Benedikte Naubert
Die Amtmannin von Hohenweiler
Eine wirkliche Geschichte
aus Familienpapieren gezogen.
Vom Verfasser des Walter von Montbarry
Erstes Bandchen
Vorbericht
Diese Blatter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das ubrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel troste sie, geflossen. Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Manner zu verewigen? Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Handen gewesen seyn! Mir mochte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich gethan habe.
Der Herausgeber.
Erstes Kapitel
Geschwatz einer alten Frau
Der Fruhling meines Lebens ist dahin, diese grauen Haare sind Zeuge davon. Der Fruhling und der Herbst? fast mochte ich zweifeln, ob ich auch diese fur vergangen rechnen soll, wenn ich mich im Kreise meiner bluhenden Tochter und Enkelinnen erblicke, deren jede mir in meiner jugendlichen Schonheit gleicht, und einen Glanz auf meine Runzeln zuruck wirft.
Wenn ihr, ihr Lieben, euch so zartlich um diejenige dranget, die euch das Leben gab, so fallt mir immer der abgestorbene Nussbaum an der linken Seite unserer Gartenthur ein, dessen nackte Aeste der nachbarliche Flieder mit seinem Laub und Bluthen deckt, und dessen Stamm der Weinstock, den mein Vater an meinem Hochzeittage pflanzte, so prachtig mit seinen rothen Trauben behangt. Schon oft habe ich dieses Sinnbild meines hinsinkenden Lebens, das nur durch euch Zierde und Anmuth erhalt, von der Axt des Gartners gerettet, und auch euch, meine Kinder, sey es heilig; rottet diesen Baum nicht aus, wenn ich todt bin: er verunstaltet die Stelle nicht, auf welcher er steht, seine beyden Nachbarn, die er aufwachsen sah, und sie in seinen bessern Jahren in seinem Schatten nahrte, verhullen seine Blosse, und zurnen nicht, wenn der Unwissende einen Theil ihres Laubes auf ihres Pflegers Rechnung schreibt.
Schon oft, meine Kinder, versprach ich euch, eine umstandliche Erzahlung meiner Geschichte, oder vielmehr der eurigen, denn meiner eigenen Begebenheiten sind wenig. Still und einformig verfloss mein Leben, bis ich in den Stand trat, der euch das Daseyn gab, bis ihr eines nach dem andern auftratet, und mir bald Trauer- bald Freudenthranen ablocktet, mir bald frohe Tage, bald sorgenvolle schlaflose Nachte machtet. Viel waren meiner Unruhen in euren ersten Kinderjahren; aber o Gott, sind sie wohl mit den Sorgen zu vergleichen, die bey eurem reiferen Alter mein Herz anfielen? Zu der Zeit, als eure Leidenschaften erwachten, und euch in Labyrinthe fuhrten, aus welchen euch zuruckzurufen, die schwache mutterliche Stimme vergebens strebte. Amalie ist dahin, aber dich, Jukunde, und dich Juliane, rufe ich zu Zeuginnen an; ihr konnt vergangene Dinge noch nicht so ganz vergessen haben. Johanne, auch sie, mein Liebling, hat mir der Thranen viel gekostet, doch auch sie ist aus unserm Kreise abgetreten, und euch haben mehrere Jahre weiser gemacht.
Lasst mich endlich eine Erzahlung anfangen, von welcher ich, wenn ihr in mich dranget, oft sagte, ich wurde sie euch besser schriftlich als mundlich geben konnen. Ihr sehet, dass ich recht hatte. Wie wollte die jugendliche Ungeduld die Schwatzhaftigkeit des Alters aushalten konnen! Einer geschwatzigen Feder kann man eher entfliehen, als einem schwatzhaften Munde. Legt dieses Blatt auf die Seite, wenn es euch zu langweilig dunkt, und fangt ein neues an.
Zweites Kapitel
Alltagsbegebenheiten
Die Erwahnung meines schwachen hilflosen Alters, meiner vergangenen Sorgen und Kummernisse, eurer Vergehungen und unserer Verstorbenen, giebt dem Anfange dieser Blatter einen gewissen Anstrich von Schwermuth, welcher eigentlich nicht mit meinem Charakter ubereinstimmt. Die junge Welt mag mich vielleicht jetzt zuweilen finster und murrisch nennen, aber in meiner Jugend, ich versichere euch, war ich dieses nicht. Die frohe Miene, mit welcher ich in meiner Kindheit meinem Vater entgegen hupfte, wenn er von Amtsgeschaften verdrusslich nach Hause kam, der Reichthum von Hoffnung und guter Laune, mit welchen ich, als ich alter ward, manche seiner Sorgen hinwegtauschte, war es vorzuglich, was mich zu seinem Lieblinge machte.
Ihr wisst, euer Grossvater war ein Geistlicher, noch dazu ein Geistlicher auf dem Lande, und es ist also nicht zu zweifeln, dass das Amt, Unmuth zu verjagen, ziemlich oft von mir geubt werden musste. Wenn in einer seiner Cirkularpredigten der Herr Superintendent den Kopf geschuttelt hatte; wenn ihm ein junger vorwitziger Stadtgeistlicher mit einer schweren Citation aus dem Grundtext in den Weg trat; wenn bey der Kirchenvisitation der Herr Ephorus keines unserer Gerichte loben wollte, und den fur ihn aufgesparten Wein scharf und sauer fand, dann konnte nichts den gedemuthigten Stolz meines guten Vaters aufrichten, als ein munterer Einfall derjenigen, die er seinen Trost und seine Hoffnung nannte, und von der er in solchen Stunden zu versichern pflegte, dass alle Stadtmadchen, und selbst die bleichen Tochter des Herrn Superintendenten ihr an Schonheit und Gute nicht zu vergleichen waren; ein Kompliment, welches man eben nicht ubertrieben nennen konnte.
Wenn wichtigere Sorgen ihn qualten, so ward mir es freylich nicht so leicht ihn zu beruhigen. Ein beschwerliches Amt, unruhige Pfarrkinder, geringe Zehenden, schlechte immer mehr abgekurzte Einnahme, Uneinigkeit mit seinen streitsuchtigen Herren Confratern, Verlanmdung und Verdacht wegen Irrglaubigkeit, Verweise aus dem Konsistorio, wohl gar Vorbeschiede vor den hochpreislichen Kirchenrath. Doch dieses alles sind Dinge, die eigentlich nicht hieher gehoren, und es sey euch genug, dass ich euch versichern kann, auch fur diese Krankungen habe mein guter Muth immer Linderung ausfindig gemacht, obgleich mein Herz insgemein oft so stark blutete, als das Herz meines guten Vaters.
Ich wuchs heran, und ward ein schones schlankes bluhendes Madchen, an Gestalt, dir Jukunde, und an Gesicht der seligen Leutenantin von W.., oder wie ich sie lieber nenne, meinem Hannchen, fast gleich. Julchen dort, die sich auf die kleinen weissen Handchen, und den niedlichen fluchtigen Fuss so viel zu gute thut, ist in diesem Theil der Schonheit, das wahre Ebenbild ihrer Mutter, und du Feuerkopf, Albert, wenn die Schmeichler meiner Zeit die Wahrheit redeten, so ist dein Witz, deine Lebhaftigkeit das Erbtheil doch nichts weiter hiervon, ich wollte erzahlen.
So von der Natur ausgestattet, wie wurde mich die Kunst ausgebildet, oder wie wurde sie mich vielleicht verderbt haben! sie hatte keinen Theil an meiner Erziehung; ich ward und blieb, wozu mich mein Schicksal bestimmt zu haben schien, ein einfaltiges kunstloses Landmadchen, voll von allen Vorurtheilen die meinem Stande eigen sind, und unbekannt mit allen Thorheiten der Stadterinnen.
Mein Vater bekam jetzt fleissiger Besuche als vordem; Sohne von alten Bekannten, deren Namen er sich nicht mehr erinnern konnte, kamen um die Freundschaft ihrer Vater zu erneuern, und an jedem Sonntage hatte er die Wahl unter zween bis drey Kandidaten, welche sich erboten ihm sein beschwerliches Amt, wie sie es nannten, zu erleichtern. Mein Vater nahrte seine Heerde lieber selbst mit der gesunden Speise, an die er sie gewohnt hatte, als mit dem gekunstelten meistens ungeniessbaren Gemengsel, das die jungen Herren aus der Stadt aufzutischen pflegten. Ueberdieses offneten einige Begebenheiten, welche nicht hieher gehoren, ihm und mir die Augen, dass diese dienstfertigen Junger weniger um seinetwillen kamen, als um die Gesellschaft seiner Tochter zu geniessen, die sie zur Dankbarkeit mit dem Namen des schonen Hannchens beehrten.
Der gute Ruf eines Landmadchens ist von empfindlicherer Natur als die Ehre der Stadterinnen. Ich begehrte nirgends als in meines Vaters Hause genannt zu werden. Ich kam von dieser Zeit an wenig mehr zum Vorschein, wenn Fremde aus der Stadt gegenwartig waren. Die Besucher verloren sich, und mein Vater konnte ungehindert sein Amt, ohne aufgedrungene Gehulfen, verwalten.
Manches Jahr vergieng auf diese Art. Mein Vater, welcher viel auf fruhzeitige Verheirathungen hielt, und mich mit sehr partheyischen Augen ansah, wunderte sich, dass ein Madchen meiner Art, das achtzehnte Jahr das langste Ziel, das er dem jungfraulichen Stande einraumte im vaterlichen Hause hatte erreichen konnen. Alle Mutter und Tochter seiner Familie waren in diesem Alter, das ich bereits zuruckgelegt hatte, langst verheirathet gewesen, und er schien mir es oft zum Vorwurf zu machen, dass ich bey allen meinen Reizen und Vorzugen noch immer nichts weiter war, als Pastors Hannchen. Er berechnete nicht, was mich bey ihm zuruck hielt. Armuth, Leben in der Dunkelheit, Liebe zu ihm, und Widerwille meine Hand einem Manne zu geben, der nicht ganz dem Ideal entsprach, das ich so wie jedes mit der Welt unbekannte Madchen, mir nach meinem eigenen unschuldigen Herzen von meinem kunstigen Gatten gemacht hatte.
Mein Vater schien es oft zu bereuen, dass er, der viel auf Namendeutung hielt, mir die schonen, von euch so oft getadelten, Namen, Hanne und Peninna gegeben hatte, welche nicht ohne Ursach von zwoen beruhmten Matronen des Alterthums entlehnt, und die er jetzt, um nicht als ein falscher Prophet erfunden zu werden, lieber mit den Namen der Tochter Jephtah, oder der vier Jungfrauen des Philippus vertauscht hatte, wenn die Geschichte es fur gut befunden hatte dieselben zu verewigen.
Mein Vater war nicht mehr gesinnt wie vordem. Alter, Krankheit und Unfalle hatten ihn missmuthig gemacht. Seine Verdrusslichkeiten bey dem Konsistorio nahmen zu, man sann darauf, da es unmoglich war, ihn, der seine Unschuld immer gut vertheidigen konnte, vom Amte zu setzen, ihm wenigstens einen Gehilfen zu geben. Wunderbar war es, dass man zu dieser Stelle einen Menschen erkiesste, welcher lange in unserm Hause aus- und eingegangen und von meinem Vater immer vorzuglich geliebt worden war. Er nannte dieses sonderbare gluckliche Fugung, die ihm seinen Schuler, seinen vieljahrigen Freund zum Amtsgehilfen gab. Ich kannte den Herrn Katharines besser, ich wusste, dass er bey allen Verdrusslichkeiten, die mein Vater vor dem geistlichen Gerichte erfahren, die Hand im Spiele gehabt hatte, dass er jetzt nur darum mit dem Platz an seiner Seite zufrieden war, weil er ihn noch nicht ganz von seiner Stelle drangen konnte. Was fur Aussichten fur mich, wenn ich bedachte, dass dieser Mensch, uber dessen Charakter mein Vater ein so verschiedenes Urtheil fallte, ein Mann war, der schon in vorigen Zeiten Absichten auf mich geaussert, die er jetzt ohne Zweifel, nur auf eine anstandigere Art, als vordem erneuern wurde. Wie ich furchtete, so geschah es. Ich sagte: Nein, ich stiess, wie mein Vater meynte, mein Gluck muthwillig von mir, und vernichtete, was noch das schlimmste war, ihm die Hoffnung ganzlich, meine Trauungsrede zu halten, eine Rede, die ihres gleichen nicht haben musste, weil sie schon seit meinem zehnten Jahre unter der Feder war.
Meine Einwendungen wider den Herrn Katharines wurden alle verworfen, und kaum konnte ich mich damit retten, dass ich bewies, dass er schon der verlobte Brautigam einer andern war, die er um meinetwillen zu verlassen dachte. Diese andere ward bald darauf seine Frau und die Stifterinn meines Unglucks oder Glucks, ich weiss selbst nicht, wie ich es nennen soll. Mit ihrem Eintritt wich der Friede aus unsrer stillen Wohnung. Sie liess es nicht genug seyn, in unserm Hause eine ganzliche Reformation anzufangen, und als eine Stadterinn alles nach Stadtart einzurichten, sondern sie gab auch vor, sich mit mir nicht vertragen zu konnen. Sie wiegelte meinen Vater, der ohnedem wegen meiner abschlagigen Antwort verdrusslich war, wider mich auf. Ich fieng an eine uberzahlige Person im Hause vorzustellen, man sann darauf mich anderwarts anzubringen, man machte eine Stelle als Haushalterinn in der Stadt fur mich ausfindig, und ich, die es vormals fur Tod hielt, mich von meinem Vater trennen zu mussen, willigte ohne Widerrede ein; ein Jahr das ich, seit Madam Katharines das Hausregiment fuhrte, als Fremdling in der Wohnung meines Vaters gelebt hatte, war hinlanglich gewesen, mir diesen sonst so angenehmen Ort ganz zuwider zu machen.
Neue Klagen, welche den Herrn Katharines aus dem Substituten in den Pastor verwandeln und seinen Wohlthater ganz von seiner Stelle verdrangen sollten, forderten meines Vaters personliche Gegenwart vor dem geistlichen Gerichte; uberdieses waren unsere Einkunfte seit einiger Zeit geringer gewesen, es waren Schulden aufgelaufen, Vergleiche und Berichtigungen in der Stadt zu machen, kurz mein Vater entschloss sich, mich selbst an den Ort meiner Bestimmung zu bringen, und wir rusteten uns beyde zur Abreise.
Drittes Kapitel
Ein Besuch zur guten Stunde
Nie hatte ich, selbst in meinen glucklichern Jahren nicht, viel auf Putz und Flitterstaat gehalten, und es ist zu glauben, dass ich in meiner damaligen Verfassung, noch weniger auf kunstliche Wahl meines Anzugs dachte. Ich trug ein langes Kleid, wie sie damals Mode waren, von weisser ziemlich feiner Leinwand, welches im Sommer mein Kirchenkleid zu seyn pflegte, und auf einem niedrigen Haubchen von guten Spitzen, welches mein Gesicht zur Halfte verhullte, einen grossen Strohhut, den ich furwahr nicht zum Staate, sondern um mir auf dem Wege von einigen Stunden zum Schutz wider die Sonne zu dienen, aufgesetzt hatte. Doch musste ich reizend in diesem Anzuge seyn, denn mein Vater sah mich mit lachelndem Wohlgefallen an, Herr Katharines nannte mich eine unverwelkliche Rose, und seine Gemahlinn flusterte ziemlich horbar fur mich, ich sahe unausstehlich albern aus, und sie habe nie etwas abgeschmakteres gesehen, als ein Madchen, das den Dreissigen nahe sey, und noch zu gefallen denke.
Wir machten uns auf den Weg, und die Gesprache, die wir unterweges hielten, waren traurig, aber zugleich doch trostlich fur mich, da ich endlich einmal ganz mein Herz vor meinem Vater ausschutten konnte. Lange hatte ich nicht ungestort mit ihm sprechen konnen; Herr und Madam Katharines hielten ihn immer umlagert, um seine arme Tochter desto leichter aus seinem Herzem verdrangen zu konnen. Sein Herz liebte mich im Grunde noch wie zuvor, er entschuldigte mich wegen allem, womit man ihn gegen mich einzunehmen gesucht hatte, er bedauerte, mich von sich lassen zu mussen, sich so ganz in die Gewalt des Katharines und seiner Frau gegeben zu haben. Gern hatte er die vorigen Zeiten zuruck gerufen, aber es war zu spat, und wir mussten uns trennen.
Die Angelegenheiten meines Vaters, die ihn in die Stadt riefen, erschwerten unsern Kummer. Zwar dachte mein Vater sich vor seinen Richtern zu rechtfertigen, zwar glaubte er, sich mit seinen Glaubigern auf leidlichere Bedingungen zu setzen, aber ich, die sonst so reich an Hoffnung war, hoffte jetzt nichts, und schwieg, da ich nicht im Stande war, wider meine Ueberzeugung der Meinung meines Vaters beyzupflichten.
Wir langten in der Stadt an, und traten bey einem alten unverehelichten Herrn ab, der uns in unsern glucklichen Tagen oft zu besuchen pflegte, aber mich fast nie zu sehen bekam. Er kannte mich nicht, und als mein Vater mich ihm als seine Tochter vorstellte, und ihm die Ursach meiner Erscheinung in der Stadt erklarte, so musste es sich ganz sonderbar fugen, dass auch er eine Haushalterin brauchte, und mir mit den besten Bedingungen diese Stelle antrug. Ich, die keine Freundin von solchen sonderbaren Fugungen war, wandte vor, dass ich mich schon anderwarts verbindlich gemacht habe; seine Anerbietungen stiegen so wie meine Weigerungen, und er versprach auf die letzt nicht viel weniger, als mich, blos aus alter Freundschaft fur meinen Vater, zu seiner Erbin einzusetzen. Mein Vater nannte diesen Lohn fur eine Haushalterin zu gross, und fur einen Freund, der es nie gewagt hatte sich unter seine Vertrautesten zu zahlen, zu unverdient; einige empfindliche Reden erfolgten hierauf zur Antwort, und wir wurden so kaltsinnig entlassen, als man uns zartlich empfangen hatte. Kaum dass mein Vater auf die Erkundigung nach einem geschickten Anwald zu Fuhrung seiner Angelegenheiten, eine unbestimmte Anweisung an einen gewissen Herrn Haller erhielt, dessen Namen wir nie hatten nennen horen, und dessen Wohnung man uns nicht einmal zu sagen wusste.
Unser nachster Gang war zu der Dame, bey welcher ich in Dienste treten sollte. Sie war eine Wittwe naher funfzig, die sich kurzlich mit einem langen Fahndrich von etlichen zwanzig verheirathet hatte, und jetzt daran arbeitete, ihm seinen Abschied mit Hauptmannsrang auszuwirken. So freundlich wir, nach Meldung unsers Namens eingeladen wurden, in ihr Zimmer zu treten, so schlecht war der Empfang bey unserm Anblicke. Ich war ihr zu jung, zu zierlich gestaltet. Sie konnte nicht begreifen, wie ein Madchen von meiner Art die Fuhrung eines Hauswesens verstehen konne. Sie horte nichts von dem an, was wir ihr von meinem Alter, und von meiner langen Uebung in den Geschaften, in welchen sie mich brauchte, vorsagten, und es fehlte nicht viel, dass sie ihre Rede mit Unhoflichkeiten schloss. Ich habe euch meinen Anzug beschrieben, und ihr werdet euch wundern, dass selbst dieser, selbst der armselige Strohhut, den ich trug, ihrer Kritik nicht entgieng; eben war sie im Begriff den letztern noch besonders vorzunehmen, aber ihr junger Gemahl trat ins Zimmer, und wir wurden schnell entlassen.
Eine alte Frau, vermuthlich die Kammerfrau der Dame, begleitete uns. Das hatte ich ihnen sagen wollen, mein Kind, sprach sie, dass sie bey uns nicht fortkommen wurden. Madam Katharines, welche ehemals Haushalterin bey uns war, und die sie vermuthlich bey uns empfohlen hat, war schon zu hubsch fur unsern Zustand. Eine Frage nach der Wohnung des Herrn Hallers unterbrach die Rede der geschwatzigen Frau, glucklicher Weise konnte sie uns Nachricht geben, und wir entfernten uns.
Recht als ob dieser Tag durch fehlgeschlagene Hoffnung und schlechte Aufnahme ausgezeichnet werden sollte, fanden wir auch bey dem Manne, zu dem man uns hinwies, nichts als finstere Gesichter, Es war fast Mittag, ehe wir seine Wohnung trafen, welche die plauderhafte Alte, ich weiss nicht aus welchem Grunde, uns sehr schlecht angewiesen hatte. Mein Vater sagte, die Stadtleute, vornemlich die, welche in grossen Hausern wohnten, hassten die geraden Wege so sehr, dass sie diejenigen, welche sie um Rath fragten, durch tausend Umwege erst dahin fuhrten, wohin sie gedachten. Kein Wunder also, dass wir Herrn Hallers Wohnung zehenmal zur Rechten und Linken liegen lassen, ehe wir sie fanden.
Wir wurden eingefuhrt. Ein alter, dem Anschein nach, fast des Gesichts beraubter Mann, der in einem Armstuhl zuruck gelehnt sass, und bey unserm Eintritt ein wenig an einer schwarzen Sammetmutze ruckte, die seinen kahlen Scheitel bedeckte, hiess uns naher kommen, um, wie er sprach, uns besser erkennen zu konnen. Er zog ein Glas heraus und betrachtete mich. Darauf wandte er sich zu meinem Varer. Ein langes Examen erhob sich, von welchem die Konklusion war, nachdem er alles erfahren hatte, was uns angieng: er wolle sich zur Ruhe begeben, und nahme keine Sache mehr an; zwar sein Neffe, aber auch dieser sey bereits mit Geschaften uberladen; uberdies sey es bald Mittag und Eine Bewegung mit der Hand sagte uns, wir mochten uns entfernen.
Mein Vater hatte die Bitte auf der Zunge, ihm wenigstens einen andern Rechtsgelehrten anzuweisen, welcher besser Gesicht, weniger Geschafte und wenigere Jahre habe, welcher nicht im Begriff sich zur Ruhe zu begeben und nicht in Erwartung einer guten Mahlzeit sey, aber seine Frage ward durch den Eintritt einer Person unterbrochen, deren erste Worte zeigten, dass sie komme, den alten Herrn zu der fur uns so fatalen Mittagstafel abzuholen. Es war eine alte ehrwurdige Matrone in einem Gewande, das mir die weisse Frau, wie sie auf dem Schlosse zu B... abgemahlt ist, in den Sinn brachte; um die Aehnlichkeit vollkommen zu machen, trug sie ein grosses Bund Schlussel, das Zeichen des Hausregiments in den damaligen Zeiten, an der Seite.
Sie ward uns gewahr, und eine freundliche Verbeugung gegen uns, kurzte das ab, was sie noch zu dem alten Herrn sagen wollte, der sich jetzt langsam aus seinem Stuhle erhob, und bey uns vorbey nach der Thure tappte. Wir wollten uns entfernen. Wie? sagte die Matrone, auf welche vielleicht das Alter meines Vaters und seine geistliche Kleidung einen vortheilhaften Eindruck machen mochten, wie? mein Kind, ist das die Zeit seine Gaste zu entlassen? Keine Gaste, erwiederte der Alte, nur Klienten. Ey, fuhr die freundliche Frau fort, Gaste oder Klienten, es ist unmoglich, dass sie jetzt von uns gehen. Darf ich bitten mit einem freundlichen Blick auf uns dass sie bey uns vorlieb nehmen? Ihre Wohnung ist vielleicht weit entlegen, und die Witterung
Die Dame hatte Recht. Es war einer von den ersten Fruhlingstagen, die sich so oft schon und heiter anfangen und mit Sturm und Regen endigen. Der Himmel hatte sich dicht umzogen, und unsere Herberge war eigentlich nirgends, da wir bey dem Herrn, dessen Haushalterin ich nicht werden wollte, zu wohnen gehofft hatten, und ohne Einladung entlassen worden waren. Ueberdieses waren wir Leute vom Lande, wussten nichts von langweiligen Weigerungen, und blieben so herzlich gern da, wo man uns einlud, als wir im entgegengesetzten Fall diejenigen, welche uns bewirtheten, bey uns aufgenommen haben wurden.
Dass die Matrone, welche uns mit so patriarchalischer Gastfreyheit einlud, die Frau vom Hause war, werdet ihr errathen, ob ich mir gleich einbilde einige Verwunderung uber ihren einfachen Anzug, uber das Bund Schlussel an ihrer Seite, und uber die Herablassung, mit welcher sie ihren Gemahl selbst zur Tafel holte, in eurem Auge zu lesen. Freylich mussen die Begriffe, die ihr euch nach den jetzigen Zeiten von einer Stadtdame, von der Frau eines vornehmen Rechtsgelehrten macht, ganz anders seyn, aber ich bitte euch, versetzt euch in die damalige Welt! Nicht am Putztische, sondern in der Kuche traf man unsere Mutter des Morgens an; nicht im prunkvollen unbequemen Flitterstaat nahmen sie die Stelle der Wirthin bey der Mittagstafel ein, sondern in reinlicher hauslicher Kleidung, welcher man es ansahe, dass sie ihnen nicht hinderlich seyn konnte, an jedem Orte ihres kleinen Gebiets selbst gegenwartig zu seyn, alles mit eigenen Augen zu sehen, und vielleicht uberall selbst mit Hand anzulegen; man nahrte in den damaligen grossten Hausern nicht etwa eine Menge unnutzer Bedienten, welche die Frau vom Haufe der kleinsten Muhe uberhoben, oder uberheben sollten, und die doch das wichtigste oft ungethan liessen, was die Gegenwart der Gebieterin bald geandert haben wurde; doch das sind unnothige Ausschweifungen. Zu unserer Mahlzeit!
Unsere Tischgesellschaft wurde durch einen jungen Mann vermehrt, welchen ich gleich anfangs fur das hielt, was er war, fur den geschaftvollen Neffen des alten Herrn, der sich zur Ruhe setzen wollte. Ein Mensch von gutem Ansehen, welchen ich, so wie ich ihn damals zum erstenmal sahe, mit niemand besser vergleichen kann, als mit meinem Sohn Samuel, auch mochte er damals ohngefahr in den Jahren seyn, die dieser jetzt hat, nur ist in Samuels Betragen mehr Ernst und gesetztes Wesen, als ich an dem damaligen jungen Herrn Haller ruhmen kann, welcher in allem, selbst in seiner nach der damaligen aussersten Mode eingerichteten Kleidung, zeigte, was in seinem Herzen wohnte, Leichtsinn und Eitelkeit. Ich fand kein besonderes Wohlgefallen an ihm, desto mehr aber ward ich von seiner Tante, der ehrwurdigen Madam Haller, eingenommen. Ich sass bey der Mahlzeit an ihrer Seite, und ihre freundlichen Worte, welche sie immer an mich richtete, machten ihr bald mein ganzes Herz zu eigen, ob ich gleich dieselben, ich weiss nicht aus welcher albernen Blodigkeit, immer nur halb beantwortete, vielleicht dass mich die Blicke des gegen mir ubersitzenden jungen Herrn, welcher die Faltgen an den Spitzen meines Kopfzeugs zu zahlen schien, in einige Verlegenheit setzten.
Nach dem zweyten Glas Wein gieng dem alten Herrn der Mund auf. Neffe, sagte er, nachdem er sich dreimal gerauspert hatte, dieser ehrliche Mann hier, welcher Rechtsangelegenheiten halber in die Stadt gekommen ist, braucht deine Hilfe. Die Sache betrifft Hier hob ein weitlauftiger Bericht von den Angelegenheiten meines Vaters an, den der alte Herr weit ordentlicher und zweckmassiger vorbrachte, als er ihn von seinem Klienten erhalten hatte, welches mich um so vielmehr Wunder nahm, da ich geglaubt hatte, der alte Herr Haller habe den Vormittag, als er sich alle diese Dinge von meinem Vater erzehlen liess, an nichts dabey gedacht, als an seinen Lehnstuhl, sein blodes Gesicht, und die bevorstehende Mahlzeit.
Sie mussen mirs nicht ubel nehmen, beschloss der alte Herr seine Rede, indem er sich zu meinem Vater wandte, wenn ich sie vorhin ein wenig kurz abfertigte. Sie weckten mich aus einem Schlummer, in welchen ich, wenn ich allein bin, oft verfalle. Ich werde alt, und es giebt Stunden, in welchen ich keines Menschen Freund bin. Zum Beyspiel, dachte ich, die Stunde der Erwartung vor der Mittagsmahlzeit! ach wie recht hatte meine alte Baase, Gott habe sie selig, welche mich lehrte, den Himmel alle Morgen zu bitten, dass alles, was ich den Tag uber vornehmen wolle, zur guten Stunde geschehen moge. Mein Vater verbeugte sich auf diese Entschuldigung des alten Herrn, es entstand eine Pause, und der junge Haller fullte das Glas seines Klienten ungeachtet seiner Weigerung, und der daruber gehaltenen Hand, von neuen an.
Ich weiss nicht wer zuerst das Wort wieder aufnahm, genug das Gesprach ward nun allgemeiner. Der Oheim und der Neffe thaten noch viele Fragen an meinen Vater; er gab ihnen ausfuhrliche Nachricht; Madam Haller schob zu Zeiten einige Worte ein; ich schwieg, und als die drey Herren sich nach und nach immer mehr in ihren Handeln vertieften, der alte Herr im Eifer schon ein Glas umgestossen hatte, und meines Vaters Stimme sich bey Darlegung seiner Gerechtsamen zum starksten Kanzelton erhob, gab mir meine Nachbarin einen Wink in der Stille aufzustehen, und die Manner beym Wein ihre Sachen allein ausmachen zu lassen.
Viertes Kapitel
Eine Freundin, wie man sie selten findet
Madam Haller fuhrte mich auf ihr Zimmer. Sie lud mich ein, diesen Nachmittag bey ihr zu bleiben, und ich willigte ein, weil ich glauben konnte, dass ihr ihre Einladung von Herzen gieng, und dass sie, wie sie sich ausbruckte, einen einsamen Nachmittag gern mit einer Freundin theilte. Freundin? wiederholte ich, indem ich ihre Hand an meine Brust druckte. Warum nicht? mein Kind, sagte sie, kann keine Freundschaft zwischen Jugend und Alter Statt finden? O das wohl, erwiederte ich, aber welch ein Unterschied zwischen Madam Haller und einem armen einfaltigen Landmachen!
Sie kusste mich lachelnd auf die Stirne, und bat mich, mir die Zeit nicht lang werden zu lassen, weil sie mich wegen einiger hauslichen Geschafte verlassen musse.
Wie? rief sie, als sie nach einer Viertelstunde wieder kam, und mich an einer Tapete arbeitend fand, die ich eingespannt gesehen, und mich fast ohne daran zu denken, dabey niedergesetzt hatte. Wie? verstehen Sie diese Arbeit? Ich erschrack uber diese Ueberraschung, stand errothend auf, und bat um Verzeihung. Nein, nein, sagte sie, hier keine Verzeihung? Ich nehme ihre Hilfe an. Und wir setzten uns beyde, und nahten eine lange Weile stillschweigend fort.
Es ist bekannt, wie bald sich ein paar weibliche Seelen, auf einem einsamen Zimmer, bey gemeinschaftlicher Arbeit, gegen einander aufschliessen. Die Fragen der Madame Haller wurden haufiger, meine Antworten umstandlicher als bey der Mahlzeit, und nicht lange, so kannte sie meine ganze Lage so vollkommen als ich selbst. Herr und Madame Katharines, der alte Herr, welcher eine Haushalterin, und die Gemahlin des jungen Fahndrichs, welche keine brauchte, kamen endlich auch an die Reihe, und was das sonderbarste war, so kannte Madam Haller alle diese drei Leute so vollkommen, dass sie mir eine vollstandige Biographie von ihnen liefern konnte, die mich angenehm genug unterhielt, ob sie gleich eben nicht die vortheilhafteste war. Die liebe Frau! wenn mir es erlaubt ist, ihr so etwas noch im Grabe nachzusagen, einen kleinen Hang zur Medisance hatte sie freylich, aber sie war gut, sehr gut, und nahm gewiss nichts unter ihre Kritik, was dieselbe nicht verdiente.
Wir waren noch in diesen Gesprachen begriffen, als der junge Haller mit meinem Vater hereintrat, um sich zu beurlauben. Wir werden, sagte der erste, viel Gange mit einander zu thun haben. Und du, Hannchen, setzte mein Vater hinzu, wirst dich sogleich empfehlen, um uns begleiten zu konnen. Hannchen wird bey mir bleiben, und ihrem Vater ein Schlafzimmer bereiten helfen, erwiederte Madam Haller; es wird gut seyn, wenn der Advocat und die Klienten in einem Hause wohnen.
Mein Vater stammelte etwas von unverdienter unbegreiflicher Gute, und mir traten ein paar Thranen in die Augen. O, dachte ich, wie suss ists dem Unglucklichen, dem Verlassenen, da freundliche Aufnahme zu finden, wo er sie am wenigsten vermuthete; wie viel susser muss es seyn, sie dem Unglucklichen gewahren zu konnen!
Mein Herz war zu voll von dem, was ich fuhlte, als dass ich es nicht gegen meine neue Freundin mit allem Feuer, dessen ich fahig war, hatte uberstromen lassen sollen. Sie lachelte uber den Eifer, mit welchem ich sprach, und Doch ich bin bereits zu weitlauftig in Kleinigkeiten gewesen, und muss mich einschranken, wenn ich nicht von allen dem Guten, was mir in diesem Hause wiederfuhr, ein eigenes Buch zu schreiben gedenke.
Meines Vaters Aufenthalt in der Stadt dauerte langer, als er und ich vermuthet hatten. Zwar seine Sachen mit seinen Schuldnern waren bald abgethan. Madam Haller trat ins Mittel; die Summe war ihrem Ausspruch nach nicht gross, sie hatte voriges Jahr gerade so viel aus ihrer Wirthschaftskasse zuruck gelegt; sie freute sich, unsere einige Schuldnerin zu seyn; sie wollte sich an Hannchen halten, welche ihr schon alles bezahlen sollte, und was der freundlichen trostvollen Worte mehr waren, mit welchen diese grossmuthige Seele uns Niedergeschlagene zu trosten suchte. Gutiger Himmel! Sie wollte sich an mich halten! ich sollte bezahlen! Ich! eine Summe von hundert und funfzig Thalern! War das wohl etwas anders, als eine feine Art, uns das Ganze zu schenken? Noch jetzt ist mirs unbegreiflich, wie alle Umstande so zusammen treffen mussten, uns eine solche Freundin zu verschaffen. Das Gebet meiner Baase um eine gluckliche Stunde kommt mir wieder in den Sinn, und Thranen der Dankbarkeit fallen auf mein Blatt.
So gut und leicht unsere Angelegenheiten in diesem Stuck berichtigt wurden, so schwer gieng die Sache vor dem geistlichen Gericht. Mein Vater war verklagt, hart verklagt, und dass Herr Katharines der Anklager sey, ergab sich aus allen Umstanden. So in die Augen fallend auch seine Unschuld war, so wurde die heilige Gerechtigkeit, welche eben damals eine neue undurchsichtige Binde umgelegt hatte, sie doch schwerlich gesehen gaben, wenn der alte Herr Haller weniger Ansehen, und sein Neffe weniger Wissenschaft und Thatigkeit besessen hatte.
Mein Vater siegte, und man gab ihm nur unter den Fuss, wegen Schwachheit und hohen Alters um vollige Entlassung von seinem Amte anzuhalten; ein Vorschlag den er mit Unwillen verwarf. Wurde die Welt meine Unschuld glauben, sagte er, wenn ich mich gleichsam von meinem Posten hinweg schleichen, nicht erst zeigen wollte, das man nichts tadelnswurdiges in mir gefunden hat? Mit Muhe gestand man ihm noch ein halbes Jahr zu, und Herr Katharines musste sich gefallen lassen, noch so lange blos den Titel als Vikarius zu fuhren.
Ich zitterte, wenn ich an das Wiederkehren in die Wohnung gedachte, aus welcher unser Feind die Ruhe und den stillen Frieden, welche vordem darinnen herrschten, vertrieben hatte. Madam Haller wollte mir uberdieses nicht einmal erlauben, meinen Vater dahin zu begleiten, und ich sollte ihn also allein in der Gewalt seiner Verfolger wissen. Man suchte mich zu beruhigen, und mein Vater versprach mir, sich gegen Katharines unwissend zu stellen, was er fur Theil an dem ihm bereiteten Falle gehabt habe, und auf diese Art, alle Verdrusslichkeiten zu vermeiden.
Seine Abreise war also beschlossen, aber ehe sie noch erfolgte, entwickelten sich Dinge, zu welchen mein erster Eintritt in das Hallersche Haus den Grund gelegt hatte, und die durch meinen langen Aufenthalt in demselben immer mehr zur Reife gekommen waren.
Funftes Kapitel
Ein Heyrathsantrag
Wie wohl ich der Frau vom Hause gefiel, dieses war mir auf den ersten Augenblick merklich, und ich kann nicht leugnen, dass ihr gutiges Betragen die Hoffnung in mir erweckte, sie wurde mich die Stelle als Wirthschaftsgehilfinn, um derentwillen ich in die Stadt gekommen war, in ihrem Hause finden lassen; aber dass mich mein Schicksal zu weit glanzendern Aussichten berechtigte, dass ich auf noch eine Person einen tiefen Eindruck gemacht hatte, dieses wurde ich in der Einfalt meines Herzens nicht ehe gewahr, bis mir meine Wohlthaterinn selbst hieruber die Augen ofnete.
Hannchen, sagte sie eines Tages in ihrem gewohnlichen mutterlichen Tone zu mir, wir sind dir vielen Dank schuldig; du hast aus unserm Neffen einen vernunftigen und ordentlichen Menschen gemacht. Ich, Madam? fragte ich, ich erinnere mich nicht, seit ich die Ehre habe in ihrem Hause zu seyn, zehen Worte mit ihm gewechselt zu haben. Kann wohl seyn, erwiederte sie, aber seine Aenderung, seit du bey uns bist, ist zu auffallend, als dass man sie jemand andern als dir zuschreiben konnte. O Hannchen, hattest du ihn vordem gekannt! er war auf keinem guten Wege! Wiewohl, es ist nicht schicklich dir Boses von dem zu sagen, den ich dir so gern beliebt machen wollte. Er liebt dich, er hat es mir gestanden, und ich bin zu froh, dass er nach tausend Ausschweifungen seine Augen endlich einmal auf eine Person geworfen hat, die ihn, wie ich hoffe, nicht verschmahen wird, und auf die er mit Ehren denken kann, auf ein Madchen, das tugendhaft und schon genug ist, ein Herz, wie das seinige, fest zu halten, und es zu bessern.
Sie scherzen, Madam, unterbrach ich sie halb ausser mir vor Erstaunen, sie bedenken nicht! Ich habe hier nichts zu bedenken, sagte sie; auf den ersten Blick ward ich von dir eingenommen, ein kurzer Umgang mit dir lehrte mich, dass ich mir auf Zeitlebens keine bessere Gesellschafterinn wunschen konne als dich; ob du mir weniger als Nichte gefallen wirst, ist kaum Fragens werth. Aber, Madam, meine Armuth; und sollten sie diese auch ubersehen, wird Herr Haller, Du meynst meinen Mann? fiel sie mir ins Wort, dafur sey unbesorgt, mein Wille ist der seinige. Eine etwas wichtigere Einwendung wurde es seyn, ob auf die Bestandigkeit meines Neffen viel Hoffnung zu setzen war, auf ihn, der so lange von einer Schonheit zur andern hupfte, und in der ganzen Stadt als ein ausgemachter Flattergeist bekannt ist, aber solltest du ihn nicht bessern konnen, so wird es keine auf der Welt.
Es wurde zu weitlauftig seyn, meine Kinder, euch unser ganzes Gesprach mitzutheilen; hort lieber, welches meine Empfindungen dabey waren. Lasst mich offenherzig seyn: welch Madchen fuhlt nicht einige Freude uber eine Eroberung, uber einen Antrag von solcher Art; und dann die Aussicht auf ein ruhiges sorgenfreyes Leben, auf den ungetrennten Umgang mit meiner lieben Madam Haller, eine solche Aussicht fur mich, die nichts als Dunkelheit in der Zukunft vor sich hatte! Dass also die Sache uberhaupt mir schmeichelte, ist gewiss, ubrigens aber fuhlte ich nicht die geringste Neigung fur Herrn Haller, so ein hubscher Mann er in manchen Augen auch seyn mochte. Auch war die Beschreibung von seinem Charakter, die mir meine Wohlthaterinn machte, und die ich, seit ich in der Stadt war, hier und da hatte bestattigen horen, nichts weniger als reizend fur mich, die ich mir in meinen jungern Jahren ein ganz anderes Bild von meinem kunftigen Gatten entworfen hatte. Gutiger Himmel, welch ein Bild! Welch ein Inbegriff aller sichtbaren und unsichtbaren Vollkommenheiten! und wie fest mein Herz an denselben hieng! Gewiss, es war nothig, wie Madam Katharines sagte, den Dreissigen nahe zu seyn, um ein schones Ideal aufzugeben, es um Herrn Hallers willen aufzugeben, entweder ganz an seiner Existenz zu zweifeln, oder wenigstens mich zu uberzeugen, dass es fur mich nicht vorhanden sey.
Doch ward mir es schwer dieses zu thun; ich bat um Bedenkzeit, beredete es mit meinem Vater, er stellte mir unsere traurige Lage, und die Moglichkeit vor, den, den mir das Schicksal zu meinem Gatten bestimmt zu haben schien, zu bessern und die Sache war so gut als geschlossen.
Herr Haller bekam Erlaubniss, sich an mich zu wenden, und er entdeckte mir seine Neigung mit so viel Warme, strebte so unablassig, sich mir gefallig zu machen, zeigte sich die ganze Zeit unsers Brautstandes auf so vielfachen vortheilhaften Seiten, dass sich meine ganze Meinung von ihm anderte, dass ich endlich so fur ihn eingenommen ward, als er fur mich. Oft suchte ich in der Einsamkeit das oberwehnte aufgegebene Ideal meines kunftigen Gatten in meinem Gedachtniss auf, verglich es mit meinem nunmehrigen Brautigam, warf bald diesen bald jenen Zug meines schonen Bildes hinweg, that dagegen andere hinzu, bis ich mir endlich einbildete, Herr Haller sey demselben fast ganz gleich, und ich habe in ihm alles gefunden, was sich ehemals meine Phantasie traumte; eine Tauschung, welche zwar nicht lange dauerte, die mich aber fur den gegenwartigen Augenblick unaussprechlich glucklich machte. Alles was mir seine eigene Tante von ihm gesagt hatte, alles, was mir das Geruchte von ihm zuflusterte, sobald es bekannt ward, dass ich mit ihm versprochen sey, alles wurde in den Wind geschlagen, ich glaubte es nur halb, und brustete mich nur darum desto mehr, weil ich meine Reize fur so machtig hielt, aus einem Wustling einen Tugendhelden zu machen. Selbst die Versicherung, die mir uberall zu Ohren gebracht ward, dass man freylich hatte froh seyn mussen, denjenigen, welcher fast von jedem Madchen dieser Stadt, auf das er die Augen geworfen hatte, abgewiesen worden sey, noch an eine so hubsche, vernunftige und tugendhafte Person, wie Mamsell Hannchen, zu bringen, selbst diese fand keinen Eingang, ich nannte sie Neid und Verlaumdung, wie sie auch vielleicht zum Theile seyn mochte, und gab Herrn Haller an dem bestimmten Tage meine Hand mit so gutem Herzen, als sie die Tochter des Priesters zu On dem keuschen Joseph, oder Fraulein Byron dem Tugendspiegel aller Manner gegeben haben mag.
Sechstes Kapitel
Gute Lehren einer Matrone vor der Trauung
Dieses kleine Haus, und dieser Garten, das einige was uns von unserm ehemaligen Vermogen ubrig ist, war der Ort, wo unsere Verbindung gefeyert ward. O Kinder! Kinder! ihr glaubt, wie nun die heutige Welt ist, nicht an Ahndungen, aber was wurdet ihr sagen, wenn ich euch versicherte, dass, als Madam Haller, mich den Tag nach meiner Ankunft in die Stadt, an diesen angenehmen Ort fuhrte, mir es nicht anders war, als flusterte mir eins ins Ohr: diese Gegenden werden dich an einem der wichtigsten Tage deines Lebens sehen. Und sie selbst, meine Wohlthaterinn, war mirs nicht bey ihrem ersten Anblick, als musste ich ihr in die Arme sinken, und sie Mutter nennen? als sah ich im Geiste voraus, was sie mir einst werden wurde? Zwar, wenn ichs recht uberdenke, bey andern mich noch naher angehenden Gegenstanden schwiegen diese innern Vorempfindungen; bey Herrn Hallers Anblick, fuhlte ich nicht viel, und ich besinne mich nur ein einigesmal, dass mir etwas seinetwegen ahndete: Madam Haller nahm mich kurz vor der Trauung hier in dieses Zimmer; Nichte, sagte sie zu mir, sey hubsch andachtig bey dem, was man dir vor dem Altar sagen wird. Doch noch eins; bey den Worten: er soll dein Herr seyn, kannst du an etwas anders denken; dein kunftiger Mann braucht Beherrschung, du aber nicht. Wie ein Pfeil giengen mir diese Worte durchs Herz, es war, als sah ich manche traurige Scenen in der Zukunft vor mir, als fuhlte ich es, dass ich glucklicher bey einem Manne seyn wurde, dem ich meinen Gehorsam so recht aus ganzem Herzen geloben, bey dessen Fuhrung ich hoffen konnte, alle Tage besser zu werden. Doch nichts mehr von Ahndungen!
Mein guter Vater erhielt nach vieler Schwurigkeit die Erlaubniss uns zusammen zu geben. Er hielt seine so lang meditirte, so oft wieder beyseite gelegte Trauungsrede. Er stellte im ersten Theile die fromme und geduldige Hanna, und im andern die mit vielen Kindern gesegnete Peninna vor. Die Deutung war, wie ihr denken konnt, ganz auf mich. Es war in der That recht schon zu horen, auch schien Herr Haller, welches mich wunderte, Achtung gegeben zu haben, denn er versicherte mich, als er mich vom Altare fuhrte, dass er mir nie Gelegenheit geben wurde, die Geduld der Hanna auszuuben, von welcher mein Vater im ersten Theile so viel gesagt hatte. Ach wie oft hatte ich ihn in der Folge an dieses Versprechen erinnern konnen, wenn solche Erinnerungen gut thaten!
Siebentes Kapitel
Weibereigensinn und Weibertucke
So war ich also die Frau eines Mannes, den nicht ich, den das Schicksal fur mich gewahlt hatte, ein Grund der Beruhigung, welcher in kunftigen Zeiten oft sehr wirksam bey mir war.
Die Zeit meiner Gluckseligkeit dauerte indessen langer als ich hatte hoffen konnen, sie dauerte Jahre lang, Jahre, o die glucklichsten meines Lebens, deren Erinnerung mir ein Gedankenfest ist! Bedenkt selbst, Kinder, einen Mann, den ich anbetete, eine Mutter, diesen Namen kann ich Madam Haller mit Recht geben, der ich alles war, die bestandige Gesellschaft meines Vaters, welcher, nachdem die Chicanen des Katharines ihn genothiget hatten, sein Amt noch vor Endigung des bestimmten halben Jahres niederzulegen, den stillen Abend eines sorgenvollen Lebens an unserer Seite zubrachte, und dann auch meine Kinder, die ihr eines nach dem andern wie lachelnde Engel erschient, um meine Gluckseligkeit vollkommen zu machen.
Und doch waret ihr, wenn ich mich recht besinne, die erste Ursache eines kleinen Zwists mit meinem Manne. Dass Hanna ihren ersten Sohn Samuel nennen musste, war ja naturlich, es war sundlich gewesen, einen andern Namen zu wahlen; aber, lieber Himmel, wie beleidigte ich Herrn Haller damit, welcher ihn schlechterdings nach seinem Namen Albert genennt wissen wollte. Fast so gieng es mir mit meiner altesten Tochter Peninna. Glucklicher Weise erwartete ich damals meine Niederkunft hier in diesem Gartenhause; mein Mann hatte wichtige Geschafte in der Stadt, Madam Haller sagte, das Kind sey schwach, und so hies es Peninna, ehe er etwas dawider einwenden konnte, doch hatte ich am Tage meines Kirchgangs einen furchterlichen Sturm desswegen auszustehen, und ich glaube sicherlich, dass er Samueln und Peninnen, blos der Namen wegen immer weniger geliebt hat, als seine ubrigen Kinder; bey ihm sollte alles weltlich und eitel seyn. Da ich mich zum drittenmal meiner Niederkunft nahte, nahm er mich ernstlich vor, und warnte mich, ihn nicht wieder mit solchen abgeschmackten Namen zu argern, sondern mir es merken, dass sein kunftiger Sohn oder Tochter, Albert oder Albertine heissen musse. Aber im Fall uns der Himmel Zwillinge bescherte, sagte ich, durfte ich denn nicht? Hanna ist so ein schoner Name. Wir stritten lange uber diesen Punkt, bis endlich der Name Johanne mit vieler Muhe erlaubt ward, und sehet die Schickung des Himmels, ich beschenkte meinen Mann mit einem Knaben und einem Madchen, und die Namen Albert und Johanne stellten unsere Einigkeit vollig wieder her, welche durch das Versprechen, mich nie wieder in das Kapitel von den Namen zu mischen, bestattiget ward.
Ich habe es von klugen und erfahrnen Frauen gehort, dass kleine Verdrusslichkeiten im Ehestande immer das Vorspiel von grossern sind. Du Jukunde und deine Schwester Amalie waren schon auf der Welt, als euer Vater auf einmal so haufige Geschafte bekam, dass wir ihn fast nie, als bey der Mittags- und Abendtafel sahen. Wir bewohnten damals fast bestandig dieses Gartenhaus, und die Entfernung von der Stadt gab ihm also einige Entschuldigung; uberdieses machten mir meine kleinen Kinder, und die Wartung des alten Herrn Haller, der nun sein Gesicht vollig verlohren hatte, so viel zu thun, dass ich manches ubersahe, das mir sonst auffallend gewesen seyn wurde. Nicht so Madam Haller; sie liebte mich zu sehr, um ihrem Neffen die kleinste Nachlassigkeit gegen mich zu ubersehen, und der Hang, alles auszuforschen, und streng zu beurtheilen, den ich ihr schon bey ihrer ersten Unterhaltung mit mir abgemerkt hatte, verleitete sie auch hier zu manchem Schritte, den sie um meiner und ihrer Ruhe willen hatte unterlassen konnen. Sie war nur allzuschlau meines Mannes Gange zu belauschen, und nur allzubereit, mir ihre Entdeckungen mitzutheilen.
Gutiger Himmel! ward ich durch diese Wissenschaft glucklicher? Hatte mir nicht alles, was sie mir so deutlich vor die Augen legte, langst wie ein dunkles verworrenes Traumbild vorgeschwebt? und gewann ich etwas dadurch, dass man meine Muthmassungen zur Wirklichkeit machte? Madam Haller erinnerte mich an die Worte, die sie mich bey der Trauung hatte uberhoren heissen. Hannchen, Hannchen, sagte sie, jetzt beweise, dass du sein Herr seyst, jetzt reisse ihn mit Gewalt aus den Schlingen der Buhlerinnen, die ihn verstricken, damit du nicht endlich seine und ihre Sklavinn werdest!
Ein Strom von Thranen war meine Antwort. Ich bat um Zeit zur Ueberlegung, und beschwur sie in der Bestrafung oder Verhinderung der Vergehungen ihres Neffen nicht so zu verfahren, wie sie bey der Ausforschung derselben gethan hatte, lieber alles mir zu uberlassen, da sie mir einmal die Herrschaft uber meinen Mann zugedacht hatte. Die Herrschaft uber ihn? Lieber Himmel, was fur ein trauriges Wort, das mir nie in den Sinn gekommen seyn wurde, wenn ich es nicht in den Jahren unsers Ehestandes nur gar zu oft inne geworden ware, dass er wirklich einer Art von Leitung bedurfte, die ich auch immer glucklich genug, obgleich so verstohlen als moglich gebraucht hatte. Er hat es sicher nie gemerkt, dass die Hindernisse, die sich seiner Verschwendung, seinen stolzen, oft unuberdachten Entwurfen, die ihn zu Grunde gerichtet haben wurden, seinem Hang zu ausschweifenden Lustbarkeiten entgegen setzten, immer von mir herkamen, und es ist oft geschehen, dass er sich muhsam wegen solcher Dinge gegen mich entschuldigte, die ich selbst ruckgangig gemacht hatte.
Erfahrungen wie diese liessen mich hoffen, dass es mir auch jetzt glucken wurde, ihn unvermerkt aus gewissen Verbindungen zu reissen, die sein und mein Ungluck machen mussten, aber was hatte ich damit gewonnen? konnte ich die in seinem Herzen erloschene Liebe von neuem anfachen? Musste der, der einmal sich verirrt hatte, nicht uberall Gegenstande finden, die ihn zur Untreu verleiten konnten? Doch ich nahm mir vor, blos fur die Gegenwart zu sorgen, und die Zukunft dem Himmel zu uberlassen; ich machte es wie der Arzt, der bey einer unheilbaren Krankheit nur auf gegenwartige Linderung denkt, und den letzten todtenden Ausbruch des Uebels so lang als moglich verhutet.
Achtes Kapitel
Die Frau Amtmannin schmiedet ein Testament
Der alte Herr Haller nahte sich seinem Ende. Ob er gleich, da er ein wenig zum Geiz geneigt war, die Verheyrathung seines Neffen mit einem so armen Madchen als ich, nicht eben gern gesehen, und nur aus Gehorsam gegen seine gebietende Frau eingewilligt hatte, so war mir es doch nachher gelungen, mich so ganz in seine Gewogenheit einzustehlen, dass ich jetzt seine liebste Gesellschafterinn, fast seine einige Warterinn war, dass ihn jetzt, da seine Augen vollig dunkel geworden waren, schon der Ton meiner Stimme erfreute, und meine Schritte, wenn er sie horte, schon in der Ferne mit einem frohen Ausruf von ihm begrusst wurden. Ob ich bey so bewandten Umstanden einige Gewalt uber ihn, und vielleicht einigen Einfluss in die Verfassung seines letzten Willens haben mochte, lasst sich errathen.
Der gute Greis starb, und meine aufrichtigsten Thranen folgten ihm. Wenn auch keine guten Eigenschaften von seiner Seite, wenn auch nicht seine Zuneigung gegen mich, mir Ehrfurcht, Liebe und Dank abgefordert, und meine Thranen erpresst hatten, so ist doch auch dieses schon kein Geringes, den Gegenstand seiner vieljahrigen Pflege und Sorgfalt zu verlieren. Ach die verdrussliche Lucke in unsern Geschaften! die schmerzhafte Leere! die tausend Besorgnisse, ob wir auch alles thaten, was wir thun konnten, welche immer wiederkehren, so kraftig sie auch unser Herz widerlegt!
Herrn Hallers Testament ward erofnet, und zu jedermanns Erstaunen ward mein Name nicht auf die entfernteste Art darinnen erwehnt. Sein Vermogen war zwischen seine Wittwe und seinen Neffen gleich getheilt, doch so, dass jene nebst verschiedenen Dingen von Wichtigkeit, dieses Haus, und dieser eine ansehnliche Summe Geld zum voraus bekam, mit dem Befehl, seinen bisherigen Wohnort zu verlassen, und das Amt zu Hohenweiler zu pachten, wegen dessen der Erblasser schon alle nothige Verfugungen getroffen habe.
Madam Haller sahe mich bey dem letzten Punkte mit einem schlauen, zufriedenen Blicke an. Mein Mann schien betreten, und nachdenkend, und einige mit ziemlich reichen Legaten bedachte Verwandtinnen meinten, es sey doch hochst ungerecht, dass der selige Herr mich, seine treue Warterinn, so ganzlich vergessen, meiner auch nicht einmal ehrenhalber mit einer Sylbe gedacht habe: des ich vom Herzen lachen musste. Schimpf ware mir es gewesen, in einem Testamente genannt zu seyn, bey dessen Verfertigung ich, wie mir, zwar mir allein, bekannt war, so sehr um Rath gefragt worden war. Ich wollte nicht unabhangig von denen seyn, denen ich mein Gluck zu danken hatte; ihr Vortheil war der meinige, und ohne sie war ich arm bey Millionen gewesen.
Eins hatte ich gethan, welches mich vielleicht bey manchen in den Verdacht des Eigennutzes bringen wird, da es den Vortheil einer Person betraf, die mir lieber als mein Leben war. Aber war mir es wohl zu verdenken, dass ich den Willen des Verstorbenen, meinen Vater unabhangig zu machen, gut hiess? Ist wohl die reichlichste Unterstutzung selbst von denenjenigen, denen es Pflicht ist, ihren Ueberfluss mit uns zu theilen, ist sie wohl dem freyen Manne mit einem kleinen Einkommen, das er gewiss und ganz sein eigen nennen kann, zu vergleichen? Der verstorbene Herr Haller hatte so manches langes Jahr in vertrauter Freundschaft mit meinem Vater gelebt, seine Gesprache hatten ihm die finstern Tage, da die ganze sichtbare Schopfung vor seinen Augen verschlossen war, aufgeheitert, sein Zuspruch hatte ihn in seinen letzten Stunden getrostet, und ihm den Uebergang in eine andere Welt leicht gemacht, war es ihm denn wohl zu verdenken, dass er zur Dankbarkeit darauf sann, seinem Troster den Abend seines Lebens heiter und sorgenleer zu machen, und handelte ich unrecht dieses zu billigen, es geschehen zu lassen?
Mein Vater hatte, seit er, wie er sich ausdruckte, aus dem Weinberge des Herrn vertrieben worden war, eine besondere Liebe zum Land- und Gartenbau gewonnen. Seine Lekture, seine Gesprache, seine kleinen Geschafte, alles bezog sich auf diesen Lieblingsgegenstand. Jener schone Bezirk, den Hugel hinab an der rechten Seite unsers Hauses, den wir den kleinen Garten nennen, und der so manchen von ihm gepfropften Baum, so manche zuerst von ihm dahin verpflanzte seltne Blume tragt, war, seit das geliebte Hallersche Haus uns Fremdlinge aufnahm, sein liebster Wurkungskreis gewesen, jetzt ward er nebst dem dazu gehorigen Hause sein Eigenthum, und eine ganz artige Leibrente, die sein Freund auf ihn hatte schreiben lassen, begleitete dieses Vermachtniss.
Hatte ich geglaubt, sagte mein Vater, als der Kummer uber den Tod seines Freundes seine erste Scharfe verlohren hatte, und ihm Raum liess Freude und Dank uber sein hinterlassenes Andenken zu fuhlen, hatte ich geglaubt, noch in dem Besitz irgend eines irdischen Guts, das zu empfinden, was ich hier unter meinen bluhenden Baumen, unter meinen duftenden Blumen fuhle? O Kinder, ich werde zum zweitenmale jung! So oft der Fruhling in meinen Garten wiederkehrt, so oft ists auch, als wenn neues Leben in meinen Adern wallte! Ach es wird mir einmal schwer werden, mich von diesem Paradiese und von euch zu trennen!
Neuntes Kapitel
Die Tante ist noch arger als die Nichte
Das war ein Meisterstreich! sagte Madam Haller, als wir das erstemal nach Erofnung des Testaments ohne Zeugen mit einander sprechen konnten, das wahr wohl ersonnen! auf diese Art bringst du deinen Mann aus seinen allerliebsten Gesellschaften, er weiss selbst nicht wie. Ich schwieg. Leugne mir es nicht, mein Kind, fuhr sie fort. Ich weiss, dass du meines Mannes Herz in Handen hattest, und das gepachtete Amt ist nichts als ein Einfall von dir, den du durch ihn ausfuhren liessest.
Ich weiss nicht, meine Kinder, ob ihr es jemals erfahren habt, wie einem zu Muthe ist, wenn man sich wegen einer Sache loben hort, mit welcher unser Herz nicht ganz zufrieden ist; gewiss eine der peinlichsten Empfindungen, die ich kenne, und die mein Herz in selbigem Augenblicke in vollem Maasse erfuhr. Wie? du weinst? rief Madam Haller, indem sie die Hand, mit welcher ich meine Augen decken wollte, mit sanfter Gewalt hinweg zog. O, meine Tante, sprach ich schluchzend, wer weiss, ob ich recht handelte! ich hasse von Natur alle krummen Wege, und ob dieser Meisterstreich, wie sie es nennen, auf der geraden Bahne blieb, ob ich ihn meinem Manne und der Welt offenherzig gestehen durfte, das gebe ich ihnen zu bedenken. Du bist wunderlich, sagte sie, welchen Weg soll man mit verkehrten Leuten gehen, als den, der ihrer Art zu handeln am nachsten kommt? Bedenken sie selbst, fuhr ich fort, meinen Mann mit Hinterlist aus einer Sphare reissen, in welche er sich schickt, und ihn in eine andere bringen, welcher er vielleicht nicht gewachsen ist. Sie sahen, wie betreten er war; musste nicht schon der Gedanke ihm Kummer zu machen, genug seyn, mich zur Reue uber das zu bringen, was ich that?
Willst du es ihm nicht lieber bekennen und abbitten? sagte Madam Haller mit einem unwilligen Blick Schwache weichherzige Seele! war seine Besturzung wohl etwas anders, als Kummer, sich von Madam R... und Mamsel W... und wie die Syrenen alle heissen mogen, trennen zu mussen? Und wird er, erwiederte ich, an dem kunftigen Orte unsers Aufenthalts nicht neue ihm vielleicht noch gefahrlichere Damen und Demoisellen dieser Art finden? Was habe ich dann gewonnen? oder was habe ich gewonnen, wenn er sich den Weg von etlichen Stunden nicht zu weit seyn lasst, seine alten Bekanntinnen hier zu besuchen? Dies ist nunmehr zu spat, war die Antwort meiner Tante, quale dich nicht mit unnothigen Grillen, und lass dich nichts reuen, als dass der Ort, wohin wir gedenken, nicht noch zehen Meilen weiter ins Land hinein liegt, um allen Umgang mit den hiesigen Stadterinnen ganzlich abzuschneiden, ein Fehler, den du freylich hattest vermeiden konnen, wenn du klug genug gewesen warest.
Wenn Madam Haller in so entscheidendem Ton sprach, so war es nicht erlaubt, die entschiedene Sache wieder vorzubringen; ich trug also die Vorwurfe meines Herzens in der Stille, welche durch den tiefen Kummer erschwert wurden, der uber das ganze Wesen meines Mannes verbreitet war, und den ich ganz auf meine Rechnung schrieb.
Drey Tage ertrug ich seine finstern Blicke, ohne sie zu ahnden; am vierten brach ich das Stillschweigen. Mein Albert, mein Trauter, sagte ich mit von Thranen gehemmter Stimme, du trauerst, und deine Frau darf nicht wissen warum? Bin ich vielleicht Gute Seele, unterbrach er mich, du, deren ich nicht werth bin, du, deren holden Taubenaugen ich schon tausend Thranen ablockte! Thranen, die du immer grossmuthig genug warest, mir zu verhelen.
Ich. Nun so trockne sie, durch Mittheilung deines Kummers.
Er. Ach Hannchen, dann wurden sie erst recht zu fliessen anfangen; ach wenn du wusstest, wenn du wusstest!
Ich. Ich weiss es, Lieber; du gramst dich, dass du den Ort deiner Geburt verlassen sollst, und ich, ach ich
Er. Daruber? Nein wahrhaftig nicht! Lieber heute noch aus diesem diesem Wisse doch nein, ich kann ich kann nicht!
Ich. Albert! Wenn du mich jemals liebtest, wenn je meine Bitten etwas bey dir galten!
Er. Warum folgte ich deinen liebreichen Ermahnungen nicht! Zwar Ermahnungen? liess deine Bescheidenheit so etwas zu? Kaum kann ich es Winke nennen!
Ich. erschrocken. (ich glaubte, er zielte auf die Begebenheiten mit der R... und W...) Sollte ich mir je Ermahnungen oder Winke uber diesen Punkt erlaubt haben?
Er. O war nicht selbst deine Eingezogenheit, deine Massigkeit, deine Sparsamkeit, deine eingeschrankten Wunsche, waren dieses nicht alles Winke genug mich zu bessern?
Ich. (lachelnd und froh, dass ich mich geirrt hatte). Ach du meinst gewisse kleine unnothige Ausgaben, gewisse ich weiss nicht wie ich sagen soll. Sey ruhig, mein Albert, ich weiss, wir mussen Schulden haben, aber jetzt, da du so ansehnliche Summen in die Hande bekommst. Gute Wirthschaft auf meiner, und ein wenig Einschrankung auf deiner Seite
Er. Wirthschaft? Einschrankung? ansehnliche Summen? Gutes armes Kind, zu spat! alles zu spat! Meine, nicht, wie du so schonend sagst, unsere Schulden, belaufen sich so hoch, dass ich um sie zu bezahlen, noch die Summe werde angreifen mussen, die mir mein Onkel in anderer Absicht vermachte, eine Absicht, die ich segne; es war gewiss die, mich aus gewissen Verbindungen, von einem Orte, wollte ich sagen, loszureissen, der mich in tausend Ausschweifungen sturzte. Du schweigst? die Besturzung hemmt deine Stimme? O strome lieber alle Vorwurfe uber mich aus, als diese Thranen!
Ich. Vorwurfe? ich habe keine. Und ware die Sache noch schlimmer, als du sie beschreibst, nun, so waren wir so arm als ich war, da ich deine Frau ward; ich habe Armuth ertragen gelernet, aber du?
Er. (Indem er sich vor die Stirn schlug) Unausstehlich! unausstehlich! Du, die du am meisten unter meinen Vergehungen leidest, so gutig? und andere, die nicht durch mich verlohren, nur gewonnen haben Personen, um derentwillen Ich weiss nicht was ich sage. Lass mich!
Er verliess mich in einer ganzlichen Betaubung. Die Dinge, die er mir entdeckt hatte, waren schrecklich und unerwartet, seine letzten Worte rathselhaft. Ich unterdruckte meine Empfindungen, und eilte zu einer zweyten Unterredung mit ihm, in welcher mir es mit Muhe gelang, die Erlaubniss, seine Rechnungen zu durchsehen, von ihm zu erhalten. Er hatte nicht Muth genug, es selbst zu thun, und wollte es einem Fremden auftragen; ein Entschluss, der sein Ungluck vollends auf den hochsten Gipfel gebracht haben wurde.
Freylich waren gewisse Punkte in seinen Ausgaben, die niemand weniger als ich hatte wissen sollen, und bey welchen es auch fur mich bedenklich war, wenn er wusste, dass sie mir bekannt waren. Aber ich fasste mir Muth, nahm halb mit, halb wider seinen Willen alle Papiere zusammen, die zur Berichtigung unserer Sache gehorten, versicherte ihn lachelnd, dass wenn ich Geheimnisse fand, meine Augen vor allem ausser den Zahlen verschlossen bleiben sollten, und entfernte mich. Ich erstaunte uber die Summen die ich erblickte, und ich laugne es nicht, der Name seiner guten Freundinnen aus der Stadt, die ich auf allen Seiten fand, wo etwa eines Juwelierers, eines Seidenhandlers, oder einer Putzkramerinn gedacht war, pressten mir mehr Thranen aus, als die Summen, die ihnen zu Liebe verschwendet worden waren.
Ich dachte an mein Versprechen, meine Augen vor gewissen Dingen zu verschliessen, und that das Gelubde hinzu, auch meinen Mund verschlossen zu halten; das ist, selbst der Vertrauten aller meiner Geheimnisse, meiner Tante, nichts von unsern geheimen Angelegenheiten wissen zu lassen; ein Entschluss, der mir um so viel leichter zu erfullen ward, da ich, wie ich anfangs furchtete, ihrer Hilfe nicht dabey nothig hatte. Die furchterliche Summe, die ich von allen diesen Summen herausbrachte, uberstieg freylich das, was mein Mann von der Gute seines Onkels erhalten hatte, aber mit Hilfe einiger kleinen Geschenke, die ich von Zeit zu Zeit, theils von meinem Albert, theils von Madam Haller erhalten, und zum Gluck nicht verschwendet hatte, gelang es mir, unsere Schulden vollig zu tilgen, ohne die Summe angreifen zu durfen, die den Grund unsers Glucks an einem andern Ort legen sollte.
Mein Mann schloss mich in seine Arme, so zartlich wie an unserm Verlobungstage, und uberhaufte mich mit Lobspruchen, aber schnell fuhr er zuruck, fragte mich, was Madam Haller zu der Sache meyne, und druckte mich von neuem noch fester an sein Herz, als ich ihn lachelnd fragte, ob es nothwendig sey, dass sie um unsere geheimen Angelegenheiten wisse?
Tausend Versprechungen, deren wahren Sinn ich mich nicht zu verstehen stellte, folgten dieser Umarmung, und eine umstandliche Beichte aller vergangenen Dinge wurde den Schluss gemacht haben, wenn ich klein genug gedacht hatte, ihm ein so demuthigendes Bekenntniss zu gestatten. Ich legte meine Hand auf seinen Mund, kusste ihn, und hupfte zum Zimmer hinaus, so froh, als ob man mir dreymal die Summe geschenkt hatte, von welcher hier die Rede war.
Was mochte mich doch so froh machen? Vielleicht die wiederkehrende Zufriedenheit meines Mannes? Vielleicht seine verneute Zartlichkeit? Vielleicht seine Bereitwilligkeit an den Ort seiner kunftigen Bestimmung zu gehen? Oder sollte es nicht vielleicht heimliche Freude gewesen seyn, dass er, wie ich aus einigen halbgesprochenen Worten errieth, in seiner gegenwartigen traurigen Lage, meine Nebenbuhlerinnen in ihrer wahren Gestalt kennen gelernt hatte; dass er vielleicht jetzt von ihnen so schimpflich war verlassen worden, als sie verdient hatten, von ihm verlassen zu werden? Der Himmel verzeihe mir diese Schadenfreude, welche auf den hochsten Gipfel stieg, als meine Muthmassungen des andern Tages durch die Relation der Madam Haller bestattiget wurden. Weis der Himmel, woher die Frau alles erfuhr. Sie konnte mir diese fur mich so trostvollen Scenen so lebhaft mahlen, als ob sie selbst dabey zugegen gewesen ware. Ich bewundere ihre Talente hinter alles zu kommen, die wirklich einem Pariser Polizey-Lieutenant Ehre gemacht haben wurden, aber die Rolle bey einer von meinen Tochtern zu spielen, die sie in diesem Stuck bey mir ubernahm, wurde ich mich nie verstehen; es gehort grosse Klugheit dazu, gewisse Dinge zu wissen und sich gut dabey zu verhalten; Unwissenheit ist in dergleichen Fallen tausendmal besser, als die genaueste Kenntniss.
Zehentes Kapitel
Die alte Frau wird doch ganz zum Kinde mit ihrem
Sohn Samuel
Nichts hielt uns nunmehr ab, an den Ort zu eilen, an welchem mir so manche neue unerwartete Auftritte bevorstanden. Das was mich vorher mit den grausamsten Besorgnissen erfullte, die geringe Entfernung des Orts, wohin wir gedachten, von demjenigen, den wir verliessen, ward jetzt, da ich den Umgang mit meinen Nebenbuhlerinnen ganzlich aufgehoben wusste, der Grund meiner lebhaftesten Freude. Hatte ich ohne diesen Umstand meinen guten Vater so oft sehen konnen, der sich nicht von seinem Paradiese, wie er es nannte, trennen wollte, und den zu besuchen, oder Besuche von ihm zu erhalten nun eine so leichte Sache war.
Mit frohen Herzen kamen wir zu Hohenweiler an. Wir fanden eine kleine artige Stadt in einer herrlichen Gegend, die Leute hatten einen gewissen treuherzigen Ton, der mir gefiel, man schien wenig auf Eitelkeit und Flitterstaat zu halten, und die Nothwendigkeiten des Lebens kaufte man in einem so geringen Preisse, dass ich heimlich uber die grossen Ersparnisse, die wir hier bey einem ganz guten Einkommen machen wurden, jauchzte. Meine Tante, der ich meine Plane vorlegte, lachte, und nannte mich geizig; die liebe Frau, sie wusste nicht wie schlecht es mit unserm Vermogen stand! doch ich will nicht klagen; hatten wir nicht genug fur uns und unsere Kinder, und die Armen, deren es hier wie uberall gab?
Mein Mann schien sich ganz gut in ein Leben ohne Ueberfluss und Mangel zu schicken. Seine Arbeiten wurzten ihm die kleinen wohlfeilen Freuden, die wir uns gewahren konnten, und ich habe ihn in den damaligen Zeiten oft betheuren horen, dass er bey unsern Erndten- und Kirchweihfesten, und in den frohen Tagen unserer Weinlese, mehr wahre Freude empfunden habe, als bey den kostbaren Lustbarkeiten seiner Geburtsstadt.
Unsere Kinder wuchsen indessen heran, und es ist Zeit, da nun einige von ihnen in die Jahre kamen, in welchen sich die Grundlinien der Charaktere besser bemerken lassen, dass ich etwas von ihnen sage, da sie nach meiner Absicht der Hauptgegenstand dieser Blatter seyn sollen, und da ich von ihnen bis jetzt noch nichts als die Namen genannt habe.
Du, mein Sohn Samuel, doch ich halte es fur gut, jetzt, da ich von euch, meine Kinder, sprechen und so manches Gute und Bose von euch zu sagen haben werde, mich nicht besonders an euch zu wenden, sondern von euch als Abwesenden zu reden; ein Kunstgriff, den ich, wie ihr wisst, in eurer Kindheit oft mit gutem Nutzen brauchte. Wenn ich Hannchen in Alberts Gegenwart mit vielem Ernst erzahlte, dass, da es ihm an Fleiss und Aufmerksamkeit zum Lernen zu fehlen schien, er nachste Ostern bey dem Gartner in die Lehre gethan werden sollte, und wenn ich das kleine Julchen gegen Amalien lobte, dass sie Jukundens vernachlassigte Blumen begossen, und ihr vergessenes Garn von der Bleiche genommen habe, so that dies immer ganz unvergleichliche Wurkung. Bey euch als Erwachsenen, habe ich nun zwar solches als Zucht und Besserungsmittel nicht mehr nothig, aber doch wird es euch manches Errothen, und mir manches Stocken in meiner Rede ersparen, wenn ich euch Lob und Tadel nicht unter die Augen zu sagen scheine.
Mein Samuel, mein Liebling, war in dem Zeitpunkt, von welchem ich jetzt sprechen will, ein schlanker, schwarzaugiger, braunlicher Knabe, mit finsterm lockigten Haar, einer etwas gebogenen Nase und einer freyen offenen Stirn, welche der Sitz ofner Redlichkeit und frohen Muthes zu seyn geschienen haben wurde, wenn nicht ein gewisser Zug zwischen den Augen, der ihm etwas finsteres gab, den, der ihn nicht ganz kannte, oft zu widrigen Urtheilen bewogen hatte. Bis auf diesen Zug war er das lebendige Ebenbild seines Vaters, und doch um wenig zu sagen, nicht sein Liebling. Er konnte wenig thun, was nicht von ihm getadelt wurde, und ich, so sehr ich auch diese Strenge missbilligte, war doch zu klug, mein Missfallen uber dieselbe zu aussern; ein Umstand, in welchem vielleicht der erste Grund von jenem dustern zuruckhaltenden Wesen zu suchen ist, das ich, als er alter ward, nie ganz besiegen konnte, und das er selbst gegen mich, die ihn so sehr liebt, nie vollig ablegt.
Seine erste Erziehung erhielt er von meinem Vater, welcher ihn in dem Grade immer lieber gewann, als er von dem Seinigen vernachlassigt wurde. Der bestandige Umgang mit einem Mann, der sich dem Grabe mit eben so starken Schritten nahte, als er, der Knabe, dem Leben, und der vollen Entwickelung seiner Krafte entgegen reifte, war vielleicht die Ursach, warum Samuel fruhzeitig ernst und richtig denken lernte, aber auch dasjenige, was ihn um die reinen ungetrubten Freuden der Kindheit brachte, die desto vollkommener geschmeckt werden, je weniger Nachdenken und Ueberlegung sie uns verbittert.
Der fast ununterbrochene Aufenthalt bey seinem Grossvater machte den Knaben seinen Geschwistern fremd. Er war nie der Gefahrte ihrer Spiele, immer ein strenger Tadler ihrer kleinen Unbesonnenheiten, nie ihr Anklager und allemal, wenn Exempel statuirt wurden, ihr eifriger Vorbitter. Bey solchen Gelegenheiten hatte er Worte und Thranen im Ueberflusse, die ihm zu Fuhrung seiner eigenen Sachen immer gebrachen. Ich hasse den Knaben, sagte mein Mann, welcher wie ein Greis denkt und handelt; er ist entweder ein Heuchler, oder ein Wunderding, das mir so widrig vorkommt, als ein bartiges Kind. Samuel wurde, welches ich nicht missbilligen konnte, von meinem Vater hinweggenommen, und auf eine offentliche Schule gethan.
Sein Fleiss, sein Ernst und seine stille Auffuhrung machte ihm seine Lehrer zu Freunden, und seine Mitschuler zu heimlichen Spottern und Verachtern; er taugte gar nicht in die Gesellschaft von Kindern. Ohne den Willen zu haben einen von seinen Gefahrten zu kranken, gab er Gelegenheit zu tausend Zwistigkeiten, wenn er sich unter sie mischte. Aus lauter Liebe zur Ordnung richtete er uberall Unordnung an, und immer nahm er jedes Spiel, als eine so ernsthafte Sache auf, dass er die ganze Freude verdarb. Ein paar Beyspiele von dieser seltsamen Laune eines neunoder zehnjahrigen Knaben.
Es war auf dieser Schule gebrauchlich, zu gewissen Zeiten offentliche Schauspiele zu geben, welche man von den Kindern auffuhren liess; eine Gewohnheit, welche ich, die nicht viel auf das Theaterwesen und alle solche Weltlichkeiten hatte, eben nicht billigte, doch da hier meistens biblische Geschichten vorgestellt wurden, mir gefallen liess.
In der Geschichte von Joseph gab man meinem Samuel, weil er ein gutes Gedachtniss hatte, und es hier viel zu reden gab, immer die Hauptrolle, und er hatte sich so ganz in den Charakter seines Helden hineinstudirt, dass man sich beredete, wenn man ihn so vor sich sah, er sey der leibhaftige Joseph; eine Sache, die er die ganze Zeit uber, da er diesen Namen fuhrte, im vollen Ernst zu glauben schien. Wahrhaftig die Thranen traten einem in die Augen, wenn man ihn bey so manchen Scenen in solcher Noth erblickte, und doch immer so gut und so fromm, und recht so wie man seyn muss!
Die Geschichte war auf verschiedene Theile verhandelt worden. Einer von den letzten war noch ubrig, und ich war recht froh, die Feinde meines Josephs gedemuthiget, ihn als den Liebling eines grossen Konigs, und nun auf dem Punkte zu sehen, der Wohlthater seiner Familie zu werden; ein Umstand, den ich fur ominos hielt, und es fur eine Art von Vorhersagung annahm, was mein Sohn einmal den Seinigen werden konne.
Der erste Aufzug dieses fur mich so erwunschten Schauspiels gieng an. Der Konig Pharao mit einer guldenen Krone, und mein Joseph in einem schonen langen Talar, und mit einer von meinen besten goldenen Ketten um den Hals traten auf. Es ward von der Bewirthung der ankommenden Erzvater gesprochen, seine Majestat machten einige Einwendungen, welche der Dichter darum eingefuhrt hatte, um dem Stadthalter von Aegypten Gelegenheit zu geben, dem Konige eine kleine Beschreibung von seinen Brudern zu machen, und ihn zu bedeuten, dass sie keinesweges geringe Leute, sondern Enkel Abrahams waren u.s.w. Ich weiss aber nicht, wie es kam, dass der kleine Redner sich ganz vergass, die gutgemeinten Worte seines Herrn sehr hoch aufnahm, und mit ganzlicher Hintansetzung seiner Rolle, dem armen Pharao aus dem Stegereif einige Vorhaltungen that, welche ziemlich bitter waren. Dieses hatte noch hingehen mogen; aber er gerieth endlich so in Feuer, dass er die Zeitrechnung ganz vergass, und den Konig uber Dinge zur Rede stellte, die erst einige Jahrhunderte spater vorgefallen waren. Seine Majestat kamen aus aller Fassung, denn fur solche Sachen stand keine Antwort in ihrer Rolle; ich, die ich auf einer Bank zunachst am Theater sass, machte dem Stadthalter einige bedeutende Zeichen mit dem Facher; in den Scenen winkte und hustete der Direkteur des Spiels: umsonst; Josephs Zunge stromte unaufhaltsam fort. Er war eben bey den zehen agyptischen Plagen, nannte den Konig einen Verderber seines Volks, und wurde dem armen Herrn sicher alle Verbrechen aufgeburdet haben, die je ein Pharao that, wenn man ihn nicht endlich mit Gewalt abgefuhrt und den unschuldigen Konig gerettet hatte.
Keine Bitten, keine Vorstellungen konnten den armen Joseph, nachdem er seines Versehens uberwiesen war, bereden, seine Rolle vollends auszuspielen. Ich ward hinter die Scenen gerufen, aber auch meine Worte galten nichts, ich musste mich unverrichteter Sachen wieder hinsetzen, und die Freude entbehren, Joseph seinen Benjamin, welche Rolle mein kleiner Albert machte, umarmen zu sehen, musste alle diese herrlichen Scenen von einem grossen funfzehnjahrigen Purschen, der mich nichts angieng, verstummeln sehen, und beschamt und unerfreut nach Hause gehn.
Mit vieler Muhe liess Samuel sich bereden, nach diesem traurigen Vorgang nach Hause zu kommen, weil er den Spott seines Vaters furchtete, den ich auch kaum zuruckzuhalten vermochte. Noch schwerer ward es, ihn in der Folge zu bereden, wieder auf dem Theater zu erscheinen. Man wollte die Geschichte von den Knaben Daniels geben, und versprach ihm, um seinen Ehrgeiz zu reizen, die Rolle des Konigs. Er machte schon einige Schwurigkeiten die Person eines so bosen Mannes, wie dieser in seinen Augen war, vorzustellen; doch drangen meine Vorstellungen, dass dieses nicht Tugendliebe, sondern Hartnackigkeit sey, sich dem Willen seiner Lehrer zu widersetzen, endlich durch. Er machte seine Sachen vortreflich, bis es darauf ankam, das Urtheil uber die Angeklagten zu sprechen; da uberfiel ihn der Abscheu vor seiner Rolle von neuen. Er versicherte, er wurde das Theater nur dazu betreten, um die Unschuldigen loszusprechen, und die Zuschauer wurden sich, so lange er Konig hiess, vergeblich auf die Scene des Verbrennens freun.
Indessen dieses innerhalb der Coulissen vorgieng, harrten wir draussen vergebens auf den Schluss des Schauspiels. Mir ahndete nichts gutes, und ich dachte ohnmachtig zu werden, als ein anderer Darius herauskam, und die Gefangenen so eilig zum Tode forderte, dass man sogar den Engel, der sie retten sollte, daruber vergass. Das Stuck nahm Knall und Fall ein Ende, ohne dass ich meinen kleinen Konig wieder zu Gesichte bekam.
Ich eilte zu den Prazeptoren. Samuel hatte sich diesesmal wirklich ein wenig zu trotzig, und fast fur einen Knaben von seiner Art, der doch Scherz und Ernst wohl unterscheiden konnte zu kindisch aufgefuhrt, er verdiente die Strafen, welche man ihm auflegte; aber was zu viel ist, ist zu viel! Wir nahmen ihn aus dieser Schule und thaten ihn auf das Gymnasium zu R... wo er unter allen Schulern der jungste, und doch wegen seiner guten Kenntnisse sehr willkommen war. Er wollte nun einmal, in seinem zehnten Jahre, ungeachtet mancher kindischen Thorheit, die ihm noch anklebte, fur einen Erwachsenen gehalten werden, und seine Lehrer wussten diese Grille so gut zu benutzen, dass er ohne weitere Abentheuer von voriger Art bis in sein siebzehntes Jahr zu R... blieb. Er sollte nunmehr die Universitat beziehen, und besuchte uns vorher zu Hohenweiler, da wir ihn so zu seinem Vortheil verandert sahen, dass selbst mein Mann Doch ich darf der Geschichte nicht vorgreifen; ich werde zeitig genug auf die traurige Epoche kommen, da ich ihn wieder sah, um ihn durch meine Schuld plotzlich von neuem zu verlieren.
Eilftes Kapitel
Die Matrone besinnet sich, dass sie noch andere
Kinder habe. Wieder etwas zu Ehren ihres Mannes
Ich habe mich bey meinem Samuel zu lange aufgehalten, und werde, um nicht zu weitlauftig zu werden, seine Geschwister kurzer abfertigen mussen. Auch waren sie, wenn ich es recht bedenke, fast alle noch zu klein, um so viel von ihnen sagen zu konnen, als von ihrem Bruder. Meine alteste Tochter Ninnchen zwar, oder Ninon, wie ihr eitler Vater ihren christlichen Namen verdrehte, zeigte fruhzeitig was sie werden wollte, ein kleines eitles Ding, der man es zu oft horen liess, dass sie unter ihren Schwestern die Schonste sey.
Hannchen und ihr Zwillingsbruder, Albert, waren, zornet nicht, meine andern Kindern, waren allemal nachst Samuel meine Lieblinge, und es kostet mich viel, bey ihrer Beschreibung kurzer zu seyn, als bey ihrem Bruder. Wie viel hatte sich schon in ihrer damaligen Kindheit, beyde waren etwa sieben oder acht Jahr, von ihnen sagen lassen! Wie viel Dinge, aus welchen sich die nachmalige Entwickelung ihrer Charaktere und ihrer Schicksale hatte schliessen lassen! Beyde hatten in ihren Gesinnungen etwas ahnliches, so wie ihnen die Natur eine wundervolle Gleichheit in der Bildung verliehen hatte. Beyde besassen tiefe innige Gefuhle, nur dass sie bey Alberten wegen seines Leichtsinns vorubergehender und bey Hannchen wegen eines gewissen Hangs zu stiller schweigender Schwermuth daurender, daurend bis zum Tode waren.
Beyde waren schon, besonders Hannchen. Wird es mir erlaubt seyn, sie hier zum zweitenmal mein Ebenbild zu nennen? Die kleine Eitelkeit von ihren vorigen Reizen zu sprechen, ist der Matrone ja wohl so leicht zu verzeihen, als der Stolz auf vergangene Siege dem alternden Helden?
Jukunde war von dem ersten Augenblick an, da das Madchen zeigt, auf welche Seite sie sich neigen will, ein leichtsinniges, freches, verdachtloses Geschopf, vorwitzig bis zum Uebermaas, und gutherzig bis zur Thorheit, schon, wie dem Himmel sey Dank die meisten meiner Kinder, und auch in Ansehung des Verstandes nicht von der Natur vernachlassigt; aber viel zu flatterhaft, ihn auszubilden, viel zu sehr mit sich selbst zufrieden, um sich Talente zu erwerben. Gewiss zu gefallen, hatte sie Muth genug, sich mit ihren geringen Geschicklichkeiten vor Meistern zu zeigen, und sonderbar war es, dass niemand es wagte, sie zu beschamen. Schon in ihrer Kindheit, wenn ich zu ihr sagte, Cundchen, erzahle die Geschichte von dem guten Kinde, oder singe das Lied von den drey Madchen im Walde, so trat sie vor die grosste Gesellschaft hin, und sang und erzehlte, ohne sich durch Lob oder Tadel irre machen zu lassen.
Nicht so Amalie. Ihr wisst, meine Lieben, Amalie war nicht schon. Von jeher schien ihre Gestalt einige Jahre junger, und ihr Gesicht ein gutes Theil alter zu seyn als das ganze Madchen. Sie wusste dieses, und ein gewisses stilles bescheidenes Wesen, nebst einem unablassigen Bestreben, sich auf andere Art gefallig zu machen, machte sie zu keinem uninteressanten Gegenstand, bis sie auf den unseeligen Einfall kam, durch ihren Verstand zu glanzen; ihr erinnert euch ohne Zweifel noch gewisser Begebenheiten die Doch alles zu seiner Zeit, wie mein guldner Wahlspruch lautet.
Von rechtswegen sollte ich nun auf dich, Julchen, kommen. Ich weiss, du hast schon lange deinen Namen in diesen Blattern gesucht, und dich gewundert, dass ich die Nachwelt noch nicht einmal benachrichtigt habe, dass du erst zu Hohenweiler auf den Schauplatz getreten, dass du meine Jungstgeborne, und wahrscheinlich ausschliessend zur Pflegerinn meines schwachen Alters bestimmt bist. Ist dir dieses genug, oder fordern deine forschenden Augen noch mehr? Nun wohl: Du bist schon und gut, wie ehemals deine Schwester Hannchen war, feurig wie Albert, gefallig wie Amalie, unbesonnen wie Jukunde, nur was Neugierde und Schwatzhaftigkeit anbelangt, scheint dich die Natur mit besondern Gaben bedacht zu haben; wir werden in der Folge Exempel davon horen. Zu deiner Besserung sey dir dieses gesagt, du bist zum Gluck der Zucht noch nicht entwachsen.
Euch so zu nehmen wie ihr waret, und ganz das aus euch zu bilden, was meine mutterliche Liebe wunschte, was ihr vielleicht nach euren verschiedenen Anlagen hattet werden konnen; euch vor allen den Klippen voruberzufuhren, an welche euch eure Tugenden und eure Fehler antreiben konnten, dazu mangelte es mir an Starke und Fahigkeit. Eurer waren zu viel, um ganz von mir ubersehen zu werden. Wie glucklich war ich gewesen, bey dieser bedenklichen Sache einen Gehilfen zu haben!
Dieser Gehilfe hatte freylich wohl euer Vater seyn sollen, aber welcher mit Amtsgeschaften uberladene Mann denkt daran, dass die Pflichten, die er als Hausvater auf sich hat, um keiner andern willen ganz vernachlassigt werden durfen? Sehr emsig war Herr Haller in seinem Amte, und doch hatte ich Ursach zu muthmassen, dass seine Zeit zuweilen auch von andern Geschaften, welche hatten unterbleiben konnen, hinweggenommen wurde. Die traurigen Auftritte in seiner Geburtsstadt waren langst vergessen; die Sorgen und die ansehnlichen Summen, die es uns kostete, uns damals aus unsern Schulden zu reissen, waren Dinge, aus einer andern Welt, die uns nichts mehr angiengen, die vorbey waren, und deren Andenken man so sehr scheute, dass man unvermerkt auf den Weg gerieth, den ehemaligen Auftritt wieder erneuert zu sehen.
Madam Haller, meine Mutter, meine Vertraute, meine treuste Freundinn, meine Trosterinn, die einige Gehilfinn, die ich bisher bey der Erziehung meiner Kinder gehabt hatte, sah, dass ich mir Sorge wegen der Zukunft machte, aber ich konnte ihr den Grund meiner Besorgnisse nicht entdecken, ohne zugleich ihr vergangene Dinge mitzutheilen, die ich meinem Mann ewig zu verschweigen gelobt hatte. Sie war, da sie die ganze Lage der Sachen nicht wusste, auch nicht im Stande mir ihren Rath auf so wirksame Art zu ertheilen, als ich es bedurfte, und, o Gott, sie sollte bald ganzlich von mir genommen werden, ich sollte bald ganzlich mir selbst in den Verlegenheiten uberlassen seyn, die ich von ferne sah.
Es ist mir unmoglich, die Trennung von ihr umstandlich zu schildern. Es mag hier eine Lucke bleiben, welche diejenigen von meinen Kindern, die mich so liebten, wie ich meine Tante, nach meinem Tode mit ihren Empfindungen ausfullen konnen.
Herr Haller war, wie er sagte, kranklich; der Arzt hatte ihm eine Reise nach Spaa verordnet; die zunehmende Schwachheit seiner Tante konnte ihn nicht zuruck halten, er reiste ab, blieb lange aussen, kam wieder und fand mich in tiefer Trauer uber den Tod derjenigen, deren Namen ich hinfort nie ohne Thranen nennen sollte. Ich fand ihn auf eine seltsame Art verandert. Das finstere Wesen, das ich schon vor seiner Abreise an ihm bemerkte, hatte sich in eine Hastigkeit und Wildheit verwandelt, die mir furchterlich war.
Ohne fast dem Andenken der ehrwurdigen Madam Haller eine Thrane zu schenken, eilte er, ihre Verlassenschaft zu untersuchen, welche ihm ganz anheim fiel. Ich erfuhr wenig von dem was er fand, und welches seine Plane fur die Zukunft waren; auch scheuete ich mich, nach Dingen zu fragen, welche zu Erklarungen fuhren mussten, von welchen mir nichts gutes ahndete.
Madam Haller hatte mir in ihren letzten Tagen, als ich jeden Beweis ihrer Grossmuth ausschlug, der meinen Vortheil von dem Vortheil meines Mannes zu trennen schien, ein Geschenk mit zwo englischen Lotterielosen gemacht. Dieses hier, sagte sie, ist fur dich, und dieses gieb deinem Manne zu meinem Andenken; wenn er glucklich damit ist, so soll er es zum Besten meiner Enkel, seiner Kinder anwenden; ihr Vater muss ja wohl ihr bester Vormund seyn.
Ich ubergab meinem Manne dieses letzte Vermachtniss seiner Wohlthaterinn; er riss das Papier hastig von einander, und warf es, als er sahe was es enthielt, unwillig auf die Seite. Wie konntest du mich so tauschen? rief er murrisch aus; Eine Banknote von von ach nur von einigen hundert Gulden, sollte mir jetzt lieber gewesen seyn, als diese betrugerische Anwartschaft auf ein zweifelhaftes Gluck.
Wie war es moglich, sprach ich, dass dir in deiner gegenwartigen Lage, eine so kleine Summe fehlen konne? Dieser Frage folgte eine Erklarung, welche derjenigen kurz nach dem Tode des alten Herrn Hallers, vollig gleich kam, nur mit dem Unterschied, dass keine Damen dabey in Anschlag kamen, als die beruchtigten vier Koniginnen, die so manche Familie zu Grunde gerichtet haben.
Dass Herr Haller seine Nebenstunden, deren er, seit er sich einen Amtsgehilfen angenommen hatte, viel haben musste, dem Spiel widmete, hatte ich langst vermuthet. Eine benachbarte Stadt, in welche er Amtshalber oft reiten musste, hegte Gesellschaften, welche ihn an diesem unschuldigen Zeitvertreib, wie er es nannte, sehr gern Theil nehmen liessen. Dieses wusste ich, aber dass Gewinn und Verlust hier so ins Grosse gieng, dass Herr Haller nach Spaa gereist war, nicht seiner, sondern der Kranklichkeit seines Beutels abzuhelfen, und dass er dort unter ausgelernten Spielern seinen volligen Untergang gefunden hatte, das war mir eine zu schreckliche Neuigkeit, als dass ich nicht unter derselben hatte erliegen sollen.
Ich ward bey dem Bekenntniss meines Mannes ohnmachtig, und die wenige Zartlichkeit, mit welcher er mich ins Leben zuruck rief, zeigte, dass sein Herz bey weiten nicht mehr das namliche war, wie bey seinen ehemaligen Verirrungen. Fast machte er mir mein Schrecken uber das was ich gehort hatte zum Vorwurfe, und das was ich ehemals zu ihm sagte um ihn zu trosten, ich sey arm gewesen und habe also Armuth ertragen gelernt, das musste ich jetzt aus seinem Munde als Vorwurf horen.
Es muss doch wohl wahr seyn, was einige Kenner des menschlichen Herzens behaupten, dass Liebe zum Vergnugen das Herz dem Eindruck des Guten nicht so sehr verschliesst, als Spielsucht, und Begierde nach unrechtmassigen Gewinn, denn dieses wird der elende Erwerb durch die Karten in meinen Augen ewig bleiben, und wenn er nach den gewissenhaftesten Regeln des Spiels eingerichtet ist. Es erfolgten jetzt keine wehmuthigen Bekenntnisse vergangener Vergehungen, keine Wunsche, das Geschehene ungeschehen machen zu konnen, keine Gelubde der Besserung, sondern die Sache, die mich in solche Besturzung setzte, brauchte keine Apologie in seinen Augen, war ein Fall des Glucks, welcher das nachstemal anders seyn und alles wieder ersetzen konnte, was man jetzt etwa aufopfern musste. Das nachstemal! Gott! also nicht einmal eine Hoffnung, dass man nun still stehen, sich besinnen und anders werden wollte.
Ich bekenne es, jetzt ward mir es schwer, in meiner Fassung zu bleiben. Ich entfernte mich, um nicht durch ein unuberlegtes Wort, zum Gluck hatte ich noch gar nichts gesagt, alles zu verderben, und die Gewalt, die ich doch etwa noch uber meinen Mann hatte, ganz zu verscherzen. Nur durch Sanftmuth, nur durch lachelnde Gefalligkeit konnte mir es jetzt gelingen, die Sache in ihrem ganzen schrecklichen Umfange und in allen ihren Theilen zu erfahren. Ich brauchte diese Mittel, so schwer mir auch diesmal ihre Anwendung wurde, und die Entdeckung, die mir dafur zu Lohne ward, war diese, dass alles, was die gutige Madam Haller uns hinterlassen hatte, die Beute hungriger Spieler werden musste, und dass auch sogar einige dieser Herren, auf dieses Haus und diesen Garten angewiesen waren, von welchem ich mich nun also auch trennen sollte.
Ich weiss nicht, ob es blos Wunsch diesen meinen Lieblingsaufenthalt zu erhalten, oder Ueberbleibsel alter Liebe zu einem unverbesserlichen Verschwender war, was mich bewegte alles aufzuopfern, um meines Mannes gierige Schuldner, deren einige sich bald personlich einfanden, augenblicklich zu befriedigen; ich besass einige Kostbarkeiten, Geschenke der ehemaligen Liebe meines Mannes, ich entblosste unser Haus von allem Hausrath, der einigen innern Werth hatte, und kam zuletzt auf den Einfall unsere englischen Loose zu versetzen. Leider hatte mein Mann das seinige, als ich darnach fragte, bereits fur eine Summe, die kaum nennenswerth war, verkauft, und mir fiel der Gedanke vom verscherztem Gluck dabey mit so wutender Ahndung aufs Herz, dass ich mich entschloss, mein Loos als ein Heiligthum anzusehen, es vor mir selbst zu verbergen, dass ich es habe, es vor jedermann zu verschweigen, und jetzt auf alle mogliche andere Art Rath zu schaffen. Etwas weniges von entbehrlichen Kleidern und Wasche, und vor allen eine ziemliche Quantitat Leinwand, die ich sehr gut in meinem Hause weben liess, brachten endlich die Summe zusammen, die uns noch fehlte, wir wurden unsere beschwerlichen Gaste los, und ich bemuhte mich meinen innern Unwillen gegen den, der der Ursacher aller dieser verdrusslichen Auftritte war, zu verbergen.
Was ich durch diesen Zwang verlor, war eben dieser Unwille, den ich, so wie ich ihn zu unterdrucken suchte, immer mehr in meinem Herzen ersterben fuhlte, und was ich gewann? o Himmel, mehr als ich je zu gewinnen gehofft hatte! Das Herz meines Mannes ward durch mein Betragen erweicht, ich sah ihn noch einmal reuevoll in meinen Armen. Gelubde, zu heilig von ihm gebrochen zu werden, entsagten dem Spiel auf ewig; ich bekam den Namen der besten, treusten, tugendhaftesten Frau, und noch zur Zugabe etwas, das mir lieber war, als alle schonklingenden Ehrennamen, die Erlaubniss, unsere ganze Einrichtung nunmehr nach meinem Gefallen, oder vielmehr nach unserm jetzigen Zustande anzuordnen. Freylich war nunmehr das, was wir vor einigen Jahren Einschrankung nannten, jetzt Schwelgerey fur uns, die wir nun nichts mehr besassen, als den Verdienst meines Mannes; fur uns, die wir nun auch keine entfernte Hoffnung mehr auf kunftige Verbesserung unsers Zustandes, keine Freundinn wie Madam Haller mehr hatten, zu welcher wir im aussersten Nothfall, gewiss Hilfe zu finden, unsere Zuflucht hatten nehmen konnen.
Zwolftes Kapitel
Ein Stuck aus der Haustafel
Ich habe es immer fur gut gehalten, dass Kinder, wenn sie auch die reifen Jahre noch nicht erreicht haben, doch nicht ganz unwissend in Dingen gelassen werden, welche ihre Aeltern, und also auch sie unmittelbar angehen.
Ich nahm eines Abends, als mein Mann noch von einer Reise wegen Berichtigung seiner Angelegenheiten nicht zuruck war, euch alle meine Lieben vor. Ich hatte euch alle beysammen, denn eben an selbigem Abend war mein Sohn Samuel bey uns angekommen, welcher nun die Schule verlassen hatte, und auf die Universitat gehen sollte.
Meine Kinder, sagte ich zu euch, ich weiss, dass es bisher einige unnutze Leute gegeben hat, welche euch bereden wollten, eure Aeltern seyen reich, und konnten euch einmal ein grosses Gluck in der Welt verschaffen. Ihr seyd jetzt erwachsen genug, um von mir das Gegentheil zu erfahren, von mir es zu horen, dass eure Grosstante Madam Haller eure einige Wohlthaterinn war, und dass ihr durch ihren Tod nicht allein ihre theure Gegenwart, ihren lehrreichen Umgang, sondern auch manche kleine Vortheile verlohren habt, die ihre Grossmuth euch gewahrte, und welchen ihr nun entsagen musst. Du, mein Sohn Samuel, glucklicherweise bist du jetzt gegenwartig, um meine Ermahnungen selbst zu horen; du stehst im Begriffe, die Universitat zu beziehen; eile deine Studien daselbst zu vollenden, denn die Summen, mit welchen dich dein Vater unterstutzen kann, werden gering seyn, und du musst darauf denken, bald zuruckzukehren, um ihm hier durch deinen Fleiss nutzlich zu seyn.
Du Peninna, sey nicht stolz auf deine Gestalt, und traume nicht von grossen Eroberungen; kein armes Madchen ist schon, und nichts ist lacherlicher, als Anspruche auf etwas machen, das einem niemand zugestehen will.
Hannchen ist ein gutes Kind, und wird ihrer Mutter keine Gelegenheit geben, uber sie zu klagen, aber Albert mochte wohl anfangen zu bedenken, dass man, so bald es kund wird, dass wir arm sind, seinen Unfleiss Faulheit, seine Flatterhaftigkeit Dummheit, und die allerliebsten kleinen lustigen Streiche, wegen welcher ihn bisher einige bewunderten, Wildheit und Ungezogenheit nennen wird. Ihr andern Kleinen, euch ermahne ich, dass ihr zeitig aufhort Kinder zu seyn: die Armen mussen fruher klug werden, als die Reichen, denn sie haben nicht den Vortheil wie jene, dass zehn Kopfe fur sie denken, und zwanzig Hande fur sie arbeiten.
Sie hatten mir alle mit mehrerer Aufmerksamkeit zugehort, als ich es von ihnen zum Theil erwartet hatte. Alle versprachen mir, meinen Ermahnungen zu folgen; ich nannte sie gute Kinder, kusste sie, und hiess sie gehen, um mit meinen beyden altesten, dem Samuel und der Peninna allein zu seyn, welche als verstandiger wie die andern, eine genauere Kenntniss von unsern Umstanden fordern konnten, die ich ihnen auch, soviel es ohne Nachtheil ihres Vaters moglich war, gab.
Dreyzehntes Kapitel
Folgen von der Predigt der weisen Frau, wie auch von
ihrer neuen Einrichtung
Dass der Inhalt meiner Rede einen tiefen Eindruck auf Samuel und Peninnen machte, hatte ich schon des Abends an den Thranen der Einen, und dem ernsten tiefdenkenden Wesen des Andern bemerkt; aber dass mir den Morgen darauf ein so sonderbarer, so widriger Beweis von der Kraft meiner Worte bevorstand, das hatte ich nicht vermuthet.
Meine alteste Tochter erschien des andern Tages beym Morgengebet, mit rothgeweinten Augen, und mein altster Sohn fehlte gar bey dieser unsrer taglichen Versammlung, wo sonst niemand fehlen durfte. Ich nahm Peninnen, nachdem ihre jungern Geschwister sich entfernt hatten, vor, verwiess ihr ihre Thranen, von welchen ich glaubte, dass sie noch wegen der gestrigen Unterredung flossen, und fragte sie wegen der Abwesenheit ihres Bruders.
Anstatt aller Antwort, uberreichte sie mir folgenden Brief, den ich euch so mittheilen will, wie ich ihn unter den Papieren, die ich mein Archiv zu nennen pflege, gefunden habe. Mochte ich doch auch im Stande seyn, euch einen Begriff von der Besturzung zu geben, mit welcher ich ihn las.
"Meine Mutter!
Nach dem, was ich gestern Abend von Ihnen erfuhr, darf ich nicht langer hier verweilen. Tausend Entwurfe, wie ich Ihnen Ihr Schicksal erleichtern wollte, durchkreuzten diese Nacht meine Seele; das einige, dessen Ausfuhrung ich moglich fand, war der Entschluss, mich von Ihnen zu trennen, und Ihnen durch Abnehmung einer unnutzen Last, die Sie lang genug getragen haben, die Sorge fur meine Geschwister zu erleichtern. Ich gehe hin, nicht ein mussiges unabhangiges Leben zu fuhren, nicht mir einen andern Plan zu meinem kunftigen Fortkommen zu machen, als den, welchen Sie mir vorgezeichnet haben; nein ich gehe auf dem Wege fort, den Sie mir bestimmten, nur an einen Ort, wo mich Ihre Wohlthaten, die ich schon zu lange genoss, nicht finden konnen, nur auf eine Art, die mich vielleicht schneller zum Ziele meiner Wunsche, Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen, bringen kann. Es ware Unrecht, fernere Unterstutzung von Ihnen anzunehmen, da ich hoffentlich so viel gelernt habe, mir selbst helfen zu konnen, und doch, meine Mutter, hatte ich es allein mit Ihnen zu thun, so wurde mir es vielleicht schwer werden, mich ganz von Ihrer wohlthatigen Hand loszureissen, aber mein Vater? Sie kennen seine Gesinnungen gegen mich, sie wissen, ob ich es wagen darf, bey unserer gegenwartigen Lage auf Unterstutzung von demjenigen zu hoffen, der mich nie liebte, nie mir seine Wohlthaten so willig erzeigte, wie meinen andern Geschwistern und der mich vielleicht aus ihnen unbekannten Ursachen, wurklich hasset."
Ach ich kann, ich kann den abgeschmackten Brief nicht vollends abschreiben. Am Ende noch etliche Worte von kindlicher Liebe und Dankbarkeit, einige Wortgen von Wiedersehen, und so weiter, und dann den Namen des grillenhaftesten und geliebtesten unter allen meinen Kindern, O Samuel, du zweifeltest an meiner Liebe, sonst hattest du nicht so handeln konnen, und gleichwohl hatte ich dich nicht so sehr geliebt, hatte ich so auf dich zurnen konnen wie ich that?
Peninna uberreichte mir, als ich mit Lesen fertig war, noch einen an sie gerichteten Brief, den ich um der Sonderbarkeit willen gleichfalls hersetze.
"Schwester!
Ohne von meinem Entschlusse etwas zu wissen, aussertest du gestern nach dem Gesprach mit unserer Mutter, ein ahnliches Vorhaben mit mir. Ich will dir es glauben, dass du dich fahig haltst, ausser dem vaterlichen Hause fortzukommen, aber hute dich hierinnen einen Schritt zu thun, wie ich ihn that; was bey dem Jungling nicht zu tadeln ist, wurden bey dem Madchen Romanstreiche seyn, die ich mir auf alle Weise bey meinen Schwestern verbitte. Das sicherste Mittel, mich, wo ich mich aufhalten mochte, plotzlich nach Hohenweiler zuruckzubringen, wurde seyn, wenn ich euren Namen, ich will nicht sagen, auf eine zweydeutige Art, wenn ich ihn nur uberhaupt zu oft, und an Orten, da man ihn nicht kennen sollte, nennen horte; ich glaube aber nicht, dass meine Zukunft denen, die die Ehre unserer guten Aeltern beleidigten, angenehm seyn wurde. Johanne wachst heran, ihr seyd beyde jung und nicht hasslich, wache fur sie sowohl wie fur dich selbst, dies wird das beste Mittel seyn, dereinst beym Wiedersehen den in mir zu finden, der ich jetzo bin, Dein' zartlicher Bruder, S. H."
Ich sahe Peninnen mit Erstaunen an; ich fragte sie, ob das Wahrheit sey, was ihr Bruder im Anfange seines Briefes sagte. Sie fiel mir um den Hals, und gestand mir, dass sie wirklich den Gedanken gehabt habe, den Samuel jetzt leider ausgefuhrt hatte, und man kann sich vorstellen, was ich ihr uber diesen Punkt sagte. Ich verwies sie auf die Ermahnungen ihres Bruders, und freute mich zu finden, dass sie den gebieterischen Ton derselben nicht hoch aufnahm, sondern sich ihn gefallen liess, als wenn es so seyn musste. Samuel hatte sich in ein sonderbares Ansehen bey seinen Geschwistern gesetzt, sie furchteten sich, ungeachtet der wenigen Jahre, die er vor ihnen voraus hatte, fast mehr vor ihm, als vor ihrem Vater.
Meine nachste Frage an Peninnen war nunmehr, wie sie zu den Briefen gekommen sey; sie sagte, sie habe sie unter ihrer Aufschrift diesen Morgen auf ihrem Nahtische liegen gefunden, und das kleine Julchen, welche bey ihr schlief, habe Samuelen in der ersten Morgendammerung mit dem grunen Reitrock und dem Jagdmesser an der Seite leise hereinkommen, und den Brief hinlegen gesehen.
Lieber, guter, unbesonnener Junge, wie war dirs moglich, deine Mutter so zu kranken! Was hatte ich gesagt, das dich zu diesem ubereilten Entschlusse bewegen konnte? Zwar hatte ich gefehlt, du und die leichtsinnige Peninna brauchten nicht einerley Lektion; was gerade eben hinlanglich war, diese ein wenig aufmerksam zu machen, das musste dich ganzlich niederschlagen.
Der Entschluss, der ihrem schwindelnden Kopfgen jahling einkam, und vor dessen Ausfuhrung mir nicht bange war, war bey dir gleich schnelle und doch wohl uberlegte That, o gewiss, ich hatte dich schonen, hatte dir vielleicht unsere ganze traurige Lage verschweigen sollen, ich hatte Doch nichts von dem, was ich hatte thun sollen, sondern lieber etwas von dem, was ich that.
Ich machte mich auf den Weg zu meinem Vater, den ich ohnedem seit dem Tode der Madam Haller, wobey er gegenwartig war, nicht gesehen hatte. Ich hatte doppelte Ursach zu ihm zu eilen; nicht allein Wunsch, ihn, wie ich immer that, Theil an meinen Bekummernissen nehmen zu lassen, sondern auch die Ueberzeugung trieb mich zu ihm, Samuel wurde die Gegend nicht verlassen haben, ohne den Greis, den er so sehr liebte, noch einmal zu sehen, und seinen Segen zu erbitten. Oft schlich sich gar ein wenig Hoffnung mit ein, ich wurde ihn noch da finden, wo ich hingedacht, wurde alles gegen ihn ausschutten konnen, womit mutterliche Liebe und mutterlicher Zorn mein Herz erfullte, doch diese Hoffnung zu begunstigen, war der Weg zu meines Vaters kleiner Wohnung zu weit. Ich langte dort an, der Fluchtling war da gewesen, aber zwo Stunden vor meiner Ankunft schon wieder abgereist.
Mein Vater lachte uber die Unruhe, in der er mich sahe. Glaubst du denn, sagte er, ein siebzehnjahriger Jungling, ein Jungling wie dein Samuel, werde sich in der Welt verlieren, oder es werde ihm an Unterstutzung fehlen? O nein, was sein Fleiss nicht ausrichten kann, das werde ich thun. Samuel ist mein Sohn, und mein alter Freund Haller hat dafur gesorgt, dass ich fur mich und fur seinen Enkel genug habe.
Ich entdeckte ihm unsere gegenwartige Verfassung, und meine Reue, dass ich Samuelen soviel davon gesagt hatte; er lobte das, wesswegen ich mir Vorwurfe machte, und schien das andere nicht sehr zu Herzen zu nehmen.
Wenn dein Mann, sagte er, wie ich hoffen will, sich nun endlich bessert, so werdet ihr bey einem stillen und sparsamen Leben glucklicher seyn, als bey den glanzendsten Aussichten. Kinder! Kinder! ihr habt alle einen guten Hang zur Thorheit, und ich mochte wissen, was aus euch geworden war, wenn ihr noch alles besasset, was deines Mannes wohlthatige Liederlichkeit man verzeihe meinem Vater einen harten Ausdruck euch entzogen hat. Es ist allen deinen Kindern, auch Samuelen ist es heilsam, dass sie sich auf nichts, als auf ihre gute Auffuhrung zu verlassen haben. Lass deinen Sohn immer die Welt sehen; er wirds schon erfahren, wie weit er mit seinem Eigensinn, mit seinen uberspannten Begriffen von Recht und Unrecht, mit seiner Empfindlichkeit, und allen den kleinen gutgemeinten Grillen und Thorheiten kommen wird, die ich, so lieb ich ihn habe, doch nicht in ihm verkenne.
Sehr getrostet verliess ich meinen Vater. Ich wusste, er kannte den Aufenthalt meines Sohnes, ob er mir es gleich nicht ganz gestehen wollte, wusste, er wurde ein wachsames Auge auf ihn haben, und fur ihn sorgen, und dieses war genug zu meiner Beruhigung; eine Beruhigung, welche durch den Kaltsinn, mit welchem mein Mann, bey seiner Wiederkunft die Nachricht von Samuels Entfernung aufnahm, ich weiss nicht, ob gemehrt oder gemindert ward: ich musste den Entschluss meines Sohns billigen, und die wenige Liebe des Vaters gegen den, der ihn nie beleidiget hatte konnte nicht anders als mir missfallen.
Unser Leben wurde nur noch stiller und ordentlicher als zuvor. Das Amthaus, ein odes altvaterisches Gebaude, welches, als wir nach Hohenweiler kamen, unsern Gedanken nach den Einsturz drohte, und nicht bewohnt werden konnte, ward jetzt auf einmal fest genug, uns zu beherbergen, und wir gaben die gemiethete Wohnung auf, welche wir bisher, wie wir uns beredeten, nur der verstorbenen Madam Haller zu gefallen bewohnt hatten. Es war auch aus dem Grunde nothig uns ins Kleine zu ziehen, weil die Befriedigung unserer Schuldner, unsere besten Zimmer vom Hausrathe entblosst hatte; ein Mangel, der sich in einer kleinen Wohnung besser verbergen liess. Die Zimmer im Amthause waren so dunkel, die altvaterischen Tapeten wurden so schlecht zu den modernen Mobeln gepasst haben; genug es gab der Entschuldigungen im Ueberflusse, warum gewisse Dinge, die man sonst bey uns gekannt hatte, nicht mehr zum Vorschein kamen.
Ein anderes Mittel unsern gesunkenen Zustand zu verbergen, war die Einschrankung meiner Gesellschaften. Ich hatte es bisher unumganglich nothig gefunden, die Frau Pfarrerinn, die Frau Einnehmerinn, und einige andere vornehme Damen unsers Orts wochentlich zu sehen, und sie ziemlich oft bey uns zu Tische zu haben; jetzt merkte ich auf einmal, dass mir bey ihren Besuchen die Zeit lang wurde, und dass die kleinen Abendmahlzeiten weder uns noch ihnen Freude machten.
Meine Kinder gut zu erziehen, war es bisher erforderlich gewesen, ihnen einige Lehrmeister und Lehrmeisterinnen zu halten, jetzt besannen sich meine beyden altsten Tochter, dass sie genug verstunden die Lehrerinnen der jungern zu werden, auch musste mein Mann nicht mehr so oft in die Stadt reiten, wo die verderblichen Spieler wohnten, er bekam mehr Zeit sich mit mir und unsern Kindern zu unterhalten, denn er hatte keinen Amtsverweser mehr, und ich habe schon oft angemerkt, dass Gehilfen in manchen Fallen die Muhe eher mehren als mindern.
So wohlthatig diese Aenderungen im Grunde fur uns waren, so hatten sie doch auch ihre Unbequemlichkeiten. Im Amthause spuckten Ratten und Geister; die Damen unsers Orts fanden sich durch den abgebrochenen Umgang beleidigt, nannten mich stolz, und lohnten mir mit ubler Nachrede; die jungern Geschwister wollten den altern, die sie lehrten, nicht allemal gehorchen; und die bestandige Anwesenheit eines durch Verdrusslichkeiten und Mangel an Vergnugungen eigensinnig gewordenen Mannes ward mir oft lastig; auch gereichte sein Umgang den Kindern nicht allemal zum Vortheil. Hanna und Peninna mussten viel von ihm leiden, oft blos darum weil sie Hanna und Peninna hiessen, und die andern mit den lieblicher tonenden Namen, waren immer schoner, kluger, und besser als jene, und wurden verzartelt.
Eine jede von diesen Verdrusslichkeiten war hinlanglich, uns unsere neue Lebensart zu erschweren, und ich konnte fast von jeder derselben etwas besonders sagen, das keinen kleinen Einfluss auf unser Gluck und unsere Ruhe hatte; doch ich will, um nicht zu weitlauftig zu werden, jetzt nur bey dem stehen bleiben, was mich unmittelbar selbst angieng, und mir, ich laugne es nicht, recht empfindlich ans Herz griff.
Vierzehntes Kapitel
Grosse Neigung der alten Dame zu bussfertigen
Magdalenen. Einige Winke von den herrlichen
Ruinen ihrer Schonheit, und ein paar Probgen von
ihrer stolzen Zuruckhaltung gegen Vornehmere
Die Frauen unsers Stadtchens, mit welchen ich im Grunde den Umgang nicht ganz aufzuheben, nur in eine gemassigtere Form zu bringen gesucht hatte, und welche dieses nachlassende Feuer der ehemaligen Freundschaft fur formlichen Bruch hielten, sannen darauf, wie sie meiner Ehre einen Flecken anhangen, und sich das Ansehen geben wollten, als hatten sie selbst sich meiner aus guten Ursachen entaussert. Sie musterten meine ganze Lebensgeschichte, so weit ihnen dieselbe bekannt war, und stiessen auf nichts in derselben, das zu ihrem Zweck dienen konnte, als auf einige Begebenheiten aus den ersten Jahren meines Ehestandes, die mir so wenig zu Herzen giengen, dass ich sie gegen euch zu erwehnen vergessen habe. Ich war damals eine junge Frau, war ziemlich artig, und mein Mann machte sich gern mit seiner schonen Gattinn, wie er mich damals nannte, breit; war es denn zu verwundern, dass ich von einer Menge von Anbetern umflattert wurde, und war das wohl eine Sache, die mir die Thorinnen zur Sunde machen konnten? Auch war es zu bekannt, wie bald ich mich den Blicken meiner gaffenden Bewunderer entzogen, und die Einsamkeit dem wilden Leben, in welches mein Mann mich so gern verstrickt hatte, vorgezogen hatte: meine Lasterinnen durften also hier nichts als Winke und verblumte Reden wagen. Nicht so schonend giengen sie mit meinen gegenwartigen Grundsatzen um: der regelmassige Gang, den alle Dinge in meinem Hause und also auch die Andachtsubungen hatten, machte mich zur Herrnhutherinn; die Neigung zu meinen Kindern, war Affenliebe, und da sie nichts von unsern geringen Vermogensumstanden wussten, die sie gewiss meiner Verschwendung zugerechnet haben wurden, so nannten sie meine Sparsamkeit, Geiz.
Eine Lieblingsmeynung hatte ich noch, die ich vielleicht ehemals zu offenherzig gegen sie geaussert hatte, und welche mir nunmehr aufs argste gedeutet ward: so streng ich, was mich und die Meinigen angieng, auf Zucht und Tugend hielt, so mitleidig war ich gegen andere arme Geschopfe, welche etwa einen Fehltritt gethan, und dadurch in die Hande der Gerechtigkeit, oder unter die noch unbarmherzigere Geissel der Lastersucht gerathen waren; im letzten Fall wurden schonende Entschuldigungen, und im ersten dringende Vorbitten bey meinem Manne nicht gesparet. Ja die Frau Pfarrerinn wollte mich der schrecklichen Sunde zeihen, dass ich viel zur Abschaffung der Kirchenbusse in unsern Gegenden beygetragen, und einmal Himmel und Erde bewegt hatte, dass der Prozess einer Kindermorderinn zum zweytenmale untersucht und ihr das Leben gerettet worden sey. Dinge, die ich so sehr eben nicht laugnen will; denn war mirs denn Schande, wenn ich etwas beygetragen hatte, die oder jene Ungluckliche zu bessern, welche die christliche Liebe fur unverbesserlich hielt? Ob ich indessen nicht auch hierinn zu weit gegangen sey, wird man vielleicht in der Folge sehen; es ist gut den Verbrecher retten und bessern, aber ihm zu viel trauen, ihn in sein Haus aufnehmen? Doch weiter.
Die Auslegungen, welche meine ehemaligen Freundinnen von dieser Art zu denken und zu handeln machten, waren zu boshaft, zu abscheulich, um hier wiederholt zu werden; sie waren hinlanglich, zwar nicht, mich von dem, was ich einmal fur recht und gut erkannte, abzubringen, aber mich doch zu bewegen, meine Gesinnungen in diesem Stuck, ins kunftige besser zu verhelen. Ich gieng darinn so weit, dass ich, wenigstens in meinem Gebiet, der entgegengesetzten Meinung beyzupflichten schien; ich sah es ein, dass sich ein wenig Strenge fur die Mutter heranwachsender Madchen ganz wohl schicke, und bemuhte mich also in allen meinen Gesprachen, die unerbittliche Richterinn gegen alle Gefallene, oft selbst gegen solche zu spielen, deren ich mich insgeheim annahm, und sie vom ganzlichen Verderben zu retten suchte. Ob ich nicht in den Aeusserungen von dieser Art, auch zu viel that, ob ich nicht durch den Ernst in meinen Reden, wodurch ich die meinigen vom Laster abzuschrecken suchte, meinem Herzen eine Verwundung zubereitete, welche nie ganz heilen wird, das wird die Folge lehren. Ich gehe jetzt zu einer neuen Epoche meiner Geschichte uber.
Bisher waren ich und meine ehemaligen Freundinnen die vornehmsten in unserm Stadtchen gewesen; jetzt erscholl das Gerucht, als wollte sich eine adeliche Familie in diese Gegend wenden, welche den grossten Theil ihres Vermogens in der Hauptstadt zugesetzt hatte, und nun entschlossen war, die Ueberbleibsel davon zusammen zu nehmen und mit denselben in einer entlegenen Provinz besser als bisher hauszuhalten.
Die Erzahlung von einer Familie, die genothigt war, wegen voriger Verschwendung sich der Sparsamkeit zu befleissen, gefiel mir; ich zog eine Paralelle zwischen uns und diesen grossen Leuten, sahe, dass Schicksal und Thorheit ihnen eben solche Streiche spielen konnten wie uns, und fand unser Loos um der Aehnlichkeit willen weit ertraglicher. Auch stieg zuweilen ein heimlicher Wunsch in mir auf, dereinst in die Bekanntschaft dieses weisen philosophischen Hauses zu kommen, und meinem Stolz, welcher durch die Feindseligkeiten und Lasterungen der Pfarrerinn und der Einnehmerinn gewaltige Stosse erlitten hatte, durch den Umgang so angesehener Leute eine machtige Stutze zu geben.
Nachdem das Gerucht viel unglaubliche Dinge von der Familie von Wilteck, die bey uns erwartet wurde, gesagt und das Haupt derselben bald zu einem in Ungnade gefallenenen Minister, bald gar zu einem Fursten im strengsten incognito gemacht hatte, erschien sie endlich, strafte durch das sehr alltagliche Ansehen, welches alles, was sie umgab, an sich hatte, das Gerucht Lugen, und erhohte die Hoffnungen, die ich mir von diesen neuen Ankommlingen machte.
Das ganze von Wilteckische Haus bestand ausser dem gnadigen Ehepaar, aus zween mehr als erwachsenen Frauleins, einem noch unmundigen Junker, und einem Bruder des alten Herrn, der dem Verstande nach eben so unmundig als Junker Ludwig an Jahren war. Ein veralteter Stutzer, den man nicht anders als den Obersten nannte, ungeachtet die alte Gouvernante, welche auch mit zu den Ankommenden gehorte, versichern wollte, er habe es nie hoher als zum Souslieutenant gebracht.
Ich habe vorhin erwehnt, dass ein Wunsch in mir aufstieg, Umgang mit diesen vornehmen Leuten haben zu konnen, aber ich war klug genug, ihn weder in meiner Familie bekannt werden zu lassen, noch den geringsten Schritt zu thun, welcher auf seine Erfullung abzielte. Die Damen unsers Orts, die Pfarrerinn und die Einnehmerinn, nebst noch einigen andern, hielten es fur gut, der hochadelichen Familie Cour zu machen, ich aber fand es lacherlich, und noch obendrein, wie mir mein Stolz ins Ohr sagte, erniedrigend, sich Personen aufzudringen, welche vornehmer sind als wir, und die unsere Hoflichkeiten vielleicht kaum erwarten, aber gewiss uns dieselben nie auf andere Art, als mit der demuthigenden Miene der Ueberlegenheit und Herablassung vergelten.
Ich wurde Frau von Wilteck und ihre Tochter vielleicht nie kennen gelernt haben, wenn ich sie nicht zuweilen in der Kirche gesehen hatte. Wir sassen ziemlich weit von einander, und ich verlor dadurch das Gluck ihre Personen so genau mustern zu konnen, wie die andern neugierigen Weiber unsers Stadtchens thaten; dieser Verlust brachte mir aber zugleich den Vortheil, sie nicht grussen zu durfen; eine Hoflichkeit, die ich ihrem Stande nicht versagt haben wurde, wenn mir die Art, mit welcher sie den andern Frauen, die sie mit Verbeugungen uberschutteten, zu danken pflegten, nicht anstossig gewesen war.
Wir schienen uns anfangs gar nicht zu bemerken; bald aber trug der Weg die adelichen Damen allemal vor unserm Stuhl vorbey; die Neugier mochte sie vorbey treiben, auch waren ich und meine Madchen noch wohl sehenswerth: es musste einen schonen Anblick geben, wenn ich so in meinem grauen atlassnen Gewande daher gieng, und die Kinder in ihren weissen Kleidern mit bunten Schleifen mir folgten. Eine bluhende Matrone unter funf bluhenden Tochtern! sagte unser Herr Pfarrer, zu der Zeit, da ich noch mit seiner Frau umgieng.
Die Frauleins gaften uns mit starren Augen an, meine Madchen verbeugten sich ein wenig, brachen aber die Halfte von ihrer Hoflichkeit ab, weil sie sahen, wie schlecht sie erwiedert ward; aber die gnadige Frau und ich grussten uns ordentlich nach Matronen Art, weil es nicht anders seyn konnte.
Des andern Tages sagte mein Mann, welcher als Amtmann zuweilen mit dem Herrn von Wilteck zu sprechen hatte: die gnadige Frau habe nach mir und den Kindern gefragt, und sich gewundert, dass wir sie noch nicht besucht hatten. In der That, meine Liebe, setzte er hinzu, es war der Hoflichkeit gemass Ganz gewiss, unterbrach ich ihn, und ich werde nachstens aber dieses Nachstens kam niemals und Frau von Wilteck sah sich genothigt, die Gelegenheit zu nehmen, wie sie war, und einmal auf ein paar Augenblicke im Vorubergehen zu mir zu kommen, um mich wegen einer hauslichen Angelegenheit um Rath zu fragen. Sie musste doch die wunderliche Amtmannin kennen lernen; welchen Namen mir, wie ich von guter Hand wusste, die Frauleins gegeben hatten.
Frau von Wilteck war eine einnehmende Dame, wenn es ihr beliebte, den Adelstolz ein wenig auf die Seite zu setzen. Der Wunsch auf einem freundschaftlichen Fuss mit ihr und ihrem Hause zu leben, und dadurch meine Feindinnen zu demuthigen, wachte wieder in mir auf, aber die Frauleins standen mir nicht an; die andern, welche nicht in die Kirche kamen, und die ich also nie gesehen hatte, konnten vielleicht auch nicht nach meinem Geschmacke seyn, und ich liess es also dabey bewenden, der gnadigen Frau des andern Tages einen eben so kurzen Gegenbesuch zu machen, in welchem ich nichts weiter that, als dass ich ihr umstandliche Nachricht von dem gab, was sie von mir zu wissen verlangt hatte.
Je mehr ich den Umgang des vornehmen Hauses zu fliehen schien, je mehr ward der meinige gesucht. Ein Regen, der die gnadigen Damen uberfiel, ein Spaziergang, auf dem man sich antraf, eine Bestellung an meinen Mann, und dergleichen Dinge gaben so oft zufallige Gelegenheit, uns zu sehen, dass wir uns endlich alle kannten, alle zu nennen wussten, und ich nehme Frau von Wilteck und mich nebst noch zwo Personen aus unsern beyderseitigen Familien aus, keinen andern Grund angeben konnten, warum wir uns aufsuchten, als Neugierde und Langweile, welches letzte doch bey den Meinigen, die immer beschaftigt waren, im Grunde nicht wohl statt haben konnte, sondern ganz allein auf die Seite unserer neuen Bekannten fiel.
Funfzehntes Kapitel
Eine ganze Familie von Alltagsleuten
Es dunkt mich hier Zeit zu seyn, etwas von dem Wilteckischen Hause zu sagen: ich werde der einzelnen Glieder desselben noch oft genug erwehnen mussen, und es wird gut seyn, wenn man weiss, was sich von ihnen erwarten lasst; doch wer kann das auf den ersten Anblick oder aus einigen hingeworfenen Zugen? War ich im Stande, es ihnen anzusehen, was fur Einfluss sie in Zukunft auf mich und die Meinigen haben wurden?
Frau von Wilteck schien keinen Fehler an sich zu haben als das einsilbige Wortgen vor ihrem Namen. War sie Madam Walteck schlecht weg gewesen, sie hatte mir die zweyte Madam Haller, hatte mir so lieb werden konnen, als diese theure Verstorbene, denn, vermochte ich dann in ihr Herz zu sehen? Ich ausserte diesen Gedanken einst gegen die Gouvernante; Ma chere, sagte diese lachend, wir sind aus einem Lande, wo jedermann diese drey deutungsvollen Buchstaben vor seinen Namen setzt, und wo sie so gut Frau von Haller seyn wurden als meine Gebieterinn Frau von Wilteck. Ein Wink, den ich nicht aus der Acht liess, und der mich um ein gutes Theil weniger zuruckhaltend gegen meine neue Freundin machte.
Frau von Wilteck war schon fur ihre Jahre, und es war zu verwundern, dass so wenig von ihren Reizen auf ihre Tochter geerbt war. Fraulein Josephe die alteste, welche nach den Grundsatzen meines Vaters schon seit langer als zehen Jahren nicht mehr Fraulein hatte heissen sollen, war eine lange hagere Figur, die sich wegen ihrer Gestalt gern eine schlanke Nymphe, und wegen ein paar finstern Augen und einiger schwarzen Haare gern eine schone Brunette nennen horte, welches doch niemand that, als die ihr gleichende Gouvernante, Mademoiselle de Robignac. Das jungere Fraulein, Gabriele genannt, war ein rothhariges, milchfarbnes Gansgen, mit grossen weiten Augen, die ich mit nichts bessern vergleichen kann, als mit den Teichen vor unserm Garten, wenn sich der graublauliche Himmel darinnen spiegelt. Wenn Fraulein Josephe die Heldinn und das mannliche Frauenzimmer spielte, so zerschmolz die lispelnde Gabriele dagegen in Empfindungen, schalt ihre wilde Schwester, oder sprach von Liebe und Kloster, oder schwieg auch, um zu verbergen, dass sie nichts zu reden wusste. Die liebste Tracht der ersten war ein Federhut und ein grunes Reitkleid, das ihr abscheulich anstand, und die andere kleidete sich gern in ein so galantes und durchsichtiges Negligee, wie sie es in ihren Lieblingsbuchern, den franzosischen Romanen beschrieben fand, eine Kleidung, die ihr eben nicht vortheilhaft war, weil sie alle Fehler ihrer Gestalt zu sehr enthullte. Kurz diese beyden Damen waren recht dazu gemacht meinen unschuldigen, unaffektirten und wirklich schonen Tochtern zur Folie zu dienen, welches nur ihnen verborgen zu seyn schien, sonst wurden sie ihre Gesellschaft nicht so eifrig gesucht haben.
Der einige Sohn der Frau von Wilteck, der funfzehnjahrige Junker Ludwig schien allein die Schonheit seiner Mutter geerbt zu haben, aber nicht ihren Geist; er besass ein weiches gutes argloses Herz, das ihm immer auf der Zunge sass, und einen geraden gesunden Verstand, der ihn weder zum Kriegshelden noch zum Staatsmann zu bestimmen schien; und doch schien man ihn zu dem ersten bestimmt zu haben. Er trug bereits die Uniform als Fahnjunker, und sahe in derselben aus wie der goldhaarige Engel Raphael mit dem Helm und mit dem Schwerdte uber unserer Kirchthur, der unsere ersten Aeltern mit freundlichen Blicken aus dem Paradiese jagt.
Dieses waren die Personen der adelichen Familie, die wir noch zur Zeit kannten. Nur der Herr von Wilteck und sein Bruder der so genannte Oberste fehlten noch, und die Beschreibungen der Mademoisell de Robignac, welche uns noch fleissiger besuchte als ihre gnadige Herrschaft, waren eben nicht sehr fahig, uns grosses Verlangen nach der Bekanntschaft dieser beyden Herren einzuflossen; wiewohl wir Ursach gehabt hatten, die Richtigkeit des Urtheils dieser Dame ein wenig zu bezweifeln, wenn wir damals schon gewusst hatten, was wir nachher bemerkten, dass die arme Gouvernante den beyden alten Herren von Wilteck immer zum Ziel ihres Witzes dienen musste, und freylich nicht sehr mit ihnen zufrieden seyn konnte. Wiewohl hatte uns wohl irgend etwas diese Kavaliers nachtheiliger charakterisiren konnen, als ihr Geschmack an einem so faden Zeitvertreibe wie dieser?
Ich sahe es niemals gern, wenn die schwarzbraune Franzosinn in unsern stillen hauslichen Zirkel erschien; denn ich merkte den nachtheiligen Einfluss ihrer Erscheinung allemal drey Tage lang an meinen Madchens. Bald hatte sie nicht einsehen konnen, wie man so albern seyn und deutsch sprechen konnte, und ich bekam gewiss in den nachsten Tagen nichts von meinen Kindern zu horen, als aufgeschnappte, ubel angebrachte franzosische Phrasgen, welche kein Mensch verstehen konnte, und die mir, einer deutschen Matrone, die alle Sprachenveranderung hasste, wie die babylonische Verwirrung, unausstehlich waren. Oder Demoiselle de Robignac hatte von den artigen Pariser und Lyoner Koeffuren gesprochen, und des andern Tages ward an allen Hauben des ganzen Hauses, sogar an den Meinigen gekunstelt, um ihnen eine etwas modischere und weniger deutsche Gestalt zu geben. Oder die Gouvernante hatte nicht begreifen konnen, warum die chere Ninon (Peninna wollte sie sagen) und die petite Jeanette die gnadigen Frauleins nicht besuchten, welches man sehr deutsch und ungesittet nennen konnte, und den Morgen darauf hatten meine Tochter gewiss ungewohnlich tiefe Verbeugungen von den gnadigen Frauleins oder wohl gar bedeutende Facherwinke bekommen; Dinge, welche ich theils ahndete, wie sichs gebuhrt, theils gar nicht verstand, und hartnackig auf meinem Sinne blieb, lieber den Umgang der angenehmen Frau von Wilteck zu entbehren, als meine Kinder oft in die zweydeutige Gesellschaft der ihrigen zu bringen.
Doch wer kann wider das Schicksal! Wir wurden eines Tages sammtlich zu einem Geburtstagsfeste des hochadelichen Hauses gebeten. Wir giengen; denn mein Mann nannte es unhoflich, die Einladung auszuschlagen. Abermals, blos um nicht unhoflich zu seyn, wurde die gnadige Familie zu unserer Weinlese erbeten, die in dem namlichen Monat fiel. Darauf wollten die Frauleins nebst ihrem Bruder am Hochzeittage ihrer Aeltern ein Lustspiel auffuhren, in welchem Jukunde und Juliane ein paar Kinderrollen ubernehmen mussten, und so gieng es in einem fort, bis es endlich dahin kam, dass wir alle Sonntage nach der Vesper beysammen waren, und ein jedes sich mit seines gleichen die Zeit vertrieb. Die Frauleins schickten sich nach dem Ausspruch der Gouvernante ganz unvergleichlich zu der siebzehnjahrigen Peninna, weil sie, wie sie meynte, mit ihr von einem Alter waren. Junker Ludwig lehrte Hannchen Klavier, und Demoiselle de Robignac fand es bedeutend, dass beyde in einem Jahr und an einem Tage geboren waren. Herr von Wilteck und mein Mann spielten Schach oder Piquet. Frau von Wilteck und ich strickten, und der Oberste, welcher uns und sich einige zwanzig Jahr junger dachte, als wir waren, gauckelte entweder um uns herum, oder lief in unser Haus, unsere jungsten Kinder auch herbey zu holen, und sie allerley unnutzes Zeug zu lehren; oder er spielte der Franzosinn allerhand lacherliche Streiche, die man kaum seinem Neffen wurde zu gute gehalten haben. Doch dieser war zu klug zu solchen Possen, und zu sehr von seiner Schulerinn eingenommen, als dass er fur etwas ausser ihr hatte Aufmerksamkeit haben sollen.
In der That war mir das Wohlgefallen, das er an Hannchen, und sie an ihm zu finden schien, auffallend, und ich konnte mich nicht enthalten, wenn sie so von Montag morgens bis Sonnabend abends immer etwas neues zu erzehlen wusste, was der Herr Fahndrich, so nannte man ihn in dem Wilteckischen Hause, ungeachtet er nur Fahnjunker war, am Sonntage gethan, gesagt oder gedacht hatte, sie anfangs ein wenig damit aufzuziehen, und ihr denn ernstlich uber ihr seltsames Betragen zuzureden. Dieses machte sie vielleicht zuruckhaltender aber schwerlich kluger, und ich hatte vielleicht besser gethan sie laut vom Junker Ludwig sprechen als heimlich an ihn denken zu lassen.
Ich dachte indessen ernstlich darauf, sie von dem Junglinge abzubringen, der ihr gefahrlich zu werden schien, und Hannchen hatte schon ein paar mal wegen Zahnschmerzen die sonntagliche Klavierstunde versaumen mussen, als zu meinem grossen Vergnugen ihr junger Lehrmeister von einem Onkel, den man den General nannte, und der also vermuthlich etwa Major seyn mochte, abgefordert wurden, um unter seinen Augen zum Dienste angefuhrt zu werden.
Sechzehntes Kapitel
Die Eitelkeit der alten Dame und ihrer schonen
Tochter bekommt Nahrung
Der Umgang mit dem vornehmen Hause reizte, wie ich voraus gesehen hatte, den Neid der Frauen unsers Stadtchens, und ich war schwach genug, mich daruber zu freuen, und vielleicht um des willen weniger darauf zu denken, wie ich Gesellschaften abbrechen wollte, die, wenn auch nicht unmittelbar uns, wie ich Verblendete glaubte, doch unserm Beutel nachtheilig waren.
Die Familie von Wilteck war zwar des Ersparnisses wegen an unserm Orte, aber das was bey ihnen Sparsamkeit war, hatte man bey uns Verschwendung nennen konnen. Ohne so thorigt zu seyn, mich mit Leuten messen zu wollen, die mir an Stand und Vermogen uberlegen seyn mochten, so merkte ich doch bald, Vermehrung unserer Ausgaben, und gewaltige Defekte in unserer Einnahme. Man musste doch etwas thun, um seinen vornehmen Bekannten keine Schande zu machen, und dies war nicht ohne Aufwand moglich. Auch konnten die Hande, welche die ganze Woche uber beschaftiget waren, Zubereitungen auf den Sonntag zu machen, weder nahen, spinnen, noch weben. Unsere Bleichen wurden daher ganz leer von feingesponnenen Garn, und die Stadterinnen kamen nicht mehr zur Frau Amtmannin von Hohenweiler, um bey ihr die schone haltbare Leinwand zu kaufen, die sie weben liess.
Hatte ich auf dieser Seite Schaden, so schien sich auf der andern ein kleiner Vortheil hervor zu thun, den wir in der Einsamkeit nicht hatten erwarten konnen. Die Familie von Wilteck hatte sich nicht so ganz von der Welt abgesondert, dass sie nicht zuweilen von ihren ehemaligen Freunden hatte besucht werden sollen. Zu dem sogenannten Obersten kamen oft Offiziers von dem in der Nahe liegenden Regimente, die aber alle welches wunderlich war sehr familiar mit ihm thaten, und ihn nie anders als Leutenant nennten; auch bekam der alte Herr von Wilteck zuweilen Zuspruch von Herrn Berg, dem ehemaligen Gerichtshalter seiner weiland an der Grenze gelegenen Guter, der oft seinen Sohn einen jungen Rechtsgelehrten mit sich brachte, dessen stilles gesetztes Wesen mir unendlich gefiel. Auf diese Art bekam ich und meine Kinder oft artige Leute zu sehen, und Peninna ward durch ihre Hilfe zeitig gewahr, dass die Sentenz, die ich ihr ehemals vorsagte: Kein armes Madchen sey schon, nicht durchaus richtig seyn konne.
Unter so vielen jungen Herren, die sie bey Wiltecks zu sehen bekam, war mancher, der ihr das Gegentheil von dem Machtspruch ihrer Mutter begreiflich zu machen suchte, und indessen die schwarzbraune Josephe sich fur den allgemein angebeteten Gegenstand hielt, und die fade Gabriele schrie, dass sie vor den Verfolgungen der Manner nicht zu bleiben wisse, sahen aller Augen auf meine Peninna, welche die Muhe, die man sich um sie gab, kaum bemerkte, und da, wo es ihrer Aufmerksamkeit nicht entgehen konnte, sich ihrer innern Wurde bewusst, mit holdem jungfraulichen Stolz zuruckzog.
Die Bewerbungen einiger jungen unbesonnenen Offiziers, wurden meiner Tochter nun eben nicht so gar viel Ehre gemacht haben, aber es gab unter ihren Anbetern einige, die es ernstlich meynten, die ihr Gluck machen konnten, und von welchen auch gewiss einer in ihrem freyen unbefangenen Herzen Platz gefunden haben wurde, wenn alles gegangen war wie es sollte.
Unter den Besuchen des Obersten, war ein Mann, aus dem ich immer nicht wusste was ich machen sollte, man nannte ihn Herr Wachtmeister, und gleichwohl bezeugten ihm alle die jungen Offiziers, und selbst der Oberste eine Achtung, die den Namen, den er fuhrte, weit ubertraf, und die er mit der Kaltblutigkeit erwiederte, mit welcher Hohere die Hoflichkeiten des Geringern annehmen; selbst die Frauleins, welche doch sonst alles, was unter ihrem Stande war, zu verachten pflegten, nahmen eine gefallige Miene gegen ihn an, und handelten weniger frey in seiner Gegenwart als sonst. Wenn ich nicht gewusst hatte, welchen Abscheu man in diesem Hause vor Missheurathen habe, oder wenn der Wachtmeister, der schon ein Mann bey Jahren war, mehr gefalliges in seinem Aeusserlichen gehabt hatte, so wurde ich zuweilen auf den Einfall gerathen seyn, Fraulein Josephe trachtete nach seiner Eroberung, aber ein solcher Gedanke war Lasterung gegen eine so adeliche Seele gewesen, auch richtete der Wachtmeister seine Augen nicht auf einen so erhabenen Gegenstand; unsere Peninna war es, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und nicht lange, so entdeckte er seine Absichten auf sie, ihrem Vater, auf eine so einnehmende Art, dass wir von ganzem Herzen ja gesagt haben wurden, wenn Peninna mit uns uberein gedacht, oder wenn sich nicht der Freyer mehr gemeldet hatten, die alle verdienten, in einige Ueberlegung genommen zu werden.
Um eben diese Zeit erhielt ich Peninnens wegen einen ahnlichen Antrag von dem jungen Rechtsgelehrten, welcher jetzt als Regierungsrath nach W... kam, und meiner Tochter mit seiner Hand ein Gluck anbot, welches nicht zu verachten war. Ein furchterlicher Nebenbuhler fur den ehrlichen Wachtmeister, denn Jugend, Schonheit, Stand, alles war auf der Seite des Regierungsraths, und vor allen Dingen der Wille von Peninnens Mutter, denn obgleich mein Mann das grossere Vermogen des Wachtmeisters anfuhrte, so wurde ich doch vielleicht in diesem Fall einmal mein Ansehen gezeigt, und mit Zuziehung der Hauptperson, meiner Tochter, die Anspruche des jungen Regierungsraths durchgesetzt haben, wenn sich nicht noch ein dritter gefunden hatte, der ohne so reich wie der Wachtmeister, ohne so schon wie der Regierungsrath zu seyn, meiner Tochter besser als alle die andern gefiel. Es war Herr Walter, der ehemalige Lehrer Junker Ludwigs, der mit Peninnen schon lange ein Verstandniss, das aus Blicken und gebrochenen Worten bestand, unterhalten zu haben schien, und sie jetzt, da er einen Ruf als Prediger in die Vaterstadt meines Mannes erhielt, plotzlich deutlicher erklarte so dass ich nun die Wahl unter dreyen wurdigen Mannern fur meine Peninna hatte. Welche Wonne, welcher Triumpf fur eine Mutter, die sich in der Schonheit ihrer Tochter von neuem aufleben sieht.
Siebzehntes Kapitel
Eine lange Bedenkzeit
Die Sache wurde mit Peninnen in Ueberlegung gezogen, und ich muss ihr nachsagen, dass sie sich fur ein so junges Madchen recht vernunftig dabey auffuhrte. So gewiss ich geglaubt hatte, dass ihre Wahl sogleich auf Herrn Walter fallen wurde, welches mir, da er dem ausserlichen Ansehen nach die schlechteste Parthie unter allen war, nicht ganz recht gewesen seyn wurde, so fand sichs doch, dass ich geirrt hatte. Das Madchen konnte zwar ihre Vorliebe fur den jungen Geistlichen nicht bergen, aber dieses machte sie nicht blind gegen die Vorzuge des andern, sie sprach von dem Regierungsrath und selbst von dem Wachtmeister mit einer Warme, dass ich oft zweifelhaft ward, welchen sie wahlen wurde, bis wir am Ende doch noch bey dem Ausspruch waren, den ich zum Eingang meines Vortrags an das Madchen gewahlt hatte: es sey schwer unter drey guten Dingen eine Wahl zu treffen, und man wisse nicht, wozu man sich entschliessen solle. Ich wurde es meiner Tochter sehr ubel ausgelegt haben, wenn sie das jungfrauliche Ceremoniel so schlecht verstanden hatte, nicht einmal um Bedenkzeit zu bitten, und ich versagte ihr dieselbe also gar nicht, da sie sie forderte, Besinne dich mein Kind, sagte ich, und melde mir in acht Tagen, wozu du dich entschlossen hast. Ich merkte, dass Peninna in diesen Tagen viel Conferenzen mit den Frauleins hielt, und wartete mit Verlangen auf den Sonntag Abend, welches der Termin war, den ich ihr angesetzt hatte. Wir hatten diesen Sonntag wie gewohnlich bey Wiltecks zugebracht, und es hatte sich sonderlich treffen mussen, dass meine Schwiegersohne in Hoffnung, alle zugegen waren. Peninna hatte sich zum Verwundern wohl in acht genommen, dass keiner von ihren Liebhabern sich eines Vorzugs ruhmen konnte; mit dem Wachtmeister hatte sie Schach gespielt, mit dem Regierungsrath hatte sie von der Hauptstadt, in welcher er leben sollte, und mit Herrn Walter von der Gastpredigt gesprochen, welche er in unserm Stadtchen gehalten hatte; ein Betragen, das mir ganz wohl gefiel, denn es war nicht nothig, dass jemand eher etwas von ihrer Entschliessung erfuhr, bis sie selbige ihrer Mutter entdeckt hatte; ich habe immer etwas auf die gehorigen Formlichkeiten gehalten. Aber als wir des Abends mit einander allein waren, und ich auf meine Frage die namliche unbestimmte Antwort erhielt, wie vor acht Tagen, da schuttelte ich den Kopf gewaltig, und konnte mich nicht enthalten mit einiger Strenge in das Madchen zu dringen. Indessen was kann das Bitten eines geliebten Kindes nicht von einer Mutter erlangen! Ich raumte Peninnen noch vierzehn Tage ein, sich zu bedenken, verbat mir aber in dieser Zeit allen Umgang mit den Frauleins, weil ich Ursach zu haben glaubte, in sie ein Misstrauen zu setzen; eine alternde Jungfer ist nie gut bey der Verheyrathung eines jungen Madchens um Rath zu fragen. Herr Sarnim der Wachtmeister, der Regierungsrath Berg, und der Prediger Walter fanden sich des andern Tages ein, die Entscheidung ihres Schicksals zu holen, aber sie mussten sich gefallen lassen, dem Eigensinn eines Madchens noch etwas nachzusehen, und sich ein paar Wochen langer zu gedulden.
Mein Verbot, die Frauleins in den wichtigen Ueberlegungstagen nicht zu sehen, musste bald gebrochen werden. Fraulein Gabriele ward, als sie ihre theure Ninon einige Tage nicht gesehen hatte, zum Tode krank, und liess instandig um einen Besuch bitten, und Peninna machte mir des Weinens und Flehens so viel, dass ich sie endlich entliess, doch mit der Bedingung, nichts von ihren Angelegenheiten mit ihren vornehmen Freundinnen zu sprechen; Peninna versicherte, dass Gabriele, wenn sie krank sey, von nichts zu reden wisse, als von ihrem Uebel, und so entkam sie der Nothwendigkeit, mir ein Versprechen zu thun, das sie nicht gehalten haben wurde.
Die Krankheit des gnadigen Frauleins dauerte lange, Peninna musste taglich bey ihr seyn, ich erfuhr, dass die drey Liebhaber auch ofters von der Gesellschaft waren, dass Gabrielens Vapeurs sie nicht hinderten, sich in ihrem artigen Negligee sehen zu lassen, und dass ihre Gesellschafterinn Peninna also taglich Gelegenheit hatte, durch Vergleichung und Abwagung der Verdienste ihrer Freyer ihre Wahl fest zu machen; ich war zu gewissenhaft, sie vor der Zeit zu fragen, und wartete den Tag mit Ruhe ab, der mir die gewunschte Aufklarung in der schweren Sache geben sollte, die mir so sehr am Herzen lag, aber ein Zufall riss mich fruher aus meinen Zweifeln, und liess mich die ganze Antwort ahnden, die ich zur bestimmten Zeit von Peninnen erhalten wurde.
Den Tag vor dem Ende der Bedenkzeit befand ich mich ganz allein in Peninnens Zimmer, sie war zu den Frauleins gerufen worden, und hatte in der Eil ihre Sachen in einer Unordnung zuruck gelassen, die ich nicht an ihr gewohnt, auch nicht zu dulden gesonnen war. Indem ich beschaftigt war, diesen Fehler zu verbessern, und schon tausend Kleinigkeiten, die die Madchens so gern um sich zu haben pflegen, Kastchen, Spiegel, Bander, Blumen, Bilder, Natherey und Bucher, auf die Seite geraumt hatte, sties ich auf einen Brief, in welchem ich Fraulein Gabrielens kritzelnde Hand erkannte, und welcher schon vor mehrern Tagen, gerade zu der Zeit geschrieben seyn musste, da mein Verbot an Peninnen, die Frauleins nicht zu besuchen, noch nicht hatte zuruckgenommen werden mussen. Ich sahe die Namen des Wachtmeisters und des Regierungsraths darinnen, und ich hatte kein Weib, ich hatte nicht Mutter seyn mussen, wenn ich ihn nicht erofnet und gelesen hatte. Was ich fand war folgendes:
"Beste Seele!
Deine harte Mutter verbietet dir also uns zu sehen? nicht genug, dass sie dich in Fesseln schmieden will, die unsere Freundschaft zeitig genug unterbrechen werden, sie will dich auch noch vorher fuhlen lassen, was fur ein Joch du bald tragen sollst? Doch du haltst den Ehestand fur kein Joch; du hast mir es noch gestern gestanden, dass du dich ganz gewiss fur einen von deinen dreyen vortreflichen Liebhabern entschliessen wirst. Verlangen soll michs nur, auf welchen deine Wahl fallen wird, ob auf den hasslichen alten Wachtmeister, auf den abgeschmackten Purschen den Berg, der nicht einmal weiss, wie er einer Dame mit Grace die Hand kussen soll, oder auf den pedantischen Walter. O wer sich weisen liesse! Glaube doch nur, Kind, dass ich diese Leute kenne. Selbst von dem besten, zu dem ich dir noch am besten rathen wurde, dem ehrwurdigen Herrn Walter, liess sich gar viel sagen; er war ehemals meines Bruders Hofmeister, ich hatte taglich Gelegenheit ihn zu sehen, und du kannst mir also ja wohl glauben. Pfui, Ninon, ein Madchen wie du, einen ehemaligen Hofmeister zu heyrathen! eine ehrwurdige Frau Pfarrerinn zu werden! ich hatte mir andere Hoffnungen von dir gemacht! Und nun vollends der alte Wachtmeister! Lass mich nichts von ihm sagen, er ist zu alt und zu hasslich, als dass du im Ernst an ihn denken solltest. So oft ich ihn ansehe, fallt mir der Blaubart aus den Feenmarchen ein. Es heisst, er wird seinen Abschied fordern, und sich hier in der Nahe ein Gut kaufen, denn Geld hat er genug. Da wird er dich einsperren, und dir keine von der Freuden gonnen, die du bisher genossen hast, keine von denen noch sussern die du noch nicht kennst, und die in der Welt auf dich warten. Von dem albernen Regierungsrathe will ich gar nichts erwehnen, etwas steiferes, gedrechseltes als sein Betragen lasst sich gar nicht denken, er kann dir nicht gefallen, man muss lachen wenn man ihn ansieht. Er denkt auch W... Nun nun, er mag nur an einen so grossen Ort kommen, da wird man schon sehen, was er fur eine Figur machen wird. Du armes Kird, du solltest mich dauren, wenn du von einem solchen Menschen in die grosse Welt eingefuhrt werden solltest. Noch einmal, glaube mir, dies sind keine Parthien fur dich, das muss ich wissen. Wenn ich auch den Jahren nach eben nicht mehr Erfahrung haben kann, als du, so habe ich doch die Welt gesehen, und dieses macht einen kluger als zehn Jahre Erfahrung. Tausend Dinge habe ich dir noch von oben genannten drey Herren zu sagen; du musst mich besuchen, oder ich will schon Mittel finden, dich zu mir zu bringen, ich bin ohne dem diesen Abend ganz krank. Gute Nacht Frau Wachtmeisterinn, oder horst du dich lieber Madam Walter nennen? Nun Kind ich habe dir meine Meynung gesagt, thue was du willst, ich muss mirs gefallen lassen, doch wisse, wahlst du den Regierungsrath, so ists mit unserer Freundschaft aus, ich konnte mit der Frau dieses Mannes keinen Umgang haben, und wenn Noch einmal, lebe wohl."
Dieser Brief war in einem so wenig uberredenden Tone geschrieben, dass ich ihn nicht fur gefahrlich gehalten haben wurde, wenn mir nicht Peninnens Schwachheit bekannt gewesen war; man durfte ihr nur etwas auf der lacherlichen Seite vorstellen, so hatte man gewonnen; es war oft gar nicht nothig eine Ursach anzugeben, warum man die Sache lacherlich fand, genug, man lachte daruber, suchte auch ihr Lachen zu erregen, und ihre gute Meynung dafur, war auf lange Zeit dahin. Peninna! Peninna! pflegte ich oft zu ihr zu sagen, ein wenig mehr Festigkeit in deinen Meynungen! Was du einmal aus Grunden fur gut erkannt hast, das bleibt ewig wahr und gut, und wenn es tausend andern abgeschmackt scheint! Nun sollte ich erfahren, was meine Ermahnungen gefruchtet hatten.
Peninna kam diesen Abend ausserordentlich aufgeraumt nach Hause. Ich war verdrusslich, und musste mit Muhe an mich halten, sie nicht uber das zu befragen, was ich auf dem Herzen hatte, aber die Bedenkzeit war des andern Tages gegen vier Uhr erst zu Ende, und meine Punktlichkeit erlaubte mir nicht, eher ein Gesprach anzufangen, welches einen Einfluss auf die so lang uberdachte Sache haben konnte. Ich fragte nur ganz kaltsinnig, wer bey Wiltecks gewesen sey. Die Antwort war, Herr Regierungsrath Berg, und Herr Walter, und der Herr Wachtmeister, und man sey ganz ausserordentlich lustig gewesen; und hier fiel sie mir um den Hals morgen sollte ich ihre Entschliessung erfahren, und gewiss, gewiss mit ihr zufrieden seyn. Es soll mir lieb seyn, sagte ich, wenn du vernunftig bist, und in der wichtigsten Angelegenheit deines Lebens auf niemand horst, als auf deine Mutter, welche es gut mit dir meynt.
Achtzehntes Kapitel
Folgen von der klugen Zucht der Matrone
Peninna, welche nicht so punktlich war als ich, konnte die Stunde nicht erwarten, in welcher sie mir ihre Erklarung geben sollte, und fieng schon an fruhem Morgen an, mir Anleitung zu allerley Fragen zu geben, welche von meiner Seite nicht erfolgten, daher sie endlich genothigt war, mir ungefragt alles zu entdecken, was sie auf dem Herzen hatte. Morgen, sagte sie, morgen beste Mutter, werden Sie ihre Peninna an der Hand des Mannes sehen, der ihrer wurdig ist; und der ist? fragte ich Seinen Namen, erwiederte sie, weiss ich noch zur Zeit selbst nicht, doch hoffe ich das Gluck wird mich nicht tauschen, sondern mir den zufuhren, der den Vorzug vor allen andern verdient. Traumst du? fragte ich. Nachdem du drey Wochen lang gewahlt hast, willst du es aufs Gluck ankommen lassen? wenn wir nicht in dem erleuchteten achtzehnten Jahrhunderte lebten, und wenn du nicht bisher immer in so erleuchteter Gesellschaft gewesen warest, so musste ich glauben, du wolltest den wahlen, den du etwa morgen zuerst erblicken wirst. Sie scherzen, liebe Mutter, sagte sie, Sie wissen, dass dergleichen Possen mir nicht in den Sinn kommen konnen, aber ich meyne ich will nur sagen wurden Sie mir es wohl verdenken, wenn ich die, die mich lieben, auf eine kleine Probe gestellt hatte? Auf eine Probe? rief ich, da hort man die Romanenstreiche, was gilts Fraulein Gabriele hat dir etwas aus ihren verwunschten franzosischen Buchern vorgeschwatzt, und Nein, liebe Mutter, sagte sie, das Fraulein hat weiter keinen, hat unmittelbar keinen Antheil an den Maasregeln, die ich genommen habe. Auch nicht durch diesen Brief? schrie ich in einem Ausbruch von Zorn, der bey mir etwas ungewohnliches war. Ich hatte bey diesen Worten Gabrielens Brief hervorgezogen; Peninna nahm ihn aus meiner Hand, errothete und schien ihn eine Zeitlang schweigend zu uberlesen. Es ist wahr, sagte sie nach einer Weile, Gabriele hat so unrecht nicht, der Wachtmeister ist fur mich zu alt und wunderlich, der Regierungsrath ist ein steifer Geck, den ich nicht ausstehen kann, aber der arme Herr Walter, was hat dieser gethan? ich wette, er wird der einige seyn, welcher meine Probe aushalt, und welchen mir also der Himmel zum Gatte bestimmt hat.
Ich dachte vor Unmuth zu sterben, und ich glaube, ich begegnete ihr wegen ihres albernen unverstandlichen Gewasches mit einer Strenge, die sie bey mir nicht vermuthet hatte. Sie warf sich mir um den Hals, sie suchte mich durch Bitten und Thranen zu besanftigen, und was ich endlich erfuhr, war folgendes.
Es war wirklich den Frauleins gelungen, dem Madchen einen Widerwillen gegen die beyden ersten von ihren Liebhabern beyzubringen, nur bey Herrn Walter hatten sie nicht so gutes Gluck gehabt, und sie wurde vielleicht sich fur ihn erklart haben, wenn sie es nicht fur unbillig gehalten hatte, die beyden andern ganz zu verwerfen, von denen sie wusste, dass der eine mir, und der andere ihrem Vater besonders lieb war; um also keinem einen Vorzug vor den anderen zu geben, hatte sie sich entschlossen, sie alle auf eine Probe zu stellen, von welcher es in die Augen fallend war, dass sie nicht Peninnen, sondern ihren beyden klugen und sinnreichen Freundinnen ihre Erfindung zu danken hatte. Peninna besass Witz, und ihre beyden Freundinnen Bosheit, zwey Dinge, deren Mischung wohl im Stande ist, den ernsthaftesten und gesetztesten Mann aus der Fassung zu bringen, und in Lagen zu versetzen, in welchen er andern und sich selbst lacherlich vorkommen muss. Schon alle diese Tage uber, da Peninna die Gesellschaft ihrer Freyer bey Wiltecks so fleissig genossen hatte, und ich sie in ernsthaften Ueberlegungen ihres Glucks begriffen geglaubt hatte, waren von ihr und jenen Narrinnen angewendet worden, dreyen wurdigen Mannern allerley kleine Streiche zu spielen, um ihre Geduld zu probiren, und es Peninnen anschaulich zu machen, welcher von allen das meiste von ihr vertragen konne, und sie also am meisten lieben musse; aber den letzten Abend war die Hauptprobe gewesen, wie sich meine einfaltige Tochter, die ich in diesem Augenblicke von ganzem Herzen verachtete, aus zudrucken beliebte. Man hatte allerley kleine Spiele gespielt, und Peninna hatte ihren Witz, und die Gewalt, die sie uber ihre Liebhaber zu haben glaubte, auf so mannichfache Art geubt, dass sie wenigstens darinnen recht hatte, wenn sie dieses seltsame Verfahren eine Hauptprobe nannte, denn ich zweifle, ob einer von den alten Rittern, den Mustern der Treue und Zartlichkeit die den Eigensinn ihrer Schonen zehn Jahre lang ohne Murren und ohne Hoffnung der Belohnung zu ertragen vermochten, nicht lieber den Kampf mit einigen Riesen und Zauberern unternommen, als es geduldet hatte, einen Abend lang dem Witz eines muthwilligen Madchens und der Bosheit zwoer unvernunftigen Dirnen zuni Ziele zu dienen.
Mein Zorn uber die Erzahlerinn war ohne Granzen. Und nach allen diesen Dingen, fragte ich sie, so fein und witzig sie dir zu seyn dunken, bildest du dir ein, dass einer von diesen Mannern, die dich hoch genug schatzten dich zur Gefarthinn ihres ganzen Lebens zu wahlen, noch einen Gedanken auf dich haben wird? Dass du sie verachten musstest, war in die Augen fallend, sonst wurdest du ihnen nicht wie Knaben begegnet haben, und glaubst du wohl, dass man sich gern mit einer Person verbindet, die nichts als Geringschatzung fur uns zu fuhlen scheint. Ein Mann musste selbst die schlechteste Meynung von sich haben, wenn er die zur Gattinn wahlte, welche seine redliche Liebe zum Spielwerk ihres elenden Witzes macht, mit der Gewalt, die sie uber ihn zu haben glaubt, auf eine lacherliche Art prahlet, und ihn fur einen Sklaven halt, den sie offentlich an Ketten fuhren kann.
Peninna unterbrach mich, und versicherte heilig, dass sie keine Verachtung gegen diese Herren fuhle, dass alles ja nur Scherz gewesen sey, und wenigstens fiel ich ihr in die Rede, hatten sie deine Verachtung mit nichts verdient, als dadurch, dass sie ihre Augen auf dich warfen; ein Einfall, der doch selbst in deinen Augen sie herabgesetzt haben muss, weil du es wagtest unter dem Charakter deiner Liebhaber ihrer zu spotten, eine Kuhnheit, die du wohl gegen keinen andern, als gegen den wurdest gebraucht haben, der einfaltig genug war, dich fur schon und gut zu halten.
Peninna brach in Thranen aus, sie schien einzusehen, dass sie gefehlet habe, sie fieng an zu glauben, dass ihr Betragen den Wachtmeister und den Regierungsrath vielleicht von der weitern Bewerbung um sie abschrecken werde, aber dies war ja eben die Probe; der geliebte Herr Walter, mit welchem sie uberhaupt ein wenig sauberlicher umgegangen zu seyn schien, wurde sie gewiss aushalten, wie sie dachte, und ihr dadurch den besten Beweis von seiner unerschutterlichen Liebe geben, ohne welche, wie Fraulein Gabriele und ihre Romane sagten, kein Gluck in der Ehe moglich war.
Unbesonnenes, unvernunftiges Geschopf! rief ich, gehe mir aus den Augen, und fange heute an Thranen zu vergiessen, die vielleicht in Jahren nicht vertrocknen werden. Sie wollte noch etwas sagen, aber ich wurdigte sie keiner Antwort, sondern gab ihr einen Wink sich zu entfernen.
Neunzehntes Kapitel
Die stolze Peninna wird gedemuthiget
Dass ich die Hoffnung verloren hatte, eine Tochter, die ich liebte, glucklich verheyrathet zu sehen, war bey weitem nicht das was mich am empfindlichsten krankte, die Vorstellung, dass diesen Mannern, welche ich alle dreye hochschatzen musste, unwurdig begegnet worden sey, erfullte mich mit Beschamung, und der Gedanke in Peninnens Herzen einen abscheulichen Winkel gefunden zu haben, in welchem hamische Bosheit lauschte, war mir ein Dolch im Busen, Gott in diesem Herzen, das ich fur so unschuldig, so gut und truglos hielt! so eine gute Meynung ich auch immer von ihrem Verstande gehegt hatte, so hatte ich doch dem danken wollen, welcher mich hatte uberreden konnen, sie habe aus herzlicher Einfalt, aus wahrem kindischen Unverstande gefehlt, aber Himmel, ein siebzehnjahriges Madchen, ein Madchen wie Peninna!
Mademoisell Ninon stand sehr fruhe auf, vermuthlich weil sie wenig hatte schlafen konnen. Ihre Geschaftigkeit ihren liebsten Putz anzulegen, und sich ganz auf die Art zu kleiden wie sie wusste, dass es ihr am vortheilhaftesten war, zeigte, was sie fur Erwartungen von diesem Tage hegte. Die rothgeweinten Augen machten einen seltsamen Contrast mit der frohlichen Tracht, die sie gewahlt hatte, und mit der heitern Miene, die sie zu erkunsteln suchte. Fast schien es, als wenn ich einiges Mitleiden mit der armen Betrogenen fuhlen wollte, aber mein Unwille behielt die Oberhand, und ich konnte mich nicht uberwinden, ihr ein freundliches Wort zuzusprechen.
Ich kleidete mich wie gewohnlich, und zeigte dadurch, dass ich einige hausliche Arbeiten vornahm, welche an keinem festlichen Tage statt zu haben pflegen, dass ich es voraussahe, Peninna wurde sich umsonst geschmuckt haben. Wie ich gedacht hatte so geschah es, wir blieben allein, nicht einer von den erwarteten Freyern erschien, ungeachtet sie wussten, dass dieser Tag ihr Gluck entscheiden sollte, sogar von den Frauleins erfolgte keine Botschaft, und diese hatten doch bisher keinen Tag ohne ihre Ninon leben konnen. Peninna legte traurig ihre hauslichen Kleider wieder an, und das einige was sich an dem ganzen Tage zutrug, das einige Beziehung auf unsere Angelegenheiten hatte, war, dass ich gegen Abend einen Brief erhielt, von welchem ich nicht weiss, ob ich ihn mit Verdruss oder mit Schadenfreude las. Ich war noch zu erzurnt auf die Verbrecherinn als dass ich hatte Mitleiden mit ihr haben sollen. Lies ihn, sagte ich zu ihr, indem ich ihr den Brief hinreichte, er ist von einer Person, deren Besuch du heute erwartet hast. Sie las folgendes:
"Verehrungswurdige Frau!
Unumganglich nothige Geschafte zwingen mich zu meiner Gemeinde zuruckzukehren, die ich schon gar zu lange verlassen hatte. Wahrscheinlich werde ich diese Gegend, wo eine Person wohnt, die ich schatze und verehre, und die ich vor nicht gar langer Zeit, ach wie gern, Mutter genennet hatte, so bald nicht wieder sehen. Sollte Ihnen in meinem schnellen Abschied etwas seltsam und unerwartet vorkommen, so bitte ich, versparen Sie ihr Urtheil uber mich, bis ich mich entschuldigen kann; vielleicht dass ich Ihnen alsdann in meiner Gattin eine Person vorstelle, die meinem Betragen die beste Entschuldigung seyn wird, und die mich vielleicht wieder mit der Welt aussohnt, in welcher ich jetzt nur ein gutes Frauenzimmer, die ehrwurdige Madam Haller kenne. O vortrefliche, edle Frau, mochten Sie doch glucklicher seyn, als Sie aller Wahrscheinlichkeit nach seyn konnen! Ich empfehle mich Ihrem werthen Hause, und bin Ihr wahrer Freund und Verehrer
Karl Walter."
Und meiner mit keinem Worte gedacht? rief Peninna mit einem Blicke, der sich nicht beschreiben lasst. Vermuthlich, erwiederte ich, gehorst du auch mit zu dem werthen Hause, dem er sich empfehlen lasst. Und seine Gattin? fragte sie weiter, was mag er wohl damit meynen. Ich weiss gewiss, er scherzt nur, er liebte mich ja so sehr! Ich schwieg. Peninna setzte sich mir gegenuber, um den Brief noch einmal zu lesen. Ich sah verstohlen uber meine Natherey hinweg um sie zu beobachten. Ihre Augen trubten sich beym Lesen, Thranen schienen aus denselben stromen zu wollen, aber plotzlich ward sie bleich, ihre Hand mit dem Briefe sank herab, und ich hatte noch eben Zeit aufzuspringen, sie in meine Arme zu fassen, und vor dem Umsinken zu huten. Die mutterliche Liebe kehrte in mein Herz zuruck, ich suchte die Arme mit tausend liebkosenden Namen zu erwecken, ich legte meine Wangen an die ihrigen und benetzte sie mit meinen Thranen; umsonst, ich musste sie zu Bette bringen lassen, wo sie erst nach einigen Stunden zu sich kam.
Dass Peninna nur darum zu sich selbst kam, um in Phantasien zu fallen, die mir noch schrecklicher waren als ihre Ohnmacht, dass sie ein hitziges Fieber dem Tode nahe brachte, und dass sie sich nach uberstandener Gefahr sehr langsam erholte, will ich hier nur kurzlich erwehnen, der Gegenstand ist zu traurig fur mich, um mich lange dabey aufhalten zu konnen, und ich, die geneigt war mir uber alles Vorwurfe zu machen, ermangelte auch hier nicht mich mit Vorstellungen zu qualen, die mir noch zu schrecklich sind, um sie lebhaft in mir werden zu lassen. War Peninna damals gestorben, ich hatte mich, weil ich ihr ihre Vergehungen mit einiger Strenge verwiesen, und ihr Walters Brief so unvorsichtig in die Hande gegeben hatte, gewiss fur ihre Morderinn gehalten; aber verdiente ihre Auffuhrung wohl mutterliche Schonung? und konnte ich wissen, dass Walter, er, den sie auf eine so unwurdige Art begegnet hatte, ihrem Herzen in Geheim so theuer war?
Es war die ganze Zeit uber, da Peninna zwischen Tod und Leben schwebte, wenig Nachfrage nach ihr aus dem Wilteckischen Hause gethan worden, die Frauleins hatten sie nicht ein einiges mal besucht, und ihre Mutter, welche die ganze Zeit uber, auch an dem Tage, da Peninna ihre Liebhaber auf die schone Probe stellte, abwesend gewesen war, kam erst zuruck, da die Kranke schon fast wieder hergestellt war. Ihr erster Gang war zu uns, und sie erkundigte sich so liebreich, so angelegentlich nach allem was uns angieng, dass ich, die ohnedem fur Verlangen brannte, meinen Unwillen uber ihre Tochter, die Verfuhrerinnen der meinigen auszuschutten, ihr alles entdeckt haben wurde, wenn mich nicht ein bittender Blick von Peninnen zuruckgehalten hatte; ich sagte ihr also nur so viel, als ich ihr nicht verschweigen konnte, es fehlte mir ja ohnedem an Beweisen wider ihre Tochter; Gabrielens schonen Brief hatte Peninna einsmals zerrissen, um wie sie sagte, sich die Moglichkeit zu benehmen, Rache an dieser Boshaften auszuuben; eine Grossmuth, welche viel von der Fieberhitze, in welcher Peninna damals lag, an sich hatte.
Da ich ihr so wenig von dem entdecken konnte was uns angieng, so kamen wir bald auf ihre Angelegenheiten zu reden. Ich kam, sagte sie, heute nicht sowohl einen Krankenbesuch abzulegen, denn man hat mir nichts von der Krankheit der Mamsell Haller gesagt, sondern mir ihrer aller Gegenwart bey einem festlichen Tage auszubitten, der mir in meinem Hause bevorsteht. Es sind sonderbare Dinge in meiner Abwesenheit vorgegangen. Mein Gemahl hat meine beyden Tochter versprochen, ohne mich um Rath zu fragen, ohne dass ich einmal gewusst habe, dass man sich um sie bewirbt. Ich muss gestehen, ich habe andere Gedanken gehabt, Gedanken, welche auch vielleicht schicklicher gewesen waren. Sie sagte dieses mit einem bedeutenden Blick auf Peninnen, den ich nicht verstand. Ich bat um Erklarung.
In der That, fuhr sie fort, ich scheue mich fast ihnen zu gestehen, dass meine Gabriele auf dem Punkte steht eine Missheyrath zu thun; sie kennen meine Gesinnungen in diesem Stuck, indessen mein Mann denkt hierinnen anders, der standesmassigen Partien sind jetziger Zeit so wenig, und der Regierungsrath Berg ist doch ubrigens ein ganz artiger Mann, ein Mann, welcher noch sein Gluck machen kann.
Der Regierungsrath Berg? wiederholte ich und meine Tochter in einem Athem. Ich sah Peninnen an und glaubte sie blass werden zu sehen, ich furchtete einen solchen Auftritt wie ehemals bey Walters Briefe, und trug ihr, um sie zu entfernen, ein Geschafte ausser dem Zimmer auf, aber sie verrichtete es so eilig, dass ich merkte, die Nachricht von Bergs Heyrath und Gabrielens Falschheit gieng ihr nicht so zu Herzen, wie die fehlgeschlagene Hoffnung auf Waltern, und sie sey eben so begierig als ich, auch den zweyten Schwiegersohn der gnadigen Frau nennen zu horen.
Sie kam eben zuruck, da die Frau von Wilteck mit ihrer Deklamation wider Gabrielens Missheyrath zu Ende war. Josephe, sagte sie, hat sich dem Stande nach etwas besser bedacht als ihre Schwester, aber mein Gott, neuer Adel, oder gar keiner, ist in meinen Augen auch ziemlich dasselbe. Der alte Herr von Sarnim Sarnim? von Sarnim? wiederholte ich. Ja doch, sagte sie, der alte Herr, den sie unter dem Namen des Wachtmeisters bey uns gesehen haben; er ist eigentlich Obristlieutenant, aber er hort sich gern noch Wachtmeister nennen, weil er als Wachtmeister sich seinen Adel erwarb, er rettete dem Konig das Leben, und Mein Gott, rief ich, der Wachtmeister Sarnim, und der Obristlieutenant von Sarnim, von welchen wir so viel in den Zeitungen gelesen haben, sind eine Person. Ich musste mich uber Peninnens Fassung wundern, sie that noch einige gleichgultige Fragen an die gnadige Frau, und diese entfernte sich endlich, nachdem sie ihre Bitte wiederholt hatte, wir mochten ja alle bey ihrem Feste erscheinen, besonders Peninna. Ihre Tochter hatten versichert, ohne ihre geliebte Ninon wurden sie an ihrem Ehrentage keine Freude kennen.
Zwanzigstes Kapitel
Der Hausvater darf doch endlich auch einmal sein
Ansehen zeigen
Ich war froh, dass die Frau von Wilteck uns verliess. Ich besorgte die Anstrengung, mit welcher Peninna ihre Kaltblutigkeit behauptet hatte, konne uble Folgen fur ihre durch die Krankheit geschwachte Nerven haben, und erstaunte, als sie auch, da wir allein waren, ihre Fassung beybehielt, und ausser einigen Ausrufungen uber Gabrielens Falschheit, die ganze Sache behandelte, als ob sie keine Beziehung auf sie habe. Ich sahe wohl ein, dass nur bey Walters Anwerbung ihr Herz mit im Spiel gewesen war, und dass an den beyden andern hochstens nur ihre Eitelkeit einen kleinen Antheil genommen hatte. Aber, gute Peninna, war es denn so ein Kleines Frau Regierungsrathinn oder Frau Obristlieutenantinn mit einem ansehnlichen Vermogen zu seyn? war es ein Kleines fur ein armes Madchen ein so glanzendes Gluck verscherzt zu haben, es verscherzt zu haben ohne dass man es noch einmal in seinem ganzen Umfang kannte? Krankte es dich nicht, dass du nun uberzeugt seyn musstest, diejenigen, die du verschmahtest, waren gar nicht die verachtlichen Manner, wie deine falschen Freundinnen dich zu bereden suchten, und nichts als Neid und Verlangen, sich in die Trummern deines Glucks zu theilen, habe sie bewogen, dich zu der Rolle zu bereden, die du unter ihrer Anfuhrung spielen musstest, und die dir so theuer zu stehen kam?
Mir giengen diese Dinge gewaltig im Kopfe herum, aber ich hutete mich wohl, meiner betrogenen Tochter meine Gedanken zu entdecken. Die Arme hatte bereits zu viel gelitten, ich fuhlte, dass ich sie schonen musste. Ich sprach von der ganzen Sache wenig und mit der aussersten Behutsamkeit gegen sie. Ich hatte es noch nicht einmal gewagt, sie zu fragen, ob sie gesonnen sey, die Einladung zur Hochzeit anzunehmen, und mit was fur einer Miene sie gedachte, vor ihren abtrunnigen Liebhabern, und ihren falschen Freundinnen zu erscheinen. Wir bemuhten uns beyderseits, uns in eine Art von Schlummer und Fuhllosigkeit zu wiegen, als auf einmal eine Person erschien, deren Ankunft ich schon lange mit geheimer Angst entgegen gesehen hatte, und die uns ziemlich ungestum aus unserer erkunstelten Ruhe weckte.
Mein Mann hatte eine Reise nach Berlin zu thun gehabt, er war die ganze Zeit uber, da diese sonderbaren Dinge in unserm Hause vorgiengen, abwesend gewesen. Zu der Zeit, als er Hohenweiler verliess, hatten Peninnens Liebhaber nur noch die ersten Schritte zu ihrer Bewerbung um sie gethan. Herr Haller hatte nie viel auf seine Tochter Peninna gehalten. Seine Freude und seine Verwunderung schienen gleich gross zu seyn, dass das Madchen von andern mit gunstigern Augen betrachtet wurde, und dass sich auf einmal drey gleich wurdige Manner fanden, die bereit waren, ihn von einer Person zu befreyen, die in seinen Augen nichts als eine unnutze Last seines Hauses war.
Seine Wahl fiel, wie ich schon erwehnt habe, auf den Wachtmeister, und der Erfolg wiess, wie wohl er gewahlt hatte. Himmel! die Mutter eines so wurdigen Mannes wie der Obristleutenant von Sarnim zu werden, eines Mannes der dem Konige das Leben gerettet, der seinen Adel nicht geerbt, der ihn durch eine edle That erworben hatte, eines Mannes, von dem soviel in den Zeitungen gestanden hatte, den jedermann kannte und ehrte, der so reich war, der o ich hatte vergehen mogen, dass mich Peninnens Thorheit um so ein Gluck gebracht hatte. Es ist wahr, ich war mehr auf der Seite des Regierungsraths gewesen, denn dieser hatte sich zuerst an mich gewendet; ich hatte mich der Wahl meines Mannes mit mehrerm Ernst als sonst entgegen gesetzt, aber wer hatte auch das denken sollen!
Mein Mann hatte es sich bey seiner Abreise endlich gefallen lassen, dass man die Entscheidung auf Peninnen ankommen liess, aber dieses hatte er mir ernstlich eingebunden, dass die Sache bey seiner Ruckkunft beendigt seyn musse. Nun war sie geendigt, aber wie? Es hatte sich wohl der Muhe verlohnt, mit meiner Peninne zu Rathe zu gehen, wie man ihm diese verdrusslichen Dinge vorbringen, was man ihm davon sagen und was verschweigen wollte, aber zu dem, dass es eine bedenkliche Sache fur eine so rechtliche Frau wie ich war, mit der Tochter zu rathschlagen, wie man den Vater hintergehen wollte, so graute mir auch allemal diesen Punkt zu beruhren, und wie es immer bey verdrusslichen Dingen zu gehen pflegt, man schob die Sache so lange auf, bis es endlich zu spat war. Eben so gut, dachte ich, als ich meinen Mann aussteigen sah, und ihm entgegen gieng, so geht alles seinen Gang; wir leiden fur das, worinnen wir gefehlt haben, und damit ists aus. Wir durfen nicht besorgen, dass Dinge, die wir jetzt verschweigen und bemanteln, hintennach erst entdeckt werden, und dass wir vielleicht erst in Jahren den Sturm vollends ausstehen mussen, den wir jetzt von uns abzuwenden suchen.
Ich war auf diese Art in einer ganz guten Fassung, aber leider war sie noch lange nicht fest genug, um mich alle die Auftritte, die uns bevorstanden mit der Wurde, die ich immer zu behaupten suchte, ertragen zu lassen. Als Herr Haller sich tief vor der zitternden Peninna beugte, sich auf seinen Stock stutzte und sie mit einem tiefen Blick in ihre niedergeschlagenen Augen fragte, wie er sie nennen sollte; als er sich darauf gegen mich zuruck wandte, und mit einem Tone sagte, der sich nicht beschreiben lasst: Zwar, Mamsell Haller ist sie wohl noch; ich wurde es sehr ubel nehmen, wenn man die Ankunft des Vaters nicht abgewartet, und ihn um die Hochzeitfreude gebracht hatte. Als er darauf uns mit einem hohnischen Tone um unser Stillschweigen zur Rede setzte, und in uns drang, ihm den Namen seines Schwiegersohns zu nennen. O Himmel, lasst mich aufhoren. Es war offenbar, man hatte ihm bereits alles dienstfertig hinterbracht; er war zuerst beym Pfarrer eingesprochen, bey welchem er einige Geschafte hatte, die Frau Pfarrerinn hatte nicht ermangelt, ihm in Abwesenheit ihres Mannes einige boshafte Winke zu geben, und mit voller Wuth im Herzen erschien er also bey uns, um uns auf die Art zu bewillkommen, von welcher ich hier einige Zuge gegeben habe.
Alles, auch die kleinsten Umstande der argerlichen Geschichte waren ihm bekannt, weiss der Himmel woher die Pfarrerinn so gut unterrichtet seyn mochte! aus meinem Hause war nichts ausgeplaudert worden, das Geheimniss war blos unter mir und Peninnen geblieben, und es war keine andere Moglichkeit, es musste durch die Frauleins ausgekommen seyn, welche weit entfernt sich uber den Antheil, den sie an der Sache hatten, zu schamen, es lieber gesehen hatten, alle Welt zu Zeugen ihrer hamischen Bosheit nehmen zu konnen. Ohne Zweifel wurde dieses das Mittel gewesen seyn, die Unschuld meiner Tochter in einiges Licht zu setzen, und es in die Augen fallend zu machen, dass sie nur die Verfuhrte gewesen war, wenn die gnadigen Damen nicht den Fehler, den sie durch die offenherzige Erzahlung des ganzen Vorgangs begangen, eingesehen, ihre erste Aussage zuruck genommen, und die Sache nachher auf so verschiedene Art bemantelt und vorgetragen hatten, dass im ganzen Stadtchen die Geschichte wohl auf zwanzigerley Art erzahlt wurde. Die Pfarrerinn war im Besitz der schlimmsten Gattung von diesen Varianten, sie war von der Gewissheit ihrer Nachricht so uberzeugt, dass sie im Stande gewesen war sie zu beschworen, und sie hatte dieselbe meinem Mann so umstandlich, so zuversichtlich uberliefert, dass wir Muhe hatten, sie an den Stellen, wo uns offenbares Unrecht geschahe, zu berichtigen, und unserm Richter eine bessere Meynung von uns einzuflossen.
Viele Tage giengen uber Bemuhungen von dieser Art hin. Herr Haller blieb, wir mochten die Sache aufs beste kehren und wenden, wider uns eingenommen, und er schien so froh zu seyn, sich einmal ein richterliches Ansehen wider mich geben zu konnen, die ich so oft uber ihn zu urtheilen befugt gewesen war, dass ich hier eine Mitschuldige seyn musste, ob ich gleich hochstens nur durch Nachsicht gefehlt hatte. Hatte es doch seyn mogen! ich war eher im Stande seinen Zorn zu ertragen als die arme Peninna, welche unter dem Spott und der Grausamkeit, mit welcher er ihr begegnete, zu erliegen gedachte.
Ein und zwanzigstes Kapitel
Eine Hochzeit, bey welcher die Matrone ihr
gesunkenes Haupt wieder ein wenig zu erheben
anfangt
Der Hochzeittag der tugendbelobten Frauleins nahte heran. Es kam mir nicht in den Sinn dabey zu erscheinen, und Peninna? da war vollends gar nicht daran zu denken. So gefasst sie vielleicht vor Ankunft ihres Vaters gewesen war, ihre falschen Freundinnen zum Altare zu begleiten, so hatte sie doch durch seine bisherige harte Begegnung so viel gelitten, dass sie mehrere Tage bettlagrig seyn musste, und eher einem Gespenst als einem siebzehnjahrigen Madchen ahnlich sah; was fur eine Figur wurde sie bey dem Feste gemacht haben!
Meinen Gedanken nach, sollte auf die wiederholte Einladung vom Wilteckischen Hause, mein Mann nebst meinen drey altsten Kindern ausser Peninnen bey der hohen Vermahlungsfeyer erscheinen. Ich und die arme Leidende wollten mit den beyden jungsten zu Hause bleiben, und zusehen, ob wir an diesem merkwurdigen Tage wenigstens einige Ruhe geniessen konnten, da niemand um uns seyn wurde, der durch Vorwurfe unsern Verdruss erschwerte.
Ich hatte meine Einrichtung vergeblich gemacht. Mein Mann bestand darauf, Peninna sollte zur Strafe ihrer Unbesonnenheit bey der Trauung ihrer Freundinnen und ihrer Liebhaber gegenwartig seyn; mir ahnlichen Zwang anzulegen, unternahm er zwar nicht, aber es verstand sich von selbst, dass ich meine Tochter nicht ohne Trost und Beystand ihrem Schicksal, vielleicht dem Hohngelachter der beyden ubermuthigen Braute uberlassen konnte.
Ich hatte nicht geglaubt, dass Peninna genug Starke des Geistes besitzen wurde, die harte Rolle, die ihr ihr Vater auflegte, mit Anstand zu spielen, und ich verwunderte mich, sie an dem Morgen des grossen Tages gefasster erscheinen zu sehen, als sie seit ihres Vaters Ankunft gewesen war. Wir rusteten uns zu unserm schweren Gange, und ich muss gestehen, dass meine Tochter, ungeachtet ihrer Leichengestalt, und des ohne alle Kunst und Sorgfalt gewahlten Putzes, reizend aussah. Wir wurden zur Trauung geholt; die dicke Gabriele, mit hochrothgefarbten Wangen, und einer Frisur von drey Etagen, flog uns in einem weiten silberstossenen Gewand entgegen, und druckte ihre geliebte Ninon mit solcher Inbrunst an sich, als ob nie etwas unter ihnen vorgegangen war, das Verweise verdiente; sie nahm das bleiche Madchen, und stellte sie mit triumphirender Miene ihrem Brautigam vor, welcher Peninnens kaum horbaren Gluckwunsch mit einer stillschweigenden Verbeugung und einem zur Erde gewandten Blick aufnahm. Ich weiss nicht was es war, das ich in seinem Betragen zu lesen glaubte; war es noch Unwillen uber Peninnens ehemalige Beleidigung, oder war es Reue, dass er ihre Stelle nicht besser als mit einer Gabriele besetzt hatte. Fraulein Josephe, welche allemal mehr Stolz gegen Peninnen geaussert hatte als ihre Schwester, hielt sich auch jetzt zu vornehm, ihr entgegen zu kommen. Sie stand mit einem verachtlich auf sie herabgesenkten Blick an ein Fester gelehnt da, und schien sich mit ihrem Brautigam von gleichgultigen Dingen zu unterhalten.
Peninna war in Verlegenheit, ob sie sich ihr nahern sollte, und Josephe vermehrte ihre Besturzung durch die unglaubliche Unverschamtheit, mit wrlcher sie kein Auge von ihr verwandte und ihre ganze Person zu mustern schien. Eben wollte ich mich ins Mittel schlagen, aber der edle Herr von Sarnim kam mir zuvor. Er gieng mit seiner gewohnlichen Treuherzigkeit auf Peninnen zu; nahm sie bey der Hand und fuhrte sie seiner Braut, die sich jetzt einige Schritte vorwarts bewegte, entgegen.
Warum so still und niedergeschlagen? fragte er meine Tochter, die sich vergebens bemuhte einige Gluckwunschungsworte zu stammeln. Vermuthlich Verlegenheit! sagte Josephe, die ihren Kopf auf eine ubermuthige Art zuruck warf, sie wird nicht wissen, wo sie Worte hernehmen soll, mir ihre Freude zu bezeugen, dass sie mich als die Braut des Herrn von Sarnim sieht. Mamsell Haller, erwiederte der Obristlieutenant, weiss wohl, dass es nur an ihr lag die Stelle einzunehmen, die, mit der sie mich beehren? rief Josephe, sehr artig! in der That! ich habe also die Ehre, den Namen zu fuhren, den Ninnchen Haller verschmahte. Josephe drehte sich mit diesen Worten verachtlich auf die andere Seite, und der Obristlieutenant klopfte vertraulich mit seiner Linken auf Peninnens rechte Hand, die er noch in der seinigen hielt. Seyn sie aufgeraumt, liebes Madchen, sagte er, ich denke keinen Augenblick mehr an das Vergangene, will gewiss ihr Freund seyn, ob sie gleich den alten Wachtmeister nicht zum Manne haben wollten.
Peninna hatte, wie sie mir sagte, alle ihre Fassung nothig, um die gutgemeinte Rede des freundlichen Alten so zu beantworten, wie sie es verdiente. Die kindische misslungene Probe, welche sie gewagt hatte, auch diesem edeln Manne aufzulegen, kam ihr wieder in den Sinn, und die Beschamung farbte ihre bleiche Wangen mit so gluhender Rothe, als Gabriele mit ihrer Schminke auf den ihrigen nicht hatte erkunsteln konnen.
Es war unmoglich, dass Empfindungen von dieser Art sich nicht in einigen Worten aussern sollten, und diese mochten wohl so ausdrucksvoll, so ganz aus dem Herzen gesprochen seyn, dass sie ihre Wurkung nicht verfehlen konnten. Sie sind verfuhrt worden, sagte der Obristlieutenant, indem er ihre Hand freundlich druckte, und ich habe mich vielleicht ubereilt, wir mussen beyde drauf sinnen, unsere Fehler zu verbessern.
Josephe konnte es nicht ausstehen, ihren Brautigam so lange mit ihrer Nebenbuhlerinn sprechen zu sehen; sie liess ihn abrufen, konnte aber dennoch nicht verhindern, dass Peninna bey der Tafel, auf des Herrn von Sarnim Begehren, an seiner linken Seite sitzen musste, und dass er sich mehr mit ihr unterhielt, als mit derjenigen, die ihm das Schicksal zur Gattinn gegeben hatte, und die es fur nicht zu fruh hielt, ihn am Tage ihrer Verbindung, schon die Erstlinge ihrer Eifersucht und murrischen Laune schmecken zu lassen. Die Ehre an der Seite des edeln Obristlieutenants zu sitzen, und die Gelegenheit, die sie gehabt hatte, einen Theil seiner ehemaligen guten Meynung wieder herzustellen, machte Peninnen so froh, dass sie ganz wieder sie selbst war; aufgeraumt, ungezwungen, unterhaltend, die Seele des Gesprachs, das in der Gegend, wo sie sass, gehalten wurde.
Der Herr Regierungsrath Berg richtete unterschiedlichemal seine Augen mit einem tiefen Seufzer auf sie, und Gabriele fand, dass einer von den silbernen Armleuchtern auf der Tafel sie blendete und ruckte ihn so, dass ihr Brautigam nichts mehr von Peninnen sehen konnte als hochstens die weisse Feder auf ihrem Hute.
Mir entgieng nicht das geringste von allen diesen Dingen, ich fand eine Art von Beruhigung oder Genugthuung darinnen, und dieser so sehr gefurchtete Abend vergieng besser als ich gedacht hatte. Wir kehrten ziemlich froh nach Hause, und selbst mein Mann gab Peninnen diesen Abend wieder einige freundliche Blicke. Die Lobspruche, die ihre Gestalt und ihr Betragen bey einigen Anwesenden gefunden hatte, sohnten ihn ein wenig mit ihr aus, und er fieng an zu hoffen, dass sie doch vielleicht noch nicht ihr ganzes Gluck verscherzt haben mochte, dass es doch noch vielleicht eine Moglichkeit sey, ihrer auf eine ehrenvolle Art los zu werden.
Zwey und zwanzigstes Kapitel
Einige Predigten der Matrone
Peninna war mir durch die Begebenheiten des gestrigen Abends, durch den Beyfall, den sie in aller Augen gelesen hatte und durch die sichtbare Demuthigung ihrer verratherischen Freundinnen, fast zu kuhn geworden. Ich sah es nicht gern, dass sie sich sobald uber ihre Vergehungen durch einen gefalligen Blick von denen, die sie beleidigt hatte, trosten liess. Meinem Urtheil nach, mussen wir nie so bereitwillig seyn, uns unsere Fehltritte zu verzeihen, als unsere Freunde. Wenn ihre Vergebung sogleich alles bittere Gefuhl der Reue austilgt, so sind wir gewiss auf gutem Wege, nachstens wieder zu fehlen, oder wir fallen endlich gar in die unedle abscheuliche Gewohnheit, den guten Seelen, von denen wir wissen, dass ein Blick, eine Thrane ihren Zorn entwaffnen kann, taglich neue Gelegenheiten zu Geduld und Nachsicht zu geben, und nur mit denen behutsam und schonend zu verfahren, die weniger edel denken, und also auch schwerer zu besanftigen sind.
Schon bereitete ich meiner Peninna eine Vorhaltung uber diesen Punkt zu, als sich noch eine Gelegenheit zeigte, sie zurecht zu weisen. Kaum hatten wir aus dem Wilteckischen Hause Nachricht erhalten, dass die jungen Ehepaare sichtbar, und wie es nun so die Gewohnheit bey uns mit sich brachte, bereit waren, die Gluckwunsche ihrer Hochzeitgaste anzunehmen, so trat meine altste Tochter, in einem Aufputze herein, in welchem sie wo moglich noch reizender aussah, als in dem gestrigen.
Du willst mich zu Wiltecks begleiten? fragte ich. Wenn sie erlauben, erwiederte sie mit einer kleinen Verbeugung.
Du glaubst also wohl, du wirst der Frau von Sarnim und der Frau Regierungsrathin grosse Freude mit deiner Erscheinung machen? Peninna faltete ihren Facher von einander, sah lachelnd vor sich nieder, und schwieg. Je nun, fuhr ich fort, ihren neuen Gemahlen wirst du wenigstens nicht unangenehm seyn, du kannst ihnen leicht besser gefallen, als ihre Neuvermahlten.
Peninna fuhlte das Bittre in meiner Bemerkung. Eine gluhende Rothe, die sich uber ihr Gesicht verbreitete, und sich bald wieder in ihre gewohnliche Blasse verkehrte, ersparte mir die Muhe, mich deutlicher zu erklaren. Pfui, Peninna, sprach ich, nachdem ich sie eine Zeitlang steif angesehen hatte, ich schame mich deiner. Ich kenne keinen haslichern Charakter als den einer Coquette, selbst in dem gelindesten Verstande, den die heutige Welt diesem Worte giebt. Du kennst die Verhaltnisse, in denen du mit den Neuvermahlten gestanden hast, und bist klug genug, einzusehen, dass inskunftige aller Umgang zwischen euch muss aufgehoben bleiben. Die jungen Frauen verdienen wohl deine Verzeihung, aber nicht deine Freundschaft; und ihre Manner sie denken edel genug dich zu verachten, wenn du dich ihnen von nun an weiter zeigen wurdest. Ein ehrliches Madchen entzieht sich den Augen, denen sie vielleicht gefallen konnte, und welche kein Recht haben nach ihr zu blikken. Willst du vielleicht eine Storerinn des ehelichen Friedens werden? Willst du
Hier hielt ich ein. Peninnens Thranen fiengen an zu fliessen; es waren keine Thranen des beleidigten Stolzes, sondern die frommen kindlichen Thranen, die bey einem mutterlichen Verweis aus den Augen einer guten Tochter fliessen. Ich hatte also meinen Zweck erreicht, und versparte den andern Theil meiner Predigt auf ein andermal, denn geschenkt war er ihr nicht. Jetzt legte Peninna ihren Putz ab, gieng an ihre hauslichen Geschafte, und ich machte meinen Ceremonienbesuch allein bey Wiltecks.
Ich fand den Zustand der Sachen im Hochzeithause wie es sich denken lasst. Der Herr von Wilteck und seine Gemahlinn waren so zufrieden, als mein Mann den Tag nach Peninnens Hochzeit gewesen seyn wurde. Die Gesichter der jungen Damen klarten sich auf, da sie mich ohne meine Tochter erscheinen sahen. Der Obristlieutenant, der sich sehr verbindlich gegen seine Josephe auffuhrte, konnte sich doch nicht enthalten, mit seiner gewohnlichen treuherzigen Art, nach Peninnen zu fragen und sie grussen zu lassen, und der Regierungsrath sass stumm neben Gabrielen, und schienganz mit seinen Gedanken abwesend zu seyn. Mein Besuch war kurz, wie ich alle meine Ceremonienvisiten mache.
So kurze Zeit ich von Hause gewesen war, so hatte sich doch schon etwas wichtiges in meiner Abwesenheit zugetragen. Meine Tochter kam mir bey meiner Ruckkunft mit einem von Freude verklarten Gesicht entgegen. O meine Mutter, rief sie, indem sie mir um den Hals fiel, wir bekommen diesen Nachmittag einen Besuch, der der bey dem ich gewiss werde gegenwartig seyn durfen, gewiss ich getraue mir zu sagen dass es nicht Coquetterie seyn wird wenn ich kurz liebe Mutter, Herr Walter hat sich melden lassen, und ich habe ihn angenommen. Nun, nun, sagte ich, du hast wohl gethan, aber Kind, Kind, ich bitte dich, nimm dich in Acht zu glauben, dass dieser Besuch eine angenehme Beziehung auf dich haben werde. Ich an deiner Stelle wurde eher bitten von demselben ausgeschlossen, als dabey gegenwartig zu seyn. O liebe Mutter, rief sie in einem halb traurigen Tone, wie konnen sie es doch uber das Herz bringen, die liebsten Hoffnungen ihrer Peninna so gleich zu unterdrucken.
Deine Hoffnungen Kind? Ja liebe Mutter, sie wissen ja wie wir mit Herrn Waltern stehen, ich hoffe es ist nichts Boses, wenn ich ihnen gestehe, ich glaube er kommt um meinetwillen und ich liebe ihn und ich wurde ihm alle Obristlieutenante und Regierungsrathe der ganzen Welt aufgeopfert haben; blos seinetwegen reut mich nichts.
Nun dies Gestandniss ist offenherzig genug, sagte ich, aber schame dich nur nicht, ich bin deine Mutter, die es gern sieht, wenn du ihr keinen deiner Gedanken verhehlst. O ich hoffe, unterbrach sie mich, die Zeit wird bald kommen, da ich es vor der ganzen Welt gestehen darf, wie ich von Herrn Walter denke, und ich brenne vor Verlangen, ihm die Beleidigung, die ich ihm ehemals in meiner Einfalt zufugte, durch ein solches Gestandniss zu verguten.
Peninna, Peninna! sagte ich mit aufgehobenem Finger, hute dich dieses Gestandniss zu fruhzeitig zu thun, du mochtest es nicht ohne Beschamung zuruck nehmen konnen. Glaubst du, dass ein Mann, wie Walter, eine empfangene Beleidigung so leicht vergisst, als du eine angethane? Mein Gott, liebe Mutter, sprach sie, alles das war ja nur Scherz, und ich muss ja den guten Walter kennen. Wenigstens, schloss ich mit einem etwas verdrusslichen Tone, wollte ich dir wohl rathen den Brief, den er bey seinem schnellen Abschied aus Hohenweiler an mich schrieb, noch einigemal zu uberlesen, ehe du den kleinsten Schritt mit deiner gewohnlichen Voreiligkeit zu thun wagst.
Ich gieng an mein Schreibepult, nahm ihn heraus und gab ihn ihr, aber ich muss sehr zweifeln, ob sie sich die Zeit genommen hat, ihn zu uberlesen, denn sie war bis zur Mahlzeit so unglaublich mit tausend Kleinigkeiten beschaftigt, dass ich nicht wusste, wo ein Augenblick vernunftiger Ueberlegung statt gefunden haben sollte.
Ich seufzte uber ihre Verblendung, und that mein moglichstes einen Schleyer uber ihre Thorheit zu werfen, damit hernach die Beschamung uber ihren Irrthum nicht so gar gross seyn mochte, aber alle meine Vorsicht war vergebens. Mein Mann, dem ich auf Peninnens Bitten, nie etwas umstandliches davon gesagt hatte, in wie weit Herr Walter in die ehemaligen albernen Geschichten verwickelt gewesen war, der also auch von dem nachdenklichen Brief, den ich Peninnen zur Beherzigung gab, nichts wusste, hatte von dem' Besuche, der uns diesen Nachmittag bevorstand, gleiche Vermuthungen wie seine Tochter; er sprach uber der Mahlzeit offentlich davon, und Peninna, so sehr ich ihr auch ein wenig Zuruckhaltung empfohlen hatte, scheute sich nicht, ungeachtet wir nicht allein waren, denn der Herr Pfarrer speisste mit uns, mit ihrer gewohnlichen Warme zu gestehen, dass sie der Meynung ihres Vaters beypflichtete, und dass sie zu sehr von Herrn Walters Verdiensten uberzeugt war, um sich einen Augenblick zu bedenken, wenn ihre Aeltern ihr gebieten sollten, seine Bewerbungen anzunehmen. Mein Mann nannte sie ein vernunftiges Madchen, und der Herr Pfarrer stand auf und trank mit seiner gewohnlichen Feyerlichkeit die Gesundheit der zukunftigen Braut.
Ich hatte vor Ungeduld uber diese Albernheiten vergehen mogen, und sagte um denselben einigen Einhalt zu thun, ich wisse zuverlassig, dass Herrn Walter Angelegenheiten von ganz anderer Art nach Hohenweiler trieben, und bat also recht sehr weder in Scherz noch im Ernst mehr etwas von solchen Dingen zu gedenken.
Mein Mann sah mich unwillig an, der Pfarrer ward still, und Peninnen traten uber die Grausamkeit ihrer Mutter die Thranen in die Augen. Es ist mir oft, vornehmlich in meinen hohern Jahren begegnet, dass man meine Ausspruche fur halbe Weissagungen gehalten hat, weil sie immer so glucklich zutrafen. Ich habe nie eine Ursache von diesen seltsamen Erfullungen meiner oft ohne sonderliche Ueberlegung gesprochenen Worte angeben konnen, als dass ich immer die Umstande eines jeden Dinges mit meinen beyden offenen Augen ansah, dahingegen andere, die ihrigen vor denselben halb, auch wohl ganz verschlossen.
Leider wurde meine Rede auch hier erfullt. Ich wusste nicht was Waltern fur Angelegenheiten nach Hohenweiler trieben, ungeachtet ich mich dessen ruhmte, um meine Absichten damit zu erreichen, aber ich konnte es muthmassen, und ich wunderte mich daher nicht sehr, als ich des Nachmittags am Fenster stand, und einen Wagen vorfahren sah, aus welchem Herr Walter im niedlichsten geistlichen Ornat, der sich denken lasst, heraussprang, und ein junges Frauenzimmer aus demselben herabhob. Ich entdeckte Peninnen, welche bey mir sass, was ich sah, und was ich vermuthete; sie liess die Hande sinken, sah mich steif an, und fragte ob ich scherzte? Ich sahe sie bleich werden, und rieth ihr, lieber das Zimmer sogleich zu verlassen, wenn sie den Anblick von Walters Braut nicht gedachte ertragen zu konnen. O so musste ich doch auch weder Stolz noch Selbstgefuhl haben, sagte sie, indem sie sich von ihrem Sitz erhob, und sich hoch aufrichtete, wenn ich den Anblick eines Ungetreuen nicht eine Halbe Stunde wollte ertragen konnen, ohne meine Schwachheit zu verrathen.
Es war jetzt nicht die Zeit, sie zu uberfuhren, wie wenig der arme Walter den Namen eines Ungetreuen verdiente, ich sah es gern, dass ihr ihr Unwille jetzt zur Stutze diente, und es war auch zu spat zu weiterer Wortwechselung, denn eben trat Herr Walter ein, und an seiner Hand ein Madchen Himmel, ein Madchen wie ich, die Mutter von vier schonen Tochtern, wenig gesehen habe.
Drey und zwanzigstes Kapitel
Die Eitelkeit kann mehr Krankungen verschmerzen
als die Liebe
Unschuld, Sittsamkeit, und froher Muth lachte auf Charlottens Wangen, Geist und Empfindung sprach aus ihren Augen, ihre Gestalt war die edelste weiblich schone, die ich je gesehen hatte, und ihr Betragen, das den vollen Ton der Welt hatte, gab ihren Reizen so etwas gebietendes hinreissendes, dass meine arme Peninna ganz im Schatten dastand.
Ich empfieng die Ankommenden wie es ihnen zukam, und wie mir es mein Herz eingab. Ich hatte Waltern immer hochgeschatzt, und das Bewusstseyn, dass ihm in meinem Hause nicht so begegnet worden war, wie er verdiente, gab der Art wie ich ihn bewillkommte, noch mehr verbindliches, als sie vielleicht ausserdem gehabt haben wurde. Seine Charlotte war eine von denen Personen, die das herz auf den ersten Anblick einnehmen, und es schadete ihr nichts in meiner Achtung, dass sie die Nebenbuhlerinn meiner Tochter war; es war Unbilligkeit gewesen, wenn sie, die von allem nichts wusste, an allem unschuldig war, den geringsten Nachtheil an dieser Vorstellung hatte haben sollen. Hatte sie mich durch ihren Anblick bezaubert, so nahm sie mich durch ihre Unterhaltung noch mehr ein, und ich konnte es Waltern weiter nicht verdenken, dass er so ganz in sie entzuckt, so ganz blind gegen alles ausser ihr zu seyn schien. Zwar sprach die mutterliche Liebe in mir, meine Tochter hatte doch nicht so bald, so ganzlich vergessen werden sollen, sie habe doch nicht die Demuthigung verdient, dass man eine andere so im Triumpf vor ihr auffuhrte, aber denn redeten wiederum Peninnens Beleidigungen, und Charlottens Vorzuge Waltern so kraftig das Wort, dass ich unmoglich auf ihn zurnen konnte.
Mit Peninnens Betragen war ich sehr zufrieden. Ich
hatte gefurchtet, sie wurde jenes geschwatzige ubertriebene muntere Wesen annehmen, unter welchem manche Frauenzimmer ihre gekrankte Empfindlichkeit zu verbergen suchen, und ich hatte ihr gram seyn konnen, wenn sie diese alberne Rolle gespielt hatte, die das, was sie verhullen soll, so offentlich zur Schau legt; aber ich hatte doch immer noch die Freude, dieses so irrige, in vielen Stucken so sehr fehlerhafte Madchen, auf einer bessern Seite zu sehen, als ich ihr selbst zugetraut hatte.
Sie war freundlich, gefallig und unbefangen in
ihrem Betragen; sie nahm einigen Theil an dem Gesprach, aber sie drangte sich nicht hervor; das wenige, was sie sprach, war gut, und ihr ganzes Wesen zeigte, dass sie hier keinen Anspruch auf Bewunderung, nicht einmal auf Bemerkung mache. Charlotte, die nichts von ihren ehemaligen Verhaltnissen mit Waltern zu wissen schien, fand Peninnen interessant fur sich, sie wandte sich immer an sie mit ihren Reden, sie zeigte in jedem ihrer Worte, dass ihr Herz sich zu ihr hinneigte, dass sie sich so eine Freundinn wunschen mochte, aber Peninna, die sich vermuthlich erinnerte, dass ich ihr diesen Morgen sagte, zwischen ihr und den Frauen ihrer ehemaligen Liebhaber konne kein Umgang statt finden, und die diese Sentenz auf den gegenwartigen Fall anwenden mochte, blieb zuruckhaltend, und erwiederte Charlottens zuvorkommendes Wesen blos mit der gutherzigen Freundlichkeit, die ein kunstloses Landmadchen jedem Freunden zu erweisen pflegt; sie war zu ehrlich, gegen Charlotten, die sie bey allen ihren Vorzugen unmoglich lieben konnte, Empfindungen zu heucheln, die ihrem Herzen fremd waren. Eine andere an ihrer Stelle wurde geglaubt haben, ihre Sachen vortreflich zu machen, wenn sie die Nebenbuhlerinn, die sie hasste, mit Liebkosungen uberschuttet hatte, sie wurde gedacht haben, ihrem ungetreuen Liebhaber durch ein solches Betragen zu beweisen, wie wenig sie seiner neuen Geliebten den Besitz seines Herzens missgonnte, und sie hatte ihm durch alles ihr Bestreben nur das Gegentheil anschaulich gemacht. O Madchens, Madchens, lernt doch der Natur und euren wahren Empfindungen so treu als moglich handeln, wenn ihr immer, auch in euren nachtheiligsten Lagen, einen Anspruch auf Achtung behaupten wollet.
Endlich gieng dieser Besuch zu Ende, welcher, so wohl mir auch Walter und seine Charlotte gefielen, mir doch endlich anfieng lastig zu werden, und dessen ich uberhaupt gern uberhoben gewesen ware. Peninna ward stiller; ich merkte es ihr an, dass sie ihre peinliche Anstrengung nicht lange mehr aushalten konne, und ich war froh, als man aufstand und sich empfahl.
Wie ist dir, meine Peninna? fragte ich, als ich von der Begleitung meiner Besuche zuruckkam, und sie in ihren Stuhl zuruckgelehnt sitzen fand. Sie streckte ihre Hand nach mir aus, ihre blauen Augen schlossen sich, und sie sank empfindungslos in meine Arme.
Armes, armes Madchen, wie schwer musstest du fur die Thorheit bussen, mit einem Herzen zu spielen, das dir lieber war als du selbst glaubtest. Walter war nun fur dich dahin, auf ewig dahin, und dieses darum, weil du einige Stunden lang geglaubt hattest, du konntest alles wagen, ohne seinen Verlust zu furchten.
Mein Mann war so wenig bey Walters Besuch, als bey dem darauf folgenden Auftritte gegenwartig gewesen, aber als er kam, als er den ganzen Vorgang erfuhr, als er aus den eigenen Reden der trostlosen Peninna merkte, dass sie sich selbst den Verlust des Mannes, den sie liebte, zuzuschreiben habe, da brach er mit seinem gewohnlichen Ungestum wider sie los, und seine Harte, zusammengenommen mit ihren eigenen Empfindungen, versetzten sie wieder in den Zustand, welcher sie bey der ersten Muthmassung von Walters verscherzter Liebe dem Tode nahe gebracht hatte.
Das Herz ihres Vaters erweichte sich nicht bey der Gefahr, in der er sie sahe, es erweichte sich nicht, da sie, nachdem sie gerettet war, sich zum erstenmal wieder zu seinen Fussen warf, und seine Verzeihung wegen desjenigen erflehen wollte, wofur sie selbst am meisten gelitten hatte, und das einige Mittel ihr Ruhe zu schaffen, war, dass ich Herrn Haller bat, mir zu erlauben, die Tochter, die er ganz verworfen zu haben schien, zu ihrem Grossvater zu bringen, welcher bey seinem zunehmenden Alter die zartliche Pflege weiblicher Hande anfieng nothig zu haben, und von dem ich wusste, er wurde seine immer vorzuglich geliebte Enkelinn mit offenen Armen aufnehmen. Herzlich gern willigte mein Mann ein, und wir reisten ab.
Vier und zwanzigstes Kapitel
Ein ewig langer Brief von dem lieben Samuel
Nicht allein der Wunsch, ein geliebtes Kind in die Arme meines Vaters zu liefern, sondern auch Verlangen, bey ihm Nachricht von einem andern eben so geliebten, zu erhalten, trieb mich nach Traussenthal, wo mein Vater lebte.
Ich hatte ihm nicht sobald von allem, was bisher bey uns vorgegangen war, Nachricht gegeben, und Peninna hatte nach einigen ziemlich ernsten Vermahnungen des ehrwurdigen Greises, nicht so bald wieder ihren Frieden mit ihm gemacht, als wir beyde fast aus einem Munde fragten, was Samuel machte. Peninna klagte, dass sie so lange nichts von ihrem geliebten Bruder gehort, und ich, dass ich nie befriedigende Nachricht auf meine schriftliche Nachfragen nach ihm erhalten habe. Seine Briefe an mich, sagte ich, sind immer so kurz so allgemein in ihrem Inhalte, und mir, sprach Peninna, hat er, seit dem Ermahnungsbriefe bey seinem Abschiede, gar nicht geschrieben.
Wir hatten gute Zeit zu sprechen, denn mein Vater schien in einem so tiefen Nachdenken begraben zu seyn, dass er uns kaum horte. Fraget mich nicht, fieng er endlich mit einem tiefen Seufzer an. Samuel bleibt sich immer gleich, die Verdrusslichkeiten, in welche ihn sein, im Grunde nicht tadelnswurdiger Charakter schon in seinen Kinderjahren sturzte, gehen jetzt, da er sich in einer grossern Sphare befindet, ins Grosse; er bringt sich um sein Gluck, und ich sehe nicht, wie ihm endlich zu helfen seyn wird. Da leset diesen Brief, er wird euch Nachricht von seinem gegenwartigen Zustand, und auch vielleicht einiges Licht uber vergangene Dinge geben, die euch so wie mir, lange unerklarlich geblieben sind. Nun, sagte ich, indem ich zitternd den Brief nahm, und ihn von einander faltete, das Unerklarlichste war mir wohl der Widerwille, den sein Vater von jeher gegen ihn bezeigte, und den ich unmoglich allein auf die Rechnung seines, Herrn Hallern so widerwartigen Namens, und auf das Ungefallige schieben kann, das sein Betragen in seines Vaters Augen immer hatte. Dieses ist es eben, fuhr mein Vater fort, wovon du einige Winke in diesem Briefe finden wirst.
Ich liess Peninnen bey ihrem Grossvater, nahm den Brief und entfernte mich. Was ich fand war folgendes.
"Lieber Vater!
Ich muss, ich muss mein Herz vor Ihnen ausschutten sollte es auch schriftlich seyn, da es mir mundlich unmoglich ist. Je langer ich in der Welt lebe, je mehr finde ich, dass ich nicht in dieselbe gehore! O dass ich einen Winkel auf dieser Erde kennte, den ich mein eigen nennen durfte, und in welchem ich nebst Ihnen, meiner Mutter und denen von meinen Geschwistern, die noch nicht verdorben sind, mit Ausschliessung aller ubrigen menschlichen Gesellschaft leben konnte, oder dass mir die Zuflucht in einem Kloster nicht verschlossen ware, welches mir, man sage auch was man wolle, doch der einige Ort zu seyn dunkt, wo ein Mensch mit strengen Begriffen von Recht und Unrecht ruhig und ohne Anstoss leben kann. Kranken Sie mich nicht, mein Vater, mit solchen Aeusserungen wie bey unserer letzten Unterredung! Sie haben recht, Sie waren es, der mir diese strengen Grundsatze einflosste, aber die volle Starke derselben, welche mich, ich fuhle es, unglucklich macht, habe ich mir selbst, habe ich dem seltsamen Etwas zu danken, das in mir ist, und das mich zu tiefern Nachforschen treibt, als die Gegenstande, die um mich sind, vertragen konnen. Freylich sind diejenigen glucklicher, die nur mit ihrem Blicke auf der Oberflache bleiben, und die Dinge nehmen, wie sie sich ihren Augen darstellen.
Wohin mich auch der Damon, der mir alles mein Gluck verbittert oder mir es unter den Handen vernichtet, einst fuhren mag, so betheure ich hier vor Himmel und Erde, dass Sie unschuldig an meinem Ungluck sind. Ich kann Ihnen dieses nicht besser beweisen, als wenn ich Sie auf vergangene Dinge zuruck fuhre. Es ist wahr, Sie lehrten mich fruhzeitig das Gute und das Bose kennen, lehrten mich die Tugend so heiss, so innig lieben, als je ein schwarmerischer Jungling das hohe seraphische Ideal von einem Madchen liebte, das er nie in der Wurklichkeit erblicken wird. Auch erregten Sie meinen lebhaftesten Abschen gegen das Laster, aber immer sagten Sie mir, ich musste die volle Strenge gegen das Bose nur auf meine eigenen Handlungen anwenden, mich nie zum Richter anderer aufwerfen, nein, vielmehr fur die Fehltritte anderer immer Nachsicht, Entschuldigung und schonendes Mitleid ubrig haben. Dass ich der Prediger dererjenigen werden sollte, die die Vorsicht einige Stufen uber mich gesetzt hat, dass ich es wagen sollte meinen eigenen Vater zu recht zu weisen, und mir dadurch seine Liebe vielleicht auf ewig zu rauben, dieses lehrten Sie mich nicht, und doch that ich es. Ich war noch nicht dreyzehn Jahr, als mir der Zufall, oder vielmehr einige dienstfertige Freunde, welche die Kinder so gern mit den Fehlern ihrer Aeltern unterhalten, alle die heimlichen Gange entdeckten, auf welchen der, dessen Namen ich nicht zu nennen wage, sich, meiner Mutter, und uns allen den Untergang zubereitete. Ein anderer Knabe meines Alters wurde dieses in den Wind geschlagen, oder sich wenigstens nicht fur verbunden gehalten haben, eine handelnde Person dabey vorzustellen. Ich hatte den unsinnigen Einfall, den Irrenden nicht allein schriftlich, sondern auch einmal mundlich auf eine Art an seine Pflicht zu erinnern, die sich freylich besser fur Sie als fur mich, der ich in seinen Augen noch ein Kind war, geschickt haben wurde. Ich weiss, wie mir meine unzeitigen Ermahnungen, besonders die mundliche bekam. Man liess es nicht genug seyn, mich fur meine Kuhnheit auf eine Art zu zuchtigen, wie ich sie vielleicht verdiente, sondern man burdete mir Unschuldigen auch in der Folge Dinge auf, die ich verabscheute und die mich eben so strafwurdig gemacht haben wurden, als der war, den ich zu bessern wunschte.
Meine Mutter kam hinter die Verirrungen meines Vaters; so viel ich weiss, war er es selbst, der ihr dieselben entdeckte, und doch bekam ich, so oft ich ihn unter vier Augen sahe, von ihm den Namen eines Ausspahers der vaterlichen Handlungen, eines Verrathers, eines Storers des hauslichen Friedens. Dass ich gewisse Dinge wusste, wurde mir zum Verbrechen gemacht, und damit man volles Recht habe mich zu hassen, so traute man mir zu, dass ich Sie und vielleicht die ganze Welt Theil an dem nehmen liess, was mir bekannt war. Sie wissen es, ob ich eher mit Ihnen davon gesprochen habe, als an dem Tage, da ich von meiner Mutter den ganzlichen Fall unsers Glucks erfuhr, und den mir so nothigen Entschluss fasste, mein Fortkommen in der Welt meinem eigenen Fleisse zu danken zu haben. Was hatte ich denn wohl von meinem Vater zu erwarten gehabt?
Reifere Jahre haben mir es jetzt begreiflich gemacht, dass ich so viel mit meiner eigenen Besserung zu thun habe, dass mir nicht Muse genug uberbleiben wurde, anderer Menschen Richter zu seyn; dieses, nicht die Furcht vor den Folgen einer so unzeitigen Lehrsucht, die ich schon bereits erfahren hatte, war es, was mich bestimmte meinen Plan zu andern, und die Fehler zu vermeiden, die ich hierinnen begangen hatte. Treulich hatte ich eine Zeitlang daruber gehalten, und doch hatte ich keine Ruhe finden konnen. Mein erster Schritt in die Welt, brachte mich, Sie wissen es, in ein Haus, das ich fur die Wohnung der Tugend und Frommigkeit hielt. Das Geld, mit welchem Sie mich so freygebig versehen hatten, machte mir es moglich, mir ein ruhiges und bequemes Leben zu schaffen, und doch bey meinen wenigen Bedurfnissen immer noch genug ubrig zu behalten, auch andern, so wie Sie mich gewohnt hatten, das Leben zu versussen.
Um in einer so grossen und wegen ihrer Ausschweifungen so beruhmten Stadt, wie Berlin, nicht unvermerkt in Verbindungen verwickelt zu werden, die mich selbst auf einen schlimmen Weg leiten, oder mir wenigstens den Anblick des Lasters fur meine Ruhe zu oft fur die Augen bringen mochten, wahlte ich das Haus eines Mannes zu meinem Aufenthalt, dessen Aeusserliches dem Ansehen eines leidenden Heiligen glich, und dessen Worte die Worte eines Engels waren. Er war, wie er von sich ausgab, ein unschuldig vertriebener Geistlicher, welcher lieber gewahlt hatte im aussersten Elende zu leben, als sich nach den Grundsatzen seiner Obern zu bequemen, die den Seinigen und den Grundsatzen der Tugend ganz zuwider waren. Er pflegte sehr geheimnissvoll von diesen Dingen zu sprechen, und mir nur so viel davon in den rathselhaftesten Worten zu entdecken, als mich fur ihn einnehmen, und mich unter dem, was er mir verschwieg, Geheimnisse von der grossten Wichtigkeit vermuthen lassen konnte. Er liess sich einmal als von ohngefehr merken, dass er Sie, mein Vater, kenne, er wusste Umstande aus Ihrem Leben zu erzahlen, die nur Ihrem vertrautesten Freunde bekannt seyn konnten, und es gelang ihm auf diese Art, sich ganz in mein Herz einzuschleichen. Jetzt war er mir nicht mehr fremd, ungeachtet er mir seinen wahren Namen nicht nannte. Wie ein Sohn den Vater so liebte ich ihn, ich freute mich, die Wohlthaten, die ich von Ihnen erhielt, mit demjenigen theilen zu konnen, der Ihr zartlichster Freund zu seyn schien. Wir sprachen oft und viel von Ihnen, und ich merkte es anfangs nicht, dass manche seiner Erzehlungen gar nicht dahin abzielten, die hohe Meynung zu bestarken, die ich von dem, der mich zuerst auf den Weg der Tugend fuhrte, zu hegen gewohnt war. Derer Winke, die zu Ihrem Nachtheil gereichten, wurden nach und nach immer mehr. Er schien auch meine Mutter zu kennen, und auch ihrer wurde nicht geschont, doch musste er seine Beschuldigungen immer in so viel Wahrscheinlichkeit und in einen so schonen Schein der Tugend und Unpartheilichkeit einzukleiden, dass es ihm nur gar zu gut gluckte, mein Herz nach und nach von Ihnen loszureissen. Sie wissen, wie eine lange Zeit einesmals vergieng, ohne dass Sie wussten, ob und wie ich lebte. Mein Freund, wie ich ihn damals zu nennen pflegte, wendete diese Zeit, da ich Ihres vaterlichen Raths und Unterrichts entbehren musste, an, Grundsatze in mein Herz auszustreuen, die mir hatten gefahrlich werden konnen, wenn Tugend und Rechtschaffenheit nicht so tief in dasselbe von Ihnen gepflanzt worden waren. Ich fieng an, Verdacht auf meinen vermeynten Freund zu werfen, ich nahm mir vor, Ihnen zu schreiben, Ihnen alles zu sagen, was mich bisher von Ihnen entfernt hatte, Sie zur Rechtfertigung wegen dessen, was man mir von Ihnen gesagt hatte, aufzufodern, und es darauf zu wagen, ob mir meine Kuhnheit von Ihnen eben so belohnt werden wurde, wie von meinem Vater. Sie liessen sich zur Entschuldigung gegen mich herab; Sie verlangten Ihren Anklager zu wissen; ich beschrieb Ihnen den, den ich nicht bey seinem rechten Namen zu nennen wusste, und es fand sich, dass mein vermeinter Freund und ihr heimlicher Feind niemand war als der nichtswurdige Katharines, den ich aus ihren Erzahlungen auf der schlechtesten Seite kennte, und der, wie ich nun durch fleissiges Nachforschen erfuhr, nicht wie er sich nannte, ein unschuldig abgesetzter, sondern ein wegen tausendfacher Vergehungen vom Amte gejagter Geistlicher war.
So verhasst mir auch der Name Katharines war, so viel Beweise ich auch fur seine schlechte Gesinnungen hatte, so wollte ich ihn doch noch auf eine Probe stellen, ehe ich ihn ganz verdammte und mich von ihm trennte. Ich entdeckte ihn was ich ihm bisher verschwiegen hatte, dass ich allein von ihrer Gutigkeit lebte, dass es, wenn alles wahr sey, was er mir zu Ihrem Nachtheil gesagt hatte, wider meine Grundsatze seyn wurde, ferners Unterstutzung von einem Manne anzunehmen, den ich nicht langer hochschatzen konne, und dass ich also inskunftige von meinem eigenen Fleisse wurde leben, und allen den Vortheilen entsagen mussen, die ich bisher mit ihm getheilt hatte.
Herr Katharines sahe jetzt, dass er durch seine bose Zunge sein eigenes Gluck untergraben hatte. Er bemuhte sich, mich zu uberzeugen, dass man gar wohl von Personen, deren schlechte Denkungsart uns von aller Dankbarkeit und Hochachtung lossprach, Wohlthaten annehmen konne, und als er sahe, dass dieses kein Gehor bey mir fand, so strebte er so angstlich seine ehemaligen Beschuldigungen gegen Sie zuruckzunehmen, ward auf einmal ein so geflissentlicher Vertheidiger und Lobredner von Ihnen, dass ich ihn in seiner wahren Gestalt erblickte, ihm es entdeckte, dass er entlarvt sey, ihm den Rest dessen, was ich an Gelde besass, zuruckliess, um ihn nicht ganz hilflos zu lassen, und mich von ihm trennte.
Sie wissen aus meinen damaligen Briefen, wie das Gluck mit mir spielte. Ich hatte genug gelernt, um als Gehulfe eines Rechtsgelehrten mein Unterkommen zu finden. Das Gluck schien mich zu suchen, ich bekam Stellen, die mich schnell hatten heben konnen, man bewunderte meine Kenntnisse bey so jungen Jahren, man war mit meinem Fleiss und meiner Treue zufrieden, aber ich? Bey dem geringsten Anschein von Ungerechtigkeit oder Bedruckung bebte ich zuruck, bey keiner Sache wollte ich eine Feder ansetzen, die ich nicht ganz ubersehen konnte, und wo ich nur einen Anschein von Moglichkeit fand, dass irgend ein falscher Schritt gethan worden sey, oder der Handel einen zweydeutigen Ausgang haben konne. Man war oft herablassend genug, mir das Uebertriebene meiner Begriffe zu demonstriren, man bequemte sich, um mich nicht zu verlieren, auf eine unglaubliche Art nach meinem Eigensinne, aber ich wollte alles Bose das ich sahe, aus dem Grunde gehoben wissen, liess mich nicht bedeuten, dass dieses unmoglich sey, und verliess jedes Haus, wo man meine Grundsatze zu streng fand, und die Richtigkeit des kleinsten meiner Begriffe von Recht und Unrecht bezweifelte.
Die Welt hatte umgekehrt, Gesetze und Richter in eine ganz andere Form gegossen, und die Erde mit einem Geschlecht von lauter tugendhaften Menschen besetzt werden mussen, wenn ich das hatte treffen wollen, was ich suchte. An statt mich durch meine oftmaligen Aenderungen zu verbessern, gerieth ich immer in schlimmere Hande. Meine Hartnackigkeit, mit welcher ich das was ich fur Recht hielt, zu verfechten pflegte, und die Muhe, die ich mir, ohne meine Schwachheit zu bedenken, gab, denen die ich fur Unterdruckte hielt, zu helfen, machte mir machtige Feinde, und sturzte mich in Verdrusslichkeiten, die mich nothigten Berlin zu verlassen.
Sie wissen, lieber Vater, dass ich Sie damals besuchte. Sie wollten mich bereden eine Reise nach Hohenweiler zu thun, um mich meinen Aeltern und meinen Geschwistern zu zeigen, aber was hatte ich da gesollt? Den Anblick meines Vaters scheute ich. In Ansehung meiner Mutter war mein Herz noch nicht ganz von dem Gift gereiniget, den Katharines Lasterungen gegen sie in demselben zuruckgelassen hatten. Ich wusste, dass sie edel und gut war, ich trug Bedenken, sie mit der Zumuthung zu kranken, ihre Handlungen vor ihrem Sohne zu rechtfertigen, und doch getraute ich mich nicht ohne dieselbe vor ihr zu erscheinen; sie wurde es bald gemerkt haben, dass nur mein halbes Herz bey ihr sey. Meine Geschwister konnten bey dem Umgange, den sie mit dem Wilteckischen Hause hatten, unmoglich so gut seyn, als ich sie wunschte, und ich hatte also nichts, das mich nach Hohenweiler zog.
Sie waren es allein, an dem mein ganzes Herz hieng, und ich rechnete es fur mein grosstes Gluck, dass ich eine Stelle in der Geburtsstadt meines Vaters fand, die meiner Erwartung einigermassen zu entsprechen schien. So war doch ihre Wohnung, mein Vater, dem Orte meines Aufenthalts nahe, so konnte ich doch, oder vielmehr so kann ich doch, wenn ich will, sie taglich sehen und mich "
Funf und zwanzigstes Kapitel
Etwas aus der Romanenwelt
Wie? unterbrach ich mich hier in meinem Lesen, Samuel, mein armer betrogener Samuel mir so nahe, und ich habe ihn noch nicht in meine Arme geschlossen? Dieses sagen, und zu meinem Vater eilen, war eins. O wo ist mein Sohn? rief ich ihm zu, wo ist er, dass ich ihn an mein Herz drucke, und ihn selbst frage, was er wider diejenige hat, welche ihn mehr liebt, als ihr Leben?
Hast du den Brief zu Ende gelesen? fragte mein Vater, ich antwortete, dass ich lieber den Rest seiner Geschichte aus seinem Munde horen, als mich langer mit dem todten Buchstaben beschaftigen wollte.
Mein Vater zuckte die Achseln. Vielleicht, sagte er, dass der heutige Tag dir diesen Wunsch gewahren kann. Es ist wahr, Samuel lebt in der Nahe, aber er besucht mich selten, und begnugt sich lieber mir zu schreiben, wie du aus dem Briefe schliessen kannst, den du eben gelesen hast. Er ist in aller Absicht ein Grillenfanger.
Wir sprachen noch uber diese Dinge, als sich die Thur ofnete, und ein Jungling hereintrat, den ich, ungeachtet der Veranderung, die etliche Jahre in seinem Ansehen gemacht hatten, augenblicklich fur meinen Sohn erkannte. Ja du bist es! du bist es! schrieen ich und Peninna einmuthig, als wir ihm entgegen flogen, und ihn an unsere Brust druckten. Verwunderungsvolle Ausrufungen von seiner Seite, und Thranen und Liebkosungen von der unsrigen, wechselten lange ab. Fragen, was er wider mich habe, und hinlangliche Rechtfertigung wegen einiger kleinen Flecken, die der boshafte Katharines meinem Charakter anzuhangen gesucht hatte, folgten darauf. Es war sonderbar, dass dieser Samuel der Sittenrichter seines ganzen Hauses seyn musste, und dass der bessere Theil desselben sich so willig seinem Urtheil unterwarf. Redlichkeit und unbescholtene Tugend muss doch etwas gottliches an sich haben, weil man sich ihre Ausspruche so gern gefallen lasst, sich so emsig um ihren Beyfall bewirbt, und sich so sehr scheut, vor dem Besitzer derselben, und war er noch so weit unter uns, in einem falschen Lichte zu erscheinen.
Da ich, Samuels Mutter, so geneigt gewesen war, ihn zum Richter meiner Handlungen zu dulden, so konnte sich Peninna seinem Urtheil noch weniger entziehen. Er war mit ihrer Auffuhrung nicht so leicht auszusohnen, als ich und mein Vater, und es wurde vielleicht ein noch strengeres Gericht uber sie gehegt worden seyn, wenn nicht einige Umstande in dem letzten Theil ihrer Geschichte gewesen waren, die ihn zum Mitleid bewogen, und ihn lebhaft an seine eigene erinnert hatten.
Er nahm an, dass sie mir und Peninnen bereits vollig bekannt sey, und gebrauchte sich einiger Ausdrukke, die uns in Verwunderung setzten, weil sie zeigten, dass einige Personen, die an dem Schicksal seiner Schwester Theil hatten, ihm nicht so fremd waren, als wir dachten. Er merkte unser Erstaunen, und versprach uns den Rest seiner Begebenheiten etwas umstandlicher zu geben, als wir ihn in dem Verfolg seines Briefes gefunden haben wurden. Es war Abend, wir setzten uns in eine Laube des Gartens, und Samuel fieng folgendermassen an.
So ist Ihnen dann, beste Mutter, noch nichts von dem bekannt, was mich gegenwartig unglucklich macht, Sie wissen noch nicht, dass derjenige, der schon so oft gegen seinen eigenen Vortheil handelte, jetzt seinem Gluck und seiner Ruhe einen todtlichen Streich versetzt hat? Ich habe mir selbst das Liebste geraubt, das ich auf der Welt hatte, und was das sonderbarste ist, so bitter ich auch die Folgen desjenigen fuhle, was ich that, so kann ich doch keine meiner Handlungen bereuen, und nur selten dammert der Gedanke in mir auf, dass ich geirrt haben konnte; ein Gedanke, welchen bessere Ueberlegung sogleich vernichtet.
Die Stelle, die ich in der Geburtsstadt meines Vaters fand, entsprach meinen Wunschen noch mehr als je eine die ich besessen hatte. Die Gute meines Grossvaters hatte mich in den Stand gesetzt, alle die Wege zu gehen, auf welchen ein junger Mensch den Zutritt vor den Richterstuhlen, und die Erlaubniss erhalt, die Sache der Bedrangten zu fuhren. Dieses meinen Wunschen, und ich darf auch wohl sagen meinen Kraften, so angemessene Geschaft, zu Anfang unter der Aufsicht eines altern Rechtsgelehrten zu treiben, war der Rath meines Grossvaters, und sein Vorspruch brachte mich bald in das Haus eines Mannes, der edel und gut wie er, der es werth war, sein Freund zu seyn. Ich war so glucklich, alles das, was er mir unter die Hande gab, gut zu Ende zu bringen, und sein Vertrauen zu mir wuchs dadurch so sehr, dass er mich mit einem Auftrage beehrte, der nicht allein meinem Stolze, sondern noch einem Gefuhl schmeichelte, das meinem Herzen theurer, ihm tiefer eingewebt war, als jedes andere.
Der alte Hofrath Hermann hatte ein junges Frauenzimmer in seinem Hause, die schon lange mein Auge auf sich gezogen hatte. Ungeachtet meiner Strenge, war ich doch nie so thoricht gewesen, die Liebe zu verdammen, und hatte ich es auch gleich gethan, so glaube ich doch, die Reize von Hermanns schoner Mundel wurden wider meinen Willen Zugang zu meinem Herzen gefunden haben. Charlotte Walter doch Sie kennen sie, und konnen also selbst urtheilen, was so ein Madchen fur einen Eindruck auf mein Herz machen musste.
Peninna und ich sahen uns bey Charlottens Namen bedeutungsvoll an, und Samuel fuhr fort.
Nie hat wohl ein Jungling einen strengern Begriff von weiblicher Tugend gehabt als ich. Der Aufenthalt in grossen Stadten hatte mich schon langst in der Meynung bestarkt, dass ich an ein schones Ideal glaubte, das ich nie realisirt sehen wurde. Charlotte uberzeugte mich, dass ich bey dieser letztern Meynung geirrt hatte. So schon als Sie ihre Person gesehen haben, so schon ist ihre Seele, und immer war ihre Auffuhrung, so streng, so untadelhaft, dass dass selbst ich, keinen Flecken daran finden konnte. Kein Leichtsinn, keine Eitelkeit, keine Koketterie, keine veranderliche Laune, nichts von allen den Fehlern fand sich an ihr, die die meisten Madchen klein nennen, oder sie wohl gar fur eine Monche halten, die ihre Vorzuge in ein vortheilhaftes Licht setzt. Fand ich etwas an Charlotten zu tadeln, so war es ihre Munterkeit, ihr aufgeraumtes Wesen, welches aber zu oft dazu diente auch mich aufzuheitern, und meine schwarzen Grillen, die ich selbst hassen musste, zu verjagen, als dass ich es im Ernst aus ihrem Charakter hatte wegwunschen mogen.
Man lebte auf einen sehr artigen und ungezwungenen Fuss in des Hofraths Hause, Charlotte und ich sahen uns taglich, und es kam bald dahin, dass der ernste stille Jungling eben den Eindruck auf das frohe aufgeraumte Madchen machte, den sie auf ihn gehabt hatte.
Meine Leidenschaft war zu stark, und Charlottens Herz zu offen, als dass uns unsere beyderseitigen Gefuhle lang hatten fremd bleiben sollen, wir erklarten uns einander ohne Ruckhalt, und um unserm Verstandnisse den kleinsten verdachtigen Anschein zu benehmen, drang ich darauf, dass der Hofrath zum Mitwisser unsers Geheimnisses gemacht werden solle. Mein Wille war der Wille meiner Charlotte, sie liess sich in allem von mir leiten, und war auch dieses zufrieden, ob sie mir gleich gestand, dass sie sich ein wenig vor der Satyre ihres Vormunds furchtete, ihr Herz so jung vergeben, es an einen Menschen vergeben zu haben, welcher wenig Jahre mehr hatte, als sie.
Der gutherzige Alte lachte uber den Vortrag, den wir ihm gemeinschaftlich thaten; er war mit unserer beyderseitigen Wahl nicht unzufrieden, nur sagte er, wolle er uns treulich rathen, noch in Jahren nicht an eine Verbindung zu denken. Zwar setzte er hinzu, du Charlotte, mochtest heute vor den Altar treten, aber der junge Herr da, von seinen Jahren gar nichts zu gedenken, so hat er noch manche Vorurtheile in seinem Gehirn, die er erst ablegen muss, ehe er ein guter Ehemann werden kann. Glaube mir, gute Charlotte, so wie er jetzo ist, wurde er bey aller seiner Liebe dich unglucklich machen, und uberdieses, lieben Kinder, wovon wolltet ihr leben, da ihr beyde kein Vermogen habt? Herr Samuel Haller mag erst auf sein Forkommen denken, sich erst um sein Madchen verdient machen, ihr ein Heyrathsgut erwerben, ehe er ans Hochzeitmachen denkt.
Hier war Charlottens Vormund nach seinem Schreibepulte gegangen. Er zog ein grosses Packet Schriften heraus, und wandte sich mit denselben zu mir. Hier Freund Haller, sagte er, will ich Ihnen etwas geben, dabey sie ihre Geduld, ihre Geschicklichkeit und ihre Liebe zu Charlotten beweisen konnen. Das Madchen ist so arm nicht als sie denken. Sie hatte da einmal einen alten Vetter, der im Testament sein Vermogen zwischen sie und einen Schwestersohn, den er hatte, theilte. Dieser sollte das baare Vermogen, und Charlotte ein hubsches Gut bekommen, das seine reinen 1000 Gulden jahrlich einbringt. Es waren andere Verwandten da, welche ihre Anspruche geltend zu machen wussten, die Sache kam zum Prozess; ihr erster Vormund, Gott hab' ihn selig, verstand das Ding nicht, er gab die Angelegenheiten des armen Madchens in schlechte Hande, und man wusste es so zu machen, dass der ganze Handel unbeendigt liegen blieb. Der Ehrenmann starb, ich ward Lottchens Vormund; ich habe die Sache wieder hervorgesucht, und denke sie niemand besser anvertrauen zu konnen, als dem kunftigen Gatten der Erbinn. Hier, Herr Haller, nehmen sie, studiren sie Tag und Nacht, die Sache ist verwickelt, und ich will sie loben, wenn sie sie in einem Jahre zu Ende bringen.
O Charlotte, was fur ein Auftrag! fur dich arbeiten! dir ein Gluck bereiten, und es denn mit dir theilen! Wir waren entzuckt uber den Vortrag des guten Alten, wir hielten unsere Sache schon fur gewonnen, wir umarmten uns, wir umarmten den Hofrath, und wussten nicht, wo wir unsere Danksagungen fur die Beschleunigung unsers Glucks anfangen sollten.
Kinder, Kinder! rief er, seyd nicht so voreilig mit euren Hoffnungen! jede Zukunft ist ungewiss, und sollte es die Zukunft des morgenden Tages seyn. Auch leiden Charlottens Anspruche noch allerdings einigen Zweifel.
Wir achteten wenig auf diese Warnung. Ich fieng noch an dem namlichen Tage mein Werk an, das ich nicht so leicht fand, als ich gedacht hatte; aber ein Blick von meiner schonen Klientinn und die Hoffnung auf unser kunftiges Gluck, war hinlanglich, mir jede Muhe zu erleichtern!
Um diese Zeit war es, dass eine neue Person in unserm Hause auftrat. Charlottens Vetter und Miterbe, ward durch die Erneuerung des Prozesses herbey gezogen, er meldete sich bey dem Hofrathe und war nicht ungeneigt, mir die Fuhrung des Antheils, den er an der Sache hatte, ebenfalls zu ubertragen. Charlottens Vormund hielt dieses nicht fur gut, ich blieb nur der Anwald meiner Geliebten, und Herr Karl Walter wahlte sich einen andern.
Bey dem Namen Karl Walter, wurden zwischen mir und Peninnen wieder solche Blicke gewechselt wie bey Charlottens erster Erwehnung: Mein Sohn sah unser Augenspiel, seufzte und fuhr fort:
Herr Walter besuchte das Haus des Hofraths oft, er schien Geschmack an meinem und Charlottens Umgang zu finden; man machte ihn mit unserm Verhaltniss bekannt, und er ward der vertrauteste Freund von uns beyden. Seligere Stunden als die, welche ich an seiner und Charlottens Seite zubrachte, weiss ich mich nicht zu erinnern! Ach sie sind auf ewig dahin, und nie werde ich ahnliche Freunden schmecken!
Ich vertiefte mich in meinen Arbeiten, ich hob fast taglich neue Schwierigkeiten und sah fast taglich neue entstehen. Indessen war die Sache auf gutem Wege, und noch zwey oder drey Termine, wenn es mir gelang die weitere Appellation an ein hoheres Gericht zu verhuten, so war Charlotte im Besitz ihres Gutes, und ich konnte hoffen, meiner Familie in kurzer Zeit das schonste und beste aller Madchen als meine Braut vorzustellen.
In einer Nacht, da ich meine schon gethanen Arbeiten wieder ubersah, die Zeit, die ich zu denen brauchen wurde, die ich noch vor mir hatte, berechnete, und um mich gewiss zu uberzeugen, dass ich in keinem Punkt etwas versehen habe, der Charlottens Gluck beschleunigen oder vergrossern konnte, in alten Documenten wuhlte, von welchen mir der Hofrath gesagt hatte, dass sie eigentlich nicht unmittelbar zur Sache gehoren, und nur der Nachfrage wegen da waren, stiess ich auf Dinge, die mir ganz neu waren, die mich in Erstaunen setzten. Ich uberlas sie von neuem, ich musterte die Besitzer des Guts seit ein paar hundert Jahren, ich untersuchte, verglich, berichtigte, warf Zweifel auf, bekampfte sie umsonst, ich mochte mich qualen wie ich wollte, so fand ich nichts, als dass Charlotte keinen rechtmassigen Anspruch auf das Gut haben konne. Der Vetter, der es ihr vermacht hatte, besass es durch Erbschaft von seinem Vater, aber dieser Himmel, ich schaudere, wenn ich bedenke, durch was fur krumme Wege er zum Besitz desselben gekommen war; in dem Innersten von Schwaben lebte eine Familie, welche gegrundete Anspruche auf das hatte, was ich bisher falschlich fur Charlottens Eigenthum hielt. Wie war es moglich, dass ein Besitz, der ehemals unrechtmassig war, durch Verjahrung rechtmassig werden konne! kalter Schweiss trat mir vor die Stirne, ich fieng die Untersuchung zum zweitenmal an, die Morgenrothe fand mich noch bey meiner muhseligen Arbeit. Ich brachte nichts heraus als die schreckliche Wahrheit, die ich lieber fur ein in der tauschenden Nacht ausgebrutetes Hirngespinst gehalten haben mochte.
Mein erster Gang war zum Hofrath. Ich legte ihm meine traurigen Entdeckungen vor, er
Doch lassen sie mich alle diese Dinge lieber nur ganz leicht beruhren, sie sind zu schrecklich fur mich, als dass ich mich lange bey denselben aufhalten sollte.
Der Hofrath dachte anders wie ich, er setzte mir Grunde entgegen, die seine Meynung einigermassen bewiesen, aber mir doch nicht genug thaten: ich arbeitete schlafrig an Charlottens Prozess, arbeitete endlich gar nicht mehr daran, denn immer war mirs, als wenn bose Geister mich davon zuruck schreckten, und die Sache gieng verloren. Charlotte war wieder so arm, wie zuvor, war noch armer, denn ihr Vormund starb eh er auf die kleinste Art fur sie sorgen konnte, und sie war in der traurigen Nothwendigkeit, entweder der Gnade weitlauftiger Anverwandten zu leben, oder mit mir, den sie ungeachtet des Schadens, den ich ihr gethan hatte, immer noch liebte, in Durftigkeit und Elend zu leben, oder die Hand eines Mannes anzunehmen, der sie in aller Absicht verdiente und sie glucklich machen konnte.
Ihr Vetter Karl Walter, hatte zu eben der Zeit seinen Prozess gewonnen, als ich Charlottens ihren verlor. Er besass jetzt ein ansehnliches Vermogen, bekam eine von den ersten geistlichen Stellen in der Stadt, wo seine Cousine lebte, war ein Mann von dem besten edelsten Charakter, von einem Aeusserlichen, Peninna mag Zeuge seyn, wie es sich ein Madchen nur wunschen kann, was fur eine Wahl zwischen ihm und dem armen, unglucklichen, grillenhaften, weder von Person noch Geist liebenswurdigen Samuel Haller!
Walter hatte nie vorher Liebe fur seine Cousine gefuhlt, sein Herz hieng an einer andern; diese hohnte, verschmahte, beleidigte ihn, liess ihn sehen, dass sie nichts fur ihn fuhlte; wars denn wohl zu verwundern, wenn er sie verliess, und seine Neigung auf die reizende fehlerlose Charlotte wandte? Er wusste, dass ich sie nicht glucklich machen konnte. Er wandte sich zuerst an mich, um meine Einwilligung zu der Bewerbung um sie zu holen. Mein Herz blutete, aber Charlottens Gluck gieng vor, sie musste mit einem Manne wie Walter glucklich seyn. Es gelang mir endlich nach langer Muhe, ihre Bedenklichkeiten zu uberwinden; sie riss ihr Herz von mir los, und ward Walters Frau. Ich beredete mich selbst, ich habe am Tage ihrer Hochzeit die hochste Freude gefuhlt, deren ein Sterblicher fahig ist, die Freude seine Freunde durch eigene Aufopferung glucklich gemacht zu haben, aber diese Freude war ein schnell vorubergehender Rausch. Ich fuhle es jetzt, dass ich ganz elend bin, ich mag nicht Waltern, nicht seine Gattinn wiedersehen. Ich verlasse diese Gegend, um zu versuchen, ob ich wo anders Ruhe finden kann.
Charlotte hat das ihr zugedachte Gut verloren, es ist in Hande gefallen, die es noch mit mehrerem Unrecht besitzen, als sie es besessen haben wurde; mein Gewissen lasst es mir nicht zu, es in dem Besitz derjenigen zu lassen, denen ich es gewissermassen in die Hande gespielt habe. Ich habe mit Vorwissen Walters und seiner Gattin die Dokumente zusammen genommen, die mir zu meinem Vorhaben nothig sind, und verlasse mein Vaterland, um diejenigen aufzusuchen, welche gerechten Anspruch auf dasjenige haben, was ihnen ehmals entrissen wurde. Ich werde ihnen ohne die mindeste Rucksicht auf meinen Vortheil dienen, und sehen, ob vielleicht dieses Bestreben, nebst der Veranderung der Gegenstande und des Orts, etwas zur Heilung meines verwundeten Herzens beytragen konne.
Sechs und zwanzigstes Kapitel
Seltsame Aspekten
Samuels Erzahlung lockte unsere Thranen haufig hervor. Ob Peninna allein um ihren Bruder oder auch um ihren Walter weinte, kann ich nicht sagen. Freylich musste sein Andenken durch das, was sie gehort hatte, machtig erneuert worden seyn. Auch Samuel, den ich fast nie weinen sah, vergoss Thranen.
Ich litt fur beyde, und suchte beyde zu trosten; ich, die ich selbst Trosts bedurfte, denn Himmel, wie ward mir zu Muthe, wenn ich, ohne Rucksicht auf alles andere, auch nur daran dachte, dass ich meinen Sohn, nachdem ich ihn kaum einen Augenblick gesehen, schon wieder bald von mir lassen sollte, dass er eine Reise auf gut Gluck that, deren Ende ich nicht absah, und uberhaupt, dass er sich in einer Verfassung befand, in welcher er gar nicht sich selbst hatte uberlassen seyn sollen. Ich hatte von meinem Manne Urlaub auf einige Wochen genommen, ich setzte noch einige zu, und wendete sie an, meines Sohns Gesellschaft zu geniessen, und mich zu der Trennung zu bereiten, die mir noch schmerzhafter dunkte, als die erste, da er sich heimlich aus meinen Armen losriss. Was mochte es doch seyn, das mir den Abschied so erschwerte, war es Ahndung, oder ?
Doch ich will mich nicht in Traumereyen verlieren. Wichtigere Gegenstande fordern meine Aufmerksamkeit. Nichts also von der Art, wie ich mich von meinen Kindern losriss. Ich eile nach Hause zuruck, wo neue Auftritte meiner warteten.
Nichts konnte mich uber das, was ich verlassen musste, beruhigen, als der Gedanke an meine andern Kinder, zu denen ich eilte. Freylich waren mir Samuel und Peninna, als die altesten, schon mehr als mir die ubrigen seyn konnten, der Umgang mit ihnen war in den meisten Fallen, mehr der Umgang einer Freundinn mit ihren Freunden, als einer Mutter mit ihren Kindern; doch auch Johanne wuchs heran, und gab, ungeachtet sie junger war als Peninna, genug Proben, dass sie durch eine ernstere und gesetztere Gemuthsart, mir noch lieber werden wurde, als ihre Schwester. Albert, ihr Zwillingsbruder kam ihr hierinnen nicht bey; ein leichtsinnigeres, flatterhafteres Geschopf als er war, habe ich nicht leicht gesehen; er war in jeder Betrachtung junger als seine Jahre.
So herzlich der Empfang bey meinen Kindern war, so kalt fiel er bey meinem Manne aus. Die Relation, die ich ihm von Samuels Entfernung aus seinem Vaterlande geben konnte, war sehr unvollstandig. Was wurde er zu der getreuen Erzahlung von den Begebenheiten mit Walter und Charlotten gesagt haben? Die Namen Traumer, und Taugenichts, der sein eigen Gluck mit Fussen tritt, welche Samuel so schon oft genug bekam, wurden noch haufiger gebraucht worden seyn, und das Herz seiner armen Mutter vollends ganz zerrissen haben. Halbe Vertraulichkeit findet selten gute Aufnahme; immer vermisset man die andere Halfte, die man uns vorenthalt, und achtet den abgerissenen Theil nicht, da man Anspruch auf das Ganze zu haben glaubt. Herr Haller musste es merken, dass er nicht alles erfuhr; indessen, die Zeit, da wir von Herz zu Herz mit einander sprachen, da alle unsere Geheimnisse gemeinschaftlich waren, diese gluckliche Zeit war langst vorbey, und ich gebe es einem unpartheyischen Richter zu uberlegen, ob ich hierbey zu beschuldigen war. Herr Haller war einmal der Mann nicht, der unumschrankte Mittheilung fordern und ertragen konnte. Auch er hatte seine Geheimnisse, Geheimnisse, vor deren Enthullung mir weit banger war als ehemals, da ich sie ihm mit freundschaftlicher Gewalt entriss, und sie, wie ich hoffen will, nicht missbrauchte.
Seit meines Mannes Wiederkunft aus Berlin, hatte alles bey uns ein anderes Ansehen gewonnen. Bey meiner Ruckkehr von Traussenthal fand ich eine seltsame Unordnung in meinem Hause. In diesem Zimmer Arbeitsleute, welche beschaftigt waren, das alte Tafelwerk heraus zu reissen, in einem andern, meinen Mann nebst den beyden alten Herren von Wilteck bey der schweren Wahl artiger Tapeten, mit welchen man die entblossten Wande bekleiden wollte. Im Hofe standen einige Wagen, mit meinem guten alten Hausgerathe bepackt, welche man in die Stadt zu einer Versteigerung schaffen wollte, als ich etwas entrustet fragte, was dieses bedeuten sollte, so ofnete mein Mann mir einige Zimmer, und hofte mit einem kleinen Lacheln, ich wurde durch den Tausch nichts verloren haben. Ich schuttelte den Kopf, und sah es den niedlich lakkirten Mobeln, die ich hier erblickte, an, dass sie mir die Stelle ihrer Vorganger schlecht ersetzen wurden. Die Kinder trugen mir, als unsere ersten Bewillkommungen vorbey waren, eine Menge kostbare Tandeleyen entgegen, die ihnen der Papa aus Berlin mitgebracht, und die er ihnen mit Vorsatz nicht eher als in meiner Abwesenheit gegeben hatte, an Hannchens Seite glanzte eine goldene Uhr, und mir brachte mein Mann noch am selbigen Abend einen Wust von modischen Dingen zu meinem Gebrauch, deren Namen ich kaum zu nennen wusste. Ich freute mich wenig uber dieses Geschenk, denn zu dem, dass es aus lauter fur mich sehr entbehrlichen Kleinigkeiten bestand, so ward es mir auch nicht mit jener Miene gegeben, die dem Geschenk den eigentlichen Werth giebt. Eine gute Quantitat feiner Flachs, die mir mein Mann in vorigen glucklichen Zeiten schenkte, oder eine wunderschone Traube, die er mir als Seltenheit aus unserm Garten brachte, war mir damals lieber. Die liebevollen Gesinnungen des Gebers strahlten damals aus seinen Augen; ich wusste, dass solche Geschenke meines Mannes Vermogen nicht uberstiegen; hier aber wusste ich das Gegentheil, und der Geber uberreichte mir seine Herrlichkeiten, ohngefehr mit dem Blicke, wie ein Furst seinem Leibrosse eine gestickte Decke auflegen lasst.
Vieles, alles war mir bey diesen Dingen bedenklich, auch dieses, dass die grosse Veranderung, die ich uberall erblickte, recht mit Fleiss auf die Zeit meiner Entfernung verspart worden war. Mein Mann war doch schon eine gute Zeit aus Berlin zuruck, Peninna war seitdem krank und wieder gesund geworden. Was konnte Herrn Haller fur ein Gluck zugestossen seyn? warum ward es alle diese Zeit uber verborgen gehalten worden, und warum wird es nun zum Vorschein gebracht?
Das kleine Julchen trug den Tag nach meiner Ruckkunft ein Goldstuck herbey, und bat mich, es ihr aufzuheben. Woher hast du es bekommen, liebe Kleine? fragte ich sie. Sie antwortete, sie habe neulich im Kabinet des Papas gespielt, und da sey ein fremder Mann gekommen, welcher ihm viel, viel solche Goldstucke gebracht habe, und da sey sie herbey gelaufen, und habe den Papa gebeten, sie in die Hohe zu heben, damit sie die schonen glanzenden Sachen recht sehen konne, er aber habe sie geschlagen, und ihr denn das Goldstuck gegeben, damit sie niemanden etwas von dem lagen moge, was sie gesehen und was der fremde Mann mit dem Papa geredet habe.
Ich hatte den Schlag, den Herr Haller Julchen gegeben hatte, lieber selbst von seiner Hand dulden wollen, wenn ich die ganze Reihe von Fehlern, die er hier in einem Zuge begangen hatte, damit hatte zuruckkaufen konnen. Ich zwang mich, und suchte einiges davon wieder gut zu machen, indem ich das kleine Madchen fragte, ob sie glaube, sich hierbey so aufgefuhrt zu haben, wie sie solle? Sie sah mich mit ihren grossen schwarzen Augen an und schwieg. Merkst du es denn nicht, mein Kind, sagte ich, dass dich dein Vater auf die Probe stellen wollte, ob du geizig und plauderhaft warest? Du hattest das Gold, das er dir gab, als wollte er deine Verschwiegenheit abkaufen, nicht nehmen und doch schweigen sollen, so aber hast du es genommen, und doch nicht geschwiegen, Was wird nun dein guter Vater von dir denken? Er wird zu sich selbst sprechen, wenn mein Julchen einmal gross wird, so wird sie sich von jedermann Goldstucke schenken lassen, weil sie so schon glanzen, und wenn sie etwas sieht, das sie nicht ausplaudern soll, so wird sie doch nicht schweigen, wenn man sie gleich darum gebeten, wenn man sie gleich dafur bezahlt O stille, stille Mama! rief das kleine Madchen, die ich weiss nicht was schimpfliches in dem Worte Bezahlen finden mochte, das ich freylich mit sehr verachtlicher Miene ausgesprochen hatte. Nein, fuhr sie weinend fort, ich will nicht bezahlt seyn, will keine Goldstucke haben, will nicht mehr ausplaudern auch nicht mehr neugierig seyn? fragte ich. Nun so gehe hin, ich will deinem Papa das Goldstuck wieder geben, und ihn bitten, dass er nicht schlecht von seinem Julchen denkt, weil sie so ubel in seiner Probe bestanden ist.
Dass ich Herrn Haller nichts von dieser kleinen Begebenheit sagte, versteht sich. Die Geschichte des armen Samuels lehrte mich, wie behutsam ich seyn musste, damit ihm seine andern Kinder nicht auch nach und nach zuwider wurden, wie dieser es ihm geworden war. Das arme kleine Madchen wurde bald bey ihm den Namen einer Verratherinn erhalten haben, und ich wurde in seinen Augen die verachtliche Rolle einer Mutter gespielt haben, die die Kinder zu Ausspahern der Handlungen ihres Vaters macht.
Die Geschichte mit den Goldstucken, welche der fremde Mann brachte, gieng mir doch bey alle dem sehr im Kopfe herum; gern hatte ich gewusst, was der Inhalt seines Gesprachs mit Herrn Haller gewesen sey; aber ich hutete mich wohl, das Kind darum zu fragen; was hatte mir es auch endlich genutzt, ein Geheimniss zu wissen, das ich zum Theil errieth, und das mich auf keine Weise erfreuen konnte.
Sieben und zwanzigstes Kapitel
Die Matrone macht einen Fehler wider die
Staatsklugheit
Die Goldstucke hatten einen gewaltigen Einfluss auf unsere Verfassung. Und binnen der Zeit von einem Jahre war unser Haus nicht mehr zu kennen. Ungeachtet der Vergoldungen, wenn ich es so nennen darf, die mein Mann uberall in unserm Aeusserlichen anzubringen suchte, war ich doch gar nicht gesonnen, etwas in dem Innern meines Hauswesens zu andern. Mein Mann schien nicht mir mir uberein zu denken.
Aber mein Kind, sagte er zu mir, soll denn das ewig in diesem Ton bey uns fortgehen? Ewig die einfach besetzte Tafel, immer die namlichen Gesichter bey Tische, immer meine Madchen beym Nahrahmen und beym Spinnrocken, immer sie und dich in der simpeln Hauskleidung? Es fehlt euch ja, denke ich, an nichts! ich wehre dir ja nicht deine Ausgaben zu erweitern, mehrere Bedienten anzunehmen
Lieber Albert, sagte ich, wo denkst du hin? Dann wurden unsere Ausgaben bald die Einnahme ubersteigen, und du weisst wohl, ein Amtmann, der zu grossen Aufwand macht
Sorge doch dafur nicht, sagte er, du siehst doch wohl, dass sich unsere Umstande verbessert haben? Ich wurde es freylich aus verschiedenen Dingen haben muthmassen konnen, erwiederte ich, aber muthmassen und wissen ist zweyerley; ich gehe in meinen Einrichtungen nicht gern aufs Ungewisse. Auch wusste ich nicht zu errathen, woher uns ein unvermuthetes Gluck kommen sollte.
Giebt es denn keine Lotterien in der Welt? Hast du das englische Loos der Tante vergessen?
Ha, das Verkaufte, meynst du? sprach ich. Verkauft oder nicht verkauft! fuhr er unwillig heraus. Als wenn es nicht andere Lotterien gabe; als wenn nicht das Gluck endlich auch aufhoren konne, mir den Rukken zu wenden.
Vielleicht im Spiele? fragte ich wider meine Art etwas hohnisch.
Ich weiss nicht, ob man mir bey meinem vieljahrigen Ehestande, einen einigen Mangel an gehoriger Klugheit und Behutsamkeit in meinem Betragen, wird haben vorwerfen konnen, aber dieses weiss ich, dass ich jetzt einen Fehler begieng, der meiner Peninna kaum wurde zu verzeihen gewesen seyn. Wie konnte ich hoffen bey einem Manne wie Herr Haller mit der Miene des Hohns fortzukommen? was konnte ich davon erwarten, wenn ich mich stellte, eine Sache zu wissen, die man mir verbergen wollte, und dabey man sich, so lange man glaubte, ich sey unwissend, noch einer gewissen Behutsamkeit im Aeusserlichen bediente?
Alle Schranken der Bescheidenheit waren nun durchbrochen. Die uble Begegnung, welche ich gegenwartig erfuhr, war noch das kleinste von den Uebeln, die ich mir durch meine unbedachtsamen Worte zugezogen hatte. Andere fur mich noch empfindlichere Leiden folgten nach. Mein Mann schonte nun nichts mehr. Das Hausregiment ward meinen Handen fast ganzlich entzogen. Unter dem Vorwande, ich wusste meine Kinder nicht nach dem Tone zu erziehen, der ihren gegenwartigen Aussichten zukame, gab man meinem Albert einen Hofmeister, den ich nicht einmal aussuchen, oder wenigstens seine Wahl mit meinem Beyfall bestattigen durfte. Albert ward nach Berlin, jener Stadt, die mir aus Samuels Beschreibungen so verhasst war, geschickt, und sein Fuhrer sollte ihm erst dort zugegeben werden. Der Oberste von Wilteck, ein Mann, den ich nie leiden konnte, nahm Alberten mit nach dem Orte seiner Bestimmung, und ich bekam kaum die Erlaubniss, ihm einige mutterliche Lehren mit auf den Weg zu geben.
Meine Tochter bekamen eine Gouvernante, eben die Demoiselle de Robignac, die die beyden nun verheyratheten Frauleins von Wilteck so herrlich erzogen hatte, und die, da sie das hochadeliche Haus schon seit einem Jahre hatte verlassen mussen, eine Stelle brauchte. Das was ich bisher nur gemuthmasst hatte, ward jetzt Gewissheit. Mein Mann und die beyden alten Herren von Wilteck, hielten eine gemeinschaftliche Bank zu Berlin, welche ihnen jetzt, da das Gluck ihnen gunstig war, ein ansehnliches einbrachte. Die Anwesenheit dieser drey wurdigen Gefahrten wurde wechselsweise bey dem Quell ihrer Reichthumer erfordert. Mein Mann hatte den Anfang gemacht, jetzt war der Oberste dort zugegen, nach ihm sollte die Reihe vermuthlich den alten Herrn, den Gemahl der Frau von Wilteck treffen, und so war es beschlossen, dass es in einer Reihe fortgehen sollte, bis man genug erarbeitet habe, sich zur Ruhe zu setzen. Fr. v. Wilteck seufzte hieruber sowohl als ich, aber wir wurden nicht gehort.
Das lobliche Handwerk ward nun im kleinen, bald in ihrem bald in meinem Hause getrieben, und wir hatten keinen andern Trost als unsere gegenseitigen Klagen. Ich erinnerte denn wohl zuweilen meinen Mann an sein ehemals gethanes Gelubde, nicht mehr zu spielen; aber er behauptete, nichts gelobt zu haben, als nicht unglucklich zu spielen: da er nun in seinem gegenwartigen Verfahren die Quelle seines Glucks fand, so hielt er sich nicht fur meineidig. Ach mir gefiel das anfangliche Schach und Piquetspielen bey Wiltecks gleich nicht, es war doch gespielt, und man breche nur ein Gelubde erst auf die kleinste Art!
Acht und zwanzigstes Kapitel
Die Hausfranzosinn
So lastig mir auch Demoisell de Robignac war, so hielt ich es doch der Klugheit gemass, mich mit ihr zu vertragen, und nur in der Stille, ihre Gewalt so viel als moglich zu beschranken. Auch sie sahe es ein, dass es ihr Vortheil seyn wurde die Frau vom Hause zur Freundinn zu haben. Die Art, mit welcher sie sich bey mir einzuschmeicheln suchte, war mir so verhasst, als ihre ganze Person. Sie bemuhte sich unablassig, mich mit ihrem Geschwatz zu unterhalten, und diese Unterhaltung war meistens so beschaffen, dass sie mich unruhig und missgunstig machte. Bald trug sie die Geheimnisse des Wilteckischen Hauses hervor, und liess mich durch ihre Lasterungen muthmassen, wie es dem Hallerischen Hause gehen wurde, wenn sie es einst verlassen sollte. Bald berechnete sie mir, wie viel den letzten Abend in der ehrsamen Spielgesellschaft gewonnen und verloren worden war, und bald trat sie meiner Ruhe noch naher und erzahlte mir was sie fur Bemerkungen uber meines Mannes Freundlichkeit gegen Rosen, ein Madchen, das in meinem Hause diente, gemacht habe. Es war lacherlich! Herr Haller, ein Mann schon ziemlich hoch in die Jahre, und Rose, ein flinkes braunes Madchen von acht und zwanzig Jahren! das hatte noch gefehlt, dass ich in meinem herannahenden Alter, wie eine zweite Sara, auf eine Hagar hatte eifersuchtig werden sollen. Zwar in so weit hatte die Robignac recht, Rose war vordem nicht die tugendhafteste gewesen, und ich hatte meine Barmherzigkeit gegen eine gefallene Sunderinn vielleicht zu weit getrieben, dass ich sie in mein Haus nahm, aber Rose hatte sich bisher so gut aufgefuhrt, und Herr Haller nein ich hatte die ausserste Verachtung verdient, wenn ich mich an meinem Manne so hatte vergehen, und der Eingebung der hamischen Franzosinn trauen wollen. Indessen ermangelten doch Gesprache von dieser Art nie mich unlustig zu machen, und ich suchte die Kinder bestandig an meiner Seite zu haben, um vor dem Gift dieser Schlange, das sie klug genug war mir nur insgeheim beyzubringen, sicher zu seyn.
Es hatte auch noch einen andern Vortheil, wenn ich meine Tochter wenig von mir liess; ich war denn desto besser im Stande, das was die Robignac verderbte, gleich wieder gut zu machen. Die Erlernung der franzosischen Sprache ausgenommen, hatten meine Madchen wenig Vortheil von dieser Last meines Hauses, dieser Franzosinn. Ihnen einen guten Ton im Umgange anzugewohnen hatte sie schlechte Gaben. Anstatt des ernsten gesetzten Wesens, das ich gern an meinen Kindern sahe, gewohnte sie ihnen ein gewisses albernes Geziere an, das mir unausstehlich war, und das sie un joli air enfantin zu nennen pflegte. Nichts wurde ordentlich und ohne lappische Ausschweifungen und Anspielungen erzehlt, alle Worte, vornamlich die deutschen, wenn man einmal ein deutsches Wort horte, wurden verkehrt ausgesprochen, und selbst in der Sprache, die sie lehren sollte, beschaftigte sie sich so sehr, den Madchen zu sagen, wie man nicht sprechen musse, dass sie am Ende mehr von der Sprache des Pobels, als den edlern Ausdrucken der grossen Welt wussten. Ganze Gesprache wurden auf diese Art gehalten, wie sie sagte zum Scherz, aber leider kam dieser elende Scherz so oft an die Reihe, dass an den Ernst wenig gedacht wurde. Ein Gluck war es, dass das Air enfantin der alten Robignac so abscheulich liess, dass ich meine Kinder nur aufmerksam zu machen brauchte, um sie von der Nachahmung abzuschrecken. In die Ausbildung ihrer Grundsatze, wie sie es nannte, mischte sie sich zum Gluck nicht, sie pflegte als ein Kompliment gegen mich zu sagen, dieselbe war in so guten Handen, dass selbst die Hofmeisterinn von Mesdames de France nichts darinnen wurde verbessern konnen.
Hannchen hatte es sich von Anfang zum Schimpf gerechnet, dass sie, ein sechzehnjahriges Madchen noch unter einer andern Aufsicht als der Aufsicht ihrer Mutter stehen sollte, und hatte daher nie viel auf die Lehren der Robignac gegeben; jetzt, da nun schon fast ein Jahr verflossen war, seit die Gouvernante im Hause war, entzog sie sich ihrem Unterricht noch mehr, und wurde, wie man denken kann, von mir nicht deswegen getadelt. Die Robignac hatte dieses leicht andern konnen, wenn sie Herrn Haller von Hannchens Widerspenstigkeit unterrichtet hatte, aber sie war hiezu zu klug, und suchte die Neigung des storrigen Madchens auf eine geschicktere Art, als durch Zwang zu erwerben.
Es gelang ihr nur gar zu gut, und ich mochte fast aus dem Erfolg glauben, ich sey es zu spat inne geworden, um allen den Schaden zu verhuten, den das gefahrliche Mittel sich einzuschmeicheln, dessen sie sich bediente, anrichten konnte. Hannchen las gern. Unsere Hausbibiothek war klein, und bestand meistens aus ernsthaften Buchern. Mademoisell de Robignac besass einen merkwurdigen Vorrath von franzosischen Romanen, von welchen Fraulein Gabriele noch den Anfang und das Ende hinweggelesen hatte, und welche kaum Buchern mehr ahnlich sahen. Hannchen hatte ein ziemlich zartes Gefuhl fur Wohlstand, und ein grosser Theil derselben ward also gleich nach Verlesung der ersten Seiten verachtlich hinweggeworfen, indessen blieb doch immer genug solcher Wust ubrig, der dem Madchen das Gehirn verrucken, und ihr Ideen von Liebe und Gluck in den Kopf setzen konnten, welche nicht viel taugten.
Hannchen war zu ehrlich, etwas heimlich oder wider meinen Willen zu thun; sie las, aber es war blosser Zufall, dass ich nichts davon erfuhr. Sie selbst war Ursach, dass ich es endlich gewahr ward. Sie kam eines Tages in der Freude ihres Herzens, uber eine Stelle, die ihr besonders gefiel, mir sie vorzulesen. Ich fragte weiter nach. Sie zeigte mir eine ganze Reihe solcher Schartecken, die sie schon gelesen hatte, und eine noch viel grossere, durch welche sie sich noch durchzuarbeiten gedachte. Ich sprach mit ihr von der Sache, wie es sich geziemt, und da ich nicht gewiss wusste, ob ich ihren Versprechen und den Gelubden der Robignac trauen sollte, dass inskunftige nichts von dieser Art mehr vorfallen sollte, so glaubte ich dem Unheil nicht besser abhelfen zu konnen, als wenn ich den Schluss fasste, den man bald horen soll.
Neun und zwanzigstes Kapitel
Die Frau Amtmannin kommt aus dem Regen in die
Traufe
Die gemeinschaftliche Goldmine gab so gute Ausbeute, dass zu meinem grossten Verdruss, der Ueberfluss in unserm Hause taglich wuchs. Es hatte nur an mir gelegen diesen Ueberfluss noch zu vermehren, denn doch das gehort nicht hieher; das Gluck, das mir insonderheit zugestossen war, soll schon ein andermal, und zu rechter Zeit erwehnt werden. Genug ich war so weit entfernt, etwas zur Vergrosserung unsers Glanzes beyzutragen, dass ich vielmehr von demselben abkurzte und hinweg nahm, was mir moglich war, und dafur den Namen einer Geizigen erhielt, welches mir fast lacherlich dunkte. Ich leitete den ergiebigen Strom ja nicht zu seiner Quelle zuruck, ich machte nur kleine Kanale, und liess sie auswarts fliessen, dass auch der Durstige, der nicht zu uns gehorte, sich laben konnte.
In dem Wilteckischen Hause gieng es auf eben die Art her, doch ward daselbst fast noch ein vernunftigerer Gebrauch von dem ubelerworbenen Gut gemacht: alle Schulden bezahlt, verpfandete Guter eingelosst, so dass es sich anliess, als konnte die hochadeliche Familie wohl ihr Haupt noch einmal erheben, um mit dem vorigen Lichte in der Residenz zu glanzen.
Frau von Wilteck, vielleicht aus Oekonomie, vielleicht aus Ueberdruss an den Auftritten in ihrem Hause, entschloss sich, Hohenweiler zu verlassen und auf ein eben erst freygemachtes Gut zu gehen, dass sie nahe bey der Residenz besass. So schwer mir es auch ward, mich von dieser lieben Freundinn zu trennen, so machte doch ein Antrag, den sie mir that, und der mir aus gewissen Ursachen sehr willkommen war, diese Trennung leicht und angenehm.
Sollte man wohl diesen Antrag errathen? sollte man wohl glauben, dass es mir erwunscht seyn konnte, dass sie mich um Hannchens Gesellschaft bat? Ich bin nun ganz allein, sagte sie, meine Tochter sind verheyrathet, Sie haben noch vier liebenswurdige Madchen, die Ihnen ihre Einsamkeit versussen konnen; wie wenn wir theilten? wenn sie mir Johannen und Jukunden indessen zu meinen Tochtern gaben? Sie werden mir das Leben auf dem Lande ertraglich machen, und ich werde ihnen eine Mutter seyn, die wenigstens den zweyten Rang nach Madam Haller wird behaupten konnen.
Eine Bitte von dieser Art, wurde unter andern Umstanden, geradezu mit Nein beantwortet worden seyn. Ich konnte keins von meinen Kindern missen, und Hannchen vollends, die mir so lieb war! Doch war eben sie jetzt die einige Ursach, warum ich die Sache eingieng. Die Gesellschaft der Robignac fieng an, mir immer gefahrlicher fur sie zu scheinen; die Spielgesellschaften in unserm und dem Wilteckischen Hause waren auch nicht allemal nach meinem Geschmack; und doch mussten wir auf Befehl meines Mannes immer gegenwartig seyn; die jungen Offiziers aus den benachbarten Orten fanden sich fleissiger dabey ein als sonst, und man hatte blind seyn mussen, wenn man nicht hatte merken wollen, dass sie weniger um der Karten willen kamen, als um zuweilen den Anblick der schonen Haller, wie sie Hannchen nannten, zu geniessen.
Ich nahm also die Einladung der Frau von Wilteck fur Hannchen an, nur fur sie, denn Jukunde war mir noch zu jung, als dass ich sie aus meinen Augen hatte lassen sollen. Die Frau von Wilteck wandte sich an meinen Mann, und bat ihn, mich zur Einwilligung zu vermogen, er war viel zu galant einer Dame etwas abzuschlagen, und meine schlaue Weigerung machte, dass die Sache von seiner Seite noch weniger Widerrede fand. Ob ich Rosen meiner Tochter als Madchen mitgeben sollte, darum ward er nicht gefragt, war auch nicht nothig. Hannchen brauchte eine Bedienung, sie hatte Rosen immer wohl leiden konnen, und ich hingegen hatte meine Ursachen, letztere gern entfernt zu sehen.
Wie mein Abschied von Samuel und Peninnen, so war auch die Trennung von Hannchen; zartlich, traurig und ahndungsvoll. Ach ihr betrubten Ahndungen, dass ihr doch so sehr durch die Zukunft gerechtfertigt wurdet! Ich empfahl der Frau von Wilteck meine Tochter so oft und mit so vielem Eifer, dass sie im Scherz sagte, ich sollte mir sie lieber assecuriren lassen. Der alberne Oberste, der gegenwartig war, fand den Einfall von der assecurirten Tochter lacherlich, und so ward mir die ganze Abschiedsscene verdorben. Ich habe es nie gern gesehen, wenn man bey ernsthaften Dingen auch nur eine Miene zum Lachen verzog. Es ist kein Aberglaube, aber die Thranen kommen in solchem Fall meistens hintennach.
Dreyssigstes Kapitel
Die alte Frau ereifert sich sehr uber einen Brief
So oft als ich es in den zwey Jahren, dass die Robignac in meinem Hause war, hatte wagen konnen, meine vier jungsten Tochter mit ihrer Lehrerinn allein zu lassen, so oft hatte ich meine alteste, und meinen guten Vater besucht. Zuweilen nahm ich auch wohl eine oder etliche von den Madchens mit mir, aber Herr Haller sah dieses niemals gern; er meynte, sie wurden in der Gesellschaft ihres grillenfangerischen Grossvaters, und der einfaltigen Peninna wenig gutes lernen, und so unterblieb es. Im Grunde sah ich es lieber, wenn er Peninnen schimpfte und verachtete, als wenn er, wie zuweilen geschah, davon sprach, sie von ihrem Grossvater hinweg zu nehmen, und sie unter die Zucht der Robignac zu geben, welche ihr, wie er sagte, sehr nothig war. Um selbige Zeit hatte ich mein Hausregiment, das mir vor einiger Zeit so geschmalert wurde, unvermerkt wieder ziemlich an mich gebracht, so, dass ich schon ein Wort reden und mich Herrn Hallers Meynung wegen Zuruckberufung Peninnens ein wenig widersetzen konnte, nur so weit reichte meine Gewalt noch nicht, die Robignac aus dem Hause zu schaffen; hierzu musste ich glucklichere Zeiten erwarten.
Ich hatte bey meinen Besuchen zu Traussenthal, immer alles in ganz gutem Zustande gefunden. Mein Vater befand sich wohl bey der zartlichen Pflege seiner Enkelinn, und Peninna war, wenn auch nicht allemal heiter, doch meistens ruhig. Nur eins wollte mir nicht gefallen; es hatte sich zwischen meinen Lieben zu Traussenthal, und zwischen Herrn Walter und seiner Frau ein Umgang entsponnen, der meines Erachtens kein Gut thun konnte. Madam Charlotte Walter fand das Vergnugen, dass sie an der Seite Peninnens genoss, so unschuldig, dass auch der Neid nichts daran zu tadeln haben konne; ich aber dachte, dass Peninna nicht so sehr geliebt werden wurde, wenn sie nicht Samuels Schwester war. Das Reden von diesem Samuel nahm bey ihren Zusammenkunften kein Ende; Peninna hatte zur Dankbarkeit auch das Vergnugen, etwas von Herrn Walter zu horen, und konnte deswegen Charlotten, an der sie, wie man weiss, im Anfang wenig Gefallen fand, jetzt sehr wohl leiden. Kinder! Kinder! sagte ich zuweilen: Hin ist hin, und fur euch beyde ist kein Walter und kein Samuel mehr in der Welt, was soll also das Reden? dass sie das besser wussten, lasst sich denken, man kennt ja die jungen Leute. Herr Walter war in diesem Stucke kluger, er kam selten nach Traussenthal, es war auch recht gut, denn man merkte es allemal Peninnen an, wenn er da gewesen war; ich fand sie denn immer stiller und trauriger als gewohnlich. Dass das Madchen ihn doch so gar nicht vergessen konnte! Woher mochte doch diese seltsame Bestandigkeit in einem so leichtsinnigen Herzen kommen, wie Peninnens Herz war?
Die Unterhaltungen der beyden Freundinnen von Samuel konnten nicht anders als sehr trocken seyn, weil sie blos von alten Vorgangen handeln mussten, denn in diesen zwey Jahren hatten wir nicht ofter als zweymal, und nur sehr kurze unbedeutende Nachricht von ihm gehabt; eine Sache, die mir viel Kummer machte. Mit Freuden hatte ich alle Briefe, die mir in diesen zwey Jahren Monsieur Albert aus Berlin geschrieben hatte, fur eine einige Zeile von meinem armen Samuel hingegeben.
Mein armer Samuel, sage ich? hatte ich nicht vielmehr Alberten bedauren sollen? O in wie schlechten Handen befand sich der Arme! Der Oberste, Herr von Wilteck, und mein Mann, brachten mir jedesmal, wenn sie von ihren Excursionen nach Berlin zuruck kamen, die Nachricht mit: man konne keinen artigern, hofnungsvollern Jungling sehen, als meinen Albert, aber ich habe nichts mehr nothig, als einen einigen Brief von ihm herzusetzen, um das Gegentheil zu erweisen; versteht sich, keinen von den ersten, denn in diesen herrschte noch der Ton der Treuherzigkeit und Unschuld, den ich liebe, sondern einen, der in die Zeit fiel, von welcher ich jetzt schreibe, und der um so viel mehr einen Platz in dieser Gegend verdient, weil es nothig ist, dass man etwas von der Lage wisse, in welcher Albert sich gegenwartig befand.
"Liebe Mutter!
Weiss der Henker, wo ich immer den Muth hernehme, mich wieder an Sie zu wenden, und wenn Sie mich gleich noch zehnmal unfreundlicher abgewiesen hatten als das letztemal. Ich soll aufhoren zu seyn was ich bin, soll wieder werden was ich ehemals war, oder mich nicht unterstehen Ihnen zu schreiben? Liebe Mutter, wie soll ich mir das auslegen? Sie allein tadeln mich, und hundert Lober habe ich auf meiner Seite. Wem soll ich beypflichten? Der Herr Oberste, Herr von Wilteck, mein Hofmeister, selbst mein Vater ist mit mir zufrieden. Meine Studien, die Ihnen so schlecht, so superficiell vorkommen, sind nach jener ihrem Urtheil hinlanglich fur einen jungen Menschen von Vermogen, und Manner mussen das doch besser verstehen, als eine Dame. Meine Vergnugungen, die Sie zeitverderbend, wohl gar sundlich nennen, findet man hier sehr massig und eingeschrankt. Sie sollten sehen, wie andere von meinem Alter leben. Meine Auffuhrung ist nach dem allgemeinen Urtheile, ordentlich und angenehm, und selbst das, was sie Fluche und ungezogene Reden nennen, gefallt entweder, oder wird als alltaglich kaum bemerkt; was ists denn nun, wenn ich einmal sage oder schreibe doch nein, ich habe meinen Brief noch mit keiner unheiligen Redensart entweiht, und ich wills auch noch nicht thun, damit Sie sehen, wie sehr ich Sie liebe. Ja fuhrwahr, Sie haben Recht; wenn ich bey Ihnen war, so wurde es anders seyn, Sie wurden aus mir machen konnen, was Sie wollten. Wenn ich nun so, was ich geschrieben habe, wieder uberlese, so dunkt michs, ich wurde nicht das Herz haben, so mit Ihnen zu reden wie ich schreibe, wie ich schreiben muss, wenn mein Brief den Augen gefallen soll, vor die er kommt. Herr Reiner, mein Hofmeister, nennt den Ton, wie ich ihn anfangs in meinen Briefen brauchte, Knabenton, und fragt mich, wenn ich ein klein wenig bedenklich uber einen Ausdruck bin, ob ich mich vor der Ruthe der Mama furchte? Der verwunschte lange durre Kerl mit seiner dunnen Nase und der alten Haarhaube, die ihm dicht auf der Nasenwurzel sitzt, eben kommt er herein, und ich muss meinen Brief verstecken, weil ich Ihnen etwas zu sagen habe, das er nicht sehen darf.
Ich bin in erschrecklichem Geldmangel. Sollten Sie mich weniger lieben, als andere Mutter ihre Sohne? Hier nimmt ein jeder von meinen Freunden seine Zuflucht in solchen Fallen zur Mutter, und wie ich taglich sehe, nicht vergebens. Es giebt hier der Ausgaben so viel; Herr Reiner, der Oberste, und die andern, haben mich meistens selbst auf den Weg gebracht, wo ich so viel verthun muss, und nun lassen Sie mich in der Noth stecken; ist das nicht unvernunftig? Zwar neulich habe ich im Faro, das ich recht gut spiele, funf Louisdors gewonnen, aber die sind auch wieder zum Teufel hatt' ich bald gesagt, verzeihen Sie ja beste Mutter; Helfen Sie meinem Mangel ab, wenns auch nur mit einer Wenigkeit, nur mit zehn Louisdors ist, und ich werde zeitlebens seyn, Ihr gehorsamer Sohn, Albert.
N. S.
Einer von meinen Freunden rieth mir, ich sollte drohen, wenn ich keine Geldhilfe bekame, so wollte ich unter die Soldaten gehen, aber dieses dunkt mich doch zu kuhn, gegen so eine Mutter, wie Sie. Wahr ist freylich, ich bin fur meine siebzehn Jahre lang und gut gewachsen, und der Himmel weiss, was ich im Nothfall thun werde."
Der Bube! wie wurde ich diesen abscheulichen Brief doch beantwortet haben, wenn nicht eben zu der Zeit Dinge vorgefallen waren, die meine Aufmerksamkeit auf wichtigere Gegenstande zogen, als auf einen ungerathenen Sohn? Ich gab den Brief Herrn Haller. Albert war ja sein Schooskind; ich durfte nicht besorgen ihn zu sehr wider ihn aufzubringen. Hatte er ihn doch selbst auf den schonen Weg gebracht, auf welchem er sich unglucklich machte. Mochte er doch mit ihm zurnen, ihn bestrafen, ihn seinem Schicksal uberlassen, er konnte hier schwerlich mehr thun, als seine Frechheit verdiente.
Ein und dreyssigstes Kapitel
Traurige Scenen
Ein Brief von meiner Peninna riss meine Gedanken plotzlich von dem Gegenstande meines Unwillens los, und erfullte mein Herz mit einer Empfindung, die dasselbe auf einer noch empfindlichern Seite angriff. Himmel, ich sollte ein Gut verlieren, das mir, nebst meinen Kindern das Liebste auf der Welt war, dass ich nach der gemeinen Rechnung zwar lang besessen hatte, aber ach, das mir dennoch viel zu fruh fur mein Gluck entrissen wurde. "Eilen Sie mir zu Hilfe, mir zum Troste herbey," schrieb meine Tochter mit zitternder Hand; "Ihr Vater und der meinige! ach Gott, wir werden ihn verlieren! Diesen Morgen fand ich ihn in einer Art von Ohnmacht, in der grossen Laube im Garten. Charlotte, welche diese Nacht bey mir geschlafen hatte, und ich, brachten ihn nach vielen vergeblichen Bemuhungen, wieder zu einiger Empfindung, aber Sprache und Bewusstseyn sind dahin. Der Arzt, der eben ankommt, spricht, er sey vom Schlage getroffen, und es sey keine Hoffnung ach ich kann die schrecklichen Worte nicht ausschreiben. Nach Herr Waltern hat Charlotte schon geschickt; ich wende mich zu Ihnen, ach, es ist, als musste ich uberall Hilfe suchen, alles zu Rettung meines theuren Vaters aufrufen. Eilen Sie, eilen Sie zu Ihrer trostlosen
Peninna."
Meine Empfindungen waren den Empfindungen meiner Tochter gleich, nur dass sie sich auf eine weniger sturmische Art ausserten. Ich machte eilige Anstalt zu meiner Abreise, und horte wenig auf das Zureden meines Mannes, und der spruchreichen Robignac. Dass mein Vater sehr alt war, dass ich ein grosseres Gluck genossen hatte, als andere Kinder, welche ihre Aeltern oft in den fruhesten Jahren verlieren, dass wir endlich alle sterben mussen, und was der trostvollen Gemeinspruche mehr waren, das wusste ich lange. Ich warf mich in meinen Wagen, und war froh, ruhig weinen zu konnen, ohne dass sich jemand die Muhe gab, mich mit solchem Troste zu qualen.
Ich reisste ab, ich kam an, meine Pferde waren geflogen, ich hatte kaum zwey Drittheil der gewohnlichen Zeit auf dem Wege zugebracht, und doch kam ich zu spat. Mein Vater, ach Gott, mein ewig theurer Vater, war eben verschieden. Was fur eine Empfindung, den kalt und entseelt vor mir liegen zu sehen, an dem mein ganzes Herz hieng! Dieses ehrwurdige Gesicht, diese wie zum sanften Schlaf geschlossenen Augen, dieser wie zum leisen Sprechen ein wenig geofnete Mund! Nein, schrie ich, indem ich auf ihn zusturzte, nein, er ist nicht tod! Hat man ihm eine Ader geschlagen? hat man ich konnte nichts mehr sprechen; ich sank in einen Zustand, in welchem ich selbst Aderlass und Hilfe der Aerzte nothig hatte.
Wie ich wieder zu mir selbst gebracht wurde, wie meine Empfindungen anfiengen ruhiger zu werden, wie ich nach und nach die Rolle einer vernunftigen Matrone, die der Jugend ein gutes Beyspiel geben muss, wieder annahm, das will ich nicht umstandlich beschreiben, so wenig als ich mich dabey aufhalten kann, was wir vier, dem Anschein nach fast auf gleiche Art Gekrankte, alles thaten uns gegenseitig zu trosten. Herr Walter und seine Frau zeigten sich bey dieser Gelegenheit auf einer Seite, die mein ganzes Herz fur sie einnahm. Ich handelte wie eine Frau von meinen Jahren in einer solchen Lage handeln muss, und Peninna war untrostlich.
Es vergiengen Wochen, und ihr Schmerz blieb immer sich selbst gleich, ihr entfielen in der tiefen Betrubniss, in welcher sie war, Worte, die mir rathselhaft schienen, und die mich Dinge ahnden liessen, welche man mir verschwieg. Charlotte war bettlagrig, und ich konnte nicht begreifen, wie sie an dem Tode eines Mannes, den sie erst seit kurzer Zeit kennen gelernt hatte, so gewaltsam erschuttert werden konnte. Der jahe Tod dieses ewig theuren Vaters war mir von Anfang bedenklich vorgekommen, ich hatte Muthmassungen, dass hier geheime Ursachen zum Grunde lagen die ich nicht errathen konnte, und die man sich mir zu entdecken furchtete, ich musste Licht haben, und ich nahm mir vor, Waltern einmal ernstlich zu befragen.
Unsere Unterredung war lang, und die Antworten des jungen Mannes fielen sehr geschraubt aus. Haben Sie vergessen, rief ich endlich, dass Sie mit einer Frau sprechen, welche gelernt hat Ungluck zu ertragen? Lassen Sie mich alles wissen! Ungewissheit ist weit qualender fur mich, und mein Schicksal kann dadurch nicht harter werden, dass ich von allem benachrichtigt werde. Mein Vater ist todt, meine Peninna schmachtet ihr Leben im langsamen Gram dahin, lassen Sie die Ursachen hiervon seyn welche sie wollen, unmoglich konnen sie so beschaffen seyn, dass mein Leiden dadurch erschwert wird. Glauben Sie das, vortrefliche Frau? sagte Walter Wie wenn Sie zu dem, was Sie bereits verloren haben, noch mehr, ich will zum Beyspiel sagen, eins ihrer Kinder verlieren sollten? Sie meynen Peninnen? erwiederte ich. Wenn sie fortfahrt ihrem Gram nachzuhangen, so weiss ich, dass ich sie verlieren werde, und eben darum will ich die Ursachen ihres granzenlosen Kummers, die Mittel wissen ihn zu heilen. Ich rede nicht von Peninnen, erwiederte er, aber wie wenn Sie erfuhren, dass irgend eine traurige Nachricht das Leben Ihres Vaters abgekurzt, dass vielleicht ihr Sohn Dass Albert, unterbrach ich ihn, vielleicht seine lacherliche Drohung, Kriegsdienste zu nehmen erfullt habe, und nun fur seine Thorheit leiden musse? Haben Sie nur einen Sohn? fragte Walter. Wie wenn nun Ihr Samuel
Der Name Samuel, erschutterte mein Innerstes, es war nicht mehr Zeit mich zu schonen, ich musste alles wissen; Herr Walter brauchte alle Klugheit, den Streich zu mildern, den er meiner Ruhe versetzen musste, aber war wohl Milderung bey einer solchen Nachricht moglich?
Es war nur allzugewiss, dass plotzlicher Schrecken, das schwache Alter meines Vaters ubermocht, und ihn vor der Zeit ins Grab gestreckt hatte. Man fand in der Laube, wo ihn Charlotte und Peninna ohne Empfindung angetroffen hatten, ein Zeitungsblatt, welches aufgehoben, und weil man nicht muthmassen konnte, dass es eine Beziehung auf den schrecklichen Zufall habe, beyseit gelegt wurde. Man brauchte alle Mittel den unglucklichen Greis ins Leben zuruckzurufen, er fieng an sich zu erholen. Sprache und Verstand, welche wie Peninna mir damals schrieb, ganzlich dahin zu seyn schienen, kehrten eine Stunde vor seinem Tode zuruck.
Er nannte Samuels Namen, er bestrebte sich den Umstehenden noch mehr zu sagen, aber vergebens; seine Reden waren, auch dem ganz nahe zu seinem Munde geneigten Ohre, nicht mehr verstandlich. Er strengte sich heftiger an. Einige gebrochene Worte machten Herrn Waltern auf das in der Laube gefundene Zeitungsblatt aufmerksam; es wurde herbey geholt; der Sterbende liess es sich reichen, man richtete ihn in die Hohe, er schien mit den Augen, und mit den schon fast erstorbenen Handen eine Stelle zu suchen, die ihm wichtig seyn musste, aber die Krafte verliessen ihn, und er sank ohnmachtig zuruck. Man hielt den ganzen Einfall mit dem Zeitungsblatte fur Phantasie, man beschaftigte sich, den Kranken zu sich selbst zu bringen, er erwachte nur, um von neuen die namliche Idee zu aussern, und durch Zeichen und gebrochene Worte zu bitten, man mochte lesen.
Charlotte las, und stiess endlich auf einen Artickel, der sie, ehe sie ihn ganz zu Ende gebracht, leblos auf den Boden streckte; so lautete er:
"Riedgau am Harz. Vergangenen Dienstag den 23. May hat man in hiesiger Hohlberger Wehr den Korper eines jungen schonen Mannes von zwey bis drey und zwanzig Jahren gefunden, den man, ungeachtet er nur einige Stunden im Wasser gelegen zu haben schien, vergebens strebte, wieder zu beleben. Er war von braunlicher Gesichtsfarbe und dunkeln Haar. Seine Kleidung, ein hellgruner Reitrock mit schmalen Golde, und ein ziemlich kostbarer Hirschfanger mit den Buchstaben S. H. lassen muthmassen, dass er von gutem Stande ist. In seinen Taschen hat man, nebst einem grunseidenen Beutel mit funf Louisdors und einiger Munze, eine emaillirte Dose gefunden, auf deren Deckel das Bild einer Dame mit den Buchstaben C. W. befindlich ist. Sollte sich jemand von den Angehorigen. u.s.w."
Man kam der ohnmachtigen Charlotte, man kam Peninnen, die sich fast in ahnlichem Zustand befand, zu Hilfe; Herr Walter las die schreckliche Stelle noch einmal, und ward vollig uberzeugt, dass der Gefundene niemand anders als mein unglucklicher Sohn seyn konne. Tiefe Traurigkeit breitete sich uber die ganze kleine Gesellschaft aus. Der Sterbende, aus dessen gebrochenen Augen einige Thranen quollen, fasste Charlotten und Peninnen, die weinend bey seinem Bette standen, bey der Hand, schien noch einige trostende Worte sprechen zu wollen, und verschied.
Hier war es, wo ich erschien. Auf Walters Gutachten, verschwieg man mir alles, was meinen Sohn betraf, weil er noch immer hofte, auf genauere Untersuchung, von der Falschheit der schrecklichen Nachricht uberzeugt zu werden. Gern hatte er die Reise nach Riedgau selbst ubernommen, wenn er es hatte wagen wollen, Charlotten, Peninnen und mich in unserer Traurigkeit allein zu lassen, und mich vielleicht der Gefahr auszusetzen, durch eine unvorbereitete Benachrichtigung von der Sache, ein ahnliches Schicksal mit meinem Vater zu erfahren. Der edle Mann, warum war er doch nicht mein Sohn geworden, hatte wohl ein Kind zartlichere Sorgfalt fur seine Mutter tragen konnen, als er fur mich!
Herr Walter hatte einen Menschen, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, nach Riedgau geschickt, er war voller Hoffnung, dass uns dieser bessere Nachricht mitbringen werde als wir vermutheten, und brauchte diese Vorstellung, mich in dem Schmerz, in welchem ich stumm und fast leblos vor ihm sass, ein wenig aufzurichten. Es gelang ihm schlecht! Wer, der das Herz einer Mutter gegen ein geliebtes Kind kennt, wagt es auszusprechen, wie mir in diesen Augenblicken, an die ich nie ohne Schauer denken werde, zu muthe war? Peninna und Charlotte schienen einen Trost darinnen zu finden, dass ich den ganzen Umfang ihrer Leiden wusste, und dass sie frey von demjenigen mit mir sprechen durften, was ihr einiger Gedanke war. Sie unternahmen es so gar, mich zu trosten, da sie sahen, dass ich noch mehr litt als sie, aber ach, was hatte mich trosten konnen, als die Nachricht, dass unser Schrecken vergeblich gewesen, dass die ganze Sache ein Irrthum, dass Samuel noch am Leben sey.
Herrn Walters Abgeschickter kam zuruck, aber, was er mitbrachte, war nicht Trost, sondern Bestattigung unsers Unglucks. So sehr er auch seine Abreise beschleunigt hatte, so war er doch viel zu spat gekommen, als dass er sich den langst beerdigten Korper des Verstorbenen noch hatte zeigen lassen konnen, um auf seinen Anblick einige Gewissheit zu grunden. Indessen trafen alle Umstande zu genau zu, um uns in einigem Zweifel zu lassen. Seine Kleidung, unterschiedliche uns sehr kenntliche Kleinigkeiten, die man ausser dem genannten bey ihm gefunden hatte, und vor allen eine Schreibetafel, in welcher sich unterschiedliche Aufsatze von seiner Hand befanden, rissen uns aus aller Ungewissheit. Mit Muhe und ziemlichen Kosten hatte unser Abgeschickter alle diese Dinge aus den Handen der Obrigkeit des kleinen Orts in die Seinigen gebracht, denn dass der Werth alles dessen, was er bey sich hatte, auf die Aufhebungs- und Begrabnisskosten gegangen war, versteht sich von selbst.
O Himmel, wie ward uns zu Muthe, als wir diese traurige Verlassenschaft unsers Geliebten in unsere Hande bekamen! Was fuhlte Charlotte, als ich ihr die Dose mit ihrem Bilde, das sie ihm beym Abschied geschenkt hatte, uberreichte! Herr Walter sah ihren Schmerz, und zurnte nicht mit ihr; er selbst betrauerte meinen Sohn, wie man einen Bruder betrauert haben wurde.
Zwey und dreyssigstes Kapitel
Das hat der Feind gethan
Lange blieb ich zu Traussenthal, es ward mir schwer, mich von Peninnen und ihren Freunden zu trennen, aber endlich musste ich doch bedenken, dass ich eine Mutter mehrerer Kinder war. Ich bereitete mich zu meiner Ruckreise nach Hohenweiler und sann darauf, wie ich gewisse Dinge, die mir noch ausser den Ursachen meines verzehrenden Grams viel Unruhe machten, kluglich einrichten wollte.
Peninna hatte durch den Tod ihres Grossvaters einen Zufluchtsort verlohren, welcher fast der einige war, an welchem sie ausser dem vaterlichen Hause mit Anstand leben konnte. Mein guter Vater hatte mir zwar seine kleine landliche Wohnung hinterlassen, auch war das grossere Haus, das wir jetzt bewohnen, nebst dem Garten unser, aber wie hatte es sich fur ein junges Madchen geschickt, diese Einsamkeit dem Hause ihrer Aeltern vorzuziehen?
Herr Haller, welcher sich in die beyden Trauerfalle, die mich so gewaltsam erschuttert hatten, mit einer philosophischen Gleichgultigkeit fand, welche man bewundern musste, hatte in seinen letzten Briefen an mich Er selbst kam so wenig nach Traussenthal, als er seinen drey jungsten Tochtern erlaubte, mich daselbst zu besuchen. den Gedanken geaussert, Peninna wurde nun in das vaterliche Haus zuruck kehren, aber es war blosser Gedanke nicht Wunsch. Er schien seinen alten Widerwillen gegen Peninnen noch nicht abgelegt zu haben, und machte Bedingungen, unter welchen er ihr erlauben wollte, in Hohenweiler zu leben, die weder ihr noch mir gefallen konnten. Unterthanigkeit unter die Hand der Robignac war eine von den vornehmsten, und Peninna fand so wenig Behagen an diesen Aussichten als ich.
Peninna, ein Madchen uber neunzehn Jahr, die schon so lange die Gebieterinn eines Hauses gewesen war, sollte nun erst einer eigensinnigen Franzosinn, die sie ganz ubersehen und nicht anders als verachten konnte, gehorchen lernen? Seltsame Zumuthung! Ueber dieses musste ich bey meiner altesten Tochter eben das Bedenken haben, wie bey Hannchen. Sie war jung und schon wie diese. Ihr Vater, welcher so sehr wunschte ihrer los zu werden, wurde nicht ermangelt haben sie zu nothigen, bey den Gesellschaften in seinem und in dem Wilteckischen Hause gegenwartig zu seyn; dass sie gefallen wurde und musste war ausgemacht, und das beste, was hatte erfolgen konnen, war gewesen, dass sie an irgend einen von den dasigen Herrn, dem es beliebt hatte ernsthafte Absichten auf sie zu haben, verschleudert worden war.
Peninna sah dieses alles sowohl als ich, und sie brauchte es zum Mittel mich zu bewegen in einen andern Vorschlag zu willigen, welchen sie mit Charlotten ausgedacht hatte. Diese beyden Freundinnen waren sich so unentbehrlich geworden, dass es ihnen schwer ward sich zu trennen. Peninna versicherte mich, dass die Gewohnheit Waltern taglich zu sehen, den Eindruck, den sein Anblick auf sie machte, sehr geschwacht habe, dass sie gegenwartig nichts fur ihn fuhle als wahrhafte Schwesterliebe. Charlotte, die jetzt das ganze Verhaltniss kannte, in welchem ihre Freundinn ehemals mit ihrem Manne gestanden hatte, betheuerte, dass sie ganz frey von Eifersucht sey. Herr Walter erklarte sich nie uber diesen Punkt, aber sein Betragen gegen Peninnen war so fremd und zuruckhaltend, seine Geschafte so haufig, und sein Herz so redlich, dass ich endlich meine Bedenklichkeiten aufgab, meiner Tochter erlaubte bey Walters zu bleiben, ihr noch einige gute Lehren gab, und es uber mich nahm, ihr Zuruckbleiben bey ihrem Vater zu entschuldigen.
Ich kam wieder zu Hohenweiler an. Ich ward von meinen Kindern mit lauter Freude, von Herrn Haller mit kalter Hoflichkeit, und von der Franzosinn mit den ausschweifendsten Schmeicheleyen empfangen. Dinge, welche nicht hinlanglich waren, meine Augen gegen das, was mir missfiel, zu verschliessen.
Nicht Tage, viele Wochen waren nothig, die Unordnungen abzustellen, die sich in meiner Haushaltung eingeschlichen hatten, und meine Tochter, o wie sehr fand ich diese zu ihrem Nachtheil verandert! wie viel Unkraut hatte hier der Feind auf den guten Acker gesaet! Jukunde, jetzt eben vierzehn Jahr alt, hatte in der Zusammensetzung von Vorwitz und ubereilten Reden und Handlungen, die man in der Volkssprache Naseweisheit nennt, so zugenommen, dass ich sie nicht mehr kannte. Kein Wunder! Mir, der es nicht an Aufmerksamkeit und guten Willen fehlte dieses in ihr keimende Uebel zu unterdrucken, hatte es schon Muhe genug gemacht hierinnen einigen Fortgang zu haben, wie sehr musste das Madchen bey der Vernachlassigung der Robignac, die nur immer an ihrem Aeusserlichen kunstelte, und das Innere ungebessert liess, verwildert seyn.
Amalie wurde durch ihre wenige Schonheit vor der Verzartelung geschutzt. Es ist nur gar zu wahr, dass die meisten Alltagserzieher sich von ihren Augen leiten lassen; dass sie denen, welche etwas Gefalliges in ihrem Aeusserlichen haben, schmeicheln, und die Hasslichen unterdrucken. So war es Amalien gegangen, der bestandige Tadel hatte ihr eine gewisse ungeschickte Blodigkeit, einen Eigensinn und Beharrlichkeit auf ihrer Meynung angewohnt, welchen mutterliche Liebe und Schonung schwerlich aus dem Grunde zu heben vermochte. Julchen war der Spion des ganzen Hauses geworden, sie erzehlte der Franzosinn von dem, was sie bey ihrem Vater und bey Wiltecks sahe, sie unterrichtete Herrn Haller von allen Handlungen der Robignac und ihrer Schwestern, sie verrieth das Gesind, und richtete dadurch mehr Uebel an, als man von so einer kleinen Kreatur hatte erwarten konnen. Sie machte gleich am ersten Tage ihre Aufwartung bey mir mit einer Erzahlung von allem was in meiner Abwesenheit vorgegangen war, die mir nicht sehr gefallen konnte, und die ich, so lehrreich sie mir auch war, ihr doch eben nicht mit besonderer Freundlichkeit belohnte.
Diese Entdeckungen in Ansehung meines Hauswesens und meiner Kinder, die mir so viel Kummer erweckten, waren noch bey weiten nicht die einigen; es folgten andere nach, welche mich belehrten, wie gefahrlich es einer Hausregentinn ist, ihr kleines Gebiet zu verlassen, und es der Willkuhr ihrer Widersacher Preis zu geben,
Mademoiselle de Robignac hatte das Herz meines Mannes ganz in ihre Gewalt bekommen. War sie jung und schon gewesen, so hatte mich dieses so sehr nicht wundern sollen; ich hatte nur an die Begebenheiten mit der R... und W..., und an Rosen denken durfen, aber sie, die nie von einem ertraglichen Ansehen konnte gewesen seyn, und die jetzt in ihrem dreyssigsten wie sie, oder in ihrem funfzigsten Jahre, wie andere Leute meynten, eher einer braunen hohlaugigten Sybille als einer Herzensbezwingerinn ahnlich sah, wie hatte diese Herrn Haller, der doch ehemals ein Kenner der Schonheit zu seyn schien, gefallen konnen!
Gleichwohl war es mehr als zu wahr, dass sie herrschte und ich gehorchen musste, dass ihre ubertriebene Schmeicheley eine Hulle war, die sie ihrer Obergewalt anlegte, damit ich nicht gleich von Anfang zu sehr geschreckt, vielleicht einen Sturm wagte, der ihr hatte nachtheilig seyn konnen. Das Recht war doch gleichwohl auf meiner Seite, und Herr Haller hatte Stunden, wo er niedergeschlagen, verdrusslich, und folglich auch verzagt war, so dass er vielleicht, wenn ich die Rolle einer bosen Frau hatte spielen wollen, nachgegeben und mir das Feld uberlassen haben wurde. Aber wo hatte ich die Kuhnheit hiezu hernehmen wollen, ich, die ich nur gewohnt war, mit den Waffen der Sanftmuth zu streiten?
Das beste was ich in meiner Lage thun konnte, war mich verstellen; ich hatte es schon einmal erfahren, was man gewinnt, wenn man die Augen zu zeitig uber gewisse Dinge aufthut, die man sich bemuht uns zu verhullen. Ich war gegen die Robignac nachsichtsvoll und gefallig, ich hutete mich, dass unsere beyderseitigen Meynungen so wenig als moglich in Collision kamen, ich verbesserte in der Stille was sie verderbt hatte, und wartete auf bessere Zeiten.
Drey und dreyssigstes Kapitel
Mutterliche Leiden
Ich verlebte meine Tage in einer erzwungenen traurigen Ruhe. Mein Vater war tod. Samuel war dahin, und ich wusste selbst nicht auf was fur Art ich um ihn gekommen war, denn mein guter Engel behutete mich, dass die Meynung, welche die Robignac zuweilen einzustreuen suchte, er habe sich selbst in den Tod gesturzt, nie Platz in meiner Seele fand. Himmel, was wurde aus mir geworden seyn, wenn ich dieses hatte annehmen wollen! Alberts Briefe wurden immer unertraglicher; von Hannchen und der Frau von Wilteck bekam ich gar keine Nachricht, und was ich von Peninnen horte, war auch nicht so beschaffen, dass ich dadurch getrostet werden konnte.
Die Sache gieng so wie ich gedacht hatte. Charlotte hieng seit Samuels Tode mehr an ihrem Manne als zuvor; die erste Folge dieser aufkeimenden Liebe war Eifersucht. Herr Walter, gewohnt meine Tochter taglich in tausend verschiedenen ihr vortheilhaften Situationen zu sehen, konnte die Rolle, die er sich zu spielen zwang, nicht so gut behaupten, dass nicht die alte Liebe zuweilen hervorgeblickt hatte. Peninna, die die Eifersucht der einen, und die Gesinnungen des andern nicht verkennen konnte, und die am besten wusste, was ihr eigenes Herz gegen Waltern fuhlte, sass halbe Tage auf ihrem Zimmer und weinte. Gern hatte sie sich aus dem Hause ihrer Freundinn entfernt, wenn sie andere Zuflucht gewusst hatte; aber wohin sollte sie? Konnte sie sich bey der jetzigen Lage der Sachen nach Hohenweiler wunschen, um meine Sklaverey mit mir zu theilen?
Doch wurde dieses vielleicht endlich, als das Klugste, erwahlt worden seyn, wenn sich nicht Gelegenheit zu einem andern Schritte gezeigt hatte, den sie, in der Hoffnung, ich wurde ihn billigen, so voreilig that, wie schon bey mehreren geschehen war, und der mir mehr Sorge machte, als ihr Aufenthalt in meinem Hause oder ihr Verharren in dem Walterschen gethan haben wurde.
An einem Tage, der zu mehreren Krankungen fur mich bestimmt war, erhielt ich folgenden Brief in Gegenwart meines Mannes, den ich hersetzen will, um euch urtheilen zu lassen, ob er von der Beschaffenheit war, vor die Augen eures Vaters zu kommen; ich wollte ihn unerofnet zu mir stecken, aber die hamische Frage der Robignac, ob ich dem Vater die Nachricht von seiner Tochter, und meinen Kindern, die Freude etwas von ihrer Schwester zu horen, so lang vorenthalten konne, bewegte Herrn Haller, sich desselben zu bemachtigen, und folgendes daraus zu lesen.
"Liebe Mutter!
Sie wissen meine Verfassung in meinem gegenwartigen Aufenthalte. Walter und ich durfen nicht langer in einem Hause bleiben; zu sichtbar ist es, dass wir unsere Liebe beyde nur schlecht uberwunden haben; Charlotte sieht dieses sowohl als wir beyde, und es war fest bey mir beschlossen, diesen Tag nach Hohenweiler abzureisen und das Haus wieder zu sehen, in welchen wenigstens Ihre Blicke mir freundlich und mit Schonung begegnet seyn wurden. Der Strenge meines Vaters wurde ich kindliche Unterwerfung, und der Herrschaft der Robignac Muth und Entschlossenheit entgegengesetzt haben, aber glucklicher Weise zeigt sich ein anderer Ausweg, der mich dieser schweren Proben uberhebt. Horen Sie wie sonderbar!
Diesen Morgen, da ich schon reisefertig war, und sich nur noch einige Schwurigkeiten wegen der Art meiner Ueberkunft nach Hohenweiler unversehens hervorthaten, liess sich eine durchreisende Dame, die sich Frau von Berg nannte, bey mir ansagen. Ich besann mich in der Verwirrung, in welcher ich war, nicht gleich auf die Regierungsrathinn Gabriele, und erstaunte nicht wenig, als ich sie in mein Zimmer treten sah. Aber Himmel, wie verandert an Seel und Korper; bleich, abgezehrt, verfallen, traurig, und dabey doch so sanft und freundschaftlich als ich sie nie gesehen habe. O Peninna, sagte sie, nachdem sie mir einiges von ihrer gegenwartigen Verfassung entdeckt hatte, mochte es dir gefallen bey mir zu leben! an deiner Seite wurde ich mich wieder erholen. Komm, theile mein Gluck mit mir, ich will dir Freundinn, Schwester und alles seyn, ich will dir die Leiden versussen, die ich dir vielleicht ehedem unschuldigerweise machte.
Ich musste mich eilig entschliessen; es war mir unmoglich ihre Einwilligung erst einzuholen. Ich ergab mich auf ihr Bitten, und ich schliesse diesen Brief, nachdem ich noch um ihren Segen gebeten habe, um mich auf den Wagen zu setzen, der mich nebst der lieben Regierungsrathinn ins Pyrmonter Bad, wohin Gabriele ihrer Gesundheit wegen reisen muss, bringen wird. Bald bald sollen Sie wieder horen von Ihrer
Peninna.
N. S.
Der Regierungsrath vereinigte sich mit den Bitten seiner Gemahlinn, er war so dringend als sie, und wer konnte ihnen widerstehen!"
Dieser Brief hatte schon an sich Stoff genug fur mich zur Traurigkeit und Sorgen; denn was fur ein Aufenthalt war das Haus des Regierungsraths fur meine Tochter? aber alles schwermuthige Nachdenken, das mir diese neue Begebenheit machen konnte, musste jetzt verschoben werden, um den gegenwartigen Sturm auszuhalten, welcher sich nach Lesung des Briefs uber mich erhob.
Dass Herr Haller durch den Inhalt desselben aufgebracht wurde, und seinen Zorn nicht auf die sanftmuthigste Art ausserte, lasst sich denken, aber man erspare mir die Muhe sein Betragen und seine Worte umstandlich anzufuhren, welche dadurch noch widerwartiger gemacht wurden, dass er die Achtung, die er mir wenigstens in Gegenwart der Kinder schuldig war, so ganz vergass, sich nicht scheute mir vor ihren Ohren Vorwurfe zu machen.
Peninnens Aufenthalt im Walterschen Hause wurde nach den Winken, die sie im Anfang ihres Briefs gab, auf die gehassigste Art ausgelegt. Ihr Entschluss im Hause des Regierungsraths zu leben, bekam noch widrigere Namen, und die Rolle, die ich bey der Sache spielte, oder gespielt haben sollte, meine Nachsicht, der Widerwille den ich, wie man mir Schuld gab, meinen Kindern gegen ihren Vater einflosste o Himmel, ich errothe vor dem Bilde, das man von mir machte, Die Eloquenz Herrn Hallers und der Franzosinn machte, dass ich wirklich gefehlt zu haben glaubte, wenigstens war doch das wahr, dass alle Sorgfalt, die ich auf die Erziehung meiner Kinder gewandt, bisher lauter traurige Fruchte gebracht hatte, und ist man nicht immer geneigt, alles, auch oft seine eigenen Handlungen, nach dem Erfolg, nicht nach der Absicht zu beurtheilen? Ich schwieg, und konnte nichts zu meiner Vertheidigung sagen. Peninnens Handlungen in ein gefalligeres Licht zu setzen, machte ich einige Versuche, aber ohne sonderlichen Nutzen. Die Franzosinn ahndete die Art, mit welcher ihrer in Peninnens Brief gedacht war, mit grossem Geschrey. Herr Haller ward in Fuhrung seiner Sache eben so laut, ich war uberstimmt, und konnte nichts thun, als mein Urtheil mit Gelassenheit anhoren, welches dieses war, dass es nothig seyn wurde, meine Kinder ganzlich von mir zu nehmen, damit ich den Gift des Widerwillens gegen ihren Vater nicht auch in ihre Herzen ausstreuen mochte.
Ihnen, schloss mein Mann, indem er sich zu der Robignac wandte, ihnen, Mademoiselle, ubergebe ich sie ganz allein, und ich werde, um ihnen die Muhe zu erleichtern, sie von den abgeschmackten Vorurtheilen ihrer Mutter abzugewohnen, und nach dem Sinn ihres Vaters, und dem Ton der grossen Welt zu bilden, nachstens eine Reise nach Berlin thun, auf welcher Sie und meine Tochter mich begleiten sollen.
Dieser Entschluss, welcher wirklich die empfindlichste Seite traf, auf welcher ich angegriffen werden konnte, wurde durch einen Brief bestattigt, welcher an diesem Tage des Kummers aus Berlin eintraf. Er war von dem Hofmeister meines Alberts, und meldete, dass der junge Herr nach verschiedenen Ausschweifungen die er gemacht, und besonders nach einem sehr unglucklichen Spiel, bey welchem er, wie man hernach erfahren, alles bis auf die Kleider verlohren habe, unsichtbar geworden sey, und dass keine Nachforschungen des wurdigen Hofmeisters, und des Obersten, welcher jetzt in Berlin war, ihn haben ausfundig machen konnen.
Julchen, die von ihrer Lieblingsneigung des Ausforschens und Angebens nicht lassen konnte, fand diesen Brief, und brachte mir ihn, und ich, ob ich gleich die Erneuerung ihres Fehlers auf die Art ahndete, wie mir es zukam, konnte doch man verzeihe mir meine Schwachheit, die vielleicht in meiner gegenwartigen Lage zu entschuldigen war, mich nicht uberwinden ihn ungelesen zu lassen.
Der herrliche Vortheil, den ich von meinem Vorwitz hatte, war die Entdeckung von dem Ungluck des armen Alberts, die mein Herz durchbohrte, und alle Funken des mutterlichen Mitleidens wieder in mir anfachte, und ach Himmel eine andere, die mir fast eben so schrecklich war: die Hand in diesem unglucklichen Briefe zeigte, dass dieser Hochbelobte Herr Reiner, Alberts Hofmeister, niemand anders war, als der bose Katharines, den das Schicksal recht zum Ungluck meines Hauses hatte gebohren werden lassen.
Herr Haller war zu wohl uberzeugt, dass, wenn ich die wahre Lage der Sachen wusste, ich weit mehr Ursache haben wurde, ihm Vorwurfe wegen Alberts als er mit Peninnens wegen, zu machen, er schwieg also weislich. Die Abreise nach Berlin wurde beschleunigt, und ich musste mich von meinen Tochtern trennen, denn keine Bitten, keine Thranen konnten Herrn Haller bewegen, sie bey mir zuruck zu lassen.
Einen Trost hatte ich, einen traurigen Trost, der mir, wenn ich nicht so ganz unglucklich gewesen war, vielleicht eine Quelle der bittersten Sorgen gewesen seyn wurde: am Tage der Abreise zeigten sich bey Julchen alle Vorboten der Blattern, welche ihre Schwestern schon uberstanden hatten; es war unmoglich fur sie, ohne Lebensgefahr Hohenweiler zu verlassen, und ich hatte also die Beruhigung, doch eins von meinen Kindern in meinen Armen zu behalten, und gerade das, welches bey seinen noch ganz unreifen Jahren meine mutterliche Zucht und Sorge am meisten nothig hatte, und dieselbe durch den besten Erfolg belohnen konnte, da ein weiches noch unverdorbenes Herz meinen Lehren den Eingang erleichtern musste.
Ich umarmte Jukunde und Amalien, ich erinnerte sie an alle meine Lehren, ich beschwor sie, sich durch nichts von dem Wege der Tugend, und der Liebe zu mir abwendig machen zu lassen, und eilte zu dem Lager meiner kleinen Kranken zuruck, um daselbst meine ubrigen Kinder zu beweinen, die mir theils ganz entrissen waren, theils, meinem Urtheil nach, in weit grosserer Gefahr schwebten, als dasjenige, das da vor mir lag, und durch die Wuth der schrecklichen Krankheit bald ganz entstellt, und an die Pforten des Todes gebracht ward. Hier konnte doch mutterliche Pflege etwas zu seiner Rettung beytragen, und sollte das schlimmste erfolgen, wie ruhig konnte ich die unschuldige Seele in die Arme ihres Schopfers zuruckfliehen sehen!
Vier und dreyssigstes Kapitel
Eine Predigt zur Unzeit
Julchen schwebte lange zwischen Tod und Leben, und sollte auch das Loos auf das letzte fallen, so war doch wenigstens soviel mehr als wahrscheinlich, dass ihre Schonheit, und mit ihr der beste Anspruch eines Madchens auf zeitliches Gluck verloren gieng. Sie war klug oder vielmehr, so jung sie auch war, eitel genug, dieses zu fuhlen, und ich hatte alle Muhe, als das Schlimmere uberstanden, und ihr Leben ausser Gefahr war, sie wegen den Verlust des Geringern zu trosten, und ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Dank zu richten, den sie Gott, wegen Rettung des Wichtigern, schuldig war.
Eines Tages, als ich an ihrem Bette sass. und nach einem ernsthaften Gesprach uber diesen Gegenstand eben anfangen wollte, der armen Kleinen, die des Tagelichts beraubt dalag, und Trost und Unterhaltung bedurfte, eine von den Geschichten zu erzehlen, mit welchen ich meinen Kindern so manche gute Lehre einzupragen pflegte, und die ich immer, ohne ganz von der Wahrheit abzugehen, auf ihren gegenwartigen Zustand einzurichten suchte, horte ich einen Wagen in unsern Hof gefahren kommen; ich eilte aus Fenster um zu sehen, durch wen die Einsamkeit, in welcher ich jetzt lebte, unterbrochen werden sollte.
Ein, dem schlanken Wuchs nach zu urtheilen, sehr junges Frauenzimmer mit einem schwarzen Flor uber dem Gesicht stieg aus. Mein Herz fieng an zu schlagen; ich horte den behenden Schritt der Kommenden auf der Treppe, er schien mir bekannt zu seyn, aber ehe ich noch im Stande war, die Muthmassungen, die sich meiner Seele wie dunkle Bilder vorstellten, aus einander zu setzen, ward die Thure aufgerissen, und die Fremde lag in meinen Armen. Ihr Kuss, das Feuer, mit welchem sie mich an sich druckte, sagte mir, wer sie war, wenn mich auch der noch nicht zuruckgeschlagene Flor, und eine kleine Aenderung in ihrer Gestalt hatte tauschen konnen. O Hannchen, O meine Mutter! tonte zu gleicher Zeit aus unserm Munde.
Freudenthranen, verneute Umarmungen, Fragen, unvollendete Antworten, wechselten lange Zeit unter uns ab, bis wir endlich auf das Rufen der kleinen Kranken horten, die den Namen ihrer Schwester unablassig wiederholte, und wenigstens um eine Umarmung von derjenigen bat, welche sie nicht sehen konnte.
Hannchen hatte sich immer vorzuglich gern mit ihrer kleinen Schwester beschaftigt, und daraus war zwischen beyden eine Liebe erwachsen, die bey dem grossen Unterschied, den die Jahre zwischen ihnen machten, ausserordentlich war, und die durch Hannchens lange Abwesenheit nicht hatte geschwacht werden konnen. Sie flog in ihre Arme.
Julchens trauriger Anblick lockte Hannchen, und die Unmoglichkeit ihre Schwester zu sehen, der Kranken so viele Thranen ab, dass ich endlich genothigt war, diese Scene, welche wenigstens der einen von ihnen hatte schadlich werden konnen, zu unterbrechen.
Hort auf Kinder, sagte ich, was hilft das Weinen, wir wollen uns doch endlich aus dem Taumel, in dem wir sind, herausreissen, und einander vernunftige Rechenschaft geben, warum wir bisher so wenig von einander horten, und warum wir uns nun so plotzlich wiedersehen.
Ist dieses ein Vorwurf, meine Mutter? fragte Hannchen, indem sie ihren Flor nun vollig zuruck schlug, und mir ein bleiches abgezehrtes Gesicht, und gesunkene, von Weinen getrubte Augen zeigte, welche mich in Schrecken setzten. Himmel, mein Kind, schrie ich, ohne auf ihre Frage zu antworten, wie siehst du aus! Haben Krankheit oder Kummer diese schreckliche Verheerung angerichtet? Bin ich denn so gar verandert? sprach sie mit unterdruckter Bewegung, und trat vor den Spiegel um ihren Kopfputz in Ordnung zu bringen; nicht doch, liebe Mutter, die Beschwerlichkeiten der Reise, die Unordnung meines Anzugs, o ich werde mich schon wieder erholen, ich werde mich gewiss wieder erholen. Hannchen, Hannchen sagte ich mit aufgehobenem Finger, hier ist nicht alles richtig, du hast gelitten, viel gelitten, und ein Leiden, das dich in solchem Grade verandern konnte, ein Leiden, das du deiner Mutter verschweigen willst, spricht selbst von was fur Beschaffenheit dieses seyn mag. Hannchen brach in Thranen aus, und winkte nach Julchens Bette, die sich aufgerichtet hatte, und durch doppelte Anstrengung ihrer Gehornerven das zu ersetzen suchte, was ihr durch den Mangel des Gesichts entgieng.
Ich verstand den Wink meiner Tochter, ich horte auf in sie zu dringen, wir setzten uns zu der Kranken, und fiengen an von andern Dingen zu sprechen. Hannchens Aufenthalt bey der Frau von Wilteck, ihr langes Stillschweigen, und ihre einsame unvermuthete Ruckkehr, war der Gegenstand unserer Gesprache, aber die Antworten meiner Tochter waren so ungewiss, so auf Schrauben gestellt, dass ich nicht wusste, was ich denken sollte, und mich unaussprechlich nach einer einsamen Unterredung mit ihr sehnte. Endlich kam der gewunschte Augenblick.
Julchen schlief, ich setzte mich mit Hannchen an ein Fenster, und dachte nun mein Verlangen zu stillen, und eine umstandliche Erzehlung ihrer Angelegenheiten zu bekommen; aber Himmel, wie unzulanglich war das was ich erfuhr! anstatt alles, was ihr bisher begegnet war, im Zusammenhange zu horen, musste ich ihr jede Kleinigkeit abfragen, und ihre Antworten waren so kurz, so zerstreut, so furchtsam, dass ich nicht wusste, was ich von ihr denken sollte. Das hauptsachlichste, was ich von ihr erfuhr, war dieses, dass sie nicht so glucklich gewesen zu seyn schien, als ich mir geschmeichelt hatte, dass sie bey der Frau von Wilteck seyn musste, und die Art, mit welcher sie von dieser Frau von Wilteck sprach, hatte mich beynahe gar auf die Meynung bringen konnen, dass Hannchen nicht mehr ganz so gut von ihr dachte, als vordem, sie nannte ihren Namen mit Kaltsinn, und hatte lieber gar vermieden von ihr zu sprechen, wenn es moglich gewesen war. Die Ursach ihrer schnellen Entfernung aus ihrem Hause war, wie sie sagte, ein kleiner Zwist zwischen ihr und der Dame, nebst einer Reise, die sie nach der Residenz gethan habe, und auf welcher sie Hannchen nicht habe begleiten wollen. Ich fragte, um die Ursach ihrer seltsamen Verfassung etwa auf einer andern Seite zu entdecken, ob sie neue Bekanntschaften gemacht, ob sie viel Gesellschaft auf dem Schlosse gesehen habe? und sie sagte, man hatte sehr einsam gelebt, und sie habe diese ganze Zeit uber kein neues Gesicht kennen gelernt. Zwar fiel sie sich selbst ins Wort, ich vergesse Madam Cathin, die Wirthschafterinn der gnadigen Frau, eine Person von vielen Verdiensten, und die mir sehr viel, vielleicht nur gar zu viel Freundschaft erwiesen hat. Zu viel Freundschaft? wiederholte ich, wie verstehst du das mein Kind? Verzeihen sie, war die Antwort, ich rede wunderlich, ich bin noch so zerstreut, so ermudet von der Reise, und und, beste Mutter, sie sollen alles erfahren, geben sie mir nur Zeit, dass ich mich erst ein wenig erhole.
Nun so geh, sagte ich mit einigem Unwillen wegen ihres wunderlichen Bezeigens, geh auf dein Zimmer, lass dich von deinem Madchen auskleiden, und zu Bette bringen, du kommst mir in der That sehr schwach vor; du hast doch Rosen wieder mit zuruck gebracht? Bey Rosens Namen fieng sie wieder an zu weinen, sie sagte, Rose habe sie verlassen, und als ich mehr hievon wissen wollte, erzahlte sie mir zum erstenmal, seit ich sie wieder gesehen hatte, auf eine vernunftige und zusammenhangende Art, wie dieses Madchen sich von ihr getrennt habe; eine Erzahlung, die mich lebhaft einsehen liess, dass nicht allemal auf die Bestandigkeit gebesserter Sunder zu rechnen sey. Rose, die ich darum aus meinem Hause entfernt hatte, um sie der Verfuhrung zu entreissen, hatte, wie es schien, uberall Verfuhrer gefunden, oder vielmehr, sie hatte den argsten Verfuhrer in ihrem Herzen mit sich genommen; sie war wieder auf die alten bosen Wege gerathen, von welchen ich sie gerettet hatte, und ich gerieth uber diese Vereitelung meiner guten Absichten, und uber den Irrthum, in welchem ich so lange zu Rosens Vortheil gelebt hatte, in einen solchen Eifer, dass ich eine von meinen langsten und scharfsten Predigten begann, die ich uber die Verirruugen vom Pfade der Tugend zu halten pflegte.
Ich sprach mit mehrerm Ernst und Strenge als jemals, denn es war hier die Rede von einer ruckfalligen Sunderinn, nicht von einer unschuldig Verfuhrten. Ich vergass ganz, dass ich nicht Rosen, sondern das arme Hannchen vor mir hatte, welche meine Rede mit so heissen Thranen begleitete, als wenn sie die Verbrecherinn gewesen war, welcher sie galt. Ich konnte die unschuldige Seele nicht weinen sehen, ich erkannte meinen Fehler, und brach ab. Geh, sagte ich zu dem guten Madchen, geh frommes schuldloses Geschopf. Diese Thranen, die du uber die Vergehungen einer andern vergiessest, mussen dir immer in Gedanken bleiben, und dich lehren, wie bitter eigene Verbrechen zu beweinen seyn mussen. O Gott, erhalte dieses Herz doch immer so weich und rein wie es jetzt ist! Der blosse Gedanke, es konne dereinst verderbt werden, war im Stande mich vor der Zeit in die Grube zu bringen.
Funf und dreyssigstes Kapitel
Beweise, dass die erfahrenste Matrone nicht klug
genug fur ein junges Madchen ist
Ich konnte vor Unruhe uber die Begebenheiten des vorigen Tages und uber Hannchens seltsame Gemuthsfassung, kaum die Morgenrothe erwarten, ich eilte in das Zimmer meiner Tochter, um zu sehen, ob sich heute ein Anschein zu meiner Beruhigung zeigte, aber ich fand sie nicht nur so unruhig wie gestern, sondern wirklich krank, sie hatte nicht geschlafen, ihre Augen waren trub und geschwollen, und ihr Gesicht gluhte von einer schrecklichen Fieberhitze. Sie besserte sich gegen den Nachmittag, so dass sie aufstehen konnte, aber irgend etwas vernunftiges, zur Sache dienendes mit ihr zu reden, ihr den Grund ihrer sonderbaren Verfassung abzufragen, daran war nicht zu denken; der Arzt sagte, ich musse sie jetzt auf alle Art schonen, sie schien einen Gemuthskummer zu haben, der sich nur durch Freundlichkeit und Nachsicht, nicht durch ernste Untersuchungen erforschen liess.
Mir war gleich erstes Tages der junge Fahndrich v. Wilteck eingefallen, welcher ehemals einen Eindruck auf das Herz des Madchens gemacht zu haben schien, und der vielleicht auch jetzt der Grund ihrer Unruhe seyn konnte. Um zu erfahren, ob ich mich irrte, nannte ich seinen Namen in ihrer Gegenwart einigemal als von ohngefehr, und ich merkte, dass ihre Wangen allzeit bey seiner Erwahnung starker gluhten. Ein andermal fragte ich sie, als wir allein waren, ob sie ihn wahrend ihres Aufenthalts bey seiner Mutter gesehen habe? Sie konnte kaum eine Bejahung meiner Frage zitternd hervorbringen, und als ich mehr von ihm zu horen wunschte, so wusste sie in der Besturzung weiter nichts zu sagen, als dass er jetzt Lieutenant sey.
Ihre Verwirrung hiebey war so gross, dass ich nichts weiter zu wissen brauchte. Die Sache war klar; sie liebte ihn noch, und wenn weiter nichts als dieses die Ursach ihrer Unruhe war, so konnte ich ja noch wohl hoffen, sie zu trosten. Ein kleiner Lieutenant von neugeschaffenem oder gar keinem Adel, war ja wohl keine Parthie, die zu hoch fur die Tochter eines reichen Amtmanns war. Jetzt war nicht die Zeit mit ihr von solchen Dingen zu reden; ich bemuhte mich nur, ihr im allgemeinen Muth einzusprechen, welches mir um so viel leichter zu thun ward, da ich selbst wieder Muth bekam, und die schrecklichen Dinge, die mir zuweilen von dem Gemuthskummer des Madchens einfielen, aus dem Sinne schlug.
Julchen war jetzt vollig wieder hergestellt, sie hatte nichts durch die Blattern verlohren, als die Schonheit und Farbe ihrer Haut, ein Fehler, welcher sich, da sie noch sehr jung war, auch wohl wieder verbessern konnte; ich hutete mich indessen wohl, ihr dieses zu sagen, weil ich hofte, auf die ubertriebene Vorstellung, die sie von ihrer Hasslichkeit hatte, viel gutes zu bauen. Hannchen war noch immer sehr schwach, sie brachte die meisten Vormittage im Bette zu, und konnte nur des Nachmittags ein wenig aufstehen; doch fehlte es diesen Stunden, die ich mit meinen beyden Tochtern in gesellschaftlicher Ruhe zubrachte, nicht an Annehmlichkeiten. Zwar unsere Gesprache waren nicht allemal heiter und frohlich, denn wie viel trauriges war mir in Hannchens Abwesenheit begegnet, das ich ihr doch alles, ob wohl mit einiger Schonung mittheilen musste, aber es gab doch auch wieder Stunden, da das Andenken an unsere Verstorbenen weniger schmerzhaft, die Sorge fur die Abwesenden und Verirrten nicht so nagend, und die Aussicht in die Zukunft freyer und unbewolkter war. Ob Hannchen eben diese Linderung fuhlte, weiss ich nicht; sie war immer zu still und in sich selbst gekehrt, als dass man sie ganz richtig hatte beurtheilen konnen, aber sie schien zuweilen doch wenigstens ruhig, und ich nutzte denn diese Augenblicke immer, ihr entweder mit entfernten Hoffnungen zu schmeicheln, die ich fur die wirksamsten hielt, oder sie auf eine unschuldige Art zu zerstreuen.
Julchen bat mich eines Tages, als wir so ruhig beysammen sassen, doch die Geschichte zu erzahlen, welche ich an dem Tage, da Hannchen uns durch ihre Erscheinung so sehr uberraschte, eben anfangen wollte, und ich, die schon lange auf diese Aufforderung gewartet hatte, weil ich gesonnen war, unterschiedliches einfliessen zu lassen, das auch Hannchen heilsam seyn konnte, fieng folgendermassen an.
Sechs und dreyssigstes Kapitel
Ein altes Weibermarchen
Ich entsinne mich, meine Kinder, dass wir beym ersten Eintritt in das Haus, das wir jetzt bewohnen, unsern neuen Aufenthalt nichts weniger als reizend fanden; es ist wahr, die Gewohnheit und manches Gute, das wir an diesem Orte genossen, hat uns mit unserer Wohnung zufrieden gemacht, aber es dunkt mich doch, als wenn einige von uns noch jetzt sich nicht ganz mit diesen hochgewolbten schallenden Salen, diesen schmalen finstern Gangen, und diesen tiefen dustern Zimmern, die kein modischer Aufputz ganz aufzuheikern vermag, aussohnen konnten. Julchen getraut sich nicht anders, als an der Hand ihrer Mutter oder Schwester die schmale finstere Treppe hinab in den Garten zu steigen, im Keller sehen die Magde des Nachts Lichter, das Merkmaal vergrabener Schatze, brennen, und ihr wisst wohl, dass wir das hier gewohnliche Abendlauten blos darum haben einstellen mussen, weil der Glockner allemal, wenn er auf den Thurm gieng, durch eine lange Gestalt geschreckt zu werden vorgab, welche er fur den Geist eines alten Ritters von Hohenweiler hielt, der in dieser Gegend umgehen soll. Ihr wisst, was ich von solchen Thorheiten halte, indessen liess ich mir doch neulich die Sage von diesen Dingen in unserm Orte umstandlich erzahlen, und ich fand einige Funken von Weisheit darinnen, die mich bewegten, sie im Gedachtniss zu behalten, um sie euch einmal mitzutheilen; ihr seyd klug genug, Weisheit und Thorheit zu unterscheiden, das erste zu eurem Nutzen anzuwenden, und das andere zu verlachen.
Die Meynung, die wir von Anfang von diesem Hause hatten, dass es eins von jenen in der Vorzeit so beruhmten Raubschlossern gewesen sey, war wie mein Marchen berichtet nicht ungegrundet, denn der uralte Besitzer desselben, Franz von Reutlingen genannt, machte es zu seinem bestandigen Aufenthalt, und da er so wie viele andere des damaligen Adels nach der Redensart jener Zeiten, von Stegreife lebte, das ist, das Land durchstrich um mit anderer Leuten Hab und Gut seine Schatze zu vermehren, so konnte man seine Wohnung, die der Zufluchtsort seiner Mitgenossen, und der Schauplatz tausendfacher Ungerechtigkeiten war, mit Recht ein Raubnest und eine Morderhohle nennen.
Damals war die Gegend rund um her noch nicht bebauet, das Schloss, auf dessen Zimmer er Tag und Nacht auf die Voruberreisenden lauren liess, stand noch ganz einsam, und selbst die Stelle, wo jene erhabene Saule an der Nordseite dieser Gegend steht, die dem ganzen Orte den Namen Hohenweiler gab, war damals noch leer, sie ward erst in der Folge zum Denkmaal einer der merkwurdigsten Begebenheiten aus Ritter Franzens Leben gesetzt. Ich leugne es nicht, wenn mir es etwa in der Dammerung einmal einfiel, einen Theil des Marchens fur Wahrheit zu halten, dass ich mit einem geheimen Schauer vor diesem bejahrten Monument vorubergieng, und Gedanken in mir entstehen fuhlte, die ihr errathen werdet, wenn euch die Geschichte so bekannt seyn wird als mir.
Franz von Reutlingen, von Jugend auf an ein rauhes wustes Leben gewohnt, das er unter die Geschafte seines blutgierigen Schwerdts, und unter die Ausleerung voller Becher theilte, von welchen er selten nuchtern aufstand, fuhlte wenig von jenen sanftern Empfindungen, die der Menschheit zur Ehre gereichen. Liebe und Freundschaft waren ihm fremde noch niegehorte Namen, denn wer wollte die Verbindung raubsuchtiger Bosewichter zu gemeinschaftlichen Unthaten, Freundschaft, oder das unedle fluchtige Wohlgefallen solcher Leute, an weiblicher Schonheit Liebe nennen?
Unter dem Raube, den man taglich in Franzens Schloss zu gemeinschaftlicher Theilung einfuhrte, befanden sich auch oft junge schone Madchen, die Tochter der Benachbarten, die man entweder, wenn sie einem von der ehrsamen Gesellschaft gefielen, beybehielt, oder von ihren Aeltern durch grosse Summen auslosen liess. Noch keine von so vielen eingebrachten Schonen hatte Franzens Herz ruhren, oder nur einen seiner Blicke an sich ziehen konnen; das Ungluck hatte diesen traurigen Vorzug einem Fraulein aufbehalten, die die schonste und beste von allen ihren Gespielen, und also gewiss am wenigsten geneigt war, Franzens Antrage gutwillig anzunehmen. Sie hiess Perchta, und da sie die Tochter des beruhmten Hans von Steegen war, so sahe Ritter Franz wohl ein, dass er ehrerbietiger mit ihr als mit andern verfahren, und sie bey ihrem Vater, der ein reicher, angesehener, und ehrlicher Ritter war, geziemend zur Ehe fordern musse.
Die Geschichte erwehnt nicht, was Hansen von Steegen, der sonst einen unuberwindlichen Abscheu gegen den raubsuchtigen Adel seiner Zeiten geaussert hatte, bewog, seine Tochter Franzen ohne Weigerung zuzusagen, aber, so viel ist gewiss, dass er es that, und dass die arme Perchta nach der Sitte jener Zeiten einwilligen musste.
Sie ward also die Frau eines Mannes, den sie nicht lieben konnte, den sie verabscheuen musste, eines Mannes, der zwar eine Neigung fur sie fuhlte, die er Liebe nannte, die er aber auf so widrige Art ausserte, dass sie ihr zur Quaal gereichte. Ein Weib war in seinen Augen ein Geschopf niederer Gattung, das keine Achtung verdiente, und was ist Liebe ohne Achtung? ein Hirngespinnst, das sich kaum denken lasst. Man musste so gut seyn wie Perchta, um die Begegnung geduldig zu ertragen, die sie taglich erfuhr. Doch hatte ihr Herz, das acht und empfindungsvoll war, den traurigen freudenleeren Zustand gewiss nicht lange ertragen konnen, wenn sie nicht mitten in ihrem Elend eine Quelle des Vergnugens entdeckt hatte, welche ihr das Leben wieder lieb machte, und sie den Stand, in welchen sie ihr Schicksal gesetzt hatte, segnen liess.
Taglich sahe sie vor ihren Augen Schauspiele der Grausamkeiten auffuhren, die ihr Herz durchbohrten, taglich kam Franz von Menschenblute bespritzt, auf sein Schloss zuruck, taglich wurden in die Gefangnisse des Schlosses neue Gefangene gebracht, die man, wenn sie sich nicht losen konnten, entweder ermordete, oder in ihren Kerkern verschmachten liess. Oft hatte Perchta ihre bittende Stimme zum Besten dieser Unglucklichen erhoben, aber man hatte ihre Worte nicht geachtet, sie wohl gar wegen ihrer Weichherzigkeit verspottet und bedrohet. Sie war klug genug endlich zu schweigen, da sie sahe, dass ihre Muhe vergebens war, und diese Aenderung in ihrer Auffuhrung machte, dass man glaubte, sie gewohne sich nach und nach an die Sitte des Schlosses, und wurde vielleicht endlich noch so weit kommen, die erhabenen Gesinnungen ihres Gemahls zu erreichen, eine Muthmassung, welche sie nicht bestritt, und die sie sehr in Franzens Meynung erhob.
Franz ward gefalliger gegen seine Gemahlinn; sie stellte sich habsuchtig, und er bereicherte sie mit den Schatzen der Unterdruckten, sie gab vor, ein Vergnugen an den angefullten Gefangnissen zu haben, und er machte sie zur Kerkermeisterinn seiner Gefangenen. Welche herrliche Gelegenheit zum Wohlthnn fur Perchten! Sie wandte ihre Schatze auf schlaue Art an, die Unglucklichen loszukaufen, liess es denen, die sie aus dieser oder jener Ursach langer im Kerker behalten musste, an keiner Erquickung fehlen, schafte die grausame Behandlung der Gefangenen unter dem Vorwande ganz ab, dass dieselbe nur dazu diene, die Einkunfte ihres Herrn zu schmalern, weil mancher durch dieselbe sein Leben einbussen musse, dessen Loskaufung dem Schatze noch ein Grosses hatte einbringen konnen. Da man anfieng viel Zutrauen in sie zu setzen, so ward es ihr endlich auch leicht, manchen heimlich loszulassen, und ihm die Summe, die sie auf seine Ranzion gerechnet haben wurde, als Wegzehrung mitzugeben.
Ritter Franz merkte nicht, was fur einen Handel seine Gemahlinn trieb, er beschenkte sie immer von neuem, und fragte denn wohl zuweilen nach dem Anwachs ihrer Schatze, aber Perchta, welche jetzt sich schon eine Freyheit bey ihrem Gemahl nehmen konnte, affektirte dann entweder den Eigensinn der Geizigen, die aus Furcht, man mochte sie fur reich halten, niemanden zeigen, was sie in ihrem Kasten verschliessen, oder sie wandte vor, ihre Reichthumer vergraben zu haben, oder sie hatte irgend einem Kloster eine reiche Schenkung gelobt, welche ihren Vorrath geschmalert hatte. Franz, der die Schenkung an Kloster fur ein sehr verdienstliches Werk hielt, und es gern sah, wenn Perchta die Bussung fur seine Sunden uber sich nahm, tadelte diesen Vorwand so wenig als die andern, und so kam die edle Frau immer glucklich durch, ohne das Vermogen und die Gelegenheit Ungluckliche zu retten, welches beydes allein von Franzens Zufriedenheit mit ihr abhieng, einzubussen.
Eines Tages ward ein alter ehrwurdiger Mann eingebracht, den man blos darum gefangen genommen, und geschworen hatte, ihn ubler zu halten, als alle andere, weil er die Hoffnung seiner Rauber hintergangen, und unter dem tauschenden Schein eines ziemlich guten Kleides, nichts als einige Kupfermunze bey sich gehabt hatte. Perchta bat Franzen diesen betrugerischen Alten ganz ihrer Willkuhr zu uberlassen, und ferner nicht nach ihm zu fragen. Die Bitte ward auf eine Art vorgebracht, welche wenig Gutes fur den Gefangenen vermuthen liess, und der Ritter gewahrte sie also ohne Bedenken.
Aber Perchta that, wie sie gewohnt war. Die Nacht war nicht sobald eingebrochen, so gieng sie in den Kerker des Alten, sprach freundlich mit ihm, labte ihn mit Speise und Wein, schenkte ihm viel Gold und Silber, und liess ihn durch einen unterirdischen Gang aus dem Kerker, nachdem sie ihre gewohnliche Bitte an ihn gethan hatte, mit welcher sie alle ihre Freygelassenen abfertigte, er mochte doch jedermann warnen, sich nicht in den Bezirk dieses gefahrlichen Schlosses zu wagen, auch mochte er nicht vergessen, bey Gott und seinen Heiligen fur sie zu bitten, dass ihr die Sunde ihres Gemahls nicht zugerechnet, er bekehrt, und wo moglich von weitern Versundigungen abgehalten werden moge.
Sie stand noch mit holder Geberde vor dem Alten, und flehte mit kreuzweis auf die Brust gelegten Handen um die Gewahrung ihrer Bitte, da dunkte es ihr, als sahe sie wie das Gesicht desselben sich verklarte, sein Gewand anfienge zu schimmern, und seine ganze Gestalt in Lichtglanz zerflosse. Ich bin Sankt Peter, der Schutzheilige der Gefangenen, tonte ihr eine atherische Stimme zu, ich horte, was du fur die Meinen thatest, ich kam herab, die Wahrheit des Geruchts zu prufen, ich habe dich rein und lauter erfunden, wie die Engel Gottes, und verspreche dir zur Belohnung deiner Frommigkeit, die Gewahrung einer Bitte, die du einst an dieser Stelle thun musst. Es war eben die Stelle, wo die hohe Saule steht, die ihr, meine Kinder wohl kennt, und deren ich im Anfang gedachte.
Perchta sah der schimmernden Gestalt nach, wie sie in der Luft zerfloss, nahm ihre Laterne, die verloschen war, von der Erde auf, hullte sich mit einem kleinen Schauer in ihren Mantel, und wandelte den unterirdischen Gang zuruck nach ihrer Wohnung, ohne dass sie sich recht besinnen konnte, ob das, was ihr begegnet war, Wahrheit oder Traum sey.
Sankt Peter musste die Bitte der edeln Frau wohl zu Herzen genommen haben, denn von diesem Tage an kam die Nahrung des Ritters Franz von Reutlingen sehr in Verfall. Die Gegend um das Schloss ward eine Wuste, alle Menschen flohen diesen Bezirk, als ob sie vom geheimen Schrecken zuruck gescheucht wurden; verirrte sich denn noch ja ein Wanderer in Franzens Gebiet, so misslungen die Anschlage auf ihn gemeiniglich, so dass Perchtens Gefangnisse ganz leer wurden, und sie weder jemand zu verschliessen, noch freyzulassen hatte; aber Ritter Franzens Schatzkasten wurden es auch, und er fieng an, sich jetzt mehr als vordem nach den Vorrathen seiner Gemahlinn umzusehen.
Perchtens Weigerungen und alle ihre vormals gultigen Entschuldigungen waren vergebens, es wurden ihr alle ihre Schlussel abgefordert, und eine Untersuchung angefangen, fur welche die arme Dame zitterte, denn sie wusste wohl, dass ihre Wohlthatigkeit alle Kasten geleert hatte, und ihr boshafter Gemahl nichts finden wurde.
Sie war voller Angst in den Garten gegangen um daselbst ihr Schicksal, das sie wohl absehen konnte, abzuwarten. Aber wie gross war ihr Erstaunen, als sie nach Verlauf einer Stunde Ritter Franzen freundlich und heiter eintreten, und sie zum erstenmal seit ihrem Hochzeittage, mit einiger Zartlichkeit umarmen sahe. Perchta, sagte er, du hast wohl hausgehalten, ich sehe, du bist eine so gute Schatzmeisterinn als Gefangenwarterinn; aber du darfst nicht denken, dass ich dir alle deine Schatze nehmen will, hier gebe ich dir indessen einen Theil derselben wieder, es wird ohngefahr der zwanzigste Theil dessen seyn, was ich bey dir gefunden habe. Perchta sah ihren Gemahl mit grossen verwundrungsvollen Augen an, sie ofnete den ihr wohlbekannten Beutel, den er ihr in die Hand legte, und fand ohngefahr eben das an Quantitat und Gehalt darinne, was sie ehemals Sankt Petern auf die Reise gab, und das nicht wenig gewesen war. Sonderbar, sagte Ritter Franz, dass du alles in solcher schoner Ordnung, alles in solchen schonen Beuteln, und in solchen guten und egalen Munzsorten aufbewahrt hast; fast mochte es mich dauren, dir deine kleine Gotzen genommen zu haben.
Perchta schwieg, wie man denken kann, und dankte in der Stille ihrem guten Freunde Sankt Petern, welcher, wie sie leicht errieth, der Urheber dieses Segens war. Sie wandte ihren Schatz zum Wohlthun an, und wunderte sich sehr, ihn nie abnehmen zu sehen. Nicht so Ritter Franz; er brauchte nichts von dem Seinigen zum Wohlthun und doch waren seine neunzehn Beutel langst leer, da Perchta den ihrigen noch nicht geofnet zu haben schien.
Die Sachen auf dem Schlosse fiengen nun an ein trauriges Ansehen zu gewinnen, Franzens Schatze waren verzehrt, und mit ihnen war auch seine gute Laune dahin. Der heimliche Schatz seiner Gemahlinn schutzte zwar das Haus vor Mangel, aber sie trug billiges Bedenken, ein einiges Goldstuck aus ihrem gesegneten Beutel zur Ueppigkeit anzuwenden, und ohne Ueppigkeit und Schwelgerey konnte ihr Gemahl nicht leben. Zudem zog sich ein Ungewitter von der andern Seite auf. Der Kaiser hatte lange zu den Raubereyen seines Adels geschwiegen, jetzt erwachte er, dem Unrecht zu steuren, und Ritter Franz stand oben an auf der Liste der Verbrecher.
Nicht lange, so sahe man Reutlingens Schloss von den Kaiserlichen umringt, und obgleich Franz alle seine Freunde und Helfer um sich versammelt hatte, und ein gutes Vertrauen auf seine alte Veste setzte, die schon manchen Angrif unerobert ausgehalten hatte, so siegte doch diesesmal die grossere Macht, und die gute Sache. Reutlingens Raubgenossen fielen fast alle im Streite, und Franz ward gefangen und in einen von den Kerkern seines eigenen Schlosses geworfen, in welchem er ehemals so manchen Unglucklichen hatte verschmachten lassen.
Frau Perchten begegnete man mit Achtung; es waren unter den Kaiserlichen einige, welche vormals in Reutlingens blutgierige Hande gefallen, und von ihr gerettet worden waren. Sie priessen ihr Lob gegen ihren Anfuhrer, und man gestand ihr zur Belohnung ihrer guten Thaten, die Freyheit zu, im Schlosse zu schalten, als ob sie noch Gebieterinn desselben sey. Ihre Schonheit fand noch mehr Bewunderer als ihre Tugend, aber sie zog sich sittsam zuruck, und bat, als man ihr eine Bitte freygab, um nichts als um die Erlaubniss das Gefangniss mit ihrem Gemahl zu theilen. Seine Freyheit zu erbitten, hatte sie schon vergebens gestrebt, und als die weibliche Schwachheit sie zu dem Einfall verleitete, ob die Loslassung ihres Gemals sich nicht mit Gelde erkaufen liess, fand sie ihren Beutel leer. Sie sann darauf, ob Franz sich nicht mit List durch den unterirdischen Gang davon bringen liess, aber jeder Versuch, den sie machte, ward vereitelt, und als sie wirklich einmal die Wachsamkeit seiner Huter getauscht, und Franzen schon an den Eingang dieses dustern Weges gebracht hatte, so fand es sich, dass er weiter hin verfallen war, und auch in den Gegenden, wo man sich allenfalls hatte durcharbeiten konnen, den Einsturz drohte, so dass Franz, der in diesem Augenblick Leben und Freyheit gegen einander abwog, und diese gegen jenes zu leicht fand, lieber in seinen Kerker zuruck kehrte, als sich der Gefahr erschlagen zu werden, die seine treue Gemahlinn gern mit ihm getheilt hatte, aussetzen wollte.
Noch ein Mittel zu Franzens Rettung war Perchten ubrig. Sie wusste, dass ein Gebet an der Stelle, wo Sankt Peter ihr erschienen war, erhort werden wurde, denn er, der bisher so treu in seinen Verheissungen erfunden worden war, hatte es ihr zugesagt; sie sehnte sich dahin um fur ihren Gemahl zu bitten, aber wie sollte sie dahin gelangen? Der Ausgang aus dem Schlosse ward ihr auf keine Art verstattet, und der unterirdische Weg an den heiligen Ort war verschuttet.
Doch nahm sie ihr Leben in die Hand, wagte sich in einer Nacht in die verfallene Gruft, und hofte sich durch Schutt und Trummer endlich durcharbeiten zu konnen, um ihre fromme Absicht auszufuhren; aber so leicht ihr auch der Weg ward, vor welchem ihr mit Recht hatte bange seyn konnen, so schlug ihre Hoffnung doch auf andere Art fehl. Zwar fand sie den Gang so ganzlich von Schutt und Steinen geraumt, und die Gewolber so fest, dass sie auf die Gedanken kam, die Kaiserlichen hatten diesen geheimen Ausweg gefunden, und ihn zu ihrer eignen Bequemlichkeit wieder hergestellt, aber sie ward durch die wenigen Beschwerlichkeiten die ihr aufstiessen, nichts gebessert, denn es war ihr unmoglich den Ausgang zu finden, sie irrte die ganze Nacht in den verschlungenen Gangen und Nebenhohlen umher, und kehrte endlich gegen den Morgen traurig in ihre Wohnung zuruck. So werden denn, schrie sie mit thranenden Augen, alle meine Bemuhungen den Unglucklichen zu retten vereitelt? ach ich merke es wohl, eine unsichtbare Hand ist hier mit im Spiele, und es bleibt mir nichts mehr ubrig, als nach der Pflicht einer treuen Gattinn das Schicksal desjenigen zu theilen, mit welchem der Himmel mich nun einmal verbunden hat.
Hier war es, wo sie von dem Anfuhrer der Kaiserlichen die Erlaubniss erbat, bey ihrem Gemahl im Kerker leben zu durfen. Man bewunderte ihre Treue, und entliess sie an den Ort, den sie sich selbst gewahlt hatte. Die Anbeter ihrer Schonheit waren doch nicht besser daran, wenn sie auch frey war; denn ihre Eingezogenheit entzog sie ihrem Anblicke, sie mochte sich nun auf ihrem einsamen Zimmer oder in dem Kerker ihres Mannes befinden.
Sieben und dreyssigstes Kapitel
Ein Intermezzo
So weit war ich in meiner Erzahlung gekommen, als der Oberste von Wilteck sich bey mir melden liess. Seit meines Mannes Abreise nach Berlin hatte ich allen Umgang mit dem hochadelichen Hause aufgehoben; meine liebe Frau von Wilteck war nicht gegenwartig, und ihr Gemahl, nebst dem Obristen, waren nie Leute nach meinem Geschmack gewesen. Auch hatten sie in meiner gegenwartigen Einsamkeit mich nie mit ihren Besuchen beunruhigt, und ich wunderte mich um so vielmehr, dass ich heute einen erhalten sollte.
Der Vorwand, unter welchem der Oberste zu mir kam, war ein Brief von meinem Mann aus Berlin, aber die Ungeduld, mit welcher er strebte ein gewisses Gesprach anzufangen, und die Weitlauftigkeit, mit welcher er sich bey demselben aufhielt, liess mich es bald begreifen, dass das erste nur die Nebenursach seines Kommens war.
Fast ohne alle Veranlassung, ohne allen Eingang, brachte er das Gesprach auf seinen Neffen, den Lieutenant Wilteck, sagte viel zu seinem Lobe, wobey er Hannchen unablassig ansah, und schloss endlich mit der Nachricht, er sey unter die schen Truppen gegangen, und werde mit denselben nachster Tage sich nach Amerika einschiffen. Schon jetzt hat er den Charakter als Hauptmann, sagte er, und wie hoch kann er sich in den vier oder funf Jahren bis zu seiner Ruckkunft schwingen? er ist in aller Absicht ein hofnungsvoller junger Mensch, der seiner Familie Ehre machen wird, und Amerika ist recht der Ort, wo er etwas versuchen, und sich mit Reichthumern beladen kann, um in seinem Vaterlande glanzen, und nach der Hand des schonsten und vornehmsten Frauleins streben zu konnen.
Ich horte nicht weiter auf des Menschen albernes grundloses Gewasch, sondern sahe nur Hannchen verstohlen an, welche noch in der Stellung, mit geschlossenen Augen in ihrem Stuhl zuruck gelehnt da sass, die sie bey des Obristen Eintritt angenommen hatte. Ihre zunehmende Blasse bezeigte, was der eben gehorte Vortrag fur einen Eindruck auf sie machte. Ich ward in dem Augenblicke in der Meynung bestarkt, dass ihre Liebe zu dem jungen Wilteck, und das Missfallen, welches das vornehme Haus an derselben gehabt haben mochte, sie wieder in die Arme ihrer Mutter getrieben hatte. Es war ja offenbar, dass der boshafte Obriste seine Neuigkeiten nur darum so ungebeten auskramte, um Hannchen zu kranken, und ihr alle Hoffnung zu der hohen Verbindung abzuschneiden.
Die Mamsell Tochter sind wohl sehr unpass, sagte der Oberste wieder mit einem hamischen Blick auf Hannchen, nachdem er noch eine lange Weile ununterbrochen und von mir fast unbemerkt fortgeplaudert hatte. Ja in der That, erwiederte ich, indem ich aufstand, ich glaube sie bedarf Ruhe, und es scheint noch nicht, als wenn der einformige Ton des Gesprachs sie in Schlummer wiegen wollte. Welches ich von Herzen gern glaube, antwortete der abscheuliche Schwatzer mit einem hohnischen Lacheln, indem er gleichfalls aufstand, um sich zu empfehlen. Gern hatte ich ihm zum Abschied noch etwas bitteres gesagt, aber ich hielt es fur besser zu schweigen, und gar nicht beleidigt zu scheinen; im Grunde wusste ich auch noch zu wenig von der rechten Lage der Sache, um einsehen zu konnen, wohin ich die meiste Starke meines Unwillens wenden sollte.
Wir waren nun wieder allein, und ich winkte Julchen das Zimmer zu verlassen, weil ich den gegenwartigen Augenblick fur die schicklichste Zeit hielt, endlich von Hannchen Auskunft uber so viel verborgene Dinge zu erhalten.
Sage mir, um Gottes willen, rief ich, nachdem ich sie eine Weile angesehen hatte, wie sie so vor mir sass und die Thranen unter ihren geschlossenen Augenliedern hervordrangen, sage mir, was soll ich aus deinem seltsamen Zustande machen? was ist mit dir, wahrend deines Aufenthalts in dem Wilteckischen Hause vorgegangen? Dein Hass gegen die meisten, und deine Neigung gegen Einen aus diesem Hause ist offenbar. Ich will dir das Gestandniss ersparen, du liebst den Lieutenant und er dich vielleicht auch, eure Leidenschaft wird von seinen Verwandten gemissbilligt, und man sucht euch von einander zu trennen; sprich, ist dieses nicht der Gegenstand deines Kummers? Hannchen antwortete mir mit einem bejahenden Hauptwink, denn sie vermochte vor Thranen nicht zu sprechen.
Aber, bestes Madchen, fuhr ich fort, bedenke doch, ob dieses eine hinlangliche Ursache ist, dir das Herz abzunagen! bedenke doch, wie viel Dinge in der Zukunft moglich werden, die wir jetzt ganz aufgeben mussen. Lass doch den jungen Menschen einige Jahrlang in der Welt sein Gluck versuchen, er kommt ja zuruck, und ist er dir denn noch treu so oder zweifelst du an seiner Treue? oder furchtest du fur die Gefahren, die auf der weiten Reise seinem Leben drohen konnten? Deine Winke bedeuten mich, dass dieses nicht der Grund deiner Unruhe ist, nun so sprich, was ist es denn; entdecke dich doch einer Mutter, die dich so sehr liebt, die Trost und Hoffnung fur dich in Ueberfluss hat.
Sie warf sich um meinen Hals, und fuhr fort zu weinen, ich begleitete ihre Thranen mit den meinigen, denn ihr Kummer durchbohrte mein Herz. Endlich riss sie sich von mir los, kusste meine Hand, und bat mich, ihr Frist bis morgen zu geben, da sie sehen wollte, ob sie sich zu einer umstandlichen Erzahlung ihrer Leiden ermannen konne.
Ich drang nicht weiter in sie, sondern setzte alle meine Hoffnung auf den morgenden Tag, aber er erschien, er verlief mehr als zur Halfte, und Hannchen blieb stumm. Gegen Abend, da ich mich eben gefasst machte ihr noch einmal ernstlich zuzureden, bat sie mich, doch Julchen rufen zu lassen, und ihr die Geschichte des vorigen Tages vollends zu erzahlen.
Ich zuckte die Achseln mit einer unwilligen Miene: denkst du mich zu bereden, fragte ich, dass du in deiner jetzigen Verfassung Geschmack an einem Kindermahrchen finden konnest? Gonnen sie mir, antwortete sie, doch nur noch diese kleine Erholung, diesen kleinen Aufschub, ehe ich mich an eine Erzahlung wage, vor welcher mir so bange ist, welche alle Wunden meines Herzens wieder aufreissen wird, welche vielleicht
Eben trat Juchen herein, und unser Gesprach ward unterbrochen. Ich ward von beiden an die Fortsetzung der Geschichte erinnert, und ich fieng halb gezwungen an dem Orte an, wo ich des vorigen Tages aufhoren musste.
Acht und dreyssigstes Kapitel
Fortsetzung des Marchens vom Ritter von
Hohenweiler
Perchta konnte mit Recht hoffen, ihre Gegenwart wurde ihrem Gemahl eine Art von Linderung seyn; und hatte er auch weiter keinen Vortheil von derselben gehabt, als die Freyheit, seinen Kummer in ihren Schoos auszuschutten, so war schon dieses genug gewesen. Du weisst es, mein Hannchen, wie suss es ist alle Geheimnisse seines Herzens mit einer Person zu theilen, die uns liebt und zu trosten sucht.
Diese Bemerkung war ein wenig zu gesucht. Ritter Franz hatte seiner Frau keine Geheimnisse zu entdekken, und es war offenbar, dass diese Stelle blos um der Zuhorerin willen da war, ein Blick von Hannchen sagte mir, wie gut sie mich verstunde, und ich fuhr fort.
Reutlingen war indessen nicht der Mann, der Geschmack an solchen Ergiessungen des Herzens hatte, sein Charakter war zu rauh und hart, weder Rath noch Trost fand bey ihm Eingang, und erst nach vieler Muhe machte ihm seine Gemahlin begreiflich, dass er sich in seiner gegenwartigen Verfassung durch nichts retten konnte, als durch Demuthigung vor dem Kaiser, und durch Ausfuhrung eines Plans, den sie ihm vorlegte.
Was man auch, sagte sie, an eurem bisherigen Leben mag tadeln konnen, so ist doch so viel gewiss, dass ihr ein tapferer Mann seyd. Der Kaiser weis tapfere Leute zu schatzen, und wenn ihr euch gegen ihn bezeugt, wie ihr es eurem Herrn schuldig seyd, und mit Bezeugung einiger Reue wegen des Vergangenen um Kriegsdienste bittet, so wird er nicht ermangeln, euch ein kleines Heer anzuvertrauen, mit welchem ihr eure Tapferkeit beweisen, und euch seine Gnade erwerben konnt. Bedenkt doch, dass im Kriege auch Beute zu machen ist, und dass man durch die Thaten gegen einen rechtmassigen Feind, noch uber dies Ruhm und Ehre erwirbt, ein Gut, welches euch euer Schwerdt bisher noch nicht hat gewinnen konnen.
Reutlingen hiess seine Frau von Dingen schweigen, die sie nicht verstunde, sann hin und her, fand keinen Ausweg aus seinem Elend, und ergriff endlich doch den Rath der weisen Perchta.
Der Kaiser war gnadig, er verziehe Franzen, und machte ihn, nach einigen nothigen Vorkehrungen zu Versicherung seiner Treue, zum Anfuhrer eines Geschwaders, welches er seinem Sohne, der eben wider die Bayern zu Felde lag, nachsenden wollte.
Reutlingens Schloss blieb als Unterpfand in den Handen des Kaisers; man wollte Frau Perchten zwar aus besonderer Milde erlauben, in Abwesenheit ihres Gemahls darauf zu hausen, aber ihr Vater, Hans von Steegen, fand dieses unziemlich fur eine so junge und schone Frau, wie seine Tochter war; er nahm sie zu sich, und brachte sie weit von hier in ein Kloster, um daselbst Ritter Franzens Ruckkunft zu erwarten. Ihre Abreise gieng so eilig vor sich, dass sie nicht einmal Zeit hatte, wie sie gesonnen war, erst an Sankt Peters Stelle, so pflegte sie den heiligen Ort zu nennen, wo ihr der Heilige die Gewahrung einer Bitte versprach, fur das Gluck ihres Gemahls zu flehen.
Reutlingen hatte im rechtmassigen Kampfe nicht so viel Gluck als bey seinen Raubereyen. Er verrichtete zwar genug tapfere Thaten, aber sie nutzten ihm wenig; andere wussten sie sich zuzueignen, andere nahmen den Ruhm und den Vortheil dahin, und ihm blieben Wunden und verstummelte Glieder zur Belohnung. Mit einem zerhauenen Arm und einem gelahmten Schenkel kehrte er aus dem Felde zuruck, armer als er zuvor war, und wegen ubel geheilter Wunden, nicht einmal im Stande, Theil an dem Siegsfeste zu nehmen.
Der Kaiser war gerecht, er beklagte den, der bey den wenigen Schritten, die er auf dem Wege der Tugend gethan hatte, so schlechtes Gluck fand; er redete freundlich mit ihm, er bot ihm ruhige Dienste an seinem Hofe an, er erhob ihn, als er dieses murrisch ausschlug, zur Belohnung seiner Kriegsthaten, die er doch nicht einmal alle kannte, in den Grafenstand, und liess ihn wieder heim auf sein Schloss ziehen, welches er in seiner Abwesenheit hatte bessern und ausbauen lassen, und das er jetzt mit ansehnlichen Freyheiten beschenkte, so dass Franz auf demselben gar wohl leben konnte.
Perchta verliess mit schwerem Herzen ihr ruhiges Leben im Kloster, und eilte zu ihrem Gemahl, von welchem sie glaubte sich nicht anders trennen zu durfen, als wenn er sie selbst verstiess. Ihr Empfang war noch schlechter als sie ihn erwartet hatte. Reutlingen war ein dustrer Menschenfeind geworden, keine Freude war fur ihn mehr auf der Welt, und selbst das, was ihm bey seinem bosen unverbesserlichen Herzen, noch einiger Trost gewesen seyn wurde, die Macht Boses zu thun, selbst dieses fehlte ihm. Seine Krafte waren geschwacht, seine Glieder verstummelt, seine Schatze verflogen, er war weder fahig sein altes Raubhandwerk wieder vorzunehmen, noch seinen heimlichen Groll gegen den Kaiser auszulassen, den er ungeachtet seines gnadigen Verfahrens gegen ihn, den Urheber seines Unglucks nannte.
Perchta litt am meisten bey seinen furchterlichen Launen, sie nannte er die Urheberinn seines Unglucks, sie war die einige, die er nach Wunsch qualen, und alles Gift das in seinem Herzen war, uber sie ausstromen konnte. Geduld einer Heiligen gehorte dazu, seine Grausamkeit zu ertragen. Ihr einiger Trost war das Gebet, und die Gesellschaft einer gewissen Romhild, die sie im Kloster kennen gelernt, und sie mit sich genommen hatte, weil es ihr unmoglich dunkte, sich von dieser ihr so nahe verwandten Seele zu trennen.
Romhild, ein Fraulein aus einem unbeguterten aber vornehmen Geschlecht, war an Tugend, Schonheit und Unschuld das vollkommene Ebenbild von Reutlingens Gemahlin; sie war ihr ungern in die Welt gefolgt, weil nur das Kloster Reize fur sie hatte, die Freundschaft fur Perchten machte ihr indessen dieses Opfer leicht, und sie bemuhte sich, um ihr Gelubde auf keine Art zu brechen, selbst auf Franzens Schlosse ein klosterliches Leben zu fuhren. Reutlingen selbst bekam sie nur selten zu sehen, auch machte ihr Anblick keinen andern Eindruck auf ihn, als den, den jetzt jedes menschliche Wesen auf sein verwahrlostes Herz zu machen pflegte. Romhild war schon und gut, sie war Perchtens Freundinn; Grund genug fur Franzen sie zu hassen, und auf ihr Verderben zu sinnen. Der Trieb Boses zu thun, wozu es ihm doch in den meisten Fallen an Vermogen fehlte, war jetzt so heftig in ihm geworden, dass er darauf dachte, ihn zu befriedigen, es mochte geschehen, auf was Art es wolle.
In jenen finstern Zeiten des Aberglaubens gab es genug Leute, die sich fur Zauberer ausgaben, oder vielmehr, um mich nicht zu sehr von dem Ton meiner Geschichte zu entfernen, die es wirklich waren. Reutlingen zog insgeheim die beruhmtesten seiner Gegend an sich, um von ihnen die schreckliche Kunst zu lernen, bey wenigen Kraften viel Boses zu thun. Er erwartete grosse Dinge von seinen abscheulichen Lehrmeistern; er hofte durch ihre Hilfe sich an dem Kaiser und an der ganzen Welt, von welcher er sich verkannt und vernachlassigt glaubte, zu rachen, aber alles was ihm diese armseligen Bosewichter gewahren konnten, war Unterricht in einigen verborgenen Kunsten von der geringsten Art, die ihn zu einem Unglucksstifter in einer weit kleinern Sphare machten, als er sich wunschte.
Perchta kam hinter das gottlose Vorhaben ihres Mannes, sie hoffte es zu hintertreiben, oder wenigstens seine Folgen zu schwachen. Sie wusste, dass eine gewisse Nacht zu Franzens feyerlicher Aufnahme in die Geheimnisse der schwarzen Kunst bestimmt war. Sie erfuhr, dass der Ort, wo das schreckliche Fest gefeyert werden sollte, unter freyem Himmel, dass es kein anderer als derjenige war, den sie Sankt Peters Stelle zu nennen pflegte. Mit verneutem Muth entschloss sie sich, selbst bey der Feyerlichkeit gegenwartig zu seyn, und das auszufuhren, was sie beschlossen hatte.
Die Nacht erschien. Franz entfernte sich mit seinen Helfern vom Schlosse. Perchta schlich sich durch den unterirdischen Gang an den Ort, wo sie wusste, dass sie ihren ruchlosen Gemahl finden wurde. Es war ihr diesen Abend besonders schwer geworden, Romhilden, die von diesen Dingen nichts erfuhr, von ihrer Seite zu entfernen, sie hatte sich verspatigt; die den Geheimnissen der Magie geweihte Stunde war bereits verflossen, da sie auf Sankt Peters Stelle anlangte. Sie horte nur noch die letzten Worte des Beschworers, in welchen er Franzen mit umumschrankter Macht, Boses zu thun bekleidete, so dass weder Engel noch Heiliger im Stande seyn sollen, seine Absichten zu hindern.
Perchta schauerte in sich zuruck vor dem schrecklichen Klange der Worte; sie sah, dass sie zu spat kam Boses zu hindern, aber sie fuhlte, dass sie es wenigstens in ihrer Macht hatte, es zum Guten zu kehren. Sie dachte an die freye Bitte, die ihr Sankt Peter gewahrt hatte, sie sank auf der heiligen Stelle nieder, und flehte zu Gott, dass alles Bose, das ihr ruchloser Gemahl thun wurde, zum Besten derer, denen er zu schaden suchte, gewendet werden moge. Sie fuhlte die Versicherung der Erhorung in ihrem Herzen, stand auf, eilte in das Schloss zuruck, und legte sich ruhig an Romhilds Seite schlafen.
Ihre Ruhe dauerte nicht langer als ihr Schlaf, denn schon der andere Morgen liess sie Nachrichten von Unglucksfallen horen, welche vielleicht die Erstlinge von Franzens neuerlernter Kunst waren. Einem benachbarten Ritter, den Reutlingen besonders hasste, war sein schones Schloss abgebrannt; und der hoffnungsvolle Sohn eines andern war, als er in der ersten Morgendammerung uber den Strom gehen wollen, von der Brucke gefallen und ertrunken.
Reutlingen lachte und sprach, er habe ja selbst nichts als ein altes verodetes Schloss, welches seinetwegen heute abbrennen mochte; auch habe ihm das Gluck nie Kinder gegonnt, er glaubte also wohl, dass andere das auch missen konnten, was er entbehren musste.
Jeder neue Tag uberzeugte Perchten, dass es mit Franzens Gabe Boses zu thun, kein Scherz sey; sie wusste nicht, auf was fur Art er seine unselige Kunst ausubte, aber dass alles Unheil in der Gegend des Schlosses von ihm her kam, war offenbar, war schon dadurch genug erwiesen, dass dasselbe immer besonders diejenigen traf, die sie liebte. Ein kleines Madchen, ihre Pathe, die sie zuweilen um ihre Schonheit gelobt hatte, ward von scheusslichen Blattern entstellt, die ihr fast so wenig ausserlichen Reiz uberliessen, als dem armen Julchen. Eine andere von ihren Freundinnen, welche sie im Begriff stand mit einem liebenswurdigen jungen Menschen zu verheyrathen, ward von ihrem Brautigam getrennt; er ward in fremde Lande getrieben, und die Arme behielt nach ihren Gedanken wenig Hoffnung ubrig ihn jemals wieder zu sehen. Solche Posten bekam sie alle Tage, und ihr edles empfindungsvolles Herz litt unaussprechlich dabey. Ach Sankt Peter! rief sie oftmals in halber Verzweiflung aus, wo sind deine Versprechungen? wo die Erhorung meiner Bitte? wo ist auch nur eine Spur, dass das gestiftete Bose zum Guten verkehrt worden sey?
Gab es noch etwas, das sie zu trosten vermochte, so war es Romhilds Umgang. Zwar zitterte sie oft nur ihren Namen zu nennen, es sich nur auf die entfernteste Art merken zu lassen, wie sehr sie sie liebte, weil sie furchtete, dass ihre Freundin eben um ihrer Liebe willen einst wurde leiden mussen; zwar fehlte es nicht an Beweisen, dass man wirklich Boses wider Romhilden vorgehabt habe, aber immer war es, als wenn eine unsichtbare Macht fur sie wachte, und alles was zu ihrem Nachtheil gereichen konnte, vereitelte.
Auch war Reutlingen wirklich in Verlegenheit, auf welcher Seite er Romhilden recht empfindlich angreifen sollte. Ihre Schonheit achtete sie nicht, sie war arm und hatte also nichts zu verlieren, und was ihr Leben anbelangt, so glaubte Franz nicht, dass ein Madchen, welches Muth genug hatte sich dem Kloster zu widmen, fur dem Tode beben konne. Nur ein Gut hatte sie, das ihr uber alles theuer war, und dieses war ihre Tugend, aber wie war es moglich ihr dieses einige wahre und ewige Eigenthum der Seele wider ihren Willen zu rauben? Reutlingen wusste wohl, dass keine Zauberkraft vermogend ist, uns auf den Weg des Lasters zu leiten, wenn wir ihn nicht selbst freywillig wahlen. Er dachte uber diesen Gegenstand nach, und nahm seine Maassregeln.
Franz glaubte schon seit einiger Zeit eine schwache Seite an Romhilden entdeckt zu haben. Seit dem Tage, da er Conraden, einen jungen Edelknaben, in seine Dienste genommen hatte, liess Romhild sich ofter als sonst sehen; sie schien sich zu freuen, dass die Blicke des schonen Junglings sich oft und zartlich auf sie richteten; sie schmuckte sich um ihm zu gefallen, suchte seine Gegenwart auf, horte seine schmeichelnden Gesprache an, und schien ihre Bestimmung ganz zu vergessen. Mit hohnischer Schadenfreude sah Reutlingen die Schwachheit der frommen Nonne, wie er sie zu nennen pflegte, er glaubte gewonnen zu haben, er stellte sich als den besten Freund der Liebenden, er verschafte ihnen alle Gelegenheit sich zu sehen, und auf diese Art gelang es ihm Romhilden zur Verbrecherin zu machen, Romhild fiel
Romhild fiel? schrie Hannchen mit zusammengeschlagenen Handen. Ja, antwortete ich, und ihr Vergehen durchbohrte das Herz ihrer Freundin, sie fuhlte, was ich im ahnlichen Fall fuhlen wurde. Alle Massigung verliess Perchten, sie uberhaufte Franzen, den sie den Urheber auch dieses Unglucks nannte, und ihn auf gewisse Art so nennen konnte, mit Vorwurfen. Sie brachte ihren Gemahl, den ohnedem die bestandige Ausubung boser Thaten halb des Verstandes beraubt hatte, durch ihre Vorhaltungen dermassen auf, dass er seinen Dolch zuckte und ihr ihn ins Herz stiess; sie fiel leblos zu seinen Fussen nieder, und ihr Tod war, wie die Geschichte sagt, das erste Signal zu seiner Besserung. Reue und Schrecken uber das, was er gethan hatte, streckte ihn dem Anschein nach eben so leblos zu Boden, als seine ermordete Gemahlin, und er erwachte nur zu nie versiegenden Thranen.
Eine andere Epoche von Franzens Leben fieng jetzt an. Seine vorige Thaten begannen sich ihm in ihrem wahren Lichte zu zeigen; er verabscheute sich selbst, und wunschte das Geschehene ungeschehen zu machen. Alle seine Verbrechen stellten sich seiner Seele in ihrem schrecklichsten Lichte dar, und doch es war eine zu muhsame Arbeit, einem Ruchlosen durch alle Stufen seiner Reue und Besserung zu folgen. Genug sey es, dass die Sage berichtet, Franz habe sich wirklich gebessert, und sey, welches mir fast unglaublich dunkt, auch endlich dahin gekommen, seine vorigen Unthaten aus den Gedanken zu bringen, und sich daruber zu beruhigen. Das vornehmste Mittel seiner Beruhigung soll eine Erscheinung seiner verklarten Gemahlinn gewesen seyn, die ihn wegen der begangenen Verbrechen und ihrer Folgen zu trosten strebte. Reutlingens Religion legte ihm korperliche Bussungen seiner Verbrechen auf; eine derselben war, dass er Tag und Nacht auf Sankt Peters Stelle, wo er ehemals das ruchlose Gelubde der Bosheit that, verweilte, und sich dem Frost, der Hitze und allen Ungemachlichkeiten der Witterung aussetzte. Einsmals als er in einer mondhellen Nacht auf dieser Stelle eingeschlummert war, ward er plotzlich durch einen Glanz erweckt, der den Glanz des Mondes, der ihn umstrahlte, noch weit ubertraf. Perchta stand vor ihm in himmlischer Gestalt. Traure nicht mehr, lieber Franz, redete sie ihn an, quale dich nicht mehr mit unnothigen Bussungen; das Bestreben, das gethane Bose durch gute Handlungen zu verguten, ist das beste Zeichen der Reue, das du dem Himmel geben kannst. Kann dein Gram uber deine begangenen Verbrechen durch die Vorstellung gemildert werden, dass sie denen, die du zu betruben suchtest, bey weitem nicht den Schaden thaten, den du ihnen zudachtest, dass sie vielmehr zum Guten verkehrt wurden, so vernimm das, was auch ich auf dieser Welt nicht einsah, und nun erst in einem bessern Leben erfahren habe. Ach Gott, war nicht selbst mein Tod das Mittel zu meiner jetzigen Gluckseligkeit, und zur Bekehrung meines Gemahls?
Auf einmal ofnete sich vor Reutlingens Augen eine weite Aussicht. Alle Personen, wider die er sich jemals vergangen hatte, giengen vor ihn uber, und ihre Schicksale, die er zu verwirren gestrebt hatte, entwikkelten sich ihm. Die Gesichte, die er wie das Marchen sagt, damals hatte, mussen langer als eine Nacht gedauert haben, so zahlreich waren sie. Ich will nur einige Beyspiele von dem wahlen, was uns bereits bekannt ist.
Eins von Reutlingens ersten Gesichten war, wie der Ritter dessen Schloss durch die Macht der schwarzen Kunst in Brand gesteckt wurde, unter den Trummern seines Hauses einen Schatz fand, der ihn in den Stand setzte nicht allein dasselbe weit schoner als zuvor aufzubauen, sondern auch der Wohlthater der ganzen Gegend zu werden. Der fruhe Tod des ertrunkenen Junglings, ersparte ihm den Gram seinen Vater, an dem sein Herz hieng, langsam und schmerzhaft sterben, und seinen Freund und seine Geliebte untreu werden zu sehen. Das junge Madchen, deren Liebhaber aus ihren Armen gerissen wurde, sah ihn in wenig Jahren treu und zartlich wiederkehren; er war schoner und besser als zuvor, seine Standhaftigkeit war gepruft, seine Tugend bewahrt, er machte seine Geliebte ganz glucklich, glucklicher als sie ohne die Trennung von ihm geworden seyn wurde.
Und die Kleine? fragte Julchen, welche? sagte ich Je nun, fuhr sie fort, sie wissen schon, die mit den Blattern. Ach diese! sprach ich lachelnd; sie war ehe sie ihre Schonheit verlor, auf gutem Wege verdorben zu werden, sie war leichtsinnig, unfleissig und eitel, nun, da sie wusste, dass sie sich auf nichts verlassen konnte, als auf Tugend und wahre Verdienste, strebte sie so unablassig nach guten Eigenschaften, dass sie das vortreflichste Frauenzimmer ihrer Zeit wurde, und dass man, wenn man sie handeln sah und reden horte, nicht einen Augenblick daran dachte, ob sie schon oder hasslich sey.
Julchen schlug freudig in die Hande, und wollte noch etwas sagen, aber Hannchen unterbrach sie, indem sie mich bey der Hand fasste, und traurig fragte: Und Romhild, die arme Romhild was ward aus dieser?
Da sie, antwortete ich, nicht durch Franzens Zaubereyen, sondern durch eigenes Versehen unglucklich war, so kam auch ihre Gestalt nicht mit unter den Erscheinungen vor, die Perchta ihren Gemahl sehen liess, doch sagt die Geschichte, auch sie habe sich gebessert, und sey glucklich geworden.
Aber sagte Hannchen, diese Romhild, liebe Mutter, sie haben sie doch wohl nur aus eigener Erfindung in die Geschichte eingeflochten, nicht wahr sie thaten es? und warum haben sie es gethan?
Ey, erwiederte ich, wer wird eine Erzahlerinn so ausfragen? hore jetzt das Ende meines Marchens. Franz bekam nach der Erscheinung seiner Gemahlinn gleichsam neues Leben, er brachte seine ubrige Lebenszeit friedlich auf seinem Schlosse zu. Seine Schatze vermehrten sich, er wusste selbst nicht wie, und er wandte sie an den Bezirk um sein Schloss zu bebauen, und so viel Arme und Verungluckte als er vermochte, in die neuen Wohnungen aufzunehmen; er ward der Vater dieser Leute; ihren Herrn wollte er sich nie nennen lassen. Dieses war der Ursprung eines artigen Dorfs, welches nach und nach zu dem Stadtchen heran wuchs, das wir jetzt Hohenweiler nennen. Die Saule, welche ihm den Namen gab, ist nichts als ein Monument, welches Reutlingen zum Andenken von seinen und Perchtens Begebenheiten setzen liess. Sie war zu jenen Zeiten noch einmal so hoch als jetzt, und auf ihrer Spitze stand ein Bild des heiligen Petrus, welches die Zeit ganzlich zerstort hat. Wenn ihr dieses alte Denkmaal genau untersucht, so werdet ihr auch auf der einen Seite, Spuren von einem ausgehauenen Bilde eines knieenden geharnischten Mannes, und auf der andern, eine Frau in eben dieser Stellung entdecken konnen, welche vermuthlich Reutlingen und seine Gattinn vorstellen sollen. Von der Inschrift ist keine Spur mehr zu sehen; sie soll lateinisch gewesen seyn, und ohngefahr so viel bedeutet haben: In der Hand der Vorsicht, verwandelt sich das Bose in Gutes. Ein Denkspruch den ich so wahr, ach durch lange Erfahrung, so ganz wahr finde, dass ich wollte, ich konnte ihn jedem jungen Herzen einpragen, welches bey dem ersten Unfall gleich geneigt ist zu glauben, Ruhe und Gluck sey nun auf ewig dahin, und nichts konne die empfangene Wunde heilen. Mache, liebes Madchen, sprach ich hier zu Hannchen, indem ich sie umarmte, dass du gesund wirst, so wollen wir einen Spaziergang auf Sankt Peters Stelle thun, und ich will dir noch so viel uber die verwitterte Inschrift auf der Saule sagen, dass du mir nicht mehr weinen, sondern lauter Gutes in der, Zukunft sehen sollst.
Neun und dreyssigstes Kapitel
Unvermuthetes Ungluck
Ich glaubte Hannchen machtig getrostet zu haben, aber sie kam mir niedergeschlagener und zuruckhaltender vor als je. Die versprochene Erzahlung ihres eigentlichen Anliegens unterblieb gar, und ich, die ich aus ihrer zunehmenden Schwache sahe, wie sehr ich sie schonen musse, beschloss auch nicht ein Wort mehr von meinem Verlangen ihr Geheimniss zu wissen, zu erwehnen, bis sie vollig gesund sey. Ach Gott, diese gluckliche Zeit sollte nie kommen! ich sollte es erst nach ihrem Tode erfahren, was ihr das Herz zerrissen hatte, ich sollte dahintergebracht werden, mir selbst Vorwurfe zu machen, dass ich vielleicht durch Unvorsichtigkeit, durch einige ohne auf sie gerichtete Absicht gesprochene Worte, mir den Zugang zu ihrem Herzen versperrt, mir ihr Zutrauen und die Moglichkeit geraubt habe, sie zu retten.
Doch wer weiss, ob hier Rettung moglich gewesen war; der ausserlichen Ursachen ihr Ende zu beschleunigen, kamen zu viel zusammen. Besorgnisse, Gram, Schrecken, vielleicht auch Freude erschutterten ihren schwachen Bau zu heftig, sie musste unterliegen.
Nach der boshaften Erzahlung des Obristen, von der amerikanischen Reise seines Neffen, war es in die Augen fallend, wie sehr ihre Krafte abnahmen. Sie hatte oft seltsame Phantasien, in welchen sie die Namen der Wilteckischen Familie mit denen aus dem Marchen von Ritter Reutlingen wunderlich durch einander mischte. Sie schlief wenig, ass fast gar nichts, und lag die meiste Zeit stumm und mit offenen Augen in ihrem Bette.
An einem der Tage da sie am schlimmsten war, sass ich weinend an ihrem Lager. Julchen welche ich hinausgeschickt hatte einige Kleinigkeiten zu besorgen, kam bleich und zitternd herein, winkte mich auf die Seite, und sagte mit leiser Stimme, das Haus sey voller Leute, welche ein sehr verdachtiges Ansehen hatten, und welche mich sprechen wollten. Eben wollte ich hinausgehen, um die Sache zu erforschen, als die Thur mit grossem Ungestum aufgerissen ward, und der Einnehmer hereintrat, welcher mit seinem tonenden Bass zu schreyen anfieng: Madam, hier sind Herren von der Landesregierung, welche die Amtskasse und die etwannigen Effekten des Herrn Gemahls versiegeln wollen. Eine etwas sanftere Stimme, erhob sich hierauf. Der Vornehmste von der Deputation trat hervor, bat tausendmal um Verzeihung, versicherte, dass er dieses Geschaft hochst ungern uber sich genommen habe, dass aber die hochlobliche Landesregierung genothigt worden sey, einen Verdacht auf die Amtsverwaltung meines Mannes zu werfen, und dass also
Um Gottes willen, rief ich, meine Herren, bedenken sie, dass sie hier in dem Zimmer einer todtkranken Person sind. Sie bedauerten hierauf abermal unendlich, und versicherten, dass sie das Zimmer sogleich verlassen wollten, wenn ich sie gefalligst begleiten wolle. Ich empfahl Julchen die Sorge fur ihre Schwester, welche sich hastig aufgerichtet hatte, und alle diese Dinge mit starren Augen ansah, ich aber folgte meinen ungebetenen Gasten.
Ich habe noch nicht deutlich erwahnt, dass ein Glucksfall mich in den Stand gesetzt hatte, mir augenblicklich aus der Verlegenheit zu helfen, in der ich gegenwartig war. Das englische Loos meiner Tante hatte gewonnen, viel gewonnen; ich hatte das Geld erheben lassen, aber es aus Ursachen, die man errathen kann, gegen einen Schein in fremde Verwahrung gegeben. Ich berief mich hierauf, ich bot mich zur Burgschaft an, aber man zuckte die Achseln, meynte, der Schein den ich vorzeigte, konne wohl falsch seyn; es war bekannt, dass die Frau Amtmanninn nie einiges personliches Vermogen besessen habe; ihre Burgschaft konne auf keine Weise angenommen werden; die Versiegelung der Kasse musse vor sich gehen, und man verschiebe die Besichtigung derselben nur aus besonderer Achtung, bis zu Wiederkunft des Herrn Amtmanns.
Ich verstand nichts von dem was Rechtens war; ich musste endlich schweigen. Man versiegelte, und ich konnte mit Muhe meine und meiner Tochter Habseligkeiten retten, dass uns nicht auch der Zugang zu denselben verschlossen ward. Beym Abschied band mir noch das Haupt der Deputation besonders ein, ja es nicht zu unternehmen, meinem Manne etwas von diesem Vorgange zu schreiben, denn es wurde nur dazu dienen, mich verdachtig zu machen, und ubrigens ganz vergebens seyn, weil man schon Sorge getragen habe, dass keiner von meinen Briefen in Herrn Hallers Hande kommen konne. Ich fragte, ob nicht mit Zuziehung des Amtsverwesers, den mein Mann zuruckgelassen hatte, eine Aenderung in den Sachen gemacht werden konne, aber ich merkte aus den Antworten, dass dieser selbst den grossten Theil an dem ganzen Vorgange habe, vielleicht gar der Angeber meines Mannes gewesen sey.
Ich kehrte zu dem Bette meiner Tochter zuruck, und fand sie ohnmachtig unter den Handen Julchens und einiger Magde. Wir brachten sie wieder zu sich selber, sie schlug die Augen auf, und fragte mit angstlichem Tone, ob die furchterlichen Leute fort gegangen waren? Ich sprach ihr trostlich zu; fragte wie sie sich uber eine Sache von so geringer Bedeutung, welche schon fast beygelegt war, so erschrecken und beunruhigen konne? Aber ihre Antworten zeigten, dass sie nicht ganz bey sich selber war, und die wahre Beschaffenheit der Sache gar nicht begriffen hatte, sondern nur durch den larmenden Eintritt der Leute, und ihr rauhes Bezeigen, so ausser sich gesetzt worden war, ohne einzusehen was sie wollten.
Sie raumte den ganzen Auftritt mit ihren eigenen Ideen zusammen, schwarmte viel vom Lieutenant, von Romhild, und der Reise nach Amerika, und mischte das alles so seltsam unter einander, dass man unmoglich errathen konnte, was fur eine Idee ihrer Seele eigentlich die meiste Unruhe machte, und auf welcher Seite man die Kur ihres verwundeten Herzens angreifen musse.
Sie besann sich erst gegen den Abend vollig; sie erzahlte uns den Vorgang des Vormittags, als einen furchterlichen Traum den sie gehabt hatte, und dass wir sie in dieser Meynung bestarkten, brauchte ich wohl nicht erst zu erwehnen. Sie war so abgemattet, dass sie in einen tiefen Schlaf verfiel, der Arzt nannte dieses eine gluckliche Krise, und gebot, allen Larm, alle uberflussige Gesellschaft von ihr zu entfernen, und sie nicht zu storen, und wenn sie zwolf Stunden an einander schlafen sollte.
Ich beschloss nebst Julchen und einer Warterinn allein bey ihr zu bleiben; die Nacht kam heran, ich liess die Kleine sich an der einen Seite des Krankenbettes zur Ruhe legen, und setzte mich an die andere, um das Erwachen meiner Tochter abzuwarten.
Eine schrecklichere Nacht als diese, besinne ich mich nicht gehabt zu haben. Die horchende Stille die mich umgab, begunstigte alle traurige Ideen die meine Seele einnahmen. Die Angst um das geliebte Kind, dessen Tod und Leben jetzt auf der Wage lag, war zwar gegenwartig meinem Herzen der nachste, aber bey weiten nicht mein einiger Kummer; mussten nicht von allen Seiten die empfindlichsten Leiden auf mich zusturmen, wenn ich meine ganze Lage bedachte? Von unserm gesunkenen Gluck, und dem gefahrlichen Punkte, auf welchem die Ehre meines Mannes gegenwartig stand, will ich gar nichts gedenken. Meine Kinder waren es, die mir am meisten am Herzen lagen. War es nicht schrecklich fur die Mutter einer so zahlreichen Familie, nicht eins von ihren Lieben in einer glucklichen Lage zu wissen? Ach und wenn ich an Samuelen dachte, den ich auf so eine ungluckliche Art verlieren musste, wenn ich nein es ist unmoglich die Quaalen dieser schrecklichen Nacht lebhaft zu schildern, ohne den alten Schmerz zu erneuern, und mich auf gewisse Art selbst fur den gegenwartigen Augenblick unglucklich zu machen.
Vierzigstes Kapitel
Eine Hochzeit aus dem Stegreife, und ein Todesfall
Die Versiegelung der Kasse unterliess nicht mir viel Sorge zu machen. Ich verstand von allen diesen Dingen gar nichts, ich musste furchten irgend etwas zu versehen, wenn ich nicht einen erfahrnen Mann uber die Rolle um Rath fragte, die ich dabey zu spielen hatte. Meine Wahl fiel auf Waltern. Er war zwar ein Geistlicher, aber ein Mann der lange in der grossen Welt gelebt hatte, und sich in alles zu finden wusste. Ich hatte des vorigen Tages einen Augenblick abgestohlen, um ihm die Sache mit kurzen Worten zu schreiben, und ihm aufs dringendste zu bitten herbey zu eilen, und mir mit seinem guten Rathe zu helfen.
Walters Ankunft, die ich den folgenden Tag erwartete, war fast der einige trostende Gedanke, der mir in dieser schwarzesten Nacht meines Lebens, vorschwebte. Ich wusste, er konnte mir wenig wirkliche Hilfe leisten, aber welche Erquickung ist nicht der Rath und Trost eines Freundes, einer so verlassenen Person als ich damals war!
Die Morgenrothe brach an. Ich trat ans Fenster um den herrlichen Anblick zu geniessen. Ein ofner Wagen, den ich in der Ferne uber die beschneyte Gegend fliegen sah, erregte meine Aufmerksamkeit; er kam naher; ich konnte Waltern erkennen. Ich schlich zu dem Bette meiner Tochter, sie schlief noch immer, und ihre ruhige heitere Miene verkundigte, dass ihr wohl war. Ich empfahl sie der Warterinn und eilte hinaus, um Anstalt zu machen, dass mein ankommender Freund, durch den Hirtenhof hereinfuhre, damit kein Gerausch die Schlafende wecken mochte.
Walters Empfang, seine Fragen, meine Erzahlungen, und seine Rathschlage gehoren nicht hieher; wichtigere Gegenstande drangen sich herbey, meine Feder zu beschaftigen. Einige Stunden verflossen ohne dass wir es merkten, mein Freund verstand das Geheimniss mich aufzurichten, und mir die Dinge die mich bekummerten, aus einem bessern Lichte zu zeigen; er zeichnete mir den Weg vor, den ich zu gehen habe, um mich aus dem Labyrinthe in dem ich war, heraus zu finden. Mein Herz ward ruhiger, und es fehlte nichts mich wieder einige Freude schmecken zu lassen, als bey Hannchens Erwachen einige Spuren der Besserung, einige Hoffnung fur sie zum Leben zu sehen. Schon zu lang war ich von ihr entfernt gewesen. Der Schall von der Feldmusik einiger durchmarschierenden Regimenter, hatte mich zittern gemacht, sie mochte auf eine ungestume Art geweckt worden seyn, doch die Fenster ihres Gemachs giengen auf eine andere Seite, ich beruhigte mich und kehrte, als ich schon auf dem Wege war zu ihr zu eilen, noch einmal um, noch einige Punkte unserer Angelegenheiten mit Waltern zu berichtigen. Wir verwickelten uns von neuen in unsere Ueberlegungen, und ich musste mich endlich mit Gewalt von ihm losreissen. Hiervon hernach, sagte ich, lassen sie uns zu meiner Tochter eilen, eine ungewohnliche Angst reisst mich zu ihr hin.
Ich hatte nebst Waltern bereits das Zimmer verlassen, und naherte mich dem Gemach wo meine Tochter lag, als uns die Warterinn mit einem verstorten Gesicht entgegensturzte, und uns bat, eilend zu der Kranken zu kommen, weil sie einen Besuch erhalten habe, welcher dem Anschein nach, einen gefahrlichen Eindruck auf ihr Gemuth mache. Meine Tochter ist also erwacht? fragte ich hastig. Ja Madam, erwiederte sie, ich war ein wenig eingeschlummert, Mamsell Julchen mochte durch die Feldmusik in ein anderes Zimmer gelockt worden seyn, und indessen ist vielleicht die Kranke erwacht. Ich weiss nichts weiter, als dass ich durch einen lauten Schrey ermuntert wurde, und dass ich, als ich die Augen aufschlug, einen jungen Herrn in Uniform vor ihrem Bette auf den Knieen liegen sah. Ich eilte herbey, und ich muss gestehen, dass ich nie einen wunderlichern Zustand gesehen habe. Die Kranke lachte und weinte in einem Athen, druckte den jungen Offizier bald an ihre Brust, und stiess ihn bald mit Ungestum von sich. Der Fremde schien eben so wenig ganz seines Verstandes machtig zu seyn, und als ich ihn von ihr reissen wollte, bekam mir der Versuch so ubel, dass ich lief um sie, Madam, herbey zu rufen, weil ich in der That nicht weiss was hier zu thun ist.
Es war hier keine Zeit zu verlieren, wir eilten in das Zimmer. Hannchen lag ohnmachtig in den Armen eines jungen Mannes, seine Thranen stromten auf ihr Gesicht, und seine Ausrufungen, bestattigten das was man vermuthen kann, dass er derjenige war, welcher nachst mir den meisten Antheil an der Kranken nehmen musste.
O Wilteck! schrie ich, indem ich die Kranke seinen Armen entriss, was haben sie gemacht! Sie sind der Morder meiner Tochter! Was er antwortete, wie Hannchen wieder zu sich selbst gebracht ward, und was vielleicht noch eine lange Zeit hernach vorgieng, dessen kann ich mich nicht deutlich erinnern; ich war zu betaubt, um mir ganz bewusst zu seyn, was um mich herum vorgieng.
Die Kranke war jetzt vollig wieder bey sich selbst, sie sprach schwach und kaum horbar, aber vernunftig und zusammenhangend. Sie liess des Lieutenants Hand nicht aus der ihrigen, nannte ihn ihren lieben Ludwig, und betheuerte, auch der Tod solle sie nicht von ihm trennen. Der Lieutenant war in einer halben Raserey. Seine Geliebte fast sterbend wieder zu finden, das hatte er nicht erwartet. Er war herbey geeilt um ihr bey dem Durchmarsch seines Regiments einen kurzen Besuch zu machen; und sollte sie nun zum letztenmale umarmen. Denn so sehr uns auch Hannchens scheinbare Ruhe, ihre muntern Augen und das sanfte Roth auf ihren Wangen anfangs tauschten, so sagte uns doch der Blick des Arztes was wir nach einer so unzeiligen, ausserordentlichen Erschutterung zu hoffen hatten.
Hannchen, die den tiefsten Schmerz in unser aller Augen, und vornehmlich in den Augen ihres Geliebten las, versicherte uns, sie werde nun nicht sterben, da sie ihres Wiltecks Gemahlinn sey.
Meine Gemahlinn? rief der Lieutenant, ja du sollst es werden, und wenn alle Welt uns von einander reissen wollte.
Und du nimmst mich dann mit nach Amerika? sprach die lachelnde Kranke. Nach Amerika? fragte er, bestes Madchen, was sind das fur seltsame Vorstellungen die du dir machst?
Die Erklarungen welche wir einander hierauf gaben, zeigten, dass die Erzahlung des Obersten, welche vielleicht etwas beygetragen hatte, Hannchen in den traurigen Zustand zu versetzen, in welchem sie sich jetzt befand, nichts als ein Marchen gewesen war, welches man ersonnen hatte, dem armen Madchen alle Hoffnung auf ihren Geliebten abzuschneiden.
Ludewig wuthete furchterlich, und gebrauchte sich einiger Ausdrucke, welche Muthmassungen in mir erneuerten, die schon durch Hannchens Phanrasien zuweilen erregt worden waren. Er athmete nichts als Rache, und nichts als die Furcht seiner schwachen Geliebten zu schaden, konnte ihn bewegen den Ausbruch seines Zorns ein wenig zu massigen.
Er hatte mehr als einen halben Tag auf diese Art bey uns verweilt, und er ward jetzt durch eine Ordonanz abgefordert. Er wollte sich nicht von Hannchen trennen ohne den Namen ihres Gemahls erhalten zu haben. Ich hatte wenig Hoffnung auf das Leben meiner Tochter zu setzen, warum sollte ich ihr noch diesen armseligen letzten Trost versagen? Ueber dieses waren gewisse dunkele Ideen in meinem Gehirn, gewisse Ahndungen in meiner Seele, die es mir selbst erwunscht machten, meine Tochter als Wiltecks Gemahlinn zu sehen.
Walter gab ihre Hande zusammen. Hannchen triumphirte, sich ganz ihres Ludwigs Eigenthum nennen zu konnen, und hoffte auf langeres Leben. Wilteck, welcher den Zustand der Sachen besser begriff, weinte, dass er das eben erhaltene Gluck nicht langer geniessen sollte.
Erst eine zweymal wiederholte Ordre konnte ihn aus den Armen seiner Gattin reissen. Fast mit Gewalt mussten wir ihn entfernen, denn Hannchens Zureden, und die Versicherung die sie ihm gab, sie wurde jetzt, da sie seine Gemahlinn sey, seine Entfernung weit ruhiger als sonst ertragen, thaten ganz die entgegengesetzte Wirkung. Ach er wusste es, er fuhlte es, dass er sie nie wieder sehen wurde!
Wir waren nun allein. Hannchen bat mich meinen Platz ganz nahe an ihrem Bette zu nehmen, um sie ganz verstehen zu konnen, weil sie sich nun einen Muth fassen wollte, mir alles zu sagen was sie mir bisher verborgen habe; aber ehe sie sich noch vollig zum Sprechen geschickt hatte, fiel sie in einen Schlaf der einige Stunden dauerte, und aus welchem sie, wie der Arzt geweissagt hatte, gegen die Nacht zu heftigen Rasereyen erwachte. Ihre Unruhe dauerte bis gegen den Morgen; in den Zwischenzeiten, da sie sich ein wenig besann, zog sie mich oft zu sich, und schien mir etwas vertrauen zu wollen, aber sie bewegte nur die Lippen, ihre Stimme war mir nicht mehr horbar.
Ihr Kampf dauerte noch fast den ganzen andern Tag, bis endlich die Lebenskrafte sich vollig aufzehrten, und sie in meinen Armen entschlief.
Ein und vierzigstes Kapitel
Unaufgelosste Rathsel
Man entschuldige das Unvollstandige in der Beschreibung der letzterwahnten Scenen! Wenig oder gar nichts von gewissen Dingen sagen, ist oft die treffendste Schilderung. Dieses gilt auch von meinen Empfindungen bey Hannchens Sterbebette, und von meinem Leben die erste Zeit nach ihrem Tode. Jener Mahler, der Iphigeniens Aeltern bey ihrer Hinopferung, in dichte Gewander verhullt erscheinen liess, wusste das, was ich fuhle, dass alterlicher Schmerz fur jeden Pinsel unerreichbar ist.
Ich sass, nachdem schon manche schwarze, melancholische, thranenleere Stunde voruber geflohen, manche lindernde Zahre verweint war, eines Tages auf dem Zimmer der Verstorbenen, und machte mir ein trauriges Fest, aus der Betrachtung ihrer hinterlassenen, zum Theil unvollendeten Arbeiten, die sie von den kunstlichsten Arten sehr schon verfertigte, und einiger wenigen Scripturen, die meistens ernsthafte Dinge zum Gegenstand hatten, und noch vor ihrem Aufenthalte in dem Wilteckischen Hause von ihr verfasst worden waren; ihre Kranklichkeit hatte ihr nach ihrer Ruckkunft, wenig Musse zum schreiben gegonnt.
Von ohngefahr stiess ich auf eine kleine Kassette, die mir von langer Zeit als das Behaltniss von Hannchens liebsten Kostbarkeiten bekannt war. Vielleicht wurde ich es unerofnet bey Seite gesetzt haben, wenn mich nicht ein darauf befestigter Zettel aufmerksam gemacht hatte. Er war von der Hand der Verstorbenen, und enthielt folgendes:
"Liebe Mutter!
Ein geheimes Gefuhl sagt mir, dass ich sterben werde; sollte dieses geschehen, und sollten sie dieses Kastchen unter meinen Sachen finden, so bitte ich, so beschwore ich sie, es unerofnet zu lassen, und derjenigen Person zu geben, die ich ihnen nennen werde.
Ich erwarte gegen das Ende des kunftigen Monats, den Besuch der Madam Kathin, der Wirthschafterinn der Frau von Wilteck; geben sie ihr dieses kleine Behaltniss der geringen Kostbarkeiten die ich besitze; es enthalt etwas weniges an Geld, einige Juwelen, und andere kostbare Tandeleyen, deren Werth sie berechnen konnen, da ich sie alle von Ihrer Gute habe. Die Frau ist redlich, und wird mit diesen Dingen so verfahren wie ich ihr befohlen habe. Aber liebe Mutter, ich wunschte eben nicht, dass sie sich mit ihr in weitlauftige Unterredungen einliessen; diese Art Leute ist so geschwatzig, so ich weiss selbst nicht wie ich sagen soll, wie leicht konnten sie etwas von ihrem Hannchen horen, das sie ihnen noch im Tode zuwider machte. Ueberhaupt, da sie nun immer so in mich dringen ein Geheimniss von mir zu erfahren, so wurde ich doch vorausgesetzt dass ich eins hatte es lieber Ihnen selbst ach ich weiss nicht, was ich schreibe. Ich werde wohl diesen Zettel, so wie die vorhergehenden, wieder abreissen, und einen andern schreiben. Nichts ist mir recht, was ich Ihnen sage, und meine Angst ist unaussprechlich."
Ich weiss nicht wie oft ich dieses Blatt uberlas, ehe ich den Inhalt davon recht begreifen konnte. Ich untersuchte das darunter gesetzte Datum, es war der 4. Jenner, als der Tag vor dem Besuche des Obristen, an welchem die Zeitung von Wiltecks Reise nach Amerika, einen so nachtheiligen Eindruck auf das Gemuth des armen Madchens machte. Nachher war sie zu schwach gewesen, so viel schreiben zu konnen. Meine Gedanken drehten sich in einem Wirbel herum, ich dachte mir alle auf diesen Tag folgende Scenen, dachte mir ihr angstliches Bestreben in ihren letzten Stunden, mir etwas zu entdecken, das sie auf dem Herzen hatte, und ihre Bitte, nicht in das Innere ihres Geheimnisses zu dringen, war meinen Gedanken nach aufgehoben. Das Schloss des Kastchens war zersprengt, ehe ich selbst dar an dachte, und alles was es enthielt, lag offen vor meinen Augen.
Ich griff hastig nach einigen Papieren, welche oben auf lagen, ich las einige Zeilen, die mich in Erstaunen setzten; ich wollte weiter gehen, aber ein Gerausch an der Thur machte mich aufmerksam.
Sie ward geofnet; Julchen trat herein, und fuhrte an ihrer Hand einen jungen Menschen im leinenen Kittel, mit einem Hute, der mit einer Kokarde geziert war. Er sah mich eine Weile schuchtern an, warf sich dann mir zu Fussen, und schrie mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme: Mutter! Mutter! kennen sie ihren verlohrnen Sohn, ihren Albert nicht mehr?
Zweytes Bandchen
Erstes Kapitel
Vom verlohrnen Sohne
Albert? wiederholte ich mit zusammengeschlagenen vor die Stirn gefaltenen Handen. Alberts Gesicht war auf meinen Schoos gesunken, seine Thranen badeten meine Knie, und er hob erst nach einer lange Weile, die durch ein dusteres Stillschweigen ausgefullt wurde, ein paar hole von Weinen getrubte Augen nach mir auf, um mein Mitleid zu erflehen. Der Schmerz, der meine ganze Seele durchdrang, machte mich stumm. Julchen nahm mein Stillschweigen fur Harte auf, sie warf sich auf der andern Seite vor mir nieder, sie wollte fur ihren Bruder bitten, die Worte gebrachen ihr, aber ihr Weinen und Schluchzen war beredter als ihre Zunge. Ich schloss beyde in meine Arme; meine Thranen vermischten sich mit den ihrigen, und meine zwischen beyden gleichgetheilten Liebkosungen, sagten ihnen, dass der wiederkehrende Albert und seine unschuldige Schwester, die mich nie groblich beleidigte, jetzt gleichen Antheil an meinem Herzen hatten.
Getrostet erhoben sich beyde, ich liess sie an meine Seite setzen, und nun begann jene verwirrte Art von Unterhaltung unter uns, welche alle unvermuthete Scenen des Wiedersehens, alle Auftritte, wo Schmerz und Freude so wunderlich durch einander gemischt ist wie hier, unter sich gemein haben. Albert war mit einem Rekrutentransport durch Hohenweiler gekommen, die Gunst seines Hauptmanns, hatte ihm einen ganzen Tag freygegeben, sich mit seiner Mutter zu letzen, aber dieser Tag war schon zur Halfte verflossen, und wir hatten noch nichts gethan, als einander abgebrochene Stucke von unserm bisherigen Ergehen geliefert, vergangene Vergehungen und gegenwartiges Ungluck beweint, und uber den armseligen Zustand des geliebten Alberts und die baldige Trennung von ihm getrauert.
Alle Vorrathe des Hauses wurden geplundert, um seinem Mangel abzuhelfen. Julchen trug alles hervor, was sie vermochte, und wir hatten vielleicht nach und nach genug zusammen gebracht, um dem Rekruten Albert einen Packwagen zu seinen Habseligkeiten nothig zu machen. Er bat um nichts als um ein wenig Geld, und etwas Wasche, und erbot sich, indessen wir bemuht waren, das letzte nach seinem gegenwartigen Zustande einzurichten, der ihm weder Spitzen noch Nesseltuch erlaubte, uns die Erzehlung seiner Begebenheiten so vollstandig zu geben, als es die wenige Zeit die uns noch ubrig war, zuliess.
Wenn es erlaubt war, fieng er an, dass sich der, welcher seine Mutter auf tausendfache Art betrubte, einer immer zartlichen nie geschwachten Liebe gegen sie ruhmen durfte, so glaube ich, wurde ich es thun konnen. Verfuhrung war es, was mich von meiner Pflicht ableitete, doch ich thue besser, ich uberlasse meine Entschuldigung derjenigen, die keinen Zorn, nur Mitleiden gegen ihren armen Albert fuhlt.
Die Art, auf welche ich aus ihren Armen gerissen wurde, kennen sie; mein Vater wollte mich in der grossen Welt erziehen, wie er sich ausdruckte, des Glukkes wurdig machen lassen, das er mir einst in derselben verschaffen konne. Sie druckten mich beym Abschied an ihre Brust, und stiessen mich halb zornig zuruck, als sie sahen, dass meine Thranen uber unsere Trennung nicht so haufig flossen, als sie sollten. Ich gestehe es, die Freude, Hohenweiler zu verlassen, das meinem feurigen Temperament langweilig zu werden begunte, und in die Welt zu kommen, verdrangte den Kummer, ihren Anblick inskunftige entbehren zu mussen, ein wenig. Man hatte in dem Wilteckischen Hause mein Gehirn mit Bildern erfullt, zu welchen ich keine Originale in unserm Stadtchen fand, und mein Herz nach Freuden schmachten gelehrt, die ich nirgends als in der Welt kennen lernen konnte.
Sie wissen aus meinen Briefen, mit was fur Entzukken ich die neue Sphare, in welche man mich in Berlin einfuhrte, begrusste, wie geitzig ich die Vergnugungen in mich trank, die sich mir darboten. Es ist mir unmoglich meinen Vater fur so verblendet zu halten, dass er die Laufbahn, die man mir vorzeichnete, gebilligt oder nur gewusst haben konne, ich glaube nicht, dass derjenige, welcher das Vergnugen liebt, sich Gehulfen in dem Bestreben seine Reichthumer zu verschwenden wunschen konne.
Der Oberste Wilteck, der meinen Vater regierte wie er wollte, und ihn mit sehenden Augen betrog, war es, der mich zum Mittel brauchen wollte, neue Quellen fur seine Habsucht zu erofnen. Er zog von meinem Vater unmassige Summen, die er vorgab auf mich verwenden zu mussen, die er aber freundschaftlich mit mir zu theilen beliebte; ich war schlau genug dieses inne zu werden, und ihm meinen Unwillen daruber zu bezeigen. Er fragte mich, ob die Nachsicht gegen meine Ausschweifungen fur nichts zu rechnen war, ob ich sie mit dem Antheil, den er an meinen Einkunften nahme, zu theuer zu erkaufen glaubte? Ich mochte seinetwegen das Ganze hinnehmen, und damit nach eigenem Gefallen leben, bis mein Vater Anstalten mache, mich in eine strengere Aufsicht zu liefern als die Seinige, da ich Geld genug ersparen, aber auch dafur nichts von den Vergnugungen schmecken wurde, die ich an seiner Seite genosse.
Der Wink, den er gab, als ob er meine Aeusserungen fur Geiz hielt, machte mich errothen, und die Furcht in dem mir so angenehmen Taumel von einem Vergnugen zum andern gestort zu werden, legte mir Stillschweigen auf. Um mich noch tiefer in seine Netze zu verstricken, lehrte mich der Oberste das Spiel, er gab mir verschiedene kleine Handgriffe in demselben als erlaubte uberall eingefuhrte Regeln an, von welchen nur eine gewisse eingefuhrte Etiquette es unschicklich nenne, anders als verstohlen Gebrauch zu machen. Ich glaubte in meiner Einfalt, was er sagte, und freute mich sehr, in meiner neuerlernten Kunst, eine immerfliessende Quelle zu finden, meinen kleinen Bedurfnissen abzuhelfen; zwar fiel die Halfte meines Gewinns allemal in des Obersten Beutel, aber dieser hatte mich schon gewohnt zu solchen Dingen zu schweigen, und mich aus Dankbarkeit gegen ihn, meinen Lehrer, mit dem Antheil des erbeuteten Geldes zu begnugen, den er mir gonnen wollte.
Mein Hofmeister, Herr Reiner, den er mir zugegeben hatte, genoss auch einen Theil des Raubes, und war dafur ganz zu seinen Diensten. Sein erster Anblick hatte mir eine furchterliche Idee von ihm gemacht; seine sonderbare ausgetrocknete Gestalt, sein schleichender Gang, der schleppende Ton seiner Stimme, und der immer zur Erde gesenkte Blick, machten dass ich in ihm einen abgesagten Feind des Vergnugens und einen strengen Tadler meiner Handlungen zu sehen glaubte, aber der Erfolg wiess, dass ich mich geirrt hatte, dass ich mir keinen bequemern Fuhrer als ihn hatte wunschen konnen. Herr Reiner pflegte immer uber die Schwache seines Gesichtes zu klagen, und ich hatte Ursach zu glauben, dass auch die Sehkraft seines Geistes nicht so gar viel taugen musste, weil er so wenig von dem zu merken schien, was ich unter Anfuhrung des Obersten that.
Nicht genug, dass dieser wurdige Mann meinem Verfuhrer durch nicht horen und nicht sehen, forderlich und dienstlich war, so arbeitete er ihm auch noch auf eine andere Art in die Hande. Er war seiner Sage nach ein wegen bestrittener Grundsatze vertriebener Prediger; von was fur Art seine Religionsmeynungen seyn mochten, habe ich nie errathen konnen, aber so viel weis ich, dass seine Moral sehr lustig und bequem war; er wusste die guten Grundsatze, die ich aus meinem vaterlichen Hause mitbrachte, so kunstlich zu untergraben, meine Liebe zu meinen Eltern, vornehmlich zu ihnen, liebe Mutter, so lacherlich zu machen, dass ich bald aufhorte, den Meinungen des Obersten, wie ich anfangs gethan hatte, meine reinen Begriffe von Pflicht, oder die Furcht Sie zu beleidigen entgegen zu setzen. Die Lehren meines Hofmeisters, die sich sowohl zu meinem Triebe zum Vergnugen passten, machten mich so folgsam gegen den Obersten, dass es ihm nicht schwer ward, mich zu allem zu bereden, was er wollte.
Wie sehr ich nach und nach herabsank, konnen sie aus dem Tone urtheilen, in welchen meine Briefe nach und nach verfielen, aber Ihnen eine umstandliche Erzehlung meiner unglucklichen Verirrungen zu liefern, erlaubt weder die Zeit, noch die Achtung, die ich einer verehrungswurdigen Mutter und einer unschuldigen Schwester schuldig bin; genug, dass ich endlich in Abgrunde gerieth, aus denen ich mir nicht mehr zu helfen wusste.
Ich habe schon im Vorhergehenden erwehnt, dass mich der Oberste zum falschen Spiel anfuhrte, um seinen Vortheil daraus zu ziehen. Mein unschuldiges Gesicht, meine Jugend, und vor allen die Unwissenheit dass ich unrecht that, die mir ein gewisses ruhiges unbefangenes Ansehen gab, machten die Sicherheit dererjenigen, die sich mit mir einliessen, so gross, dass ich fast taglich betrachtliche Summen zog, und dass mein Verfuhrer anfieng zu glauben, die Halfte des Gewinnstes war fur mich zu gross, und es wagte grossere Anspruche auf die Beute zu machen, als anfangs verabredet worden. Ich weigerte mich; wir veruneinigten uns, und der Oberste verliess mich, drohend, dass mich mein Verfahren gereuen sollte.
Es war sonderbar, mein ansehnlicher Gewinn verschwand mir unter den Handen, ich fand mich unter der Nothwendigkeit wieder zu spielen, um meine kleinen Vergnugungen bestreiten zu konnen, und gleichwohl fehlte es mir an Gelegenheit zu solchen vortheilhaften Parthien, wie mir der Oberste zu verschaffen wusste, zudem besass ich nicht so viel, dass ich eine einige Karte hinlanglich besetzen konnte.
Vielleicht, meine Mutter, erinnern sie sich noch des unsinnigen Briefes, in welchem ich sie um einige Louisdors bat, mich aus einer dringenden Noth zu reissen; er blieb unbeantwortet und ich entschloss mich, meine Uhr und was ich etwa von einigem Werth besass zu verkaufen, um im Stande zu seyn, mein immer treu erfundenes Gluck noch einmal zu versuchen.
Ich fasste mir ein Herz, und gieng ohne die Begleitung des Obristen an einen von den Schauplatzen meines bisherigen Glucks. Man nahm mich mit einigem Kaltsinn auf, weigerte sich aber doch nicht, mich Antheil am Spiel nehmen zu lassen, wie ich in meiner Einfalt, die sich scheute einen Schritt ohne Begunstigung meines bisherigen Fuhrers zu thun, gefurchtet hatte.
Der Oberste war gegenwartig, that ganz freundlich gegen mich, doch glaubte ich hintennach, ein verdachtiges Augenspiel zwischen ihm und den andern Anwesenden bemerkt zu haben. Meine Louisdor hatten mir beinahe die dreyfache Summe die ich zu Anfang besass eingebracht. Mein Eifer verdoppelte sich, so wie mein Gluck, und ich wurde ziemlich bereichert nach Hause gegangen seyn, wenn man mich nicht mitten in meinem Laufe aufgehalten hatte. Man fand mein ausserordentliches Gluck sonderbar, man flusterte heimlich, dass nur meine Jugend, und mein offener Blick mich vor bosem Verdacht schutzen konne. Ich antwortete nach meinem besten Wissen, dass ich alle Regeln des Spiels in acht nahme, und es zufrieden seyn wollte, dass man mich genau beobachtete und mich wegen dessen, was man verdachtig fand, zur Rechenschaft ziehen moge.
Man schwieg, und die nachste Parthie war noch nicht halb zu Ende, als man mich auf einem Kunstgriffe ertappte, den man betrugerisch nannte, und die Worte falscher Spieler, und junger Bosewicht von allen Seiten ertonten. Ich erstaunte, ich vertheidigte mich, ich berief mich auf den Obersten und nannte ihn in diesem Stucke meinen Lehrer, aber dieses diente nur dazu, das Geschrey wider mich zu vermehren. Der Oberste, zufrieden mit dem Gewinn den er von den Betrugereyen anderer zog, pflegte allezeit sehr ehrlich zu spielen, und sein guter Ruf in diesem Stuck war entschieden. Man nannte mich einen Undankbaren, einen Verlaumder; man liess mich die ubelste Begegnung erfahren, raubte mir zur Vergutung des gegenwartigen und des ehemaligen Schadens, alles was ich besass, drohte mir, mich bey der Obrigkeit anzugeben, und sties mich fast nackend zum Hause hinaus.
Diese Begegnung zeigte in was fur Hande ich gerathen war, ich war zu einfaltig es einzusehen, und irgend ein Mittel zu wissen, wie ich mir helfen, meine Unschuld darthun, und meine Feinde wegen ihres eigenmachtigen Verfahrens zur Rechenschaft ziehen konnte. Ich floh, und glaubte mich uberall von der Hand der Gerechtigkeit verfolgt. Ich scheute mich nach Hause zu Herrn Reiner zuruck zu kehren, und entschloss mich, das Mittel zu ergreifen, dass ich Ihnen mit solcher Freyheit in einem meiner Briefe, als meine letzte Zuflucht angedeutet hatte, wenn ich keine Geldhulfe bekame.
Der Himmel weis es, nicht Trotz, sondern Verzweiflung war es, was mich antrieb die Musquete zu nehmen! Wo sollte ich hin? zu meiner beleidigten Mutter? zu dem Vater, dessen Harte ich kannte wenn er zurnte? Zu dem abscheulichen Obersten, der mich in die schimpflichste Verlegenheit gesturzt hatte, ohne sich in derselben meiner anzunehmen? oder zu Herrn Reiner, der eine Kreatur des Obersten war?
Ich war gut gewachsen, war erst siebzehn Jahr, und es ward mir nicht schwer, Dienste zu bekommen. Der Oberste und Herr Reiner mochten nicht vermuthet haben, dass ich diesen Schritt thun wurde. Vermuthlich hatte man geglaubt, ich wurde zuruckkehren, wurde mein gehabtes Ungluck durch eine Luge bey meinem Hofmeister zu bemanteln suchen, und der Oberste hatte denn Musse gehabt seinen Frieden mit mir zu machen, und mir Bedingungen zu einem kunftigen Einverstandnis vorzuschlagen, wie ich sie in der Folge von ihm horen musste.
Dass man wegen meiner Verschwindung besorgt war, zeigten alle Zeitungsblatter, die meinen Namen nannten, und meine Person so eigentlich beschrieben, dass man mich kennen musste; aber man hatte so wenig Lust mich unentgeldlich auszuliefern, als ich, einen Stand zu verlassen, welcher anfieng mir besser als mein bisheriges wustes Leben zu gefallen. Es ward mir leicht den Dienst zu lernen, meine Gestalt fand Beyfall, und meine durch die letzte Demuthigung etwas gemilderte Gemuthsart, ermangelte nicht mir meine Obern gunstig zu machen, man begegnete mir wohl, und ich glaubte mich glucklich.
Herr Reiner hatte meinen Vater von meinem Verluste benachrichtigt, und ich weis nicht, ob ich es allein auf meine Rechnung schreiben soll, dass er, ehe ich mich es versah, in Berlin erschien. Der Zufall wollte es, dass ich im Thor die Wache hatte, als er ankam. Ich sah ihn und meine Schwestern Jucunde und Amalie, ich sah noch eine Dame, die ich wegen der niedergelassenen Kappe nicht erkennen konnte. Ich vermuthete meine Mutter unter dieser Hulle; mein Herz fieng an starker zu schlagen und meine Augen giengen uber. Ich furchtete, meine Bewegung mochte mich verrathen, und suchte mich so viel moglich zu verbergen; aber ich musste doch entdeckt worden seyn, denn der Mittag war noch nicht heran gekommen, als ich vorgefordert, und mir angekundigt wurde, ich habe meine Entlassung. Mein Vater sey angekommen, er verlange mich zu sich, und man sey nach den Schritten die er gethan habe nicht gesonnen mich ihm vorzuenthalten. Ungern willigte ich ein. Ich zitterte vor dem erzurnten Angesicht meines Vaters und vor Ihren gerechten Verweisen. Ich liebte meinen Stand, und es wurde mir vielleicht gelungen seyn, in demselben zu bleiben, wenn sich nicht der Oberste eingefunden, und mit seinen Vorstellungen durchgedrungen hatte.
Er nahm wieder die Larve des zartlichen besorgten Freundes vor, wusste seine Vergehungen gegen mich zu beschonigen, nutzte meinen Wahn wegen Ihrer Anwesenheit, sagte mir, sie seyen in Verzweiflung mich in Kriegsdiensten zu wissen, und ich wurde ihnen das Herz durchbohren, wenn ich hartnackig auf meinem Sinne beharrte. Brauchte es etwas mehr, mich zur Einwilligung in alles zu bewegen, was man von mir verlangte? Ich legte das Kleid ab, das mir so wohl gefiel, und folgte dem Obersten wohin er mich fuhrte.
Auf dem Wege fieng er an in einem andern Tone mit mir zu reden; er machte mir bange, vor dem Zorn meiner Eltern, wenn sie die wahre Veranlassung meines gethanen Schritts entdeckten, und nothigte mir endlich durch viele Umschweife, das Versprechen ab, wenn er von gewissen Dingen nichts gedenken solle, auch auf meiner Seite verschwiegen zu seyn, und nie etwas von den Verhaltnissen zu erwehnen, in welchen er und ich mit einander gestanden hatten. Ich sahe nicht ein, dass bey diesem Bunde, den wir machten, der Vortheil allein auf seiner Seite war, dass ich so viel nicht verlohren haben wurde als er, wenn meinen Eltern alle Ausschweifungen zu denen er mich verfuhrte bekannt worden waren, und dass es eine gefahrliche Sache sey, mich so in die Gewalt eines Menschen zu geben, der unser Einverstandnis zu meinem Schaden nutzen konnte.
Der Oberste stellte mich nun, ohne Furcht durch mich verrathen zu werden, meinem Vater vor. Mein Empfang war nichts weniger als hart, er nennte mich einen luderlichen Jungen, der ihn um manchen Louisdor gebracht hatte, lobte meinen Wuchs und meinen Anstand, und sprach, ich sey sein volliges Ebenbild an Leib und Seele.
Meine Augen sahen sich vergebens nach meiner Mutter um, die verkappte Robignac war die, welche ich fur sie gehalten hatte. Man zog mich ein wenig mit meinen Fragen nach Ihnen auf, und der Oberste flusterte mir ins Ohr, ich solle Gott danken, dass sie nicht gegenwartig waren, ich wurde sonst nicht so gut hindurch gekommen seyn.
Meine Schwestern empfiengen mich mit vieler Zartlichkeit, und sagten, ich musste gleich des andern Tages Anstalt machen, sie in der ganzen Stadt herum zu fuhren, und ihnen alles sehenswurdige zu zeigen. Ueber der Mahlzeit wurde unterschiedliches gesprochen woraus ich schlos, dass mein Vater im ganzen Ernste nichts davon wusste, wie ich unter die Soldaten gekommen war; er glaubte blos, dass ich unglucklich gespielt, und dann aus Unmuth diese Partie ergriffen habe. Dass mein allzugluckliches Spiel mich in Beschimpfung und Verzweifelung gesturzt hatte, dieses war ihm unbekannt, und ich sah den Obersten mit einem dankenden Blick fur diese Schonung an, ohne zu bedenken, dass er hiebey am meisten auf sich selbst Rucksicht genommen hatte.
Um meinen Vater desto besser zu hindern, hinter seine Betrugereyen zu kommen, hatte er meinen Hofmeister zu entfernen gewusst. Herr Reiner hatte sich ohnedem dadurch schlecht bey ihm empfohlen, dass er meine Verschwindung so ubereilt und ohne mit ihm Rucksprache zu halten nach Hohenweiler berichtet, und dadurch meines Vaters Ueberkunft veranlasst hatte. Nach des Obersten Sinne hatte es ganz anders gehen mussen. Man hatte meinen Verlust verschwiegen, so lang es moglich gewesen war, hatte sich unter der Hand nach mir erkundigt, so bald man meinen Aufenthalt entdeckt, nur dieses zu hindern gesucht, dass meine Eltern nichts von mir erfuhren, und indessen das Geld, das zu meinem Unterhalt bestimmt war, bruderlich getheilt. So klug war mein Hofmeister freylich nicht gewesen, dieses einzusehen, und zur Strafe fur seine Dummheit brauchte der Oberste nichts weiter zu thun, als meinem Vater zu entdecken, dass der Herr Reiner niemand anders, als der in unserm Hause so sehr verhasste Katharines sey. Mein Vater, wenn mir es erlaubt ist dieses zu sagen, pflegte zwar seine Liebe und seinen Hass nicht allemal nach den Gesetzen der Billigkeit einzurichten, aber hier machte der Name Katharines einen so widrigen Eindruck auf ihn, dass man fast hatte glauben sollen, er musse einsmals personlich von ihm beleidiget worden seyn. Er bekam seinen Abschied.
Ich war also von diesem Mann, der mir immer so widerlich gewesen war, befreyt, und man hielt es fur gut, um mir doch noch einige Bildung zu geben, da ich bisher so vernachlassigt worden war, mir einen jungen Menschen zuzugesellen, welcher kaum funf oder sechs Jahre mehr hatte als ich, und den man fur einen Gelehrten hielt, weil er einige Jahr auf verschiedenen Universitaten zugebracht hatte.
Ich konnte mit Herrn Feldners Unterricht leicht zufrieden seyn, denn so viel war doch allemal gewiss, dass er mehr wusste als ich; uber dieses wusste ich nicht zu was fur einem Stande mich mein Vater bestimmt hatte, ich hatte nie hiervon ein Wort erwehnen horen. Meine Neigung trieb mich zum Soldatenstande, und ich begriff leicht, dass ich in diesem am ersten mit dem wurde zufrieden seyn konnen, was Herr Feldner mich lehren konnte.
Sein Fach waren vornehmlich die schonen Wissenschaften, es gelang ihm mir einen Geschmack an denselben beyzubringen, und sein Einfluss war so stark, dass er sich auch auf meine Schwestern erstreckte. Er lernte Jucunden die italianische Sprache, und las mit ihr mancherley Bucher; Amalie ward auch seine Schulerinn in verschiedenen Theilen der weiblichen Gelehrsamkeit, doch merkte man es ihm deutlich an, dass er sich nicht besonders gern mit ihr abgab, und dass die Arme immer nur die ubergebliebenen Brocken von dem bekam, was er der bella Gioconda, wie er sie nannte, aufgetischt hatte.
Mademoiselle Robignac, war sehr gefallig gegen den Lehrer und die Schulerinnen. Eine kleine Schmeicheley, zuweilen ein paar Zeilen in ihrer Muttersprache zu ihrem Lobe gesungen oder gesagt, waren fahig, sie, der solche Sussigkeiten etwas seltenes waren, so zu betauben, dass sie nichts davon horte, wenn Feldner und Jucunde den ganzen Io amo mit einander conjugirten.
Du erzehlst mir erfreuliche Dinge, fiel ich hier Alberten in die Rede. Er seufzte und fuhr fort.
Was mich anbelangt, so einfaltig ich auch in manchen Stucken noch immer war, so hatte mich doch der Lauf meiner ehemaligen Vergnugungen klug genug gemacht, keine sonderliche Freude an Feldners Umgang mit meiner Schwester zu haben. Was mich noch einigermassen ihrentwegen beruhigte, war ihre Flatterhaftigkeit, die sie eines festen Eindrucks unfahig machte, Feldners geringe personliche Annehmlichkeiten, und Amaliens wachendes Auge.
Amalie hatte Feldnern in ganzem Ernst in ihre Zuneigung genommen; sie fuhlte, dass sie ihn nicht durch ihre Reize fesseln konnte, und sie hoffte ihn durch ihre geistigen Vorzuge zu erobern. Ihr Fleis war unermudet; alles was Feldner Jucunden lehrte, das begriff sie, indessen jene, mit welcher sich ihr Lehrer unendliche Muhe gab, viel zu leichtsinnig war, etwas langer als einen Tag zu behalten. Jucundens Flatterhaftigkeit, Feldners Partheylichkeit und Amaliens Eifersucht, zerstorten bald diese Lehrstunden, welche anfiengen mir so anstossig zu werden, und Auftritte von anderer Art thaten sich hervor.
Meine Schwestern liebten es ausserordentlich, sich uberall zu zeigen, und ich musste ihr Fuhrer seyn, wenn ich nicht Feldnern diese Stelle uberlassen wollte, welches ich, so sehr er auch darnach strebte, aus vielen Ursachen ungern gethan haben wurde.
Was konnten ein paar Madchen, die in der Einsamkeit erzogen waren, und die gar nichts davon wusten, wie man sich in einer Stadt wie Berlin mit Behutsamkeit auffuhren musste, ohne einen verstandigen Fuhrer fur seltsame Abentheuer haben! ob ein Mensch von meinem Alter und meiner wenigen Erfahrung dieses seyn konnte, will ich nicht entscheiden, aber so viel weis ich, es fehlte mir weder an Muth noch an Willen sie zu schutzen, dahingegen Feldnern vielleicht beydes mangelte, und wenigstens die eine von den beyden Madchens wider ihn selbst Schutz vonnothen hatte.
Zweites Kapitel
Fortsetzung von Alberts Geschichte
Ein kleines Lacheln von meiner Seite unterbrach hier Alberts Rede. So wenig mir auch die Dinge anstunden, welche er vorbrachte, so konnte ich doch nicht unterlassen es belachelnswerth zu finden, dass der unvorsichtige Jungling, der es so wenig verstand, einen guten Weg fur sich selbst zu wahlen, so eifersuchtig auf die Ehre seiner Schwestern war, und sich das Ansehen eines Vaters gab, wenn er von ihnen sprach. Er befragte mich um die Ursach meines Lachens, meine Antwort beschamte ihn ein wenig, aber er versicherte mich, ich wurde in der Folge finden, dass seine Sorgen nicht unnutz und uberley gewesen waren. Er fuhr fort:
Meine Schwestern fanden Berlin ganz anders, als sie sich vorgestellt hatten. Sie hatten gehoft, hier ausserordentlich bemerkt und bewundert zu werden, und sie erstaunten, dass sie ganz ubersehen oder mit gleichgultigen Blicke angestarrt wurden. Sie hatten gehoft, in den besten Gesellschaften Zutritt zu finden, aber mein Vater hatte keine Bekanntschaft als unter Spielern, und das einige Frauenzimmer, dessen Umgangs sie sich ruhmen konnten, war unsere Wirthin, eine vornehm gekleidete Person von schlechtem Stand und Sitten. Ich hatte es bisher nach Moglichkeit gehindert, dass sie sich nicht mit ihr offentlich sehen lassen mochten, ich hatte auch die Robignac von ihnen zu entfernen gesucht, wenn ich sie ausfuhren musste, denn die seltsamen Arten dieser Person, zusammen genommen mit Jucundens Leichtsinn, und herum wandernden Augen, und Amaliens zuvorkommender Freundlichkeit gaben ein sehr verdachtiges Ansehen. Man wusste ohnedem nicht recht, was man aus ihnen machen sollte; ihren Vater kannte man auf keine andere Art, als nach dem Geschafte, das er in Berlin trieb; der Oberste und Herr Feldner, der eine auch ein Spieler, und der andere ein schoner Geist, ich, ein Jungling, dessen Name wahrend seines ganzen Aufenthalts in dieser Stadt, nie anders als unter jungen Leuten von der leichtsinnigsten Art und am Spieltische gehort worden war, welcher von uns allen war im Stande ihrer Erscheinung in der Welt ein vortheilhaftes Ansehen zu geben!
Und doch war meine Gesellschaft ihnen immer noch die zutraglichste; meine Lehren dienten wenigstens dazu, so lange ich bey ihnen war, ihre Unvorsichtigkeit ein wenig im Zaume zu halten, und da man wusste, dass ich Muth hatte, so wagten die jungen Abentheuer, die etwa Jucundens Gesicht neu und fur ein Landmachen artig genug fanden, es in meiner Gegenwart nicht so leicht, sich ihr zu nahern.
Ich weis nicht, was fur Ursachen der Oberste haben mochte, meine Wachsamkeit fur meine Schwestern ungern zu sehen, ob er vielleicht gesonnen war, aus ihrer Gegenwart in Berlin sowohl seinen Vortheil zu ziehen, als ehemals aus der meinigen; genug er machte mein bestandiges Bestreben ihrer zu huten lacherlich, und als er sah, dass dieses nicht hinlanglich war mich von ihnen zu entfernen, so legte er meiner Schwachheit Fallstricke, welche nur gar zu wurksam waren, und mich auf einmal in einen Strudel von Zerstreuungen rissen, die mir nicht erlaubten an etwas anders zu denken, als an mich selbst.
Albert stockte hier ein wenig, und ich, besorgt er mochte nicht ganz aufrichtig gegen mich seyn, fasste seine Hand und bat ihn mit einer Miene, in welcher vollige Verzeihung desjenigen lag, was ich erfahren sollte, mir nichts zu verschweigen, sondern zu bedenken, dass er mit einer Mutter sprache.
Mein Herz, sprach er mit zur Erde gesenktem Blick, war von jeher weich, und mein Auge nicht blind gegen weibliche Schonheit. Der Oberste wusste dieses durch verschiedene Begebenheiten aus den ersten Zeiten meines Aufenthalts in Berlin. Das Abentheuer beym Spiel, das mich unter die Soldaten brachte, hatte mir die Karten so zuwider gemacht, dass kein Zureden des Obersten mich bewegen konnte diesen meinen ehemaligen Lieblingszeitvertreib wieder hervor zu suchen. Er verlor zu viel bey dieser Enthaltsamkeit, als dass er sie nicht auf alle Art hatte zu erschuttern suchen sollen.
Er wusste, dass ich das Schauspiel liebte, wir besuchten es fleissig, er fuhrte mich in die Ankleidezimmer der Schauspielerinnen, und nicht lange, so war ich in den Stricken eines kleinen Madchens, welches eben erst anfing sich in einigen Nebenrollen zu zeigen, und das also demuthig genug war, mit einer so armseligen Eroberung zufrieden zu seyn, als ich fur die erfahrnern Damen des Theaters gewesen seyn wurde. So genugsam meine Mariane auch in ihren Forderungen war, so wurden doch durch ihre Hulfe, meine kleinen Einkunfte bald aufgezehrt, und ich war entweder genothigt, meine Geliebte, die ich fur eine Gottinn hielt, aufzugeben, oder meine Zuflucht zu der alten Quelle meines Glucks, zum Spiele zu nehmen. Dieses war der Punkt, wo mich der Oberste haben wollte. Er fuhrte mich an Orte, wo mein Gesicht noch nicht bekannt war, er redete mir meine Scrupel wegen des falschen Spielens aus, und ich fieng gegen etwas bessere Bedingungen als die vorigen, unser gemeinschaftliches Geschaft von neuem an; es brachte genugsamen Gewinn, den Obersten, mich und die kleine Mariane zu befriedigen.
Das Spiel und die Liebe, zu welchen sich auch zuweilen der Trunk gesellte, erhielten mich in so einem Taumel, dass ich wenig zu mir selbst kam; erschienen denn ja einige Stunden des Nachdenkens, so waren sie zu schrecklich, als dass ich sie nicht hatte auf alle Art abzukurzen und zu vermeiden suchen sollen. Ich war nach meiner letzten Verirrung so gut gewesen, der Name falscher Spieler, welcher mir immer in den Ohren ertonte, hatte mir so einen Abscheu gegen diese verderbliche Beschaftigung eingeflosst. Feldners Unterricht, so schlecht er auch war, hatte mir einen Geschmack an der Lekture beygebracht; ich hatte meine Bucher glucklich gewahlt, und in denselben manches gefunden, das mich die Tugend wieder liebgewinnen, und einen festen Fortgang auf ihrem Wege wunschen lehrte, und nun war ich auf einmal, ich wusste selbst nicht wie, in den alten Wirbel hineingeschleudert, und, weil ein Madchen mit im Spiel war, fester verstrickt als jemals. Was fur Stoff zu traurigen Betrachtungen!
Wie es meinen Schwestern gieng, darauf achtete ich jetzt wenig, ich sah zwar oft Gesellschaft bey ihnen die mir nicht gefiel, aber Jucunde durfte nur meine beylaufigen Erinnerungen mit der Betheurung beantworten, dass sie nie einen Schritt von der Tugend abgewichen ware, noch abweichen wurde, so war ich zufrieden gestellt, und eilte wieder zu meiner Mariane, oder zum Spieltisch, um daselbst alles, meine Pflicht, meine Schwestern und mich selbst zu vergessen. Zum Gluck sollte ich bald aus meinem Rausche erwachen.
Obgleich mein Vater seine Tochter unter der Aufsicht der Robignac sicher zu seyn glaubte, ob er gleich dem Obersten in Ansehung ihrer blindlings traute, so war er doch nicht ganz fuhllos fur ihre Ehre. Die jungen Herren, die unser gemeinschaftlicher Verfuhrer bey ihnen einfuhrte, gefielen ihm nicht, und als der Oberste einst kuhn genug war, ihm Antrage im Namen eines alten Domherrn zu thun, der Jucunden auf der Promenade gesehen hatte, und nicht die ehrlichsten Absichten auf sie ausserte, so kam er mit ihm auf eine Art zusammen, welche den ganzlichen Bruch verursachte, und den Obersten veranlasste, Berlin zu verlassen.
Und nach Hohenweiler zu kommen, schrie ich, um an mir und deiner unglucklichen Schwester seine Rache wegen seiner fehlgeschlagenen Absichten auszulassen!
Drittes Kapitel
Beschluss
Ich hatte Alberten noch nichts umstandliches von dem Tode seiner Schwester und der traurigen Veranlassung desselben beruhrt. Wir geriethen jetzt in ein weitlauftiges Gesprach uber diesen Gegenstand, welches die Aufmerksamkeit meines Sohns so sehr auf sich zog, und Mitleid und Unwillen bey ihm in so hohem Grad erregte, dass ich ihn mit Muhe auf andere Gegenstande bringen, und ihn, da die Zeit unserer Trennung immer naher heran ruckte, zur Vollendung seiner Geschichte bereden konnte.
Des Obersten Abreise, fuhr er fort, war in aller Absicht ein Gluck fur mich. Langst war ich mein wustes Leben, langst war ich Marianens uberdrussig, und nichts als seine Drohung, dieses und alles vorhergehende, Ihnen und meinem Vater zu entdecken, wenn ich mich nicht ganzlich von ihm leiten liess, konnte mich auf dem Wege erhalten, den ich zu seinem Vortheil gehen musste. Jetzt da ich wieder mir selbst uberlassen war, verliess ich Marianen, verliess ich die Spieltische, und kehrte wieder zu meiner Lekture und zu meines Vaters Hause zuruck. Meine Bucher waren freylich noch dieselben, nur dass ich manche ihrer Lehren durch meine eigene Erfahrung bestatigt und eindringender als zuvor gemacht fuhlte, aber wie sehr hatte sich alles bey meinen Schwestern geandert! wie in die Augen fallend war es, dass meine Aufsicht ihnen gefehlt, dass sie weit besser der Fuhrung eines schwachen und selbst fehlerhaften Junglings, als ihrer eigenen, zu uberlassen gewesen waren!
Jucunde war auf eine seltsame Art in die Bekanntschaft eines Frauenzimmers gerathen, welches mir gleich auf den ersten Anblick verdachtig und gefahrlicher fur ihre Ehre als ihre mannlichen Bekanntschaften vorkam. Ein wenig mehr Kenntniss von der Welt in welcher sie gegenwartig lebte, hatten Jucunden gelehrt, den letztern mit Behutsamkeit zu begegnen, und sie, wenn ihr auch ihre Eitelkeit nicht erlaubte, dies kleine Gefolge ganz abzudanken, doch allemal in einer gewissen Entfernung zu halten; Mamsell Ralph hingegen, war ihre bestandige Gesellschaft, ihre Begleiterin auf allen ihren Gangen, oft auch ihre Schlafgesellin, wie es schien, die Vertraute aller ihrer Geheimnisse, und ihr offenbar lieber als ihre Schwester. Dass die Liebe zwischen meinen Schwestern seit einiger Zeit in merkliche Abnahme gerieth, war so sehr nicht zu verwundern; Amalie neidete Jucunden um ihre korperliche Vorzuge und den Beyfall den sie fand, und diese sah es ungern, dass ihre Schwester besser Gluck in Erlernung verschiedener Dinge hatte, da sie doch nur Fleiss hatte brauchen durfen es jener zuvor zu thun. Herr Feldner war eine andere Ursach ihres gegenseitigen Misvergnugens; seit der Zeit, dass sich Jucundens Anbeter vermehrt hatten, war er zu ihrer Schwester ubergangen, und Jucunde wollte keinen einigen von ihren Verehrern missen, sie wollte das, was ihren Eroberungen am Gehalt fehlte, wenigstens durch die Menge ersetzen. Diese Dinge gaben Gelegenheit zu unendlichen Zwistigkeiten zwischen den beyden Schwestern, Mademoiselle Ralph schurte das Feuer der Zwietracht zu, und Mademoiselle Robignac spielte hiebey, so wie bey allen andern Auftritten eine mussige Zuschauerinn. Sie hatte ihre kleine Spiel und Schwatzgesellschaften mit der Hauswirthinn, welche ihr alle Zeit zur Aufmerksamkeit auf ihre Untergebenen benahm, und uberdies war Jucunde auch nicht undankbar gegen die Gefalligkeit ihrer Aufseherinn, ihre Neigung zur Freygebigkeit hatte sie auch jetzt nicht verlassen.
Da ich jetzt anfieng mehr und langer zu Hause zu seyn, als bisher, so hielt man es fur gut, mir Demoiselle Ralph ordentlich vorzustellen. Sie war ein Madchen, deren Gesicht, vermittelst der Schminke ein sehr jugendliches Ansehen hatte, welches mit ihrer ubrigen Gestalt, die ganz das Gegentheil von dem schlanken Wuchs einer jugendlichem Nympfe war, seltsam kontrastirte. Ihr Anzug war ausserst leicht und ungezwungen, und man wurde es vielleicht gewagt haben, ihn luderlich zu nennen, wenn die niedergeschlagenen Augen der Person die ihn trug, ihre sanfte lispelnde kaum horbare Stimme, und der unschuldige Ton der Unerfahrenheit und Neuheit, den sie in alles zu bringen wusste, was sie sagte, nicht gemacht hatte, dass man sich der Sunde furchtete, eine solche Madonne eines Mangels an Sittsamkeit zu beschuldigen.
Mich blendeten indessen diese Dinge nicht, ich konnte in ihr die ausgelernte Buhlschwester, von der niedrigsten Gattung nicht verkennen. Meine Erwiederung ihrer Hoflichkeit war sehr kalt, und ich fragte Jucunden in ihrer Gegenwart, wo sie diese Person kennen gelernt habe.
Meine Schwester wollte schon den Mund aufthun, mir ihre Erzahlung zu machen, aber die andere legte ihre Hand auf denselben, und bat in schmelzendem Ton sie nicht zu beschamen. Ich drang auf eine Erklarung, und ich erfuhr endlich nach tausend Zierereyen so viel, dass Jucunde sie auf einem einsamen Spaziergange weinend gefunden habe, dass Neugier und Gutherzigkeit sie bewegt hatten, sich zu ihrer Trosterinn aufzuwerfen, dass eine Geschichte, die zu erkunstelt und zu ruhrend war, um wahr seyn zu konnen, ihr Mitleid vollends erregt, und sie bewogen habe, bey unserm Vater um die Erlaubniss zu bitten, sie in unser Haus aufnehmen, und bey unserer Ruckreise mit nach Hohenweiler bringen zu durfen.
Um Gotteswillen! unterbrach ich Alberten, ich entsetze mich, wenn ich an eine solche Vermehrung meiner Gesellschaft denke! Ich muss heute noch an Herrn Haller schreiben, es erfolge daraus was da wolle, und ihn bitten, dass er Mitleiden mit mir habe, und mir kein solches Ungluck ins Haus bringe.
Mamsell Ralph, fuhr Albert fort, mochte selbst keinen Gefallen an einem bestandigen Aufenthalt in unserm Hause gefunden haben; sie hatte sich geweigert, Herrn Hallers Gute anzunehmen, und sich nur die Erlaubnis ausgebeten, so oft um ihre himmlische Jucunde seyn zu durfen, als es ihre anderweitigen Verbindungen moglich machten.
Was dieses fur Verbindungen seyn mochten, liess sich besser muthmassen als laut sagen. Ich warf einen verachtlichen Blick auf Jucundens Freundinn, welche wahrend der Erzehlung, alle ihre Reize hatte spielen lassen, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, und wandte ihr den Rucken.
Ich glaubte es mit Gewissheit zu wissen, was diese Ralph fur eine Kreatur war, ich hatte sie lieber in der nehmlichen Stunde von meiner Schwester entfernt, aber ich merkte wohl, dass dieses keine leichte Sache seyn wurde, und dass ich Beweise wider sie nothig hatte. Tausend Gedanken schwarmten wild durch mein Gehirn. Ich hielt es furs beste, zuerst zu meinem Vater zu gehen, ihm meine Muthmassungen zu entdekken, und ihm die Gefahr meiner Schwester begreiflich zu machen.
Ich suchte ihn auf verschiednen Koffeehausern, und als ich ihn nirgend fand, so lenkten sich meine Schritte, ohne dass ich es fast selbst wusste, nach dem Thiergarten. Ich setzte mich in ein kleines Gebusch, um meinen Gedanken nachzuhangen. Ich horte nicht weit von mir einige Personen sprechen, aber ich fand zuviel Beschaftigung in meinem eigenen Gehirn, um auf ihr Gesprach acht zu geben. Nach und nach wurden ihre Stimmen lauter und ich horte den einen mit vielem Eifer ausrufen: Du magst sagen, was du willst, die Haller bleibt immer ein herrliches Geschopf, und ich schlage mich mit einem jeden, der mir das leugnen will.
Nun nun, rief der andere, das lohnte auch der Muhe, dass sich ein paar ehrliche Kerls um so eine Kreatur die Halse brachen! So viel wirst du mir doch zugestehen, dass sie nichts als eine Glucksritterin ist, die es freilich, da sie ihr Handwerk so jung anfangt, weit bringen kann, uber dieses hat sie an der Ralph eine gute Lehrmeisterinn Ralph? schrie der andere, die berichtigte Ralph eine Bekannte von der schonen Haller? rede deutlicher, oder ich erwurge dich! Einige andere Stimmen legten sich dazwischen, und ermahnten die beyden Streitenden zur Ruhe. Es ist hier nichts weiter nothig, erhub der eine seine Stimme, als zu entscheiden, welcher von euch beyden recht hat, und ich furchte, Ferdinand, du wirst nachgeben, und deine angebetete Fremde fur das erkennen mussen was sie ist; du verlierst ja ubrigens auch nichts dabey, wir werden sie vielleicht bald in dem Kreise schimmern sehen, in welchem die Ralph ihre Strahlen verloren hat, und was bleibt dir dann zu wunschen ubrig? ein ehrliches Madchen war doch wohl fur einen Purschen wie du bist, unerreichbar.
Kaum konnte ich mich halten, nicht diesen Augenblick loszubrechen. Nur das Verlangen, irgend etwas zu horen das mir nutzlich seyn konnte, gab mir Kraft, mich noch einige Zeit zu massigen, aber was ich horte, waren nichts als verneute Lasterungen, Ihr Vater ist ein Spieler, der vermuthlich auch durch sie sein Gluck hier zu machen sucht. Sie hat ein Weibsbild bey sich, die das vollige Ansehen einer Kupplerin hat, sprach der andere. Ein dritter fuhr fort: man sieht sie nie in Gesellschaft eines ehrlichen Frauenzimmers, nur einigemal habe ich sie mit ihrer Wirthinn gehen sehen, welche auch nicht viel taugt. Und was ihren Bruder anbelangt, sagte der erste, so wird der von dem Handel mit seiner Schwester auch wohl nicht abgeneigt seyn, man hat ihn, so jung er ist, bereits als einen falschen Spieler ertappt, und man weis, wozu solche Leute fahig sind.
Hier war mir es unmoglich mich langer zuruckhalten; ich sprang auf und sturzte mich mit gezogenem Degen mitten unter sie. Halb gebrochene vom Zorn verstummelte Worte, forderten Rechenschaft, wegen dessen was ich gehort hatte. Man hielt mich anfangs fur rasend, und strebte mich zu entwaffnen, eine Sache, die bey der Starke, die mir der Grimm gab, nicht so leicht war.
Einer aus der Gesellschaft, welchen ich fur denjenigen hielt, den ich hatte Ferdinand nennen horen, schlug sich auf meine Seite, und forderte, man solle mich zu Athem kommen lassen, und mich ruhig anhoren; Rache! schrie ich, Rache fur die Ehre meiner Schwester, und fur meine eigene! Mit diesen Worten sturzte ich mich auf denjenigen, den ich fur den Sprecher der Worte hielt, die mir die anstossigsten gewesen waren. Gonne ihm Zeit sich in Vertheidigungsstand zu setzen, rief Ferdinand mir zu, indem er mich zuruckhielt, und denn soll dich kein Teufel hindern, die Genugthuung zu fordern, die ich selbst nehmen wurde, wenn deine Rechte nicht naher waren, als die meinigen.
Der andere zog. Ferdinand bewog die Uebrigen uns nicht zu storen. Wir schlugen uns, und ich streckte meinen Gegner nach wenig Stossen in den Staub. Er ist todt, ertonte aus aller Munde, er ist todt! und sein Morder soll nicht ungestraft bleiben. Indessen die andern hinaus eilten Larm zu machen, oder Hulfe fur den Verwundeten zu suchen, warf Ferdinand mir seinen Mantel um, setzte mir den Hut meines Gegners auf, und fuhrte mich, weil ich wegen einiger Verwundungen stark blutete, und ziemlich schwach war, davon.
Wir sprachen nichts mit einander, bis wir dicker ins Gebusch kamen, da mich mein Fuhrer niedersetzen hiess, und anfing meine Wunden zu untersuchen, sie waren von keiner sonderlichen Bedeutung, wie Ferdinand sagte, und er behandelte sie mit solcher Klugheit, dass ich ihn fur einen Kunsterfahrnen halten musste. Er hiess mich aufstehen, begleitete mich noch eine Strecke, und bedeutete mir denn einen Ort, wo ich diese Nacht ausruhen konnte. Aber Bruder Haller, sagte er, du darfst dich keine Stunde ohne Noth aufhalten, man wird dich verfolgen, und ich eile zu meiner Gesellschaft, damit man nicht merke, dass ich Antheil an deiner Entfliehung habe. Leb wohl, wir sind gute Freunde, folge meinem Rath und werde Soldat, diess wird die beste Sicherheit fur dich seyn. Ich konnte ihm nicht antworten. Noch ein Druck der Hand, und er verschwand aus meinen Augen.
Ich war noch nicht zwanzig Schritte langsam fortgeschlichen, als ich seine Stimme wieder hinter mir horte. Bruder Haller, rief er, ob du wohl Geld bey dir hast? Ich wollte nach meinem Geldbeutel greifen; keine Untersuchung, rief er, hier sind zwey Louisdors, die Halfte meines Vermogens; keine Ziererey, oder mit uns ists aus. Hiermit war er aus meinen Augen verschwunden, ich sah ihm nach und schuttelte den Kopf, weil ich nicht wusste, was ich aus der seltsamen Erscheinung machen sollte.
Ich suchte nach meinem Geldbeutel, ich hatte wirklich nichts bey mir, als einige Silbermunze. Ferdinands Goldstucke waren auf die Erde gefallen, ich hob sie auf, und wunschte den Geber derselben naher kennen zu lernen. Was ware ohne ihn aus mir geworden!
Ich folgte seinem Rath in allem, hielt mich kurze Zeit unter Weges auf, und trachtete darnach Kriegsdienste zu bekommen, sie mochten auch seyn, wo sie wollten. Ich erfuhr, dass in einem benachbarten Orte Truppen nach Amerika geworben wurden, und ich Himmel! unterbrach ich ihn, ich will doch nicht hoffen! Ja liebe Mutter, sprach er mit thranendem Blick, indem er meine Hand an sein Herz druckte; mein Schicksal treibt mich nach Amerika. In dem Wahn, meinen Gegner getodtet zu haben, glaubte ich, mich nicht zu weit entfernen zu konnen, Ferdinands schriftliche Nachricht, dass er lebe, uberzeugte mich von meiner Uebereilung, aber die Ruckkehr ist nunmehr unmoglich.
Er wollte mehr sagen, aber eine Erinnerung von seinen Obern, Albert Haller solle nicht langer verweilen, die Zeit des Urlaubs sey verflossen, unterbrach seine Rede. Ach Gott! sprach Albert, indem er in meiner und Julchens Begleitung das Zimmer verliess, nun mussen wir uns trennen, und ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, so viel von meinem Bruder Samuel, den ich Samuel? wiederholte ich dem armen Verungluckten? Samuel lebt, sprach er, ich traf ihn. Ey! so hore auf zu schwatzen und zu winseln, schrie der rauhe Mann, der Alberten abfordern sollte. Ich musste meine Fragen nach Samuelen aufgeben, die Versicherung, dass er lebe, war alles, was mir Albert wiederholen konnte. Ich warf mich meinem Sohn weinend um den Hals, und druckte ihm eine ziemlich gefullte Borse in die Hand. Julchen hieng auf der andern Seite an ihm, er beugte sich zu ihr herab, sie zu kussen, und sie gab ihm das kleine Packet mit der fur ihn zubereiteten Wasche unter den Arm, in welches sie, wie sie mir hernach mit grossem Jubel berichtete, noch alles gepackt hatte, was sie von ihrer wenigen Baarschaft vorrathig gehabt hatte.
Viertes Kapitel
Samuel bleibt sich immer gleich
Wir standen noch lange an der Thur unsers Hauses, und sahen Alberten nach, ohne zu bedenken, dass es Nacht war, und dass der schwache Schimmer des Mondes uns die Gestalt desjenigen, der sich von uns entfernte, kaum wie einen dustern Schatten zeigte. Auch dieser Schatten war uns lieb; bald verschwand er ganz vor unsern Augen, und wir kehrten traurig mit den Gedanken an die lange Trennung und das zweifelhafte Wiedersehen zuruck. Ich warf mich auf einen Stuhl und weinte, und Julchen schmiegte sich schmeichelnd an meine Seite. Aber Himmel, fuhr ich auf einmal auf, Samuel, sollte es moglich seyn, dass Samuel lebte? Albert hat ihn gesehen, vielleicht nicht weit von hier gesehen? O Himmel, so werde ich ihn auch sehen, ihn vielleicht bald sehen! Julchen, Julchen, meynst du wohl, dass ich diese Freude ertragen werde?
Diese Nacht und der folgende Tag vergiengen, ohne dass ich fur etwas anders Gedanken hatte, als fur Albert, fur Samuel, und fur ihre unglucklichen verfuhrten Schwestern, an deren Lage ich nicht ohne Schrecken denken konnte. Das Andenken der Verstorbenen ward beynahe von der Sorge fur die Lebendigen verschlungen. Hannchens Zimmer ward verschlossen, ihre Kassette blieb unbesichtigt, ungeachtet das wenige, was ich von den darinnen enthaltenen Papieren gelesen hatte, hinlanglich war, meine ganze Aufmerksamkeit zu erregen. Die Gegenstande, die meine Seele beschaftigten, waren zu verschieden; kein Wunder, wenn mein Verstand darunter erlegen war.
Meine Sorgen um die von mir getrennten unglucklichen Kinder war vergebens, mein Herz war des Kummers mude, es schmachtete nach einem Strahl von Freude, ich glaubte denselben in dem Wiedersehen meines auf ewig verlohren geglaubten Sohns Samuel zu erblicken, und die Vorstellung von dieser herrlichen Scene, die, wie ich glaubte, mir nahe bevorstand, behauptete jetzt den ersten Platz unter meinen Gedanken; sie starkte mich gegen alles, was mich kankte, uud ich konnte nur dieses nicht begreifen, wo Samuel so lange verweilen musse. Am siebenten Tage erhielt ich einen von seiner Hand uberschriebenen Brief, ich erbrach ihn mit Zittern, und las folgendes:
"Nach einer langen Abwesenheit und mancher uberstandenen Gefahr, eile ich in Ihre Arme, um Ihnen den Wahn von meinem Tode zu benehmen, in welchen sie vielleicht durch einige Umstande in meiner Geschichte gesturzt worden seyn konnten. Da fand ich in einem Stadtchen von ihrer Nachbarschaft, meinen Bruder, meinen Albert Himmel, in einer elenden Rekrutenkleidung, im Begrif aus Verzweiflung, nach Amerika zu gehen. O Mutter! Mutter! was ist aus ihren Kindern geworden! Albert aufs Aeusserste gebracht; Amalie und Jucunde auf dem Wege des Lasters; Johanne todt; und dieses, wie man sagt, aus Gram uber den Verlurst ihrer Ehre; Peninna in dem Hause des abscheulichen Regierungsraths Berg, als seine deklarirte Matresse. O Mutter! wo ist die Wachsamkeit fur Ihre Kinder! es ist unmoglich, dass wir alle ohne Ihre Schuld so elend seyn konnen! Nein, ich kann, ich kann Sie nicht sehen! ich mochte mich vergessen, und meinen Mund zu Vorwurfen gegen die ofnen, die mich gebahr, die meinem Herzen noch immer so theuer ist. Sieben Tage bin ich in Ihrer Gegend herumgeschwarmt; der Trieb sie zu sehen und der Entschluss ihren Anblick zu meiden, kampften lange mit einander; endlich behielt der letzte die Oberhand. Mein Bruder geht nach Amerika, ich will ihm folgen. Was verliere ich denn auch endlich in Europa? schwache weitaussehende Hofnungen? Hirngespinste von wiederkehrender Ruhe? Nein, ich kann unter diesem Himmel nicht ruhig werden. Meine Anschlage sind zwar zum Theil gegluckt, ich hatte vielleicht einige Aussichten auf Gluck aber nein; meine Eltern, meine Geschwister sind unglucklich, sind mit Schande uberhauft; ich muss fliehen, muss alle diese Dinge zu vergessen suchen, ihr Anblick wurde mir jedes Gluck verbittern. Ach dass mein einiger bester Freund, mein Vater in Traussenthal, nicht mehr ist! bey ihm konnte ich Rath und Trost finden. Leben Sie wohl, ungluckliche Mutter, sorgen Sie wenigstens fur Julchen und verzeihen Sie
Ihrem Sohn Samuel."
Ja wohl unglucklich, schrie ich, unglucklich ohne Rettung! O Samuel ists nicht zu hart, mir alle mein Elend so vor die Augen zu mahlen, mich die Urheberinn desselben zu nennen? Ich bin unschuldig, Gott weis, ich bin unschuldig.
Ich weinte lange und fuhr endlich uber den Gedanken an Peninnen auf. Peninna! schrie ich, in dem Hause des abscheulichen Regierungsraths? warum abscheulich? ich kenne ihn auf keiner schlechten Seite. Und sie seine erklarte Buhlerinn? o Peninna, Peninna, sollte dieses wahr seyn, der Gram wurde mich bald in die Grube bringen! Ich war neben meinem Stuhl auf die Knie gesunken, Thranen badeten meine gefaltene Hande, ich jammerte und flehte zu Gott fur meine arme Kinder! Ich musterte sie alle in meinen Gedanken, und schnell fiel Hannchens Name wie ein Stein auf mein Herz, Gott, schrie ich, sollte es wahr seyn, was Samuel von ihr sagt? Muthmassungen von dieser schrecklichen Sache hatte ich schon, und der Anfang jenes Briefs, den ich in ihrem Schmuckkastgen fand! Ich muss Gewissheit haben, ich muss, und sollte mir es das Leben kosten.
Ich eilte in das Zimmer der Verstorbenen, ich schloss die Thur hinter mir zu. Alles was das geheimnisvolle Kastgen enthielt, breitete sich vor mir aus, ich ergriff das Blatt, das ich schon einmal zu lesen anfieng, hielt es einige Zeit in der Hand, ohne den Muth zu haben, es anzublicken, und fand, als ich mich gefasst hatte, folgendes.
Funftes Kapitel
An Madame Kathin
Werthe Freundinn, mit welcher Empfindung nenne ich Ihren Namen! sie sind die einige, mit welcher ich vertraulich reden kann, die einige Theilnehmerinn meines Geheimnisses! Zwar ich betrat Hohenweiler mit der Hoffnung mich meiner Mutter entdecken zu konnen, welches in aller Absicht besser fur mich war; aber Himmel, wo soll ich Muth zu dem schrecklichen Gestandnisse hernehmen? Nein, ich wage es nicht! Wie Sie mir oft wiederholten: ihre Grundsatze sind zu streng, sie wurde mich hassen, mich verachten, und wie konnte ich den Hass, die Verachtung einer solchen Mutter ertragen? einer Mutter, die mich so sehr liebt, so grosse Meynungen von meiner Tugend hat! Noch heute habe ich auf dem Punkte gestanden, mich ihr zu Fussen zu werfen, und ihr alles zu offenbaren, aber wenn ich denn an das strenge Gericht denke, das sie uber Rosen hielt, als ich ihr ihre Geschichte erzehlte, wenn ich mir den Eifer, mit welchem sie sprach, als ob sie die Verbrecherinn, von welcher die Rede war, vor sich hatte; wenn ich mir ihre letzten Worte ins Gedacheniss zuruckrufe! "Hannchen, sagte sie, du weinst uber fremde Vergehungen; denke wie schwer eigene Verbrechen zu beweinen seyn mussen! O Gott, fuhr sie mit gen Himmel gefalteten Handen fort, erhalte ihr Herz immer so schuldlos und so rein, wie es jetzt ist; der blosse Gedanke, es konne einst verderbt werden, war im Stande mich ins Grab zu strecken!" Ich weiss nicht genau ob ihre Worte so waren, der Sinn derselben ist es, aber mich dunkt, es lautete alles viel ernster und strenger als ich sagen kann! Wo soll ich bey solchen Aeusserungen Muth hernehmen mich ihr zu vertrauen?
Liebe Madam, ich bin in sehr grosser Angst, mein Fehltritt reut mich so innig, so schmerzlich, dass ich wunschte, ihn mit dem Verlust meines Lebens austilgen zu konnen, auch sorge ich, meine Mutter mochte aller meiner Behutsamkeit ungeachtet, es dennoch erfahren und mich hassen, und darum bitt ich sie, wenn ich nun todt bin, denn ich werde wohl sterben, meiner Mutter doch nichts davon zu sagen, wie sehr sie sich in ihrer vermeinten Tugendheldinn, in ihrem Hannchen irrte; ein spottisches Lachen uber mich selbst fahrt mir heraus, da ich dieses schreibe; niemand kann mich so sehr verachten, als ich mich selbst verachte, selbst mein Ludwig nicht, welcher doch, wie ich gewiss weiss, diejenige, die ihm zu Liebe den Weg der Tugend verliess, nicht einen Augenblick mehr seiner Achtung wurdigen wird; ach, und ich liebe ihn so sehr!
Ich habe mich unterbrochen; ich wollte Ihnen vorhin noch sagen, dass Sie um ihrer Selbstwillen, mit meiner Mutter nicht von meinen Vergehungen reden sollen, denn bedenken sie nur, wenn sie nun weiter fragte: Wer hat mein Hannchen verfuhrt, so konnten ihnen doch wohl alle die Gelegenheiten einfallen, die sie mir gaben, Ludwigen zu sehen, alle die Gesprache, mit welchen sie meine Liebe nahrten, alle die seltsamen Dinge, mit welchen sie meine Begriffe von Recht und Unrecht erschutterten; wenn ihnen nun dieses einfiel, und sie wurden roth, was wurde denn meine Mutter denken? Auch von Rosen mussen sie nicht viel sagen; sie wissen wohl, wie viel Nachsicht sie auch gegen sie hatten; wir waren doch einmal ihrer Aufsicht anvertraut, sie hatten uber uns wachen, und uns nicht Gelegenheit zum Bosen geben sollen. Nun ich weis es, sie meynten es gut, sie dachten mich glucklich zu machen, sie verfuhrten mich nicht aus Eigennutz, wie mir Rose einmal sagte, als sie gegen mich uber sie klagte. Sie behauptete, die Frau von Wilteck habe ihnen hundert Louisdor geboten, wenn sie machen konnten, dass Ludwig mich verachtete und nicht mehr an mich dachte, und sie hatten geglaubt, ihren Lohn nicht besser verdienen zu konnen, als wenn sie mich lasterhaft machten. Ach! Rose war zwar ein leichtsinniges sittenloses Ding, deren Gesellschaft mir nicht allemal zutraglich war, aber sie hatte doch auch Stunden, wo sie vernunftig redete; sie warnte mich vor Ihnen und vor der Frau von Wilteck, und ich entschloss mich zu fliehen, damit sie mich nicht endlich so tief ins Verderben sturzen mochten, dass ich Lust und Kraft zur Besserung verlor. Die abscheuliche Frau von Wilteck! Wenn ich noch an die Worte denke, die sie den Tag vor meiner Abreise zu mir sagte! Hannchen, sprach sie, ich weiss wie du und Ludwig einander lieben, ich bin nicht so grausam euch zu trennen. Die Gemahlinn eines Herrn von Wilteck kannst du nun freylich nicht werden, aber es giebt andere Verbindungen, welche die Liebe eben so dauerhaft macht, als die Gesetze ein rechtmassiges Ehebundniss.
So sprach sie; nun glaube ich zwar, dass sie meiner spottete, denn niemand strebte mehr darnach, mich von Ludwigen zu entfernen, als sie, aber war es denn ein Wunder gewesen, wenn die Vorstellung, nie von meinem Geliebten getrennt zu werden, mich in alle ihre Vorschlage hatte willigen lassen? Mein guter Engel hat mich zur Flucht angetrieben, und so unglucklich ich auch hier bin, so mochte ich mich doch nicht wieder in das Wiltecksche Haus zuruck wunschen.
Noch eine Bitte, meine liebe Madam Kathin, die wichtigste die ich auf dem Herzen habe: Nehmen sie, ich bitte sie um Gottes Willen, nehmen sie sich meines kleinen Ludwigs an, ich habe ihn ihren Handen vertraut, er allein war es, der mir meine Flucht schwer machte, aber mit mir nehmen konnte ich ihn freylich nicht. O Kathin, wenn noch ein Funke von Erbarmen in ihnen ist, so seyn sie diesem armen verlassenen Kinde eine Mutter; ach seine eigene wird ihn bald verlassen mussen, der Gram auch um ihn, nagt an meinem Leben, und ich muss sterben. Zuweilen denke ich doch, es war um des Kindes willen besser, ich entdeckte meiner Mutter alles; sie wurde sich doch seiner erbarmen, wenn sie auch mich verstossen sollte. Aber nein, ich will kein Mistrauen in Sie, meine einige Freundinn, setzen, auch soll Ihnen die Sorge fur den armen Kleinen erleichtert werden. Was sein Vater fur ihn thut, das wissen sie, und damit auch ich meine Schuldigkeit nicht versaume, so nehmen sie hier mein ganzes Vermogen, alles was ich an Geld und Kostbarkeiten habe, nehmen sie es, und wenden es an, wie sie wollen, nur sorgen sie, sorgen sie mutterlich fur mein Kind; es wird einmal Rechenschaft von Ihnen gefordert werden, bedenken sie dieses, und lassen sie mich nicht vergeblich flehen. Aber ich wollte sie auf den Knien fur meinen kleinen Ludwig bitten, wenn ich bey ihnen war. Himmel, wenn ich bey Ihnen war! was das fur ein Gedanke ist! bey Ihnen und bey ihm! wenn ich ihn nur noch einmal, nur noch ein einigesmal sehen sollte, ehe ich sterbe! Ach mein Herz wird von tausend Wunschen, tausend Bekummernissen, tausend tausendfacher Angst zerrissen, und ich muss sterben!!! Geschrieben an meinem achtzehenten Geburtstage.
Johanna Haller.
Sechstes Kapitel
Ein Gesprach zwischen zwey Matronen
Man stelle sich den Eindruck vor, den dieser Brief auf mich machte! O Hannchen, wie war dir es moglich, mich so zu verkennen! Wie konntest du Harte und Verstossung von einer Mutter furchten, welche nur Mitleid fur dich fuhlte! So rief ich, als ich zu Ende gelesen hatte, und streckte meine Arme nach dem traurenden Schatten der armen Dulderin aus, welchen ich vor mir schweben zu sehen glaubte. Bittere, bittere Thranen folgten meinen Ausrufungen, Thranen von Reue und qualenden Vorwurfen ausgepresst. Ach womit musste ich ihr Zutrauen verscherzt haben? ohne Zweifel lag die Schuld an mir, dass sie es nicht wagte zu sprechen! Meine Aeusserungen gegen das Laster, waren zu streng, ich hielt es fur Pflicht die Nachsicht und das Mitleid, das ich gegen die Irrenden fuhlte, in meinen Busen zu verschliessen, und ausserlich nur Richterinn zu seyn. Rosens verneute Vergehungen brachten mich auf, das Urtheil, das ich uber sie fallte, musste die schuchterne Seele abschrecken, die in der Bitterkeit ihrer Reue keinen Unterschied zwischen einer verfuhrten Unschuldigen, und einer ruckfalligen Sunderin sahe. Und dann das Marchen, damit ich sie, ich weiss auch nicht warum, in ihren letzten Tagen unterhielt! Warum musste ich die Geschichte von einem gefallenen Madchen mit einflechten? War es, bey den wunderlichen Muthmassungen von Hannchens Traurigkeit, die ich mir oft selbst nicht gestehen mochte, war es meine Absicht, sie durch diesen Theil der Geschichte besser auszuforschen? Warum sprach ich nicht schonender von der Verfuhrten, die ich ihr darstellte? Warum machte mich der Antheil, den sie an Romhilds Geschichte nahm, nicht aufmerksam? warum kam ich ihrem Gestandnisse nicht auf halbem Wege entgegen? O Romhild! Romhild! rief sie noch in ihren letzten Phantasien! Schrocklich tonten mir diese Worte noch immer in den Ohren, ich nahm sie als einen Beweis an, dass ich mit meiner damaligen Erzehlung alles verderbt hatte, und nannte mich die Morderin meiner unglucklichen Tochter. Dachte ich denn an die Frau von Wilteck, welcher ich meinen liebsten Schatz so unvorsichtig uberliess, fiel mir Rose ein, welche furwahr eine schlechte Gesellschaft fur ein unschuldiges Madchen war, so ofnete sich mir ein neues Feld von Vorwurfen, und ich glaubte unter den schreckensvollen Vorstellungen, die ich mir machte, zu erliegen.
Ich vermuthe, dass ich eine lange Zeit ohne Besonnenheit zugebracht habe; was mich endlich erweckte, war ein Gerausch an der Thur, und Julchens klagende Stimme, welche mich uberall suchte, mich endlich in diesem Zimmer vermuthete, und sich vergebens bemuhte, es zu ofnen.
Ich fasste meine Krafte zusammen, ihr zu antworten, und schlich endlich an die Thur, sie einzulassen. Ach Himmel, liebe Mutter, schrie die Kleine, wie bin ich ihrentwegen in Sorge gewesen! Gottlob, dass ich sie endlich gefunden habe, aber wie bleich sie sind! wie sie zittern! Ach sie sind krank, sehr krank! Gott was soll ich anfangen?
Ich hatte mich auf einen Stuhl zunachst der Thur gesetzt, ich hielt Julchens Hande fest in den meinigen, sah sie mit stromenden Augen an, und bestrebte mich vergeblich zu sprechen.
Ich muss sie zu Bette fuhren, rief Julchen, und bemuhte sich, mich zum Aufstehen zu bringen, die Dame, welche mit ihnen zu sprechen wunscht, muss sich gefallen lassen zu warten, oder wiederzukommen. Eine Dame? wiederholte ich, wo ist sie? ich werde sie sehen mussen. Wer mag sie seyn?
Ich habe sie in den untern Saal treten lassen, antwortete meine Tochter, ich kenne sie nicht, es ist eine dicke Frau, mit einem hochrothen Gesicht. Ihre Kleidung ist fast in dem Geschmack der Demoiselle Robignac, sehr bunt und jugendlich.
Ich liess mich in mein Zimmer fuhren, trank ein Glas Wasser, und liess die Person, die Julchen eine Dame nennte, eintreten.
Verzeihen Sie, Madam, sprach ich, indem ich mich ein wenig von meinem Sitz erhob, eine kleine Unpasslichkeit
Ich bedaure, sagte die andere, meine Geschafte treiben mich eigentlich nicht zu Ihnen, Madam, sondern zu Mamsell Haller, ihrer Tochter.
Ich habe viel Tochter, Madam, wollten sie die Gute haben, sich deutlicher zu erklaren.
Das junge Frauenzimmer, mit welchem ich zu sprechen wunschte, lernte ich im Wilteckschen Hause unter dem Namen Hannchen kennen.
Im Wilteckschen Hause? schrie ich, und fuhlte, dass ich bleich ward, ist ihr Name nicht Kathin?
Sie kennen mich? fragte die Frau mit einer Miene, aus welcher ich nicht wusste, was ich machen sollte, und unter was fur einem Charakter hat es Mamsell Hannchen beliebt, mich mit ihnen bekannt zu machen.
Sie Sie hat nie mit mir von Ihnen gesprochen.
Sonderbar! So sollten meine Zuge sich also so wenig verandert haben, dass ich Ihnen noch von alten Zeiten her bekannt seyn konnte? sie warf einen Blick in den Spiegel, und ich heftete meine Augen mit mehrerer Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht.
Zwar, fuhr sie fort, unter dem Namen Kathin mochte ich ihnen doch wohl nicht von jenen Zeiten kenntlich seyn konnen.
Aber wohl unter dem Namen Katharines, rief ich, indem ich sie auf einmal fur diese Frau erkannte, deren ich im Anfange meiner Geschichte gedacht habe. O Weib! Weib! willst du nimmer aufhoren mich zu verfolgen? soll ich so spat noch Proben deiner feindseligen Gesinnungen erfahren?
Sie reden da eine sonderbare Sprache, Madam, erwiederte die Katharines, und erhob sich gravitatisch von ihrem Stuhl. Sie werden sich erinnern, dass ich mit Mamsell Hannchen sprechen wollte; in welchem Zimmer kann ich sie finden?
Suche sie unter den Todten, abscheuliche Verfuhrerinn, rief ich, sie hat den Verlust ihrer Tugend, den sie dir zu danken hat, nicht uberleben konnen. Mein Gott, Madam, erwiederte die Frau, begreifen sie sich doch, sie sind nicht bey sich selbst! Ist Mamsell Hannchen todt, je nun, wir sind alle sterblich, und ich weiss nicht, wie ich dazu komme Vorwurfe daruber zu horen?
Fragen Sie ihr Gewissen, schrie ich, und dann entschuldigen sie sich. Aber todt, Mamsell Haller wurklich todt, wiederholte sie, und sollte so gar nichts an mich hinterlassen haben? ich habe ein Pfand von ihr in Handen.
Ja wohl, rief ich, ein theures kostbares Pfand, das ich keine Stunde langer in deinen Handen lassen will. Ich fordere den Sohn meiner Tochter zuruck; er ist nunmehr der meinige, und niemand soll mir ihn entreissen.
Ich sehe, Madam, sprach die andere, und setzte sich wieder, ich sehe, sie wissen alles, lassen sie uns vernunftig mit einander sprechen. Nichts mehr von beleidigenden Vorwurfen, wenn ich bitten darf, sie sind auf tausenderley Art in meiner Gewalt, und ich bin nicht gewohnt Beleidigungen unvergolten zu lassen.
In deiner Gewalt? rief ich. Ist nicht meine arme Tochter todt? ist sie nicht zu hoch fur deine Verfolgungen? Und mein Enkel, wirst du mir ihm wohl vorenthalten durfen.
Vielleicht doch wohl, sagte sie, aber nein, nein, sie sollen ihn haben, mir ist nichts damit gedient, fremder Leute Kinder zu ernahren.
Unwurdige! schrie ich.
Und, fuhr sie fort, was das erste anbelangt, so wird es Mamsell Hannchen, troste sie Gott, wenn sie zu trosten ist, freylich nun gleichviel seyn, was die Welt von ihr spricht; aber ob ihre Mutter viel Ehre davon haben wird, wenn der ganze Vorgang bekannt wird.
Meine Tochter ist als vermahlte Frau von Wilteck gestorben, unterbrach ich sie.
Ja so! sprach sie mit hohnischem Lacheln, nun ich gratuliere von Herzen zu der so schleunig geschlossenen Verbindung, und werde nicht ermangeln, es auszubringen, dass bereits ein Sohn und Erbe vorhanden ist, dem es aber doch vielleicht einmal schwer werden mochte, die Rechtmassigkeit seiner Geburt zu beweisen.
Wo wollen sie hin? rief ich, und suchte sie zuruck zu halten.
Ich will noch, erwiederte sie, zu meiner Muhme, der Frau Pfarrerin hier in diesem Stadtchen gehen; ich weiss, sie hort auch gern etwas neues, die Geschichten von der verstorbenen Frau Lieutenantinn von Wilteck, und von dem kleinen Junker Ludwig, werden ihr willkommen seyn, und sie wird vermuthlich bald erscheinen, ihren Gluckwunsch zu den erfreulichen Begebenheiten abzustatten.
Der Name meiner alten Feindinn und Lastererinn, erweckte alle meine Besorgnisse, und sollte man denken dass ich so schwach war, mich zu einer Art von Bundniss mit der niedertrachtigen Katharines herabzulassen? Einige Geschenke erkauften ihre Verschwiegenheit, wir wurden einig, dass der kleine Ludwig unter dem Namen meines Pathen zu Hohenweiler eingefuhrt werden sollte, und das Weib versprach zur Zugabe, mein christliches Gemuth, dass ich mich dieses elterlosen Kindes so mutterlich annahm, gegen die Pfarrerinn und jedermann zu ruhmen; ein Versprechen, dass ich ihr mit der aussersten Verachtung zuruck gab.
Madam Katharines war jetzt nicht mehr so empfindlich, meine Geschenke hatten sie gefalliger gemacht; sie uberhorte jedes unwillige Wort, das mir etwa entfuhr, und war auf einmal so ganz fur mich eingenommen, dass sie nicht wusste, wie sie sich von mir trennen sollte. Wir hatten lange unsere Geschafte mit einander abgethan, und noch konnte ich sie nicht los werden. Sie wollte sich in eine umstandliche Erzehlung von Hannchens trauriger Geschichte einlassen, und als ich merkte, wie wenig dieselbe der Wahrheit treu, und zum Vortheil der armen Verstorbenen seyn wurde, und ihr Stillschweigen uber diesen Punkt auflegte, so kam sie auf ihre eigene Geschichte, und erzehlte mir sehr umstandlich, wie ubel sie mit Herrn Katharines gelebt, wie sie ihn wegen seiner Untreu angeklagt, wie er daruber vom Amte gekommen und von ihr geschieden worden, und wie sie seit der Zeit als Wirthschafterinn in vielen adelichen Hausern gelebt, und wie sie doch noch immer so viel ubrig behalten, ihrem Feinde, so nennte sie ihren Mann, Gutes zu thun. Ich aber konnte das seltsame Gemisch von Bosheit und heuchlerischer Tugend, woraus alle ihre Reden bestanden, nicht langer aushalten. Ich sagte, dass ich der Ruhe sehr nothig habe, und fragte, wo sie zu ubernachten gedachte.
Bey meiner Muhme der Frau Pfarrerinn, erwiederte sie mit schleppendem Ton. Ich verstand sie vollkommen, klingelte und befahl ein Zimmer in meinem Hause fur sie zurecht zu machen. Sie bewunderte meine unvergleichliche Gute, wie sie sich ausdruckte, lobte Julchen, welche eben eintrat, in den ubertriebensten Ausdrucken, und bat sie sich zur Schlafgesellin aus.
Aber ich furchtete den Hauch dieser giftigen Schlange. Julchen schlief diese Nacht in meinem Zimmer, und ich liess sie nicht aus den Augen, bis Madam Katharines des andern Tages abgereisst war.
Siebentes Kapitel
Ein elektrischer Schlag
Die heftigen Gemuthsbewegungen, die ich des vorigen Tages erfahren hatte, griffen meine Gesundheit an, ich war einige Wochen bettlagerig. Ein schleichendes Fieber verzehrte meine Lebenskrafte, eine ganzliche Gleichgultigkeit gegen alles nahm meine Seele ein. Herr Walter besuchte mich in dieser Zeit sehr fleissig, er sprach mit mir von den verwickelten Angelegenheiten meines Mannes, aber ich konnte wenig dazu sagen, und musste alles seiner Besorgung uberlassen. Er suchte die empfindlichsten Seiten meines Herzens zu beruhren, er brachte mir meine abwesende Kinder in den Sinn, ich blieb gleichgultig; er rief Julchen an mein Bette, sie weinte und fragte ob ich sie nicht mehr liebte, ich kusste sie, und gab Waltern einen heimlichen Wink sie zu entfernen. "Nur dann wurd ich glucklich seyn," sagte ich, als wir allein waren, "wenn alle meine Kinder so ruhten, wie Hannchen ruht, und ich konnte mich an ihre Seite legen und sterben."
Ein ganz neuer noch nie gesehener Gegenstand war nothig, um mich dergestalt zu erschuttern, dass Gefuhl und Liebe zum Leben wieder in mir erwachten.
Ich erwachte eines Tages gegen den Abend aus dem matten Schlummer, in welchem ich jetzt immer zu liegen pflegte. Herr Walter sass neben meinem Bette und hielt mit Julchen ein leises flusterndes Gesprach. Es schien noch ein Drittes gegenwartig zu seyn, mit welchem sie sich beschaftigten. Ich schlug den Vorhang zuruck, und erblickte auf Walters Knien einen kleinen etwa anderthalbjahrigen Knaben, der sich an das vor ihm knieende Julchen anschmiegte, und die Liebkosungen, mit welchen sie ihn uberhaufte, auf seine Art erwiederte. Ach Ludwig! schrie ich, indem ich mich jahling aufrichtete, ach ja er ists! Geschwind dass ich ihn in meine Arme schliesse! Man setzte ihn auf mein Bette, und ich druckte ihn weinend an meine Brust.
Herr Walter war froh, mich weinen zu sehen, er suchte mein Herz noch mehr zu erweichen; er sagte mir tausend ruhrende Dinge von Hannchen, von dem Zustand ihres armen verlassenen Kindes, von meiner Pflicht ihm Mutter zu seyn, und der Freude die mir seine Erziehung machen wurde; es gelang ihm, ich zerschmolz in Thranen, ich konnte nicht aufhoren den Kleinen zu liebkosen, der mich mit seinen grossen blauen schmachtenden Augen anblickte, dann, als er mich Thranen vergiessen sah, seinen kleinen Mund auch zum Weinen verzog, und sich mit dem Namen Mutter an meinen Hals schmiegte. Nie hat man ein holderes schmeichelhafteres Kind gesehen! Er war schon wie ein Engel, ganz das Ebenbild seiner Mutter. Er sah mich mit Hannchens Blicken an, lachelte mir mit ihrem Munde, und selbst in seiner lallenden Stimme glaubte ich etwas von ihrem sanften liebkosenden Tone zu entdecken. Ich konnte es nicht langer aushalten, ich liess ihn von mir hinweg nehmen, und forderte ihn eben so schnell zuruck.
Ich nahm meine Krafte zusammen, um einige Anstalten zu seiner Pflege zu machen. Ich wusste nicht, wem von meinen Leuten ich ihn anvertrauen sollte. Ich bat Herr Waltern, doch Charlotten kommen zu lassen, damit sie fur ihn sorgen konne; er zuckte die Achseln: Charlotte hatte dringende Geschafte in ihrem Hause, und ich musste des andern Tages versuchen aufzustehen, um selbst zuzusehen, dass bey dem Kinde nichts versaumt wurde. Es wurde mir sehr sauer mein Bette zu verlassen, aber meine Krafte vermehrten sich nach und nach, das neue Geschaft amusirte mich, Liebe und Mitleid gegen das Kind, schlossen mein Herz auch zu andern Gefuhlen auf, und Walter frohlockte heimlich, dass es ihm gelungen war mich aus meiner gefahrlichen Fuhllosigkeit und Unthatigkeit zu reissen.
Jetzt kann ich sie verlassen, sagte er nach einigen Tagen, sie fangen wieder an, einzusehen, dass ihr Leben zum Gluck vieler Personen noch sehr nothig ist. Meine Charlotte soll sie bald besuchen, um sich mit Ihnen uber Ihre Wiederherstellung zu freuen, sie hatte nur damals dringende Geschafte, als es nothig war, dass sie selbst handelten, um ihre schlafenden Lebensgeister wieder zu erwecken.
Ich druckte seine Hand und dankte ihm mit der aussersten Nuhrung fur alles, was er fur mich that; auch das war dankenswerth, dass er mir den Anblick der Katharines erspart hatte: sie hatte den kleinen Ludwig in eigener Person uberbracht, sie hatte mich schlechterdings selbst sprechen wollen, aber er hatte sie so abgefertiget, wie es ihm und ihr zukam, und als sie einige Winke gegeben hatte, dass sie unbezahlt von gewissen Dingen nicht schweigen wurde, so hatte er ihr auf eine Art geantwortet, von welcher es sich hoffen liess, dass sie die Schwatzerinn zu unentgeldlicher Verschwiegenheit bewegen wurde.
Achtes Kapitel
Die Matrone spricht aus einem hohen Tone
Niemand freute sich so sehr uber den kleinen Ludwig, als Julchen. Sie war eben in dem Alter, da die Madchen anfangen sich der Puppen zu schamen, ohne darum die Neigung zu diesem Spielwerk verloren zu haben; nichts ist ihnen zu dieser Zeit erwunschter, als eine lebendige Puppe, ein Kind, in dessen Gesellschaft sie mit Ehren spielen, fur das sie auf ihre Art Sorge tragen, und sich dabey ein mutterliches Ansehen geben konnen. Julchen spielte die gewohnliche Rolle ihrer Mitschwestern meisterlich. Nie war sie aufgeraumter und liebenswurdiger, als wenn sie Ludwigen zu unterhalten suchte, und nie war ihr Ton ernsthafter und ihre Miene nachdenklicher, als wenn sie mit mir von den Bedurfnissen des Kindes und seiner Pflege sprach, bey welcher sie eine wichtige Person vorzustellen glaubte.
Diese beyden kleinen Leute lehrten mich wieder lachen, und lockten mir zu anderer Zeit Freudenthranen ab. Sie liebten sich unaussprechlich. Ludwig weinte, wenn er seine Spielgesellinn nicht sah, und Julchen dachte an keinen Spaziergang mehr, bat nicht mehr, so wie sie sonst gethan hatte, ich mochte sie doch mit Pfarrers Lorchen umgehen lassen, und achtete keine Freude, wenn nur Ludwig zugegen war.
Meine Freude an dem armen Kleinen, war freylich nicht so rein und unvermischt, als wie Julchens, durch wie vielerley Gedanken an die Vergangenheit und an die Zukunft wurde sie nicht verbittert! und selbst der gegenwartige Augenblick war in Ansehung seiner nicht an Verdruss und Kummer leer.
Ludwig hiess mein Pathe, aber es war mir nicht verborgen, dass ganz Hohenweiler ihn unter seinem wahren Namen kannte. Das neugierige Julchen war in meiner Krankheit uber Hannchens Briefe gekommen, sie hatte oft auch etwas von Walters Gesprachen mit mir uber diese Dinge gehort, denn wer kann sich allemal fur so einer kleinen Lauscherinn huten, ich hatte sie in Verdacht haben konnen, dass sie in ihrer Einfalt etwas gegen die Tochter des Pfarrers ausgeplaudert habe, die sie zuweilen in der Kirche sah, aber ich will lieber glauben, dass Madam Katharines, ungeachtet Walters Drohungen, die Verschwiegenheit gegen ihre Frau Muhme gebrochen habe. So viel war einmal gewiss, dass die Rede aus dem Pfarrhause ausgekommen war.
Der Hass der Hohenweilerischen Frauen gegen mich hatte jetzt seinen hochsten Gipfel erreicht, da er mit einer tiefen, und wie sie meynten, wohlverdienten Verachtung verbunden war: Der Verfall unsers Glucks, das Gerucht von dem Verdacht in meines Mannes Redlichkeit, welcher die Versiegelung der Kasse verursacht hatte, und die bose Rede, welche fast von allen meinen Kindern gieng, berechtigte sie nach ihren Gedanken, zu jeder schimpflichen Begegnung; sie liessen es nicht genug seyn, mich fur ihre Person anzufeinden, sie wiegelten auch ihre Manner wider meine Freunde auf, und der Pfarrer kochte Gift und Galle in seinem Herzen wider Waltern, weil ihm seine Frau sagte, dass er ihm ins Amt gegriffen, und Hannchen mit dem Lieutenant vermahlt hatte.
Woher doch die Frau alles wissen mochte, was in dem Innersten meines Hauses vorgieng? Sie war in der Gabe der Ausforschung, beynahe der seeligen Madam Haller zu vergleichen, nur dass es ihr an ihrem guten edlen Herzen fehlte.
Taglich bekam ich neue Proben von der Bosheit meiner Verfolgerinnen, sie vereinigten sich mit den beyden alten Herren von Wilteck, die meinem Hause aus verschiedenen Ursachen feind waren, und diese liessen es an keinem Schimpf und Beleidigungen fehlen.
Ich erhielt eines Tages einen in sehr hochtrabenden Worten geschriebenen Brief von des kleinen Ludwigs hochadelichem Grosvater, in welchem mir feyerlich untersagt ward, mich der Ehre zu ruhmen, eine Tochter in das Wilteckische Haus verheyrathet zu haben. Ich schickte ihn zuruck, nachdem ich folgende Worte darunter geschrieben hatte.
"Ich bin so weit entfernt, diese Sache, deren Wahrheit ich leider nicht leugnen kann, fur eine Ehre zu halten, dass ich sie vielmehr als die unglucklichste Begebenheit meines Lebens ewig verschweigen werde, wenn nicht der wurdige Gemahl meiner Tochter, den ich unter allen seinen Verwandten allein hochschatze, mich eines Tages zu Aenderung meines Entschlusses bewegen sollte.
H. P. Haller, mit eigner Hand und Siegel."
Diess war wohl ein wenig hart, aber ein solcher Brief hatte eine solche Antwort verdient, und sie enthielt uber dieses nichts als Wahrheit. Ich weiss nicht, wie sie aufgenommen wurde, aber die hochadelichen Wiltecke mussten mir wider ihren Willen einen wichtigen Dienst leisten, nehmlich das Gerede von dem unglucklichen Schicksale meiner Tochter und der Herkunft des kleinen Ludwigs zu stillen. Ihr Stolz und mein Gefuhl fur die Ehre wurde auf gleiche Art durch dasselbe verletzt, und das Gebot, das an die Schwatzerinnen von Hohenweiler ausgieng, hinfort von dieser Sache zu schweigen, schafte mir die Ruhe, die man mir so gern verbittert hatte.
Neuntes Kapitel
Scene des Wiedersehens bey einem zartlichen
Ehepaar
Man schafte mir Ruhe, sagte ich? was fur ein unschicklicher Ausdruck! Ach die Ruhe schien auf ewig aus meinem Hause geflohen zu seyn! Und wenn ich mich denn ja etwa eine Stunde in Schlummer gewiegt, ja mit Muhe eine traurige Vergessenheit aller meiner Krankungen erkunstelt hatte, so kam schnell ein Schlag, der mich gewaltsam aufschreckte, und mich alle meine Schmerzen von neuem fuhlen liess.
Wir sassen an einem Abend bey unserer Arbeit und sprachen von gleichgultigen Dingen, der kleine Ludwig war schon zu Bette gebracht, und Julchen bemuhte sich, alle die Munterkeit und Laune in unser Gesprach zu bringen, deren sie fahig war; sie war zu jung, um irgend einen Schmerz lange und tief zu fuhlen, und dieses machte sie zu der schicklichsten Gesellschafterinn fur ihre traurige Mutter. Das Gerausch eines Wagens in unserm Hofe machte uns aufmerksam. Mir schlug das Herz, ich vermuthete die Ankunft meines Mannes, welcher ich langst entgegen gesehen hatte; ob mit Verlangen und Sehnsucht, gebe ich einem jeden zu bedenken. Es konnte mir bey derselben eigentlich nichts erwunscht seyn; einen solchen Mann, wie Herr Haller war, wiederkommen zu sehen, ihn zu solchen Auftritten ankommen sehen, wie sie ihn in Hohenweiler erwarteten, Vorwurfe erwarten zu mussen, dass ich ihn nicht gewarnt hatte, welches in aller Absicht unmoglich gewesen war, wo konnte da ein Grund zu der geringsten Freude liegen, die uns sonst oft das Wiedersehen eines blossen Bekannten verursacht. Dachte ich vollends an die Begleiterinnen meines Mannes, so ward mein Schauer vermehrt. Jucunde und Amalie, so verandert, wie ich sie nach Alberts Erzehlung vermuthen musste, die herrschsuchtige Robignac, und vielleicht gar auch Jucundens neue Freundinn, die luderliche Ralph; entsetzlich war mir es nur daran zu denken, und ich dachte nicht, dass noch ein grosseres Schrecken meiner wartete.
Ich hatte nicht den Muth ans Fenster zu gehen, um die Bestattigung meiner Muthmassung zu holen. Julchen sprang auf, that einen Blick hinaus, rief ihr Vater kame, und flog zur Thur hinaus um ihn zu empfangen. Ich kam ihm an der Thur entgegen und zwang mich, ihn so freundlich zu bewillkommen, als mir moglich war; er stiess mich ungestum zuruck, warf sich in einen Stuhl, und sah mit starrem Blick zur Erde. Julchen, die ihm langsam ins Zimmer nach kam, und vermuthlich keine bessere Aufnahme gefunden hatte als ich, trat in einen Winkel und weinte.
Herr Haller horte sie schluchzen. Das verdammte Geheul! schrie er, und sprang wutend auf, ist das die Art einen Vater zu empfangen, den man so lang nicht gesehen hat? Ich hiess Julchen hinausgehen, und ihre Schwestern herein fuhren. Ich weis nicht wo sie bleiben, sagte ich, siehe doch zu, dass ihre Sachen ordentlich hereingeschaft werden, sie werden mude seyn, und konnen ja nicht vor alles sorgen.
Rede nicht! schrie mein Mann, indem er mich bey der Achsel ergriff, und mich furchterlich schuttelte; Du weisst, dass Jucunde und Amalie zum Teufel sind, und unterstehst dich, mich durch Nennung ihres Namens zu hohnen? Ich wiederhohlte die Namen meiner Tochter, und sank fast ohne Besonnenheit auf einen Stuhl. Ich erholte mich zu einer neuen Frage, die mir vermuthlich auf eben so ungestume Art beantwortet worden war, aber ein Ungewitter, das sich von der andern Seite aufzog, vernichtete die Schlage des gegenwartigen, und ofnete eine neue Scene des Schreckens.
Ohne Zweifel hatte man auf die Ankunft meines Mannes gelauert, um ihm sogleich den Arrest ankundigen zu lassen. Die Deputation, die ich schon einmal zu meinem grossten Entsetzen gesehen hatte, trat ein, meldete Herrn Haller, dass, nachdem man schon vor so und so langer Zeit genothigt gewesen war, die Kasse zu versiegeln, so wurde er sich gefallen lassen, dass man sich bis zur Besichtigung derselben auch seiner Person versicherte. Er fluchte und forderte die Ursach dieses Verfahrens zu wissen. Man gab ihm alle Aufklarung in der Sache, nannte seine Spielsucht, nebst noch einigen Umstanden, die verschwiegen wurden, den vornehmsten Grund des Verdachts, und bat ihn sehr, sich nicht durch fernere Weigerung verdachtig zu machen.
Da mein Mann gegen die Macht der Herren die mit ihm sprachen ganz wehrlos war, und sich mit keinem Worte an ihnen vergehen durfte, so war es ja naturlich, dass er seinen Unwillen uber mich, die eben so schwach und wehrlos gegen ihn war, ausschuttete. Falsches treuloses Weib! schrie er, und knirschte mit den Zahnen, dieses zu wissen, und mich nicht zu warnen! Furchte meine Rache, wenn ich je wieder Freyheit erhalte dich zu zuchtigen! Madam Haller hat wie die vernunftige Frau eines sehr unvernunftigen Mannes gehandelt, antwortete einer von den Herren. Sie wurde gewarnt, und hatte sie die Warnung in den Wind geschlagen, so wurde sie ohne allen Erfolg ihrer Bemuhung, sich in eben solchen Verdacht gesturzt haben, als wie der, mit welchem wir reden, durch sein seltsames Betragen auf sich zieht. So, mein Herr Haller, sie wollten also gewarnt seyn? wollten vielleicht fliehen? Haben sie denn etwas zu furchten, wenn sie sich unschuldig wissen?
Mein Mann schwieg eine lange Weile, und fragte dann nach dem Amtsverweser. Ihm haben wir unsere besten und sichersten Nachrichten von ihnen zu danken, sagte der Sprecher, und er soll ihnen zu seiner Zeit schon entgegen gestellt werden.
Man bat mich hierauf mit vieler Hoflichkeit, das Zimmer zu verlassen, und im Hause hinzugehen, wo es mir beliebte, nur dasselbe auf keine Art zu verlassen. Mein Mann bekam einige Mann Wache, und die Herren empfahlen sich, mit der Nachricht, dass sie morgen gegen den Abend wiederkommen wurden, um die Kasse zu untersuchen. Mir ward verboten, mit meinem Manne zu sprechen, und ich lies mir dieses Verbot sehr wohl gefallen. Fur ihn arbeiten war besser, als die langsten Gesprache, die ohnedem fur mich wohl nicht sehr trostlich ausgefallen seyn wurden.
Ich setze mich hin, um so wie ich mit Waltern verabredet hatte, an ihn zu schreiben, und ihm die Ankunft meines Mannes zu berichten; er hatte mir versprochen in diesem Fall sogleich nebst einem geschickten Rechtsgelehrten zu erscheinen, um die Sache wo moglich ins Reine zu bringen. Meine Gelder von dem Lotterie gewinnst waren auch schon erhoben und in Herrn Walters Handen, so dass ich hoffen konnte, da alle Hulfsmittel bereit waren, Herrn Haller noch einmal zu retten. Was mich zu dieser Rettung bewog, war freylich nicht mehr so wie sonst, zartliche Liebe; sein Betragen hatte dieselbe langst aus meiner Brust gescheucht: aber er war mein Mann, meine und meiner Kinder Ehre hieng von der Seinigen ab, und ich war noch immer nicht ganz ohne Hoffnung, er konne vielleicht gebessert werden.
Zehentes Kapitel
Ein wahrer Freund
Nachdem diese Geschafte abgethan waren, nahm ich mir erst Musse, das ganz zu uberdenken, was mich kurz vor der Ankunft der furchterlichen Herren fast bis zur Ohnmacht erschutterte, und was mich jetzt, da ich mir es von neuem lebhaft vorstellte, fast in den nehmlichen Zustand sturzte.
Amalie und Jucunde waren nicht da, waren wie Herr Haller sich zierlich ausdruckte, zum Teufel; was konnte ich mir bey diesem Ausdrucke vorstellen, und wie sollte ich aus meinen furchterlichen Zweifeln kommen? Mein Mann war ohne einen einigen Bedienten erschienen, von welchem ich im Nothfall etwas hatte erfragen konnen; sein Gepack, das so gering war, als man es kaum auf einer Lustreise braucht, zeigte, er musse Berlin in grosser Eil verlassen haben; mit ihm selbst konnte, durfte und mochte ich auch nicht reden! Himmel, was fur ein Zustand, was fur eine schreckliche Ungewissheit! was fur eine furchterliche Nacht, die nur von der bey Hannchens Sterbebette ubertroffen wurde!
Julchen war in derselben mein einiger Trost, sie wachte und weinte mit mir, sie trostete mich, und zeigte, ungeachtet ihrer Jugend, so viel Verstand in allen ihren Reden, dass ich wurklich glauben muss, Ungluck mache vor den Jahren klug; das arme Madchen, was hatte sie nicht binnen kurzer Zeit in meiner Gesellschaft gelitten, und wie gut hatte sie sich in den meisten Fallen bezeigt! zu ihrem Lobe sey dieses geschrieben, damit ihre Enkel es noch lesen, und sich ihrer freuen.
Herr Walter hatte die Ankunft meines Mannes eher erfahren, als ich sie ihm berichten konnte. Mein Brief hatte ihn schon auf dem Wege nach Hohenweiler angetroffen, er hatte ihn gelesen, und seine Reise so beschleunigt, dass er mit anbrechendem Morgen eintraf.
Wie dankte ich diesem treuen hulfreichen Freunde fur seine Eilfertigkeit! mir war es, als waren wir schon halb gerettet, da er nur da war, da ich ihm nur alle unsere Sachen von neuem empfohlen, und ihn von allem was sich seit gestern zugetragen unterrichtet hatte. Unsere Unterhaltung war kurz, die Zeit war kostbar, und er eilte zu Herrn Haller, um bey ihm bessere Auskunft uber seine Angelegenheiten zu holen, als ich ihm geben konnte. Ich rief ihm nach, mir ja Nachricht von meinen verlornen Tochtern zu bringen; sie lagen mir am meisten am Herzen, das ubrige, das ich ohnedem glucklich geendigt zu sehen hoffte, bekummerte mich weit weniger. Man verweigerte Herr Waltern den Zutritt bey meinem Manne nicht; sein Stand, und sein durchgangig guter Charakter, entkrafteten allen Verdacht eines geheimen Verstandnisses mit dem Beschuldigten zum Nachtheil der Gerechtigkeit.
Die Zeit, bis ich Waltern wieder sah, war eine Zeit der angstlichen Erwartung. Nach einer dreystundigen Conferenz mit meinem Manne erschien er, und war so aufgebracht wider ihn, dass ihm etliche Worte entwischten, die ich nie zuvor und nie nachher aus dem Munde dieses edeln sanftmuthigen Mannes gehort habe.
Unsre Sachen standen schlimmer als ich dachte. Zwey Drittheil von dem was mir das Gluck zugewandt hatte, mussten wahrscheinlich darauf gehen, um die Kassendefekte zu ersetzen, und das Dritte war vielleicht kaum hinlanglich, die Ehre meines Mannes durch Mittel zu erhalten, die Herrn Walter nicht ganz gefallen wollten. Einmal war soviel gewiss, dass die Mitwisser des Geheimnisses nicht unbezahlt schweigen wurden, was sollte man also thun? Ich bat nichts zu schonen um mich und die Meinigen vor Schimpf zu bewahren, der Rechtsgelehrte, den Walter mitgebracht hatte, demonstrirte, und er musste endlich schweigen. Ich habe meine Meynung gesagt, sprach er, ich habe bey der Sache gethan was ich konnte, ich lasse ihre Angelegenheiten in den Handen eines geschickten Mannes, und ich bin also nichts mehr hier nutze, sondern ich kehre zuruck. Es giebt ohnedem heute einige Amtsgeschafte, die ich keinem andern ubertragen kann. Er sah nach der Uhr, berechnete die Zeit, da er wieder zu Hause seyn konne, und sprach, er musse sogleich abreisen.
Walter! rief ich, sie zurnen, sie zurnen mit mir, die nichts verbrochen hat! O Madam Haller, sprach er mit seiner gewohnlichen vielsagenden Miene, wussten Sie, was mein Herz fur Sie und ihre Kinder fuhlt! wie es mich schmerzt, dass Sie so alles fur einen Unwurdigen hingeben, dass sie vielleicht, ihm zu liebe, gar von den strengsten Begriffen des Rechts, die sie mit mir gemein haben, abgehen mussen, und sich damit doch wohl nichts erkaufen, als Undank, und Verneuerung der alten Scenen! Sollte ich meinen Mann in seinem Ungluck verlassen? fragte ich, sollte ich nicht alles thun ihn zu retten? Thun sie das was ihnen ihr edles Herz eingiebt, sagte er, und sie werden nicht ganz irren konnen.
Er druckte meine Hand, kusste Julchen, und den kleinen Ludwig, und verliess uns. Ich begleitete ihn. Um Gottes willen, sagte ich, nur noch ein Wort; was haben Sie von meinen Tochtern erfahren. Alles, was ich von Herrn Haller herausbringen konnte, antwortete er, war, dass Amalie sich mit einem Mann ohne Amt und Vermogen, mit eben dem Feldner, den sie aus Alberts Geschichte kennen, eingelassen habe, und mit ihm davon gegangen sey. Jucunde ist in ihres Vaters Hause geblieben, bis den letzten Tag, da ungluckliches Spiel, welches ihn um alles brachte, und andere Verdrusslichkeiten, ihn nothigten Berlin augenblicklich zu verlassen. Er kam in halber Verzweifelung nach Hause, und machte sogleich Anstalten zur Abreise. Er fragte nach Jucunden, und man sagte ihm, sie sey diesen Morgen mit Mamsell Ralph ausgegangen und noch nicht zuruck gekommen, gegen den Abend habe sie ihren Koffer und einige Kleinigkeiten abholen lassen, und Mamsell Ralph, die dabey gewesen, habe ein Kompliment an Herrn Haller bestellt, und Mamsell Jucunde und sie giengen voraus, er mochte bald folgen. Herr Haller, fuhr Walter fort, durfte wie er sagte, nicht auf Jucunden warten, oder sich mit ihrer Nachsuchung abgeben, er reisste ab. Ach Gott, schrie ich, er reisste ab, und liess Jucunden, Gott weis in welchen Handen! Was wird aus der Armseligen geworden seyn! Fassen Sie Muth, ehrwurdige Frau, sprach mein Freund, die Unschuld hat einen Schutzer, der sie retten kann. Unschuld? rief ich, Unschuld und Jucunde? Madam Haller, sagte Walter, sie mussen, sie mussen sich schlechterdings fassen. Ihre gegenwartige Lage braucht ihre ganze Aufmerksamkeit. Verschliessen Sie jetzt ihre Augen vor allen andern Dingen. Das Schicksal ihrer Tochter konnen sie nicht andern, auch ich kann es nicht, aber dass ich ganz mussig dabey sitzen werde, das trauen Sie doch wohl Ihrem Sohn, Ihrem Walter nicht zu? Edler, edler Mann! rief ich ihm nach, als er sich von mir losriss und sich auf sein Pferd schwang, o mochte ich das Recht haben, dich Sohn zu nennen!
Eilftes Kapitel
Julchen findet einen Schatz
Dieses war ein trauriger, angstlicher Tag fur mich. Gegen den Abend kamen die Herren zu Besichtigung der Kasse. Der Rechtsgelehrte verfugte sich zu ihnen, und zu Herrn Haller, er bat mich, als er von mir gieng, alles zu hoffen, und zu bedenken, dass wenn ich keine Kosten sparte, alles gut gehen musse. Dem ohngeachtet ward die Sache diesen Tag noch nicht beendigt. Ein gutes Zeichen schien mir es indessen zu seyn, dass einer von den Herren Deputirten zu mir kam, und sich sehr hoflich von mir, in seinem und seiner Gefahrten Namen beurlaubte. Er sagte, man hatte unendliche Hochachtung fur mich, selbst mein Mann sey geruhrt. Die Sache sey auf gutem Wege; freylich ob man nach diesen Vorgangen Herrn Haller nicht lieber rathen musse, um mehrerer Sicherheit willen die Amtsverwaltung von Hohenweiler aufzugeben, das war eine nachdenkliche Frage, indessen wurden sie morgen mit dem fruhesten wiederkommen, und alles ohne Rumor zu Ende bringen. Der Mann hullte diese Dinge in einen solchen Schwall von fremden unverstandlichen Worten, dass ich nicht daraus hatte klug werden konnen, wenn mich der Rechtsgelehrte nicht belehrt hatte.
Es war Nacht, als ich' endlich mit Julchen allein war. Sie gab mir eine Arzeney ein, die mir mein Arzt verschrieben hatte, und setzte sich an mein Bette, weil sie, wie sie sagte, etwas wichtiges mit mir zu bereden hatte. Zum Andenken fur ihre Enkel, setze ich die Worte des guten Kindes ohne Zusatz hier ein.
Liebe Mutter, sagte sie, sie durfen nicht denken, dass ich allein mussig und sorglos bey meines Vaters Ungluck bin. Horen sie, was ich mir ausgesonnen habe. Ich kann die Geschichte des Ritters von Hohenweiler, die sie mir und Hannchen einmal erzehlten, gar nicht vergessen. Mich dunkt, wir sind jetzt in dem nehmlichen Fall wie Frau Pertcha, als die Kaiserlichen das Schloss belagerten, und Franzen gefangen nahmen, und als Perchta ihrem Gemahl durch den unterirdischen Gang davon half; nun gelang es ihr zwar nicht, aber mein Vater ist auch lange so bose nicht wie Ritter Franz, und Gott wird uns schon helfen.
Ich wollte Julchen unterbrechen, aber sie fiel mir um den Hals und bat mich, sie doch immer ausreden zu lassen, damit sie nicht irre in ihrer Rede wurde, auf welche sie den ganzen Tag gesonnen habe, um sie recht ordentlich vorzubringen.
Ich weiss wohl was sie sagen wollten, liebe Mutter, fuhr sie fort, sie wollten mir einwenden, dass der gewolbte Gang, der bis zu Sankt Peters Stelle fuhrt, wahrscheinlich langst verfallen war, aber nein nein, das weiss ich besser. Sie sind so gutig gewesen, und haben mir den Keller in meine Aufsicht gegeben, wenn ich nun so manchmal da unten war, und die Geschichte vom Ritter Reutlingen fiel mir ein, so trieb mich die Neugier, alle Winkel durchzusuchen, ob ich nicht irgend etwas finden konnte, das eine Beziehung auf die alte Geschichte hatte, und da fand ich eines Tages eine Thur, die in einen gewolbten Gang fuhrte, der so hoch wie eine Kirche war, und in einem so abgelegenen Winkel stack, dass sie gewiss nie etwas davon gesehen haben.
Madchen, unterbrach ich sie, du hattest den Muth gehabt, in einem finstern Keller, allein herumzuirren, um neue Entdeckungen zu machen?
Ja, liebe Mutter, sagte sie, nun so zur Uebung. Sie beschamten mich einmal in Hannchens Gegenwart, und sprachen, ich hatte nicht so viel Muth des Nachts allein in den Garten zu gehen; von der Stunde fieng ich an, mich zu bessern, und ich habe es nach und nach so weit gebracht, dass ich bey Tag und bey Nacht, mit Licht und im Finstern in den Keller gehen will, ohne den kleinsten Schauer zu fuhlen. Ich bin eines Tages so weit in dem Gange gewandert, so weit, dass ich gewiss glaube, ich wurde endlich den Ausgang bey der Saule gefunden haben, wenn mir nicht mein Licht ausgegangen war, und ich also den Ruckweg hatte suchen mussen. Im Finstern? wollte ich fragen, aber sie sprach von der Sache mit so viel Gleichgultigkeit, dass ich Bedenken trug, ihr durch Bezeugung einer Verwunderung merken zu lassen, dass sie etwas besonders gethan habe.
Nun, sagte ich, mein Kind, das ist alles ganz gut, wiewohl unnutzer Vorwitz allemal ein Fehler bleibt, aber ich sehe noch nicht, was du damit haben willst.
Wenn wir nun, fuhr sie fort, meinen Vater durch diesen Gang heimlich davon fuhren konnten, so war er ja auf einmal allem entgangen, was ihm diese bosen Leute vielleicht anthun konnen!
Julchen, sprach ich, ich sehe, du meynst es herzlich gut, aber wir wurden, wenn wir deinen Plan ausfuhrten, deinen Vater nur noch unglucklicher machen. Ich will dir ein Exempel sagen, damit ich dir es beweisen kann. Du fuhrtest vorhin an, dass ich dich zu meiner Kellnerinn gemacht habe; wenn ich nun einmal in meinen Keller kam, und ich fand, dass hier Boutellien und hier ganze Fasser fehlten, ich kostete meinen Wein und er war sauer und verdorben, und ich fand an einigen Orten nichts als Unreinlichkeit und zerbrochene Scherben. Wo ist meine Kellermeisterinn Julchen? wurde ich fragen. Und ich, sprach die Kleine wurde sogleich da seyn, und Rechenschaft geben, dass ich an allen diesen Dingen unschuldig war, denn gewiss, liebe Mutter, sie konnen glauben, dass ich sehr gute Ordnung halte. Wenn du nun aber nicht da warest, fuhr ich fort, und jedermann sagte, du warest entflohen, wurde ich denn nicht glauben, du hattest meinen Wein getrunken, und ihn muthwillig verderben lassen? du furchtetest dich fur der Untersuchung und warest geflohen, weil du dich nicht getrautest deine Unschuld zu behaupten? Nein, mein Kind, ein Unschuldiger flieht nicht. Man hat einen bosen Verdacht auf deinen Vater, und du, als ein gutes Kind, wirst nicht zweifeln, dass er sich rechtfertigen kann; wenn wir ihn nun aber diese Nacht durch Reutlingens unterirdischen Gang davon fuhren, so steht sein Name morgen in allen Zeitungen als der Name eines Verbrechers, und seine Ehre ist auf ewig dahin.
Julchen ward sehr nachdenkend uber das, was ich ihr sagte. Als Perchta, fieng sie endlich wieder an, ihren Gemahl nicht heimlich davon fuhren konnte, so wunschte sie wenigstens an Sankt Peters Stelle fur ihn zu beten; ach Gott, ich betete gern fur meinen Vater an diesem Orte, wenn ich wusste, dass es hulfe, denn mir ist sehr angst fur ihn, und ich furchte, dass man ihn todten wird; sie rang bey den letzten Worten ihre kleinen Hande und fieng so heftig an zu weinen, dass ich mich vergebens bemuhte, sie zu trosten.
Lege dich zu Bette, mein Kind, sagte ich, nachdem sie ein wenig ruhiger ward. Bete du fur deinen Vater auf deinem Zimmer, das ubrige sind Schwarmereyen. Ich werde dir nie wieder ein Marchen erzehlen, wenn du dir die seltsamen Dinge, die darinnen vorkommen, so fest in den Sinn setzen willst, als wenn sie wahr waren.
Ich hangte meinen Worten noch einigen Trost wegen ihres Vaters an; ich versicherte sie, dass man ihn nicht todten, und dass er bald wieder frey seyn wurde.
Sie legte sich schluchzend nieder, warf sich noch lange unruhig hin und her, und wiederholte, als sie endlich einschlief, im Traume oft Reutlingens und ihres Vaters Namen. Endlich bemachtigte sich der Schlaf auch meiner. Die Arzeney, die ich des vorigen Abends genommen hatte, und die, wie mir der Arzt sagte, ein Beruhigungsmittel war, musste etwas einschlaferndes enthalten haben, denn ich schlief so sanft und fest, als bey meiner damaligen Verfassung sonst nicht moglich gewesen war.
Erst der hohe Tag erweckte mich. Man sagte mir, die Herren von der Deputation waren schon vorhanden, und forderten etliche Bouteillen Wein zum Fruhstuck. Ich befahl Julchen zu rufen, und vermuthete, als man sie nicht fand, sie wurde schon hinab gegangen seyn, das verlangte zu holen. Ich schickte ihr nach; man kam zuruck, und sagte, man habe den Keller offen gefunden, aber nichts von Julchen gesehen.
Ich erschrack, doch suchte ich mein Schrecken zu verbergen, versorgte eilig meine durstigen Gaste, entfernte jedermann von mir, und schickte mich denn an, eine Untersuchung anzufangen, vor welcher mir bange war. Ich dachte an Julchens Gesprache von gestern Abend, ich kannte ihren Vorwitz, und ihren Hang zu dem, was man Schwarmerey nennt, ein Ding, das ihr zwar noch nicht dem Namen nach bekannt war, wozu sie aber schon fruhzeitig solche Anlagen zeigte, die einer F... und A... Ehre gemacht haben wurden. Das Gebeth an Sankt Peters Stelle, und die Angst des armen Madchens, fur ihres Vaters Leben, fiel mir ein. Der Keller war offen gefunden worden, Julchen hatte den Schlussel; gewiss war sie hinab gegangen, und was musste ich furchten, da sie noch nicht wieder zuruck war!
Ich eilte hinunter. Ich suchte sie in allen Gewolbern ohne sie zu finden, ein Handschuh von ihr, den ich auf der Erde fand, zeigte mir, dass sie wurklich da gewesen war. Meine Angst vermehrte sich. Ich suchte weiter, und fand endlich die Thure, von welcher sie mir gesagt hatte, und welche ganz offen stand. Ich stieg zehn Stufen tiefer hinab, und befand mich nunmehr in einem hohen gewolbten Gange, wie Julchen mir ihn beschrieben hatte, welcher den Schall meiner Tritte furchterlich aus allen seinen Vertiefungen zuruck gab. Ich gieng eine lange Weile; ich rief Julchens Namen; nichts antwortete mir, als der Wiederschall. Ich ward immer angstlicher, ich achtete nicht mehr auf den Weg, und ehe ich mich es versah, stolperte ich uber etwas, das mir vor den Fussen lag, und sank zu Boden. Mein Licht war verloschen, ich griff nach dem woruber ich gefallen war, und bald uberzeugte mich mein Gefuhl, dass es Julchen war, die ausgestreckt auf dem Boden lag, und ganz steif zu seyn schien. Ich erhob ein furchterliches Geschrey ich schuttelte sie, ich richtete mich auf, und bemuhte mich, auch sie in die Hohe zu bringen. Meine Bemuhungen, sie zu sich selbst zu bringen, waren nicht vergebens; sie erholte sich, und warf sich als sie mich an der Stimme erkannte, um meinen Hals.
Ach, rief sie mit angstlichem Ton, sind wir denn noch in dem furchterlichen Keller? Ach und es ist so finster! O Mutter, wie ubel ist mir mein Vorwitz bekommen! Hast du Schaden genommen? fragte ich. Ach nein Mutter, sagte sie, blos der Schrecken hat mich so betaubt. Wir wollen doch gleich fortgehen, ich will gern alles im Stiche lassen, was ich gefunden habe.
Schwarmst du noch? sprach ich in unwilligem Tone. Komm, komm, wir wollen suchen uns im Finstern heraus zu finden, und ich will mich unterwegens besinnen, was ich so einem grossen, klug seyn wollenden Madchen fur eine Strafe auflegen muss, dass sie durch ihren kindischen Vorwitz, sich und ihre Mutter hatte ums Leben bringen konnen. Julchen sagte nichts zu ihrer Vertheidigung, und bat mich nur, sie voraus gehen zu lassen, weil sie den Weg besser wisse als ich.
Es wahrte nicht lange, so kamen wir wieder an die Stufen, welche aufwarts in unsern Weinkeller fuhrten, und von da ward es uns sehr leicht den Weg in die Oberwelt wieder zu finden.
Wir waren nicht so bald in meinem Zimmer, als sich Julchen mir zu Fussen warf und mich mit tausend Thranen um Verzeihung bat. Ach ich zittere, schrie sie, wenn ich bedenke, was noch weiter hatte erfolgen konnen; nicht weit von dem Orte wo sie mich fanden, gehen noch etliche Stufen abwarts, und wenn sie nun diese verfehlt hatten, und hinab gesturzt waren!
Nachdem unser Friede wieder gemacht, und ich ganzlich ausser Sorgen war, dass sie keinen Schaden genommen hatte, nahm ich sie ernstlich vor, und fragte sie, was ihr getraumet hatte, sich, wie ich vermuthen musste, in der Nacht, ohne alle Ursach in den Keller zu begeben. Ja wohl getraumt, sagte sie, mir traumte die ganze Nacht nichts als vom Ritter Reutlingen, und Sankt Peters Stelle, endlich wars als wenn ich an diesem Orte war, und fur meinen Vater betete, und auf einmal stand er ganz frey und so freundlich an meiner Seite, als ich ihn lange nicht gesehen habe. Ich wachte auf, und es war ein Traum. Ich weinte sehr, und schlief von neuem ein; da sah ich meinen armen Vater, ganz im Blute schwimmend vor mir liegen, und Frau Perchta, die bey mir stand, sagte, ich hatte ihn retten konnen, wenn ich fur ihn an Sankt Peters Stelle gebethet hatte.
Mit Schrecken fuhr ich aus dem Schlafe auf, und Erwachen, Aufstehen, das Licht nehmen, und das Zimmer verlassen, war eins. Ich wundere mich, wie es moglich ist, dass sie nicht erwacht sind, denn ich war so ausser mir, dass ich nichts schonte, und alles mit grossem Gerausch that.
O Julchen, Julchen, sagte ich, mir ist bange um dich; was wird in der Zukunft aus so einer Traumerinn werden? ein schwacher Verstand und eine feurige Einbildungskraft sind ein paar furchterliche Gesellschafter; wer nicht bey Zeiten den ersten zu starken und die andere zu bandigen sucht, fur den ist ein Platz in jenen Hausern aufgehoben, du verstehst mich, doch fahre fort.
Ich befand mich, erzehlte sie weiter, in dem unterirdischen Gange, ohne selbst zu wissen, wie es zugieng. Ich fragte mich, was ich hier wollte, mein Traum fiel mir wieder ein, und ich setzte meinen Weg weiter fort. Ich wollte und musste den Ausgang bey St. Peters Stelle finden, und o wie herzlich wurde ich daselbst fur meinen Vater gebethet haben! Ich war nach meiner Rechnung an dem Orte, wo der Ausgang seyn musste.
O wie schlecht kannst du die Weite des Weges berechnen, sagte ich, wenn du den Ausgang an dem Orte hast finden wollen, da du lagst, daselbst kann kaum die Helfte des unterirdischen Ganges zu Ende seyn, von dem die Sage etwas meldet.
Wohl moglich, fuhr Julchen fort, aber weiterhin waren solche tiefe dustre Nebenholen, vor welchen mir, so viel Muth ich auch gefasst hatte, die Haut schauerte; uberdieses sahe ich etwas in der Mauer, das einer Thure glich, und ich glaubte nun auf dem rechten Wege zu seyn, und nichts weiter nothig zu haben, als sie zu erofnen. Ich schlug mit dem grossen Kellerschlussel an dieselbige, sie war von morschem Holze, und sprang sogleich auf.
Anstatt des gehoften Ausgangs aufs freye Feld, fand ich ein Behaltniss mit Fachern, welches bis auf einen kleinen irdenen Krug, der auf dem untersten Regale stand, ganz leer zu seyn schien; ich konnte mich nicht enthalten hinein zu sehen, und wollte eben einen Freudenschrey uber einige glanzende Medaillen, die ich darinnen erblickte, ausstossen, als eine Bewegung, die ich etwa machte, eins von den obern Regalen, auf welche hinauf zu sehen, ich zu klein war, erschutterte, so dass alles, was es enthielt, zu mir herabkam. Ich bekam einige nachdruckliche Stosse; ich sah mich nach dem um, was mich verletzt hatte, und der Anblick eines scheuslichen Todtenkopfs, sturzte mich in den Zustand, in welchem sie mich gefunden haben. Hier schloss Julchen ihre nachtliche Geschichte.
Ich schuttelte den Kopf zu der seltsamen Erzehlung, und die Erzehlerinn, welche wohl merkte, dass ich noch glaubte einen Traum zu horen, bat mich ich mochte nur noch einmal mit ihr hinabkommen, um mich selbst von der Wahrheit dessen, was sie sagte, zu uberzeugen. Ich hielt es nicht fur gut, dieses zu thun, oder sie eher von mir zu lassen, bis ich ihr meine Gedanken uber diesen Vorgang nochmals gesagt hatte. Der guten Lehren waren viel, die ich ihr bey dieser Gelegenheit gab, und ich bemuhte mich, sie mit solchem Ernst vorzubringen, dass ich hoffen konnte, sie wurden einigen Eindruck machen. Fur mich selbst aber zog ich in der Stille auch eine Lehre von Wichtigkeit aus diesem Abentheuer; nehmlich, wie behutsam die Marchenerzehlerinnen zu verfahren Ursach haben; alle junge Personen haben einen Wohlgefallen an abentheuerlichen Geschichten, aber wie verschieden ist der Eindruck, den dergleichen Dinge auf diese Art von Zuhorern haben! Ich erzehlte mein Marchen zwo jungen Madchen von ganz verschiedenem Alter und Gemuthsart, aber ich hatte nicht Ursache mich bey einer von beyden, der Wurkungen desselben sehr zu erfreuen.
Zwolftes Kapitel
Wiederkehrendes Ehestandgluck
Ich wurde vielleicht Julchens Bitten, mit ihr nochmals in den Keller zu kommen, nachgegeben haben, wenn nicht ein Auftritt von ganz anderer Art, sich mir erofnet und alle meine Gedanken auf wichtigere Gegenstande geleitet hatte.
Die Thure ward aufgerissen; mein Mann sturzte herein. Er warf sich mir um den Hals, und schrie: o Weib, derengleichen es auf der Welt nicht geben kann! ich bin frey, frey durch dich, und das furchterlichste Ungluck befalle mich, wenn ich je deine Gute misbrauche! Noch war mir es unmoglich, seine Liebkosungen zu erwiedern, ich fasste seine Hande, und sah ihn mit einem steifen forschenden Blicke an, den er wohl zu verstehen schien. Ich weis was du sagen willst, sprach er, aber wenn ich dir jemals das vergesse, was du in diesen Tagen an mir gethan hast, so soll Halt ein, unterbrach ich ihn, wozu brauchst du Betheurungen bey derjenigen, welche so geneigt ist, dir auf dein blosses Wort zu glauben? Julchen, umarme deinen Vater, du siehst er ist nun frey, und deine frommen Wunsche sind erhort. Julchen umfasste seine Kniee und badete seine Hande mit ihren Thranen, er beugte sich zu ihr herab, und begegnete ihr so liebreich, dass mein ganzes Herz dadurch bewegt ward.
O Albert! rief ich, und druckte seine Hand, wars moglich, dass wir noch einmal mit einander die alten glucklichen Tag sehen konnten?
Der Rechtsgelehrte trat in diesem Augenblick ein, und endigte diese Scene der Zartlichkeit und Versohnung. Er blieb diesen Tag bey uns. Wir sprachen den ganzen Abend von der Art, wie die verdrussliche Sache beygelegt worden war; Dinge welche zu sehr mit der Hohenweilerschen Amtsverfassung zusammen hiengen, und mir selbst in vielen Stucken zu unverstandlich waren, als dass sie sich gut wiederholen liessen.
Wir dankten und lohnten unserm Freunde wie es sich gebuhrte, und er verliess uns.
Nun war ich mit meinem Manne wieder allein; unser Ehestand fieng sich gleichsam von neuem an, und eine ganz neue Epoche meines Lebens begann. Freude und Dank fullten unsere Gesprache in den ersten Tagen aus, nach und nach, als wir auf unsere verlornen Kinder zu reden kamen, wurden unsere Unterhaltungen weniger angenehm. Ich fragte nach Amalien und Jucunden; ich wollte umstandlichere Auskunft uber ihr Schicksal haben, und ob ich mich gleich bemuhte, allen Ton des Vorwurfs zu vermeiden, so war doch schon die blosse Nachfrage ein Vorwurf fur ihn. Er bat mich, ihn nicht an vergangene Dinge zu erinnern, und ein paar ungerathene Tochter ihrem Schicksal zu uberlassen. Viel lieber, mochte ich dich fragen. fuhr er fort, wie wir um Hannchen gekommen sind; es gehen wunderliche Geruchte von ihrem Tode.
Ich fuhlte wohl, dass dieses Erwiederung meines vermeynten Vorwurfs seyn sollte, aber ich hielt nicht fur gut es zu ahnden. Ich erzehlte ihm die Sache ganz plan und ohne Bemantelung, und belegte sie mit dem Briefe der Verstorbenen. Ich stellte ihm Ludwigen als seinen Enkel vor; er machte ihm einige Liebkosungen, nannte ihn einen schonen Jungen, und sagte, er wurde ihn lieben, wenn er nicht in die Wilteckische Familie gehorte. Die verdammten Wiltecke! fuhr er fort, sie kamen nach Berlin, wie sie sagten, mich abzuholen, aber sie legten die letzte Hand an mich, mich so ganz auszuziehen, wie ich hier angekommen bin. Sie sind mit meinem Raube davon geschlichen, und werden sich wohl nie wieder in dieser Gegend blicken lassen, sonst wollte, sonst musste ich eine in die Augen fallende Rache an ihnen nehmen.
Vergiss das Vergangene, mein Albert, sagte ich, und frage mich lieber nach deinen andern Kindern, vielleicht dass ich dir etwas Angenehmes von ihnen sagen kann. Gewiss von Peninnen? fragte er mit einem Blick, den ich ihm nicht verzeihen konnte. Peninna ist wohl, wie ich hoffe, sagte ich, aber weist du, dass Samuel lebt? dass das Gerucht von seinem Tode falsch war? Samuel? sprach er mit gleichgultiger Miene; wenn ich lieber von meinem Albert etwas horen sollte. Das war ein verzweifelter Junge! Da hatte er in Berlin eine Ehrensache, die schlimmer hatte ablaufen konnen, wenn der Kerl, den er verwundete, todt geblieben und er nicht entflohen war.
Es war viel in den Reden meines Herrn Gemahls, das mir misfiel, aber ich ubergieng es mit Stillschweigen, und gab ihm die Nachricht, die er verlangte. Alberts Rettung erfreute ihn so sehr, als ihn sein Entschluss, nach Amerika zu gehen betrubte. Der dumme Junge, sagte er, hatte hier bleiben und mein Amtsverweser werden konnen.
Von Samuelen sagte er sehr spottisch, er hatte wohl gethan in die neue Welt zu gehen, er mochte nun dort Heiden bekehren, oder Reichthumer sammeln wollen; im ersten Falle, sagte er, wird ihm die Martyrerkrone nicht entstehen, und im andern wird er ohne Zweifel so viel vor sich bringen, dass er uns noch einmal in die ehemaligen glanzenden Umstande versetzen kann.
Die Wendung, die dieses Gesprach nahm, war mir zu anstossig, als dass ich es nicht hatte abbrechen sollen. Ich schwieg und vermied in der Folge alle Gelegenheit, von solchen Dingen zu sprechen. Nur einer Frage nach der Robignac konnte ich mich nicht enthalten; die Antwort fiel sehr kurz und unvollstandig aus; es schien, es kostete Herrn Haller einige Ueberwindung, zu gestehen, dass er sich auch in dieser Person geirrt habe, dass er in derjenigen, die er mir in der Erziehung meiner Kinder vorzog, die Verfuhrerinn derselben, dass er in ihr eine falsche Freundinn fand, die ihn bey dem ersten Anschein des widrigen Glucks verliess, und ihre Untergebenen dem Ungluck preis gab.
Dreyzehntes Kapitel.
Gute Nacht Hohenweiler
Dass Herrn Hallers Herz nicht gebessert, dass es bey weitem nicht einmal dasjenige mehr war, wie ich es in den ersten Jahren unserer Verbindung gekannt hatte, das war ausgemacht; indessen bildete ich mir doch ein, in seinem Aeusserlichen eine gluckliche Aenderung zu finden. Gelegenheiten unangenehme Dinge aus seinem Munde zu horen, gab es genug, aber es war mir doch moglich, ihnen auszuweichen. Gegen Julchen war er bey weitem kein zartlicher Vater, und Ludwig bekam von ihm wenig freundliche Blicke, aber es gelang mir doch, wenn ich sie zu gewissen Zeiten aus seinen Augen entfernte, offentliche Ausbruche eines unverschuldeten Zorns zu verhuten. Zudem dachte er an kein Spiel mehr, denn seine Verfuhrer die Wiltecke hatten unsere Gegend verlassen, und was das allerbeste war, er nahm sich seines Amts mit einem Eifer und einer Genauigkeit an, wie man nur von einem Manne erwarten kann, den das Ungluck gewitziget hat, und welcher Verlangen tragt, vergangene Fehler vergessen zu machen. Dass er keinen Gehulfen in seinem Amte mehr hatte, war ihm ebenfalls ein grosser Vortheil.
Ich fieng nun an, mein Haupt wieder zu erheben, und ich denke noch daran, mit was fur einem Triumph ich den ersten Sonntag nach Beylegung der unglucklichen Sache, mit Julchen zur Kirche gieng. Schade war es, dass der Herr Pfarrer, ich weiss nicht ob von ohngefehr, uber den Text predigte: Rahel weinte uber ihre Kinder, und wollte sich nicht trosten lassen, denn es war aus mit ihnen; und aus denselben, die Thranen unglucklicher Eltern uber verwahrlosste Kinder vorstellte. Was fur eine Betrachtung fur mich! meine triumphierende Miene sank zur tiefsten Wehmuth herab, mein Julchen, auf die ich stolz war, erinnerte mich an ihre verlohrnen vier Schwestern, und ich war nicht im Stande dem gaffenden Blicke der Pfarrerin so zu begegnen, wie ich mir vorgenommen hatte.
Ich war den ganzen Tag traurig, und wie ich schon mehr gemerkt habe, ihr wisst, dass ich etwas auf Ahndungen halte diese Traurigkeit bedeutete mir nichts Gutes. Noch an selbigem Abend bekam ich Briefe von Herrn Waltern, dass alle seine Bemuhungen, Nachricht von Jucunden und Amalien zu erhalten, fruchtlos gewesen waren; auch von Peninnen hatte er nichts erfahren konnen, als dass sie in Wien noch in dem Hause des Regierungsraths in grossem Ansehen lebte. Was fur eine zweydeutige Rede! bey wem war sie in Ansehen? bey dem Herrn, oder bey der Frau? Doch Peninna, ich traute auf deine Tugend! Am Rande von Walters Brief, stand noch dieses, er habe eben erfahren, dass Amalie Feldnern geheurathet hatte.
Die traurigen Posten des Sonntags, wurden am Montage mit noch schlimmern vermehrt. Mein Mann ward vor seine Obern gefordert, und bedeutet, man habe einige Ursachen zu wunschen, dass er seine Amtsverwaltung niederlegen mochte; Ursachen, nach welchen ihm zu rathen war, nicht gar zu eifrig zu fragen. Doch gedachte man nicht, ihn vom Amte zu treiben, sondern man wollte ihm nur sagen, dass sein voriger Amtsverweser gesonnen sey, das Amt zu pachten, und dass seine Bedingungen vortheilhafter waren, als die seinigen; er mochte daher bey sich uberlegen, ob er im Stande war, ihn zu uberbieten.
Ganz trostlos kam mein Mann nach Hause. Wir erwogen die Sache mit einander, und die Liebe zu Hohenweiler, machte, dass wir uns entschlossen, uber Vermogen zu thun, um nur nicht von dem geliebten Orte getrennt zu werden.
Herr Haller trug seinen Entschluss vor, aber er war nicht hinlanglich, ihn bey seinem Amte zu erhalten, denn leider fand sich noch ein Dritter, welcher sich erbot noch hohern Pacht zu zahlen, und also meinen Mann und seinen Nebenbuhler, den Amtsverweser, beyde verdrangte.
Fast rasend sah ich meinen Mann nach diesem Vorgange in mein Zimmer treten; nur mit gebrochenen Worten konnte er mir sein Ungluck entdecken, er schaumte vor Wuth, und sank fast ohnmachtig auf einen Stuhl nieder. So tief ich auch diesen Streich des Schicksals fuhlte, so kam mir doch meines Mannes Betragen bey demselben, ubertrieben vor. Ich trostete ihn so gut ich konnte, und fragte endlich nach dem Namen unsers Nachfolgers. Ach sagte er, wenn du diesen Namen, diesen abscheulichen Namen horen wirst, dann wirst du mir den Zustand, in dem du mich siehst, nicht mehr verdenken. Katharines, der Erbfeind deines Hauses, denn dir habe ich diesen Storer meines Glucks zu danken, Katharines ists, der mich von meiner Stelle stosst.
Katharines? wiederholte ich, nun wohl, gleichgultig ist es mir nicht, diesen Menschen uns uberall im Wege zu finden; indessen wenn er das leisten kann, wozu er sich anheischig macht, so sehe ich nicht, warum ich ihm nicht das Amt zu Hohenweiler, so gut gonnen sollte, als einem andern.
Ha der Verrather, schrie er, ich, ich selbst habe ihn in den Stand gesetzt, mich zu verdrangen. Er ist jetzt reich, und ich bin ein Bettler; ihm ward das Gluck zu theil, das mir bestimmt war! rasend, rasend mochte ich werden, wenn ich mir das denke!
Ich forschte den rathselhaften Reden meines Mannes weiter nach, und erfuhr Himmel, kaum kann ichs sagen; ich fuhle wohl, meine philosophische Verachtung der Reichthumer ist noch nicht gros genug, um bey allen Streichen des Glucks gelassen zu bleiben. Ihr werdet euch noch des englischen Looses erinnern, welches mein Mann thoricht genug war zu verkaufen. Unser Herr Pfarrer drang es ihm damals, weil er sahe, dass er Geld brauchte, fur eine Kleinigkeit ab; er hatte Kommission von seinem Vetter Herrn Katharines, ihm ein Loos in der nehmlichen Lotterie zu verschaffen. Es reute meinen Mann bald hernach, er suchte vergebens, sein Loos wieder zu bekommen, und er warf einen bittern Hass auf denjenigen, der ihn um seine Anwartschaft auf ein zweifelhaftes Gluck gebracht hatte. Nun stelle man sich vor, wie ihm zu Muthe seyn musste, als er jetzt erfuhr, dass dieses Loos, das er so luderlich verschleuderte, Herrn Katharines in den Besitz von zehn tausend englischen Pfund gesetzt hatte; ein Gluck, das dieser Schleicher, der Himmel weis aus welchen Ursachen, bisher verborgen hielt.
Ich schwieg, nachdem ich diese Erzahlung endlich ganz aus meines Mannes Munde erpresst hatte; Herr Haller schwieg auch, aber unser Schweigen war die Hulle des tiefsten Schmerzes, der sich denken lasst. Ich war nicht geitzig, wie ich hoffe, aber ich hatte Kinder; konnte ich es gleichgultig ansehen, dass uns das, was uns die Vorsehung bestimmt zu haben schien, so recht aus den Handen gerissen wurde? Auch mein Gewinnst war in der Luft verflogen, die Absichten meiner guten Tante waren vereitelt, und ich und die Meinen schienen dazu bestimmt zu seyn, wenn das Gluck vor unsern Fussen lag, viel eher die darnach ausgestreckte Hand zu verlieren, als es erreichen zu konnen.
Ich ziehe einen Vorhang uber die Wuth meines Mannes, bey diesem traurigen Vorfall; er schien wirklich in Gefahr zu seyn, den Verstand zu verlieren, und ich musste fur ihn zittern, wenn ich an die Zukunft dachte. Wir mussten Herrn Katharines weichen; seine wurdige Gemahlinn hatte Mittel gewusst, sich mit ihm auszusohnen, sie machte sich oft Gelegenheit nach Hohenweiler zu kommen, um sich ihre neue Wohnung zu besehen, und ich musste es also auch noch erleben, dass meine alte Feindinn, die Verfuhrerinn meiner Tochter, uber mich triumphirte, und meinen bisherigen Platz in meiner ruhigen Wohnung einnahm.
Wir verliessen Hohenweiler, und Julchen vergas nicht, mich den Tag vor unserer Abreise noch in den unterirdischen Gang zu locken, welches bisher durch andere Dinge war verhindert worden. Sie hatte ihren gefundenen Schatz liegen lassen, wie sie ihn fand, oder vielmehr wie er durch ihren Fall in Unordnung gebracht worden war; ein kleines zertrummertes irdenes Gefass mit einigen hundert umhergestreuten alten Gold- und Silberstucken, ein Todtenkopf und etliche menschliche Rippen und Schulterknochen, eine verloschene Lampe und ein Schnupftuch, das das erschrokkene Madchen auf der Stelle hatte liegen lassen, diess war es was wir fanden. Sehen sie, liebe Mutter, sprach die Kleine, dass ich nicht traumte! Ich schuttelte den Kopf, und konnte mich nicht enthalten, das ganze Behaltniss in der Mauer zu untersuchen; ich fand nichts als noch etliche wenige Goldstucke, und einige Todtenbeine. Julchen bat um Erlaubnis, ihren Schatz ihrem Vater bringen zu durfen. Er ist so traurig, sagte sie, vielleicht wird ihn das freuen. Er nahm es an, aber es freute ihn nicht, vielmehr sturzte ihn der Gedanke, ein Haus verlassen zu mussen, in dessen Keller ein Schatz gefunden worden war, vollends in Verzweifelung; er konnte sich die Moglichkeit nicht ausreden, es konnten hier noch mehrere Schatze verborgen seyn, um die er nun gebracht wurde.
Vierzehntes Kapitel
Ein irrendes Fraulein
Wer kann sich die traurige Lage eines Mannes, der mit einem auf solche Art zerrutteten Gemuth, mit einem von solchen Hirngespinnsten erfullten Kopf, in eine mussige Einsamkeit geht, wer kann sie sich schrecklich genug vorstellen! Wir bezogen unser geliebtes Traussenthal von neuem, aber es war mir nicht mehr der paradiesische Ort wie vormals. Die Geister meiner abgeschiedenen Freunde, der Schatten meines verstorbenen Vaters, und meiner hier gebohrnen nun verlornen Kinder, begegneten mir auf allen Schritten. Meine Gesellschaft bestand aus einem murrischen oft halb wahnsinnigen Manne, aus einem jungen Madchen, das ich liebte, und um deren trube, so elend zugebrachte Jugend ich trauten musste, und aus einem heranwachsenden Knaben, dessen aufbluhende Schonheit, dessen himmlisches Lacheln, nicht die Kraft hatte ihn fur ubler Begegnung zu schutzen, oder das harte Herz seines Hassers zu erweichen. Wer kann mir sagen, welcher von diesen dreyen Gegenstanden meines Kummers, meine Seele am tiefsten verwundete?
Gab es ja noch etwas, das mir in dieser Verfassung, Trost und Linderung seyn konnte, so war es Walters und Charlottens Gesellschaft; wir sahen uns fast taglich, und ob gleich Herr Haller wenig Geschmack an ihnen zu finden schien, so gab es doch Stunden, in welchen er selten zum Vorschein kam, und wir sicher seyn konnten, dass wir von seinen finstern Blicken nicht in unserer Ruhe gestort wurden.
In einer von diesen sussen seligen Stunden war es, dass sich eine Begebenheit zutrug, welche mich eine Person kennen lehrte, die in der Folge einen wichtigen Einfluss auf mein Gluck hatte, und die auch jetzt schon mehr in die Schicksale der Meinigen verflochten war, als ich denken konnte.
Ein Fraulein von Vohlen liess sich bey mir ansagen. Von Vohlen? wiederholte ich, nie habe ich diesen Namen gehort. Mir klingt er sehr bekannt, sprach Walter, ich dachte Charlotte, fuhr er fort, indem er sich zu seiner Gattinn wandte, die gegenwartige Besitzerinn des Guts, das dir einmal bestimmt war, war uns Fraulein von Vohlen genannt worden. Sie mussen wissen, Madam Haller, setzte er hinzu, dass uns vor einiger Zeit die Akten von der Endigung dieses Prozesses vorgelegt wurden, und dass wir eine nochmalige feyerliche Entsagung von allen Rechten, auf das streitige Gut von uns geben musten. Wir gaben sie von Herzen gern, unser alter Freund Samuel, hatte uns langst die Augen uber die Unrechtmassigkeit unserer Anspruche geofnet, und so sehr man sich auch von verschiedenen Seiten bemuhte, uns zu bewegen, die Sache noch mehr zu verwirren, indem wir uns in den Rechtshandel mischten, so hielten wir doch fur gut, ganz still dabey zu sitzen, und ich denke, wir thaten recht, nicht wahr Charlotte, diess ist auch deine Meynung? O ja, sagte Madam Walter, in einem Tone, der mir mehr aufgefallen seyn wurde, wenn sich nicht in dem Augenblick die Thure geofnet hatte, und die gemeldete Dame eingetreten war.
Ich gieng ihr entgegen. Ein jugendliches Geschopf in simpler Reisekleidung, nahte sich mir, und fragte mich in schuchternem Tone, ob sie die Ehre hatte, mit Madam Haller zu sprechen? Ich bejahte die Frage, wir nahmen Platz, und es erfolgte eine lange Pause, welche ich endlich durch die Frage unterbrach, welche Angelegenheit mir das Gluck verschafte, das Fraulein von Vohlen kennen zu lernen. In der That, Madam, stotterte sie, eine der wichtigsten Angelegenheiten meines Lebens. Sie sahe vor sich nieder und ein paar Thranen tropfelten aus ihren Augen.
Ich schwieg, weil ich hoffte, sie wurde sich deutlicher erklaren. Fassen sie Muth, mein Fraulein, sagte ich endlich, entdecken sie mir alles, die gegenwartigen Personen konnen ihnen keinen Zwang anlegen. Dieser Herr hier, thut mir die Ehre mich Mutter zu nennen, und dieses junge Frauenzimmer Ist also ihre Tochter? unterbrach sie mich mit einem etwas munterern Tone, o Jukunde oder Amalie Haller, oder wie sie heissen mogen, erlauben sie, dass ich sie umarme und sie Schwester nenne! Sie war auf Charlotten zugegangen, und schloss sie so fest in ihre Arme, als ob sie ihre alteste Busenfreundinn vor sich hatte. Auch sie, auch sie muss ich an meine Brust drucken, fuhr sie fort, indem sie sich zu mir wandte, und sie Mutter nennen.
Ich erwiederte ihre Liebkosungen mit vielem Feuer. Ohne schon zu seyn, hatte sie so etwas unwiderstehlich einschmeichelndes in ihrem Wesen, so viel Unschuld und Redlichkeit in ihrem Blick, und selbst in ihrer Furchtsamkeit war so etwas hinreissendes, dass man von ihr eingenommen ward, ohne selbst zu wissen, durch welchen Zauber dieses zugieng.
Wie? rief ich, sie kennen meine ganze Familie, sie nennen mich Mutter, sie schliessen mich mit solcher Warme in ihre Arme, und ich horte heute ihren Namen zum erstenmal? Aber nicht zum letzten, wie ich hoffen will, sprach sie. Wenn ich nur erst alle ihre Kinder beysammen sehen werde, denn denke ich, wird sich schon einer finden, der mich Ihnen vorstellt, und mir Ihre Gewogenheit, ihren Umgang, ach einen langen ungetrennten Umgang von ihnen erbittet.
Ich sah Waltern und Charlotten, mit Verwunderung an, ich wusste nicht, was ich aus der sondenbaren Art, mit welcher das Madchen sprach, machen sollte.
Madam Haller, fieng sie nach einem kleinen Stillschweigen in einem Tone an, als wenn sie sich scheute, alles zu sagen, was sie auf dem Herzen hatte; Sie haben Sohne ich will sagen, sie haben einen Sohn. Darf ich fragen, wo Herr Samuel Haller ist? Ich bitte, legen sie mir diese Frage nicht ubel aus, sie wissen nicht, in welcher Verbindung ich mit ihrem Sohne stehe.
Mein Sohn? sprach ich; er stand in einer Verbindung mit ihnen, und es war ihm moglich, Sie zu verlassen? Dass er sein Vaterland, seine Mutter, seine Familie verliess, und nach Amerika gieng war schon genug, aber ein Madchen, wie sie, vielleicht eine Geliebte, eine Braut zu verlassen? Das ist unerklarlich!
Nach Amerika? wiederholte die Fremde, nun so bin ich in der That elend! Ach ich werde ihn nie wiedersehen, und sie, werden mich von sich stossen, mich fur eine Abentheurerinn, fur eine Landlauferinn halten, weil ich niemand habe, der ihnen die Wahrheit meiner Worte beweisst.
Dieser Auftritt hatte in der That genug abentheuerliches an sich, um die Furcht des guten Madchens wahr machen zu konnen, aber sie hatte etwas in ihrem Ansehen, das allen Verdacht widerlegte. Ich musste mehr von ihr wissen. Sie kannte meinen Sohn, sie stand, wie sie sagte, in Verbindung mit ihm, die Nachricht von seiner Entfernung, gab ihrem unschuldigen Gesicht einen Ausdruck von so tiefem ungeheucheltem Schmerz, Ursachen genug fur mich, mich fur sie zu interessiren. Ich gab Waltern und Charlotten einen Wink uns allein zu lassen, ich besorgte, die Gegenwart mehrerer Zeugen, mochte ihr eine deutlichere Erklarung erschweren, und glaubte, wenn wir allein waren, glucklicher in meinen Nachforschungen zu seyn.
Sie mussen offenherzig mit mir sprechen, liebes Fraulein, sagte ich, und ruckte meinen Stuhl naher zu dem ihrigen. Wie lernten Sie Samuelen kennen? welche Verbindung fand zwischen ihnen statt? und was haben Sie durch ihn verloren?
Ach alles! schrie sie mit Thranen; ihm hatte ich mein Gluck zu danken; mit ihm wollte ich es theilen. Wenn ich meinem Herzen trauen darf, so war er nicht gleichgultig gegen mich, und nun flieht er vor mir, flieht ohne dabey an mich zu denken, ohne mir zu sagen, warum oder wohin!
Ha! dachte ich, wieder eine neue Probe von deinen Grillenfangereyen, Samuel! Aber Fraulein, sprach ich zu der Fremden, darf ich nicht um eine umstandlichere Erklarung aller dieser Dinge bitten?
Und, fuhr sie fort, ohne auf mich zu horen, er sagte mir noch, beym letzten Abschied; ich gehe zu meiner Mutter, ihr unser Verhaltniss selbst vorzulegen, und sie daruber urtheilen zu lassen, bey ihr, meine Klare, kannst du meinen Entschluss erfahren, wenn das Schicksal Ach Madam Haller, unterbrach sie sich, sie wissen seinen Entschluss, sie wissen ob er meine Hand angenommen oder verworfen hat!
Liebes Kind, sagte ich, alles was sie mir da vortragen, sind mir dunkle Rathsel; ich habe meinen Sohn vor seiner Abreise nicht gesehen, nur einen Brief erhielt ich von ihm, in welchem er mir entdeckte, dass er nach Amerika gehe, weil unter dem europaischen Himmel kein Gluck fur ihn vorhanden sey.
Kein Gluck! schrie Klara mit gerungenen Handen; Himmel kein Gluck, und er hatte doch mich! Zeigen sie mir den Brief, Madam, er kann, er kann nicht so geschrieben haben.
Samuels Brief war nicht so beschaffen, dass ich ihn vor fremde Augen konnte kommen lassen; ich versicherte Klaren, dass er nur Familienangelegenheiten enthalte, und ihrer mit keinem Worte gedenke.
Sie gerieth in ein finsteres Stillschweigen. Walter trat herein, und entschuldigte seine Gattinn, die sich wegen einer kleinen Unpasslichkeit hatte nach Hause begeben mussen. Die Dame war also nicht ihre Tochter? sprach Klare, indem sie wie aus einem Traume auffuhr. Madam Charlotte Walter, erwiederte ich, die Gattinn dieses Herrn. Charlotte? sagte sie, drum wohl erwiederte sie meine Liebkosungen so kalt; wer kann es ihr verdenken? wer wusste, ob ich so freundlich gegen sie gewesen war, wenn ich gewusst hatte, dass ich meine Nebenbuhlerinn umarmte.
Charlotte, sagte ich, ist die Gemahlinn dieses Herrn, und denkt langst nicht mehr an vergangene Dinge. Ich sagte dieses, weil ich einen kleinen Verdruss in Walters Gesicht uber Klarens Worte zu sehen glaubte. Sie zuckte die Achseln, und meynte, sie musste Charlotten glucklich preisen, wenn dieses wahr war, sie hielt es nicht fur so leicht, einen Mann, wie Samuel Haller, zu vergessen.
Nach Walters Abschied glaubte ich glucklicher in meinen Nachforschungen bey der Fremden zu seyn, aber vergebens; sie blieb nachdenkend und sehr einsylbig in ihren Worten. Es ward spat; ich fragte sie, ob sie bey mir ubernachten wollte, sie sprach, sie konnte nicht leugnen, sie habe auf diese Einladung gerechnet, und nehme sie sehr gern an. Ich gab ihr das kleine Haus ein, das mein Vater ehemals bewohnte, und uberlies ihr, auf ihre Bitte, Julchen zur Gefarthinn, die indessen hereingekommen und von ihr, als Samuels Schwester, sehr liebreich bewillkommet worden war.
Funfzehntes Kapitel
Liebesgeschichte eines Klostermadchens
So war also meine Familie auf einmal mit einer Person vermehrt, die ich nicht kannte, aus welcher ich nicht wusste, was ich machen oder in wiefern ich ihren Worten trauen sollte. Julchen sagte mir, sie habe diese Nacht wenig geschlaffen, und Samuels Namen unzahlich oft genannt, auch habe sie bey ihr ein Portrat ihres Bruders gesehen.
Es vergiengen unterschiedliche Tage, ehe ich eine zusammenhangende Erzehlung der Dinge die ich wissen wollte, von ihr erhalten konnte. Ihr stilles verschlossenes Wesen riss mich aus der Verlegenheit, unter was fur einem Schein ich sie meinem Manne vorstellen sollte, eine verlassene Geliebte von Samuelen wurde schlechte Aufnahme bey ihm gefunden haben. Zum Gluck verrieth sie sich gegen ihn mit keinem Worte. Er nahm es mit seinem gewohnlichen murrischen Wesen auf, als ich ihm sagte, sie sey eine Fremde, die eine kurze Zeit bey uns zu wohnen wunschte, und sie war viel zu sehr in sich selbst gekehrt, als dass sie seine finstern Blicke hatte bemerken sollen.
Endlich kam doch die gewunschte Stunde, die meine Neugierde befriedigen sollte. Ich fuhle es, sagte sie eines Tages, dass ich ihnen Rechenschaft von gewissen Dingen schuldig bin, die Sie so nahe angehen als mich, und die ich Ihnen nur gar zu lange vorenthalten habe. Wenn sie ihren Sohn, so wie sie mich versichern, seit der Zeit, dass ich ihn kennen lernte, nicht gesehen haben, so werden sie ohne Zweifel manches von mir erfahren, das ihnen ganz neu seyn muss, und das uber verschiedene ihnen dunkle Stellen seines bisherigen Schicksals ein Licht verbreiten wird.
Von meiner eigenen Person und meinen Schicksalen kann ich ihnen wenig sagen. Ich bin noch sehr jung, ich brachte die grosste Zeit meines Lebens in einem Kloster zu, in welchem ich erzogen ward, und der erste merkwurdige Zeitpunkt meines Lebens, war der, da ich ihren Sohn kennen lernte.
Meine Eltern hatte ich in meiner fruhsten Kindheit verlohren, sie waren arm, und das was von ihrem Vermogen, nach der Theilung zwischen mir und einem Bruder auf mich kam, war eben hinlanglich mir den Aufenthalt in einem Kloster zu verschaffen, in welchem man auch jungen Frauenzimmern, die der katholischen Religion nicht zugethan waren, den Zutritt verstattete, wenn sie von gutem Stande waren, und angesehene Vorsprecher hatten; unser Haus war mit der Familie von Wilteck etwas verwandt, Wiltecks, ungeachtet sie sich nicht des alten Adels ruhmen konnen, wie das Haus von Vohlen, hatten einigen Einfluss in dieser Gegend, und durch sie gelang es mir, an dem einigen Orte unterzukommen, wo ich von dem wenigen, das ich besass, mit einigem Anstand leben konnte.
Mein Bruder war in Kriegsdiensten, er konnte
wenig zu meiner Unsterstutzung thun, allein seine Zartlichkeit gegen mich, die der elterlichen nahe kam, die ich so kurze Zeit genossen hatte, und seine Besuche, die er mir so oft gonnte, als es der Dienst verstattete, machten mich mit meinem Stande zufrieden, und liessen mich kaum vermuthen, dass es ein hoheres Gluck auf der Welt gabe. Ich war zu jung, um Plane fur die Zukunft zu machen, und zu unverstandig, um einzusehen, was ich ohne eine sonderbare Wendung des Glucks dereinst fur eine elende Rolle in der Welt spielen wurde. Mein Bruder war nicht so unbesorgt in diesem Stuck, mein kunftiges Schicksal machte ihm Kummer, und er beklagte oft gegen mich den gesunkenen Zustand unsers Hauses, welches vor Zeiten eins von den grossten in Schwaben war, aber nach und nach in Verfall gerieth, und zu Zeiten meines Urgrosvaters, endlich durch gottlose Ranke um das letzte kam, was es von seinen Herrlichkeiten ubrig hatte.
Mein Bruder kannte die Lage der Sachen, er wusste,
dass Geld und ein geschickter Sachwalter vielleicht im Stande seyn wurden, uns wieder in den Besitz unserer Gerechtsamen zu bringen, aber wo sollten wir diese beyden Erfordernisse finden? Zudem hatte mein Bruder zu wenig Einsicht in die Rechte, um entscheiden zu konnen, ob nicht vielleicht, wie ihn andere versichern wollten, die Sache zu verjahrt war, um mit Gluck gefuhrt werden zu konnen.
Zu dieser Zeit war es, dass mein Bruder einmal zu mir kam, und ein Zeitungsblatt mit sich brachte, um mir einen Artikel in demselben vorzulesen, in welchem gebeten wurde, wenn noch einige Nachkommen der alten schwabischen Familie von Vohlen vorhanden waren, so mochten sie sich zu R... bey einem gewissen Samuel Haller melden, welcher ihnen Dinge von Wichtigkeit zu entdecken hatte.
Mein Bruder nahm Abschied von mir, und sagte, dass er gesonnen war, dieser Sache nachzuforschen. Die Einladung, setzte er hinzu, ist zwar ziemlich unbestimmt und rathselhaft; aber ich weis nicht, was mir fur eine Idee vorschwebt, es konne etwas gutes fur uns dahinter verborgen seyn, und Leute wie wir, die vom Gluck so ganz verlassen zu seyn scheinen, durfen nichts versaumen, was einem Ausgang aus ihrem dunkeln Zustande ahnlich sieht.
Meines Bruders Versprechen bald wieder zu kommen, und mir fleissig zu schreiben, trostete mich ein wenig uber den Abschied, und die Vorstellung, was wohl der Grund der rathselhaften Einladung seyn mochte, die ihn von mir gelockt hatte, war mir eine angenehme Beschaftigung in der Einsamkeit. Tausenderley Luftschlosser, so bunt und seltsam wie sie nur in dem Gehirn einer jungen unerfahrnen Person Platz haben konnen, wurden in dieser Zeit von mir erbaut, und ich sah mit Verlangen dem ersten Briefe meines Bruders entgegen, um bey genauerer Nachricht auch meine Vorstellungen erweitern und besser ausschmukken zu konnen.
Es dauerte sehr lang ehe ich etwas von den Dingen erfuhr, die meine Einbildungskraft so sehr beschaftigten. Ein Brief von ihm gab mir nur sehr dunkele unvollstandige Nachricht von dem, was ich zu wissen verlangte, er sagte wenig von dem, was Herr Samuel Haller an ihn zu bestellen gehabt habe, aber desto weitlauftiger breitete er sich uber die Person und den Charakter dieses edeln Mannes aus. Alles was er von ihm sagte, war schon hinlanglich gewesen, die Einbildungskraft eines Klostermadchens in Feuer zu setzen, wenn er auch seinen Brief nicht mit den Worten beschlossen hatte: O Klare, dir so einen Gemahl, und mir so einen Bruder! O dass ihn das Schicksal nicht adelich geboren werden lies! Doch welcher Stand ist meinem Haller unerreichbar und was ist Adel gegen Tugend?
Das Bild, das ich mir von dem neuen Freunde meiner Bruders schuf, schwebte mir unablassig vor Augen, und immer tonten mir die Worte des Briefs in den Ohren: Dir so einen Gemahl, und mir so einen Bruder, und was ist Adel gegen Tugend.
Die folgenden Briefe fuhren fort, rathselhaft zu seyn, sie sprachen von einem unerwarteten Gluck, von baldiger Befreyung aus dem Kloster, von kunftigen seligen Tagen an der Seite seines Hallers, den er nicht anders als den Schopfer unsers Glucks nennte; Worte, die meine Neugier verdoppelten, und meine Neigung, fast mochte ich es Liebe nennen, fur den Unbekannten, auf den hochsten Gipfel brachten.
Da mein Herz auf diese Art vorbereitet war, konnte es wohl wunderbar seyn, wenn die Erscheinung dieses Hallers, des schonsten Junglings, den ich je gesehen habe, mich vollends ganz fur ihn einnahm? Er kam in Gesellschaft meines Bruders, mich aus dem Kloster abzuholen, und mich in das Schloss zu fuhren, dass wir seiner Grosmuth zu danken hatten.
Ihnen, die die grosmuthige Absicht ihres Sohns, in welcher er mein Vaterland betrat, wissen, die Absicht eine verungluckte Familie aufzusuchen, und ihr zu ihren verlornen Rechten zu helfen, ihnen brauche ich dieses nicht zu erklaren. Mein geliebter Haller hatte, so bald mein Bruder seine Abkunft bewiesen hatte, unsere Sache mit Ernst vorgenommen, alle erforderliche Documente waren in seinen Handen; er vertheidigte unsere Rechte, ohne Rucksicht auf seinen Vortheil. Die Unkosten, welche uns dieser Prozess machte, und die wir uns so ungeheuer vorgestellt hatten, waren gering, und wir sahen uns im Besitz eines artigen Gutes, ehe wir es versahen. Himmel, wie soll ich meine Empfindungen beschreiben, als ich diesen angenehmen Ort zuerst betrat! Der Gedanke, dass ich alles dieses dem grossmuthigen Haller zu danken hatte, verschonerte es in meinen Augen, und die Dankbarkeit brachte meine Liebe auf den hochsten Gipfel.
Herr Haller liess es sich gefallen, eine Zeitlang bey uns in unserm neuen Eigenthum zu verweilen; er ward nach und nach vertraulicher gegen uns, er entdeckte uns alle seine Begebenheiten, und auch seine ungluckliche Liebe zu Charlotten. Es ist billig, sagte mein Bruder, da sie um der unbekannten Familie von Vohlen willen, eine Geliebte einbussten, dass eben dieselbe sich bestrebt, ihnen ihren Verlust zu ersetzen. Kann Klarens Besitz sie uber Charlotten trosten, so nehmen sie sie aus meiner Hand mit der Halfte desjenigen an, was wir durch ihre Grossmuth besitzen; hatte ich etwas kostbareres als diese Schwester, ich musste es ihnen geben, aber sie ist alles, was mir das Gluck ubergelassen hat.
Ich war dabey, als mein Bruder Hallern diesen Antrag that, ich glaubte in seinen auf mich gerichteten Augen Liebe zu lesen, und ich uberliess meinem Bruder freudig meine Hand, um sie in die seinigen zu legen.
Haller schwieg lange; endlich rief er: Ja, ich nehme ihr unschatzbares Geschenk an; kann irgend ein weibliches Geschopf mich Charlotten vergessen lehren, so ist es die holde unschuldige Klare. Aber auch nur ihre Hand ist es, was ich besitzen will; Antheil an ihrem Vermogen zu haben; ist mir unmoglich, ist ist mir ein Gedanke, dessen ganze Widrigkeit ich mir selbst nicht entwickeln kann. Klare ist noch jung, sie bleibt in ihrer Verwahrung, und ich verfolge meinen angefangenen Weg, der mich ja wohl endlich zu einem kleinen Glucke fuhren wird, das ich mit dieser unschuldigen Seele theilen kann.
Herr Haller war unbeweglich in seinem Eigensinn; mein Bruder musste nachgeben, und ich ward die Braut des Mannes, der mir ja wohl keinen grossern Beweiss seiner Liebe geben konnte, als dass er meine Hand ohne alle Rucksicht auf seinen Vortheil annahm, sie allein fur hinlangliche Belohnung desjenigen ansah, was er fur uns gethan hatte. O gewiss, gewiss, er liebte mich, und ich bestrebte mich, ihm seine Neigung mit vollem Herzen zu erwiedern.
Wie glucklich war ich zu dieser Zeit! wie glucklich im Besitz so eines Brautigams, und so eines Bruders! O dass mir erst der eine, und bald darauf der andere so schnell musste entrissen werden, der eine auf den Wegen des Vergnugens und unschuldiger Neckerey, wie sie unter jungen Leuten gewohnlich ist, und der andere auf eine noch rathselhaftere, mir noch unbegreifliche Art.
Mein Bruder hatte meinen Geliebten beredet, mich an einem Tage durch Verwechselung ihrer Kleider zu tauschen; beyde wollten sich in der Abenddammerung bey mir in einer Laube einfinden, wo ich mich gern aufzuhalten pflegte, und ein jeder sollte die angenommene Rolle des Bruders und des Brautigams so naturlich als moglich spielen, damit sie sich dann uber meine Besturzung lustig machen, und mir den Wahn benehmen konnten, den ich einesmals ausserte, ich wollte meinen Haller unter tausenden kennen, ohne sein Gesicht zu sehen. Der ernsthafte Samuel nannte dieses, wie er mir hernach sagte, unnutze zwecklose Tandeley, aber sein frohlicherer Freund, schalt ihn einen Grillenfanger, und behauptete, dass kleine Possen von dieser Art, Leben und Freude in die Gesellschaft brachten, und dass er und seine nonnenhafte Klare Aufmunterung nothig hatten.
Die Mummerey ward kunstlich genug angefangen; Haller und mein Bruder hatten wurklich einige Aehnlichkeit mit einander; die Dammerung kam der Tauschung zu Hulfe, und mein Brautigam hatte lange bey mir in der Laube gesessen, und in der Gestalt meines Bruders tausend Dinge aus meinem Munde von meiner Liebe zu ihm gehort, die meine Schuchternheit mir nicht verstattet haben wurde vorzubringen, wenn ich ihn gekannt hatte.
Mein vermeinter Bruder sprach wenig, und sah immer angstlich aus der Laube, als wenn er auf die Ankunft eines dritten wartete. Du siehst dich nach meinem Haller um? fragte ich. Ach wenn er so gern in meiner Gesellschaft war, wie ich in der seinigen, er wurde nicht so lange verweilen. Ich sagte noch mehr Dinge von dieser Art, und mein Gefahrte konnte endlich seine Verstellung, die ihm schon langst zur Last war, nicht langer behaupten. Er unterbrach meine Klagen uber sein vermeintes Ausbleiben mit einer Umarmung. Die Entdeckung des ganzen Geheimnisses folgte darauf, und wir wurden einig, wenn nun der verstellte Haller ankommen wurde, die Sache so zu drehen, dass das Gelachter uber ihn hinaus gieng. Tausend aufgeraumte Einfalle kamen hierbey zum Vorschein. Ich habe meinen Geliebten fast nie so lustig gesehen wie damals. Er ahndete so wenig als ich etwas von dem Ungluck das uns bevorstand, und seine anfangs bezeigte Aengstlichkeit, kam nur aus der Muhe her, mit welcher er seine Verstellung behauptete; auch im Scherz war er nicht lange im Stande, einen anderen als seinen wahren Charakter zu zeigen.
Es ward immer dunkler, und der letzte Akt unsers Lustspiels wollte noch nicht angehen. Wir machten uns auf, dem Verkleideten entgegen zu gehen; wir fanden ihn nicht. Wir durchstrichen vergebens die ganze Gegend, und kehrten fast um Mitternacht mit tausend Besorgnissen nach Hause. Im Schlosse konnte man uns nichts sagen, als dass mein Bruder gegen den Abend in Herrn Hallers grunem Reitkleide ausgegangen sey, und ihm so ahnlich gesehen habe, wie sein Zwillingsbruder. Er habe gelacht, als man ihm dieses gesagt hatte, und ernstlich verboten, mir nichts von dieser Mummerey zu entdecken, weil er mich mit seiner Verkleidung zu tauschen gedachte.
Mein Haller und ich waren unfahig diese Nacht eine Stunde zu ruhen. Mit der ersten Morgendammerung war schon jedermann im Schlosse fertig, die Nachsuchung von neuem anzufangen. Ich blieb zuruck, und erwartete in todtlicher Angst, was man mir fur Nachricht von meinem Bruder bringen wurde. Alle Abgeschickten kamen unverrichteter Sache zuruck; die einhellige Aussage aller war, die Wasser waren so angelaufen, dass man befurchten musse, der Verlorne sey, wenn er etwa in der Dammerung uber den langen Steg nicht weit vom Schlosse habe gehen wollen, vom Wiederschein geblendet worden und in den Strom gerathen. Ich war in Verzweifelung, und Haller, der meinen Bruder herzlich liebte, befand sich in keinem bessern Zustande.
Ich fiel in eine schwere Krankheit, mein Brautigam setzte in dieser zeit seine Nachforschungen fruchtlos fort, und erst nachdem ich langst wieder hergestellt war, erfuhren wir durch die Zeitungen, dass weit von unserm Wohnorte bey einem Dorfe am Harz ein Ertrunkener gefunden worden war, welcher nach der Beschreibung mein Bruder gewesen seyn musste.
Mein Haller reisste ab, um die Sache selbst zu untersuchen. Er brachte mir die traurige Bestattigung unserer Furcht, und sich einen Grund zu neuem Kummer mit. Er hatte zu Riedgau erfahren, dass man sich bereits von andern Orten nach dem Ertrunkenen erkundigt, und nach genauer Untersuchung aller Umstande, einige Kleinigkeiten die der Verungluckte bey sich gehabt, mit ziemlichen Unkosten an sich gebracht, um diese traurige Erbschaft den Verwandten desselben auszuliefern. Mein Geliebter schloss aus allen Umstanden, dass diese Erkundigung von seinen Eltern gekommen seyn musse. Man hielt ihn bey den Seinigen fur todt, er wusste wie er geliebt wurde, und er brannte fur Verlangen, seine Geliebten aus dem Kummer zu reissen. Meine Bitten hielten seine Abreise noch auf, und er musste sich begnugen, sein Leben durch einen Brief nach Hohenweiler zu berichten.
Durch einen Brief? unterbrach ich Klaren, ich habe keinen erhalten. Und was hatte er mich auch geholfen, mein guter Vater war damals schon das Opfer des Schreckens uber diesen unglucklichen Ausgang eines elenden Kinderspiels geworden. O Jugend, Jugend! wenn wirst du doch lernen, was fur Ungluck aus deinen Possen entstehen kann? Gott! mein Vater musste sterben, weil ein mussiger Junker an einem entfernten Orte, an einem Abende nicht wusste, was er vor Langeweile anfangen sollte! Ich war sehr aufgebracht, und wurde gewiss in diesem Tone noch lange fortgefahren haben. Aber Klarens schuchterner auf mich gerichteter Blick ruhrte mich; ich bat sie, fortzufahren, und mir zu verzeihen, wenn ich ihren Bruder, der freylich durch seine Spielerey am meisten gelitten habe, auf eine zu empfindliche Art getadelt hatte.
Herr Haller, fuhr das Fraulein fort, blieb auf meine Bitte noch eine Zeitlang bey mir, aber wie verandert war seit meines Bruders Tode sein Betragen gegen mich! Furchtsam, kalt, zuruckhaltend. Er sagte mir es oft nicht undeutlich, es fand keine Verbindung mehr unter uns statt, und wenn ich ihn weinend um die Ursache fragte, so sah er mich starr an, und sprach: Klare, verschenke deine Guter, so will ich dein seyn. Nur die arme Klara ist ein Madchen fur mich, die Besitzerinn dieses Schlosses kann und darf nie die Meine werden.
Dieses waren wunderliche Reden, ich bat vergebens um deutlichere Erklarung, und ich musste ihn so sehr lieben wie ich that, um nicht durch seinen Eigensinn aufgebracht zu werden.
Er sagte, er wollte und musste sich von mir trennen, und als er sah, wie mich das erschutterte, so suchte er mich mit den Worten zu tauschen, er wollte zu seiner Mutter gehen, ihr unsere beyderseitige Lage vorstellen, sie entscheiden lassen, ob er in der gegenwartigen Verfassung mein Gemahl werden konne, und sich nach ihrem Urtheil richten. Ich merkte endlich wohl, dass er sich scheute die Guter mit mir zu theilen, die Charlotte durch seine Gerechtigkeitsliebe verloren hatte, aber ich war nicht geneigt, diese ubertriebene Delikatesse, auf die Rechnung seiner Rechtschaffenheit zu schreiben; in meinen Augen war dieses noch Ueberbleibsel von Liebe zu Charlotten. Ich ward eifersuchtig und die Wahrheit zu gestehen, ich bin es noch.
Die letzte Bitte, die ich an Herrn Haller that, war, mich nach Wien zu meiner Cousine, der Regierungsrathinn von Berg zu begleiten, welche mich nach dem Tode meines Bruders eingeladen hatte, bey ihr zu leben. Mein Geliebter willigte ein. Wir langten zu Wien an. Herr Haller, der die Regierungsrathinn noch als Fraulein von Wilteck gekannt haben musste, und nicht die vortheilhafteste Meynung von ihr hegte, bezeigte wenig Lust sich von mir bey ihr einfuhren zu lassen, er hatte es lieber gesehen, wenn ich selbst, meinen Entschluss bey ihr zu leben geandert hatte, er rieth mir, mit ihm zu seiner Mutter zu reisen, und bey ihr es abzuwarten, wie sich unser Schicksal entwikkeln wurde.
Ein Umstand machte, dass er seine Meynung anderte. Er erfuhr, dass eine Mamsell Haller sich bey der Regierungsrathinn aufhielte, sie war verzeihen Sie, Madam, dass ich es sagen muss sie war in einem etwas zweifelhaften Rufe, und, er wunschte durch mich zu erfahren, ob dieses Frauenzimmer eine von seinen Schwestern sey, und ob sie den Namen in der That, Madam, ich weiss nicht recht, wie ich sagen soll den Namen einer einer vertrauten Freundinn des Herrn Regierungsraths wirklich verdiene.
Um Gotteswillen, Fraulein, unterbrach ich hier Klarens Rede, halten sie mich nicht langer aufsturzen sie mich nicht in Verzweifelung! was fanden Sie!
Ich weis nicht, erwiederte Klare, mit einigem Stokken, ob mein Urtheil hier gultig seyn kann. Sie wissen wohl, ein Madchen, das im Kloster erzogen ist, so lange in der Einsamkeit gelebt hat, hegt vielleicht uberspannte Begriffe vom Schicklichen und Unschicklichen. Und uberhaupt, es gefiel mir in dem Hause des Regierungsraths gar nicht, es herrschte daselbst ein gewisses wustes, unregelmassiges Leben, das ich nicht gewohnt war. Was nun Mamsell Peninnen anbelangt, so wusste ich nicht das geringste an ihr zu tadeln, als das Wohlgefallen, mit welchem sie an allen Lustbarkeiten des Hauses Theil zu nehmen schien; der Regierungsrath bezeigte sich gegen sie ehrerbietig und seine Gemahlinn freundlich, aber wenn sie den Rucken wandte, so sprach der erste von ihr mit dem Entzucken eines Liehabers, und die andere mit der Strenge einer eifersuchtigen Tadlerinn. Ich habe Gabrielen uber sie weinen gesehen, und sie von ihr das Ungluck ihres Hauses nennen horen.
Herr Haller, dem ich alles dieses sagte, legte es sehr ubel aus, und als er Peninnen vollends einmal in Gesellschaft des Regierungsraths, im Glanz einer Feenkoniginn im Schauspiel erscheinen sah, und unterschiedliche zweydeutige Urtheile uber sie horte, da gab er den Vorsatz auf, sich ihr zu entdecken. Er bat mich, ihr nichts von ihm, oder der Verbindung, in welcher ich mit ihm gestanden habe, zu sagen. Er verliess Wien, um, wie er sagte, zu seiner Mutter zu reisen, und ihr die Entscheidung unsers Schicksals aufzutragen.
Ich blieb nach seinem Abschied noch eine Zeitlang bey meiner Cousine, ich gewann Peninnen lieb, und bedauerte sie. Und sie hatten nicht die Menschlichkeit, unterbrach ich Klaren, die Ungluckliche zu warnen? Wie konnte ich das? antwortete sie; Peninna taumelte von einem Vergnugen zum andern, sie war fast nie zu Hause oder allein. Meine Cousine, die Regierungsrathinn, rieth mir uberdem, mich vor ihr zu huten, weil sie eine ganz eigene beleidigende Art habe, gutgemeinte Warnungen zu erwiedern, und wahrscheinlich alles bey ihr verlohren sey.
In wie weit Mamsell Haller diesen Vorwurf verdiente, weis ich nicht; ich habe nichts als Sanftmuth und Gute von ihr gesehen, und wurde vielleicht ihre eifrigste Vertheidigerinn geworden seyn, wenn ich nicht vorher von Vorurtheilen wider sie eingenommen gewesen war, welche Gabriele sorgfaltig zu nahren suchte.
Gabriele ist falsch; einige freundliche Blicke, die ihr Gemahl auf mich geworfen, oder ein kleines Lob, das er mir ertheilt haben mochte, machte sie zu meiner heimlichen Feindinn. Ich musste furchten, mein guter Ruf moge durch ihre bose Zunge ebenfalls leiden. Ich hielt es fur gut, Wien zu verlassen. Ich wusste ja Zuflucht bey der Mutter meines Geliebten, ich konnte hoffen, ihn noch daselbst zu finden, und wenn ich seine Vorurtheile herzhaft angriff und ihre Schwache erwies, vielleicht bey einer gunstigen Richterinn eine vortheilhafte Entscheidung unsers Schicksals zu finden. Gewiss war mir es weniger um mein Gluck als um das seinige zu thun, ich wusste mein Vermogen, und auch vielleicht meine Person konnte ihn glucklich machen.
Ich kam hier an; aber meine Augen suchten meinen Samuel vergeblich; diese fehlgeschlagene Hoffnung machte mich muthlos, die Nachricht von seiner fernen Reise sturzte mich in Verzweiflung, sie war der sicherste Beweis seiner ganz erloschenen Liebe, und des Verlangens, sich von mir loszumachen. Sollte mich nun auch die Hoffnung auf die Liebe und den Schutz seiner Mutter getauscht haben, Himmel! was wurde dann aus mir werden!
Sechzehntes Kapitel
Die alte Frau eifert wider das leidige Theaterwesen
Klare gerieth nach Endigung ihrer Geschichte in ein tiefes Nachdenken, und ich fand in derselben, auch fur mich, so viel Stoff zu traurigen Betrachtungen, dass ich mich kaum aus demselben emporreissen konnte, um ihr ihre letzten Worte mit der herzlichsten Versicherung meiner Liebe zu erwiedern und die Bitte hinzuzufugen, sie mochte sich nicht von mir trennen, mich nicht den Eigensinn meines Sohns den ich unter uns gesagt, nicht ganz tadeln konnte entgelten lassen.
An eine Trennung von Ihnen, sagte sie, ist nicht zu denken, ich gehore von nun an zu ihrer Familie, und werde sie nicht verlassen, und wenn Herr Walter heute sterben, und Charlotte Samuels Gattinn werden sollte. Er hat Geschwister, welche das Gute, was ich fur ihn im Sinne hatte, nicht so undankbar verschmahen werden, wie er.
Ich hielt nicht fur gut, dieses letzte anders als mit einer kleinen Verbeugung zu beantworten. Es war mir im Grunde eben so widerlich als Samuelen, einen Vortheil von dem Charlotten entzogenen Vermogen zu geniessen. Die Vorstellung, dass Charlotte kein rechtmassiges Eigenthum verloren, und Klare kein unrechtmassiges gewonnen hatte, hatte wenig Kraft bey mir. Mein Sohn hatte die Hand bey diesen Dingen zu sehr im Spiel gehabt; es war leicht fur unsere Feinde, hier Nebenabsichten zu vermuthen; zwar lag die Wahrheit am Tage, aber kehrt sich die Tadelsucht an die Wahrheit?
Ich hatte Ursach zu glauben, dass Charlotte selbst die Sache nicht mehr aus dem rechten Gesichtspunkte ansah. Gewisse Reden, die Herr Walter zuweilen fuhrte, liessen mich muthmassen, dass seine Gattinn nicht allemal klug genug war, ihre Ohren dem Zuflustern boser Leute zu verschliessen. Das verlorne Gut kam ihr nicht aus dem Sinne, und die Rolle, welche Samuel dabey spielte, und die sie im Anfange vollig billigen musste, erschien ihr jetzt aus einem ganz andern Lichte. Das Fraulein von Vohlen, war ihr ein Dorn im Auge, war ihren Gedanken nach zugleich die Rauberinn ihres Vermogens und ihres Geliebten, war vielleicht eine alte vor ihr geliebte Bekanntinn Samuels gewesen, und alles hatte sich also ganz naturlich zu ihrem Schaden, und Klarens Vortheil schicken mussen.
O meine Kinder, wer kann die ganze Verheerung ubersehen, welche Verlaumdung und daraus erwachsener boser Verdacht in den besten Herzen anzurichten vermag; diese Ungeheuer sind im Stande, die edelste Seele, wenn sie schwach genug ist ihnen Gehor zu geben, zu den unedelsten Vorurtheilen zu erniedrigen.
Auch Klare fuhlte wenig Neigung fur Madam Walter, und wenn es verdrussliche Stunden in unserm kleinen Zirkel gab, so waren es diejenigen, da diese beyden Nebenbuhlerinnen von ungefahr zusammenkamen. Sie waren beyde zu wohl erzogen, als sich zu offenbarer Aeusserung ihres Widerwillens, oder zu jenen kleinen versteckten Sticheleyen herabzulassen, welche, so witzig sie auch seyn mogen, allemal den Mund, der sie hervorbringt, entehren; aber die ubertriebene Hoflichkeit, die beyde gegen einander, aus Furcht nicht unhoflich zu seyn, bezeigten, der gezwungene Ton ihrer Unterhaltung, und andere unnennbare Kleinigkeiten, machten, dass ich es gewiss so viel als moglich vermied, beyde zusammen zu bringen.
Charlotte war nicht die einige, welche Klaren mit ungewogenen Augen ansah; auch mein Mann hatte wenig Gefallen an ihrer Gegenwart. Sein ehemaliger Hang zur Verschwendung, hatte sich seit seinem letzten Unfall, auf eine mir unbegreifliche Art in Geiz verkehrt; er hasste alles, wovon er glaubte, dass es ihm Unkosten machte, und es war nothig, es ihm deutlich vor Augen zu legen, dass das Fraulein von Vohlen, ob sie sich gleich zu unserer Familie rechnete, doch von ihrem eigenen Gelde lebte, um ihn zu bewegen, ihr mit der Achtung zu begegnen, welche sie vermoge ihres Standes und ihrer Verdienste fordern konnte.
Alle diese Dinge waren gewiss nicht im Stande mir mein Leben angenehm zu machen, aber gern wurde ich sie ertragen haben, wenn nur nicht wichtigere Sorgen an meinem Herzen genagt hatten. Ach meine Kinder! meine verlornen Kinder; Warum musste ich doch so gar nichts von ihnen horen? Von meinen Sohnen konnte ich denken, dass die weite Entfernung ihr Stillschweigen verursachte. Aber warum schwieg Peninne? warum schrieb sie nicht ein einigesmal an ihre Mutter? war diese Nachlassigkeit nicht ein offenbarer Beweis ihrer Schuld? Und Jucunde! und Amalie! arme verwahrloste Geschopfe! was mochte aus euch geworden seyn!
Alle Nachforschungen, die mein Freund Walter nach ihnen anstellte, waren fruchtlos, nur ein einigesmal brachte ein Freund von ihm, welcher aus Manheim kam, die Nachricht, er habe daselbst einen Theaterdichter, Namens Feldner, gekannt, und eine junge Person als Franziska in Lessings Minna auftretten gesehen, welche man ihm Jucunde genannt hatte. Der Zuname traf nicht zu, aber es liess sich freylich vermuthen, dass Jucunde, wenn sie diesen Stand ergriffen haben sollte, ihren Namen verandert haben wurde.
Ich habe schon im Vorhergehenden meine altfrankischen Meynungen vom Theaterwesen geaussert, und man kann also glauben, dass mir diese Nachricht, so unzuverlassig sie auch war, wenig Freude machte. Ich wollte Gewissheit hiervon haben, und hielt mir deswegen alle mogliche Theaterzeitungen und Theaterkalender und wie das Zeug alles heisst; eine Art von Lekture, von welcher ich nie geglaubt hatte, dass sie einmal nach meinem Geschmack seyn wurde. Ich fand den Namen, den Jucunde nach des Manheimer Freundes Aussage gegenwartig fuhrte, nie bey Hauptrollen; sie ward nie auf die pompose glorreiche Art erwehnt, wie die andern Schauspielerinnen. Ihre Reize wurden nie so zergliedert, wie bey den Uebrigen, und ich konnte aus keinem Zuge urtheilen, ob von meiner Jucunde die Rede sey. Alles was ich schliessen konnte, war nur dieses, dass sie, im Fall meine Furcht gegrundet sey, eben keinen Stern erster Grosse auf dem Theater vorstellen musse; eine Entdeckung, die mir nicht zuwider war. Ich kannte Jucundens Eitelkeit, ich hoffte, es wurde mir leichter werden, sie von ihrem gefahrlichen Stande abzubringen, wenn sie in demselben nicht ganz den Beyfall finden sollte, den sie vielleicht mehr als andere verdiente.
Ich machte schon Anstalten, mich durch eine treue Person, die Jucunden kannte, von der Wahrheit zu uberzeugen, und sie vielleicht in meine Arme zuruckzubringen, als ich erfuhr, dass die Gesellschaft, bey welcher ich sie vermuthete, den bisherigen Ort ihres Aufenthalts abermals verlassen habe; man sprach verschiedentlich davon wohin sie sich wenden wurde, einige sagten nach Wien, andere nach Petersburg, wieder andere nach Leipzig. Meine Entwurfe waren also abermals vereitelt, ich wusste nicht wo ich meine Verlorne suchen sollte, und war von allen diesen Orten so weit entfernt, dass ich meine Hoffnung sie zu retten ganz aufgeben musste.
Siebzehntes Kapitel
Man urtheile nicht nach dem Scheine
Auf die Sorgen die mir diese fehlgeschlagene Hofnung machte, war mir eine Freude aufbehalten, welche aber nur kurze Zeit dauerte, und die doch zugleich der Anfang einer grossern und dauerhaften war.
Ein Brief von Peninnen! Mit Entzucken erkannte ich ihre Hand auf der Aufschrift, und mit einem Gemisch von Angst und susser Erwartung, erbrach ich ihn. Hier ist er.
"Liebe Mutter!
Darf ich Sie noch so nennen? oder ist nicht vielmehr dieses harte mutterliche Stillschweigen ein Beweis, dass ich ganz von Ihnen verstossen, ganz vergessen bin? Was habe ich gethan, dass Sie mit mir zurnen? Ist etwas tadelhaftes in meinen Handlungen, so hatte mich ja eine einige Belehrung von Ihnen zurecht weisen konnen, ich habe sie Ihnen ja alle so aufrichtig vorgelegt, keinen Schritt gethan, den ich Ihnen nicht vorher gemeldet hatte.
War Hohenweiler nicht so ein bekannter Ort, war es nur eine Moglichkeit, dass meine Briefe Sie verfehlt haben konnten, so wollte ich mich beruhigen, aber so etwas lasst sich gar nicht denken. Gewiss gewiss, Sie zurnen mit mir! Wer weis, wer mir Ihr Herz geraubt hat, und ich hatt es sicher nicht gewagt, Ihnen noch einmal zu schreiben, sondern alles was ich Ihnen zu sagen habe, auf den frohlichen Tag des Wiedersehens verspart, dem ich nun, ach bald bald, entgegen sehe, wenn ich nicht diese gluckliche Gelegenheit hatte, Ihnen ein Geschenk zu machen, das Ihnen gewiss das kostbarste seyn wird, das Sie sich wunschen konnen. Kennen Sie diese beyden Personen, die Ihnen diesen Brief uberreichen? O ihr Herz wird Ihnen ihre Namen nennen, wenn auch mannichfaches Ungluck ihre Zuge verandert haben sollte. Nehmen Sie sie wieder an, so wie Sie einst ihre Peninna wieder zu Gnaden annehmen werden. Wie das Schicksal sie und mich zusammenbrachte, werden sie aus ihrem eigenen Munde horen.
Von meiner eigenen Verfassung nur so viel: Ich bin, wie Sie aus meinem letzten Briefe wissen werden, sehr glucklich, glucklicher, als ich hatte hoffen konnen, je zu werden. Zuweilen dauert es mich doch, Sie wissen was fur ein gutherziges Geschopf ich bin, dass das Ungluck meiner ehemaligen Freundinn der Grund meiner Erhebung seyn musste; indessen, ich bin unschuldig, und im Grunde haben auch die gewesenen Frauleins von Wilteck es nicht sehr um mich verdient, dass ich zartliche Gesinnungen gegen sie hege. Ueber Gabrielen muss ich lachen; wenn ihre feindseligen Blicke mich ermorden konnten, so war ich gewiss nicht mehr im Lande der Lebendigen. Nun auch kein Wort mehr. Mein Geliebter ersucht Sie, diese Kleinigkeiten zu seinem Andenken zu tragen, er brennt fur Verlangen, wie er sagt, Ihnen personlich zu danken, dass sie seine Peninna so fur ihn erzogen, so ganz zu dem gebildet haben, was sie in seinen Augen ist."
Gott! Was fur ein Brief! schrie ich. Von Anfang bis zu Ende ein langes, abscheuliches Rathsel. Ich warf ihn auf die Erde, und sties eine kleine Kapsel die er enthielt, und die gleichfalls auf den Boden gefallen war, mit den Fussen auf eine Seite. Sie sprang auf, und eine Menge schimmernde Juwelen fielen mir in die Augen.
Verdammter Lohn von der Schande meiner Tochter! schrie ich, und sie ist frech genug mir ihn vor die Augen zu legen? frech genug zu glauben, ich werde ihn mit ihr theilen?
Ich gieng eine Weile halb ausser mir im Zimmer auf und nieder, endlich nahm ich den Brief von neuem, ich las ihn von Anfang bis zu Ende, ohne ihn zu verstehen, ohne fast etwas dabey zu denken. Nur die letzte Worte, der Unwurdige, den Peninna so frech war ihren Geliebten zu nennen, wollte mir danken, dass ich sie fur ihn erzogen, sie dazu gebildet habe, was sie in seinen Augen sey, nur diese leuchteten mir mit furchterlicher Lebhaftigkeit in die Augen. Ich dachte von Sinnen zu kommen, Elende! schrie ich, spottest du meiner, ich dich zu dem erzogen, was du bist? Schrecklich! schrecklich! das erleben zu mussen! den Hohn eines Kindes, eines verworfenen, verwahrlosten Kindes erleben zu mussen.
Eine ganzliche Betaubung folgte auf diesen Ausbruch von Heftigkeit. Julchen riss mich aus derselben, sie trat hupfend ein. Ach Mutter, Mutter schrie sie, wissen sie denn, wer eben gekommen ist? Wissen sie wer den Brief gebracht hat? Wissen sie denn
Lass mich! erwiederte ich und ich bemuhte mich sie mit der Hand von mir abzuwehren, ich weis nichts, als dass ich die unglucklichste Mutter von der Weit bin; weis nichts, als dass ich furchten muss, auch vielleicht in dir eine Boshafte zu erziehen, die dereinst meines grauen Alters spottet.
Mit gefaltenen Handen, und fest auf mich gerichteten Blicken stand Julchen vor mir; Thranen tropfelten aus ihren Augen, und ihre bekummerte Miene fragte mich: Was hab ich gethan, diesen Vorwurf zu verdienen?
Ich zog sie zu mir, und druckte sie an meine Brust. Ich konnte nicht sprechen, aber meine Thranen sagten ihr, dass mich meine Uebereilung reute, dass mein Herz nichts wider sie hatte.
Julchen unterbrach endlich diese stumme Scene. Darf ich nun, sprach sie, indem sie von der Stelle aufsprang, wo sie vor mir gekniet hatte, darf ich nun meine Schwestern herein rufen?
Deine Schwestern?
Ja, ja Amalien und Jucunden; ich bringe sie sogleich, aber liebe Mutter, keinen zornigen Blick fur die Armen, keinen Vorwurf; ach sie sind so traurig, sie bedurfen keine weitere Krankung. Ich rufte ihr nach, um sie noch einmal zu fragen, ob es moglich sey? ob ich recht gehort habe? aber fort war sie, und ich befand mich in einem neuen Erstaunen, das so gross als das erste, nur von angenehmerer Art war.
Achtzehntes Kapitel
Jucunde und Amalie
Julchen blieb lange aussen. Ich ergriff in dieser Zwischenzeit Peninnens Brief noch einmal, ich sties auf die Stelle, in welcher sie der Ueberbringerinnen desselben gedachte, ich hatte dieselbe ganz ubersehen, der ubrige Inhalt war zu sonderbar, zu wichtig, um mir Gedanken fur etwas anders ubrig zu lassen. Jetzt erst begriff ich, was Peninna sagen wollte, und die lebhafteste Freude bemeisterte sich meiner Seele. Mit offenen Armen wurde ich meinen Verlornen entgegen geeilt seyn, wenn ich meinem Herzen hatte folgen wollen, aber ich hielt es fur gut, den mutterlichen Wohlstand ein wenig in acht zu nehmen, und sie, Julchens Vorbitte ohngeachtet, mit etwas strenger und ernster Miene zu empfangen.
Kommt, kommt ihr Lieben, horte ich Julchens liebkosende Stimme von aussen keine Furcht! keine Einwendungen! Habt ihr denn so ganz vergessen, wie gutig unsere Mutter ist? Ach sie hat sich nach euch gesehnt, hat so oft um euch geweint, wie sollte sie sich nicht freuen euch wieder zu sehen?
Das fehlte noch, dachte ich bey mir selbst, dass die kleine Zauberinn mir das Herz vollends weich machte.
Die drey Schwestern traten ein. Ich war an ein Fenster getreten um meine Bewegung zu verbergen. Endlich musste ich mich doch umkehren. Julchen sah aus wie ein trostender Engel, der ein paar reuige Sunder vor ihren Richter fuhrt, und ihre Gefahrthinnen, wie ein paar busfertige Magdalenen.
Vermuthlich Madam Feldner, und die beruhmte Schauspielerinn Jucunde? fragte ich, indem ich mich bemuhte, einen festen Ton anzunehmen.
Julchen wandte sich weg, und schlug die Hande zusammen, als wollte sie sagen: so waren denn also meine Vorbitten ganz vergebens? Die beyden andern warfen sich zu meinen Fussen. Gebrochne Worte: Reue, Vergebung, Verfuhrung, waren alles, was ich verstehen konnte. Das letztere durchbohrte mir das Herz. Ich wusste, dass sie verfuhrt waren. So jung, und in solchen Handen, wer hatte da nicht verfuhrt werden sollen!
Stehet auf, rief ich und bemuhte mich immer noch meinen ernsten Ton beyzubehalten, stehet auf! Diess sind Theaterstreiche! Sie blieben liegen und netzten meine Knie mit ihren Thranen. Stehet doch auf, wiederholte ich, ihr wisset, dass ich das Knieen nie vertragen konnte! Sie blickten auf, der weichere Ton meiner Stimme machte ihnen Muth mich anzusehen, sie sahen mein mit Thranen uberstromtes Gesicht, sie sprangen auf, und warfen sich in meine Arme.
Was soll ich mehr sagen? ich behauptete meine vorgenommene Rolle schlecht; ich war nicht mehr die strenge Richterinn, war ganz Mutter, und ob ich gleich nicht im Stande war, ein Wort zu sagen, so fuhlten doch die armen Bussenden, ihre Verzeihung in der Warme, mit welcher ich sie an meinen Busen druckte. Auch sie waren stumm. Aber Julchen machte die Freude desto lauter, sie wusste nicht, auf was fur Art sie sie aussern sollte, sie war ausser sich, und das Verlangen, das ihr eigen war, auch andere an dem was sie glucklich machte, Theil nehmen zu lassen, wurde sie vielleicht bewogen haben, das ganze Haus herbey zu rufen, um sich mit ihr uber die Scene zu erfreuen, die sie entzuckte, wenn ich nicht ihre Absicht gemerkt, und sie zuruckgehalten hatte.
Was willst du machen? fragte ich. O lassen sie mich, rief sie, ich muss, ich muss mehr Theilnehmer zu unserer Freude holen; erlauben sie mir wenigstens Klaren Um Gotteswillen, sprach Jucunde, stellen sie uns niemand fremden zur Schau! ich wollte lieber, dass ich mich hier vor jedermann verbergen konnte. Sey ohne Sorgen, erwiederte ich, deine Schwester uberlegt nicht was sie sagt. Geh Julchen, lass mich mit deinen Schwestern allein, und wenn du etwas nutzliches thun willst, so gehe zu deinem Vater, und bereite ihn auf den Anblick deiner Schwestern vor, und sey bey ihm eine eben so eifrige Furbitterinn, als du bey mir warest.
Ich war nun mit Amalien und Jucunden allein, und es ist unnothig, den Inhalt unsers Gesprachs zu wiederholen. Es war so, wie es zwischen einer beleidigten, doch zur Vergebung willigen Mutter, und, zwischen verirrten doch wiederkehrenden Kindern statt haben konnte. Unsere Unterredung bedurfte keiner Zeugen. Die reuigen Sunderinnen waren so gedemuthigt, dass ich ihnen die Beschamung, das umstandliche Bekenntniss ihrer Sunden in Gegenwart ihrer jungern Schwester zu thun, gern ersparte.
Ich bin meinen Lesern den Inhalt dieses Bekenntnisses schuldig, aber sie sollen ihn haben, nicht so wie ich ihn damals in der ersten Besturzung der Sprechenden erhielt, sondern in dem Zusammenhange, wie mir es Jucunde einige Tage hernach ablegte. Also nichts von den Fragen, die ich an sie that, nichts einmal von denen, die ich Peninnens wegen vorbrachte, und von der unbefriedigenden Antwort, die ich darauf erhielt, sondern alles in seiner Ordnung.
Neunzehntes Kapitel
Enthalt unter andern Denkwurdigkeiten, einen
meisterhaften Liebesbrief
Die junge Rednerinn Juliane, hatte auch an ihrem Vater die Kraft ihrer Worte bewiesen. Zwar hatte sie sich gerade zu einer Zeit in sein Zimmer gedrungen, da er ausdrucklich verboten hatte, ihn zu storen, zwar hatte sie erst seinen ganzen Unwillen erfahren mussen, ehe er sie horte, aber ihr ruhrendes Weinen und Bitten, ihre kunstlosen mahlerischen Vorstellungen von dem traurigen Zustande ihrer Schwestern, von ihrer Reue und von ihrem Versprechen kunftiger Besserung, wurkten endlich doch so viel auf Herr Hallern, dass er seine Tochter, als ich sie zu ihm brachte, mit Schonung aufnahm. Die Worte, welche er mit ihnen wechselte, enthielten zu wenig merkwurdiges und zweckmassiges, um mir im Gedachtniss geblieben zu seyn, auch schienen sie keinen besondern Eindruck auf die Bussenden zu haben. Freylich sahen sie in ihrem Vater denjenigen, der sie aus der Sicherheit in den Armen ihrer Mutter riss, und sie ohne Vorsicht der Verfuhrung entgegen fuhrte; freylich stand dem Mitgenossen bey mancher ihrer gefahrvollen Vergnugen, dem Anfuhrer auf den schlupfrigen Pfaden der Welt, das ernste vaterliche Ansehen, das er einige Augenblicke lang zu behaupten strebte, nicht sonderlich an, und man konnte es seinen Tochtern nicht verdenken, dass sie dieses fuhlten.
Nach meinem Willen hatte das Fraulein von Vohlen, unsere Hausgenossin, nichts von Amaliens und Jucundens geheimen Angelegenheiten erfahren sollen, aber ich hatte Julchen oft im Verdacht, dass sie in der Freude ihres Herzens, ihr alles geplaudert habe; Klare that zu zuruckhaltend gegen die Neuangekommenen, sie behauptete zu sehr das Ansehen gegen sie, das ungefallene oder vielmehr ungeprufte Tugend, so gern gegen diejenigen annimmt, welche einmal gestrauchelt haben. Herr Walter betrug sich gegen meine Tochter, als ich sie ihm vorstellte, so gut und edel wie sein ganzer Charakter war, und Charlotte hatte sich seit einiger Zeit zu sehr geandert, um viel von ihr erwarten zu konnen. Desto besser so hing das Herz meiner wiedergefundenen Kinder desto fester, desto inniger an mir, und ich hatte es ganz in meiner Gewalt es von neuem nach meinem Sinne zu bilden.
In einer von den einsamen Stunden, die wir zusammen zubrachten, erfolgte die Erzehlung, welche ich so treu als moglich zu liefern gedenke.
Unsern ersten Eintritt in die Welt, fieng Jucunde an, hat Ihnen, wie sie sagen, Albert bereits beschrieben. Mit neugierigen Blicken mischten wir uns in das bunte Gewuhl, verschlangen alles mit unsern Augen, fallten von allem unser Urtheil, und handelten nach demselben, ohne zu merken, dass wir falsch geurtheilt hatten, und also auch verkehrt handeln mussten. Eine vornehme Kleidung und ein gewisses stolzes oder herablassendes Betragen, war uns das Merkmal von gutem Stande und uberlegenen Einsichten. Wir hatten nicht das Gluck anstandige Gesellschaft zu sehen, und glaubten uns also, mitten unter schimmerndem Pobel, in der wahren grossen Welt. Die verachlichen Blicke des Neides auf unser gutes noch unverbluhtes Ansehen, demuthigten uns, und das Wohlgefallen, mit welcher Frechheit und Ausgelassenheit die Augen auf uns heftete, schatzten wir uns zur Ehre, und triumphirten uber unsere elenden Siege.
Erkunstelter Kummer und verstellte Thranen reizten uns zu Mitleid, und alberne voreilige Bereitwilligkeit zu helfen, und wo wir das laute Jauchzen der Freude horten, da strebten wir Zutritt zu haben, ohne zu wissen, wie ubel diesen Jauchzenden meistens insgeheim zumuthe war, und wie bald wir, indem wir an ihrem Jubel Theil nahmen, ahnliche Schmerzen erfahren wurden.
Jucunde, unterbrach ich sie, du deklamirst mir zu viel, du kannst das Theaterwesen noch nicht vergessen. Ich bitte dich, erzahle kurz, deutlich, und ohne zu vieles Wortgeprange. Jucunde fuhr fort:
Ohne mich also zu weitlauftig uber die mancherley Auftritte auszubreiten, die wir sahen, und bey welchen wir auch zum Theil handelnde Personen vorstellten, will ich nur zu demjenigen eilen, welcher mein Schicksal entschied.
Nur das deinige? unterbrach ich sie, ich wunschte auch von Amalien etwas zu horen. Ich weiss, dass jedermann sich bestrebte, dich in einen Wirbel von Zerstreuungen zu schleudern, dass die Robignac, der Oberste, und Gott weis, wer alles, seinen Vortheil aus deiner Verfuhrung zu ziehen suchte, weis es, dass Feldner, welcher anfangs dein Anbeter war, durch den nichtswurdigen Schwarm der dich umgaukelte, zuruckgeschreckt wurde; aber wie kam er zu Amalien? war es Verzweifelung oder Liebe, was ihn dich vergessen machte?
Jucunde schont mich, sagte Amalie, sie scheut sich, es zu sagen, dass ich ihn zuerst liebte, dass ich ihn an mich lockte. Ich suchte seine Eifersucht zu nahren, feuerte ihn an, sich an seiner Treulosen zu rachen, bemuhte mich, da es mir an personlichen Annehmlichkeiten gebrach, ihn durch meine Unterhaltung zu fesseln, und meine Nebenbuhlerinn durch Witz und Talente auszustechen, und so gelang mir es endlich, ihn an mich zu ziehen. Er versprach mir aus Rache seine Hand; er machte sich einen artigen Plan zu unserm gemeinschaftlichen Fortkommen, der sich auf unsere beyderseitigen Wissenschaften grundete, und wir nutzten die erste Gelegenheit, das Haus meines Vaters zu verlassen. Wir liessen uns trauen; er trat seine Stelle als Theaterdichter bey einer kleinen Truppe an, und ich erkuhnte mich als Schriftstellerinn, Ehre und Vortheil zu erwerben.
Ich warf hier einen mitleidigen Blick auf Amalien, und Jucunde nahm das Wort von neuem.
Das geheime Verstandniss zwischen Feldnern und meiner Schwester, hatte schon eine Zeitlang gedauert, ohne dass ich es achtete oder nur zu bemerken schien. Der Eintritt der Demoiselle Ralph in unser Haus veranderte die Scene. Sie kennen aus Alberts Erzehlung die abentheuerliche Art, auf welche ich mit ihr in Bekanntschaft gerieth, und die meinen damaligen romanhaften Ideen so angemessen war. (Herr Feldner, hatte mich Romane lesen gelehrt, und ich hielt es fur meine Pflicht, die Dinge, die sie enthielten, zu realisiren.) Meine neue Freundinn war in meinen Augen eins von den erhabensten Tugendmustern; ihre erkunstelte Erzehlung von ihren Schicksalen, hatte sie bey mir zu diesem Range erhoben, und wer mich von diesem Wahne abbringen wollte, war ein Verlaumder, ein von ihren Feinden erkaufter Bosewicht, ein Feind meiner Ruhe. Ich hatte nur die Augen aufthun durfen, um ein gerechteres Urtheil zu fallen. Die Geflissenheit, mit welcher sie strebte, Uneinigkeit zwischen Amalien und mir zu stiften, war schon hinlanglich gewesen, mir sie auf einer Seite zu zeigen, welche mit ihren andern vorgeblichen Tugenden schlecht ubereinstimmte.
Demoiselle Ralph hatte selbst Absichten auf Feldnern, sie hasste Amalien, weil er gern mit ihr umgieng, und sie suchte mich wider beyde aufzubringen, um sich an ihnen zu rachen. Verzeihe, verzeihe, Amalie! Die Krankungen, die ich dir anthat, kamen nicht aus meinem Herzen; ein boser Geist mischte sich zwischen uns und suchte uns zu trennen.
Amalie bemuhte sich, eine Thrane in ihrem Auge zu zerdrucken, und schloss Jucundens dargebotene Hand, zartlich in die ihrigen.
Ein anderer Irrweg, auf welchen mich meine neue Verfuhrerinn zu leiten suchte, redete die Erzehlerinn weiter, entsprang aus dem Wahne, den sie mir von einer ungebundenen Freyheit einzuflossen suchte, die das hochste Gute der Jugend sey, ohne die das Leben uns wie ein Traum, ungenossen verstreichen wurde.
Mein Vater hatte zu viel zu thun, um diese Freyheit, die ich wohl zu gebrauchen entschlossen war, einzuschranken, und Mamsell Robignac, war nicht fuhllos gegen die Reize eines kleinen Geschenks. Mein Vater war freygebig gegen mich, und wenn ich seine Geschenke mit meiner Aufseherinn theilte, so waren ihre Augen vor allem verschlossen; sie liess mich machen, was ich wollte, und dankte mir noch dazu, dass ich ihr Zeit verschafte, die Gesellschaft unserer Wirthinn zu geniessen, sich mit ihr bey einer Parthie Piket und einem Glas Rosolis des Lebens zu freuen, oder in einer zahlreichern Gesellschaft solcher Damen wie sie und ihre Freundinn, zu prasidiren, und uber die Fehler des lieben Nachsten Gericht zu halten. Mein Gott Jucundgen, sagte sie denn manchmal zu mir, wir sind auch einmal jung gewesen. Wie hatte ich bey den Frauleins von Wilteck auskommen wollen, wenn ich nicht gefallig gewesen war! Die guten Kinder die! sie haben ihre Jugend redlich genossen, und sind doch noch gnadige Frauen geworden. Sie sind noch so jung und so hubsch, wer weiss was Ihnen einmal beschert ist.
Himmel! unterbrach ich Jucunden, in was fur Handen bist du gewesen!
Gott sey Dank, antwortete sie, dass ich die Freyheit, die man mir gonnte, nicht ganz auf die Art genoss, wie ich gekonnt hatte. Nacht und Tag mit der Ralph herumzuschwarmen, nach allen neuen Dingen, die zu sehen waren, zu laufen, von den Seiltanzern an, die kurzlich aus Frankreich kamen, bis auf den jungen Prediger der seine Anzugspredigt in einer Hauptkirche hielt; mich an allen offentlichen Orten zu zeigen, denen Impertinenzen der jungen Herren, die mir die schlechte Gesellschaft, in welcher ich mich zeigte, zuzog, und die sie mir, als den hier eingefuhrten Ton angab, mit Hohn und Neckereyen, oder im hochsten Nothfall mit der Flucht ein Ende zu machen, und denn am Abend, wenn ich von den Schwarmereyen des Tages ermudet, mit meiner Gefahrthinn zur Ruhe gieng, uber die gehabten Abentheuer zu lachen, das war meine Freude. Hausliche Stille, Arbeit, Eingezogenheit waren Dinge, die ich kaum mehr dem Namen nach kannte, die, wie mir Ralph sagte, nur fur arme, alte und hasliche Personen, nicht fur ein Madchen wie ihre himmlische Jucunde taugten.
Das Bewusstseyn, dass ich die Tugend bey meinem freyen Leben nicht gerade verletzte, gab mir eine gewisse Ruhe und Selbstzufriedenheit, die ich fur gutes Gewissen hielt. Dass ich Sittsamkeit und Wohlstand beleidigte, dass ich oft ohne es zu wissen, die Rolle der verworfensten Dirne spielte, das kam mir gar nicht in den Sinn, denn meine Gespielinn nannte dieses den durchgangig bey jungen Frauenzimmern eingefuhrten Ton; eine Luge, die ich nicht entdecken konnte, da ich mit dem grossern und edlern Theil der Madchen der Stadt, in welcher ich lebte, nicht den geringsten Umgang hatte, sie an den meisten Orten, die ich mit der Ralph besuchte, naturlicher Weise gar nicht zu sehen bekommen konnte. In einem Stuck gluckte es meiner Verfuhrerinn doch nicht, mich nach ihrem Beyspiel zu bilden: nie konnte ich mich entschliessen, den leichtsinnigen Anzug, den ich endlich an ihr gewohnt ward und entschuldigen lernte, selbst zu tragen. Ich kleidete mich allemal mit einem gewissen Anstand, meine Freundinn mochte mir es so oft sagen, als sie wollte, dass es nicht Mode sey. Vielleicht war dieses das Mittel, die Achtung dererjenigen, deren Augen ich auf mich zog, immer noch einigermassen zu erhalten; denn gewiss ist eine lockere luderliche Tracht eine Art von Affiche, die einem jeden den Charakter derjenigen die sie tragt, deutlich muthmassen lasst. Doch wusste ich nicht, wie weit mich Gefalligkeit und Ueberredung endlich gebracht hatten; vielleicht war es der Ralph endlich gegluckt, alles aus dem Wege zu raumen, was mir noch das Ansehen eines nicht ganz verdorbenen Madchens erhielt; und wie leicht war es dann geschehen, dass ich aufgehort hatte, das zu seyn, wofur niemand mich mehr hatte halten wollen.
Zum Glucke nahte die Zeit heran, da mir die Augen uber den wahren Charakter meiner Busenfreundinn sollten geofnet werden. Der erste Lichtstrahl verbreitete sich an dem Tage uber denselben, da ich Mamsell Ralph meinem Bruder Albert vorstellte. Der Unwille, die Verachtung, mit welcher er sie betrachtete, setzte mich schon in Verwunderung, aber als er ihr den Rukken kehrte und uns verliess, und sie ihm ein paar Fluche von der pobelhaftesten Art nachsandte, da sah ich sie mit Erstaunen an, und wurde sie vielleicht ganz fur das erkannt haben, was sie war, wenn diese Schlange nicht auch hier einen Ausweg gewusst hatte. Narrchen, fragte sie, was willst du denn mit deinen grossen Wunderaugen? was hab ich denn gesagt? Worte, erwiederte ich, welche nie in den Mund eines gesitteten Frauenzimmers kommen sollten. Kann wohl seyn, sagte sie, denn ich habe sie von deiner Robignac gehort, ich verstehe noch zu wenig von eurer Sprache, um zu wissen, wie die gesitteten und wie die ungesitteten Frauenzimmer schimpfen; und schimpfen wollte ich deinen unhoflichen Bruder, der nicht weis, wie er sich gegen ein Madchen von meiner Art betragen soll. Die Ralph hatte in so weit recht, sie sprach das Franzosische schlecht, uud nur darum, weil in unserm Hause nichts anders geredet wurde; es war also moglich, dass sie nicht wusste was sie sagte, und ich entschuldigte sie.
Den Tag darauf erhielt ich eine nachdrucklichere Warnung, die ich aber eben so wie die erste in den Wind schlug. Dass mein Bruder Albert die Nacht nach dem Tage da die vorige Scene zwischen ihm und der Ralph vorgieng nicht nach Hause kam, konnte mir nicht auffallen, weil dieses eine sehr gewohnliche Sache war, aber als gegen den Mittag die ganze Stadt voll davon war, er habe im Thiergarten einen jungen Menschen im Duell erstochen, und sey entflohen, als alle angestellte Nachforschungen vergebens waren, als wir erfuhren, dass man ihm nachsetzte um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, und ich fur sein Leben zittern musste; wie soll ich beschreiben, wie mir da zu Muthe ward! Ich hatte Alberten allezeit geliebt, ob mir gleich seine Ermahnungen oft lastig waren, und ich sie bey dem, der selbst nichts weniger als fehlerfrey war, lacherlich fand.
Gegen den Abend dieses angstvollen Tages erhielt ich folgenden Brief, den ich Ihnen wegen seines originellen Tons selbst zu lesen vorlegen muss.
Jucunde zog ein Blatt aus ihrer Brieftasche, und ich las folgendes:
"Mamsell Haller!
Sie gefallen mir, und ich sehe sie gern wo sie mir vorkommen; wie wohl ich, auf meine Ehre wollte, sie kamen mir etwas seltener vor die Augen. Es sollte mir weh thun, wenn ich Sie durch die Gewohnheit nach und nach weniger hubsch fande.
Doch das gehort nicht hieher; zur Sache: Da hat sich Ihr Bruder gestern Abend im Thiergarten Ihrentwegen mit einem geschlagen; er that recht daran, der brafe Kerl, und hatte er kein Herz dazu gehabt, so war ich da gewesen; ich, sehen Sie Ich habe ihm davon geholfen, und ihm einen Weg vorgeschlagen, da ihm kein Teufel was anhaben soll; denn er ist ihr Bruder, und steht mir auch vor seine Person wohl an. Hatts freylich nicht nothig gehabt, denn sein Gegner ist nicht todt, aber nun, hin ist hin, und Sie mussen sich beruhigen; kann wohl einmal als ein grosser Mann wiederkommen, und hier war doch nicht viel aus ihm geworden.
Was ich noch sagen wollte, Mamsell, war das: Menagiren Sie sich doch ein bisgen, wegen der sogenannten Mamsell Ralph. Sie sollen ja wie die Leute sagen, mit ihr umgehen, und eben darum hat sich ihr Bruder gestern geschlagen; ich weiss nichts von dieser Bekanntschaft, denn ich bin einige Wochen nicht in Berlin gewesen, und komme nun wieder, und freue mich recht auf ihren Anblick, aber ewig und ewig sollte mir es leid thun, wenn ich Sie mit der Ralph gehen sahe, denn die ist ihnen nun ich denke, Sie verstehen mich. Ich bin zwar auch, Gott verzeih mirs, kein Tugendspiegel; aber sehen Sie, eben darum kann ich Ihnen sagen, dass nichts an dem Weibsbilde ist, und dass es schade um Sie war, wenn sie Sie verfuhren thate. Sie sind so hubsch und sehen so gut und ehrlich aus, dass ich Sie mir selbst nicht gonnen wurde, wenn ich nicht gedachte besser zu werden. Horen Sie, lassen Sie sich rathen; Sie haben, glaube ich, noch eine Mutter zu Hause, machen Sie, dass Sie aus Berlin kommen, und geradeswegs zu ihr, wenn sie nicht etwa auch von der Art ist, wie, Sie mussen mirs nicht ubel nehmen Ihr Herr Vater, und das andere Menschenvolk in Ihrem Hause. Armes, gutes, unschuldiges Geschopf! Sie dauren mich bey meiner Ehre, und wenn ich besser und reicher war, als ich bin, Sie mussten heute meine Frau werden. Nun wir sehen uns wohl einmal wieder, denken Sie zuweilen an
den unbekannten F e r d i n a n d ."
Zwanzigstes Kapitel
Ferdinand spielt seine Rolle fort
So ernsthaft die Dinge in meinen Augen waren, welche mir Jucunde vortrug, so konnte ich mich doch nicht enthalten, uber dieses seltsame Sendschreiben zu lachen. Diesen Ferdinand kenne ich, dem Namen nach, sagte ich, indem ich meiner Tochter den Brief zuruck gab; wenn ich dir das umstandlich erzehlen werde, was ich von Alberten kurz vor seiner Abreise gehort habe, so wirst du auch seinen Namen nennen horen. Es ist ein Mensch, der mich wirklich interessirt; er handelte edel gegen deinen Bruder, er nahm sich deiner gekrankten Ehre an, und warnte dich in der gefahrlichen Lage in der du dich befandst; es ist unmoglich, dass er so ganz verdorben seyn konnte, als er in anderer Betrachtung zu seyn scheint. Der Himmel bringe ihn von seinen Verirrungen zuruck; das erste was ich ihm aus Dankbarkeit wunschen kann.
Was mich anbelangt, fuhr Jucunde in ihrer Erzehlung fort, so bekummerte ich mich damals wenig um den Schreiber dieses Briefs, der Inhalt desselben zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Die Nachricht von der Rettung meines Bruders, von dem Leben desjenigen, den er nach jedermanns Vorgeben getodtet haben sollte, und die Vorstellung, dass Alberts Gefahr dadurch, im Fall er auch eingeholt werden sollte, sehr vermindert werden wurde, erfullten mich mit Entzucken. Das Bekenntniss von der Macht meiner Reitze, welche das abentheuerliche Sendschreiben enthielt, war mir zu plump, als dass ich es einiger Achtsamkeit hatte wurdigen sollen. Die Warnungsworte wegen meiner Freundinn machten einen etwas starkern Eindruck; aber Mamsell Ralph, die als meine Vertraute freylich den Brief sogleich zu sehen bekam, wusste fur alles Ausfluchte, und aller Verdacht, den mir der treuherzige Unbekannte einzuflossen gesucht hatte, wurde durch sie bald so vollig vernichtet, dass ich sie um Verzeihung bat, dass ich den Lasterungen ihrer Feinde nur einen Augenblick hatte Gehor geben konnen, und zur Versiegelung meines vernenten Vertrauens ihr versprach, noch diesen Abend einen Maskenball mit ihr zu besuchen, zu welchem sie von einem Vetter Billets bekommen hatte. Ich hatte ihre Meynung, liebe Mutter, die sie oft uber diese Art von Lustbarkeiten ausserten, noch nicht so ganz vergessen, dass ich nicht immer einen geheimen Widerwillen gegen dieselben hatte haben sollen, und ich hatte daher, so oft Mamsell Ralph mich bey diesem Feste der Narrheit hatte einfuhren wollen, allemal den Mangel eines anstandigen Fuhrers vorgewendet, und ihr die Unschicklichkeit vorgestellt, wenn zwo junge Madchen, in einem Gewuhl von lauter Unbekannten, ohne einen Schutzer erschienen. Mamsell Ralph hatte mir zwar eingewendet, dass bey dieser Art von Ballen, die Gesellschaft nie so gros sey; dass man sie kenne; dass sie mir fur alle Gefahr stehen wolle, und dass es ubrigens an dem Ort, wohin sie mich zu fuhren gedachte, gar nichts ungewohnliches sey, Frauenzimmer ohne mannliche Begleitung auftreten zu sehen; aber dem ohnerachtet war es ihr nie gegluckt, mich zum Mitgehen zu bewegen.
Diesen Abend machte sie meine Einwilligung zu einer Bedingung ihrer Verzeihung, sie stellte sich untrostlich, dass ich dem Briefe des Unbekannten zu ihrem Nachtheil nur einen Augenblick hatte glauben konnen, und das einige Mittel sie zu befriedigen, sie von der volligen Tilgung meines Verdachts zu uberzeugen, war, dass ich mich entschloss, sie auf die Maskerade zu begleiten.
Sie hielt mich fest bey meinem Worte, sie machte alle Anstalten zu unserer Erscheinung, und nutzte die Zwischenzeit bis zu der Stund, da wir uns in den Wagen setzen wollten, um zu diesem Feste der Finsterniss zu fahren, mich mit Neugier und Verlangen nach dem was ich sehen wurde zu erfullen. Sie versprach mir, ausser dem Anblick der bunten Scene, und dem Vergnugen des Tanzes, das ich mit jedermann gemein haben wurde, auch noch eine besondere Freude, nehmlich die Bekanntschaft eines jungen Herrn vom ersten Range, welcher mich auf den offentlichen Spaziergangen gesehen habe, von mir ganz entzuckt sey, und gegen einige ihrer Verwandten geaussert habe: Mamsell Haller sey das schonste Madchen, das er kenne; so eine Gemahlinn wie die gottliche Jucunde wurde er den vornehmsten und reichsten Fraulein vorziehen, und er konne nicht ruhen, bis er dieses bescheidene Veilchen aus der Dunkelheit hervorgezogen, und zum Gegenstand des Neids und der Bewunderung des ganzen Hofs erhoben hatte.
Ich war nicht so ganz einfaltig, viel auf alle diese Dinge zu bauen, aber die Neugierde qualte mich, ich wollte doch nur sehen, nur horen, nur wissen, was eigentlich von diesen bezaubernden Marchen zu halten sey. Du magst dich denn, sagte Mamsell Ralph, diesen Abend mit deinen eigenen Augen uberzeugen; aber fuhr sie fort, sey vernunftig, und erwarte nicht etwa, dass ein Mann von solchem Range, wie ein Sclave zu deinen Fussen kriechen soll. Doch ich denke, dein neuer Liebhaber, der unbekannte Ferdinand, hat dich schon an einen Ton gewohnt, der dich nicht stolz werden lasst, und ich vermuthe wenigstens, dass der, den ich dich kennen lehren will, nicht zu seiner Dame sagen wird: er mochte sie nicht zu oft sehen, um ihrer nicht uberdrussig zu werden, sie solle machen, dass sie nach Hause zur lieben Mutter kame, und was dir dein artiger Korrespondent alles fur Sachelchen vorpredigt. Eine beissende Parallele zwischen dem unbekannten Ferdinand, und dem mir eben so unbekannten Helden der Demoiselle Ralph, beschloss die Vorlesung, die mir meine edle Freundinn hielt. Wir rusteten uns zum Balle, und fuhren Abends nach eilf Uhr ab.
Es wurde zu weitlauftig fallen, Ihnen mein Erstaunen uber die neuen Gegenstande, die sich meinen Augen darboten, und alle Auftritte dieses Abends zu schildern. Mamsell Ralph hatte mich schon nach und nach zu sehr an den Ton der Ausgelassenheit und wilden Freude gewohnt, als dass mir hier etwas hatte auffallend seyn sollen, und was mir etwa ausserordentlich vorkam, wurde mit der Sitte des Orts entschuldigt, welche mir, da ich ihn noch nicht besucht hatte, freylich unbekannt seyn musste.
Mamsell Ralph hatte mich einen grossen Theil der Nacht unter dem Vorwande vom Tanzen zuruck gehalten, dass sie meine Hand fur denjenigen aufheben musse, welchem sie mich diesesmal vorzustellen gedachte. Sie selbst hatte wenig Versuchungen gehabt, ihren Sitz zu verlassen, denn ob sie gleich sowohl als ich, und viele von den anwesenden Damen, sich mit blossem Gesichte zeigte, und alle Kunste angewendet hatte, ihre Reize zu erhohen, so schien sie doch wenig Aufmerksamkeit zu erregen; man ubersahe sie als eine alte Bekannte, und versammelte sich nur um mich, mit einer Zudringlichkeit, die selbst mich, die ich unbescheidenes Angaffen gewohnt war, in Verlegenheit setzte, und mich den Mangel einer Maske bedauren liess.
Es war weit nach Mitternacht, als endlich der lange Erwartete erschien; Mamsell Ralph zeigte mir ihn von weitem, er trug die Kleidung eines Spaniers, und stellte eine gute Person vor. Meine Gefahrtinn wandte alle Beredsamkeit an, mir seine Vorzuge in ein noch helleres Licht zu setzen, und mich vorzubereiten, ihn gefallig aufzunehmen, wenn er sich uns nahern wurde. Sie wurde in ihren Demonstrationen so laut, dass sie die Aufmerksamkeit derjenigen, die vor uns vorubergiengen, erregte. Ein Matros trat aus dem Haufen hervor, sahe mir und meiner Beysitzerinn steif ins Gesichte, stampfte mit dem Fuss, ergriff meine Hand, und schwur, ich musse mit ihm tanzen. Das Einreden der Mamsell Ralph und mein Strauben half nichts, und ich war in den Kreis der Tanzenden geschleudert, ich wusste nicht wie.
Mein Gefarthe liess mich nicht von der Hand, und mein Bitten, und meine sichtbare Ermattung, bewegte ihn erst nach unterschiedlichen Tanzen, mir eine Viertelstunde zur Erholung zu gonnen. Er fuhrte mich in ein Erfrischungszimmer, und flusterte mir im Hingehen zu, es sey ihm lieb, mich unter dem Vorwande meiner Ermudung allein sprechen zu konnen, weil er mir viel zu sagen habe.
Seine Hoffnung auf ein einsames Gesprach, und meine Neugierde nach dem, was er mir zu vertrauen hatte, wurden beyde getauscht. Wir fanden das Kabinet schon mit Leuten erfullt, unter welchen sich auch der geruhmte Spanier der Demoiselle Ralph befand. Der Matros bat mich, mich zu setzen, bediente mich mit Limonade, und bemuhte sich immer seinen Stand so zu nehmen, dass niemand von den Anwesenden mich ganz erblicken konne: dieses diente nur dazu, desto mehr Augen auf mich zu richten, und die Menge derer, die mich umgaben, vernichtete sein Bestreben, mir etliche Worte ins Geheim zu sagen, bald vollig.
Er schien verlegen, ward nachdenkend, und seine Entwurfe, die er machen mochte, schienen durch den Eintritt der Demoisell Ralph auf einmal zur Zeitigung zu kommen.
Mademoiselle, sagte er ganz laut zu mir, da ihm die Menge der Unstehenden das heimlich Reden verbot, sie sehen ausserordentlich blass, und ich wunschte, dass sie wir erlaubten, sie zu einer Sanfte zu begleiten. Ich versicherte, dass ich bis auf die Erhitzung vom Tanze vollig wohl sey; er behauptete das Gegentheil mit so vielem Eifer, dass ich endlich wirklich eine Unbehaglichkeit zu fuhlen glaubte, und um ein Glas Wasser bat. Sogleich waren zwanzig Hande bereit, mir das begehrte zu reichen, und zehn Stimmen erhoben sich, mir Aderlass, Hirschhorn, und der Himmel weis was alles, als wurksamere Mittel anzurathen.
Stille, meine Herren, sprach mein Gefahrthe mit leiser Stimme, aller Larm ist hier im Stande eine Ohnmacht zu beschleunigen, ich bin ein Arzt, und weiss zuverlassig, dass Ruhe der Dame im gegenwartigen Falle das zutraglichste seyn wird, geben sie mir Gelegenheit, sie unvermerkt aus dem Zimmer und an ihre Sanfte zu bringen; dies ist alles warum ich bitte.
Das vielfaltige Zureden hatte mich wirklich dahin gebracht, dass ich glaubte sehr ubel zu seyn; ich bat mit schwacher Stimme, meine Freundinn, das eben eingetretene Frauenzimmer, zu meiner Hulfe herbey zu rufen, aber ich ward nicht gehort, und man fuhrte mich zu dem nachsten Eingange des Zimmers hinaus, ohne dass die Personen, welche sich auf der andern Seite befanden, etwas davon gewahr wurden.
Der Matros fuhrte mich in eine Sanfte, ohne im Stande gewesen zu seyn, ein Wort mit mir zu sprechen, denn die ganze Anzahl derer, welche im Kabinet um mich versammelt gewesen waren, begleitete mich, wie sie sagten, aus Besorgnis wegen meiner Gesundheit. Ich sagte den Tragern meine Wohnung, und der Matros wandte sich unwillig auf die Seite. Ich wunderte mich, als ich ein wenig zu mir selbst kam, mich so wohl zu befinden; auch keine Spur von der Unpasslichkeit, die mich vor einer Viertelstunde angewandelt hatte, war mehr ubrig. Ich dachte an die Vorgange des heutigen Abends, an Mamsell Ralph, den Matrosen und den Spanier; das Gewirr von Ideen machte, dass ich endlich gar nicht mehr musste was ich dachte, und so kam ich bey meiner Wohnung an.
Das erste was mir in die Augen fiel, als ich aus der Sanfte trat, war der Matros, der mich bisher begleitet hatte.
Mamsell, sagte er, indem er mich ziemlich matrosenmassig bey der Hand nahm, sie sind so unbesonnen, dass sie noch endlich einmal so ankommen werden, dass ihnen niemand helfen kann. Hatte ich sie heute wohl von dem verfluchten Balle hinweggebracht, wenn ich sie nicht beredet hatte, dass sie sich ubel befanden? Weis Gott was die Ralph mit ihnen vor hat? vermuthlich will sie sich mit ihrer Schonheit forthelfen, da die ihrige nichts mehr gilt. Denken sie an den heutigen Brief, und seyn sie auf ihrer Hut.
Ich wollte wetten unterbrach ich Jucunden, dass dieser Matros und der unbekannte Ferdinand eine Person waren. Er sey wer er wolle, fuhr sie fort, so schien er recht bestimmt zu seyn, mich uberall zu treffen, und sich uberall zu meinem Hofmeister aufzuwerfen.
Seine Warnungen wurden des andern Tages von der glatten Zunge der Mamsel Ralph vollig vernichtet und lacherlich gemacht. Sie stellte alles was sie angieng auf der vortheilhaftesten Seite, und mein Betragen, den Tanz mit dem Matrosen, meine Entfernung in das Erfrischungszimmer, die Unpasslichkeit die ich mir hatte aufdichten lassen, und mein unzeitiges Nachhausegehen ohne sie, so gehassig vor, dass ich mich von Herzen schamte, und wieder in dem Falle war, um Verzeihung zu bitten, und meine erzurnte Freundinn zu besanftigen.
Ich fuhr fort, mich mit der Ralph im Schauspiel und an andern Orten offentlich zu zeigen, und ich konnte fast keinen Gang thun, dass mir die Stimme meines ungebetenen Warners nicht bald von dieser, bald von jener Seite uber die Achseln schallte; ich ward es endlich gewohnt, lachte mit der Ralph daruber, und dachte nicht mehr daran, einen ernsthaften Gebrauch von der Stimme meines Schutzengels zu machen, bis sich die wichtige Begebenheit zutrug, welche mir auf einmal die Augen ofnete, mir sie ofnete, als es fast zu spat war, zuruckzukehren, als wenigstens mein Schicksal durch meine Unvorsichtigkeit jenen Stos bekam, der mich in einen Stand schleuderte, den ich wohl nie freywillig gewahlt haben wurde.
Erlauben Sie mir, beste Mutter, dieses Vorgangs so kurz als moglich zu gedenken. Die Gelegenheit dazu war fast die nehmliche, wie an dem Abende, da der Matrose fur meine Sicherheit sorgte, nur dass derjenige, den Mamsel Ralph mir jenesmal in der Tracht eines Spaniers von ferne zeigte, sich mir jetzt naher entdeckte, und mir seine Absichten so unverhullt bekannte, dass ich von dem lebhaftesten Abscheu erfullt wurde. Die verratherische Ralph hatte mich in seinen Handen gelassen, und sich entfernt. Niemand wurde wahrscheinlichlich mein Retter gewesen seyn, und ich war vermuthlich genothigt gewesen, meinem unbescheidenen Liebhaber vom Balle in ein Haus zu folgen, das er und Mamsell Ralph, wie er sagte, schon langst fur mich zubereitet hatten, um daselbst unter dem Titel seiner bestandigen Freundinn zu leben, wenn nicht die Lebhaftigkeit unsers Wortwechsels, einen Herrn aus einem Nebenzimmer herbeygezogen hatte. Er hatte sich in einen weisen Mantel gehullt, so dass ich wenig von seiner Person sehen konnte, aber der Ton seiner Stimme, entdeckte mir bey den ersten Worten, die er sprach, meinen treuen Warner. O rief ich, retten, retten sie mich! jetzt sehe ich die Wahrheit ihrer Worte ein! Wenig Worte waren hinlanglich ihm ein Licht uber meine gegenwartige Verfassung zu geben, er regalirte den, aus dessen Gewalt er mich riss, mit ein paar kraftigen Fluchen, und fuhrte mich davon, ohne dass der andere das Herz gehabt hatte, es ihm zu wehren.
Es war kein Wagen vorhanden, der uns aus diesem gottlosen Hause, wofur ich es nun erkannte, bringen konnte, und wir traten also unsern Weg zu Fusse an. Wir waren fast eine ganze Strasse lang gegangen, ohne dass wir ein Wort mit einander gewechselt hatten; aber nun fieng er eine Ermahnungsrede an, auf welche er vermuthlich den ganzen Weg uber gesonnen haben mochte. Sie war so nachdrucklich, und er machte es mir anfangs so unmoglich, das kleinste Wort zu meiner Vertheidigung einzuschieben, dass ich glaubte ein Recht zu haben, mich uber seine Freyheit beleidigt zu finden. Ich antwortete ihm auf eine Art, die auch ihn verdross, er warf mir meine oftmalige Verschmahung seiner Warnungen vor, und beschuldigte mich, dass doch vielleicht ein geheimer Wohlgefallen an dem Laster, das ich mich zu verabscheuen stellte, in meinem Herzen verborgen seyn musse. Ich war nicht sanftmuthig genug, dieses ohne Gegenrede aufzunehmen, und wir trennten uns endlich in vollem Zorn, er mit dem Versprechen, nie wieder nach einer Person zu fragen, welche Freundes Warnung nicht zu vertragen wisse, und ich mit der Versicherung, dass ich inskunftige meine eigene Huterinn seyn wolle, um alle fremde Hulfe und Warnung unnothig zu machen.
O du Undankbare, unterbrach ich hier Jucunden, war dieses der Dank gegen einen Mann, welcher sich deiner annahm, ohne die geringste Verbindlichkeit dazu zu haben?
Seine Art mit mir zu sprechen, erwiederte sie, war in der That ein wenig hart, und konnte wohl die Empfindlichkeit eines so sehr geschmeichelten Madchens reitzen; indessen hatte ich es verdient, dass man aus diesem Ton mit mir redete, und es hatte mir freylich geziemt, dieses zu bedenken. Aber zu dem Beleidigenden, das ich in seiner Rede fand, kam auch noch dieses, dass ich eine ganz andere Sprache erwartet hatte. Ich hatte in so manchem Roman Geschichten gelesen, mit welchen mein gegenwartiges Abentheuer einige Aehnlichkeit hatte; immer war der Retter des bedrangten Madchens ein demuthiger Verehrer ihrer Schonheit und Tugend und ein pathetischer Lobredner ihrer gekrankten Unschuld; wie sehr musste es mich nun verdriessen in meinem Befreyer nichts von dem allen zu finden, und aus seinem Munde anstatt der honigsussen Sprache des Liebhabers, Vorwurfe und Gesetzpredigten zu horen?
Ein und zwanzigstes Kapitel
Der Verdacht wider Peninnen vermehrt sich
Ich kannte Jucundens gebesserte Gesinnungen zu gut, um ihre letzten Worte als eine Vertheidigung ihres Verfahrens aufzunehmen, ich sah es, dass sie in denselben nichts that, als uber ihre albernen Romangrillen spotten, und hielt es also fur unnothig, hier eine meiner Belehrungen anzubringen. Ich schwieg und die Erzehlerinn fuhr fort.
Ich befand mich wenig Schritte von meines Vaters Wohnung, als mein Schutzengel sich von mir trennte. So erzurnt ich auf ihn war, so konnte ich mich doch nicht enthalten, ihm nachzusehen. Der Morgen fieng schon an zu dammern, und ich konnte seine weisse Lichtgestalt noch lang unterscheiden, bis sie sich endlich in eine entlegene Strasse verlor. Ich schickte ihm einen Seufzer nach, und konnte mich nicht enthalten, es zu bedauren, dass ich ihn so im Zorn von mir gelassen hatte; ach wie bald sollte die Zeit kommen, da ich einen Rathgeber, wie ihn nothig gehabt hatte, da er der einige Freund gewesen ware, dessen ich mich an dem damaligen Orte meines Aufenthalts hatte ruhmen konnen. Ich gieng langsam nach unserer Wohnung zu; die Thur war verschlossen, aber im untern Zimmer, welches die Frau vom Hause bewohnte, war Licht. Ich klopfte an; man ofnete mir.
Mein Gott, Mamsell Jucunde! rief mir die Magd entgegen, welche mich einliess. Stille! stille, Kind! sprach ich leise, ich habe mich verspatigt, ich will niemand wecken. Wenn ist mein Vater, und wenn Mamsell Ralph nach Hause gekommen?
Der Papa? und Mamsell Ralph? schrie die Dirne, nun ja, was das betrift! Nein, Madam, fuhr sie fort, und steckte den Kopf in die Unterstube um die Wirthinn zu rufen, ich bitte sie um Gotteswillen, da ist Mamsell Jucunde; was in aller Welt doch das zu bedeuten haben mag?
Die Wirthinn kam heraus, mein Anblick setzte sie in eben so grosse Verwunderung, als ihre Magd, ich konnte nicht einsehen, was an meiner Erscheinung so wunderbares sey, wir sprachen alle zu gleicher Zeit und verstanden uns nicht, bis mir endlich ein schreckliches Licht aufgieng, und ich einsah, dass ich ganz allein und von allen verlassen zu Berlin zuruckgeblieben war. Mein Vater war diese Nacht, vermuthlich wegen unglucklichen Spiels oder anderer Verdrusslichkeiten, schleunig abgereisst, er hatte nach mir gefragt, aber als ich nicht vorhanden gewesen war, sich keine grosse Muhe weiter um mich gegeben. Mamsell Ralph hatte den Tag vorher, unter dem Vorwand, es geschah auf meinen Befehl, alle meine Sachen ausraumen lassen, vermuthlich um sie in die Wohnung zu bringen, die sie mir bey dem bereitet hatte, den ich noch bis jetzt nicht anders als nach der Maske, in der ich ihn sahe, den Spanier zu nennen weiss, oder sie im Falle, dass ich widerspenstig war, als eine kleine Schadloshaltung fur meine Gesellschaft zu behalten, von welcher sie, nach dem Vorgang voriger Nacht wohl einsehen konnte, dass sie fur sie verloren seyn wurde.
So war ich also ganz verlassen und zu Grunde gerichtet; vergessen und vernachlassigt von einem unnaturlichen Vater, und geplundert von einer verratherischen Freundinn! Kein Donnerschlag hatte mich so zu Boden sturzen konnen, wie diese Nachricht; ich warf mich auf einen Stuhl, und war der Ohnmacht nahe.
Es wurde zu weitlauftig seyn, alles was auf diese fur mich so schreckliche Scene erfolgte, zu erzehlen; es sey genug, dass ich bey dieser Gelegenheit die wahre Gesinnungen derer, die mir bisher geschmeichelt hatten, aus dem Grunde kennen lernte. Meine bisherige Wirthinn wollte mir kaum den Aufenthalt in ihrem Hause noch auf den kommenden Tag gonnen, und nur der Anblick meiner goldenen Uhr, des einigen was ich noch besass, die ich zum Gluck diesen Tag getragen hatte, konnte sie zu einiger Nachsicht bewegen. Ich gab sie ihr, sie zu verkaufen, und trostete mich im ubrigen auf den Beystand der Demoiselle Robignac, von welcher ich gewiss glaubte, dass sie mich nicht verlassen, und mir Mittel verschaffen wurde, nach Hohenweiler zuruck zu kommen.
Mamsell Robignac fuhrte schon seit einiger Zeit nicht mehr den Namen meiner Gouvernante; sie hatte sich mit meinem Vater, der ihren Geiz nicht mehr so befriedigen konnte wie vormals, entzweyet und das Haus verlassen; dem ohngeachtet aber war sie taglich in unserer Wohnung, sie besuchte ihre Busenfreundinn, und zuweilen auch mich, und ich konnte also darauf rechnen, sie bald zu sehen, und mich bey ihr Raths zu erholen.
Ich fand wenig von dem, worauf ich rechnete, wenig guten Rath, mehr gute Lehren, und gar keine Hulfe. Mademoiselle Robignac, war im Begriffe eine Kostschule fur junge Frauenzimmer anzurichten, sie bot mir eine Stelle in derselben als Unterlehrerinn an, aber ich war durch die betrugerische Ralph behutsam geworden, ich erkundigte mich etwas genauer nach der Einrichtung ihres Erziehungsinstituts, und die Nachrichten die ich einzog, waren so sonderbar, dass ich mich nach der angebotenen Stelle nicht sehnte. Mamsell Robignac war beleidigt, meine bisherige Wirthinn konnte niemand in ihrem Hause dulden, welcher kein Geld hatte; meine goldene Uhr hatte sich in ihren Handen in Semidor oder Tompack verwandelt. Es war eine Kleinigkeit, was ich dafur bekam. Das was ich, nachdem ich meinen Aufenthalt von etlichen Tagen in ihrem Hause bezahlt hatte, ubrig behielt, war mit dem, was ich aus einigen andern verkauften Kleinigkeiten losste, eben hinlanglich mir eine kleine Kammer bey einer armen Frau zu miethen, welcher ich wahrend meines Aufenthalts in Berlin Gutes gethan hatte, und die mir versprach, mir von ihren Bekannten Arbeit zu verschaffen, welche mich so lange bis sich bessere Aussichten fur mich zeigten, nothdurftig nahren konne. An die Ruckreise nach Hohenweiler war gar nicht zu gedenken, und ich konnte mich nicht uberwinden, in meiner gegenwartigen elenden Verfassung nach Hause zu schreiben, und um Hulfe zu bitten.
So hatte ich einige Wochen gelebt, und wurde wahrscheinlich ein Leben von dieser Art, das ich gar nicht gewohnt war, nicht lange ausgehalten haben; aber plotzlich anderte sich die Scene. Meine Schwester, meine Amalie, erschein mir wie ein trostender Engel in dieser Finsterniss, und fuhrte mich auf einen Weg wo ich ruhig und bequem leben konnte, ohne darum den Pfad der Tugend zu verlassen.
Eine Umarmung der beyden Schwestern, unterbrach hier die Erzehlung, und Amalie nahm nach einiger Zeit, weil Jucunde zu geruhrt war, um sprechen zu konnen, das Wort.
Sie wissen, liebe Mutter, fieng sie an, auf was fur Art ich aus meines Vaters Hause kam; ich war Feldners Frau, wir lebten beyde beym Theater, und fanden unser reichliches Auskommen. Vollkommen war unser Gluck gewesen, wenn ich der Buhne nicht allein mit meiner Feder hatte dienen konnen. Uns fehlte eine zweyte Liebhaberinn, ich versuchte es aufzutreten; meine Action und meine Stimme war, wie jedermann gestand, ohne Tadel, aber meine Person fand keinen Beyfall. Meine Eitekeit ward gekrankt, aber ich wusste mich zu beruhigen. Mein Mann und ich hatten von der Abreise meines Vaters gehort; Jucunde war nach derselben noch in Berlin gesehen worden, ich war ihrentwegen in Sorge. Feldner kannte ihre Talente, der Direktor der Gesellschaft kannte ihre Person und versprach sich von ihrer Erscheinung Vortheil. Wir kundschafteten ihren Aufenthalt aus, und ich ward abgeschickt, sie in unsern frohlichen Kreis einzuladen.
Jucunde nahm unsere Vorschlage an, sie verlies die Wohnung des Elends, und die muhsame Handarbeit, die sie kummerlich nahrte. Fast ohne allen Unterricht betrat sie die Buhne, sie schien fur dieselbe gebohren zu seyn. Was ihr an Uebung fehlte, ersetzte ihre Schonheit, und nie hatte unser Haus haufigern Zulauf, als wenn man gewiss war sie erscheinen zu sehen. Sie entzuckte das Publikum als Franziska, und wenn sie im Westindier als
Hier unterbrach ich Amalien; sie sprach mir in zu hohem Tone vom Theater, ich konnte es nicht leiden, wenn man diesen Dingen das Ansehen von Wichtigkeit gab. Das Lob, das sie Juncunden beylegte, durchbohrte mir das Herz. Es war schlimm genug, dass ich selbst gestehen musste, dass meine arme Jucunde damals fast keinen andern Weg zu ihrem Fortkommen vor sich hatte, als diesen. Hor auf, sprach ich zu Amalien, und lass deine Schwester weiter reden.
Die Lobeserhebungen, fieng Jucunde von neuem an, welche mir meine Schwester beylegt, sind partheyisch. Man fand mich nur so lange ertraglich als ich neu war. Niedrige List und Kabale raubte mir den Beyfall, auf den ich noch allenfalls hatte Anspruch machen konnen. Man liess mich nur in solchen Rollen auftreten, denen ich nicht gewachsen war. Unter dem Vorwande mich zu erheben, gab man mir hohe tragische Rollen, in welchen ich ausgeklascht ward, da ich hingegen als Soubrette, oder komische Liebhaberinn, ganz in meinem Fach und des allgemeinen Beyfalls sicher war. Der Neid meiner Gespielinnen verfolgte mich auf noch empfindlichere Art: man fieng an meiner Schwester in den Kopf zu setzen, dass der Herr Feldner seine ehemalige Liebe zu mir wieder hervorsuchte und und kurz es war nichts an der Sache, und wenn es auch so gewesen war so hatte Amalie auf meine Redlichkeit rechnen konne.
Jucundens Stocken, und Amaliens tiefgeholter Seufzer bey dieser Stelle, belehrte mich was ich zu glauben hatte. Ich gebot der Erzehlerinn, um ihr ihre unangenehme Rolle abzukurzen, nicht zu weitlauftig zu seyn, und sie beschloss ihre Geschichte folgendermassen.
Herr Feldner hatte unsere Truppe, ich weiss selbst nicht warum verlassen. Wir veranderten unsern Aufenthalt verschiedenemal, und ich gewann nach und nach so einen Widerwillen vor dem Theater, dass ich es gewiss verlassen haben wurde, wenn ich ein anderes Mittel zu meinem Forkommen gewusst, oder in meinem vaterlichen Hause auf die schonende Aufnahme eines verirrten Kindes hatte rechnen durfen, die ich daselbst gefunden habe.
Wir kamen, nachdem wir verschiedene Stadte besucht hatten, nach Wien, und fanden Feldnern daselbst. Amalie freute sich ihren verlornen Gatten wiederzufinden, ich aber zitterte, und sahe wie in einem Spiegel was uns seine Gegenwart fur ein Schicksal prophezeite. Um die Sache ohne weitere Umschweife heraus zu sagen, Herr Feldner hasste seit einem gewissen Zeitpunkte mich und meine Schwester. Er hatte bey dem Wiener Publiko viel Einfluss, und so war es naturlich, dass kein Stuck von meiner Schwester aufgefuhrt werden konnte, welches nicht durch ihn fiel, und ich in keiner Rolle auftrat, wo ich nicht anstatt des Beyfalls das Gezische des Hohns zum Lohne hinnehmen musste. Die Stimme der besser und heller sehenden wurde unterdruckt und unser gemeinschaftlicher Feind behielt die Oberhand.
An einem von den Tagen, da ich und Amalie vor
einer sehr zahlreichen Versammlung auf diese Art gelitten hatten, und um dem spottenden Auge unserer Verfolger zu entkommen, unsern Heimweg durch eine Hinterthur des Schauspielhauses hatten nehmen mussen, fanden wir in unserer Wohnung eine Karte ohngefehr dieses Inhalts:
"Wenn Madam Feldner, und Mademoisell N... so
wie man Ursache hat zu vermuthen, Amalie und Jucunde Haller sind, so werden sie gebebeten, sich in den Wagen zu setzen, welcher diesen Abend gegen zehn Uhr vor ihrem Hause halten, und sie zu einer Freundinn fuhren wird, welche ihr Ungluck betrauert, und sie demselben zu entreissen wunscht."
Wer erfahren hat, wie begierig wir nach erlebten
Verdrusslichkeiten, den kleinsten Trost zu ergreifen pflegen, welcher sich uns darbietet, der stelle sich die Freude vor, welche wir uber diesen Zettel empfanden. O Amalie, rief ich, man kennt, man bedauert uns hier, man will uns retten! Amalie schuttelte den Kopf, wusste nicht worinnen diese Rettung bestehen sollte, furchtete neues Ungluck, und konnte doch nicht ermuden, den Zettel immer von neuem zu lesen, und auszurufen, dass ihr die Hand bekannt sey, und dass wir doch vielleicht jemanden finden wurden, dessen Anwesenheit uns Freude machen konne.
Die gewunschte Stunde erschien, wir warfen uns in den Wagen, welcher uns ach liebe Mutter, sie errathen es in die Arme unserer Peninna fuhrte. Ists wohl moglich, eine Scene wie diese zu beschreiben? Wir wussten nichts von ihrer Anwesenheit in Wien; sie bis heute nichts von der Unsrigen. Sie hatte das Schauspiel besucht, hatte in der armen mishandelten, durch unbilligen Tadel des larmenden Parterre aus aller Fassung gebrachten Actrice ihre Schwester erkannt. Auf eingezogene Erkund gung horte sie, dass diese Madam Feldner, die Verfasserinn des heutigen Stucks, die Schwester der ausgepochten Schauspielerinn sey; die Beschreibung ihrer Person liess sie Amalien erkennen, und ihre Maasregeln waren genommen.
Sie liess uns zu sich holen, um aus unserm Munde unsere wahre Verfassung zu vernehmen, und uns, wenn wir ihrer Vorsorge noch wurdig waren, Mittel zu verschaffen, in das Haus unserer Eltern zuruckzukehren. Die halbe Nacht gieng hin, nicht uns unsere Schicksale zu erzehlen, sondern uns uber einander zu freuen, mit einander zu weinen, und Plane fur die Zukunft zu machen. Erst am folgenden Tage erfolgte eine kurze Erzehlung von unserer Seite, denn Peninna konnte nicht viel um uns seyn, und am dritten Tage unsere Abreise.
Aber mein Gott, unterbrach ich Jucunden, wie fandet ihr eure Schwester? wen saht ihr bey ihr, und was fur ein Ansehen hatten die Dinge, die sie umgaben? wir fanden sie erwiederte Jucunde, so gut, so schon, und so froh wie jemals. Sie wohnte sehr prachtig, als was sie umgab athmete Ueberfluss, aber wir sahen ausser ihr niemand als ihr Madchen. Unser Aufenthalt bey ihr wurde sehr geheim gehalten. Sie schente sich nicht, es uns zu gestehen, dass sie sich schamte ihre Schwestern auf dem Theater gefunden zu haben, dass sie froh sey, dass ich von niemand in ihrer Gesellschaft ausser ihr gekannt worden sey, und dass sie alles mit solcher Verschwiegenheit anzulegen wissen werde, dass niemand etwas davon erfahren solle, dass wir da gewesen, oder wohin wir gekommen waren.
Eine vortreffliche Intriquenmacherinn! rief ich aus, aber ich bitte euch, was sagte sie von ihrer gegenwartigen Lage? Uns irgend etwas umstandlich zu erzehlen, erwiederte Amalie, dazu war keine Zeit. Sie nannte sich glucklich, sprach beym Abschied von baldigem Wiedersehen, beschenkte uns reichlich, und klagte uber nichts, als uber das Stillschweigen ihrer theuren Mutter. Keiner von den Briefen, sagte sie, die sie nach Hohenweiler abgelassen, sey beantwortet worden, und sie setzte ihre einige Hoffnung auf den Brief, den sie uns mitgab, und auf unsere Vermittelung, wenn irgend ein Unwille, den sie nicht verschuldet habe, sich in dem mutterlichen Herzen solle eingeschlichen haben.
Horet auf, rief ich voll Unwillen, horet auf von dieser Verworfenen! keine von den Vorbitten, keine von den Entschuldigungen, die ich auf euren Lippen schweben sehe! Sagt mir nur noch zum Beschluss, was euch auf eurer Reise merkwurdiges begegnete.
Nichts, erwiederte Jucunde, als dass wir den Aufenthalt unserer Eltern zu Hohenweiler suchten, und ihn zu Traussenthal fanden. Wir wurden von der jetzigen Amtmannin zu Hohenweiler sehr unfreundlich empfangen, und bey nahe fur Landlauferinnen gescholten. Amalie hatte den Einfall, ob etwa Peninnens unbeantwortete Briefe, von welchen sie mit so vieler Wehmuth sprach, weil sie nach Hohenweiler addressirt waren, in unrechte Hande gerathen waren, aber die Nachfrage darnach ward uns so beantwortet, dass wir sie nicht zu wiederholen verlangten.
Ihr hattet sie euch auch ersparen konnen, sagte ich, es ist hier nicht die Rede von verlornen Briefen, sondern von einer ungerathenen verlornen Tochter, welche ihre Schuld mit solchen elenden Behelfen bemanteln will.
Zwey und zwanzigstes Kapitel
Herr Haller beweisst durch sein Exempel, dass
Mussiggang der Anfang aller Thorheit ist
Jucundens Geschichte war zum Ende. Das ungluckliche Madchen war in meinen Augen mehr als halb entschuldigt; sie war verfuhrt worden. Leichtsinn und Unbekanntschaft mit der Welt hatten sie auf einen schlupfrigen Weg hingerissen, und sie hatte doch Festigkeit genug gehabt, sich auf demselben aufrecht zu erhalten, ohne der Tugend ganz untreu zu werden. Amalie hatte weniger Entschuldigung fur sich; sie war nicht schon, ihrer Versuchungen zu Fehltritten waren wenig, sie war ihre eigene Verfuhrerinn gewesen, sie hatte sich einem Manne aufgedrungen, der ihrer nicht werth war, hatte freywillig einen Stand gewahlt, von welchem sie wusste, dass ich ihn verabscheute; Ursachen genug, sie in meinen Augen verhasst zu machen. Doch auch fur sie sprach die mutterliche Liebe, und noch mehr das Mitleiden: war sie nicht gestraft genug, an einen Mann wie Feldner gefesselt zu seyn? Waren ihr nicht alle Wege zum Gluck verschlossen? und bestand nicht ihre ganze Aussicht auf Aenderung ihres Schicksals, in der elenden Hoffnung auf die Wiederkehr eines Mannes, welcher sie hasste und verachtete, eines Mannes ohne Charakter, ohne Grundsatze, ohne Amt und Vermogen?
Mein Kopf schwindelte mir, wenn ich an diese Dinge dachte. Nichts war im Stande, die schwarze Gedanken uber diesen Gegenstand, die meine Seele erfullten, zu verdrangen, als die noch schwarzern Vorstellungen von Peninnens Schicksal. Ich verglich den Brief dieser Unglucklichen mit dem was mir ihre Schwestern von ihr zu sagen wussten, und alles rathselhafte war mir aufgeklart. Sie hatte Gabrielen von der Seite ihres Gemals gedrangt, sie lebte in seinem Hause als seine erklarte Buhlerinn; sie prangte noch mit ihrem glanzenden Elend und scheute sich nicht, mich mit ihrem baldigen Anblick zu bedrohen, mir ihre Schande selbst vor die Augen zu legen. Ihr Bezeigen gegen ihre Schwestern, der geheimnisvolle Aufenthalt in ihrem Hause, ob sie ihm gleich einen andern Vorwand gab, die wenige Zeit, die sie bey ihnen zubrachte, um ja die Gelegenheit zu vermeiden, sie grundlich von allem was sie angieng, zu benachrichtigen, der Glanz der sie umgab, die Geschenke, die sie machen konnte, alles, alles bestatigte die Geschichte, die ich mir von ihr zusammen getraumt hatte, und der Entschluss, sie auf ewig aus meinem Herzen und aus meinen Augen zu verbannen, war fest gefasst.
Ich nahm ihren letzten Brief, nahm die Juwelen, welche sie die Kuhnheit hatte, mir als eine Art von Bestechung zu schicken, und siegelte beydes ein, ohne es mit einer Erklarung meiner Gesinnungen gegen sie zu begleiten. Ich hatte es versucht, ihr einige Worte zu schreiben, aber unzufrieden mit allem, was aus meiner Feder floss, hatte ich diese Versuche verrichtet, und war entschlossen, dass sie nie wieder etwas von meiner Hand lesen sollte. Nicht einmal die Aufschrift wurdigte ich selbst zu machen. Ich trug es Jucunden auf. Sie weinte, Amalie bat, und suchte ihre Schwester zu vertheidigen, aber ich war unerbittlich, und untersagte beyden, der verworfenen Wienerinn, wie ich Peninnen nannte, ein Wort im Guten oder im Bosen zu schreiben, wie wohl hatte insgeheim geschehen konnen, wenn ich es nicht verboten hatte. Einander zu lieben, fur einander zu bitten, sich gegenseitig zu entschuldigen, und einander in Verlegenheiten mit Rath und That beyzustehen, war aller meiner Kinder Weise, und ich konnte solches wohl leiden, wenn es nur nicht auf Unkosten der Gerechtigkeit, und meines mutterlichen Ansehens geschahe.
Wie demjenigen, welcher durch die Hand des Wundarztes ein schadhaftes Glied von seinem Leibe trennen lasst, um sein Leben zu erhalten, zu Muthe ist, so war mir, als ich mich nun nach meinen Gedanken ganz von Peninnen losgemacht hatte. Angst und Schrecken vor dem furchterlichen Schritte, empfindliche Schmerzen, und ach der Gedanke, dass doch wohl ein gelinderer Weg hatte gewahlt werden konnen, nach demselben. Peninna war ehemals mein Liebling, war mein Stolz aber nein, sie hatte aufgehort tugendhaft zu seyn, und ich durfte nicht mehr an sie denken. Hannchens Fall kam mir denn zuweilen wohl in den Sinn, aber er war bey weitem nicht der ihrige. Bey jener sprach Liebe, verfuhrte Unschuld, und bittere Reue fur die Verbrecherinn, aber was hatte diese fur sich anzufuhren? Sie hatte den Regierungsrath, in dessen Hause sie lebte, nie geliebt, mehrere Weltkenntniss als Hannchen hatte, musste sie zu keinem so leicht zu verfuhrenden Gegenstande machen, und was die Reue anbelangt? Ha die Reue! Peninna triumphirte in ihrem Verbrechen, und Hannchen ward durch Gram und Beschamung uber dasselbe getodtet.
Von diesem Zeitpunkte, von diesem an Peninnen zuruckgeschickten Briefe an, begann eine neue Epoche meines Lebens, die sich durch stille Schwermuth vor allen andern auszeichnete. Wir sahen wenig Gesellschaft. Herr Walter und Charlotte kamen, seit das Fraulein von Vohlen in meinem Hause lebte, aus Ursachen die sich errathen lassen, seltener als sonst mich zu besuchen. Ich war die meiste Zeit mit meinen drey Tochtern allein, und wenn Julchen sich zuweilen von uns trennte, so war es um bey Klaren zu seyn, welche sie und den kleinen Ludwig vorzuglich liebte, und gern um sich hatte. Mein Mann liebte die Einsamkeit, und lies sich wenig als bey der Mahlzeit sehen. Ich hatte schon langst meine eigenen Gedanken uber seine Auffuhrung gehabt, Gedanken die durch sein dusteres nachdenkendes Wesen, durch Julchens Entdeckungen, und ach durch den endlichen Erfolg nur gar zu sehr bestattiget wurden.
Julchens Trieb zu Nachforschungen konnte durch nichts ganz ausgerottet werden, und das sonderbarste war, dass selbst denn, wenn sie auf keine Entdeckungen ausgieng, sich ihr dieselben ungesucht darboten. Sie war diejenige, die im ganzen Hause alles zuerst sah, horte, und vermuthete.
Sie hatte mich schon langst auf gewisse Leute aufmerksam gemacht, welche viel bey ihrem Vater aus und eingiengen, sich halbe Tage mit ihm verschlossen, und mit niemand im ganzen Hause ausser ihm, ein Wort wechselten. Das narrische Madchen konnte das Marchen vom Ritter Reutlingen noch immer nicht vergessen, und sie verglich die Gesellschafter ihres Vaters oft mit Franzens Lehrmeistern in der Magie; eine Vergleichung, welche durch das Ansehen dererjenigen, von welchen die Rede war, ziemlich gerechtfertiget wurde. Es waren ernste, bleiche, gedankenvolle Leute, in schlechter altvaterischer Tracht, mit stummen verschlossenem Munde und weiten tief zur Erde gesenkten oder feyerlichen gen Himmel gehobenen Augen, konnte man in ihnen wohl die einigen Zauberer unserer Zeit, die Unterthanen des wunderbaren Konigs der Philosophen verkennen?
Herrn Hallers gegenwartiger Haupttrieb, der Durst nach Gold war mir bekannt, und es war mir nie unwahrscheinlich gewesen, dass er denselben auf die thorichtste Weise zu befriedigen suchen wurde. Die Art, mit welcher er zuweilen von dem kleinen Schatze sprach, welchen Julchen einsmals in dem Hohenweiler Keller fand, und ihm uberlies, hatte mich oft in Furcht gesetzt, er wurde zum Schatzgraber werden, aber die Unmoglichkeit in Ritter Reutlingens unterirdischen Gang zu kommen, welchen er fur den Behalter unermesslicher Reichthumer hielt, hatte seine Begierde nach Schatzen auf eine andere Seite gelenkt: er glaubte die Erfullung seiner Wunsche kurzer haben zu konnen, wenn er nach der Quelle alles Goldes, nach dem Stein der Weisen trachtete. Die geheimnisvollen Schriften der Alchymisten wurden seine einige Lekture, alle Adepten des ganzen Bezirks seine vertrauten Freunde, und das innere seiner Zimmer, gewann gar bald das Ansehen eines Laboratoriums. Niemand durfte sich in dieses Heiligthum wagen, und ich wurde wahrscheinlich nicht sobald etwas von der innern Gestalt desselben erfahren haben, wenn nicht Julchen an dem Tage, da sie bey ihrem Vater fur ihre Schwestern bitten wollte, sich eingedrungen, und alles erblickt hatte, was bisher noch kein unheiliges Auge beschaute.
Mich dunkt, ich habe es schon erwahnt, wie ubel ihr ihre Zudringlichkeit bekam, doch erhielt sie Verzeihung, weil Herr Haller wirklich, seit dem im Keller gefundenen Schatze, eine Art von Liebe fur sie hegte, und sie, da er denselben zu den ersten seiner alchymischen Versuche angewendet hatte, gewissermassen fur den Grund und die Schopferinn seines kunftigen Glucks hielt.
Herr Haller war, nachdem sich sein Zorn uber Julchens ungebetene Erscheinung gelegt hatte, viel zu beschaftigt gewesen, sie von der Vortrefflichkeit des Geheimnisses aller Geheimnisse zu uber zeugen, und sie hatte seine langweiligen Demonstrationen viel zu bald unterbrochen, um ihren Vorsatz, fur ihre Schwestern zu bitten, auszufuhren, als dass bey so wichtigen Unterhaltun genein Augenblick hatte ubrig bleiben sollen, ihr Verschwiegenheit uber das geschehene aufzulegen, und so war es naturlich, dass ich alles erfuhr, und durch Julchens Entdeckung uberzeugt wurde, wie richtig ich bisher Herrn Hallers geheime Beschaftigungen gemuthmasst hatte.
Ob diese Ueberzeugung im Stande war, mein ohnedem auf tausenderley Art gekranktes Herz zu beruhigen, gebe ich einem jeden zu bedenken. Ach Himmel! ich sah voraus, wohin uns dieser neue Irrweg meines unglucklichen verlornen Mannes endlich fuhren wurde! und was noch mehr, ich klagte mich selbst wegen dieses Unglucks an, nannte mich nach meiner Gewohnheit die Urheberinn alles Bosen.
Ich gieng weit in die Vergangenheit zuruck, ich erinnerte mich, dass ich es war, die ihn durch List, durch das Testament seines Onkels, bey welchem ich die Hand im Spiele hatte, nach Hohenweiler brachte, um ihn von meinen Nebenbuhlerinnen in seiner Geburtsstadt zu entfernen. Hatte er Hohenweiler nie gesehen, sagte ich zu mir selbst, so wurde er nie in die Bekanntschaft der Herren von Wilteck gerathen seyn, welche der Grund zu allem Ungluck in unserer Familie ist; sein boses Schicksal hatte ihn nicht in seinen besten Jahren vom Amte getrieben; sein geschwachter guter Ruf hatte ihm nicht den Weg zu jeder andern Beschaftigung seines Standes verschlossen, und er war nicht in ein mussiges geschaftloses Leben gerathen, welches die ungeheuersten Misgeburten von Ausschweifungen auszuhecken pflegt, und das dem thatigen Geist des Menschen so unangemessen ist, dass er sich ehe dem Verbrechen, oder den seltsamsten lacherlichsten Thorheiten uberlasst, als ganz unwirksam bleibt!
Wie sinnreich ist doch der Ungluckliche sich selbst zu qualen! Diese angefuhrten Betrachtungen erschwerten mir mein Schicksal im ganzen Ernst, und es kam mir nur selten in den Sinn, dass wenn ich jenesmal nicht so gehandelt hatte, wie ich that, die Dinge freylich anders, aber bey Herrn Hallers festgesetzter Neigung zu Irrwegen schwerlich besser gegangen seyn wurden.
Ich that unrecht mich mit fruchtlosen Grubeleyen zu martern; ein vernunftiges Nachsinnen auf Mittel zu unserer Rettung war unstreitig heilsamer gewesen, aber hatte ich nicht schon allen meinen Scharfsinn zu diesem Endzwecke vergeblich angestrengt? und sprang nicht die Mine, ehe man wusste von welcher Seite man der Gefahr entgegen arbeiten sollte?
Man erlaube mir an dieser Stelle, welche ohnstreitig eine der traurigsten meines Lebens ist, kurz zu seyn. Herr Haller erfuhr das Schicksal aller seiner Vorganger; er ward ein Raub der Betruger. In dem Augenblicke, da sie ihm mit der Hoffnung geschmeichelt hatten, seine Arbeit wurde durch den herrlichsten Anblick belohnt werden, den sich sein zerrutteter Verstand denken konnte, verliessen sie ihn, und hinterliessen ihm anstatt der erwarteten Schatze, Kohlenstaub und Asche, und fur die geruhmte Essenz der Unsterblichkeit, das Gefuhl eines durch ungesunde Arbeiten erschopften Korpers, und einer durch getauschte Hoffnung ganzlich ermatteten Seele.
Die geringen Ueberbleibsel unsers Vermogens, die wir mit nach Traussenthal brachten, waren dahin; auch diesen unsern geliebten Aufenthalt mussten wir aufgeben, denn diejenigen, welche meinen Mann mit ihrem Gelde bey seinen Arbeiten unterstutzten, hatten nunmehr ein naheres Recht auf unsere Wohnung. Sie musste verkauft, und zu Bezahlung unserer Schulden angewendet werden.
Herr Haller war in Verzweifelung, ich und meine beyden altesten Tochter trauerten, dass wir die geliebte Hutte mit dem Rucken ansehen mussten, und Julchen, welche immer mehr zu den lebhaftesten Gefuhlen der Schwarmerey heranreifte, und dieselbe insgeheim durch dazu passende Lekture nahrte, letzte sich mit den Schutzgeistern ihres Lieblingsaufenthalts, und befahl ihnen, die stille Wohnung der Unschuld und des Friedens, bey ihren kunftigern Besitzern nie durch Laster oder wildes sittenloses Gerausch entweihen zu lassen.
Niemand war bey der ganzen Sache ruhiger als Fraulein Klare von Vohlen, sie trostete uns mit der kalten Miene der Unempfindlichkeit, und wir wussten von sicherer Hand, dass sie unter denen, welche nach dem Besitz unsers kleinen Hauses strebten, eine der vornehmsten war. Hatte sie es doch hinnehmen mogen, wir hatten es ihr ja so gern als jedem andern, der den gesetzten Preis dafur zahlte, gonnen wollen, aber dass sie so heimlich dabey verfuhr, das gab der ganzen Sache ein so falsches, verratherisches, schadenfrohes Ansehen, dass wir ganz irre an ihr wurden.
Wir hatten mit Madam Charlotte Walter, die, wie man weis, Klaren ohnedem nicht wohl leiden konnte, manche Konferenz uber diesen Punkt, und das Urtheil fiel nie zu ihrem Besten aus. Klare hatte zu viel Stimmen wider sich. Jucunde und Amalie, gegen welche sich das Fraulein von Vohlen allemal sehr stolz und adelich bezeugt hatte, schlugen sich gleich auf Charlottens Seite, ich war neutral, und die Beschuldigte hatte also niemanden fur sich, als Herrn Walter, welcher von keinem Menschen Boses dachte, und Julchen, welche Klaren immer geliebt hatte, und zu standhaft in ihrer Freundschaft war, um bey dem schlimmsten Anschein wankend zu werden.
Drey und zwanzigstes Kapitel
Der Leser lernt das Fraulein von Vohlen kennen
Die Zeit nahte heran, da wir Traussenthal verlassen mussten. Wir wussten, dass es verkauft war; das dafur gezahlte Geld war in den Handen unsers Advokaten, der unsere Schuldner nach dem gemachten Akord damit befriedigen sollte; wer aber der Kaufer unsers geliebten Eigenthums war, wussten wir nicht, mochten auch nicht rathen, Klarens Name kam uns bey dieser Gelegenheit allemal zuerst in den Sinn, und wir alle waren darinnen einig, dass sie in diesem Falle nicht ganz so gehandelt hatte wie eine edle Freundinn handeln sollte. Die Geheimhaltung dieser an sich so unschuldigen Sache, der Eigensinn mit welchem der Kaufer des Guts nehmlich sie unter verdecktem Namen auf der Beybehaltung alles Hausgeraths, das wir eigentlich nicht zu veraussern gedachten, bestanden hatte, die Hartnackigkeit, mit welcher uns, im Fall das Gluck uns einst wieder gunstig werden sollte, der Wiederkauf versagt ward, und die leichtsinnige Freude, die ungeachtet aller dieser Tucke in Klarens Auge glanzte, alle diese Dinge warfen ein so gehassiges Licht auf ihren Charakter, dass wir sie kaum vor unsern Augen leiden, ihr kaum mit der, einer Fremden gebuhrenden Hoflichkeit begegnen konnten.
Was mich, Herrn Waltern, und Julchen anbelangt, so wussten wir uns hierinnen zu massigen, und wir waren vornehmlich Ursach, dass eine Einladung des Frauleins von Vohlen zu einem Valetschmauss, nicht so wie die Widriggesinnten wollten, ausgeschlagen wurde; aber Charlotte, Jucunde und Amalie, nahmen sich nicht so sehr in acht ihren Widerwillen gegen Klaren blicken zu lassen, und sie ausserten ihn auch selbst bey diesem angefuhrten Valetschmauss auf so augenscheinliche Art, dass es mich oftmals reuete, bey diesem Feste erschienen zu seyn.
Das Fraulein von Vohlen bewohnte, wie ich schon erwehnt habe, das kleine Haus, welches ehedem das Eigenthum meines Vaters war, und an diesem mir so theuren Orte wurde das Abschiedsfest gegeben.
Mit traurigem Herzen verfugte ich mich nebst den Meinigen in die bezaubernde Gegend, die ich nun bald verlassen sollte; mich dunkte, alles grunte, bluhte und duftete schoner als sonst; Fraulein Klare, als Wirthinn, kam uns in wohlgewahltem Putze, und mit vor Freude glanzendem Gesicht entgegen. Wir argerten uns alle uber ihre Unempfindlichkeit, und selbst Herr Walter konnte sich, bey gegebener Gelegenheit, der Worte nicht entbrechen: ein Valetmahl sey allezeit ein trauriges Fest, und sollte von Rechtswegen mit so viel Ernst als ein Begrabniss gefeyert werden.
Den andern Gasten fehlte es auch nicht an bedeutenden Winken, ihr Misfallen uber die Wirthinn zu bezeugen. Madam Walter war steifer und ceremonioser als jemals. Jucunde liess ihren Witz spielen, und Amalie zeigte, wie sie oft pflegte, ihre Belesenheit, in mancherley Sentenzen, die auf den gegenwartigen Fall passten. Klara konnte weder Amaliens Gelehrsamkeit, noch Jucundens spottenden Witz, noch die ganze Charlotte mit allem was sie um und an sich hatte, leiden, und sie war zuweilen nicht sehr zuruckhaltend mit ihrer Meynung uber diese Dinge gewesen, aber diesesmal zwang sie sich ausserordentlich, und es war unmoglich, etwas zu sagen, oder zu thun, das ihr eine verdrussliche Miene abgenothigt hatte.
Ich erhielt mich bey der ganzen Sache leidend, und nur am Ende des Mahls, als wir schon bald auseinander gehen wollten, konnte ich mich nicht enthalten, Klaren mit etwas hohnischer Miene zu fragen; ob es uns erlaubt war, sie noch zuweilen zu Traussenthal zu besuchen, wenn wir diesen Ort verlassen hatten?
Mich? fragte sie, wie wissen Sie denn, ob ich nicht eben so wohl als sie diese Wohnung aufgeben muss?
Fraulein, sprach ich, wie konnen sie so gegen eine Person reden, welche sie ehemals ihres Vertrauens wurdigten? was habe ich gethan, um ihre Achtung zu verlieren?
Charlotte und meine beyden altesten Tochter facherten sich gewaltig, und sahen sich mit sonderbaren Blicken an.
In der That, Madam, antwortete mir Klare nach einem kurzen Stillschweigen, ich verstehe ihren Vorwurf nicht ganz; hat jemand uber Mangel an Zutrauen zu klagen, so bin ich es vielleicht, und und was das andere betrift. Wahrhaftig, Madam, so kommt es blos auf die nunmehrige Besitzer von Traussenthal an, ob sie mich noch langer in meiner Wohnung dulden wollen.
Ich sah beissende Antworten auf den Lippen von Klarens Widersacherinnen schweben, aber ein Wink von mir hies sie schweigen, und ich liess es dabey bewenden, dass ich das Fraulein nur mit einem forschenden Blicke ansah, als wollte ich die Ursach ihrer Verstellung errathen.
Ich weis nicht, Madam, sprach Klare, warum sie mich so bedeutend ansehen; habe ich etwas Unschickliches oder ihnen Unangenehmes gesagt?
Keins von beyden, Fraulein, aber etwas sehr sonderbares. Wenn sie selbst, wie ich aus guter Hand weis, die Kauferinn von Traussenthal sind, so weiss ich nicht, wie ich ihre vorhergehende Rede erklaren soll. Liebes, liebes Fraulein, was haben wir gethan, dass sie sich so vor uns verstellen? soll dieses vielleicht Aufhebung der alten Freundschaft, vielleicht heimlicher Wink seyn, dass wir heute zum letztenmal die Erlaubniss haben, sie hier zu sehen?
Klare ward gewaltig roth. Ich kann ihnen auf alles dieses nichts antworten, erwiederte sie, als dass, wenn ich kunftig noch in meiner Wohnung bleiben werde, es nicht als Eigenthumerinn derselben, sondern blos, so wie bisher, auf Vergunstigung der Besitzer geschehen wird. Nicht mir gehort ihr ehemaliges Eigenthum, sondern ein paar Unmundigen, welche welche zum Gluck, Madam habe ich den Kontrakt, der uber den Kauf des Guts im Namen der beyden jungen Personen geschlossen worden ist, durch einen Zufall in meiner Verwahrung, und kann ihnen denselben zu Bezeugung der Wahrheit dessen, was ich sage, vorlegen.
Klare holte aus einem Schranke eine Schrift hervor, und uberreichte sie Herr Waltern, sie laut zu verlesen.
Wenn ich bitten darf, sagte ich, nur gleich den Namen der Kauferinn; ich sehe nicht ein, warum das Fraulein von Vohlen sich scheut, die Eigenthumerinn von Traussenthal zu heissen.
Herr Walter las, und sahe Klaren an; las wieder, und warf einen Blick voll Erstaunen auf mich. Juliane Haller, und Johann Ludwig von Wilteck, Kaufer des Guts Traussenthal? wiederholte er zu verschiedenen malen, warf denn die Schrift hinweg, und fasste Klaren hastig bey der Hand. Fraulein, rief er, wache ich oder traume ich? ists moglich was ich jetzt gelesen habe?
Sehr moglich, sprach Klare. Traussenthal gehort niemand andern als meinem guten Julchen, und dem kleinen Ludwig, und sie, Herr Walter, werden gebeten, die Sache als Vormund der beyden Eigenthumer zu unterschreiben. Kommt her, lieben Kinder, und sagt mir, ob ihr mich, so wie bisher eure Eltern thaten, in eurem nunmehrigen Eigenthum dulden wollt?
Sie hatte den kleinen Ludwig, der noch nichts von diesen Dingen verstehen konnte, in die Hohe gehoben, und an ihre Brust gedruckt. Julchen hieng sich von der andern Seite an ihren Hals, und konnte Klarens Frage nur mit Thranen beantworten; wir Uebrigen versammelten uns um das grossmuthige Madchen herum, und forderten Erklarung uber das, was wir noch nicht ganz begreifen konnten.
Herr Walter las den Kontrakt, ob ihm gleich Klare es verwehren wollte, von Anfang bis zu Ende, und wir sahen, dass das edle Fraulein von Vohlen, das Gut wurklich in Julchens und Ludwigs Namen gekauft hatte, und dass zur Bestatigung des Ganzen nichts weiter fehlte, als Herrn Walters Unterschrift, welcher als Vormund der beyden jungen Kaufer angegeben war.
Es ist unmoglich, die hierauf folgende aus Freude, Erstaunen und Danksagung, zusammengesetzte Scene zu beschreiben; sie dauerte bis weit nach Mitternacht, da wir uns erst trennten, und wie ich behaupten kann, nicht alle gleich vergnugt waren. Die grossmuthige Klare fand unsere Danksagungen und Freudebezeugung zu gross, und ward traurig. Charlotte, und meine beyden altesten Tochter arbeiteten unter einer gewaltigen Beschamung, und Herr Haller, der bey der ganzen Sache meistens eine stumme Person gespielt hatte, fand sich ein wenig beleidigt, dass man seinen Kindern, bey seinen Lebzeiten einen Vormund setzte. Nur Herr Walter, Julchen, und ich schmeckten ganz die reine Freude, welche Klarens Grossmuth uns zugedacht hatte; wir freuten uns, uns mit ihrem Verfahren nicht allein aussohnen zu konnen, sondern es auch noch so weit uber alle unsere Vorstellungen von ihrer Denkungsart, erhaben zu sehen; wir waren ihr gern Verbindlichkeit schuldig, denn wir liebten sie, und dankten ihr weniger mit Worten, als mit den Gefuhlen unsers Herzens, welche uber allen Ausdruck giengen; ich setze Herr Waltern mit Vorbedacht mit mir und Julchen in eine Reihe, denn er war ganz der Mann, der fremdes Gluck wie sein eignes fuhlen konnte.
Vier und zwanzigstes Kapitel
Was Herr Haller anstatt des Steins der Weisen fand
Der erste Strahl des kunftigen Morgens fand mich schon bey Klarens Bette. Ich musste allein mit ihr sprechen, musste ihr nicht allein danken, sondern auch Erklarung uber ihr ganzes bisheriges Verfahren haben. Es ware zu wunschen, dass mein Gedachtniss treu genug seyn mochte, mir unser ganzes damaliges Gesprach, so wie es von Mund zu Munde, von Herz zu Herzen gieng, in die Feder zu sagen; aber ich werde alt, die Vergesslichkeit die meinen Jahren eigen ist, raubt mir oft Scenen nicht lang vergangner Zeiten hinweg, die mir unaussprechlich wichtig und theuer sind, und Kleinigkeiten aus meiner fruhen Jugend, stellen sich mir dagegen mit aller Lebhaftigkeit, mit allen den Umstanden vor, wie ich sie damals belebte; ein betrubter Tausch fur solche Personen, welche nicht am Ende ihres Lebens in die Kindheit zuruck sinken, sondern noch nahe am Grabe, Gefuhl fur wichtige Dinge, und Verachtung gegen Tandeleyen hegen.
Unaussprechlich wichtig war mir das Gesprach mit Klaren, es enthullte mir ihre schone Seele ganz, ohne mir ihre kleinen Schwachheiten zu verstecken; es zeigte mir mit wie viel Ueberlegung sie den grossmuthigen Schritt zu unserm Besten that, jeder Umstand desselben bewies, dass sie auf alles gesonnen hatte, was uns unser Eigenthum wieder entreissen konnte. Herrn Hallers anscheinender Besserung war nicht zu trauen, sie hatte uns schon zu oft getauscht. Selbst die Moglichkeit uns noch einmal zu Grunde zu richten, musste ihm benommen werden. Unser wiedererlangtes Eigenthum war weit sicherer in den Handen zweyer Unmundigen, als es in seinen oder in den meinigen gewesen seyn wurde. Herr Walter war der Schutzer ihrer Rechte, und wir konnten hoffen, uns des Guten, das uns Klare zutheilte, bis an unser Ende zu freuen.
So behutsam das Fraulein auch in allen ihren Ausdrucken war, so konnte ich doch hier und da einige Bekummerniss daruber hervorblicken sehen, dass wir sie noch bisher als eine Fremde behandelt, ihr nicht ganz das Zutrauen gegonnt hatten, das sie verdiente; sie bat am Ende unsers Gesprachs, sie doch nur endlich ganz als meine Tochter, und mich als die Eigenthumerinn alles dessen, was sie hatte, anzusehen, ihr alles was mich krankte, zu vertrauen, und fest zu glauben, das keins von meinen Kindern mehr fur mich fuhlen konne, als sie. Sollten Sie meine Bitte nicht statt finden lassen, setzte sie hinzu, so sind sie nicht fur ahnlichen heimtuckischen Streichen sicher, wie der letzte, ich liebe sie zu sehr, als dass ich mich nicht um das bekummern sollte, was sie beunruhigt. Ich erfahre endlich alles, und wenn man nicht vertraulich gegen mich ist, so setze ich auch meinen Kopf auf und schweige, und gehe meinen Gang fort ohne mich darum zu bekummern, was die Leute von mir denken.
Ich glaubte in diesem letzten Theil ihrer Rede einige Seitenblicke auf Charlotten zu finden, die sich oft ahnlicher Ausdrucke ohne besondere Schonung bedient hatte, aber ich hielt es fur gut, dieselben zu uberhoren, Klare und Charlotte hatten sich freylich diese kleinen Feindseligkeiten ersparen konnen, aber ich wusste, dass es schwer seyn wurde diese beyden Nebenbuhlerinnen zu vereinigen, und hatte zu lange in der Welt gelebt, um mich zu wundern, dass auch der edelste Charakter seine Flecken habe.
Ich bat Klaren blos, von meiner mutterlichen Zuneigung vollig uberzeugt zu seyn, und zu glauben, dass nicht allein Julchen, sondern auch meine andern Kinder, sie so liebten, wie sie verdiente. O, sagte sie, ich verkenne Madam Feldners und Mamsell Jucundens Vorzuge nicht, aber das Gefuhl, wie sehr sie mir uberlegen sind, wird doch immer machen, dass sich mein Herz mehr zu dem frommen unschuldigen Julchen hinneigt, welche keine andern Anspruche kennt, als die man ihr selbst zugesteht, und die ihr ihre ofne unverderbte truglose Seele giebt.
Nach dieser wichtigen Begebenheit, die mir Klaren doppelt theuer machte, lebten wir geraume Zeit in der Ruhe, die uns unser ausserlich wiederhergestelltes Gluck vergonnte, und die uns unsere geheimen Bekummernisse erlaubten.
Mein und meiner Kinder vornehmstes Bestreben gieng dahin, Herrn Haller sein Leben, wo nicht angenehm, doch ertraglich zu machen, und wo moglich, Vergessenheit des Vergangenen und Hoffnung froher Zukunft in sein Herz zu pflanzen. Es gelang uns schlecht; er blieb duster und schwermuthig, die Zukunft hatte fur ihn keine Reize, und von der Vergangenheit blieben ihm nicht allein Reue und Gram, sondern auch gewisse Ideen und Vorurtheile zuruck, welche, wie es schien, nur durch die Hand des Todes ausgeloscht werden konnten.
Seine Neigung zur Alchymie war unheilbar, und so gewiss er uberzeugt war, dass er bisher von Betrugern hintergangen wurde, so war doch nichts im Stande, ihn zu uberfuhren, dass die ganze Sache, die seine fixe Idee ausmachte, ein Hirngespinst sey. Dass er fortfuhr an dem sogenannten grossen Werke fur sich im Stillen zu arbeiten, blieb uns allen, sogar Julchen, ein Geheimniss, bis ein schrecklicher Zufall, es ihr und uns allen erofnete.
Bey einem von den Morgenbesuchen, welche sie ihrem Vater in aller Fruhe zu machen pflegte, fand sie ihn nicht so wie gewohnlich in dem vordersten seiner Zimmer. Sie ofnete die nachste Thur, und ein widerlicher Geruch kam ihr entgegen; sie gieng noch weiter, bis sie endlich bey Eroffnung des innersten Kabinets, von einem schwefelartigen Dampf, der sie umzog, zu ersticken vermeynte. Sie hatte Muth genug dennoch hineinzugehen; der Qualm war zu dick, um etwas unterscheiden zu konnen, aber bey mehrerer Annaherung sah sie ihren armen Vater aller Besonnenheit beraubt, auf dem Boden liegen; der Augenschein wies, was seine Beschaftigung gewesen war, und dass eine zersprungene Retorte das Ungluck angerichtet habe.
Eine andere als dieses wackere Madchen wurde vom Schrecken ubermannt an der Seite ihres Vaters ohnmachtig zu Boden gesunken, und nebst ihm in der vergifteten Luft ein Opfer des Todes geworden seyn; sie behielt Muth und Krafte genug, den leblosen Korper in das ausserste Zimmer zu schleppen, und daselbst, weil sie zu schwach war, mehr zu thun, das Fenster zu eroffnen, und durch ihr Geschrey Hulfe herbey zu rufen.
Klare war die erste, die ihres Julchens angstliche Stimme gehort hatte. Als wir andern ankamen, fanden wir die beyden Madchen mit Versuchen beschaftigt, den Betaubten wieder zu sich selbst zu bringen. Herr Haller schlug die Augen auf, aber nur um sie von neuem zu schliessen. Alle wurksamere medicinische Hulfe, so schleunig sie auch herbey geschaft wurde, kam zu spat, er war bereits verschieden.
Ich habe diesen furchterlichen Auftritt kurz und schwach beschrieben, bey gewissen Gegenstanden fliegt die Feder, und die Gedanken eilen daruber hin, wie ein Furchtsamer in der Mitternacht uber geofnete Graber. Und sollte ich noch einmal so lang leben, als ich bereits gelebt habe, so wurde die Zeit nicht vermogend seyn, den Eindruck zu verloschen, den diese Scene des Schreckens auf meine Seele machte. Alles schwebt mir noch mit furchterlicher Deutlichkeit vor Augen, und wollte ich die Zuge auffassen, und sie so lebendig wie sie sich mir darstellten, auf das Papier werfen, sich musste zum zweytenmal erliegen, wie ich damals erlag.
Ich war nicht so stark wie Julchen. Das Schrecken warf mich zu Boden, und der Todesengel versetzte mir den Schlag, den er einst wiederholen wird, um mich ins Grab zu strecken.
Funf und zwanzigstes Kapitel
Die Frau Obristlieutenantinn von Sarnim tritt auf
Die Besorgniss um mein Leben hatte den Kummer meiner Kinder gehteilt. So tief der traurige Tod ihres Vaters ihre Seele verwundet hatte, so war doch die erste Hoffnung zu meinem Wiederaufkommen, welche ihnen nach einigen Wochen aufgieng, schon im Stande sie merklich zu trosten; und nun vollends meine ganzliche Wiedergenesung! O ihr Lieben, Dank euch fur eure Zartlichkeit, fur welche diese Welt kein Gleichniss hat! Euer Entzucken uber das Wiederaufbluhen dieses schwachen hinsinkenden Lebens war zu gross, es gehorte ganz in jene Gegenden jenseits des Grabes, wo kein Tod uns unsere Wiedergeschenkten von neuem entreissen kann.
Ich lebte von neuem, um neue ganz unvermuthete Freuden zu erfahren, die Dunkelheiten meines Lebens sollten sich nun nach und nach aufklaren, damit der Abend desselben so heiter wurde, als kaum sein Morgen war.
An einem der ersten Maytage war es, da ich meinen ersten Ausgang in den Garten hielt. Amalie leitete meine noch wankenden Schritte zu einer Laube, in welcher vormals mein Vater gern zu sitzen pflegte, und meine ubrigen bluhenden Tochter folgten mir. Die Fruhlingssonne schien sanft und mild durch das dunne Laub und erwarmte meine noch von dem Hauch des Todes erstarrten Glieder; rund um mich bluhte und lachte alles, und ich feyerte still, das Fest meiner Auferstehung zum irdischen Leben.
Meine Lieben lagerten sich rund um mich her, und zerstreuten durch ihr holdes Geschwatz meine ersten Gedanken; ach liebe Mutter, fieng auf einmal Julchen an, ich habe einen Fehler begangen! Sie sagten vorhin, sie wollten diesen Tag ganz in der Einsamkeit feyern, und ich bin so unbesonnen gewesen, einen Besuch, der sich ohngefehr vor einer Stunde bey ihnen melden lies, anzunehmen.
So war der Fehler eher begangen, erwiederte ich lachend, als das Gebot erschien, das ihn zu einem Fehler machte, und du hast also deine Verzeihung; uber dieses wuste ich nicht, wer zu uns kommen konnte, als Herr Walter und seine Gattinn, und fur diese bin ich immer zu Hause.
O nein, sagte Julchen, nicht Herr Walter und Charlotte, die Frau von Sarnim ists, welche um Zutritt bey ihnen bittet.
Die Frau von Sarnim? wiederholte Klare, meine Kousine Josephe? fast sollte ich glauben, liebes Madchen, du irrtest dich, und der Besuch musste nicht unserer Mutter sondern mir gelten.
Julchen behauptete das Gegentheil, und Klare fuhrte zur Bestattigung ihrer Meynung an, dass ihre Kousine Josephe sich gegenwartig in einer Verfassung befande, in welcher sie nicht glaubte, dass sie sich gern von jemand als von ihren nachsten Verwandten wurde sehen lassen. Sie kennen Josephen, liebe Mutter, fuhr sie fort, indem sie sich zu mir wandte, sie kennen sie noch als Fraulein von Wilteck; sie wissen auch vielleicht noch, auf was fur Art sie Frau von Sarnim wurde. Man nutzte den Unwillen, denn der brave Obristlieutenant auf ein anderes Madchen geworfen hatte, das ihn vielleicht besser verdiente, und Josephe ward seine Frau, ehe er fast selbst wusste, wie er dazu gekommen war. Da nicht Liebe oder Achtung sie zur Gemahlinn des Herrn von Sarnim machte, sondern von seiner Seite nur Ueberredung, und von der ihrigen nichts als der Wunsch einen andern Namen als Fraulein von Wilteck zu fuhren, so dauerte ihr Einverstandniss auch kaum den Hochzeittag aus. Der gegenseitige Widerwille wuchs mit der Zeit. Herr von Sarnim fuhrte seine Gemahlinn in die Welt, um ihrer wenigstens den grossten Theil der Zeit los zu werden. Josephe verabscheute seine Gesellschaft nicht allein eben so herzlich, sondern sie fand auch den Umgang mit andern jungern und schonern Mannern so reizend, dass der alte Herr endlich die Augen aufthun und Untreu ahnden musste. Josephe war so unvorsichtig in ihrer Auffuhrung, dass dem Oberstlieutenant die Scheidung leicht ward, und schon seit langer als Jahr und Tag sind sie getrennt. Josephe lebt auf einem einsamen Landgute, darf sich in der grossen Welt nicht mehr sehen lassen, und soll eigentlich nicht einmal den Namen desjenigen mehr fuhren, den sie so groblich beleidigt hat.
Ich begleitete Klarens Erzehlung mit einigen von meinen Anmerkungen, die ich gern einzustreuen pflege, wenn junge Leute gegenwartig sind; man kann diesem leichtsinnigen Geschlechte, gewisse Dinge nicht zu oft einscharfen, und Josephens Geschichte gab mir die schonste Gelegenheit, mich weitlauftig uber den Punkt auszubreiten, dass eine auf schlechten Grund gebaute Sache nie ein gutes Ende nehmen konne, und dass ein ubel erworbenes Gluck nie von langer Dauer sey.
Ich wollte eben meine kleine Rede schliessen, weil ich glaubte, die Aufmerksamkeit meiner Zuhorerinnen ermatten zu sehen, als wir am Ende der Allee, welcher unsere Laube entgegen sties, einen ansehnlichen Mann in prachtiger Uniform zum Vorschein kommen sahen. Mein fur meine Jahre noch ziemlich scharfes Gesicht lies mich eine bekannte Phisiognomie erkennen, und Klare sprang mit den Worten auf, Himmel, mein Kousin, der Obristlieutenant von Sarnim!
Sie flog ihm entgegen, und ich lies mich von meinen Tochtern aus der Laube leiten, um den edeln Mann zu empfangen, den ich allezeit so hoch geschatzt und mir ehemals so sehr zum Sohn gewunscht hatte. Der Gedanke an vergangene Zeiten fiel machtig auf mein Herz, ich sprach zu mir selbst: wurde die leichtsinnige Peninna sich nicht besser fur diesen Mann geschickt haben, als die luderliche Josephe? hatte sie ihren Gatten nicht glucklicher gemacht? Aber die Vorstellung von dem, was Peninna jetzt in meinen Augen war, vernichtete plotzlich diesen Gedanken, und ich dankte Gott, dass der edle Sarnim, wenn er nun einmal bestimmt war, durch eine lasterhafte Frau zu leiden, nicht durch eine Tochter von mir unglucklich werden musste.
Klare fuhrte den Obristlieutenant uns entgegen, ich empfieng ihn, wie man alte Freunde empfangt, und wir giengen zusammen in die Laube. Unsere Unterhaltung nach den ersten Komplimenten, war trockener als ich vermuthet hatte. Wir befanden uns alle unter einer gewissen Verlegenheit, welche machte, dass wir nicht recht wussten was wir sagen sollten. Der Obristlieutenant war ausserordentlich still und ernsthaft. Klare und ich hatten nicht ihn, sondern seine geschiedene Gemahlinn erwartet, wir waren neugierig, die Ursach dieses Irrthums zu wissen, aber wie war es moglich den Herrn von Sarnim nach Josephen zu fragen? wir beredeten uns endlich, es musste hier eine Namensverwechselung vorgegangen seyn, und man habe uns die Frau von Sarnim angesagt, da doch nur von dem Obristlieutenant die Rede gewesen war.
Diese leichte und wahrscheinliche Auflosung, brachte uns wieder ins Gleis; wir sprachen von mancherley Dingen, aber der Herr von Sarnim wollte nicht so recht einstimmen, er schien etwas auf dem Herzen zu haben, welches ihn alles, was wir sagten, nur mit halben Ohren horen liess. Selbst die Erzehlung von Herrn Hallers Tode, um die er uns sehr angelegentlich bat, und die wir ihm so umstandlich gaben, als es sich bey einem Fremden thun lies, war nicht im Stande den gewohnlichen Strom von Beileidsbezeugungen und Erzehlungen ahnlicher Falle herbey zu fuhren. Alles was der Obristlieutenant sagte, war, er habe die Nachricht von dem Trauerfall erst diesen Morgen in unserer Gegend erfahren, und er sey wahrhaft und innig davon geruhrt worden; er habe sich eine Freude darauf gemacht, auch Herrn Haller zu sehen, und musse nun seine angenehmen Hofnungen so zerstort finden.
Der bekummerte Ton, mit welchem Herr von Sarnim sprach, benahm dem, was er sagte, das Ansehen eines blossen Kompliments, und ich erwiederte seine Rede also auch anders, als man blosse Komplimente zu erwiedern pflegt. Er sagte wenig darauf, blickte oft aus der Laube nach dem Ende der Allee, und stand endlich gar auf.
Sie mussen mir verzeihen, Madam, sagte er, wenn ich sie auf einen Augenblick verlasse. Ich bin nicht allein gekommen. Meine neue Gemahlinn, welche mich begleitete, und die ich ihnen und Herrn Haller vorzustellen gedachte, wurde durch die Nachricht von dem Tode des letztern, die wir, die Wahrheit zu gestehen, erst in ihrem Hause erhielten, so erschuttert, dass sie schlechterdings nicht im Stande war, mir sogleich zu folgen; sie bat mich voraus zu gehen, ihre Madam Haller wollte ich sagen, auf ihren Anblick vorzubereiten, und ihr eine gute Aufnahme zu erbitten; darf ich auf das letzte hoffen? darf ich auf Freundlichkeit und unpartheyisches Gehor, fur meine arme Gemahlinn hoffen, wenn sie auch bey Madam Haller ein von Vorurtheilen eingenommenes Herz finden sollte?
Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Obristlieutenant, sagte ich; die Gemahlinn eines solchen Mannes, kann uberall Achtung und gute Aufnahme erwarten.
Schon genug vorerst, rief der Obristlieutenant; nehmen Sie sie nur erst in dieser Betrachtung mit ihrer gewohnlichen Gute auf, und das ubrige wird nachkommen.
Er entfernte sich schleunig; wir wollten ihm folgen, um seiner Dame mit der gebuhrenden Ehrerbietung zu begegnen, aber er hielt uns zuruck, und erlaubte nicht einmal Klaren mitzugehen.
Wir sahen uns alle unter einander an, als er fort war, wir wiederholten alle Theile seines Gesprachs, beherzigten seine Zerstreuung, und fanden in allem so viel Rathselhaftes, dass wir mit unsern Muthmassungen noch nicht zu Ende waren, als er schon wieder mit seiner Begleiterinn in die Laube trat.
Er hatte einen andern Weg als die Hauptallee mit ihr genommen; wir hatten sie nicht kommen gesehen, und ihr Anblick uberraschte uns also ausserordentlich, vornehmlich da die Dame ihren Schleyer zuruckschlug, und uns ein Gesicht zeigte, das ich hier nicht vermuthet hatte.
O Peninna schrie ich, und sank auf meinen Sitz zuruck. O meine Mutter! rief sie, und fiel mir zu Fusse!
Sechs und zwanzigstes Kapitel
Eine neue Person tritt auf, die dem Leser in der Folge
nicht ganz unbekannt seyn wird
Wollen Sie ihre Tochter nicht mit einer mutterlicher Umarmung beglucken? fragte der Obristlieutenannt, als ich verzog sie auf die Art zu bewillkommen, wie ich gethan haben wurde, wenn ich dem blinden Triebe meines wallenden Herzens hatte folgen wollen.
O edler Mann, rief ich, Peninne, ihre Gemahlinn? glauben Sie, dass mich dieses gegen ihre Vergehungen blind machen kann? Nein, es erschwert ihre Strafbarkeit; sie verdienten eine Gattinn, die ganz rein und fehlerlos war, keine wiederkehrende Sunderinn, wie ich allenfalls glaube, dass diese vielleicht seyn mag.
Peninna verbarg ihr Gesicht in meinen Schoos und weinte.
Aber mein Gott, Madam, rief der Obristlieutenant, mit einem Unwillen in seinem Blick, den ich noch nie bey ihm gesehen hatte, welches sind die Vergehungen, die sie dieser Unschuldigen aufburden? Hat nicht vielmehr sie Ursach uber Vernachlassigung, uber unmutterliche Harte, uber hartnackiges Stillschweigen, und endlich gar uber schimpfliche Zuruckschickung eines kindlichen Briefs, und eines Geschenks zu klagen, welches, da es von mir, von einem Manne kam, fur den sie einige Achtung zu haben vorgeben, doch wohl bessere Aufnahme verdient hatte.
Peninna hatte ihr mit Thranen benetztes Gesicht aufgerichtet, und es mit bittendem Blick nach ihrem Gemahl gewandt. Keine Vorwurfe! rief sie, mein Geliebter, ich will lieber schuldig seyn, als meine Mutter beschuldigen horen. Der Obristlieutenant lies sich nicht storen, er redete fort und ich fand in seinen letzten Worten etwas, das mir einen dammernden Schein von Licht gab.
Steh auf mein Kind, sagte ich zu der Knienden, es ist moglich, dass hier Irrthum und Misverstande vorwalten. Wir wollen eins das andere horen, und dann urtheilen.
Peninna konnte sich nicht langer halten; der erste freundliche Blick den ich ihr gab, machte ihr Muth mir um den Hals zu fallen; ich konnte meine Gefuhle nicht langer unterdrucken, ich erwiederte ihre Liebkosungen mit all der Zartlichkeit deren ich fahig war, und meine Thranen flossen in die ihrigen. Kind! Kind! rief ich, o dass es moglich war, dass du dich ganz entschuldigen konntest! doch auch als eine gebesserte Verbrecherinn sollst du mir willkommen seyn.
Madam, rief der Obristlieutenant noch immer mit nicht ganz besanftigtem Blick, ich weis nicht was fur Vergehungen sie meiner Gemahlinn schuld geben, aber wenn mein Wort, meine Burgschaft etwas bey ihnen gilt, so nehmen sie dieselbe fur die Tugend ihrer Tochter an. Peninna hat, so lange sie in Wien war und das ist doch wohl die furchterliche Epoche, in welche ihre vorgeblichen Vergehungen fallen sollen gleichsam unter meinen Augen gelebt, ich bin ein Zeuge aller ihrer Schritte gewesen, und ich konnte den Beyfall, den ich jeder Handlung dieses unvergleichlichen Madchens geben musste, auf keine nachdrucklichere Art bestatigen, als dass ich sie zu meiner Gemahlinn machte. Oder glauben Sie, dass Sarnim eine Unwurdige mit seiner Hand beehren wurde? dass er das Ungluck eine lasterhafte Frau zu haben, zum zweytenmal zu erfahren wunschte?
Der Obristlieutenant sagte diese Worte mit einem edlen Stolze, der ihm ein wahrhaftig grosses Ansehen gab; es war etwas Ueberzeugendes in seiner Rede. Ich streckte meine Arme nach Peninnen aus. Sollte es moglich seyn, rief ich, dass ich in dir meine unschuldige, ganz meine ehemalige Peninna umarmte?
O Mutter, erwiederte sie und umfasste meine Kniee von neuen, ich beziehe mich auf meine Briefe und sollten diese nicht in ihre Hande gekommen seyn, so kann eine Erzehlung von meinem bisherigen Leben, aus meinem oder meines Gemals Munde ja alle Zweifel aufklaren.
Dass diese Erzehlung an diesem Tage nicht erfolgte, lasst sich denken. Ich war zum Anfang mit dem zufrieden, was ich gehort hatte, und was ich vermuthen konnte. Ich lies Peninnen aus meinen Armen, sie ward von ihren Schwestern und von Klaren, doch wie mir es schien, von der letztern mit einiger Kalte bewillkommet, und wir wandten den ubrigen Theil des Tages an, einander Bruchstucke von unserm bisherigen Ergehen zu liefern. Ich erklarte Peninnen woraus mein Verdacht gegen sie erwachsen war. Samuels Brief, Klarens Bericht, Amaliens und Jucundens unvollkommene Nachrichten, ihr eignes langes Stillschweigen, und dann der rathselhafte Brief von ihr, welcher recht darzu geschrieben zu sey schien, allen bosen Verdacht in mir zu nahren, alles dieses legte ich ihr und ihrem Gemahl vor, und beyde kamen darinnen mit mir uberein, dass der Schein sehr wider Peninnen gewesen sey Man versprach mir alles aufzuklaren, und konnte sich nur in den Punkt wegen der ausgebliebenen Briefe nicht finden. Dass sie nach Hohenweiler addressirt gewesen waren, und uns da nicht gefunden hatten, war ausgemacht; dass sie in die Hande des Katharines und seiner wurdigen Gattinn fielen, lies sich vermuthen; aber was fur Ursache sie haben konnten, sie zu unterschlagen hatte sich nicht ausdenken lassen, wenn wir nicht darinnen uberein gekommen waren, dass es, so unglaublich es auch scheint, doch noch Leute giebt, welche Boses thun, ohne Rucksicht auf weitern Nutzen, blos darum, weil es bose ist, und andere unglucklich macht; auch konnte in diesem Fall die Neugierde der Frau Amtmannin Katharines, und die Schadenfreude ihres Mannes, wohl einige angenehme Nahrung gefunden haben, wodurch ihnen die Ausubung dieses Bubenstucks belohnt wurde.
Herr von Sarnim und Peninne, hatten, da sie aus Unwissenheit unsers gegenwartigen Aufenthalts uns zuerst in Hohenweiler suchten, genug von diesem wurdigen Paare gesehen, um diese Muthmassungen nicht unwahrscheinlich zu finden. Man hatte sie mit ubertriebener Hoflichkeit aufgenommen, ihnen kaum zu sagen gewusst, wo wir uns gegenwartig aufhielten, allerley hamische Winke wegen meiner und meiner Kinder Auffuhrung gegeben, und sich sorgfaltig gehutet, von Herrn Hallers Tode, der doch in der ganzen Gegend bekannt war, etwas zu gedenken; vermuthlich um uns doch die Freude des Wiedersehens durch den plotzlichen Schrecken zu verbittern, den die traurige Nachricht der armen Peninne machen musste, wenn sie sie ohne alle Vorbereitung erhielt.
Der Obristlieutenant stampfte mit dem Fusse, und sties einen furchterlichen Fluch aus, den ich nie aus seinem Munde gehort hatte. Er schwur, er musste Gewissheit von diesen Dingen haben, und schickte des andern Tages seinen Kammerdiener mit einem Briefe nach Hohenweiler, um Erkundigung hieruber einzuziehen.
Der Kerl, der Katharines, sprach er, hat einen braven Purschen in seinen Diensten, welcher lange als Korporal unter meinem Regimente gedient hat, er war arm, aber von gutem alten Adel; der Narr, er konnte jetzt Officier seyn, aber es war eine unruhige Seele, der Dienst im Frieden war ihm zu langweilig, er wartete vergebens auf Krieg, wo er sich auf einmal zu heben dachte. Er wollte es auf andere Art versuchen, das Studieren kam ihm in den Kopf, er erhielt seinen Abschied, gieng auf die Universitat, legte sich, wie ich hore, dort auf die luderliche Seite, und hat doch, wie es scheint, nun so viel gelernt, in Hohenweiler den Amtsverweser vorzustellen. Er kam nicht eher zum Vorschein, als da uns schon der Amtmann und sein Weib mit vielen Ceremonien in den Wagen begleitete. Was zum Teufel, schrie ich, als ich ihn uber den Hof gehen sah, ist das nicht mein ehemaliger Korporal Harold? Unser jetziger Herr Amtsverweser, kakelte die Amtmannin. Ich fragte, ob ich nicht ein paar Worte mit ihm sprechen konne, aber Katharines entschuldigte ihn, und sagte, ich wurde wohl an seinem Anzuge bemerkt haben, dass er eben im Begriff sey auszureiten. An diesen Harold habe ich geschrieben, er war ein guter Laurer als er unter meinem Regimente war, und ich bin versichert, er wird aus Consideration fur seinen alten Obristen, alles versuchen, hinter die Bosheiten des niedertrachtigen Katharines zu kommen.
Sieben und zwanzigstes Kapitel
Peninnens Geschichte
Dieser Tag war dazu bestimmt, alle meine Zweifel uber Peninnens bisherige Auffuhrung zu heben.
Wir sassen des Nachmittags alle beysammen. Es war ein schwuler Fruhlingstag, das erste Gewitter hatte uns aus dem Garten ins Zimmer getrieben. Ich sass am geofneten Fenster in meinem Lehnstuhl, und athmete die Wohlgeruche der erfrischten Natur. Meine Kinder sassen um mich her bey ihrer Arbeit, der Oberste rauchte seine Pfeife und Peninna begann ihre Erzehlung wie folget:
Ich weis in der That nicht, auf was fur Art ich meine Geschichte anfange. Soll ich sie liebe Mutter bis zu Ende derselben in der Tauschung lassen, aus welcher ich selbst erst vor kurzer Zeit gerissen wurde? soll ich sie in dem Wahne erhalten, den ich selbst so lange hegte, dass Gabriele mich aus alter Freundschaft in ihr Haus nahm, oder entdecke ich ihnen die abscheuliche Verschworung wider mich, welche der Grund dieses in meinen Augen so glanzenden Glucks war?
Sie wissen, was mich aus Walters Hause trieb, auch mein Gemahl weis es; ich hielt es fur unbillig, demjenigen, welcher in aller Absicht so edel gegen mich handelte, ein Geheimniss aus meiner ehemaligen Neigung fur Charlottens Gatten zu machen, auch sehe ich nicht ein, warum ich nicht von einer Schwachheit gegen ihn hatte reden sollen, welche die Zeit, und die Liebe, und die innige Hochachtung fur den, dem ich jetzt angehore langst vernichtet hat.
Ein zartlicher Blick und ein feuriger Handedruck des Obristlieutenantes, lohnte Peninnen, fur diese mit ihrer eigenen holdseligen Art vorgebrachten Worte. Sie zog seine Hand an ihre Lippen, und ich dachte in meinem Herzen, es konne keinen reizendern Anblick geben, als eine junge und schone Frau, welcher die redliche treue Liebe gegen einen bejahrten Gemahl so ganz aus den Augen blickt, wie hier der Obristlieutenantinn von Sarnim. Sie fuhr fort:
Den Aufenthalt in Walters Hause, mit dem Leben zu Hohenweiler zu vertauschen, war der einige Ausweg den ich kannte, und sie werden sich noch erinnern, liebe Mutter, dass die Verfassung in meinem vaterlichen Hause damals gar nicht so war, dass ich mich, ungeachtet ich Sie daselbst fand, sehr nach demselben sehnen konnte.
Wie ein Engel vom Himmel trat Gabriele auf, und zeigte mir einen dritten Weg, an den ich nie gedacht hatte, und den ich mir nicht reizender hatte wunschen konnen. Sie kam mit der Miene der Unschuld und der alten Vertraulichkeit; es wurde ihr leicht meinen Unwillen uber vergangene Dinge zu tilgen. Sie redete mit mir die Sprache des Herzens, entdeckte mir ihre ganze Lage, klagte mir ihre eigene Kranklichkeit, und die Hypochondrie ihres Mannes, und versicherte mich, dass ihnen meine Gesellschaft zu der erwunschtesten Aufheiterung dienen wurde, schilderte mir die glanzenden Scenen der grossen Welt, in welche sie versprach mich einzufuhren, und ich war gefangen.
Einige Einwendungen, welche sich auf die ehemalige Liebe des Regierungsraths gegen mich bezogen, und die ich mit ziemlicher Schuchternheit vorbrachte, wurden mit grossem Gelachter aufgenommen. Gabriele versicherte mich, mit einem etwas empfindlichen Ton, die Liebe des Regierungsraths gegen sie ware alter, als die zu mir; nur Verzweifelung uber ihre ehemalige Horte, hatte ihn zu meinem Verehrer gemacht, und ich hatte keine Ursach mich fur einen Ruckfall zu mir zu furchten, ihr Gemahl sey zu glucklich durch sie, um an fremde Liebe zu denken.
Ein Blick in den Spiegel, und ein stolzes Zuruckwerfen ihres Kopfs, verwies es mir, dass ich so unbesonnen eine Furcht vor der Macht meiner eignen Reitzungen in Vergleichung mit den ihrigen geaussert hatte, und ich wusste meinen Fehler durch nichts, als durch die sorglose Einwilligung in alles was sie verlangte, zu verbessern. Ich konnte, ich musste ja wohl ruhig uber die Folgen des Schrittes seyn, den sie mir zumuthete, da sie es war.
Aber wahrhaftig, unterbrach ich Peninnen, ich kann auch nicht einsehen, was die Regierungsrathinn fur Absichten haben konnte, dich zu sich zu locken, wenn sie der Treue ihres Mannes nicht ganz versichert war? Du sprichst von Fallstricken, von Anschlagen wider dich, und ich sehe nicht ein, wo sie liegen konnen, und was man darunter suchen konnte, dich auf Irrwege zu leiten; welche, wenn sie dahinaus giengen, wie ich vermuthe, ja Gabrielen am nachtheilichsten werden mussten.
Die ganze Sache, fuhr die Erzehlerinn fort, bezieht sich auf einen in dem hochadelichen Wilteckischen Hause angenommenen Grundsatz: Liebe konne durch nichts leichter getilgt werden, als durch zwanglosen ungestorten Umgang, und die eifersuchtigste Gattinn konne sich durch nichts der Ruckkehr ihres Ungetreuen gewisser versichern, als wenn sie ihre Nebenbuhlerinnen ganz in seine Gewalt hingabe.
Der Regierungsrath hatte nie aufgehort mich zu lieben; er war mit Gabrielens Heirath in dem Augenblikke des Unwillens wider mich ubereilt worden, er konnte sich kaum die ersten Tage seines Ehestandes zwingen, seine Verachtung gegen seine Gemahlinn, und seine immer noch dauernde Neigung gegen mich zu verhelen. Gabriele liebte ihn wurklich, sein Bezeigen sturzte sie in Verzweiflung, und sie suchte in ihrem Kummer Rath bey ihrer Mutter, welche ihr ihn auf die vorhin angefuhrte Art gab.
Ich konnte mich nicht enthalten, bey dieser Stelle von Peninnens Erzahlung einen tiefen Seufzer auszustossen. Ich kannte diesen edeln Wilteckischen Grundsatz aus der Erfahrung; auf ahnliche Art war man mit meiner unglucklichen verstorbenen Tochter umgegangen; man hatte ihre Tugend aufgeopfert, um des Lieutenants Liebe zu ihr zu todten.
Peninna, welche noch zu kurze Zeit wieder bey mir war, um umstandlich von Hannchens Geschichte benachrichtiget zu seyn, verstand meinen Seufzer nicht; sie deutete ihn vermuthlich allein auf sich, und gieng in ihrer Erzahlung weiter.
Frau von Wilteck hatte einige Muhe Gabrielen zu dieser verzweifelten Kur einer unrechtmassigen Liebe zu bereden, und sie siegte nur endlich durch ihr eigenes Beyspiel. Sie fuhrte an, dass Demoiselle Robignac auch ehemals diejenige war, welche dem alten Herrn von Wilteck weit besser als seine Gemahlinn gefiel; die Nachsicht und Gefalligkeit der klugen Frau von Wilteck brachte es dahin, dass die gefahrliche Franzosinn, bald der Gegenstand der tiefsten Verachtung ihres ehemaligen Liebhabers ward, und Gabriele jauchzte uber die Vorstellung, ihren Gemahl nach dem Beyspiel ihres Vaters einst mit verneuter Treue zu ihr zuruckkehren, und mich, die sie von Herzen hasste, in seinen Augen zu dem verachtlichen Charakter einer Robignac erniedrigt zu sehen.
Abscheulich! schrie ich, indem ich die Erzahlerinn unterbrach, fast zu abscheulich, um geglaubt zu werden!
Und doch wahr, erwiederte der Obristlieutenant. Wie glucklich war meine Peninna gewesen, wenn sie diese Dinge gleich von Anfange gewusst hatte! sie erfuhr sie erst spat durch mich, und auch ich hatte nie ein solches Gewebe von Bosheit vermuthen konnen, wenn ich nicht durch einen Zufall hinter dasselbe gekommen ware.
Peninna nahm das Wort von neuem: Gabriele war froh mich in ihrer Gewalt zu haben. Sie stellte mich ihrem Gemahl vor, und die Besturzung die er uber meinen Anblick, und uber meinen Entschluss bey seiner Gemahlinn zu leben, blicken liess, war zu sichtlich, um mir und der Regierungsrathinn zu entgehen. Gabrielens Gesicht ward mit einer gluhenden Rothe uberzogen, und ich dachte bey mir selbst, die gute Frau mochte doch wohl einen zu vortheilhaften Begrif von der ungetheilten Liebe ihres Gemahls fur sie haben. Der Entschluss auf meiner Hut zu seyn, allen Umgang mit meinem ehemaligen Liebhaber zu fliehen, und seine Gattinn, die in meinen Augen so unschuldig und truglos handelte, nicht mit Undank zu belohnen, war fest gefasst.
Ich fand bald, dass ich Ursach zu diesem Entschluss hatte. Sie beste Mutter, gaben mir einesmals die Lehre, ein ehrliches Madchen musse sich jedem Auge entziehen, welches kein Recht hatte, nach ihr zu blikken, wenn sie sich nicht, selbst bey ihren Verehrern, in schlechten Kredit setzen wolle, und ich ward jetzt von der Wahrheit dieses Satzes uberzeugt.
Der Regierungsrath schien aus der Kuhnheit, mit welcher ich es wagte, sein Haus zu meinem Aufenthalte zu machen, schlechte Folgen fur meine Tugend zu ziehen. Er verfolgte mich uberall; er strebte nach einer einsamen Unterredung mit mir, und als er dieselbe, aller meiner Behutsamkeit ungeachtet, endlich fand, so nutzte er diese Gelegenheit, mich so ungescheut von seiner nie verloschenen Liebe zu unterhalten, dass mir die Augen vollig aufgiengen, und ich die Gefahr, in welche ich mich gesturzt hatte, deutlich vor Augen sah.
Ich begegnete ihm auf die Art, wie er es verdiente, aber wenn ich mich auch fur den gegenwartigen Augenblick seiner entschlagen hatte, so wusste ich doch nicht, ob ich in Zukunft fur ahnlichen Auftritten sicher war.
Ich war unschlussig, was ich thun sollte. Sollte ich fliehen? sollte ich Gabrielen von der Sache benachrichtigen? das erste dunkte mich zu romanhaft, und das andere grausam. Ich wusste von den teuflischen Anschlagen meiner sogenannten Freundinn nichts, und es gieng mir nahe, sie aus dem sussen Wahn von der Treue ihres Gemahls, in welchem ich sie glaubte, zu reissen.
Wir befanden uns gegenwartig zu Pyrmont im Bade, die Gewohnheit erforderte es, die ganze Kurzeit dem Mussiggange und den Vergnugungen zu weihen; ich konnte hoffen, dass die Leidenschaft meines Verfolgers gegenwartig nur durch die ungewohnte Musse genahrt wurde, und dass, wenn wir in Wien angelangt waren, mehrere Geschafte dieselbe schwachen wurden; auch nahm ich mir vor, dann mich so einzurichten, dass ich nie mit ihm in einer Gesellschaft war, und ihm so wenig als moglich vor die Augen kame; ein Entschluss, der nicht so leicht auszufuhren als zu fassen war.
Wir giengen nach Wien zuruck. Gabriele machte mich mit allen Schauplatzen der grossen Welt bekannt, und ich darf sagen, dass ich keine verachtliche Rolle auf denselben spielte. Ich war eine ganz neue Erscheinung, Gabriele schien etwas darunter zu suchen, dass sie mich mit allem moglichen Glanz auftreten liess, und ich taumelte eine Zeitlang, trunken von einer Ergotzlichkeit zur andern. Konnte etwas das Vergnugen, das ich genoss, schwachen, so war es der lastige Regierungsrath, dessen Anblick ich nirgend entfliehen konnte, und der mich mit seinen verdrusslichen Unterhaltungen uberall umlagert hielt. Ich ward nach gerade des Gerausches uberdrussig, ich hofte meinem widrigen Gesellschafter zu entfliehen, und entschloss mich, inskunftige die Einsamkeit zu wahlen.
Aber auch hier ward ich von meinem Verfolger vertrieben. Die ausserste Verachtung, mit welcher ich ihm begegnete, diente nur dazu, meinen Werth in seinen Augen zu erhohen. Er schwur, er konne mich nicht vergessen; er wolle sich von Gabrielen scheiden lassen, und mich zu seiner Gemahlinn machen, und als er sahe, dass er auch mit diesen Anerbietungen nicht auskam, so fieng er an, eine andere Rolle zu spielen, welche mich nothigte, meinen Entwurf zum stillen einsamen Leben aufzugeben, und mich lieber mitten in den Wirbel der modischen Zerstreuungen zu sturzen, als seinen Anfallen ausgesetzt zu seyn.
Wer mich zu dieser Zeit gesehen hat, der musste mich wohl fur die ausgelassenste Thorinn halten, welche im ganzen Bezirk des schwindelnden Wiens zu finden war, aber wer in mein Herz geblickt hatte, wurde mich anders beurtheilt haben. Unter dieser frohen Aussenseite, unter diesem schimmernden Putz, schlug ein von Sorgen zernagtes Herz; ich wusste nicht, wie ich dem glanzenden Elend, unter welchem ich schmachtete, entfliehen sollte; wusste nicht, wenn ich blieb, was endlich mit mir werden wurde, und hatte keinen andern Trost, als den Umgang des edeln Obristlieutenants, meines jetzigen Gemahls. O hatte ich nur das Herz gehabt, ihm meinen eigentlichen Kummer sogleich zu entdecken, so aber war das einige, womit ich mir zu helfen suchte, dass ich mich immer an seiner Seite hielt, ihn am liebsten zu meinem Begleiter bey offentlichen Lustharkeiten wahlte, und wenn ich zu Hause blieb, immer um seine Gesellschaft bat.
Ja wahrhaftig, fiel der Obristlieutenant ein, ich wusste manchesmal nicht, wie ich mit der kleinen Hexe daran war, fast hatte ich denken konnen, sie habe sich, nachdem sie mich durch ihre ehemalige Laune von sich gescheucht hatte, noch hinten nach in mich verliebt; denn welcher ehrliche Kerl, der nur ein bischen gute Meynung von sich hegt, wird denn denken, dass seine Gesellschaft blos darum gesucht wird, um einen andern zu verjagen?
Mein lieber Sarnim, mein Schutzengel, fuhr Peninne fort, war mir in der That die beste Vertheidigung gegen die Gesellschaft meines Verfolgers; der Regierungsrath scheute sich vor ihm fast allein, und ich brauchte oft nur seinen Namen zu nennen, um ihn los zu werden. Ich hatte zuweilen mich Gabrielens zu eben diesem Endzwecke bedienen wollen, aber die Erwehnung ihrer hatte bey ihrem Gemahl keine Kraft, und ihre Gesellschaft zu haben war vollends unmoglich; sie war ihrem teuflischen Anschlage der Leidenschaft ihres Gemahls in allem nachzusehen zu treu, als dass sie ihm eine einige Gelegenheit, mich ohne Zwang zu sehen, hatte entwenden sollen; und liess ich etwa ein zweydeutiges Wort uber meine verdrussliche Verfassung fallen, so brach sie in ein lautes Gelachter aus, und fragte mich, ob ich etwa auf meine alten Grillen gerathen, und sie bereden wollte, dass ihr Gemahl seine ehemaligen Absichten auf mich noch nicht aufgegeben habe?
Zu dieser Zeit war es, als das Fraulein von Vohlen in unserm Hause erschien. Ich hofte an ihr eine Gespielinn, und eine Gefahrtinn zu finden, welche mich vor lastiger Gesellschaft schutzen konne; aber darf ich es in ihrer Gegenwart sagen? Gabriele wusste mich wider sie einzunehmen, sie machte mir ein Bild von ihr, welches ich damals fur so richtig gezeichnet hielt, als ich gegenwartig von dem Gegentheil uberzeugt bin.
Ich hoffe, das werden sie, gnadige Frau, fiel die errothende Klare meiner Tochter in die Rede; Gabriele spielte die nehmliche Rolle in Ansehung ihrer gegen mich, und ich furchte, ich bin durch die Erzehlung, die ich bey Madam Haller von ihnen machte, Ursach gewesen, dass Unwille und Misverstandnisse in ihrem Herzen genahrt wurden.
Wollte Gott, erwiederte die Obristlieutenantinn, sie waren die einige gewesen, deren schlechte Meynung von mir ich zu bekampfen gehabt hatte. Falscher Verdacht lasst sich ja noch wohl aus einem guten Herzen ausrotten, wenn man ihm die Wahrheit vor Augen legt; aber wie will man diejenigen uberzeugen, welche nicht uberzeugt seyn wollen? welche sich freuen, an andern einen Schein von ihren eigenen Lastern zu finden, um sich damit entschuldigen zu konnen?
Ich ward nach und nach gewahr, dass alle meine strenge Anhanglichkeit an Tugend und Unschuld mich nicht fur bosen Ruf schutzen konnte. Gabriele zurnte, dass ihre Anschlage so schlecht gluckten, und dass sie sehen musste, wie die Neigung ihres Gemahls durch meine Standhaftigkeit eher wuchs als abnahm. Ich entgieng allen ihren Fallstricken, von welchen ich ihnen manche Auftritte melden konnte, wo ich dem Verderben, durch eine Hand, die ich damals noch nicht kannte, recht augenscheinlich entgegen gefuhrt ward, wenn ich nicht immer noch hofte, meine damals an sie, meine Mutter geschriebenen Briefe, die das meiste davon enthalten, wieder in meine Hande zu bekommen, und sie ihnen vorlegen zu konnen.
Da die Regierungsrathinn meine Tugend nicht sturzen konnte, so wollte sie wenigstens meinen guten Ruf zerstoren. Die Leidenschaft ihres Gemahls fur mich, musste einem jeden in die Augen fallen. Der Glanz, in welchem mich die betrugerische Freygebigkeit meiner Freundinn erscheinen liess, erregte Neid, und, da man meinen Stand und Vermogen kannte, den Verdacht, ich prangte mit dem Lohne meiner Schande. Gabrielens verstohlne Winke, und kunstlich angebrachte Thranen und Klagen, gaben meiner Ehre vollends den letzten Stoss, und es ward bald durchgangig behauptet, dass Peninna Haller die erklarte Geliebte des Regierungsraths sey. Das Gericht setzte mich der setzte mich den verworfensten meines Geschlechts an die Seite.
Sage es doch nur heraus, was du auf dem Herzen hast, unterbrach Herr von Sarnim seine Gemahlinn, du willst sagen, man habe dich der luderlichen Josephe, meiner verworfenen Gattinn, an die Seite gesetzt. Die Ausschweifungen dieses Ungeheuers, waren damals so stadtkundig geworden, dass ich sie nicht langer an meiner Seite dulden konnte, ohne meiner eigenen Ehre zu schaden; ich liess mich von ihr scheiden, und diese Scheidung war die Veranlassung, dass ich hinter alle Anschlage kam, welche die Wiltekkischen Furien wider die unschuldige Peninna geschmiedet hatten. Ich durchsuchte Josephens nachgelassene Papiere, und fand unter denselben, eine gute Parthie Briefe, welche zwischen Gabrielen, Josephen und ihrer Mutter uber diesen Punkt gewechselt worden waren. Ich erstaunte. Ich eilte zu Peninnen, um ihr diese schrecklichen Geheimnisse zu erofnen. Ich fand sie in Thranen, sie war eben aus einer Gesellschaft nach Hause gekommen, wo sie die Erstlinge von der Verachtung eingeerndtet hatte, in welche sie der bose Ruf, in den sie unschuldiger Weise gerathen war, zu sturzen begann. Hier hatte sie zuerst deutlich erfahren, was man von ihr hielt, und es fehlte nicht viel, dass man es ihr frey unter die Augen sagte, dass sie die Matresse des Regierungsraths sey.
Ich wusste ihre Unschuld. Sie weinen zu sehen, durchbohrte mir das Herz. Ich hatte die Beweise von der Bosheit ihrer Feinde in den Handen, und mein Entschluss, wie ihr zu helfen, und auch mein Gluck wieder herzustellen war, war gefasst. Ich trostete sie, so gut ich konnte, ich bat sie, sich einige Tage eingezogen zu halten, und unter dem Schein einer Unpasslichkeit, jedermann von sich entfernen. Auch der uberlastige Regierungsrath, musste sich durch diesen Vorwand abweisen lassen.
Ich nutzte diese zeit, alle meine Anstalten zu machen; ich bat, als ich mit denselben zu Stande war, eine grosse Gesellschaft von den vornehmsten Personen aus unserer Bekanntschaft zusammen, und vergas vor allen andern diejenigen nicht, welche meiner Peninna bey der letzten Gesellschaft, die sie besuchte, so schimpflich begegnet hatten. Auch der Regierungsrath und seine Gemahlinn waren nicht vergessen.
Meine Gaste waren alle in meinem Hause versammelt. Man hatte von meiner Einladung etwas ausserordentliches erwartet, und sich daher in vollem Glanz eingefunden. Man war eben im Begriff, sich zum Spiel niederzusetzen, als ich mit meiner reizenden, unschuldigen, errothenden Peninna eintrat.
Alles ward rege. Es entstand ein unvernehmliches Gefluster, welches bald in ziemlich laute Schmahungen ausartete; die Damen riefen nach ihren Bedienten, und die Herren nahmen Hut und Degen zur Hand. Ich fragte nach der Ursach dieses Aufstandes, niemand wollte reden, bis die alte Generalinn von *** das Wort nahm, und mir im Namen der ganzen Gesellschaft meldete, dass sie mich fur zu edel und gesittet gehalten hatten, eine Person, wie Mamsell Haller, in ihre Gesellschaft zu bringen, und darum auf meine Einladung erschienen waren; dass ich ihnen aber verzeihen musste, dass sie nun, da sie ihren Irrthum inne wurden, mein Haus sogleich verliessen, und es nicht eher wieder betreten wurden, bis ich ihnen Genugthuung fur diesen Schimpf gegeben hatte.
Ich glaube, ich habe so ziemlich die Stimme und das Ansehen darnach, mir Gehor zu verschaffen; ich fuhrte die Generalinn sehr hoflich nach ihrem Stuhl zuruck, bat um eine Viertelstunde Aufmerksamkeit, und trug denn ohngefehr dasjenige vor, was ich bisher gesagt habe, nur vielleicht mit etwas mehrerm Feuer und Nachdruck. Zum Beweis meiner Worte, liess ich dann die wichtigsten von den vorerwehnten Briefen, von Hand zu Hand gehen, und als ich sahe, was dieses fur Wurkung that, so gab ich der Sache dadurch das vollige Gewicht, dass ich Peninnen bey der Hand nahm, und sie der Gesellschaft als meine Braut vorstellte. Ich, sagte ich, ich war der Zeuge aller ihrer Handlungen, ich getraue mich fur ihre Unschuld so zu sprechen, wie fur meine Ehre, und ich fuhre sie zur Bestattigung meiner guten Meynung, zur Bestattigung, dass ich sie allen Damen der ganzen Welt, selbst allen in dieser gegenwartigen Versammlung vorziehe, zum Altar, und mache sie zu meiner Gemahlinn.
Peninna und ich waren vorher schon unserer Sachen eins geworden, sie bezeigte sich also bey dieser Gelegenheit so, wie es ihr zukam. Die ganze Gesellschaft war wie umgekehrt; Entschuldigungen und Gluckwunsche stromten von allen Seiten herbey. Die alte Generalinn umarmte meine Braut, und bat um die Ehre sie als Mutter zum Altar zu fuhren. Im Nebenzimmer war alles zur Trauung bereitet; die ganze Gesellschaft folgte uns dahin, bis auf Gabrielen und ihren Mann, welche zu deschamt gewesen waren, um in der Gesellschaft bleiben zu konnen, und gleich, da die Briefe zum Vorschein kamen, ihren Abschied in der Stille genommen hatten.
Peninne, meine holde unschuldige reizende Peninne, war nun meine Frau, und lehrte mich das Leben, das mir die nichtswurdige Josephe verbittert hatte, liebgewinnen. Jedermann billigte meine Wahl. Die Obristlieutenantinn von Sarnim wurde vergottert, und die beschimpfte Peninne Haller ganz vergessen. Man drangte sich um uns, man stellte Feste uns zu Ehren an, und raubte uns dadurch die schonen Tage, die wir so gern im einsamen Genuss unsers Glucks zugebracht hatten.
An einem von diesen ersten Tagen nach unserer Vermahlung war es, dass Peninna im Schauspiel ihre Schwester auf dem Theater erblickte; was sie that, ist bekannt, und ich glaube, man wird die geheimnissvolle Art, mit welcher sie die beyden Unglucklichen, die sie retten wollte, zu sich kommen liess, welche man hier so tadelhaft gefunden hat, jetzt entschuldigen. Der Augenblick, da die Schmahsucht eben erst aufgehort hatte, Peninnens Ehre zu verlastern, war gewiss nicht die schicklichste Zeit, ihr neuen Stoff zu albernem Geschwatz in den Weg zu werfen. Ich schatze Amalien und Jucunden, und sie sollen sehen, dass sie an mir einen Bruder haben werden, welcher ihr Gluck zu machen weis; aber sie werden selbst gestehen mussen, dass der Stand, in welchem sie von ihrer Schwester gefunden wurden, nicht so beschaffen war, dass er ihr oder mir Ehre machen konnte, und dass meine Peninna wohl that, die Sache so geheim zu behandeln, dass selbst ich nichts davon erfuhr.
Sie entdeckte mir nach der Abreise ihrer Schwestern alles, und ich fand nichts daran zu tadeln, als dass sie nicht deutlich mit ihnen von ihrer gegenwartigen Verfassung gesprochen hatte. Mit was fur Herzen, sagte die gutmuthige Seele, hatte ich meine unglucklichen Schwestern von meinem Gluck benachrichtigen konnen, ohne sie offentlich an demselben Theil nehmen zu lassen? Dieses war unmoglich, und ich liess es also dabey bewenden, ihnen einen Brief an unsere Mutter mitzugeben, welcher alles enthalt, was sie wissen mussen, und was sie am besten aus ihrem Munde horen werden; mich dunkt, diese Erzahlung, aus meinem Munde wurde Beschamung und Vorwurf ihrer Verirrungen gewesen seyn.
Ich war mit allem zufrieden, was Peninne gethan hatte, und freute mich, sie nach dieser Begebenheit ruhiger als zuvor zu sehn. Das bisherige Stillschweigen ihrer Mutter auf alle ihre Briefe, hatte sie oft sehr beunruhigt, sie glaubte, ganz von ihr vergessen zu seyn, und sie setzte jetzt grosse Hoffnungen auf die Vermittelung ihrer Schwestern, und den durch sie abgeschickten Brief, dass dadurch alle Misverstandnisse aufgehoben werden wurden.
Aber wie erstaunten wir, als wir nach einiger Zeit diesen Brief, ohne eine Zeile zur Beantwortung zuruck erhielten; auch das kleine Geschenk, das ich fur die Frau, die ich so sehr verehrte, bestimmte, und das meine Gattinn nebst dem Briefe abgeschickt hatte, war verschmaht worden, und es enthielt Spuren, dass man ihm, diesem unschuldigen Merkmahl meiner Achtung mit der aussersten Geringschatzigkeit begegnet hatte.
Meine Frau war in Verzweiflung, und ich kann nicht laugnen, dass auch ich nicht kaltsinnig bey der Sache blieb. Ein alter Soldat ist in solchen Dingen empfindlich. Sie mussen mir verzeihen, Madam, wahrlich, ihr Betragen krankte mich in der Seele, und ich weis es nicht, ob ich in meinen Ausdrucken uber diesen Punkt, allemal in den Schranken der Sanftmuth geblieben bin, wenigstens hat mir meine Peninne zuweilen so etwas vorgeworfen. Auch Amalie und Jucunde, bekamen ihren Theil an meinem Unwillen; sie waren in meinen Augen Friedensstohrerinnen, oder hatten wenigstens ihren Auftrag schlecht ausgerichtet.
Peninne setzte ihre ganze Hoffnung auf eine mundliche Unterredung; sie sehnte sich nach Hohenweiler zu ihren Eltern, und ich hatte die angenehme Reise dahin, langst mit ihr unternommen, wenn nicht meine Geschafte mich theils noch eine Zeitlang zu Wien aufgehalten, theils meine Gegenwart auf meinen Gutern nothwendig gemacht hatten; ich habe sie nunmehr alle besucht, alles auf denselben in Richtigkeit gebracht, nur das eine neugekaufte, haben wir noch nicht gesehen; es ist in ihrer Nachbarschaft, in denke mit meiner Frau morgen dahin abzugehen; es soll inskunftige unsere bestandige Wohnung seyn. Es wurde mir leid thun, wenn wir uns so bald wieder von denen, die wir lieben, trennen mussten.
Acht und zwanzigstes Kapitel
Tod des Tyrannen dieser Geschichte, des Herrn
Katharines
Hier endigte der Obristlieutenant seine Erzahlung, und es lasst sich denken, was fur Eindruck sie auf uns alle machte.
Ich hab es fur unnothig gehalten, die Entschuldigungen, Rechfertigungen, und alle Aeusserungen der Freude, des Kummers und der Verwunderung, mit einzuflechten, an welchen sie hier und da unterbrochen wurde, und eben so unnothig dunkt es mich, die Scene, welche auf dieselbe folgte, zu schildern. Lang getrennte Freunde, Eltern und Kinder, die durch Misverstandnisse entzweyt, und nun wieder vereinigt wurden; Ungluckliche, welchen sich endlich eine heitere Aussicht auf dauerhafte Ruhe zeigt, werden am besten wissen, was unter uns vorgieng, und mir die schwere Schilderung ersparen; und wer hat nicht in seinem Leben, im Grossen oder im Kleinen einen solchen Auftritt erfahren!
Es ist wohl nicht leicht auf dieser veranderlichen Welt, eine Freudenstunde, welche nicht durch eine Wolke getrubt wird; gut, wenn der verfinsternde Schatten, nicht uns unmittelbar tritt, wenn die Thrane, die in unsern Jubel fliesst, nur eine Thrane des Mitleids und der so allgemeinen Menschenliebe, nicht des tiefen herznagenden Kummers uber eigene Leiden seyn darf.
Des Obristlieutenants Kammerdiener, welchen er nach Hohenweiler geschickt hatte, kam zuruck. Er schien besturzt zu seyn, und meldete auf Befragen nach der Ausrichtung seiner Bothschaft, Herr Harold habe wahrscheinlich noch keine Zeit gehabt, den an ihn abgeschickten Brief zu erofnen, weil alles zu Hohenweiler wegen des plotzlichen Todes des Amtmanns in grosser Verwirrung gewesen sey. Herr Harold habe, als er den Namen des Obristlieutenants von Sarnim gehort, ihn eilig zuruckreiten heissen, um seinen Herrn zu versichern, dass er, sobald er sich von seinen Geschaften losmachen konne, selbst kommen wollte, um ihm und der Familie Haller von allem Nachricht zu geben, was sie zu wissen verlangten.
Wir erstaunten alle uber den plotzlichen Tod des Amtmanns, welchen der Obristlieutenant gestern noch gesund und wohl gesehen hatte, und unser Erstaunen verwandelte sich in eiskaltes Entsetzen, als der Bothe sich deutlicher erklarte, und uns berichtete, wie ihm bey dem ersten Schritt in das Stadtchen, das Gerucht entgegen gekommen sey, der Amtmann habe sich diese Nacht in einem Keller des Schlosses erschossen; ein Gerucht, welches hernach, als er im Schlosse abtrat, durch den Augenschein bestattigt wurde.
Man erspare mir die schreckliche Beschreibung oder Scene, die uns unser Erzehler hierauf lieferte. Katharines hatte sich wurklich das Leben genommen, und das Gerucht schob diesen entsetzlichen Entschluss, auf die Verzweifelung, in welchen den Elenden eine getauschte Hoffnung von ganz besonderer Art gesturzt hatte.
Die Begierde nach noch mehrerem Reichthum als er bereits besass, hatte ihn auf den Einfall gebracht, einen Schatz zu heben, welcher, nach der gemeinen Sage, im Schlosskeller verborgen liegen sollte. Er war schwach genug gewesen, nachdem er das halbe Schloss vergebens unterminirt, die Sache ganz nach der Vorschrift des Aberglaubens anzufangen. Er hatte zu dem Ende eine Menge Betruger um sich versammelt, welche ihn am Ende eben so getauscht hatten, wie Herr Hallern die Adepten.
Die Nacht, welche bestimmt gewesen war, ihn zum Herrn unermesslicher Schatze zu machen, war die Nacht seines Todes geworden. Man hatte ihn am Morgen mit zerschmetterter Hirnschaale in dem unterirdischen Gewolbe gefunden, und nicht weit von ihm einen Zettel, in welchem die Ruchlosen, die ihn bewogen hatten, ihm mit niedrigen Hohn fur die Schatze dankten, welche er ihnen aus seinem Kasten habe zufliessen lassen, und mit welchen sie nun vergnugt Hohenweiler verliessen; sie versicherten, ihres Wissens waren dieses die einzigen, welche das Schloss zu Hohenweiler enthielt, und er mochte also lieber, anstatt des fruchtlosen Nachsuchens die verfallenen und durchgrabenen Gewolber wieder aufbauen, und durch Schaden klug werden. Wahrscheinlich hatte diese Nachricht dem Unglucklichen das Mordgewehr in die Hand gegeben.
Gegen die Nacht erschien Herr Harold selbst, und lieferte uns eine ausfuhrliche Beschreibung dessen, was wir bereits gehort hatten; das schrecklichste in derselben war mir dieses, dass man in den Papieren des Amtmanns, einen Brief von meinem verstorbenen Mann gefunden hatte, welcher wahrscheinlich die erste Veranlassung zu der unglucklichen Schatzgraberey gewesen war, die dem elenden Katharines das Leben kostete. Herr Haller meldete in demselben dem Amtmanne: eine seiner Tochter habe in den letzten Tagen seines Aufenthalts zu Hohenweiler in einem unterirdischen Gange einiges altes Geld gefunden, von welchem er ihm einige Stucke zum Beweis mitschicke. Ihm sey es wahrscheinlich, dass noch ein weit grosserer Schatz daselbst verborgen liegen musse, und er erbiete sich, ihm den Ort, wo er es vermuthe, anzuzeigen, wenn er sich gefallen liess, ihn zum Gefahrten in der Aufsuchung des Schatzes anzunehmen, und ihm die Halfte des Gefundenen zu gonnen. Katharines hatte sich gestellt, als wenn er von diesen Dingen nichts glaubte, hatte Herrn Haller sein Begehren abgeschlagen, und das ungluckliche Geschaft, das ihm das Leben kostete, fur sich allein unternommen.
Ein kalter Schauer uberlief mich bey dieser Erzahlung, aber mein Gefuhl war nichts gegen dasjenige, was die arme kleine Schwarmerinn, Julchen dabey empfand. Ich sahe sie bleich werden, und bald darauf ohne Empfindung niedersinken. Ihren Namen bey so einer schrecklichen Begebenheit erwehnen horen, auf gewisse Art, die Veranlassung dazu gegeben haben, das war zu viel fur ihr weiches Herz. Sie hatte die traurige Gabe des Nachgrubelns um Stoff zu Gram zu finden, und sich uber die unschuldigsten Dinge Gedanken zu machen, von ihrer Mutter geerbt.
Ein Gluck war die Gegenwart des Obristlieutenants fur sie, sein vernunftiges und herzhaftes Zureden machte einigen Eindruck, und Peninna bat ihren Gemahl, die arme weichherzige Seele, mit sich nehmen zu durfen, als sie des andern Tages auf ihr neuerkauftes Gut mit ihm abreisste, ob vielleicht die Veranderung der Gegenstande ihr die Zerstreuung des Kummers erleichtern mochte.
Neun und zwanzigstes Kapitel
Begreift den Zeitraum von etlichen Jahren
Wir strebten vergebens, Peninnen langer bey uns aufzuhalten. Ihr Gemahl wurde vielleicht zu erbitten gewesen seyn, aber sie liess sich selbst nicht durch die Vorstellung zum Dableiben bewegen, dass wir diesen Tag Herrn Walter und seine Gattinn erwarteten, welchen wir von ihrer Wiederkunft Nachricht gegeben hatten. Diese Behutsamkeit, mit Walters, so wenig als moglich zusammen zu kommen, blieb Peninnen immer eigen, und sie begegnete ihnen, wenn sie sie ja sehen musste, allemal freundschaftlich, doch nie mit der vorigen Vertraulichkeit.
Ich fand etwas Edles in diesem Zug ihres Betragens; andere wurden vielleicht nichts als Gefuhl ihrer Schwache, und Furcht, ehemalige Empfindungen bey Walters Anblicke erneuert zu sehen, in demselben wahrgenommen haben; aber gereichte nicht eben dieses Gefuhl, eben diese Furcht ihr zur Ehre? Sie war entschlossen, ihren Gemahl auch mit keinem Gedanken zu beleidigen, und sie war klug genug, ohne weitere Rucksicht auf ihre Starke oder Schwache, lieber die Gelegenheit zu vermeiden, ihre Pflicht auf die kleinste Art zu verletzen.
Herr Walter und seine Frau eilten diesmal auch eben nicht sehr mit ihrer Ankunft; sie langten erst des andern Tages an, und man konnte es beyden anmerken, dass sie sich vor Peninnens Anblick scheuten. Charlottens Miene heiterte sich ziemlich auf, als ich die Vermahlung meiner Tochter mit dem Obristlieutenant bekannt machte, und Herr Walter stammelte seinen Gluckwunsch mit sichtlicher Verwirrung.
Charlotte ward nach und nach ausserordentlich munter, selbst Klare bekam heute einige freundliche Blicke, aber als gegen das Ende des Besuchs der Name meines Sohns Samuel einmahl erwehnt wurde, und das Fraulein von Vohlen einige besondere Theilnehmung an seinem Schicksale zeigte, so war das gute Einverstandniss wieder dahin, und das alte steife und preciose Wesen kam wieder zum Vorschein. Es war doch Schade, dass in einer sonst so guten Seele einig Funken des Neides glimmen sollten! Die Frau wusste wahrhaftig nicht was sie wollte; sie liebte ihren Mann, und konnte Samuelen doch nicht vergessen; sie sah Peninnen wegen des einen, und Klaren wegen des andern mit scheelen Blicken an, und war bey diesen widersprechenden Gesinnungen sicher nie glucklich zu werden. Warum musste doch das Schicksal die ersten Lieblingswunsche dieser Armen zerstoren! Als Samuels Frau war sie glucklich und ohne Tadel gewesen, und die kleinen bosen Tucke ihres Herzens, waren wahrscheinlich nie zum Vorschein gekommen.
Auch Klare war von diesem schwarzen Flecken nicht rein. Nicht allein Charlotte war und blieb ein Gegenstand ihres Widerwillens, sondern auch gegen Peninnen blickte immer, sie mochte sich auch zwingen wie sie wollte, einiger Kaltsinn hervor. Gabriele hatte einmal ihr Herz wider sie eingenommen, freylich musste sie nun einsehen, dass sie ihr Unrecht gethan hatte, aber eben dieses Gefuhl des ihr angethanen Unrechts, machte sie schuchtern und zuruckhaltend gegen sie, und die Vorstellung, dass sie, diese Peninne, ein Burgermadchen, den Platz einnahm, den eine Verwandte von ihr ehemals besessen hatte, streute gewiss auch den Saamen der Misgunst in ihrem Herzen aus.
Es betrubte mich oft, wenn ich diese Dinge erwog, und die Charaktere meiner Tochter auch mit in die Prufung nahm, unter so vielen, wurklich liebenswurdigen Personen, kaum ein Julchen, kaum eine Peninne zu finden, welche bey allen ihren Schwachheiten und Fehlern doch im Grunde wahrhaftig gut und edel dachten.
O ihr Menschenkenner, ihr steht auf einem gefahrlichen Posten; euer Forschungsgeist, und das bewafnete Auge des Naturkenners, vernichtet Gute und Schonheit; er und ihr wendet euch oftmals mit Abscheu von Gegenstanden hinweg, welche wir gemeinen Seelen mit bewunderndem Beyfall anstaunen, und in unserer Tauschung glucklich seyn.
Man verzeihe mir diese Ausschweifung. Die damalige Epoche meines Lebens, die sich durch Ruhe und Muse auszeichnete, gab mir Gelegenheit zu mancher Betrachtung, und wie kann man es einer schreibseligen oder geschwatzigen Alten zumuthen, ihre Gedanken alle in dem Innersten ihres Herzens zu verschliessen?
Wie ich gesagt habe, meine bisher so unruhigen Tage fiengen an gegen den Abend meines Lebens ruhiger zu werden, alles um mich her war so heiter und still wie an einem schonen Septembertage, wenn die lachende Natur ihr Abschiedfest feyert, und nur hier und da gelbes Laub oder abgemahte Felder uns erinnern, dass der Winter herannaht. Ich hatte fast alle meine Kinder um mich; die, welche mir nicht so nahe waren, besuchten mich, oder holten mich, wenn ich zu ihnen kam, mit Freude und wie im Triumpf in ihre Wohnungen ein, und von denen ganz Abwesenden, o Himmel, von meinem Samuel, von meinem Albert, hatte ich gute Nachricht. Sie waren auf der Ruckreise begriffen, sie hatten in dem Lande, wo mancher Elend und Tod erbeutete, Ruhm und Ehre erworben, und ob sie gleich weder Lasten von Goldsand, noch rohe Diamanten mitbrachten, ob sie gleich weder reiche Vettern zu beerben, noch amerikanische Wittwen zu heyrathen vorgefunden hatten, so schien mir es doch, dass sie nicht ganz so arm in ihr Vaterland zuruckkehrten, als sie es verlassen hatten.
Man denke sich mein Gluck, denke sich das gegenwartige Gute, das ich genos, und die Aussicht auf die grosste Freude dieser Erde, auf das Wiedersehen dererjenigen, die ich so lang entbehren musste!
Die Hoffnung erleichterte mir die lange Erwartung, es schlichen Jahre dahin, und ich sahe meine Sohne immer noch nicht, aber trostende Briefe sagten mir, dass sie jetzt hier, jetzt an einem andern Orte waren, dass sie hier durch Geschafte, dort durch Vergnugungen aufgehalten wurden, und so gab ich mich zufrieden.
In meinem Hause fehlte es auch nicht an Auftritten, welche mir die Zeit kurzten! Peninna beschenkte ihren Gemahl mit einem Sohne. Der redliche Obristlieutenant, welcher immer fur das Gluck meiner Kinder wachte, machte Amaliens Gatten ausfindig, riss ihn von dem leidigen mir so verhassten Theaterwesen los, machte ihn zum Aufseher seiner entfernten Guter, vereinigte ihn wieder mit seiner verlassenen Frau, und liess beyde wohlbeschenkt nach dem Ort ihrer Bestimmung abreisen; Jucunde doch nein, diese darf ich nicht so kurz abfertigen, ich fange ihr zu Ehren ein neues Kapitel an, und nahere mich mit demselben zugleich einem wichtigen Zeitpunkte meines Lebens.
Dreyssigstes Kapitel
Krieg
Wir lebten einsam; niemand als die Personen, welche ich zu meiner Familie rechnete, gieng bey uns aus und ein, und wenn nicht zuweilen der Herr Amtsverweser von Hohenweiler, den Obristlieutenannt seinen alten Gonner bey mir suchte, oder eine Bestellung von ihm an mich hatte, so konnte ich mit Recht sagen, dass kein Fremder meine Schwelle betrat.
Aber dieser Herr Harold kam auch so oft, suchte den Herrn von Sarnim in Traussenthal, wenn er wissen musste, dass er nicht zugegen war, und brachte Bestellungen von ihm, wenn ich ihn eine Stunde vorher gesehen hatte, dass endlich sein Gesicht so gewohnlich bey mir ward, dass man ihn kaum mehr fur einen Fremden rechnen konnte.
Der ungluckliche Tod des Katharines hatte alles auf dem Amte zu Hohenweiler in der grossten Unordnung gelassen; es fanden sich ansehnliche Defekte in der Kasse; Madam Katharines hatte sich in der Stille aus dem Staube gemacht, und verschiedene Dinge von Wichtigkeit mit sich genommen; die untergrabenen Gewolber des Schlosses drohten den Einsturz; man hatte wurklich in einem Winkel des Kellers noch etwas von altem Gelde gefunden; dieses und eine Menge andere Dinge gaben Herrn Harold unzahlige Gelegenheiten nach Traussenthal zu kommen, und es schien nicht anders, als hielt er mich fur die Oberaufseherinn des ganzen Hohenweilerischen Kreises, welcher er von allem, was sich in demselben zutrug, genauen Rapport abstatten musste.
Mir war ubrigens sein Zuspruch nicht entgegegen; er war ein hubscher gesetzter Mann, ohne Umstande, mit dem es sich gut umgehen liess, und hatte er mit seiner ansehnlichen Figur, eins von den artigen Puppengesichtergen verbunden, welche unsere junge Madchen so gern sehen, so hatte ich aus manchen Umstanden schliessen konnen, dass ihn meine Jucunde, die einige von meinen Tochtern; welche jetzt bestandig um mich war, nicht ungern sahe; aber daran war nicht zu denken. Ein hageres von der Sonne verbranntes Gesicht, ein paar finstere schwarze Augen, und einige Schmarren uber Mund und Wangen, machten Herr Harolden selbst in meinen Augen zu keinem reizenden Gegenstande, und sein offnes gerades Wesen, das ich ihm ganz gern verziehe, war oft so beschaffen, dass es nach dem Urtheil eines verwohnten Madchens, wohl den Namen der Unhoflichkeit verdienen konnte; was hatte denn einer bluhenden Schonheit, wie Jucunde, an ihm gefallen konnen?
Doch hatten ihre Augen einen besondern Ausdruck, so oft sie ihn erblickte. Wenn er mit mir sprach, so schien sie alle seine Gesichtszuge zu mustern; warf er denn einen fluchtigen Blick auf sie, so sanken ihre Augen schnell zur Erde. Nie sprach sie in seiner Gegenwart, brauchte heute tausenderley erzwungenen Vorwand bey seinem Besuche nicht gegenwartig zu seyn, und errothete morgen vor Schrecken, wenn er da gewesen war, ohne von ihr gesehen zu werden.
Ich fand wenig Gefallen an diesem wunderlichen Wesen; ich nannte es gegen sie, Ueberbleibsel von dem ehemaligen Theaterleben, und sie, welche wohl wusste, dass dieses fast der grosste Schimpf war, den ich ihren Handlungen beyzulegen pflegte, hielt es fur gut, aufrichtig gegen mich zu seyn, und mir ihre Gedanken von Herrn Harold, so weit sie selbst sie sich zu erklaren wusste, frey zu entdecken.
Sie thun mir unrecht, liebe Mutter, sagte sie, wenn sie mein Betragen gegen diesen Mann fur Koketterie, oder gar fur Liebe halten. Ich suche so wenig seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, als er die meinige erregen wurde, wenn ich gewisse Ideen unterdrukken konnte, welche sich mir mehrmal bey seinem Anblick aufdringen, und die ich selbst nicht zu entrathseln weis.
Seine Person ist mir ein Gegenstand, den ich schon irgendwo, vielleicht im Traum gesehen habe. Ich forsche in seinen Zugen, und finde immer mehrere Aehnlichkeit mit einem Schattenbilde, das mir nur dunkel vorschwebt. Eine Art von dankbarer Zuneigung reisst mich zu ihm hin, und macht mir seine Erscheinung erwunscht, und gleichwohl erregte der Ton seiner Stimme eine Erschutterung in mir, die keinesweges angenehm ist, und die ich Schrecken oder ahndende Erinnerung widriger vergangener Dinge nennen wurde, wenn ich wusste wohin ich dergleichen Empfindungen rechnen sollte.
Ich schuttelte den Kopf gewaltig uber das unverstandliche schwarmerische Gewasch des Madchens. Es war eben zu selbiger Zeit jene fur Teutschland so wichtige Epoche der Empfindlichkeit eingetreten; das arme Julchen, die bey ihrer Schwester der Obristlieutenantinn, bey welcher sie lebte, mehr Nachsicht fand als bey mir, hatte schon angefangen ihren angebohrnen Hang zu solchen Dingen mit der damaligen Modelekture auf eine Art zu nahren, welche mir bange fur sie machte, und ich hatte aus Jucundens Reden bald urtheilen sollen, sie musse ihr einige von ihren Buchern mitgetheilt, und sie mit ihren unerklarlichen Empfindungen und ahndenden Gefuhlen angesteckt haben. Ich gab Jucunden meine Gedanken zu erkennen; sie seufzete und schwieg, und es vergieng wieder eine lange Zeit, ohne dass ich eine Veranderung in den gewohnlichen Erscheinungen bemerkt haben sollte, nur davon ward ich nach und nach immer gewisser, dass Jucunde Harolden nicht gleichgultig sey; was fur ausserliche Merkmale ich hiervon hatte, daruber konnte ich meinen Lesern verschiedene Bucher zum nachschlagen nennen, in welcher sie die Symptomen einer angehenden Liebe deutlich auseinander gesetzt finden werden, aber ich will mich bey diesen Dingen nicht aufhalten, sondern zu wichtigern Begebenheiten ubergehen, welche nicht allein mich, sondern auch die ganze Gegend betrafen, in welcher wir lebten.
Der Krieg, welcher in unserer Landschaft so grosse Verheerung anrichtete, brach aus. Der Obristlieutenant musste zu seinem Regimente; seine Gemahlinn, welche sich keinen Augenblick von ihm zu trennen wusste, begleitete ihn, und lies ihre Kinder, einen Knaben und zwo Madchen bey mir. Klaren wurde gerathen, sich auf ihre Guter zu begeben, und sie durch ihre Gegenwart vor dem Verderben zu schutzen, aber sie war zu schwach und furchtsam, einen so vernunftigen Entschluss zu ergreifen. Ich und die Meinen, fanden unsere Sicherheit nicht langer in dem geliebten Traussenthal, wir uberliessen es dem General des in der Nahe liegenden feindlichen Heers zur Wohnung, und giengen nach Hohenweiler, um bey unserm alten Freund Harold, welcher jetzt durch die Unterstutzung des edlen Obristlieutenants, Amtmann daselbst war, Zuflucht zu suchen.
Hatte Harold seinem Trieb zum Soldatenleben nachgeben wollen, er war seinem alten Gonner ins Feld gefolgt. Das Wort Krieg erregte alle seine Heldenentwurfe in seinem Herzen, welche er ehemals, weil der ihm so verhasste Friede kein End nehmen wollte, dem Studieren aufopferte; er hatte sichs gefallen lassen, wieder von unten auf zu dienen, und sein Avancement von der Zeit, von seiner Tapferkeit, und von dem vielsagenden Wortlein von erwartet, welches er bisher ganz vergessen hatte, und nun erst aus dem burgerlichen Aktenstul hervorzusuchen gesonnen war. Aber des Obristlieutenants Zureden, und Peninnens Bitten drangen durch, beyde waren froh ihrer verlassenen Familie einen braven und entschlossenen Mann zuruck zulassen, welcher derselben bey den bedenklichen Aussichten, Schutz und Zuflucht seyn konne, und Harold fand in seinem eigenen Herzen etwas, das ihn in dieser Betrachtung zum Bleiben bewegte; Jucunde war ja in dieser Gegend, und ihrentwegen konnten ja auch wir andern wohl auf seinen Beystand rechnen.
Ein und dreyssigstes Kapitel
Man flieht in Reutlingens unterirdischen Gang
Die Ruhe, welche wir in Hohenweiler zu finden geglaubt hatten, dauerte nicht lange. Derjenige Theil der feindlichen Truppen, welcher im ganzen Lande wegen seiner zwecklosen Grausamkeit verschrieen war, nahte sich unserer Gegend. Herr Harold, ehemals selbst ein Kriegsmann, hatte immer Muth und Klugheit genug gehabt, denen durchmarschierenden Truppen so zu begegnen, dass der ganze Kreis, welcher unter seiner Aufsicht stand, wenig Ueberlast empfand, und die Einwohner von Hohenweiler konnten sich ruhmen, in Vergleichung mit ihren Nachbarn, kaum die Schrecknisse des Kriegs zu kennen; aber sie fur dem Feinde der sich uns nunmehr naherte zu schutzen, dazu war weder Muth noch Klugheit hinlanglich. Wir konnten jeden Abend von unsern Thurmen aufgehende Feuer erblicken, Vorbothen desjenigen, was uns bevorstand.
Der Feind ruckte ein. Hohenweiler ward mit einer unerschwinglichen, der Grosse des Orts gar nicht angemessenen Brandschatzung belegt. Julchen war die erste, welche ihren ganzen Reichthum, der durch die Freygebigkeit des Obristlieutenants ihres Schwagers, nicht ganz unbetrachtlich war, zur Rettung der armen Einwohner von Hohenweiler anboth. Ich opferte alles auf, was ich an Schmuck und Silberzeug besass, Jucunde und Klare thaten auch das Ihrige, und Herr Harold, so sehr er uber die Ungerechtigkeit, unschuldige Weiber zu berauben, murrte, sahe doch, dass es so seyn musste, und vermehrte unsere Kollekte mit allem was im Hohenweilerschen Keller gefunden worden war, und was die Obrigkeit, ihm als dem Finder auf des Obristlieutenants Anregen ehemals zugesprochen hatte. Wir brachten ein ganz artiges Summchen zusammen, und es liess sich hoffen, der Feind wurde, wenn er gleich baares Geld erblickte, sich zur Nachsicht bewegen lassen.
Aber leider reichte unser Zusammengebrachtes noch nicht ganz an die Halfte der Forderung, und die Halfte musste schlechterdings ganz geliefert werden, wenn man auf vierzehntagige Nachsicht hoffen wollte. Herr Harold wandte sich an die Vornehmste des Orts, er stellte ihnen vor, was wir gethan hatten, die wir eigentlich gar nicht mehr nach Hohenweiler gehorten, und ermahnte sie zu einer ergiebigen Beysteuer; die meisten von ihnen wollten die Last auf die armern Einwohner walzen, die Harold nicht zu drucken gedachte, wandten gewisse Vorrechte und Freyheiten vor, und nur einige von ihnen liessen sich bewegen ihre Sicherheit mit einigen entbehrlichen Kostbarkeiten zu erkaufen. Harolds letzte Zuflucht war nur noch der Pfarrer, er war ein bekanntlich reicher Mann, noch eben derselbe, welcher nebst seiner Frau schon in den vorhergehenden Blattern erwehnt worden ist, aber die Antwort, welche Harold erhielt, lies sich errathen.
Die Frau Pfarrerinn, welche allein gegenwartig war, erwies, dass ein Geistlicher bey solchen Gelegenheiten nichts zu zahlen schuldig sey, als ein kleines Kontingent, welches ihr Mann ja bereits erlegt habe; uber dieses versicherte sie, sie wisse aus guter Hand, der Feind wurde, wenn es aufs ausserste kommen sollte, doch nichts weiter thun, als das alte Schloss blos zum Schrecken hinwegbrennen, und sie sahe nicht ein, was sie und ihr Mann fur Verbindlichkeit hatten, anderer Leute Sicherheit mit ihrem Gelde zu erkaufen.
Herr Harold kehrte ihr verachtlich den Rucken, und brachte uns angstlich Harrenden, die Schreckenspost nach Hause, dass alles verlohren sey. Wir machten Anstalt unsere besten Sachen in den Keller zu raumen, aber wir wurden ubereilt, und Herr Harold welcher besorgt war, irgend ein unheilig Auge mochte an Jucundens Schonheit hangen bleiben, eilte nur sie und uns in den Keller zu bringen, welcher in Ritter Reutlingens unterirdischen Gang fuhrte, den er hatte stutzen und bis zu dem Ausgang auf das Feld raumen lassen, so dass wir hoffen konnten, in demselben ohne alle Gefahr zu seyn, und im hochsten Nothfall doch den Weg zur Flucht offen zu haben.
Wer vermag die Angst zu schildern, in welcher wir uns an diesem schauerlichen Orte befanden! Herr Harold hatte uns augenblicklich verlassen mussen, und kaum Zeit ubrig behalten, die eisernen Riegel hinter uns zuzuschieben, und die Schlosser vorzulegen.
Die Einbildung vergrosserte die Gefahr, in welcher wir uns befanden. Wir glaubten bald wuthendes Mordgeschrey, bald knisternde Flammen und einsturzende Balke uber uns zu horen. Jucunde zitterte fur Harolden, und gab durch ihr ganzes Betragen zu erkennen, dass jene dunkeln unerklarlichen Gefuhle, von welchen sie ehemals mit mir sprach, nur gar zu bald in Liebe ausgeartet waren; sie war die letzte, die sich entschloss, auf Julchens Antrieb, tiefer hinab, in Ritter Reutlingens Gewolbe zu steigen. Sie wahnte weiter oben, demjenigen, den sie in Gefahr glaubte, naher zu seyn, und nur die Vorstellung, dass sie ihm mit ihrer nahen oder fernern Gegenwart doch nicht zu helfen vermochte, bewegte sie, uns endlich zu folgen.
Wir stiegen hinab, aber ob wir gleich uberzeugt waren, dass wir uns hier fur Feuer und fur Ueberfall gleich sicher befanden, so wollten doch unsere Herzen nicht anfangen, ruhiger zu schlagen. Der Ort war wurklich nicht darnach, uns ruhige Empfindungen einzuflossen, zu den Schrecknissen, welche ihm schon zu jenen Zeiten, nicht fehlten, da ich ihn kennen lernte, kam auch noch jetzt seine Baufalligkeit; Katharines hatte ihn furchterlich durchwuhlt, die gesunkenen Gewolber drohten uberall den Einsturz, die hier und da angebrachten Stutzen schienen sich zu beugen, und der frische Schutt welcher uns an verschiedenen Stellen aufsties, zeigte, dass wir vor dem Nachsinken nicht sicher waren.
Der beste Rath fur uns war den Ausgang zu suchen, welcher uns aufs Feld fuhrte, und uns nahe bey demselben aufzuhalten. Wir machten uns auf den Weg, und Julchen, welche ehedem diesen Ort mehrmals durchwandert hatte, both sich zur Fuhrerinn an; aber wie sollten wir uns in den verschlungenen Gangen zurecht finden? Harold hatte vergessen uns die Gegend des Ausgangs zu bezeichnen, und wir mussten uns endlich entschliessen, wieder zuruck zu kehren.
Wir fanden in der zweyten Vertiefung der Gruft nicht weit von der Stelle, wo ich Julchen ehemals ohnmachtig fand, die ich meine Begleiterinnen schon beym ersten Vorubergehen hatte bemerken lassen, einen Platz, wo die Gewolber fester zu schein schienen. Wir waren ermudet, und entschlossen uns, auf etlichen hinabgehenden Stufen niederzusetzen.
Was hilft es uns endlich, meine Kinder, sagte ich, uns durch fruchtlose Angst abzumatten; unser Schicksal ruht in einer Hand, die uns zu retten weis, die vielleicht in dieser Stunde, welche so finster und schrekkensvoll fur uns ist, die Anlage zu unserm Gluck macht. Wir wollen die Augen vor der Gegenwart und der Zukunft verschliessen, und in die Vergangenheit zuruckgehen, ob wir in derselben vielleicht Trost und Erleichterung finden konnen.
O meine Mutter, rief Julchen, Klare und Jucunde haben die schone Geschichte vom Ritter Franzen und seiner frommen Gemahlinn noch nicht gehort, mich dunkt, sie sollte sich in diesen Gewolbern, welche so manche von denen in derselben vorkommenden Auftritten gesehen haben, gut erzehlen lassen!
Ich war nicht aufgelegt zu einer ordentlichen Erzehlung, aber wir geriethen unvermerkt in ein tiefes Gesprach uber einige Umstande dieses Marchens, uber seinen Einfluss in die Geschichte meines Hauses, uber Hannchens Tod, Julchens nachtliche Wallfarth in dieses Gewolbe, den gefundenen kleinen Schatz, und eine Menge Dinge welche mit diesen Begebenheiten in Verbindung standen, und ich war eben im Begriff, einige mir sehr trostlichen Lehren aus dem Ganzen zu ziehen, als Klare auf einmal aufsprang, und mit wildem Blick die Stelle am Gewolbe wo sie gesessen hatte anstarrte. Was sehe ich, schrie sie, Spuren? Spuren von Blut? Vielleicht ist hier die Stelle! Gott ich bin ausser mir!
Wir betrachteten alle den Ort, den sie uns bezeichnete, und verschiedene Merkmale machten es nur gar zu gewiss, dass auf diesem Flecke der ungluckliche Katharines sich das Leben genommen hatte.
Mit bleichen von Schrecken verlangerten Gesichtern starrten wir uns an; unsere Haare straubten sich empor; die furchterliche Scene an welche wir noch gar nicht gedacht hatten, mahlte sich sichtbar vor unsern Augen. Ein kalter Schauer goss sich durch unsere Gebeine, und ein schreckliches Gellen sausste in unsern Ohren. Die jungen Madchen nahmen die Flucht in den obern Keller, als ob Geister sie verfolgten, und ich folgte, etwas weniger erschrocken, aber vielleicht noch tiefer als sie von dem Andenken dieses Unglucklichen verwundet, der hier sein Leben endete, langsam nach.
Athemlos langten wir in dem obersten Gewolbe an, wir hatten noch nicht Luft genug geschopft, um zu Worten kommen zu konnen, als wir ein Gerausch an der Kellerthur horten, welches beynahe gemacht hatte, dass wir an den furchterlichen Ort zuruckgeflohen waren, von welchem wir herkamen.
Zwey und dreyssigstes Kapitel
Wiedersehn
Die Schlosser wurden eroffnet, die Riegel hinweggezogen, die Thur sprang kreischend auf; es war zu spat zu entfliehen; und wofur hatten wir auch fliehen sollen? Der Ausruf: Friede, Friede, welcher aus Herrn Harolds Munde tonte, war schon im Stande, uns alle Furcht zu benehmen. Er war der erste von den Herabsteigenden, ihm folgten drey Offiziers, deren Uniform uns zeigte, dass wir in Freundes Handen waren.
Madam Haller, redete mich Herr Harold an, welcher noch immer an der Spitze der Ankommenden stand, ich hoffe, sie werden meinen Friedensgruss nicht zu weit ausdehnen; rund um uns her ist noch alles Krieg, aber diese Helden hier, haben unserm geliebten Hohenweiler einen Interimsfrieden gebracht. Die Pechkranze waren schon in allen Winkeln aufgehangt, die Fackel zu unserm Verderben war schon angezundet, da kam das Gerucht von unsern anruckenden Freunden; unsere Widersacher fuhlten sich zu schwach, und stahlen sich auf der Nordseite davon, als unsere Retter von Suden her, anmarschirt kamen. Das Geschaft sie nach Wurden zu bewillkommen, raubte mir bis jetzt die Zeit, Rapport in den Keller von dem Zustand der Sachen abzustatten. Diese Herren horten nicht sobald, dass hier die Rede von gefangenen Damen sey, als sie sich erboten, mich zu begleiten, und selbst Hand an ihre Befreyung zu legen.
Zweyerley war mir noch ausser der Ueberraschung bey der ganzen Sache, in Harolds Rede bedenklich; der ganz ungewohnlich muntere Ton derselben, und das geflissentliche Bestreben wahrend derselben, sich stets so zu drehen, dass das schwache Licht der Leuchten, die wir bey uns hatten, und der dustre Schein der vom Gewolbe herabhangenden Lampe nicht auf diejenigen fiel, welche ihm folgten.
O so entziehen sie uns doch nicht langer den Anblick unserer Befreyten, rief einer von den hinter ihm stehenden Offiziers, indem er ihn bey den Schultern fasste und auf die Seite drehte.
Madam, sagte Harold und fasste den andern bey der Hand, hier sehen sie den tapfern Anfuhrer unsrer Retter, den Herrn Rittmeister von O schweigen sie rief der Rittmeister mit einer bekannten Stimme, rauben sie mir das Vergnugen nicht, ungenennt von Madam Haller erkennt zu seyn.
Er nahte sich mir, fasste meine Hand, druckte sie an seinen Mund, blickte mich an, und fragte mit einer Thrane im Auge: Kennen sie mich nicht? kennen sie ihren
Vielleicht hatte ich seine Frage mit ja beantworten konnen, wenn ich Zeit gehabt hatte, mich zu besinnen, und nicht durch einen lauten Schrey, den Klara aussties, auf einen andern von den Ankommenden aufmerksam gemacht worden war.
O Haller, mein geliebter Haller, rief Klare aus, und sank fast ohnmachtig in die Arme des altesten von Harolds Begleitern. Dieser Ausruf und ein fest auf ihn gerichteter Blick liess mich in einem Nun erkennen, wen ich vor mir hatte. Ich riss mich von der Hand des Rittmeisters los, und sturzte mich auf den, welcher Klaren umfasst hielt, ohne etwas anders als den Namen Samuel aussprechen zu konnen.
Samuel riss sich aus Klarens Armen, und warf sich in die meinigen, wir blieben lange, unvermogend ein Wort zu sprechen, in dieser Stellung, und nichts hatte meine ihn fest umschliessenden Hande von ihm losmachen konnen, als eine Stimme, welche mir auf der andern Seite zutonte. Haben sie denn nur einen Sohn? ward ich mit einem Accente gefragt, der mein Herz durchbohrte. Ich wandte mich um, ein Jungling lag zu meinen Fussen, den ich augenblicks erkannte und mit Namen genennt haben wurde, wenn Jucunde mir nicht zuvorgekommen war, welche ihre Arme um seinen Hals schlug, und den Namen Albert zehnmal in einem Athem wiederholte.
Das ist zu viel, zu viel Freude auf einmal! rief ich mit einer von Thranen gehemmten Stimme, riss mich von Alberten, den ich jetzt fest umfasst hielt, los, um Samueln an meine Brust zu drucken, und sties diesen von mir, um wieder auf jenen zuzueilen. Julchen, Klare und Jucunde spielten fast die nehmliche Rolle. Die Worte: Sohn! Mutter! Bruder! Geliebte! Schwester! ertonten von allen Seiten, und waren lange Zeit der einige vernehmliche Laut, den jedes unter uns auszusprechen vermochte.
Der arme Rittmeister, welcher mich zuerst bewillkommte, und ein so gutes Zutrauen auf mein Gedachtniss hatte, dass es mir seinen Namen melden wurde, gieng allein leer aus; ich hatte ihn ganz vergessen. Lieber Gott, wo hatte ich Gedanken fur ihn hernehmen wollen! ich hatte ja Samuelen, hatte Alberten wieder, sah und horte nichts ausser ihnen, hatte uber sie mich selbst und die halbe Welt vergessen konnen!
Herr Rittmeister, rief Herr Harold endlich, wir sind hier im schlechten Ansehen; Kusse und Umarmung ohne Zahl werden hier ausgetheilt, und an uns denkt niemand. Wir wollen diese Trunkenen allein lassen, sie werden uns wohl folgen, wenn der Rausch voruber ist.
Ich ermannte mich auf diese Erinnerung ein wenig, entschuldigte mich bey dem Rittmeister, hatte aber nicht so viel Nachdenken, mich nach seinem Namen zu erkundigen, sondern wandte mich geschwind wieder zu meinen Sohnen, um Fragen an sie zu thun, welche zu schnell hinter einander herstromten, und in welche sich die Stimmen der drey Madchen zu sehr mischten, als dass sie hatten verstanden und beantwortet werden konnen.
Wie lange diese Scene dauerte, weis der Himmel, auch ist mir unbekannt, ob wir selbst, oder ob die Ungeduld unserer beyden Zuschauer ihr endlich ein Ende machte. Ich war berauscht, war betaubt, der Kopf schwindelte mir, ich glaubte zu traumen, und das erste wessen ich mich nach dieser sturmischen Scene deutlich erinnerte, ist dass ich mich auf einmal in meinem Zimmer befand, auf den Knien lag, und meine gefaltene Hande, auf welche mein Kopf herabgesunken war, mit meinen Thranen badete. Wir hatten den ersten Schauplatz meines Glucks verlassen, ohne dass ich es in den Gedanken, die mich so sehr beschaftigten, gewahr geworden war.
Die Stellung, in der ich mich befand, bewies, dass ich die Einsamkeit gesucht hatte, um Gott fur mein unaussprechliches Gluck zu danken, aber die Besonnenheit fehlte mir, ich konnte nicht danken, ich stand auf, und eilte in das Zimmer, wo ich die Stimmen meiner Kinder horte.
Samuel kam mir entgegen, er fuhrte mich an ein Fenster und eine halbstundige gelassene Unterredung brachte mich vollig zu mir selber. Albert schob sich in die Stelle seines Bruders ein. Wir setzten uns bald darauf zur Tafel, und ich fieng nun erst an, alles Gluck des heutigen Tages ruhig und in vollem Umfang zu geniessen. Himmel! gerettet, aus so grosser Gefahr gerettet zu seyn; zween Sohne wieder zu finden, welche ich so lange Jahre hatte entbehren mussen, sie in solchem Stande, sie als meine Retter wieder zu sehen! Nein, bey Gott, dies war zu viel, um ganz empfunden, und doch mit Fassung ertragen zu werden!
Drey und dreyssigstes Kapitel
Neu entstandene und wieder erneuerte Liebe
Wir sassen bey der Tafel, ich zwischen meinen Sohnen, der unbekannte Rittmeister mir gegen uber, zwischen Julchen und Jucunden, Klare bey Samuel und Harold neben der, bey welcher er nie zu sitzen versaumte. Unser Gesprach war ruhig und interessant; die Rettung des heutigen Tages, war der Hauptinhalt desselben, da fuhr Julchen plotzlich auf, ach Gott! schrie sie, uber all der Freude habe ich meine Kinder vergessen!
Ein sechszehnjahriges Madchen so reden horen, und sie denn mit der Angst einer wahren Mutter aus dem Zimmer eilen sehen, musste den Neuangekommenen auffallend seyn. Ich erklarte der Gesellschaft das Rathsel. Peninnens Kinder nebst dem kleinen Ludwig waren zu der Zeit, als Herr Harold uns so schnell in den Keller verschloss, mit ihren Warterinnen bey einer unserer Freundinnen, die wir noch in Hohenweiler hatten; es war unmoglich, sie zu uns holen zu lassen, und die Ungewissheit, wie es ihnen ergehen wurde, war kein geringer Theil unserer Unruhe in jenen Angststunden gewesen, da wir das argste befurchteten.
Die Freude uber meine wiedergefundenen Sohne hatte mir wahrhaftig auch das Andenken an die lieben Kleinen geraubt, und Julchen war die erste, welche sich ihrer erinnerte. Ich war mit meiner Erzehlung, in welcher ich aber nur aus gewissen Ursachen Peninnens Kinder erwehnte, und des kleinen Ludwigs nicht gedachte, noch nicht zu Ende, als Julchen wieder erschien, und den kleinen Wilteck mit sich brachte. Sie rapportirte, die Kleinen waren wieder im Hause, und hatten bereits geschlafen, aber Ludwig habe, als er sie erblickt hatte, nicht ablassen wollen, bis sie ihn mit sich genommen habe. Sie verneigte sich hierauf gegen den Rittmeister, und bat um Erlaubniss, den Knaben neben ihn setzen zu durfen, und erst nach ihm Platz zu nehmen.
Ludwig war ein Engel von einem Kinde, schon wie seine Mutter, und so fromm und wohlgezogen als ihn nur das sanfte Julchen hatte bilden konnen; fur sein Alter wusste er schon diejenigen, die sich mit ihm abgaben, ziemlich zu unterhalten, und er blieb dem Rittmeister, welcher kein Auge von ihm verwandte, und sich auf tausenderley Art mit ihm beschaftigte, keine Antwort schuldig; ich weis nicht, wie es kam, dass der Rittmeister unter allen moglichen Fragen, welche man an Kinder thut, auf diejenige zuletzt kam, welche immer zuerst gebraucht wird diesen Kleinen die Zunge zu losen.
Wie heissest du, mein Engel, fragte er seinen kleinen Nachbar. Ludwig von Wilteck, erwiederte er, und das auf Julchen zeigend, ist meine Mutter. Ludwig von Wilteck? schrie der Rittmeister, und riss den Kleinen auf seinen Schoos, Ludwig von Wilteck? o komm an meinen Busen mein Sohn. Und dieses ist deine Mutter? O theure liebenswurdige Pflegerinn meines Kindes, ich muss, ich muss sie umarmen, verzeihen sie meine Kuhnheit, ich bin, ich bin ja der Vater ihres Zoglings. Er hatte Julchen gleichfalls zu sich gezogen und sie an seine Brust gedruckt. Sie machte sich beschamt und beleidigt los, entfernte sich, und stellte sich mit gluhendem Gesicht hinter meinen Stuhl. Ich begriff von allen diesen Dingen nichts, aber der Rittmeister lies mir keine Zeit zum Nachdenken, er sprang von seinem Stuhl auf, eilte mit dem kleinen Ludwig in seinen Armen auf mich zu, und machte mir eben die Liebkosungen, welche Julchen so ubel aufgenommen hatte. O Mutter! Mutter! schrie er, kennen sie mich, kennen sie den Gemahl ihrer Tochter nicht mehr?
Wer kann die Empfindungen beschreiben, mit welchen ich die beyden Ludwige zugleich in meine Arme schloss. Den Gemahl, den Sohn meines verewigten Hannchens! O Mutterfreuden! keine Entzuckungen der Erde sind euch zu vergleichen!
Der Rittmeister hatte wohlgethan, dass er es bis hieher verschoben hatte, sich zu offenbaren; in dem ersten Rausch der Freude uber Samuel und Albert, wurde seine Name nur schwachen Eindruck auf mich gemacht haben, aber jetzt war mein Herz freyer, es hatte sich nun schon an den Gedanken gewohnt, meine Verlornen wieder zu besitzen, es hatte Raum auch fur andere Freuden, und die Gegenwart dieses Mannes, welcher mir um Hannchens willen so theuer seyn musste, war kein geringer Zuwachs meiner Gluckseligkeit.
Immer hatte ich ihn geliebt; die Geschichte mit Hannchen warf zwar einen Schatten auf meine Neigung fur ihn, aber wie ungerecht hatte ich seyn mussen, wenn ich ihn wegen des Unglucks dieser Unschuldigen hatte anklagen wollen! er war sowohl verfuhrt worden als sie, er hatte sie allen Kabalen zum Trotz bis in den Tod geliebt, hatte gethan was in seinem Vermogen war, um ihre letzten Stunden zu erheitern, und war der Vater meines Enkels; nur er konnte diesem verlassenen Kinde, das Gluck verschaffen, und den Namen bestattigen, der ihm zukam; wie froh musste ich also seyn ihn wieder zu sehen, ihn ganz so zu sehen, wie ich wunschte.
Der Rittmeister war ausser sich. Seinen Sohn wieder zu finden, ihn in meinen Handen, ihn so wieder zu finden, wie er war, das war ein Gluck das er nicht hatte vermuthen konnen. Er hatte ihn in den Handen der ehrlosen Katharines gelassen; sie hatte nicht fur gut gehalten, ihn zu benachrichtigen, dass ich ihn ihr abgefordert hatte, sondern ihn lange mit lugenhaften Nachrichten getauscht, um die Summen, die zu des Kindes Unterhalt bestimmt waren, fur sich ziehen zu konnen. Der Rittmeister war durch den Dienst nach und nach zu weit von seinem Vaterlande entfernt worden, um den Grund oder Ungrund ihrer Nachrichten untersuchen zu konnen. Es hatte ihm, wie er sagte, am Muth gefehlt, sich an mich zu wenden, und mir die Sorge fur ein Kind aufzutragen, dessen Daseyn, wie er meynte, mir vielleicht nicht einmal bekannt war.
Er wurde unser? Gegend in dem festen Wahn betreten haben, seinen Sohn noch in den Handen seiner ersten Pflegerinn zu finden, wenn ihm nicht ein Zufall denselben benommen, und ihn in die schrecklichste Ungewissheit wegen des Schicksals seines Kindes gesturzt hatte.
Madam Katharines hatte, wie man weis, nach dem traurigen Ende ihres Mannes, Hohenweiler heimlich verlassen. So wohl sie sich bedacht hatte, um fur Mangel sicher zu seyn, so war sie doch wie sie vorgab, durch den Krieg so herabgekommen, dass der Rittmeister sie in Bohmen, bey einem feindlichen Regimente, in dessen Hand er als Kriegsgefangener gerathen war, als Marquetenderinn, angetroffen hatte. Seine erste Frage war nach seinem Sohne, und dieses Weib, welcher es nie an wahrscheinlichen Erdichtungen fehlte, hatte ihm eine lange Geschichte vorgelogen, nach welcher er seinen Ludwig in den Handen von Zigeunern vermuthen musste, welche ihr ihn, wie die Boshafte vorgab, bey einer einsamen Reise durch den Bohmerwald geraubt hatten.
Wie musste dem Rittmeister zu Muthe seyn, als er so unvermuthet von dem Ungrund dieser Erzehlung und aller Sorgen, die er sich um seinen Ludwig gemacht hatte, uberzeugt wurde! Welche Ueberraschung, ihn wieder zu finden, ihn so wieder zu finden, wie er war.
Die halbe Nacht verstrich unter Gesprachen, welche von diesen Dingen veranlasst wurden. Der Rittmeister wollte seinen Sohn nicht aus den Armen lassen, und Julchen musste ihm endlich den Kleinen, welcher zu jung war um alles was um ihn vorgieng ganz zu fassen, und der unter den Erzahlungen seines Vaters endlich auf seinem Schooss einschlummerte, mit Gewalt entreissen; Sie behauptete, es wurde dem Kinde schaden, langer der Nachtluft ausgesetzt zu seyn, und fuhrte ihn zu Bette. Der Rittmeister sah ihr mit Entzucken nach, und gerieth in ein tiefes Nachdenken, aus welchem ihn erst ihre Wiederkunft ein wenig ermunterte.
Es war weit nach Mitternacht, als wir erst aus Scheiden gedachten. Der Becher der Freude war frisch unter uns herumgegangen. Die alte, jetzt aus der Mode gekommene, lobliche Sitte, den Namen seiner Freunde beym Trinken zu nennen, war noch bey uns eingefuhrt. Wir tranken eines auf des andern Wohlergehen, und Albert, welcher bey Harolden sass, und besonders wohl mit ihm dran zu seyn schien, ergriff, als Jedermann des braven Amtmanns von Hohenweiler Gesundheit trank, sein Glas, schuttelte Harolds Hand, und rief: nun Bruder Ferdinand, es gehe dir wohl!
Ferdinand? rief Jucunde, und setzte ihr zum Trinken gefasstes Glas wieder nieder.
O Schwatzer! erwiederte Harold, war das unsere Abrede?
Ferdinand! Ferdinand! fuhr Jucunde mit zusammengeschlagenen Handen fort, mein Warner! mein Schutzengel! was wurde ich ohne ihn jetzt seyn! O Himmel, wo hatte ich diese Zeit uber meine Augen, um ihn nicht zu erkennen!
Aller Augen wandten sich auf Jucunden, Harold ergriff ihre Hand, druckte sie fest an seine Brust, und sah ihr mit einem Blick ins Auge, als wollte er fragen: Ists moglich, dass diese kalte Seele Gefuhl hat? Jucunde merkte, dass sie zu viel gesagt, zu feurig gesprochen hatte; sie wand ihre Hand aus Harolds Handen los, sahe beschamt vor sich nieder, und ein paar Thranen fielen aus ihren Augen.
Albert und Harold wurden von allen Seiten mit Fragen besturmt, und ihre Antworten zeigten, dass der wackere Amtmann von Hohenweiler kein anderer war, als jener Ferdinand, welcher Jucundens Ehre im Thiergarten zu Berlin so herzhaft vertheidigte, der Alberten, nach dem darauf erfolgten Zweykampfe, davon half, und sein kleines Vermogen beym Abschied mit ihm theilte; welcher Jucunden so oft vor ihrer ehrlosen Gesellschafterinn warnte, und einigemal ihr thatlich aus Verlegenheiten half, in welchen sie, ohne seine Hulfe, ihren Untergang hatte finden konnen.
Albert hatte ihn, als er nach Hohenweiler kam, auf den ersten Blick gekannt, sie hatten die alte Freundschaft erneuert. Harold hatte ihm offenherzig seine Absichten auf Jucunden entdeckt, die er jetzt gegen sie und uns alle bekannte, und beyde waren einig geworden, den Namen Ferdinand nicht eher zu nennen, bis alle Hoffnung verschwunden war, dass Jucunde endlich sich auf das Gesicht ihres alten Freundes besinnen wurde.
Wie konnte ich das? rief Jucunde, mein Schutzgeist kam mir allemal zu schnell aus den Augen, als dass ich eine feste Idee hatte von ihm fassen konnen, selbst der Name Ferdinand, den ich ihm gab, und der mir jetzt die Augen offnet, beruhte auf blossen Muthmassungen, das eine Mahl, da ich etwas langer dieses Ferdinands Gegenwart genoss, ward ich durch die Maske, welche er trug, und das anderemal durch seine Kleidung, durch die Besturzung in der er mich fand, und durch die Nacht verhindert, ihn so deutlich zu sehen, dass ich mich seiner nach Jahren wieder erinnern konnte. Aber seine Stimme, o Himmel, seine Stimme! was fur sonderbare unerklarliche Eindrucke machte sie auf mich! Meine Mutter weis, was ich ihr hieruber gesagt habe, und ich kann es noch nicht begreifen, wie es moglich war, dass es mir nicht bey dem ersten Laut derselben, den ich horte, einfiel, dass eben diese Stimme es war, welche jene mir ewig unvergesslichen Worte aussprach, die mich damals so sehr beleidigten, und die mir doch, wie ich sicher weis, in der Folge dienten, meinen Vorsatz, immer gut zu seyn, nie zum Laster abzuweichen, zu befestigen.
Und was waren das fur Worte, fragte Harold, indem er die Hand seiner Beysitzerinn zartlich an seine Lippen druckte.
O Ferdinand, erwiederte Jucunde, es war hart, es war grausam, was sie mir sagten; sie beschuldigten mich: "es musse doch wohl ein geheimer Wohlgefalle an dem Laster, das ich mich zu verabscheuen stellte, in meinem Herzen verborgen seyn." Ich fuhlte es, meine unverbesserliche Unbesonnenheit, schien diesen Vorwurf zu verdienen, aber mein Stolz emporte sich. Ich hasste sie in diesem Augenblick von ganzem Herzen, und gelobte mir es in der Stille an, ihnen zum Trotz tugendhaft zu bleiben, und die Falschheit ihres Urtheils von mir zu beweisen; und ich denke ich habe mein Gelubde gehalten.
Ja das haben sie, rief Harold, ich selbst kann es ihnen bezeugen, denn ob ich ihnen gleich damals, als ich im Zorn von ihnen schied, versprach, mich inskunftige nicht um ihre Handlungen zu bekummern, so war mir es doch unmoglich, mein Versprechen zu halten. Keiner ihrer Schritte blieb von mir unbeobachtet, und alles was ich thun konnte, war, dass ich aufhorte sie zu warnen, aber ich hatte dieses auch nicht mehr nothig; helfen hatte ich ihnen mogen, wenn ich nicht zu arm dazu gewesen ware. Wie beklagte ich sie, als ich erfuhr, dass sie von allen betrogen und verlassen in Berlin zuruck geblieben waren! wie bewunderte ich sie, als ich endlich ihre kleine dunkle Wohnung auskundschaftete, und zuweilen ein Augenzeuge von ihrem stillen arbeitsamen und kummerlichen Leben war. Sie mussen sich noch eines gewissen alten podagrischen Vetters erinnern, welcher bey ihrer damahligen Wirthinn, aus und eingieng, dieser angebliche Vetter, dieser verkleidete Alte war ich, und sie konnten mich freylich nicht erkennen, da sie allemal, wenn jemand erschien, der ihnen fremd war, sich gleich in ihre Kammer zuruck zogen.
Als ich sie in der Folge auf einmal als Schauspielerinn zum Vorschein kommen sah, da emporte sich mein Unwille von neuem wider sie. Nie hasste ich sie herzlicher, als wenn sie sich unter allgemeinem Beyfall am vortheilhaftesten zeigten, und ich leugne es nicht, dass ich manche Kabale, welche ihre Nebenbuhlerinnen machten, um sie vom Theater zu scheuchen, treulich unterstutzte, und oft, anstatt ihnen das Lob zu ertheilen, das ihre Kunst verdiente, meine Stimme mit dem Hohn ihrer Feinde vereinigte.
Sie sollten, sie mussten, einen Stand verlassen, welcher, so untadelhaft sie sich auch in demselben bezeugten, doch zu gefahrlich fur sie war, als dass ich sie in demselben hatte dulden konnen. Das Bestreben uber ihre Tugend zu wachen, zog mich nach und nach selbst von dem Wege des Lasters ab. Es kann ihnen nichts neues seyn, dass ich bey aller Strenge gegen sie, doch mir manche Ausschweifungen erlaubte. Welcher Tugend kann sich ein Schlager und Spieler ruhmen? auch wissen sie wohl, dass sie mich ein paarmal an Orten gesehen haben, an welchen sich ein tugendhafter Jungling nie befinden sollte. Ihnen zu Liebe legte ich tausend Fehler ab. Ich ward wieder fleissig, und vertiefte mich einmals so sehr in ein mir aufgetragenes gerichtliches Geschaft, dass ich sie aus den Augen verlor. Die Schauspielergesellschaft, bey welcher sie waren, hatte, wahrend ich einige Wochen von unserm bisherigen Aufenthalt abwesend war, die Stadt verlassen. Bisher war ich ihnen uberall gefolgt, nun hatte ich ihre Spur verloren. Ich erfuhr erst hintennach, dass sie in Wien gewesen waren, das Theater heimlich verlassen hatten, und gegenwartig bey ihren Eltern lebten.
Ich jauchzte uber diese Botschaft; ich suchte eine Stelle in dem Hause ihres Vaters zu bekommen, um ihres Anblicks taglich geniessen zu konnen. Einer von meinen Freunden rekommandirte mich dem Amtmann von Hohenweiler, als Schreiber. Ich gieng an den Ort ab, wo ich sie zu finden hoffte, und erstaunte, in demjenigen, dem man mich empfohlen hatte, nicht ihren Vater, sondern den Herrn Katharines zu sehen, welcher mir ganz unbekannt war. Ich hatte mich einmal verbindlich gemacht, und ich musste bleiben. Zum Gluck erfuhr ich, dass sie gegenwartig nebst ihren Eltern zu Traussenthal, also nur wenig Stunden von Hohenweiler lebten. Bey dieser kleinen Entfernung konnte ich ja hoffen sie zuweilen zu sehen; aber so suss mir auch diese Hoffnung war, so sehr tauschte sie mich. Sie waren nirgends sichtbar als in der Kirche ihres Orts, und in dem Hause ihrer Eltern war es unmoglich fur einen Fremden, ohne ganz besondere Empfehlung einen Zutritt zu erlangen. Ich kannte niemanden in der ganzen Gegend, welcher Bekanntschaft mit dem Hallerschen Hause hatte, und ich musste mir also gefallen lassen, um mein Leben nicht ganz freudenlos hinzubringen, alle Sonntage ein paar Stunden weit zu reiten, um einen elenden Prediger zu horen und sie zu sehen.
Wie lange ich dieses ausgehalten haben wurde, weis ich nicht. Meine Geschafte, und mein Fleiss, welcher mich endlich zu dem erhabenen Posten von Herrn Katharines Amtsverweser steigen liess, waren nur Pallietifkuren wider das Andenken an sie; und die sonntaglichen Visiten, die ich Ihnen in der Kirche gab, waren nicht mehr recht hinlanglich mich zu befriedigen; da fuhrte das Gluck meinen ehemaligen Obristlieutenant, den Herrn von Sarnim herbey, durch ihn erhielt ich Zutritt in ihrem Hause, konnte sie sehen so oft ich wollte, und freute mich schon auf den Augenblick, wenn sie in mir den berlinischen Ferdinand erkennen, und mir dadurch Gelegenheit zu einer Erklarung geben wurden, nach der ich mich so sehr sehnte, und welche ich jetzt ohne Bedenken gethan haben wurde, da ich in einem Stande lebte, welcher mir erlaubte zu reden, und mir selbst schon genugsame Beweise von meiner aufrichtigen Ruckkehr zur Tugend gegeben hatte, um Muth zu haben, meine Hand einem guten Madchen anzubieten.
Sie wissen, wie lange ich mich in meiner Erwartung betrogen habe, und hatte Albert nicht meinen Namen vorhin von ohngefehr genannt, so besorge ich, wir hatten zehn Jahre lang in einem Hause leben konnen, ohne dass sie in mir einen alten Bekannten gesucht hatten.
War denn der Name Ferdinand das einige, was ihnen von mir im Sinne blieb? Zog keine geheime Sympathie sie zu dem Herzen hin, dass sie so sehr verehrte? O ihr Empfindler, ich werde euch in Zukunft doppelt hassen, da ihr mich mit einer eurer schonsten Ideen, dem geheimen Einverstandniss, fur einander bestimmter Seelen, so jammerlich getauscht habt.
Mein Herz sagt mir, ich und Jucunde sind fur einander geboren, meine ganze Seele hangt an ihr, und sie? fuhlt nichts fur mich, ihr Herz ist stumm, flosst ihr keinen Gedanken, keine Vorstellung von den Dingen ein, die mir so gewis sind.
Vier und dreyssigstes Kapitel
Ferdinand Harold bedankt sich fur die gute Meynung
seiner Schwiegermutter
Harold, erwiederte Jucunde, wenn ich Ihnen meine wahre Meynung offenherzig gestehen soll
Es ist spat, unterbrach ich meine Tochter, aus Furcht, sie mochte sich mit einem Gestandniss ubereilen, das sie nach allen Regeln des Wohlstandes und altvaterlicher Sitte mir zuerst zu thun schuldig war. Es ist spat, und ich halte es fur besser, wenn wir jetzt zur Ruhe gehen, und Herr Harolden morgen mit unsern Gesinnungen bekannt machen. Wir standen alle auf, und trennten uns nach einem von allen Seiten zehenmal genommenen Abschied, nicht um zu schlafen, sondern wachend uber die Vorgange dieses seltsamen Tages zu traumen.
Der folgende Tag ward durch Herrn Harolds feyerliche Anwerbung um Jukunden merkwurdig gemacht. Es gieng alles dabey so ordentlich und regelmassig zu, wie ich es liebe. Ich hatte mit dem Madchen schon vorher uber die Sache gesprochen, und ich versprach sie dem, der sie in aller Absicht so wohl verdiente. Es freute mich doch, dass Jucunde vernunftig genug dachte, sich uber die wenigen Reitze von Herrn Harolds von der Sonne verbrannten Gesichts, und die Schmarren uber Mund und Wangen hinweg zu setzen, auch gefiel mir es, dass sie meynte, des Amtmanns oft gar zu zwangloses Betragen, und seine sehr ungekunstelten Ausdrucke, liessen sich schon bey seinem guten redlichen Herzen ubersehen, und sie hoffte durch Nachgeben und Gefalligkeit wohl mit ihm auszukommen.
Mein Kind, sagte ich, du urtheilst wie ein vernunftiges Frauenzimmer thun muss, auch muss ich dir sagen, dass ich Ferdinanden in der Zeit, da ich ihn kenne, so viel abgemerkt habe, dass er, ich weis nicht aus welcher narrischen Laune, mehr Rauhigkeit und Harte affektirt, als ihm wurklich eigen ist. Ich glaube, du wirst diesen rohen Diamant schleifen konnen, dass seine ganze glanzende Seite zum Vorschein kommt.
O meine Mutter, erwiederte sie, wie sollte ich das! Meinen Mann bessern? ihn vielleicht beherrschen? nein nimmermehr!
Gut, gut meine Tochter, sprach ich, bleib bey dieser Meynung, wenn du kannst, und solltest du in Zukunft anders denken, so ube die Gewalt, die du uber ihn hast, und die du gewiss nie misbrauchen wirst, nur allemal so aus, dass er es nie gewahr wird, dass du das Regiment, welches ihm zukommt, mit ihm theilest.
Der Krieg ist in meinen Augen nie die Zeit gewesen, Hochzeiten und Freudenfeste anzustellen. Es ist sundlich zu jauchzen, wenn das ganze Land trauert, auch hat man wenig Exempel, dass so etwas gut ablauft; dass ich daher schlechterdings darauf bestand, Harolds und Jucundens Verbindung bis zum geschlossenen Frieden aufzuschieben, lasst sich denken.
Ein wenig Murren erfolgte denn wohl von dieser und jener Seite, aber ich war Mutter, und wusste mein Ansehen zu behaupten.
An einem von den folgenden Tagen, als wir des Abends beysammen sassen, und von diesem und jenem sprachen, erinnerte ich meine Sohne, mir die Geschichte von ihrem Aufenthalt in Amerika, wie sie versprochen hatten, umstandlich zu liefern. Ich wusste noch von allen ihren Angelegenheiten wenig mehr, als dass sie Ehre und Gluck in diesen weit entfernten Gegenden fanden, dass sie das Kriegsschwerd in die Scheide steckten, und ihr Vaterland mit sehr friedlichen Gedanken betraten.
Aber welchem Helden, der einmal den Pfad des Ruhms betrat, schlagt das Herz nicht hoher empor, wenn er das, uns zaghaften Weibern so schreckliche Wort Krieg nennen hort.
Die beyden Bruder, fanden ihr Vaterland bey ihrer Wiederkunft, in den Waffen. Das Schicksal fuhrt sie dem Rittmeister von Wilteck entgegen; Ueberredung und eigne Wahl brachte sie zum zweytenmal in die Uniform. Sie waren beyde bey ein paar heissen Expeditionen gegenwartig. Ihre Tapferkeit zeichnete sie vor allen andern aus, und verschafte ihnen die Stellen, welche sie gegenwartig besassen.
Dieses war alles was ich von der Geschichte meiner Sohne wusste, selbst der gluckliche Zufall, der sie an jenem merkwurdigen Tage so unvermuthet zu unserer Rettung herbey fuhrte, war mir noch nicht ganz klar, und ich erwartete eben die vollstandige Erzehlung aller dieser Dinge aus ihrem Munde; als ein unvermutheter Larm auf den Strassen sie von meiner Seite entfernte.
Wie ein Donnerschlag tonte mir die Post in den Ohren; dass schleunige Ordre gekommen sey, unsere Beschutzer sollten noch in der nehmlichen Nacht Hohenweiler verlassen, und zu ihrem Regimente stossen.
Niemand war nach mir so traurig uber diese Nachricht als Klare. Himmel, sie sollte ihren Samuel so schnell wieder einbussen, ihn, welcher den ersten zartlichen Auftritt im Keller ausgenommen, sich noch gar nicht so gegen sie bezeugte, dass sie seiner Liebe gewiss seyn konnte. Samuels Eigensinn und seine uberspannten Begriffe von Recht und Schicklichkeit, waren durch Erfahrung und Weltkenntniss freylich ein wenig geandert, aber bey weitem nicht ganz getilgt worden. Er liebte Klaren, aber der Gedanke, dass sie die Besitzerinn von den Gutern war, welche seine Rechtschaffenheit Charlotten ehemals entzogen hatte, wurde ihn vielleicht ewig abgehalten haben, ihr seine Hand zu geben, wenn das Gluck sich nicht dazwischen gelegt, und Klaren wieder so arm gemacht hatte, als sie ehedem war.
Einige Tage vor der obenerwehnten Ordre zum Abmarsch, erhielt Klare Post, dass die ganze Gegend, in welcher ihre Guter lagen, das traurigste Schicksal erfahren hatte. Das Feuer und der wutende Feind hatte alles, was sie besass, so von Grund aus verheert, dass ihr nichts mehr ubrig war, als ein Haufen zu Grunde gerichteter Bauern, und die Stelle, wo ehemals ein Dorf und ein Schloss stand.
Seit diesem fur Klaren so schrecklichen Tage liess sich eine grosse Aenderung in Samuels Betragen merken. Seine Geflissenheit sie zu trosten artete in Zartlichkeit aus, und ich glaube, wenn es dem Feinde moglich gewesen war, das Andenken dieser verhassten Guter ganz von der Erde zu vertilgen, oder wenn irgend jemand sein naheres Recht zu der Stelle, wo sie ehemals standen, zu erweisen gewusst hatte, Samuel wurde Klaren noch heute seine Hand angetragen haben.
An dem Morgen, an welchem unsre Beschutzer Hohenweiler verliessen, bemerkte ich, dass Klare und Samuel ein langes heimliches Gesprach mit einander hielten, dessen Inhalt ich vermuthlich erst in der Zukunft erfahren werde.
Bald nach dieser Trennung von unsern Geliebten, bekamen wir in Hohenweiler so viel Luft, dass wir auf die Ruckkehr nach Traussenthal denken konnten. Der Krieg zog sich nach der Grenze hin, und das Gerucht von dem nahe bevorstehenden Frieden, vermehrte sich von Tag zu Tage.
Ein Brief von dem Rittmeister von Wilteck, den ich in den ersten Wochen unsers Aufenthalts, in unserer alten geliebten Wohnung erhielt, rechtfertigte meine Muthmassungen, die ich gleich den ersten Abend, da er sich uns zu erkennen gab, von einer angehende Liebe zu Julchen hegte. In der That, Julchen durfte sich nur zeigen um Eroberungen zu machen. Wenn sie auch nicht unter ihren Schwestern die schonste heissen konnte, so war sie doch bey weitem die liebenswurdigste. Die geringe Meynung die sie von ihren eigenen Reitzen hatte, und die ich, so falsch sie auch war, nie bestreiten mochte, machte sie zu einem doppelt interessanten Gegenstande. Ein Madchen, die bey der schonsten Gestalt, und den holdesten einnehmendsten Zugen, dem Abdruck ihres englischen Herzens, nicht schon zu seyn glaubt, wie unwiderstehlich reisst sie die Herzen zu sich! Und ihr Charakter, so wie er sich hier und da in dieser Geschichte zeigte, selbst ihr kleiner Hang zu romantischer Schwarmerey, der sich nicht durch empfindelndes Wesen, sondern durch stille Grosse, und tausend gemeinen Seelen unerreichbare Handlungen aussert, wie sehr musste alles dieses zusammengenommen, einen Mann wie den Rittmeister fesseln. Er schrieb mir in den feurigsten Ausdrucken, dass sie sein ganzes Herz erobert habe, dass sie allein ihm die Stelle ihrer Schwester zu ersetzen vermochte, und dass doch, wer kann all das ubertriebene Geschwatz dieser jungen Leute nachschreiben.
Wahr ist es, keine bessere Gattinn wusste ich ihm, und keine bessere Mutter dem kleinen Ludwig zu wunschen als mein Julchen, aber dieses Julchen hangt so mit ganzer Seele an gewissen Chimaren, welche sie bey dem Rittmeister nicht realisirt finden wird, es schwebt ihr so ein uberirdisches Bild mannlicher Vollkommenheit vor, das sie zu ihrem Sponsen erkohren hat, dass ich nicht weis, wie sie sich zu einem irdischen Rittmeister wird herablassen konnen. Ich will sie noch ein paar Jahre so hingehen lassen, vielleicht dass sie es denn einsehen lernt, dass sie einem Hirngespinnst nachstrebt, und vielleicht dass die Vorstellung, ihres Lieblings des kleinen Ludwigs Mutter zu werden, und den Gemahl ihrer verstorbenen Schwester glucklich zu machen, alsdenn etwas dazu beytragt, sie dahin zu lenken, wohin ich wunsche; Wunsch andere zu beglucken ist ja die Hauptleidenschaft dieses guten Madchens.
Ihr das schlimme Ende recht anschaulich zu machen, welches alle die von Romanen eingeflosste Grillen zu nehmen pflegen, hat sich leider vor kurzem ein trauriges Beyspiel in meiner eigenen Familie gezeigt. Ich habe erwehnt, was der edle Obristlieutenant von Sarnim fur Amalien und ihren Mann that. Sie lebten auf seinen Gutern ruhig und bequem, aber nicht glucklich; keines nahm sich des Amtes an, das er ihnen aufgetragen hatte. Madam Feldner vertrieb sich die Zeit mit Romanschreiben, und Herr Feldner lies es sich angelegen seyn, dergleichen zu spielen. Amaliens Liebe zu ihrem Manne ward mit Untreu belohnt und ihre Werke wurden in der litterarischen Welt nicht so aufgenommen, als sie ihren Gedanken nach verdienten. Der Gram uber beydes nagte an ihrem Leben, sie fiel in eine Abzehrung, und es ist noch zweifelhaft, ob der Schrecken uber ein neuentdecktes Liebesverstandniss ihres Mannes mit dem Gartnermadchen, oder uber eine an eben dem Tage gelesene hamische Rezension eines ihrer Lieblingswerke, ihrem Leben ein Ende machte.
Sie war meine Tochter, ihr Ende gieng mir nahe; aber freylich fuhlte ich bey der Nachricht von ihrem Tode bey weitem dasjenige nicht, wie ehemals bey Hannchens Sterbebette. Indessen konnte ich doch diese gemassigte Traurigkeit, die ich selbst fuhlte, bey andern nicht vertragen. Herrn Feldners Brief, welcher mir die Trauerpost brachte sprach so kuhl und gelassen von seinem Verluste, dass ich mit dem lebhaftesten Unwillen gegen ihn erfullt ward, und Julchen das trostvolle Schreiben zu lesen hinreichte. Ich bitte dich, sagte ich, erkennest du in dieser Sprache wohl denjenigen, von welchem deine ungluckliche Schwester tausendmal versicherte, er sey der Einzige auf der Welt, den sie hatte lieben konnen, der Inbegriff aller Vollkommenheit die sich bey einem Sterblichen denken liessen? Madchen! dass dir es nur nicht einmal mit deinen uberirdischen Idealen auch so ergeht! Doch du bist gut und folgsam, und wirst deiner Mutter trauen, die es aus der Erfahrung weis, dass sich von allen eurem Romanenzeug nichts aufs wirkliche Leben anwenden lasst.
Es waren der Lehren noch mehr, welche ich Julchen gab, und ich habe Ursach zu glauben, dass sie Eindruck machten.
Mein Zorn uber den nichtswurdigen Feldner ward in wenig Tagen noch durch die Nachricht vergrossert, die ich von des Obristlieutenants Gutern erhielt. Feldner hatte sich aus dem Staube gemacht, und alles in der grossten Unordnung hinterlassen. Guter edler Sarnim, wie unglucklich bin ich, dass du, der Wohltater meiner Familie, durch die Unvernunft und Bosheit der Meinigen leiden musstest.
Ich schuttete in einem Briefe an den Obristlieutenant mein ganzes Herz uber diesen Punkt aus, und seine Antwort war mir so trostend als ich sie wunschen konnte. "Habe nicht auch ich, schrieb er, unter denen Personen, welche ich, wenigstens ehemals zu meiner Familie rechnete, mehr als funfe die mich beschimpfen, gegen einen der mir Ehre macht? Was ist Gabriele und ihr Mann? welche nun durch gegenseite Untreue bald auf eben dem Punkte stehen werden, wo ich vor einigen Jahren mit Josephen war? Was ist diese Josephe und ihre Mutter? beyde leben mit einander auf dem einsamen Gute, das ich ihnen angewiesen habe, und machen sich, die eine durch fortgesetzte Luderlichkeit, und die andere durch den Trunk, zum Spott, aller die sie kennen. Der alte Wilteck und der sogenannte Oberste haben das Land gar verlassen mussen, um den Nachstellungen der Obrigkeit zu entgehen, und der einige, der mir also von diesem Hause noch uberbleibt, um mich uber die andern zu trosten, ist der brave Rittmeister von Wilteck; welcher, wenn das Gluck und Schwester Julchen gunstig ist, zum zweytenmal mein Schwager werden soll.
Ach Mutter, Mutter, was fur Freuden stehen Ihnen bevor, wenn der Friede uns wieder zu ihnen bringt! Ihre Sohne haben sich brav gehalten, man spricht von grossen Avancements; ich soll nichts verrathen, aber so viel weis ich, dass ich mich auch vorhin gewaltig verschnappte, den kunftigen Brautigam unsers Julchens noch Rittmeister zu nennen."
Ich theilte, wie ich gewohnt war, diesen Brief Herrn Walter und seiner Frau mit, als sie kamen uns zu besuchen. Charlotte entdeckte am Rande eine Anmerkung von Samuelen die Klaren betraf, und die ihr das Kopfgen ein wenig wirblich machte. Das dich! uber die verwunschte Misgunst! Nun ich denke wohl, wenn Klare ihr einmal aus den Augen seyn wird, so wird sich alles das schon legen, ich weis ja wie es mit Peninnen gieng; wenn diese und Samuel nichts mehr von sich horen lassen, so kann Herr Walter und seine Gattinn noch eins der glucklichsten Ehepaare werden, die es auf dieser mangelhaften Welt giebt. Dass Samuel so wie bisher sich huten wird, seiner ehemaligen Geliebten vor die Augen zu kommen, und den Gedanken an vergangene Zeiten zu erneuern, ist ausgemacht, er denkt in diesem Stuck so delicat wie Peninne, und Herr Walter kann seinetwegen ruhig seyn.
Harold und Jucunde sehen dem Frieden und ihrer Verbindung mit Verlangen entgegen, und wenn Julchen sich mit der Zeit einmal bequemt Frau von Wilteck, zu werden, so bleibt mir nur der einige Albert noch ubrig, in den Stand zu bringen, den ich so vorzuglich finde, ungeachtet ich alle seine Leiden in ihrem ganzen Umfange erfahren habe. Aber wo soll ich unter den Tochtern des Landes eine antreffen, welche fahig war, dieses flatterhafte Herz zu fesseln? O dieser Albert, ein so warmer Bewunderer der weiblichen Schonheit, und doch so unempfanglich fur jeden festen Eindruck!
Meine Kinder, euch widmete ich diese Blatter, euch hielt ich diesen Spiegel vor, um euch zu zeigen, was ihr ehemals waret, was ihr zum Theil auch noch seyd, und was eure Mutter um euch gelitten hat. Glucklich bin ich, dass ich euch alle auf einen Punkt gebracht habe, der mich wegen eures kunftigen Schicksals ruhig seyn lasst, ich habe eure Geschichte bis auf den Augenblick, in welchem wir leben, fortgesetzt; die Zukunft ist mit Dunkelheit umhullt, doch dunkt mich, meine Augen sind scharf genug, in derselben viel Gutes fur euch und mich zu erblicken. O Himmel fur mich? erlaubt mir mein schwaches hinsinkendes Alter wohl die Hoffnung, noch lange Zeuginn eures Glucks zu seyn? Wie die Vorsicht will! Ruckt mich der Tod unerwartet von eurer Seite, so giebts noch eine Welt, deren Bewohner den Burgern der Erde gewiss nicht so fern sind, als man glaubt. O der Gedanke, euch unsichtbar zu umschweben, euch im stillen Mondstrahl zu belauschen, wenn ihr in traulichen Gesprachen von mir, der Hingeschiedenen, beysammen sitzt, und meinen letzten Willen, durch immer wachsende Liebe unter euch zu erfullen sucht, oder wenn eins unter euch, einsam wandelt, und an mich und meine Lehren denkt, ihm meine Gegenwart durch ein leises Flustern zu verrathen, dieser Gedanke, ob er gleich eher der kleinen Schwarmerinn Julchen, als mir, einer Matrone aus der alten Welt ahnlich sieht, hat so viel Entzukkendes fur mich, dass ich ihn nicht aufzugeben weis, dass ich ihn, er sey in dem Auge des Denkers, was er wolle, beybehalten will, um mir den Gedanken an die baldige, ach lange, lange Trennung von euch, ihr Lieben zu erleichtern.