und der Ritterschaft, der Wahn, dass beyde nach dem Ordenskrenz trachteten, und dass es ihnen nicht entstehen konne, erregte Neid, man suchte sie zu sturzen, belauschte ihre Schritte, und jauchzte, Dinge von ihnen erfahren zu haben, die sie mit Schimpf und Schande bedecken und auf einmal von dem Orte entfernen mussten, wo sie andern im Lichte standen.

Der Grosmeister erfuhr alles was Konrad und Herrmann einander in der Stille der Nacht vertraut hatten. Henrich Reus war kein sonderlicher Freund des Ritters der treuen Minne, und man wurde wider die beyden unglucklichen Opfer der heimlichen Rache, vornehmlich wider Herrmannen, den unschuldigsten, ziemlich streng verfahren haben, wenn sich nicht der Graf von Wurtemberg ins Mittel geschlagen hatte.

Graf Eberhard hatte all diese Zeit uber mit Herrmann an einerley Orte gelebt, er hatte so wohl als dieser Antheil an den Thaten der deutschen Ritter genommen, hatte den tapfern Jungling bey tausend Gelegenheiten auf der ruhmlichsten Seite kennen gelernt, und begunnte jetzt den ernstlich zu lieben, den er vordem gehasst und verfolgt hatte. Herrmann hatte, die regenspurgische Befreyung des alten Grafen gar nicht gerechnet, oft Gelegenheit gehabt sich den Vater seiner Geliebten verbindlich zu machen. Dankbarkeit fur eigene dem Grafen geleistete Dienste muste ja wohl endlich den Groll ausloschen, den er wegen der Beleidigungen seines langst verstorbenen Vaters und Bruders auf ihn geworfen hatte!

Graf Eberhard sprach ernstlich fur den jungen Ritter von Unna, der Grossmeister musste nachgeben, und vielleicht war es gegluckt, den Angeklagten durch Darstellung der wahren Beschaffenheit seiner Sache vollig zu retten, wenn der Graf von Wurtemberg nicht in einer Art von Bann gelebt hatte, der seinem Vorspruch einen Theil seiner Kraft benommen hatte, und der erst in einem Monat vollig zu Ende war.

Ueberall das furchterliche Tribunal, dessen Verfolgung Herrmann und Konrad ausgesetzt waren, seine Einverleibten; auch hier ward das, was man von dem Zustand der beyden Ritter erlauscht hatte, nicht sobald kund, als die Arme der heimlichen Racher sich nach ihnen ausstreckten. Weder der Grosmeister noch der Graf konnten sie schutzen, das einige, was der letzte durch das Ansehn ausrichten konnte, das er ehemahls in diesen Dingen hatte, und das er nun bald wieder erlangen sollte, war, dass Herrmann ohne weitere Beleidigung nach Westphalen vor seinen Vetter den alten Grafen von Unna gebracht werden sollte, von welchem sich mit Wahrscheinlichkeit, Schonung, oder vielmehr Gerechtigkeit fur den Unschuldigen erwarten liess.

Graf Eberhards Hoffnungen, denn wurklich war es jetzt so weit gekommen, dass Herrmanns Gluck ein Gegenstand seiner Hoffnungen war, wurden durch das Gerucht, welches sich auszubreiten begunnte, beynahe zu Gewissheiten gemacht, dass man den Mordern des Herzogs von Braunschweig immer besser auf die Spur komme. Einer von ihnen, ein gewisser Falkenberg, sey bereits in den Handen der Gerechtigkeit, und es sey kein Zweifel, man werde durch ihn auch die ubrigen Mitverschwornen erfahren.

Ziehet hin, mein Sohn, sagte der Graf zu Herrmann, habt ihr mich nicht getauscht, konnt ihr den Verdacht, Theil an einer der schandlichsten Thaten der Finsterniss genommen zu haben, ganzlich von euch walzen, euch so vor den Augen der ganzen Welt rechtfertigen als vor den Meinigen, so biete ich zu Erfullung eurer liebsten Wunsche die Hand so

Ist Ida mein? fragte der entzuckte Jungling, der sich dem Grafen zu Fussen warf.

Gemach! gemach! rief der alte Graf, den seine Rede halb zu reuen schien. Ihr fordert zu viel! Ein Ritter von Unna und eine Grafinn von Wurtemberg war ein zu ungleiches Paar: sollte aber der Graf von Unna sein Versprechen erfullen, sollte er euch zum Sohn annehmen, ja dann dem Erben eines so grossen Namens so grosser Guter, dem Sohne meines alten Freundes meine Tochter abzuschlagen wurde unrecht seyn.

Eberhard lachelte bey diesen Worten, und Herrmann sank zum zweytenmahl zu seinen Fussen. O sie ist mein! rief er, Ida ist mein! Vater! wie soll ich euch danken!

O der schwindelnden Jugend! rief der alte Graf. Wo sind die Beweise eurer Unschuld? Wer burgt euch fur die Versprechungen eures Verwandten? endlich wo ist Ida, die ihr schon in euren Armen zu halten glaubt?

Ida? schrie Herrmann halb ausser sich vor Freude. O war sie im Fegefeuer, ich wollte sie suchen und finden! sie lebt in einem ungarischen Kloster, wie sie in dem zuruckgelassenen Briefe an die Koniginn von Bohmen sagte, ich durchlaufe sie alle, bitte, drohe, besteche, raube, wenn es so seyn muss, bis ich sie treffe und mich mit ihr zu euren Fussen werfen, euch um die Einsegnung unserer Liebe bitten kann!

Der alte Graf schuttelte den Kopf. Die Dinge, welche den Jungling so leicht zu ubersteigen dunkten, hatten in dem Auge des weisern Greises immer noch gewaltige Schwurigkeiten. Er gab einige Winke, dass auch sie, auch Ida durch seine Entfernung wieder unter die Gewalt ihrer Verfolger gefallen war, dass nichts sie habe retten konnen als die weite Entfernung nach Ungarn, welche er aus dieser Ursach nicht ungern gesehen habe.

Und wird nicht, fragte Herrmann, wird nicht die Wiederkunft ihres Vaters, die Wiedereinsetzung in seine Rechte, Idas Rechtfertigung mit sich bringen? Nein, edler Graf, es gluckt euch nicht, meine liebsten Hoffnungen zu verdunkeln; ist euer Herz zu meinem Besten gewonnen, so hat die ganze Welt keine Schrecken mehr fur mich!

Der Graf und der Ritter trennten sich, der erste voll Entzucken, der andere nur halb froh. Er hatte hohere Aussichten fur seine Ida im Sinne gehabt! sie zu einer Herzoginn von Braunschweig vielleicht zur Kaiserinn zu machen, war freylich seiner Eitelkeit schmeichelhafter gewesen als der Name, Grafinn von Unna. Doch wie viel hatte er nicht bereits von seinen Hoffnungen aufgeben mussen!

Kaiser Ruprecht sass fest auf dem Throne, dem er einst so nahe zu seyn geglaubt hatte; es liess sich nicht an, als wollten die teutschen Fursten ihre Wahl bereuen. Alles war so eingerichtet, dass nach ihm Konig Siegmunden die Krone nicht entgehen konnte, und dieser hatte dann an seinem kunftigen Eydam, Herzog Albrechten von Oesterreich, einen Nachfolger, der zu gut war um von einem andern ausgestochen, zu jung, um von einem Greise wie Graf Eberhard uberlebt zu werden.

Ein und dreyssigstes Kapitel.

Herrmann, Graf von Unna.

Herrmann von Unna und Konrad von Langen wurden den Handen ihrer Verfolger ubergeben; der erste wurde, vielleicht aus einer Ahndung, er konne unschuldig erfunden werden, mit Schonung behandelt, und der andre, ungeachtet eine grossere Last von Beschuldigungen auf ihn haftete, hatte auf gewisse Art des Glucks seines Freundes zu geniessen.

Er kannte indessen seine Lage besser, als vielleicht selbst die, welche ihn seinen Richtern entgegen fuhrten, er wusste, dass er in den Gegenden, wohin er gebracht wurde, nur erscheinen durfte, um alle alte halb vergessene Beschuldigungen, vornehmlich die Handel mit dem Bischoff von Osnabruck wieder rege zu machen. Er wusste, dass er vor der Hand keine Hoffnung hatte als die Flucht und diese war ihm in ahnlichen Fallen schon so oft gegluckt, dass er auch jetzt nicht verzagte.

Konrad war ein Meister in listigen Anschlagen, war, wie wir vielleicht in der Folge aus einem Beispiel sehen werden, in der Wahl der Mittel zu Erreichung seiner Absichten nicht allzu gewissenhaft; wie hatte es ihm fehlen konnen?

Eines Abends umarmte er beym Abschied seinen Freund, dessen Umgang man ihm verstattete, mit ungewohnlichem Feuer, sprach etliche dunkle Worte von Trennung und von Wiedersehen, und am Morgen war er verschwunden.

Seine Begleiter suchten ihn, Herrmann trauerte um seine Entfernung und freute sich seiner Befreyung, aber dies war auch alles was bey dieser Sache geschehen konnte, denn, keine Nachforschungen vermochten den entflohnen Konrad auszuspahen.

Herrmann ward nun desto strenger bewacht damit man bey ihm nicht etwas ahnliches erfahren mochte; eine unnothige Vorsicht! Konrad hatte ihm oft Vorschlage zur Flucht gethan, welche grosmuthig von ihm verworfen wurden, und im Grunde, warum hatte auch Herrmann fliehen sollen. Sein gutes Gewissen machte ihn furchtlos, der Richter, vor den er gestellt werden sollte, war sein Freund, und fast an allen Orten, durch welche er zog, kamen ihm Geruchte entgegen, welche ihm Hoffnung zum volligen Erweis seiner Unschuld machten. Selbst seine Huter machten endlich kein Geheimniss vor ihm aus diesen Dingen, der eine von ihnen brachte ihm eines Tages die Bothschaft: der entdeckte Morder des Herzogs von Braunschweig, Friedrich von Falkenberg, habe Wernern von Hanstein, und dieser Henrichen Grafen von Waldeck als seine Mitgehilfen angegeben. Von allen diesen war es erwiesen, dass sie sich in maynzischen Diensten befanden, und auf wen also der Hauptverdacht fiel, das konnte kein Geheimniss bleiben. Herrmanns war bey der ganzen Untersuchung mit keinem Worte gedacht worden.

Herrmann triumphirte uber die herrlichen Beweise seiner Unschuld; auch seine Huter waren nicht unempfindlich gegen dieselben, sie stellten es ihm frey, sich zu begeben wohin er wolle, aber der biedere Ritter lachte des Vorschlags: Die Unschuld fliehet nicht! sagte er abermahls und liess sich ruhig nach der Residenz seines Oheim des alten Grafen von Unna fuhren.

Nicht wie ein Gefangner, sondern wie ein besuchender Freund ward der Ritter von Unna bey seinem erhabenen Verwandten eingefuhrt, und von ihm mit offenen Armen empfangen. Kommt ihr so fruh euch eures Triumphs zu erfreuen? rief ihm der alte Graf entgegen. Zwar habe ich bereits nach Italien geschrieben, euch die Entdeckung der Wahrheit zu melden, aber wie diese Nachricht euch so bald erreichen konnte.

Herrmann unterbrach seinen Oheim mit der Erzehlung, auf was fur Art er hieher gebracht worden sey. Ich freue mich, erwiederte der Graf, dass ich euch versichern kann, dass diese seltsame Weise euch eurem Gluck entgegen zu fuhren, das letzte Leiden seyn wird, welche euch fremde Verbrechen zugezogen haben. Die Hansteine, die Falkenberge, die Waldecke, sind die Vollbringer jener That, welche euch so unglucklich gemacht hat; keiner von ihnen will etwas von euch als einem Mitschuldigen wissen, alle betheuern, dass sie euren Namen nur durch den Ruf und aus Hertingshausens Reden kennen, welcher euch oft beym Trunk seinen Feind genannt, und geschworen haben soll, er wolle sich an euch rachen, und solle er sein zeitliches und ewiges Heil aufs Spiel setzen; kein Wunder also, als ihr ihm jenesmahl, in den Gegenden von Frizlar in den Weg geworfen wurdet, dass sein immer zum Bosen fertiger Geist euch schnell in die Sache zu verflechten wusste, welche ihm den Untergang brachte, dass er noch im Tode auf der Aussage beharrte, welche euch so unglucklich gemacht hat.

Herrmanns redliche Seele zitterte bey der umstandlichen Erzahlung von der Verschworung wider Herzog Friedrichs Leben, zitterte uber die Namen der Theilnehmer an dieser That. Und welches ist die Strafe der Meuchelmorder? fragte er hastig. Geldbusse! erwiederte der Graf und zuckte die Achseln, Geldbusse? und ich sollte um des blossen Verdachts willen sterben? Es sind die Waldecke, versetzte der Graf, sind vielleicht noch hohere! ihr waret blos Herrmann von Unna!

Der alte Graf sprach mit seinen Neffen noch viel uber diesen Gegenstand, Herrmann erzahlte ihm dagegen von seinen Schicksalen bey den deutschen Rittern, und von der erworbenen Gnade des Grafen von Wurtemberg. So sehr dem Oheim das letzte zu gefallen schien, so wenig fand er Geschmack an dem ersten, und Herrmann hatte ein schweres Examen auszustehen, ob er mit dem Ritter Johann seinem Bruder in besondere Gemeinschaft gelebt hatte Der Hass des alten Grafen von Unna wider die jungere Linie seines Hauses war unausloschlich, und nichts konnte den Neffen vor den Unwillen des eigensinnigen Greises schutzen, als die Versicherung, die er ihm mit Grund der Wahrheit geben konnte, er habe den Ritter Johann nur ein einiges Mahl gesprochen.

Und in was fur einem Zustande lebt er? fragte der Alte. Ich vermuthe, er wird nicht in sonderlichem Ansehen bey dem Orden seyn.

Er ist Grosskreuz und Kommenthur zu * * * antwortete Herrmann. Ha, ich weis, was ihn so gehoben hat! rief der Graf, nicht seine Verdienste, nein die Sage, die er auszubreiten wusste, er konne wohl einmahl nach meinem Tode Graf von Unna werden, aber ich will sie tauschen, will ihn und den ubermuthigen Bernd tauschen! Ja sie haben recht, ich habe keine Kinder, euer Haus oder das Reich mussen meine Erben seyn. Aber Geduld ich will den wahlen, auf welchen sie am wenigsten denken, den jungsten und verachtetesten unter ihnen, den, den sie im Staube des Klosters zu begraben, und ihr Gluck auf sein Verderben zu bauen gedachten.

Der Greis war bey diesen Reden in heftigen Zorn gerathen, er befahl Herrmannen mit einer verdrusslichen Art sich zu entfernen und dieser konnte sich in diese Erscheinung nicht finden, bis einer der alten Hausbedienten, dessen Redlichkeit er schon bey seinem ersten Aufenthalt zu Unna kennen gelernt hatte, ihm Aufklarung hierinnen gab:

Bernhard von Unna und die Aebtissinn zu Marienhagen hatten wahrend einer Krankheit, welche der alte Graf vor wenig Monaten uberstanden hatte, und die seinen Tod vermuthen liess, so laut von ihren Hoffnungen gesprochen, dass es dem Greise zu Ohren gekommen war und den Entschluss in ihm bestatiget hatte, welcher in wenig Tagen zu Herrmanns Besten zur Reife kam.

Herrmanns feyerliche Lossprechung von dem angeschuldigten Verbrechen, welche offentlich geschahe, konnte von dem alten Grafen, der ihn liebte, nicht besser verherrlicht werden, als dadurch, dass er ihn am nemlichen Tage zum Sohn annahm, und ihm den Namen eines Erbgrafen von Unna beylegte. Herrmanns Dankbarkeit fur diesen Erweis seiner Achtung, dessen wichtigen Einfluss auf sein ganzes Gluck niemand besser kannte, als er selbst, ruhrte den Greis, er glaubte nichts als Erstaunen, nichts als Ueberraschung in den Blicken des Junglings zu lesen, keine Anspruche auf ein Recht zu der erzeigten Gnade, und dies wars, was ihm gefiel.

Der alte Unna irrte nicht, Herrmann war erstaunt, war uberrascht, sich so schnell am Ziel seiner Wunsche zu sehen. Er wusste, dass er hier nichts seinen Rechten, alles der Gnade seines Oheims zu danken hatte, aber er hatte nicht ohne Erwartung eines solchen Glucksfalls gelebt. Die ehemahligen Versprechungen seines Oheims hatten dieselbe in ihm erregt, die Reden des Grafen von Wurtemberg sie ihm von neuem in die Gedanken gebracht, aber eben diese, eben die Vorstellung von dem Umfang seines Glucks, den sein grossmuthiger Verwandter selbst nicht ganz ubersehen konnte, weil ihm von Herrmanns und Idas Liebe nur wenig bekannt war, brachte jenen hohen Grad von Entzucken und Dankbarkeit in ihm hervor, der dem Greise so wohlgefiel.

Ja du bist es, du bist ganz mein Sohn! rief er, indem er ihn an seine Brust druckte. Die Welt soll erfahren, wie ich dich liebe, ich bin stolz auf dich, und ich will den Glanz, mit dem ich dich umgeben kann, brauchen, deine Neider und die Erwarter meines Todes zu demuthigen.

Es ist zu errathen, was der alte Graf mit diesen Worten meynte. Herrmann ward von ihm aufgefordert, nachster Tage eine Reise zu seinen Geschwistern zu thun, und zu derselben auf eine Art ausgerustet, welche seinem guten Herzen den empfindlichsten Kummer machte. Welch eine Rolle fur einen Jungling wie diesen, ausgeschickt zu werden uber seine Geschwister zu triumphiren! Er nahm den Besuch an, welchen man ihm auftrug, aber seine Bitten, seine Vorstellungen fruchteten so viel, dass alles bey dieser Gelegenheit hinweggelassen wurde, was andern hatte krankend seyn konnen.

Agnes und Petronelle genossen die meiste Freude von seiner Erscheinung und der Nachricht von seinem Gluck, Ulrich warf sich entzuckt in die Arme seines Herrmann. Die Aebtissinn und der Domherr waren voll geistlicher Gluckwunsche, indessen Berndten und Katarinen heimlicher schlecht verstellter Neid aus den Augen leuchtete. Herrmann strebte alle zufrieden, alle glucklich zu machen, besonders Aleken von Unna, seine Schwagerinn, welche er mit Nachrichten von ihrem Bruder erfreute. Konrad war sicher vor seinen Verfolgern nach Ungarn an Konig Siegmunds Hof gekommen, welcher ihn in seine Dienste nahm, ungeachtet der Ritter von Langen ihm nichts von der wahren Lage seiner Sachen verschwiegen hatte. Siegmund hegte zuweilen so wenig Bedenklichkeit in der Wahl seiner Diener als seiner Liebschaften, und Barbara seine Gemahlinn, sahe ihren Hofstaat gern mit jedem ansehnlichen Ritter vermehrt, dessen Eroberung sie mit der Zeit zu machen hoffen konnte.

So lieb unserem Herrmann der Umgang Agnesens, Petronellens, Alekens und Ulrichs war, so konnte er doch nicht lang bey ihnen verweilen. Ein starkerer Trieb als Freundschaft, Sehnsucht nach seiner Ida, Wunsch, ihren Aufenthalt zu erforschen, Besorgnisse wegen ihres Schicksals, riss ihn aus den Armen seiner Geliebten.

Er hatte seinem Oheim seine Liebe und seine Hofnungen jetzt umstandlich bekannt gemacht, und von ihm die Erlaubnis erhalten, die Grafinn von Wurtemberg aufzusuchen. Auf den Flugeln der Liebe eilte er nach dem Orte, wo er den Weg zu erfahren hofte, den er zu seinem Glucke zu nehmen hatte, eilte nach Prag zur Koniginn Sophien, um zu fragen, ob sie keine Nachricht von ihrer Freundinn Ida zu geben wisse; aber Sophie war so besorgt und so unwissend wie er. Er eilte nach dem Geburtsort seiner Liebe, nach dem Hause des redlichen Munsters, hier fand er Thranen statt der Antwort.

Sie ist in den Handen des alten Erzbischofs, sagte Idas ehemahliger Vater, aus welchen keine menschliche Macht sie zu reissen vermag. Subinko ubt die Gewalt, welche ihm in Bohmen genommen ward, in Ungarn mit desto grosserer Strenge. Er lebt an Konig Siegmunds Hof, Barbara ist seine Freundinn, und niemand ist, welcher seinen Gewaltthatigkeiten Einhalt zu thun vermoge!

Auf diese Erklarung ward die Reise nach Ungarn keinen Tag langer verschoben. Der feurige Herrmann schwur, Himmel und Erde zu bewegen, seine Geliebte aus den Klauen ihres Verfolgers zu reissen. Er machte sich Vorwurfe, dass er bisher wegen ihres Schicksals so unbesorgt hatte seyn konnen. Ein Kloster hatte ihm die sicherste Freystatt fur ein unschuldiges Madchen gedunkt, ein Bischof konnte seinen Gedanken nach, keine andere Absichten bey Gefangennehmung einer Irrenden haben, als Belehrung und Schutz vor weitern Irrthumern. Munsters Gesprache lehrten ihn hieruber anders denken, und die Tage, welche zwischen diesem Augenblick und Idas Rettung verliefen, schienen ihm zu Jahren zu werden, die Entfernung von ihr mit jedem Schritt, der ihn ihr naher brachte, zu wachsen. Zum Gluck war Munster sein Begleiter, dessen ruhiger Ernst die Fehler verhutete, oder verbesserte, welche des Junglings ungestume Eile hatte verursachen konnen.

Siegmunds Hof, welcher ihm durch den Anblick eines undankbaren Konigs und einer nichtswurdigen Koniginn, der ihm dort bevorstand, und durch alle Erinnerung an die Begebenheiten auf dem Schlosse Cyly verhasst gemacht werden musste, war jetzt der Ort, nach welchen er sich lieber durch einen Schlag der Zauberruthe, durch einen einigen Wunsch versetzt hatte. Dort hofte er Nachricht von Ida zu finden, und dort stand ihm noch ein Gluck bevor, nach welchem er sich seit der Entwickelung seines Schicksals unablassig gesehnt hatte. Das Gerucht sagte, Herzog Albrecht von Oesterreich wurde zu Presburg erwartet. Ihn zu sehen, unter seinem Schutze, von seinem Rath, seinem Beystand begleitet, Idas Befreyung fortzusetzen, welch ein Gedanke fur Herrmann, der diesen Fursten so innig verehrte, von ihm uberzeugt war, dass er sich mit Eifer und Entzucken zu Ausfuhrung seiner Absichten verwenden wurde!

Herrmann erschien am ungarischen Hofe, und ward als Graf von Unna freylich mit mehrerer Achtung aufgenommen, als damals, da er nichts weiter war, als der Ritter der treuen Minne.

Koniginn Barbara begegnete ihm mit Hoflichkeit, und hatte das Herz, nach allem was ihm von ihr bekannt seyn musste, ihm zuversichtlich in die Augen zu sehen. Es war ihre Art, jedermann ein schlechteres Gedachtnis zuzutrauen als sich selbst, und sich von den Zeugen ihrer alten Vergehungen einzubilden, diese Dinge waren ihnen so altaglich als ihr selbst, wurden von ihnen eben so leicht aus dem Sinne geschlagen als von ihr.

Mit Muhe konnte sich Herrmann bequemen, ihr die Ehrerbietung zu erzeigen, welche der Koniginn von Ungarn zukam. Ein Gedanke an das Bekenntnis, das er einst aus ihrem eigenen Munde horte, diejenige, welche das erste Recht auf diesen Namen habe, lebe noch, stieg in ihm auf, und er wandte sich mit Abscheu von Mariens Kerkermeisterinn hinweg, ungeachtet er nicht den zehnten Theil soviel von diesen Geschichten wusste als meinen Lesern bekannt ist.

Konig Siegmund begegnete dem jungen Grafen von Unna mir auszeichnender Gnade, er musste entweder den auf Barbaras Lippen gedruckten Kuss ganz vergessen haben, der Herrmann ehemahls so unschuldig beygemessen wurde und ihn in solche Ungnade brachte, oder es war ihm seit der Zeit gelaufiger geworden seine Gemahlinn von andern Lippen als den seinigen gekusst zu wissen, wenigstens ging die Rede, dass Barbara keine Feindinn fremder Liebe sey, und es war fast unmoglich, dass dieses ihrem Gemahl ganz verborgen seyn konne.

Herzog Albrechten, den kunftigen Eidam des Konigs, fand Herrmann nicht zu Pressburg; man sagte, er sey nach Klausenburg gereist, seine Braut, die Prinzessinn Elisabeth zu besuchen, und habe sich dann mit ihr auf eine Lustreise nach einem andern Kloster zu einer Busenfreundinn der Prinzessinn begeben. Man schien bey Hofe nicht ganzlich mit dem Betragen der jungen Verlobten zufrieden zu seyn; die Prinzessinn von Ratibor, welche bey der Prinzessinn von Ungarn in Ungnade gefallen war, und sich zu ihrer Mutter, die vor kurzem ein ahnliches Schicksal bey der Koniginn Sophie erfahren hatte, in ein deutsches Kloster verfugen musste, war durch Pressburg gereist, und hatte, wie sie uberall pflegte, wo sie hinkam, Verleumdung ausgestreut, und Argwohn zuruckgelassen. Die Reise zu der Furstinn Gara ward hochempfunden!

O hatte Herrmann wissen sollen, das diese Freundinn der jungen Elisabeth, auch Idas Freundinn sey, dass sie nur wenig Meilen von dem Aufenthalte der unglucklichen Grafinn lebe, dass diese in der hochsten Gefahr schwebe, wahrend andre sich des Glucks freuten, das sie ihnen durch ihre menschenfreundlichen Bemuhungen verschaft hatte, ein Raub endloses Elends zu werden, hatte er dieses gewusst, wie wurde er ihr zu Hulfe geflogen seyn, alle ihre Freunde aufgefordert haben, sich zu ihrer Rettung mit ihm zu vereinigen!

Zwey und dreyssigstes Kapitel.

Ruckkehr zu Ida.

Die Koniginn Marie war, wie meine Leser aus dem vorigen wissen, gerettet, genoss zu Sankt Nikola der Pflege und des Umgangs ihrer Freundinn der Furstinn Gara, und sahe dem entzuckenden Augenblick der Umarmung ihrer Tochter entgegen. Boten mit geheimen Nachrichten an die Prinzessinn Elisabeth waren schon langst nach Klausenburg abgegangen. Herzog Albrecht, welcher damahls eben seine Braut besuchte, hatte sich schon langst nebst ihr auf den Weg gemacht die frohe, die fast unglaubliche Nachricht von der Rettung Mariens durch eigene Augen zu bestattigen, ja was sage ich? in dem Zeitpunkte, den meine Geschichte gegenwartig beruhrt, war die erste fur jede Schilderung unerreichbare Zusammenkunft der Mutter und der Tochter schon voruber, man konnte sich bereits nach dem ersten Sturm der Freude ein wenig fassen, vermochte sein Gluck ganz zu ubersehen, ohne bey dem Anblick seines Umfangs zu erliegen; aber man denke nicht, dass bey allen diesen frohen Gefuhlen, die Schopferinn derselben, die gute Ida ganz vergessen wurde. Und hatten alle sie vergessen konnen, so war doch dieses der dankbaren Koniginn, der durch sie geretteten Marie unmoglich gewesen.

Sie nannte ihrer Tochter den Namen der Grafinn von Wurtemberg mit Entzucken, forderte sie und Herzog Albrechten zur Dankbarkeit gegen diejenige auf, welche sie ihre eigene Retterinn, ihren Schutzengel nannte. Albrecht und Elisabeth errotheten; warum der erste, das wissen wir nicht genau zu sagen, aber Elisabeths Errothung war wahre innige Beschamung, dass sie von derjenigen die grosste Wohlthat erhalten hatte, welche sie auf Einhauchen einer Schlange, deren Falschheit ihr jetzt vor Augen lag, ehemals so schimpflich verkennen, so falsch beurtheilen konnte.

Die Furstinn Gara nutzte die Bewegung, welche sie in Elisabeths Herzen wahrnahm, zu Idas Besten. Keine List, keine Gewalt konnte sie retten, das war ausgemacht, man musste andere Wege einschlagen. Nur die Einwilligung des Erzbischofs konnte die Gefangene frey machen, und diese zu erlangen, wurden die schnellsten Anstalten gemacht; man wusste noch nicht was dieser fur Nebenursachen bey der Einkerkerung dieser Unschuldigen haben konnte; die bescheidene Ida hatte sie nie deutlich uber diesen Punkt gegen Marien erklart.

Mitlerweile lebte Herrmann zwar in heimlicher Unruhe uber die Ungewissheit von dem Schicksal seiner Geliebten, aber seine Empfindungen waren doch nicht mit denen zu vergleichen, welche er gehabt haben wurde, wenn er gewusst hatte, wie nahe ihr das Ungluck, wie unkraftig die Mittel waren, welche man zu ihrer Rettung anwendete. Nur noch vierzehen Tage waren bis zu Idas Einkleidung, und ach Herzog Albrechts Bitte an den Erzbischoff war mit einer leeren unbedeutenden Antwort abgefertigt worden, welche eine Gegenantwort erforderte, und so dachte man die Sache hinzuziehen, bis das damahls in den meisten Fallen unwiderrufliche Gelubde ausgesprochen, und die grosse Scheidewand zwischen Ida und der Welt gezogen war, welche Herrmanns Gluck unmoglich machen musste.

Herrmann sass eines Abend im dumpfen Gefuhl seines Unglucks, auf seinem Zimmer. Vor seinen Augen gingen Moglichkeiten und Unmoglichkeiten voruber, Ahndungen auf Ahndungen besturmten ihn, und tief im Innersten seiner Seele rief eine Stimme: Sie wird nie nie die Deine werden! Die Empfindung des Junglings grenzten in diesem Augenblicke an Verzweiflung. Er riss sich schnell empor! Wie? schrie er, Ida fur mich verloren? Sie nie die Meine? Welch ein Traum! Nur erst ihren Aufenthalt, und sie ist in meinen Armen! Gehe ich nicht Morgen nach Klausenburg? wird nicht Herzog Albrecht mir die Hand zu jedem bieten, was ich fur meine Ida, ach fur mein eigenes Gluck thun kann? So suchte er sich aufzurichten, aber schnell kehrten seine Zweifel mit doppelter Starke zuruck, und es war in einem der furchterlichsten dieser Augenblicke, als die Thur sich ofnete, und ein Mann vor ihm stand, den er an Konig Siegmunds Hofe vermuthete, mit Unruhe daselbst gesucht und nicht getroffen hatte.

O Konrad! mein Konrad von Langen! rief Herrmann, indem er ihm mit offnen Armen entgegen flog. O du kommst in einer meiner trubsten Stunden mich zu trosten, mir vielleicht zu helfen!

Wollte Gott, ich konnte das, rief Konrad, indem er Hut und Schwerd mit Ungestum von sich legte (und sich athemlos auf einen Sessel warf), aber leider komme ich, komme in der aussersten Eil dir zu sagen! dass dass dir nicht zu helfen ist!

Herrmann stand mit herabgesunkenen Handen und starrem Blick vor seinem Freunde als ob er das Urtheil des Todes aus seinem Munde vernommen hatte, bis ihm plotzlich einfiel, dass die traurige Post, die ihm Konrad zu bringen habe, doch wenigstens Idas Angelegenheiten nicht betreffen konne, weil diese erst in der Zeit der Trennung von ihm, den Grad von Wichtigkeit erlangt hatten, der Herrmann so beunruhigte.

Entdecke mir was du willst, sagte er, mir wird es in dem gegenwartigen Augenblicke Kleinigkeit seyn, da blos Ida mich beschaftiget, von der du ja nichts wissen kannst.

Eben von ihr, von ihr rede ich! schrie Konrad, von dem Orte ihres Aufenthalts, von dem Kloster zu Sankt Annen komme ich, dir zu sagen, dass alles aus, dass sie fur dich verloren ist, wenn nicht doch welche Moglichkeit lasst sich denken, in der Zeit von so wenig Tagen das auszurichten, was ich in so vielen Wochen nicht vermochte?

Du kennst Idas Aufenthalt? kommst von ihr? bringst mir Nachricht von ihr? und sprichst sie sey fur mich verloren? Unmoglich, unmoglich! Gluck und Ungluck zugleich? das kann nicht seyn! nein, wissen wir wo sie ist, so wollen, so mussen, so werden wir sie retten, da ist kein Zweifel.

Herrmann war bey diesen Worten aufgesprungen, warf seine Nachtkleider ab, gurtete das Schwerd um, und rief nach seinen Dienern, ihn zu wappnen!

Glaube doch nur, rief Konrad, der ihn auf seinen Sitz zuruck zog, glaube doch nur, dass ich vor der Hand alles gethan habe was gethan werden muss!

Aber, schrie Herrmann, du sprichst, noch wenige Tage, und mir ist dann nicht mehr zu helfen? durfen wir einen Augenblick verlieren? fort! fort! Ida zu Hulfe!

Und was willst du thun? Weisst du auch nur soviel, worinn Idas Gefahr eigentlich besteht! Weisst du etwas mehr als den Namen des Orts wo sie lebt? Ich sage dir, diese Nacht ist schlechterdings nichts zu unternehmen, wir mussen erst den Erfolg dessen erwarten, was bereits geschehen ist, und du hast nichts weiter zu thun, als mir ruhig zuzuhoren, was ich dir von Ida zu sagen habe!

Herrmann ging halb ausser sich im Zimmer auf und ab. Konrads Vorstellungen mussten ihn endlich abhalten, auf gut Gluck auszuziehen, er wusste nicht wohin, um Dinge auszurichten, die ihm eben so unbekannt waren, da er noch nichts von der eigentlichen Lage der Sache wusste.

Erzehle nur! erzehle nur! rief er endlich mit hastigem Ton, du siehst ja, ich bin ruhig genug dich zu horen!

Drey und dreyssigstes Kapitel.

Freundschaft und Unvorsichtigkeit.

Du weisst, fieng Konrad an, du weisst, wie ich mich an den Grenzen von Deutschland von dir trennte; du wolltest nicht mit mir fliehen; meine Gegenwart konnte dir weiter nichts nutzen, und ich wusste andere Gegenden, wo ich zu deinem Besten thatig seyn kannte.

Ida, deine Ida lag mir im Sinne. Er wird zu seinem Oheim kommen, sagte ich zu mir selbst, seine Unschuld wird offenbar, sein Gluck gesichert werden, und es wird ihm nichts mehr fehlen, als der Besitz seines Madchens; traurige Beschaftigung, wenn er sie denn erst suchen, vielleicht lang vergeblich suchen muss!

Hui Konrad! Hier eine Gelegenheit, den ehrlichen Herrmann fur seine Treue zu lohnen! Hin nach den Gegenden, wo Ida lebt? Welch ein Triumph fur dich, ihm seine Braut in die Arme zu fuhren, ehe er sich ihre Erscheinung als moglich denken kann!

Ida lebte in einem ungarischen Kloster, so viel wusste ich, um meinem Wege einige Richtung zu geben; ich hielt mich nur so lang in Prag auf, als ich nothig hatte, einige vorlaufige Erkundigungen einzuziehen. Ich erfuhr nichts weiter, als dass der Erzbischoff sie aus Verdacht der Ketzerey vielleicht auch aus Wohlgefallen an ihren schonen Augen auf die Seite geschaft habe. Die Geruchte, welche vom heiligen Subinko gingen, waren mancherley, Gott weiss, ob sie tauschten!

Subinko war vom Konig Wenzeln auf Sophiens Veranlassen seines Ansehens in Bohmen beraubt, er lebte gegenwartig in Ungarn an Konig Siegmunds Hof; Veranlassung genug fur mich, dahin zu eilen und meine Nachforschungen fortzusetzen.

Ich ward ohne Schwierigkeit in konigliche Dienste genommen, mir war es nicht so viel um diese Ehre, als um Zutritt im Hause des Erzbischofs zu thun, und ich fand denselben eben so leicht, als ich das erste gefunden hatte. Ich machte Bekanntschaft mit seinen Leuten, zechte mit ihnen, und erzahlte ihnen von meinen Ritterzugen. Du weisst, wie die Reisigen der Bischoffe, die wenig von eignen Thaten wissen, sich so gern an der Anhorung fremder Abentheuer laben.

Mein Anschlag gluckte, die Manner wurden treuherzig. Sie waren unzufrieden mit ihrem Herrn, und ich erfuhr in kurzer Zeit mehr von seinen Angelegenheiten als ich wissen mochte. Alle meine Gedanken blieben bey der Grafinn von Wurtemberg stehen, deren Aufenthalt ich durch schlaue Fragen schnell erfuhr, und von deren Schicksal die Manner nichts weiter zu sagen wussten, als dass der Erzbischoff nach einem Besuch in einem benachbarten Kloster von Sankt Annen, sehr erzurnt auf sie geschienen habe, und gegen seinen Kammerdiener geschworen habe, er wolle sie nicht ehr wieder sehen, bis sie den Schleyer truge.

Seit diesem Schwur war fast ein Jahr vergangen, ich wusste, dass Ida nach Sankt Annen gebracht worden war, dass sie daselbst die Probezeit hielt, und es ward mir klar, dass ich keinen Augenblick zu versaumen hatte, wenn ich sie retten wollte.

Ich hatte unter den Knechten des Bischofs einen besondern Freund, einen Mann, bey dem sich durch Geld und Versprechungen alles ausrichten liess. Rudger konnte der Neigung einer Hand voll goldner Schilde nicht widerstehen, er gab mir den Handschlag, mich nach Sankt Annen zu fuhren, und daselbst alles auszurichten, was ich von ihm verlangen wurde.

Wir reisten ab; wir kamen an. Ich trat mit einem Anschlag zu Idas Entfuhrung hervor. Mir war bange, ihn mochte vor dem Raube einer Nonne grauen, aber ich fand dass ihm Dinge von dieser Art schon gelaufig waren! er hatte in seinen jungern Jahren ein ahnliches Abentheuer bestanden, und ruhmte sich, selbst in dem Kloster zu Sankt Annen, in vorigen Zeiten ein Verstandniss mit einer Layenschwester gehabt zu haben, welches sich zwar nicht bis auf die Entfuhrung ausgedehnt habe, aber das mit mehrerer Gefahr, als ein einiger kuhner Streich haben konnte, ein ganzes Jahr lang fortgesetzt worden war.

An der Kirchhofmauer dieses Klosters, sagte er, steht ein uralter Baum, der mit seinen Aesten einige Lucken bedeckt, durch welche man mit einiger Wagniss fuglich auf- und absteigen kann; finde ich diese noch, so ist unser Anschlag so gut als ausgefuhrt. Ich will hin, um die Sache zu erforschen, will zugleich geheime Erkundigung einziehen, wie sonst der gegenwartige Zustand des Klosters ist, und welches die Lieblingswege, welches der eigentliche Aufenthalt eurer Nonne ist. Auch in Klostern fehlt es nicht an Personen, mit denen es sich handeln lasst, die geschwatzigen Pfortnerinnen, die Einkauferinnen, die Besucherinnen, sind nie unempfindlich gegen die Reize einer kleinen Erkenntlichkeit.

Rudger kam zuruck und brachte mir gute Nachricht. Die Lucken in der Mauer waren zum Trost bedrangter Nonnen, noch die nemlichen, wie vor zehen Jahren. Ida hielt sich meistens im Krankenzimmer auf, dessen Fenster auf den Kirchhof gingen, auch pflegte sie zu Zeiten kleine nachtliche Spatziergange unter die Graber zu machen, bey welchen sie leicht davon zu bringen seyn musste.

Meinen einigen Zweifel, dass ich die Nonne nicht kannte, die ich zu entfuhren dachte, hob mein treuer Gefahrte durch die Versicherung, dass ihm die Grafinn nicht unbekannt sey. Ich selbst, sagte er, war unter denen, die sie nach Sankt Annen brachte. Ihr schlanker majestatischer Wuchs muss sie gleich verrathen, und entreissen wir ihr den Schleyer, so macht uns das himmlische Gesicht, vielleicht das einige in seiner Art, unserer Sache vollends gewiss.

Herrmann seufzte bey diesen Worten; wer konnte Idas Reize nur einmal gesehen haben, und ihrer ohne Bewegung gedenken horen!

Konrad fuhr fort: Rudger fuhrte mich des nachsten Abends zur Probe auf den Klosterkirchhof. Das Einsteigen war leicht, seine Vorschlage waren gut, aber ich stellte mich mit Willen zweifelhaft und verzagt, um seinen Muth anzufeuern. Er selbst war jetzt der, welcher mich zuredete, und mir die Sache leicht machte; er versicherte, dass wir eilen mussen, weil der Erzbischof in Ausfuhrung seiner Anschlage schnell zu Werke gieng, und Idas Einkleidung wahrscheinlich nicht lang verschoben bleiben mochte Er machte mir Hoffnung, unsere Dame vielleicht auf einen bevorstehenden Festtag, wo die Nonnen dieses Klosters mehrere Freyheit hatten, davon zu bringen, aber ich blieb auf dem Vorschlage, wir mussten sie selbst mit in unsern Anschlag zu ziehen, und uns ihn dadurch zu erleichtern suchen.

Wie bald sind an jenen Fenstern einige Stabe zerfeilt, sagte ich zu ihm, wir steigen zu ihr ein, sagen ihr unsere Absicht, fuhren sie entweder gleich davon, oder treffen aufs wenigste mit ihr Abrede.

Rudger hatte seine Einwendungen, wir kehrten noch einmal zuruck, um uns die Gelegenheit abzusehen, und schnell flog etwas im weissen glanzenden Gewand bey uns vorbey und verlor sich in einer geofneten Thur, die wir nicht wahrgenommen hatten, und die jetzt hinter der Fliehenden mit Gerausch zugeschlagen wurde.

Was war das? sagte ich voll Erstaunen zu meinem Gefahrten. Ich will sterben, rief er, wenn sie es nicht selbst war! Ihr schlanker Wuchs, ihre leichte Bewegung! die Nonnen dieses Klosters haben den muntern Schritt langst verlernt, niemand darf hier hupfen oder laufen, als etwa eine Novize, und die Grafinn ist hier die einige.

O wir Thoren, schrie ich, dass wir so unser Gluck versaumen konnten! welcher Zufall wird es uns wieder so wie heute in die Hande spielen?

Kommt, kommt, erwiederte er, wir durfen nicht verzagen, morgen ist auch ein Tag, an welchem sich etwas ausrichten lasst!

Wir verliessen den Kirchhof, um ihn in der nachsten Nacht von neuem zu besuchen. Wir fanden die Mauer hinter dem freundschaftlichen Baume zu unserm Entsetzen gewaltig erhoht, man musste unsern Anschlag ausgekundschaftet haben und ihn zu verhindern suchen. Wir forschten weiter. Die bekannten Lucken, der eigentliche Ort unsers Aus und Einsteigens waren noch die nehmlichen, man hatte sie nicht wahrgenommen, oder ihrer mit Willen geschont.

Wir wagten uns mit kuhnem Muthe hinein, unser Anschlag musste jetzt gerathen oder verderben. Wir erstiegen die Fenster des Krankenzimmers; zwar vermissten wir in demselben unsern Leitstern, die glimmende Lampe, aber sie konnte verloschen seyn, die Dunkelheit konnte uns vielleicht unsern Anschlag erleichtern.

Wir zerbrachen die eisernen Stabe, wir stiegen ein, aber welch Entsetzen! Alles war ode, weder Kranke noch Warterinn liess sich finden, und die Thur nach dem Kloster war mit tausend Schlossern versperrt.

Traurig nahmen wir den Ruckweg; es war offenbar, dass man darauf sann unsere Anschlage zu vereiteln!

Noch einen kuhnen Streich wagten wir am Tage der heiligen Nikola, wo, wie mich Rudger versicherte, die Nonnen dieses Klosters mehrerer Freyheit genossen, wo es wahrscheinlich war, Ida leichter zu finden, sie sicherer davon zu bringen.

Wir lauerten fast den ganzen Tag im Verborgnen, wir sahen viele Truppe Nonnen, die uns wenig interessirten, aber spat am Abende erblickten wir eine einsam Wandelnde, deren schlanke Gestalt uns bewegte, ihr den Namen Ida zu geben. Wit eilten auf sie zu, und brachten sie davon, ohne dass sie sich weigerte oder ein Geschrey machte; schon hatten mir sie auf der Halfte der Leiter, als ihr zum Gluck der Schleyer entfiel, und uns ein Gesicht zeigte, welches so ganz von Idas blendenden Reizen, die mir Rudger beschrieben hatte, entblosst war, dass nicht viel fehlte, wir selbst hatten uns durch ein schreckenvolles Geschrey verrathen.

Wir liessen unsern Raub fahren, fluchten unserm Schicksal, und entfernten uns mit Eil, aber nicht um unsere Anschlage aufzugeben, sondern sie immer kuhner und verzweifelter auszudenken. Das Gluck fuhrte mir zur selbigen Zeit einen Menschen zu, der mir meine Unternehmungen merklich erleichtern konnte, meinen alten treuen Walter, der jetzt seiner geheimen Verbindungen entnommen, sich offentlich meinen Diener nennen, mir rathen und dienen konnte, wie er wollte. Er kannte Ida, wunschte sie gerettet zu sehen, und war er gleich nicht geschickt Anschlage zu ersinnen, nannte er gleich die meinigen oftmals tollkuhn, so war er doch immer bereit meinen Planen fortzuhelfen.

Es wurde zu weitlauftig seyn, sie euch alle zu nennen, nur des letzten will ich gedenken, weil ich besorge, er diente dazu das Schicksal der Grafinn zu verschlimmern, und ihm diejenige Wendung zu geben, welche jetzt fast ihre Rettung unmoglich macht.

Konrad! schrie Herrmann bey diesen Worten, indem er seinen Freund wuthend bey der Brust fasste und ihn furchterlich schuttelte, bist du rasend? du willst mir dienen und machst mich durch deine Unvorsichtigkeit nur noch elender? Sprich, wo ist Ida, und lass uns keinen Augenblick saumen, ihr zu Hulfe zu eilen!

Es kostete Konraden Muhe seinen aufgebrachten Freund zu besanftigen, und ihn endlich dahin zu bringen, das Ende seiner Geschichte vollends zu horen.

Um dir die Sache kurz zu melden, fieng Konrad von neuem an; ich kam auf den Einfall, das Kloster in Brand zu stecken, und deine Ida auf diese Art davon zu bringen!

Rasend! Rasend! schrie Herrmann mit zusammengeschlagenen Handen.

Rudger und Walter, meine Gefahrten, fuhr jener fort, hatten mehr Ueberlegung als ich, der Anschlag ward gemildert, geandert, umgeschmolzen, und endlich beschlossen wir, in einem Hofe des Klosters, in welchen wir durch den Kirchhof kommen konnten, von Stroh und Stoppeln ein leichtes bald zu loschendes Feuer anzuzunden, welches unter den Nonnen allen Auflauf anrichten konnte, den wirkliche Gefahr nach sich zieht, ohne darum schlimme Folgen zu haben.

Wir fuhrten aus, was wir uns vorgenommen hatten. Die Flamme loderte furchterlich himmel an. Rudger rief mit dumpfer Stimme Feuer, alle Nonnen wurden wach, alle Zellen ofneten sich, es gelang uns im Gedrange abermals eine von den Jungfern davon zu bringen, die wir in der Dammerung fur Ida hielten. Walter loschte indessen das Feuer, und schlich uns durch unsern gewohnlichen Ausweg nach; wir entschleyerten unsere ohnmachtige Nonne, sahen uns zum zweytenmal getauscht, liessen unsern Raub an der Kirchhofmauer liegen und entflohen.

Dieser Streich war zu kuhn, er musste Folgen nach sich ziehen. Klosterfrauen durch angelegtes Feuer zu schrecken, eine aus ihrem Mittel entfuhren, und sie dann verachtlich liegen lassen, das waren der Beleidigungen zu viel. Die ganze Gegend ertonte vom Geschrey wider die Kirchenrauber. Der Pobel wurde uns zerrissen haben, wenn man Verdacht auf uns hatte fassen konnen. Alle fernere Versuche wurden vereitelt; das Kloster ward mit Gewaffneten besetzt, und das Gerucht breitete sich aus; die Nonnen zu Sankt Annen wussten wohl, auf welche aus ihrem Mittel alle diese Anschlage gingen, und sie wollten die Unglucksstifterinn aus ihren Mauren stossen, und in ein Kloster liefern, welches unbekannt und weit entfernt genug seyn sollte, um ihre Entfuhrung unmoglich zu machen.

Ists moglich, dir die Verzweiflung zu schildern, die mich bey diesen Aussichten befiel? Sie war derjenigen nicht ungleich, die ich jetzt in deinen Augen lese!

Herrmann war ausser sich, er vermochte wirklich kein Wort hervorzubringen, und Konrad konnte seine Geschichte ungestort endigen.

Zum Gluck, fuhr er fort, kundschaftete Rudger aus, dass Herzog Albrecht von Oesterreich sich in dem benachbarten Kloster zu Sankt Nikola befande, wohin er seine Braut gefuhrt habe. Ich kannte Albrechten aus deiner Geschichte als deinen und Idas thatigen Freund. Ich eilte zu ihm, erzahlte ihm alles und forderte ihn zu Rath und Hulfe auf!

Er hatte schon machtige aber bis jetzt noch vergebliche Schritte zu Idas Hulfe gethan. Meine Erzahlung machte ihn noch aufmersamer, machte die Gefahr dringender in seinen Augen, und er traf eilig Anstalt, so wohl Idas wahren Zustand auszuforschen, als schleunige Verfugungen zu ihrem Besten zu treffen. Es war gewiss, dass Ida doch nicht aus Sankt Annen hinweg geschaft war, und Herzog Albrecht schickte mich mit einem nachdrucklichem Brief an den Erzbischof, von welchem er behauptete, er musse durchdringen, wenn nicht Subinko alles, was ihm lieb sey, in die Schanze schlagen wollte. Diesen Brief zu uberbringen, ward ich hierher gesandt, wie konnte man einen treuern und eiligern Boten finden als mich!

Und sage! sage was richtetest du aus? unterbrach ihn Herrmann mit einem Tone, der die Verzweiflung ausdruckte, in welcher er sich befand.

Die Antwort, die ich erhielt, war sehr sonderbar, erwiederte Konrad mit Achselzucken, der kunftige Morgen wird erklaren, was wir davon zu denken haben. Ich fand in dem Erzbischoflichen Pallast alles voll Besturzung: nur der Name des Herzogs von Oestreich verschaffte meinem Briefe Aufnahme. Man versicherte, der Erzbischof sey sehr krank, befinde sich nicht in dem Zustande, Briefe zu lesen oder zu beantworten. Ich wich nicht von der Stelle. Endlich erschien der Grossalmosenier des heiligen Mannes, und versicherte, der Erzbischof befande sich in der That sehr schlecht, aber demohngeachtet sollte ich morgen mit dem fruhsten Antwort auf das Begehren des Herzogs haben. Ich musste denn den Pallast verlassen, um zu dir zu eilen. Man versicherte mich beym Weggehen im Vertrauen, der Erzbischof liege in den letzten Zugen, werde den Morgen nicht erleben, und ich kann nicht glauben, dass durch diesen Umstand unsere Sache verbessert werde. Und warum nicht? schrie Herrmann. Ist Idas Verfolger tod, wer will ihre Rettung hindern?

Kennst du Subinkos Nachfolger? Die Neulinge pflegen die Rechte der Kirche mit mehrerer Hartnakkigkeit zu verfechten, als die Ausgedienten!

Aber wir werden dann keine Privatabsichten auf Ida zu bestreiten haben! und sollte, wie man immer vermuthete, der geitzige Albikus, Subinkos Stelle ersetzen, er, dem alles kauflich ist! O Konrad, ich hoffe, ich hoffe! Sieh'! du wolltest mich todten mit deiner Nachricht, und Leben und Freude hast du mir durch sie ins Herz gegossen!

So brachten die beiden Freunde eine schlaflose Nacht voll Zweifel, Hoffnungen und Entwurfe zu; sie bauten das Letztere auf einen Erfolg, auf den sonst kein Gutdenkender sein Gluck zu bauen pflegt. Doch der Tod des Erzbischofs war ein Gluck fur manche Bedrangte, und Idas Freunde waren zu entschuldigen. Auch fugte das Schicksal ihren Wunschen.

Der Morgen brachte die Post von Subinkos Absterben, und das Gerucht von Albinkus wahrscheinlicher Erhohung! Der neue Erzbischof lebte zu Prag, Herrmanns Entschluss war gefasst. Eile, sagte er zu Konrad, eile nach dem Orte, der meine Ida einschliesst, wache, dass sie mir nicht ganzlich entruckt, vielleicht an Orte gefuhrt werde, wo ich sie in Jahren nicht zu finden wusste. Ich fliege nach Prag, zu dem, welchem alles kauflich ist, von ihm Idas Befreyung mit allem was er fordert, mit meinem gegenwartigen Vermogen und kunftigen Hoffnungen zu erhandeln. Der Graf von Wurtemberg ist, wie ich hore, an Konig Wenzels Hofe angelangt, er wird, er muss meinen Wunschen an die Seite treten. Und erlange ich, was ich suche, dann auf Flugeln des Sturmwinds hin zu ihr! Ihren Vater, Herzog Albrechten, dich, alle alle die mir und ihr lieb sind, fordere ich auf, sie im Triumph aus ihrem Kerker zu fuhren! Herrmann war ausser sich, seine Entschlusse waren Feuer und Flamme, die Ausfuhrung das nehmliche!

Vier und dreyssigstes Kapitel.

Fast war es zu spat.

Die Freunde der Grafinn von Wurtemberg hatten Ursach wegen ihrem Schicksal besorgt zu seyn; ihre Lage war, seit wir uns von ihr trennten, mit jedem Tage bedenklicher geworden.

Meine Leser wissen aus Konrads Erzahlung, dass die tausend verungluckten Anschlage zu ihrer Entfuhrung nicht wie sie wahnte von dem Erzbischofe, sondern von dem treuen Freunde ihres Herrmanns herruhrten, der denen zu gefallen, welchen er dienen wollte, alles selbst Klugheit und Vorsichtigkeit in die Schanze schlug.

Konrads Versuche hatten glucken mussen, wenn er weniger hastig zu Werke gegangen war, und wenn nicht diejenige, welche sie am meisten hatte begunstigen sollen, sie geflissentlich vereitelt hatte; aber Ida wusste nicht, welche Hand sie aus dem Kerker zu reissen strebte, auch zweifeln wir billig, ob, hatte sie es gewusst, nicht ihre Grundsatze ihr dennoch diese Art der Befreyung verhasst gemacht haben wurden. Hinterlistige Flucht aus einem Kloster, Flucht an der Seite eines Mannes, war einmahl in jenen Zeiten ein Schritt, vor welchem die weibliche Delikatesse zuruckschauerte, ein Schritt, der ein Fraulein auf Lebenszeit mit Schande brandmarken konnte.

Ida hoffte und erwartete ihre Befreiung auf dem geraden Wege, durch sorgfaltige Verwendung ihrer Freunde. Sie wusste nicht, wie kalt oft blosse altagliche Freundschaft in Ansehung verwickelter Anschlage ist. Die Furstinn Gara und die Prinzessinn Elisabeth waren neue Freundinnen der Grafinn von Wurtemberg, waren zu glucklich in Mariens Besitz zu beschaftigt ihre hingesunkenen Krafte durch muhsame Pflege zu erhohen, als dass sie an die Geberinn ihrer Freuden, an Ida anders, als an eine Nebensache hatten denken sollen. Sie trosteten einander mit der Hoffnung, es wurde sich auch schon mit ihrem Schicksal zum Besten fugen, und ersparten sich dadurch die Muhe zu handeln.

Die schwache Koniginn nannte den Namen ihrer Retterinn unaufhorlich, aber man wusste sie durch Hoffnungen zu befriedigen, deren Ungrund sie nicht untersuchen konnte.

Herzog Albrecht, Idas warmer Verehrer, that mehr als die andern alle, aber er musste seine Sorgfalt fur das Schicksal seiner Freundinn einschranken, wenn er nicht wollte, dass kaum ausgerottete Eifersucht von neuem Wurzel schlagen sollte.

Konrad, der unvorsichtige Konrad, war es also allein, der das Beste der Bedrangten mit Eifer betrieb, und wie es ihm gluckte, das haben wir gesehen.

Der letzte Streich, den er wagte, hatte gewaltigen Aufruhr im Kloster gemacht. Die ganze Schwesterschaft vereinigte sich wider die unschuldige Ursacherinn dieser Dinge zu schreien. Taglich neue Schrecknisse! versuchte Entfuhrungen! Einbruch in die Zellen! angelegtes Feuer! was fur Dinge! Sollten wir alle das Opfer einer einigen werden? Hinweg mit ihr aus unserm Heiligthum! Man schicke sie in eine entfernte Gegend, wo niemand sie finden, wo sie bis an ihr Ende fur das Herzleid, das Unschuldigen um ihret willen zugefugt wurde, bussen kann: dies war die gemeinschaftliche Stimme der heiligen Schwestern zu Sankt Annen.

Die Aebtissinn, von Idas fehlerloser Auffuhrung, von ihrer eingebildeten Neigung zu einem Stande, den sie anfangs verabscheute, eingenommen, war ihr nicht ungewogen, hatte sie gern geschutzt. Aber eben ihre aufkeimende Liebe fur die Ungluckliche machte diese zu einem doppelten Gegenstande des Neides fur die Nonnen. Sie musste hinweggeschaft werden, um allen Nachtheil, den man von ihr besorgte, zu verhuten!

Ida war genothigt sich auf ihrer Zelle eingezogen zu halten, so gar der Besuch des Chors war ihr versagt; man wusste nach und nach die Oberinn mit Verdacht einzunehmen: ob sie auch so ganz unschuldig an den Begebenheiten sey, welche man bisher ihretwegen erfahren hatte; ob nicht vielleicht ihr Abscheu vor der Entfuhrung verstellt sey; ob man nicht bey ihr ein geheimes Verstandniss mit den Feinden besorgen musse, welches uber lang oder kurz zum Verderben des Klosters ausschlagen konne?

Beschuldigungen dieser Art waren unwahrscheinlich, waren geradezu unvernunftig, doch wurden sie gehort, und zogen endlich das nach sich, was man in Klostern ein Hauptverhor nennt.

Ida ward vorgefordert, man legte ihr tausend Fragen vor; sie beantwortete sie alle zu Ehren ihrer Unschuld, und zu Beschamung ihrer Feindinnen. Nur eine konnte sie nicht so beantworten, wie es in dieser Lage ihr Vortheil verlangte, und dieser eine Punkt sturzte sie.

Wie hatte Ida, auf Befragung, ob sie ihren Beruf fur rechtmassig hielt, ob sie gern den Schleyer ergriff, das Kloster zu Sankt Annen den Herrlichkeiten der ganzen Welt vorzoge, wie hatte sie mit Ja antworten konnen? wurde wohl eine einige ihrer Richterinnen es gekonnt haben? Ida gestand aufrichtig: ihr waren nur die Mittel, welche man zu ihrer Befreyung gebraucht, nur der Ort, wo man sie wahrscheinlich habe hinbringen wollen, widerlich gewesen; sonst wurde sie mit Freuden in die Welt zuruckkehren, und die Verbindungen mit ihren liebsten Freunden erneuern. Sie erklare hiermit feyerlich, dass sie nur aus Nothwendigkeit das Gelubde ablegen werde, und in sich nicht den mindesten Beruf zum Klosterleben fuhle.

Man faltete die Hande vor Entsetzen, und aus aller Munde ertonte der Name Heuchlerinn! Man warf ihr vor, sie habe vor kurzem anders gesprochen, habe wenigstens durch Stillschweigen zu verstehen gegeben, dass sie gern zu Sankt Annen verbleibe. Ida zuckte die Achseln und schwieg. Freylich um Mariens willen, um diese zu unterstutzen, diese zu retten hatte sie eine Zeitlang gern in diesem Kerker gelebt, aber wie durfte sie dieses bekennen, ohne das Geheimnis der guten Koniginn kund zu machen? und was wurde ihr ein solches Bekenntniss geholfen haben?

Ihr schweigt? sagte die Domina. Hier liegen Dinge verborgen, die wir nicht ergrunden konnen!

Und, sagte eine von den Schwestern, was mag sie mit dem Orte meynen, an welchen sie furchtete, bey ihrer Entfliehung gebracht zu werden? Sie weis, sie vermuthet ihn? ist nicht schon hieraus ein geheimes Verstandniss mit der Welt erwiesen?

Man setzte der bedrangten Grafinn sehr ernstlich zu sich uber diesen Punkt zu erklaren, und Ida war endlich genothigt, den Namen des Erzbischofs zu nennen, und einige Winke von seinen ehemaligen gegen sie geausserten Absichten zu geben.

Durch dieses Bekanntniss war ihr Urtheil gesprochen. Man nannte sie eine boshafte lugnerische Verlaumderinn, welche nicht werth sey langer uber der Erde geduldet zu werden, und der man deswegen die Wohnung anweisen musse, welche Verbrecherinnen ihrer Art zukame. Die Aebtissinn schien besonders durch die Beschuldigung des Erzbischofs beleidigt zu seyn; sie behauptete, es sey schlechterdings unmoglich, dass ein so alter, ernster, heiliger Mann, durch die irdischen Reitze eines solchen Kindes sollte geruhrt worden seyn; sie wandte der Grafinn voll Unwillen den Rucken, und befahl sie hinweg zu fuhren. Alle ihre bisherige Reigung fur Ida war verschwunden, und die Bitten ihrer wenigen Freundinnen wurden nicht gehort.

Man brachte sie in eins von jenen unterirdischen Gefangnissen, von denen man noch heut zu Tage in Klostern genugsame Spuren findet, welche aber zu jenen Zeiten wahrscheinlich noch furchterlicher waren als man sie sich jetzt aus diesen Ueberbleibseln denken kann. Ihre Fuhrerinnen waren die beyden Nonnen, die in den letztvergangenen Tagen beynahe das Schicksal gehabt hatten, an Idas Statt entfuhrt zu werden, und die sich bey ihrer Verurtheilung besonders geschaftig erwiesen hatten. Sie hatten Ursach auf Rache zu denken. Welch ein Schimpf fur ein paar geistliche Jungfern, den heiligen Mauern ihres Klosters mehr als halb entruckt zu werden und dann sich verachtlich wieder zuruck geschickt zu sehen!

Idas Gefangenschaft ward durch nichts unterbrochen, als durch ein nochmaliches Verhor Erzbischof Subinko, vielleicht in Ahndung seines baldigen Todes, hatte das Kloster in diesen Tagen besucht, hatte mit der jungen Novize, von deren gegenwartigen Zustande man ihm nichts wissen liess, eine Privatunterredung gefordert, und die Aebtissinn, welche viel Gewalt uber ihn zu haben schien, hatte es fur gut gehalten, ihm dieselbe abzuschlagen, und Ida in seiner Gegenwart, vor die ganze Versammlung zu fordern.

Man nothigte Ida, in seiner Gegenwart das zu wiederholen, wovon sie schon zuvor einige Winke gegeben hatte; sie that es mit Muth und Bescheidenheit, indem sie zugleich versicherte, dass sie in Ansehung der Entfuhrung auf blosse Muthmassung baue.

Der heilige Mann ereiferte sich gewaltig, er bewies seine Unschuld wenigstens in Ansehung des letzten, und die Verlaumderinn Ida ward entlassen.

Auch die andern Nonnen mussten sich entfernen, und der Erzbischof und die Aebtissinn blieben allein. Man weiss nicht, was zwischen diesen beyden vorgefallen ist, aber so viel ist gewiss, dass der heilige Mann das Kloster schnell und in der aussersten Gemuthsbewegung verliess. Alte verjahrte Rechte machten es der Aebtissinn vielleicht erlaubt, mit ihm uber gewisse Dinge aus einem beleidigenden Tone zu sprechen, der nachtheilige Folgen fur die Gesundheit des Greises haben musste.

Er war insgeheim von Presburg hinweg gereist, eben so geheim kam er zuruck. Das Gerucht von seiner Krankheit bereitete sich aus, bald darauf die Nachricht von seinem Tode, und mit dieser nahm Hoffnung zu Idas Befreyung in dem Herzen ihrer Freunde Platz.

Idas Schicksal ward indessen immer furchterlicher, die Aebtissinn schien sie todtlich zu hassen. Ihre Kerkermeisterinnen liessen zuweilen Worte fallen, welche sie mit Todesahndung erfullen mussten, man sprach von Eroffnung gewisser Gemauer in dem untersten Keller des Klostergebaudes, Ida hatte oft von der Bestimmung dieser abscheulichen Grufte gehort, sie wusste, dass sie seit zwanzig Jahren nicht gebraucht worden waren, und sie konnte muthmassen, dass sie nunmehr die erste Ungluckliche seyn wurde, die daselbst verschmachten sollte.

Ihr Zustand granzte nahe an Verzweiflung, war zuweilen vollige Sinnlosigkeit. Ach! seufzte sie in ihren hellern Augenblicken; von allen verlassen? Herrmann? Albrecht? Marie? mein Vater? keine keine Hulfe?

Der Tag des Schreckens war angebrochen, kein weiteres Verhor! sie erwartete ihr Urtheil! Die Thuren des Kerkers offneten sich! Die Aebtissinn in eigner Person sturzte herein! und Ida ward ohnmachtig bey ihrem Anblick!

Ich muss sie selbst sehen! schrie die Domina Gott, so ein Zufall! Wo ist sie! Wie? auf der Erde ohne alle Empfindung ausgestreckt? Wohl gar tod?

Gott sey uns gnadig! nur das, nur das nicht! Man fasse sie eilig und bringe sie in eins der obern Zimmer!

Heilige Mutter! rief eine von ihren Begleiterinnen! Gonnt ihr die Ruhe! Sollte sie tod seyn! ihr wisst, die Todten sprechen nicht!

Ja, aber diese furchterliche Gestalt! Dieser ausgezehrte Korper! Alles, alles wird wider uns zeugen! Lasst sehen! Ja, sie lebt noch, es ist noch Athem in ihr! Eilig hinauf! und alles herbey geschaft, was das Kloster an Erquickungen aufbringen kann!

Ida erholte sich nach einer Stunde; sie erstaunte, sich an einem hellen und reinlichen Orte zu sehen; sie glaubte, es sey ein Traum! Sie strebte sich von dem weichen Lager, auf welchem sie sich befand, aufzurichten: es war das eigene Bette der Aebtissinn, auf welches man sie gebracht hatte.

Ruhig! ruhig! meine Theure! rief die Domina, welche neben ihr sass und angstlich nach ihrem Puls fuhlte, mit sanfter Stimme.

Wo bin ich? rief Ida!

Unter lauter Freunden; Eure Prufungen sind geendigt! Nur prufen, nicht strafen wollten wir euch! Ihr wisst, wie sehr wir euch lieben.

Ida wandte sich unwillig auf die Seite.

Sie bedarf der Ruhe, sagte die Aebtissinn zu einer anwesenden Klosterfrau, ich verlasse sie, um Anstalten zu machen. Lasset es ihr an nichts fehlen, und ruft mich, wenn sie erwacht ist.

Ida bedurfte der Ruhe, aber nicht des Schlafs, die Dinge, welche sie umgaben, waren zu ausserordentlich, um ihr denselben zu gonnen. Sie war zu schwach zu fragen; sie druckte der um sie beschaftigten Nonne die Hand, und verweilte mit mattem Blicke auf den bethranten Wangen ihrer Warterinn; es war eine von Idas Freundinnen, eine von denen, welche durch ihre liebreiche Sorgfalt dem Tode entrissen wurden.

Was ist dies? fragte Ida nach einer Weile, welche Aenderung!

Still! Still! winkte die Nonne, und schlich nach der Thur um zu sehen, ob ein Horcher vorhanden sey.

Wir erwarten, sagte sie beym Zuruckkehren, morgen unsern neuen Erzbischof in unsern Mauren, er kommt in Begleitung des Grafen von Wurtemberg, Herzog Albrechts, und des Grafen von Unna, eine unschuldig Leidende zu befreyen.

Ida wusste nichts von dem Tode des alten Erzbischofs, und konnte also die Erscheinung des neuen nicht begreifen. Ihren Vater wusste sie weit entfernt, und den Grafen von Unna kannte sie gar nicht; sie wusste nicht, dass ihr geliebter Herrmann hiermit gemeynt sey. Sie hielt die Sage der Nonne fur Traum, und schloss die Augen um weiter zu traumen.

Sie offnete sie von neuem, und wandte sich mit einer zweyten Frage an die Nonne, diese schwieg, und deutete auf auf die Thure. Bald darauf trat die Domina herein.

Habt ihr geschlafen, mein Kind? fragte sie.

Sie ist so eben erwacht, sagte die Nonne.

Schlafet, schlafet! meine Theure! fuhr die Aebtissinn fort, diese bleichen Wangen mussen morgen bluhen, diese matten Augen mit dem vorigen Feuer glanzen. Ihr wisst nicht, wen ihr morgen sehen werdet. Einen Vater, einen Freund, einen einen wie soll ich sagen?

Die heiligen Lippen der Aebtissinn vermochten das Wort, Brautigam, das ihr auf der Zunge schwebte, nicht auszusprechen, auch hatte Ida genug gehort, um mit Entzucken erfullt zu werden!

Also ists dennoch dennoch wahr? rief sie mit zusammengeschlagenen Handen.

Was denn, mein Kind? hat man euch schon gesagt?

Nein! aber mir traumte so etwas.

Die Aebtissinn meynte, der Himmel pflegte seinen Heiligen mancherley im Traum zu offenbaren. Auch sie habe einst getraumt, Ida musse gepruft werden, scharf gepruft werden, um dereinst glucklich zu seyn.

Um dieses Traums, und um der langen Predigten willen, welche ihr diesen Tag uber von der Versohnlichkeit, von der Verschweigung der Klostergeheimnisse und dem dankbaren Genuss des Glucks gehalten wurden, musste sich Ida endlich zu dem Versprechen bequemen, gegen ihre ankommenden Freunde nichts von der Art der Leiden zu gedenken, die sie betroffen hatten, auf keine Rache zu sinnen und fleissig zu erwegen, das alles nur Prufung, nicht Strafe, nur Wirkung der Liebe, nicht des Hasses gewesen sey.

Diese abgezehrte Gestalt, diese Todtenmattigkeit, die der Domina im Grunde so viel Sorge machte, konnten, wie sie Ida versicherte, eben so wohl einer uberstandenen Krankheit, als andern Dingen beygemessen werden. Gern hatte sie alle ausgestandenen Leiden selbst ihr aus dem Sinne geschwatzt, sie ihr fur Phantasien eines hitzigen Fiebers angerechnet!

Lieber Leser, unsere Urkunden beginnen hier am Ende unserer Laufbahn mangelhaft zu werden, wir mussen unsere Zuflucht zur Lebhaftigkeit deiner Einbildungskraft nehmen ihre Lucken zu ersetzen.

Der frohe Tag, der Tag des Wiedersehens brach an! Man hatte der schwachen Ida so unablassig von ihrem Gluck vorgeredet, dass ihr die Idee davon anfing gelaufig zu werden. Die kostbarsten Starkungen, mit welchen man Sorge getragen hatte sie zu erquicken, gaben ihr wenigstens so viel Kraft, dass sie ausser dem Bette seyn, und sich den Kommenden entgegen leiten lassen konnte. Sie sank in die Arme ihres Vaters, ihres Herrmanns, eine schone hinwelkende Rose, die der Morgenthau zu erfrischen beginnt. Welche Ausrufungen, welche Fragen! welch ein Gewirr von tausenderley auf mannichfaltige Art geausserten Gefuhlen! Herrmann und Ida waren meistens sprachlos, die Freude des Grafen von Wurtemberg hatte mehrere Worte. Herzog Albrecht wandte sich auf die Seite eine Thrane zu verbergen. Und Erzbischof Albikus schien so wohl mit dem Kaufpreis zufrieden zu seyn den er fur Idas Befreyung erhalten hatte, dass er sich erbot, sie noch heute zur Grafinn von Unna zu machen, ein Vorschlag, welchem sich die Aebtissinn mit allen Kraften widersetzte. Wie hatte ein solches in den heiligen Klostermauern gestattet werden sollen? zu geschweigen, dass Ida, der Kleidung nach, noch eine Nonne war.

Der nachste Tag brachte die Grafinn von Wurtemberg in Mariens, Elisabeths und Rosas Arme, auch Munster war nicht fern, und der hulfreiche Konrad! O Uebermaass von Freude, wer vermag dich zu schildern!

Ida ward Herrmanns Gemahlinn, er stellte sie seinem ehrwurdigen Oheim dem Grafen von Unna vor, machte sie mit seinen Geschwistern, mit Aleken, Agnesen und Petronellen bekannt, auch Ulrich ward ihr Freund, auch der Ritter Johann erschien Theil an dem Gluck seines Bruders zu nehmen, und es gelang Herrmannen den alten Grafen von Unna zu seinem Freunde zu machen! Doch, mein Leser, wie soll ich dir einen Auszug von den abgerissenen Dokumenten liefern, welche von diesen und vielen folgenden Dingen handeln.

Nur zweye davon zeichnen sich dadurch vor den andern aus, dass sie von dem nagenden Zahn der Zeit ziemlich verschont worden sind, und das ganz liefern, was sie melden sollen. Das eine ist ein Brief der Munsterinn an ihren Mann, vom Jahr 1419, in welchem sie ihm die Niederkunft der jungen Grafinn von Unna mit einem jungen Herrlein berichtet. Ida befand sich damals an dem Hofe ihrer Freundinn der Koniginn Sophie; ach es war das letzte Jahr, in welchem Sophie die Krone trug! Wenzels Tod machte sie zur Wittwe und liess sie die Ruhe, welche sie in so langen Jahren auf dem Throne nicht schmeckte, endlich im Kloster finden.

Das andere Blatt, dessen wir gedenken mussen, ist eine Einladung Herrmanns Grafen von Unna, an Aleken von Senden, und ihren Gemahl Ulrich, gen Regenspurg zu kommen und bey seinem zweyten Sohn Pathenstelle zu vertreten. Es scheint also, dass das Schicksal Berndten und Katarinen nothigte vom Schauplatz abzutreten, damit ein paar der edelsten vom Schicksal getrennten Seelen, glucklich werden sollten.

Noch einige dunkle Spuren zeigen sich, dass Herrmann auf Zureden seines Schwiegervaters und Oheims, den Entschluss fasste, ein Mitglied jener Gesellschaft der im Verborgenen Richtenden zu werden, die sein vergangenes Leben mit so viel Schrecknissen erfullt hatten; ein Wink, der uns nicht unwahrscheinlich dunkt. Wer in jenen Zeiten seines Lebens sicher seyn wollte, strebte immer darnach, sich oder einen seiner Freunde an die grosse Kette anzuschliessen, welche alles umfasste und allen unsichtbar war.

Herrmann ward ein nachdrucklicher Vertheidiger seines Freundes Konrad, den die Ehre des nunmehrigen Kaisers, Siegmunds, Diener zu seyn nicht vor seinen Verfolgern schutzen konnte! Er brachte ihn an Herzog Albrechts von Oesterreichs Hof, der mit seiner Gemahlinn Elisabeth sich gern von Siegmunds und der gehassten Barbara Anblick entfernte, um den Umgang der von allen tod geglaubten Marie im Stillen zu geniessen.

Da alles, was wir hiervon finden, nur dunkel und unzusammenhangend ist, so konnen wir nur wenig davon sagen, und unsere Geschichte erreicht ihr Ende.

Fussnoten

1 Eine Art damaliger Munze. 2 Wenzel hatte sich, wie bekannt, erkuhnt, eigenmachtig Beisitzer und Richter des heimlichen Gerichts zu schaffen, welche von den Aechten nicht anerkannt wurden, dieses dient vielleicht zu Erklarung dieser That. 3 Ueberhaupt liegt diese ganze Reise in tiefes Dunkel gehullt, und wir haben in der wahren Geschichte nur wenig Spuren von ihr oder ihrer Veranlassung entdekken konnen. 4 Nach andern Johann von Langen. 5 Die gewohnlichen Worte, an welchen die heimlich Verbundenen des Vehmgerichts sich erkennen, waren: Steil, Stein, Gras, Grein, doch wollen einige behaupten, dass bey verschiedenen Gelegenheiten auch andere Losungen gewahlt wurden. 6 Herzog Friedrich entfernte sich, wie die Geschichte sagt, allein ins Gebusch, so weit ein Mann mit einem Bogen schiessen mag. Kurd, sein Leibknappe, fand sein Ausbleiben zu lang, und folgte ihm, fand ihn ermordet, und sahe die Morder noch entfliehen, deren 7 Im maynzischen nicht wie am Ende des ersten Theils durch einen Druckfehler steht, im kollnischen. 8 Siegmunds Gemahlinn Barbara, welche ein Druckfehler im ersten Theile zu fruhzeitig zur Kaiserinn gemacht hat, ward dieses erst lange nachher, und hiess jetzt nur erst Koniginn von Ungarn. 9 Man erinnere sich, dass Kunzmann Herrmanns Schwerd in das Gebusch schleuderte, wo Friedrich gefallen war. 10 Fursten und Edle suchten in jenen Zeiten entweder selbst Beysitzer des heimlichen Gerichts zu werden, oder ihre Diener zu Freyschoppen machen zu konnen, es war dieses das einige Mittel in jener furchterlichen Epoche, einer Art von Sicherheit zu genussen. 11 Alle Mitglieder des Vehmgerichts oder die Wissenden, wie sie sich nannten, waren einander, und wenn sie sich auch nie zuvor gesehen hatten, auf eine Art kenntlich, welche uns ein Geheimnis ist, so wie ihre ganze Verfassung. Ein Verfehmter, das ist, einer, der auf viermalige Ladung nicht erschien, oder uber welchem beschlossen war, er solle ungewarnt sterben, war gleichsam vor allen Freyschoppen vogelfrey erklart; welcher von ihnen ihn fand, der musste ihn todten, ein jeder war verbunden, ihm nachzuforschen, sonst zu schwach, ihn zu uberwaltigen, so war jeder seiner Mitbruder, den er um Hulfe rief, durch die furchterlichsten Eide gebunden, ihm beyzustehen. 12 Die Geheimhaltung dieser Dinge ging, wie Moser sagt, so weit, dass nicht allein die geringste Warnung des Verfehmten todeswurdiges Verbrechen war, sondern das selbst der Kaiser nichts von dem erfuhr, was im heimlichen Gericht vorging. Er durfte nicht fragen: wer ist in den heimlichen Acht? Auf die Frage, ist der oder jener darin, erhielt er allenfalls ja oder nein zur Antwort. 13 Auch die Mathaus und Mathias Kirche fuhrte den Namen Bethlehem; von einem Kloster dieses Namens findet man nur wenig Spuren. 14 O rief er, o der schonen Gans, die mir so viel guldene Eier legt! 15 Man verzeihe den frommen Seelen jener Zeit ihre Irrthumer. Man wusste damals noch keine Ausfluchte wider die Bundigkeit der Eide! 16 Eins von Hussens Hauptverbrechen war, die Freiheit, mit welcher er, wohl sogar auf der Kanzel, von den Ausschweifungen des Clerus zu sprechen pflegte. 17 Die Freyschoppen verfolgten den Durchachteten so lang, bis sie ihn einsam trafen, oder ihre Zahl hinlanglich war, sein und seiner Helfer machtig zu werden, in dem eigentlichen Mutterlande dieser Grausamkeiten, auf der rothen Erde, wie Westphalen sinnbildlich von ihnen genannt wurde, war ihre Gewalt am grossten, niemand konnte ihr entgehen.