Marianne Ehrmann
Nina's Briefe an ihren Geliebten
Von der Verfasserinn der
Geschichte Amaliens
Nodo piu forte
Fabricato da noi e non dalla Sorte.
Vorbericht
Mein Weibchen sagt, ich solle ihr eine Vorrede zu den Briefen schreiben, die ich mit ihrer gutigen Erlaubnis hier dem Publikum vorlege. Nun ich will's gerne thun, denn was thut man nicht einem lieben Weibchen zu Gefallen! Aber ich weis in Wahrheit nicht, was ich schreiben soll.
Soll ich meinen Lesern sagen, dass alle diese Briefe wirklich originell und wahr sind? Nun, dass mochte ich wohl, aber ich furchte, man glaubt mir es nicht; sollte ich nun noch vollends hinzusezzen, dass ich der Friz bin, an welchen alle diese Briefe geschrieben sind, so wurde man gar Zeter uber meine Eitelkeit schreien.
Die Herren Kritiker mogen aber auch sagen, was sie wollen, es ist nun einmal so! Die Verfasserinn dieser Briefe ist meine liebe Gattinn, und hat diese Briefe, so wie sie hier stehen, an mich geschrieben! Lachen Sie nicht, meine wertheste Leser und Leserinnen, ich sage Ihnen die Wahrheit!
Es mag Ihnen freilich etwas sonderbar vorkommen, dass der Ehemann die Briefe drukken lasst, die als schrieben worden sind; die Sache bleibt aber an sich selbst doch ganz naturlich!
Ob diese Briefe wirklich auch fur andre Leser den innern Werth besizzen, den Sie fur mich haben, das kann ich nicht entscheiden! Ich lese sie als Ehemann noch mit den namlichen Augen, mit welchen ich sie als Liebhaber las, und darum glaube ich auch, dass sie dem Publikum gefallen werden, so wenig empfindelnd sie auch sind.
Was ubrigens gewisse Herren Kunstrichter und Kritikaster dazu sprechen werden, das soll mich und mein Weibchen wenig kummern. Gefallt das Buchelchen, nun so kann ihr Tadel ohnehin nichts schaden, und dass es gefallen werde, das hoffe ich.
Der Herausgeber.
I. Brief
Mein Werthester!
Aber um Gotteswillen, was kann ich Ihnen in meiner Lage fur Trost geben? Von allen Seiten umringt, verfolgt von den Ihrigen, an der Ehre gekrankt, und dann von einem Freund gequalt, der mich besser kennen sollte Erfordert meine Lage nicht mehr Vorsicht, als die Ihrige? Sie sind Mann, ich bin Weib. Mundlich will ich Sie uber alles beruhigen; aber schriftlich wage ich es bis izt noch nicht. Sind Sie toll, dass Sie sich Menschen, (sie seyen auch, wer sie wollen) anvertrauen? Wie konnen Fremde von meiner Lage schwazzen, die nur Ihnen und mir bekannt ist? Huten Sie sich, je wieder einem Ihrer Freunde Ihr Herz zu offnen! Diese Kalten verstehen weder Sie noch mich! Ich bin ubrigens stolz auf meinen Karakter; wer mich nicht kennen will, den kann ich nicht bei den Haaren zur guten Beurtheilung hinreissen! Ich wunschte, dass Sie mannlicher dachten, und das fur unumstosslich gut hielten, wovon Sie uberzeugt sind, dass es wirklich gut ist. Sie wanken ja wie ein armer Verrukter in Ihren Affekten hin und her. Mundlich sollen Sie Saz fur Saz aus Ihren Briefen beantwortet bekommen. Konnten Sie wohl, wenn es anfangt dunwerden nicht konnen; folglich erwarte ich Sie Morgen fruhe, so bald es seyn kann. Aber gelassner, gelassner, mein Freund, mit einer Armen, die von allen Seiten gequalt wird! Sie haben uber mein kleines Billet gebrausst? Warum denn? Ich kenne doch nur Einen Gott, nur Eine Liebe, nur Eine Redlichkeit; und was wollen Sie denn weiter? Ich gehe heute nicht ins Schauspiel, um den neidischen Schandmaulern auszuweichen, die mich in Ihren Augen verdachtig machen wollen. Schlafen Sie ruhiger, als ihre arme, verwundete und gebeugte
Nina.
II. Brief
Mit zitternder Angst im Herzen schrieb ich dies! Gott! Wie mich Ihre Lage angstigt! Wie sie mir meine Sinnen raubt! Wie ich muthloses Kind werde! Wie ich fur Sie zittere! Und wie ich mich Ungeheuer uber alles selbst verdamme, dass ich eine unschuldige Ursache an Ihrer Zerruttung bin; aber um Gotteswillen Friz verdamme mich nicht: Ich kann ja nichts davor, dass es just so kommen musste! Ich bin rein vor den Augen Gottes, ich bin deiner Liebe nicht unwurdig! Ich fuhle, dass dein Umgang meine Gluckseligkeit ausmachen wurde, wenn mich nur mein Schiksal nicht in Labyrinthe geworfen hatte, die furchterlich sind! In Deine Hande lege ich mein Schiksal; siegen wir, so weisst Du, welche Wonne in der Liebe unser wartet! Halte mich nur fur keine Verbrecherinn; Du wusstest zum voraus, was ich Dir wegen meiner wirklichen, unwurdigen Bekanntschaft sagte. Der Zufall, und meine Leichtglaubigkeit hat mich in elende Hande gespielt. Aber ich will bei Gott meinem Schwur so lang als moglich treu bleiben! Du selbst bist der Engel von Mann, der mich keine Pflicht verlezzen hiess, bis ich von der ganzen Treulosigkeit eines Undankbaren uberzeugt bin, und dann will ich entschliessen. Was kannst Du, was kann ich, fur die Harmonie unserer Karakter? Man soll Dich von mir reissen, man soll alles anwenden, um uns zu trennen; aber mein Herz, und meine Hofnungen sind doch frei! Ich kann deinen Umgang entbehren, denn ich hange weder am Eigennuz, noch weniger am Korper, und wer hat denn Macht mir Dein Herz zu entreissen? Aber wenn Du es von dieser Stunde an noch einmal wagst, Mistrauen in meine absichtslose Liebe zu sezzen, dann sey Dir auch Gott gnadig! Bei allen Heiligen beschwore ich Dich, jedem, der etwas von mir spricht, den Rukken zu kehren! Handle Deiner Klugheit gemass, und lass ubrigens Gott walten. Ha! So haben denn die Verlaumder mein Heiligstes angegriffen! Ich weine und dulde. Konnte ich mich nur geschwind in das Gewand einer Heiligen hullen, und mit dieser Aussenseite meinen Feinden unter blutigen Thranen zurufen: Lasst mich ihr Boshaften, der blosse Schein war wider mich! Verdammt sey von dieser Stunde an meine Lebhaftigkeit, verwunscht jeder Augenblik, wo ich mich je wieder durch sie vergessen konnte! Ich bin an die grosse Welt gewohnt, ich bin frei ohne Frechheit, man dringt mir zu, sie flattern um mich herum die Elenden, aber mein Wiz soll zu Gift und mein Verstand soll zu Wasser werden, wenn ich nicht von nun an, auch den kleinsten Schein zu Deiner Beruhigung verhute! Doch Du wirst sehen, es wird in dieser pobelhaften Frau Basen-Stadt nichts nuzzen! Vielleicht glanze ich denn in deinen Augen desto heller! Aber deine Verwandten haben es einmal auf mich gefasst, und ruhen gewiss nicht eher, als bis mich mein Feuer zu einem tollen Streiche verleitet. Hier hast Du nun alle Geheimnisse meines Herzens, und bekommt sie eine Seele ausser Dir zu sehen, dann .... ha, dann waren ewige grassliche Misshandlungen von Deinem groben Nebenbuhler mein Loos! Doch mein Friz ist vorsichtig! Friz uberlegt, Friz kann sein armes Weibchen nicht kranken! Aus Barmherzigkeit sey uberall vernunftig, nur keiner Seele getraut!
Es schlagt zwolf Uhr, und ich springe wieder wutend aus dem Bette! Dauert es so fort, o dann weh mir! Wenn Du mich nicht aufrichten kannst, so bin ich, so ist meine Gesundheit verloren. Das hiesige Burgervorurtheil erwurgt mich fast! Und doch kann ich meine Feinde nicht hassen. O wenn die Grausamen mich kennen wollten, sie wurden mich gewiss lieben. Hangen doch Personen meines Geschlechts leidenschaftlich an mir, und es sollte unmoglich seyn, Deinen eigensinnigen Bruder zu bereden?
Ich bin arm, verlassen in die Welt hingeworfen, aber reich und stolz in meinem Herzen! Doch was kummert mich das Nattergezucht; wenn Du mich kennst, und ruhig bist, dann mogen sie plaudern, die Knaben, die in Weiberrokken stekken, und die mich wegen einer blossen offentlichen Unterhaltung verdammen wollen! Bedenken denn die Elenden nicht, dass es meine Ehre gilt, dass es die Ruhe eines Junglings gilt, der seit so vielen Monaten Umgang von mir eines bessern uberzeugt ist? Friz! Ich will nicht mehr zurnen! Aber ich kanns nicht tragen; meine Unschuld, mein Stolz emport sich, ich mochte laut weinen! Ich bin es meinem wurdigen Erzieher schuldig, mich selbst zu ehren, und von heute an, will ich von nichts weiter mehr wissen, als was uns etwa trennen konnte! Das ubrige sind kleinstadtische Schlangenbisse, die uns lebendig ins Grab reissen, wenn wir ihnen Gehor geben! Also nichts mehr, Freund, als was uns trennen konnte, und dabei kommt's doch, glaub ich, nicht auf den Willen Anderer an? Sey aber sanft gegen deine Aeltern, sonst konnte ich Dich verabscheuen. Diese schwachen Leute haben dies Kreuz eben so wenig als wir verdient, und sollte diesem Ungerechten die Entbehrung meines Umgangs Ruhe schaffen, so richte Du es ein, wie Du willst, wie Du kannst. Es wird Dich und mich schroklich viel kosten; aber was ist denn auch das fur grosse denkende Seelen? Laure nach, es mussen Schurken unter der Verlaumdung stekken, sonst konnte man nicht so in Dich dringen, mich zu verlassen; vielleicht gar ein Geweb von Eifersucht? Gleich viel; vertheidige mich nicht weiter; Gott ist meine Hulfe, Er lasst mich gewiss nicht ganz unterdrukken! Nicht wahr Friz, izt sind meine Ahndungen erfullt, die ich vor etwelchen Tagen hatte? Wie mich's da presste, wie Du alle Macht der Vernunft zu Hulfe rufen musstest, um mich zu trosten! Forsche nach, ob nicht etwa in meinem Hause Spionen sind? Ich will eher das Burgergeschmeiss meiden. Mache indessen bei den Deinigen den kalten Hofmann, wenn es Dir moglich ist, aber nur Schonung fur mein Herz! Bei dem Allmachtigen Schonung fur meine Empfindsamkeit, Du kennst meine Erziehung! Gassengeschwaz ist mir unausstehlich! Denn ich fuhle mich, Gott sey Dank, uber den Weiberkram erhaben!
Nina.
Heisst das Wort halten? Bis eilf Uhr ohne Fehl Antwort. Spater kann es nicht seyn!
III. Brief
Acht Uhr vorbey! Und dennoch ist Ihre Antwort nicht da! Dafur wunsche ich Ihnen ein andermal eine ahnliche Folter, wenn Sie auf etwas passen! Sie kennen doch, dunkt mich, meine feurige Ungedult so ziemlich? Aber vielleicht hat man Sie am Schreiben gehindert? Wie ich alle Entschuldigungen hervorsuche, um mich zu beruhigen! In unserer Lage ist Furcht und Angst ganz naturlich, weil von allen Seiten Niedertrachtige uns storen mochten! Gestern passierte ich den halben Tag bei der Freundinn K.... Gott! Was dort fur herzige kleine Kinder sind! Nachher gieng ich zu einer andern Freundinn, die hat mich wegen Ihnen in die Presse genommen, oder noch besser mit unzeitiger Moral gemartert! Sie weiss dem ohngeachtet nichts positives, nur sagte sie, meine Schwermuth verriethe Seelen-Krankheit. Kann seyn, sagte ich, und wurde uber und uber roth! Aber weisst du was, lieber Friz! Morgen will ich wieder etwas von dir lesen, eh ich ausgehe, und dann dafur ein paar Duzzend Kusse von Deiner guten
Nina.
IV. Brief
Nachts um eilf Uhr.
So eben verliess ich ein freundschaftliches Nachtmal; und warum sollte ich dem guten, lieben Friz nicht Rechenschaft vom heutigen Tage geben? Aber zuerst will ich dem Lieben Saz fur Saz seinen Brief beantworten. Dass Sie gestern in etwas von Ihren Grundsazzen abglitschten, ist Ihnen herzlich vergeben, nur wollte es meinem Stolz nicht schmekken, dass Ihr voriges Madchen auf reinere Liebe Anspruche hatte. Mehrere Zurukhaltung ihrer Triebe ist mir bei meiner wurklichen Verfassung nothig; weil dies gerade das ist, was mir Standhaftigkeit in der Liebe verspricht, und was Sie so himmelhoch von andern Mannern unterscheidet. Waren Ihre Triebe grober, so wurde mir bald der Sturz Ihrer Liebe drohen, aber so glaube ich, dass Sie sich nicht so leicht konnen von mir reissen; ist Ihnen also meine Ruhe lieb, so handeln Sie, wie bisher. Sie schliefen die vergangene Nacht ruhig? Gott segne diese Ruhe; auch ich schlief so ziemlich; nur war es mir enge um die Brust. Nicht wahr Freund? Sie konnen mich nicht weiter mit Nachrichten von Verlaumdungen kranken; dafur kenn ich Ihr Herz. Es mussten nur neue Schurkenstreiche dieses Herz ver
Doch wieder zu meinem Kummer zuruck, der mir von einer teuflischen Verlaumdung aufgeburdet wurde; dieser garstige Verdacht in meinem Wandel ist der erste, der mir seit acht Monaten zu Ohren kam. Ich wurde daruber gelacht haben, wenn er nicht gerade an den gerathen ware, der mir das Theuerste auf der Welt ist; blos um deinen Verlust zittere ich, die ubrigen Thranen der Unterdrukkung sind suss; denn Unschuld erleichtert sie. Aber noch mein Besster! weiss ich keinen dritten Ort, wo wir uns sehen konnten; bei K.... kann es nicht seyn. Lieber gar nicht sehen, als sich mit Zwang sehen. Holbauer ist ein Schurk, und weiter nichts. Sie haben ihn brav bei der Rase herumgefuhrt? Vielleicht glaubt er bei mir izt seinen Roman anzufangen; aber er wird so abgewiesen werden, dass er sich's gar nicht vermuthen wird. Und hiemit genug uber diesen Buben. Weisst Du auch lieber Junge! dass Du die Zierde Deines Geschlechts bist? O Du verdientest ein besseres Madchen, als ich bin! Guter Wille, ein fuhlendes Herz, und eine machtige Standhaftigkeit in der Liebe ist mein ganzer Reichthum. Aber Gott! Gott! Wenn man deine Plane rukgangig machte! Wenn Du nicht siegtest! Und wir fuhren dann so fort, unsere Herzen in einander zu giessen, und unsere Kopfe mit Leidenschaft zu erhizzen! Heiland der Welt, waren wir nicht die Elendesten unter der Sonne! Friz! Um Gotteswillen mache mir dann keine Vorwurfe; ich habe Dir alles zum voraus gesagt; ich habe Dich nicht mit Kunstgriffen gelokt, Du sankst freiwillig an meinen Busen, und der meinige kampfte nicht lange. Denn es ist fur ein und allemal wahr, wir beide harmoniren bis auf den kleinsten Punkt, das fuhle ich, das sage ich mir alle Augenblikke. Schark war eine Frazze gegen Deine Warme; und nun hatte ich in so weit deinen Brief beantwortet. Aber izt zum heutigen Tag zuruk, von sechs Uhr bis zehn Uhr hatte ich todtende Stunden, weil ich auf Nachrichten von Dir wartete. Die Schuld der Zogerung lag zwar nicht an Dir, doch mag Dir meine Unruhe fur ein andersmal zur Warnung dienen. Dein Brief war mir dann ganz naturlich willkommen, aber meine Freude trubte mich demohngeachtet bei Tische ausserst! Ich gestehe es, Schark wandte alles an, um mich aufzuheitern, nur gelang es ihm nicht. Nun raffte ich mich auf, und gieng zur Familie R.... Dort traf ich eine Menge Madchen und Junglinge an, die sich an der Seite der Hausfrau munter ihres Daseyns freuten; doch sah ich leider keinen Friz unter ihnen, folglich fuhlte ich Drang! Mein Gott, was das fur eine Unruhe ist! Wie die bessten Menschen mir auch nicht ein Theilchen meiner Leiden ersezzen konnen! Sonst war mir das gesellschaftliche Leben sehr willkommen. Aber izt auf einmal zum schuchternen Kind zu werden. Sag, wie gieng das zu? Friz Du hast mir den Kopf verdrehet, Du bist mein Ruhestorer! Doch weiter.
Von dieser guten Familie gieng ich zur lieben Freundinn Sch.... ihr Junge kam mir entgegen gehupft, fiel mir um den Hals, herzte und kusste mich! Der Bube heisst Friz! Friz heisst er! Wie herzlich gerne liess ich mich von ihm kussen! Seine Mutter ist auch ein herzgutes Weib, und liebt mich feurig; ich konnte mich nicht enthalten, ich musste ihr etwas weniges von meinen Drangsalen merken lassen; doch ohne Dich zu nennen. "Halten Sie ihn vest, meine Liebe, (sagte sie) halten Sie ihn vest; er mag heissen wie er will, nach Ihrer Beschreibung ist er Ihrer wurdig, Sie verdienen gerade eine Seele, wie die seinige. Die ubrigen Menschen taugen fur Sie nicht. " Endlich unterbrach man uns, dann lief ich an's Fenster, sah Dich aber nicht vorbeigehen. Es druckte mich schroklich im Herzen, bis es nach und nach wieder etwas leichter wurde. Die Gutherzigkeit dieser Familie gab meinem Kummer Linderung; man kusste, man herzte, tandelte mit mir von allen Seiten; und kurz man hielt mich tausendmal schadlos fur meine Feinde. Und nun Friz hore! Einem zehenjahrigen Jungen legte die Mutter folgende Fragen vor: "Mein Sohn, wie muss einst dein Weib seyn, wenn du eine heirathest?" Sie muss Vernunft haben, antwortete der Knabe. Nun sagte ich, denn kann ich ihre Frau nicht werden. O ja schrie der junge Knabe, heute noch, heute noch! Aber woher wissen Sie, dass ich Vernunft habe? Hm! plazte der Bube heraus. Wenn man so schone Briefe schreibt, und so in allen Gesellschaften gesucht, geliebt wird, wie Sie, dann hat man gewiss Vernunft. Dieses unschuldige Urtheil entzukte mich! Ich hatte mich im namlichen Augenblik Engel zu seyn gewunscht, um fur Dich genug Reize zu haben! O mein Friz, ich bin nicht schon, habe keine bluhende Gestalt, wie ists moglich, dass ich Dich fesseln konnte? Mein Karakter ist bieder, mein Herz ist gut, da sey Gott mein Zeuge! Aber kann das allein die feurigen Wunsche eines Junglings ausfullen? Kann mein redlicher Umgang Dich immer vor andern Wunschen sichern? O Gott! Wenn mir manchmal solches Zeug einfallt, da mochte ich Dich bitten, dass Du Dich in Deiner Wahl nicht ubereiltest! Sieh', ich durchlochere dadurch die schonsten Hofnungen meines Lebens, und das blos um Dein zukunftiges Wohl! Ich will mich lieber selbst zu Grunde richten, um Dich zu erhalten! O Friz! Wie elend hast Du mich gemacht! Wahrlich ich bin sehr, sehr verwirrt!!! Deine
Nina.
V. Brief
Lieber! Ich bin heute sehr zu beneiden, denn ich bekam gestern durch die Familie K.... Anlass eine gute Handlung auszuuben. Ich war schon fruhe bei L... und seiner Frau, denen ich eine vortheilhafte Versorgung ankundete. Er lief sogleich zur Familie K.... und die Sache ward richtig; wie beschamte mich der ehrliche Mann durch seinen Dank, denn ich war fast eben so entzukt, als er, uber diesen gluklichen Anlass. Freue Dich doch mit mir, lieber Friz! Mein Herz klopft so heftig, so zufrieden, und meine Kusse mussen Dir heut gewiss feuriger vorkommen! Aber komm ja nicht so spat!
Nina.
VI. Brief
Nachts um Zehn Uhr.
Holder, lieber Friz! Mich martert Angst uber Dein Schiksal! Man sagte mir, als ich zu Hause kam, Dein Bedienter seye hier gewesen. Diese Nachricht hat mich zu Boden gedonnert! Herr Gott im Himmel! Was magst Du gewollt haben? Bist Du etwa wieder in die Enge getrieben worden? Hat man wieder neue Seelen-Marter fur uns zubereitet? Sind wir vielleicht aufs neue ungluklich? So ist es denn ewig wahr, dass mich jeder Gedanke der Freude hasst! Grasslich niedergebeugt; schlaflos werde ich mich bis morgen fruhe nach der Zehner Stunde sehnen! O, mein Friz! Wenn Dir doch meine Leiden in Dein Herz flogen, dass Du izt kamst mich zu trosten! Um Gottes willen, was ist denn vorgefallen? Bin ich ungluklich, bin ich verloren? Sag, bin ich es? Furchterlich rollt izt der Donner am Himmel! Hell leuchten die Blizze; schaudernd plazt der Regen herab! Finster ist der Himmel! Das ganze Donnerwetter scheint mir deutlich zu sagen; Weib die Natur hasst dich! Trostlos, schwermuthig sizze ich hier, seufze nach Nachricht von Dir, und Ungewissheit foltert meine Seele! Sag Friz! warum hab ich denn noch kein ganzes Zuder wankenden Seele eines schwachen Weibs, deren Leben aus granzenlosem Elende zusammen gewebt war! Verzeihe der Armen, an deren Herz ein hartnakkiger Wurm der Traurigkeit nagt! Die Glokken lauten grasslich! Es dunkt mich, als ob ihr Ton mich zum Grabe rief, es dunkt mich, als ob Du mich aus dem Sarg zurukhaschen wolltest, es dunkt mich, als ob Du vor mir stundest, und zitternd meinen kalten Korper anstauntest! Ha, Friz! mein Herz ist tief angefressen, ich bin hingeschleudert in die Leiden einer Unendlichkeit! Schwerlich wirst Du Dich, muntrer Junge, mehr Deiner Nina freuen! Sie ist gebeugt, sie leidet an Seelenkrankheit, die Dir dein Leben verbittern wird! Alle ihre Leidenschaften zielen zugellos auf ihre Ruhe, truben schroklich ihr Gemuth, und das alles um Dich, um Deine Liebe! O Jungling! Du bist zu beneiden, denn Dich hasst das Leben nicht so wie mich. Ich komme heute Abend aus einer Gesellschaft Adelicher. Mit Unwillen, mit Ekkel, ob man mir gleichwohl herzlich begegnete. Die Weiber kussten mich, und die Manner uberhauften mich mit Lobspruchen, wegen einem Bischen Vernunft. Gott! Gott! Wie ich da sass, als wie eine leibhafte Verbrecherinn: Ich wollte mich um funf Uhr losreissen; denn mir ahndete etwas von Dir! Aber Frau von N.... schnitt mir den Weg ab, ich musste bleiben, und trug Kummer im Herzen, tiefen, todtlichen Kummer! Ha, konnte ich doch diesem Kummer Luft machen, der mich beynahe erstikt! Montag ist wieder Punschpartie, und die Zudringenden zwangen mir mein Jawort dazu ab! Der Wille dieser Freunde ist gut, aber mein Herz leidet unendlich dabei, weil ich Dich immer vermisse! Politik habe ich ohnehin wenig, und wie konnte ich sie haben, wenn Liebe im Herzen herrscht? Du bist doch nicht bose, dass Du heute noch keine Zeilen von mir erhieltst? Gestern gieng mir Schark spat nicht vom Halse, und heute wollte ich Deinen Bedienten nicht warten lassen, als er mir Dein Briefchen brachte, Gott! Wenn ich nur geschwind wusste, ob du wohl bist, ob du mich noch liebst? Ich bin ungluklich, das sage ich Dir, ich bin ungluklich! Denn ich kann kaum mehr die Trennung von einigen Stunden ertragen! Es bringt mich um, wenn es so fort dauert, so wahr als diese Thranen auf dies Papier rollen .... ich weiss nicht .... aber ich zittere fur meinen Verstand. Wenn Du ein fuhlend Herz im Busen tragst, so eile ohne Verzug morgen fruhe zu mir! Dieser Brief mag Dir sagen, wie es um Deine Nina aussieht!
VII. Brief
Nachts um zwolf Uhr.
Herzens-Junge! Liebe gehort zu den anstekkenden Krankheiten! Sie greift um sich, aber ihr Kummer macht uns zur Beschaftigung thatig! Was das unter zwei Liebenden ein gegenseitiger, granzenloser, guter Wille ist, wenn man jeden Wink benuzt, um sich einander Freude zu machen. Wie man geizig jede Gelegenheit ergreift, um mit seinem Liebchen zu plaudern; wie man keine einzige Minute im Tage vorbeistreichen lasst, ohne sie zum Vergnugen seines Geliebten zu nuzzen; wie da alles im Kopf arbeitet, wie das Herz voll gutem Willen hoch aufschlagt, wie die Einbildung sich zur Seligkeit spannt, oder der reizende Tiefsinn wollustig an den kranken Nerven nagt! Wie Kummer, Furcht, Freude, Verlangen, Angst, und noch mehrere solche Leidenschaften, angenehm traurig im Kopf herumkreuzen! Wie das granzenlose Wunschen unersattlich ist! Wie man zusammen tandelt, lacht, sich herzt, kusst, und auch zuweilen ein Bischen zankt! Wie die Stunden dahin eilen, an der Seite eines denkenden Mannes; wie Liebe von dieser Art so selten gefuhlt und vergolten wird, O das ist traurig fur die Menschheit! Nicht wahr Friz! Ich Gottes Erdboden, die just, weil sie wahr liebt, so wenig verstanden wird. Immer gerieth ich an Niedertrachtige, an Dummkopfe, oder an Undankbare. Oft rissen sie mein Herz in Stukken, zerfleischten meine Gesundheit durch Leichtsinn, oder gemeine Grundsazze. Du bist noch der Einzige unter dem Himmel, der sich meinen Ideen nahert; der Einzige, bei dem mein Kopf Nahrung und mein Herz Zufriedenheit findet. Du bist so ganz mein Wiederhall, sanft, ehrlich, gutherzig und edel. Sag mir lieber Sohn der Natur, sag, wer hat Dich so ausserst fein lieben gelehrt? Schuf Dich der Himmel nur darum, um mich mit Deinem Nattergeschlecht zu versohnen? Gluck zu Friz! Mein Zutrauen wachst! Aber Mord ware auch mein Loos wenn Du es ..... doch weg abscheulicher Verdacht! Komm Junge, dafur drukke ich Dich izt desto vester an meinen Busen! Nicht wahr, so viel Schwung meiner hizzigen Einbildungskraft hattest Du in jenem kalten Monate unserer blossen Freundschaft nicht vermuthet? Ja, siehst Du, es kommt nur darauf an, dass man seinen Mann findet. Es ist freilich toll von mir, so zu schwarmen; aber ich trage doch keine lasterhafte Liebe im Herzen, und darum schame ich mich ihrer auch nicht. Es ist izt bald ein Uhr; mein Herz schlagt um vieles leichter, als gestern Nachts. War ich nicht eine Narrinn, meine Gesundheit so gewaltthatig zu todten? Aber wer kann denn auch dafur, wenn's im Busen so schroklich angstet? Ich bin Dir doch ein gramliches Ding, ein Ding, das blos mein Friz ertragen kann. Ich plage Dich ja taglich um Briefe, um Deinen Besuch; aber Du bist denn doch auch nicht viel besser in diesem Stuk, als ich. Siehst Du, wie es mir gerieth, in Dir ein neues Gefuhl der Liebe aufzuwekken, weil ich Dich geizen lehrte nach der kleinsten Gefalligkeit von Deinem Liebchen. Schark war heute Abend sehr murrisch. Ich musste alle Kraften zusammen suchen, um mich nicht durch Brausen zu verrathen. Mein Madchen trat in's Zimmer, und hier glitschten seine wollustigen Augen auf ihren Busen. Zu einer andern Zeit hatte ich beide uber die Treppe hinuntergeworfen; aber izt that es mir blos weh, und weiter nichts. Bin ich nicht eine glukliche Prinzessin? Hab ich es nicht weit gebracht in der Welt, dass die Mannsleute blos an meiner Seele hangen? Ich bin aber auch ein recht gutes Geschopf, versteht sich, wenn ich Dich an meiner Seite habe. Aber nun schlafe sanft, holder Lieber! Gott moge bei Dir wachen! Das wunscht von Herzen Deine rein liebende
Nina.
VIII. Brief
Guten Tag Friz! Nimm einstweilen diesen Kuss, bis nach Tische. Lebe wohl Liebchen! Ich wurde Dir jezt mehrers schreiben; aber ich kann ohnmoglich. Du kennst meine unglukliche Lage! Kennst aber auch mein Herz. Werde nicht bose, brause nicht, horst Du! Nach Tisch Millionen Kusse von Deinem Liebchen.
Nina.
IX. Brief
Eben schlagts zwolf Uhr, und ich trete in's Zimmer! Woher? Aus der Gesellschaft, wo ich meinen Friz verlies. Was bekummert mich izt mein Bette, ich muss Dir noch zuerst meine Empfindung schildern. Aber lieber Friz, warum bist Du denn in der Gesellschaft nicht geblieben? O es gieng die halbe Nacht durch noch toll unter den Leuten zu! L.... ist die lustigste Seele, die ich jemals kannte! Was der Komiker den ganzen Abend durch fur Karikaturen machte! Du hattest Dich narrisch gelacht! Er kopierte einige Situationen aus der Natur ganz vortreflich! Wir waren untereinander recht ohne Zwang lustig; wie hat Dir meine offentliche Vorlesung aus dem Schauspiele gefallen? O was ich da alles fuhlte; wie ich mit Deiner grausamen Familie Vergleichungen anstellte, wie es mich drukte, das Vorurtheil, das die arme Julie, und auch mich peinigt! Ich vergas alle Lobspruche, die man meiner richtigen Lessart zuwarf, und war ganz nur in Juliens Schiksal vertieft, das so viel ahnliches mit dem meinigen hat! Mochtest Du guter Junge das Hinschmelzen meiner Leidenschaften auf deine Rechnung geschrieben haben! Mochtest Du gefuhlt haben, wie jeder Ausdruk nur auf Dich zielte! Wie ich darauf antrug deine Seele in Entzukkungen hinzureissen! Konnte ich Dich doch immer mehr und mehr uberzeugen: dass Du es mit keinem Alltags-Madchen zu thun hast! Jedes Lob meiner wenigen Talenten, wenn ich es ja verdiente, sey Dir gewiedmet! Gewiss Friz! Du hast es mit einer guten Seele zu schaffen. Niedrige konnen mich nicht kennen, sonst ware ich ihresgleichen. Du bist aber auch der Einzige, der mein Herz zu schazzen weis. Man streut mir zwar uberall Weihrauch unter den Menschen, aber all der Weihrauch ist eine Kleinigkeit gegen die Liebe meines Frizens. Siehst Du, wie ich mitten im Taumel der grossen Gesellschaften Dich immer in Gedanken mitfuhre; wie Du mir uberall mangelst, wie meine Liebe im Grunde meiner gebildeten Seele wohnet; wie ich alles blos fur Nebensach ansehe, was nicht Friz heisst. Hast Du auch schon so ein liebendes Weib gekannt? Doch pfui! Das ist eitel, Liebe braucht kein Lob, sie belohnt sich selbst durch namenlose Entzukkung! Aber sag Theurer, warum warst Du heute wieder so blode? Wie konntest Du verlegen seyn, als ich Dir beim Weggehen die Hand drukte? Friz! angstige mich doch nicht immer; Klugheit ist billig, aber ein verstohlner Blik, ein Zeichen ist doch jedem wizzigen Jungen bei solcher Gelegenheit eine Schuldigkeit. Du sagst, ich hatte wieder die lebhafte Gestalt einer Schakerinn? Aber doch bei Gott absichtslos gegen Andere! Blos um keine burgerliche, geschraubte Erziehung zu verrathen, und mich nicht gar allzu lacherlich vom Weltton abzusondern; indessen ist mein stilles Gefuhl das feinste, das sahst Du an der Thrane, die mir wahrend dem Vorlesen im Auge zitterte! Mein Herz ist rein, das weisst Du, auch meine Grundsazze sind geordnet: Wenn dies Vorzuge sind, so mogen sie einst dein Leben beglukken, wenn mich nicht noch vorher das Ungluk, das von der Wiege an mein Loos war, mit Dir in den Abgrund reissen wird. Friz; Du hast ein armes Geschopf kennen gelernt! Hilf mir tragen, Lieber, die Burde dieses Lebens! Izt wirst Du wohl schlafen, guter Junge, weil Du die lezte Nacht so grausam littest? Wache doch auf Lieber, und schenke Deiner Nina ein warmes Maulchen! Du versprachst mir morgen fruhe zu schreiben; dann sagtest Du wieder, Du wollest selbst kommen. Sag, auf welchen Punkt soll ich mich nun freuen? Wirst Du mich wohl wieder marternd auf eines oder das andere warten lassen? Nimm nichts fur Vorwurf; Du kennst meine Lebhaftigkeit! Wenn Dir nur nichts begegnet ist! Wenn nur Dein Bedienter bei Zeiten kommt, und Du hernach nur selbst kommst! Wenn es nur schon Tag ware! Das ist eine uble Nacht! Schon schlagt es zwei Uhr! Es wird drei ... vier Uhr schlagen, und die Natur wird mir noch ihren Trost versagen. Konnt ich Dich doch geschwind uberraschen, lieber, holder, besster Friz! Du bist besser als alle andere Erden-Sohne; etwas sturmisch, launicht, aber doch liebenswurdig! Ruhig also, Liebchen, Niemand kann mich anpakken, als alter Weiber-Geklatsch. Und ware es nicht eine Schande fur mich, wenn ich von diesen Niedrigen in meiner Denkungsart verstanden wurde? Lass sie immer plappern die Elenden, die nicht einmal den Unterschied der Herzen zu bestimmen wissen. Nun fangts mich aber doch zu schlafern an! Deine Liebe sey izt meine Begleiterinn. Aber wenn Du wieder so Grillen machest, wie gestern, dann bekommst Du vierzehen Tage lang kein Maulchen mehr von Deiner
Nina.
X. Brief
Um zehn Uhr Abends.
Schon wieder sizze ich da und schreibe an mein Liebchen! Von was? Von meiner heutigen Unterhaltung. Es war wieder eine grosse Gesellschaft Adelicher da, die sich untereinander mit steifer Etikette marterten; Die Kavaliere begegneten mir so hoflich, als sie es wagen durften, um die Eitelkeit der andern Damen nicht zu beleidigen. Ich war wieder etwas lebhaft, und kummerte mich um nichts. K.... sass an meiner Seite, wizzelte mit mir darauf los und machte alles aufmerksam. Als nun fast alle fort waren, so erkundigte sich die Hausfrau nach Dir; da ward ich dann wieder ganz Feuer und Leben! Ich erhohte Deinen Werth mit wenig Worten, und bin versichert, dass man Dich izt noch mehr schazt. Der Herr vom Hause lobte Dich ohnehin sehr, und seine Frau glaubt in Dir einen lebhaften Jungen entdekt zu haben. Ich sagte ihr, dass Deine Lebhaftigkeit von einem denkenden Kopf gemildert wurde; dass Kopf, Wissenschaft, und gutes Herz Dir nicht fehlte. Siehst Du, Kind, so hatte ich heute Abend mein Vergnugen Dir Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, und meiner Liebe stolze Nahrung zu geben. Ist es nicht wahre Wollust, einen und einen offnen Kopf hat! Und Du, Besster, warst bis izt so in dem engen Kreise der Familien-Sklaverei verborgen? Mit allen Deinen Talenten, mit all Deinen vortreflichen Grundsazzen, mit all Deinem feinen Ehren-Gefuhl! Sag, war es nicht Schade? Unter die Menschen, mit Dir wakrer Junge! Unter die Menschen! Dort wirst Du den Ungluklichen ihre Thranen troknen, und allen Guten Freude machen. Du musstest gerade mich finden, um so geliebt zu werden, wie Du es verdienst; wenn ich alle Deine Handlungen untersuche, so finde ich Tugend und Rechtschaffenheit, Liebe und Gute, Wohlwollen und Mitleiden, Sanftmuth und Anstand darinnen, alles finde ich durch mein Nachdenken uber Dein Betragen. So ein Geschopf verdiente nicht eine dauerhafte Glukseligkeit? Du bist noch so jung, und doch so reif an Ueberlegung; so ganz ausgetreten aus den Schuhen der jugendlichen Thorheiten; wahrlich wenn ich auch nicht das Gluck hatte von Dir geliebt zu werden, ich musste Dich mehr, als blos schazzen. Die welche Dich um Deines Karakters willen nicht liebte, die ware gewiss eine Kokette, oder ein Ganschen; mache Dich kennbar, Lieber, in der Welt, man traut Deiner Jugend nicht alle die Verdienste zu, die Dir gebuhren; so viel Gerechtigkeit man Dir auch immer wiederfahren lasst, so muss sie doch verdoppelt werden, so bald man Deine Verdienste ganz kennt. O mein Friz, mein Zutrauen ist nun vom Himmel in mein Herz geschrieben. Ich weiss dass jeder Gedanke von Dir in mein Wohl, jede Sorge fur meine Gesundheit, jede Bemuhung fur mein kunftiges Schiksal Deine granzenlose Beschaftigung ist. Du lebst durch mich in Dir selbst, Du bist redlich, weil diese Redlichkeit in Dir liegt, und die meinige sich fest an sie kettet, kampfe tapfer, Besster, kampfe tapfer und sei kalt bei jedem Anlass! Muthiger Widerstand vergrossert den Werth der Manner. So, Theurer, lass uns den Allmachtigen um seinen Beistand in unserm Schiksal bitten; bei dem heiligen Siegel dieses Kusses bitten! Deine. Nina.
XI. Brief
Abends um zehn Uhr.
Lieber, trauter Friz! Schlafen sollte ich gehen, ohne Dir eine gute Nacht zu wunschen? Das ware mir gerade zu unmoglich! Als Du mich heute so heiter, wie die Morgensonne verliessest, dann sezte ich mich munter an die Arbeit, und freute mich Deiner Liebe. Um acht Uhr kam Schark so ziemlich heiter. Ich kundete ihm den ubermorgenden Spaziergang an, und er war es zufrieden. Nimm also Deine Maasregeln, Eine halbe Stunde darnach kam N.... Er ist noch immer der alte Dummkopf, und mag es meinetwegen noch lange bleiben, dann kam R.... und klagte, dass er mich gar nie zu Hause trafe. Mogen diese Herren immer murren; denn ausser Dir mag ich ohnehin keinen sehen, was machst Du izt, Besster? Ein Pfeifchen rauchen, und dabei nachdenkend schwarmen. Denk Du immer fort, wenn man liebt, geht einem der Stoff nicht aus. Du warst heute wieder recht munter. Gott erhalte Dich lange so fort zu meinem Trost; Du kannst aber auch munter seyn, bist ja meiner Liebe so sicher als ob uns schon das engste Band geknupft hatte. Wie freut mich diese Liebe, da sie so rein, so feierlich ist! Kein nagender Kummer trubt meine Seele, und so bin angefullt. Manchmal fahrt mir freilich ein trauriger Gedanke durch den Kopf! Aber nicht aus Mistrauen gegen Dich, wohl aber gegen das Schiksal, dass mir meine ganze Lebens-Zeit nie gunstig war! Doch Deine Sorgfalt sey mein Trost, und so will ich immer fort mit den feurigsten Kussen bleiben Deine
Nina.
Um zwei Uhr! Horst Du?
XII. Brief
Mein Besster! In der Geschwindigkeit will ich Dir melden, dass mir wieder ganz wohl ist. Sey doch ohne Sorgen, lieber Junge! Glaubst Du denn, dass ich ohne Dich sterben konnte. Ich gieng gestern mit Deinem Andenken ruhig zu Bette. Mir war so leicht, Deine Liebe, das Bewusstseyn eines reinen Gewissens, und eines Herzens voll Wohlwollen fur Dich, machte mich ganz entzukt einschlafen. Du bist ein lieber, guter Junge! Dank Dir fur Deine allseitige Sorgen. Morgen komme, so bald Du es nicht mehr aushalten kannst. Horst Du? Ich kann izt Deinen Freund nicht langer ohne Unterhaltung lassen. Doch will ich Dir heute Abend mehr schreiben. Bis dorthin lebe wohl, besster, einziger Mann meines Herzens!
Deine
Nina.
XIII. Brief
Nachts um eilf Uhr.
Endlich ist es ruhig auf meinem Zimmer, und ich kann Wort halten, und noch ein wenig vom heutigen Tag schwazzen, den ich so mittelmassig zufrieden verlebte. Ganz zufrieden wurde ich blos an Deinem Busen gewesen seyn. Dank Dir also Besster fur dein heutiges Briefchen. Es war so schon, so voll guten Herzens, dass mich deine Sorgfalt bis zu Thranen ruhrte!
Mein Gott! Was Du fur ein herrliches Herz besizzest, wie Du mit Deiner feurigen Einbildungskraft hineindringst in's feine Gefuhl der Liebe, das nicht fur jeden gemacht ist. Konnte ich es Dir doch noch einstens in der unendlichen Ewigkeit vergelten! Wie wohl es mir thut, auch einmal so gut behandelt zu werden, wie ich sonst Andere behandelte. Der Schopfer schuf Dich nur fur mich zum Lohn, zur Vergeltung meiner ausgestandenen Leiden. Fahre fort, Theurer, mein Herz zu entzukken, und diejenigen die es so oft zerrissen, sollen durch Dein Betragen beschamt und von ihrem Gewissen gepeinigt werden!
O du Guter, aller Guten! Du wirst also einstens meine Thranen stillen? An deinem Busen, in Deinen Ha! Gedanke des Trostes, der Erquikkung, der Wonne! Es ist mir so angstlich freudig um's Herz, ich fuhle schon zum voraus die Glukseligkeit, die meiner wartet, wenn ich nur diesen Augenblik hinsturzen konnte an Dein Herz! Ach! dann wollte ich mich ausweinen, dann sollten sie fliessen die Thranen meines zur Schwermuth geneigten Gemuths! Denke, lieber Friz, wenn mir recht wohl ist, dann fuhle ich in mir einen gewissen Hang zur Traurigkeit, und wenn auch alle meine Wunsche befriedigt sind, so schmelzt meine Seele doch hin zur seligsten Melankolie!
Es muss doch in meinem Korper mit der Gesundheit nicht gut stehen, denn es liegt heute wieder so schwer auf meiner Brust, als ob ich ein Verbrechen begangen hatte! Grame Dich aber ja nicht, Friz, es wird besser werden, ich habe heute wieder zu sehr der Zukunft nachgehangt. Aber um Gotteswillen zanke mich nicht; ich war nicht Herr uber mich!
Freundinn Sch... hat mich mit Gewalt beim Essen behalten, und dann schleppte sie mich zu einer andern Freundinn, bis ich mich endlich gegen acht Uhr los machte. Die Madchen, die in der Gesellschaft gegenwartig waren, haben mich mit Blumen beschenkt, und da diese drei Strausschen so sehr auf uns passen, so schikke ich sie Dir.
Betrachte einmal das weisse Roschen, es ist mein Sinnbild, vom Sturme etwas welk, aber doch im Urstoff rein! Das rothe hingegen ist gerade in seiner Bluthe, und wird nicht so leicht welken, wenn nicht gar zu viele Sturme seine Wangen bleichen. Bei der schonen, unverfalschten Farbe dieser Blumen beschwore ich Dich, ewig, ewig, (es mag dazwischen kommen was da will,) und wenn es das Schroklichste ware, Dich nie von mir reissen zu lassen!!!
Konntest Du je wanken, konnte Dich je etwas schwach machen, dann magst Du mit meinem Fluche beladen, den langsamen Tod dieser Blumen sterben!!!
Nina.
XIV. Brief
O mein Friz! Das war wieder ein gottlicher Tag! Ein Tag der uns die Wonne unsrer kunftigen Tage, mit Himmels-Vorgeschmak ankundigt! Wie ungluklich sind doch diejenigen Menschen, die sich aus dem vertrauten Umgang der Liebe und Tugend keine Seligkeit zu schaffen wissen.
Ich glaube, wenn wir hundert Jahre zusammen lebten, wir fanden immer etwas neues, uns recht gut zu unterhalten, immer etwas neues zu fuhlen, um einander zum seligsten Entzukken zu reizen!
Blos in der gegenseitigen Hochachtung liegt das Band der unendlichen Liebes-Fesseln; die jeden Augenblik eines vernunftigen Umgangs zum Elisium umschaffen! Die kleinen gegenseitigen Gefalligkeiten, die gutherzigen Bemuhungen, der wahre lebhafte Antheil, die sorgfaltige Schonung, die kleinen befriedigten Eitelkeiten, der zufriedne Stolz, wenn man jede Minute mehr uberzeugt wird, dass man eine Ausnahme in der Schopfung liebt, kurz wo man nur in einer solchen harmonischen Liebe hinblikt, ist sie beschaftigt, und spottet der Thoren, die so viel von Liebe schreiben, ohne ihren wahren Werth ganz zu kennen.
Nicht wahr, lieber Friz, die wenigsten Menschen wissen zu lieben? O unsere Art Liebe wohnt gewiss in wenig andern Herzen. Wir beide sind ja nur ein Sinn, nur ein Gedanke, nur eine Seele, nur ein Wunsch, nur eine Gute, nur eine Sanftmuth, Alles, Alles, sind wir mit einander in Einem! Denke nach uber unsern Umgang, und du wirst die Wahrheit finden.
Herz, Kopf, Seele, Freude, Leidenschaft, Tandelei, Wiz, Vernunft, alles versteht sich so genau auf den ersten Wink. Ich konnte Dir wohl zum voraus ewige Verdammniss Deiner kunftigen Tage ankundigen, wenn Du je so elend werden konntest, diese Tage ohne mich verweinen zu mussen.
Doch weg Schwermuth! Weg! du krankst ein Wesen, das mir heilig ist, und es auch ewig bleiben wird! Ich bin stolz darauf Dich so innig lieben zu durfen, aber Du kannst auch stolz darauf seyn, so geliebt zu werden. Denn Du und ich kennen leider die Welt, und fuhlen recht uberzeugend, dass nur ein Friz, und nur eine Nina lebt.
Dein biederes teutsches Herz hat mich hingerissen zur aussersten Liebe, die mir gemeine Menschen vielleicht zur Last legen werden, die nicht einsehen konnen, dass ich Dich lieben musste!
Kette dich also recht fest an mich, wakkerer Junge, es soll Dich nie reuen, Du wirft zwar um meinen Besiz ein Bischen kampfen mussen, aber ohne Kampf ware kein Werth, und ohne Werth keine Liebe wie die unsrige. Und sollte ich Dich mit meinem Blute erringen, so wurde ich es thun, denn ohne Dich lebte ich ja nur wie eine Wilde, die in der Irre herum lauft auf dem Erdboden. Elend ware ich dann, mit dem besten Herzen, den fernern Verfolgungen Preiss. Gott! Gott! wenn ich so die Gute meines Herzens mit den Bubenstukken abwage, die an mir schon sind ausgeubt worden, dann mochte ich wohl der Natur fluchen, dass sie mich blos zur Misshandlung schuf.
Ich bitte Dich, Friz, sey nicht unruhig uber meine Schwermuth, Du must Dir in mir ein ganz besonderes Geschopf denken, die auch blos ein Engel von Deiner Gute ertragen kann! Denke Lieber, das Madchen, welches die Welt fur eine Leichtsinnige hielt, blutete oft im Herzen, wenn sie um dem Spott der Armuth auszuweichen, eine lachende Aussen-Seite annehmen musste.
Ich fand nirgends keine menschliche Seele, die wurdig und vernunftig genug gewesen ware, den Grund meines Karakters zu prufen. Nur meine Lebhaftigkeit und die Eitelkeit der Mannsleute, die an mein Bischen Verdienst sich anklebten, zog mir so viele Schmetterlinge zu die, so oft ich erschien scharenweis um mich herumschwarmten.
Ich seufzte nach einem guten Herzen, suchte Mitleid, Grossmuth und Liebe, aber fand leider Unflat, Wollust, und niedrige Begierden. Du begreifst mit Deiner Menschenkenntniss diesen Zustand gewiss, in dem ich mich schon seit einigen Jahren abharmte! Aus Verdruss, aus Hass gegen mein Schiksal versuchte ich flatterhaft zu werden, aber es misslang mir mit meinem noch unverdorbnen Herzen, ich blieb dabei leer, albern und missvergnugt. Nur wahre Liebe hatte mich gluklich machen konnen, aber ich wurde zurukgestossen, schrokliche Tage hindurch schmachtete ich, bis ich Dich fand!
Hier hast Du die aufrichtigste Beicht, die je ein Weib unter der Sonne abgelegt hat, alles weist Du izt, ich will Dich uberzeugen, dass keine falsche Ader in mir wohnet. Ich schame mich meiner begangenen Schwachheiten nicht, sie sind Beweise, wie weit menschliche Misshandlungen ein gutes Herz treiben konnen.
Mogen alle Weiber ihre Fehler so aufrichtig an's Licht stellen, wie ich, dann werden sie gewiss auch leidenschaftliche Liebhaber finden, die sie um ihrer Aufrichtigkeit willen standhaft lieben werden. Wenn Verstellung, Eitelkeit, und Grimasse in einem Weibe besiegt ist, dann Gluk zu, ihr Herrn Manner, sie ist eurer Verehrung wurdig!
Ja liebenswurdiger Jungling! Deine Vernunft begegnete gerade meinem Herzen, und Du hieltest es fest, weil es Dir nicht alltaglich schien, behalte es immer, es sey nur Dir gewidmet. Aber Gott! Warum musstest du auch wegen mir so viel dulden von den Deinigen? Jesus Christus! Wenn unsere Bekanntschaft entdekt wurde, man steinigte mich lebendig! Und doch ware ich unschuldig, und doch ware es nicht meine Schuld, wenn mir die Deinigen meine unwillkuhrliche Liebe zum Verbrechen auslegen wollten.
Hier vor dem Kruzifix des blutenden Heilands schwore ich Dir, dass ich Dich gleich von Anfang ohne alle Absicht rasend liebte! Und dass, wenn dies Sunde ist, mir keine Strafe zugehort, weil ich Dich vor den Augen Gottes rein liebte, bis es einstens dem Allmachtigen gefallen wird, uns enger zu verbinden. Noch einmal schwore ich Dir bei dem Schatten meiner theuren verstorbenen Aeltern, dass meine Lebhaftigkeit nicht glitschen soll, eh ich von Banden los bin, die mich noch fesseln!
Zwar hat sie Schark schon lange zerrissen, nur bin ich noch nicht vollig davon uberzeugt. Morgen erzahle ich Dir eine wichtige Entdekkung uber diesen Punkt, schreiben darf ich sie nicht, Du wirst seufzen, und mich gewiss bedauren. Lebe wohl, Deine
Nina.
XV. Brief
Guten Morgen! Ein Kuss mit ihm, und Langeweile genug, bis Du kommst. So viel von Deiner guten
Nina.
XVI. Brief
O du einziger Vertrauter meines Elendes! Glaubst Du wohl, dass ich zu Bette gehen konnte, ohne Dir einen Auftritt zwischen mir und Schark zu beschreiben, woruber Du zittern wirst! Auch von meiner ausschweiffend heftigen Seite musst du mich izt kennen lernen, damit Du nicht lauter Tugend in mir suchest. Dann mag Deine Vernunft entscheiden, ob es straflich ist, wenn ein gutes Herz sich vergisst? Sieh ich beichte Dir sogar meine Fehler, weil ich uberzeugt bin, dass Du klug genug bist, um die Quelle dieser Fehler einzusehen, und meine sonst so ausserste Gutherzigkeit ihnen entgegen zu sezzen.
Selig waren heute fur mich die Augenblikke, die ich an Deiner Seite verlebte, aber als Du, Sohn der Tugend, mich verliessest, o da sah es wieder um mich schroklich finster aus! Kurz nach Deiner Entfernung kam Schark, seine Untreue fiel mir schwer aufs Herz, ich konnte keine Silbe hervorbringen, stumm und schluchzend warf ich mich auf's Bette, als er plozlich uber meine Thranen mit Rohheit zu lachen anfieng. Jesu Maria! Was da in mir die Galle kochte! Ich bat ihn vernunftig zu seyn, aber es war zu spat, die Wuth riss mich hin! Gott verzeihe mirs!
Ich fasste den schandlichen Wollustling beim Hals, er hielt mir den Arm zuruk, ich hatte ihn sonst erwurgt, so sehr war ich ausser mir! Meine Kniee zitterten, der Gedanke an Dich hielt mich noch zuruk! Dann wankte ich an's Bette, und heulte laut! Nun wandelte ihn wieder auf einmal die Bossheit an, er drohte mir wutend, ich schwieg, und reizte ihn nicht weiter. Doch plozlich kam ich wieder von Sinnen, ich suchte ihm zu entwischen, er hielt mich gebietend zuruk, und was blieb mir armen Gefangenen ubrig, als zu weinen? Da sass er nun wie ein straflicher Sunder, sprachlos, und bat mich seinen Hals-Kragen, den ich ihm in meiner Wut zerrissen hatte, wieder zurecht zu machen.
Ich musste in dieser beiderseitigen gefahrlichen Stimmung zur Massigung schreiten, sonst ware es zu grasslichen Auftritten gekommen.
Bei Gott! Ware Deine Liebe nicht, ich liefe heute noch so weit mich die Fusse trugen! Um Deinetwillen, Friz, musste ich mich fassen, ich horte jezt nichts in meinen Ohren, als Deine Stimme, Dein Gebet fur mein Wohl!
Meine Kalte emporte seinen Zorn aufs neue, und ich drohte ihm mit Abanderung meiner Lage. Er schien diese Drohung uber die Achsel zu werfen, und warf mir mein Unvermogen vor, ich entsezte mich, wie man mit der tugendhaften Armuth so handeln kann.
Friz, das Laster hat sich an mir verschworen, die argste Grausamkeit wird an mir ausgeubt! Den schwarzesten Betrug tischt man mir taglich auf, und ich ware die Nina, deren Herz, Karakter, Fleiss, Sorgfalt, und Rechtschaffenheit es (wie die Leute sagen) mit einer Jeden aufnehmen durfte? Ich ware der Zogling edler Eltern, die mich nach ihrem Ebenbilde voll Grossmuth und Tugend erzogen? O es ist eine Luge! Sonst wurden mich die Menschen besser behandeln!
Ich bin eine Arme, ohne Dich verloren an Leib und Seele! Ausser Dir lebt fur mich nichts mehr in der Welt, das mich begreifen kann! Ausser Dir ist mir die elende Welt zur Last, ja, Friz, eine Last, die ich gewiss nicht langer tragen wollte! Wenn man dich von mir riss, o, dann wusste ich schon, was aus mir wurde! Ich trage ein krankes Gemuth herum, das gewiss durch Deinen Verlust den verzweiflungsvollen lezten Stoss erhalten wurde!!!
Doch ich weis, Du liebst mich, ich weis, Du wirst eher die Erde bauen, als mir ferner eine Thrane von Undankbaren auspressen lassen. Sey also gelassen gegen Schark; Wuth wurde mich nur noch ungluklicher machen. Ich will dulden, ich will leiden, ich will tragen die schroklichen Folgen meines allzu guten Herzens! Der Elende treibt es nun so weit, dass er mich hartnakkig foppt und mich zu gutherzig glaubt, um jemals mit ihm zu brechen. Er weis, dass mein Stolz sich niemanden so leicht anvertraut, er kennt meine Grundsazze, dass ich in der grossten Durftigkeit nie bei Mannern Hulfe suche. Er vermuthet nicht, dass ein junger grossmuthiger Teutscher edel genug denkt, mir ohne Vergeltung Leben und Ruhe zu retten, Kurz, er spottet meiner Gute und lacht meiner Drohung. Er halt sich in der weiten Schopfung fur den einzigen standhaften Mann, der, wenn er gleich mich rukwarts betrugt, dennoch alles mit mir theilte. So spricht sein Hochmuth, darauf ist er eitel.
Gott, was ich Dir da fur Zeug schreibe! Was ich verwirrt bin, wie es mich drukt, wie es mich angstigt! Um Gotteswillen! Warest Du doch gegenwartig! Es ist mir so bange, mein Blut hat seinen Lauf verfehlt, es drangt sich so an's Herz! Friz, so schroklich ist Dir wohl nie gewesen? Gewiss nie!
Ha! Wenn Du jezt da warst, und mir nur einen Tropfen Wasser reichen konntest! Wenn Du mir den brennenden Kopf hieltest, wenn Du sie aufheitertest, meine gebeugte Seele, o dann wollte ich gerne um diesen Preis tausend solche Sturme ertragen!
Schikke mir den Arzt, ich will mit ihm sprechen, es ist warlich mit meiner Gesundheit nicht zu spassen, ich ahnde wieder Konvulsionen, und Blutsturz. Bei solchen anhaltenden Martern ist es ja leicht moglich. Schlafe wohl, Engel der Sanftmuth, Deine
Nina.
XVII. Brief
Abends.
Gerade neun Uhr, und dem Himmel sey Dank, ich bin endlich allein. Nun will ich mich ein wenig an Dich schmiegen, holdes Liebchen, Dich kussen, und mit Dir in Gedanken das fuhlen, was wir schon so oft zusammen fuhlten.
Dass Du heute wieder mein einziger Gedanke warst, das weisst Du gewiss, nicht wahr? Ich komme von Madame K... wir geriethen zusammen ins Philosophieren uber die Manner, die Frau zog eigensinnig uber alle los, und wollte durchaus keine Ausnahme unter deinem Geschlecht zugeben. Sie behauptet durchaus, alle Manner giengen blos auf den Genuss aus. Und ich sagte: nein, und zehenmal nein!
Mein Herz sagte mir heimlich, dass diese Frau nie einen Friz musse gekannt haben, und es wurde mir bei dieser Erinnerung so wohl, so wohl!
Endlich las ich ihr Deine und meine Briefe, aus der Geschichte mit deinem ersten Madchen vor, dann fieng sie an recht gutig ihr Naschen zu rumpfen, und schwarmte in feurigem Beifall uber deine herrliche Art zu lieben! Auch schimpfte sie dabei tuchtig uber das Burgermensch, die zu Deiner Speichellekke
"Das mus ein vortreflicher junger Mann seyn!" Fuhr sie fort "Aber Sie haben ihn auch mit aller Macht in Ihren Briefen vertheidigt. Unser Geschlecht wird Ihnen gram werden, weil Sie so drauf los ziehen! "
Ich antwortete "Ja sehen Sie meine Besste! Ich kann in der Liebe keinen Betrug dulden, aber bei Gott, auch selbst nicht betrugen!"
"O das weis ich, das weis ich! (Versezte sie) nur halt es etwas lange, bis Sie recht lieben, aber dann gehts auch bei Ihnen zu, wie im himmlischen Paradiese! Ei, will doch gerne sehen, welcher Sterbliche den Schark wird austilgen konnen!"
Da lenkte ich ein, sonst hatte sie mich vielleicht gefangen. Dann zog sie ausserst schalkhaft uber Schark los und machte mich lachen. Auch fragte sie mich, ob ich noch darauf bestunde, mit ihm formlich zu brechen? Oder ob Schark schon wieder mein einfaltiges gutes Herz erweicht hatte? "Nein! sagte ich ich reise!"
"Aber Sie kommen doch wieder?" O ja, stotterte ich. "Nicht wahr, Friz bringt mir dann Ihre Briefe?" "Freilich, das wird er gern thun!" Oder etwa nicht Friz? Ich dachte doch, das schone sprechende schwarze Auge einer Dame konnte Dir wohl ein Bischen gefallen. Und wenn sein Weibchen noch dazu abwesend ist, die er bis jezt nur noch platonisch lieben darf! Es ist mir, als sahe ich Dich schon gegen ihr uber sizzen, hinlanglich schuchtern, um deine Nina nicht zu beleidigen. O du Lieber, Lieber, Gotterwonne ist mir der Gedanke an Deine Rechtschaffenheit! Begreife, wenn Du kannst, meine vollige Verehrung fur Deine Grundsazze, die mich einstens zum gluklichsten Weibe machen werden. Ich fuhle der Seligkeiten zu viel, wenn ich in unsere kunftige Tage hinblikke, dass mich immer die tiefste Schwermuth dabei uberfallt.
Ob es denn gewiss wahr werden wird, das Bild meiner reizenden Fantasie? Todtlich lang werden mir wenigstens die Stunden bis dorthin scheinen, o Friz, was ich noch Thranen werde vergiessen mussen, eh ich ganz, um nie wieder zu scheiden, an deinen Busen hinsinken darf! Gott! Es liegt viel Wonne in der Erwartung, aber auch viel Leiden in der Trennung. Trennung! Gott! Kann ich das Wort denken .... Ein Herz, wie das meinige, Einsamkeit, Liebe, Schwermuth, Herr Gott im Himmel! Die Entfernung von Dir wird mir hart, hart auffallen!!!
Und doch muss ich, ich muss von Dir fort, um Verdriesslichkeiten auszuweichen, ich muss, weil Du es haben willst, weil Du es gut findest. Nicht die grosse Welt ist es, die ich ungern verlasse, Du weist ja, Friz, dass ich sie hasse. Aber Dich, Sohn der Liebe, soll ich zuruk lassen, unter Deinen Feinden zuruklassen? Gott! Ich fange schon wieder zu jammern an, vergieb, und nimm es fur granzenlose Liebe von Deiner bessten
Nina.
XVIII. Brief
Lieber Herzens-Friz, als Du mich verliessest, da wiedmete ich mich so ganz der Seligkeit des Nachdenkens, traumte wieder alle Kusse hindurch, die wir einander schon gegeben, und war so gluklich! Es vergeht doch kein Tag, wo ich nicht neue gute Entdekkungen an Dir mache. Nicht wahr, was meine dumme Zagheit heute wieder fur Schimaren in die Zukunft schuf, und wie Du sie alle mit Feuer zu meiner Beruhigung widerlegtest.
Bei Gott! Besster, auch nur Deine heftige Liebe kann Dir alle die Gedult eingeben, ein so furchtsames Ding, wie ich bin, zu ertragen, eine Schwache, die aus lauter Liebe vor jeder Mukke zittert! Sage mir, Friz, woher kommt denn diese rasende Furcht, Dich zu verlieren? O es ist Liebe, tiefe noch nie gefuhlte Liebe! Fuhlst Du es nicht, Besster, dass ich stundlich unruhiger werde? Dass ich sowohl als Du mit tausend Leidenschaften kampfe, dass ich kindisch mit Dir schakkere, ungedultig Dich erwarte? Und dann manchmal an Deiner Seite mit starren Augen gegen den Himmel blikke, um die Dauer dieser Wonne zu erflehen! Hast Du wohl in Deinen Idealen so ein Geschopf getraumt; bist Du nun zufrieden, Schwarmer, mit Deiner Nina? Freust Du Dich wohl, dass Dein schon lange gesuchtes Ideal wahr wurde?
Suche einmal in der hiesigen Stadt so ein Parchen, wie wir beide sind; schwerlich wirst Du es finden, denn die meisten hiesigen flatterhaften Jungen gehoren ins Tollhaus, und die Madchen mit ihren kalten eiteln Herzen in den Gansestall! Hatte doch mein Lebtag nicht geglaubt, dass es so um die hiesige Jugend aussahe! Ewigen Dank dem Himmel, dass Du mir noch unverdorben ubrig bleibest!
Doch weiter! Als Du fort warst, kam Schark, ich sollte Dir zwar Klugheit halber nichts mehr von ihm sagen, aber jezt muss ich es thun, damit Du doch auch etwas zu lachen bekommst, denn nun begehe ich doch keinen Meineid mehr, wenn ich mich uber ihn lustig mache.
Denke Dir nur, wie wir beide so beisammen am Fenster standen, fuhrten die Leute plozlich einen Ochsen vorbei, der ein Bein gebrochen, da lief denn der kindische Bube, wie eine wahre Frazze, dem Spektakel nach, und ich und mein Madchen lachten uns fast zu Tode daruber! Endlich kehrte er zuruk, und es wurde bei uns zu Nacht gespeisst, da hab ich ihm denn mit einer gewissen Kalte abscheuliche Brokken hingeworfen, bis er endlich daruber stuzte, und mich fragte ob ich toll ware, dass ich ihn so satirisch hunzen konnte?
Auf einmal gieng er an mein Nacht-Tischchen, und fragte mich wieder, was denn das Geschriebene in dem Buch, (das Du mir geschenket) zu bedeuten hatte? Hm! sagte ich, doch gewiss keine Untreue! Dann war er mauschenstille und gieng.
Gewiss, lieber Friz, ich verachte ihn taglich mehr, ich fuhle, dass er mich durch den Umgang mit seinen Kreaturen schandlich erniedrigt hat, ich fuhle, dass ich fort muss, ich fuhle, dass sich mein Stolz bei seinem Anblik emport, ich fuhle aber auch, dass es die Klugheit erfodert, sich zu massigen.
Mein Gott, wer hatte dies je gedacht? Aber weg davon! Sage mir, Lieber, was Du jezt machest: Gewiss auf Deiner Altane sizzen, ein Pfeifchen rauchen und an mich denken? O diese DammerungsStunde ist so herrlich fur die Liebe! So stille, so hinreissend, so entfernt vom Kummer, so feierlich, so kuhl, ach! ware ich nur bei Dir!
Doch fort mit Deiner Nina ins Bett, mit Deinem Bildniss an ihrem Busen, mit Deinem Andenken im Herzen, und so soll ihr leztes Wort gute Nacht Friz seyn! Ha! Du schoner reizender Name, der meine Glukseligkeit ausmacht!
Nina.
Ich muss das geschlossne Billet wieder aufreissen, ich muss Dir den heutigen Traum erzahlen, der mich sehr angstigte! Herr Gott! Was ich fur unglukselige Affekten besizze! Bedenke einmal, ich traf Dich mit einem Madchen bei einer Zusammenkunft! Um Gottes willen, was ich da in Wuth ausbrach!!! Siehst Du, Friz, auch ohne Genuss kann man vor Eifersucht rasend werden! Bei Gott! Ich war ganz unsinnig! Ich walzte mich wie eine Verrukte im Traum herum, dann gerieth ich in solche Hizze, dass mich das Nasenbluten aufwekte. Es ist mir heute gar nicht wohl, dieser Traum hat mich entsezlich zusammen geschlagen, und doch sey dem Ewigen knieend Dank gesagt, er war blos eine Luge! Da, Friz, dieser vom Traume nasse Kuss soll Dir beweisen, was ich fuhle! Lebe wohl bis auf Wiedersehen! Deine
Nina.
XIX. Brief
Nachts um zwolf Uhr.
Lieber Theurer! Endlich von der Gesellschaft zuruk, und nun zu Dir mit warmem Herzen, das so sehnlich auch mitten im Getummel nur nach Dir klopfte. In der Gesellschaft gieng es heute sehr ungezwungen zu, jedes schakkerte nach seiner Weise. Die K... sang allerliebste naive Liedchen, ich wizzelte, ihr Mann machte Verse, R... lachte, J... nikte uns Beifall zu, und seine Frau stellte sich auch gar nicht uneben. Wir assen ziemlich lekkerhaft, aber ohne die geringste Ziererei, gut Teutsch, und blieben bis neun Uhr Nachts beisammen.
Wir Weiber trieben die Manner recht sehr in die Enge, dass sie alle nichts mehr zu antworten wussten, bis endlich zween Franzosen sich dazu gesellten, da wurde ich auf einmal finster, weil ich ihre Narrheit nicht leiden kann. Ich glaube diese Windbeutel hupfen einst noch uber den Sarg hinweg. Die K... bemerkte meine uble Laune und strich den Springern meine Wenigkeit gar zu sehr heraus; bald hatte mich diese Eitle roth gemacht. Was kummert mich der Beifall dieser franzosischen Affen? Endlich fuhrte mich die Familie J... zu Hause, und ich traf ... Wen? meinen Willen noch einige Gassen durchschlendern, aber uberall vermisste ich Dich! Dass Du mir doch gar nie begegnest, wenn ich Dich gerne haben mochte! Wo bist Du denn jezt? Denkst Du auch an Deine Nina? Ist es Dir auch so sehnsuchtsvoll um's Herz, wie mir? O lieber Friz, wenn sie nur schon vorbei waren die Tage der unertraglichen Trennung!
Noch einmal danke ich Dir fur die warmen Kusse, die Du mir heute in die Gesellschaft mitgabst, ich war so munter, weil ich Dich noch zuvor gesprochen hatte. Ich bin doch ein eigensinniges Ding in Sachen, die mein Herz betreffen, o da sollte mich selbst die Holle nicht davon abhalten konnen! Die Liebe hat sich an mir vergriffen, sie warf mir einen Theil mehrerer Zartlichkeit zu, als andern Weibern, alles macht mir Freude, was ich mit Deinem Andenken heiligen kann, die Natur, die Menschen, alles ist mir jezt lachender, weil Du fur mich lebst. O die Menschen ohne Liebe mussen wohl recht elend seyn! Nichts in der Schopfung zu haben, an was man sich ketten kann, Ha! Das ist wohl recht sehr traurig!
Und wie fuhlst denn Du Dich, Trauter? Sage mir doch morgen mit tausend Kussen, dass Du das namliche fuhlest. Traurig wunscht Dir nun Deine Nina gute Nacht aber eben so liebevoll, wie an unserem Brauttage.
Nina.
XX. Brief
Nein, Friz, so einen Tag, wie der heutige, mochte ich nicht wieder erleben! Wie es mich so schroklich auf dem Herzen presste; wie Dein bedaurungswurdiger Kampf mich erschrokte! Gott im Himmel, ich trage es nicht langer! Ach! Schone meiner, Friz, sonst muss meine Gesundheit wanken. Du warst zwar zurukhaltend und bescheiden, aber Deine Leiden drangen doch in mein Herz. Ich fuhlte, dass Furcht und Angst meine Seele peinigten, ich fuhlte, dass sie verloren seyn wurde meine Ruhe, wenn Du nicht der Rechtschaffene bleiben wurdest, fur den ich Dich hielte, Heimlich fluchte ich meiner Lage, dem Schiksal und mir selbst, Du konntest meinen Kummer nicht bemerken, weil Dein eigner Dich zu sehr betaubte. Die Thrane, die ich weinte, war bitter uber die Entdekkung unserer beiderseitigen Schwache. Himmel! Wie ungluklich ware ich, wenn meine Sinnen sich verirrten, eh wir ganz beisammen sind!
Furcht wurde mich peinigen, Verzweiflung mein Herz zerreissen, ich wurde es lebhaft vor mir sehen, das Grab unserer Liebe! O wenn Du mich liebst, kniefallig beschwore ich Dich, mir diesen Gram zu ersparen! Edler, guter, biederer, teutscher, junger Mann, halte es nicht fur Ziererei, es ist blos zitternde Furcht, Dich durch zu fruhe Verbindung zu verlieren. Bei diesem kummervollen Herzen, bei dieser von Leidenschaft gespannten Brust, bei meinem verwirrten Kopf, schone Dich, schone mich! Du warst zwar nicht unbescheiden, nicht zudringlich, aber, um Gottes willen, lass mir Deine Kampfe nicht wieder so leicht bemerken! Lass mich ruhig an Deiner Seite Deine Seelen-Vorzuge geniessen, wenn Du mich liebst, wenn Du nicht haben willst, dass ich mich zu Tode grame! Mitleiden konnte mich bemeistern, ich konnte mich verirren zu meiner Qual, zu meinem Elende! Ha! Wie es mir jezt schon so Angst ist!
Das war heute seit unserer Bekanntschaft der schroklichste Tag! Die schroklichste Schwermuth, die ich je fuhlte! O Friz, wenn Du fuhlen konntest, was ich heute litte! Hilf mir tragen, sonst sinke ich zu Boden!
Bedenke einmal mein Elend bei der Bekanntschaft mit einem Menschen, der mich betrugt, erniedrigt, mit einem Herzen voll Leidenschaft fur Dich. Friz, rufe Deine Vernunft zu Hulfe, sonst verlierst Du das Weib, das Deine Tage segnen soll! Sey klug, uberdenke die Gefahr, und thue, was Dir Deine Moral eingiebt. Mein Madchen ist Zeuge meines Zustandes, trostlos lag ich heute im Sessel, trostlos ohne Dich, blos in der Gesellschaft meines Kummers! Und Du, guter Jungling, wusstest nicht, fuhltest nichts von meinem Zustande? Warst Du gegenwartig gewesen, Mitleid hatte Deine Leidenschaft ubertaubt, Du wurdest sie in Ketten geschlossen haben, die Triebe Deiner Natur!
Wenn ich doch nur weinen konnte, ich mochte mein Schnupftuch zernagen, ich mochte die Stadt durchlaufen um mein Blut abzukuhlen! Friz, reiss es heraus dies elende Herz, das Empfindungen nahrt, die mich elend machen!
Fliehe mich! Doch nein, um Gotteswillen nicht! Heute leidet mein Verstand, ich merke es. Warst Du nicht, ich wollte der Liebe entwischen, ich wollte ihm Erleichterung schaffen diesem tirannischen Korper. Heiland! Was ich schwarme! Ins Tollhaus, ins Tollhaus mit einer solchen Narrin! Wurde die rohere Gattung der Menschen sagen, wenn sie mich izt sahe. Der Kopf ist mir auch so verstimmt, rette mich, ich beschwore Dich, Du hast meine Seele auf Deiner Rechnung! Fort zu Bette mit der armen kampfenden
Nina.
Morgens.
Ich bin matter, Friz, aber nicht viel ruhiger, Gott, noch so eine Nacht, wie die vorgestrige und die heutige, mit so einem Tag begleitet, wie der gestrige, dann bin ich gewiss weg!
Ich habe wieder getraumt, dass ich in Deinem Hause war, und dass mir Deine Mutter erniedrigend begegnet ware; der Vater aber seye milder gegen mich gewesen. Als ich erwachte, war das Kopfkussen nass von meinen Thranen. Es spannt mich heute wieder schroklich auf der Brust, schikke mir Deinen Arzt, aber um Gotteswillen kummere Dich nicht! Es ist meine gewohnliche Schwermuth durch Leidenschaft und Thranen aufgewekt.
Morgen sehe ich Dich, und solltest Du auch nur auf einige Minuten kommen konnen. Bleib heute zu Hause, Du wurdest mit mir nicht allein seyn konnen. Tausend Kusse von Deiner lieben
Nina.
XXI. Brief
Theurer Friz! So kranklich und schwach ich auch noch immer bin, so sollst Du doch die erste Zeile nach meiner Krankheit erhalten. Du guter, lieber, biedrer Junge! Wie Du heute meine Schwermuth so nach und nach weg zu plaudern wusstest, wie Du Dich taglich mehr in meine abscheulichen Launen zu schikken weist, verdient nicht dies allein Vergebung fur Deine samstagige Laune? Und dann Dein herrliches unserer Lage angemessenes Betragen, als Schark hereintrat, o Gott! Du musst mich wohl recht sehr lieben um eines solchen Zwangs fahig zu seyn!
Wie ich die drei ubrigen Stunden mit ihm zubrachte, als Du fort warst, kannst Du leicht denken; zu gefuhlvoll, um ganz gelassen zu seyn, und zu klug um mich zu verrathen, fuhlte ich Langeweile und Schwermuth.
Endlich sah ich Deinen Freund vorbeigehen und gab meinem Madchen geschwind einen Wink, dass sie ihm nacheilen sollte, um Nachrichten von Dir einzuholen.
O wenn die Kalte, doch nur geschwind wieder zurukkehrte, dachte ich, doch lies ich mein Gefuhl dabei nicht in's Empfindelnde fallen, wie's der spottische Mann in dem Tagebuch eines neuen Ehemanns sagt.
Was will denn dieser Grillenfanger? Der sich selbst Widersprechende? Er gesteht ja doch ein, dass Liebe im Gefuhl liegt, und doch nennt er Zartlichkeit Empfindeln? Zwischen Romanen-Liebe und zwischen wahrer auf Vernunft gegrundeter Liebe herrscht ein grosser Unterschied. Die erste ist blos eine Seuche, die ein Augenblik in einer erhizten Einbildungskraft erzeugt hat, und die lezte wohnt in der Ueberlegung, im Herzen und in der feinsten Zartlichkeit.
So eine Liebe ist in gegenseitiger Gefalligkeit unersattlich, und kann bei all ihrer gluklichen Trunkenheit nie mude werden. Meinetwegen konnen tausend Siegwarte und seines gleichen nur in Buchern wohnen, ich habe selbst Ziel und Mass und weis recht gut, was mein Gefuhl ertragen kann, um nicht stumpf zu werden. Ich verkenne den Menschen auch in meinem Liebhaber nicht, weis ihn zu ertragen, und fodere nicht, dass er einen irrdischen Engel vorstelle. Wenn mir aber nach einer genauen Untersuchung ein Friz begegnet, der so ganz mein Wiederhall ist, o dann greife ich mit beiden Handen zu, und schaffe mir herrliche Tage der Zukunft in meinen Gedanken! Freilich nicht ohne Erdenkummer, nicht ohne Trubseligkeit, aber erleichtert durch das gute Herz eines Gatten, durch die Vernunft eines Freundes, durch die Sanftmuth eines Bruders, ist mir dann in den Armen meines Mannes selbst der Tod leichter. So viel sagt mir meine Ueberzeugung ohne Empfindelei!
Ich werde zwar von meinem Gatten nicht bis in's achtzigste Jahr kindische Tandeleien fodern, aber sein Herz, wenn es gut ist, burgt mir ewig fur jede kleine Gefalligkeit, die er meiner Dankbarkeit schuldig ist.
Wahr ist es, die Neuheit hort auf, aber die gegenseitige Gutherzigkeit kann nicht aufhoren, wenn man unter Harmonie des Karakters sich verband. Der erste Taumel hort auf, aber das ruhigere standhaftere Gefuhl bleibt, und die Kunst sich einander die Stunden zu Minuten zu machen, kann bei uns auch nicht aufhoren, weil es uns beiden nicht an der Einbildungskraft fehlt, auch im Alter neue Verdienste in uns zu entdekken.
Nimm auf diese selige Zukunft hin den feurigsten Kuss von Deiner kranken .... nicht doch ... von
Deiner liebenden Nina.
XXII. Brief
Ein fataler Tag war das wieder heute! Ich erhielt wieder neue Nachrichten von Scharks Ausschweifungen. Komme ich nicht hochstens in Zeit drei Wochen fort, dann sollst Du sehen, was es absezzen wird! O Theuerster, nimm mir diese Drohung nicht ubel, Du weist, dass beleidigte Ehre aus mir spricht! Sey ruhig, komm heute Abend um neun Uhr sicher, horst Du! Zu Deiner
Nina.
XXIII. Brief
Schon sieben Uhr vorbei, und Schark war nicht hier. Wo in aller Welt mag er heute wohl stekken? Vermuthlich schwelgt er izt in den Armen der Wollust. Ware noch Liebe fur ihn in meinem Herzen, so liefe ich heute Abend noch alle Strassen durch, suchte ihn auf, und fande ich ihn an einem Orte, der mich beschimpfte, dann ... Ha! Dann weh ihm!!!
O wie schon ich mich heute fur seinen Undank hatte rachen konnen! Doch pfui! Er verdiente eine solche Rache nicht, die auf Unkosten meiner Ruhe gienge. Es ist zwar grasslich, grasslich, sich unschuldig so behandelt zu sehen! Was doch die meisten Manner fur Ungeheuer sind! Zittern sollte man vor ihnen, wenn man sie nicht lange, lange, gepruft hat!
Aber so viel ist gewiss, Friz, dass Du eine Ausnahme bist. Doch hute Dich ja nicht dringender zu werden, sonst wacht der hollische Argwohn uber Dein Geschlecht wieder in mir auf und trist auch Dich! Dann konnte ich Dich unschuldig beleidigen.
Es ist nicht Misstrauen, aber es ist die feurigste Bitte, die ich an Dich wage! Frage nicht ferner nach der Ursache, gieb mir darinnen nach, wenn Du mich liebst. Das kannst Du, das wirst Du um Deiner armen Nina willen, die heute wieder mit der schwarzesten Melankolie ringt!
Ich fodere dieses Opfer von Deiner Liebe, und solltest Du mich wieder einmal so schwach, wie heute sehen, o dann fliehe mich! Sonst konnte es leicht Deine und meine Ruhe kosten.
Du bist ein Engel in der Bezahmung Deiner Begierden, Du hast Starke uber Dich und mich, aber Du musst nur wollen, und nicht immer durch tolles Schwarmen Dich und mich reizen. Bin ich denn so arm an Unterhaltung? Friz, richte Dich wieder so ein, wie Du warst, wenn Du nicht die Glukseligkeit meiner reinen Liebe mit Gewalt storen willst.
Nenne es Vorurtheil, nenne es Grille, nenne es Misstrauen, genug der Aufschub einer engern Verbindung dient mir zur Ruhe und versusst mir die Stunden einer wonnevollen Erwartung. Brause nicht wieder uber diese Sprache, sonst liebst Du mich nicht absichtlos, dann weh Dir!!! Ich mache Dir keine Vorwurfe, ich sage Dir blos mit Aufrichtigkeit, was Du wissen musst. Sey also vernunftig, und erinnere mich auch daran, wenn ich es nicht bin.
Ich fuhle wieder abscheuliche Kopfschmerzen, ich bin ganz weg heute Abend, und doch wenn ich sturbe, so weis ich mir die Ursache nicht anzugeben, warum ich so zerruttet bin? Lass mich morgen ja nicht lange auf Dich warten, habe Mitleiden mit Deiner armen verstimmten
Nina.
XXIV. Brief
Guten Morgen lieber Herzens-Friz! Hast Du wohl geschlafen? Ich so so . Die ganze Nacht uber dachte ich dem feurigen Grad Deiner Liebe nach, und fand, dass Dir kein anderer Sterblicher das Gleichgewicht halten wurde. Sey nicht bose, Lieber, wenn ich Dich manchmal mit meiner Zartlichkeit quale, verkenne nur das Wort Weib nicht in mir, denn schwach bleibt dieses Wort immer, und wenn es auch hundertmal eine Denkerinn ausdrukken kann.
Anhaltendes Ungluk hat mir sogar die susse Hofnung geraubt, mich uber etwas mit wahrer Gewissheit freuen zu konnen! Es ist nicht meine Schuld, es ist die Schuld des Schiksals, habe Gedult mit mir, Du wirst mich einstens besser stimmen, wenn ich an Deiner Seite bin. Du kennst mich, und was braucht es mehr, als die Warme Deines schlagenden Busens um ganz Dein zweites Selbst zu werden? Ich bin so ein verzagtes Ding, Glukseligkeit in der Liebe ist mir so neu, und ich taumle denn so im Rausch dieser Liebe dahin, ohne es recht fassen zu konnen. Du kennst meine Begriffe in der Liebe, weist dass ich durch sie noch nie gluklich war, ist es nun zu wundern, dass sie mir den Kopf schwindeln macht? Beruhige mich, so gut Du kannst, das ist alles, wofur ich Dir ewig danken will!
Ist das nicht argerlich! Nun unterbricht mich gar jemand!! O ich wollte, dass .... Ich hore Holbaurs Stimme. Ha! Der elende Kerl, soll mir bald vom Halse geschafft werden! Gieb nur Acht!
Hier magst Du unsere wortliche Unterredung lesen.
Holbaur.
Madame sind doch nicht bose, dass ich mir die Freiheit nehme, sie zu besuchen? Seit Ihrer Bekanntschaft mit Schark, bekommt man Sie ja gar nicht mehr zu sehen; und die schonen Wittwen sollten sich doch auch der Welt zeigen.
Ich.
Wozu mein Herr, sollte ich mich mehr der Welt zeigen, um mir vorheucheln zu lassen, oder selbst heucheln zu lernen? Meine Eroberungen sind schon gemacht, und ich zweifle, ob sie mich je reuen werden.
Holbaur.
Darunter wird doch Schark nicht gezahlt?
Ich.
Und warum nicht?
Holbaur.
Hm! Ich meine nur so, weil er mich eben so wenig der Mann dunkt, der Sie verdient, als andere, die um Ihre Hand buhlen.
(Das war auf Dich gemunzt!)
Ich.
Habe ich Sie mein Herr je zum Rathgeber aufgefodert? Oder sind Sie von ihren eignen Verdiensten so sehr uberzeugt, dass sie glauben, andere mit solcher Gewissheit verdunkeln zu konnen? Wenn ich Ihr stumpfes Gefuhl nicht kennte, bald wurde ich Sie aus Neid zum Nebenbuhler fahig glauben.
Holbaur.
Ich Nebenbuhler? Holbaur, und Nebenbuhler! Ha! Ha! Soll ich Ihnen beweisen, dass ich es nicht bin?
Ich.
Ich wenigstens erinnere mich nicht, Sie je zu solchen Hofnungen verleitet zu haben. So viel ich mich erinnere, so haben Sie sich in meine Bekanntschaft eingedrungen, ich duldete Sie gewisser Ursachen wegen ...
Holbaur.
Und daran thaten Sie sehr klug, sonst wurde ich erst vor wenigen Stunden Anlass gefunden haben, mich an Ihnen zu rachen. Ob das gleich meine Sache nicht ist.
Ich.
Sich an mir zu rachen? Lassen sie mich doch den Anlass horen; verschobene Rache ist oft gefahrlicher, als die Rache selbst.
Holbaur.
Der Anlass ist ganz naturlich. Sie unterhalten eine Bekanntschaft mit dem jungen G.... Seine Aeltern und Verwandten sind dagegen, und suchten dieses und jenes, von mir zu erfahren, weil sie wissen, dass ich Sie zuweilen besuche.
Ich.
Und warum haben Sie denn das, Dieses und Jenes, nicht erzahlt, wenn sie etwas von Diesem und Jenem wissen?
Holbaur.
Gott bewahre mich, dass ich ihre Freuden storen sollte! Der junge G... ist ein guter Junge, ob er gleich zuweilen ein Bischen brausst!
Ich.
Das mag Sie wohl von fernern Plaudereien abhalten, denn sie wissen doch recht gut, dass sich G... nicht auf der Nase tanzen lasst.
Holbaur.
O, er war immer mein Freund, und erst heute sprachen wir beide von Ihnen mit der warmsten Entzukkung. (Hier fiel mir die Unterredung ein, die Du einstens mit ihm hattest, als er Dich von mir abwendig zu machen suchte. Und ich hatte den satanischen Lugner gerne bei dieser Heuchelei zum Zimmer hinaus geworfen; aber die Politik hiess mich schweigen. Sonst stekt sich die Kanaille noch hinter Schark und schmiedet neue Kabalen. )
Ich.
Dass mein Freund G.... mir gut ist, weis ich, ob aber Sie es so gut mit mir meinen, ist eine andere Frage?
Holbaur.
O wussten Sie....
Ich.
Stille mein Herr, ich hore draussen rufen! (Hier trat nun gerade mein Madchen ins Zimmer.) Siehst Du Friz, nun ist es deutlich und klar, der Bube hat Absichten auf mich. O durfte ich ihm doch das nachstemal die Thure weisen! Aber denn verfolgt er uns noch arger, besonders izt, da er schon beinahe von unserer Liebe uberzeugt ist. Ich kann den zudringlichen Kerl auch gar nicht mit Spott vom Halse bringen, er fuhlt keine Grobheit, kummert sich um nichts, am wenigsten um finstere murrische Gesichter. O es ist eine abscheuliche Sache um einen Mann ohne Ehrengefuhl! Deine beste
Nina.
XXV. Brief
Friz, lass mich auf der Stelle wissen, wo Du heute mit Deinem Freund hingegangen bist? Ich sah euch beide nicht uber die Brukke gehen, und es war mir nicht wohl bei der Sache. Augenbliklich fuhr mir allerlei durch den Kopf, bis mich Roschen versicherte, sie hatte Dich in dein Haus sehen gehen. Dann wurde ich wieder etwas ruhiger.
Bei allem dem bin ich heute so guter Laune; sieh Liebchen, wenn ich Dich da hatte, ich erdrukte Dich mit lauter Kussen! Du bist doch ein allerliebster Junge! Ein Engel, ein Liebling, ein vortreffliches Wesen, das mich lebendig zur Seligkeit hinreisst! Nimm hin diesen Kuss auf die Rechnung der reinsten feurigsten Liebe.
Du glaubst also, ich soll gegen Holbaur nicht zu rasch handeln? Ist das nicht eine elende Welt, in der man dem Laster noch gute Worte geben muss, damit es uns nicht ganz zu Grunde richtet! Bei Gott, Friz, ohne Deine Schadloshaltung mochte ich in dieser elenden Welt nicht mehr langer leben! In einer Welt, wo der Schurke einen Freiheitsbrief tragt zur Bosheit! Mache, dass wir bald vereinigt werden, damit ich nicht mehr Ursach habe, mir vor dergleichen Leuten Zwang anzuthun. So viel von Deiner guten
Nina.
XXVI. Brief
Nachts um halb 12 Uhr.
Schon so spat, und doch wurde ich mich hassen, wenn ich, ohne Dir einen Kuss aufzudrukken zu Bette gehen konnte. Izt sollst Du auch horen, was ich heute diesen schroklich langen Tag alles machte.
Ungefahr um vier Uhr gieng ich zu meiner lieben Freundinn Sch...! Dass sie mich mit Freuden empfieng, weist Du ohnehin. Ich traf, wenn ich mich nicht irre, im Dahingehen Deine Schwester, wenigstens war es ein Madchen mit grossen schwarzen Augen, gerade so wie die Deinigen.
Um sieben Uhr musste ich wieder zu Hause, weil ich Schark versprochen hatte, mit ihm spazieren zu gehen. Aber vorher drang die Freundinn Sch... schon in mich, mit ihm zuruk zukehren, und bei ihr zu speisen.
Mit welcher Laune ich spazieren gieng, wirst Du leicht errathen, Ja und Nein, war alles, was Schark aus meinem Mund horte. Und wahrend dieser eintonigen Unterhaltung kehrten wir wieder zur Freundinn zuruk. Beim Nachtessen unterhielt ich mich recht artig. Schark brummte im Zuhausegehen nach seiner gewohnlichen Art, weil es dem verzartelten Grobian ber Himmel nur bald rette mich von diesem Geschopf!
Aber nun Liebchen, schlafst Du vielleicht recht sanft, traumst von mir, und bist zufrieden, selig! O ich kenne Dich aller Welt Schwarmer, ich kenne Dich, warte nur Du Erzkusser! Warte nur! Ich mochte izt in dieser Stimmung recht gerne zu Dir eilen. Aber es ist ohnmoglich, es ist ohnmoglich! O konnte Dich mein klopfender Busen aufwekken, konnte Dir mein vor Liebe wallendes Herz beweisen, wie feurig ich Dich liebe!
Alles ist so feierlich still, kein Neid wurde mich izt belauschen; wenn ich doch allmachtig ware, und nur auf wenige Minuten zu Dir hinschleichen konnte! Nu, das heiss ich traumen, das heiss ich umsonst fantasieren!
Auch habe ich heute wieder den halben Tag durch, doch ohne Dich zu nennen, bei der Sch... von Dir gesprochen. Was das liebe Weib Dir gut ist! Die Geister harmonieren, schrie sie voll Entzukken uber meine Schilderung von Deinem Karakter. O was das wieder meiner Leidenschaft schmeichelte! Und doch war meine Schilderung nur ein Schatten gegen der Liebe meines besten Frizens.
Nun kommt der Schlaf bei mir angestiegen, ich muss ihm wohl nachgeben.
Ruhe sanft, theurer, besster Gatte, ruhe sanft, mit dem Andenken Deiner besten
Nina.
XXVII. Brief
Bald zehen Uhr, und zuruk bin ich vom Spaziergang mit Schark. Der wakere Mann will mich dieser Tagen auf den hohen Kirchthurm fuhren, um mir die schone Aussicht in die ruhige Ewigkeit zu zeigen! Friz! Darf ich, wie eine gewisse Fanny, einen muthigen Sprung wagen? Darf ich? Noch mehrere solche unglukliche Tage, wie der heutige, und ... Gott verzeih mir's, es ware Zeit! Weisst Du auch Lieber, dass ich Dich heute gar nicht mehr kannte? Weisst Du auch, dass Du heute Deinem Karakter widersprachst, und mich beinahe zu Boden druktest! Ich will Dir keine Vorwurfe uber Dein Betragen machen, es ware Unsinn.
Aber bitten will ich Dich, bald wieder mein guter, lieber, herrlich denkender Friz zu werden. Gott! Was Du mir heute zum erstenmale furchterlich vorkamst, was ich seit Deiner Bekanntschaft zum erstenmale den Augenblik verwunschte, wo ich Dir so ganz voll Zutrauen meine Schwachheiten zeigte; sag Liebchen, warum warst Du so wild, so widersprechend? Dachte ich doch, Liebe konnte selbst den Wollustling bandigen, und Dich, Sohn der Tugend, sollte Liebe nicht sanfter machen konnen? O warum bin ich auch so eine Elende, die vielleicht Deine Schonung nicht verdient! Warum besizzest Du unbezahmbare Leidenschaften? Ich sehe mein Ungluk zum voraus! Ich werde Dich nach mehrern solchen Auftritten blos fur sinnlich, und Du wirst mich fur lieblos halten. Ha! Die Manner sind doch gar zu ungerecht gegen ein liebendes Weib, die vor dem Augenblik der engsten Verbindung, ohne offentliche Bande eben so schroklich zittert, als sie ihm mit stiller furchtsamer Zartlichkeit ausweicht!
O Friz! Was soll ich thun um Dich zu beruhigen und mir dabei den schroklichsten Gram zu ersparen? Es ist wahr, ich bin eine Undankbare, ich bin eine Strafliche, die Dich unwillkuhrlich reizt! Aber um Gotteswillen kann ich dafur? Kann ich meine Grundsazze zu Dem bewegen, was Dich martert? Du bist von meiner Liebe uberzeugt, aber sey auch gerecht, hore nicht blos auf die Stimme Deiner Triebe, lass Dein gutes Herz fur ein Geschopf sprechen, die Dich weder aus Eitelkeit, noch aus Eigennuz qualet. Sey gut, Friz, sey liebevoll, sey sanft, sey vorsichtig, bringe mich nicht zur aussersten Schwachheit! Sonst .... O Gott! Ich werde es nicht konnen, sonst muss ich Dir kalter begegnen, dann hort jenes Vertrauen der Tugend, jenes bruderliche Wohlwollen unter uns auf, und zugellose Unruhen, nagende Begierden, schleichen sich an ihre Stelle, so bald wir in die Arme der Weichlichkeit sinken!
Du hast mich heute Abend sehr viele Thranen gekostet! Ich machte mir selbst Vorwurfe, Dich je zur Liebe gereizt zu haben, es geschah wider meinen Willen, aber ich glaubte Dich mehr Mann, ich glaubte Dich blos feuriger, wunschender Gatte, der unsere nahere Vereinigung von der Zukunft erwarten wurde, und izt schon bist Du unzufriedner, murrischer Liebhaber. Gott schikke Dir heute Linderung Deines Kampfes, und mir Thranen, mein Elend, meinen Jammer auszuseufzen!
Armer Junge, wie wirst Du erschrekken, wenn Du in diesem Brief die leibhaften Zuge Deiner schwermuthigen Nina liesest! Schlaf wohl, der Himmel schenke Dir Gnade, Du verdienst sie besser als ich! O gewiss! O gewiss! Denn ich bin ... O ich mags nicht sagen ... Vorwurfe nagen an meiner Seele! Deine arme
Nina.
XXVIII. Brief
Theurer, guter Friz! dass ich uber Deinen Zustand sehr unruhig bin, wirst Du mir vielleicht nicht so leicht glauben, weil Du mich als die Quelle Deiner Leiden betrachtest. Lass mich um alles in der Welt wissen, ob Du besser bist, und ob ich Dich auf den Abend sehen werde? Im widrigen Falle laufe ich schnurstraks in Dein Haus, und wenn mich auch Deine Verwandten lieblos zurukwiesen, gleich viel! Was kummert mich ihre Grausamkeit. Du bist mehr werth, als das, was ich in hundert Jahren an meinen Augen abweinen konnte!
Heute Abend scheint uns zwar ein Gewitter zu drohen, der Himmel sieht gerade so ubellaunigt aus, wie Deine Nina; Auch sollte mich der Ausguss der Elemente nicht abschrekken, wenn ich an Deinem Busen schlummere, und Dein Herz wieder ruhiger schlagen hore!
Zu allem bin ich bereit, was Du fur gut findest, um uns heute noch zu sehen. Wenn Du kein Feiger bist, der vor dem Geklatsch Deiner Verwandten zittert, so siehst Du mich heute, oder Deine Krankheit ist erdichtet.
Heiliger Gott! Was ich da fur Unsinn plaudere. Lass mich um Gottes willen wissen, ob Du besser bist? Nun so bin ich denn zum immerwahrenden Kummer geboren!
Gerade jezt erhalte ich Dein zweites Billet. Friz, vermag meine Liebe nicht Dich zu beruhigen? Wenn Du denn durchaus nicht kommen kannst, so schreib mir bis halb drei Uhr, wie es um Dich steht? Komm lieber nicht, als dass Du wieder so unendlich leiden solltest, so rasend unmenschlich hatte ich doch die Deinigen nicht geglaubt! Und mir drohen? Die Elenden! Mir? Ha! Kommt nur ich will euch empfangen! Ihr sollt die Wuth eines liebenden Weibs kennen lernen! Zittern sollt ihr, oder weichen! Eigennuz, Verdammtes, hollisches Laster, Du schufst Barbarei in des Menschen Gehirn!!!
Verkuppeln wollen sie Dich also? An wen denn? Warum nennst Du mir die glukliche Prinzessin nicht, der Du Falschheit auftischen solltest, weil Dein Herz mein gehort! Merk Dir's Jungling, es gehort mein, und sollte ich seinen Besiz durch Blut erringen! Mogen dann die Dummkopfe uber meine Heftigkeit lachen, das kummert mich nicht! Ich halte mich in der Liebe an Mutter Natur, sie schuf unser Herzen ohne politische Neben-Absicht, blos zur Liebe, und ich will ihre Rechte so lange vertheidigen, bis Menschen-Bosheit meine Kraften durch Gewaltthatigkeit schandet!!!
Aber dazu werden es doch Deine Verwandten nicht bringen, der Monarch hat Ohren, und ich habe Muth und Entschlossenheit ihm Dinge zu entdekken, die er als Mensch vertheidigen muss!
Narren sind das, kalte Narren, die Hindernisse in der Liebe nicht zu ubersteigen wissen.
Ich wundere mich nicht uber das Gespotte, das sie uber die Beharrlichkeit meiner stolzen Seele treiben werden, ich wundere mich nicht, dass sie Standhaftigkeit und grosse Leidenschaften fur uberspannte Thorheit halten. Wie kann ihr Schnekken-Blut in eine edle feurige Wallung kommen, um mannliche Vestigkeit zu begreifen?
Glaube sicher Friz, wer uber unsere Geschichte lacht, wer sie fur unbegreiflich halt, der ist gewiss in der Liebe keiner Beharrlichkeit fahig! Helden haben ihr enthusiastisches Feuer, Patrioten ihren wahren Eifer, biedere Burger feste Treue, und warum sollten Wahrhaftliebende keine Beharrlichkeit haben? Vorausgesezt, dass sie uberzeugt sind, ohne NebenAbsicht zu lieben, so bald sie untersucht haben, ob es nicht blos jugendliche Uebereilung ist, worunter feurige Sehnsucht nach Genuss stekt, so bald sie wissen, dass die Natur sie an einander kettete, so bald sie bei gegenseitiger Untersuchung einer reinen Kritik fahig sind; Kurz, so bald zwei Kopfe zusammen kommen, denen es nicht an Menschenkenntniss fehlt, die lange vorher unter freundschaftlicher Beobachtung die gegenseitige Gemuthsart untersuchten. Warum sollten solche Menschen nicht dem Vorurtheil trozzen konnen? Blinde Liebe, die blos Eigensinn, Wollust, kindische Uebereilung, oder Empfindelei zu ihrem Grunde hat, artet leicht in ausschweifende RomanenZuge aus, aber geprufte Vereinigung zweier denkenden Kopfe muss sich nicht storen lassen, wenn es der Dummheit einfallt, Bande zu zerreissen, die nicht aus Uebereilung geknupft sind.
Dass die unbesonnene Jugend bei Hindernissen in der Liebe nur zu oft eigensinnige, unvernunftige Streiche macht, will ich Deinen Verwandten gerne glauben. Aber so etwas thun doch nur meistens AlltagsKopfe, die ihr Ideal aus einem Roman entlehnten, und von ihren lusternen Sinnen bei dem ersten Anblik des geliebten Gegenstandes schon so berauscht werden, dass in ihnen keine moralische Besorgniss mehr wegen der Harmonie des Karakters aufsteigt. Dann bereuen solche junge Leute bei ungestorter Freiheit meistens ihre Wahl. Bei uns ist aber das der Fall nicht, wir brauchen weder Schulmeister, noch Gouvernante, um unsern harmonischen Karakter untersuchen zu lassen. Aus Erfahrung sind wir uberzeugt, dass wir fur einander taugen, kennen unsere Leidenschaften, empfinden wechselsweise die Gute unserer Herzen, rechnen nicht auf Nebenabsichten, und weh dem, der uns je trennen soll! So denkt Deine
Nina.
XXIX. Brief
Dass doch der Schurke Holbaur mir alle Schlangenbisse des Schiksals zuerst mit vermertem Gifte hinterbringen muss!
Um Gottes Barmherzigkeit willen Du bist eingesperrt, und schreibst es mir nicht! Warte gutherziger Lugner, Du sollst mir dafur bussen! Schon war ich im Begriff in Dein Haus zu sturzen, und mit einem Mord-Gewehr mir den Weg dazu zu bahnen! Wenn mich der sorgfaltige Heuchler Holbaur und mein Madchen nicht davon abgehalten hatten.
Jezt bewacht mich Roschen und erlaubt mir kaum an Dich zu schreiben, weil sie Wahnsinn befurchtet. Als ich von dieser Nachricht ausgetobt hatte, kam Schark und fand mich noch sinnlos! Vermuthlich hat ihm Roschen eine andre Ursache vorgesagt, denn er gieng wieder fort, ohne sich viel um mich zu bekummern, dabei that er aber auch sehr wohl, denn sein Anblik wurde mich noch kranker machen.
Hore nun meine Unterredung mit Holbaur und urtheile von meinem damaligen Zustande.
Holbaur.
(in sehr guter Laune.)
Guten Morgen schones Weibchen! Guten Morgen! Warum so finster?
Ich.
(In sehr ubler Laune.)
Damit Sie etwas zu fragen haben.
Holbaur.
Glauben Sie, dass ich sonst keine Beschaftigung habe, als mich fur mein gutes Herz hudeln zu lassen?
Ich.
Wenn Ihnen eine andere Beschaftigung mehr Vergnugen gemacht hatte, so waren Sie gewiss von mir weg geblieben. Ihr gutes Herz kommt mir gerade so vor, wie ein wurmichtes angefulltes Stuk Fleisch, das einem Ungluklichen in der aussersten Noth zum Lekker-Bissen aufgedrungen wird.
Holbaur.
Sie sind doch heute grasslich verstimmt! Wissen Sie es etwa schon?
Ich.
Was soll ich wissen? Was? Sollten meine angstvollen Ahndungen.
Holbaur.
Sie sollen horen, was mit ihrem G... vorgeht. Aber ich kenne ihre Hizze, und will lieber schweigen.
Ich.
Herr, Sie sind ein Abgesandter der Holle! Wenn Sie mich noch langer peinigen! Doch was brauche ich auch bei Ihnen um Nachricht zu betteln (aufspringend) Frizens Wohnung ist ja nicht ferne.
(Hier lief ich zur Thure, aber der Bube hielt mich
zuruk.)
Holbaur.
Gelassen Madame! Und mir keine ferneren Vorwurfe, oder Schark erfahrt ihr ganzes Betragen! (Jezt fuhr mir Schauder durch den ganzen Leib, und die Furcht einer neuen Kabale machte mich zittern! )
Ich.
(mit verbissnem Grame) Nun so reden Sie doch endlich, oder die Geschichte nimmt ein grassliches Ende!
Holbaur.
Sie haben sehr ubel gethan, mich nicht zu ihrem beiderseitigen Vertrauten zu machen. Doch zur Sache. Freund G... sollte eine reiche Wechslers Tochter heirathen, und als er sich widersezte, sperrten ihn seine Eltern ein.
Ich.
Jesus Maria! Mein Friz eingekerkert! Mein Friz, wie ein Missethater gefangen! Und das wegen mir! Gott! (haufig rollten hier meine Thranen.)
Holbaur.
Also auch so verliebt wie er? Ei! Ei!
Ich.
Ja Plagteufel! Ja! Und damit Du siehst, dass ich Dich, und Deinesgleichen nicht furchte ... (Ich wollte mich von Ihm loswinden, aber er war starker.)
Holbaur.
Gelassen Weib! Oder Schark....
Ich.
Ha! ha! wie mir der eigennitzige Satan Moral predigt! Lass mich Kerl! lass mich! .... Mein lautes Geschrei brachte die Hausleute und mein Madchen ins Zimmer, der Heuchler gab mich fur wahnsinnig aus, man bemachtigte sich meiner, ich sank in Ohnmacht, und als ich erwachte, war mein erstes Wort Friz! Um Gotteswillen gebt mir meinen Friz!!!
Mein Roschen hatte vom Doktor den Auftrag, mir sehr gelinde zu begegnen, das arme Madchen zitterte, weil ein neuer Anfall sich meiner Sinnen bemeisterte! Ich bin jezt zum fernern Schreiben zu matt, ich kann Dir also blos noch sagen, Friz, um Deiner Nina willen sey standhaft, lass Dich nicht beugen! Wenn Du anders meine Seligkeit nicht verscherzen willst!!! Deine ewig, ewig
treue Nina.
XXX. Brief
Haben Sie Dich endlich wieder losgelassen Deine tigermassigen Eltern? Es war auch hohe Zeit, sonst hatten Sie ihre Tirannei zu spat bereuen konnen! Dass man doch das Gefuhl gewisser thierischer unbeseelter Menschen blos mit Gewaltthatigkeit erweichen kann? Ich mochte das Gesicht Deiner Mutter gesehen haben, als Du vor ihren Augen Deine Terzerolen laden wolltest.
Nicht wahr, Du wolltest Pillen einnehmen, um Dich einer Tieger-Welt zu entreissen, wo Eigennuz und Ehrgeiz Deine Morder ohnehin geworden waren.
Sey versichert, ich wurde Dir gefolgt seyn wenn mir auch meine weibische Zagheit den Muth zu dieser selbstmorderischen Reise versagt hatte, so wurde doch die Krankheit, die ich mir auf den Hals zog, gewiss meine Retterinn geworden seyn, der Gram hat im Elende auch seine susse Hofnungen.
Noch glaubt mich der Doktor nicht aus der Gefahr, weil von Zeit zu Zeit Konvulsionen und Blutsturz zurukkehren. Ohne meine ausserst starke Natur hattest Du Deine Nina schon nicht mehr. Eile heute so geschwind als Du kannst, zu mir, auch jezt muss ich wieder vom Schreiben wegeilen, sonst lermt der Doktor, weil er mir ausdruklich jede Nerven-Anstrengung verboten hat, komme, Deine Nina erwartet Dich.
XXXI. Brief
Dass Du mich so lange nicht besuchen darfst, will mir gar nicht behagen, um so weniger, da meine Gesundheit fast wieder hergestellt ist Indessen will ich mir auch das auf einige Zeit gefallen lassen, aber nur auf einige Zeit, wenn es Dir Ruhe schafft, ob es gleichwohl die grasslichste Marter ist, von Dir entfernt seufzen zu mussen! Dies Leben muss sich bald andern, oder bei Gott, ich schreie es auf dem offentlichen Markt aus, dass Du mein gehorst, und dass ich Dich in Ewigkeit nicht lasse!!! Wenn das Volk diese Neuigkeit genug gehort hat, dann wird es aus Gewohnheit mude werden, davon zu plaudern, selbst Deine Verwandten werden die Unmoglichkeit einer Trennung einsehen, und schweigen! Verschone mich doch mit Deiner kalten raisonnierenden Moral, Du kennst ja doch Deine feurige
Nina.
XXXII. Brief
Lieber theurer Friz, es ist doch gut, dass die Drangsalen in der Welt auch wieder mit Ruhe abwechseln, wenn sie zu sehr an Schmerz granzen. I c h schlief heute Nacht herrlich, und meine Gesundheit ist nun auch wieder vollig hergestellt.
Hat Dir Dein Freund K... nichts gesagt? Er und Roschen haben mir gestern die Langeweile vertrieben, ich qualte ihn ziemlich, er musste mir immer von Dir erzahlen, und sagte mir doch nie genug.
Morgen kommst Du erst um halb drei Uhr, ich sage Dir dann mundlich die Ursache, aber ja nicht spater. Wie war es Dir denn gestern? Ich hatte Dich bald durch Deinen Freund holen lassen, wenn ich nicht neue Verdriesslichkeiten besorgt hatte, auch gieng Schark lange nicht vom Zimmer, Herr Jesus! Was er mich mit seiner augenbliklichen Schwarmerei in Verlegenheit sezte! Sie kam mir so unvermuthet. Gott was ist dies fur ein widersprechendes Geschopf!
Mich dunkt, er ahndet den Verlust meiner Liebe und weis sich dabei nicht zu helfen. Das heisst wohl ein elendes wankendes Gefuhl, wenn man etwas eben so leicht vergottert, als es leichtsinnig beleidigt. Doch genug hievon; so etwas ist nicht fur Deine Ohren. Ich will Dir lieber sagen, dass ich Dich mit der warmsten Zartlichkeit liebe, dass unsere kleine Trennung beim ersten Wiedersehen soll eingebracht werden, so viel fur heute von Deiner besten
Nina.
XXXIII. Brief
Tausend Kusse zum guten Morgen Herzliebchen? Du hast gewiss gut geschlafen? Wer konnte nach so seligen ungestorten Stunden daran zweifeln?
Ja wohl waren wir ungestort, ungesehen von unsern Feinden, gluklich in der frohen Heimath der Natur, unter der Aufsicht eines Schopfers, der uns liebt, und den wir wieder lieben!
Siehst Du Friz, wenn sich zween Menschen mit einem Herzen, und mit hellem Kopf treffen, so kann ihnen die Unterhaltung nie ausgehen. Fur uns sollten die Stunden immer langer dauern, als fur andere Leute, weil wir uns so vieles zu sagen wissen. Unter tausend Paar Liebenden drukt gewiss neun und neunzig Paar die Langeweile, wenn sie sich so oft sehen, wie wir uns sehen. Aber wir ... O du lieber Himmel, wir sind unersattlich im Wunsch der ewigen Daur unsers Umgangs. Was Du mich gestern wieder so brav unterhieltest, mit welcher Engels-Gute Du das Bild des ungluklichen Scharks entwarfst!
O Friz, es kann Dich nicht kranken, ich gestehe Dir, ich habe bis zwolf Uhr daruber nachgedacht, und konnte dem Elenden eine Thrane nicht versagen, der wie ein Knecht seiner Leidenschaften dem nahen Abgrund zulauft! Gott! Warum muss denn gerade ich mit einem weichen empfanglichen Herzen so etwas erleben? Ich bin gestern ausserst schwermuthig daruber geworden, und doch geht Deine Ruhe, und meine Gesundheit vor! Ich darf dieser Schwermuth nicht nachhangen, weil ich ihn ohnehin nicht retten, nicht bessern kann, ohne mich selbst zu sturzen.
Friz! Lieber gutherziger Friz, bedaure ihn, Du bist ja gewohnt edel und bruderlich gegen Verirrte zu handeln. Und nun kein Wortchen von dem mehr.
Hast Du Freund K... heute noch nicht gesehen? Haben Deine Eltern nichts gesagt? Hast Du meine Briefe gut aufgehoben? Bring doch immer den Schlussel mit, wenn Du zu mir kommst, sonst konnte es wieder neuen Lerm absezzen, wenn Du den Schrank offen liessest und man meine Briefe fande.
Deine beste Nina.
XXXIV. Brief
Holder, guter, sanfter Friz! Gerade zehn Uhr, und ich bin sehr argerlich, weil mir Schark wieder nicht von der Seite weichen wollte.
Nun will ich Dir aber mit inniger Warme gute Nacht wunschen und Dich bitten, morgen so fruh als moglich zu kommen. Noch eins! Freund K... war heute bei mir, und klagte uber Deine Spasschen, die Du immer mit ihm treibst, nekke ihn doch nicht so unbarmherzig den guten Jungen, oder wenn Du ihn nicht in Ruhe last, satirisiere ich Dich dafur. Wir sprachen lange von Dir, frage ihn einmal, wie ich wieder schwarmte? Jezt schlafst Du gewiss schon, Du Liebling meines Herzens! Ruhe sanft von den Kussen Deiner lieben Nina eingewiegt, zwar nur noch ein Traum, aber doch ist es suss so etwas zu fuhlen und zu traumen! Gute Nacht Trauter!
Nina.
XXXV. Brief
Zwolf Uhr vorbei, aber im Bette es aushalten, das kann ich nicht! Ich las den Aufsatz Deiner Philosophie, sprang aus dem Bette, riss dies Briefchen auf, und muss Dir, herrlicher Junge, sagen, was ich fuhle! So viel ist gewiss, dass ich bei Durchlesung dieses Aufsazzes laut weinte, die Hande gegen den Himmel rang, und den Allmachtigen mit Innbrunst um Deinen Besiz anflehte! Gott! Was bist Du fur ein Engel, der blos kommen musste, um durch Deine erhabenen Begriffe von Gott mir Beruhigung zu geben. Du bist also mein Fuhrer, mein Troster, mein Freund, mein Gatte, mein Lehrer, fasse diese Wonne, wer da will, ich kann sie nicht fassen? Ich bin zu voll, zu unerschopflich von dem Bild einer gluklichen Zukunft angefullt! O Friz, und das alles schriebst Du, das alles empfandest Du?
Theurer Jungling! Deine reine erhabne Seele fliegt weit uber die meinige hinaus in den gelauterten Begriffen von menschlicher Bestimmung! Ich bin durch das Schiksal verstimmt worden, gutes fuhlendes Herz liegt in mir, aber keine vollige Aufklarung der Begriffen, die mich im Leiden hinlanglich beruhigen konnten. Sieh, ich bin so aufrichtig, dass ich selbst vor Gott nicht aufrichtiger seyn konnte, aber wer auch an Deiner Seite nicht ganz Christ wird, der ist gewiss fur immer verloren!
Lass mich, Besster, an Deinem Busen Thranen der Wehmuth weinen! Dass ich Dich so lange entbehren musste, dass Du erst jezt kamst, um meine Seele zu starken zu jener Ergebenheit, die in Deinen Armen mich einst ruhig wird hinschlummern lassen ins andere Leben! Heute kann ich gewis wieder nicht schlafen! Dass Du auch so viel Gutes an Dir haben must, um mich zum entzukkenden Taumel hinzureissen. O Du Holder, Trauter mit Deiner reizenden Seele! Ich kusse Dich hier vor Gott! Nina ewig die Deinige.
XXXVI. Brief
Mein Besster!
Werde nicht stolz, junger Herr, wenn ein unbesonnenes schamloses schlecht erzogenes Ganschen so beherzt um Deinen Besiz buhlt! Bald wird es um Dich eine blutige Fehde absezzen, wenn ihr mein Brief den Muth nicht abgekuhlt hat, mir fernere Grobheiten zu schreiben. Lies Beilage nebst der Antwort und lache!
Madame!1
Ich kann nicht unterlassen Ihnen zu sagen, dass ich Ihnen uber die Verfuhrung meines Brautigams herzlich feind bin! Sie wenden alles an, meinen Friz immer mehr und mehr an Sie zu lokken, und das ist fur ein honnettes Frauenzimmer (wie Sie seyn wollen) gar nicht rasonnabel. Dann der junge Mann wird mir, und nicht Ihnen zu Theil werden, seine Eltern haben es den meinigen heilig versprochen. Nebst allem dem bin ich reich und schon, das sind gewiss Qualitaten, die Sie nicht besizzen, und von ihrer blossen Vernunft werden Sie gewiss schmale Bischen zu essen bekommen, besonders wenn Sie fortfahren, aus den vermaledeiten gelben Blattern zu studieren, dann werden Sie ohnehin kein Gluk noch Segen erhalten. Auch sagte man mir, Sie waren um einige Jahre alter, als Frize, und hatten viele Blatter-Narben im Gesichte, sehen Sie also, dass Sie mir lange nicht an die Seite stehen durfen. Ich weiss recht gut, was recht und billig ist, und ich sage Ihnen, Sie werden am Ende bei der Historie doch den Kurzern ziehen.
Folglich wollte ich Ihnen meine stolze Madame wohl rathen, den jungen Menschen nicht ferner zu verfuhren, oder Sie sollen sehen, wie weit es unsere adeliche Familie treiben kann! Sie mussen jezt Friz als meinen versprochnen Brautigam betrachten, und Ihnen keine fernere Hofnung machen, das sagt Ihnen ....
Eleonora von .....
Antwort.
Mademoiselle!
So mannsuchtig, unbesonnen, pobelhaft Ihr Brief auch immer ist, so will ich mir doch die Muhe nehmen, ihn zu beantworten, und noch dazu Saz fur Saz.
1.) Wie kann ich Ihnen einen Brautigam verfuhren, wenn Sie noch keinen besizzen? Ist Ihnen aber mit einem Wesen gedient, das weder Herz noch Neigung fur Sie fuhlt, je nun, dann rathe ich Ihnen sich statt Ihren Brautigam eine leblose Statue zu kaufen, denn Friz h a t gar nicht Lust sich auf solche Art verhandeln zu lassen.
2.) Muss ich Ihnen schworen, dass es mich nicht die geringste Muhe kostete, Friz an mich zu lokken, er kommt von selbst gerne, weil er mich liebt. Einen Liebhaber, der mich freiwillig besucht, empfangen, ist gewiss ehrbarer, als ihm nachlaufen, oder sich ihm durch Briefe aufdringen.
3.) Ob der junge Mann Ihnen oder mir zu Theil wird, ist gar keine Frage mehr, denn jedes Geschopf wird frei geboren, und darf sich eine Gattinn nach eignem Willen wahlen, Eltern haben hierinnen nichts zu befehlen.
4.) Dass Sie reich und schon sind, ist ein Ungefehr, und in den Augen eines Denkers eine pralende Bettelei, die nur zu leicht die Glukseligkeit einer Ehe storen kann. Der sich selbst fuhlende Mann heirathet lieber ein edeldenkendes Madchen, als eine vergoldete Schonheit, die ihm in der Ehe durch ewigen Vorwurf seine Tage truben konnte.
5.) Wenn ich Vernunft besizze, so soll Sie fur mich ein ewiges Kapital bleiben, das mich mit Beihulfe eines Gatten fur Mangel schuzzen wird. Ob ich denn an seinem liebevollen Busen burgerlich oder adelich leben werde, konnen nur Dummkopfe ahnden, die an Ueberfluss gewohnt sind.
6.) Mademoiselle mussen sehr wenig gelesen haben, dass Sie das Wort Belles-Lettres nicht auszusprechen wissen. Ich empfehle Ihnen einige gutgewahlte Bucher von dieser Gattung, damit Sie aufhoren, aus Vorurtheil Ihre Nebenmenschen zu verdammen.
7.) Dass ich um einige Jahre alter bin, als Friz, und Blatter-Narben im Gesicht trage, ist ganz wahr. Aber dem ohngeachtet kann ich Sie versichern, dass ich diese Kleinigkeit noch nie an meines Frizzens Kussen bemerkte, sie waren immer so feurig, so begeistert, als sie es je an der Seite eines ganz schonen Madchens seyn konnten.
8.) Sie mussen doch nicht wissen, was recht und billig ist, sonst wurden Sie selbst sehen, dass gerade diejenigen Madchen den Kurzern ziehen, die sich selbst beim andern Geschlecht wegwerfen und blos geben. Pfui! Bei so etwas laufen ja die MannsLeute schon von weitem!
9.) Bleibt der junge Mensch immer und ewig das Eigenthum der stolzen Madame, und wenn sich ihre adeliche Familie auf den Kopf stellte! Folglich kam ihr Rath bei mir zu spat.
10.) Ist Friz eben so wenig Ihr versprochner Brautigam, als Sie je durch ihre Denkungsart einen andern erhalten werden, wenigstens keinen, der denkt. Frazzen von Ihrer Gattung muss man bedauren, das sagt Ihnen....
Nina von ....
ja, ja, auch von,
wenn dies Wortchen so
viel zur Sache thut.
Soll mich doch wundern, was das schnippische eitle Kreaturchen von meinem Brief sagt? Ei dass Dich! So muss ich Dich denn vollig erkampfen? Warte nur, aufgeblasner Junge, vielleicht kommt auch noch die kampfende Reihe an Dich. Das Madchen wurde doch nicht uneben fur Deinen Brausekopf taugen, wenigstens liefe er nicht Gefahr unthatig zu werden. Ihr Hochmuth und ihre Eitelkeit wurde ihm schon zu schaffen geben. Hu! Hu! Da gabe es ein abscheuliches Leben unter euch zweien! Immer spotteln, und nichts als spotteln, wirst Du denken. Ja warum bekam ich auch so vielen Anlass zum spotten. Es wurde mir eine flegmatische Sunde scheinen, Dir nicht auch ein bischen Eifersucht merken zu lassen. Eifersucht? Ha! ha, ha, hi, hi, zu so etwas gehort ein anderer Gegenstand, als so ein dummes rohes Ganschen. Nimm hin diesen Kuss von
Deiner
gutlaunigten Nina.
XXXVII. Brief
Abends.
Kann man sich etwas tolleres denken! Kaum bist Du fort, morgen kommst Du wieder, und doch sizze ich schon wieder da und schreibe an Dich. Hore, Friz, wenn das Ding so fort geht, so wird unsere Liebe zum grossten Staats-Geschafte. Es ist ja fast keine Stunde im Tag, wo wir nicht an einander schreiben, oder verstohlner weise beisammen sizzen, oder andere Leute plagen, dass sie uns wechselseitig von einander erzahlen, oder an einander denken, traumen und schwarmen. Ha! Wahrlich so geht es ja allerliebst! So unersattlich in der Liebe war ich in meinem ganzen Leben noch nie, bis der niedliche kleine Sprudel-Kopf kam, und Feuer in mein Herzchen warf.
Was haltst Du nun vom heutigen Tag? Das war ein rechter Durcheinander von beiderseitigen Launen. Weist Du auch, dass Du wieder alle Augenblikke auf dem Punkt stundest, Deine gewohnliche Laune zu bekommen? Weist Du auch, dass ich Muhe hatte Deine kleinen Wallungen zu dampfen? Du TrozKopf! Du Starr-Kopf! Du Eigensinniger, Du Brauser, Du Du ssern wollte, und stopfte ihr mit einem Duzend uberraschenden Maulchen den Mund.
XXXVIII. Brief
Guten Morgen Herzens-Mann! Guten Morgen! Hast Du auf den gestrigen schonen Abend wohl geschlafen? Ich nicht ... aber doch traumte mir von Deiner Liebe, o sie erschien mir in Engels-Reinheit!
So glanzend wie die schone-Morgensonne, und so voll Trost fur kunftige Glukseligkeit, dass ihr unmoglich ein Sturz drohen kann. Du feuriger Biedermann, wie Du gestern Abend so beredt, so innig das Wort nahmst! Und doch drang mir eine von Deinen Reden etwas ins Herz; studiere doch meine Empfind samkeit besser. Es ist wahr, ich beleidige durch grillenhaften Kummer den Bessten auf der Erde, aber wenn man in der Liebe immer ist betrogen worden, und nie, bei Gott, nie betrogen hat, o dann zittert man uber den blossen Schatten!
Die Treue Deiner Liebe wiegt mich zwar in den entzukkendsten Wonne-Taumel ein, aber desto schroklicher wurgt mich dann der Gedanke Deines Verlusts, wenn er gerade zur namlichen Zeit in mir unwillkuhrlich aufsteigt. Trage Geduld mit mir, bald hort dieser Kummer auch auf. Noch habe ich eine harte Prufung, Abwesenheit auszustehn, aber dann entweder Tod, oder gluklich, ungestort an Deiner Seite, geschworen sey es!! 1
Du stellest Dir meine Abwesenheit immer leichter vor, tausche Dich nicht, Holder, sie ist hart, und sie wird Dich vieles kosten! Denn jezt sind wir an die lieben gottlichen Stunden unsers Umgangs zu sehr gewohnt. Gott gebe Dir mit mir Starke, und so wollen wir harren bis sie reif wird die Glukseligkeit unserer Vereinigung. Nun lebe wohl, innig geliebter Friz, das wunscht Dir Deine liebende
Nina.
XXXIX. Brief
Guten Morgen theurer Gatte! Guten Morgen, nebst einem warmen Maulchen. Ich habe heute Nacht wieder mein gewohnliches Schiksal erlebt, folglich gar, auch nicht eine Stunde geschlafen. Bist Du jezt wieder gelassner? Ist Deine kleine gestrige Wildheit voruber? Hast Du keinen Verdruss gehabt? Alles kummert mich, was Dich angeht, so bald ich keine Gewissheit davon weiss.
Gestern Abend war ich recht boshaft, nicht wahr? Warum hast Du aber auch so mit mir gebrausst? Du weist doch, dass ich es nicht leiden kann. Gewohne Dir es doch ab oder ich fange mich wieder an zu schminken, ganz gewiss thue ich es Dir zu Leide, wenn Du Dich nicht besserst. Horst Du!
Uebrigens ist es recht gut, Herzchen, dass wir bald in eine andere Lage kommen, es wird Dich wohl auch, wie mich, recht sehr darnach verlangen. Ich wenigstens kann diese Abanderung kaum erwarten. An einem andern Orte konnen mir doch Deine Verwandten Deinen ahnenmassigen Adel nicht mehr vorwerffen, auch ihr Reichthum wird mir nicht ferner unter die Nase gerieben werden. Kurz das Vorurtheil, das unsere Verbindung bis jezt so unmenschlich hinderte, wird an einem fremden Orte aufhoren mussen. O ware der Augenblik nur schon da! Der Zwang ist mir zur Last, er ist mir wieder die Natur, Dir nicht auch? Denke Dir, wenn Du einstens frei neben mir schwarmen kannst ... nein, ich will diese Wonne lieber nicht vollkommen ausdenken, sonst macht sie mich noch ungedultiger. Heute sehe ich Dich doch!
Nina.
XL. Brief
Liebe! liebe Seele! Ich drukke Dich heute millionenmal feuriger als sonst an mein Herz! Liebe Dich, wenn es moglich ware millionenmal heftiger als je!
Und die Ursache? Die sollst Du gleich horen. Der elende uberdrussige Sunder Schark fangt nun an, den rasend Eifersuchtigen zu spielen, unser heutiges Nahebeisammensizzen, als er in's Zimmer trat, muss ihm aufgefallen seyn. Und dann meine alberne Verlegenheit, als er mich so sehr in's Auge fasste.
O um alle Schazze der Erden ich mochte und konnte keine Heuchlerinn werden! Mein ganzes Wesen kann sich bei der geringsten Kleinigkeit nicht verstellen, alles wird an mir zum Verrather. Du kennst die Reinheit unserer Liebe, und doch zitterte ich uber Scharks Gegenwart, der mich noch dazu schon so oft selbst hintergieng.
Als Du fort warst, gab er mir einige spottische Reden, ich nahm sie kalt auf, ob sie mich gleich wohl vor Aerger fast erstikten. Blos um unsere Liebe nicht noch grosserm Unheil auszusezzen, handelte ich klug. Mit allem moglichen Troz brachte ich den Fuhllosen doch nicht vom Halse, weil ihn andere Leidenschaften ausser der Liebe an mich fesseln.
Doch sey ruhig, Lieber, Einziger, Besster, sey ruhig, sonst richtest Du mich vollends zu Grunde, Deine Rache kann izt nichts nuzzen, ich will mich bald selbst so rachen, dass er es derbe fuhlen soll.
Aber Friz, ich muss bald reisen, horst Du, bald! Auch auf Roschen ist er izt argwohnisch, und die alte Baase scheint ihm beizustimmen. Also behutsam! Lass Deine Vertrauten nie ohne Buch zu mir kommen, vertraue Dich keiner fremden Seele an, und komme izt immer fruhe, oder Abends etwas spater.
O der Verworfne verdient wohl nicht, dass wir uns um ihn viel kummern! Aber blos um den einbilderischen Thoren nicht wutend zu machen, muss ich vorsichtig handeln, sonst bricht er aus Jahzorn los, geht zu Deinen Eltern, und dann haben wir von ihnen wieder neue Verfolgungen zu erwarten.
Gott im Himmel! Kniefallig will ich Dir danken, wenn Du mir bald aus dieser vielfachen Kabale los hilfst! Lieber Friz! wir wollen uns izt noch ein Bischen Massigung unseres gerechten Zorns angewohnen, wir sind es unserer beiderseitigen Gesundheit schuldig. Wie gerne hatte ich Schark heute das Gestandniss meiner Liebe gegen Dich bekannt gemacht, wie gerne hatte ich ihm gesagt: Ja Betruger, Deine Laster sind izt zu meiner Glukseligkeit geracht, ich bin es satt mich langer heimlich von Dir tretten zu lassen, ich habe gewahlt, und bin gluklich!
Aber bei diesem feurigen, unvorsichtigen Vorsaz sah ich meinen lieben Friz neben mir stehen, mich zurukhalten, und ich wurde wieder vernunftig. Nach diesem Auftritt wollte ich ausgehen, aber er verhielt mir die Thure, endlich gieng er, und das Vogelchen durfte fliegen aus den Handen des Despoten, der sich immer mit meiner Baase vereinigt, um mich zu kranken.
Nun sizze ich wieder da, kusse Dich, schakkere mit Dir gerade, wie gestern Abends. Morgen wird es wieder ein langer, langer Tag werden, weil ich Dich nicht sehen kann, willst Du nicht bei der Freundinn Sch... vorbei gehen, damit ich Dich doch von weitem sehen kann?
Lass Dich nicht beugen, Liebchen, sieh ich bin recht munter, aber fehlte auch die Gewissheit meiner Rettung, o dann ... dann ... Friz, verzeihe mir, ich wollte etwas Grausames sagen! Noch muss verborgner Gram in meinem Herzen liegen, aber Du wirst bald wieder Freude in dies blutende Herz bringen, und ware es auch blos darum, weil mir der Niedertrachtige die kleinen Unterstuzzungen, die er mehr meiner Baase gab, als mir, tagtaglich vorwirft.
Ha! Bei Gott! Ich mochte uber mein Schiksal rasen!!! O wenn mein Liebchen nicht ware.... Du allein verscheuchst noch den wilden Gram aus meiner Seele, Du allein giebst mir Starke zum Dulden. Du holder Liebling meines Herzens, Du Guter, Vortrefflicher, Bester, Liebenswurdigster, sey ruhig, denn sieh, hier schwore ich Dir, dass mich die blutigste Masshandlung um Deinetwillen nicht einmal kranken soll. Ewig, bey Gott dem Allmachtigen, bin ich Dein! Dein! Dein! Auf ewig Dein Weib!
XLI. Brief
Endlich wieder einen Tag ohne Dich durchgegramt! Blos Dein Andenken, holder Sohn der gutigen Natur, hat mir Muth gegeben, die Gesellschaft eines Menschen zu ertragen, der mich so unendlich ungluklich macht, so lange ich ihn noch um mich dulden muss.
Ich war heute mit Schark auf dem hohen Kirchthurm, noch hatte ich den Weg nicht halb zurukgelegt, als mir schon der Kopf schwindelte, ich musste umkehren, ohne seine Hohe erreicht zu haben. Dann schleppte er mich langst einem truben Teich spazieren, von da giengs zu einer Flasche Wein, und das alles wurde von mir so mechanisch gethan, dass es mich an seiner Stelle schaudern wurde, wenn ich ein solches kaltes Madchen an meiner Seite dulden musste! Aber was helfen solche Eindrukke bei einem Karakter, der alles nur augenbliklich fuhlt? Zu meinem Glukke war er heute ein wenig milder, ohne kleine Zankereien lief es zwar unter uns nicht ab, aber ich lies es doch nicht zur Heftigkeit kommen, gewiss lieber Friz, ich hatte eine beschwerliche Rolle zu spielen. Du kennst mein Herz, Du weisst, wie niedertrachtig er mich hintergieng, und doch muss ich dulden und schweigen, muss auf zudringliche Reden mit stotternder Luge antworten, die mir denn immer zum voraus auf der Zunge stirbt.
Ich habe heute in der Kirche, als er einstweilen auf's Kaffehaus gieng, vor dem Allmachtigen auf den Knieen gelegen und ihn fur meine baldige Rettung und um Belohnung fur deine Liebe angefleht! Friz! Wenn Du mich gesehen hattest, Dein Herz ware geschmolzen aus Wehmuth fur Deine arme traurige Nina, die so da lag vor ihrem Schopfer; alles vergass, nur Einen nicht, den Einzigen, den Einzigen vergas sie nicht, eben so wenig, als sie von ihm vergessen wird! Herr Jesus! Meine Seele war wieder durch und durch erschuttert! Nein dies Gefuhl kann nicht leicht eine Liebende besizzen, es ist beinahe unmoglich!
Ich war den ganzen Nachmittag so traurig, so freudenlos, dachte nur an Dich, nur an Deine Liebe, und was mein Busen dabei arbeitete, was er sich emporte.... Ich fuhle izt grassliche Nervenspannungen und muss aufhoren zu schreiben. Friz, sey nicht bose, ich bin Dir ja herzlich gut, ich liebe Dich ja so innig, bis der Tod mir diese Wonne versagt, schlafe ruhig, Besster, Theuerster, schlafe ruhiger als Deine
Nina.
XLII. Brief
Was ich doch fur extreme Launen besizze! Heute bin ich wieder so ziemlich munter, ob mich gleichwohl Scharks tolle Auffuhrung in der Gesellschaft rasend argerte. Hast Du es gehort, wie er bei Seite zu seinem Vertrauten sagte, er bekommt die Nina gewiss, so viel ich merke!
Ich habe diese heimliche Wahrheit recht gut gefuhlt, gewiss besser, als der Eitle, aus dessen Munde sie kam. Auch Du hast daruber gelacht, aber es war wohl eine Art bitteres Lachen; um Gotteswillen, seine Eifersucht wird Dir doch nicht ausfallen?
Mein Gluk war die Dammerung, sonst wurde ich mich bei seinen Spottereien uber und uber verrathen haben, ich bin gar ein einfaltiges Ding, wenn mein Herz eine Wunde hat. Sonst habe ich wohl fur die grosse Welt getaugt, aber izt, o du lieber Gott, izt bin ich wie das albernste Landmadchen, und blos das, was meine zur Liebe weichgestimmte Gefuhle aus mir machen, ein schuchternes Weibchen.
Wie war es Dir denn wieder ums Herz, wahrend unsern heutigen Vorlesungen? Du schienst mir hingerissen zu seyn zu den Gefuhlen der Liebe. War es nicht so? Wenigstens sagten es Deine halbgeschlossnen matten Augen. O Du Guter aller Guten, warum durfte ich Dir denn nicht vor der Welt um den Hals fallen, und laut sagen: seht ihr, dies herrliche Geschopf ist mein! O pfui! Was dies fur ein abscheulicher Zwang ist, den man sich anthun muss, und was es Dich Muhe kostet, um mich zu erhaschen aus einem Labyrinth, worinn mich mein Schiksal sturzte. Aber wie es Dir denn auch einstens, so wohl als mir, gottlich schmekken wird das errungene Pfand Deiner teutschen Biedermannsliebe, Deiner Vernunft und Deiner mannlichen Festigkeit. Diese Hindernisse versussen den Werth unserer Liebe bis zum unausloschlichen Eindruk! Friz! Sasse ich nur mit Dir im Luftballon, o dann wollten wir schakkern, mehr als heute, eh wir in die Gesellschaft giengen, wo ich mit Dir so kindisch tandelte.
Der blonde Puder, den ich Dir mit Gewalt aufdrang, stund Dir doch allerliebst, nur ein Bischen philosophischer Eigensinn glanzte daran, weil Du ihn wieder mit Gewalt wegwischtest, ist aber auch kein Wunder, Du weisst, dass Dein Kopfchen ohnehin genug Eroberungen macht. Du brauchst seine Schale nicht zu zieren, der Kern ist reizend genug fur denkende Madchen. Freilich giebt es nicht viele denkende Madchen, aber ich dachte Du solltest es unserem Geschlecht verzeihen, denn das Deinige halt uns ja nicht zum Denken an. Lebe wohl besster, edelster Jungling, lebe fur Deine zartliche
Nina.
XLIII. Brief
Theurer! Schreiben kann ich beinahe nicht, aber fur Dich und mich zittern! Um Gotteswillen beruhige Dich; kann Dich meine Liebe nicht sanft machen? O dann helfe mir Gott! Du sagtest einmal, Stolz musse nicht uber Liebe siegen; aus Barmherzigkeit beruhige Dich! Kannst Du die unbedeutenden Sticheleien eines elenden Kerls nicht vergessen? Kannst Du einen Schark nicht verachten lernen, der keiner Vertheidigung werth ist? Kannst Du Deiner Hizze nicht Gewalt anthun, wenn sie sich gegen einen Unwurdigen emport? Dein edler Stolz, Dein Ehrengefuhl machen Dich verehrungswurdig, aber aus Liebe, um Folgen auszuweichen, um Dein Weib nicht ungluklich zu machen, verschwende dieses schone Ehrengefuhl nicht an den Nichtswurdigen. Sey Philosoph, sey denkender Mann, sey Gatte, sey Freund und erbarme Dich meiner Angst!! Komm so geschwind, als moglich zu mir, sonst todtet mich Kummer und Ungewissheit! O sey milde gegen Deine
Nina.
XLIV. Brief
Hast Du Wort gehalten, Liebchen? Hast Du Dich nun so gut, als moglich beruhigt, uber eine Sache, die nicht langer verdient, dass Du Deine und meine Gesundheit daran wagest? Sey immer empfindlich fur Ehre, aber gegen ehrliche Leute und nicht gegen Schufte, die Dich nicht beleidigen konnen. Gott! Was Du gestern so krank warst, was Du mich dauertest, und was mir bange wurde bei Deiner schroklichen Verstimmung!
Gewiss, lieber Friz, es braucht blos meine Liebe, meine Empfindsamkeit, meine Herzensgute, um nicht vor mehrern dergleichen Launen zu zittern, die Dich und mich peinigen konnten, wenn sie zur Gewohnheit wurden. Doch keine Vorwurfe, Dein Herz war nicht dabei, und Nina will mit Dir alles tragen. Sey ruhig, ich beschwore Dich; sey ruhig! Du bist von meiner Liebe versichert, troz allen teuflischen Kunstgriffen, die sie zu storen suchen. Was willst Du denn mehr? Das ubrige sind Nebendinge, denen Du nicht nachhangen musst, wenn Du eine Gattinn schonen willst, die es nicht zu tragen vermag. Sey ruhig, bei dem biedern Namen Deines liebenden Weibes, sey ruhig! Fasse Dich bei jedem Anlass, wo der elende Spotter Dir wieder aufstosst. Doch Du versprachst es mir ja, o Du wirst gewiss Wort halten, Du kannst eine gute Seele nicht qualen.
Nicht wahr Friz, Du willst wieder sanft werden? Du willst nie wieder so beharrlich einer ubeln Laune nachhangen? O die Manner sind doch viel wilder als wir! Man muss sich auch ein Bischen Gewalt anthun, wenn es Liebe und Gesundheit gilt. Du kennst Dich ja selbst hinlanglich, um solche Launen nicht zu stark einwurzeln zu lassen. Doch wozu Moral fur einen Friz, der mich und andere darinnen ubertrift.
Liebe! Liebe, will ich Dir aus der Fulle meines Herzens zurufen, und Du wirst ihre Stimme nicht zurukstossen. Wenn Du willst, so komm heute noch einmal zu mir, ich will schon sehen, dass wir uns allein sprechen konnen. Nimm hin diesen Kuss der feurigsten Liebe!
Nina.
XLV. Brief
Theurer Liebling! Warum sah ich Dich heute nicht uber die Brukke gehen? Diese Kleinigkeit machte mir Kummer, denn ich wusste nicht samt meinem Fernglas, was aus Dir geworden ware.
Wenn Du nur wohl bist, wenn Du nur keinen Verdruss hast, o dann will ich ja gerne zufrieden seyn. Friz! Gatte! Besster, Einziger, ich leide wieder Angst, der leichtsinnige Schark kam heute vom Wohlleben halb taumelnd nach Hause und sagte mir, er hatte sich mit Holbaur gar trefflich unterhalten, besonders hatten sie wieder vieles von mir geschwarmt. Sein spottischer Ton, womit er dies alles aussprach, liess mich vermuthen, das Verratherei vorhanden sey, und gleich fiel mir Holbaurs schandlicher Karakter ein. Schark hatte Lust weiter zu sprechen, aber zum Glukke wurden wir von einigen freundschaftlichen Besuchen unterbrochen, und er verliess mich ohne weitere Erklahrung. Hat der Bube Holbaur geplaudert, dann soll ihm Gott gnadig seyn! Wenn er es anders wieder wagt mein Zimmer zu betreten! O dass Du Besster noch nicht offentlich auftreten darfst, dass Du noch in der Stille mit mir die Schikanen des Lasters dulden musst, das thut mir weh, weh bis zu Thranen.
Deine Gedult werde ich Dir auch einstens hinlanglich vergelten, wenn es einem armen zerknirschten Geschopf anders moglich ist, Dir Freuden des Lebens zu verschaffen. Sey zufrieden, Du Liebling, an meinem guten Willen soll es nicht fehlen, macht uns das Schiksal auch Kummer, so soll es doch nicht uber uns Meister werden, denn wenn auch alle Hofnungen niedergedonnert werden, so bleibt uns doch das Gluk der Liebe!
Was machst Du wohl izt? Qualen Dich etwa Deine Eltern wieder? Herr Jesus, Friz, was das mir fremd ist, nicht von den Seinigen geliebt zu werden! Da ich doch die ganze Zeit meines Lebens auch von den unbedeutendsten Geschopfen geliebt worden bin. Friz, nenne es nicht Eitelkeit, es ist vielmehr Hang zum Frieden, den ich mit jedermann stiften mochte, und mit Deinen Eltern vollends, die mir um Deinetwillen so grossen Werth haben. Was kann ich dafur, dass meine Familie nicht reich, nicht von stiftsmassigem Adel ist? Was kann ich dafur, dass meine Eltern mich so fruhe zur Waise machten, und einem schroklichen Schiksal Preiss gaben? Es war der Vorsicht Werk, und die durfen Christen nicht tadeln. Glaube mir, besasse ich Hochmuth, so wurde ich diesen Wunsch der Versohnung mit Deinen Eltern unterdrukken, aber ich kann es nicht lassen, ich muss es Dir sagen, es ist mir fast unertraglich, dass sie Vorurtheil wider mich haben, schon viele Thranen hat es mich gekostet.
Wenn Du sie von meinem Herzen, von meiner Liebe, von meiner Rechtschaffenheit nicht zu uberzeugen vermagst, so sage mir lieber gar nichts mehr von ihnen, denn es geht mir immer ein Stich durch's Herz, wenn ich den Namen derjenigen hore, die mich unschuldig von sich stossen, es ist hart, Friz, fur ein fuhlendes Herz, Ungerechtigkeiten zu dulden! Lebe wohl, und vergiss nicht Deine liebende Gattinn.
XLVI. Brief
Endlich sind meine Ahndungen erfullt, und der Erzbosewicht Holbaur hat uns bei Schark verrathen, folgende Unterredung wird Dich davon uberzeugen.
Schark.
(Mit heimlicher Galle.)
Wie kommt's Madame, dass Sie heute nicht ausgehen, Oder ist vielleicht die tagliche Zusammenkunft hier im Hause festgesezt?
Ich.
(erschrokken)
Zusammenkunft, was fur eine Zusammenkunft?
Schark.
Taubchen, stelle Dich nicht so unschuldig, Dein Gesicht verrath Dich!
Ich.
(mich fassend.)
Freilich mein Herr, so weit habe ich es in der Verstellungskunst nicht gebracht, wie Sie, mochte es auch so weit nicht bringen; denn ihre Laster....
Schark.
Donner und alle Wetter! Was reden Sie da von Lastern? Wollen Sie mich durch diese Beschuldigungen von meinem Verdacht abbringen? Es wird Ihnen nicht gelingen, ich bin zu gut von Ihrer heimlichen Intrigue mit dem jungen G... unterrichtet, und wagt er noch einen Besuch, dann nehme ich meine Rache an Ihnen.
Ich.
Daran thun Sie sehr wohl, es ist immer leichter sich mit einem hulflosen Weibe herum zu balgen, als mit der Degenspizze eines ehrlichen Mannes. Uebrigens haben Sie mir nichts zu verbieten, Sie sind mein Mann nicht.
Schark.
Aber doch Ihr versprochner Brautigam, die ganze Stadt ist Zeuge, und mehr brauche ich nicht um uberall Recht zu finden.
Ich.
Die Bande die Sie leichtsinnig zerrissen, kann eine ganze Welt mit all ihrem Reichthum nicht wieder knupfen. Mein Herz und meine Vernunft haben ihre eigne Rechte, was kummert mich das Urtheil Anderer, ich wahle fur mich....
Schark.
Was, Unverschamte! Was? Jemand andern wahlen als mich? Wer untersteht sich so etwas zu sagen? Wer? (Hier sprang er so wutend auf mich zu, als ob er mich erwurgen wollte, und larmte so laut, dass ich um offentliche Schande in der Rachbarschaft zu verhuten,
nachgeben musste.)
Siehst Du Friz, dass mit dem tollen, brutalen Burschen gar nichts anzufangen ist. Sag selbst, wer mochte sich ihm widersezzen? Und wenn ich es auch wagte, was wurde es mich nuzzen? Soll ich mich seinen Misshandlungen blos geben, obrigkeitliche Hulfe anrufen und meinen guten Namen dabei in's Geschrei bringen? Oder Deine Eltern durch solche Auftritte noch mehr in Harnisch jagen? Da ist keine andere Rettung ubrig, als meine Entfernung.
Deine Nina.
XLVII. Brief
Ich bin gestern im Schreiben unterbrochen worden, Du warst doch nicht bose, dass ich so geschwind abbrach? Freundinn Sch... kam auf mein Zimmer, und ich musste schliessen. Indessen dauern meine Leiden vom gestrigen Auftritt noch immer fort, o ich war die ganze Nacht durch so krank an Leib und Seele, dass es kein Sterblicher ausser Dir zu fuhlen vermag! Du kennst mein Schiksal, Du weist mehr davon, als alle Andern, und Dich musste gerade das Ungluk treffen, eine Misshandelte zu finden, sie zu lieben, Tage mit ihr durchzuweinen, die Du Besster unter Freude und Wonne zu vertraumen verdienst.
Nun denn du gutiger Gott im Himmel, lass mich dulden an der Seite eines so gutigen Gatten, eines Biedern, der es sich zur Pflicht machte, mich zu retten aus den Handen eines Undankbaren, der mich im Stillen so grasslich martert!
Mein Gott, ich spreche jezt so warm von Rettung, gerade als ob ich blos an Rettung und nicht an unsere Liebe dachte, die doch bei aller meiner finstern Schwermuth so brennend in meinem Herzen wohnt! Vergieb Theuerster, wenn Wehmuth mein erstes Gefuhl war, ich bin Mensch, ich bin Weib, ich bin schwach, ich habe zu feines Gefuhl, ich leide schon lange. Stuzze mich, halte mich, wenn ich aus Schiksal hinsinke zum tiefsten Kummer, der so heimlich in meinem Busen wutet! Ich weis, dass ich mir um Deinetwillen Selbsterhaltung schuldig bin, ich thue auch alles, was ich kann, aber ist es meine Schuld, wenn es mich bisweilen ubermannt? Wenn der Gram in meinem Korper Wirkungen hervorbringt, die zu unterdrukken nicht mehr in meiner Gewalt stehen? Ich will kampfen, ich will dulden, ich will leiden, aber lange kann es deswegen gewiss nicht mehr dauern, es muss bald brechen, oder ich werfe mich Dir offentlich in die Arme, kette mich fest an Dich, und Du magst dann thun was Du willst! Meine Liebe wird Dich zum starksten, feurigsten Mitleiden auffodern, Du wirst mir dann aus Barmherzigkeit eher den Dolch in's Herz stossen, und mein Leben zu meiner Ruhe enden, wenn Dir das Schiksal, oder bose Menschen den Weg mit Gewalt abschnitten, mich zu retten!
Nimm diesen Kuss mit der warmsten Thrane des Kummers gemischt! Komm heute so fruhe als moglich und habe Gedult mit Deiner gebeugten
Gattinn.
XLVIII. Brief
Guten Morgen, Lieber, Besster, guten Morgen! Bist Du nicht wieder besser? O sage doch zu meiner Glukseligkeit, ja! Sag es Friz, sonst flieht mich alle Heiterkeit, und dauernder schwarzer Gram wird mein Loos!
Muntere Dich auf, Theuerster! Muntere Dich auf, bald mussen sich unsere Leiden enden! Oder zieht sich die Sache noch in die Lange, so will ich dich bitten, sie mit Gewalt zu enden. Nicht wahr, Friz, Du willst? Mit diesem festen Zutrauen in Deine Thatigkeit will ich mich jezt beruhigen.
Als Du gestern fort warst, wollte Holbaur noch zu mir, mein Madchen wies ihn ab, der Kerl wird immer dringender, bald glaube ich, dass er von Schark bestochen ist. Gott im Himmel, glauben denn die Elenden, dass sie mich von Dir abwendig machen konnen? Meine Liebe fur Dich ist ja so allmachtig, meine Gutheit und Dankbarkeit zu feurig, als dass ich Dich nicht ewig lieben sollte. Sonst ware ich ja mehr als Heuchlerinn.
Siehst Du, wie es mir bey solchen Ueberlegungen gleich im Kopf sturmt! Wie dieser Kopf meinen Grundsazzen fest folgen muss, weil mein Herz fur Alles ausser Dir eiskalt schlagt.
Aufrichtigkeit unter zwei Liebenden ist die erste Tugend zur standhaften Liebe, und wenn mich der hochste Richter diesen Augenblik zu sich riefe, so weis ich nichts, gar nichts, was er und Du nicht wusstest. Kurz, wir sind zwo Seelen, die ein Verbrechen an der Natur begiengen, wenn wir uns je trennten. Ha! Was trennen! So etwas ist ja unmoglich, und wenn es von meiner Seite je moglich seyn konnte, so wollte ich mir lieber das Gehirn an der Wand zum Voraus verspruzzen, als Dich Liebling der Tugend, Dich, guter, braver, herrlicher Jungling, zu hintergehen!!!
Hore diesen Schwur allgewaltige Gottheit! zum Zeichen meiner aussersten Liebe, und Du, hore ihn auch Friz von Deiner teutsch gesinnten
Nina.
XLIX. Brief
Herzens-Mann! Du warst zwar heute fast den ganzen Tag um mich, aber glaubst Du denn, dass ich darum satt bin? Granzenlos ist meine Liebe, granzenlos mein Sehnen nach deinem Busen, und granzenlos sind meine Wunsche, nie, nie von Dir getrennt zu seyn! Sage Trauter, warum behagst Du denn meinem Herzen so ausgezeichnet vor allen Andern, die mir ehedessen auch von Liebe vorsagen wollten? Warum bist Du so ganz mein Wiederhall? Warum sind wir uns allein zwischen vier Mauern so genug? Ja, so genug, dass auch nicht der kleinste Wunsch nach rauschendem Vergnugen weder in Dir, noch in mir aufsteigt, o Friz, das sind Vorbothen unserer kunftigen Glukseligkeit, die in vollem Maas auf uns herab stromen wird, wenn kein Zwang uns mehr schrokken kann.
Liebe fodert Freiheit, Zwang starkt zwar die eigensinnige Liebe auch, aber sanfte innige Liebe, wie die unsrige, will sich ergiessen konnen, sie will entfernt seyn von der Verlaumdung, von der Missgunst. Der vernunftige Umgang erhoht die Liebe und giebt ihr den wahren Werth einer ewigen Dauer, entfernt sie von der blossen Sinnlichkeit. Angestekte Romanen-Helden fuhlen meistens nur die sinnliche Neuheit der Liebe, aber denkende Geschopfe fuhlen ihre moralische Wonne und wissen sie durch gegenseitiges Verstandniss des Kopfes und Herzens zur Unsterblichkeit zu bringen. Sage mir doch, lieber Philosoph, konnte wohl eine Liebe, wie die unsrige, jemals aufhoren?
Wenn wir uns auch dem Aeussern nach einmal nicht mehr neu sind, so liegt doch eine Unendlichkeit von neuen Reizen in unseren Kopfen und Herzen, die uns ewig vor Ekkel schuzzen wird.
Wenn dieser Saz nicht Wahrheit enthielte, unleugbare Wahrheit, wenn ich ihn nicht mit Ueberzeugung tief fuhlte, so wollte ich mir lieber heute noch mit einer Steknadel den Puls an der Stirne durchboren! Merke Dir diesen Saz, merke Dir ihn! Beim heiligen Gott beschwore ich Dich, merke Dir ihn! Es ist der feurigste, den ich je schrieb, seitdem ich lebe.
Noch eins: Schark machte es heute Abend wieder so toll, dass ich ihm geradezu meine baldige Abreise eingestand, zum Gluk fur meine Uebereilung war er zu hochmuthig um es zu glauben. Ist das nicht ein erbarmliches, schwaches Geschopf? Eine viertel Stunde nach dem Streit wusste er von allen Bitterkeiten nichts mehr, die ich ihm gesagt hatte. Wie oft verbot ich ihm schon das Zimmer, und doch drang er sich durch meine Base wieder ein; nein, da hilft nichts, als meine Entfernung.
Gottlob, dass Deine Eltern nun auch wieder etwas ruhiger sind. Es war doch immer gut, dass wir in der ganzen Sache gelassen und behutsam handelten; dass ich meine angewohnte Offenherzigkeit ablegte, dass ich meine Liebe zu Dir nirgends verrieth.
Immer war mir sonst der Grundsaz eigen, Liebe nur fur Einen Mann ohne Eigennuz sey Tugend, von der man offentlich sprechen durfe, aber die Verlaumdungssucht hiess mich diese Tugend fur mich im Stillen geniessen und sie nicht den Schandmaulern und dem Vorurtheil blos geben. Gute Nacht besster Gatte! Gute Nacht!
Deine Nina.
L. Brief
Gerade zehn Uhr, und eben horte ich auf mit aller Begeisterung an Deiner Philosophie zu deklamiren, dieser Aufsaz ist gar zu herrlich geschrieben, ich kann ihn nicht genug lesen! Alles ist jezt Geist, Feuer und Seele in mir! Meine Nerven sind zu sehr gespannt, mein Blut zu stark in Wallung, als dass ich jezt schlafen konnte. Ich muss diese Gefuhle mit Dir theilen, lass mich, Liebchen, noch ein Bischen mit Dir plaudern.
Gestern Abend um diese Zeit lag ich an Deinem Busen, genoss alle Wonne, bis der dumme Zufall, wo wir glaubten von Schark belauscht zu seyn, uns beide schrokte. Dank Dir, Trauter, fur den Kummer, den Du um meinetwillen trugst, ich will Dir Deine Sorgfalt gewiss wieder vergelten.
Ich habe heute so wenig mit Dir tandeln konnen, weil mein Madchen Arbeitshalber immer um uns seyn musste, bose kannst Du uber solche Zufalle nicht seyn, denn dazu schlagt Dein Herz zu rein, auch weisst Du recht gut, dass einstens andere Zeiten kommen werden, wo aller Zwang aufhort. Wir sollten uns eigentlich keinen Zwang anthun, dann noch hat kein Laster unsern Umgang beflekt.
Aber es ist nun einmal schon so in der Welt, Redliche mussen sich verkriechen, damit Niedertrachtige desto freier sundigen konnen. Schark war heute Abend wieder in einer sehr lusternen Laune, mein schlimmes Kammermadchen foppte ihn daruber mit der einfaltigsten Miene, das Madchen hat Wiz genug, ihm seine Wenigkeit fuhlen zu lassen. Doch was kummert mich Schark, lass Dich lieber dafur recht warm kussen von Deiner
Nina.
LI. Brief
Endlich ist er fort, mein Peiniger, und ich kann wieder mit Dir sprechen. Aber denke nur, Schark foderte durchaus einige Briefe zu lesen, die Du an mich schriebst, und als ich sie ihm versagte, dann wurde er finster und schwermuthig. Einstens tauschten mich diese Grimassen, aber jezt nicht mehr, er sundigte lange genug auf mein gutes Herz hin, nun mag er auch bussen, ich bin kalt, wie der Tod fur seine Winseleien! Er hat mich beschimpft, mich elenden Kreaturen an die Seite gesezt, er ist nun offentlicher Wollustling, und meiner ganz unwurdig. Bei der Gefahr mich zu verlieren, fuhlt er erst den Werth meines redlichen Herzens; oft vergab ich ihm, oft duldete ich im Stillen, aber sobald er mich versohnt glaubte, dann blieb er der alte Wollustling.
Friz, bei meiner Liebe sey es geschworen, dass ich die Wahrheit rede, hatte ich meine Gutherzigkeit an einen bessern Jungen verschwendet, dieser Undank wurde mir nie zu Theil geworden seyn, ich wurde mir ein Geschopf gebildet haben, das mein Leben hatte beglukken konnen.
Aber auch gut, dass es so gekommen ist, sonst hatte ich ja Dich nicht kennen gelernt, Dich Einziger, den ich so feurig liebe! O wusstest Du, was alles fur Unertraglichkeiten in Scharks Karakter liegen, die ich erst jezt recht kennen lerne, Du wurdest Dich wundern, dass es solche Menschen geben kann, die von ihren Leidenschaften hin und her getrieben werden. Hochmuth, Dummheit, Widerspruch, Drohungen, Grobheiten, Schimpfreden, Geiz sind die Gesellschafter seiner meisten Launen.
Besserung ist bei ihm wohl wenig mehr zu hoffen; Ungluk allein konnte ihn vielleicht bessern; der Himmel schenke ihm Selbstkenntniss und baldige Erinnerung seiner Fehler.
Liebchen lass mich gleich wissen, wie es um Deine Gesundheit steht? Gott! Wenn Du nur nicht etwa recht krank wirst! Ich ware die verlassenste, die armste, die elendeste unter allen Weibern! O Allgutiger erhalte ihn! Erhalte ihn, zum Trost seiner armen
Nina.
LII. Brief
Abends um zehn Uhr.
Nicht wahr, lieber guter Friz, gestern um diese Zeit war ich recht gluklich an Deiner Seite; genoss alle die Wonne, die Deine Liebe und Dein gutes Herz fur mich aufbewahrt hatte? Und heute? O das war wieder ein verwunschter Abend! Ich sass tiefsinnig am Fenster, wahrend als Schark mit meiner Base zu Nacht speisste, ersterer hiess mich zu sich sizzen, und ich tolles, unverstelltes Ding that es nicht. Dann brach er in die abscheulichsten Grobheiten aus, die ich mir durch meine Unvorsichtigkeit zugezogen hatte. Ich traumte da gerade von Dir und hatte um Alles nicht loskommen konnen von dieser sussen Traumerei. O Du lieber Einziger! Musst mich doch bald retten, ich beschwore Dich! Denn jeder Tag, denk Dir dies Wort, jeder Tag droht mir Misshandlung. Sieh Liebchen, ich kann es fast nicht mehr aushalten, Du wirst, Du kannst Deine Nina nicht mehr langer leiden lassen. Eine ungedultige Thrane von mir verweint ware Deinem empfindsamen Herzen gewiss ein schroklicher Vorwurf. Ich muss bald von hier weg, bald!
Aber weisst Du auch lieber Friz, dass Du heute wieimmer bange, dass Du in meinem Umgange nicht alle die schwarmerischen Reize entdekkest, die ich in dem Deinigen finde. Dank sey nun freilich meiner lieben Einbildungskraft, die mir alles bis zum unwidersprechlichsten Zauber an Dir malt. Ich bin auch so zufrieden mit meiner Wahl, dass es vielleicht wenige begreifen wurden, die nicht so lieben, wie ich liebe. Du bist aber auch der Jungling, der leicht ein Madchen finden wurde, aber eine Liebe, wie die meinige, die taglich mehr wachst, daran zweifle ich bei der jezzigen Welt. Wir sind in unserem Umgang wie zwei Kinder, zanken, weinen, kussen, moralisiren, schakkern, alles wechselt so artig unter uns ab; das werden Tage werden! Das werden! Freue Dich Lieber, freue Dich, ich will mich auch freuen, und nun Millionen Kusse zur guten Nacht von Deiner
Nina.
Eine verwunschte Nacht war das. Friz, eine schlaflose, abscheuliche Nacht! Erst um ein Uhr legte ich mich zu Bette und vergass die Fenster zu zumachen, da flog das Ungeziefer herein und qualte mich die ganze lange Nacht durch. Du weisst, dass mein Zimmer auf's Wasser geht, und aus dieser Ursache fast immer mit stechenden Mukken angefullt ist, wenn ich nicht gleich mit Sonnen Untergang die Fenster zuschliesse. In Zeit drei Stunden war mein ganzes Gesicht angeschwollen und kein Auge konnte ich vor Schmerz schliessen, dann kam uber alles dieses noch ein starkes Donnerwetter dazu und schrokte mich auch ein Bischen! Als sich das Wetter verzogen hatte, sprang ich mit rasendem Zorn aus dem Bette, und legte mich auf den harten grossen Sopha, dahin dachte ich mir, werden gewiss die Mukken nicht so leicht kommen, weil der Sopha im Nebenzimmer steht, aber umsonst, auch da fanden mich die heisshungrigen Thiere, Du kannst leicht denken, wie es mir auf diesem harten Lager behagte? Ich glaubte, alle Knochen zu verlieren, konnte es durchaus nicht langer aushalten, schlug Licht, und beschreibe Dir jezt die tolle Nacht. Der Schlaf drukt meine Augen sehr schwer, aber was mich noch am meisten argert, ist das abscheuliche Schnarchen meines Nachbars, der an der Seite seines leiben Weibchens, wie ein Kloz ruhig fort schlaft, seine zahe Haut fuhlt das giftige Beissen des Ungeziefers nicht. Wie er so gluklich ist, der flegmatische Dummkopf, dass seine kalte Seele so kummerfrei die gutige Gabe des sussen Schlafs geniessen kann, der mir nicht gegonnt ist. O ich bin argerlich bis zum Unsinn! Gestern Abends plagte mich ein zweifussiges Insekt, und diese Nacht saugen viele hundert andere mein Blut heraus. Warest doch Du nur da, dann wollte ich noch gerne alles dulden, ich wollte mir mein wundes Gesicht von Deinen Kussen abkuhlen lassen, aber so bin ich mit Roschen ganz allein in der melankolischen Morgendammerung, hore das halblaute Gezwitscher der aufwachenden Vogel und grusse Deine lieben grossen geschlossnen Augen mit dem feurigsten Kuss eines guten Morgens in meinen Gedanken.
Wache doch auf, Herzens-Junge! Wache auf! Deine Nina ruft Dir! Faullenzer, wie gut Dir der Schlaf schmekt, wie Du Dich wieder herumdrehst, und nicht ahnden willst meine Kusse. Ha! Eigennuzziger, das thust Du mit Fleiss, damit ich wakker drauf los kussen soll, und Du Deinen Vortheil dabey findest.
Aber warte, jezt will ich Dich anfangen zu kneipen, bis Du aufwachst. Wenn ich nicht schlafen soll, darfst Du auch nicht schlafen, wenn mich die Mukken beissen, sollst Du Dich auch beissen lassen, wenn ich kussen und schakkern will, so sollst Du auch mit mir kussen und schakkern, oder Du bekommst Schlage, ja ... ja, Schlage, ich bin heute stark genug dazu, denn meine Glieder ruhten ja aus.
Musste ich heute nicht ausgehen, ich legte mich am hellen Tage schlafen, und schliefe bis Du kamst und mich durch Kusse aufwektest. Sey nicht bose uber diesen kindischen Brief, Du kennst ja meine Launen, ausserst munter, oder ausserst traurig! Vergiss Dein gutes Weibchen nicht.
LIII. Brief
O Du herrlicher, herrlicher, lieber Friz! Was heute unser Umgang wieder so haufig abwechselte und sich in selige Unterhaltungen eintheilte, in Unterhaltungen, um die uns eine Welt beneiden wurde, wenn sie Zeuge seyn konnte von den gottlichen Stunden, die wir durchleben.
Dank Dir, Guter, fur Dein Gefuhl, mit dem Du zu Hausse giengest und an mich schriebst, aus einem Herzen schriebst, worinnen Engelsgute wohnt.
Hier gebe ich Dir wieder eben so viele Kusse zuruck, sie kommen von Deiner Nina, die ihr Gluk durch Deine Liebe zu tief fuhlt, um es beschreiben zu konnen. O Du edelster, gutherzigster, anbetungswurdigster, junger Mann! Um den mich Engel beneiden mussen, gewiss beneiden, Du ubest Deine Wohlthaten im Stillen aus. O die gestrige gute Handlung, die Du vor meinen Augen unternahmst, hat Dir in meinem Herzen ein ewiges Denkmal errichtet! Ha! Du guter, guter Friz, lass mich an Deinem Busen aller anderer Menschen Bosheit vergessen, die mich mein ganzes Leben hindurch so oft krankte!
Aber vergiss ja nicht uber jede Stunde unsrer Unterhaltung nachzudenken und dabei ein Herz, wie das meinige, zu untersuchen, dessen Liebe ewig, ewig, nur fur Dich gluht Um diese Aufmerksamkeit bittet Dich Dein gutes Weibchen.
Gott segne unsre Liebe; schlaf wohl und sanft, theuerster, liebenswurdigster Gatte! Traume alle Auftritte unserer Liebe wieder lebhaft zuruck, die wir heute mit einander genossen und theile dann Dein Entzukken in Gedanken mit Deiner
Nina.
LIV. Brief
Schwerlich, lieber Friz, wird sich der Schurke Holbaur wieder unterstehen mein Zimmer zu betretten; meine Hizze hat mich ubermannt, ich habe ihm derb die Wahrheit gesagt, wie Du aus folgender Unterredung sehen wirst. Nun mag er Galle speien der Elende, so viel er will, ich konnte mich unmoglich massigen....
Holbaur.
(Wie ein wahrer Wollustling.) Guten Tag! Guten Tag, mein Engel! Wie gehts, wie befinden Sie sich?
Ich.
Dies brauchen Sie doch wohl nicht erst von mir zu erfahren, Scharks Vertrauter ist ja ohnehin von allem unterrichtet, was bei mir vorgeht.
Holbaur.
Wie so meine schone Gottinn?
Ich.
Herr! Ich verbitte mir diese vertrauliche Sprache. Uebrigens mogen Sie sich ihre Frage selbst beantworten, ich bin nicht gewohnt, Mannsleuten, die in Weiberrokken stekken, Vorwurfe zu machen.
Holbaur.
Also wohl gar bose auf mich? Ei, ei, womit hatte ich mir denn dieses Unheil zugezogen? Hat vielleicht Schark seine Klappereien auf mich schieben wollen, wovon er der Urheber ist?
Ich.
Er, oder Sie, Sie, oder Er, das gilt mir gleich. Es ist immer schandlich, wenn sich Mannsleute mit Ohrenblasereien abgeben.
Holbaur.
Keine Regel ohne Ausnahme, nicht allzeit, meine Besste, sind Warnungen Ohrenblasereien; besonders wenn sie das Wohl eines Freundes betreffen.
Ich.
Seit wenn sind Sie denn so gewissenhaft gegen Ihre Freunde geworden? Ist Schark ein unmundiger Knabe, dass Sie ihm mit teuflischer Bosheit Grillen einhauchen mussten? Was kummert Sie meine Bekanntschaft mit G...?
Holbaur.
(Herausplazzend.) O sehr viel Madame! Sehr viel kummert mich Ihre Bekanntschaft mit G....! (Sich wieder fassend.) Denn sehen Sie, der junge Mann taugt gar nicht fur Sie, er wird Sie gewiss nicht heirathen, ich kenne die Verhaltnisse, worunter er schmachtet, und ich wette mein Leben, er muss seiner Familie nachgeben.
Ich.
O sagen Sie doch lieber: ich wunsche es, dass er seiner Familie nachgiebt; denn an Ihren Bemuhungen fehlt es gewiss nicht, wenn er es nicht thut. O ich kenne Ihre Sprache, die sich nach allen Tonen zu stimmen weiss!
Holbaur.
Aber mit Ihrer Erlaubniss, meine Schone, doch immer mit Wahrheit und Aufrichtigkeit begleitet.
Ich.
Bei Gott! Ich bin mehr vom Gegentheil uberzeugt.
Holbaur.
Wie so? Wie so? Sie wurden doch Ihre schonen grossen Augen stark aufreissen, wenn ich Ihnen jezt gleich mit der untruglichsten Wahrheit versicherte, dass der junge G... mit einem uberaus reizenden Madchen in sehr engem Verstandniss .....
Ich.
Nicht ausgeredt Verlaumder! Oder bei Gott, Sie sollen mich kennen lernen!!!
Holbaur.
Schon wieder brausen? Ich ich ... wollte ja nur sagen dass G... lezthin mit einigen Frauenzimmern sehr vertraut schakkerte.
Ich.
(Mit Wuth) Lugen! Hollische Lugen sind das! Ich kenne sein Herz, noch eine verdachtige Silbe von ihm, und ich werfe Ihnen alles an Kopf, was mir unter die Hande kommt!
Holbaur.
Hu! Hu, was Sie eifersuchtig sind! Ist dann der alberne Junge auch so viel werth?
Ich.
(Ganz ausser mir.) Elender, kein Wort weiter! Kein Wort weiter, das rathe ich Dir; und nun fort aus meinem Zimmer, niedertrachtiger Ehren-Bandit! (Hier weigerte er sich mich zu verlassen.) Dann griff ich Ihn rukwarts bei den Haaren und schleppte ihn bis zur Thure, laut schreiend wurde ich ihm bis uber die Treppe gefolgt seyn; wenn mich nicht Roschen mit Gewalt zuruck gehalten hatte. Friz, ich bitte Dich um Gotteswillen, schaffe mir vor dem Kerl Ruhe, sonst vergreife ich mich noch an ihm! Deine
Nina.
LV. Brief
Das war wieder eine jammervolle, schrokliche Nacht! Friz, ende Deine eifersuchtigen Vorwurfe wegen Schark, oder Du bringst mich in's Grab!
Hatte ich nicht gestern mit dem Buben Holbaur Verdruss genug? War das von Dir vernunftig sich so zu vergessen, und mir bittere Dinge zu sagen? Musstest Du auch noch kommen und mir den lezten zufriedenen Gedanken wegstehlen? Ueberdenke heute bei kalterem Blute unsere Lage, vergiss nicht einen Blik auf die Folgen zu werfen, die daraus entstehen konnten; und zittere!
Du kennst meine Rasereien, wenn ich anfange; Du weisst, zu welchen Thorheiten ich fahig bin, wenn Dein Misstrauen und Dein beleidigter Stolz fortfahrt auf mich loszusturmen. Ist es denn meine Schuld, dass ich noch hier bin? Ist es nicht die Schuld der Umstande, dass meine Abreise noch auf wenige Zeit verschoben werden muss? Und kann ich meine Base zwingen, dass sie dem Schark unser Haus verbietet?
Noch mehrere solche ungerechte Vorwurfe, Friz, und ich stehe weder fur Scharks, noch fur mein Leben! Der Gedanke, dass meine feurige Liebe von Dir verkannt wird, machte mich so hart, so wahnsinnig, dass mir mein Leben um eine Steknadel feil wurde! Ich habe Schark mit aller Gewalt zu einer Zankerei zwingen wollen, ich hatte ihn gerne aus Verzweiflung mit Vorsaz verleitet, mir ein Messer in's Herz zu stossen, so sehr war ich meiner Lage mude! Zum Glukke donnerte ihn meine Wuth zusammen, dass er weggieng und staunte! Nenne es immer strafliches Extrem; aber wer brachte mich dazu? Wer ist straflicher, ich, oder Du? Gott! Was hast Du mir fur herzangreifende Vorwurfe gemacht! Du sprachst mir alles Gefuhl ab, nanntest mich eine Lieblose, eine Undankbare, und das blos, weil mir ein unbedeutendes Wort uber Schark entwischte, dass Du zu seinem Vortheil auslegtest. Du bist wahrlich uberzeugt, dass ich die wenige Nachsicht, die ich gegen Schark brauche, blos aus Politik brauchen muss; Du musst davon uberzeugt seyn, sonst wurde ich Dich verachten, wenn Du mich ohne diese Gewissheit lieben konntest.
O Friz! Friz, ist es moglich, dass Du so lange Zeit aus Liebe nachzugeben wusstest, und jezt auf einmal uberfallt Dich eine hollische Eifersucht? Sey sanft, sey vernunftig, um Deines guten Herzenswillen bittet Dich Deine
Gattinn.
LVI. Brief
Theurer Friz! So suss auch gestern unsre Versohnung war, so hat sie doch den tiefen Gram, der mich seit einigen Tagen wieder so schroklich drukt, nicht ganz aus meiner Seele getilgt! Ich taugte wohl besser in's Grab, als an Deine Seite, wo Dir das Bischen Vergnugen durch tausend Schiksale vergallt wird. Kein Tag, keine Stunde geniessen wir ganz ruhig, mitten unter dummen und bosen Menschen verstreichen unsere schonsten Augenblikke, und mit ihnen unsere Gesundheit.
Ich bin ausser mir, wenn es nicht bald zu Ende geht! Ich kann diese Verfassung, beim Allmachtigen sey's geschworen, nicht langer ertragen! Und doch muss ich alle Starke zusammen suchen, um den Ausgang abzuwarten? O wenn Du mich liebst, so verschone mich diese Zeit uber, versezze mir nicht den lezten schroklichsten Todesstoss, durch Dein Misstrauen! Sey barmherzig, bei Deinem Ehrengefuhl beschwore ich Dich, sey barmherzig! Sey mein Fuhrer, mein Troster, sey gut, sey gedultig, sey Mann, ich will Dir es tausendfach lohnen! Die Wehmuth lasst mich heute nicht weiter schreiben.....
Nina die gekrankte.
LVII. Brief
Innig geliebter Gatte! Endlich ist meine Laune wieder etwas heiter. Was dachtest Du heute wohl von mir? Meine Augen haben, dunkt mich, mehr gesprochen, als sonst, wenigstens hiengen sie wonnetrunken sehr lange an den Deinigen. Siehst Du, wie mein Zutrauen wachst? Folge fein meinem Beispiel, horst Du?
Friz, wie viele Briefe hast Du wohl schon von mir, ich habe von den Deinigen uber funfzig Stukke. Es sind lauter theure Pfander Deiner Liebe, redende Beweise Deiner Zartlichkeit, und feurige Versicherungen Deiner Standhaftigkeit, nie sollen sie aus meinen Handen kommen diese reizende Gemalde Deiner schonen Seele!
Heute habe ich auch wieder Deine Haarflechte frisch geflochten, die ich Dir mit eigner Hand aus Deinen langen Haaren heraus schnitt. O diese Haarflechte ist gerade so weich, wie Dein Herz! Mein Roschen ist ein loses Ding, sie machte mich mit ihren Schakkereien fast narrisch, immer schrie sie, wahrend als ich die Haarflechte frisch auskammte, geben Sie doch Acht, es thut Ihrem Friz ja weh! Dann zukte ich wieder wahrend dieser Arbeit mit einem lauten Schrei, woruber sie sich fast zu Tode lachte.
Ich bin dem Madchen recht gut, weil sie ziemlich viel von Dir zu sprechen weis, Stunden lang schwazt sie mir von Dir vor, ist das nicht ein gutes, braves Roschen? Komme morgen recht fruhe, damit ich Dir Millionenmal sagen kann, wie sehr Dich liebt Deine
Nina.
LVIII. Brief
Trauter, als mich der gutige Schopfer schuf, war Liebe und ihre Glukseligkeiten seine erste Gabe, die er mir mittheilte, und in die Seele hauchte. Liebe empfand ich schon lange mit allem ihrem Kummer, aber ihre Glukseligkeit entfernte sich von mir, bis ich den Redlichsten, bis ich Dich kennen lernte.
Du hast nicht Unrecht, wenn Du behauptest, dass ich noch nie so geliebt worden bin. O Du Vortreflichster, lass mich mein Gluk offentlich ausschreien, lass meinem vollen, mit Wonne angefullten Busen Luft, damit ich die Gefuhle meiner seligsten Hofnungen hinsagen kann den eiskalten Geschopfen, die meine Entzukkungen nur blos in der Ferne anstaunen durfen!
Dank Dir fur den heutigen Tag, den ich wieder so ganz Liebe, an Deiner Seite hinbrachte. Ich trug eine schwere Last im Herzen, als Du kamst, aber wie ein Engel des Trostes hobst Du mir sie weg und spieltest mich in eine Laune, die ich nicht um ein Konigreich vertauscht hatte!
O Du Guter, was Du nachgiebig und sanft seyn kannst, wenn Du nur willst. Du hast zwar ganz Recht, dass Du nicht alle Tage so bist, sonst wurde ich immer mit mir selbst hadern, dass ich Dein herrliches Betragen nicht erwiedern konnte. Heute war ich wieder in Deinen Armen so verloren im Taummel der reinsten Freude und auch so ganz ohne Furcht, ohne bange Ahndung, dass ich mich beinahe in einer andern Welt dunkte! Gewiss unterhielten wir uns wieder herrlich! Es war kein augenbliklicher Sinnenrausch, wie bei den meisten Liebenden, der uns entzukte, Vernunft, Seele, alles nahrte sich dabei, und muss sich ewig dabei nahren.
Nicht wahr lieber Friz, wir wollen immer so gut mit einander leben? So ganz Gutheit einander nachgeben, und verbannt sey nun auf ewig aus unsrem Umgang Deine Eifersucht, und meine zu starke Empfindsamkeit! Nie sollst Du mich wieder so sehen, das verspreche ich Dir heilig.
Noch eins; Schark laurte schon am Fenster, als ich heute zu Hause kam, aber merkte nichts. Gott gebe, dass Du Dich eben so heiter schlafen legest, als ich, dann bin ich gluklich. Vielleicht traumst Du jezt, mit einer Pfeife Tobak im Munde, von mir? Thust Du dies gewiss? O ich fuhle es, diese warme Ahndung stromt meinem Herzen zu, und burgt mir fur die Wahrheit meiner Vermuthung. Gute Nacht! Aller Segen des Himmels auf mein Liebchen! Gute Nacht, sagt Deine
Nina.
LIX. Brief
Innigst Geliebter, ich habe Dir gestern in einer Stunde mehr gesagt, als ich Dir in Jahrhunderten schreiben kann. Oder war es etwa nicht so, Du unersattlicher Schwarmer? Warst Du wohl jemals gegen ein anderes Madchen ein so warmer gefuhlvoller Junge? Ist es etwa fur meine Eitelkeit zu viel Triumpf, wenn ich das allerliebste Nein so gerne uber diesen Punkt aus Deinem Munde hore?
Wenn man sich der Liebe nicht freuen darf, wenn man uber ihre herrlichen Entzukkungen nicht nachdenken soll, o dann ist sie ja blos Begierde, und ich hasse Begierden ohne die Begleitung eines feinen denkenden Gefuhls. Unsere Liebe hat den achten dauerhaften Gang, wir wollen ihr folgen, aber auch Du lieber Friz, musst Dich ein Bischen andern. Lass doch nicht immer Deinen feurigen Kopf und Deine reizbaren Nerven sprechen, sey im vollen Verstand Herr uber Deine Leidenschaften, Du kannst es ja, wenn Du nur willst, die Liebe macht Dich biegsam, wenn Du ihr nur Gehor geben willst. Wir wollen uns doch nicht ferner mit Grillen martern, willst Du? Ich fodere dies kleine Opfer Deiner Vernunft jezt durchaus, bis das Verhangniss uns naher vereinigt. Das unglukliche Schiksal soll nicht Meister uber uns werden, nein, durchaus nicht, ich wurde mich schamen ihm nachzugeben. Wir wollen von nun an Zank und alle gefahrlichen Auftritte zu verhuten suchen, die Dich und mich granzenlos elend machen konnten. Dein Weibchen lebt und athmet ja nur fur Dich, fur Deine Liebe
Nina.
LX. Brief
Du lieber Gott! Was war das gestern wieder fur ein verstimmter Abend! Es ist gerade, als ob wir beide eine Zeither verhext wurden! Ich mag Dir Ruhe vorpredigen, so viel ich immer will, es nuzt nichts. Gott im Himmel, wie konnen Schiksale Menschenherzen verstimmen! Ich kannte Dich kaum mehr; Faulheit, weniges Gefuhl, zwei Worte, die ich gestern wieder so oft horen musste. Ein anders minder liebendes Weib hatten diese garstigen Ausdrukke wohl zum Brausen verleitet, aber ich blieb gelassen, weil mein Herz Deine Entschuldigung ubernahm.
Sag Unbesonnener! Seit wann habe ich denn dies alles verdient? Warum schreibst Du den Eifer uber das ehrabschneiderische Volk auf meine Rechnung? Oder noch besser, warum warst Du unvorsichtig genug, mir so etwas zu hinterbringen? Darf ich meine Gefuhle nicht mehr an Deiner Seite ausweinen? Ich sah Dich stumm und finster, das machte mich verdriesslich, weil ich Dich doch schon so oft bat, Dir in meinem Umgang Gewalt anzuthun. Bin ich denn nicht so viel werth? Ist es nicht Deine Pflicht, jede Zankerei in ihrem Ursprung zu erstikken? Aufbrausen und davon laufen ist dann immer Deine lobliche Gewohnheit, und die Fruchten davon, Verzweiflung und schlaflose Nachte fur Dich und fur mich.
Meine ganze Seligkeit liegt blos in Deinem Blikke, und da dieser eine Zeitlang her so duster ist, so ist es ganz naturlich, dass ich auch verstimmt werden muss. Bin ich denn von mir selbst so gallsuchtig, gabst Du mir nicht immer den ersten Anlass dazu? Ich hoffe, dass Du bald anfangen wirst mein Herz zu schonen. Der Himmel lasse uns heute wieder Friede finden, das wunscht von ganzer Seele Deine
gebeugte Nina.
LXI. Brief
Liebster, Besster! Wie hast Du geschlafen? Das war doch brav, dass Du mich gestern Abend nicht mit blutendem Herzen zu Bette gehen liessest. Lieber Friz, wenn ich Dir theuer bin, laufe mir nur nicht wieder davon, wenn wir uns ein Bischen zanken, denn das Davonlaufen ist mir unertraglich!
Leicht, wie eine glukliche Braut, gieng ich gestern Abend nach unserer Aussohnung zu Bette, aber ein Schrekken, der mir durch alle Glieder fuhr, wekte mich wieder plozlich auf! Dass doch bei jedem Zufall Du mein erster Gedanke bist. Gott! Ist das etwa mein Friz! Schrie ich laut, sprang an's Fenster und horte die achzende Stimme eines Sterbenden, den man mit einer Wunde vorbei trug. Sein Rocheln machte mein Blut erstarren, Du lagst mir noch im Sinne, ich horchte aufmerksam um den Ton der Stimme zu entscheiden, zum Glukke aber war sie mir fremd diese Stimme, und Mitleiden mit dem Sterbenden trat jezt an die Stelle der Verzweiflung.
Demungeachtet folterte mich Ungewissheit, ich brach in lautes Wehklagen aus, meine erhizte Einbildung zeigte mir furchterliche Dinge, ich sah Dich in Deinem Blute schwimmen. Roschen hatte wieder die halbe Nacht durch an mir zu trosten. Schreibe Dir diese Ahndung fest in's Herz, wenn Dir etwa einmal Schark aufstossen sollte. Erinnere Dich meines Jammer-Geschreis bei so einem Auftritte, und schwore mir beim heiligen Gott Deine Selbst-Erhaltung in jedem Falle! Meine Furcht mag Dir jezt, da es noch Zeit ist, Bilder vormalen, sie mag Dir sagen, dass, wenn Du Dich je in einen Streit einliessest, ich dann, wie eine Rasende, meinen lezten Hauch mit dem Deinigen vereinigen wurde!
Lebe wohl Theuerster! Ich schreibe dieses Briefchen unter Furcht und Angst uberfallen zu werden, bin aber demungeachtet ewig, ewig Dein trautes
Weib.
LXII. Brief
Friz kannst Du es verantworten, mich wieder so zu misshandeln? Unschuldig so zu misshandeln? Ich habe bei der gestrigen Mahlzeit weder geschakkert, noch gelacht, und am allerwenigsten, wie Du sagst, geschwelgt, davon ist ja die ganze Gesellschaft Zeuge, die mich in Deiner Gegenwart uber meine schwermuthige Laune aufzog. Ich hatte uber den lusternen Buben, der an meiner Seite sass, eben so wohl Galle, als Du, und bitter waren meine Antworten, die ich ihm gab, aber nicht leichtsinnig!
Wenn Dich der elende Kerl durch seine Zudringlichkeit beleidigte, was kann ich dafur? Gieng mir sein Betragen nicht durchs Herz? Ich bitte, ich beschwore Dich, sey vernunftig, bedenke wohl, was Du thust. Du bist mir Pflichten schuldig und darfst sie ohne Niedertrachtigkeit nicht verlezzen, dann ich verlezze sie bei Gott auch nicht? Dein Zweifel an meiner Liebe ist Hollenverbrechen, das Dir Satan eingegeben hat! Willst Du mich mit Gewalt zur elenden Kreatur erniedrigen; dann wird diese lieblose Beschuldigung ein Werk vollenden, dass meine Lebenstage so geschwind als moglich abkurzen soll!!!
Beruhige mich, wenn Du nicht ein undankbares Geschopf bist, wenn ich Dir nicht einstens in der Todesstunde noch fluchen soll! Wie kannst Du gegen Dein Weib so hart seyn, die Dich ewig mit aller Deiner ubeln Laune doch lieben wird? Friz, habe ich dies wohl um Dich verdient? Du machst mich elend, bei Gott ausserst elend, wenn Du mich nicht recht bald beruhigst! Ich muss Dich heute sprechen, ich muss, sonst sollst Du das entschlossene Weib kennen lernen!
Nina.
LXIII. Brief
Guten Morgen, liebe Seele! Wie ist Dir? Um Gotteswillen, wie ist Dir! Mir war gestern Abend gerade, als stieg ich in einer Todesangst vom Schaffot herunter. Ich fuhlte die Erstarrung meiner Glieder, und tiefen stummen Schmerz, der an Wahnsinn granzte! Mein Gehirn war durcheinander geworfen, meine Vernunft zerknikt und siedheiss mein Blut!
Du dauertest mich, Armer, und ich konnte Dir doch nicht helfen. Sey ruhig, einziger Liebling meines Herzens, Nina hat gewis nie aufgehort Dich zu lieben. Ich bin heute wie zusammengeschlagen, aber dabei so ziemlich ruhig, sey es doch auch Friz, sey es auch, meine Glukseligkeit fodert es von Dir.
Bei den heiligen Gattenpflichten fasse Dich, sonst wird meine Abreise noch immer mehr und mehr verschoben.
Uebrigens kummere Dich um nichts weiter, so kuhn die Anschlage der Wollustlinge auch immer scheinen, so wird es doch keiner wagen, sich mir zu nahen. Die Lasterhaften konnen wohl ihre Zahne blokken, aber beissen durfen sie nicht, sonst tritt man sie mit dem Fuss zuruk. Also ruhig und keine Sorge, wenn es aufs Aeusserste kommt, so sollst Du Deinen Karakter nicht mit ihnen besudeln..... Dann reise ich in einigen Tagen fort, und hiemit Punktum!
Deine liebe Gattin.
LXIV. Brief
Rosenthal, den 19ten Oktober.
Theuerster, besster Gatte! Untersuche den Kummer bei unserer Trennung in Deinem eignen Herzen, und Du wirst den Wiederhall des meinigen finden. Sezze dann von meiner Seite noch weibliche Furcht, Zagheit und Schwache meines Geschlechts hinzu, und mein Gram wird den Deinigen uberwiegen.
Nun bin ich entfernt von Dir, auf einmal entfernt von der Warme eines Busens, an den ich mich jede Stunde des Tags vertraut anschmiegen konnte. Noch ist mir alles Traum, noch bin ich zu wehmuthig um an die Moglichkeit dieser Trennung denken zu durfen.
Wir kamen in unserer Einsidelei gluklich an, die Leute empfiengen uns gut, und Roschen suchte mir den Kummer vom Herzen wegzuschakkern, aber fur diesmal ist es ihr nicht gelungen. Gestern Abend konnte ich nichts thun, als staunen und weinen uber eine Trennung, die mir schroklich schwer fallen wird. Zanke mich nicht Friz, ich musste weinen, wie ein Kind, und was ist denn auch meine Gesundheit gegen den sussen wollustigen Leiden einer zartlichen Sehnsucht? Ich will ja gerne ruhig werden, aber gewiss nicht eher, als bis ich an Deiner Seite bin; ein jeder Sturm niederreissen kann? Wie stehts um Deine Gesundheit? Gott! Du sahst so blass aus, als Du mir den lezten nassen Kuss aufdruktest! Halte Dich gesund, denn, wenn Du sinkst, so bin ich unwiederbringlich verloren!
Die Liebe mag Dich jezt zur Thatigkeit anfeuern, wenn es Dir nicht vor meinem Grabe schaudern soll, das ganz gewiss meiner wartet, wenn meine Lebhaftigkeit durch zu lange Trennung getauscht wurde! Bang ist mir schon ein Tag, aber unausstehlich eine Woche Entfernung von Dir! Doch das Schiksal will es, und ich darf nicht dagegen murren. Auch darf ich Dich wohl an keine Pflichten erinnern, Du weisst, dass mein Loos das schroklichste ware, wenn Dich je Menschenbosheit zur Veranderung stimmen konnte. Ich bin jezt so ganz Zutrauen in Dich, verkenne nicht den ehrlichen Mann, der mich rettete und jezt an mir so handeln wird, wie ich es von Deinen herrlichen Grundsazzen erwartete.
Einem weniger Edlen hatte ich mein Schiksal nicht anvertraut, und ich bin versichert, dass, wenn auch die Holle sich offnet, Du dennoch standhaft bleiben wirst. Immer hieltest Du mich fur zu schwach, um mich von der unwurdigen Base und Schark loszureissen; hast Du denn bei meiner heimlichen Abreise nur eine einzige Spure Schwachheit erblikt? Menschheit war es, die sich in mir emporte, und sonst nichts. Willig liess ich mich von Deinem Arm leiten, und wenn Du mich auch zum Tode gefuhrt hattest, gleich viel!
Du kommst also in einigen Tagen? Kommst zu Deiner Nina, die einsam auf dem Lande sich blos mit dem Gedanken an Deine Liebe nahrt, kommst an den Busen Deines treuen
Weibes.
LXV. Brief
Rosenthal den 21ten Oktober.
Lieber Herzens-Gatte! Ist das nicht zum todt argern, gestern kam die Post nicht und gieng auch nicht ab, folglich blieben unsere Briefe liegen, und wir erhalten sie erst heute. Montags kannst Du mir schreiben, aber ich Dir nicht, Dienstag kommst Du selbst, dann reden wir wegen der Post-Ordnung ab. Trage ja Deine Briefe zeitig genug auf die Post, sonst leide ich Todes-Angst, wenn einer liegen bleibt!
Lieber Friz, wenn Dich nicht wichtige Grunde abhalten, so musst Du ohne Fehler kommen. Du wirst grosse Augen machen, die Wirths-Leute fangen mich an zu drukken, und meine Borse wird es tuchtig empfinden, wenn Du nicht gleich eine andere Einrichtung triffst. Das Volk muss mich fur eine verwunschene Prinzessin halten, weil es mich so ubertrieben zahlen macht. Schreibe mir, ob Du geritten oder gefahren kommst und welchen Weg Du eigentlich einschlagst, damit ich Dir entgegen kommen kann. Reite mit Thor-Aufschluss von Hause weg, und nimm ja eine geschikte Ausrede. Gott! Gott! Warum darf der Mann sein eignes Weib nicht offentlich herzen und kussen? O Vorurtheil, du abscheuliches UnLippen, und nun weg von Dir, entfernt von einem Umgang, der mich so manches lehrte, der mich so gluklich machte. Gott! So ein Verhangniss greift in die Seele! Ist schroklich fur ein liebendes Weib, die sich ihrer Liebe vor aller Welt Augen nicht schamen durste!
Ha! Wenn ich Dich wieder sehe, wenn Du mich wieder kussest, wenn Du wieder im trunknen Taumel Nina herausstotterst, dann, o dann, will ich weinen und fuhlen! Friz, wie ist Dir denn? Ich bin wie verloren, ich wurde es ohne Dich nicht langer aushalten konnen, ich wurde Dich abholen und mitschleppen, und sollte es auch bis an's Ende der Welt gehen!
Du musst, Du musst mir aus Liebe bald folgen, sonst weh, weh Dir! Tausend Kusse, tausend Lebewohl von Deiner abwesenden Gattinn.
LXVI. Brief
Rosenthal den 23ten Oktober.
Theuerster Gatte! Zwei Briefe erhielt ich gestern, und zwei heute. Wie kommt es, dass Du den Sonntag vorbeistreichen liessest, ohne an mich zu schreiben? Jesus Maria! dachte ich mir, was ist das? Was ist meinem Gatten zugestossen? Entsezzen uberfiel mich, bis ich aus Deinem lieben Briefe wieder Herzens-Trost einsog. Ich wurde mich uber diese Kleinigkeit nicht beunruhigt haben, wenn ich Dein Feuer, Deine Thatigkeit nicht kannte. Gesezt Du konntest Mittwochs nicht kommen und auch keine Briefe Gott im Himmel, ich wurde verzagen.
Der morgende Tag und die heutige Nacht werden fur mich schroklich seyn, weil ich diesen Tag mit wollustiger Wehmuth an Deinem Busen zu vertraumen hoffte.
Nun will ich versuchen, einige Stellen Deines Briefs zu beantworten. Ist es moglich, Schark war bei Dir? O ich bewundere Deine Starke und verehre Deine Liebe, die aus Klugheit selbst Schimpfworte uber mich zu ertragen wusste. Denke Dir einmal mich Arme in die Klauen dieses Menschen, wenn er mich entdekte? O dann hatte ich ausgelebt! Beum mich aufzusuchen; so etwas wolle der Himmel verhuten!
Ich habe meinen Plan schon entworfen. Ich sizze den ganzen Tag im verschlossenen Nebenzimmer, und sobald ich Scharks Stimme hore, dann wage ich den mir vorgesezten Sprung aus dem Fenster in Garten; springe ich gluklich, so ist es gut fur Dich und mich, versteht sich, wenn Du zu meinem Schuz nicht bei der Hand seyn solltest. Anders wusste ich mich nicht zu retten, denn was ist ein schwaches Geschopf gegen einen Rasenden? Hier im Hause sind indessen die besten Maasregeln getroffen, wenn Du kommst, so magst Du es noch vorsichtiger einrichten. Fur Deine ubrige Sorgfalt tausend Dank! Meine Liebe sey Dein Lohn, kannst Du mehr fordern, da ich doch ausser Dir so arm bin? Mein Roschen ist sehr gebeugt, die Stille will ihr nicht behagen, ich kann es ihr nicht verdenken, man muss so wie ich lieben, um den argsten Kerker ertraglich zu finden. Das Madchen kann gar nicht begreifen, wie man aus Liebe einen solchen Aufenthalt, von aller Menschheit entfernt, wahlen kann? Die Eiskalte hat wohl nie keinen Friz gekannt! Dein Bildniss hangt an meinem Bette, es ist bald vollig abgenuzt, von lauter Kussen.
Uebrigens segne ich meinen Aufenthalt, so schroklich er auch immer ist, warst Du bei mir, dann willkommen die erste beste Hutte. Mein Madchen sagt zwar immer, um einen Konig wurde sie sich keinen solchen Aufenthalt wahlen, aber sie hat gut schwazzen, sie weis ja nicht, wie sehr ich Dich liebe.
Engel unter den Menschen, lass mich in Deinen Schuz werfen; nie werde ich Deinen Zorn verdienen, aber vielleicht Dein Mitleid, Deine Nachsicht, Deine Sanftmuth, Deine Fuhrung. Und wenn ich dann je einen Werth besizze, so sey er Dein und werde durch Dich vollkommen, durch Dich erhoht, durch Dich zum wahren Werth. Kannst Du von einem Weibe mehr fordern, der Du immer so viel Stolz vorruktest.
Du warst seither einmal bei der M... es freut mich, wenn sie mir gut ist, o wie wollte ich das Madchen dafur herzen und kussen, wenn sie Dir Deine Leiden tragen halfe! Sey aber behutsam, Du weist, unsere Lage erfordert es. Besuche immer zuweilen eine meiner Freundinnen, und heitere Dich auf, lieber Friz, Deine Nina bittet Dich darum aus ihrer Einsamkeit. Ich will es gerne glauben, dass Dich alles an mich erinnert, Deine Liebe ist ja so unermudet, dass Dich jeder Gegenstand zur Vergleichung anruft. O Du sagst mir mehr von Deiner Liebe, als mir ein ganzer Himmel voll Engel versichern konnten. Und doch bin ich unersattlich von Deiner Liebe reden zu horen, und doch bin ich noch etwas weniges furchtsam, weil ich mir in der weiten Schopfung kein solches Ideal traumte. Es ist mir so neu, so fremd, so entzukkend, ich konnte den erwurgen, der mir die Wahrheit davon abstreiten wollte. O gesegnet sey mir Deine Liebe, gesegnet, wie am ersten Tag ihrer Entstehung. Sag, Theurer, wie konntest Du je eifersuchtig seyn? Du kennst ja das Innerste meines Herzens, alles ist Dein, meine Schwachheiten und Tugenden, meine Fehler und Vorzuge, verstosse dieses Herz nie, oder ... Mein Gott! Zu was mich meine Schwermuth wieder verleitet! Aber denke Dir auch einen Ort, wo man den ganzen Tag keinen menschlichen Laut hort, denke Dir Dein Weibchen in ihrem Kammerchen verschlossen, wie sie da sizt und die Stunden Deiner Ankunft zahlt, wie Liebe, Kummer, Furcht und Sehnsucht an Ihrem Herzen nagen, denke Dir alle diese Beweggrunde und wundere Dich nicht mehr uber meine Schwermuth. Heute horte ich ein Pferd daher traben, da sprang ich zum Fenster und ... es war nur ein Bauer. Roschen erschrak, die Tauschung drohte mir eine Ohnmacht. Nein, so rasch darf ich in Zukunft nicht mehr seyn, sonst schade ich meiner Gesundheit. Lebe wohl liebster Gatte, komm bald in die Arme Deiner Nina.
Phantasie einer fuhlenden Gattinn, von Nina
Mit gepresstem Herzen, mit angstlich kampfendem Busen, mit einer Thrane im Auge sass ich einst schwermuthig an meinem Schreibpult. Alles um mich herum war feierlich stille, kein Menschenlaut liess sich horen, nur Sehnsucht und Andenken an Dich, Einziger, schwellten mein Herz. Ich traumte mich wonnetaumelnd an Deinen Busen hin. Leiden, die vielleicht noch kein weibliches Herz empfunden, tobten in meiner Seele! Trennung! Ha! Dies grassliche Wort erschutterte mich durch und durch! Wo bist Du jezt Sohn der Liebe? rief ich laut ... Wo bist Du jezt? Komm, o komm doch wieder einmal in meine Arme! Gott! Welche Seligkeit ware der meinigen gleich, wenn ich Dich jezt nur eine Minute an dies klopfende Herz drukken konnte!
Theure, edle, gute Seele, wenn Du wusstest, wie unausstehlich mir Deine Abwesenheit, wie jeder Gedanke mir verhasst ist, der mich nicht an Dich erinnert, wenn Du sehen konntest, die Thranen, die um Dich fliessen, den Gram, der Dir geopfert wird, die Qualen, die ich anbete, Ha! Du wurdest eilen, Du wurdest laufen, um durch einen feurigen Kuss alles zu heilen, was mich jezt so unbarmherzig martert! Gerechter Gott! Was bin ich fur eine Traumerinn, als ob es blos bei Dir stunde, als ob Du kommen konntest, als ob Dich nicht das Schiksal davon abhielte. Nun so lass mich denn weinen, laut weinen uber Deine Entfernung! O willkommen ihr sussen Zeugen meiner Wehmuth, willkommen ihr Thranen der gekrankten Liebe, fliesst immer fort, ihr seyd mir gesegnet, denn ihr fliesst um den Bessten unter den Menschen, um einen Jungling, dessen Werth in der grossen Schopfung fur mich nicht mehr zu finden ist, und wenn alle Konigs-Sohne zu meinen Fussen lagen.
O der holde, der liebevolle Junge, was seine sanfte Art in der Liebe entzukken kann! Wie sein Feuer, seine gluhende Schwarmerei sich in's weibliche Herz schleicht! Wie er mich hinzuzaubern wusste in die grosste Glukseligkeit durch seine Liebe! Wie er so lange kusste, bis ich hinsinken musste an sein laut pochendes Herz! Und das alles jezt nicht mehr? Nicht mehr fur mich Arme? O Schopfung! O Menschheit! O Natur! Ihr seyd schon, aber fur mich nicht mehr, einst liebte ich euch an der Seite meines Frizzen, einst fuhlte ich fur euch in den Armen meines Gatten, aber jezt ... O mein Gott! Jezt bin ich allein, bin entfernt von ihm, und liebe nichts weiter, als dich schwarzer Gram, du wirst mich bald hinraffen in eine Welt, wo Ruhe meiner wartet!
Lasst mich doch ihr Menschen, ihr Stohrer meiner Liebe, lasst mich hinsizzen und staunen uber mein hartes Schiksal! Ha! Es drukt, es drukt furchterlich auf meiner Brust! Der Wunsch Dich zu sehen, mein Gatte, lasst sich nicht mehr zuruckweisen, ich will, ich muss Dich haben, ich muss, ich muss Dich aufsuchen!!! Halt! Wer klopft? Allmachtiger Gott, meine Ahndung ist erfullt, er ists!!!
Du susser Liebling meiner Freuden, erstikke mich nicht mit Deinen Kussen! Sey gelassen, sieh, wie meine Kniee zittern! Diese Ueberraschung, und das gerade in den Augenblikken meiner grossten Leiden... Schwarmer halt ein! Du erdrukst mich! Sprachlos war wahrend seiner Unterredung meine Zunge, wallend mein Blut, nass meine Augen. Wem dieser Zustand begreiflich ist... Der fuhle mir nach!!!
LXVII. Brief
Rosenthal, den 26ten Oktober.
Theurer, unendlich theurer Gatte! O wie kurz war der Augenblik unserer Umarmung! Wie geschwind eilte er vorbei, der seligste Traum unserer Wiedervereinigung nach so vielen uberstandenen Leiden. Ich hatte ja kaum Zeit Dich anzustaunen, in den wenigen Minuten Deines Aufenthalts konnte ich nichts thun, als kussen und weinen. Trug ich nicht ein volles Herz im Busen, das in meiner Einsamkeit auf Deine Theilnahme wartete? Einsamkeit nahrt die Liebe, nahrt die Schwermuth, und dann keine fuhlende Seele um mich herum zu haben, die mich verstunde ... O Gott! Braucht ein so warmes Herz, wie das meinige, wohl diese Reize in der Liebe zu seiner volligen Prufung? Ist es nicht ohnehin gluhend, feurig und schwarmerisch genug gestimmt? Hast Du es nicht gefuhlt, Friz, das lebhafte Weib an Deinem Halse? Hast Du ihr leidenschaftliches Zittern nicht gemerkt? Bei Gott! Wenn ich auch keine Gegenliebe von Dir verdiente, so verdiente ich doch das warmste Mitleid! Wer kann sich Mensch dunken, ohne dass er wahren Antheil an den Leiden eines Liebenden nimmt? machtigen schworen, alle Liebenden, die mir einst aufstossen werden, zu pflegen, zu trosten, zu laben, denn ich weis, wie wohl es mir thut, wenn die Menschen nur von weitem Mitleid gegen mich zeigen.
Als Du mich verliessest, durfte ich nicht weinen, traurig sah ich Dir nach, und wenn Roschen mich nicht mit Gewalt von dem grunen Plazchen gerissen hatte, ich glaube, die Nacht hatte mich auf dieser Heide unvermerkt uberfallen.
Unwillig liess ich mich nach Hause schleppen, dachte dann einsam wieder alles durch, was Du mir sagtest, und sah izt Deine Vorzuge millionenfach, weil ich Dich vermisste. Nur Kummer und Sorge unterbrachen zuweilen die nachgekauten Freuden meiner genossenen Liebe.
Mehr trube als heiter wollte ich die Treppe hinauf steigen, als mich die Wirthinn zu sich in die Kuche bat, ich gieng, und dann beruhrte das gute Weib gerade die gespannte Saite eines von Liebe angeschwollenen Herzens. Sie versicherte mich mit innigster Freude, dass Du meine Stiege zu zwei Stufen auf einmal athemlos hinauf gesprungen seyest. Was mich diese Entdekkung wieder aufs neue erfreute, wie ich mir das Nemliche wohl zehenmal von dem Weibe wiederholen liess, wie Roschen mich heimlich stossen musste, um meinem Taumel vor dem umherstehenden Gesinde ein Ende zu machen, o mein Friz, das hattest Du alles sehen sollen! Doch was ware dies gegen Deine Liebe, Du ubertriffst mich ja tausendmal in der Zartlichkeit. Und ich gluklich und doch unglukliches Weibchen kann Dir mit nichts hinlanglich danken. Freilich habe ich ein Herz, das lieben muss, ein ewiges Loos hat es uber mich verhangt, und doch war ich so ungluklich, an Elende zu gerathen, die dieses Herz mit all seiner Liebe so unbarmherzig zerfleischten! Beleidigt, in Staub getreten, betrogen, hintangesezt, verlassen, und hintergangen! Siehst Du, wie dies Andenken wieder in mir tobt? Das Gift der Schwermuth hat Wurzeln gefasst, sie wurden wieder aufkeimen, wenn ich sie nicht um meines Frizens willen in diesem Augenblikke erstikte.
Deine Liebe sey nun mein Himmel auf dieser und jener Welt, Deine Liebe sey der einzige Gedanke zur Vergeltung meines uberlebten Elendes, sie sey mir Alles in Allem, aber auch gute Nacht Licht der Sonne ... Hier bei dem ehrwurdigen Namen der Natur sey es geschworen. Gute Nacht Licht der Sonne, wenn mir das Schiksal und bose Menschen Deine Liebe raubten!
Weg nun vom Altar des Schwures, dieses heilige feierliche Gelubde komme nie zur Ausfuhrung. Du hast mir geschworen, dass Dich tausend Schiksale nicht abhalten sollen von mir zu lassen. Du bist Mann, denkender Mann, dem sich jedes Madchen anvertrauen durfte. Aber fur Deine Standhaftigkeit will ich Dich auch so pflegen, dass Du im grauen Alter noch sagen sollst, es lebe doch nur eine Nina! Zeige mir eine von meinem Geschlechte, die Dich mehr schazt, und ich will ihr mit Verlust meiner ganzen zeitlichen Glukseligkeit, auf Unkosten meiner Verzweiflung Deinen Besiz abtreten! Ja das will ich! Aber Du findest keine, ich darf es mit kuhnem Stolz behaupten, die so innig uberzeugt von Deinen moralischen Vorzugen ist, so fest an Dich gekettet, so unzertrennlich an Dir hangt, und so sehr an Dich gewohnt ist. Ja Friz, das ist Deine Nina, die sich alles dies mit Liebe in ihr Herz schrieb, und es soll darinnen stehen bleiben, bis Du mir die Augen zudrukst. O mein Gatte! Mein Friz! Konnte Nina Dich mehr lieben? Engel, Theuerster, Liebster, lebe wohl bis Morgen ....
Dein liebendes Weib.
Nina's Empfindungen, an dem Tage da keine Post war Traurige, bittere Tage, wie qualvoll seyd ihr fur mein Herz, das seine Glukseligkeit in eine Nachricht sezt! Furchterlich einsam schleicht ihr dahin und macht mir meine Einsamkeit zur unertraglichsten Marter! Jesus Christus! Was litte ich heute, was werde ich erst morgen leiden, wenn sich die Sehnsucht nach einem Briefe noch vergrossert? Sonst sah ich meinen Gatten taglich, und nun so lange Zeit weder ihn, noch seine Zuschrift. Die ganze Natur hat sich wider mich verschworen, denn sie versagt mir den Schlaf und ruft mit Barbarei die Stunden in mein Andenken zuruk, wo ich sonst so ruhig an seinem Busen lag! O Gott! Sey milde, nimm weg von mir den Drang, der gewiss meiner Gesundheit mit ihrem Sturz drohet!
Du liebst mich, holder Gatte, aber fuhlst Du auch in der grossen Welt mein Elend? Hebt Dir der Kummer Deinen Busen auch so hoch? Stokt der finsterste Gram Deinen Athem auch so geschwind? Komm liebes Bildniss meines Gatten, lass Dich an dies angstliche Herz drukken, bis Du zu leben anfangst! O Du abscheuliche, hassliche, eiskalte Materie!!! Warum lebst Du denn nicht auf? Warum bist Du eben so undankbar, als es die Menschen sind? Kusste ich Dich nicht warm genug? Vergoss ich nicht Thranen auf Dich? Drukte ich Dich nicht wie ein Heiligthum an dies jammernde Herz? Und doch leblos, und doch unbeweglich? Kann Dich denn mein Gefuhl nicht bewegen? Bist Du so grausam, mich laut weinen zu lassen? Ha! Wohl mir! Es wird leichter! Sie rollen herunter uber meine Wangen, die Zeugnisse meiner Schwermuth. Den ganzen Tag uber fuhlte ich schon unterdrukte Leiden, die Thranen brechen jezt wider meinen Willen los, und wer mich hieruber tadelt, ist ein Elender, dessen Gefuhl gescheitert hat. Wer denkt auf seine Gesundheit, wenn er liebt? Wer denkt auf seine Selbst-Erhaltung, wenn susse Schwermuth das Herz uberwaltigt? Wer kann jezt meinen Zustand begreifen?
Fruhe um funf Uhr.
Das war eine Nacht! So schroklich habe ich noch keine erlebt! Hier liegen sie auf diesem Papier die Tropfen der innigsten Wehmuth, die ich diese Nacht aus Liebe weinte! Schlaf kam keiner in meine Augen, aber ein dumpfer Zustand war mein Loos, in dem man Alles und auch Nichts fuhlt! Susse Wollust hatte sich meiner bemeistert, ich schwarmte in meiner Phantasie bis zur aussersten Mattigkeit in den Armen der Liebe herum! Aber auch nur wenige Minuten ubertaubte dieses Gefuhl den Gram, der an meiner Seele nagte, und als sich meine Sinnen plozlich zur neuen Denkkraft erholten, Gott im Himmel, da fuhlte ich wieder alle Leiden der Einsamkeit und der Trennung!!! Ich uberdachte die mir bevorstehende schrokliche Lange des heutigen Tages, zitterte vor mir selbst und fluchte meiner Hizze, die mich zur Morderinn meiner Ruhe macht!
Heilige Mutter Gottes! was wird das werden? Nina! Die Liebe wird ihr Grab, sey doch mitleidig, komm ihr nicht mit kalten Trostgrunden entgegen. Ist sie nicht ohnehin Dulderinn genug? Kampft sie nicht mit Trieben, die sie ausser Dir nicht ein einzigesmal in ihrem Leben empfand? O Barmherzigkeit, Vater im Himmel, Barmherzigkeit! Ich kenne mich nicht mehr! So werden denn sogar meine Sinnen die mithelfenden Tirannen, die mich ganz zu Boden drukken! Ha! Ich Elende, wo ist meine Ruhe? Wo das sanfte Gefuhl der Liebe, das mich ehdessen zu keiner Wildheit verleitete? Friz, Du bist an Allem Schuld, Du hast mich hingerissen zur wunschvollen Liebe, und Du bist Der, bei dem alle meine Wunsche stehen bleiben. Bei andern Bekanntschaften schwarmte nur mein Geist, das Blut blieb kalt, aber jezt ist Alles wider mich, Alles kocht, Alles vereinigt sich, mich in Staub zu werfen, wohin unglukliche Liebe gehort!
O meine Ruhe, o meine Gesundheit! Ware es auch nicht um Dich Friz, mochte immer diese leztere schwinden. Ware Gesundheit dahin, Alles wurde dann schweigen; was konnte dann ein Gerippe wohl mehr fuhlen? Todesschauer machte dann den siedenden Wallungen Luft, die jezt so gluhend durch meine Adern kreuzen! Lieber Gott im Himmel, sag, warum hort mich denn mein Friz nicht? Komm wieder, Du Bildniss, so kalt du auch immer bist, so will ich mich doch an dir satt kussen, vollends will ich mich vergiften zu namenlosen Leiden!!!
Sonntags nach Tisch.
Ich bin zuruk, mein Geliebter, von einer grossen Strekke Wegs, die ein schwacheres Weib gewiss nicht zuruk gelegt haben wurde. Ich musste hinaus in Gottes frische Luft, es litt mich nicht mehr im Zimmer, da irrte ich denn und irrte, ohne zu wissen wohin? Walder, Wiesen und Weinberge habe ich der Menge nach durchgelaufen. Du hattest mich sehen sollen, wie es mich herum trieb, gerade wie das bose Gewissen eine Sunderinn herum treibt. Trube war das Wetter, so trube wie mein Inneres! Ich lief B... zu, ohne es zu wissen. Bald hatte ich Gefahr und alles vergessen und ware schnurstraks zu Dir geloffen, kaum konnte ich noch meine widerspenstigen Wunsche bezahmen, sie tobten wutend nach Dir, nach Dir!!!
Mit aller Macht meiner Vernunft musste ich die feurigste Sehnsucht bandigen und ich kehrte dann wieder, wie eine Verirrte, wie eine Wahnsinnige, zuruk. Drei Stunden waren schon zurukgelegt, eh ich nur die Gegend wieder erkannte. Bedenke einmal, wenn mich in diesem Zustande die Nacht uberfallen hatte. Doch was ware denn auch ein hartes nasses Lager gegen die Leiden der Liebe gewesen? Der Himmel schaft, Thranen zu meiner Labung. Friz! Gatte! Mann! Du weisst gewiss nicht was und wie viel ich bei dieser Trennung leide? O meine verstorbene Mutter sagtest Du nicht oft: Liebe, Liebe, bringt Dich um!!!
LXVIII. Brief
Rosenthal, den 30 November.
Ewig theurer Friz! Gestern konnte ich Deinen Brief kaum abwarten, es trieb mich, ich musste wenigstens Roschen entgegengehen. Lies aus beiligendem Aufsaz, was ich die zween Tage ausstund, weil die Post nicht kam. Gott, so macht denn eine Sorge der andern Plaz? Kaum entzukte mich eine Nachricht von Dir, so sehne ich mich schon wieder nach einer andern. O warum bin ich denn ein so ungedultiges Geschopf? Sonst war ich uberall sanft, nachgebend, nur in der Liebe kennen meine Wunsche keine Granzen. Diese Entfernung Friz, diese Entfernung ist harter, als ich glaubte! Ich bin so ganz taub fur alle Ruhe; Dein Andenken, Dein Bild, Deine Stimme, Dein Wesen folgt mir in meiner Einode, wie ein Schatten; bald sehe ich Dich lachelnd, bald mit einer Thrane im Auge, bald finster, bald ruhig, bald gepeinigt von Verdriesslichkeiten wegen meiner. Ich wunsche, dass Du Dich bald von Deiner Familie losrissest! O Ja Friz! O ja, sieh Dein Weib bittet Dich darum. Du sollst meine Dankbarkeit kennen lernen, ein dankbares, durch Liebe beseeltes Herz ist doch wohl im Stande das Leben eines fuhlenden Mannes zu erste Tugend und der grosste Beweis eines unverdorbenen Herzens.
Englische, herrliche Seele von einem jungen Mann, sag, wer hat Dich denn so gross, so hervorragend in der Liebe und Freundschaft, in der Grossmuth und Menschenfreundlichkeit geschaffen? Ich wurde mein Leben, meine Seligkeit Deinen Handen anvertrauen. O sey mir gesegnet funfter April, wo ich Dich zum erstenmal sah! Sey mir gesegnet Augenblik, wo Du von mir Liebe fodertest, die ich schon so lange heimlich fur Dich im Busen trug. Und wie ich dann so hastig zugriff, wie ich nach Dir haschte, wie ich Die wurmstichigen Seelen, die ich vor Deiner kannte, gleich alle von mir wies und nur Dir anklebte. Weisst Du noch, Friz, wie ich Dich gleich vor jenen Galanterie-Helden verehren musste, wie Du mich hinzogst an Dich mit Gottermacht, wie ich alle kleinen Eitelkeiten vergass, wie ich nur Dich sah, nur Dich horte, nur von Dir wissen wollte? Ha! Seliges, seliges Andenken, dass mich in meiner lezten Stunde noch erquikken soll! Nun gehe hin Du Liebling und suche Dir in der weiten Welt ein Weib, die das fuhlt und die jedes Gefuhl durch Denken verfeinert, vergrossert, die das kleinste Theilchen von Deinen Verdiensten sich zum Himmel schaffet. Mit dieser Ueberzeugung Deiner moralischen Verdienste lieben gewiss wenige Madchen ihre Liebhaber, ich kenne mein Geschlecht, es hangt sich zu gerne an die Schale, zu gerne blos an Korper. Unter dem Schwarm meiner Anbeter war ich in Ruksicht Deiner immer misstrauisch gegen mich, ich glaubte Dich nicht wonnetrunken genug, um Dich an meine machtige Liebe hinzureissen, nur zuweilen flusterte mir meine Eitelkeit in's Ohr: Vielleicht wurde ihm doch mein Herz willkommen seyn, wenn er es recht kannte, weil ich nur zu gut die elenden Fleischbrokken von andern Madchenherzen kenne. Du, in den Handen einer solchen kaltblutigen Seele, von Gleichgultigkeit und Dummheit zusammen gestoppelt, Du in den Handen einer solchen hokkerichten Alltags-Seele, die an Dir abglitschte, wie an einem harten Stein. O bei Gott, wenn Du einem solchen Geschopfe in die Hande gerathen warst, ich wurde als Freundinn uber Dein Schiksal rasend geworden seyn, wenn ich Dich auch nur in der Entfernung hatte lieben durfen.
Eine solche Erinnerung kann mich trube machen, Du kennst meine Begriffe von Dir, sie sind hell, trugen mich nicht leicht, aber wenn ich auch einmal den Werth einer Person einsah, dann lies ich mich nicht von ihr entfernen, und wenn mich das Vorurtheil in Stukke zerrisse!
Nun denn, lieber Gatte, lass mich Dir kunftigen Montag nicht umsonst entgegen zittern, wenn es anders die Klugheit erlaubt und Du kommen kannst. Sey vorsichtig, dass man Dir nicht etwa auflauert. Komm, o komm sicher in die Arme Deiner treuen Gattinn.
Nina.
LXIX. Brief
Rosenthal, den 1sten December.
Nicht wahr, theurer Friz, ich war gestern beim Abschiede ein sehr schwaches Geschopf? Gebeugt bis zur Erde, grausam bis zur Straflichkeit, gegen einen liebevollen, fuhlenden Gatten. Aber wahrhaftig wenn die Welt zu meiner Strafe Einsturz gedrohet hatte, meine Thranen wurden doch nicht aufgehort haben zu fliessen, so schroklich tobte der Gram in meiner Seele! Nie weinte ich sonst bei einem Abschiede, aber bei dem Deinigen war ich so schwach, so traurig, dass mich eine Fliege hatte uber den Haufen stossen konnen. Glaubst Du denn, dass ich mich vor den umherstehenden Leuten auch nur im geringsten schamte? Als ich Deinen Wagen aus den Augen verlor, dann weinte ich laut uber die Stiege hinauf, Roschen und die Wirthinn weinten mit. Du hast den Jammer nicht bemerkt, den Du beim Abschiede allen diesen guten Leuten verursachtest, man liebt und schazt Dich hier ausserst, o Du reissest durch Dein edles Betragen die Herzen so hin, dass sie an Dir hangen bleiben mussten! Innigen Dank diesen guten Leuten fur ihre Liebe gegen Dich, ich mochte sie alle dafur kussen, aber das alles macht mich noch mehr fur hangen, wo giebt es denn eine Liebe, die Dir entsprache? Ueber diesen Gedanken sann ich sehr lange nach, und fand ... dass nur mein Tod hinlanglicher Dank fur Dich Edler ware! O konntest Du Dich uber einen Verlust trosten, konnte es Dir noch in einer Welt gefallen, wo keine Nina mehr lebte, wie feurig, wie unbeschreiblich geschwind, wollte ich Dir dieses Opfer bringen! Ein Opfer, wozu kein anderes Weib so leicht Muth besasse, ein Opfer, wofur kein anderes Weib hinlangliche Liebe im Busen truge, ein Opfer, das die Welt von meiner heftigen Liebe uberzeugte, ein Opfer, das allen Denen, die meine Einsicht in deine Verdienste kennen, sagen wurde, es muss ein gottlicher Jungling gewesen seyn, denn Nina starb nicht um etwas Geringes!
Denke, Friz, so wurden die wenigen Empfindsamen sprechen, die mir gut sind und mich von Person kennen, Eitle wurden daruber spotten, weil sie nie ein solches Opfer zu erwarten hatten, Sinnliche wurden sich nach Deiner Figur erkundigen, Thoren wurden es mir zur Narrheit anrechnen, Bosewichter fur Sunde, und Niedertrachtige fur Unersattlichkeit des Lasters, dessen Ausubung mir durch Deine Abwesenheit nach ihrer Denkungsart versagt ware. Gott! So wurde man urtheilen, wenn mich nicht Religion und unerklarbare Liebe zurukhielte den Weg zu wandeln, den gemeiniglich nur gute Seelen aus zu grosser Empfindsamkeit wandeln.
Lies diese Stelle der M... vor und sie wird mit mir ausrufen, fur Friz G... ist selbst vergossnes Blut noch zu wenig! Dank dir Allgutiger, dass du Frizzens erstem Madchen Dummheit statt Einsicht in seine Verdienste gabst, sonst hatte ich ihn gewiss verloren, wenn das Madchen Menschenverstand und nicht Stroh im Kopfe getragen hatte. Auch Dir danke ich, Vorsicht, dass du mir bei meinen ubrigen Bekanntschaften, Stolz und Kraft gabst mein Herz zu bandigen.
Nicht wahr, Friz, in der Liebe bin ich ausserst kritisch, ausserst heftig, mein Liebhaber darf mich mit keinem unbefriedigten Wunsche zu Bette gehen lassen, den meine Menschenkenntniss von ihm fodert, sonst erscheint mir der Betruger in seiner wahren Gestalt, und wenn ich mich dann bei einer solchen Wahl verbluten sollte, so wusste ich mir uber kurz oder lang aus edlem Stolze Richtung zu geben, meine Leidenschaft musste da schweigen, wo ich Niedertrachtigkeit zu entdekken glaubte. Ist meine Epoche mit K... nicht der Beweis davon? Er sezte mir schwarmerisch zu, aber Dank seiner Familie, dass sie ihn in's Kindersesselchen zurukrief.
Nun auch wieder zu unserer Liebe zuruk: Als Du fort warst, kam die Wirthinn auf mein Zimmer, weil sie mich krank glaubte. Meine Augen waren angeschwollen, mein Herz vollgepresst vom Kummer uber Deine Rukreise. Die Gutherzigkeit der Wirthinn ruhrte Anfangs meinen wilden Gram gar nicht, aber als sie mit einer Art Entzukken von Dir zu sprechen anfieng, o da wurde ich weich wie ein Kind und stimmte in ihrem Ton mit ein, dass das Weib die Hande uber dem Kopf zusammen schlug und laut rief: Nein, so eine Liebe, wie unter diesen Leuten herrscht, haben wir noch nicht erlebt!
"Aber, Madame, das ist alles recht" (fuhr die Wirthinn fort) "das ist alles recht, Sie konnen immer lieben, aber nur ein wenig moderat zu Werke gegangen. Bedenken Sie einmal die Feinheit ihres Korpers, Sie sind wahrhaftig von keinen gemeinen Leuten da, nein, nein, das lasse ich mir nicht weis machen. Man darf ja nur Ihre Glieder ansehen und ihre Lebensart, es ist alles so etwas Hohes darinnen" ... Stille, mein liebes Weib, ich gehore zur Menschheit wie sie, und komme einstens, wenn der Gram mein Herz abgestossen hat, in eine finstere Grube wie sie. Hier flossen sie wieder uber meine Wangen die Kennzeichen meiner weichen Seele.
"Aber du lieber Himmel!" (Fieng das Weib wieder an) "aber du lieber Himmel, so trosten Sie sich doch, sehen Sie, Ihr Schaz liebt Sie ja wie seine eigne Seele, ware er sonst in diesem Schandwetter gekommen? Und fur Verfolgungen von seiner Familie durfen Sie auch nicht sorgen, ich will Den sehen, der sich in Ihr Zimmer drangt!"
O das Weib war so beredt! Dass Du sie ja mit einer Kleinigkeit beschenkst, damit sie es zu meiner Freude immerfort bleibt! Du kennst ja die eigennuzzige Seele des Pobels, ob mich das Weib gleichwohl von einer guten Art Pobel dunkt. Roschen hatte nach diesem Auftritt wieder an mir zu schleppen, denn ich war matt, und sie brachte mich aufs Bette, dann schlief ich bis gegen Abend, wo das Madchen auf meinen Hauch horchte, ob ich denn auch noch lebte; denn die Wirthinn hatte ihr in Kopf gesezt, ich konnte aus Gram gahling sterben.
"Ja, ja, (sagte die Wirthinn ganz leise) ja, ja, die Frau hat alles innwendig und ist nicht wie unser eins, dass sie so vieles ertragen kann."
Nun stund ich endlich, mude uber dieses Geschwaz, auf und lief nach dem Burschen, der Dich begleitet hatte, er musste mir sagen, wie Du fort gekommen seyst. O recht gut, recht gut! Tausend Russe schikt er Ihnen zuruk, sagte der Kerl, und ich ward etwas ruhiger.
Endlich wurde zu Nacht gespeisst; um 8 Uhr lag ich schon wieder im Bette und uberdachte die festen Bundnisse unserer Zartlichkeit, die wir uns vor dem Angesicht des Ewigen, unter dem aussersten Gefuhl, dessen die Menschheit nur fahig ist, wieder erneuert hatten; dachte, mein Friz musste die Liebe und ihre Seligkeiten hassen, wenn er jezt nicht feurig an unserer baldigen Vereinigung arbeitete. Dann fielen mir auch die gluklichen mit Dir verlebten Stunden wieder ein; ich bin doch eine unbegreifliche Schwarmerinn, weis mir aus jeder Kleinigkeit im hauslichen Leben eine Seligkeit zu schaffen.
Wie lebhaft sah ich Dich jezt wieder, mit Deinem blassen Gesichte, mit offenem Halskragen, zufrieden wie ein Konig an meiner Seite sizzen, wie Du dann meine Hand fest hieltest, mich zuweilen feurig kusstest, wahrend dass Deine Seelenbildenden Gesprache mir Thranen ablokten. Ware ich bis zu Deiner Bekanntschaft eine Sunderinn gewesen, Du wurdest mich mit Engelsgute von der Verdammniss zuruk gebracht haben. Aber nicht wahr Friz, das war ich doch nie? O wie mich die Menschen und Dein Bruder vor Deiner Bekanntschaft so sehr verkannten! Ich war doch blos feurig, lebhaft, ein Bischen eitel, wegen dem vielen Weihrauch, der meinen Talenten gestreut wurde, aber nicht ausschweifend, wie es Dir Dein liebloser Bruder weis machen wollte.
Ich hatte gegen die Manner Hass im Herzen und wandte meinen Kopf dazu an, um mich durch Koketterie an ihnen zu rachen, mich vor den Betrug schadlos zu halten, den ich auf Unkosten meines empfindsamen Herzens durch sie erleben musste. Aber erst jezt sehe ich ein, wohin mich dieser unglukliche Entschluss hatte leiten konnen.
Mein Herz ware in der grossen Welt nach und nach der Liebe abgestorben und endlich gewiss auch der Tugend. Zur Menschenfeindinn wurde ich zwar nie geworden seyn, dazu war ich zu eitel; zur stoischen Maschine auch nicht, dazu war mein Temperament zu lebhaft; zur wahren Philosophinn auch nicht, dazu waren meine Grundsazze noch zu unreif; aus mir ware ein falsches Unding geworden, die am Ende von den Sinnen hingerissen der Raub von mehrern Bosewichtern hatte werden konnen.
Friz, ich will es Dir noch in der Ewigkeit danken, ich will es der ganzen Welt sagen, dass Du mich in Deine Arme zurukriefst, dass Du mich zu einer Liebe auffodertest, die meine Seele verbesserte. Sich es als ein Werk der Barmherzigkeit an, das Dir Lohn sammeln wird vor dem Throne des Ewigen, Du hast nun Seele und Leib von mir in Deiner Gewalt, kannst sie aufrecht halten, oder zernichten. O ich Undankbare, wie ich nur so etwas aussprechen kann! Gegen einen so moralisch denkenden Engel aussprechen, der auch ohne Liebe doch ewig, ewig fur mein beiderseitiges Wohl sorgen wurde. Nimm hin den feurigsten Dank, guter, sorgfaltiger Gatte! Die Gottheit schuf Dich um mir den lezten Athem zu segnen zum ewigen Wohl. Ja gewiss, Friz, uberlebst Du mich, ich weis es so gewiss, als ich Deine Liebe kenne. Urtheile von der Heftigkeit meiner Empfindungen, und wenn nun diese Empfindungen alle Tage nur einen Hauch von meinem Leben abrizzen, so eile ich wohl in wenig Jahren meiner Auflosung zu, aber nicht ohne Dich, o nur dies nicht! Wo ware mehr auf dieser Welt ein Geschopf, das Deine Seele ausfullte? Das so mit unaussprechlicher Gute an Dir hienge, Dich liebkoste, Dich verehrte, Dich schazte. O vergieb, holder Engel, vergieb meiner truben Laune, kummere Dich nicht, sie schadet meiner Gesundheit nichts, und wenn es auch ware, Deine gutherzige Sorgfalt wurde mich ja noch am Rande des Grabes retten, und dann flehe ich ja taglich den Schopfer um Gesundheit an, zum Troste meines Frizzen.
Abends.
Gutherzige Seele was magst Du wohl von meiner aussersten Schwarmerei denken? Ist sie bei Deiner granzenlosen Liebe nicht sehr naturlich, da ich noch nie so geliebt worden bin? Und kann ich dafur, dass Schwermuth mir Glukseligkeit ist, wenn ich aus Liebe leide? Kann ich dafur, wenn mich ausser Dir niemand kennen will? Kann ich dafur, wenn meine Gefuhle auf einen solchen Grad gestimmt sind? O mein Gatte, entweder habe ich Dir einstens vollige der Gram reibt mich auf, noch eh Du an meinem Busen liegst, wenn Du anders noch lange nicht kommen solltest. Lass dies fur keinen Vorwurf gelten, ich ware ein Ungeheuer, wenn ich an Deiner Thatigkeit zweifelte, aber es liegt so schwer auf meinem Herzen, es ist mir immer als zwangst Du Dein Schiksal nicht. Schon wieder rukt meine verwunschte Zagheit heran, o Friz, zanke mich armes, jammerndes Weibchen doch tuchtig; sey scharfer gegen meine Kleinmuth, heile mein Fieber, das freilich in meinem Nerven-Bau liegt, aber Dich so barbarisch zusammenschlagt!
Gott! Wie wirst Du Dich wieder uber meine Melankolie gramen! Sey gelassen, Du kennst mich ja, meine Empfindsamkeit, Deine Trennung und dann meine ausserste Anlage zur Schwermuth sind Gegenstande, die mich bei Dir entschuldigen mussen. Der Allgutige ist mein Zeuge, dass ich es nicht aushalten konnte, wenn ich Dir nicht vorweinen durfte; trage gedultig mein Gatte, es kommen Entzukkungen, die Dich schadlos halten werden. O dann wirst Du die Freuden der Liebe auch ungestort geniessen, wenn ich einstens wieder in Deinen Armen bin!
Tages darnach in der Dammerung.
Guten Abend, mein inniggeliebter Gatte! Guten einer Grabes-Stille, unter den melankolischen Schatten der herannahenden Nacht und denke an Dich, ob es Dir wohl auch so wehmuthsvoll um's Herz ist, wie mir. Ob Du auch so oft unsere Liebe in Gedanken durchlaufst, die truben Stunden zusammen rechnest, die wir schon mit einander durchlebt haben.
Ja wohl Friz, waren es der truben mehr als unsere Herzen verdienten. Weist Du noch die schroklichen Auftritte wegen beiderseitiger Eifersucht? O sage mir, was Du willst, man kann eifersuchtig seyn ohne Misstrauen; aber unmoglich kann man so heftig lieben, ohne dass sich nicht ein wenig Furcht einander zu verlieren einmischt. Weist Du noch, wie oft Du bei jedem gefalligen Worte, das in Gesellschaften an mich addressirt wurde, toll werden konntest? Wie sehr Dich die Schmeichler argerten, wenn sie so um mich herum sumsten? O Du lieber Grillenfanger! Um ein ganzes Jahrhundert haben dergleichen Auftritte Deine Liebe noch mehr befestigt. Du wolltest ja nur Deine Vorrechte behaupten, die ich Dir, HerzensMann, mit voller Liebe eingeraumt hatte.
O die abscheulichen Stuzzer, die blos um mich herum krochen, weil mein Bischen Verstand Aufsehen machte und ihrer Eitelkeit schmeichelte, die Affen, die sich nichts weiter um mein Herz kummerten und nur den blossen Ruf in mir genossen! Ich kann K... noch in Gedanken verachten; wenn ich denke, wenn ich mich erinnere, wie er sich denselbigen Abend Dir zum Troz so lappisch stellte. Aber tuchtig spottete ich auch seiner, ich war gewiss grob genug gegen die stuzzerischen Maulaffen, hatte es doch nur der Wohlstand erlaubt, ich wollte ihnen gesagt haben: Seht ihr Thoren, seht ihn dort sizzen, den biederen, teutschen Jungling, fur den mein Herz fuhlt? Er lehrte mich euch verabscheuen, denn sein Herz ist rein, es ist weder vom Eigennuz, noch von der Sinnlichkeit geschwarzt. Er windbeutelt freilich nicht mit seinen Vorzugen wie ihr, er erhebt seine schone Seele wie ein Heiliger in der Stille uber euch Budenkramer der politischen Laster.
Denke Friz, wie ich mich bei dergleichen Beobachtungen wieder aufs neue Deiner Liebe freuen musste, wie ich an Deiner Seite so stolz daher schlenderte. In Gesellschaften hatte ich oft um Deinetwillen drolligte Auftritte! Einstens sagte ich einem elenden Geschopfe ins Gesicht: Um diesen Jungling zu kennen und zu schazzen, muss man selbst ein reines, unbefangenes Herz im Busen tragen.
Ich bin recht froh, dass in B... Deine Liebe meine Seligkeit ausmachte, ich hatte sonst mit Hollen-Hass eine Stadt verlassen, wo unter den Mannern ausser Dir keiner nach meinem Herzen war.
O Gott! Du bist doch ein guter Gott, dass Du mir meinen Friz schiktest! Was ware ich jezt ohne ihn? Noch in dem Umgange eines Straflichen, der mich am Ende mitverdorben hatte. Das WeiberHerz ist doch ein narrisches Ding, so unbesonnen gut, so leichtglaubig, selbst gegen Unwurdige. Aber nun sey mir willkommen gluklicher Anlass, wo ich dieses Herz mit seiner Empfind samkeit an den Busen eines tugendhaften Gatten drukken kann! Tausendmal noch werde ich dem Schopfer fur diesen Anlass danken, durch den ich meinen rechtschaffenen Friz erhielt!!!
Nach Tisch.
Ich und Roschen assen recht munter zusammen, Du warst der einzige Gegenstand unsers Gesprachs. O wie die lose Schakkerinn mir so fleissig, so beredt von Dir zu erzahlen wusste!
Denke, Friz, das Madchen hat ein recht gutes Herz, und wird jezt so brav, so arbeitsam; wir haben den ganzen Tag zusammen gestrikt, und vieles, recht vieles von Deiner Liebe geschwazt. Leben wir nicht wie die leibhaften Einsiedlerinnen? So eingezogen, so entfernt von den Menschen.
O Du Ebenbild meiner Wunsche, was gabe ich nicht um einen Nachkommling von Dir, der mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft leisten konnte! Ha! Dieses Gluk uberstiege wohl alle Leiden meimich mit Deinem Andenken zur Ruhe legen, und erst morgen diesen ziemlich langen Brief an Dich abschikken. Gute Racht theurer Friz!
Morgens.
Theuerster, liebster Gatte! Ich hatte einen grasslichen Traum! Die Thranen rollten so haufig auf mein Kopf-Kussen, dass es wie gewaschen nass wurde! Es traumte mir, Du hattest mich verlassen, ohne mir die Ursache anzugeben, daruber verlor ich den Verstand, und war so bedaurungswurdig gluklich in meinem Wahnsinn, dass sich ein Stein erbarmt haben wurde! Du kamst dazu und jammertest um meinen Verstand, riefst laut; "O ich Ungeheuer! Du armes, armes Weib, Du hast Deinen so schonen Verstand durch mich verloren!
Nicht doch, (antwortete ich) mein Verstand ist ja nur spazieren gegangen, weisst Du, auf jenes grune Plazchen, und ins grune Zimmer zu B..., uberall hin, wo ich einst mit Dir gluklich war, ist mein Verstand gegangen. Am Ende fieng ich gar an, Dich laut auszulachen, dass Du mich fur ungluklich hieltst, und mir war doch so wohl, ich fuhlte es ordentlich, dass alle Begriffe von Liebe und Ehre, von Beleidigungen und andern Leidenschaften, nicht mehr in meinem Kopfe wohnten. Ich war blos thierische Maschine mit einer so rasend stark, dass man mich in Spithal trug, und an die Ketten legen musste, die Schwere dieser Ketten drukte meine feinen Knochen schroklich!
Aber Gott sey ewiger Dank gesagt, es war nur ein Traum! Ich bin gesund, besizze Deine Liebe und meinen gesunden Verstand. Tausend Kusse von Deiner bessten Gattinn.
Nina.
LXX. Brief
Rosenthal den 3ten November.
Lieber, holder Gatte! Tausend Kusse fur Deine Nachricht! O ich bin so froh, dass Du so gluklich zu Hause anlangtest! Zwar habe ich heute wieder einen finstern Tag verlebt, aber Gott Lob er ist zu Ende.
Was hat wohl heute mein Liebchen gethan? O Du Armer, dass meine Entfernung Dir auch so schwer auf's Herz fallt, wie mir. Um meiner Seelen Heil willen, beschleunige unsere Vereinigung, wenn Du nicht haben willst dass wir beide zu Grunde gehen? Lange hier aushalten, werde ich beim herannahenden Winter ohnehin nicht konnen, sonst wurde Schwermuth, durch den Aufenthalt in dieser abscheulichen Einode verdoppelt, meiner Gesundheit allzu schadlich seyn.
Ich nahm mir heute vor, ein Bischen spazieren zu gehen, aber die morastige Strasse hielt mich zuruk, dann sass ich zu Hause in meinem Stubchen und Roschen erzahlte mir, dass der Erzschurke Holbaur sie einstens zur Kupplerinn hatte bestechen wollen. Siehst Du nun, dass ich mich in dem Buben nicht geirrt habe? Dem Himmel sey Dank gesagt, dass ich allen diesen Nachstellungen entwischte! Meine EinKopfschmerzen hindern mich jezt mehr mit Dir zu sprechen.
In der Fruhe.
Guten Tag, besster Gatte! So kann ich denn gar keine Nacht mehr schlafen? Der dustere Zustand meines Gemuths muss daran Schuld seyn, und doch treibe ich zu meiner Zerstreuung alle nur mogliche Beschaftigung, damit ich Dir den Kummer uber meine Gesundheit erspare.
Weil aber das Nachdenken jezt meine einzige Gesellschaft ist, so kannst Du leicht errathen, wie sehr es mir in der stillen Nacht zusezt. Da denke ich, und denke so acht, neun Stunden durch, aber dabei doch so wenig Zusammenhangendes, dass ich mich uber mein Denken schon oft argerte. Willkommen ware mir jezt ein Bischen Leichtsinn und ein wenig minder Aengstlichkeit, Weist Du auch, wo das alles herkommt? Von den vielen uberstandenen Schiksalen, die mir in grasslichen Bildern in dieser Einsamkeit wieder aufs neue erscheinen und Furcht fur die Zukunft einjagen.
Dein lezter Brief, Theuerster, war nicht kalt, wie ich Dich beschuldigte, aber etwas zerstreut geschrieben! Und konnte er in einer Lage wohl anders seyn, wo Gluk und Kummer alle Minuten mit einander abreizend bleibt, und dann bei der geschwinden Trennung schnell wieder alle Leiden der Menschheit zusammenruft, um Dich und mich zu foltern! Konnte ich Dir doch Riesenkraft wunschen, damit Du in wenig Wochen Alles andertest! Aber der Kampf, der Kampf, eh Du abkommen kannst, wird Dich noch vieles kosten!
Sey vorsichtig, lieber Friz, sonst bringst Du mich um, wenn ich erfahre, dass man Dich bei Deiner Abreise mit Gewalt zurukhalten will! Die Unmenschen wurden auf unsere Liebe nicht achten, sie wurden mich fur eine Verfuhrerinn ausschreien, Gott! verdiente dies wohl Deine Nina? Deine Nina, die so ganz von allen Nebenabsichten entfernt, nur Dich allein liebt. Wie lange soll denn mein Herz noch miskannt werden? Sind denn meine Gefuhle zu fein, um Andern begreiflich zu werden? Und doch liessen mir einige von Denen die mich misshandelten, zuweilen Gerechtigkeit wiederfahren, lobten die Gute meines Herzens.
Lose mir doch dies Nathsel auf, von Denjenigen misshandelt werden, die bei kalterm Blute meine Denkungsart nicht misskannten. Pfui, wie die Menschen so schwach sind, und immer nach ihren Leidenschaften auf das Wohl ihrer Nebenmenschen hin sundigen. Mich dunkt mein Herz ist zu gut fur eine Welt, wo ausser Dir so viele Bosheit herrscht, zu gut fur Menschen, die nicht wie Du ein gutes unverdorbenes Herz zu vergelten wissen.
Dachte ich doch immer, Gutheit und Grossmuth sey Adel der Seele, der jedem guterzogenen Frauenzimmer eigen seyn musse? Aber warum verstehen denn diese Tugenden so Wenige? Warum knikte man denn mein Herz nur um desto grasslicher zusammen, je mehr es seine Gute blikken liess? O noch viele Warum konnte ich uber diesen Punkt hersezzen!
Ich bin eitel genug, es Deiner Einsicht in meinen moralischen Karakter zuzutrauen, dass, wenn Du mich auch nicht lieben durftest, Du dennoch mit enthusiastischer Freundschaft fur mein Wohl sorgen wurdest. Die ubrigen Menschen sahen bei mir immer auf meine Aussenseite, die ihrer Eitelkeit Genuge leistete, und nie auf meinen innern Seelen-Werth, auf meine Begriffe von Liebe, von Grossmuth, von edlem Stolz, von Uneigennuzigkeit; darnach fragte die Welt nicht. Das gebeugte Wesen, das mich bei allem Schein meines Leichtsinns doch oft genug uberfiel, hielt man fur Heuchelei und Affektazion; meine Schwermuth vom Schiksal in's Herz gedrukt, fur Ziererei; meine Gutheit, fur Unbesonnenheit; meine Sanftmuth fur Empfindelei; alles, was mir Pflicht schien, wurde mir fur Thorheit angerechnet; der blosse Schein fur wirkliches Laster.
Ich bekam eine Gemuths-Krankheit, und es gefiel mir nicht mehr in einer Welt, wo man mich so sehr misskannte, nur zuweilen uberlies ich mich aus Verdruss einer Lebhaftigkeit, die mir den Schein einer Welt-Puppe gab, und doch achzte mein Herz im Stillen nach Liebe, nach Tugend.
Hier hast Du wieder einen Theil von einem aufrichtigen Gestandniss, dessen sich so viele Weiber mit ihren zur Reue unfahigen Herzen schamen wurden. Wenn der Allmachtige einst nur den bosen Willen des Menschen straft, dann wohl mir, ich darf mit allen meinen Schwachheiten vor ihm erscheinen! Nun muss ich Roschen entgegen eilen, um zu erfahren, ob sie mir keine Nachrichten, oder sonst etwas von Dir bringt?
Nach Tisch.
Ja wohl, Friz, ist Etwas von Dir angekommen! Etwas dass meine ganze Seele zerreisst!!! Ich will Dir demungeachtet, wenn es anders moglich ist, ohne Leidenschaft antworten. Will nicht alle Stukke ahnden, mit denen Dein argwohnischer Bruder mein Herz zerreisst; will nicht ahnden, dass er Dich fur einen Dummkopf halt, der in drei Vierteljahren Umgang kein Herz zu studieren im Stande ist; will nicht ahnden, dass er selbst ein Teufel in der Verstellung seyn muss, weil er Andere dafur halt! Kurz, mit diesem weil er mich Deiner unwurdig halt. Traut er mir nicht, so traue ich ihm nicht. Dein Bruder muss eine Frazze seyn, sonst wurde er nicht Deine funf Sinnen fur narrisch halten, und meine Rechtschaffenheit aus blossen Vermuthungen anfeinden.
Was will denn der elende fur fernere Beweise von meiner Redlichkeit? Heirathest Du oder Er mich? Gott gieb mir Massigung, oder Tod! Was kummerte sich das alte Weib um meinen jezzigen Aufenthalt? Warum liess er mich auskundschaften? Hat er mich endlich in meiner Einode ausspioniert? Ha! Wenn er .... Dann soll mich Dein Bruder kennen lernen!!!
O meine Ahndung wegen Deinem gewissenlosen Bruder ist jezt erfullt, erfullt, um mich ungluklich zu machen! Wie kann denn dieser von Dir so hoch gepriesene Bruder so feindselig von einem Weibe denken, die er nicht einmal kennt? Sind das die menschenfreundlichen Pflichten eines Freimaurers? So schmeichlend er auch immer mit Dir zu Werke geht, so werde ich ihm doch nie trauen. Nimm Dich in Acht, Friz, er legt Dir susse Fallstrikke, um Dich von mir zu reissen! Sogar bis in meine Einode dringt dieser Menschenfeind, wo ich aus Liebe und gewiss nicht aus Eigennuz wie eine Selbst-Morderin meine Gesundheit abharme!
Wenn er Dir wieder von meiner Heuchelei spricht, so frag ihn doch, aus welcher Ursache sollte sie denn heucheln? Aus Eigennuz, aus Begierden, aus Hofnung kunftiger Vortheile? O bei Gott nicht! Ich sage Dir, Friz, Du musst fort, sonst schmiedet man noch ein Paar Intriken wider mich zusammen und dann ist und bleibt die arme Nina verlassen im Elend! Siehst Du denn nicht, dass man eben auf dies antragt? Du musst mich weiter reisen lassen, damit ich den Verfolgungen entwische. Sage Deinem Bruder, dass ich lieber wie eine Rasende im Walde herumirren will, als ferner seinen Verdacht leiden! Sage ihm, dass ich mehr Ehre im Busen trage, als er Menschheit, sag ihm ... nein, sag ihm nichts, sonst wird er gar noch mein Henker!
Da ist er nun erfullt mein Traum! Wenn Du nicht mehr anders kannst, wirst Du schon an der Klippe hangen bleiben mussen, die Dir durch meine Bekanntschaft ist zubereitet worden! Lies Deinem Bruder diesen Brief nicht vor, er ist zu fuhllos um ihn zu begreifen, er wurde mich fur unsinnig halten und meiner spotten! Krankt er nicht durch seinen Verdacht meine Ehre? Bald wird er wohl auch noch meine Seligkeit angreifen!
Roschen weint uber diesen neuen Streich wie rasend! Ist das nicht eine gutherzige Narrinn, lachen sollte sie uber die harten, ehrenkrankenden Ausdrukke, die Dein Bruder gegen mich ausstiess! Nicht wahr, Friz, eine Heuchlerinn fuhlt auch so tief bei einer solchen Krankung? Wie konntest Du nur dieser verlaumderischen Schlange trauen? Friz, sie wollen Dich durch Lokkungen um Dein Weib bringen! Sey auf Deiner Huth! Hore ich noch das mindeste von Deinem Bruder, so kehre ich zuruk, und Verzweiflung werde dann mein Loos! Wenigstens soll dieser Ruhestorer kennen lernen, was ein leidenschaftliches Weib zu thun im Stande ist! Ein Weib, die Ehre im Busen tragt und sich nicht unschuldiger Weise zur Heuchlerinn machen lasst!
Da nimm diesen Kuss! Schmekt er Dir? Um Gotteswillen lass Deinen Bruder nichts davon wissen! Du weist ja, er halt ihn fur giftig! Jesus! Jesus! Wohin verleitet mich der Gram! Du dringst gewiss nicht durch dieses Gewebe der Bosheit durch, weil man troz unserer Klugheit doch meinen Aufenthalt entdekte.
Sie wollen Dich an Ketten legen, Deine Verwandten? O Du armer Sklave, ich sehe Dich gewiss nicht so leicht wieder! In Deiner Lage sprange ich zum Fenster hinaus! Die Liebe mag Dich jezt schlau machen, ich will niederknieen und Gott um Deinen und meinen Verstand bitten!
Weh! Weh, deinem Bruder! Er hat keine gemeine Seele zu Grunde gerichtet! Lebe wohl, sey ruhiger, als Dein trostloses Weib.
LXXI. Brief
Rosenthal, den 5ten December.
Friz, glaubst Du wohl ich konnte die Post abwarten, bis sie abgeht und wieder kommt? So was mag wohl fur flegmatische Klozze taugen, aber fur mich nicht. Heute Abend noch muss ich durch diesen Expressen Beruhigung von Dir haben, sonst ... Traue doch um Gotteswillen Deinem Bruder nicht, er ist gewiss falsch! Denke nur, wie er Dich erst vor Kurzem um meinetwillen foppte, o traue ihm nicht! Du wirst sehen, er lebt uns zu Leide, Du wirst sehen, er will mich ungluklich machen, er will mich von Dir reissen, er will uns trennen! Ich, eine Heuchlerinn! Jesus Christus! Ich eine Heuchlerinn! Ich, die ich mich um Deinetwillen lebendig in eine Einode begrabe! Ich soll mich wie eine Verbrecherinn untersuchen lassen? O, um's Blut Christi willen, er soll aufhoren Verdacht auf mich zu werfen, da er mich nicht einmal von Person kennt! Ist das christlich? Ist das menschenfreundlich? Ist das edel, wenn man von seinem Nebenmenschen ohne einige Ueberzeugung lieber Boses, als Gutes glaubt?
Der rechtschaffne Mann, der ein menschliches Herz besizt, bleibt bei einer ublen Nachrede kalt und im selbst prufen kann. Aber ohne Gewissheit das Angedichtete weiter sagen, Verdacht nahren, mit Gewalt eigensinnig das Ueble glauben wollen und dadurch ein armes Weib zur Verzweiflung, zum Selbstmord bringen, ist das nicht teuflisch? Siehst Du, man tragt darauf an, mich zu Grunde zu richten! Und Du eilst nicht zu Fusse fort? Du lasst es darauf ankommen, dass man mir Vergehungen andichtet? Um Dich zu betrugen, um Dich abwendig zu machen, thun sie das, Ha! Wie kannst Du nur so gelassen dabei bleiben? Aber fein, fein wollen sie Dich hintergehen, merkst Du denn nichts?
Nun so sey Gott mein Schuz, mein Retter, wenn mein eigner Mann nichts ahndet! Nicht wahr ich bin eine zaghafte Kreatur? Vielleicht wohl gar aus Heuchelei! Aber bei Gott, bei Allem was heilig ist, bei dem schonen Wort Liebe, bei der Natur sey's geschworen, eher Tod, als Dich lassen!!! Zeig diesen Brief Deinem Bruder nicht, er wurde mich hinabheucheln, in Abgrund! O! er hasst mich ja, und ich that ihm nie etwas zu Leide, kenne ihn nicht einmal.
O Gott! Wie wird mir? Es ist mir als sollte ich zusammen sinken ... Hulfe! Rettung! Fur Deine
Nina.
LXXII. Brief
Rosenthal, den 6ten December.
Liebster, besster Gatte! Sagt ich es Dir nicht, dass ich Dich sehen musste? O wie geschwind eilte ich bei diesem Anlass, wobei mir Dein Bruder so todtlichen Verdruss verursachte, in Deine Arme! Das hattest Du doch wohl nicht geglaubt, dass ich nicht einmal des Boten Zurukkunft abwarten wurde? Dass ich es wagen wurde, bis fast an Deine Stadtmauern zu fahren, um Trost von einem Gatten zu holen? O ich hatte mich um die ganze Welt nicht von dieser kleinen Reise abhalten lassen!
Indessen will ich Dich jezt bitten, mir in Zukunft nichts mehr von Deinem Bruder zu schreiben, wenn Du nicht Tollheiten erleben willst! Vertheidige ihn und liebe ihn so viel Du willst, ich kann ihn nicht lieben, wenigstens lasst es meine stolze Seele nicht zu, die nicht leicht jemanden beleidigt, aber auch keine Beleidigungen ertragen kann. Ein Beweis, dass ich von keinem Pobel herstamme, der so gerne Niedertrachtigkeiten duldet. Deine guten Absichten mich durch seinen Karakter zu beruhigen, der im Grunde nicht bos seyn soll, ist Dir nicht gelungen. Wer seinen Nebenmenschen nur bei einem Haare krankt, ist Anlass dazu bekame.
Am allerwenigsten kann ich begreifen, wie ein Mann, der die Ehre mit seiner Gattinn theilen muss, einen Verdacht, der die Gute meines Herzens streitig machen wollte, wie er einen solchen Verdacht, flegmatisch ertragen konnte? Um Gotteswillen, Friz, lobe ihn nur nicht wieder! Er verfolgt eine ihm unbekannte Person aus Liebe fur Dein Wohl? Was soll diese teuflische Moral? Kennt er mich als eine Niedertrachtige, dann lege er Dir Beweise vor; weis er aber nichts, als was ihm alte Weiber in's Ohr raunten, dann bleibt er ein Verlaumder unter dem Dekmantel der Gutherzigkeit, ein hollischer Verlaumder! Wer ein Geschopf vom blosen Horensagen zu Grunde richtet, der will es mit Vorsaz zu Grunde richten und bleibt in meinen Augen arger als ein offentlicher Feind.
Vergieb, Theurer, wenn Du mich ausschweifend wild findest, Du kennst die Starke meiner Leidenschaften. Liebe und Furcht Dich zu verlieren ist an dieser Wildheit Schuld. Rache machte bis jezt der Liebe noch immer Plaz, aber wenn Dein Bruder nicht aufhort mich eine Heuchlerinn zu nennen, dann wird mich Ehre und kummervolle Liebe zu einem Schritt verleiten, der Dich und Deinen argwohnischen Bruder gewiss zu Boden schlagen wird!!!
Friz, bei meiner granzenlosen Liebe, bei dem namenlosen Entzukken, dass ich gestern wieder in Deinen Armen genoss, schone, o schone mich! Lobe Deinen Bruder nicht wieder, bis ich ihn selbst lobenswerth finde. Wirst Du mir folgen, Friz, wirst Du Dich uberzeugen lassen, dass er mich durch seinen Verdacht schandlich krankte? O wenn Du mit mir fuhlst, wenn Deine Liebe das einzige Gefuhl ist, dass in Deiner Seele herrscht, so rede mir nichts mehr von ihm, rede mir nichts mehr von dem Allsanzen, der sich in Herzenssachen einmischt.
Dein Herz muss mir dieses Opfer bringen; brachte ich Dir nicht jedes Opfer zu Deiner Beruhigung? Gott im Himmel, ich furchte, ich furchte Dein Bruder hat den Samen der Zwistigkeit zwischen uns ausgestreut! Ich muss mir alle Gewalt anthun, um Dir wegen ihm keine Bitterkeiten zu sagen!
Gerechter Gott! Soll der uns trennen konnen? Doch was trennen! Ja er soll es, aber von meiner Seite nicht anders, als durch den Tod! Erfahre ich noch den mindesten Verdacht in meine Liebe, dann, heilige Mutter Gottes, bitte fur meine arme Seele und fur meinen armen Friz!!! Meine Schwermuth, meine Lebhaftigkeit burgen fur nichts! Ich muss so sprechen damit Du gegen mich vorsichtig handelst; warst Du an meiner Seite, dann konnte mich Dein Bruder eines Schaffots wurdig achten, es wurde mich nicht beugen, meine rastlose Liebe wurde Dich so lange in susse Wollust einwiegen, bis Du den elenden Lugner bei den Haaren zurukschleudertest, der Dein trautes Weib kranken konnte! Aber ich bin von Dir entfernt, und der Gedanke, dass Du doch schwach seyn konntest, ist ein hollischer, undankbarer Gedanke, aber bei der Entfernung kann ich ihm doch nicht widerstehen!
Es ist gebeugte Liebe, Krankheit und hizziger Kopf, die ich Deiner sanften Leitung anempfehle. Friz, willst Du uber mich wachen? Willst Du? Denke, ich habe ungeachtet den gestrigen Seligkeiten, die ich an Deinem Busen genoss, eine grassliche Nacht gehabt! Nenne es nicht Ueberspannung, ich hin nicht selbst daran Schuld .... Das Wetter sturmte schroklich, und mich dunkt ich harmoniere so sehr mit den Elementen, dass ich meinem Gram nicht widerstehen konnte. Gott! Sollen dies etwa Ahndungen seyn? Droht mir schon wieder Verfolgung, will man mich schon wieder mit Verdacht zu Boden drukken? Was kann ich armer Wurm fur mein Schiksal? Was kann ich fur den Neid, der wich aus der Menschheit rotten will? Sey wenigstens Du barmherzig! Wenn Dich Liebe nicht dazu treibt, so treibe Dich die Menschheit dazu, ein Weib zu vertheidigen, die auf ihre Ehre so empfindlich ist!!!
Grosser Gott! Warum schufst Du doch das Weib zur Misshandlung fur die ehrendiebischen Manner! Warum schufst Du nur so wenige rechtschaffne Weiber, und warum mussen gerade diese wenigen das Opfer eines lieblosen Verdachts werden? Ha! Ueberzeugung! An Dich richte ich meinen Fluch, wenn Du mir meine Ehre nicht wieder zurukgiebst, dann ist alles Luge, alles auf dieser Welt!!!
Nina.
LXXIII. Brief. Roschen an F. von G****
Rosenthal, den 6ten November.
Theuerster Herr!
Nehmen Sie es mir doch nicht ubel, dass ich an Sie schreibe, ich muss es aus Liebe zu meiner guten Frau thun. O warum haben Sie ihr doch alles geschrieben was Ihr ungerechter Bruder uber die gute Frau argwohnt? Ich bitte Sie herzlich, schreiben Sie ihr nichts solches wieder, sonst bringen Sie sie um! Sie kennen ja doch ihre Heftigkeit, Sie wissen, wie schroklich sie jede Kleinigkeit zu Herzen nimmt, und schonen sie doch nicht!
Da liegt sie nun wieder, die arme Frau, wie dazumalen in B..., wo wir alle auf ihr Ende warteten. Ich bin die ganze Nacht durch nicht von ihrer Seite gekommen, und ich wollte, dass ihr boser Bruder weis Gott wo ware, weil er so eine brave Frau niedertrachtig glaubt und sie bis in den Tod betrubte. Mein Gott die gute Frau ist ja so unschuldig wie ein Kind und so tugendhaft, als es ein jeder Christ nur von ihr fodern kann.
Wahrhaftig, und wenn sie jedermann verlasst und verfolgt, so will doch ich, auch in der aussersten Noth, nicht von ihrer Seite weichen, weil ich sie mehr als meine eigne Schwester liebe. O glauben Sie mir, Sie werden von ihr ausserst geliebt, horen Sie doch auf kein Geschwaz. Ich bitte Sie, machen Sie, dass wir bald von hier fortkommen, ich stehe fur nichts, meine Gebieterinn fuhrt grassliche Entschlusse in ihrem Sinne! Sie lauft mir immer davon, ich kann sie gar nicht mehr aufhalten, und doch mag ich nicht, dass die Wirthsleute etwas von ihrem Kummer wissen sollen.
Gestern ist sie mir mitten in der Nacht davongesprungen, ich habe die grosste Angst ausgestanden bis ich sie wieder fand! Mit aller Gewalt habe ich sie kaum wieder auf unser Zimmer gebracht, wo sie dann bis in der Fruhe ganz sinnlos gelegen ist. Die gute liebe Frau, ich mochte mich todt weinen, sie hat beinahe ihren Verstand verloren, und nichts hat sie mehr gekrankt als das Wort Heuchlerinn, sie hat es in der Fieberhizze wohl tausendmal wiederholt. Gott gebe, dass es mit ihr besser werde. Seyen Sie indessen ohne Sorge, es soll ihr nichts abgehen, denn ich liebe sie um ihres guten Herzenswillen zu sehr, als dass ich nicht Tag und Nacht ihr beistehen sollte.
Lieber Herr, ich bitte Sie um Gotteswillen, schonen Sie doch in Zukunft meine Gebieterinn mit traurigen Nachrichten, Sie wissen ja, sie ist gar zu empfindlich. Sollte es mit ihr schlimmer werden, so erhalten Sie eiligst einen Boten, bis dorthin suchen Sie sich zu beruhigen. Ich bin ubrigens mit aller Hochachtung
Dero
Ergebenste Dienerinn
Rosine ......
LXXIV. Brief
Rosenthal, den 8ten November.
Lieber Gatte! Die Natur hat sich noch einmal meiner erbarmt, und ich bin wieder aus dem Bette. Wie stark meine Krankheit war, weis ich nicht, denn ich war die wenigste Zeit bei Vernunft, aber so viel weis ich doch, dass mir das Wort Heuchlerinn, das ich von Deinem Bruder dulden musste, ofter in's Gedachtniss kam. Lass mich nichts mehr von ihm horen, ich verzeihe ihm, ob er aber fur meine Seele nicht einst Rechenschaft geben muss, ist eine andere Frage.
Bedenke nur, wie schandlich er Dein Weib beleidigte! Oder reizen Dich seine grossen Versprechungen die er Dir vorspiegelte? Ist Dir Deines Bruders Liebe mehr werth, weil Du ihre feindseligen Ausbruche, die alle mich trafen, so entschuldigst? Kannst Du Deine Eigenliebe, bei der er Dich um Deiner Talentewillen kuzzelt, nicht unterdrukken, um meine Liebe desto feuriger zu fuhlen? Und wenn ich jezt auch von seinem moralischen Karakter besser uberzeugt wurde, so kann ich ihn doch nicht mehr als einen wohldenkenden Mann achten, er war doch immer ein heimlicher Verlaumder; ob er nun seine Nebenmenschen durch Dummheit, oder Vorurtheil zu dung, zu der Niemand ohne Ueberzeugung ein Recht hat. Wenn er aus Liebe zu Dir fur Dein Wohl sorgen will, so muss er dabei Dein Herz und Deine Delikatesse schonen, muss das gute Urtheil uber mich eben so leicht annehmen, als das bose.
Du solltest von mir zur Probe eine grosse Summe Gelds fodern! O der Niedertrachtige, der Dich zu einer solchen schmuzzigen Prufung anstiften wollte! Kennt er denn meine Armuth nicht, die gewis keiner Lasterhaften so leicht eigen ist? Und gesezt ich ware reich, ware es mir nicht Pflicht Alles mit Dir zu theilen? O Menschengrausamkeit, wie gross sind deine Granzen!
Siehst Du, wie dieser Gedanke meinen Kopf angreift? Siehst Du, wie er im Herzen liegt der Stein, den dieser Hartherzige hineingeworfen hat? Siehst Du, wie mein gallsuchtiges Temperament schroklich, schroklich in Gahrung ist? O bei dieser feurigen Thrane fuhl doch mit und sey nicht so schwach, Dich von jeder Scheintugend Deines Bruders tauschen zu lassen.
Giebst Du mir nicht nach ... dann gehe hin und sage, dass es ihm gelang mich elend zu machen! Sag ihm, dass es ihm gelang dich zur Dankbarkeit zu reizen und mich dadurch auf ewig ungluklich zu machen!!! Noch scheint es mir unmoglich, dass Du mich von ihm beschimpfen lassen kannst! Mich, Dein Weib, Deinen Stolz, Deine Liebe, Deine arme verfolgte Gattin! Gott! Gott!
Nina.
LXXV. Brief
Rosenthal, den 10ten November.
Ha! Mein inniggeliebter Gatte! Was ich gestern und heute wieder litte, dass der Postwagen nicht kam, das ist gewiss allen Menschen unbegreiflich! So ist denn meine Ruhe auf ewig dahin! So ist denn mein Gemuth unheilbar vom Gift der Schwermuth angestekt? Nimm mir es nicht ubel, theurer, angebeteter Mann, aber nimmermehr glaube ich, dass ich Deine Ankunft erleben werde!
O rette mich bald, um Gottes Barmherzigkeit willen! Wenn Du wusstest, wenn Du fuhltest das Schrokliche, das in mir vorgeht!!! Ha, bin ich nicht eine elende Winslerinn! Warum sturme ich denn so auf Dein Mitleiden los? Mich dunkt, Du bist jezt mein Gott, mein Schuz, meine Zuflucht, mein Trost, mein Alles! Ich bin abgerissen von der ganzen Menschheit, hingeworfen ganz allein in's unendliche Kaos der Schiksale!
Friz, es gilt jezt Leben oder Tod! Merk Dir's und sage es Deinem Bruder auch, es gilt jezt Leben oder Tod, nachdem es sich mit Dir entwikkelt! Ich muss also weiter reisen? Muss Dich zuruklassen? O, und wenn mich in der volkreichen Stadt V... alle terte, so wurde ich mich doch ohne Dich abharmen! Todtendes Gift wird diese Entfernung fur meine Liebe werden, das mich hinraffen wird in's Tollhaus!!!
Warum brennt es mich heute wieder so schroklich im Gehirne? Warum spannt mich der Kopf wieder so? Warum treibt es mir meine Adern wieder so in die Hohe? O Friz! Friz! Warum wektest Du mich zur Liebe auf, zu einer Liebe, die Dir ihrer Heftigkeit wegen zur Last seyn muss! Immer schreit Deine kalte Vernunft von Ueberspannung; freilich erreicht mein hoher Grad von Einbildungskraft niemand so leicht. Du liebst zwar besser als Millionen Andere, aber Du fuhlst doch nicht so anhaltend, wie ich fuhle. Auch hierinnen empfindt das Weib ihren Fluch, ich bin es uberzeugt!
Konnte Dich das Schiksal unwillkuhrlich von mir trennen, sollte sie einst anlangen diese schauervolle Nachricht dann beim Himmel, bei den Elementen, geschehen soll es seyn um mein Leben mit lachendem Munde, und mein lezter Fluch donnere Dem in die Ohren, der mich zu einem Schritt brachte, wovor jezt meine ganze Natur zittert!!!
Schreie mir nicht schon wieder entgegen: Hast Du Misstrauen in mich? Ich habe keines in Dich, aber in Dein Schiksal, in Deine Ohrenblaser.
Jezt wirst Du alle meine Briefe haben, und ich habe von Dir noch keine Zeile. Die verdammte Post! Nun so qualt mich denn alles, alles! Weist Du auch, dass es gut ist, dass ich den hiesigen Ort bald verlasse? So einsam er auch immer ist, so mussen mich doch stadtische Lotterbuben ausgespaht haben, sie schmieden jezt untereinander Entwurfe, um zu erfahren, wer ich bin? Die Wirthinn selbst hat mich davon benachrichtigt, und dein gutes Weib sizt da, ringt die Hande, verflucht die Menschen, die ihr in der abgelegensten Einsidelei nicht einmal Ruhe lassen!
Aber wie ich Dir schon einmal schrieb, was ist ein Weib ohne Mann? Jeder Hauch stosst sie zu Boden! Wer burgt mir in dieser Verfassung fur Verratherei? Wer burgt mir fur mich selbst, dass mich der allgewaltige Gram nicht zu Erzessen verleitet? Friz, der Tag in dieser einsamen Hole ist lang, der Stunden sind viele zum kranken, und die Einsamkeit ist das wahre Gift fur eine schwermuthige Seele! Denke, lezthin bin ich dem Madchen entlaufen, sie hat mich suchen mussen. O ich kann, ich kann nicht mehr ohne Dich leben! Melde mir den Tag meiner Abreise, wenn Du nicht selbst kommst.
Des andern Tags.
Schon wieder eine kummervolle Nacht verseufzt! Meine Schwermuth kummert sich wenig um den Zusammensturz meines Korpers, ich glaube auch, dass er Bau, sonst musste er schon langst dahin seyn. Sey nicht bose, dass ich der Melankolie wieder so sehr nachhange, ich kann Dich nicht mehr schonen, so sehr mein gutes Herz sich dagegen straubt, ich muss, ich muss Dir sagen, was mit mir vorgeht. Du wirst selbst entdekken, wie anhaltend dermalen meine Gemuthskrankheit ist ... Lies seit meiner Abwesenheit alle meine Briefe durch, keine heitere Stelle wirst Du darinnen finden. Du bist ungluklich durch mich, ungluklich auf ewig! All Dein Trost prellt an Deinem kranken Weibe ab, nur Du ... oder Tod steht mir bevor! Du kennst meine schrankenlose Ungedult, Du musstest Bosewicht seyn, wenn Du nicht alles anwendetest, um mich bald dieser martervollen Sehnsucht zu entreissen. Diesen Augenblik erwarte ich Roschen mit Briefen von Dir. Was wird wohl darinnen stehen? Freude, Kummer, Angst, Furcht, lassen mich das Siegel nie anders als zitternd erbrechen. In der Liebe bin ich das kummervollste Weib, und in der Ehre und in feurigen Entschlussen so sehr Mann. O ich mochte mich selbst anklagen, dass ich so ein ungluklich gestimmtes Weib seyn muss! Es steht nicht mehr in meiner Gewalt es zu andern, das Fieber hat Seele und Kopf angegriffen, da muss Gott helfen, sonst ist wohl jede Besserung fur mich verloren!
Du wolltest lezthin wissen, was ich den ganzen Tag durch machte? Sehr wenig, das einer gesunden Vernunft ahnlich sieht, herumlaufen, weinen, rasen, dichten, das ist meine grosste Beschaftigung. Denke nur, was mir lezthin einfiel, ich hatte mich bald entschlossen, Dir durch eine dritte Person eine tuchtige Falschheit von mir in die Ohren blasen zu lassen, um Dich dann zu beobachten, wie Du Dich dabei betragen wurdest? Eine solche Probe dunkte mich Sicherheit, wenn Du sie standhaft, mit Zutrauen ausgehalten hattest, falls Dein Bruder neue Lugen wider mich Dir hinterbringen wurde. Vergieb mein Gatte, vergieb meinem Kummer, Du kennst ja die Ursache, Du musst wohl recht viel mit mir leiden, lasse es Dir aber von nun an zur Warnung dienen, behandle mich vorsichtiger, sage mir nichts mehr von Deinem Bruder. Ich will gar nichts mehr von ihm horen, die blosse Erinnerung verwirrt mich schon!
Friz, wenn Du meine Seele retten willst, so komme an meine Seite, beruhige mich durch Deine Grundsazze. Wieder eine Ursache mehr, die Dich an mich hinreissen muss! Die arme, bedaurungswurdige Nina ist ohne Dich verloren, ist hin, ist weg, ihre Vernunft hintersinnt sich! Der Schopfer wird Dir fluchen, wenn Du mich nicht bald auf den ruhigen Pfad der Religion zurukweisest, mein Blut wurde uber Dich um Rache schreien, Du musst mich heilen von einer Seelen-Krankheit, die Deine Liebe in mir aufwekte. Ha! Wenn Du mich trostest, dann will ich Dir in der Todes-Stunde, beim Gericht Gottes Segenswunsche zurukschikken! Fur jezt Amen! Ich fuhle, dass es mich wieder drukt ...........
Ich habe versucht im Grunen herum zu laufen, aber es will mich dort auch nicht dulden. Zehn Uhr vorbei, und Roschen ist noch mit keinem Briefe da? Grosser Gott! Was ist die Erwartung fur Unglukliche eine namenlose Marter! Erwartung ist fur den Fuhlenden mehr Folter, als dem Alltags-Bosewicht Schande und Henkers-Hand ist! Es ist kein Geschenk um eine fuhlende Seele, kein Geschenk um einen denkenden Kopf.
Lass ihn kommen, Deinen Bruder, und meine heisse Angst betrachten, er soll die Augen offnen, und der Menschheit Gehor geben, er soll sehen wie es mich herumtreibt, er soll fuhlen, wie es mich durch und durch messert, er soll barmherzig seyn gegen Liebende, wenn er Mensch ist!!!
Roschen kam eben, und ich erhielt wieder alle Briefe auf einmal. Also kommst Du diese Woche schon wieder nicht? Thue was Du willst, ich halte es ohne Dich nicht mehr langer aus, ich komme in die Stadt, und gerathe ich Deinem Bruder in die Hande, so sprechen wir uns! Ich kann, ich will, ich mag diese todtende Ungewissheit nicht mehr langer dulden! wenn Du nicht selbst kommst, so komme ich so gewiss als ich Dein Weib vor den Augen Gottes bin!
Nina.
LXXVI. Brief
Rosenthal, den 12ten November.
Theuerster Gatte! So hast Du mich endlich beredt, dass ich mich noch weiter von Dir entferne. Ich soll also weg von Deinem liebevollen, lautklopfenden Busen? Weg von allen Seligkeiten der unbegreiflichsten Wollust, die ich bei dieser kleinen Entfernung doch zuweilen an Deiner Seite genoss!
O dass ich zurukkehren durfte von meinem Entschluss! O dass Deine Familie versohnt und Schark entfernt ware! O dass ich wieder in Deine Arme sturzen durfte, mein lieber Friz, wie gestern Abend!
Lieber, feuriger Fluchtling, wie hast Du mich erschrokt, als Du so unvermuthet in mein Kammerchen eindrangst. Drei himmlische Stunden lag ich wieder in Deinen Armen, und dann ... und dann Ha, Schiksal! warum entrissest Du mir ihn wieder? Verzeihe, besster Gatte, dass ich Dich beim Abschiede durch mein lautes Geschrei wieder so schroklich beugte. Bei dem Allgewaltigen, bei Deiner reinsten GattenLiebe, vergieb dem schwachen Weibe, die in Dir eine Welt, eine Seligkeit vermisst. Mochten Dich die Engel der Liebe ohne Schaden in Dein Zimmer zurukgebracht haben, mochtest Du dort das Bild Deines Dankes verweinen, fur ihre bange Liebe! Gott, erst in einigen Tagen erfahre ich Deine Zuhausekunft, und erst in zween Tagen kann ich von hier abreisen. Der Dir bekannte Post-Sekretar in H... both mir alle Dienste an, er wird mir nach F... ein EmpfehlungsSchreiben mitgeben. Gewiss Friz, es giebt in der Welt auch noch absichtslose Menschenfreunde, Du weist, dass ich den Mann erst seit einigen Tagen kenne.
Seine Gutherzigkeit ruhrte mich in meiner Lage recht sehr, der Mann denkt teutsch und bieder, aber ist nichts weniger als ein aufgeklarter Kopf. Ehe er meine Verfassung wusste, fieng er mir an einige drolligte Schmeicheleien vorzusagen, woruber Roschen laut lachte. "O wenn Sie Wittwe waren! (fuhr er fort) wahrhaftig Ihr Humor gefallt mir so ausnehmend." (Da wollte er vermuthlich von meinem Bischen Verstand sprechen, und wusste sich nicht auszudrukken.) Eilig zog ich dann Dein Bildniss aus meinem Busen, und kusste und herzte es vor seinen Augen so derbe, dass der gute Mann vor Staunen fast ausser sich gerieth. "Wahrhaftig (fieng er wieder an) so ein Frauenzimmer habe ich mein Lebtag noch nicht angetroffen, die ihren Gatten so leidenschaftlch liebt. Heute habe ich es aber gleich gedacht, unsere schone Einsiedlerinn muss gewiss Besuche haben, weil kein Brief an Sie kam, denn Ihr Herr Liebster schreibt ja alle Posttage so richtig, wie eine Uhr. Und ich gestehe es, die Neugierde trieb mich eine Stunde Wegs in dieses Thal, um Sie doch endlich auch einmal kennen zu lernen. Es thut mir weis Gott sehr leid, dass Sie so geschwinde fortreisen wollen; die Wirthin und die Bauern lieben Sie ja ausserordentlich."
Er wurde fortgeplaudert haben, wenn ich ihn nicht wegen einigen Reise-Anstalten unterbrochen hatte. Friz, danke ihm doch in einem Briefe, willst Du? Fur heute Millionen Kusse von Deiner ewig treuen Gattinn ......
Nina.
Fruhe um 6. Uhr.
Endlich wieder einmal eine Nacht gut geruhet! Und Du Herzens-Gatte, auch Du? Mochte ich doch morgen noch vor meiner Abreise Nachricht von Dir erhalten, aber es ist umsonst, es kann nicht seyn, weil Du die Verlangerung meines hiesigen Aufenthalts nicht weist, und ich Dich bat, mir geradezu nach F... zu schreiben.
O bis Freitag fruh ist es eine lange martervolle Ewigkeit! Dass doch der dumme Postwagen nicht eher kommt und ich auf ihn warten muss! Noch heute gehe ich mit Roschen nach H... und gebe dorten diesen Brief auf die Post, eh ich abreise, Du sollst gewiss nicht umsonst auf Briefe warten. Aber nicht wahr F...? Denke Dir Dein liebes Weib allein ohne Gatte in einer fremden Stadt, mit einer kummervollen Seele im Busen, wie sie gebeugt daherwandelt und sich nach Erlosung sehnt. Gewiss ein fremdes Weib ist ein verlassnes Wesen! Hat sie Geld, so muss sie es den geizigen Wirthen zuwerfen, hat sie keines, so wird sie das Opfer ihrer Grausamkeit und der Gegenstand der Verfolgung fur Wollustlinge.
Gott, was ist ein Weib ohne ihren Gatten fur Gefahren ausgesezt! Trift dieses Loos eine Fuhlende, dann empfindet sie die Last ihres Elendes doppelt. An der Seite eines Gatten kann man der Noth, dem Vorurtheil, der Verlaumdung und der Misshandlung des eigennuzzigen Pobels trozzen, aber allein fallt der Troz auf sie zuruk, sie muss sich unterdrukken lassen, das Laster merkt es recht gut, dass es mit einem schwachern Theile zu thun hat. Ich bin ohnehin so schamhaft, so verzagt, so blode, dass der Pobel erst recht Muth bekommt, mich mit Fussen zu stossen, wenn ich seine Dienste brauchte und sie zum Ungluk nicht bezahlen konnte. Kann man etwas barbarischers finden, als des Pobels Eigennuz? Wegen ihm wird der Pobel zum Morder an seinem Nebenmenschen, mordet er ihn nicht gewaltthatig und geschwind, so mordet er ihn langsam durch seine Zugellosigkeit! Lass mich, lieber Friz, nie solchen Auftritten ausgesezt seyn, bemuhe Dich, mich bald zu erlosen.
An Deiner Seite, mein Gatte, nur Bauern-Kost, und himmlisch sollte sie mir schmekken! O wie wollte ich Gott danken, fur das theure Geschenk meines Frizzen. Weist Du noch Lieber, wie willig, wie liebetrunken ich Dir jeden Wink im hausslichen Leben befriedigte? Wie Du mir meine Gutherzigkeit dann wieder mit einem Kuss lohntest, und wie Du dann wieder nachdachtest uber Deine Nina, die Dir Alles, Alles that, was Dein Herz nur fordern konnte. Wenn Du Dir auf dieser Welt einen Himmel denken willst, so denke Dir solche Auftritte aus unserm hausslichen Leben.
Und nun, theuerster Gatte, Millionen Kusse von Deinem Weibchen im Kaput mit dem blauen Bandchen am Halse, waran Dein Bildniss hangt. Weist Du, wie gut es mir steht? Deine besste, aufrichtigste, treueste
Nina.
LXXVII. Brief
Rosenthal, den 13ten November.
Theurer, ausserst geliebter Gatte! Das war doch heute ein sehr wunderlicher Tag! Bis zehn Uhr hatte ich noch mit Pakken zu thun, dann kam eine Schase mit funf Mannspersonen gefahren, ich erschrak, denn es waren lauter Leute aus B...; nun hiess es im Zimmer sizzen bleiben, und doch ware ich gerne mit Roschen ausgegangen, wenn wir uns unvermerkt aus unserm Kammerchen hatten schleichen konnen. Gerade heute, den lezten Tag meines Aufenthalts, mussten diese Stadtfluchtlinge diese Einode besuchen. Mir wurde etwas bange, denn die Stuzzer sumsten um die Thure herum, als ob sie Verrather abgeben wollten. Endlich schlichen wir uns ungesehen fortund kreuzten bis gegen Abend alle Berge und Wiesen in der Nachbarschaft durch.
Als wir zu Hause kamen, sagte uns die Wirthinn, dass die Fremden bis gegen sechs Uhr auf unsere Rukkunft gewartet hatten, und doch gelang es ihnen nicht, ihre Neugierde zu befriedigen. Morgen gehe ich nach H... und erst ubermorgen fruhe fahre ich weg. Ich bin mude, ich muss zu Bette, tausend Kusse von Deiner lieben
LXXVIII. Brief
H... Den 14ten November.
O, Du Lieber, Du bist wohl tausendmal mehr werth, als alle Beschwerlichkeiten, die ich bei diesem Herumziehen ausstehen konnte. Nun bin ich hier mit Sak und Pak, und warte unter abscheulicher Langerweile, bis der Postwagen abfahrt.
Wie mir's ums Herz ist, kannst Du leicht vermuthen, weil ich mich bald so weit von Dir entfernen muss. Hart ist doch ein solches Schiksal fur ein liebendes Weib! Doch nein, es ist nicht hart, es ist suss, denn die Wollust aus Lieb zu dulden erkauft man nie zu theuer. Ich bin bei allen, dem so innig zufrieden, so selig, als ob es ewig, ewig meine Bestimmung ware, um Dich zu leiden.
Bist Du denn auch wohl, Liebchen? Wirst Du mich auch bald unterstuzzen? Wirst Du bald nach F.... kommen? Werde ich Dich bald wieder an mein Herz drukken konnen? O troste mich lieber Gatte mit Hoffnungen, troste mich!
Ha! Was ist Entfernung! Eine Qual, woruber man rasend werden mochte! Ware Schark und Dein Bruder nicht, ich konnte zurukkehren, Friz und Nina waren jezt ruhiger. Doch es ist einmal nicht zu annungen in Deinen Armen. Sage, theuerster Gatte, erwarte ich zu viel? O lass mich dann hinsinken an Deinen Busen und Deinem Bruder sagen, dass er sich irrte, wenn er glaubte, eine Schwarmerei daure in der Liebe nicht lange. Das ist eine Luge; wenn ein Weib nach und nach zu schwarmen anfangt, wenn sie Geist, Vernunft, die Seele, das Herz in einem Manne liebt, dann muss ihre Liebe ewig dauren weil sie auf unsterbliche Verdienste gegrundet ist. Gerade jezt fallt mir ein herrlicher Gedanke ein, ich will Roschen auf die Post schikken, der Sekretar muss mir Deinen Brief ausliefern, wenn er auch gleichwohl nach F... laufen soll. Du weist doch, dass alle Deine Briefe hiedurch mussen?
O wenn nur Roschen schon wieder da ware, wenn er ihr nur den Brief giebt, wie ruhig, wie ruhig will ich dann reisen! Gott! Gott! Was ist Erwartung fur ein lebhaftes Temperament!
Dank, tausend Dank, mein Gatte! Roschen zeigte mir Deinen Brief schon von weitem. Kummere Dich nicht Liebchen, ich nehme Dir ja Deine Zerstreuung in Deinem Briefe nicht ubel, in der Lage kann es nicht anders seyn. Nach Tisch noch ein Wortchen mit Dir.
Nach Tisch.
Aeusserst plagt mich die Langeweile, weil ich nicht geradezu an den Ort meiner Bestimmung reisen kann; hatte ich Deinen Brief nicht, ich wurde vollig zu Grunde gehen. Wohl zehenmal habe ich ihn schon durchlesen. Da muss ich nun wieder in einem fremden Wirthshause sizzen und alle Leiden der Abwesenheit allein tragen. Warst Du jezt da und rauchtest Dein Pfeifchen an meiner Seite, wie gluklich wurde ich seyn! Weist Du Liebchen, heut acht Tage waren wir in N...; weist Du, wie ich alle Entzukkungen Deiner Liebe fuhlte? Wie ich hingerissen in Wonnetaumel Dir fur Dein Gefuhl dankte. O unser Leben ist doch eine Kette von Abwechslungen seit dem wir uns kennen.
Abends.
Denk Liebchen, so eben gieng der Sekretar von uns weg, ich muss Dir gestehen, er, ich und Roschen, wir waren recht munter. Er nekte mich wegen meiner Heftigkeit und sagte: "Sie wurden bei meiner Seele sterben vor Ungedult, wenn ein Brief von ihrem Gatten nur um eine Stunde zu spat ankame. Ja, ja ich schazze Ihren Herrn Gemahl recht sehr, aber wenn Sie Wittwe waren. "... Roschen lachte wie eine Narrinn uber den guten Mann. Schreib ihm ja recht bald, er handelt gegen mich sehr dienstfertig. Ich muss zu fort. Ruhe sanft, gute Seele!
Morgens um 4 Uhr.
Noch vor meiner Abreise meinem Gatten zwei tausend Kusse! Gott sey bei Dir, und meine Liebe immer und ewig vor Deinen Augen! Lebe wohl! Lebe wohl!!! Nimm hier noch den Abschiedskuss von Deiner armen Wanderinn, Dein gutes, liebes,
treues Weib.
LXXIX. Brief
F... den 17ten November.
Mein Gott kann man sich etwas Schroklicheres denken als meinen Zustand! Sage mir aus Barmherzigkeit, schriebst Du mir denn Mittwochs nicht, dass ich heute keine Briefe erhielt? Und warum nicht? Heiliger Gott! Warum nicht? Um Gottes Christi willen, was ist Dir begegnet? Wenn Du geschrieben hattest, so musste ich heute Deinen Brief erhalten haben. Oder ubergabst Du vielleicht Deinen Brief fremden Leuten, die ihn zu spat auf die Post trugen? O wenn das die Ursache ware, wie gerne wollte ich diesen unachtsamen Leuten ihre Nachlassigkeit verzeihen!
Dass ich erst Donnerstags abreiste, musst Du jezt schon wissen, dass ich aber erst heute in der Nacht hier sehr elend ankam, sollst Du gleich erfahren. Als es in H... zum Einsteigen Zeit wurde, brachte mich Roschen fast nicht in den Wagen, ich wollte Deine Nachbarschaft durchaus nicht verlassen. Der Postwagen war voller Leute, ich sas wie eine Verdammte, sprach kein Wort und blieb in dieser jammervollen Betaubung bis es dunkel wurde, dann fieng ich an heimlich zu schluchzen, zu weinen, dass es mich beimann, der mir gegenuber sas, bemerkte meinen stillen Jammer und gab sich alle Muhe mich zu trosten. Eine tiefe Ohnmacht, die mir auch zum Theil das unbequeme Fahren zugezogen hatte, war das Ende dieses Auftrittes. Sinnlos trug man mich in's Wirthshaus, alle Passagiers wurden jezt auf mein Schiksal neugierig, aber Roschen ist ein schlaues Madchen, denn nicht eine Seele erfuhr das Geringste von meiner Verfassung.
Ha, mein Gatte, wie viele solcher Leiden wirst Du mir noch aufburden? Du kannst nicht begreifen, wie mir das avanturische Herumziehen zusezt und zur Last wird. Ohne Dich kann ich's nicht mehr tragen, sahst Du die elenden Behandlungen, denen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist, Du wurdest rasend! Und besonders so ein schwaches, empfindliches Ding, wie ich bin. Ha! Ich bleibe nicht mehr so, ich kann nicht mehr so bleiben, ich muss Dich an meiner Seite haben, Du musst mich schuzzen. Langstens in drei Wochen kommst Du an meinen Busen, oder bei Gott ich bin fur Dich auf ewig verloren!!! Das ist hart, nicht wahr Friz?
Aber hore nur erst obenhin eine kleine Beschreibung von den unangenehmen Dingen, welchen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist. Unter zwolf Personen, die im Postwagen sassen, war nur ein einziger, der uns nicht fur herumziehende liederliche Dirnen hielt. So bescheiden, so gramvoll ich auch da sass, so ruhte doch das Vorurtheil schwer auf mir, ich sah es aus verschiedenen Anmerkungen. Selbst Roschen mit ihren kleinen Unbesonnenheiten betrug sich sehr vernunftig. Das Madchen tragt vieles mit mir. Denke nur die Angst, die sie wegen meinen schwermuthigen Anfallen duldet.
Unzufrieden, krank und kummervoll kam ich Nachts um drei Uhr in F... an, foderte ein Zimmer, und was glaubst Du wohl, man gab uns ein kaltes Loch, worinnen ein Bett mit einem blossen Strohsak stund, und dessen Fenster ganz durchlochert waren. Der Wirth sah uns ungeachtet unserer guten Kleidung doch fur blose Abendtheurerinnen an. Das war ein Anblik fur mich! Finstere Nacht, ausser Stand eine bessere Schenke zu suchen, harrte ich Arme auf dem Strohsak und mein Roschen, die mich mit ihren Thranen warmte an meiner Seite.
Ist wohl je einer Missethaterinn ein solches Schiksal beschieden? Und doch geht es einem Weibe ohne Mann nicht anders; nun denke Dir erst die Barbarei, wenn so ein Weib ohne Geld ware. Roschen war fast ausser sich, dass wir in einen solchen Lumpenwinkel geriethen! Der Konduktor nebst seinen Passagiers reissten gleich wieder weiter, nachdem der erstere auf meinen Konto hin brav gezecht hatte. Grobheiten zu verhuten, musste ich bezahlen, wenn ich schon nichts dafur genossen hatte.
Als es anfieng Tag zu werden, gieng ich mit Roschen in ein anderes Wirthshaus, die Wirthinn begegnete uns spottisch, nahm uns aber doch auf, dann musste ich ganz naturlich bezahlen was ihrem Eigennuz gelustete. Gott, was wird das werden, wenn mir die L..., an die ich heute den Empfehlungs-Brief abgeben werde, nicht fur ein besseres Quartier sorgt?
Auch fangt das hiesige Mannervolk schon zu laufen an, da sie uns vermuthlich am Fenster mussen erblikt haben. Grosser Gott, wie weh thut mir das Vorurtheil! Gatte meines Herzens, bei Deiner Sorgfalt, bei Deiner Liebe, komme bald und troste Dein
armes Weib.
LXXX. Brief
F... den 19ten November.
Mein Gatte, mein Herzens-Gatte! Was habe ich seit Vorgestern, als ich keine Briefe erhielt, nicht alles gelitten! Schroklich waren die Tage, aber noch schroklicher die Nahte! Wenn ich morgen wieder keine Briefe erhalte, so mogen sie mich an Ketten legen! Roschen geht jezt zitternd auf die Post, sie sagt, sie hatte nicht den Muth mir eine widrige Nachricht zu bringen. Sie weint an meinem Bette halbe Nachte durch und bietet alle ihre Kraften auf, um mich aufzuheitern.
Friz, wenn Du noch lebst ... Gott was ware das!
Wenn Du noch lebst, so vergelte es doch diesem Madchen, sie ist die Einzige, die Dir Dein Weib erhalt, die Einzige, die mit sorgfaltiger Schlauheit mir uberall nachschleicht, und von gewaltthatigen Unternehmungen zurukhalt. Meine Denkkraft, meine Ruhe, meine Vernunft ist hin, ist weg um einer Leidenschaft willen, die ich nie zu einer solchen Heftigkeit hatte steigen lassen sollen! Aber Friz, warum warst Du auch so ein straflicher Schwarmer, der mich bis zur aussersten Liebe hinriss? Du hattest sie zum Voraus uberdenken sollen die tirannische Lage, die Du von meiner Starke, Du bist zu grausam, zu leichtsinnig, Du uberdenkst den verzweiflungsvollen Zustand Deines Weibes zu wenig! Fuhle, was ich dulde! Fremd, verlassen, von Dir entfernt, mit einer zu Boden getrettenen Seele, mit einem Kopf voll Sorgen, mit einem kummervollen Herzen muss Deine Gattinn ausharren. Meine ganze Seligkeit ruht blos auf Dir, und wenn sie nun fur mich auf einmal zusammen sturzte, wenn Du sturbest, oder Dich Deine Leute wieder einsperrten, oder was weis ich alles ... Ha! Dann ware es ja lustig! Nicht wahr Friz? Lustig fur einen heftigen Kopf wie der meinige ist! Solche Hollen-Furien von Gedanken zerfleischen mein krankes Gemuth und entfernen sich gewis nicht eher, als bis ich in Deinen Armen ruhe! Ich Thorinn, warum verlies ich B...? Ich hatte doch stundlich zu Dir hinlaufen konnen, und Dich nahren aus dem Becher der Liebe. Und jezt kann ich weiter nichts als einige kalte, jammernde Briefe schreiben, die meine Verfassung doch nur obenhin zeichnen. Arm bin ich jezt in dieser verdammten Entfernung! Vielleicht durch Krankheit bald ausser Stande zu Dir zuruk zu kehren. Friz, Deine Nina ist wild und hart geworden durch's Ungluk, das Deine Liebe ihr zubereitete! Sie ist nicht mehr sanft und duldend, ihr Zustand granzt an Unsinn!!! Sie ist eine Gottlose, Undankbare gegen Dich, der Gram hat ihr allen Trost aus dem Herzen verbannt, das ein liebevoller Gatte mit Engelssorgfalt zu beruhigen suchte! Aber es ist umsonst, gieb Dir keine fernere Muhe mehr, entweder in drei Wochen bei mir, horst Du! Fur immer bei mir, oder Tod und Verderben!!! Was soll ich mich da langsam abzehren lassen, tausendmal sterben und doch noch leben! Warum soll ich warten, bis Furcht, Angst und Schrekken mir den langsamen Todesstoss bringen? Mein Feuer ist zu heftig, meine Liebe zu ungedultig um dem Schiksal noch langer als drei Wochen nachzugeben. Entweder kommst Du bis auf diese Zeit aber keine Einwendung mehr! Du kommst, oder ich werde mir schon selbst helfen. Du sollst erleben, dass ich Entschluss habe!
Wenn Dich diese Drohung krankt, dann bleibe, Allzufurchtsamer, bleibe und uberlass mich meinem Geschikke! Ich sehe es ein, dass wir mit Wenigem leben konnen. Hast Du nicht Kopf, hast Du nicht Talente? Meine jezzigen Hausleute (ich logiere bei der L...) sind wirklich mehr arm als reich, und doch gluklich. Du unmenschlicher Grubler, der mich aus Zagheit lieber todt als lebendig aufsuchen will, wenn es einmal zu spat seyn wird. Zum leztenmale bitte ich Dich, lass es nicht zu lange anstehen. Frisch auf, Friz, raffe zusammen was Dein gehort und komme. Oder Deine Liebe ist der Fluch, den mir Gott zur Verdammniss aufgelegt hat!!! Konnte ich ausser Dir noch ein Geschopf leiden, so ware meine Sehnsucht nicht so heiss, ich wurde mit dem gewohnlichen weiblichen Leichtsinn auf neue Eroberungen antragen. Aber da sizze ich eingekerkert, verborgen, von allen Augen entfernt, mitten in einer grossen Stadt einsam auf meinem Zimmer und leide mehr, als eine andere um ein Konigreich zu leiden das Herz hatte.
Entfernt von den Menschen, ungekannt von Freunden, ohne die mindeste Bekanntschaft, unter einem fremden Namen dulde ich alles einem Manne zu Lieb, den ich anbete! Ha! Du musstest ein heilloser Bube seyn, wenn Du mir auf diesen Brief nicht so gleich den Tag Deiner Ankunft meldetest! Ich bin des Elendes satt, das mir die Abwesenheit zubereitet, entweder fuhlst Du meinen Zustand und halst ihn nicht fur blosen augenbliklichen Affekt, oder Du bringst mich mit eigner Hand um!!!
Schreibe mir Trost zu so viel Du willst, er hilft nichts mehr. Sag, furchtsamer, kalter Vernunftler, was soll ich thun? Hatte ich wohl je gedacht, Dich so treiben zu mussen! Hatte ich wohl je gedacht, dass ich Dich, Prahler, an Thatigkeit ubertrafe? Bald muss ich es teuflisches Flegma, oder straflichen Leichtsinn nennen, wenn Du noch langer zogerst. Daruber keine Einwendung, oder die Mutter Deines Kindes flucht Dir!!! Nun, Herr Menschenkenner, untersuche jezt den Zustand meines Gemuths und zittere, oder komm fur immer!!!
Nach Tisch.
So eben sind wir vom Tisch aufgestanden, die Leute bedienten mich artig, aber mir schmekte kein Essen. Das Gift lag in meinen Sinnen und erstikte mich beinahe! Wie sich doch die zwei jungen Eheleute gerade heute vor meinen Augen so schon thun mussten, um mich vollends zu verrukken und mir die verlebten Stunden mit Dir zurukzurufen, um mich an mein jezziges Elend zu erinnern, um mich noch wahnsinniger zu machen! Gott, wenn es diese Leute gewusst hatten, wie sie dadurch an meinem Herzen nagten, dass ich so allein sizzen musste, wenn alles sich freute und der Liebe genoss! Die Freuden der Liebe werden wohl nicht bald wieder fur mich zurukkehren. Ich werde wohl eher die Braut des Todes werden, als mit Gattenliebe in Deinen Armen wieder einmal himmlische Wonne geniessen. Nicht wahr, Friz, himmlische Wonne? Gott! Wenn ich so wie gluhendes Feuer an Deiner Seite sass, mich fest an Dich andrukte, mit einer Kraft, die die liebe Mutter-Natur blos dem Weib gab, um den rohern Mann einzuwiegen in tausendfaltige Wollust; und wie Du dann auch wollustig zu schwarmen lehrtest, wie Du fluchtest uber die abscheulichen sinnlichen Kreaturen die die Manner mechanisch, wie roh, wie sinnlos Dir die Augenblikke bei andern Bekanntschaften vorbeistrichen, und wie wir beide hingegen alle erdenkliche Wollust in Wiz und Gutherzigkeit einzukleiden wussten. Wie jede Tandelei Deine Seele zur Dankbarkeit leitete und wir dann alles so harmonisch zusammen fuhlten, dass wir glaubten eine Welt vergienge uns! Wie jeder Deiner Kusse mich durch und durch entzukte, wie Deine feurige Einbildungskraft die Wollust zu verlangern wusste! Nein, ich darf sie nicht mehr zurukrufen diese Augenblikke der seltensten Liebe, oder ich hore auf zu seyn! ... Mit Gewalt will ich davon abbrechen, oder ich verliere heute noch meinen Verstand ...
Abends.
Mein Blut hat sich in etwas gelegt, aber Wehmuth und zitternde Erwartung der morgenden Post ist an die Stelle der brausenden Wildheit getretten. Man klopft an die Treppenthure. Grosser Gott! Was soll das? Ein Offizier! Jesus, was will der? Die L... fuhrt ihn in's Vorzimmer .... Roschen spricht mit ihm .... Gott, was mag es seyn? Horch! ... O dem Himmel sey Dank, es ist nichts, als eine verdammte Kuhnheit, womit er sich in's Haus drang; er bediente sich einer Luge zur Ausrede, aber wurde von Roschen und der Hauswirthinn tuchtig abgefertigt. der. Gute Nacht Friz!
In der Fruhe.
Ich habe die ganze Nacht vor angstlichen Traumen wieder nicht schlafen konnen. Roschen ist auf die Post; barmherziger Gott, wenn sie keinen Brief brachte! O mein armes Herz, es zerspringt fast! Bei Gott, ich unterliege, wenn diese Ungewissheit nicht bald ihr Ende erreicht! Mein Kopf schwindelt vollig ...
Nun Gott sey ewiger Dank! Roschen brachte mir Deinen zweiten Brief seit Deiner Abreise von R... Aber um aller Welt willen warum schreibst Du denn nicht alle Posttage? Weist Du denn nicht, dass die Post viermal wochentlich abgeht? Store nicht ferner durch Nachlassigkeit meine Seelenruhe!
Nina.
LXXXI. Brief
F... den 22ten November.
Theurer, guter, lieber Friz! Heute ist wieder Posttag und warum denn keinen Brief von Dir? Ist es moglich, dass Du mit schreiben zogerst? Erhalte ich in Zukunft nicht jeden Posttag Briefe, nun dann trag diese martervolle Ungewissheit wer da will, ich kann sie gewis nicht mehr ertragen! Der Kummer hat mich ohnehin wieder aufs Krankenbett geworfen und meine Augen sind vom Weinen halb blind. Kaum wurdest Du mich mehr seit unserer lezten Unterredung kennen, bei den heiligsten Gatten- und Vaterpflichten beschwore ich Dich, zogere nicht uber die bestimmten drei Wochen, sonst findest Du mich im Sarg! Du musst von meiner Empfindsamkeit nicht zu viel fodern, sie konnte auf einmal uberschnappen! Mache jezt mit allen Kraften Unmoglichkeiten moglich! Jede Stunde Aufschub ist eine Mordthat an Deinem Kinde! O des Leichtsinnigen, der wegen einigen Familien-Hindernissen das Leben zweier unschuldigen Geschopfe aufopfert! Liebte ich Dich nicht mehr als mein Leben? War mir nicht dieses Leben um Dich feil? O ich ware bald aufgelegt Dir blutige Vorwurfe zu machen! Wenigstens will ich damit Du Dich darnach richten kannst. Deine eignen Leiden mogen stark seyn, aber gegen die meinigen ein Schatten, Du hast Mannerkraft, und ich Weiberschwache, Du hast vorubereilende Affekten, und ich anhaltende. Glaube nicht, dass ich Dich durch Schrekkenbilder lokken will, es ist Wahrheit; komm, oder Du findest mich in den kalten Armen des Todes!!!
Ha, Friz! Lass mich Dir nicht fluchen! Schon oft dachte ich Dich fuhlloser als mich, aber gleich bat ich Dir wieder diese Beleidigung ab.
O lass mich wieder in Deine Nachbarschaft ziehen, wenn es eine Unmoglichkeit ist Deine Geschaften zu enden. Unter dem Dach in einem Winkelchen will ich mein Quartier aufschlagen, dann wohne ich doch nahe bei Dir, und kann Dich doch im Nothfalle zu Fuss besuchen.
Ja, ja, Friz, zu Fuss, zu so etwas ware ich auch mitten im Winter im Stande. Meine Wirthsleute konnen nicht begreifen, dass ich mir jede Unterhaltung versage. Alles ist ausser Dir fur mich todt!!! Lies folgenden kleinen Aufsaz, denn ich wieder im Gram verfertigte.
Empfindungen bei der Erwartung meines Gatten.
O gewis, mein Gatte, werden die Abschiedsthranen Deiner Eltern und Verwandten heisser brennen als meine abwesenden. Ha! Mein Friz! Vergiss die jammernde Stimme Deines Weibes nicht! Lass Dein Ohr bei der Stimme des Bluts auch fur meinen Jammer offen! Sieh Dich um, wenn Dich Deine Leute umringen, sieh Dich um, Du wirst in einer Ekke des Zimmers Dein armes, blasses Weib sehen, Du wirst sehen, wie sie ihre Hande ringt, Du wirst sehen, wie sie laut weint und zitternd den Ausgang Deines Kampfes abwartet! Du wirst sehen, wie Tod und Verzweiflung auf ihrem Gesichte ruht, Du wirst sehen, wie sie hinsinken wird in Sinnlosigkeit uber die ausgestandenen Leiden der Trennung! Friz! Solltest Du Dein Kind und seine Mutter vergessen konnen? Sollten es Deine eigennuzzigen, boshaften Eltern so weit bringen, dass sie mit Heuchelei uber Dein Herz Meister wurden? Sollten sie mich hinlanglich anschwarzen konnen, dass Du Dich meiner vor ihren feindseligen Augen schamen musstest? O Gott! Gott! Was ist ein Weib, wenn sie unter die Hande der Verlaumdung gerath? Mutter und Kind sind fur Dich verloren, wenn Du je wanken konntest!!!
Abends.
Ich konnte kein Auge zuschliessen, ohne mit Dir noch uber Verschiedenes zu sprechen. Es wurde mich Meineid dunken, wenn ich mich jezt auf die faule Haut legte, da Du indessen mit Schweis auf der Stirne an mich denkest. O mein Gatte! mein Gatte, was ware ich ohne Dich? Denke einmal, wer wurde sich in B... meiner erbarmen, wenn Dir etwas begegnete? Wer wurde mir schreiben? Niemand, weil ich keiner Seele meine Lage anvertrauen durfte.
Aber so gewis, als Gott im Himmel ist, erhalte ich in Zukunft drei Posttage lang keine Briefe, so konnen mich die dummen Bigotten den vierten Posttag hinschleppen lassen an den Ort, der nach ihrem lieblosen Urtheil fur Verdammte bestimmt ist. O der Verdammungswuth, mit der man Unglukliche verfolgt, denen es auf dieser Welt zu eng wurde! Dieses hollische Vorurtheil ist gewis von keinem Liebekranken erfunden worden!
Weist Du auch lieber Friz, dass ich jezt im ganzen Hause allein bin? Roschen ist mit den Wirthsleuten zum Tanz; um mich herum ist jezt niemand als meine finstere Schwermuth und Deine Liebe ... Man lautet gerade zu einem Leichenbegangnis, noch ist es das meinige nicht, noch muss er sich herumwalzen dieser Ruhe hineilen kann. Ha! Und diese Stunde, wenn wird sie kommen? Wenn wird er reissen der Faden dieses elenden Gewebes? O wie die kalten Menschen meiner Schwarmerei spotten, wie sie lachen uber mein Elend, wie sie es Narrheit heissen, und doch legte diese Anlage der Allmachtige in mich! Und doch wohnt diese Anlage tief in meiner Seele!
Deine Liebe gab meiner Schwermuth den Ausbruch, ich war immer sanft, gedultig und mit hinlanglicher Vernunft versehen, aber jezt ist alles hin, alles weg! Ha! Unuberlegter Jungling! Warum riefst Du ein Weib zum granzenlosen Elend empor, wenn Du es nicht erleichtern kannst? Warum liessest Du mich nicht in meinem fuhllosen Zustande, worinnen ich mit Allen schakkerte und fur keinen Liebe fuhlte? Wie klein waren die Freuden meiner Liebe, und wie viel steht mir noch bevor, ehe sie mir wieder werden. Siehst Du, wie unermudet ich uber unsere Liebe nachdenke? Glaubst Du nicht, dass mir dies viele Nachhangen den Kopf wirbeln macht?
Wenn in Dir Gram aufsteigt, so fangst Du an zu trillern oder Tabak zu rauchen, und dann bist Du wieder zufrieden. Aber ich Aermste, ich Elende, ich Verlassne habe keine Erleichterung! Ich kann nicht anders, ich muss denken, ich muss nachhangen. Vielleicht dreht sich mein. Kopf bald zur Sinnlosigkeit, und dann wird mir wohl werden. Weist Du noch, wie ich krank war? Weist Du noch? O Du warst von Anfang hart gegen mich, aber hernach, wie viel hast Du fur mich gethan? Ich werde es Dir wohl nicht vergelten konnen. Hattest Du mich sterben lassen, Allzusorgfaltiger, so ware ich jezt allem uberhoben. Mein Kopf, mein Kopf, ist heute Abend nicht wie er seyn soll! Ich muss zu Bette, Gott erhalte Dich, vielleicht wird es hernach leichter um's Herz!!! Gott stehe mir bei ....
Den andern Morgen.
Friz! Fast glaubte ich dass dies die lezte Nacht meines Lebens seyn wurde! Die Angst trieb mich hin und her, kein Mensch im ganzen Hause konnte vor mir des Schlafes geniessen. Dreimal war ich im Begriff die Last meines Lebens zu enden, und dreimal hinderten mich die allzugefalligen Geschopfe daran.
Dass sich doch Fremde in meinen Zustand mischen wollen, dass sie mich gefangen halten und dem Drang meiner Leidenschaften nicht Luft lassen wollen! Wissen denn die ruhigen Klozze nicht, dass dies Leben fur mich keinen Reiz mehr hat? Wissen sie nicht, dass mich das Schiksal ganz gewis von Dir trennen wird, und dass ich es ohne Dich nicht mehr langer aushalten will? Und doch unterstehen sich diese lugen! Duldete ich nicht schon lange genug? Habe ich Dir nicht eine Zeither die schroklichsten Briefe ohne Erfolg geschrieben? Und was waren Deine Trostgrunde? Leere Versprechungen und Aufschub! Die Leute sagen, wer vom Selbstmord spricht, ist weit davon entfernt, und ich hingegen sage euch, ihr Vernunftler, was lange in der Einbildung kocht, kocht nicht umsonst.
Wenn vom Ungluklichen alle Hofnung weicht, wenn alle seine Aussichten schwinden, wenn sein Schiksal hartnakkig bleibt, wenn die Menschen wie Teufeln an seinem Untergange arbeiten, wenn Schande, Verachtung, Armuth, Verzweiflung die schonsten Aussichten sind, denen er entgegen sieht, wenn die ganze Natur fur ihn Barbarei athmet, wenn leidenschaftliche, unbefriedigte Liebe sein Herz zusammendrukt, wenn Sehnsucht, getauschte Erwartung und Ungewissheit seine kranke Seele in die Enge treiben, wenn Alles, Alles, auf den Ungluklichen lossturmt, warum sollte er nicht mit Lebhaftigkeit nach Erleichterung haschen? O mein Kopf! Er ist siedend, brennendheiss, Gatte, Herzens-Gatte! Hast Du mir heute wieder nicht geschrieben? Ich muss nachsehen lassen. Roschen! Geschwind, fort auf die Post! Fort sag ich Zauderinn! Und bringt sie mir nichts ... auch gut! ...
Roschen.
Aber Madame, vorhin waren Sie so wild und jezt so gleichgultig? Jesus! Jesus! Was fehlt Ihnen wieder? Ich gehe nicht fort, ich verlasse Sie nicht, bis Sie mir versprechen ruhig zu seyn. Elende Schwazzerinn, weg von mir, ich will allein seyn! Lass sie mich in Ruhe, oder .....
Roschen.
Um Gotteswillen, Madame L.... kommen Sie doch zu meiner kranken Frau, eher gehe ich nicht auf die Post! Horch! Da steht ja etwas! Hu! Ein langer, hagerer, abscheulicher Mann!!! Ein Todtengerippe, das dem meinigen gleicht! Weg Friz! Weg! Du gehorst nicht mehr zu mir! Siehst Du, wie der Henker der Mutter Deines Kindes die Ketten anlegt!!! Siehst Du, wie der Pobel sich hinzudrangt und mir den Braut-Kranz auf's Schaffot tragt, wie mir ihn Deine Verwandten vom Kopf reissen! Ha! Blut! Blut! von Deinem Weibe spruzt auf die Erde! Stille, stille! Wer kommt? Was will die Kreatur vor meinem Bette mit ihren weinenden Augen? Madchen, Ha! Madchen, bringst Du mir keine Briefe? ......... nicht? nicht? ... Weh dem Verrather! Weh seinem Kinde! Weh mir! Und du noch ungebornes Wesen unter meinem Herzen du sollst nicht reif werden zur Schande, zur Verfolgung, du sollst Deiner Mutter nicht fluchen, Du sollst mich bei Deiner Geburt nicht angstigen mit dem Andenken uber Dein kunftiges Schiksal, du sollst deines Vaters Bruder nicht kennen lernen, der deine Mutter aus Vorurtheil mordete. Sey nur ruhig, Kind des Kummers, sey nur ruhig, ich will dich mit mir abreissen von einem Leben, das dich und mich zur langsamen Verzweiflung bestimmt hat! Muthig will ich mein wallendes Blut mit Gift abkuhlen, entschlossen die Stunde meiner Auflosung herbeirufen, gleichgultig von deinem unthatigen Vater Abschied nehmen, er besizt Reize genug zu einer neuen Eroberung.
Dass mir doch die Hauswirthinn nicht von der Seite geht! So unverschamt zudringlich sollte sie doch wohl nicht seyn! Auch meine Kammerzofe heult dort in einem Winkel ... Heult nur, ich will euch doch uberlisten, bei meiner wilden ungewohnlichen Hartherzigkeit, ich will euch doch uberlisten!
Nach Tisch.
Endlich wird es doch bei mir bald ruhig werden an Seel und Leib! Alles ist ohnehin fur mich verloren, ich habe keinen Gatten, keinen Vater zu meinem und seine Verwandten, dort ergreift mich die Armuth, hier droht mir Schande und Verachtung, dort offnet sich das Verderben, hier weint mein Kind aus Elend, dort liegt sein Vater aus Vorurtheil an Ketten, hier verfolgt mich der hartherzige Bruder, dort kommen die Diener der Gerechtigkeit um mich in's Gefangniss zu schleppen! Haltet ein, ihr Unmenschen! Ich weis aus Liebe der Schande zu entrinnen .... Komm barmherziger Trank, ich will Dich zubereiten ... In dir liegt Rettung, in dir liegt Auflosung von der Menschheit, du sollst mich gelinde abstreifen von allem Elend, du sollst ....
Roschen.
Madame! Madame! Weg Schlange! Weg Dirne, warum stortest du mich!
Roschen.
Grosser Gott! Was machen Sie da? Was ist in diesem Glas? Her damit! Gott und alle Heiligen, her damit! O sagen Sie mir um Gotteswillen was darinnen ist! Wasser und Zukker, sonst nichts.
Roschen.
Heiliger Gott! Ich glaube gar es ist Gift! Um Gottes Barmherzigkeit willen, Madame, erholen Sie sich doch! Horen Sie mich! Wachen Sie auf von ihrer Betaubung, fassen Sie sich! Auf meinen Knieen bitte ich Sie darum!!! Madame kennen Sie mich nicht mehr? Horen Sie doch, horen Sie doch! Da sind Briefe von ihrem Gatten! Was? Was? Briefe von meinem Friz? Du lugst! ... Nein du lugst bei Gott nicht! Her damit, her!
Hier lieg ich auf meinen Knieen, allgewaltige Vorsehung! Hier im Staube will ich meinen Frevel an dir abbussen! Hier liegt die Sunderinn, die an deiner Gute zweifelte! Grosser, allmachtiger Gott! Blikke herab mit Barmherzigkeit auf meine Reue! Lass sie zu dir dringen diese heissen Thranen der Beschamung! Strafe nicht mein geringes Zutrauen in deine weise Gute! Schon stund ich doppelte Morderinn am Rande des Grabes, schon vergas ich Natur, Mutter, Gattenpflicht und Religion, als du gutiger Vater im Himmel mir im namlichen Augenblikke Rettung schiktest! Ewig, ewig sey deine unendliche Barmherzigkeit gepriesen!!! O meine Kraften ... wie wird mir? ... Diese Ueberraschung! ... Dieser Uebergang! ... Ich fuhle Schauder ... Hizze ... meine Augen verdunkeln sich ... ich kann nicht mehr ... sey mir gnadig ... o Ewiger ...!
Einige Stunden darnach.
Meine Ohnmacht ist vorbei, o mein Friz, o mein Gatte, vergieb mir, der Welt-Heiland hat mir auch vergeben! Kannst Du Dich jezt entschliessen, mit einer Verworfenen zu leben, die es wagte sich zur Selbstmorderinn zu erniedrigen? Kann Dich meine blutige Reue besanftigen uber den ehrvergessnen Undank, den ich am Schopfer, an Dir, an Deinem Kinde begieng? Friz, auf meinen Knieen bitte ich Dich um Verzeihung! Stosse die Arme nicht von Dir, die aus Verzweiflung an keine Vorsehung mehr glaubte. Vergieb ihr, vergieb ihr um der Unschuld willen, die sie unter ihrem Herzen tragt! Darf ich hoffen? Darf ich? Bei Gott, Friz, Du hast mir in diesem Augenblik vergeben, dass sagt mir eine hohere simpatetische Macht! Das sagt mir mein Herz, meine Ahndung!
O meine Empfindungen offnen sich der Freude wieder, ich kann ihn jezt fassen, den Gedanken dieser plozlichen gluklichen Veranderung! So fieberhaft auch immer mein Puls noch schlagt, so bin ich doch noch stark genug, um uber die gute Nachricht nachzudenken, die Du mir gabst. So sind wir denn auf einabwesend! Und ich in vier und zwanzig Stunden in Deinen Armen! Ja, Friz, gewis in Deinen Armen!
Die Post steht vor der Thure, ich werfe mich krank in den Wagen, Du magst ihr entgegen eilen Deiner Nina, Du magst Dein Weib vor der Welt offentlich an Dein Herz drukken, Du magst den grossen, barmherzigen Weltbeherrscher ewig ewig, mit mir verehren, Du magst Dein Kind lehren seine Allmacht preisen, die Thranen seiner Nebenmenschen troknen und nie an der gottlichen Vorsicht zweifeln!
Nina.
Fussnoten
1 Um das Auge und Ohr nicht zu beleidigen hat man die erbarmliche Orthographie dieses Briefes berichtigt.